Ulrich Hegner Die Molkenkur Roman in drei Teilen Die Erstausgabe der »Molkenkur» erschien bei Orell, Füßli und Compagnie Erster Theil. Zürich, 1819. Diese Briefe des alten Obersten von N...land sind durch die Folge der Zeit wieder aus dem nördlichen Deutschland, wohin sie vor einigen Jahren geschrieben wurden, in die Schweiz zurückgekommen. Da sie die eigentümliche Gemütsart eines nicht unbedeutenden Menschen schildern und manches berühren, wovon sich auch in unseren Tagen noch ein Wort sprechen läßt, so wagen wir es, sie der Lesewelt vorzulegen.   An die Baronesse von ... Gais, im Kanton Appenzell, den 20. Juni Wie es uns bisher ergangen, wirst Du, liebe Schwester, sattsam von der allzeit rüstigen Feder Deiner Tochter vernommen haben. Nun halte ich auch mein Versprechen, Dir, sobald ich den ersten Fuß in die Schweiz gesetzt haben werde, selbst zu schreiben; versteht sich bei der ersten Muße eines ruhigen Aufenthalts, denn das flüchtige Schreiben während der Reise ist nicht meine Sache. Wo findet sich die Ordnung und Bequemlichkeit zum Schreiben in Gasthöfen? Bald taugt das Papier nicht, bald die Tinte, und gar ein eigen Schreibzeug nachzuschleppen, mag ich meiner Wäsche nicht zu leid tun, das Ding rinnt so gern, ist auch für einen, der seine Freunde treu zu lieben weiß ohne ihnen täglich den Glauben zu stärken, eben kein Bedürfnis. Ich hätte freilich der Clotilde Schreibmaterialien benutzen und Dir mit Schwanenfedern auf Velinpapier die niedlichsten Sachen sagen können; allein ich scheue mich so sehr vor dem Geiste schreibseliger Empfindsamkeit, der in die Nécessaires reisender Frauenzimmer gebannt ist, daß ich beinahe lieber das Siegel Salomons auf jener verzauberten Flasche lösen, als so ein Heiligtum der Zärtlichkeit öffnen möchte. Da sind wir nun, wenn's dem Himmel gefällt, am Ziel der langen Reise. Ich habe, ungeachtet meiner Beschwerden, alles gut überstanden. Mein Humor, sagen sie, sei schon etwas milde geworden; jedoch ganz ausgesöhnt mit der Welt bin ich eben noch nicht und lache vor Ärger, wenn Ihr glaubt, das Molkengetränk werde den Gemütszustand eines Mannes ändern, der über die Fünfzig hinaus ist. Mit Deinem Kind hab' ich manche angenehme Stunde gehabt; aber, nimm mir nicht übel, liebe Schwester, auch manche Plage. Meinem Rat hättest Du folgen, und ihr keinen so langen Aufenthalt in der Residenz gestatten sollen, dort hat sie aus dem faden Geschwätz der Mode und neuerer Schriften eine so überschwengliche Idee von der Schönheit des südlichen Himmels und dem Glück der südlichen Erde bekommen, daß ich lange nicht klug werden konnte, als sie immer von der düsteren Luft des Nordens sprach, obgleich wir schönes Wetter hatten, und über den Sand klagte, auf dem wir fuhren, der doch meinen podagrischen Füßen besser tat als die verwünschten Steinklötze, über die wir seit einigen Tagen hinrumpelten. Damit machte sie mich oft ungeduldig, denn ich kann es nicht leiden, wenn man das Alte um des Neuen willen schmäht und das Unbekannte auf Kosten des Bekannten lobt, zumal, wenn das deutsche Vaterland der Gegenstand des Tadels ist. Noch ärger aber machte es ihre Zofe, die Du mir aufpacktest in der Meinung, es schicke sich nicht für Deine Tochter, ohne weibliche Begleitung zu reisen. Bin ich denn nicht der Oheim, der ihr nichts geschehen lassen wird! Und ist nicht der alte Tobias bei uns, ein treuer Kerl, der sie ja hätte begleiten können, wo sie Bedenken getragen, allein zu gehen! Die Kammermädchen sind mir ohnehin zuwider; sind sie häßlich, so tun sie so altklug wie die Sibyllen, sind sie schön, so meinen sie, die glatte Haut decke alle Gebrechen. Auch mag diese Meinung wirklich einigen Grund haben, denn wahrhaftig nur das hübsche Gesicht des Mädchens konnte mich oft abhalten, sie auf den Bock hinauszujagen und den ehrlichen Tobias hereinzunehmen, der um der Hexe willen in Wind und Wetter draußen sitzen mußte. Beständig spricht sie nur dem Fräulein zu gefallen und schwatzt dann, wie Weiber, die sich in die Politik ihrer Männer mischen, in ihrer Unwissenheit Sachen aus, die ihre feinere Herrschaft klüglich verschweigt. Kaum waren wir von zu Hause weg, so hieß es: Wenn wir nur erst in Nürnberg wären! – Warum denn immerfort Nürnberg? fragte ich zuletzt, hast du etwa einen Freund dort? – Nein, war die Antwort, aber da hört der Norden auf. – Gerade wo man zum Tor hineinfährt, rief Tobias vom Bock herunter. – Dein Fräulein errötete ein wenig über die liebe Einfalt, die das Mädchen von ihr gelernt, und um mein ärgerliches Lachen zu unterbrechen, nahm sie geschwind ihre Reisecollectaneen zur Hand und sagte: Es soll daselbst auch schöne Albrecht Dürer geben. – Weißt du, was das für Leute sind? fragte ich Suschen, und der alte Kauz auf dem Bock erklärte ihr, daß man dort die Lebkuchen so heiße. Ich höre das Mädchen gerne singen; Du weißt, sie hat eine gute Stimme und weiße Zähne, und es war mir ganz recht, als beide gerade mit dem größten unserer Dichter anfingen, aber als ich tagtäglich das Lied hören mußte: »Kennst du das Land«, und: »Komm Vater laß uns ziehen«, wobei sie mich dann ansahen und glaubten, sie machen mir ein Kompliment, so verbat ich mir endlich die Ehre. – Unlängst sang sie sogar des Nachts im Bette: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide«; ich hörte es im Nebenzimmer. Was leidest du denn, Suschen, rief ich, kann ich helfen? – Und siehe da, es war die Sehnsucht, nun bald im Lande der Freiheit zu sein. Was Teufels geht denn die Freiheit eines Landes ein Mädchen an! Oder was für eine Freiheit meinen die Kinder? Sie haben aber zwei Sehnsuchten; erst nach der Schweiz und dann eine noch heiligere, wie sie sagen, nach den Gärten Hesperiens. Es ist gut, daß Griechenland über dem Meere liegt, sonst würden sie auch dorthin gelüsten und dann wohl gar noch in den Orient zu den Gazellen, von denen sie sich zuweilen unterhalten und dabei so zimperlich tun, als wünschten sie selbst von einer guten Fee in solche jungfräuliche Tierchen verwandelt zu werden. So ging es den ganzen Tag, und wenn wir des Nachts fuhren, sprachen sie von den Sternen, der Unsterblichkeit und dem Wiedersehen als wenn sie das Heimweh danach hätten und wurden recht böse, als ich fragte, ob sie nicht lieber vorher noch eine Redoute besuchen würden. Der Mond hingegen scheint heutzutage nichts mehr zu gelten, der doch zu meiner Zeit so viele Bewunderer hatte. Und so würde ich nicht fertig, liebe Schwester, wenn ich Dir alle zarten Empfindnisse dieser Art, die ich die liebe lange Zeit anhören mußte, herzählen wollte. – Das sind aber Kleinigkeiten, sagst Du, darin liegt ja nichts Böses und meinst, ich sollte darüber lachen. Ich mag aber nicht immer lachen, und wenn ich mich ärgere, bekomme ich meine Gliederschmerzen, und wenn ich murre, machen die Mädchen traurige Gesichter, die kann ich auch nicht leiden, das ist eine Schwachheit, die mir noch in meinen alten Tagen anhängt. Kurz, Du hättest sie mir nicht mitgeben sollen, ich hätte mich besser mit meinem Bedienten allein befunden! Seit zwei Tagen sind wir nun hier, in einem Bergdorf der östlichen Schweiz. Die Schönheit des Landes wird Dir Clotilde schon beschreiben, ich selbst habe wegen dem beständigen Regen noch nichts davon erblickt. Ich sehe nichts als graue Wolken und einfarbige Hügel. – Die ewige Klarheit des südlichen Himmels, wovon Du so viel sprachst, wo mag sie wohl sein? fragte ich Suschen. Über den Wolken, antwortete Tobias. Denken Sie nicht mehr an den Bodensee, gnädiger Herr? entgegnete das Mädchen. – Und das ist wahr, Schwester, es war ein ganz artiger Anblick als wir, aus Schwaben kommend, plötzlich von einer Anhöhe den See mit seinen reichbewohnten Ufern und hinter ihm die Hochgebirge von Appenzell im Glanze des Abends sahen. Die Sonne macht aber alles schön; haben wir nicht auch oft an der Ostsee die Natur bewundert! Über die Kürze meiner Briefe sollst Du nun nicht mehr klagen, den Inhalt decke mit Deiner Liebe, meine Gute! Du weißt, ich unterhalte mich so gerne mit Dir, kann aber nicht anders tun als ich bin und mag nicht anders reden als ich denke. Kann ein Kranker sprechen wie ein Gesunder, der Erfahrene wie jugendliche Unwissenheit, der Satte wie der Hungrige? Lebe wohl!   An den Major von ... Gais, 21. Juni Mit dem Brief an meine Schwester geht billig auch einer an Dich ab, mein alter Waffengenosse und Hausfreund. Triebe mich nicht die Freundschaft Dir zu schreiben, so würde es die Langeweile tun, denn seit wir hier sind, regnet es an einem fort und ist so kalt, daß ich fürchte, es wird noch Schnee daraus. Mein Gott! ist denn das die liebliche Schweiz, wo man mitten im Sommer beinahe erfriert? Und nicht einmal ein Ofen im Zimmer und dabei ein verdammter Lärm und ein Herumpoltern in dem hölzernen, leichtgebauten Hause, daß der Boden zittert. – Warum bin ich nicht daheim geblieben, und habe meine Schmerzen verbissen! Wir hatten doch unsere Bequemlichkeit, warme Stuben, und es war uns ja oftmals recht wohl bei unseren stillen Büchern. Molken hätte man auch bei uns absieden können, haben wir doch Kühe genug und fettes Futter! Was ist zu machen! Man hat mir nun eine andere Wohnung angeboten bei dem hiesigen Pfarrer, mit einem Zimmer, das gewärmt werden kann, und für das Fräulein einen großen Saal, wie sie's nennen, hinten nach dem Gebirge hin, worüber sie eine große Freude hat und die Berge, die noch hinter Mauern von Wolken verborgen liegen, schon vorläufig geistig empfindet. Empfindet man denn die Berge? wirst Du sagen. Ja freilich, mein lieber Freund, heutzutage muß das sein! Wir haben Nürnberg empfunden und die Donau, den Kaiserstrom; das Werk deutscher Art und Kunst, das Münster zu Ulm haben wir mit Innigkeit genossen, und wäre die Empfindung meiner Füße der Empfindung der Mädchenherzen nicht entgegen gewesen, so hätten wir den Turm erstiegen und von oben herab in der Fülle süddeutscher Natur geschwelgt; wir haben uns in den Fluten des Bodensees gespiegelt und gefühlt: »Wie's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund.« Auf Flügeln der Phantasie schwebten wir wie junge Adler um die schneebekleideten Spitzen der Berge im goldenen Strahl der Abendsonne, und Suschen glaubte schon von Lindau aus eine Gemse auf den fernen Alpen zu erblicken. Du siehst, was es jetzt auf Reisen für Genüsse gibt, wovon man zu unserer Zeit kaum eine Ahnung hatte und magst nun auch das Vorschreiten des Menschengeschlechtes, wogegen Du so manchen Zweifel hattest, begreifen. Wie beschränkt war dagegen unsere Jugend! In Sonnenschein und Sturm, Hunger und Durst, haben wir das große Weltmeer befahren, im amerikanischen Krieg Ehre gesucht und Wunden davongetragen, uns in den Wäldern des Landes verirrt, mit den Wilden die Friedenspfeife geraucht und ihre Geistesgegenwart und heroische Unempfindlichkeit bewundert; aber die Schönheiten der rohen oder sanften Natur, soweit ich mich derselben noch zu erinnern weiß, mochten bei uns wohl ein dunkles Gefühl größerer Behaglichkeit erregen, doch zum Faden eines feinen Gespräches wurden sie nie herausgesponnen, oder kannst Du Dich dessen erinnern? Allein, wer das jetzt nicht kann, den läßt man merken, daß ihm etwas an der Bildung abgehe; daher wollen es alle können, und sie wissen gegenwärtig bei einem Bächlein, das über einen Stein hinunterfällt, mehr zu sagen, als wir beim Sturze der Niagarafälle. Einer lernt es vom andern, und jeder Reisebeschreiber nimmt Unterricht bei seinem Vorgänger. Einige notgedrungene Ausfälle abgerechnet, womit ich zuweilen die hochfliegenden Gesinnungen der Mädchen niederschlagen mußte, ging die Reise gut und friedlich vonstatten. Meine Gesundheitsumstände kannst Du, wenn Du Lust hast, von dem Arzte vernehmen, dem ich geschrieben und für seinen Rat, womit er mich den weiten Weg in dieses Bergland geschickt, eben nicht gedankt habe; unter uns soll es bei der alten Abrede bleiben, Du nicht über Deinen verstümmelten Arm und ich nicht über meine Gliederschmerzen gegenseitig zu klagen; es gibt in der Welt ohnedies noch Stoff genug zur Unzufriedenheit. Glücklich Du, der Du zu Hause bliebst! Grüße den Pastor! O liebes Paar, wär ich wieder unter Euch!   An die Baronesse von ... Gais, 22. Juni Wenn ich erst eine Antwort abwarten wollte bevor ich Dir wieder schreibe, geliebte Schwester, so gäbe dies einen langsamen Briefwechsel und was noch schlimmer ist, ich müßte in diesem Winterlande länger weilen, als mein Vorhaben zuläßt. Zudem schreibe ich nie weniger gern, als wenn ich muß und für einen Brief am Posttage habe ich weder Sinn noch Gedanken. Laß mich Dir also täglich, wie und wann es mir einfällt, einige Nachrichten und Bemerkungen mitteilen, damit Du siehst, daß ich Deine Gesellschaft liebe; nur die Freimütigkeit laß ich mir in der freien Schweiz noch weniger nehmen als zu Hause. Mögt Ihr mich dann, bin ich es doch schon gewohnt, launisch und mürrisch heißen, weil ich nicht immer lachen mag, wo andere zu lachen scheinen, noch lobe, wenn man es erwartet und nicht galant sein kann, wenn mich die Schmerzen plagen, böse ist es gleichwohl nie gemeint. Es mag zwar sein, daß Überfluß, Podagra und Einsamkeit meiner Gemütsart etwas Herbes gegeben, dessen ungeachtet aber müßt Ihr am Ende eingestehen, daß ich dennoch gut bin. Und daran halte Dich, meine Schwester, nicht nur bei mir, sondern bei jedem, über den Du ein wahres Urteil zu fällen Lust hast: Dasjenige, was man sich von einem Menschen, den man zuviel gelobt oder getadelt hat, am Ende dann doch selbst eingestehen muß, eben das ist des Menschen wahrer Charakter, das was wir zum Grunde legen müßten, wenn unser Urteil billig sein soll; Billigkeit aber sind wir einander vor allen Dingen schuldig und sollen nicht einzelne Worte oder Handlungen auf die Waagschale der Gerechtigkeit legen um den ganzen Menschen darnach zu richten; wer wollte da bestehen! »Tue selbst, was du lehrst, und übe deine Billigkeit auch an Clotilde!« höre ich Dich erwidern. – Das tu ich auch, ich erzähle nur, was und wie ich sehe und höre, und wenn ich auch zuweilen eine Unzufriedenheit äußere, so hasse oder liebe ich deshalb weder mehr noch weniger, vielmehr tu ich es öfters aus Liebe, auf den Ton kommt es nicht an. Aber so seid Ihr allzumal, Ihr wißt keinen Unterschied zu machen und der sinnliche Eindruck bestimmt immerfort Euer Urteil, und zu Eurer Rechtfertigung ist Euch jeder Grund hinreichend; denn ich weiß schon, daß Du sagen wirst, ich müsse vieles, was ich der Clotilde und ihrem Mädchen zur Last lege, auf ihre Jugend, auf den weiblichen Charakter überhaupt und auf meinen kranken Gemütszustand schreiben. Als ob ich das, was Euch seit Eva allen gemein ist, nicht zu unterscheiden wüßte! – Als sie mir keine Ruhe ließ, bis ich sie mitzunehmen versprach, als sie die Zeit der Abreise kaum erwarten mochte und alle Tage wieder neue Siebensachen einpackte und dann beim Abschied doch so kläglich tat, als müßte sie in ein Kloster wandern, als ich endlich ungeduldig sagte: Wenn es dich gereut, liebes Kind, kannst du ja da bleiben und sie sich stellte, als ob sie das nicht hörte, das Kammermädchen aber schnell seine Tränen trocknete, das Fräulein in den Wagen schob und in ein paar Stunden aller Jammer ein Ende hatte – schrieb ich das alles billig auf Rechnung des weiblichen Charakters, nicht wahr? So auch, wenn sie meinen alten Rat zwar gefällig aufnimmt, aber die Anwendung desselben immer vergißt; das mag ebenfalls die liebe Natur tun. Ja, es kam mir nicht einmal seltsam vor, als Suschen heute von einer Gemse begierig aß, über welche sie gestern, als sie der Jäger brachte, bitterlich weinte. Abends Soeben ward ich von Clotilde in ihr Zimmer gezogen, um die Berge zu sehen, die heute zum ersten Male sichtbar waren. – Nun ja, hoch sind sie und voll Schnee auch und die Sonne scheint schön darauf, das ist alles! Aber die Luft ist so kalt, daß einem über den Anblick die Haut noch mehr schaudert. Und doch meinte heute ein Schottentrinker (so nennt man die Kurgäste hier), die Pracht des Gebirges sei allein schon eine Reise hierher wert. »Ja, wenn einer nicht weit hat«, antwortete ein Appenzeller, auf den er sich, um des Beifalls gewiß zu sein, berief. – Der hatte recht; wer wird nach Island reisen, um den Hekla zu sehen, der wohl noch prächtiger ist, wenn er Feuer speit? Unförmliche kahle Felsenmassen, die zu erdrücken drohen, Schneeflecke, die daran kleben, schwarze Tannenwäldchen am Fuße derselben können an sich keinen angenehmen, nicht einmal einen malerischen Anblick gewähren. Aber im hohen Sommer, wenn die Täler durchglüht sind und die Sonnenstrahlen von den erhitzten Wänden zurückprallen, schmachtet der Wanderer nach Kühlung und nach dem Schatten der Wälder, er eilt den Lüften der Höhe entgegen und sein Auge träumt Seligkeit dort oben in blauer Ferne. – Der Eindruck bleibt, weil er Geist und Leib trifft, der Wanderer nimmt denselben in seine Heimat zurück und seine Erzählung wird, wie von allem Gewaltigen, anziehend. Nun kommen die Nachempfinder und wollen den Eindruck ebenfalls haben und täuschen sich selbst, wie jeder, der nach fremder Empfindung hascht. Aber sie wollen auch erzählen, auch Teilnahme erregen und suchen durch vornehme Redseligkeit oder studierte Phantasie zu ersetzen, was ihnen an wirklicher Empfindung abgeht; so entstehen dann die sublimierten Naturschilderungen, deren Farben nicht glühend genug aufgetragen werden können und so entstand nach und nach die ganze Phraseologie der Alpenempfindsamkeit, fader Wortschaum, die Untiefen des Verstandes zu bedecken, derer die keine Gedanken haben und mit Gefühlen imponieren wollen. Frage den Pastor, ob die Alten, die doch eine schönere Natur um sich hatten als Deutsche und Schweizer, je davon so viel Lärm gemacht haben? Ich glaub' es nicht. Den 23. Juni Gestern abend, als sich der Himmel erheiterte, verkündigte jedermann, selbst die Appenzeller, gutes Wetter, und heute als man die Augen auftat, war alles weiß von Schnee. Stelle Dir vor, zu Ende des Junius, wo wir im Norden schönsten Sommer haben, hier noch Schnee! – Um der Wetterpropheten willen freute es mich, denn auch hier wie allenthalben gibt es solche Tröpfe, die sich täglich irren und täglich wieder weissagen. Man hat mir zwar viel von der Erfahrung der Bergleute über das Wetter gesagt, aber ich habe schon einige Spuren, daß selbst diese es nicht wissen und unbefangene Reisende, die man noch zuweilen antrifft, haben mich dessen auch versichert. – Sonst hab' ich wohl Ursache mich zu ärgern über meine eigene Torheit und die, welche mich hieher geschickt haben um im Schnee trübe Molken zu trinken. Das Fräulein ist sehr stille dazu und voll Wehmut über die schönen Alpenblumen, die nun ihr zartes junges Leben so früh in den kalten Armen des späten Winters verhauchen müssen. Sie hat sich darüber – freue Dich, glückliche Mutter! – in einem Gedichte versucht, welches mir Suschen mit einer Freude ankündigte, als wäre ein Erstgeborener in der Familie erschienen. Ich bekomme aber nichts davon zu sehen, weil die Dichterin meine Frage, ob sie vom südlichen Himmel begeistert worden, übel nahm. Vielleicht hätte ich auch teilnehmender sein und mich mit den Freuenden freuen sollen, denn solche Geistesblumen vertragen so wenig rauhe Winde, als jene Kinder des Frühlings den Schnee, schmeichelnde Lüftchen sind ihre Nahrung. – Hingegen dem Pfarrer, der ein guter, treuherziger Mann ist, hat sie die Verse gewiesen und der macht viel Wesens davon. Meinetwegen! ich lese nicht mehr gerne solche unschuldige Versuche.   An die Baronesse von... Gais, 25. Juni Die Briefe aus dem Norden sind angekommen und mit ihnen das schöne Wetter, welches auch ein Nordwind brachte; denn von Süden her haben die Schweizer nichts als Regen zu erwarten. Mit dem schönen Wetter stellte sich zugleich eine ungewohnte Heiterkeit bei mir ein, so daß ich bald glaube, dem Doktor Unrecht getan zu haben, als ich seinen Rat eine List nannte, mich mit guter Art loszuwerden. Freilich haben Vorurteile und Selbstbetrug, die ich leider allenthalben antreffe, noch übermächtigen Reiz auf mich und wenn das Krankheit ist, so bin ich noch lange nicht genesen, da gewährt mir aber gerade das, was Ihr am wenigsten leiden könnt, die lebhafte Äußerung meines Unmuts, wär's auch nur auf dem Papiere, am meisten Erholung. Mich also, wie Du meinst, nach und nach wieder mit der gefälligen Welt auszugleichen, das geht nicht so leicht, liebe Schwester, ich hab' es schon zu oft versucht und allemal gefunden, daß die Bemühung die Sache nur ärger mache, wie jede Anstrengung des Menschen, aus seinem Charakter herauszutreten, ihn nur närrisch oder falsch macht. Nun hat auch der Tag seine bessere Ordnung, seit der Himmel günstig ist. Anfangs mußten wir die Molken auf dem Zimmer trinken, nun aber, da sich viele Fremde eingefunden, trinkt man unten auf dem großen Platze der mitten im Dorf ist. Diesen Platz kann Dir unser Freund, der Pastor (den ich zu grüßen bitte), aus seiner Prospektsammlung weisen. Es ist Raum genug da für alle Schottentrinker in der ganzen Schweiz, aber kein Schatten, keine Spur von kunstgeregelter Anlage. Die Schweizer tun überhaupt, wie man sagt, wenig zur Verschönerung der Natur im Kleinen, das heißt, für den Geschmack, sie meinen, man solle sich mit der großen Natur begnügen, die schön genug sei. Von dem Appenzeller Volke – denn hierzulande ist alles Volk und von Herrschaften weiß man nichts, aber auch desto weniger vom Pöbel – ist hier gar nichts zu erwarten, alles Alte ist ihnen recht genug und was neu ist, verdächtig und verhaßt; auch haben sie kein öffentliches Gut zur Bestreitung gemeinschaftlicher Ausgaben. Mit viel Mühe und nach jahrelangem Widerstande, der kaum durch die Revolution gehoben wurde, konnten sie endlich dahin gebracht werden, fahrbare Straßen durch ihr Ländchen anzulegen, da vorher lauter Fußsteige gewesen, auf denen kein anderer Transport als durch Saumtiere möglich war. Die hiesige Gemeinde (denn da befiehlt sonst niemand, gnädige Frau!) soll sogar dem Wirte, der sich erbot, auf eigene Faust den Platz mit Linden zu bepflanzen, den Abschlag gegeben haben. Auf diesem schattenlosen Boden nun trinkt man des Morgens die Ziegenmolke, oder Geißschotte, wie die Schweizer sprechen, die täglich aus dem Gebirge drei Stunden weit noch ganz heiß gebracht wird, wenn es wahr ist, daß sie nicht unterwegs gewärmt wird – und bratet dabei an der Sonne, deren Strahlen nun schon wieder brennen, als könnte es hier nie Winter werden. Doch auch dieses Braten und Schmelzen wissen die Ärzte vorteilhaft zu deuten und sagen, die Hitze befördere die Ausdünstung, welche die Molkenkur notwendig erfordere. Hingegen als es kalt war, sagten sie, das rühre von der Höhe des Orts her, weil da die Luft reiner und schärfer sei, eben diese Luft aber sei dem, der aus der Tiefe komme, gesund. Ein anderer erklärte den auffallenden Stallgeruch, den manche gleich beim Eintritt in dies Milchland bemerken wollen, für heilsam. Wer kann daraus klug werden und wie mag Reinheit der Luft und jener Geruch nebeneinander bestehen? Laß Dir diese Widersprüche von unserem Äskulap heben wenn Du Lust hast, aber bemühe Dich nicht, mir seine vermeinte Wahrheit bekannt zu machen. Er ist wie die andern; räsonieren können alle, und im Erklären ist jeder Meister; es wäre aber besser, sie könnten heilen. 27. Juni Zu Mittag, auch zu Nacht, wenn man will, speist man an der Wirtstafel, die, etwas Langsamkeit abgerechnet, nicht übel und sehr reinlich bedient ist und dem entspricht, was Reisende von den Vorzügen der Schweizergasthöfe sagen. Nach Tische macht man sich Besuche oder man schläft, welches oft ebenso kurzweilig ist, und abends wandert der größte Teil der Kurgesellschaft, denn einen andern Gang hat man nicht, nach einem Wirtshause, am Stoß genannt, das eine Stunde von hier liegt, wo man in das obere Rheintal hinunter sieht, von welcher Aussicht man mir eine so reizende Beschreibung machte, daß ich auch einmal hinwackelte. Man schaut da von der Höhe in ein tiefliegendes Land hinab, durch welches sich der Rhein schlängelt, im Hintergrund liegen rauhe Hügel und ferne Berge. Originell, aber etwas wild ist der Anblick, auch verderben die häufigen kleinen Tannenwälder durch ihr düsteres Schwarz viel von den Annehmlichkeiten desselben, welches in der Schweiz oft der Fall sein soll. Gleichwohl wird das alles sehr empfunden und erhoben, denn kein deutscher Fürst konnte ehmals stolzer auf seine militärischen Drahtpuppen, kein Franzose eingebildeter auf die unsterblichen Meisterwerke seiner Dichter sein, als es die Schweizer auf ihre Aussichten sind. Wo irgendeine Höhe liegt, von der man hinunter blicken kann, oder wo in einem Landgut ein Fenster offen steht, da führen sie den Fremden hin, als hätte er so was noch nie gesehen. Besser als alle diese schweizerische Augenweide behagte mir daselbst die schöne Butter und der würzige Honig, die man auf dem weißesten Semmelbrot (anderes kennt man kaum hierzulande) zusammenstreicht. Das ist eine wahre Hirtenspeise von einfacher Nahrung und Kraft, deren ich mich nun öfters mit auffallendem Vorteil zum Frühstücke, statt der Molken, bediene, weil ich finde, daß mich diese nur grämlich macht. Sage das dem Doktor, wenn er es mißrät, so will ich aufhören, bis die Antwort kommt, kann ich mich schon eine Zeitlang daran laben. Zuweilen reite ich auch, denn gehen kann ich auf diesen steinigen Straßen nicht, nach Appenzell, wo ich die Bekanntschaft eines wackeren Mannes, der lange in Frankreich gedient, gemacht habe. Dieses ist der Hauptort vom katholischen Teile des Landes und liegt dicht an den Bergen. Erwarte aber von mir keine nähere Beschreibung, ich beschreibe nicht gerne, am wenigsten das, was man allenthalben schon beschrieben findet und überlasse dies Deiner dichterischen Clotilde, die alles mit liebender Phantasie umfaßt, wovon andere große Worte machen. Mir gefällt das finstere Städtchen mit seinen dreisten Bettlern bei weitem nicht so wohl, als die unzähligen durch das ganze Land bis zu den höchsten Bergen hinan zerstreuten Häuser, deren jedes seine Wiese, seinen Quell und seine Unabhängigkeit hat. Den 28. Juni Durch das Herumbieten des Pfarrers ist des Fräuleins Blumenelegie hier allgemein bekannt geworden und zieht ihr jetzt viele Komplimente zu, worüber ihre Bescheidenheit errötet, zugleich aber die sanfte Glut unterdrückter Freude ihre Augen belebt. Wer wollte den Versen eines schönen Mädchens seine Bewunderung versagen! – Nur ein ernster alter Professor aus Z. stimmte nicht so ganz in den unbedingten Beifall ein, sondern nannte die Verse elegante Reminiszenzen aus Mathisson und Salis, den Dichtern, über deren zartduftende Blumen hinaus nur selten eine weibliche Seele den Flug wage. Als Oheim durfte ich nicht lachen, mochte aber auch nicht zürnen, denn der Mann gefiel mir, der erste freisprechende Schweizer, den ich gesehen. Ich will nicht wissen, ob sein Urteil begründet sei oder nicht, aber daß er kein Bedenken trug, die Eitelkeit eines jungen Frauenzimmers der Wahrheit aufzuopfern, kommt mir heutzutage, auch an einem alten Mann, auffallend vor; über das Ungewöhnliche aber staunt oder lacht man. Besser machte es ein herumreisender Deklamator der soeben angekommen war, denn sogar bis in die Appenzellergebirge versteigen sich diese deutschen Kunstredner. Der war galanter als der Professor, er nahm das Gedicht sogleich unter die Stücke auf, die er der Gesellschaft vortrug und wußte auch die zarte Wehmut die darin herrscht so rührend herauszuheben, daß einigen Zuhörerinnen die Tränen in den Augen standen, und das Kammermädchen kaum die Gelegenheit abwarten konnte, mir zu verstehen zu geben, die Belohnung, die ich dem unvergleichlichen Manne zugedacht haben möchte, könne nicht groß genug sein. Da werde ich nun nicht anders als der Erwartung entsprechen dürfen und so muß ich immer die Sünden der Welt tragen, wenn ich gleich keinen Anteil daran genommen habe. Nun, er hat dem guten Kinde Freude gemacht, und das ist auch bei mir kein Kleines! Für seine andern Vorträge aber gäb' ich ihm keinen Pfifferling. Er macht es wie die meisten, die sein Geschäft treiben. Er begleitet alles mit einem Gebärden- und Mienenspiel, das auf die Schaubühne gehört, wo der Schauspieler als eine in das Drama des Lebens verflochtene Person handelnd auftritt, nicht aber in einen stillen Kreis, wo man nicht sehen, sondern nur hören will, wie sich ein poetischer Sinn über Gegenstände der Empfindung ausspreche, oder wie große Taten durch die Macht der Worte ewige Dauer erhalten können. Aus dem Munde Homers floß der milde Strom seiner Gesänge gewiß nicht mit dem fingierten Feuer eines Sachwalters, und er wollte nicht selbst Achill sein, wenn er ihn als den ersten der Helden sprechen ließ. Wenn Demosthenes vor dem athenischen Volke sprach, geschah es ohne Zweifel mit einer Begeisterung, die sich über sein ganzes Dasein ergoß, da war es natürlich und notwendig. Aber eine Rede, die ihm nachgesprochen wird, vor Zuhörern, die nicht der Gegenstand ihrer Wirkung sind, kann und soll auch nicht mit dem gleichen Affekte vorgetragen werden, denn ohne das athenische Volk vor sich zu haben, wäre der hochbegeisterte Redner ein übertriebenes Bild. So auch Pindar, und wer, der sich einen Anakreon denken kann, würde mit so einem reisenden süßlichen Schöngeiste der ihn vorstellen wollte vorlieb nehmen? – Die hervortretende Persönlichkeit des Vorlesers bewirkt gerade das Gegenteil von dem, was sie bezweckt; sie zerstört das idealische Bild, das sich der feinfühlende Zuhörer von selbst macht. Den Zauber, die Fülle, den Adel der Worte will man hören, und nicht die nachgeahmte Wirklichkeit vor sich sehen. Die wahre Poesie ist zu heilig für die mimische Lebhaftigkeit und zu geistig für sichtbare Darstellung, sie kommt aus dem Unsichtbaren und Töne allein sind ihr Organ. Die alten Rhapsoden rezitierten ihre Gedichte feierlich zur Leier, halb singend war ihr Vortrag und drang in die Herzen der Hörer. Diese neuen Deklamatoren hingegen stehen in dem Wahne, daß es bei ihrer Kunst hauptsächlich auf Täuschung abgesehen sei, und daß sie wirklich mit ihrem ganzen Wesen darstellen müssen, was sie nur gefällig nachsprechen sollten, daher kommen dann Zierereien aller Arten zum Vorschein, sie wollen aus der Haut fahren, wo Unruhe herrscht und schmelzen dahin bei zärtlichen Gefühlen, bei Schillers Resignation schlagen sie die Arme ineinander und geben sich das Ansehen, noch viel mehr zu wissen, als in dem ohnehin krausen Sinne des Gedichtes liegt; zu Goethes Legende von Petrus machte dieser Sprecher hier ein Gesicht, als wäre er selbst der schlaue Gesell, der solche Einfälle hätte und verfehlte damit ganz die naive Einfalt des trefflichen Stückes. Wende mir nicht ein, die gebildetsten Gesellschaften haben doch von jeher mit Vergnügen Schauspieler von erstem Range einzelne Szenen aus berühmten Trauerspielen hersagen hören und diese haben es mit allem Pathos des Theaters getan. Das ist etwas ganz anderes: Jene Zuhörer sind mit dem Stücke, woraus deklamiert wird, längst bekannt und vergegenwärtigen sich so das Ganze. Was sie hören und hören wollten, ist Reminiszenz des Theaters, wiewohl auch hierin viel dem guten Ton untergeordneter Geschmack obwalten mag. Dieser Meinung ist auch der Professor aus Z., die alte Nachteule, wie ihn ein Schmeichler des Fräuleins nannte, mit deren Federn ich mich jedoch, wie Du wohl merken wirst, schmücke. Ja, er tat noch hinzu, was mir aber fast zu sonderbar vorkam: Die beste und natürlichste Art, die Poesie vorzutragen, stehe zwischen der singenden Manier des Volkes und der rednerischen Deklamation in der Mitte. Auf den Modegeschmack komme es nicht an, aber jeder, in dem echtes Gefühl des Schönen wohne, werde, wenn er für sich selbst, von andern unbehorcht, ein Gedicht hersage, das ihm den Busen belebt, es in einem etwas modulierten Rhythmus tun, fern von anmaßendem Verstandesausdruck, dies sei die Stimme der Empfindung, also auch in diesem Falle, der Natur. Was sollen übrigens diese Leute in der Schweiz? Man versteht sie nicht, wenigstens wer nicht Umgang mit Deutschen gehabt hat und an ihre Aussprache gewöhnt ist, das sah ich ganz deutlich. Sie können doch zur Umänderung unserer Sprache beitragen, sagen die einen. Das wäre schade, sagen die anderen: Solange wir Schweizer sind, sollen wir auch die Sprache beibehalten!   An den Pastor ... Gais, 29. Juni Ich habe mich schon oft gefragt, wie zwei Menschen in Freundschaft verbunden bleiben können, die an Schicksal, Charakter und Lebensweise so verschieden sind wie Sie und ich und noch keine genugtuende Antwort herausgebracht. Das Band der Freundschaft ist vielleicht aus früheren oder geheimeren Fäden gewebt als die kurzsichtigen Sterblichen wissen, Gewohnheit aber und guter Wille machen es haltbar. – Sie sind auf die Universität gegangen und wieder nach Hause gekommen; ich habe die weite Erde durchstrichen und den größten Teil meines Lebens unter Fremden zugebracht; Sie kennen die Welt aus Büchern, lieben sie und werden ihrer Kenntnis nicht satt; ich kenne sie aus der Erfahrung und glaube nicht Ursache zu haben, sie liebenswürdig zu finden. Welcher von uns beiden recht habe, weiß ich nicht, daß Sie aber der Glücklichere sind, weil Sie lieben können, will ich gerne zugeben. Mir ist alles Gesamte, Vielfache, Zusammengesetzte langweilig und zuwider; ich kann nur noch das Einzelne lieben und auch dies selten genug. Unter das Seltene aber gehören Sie, rechtschaffener, glücklicher Mann! Was ich daher zur Befriedigung Ihrer unschuldigen Liebhabereien tun kann ist mir erwünscht und so habe ich als Beitrag zu Ihrer Völker- und Länderkunde manches zusammengebracht, das Ihnen Freude machen soll. In einer benachbarten Stadt wohnt ein Buchhändler, dem die Liebe seiner Mitbürger zur Literatur gar wohl Zeit übrig läßt, mir aus allen Teilen der Schweiz zu verschreiben, was noch nicht in Ihrem Schweizer Katalog, den Sie mir mitgegeben, steht. Ich habe dessen schon eine ganze Ladung beisammen, denn Sie glauben nicht, welch eine Unzahl von Schriften das vorige Jahrhundert über dies kleine Land hervorgebracht hat, von dem ernsten Scheuchzer an, der mit Gelehrsamkeit und warmer Vaterlandsliebe die wundervolle Natur des Landes zum Lobe des Schöpfers beschrieb, bis auf den Cantor Bourrit, der nichts wußte, als mit romanhaften Schilderungen Unwissende, wie er ist, zu locken, um auf unbetretenen Pfaden die Robinsone zu spielen, von dem Alpengedichte, das aus Hallers gedankenvoller Seele drang, bis zu dem gefühlsiechen Dichterling, dem die Berge nur Mäuse gebären, von dem großen Werk über die Schweizergeschichte bis zu dem armen Tropfe, der eine Ilias post Homerum schreiben will – wie ist alles beschrieben, betastet, entweiht! Man will nicht mehr das Land, sondern nur künstliche Empfindungen über das Land bekannt machen! Sie sollen den Winter hindurch genug zu lesen haben, und wenn Sie dann unsern Bauern von der Kanzel herab das Land, wo Milch und Honig fließt beschreiben, oder die Unschuld der Sitten malen und das Glück der Freiheit preisen wollen, so greifen Sie nur kühn nach einer solchen Reisebeschreibung: Da steht es schwarz auf weiß, wie und wo dies alles zu finden sei. Sie dürfen nur für die Schweiz den Wohnplatz der Seligen substituieren, so werden Alte und Junge das Reich ererben wollen, das mag ich auch nach der Hand meinen Untertanen wohl gönnen und ist mir lieber, als wenn sie noch bei lebendigem Leibe Schweizer werden wollten. Damit Sie aber denselben das Maul nicht zu wäßrig machen, so habe ich auch für Gegenmittel gesorgt und mehreres der Sammlung beigefügt was Rachgier, Mißgunst oder überspannte Erwartung über das Land ausgegossen, wo denn freilich jene gepriesene Sitteneinfalt als klägliche Beschränktheit erscheint und die allbeglückende Freiheit unter die Willkür der Städte oder einige beherrschende Familien oder dreiste Volksverführer zu stehen kommt. – Übertriebenes Lob reizt zum Tadel, und leidenschaftlicher Tadel leitet hinwiederum das bessere Gemüt auf den Pfad der Billigkeit, diesen Pfad suchen Sie sich nun selbst aus, liebster Pastor, und erklären mir dann, wie es gekommen, daß vor Zeiten die Schweizer ihre Städte und Dörfer aus Überdruß selbst verbrannten und das Land, von dem sie jetzt ein so großes Wesen machen, freiwillig verließen? War es damals anders beschaffen, oder hatten sie weniger Naturgefühl, oder nicht so wohlmeinende Landesväter? »Ich bin im Kuhdreck geboren und erzogen und werde wohl auch darin sterben, und doch tauschte ich meine Heimat nicht an Eure Grafschaft«, sagte jüngst ein Appenzeller zu dem Grafen N..., der ihn über seine Wirtschaft spöttisch aufzog. Eine solche Vorliebe muß doch irgendwie einen Grund haben! Freilich besitzt der Graf keine Herrschaft und war deshalb beschämt, das wußte aber der Appenzeller nicht. Eines nur macht mich verlegen, wie ich Ihnen dies alles zuschicken soll. Auf der Achse bis an die Ostsee kommt es zu teuer, und selbst mitführen kann ich die Ware auch nicht, das Beste wird wohl sein, ich lasse die Ladung den Rhein hinunter und über Meer gehen, kapert sie dann ein feindliches Schiff, so hat die ganze Mannschaft genug zu lesen und vergißt vielleicht darüber etwas Schlimmeres, verschlingt sie aber ein Fisch, so wird er, wenn er Geschmack hat, sie schwerlich solange behalten wie den Propheten Jonas. Indessen wenn zehn Gerechte eine ganze Stadt vom Untergang retten können, so wird ein halbes Dutzend guter Bücher wohl auch eine Kiste voll vor dem Verderben bewahren. Es sind ihrer aber mehr, so habe ich Ihnen zum Beispiel das ganze Schweizerische Museum in 80 Stücken beigelegt, das Sie noch nicht haben, woraus Sie den kleinen und großen Geist der Schweizer, ihre Redseligkeit, ihre Vaterlandsliebe und Anhänglichkeit an das Herkommen, ihre sichere lebendige Umsicht innerhalb der eigenen Markscheide und ihre staatskluge Bedächtigkeit gegen das Ausland besser kennen lernen als aus hundert reisebeschreibenden Urteilen und Absprachen. In gleichem Sinn habe ich auch einige alte Chroniken einzelner Kantone beigefügt und (Ihnen darf ich es wohl sagen ohne meinen Geschmack aufs Spiel zu setzen), ein mir sehr lieb gewordenes Buch, Miscellanea Tigurina, das in drei dicken Oktavbänden schon anfangs des vorigen Jahrhunderts herausgekommen, worin das reine häusliche Leben, die ungeschmückten, ernsten Sitten und die heilige Arbeitsamkeit der Reformatoren, und die gutmütige Harmonie zwischen Magistrat und Geistlichkeit auf das natürlichste und wahrste zu finden ist, das wird auch Ihnen behagen. Von diesem konnte ich um des besondern Wohlgefallens willen nicht schweigen, das übrige sehen Sie selbst nach, es ist noch mehr Altes von der Art, das an innerer Gediegenheit das Neue weit übertrifft, aber nicht mehr gelesen wird, weil ihm die Geschmeidigkeit des Stils abgeht, denn der Stil ist bei der Lesewelt, was die Mode bei den Weibern. Größer noch als die Anzahl der Bücher ist die Menge der Prospekte von der Schweiz. Da könnte sich einer arm kaufen! Alpen, Gletscher, Seen, Wasserfälle (einer hat sogar einen »träufelnden Wasserfall« herausgegeben), Hauptstädte, Hauptflecken, Hauptdörfer, Klöster, Amtshäuser, Brücken, Schlösser, die man kaum von Bauernhäusern unterscheiden kann, Edelsitze, wo kein Adel wohnt, und Bauernhütten je häßlicher desto besser, alles hat seinen Maler gefunden und der Maler hinwiederum seinen Käufer. Und wenn schon die fremden Liebhaber der Schweiz manches mitnehmen, so bleibt doch das meiste im Lande selbst, eben weil die Schweizer so sehr in ihr Land verliebt sind, denn es gibt hier viele Sammler aus bloßem Patriotismus, die nicht auf Schönheit, nicht auf Größe, nicht auf natürliche Merkwürdigkeit sehen, sondern ohne Unterschied alles zusammenlesen, was ihren Kanton angeht und zwar ausschließlich nur dieses. Bücher, Bildnisse, Aussichten, Neujahrskupferstiche (was dieses sei, werden Sie aus einer wirklich echt schweizerischen Sammlung, die ich habe auftreiben können, ersehen), ja sogar wöchentliche Intelligenzblätter, alles das, sobald es nur Bezug auf Stadt und Land hat, wird gar fleißig gesammelt und auf Versteigerungen gesucht. Ich tadle es übrigens nicht, die Sammler sind die glücklichsten Leute und wenn sie auch ihr Leben vertändeln, so kann doch einmal einer kommen, der es zu brauchen weiß, zudem ist ein solcher Patriotismus doch besser als gar keiner. Von einer einzigen Gegend aus dem Berner Oberlande habe ich Ihnen, zur Erhärtung dessen, was ich sage, zweiunddreißig verschiedene Ansichten beigelegt und so gibt es von anderen berühmten und begafften Stellen vielleicht noch mehr. Es ist beinahe kein Städtchen, wo nicht so ein Prospektmacher selbst oder sein Kramladen zu finden ist, und es wäre bald nötig, daß die Natur neue Berge schüfe oder alte zusammenstürzte, um der zahlreichen Innung weitere Nahrung zu geben. Es ist aber nicht zu leugnen, daß sie nicht auch geschickte Leute in diesem Fach haben. Sie werden mehrere große mit Wasserfarben ausgeführte Blätter in der Kiste finden, auch Zeichnungen, die Sie aber mit meiner Nichte teilen müssen, denn das Mädchen, Sie werden nun erst Freude an ihr haben, ist so sehr schweizerisch geworden, daß sie ein ganzes Kabinett mit helvetischen Natur- und Kunstprodukten ausrüsten will. Diese Blätter werden Ihnen zum Beweise dienen, wie weit es die Schweizer Künstler in getreuer klarer Darstellung ihrer Landesnatur gebracht haben und werden Ihnen zugleich den Vorteil gewähren, diese gepriesene Natur beständig in ihrer Klarheit zu schauen, da sie in der Wirklichkeit fünf Sechstel des Jahres mit Regenwolken überdeckt ist. Da ich Ihre Liebe für diesen Kunstzweig kenne, so wird es Ihnen auch nicht gleichgültig sein, den Namen und Kunstcharakter der besten Landschaftsmaler in der Schweiz zu erfahren, um so viel mehr, da sie außerhalb wirklich nicht so bekannt sind wie sie es verdienten; ich teile Ihnen hier eine bezeichnende Liste derselben mit, wie ich sie jüngst von einem zuverlässigen Kenner erhalten habe. Sie muß aber durchaus nicht bekannt gemacht werden, denn der Verfasser ist der Meinung, von einzelnen Kunstwerken lebender Meister könne man gar wohl öffentlich urteilen, aber ihren ganzen Künstlerwert zu bestimmen und preiszugeben findet er bedenklich, allgemeiner Tadel benimmt ihnen den Mut und unbedingtes Lob ärgert die andern. Denn sie haben überhaupt einen höheren Begriff von der Schriftstellerei und Kunstrichterei als sie sollten und getrauen sich darum nicht, wie die Gelehrten, durch eine Antikritik die Welt eines Bessern zu belehren. Aus obigen Gründen wird dies Verzeichnis auch hier weggelassen Sie sehen, daß es wenige gibt, die aus eigenem Geiste komponieren. Die meisten halten sich an die bloße Natur, denn seit Aberli die bekannte Manier der Aussichten in Aquarell aufgebracht hat und gleich mit so lieblichem Gelingen darin fortgeschritten ist, hat sich ein Heer von Nachahmern gefunden, wovon ihn manche noch an Stärke der Färbung, wenige an Geschmack und Lieblichkeit übertreffen, und immer kommen noch geschicktere nach. Indessen hat denn doch diese Aussichtenmalerei, da sie bloß an der Wirklichkeit hängen bleibt, den Nachteil, daß sie auch das Einförmige und Widrige aufnehmen muß, weil es in der vorliegenden Natur ist, zudem, daß durch sie der edlere Teil der Kunst, die idealische Landschaftsmalerei welche schöne Formen und überdachte Harmonie der Anlage sucht und deswegen mehr Zeit, Geist und Anstrengung erfordert, in Abnahme kommt und nach und nach ihre Abnehmer verliert und so zuletzt nur noch für den großen Haufen gemalt wird. Es sind mir auch Abbildungen in allen Formaten von schweizerischen Kleidertrachten zugeschickt worden, die habe ich aber zurückgegeben, denn wozu dienen sie? Was sollen sie ästhetisch oder geschichtlich lehren? Sie sind weder durch ausgezeichnetes Verdienst der Leute merkwürdig, die alten Schweizer trugen sich ganz anders; wir könnten mit demselben Recht unsere Bauern als alte Deutsche stechen lassen. Wenn die Schweizer ihre Heimat nicht für ein Schlaraffenland gehalten wissen wollten und unsere Leichtgläubigkeit, welcher jede fremde Brille recht ist, sich nicht so vieles aufbürden ließe, so würden auch nicht dergleichen Gegenstände der Kunst gestochen und feilgeboten. Weil einige Kleidungen, besonders der Berner Dienstmädchen, niedlich sind, wie diese Mädchen selbst sein sollten und daher ihre Abbildungen Beifall fanden und von Fremden zu mancherlei Andenken aufbehalten wurden, so glaubte der Patriotismus, das geschehe aus Interesse fürs Land und hielt es für seine Schuldigkeit, sogleich mit den Kleidertrachten aller Kantone aufzuwarten. Wenn es auch noch Nationaltracht wäre! Aber das ist es nicht, mancher Kanton hat derer mehrere ganz verschiedene und die gebildetere Klasse trägt sich nach allgemeiner Mode. Von der Kleidung der Schweizerbauern, wie sie anfangs des vorigen Jahrhunderts üblich war, sind nur noch hie und da einige Bruchstücke übrig geblieben, von älterer also noch weniger. Die meisten jetzigen Trachten der Landleute sind Abkömmlinge altmodischer Kleidungen, die nach und nach in Städten abgelegt und wohlfeil auf das Land verkauft wurden und sich da halten, weil es die Not oder die unter den Bauern herrschende Spottsucht gegen alles Neue gebieten. Für den, der die Geschichte der Kleidermoden, oder gar das Buch von den menschlichen Torheiten, wovon jene schon ein großes Kapitel ausmachen würde, schreiben will, möchte diese Sammlung allenfalls auch zu einem kleinen Beitrag dienen, aber alle Reiche dieser Welt und die Geschichte aller Zeiten können ihm ebenso seltsame Muster liefern, von dem Feigenblatt an bis zum Reifrocke und von diesem bis zur französischen Griechheit unserer Tage. Dieses Buch werden Sie aber nicht schreiben, mein guter Pastor, und darum brauchen Sie auch die Bilder nicht, Sie sind, was jener Weise für das Geheimnis des Glücks hielt, arm und zufrieden und lassen die Toren laufen, und ob ich schon reich und unzufrieden bin und mich die Leute ärgern, so werde ich es auch nicht tun und sollt' ich auch der Welt ihre Tollheiten wie in einem Spiegel vorhalten können – sie wird doch nie anders! So vergeht mir hier die Zeit, indem ich mich mit Ihren Liebhabereien, mein Freund, emsig beschäftige; ich sehe dabei wohl ein, daß eigentlich in einer solchen harmlosen Beschränkung die Ruhe wohnt, nach der ich so lange schon strebe und die ich nie erjagen werde, weder in der Hütte des Appenzellers, noch in der Hauptstadt der alten Welt, wohin mich meine sorglichen Freunde noch schicken wollen. Allein so sehr ich Sie und alle, die ihr Heil in ihren Sammlungen finden, beneide, so ist es mir doch nicht möglich und will mir kein Versuch gelingen, mich so mit einzelnen Lieblingsgegenständen einzugrenzen, denn ebenso oft bemitleide ich diejenigen, welche von dem Sammlergeiste besessen sind, weil dieser Geist doch niemals zur wahren Erkenntnis führt, sondern gewöhnlich an Nebensachen kleben bleibt. Daher möchte ich auch bei aller Achtung für Ihre Pünktlichkeit und Erfüllung jeder anerkannten Pflicht und für Ihre Vergnüglichkeit am wohlgeordneten Besitz Ihrer Schränke doch nicht Sie sein, mein lieber Pastor, wogegen ich Ihnen freilich auch gern zugebe, daß Sie Ihre Persönlichkeit nicht an die meinige tauschen würden. Und darin haben wir beide recht: Jeder, so befiehlt es auch die Natur, soll bleiben, was er ist, »sein eigen Gut bewahren und sich sondern vom Übel, wie er kann.« Wenn nur dieses so leicht wäre, wie es der müßigen Betrachtung scheint und die Kraft nicht meist im Mißverhältnis mit der Erkenntnis stünde! Doch genug hiervon, wir nehmen einander wie wir sind, mit Achtung und Geduld und darum bleiben wir Freunde. Nur diejenigen halte ich mir vom Leibe, die mir eine Ehre anzutun glauben, wenn sie mich bedauern und mir zu verstehen geben, es fehle mir nichts, als daß ich nicht denke und handle, wie ihre eigene Wenigkeit, da sie doch selbst fühlen müssen, wie erbärmlich sie sind. Man will mich den Winter in Italien zubringen lassen, allein was soll mir das Reisen? Ich bin ein Nordländer, und mich verlangt nach den herrlichen Winterabenden, sollte ich sie auch wiederum mit geschwollenen Füßen erkaufen, wo Sie und der Major im schneeumstürmten Schlosse um meinen Lehnstuhl saßen und wir bei nächtlicher Lampe von großen Taten des Altertums mit dem Feuer der Jugend sprachen und, so oft der uns umgebenden kleinen Welt vergessend, in zusammentreffendem Gefühl uns der Menschheit freuten und uns sehnten, wie der sterbende Sokrates, dahin zu gelangen, wo jene großen Seelen vorangegangen, um uns ungestört ihres Umgangs zu freuen. O Freundschaft und Vernunft, ihr seid das Heiligtum des Lebens!   An die Baronesse von ... Gais, 4. Juli Endlich ist Euer Briefpaket angekommen. Ich danke Dir, gute Schwester, für Deine erfreuliche Nachricht, daß daheim alles gut gehe, so hab' ich's auch erwartet. Man meint zwar oft, wenn man eine lange Zeit nicht von zu Hause weggekommen ist, sich nicht mehr entfernen zu dürfen, ohne daß die ganze Hausordnung darunter leide, kaum ist man aber fort, so schwindet über den neuen Eindrücken das Andenken an die kleinlichen Sorgen zu Hause, wie nach dem Tode so manche materielle Peinlichkeiten schwinden, möchte ich hinzusetzen, wenn ich's nur sicher wüßte! – Man bekommt leichten Mut und läßt alles gehen wie es mag und gewöhnlich geht es auch ohne uns ganz gut wie meistens auch nach dem Tode. Es lebe dein leichter Mut! wirst Du sagen. Ja, Schwester, über das was hinter mir ist, hatte ich selten einen schweren Mut, auch nicht über die Zukunft, nur das was mich umgibt, die Gegenwart, ist mir nie ganz recht und ängstigt und plagt mich auch jetzt noch nur gar zu oft, ungeachtet der heilsamen Ziegenmolkenkur, auf deren Wirkung Ihr so viel zählt. Seit meinem letzten Briefe habe ich einen kleinen Absprung, denn der Aufenthalt hier langweilt mich, nach Konstanz am Bodensee gemacht, wovon ich dem Major Nachricht geben werde. Ich nahm jedoch nur den Tobias mit, denn Clotilde und ihr Mädchen haben ganz andere Dinge zu tun, sie sind verliebt – ja wahrhaftig – verliebt! Damit aber Dein Mutterherz nicht zu sehr erschrecke muß ich Dir sagen, daß ihre Liebe einstweilen noch an leblosen Gegenständen haftet, indessen kann ich für nichts gutstehen, wenn ihre Bewunderung für das helvetische Tempe, wie sie dies Land nennen, so fortgeht. Was sich jetzt ihrer Seelchen bemächtigt hat, das ist die Pflanzenkunde und sogar Versteinerungen, deren es hier in der Nähe viele gibt, haben den Weg in ihre weichen Herzen gefunden, denn die Mädchen treiben alles mit dem Herzen. Das ist ein Eifer und ein Studium, Du glaubst es nicht! Zur Ergötzlichkeit lesen und verfertigen sie dann alemannische Gedichte, worin sie ebenso vergafft sind wie in die Naturgeschichte. Du siehst, Schwester, was ein vielumfassender Kopf vermag und was sich alles in Deiner Tochter entwickelt, nicht umsonst hatte sie so ein Verlangen mitzureisen, es war Ahnung! Vernimm, wie das alles zugeht: Mit dem schönen Wetter hat sich eine große Anzahl Kurgäste eingefunden, gebildete Leute aus dem benachbarten Schwaben, auch wohl weiter her und viele Schweizer. Unter jenen ist eine Chanoinesse (Stiftsdame) aus M..., die an den Nerven leidet und deshalb eine Reise nach Italien machen mußte, woher sie jetzt eben zurückgekommen, um ihre Heilung hier zu vollenden. Diese ist sehr instruiert, redet von der Kunst und soll große Kenntnisse in der Naturgeschichte, hauptsächlich in der Botanik haben, wenigstens hat sie der Clotilde eine überschwengliche Neigung dafür beigebracht, sie spricht viel und sehr gut, führt einen großen Briefwechsel, lacht wenig und entscheidet viel. Auch gibt sie sich theoretisch mit der Volkserziehung ab, woran aber Deine Tochter bisher noch keinen Geschmack fand. Sie imponiert durch ihren Verstand und weiß Teilnahme durch ihre Kränklichkeit zu erwecken. Dann aber ist auch noch eine muntere junge Schweizerin hier, beinahe das Gegenteil von jener, stets freudig, gefällig und offen, voll Gesundheit und Leben, reich, welches in der Schweiz soviel wie Adel gilt, jedoch ohne alle Anmaßung, und was das vorzüglichste ist und ihr besonders das neidlose Herz Deiner Tochter zugewandt hat, sie ist eine Dichterin. Diese drei sind nun unzertrennlich, Clotilde und die Schweizerin machen Verse und die Chanoinesse prüft sie. Sie üben sich aber, wie gesagt, meistens an Gedichten in der Volkssprache nach Art des Alemannischen. Und ob ich schon predige, daß das ein falscher Geschmack sei, daß es als ein Versuch zum Scherz etwa einem Dichter hingehen möge, insofern er die Naivität des Volkes in dessen Sprache zu legen wisse, so lassen sie es doch nicht und lachen mich nur aus und haben auch recht, denn ich sollte nicht predigen, wann hat je die Mode Vorstellungen vom Alter angenommen? – Eine bloße Mode ist es aber, die besonders hier im Lande im Gange ist, seit Hebel in seine berühmten Gedichte nicht nur die Sprache, sondern auch die ländliche Natur und den Geist des besseren Teils seines Volkes gebannt und alles Kleine mit so viel Liebe zu idealisieren gewußt hat. Du erinnerst Dich noch, wie wir schon zu Hause daran uns mühten, aber nie recht zum Verstehen gelangen konnten, nun verstehe ich sie vollkommen und mit großer Lust, besonders wenn sie die Schweizerin in ihrer eigenen Mundart, mit der ich durch Umgang näher bekannt bin, vorliest, denn es gibt in der Schweiz der Dialekte mancherlei, so daß sie oft einander selbst nicht verstehen. Man hätte denken sollen, nach Hebel wären alle diese Dichter verstummt, aber da stand im Gegenteil ein Heer von Unbesonnenen auf und hinkte ihm nach, und nun ertönen aus allen Ecken des Landes Lieder in der Volkssprache, ein unverständliches Gequake, Volkston aber nicht Volkswitz, sie sprechen freilich in Idiotismen, aber scherzen wie unmündige Kinder, oder moralisieren wie Schulmeister. Originalität und Meisterhaftigkeit haben ein Vorrecht zu allem und damit hat Hebel auch alles gut gemacht, sein Bändchen liest sich mit Wohlgefallen, aber wenn auch er durch den verdienten Beifall sich zu mehreren Bänden verleiten ließe, so würde er selbst erfahren, daß die Manier ermüdet, um so viel mehr, wenn sie noch durch Nachäffung verpfuscht und alltäglich geworden ist. Das sage ich den Kindern oft, sie haben aber ihre Köpfchen oder ihre weiblichen Vernunftgründe, wogegen nicht aufzukommen ist. Die Schweizerin antwortet: Sie sagen ja selbst, lieber Oheim (so nennt sie mich), jene Gedichte gefallen Ihnen, also finden Sie sie schön, was soll man aber nachahmen, wenn das Schöne nicht? – Meinetwegen! so mag die eine Verse machen wie die Schweizerbauern und die andere wie die Mecklenburger-Biergesellen, wenn ihnen die gewöhnliche Sprache zu gering ist. Ich lasse ihnen die Freude und habe dafür meinen Spaß an Suschen, die sich auch an den Schweif des Pegasus, worauf die beiden Musen sitzen, gehängt hat. Diese hatte zuerst eine jungfräuliche Abneigung gegen das Alemannische, weil ihr das Wort zu stark vorkam, wie sie sagte, indem einem dabei der Sinn an »alle Männer« komme. Sie ließ sich aber belehren und meinte nun (von welchem Wahne auch Deine Tochter anfänglich nicht ganz frei war), jeder Volksdialekt sei Alemannisch, und unter dieser Benennung sang sie der Schweizerin ein plattdeutsches Lied vor, wovon diese Alemannierin kein Wort verstand. Neulich fragte sie, ob der Kuhreihen auch ein alemannisches Gedicht sei? Ein animalisches, versetzte der alte Professor aus Z. Sie machen auch Scharaden und Logogryphe, ganze Bogen voll, die dann unter der Gesellschaft herumgeboten und enträtselt werden. Clotilde wird Dir ein paar Dutzend von den besten schicken, Du kannst sie dann dem Pastor geben, daß er sie in einen Musenalmanach einrücken und unsterblich machen lasse. Es ist ein unterhaltendes Spiel, wenn es nicht schriftstellerisch getrieben wird, indessen halte ich's doch im geistigen Verstande mit einer ehrlichen Frau Ratsherrin aus Gl..., welche hier die Kur braucht und gefragt, ob sie auch die Scharade liebe, erwiderte, sie esse sie nicht gern. Soviel von unserem dichterischen Leben. Sei übrigens unbesorgt, eine Pedantin soll Dein Fräulein nicht werden, die Schweizerin ist es auch nicht, es sind beide unbefangene, muntere Kinder, die einen Augenblick nach einer neuen Weise tanzen. Die Leute meinen oft, sie haben den Geschmack und haben nur die Mode, welches mitunter ein Glück ist, denn der Geschmack ist inhärent, wenn er auch falsch ist, die Mode hingegen ist vorübergehend. Den 6. Juli Als Clotilde mit des Pastors Gustav Latein lernte, fragtest Du: Wozu das? und ich antwortete: Latein ist wie die Gottseligkeit zu allen Dinge nütze. Wenn sich meine Behauptung nicht schon früher bewährt hätte, so geschähe es gegenwärtig, denn wie wollte sie jetzt alle gelehrten Namen der Pflanzen, die sie täglich nach Hause bringt, behalten, wenn sie nicht etwas von jener Sprache wüßte? Gartenblumen? – Mitnichten! die überläßt man den Bürgersfrauen. Das Vornehme ist jetzt gemein und das Gemeine vornehm geworden. Wiesenblumen, Heidekräuter, Moose und Flechten sind es, womit alle Gläser und Töpfe im Hause angefüllt sind und wozu? Um über ihre Fruktifikation etwas sagen zu können und ihre linnéischen Namen auswendig zu lernen, an mehr wird nicht gedacht. Neulich sind sie mit mehreren Kurgästen in die nächsten Berge kräutern gegangen und mit ganzen Körben voll Beute zurückgekommen. Und nun sollte nach dem Verlangen der Chanoinesse alles beschrieben, zerlegt und aufbewahrt werden, das war aber der flüchtigen Jugend bald zu langweilig. Ein junger deutscher Arzt, der sie begleitet hatte, nahm indessen die Mühe auf sich und anerbot sich, den Damen in Abwesenheit der Chanoinesse, der ihre ausgedehnte Korrespondenz und übrige Studien viel Zeit wegnehmen, das Sexualsystem zu erklären. Ich habe es aber für Clotilde höflich ausgewichen und ihr eine französische Anleitung à la portée des Dames angeschafft, die dem Zweck hinlänglich Genüge leistet. Auch die Schweizerin, an die sich der Arzt vorzüglich wandte, deren fröhliche Weiblichkeit aber an allem, was trocken ist, gleichgültig vorüberstreicht, ward des gelehrten Unterrichts bald satt und hielt sich zu Clotilde und ihrem französischen Buche, welches mir lieb war, denn was hätte ihr Mann für Freude gehabt, wenn sie mit solchen polyandrischen und kryptogamischen Kenntnissen nach Hause gekommen wäre? – Zwar lachte die Chanoinesse über meine Bedenken und meinte, man müsse dabei an weiter nichts denken. Wie weit die Stiftsdamen ihrer Phantasie Meister sind, weiß ich nicht, aber von den Weltlichen hab' ich schon sagen hören, daß ihnen die Gedanken oft wider ihren Willen kommen. Ich merke jedoch schon, daß dieser flüchtige Eifer nicht zur wissenschaftlichen Beharrlichkeit werden wird, da steht ihren poetischen Gemütern die Empfindsamkeit im Wege, sie hängen zuviel an den schönen Farben und zarten Formen der Pflanzen, haben Vorliebe für diese und jene, machen Freundschaft mit ihnen und können es nie recht übers Herz bringen, sie kaltblütig zu verstümmeln oder mit grausamer Hand in ein Herbarium hineinzukreuzigen. Die Namen, die hochklingenden, wollen sie wissen, das ist alles, das macht Effekt! Es gehört jetzt zum eleganten Ton, keine Reise zu machen, ohne sie zu beschreiben und keine Beschreibung, ohne von einigen aufgefundenen Blumen die linnéische Terminologie anzugeben, so daß der Reisende, wenn er nur ein Veilchen pflückt, das er mit Sehnsucht an den Busen der Geliebten zu heften wünscht, nie vergessen darf, das Corpus delicti mit Viola odorata Lin. zu bezeichnen, wobei der geduldige Leser nicht nur sein Wissen ehren, sondern ihm wohl auch noch eine Ähnlichkeit mit dem genialischen Rousseau zutrauen soll, der diese Kunde so beredt als den einzigen Trost in seiner Menschenverlassenheit anpries und auch darin das Los großer Männer teilte, daß er viele kleine zu Narren machte. Es ist unbegreiflich, wie magisch schnell sich modische Denkungsart verbreitet, und damit wird auch heutzutage diese liebliche Wissenschaft verhudelt, weil man alles ins Alltägliche hinabzieht und dann dabei stehen bleibt, das Forschen scheut und mit ärmlicher Kenntnis einen eintägigen Ruf erlangen kann. Um die Physiologie der Pflanze bekümmert sich keiner dieser Schreib- und Empfindseligen, wenn nur das Kunstwort richtig dasteht, so wie sie reisen, nicht um zu sehen, sondern um gesehen zu haben. Auch die Chanoinesse scheint gar nicht tief in die gründliche Kenntnis eingedrungen zu sein, denn da ich eben Hallers Alpen vor mir hatte, fragte ich nach den dort angegebenen und so seltsam beschriebenen Blumen, allein sie wollte nichts davon wissen, weil die Namen nicht linnéisch wären. Und als ich in meiner Einfalt ein altes Kräuterbuch, das mir der Hauswirt geliehen, der Clotilde empfahl, sowohl wegen der Abbildungen als der angegebenen Eigenschaften der Pflanzen wegen, stieß jene es unwillig auf die Seite und sagte, ob ich einen Apotheker aus meiner Nichte machen wolle? Was hat man aber von den bloßen Namen, wenn man die Eigenschaften nicht weiß? Ihrem richtigen Grundsatze gemäß, daß man bei solchen Erlernungen von dem nächsten ausgehen müsse, leben wir nun ganz von dem, was uns der Ritter Linné auftischt. Täglich laben wir uns an der Fragaria vesca Lin.; die liebliche Frucht des Prunus cerasus Lin. wird uns, obgleich noch sparsam, aus dem Rheintale heraufgebracht, so wie auch das Gemüse, worunter die Brassica oleracea Lin. mit ihren Spielarten uns viel zu schaffen macht. Hier gibt es weder Gärten noch Bäume noch Felder, woran aber das tiefere benachbarte Land einen Überfluß hat, daselbst wächst auch häufig die Vitis vinifera Lin. und daraus wird ein angenehmer roter Trank bereitet, der etwas Stärkendes und Erheiterndes hat und noch mehr Liebhaber findet, als das Erzeugnis von der Capra hircus Lin., das jeden Morgen unser wartet. So führen wir ein poetisches und gelehrtes Leben über die Maßen. Alles was in die Sinne fällt wird besungen oder wissenschaftlich bezeichnet, so daß ich die heidnische Frage: Was werden wir essen oder trinken gar nicht mehr stellen mag, aus Besorgnis, mit einem süffisanten Lin. abgefertigt zu werden. – Dem Kammermädchen wollten die welschen Namen erst gar nicht in den Kopf, sie machte sich deshalb an Tobias, der in seiner Jugend ein Balbier gewesen und wollte wissen, was denn das Lin. hinter jedem Wort zu bedeuten hätte? Tobias erklärte ihr, dies sei das Diminutiv, womit die Schweizer alles was klein sei oder ihre Liebe habe benennen bis auf die Taufnamen, so laute auch der ihrige in der Schweizersprache Sus Lin. – Oft weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, gestern kam die Chanoinesse mit dem Dianthus carthusianorum und sagte, sie ziehe solchen dem Dianthus caryophyllus (eine kleine wilde Nelke der schönen Gartennelke) weit vor, wegen seiner Bescheidenheit, als wenn die Gartennelke unbescheiden wäre! Und die Schweizerin hatte ihren Arm verbunden, um sagen zu können, sie sei von der Urtica dioica gebrannt worden. Sonst wissen sie, wenn sie bei Verstande sind, so viel Anziehendes von dieser Bergreise zu erzählen, daß mir oft die Begierde kommt, selbst einmal diese Trümmer der Schöpfung aus der Nähe zu sehen, wenn ich nur wüßte, wie hineinkommen! Gefährlich muß es nicht sein, denn der Gesellschaft ist kein Leid widerfahren, als daß sie todmüde und mausnaß von einem Regen zurückkamen, der sie überfiel, weil sie einen Stein in das Wetterloch auf dem Kamor geworfen, welches Sturmerzeugnis der Arzt, ein Naturphilosoph, für keine Unmöglichkeit erklärte, indem der große Shakespeare berichte, daß viele Dinge unter dem Himmel geschehen, wovon sich unsre Philosophie nichts träumen lasse. Noch ein widriger Zufall hat sie betroffen: Es ereignete sich, als sie des Nachmittags bei einer Sennhütte Rast hielten und Suschen sich mit einem jungen Alpensohne besprach, daß eine Ziege ihr einen großen Blumenstrauß, voll der seltensten Pflanzen, den sie in der Hand trug, unvermerkt abfraß, so daß sie nur noch den leeren Besen behielt, ein Verlust, der allen sehr nahe ging. Man wollte es erst der Chanoinesse verschweigen, sie erfuhr es aber doch und machte dem Mädchen gerechte Vorwürfe, daß sie im Gespräch mit einem gemeinen Burschen sich so weit vergessen könne, nicht auf die ihr anvertrauten wichtigen Blüten zu achten und so ihre Herrschaft um die Mühe des Tages zu bringen. Diese entschuldigte sich, sie habe nur zu wissen verlangt, wie er seine Zähne so weiß erhalte? Hatte er denn so schöne Zähne? Jawohl, und ein Gesicht wie Milch und Blut. Wirklich? und wohl gewachsen? Er sprang über eine mannshohe Hecke hinweg. Es gibt schöne Leute in den Alpen. Und was gab er zur Antwort? Ich soll am Sonntag nach Appenzell zum Tanze kommen, da wollte er mir's dann sagen. Ei! den Tanz wollen wir sehen! endigte die Chanoinesse, und ward wieder gut.   An den Major von ... Gais, 8. Juli So wie die Schweizer das Heimweh an fremden Orten überfällt, hat es mich in der Schweiz gefunden. Ich sehne mich zurück, wo Du bist, zur Schwester, zum Pastor, selbst zum Schulmeister und Dorfschulze, ja zu Hund und Katze hätte ich bald gesagt. Ich will und muß wiederkehren zur ernsten Ordnung, zur ruhigen Stille, oder, wenn Du lieber willst, zur angewöhnten Bequemlichkeit, die ich nicht mehr missen kann, ob ich gleich fühle, daß das Herumziehen meiner Gesundheit behagt und jene Bequemlichkeit mir auch wieder zur Last fallen wird. Es ist eine zur Natur gewordene Unruhe in mir, daß ich oft selbst nicht weiß was ich will, am besten ist es, wenn ich gar nicht mehr über mich selbst nachdenke und in den Tag hineinlebe. Wer das nur könnte! – Dem sei wie ihm wolle, ich gehe nicht weiter, ist es nicht schon ein Widerspruch in Worten: herumlaufen, um Ruhe zu suchen? Sie ist nirgends, als wo Friede und Freiheit ist, Pax est tranquilla libertas, sagt Cicero. Aber wo sind diese? Frieden und Freiheit waren schon in der Jugend unsere großen Worte, die haben wir gesucht zu Wasser und zu Lande, im Felde und an Höfen, in großen Städten und in der Einsamkeit und so das Streben der männlichen Tätigkeit in Müh und Arbeit, Freud und Leid vollbracht und freilich auch Genuß dabei gefunden, aber es war doch nicht der Frieden und nicht die Freiheit und wenn diese köstlichen Güter irgendwo zu finden sind, so ist es, wenigstens für unsre Jahre, am heimatlichen Herde, wo man die kummerlosen Tage der Jugend verlebte, deren lebhafte Eindrücke mit so heiterer Anmut sich dem Alter wieder darstellen. Dies Gefühl ist das wahre Heimweh und liegt in unserer Natur. Wie das müdegejagte Tier wieder zu seinem ersten Lager zurückkehrt, so sucht auch jeder, der das rastlose Treiben der Welt kennt, zuletzt wieder die Stätte ruhiger Träume, aus der er in die Stürme der Welt trat. Ulysses sehnte sich sogar aus den Armen der Göttinnen wieder nach seinem steinigen Vaterlande, auch Plutarch kehrte nach Chäronea in Böotien zurück, und haben wir nicht den Mann, den die Fürsten ehrten, gekannt, der, während er öffentlich sein geliebtes Vaterland höhnte, in der Einsamkeit blutige Tränen nach einem stillen Winkel in der verspotteten Vaterstadt weinte! – Das ist der wahre Zug der Natur, sage ich; alles andre Gelüsten nach wärmerem Himmel und üppiger Erde ist, man mag ihm auch noch so schöne Namen geben, Unerfahrenheit jugendlicher Phantasie und noch öfter sentimentale Selbsttäuschung, einigen vorzüglichen Männern nachgesprochen, die ein entschiedenes Talent nach jenen fernen Gegenden hinzog, und ihnen das Recht erwarb, sie auf Unkosten andrer zu preisen: »Nicht in Rom, in Magna Gräcia, Dir im Herzen ist die Wonne da!« sagt gleichwohl auch einer von ihnen. – Man will sich einen Schatz von Gefühlen sammeln, und vergeudet darüber sein Leben leer an Taten. Der Engländer, wenn er das schöne Italien durchstreift hat, kehrt gerne wieder in sein freies Nebelland zurück, der Franzose in die Schule der Höflichkeit, der Schweizer in seine Berge, hat denn das deutsche Vaterland allein keine Anmut für seine Kinder? Gilt die deutsche Treue nichts mehr, nichts mehr der redliche Bürgersinn, wird Fleiß und Genügsamkeit nicht mehr geachtet, und ist die Bescheidenheit, die jedes Verdienst ehrte, von uns gewichen? Der Mensch muß das Glück erst in sich selbst und dann unter der Gesellschaft von Seinesgleichen suchen, ohne das wird ihm auch der heiterste Himmel nicht lachen, sollte dies aber unter einem ehrbaren Volke nicht so gut zu finden sein, als unter den schönern Larven Italiens? – Dies und noch mehr sag ich mir schon hier und sage es noch stärker, wenn man mich überreden will, weiter zu gehen, und mich wohl gar auf längere Zeit dort niederzulassen. Um mich zu zerstreuen und doch auch etwas von der so gepriesenen Schönheit der Schweiz zu sehen, machte ich mit dem alten Professor aus Z. eine kleine Ausfahrt nach dem benachbarten Konstanz. Denn hier ist ein unfruchtbares Land, nichts zu sehen als Tannenwälder und unförmliche mit Grün bekleidete und von unzähligen toten Hecken durchschnittene Hügel, denen allein die vielen zerstreuten Häuser, das weidende Vieh und das muntere Rufen der Küher einiges Leben geben. 9. Juli Dieser Professor ist mir eine liebe Erscheinung, die ich gerne um mich habe, weil sie aus eigenem Lichte leuchtet. Er ist aus der gründlichen Schule Bodmers und der Alten, hat aber von diesen weniger das Ästhetischschöne als das Sittlicheinfache sich zu eigen gemacht. Die alte klassische Welt kennt er durch und durch und lebt in ihren Sprüchen, er liest ihre Geschichte, und ist nicht unbekannt mit ihren Staatsverfassungen. Die moderne Politik hingegen ist ihm, so wie den meisten seiner Landsleute, sobald sie über den Notbedarf des Vaterlandes hinaus geht, fremd. Was soll ich, sagt er, meine Zeit mit dem Studium neuer Verfassungen verlieren, die man doch nur dann richtig beurteilen kann, wenn man unter ihnen lebt und das, was sie versprechen, mit der Erfahrung vergleichen kann oder muß? Die bloße Theorie derselben gibt uns nur eine idealische Ansicht, die selten mit der Wirklichkeit übereinstimmt. So wie ein Mensch im Porträt immer ein Sonntagsgesicht macht und erst dann wahr erscheint, wenn wir ihn in der Beweglichkeit des Lebens sehen, so ist es auch mit der Form der Staatsverfassungen, der Geist ist es, der sie beleben muß, und dies belebende Prinzip bleibt doch der, dem die Gewalt gegeben ist. Darum ist die Monarchie immer eine einfache Regierung, sie mag noch so viele künstliche Modifikationen haben, weil der Fürst ihr Geist ist und mit Kraft und Klugheit aus ihr macht, was er will; da ist also ohnehin nicht viel zu studieren. – So redet er, so denken die meisten, wissen aber gar wohl, wenn sie es schon nicht gestehen dürfen, daß auch bei ihren Gemeinstaaten samt und sonders die wirkliche Gewalt in den Händen von Wenigen liegt, die für das liebe Vaterland sorgen wie sie es gut finden. – Doch können wir's ihnen wehren, sagte er. – Wenn sie nicht gescheiter sind als ihr, erwiderte ich. Was außerhalb der Schweiz vorgeht, das liest er in der Zeitung, und legt es mit der Zeitung auf die Seite, hingegen was in dem Lande selbst geschieht, das interessiert ihn bis auf Kleinigkeiten, er schmäht zwar oft darüber, wie alle Schweizer, aber, wie auch alle, mit geheimer Liebe. Von neueren Dingen spricht er mit vornehmer Zurückhaltung, damit er nicht auf den hier und dort noch schlummernden Parteigeist treffe, denn der ist, sagt er, das größte Übel, das die Hölle unter die Menschheit gespien, das niemand kennt, als wer in seinem giftigen Hauche gelebt hat. Sonst ist er über die wiederhergestellte Ruhe herzlich froh. Seine Gestalt ist reinlich, seine Bewegung langsam, sein Inneres ohne Ehrgeiz. Wer sich nicht kann eigener Größe freuen, darf doch mit seinem Kleinen sich gütlich tun, meint er und das kann und tut er auch, ohne viel nach äußeren Vorzügen zu fragen. Denn, wiewohl in der Schweiz das Geld sehr geachtet ist, so haben die Schweizer doch noch einen Sinn für die Einfalt des Lebens, der sich bei uns, die wir uns in Rang und Titeln verloren haben, selten mehr findet. Zum Teil habe ich es schon selbst bemerkt, auch von glaubwürdigen Zeugen vernommen, daß selbst in den Hauptstädten des Landes, wo sonst von dem Unkraut der neueren Zeit viel aufgeschossen ist, ein rechtlicher Mann, bei dem Kopf und Herz an der wahren Stelle sind, auch bei den Optimaten in Ehr und Ansehen steht, wenn er gleich wie dieser Professor, keinem Menschen den Hof macht und sich selbst auf die anmaßungsloseste Weise von der Welt Herr und Diener zugleich ist, sich auch öfters über konventionelle Verhältnisse absichtlich hinwegsetzt oder sie wirklich nicht kennt. Seine Freimütigkeit ist seiner äußeren Einfalt gleich und eines freigeborenen Menschen würdig, und da sie keine Bitterkeit hat, so zieht sie ihm auch selten Verdruß zu, zumal der ernste Mann über jede Antwort gelassen bleibt und dem Unfeinen bloß den Rücken kehrt. – Daß ich indes in leidenschaftlicher Aufwallung mich manchmal an diesem milden Gleichmut stoße, wirst Du wohl begreifen. Neulich erhielt er von zu Hause die Nachricht, daß daselbst von jungen Knaben ein vaterländisches Schauspiel aufgeführt worden und freute sich kindlich darüber, er kam immer wieder darauf zu sprechen und sprach davon nicht wie von einem Zeitvertreib, sondern wie von einer Anstalt zu höherer Bildung. Das wird, sagte ich endlich ärgerlich, wieder eine von Euren Schweizereien sein, womit Ihr einander die Ohren so voll macht und die kein Fremder mehr hören mag. Er nannte mir die Griechen, die auch durch Nationalschauspiele ihre Vorfahren ehrten und den Geist und Geschmack ihrer Jugend bildeten. Darüber geriet ich in Eifer: Seid Ihr denn Griechen? Wurden ihre Schauspiele von Knaben aufgeführt? Sie wählten ihren Stoff aus der homerischen und vorhomerischen Heldenzeit, ihrem heiligen Mythos, an dem ganz Griechenland teilnahm, Ihr von aufrührerischen Bauern! Ihre Dichter waren Äschylus und Sophokles, wer sind die Eurigen? Ihre Schauplätze wurden bald zu öffentlichen Marmorgebäuden, die Eurigen sind und bleiben Brettergerüste auf einer Zunft oder in einem Schuppen. Und die Zuhörer? Dort waren es die Häupter des Staats und das Volk im allgemeinen Interesse, hier eine Handvoll eleganter Stadtbewohner, ein Haufe abgeschmackter Dilettanten und die zärtlichen Eltern der spielenden Knaben, bei denen allen an keinen begeisternden Einfluß mehr zu denken ist. Ihr versprecht Euch patriotische Wirkung auf die Knaben, wenigstens doch Bildung des Geschmacks, aber dann müßt Ihr auch Verbildung erwarten, wenn die meisten Stücke keinen Geschmack haben. Vaterlandsliebe aber, diese heilige Gesinnung, muß, wenn sie gelehrt werden kann, aus dem lebenden Beispiel wackerer Bürger gelernt und aus den Büchern der Geschichte in ernster Betrachtung genährt werden, von der modernen Bühne herab tritt sie gewiß nicht unter das Volk, diese kann höchstens die Phantasie aufregen, der Einbildung vorübergehend eine Kraft vorspiegeln, die nicht im Charakter des flüchtig Aufgeregten ist, mithin auch im Drang der Wirklichkeit verschwände. Es gibt keine nachahmenden Helden. Wahre Größe und Tapferkeit kommt nicht nur durch die Einbildung in den Menschen, sonst hätten die Hermannsschlachten und Ritterromane schon lange unsere deutschen Heere zu Besiegern Europas gemacht. Laßt einmal Eure wackern Ahnen in Frieden ruhn, wie die Griechen könnt Ihr sie doch nicht brauchen. Euch ist ein anderer Mythos gegeben und bedenkt, wenn andere Nationen auch so ihre Heldentaten herumbieten wollten, was das für eine Ruhmredigkeit und Eifersucht gäbe, deren Lächerlichkeit man gewiß bald einsehen und zuletzt froh sein müßte, wieder zu der Bescheidenheit der Gegenwart zurückzukehren und im Fall der Not, mit Hintansetzung alles angelernten Hochsinns, aus eigener Kraft, wenn sie noch da ist, groß und gut handeln zu können. Geduldig wie ein Märtyrer ließ er mich austoben, endlich verwunderte er sich, daß ich so ins Allgemeine hinein peroriere, wo nur von einem einzigen unschuldigen Falle die Rede sei. Mein jüngster Bruder hat das Stück geschrieben, sagte er, und zwei Söhne meiner Schwester halfen es spielen, arme Jungen, wenn ihr hörtet, wie man euch eure Herzensfreude beinahe zum Verbrechen und euren Ruhm zur Schmach macht! Lieber Baron, fuhr er fort, meine Hand ergreifend, Sie sehen und verurteilen durch ein getrübtes Teleskop aus der Ferne und außer aller Haltung, was Ihnen in der Nähe mit Ihren natürlichen gutmütigen Augen betrachtet, gewiß unschädlich, und vielleicht gar anständig und recht erschiene. Siehe, Kamerad, da hast Du mich wieder einmal wie Du mich schon so oft gesehen, beschämt, wo ich recht zu haben erwartete, bloß um der verwünschten Gewohnheit willen, kleine Dinge in den Gesichtspunkt der großen zu stellen und die heutige Welt nach der alten zu messen, wovon ich nicht einmal weiß, ob meine Vorstellungen wahr sind. Ich fühlte meine alte Torheit und war über mich selbst ergrimmt und hätte ganze Ströme von Molken hinunter gießen mögen, wenn ich damit Milde in mein Urteil bringen könnte. Aber was vermögen da die Molken, ein Wolf kann hundert Schafe fressen, er wird dadurch nicht sanftmütig werden! – Laß mich zu mir selbst kommen. Abends Von meiner Reise wollte ich Dir erzählen und habe von dem Professor gesprochen. Es ist eine Lust von einem vorzüglichen Manne zu reden, unter jeglicher Form bleibt er der edelste Stoff. Wer will aber einen Menschen beschreiben mit seinem Licht und Schatten? Züge können wir wohl von ihm erzählen, führt man aber nur die guten an, so ist man einseitig, und wer mag gern von den andern reden! doch gehören beide ins Gemälde und wenn man auch alles gemalt zu haben glaubt, so ist es doch noch nicht der Mensch. Auch der Einfältigste ist unergründlich, wer erforschet das Innere des Klugen? Den 10. Juli Durch das Rheintal und obere Thurgau hinab, meist dem Rhein und Bodensee nach, ging unser Weg. Willst Du dies Wein- und Obstland näher kennenlernen, so laß Dir von unserem Pastor ein gutes Buch, Ebels Anleitung die Schweiz zu bereisen, geben, es ist voll sicherer Kenntnis alles dessen, was Natur und Geschichte merkwürdiges darbieten, nur wirst Du vielleicht mit mir finden, daß dessen Verfasser allzusehr der herrschenden Unart nachgegeben und zu viel für jene neue Gattung Reisender, die selbst Norick noch nicht kannte, da sie doch von der empfindsamen Art sein wollen, man könnte sie Aussichtler nennen, gesorgt hat. Das hat mir unterwegs viel Freude verdorben, ist es nicht unerträglich, keine halbe Stunde zurücklegen, und sich in dem Buche über die Beschaffenheit und Geschichte des Landes Rat erholen zu können, ohne von Aufforderungen zu »weiten, prächtigen, herrlichen Aussichten, Standpunkten, reizenden und außerordentlichen Naturszenen« unterbrochen zu werden, dergleichen man denn doch anderswo auch schon gesehen, ohne daß daselbst so viel Aufhebens davon gemacht wird. Ich wollte lieber, so unangenehm es ist, es lasse einer den Wagen um jeder anderen Leibesnot als um solcher Geistesbedürfnisse willen halten, wobei mir die Regungen und Rührungen, die ich haben soll, vorgesprochen werden und keine Antwort übrig gelassen ist, als Ach! und O! – Ich habe deswegen auch die Frauenzimmer gerne daheim gelassen, weil ich schon an ihren vorgreiflichen Empfindungen genug hatte. – Fühle, empfinde, phantasiere man meinetwegen so viel man wolle, das ist recht, es ist eine Gabe der Gottheit und die Freude des Lebens, nur sei man sparsam mit Aufforderungen, Anleitungen und Fingerzeigen dazu, denn diese sind gerade das Gift jedes wahren Gefühls, weil dabei keine Rücksicht auf die gegenwärtige Stimmung, auf Empfänglichkeit für Lust und Unlust genommen und die freie Willkür den Vorstellungen eines andern untergeordnet wird. Ich will damit dem Buche, das in jedes Schweizerreisenden Händen sein sollte, keinen Abbruch tun und weiß wohl, daß es die Liebhaberei der Zeit und also auch der Nutzen des Buches so haben wollen, allein neben jenen merkwürdigen gelehrten Wahrnehmungen und schätzbaren geschichtlichen Nachrichten, machen diese übermäßigen Anpreisungen der Naturschönheiten eine schlechte Figur und werden noch dadurch schädlich, daß sie eben in dieser gelehrten Gesellschaft mehr Wichtigkeit erhalten, als sie verdienen und manchen in den Wahn bringen, er treibe schon was Rechtes, wenn er diese Angaben alle bereise und mit seinen eigenen Gefühlen belege, oder, was noch ärger ist, gar das Unmögliche unternehme und jene Ansichten mit Worten beschreibe und der Welt preis gebe. Kaum ist man am Stoß den Berg hinunter, so verändern sich Land und Leute, die Natur wird fruchtbarer und der Mensch gewöhnlicher. Die Leute haben mehr zu tun mit Acker- und Weinbau und der ausgedehnten Industrie, wovon St. Gallen der Mittelpunkt ist, dies macht sie geschmeidiger, ihr Leben mannigfaltiger und schleift die Ecken der Sonderbarkeit, welche der Müßiggang beim Appenzeller erzeugt ab, vermindert dann freilich auch das Selbstgefühl, die Genügsamkeit und den leichten Sinn, der das Hirtenvolk belebt. Das ist nun aber einmal so, daß die Gaben des Himmels öfters negativer Art sind. Unter den drei Städten, wo wir uns aufhielten, gefiel mir Rorschach seiner reizenden Lage halber vorzüglich, denn hier kommen wirklich viele Naturschönheiten zusammen, der See ist drei Meilen breit und bildet da einen kleinen Hafen, der ziemlich lebhaft ist, das Gelände ist fruchtbar, mit Obstbäumen und Weinreben bedeckt und sehr bevölkert, es herrscht daselbst viel Betriebsamkeit und von einer Regierung merkt man nichts, keine imponierenden Kollegien, keine drückenden Großen, keine Satelliten, nichts das der Lebenslust, Geselligkeit und Freude an dem Eigentum hinderlich ist. Hier auf einem der herumliegenden mit Landhäusern besetzten Hügeln könnte ich wohnen, wenn ich einen fremden Aufenthalt wählen müßte, wiewohl es im Winter ebenso kalt sein muß wie bei uns und mir der Professor bewiesen hat, daß die Aussicht auf einen See, so reizend sie dem ungewohnten Auge ist, früher ermüdet als die aufs Land, weil das Wasser das ganze Jahr die gleiche einförmige Ansicht gewährt, die Landschaft hingegen sich mit den Jahreszeiten verändert. Du erwartest keine Reisebeschreibung, sagtest Du schon beim Abschiede, nur einige Angaben der erhaltenen Eindrücke, und daß ich mit Dir schwatze, höre also weiter und nimm Vorlieb. – Konstanz liegt auch sehr angenehm zwischen dem Ober- und Untersee. Es hat leere Gassen, sagt man. Was tut das? Muß es denn immer von Menschen wimmeln, wo es einem wohl sein soll? Die Industrie mit ihren zwei Zungen und hundert Händen, muß sie uns immer umschwirren, damit wir nie zu uns selber kommen können? Bei einem außerordentlichen Vorfall allein ist der Zusammenfluß vieler Menschen anziehend, ist der Vorfall freudig, so erhebt die Teilnahme der Menge das Herz und bei einem allgemeinen Unglück ist Trost unter den Menschen, weil dann die Einsamkeit ängstigt, sonst habe ich allezeit gesehen, daß die Weisheit der Stille den Vorzug gab vor dem Getümmel. Es herrscht übrigens ein guter Ton unter den hiesigen Einwohnern, höheren und geringeren, soviel ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts habe wahrnehmen können. Die deutsche Umständlichkeit hat sich recht gut mit der schweizerischen Zutraulichkeit vereinbart, man ist bequem und ungezwungen. Schon unter der österreichischen Regierung soll hier viel Freiheit im Denken und Sprechen stattgefunden haben, so daß ein Genfer, der sich hier ansiedeln wollte, laut sagen durfte: Von der Zeit an, da die Kirchenversammlung zwei ehrliche Männer verbrannte, habe die Stadt kein Glück mehr und werde auch keines haben, solange noch der edle Johannes Hus die katholische Kanzel tragen müsse. Dem Propheten geschah nichts, man antwortete ihm nur, die Genfer hätten den Servet verbrannt und dennoch Glück gehabt. Aber den übertriebenen Eifer bereut, erwiderte der Genfer, und sein Bild nicht dauernder Verwünschung ausgesetzt. Was soll ich Dir weiter von unserer Spazierfahrt melden? Soll ich Dir nach Art der neuen Reisemänner ein Gewitter mit zierlichen Ausdrücken beschreiben, als wenn noch kein Sterblicher dergleichen gesehen, damit Du mit mir die Größe der Natur, im Grund aber die Herrlichkeit meiner Worte bewundern könntest? Oder soll ich Dir, dem Vertrauten des Ozeans, einen Sturm auf dem Bodensee vormalen? Beides haben wir erfahren, und ich schweige von beiden. Aber von dem kann ich nicht schweigen, was auf den Sturm und das Gewitter folgte, der friedlichen, feierlichen Ruhe, womit unser Nachen noch eine Zeitlang über dem See schwebte, der Pracht des Regenbogens, der sich über das Wasser wölbte, der Klarheit, womit die Abendsonne ihr Gold über das anmutige Ufer verbreitete. Kommet zu mir alle, deren zarte Seelen trunken sind von den Schönheiten der Schweizernatur, ich will euch Genugtuung geben, ich will aus Überzeugung eingestehen, daß ihr zuweilen recht haben möget! Du selbst, mein Freund, hättest diesen Abend für das prächtigste Miniaturstück erklärt, das Du je gesehen. Dieses trug sich zwischen Konstanz und Rorschach zu, welchen Weg wir auf dem Wasser nahmen. Unser Fahrzeug war gut gebaut, daher blieb ich, sobald die Segel herunter waren ruhig, so gut es unter Blitz, Donner und Regen einem Ungedeckten möglich ist und beobachtete den Professor, der mir gestand, daß er lieber auf dem Lande wäre, welches freilich auch in meinen Wünschen lag. Er suchte seinem beklemmten Geiste durch Unterhaltung Luft zu schaffen und erzählte mir viel von Aristippos und Epiktet und einer Schiffahrt, die dieser letztere auch nicht ohne Schrecken über das ionische Meer gemacht, und zuletzt wandte er sich in der Stille an einen noch größeren, der in ähnlicher Lage den Winden und Wellen gebot. Allein, ich sah von neuem klar ein, daß kein Räsonnement, keine Anstrengung des Glaubens, keine Erinnerung großer Beispiele die Gewalt ungewohnter äußerlicher Eindrücke zu tilgen vermöge, daß einzig angeborene Kraft oder Erfahrung und Übung oder Leidenschaft die Seelen gegen Gefahren verhärte. Denn obwohl er noch Meister über seine Gebärden und Sprache blieb und nicht wie die andern laut jammerte, so zitterte er doch, da ich hingegen von aller Angst befreit war, ungeachtet sein Geist gebildeter und sein Gemüt gelassener ist als das meinige. Wenn die Nerven vom Schreck erschüttert sind, so wird die Bangigkeit körperlich und kann noch eher durch materielle Mittel als durch Anstrengung des Geistes behoben werden. Die Matrosen besaufen sich, wenn sie alle Hoffnung aufgegeben haben, wie wir mehrmals erfahren, es ist ihre einzige Hilfsquelle gegen die Unerträglichkeit der Todesangst, und ich habe vernünftige Leute gesehen, die sie um ihren Zustand beneideten, freilich dann nach überstandener Gefahr froh waren, nicht wie jene getan zu haben. Sonderbar ist es, daß diese Durchnässung, welches ich am meisten befürchtete, meiner Gesundheit nichts geschadet, denn unser Schiff war ohne Dach und wir blieben ganz den Regenströmen preisgegeben, zum Glücke war unser Wagen zu rechter Zeit in Rorschach angekommen, daß wir sogleich trockene Kleider anziehen konnten. Der Vorfall scheint mir eher wohlgetan und mich aufgeweckt zu haben. – Der Professor, welcher in der Gefahr auf dem Wasser sich mit christlichen Trostgründen beschäftigt und alle Weltweisheit unzureichend gefunden hatte, philosophierte nun in der Sicherheit wieder frei wie Montagne. Durch meine Unerschrockenheit habe ich in seinen Augen unverdienterweise gewonnen, der edle Mann aber durch sein Zagen in den meinigen nichts verloren, denn beides ist kein Gegenstand des Willens und die Furcht ist ohne Tadel, die sich in den Grenzen des Anstands zu halten vermag. St. Gallen sollte man meinen, wäre hundert Meilen von Konstanz entlegen, so verschieden ist da alles. Hier ist die größte Handelsbetriebsamkeit in der ganzen Schweiz, daher eine sehr starke Bevölkerung in einem kleinen Raume, viel Geld, viel neue Häuser auch an den unfreundlichsten Orten; die nicht sehr bedeutende Gegend ist noch rings umher mit Bleichen belegt, die alle Aussicht zerstören, kein See, kein Fluß. – Woher der starke Handel in diesem abgelegenen Bergorte, da hingegen in dem zwischen zwei Seen gelegenen, vom Rhein durchströmten Konstanz nichts dergleichen gelingen will? Der Handel verlangt Unabhängigkeit, sagen die Schweizer und berufen sich, nächst sich selbst, auf England, Holland und die Reichsstädte. Sie führen die Antwort an, die ein alter Pariser Großhändler dem Finanzminister Colbert gab, der einen Handlungsrat errichten und das Gewerbe unter Regeln bringen wollte: Laissez nous faire, Monseigneur! und meinen, sobald große Herren und Gelehrte hineinreden wollen, so entweiche der schnelle und subtile merkurialische Geist, der weder eine zu genaue Beleuchtung ertragen mag, noch sich durch etwas anderes als die jeweiligen Umstände leiten läßt. Wer nun aber glücklicher sei, der müßige Konstanzer auf seinen leeren Gassen, oder der St. Galler in seiner geldwechselnden Schreibstube, das ist keine vernünftige Frage. Der ist es, der am unabhängigsten von seiner eigenen und fremden Leidenschaft lebt, sei er denn arm oder reich, jeder kann es, in großer oder kleiner Gesellschaft, auf den Bergen oder im Tale. Für meinen Wohnplatz würde ich jedoch den Ort wählen, wo die Natur freundlicher und das, was nur Mittel zum vernünftigen Lebensgenuß sein sollte, nicht so sehr Zweck ist, wo die Lebensart der guten Gesellschaft mehr Anstand und mehr Übereinstimmung mit meiner Lage und Gewohnheit hat. In den schweizerischen Handelsstädten ist kein Adel von Bedeutung, dort ist, wenn auch das Verdienst geehret ist, doch das reichste Haus das vornehmste und da manche, die vorher nichts galten, in kurzer Zeit zu großem Reichtum gelangen, so gerät dadurch der Ehrenwahn und das Vorrecht des Ansehens oft in sonderbare Hände und die meisten dieser Leute setzen dann den guten Ton in Aufwand, Geräusch und andere äußerliche Dinge, der doch nicht in diesen Dingen selbst, sondern nur in der Art und Weise ihres Gebrauchs, nicht in nachäffendem Wechsel, sondern im richtigen Gefühle der Anständigkeit besteht. Des Adelstolzes, der etwa noch in jener deutschen Stadt herrschen mag, bin ich schon gewohnt, der ist nur bürgerlichen Personen auffallend und drückend, aber auch dort bei weitem nicht so ausschließend, wie leider noch bei uns zu Hause und immerhin erträglicher als der Geldstolz, weil er im allgemeinen gesitteter ist und auch noch anderweitigem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren läßt. Übrigens haben denn doch die niederen Stände in der Schweiz manche Vorzüge vor den Deutschen. Es herrscht im Volke noch mehr Lebenslust, mehr Teilnahme am Ganzen, mehr Gleichheit, nicht nur des politischen, sondern auch des moralischen Rechtes, denn auch der stolzeste Reiche darf sich nicht unterstehen, einen Kleinen ungebührlich zu necken, wenn der es nicht dulden will, ja öfters begegnet dies umgekehrter Weise: Der Bauer fragt nicht nach dem Herrn als wenn er ihm schuldig ist, daher sind die Stände weniger getrennt, ein buntes Band lebendiger Geselligkeit umschlingt sie, da bei uns alles gesondert, beschränkt, beschnitten und dürre ist. In der Schweiz findet man, sagte mir ein gelehrter Deutscher, noch viel in Sitten, Gebräuchen und Sprache von dem alten Deutschland, wie es vor dem Dreißigjährigen Kriege war. So lebten und webten unsere Väter, Bürger, Geistlichkeit und Bauern, mit Mut und Lust, unverkünstelt und kräftig. Er führte mir zum Zeugnis eine Menge alter Schriften an, von Zinkgräfs deutschen Apophtegmen, die er ein merkwürdiges Denkmal dessen, was wir gewesen nannte, durch andere gleich- und vorzeitige Schriften, Gedichte und Ortsgeschichten empor bis zu der alten Märchenzeit und dem herrlichen Liede der Nibelungen. Gleich bei St. Gallen führte uns der Weg in das Appenzellerland hinauf, zu den Söhnen der Freiheit, denn das sind sie, weil sie es glauben zu sein; jeder, auch der ärmste Junge, der den Gatter aufmacht, hat den Anstrich davon in Haltung und Worten. Der Charakter ist eingewurzelt durch viele Menschenalter und wird noch lange dauern. Wenn schon in einigen handelsführenden Dörfern manches neu geworden, so müssen doch gewaltige böse Geister kommen, ehe sie diesen guten Geist ganz wegzutreiben vermögen. – Doch davon ein andermal, der Brief hat ohnedies eine übermäßige Länge. Lebe wohl, Gott sei mit Dir, Lieber, Getreuer! Ich brauche Dir nicht die weitere Besorgung meiner Angelegenheiten zu empfehlen, Du tust es gerne. Du nanntest mich Deinen rechten Arm, als Dir der Deine lahmgeschossen war, aber Du bist der meinige!   An die Baronesse von ... Gais, 13. Juli Warum ich Dein Kind nicht auf die Lustfahrt mitgenommen, wirst Du fragen. – Sie wollte nicht. Bei aller Empfänglichkeit für den Genuß der Naturschönheiten, hatte sie diesmal keine Lust. Nach Ausflüchten fragte ich nicht; war je ein Frauenzimmer um Entschuldigungen verlegen, liebe Schwester? Wahrscheinlich geschah es, wie das meiste in der Welt, aus mehreren Gründen, denn wenn einmal eine überwiegende Neigung für Ja oder Nein vorhanden ist, welches meistens instinktmäßig zugeht, so sucht der Geist Licht, und sieht sich nach Gründen um; er geht zur Pflicht, zur Höflichkeit, zur Selbsttäuschung und zur Überzeugung und macht sich da eine begreifliche Notwendigkeit zusammen, die sich hören läßt. Der Grund Clotildes ließ sich hören, denn die Schweizerin will uns bald verlassen (wir wußten damals noch nicht, daß wir sie begleiten sollten), sie sind ein Herz und eine Seele, sie haben sich ewige Freundschaft gelobt und den hellen Stern der Leier zum künftigen Zeugen in jeder schönen Sommernacht genommen; der Mond ist ihnen nicht hoch genug und hat seine Launen. Und nun sich trennen, ehe es Zeit ist, den Becher der Freude ausschütten, ehe er leer ist! Das Grausame dieser Zumutung fühlte ich wohl und doch mußte ich an Clotilde ein Ehrenwort der Einladung fallen lassen. Kaum aber war es heraus, so trat die Schweizerin vor mich hin: «Des rühme der blutige Tyrann sich nicht, Daß die Freundin der Freundin gebrochen die Pflicht!» Was wollte ich machen? Ich stand da wie König Dionys. »Ihr habt das Herz mir bezwungen«, sagte auch ich und bat mir ebenfalls aus, der Dritte in ihrem Bunde zu sein, welches sie jedoch nur mit einigem Achselzucken annahmen, wiewohl es ihnen weniger schwer fallen sollte, als jenen dort bei dem alten »Wüterich.« Zudem hat Clotilde den Bodensee schon gesehen und macht sich nicht mehr viel daraus, denn er steht bei den Eingeweihten in geringer Achtung, der Vierwaldstättersee, das ist der klassische. Hier finden sich nicht nur «die heiligen Denkmale in der Geschichte der europäischen Menschheit», sondern auch wie die Anleitung zum Schweizerreisen weiter sagt, «an keinem See sieht man solche tiefe Schlagschatten, so dunkle Tinten, solche wunderbaren Wirkungen der Lichter.» Nach dieser Wiege der Freiheit steht ihr Verlangen und ihre romantische Sehnsucht sucht nach jenen dunklen Tinten; und freue Dich mit uns, meine Beste, wir werden sie sehen! Denn der Mann der Schweizerin hat uns zu sich einladen lassen und will uns selbst abholen, da machen wir alsdann diesen kleinen Umschweif mit frohem Mute. Auch heißt es ferner, «daß an diesem See ein herrlicher Boden sei zum Baden, in der prachtvollsten Aussicht des ganzen umbirgten Seeamphitheaters.» Da will ich dann den Tobias baden und mir seine Gefühle erzählen lassen, damit keiner der hohen Genüsse der Schweiz uns unberührt entrinne. Zur Schadloshaltung für die entbehrte Reise hab' ich denn doch unserem Kinde eine Menge schöner «Chemiten, Bucciniten, Buccarditen, nebst unvermengten Telliniten, Musculiten und Terebratuliten» mitgebracht. Was dies sei, mußt Du nicht, wie Suschen in dunkler Erinnerung tat, im alten Testamente nachschlagen und mit den Cananitern, Hethitern, Hevitern, Ammonitern usw. verwechseln, sondern in der Naturgeschichte aufsuchen, es sind Versteinerungen, die sich bei St. Gallen finden. Denn das Studium der Natur geht noch immer seinen Gang, zwar nicht mehr mit dem kurzweiligen Feuer der Neuheit, aber doch noch mit Eifer, der sich nach und nach in stillen Fleiß auflösen wird; und dann ist es gut, dann erst kommt etwas dabei heraus. Du hast recht, jeder Anfang ist gebrechlich, man muß Geduld haben; jeder Liebhaberei hängt eine individuelle Schwachheit des Liebhabers an, die man gutmütig übersehen sollte. Und da ich nunmehr bemerke, daß es ihr doch Ernst ist, daß sie durch diese, wenn auch noch oberflächliche Erlernung und durch das belehrende Nachschlagen, das zum Sammeln notwendig ist, auf etwas Gründliches kommt und sich allmählich von der Reiseempfindelei, die ich allein nicht leiden kann trennt, so lasse ich sie gerne gewähren und unterstütze sie mit Freuden. Sie will zu Hause ein Schweizerkabinett anlegen und aus allen Naturreichen Merkwürdigkeiten dazu sammeln; auch Kunstwerke, Karten und Bücher sollen davon nicht ausgeschlossen sein. Siehe, das gibt Arbeit, und Arbeit ist löblich. Auch wird Dir das manche Besuche zuziehen, liebe Schwester, die Dir Deine selbstgewählte Entfernung aus der Stadt, wofern Du noch auf dem Beschluß beharrest, erträglicher machen werden. Nur muß man nicht mich zum Vorweiser des Kabinetts machen wollen; ich höre nicht gerne bewundern, da ist unser liebreicher Pastor der Mann dazu. Die Kurgesellschaft ist mir nicht im Wege, ich ihr auch nicht. Ich verstehe mich mit jedermann und wenn die böse Stunde kommt, so gehe ich in die Einsamkeit. «Die gute Gesellschaft hier ist wie allenthalben und die schlechte ist vortrefflich», sagte ein französischer Marquis, den man über seinen Aufenthalt in der Provinz bedauerte. So ungefähr könnte ich jetzt auch sprechen, denn wenn ich nicht an der großen Tafel im Gasthof essen mag, weil mir da des Mittags die Tafelmusik fast die Ohren zersprengt und für mich kein «Beförderungsmittel der Selbstanschauung des organischen Wesens» noch auch «Gymnastik des ästhetischen zeitlichen Daseins» ist, wie der deutsche Arzt von der Tonkunst behauptet, so lasse ich, um nicht allein zu sein, aus anderen Wirtshäusern Gäste von geringerem Stande zu mir einladen und unterhalte mich mit ihnen oft ebenso gut, wie mit den Gebildeten, weil sie sich treuherziger hingeben sobald sie sich überzeugen, daß man sie nicht zum besten habe. Da ist, zum Beispiel, ein alter, gichtbrüchiger Jäger, wie ich, der mir mit aller Weidmannsumständlichkeit beschreibt, wie man in der Schweiz jage, wo man froh ist, wenn man des Tages seinen Hasen schießt, dagegen aber kein Treibjagen kennt. Oder ich lade einen kupfernasigen Fleischer, der Buße tut und seinen Durst jetzt gern mit Molken löschen möchte, der kennt das ganze Schweizerland und seine Viehzucht, er erzählt mir die Abenteuer seiner Reisen und weiß mehr Unterhaltendes zu sagen, als jene Naturpinsel mit ihren großen Empfindungen und kleinen Gedanken. Auch kommt öfters ein phlegmatischer Müller zu mir, der sich unlängst von seiner jungen Frau hat scheiden lassen und nun, seinen Verdruß zu vergessen, denn die Molken sind für alles gut, hieher gekommen, der ist ein schweizerischer Rechtsgelehrter und Landrichter in seinem Bezirke und beschreibt mir den Gang der Prozesse, deren er selbst schon mehrere gehabt; er kennt alle Instanzen und weiß seine Geschichte mit persönlichen Anekdoten zu würzen, die man nirgends liest, die aber über die Justiz des Landes viel Aufschluß geben. Zu der Gesellschaft gehört auch ein Maler, der hier mit kleinen Bildnissen sich etwas verdienen möchte; sonst malte er lustige Bauernstücke mit einigem Geschmack, seitdem ihm aber ein ästhetischer Gönner, der will, daß die schönen Künste durchaus keinen andern als ernsthaft-historischen oder moralischen Zweck haben sollen, beliebt hat zu höheren Gegenständen überzugehen, muß er den Homer lesen, kann sich aber gar nicht darein finden und geht zu Grunde; ich gebe mir alle Mühe, ihn wieder herabzustimmen und habe ihm dafür den Eulenspiegel empfohlen. Daß ich ja nicht einen reichen Käsehändler und seine Frau vergesse, die mich beide recht liebgewonnen haben, er ist mit seinem Gewerbe durch ganz Italien gekommen und muß seltsame Erfahrungen gemacht haben, so daß man oft glauben sollte, wir sprächen nicht von eben demselben Lande, denn wenn ich, anderen Nachrichten zufolge, die ewige Jugend der dortigen Natur rühme, so schimpft er auf die unerträgliche Hitze, die ihm alle seine Kräfte verdorben, und wenn ich die antiken Formen und den lebhaften Geist der Menschen bewundere, so sagt er, sie seien alle Spitzbuben. Seine Frau, eine runde, derbe Alpentochter, hat mir einen großen Käse zur Verehrung zugedacht, wie ich unter der Hand vernommen, der soll dann in Clotildes Schweizerkabinett den Liebhabern zur Bewirtung dienen. Noch einen Kaufmann aus dem Glarnerlande, der sich lange in Norwegen aufgehalten und behauptet, zwischen den dortigen Einwohnern und dem Hirtenvolke der Schweiz sonderbare Ähnlichkeiten gefunden zu haben, sollte ich umständlicher anführen, allein ich habe die Geduld Ew. Hochfreiherrlichen Gnaden bereits schon allzulange mit meinen gemeinen Freunden ermüdet und hätte es billig bei dem guten Ton abzubitten, an solchen Menschen ein Wohlgefallen zu finden, wenn meine gute Schwester dessen nicht schon gewohnt wäre. Indes wird man auf diese Weise über manches belehrt, was man innerhalb des Weichbildes der guten Gesellschaft nicht oder ganz anders hört. So habe ich über die Verhältnisse der Stände unter sich, über die Behandlung von Höheren gegen Geringere, über die öffentliche und geheime Popularität des Ehrgeizes, über Gericht und Recht, über den Kantonalcharakter und dergleichen vieles vernommen, wovon in der ganzen Bibliothek unseres Pastors kein Wort steht und das doch wahr ist. Da die Chanoinesse von ganz anderen Empfindungen über Italien beseelt ist als mein Käsehändler, so wollte ich sie auf ihn aufmerksam machen, damit sie seine Ideen berichtigen könnte, denn er ist sonst ein ganz vernünftiger Mensch, sie machte aber ein saures Gesicht: Wo keine Liebe sei, sagte sie, da seien auch keine Ideen zu berichtigen! Ein verständiges, wahres Wort, nur daß es nicht auf mich und ihn paßt. Statt dessen gibt sie sich jetzt mit der Jugend ab. Ich habe einmal gelesen, daß Personen weiblichen Geschlechts mehr Talente in sich vereinigen können als die Männer, daß es ihnen aber weniger gegeben sei, sie zusammen in eine genialische Wirkung zu bringen. So etwas sehe ich wenigstens jetzt an der Chanoinesse bewährt. Es ist zum Erstaunen, wieviel sie weiß und schnell faßt und wie klar sie das Begriffene wieder darstellt; allein in der Assimilation und innern Verarbeitung der aufgenommenen Ideen scheint es ein wenig zu hapern, daß dies aber dem Geschlechte charakteristisch sei, möchte ich nicht sagen. Höre nun weiter. Unlängst schrieb ich Dir, daß sie sich auch mit der neuen Erziehungslehre beschäftige; seitdem habe ich vernommen, daß sie sogar Vorlesungen darüber beigewohnt habe, die ein sachkundiger Anhänger der neuen Lehre für Damen hielt, daß sie aber auch praktisch auftreten werde, daran kam mir nie ein Gedanke, bis sie sich neulich an den Pfarrer wandte, ihm auf Spaziergängen einen Abriß von der neuen Methode machte und verlangte, daß er diese auch in der hiesigen Schule einführen solle, wobei sie ihm ihren Beistand versprach. Sie gewann ihn leicht durch ihren Hochsinn, ihre fließende Sprache und ihr schönes Deutsch, Vorzüge, die in der Schweiz wegen ihrer Seltenheit etwas gelten; überdies glaubte der gute Hirt mit Recht hoffen zu dürfen, daß seine Schafe dadurch etwas williger werden sollten. Die Sache selbst zu begreifen, war ihm weniger schwer, als sich mit den neuen Redensarten zu verständigen und ihrem hohen Fluge nachzuflattern, zu diesem Behuf erhielt er von ihr einige Lehrbücher und derselben Erklärung, die er mit heißem Eifer und sichtbaren Fortschritten studierte. – Um aber, sagte sie, die Erziehung auf ein naturgemäßes Fundament zurückzuführen und die Entwicklung der Menschennatur nach den organischen Gesetzen dieser Natur selbst im ganzen Umfang ihres Seins, ihrer Verhältnisse und Tätigkeit zu bezwecken, müsse notwendig die Masse der schon angestellen Schulmeister noch einmal in die Schule genommen und ihnen Kenntnis und Lust zum großen Werke beigebracht werden. Zu diesem Endzwecke müsse er mehrere Schulmeister benachbarter Gemeinden wöchentlich ein paarmal nach Gais kommen lassen, wo sie selbst in Verbindung mit ihm und dem deutschen Arzt ihnen die Lehrmethode bekanntmachen und auf dieselben einwirken wolle, um in Kurzem die Grundlage einer besseren Zukunft zu legen und ein organisches, in sich gegründetes Gebäude zu beschaffen für das eine, das Not ist: Volkserziehung und Menschenbildung; mit einer Besoldungszulage für die Schulmeister werde das schon gehen. Der Pfarrer, zwar ganz entzückt über die Aussicht, erschrak jetzt über diese Zulage und fand sie, wie auch den Schulmeisterkongreß, unausführbar. Die hochbegeisterte Chanoinesse hingegen meinte, man dürfe ja nur mit dem Landammann reden, daß er es anordne. Als aber der gute Mann, schüchtern, wie wenn er die Blöße seines Landes aufdeckte, versicherte, weder die Macht des Landammanns noch der Zustand des Landessäckels reiche so weit, um auf die Schulmeister einzuwirken, so konnte sie das nicht begreifen und äußerte ihren beredten Unwillen über eine politische Einrichtung, wo die Oberen nichts zu befehlen hätten. Sie ließ sich dessen ungeachtet ihren Gesichtspunkt nicht verrücken; sie hatte nun einmal ihre Hand an den Pflug gelegt und wollte sie nicht sinken lassen, wenn schon die Ochsen noch nicht zogen. Sie verlangte den Schulmeister des Ortes sogleich zu sprechen, obwohl der Pfarrer glaubte, es wäre besser, wenn er ihn ein wenig vorbereitete. Jener, ein selbständiger, ungezwungener Appenzeller, saß gerade müßig auf dem großen Dorfplatz; er kam herbei und steckte auf einen Wink vom Pfarrer seine brennende Pfeife in die Tasche. Wir waren eben gegenwärtig. Wieviel Kinder hat er, mein Freund? Keine. Ist er denn nicht der Schulmeister? Ja, Schulkinder hab' ich siebzig bis achtzig, manchmal auch mehr. Das ist zuviel. Er muß einen Gehülfen haben! Brauche keinen. Hat er die Kinder lieb? Wenn sie recht tun. Bedient er sich künstlicher Reizmittel? Wie? Lohn und Strafe? Die Knaben kriegen Prügel und den Mädchen gibt man die Rute. Gott bewahre! Ist das Menschenbildung? Ja. Sucht er nicht zuweilen durch Teilnahme an gemeinschaftlichen Kinderspielen den Kindersinn in sich selbst zu wecken? Nein. – Ich glaube, die Frau will mich zum Besten haben, fügte er hinzu, nahm sein Pfeifchen wieder hervor, und setzte sich zu uns auf die Bank. Ist es denn nicht die bessere Idee, Kinderfreund als Zuchtmeister zu sein? Zucht ist besser als Spiel. Er muß nicht ungeduldig werden, mein Freund! Der Kindersinn begründet das christlichreligiöse Band, das alle Stände umschlingen soll. Das wäre gut, aber was gehen mich die Stände an? Ich merkte, daß er die hohen Stände der Eidgenossenschaft meinte und mußte lachen. Das deutete er zu seinem Vorteil und da ihn der herrische Ton der Chanoinesse gleich anfangs verdroß, wurde er jetzt noch einsilbiger. Was lehrt er die Kinder? fuhr sie fort. Was sie noch nicht wissen. (Der Pfarrer mußte noch einmal winken.) Lesen, schreiben, beten, singen und rechnen. Das ist gut. Aber, das oberste Erziehungsgesetz ist: Bewußtsein, du sollst wissen, was du tust, wenn du schreibst, liesest, rechnest. Weiß denn das nicht jeder? Keineswegs. Dazu gehört das Selbstauffinden der Formen nach erschöpfender Ansicht, in Anschauung der Zahlenverhältnisse, in Entwicklung des Sprachunterrichts durch Organübungen und Auflösen der Wörter in ihre Laute und Zusammensetzen der Wörter aus Lauten. Der Mann wird Sie schwerlich verstehen, unterbrach ich sie. Das tut nichts, es gehört zur Methode, daß der Lehrer, sobald er auftritt, im Geiste der Schule spreche, unbekümmert ob er sogleich verstanden werde oder nicht; das flößt Achtung ein, und es wird dadurch immer etwas angeregt. Soviel verstehe ich wohl, sagte der Schulmeister, daß man glauben sollte, es wäre um etwas weit Schwierigeres zu tun, als nur Lesen und Schreiben zu lernen. Zum Rechtlesen und Rechtschreiben gehört die Zeichen- und Buchstabenlehre, die Erforschung der Elemente, der Form und Größe, so daß die Kinder kein Ce sollten schreiben lernen ohne zu wissen, wieviel und was für Linien? wieviel und was für Winkel, wie hoch und wie breit jede Linie und das ganze Schriftzeichen? Das muß langsame Ce geben! Und am Ende schreiben dann wohl die Gelehrten noch unleserlicher als wir. Ein kindlicher Sinn, verbunden mit männlicher Beharrlichkeit, gehört und hilft zu allem. Jawohl. Wer gibt aber dem leichten Zweige diese Wurzeln? Das Beispiel des Lehrers. Und wer dem Lehrer? Die Methode. So? Was als Naturanlage in allen Menschen vorhanden ist, muß in allen auch entfaltet werden, das ist das Fundamentalgesetz der Erziehung. – Überleg er für heute nur dies! Von den Zahlenverhältnissen und der Gesangslehre wollen wir ein andermal sprechen, wir sehen uns ja wieder. Auch das Beten mit den Kindern gehört zur Bildung des Herzens, das darf er fortsetzen, doch muß er sich vor Einseitigkeit verwahren. Der Lehrer lehre den Schüler seine religiösen Gefühle als Denker ordnen, religiös reflektieren und reflektierend religiös sein! Bis aber eine Religionslehre im Geiste der Methode zustande gekommen, bleibt die biblische Religionsgeschichte das einzige Surrogat. Der alte Mann schüttelte den Kopf. Hätte er, mein Freund, soviel Lust als ich Geduld habe, wir wollten uns über die Sache bald verstehen. Er würde in eine neue Welt der Erkenntnis eingeführt und aus seiner kümmerlichen Schule sollte eine Pflanzstätte jugendlicher Denkkraft, Gesundheit, Einfalt und Unschuld, ja ein Tempel des Heiligen Geistes werden. Hier stand der alte Schulmeister mit Würde auf, nahm sein Käppchen ab, und (o könnte ich es mit der kräftigen Einfalt des Schweizermannes ausdrücken!) sprach dem Sinn nach folgendes: Die neue Welt der Erkenntnis werde ich nicht mehr da finden, wohin Ihr mich weisen wollt; sie liegt etwas höher. Ihr mögt es gut meinen, junge Frau, aber ich glaube, Ihr habt Euch von der Eitelkeit betören lassen, denn Ihr sprecht viel zu neu über eine alte Sache. Laßt mich in Gottes Namen mit meinen Kindern walten, ich will Euch bei den Eurigen auch nicht dreinreden! – Die gnädige Frau hat keine Kinder, fiel vergeblich hustend der Pfarrer ein. Und will doch über Erziehung sprechen, fuhr der Alte fort, der nichts vor sich sah, als sich und sein Amt und ein junges Weib, das ihn zurechtweisen wollte. – Bald werden uns die Jungfrauen vom Ehestand erzählen! Die Erfahrung ist etwas ganz anderes als die Einbildung. Ich bin fünfunddreißig Jahre bei meiner Schule; versucht es einmal nur für zehn Jahre, Ihr und die, welche durch Euch sprechen, die Leitung einer Schule zu übernehmen, wo durch Aufsehenmachen nichts zu gewinnen ist, so werdet Ihr vielleicht manches von dem Alten, das wenigstens die Länge der Zeit erprobt hat, nicht mehr so verächtlich behandeln! Voriges Jahr war einer hier, der glaubte, es würde weniger kalt in der Schweiz sein, wenn man den Schnee aus den Bergen fortschaffe, man dürfte zu dem Endzwecke nur die unbrauchbaren Waldungen in den Bergklüften anzünden. Ihr macht es noch ärger, Ihr schafft das Brauchbare auf die Seite und werdet ebensowenig den Schnee zum Schmelzen bringen. – So ganz fremd, wie Ihr meinen mögt, bin ich denn doch über die Sache nicht, ich habe mir anfänglich auch mancherlei angeben lassen, endlich mich aber überzeugt, daß man die Erziehung dem guten Beispiele überlassen und aus einer so einfachen Sache wie der erste Unterricht ist, keine vornehme Kunst machen müsse. Meine Kinder lernen, was ich sie lehren soll, so, daß ihre Eltern und sie selbst im Alter noch zufrieden sind; was wollt Ihr einen alten ehrlichen Mann aufstören, dem Treu im Beruf sein tägliches Wohlleben ist! Er verließ uns. Ich wollte den Eindruck seines Benehmens auf die arme Chanoinesse nicht sehen und schlich ihm nach. Bald darauf kam auch der Professor und sagte, sie gebe die Hoffnung, den Mann zu gewinnen, noch nicht auf, denn es seien schon größere Wunder geschehen, jedoch habe sie klüglich den Pfarrer angestellt, ihn zu bearbeiten; das wird aber dieser wohl bleiben lassen, da der Schulmeister großes Gewicht in der Gemeinde hat, von welcher auch der Pfarrer abhängig ist. Auch der Chanoinesse verging die Lust Wunder zu tun, doch nicht der Eifer für den Unterricht. Denn da sie sah, daß sie hier noch keinen tätigen Glauben fände, ergriff sie (aus weiblichem Trotz, meint der Professor) eine andere Maßregel. Eine Viertelstunde von hier, auf der Straße nach Appenzell, liegen ein paar katholische Häuser, wo mehrere Bettelkinder sich aufhalten, welche die Vorübergehenden beständig verfolgen. Diese ließ nun die Unermüdliche täglich zu sich kommen und gab ihnen selbst Unterricht; die Kinder kamen gern, weil sie Kleidungsstücke und Nahrung erhielten und brachten bald mehrere mit. Die hiesigen Dorfbewohner, sonst sehr eifersüchtig auf alles, was ihre Konfession zu berühren scheint, schwiegen still dazu, weil sie gewohnt sind, den Schottentrinkern manches hingehen zu lassen, das sie unter sich selbst nicht dulden würden. Aber in Appenzell selbst fing es an Aufsehen zu machen, daß ihre Kinder an einem reformierten Orte zur Schule gehen sollten. Gestern nachmittags, während der Lehrstunde, erzählte uns der Wirt: Es besuchen nun auch Kapuziner den Unterricht der gnädigen Frau, soeben sitzen zwei auf ihrem Zimmer. Etwa eine halbe Stunde nach den Kindern sahen wir sie wirklich wieder abziehen, mit vergnügtem Mute, sofern man aus der öffentlichen Miene eines Ordensmannes auf sein Inneres schließen kann. Allein die Chanoinesse ließ sich den ganzen Tag nicht mehr sehen, und heute früh reiste sie mit dem deutschen Arzt ab, ohne von jemand als von Clotilde Abschied zu nehmen. Sie geht nach dem Weißbade, das zwei Stunden von hier in dem katholischen Teile des Landes Appenzell liegt, wo wir sie bald zu sehen hoffen, denn ungeachtet ihres exzentrischen Treibens muß man doch Achtung für sie haben. Wahrscheinlich schämte sie sich dieser Kapuzinerprüfung, mochte daher auch nicht länger hier weilen und dennoch nicht auf der Stelle so unverrichteter Sache von dem ihrer Wirksamkeit geheiligten Boden abtreten. Der Hauptmann von Appenzell soll uns darüber Aufschluß geben, wenn er nur bald käme! In kurzem wirst Du von dieser neuen Lehrart mehr hören; sie zieht sich jetzt auch nach Norden hin, um dort ebenfalls die Grundlage einer besseren Zukunft abzugeben. – Es ist »eine das Heiligtum des innern Lebens aufregende Anstalt« sagen sie. Das ist nicht wahr, fing jetzt der Professor an, denn das Heilige im Menschen ist über alle Schulweisheit hinaus, es wird nur vom Finger des Genius aufgeschlossen und schafft sich seine Methode selbst. Dergleichen hochtönende Lobpreisungen betäuben das Ohr des Verständigen auch für das Gute, das sich unstreitig bei der neuen Methode findet und erscheinen wie der Jubel eines Kindes über seine selbsttanzende Puppe, oder wie der angehende Ehemann, der die Leute bereden will, seine Frau sei ein Engel. Lange schon, fuhr er fort, sei es der Fehler der Deutschen, daß sie entweder bei dem Gemeinen stille stehen, oder das Schöne und Gute noch immer besser haben wollen; es werde daher diesem sogenannten Begründer der echten Volkserziehung, diesem Lichte der Welt, gehen wie unserm wohl noch größeren Weisen von Königsberg, der vor etlichen Jahren noch als ein neuer Heiland gepriesen worden, der uns den Himmel des Verstandes aufgetan und die Grenzen des menschlichen Geistes unwiderruflich bestimmt habe, jetzt aber, wenn er noch lebte, hören müßte, er sei von falschen Grundsätzen ausgegangen, und auf halbem Wege stehen geblieben. Denn jetzt schon erklären einige Schüler der Methode, daß sie ihnen durchaus nicht mehr genüge, und so werde man auch an dieser allem Volke Heil bringenden Weisheit raffinieren, bis man sich in Subtilitäten des ersten Elementarunterrichtes verlieren und darüber den Unterricht, der einst dem Manne frommt, vergessen werde. Eine neue Manier die Farben zu reiben, das Tuch zu gründen, und sich an die Staffelei zu setzen, sprach er weiter, macht noch keinen Maler. Wenn dem Lehrling auch die Kenntnis aller Muskeln die dabei in Bewegung gesetzt werden, beigebracht wird. Die Art und Weise, wie Klopstock, Leibnitz, Dürer und Händel lesen, rechnen, zeichnen und singen lernten, ist freilich nicht mehr neu, aber jene und die großen Männer anderer Nationen, die sich ihrer jetzt noch bedienen, haben ihr doch das Siegel des Verdienstes aufgedrückt. So wie Handwerker ein Meisterstück machen müssen, ehe sie was gelten, so sollte man auch mit dem Enthusiasmus für diese pädagogischen Adepten noch innehalten, bis man die Wirkung ihrer Universaltinktur nicht an unmündigen Knaben, sondern an Männern, oder, welches der beste Beweis ihrer Probehältigkeit und wohl das Kürzeste wäre, an ihrem eigenen Ich erfahren. Sie müssen das schon sein, was sie aus andern machen wollen, sonst haben sie das Licht nicht in sich, dessen sie sich rühmen. So sprach der Professor, der die neue Verfahrungsart so ziemlich, den Reformator aber aus der Nähe kennt. Ob er ganz unparteiisch sei, wage ich nicht zu entscheiden; ein Prophet, heißt es, gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande und in seinem Hause. An allem dem hat die jungfräuliche Clotilde, zu meiner großen Freude und gewiß auch zu Deiner, keinen Anteil genommen. Ein ehrliches Mädchen, das dereinst heiraten will, soll nicht über die Erziehung seiner Kinder vorgreiflich vernünfteln; ein anderes ist es mit einer geistlichen Dame, die sich ewiger Keuschheit geweiht hat. Den 15. Juli Wie es meiner Gesundheit gehe, fragst Du. Besser als lange, besser als ich anfänglich erwartete, ob ich gleich schon geraume Zeit keine Molken mehr trinke. Siehst Du mir es nicht aus meinen Briefen an, daß ich mich so ziemlich in das Leben zu schicken weiß? Unser Doktor schreibt, ich solle das Reisen fortsetzen und er mag recht haben, denn ob es gleich der widrigen Gesichter und unangenehmen Störungen unterwegs viele gibt und ich herzlich gern zu Hause wäre, so empfinde ich doch von der Bewegung und dem Wechsel der Gegenstände ein physisches Wohlbehagen, das ich lange nicht mehr kannte. Dessen ungeachtet (Ihr werdet es zwar Grillen nennen), will es mir oft scheinen, als wenn in den schwülen Bangigkeiten und Plagen, die ich zu Hause in meiner Einsamkeit empfand, im Grunde noch ein geheimes Lustgefühl des Geistes gelegen habe, das diese körperliche Beweglichkeit überwog; hab' ich doch auch Personen gekannt, die nach vieljähriger Gefangenschaft sich aus der Freiheit der Welt zuweilen wieder in die Abgeschiedenheit ihres Kerkers zurücksehnten. Ich hatte die Schwachheit, den jungen deutschen Arzt, weil er mir jüngst von einem besonderen Fall recht gut zu sprechen schien, über meinen Zustand zu befragen. Meine Schmerzen nannte er ein rein gastrisches Leiden, fand meine inflammatorische Disposition bedenklich und meinen Mißmut, den ich so ungern mit dem verhaßten Namen Hypochondrie belegen höre, bezeichnete er als Abnormität des hepatischen Systems. Gott bewahre! rief ich und kehrte ihm den Rücken. Gleichwohl hat mir das Wort viel Nachsinnen verursacht und mich ein paar Tage elend gemacht. Daß ich fragen mußte, so einen jungen Zieraffen, der sich mit neuen Wörtern brüstet! – Und das Nachsinnen, betreffe es Besserung oder Schlimmerung, ist vollends mein Verderben. Wie den Furchtsamen das Horchen noch ängstlicher macht, so ist die grübelnde Aufmerksamkeit auf seinen Zustand dem Kranken ein Labyrinth des Grams, worin er bei jedem Schritt ermatteter sich verwickelt. Kalt und kühn, ohne einen klagenden Laut, lagen die nordamerikanischen Wilden mit gräßlichen Wunden und heilten unglaublich schnell; und wir hörten so oft gefangene und verwundete Franzosen einander lachend zurufen: II ne faut pas prendre du chagrin! daß es endlich bei uns zum Sprichworte ward, denn wir fanden, das sei die wahre Arznei des Leibes und der Seele. – Das weiß ich alles wohl und führe es mir öfters zu Gemüte, aber diese Arznei findet vom Munde nicht immer den Weg zum Herzen, und Beispiele helfen mehr in der Gegenwart als durch die Erinnerung. Woher mein nächster Brief sein wird, weiß ich nicht, sobald der Mann der Schweizerin kommt, reisen wir ab.   An die Baronesse von ... Gais, 15. Juli Diesen Brief fange ich an, womit andere endigen, mit Grüßen an die Freunde, den Major und den Pastor. Beiden wollte ich noch einmal bei meinem Hiersein schreiben, allein die Zeit ließ es nicht zu, so sehr bin ich in Bekanntschaften und durch diese in mancherlei Zerstreuung, die ich wie Geschäfte behandle, hineingekommen. Was ich indessen einem aus unserem vertraulichen Kreise schreibe, das gilt auch dem andern, insofern es ihn interessiert, wie Ihr das ohne mein Erinnern schon werdet bemerkt und angenommen haben. Also auch mit diesem. Noch sind wir hier, und der Himmel weiß wie lange, die Leute machen mit mir, was sie wollen! Zwar ist der Mann der Schweizerin angekommen, aber anstatt nun sogleich abzureisen, verschworen sich alle Befreundeten, mich noch zu einem Besuche in den Bergen zu bereden. Ich lärmte und folgte. Der Professor versprach mitzukommen, und der Hauptmann von Appenzell verschaffte mir ein Saumtier, mit der Versicherung, daß ich damit bequem nach Seealp, ein mitten im Gebirge liegendes und bei dieser Jahreszeit sehr bevölkertes Tal hineinkommen könne. So ritt ich neben den andern her, die zu Fuß gingen. Es war Sonntagnachmittag, als der Zug begann; wir wollten im Weißbade, am Fuße der Alpen, übernachten um den folgenden Tag richtig wieder nach Gais zu kommen, allein der Himmel verhängte es anders. In Appenzell ging ich zu dem Hauptmann, der unser Führer zu sein versprochen hatte; die andern blieben im Wirtshause, um den Tanz zu sehen, denn hier tanzt am Sonntag alles. Es herrscht eine große Tanzlust unter dem Appenzellervolke insgesamt; die Innerrhödler (so heißen die katholischen Appenzeller) überlassen sich dieser Freude ohne Bedenken; die von den äußeren Rhoden hingegen haben noch von der Reformation her strengere Sittengesetze, worin auch der Tanz verboten ist. Dafür sitzen sie dann Sonntags mit ihren Mädchen in einem Wirtshause hinter dem Tische zusammen, lassen einen Spielmann kommen und stampfen samt und sonders mit den Füßen den Takt oder vielmehr jede Viertelsnote, ohne den übrigen Leib zu bewegen; sie tanzen so in der Imagination, welches possierlich aussieht, aber weniger Sünde ist. Da mir der Lärm in Appenzell zu groß war, ritt ich mit dem Hauptmann voraus, kam aber vom Regen in die Traufe, denn im Weißbade wurde auch getanzt, es war ein noch viel ärgeres Toben, das ganze Gebäude erbebte von dem Getrampel. Die Chanoinesse war so hoch erfreut über unsere Ankunft, daß ich daraus den Schluß zog, sie müsse hier Langeweile haben, weil ich weiß, daß diese Personen, die an Umgang und Mitteilung gewöhnt sind auf dem Lande häufig widerfährt, wenn sie auch noch so reizende Ideen von der Lieblichkeit des Landlebens mitgebracht haben; daher denn allemal die auffallend lebhafte Freude bei einem Besuche von ihresgleichen. Wiewohl sie uns den Aufenthalt sehr angenehm beschrieb, so hat doch das Ganze etwas bäurisches, wobei feinerzogenen Leuten nie lange wohl sein kann. Von der Schulmeisterei war nicht mehr die Rede; ich glaube, sie hat ihr Vorhaben unter diesen Unbeschnittenen Wunder zu tun, fahren lassen. – Sie rühmte mir jetzt das Mineralwasser, das sie braucht, ich mag aber nichts mehr von Bädern hören; wenn diese das erste Mal nicht helfen, so tun sie es nimmermehr. In unserer Gesellschaft befand sich auch ein junger Prediger aus dem benachbarten Rheintal, der sich schon eine geraume Zeit hier aufhält und uns bald näher angehen wird. Er hat sich nämlich in Suschen verliebt und zwar so sehr, daß er mir vorige Woche eröffnete, wie er ernsthafte Absichten auf ihre Person habe, wozu ihn, wie er sagt, nicht sosehr ihr »Äußerliches, das freilich nicht übel ist, als ihre übrigen guten Eigenschaften«, deren er eine Menge an ihr entdeckt haben will, bewogen. Er ist sonst ein verständiger, wohlgebildeter Mann, der Professor kennt ihn und rühmt seine Rechtschaffenheit. Jetzt hielt er sehr an, die Reise mitmachen zu dürfen, und da er nichts Böses im Sinne hat, konnten wir es nicht abschlagen. Suschen selbst schien es nicht ungern zu sehen. Was sagst Du hierzu, liebe Schwester? Siehe, es ist Zeit, daß wir gehen, sonst könnte die Reihe auch noch an Deine Tochter kommen; denn wer das Land liebt, der liebt auch die Leute. Suschen benimmt sich dabei auf eine Weise, die mit kluger Ehrbarkeit übereinstimmt; sie will nichts ohne den Willen der Baronesse tun, sie weint bei Clotilde, bei mir dringt sie auf die Abreise und bei dem Freier ist sie die Bescheidenheit selbst und entlehnt Bücher von ihm. Neulich zog sie das Gewand von des hiesigen Pfarrers Frau an, aus bloßem Scherze, wie sie vorgab; allein es mochte wohl etwas von jener Neugier darunter sein, die gerne wissen will, ob etwas lieblich anzuschauen und ob es klug mache. Und als im Weißbade alles tanzte, schützte sie, die sonst des Tanzens nie satt wird, Kopfschmerzen vor, um ihrem ernsthaften Freunde sich von einer würdigen Seite zu zeigen. Der deutsche Arzt, der nichts vom Geheimnis wußte, war damit nicht zufrieden, er hätte gerne mit ihr getanzt und pries ihr daher das Walzen als ein Spezifikum gegen das Kopfweh an und uns, die ihm widersprachen, beschrieb er den Tanz als die expressivste Existenz, den höchsten Ausdruck des räumlichen Daseins, denn durch die Musik, als das universelle Triebwerk und Uhrwerk der höheren Gymnastik werde dem Tänzer sein Dasein in der Zeit zugemessen. Er brachte uns damit zum Schweigen, aber nicht zum Tanzen. Nachdem wir die Nacht hindurch in dem engen Hause zusammengepfercht waren wie die Schafe, versahen wir uns mit Lebensmitteln und zogen von dannen; der Hauptmann und ich zu Pferde, der Professor mit den andern zu Fuß, auch die Chanoinesse ging mit. Es war ein bedenklicher Ritt über die schmalen Steige und glatten Felsen hinweg, doch da wo es am gefährlichsten war, führte ein Mann meinen Gaul. Unterdessen machte das schöne Wetter und die muntere Gesellschaft die Reise kurzweilig, und so gelangten wir nach und nach, immer hinansteigend, in das hohe Tal, das Ziel meiner Wanderung. Es ist ein flacher Boden voll grüner Matten, in dessen Mitte ein stundenlanger spiegelheller See liegt, rings ist das Ländchen von himmelhohen Bergen eingeschlossen, allenthalben liegen Häuser zerstreut und Viehhüttchen, die sich in die höchste Höhe hinaufziehen, daß sie kaum mehr das Auge sieht. Eine neue Welt, eine Insel mitten auf dem festen Lande, deren Beschreibung ich Clotildes Feder überlasse, damit ich selbst nicht in den Fehler verfalle, den ich an andern tadle: dem Ohre zu schildern, was nur das Auge begreift. Nachdem wir ein wenig ausgeruht hatten, lagerten wir uns ins Grüne und packten unseren Mundvorrat aus; wir hatten aber große Mühe, einen Tisch zu finden und unsere Sitze waren Steine und einbeinige Melkerstühle, denn die Lebensart dieser Sennleute ist so einfach, daß sie weder Tisch noch Stühle, noch Betten brauchen; sie essen auf dem Herde und schlafen auf dem Heu, ob es gleich wohlhabende Leute unter ihnen gibt. Mir hatte man einen Thron bereitet, das heißt, weil ich das kühle Gras scheute, auf Pfählen meinen Sattel befestigt und den andern zum Fußschemel hingesetzt. So hielten wir ein fröhliches Mahl, der Himmel war heiter über uns und von allen Höhen herab ertönte das Locken der Hirten und das ferne Geklingel der Kühe. Der Hauptmann hatte eine Pistole mitgenommen, die wir von Zeit zu Zeit abbrannten, das widerhallte an den hohen Felsenwänden wie ferner Donner, und jedes Mal antwortete uns die fröhliche Jugend der Berge, soweit das Ohr reichen mochte, mit großen Passagen aus dem Kuhreihen. Ein Geist der sorgenlosen Zufriedenheit und gleichgestimmter Freude kam nun über uns, den die Chanoinesse den Alpengeist nannte; wir waren wie von der niederen Welt abgeschnitten, ihr vergessen und vergessend. Solange wir bei Tische saßen, wußte der Hauptmann auf eine geschickte Weise die Zuschauer von uns abzuhalten, welches keine geringe Arbeit war, denn die Appenzeller sind, wie die Wilden, außerordentlich neugierig und wir standen auf ihrem Grund und Boden; jedoch der Hauptmann ist bei ihnen in großer Achtung und darum folgten sie ihm. Als aber die Frauenzimmer den Kaffee kochten und den Zucker auskramten, da drängten sich Große und Kleine hinzu wie die Kinder, denn Zucker geht ihnen über Geld und Gut, und es war lustig anzuhören, wie diese stämmigen Burschen mit ihren Milchzähnen große Schollen zermalmten. Manches versetzte mich beim Anblicke dieser Menschen in die Zeit meiner Jünglingsjahre nach Kanada zurück; ihre äußerliche Unbefangenheit, ihre Sicherheit des Daseins, ihr Gleichheitsgefühl, ihr Egoismus und ihr Scharfblick fürs Lächerliche; wieviel Ähnlichkeiten mit jenen Kindern der rohen Natur fielen mir auf, und wie sehr wünschte ich, meinen treuen alten Achates, den Major bei mir zu haben, um mich mit ihm der Erinnerung zu freuen! Es muß ein uralter Volksstamm sein, der seine Eigentümlichkeit wohl nicht anders als durch die Abgeschiedenheit von der übrigen Welt und seine freie einfache Regierungsart hat bewahren können. Die Viehzucht hat sie freilich gesellschaftlicher gemacht als es jene wilden Jäger sind; und dann, sage man, was man wolle, sind die Grundsätze des christlichen Glaubens, wenn sie auch noch so ungeläutert unter diese isolierten Bergleute kommen, doch ein Zügel der Wildheit und ein guter Same der Humanität. Von ihren reformierten Landsleuten sind sie bei dem gleichen angestammten Volkscharakter doch etwas verschieden, sie sind der Natur näher, wenn man den ungebildeten Zustand der Menschen Natur nennen darf; sie sind offener, kecker, sorgenloser, gesunder, haben schönere Weiber. Sie säen nicht und ernten nicht, sammeln nicht in die Scheunen und doch finden sie Nahrung, treiben Spaß und leben wie die Vögel unter dem Himmel. Jene hingegen leben weniger in der freien Natur und sind durch den Handelsfleiß der sich von St. Gallen aus auch unter ihnen verbreitet, weichlicher geworden; das Weben in Räumen unter dem Boden macht die Männer kränklich und das Sticken in engen niedrigen Stuben die Mädchen blaß; dafür haben sie freilich mehr Geld, aber weniger Lebensfreudigkeit. Im Gebirge wohnt das Urvolk, zeigt sich noch der Nationalcharakter gesondert von allem Fremden. Unsere deutschen Bauern sind wahre Klötze gegen diese geistvollen Leute. Ich merkte dem Hauptmann bald an, wie man sie behandeln muß; sie kennen einzig den Ton angeborener Gleichheit, wenn man den trifft, so sind sie honett und vertraulich, aber wehe dem, der sich mit wegwerfendem Spaß an sie waget! Sie stellen sich einfältig, um die treffenden Pfeile ihres Hohnes sicherer auf ihn abzuschießen. Der deutsche Arzt erfuhr das: Er hatte schon eine Zeitlang sie aufgezogen und ihnen Märchen vom Auslande aufgebunden, und jetzt, um sie zu beschämen und zugleich den Damen seine Kraft zu zeigen, sprang er mehrmals über unseren Tisch weg, und da ihm das kein Appenzeller nachtun wollte, lachte er sie alle aus. Sie schienen sehr verlegen; endlich sagte einer, wenn der Tisch vielleicht dort stände, wo jenes Heu liege, so wollte er den Sprung wagen, damit er sich im Fallen nicht weh tue. Sogleich wurde der Tisch hingestellt. «Macht es uns bitte noch einmal vor, Herr!» Er tats und stak bis an den Bauch in einer Grube voll Kuhmist, die der Appenzeller unbemerkterweise mit Heu zugedeckt hatte. Er fluchte wie ein Heide und begehrte von dem Hauptmann Genugtuung, der ihn hätte warnen sollen. Da er aber ganz abscheulich aussah und kein Mensch mehr um ihn bleiben wollte, mußte er zuletzt froh sein, als ihm der Hauptmann das Sonntagswams eines Sennen verschaffte, das ihn auch zu seiner und unserer Beruhigung nicht übel kleidete. Nachdem der Tisch wieder an seinem vorigen Platze stand, sprangen sie alle darüber. So dachten wir im fröhlichen Genusse der Gegenwart noch nicht ans Aufbrechen, denn auch der Zorn des Arztes, der im Grund nicht böse ist und sich jetzt selbst in dem Sennenkleide gefiel, hatte sich wieder gelegt – als wir mit einmal wahrnahmen, daß sich ein Gewitter über uns zusammenziehe; denn in diesen engen und tiefen Gründen erscheinen die Gewitter plötzlich, weil man sie nicht kommen sieht. Das war ein Jammern! Wir hatten kaum noch Zeit uns nach Anleitung der Gelehrten unter uns in verschiedene Hütten zu verteilen, damit wir nicht, zu sehr zusammengedrängt, die Gefahr des Einschlagens vergrößerten, da fing es schon an zu schütten und zu krachen, als wenn die Felsen herabrollten. Suschen hatte früher schon mit dem Prediger sich entfernt, um längs dem See in lieblichen Betrachtungen lustzuwandeln und machte uns jetzt erst recht besorgt, in welche Spelunke sie sich wohl mit ihrem frommen Äneas gerettet hätte. Das Donnerwetter ging vorüber, aber der Regen dauerte fort und die Bäche schwollen an, so daß an keine Heimkehr zu denken war. – Aber wo sollen wir um Himmels willen die Nacht zubringen? fragten wir alle. Auf dem Bergheu, antwortete der Hauptmann. Dagegen widersetzte sich der deutsche Arzt ernstlich: Der Dunst des Heues sei betäubend, man könnte sich Schlagflüsse zuziehen, besonders wo »gesteigerte Nervosität« vorherrsche, womit er mir Angst machen wollte, wie ich wohl merkte. Es wurde in der größten Sennhütte Feuer gemacht, um welches wir uns alle setzten. Suschen und ihr Prediger waren indessen auch wieder zum Vorschein gekommen; sie hatten ihre Zuflucht in einem Stadel, wie sie hier die unbewohnten Schuppen nennen, genommen, wo sie über eine Stunde, so wollte es die pronuba Juno, allein verweilen mußten, bis der Regen etwas nachließ. Er sah sehr vergnügt, sie hingegen etwas betreten aus. Wie wir nachher vernahmen, hatte sie ihm in dieser feierlichen Stunde ihr Jawort gegeben, jedoch mit Vorbehalt unserer Einwilligung. Die Bergleute bereiteten uns mancherlei Milchgerichte, und wir dachten nichts anderes, als so die Nacht hindurch beisammen zu sitzen, welcher Gedanke mir schrecklich war; denn wie hätte ich das ausgehalten! Überdies waren auch noch andere Schottentrinker im Hintergrunde des Raumes, die alle Sinne beleidigten. – Andere Schottentrinker? – Ja, sie nennen in diesen Bergen, zum Spotte derer, die um der Molken willen aus der Ferne kommen, ihre Schweine so, die auch damit genährt werden. Auch war es bald zu warm, bald zu kalt in der Hütte, und die meisten von uns verspürten eine große Müdigkeit. Da war nichts anderes zu machen, als dem Vorschlage des Hauptmanns zu folgen und uns Schlafstellen oben auf dem Heu anweisen zu lassen, es ist noch niemand daran gestorben, sagte er. Warum hätte ich dem treuratenden Freunde und den übrigen Schweizern, welche die Erfahrung für sich hatten, nicht glauben sollen? Anbei trieb mich noch die Natur mächtig zum Schlafe. Wir verteilten uns also; die Frauenzimmer bestiegen unter Anführung von des Hauptmanns Töchterchen den Heuboden unserer Hütte, der Arzt und der Prediger blieben unten beim Feuer, jener um seinen Grundsätzen treu bleiben zu können und dieser, um in der Nähe von seinem süßen Suschen seufzen zu können. Uns Männern wies man ein anderes Heulager in einem unbewohnten Gebäude an. Mit großer Mühseligkeit mußte ich eine Leiter hinaufsteigen und dann beim Giebel unters Dach hineinkriechen, aber wie erschrak ich, als ich das Heu ganz warm und dampfend fand! Der deutsche Arzt hat recht, rief ich und wollte wieder hinunter, aber die Leiter war schon weg, und die Schweizer redeten mir zu. Nun so mögt ihr meinen Tod verantworten! sagte ich, zog mit großer Mühe meinen Rock aus, denn man konnte kaum aufrecht sitzen ohne an dem Dach anzustoßen und verkroch mich wie die andern ins Heu. Ich schlief so gut, daß ich kaum erwachte, als es mitten in der Nacht auf unserem Schindeldache heftig zu poltern anfing, und schlummerte sogleich wieder ein, als der Hauptmann versicherte, es sei weiter nichts als junge Ziegen, die da herumspazieren. Des Morgens fühlte ich mich ganz erfrischt und wie verjüngt, das warme Heu hatte gerade das Gegenteil dessen bewirkt, was ich befürchtete und die Flüsse mehr aus den Gliedern gezogen als hineingebracht, so daß ich überzeugt bin, es würde hier mancher, der mit ähnlichem Übel behaftet ist, die beste Kur machen, sofern er sich mit der übrigen Lebensart vertragen könnte. Die Frauen fanden wir schon am Putztische als wir kamen, das heißt, sie lasen sich das Heu vom Gewande. Sie wußten mancherlei zu klagen: Es seien neben ihrer Hütte Steine vom Berg herabgerollt, daß sie verschüttet zu werden befürchteten und die Chanoinesse sich kaum wollte beruhigen lassen. Dann haben die Schweine sie mit ihrem Grunzen am Schlafe gehindert; die Schweizerin habe zwar dem deutschen Arzt zugerufen, er sollte diesen ungezogenen Schottentrinkern zureden, der sich aber entschuldigt, sie verstehen seine Sprache nicht; da sei der zärtlich besorgte Prediger mit einem Stock auf die Tiere losgegangen, je mehr er aber auf sie eingehauen, desto gräßlicher haben sie getobt und geschrien, als wenn alle bösen Geister in sie gefahren wären, so daß die mitleidigen Damen um aller Liebe willen wieder um Frieden gebeten. Als endlich den wachehaltenden Männern die Zeit am Feuer auch lange geworden, haben sie sich zu dem Senne auf die Pritsche hingelegt; aber da seien noch andere Haustiere über sie hergefallen und das Ächzen ihrer Unruhe sei auch wieder zu den Göttinnen auf dem Heuboden emporgestiegen und habe dieselben in ihrem seligen Leben gestört. Das Wetter war wieder heiter, die Bäche hatten sich verlaufen, und wir eilten nun nach Hause. In Appenzell, wo wir bei dem Hauptmann zu Mittag aßen, überzeugte ich mich von neuem von der innigen Anzüglichkeit der angebornen Heimat auf ein Gemüt, das nicht durch Überbildung und Schöngeister verwöhnt ist. Mein Freund, der Hauptmann, verlebte seine Kinderjahre unter der wilden Jugend dieser Söhne der Berge, kam dann durch Veranstaltung eines geistlichen Oheims in eine Erziehungsanstalt in Frankreich und von da unter ein Schweizerregiment, wo er in wenigen Jahren eine Kompanie erhielt. Er hatte das Glück, in einer der Hauptstädte des Königreichs einer jungen Witwe zu gefallen, die sich mit ihm verband, aber nicht lange lebte und ihn zum Erben eines beträchtlichen Vermögens einsetzte. Wer hätte nun nicht denken sollen, daß er, der reiche Mann, den Aufenthalt in einer großen Stadt, unter dem schönen Himmel, in guter Gesellschaft und im Überflusse, seinen schneeigen Bergen und halbwilden Landsleuten vorzöge? Nicht so der Hauptmann. Ich hatte mich schon, erzählte er, bei Lebzeiten meiner Frau aus dem Dienste zurückgezogen und versuchte nun nach ihrem Tode allerlei, mir ein angenehmes Leben zu verschaffen; aber es ist mit den selbstgewählten Beschäftigungen wie mit selbstgemachten Göttern: Wo wir uns ohne sie helfen können, da sind sie zum Scheine bei der Hand und lassen uns im Stiche, wo wir ihrer am meisten bedürften. Wo uns nicht ein höherer Geist treibt oder eine bestimmte Notwendigkeit uns zu handeln gebietet, bleibt bei aller Geschäftigkeit doch eine gewisse Leere in der Seele, die oft der eingeschränkteste wirkliche Beruf besser ausfüllt. Dies sah ich immer klarer ein und empfand es auch beim Zeitvertreibe. Wenn ich des abends aus der großen Gesellschaft oder vom Schauspiele zurückkehrte, da hatte ich zwar recht feine Dinge gesehen und gehört, aber der Mensch lebt nicht allein von feinen Dingen, mir mangelte das stille Leben der Alpen, der Aufenthalt in den Wolken, die naive Schalkheit meiner Landesgeborenen, ihr in Freiheit festgewurzeltes Bestehen ... Der Professor unterbrach ihn: »Hier wohnt ein Volk verstreut an rinnenden Brunnen, Das in den Stand des untertänigen Lebens Nur einen Schritt getan mit furchtsamen Füßen, Und den schon bereuet.« Bodmers Ode an Philokles Je mehr ich an Jahren zunahm, fuhr der Hauptmann fort, und das künstliche Leben der großen Welt kennen lernte, desto mehr wurden jene Eindrücke in mir wach, welche die offene Seele des Knaben erfüllt hatten und mir erst nur wie liebliche Träume vorschwebten, bald aber zu bleibender Erinnerung und zuletzt zu mächtiger Sehnsucht wurden, so daß ich, wiewohl als ein Schwärmer verlacht von meinen Bekannten und nicht ohne widersprechende Empfindungen mein Vermögen mit Verlust einzog, von jener Welt für immer Abschied nahm und in das Land meiner Väter zurückkehrte, wo ich mir an dem schönsten Orte eine Alp kaufte, auf und von welcher ich jetzt glücklich lebe. Daneben versehe ich mein Ämtchen (er hat eine der oberen Stellen) so gut ich kann, genieße das Zutrauen meiner Landsleute und lebe nun so als Bürger und Eingeborener in dem natürlichsten und menschlichsten Berufe. Das ist, sagte die Chanoinesse, eine zwar löbliche, aber auch individuelle Empfindungsart, die nichts für das Allgemeine beweist. Ich begehre auch nichts zu beweisen, erwiderte der Hauptmann, ich erzähle nur, warum mir dieser Winkel der Welt vor anderen lacht und wie ich, ohne damals daran zu denken, mich und mein Vermögen gerettet habe. Es beweist doch soviel, sagte ich, daß eine Hütte, wo man jugendliche Erinnerungen um sich sammeln kann besser ist, als ein goldenes Haus ohne Liebe. Und, setzte der Professor hinzu, daß man im Nachen des Berufes glücklicher fährt, als im Weltumsegler des Müßiggangs. Sentenzen schneiden der Unterhaltung das Leben ab, meine gelehrten Herren, sagte die Chanoinesse; man hat entweder zuviel oder gar nichts dagegen zu sagen, in beiden Fällen aber schweigt man. – Sie hatte sehr recht; zwar war dies Gespräch abgebrochen, aber deswegen nicht unsere freundliche Stimmung. Wir ließen die Gläser klingen, nahmen dann von ihr und dem deutschen Arzt Abschied; die Frauen versprachen sich zu schreiben. Der Hauptmann will uns noch vor der Abreise in Gais besuchen; der Professor begleitet uns vielleicht bis in die Heimat der Schweizerin; und auf Suschens Hochzeit kommen wir alle wieder zusammen. Suschens Hochzeit. Erster Theil. Zürich, 1819. Auf Suschens Hochzeit kommen wir alle wieder zusammen, dies war die Verabredung der sich trennenden frohen Gesellschaft bei dem Mittagsmahle im Hause des Hauptmanns in Appenzell. Der Oberst von N...land ging bald hernach mit dem alten Professor aus Zürich in dessen Heimat und von da an den Thunersee, auf das Landgut der jungen Schweizerin, die mit seiner Nichte Clotilde während ihres Aufenthaltes in Gais ein Bündnis der Herzen geschlossen hatte und bereits mit derselben nach Bern vorausgeeilt war. Der Monat August war vor der Tür und mit ihm die schönsten Tage der Schweiz; das Land gefiel ihm auch schon besser als am Anfang, und durch das Herumreisen und den Wechsel der Gegenstände war die Last von übler Laune auffallend vermindert, die einförmiges Stillsitzen und Mangel an Gesundheit auf seinen tätigen Geist gehäuft hatten. Mit Suschen, ihrem Kammermädchen, nunmehr mit dem Prediger verlobt, befand sich Clotilde etwas in Verlegenheit; sie hatte dieselbe mitgenommen, weil sie nicht wohl bei ihrem Bräutigam hätte bleiben können ehe sie vermählt war. Zwar schien es der Bräutigam zu wünschen, wenigstens hatte er schon zur freundschaftlichen Aufnahme in einem benachbarten Pfarrhause für sie Anstalt getroffen, bis die zu ihrer Verbindung nötigen Scheine aus der fernen Heimat angelangt wären; allein bei Suschen war die Anhänglichkeit an ihre geliebte Gebieterin, da die Trennung bevorstand, noch lebhafter geworden; sie bestand darauf, sich nicht von ihr zu scheiden, bevor es die Notwendigkeit erforderte, und Clotilden, die mit ihr im freundschaftlichsten Verhältnisse aufgewachsen, war das auch recht. Jedoch als Kammermädchen sollte sie jetzt nicht mehr auftreten, da sie einem höheren Stande geweiht war, sie wurde als Gesellschafterin mitgenommen. In diese neue Rolle konnte sie sich aber gar nicht finden, weil ihr die Gewohnheit entgegen war; das gute Kind hatte von Jugend auf dem Fräulein gedient, und wenn diese jetzt den Dienst nicht mehr haben wollte, so weinte sie und hielt sich für hintangesetzt. Auch vergaß sich der Oberst zuweilen und sprach vor Leuten die nicht zum Hause gehörten, mit Suschen im alten Tone und brachte damit ebenfalls manche auffallende Störung in das neue Verhältnis. Zum Glück sahen sie selten große Gesellschaft und halfen sich dann, wie man sich im Umgang immer am besten hilft, wenn man etwas aus seiner Rolle tritt, sie suchten ohne viel Umstände wieder hinein zu kommen. Der Prediger war in sein Dorf im Rheintal zurückgekehrt, wo er seit einigen Jahren als Vikar des betagten Pfarrers in geistlichen Dingen rühmlich gewaltet hatte und nach dessen jüngst erfolgtem Tode an seine Stelle ernannt worden war. Er beschäftigte sich dort emsig mit Vorkehrungen zu seinem neuen Leben; dazu bedurfte er aber weiblicher Hilfe, und da seine Schwester, die sonst bei ihm gelebt, voriges Jahr gestorben war, so rief er eine Tante als Ersatz aus Zürich um Beistand an, die auch mit nächster Gelegenheit zu kommen versprach; über manches beriet er sich inzwischen mit verständigen Hausfrauen aus der Nachbarschaft. Die Vorsteher seiner vermögenden Gemeinde, wo er sehr beliebt war, weil er Güte mit ernsten Sitten vereinigte und ungeachtet seiner jugendlichen Tätigkeit sich nicht in ihre weltlichen Angelegenheiten mischte, ließen, um ihrem neuerwählten Lehrer einen Beweis der Achtung zu geben, das alte Pfarrhaus ganz nach seinem Wunsche erneuern und beschlossen, daß auch die Kirche auf seine bevorstehende Verbindung neu geweißt und gemalt werden sollte. Ja, es war von noch mehrerem die Rede, wie es zu gehen pflegt, wenn einmal der Geist dankbarer Gefälligkeit über eine Korporation gekommen ist. Dieses alles versetzte den Prediger in manche süße Träumereien von seinem künftigen Glücke, dessen vorempfundene Seligkeit er dann seiner Geliebten brieflich kundtat und damit auch bei dem treuen Suschen einen lieblichen Kampf zwischen ihrer Jungfräulichkeit und den gaukelnden Bildern des neuen Standes aufregte. – Einer der Briefe lautete wie folgt: Ein Herz und eine Seele sind wir schon, meine Teure, selbst in der Entfernung. Du bist mein Gedanke, mein Alles; und ich weiß es, das bin ich auch Dir. Aber noch eine glücklichere Zeit steht uns bevor, die Verbindung vor dem Altare, der heilige Bund zwischen Mann und Weib, den nichts trennen wird als der Tod, und auch der nur für kurze Zeit. Oh, daß Du bald kämest, und mit Dir jene seligen Tage! Schon wird an beträchtlichen Veränderungen unserer künftigen Wohnung emsig gearbeitet; Du bekommst außer der Wohnstube noch ein Besuchszimmer für liebe Gäste, und dieses letztere wollen, wie ich unter der Hand vernehme, einige meiner begüterten Kirchgenossen auf eigene Kosten möblieren lassen; es sind wackere Leute, die schon lange meine Achtung hatten, und Du siehst, ich genieße auch die ihrige. Meine Arbeitsstube, vorher düster und abgelegen, kommt nun oben ins Haus, wo ich eine freie Aussicht in die Berge und über den Rhein hinaus habe. Und dann wird noch ein Gemach im Haus bereitet, woran es aber zuletzt kommen soll, weil dessen Bewohner noch ferne sind und erst nach Jahren erwartet werden; errätst Du mich, liebes Suschen? An diesen Wohnplatz sind wir dann vermutlich zeitlebens gebannt; uns liegt also ob, von uns hängt es ab, ihn zu einem Aufenthalte des Friedens und der Liebe zu machen, und das wollen wir uns geloben, o Du Teure! Es gibt kein bleibendes Heil für den Menschen auf Erden, wenn es nicht an seiner Wohnung haftet, von ihr ausgeht und zurück zu ihr den vertrauten Pfad kennt. Ein Sitz, nicht des prunkenden Scheines, aber des verborgenen Glücks soll unsere Heimat werden, eine freundliche Einkehr von den Mühseligkeiten des Berufes, ein Obdach vor den Stürmen des Lebens; und treten wir aus demselben hervor, so wird es dem Stande eines Pfarrers und seiner Schicksalsgefährtin gemäß mit Würde und Liebe geschehen. Von Dir, um benachbarte Freundinnen zu besuchen, oder aus unserem kleinen Überfluß Dürftige in der Gemeinde zu erquicken; und ich gehe zu verkünden das heilige Wort und armen Kranken den Trost eines besseren Lebens zu lehren, oder denselben von ihnen zu lernen. – Und dann in müßigen Stunden und hellen Tagen ziehen wir zusammen aus, Arm in Arm, durchstreifen Feld und Wiese und besteigen die umsichtigen Hügel der Weinberge, wagen uns zuweilen wohl auch weiter, dorthin, wo wir aus unserem Fenster die grünen Alpen, und hinter ihnen die Schneegipfel des Alpsteins erblicken; ja dorthin, auf jene herrlichen Höhen, in ihre reinen Lüfte begeben wir uns jährlich einmal wie auf eine Wallfahrt, um unsere Seele zu erheben bei dem Anblick der weiten Erde zu unsern Füßen, zu vergessen in der hohen heiteren Einsamkeit die kleinlichen Sorgen des Lebens, um mit regem Geist und erfrischtem Mute zu dem Tagwerk zurückzukehren, das uns die gütige Vorsehung auferlegt hat. Groß ist mein Verlangen, mit Dir, Du Geliebte meiner Seele, diese Blumen reiner Menschenfreude zu pflücken, ja Dich in diesen Garten einzuführen; ich kenne Deinen Sinn für unsere erhabene Bergnatur und weiß zum voraus, daß die Behendigkeit Deiner Füße Dir solche kleine Wanderungen zum Spiele machen wird! Aber Du bleibst auch gerne zu Hause, Du liebst auch das Lesen, wie ich öfters wahrgenommen; und siehe, dafür ist auch Rat geschafft! Ich habe Großes und Kleines, eine Sammlung besitze ich der vorzüglichsten Heldengedichte alter und neuer Zeit in deutscher Sprache; da fangen wir unsere gemeinschaftliche Lesung mit der Odyssee an und gehen so durch die höchste Poesie der Völkerschaften hinab bis auf unsere Tage; ich erkläre Dir die Geschichte, und Dein unverdorbener Geschmack hilft mir zur Aufmerksamkeit auf manches der Wahrheit der Natur entnommene Gemälde. Auch habe ich Beschreibungen von Reisen und Ländern, die lernen wir kennen, vergleichen; wir bilden uns wechselseitig. Willst Du Romane und Schauspiele lesen, so findest Du auch diese in dem Nachlasse meiner, ach! so früh verstorbenen Schwester, um die mir noch das Herz blutet, und die Du mir, so Gott will, ersetzen wirst. Gewiß, unsere Zeit wird und soll uns nicht ungenutzt verfließen! Aber verflossen ist leider die Zeit dieses Briefes, und ich hätte Dir noch so vieles zu sagen und kann beinahe nicht von dem Papier wegkommen, das, ein Liebesbote zwischen mir und Dir, in wenigen Tagen in Deiner Gegenwart sein wird; o könnte ich mit ihm, könnt' ich voran fliegen! – Möge ich bald alles, was ein liebendes Herz wünscht, von Dir hören und auch von den Edlen, Deinen Wohltätern, in deren Dienste gestanden zu haben kein menschliches Wesen erröten darf. Die Braut war stolz auf diesen Brief; das Fräulein und ihre Freundin lobten und lasen ihn auch dem Obersten vor, und dieser sagte zu dem freudig errötenden Suschen: Sei getrost, mein Kind, dein Bräutigam gehört wahrlich unter die guten Menschen, ich weiß es nicht erst seit heute! Nachher aber, als sie weggegangen, konnte er sich der Bemerkung nicht enthalten, er wolle sich zwar Suschen sehr gerne als eine ehrbare Predigersfrau denken, aber das künftige Honigleben sollten sich Verlobte nie so idealisch vormalen wie es der Prediger tue, weil es doch mit der Natur der Sache nicht bestehen könne. Der heilige Ehestand habe freilich auch seine dichterischen Stunden, aber diese werden schwerlich je von der Phantasie vorbereitet und lassen sich nicht nach Belieben an einen vorausbedachten Zeit- und Standpunkt knüpfen, sondern entspringen, wie alles Echtpoetische, dem Augenblick und zeigen sich, wie die Sonne, oft dann am schönsten, wenn soeben trübe Wolken vorübergezogen. Wer eine Lustreise vorhat, fuhr er fort, träumt sich schönes Wetter, aber dann kommt der Regen, an den er nicht dachte, und er muß sich leidend verhalten; tut er das mit heiterem Sinne, so findet er oft Entschädigung des gestörten Vorhabens wo und wie er es nicht bedachte; denn das ist der Weg des Schicksals, da zu geben, wo es zu nehmen scheint. – Und so wird es wohl in der Ehe sein, nicht wahr? sagte er zu der Schweizerin. Sie sprechen wahrhaftig, als ob Sie die Erfahrung selbst gemacht hätten, antwortete diese: Indessen mag auch das Spiel der Einbildung mit bevorstehenden Freuden dem menschlichen Gemüte natürlich sein. Sehr natürlich, erwiderte der Oberst, denn es findet sich bei den Kindern und Greisen, bei Guten und Bösen. Träumen müssen wir, um glücklich zu sein, nur sollen wir uns hüten, das Luftgebilde nicht in die Wirklichkeit hinüberziehen, oder gar zur Norm des künftigen Verhaltens machen zu wollen, wie unser ehrlicher Bräutigam zu tun geneigt scheint, der bei allen guten Eigenschaften des Mädchens sich doch in manchem getäuscht finden wird, das er jetzt als unausbleibliche Folge ihrer lehrbegierigen Anhänglichkeit an ihn voraussetzt. Der romantische Berg- und Höhensinn zum Beispiel, auf den er soviel hält, scheint ihr nicht recht natürlich zu sein, denn Moden halten nicht lange. Gnade! rief Clotilde: Was haben wir nicht alles schon hierüber hören müssen! Und von seinen langen Heldengedichten, fuhr er fort, wird Suschen bald genug sich zu den kurzweiligen Romanen der Schwester flüchten. Das ist dann die Täuschung der allzu sicheren Voraussetzung, und die ist unangenehm. Clotilde seufzte, ohne zu wissen, oder wenigstens zu sagen, warum und die Schweizerin lachte: Sollte sich wohl der Mann allein in seinen Erwartungen getäuscht haben? Hier, antwortete der Oberst, hat ein Unterschied statt. Versprechen sich die Männer von ihren Bräuten vorzügliche Ausbildung besonderer, wirklicher oder eingebildeter Eigenschaften, so sind hingegen die Erwartungen des weiblichen Geschlechts vom Ehestand allgemeiner. Sie nehmen zwar alle an, daß sie einen Meister bekommen, denn das ist die Ordnung der Natur, die sie wohl fühlen, aber alle sind der Lenksamkeit dieses Meisters gewärtig, eine Eigenschaft, die sich nicht wohl mit der Meisterschaft verträgt. Und das ist eure Täuschung, ihr Kinder, ihr seid zwar geneigt zum Gehorchen, erwartet aber lauter angenehme Befehle. Seht den Kenner! rief die Schweizerin. Wie geht's dann öfters? fuhr er fort. Entweder ist der Meister lenksam aus Schwachheit, das heißt, er wird dem Weibe untertan, oder er ist streng aus Übermacht. In beiden Fällen hat die Frau ihren wahren Standpunkt verfehlt. Muß sie mehr gehorchen, als sie erwartet hatte, so fühlt sie sich an der Ehre der Hausfrau gekränkt, führt sie aber die Alleinherrschaft, so ist sie über den Kreis der Weiblichkeit hinausgetreten und wird, was ein weibliches Wesen nie sein sollte, ein Gegenstand der Furcht. Nun ja, versetzte die Freundin, Enttäuschungen müssen kommen, aber wenn diese vorüber sind, so geht erst der wahre Ehestand an. Wer diesen kennt, lieber Oheim Hagestolz, der mag auch wissen, daß es eine Herrschaft durch Liebe, einen Gehorsam aus Liebe geben kann. Ich kann mir auch eine gegenseitige Verträglichkeit denken, tat Clotilde dazu: wohl auch eine süße Wehmut der Aussöhnung. Ihr habt recht, Kinder, erwiderte der Oheim, denn so wie jeder Mensch Gutes und Böses in sich vereinigt, so wird auch jeder Stand in den er tritt durch ihn abwechselnd gut und böse. Gott bewahre mich, schlecht von der Ehe zu sprechen, wenn ich schon ein alter Junggeselle bin! Man versteht mich immer unrecht, nur den überspannten Erwartungen bin ich nicht hold und wollte Clotilden vorläufig auf den Nachteil derselben aufmerksam machen, aus Besorgnis, die Erfahrungen ihrer glücklichen Freundin reichen dazu nicht hin. – Letzteres sagte er absichtlich, weil ein naher Verwandter der Schweizerin Liebe zu Clotilde merken ließ, ein angenehmer junger Mann, den sonst der Oberst wohl leiden mochte; aber er konnte nicht zugeben, daß seine Nichte einen Schweizer heirate und ließ daher mitunter so ein abwehrendes Wort fallen. Die Freundinnen spürten etwas Rätselhaftes in dieser Wendung und schwiegen. Die Unterredung über den Gegenstand hatte ein Ende wie es meist geschieht, wenn plötzlich ein geheimer Sinn auffällt. Er wollte nun auch Suschens zärtliche Antwort lesen, aber das hatte sie sich verbeten, da sie ihrer Rechtschreibung nicht zum besten traute, und weil sie ihre neuen schüchternen Gefühle nicht gern seinen Bemerkungen preisgab, ob er gleich versicherte, daß weibliche Liebesbriefe große Annehmlichkeit für ihn hätten und der Mangel der Rechtschreibung gerade die Würze derselben sei. Der Oberst hatte, als er die obere Schweiz verließ, mit dem Prediger die Abrede getroffen, daß ihm dieser bis nach der Weinlese, denn solange wollte er noch in der Schweiz bleiben, ein Landhaus in der Nähe seines Pfarrdorfes in dem trauben-, obst- und menschenreichen Rheintal zu mieten suche. Das war mit bestem Gelingen geschehen, eine sehr geräumige wohlmöblierte Wohnung auf einer Anhöhe, ein Schloß, Grünenstein genannt, wartete seiner. Um dasselbe aber nach seinem Geschmack und zum Empfang aller seiner Gastfreunde einzurichten, wollte er jetzt selbst hinreisen, und es wurde beschlossen, daß Suschen ihm zur Hilfe mitgehen sollte, welches sich diese auch um so eher gefallen ließ, da ihr Fräulein nunmehr eine andere Kammerjungfer angenommen hatte, mit welcher sie nicht recht zusammenstimmte. Dies war ein gewandtes niedliches Bernermädchen, das sich in seiner etwas urbanisierten Landestracht gar fein ausnahm und fertig französisch zu plaudern wußte, welches Suschen nicht konnte und daher auch nicht gern hörte. Zudem war es ihr auch zuwider, daß die Jungfer ihren Anzug beibehalten mußte, der sich, wie sie meinte, für die Bedienung eines adeligen Fräuleins nicht schicke. Das wollte aber hauptsächlich der Oheim: Die Grazie dieser Mädchen, sagte er, haftet an ihrer Kleidung, sie haben solche gleichsam mit der Muttermilch eingesogen, ihre ganze Haltung und Bewegung ist darauf berechnet, ziehen sie andere Kleider an, so findet sich die naive Anmut nicht mehr an ihrem Platze, sie werden linkisch und alltäglich. – Wer weiß, sagte er zu Tobias, als sie abends beim Auskleiden von dem Bernermädchen sprachen, ob nicht Suschen deswegen so sehr auf Abänderung der Tracht gedrungen, weil sie besorgt, neben der neuen Zofe übersehen zu werden, wenn diese in ihrem vorteilhaften Anzuge bleibt? Hübsch ist sie. Und gelehrt dazu, versetzte Tobias: Als ich ihr heute von unseren Fahrten über Meer erzählen mußte, erkundigte sie sich, ob ich auch die entlegene Insel gesehen, wo wilde Weiber in Grotten wohnen? – Auf meine Frage, woher ihr dies bekannt sei, gab sie zur Antwort: aus dem Telemach. Dem ungeachtet fanden der Herr und der Diener, daß dem ehrlichen Suschen doch der Vorzug gebühre und das Fräulein schwerlich wieder so innige Anhänglichkeit finden werde, wie von dieser ihr schon in der Kindheit angewöhnten Vertrauten. Nach einigen Tagen reiste der Oberst mit der Braut und seinem Tobias hinweg, und Clotilde versprach mit ihrer Freundin bald nachzukommen. – In Zürich hielt er sich einen Tag auf, um den alten Professor mitzunehmen, dessen Bekanntschaft er in Gais gemacht und seitdem geflissen unterhalten hatte, der Mann war ihm beinahe unentbehrlich geworden. Suschen benutzte diesen Aufenthalt, um die Tante ihres Bräutigams zu besuchen, von der sie mit großer Förmlichkeit empfangen wurde. Diese Frau hatte soeben die Einladung des Predigers erhalten, ihm bei seinen häuslichen Zurüstungen behilflich zu sein und meinte nun, und ließ es sich nicht ausreden, die Braut komme, oder sei dazu bestimmt, sie abzuholen. Vergeblich stellte ihr diese vor, daß sie nur zu einem Empfehlungsbesuche gekommen und der dritte Platz in dem Halbwagen schon durch den Professor besetzt sei, die Tante blieb darauf, der Vetter im Rheintal brauche Hilfe und der Professor werde wohl eine andere Gelegenheit finden. Suschen mußte es dem Obersten anzeigen und machte die Eröffnung mit schwerem Herzen, bekam aber von ihm lauter ungestüme Antworten: er sei nicht in die Schweiz gekommen, um mit alten Weibern herumzufahren und seine Freunde darüber hintanzusetzen und dergleichen mehr, welches sie zwar der Tante in milder Einkleidung hinterbrachte, die es aber als eine Geringschätzung aufnahm und sich darüber ereiferte, so daß Suschen jetzt zum erstenmal eine kleine Erfahrung von den Unannehmlichkeiten machen konnte, die den Eintritt ins bürgerliche Leben begleiten. Sie mußte sich das ganze Geschichtsregister der beleidigten Person erzählen lassen bis zu einem ihrer Urväter, der ein Standeshaupt gewesen, sie mußte von dem seligen Eheherrn hören, der mehr zu bedeuten gehabt als ein Professor und von unbekannten Fremden, die oft nicht das seien, wofür sie sich ausgeben. Das arme Mädchen, dem diese Art der Selbstschätzung noch neu war, hatte Freundlichkeit von der Verwandten ihres Geliebten erwartet und nicht solche Belehrungen, daher kam sie in große Verlegenheit und konnte eine Träne nicht zurückhalten. Allein Tränen besänftigen diese zähen Herzen nicht, die Anzüglichkeiten wurden fortgesetzt, bis zuletzt die gereizte Dulderin aufstand und sagte, sie sei überzeugt, daß es ihrem Bräutigam selbst nicht lieb wäre, wenn sie Beleidigungen, die nicht sie allein angehen, länger anhöre. Was Tränen nicht vermögen tut oft der Mut, die Alte war dessen nicht erwartet, und da sie ihre Gründe hatte, es mit dem Prediger nicht zu verderben, suchte sie mit schalen Ausreden wieder in das Geleise der Gefälligkeit einzulenken, ja sie weinte selbst über das Mißverstehen, wie sie es nannte, und nahm die leidende Braut mit sich zu ihrem wöchentlichen Abendbesuche, wo sie dafür sorgte, daß dieselbe schon als künftige Frau Pfarrerin behandelt wurde, die auch durch ihre Sittsamkeit die Achtung der jüngeren und durch ihre jugendliche Frischheit das Wohlgefallen der ältern Frauen, welche über die Jahre der Vergleichung hinaus waren, zu erhalten wußte. Ungeachtet einer gewissen Scheu, die Suschen vor den beiden alten Herren, bei denen sie jetzt im Wagen saß, hatte, so daß sie sich wenig zu sprechen getraute, und obwohl des Professors Tabakpfeife ihr lästig war, befand sie sich doch besser zu Mut, als gestern bei der geschraubten Frau Amtsrätin (so hieß die Tante) und in ihrer Abendgesellschaft. Die beiden Herren aber waren seelenvergnügt, der Oberst, weniger von Mißlaunen gestört als vormals, war sehr offen gegen Freunde, und mit dem Professor wäre er bis an der Welt Ende gefahren, weil sie in der Ansicht des Lebens übereinkamen und was der Professor theoretisch erkannte, der Oberst durch seine Erfahrungen bestätigt fand. Im Reisewagen, sagte er, sollten nur Freunde sitzen, die sich verstehen, das nahe Beisammensein und der immer wechselnde Schauplatz der Reise wecken die Vertraulichkeit und nähren den Stoff der Unterhaltung, so schrecklich hingegen diese gedrängte Nähe unter widrigen Personen ist. Da sitzt man lieber allein, erwiderte der Professor, welches auch sein Angenehmes hat. Ich habe mich wirklich schon oft gewundert, da schon so viel über die Vorzüge der Einsamkeit geschrieben worden, daß man nicht auch des Alleinreisens dabei gedacht hat, welches doch auch eine Einsamkeit und wohl die unterhaltendste ist. Versteht sich mit Bequemlichkeit, sagte der Oberst. – Und mit Gesundheit, fuhr jener fort: Man schaut, denkt, liest, phantasiert, ruht, man muß sich keinen Zwang antun; kurz, man hat allen Genuß des Alleinseins und dennoch immer eine neue Gegenwart um sich, die einen weckt und beschäftigt und die Grillen und die Eigenheiten abwehrt, die sich oft des Einsamen im abgeschlossenen Räume bemächtigen. Wie ich leider aus Erfahrung weiß, seufzte der Oberst. – Aber, sich ermunternd, fragte er Suschen: Was sagt das schöne Geschlecht dazu? Es schickt sich doch wohl nicht recht, daß junge Frauenzimmer allein reisen, antwortete sie. Nicht? Nimm dich in acht, mein Kind, das will ich der Chanoinesse sagen, drohte er lachend: Die wird dich zurechtweisen, denn sie hat darüber eigene Erfahrungen gemacht! Reist sie aber wirklich ohne Gesellschaft? fragte der Professor: Oder ist sie nur die bedeutende Hauptperson, wie reisende große Herren, von deren Gefolge die öffentlichen Berichte wenig oder nichts sagen? Wenn die Chanoinesse eine Ausnahme macht, gnädiger Herr, fing Suschen wieder an, so wird die Tante in Zürich mir recht geben, die ja lieber mit Ihnen als allein gereist wäre. Der Professor lachte. – Was ist sie denn für eine Person? fragte der Oberst. Die hätte uns in der Demut erhalten! war die Antwort: Erst ihre Stadt und dann die seligen und unseligen Verwandten – um das dreht sich der Haspel ihrer langweiligen Gedanken; was etwa sonst noch in der Welt sein mag, ist diesem untergeordnet oder liegt im Nebel. Kaum wird der Höchste anders als ein mächtiger Herr Vetter betrachtet, zu vertraulicher Unterhaltung sind dann Klatschgeschichten ... Zum Kuckuck mit euren bürgerlichen Tanten, unterbrach ihn der Oberst: Sie sind ja wie unsere Adeligen! Es war ein schöner Tag; Schnitter belebten die Felder, und Lerchen die Lüfte, in den Dörfern spielten sorgenlose Kinder, die Straßen waren trocken, der Wanderer viele, wer wollte in diesem Frieden der Natur nicht gerne über Land ziehen? Auf der Höhe dem Rheinfall gegenüber stiegen sie aus und gingen den Abhang hinunter zum Fuß des entgegenrauschenden Stromes. Öfters sahen sie im Herabsteigen durch Öffnungen des Wäldchens einzelne Teile des schäumenden Sturzes, wobei sich der Oberst mit Wohlgefallen aufhielt, weil er auch hier seine alte Behauptung vorgreiflich bestätigt finden wollte, daß das Halbe anziehender sei als das Ganze. Wenigstens mag es diese Bewandtnis mit solchen Sätzen haben, woran kaum die Hälfte wahr ist, bemerkte etwas verdrießlich der alte Professor, der kein Liebhaber wunderlicher Meinungen war: sie sind meist dunkle Begriffe höherer Wahrheiten. Was ist Halb und Ganz? Was wir hier sehen, ist so gut ein Ganzes, als was dort unten in die Augen fallen wird. Wir wollen sehen, sagte der Oberst. Und als sie unten waren und über das weite Becken an den Laufen hinschauten, rief er: Hier sehen wir nun das ganze Gewässer, ich wiederhole es noch einmal, die einzelnen Partien, die wir oben durch das Gebüsch erblickten gefielen mir besser, der Fall ist zu breit für die geringe Höhe und die Entfernung von hier bis dort zu groß. Dem Professor, als einem echten Schweizer, tat es weh, daß der Freund die Wunder seines Landes gering schätzte: Wenn Sie nie etwas vom Rheinfall gehört hätten und von ungefähr dazu gekommen wären, sagte er, Sie würden ihn jetzt mit überraschender Lust schauen, aber Sie haben zu große Erwartungen mitgebracht, das ist der Nachteil jeder Berühmtheit. Man hatte Mühe, den Obersten zu bewegen, daß er den Turm besteige, auf dessen Höhe der ganze Wasserfall in einem Schaudunkel (in camera obscura) zu sehen ist: denn, sprach er, wie kann mir im Bilde gefallen, was mich in der Wirklichkeit nur wenig rührt? – Und doch gefiel es ihm, sobald sein Auge sich gewöhnt hatte, in der dunklen Kammer den Schimmer des lebendigen Gemäldes zu ertragen. Der schönbeleuchtete Hügel auf dem das Schloß sich zeigte, die herabwirbelnden Ströme, das wellenbewegte Wasserbett, auf welchem durch Veranstaltung des Professors ein Schiffer mit einem Kahn herumschaukelte, der heitere Sonnenschein über dem Ganzen und das fernertönende Rauschen, alles das gestaltete sich zu einem in fortwährender Bewegung regsamen Bilde, das ihn durch seine Neuheit hinriß. – Lachen Sie mich aus, wenn Sie wollen, rief er, aber ich kann mir nicht helfen, dies Kunstwerk, wenn es eines ist, zieht mich jetzt mehr an als die Natur, weil ich hier einmal in gelungener Vollendung schaue, was alle Maler umsonst versucht haben. Und doch ist's dasselbe, was wir unten sahen, sagte der Professor, nur zeigt uns das durch künstliche Vorrichtung sich malerisch ordnende Bild hier das Ganze im Kleinen, wie es kunstgeübtere Augen unten im Großen erblicken. Ein glücklicher Sinn, der die Gegenstände in einem günstigen Gesichtspunkt aufzufassen weiß, ist die Quelle unsres Wohlgefallens, nicht vorgefaßte Meinungen über Halbes und Ganzes. Sehen Sie, sagte der Oberst, dies bewegte Leben auf dem Tuche ist mir neu und bezaubert mich, ich bin ein Kind, lassen Sie mir die Freude! – Ich teile sie mit Ihnen, war die Antwort: Ich bin weit entfernt, das sinnliche Wohlgefallen in die Regel zu zwingen, es ist persönlich und flüchtig und läßt sich nicht durch allgemeine Begriffe festhalten, noch erklären. So wenig, erwiderte jener, als aus den Bestandteilen einer Kerze das Licht; wir wollen uns also nicht selbst stören, uns nicht die Freude an der kleinen Erscheinung aus vermeinter schuldiger Achtung gegen die große versagen, denn man könnte ebenso gut die Frage auf werfen: Was ist Klein und Groß? Wie Sie gefragt haben: Was ist Halb und Ganz? Nachdem sie das Naturgemälde verlassen, stiegen sie unten in den Kahn, der zur Überfahrt dient, um jenseits am Fuße des Schloßhügels die Wasserwogen aus der Nähe zu sehen. Der Oberst verlangte, daß das Schiffchen mitten in das große Wasserbecken hinein gefahren werde, dorthin auf die Stelle, wo sie es oben so lustig hatten tanzen sehen; allein der Professor bat zürnend und Suschen flehte weinend, was wollte er machen? Kaum aber waren sie herüber, so ließ er die Gefährten aussteigen, und es half alles nichts, der Schiffsmann mußte ihn und Tobias, der zu allem kein Wort sagte, dahin führen, wo er doch schon anfangs gewollt hatte, in den Tanz der Wogen und in die Nähe des hochaufspritzenden siebenfarbigen Schaumes. Die andern sahen ihm von dem gewöhnlichen Standpunkte ängstlich zu und Suschen erlaubte sich nachher, als sie wieder im Wagen saßen, den Vorwurf, er habe sie in ihrer Bewunderung des Rheinfalls gestört, gerade wo sie sich derselben am liebsten überlassen hätte. Er wollte eben selbst bewundert sein, sagte der Professor und nannte es einen Wagemut der Eitelkeit. Nennt es wie ihr wollt, versetzte der Oberst: Die Lockung der Gefahr war zu groß, ich mußte wieder einmal ihren Genuß haben. Den Genuß der Gefahr? fragte jener erstaunt. Den kennen Sie nicht? war die Antwort: und sind ein Philosoph, der das menschliche Herz ergründet? Unter diesen Reden waren sie an die steile Straße, die nach Schaffhausen hinabführt, gekommen und sollten nun, ehe sie weiter im Gespräche fortrückten, sich in einer wirklichen Gefahr erproben. Der Kutscher war abgestiegen um den Radschuh einzulegen, und anstatt die Zügel dem neben ihm sitzenden Tobias zu übergeben, hatte er sie nachlässig hingeworfen. Unvorsichtig knallte ein anderer Fuhrmann, der hinten nach kam, mit der Peitsche, da fingen die Kutschenpferde an zu ziehen, und da nichts sie hielt, zu laufen, zu jagen, durchzugehen. Die im Wagen saßen, erschraken und schrien; Suschen wollte hinausspringen, aber der Oberst riß sie mit Gewalt zurück: Du brichst den Hals, rief er, siehst du nicht den tiefen Graben? – Ein gewaltiger Schlag hatte Tobias, der sich bemühte, den Zügel zu erhaschen, vom Bocke geworfen. Der alte Professor stemmte sich an, so gut er konnte, und der Oberst hatte Suschen, die rückwärts gesessen, auf seine Seite gezogen und hielt sie fest. Es war eine fürchterliche Unordnung, jedoch nur einige Minuten dauernd, denn zum guten Glück fuhr am Ende der Halde ein breiter Frachtwagen, der die scheuen Pferde hemmte. Man lief hinzu, hielt mit Mühe die schnaubenden Tiere und half den Geängstigten dann aus dem Wagen. Suschen war außer sich; der Professor blaß wie der Tod, konnte sich doch nicht enthalten, dem Obersten zuzurufen, daß er von dieser Gefahr wenig Genuß gehabt habe. Dieser aber hörte nicht und war um seinen Tobias bekümmert, der halb betäubt und mit Blut bedeckt herangebracht wurde. Da die Stadt nahe war, so beschloß man zu Fuße hinzugehen und den armen Tobias in den Wagen zu setzen. Aber da zeigte sich ein neuer Schreck: Suschens Gewand hatte, als sie von dem gefährlichen Sprunge zurückgezogen wurde, einen solchen Riß bekommen, daß sie nicht öffentlich damit auftreten durfte. Die Entdeckung dieses Unfalls brachte sie zwar, wie das dem züchtigen Geschlecht eigen ist, besser zu sich selbst, als es ein ganzer Arzneiladen vermocht hätte; allein wieder in das Fuhrwerk zu steigen, graute ihr vor den Pferden, und auch vor dem blutigen Tobias, der schon drinnen saß. Doch der Oberst befahl und die Notwendigkeit gebot es, mit Tränen saß sie ein, und der Kutscher mit Unmut wieder auf den Bock. Ein Mann ging zur Vorsicht neben den Pferden her, und so kam der Zug langsam und ohne Zwischenfall vor das Wirtshaus. Die Untersuchung zeigte, daß die Wunden des Tobias zwar nicht gefährlich, jedoch beträchtliche Quetschungen seien, die sein Weiterreisen aber unmöglich machten. Der Oberst, darüber verdrießlich, weil er seinen alten Diener liebte und nicht missen konnte, war jetzt gar nicht aufgelegt, mit dem Professor nach dessen Wunsch über die Freuden der Gefahr einzutreten. Ein andermal, lieber Professor, sagte er, als dieser des folgenden Morgens davon anfing: Die Erfahrung kam zu unerwartet. Ich wenigstens war gar nicht auf diesen Genuß vorbereitet, munkelte der kranke Tobias, der mit verbundenem Kopf und Arm in einem Lehnstuhle saß, weil er nicht im Bette bleiben wollte. Schweig du, Alter! entgegnete sein Herr: Der Scherz ist nicht an dir. Und zum Professor sprach er: In der Gefahr ist bloße Wahrscheinlichkeit, in der Wahrscheinlichkeit noch Hoffnung, Hoffnung aber gibt Mut und dieser ist Gefühl der Kraft, ein Reiz, der uns dem ungewissen Übel entgegengehen heißt. Ist hingegen die Gefahr in wirkliches Unheil übergegangen, wie hier, so tritt ein ganz anderer Zustand ein, aus dem man sich dann ziehen muß, so gut man kann. Ich habe mich diesmal schlecht daraus gezogen, begann von neuem der schmerzleidende Tobias: Wenn mich schon die Leute glücklich preisen, daß ich nicht das Auge verloren oder gar den Hals gebrochen habe, ein gemeiner Trost! Der Stellvertreter des Mitleids, mein Freund! gab ihm der Professor zur Antwort. – Doch war diesem einiges in der Äußerung des Obersten aufgefallen, woran er unter seinen Büchern noch nie gedacht hatte und das er während seines Hierseins weiter mit ihm zu besprechen sich vornahm, indem jener sich erklärt hatte, den Ort nicht zu verlassen, bis sein Bedienter ihn wieder begleiten könne, welches nach des Wundarztes Versicherung nur einige Tage dauern sollte; ein Aufenthalt, der dem Professor auch nicht ungelegen kam, denn er hatte in Schaffhausen einen gelehrten Gastfreund, in dessen Hause er während dieser Zeit wohl aufgehoben war. Der Oberst pflegte indessen den Tobias mit eben der liebenden Fürsorge, wie er schon so oft von ihm war gepflegt worden. Suschen aber flickte ihren Rock und schrieb dann verstohlenerweise an ihren Geliebten, denn der Oberst wollte nicht, daß etwas von dem Unfälle ruchbar würde, weil sowas die Freunde nur beunruhige, wenn man es auch noch so harmlos darstelle: Schreiben wir nicht, sagte er, so denken sie weiter nichts, als daß wir uns irgendwo säumen. Nach seiner männlichen Sinnesart war die Meinung gut, aber wer kann einer zärtlichen Braut zumuten, ihren harrenden Freund ohne Nachricht zu lassen? Sie fand also Gelegenheit, ein Brieflein abgehen zu lassen, allein das war aus Ängstlichkeit vor dem Verbote des gnädigen Herrn nur kurz und abgebrochenen Inhalts: Unweit der Stadt, schrieb sie, sind wir mit den Pferden durchgegangen, es ist aber außer Tobias niemand beschädigt worden; das hält uns einige Tage hier auf. Der übrige Inhalt des Schreibens war liebevolle Sehnsucht nach dem Wiedersehen, worin sie sich aber so ganz verlor, daß sie darüber die Ort- und Zeitangabe vergaß. Es währte jedoch eine volle Woche, ehe der sein Säumnis verwünschende Tobias zur Abreise tüchtig war. Der Oberst vertrieb sich indessen die Zeit, so gut er konnte; er hatte einige alte Schweizeroffiziere kennengelernt, mit denen er ganz gut zurechtkam, und der Professor brachte die meiste Zeit bei seinem Gastfreunde zu. Auch Suschen mochte der Aufenthalt in Schaffhausen wohl gefallen; sie wurde als eine Verwandte des Obersten angesehen, niemand wußte, weil weder er noch seine Begleiter ein Wort davon sagten, daß sie bloß Kammermädchen in seinem Hause gewesen, und wenn sich so etwas gleichsam von selbst ergibt, wie hier, so kann man es gerne haben, ohne eben großer Eitelkeit schuldig zu sein. Dies Ansehen hatte ihr auch einige stattliche Bekanntschaften unter den Einwohnerinnen zugezogen, mit welchen sie sich, da dieselben ebenso wort- als dienstreich waren, emsig befliß, in ihrer künftigen Muttersprache, wie sie das Schweizerdeutsche nannte, Fortschritte zu machen. Sie fand aber bald, daß das Wenige, was sie am Thunersee gelernt hatte, anders laute und ihrer Stimme besser zusage als die hiesige Aussprache und fragte darüber den Professor um Rat. Dieser, zwar geneigt, wie alle Gelehrten, die über etwas das in ihr Fach läuft befragt werden, umständlich über die Altertümlichkeit der schweizerischen Mundart einzutreten, bedachte gleichwohl, daß junge Mädchen, auch wenn sie ernsthaft fragen, für Ausführlichkeit keine Ohren haben und antwortete deswegen halb im Scherz, halb im Ernst: Jenes ist eine reinere Ausartung, oder, wenn Sie lieber wollen, eine vollkommenere Unvollkommenheit. Er drückte sich dabei auch wieder in einer anderen Sprachweise aus, als die, wovon die Rede war, so daß Suschens Verlegenheit noch vergrößert wurde. Die Landessprache, mein Schatz, werden dich erst deine Kinder lehren, tröstete sie der Oberst: Bis dahin sprich du nur die deinige, sonst gelingt dir gar keine, denn der Sprecharten sind in diesem Lande so viele, wie der bürgerlichen Meinungen. Oder der Regierungsarten, oder der Landschaftsrechte, sagte der Professor. Oder wie der Maße und Gewichte, fuhr der Oberst fort, oder der Münzgepräge, oder der Uniformen und so weiter. Bei jenem Turme war es auch so, der gleich der Schweiz seine Spitze über die Wolken erhob, indessen sich am Fuße die Bauleute selbst nicht mehr recht verstehen wollten. Man versteht sich am Ende doch, erwiderte der Professor, den die spöttelnde Bemerkung verdroß: Wenn sich die Sprache der Zwingherrschaft verwirrt, so erheben sich der freien Stimmen mancherlei, und diese Stimmen sind eben schwer zu vereinigen; dies war von jeher und ist noch bei uns der Fall, einst werden Sie es auch in Ihrem Lande erfahren! Es befand sich zu dieser Zeit in Schaffhausen eine von den wandernden Schauspielergesellschaften, die zuweilen aus Deutschland in die Schweiz kommen, um sich mit dem schlechten Geschmack auszugleichen und den langsamen Gang des häuslichen Lebens mit schnell überlaufenden Gefühlen zu erfreuen. Als Suschen eines Abends in diesem Schauspiel saß, wurde sie unter den Zuschauern eines jungen Mannes gewahr und verlor ihn gleich wieder aus dem Gesichte, der ihr bekannt schien, ohne daß sie sich seiner zu erinnern wußte. In einem Zwischenakte sah sie ihn wieder und glaubte bei der spärlichen Beleuchtung wahrzunehmen, daß er in ihre Nähe zu kommen suchte, welches aber wegen des engen Platzes nicht möglich war. Doch bald nachher schwand er ihr aus den Augen und, wie es von ihrer ehrbaren Gesinnung zu erwarten war, auch wieder aus dem Gedächtnis. Sie sollte ihn aber doch wieder sehen. Denn als sie des folgenden Morgens am Fenster saß und in den Regen hinausschaute, fuhr sie jählings mit einem Schrei auf, warf ihre Arbeit weg, und sprang die Treppe hinab. Der Oberst, der gegen die Langeweile in einem Buche zur Unterhaltung für gebildete Leser las und dennoch Langeweile hatte, erschrak eben nicht sehr. Was wird das sein? Eine Unterhaltung, die so anfängt, muß doch immer lebendiger ausfallen als so eine gedruckte hier, sagte er bei sich selbst und legte gelassen das Buch auf die Seite. Es währte nicht lange, so trat Suschen mit einem Fremden an der Hand –, es war der von gestern abend –, herein und hinter ihnen der Professor. – Gustav! schrie sie freudig dem Obersten entgegen. Des Pastors Gustav? rief dieser in frohem Erstaunen. Wo die Worte Flügel haben, wie bei einem so unvermuteten Zusammentreffen, kommt Pinsel und Feder zu kurz. Umarmung, Frage, Händedruck, halbe Antwort, und wiederum Frage; Freude, Neugier – Wer will diese schnellbewegte Unruhe malen? Es war Gustav, dessen Vater der Hauptpfarrer auf der Freiherrschaft des Obersten und zugleich desselben Freund war. Seine frühen Jahre hatte der Knabe meist im Schlosse zugebracht, war mit Clotilden aufgewachsen und von dem gnädigen Herrn wie sein Kind geliebt, später, nachdem er die Lehranstalten der Hauptstadt durchlaufen, bezog er eine Hohe Schule, von wannen er jetzt herkam, um den Winter in der französischen Schweiz zuzubringen, damit er sich in der Sprache vollende. Er war Tages vorher in Schaffhausen angelangt und aus Langeweile in das Schauspiel gegangen. Hier erschien ihm eine Gestalt, die Suschen, dem ihm wohlbekannten Kammermädchen Clotildens, auffallend gleich zu sein schien, da er sie aber Jahre nicht gesehen und nichts von ihrem gegenwärtigen Aufenthalt wußte, sie auch nicht in solcher Gesellschaft vermuten konnte, hielt er es für eine Täuschung der Ähnlichkeit und um den Eindruck und die ihn begleitenden Erinnerungen aus den glücklichen Jahren der Kindheit, die ihn jetzt nur störten, los zu werden, verließ er das Schauspiel, wo er ohnehin nicht viel Ergötzung gefunden hatte. Jetzt wollte er des andern Morgens nur noch einen Brief an den Gelehrten abgeben, in dessen Hause sich der Professor aufhielt und dann weiter ziehen. Dort vernahm er aber zufällig die Anwesenheit des Obersten von N...land, seines Gönners, seines zweiten Vaters. – Welche Überraschung! Es war also doch Suschen gewesen und wo diese ist, da ist auch die herrliche Clotilde, sprach er bei sich selbst. Wie hätte er weiter an die Abreise denken können! Der alte Professor begleitete ihn zu der Wohnung des Obersten, und wie sie sich dem Hause näherten, erblickte ihn Suschen vom Fenster. Sei es, daß das gestrige Anschauen schon manche dunkle Erinnerungen geweckt, die nur auf einen neuen Anlaß warteten, in eine helle Erkenntnis zusammenzufließen, oder war es etwas in seinem Gange, das ihr plötzlich Licht gab oder sonst eine der vielen Unerklärlichkeiten in der menschlichen Natur; kurz, sie erkannte ihn jetzt auf der Stelle, schrie und lief ihm entgegen.   Brief des Obersten an den Major von ... Schaffhausen, 5. August Die alte Wahrheit, daß keine Widerwärtigkeit ohne Trost sei, hat sich aufs neue an uns bestätigt. Wären die Pferde nicht durchgegangen, so wäre Pastors Gustav nicht bei uns. Die Pferde durchgegangen! wird meine Schwester aufgeschreckt rufen: Gütiger Himmel! Wem ist denn so ein Unglück widerfahren? Gustav bei ihnen, das freut mich; wie weiter? wirst Du mit Deiner ruhigen Fassung sagen. – Und dem Pastor, der weiter an nichts mehr denkt, wenn von seinem Einzigen die Rede ist, wird eine Träne der Zärtlichkeit in den Augen glänzen, die stillschweigend spricht: Gott sei gelobt, daß alles so ergangen und ich weiß wo Gustav ist! Beruhige meine Schwester, wenn Du ihr etwas von dem Mißgeschicke sagen willst, sonst bekomme ich einen klagenden Brief, den ich nicht haben mag. Ich weiß wohl, daß ich damit nicht hätte anfangen sollen, ich habe sogar Suschen untersagt, etwas davon zu schreiben, aber man erlaubt sich oft, was man andern verbietet, und so ist's nun einmal geschehen und einen angefangenen Brief zu ändern ist eine leidige Arbeit. – Übrigens ist der Vorfall unbedeutend, Tobias allein hat sich etwas beschädigt, so daß ich einzig seinetwegen einige Tage hier bleiben muß; Clotilde aber ist noch in Bern und ich bin frisch und gesund, bis an die streitigen Punkte, wie Tobias zu sagen pflegt, wenn man ihn über sein Befinden fragt. Dem Vater sage auf mein Wort hin alles Gute von seinem Sohne. Ein freundliches Geschick brachte ihn gerade in diesen Tagen hieher, wo er, ein anständiger Deutscher, dem Rheinfalle huldigen wollte. Jetzt geht er mit uns auf die Hochzeit im Rheintal, wenn der gute Alte nichts dawider hat, wie könnte er? Ich habe den lieben Jungen so lange nicht gesehen, daß ich mich seiner jetzt freuen will, solange mein Aufenthalt in der Schweiz noch dauert; in das französische Land kommt er dann noch früh genug. Er ist ein hübscher junger Mann, sanft und unverdorben, seine kindliche Natürlichkeit ist in ein gerades, offenes Wesen übergegangen, das an Treuherzigkeit grenzt, und ihm die Schweizer zu Freunden machen wird. Wie er studiert habe, will ich von dem Professor hören, der ihn schon aufs Korn genommen, aber, wie ich fürchte, auch schon durch eine Unterhaltung, die sie gestern über die griechische Sprache hatten, bestochen ist; Gustav behauptete nämlich, ohne dieselbe gebe es keine vollendete Bildung: Das ist der Ausspruch eines jungen Menschen, der soeben aus einem deutschen Athen kommt, dachte ich, der Professor wird ihn wohl berichtigen. Aber siehe! Das war diesem, der das Griechische vorzugsweise treibt, eine ausgemachte Wahrheit, die er bekräftigte und mit vielen Beweisen von Gelehrten und Beispielen von Staatsmännern bestätigte und dabei angelegentlich von dem jungen Hochschüler unterstützt wurde. – Ich schweige wie billig; wo man mit Grund sagen kann: du verstehst es nicht, allein wer hört es gern, wenn etwas, das ihm mangelt, als unerläßliche Bedingung des Habens herausgestrichen wird? Und wenn so ein schneidender Ton immer crescendo geht, wer mag ihn aushalten? Ich begnügte mich jedoch, nur eine Anzahl Namen von Männern und Frauen älterer und neuerer Zeit anzuführen, die gewiß kein griechisch Wort verstanden und doch manchem durch und durch vergriechten Gelehrten an Bildung vorangingen. Man spreche von vollendeter Bildung, war die Antwort. Gibt es aber auch eine vollendete Bildung? fragte ich, unbedacht, daß ich einen Gelehrten nicht so fragen sollte. Es lasse sich doch immer aus den Werken der Griechen mehr gründliche Geistes- und Geschmacksbildung schöpfen, als aus den neueren Sprachen, zumal aus der deutschen, versetzte ausweichend der Professor; der aber als Schweizer und nach der Richtung seines Geschmacks kaum eine befugte Stimme bei dem neuen «deutschen Sprachgerichtshofe» haben dürfte. Das Gespräch nahm nun, wie mir lieb war, eine andere Wendung, denn der Professor fand über seine geringe Meinung von dem Deutschen einen Gegner, so sehr er vorhin mit ihm eins gewesen, an Gustav, welcher auf der Hohen Schule für das erwachende Selbstgefühl seiner Muttersprache mit Begeisterung erfüllt worden und jetzt mit dem Feuer eines Jünglings ihre Vorzüge über alle neueren Sprachen ganz artig behauptete. Über alle? wirst Du fragen. Das fragte auch, sein graues Haupt schüttelnd, der Professor, der die Italiener liebt, die Engländer verehrt und die Franzosen gar nicht verachtet, und sprach dagegen von Weitschweifigkeit, Ungelenksamkeit, Dumpfheit. Allein Gustav bewies ihm mit Sprüchen und Distichen von Klopstock, die ich nicht recht verstand, daß dieses nur eingebildete Mängel seien. Gegen das Ansehen jenes großen Mannes mochte der Professor nicht kämpfen, und Gustav war nach Art der Jugend allzusehr für seine neuerlernte Meinung eingenommen, und so kam wenig dabei heraus, wie bei den meisten Streitigkeiten, besonders aber bei dem Streit über Nationalvorzüge, wo immer wieder neue Gewaltige ins Feld treten, die über den Leibern der Erschlagenen siegreich kämpfen. Du wirst Dich wundern, mich so über Gegenstände sprechen zu hören, wovon sonst unter uns wenig die Rede war. Auf Reisen lernt man, wie Du siehst, auch wenn man zu Hause nichts mehr lernen mag, man muß! Die Eindrücke ergreifen uns stärker, weil sie durch neue Mittelwege zu unserem Verstande gelangen. Es ist aber meist ein passives Lernen und so drängt sich dann auch vieles in die Masse unserer Erkenntnisse ein, das man lieber draußen ließe, bis zuletzt auch dieses durch die Gewohnheit erträglich, ja lieb wird. So ging es mir mit den An-, Aus-, Um- und Fernsichten der Schweiz, deren allenthalben erschallende Lobpreisungen mir anfänglich die Natur verhaßt machten; jetzt habe ich durch Gewohnheit nicht nur wahre Midas-Ohren für diese schweizerischen Pangesänge bekommen, sondern ich schaue nun wirklich Berg und Tal mit Liebhaberei an. Denn so wie uns das Buch oder die Taten eines Mannes interessant sind, wenn wir ihn persönlich kennen, so wie uns die Sterne gefallen, deren Namen wir wissen, und so wie Clotilde und die Schweizerin ihre Pflanzenlust durch die Benennungen nährten, so haben auch Gebirge, Seen und Wasserfälle mehr Anmut für mich erhalten, seitdem ich in der Nähe mit ihnen bekannt geworden und sie durch ihre Namen unterscheiden gelernt habe. Der Name hebt den Gegenstand aus der Allgemeinheit heraus und stellt ihn einzeln dar; es ist der erste Schritt zur näheren Bekanntschaft, eine Befriedigung der Ungewißheit, womit schon Adam seine Naturkunde begann. Sobald wir nicht mehr gleichgültig für den Namen sind, ist auch schon Hang zur Verdeutlichung der Vorstellung da, wo hingegen an dem Namenlosen die Aufmerksamkeit nur flüchtig hinstreift. Diese Erfahrung machte ich vorzüglich in dem Berner Oberlande, das ich durchkreuzt und durchirrt habe, soweit man auf Pferden und den leichten Wägelchen daselbst kommen kann. Ich gestehe Dir, einen ganz anderen Eindruck als jene rührenden Aussichten, mit deren gefühlvollen Beschreibung man mich anfangs gelangweilt hatte, machten mir jetzt diese gewaltigen Erscheinungen. Es war mir, als sähe ich zusammengedrängte Trümmer einer gigantischen Vorwelt: Berge, deren Höhe alles Augenmaß verwirrt, herabgerollte Steinklumpen in den Tiefen, hinter denen sich Hütten zur Sicherheit schmiegen, Ströme, die aus den Regionen der Wolken, wie geschmolzenes Silber über die Felsen hinabschießen, Flüsse in dem Momente zu Eis erstarrt, als sie zur Verheerung des Landes vom Gebirge hernieder stürmten, denn gerade so kamen mir zum ersten Male die Grindelwaldgletscher vor, stundenlange Schneefelder wie in dem fernsten Norden, und Seen anmutig wie die Augen des Frühlings, blendendes Licht und ungeheure Schatten, Grausen und Lust, Sommer und Winter, alles neben- und durcheinander und Menschen in diesem Chaos wie Ameisen herumkriechend. – Komm und siehe, wenn Du glaubst, daß ich zuviel sage! – Staubbach, Jungfrau, Gletscher, Wetterhorn, Reichenbach ... das sind Namen, die niemand vergessen wird, der das, was sie bezeichnen, je gesehen hat. Durch jenes Große ist mir nun selbst das Kleinere vernehmbarer geworden und anziehender, so daß ich auch niedrigeren Wasserfällen nachgegangen bin, um zu erforschen, wodurch sie gefallen und mich der Seen freue, als wären sie Kinder des Ozeans und wie ein Gelehrter nach den Gestirnen, schaue ich nach den fernen Bergspitzen, um sie mir bekannt zu machen. Diese Naturempfindungswissenschaft, die weder Naturkunde noch Naturlehre, weder Erdbeschreibung noch Erdmessung ist, und wovon man vor einem halben Jahrhundert noch wenig in Büchern, selbst nicht in Reise- und Liebesgeschichten las, ist als ein neuer Zweig der Gelehrsamkeit in der Schweiz entsprossen und schon zum reichen Baume gewurzelt, von dessen Früchten nun jeder pflückt, weil sie nicht zu schwer zu erhaschen sind. Aber gerade einer solchen Unterhaltung, so sehr sie mir in der Vorausbetrachtung zuwider war, bedarf ein kranker Mann, wie ich bin; sie fordert Bewegung und alles tut mir besser als verdrossenes Stillesitzen. – Ist es denn nicht auch billig, rief mir einst der Professor zu, als ich ihn durch meine üble Laune selbst verdrießlich gemacht hatte, daß man in jedem Lande dasjenige, was es eigentümlich bietet, für gut nehme? man sollte es wohl für eine natürliche Verpflichtung jedes Reisenden halten, der nicht absichtlich seinem Unwillen Luft machen will. – Eine Erinnerung, die damals schon eine gute Wirkung auf mich machte, denn Verweise vergißt man weniger als Beweise. Dieses Oberland kann ich nicht vergessen, es ist in Ansehung großer Naturerscheinungen der gedrängte Inbegriff der ganzen Schweiz; Alpen, Eisgebirge, Schneelauen, Die Schneelaui –, so wird das Wort in der Schweiz ausgesprochen, nirgend Lawine, mit einem langen i; und kommt von lau, wenn der Schnee lau wird. Als Substantiv brauchen wir: die Laui (Lauigkeit) so wie wir sagen: die Lindi, die Rüchi, die Letzi usw. – Aus dem Plural: die Lauinen (stets mit einem kurzen i ausgesprochen) ist wohl die falsche Herleitung und Rechtschreibung des Singulars in die Schriftsprache gekommen. – Im gleichen Sinne wie der Schweizer, sagt auch der Tiroler: Schneelänen, von Leinen, Auftauen Wasserfälle, Seen, Vegetation (selbst die menschliche einiger Orte), alles ist daselbst vorzüglich und in der Beschränkung von einigen Meilen zu finden, so daß, wer dieses Land gesehen, sich rühmen darf, daß ihm die größten physischen Gegenstände der Schweiz nicht unbekannt seien. Ich habe auch von zuverlässigen Reisenden versichern gehört, daß das Chamounixtal seinen berühmteren Namen nur dem Griffel glänzender Schriftsteller verdanke, aber in der vereinigten Mannigfaltigkeit großer Gegenstände diesem Wunderlande nicht gleich komme. Ich schreibe Dir so, wie die Feder läuft, so wie ich mit Dir zu sprechen gewohnt war und so wie ich denke, abgebrochen und sprungweise, das kann ich nicht mehr ändern. Wenn ich an einen Freund und Vertrauten schreibe, so mag ich nicht scheinbaren Zusammenhang langsam in meine Feder hineinkauen, sondern ich gehe gern von einem Gegenstande zum andern über, wie es mir einfällt und damit, ich weiß es, ist der Freund zufrieden. Gewöhnlich sind es auch die Briefe, welche man am liebsten liest, worin um Entschuldigung wegen Eilfertigkeit und dadurch verursachten Mangels an Zusammenhang gebeten wird. Wirst Du jetzt nach diesem allem was Du von mir vernommen, auch die Meinung hegen, wie mir meine Begleiter zu verstehen geben, daß mein Gemütszustand heiterer, meine Laune milder geworden? Sie sagen es zwar nicht gerade heraus, weil sie wohl wissen, daß ich (und dieser Ich ist wohl jedermann) das Lob über einen abgelegten Fehler nicht gerne hören mag, auch wenn ich sonst kein Hehl von meinen Mängeln mache. Ich will samt meinen Unvollkommenheiten geliebt sein, so wie ich andere auch mit Inbegriff der ihrigen liebe; jenes Kompliment aber setzt uns in ein erniedrigendes Verhältnis mit dem Lobenden, der sich uns damit gleichsam wie ein Kerngesunder einem bloß Genesenden gegenüber steht. – Sie geben es mir zu verstehen, sage ich, und ich fühle selbst, daß ich mir und andern erträglicher geworden bin. Der Doktor wird das den Molken, Du der Luftveränderung, der Pastor den neuen Liebhabereien und meine Schwester meiner unbegreiflichen Vorliebe für ein freies Leben zuschreiben. Ihr mögt alle recht haben; genug, wenn ich auf dem Wege der Wiedergeburt bin! Ach, was ist der Mensch! Er fängt groß an und hört klein auf und ist meist in dieser selbstgefühlten Kleinheit erst was er sein soll. Ich freue mich jetzt auf den Herbst im Rheintal, denn so lange bleibe ich noch in der Schweiz, die herbstlichen Tage werden oft unter die schönsten hierzulande gezählt. Zu leichterem und unabhängigem Fortkommen bei meinen Streifereien habe ich mir ein Reitpferd gekauft, das gut aussieht und sicher geht, aber auch die Landesart hat, daß es sich Zeit läßt, wie ein Gerichtsverwalter; das soll mich tragen, wohin kein Wagen geht und die Kraft meiner Füße nicht hinreicht. Und wenn ich wieder zu Hause bin, soll es unser Pastor haben, der einst behauptete, des Menschen Glückseligkeit bestehe in seiner Phantasie; da darf er sich nur auf den Schweizergaul setzen und die Augen zumachen, um sich sein zu lassen, er reite glückselig in dem Lande herum, das er sich so idealisch träumt. Grüß ihn. So sehr mir indessen das Herumstreifen als Arznei behagt, so kann ich doch die Heimat und was ihr anhängt, nicht vergessen, wie könnt' ich das! Noch immer bin ich der Überzeugung, daß es keine unseligeren Sterblichen gebe als solche, die immerfort reisen, denen jede Niederlassung zu enge wird, weil ihnen die Gewohnheit des zweck- und tatenlosen Wanderns zur Notwendigkeit geworden und sie, erschöpft von beständigem Jagen nach Reizung abgestorben sind der Freude am Kleinen und der Innigkeit des häuslichen Berufs. Lieber will ich zu Hause früher sterben, da habe ich doch meine geprüften Freunde um mich und den abgeschlossenen Kreis meines Wirkens und Denkens, als jahrelang gleich einem Irrwisch in den Sümpfen der Wirtshäuser herumhüpfen, um irgendwo zu verlöschen, wie ein eitles Licht ohne Schein und ein Feuer, das niemand erwärmte. Nur dem Reisenden ist wohl, der sich mit Freuden seiner Heimat erinnert. So denke ich noch, und Du hast nicht zu besorgen, treuer Gefährte meines Lebens, daß ich in den Jahren des Alters auf eine unserer Freundschaft unwürdige Art für Dich verloren sei. Ich komme wieder, um mit Dir meine Tage zu beschließen. Sobald Tobias sich wieder auf dem Bocke halten konnte, wurde der Marsch fortgesetzt. Der ehrliche Bursche, zwar noch mit dem Arm in der Schlinge, hatte am meisten auf die Abreise gedrungen, weil es ihn beständig quälte, sich als die Ursache dieses Aufenthaltes anzusehen. Suschen trieb die Liebe vorwärts, so behaglich ihr sonst das Schauspiel und der Umgang in Schaffhausen war, und Gustav fühlte einen geheimen Zug zu Clotilde, von dem er aber nichts merken ließ. Nur die beiden Alten fanden sich hier gemächlich; der eine bei seinem gelehrten Gastfreunde und der andere in Gesellschaft zweier bejahrter Kriegsmänner, die mit ihm abends bei einer Flasche Wein in der Erinnerung alter Feldzüge wieder jung wurden. Doch die Stunde der Abreise hatte geschlagen; Gustav, der im Wagen nicht mehr Platz fand, setzte sich auf das Pferd des Obersten und so schieden sie von dannen. Im Rheintal aber herrschte große Bestürzung. Clotilde mit ihrer Gesellschaft war angekommen und hatte nichts anderes erwartet, als den Oheim schon auf seiner Burg eingehaust anzutreffen. Jetzt war er nicht da und keine Nachricht von ihm und seiner Begleitung als das wenige, was Suschen insgeheim über den Vorfall an ihren Geliebten geschrieben; da diese aber in der Andacht der Empfindung das Datum vergessen hatte und der Brief nicht von der Post bezeichnet war, so konnte man daraus nicht klug werden und machte sich wechselseitig durch das Besprechen darüber bange. Der Prediger, von wachsender Sorge getrieben, schickte einen Eilboten nach Zürich, wo er, selbst ein Zürcher, die beste Auskunft über alles zu finden gewohnt war. An Schaffhausen dachte niemand, denn da die Gesellschaft Clotildens ihre Richtung durch die innere Schweiz genommen, konnten sie nichts von dem Umwege des Obersten wissen. Um nichts zu versäumen, die verlorenen Freunde zu finden, wurde von den Frauen noch ein Abgeordneter auf Entdeckung ausgesandt, ob vielleicht in Konstanz, wo sich der Oberst unlängst so wohl gefallen, eine Spur von ihm anzutreffen wäre. Dazu mußte sich der nahe Verwandte der Schweizerin bequemen, der die beiden Freundinnen hierher gebracht hatte und der von einer leidenschaftlichen Neigung zu Clotilde befangen war, weswegen auch der Mann von jener unter dem Vorwande von Geschäften in Bern zurückgeblieben und ihm das Geleit der Reisenden überlassen hatte. Von Simmenthal, so hieß dieser junge Mann, entschlossen von Natur und sorgenlos aus Grundsätzen, machte sich zwar wenig Kummer über das Ausbleiben der Erwarteten und suchte auch die Besorgten zu beruhigen; allein der Prediger hielt es nächst seiner Liebe auch für Pflicht, in diesem Fall ängstlich zu sein und den Frauenzimmern schien die Unruhe eines edlen Bemühens ebenfalls verdienstlich. Simmenthals Trostgründe fanden also wenig Eingang, zumal er sie unbefangen, ohne in die leidende Stimmung der andern einzutreten vortrug; er mußte gehorchen und zeigte wirklich einige Eilfertigkeit zur Abreise, solange er unter den Augen der beunruhigten Clotilde war. Nachher ritt er ganz gemächlich fort, wie einer, der gar keine Sendung hat, drei oder vier Personen gehen nicht so bald verloren, dachte er, wäre etwas von Bedeutung vorgefallen, man hätte es wohl berichtet. Da aber zuweilen auch der, welcher nicht sucht, findet, so geschah es auch jetzt; denn als er gegen Mittag nach Rorschach kam, war eben ein anderer Reiter vor dem Gasthof abgestiegen. Simmenthal wollte fürbas reiten, aber der andere kam auf ihn zu, sah im freundlich ins Gesicht; darf ich fragen, sind Sie nicht ... Ja, ich bin's! unterbrach ihn Simmenthal; und du bist Gustav. – Er schwang sich vom Rosse. Große Freude; sie hatten sich auf der Universität gekannt und vertrauten Umgang gepflegt. Gustav, der dem Wagen des Obersten vorausgeeilt war, um das Mittagessen zu bestellen, nötigte seinen Freund zum Bleiben. – Ich wollte gern, erwiderte von Simmenthal und besann sich wirklich. Doch laß mich jetzt, fuhr er fort und machte sich wieder zum Fortreiten gefaßt: Ich bin auf einer irrenden Ritterfahrt, ich soll verirrte Pilgrime aufsuchen, oder gar, wenn's Not ist, Gefangene befreien. Wir werden uns wohl wieder sehen, sage nur, wo? Oder komm und mache den Zug mit, er geht nicht weiter als bis Konstanz. Da komme ich soeben her, sagte Gustav und gehe jetzt für einige Zeit auf das Schloß Grünenstein. Du, nach Grünenstein? rief Simmenthal: Laß dich nicht gelüsten, dort ist die Burg, wo ich einen Schatz hüte! – Er übergab sogleich sein Pferd dem Stallknecht und wollte mit Gustav hinaufgehen, um nähern Aufschluß zu haben. Als sie aber in das Haus treten wollten, kam der Oberst angefahren und nun klärte sich bald alles von selbst auf. Bei Tische ging es sehr munter zu. Der Oberst machte sich nicht viel aus der Angst und Unruhe, die im Rheintal über sein Ausbleiben stattgehabt und lachte zu Simmenthals kläglicher Beschreibung, worüber hingegen Suschen gerne geweint hätte. Als man nach dem Essen zum Hafen hinabging, blieb Simmenthal allein zurück, um in einem Buche zu lesen, das Gustav auf dem Fenstergesims abgelegt hatte; frei und ungezwungen wie er war, sagte er, er habe das Gewässer schon öfters, dies Buch aber noch nie gesehen. Suschen schloß sich vertraulich an Gustavs Arm, zögerte im Gehen und hatte ihm vieles in Geheim zu sagen, wobei bald ein Lächeln der Freude, bald eine Wolke des Kummers über sein jugendliches Angesicht hinflog. Sie standen nicht lange am Ufer des Sees, so kam keuchende Botschaft aus dem Gasthofe: Der Herr, welcher zurückgeblieben, habe Händel mit zwei anderen Fremden. Schnell eilte Gustav dahin, ihm nach, etwas langsamer der Professor, und der Oberst nahm das erschrockene Suschen am Arm und ging gelassen hinterher. Zwei junge Engländer, die mit ihrem Hofmeister diesen Morgen über den See gekommen waren, hatten für gut befunden, sich nach dem Essen eine Leibesbewegung zu machen, hatten Gustavs und Simmenthals Pferde aus dem Stall genommen und jagten damit im Hof des Wirtshauses herum. Simmenthal, dem dies von Tobias, der noch zu schwach war, es zu wehren, angezeigt wurde, ging hinunter, fand da den Hofmeister, der den beiden Kunstreitern Sitten predigte, worauf aber keiner im mindesten acht gab. Ärgerlich hierüber fiel er dem einen in den Zügel und ersuchte dem Spaß ein Ende zu machen und das müde Pferd zu schonen; dieser lachte und trieb das Pferd desto stärker an, um sich loszumachen. Darüber verlor Simmenthal die Geduld, er riß den Ungezogenen mit Gewalt herunter und ging dann auf den anderen los, der aber sogleich absaß und über ihn herfallen wollte: jedoch er, der keine Lust zum Faustkampf hatte, ergriff einen Knittel, der in der Nähe lag und hielt seinen Gegner damit in Achtung. Der Hofmeister war nicht mehr zu sehen. – Inzwischen hatte sich der Gefallene wieder aufgerafft und war im Begriff gegen Simmenthal loszustürmen, als Gustav kam, sich ihm entgegenstellte und befahl, ruhig zu sein; allein der Mensch war wie rasend und warf einen großen Stein nach ihm, der ihn zwar verfehlte, aber den hinten stehenden Stallknecht traf, welcher gleichwohl noch so viel Besinnung hatte, dem sich nach einer Wehr umsehenden Gustav schnell eine Reitpeitsche zu reichen, womit dieser auch den Tollkopf so bearbeitete, daß er taumelte. Der kluge Hofmeister war indessen nach Hilfe gelaufen; es kamen Leute, die dem Streit ein Ende machten. Der eine von den Engländern, der sich auch am wildesten betragen, befand sich von der Behandlung, die er durch Gustav erlitten hatte, übel und mußte hinaufgeführt werden; der andere aber forderte Simmenthal zum Zweikampfe, weil er ihn einen Polisson geheißen habe. Jedoch ein entschlossener Beamter, unterstützt von der zugelaufenen Menge, drohte dem Engländer mit Verhaft, wenn er nicht Frieden hielte. Die Sieger gingen auf ihr Zimmer, um sich zur Abreise fertig zu machen. Sie waren noch oben, so trat der, welcher Simmenthal herausgefordert hatte, hinein, und verlangte höflich eine Namensangabe, weil er sich mit ihm schlagen müsse: er hätte ihn füglich einen Toren heißen können, tat er hinzu, aber ein Polisson wolle er nicht sein. Simmenthal schrieb auf ein Blatt in seinem Taschenbuche seinen Namen und Aufenthalt und übergab es stillschweigend dem Herausforderer, der sich damit entfernen wollte. Der Oberst schüttelte den Kopf: Aber, meine Herren! rief er, wozu der Krieg? Könnte man nicht auf diese Weise Frieden machen, wenn das beleidigende Wort zurückgenommen und das andere als für den damaligen Moment passend angesehen würde? Der Engländer war es zufrieden. – Nun denn, sagte Simmenthal und stand freundlich auf: So erkläre ich hiermit, daß ich diesen Herrn für keinen Polisson halte, auch nicht, wenn er es gleich auf sich nehmen wollte, für einen Toren, sondern für einen rechtlichen jungen Mann, der in einer bösen Stunde der guten Sitte vergessen. Schamröte überglühte die Wangen des Jünglings. Es ist mir Recht widerfahren, sprach er und verließ die Gesellschaft. Welch ein sonderbares Benehmen, sagte der alte Professor: Und doch ist etwas Edles darin! Dem Obersten schien das nichts Neues zu sein. – Hätten Sie sich wirklich mit dem Engländer geschlagen? fragte er Simmenthal. Warum nicht? ich schlage mich mit jedem, der mich fordert. Gott bewahre! rief der Professor und Suschen blickte erschrocken auf Gustav. Aber ich würde seiner geschont haben, fuhr er fort: Er wäre mit einer kleinen Züchtigung weggekommen. Ob er auch Ihrer geschont haben würde? fragte der Professor. Mit diesem wäre ich wohl fertig geworden, erwiderte Simmenthal, wenn er aber auch mir eines angehängt hätte, so wär's eine verdiente Büßung meiner Schlagfertigkeit gewesen, die sich jeder gefallen lassen muß. Jedoch sind meine Kämpfe niemals sehr blutig, weil ich mich nie in große Leidenschaft einlasse und in solchen Fällen meiner selbst, wie meines Degens Meister bin. Ich schlage mich daher auch, wiewohl ich gut schieße, niemals auf Pistolen, weil ich nicht gern töte. Das heißt Großmut! sagte der Professor mit einer Zögerung, als wenn er lieber Großtun gesagt hätte. Ich spreche von mir selbst wie von einem Dritten, versetzte Simmenthal mit einem ruhigen Blick auf den Professor: das tun ja die Gelehrten auch zuweilen. Übrigens sollten, fuhr er fort, meines Erachtens alle Händel durch Zweikämpfe ausgetragen werden, so würde mancher sich besser besinnen, ehe er welche anfinge, die langsame Marter des Rechtsganges würde verkürzt und ein Heer geldlustiger Sachwalter wäre außer Tätigkeit gesetzt. Auch hätte der, welcher zu kurz gekommen, auf dem Krankenlager Zeit, über die Nichtigkeit des Streites um irdische Dinge Betrachtungen anzustellen und sich zur künftigen Nachgiebigkeit gegen den Feind zu sammeln. Wahrscheinlich wäre auch der Arme von dem Reichen, der Kleine von dem Großen minder geplagt. – Freilich müßte über einen solchen Rechtsentscheid eine Ordnung festgesetzt werden, das ist aber in einem Zeitalter ein Leichtes, wo man mit Verfassungen, Ordnungen und Rechten wie mit Kegeln zu spielen versteht. Dazu, fiel der Oberst lachend ein, könnte man ja die alten Ordalien benutzen und so das gepriesene Mittelalter nicht immer nur in Worten, sondern auch in der Tat ehren. Und da, fuhr jener fort, neuere Staats- und Weltweise herausgebracht haben, daß das Recht des Stärkeren die Grundfeste der Staaten ist, warum sollte dasselbe nur unter den Oberen stattfinden und nicht auch dem Geiste des Volkes durch Gesetze und Übung angeeignet werden? Lernt man das auf deutschen Schulen? fragte verwundert der Professor. – Noch nicht förmlich, gab Gustav zur Antwort: Man lernt aber dort manches, das nicht gelehrt wird. – So wie man manches lehrt, das ebenso wenig des Lernens wert ist, tat Simmenthal dazu. Es war Zeit zum Aufbruch. Unter der Haustüre sprach der Oberst noch mit dem englischen Hofmeister, der ihm für seine Vermittlung dankte, aber erbärmlich über den unbiegsamen Sinn seiner Zöglinge klagte. Simmenthal eilte voraus, um seinen Fund auf Grünenstein anzukünden, Gustav aber ritt kleinmütig hinter dem Wagen her und kaum vermochten die Annehmlichkeiten der Landschaft, die Lichtpfade der Abendsonne auf dem offenen See und die blaue, friedliche Ferne, sein zagendes Gemüt aufzuheitern. Er liebte Clotilden, sie nun in der Schweiz und zwar so bald zu finden, hatte seine geheime Seligkeit ausgemacht, allein Simmenthals Anwesenheit in Grünenstein und dessen Bemühen um das Fräulein, wovon ihn Suschen soeben unterrichtet, war ihm jetzt eine bittere Störung und die Ursache seines Mißmuts. Zwar, das wußte er, war auch sein Bild in Clotildes Seele wie eine Blume im zarten Hauche des Frühlings bisher gewiegt und gepflegt worden, aber es gibt der Blumen viele, die den Mädchen behagen, und der Frühling ist kurz, sagte er jetzt in banger Stunde. – Nichts als die Gegenwart vermag den Zweifel der Liebe zu heben, der sich in der Abwesenheit regt; er eilte der Geliebten entgegen, und zögerte im Geiste bei jedem Schritte und suchte den Trost, den ihm die Zukunft zu versagen schien, in den Erinnerungen vergangener Jahre. Er und sie – schon als Kinder im täglichen Umgange vereint, da das Mädchen auf dem Schlosse des Oheims erzogen wurde; Lehr- und Spielgenossen, so ward ihnen gleich anfangs die Gewohnheit des Beisammenseins zum unschuldigen Bedürfnisse und ehe sie noch wußten, was Liebe sei, hatte sich das natürliche Verhältnis zwischen der männlichen Obermacht und der schmiegsamen Weiblichkeit schon unter den Kindern festgesetzt. Sie war die Vertraute seines kindlichen Strebens, er der Gegenstand ihrer Teilnahme. Von edler Art beide, trübte kein unreiner Hauch das Gedeihen ihrer Freundschaft und ihr Dasein gleitete, wie aus zwei Quellen ein lauteres Bächlein, lieblich dem Strome der Liebe entgegen. Es war zuviel Anmut in diesem Verhältnisse der Kinder, als daß der gute Oheim es hätte stören wollen. Bejahrte Leute lieben die jugendliche Eintracht, ihre Begriffe von der Liebe sind durch das Alter umgewandelt, und die Besorgnis, daß aus dem vertrauten Umgang der Kinder ausschließliche Anhänglichkeit in die folgenden Jahre übergehen möchte, ist ihnen fast fremd geworden. Beobachtung der Welt und öfters auch eigene Erfahrung hat sie gelehrt, daß alles wandelbar ist, und daß die Zeit nichts Ewiges verträgt, selbst nicht ewige Liebe und Freundschaft. – Auch Clotildens Mutter machte sich über eine bleibende Neigung der Kinder keine Sorgen, aber ihr gefiel nicht, wenn sie zu ihrem Bruder kam, welches öfters geschah, daß des Pastors wilder Knabe gleichsam den Gebieter über die einzige Sprosse ihres edlen Stammes spielte und sie ihn auf allen seinen Streifereien so willig begleitete. So wie das Mädchen ein Lamm hatte, das ihm auf allen Schritten nachfolgte, war sie das Lamm Gustavs, alle drei zogen oft stundenlang durch Wald und Gefilde, die Landleute waren ihnen freundlich und ihre Kinder spielten mit ihnen. Dies Leben konnte der Baronesse nicht gefallen, sie machte dem Obersten oftmals Vorwürfe darüber, der dann freilich das Ungezogene desselben, wie es die Schwester nannte, auch fühlte und diesen freien Wandel beschränkte so gut er konnte und solange sie da war, jedoch nach ihrer Abreise mochte er gewöhnlich das Herzeleid der Kinder über die Hemmung ihres Umgangs nicht lange ertragen und ließ ihnen bald wieder die süße Freiheit. Kurze Trennung stärkt die Liebe und so diente sie auch in solchen Fällen, die arglosen Herzen nachher nur desto näher zu vereinen. Auf diese Weise aber konnte sich kein Fräulein nach der Baronesse Geschmack bilden: Wenn das Mädchen fortfahre, meinte sie, in diesem Naturzustande, dessen Vorurteile so schwer auszutilgen seien, aufzuwachsen, welche Mühe würde man einst haben, sie für den Hof zu bilden! Das war die Sorge der Mutter, womit sie den Obersten plagte, so oft sie zu ihm kam und da dieser immer versprach und nie half und das freie Leben der Kinder beständig fortdauerte, sie auch nach Übereinkunft das Mädchen bis auf ein gewisses Alter bei dem Bruder auf dem Lande lassen mußte, wandte sie sich an den Vater Gustavs, um ihm die Ungebundenheit seines Knaben und ihr Mißfallen an der Art, wie dieser Clotilde behandelte, auf eine ernstliche Weise begreiflich zu machen. Der Pastor, der in seinem einzigen Knaben den Trost seiner alten Tage fand, hatte so wenig wie die Kleinen selbst an ihrem Umgang Anstoß genommen und bisher geglaubt, Kinder in diesem Alter würden schon recht wohlerzogen, wenn man für weiter nichts sorge, als daß sie gesund und gut blieben. Desto mehr erschrak jetzt der friedliche Mann über den Ton, den die Baronesse jetzt anstimmte und wußte zur Stunde wenig einzuwenden, welches die vornehme Frau aber auch nicht erwartete. Allein, wie sollte er zu Werke gehen? Seinen Gustav einzusperren, das war ihm nicht zuzumuten, und war er frei, so hatte er in ein paar Sprüngen sein Mädchen aufgefunden; ihm aber den Umgang mit Clotilde zu verbieten, wie hätte er die hohe Unschuld des Knaben mit irgendeinem Grunde des Verbotes behelligen dürfen, ohne sich an Gott und der heiligen Kindheit zu versündigen? – Alles also, was die Bemühungen der gnädigen Frau bewirkten war, daß der Spielraum der Kinder auf den Schloßgarten beschränkt wurde. Aber das war Gustav bald zu enge, er kletterte über die Mauer und half dem Mädchen auch hinüber, und der nachsichtige Oheim fand, es sei denn doch besser, den Kindern freien Lauf zu lassen, als daß sie den Hals brächen, und so ging es wieder wie zuvor. Kam dann zu Zeiten die Mutter, so wurde Clotilde, so gut es ging, von dem Knaben entfernt gehalten, sie mußte schöne Kleider anziehen und durfte mit der alten Hausmeisterin des Obersten nichts als französisch sprechen. Aber der naturgewohnten Blume war das Zwingbeet zuwider, sie blühte dann weniger lebendig und frisch und schien sich immer nach den freien Lüften und dem lieben Gärtner, der sie zuvor gewartet hatte, zu sehnen und der Oberst, sobald er wieder allein war, konnte ihrem Verlangen nicht entgegen sein: Die Unschuld, bemerkte er, müsse man nicht zwingen, solange sie nicht aus ihrer Bahn trete, sonst mache man sie zur Schuld und für diese sei dann erst der Zwang gut, einem bloßen Kinde schon seinen Standesvorzug begreiflich machen, heiße es prinzlich erziehen, das aber sei, wie die Erfahrung lehre, nicht immer die beste Erziehung. So verflossen die Tage der Kindheit den Glücklichen im Sonnenscheine sorgen- und schuldloser Vertraulichkeit. Auch wenn es zum Unterricht ging blieben sie ungetrennt, welches jedoch die Baronesse nicht ungern sah, denn da das feinere Mädchen schneller begriff, als der sich langsamer entwickelnde Knabe und daher alles besser konnte, so schmeichelte ihr das und sie mochte darum Gustav auch den Vorteil gönnen, daß er neben Clotilde von der Hausmeisterin Französisch lernte, wenn nur dabei der gehörige Unterschied streng beobachtet und der angemaßten Meisterschaft des Knaben über ihr Kind Einhalt getan würde. Selbst als Gustav anfing Latein zu lernen, durfte Clotilde den Stunden, die der Pastor seinem Knaben gab, beiwohnen und so gesellschaftlich mitnehmen, was ihr allein zur Qual geworden wäre und der Oheim, ein Freund der Römersprache, hatte seine Freude daran: Laß es immerhin seltsam scheinen, daß ein Mädchen Latein verstehe, sagte er zur Schwester, wenn sie es nicht zur Schau trägt, so wird sie nie bereuen, es gelernt zu haben. Unterdessen wuchsen die Kinder heran und wie die kindliche Einfalt schwand, änderte sich auch unvermerkt manches in ihrem Betragen. Die Unschuld blieb, aber sie wurden sich selbst in manchen Dingen gegenseitig unbequemer, die natürlichen Neigungen fingen an verschiedene Richtungen zu nehmen, die Aufmerksamkeit für Schicklichkeiten ward größer und die Anneigung der Gemüter weniger sichtbar aber desto inniger; es war auffallend und Clotilde fühlte es selbst, daß sie noch anderen Umganges bedürfte. Der Oheim sah das ein, und da eben einer seiner Unteroffiziere, der in der Nähe eine Zollbedienung versehen, gestorben war und ein Mädchen ungefähr von Clotildes Alter hinterlassen hatte, das er sorgend auf dem Totenbette noch seinem edel gesinnten Obersten empfohlen, so nahm er jetzt das verwaiste Mädchen, welches Suschen war, zu sich, damit es mit seiner Nichte, jedoch derselben untergeordnet, aufwuchs und lernte und zugleich eine Mittelsperson zwischen Gustav und Clotilde, gleichsam einen Ableiter ihrer gegenseitigen Anziehung abgäbe. Sie wurde daher auch gut gekleidet und beinahe Clotilden gleich gehalten. Suschen zeigte sich als ein ehrliches Kind, war durchaus anhänglich an das milde Fräulein und darum auch ihrem Gustav treu ergeben, da aber jene schon einen großen Vorsprung im Unterricht hatte, konnte Suschen sie nicht mehr einholen und lernte daher nicht eben viel, obgleich die Hausfreunde des Obersten, der Major und der Pastor, sich einige Mühe mit ihr gaben, denn wovon ihnen die Notwendigkeit nicht klar ist, das lernen Mädchen nicht gern allein. In weiblichen Arbeiten hingegen wetteiferte sie mit dem Fräulein, weil diese zu etwas, woraus sich Gustav nichts machte, auch noch keinen rechten Hang hatte. Obgleich sich die Gesellschaft der Kinder (so hießen sie bei dem Oheim noch immer) um eine Person vermehrt hatte, denn Suschen fand sich beinahe allenthalben wo Clotilde war, so wurde sie denselben doch nicht zur Last, weil sie nie absichtlich die Einsamkeit gesucht hatten und auch jetzt nicht daran dachten; der Zauber der Liebe lag zwar im Innersten ihrer Empfindungen, aber noch nicht in ihrer Erkenntnis. Gut wie Suschen war, und dem Fräulein so ganz ergeben, daß sie alles für recht hielt, was sie tat, und sich deswegen auch Gustavs Wünschen wie Befehlen unterwarf, hätte man noch zehn solcher Mädchen anstellen können, sie würden den Liebenden nicht vor den Weg getreten sein, auch wenn der Weg nicht so rein von allem Unkraut gewesen wäre. Aber auch diese glückliche Periode der zum Jünglingsalter reifenden Knabenschaft, der sprossenden Liebe und aller der empfundenen noch unenthüllten Seligkeiten, die sie einschließt, ging zu Ende. Gustav war zu höheren Lehranstalten zeitig, er wurde auf das Gymnasium der Hauptstadt geschickt und bald hernach mußte der Oheim, so weh es ihm tat, zugeben, daß auch sein liebes Kind, das Sternlein seiner Nächte, sich von ihm trennte. Denn ihres Jugendfreundes beraubt, an den die süßeste Gewohnheit und die verborgene Gewalt der Neigung sie knüpften, konnte das arme Mädchen die Leere dieser ländlichen Einsamkeit nicht lange ertragen, es fehlte ihr die Gegenwart dessen, der alles belebt hatte und Suschens Gesellschaft war ein zu kleiner Ersatz. Auch die Herzensgüte der Alten vermochte sie wohl zu rühren, aber nicht zu trösten. Man sah die Notwendigkeit ein, das zarte Gewächs in einen lebendigeren Garten und leichtere Lüfte, unter ihresgleichen, zu verpflanzen, und so wurde sie, nach dem Willen der Mutter und mit Zufriedenheit des betrübten Oheims in eine vielversprechende Bildungsanstalt für Töchter edler Herkunft in die Nähe der Stadt gebracht. Hier aber, in diesen neuen Beziehungen, sahen die jungen Leute einander wenig. Gustav lebte in einem anderen Kreise und konnte sich den hochadeligen Fräuleins nur selten nahen, überdies war er mit seinen Studien beschäftigt und Clotilde mit ihren Lehrstunden und Zerstreuungen. Begegneten sie sich zuweilen auf Spaziergängen, so war dessen Folge bei ihm ein Gefühl der Wehmut, wie die Nachempfindung eines glücklichen Traumes, weil er alsdann ihr unbefangenes Benehmen für Gleichgültigkeit ansah, noch zu wenig bekannt mit der klugen Umsichtigkeit bescheidener weiblicher Wesen; er war niedergeschlagen für denselben Abend und freute sich doch der kommenden Gelegenheit wieder. Sie aber dachte, wenn sie nach Hause ging, noch lange des blühenden Jünglings und der seelenvollen Blicke, womit er sie begleitet. – Es war indes kein Liebesverständnis unter ihnen, keine erklärte Leidenschaft, beide trieben ruhig und munter ihr Tagwerk und schliefen ein ohne zärtliche Seufzer. Gustav gewann an Wissenschaft und Clotilde an weiblicher Bildung und zur Freude ihrer Mutter an dem, was man guten Ton nennt. Unverdorbene Gemüter behalten auch unter neuen Umgebungen die Eindrücke des Herzens reiner und fester als der im Genuß erschöpfte Weltling glaubt; auch wenn jene Eindrücke zu schlummern scheinen, so gibt es irgendeinen glücklichen Zufall, dergleichen die Liebe in ihrem Gefolge so viele hat, sie wieder zur rechten Zeit zu wecken. So trug es sich meistens zu, daß, wenn Gustav über seine Ferien bei dem Vater war, auch Clotilde, die nichts davon zu wissen schien, ihren Besuch bei dem Oheim abstattete, dem sie nie zu oft kommen konnte. Dies glückliche Ungefähr (wenigstens war es keine Abrede) stimmte bald wieder alle Saiten des Herzens zu vorigem Einklang, ja die Zeit weckte neue bisher unbekannte Töne, die, stärker als die zarten Klänge der kindlichen Leier, sich mehr dem gewaltigen Rauschen der Harfe näherten. Suschen blieb auch nicht mehr lange auf dem Schlosse, sie wurde von der Baronesse in die Stadt genommen, um sich zu einem Kammermädchen für das Fräulein zu bilden. Gustav, der nicht ermangelte, von Zeit zu Zeit der gnädigen Frau seine schuldige Aufwartung zu machen, die sich gern als die Gönnerin eines hoffnungsvollen jungen Menschen ansah und es ganz wohl leiden mochte, wenn er seine alte Bekanntschaft mit Suschen unterhielt, traf auch öfters die Tochter daselbst an. Zuweilen war diese schon wieder fort wenn er kam, dann hatte sie Blumen zurückgelassen, vergessen ein Band oder sonst einige Kleinigkeiten, die ihm Suschen ohne große Weigerung abtrat und die er mit emsiger Liebe zu Hause aufbewahrte. Hatte sie dem Mädchen etwas geschenkt, einen selbstverfertigten Geldbeutel oder so was, so ruhte Gustav nicht, bis er es erhalten hatte, so daß er bald einen Schatz von Sachen, die von Clotilde herkamen, aller Sittsamkeit unbeschadet zusammenbrachte. Von ihm hingegen erhielt Suschen Zeichnungen zum Nachbilden, auch Bücher sollte er ihr, nach dem Wunsche der Baronesse zum Lesen bringen, aber nur solche, wo Sittlichkeit mit elegantem Geschmack vorgetragen wäre. Dies brachte ihn oft in Verlegenheit, denn wo es der Sittlichkeit Ernst war, pflegte meist der zierliche Geschmack zu fehlen, oder jene ertrank in den Gewässern der Eleganz, oder es waren beide zu einem langweiligen Ganzen verbunden, das weder kalt noch warm gab. Er hätte aber gern seiner Clotilde nur das Vortreffliche in die Hände gespielt, denn es war ihm, als hätte er selbst die Bücher geschrieben, die sie durch ihn zu lesen bekam. Da er eine schöne Schrift hatte, waren Suschen auch allerhand kalligraphische Denksprüche von ihm willkommen, die dann nächst dem Lobe der Tugend, welches die gnädige Frau begehrte, auch öfters von dem Werte der Freundschaft sprachen und in der Beziehung verstanden wurden, wie sie gemeint waren, indem von allem diesem das Fräulein manches auf längere oder kürzere Zeit mit sich nahm. – Und so wußte die Liebe sich auch durch Hindernisse Weg zu schaffen, die Allesbesiegende, der schon in ihrem arglosen Entstehen die Vorsichtigkeit des klugen Alters nicht fein genug ist. Aber eine bedeutendere Trennung stand den Liebenden bevor. Die Zeit war gekommen, daß Gustav die Hochschule beziehen sollte, schon war er bei seinem Vater um Abschied zu nehmen und Clotilde hatte sich beeilt, den gewohnten Besuch auf dem Schlosse des Oheims zu machen, getrieben von mächtigem Verlangen, ihn – ach für lange Zeit zum letzten Male! – da zu sehen, wo sich die Erinnerung ihrer Liebe an so viele Gegenstände knüpfte und in die ersten Jahre der stammelnden Kindheit verlor. Notwendig entschieden jetzt diese letzten Tage des Beisammenseins, was so lange schon vorbereitet war und einzig noch fehlte: das ausgesprochene Geständnis der Liebe. Im Drange des Scheidens nach so vielen Jahren eines beglückenden, ahnungsvollen Umgangs mußten endlich, wie konnte es anders sein, die aufgeregten Gefühle der zärtlichsten Neigung zu stammelnden Worten werden. Auf der letzten Wanderung, die sie noch in das Wäldchen machten, das ehemals ihre einsame Welt gewesen, saßen sie in der jetzt halbverwilderten Laube, die sie als Kinder zusammen gebaut hatten, schweigend, den Stachel der Trennung im Herzen und die unbefangene Vertraulichkeit vergangener Jahre in Gedanken. Sie fühlten beide, daß die Zeit zum Sprechen reif war, ihre ganze Seele lag auf ihrer Zunge und doch wußte keines das Wort des Anfangs zu finden, sie waren ihrer Liebe gewiß und doch wagte keines den heiligen Schleier des Geheimnisses zu heben. Werden Sie, sagte Gustav, der sich das vertrauliche Du schon lange abgewöhnt hatte ... Werden Sie, gnädiges Fräulein, sagte er mit zitternder Stimme und ergriff ihre Hand ... Werden Sie sich meiner noch erinnern, mich nicht vergessen, wenn ich ferne bin? Gustav! Mein Auserwählter! ... war ihr Gedanke, und unwillkürlich ihr Wort. – Und in dem Augenblicke, ergriffen von der Allgewalt der verschlossenen Empfindung, umschlangen sie sich in unendlicher Liebe und tauschten die Seelen im ersten glühenden Kusse. Der Bund war ausgesprochen, geschlossen für die Ewigkeit, und wie nach einem Gewittersturme die Sonne wieder mit friedlichem Glanze in die aufgestörte Natur tritt, so umfloß das Gemüt der Liebenden, entladen der höchsten Spannung, eine stille Ruhe, eine süße sorgenlose Freude an der Gegenwart. Sie waren sich einander sicher für immer und konnten nun auch ans Scheiden mit Gelassenheit, ja fast mit Verlangen, um eher wieder zusammenzukommen, denken. Sie schienen um ein paar Jahre älter geworden und empfanden doch, wie noch nie, die Fülle jugendlicher Kraft. Die Veränderung war auffallend, auch der Oberst nahm sie wahr: Es ist was unter den Kindern vorgefallen, sagte er abends zum Major, sie sind so freudig, wie ich es unmittelbar vor der Trennung nach so langer Bekanntschaft nicht erwartet hätte. Es ist gut, daß der Junge bald wegkommt, er würde nach dem Mädchen den Kopf verrücken! Wenn es nur nicht schon zu spät ist, antwortete der Major. Darüber ergrimmte der Oberst, er hatte die Wahrscheinlichkeit zwar auch gefühlt, aber er hörte sie nicht gerne aussprechen. Was zu spät! schrie er, der Bursche wird sich doch nicht einfallen lassen, verliebt zu sein? Der Sohn eines Geistlichen in meine Nichte? – Und nun brauste der Sturm, den man mußte toben lassen, bis er fertig war. Der Major konnte kaum verhüten, daß er nicht auf bloße Vermutung hin Clotilden sogleich zur Rede stellte. Über Nacht legte sich indes die Hitze: Noch ist die Sache eine bloße Mutmaßung, sagte er des Morgens, wenn sie aber auch mehr wäre, so ist das beste Mittel ja schon ergriffen, sie entfernen sich auf Jahre und werden inzwischen wohl klüger werden. Und da er ohnedies bei aller auffahrenden Reizbarkeit doch nie imstande war, einen erloschenen Zorn wieder anzufachen, so nahm er sich jetzt bloß vor, die Sache mit ruhigem Auge zu beleuchten. Als er aber die lieben Kinder wieder vor sich hatte und ihre Unbefangenheit sah, überwog sein väterliches Herz, er ließ alles gut sein, um sich und ihnen die Stunde des Abschieds nicht zu trüben. Es wurde jedoch, hauptsächlich auf Veranstaltung des Majors, nach der Stadt geschrieben, daß Clotilde bald möchte abgeholt werden und Suschen ward über manches ausgeforscht, allein Suschen sagte weniger als sonst und als sie wußte, denn die Rolle, die sie lange schon in diesem Liebesspiel hatte, beschäftigte sie zu gefällig, als daß sie ihr hätte untreu werden wollen. Das Mädchen warnte vielmehr die Liebenden und wußte, was dem Fortgang der Liebe behilflich war ohne es je gelernt zu haben, an das, was die Dankbarkeit gegen die gnädige Herrschaft allenfalls wider solche Verheimlichungen erinnern könnte, dachte Suschen nur leise, weil die Neigung zu ihrer Gebieterin so laut sprach. Mädchen, sagte einst der Oberst, haben das Privilegium, da wo sich Empfindung von einer schönen Seite zeigt, die Überlegung schweigen zu lassen. Er sprach's und Suschen tat's, die Rede rächte sich an ihm selbst. Clotilde fuhr in die Stadt zurück, sie ging ohne große Mühe, ihre ganze Seele war der Gegenwart voll und sicher in dem klaren, alle Besorgnisse vergessenden Erwachen neuer, lange verschlossener Gefühle. Sie stand auf der Höhe der Unschuld, ohne dahin zu schauen, wo es auf der andern Seite hinunter geht, sie pflückte noch arglos die schmeichelnden Blumen, die unter ihren Tritten in Fülle sproßten, sie pflückte und lebte für Gustav, der ihr immer vor Augen stand. Er selbst bereitete sich rüstig zur Abreise, schaute aber mit mehr Mißtrauen in das Dunkel der Zukunft, als die weibliche Seele. Der Oberst gab ihm Geschenke, der Vater seinen Segen, alle sahen ihn ungern scheiden, weil er allen lieb war; sein Herz ließ er bei Clotilde, den Kopf hätte er gerne mitgenommen, wenn sich diese Bestandteile des Menschen so leicht trennen als benennen ließen. Auf der Universität war Gustav fleißig und blieb gesittet, daher lebte auch die erste Liebe lauter und rein in ihm fort. Eine Freundin von Suschen hatte einen Bruder auf ebenderselben Schule, dieses Mittel benutzte das Mädchen, dem Freunde ihres Fräuleins unter einem unbedeutenden Vorwande, womit die Klugheit immer den Anfang macht, zu schreiben. Die Antwort blieb nicht aus, und auf diesem Wege erhielt Gustav von Zeit zu Zeit Nachricht von dem, was ihm zu wissen teuer war und teilte hinwiederum von seinem Leben das Erfreuliche mit. Jedoch von dem Fräulein selbst konnte er nie eine förmliche Zuschrift erhalten, so sehr er darnach strebte; so schwer sie die Zurückhaltung ankam, sie tat es nicht. Nicht nur blieb sie fest auf dem Pfad reiner Gesinnung, sondern sie fing auch an, von der Höhe herab, wohin die Liebe sie gestellt hatte, klarer in die Tiefen des Lebens zu schauen und zu fühlen, daß sie das Gewand der Schicklichkeit, welches die Welt auch um die menschlichsten Handlungen zu werfen gebietet, um keinen Preis von sich legen dürfe. Alles was sie tat war, Suschens Briefen zuweilen den beziehlichen Vers eines Dichters oder eine bloß mit der Seitenzahl bezeichnete Hinweisung auf ein Buch beizufügen, Stellen die freilich deutlich genug sprachen. Das konnte sie denn doch nicht lassen und auf diese Weise nährte sich und wuchs die Liebe, ohne daß sie einander sahen. Über zwei Jahre waren so hingeschwunden und Gustavs gelehrte Zeit ging zu Ende. Er war zum kräftigen Jüngling gereift, gesund und froh, aber nicht ohne wachsende Besorgnis für seine Liebe, weil seine Geburt mit dem Stande des Fräuleins verglichen ihm immer mehr Schwierigkeiten zeigen mußte. Clotilde, nunmehr in den Gesellschaften der Residenz gebildet, hatte nach und nach die ländlichen Sitten mit den feineren der Stadt vertauscht, ihren Verstand erweitert und dennoch die Güte eines edlen Herzens beibehalten und Würde mit jungfräulicher Einfalt zu paaren gewußt, so daß sie jetzt als eines der vorzüglichsten Wesen der Hauptstadt galt. Nun kam die Zeit, daß der von seiner lieben Jugend verlassene, seither verstimmt und grämlich gewordene Oberst, es in seiner podagrischen Einsamkeit nicht mehr aushalten mochte und die Reise nach der Schweiz vornahm mit Clotilde und Suschen. Natürlich erfuhr dies Gustav bald, er suchte jetzt auch seinen Aufenthalt desto schneller abzukürzen und wußte vom liebenden Vater die Erlaubnis zum Reisen und mit der Schweiz den Anfang zu machen, ohne Mühe zu erhalten. – Und so trafen die beiden edeln, treuen, zwar durch ihren Stand getrennten, aber durch die mächtigere Natur von Kindheit an vereinigten Seelen wieder zusammen im Rheintal, am Fuße der fernhin glänzenden Alpen des fröhlichen Appenzellerlandes. Clotilde und ihre Freundin sahen von der Anhöhe bei Grünenstein, wohin sie der Prediger abends spazieren geführt hatte, in der Ferne einen Mann zu Pferde, der immer stärker eilte, je näher er kam und endlich gegen sie mit dem Schnupftuch wie frohlockend winkte. Es ist Simmenthal, der uns gute Botschaft bringt, sagte die Schweizerin, er hat uns erkannt. – Sie eilten in den Schloßhof hinunter, wo er auch bald hernach hineinsprengte. Gefunden! rief er. Wo sind sie? Sie kommen. – Mehr brauchte der Prediger nicht zu hören, um schnellen Fußes an die Landstraße den Ersehnten entgegen zu eilen. Man sah jetzt auch wirklich einen Reisewagen heranrücken, und endlich gegen das Schloß einlenken. Große Freude war unter den Freundinnen; ja sie meinten sogar Simmenthal Dank schuldig zu sein, priesen sein Geschick und nannten ihn einen glücklichen Menschen. Wer ist denn der Reiter, der so verloren hintennach kommt wie ein Verliebter? fragte Clotilde. Es ist Gustav, antwortete Simmenthal, ein Freund von Ihrem Hause, den der Oberst in Schaffhausen getroffen. Verliebt mag er wohl sein, setzte er lose hinzu, denn er hatte unterwegs immer was mit Mamsell Suschen zu flüstern, der Bräutigam mag sich in acht nehmen, es ist ein hübscher Junge. Schäme dich, Leichtfertiger! zürnte die Schweizerin. Clotilde aber hatte von allem dem nichts gehört als den Namen des Geliebten, da glühte ihr Gesicht von schnellem Erröten und ward plötzlich wieder im Schrecken der unaussprechlichen Überraschung blaß; zum Glück fuhren die Kommenden heran, sie verbarg ihre Verwirrung in der Eile der Annäherung. Gleichwohl war ihre Bewegung dem hellen Auge Simmenthals nicht entgangen, und hierdurch aufmerksam gemacht, blieb es ihm auch nicht verborgen, wie sie schon in der ersten Freude über die Wiedergefundenen, ja selbst während des Oheims Gruß, sich gleichsam unwillkürlich nach Gustav umsah und als dieser sich bescheiden nähernd ihr die Hand küssen wollte und der Oberst in überströmender Gutmütigkeit ausrief: So umarme doch die Gespielin deiner Kindheit! sagte Simmenthal kalt zu seiner Base: Ihr habt mich heute einen glücklichen Menschen geheißen, ich habe in der Tat mehr gefunden als ich suchte, dennoch hatten die Alten recht: Vor dem Tode ist niemand glückselig! – Und mit diesen Worten entfernte er sich; die Schweizerin aber, die nicht wie er gesehen hatte, verstand ihn nicht und achtete bei dem Gewirre der allgemeinen Begrüßung sein Weggehen wenig. Aber wer will die Wonne des Predigers beschreiben, als er seine so lange vermißte Braut wieder in den Armen hatte, voll Huld und Anmut mehr als jemals? Er hätte sie gern alles auf einmal gefragt, ihr alles auf einmal erzählt, und konnte eben deshalb nicht recht zum Sprechen noch zum Hören kommen, weil sich seine Vorstellungen drängten, wie lebendiges Wasser aus einer sprudelnden Quelle. Ebenso gerne hätte er sie noch an demselben Abend zu seiner neuen Pfarrbehausung, die beinahe völlig fertig war, hingeführt, um ihr alle die gelungenen Anordnungen, wovon seine Briefe gesprochen, nunmehr in gefälliger Wirklichkeit vorzuweisen, denn seine Einbildung beflügelte jetzt die Idee von seinem doppelten Glücke das ihm sein Beruf und die Liebe bereitete. Aber Suschen fand bei allem Liebesgehorsam, daß es damit doch noch Zeit habe bis morgen; jetzt war sie müde von der Reise und wollte sich heute noch im Schlosse einordnen. Auch da hatte sein zärtliches Herz gesorgt, sie war wirklich überrascht als der Bräutigam, der während des Obersten Abwesenheit alles im Hause auf das sorgfältigste und zur Zufriedenheit Clotildens eingerichtet hatte, sie in ein niedliches, mit Schweizerprospekten und Frauenzimmerschriften ausgeziertes oberes Stübchen führte, das, wovon er ein großer Liebhaber war, eine schöne Aussicht gewährte und für sie bis zur Hochzeit bestimmt sein sollte. Da auch noch die Chanoinesse nebst dem deutschen Arzt und wahrscheinlich der Hauptmann von Appenzell mit seinem Töchterchen erwartet wurde, so mußte der Platz zu Rate gehalten werden und man wollte deswegen für Gustav ein Bett in dem geräumigen Zimmer, das Simmenthal innehatte aufschlagen, allein er bedankte sich dessen und bestand zu einigem Befremden darauf, bei dem Prediger zu wohnen, der seine alte Wohnung auch willig mit ihm teilte. Jedermann suchte sich nun Zeit und Raum so bequem als möglich zu machen, und nichts hörte der Oberst lieber, als wenn man sich vornahm, diesen kurzen Aufenthalt in dem lieblichen Rheintal in fröhlicher Eintracht, wie ein tägliches Fest zuzubringen. – Wo ist, sagte er gleich morgenden Tages beim Frühmahle auf der Zinne des Schlosses: wo ist das Glück des Lebens? Wer es mit Mühe sucht, der findet es nicht, man muß es schon als gefunden annehmen, was kann uns hindern, meine Lieben, dies zu tun, solange wir noch hier sind, die Gelegenheit zu ergreifen und in teilnehmender Freundschaft uns sorgenlosem Lebensgenusse hinzugeben nach dem Maße der Weisheit, die in uns ist? Laßt uns wenigstens den Versuch machen! Den jungen Leuten war der Versuch recht, die beiden Freundinnen küßten sich und rückten gemütlich näher gegen Gustav hin, der Prediger und seine Verlobte hatten keine Aufforderung nötig, und der Professor stand lächelnd auf und stopfte sich eine Pfeife um, wie er sagte, mit dem seligen Leben den Anfang zu machen. Aber schon gestern abend hatte man Simmenthal vermißt, jedoch, da man seine Launen kannte, keiner Besorgnis Platz gegeben. Jetzt fehlte er beim Mittagessen wieder, das brachte schon eine Zögerung in des Obersten Freudenplan, denn er hatte viel auf seinen humoristischen Frohsinn gezählt und mochte ihn gern jederzeit um sich haben. Als er aber auch des Abends nicht zu sehen war, fing man an es unbegreiflich zu finden und die Munterkeit litt darunter. Nun erinnerte sich die besorgte Schweizerin in der Nacht der Worte, die Simmenthal vor seiner Entfernung zu ihr gesprochen, das machte sie unruhig, sie eilte des Morgens auf sein Zimmer und fand da folgende Verse an die Türe geheftet: Trost Suchst du Freiheit, suchst du Friede, Werde nicht des Suchens müde; Endlich hast du doch die Freude, Kommt der Tod, zu finden beide! Erschrocken lief sie damit zu dem Obersten, dem die Sache auch nicht recht gefiel. Der Teufel hol' alle diese eigenen Köpfe, immer bringen sie Störung! rief er im ersten Unmut und hielt dann Rat mit den Freunden, was zu tun wäre? Warten, bis er wieder kommt, sagte der alte Professor. – Das dünkte die Schweizerin hart, sie fing an zu weinen. Der Prediger hingegen, mit dem Simmenthal kürzlich über den willkürlichen Ausgang aus dem Leben gestritten hatte, sah die Sache bedenklicher an und gab, durch Gebärden mehr noch als durch Worte, zu verstehen, daß man für die Folgen allzufreier Grundsätze nie Gewähr leisten könne. – Das dünkte die Schweizerin bedenklich, sie fing an zu jammern. Der Oberst tröstete sie und verwies dem Prediger seine Ängstlichkeit, indem man sich ja Gründe genug für das Leben, aber keine für den Tod bei Simmenthal denken könne. Gustav war bemüht den Eindruck zu beobachten, den dies Ereignis auf Clotilden mache, sie sagte aber gar nichts, nur ihre Miene drückte Besorgnis aus. Diese zu heben, und weil er Simmenthals Weise schon kannte, äußerte er sich, sein plötzliches Verschwinden möge wohl nur die Folge einer Grille sein, die ihm in den Kopf gestiegen, wahrscheinlich werde er bald wiederkommen oder schreiben, wenn es indes die Gesellschaft beruhigen könne, so sei er bereit, auf Erkundigung auszugehen. Dies Anerbieten wurde mit Dank aufgenommen, infolgedessen ließ der Oberst sein Pferd satteln und nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, daß Simmenthal auf der Appenzellerstraße gesehen worden, schlug Gustav auch diesen Weg ein. Die Chanoinesse, die während der warmen, ihrem Nervengebäude so wohltätigen Jahreszeit berühmte Männer und Gegenden in der Schweiz aufgesucht hatte und nunmehr den deutschen Arzt, als ihren erprobten Reisefreund, beständig mit sich führte, ließ nun auch ihre nahe Ankunft auf Grünenstein wissen. Das war dem Obersten nicht unlieb, denn bei aller Verschiedenheit der Denkart behagte ihm doch ihr Weltton, ihr Verstand und ihr tätiges Wissen. Auch der Arzt war ihm sehr willkommen, er ehrte seine Kunst, wenn er ihm nur nicht wieder von seiner Wissenschaft sprach; zwar hatte er sich seitdem über dessen Naturphilosophie in nähere Kenntnis zu setzen gesucht, doch deutlich konnte ihm die Lehre bisher niemand machen: Mein Scharfsinn reicht nicht hin, sprach er, soviel seh' ich wohl, es ist die alte Natur in ein neues mystisches Gewand verhüllt, aber mich deucht immer, man bete nunmehr die Hülle statt der Göttin an. Den Kommenden wurde Platz im Schloß bereitet, wo man sie jetzt täglich erwartete. So geschah es an einem der ersten Tage, als man sich eben zu Tische setzen wollte, daß eine Kutsche in den Hof rollte: Das ist die Chanoinesse, hieß es. Der Prediger eilte hinab, die Gäste zu empfangen und trat bald darauf mit einem schaubaren, etwas altväterisch geschmückten Frauenzimmer in den Saal. Suschen ging ihr sogleich entgegen, und der Professor trat drei Schritte zurück, es war die Frau Amtsrätin, des Predigers Tante. Sie wurde wie billig zu Tische geladen und fing dann sogleich, wahrscheinlich um sich durch Rede in Achtung zu setzen, ein Weites und ein Breites von sich und ihrer Reisegeschichte zu sprechen an, und als sie endlich damit bis nach Grünenstein gekommen, äußerte sie sich, da sie in der Pfarrwohnung erfahren, daß ein junger Herr, der zur Gesellschaft gehöre, ihren Platz daselbst eingenommen habe, so möchte sie ihn nicht vertreiben, hingegen den gnädigen Herrn ersuchen, ihr unterweilen ein Plätzchen im Schloß einzuräumen. Die mag ich nicht! dachte der Oberst sichtbar, sagte es aber doch nicht völlig heraus, weil er sich Suschens erbarmte, die ihn kläglich ansah. Das wird sich schon machen lassen, fiel Clotilde freundlich ein. Weiter erzählte die Tante, sie habe, da sie wisse, daß die beiden Fräulein Verse machen, eine junge Base als Gesellschafterin mitgenommen, die eine große Liebhaberin der Dichtkunst und Verfasserin einer Reisebeschreibung sei, die im vorjährigen Taschenkalender gedruckt erschienen. Gedruckt! – Das flößte doch den Freundinnen, die es noch nicht so weit gebracht hatten, Respekt ein. Sie sei jetzt gekommen, fuhr die Frau Amtsrätin fort, dem Prediger bei den Anstalten zur Hochzeit und den Einrichtungen des neuen Pfarrhauses beizustehen, und nachher werde es wohl der jungen Frau recht sein, wenn sie auch im Anfange der Haushaltung eine sichere Hilfe an ihr habe, weil dieses Geschäft angehenden Eheleuten gar zu mühsam und ungewohnt vorkomme. Junge Leute müssen sich selbst helfen, sagte der alte Professor, der Suschens Bestürzung und des Predigers Verlegenheit bemerkte, Mißgriff und Irrtum helfen ihnen, wenn sie dabei nur den guten Willen behalten, sicherer zur Klugheit, als fortdauernde fremde Leitung. Besonders ungebetene, äußerte der Oberst halblaut. Hätte ich sie doch nie kommen lassen! seufzte still der Prediger. Nun war es aber an den Alten; die Sprecherei der Tante hatte ihren Zweck völlig verfehlt. Wer auf eigenen Füßen stehen will, muß dem Gängelband entsagen, wer in die Ehe tritt, soll wissen, was darin zu tun ist, sagte der Oberst, und dazu hilft nur die eigene Erfahrung. Der Mann muß erwerben und die Frau mit dem Erworbenen sparsam haushalten, das ist die ganze Kunst. Sind sie vernünftig und eins, so lernen es die Eheleute von selbst, und sind sie schwach, so verlassen sie sich auf den Beistand und werden nachlässig und auf Nebensachen bedacht. Und seien sie auch wie sie wollen, so taugen zwei Herrinnen nicht lange in einem Hauswesen, es gibt zuletzt immer Händel. Das wissen auch unsere Bürgersleute recht gut, tat der Professor hinzu. Es ist ein seltener Fall, daß eine Sohnsfrau lange mit der Schwiegermutter hause. Seht doch einmal wieder die Kundigen! rief die Schweizerin, um dem Gespräche, das die Tante allzusichtlich von ihrem angenommenen Ton herabstimmte, eine andere Wendung zu geben. Seht einmal, man sollte denken, die Herren hätten ein langes Leben in der Ehe zugebracht! Weder ein langes noch ein langweiliges, versetzte der Oberst und stand auf. Wissen Sie aber nicht, meine Teure, daß der Zuschauer oft das Stück besser beurteilt als der Schauspieler? Er ging in den Garten, wo man den Kaffee trinken wollte. Wir sind hart gegen die Frau Amtsrätin gewesen, sagte er da zu seinem Freunde. Sie mußte, antwortete dieser, auf den Weg der Selbsterkenntnis geführt werden, damit sie das neue Paar nicht plage, wer hätte es aber in diesem Falle tun können, als wir? Und was anderes hätte hier geholfen, als ein derbes Wort zur rechten Zeit, gleich anfangs, ehe die Anmaßung noch Platz gewonnen. Es tut mir gleichwohl leid, daß es unter meinem Dache geschehen, erwiderte der Oberst. – Aber, mein Himmel! was wird aus unserem geträumten Götterleben, aus unserem seligen Nichtstun werden, wenn das so fortgeht? Erst verlieren wir den trefflichen Simmenthal und kriegen dann diese gemeine Frau auf den Hals und sind noch in den ersten Tagen der zwei Monate, die eine günstige Schickung uns gewähren sollte! Das soll uns nicht stören, antwortete der Professor: Herr von Simmenthal kann wieder kommen und die Tante mag gehen. Übrigens ist es nichts Neues, daß dergleichen Anstalten zu glücklichen Tagen nicht gelingen, auch wenn man alle äußerlichen Mittel dazu bei der Hand hat und selbst nichts anderes will, als unschuldiges Wohlleben, wer wäre sonst glücklicher als die Reichen? Ein Leben herrlich und in Freuden, daran scheint der Himmel kein großes Wohlgefallen zu haben; auch wenn er es etwa einem beschert, so kommt der gewöhnlich unvermerkt und ungesucht dazu, für eine Zeit lang, meist nach vorhergegangenen Entbehrungen und mag sich wohl hüten, es nicht als Zweck des Daseins aufzustellen. Das will ich auch nicht, ich will kein Schlaraffenleben, sagte der Oberst etwas empfindlich. Ich suche nur in heiterer Unterhaltung mit frohgesinnten Freunden über den Strom der Zeit sanft hinzugleiten, ist das etwas Böses? Das weiß ich wohl, daß man das Glück nicht mit Geld und Gut zu einer Festung machen kann, der kein Feind etwas anhebt; aber einen Waffenstillstand mit der Widerwärtigkeit, nur für zwei Monate, hätte ich doch erhältlich geglaubt. Glaubt man, versetzte der Professor, sich auch vor dem Feinde von außen bewahrt, so erhebt sich oft Meuterei von innen, und ist der Mensch vor sich selbst nicht sicher, wer wird ihm den Frieden von andern verbürgen? Wohlan, rief der Oberst, kann man nicht auf Monate zählen ... Nicht auf Wochen, unterbrach ihn der Professor. So laßt uns in den Tag hinein leben, fröhlich, harmlos und ohne vorgreifende Pläne, wie der Vogel auf dem Zweige, das soll mir niemand wehren! Da halte ich mit in Freud und Leid, sagte jener, es ist das einzige wahre Leben. Hat so jeder Tag seine Plage, so hat auch jeder seine Lust, und aus diesen Tagen werden dann schnell Wochen und Monate, wo am Ende eine größere Summe der Freude sich ergibt als des Leides, weil das Böse in gesunder Erinnerung weniger haftet als das Gute. Es sei so! erwiderte der Oberst. Und was die Sonne des Tages bringt, das stellen wir abends in das Mondenlicht der Betrachtung, denn erst durch sie erhalten die Ereignisse ihre Bedeutung und der Mensch seinen Standpunkt über die Ereignisse, sie ist ein wohltätiger Spiegel des Lebens, sofern wir ihn nicht selbst durch giftigen Hauch trüben. – Wenn wir erst nur Simmenthal wieder hätten, fuhr er fort, er hat eine eigene Brille, mit der er in die Welt schaut, die sich gerade jetzt zu unserem Lebensversuche schicken würde. Der Professor lächelte, Lebensversuche in unseren Jahren! Gut, daß es niemand hört; sind wir nicht alte Kinder? Wir sollen es sein! war die Antwort. Wir müssen streben und proben, solange wir leben, sobald der Mensch sein Hauptgut der Untätigkeit weiht, wird er unnütz und bankbrüchig vor der Zeit, das heißt, vor dem Tode, wo wir freilich alle so zum Vorschein kommen werden. Leider! sagte der Professor. Aber dann doch, fügte er nach einer Pause hinzu, in die Hände eines Gläubigers fallen, der mitleidig ist und sich gern auf Vergleich einläßt, weil er selbst unser Unvermögen auf sich genommen. Wir enden wieder einmal ernsthaft, was wir scherzend begonnen, sprach lächelnd der Oberst. – Und die beiden Alten verloren sich im Schatten der Bäume. Clotildens Angelegenheit war es nun, den Oheim von der Frau Amtsrätin zu befreien; dazu war kein anderes Mittel, als ihr Gustavs Wohnung bei dem Prediger einzuräumen und ihn dagegen im Schloß unterzubringen. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall, wer wollte nicht lieber den Jüngling in der Nähe haben, als jene Frau? Sie selbst schien so etwas zu empfinden, denn sie war zu allem sehr bereitwillig. Das Fräulein begab sich demnach mit Suschen in des Predigers Wohnhaus um den ihr angelegentlichen Austausch zu beschleunigen, sie wollte sogar selbst Hand ans Werk legen, damit es desto geschwinder gehe. Allein, die rührenden Erinnerungen, die in ihr erwachten, als sie sich so mitten unter den Sachen des Abwesenden befand, waren zu mächtig, sie warf sich auf einen Stuhl und ließ Suschen machen. Kaum aber hatte diese angefangen, so trat Gustav selbst herein, der von seiner Entdeckungsreise zurückkam und sich nur geschwind umkleiden wollte, um Bericht von seinen Verrichtungen im Schloß abzulegen. Welch eine beglückende Erscheinung, Clotilden auf seinem Zimmer zu finden! – Sie aber, die seine Rückkehr noch gar nicht vermutet hatte, setzte der Zufall in eine ungewöhnliche Verlegenheit, denn was sollte er von ihr denken? Mußte es nicht eine unwürdige Neugier erscheinen oder sonst ein Mangel an Betragen, da er ihren Beweggrund nicht kennen konnte? – Suschen erklärte ihm zwar alles, er hörte aber gar nicht darauf, sondern freute sich nur der Erscheinung. Das Fräulein selbst wollte sich entschuldigen. Was gehen mich die Beweggründe Clotildens an, unterbrach er sie, sie können nie unedel sein! Ihre Gegenwart ist alles, was ich jetzt zu fassen vermag. Clotilde war zu sehr überrascht, vor ihr das blühende Gesicht des Geliebten und in ihr das Gefühl, einen unvorsichtigen Schritt getan zu haben. Ihre Knie wankten, sein Arm hielt sie. Sammeln Sie sich einen Augenblick, gnädiges Fräulein, sagte Suschen und verließ das Zimmer. Clotilde wollte ihr folgen. Ich bin verlassen, wenn Sie gehen! rief Gustav. – Sie vermochte es nicht. Unbeschreiblich waren nun die Momente der Liebenden in dem schnellen Annähern und Erfassen der ehemaligen Verhältnisse. Welche süße Wonne stets bewahrter Treue, welch ein lautes und geheimes Wohlgefallen an gewonnener Bildung, welche Erinnerungen nach so langer Zeit, nach so langer Trennung! Augenblicke und Jahre, ein Dasein außer der Zeit und über der Welt. Suschen war inzwischen mit der Tante und der jungen Base, die nachgekommen waren, um Besitz von Gustavs Zimmer zu nehmen, nach dem neuen Pfarrhause hingegangen, ihnen die Herrlichkeiten ihres künftigen Wohnsitzes zu weisen, sie war höchst vergnügt, dem Anscheine nach einzig über diese Unterhaltung, im Grund aber mehr noch über jene, die sie jetzt den beiden Liebenden, denen sie so treu anhing, verschafft hatte. – Allein bei ihrer Zurückkunft fand sie noch alles im vorigen Stande, das Zimmer nicht ausgeräumt, Gustav noch im Reisegewand und doch war es hohe Zeit zur Wiederkehr ins Schloß, weil daselbst Gesellschaft erwartet wurde und der Oheim sehr pünktlich war. Sie zog das Fräulein mit sich und ermahnte Gustav, sein Zimmer zu leeren und schleunigst nachzukommen. Die Schnellfüßigen waren bald in Grünenstein, wo der Oberst vor der Tür im Schatten saß, und schon von weitem Ungeduld über ihr langes Ausbleiben zeigte. Entschuldigt euch nur nicht mit euren Entschuldigungen, rief er, als sie näher kamen, ich weiß sie schon lange! Wie kommt es doch, wandte er sich zum Prediger, daß die Weiber kein Maß der Zeit ... Aber Suschen fiel behende mit der Nachricht ein, daß Gustav bald nachkommen werde. Hat er Kunde von Simmenthal? rief nun der Oberst. Da stockte aber die Antwort. Suschen in der Beglaubigung, das Fräulein werde es wissen, schwieg und das Fräulein schwieg auch, weil sie nichts wußte, denn zwischen ihr und Gustav war von Simmenthal gar nicht die Rede gewesen, beim ersten Blick und Wort der Liebe war aller Gram des Mißtrauens aus Gustavs Herzen verschwunden, beide hatten ihn und die übrige Welt vergessen. Die Gesellschaft deutete das Schweigen auf schlimme Botschaft und der Schweizerin kamen Tränen in die Augen. – Er hat uns nichts gesagt, hob endlich Suschen an, aber soviel kann ich versichern, daß auf seinem Gesichte mehr Zufriedenheit als Unmut zu lesen war, wahrscheinlich will er den guten Bericht selbst bringen. Der Oberst schüttelte den Kopf. – Ehe man aber weiteren Mutmaßungen Raum geben konnte, sah man den Berichterstatter wirklich kommen, worauf sich Clotilde entfernte und Gustav folgendes erzählte: In Gais habe er bald in Erfahrung gebracht, daß ein Fußgänger, dessen Beschreibung ganz auf Simmenthal paßte, daselbst übernachtet und mit Tagesanbruch den Weg nach St. Gallen eingeschlagen habe; demzufolge sei er denselben Abend noch dorthin geritten, wo er aber aller Nachfrage ungeachtet nichts habe ausfindig machen können. Des Landes unkundig habe er angestanden, wohin er sich nun wenden sollte; zum Glück sei ihm der Bankier des gnädigen Herrn eingefallen, bei dem er sich Rat holen könnte. Dieser habe ihn nach Herisau gewiesen und ihm des folgenden Tags seinen Sohn dahin zum Begleit gegeben. Als aber auch da nichts von dem Freunde zu vernehmen gewesen, haben sie schließen müssen, er sei noch nicht aus dem Lande Appenzell herausgekommen und werde sich wohl im Gebirge aufhalten, weswegen sie sich nach dem Hauptflecken begeben, wo man ihm sogleich sagen konnte, daß ein Reisender, Simmenthals Beschreibung entsprechend, vorgestern angekommen, sogleich auf die benachbarten Höhen gestiegen und mit dem Vorhaben zurückgekommen sei, auch die Schneegebirge zu besuchen; allein ein Fremder, der unterdessen angelangt, müsse ihn davon abwendig gemacht haben. Anfänglich habe es geschienen, als wenn er mit dem Fremden Verdruß hätte, wovon aber die Wirtsleute, weil nur französisch gesprochen wurde, nichts verstanden, jedoch als ein von Simmenthal gekannter Hauptmann aus dem Flecken dazugekommen, sei alles wieder ruhig geworden und früh am folgenden Tag haben die beiden Fremden und der Hauptmann mit ihnen friedlich den nächsten Weg zu Pferde nach dem Rheintal genommen. – Nach diesem, endigte Gustav, habe er kein weiteres Nachforschen mehr für nötig erachtet, in der Meinung, Simmenthal werde vor ihm wieder in Grünenstein sein. Diese Nachricht beruhigte die Gesellschaft, da sie sich jetzt überzeugte, es sei bloß ein seltsamer Einfall und kein gewaltsamer Entschluß, was Simmenthal zu dieser plötzlichen Entfernung bewogen. Niemand war froher als die Schweizerin, sie lachte nun selbst ihrer Besorgnisse, hüpfte und sprang, als wenn der liebe Vetter für immer geborgen wäre und Clotilde, die sich auch wieder genähert hatte, nahm an ihrer Freude Anteil. Gottlob! sprach der seelsorgende Prediger, und Gott sei Dank! hallte es andächtig von der Braut zurück. Mir ist lieb, daß der Hauptmann dabei ist, bemerkte der Professor. – Mir auch, sagte der Oberst: Aber warum ist er noch nicht da? Tags darauf langte nun auch die Chanoinesse an, aber sie kam allein und als nach dem deutschen Arzt gefragt wurde, gab sie mit anscheinender Gleichgültigkeit zur Antwort, er halte sich in der Nähe von Feldkirch auf, wo er einen Kranken pflege, der ihm von einem Freunde empfohlen worden. Man hätte das gut sein lassen, allein ihre Kammerjungfer hatte sich nicht enthalten können, dem Bernermädchen Clotildens in der ersten Stunde der Bekanntschaft, um sich bei ihr in Vertrauen zu setzen, ins Ohr zu sagen, daß der Arzt einen Engländer besorge, der von einem Berner Offizier im Duell verwundet worden. Damit war das Feuer im Dach, wie hätte das Bernermädchen gleichgültig sein können? Sie trug den Druck des Geheimnisses zeigbar auf der Miene so lange, bis das Fräulein sie um die Ursache fragte. Kaum hatte diese den Umstand vernommen, erhielt zwar das Mädchen strengen Befehl, nichts vor der Schweizerin merken zu lassen, sie aber beeilte sich, für ihre Unruhe in Gustavs männlichem Mute Trost zu suchen; selbst beunruhigt fand dieser für gut, sich mit dem Professor zu besprechen und beide kamen überein, daß Gustav sich unverzüglich in das nahe Feldkirch begebe um zu sehen, was an der Sache wäre; mittlerweile sollte alles geheim gehalten, der Oberst nicht vor der Zeit beunruhigt und selbst die Chanoinesse nicht darüber befragt werden, um sie nicht unnötigerweise gegen ihre Jungfer zu reizen. Allein, wenn in einem Hause fünf Personen, worunter drei vom mitteilsamen Geschlechte, ein Geheimnis mit sich herumtragen, so ist kaum zu vermeiden, daß es nicht auf irgendeine Weise verlaute. So oft der Oberst von seinem lieben Simmenthal sprach und sich wunderte, wo er bleibe, erhielt er nur halbe Antwort, das Bernermädchen, von der Schweizerin über ihre düstere Miene zur Rede gestellt, schwieg bedenklich und die scharfsichtige Chanoinesse merkte bald, daß man ihr aus ihrem eigenen Geheimnis ein Geheimnis mache; kurz, es kam, noch ehe ein Tag um war heraus, daß sich Simmenthal mit einem Engländer geschlagen habe, der nun unter den Händen des deutschen Arztes in Feldkirch liege. Die Bestürzung war jetzt allgemein, und Gustav wollte sogleich mit einmütiger Zustimmung sich an den Ort hinbegeben, als er folgendes Schreiben von Simmenthal erhielt: Konstanz, im August Der Mensch hat oftmals Ahnungen und spricht sie aus, ohne sich ihrer bewußt zu sein, so ging es mir, als ich Dich so unvermutet in Rorschach erblickte und vernahm, daß Du nach Grünenstein zieltest. Wie eine Wolke, die, vor die Sonne tretend, mich in Schatten stellte, kamst Du mir vor, ich achtete aber nicht darauf. Laß Dich nicht gelüsten, rief ich zwar im Scherze, doch konnte ich eine unbestimmte mißtönige Empfindung in Deiner sonst so einklingenden Gegenwart nicht loswerden und wußte nicht warum. In Grünenstein aber wurde es mir nur zu bald klar, ein guter oder ein böser Geist muß mir die Augen geöffnet haben. Was niemand merkte, sah ich mit Gewißheit schon in der ersten Begegnung, ja vorher in ihrem Erblassen, als sie des Kommenden Namen hörte. Du, Du bist der Auserwählte Clotildens und ich, der ich Hoffnung hatte, dem der Oheim so günstig und sie nicht abgeneigt schien, fand mich plötzlich hintangesetzt, unbeachtet –, vernichtet möcht ich sagen, wenn ich es nicht einem Manne zur Schande rechnete, dies Wort, und wär's auch in der schmerzlichen Empfindung getäuschter Liebe, von sich selbst zu brauchen. Wie hätte ich aber zusehen, wie es ertragen können, wenn ihr seelenvoller Blick in Freud und Leid immer auf Dich abgleitet, nur Dich sieht und denkt, wie ich ach! so deutlich und mit all der Schmerzlichkeit wahrnahm, als wenn ich Euch schon monatelang beobachtet hätte. Ein schneller Entschluß war da der beste, ich mußte fort, fort auf lange Zeit. Hättest Du allein geliebt, hätte ich nicht auch ihre tiefe Leidenschaft gesehen, so wäre ich geblieben und würde es mit Dir aufgenommen haben, allein sie liebt Dich und nur Dich, und diese Liebe, die ihrige, ist es, die ich nicht stören wollte, kann man nicht glücklich, so soll man doch gut sein! – Sie ist Dein, das sah ich, sie gehört Dir; nimm sie, Du Glückseliger! Vielleicht verdienst Du sie besser als ich, Du warst immer ein rühmlicher Junge und ich will Dein Freund bleiben, wenn Du gleich die Blume meiner Hoffnung gepflückt hast. Wirklich glaube ich Dir schon einen Freundschaftsdienst erwiesen zu haben, höre nur: Mit schwerem Herzen kam ich nach Appenzell, in mich gekehrt und die Welt verachtend. Mein Vorhaben war, den hohen Säntis zu besteigen, um auf dessen höchster Höhe, hinabschauend auf die Nichtigkeit des menschlichen Treibens, mein Gemüt zu erleichtern und mich reinigend zu nähern der Erhabenheit ursprünglicher Einfalt, die uns mit ihrem Frieden in diesen himmelsluftigen Regionen immer ahnungsvoll anspricht. Allein, ich sollte erst noch Krieg haben, ehe ich zum Frieden käme. Als ich des Morgens nach meiner Flucht in Appenzell ankam, sah ich den Kamor so schön vor mir liegen, daß ich dem Wunsche nach seiner grünen Höhe, oder vielmehr der geheimen Lockung, auf das glückliche Grünenstein noch einmal hinabzuschauen, nicht widerstehen konnte. Mit zerrissenem Herzen kam ich abends in den Flecken zurück und siehe da, die erste Person, die ich im Wirtshause antraf, war der junge Engländer, den Du in Rorschach niedergeworfen. Er erkannte mich sogleich und kam auf mich zu: Mein Landsmann, sagte er ziemlich barsch, hat seine Ehrensache mit Ihnen beendigt, ich aber nicht mit Ihrem Gefährten. Ich suche ihn auf und habe erfahren, daß er hier in der Nähe ist. Sie müssen es wissen. Was wollen Sie von ihm? Er muß sich mit mir schlagen. Das sollst du wohl bleiben lassen! dachte ich, denn zuerst, wie immer, lag mir Grünenstein im Sinne: Was würde das für Auftritte geben, wenn der Mensch dorthin käme? diese Angst muß ich Clotilden ersparen! – Ich suchte ihm das Vorhaben mit guten Worten auszureden und da er nicht hören wollte und darauf bestand, Deinen Aufenthalt zu wissen, gab ich ihm geringschätzige Antwort und schlug ihm endlich die Art der Aussöhnung vor, die ich mit seinem Landsmanne getroffen, daß er sich für einen Narren erkläre und ich dann in Deinem Namen Bedauern über das Vorgefallene äußern wolle. Es konnte nicht fehlen, das mußte ihn aufbringen, die edle Reue, womit jener die Ungezogenheit gutgemacht hatte, lag nicht in seinem wilden Sinn. Er gab mir böse Worte, die ich kräftig erwiderte, so daß er nunmehr Genugtuung von mir forderte und das war es auch, was ich haben wollte. Schlagen mußte ich mich für Dich, um der Ruhe des Fräuleins willen, auf daß sie sehe, wie ich sie geliebt habe. Der Engländer war eilfertig und da es noch lichter Tag war, ließ er sogleich von dem Bedienten ein Besteck bringen, worin zwei Pistolen lagen, von denen er mir eine anbot. Sie seien gut und schon geladen, sagte er. Ich nahm eine heraus; sie waren schön gearbeitet, ich lobte sie. Haben Sie das Gewehr schon versucht, sagte ich, so will ich es auch prüfen, und da wir am Fenster standen, wies ich ihm die Windfahne auf einem benachbarten Hause: Wenn ich diese treffe, so ist es bewährt. – Auf den Schuß drehte sich das Fähnlein rasselnd herum. Verdammt! mitten durch! rief er, faßte sich aber gleich und fing an die Pistole wieder zu laden. – Das ist unnötig, sagte ich, ich schlage mich nie auf Pistolen. Indessen waren einige Nachbarn zugelaufen und in unser Zimmer getreten, um zu sehen, was der Schuß zu bedeuten habe. – Sehen Sie meine Herren, rief ich ihnen entgegen, diese schönen Pistolen, die dem Engländer da gehören, wir haben eine probiert. Die freundliche Anrede gefiel ihnen und die glänzende Gerätschaft zerstreute ihren Ernst. Schieß auch, ist geladen, sagte der Engländer in gebrochenem Deutsch, indem er das Gewehr vor sie hinrückte. Aber keiner wollte es wagen, die Appenzeller sind vorsichtig, sie geben sich nicht gern ohne Not mit geladenem Feuergewehr ab, ja das Anerbieten machte, daß sie desto eher wieder abzogen. Nur verlangte der Eigentümer noch eine Entschädigung für seine Windfahne, aber die andern lachten ihn aus, du solltest dem Herrn gerade noch danken, rief einer, das Fähnlein war schon seit zwanzig Jahren eingerostet, nun hat er's wieder in Bewegung gebracht. Aber wie schlagen wir uns denn? hob der Engländer sogleich wieder an, als die Leute weg waren, von den Pistolen sagte er nichts mehr. Wie Sie wollen, antwortete ich: Die Appenzeller haben jeder seinen Degen oder sein Schwert, ich will dafür sorgen. – Mir fiel der Hauptmann ein, der Freund des Obersten, zu dem ging ich und machte ihn mit mir und dem Notwendigen in Kürze bekannt. Natürlich war dem wackeren Mann, da ich ihm nicht alles sagen durfte, das Vorhaben nicht ganz recht, er kehrte mit mir ins Wirtshaus zurück und wollte Frieden stiften. Allein das ging nicht, der Engländer fand sich zu sehr beleidigt und wollte ein Abenteuer haben, und ich suchte die Beleidigung nicht zu mildern, denn es war bei mir beschlossen, daß er sich mit Dir nicht schlagen sollte. Entweder, dachte ich, nehme ich ihm die Lust dazu, oder er verwundet mich und muß dann die Gegend meiden, so hat Clotilde Ruhe. Es war nicht Großmut, Ihr tätet mir zuviel Ehre an, wenn Ihr eine Tugend daraus machtet; ich bin auch kein Haudegen, wie Du weißt, wenn schon Euer Professor mich für so etwas halten mag. Es war nicht Gesinnung, sondern Stimmung: Leben und Tod war mir gleichgültig. Des folgenden Tages Gestern bin ich so umständlich gewesen wie ein Grandison und schäme mich jetzt beinahe, da ich die Erzählung überlese. Lege es nicht übel aus, Lieber, es war ein trüber Tag und ich bin so allein, meine Wunde ... doch davon weißt Du ja noch nichts, höre nur geduldig weiter, ich will es heute kürzer machen. Als der Hauptmann sah, daß keine Versöhnung zu bewirken wäre, bestand er darauf, wir sollten über den Rhein gehen, unser Vorhaben auszuführen, denn hier im Lande könnte es ohne großes Aufsehen und nachteilige Folgen nicht geschehen. Die Abrede wurde auf Feldkirch genommen, wohin uns den folgenden Morgen der Hauptmann, vorgeblich um der Nähe willen, im Grund aber um Euch ferne zu bleiben, durch abgelegene Wege führte, so daß wir oft kaum mit den Pferden durchkommen konnten. Sobald wir über den Rhein waren, sprengte der Engländer, der seine eigenen Pferde hatte, mit dem Bedienten voraus, unsere Appenzeller Rosse gingen ihm zu langsam. Das war mir lieb, denn so mit seinem Feinde zu reisen, ist eine eigene Sache, der Zorn geht, je weiter man kommt, auseinander wie Rauch in den Lüften, man hat zuletzt Mühe, die Glut der Feindschaft nur noch glimmend zu erhalten. Geister des Friedens schienen uns leise zu umschweben, ich mußte ihnen mit Gewalt die Brust verschließen. Er hatte sich indessen in Feldkirch mit tüchtigen Säbeln versehen und wollte nun sogleich ans Werk gehen, allein der Hauptmann litt das nicht; wenn kein Friede zu erhalten sei, sagte er, so müsse wenigstens das Gefecht in Ordnung geführt werden, er sorgte ihm für einen Sekundanten, der ein kaiserlicher Offizier von seiner Bekanntschaft war. Nach Tische fuhren wir hinaus und stellten uns in ein Gebüsch am Rhein. Mein Gegner hieb nicht übel um sich und da ich nur darauf bedacht war, ihm eins in den Arm beizubringen, damit er eine Zeitlang das Fechten verlerne, so traf er mich unterdessen in den Schenkel. Das machte mich meine Schonung vergessen und ehe noch die Sekundanten ein Wort sagen konnten, hieb ich ihn über Gesicht und Brust, daß er stürzte. Ein Wundarzt, der in die Nähe bestellt worden war, eilte ihm zu Hilfe, der Hauptmann blieb bei ihm. Mich führte der Offizier nach Feldkirch zurück, wo ich eilends verbunden und mit einer Postchaise in langsamem Zuge nach Hohenems, und Tages darauf nach Lindau gebracht wurde. Hier ließ ich meine Wunden erst gehörig behandeln und mich dann zu Wasser hierher bringen. Was aus dem Engländer geworden, weiß ich nicht, tot kann er nicht sein, aber seinen Teil hat er für geraume Zeit. Ich will hier die Nachricht von seinem Befinden abwarten, die mir der Hauptmann zu geben versprochen. Er dauert mich, ich wollte, es wäre anders, wie aber, weiß ich selbst nicht; die Tat reut mich nicht, aber sie tut mir leid. – Mußte ich jedoch nicht so handeln? Die ungeregelte Willkür dieser Tollköpfe ist schon an sich unerträglich, sie achten außerhalb ihres Landes sich alles erlaubt, weil sie alles gering schätzen, wie er denn selbst bei der Herausforderung, der Geschichte in Rorschach gedenkend, mir den Vorwurf machte, die Schweizer wissen nur den Prügel, aber nicht die edleren Waffen zu führen. War es nicht erforderlich, ihn eines Besseren zu belehren und noch dringender, ihn an größerem Unheil zu hindern, wovon er nicht abstehen wollte? Ja, meine Pflicht war es, zu verhüten, daß er Verwirrung in eine glückliche Familie, und Jammer über ein herrliches Mädchen brächte, für welches mein Blut vergossen zu haben, mich jetzt beruhigt. Mir ist aber, ich höre Euren philosophischen Professor sagen, niemand sei befugt, ohne Beruf sich anders als mit Worten und Werken des Friedens in fremde Händel einzulassen, selbst nicht unter dem Vorwande Unglück zu verhüten, eine solche blutige Einmischung sei ein Eingriff in die Rechte des Schicksals, das den in sein Spiel verworrenen Personen schon eigene Mittel zur Aushilfe zu bereiten wisse, soweit es nötig sei. Ich könnte antworten, daß ich mich sehr berufen gefühlt habe, oder fragen: welches die Grenzen des Berufs seien? Aber meine Antwort würde ihm nicht genügen und die seinige würde ihm schwer fallen, und so mag er lieber recht haben, denn am Ende bin ich auch seiner Meinung und büße jetzt ja für meine Einmischung durch einen Hieb im Schenkel. Ich hätte mir aber noch mehr gefallen lassen, um meinen Zweck zu erreichen. Die Wunde ist jedoch ohne Folgen, nur wird sie mich noch einige Tage hier festhalten. Komm indessen nicht mich zu besuchen, oder gar mir zu danken, oder was noch schlimmer wäre, mich zu bedauern! Ich vermag Dich in Deinem Glücke nicht zu sehen und zu danken hast Du mir nichts; was ich tat, habe ich für das Fräulein getan, ohne sie hättest Du Dich meinetwegen Deiner Haut selber wehren und mit allen Narren Großbritanniens herumfetzen mögen. Was ich nun anfangen werde, darum seid unbekümmert. Ich gehe wieder zum Regimente, von dem ich mich Clotilden zu gefallen loszumachen versuchte und bleibe nun ausschließlich in der kriegerischen Laufbahn. Ich habe doch kein Glück bei den Weibern, höchstens vorübergehendes; ich erscheine ihnen launisch, weil ich meinen eigenen Gang gehe, den ich nicht lassen kann; sie fürchten das, vielleicht mit Recht, denn es entspricht nicht der scheinbaren Unterwürfigkeit, die sie von ihren Anbetern verlangen, weil sie meinen, das sei Liebe. – Soviel ist gewiß, daß ich, nachdem mir mein andächtiger Versuch auf Clotilde und damit auf das Glück des häuslichen Lebens mißlungen, nunmehr weiß, wenn auch noch nicht was ich zu tun habe, doch wenigstens was ich lassen soll. Und somit lebe wohl, glücklicher Gustav, nenne mich Deinen und Clotildens Freund, denn ich habe eine Flut gehemmt, die in die Gefilde Eurer Seligkeit einzubrechen drohte. Ihr wirst Du alles sagen, meine Cousine besänftige, sie wird übel auf mich zu sprechen sein und vielleicht, nach Art mehrerer ihres Geschlechts, etwas von ihrem Unmut auf Dich fallen lassen, wenn sie erfährt, welchen Anteil Du an der Geschichte hast. Den guten Obersten grüße und siehe zu, wie Du Dich mit ihm zurechtfindest, das Fräulein und Suschen vermögen viel über ihn, wenn er es schon nicht glaubt. – Edle Menschen! unvergeßliches Grünenstein! Gustavs Verlegenheit war jetzt nicht gering, man wußte, daß ein Brief von Simmenthal gekommen und die Freunde alle glaubten sich zu der Erwartung berechtigt, dessen Inhalt zu erfahren; wie hätte er aber entsprechen können? Er erzählte von den Händeln was ihm gut dünkte, aber eben, weil er aus einem Teil des Briefs ein Geheimnis machte, stellte man ihm nur halben Glauben zu und da man nicht den ganzen Verlauf kannte, so wurde gerade das Unratsame beschlossen. Der Oberst drang darauf, daß er nach Feldkirch gehen sollte, um, wo immer möglich, den Verwundeten zu besserer Pflege nach Grünenstein zu bringen, die andern fanden das menschlich gedacht. Nur Clotilde, allein von allem unterrichtet, war um die Hinreise Gustavs bange und suchte ihr Hindernisse in den Weg zu legen, wußte aber nicht wie als zur rechten Stunde der Hauptmann von Appenzell in Grünenstein anlangte. Dieser berichtete, daß der Engländer auf sein Verlangen nicht nach Feldkirch, sondern in das benachbarte Dorf Sennwald gebracht worden sei, wo nun der deutsche Arzt, den er durch ein glückliches Ungefähr in Feldkirch angetroffen, aus Gefälligkeit dessen Pflege übernommen habe. Der Arzt versichere, daß die Wunde zwar sehr groß, aber nicht tief und somit auch nicht gefährlich sei, nur bedürfe der Verwundete der Ruhe und müsse durch keinen Besuch, am wenigsten von der Bekanntschaft von Rorschach her, gestört und aufgereizt werden. Der Oberst fluchte über die Händelsucht Simmenthals, die ihm einen neuen Strich durch seine Rechnung auf einen ungestörten Lebensgenuß gemacht, und die Schweizerin war auch nicht wohl auf ihren Vetter zu sprechen, er hatte ihr, wie sie meinte, einen so schönen Plan auf sein eigenes Glück vereitelt. Der Mensch denkt, Gott lenkt, sagte der alte Professor und rauchte unter der Linde seine Pfeife, wenn es ihm zu Hause zu laut wurde. Vorzüglich wirkte der frohe Gleichmut des Hauptmanns und sein genügsamer Sinn, musterhafter als alle Vernunftgründe zur Ertragung dessen, was nicht mehr abgewandt werden konnte. Der Hauptmann wollte jetzt nach Konstanz zu Simmenthal gehen, blieb aber einige Tage bei den Freunden, denn die Gesellschaft behagte ihm und was auffallend war, der schlichte Mann fand Geschmack an der feinsinnigen Chanoinesse und sie, die sich auf alles verstand, sprach lobpreisend von seiner altschweizerischen Mannhaftigkeit, die mit einer so seltenen Unschuld des Lebens verbunden wäre. Ein Mann, sagte sie einmal, als von ihm die Rede war, ein Mann, der ist wie er sein soll, muß die Eigenschaft des Löwen und der Jungfrau in sich vereinigen. Ein Ausspruch, der die Gesellschaft lebhaft anregte, den Frauen gefiel er, aber der Oberst, der eben nicht viel von Jungfräulichkeit in sich fühlte, zuckte die Achseln und der Professor, solchen weiblichen Aussprüchen über Männer abhold, äußerte trocken: Aus Löwe und Jungfrau haben die Alten den Sphinx gebildet, welche widerartige Bemerkung hingegen der Chanoinesse mißfiel, um so viel mehr, da Suschen, die alles was löblich war und wohl lautete, auf ihren Bräutigam anwandte und, wie es oft geht, ein fremdes Wort mit dem andern verwechselte, denselben umarmend ihren Phönix nannte, worüber der Oberst unmäßig lachte, und so den Ernst der Rednerin noch mehr entweihte. Übrigens gab dies annähernde Verhältnis zwischen dem Hauptmann und der gelehrten Dame den beiden Alten viel zu schaffen. Gott weiß, sagte nachher der eine, wie eine solche Annäherung zwei so verschiedener Personen statthaben kann? Ist doch der Hauptmann allem fremd, was nicht aus seiner eigensten Natur hervorgeht, und unsere Freundin hat so viel von außen angenommen! – Jeder Mensch hat etwas zu suchen, das ihm abgeht, war die Antwort: findet oder fühlt er das an einem andern, so wird er dadurch angezogen und getrieben es sich anzugleichen, und so entstehen oft die unbegreiflichsten Hinneigungen zweier Ende. – Es kann eine Wahlverwandtschaft sein, bemerkte Gustav, die beiden alten Herren kannten aber das neue Wort nicht, und da sie jetzt nicht in der Stimmung waren, sich von dem Jünglinge belehren zu lassen, so schwiegen sie und der Gegenstand blieb unerörtert. Die Gesellschaft begleitete den Hauptmann bis Rheineck, wo gerade Jahrmarkt war und ein großer Zusammenfluß von allerlei Volk aus dem Rheintal, Thurgau, Appenzell und Schwaben. Das gefiel dem Obersten sehr; er war bald am Fenster, bald auf der Straße, setzte sich im Wirtshause bald zu dem, bald zu diesem und tat sich was darauf zu gut, die verschiedenen Landsleute aus ihrem Benehmen unterscheiden zu können. Den Geist des Volks, behauptete er, müsse man da kennenlernen, wo es Meister sei, bei Gelagen, Feuersbrünsten, Kirchweihen, Jahrmärkten und dergleichen, nicht in der Kirche, nicht vor der Obrigkeit, überhaupt da nicht, wo man sich anders stellt als man denkt. Nicht einmal an Landsgemeinden, tat der Professor hinzu, denn da ist jeder nur der Vertreter einer Meinung, die er oft selbst nicht versteht, eher noch am Abend eines solchen festlichen Tages, wo nächst dem Gefühle der Freiheit auch der Wein die Herzen aufschließt. Ein Teil der Freunde, die an der Menschenforschung des Obersten weniger Anteil nahmen, war vor das Städtchen hinausgezogen, um sich in der schönen Gegend umzusehen. Da geschah es, als sie in einer engen Gasse waren, die zu einer weitaussehenden Anhöhe führte, daß plötzlich ein ängstliches Geschrei erscholl, man solle sich retten, fliehen ums Himmel willen! Alles lief, wer noch Zeit hatte, sprang über die Zäune, ohne recht zu wissen, was es gälte. Ein gewaltiger Stier kam brummend daher gerannt; Clotilde und die Schweizerin, die mit Gustav schon zu weit vorgerückt waren, konnten nicht mehr entrinnen, nichts blieb diesem übrig, als sich vor die Frauen hin und dem Tier entgegen zu stellen, was konnte er aber mit seinem Stöckchen ausrichten! Er wurde niedergeworfen, doch der Stier rannte weiter und die Freundinnen, die sich in die Hecken gedrückt hatten, waren der Gefahr entronnen. Der Beschützer aber lag am Boden, zwar hatte er sich durch eine behende Wendung einer gefährlichen Verwundung, doch nicht einem gewaltsamen Sturze entziehen können. Indes erholte er sich bald wieder und fühlte keinen Schmerz, als er die Geliebte gerettet sah und achtete wenig auf das Blut, das ihm übers Gesicht rann, denn die zarten Hände seiner Begleiterinnen wuschen ihn und das Tuch, welches ihm Clotilde über die Stirne band, ging ihm für den edelsten Balsam. Darüber war viel Volk zusammengelaufen, und das dienstfertige Gerücht hatte bald den Obersten aufgefunden um ihn mit der Nachricht zu erschrecken, daß ein Stier, der auf dem Markte gekauft nach dem Appenzellerland abgeführt werden sollte, sich losgemacht und im Zurücklaufen unter die Spazierenden Unglück gebracht habe, so daß der junge Herr für tot aufgehoben worden sei. – Ehe sich aber noch der arme Hiob, wie der Oberst sich jetzt in der ersten Betroffenheit nannte, in weitere Klagen ergießen konnte, traten schon die Verunglückten, die sich beeilt hatten, dem Gerüchte zuvorzukommen, freudig ins Zimmer: Es ist weiter nichts als ein Loch im Kopf, rief der Verwundete. – Und aller Schrecken verwandelte sich in Freude und Frohlocken, der arme Hiob fühlte sich wieder reich und hatte seine Lust an dem wackeren Gustav, der sich so für die Freundinnen hingegeben. Er mußte sich bei Tische zwischen sie hinsetzen, und sie sollten ihn als ihren Retter bedienen, denn eine leichte Verstauchung, die er erst jetzt empfand, machte ihm den Gebrauch des Armes schwer; sie ließen es auch an treuer Bedienung nicht ermangeln und der drohende Vorfall, der so schonend vorübergegangen, gab allen Herzen Heiterkeit, mehr als wenn ein unbedingtes Glück ihnen zuteil geworden wäre. Man bedauerte nur die Abwesenheit der Chanoinesse, die auch ihren gehaltreichen Beitrag zu diesem Freudenmahle hätte liefern können. Alles was einen Jahrmarkt verherrlichen hilft, mußte nach dem Willen des Obersten vorgelassen werden, Musikanten, mechanische Kunststücke, und Juden, die taschenspielten; wenn Blinde und Lahme gekommen wären, er hätte sie in diesem frohen Übergang vom Schrecken zur Freude bewirtet. Zuletzt ließ sich gar noch ein Zigeunerweib um Zutritt melden, die den hohen Herrschaften wahrsagen wollte. Dies fand denn doch Bedenken, indes war man nun einmal in guter Stimmung und auf die Äußerung des Hauptmanns, daß er schon merkwürdige Dinge von diesem Weib gehört habe, hieß man sie kommen. Da trat ein gebücktes Mütterchen herein, in ein altes seidenes Kleid gehüllt, an dem die Lappen herunterhingen; aus ihrem verschrumpften gelben Gesichte starrte eine rote Nase, die Augen mit einer grünen Brille bedeckt, die an den Seiten mit schwarzem Tuche verklebt war und unter einer weiten Haube, deren lumpige Spitzen über die Stirne fielen, sträubten sich einige Büschel grauer Haare hervor. Bettelhaft erschien sie, doch nicht unreinlich, man sah, daß sie das Beste ihrer Garderobe auf dem Leibe trug, selbst weiße Handschuhe hatte sie angezogen, aber die Risse deckten ihre lederfarbene Haut nur kärglich. Mit hohlem Tone wandte sie sich zuerst an den Professor und frug in gebrochenem Deutsch, ob er sich lieber das Vergangene oder das Künftige wolle sagen lassen? Keines von beiden, war die trockene Antwort. Sie verneigte sich komisch. – Gefälliger war der Oberst, der ihr lachend die Hand hinhielt und verlangte, daß sie ihm erst aus der Vergangenheit erzähle um zu sehen, ob sie die Zukunft wisse; allein es fiel ihm doch auf, als sie ihm so manches aus seinem Leben anzudeuten wußte. Als sie aber seine schwache Seite berührte und von seiner Gesundheit sprach, geriet er in sichtbare Verlegenheit, noch mehr als sie hohe Berge zu erblicken vorgab, wo er hinüber müsse –, da wollte er nichts weiter hören und hieß sie das Maul halten, indem er nur die Vergangenheit und nicht die Zukunft zu wissen verlangt habe. Sind Bräute hier ... eins ... zwei ... tönte sie jetzt langsam, wie mit einer Geisterstimme und tat erst, als wenn sie sich Clotilden nähern wollte, wandte sich aber stracks zu Suschen. Allein Suschen ward bange vor dem Spuk, wahrscheinlich weil sie fand, eine Braut müsse sich die Zukunft nicht trüben lassen und in der Vergangenheit gebe es doch auch mancherlei, das nicht jedem zu wissen nötig sei, zudem hielt es ihr Bräutigam für die Verlobte eines Predigers unanständig, sich wahrsagen zu lassen und verbat sich's ernstlich. Nun denn, Alte, rief Gustav um der etwas ernst gewordenen Stimmung wieder Munterkeit zu geben, so magst du mir sagen, was sonst niemand wissen will! Er wies ihr seine Hand. Gutes ist dir in die Hand geschrieben, mein Kind, des Bösen wenig, sprach sie. – Des lachte Gustav, das ist zu allgemein, Weib, das kann jeder sagen! Glaubst du, ich wisse nichts? fuhr sie ihn kreischend an – dann wieder gelassen: Unglück ist an dir vorübergegangen, einer hat's abgewandt ... Nicht ist mir das Geheimnis deiner Gedanken verborgen, aber muß schweigen ... Hier noch eine Widersache ... Au weh! ... halte fest, kommt Lust und Freude ... es geht ein guter Stern auf, ja ich seh' ihn, er ist nahe. – Damit ergriff sie die Hand des Fräuleins, betrachtete sie eine Weile schweigend, küßte sie dann mit Anstand und legte sie in die Hand Gustavs. Letzteres ging aber sehr schnell und nur wenigen bemerkt zu, ebenso schnell zog die hocherrötende Clotilde ihre Hand zurück und Gustav lachte jetzt nicht mehr. Gleich darauf trat die Alte in die Mitte des Zimmers, bückte sich mit kreuzweis auf die Brust gelegten Armen zum Abschied und wartete auf ihren Lohn. Es herrschte ein unwillkürliches Schweigen. Der Oberst warf ihr einen Taler hin: Geh, Hexe! rief er, du kannst mehr als Brot essen. – Im Grunde war ihm die Erscheinung nichts Neues, er hatte schon mehr dergleichen gesehen, und da er sich wieder von der unangenehmen Berührung seiner Persönlichkeit erholt hatte, scherzte er darüber und erzählte ähnliches aus seiner Erfahrung und der Professor aus Büchern, so daß sie jetzt insgesamt bald wundergläubig vom Tisch aufstanden, vieles, wie es der gute Ton mit sich bringt, verlachend, was sie heimlich glaubten. Der Hauptmann, der weniger als man erwarten dürfen zu diesem Auftritte gesagt hatte, drang nun mehr auf den Abschied und verließ die Freunde mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen; es wurden ihm viele gute Wünsche für Simmenthal mitgegeben. Auch die Gesellschaft begann die Rückkehr, von den heutigen Ereignissen geistig ermuntert, wie wohl man ganz andere Erwartungen mitgebracht hatte, so daß der Professor auch hier sein altes Sprichwort gelten machen konnte. Die beiden Alten fuhren allein, der Prediger aber setzte sich auf das Pferd Gustavs und überließ diesem, der wegen des Kopfverbandes nicht reiten konnte, den Platz im Wagen bei den Frauen. Groß war nun auch bei ihnen die Sorge um ihren Beschützer, der sich zwar über nichts beklagte, aber doch die Schmerzen, die ihm das Stoßen der Fahrt verursachte, nicht ganz verbergen konnte. Ein schöner junger Mann mit einer Wunde ist ohnehin ein Gegenstand der Rührung für das zarte Geschlecht, und wenn es nun gar im Dienste desselben geschehen, daß er sein Blut vergossen, wie sollten nicht die Dankbaren um die zärtlichste Pflege besorgt sein? Dies machten sich auch die drei Schönen so sehr zur Angelegenheit, daß Tobias dem Obersten, der ihn unterwegs nach dem Befinden Gustavs zu fragen geschickt hatte, die Versicherung zurückbrachte, es wäre unnötig, sich weiter um den jungen Herrn zu erkundigen, denn die Engel dieneten ihm. Suschens Hochzeit Zweyter Theil. Zürich, 1819. Bald mehrten sich Besuche und Bekanntschaften auf Grünenstein und diese teilten sich wieder in näheren Umgang mit einzelnen, so daß es an mancherlei Gesellschaft nie fehlte und das fröhliche Leben nach des Obersten Wunsche wirklich zu beginnen schien. Selbst die steife Tante des Predigers fand in den nahe liegenden Städtchen Freundinnen nach ihrem Geschmack und tat sich darauf zu gut, dieselben im Schloß einzuführen, wo Suschen wie eine Anverwandte des Obersten behandelt wurde und die Frau Amtsrätin sich infolge dieser Verwandtschaft zur Familie zählte. Auch war ihr in der Familie niemand entgegen, selbst der Oberst begegnete ihr schonend, nur fast zu ungezwungen, wie sie sagte. Daß sie ihn gnädigen Herrn nannte, ließ er sich zwar durch Suschen verbitten, denn er meinte, in der Schweiz sei diese Benennung unschicklich; allein es half nichts, sie tue es sich selbst zu Ehren, war die Antwort. Besser war er mit der jungen Base zufrieden, die sie mitgebracht, welche voll Leben und Feuer war und nicht so viel Umstände mit ihm machte. Sie war nichts von allem dem, was die Tante von ihr erwarten lassen, in ihrer Vaterstadt unter guter Gespielschaft aufgewachsen, verband sie mit einem aufgeweckten Kopf allerhand Kunstgeschicklichkeiten. Sie zeichnete, sang zur Gitarre und war in manchem bewandert, was sonst über den Erreich munterer Mädchen geht. Das alles wußte sie mit einer unverstellten Natürlichkeit zu verbinden, so daß auch die Freundinnen sie ehrten und gerne um sich hatten; sie malte ihre Blumen und sang ihre Verse, und ihre Anmaßungslosigkeit stand den Anmaßungslosen nicht im Wege. Das worauf die Tante stolz getan, war eine kleine Bergreise, die sie beschrieben, die von einem Bekannten nachher überarbeitet und irgendwo dem Druck übergeben worden, sie hatte es aber bei diesem Versuche bewenden lassen. Der Oberst fand Gefallen an ihrem Vorlesen und suchte ihr die richtige Aussprache des Deutschen beizubringen, bemerkte aber, daß solche auch den geläufigsten Schweizermädchenzungen etwas schwerfalle. – Sie bringen es selten weiter, als bis zum Schwabendeutsch, meinte der Professor. Als nun die jüngeren Bewohner Grünensteins eines Morgens mit einem kleinen Verein aus der Nachbarschaft eine nahe Anhöhe bestiegen hatten um die aufsteigende Sonne zu sehen, wobei denselben einige Abenteuer aufgestoßen, die ihnen zwar den Zweck der Reise verschoben, jedoch so viel Bewegung und Befriedigung gewährt hatten, daß sie mit begeistertem Wohlgefallen immerfort davon sprachen, äußerte der Oberst den Wunsch, eine schriftliche Erzählung aller dieser seltsamen Ereignisse zu haben, wär' es auch nur um des Zusammenhangs willen, zu welchem er bei so vielerlei Besprechungen kaum gelangen könne. Da ihm aber niemand willfahren wollte, rief er in scherzhaftem Unwillen, er getraue sich nach dem, was er gehört, diese Beschreibung selbst zu machen, ja, was die Erzähler selbst nicht zu leisten imstande wären, die Geschichten folgerichtig zu verbinden und dem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Des folgenden Tages las er ihnen beim Frühstück, neckisch und erfreulich, vor wie folgt: Reise nach dem Aufgange Beschrieben von einem, der nicht dabei war Auf einem Landsitz im Rheintal hatte sich an einem fröhlichen Abend eine Gesellschaft junger Leute verabredet, bei dem ersten schönen Morgen den Flug, wie sie es nannten, auf eine benachbarte Höhe zu nehmen, um das Erwachen und Aufstehen der Sonne zu sehen. Große Vorbereitungen wurden dazu gemacht und alle Sonnengedichte deren man habhaft werden konnte gelesen und alle Dämmerungslieder gesungen, ja sogar eigene versucht, um sich der Weihe empfänglich zu stimmen. Ihr habt mich auch angesteckt, Kinder, rief einer der beiden alten Männer, die ebenfalls zu den Bewohnern des Landgutes gezählt wurden und an Leid und Freude teilnahmen, wenigstens oft kritisch besprachen, was sie nicht mit der Jugend fühlen konnten: Hört, da hab' ich ein Lied der Wallfahrt für Euch gemacht! Er las: Haben wir so lang geharret, Hat das Wetter uns genarret, Nun die Wolken sich zerteilen, Laßt uns eilen; Daß wir noch bei Nacht und Nebel, Mit dem Fernglas und dem Ebel, Dort des Hügels Höh' erreichen Bei den Eichen. Matt der Morgenstern noch blinket, Scheidend uns zu eilen winket; Seht, schon will der Aufgang glühen, Laßt uns ziehen! Sind wir oben, flammt die Sonne Über Berge; o der Wonne, Wenn vereint wir niedersinken ... Kaffee trinken! Aber der Scherz des Alten war nicht nach dem Geschmack der Jungen, sie sangen anders. Emporschwingen wollten sie sich im Geist auf den Flügeln der Morgenröte, entgegenheben die Arme dem herrlichen Lichte, schauen wie es seine feurigen Strahlen erst in die unendlichen Lüfte sendet und dann sich ausbreitet über Land und Meer. Zwar war das Meer von dem Rebhügel aus nicht zu sehen, aber doch der Rhein, der am Ende auch ins Meer läuft, es war Sprache des dichterischen Gefühls. Ungeachtet der Alte mit seinen Versen kein Glück gemacht hatte, legte er sich ruhig zu Bette, jene aber meinten in entzückender Erwartung nicht schlafen zu können, es geschah aber doch, ja das Aufstehen frühmorgens noch bei dunkler Nacht wollte einigen so schwerfallen, daß sie die schnellgetroffene Abrede jenes Abends fast bereuten. Doch ergriff sie jetzt alle, da sie beisammen waren, eine morgendliche Munterkeit und die Lust zum Werke. Volant, ein dänisches Windspiel das zum Schlosse gehörte, sollte nicht mit, so sehr er auch in freudigen Sprüngen seine Erwartung zeigte, denn es hieß: so ein Geschöpf könnte mit seinem animalischen Betragen Zerstreuung verursachen und den reinen Eindruck der herrlichen Erscheinung stören. Aber er wedelte so freundlich und sprang so zuversichtlich herum, daß der weichen Pilgrime einige für ihn sprachen: Wer weiß, hieß es, ob das arme Vieh nicht auch eine dumpfe Vorempfindung dieser großen Morgenfeier hat, sie geht doch über die ganze Natur; ja es wäre möglich, daß die Pracht des Schauspiels selbst auf ein so untergeordnetes Wesen irgendeine wohltätige Einwirkung hätte. Demnach lief Volant in großen Sätzen mutig und bellend voraus und verfolgte die Katzen, die in den Wiesen auf Mäuse lauerten; er erregte aber damit einen gerechten Unwillen, denn die guten Tiere suchten vielleicht Nahrung für ihre Jungen, die ohne sie elendem Tode preisgegeben wären! Doch kam ihm die Betrachtung zustatten, daß dadurch manchem Mäuslein sein kleines Leben gefristet werde. Indes, das wäre hingegangen, allein kaum waren sie eine Strecke weiter gekommen, so sprang der Hund auf einen Bettler los, der in Lumpen gehüllt sich schon früh aufgemacht hatte um der Gesellschaft zu begegnen, weil seine Frau, gestern im Schlosse bettelnd, etwas von dem heutigen Vorhaben vernommen. Er schrie erbärmlich und obgleich der Hund nur an den Fetzen seines Rockes gezerrt hatte, tat er doch als ob er gebissen wäre und hielt jammernd mit beiden Händen den Schenkel. Man denke sich die feierliche Stimmung dieser der schönsten Naturerscheinung entgegenpochenden Herzen, so wird man sich einen Begriff von der Bestürzung über das störende Ereignis und von der gutmütigen Teilnahme an dem Leidenden machen können. Man wollte ihn in ein benachbartes Haus führen um ihn zu verbinden, allein er nahm es nicht an und sprach mit schmerzlicher Hingebung, man solle ihn nur in Ruhe lassen, er sei dergleichen Unfälle schon gewohnt und werde sich wohl wieder erholen. Eine Kollekte, die in der Eile für ihn gesammelt wurde, schlug er indessen nicht aus. Die gerührte Gesellschaft verließ ihn mit dem süßen Gefühl der Milde, und der Bettler freute sich lächelnd der List, denn bei Jahren war er nie so reich gewesen. Von da gelangte man an ein Bächlein, das lispelnd über Kiesel floß und hier und da kleine Gebreite bildete, heimliche von grünem Gebüsche umhangene Plätzchen, in denen sich durch die Zweige noch der scheidende Mond spiegelte. Man nannte das Bächlein einen freundlichen Strom und lauschte mit Wohlgefallen den zarten Tönen der Laubfrösche, die sich da ihres unschuldigen Daseins erfreuten. Und als noch gar weiterhin der Bach über kleine Abhänge herunterrieselte, wurde sehr bedauert, daß man nicht Papier und Reißfeder mitgenommen, um auf dem Rückwege diese reizenden Partien zu zeichnen: Gab es doch große Meister, die aus Steinen ungeheure Felsen und aus Moos Wälder schufen, sprach ein Kenner; sollten wir nicht auch aus einer spannenhohen Rinne einen Wasserfall machen können? vereinigt sich doch alles, was der Beschaffenheit nach zu einem großen Stromsturze gehört und hat dann noch das Liebliche der Kleinheit obendrein. – Man fand das sehr gegründet, ja ein Kunstliebhaber bemerkte, daß der Gegenstand nicht nur gezeichnet, sondern auch gestochen Beifall finden müßte, wäre es auch nur um der Seltenheit willen, einen Wasserfall in Lebensgröße zu haben. Man hatte sich etwas lange bei dem freundlichen Strome gesäumt und kam nun zu einer einsamen Bauernhütte, an deren Vorderseite sich eine Weinrebe in malerischen Krümmungen bis unter das Dach emporwand. – Welch eine idyllische Wohnung! erschallte es schon aus einiger Entfernung, noch ehe man in der Dämmerung das Haus recht sehen konnte: Welch ein Aufenthalt für ein stilles Gemüt, hier so allein, am Vorgebirge des Hügels, so traulich eingeschlossen von Bäumen, auf grüner Matte und in der Tiefe die Weite des Landes! Noch schläft alles, glückliche Landleute, wenn sie den Tag über die allernährende Erde anbauten, ruhen sie unter den Fittichen der Nacht von ihrer einfachen Arbeit in den wohltätigen Armen des Schlafes, um morgen das schöne Werk wieder fröhlich zu beginnen! – Und nun erhob sich ein Lob des Landlebens, als wollten sie alle stehenden Fußes Bauern werden, als prickelten ihnen schon die Hände nach Karst und Hacke. Als sie sich aber dem Hause näherten, flog plötzlich die Türe auf und ein junger Mann, halbangezogen, sprang hinaus und lief an ihnen vorbei. Wohin so eilig, Freund? Geht hinein, helft! rief er, um Gottes willen, helft! – Weg war er. Sie hörten drinnen Töne des Leidens, Gebet, Angstgeschrei. – Wer sollte aber hineingehen? –, es war stockdunkel in dem Hause. Die Frauenzimmer drängten sich erschrocken zusammen, die Herren gingen bedächtlich bis an die Schwelle. – Die wehklagende Stimme ließ nicht nach. – Endlich wagte es der herzhafteste unter den Herzhaften und stolperte hinein, dahin wo die Wehklage herkam. Hast du die Hebamme, Heinrich? schrie ihm die Stimme entgegen; o Lieber, hilf mir, ich vergehe! Aber der vermeinte Heinrich lief schnell wieder hinaus. Eine Frau in Kindesnöten! rief er: Mein Gott, was ist denn da zu machen? Allervorderst mußte Licht gemacht werden, und schnell wurden mit Hilfe des Feuerzeuges, das man mitgenommen hatte um die Sonne mit Kaffee zu begrüßen, ein paar Holzspäne angezündet. Aber noch zauderte man, das Haus zu betreten, und die Jünglinge verwünschten die Stunde, in der sie heute aufgestanden. Heinrich, wo bleibst du? schrie es wieder jammernd. Hilfe muß da geschafft werden, sagte mitleidig eine Dame, die Kinder zu Hause hatte; ich will tun was ich kann, wenn jemand bei mir bleiben will. – Ich bleibe, rief die menschenfreundliche Schweizerin: Soll ich nicht die Sonne, so will ich doch einen Menschen kommen sehen; jene wird ohne mich wohl ihren Weg finden, diesem kann ich vielleicht helfen. Beide gingen mit dem Licht hinein. Die übrige Gesellschaft machte sich eilig auf den Weg, denn schon war von dem himmelanstrebenden Turme eines benachbarten Christentempels ein viermal wiederholter Klang in feierlichen Schwingungen durch die Lüfte gedrungen, das heißt, es hatte in dem Dorfe viere geschlagen und schon breitete sich an dem unendlichen Gewölbe des Himmels ein stilles Licht wie ein in Silber und Purpur gewirktes Tuch aus, es fing an zu tagen. Hohe Zeit war es, um auf die Spitze des Hügels zu kommen, man eilte deswegen, ohne weiter ästhetisch bei der Natur zu verweilen; auch hatte das Ereignis in dem idyllischen Hause sich so sehr der Einbildungskraft bemächtigt, daß man selbst in einem allerliebsten Wäldchen, wo der reiche Gesang der Vögel den Morgen begrüßte, nur von der Kindbetterin sprach und kaum auf ein Eichhörnchen achtete, das in niedlichen Sprüngen, als geschähe es der Gesellschaft zu lieb, von Baum zu Baum hüpfte, welches sonst alles Gegenstände sind, an denen sich jene der Naturanschauung geweihten Gemüter nicht sattsehen noch sprechen konnten. Doch alle Eile war leider zu spät, anstatt daß die frommen Wanderer die Sonne hervortreten sahen in ihrer Pracht, lag diese schon oben auf dem Hügel ehe sie ankamen und schaute ihren Mühseligkeiten zu, wie sie keuchend hinanklimmten. – Welch ein Mißgeschick! hieß es: Werden nicht unsere alten Herren zu Hause uns aufziehen, die immer recht haben wollen und uns voraus sagten, daß wir zu spät kommen würden, wir möchten die Wallfahrt so früh antreten als wir wollten! Aber war es unsere Schuld, daß uns der Bettler aufhielt? sagten die einen. Es schwebte so viel Reiz um den freundlichen Strom, daß es schwer war, sich von ihm zu trennen, bemerkten die andern; alle aber kamen darin überein, daß sie ohne die Frau in Kindesnöten noch zu rechter Zeit angelangt sein würden: Indes haben wir auch ohne das Schöpfungsgemälde des Aufgangs hier noch genug zu schauen, laßt uns genießen was vor uns liegt! – Und so machte man sich gefaßt, sich in die Empfindung hinein zu empfinden. Allein es sollte nun einmal nicht sein, man konnte zu keiner rechten Andacht kommen. Die zarten Pilgerinnen waren durch das schnelle Steigen sehr erhitzt und jetzt trat mit der aufsteigenden Sonne eine kalte Morgenluft ein, die alle warmen Gefühle zurückdrängte und die Leidenden zwang, ihre bloßen Arme, statt sie jauchzend der Sonne entgegenzustrecken, fröstelnd unter der Schürze oder wo sonst Platz war, zu verbergen. So konnte sich keine Begeisterung einstellen, und das Häuflein stand verdrossen da wie Krieger nach verlorener Schlacht. Ein Feuerchen anzünden angesichts der strahlenden Sonne schien ihnen auch zu kleinlich. Zum Glücke war ein halbverfallenes Rebhäuschen in der Nähe, auf welches schon mehrere von ihnen lüsterne Blicke geworfen, und kaum hatte einer den Vorschlag gewagt, sich dorthin zu begeben, war schnell die ganze Gesellschaft bereitwillig. Man stieg hinein, machte Ordnung und traf Anstalt den Kaffee zu kochen, einige trugen Holz und Wasser herbei, andere reinigten den Kamin und machten Feuer, diese packten Schinken und Wein aus, kurz alles geriet in Tätigkeit und mit derselben stellte sich auch die frohe Laune wieder ein; die geistige Spannung ließ nach, man vergaß die Sonne und alle prächtigen Worte, die sie hätten begrüßen sollen, man war von dem Prunkgeschosse hinabgestiegen in die behagliche Wohnstube des gemeinen Lebens und tat nur zuweilen einen Blick hinaus in die freie, sonnenhelle Welt, einen Blick verzichtleistender Zufriedenheit, in dem mehr wahre Empfindung lag, als in allen Hochflügen gereizter Einbildung. Die Wirkung hievon zeigte sich bald, denn kaum hatte man sich zum Frühstücke so gut als möglich niedergelassen, hob eine edle Stimme an: Aber wie geht es wohl unserer armen Wöchnerin? wie wärs, wenn wir einen Teil unseres Überflusses ihr zukommen ließen? – Gesagt, getan, mit einmütigem Jubel wurde Brot, Wein, Braten, Kaffee alles schnell eingepackt und der Bediente mußte sich sogleich damit auf den Weg machen. Mit dem geringen Überreste tat man sich gütlicher, als wenn man den Hunger der Hochgefühle noch im Leibe gehabt hätte; man sang und scherzte und übte sich mitunter auch in der französischen Tugend, welche der Weltweise des Nordens die Kunst heißt, mit Kleinigkeiten gefällig zu werden, ohne Unbequemlichkeit zu verursachen. Sobald der Bediente mit Dank und guter Nachricht von der Wöchnerin zurückgekommen war, wurde der Rückweg angetreten. In der idyllischen Hütte war unterdessen ein junger Daphnis zur Welt gekommen, die Frauenzimmer besuchten die Mutter, eine hübsche Frau, deren erste Niederkunft es war; sie fanden dieselbe voll stillen Dankes mit einer Träne im Auge und ihr hochbeglückter Mann wußte vor Vaterfreuden und überwältigenden Gefühlen des Herzens sich nicht zu fassen, noch immer sah er die zwei zurückgebliebenen Frauen für eine Erscheinung von Engeln an, so wie sie ihm in dem Augenblicke vorgekommen waren, als er endlich mit der alten Wehmutter, die er wegen ihrer Langsamkeit auf seinen Rücken geladen, in die Stube trat und diese Fremden, die er ganz vergessen hatte, ihm den neugeborenen Knaben entgegenhielten. Was sind Engel auch anderes, als Boten des Himmels, ausgesandt zum Dienste gottgefälliger Menschen; und ist dies nicht ein solcher, der unvorgesehen zu einem Anlaß hingeleitet wird, wo er, und gerade dann sonst niemand, einem Hause Heil bringen kann und der diesen Anlaß mit Aufopferung glänzender Freuden, also gleichsam aus dem Himmel auf die Erde hinabsteigend ergreift und sich hingibt einem heiligen Willen? Die solches taten, laßt sie uns wert halten in Ehre und Liebe, es wird ihnen nicht unvergolten bleiben! Die ganze Gesellschaft verließ nun das dankbare Haus unter tausend Segenswünschen des Vaters. Jeder freute sich dessen was geschehen, aber von dem Glücke des einsamen Landlebens war keine Rede mehr, die einsame Niederkunft und die Dürftigkeit hatte sie alle so ziemlich abgeschreckt, man fand das Schloß doch bequemer und die Bequemlichkeit wünschenswert, wäre es auch nur, um der vom Tau schlappenden Röcke und des nassen Fußwerkes los zu werden und sich von der Erhitzung zu erholen. Kurz, alles zusammengenommen hatte den romantischen Schwung der Sonnenpilgrime in die klare Prosa der Wirklichkeit umgewandelt und so ging man jetzt auch an dem freundlichen Strome und seinen malerischen Partien wie an einem gewöhnlichen Bache vorüber, ja selbst des Bettlers Frau, die sich nunmehr statt ihres Mannes auf den Weg gestellt hatte und auch gerne von Volant gebissen worden wäre, fand wenig Beachtung, nicht einmal von dem Hunde, der ebenfalls vernünftiger geworden schien. Die lebenslustige Genossenschaft war nach Erscheinungen ausgegangen um vorbedachte Gefühle in dieselben legen zu können und hatte, wie bei solchen Bemühungen immer der Fall ist, ihren Zweck verfehlt; sie war aber mit besseren Erfahrungen zurückgekommen und erkannte jetzt beides unverhohlen, den Mißgriff und den Gewinn. Daher auch die beiden gestrengen Alten im Schlosse, als ihnen die Wanderer auf die Frage, was sie Neues aus Morgenland brächten, eine getreue Erzählung von allem gemacht hatten, die Ironie, die ihnen schon auf den Lippen saß, in väterlichen Beifall und gemütlichen Ernst umstimmten. So recht, Kinder! sagte der eine, ehret die Natur und geht ihr liebend entgegen, aber tut es mit besonnener Freude und tragt eure Empfindung nicht in hochtönenden Phrasen zur Schau; wahre Rührung will nicht vornehm besprochen, sondern still gefühlt werden und zur echten dichterischen Anschauung bedarf es keiner Zierbrillen, sondern einzig der Klarheit gesunder Augen. Und der andere alte Freund, dem das Licht des Lebens noch heller leuchtete, fügte hinzu: Was Ihr gewollt, ist Euch nicht geworden, weil Ihr mit so viel Gepränge Euch anstelltet etwas zu suchen, das man jeden schönen Morgen auch hier im Schlosse haben kann, denn auch hier geht die Sonne über ein weites Gelände auf. Aber wohl Euch! denn seht Ihr nun was Euch trieb? Nicht der Drang des Gefühls, wie Ihr wähntet und nicht die Eitelkeit, wie wir meinten, sondern Ihr wart zu etwas Besserem berufen, es war beschlossen, daß durch Eure Hilfe in einer abgelegenen Bauernhütte eine junge Mutter mit ihrem Kinde sollte gerettet und getröstet werden. So macht es die unsichtbare Leitung, sie gibt den Schwachheiten derer, die sie lieb hat, die Folgen sittlicher Kraft; der Mensch denkt, Gott lenkt. Bald war Clotildens Neigung zu Gustav im ganzen Schlosse einzig noch dem Obersten verborgen. Der Prediger wußte alles durch Suschen, die eine so wichtige Angelegenheit ihrem Geliebten nicht verschweigen zu dürfen glaubte. Simmenthal hatte der Schweizerin zu seiner Rechtfertigung ein Wort darüber geschrieben, das ihr bald auf die Entdeckung half, der Professor wollte nichts wissen, und wer noch nicht davon gehört hatte und sich nur ein wenig auf die Sache verstand, konnte es mit Augen sehen. Nur die schuldige Liebe weiß sich zu verbergen, so eine reinmenschliche, durch die natürlichsten Verhältnisse von Jugend an genährte Neigung, jetzt in ihrer schönsten Vollendung, konnte sowenig ihren Strahlenschein verhehlen, als die duftende Blume ihren Wohlgeruch in den Feiertagen des Frühlings. Ihre Blicke begegneten sich jeden Augenblick und zogen sich schnell zurück; sie suchten, sie näherten sich und wußten sich doch vor den Leuten nichts zu sagen, bei Spaziergängen blieben sie unwillkürlich von der Gesellschaft zurück, und kein Gespräch hatte Reiz für ihre gesteigerte Empfindung, wenn es nicht die Schönheit der Natur oder Züge des Edelmutes betraf. Dem vielerfahrenen Auge der Chanoinesse war dies schon in den ersten Tagen nicht entgangen, sie fand das Außergewöhnliche dabei nach ihrem Geschmack und den unverdorbenen Jüngling des Fräuleins würdig. Und so wie niemand im Schlosse dieser Liebe ungünstig war, machte sie es sich zur besonderen Angelegenheit, derselben beförderlich zu sein; sie sprach darüber mit dem Professor und meinte, er sollte seine Einwirkung beim Obersten für die Liebenden verwenden. Allein der Mann wollte nicht; Sie haben, sagte er, einander gefunden und gehören sich an, das übrige wird sich schon geben, wenn es sein muß. So eine Liebe hat einen mächtigen Schutzgeist, den muß man walten lassen, er weiß sich allein zu helfen. Aber Sie kennen den Obersten, entgegnete die Chanoinesse, gehen ihm endlich durch Zufall die Augen auf und erkennt er das, was er bisher nur für jugendliche Angewöhnung hielt, als das was es ist, als die innigste, verschlungenste Liebe, so bricht er in unbegrenztem Zorne los. Desto besser, versetzte der Professor. Wie? Sollte das Ihr Ernst sein, so erklären Sie sich! Je heftiger der Ausbruch seines Zornes ist, äußerte der Professor, desto kürzer ist die Dauer und milder die Folge, weil seine Gutmütigkeit sich der Übereilung schämt. Bedenken Sie doch, sagte die Chanoinesse, die Wirkung einer so plötzlichen Erschütterung auf seine Gesundheit! Gemütsbewegungen sind dem Obersten heilsam, erwiderte jener, seine Natur bedarf ihrer. Ihm ist alles gut, was ihn hindert, über Grillen zu brüten. Sie wollen also das Glück der Liebenden dem Zufall überlassen? Dem Geschicke, war die Antwort. Aber diese Ergebung war nicht nach dem Sinne der Chanoinesse, sie fand es angenehm, da wo es sich mit gutem Gewissen tun ließe, dem Geschicke hilfreiche Hand zu bieten: was hätte sonst das Leben für Freude? Aus gutem Willen, sagte sie, muß immer etwas Gutes hervorgehen. Und damit faßte sie den Entschluß, den Obersten selbst zur rechten Zeit auf die Entdeckung zu leiten und sann auf allerlei Mittel. Eines hatte die Vielgestaltige schon versucht, das mit dem Hauptmann von Appenzell verabredet, aber in der Ausführung nicht gelungen war und deswegen ein Geheimnis bleiben sollte, und auch eines geblieben wäre, hätte es nicht der verräterische Zufall an das Licht gebracht. Ein paar Tage nämlich nach dem Jahrmarkt in Rheineck brachte des Morgens früh ein Knabe ein schlecht zusammengeschnürtes Bündel alter Kleider, er gab es in der Küche ab und wußte auf die Weigerung der Dienstmädchen, den häßlichen Pack anzunehmen, weiter nichts zu sagen, als er sei in einer Mietkutsche liegen geblieben. Die Neugier trieb die Mädchen nach dem Inhalte zu sehen und bald warfen die Mutwilligen die alten Lappen einander zu, als eben Tobias vorüber ging, dem dann auch ein Stück davon anflog, welches er sogleich für den Anzug der Zigeunerin in Rheineck erkannte. Das kam ihm seltsam vor, er sagte aber nichts, nahm den ganzen Plunder zusammen, ließ sich einige Stunden nicht reuen, der Sache nachzuspüren und erfuhr so von dem Mietkutscher selbst, daß er an jenem Jahrmarkttage die gnädige Frau, so nannte er die Chanoinesse, nach Rheineck fahren müssen, die aber außerhalb des Städtchens in einem Privathause abgestiegen sei und ihm Stillschweigen auferlegt habe. Nun ging dem Tobias immer mehr Licht auf, er eilte, es seinem Herrn zu erzählen; dieser aber befahl die Entdeckung geheimzuhalten und sann auf Rache, da es ihm nun klar war, daß es die Chanoinesse gewesen, die ihn als Wahrsagerin zum Besten gehabt hatte. Zu dem Ende vermochte er die für jeden unschuldigen Scherz aufgelegte Nichte der Frau Amtsrätin, im Schlosse nur die Base genannt, die Rolle der Zigeunerin beim nächsten Mittagsmahle zu übernehmen. Als nun die Gesellschaft noch bei der frohen Tafel saß, öffnete sich die Türe und ein Wesen kam hereingeschlichen, im Sein und Schein ganz der alten Zigeunerin von Rheineck ähnlich. Alles war überrascht, die Hexe wieder zu sehen, einige murrten, andere lachten, die Chanoinesse aber, als sie das Weib auf sich zukommen sah, wurde totenblaß und war dem Einsinken nahe. – Der Oberst, der sie im Auge hatte und dies bemerkte, rief schnell: Es ist die Base! Und Clotilde, die neben ihr saß und ihre Bestürzung auch wahrgenommen hatte, riß der Vermummten die Hülle vom Kopf, und ein fröhliches Gelächter wiederholte: Es ist die Base! Das war jedoch nicht, was der Oberst gewollt, er hatte vielmehr dem munteren Mädchen allerhand neckende Weissagungen in den Mund gelegt, die sie den Anwesenden, vorzüglich der Chanoinesse, vorbringen sollte. Er sah nun aber wohl ein, daß seine Rache, wiewohl anders als er erwartet hatte, mehr als hinlänglich sei. – Sämtliche Tischgenossen bewegten sich in forschender Ungewißheit, war es in Rheineck auch die Base? fragten die einen. Nicht doch, sagten die andern, sie war ja zugegen. Der Oberst und die Chanoinesse allein wußten die wahre Beschaffenheit, allmählich aber klärte sich die Sache auf und die Betroffene gewann Zeit, sich zu erholen, konnte jedoch ein fortdauerndes Zittern der Hände nicht gleich los werden; dem ungeachtet behauptete sie, es sei nicht Schrecken, sondern bloß das unerwartete Befremden, die rasche Veränderung der Ideen gewesen, was ihre schwachen Nerven angegriffen habe. Man ließ ihr alles gelten um sie zu beruhigen, aber nachher konnte sich der Professor, als er mit seinem Freund allein war, doch nicht enthalten zu sagen: Ei was, schwache Nerven! Ihre Weiblichkeit überwog ihre Philosophie, die Einbildung den Verstand, die Natur vergaß der Kunst, das ist die Sache, die gute Dame glaubte sich selbst zu sehen. Nach und nach enthüllte sich die ganze Geschichte: Das Zigeunerbündel war in dem Wagen der Chanoinesse liegen geblieben, weil sie es bei der Rückkehr nicht füglich auspacken konnte und ihr Mädchen vergaß nachher, dasselbe abzuholen. – Was sie aber eigentlich mit der Verkleidung gewollt, machte sie jetzt noch nicht offenbar, denn ihre Absicht war es gewesen, sich an Clotilde und Gustav vorzüglich zu wenden und ihnen ein viel klareres Prognostikon zu stellen um dem Oheim auch wider Willen die Augen zu öffnen, wo alsdann der Hauptmann von Appenzell all seinen Einfluß auf ihn gelten zu machen versprochen hatte. Dies wurde aber ihrem Feingefühl unmöglich, als sie den verbundenen Kopf des Jünglings und die übergewöhnliche Freudenstimmung der Gesellschaft bemerkte, die zu stören ihr teilnehmendes Herz Bedenken trug. Sie war deshalb wieder im strengsten Inkognito abgezogen, zwar mit ihrer mimischen Gabe, aber nicht mit derselben Erfolg zufrieden. Das Lob, das man jetzt der Kunst gab, womit sie ihre Rolle ausgeführt und alle täuschend geneckt hatte, machte sie wieder froh, um so viel mehr, da ein neuer Umstand die Szene veränderte. Vom Prediger aufgeführt, trat ein junger Bauersmann ins Zimmer; es war der Mann aus der idyllischen Hütte, der mit allgemeinem Wohlwollen empfangen wurde. Belehrt von seinem Führer wollte er sogleich anfangen, den Menschenfreunden jenes Morgens ... Er stockte aber, denn wie er die beiden Frauen ansichtig wurde, die ihm dort wie heilige Engel erschienen waren, übernahm ihn die Empfindung, er mußte erst eine Träne des Dankes wegwischen; bald jedoch kam er wieder zurecht und bat dann in wohlgeordnetem Vortrage die ganze anwesende Gesellschaft zu Gevatter. Die Bitte wurde mit Vergnügen angenommen. – Wer sollten nun aber die Stellvertreter bei dieser feierlichen Handlung sein? Die meisten wären es nicht ungern gewesen und es kamen deshalb mancherlei Vorschläge und Höflichkeiten auf die Bahn. Die Frau Amtsrätin wagte es, den gnädigen Herrn darum anzusprechen als das Haupt der Gesellschaft, und in ihrem Blick lag eine bescheidene Erwartung des Gegenseitigen, dieser aber lehnte es ab als einer, der nicht bei dem Abenteuer gewesen. Der Professor schlug bedächtlich Gustav und Clotilde vor. – So recht! rief augenblicklich die Chanoinesse und klatschte in die Hände: Wer könnte es auch schicklicher sein, als die beiden Liebenden? Sie gehören in mehr als einer Beziehung vor den Altar! Alles verstummte. – Der Oberst sah sie mit großen Augen an und verließ das Zimmer, die Schweizerin faßte die bebende Clotilde unter den Arm und ging mit ihr hinaus, bald darauf folgte Gustav. Die Zurückbleibenden aber mißbilligten es, daß die Chanoinesse das Wort der Entdeckung so unvorbereitet ausgesprochen habe. Wer war denn unvorbereitet dabei, erwiderte sie, als der Oheim? und auch der sollte es nicht sein, wenn er es nicht geflissen hätte sein wollen. Jetzt weiß er's und es ist besser, er habe, was doch nicht länger verborgen bleiben konnte, von Freundes Mund und aus wohlmeinendem Sinn erfahren als durch einen widrigen Zufall. Hier war er in guter Stimmung, unter teilnehmenden Bekannten, wer hätte es wohl gewagt, dem Brausekopf die Entdeckung unter vier Augen zu machen? Der Würfel ist gefallen, sagte der Professor. Die lebhafte Sprecherin erwartete Beifall, den man auch selten der dreistgesprochenen Frage eines Verständigen versagt. Unter sich aber vermuteten mehrere, ein Rest von Unlust über ihre Schwachheit bei Erscheinung der Zigeunerin habe diesen Freimut bewirkt oder wenigstens beschleunigt. Man sah nachher den Obersten mit dem Professor langsam und ernst unter den Bäumen auf und niedergehen. Dann schloß er sich den ganzen Abend ein um zu schreiben, erschien nicht beim Nachtessen und des folgenden Tages war er früh schon mit Tobias ausgefahren und ließ die Nachricht zurück, er gehe nach Sennwald, um den Engländer zu besuchen. – Was er am Abend geschrieben, war folgender Brief an den Major: Grünenstein, 28. August Was ich schon lange hätte sehen sollen aber nicht merken wollte, was Du schon zu Hause durch Winke mir nahelegtest, was ich, wenn es mir auch selbst wahrscheinlich werden wollte, immer noch durch elterliches Ansehen, durch einen Machtspruch, leicht wie eine Kinderei zu hintertreiben glaubte, das liegt mir jetzt als eine ausgemachte Sache, der nur noch das bezeichnende Wort mangelte, nicht nur hell vor den Augen seitdem die Chanoinesse heute das Wort ausgesprochen hat, sondern auch empfindlich und unerträglich wie ein zu nahes Licht: Liebe zwischen Clotilde und des Pfarrers Gustav! Ach, daß wir mit den Jahren auch die Liebe und ihre Erscheinungen vergessen oder nur noch wie ein irrendes Licht aus der Ferne ansehen! – Sie liebten einander von Kindsbeinen an, und ich alter Schwachkopf bedachte nicht, daß so ein Funke zur Flamme werden kann, die alle Verhältnisse überwältigt. Ich wollte in beiden nur folgsame Kinder sehen und damit sie recht folgsam seien, tat ich, was sie wollten; ich hegte und pflegte sie, ich nahm ihn sogar hier wieder in mein Haus auf, just als wenn ich es darauf angelegt hätte, daß sie unzertrennlich würden. Jetzt hat es mir die Chanoinesse gerade herausgesagt mit ihrer zuversichtlichen Miene, als ob sie es im Rate des Schicksals selbst vernommen hätte, und die übrigen andächtigen Zuhörer, sogar der Professor, statt sich zu befremden, schienen weiter nichts als mein Jawort zu erwarten. Mein Jawort? Nein, soweit soll es noch nicht kommen und wenn auch alle Weiber, die so gerne Liebeshändel begünstigen, sich samt und sonders für die Unbesonnenen vereinigten! – War das recht, so hinter mir umzugehen? Ich kann es auch der Chanoinesse nicht verzeihen, daß sie, die so oft die Strengverständige spielt und nach ihrem Stande unsere Verhältnisse kennen sollte, sich in diesen Roman eingelassen hat; und Suschen ist eine Natter, die ich im Busen nährte, die in Gestalt einer Turteltaube und die Schuld im Nacken von jeher, wie es mir jetzt wahrscheinlich wird, mit Wort und Schrift der Liebe hin und her flog! Der Professor hielt mich ab, sonst wäre ich in Vorwürfe gegen beide losgebrochen, wenn schon die eine nie Unrecht haben will und die andere mit Tränen alles gut zu machen meint. Vorwürfe erleichtern die Last des Verdrusses, allein, wie mir der Freund mit Grund bemerkte, sie helfen nicht zum Zweck. Nein, ich will nichts übereilen, aber Rat muß geschafft werden, wer gibt mir ihn, wer steht mir bei in meiner Ohnmacht? Oh, daß Du hier wärest, Du Leuchte meiner Jugend und meines Alters! denn bei den Schweizerfreunden ist wenig Hilfe zu erholen, sie kennen unsere Familienbeziehungen nicht, und dem Professor selbst, so wahr und klug er sonst ist, steht's auf dem Gesicht geschrieben, daß er diese Verbindung für abgeschlossen im Himmel ansieht, weil er von jenen Vorurteilen keine Begriffe hat, noch haben will. Vorurteile oder nicht, sie sind nun einmal da und so in unsere gesellschaftliche Konvenienz eingeflochten, daß man ihnen ohne die nachteiligsten Folgen nicht Trotz bieten kann. Wie dürfte ich wieder zu Hause, wie in der Residenz erscheinen, wenn durch mein Zutun ein Fräulein vom ersten Adel des Landes die Gattin eines Bürgerlichen würde? Und wäre auch ich schwach oder stark genug, mich darüber hinwegzusetzen, so könnte ich es gegen meine arme Schwester nicht verantworten, die durchaus an diesen Äußerlichkeiten hängt, deren ganzes Dasein damit verwoben ist, die, wie Ihr mir schreibt, ohnedies schon kränkelt. Sie, mit den schönsten Aussichten für ihr einziges Kind, würde sich über den Schimpf einer solchen Herabsetzung zu Tode grämen und ich hätte die Schuld ihres Todes zu tragen! Nein, nimmermehr! Hätte ich doch die Schweiz nie gesehen, oder hätte ich vielmehr diese Reise mit meinem Tobias allein gemacht und das Mädchen zu Hause gelassen, so wäre es dann Eure Sache gewesen, ihre Liebe zu hüten, und ich würde jetzt nicht in dieser schrecklichen Verlegenheit sitzen! Ein Land, wo es keine privilegierten Stände gibt, ist für heiratslustige Mädchen von vornehmer Geburt eine gefährliche Schule; das Heraustreten aus dem Zwange herkömmlicher Beschränkung, wozu sie jetzt ohnehin romantisch geneigt sind, wird ihnen durch das, was sie vor Augen haben, erleichtert. Heiratslustig, wußte ich das von Clotilde? Ich hätte es wenigstens wissen können, sind sie es denn nicht alle, besonders die von schlichter, unverdorbener Natur? Wenn sich der Mensch am meisten gefällt, dann macht er gewöhnlich einfältiges Zeug. Ich tat mir was auf die freundliche Art zu gut, womit ich den Gustav bei mir bleiben hieß, und er nahm die Nötigung so willig an, daß ich die Hälfte meiner Gutmütigkeit für etwas Besseres hätte sparen dürfen. Mußte er nicht denken, ich wolle ihm noch selbst Mut machen, oder ich sei ein Tropf? Wohl heißt jeder so, der mit sehenden Augen blind ist! – Und doppelt wirst Du sagen, verdient diesen Namen, wer, wenn ihm die Augen aufgegangen, jammernd nur auf die Finsternis zurück und nicht nach neuem Lichte blickt. Habe Geduld, Lieber, ich will nicht beim Jammern stehen bleiben, nur mußt Du mir vergönnen, in den Schoß des Freundes meinen Kummer auszuschütten, mir an Deinem treuen Herzen Luft zu machen, nach Art und Weise, wie ich es von jeher gewohnt war. Höre nun, was ich zu tun beschlossen und wie ich es mit dem Professor verabredet habe, der, ohne über den Beweggrund selbst eintreten zu wollen, doch die Notwendigkeit der Entfernung Gustavs auch begreift. Diese muß unumgänglich das erste sein; es wäre aber unedel gehandelt, ihn so geradezu aus dem Hause zu weisen, das sehe ich auch ein; er verdient eine so herabsetzende Behandlung nicht, hat er sich immer bieder und rechtlich gezeigt. Aber fort muß er, und das unter einem Vorwande, der seiner Ehre keinen Nachteil bringen soll, für dessen Ausführung der Professor sorgen wird. Ich aber gehe indessen auf einen Besuch zu dem Engländer, mit dem, wie Du weißt, sich Simmenthal geschlagen hat; er liegt eine halbe Tagesreise von hier an seiner Wunde krank und soll wirklich den Wunsch geäußert haben, mich zu sehen, was ich gerne hörte, denn bisher habe ich mich nie recht über jenen Vorfall befriedigen können. Jetzt hoffe ich den Leidenden zur Versöhnung zu stimmen und somit, indem ich einem Übel ausweiche, ein anderes gut zu machen. In das Schloß kehre ich nicht wieder bis Gustav hinweg ist, ich muß mir leider selbst entfliehen, das heißt, meinem auffahrenden Zorn und meiner weichen Nachgiebigkeit. Ach was ist der Mensch? Jung will er sich nicht ändern und alt kann er nicht mehr! Das Hausregiment habe ich inzwischen dem Professor übergeben, der verständige Freund wird schon mit der gewandten Chanoinesse Bedacht nehmen, den jungen Menschen als die Ursache meiner Verlegenheit milde fortzuschaffen. Wenn nur alsdann mit der Ursache auch die Wirkung gehoben wäre, aber ich fürchte, diese schulgerechte Folgerung werde sich auch hier nicht bewähren! Bringe ich nur das Kind wieder ledig und gesund nach Hause, so mag ihr dann die Mutter oder sie selbst für einen Mann sorgen, ich lege meine Mädchenobhut auf den Altar des befreienden Zeus und werde mich sobald mit keiner mehr befassen. Meine Zurückkunft wird nicht mehr lange anstehen, alle Umstände treiben und drängen mich dazu, wiewohl ich das schöne Land ungern verlasse, wo ich die Behaglichkeit des Daseins wieder empfinde und mir im Herbst der Jahre noch einen kurzen Frühling des Lebens zu schaffen die Kraft fühle, wenngleich täglich meine Pläne zu der neuen Lebensweise, wie ich sie wünsche, scheitern und das Schicksal, so wie mein Freund der Professor, ihrer zu spotten scheint. Er spottet ihrer, indem er mir aus hundert christlichen und heidnischen Sprüchen und noch besser aus der selbsteigenen Erfahrung beweisen will, daß kein Heil in solchen Anschlägen liege, kein Ersprießen in der Willkür, daß wir Geschöpfe eines Tages seien und weiser Genuß der Gegenwart allein unser Glück sowie unsere einzige oder höchste Pflicht ausmache. Einrichtungen für die Zukunft, meint er gleichwohl, dürfen wir darum brechen, weil in ihrem Schaffen wenigstens eine Freude der Gegenwart liege; aber wenn keine dieser Einrichtungen gerate, müssen wir es dem Schicksale nicht übelnehmen, das sich das Walten über die Zukunft allein vorbehalten habe, dagegen aber den guten Willen redlich bezahle und was es mit der einen Hand nehme, unvermerkt, doch reichlich, mit der anderen ersetze. So mir statt der goldenen Tage, die ich mir hier zu machen gedachte, tägliche Hindernisse und Plagereien, dagegen aber auch der irdischen Güter höchstes, Gesundheit und neue Lust am Leben. Das haben wir schon lange gewußt, wirst Du sagen. – Ganz recht, auch zusammen besprochen und die Wahrheit einzusehen geglaubt, aber die Erfahrung soll es mir nun bewähren; es liegt ein erhebender Reiz für das Selbstgefühl in dem Versuche, unschuldigen Idealen des Lebens Wirklichkeit zu geben, davon kann ich noch nicht abstehen. Und wenn das Ergebnis nicht der Erwartung entspricht, was ist's dann? Man ist wie zuvor und hat die Phantasie an die Klugheit getauscht, weise werden wir doch nie. Die Kränklichkeit meiner Schwester beunruhigt mich, ihr muß Clotildens Torheit sorgfältig verhehlt werden, denn ich hoffe, alles soll noch gut gehen; es ist schon aus mancher ersten Liebe nichts geworden. – Der Pastor dauert mich, wenn es seinem Söhnchen nicht geht wie er wünscht, der gute Alte ist wahrhaftig unschuldiger als ich; ich liege jetzt aber auch nicht auf Rosen. Er sei mir gegrüßt, wenn er auch der Vater eines zehnmal ungerateneren Sohnes wäre, und nichts soll mich hindern, insofern er es auch vertragen mag, nach wie vor meinen freundschaftlichen Umgang mit ihm fortzusetzen. Suschens Hochzeit stand nun nichts mehr im Wege als die gänzliche Vollendung der neuen Pfarrwohnung; ihre Papiere und die nötigen Scheine waren angekommen und fanden sich in bester Ordnung. Auch beeilten sich die wohlhabenden Männer der Gemeinde ihr Versprechen zu halten und dem verdienten Pfarrherrn die zwei besten Zimmer mit Hausgeräte auszustatten, so daß die Wahl, welche sie getroffen, jedermanns Beifall hatte mit Ausnahme des Predigers Tante, der Frau Amtsrätin, die es da und dort in Pfarrhäusern noch geschmackvoller gesehen haben wollte. Dies sagte sie aber nur, wie sie sich im Vertrauen äußerte, um Suschen zu belehren, daß man die Gaben geringer Leute nicht zu sehr erheben müsse, damit man sich nichts vergebe; sie nannte das eine vornehme Denkungsart. Noch sollte aber der bevorstehenden feierlichen Verbindung ein anderes Fest vorangehen, das die Frau Amtsrätin veranstaltete. Denn zufrieden mit ihrer Behandlung im Schlosse, ja eingebildet darauf, hatte sie schon einige Zeit sich vorgenommen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und in einem bereits fertig gewordenen Geschosse der Pfarrwohnung sämtlichen Bewohnern Grünensteins und einigen guten Freunden aus der Nachbarschaft zum Beweise ihrer Lebensart ein Gastmahl zu geben, welches zugleich die Weihe der neuen Wohnung und eine Anleitung für die künftige Frau Pfarrerin sein sollte, wie man angesehene Gäste empfangen müsse. Große Zurüstungen waren im Werk. Schon seit acht Tagen sprach sie von nichts anderem mehr, handelte mit Fischern und Jägern, dem Zuckerbäcker und dem Aufwärter, versicherte, daß sie keine Kosten scheue und hatte schon die Paare geordnet, die sich bei Tische zusammenfinden sollten. Für sie, die Spenderin des Festes, war der Herr bestimmt, als die Hauptperson des Schlosses, die gelehrte Frau Chanoinesse sollte von dem gelehrten Herrn Professor aufgeführt werden, das Fräulein von einem jungen Herrn von Adel aus der Nachbarschaft und so fort hatte sie jedem das seinige zugeteilt, daß eben keiner recht damit zufrieden war. Jedoch da der Faden dieser Parze, wie der Oberst sagte, nur für einen halben Tag gesponnen war, unterzog man sich ihrer Fügung. Aber um Himmels willen! rief die Base, als sie die Abreise des Obersten vernommen hatte: Was wird die Tante sagen, daß der gnädige Herr gerade heute, am Morgen ihres Festes, sich entfernt hat? Unendlich wird ihr Verdruß sein. Und unerschöpflich ihre Klage, tat der Professor hinzu, wer will es wagen, ihr die Anzeige zu machen? – Ich tue es nicht, antwortete Suschen. – Und ich mache mich eher aus dem Staube, sagte die Base. Auch die anderen Bewohner des Schlosses, die den wahren Grund von der Abreise des Obersten wohl erraten konnten, waren zu düster für eine solche Sendung gestimmt; zuletzt ließ sich doch die Chanoinesse gefallen, diese Botschaft zu übernehmen, die auch am besten dazu geeignet war, weil die Tante für sie, als für eine hochadelige Frau, immer am meisten Achtung bezeugte. Es gelang ihr auch, dieselbe soweit zu beruhigen, daß sie versprach, bei Tische nichts, weder Gutes noch Böses darüber zu sprechen, und daß sie die Gäste, die jetzt anzukommen begannen, fast ebenso anmutig empfing, als wenn der gnädige Herr an ihrer Seite gestanden hätte. So war wenigstens ein Stein des Anstoßes gehoben und schon bereitete man sich nach Anweisung der Gastgebieterin, die neben ihrem Platz ein leeres Gedeck, als wäre es für den Obersten, hatte hinsetzen lassen, munter zum Mahle, als ein lautes Getrampel auf der Treppe erscholl und augenblicklich darauf ein Mann mit verstörter Gebärde atemlos hereinstürzte und vor Beklemmung kein Wort reden konnte. Es war der Küster. Ist das eine Manier! schrie ihm auffahrend die Frau Amtsrätin entgegen, so unangemeldet ... Es brennt, wohlehrwürdiger Herr Pfarrer! stöhnte jetzt der Schreckensbote hervor. – Alles sprang vom Tische auf. Die Tante war außer sich über die Unterbrechung so wie der Küster über das Ereignis. Mit Mühe wurde aus dem erschrockenen Manne herausgebracht, daß das Feuer am Ende des Dorfes sei; sogleich eilten der Prediger und die jungen Männer aus der Gesellschaft hin. Auf der Straße erhob sich nun auch furchtbares Geschrei und angstvolles Herumlaufen, denn die durchaus hölzernen Häuser machen in diesem Lande die Feuersbrünste höchst gefährlich. Man schickte nach Bericht aus, es währte nicht lange, so hieß es, es brenne schon in zwei Häusern. Nun wurde an kein Essen mehr gedacht, wer nur immer Hilfe leisten zu können glaubte, begab sich hinweg. Die Frau Amtsrätin war untröstlich über das Schicksal ihres Gastmahls, und daß gerade ihr das habe begegnen müssen; sie schalt auf das bäuerliche Packvolk, das sich seine eigenen Häuser anzünde und keifte zuletzt, da sie alles verließ, mit dem Gesinde und mit einem bejahrten französischen Schweizeroffizier, der eine alte Burg in der Nähe bewohnte und, weil er ein Auge auf sie geworfen hatte, jetzt bei ihr zurückblieb und alles geduldig anhörte. Unterdessen stürmten die Glocken und aus den benachbarten Dorfschatten eilte viel Volk zur Hilfe herbei. Es wurde mit Anstrengung gearbeitet und da es lange dauerte, ehe man des Feuers mächtig war, so kam bald dieser, bald jener der Gäste in die Pfarrwohnung zurück und brachte noch andere mit, um sich an der gedeckten Tafel für einige Augenblicke zu erfrischen, so daß das Mahl, welches zu einem Schmause bestimmt war, jetzt unvermerkt und ohne Ordnung, aber zu edlerem Bedürfnis aufgezehrt wurde. Damit suchte auch der alte Professor die Frau Amtsrätin zu beruhigen: Der Mensch denkt, Gott lenkt, sagte er; allein sie konnte sich nicht recht in diese Lenkung finden. Mehrtägiges Regenwetter hatte die Dachschindeln durchnäßt, so daß sie nicht so schnell Feuer fingen und es der tätigen Hilfe gelang, die Flamme, nachdem sie drei nebeneinander liegende Häuser verzehrt hatte, zu bändigen. Ehe dies aber noch vollbracht war, fand der Prediger Gelegenheit, durch eine schöne Tat sich ehrenvoll auszuzeichnen. In einem der Häuser nämlich lag in einer oberen Kammer ein hilfloser alter Mann, der schon für verloren gehalten wurde, weil man nicht mehr in das Haus hinein kommen konnte und hinaufzusteigen sich keiner getraute, da jeden Augenblick der brennende Dachstuhl herabzustürzen drohte. Man hörte seinen Jammer. Da kam der Geist seines Glaubens über den Prediger: Gott stehe mir bei, rief er, ich will ihm zu Hilfe! – Schnell faßte er eine Leiter und eilte damit zu dem hochaufflammenden Gebäude. Sein Beispiel ergriff zwei junge Burschen, sie sprangen helfend herzu, einer hielt die Leiter, indes der Prediger und der andere den Alten mit begeisterter Behendigkeit aus dem Fenster holten und ihn so glücklich außer Gefahr brachten. Es war hohe Zeit, denn ein brennender Balken fiel jetzt neben den Hinweggleitenden nieder, der dem Prediger das Kleid versengte und den vorgehaltenen Arm unbedeutend beschädigte. Aber die Tat war getan, gerettet ein Menschenleben, ihn und seinen Gehilfen umrauschte der Jubel des Volkes und ihr Inneres belebte das stille Bewußtsein edler Kraft. Dieser Vorfall hatte dem Prediger alle Herzen gewonnen; man hatte wohl fromme Gesinnung, aber nicht so kühnen Mut von ihm erwartet. – Ich hätte es mir selbst nicht zugetraut, sagte er, aber es erwachte in mir plötzlich ein entschlossener Wille, über den ich alles andere vergaß, Gott gab es mir ein, Ihm allein sei die Ehre! Gerade in dieser Stunde sollte er jetzt Hochzeit machen, meinte die lebhaft gerührte Chanoinesse, jetzt stiege die betende Liebe aufrichtig gen Himmel und durch das, was sich begeben, wäre der Tag der Verbindung an die Unvergeßlichkeit geknüpft. Sie und jedermann beeilte sich, Suschen Glück zu wünschen, die auf dem Gipfel der Freude und mehr als jemals glückselig in ihrem Bräutigam war und recht gerne gleich jetzt Hochzeit gemacht hätte, wenn es nur an ihr gelegen hätte. Auch die Tante hatte ihr Herzeleid über dem neuen Glanz ihres Neffen vergessen und verhieß ihm nicht nur eine reichlichere Ausstattung, sondern gelobte auch, den ganzen Verlauf an hohe Personen zu berichten. Leuchtete aber dort das Licht des frohen Mutes, so schwebte hingegen über Clotilde und ihrem Geliebten das Dunkel banger Erwartung, denn die unvermutete Abreise des Oheims hatte die Besorgnis des Fräuleins vermehrt und obgleich die Chanoinesse und der Professor noch nichts verlauten ließen, weil dieser ohne Not nichts zu sagen sich vorgenommen, jene aber eine schonende Gelegenheit abwarten wollte, so sah die ahnende Seele doch einen Sturm voraus, dessen Herannahen sie ängstigte. Zwar wollte sie den Geliebten ihre Beklemmung nicht merken lassen, doch Gustav, dessen Auge an ihr hing, wie der Lichtstrahl an dem Gestirne – wie hätte ihm auch nur ein Wölkchen, das über ihr Angesicht fuhr, verborgen bleiben können? Allein auch er wagte keine laute Vermutung und teilte stillschweigend ihren Kummer. Nur zu bald enthüllte sich der düstere Schleier ihrer Sorge. Der Oberst meldete aus Sennwald mit kurzen Worten, er sei gesinnet, den verwundeten Engländer bald nach Grünenstein zu bringen, weswegen er notwendig finde, daß Gustav sich für einige Zeit entferne. Der Professor war beauftragt, ihm dieses auf beliebige Weise kundzutun und zugleich auch die nötigen Winke über die Unmöglichkeit einer Vereinigung mit dem Fräulein zu geben. Die Freundinnen waren ersucht, Clotilde zurechtzuweisen und, wie die Zärtlichkeit des Oheims sich auszusprechen nicht lassen konnte, sie aufzurichten. Ersterer erfüllte seinen Auftrag mit Schonung, jedoch ernsthaft und abratend, wie es Freundespflicht gegen den Oberst erheischte. Gefälliger war die Chanoinesse und weniger gewissenhaft als der Professor, weil es darauf ankam, einer schuldlosen Liebe zu dienen, die nichts gegen sich hatte, als einige äußere Verhältnisse; sie sprach den Liebenden Hoffnung und Trost zu, wiewohl sie nicht verhehlen durfte, daß der Oheim die Verbindung nun einmal für unmöglich erklärt habe. Was helfen aber alle Trostgründe gegen die Schmerzen getrennter Liebe, die jetzt desto empfindlicher sein mußten, da diese Trennung nicht ein Werk unvermeidlicher Notwendigkeit, sondern ein eigenmächtiger Befehl war? Der Verstand weiß zu gehorchen, aber nichts tut dem wunden Herzen so weh, wie fremde Willkür. Reiße dich los, junger Mann, und mache die Liebe nicht zu deinem Berufe, sprach der Professor: So edel auch ihr Gegenstand sein mag, deine jungen Kräfte bedürfen noch anderer Übung. Gehe in die Welt und kehre mit Erfahrung und Weisheit zurück, und dann komm und hole die Braut, die dir bestimmt ist! Liebes Kind, tröstete die Chanoinesse, du wirst ihn wiedersehen! Ist auch Geburt und Meinung euch entgegen, die höhere Hand des Schicksals, ein günstiges Gestirn, waltet über eurer Liebe. Sie dürfen sich dieser Liebe nicht schämen, teure Clotilde, sie ist nicht eine gewöhnliche Leidenschaft, ein schnellerglimmter Funke rascher Gefühle, sie ist eine von der Natur geleitete Verschwisterung der Seelen von Jugend an. Zwei edle Reiser sind nebeneinander emporgewachsen zu blühenden Bäumen und haben sich mit den ersten Wurzeln schon in ein gemeinsames Leben verwunden; wo wäre die feindliche Hand, die sie auseinander risse? Für jetzt aber müssen Sie beide den Umständen nachgeben, der Unwille des Oheims will auch sein kurzes Recht haben. Lassen Sie Ihren Geliebten in die Welt gehen und seine Bildung vollenden, ergeben Sie sich in die Zeit des Scheidens, um die Tage der Wiederkunft desto heiliger zu machen! Das war nun freilich nicht nach dem gegenwärtigen Sinne des Obersten gesprochen; er sollte ihr auch schlecht gedankt haben, wenn er diese Auslegung seiner Wünsche erfahren hätte. Sie behauptete aber, man müsse bei Männern immer zwei Ansichten unterscheiden: die erste gehöre dem Impuls des Augenblickes und halte nie fest, weil ihnen die Gabe der Überlegung gegeben sei, mit der sie erst später das Richtige auffassen; die Frauen hingegen haben alles im ersten Momente weg, und was sie nicht so erfassen, das begreifen sie nimmermehr. Was von allen gesagt wird, paßt nie auf alle, versetzte der Professor. So werde, fuhr jene fort, auch der Oberst bald wieder zurecht kommen und dann noch danken, daß man die Liebenden so schonend behandelt habe. Daß doch die Weiber in fremden Herzensangelegenheiten umsichtiger sind als in ihren eignen! dachte der unverheiratete Alte und konnte und mochte es der Chanoinesse nicht wehren, Trost und Hoffnung den Scheidenden zu spenden. Aber jene, von der Allgewalt der Liebe umfangen, hatten sich in diesem Beisammensein so glücklich gefunden, daß sie gerne die Gegenwart zur Ewigkeit gemacht hätten und wurden nunmehr durch das Unvorhergesehene dieser schnellen Trennung zu stark aufgeschreckt, als daß sie in etwas hätten Beruhigung finden können; ach und sie waren beide mit den Schwierigkeiten, welche die Sitte ihres Landes gebot zu bekannt, als daß sie sich eine frohe Zukunft hätten versprechen dürfen, wären sie jetzt auch imstande gewesen, an die Zukunft zu denken. Clotilde ergab sich mit blasser Wehmut, ihr standen die treue Schweizerin und die wohlmeinende Chanoinesse zur Seite, die sie unterstützten. Gustav hatte niemand als den alten Professor, dessen Herz zwar nichts Menschlichem fremde, doch zu ferne den Tagen der Jugend war, um den Liebesschmerz eines Jünglings mitzufühlen, und bei Suschen war kein Trost, sie weinte zaghaft über die Tränen ihres Fräuleins. – Ungestüm riß er sich los und sein rascher Entschluß war, Simmenthal aufzusuchen und sein Los unter den Waffen mit ihm zu teilen. Dazu trieb ihn noch ein Gedicht von diesem, das von Konstanz aus gerade in dem Zeitpunkt eingetroffen war und jetzt beide Freunde in einem Schicksale zu vereinigen schien. Simmenthals Seefahrt Führt mich fort aus den engen Mauern, Ich will in der Freiheit trauern; Schwebender Nachen nimm mich auf, Schweigender Schiffer steure den Lauf Hinaus in des Sees weite Stille, Wo des Morgenschimmers neubelebende Fülle Mich umschließt und, auf der Höhe sonnenbesät, Kein Auge des Ufers mich mehr erspäht. Könnt' ich auch so dem irdischen Dasein schwinden, Und in dem ewigen Licht mein Leben finden, Nicht mehr gebannt in finsteren Staub, zu sein Das Spiel von jedem nichtigen Schein! Schweige Beklemmung und Sorge zur Stunde, Lege dich Schmerz der brennenden Wunde, Kehre wieder o flüchtiger Mut, Daß ich schwebend auf strahlender Flut, Einmal mir selbst wieder gegeben, An dieser reichen Schöpfung erquicke mein Leben, Noch einmal mich labe am Göttermahl, Eh ich scheide von Berg und Tal! Gleite o Schifflein gelockt von gelinden Schmeichelnden Morgenwinden, Sanft und frei in weiten Kreisen umher, Auf dem ruhigen Silbermeer, Wo mit dem Frieden der Gegenwart füllen Ich all mein Wesen möchte, mein Sehnen stillen. – Ziehe dort nahe der freundlichen Küste hin, wo Städt' und Dörfer einladend in Freiheit blühn, Und über ihnen sich in Reichtum erheben Fluren voll Bäume, Hügel voll Reben; Wo weiterhin annoch, den Wolken vertraut, Der jauchzende Appenzeller sich Hütten gebaut. Oder willst du hinüber dich wenden, Schifflein, zu Schwabens fruchtbaren Geländen, Wo der Nebel im Tale noch streicht, Und, wie er der Sonne entweicht, Blaue Höhen mit den Lüften sich einen, Die mir Ruhe zuzuwinken scheinen. Gesegnetes Land, dem statt des Goldes, Brot Die schönere Gabe, schenkt ein guter Gott! Jede Ferne, die den Menschen verhüllet, Wie ist sie mit stillem Frieden erfüllet, Wie selig dort, gleich Schwänen auf der Flut, Die Inselstadt, die Seeumfloßne ruht! Nicht länger scheinen Buchhorns alte Mauern Um ihren rechtlichen Namen zu trauern. Menschenwohnungen sind zu schaun Wie friedliche Schafe auf goldnen Au'n. Was funkelt hell aus Meersburgs hohem Saale, Die Fenster glüh'n im Morgensonnenstrahle; Ist's Vorbedeutung, die bald höheres Licht Von einem edlen Hirten weit umher verspricht? Schweifender Sinn, meine Lust und Plage, Zu der nördlichen Bucht hin mich noch trage, Wo vom Himmel gefallen ein Eiland ist, Das keiner, der es sah, vergißt, Mainau, ein Paradies hienieden, Wär' uns ein solches beschieden, Wäre an Boden und Land, Und nicht ins Herz unser Glück gebannt. – Mein Glück ist nirgends! Wenige Stunden Wähnt' ich auf Rheintals Hügeln es gefunden; Eine Erscheinung in Mädchengestalt, Lieblich und zart, wie von Amor gemalt Das schönste Gebilde – ach meinem Verlangen Wie ein täuschender Traum vorübergegangen, Aber haftend in beklommener Brust, Wie dem Schiffbrüchigen sein Verlust! O daß Winde mich auf Flügeln Unsichtbar trügen zu Grünensteins Hügeln! Daß die Wolke in ihren silbernen Schoß Mich hüllte, zu schweben über dem Zauberschloß, Nur jetzt noch die holdseligste der Frauen In ihrer Herrlichkeit zu schauen, Ihr lieblich Erscheinen in mein Herz Noch einmal zu drücken, und dann dem Schmerz Zu erliegen, seh' ich sie am Arme des Andern Über Blumen der Freude wandern! – Unseliger, der sich aus Licht Finsternis macht! Siehe nach oben, da schwimmt die heilige Pracht Der Sonne hoch im unendlichen Runde, Unanschaubar, und du der Sohn einer Stunde, Auf diesem Wassertropfen kaum Bemerkt, eines Schattens Traum, Bist dennoch die ewigen Bahnen Der Sonnen fähig zu ahnen, Ja in höheres Heiligtum hin Den Schritt zu wagen mit kühnem Sinn; Warum wolltest Du tatenlos, ohne Ruhme, Wie ein Schmetterling vor einer Blume, Wäre sie auch als die schönste verehrt, Verschweben deines Daseins Wert? Die ihr dort die schneebedeckten Gipfel Hoch über die Hügel und ihrer Bäume Wipfel Erhebt, ihr Berge – auch jetzt vielleicht Ein Blick von Ihr nach euren Sonnenspitzen reicht – von Euch zu scheiden ist beschlossen! Herrlicher See, von dir! Es umflossen Heute mich deine Fluten zum letzten Mal, Mit meinen Freuden, mit meiner Qual. Ihr Höhen, ihr Täler, ihr Schattengefilde, Meine Seele hängt an eurem Bilde; Doch reiss' ich mich los! In fremdem Land Will ich suchen, was ich hier nicht fand – Nicht die Gunst der Frauen, Wie könnt' ich wieder solche Anmut schauen! – Suchen will ich ein verirrtes Schaf, Wecken will ich aus dem Schlaf Mein eignes Selbst zu neuem Leben, Ihm den wahren Führer wieder geben, Der es leite zu dem reinen Quell, Wo die Weisheit fließet still und hell; Der es nähre mit der Wissenschaft Und der Künste ewigjunger Kraft; Der des Lebens Freud' und Ehre Mich in edeln Taten suchen lehre. Aber wo ist der Führer, wo das Land? – Wo ernster Wille herrscht, sind beide bekannt. Wie des Trübsinns düstre Nebel schwinden, Werd' ich des Landes Sonnenküste finden; Dorthin steure, Schiffer, froh den Lauf, Die Hoffnung treibt, dich nimmt Gelingen auf! – Gelingen oder Täuschung; Glück des Lebens, Oder ein sicheres Ende meines Strebens, Wo auf immer Ruhe mir lacht: Ruhmvoller Tod in blutiger Schlacht. Es war eine helle Mondnacht, als Gustav das Schloß verließ, allein und voll Trauer, er wollte von niemand begleitet sein, selbst nicht vom Professor. Das Pferd des Obersten, das er mitnahm, versprach er von Konstanz zurückzuschicken. So ritt er langsam weiter, durch schweigende Dörfer und das Schattengewirre der Bäume, der unwiderstehliche Friedenszauber des stillen Mondenlichtes hatte nach und nach seine stürmischen Gefühle in weiche Wehmut aufgelöst. – Aber verloren in den Träumen der Vergangenheit war er schon geraume Zeit von der rechten Straße abgekommen, er geriet an das Wasser und da er in der Nähe Licht sah und in der Beglaubigung war, daß jenes nur der seichte Abfluß des ausgetretenen Rheins war, wo er, längs demselben hinreitend, den Weg wieder finden müsse, stürzte er jählings in die Tiefe des Stromes. Der Fährmann, denn das Licht war in seiner Wohnung, hatte den Reiter gehört und sich aufgemacht in der Meinung, daß derselbe hinüber geführt sein wolle. Er hörte nun auch den Sturz und den Schrei des Sinkenden, und wie er sich näherte, erblickte er das Pferd, das sich aus dem Fluß losarbeitete, ans Land kam und einen Menschen, der mit dem Fuß in dem Steigbügel hing, hinter sich her zog. Es gelang ihm, das ermüdete Pferd aufzuhalten und den Verunglückten los zu machen, der kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Unverzüglich weckte er seine Tochter, schickte sie nach Hilfe in das benachbarte Dorf und bemühte sich indessen, den Unglücklichen ganz aufs Trockene zu bringen und zu forschen, ob wirklich kein Leben mehr in ihm zu finden sei. Hilfe war bald da, der Pfarrer des Ortes war der ersten einer, die auf den Platz kamen. Schon das Rütteln und die Bemühungen des wackeren Fährmanns hatten einige leise Spuren des Lebens bei dem armen Gustav wieder zu wecken geschienen. Der Pfarrer ließ ihn auf einer Bahre in sein Haus tragen, warme Tücher wurden zurechtgemacht und alle Hilfsmittel, die ihm bekannt und zur Hand waren angewandt, bis es ihm gelang, dem Scheintoten wieder Atem und Bewegung zu geben. Aber Rede war noch keine bei ihm, er lag in völliger Betäubung. Bald war er als eine Person aus dem nicht fernen Schlosse Grünenstein erkannt; Botschaft eilte ohne gehörige Vorsicht dahin, das ganze Schloß wurde aufgeschreckt. – Welch ein Morgengruß für die Freunde, für die aus ängstlichen Träumen erwachende Geliebte, der man die allgemeine Bestürzung nicht verbergen konnte, nicht verhehlen, daß ein Unfall den scheidenden Gustav betroffen habe! – War erst ihr Schmerz groß über die Trennung, so war jetzt ihr Leid unermeßlich. Sie hielt ihn für verloren, wollte ihn tot noch einmal sehen, mit ihm ins Grab. Kaum konnten die Freundinnen sie zurückhalten, daß sie nicht nacheilte dem Professor und dem Prediger, die sich sogleich zu dem Verunglückten auf den Weg gemacht hatten. Diese fanden ihn zwischen Tod und Leben. Ein Wundarzt, der aus der Nachbarschaft herbeigeholt wurde, machte jedoch Hoffnung und brachte es durch angestrengte Bemühung dahin, daß er gegen Mittag wieder zur Besinnung kam und die Besuchenden es wagten, den tröstlichen Bericht nach Grünenstein zu senden, er könne wahrscheinlich gerettet werden. Diese schwankende Versicherung des Arztes vermochte den Professor desselben Tages noch in dem Wägelchen des Pfarrers nach Sennwald zu eilen, um den Obersten mit dem unglücklichen Vorfalle bekannt zu machen, ehe fremdes Gerede ihm zuvorkäme. Den Prediger ließ er bei dem Kranken. Inzwischen erholte sich Gustav merklich, blieb aber doch noch sehr schwach und erst jetzt zeigte es sich, daß durch das Hängen im Steigbügel sein Fuß auf eine gewalttätige Weise aus dem Gelenke getrieben worden. Aber nun stellte sich ein heftiges Fieber ein, so daß der Landarzt sich nicht getraute, etwas an dem verrenkten Fuße zu machen, sondern noch geschicktere Mithilfe begehrte, wozu auch bereits Anstalt getroffen war. Noch ehe der Tag verging, waren schon mehrere Boten aus Grünenstein gekommen, um sich nach dem Befinden Gustavs zu erkundigen; aber die Berichte entsprachen nicht dem Wunsche und machten den Zustand des liebenden Mädchens desto bedauernswerter. Es war ein Jammer, gegen den die teilnehmendste Freundschaft nichts vermochte. Sie klagte nicht, sie sprach nicht, nannte seinen Namen nicht, aber ihr Blick war immer in die Ferne gerichtet, als sähe sie etwas jenseits der Wände; bald rang sie die Arme wie im Gebet, das Zimmer auf und niedergehend, bald saß sie bewegungslos auf dem Bette, und stille Tränen quollen über die blassen Wangen, fuhr dann wieder schreckensvoll auf und verbarg ihr Gesicht am Busen der Freundin. Eine Nacht unendlicher Trauer. Der Morgen mit seinem erheiternden Lichte kam und brachte auch bessere Nachricht von dem Zustande des Jünglings. Eine große Wohltat für sie und alle, denn ihre Kräfte hätten die steigende Besorgnis nicht länger ertragen mögen und täuschen konnte man sie nicht, weil sie jeden Bericht unmittelbar von dem Überbringer selbst vernehmen wollte. Vor dem Mittag langte auch schon der Oberst an, der ohne dieses Unglück nicht so leicht von Sennwald wegzubringen gewesen wäre, indem ihm, durch eine unerwartete Entdeckung, der Engländer näher an das Herz gerückt worden. Dieser hatte nämlich von dem deutschen Arzte, der ihn pflegte, den Namen und Stand des Obersten erfahren und da er von seinem Vater, der ein englisches Kommando in Amerika gehabt, öfters gehört hatte, daß er mit einem deutschen Offizier, der so hieß, in vertrauter Bekanntschaft gestanden, so machte ihn das in den traurigen Tagen seines Schmerzenslagers begierig, einen Mann um sich zu haben, dem er sich in seiner Landessprache anvertrauen könnte und der wahrscheinlich ein Freund seines Vaters gewesen war. Er ließ deswegen, ohne etwas von seiner Vermutung zu sagen, durch den Arzt den Wunsch äußern, den Obersten zu sprechen. Dieser kam, und als sich die Mutmaßung des Engländers bewährte und er in demselben den Sohn seines ehemaligen Kriegsgefährten wirklich erkannte, so ließ er sich die Gelegenheit nicht entgehen, den jungen Wildfang, den ohnehin Schmerz und Einsamkeit besserer Weisung empfänglich gemacht hatten, zurückzuführen auf den Weg vernünftiger Ansicht seiner selbst und des Lebens und ihm das Erlittene als die Sühne seiner Verirrungen begreiflich zu machen. Es wurde ihm leicht, sein Zutrauen zu gewinnen und mit väterlichem Ansehen, dem der Sohn des Freundes gerne huldigte, noch manches von der harten Hülle, die seine edlere Natur umzogen hatte, abzustreifen. Demnach ward, um die ganze Kur äußerlich und innerlich zu vollenden, gemeinschaftlich (auch ohne Rücksicht auf den Vorwand wegen Gustav) beschlossen, daß der junge Mann als ein Freund des Hauses nach Grünenstein kommen sollte, sobald seine Brustwunde, und was ihn, obgleich weniger bedeutend, mehr zurückhielt, sein noch durch Verband entstelltes Gesicht es gestattete. Da kam die unerwartete Erscheinung des Professors. Es bedurfte keiner Erinnerung, dem Obersten, sobald er das Unglück Gustavs vernommen, die schnelle Rückkehr nach Grünenstein notwendig zu machen; mit dem anbrechenden Morgen reiste er ab und der deutsche Arzt, der dem Engländer nicht mehr durchaus unentbehrlich war, nahm den Weg nach dem Dorfe, wo Gustav lag. Es gibt Menschen, die von Kleinigkeiten niedergedrückt, von bedeutenden Widerwärtigkeiten hingegen gehoben werden, so der Oberst. Wir sollen, sagte er unterwegs zum Professor, die schönen Tage nicht haben, die wir uns geträumt, ein Nebel der Trübsal will sich auf uns niederlassen. Er komme: Über dem Nebel wandeln doch Sonne, Mond und Sterne in ungestörtem Frieden; was ist unser Geist, wenn ihn vorüberziehende Wolken ängstigen? Daß wir in der Not die Richtung nicht verlieren, das soll unsere Sorge sein! – Helfen Sie mir steuern, lieber Mann, fuhr er fort und ergriff die Hand des Freundes, mit Ihrem Beistande will ich durchkommen. Der Professor antwortete nur mit einem treugesinnten Händedruck und bald hernach sprach er: Böse Tage sind oft in der Rückerinnerung die schönsten, wenigstens reden wir meist von denselben mit mehr Empfindung als von den guten, weil wir so manche lehrreiche Erfahrung an sie knüpfen. Nicht so wohl Widerstand, als mannhafter Überstand, wendet das Übel zur Wohltat.   Brief des Obersten an den Major von... Grünenstein, 7. September Nichts hätte mir erwünschter sein können, als Deine Nachricht von dem Wiederaufleben meiner Schwester, denn das Gegenteil hätte mich in der jetzigen Lage zu Grabe gedrückt, um so viel mehr, da Du sagst, sie habe auf unbekanntem Wege von dem hiesigen Verweilen Gustavs Kenntnis erhalten und Worte des Mißfallens darüber hören lassen. Dabei hat sie gewiß auch meinen Leichtsinn angeklagt und wie, wenn sie mit dieser Klage aus der Welt gegangen wäre! – Gott sei gedankt, daß wenigstens diese Last des Kummers von mir genommen ist, ich habe dessen ohnehin noch genug! Höre nur und behalte was ich Dir schreibe in Deiner verschwiegenen Seele, ich werde meiner Schwester schon das Nötige melden und dem Pastor auch. Der junge Mann verließ, der getroffenen Einlenkung gemäß, das Schloß. Er tat es bei Nacht, stürzte zwei Stunden von hier mit dem Pferde in den Strom des Rheins, wurde für tot herausgezogen und liegt nun, zwar wieder auf der Besserung aber mit verrenktem Fuße, bei dem Pfarrer des Ortes, wo sich das Unglück zutrug. In Sennwald erhielt ich die Nachricht, sandte sogleich den anwesenden Arzt dem Unglücklichen zu Hilfe und eilte vorerst auf Grünenstein zurück, weil ich wohl vermuten konnte, der Vorfall müsse einen erschütternden Eindruck auf Clotilden gemacht haben. So fand ich es auch. Zwar waren kurz vor meiner Ankunft erträglich gute Nachrichten von Gustavs Befinden eingegangen, aber es hieß, das Fräulein wolle sie nicht glauben, und man schilderte mir ihren Zustand höchst beunruhigend, deshalb wollten mich die Frauen aus einfältiger Sorgfalt nicht zu ihr lassen, und mancherlei Bedenklichkeiten, die man einem nicht gern ins Gesicht sagt, malten sich auf ihren ängstlichen Mienen. Soll ich mein liebes Kind nicht sehen? rief ich: Glaubt ihr etwa, Clotilde werde mich scheuen, oder gar mir Vorwürfe machen? Da kenn' ich sie besser, in welcher Lage sie auch sei, nie wird ihr Herz über ihren Oheim erschrecken, nie ihm Schuld geben, was das Schicksal allein getan und keine Vernunft voraussehen konnte! – Und damit drängte ich mich in ihr Zimmer und schloß die Türe hinter mir zu. Sie lag auf dem Bette, blaß und erschöpft, stand jedoch hastig auf, als sie mich erblickte und schlang ihre Arme um meinen Hals und netzte meine Brust mit Tränen: Mein Vater! mein Wohltäter! ... Jetzt erst kann ich weinen ... Was macht er? ... Soll ich mich schämen? darf ich ihn nennen? Ist er tot? Nenn' ihn, nenne ihn wie du willst, liebe Seele, rief ich tief gerührt: Aber erhole dich, Gustav lebt, du wirst ihn bald wieder sehen. Sei stark, sei getrost! Wird er nicht sterben? sagte sie in gebrochenem Tone ... Gewiß nicht? ... und sah nach mir auf mit einem Blicke zweifelnder Wehmut. Könnt' ich meinem Herzenskinde Unwahrheit vorgeben, in diesem Augenblicke? sagte ich und führte sie zu einem Ruhesitze, mich neben sie niederlassend: Unser Gustav ist außer Gefahr, sei nur ruhig! Aber ihre ganze Seele war bewegt, sie fiel auf die Knie, ergriff meine Hand, ein Strom von Tränen floß darauf. Ich wollte sie aufrichten: Lassen Sie mich, sagte sie, es ist mir Erleichterung ... Aber warum gibt mir mein Vater keine Verweise? Warum zürnt er nicht dem ungehorsamen Kinde, das ihn hintergangen, das an dem Unglücke schuld ist? – Sie bog ihr Gesicht auf meine Knie. Ich nahm sie in meinen Arm, drückte sie an mein Herz; das Sprechen kam mir schwer an: Du bist an keinem Unglücke schuld, liebes Mädchen! verbanne diese Gedanken. Keine Vorwürfe sollen das Heiligtum unserer Liebe entweihen ... Wir sind schwache, aber keine böse Menschen ... Das Verhängnis steht in der Macht des Herrn ... Sieh, heute noch besuche ich den Kranken und bringe ihm gute Worte, auch von dir ... Es würde ihm leid tun zu hören, daß du kleinmütig seist. – Sie wurde nach und nach ruhiger. Nächst der Versicherung von Gustavs Wiederaufkommen war ihr auch durch mein Betragen ein Stein vom Herzen gewälzt; das edle Geschöpf, statt an Vorwürfe gegen mich zu denken, hatte sie dieselben von mir erwartet, schrieb sich selbst das Übel zu. Ich übergab sie den ängstlich harrenden Freundinnen, die bald mit großem Vergnügen eine auffallende Veränderung in ihrer Gemütsstimmung wahrnahmen. – Gleich nach Tische fuhr ich dahin, wo sich Gustav befand. Der deutsche Arzt war schon da und machte mit seinen anwesenden Kunstgehilfen Anstalt, dem Leidenden den verrenkten Fuß einzuziehen, weil er ihm große Schmerzen verursachte, die das Fieber vermehrten. Als ich vor sein Bett trat, reichte er mir die Hand entgegen: Ich habe gebüßt, gnädiger Herr, etwas von meiner Schuld ist abgetragen ... Nicht so, lieber Gustav! nicht so! unterbrach ich ihn: Ich verlange keine Büßung, sondern daß du gesund und glücklich seist. – Er seufzte, lächelte und schwieg. Ich setzte mich neben ihn: Clotilde wünscht es auch, sagte ich. Weiß sie etwas von meinem Begegnis? erwiderte er lebhaft: Es hätte ihr weh getan, wenn ich ... Noch war es nicht meine Stunde. Was macht sie? Ihr ernstes Verlangen ist, dich bald gesund nicht nur zu wissen, sondern auch zu sehen, darum pflege jetzt ruhig deiner Genesung, damit auch sie Ruhe habe. Wir erwarten es alle, alle von dir. Er küßte mir die Hand: Nie habe ich Ihre Güte mißkannt, edler Mann, und ... wer aus den Armen des Todes kommt, muß frei reden ... auch nie mißbraucht. Nur der Schein der Welt mag gegen mich sein, was ist aber dieser Schein? Für Freunde ist er nichts, lieber Gustav, sagte ich ... und wir sind Freunde. Beruhige also dein Gemüt, damit auch dein Vater erfreuliche Berichte erfahre. Ihr guter Geist sorge für meinen Vater! Ich bin zu allem bereit, was die, die mich lieben, befriedigen kann. Da die Ärzte auf Beschleunigung der Operation drangen, wurde sie jetzt vorgenommen, und da Gustav den Wunsch äußerte, daß ich zugegen sein möchte, so mußte ich es mir gefallen lassen, so nahe es mir ging. – Er hielt während der ganzen Verrichtung mit seinen beiden Händen die meinige gefaßt und harrte standhaft aus, wiewohl es lange währte und die Schmerzen groß waren, denn das Gelenk war übel zerrissen. Halb ohnmächtig wurde er nun im Bette zurecht gelegt, doch der deutsche Arzt (wahrhaft ein geschickter Mann) spricht mit Zuversicht von kurzer Frist der Heilung. Nun bin ich wieder hier in Grünenstein und suche mich von allen diesen Anstrengungen, die mein bißchen Kraft beinahe erschöpft haben, zu sammeln. Es ist doch nun alles insofern in der Ordnung, daß die Gemüter sich wieder zur Gelassenheit kehren und kein neuer Ausbruch eines Sturmes droht und ich wieder mit dem Professor ruhig unter der Linde sitze. Soweit ist es mit unseren seligen Idealen gekommen, daß wir jetzt herzlich gern mit dieser negativen Ruhe vorliebnehmen und uns der Überzeugung ergeben, Gott habe aller Seligkeit hienieden das Wörtlein «Mühe» vorgesetzt, um sie menschlich zu machen. Aber was ist mit den Kindern anzufangen? – Ich habe Dir mit Fleiß so umständlich über ihr beidseitiges Benehmen geschrieben, auf daß Du selbst urteilen mögest, ob ich anders hätte reden und handeln können. Ich sehe nun erst, wie tief ihre Liebe gewurzelt, wie fest das Band ist, das ihre Seelen umschlingt; Du hast vernommen, wie Clotildes Leben auf seinem Dasein ruht, und ich gestehe Dir, die Fassung und die mutvolle Sprache des Jünglings auf seinem Leidenslager haben, so unerwartet sie auch waren, ihm mein Herz noch mehr zugewandt. Dies Band zu zerreißen war außer meiner Macht und ist jetzt auch außer meinem Willen, ein neues Unheil müßte dessen Folge sein, da sei Gott vor! – Sage die Welt was sie wolle, was kümmert mich die Welt! Aber die Mutter, eine Frau von hohem Stande, oh, die wird nimmermehr einwilligen und Clotilde ist ihr Kind, nicht das meine, wird nicht eines von ihnen darüber zu Grunde gehen? Dieser Gedanke liegt schwer auf mir. – Freund, Lieber, Einziger! Da mußt Du helfen und raten und vor allen Dingen zu verhüten suchen, daß sie etwas von der Geschichte erfahre. Das meint auch der Professor: Aber darauf können Sie sich nicht verlassen, sagt er, das Gerücht hat magische Flügel, die es auf unbegreifliche Weise über Raum und Zeit hinwegtragen. – Das ist wahr, wie hätte sonst meine Schwester schon etwas ahnen und so plötzlich, wie Du meldest, auf den Einfall kommen können, ihre Tochter wieder bei sich zu haben? Es wäre denn, sie hätte den Absichten des Grafen B. Gehör gegeben, denen ich im Notfall schon begegnen wollte. – Indes müssen wir doch tun, was in unserem menschlichen Vermögen liegt, alles Unheil abzuwenden. Sage ihr fördersamst, ich sei selbst gesinnet, nicht mehr lange hier zu verweilen, denn der Herbst ist vor der Türe und mit ihm will ich scheiden, nur muß ich erst wieder zu Kräften kommen, ich bin ein alter Mann und fühle mich von der Mühe und Arbeit dieser letzten Tage sehr abgemattet. Es hatte nun wirklich im Schlosse alles wieder seinen ruhigen Gang angenommen, Clotilde blühte wieder auf in stiller Freude über Gustavs Besserung und über des Oheims väterliche Milde, und die Freundinnen waren durch die schmerzlichen Vorfälle zu höherer Einfalt gestimmt und noch vertrauter unter sich geworden. Nur der Oberst fing an zu kränkeln, die heftigen Gemütsbewegungen, die unzeitigen Anstrengungen hatten ihn doch angegriffen. Er achtete anfänglich wenig darauf, erschrak aber fast, als sich das Übel auf die Brust werfen wollte, bis es sich zu seinem alten Feinde oder Freunde (bald gab er ihm diesen, bald jenen Namen) dem Podagra entschied, da ward er wiederum fröhlich: Ist's nur das? sagte er, dagegen kenne ich längst die besten Arzneien, ich decke meine Leiden mit dem Mantel der Geduld, Ihr sollt sehen, wie ich mich in dieses Gewand zu hüllen weiß! Doch die Bewunderung wollte seiner Erwartung nicht immer entsprechen, es währte nicht lange, so nannte die Base, die ihm vorlesen mußte, jenes Gewand einen unsichtbaren Mantel. Nein, sagte die Chanoinesse, ich sehe den Mantel wohl, aber er ist ihm zu enge und bekommt zuweilen Risse. Gustav mag wohl gelassener sein, flüsterte Suschen zu Clotilde. Und Tobias versicherte die Kammermädchen, solange der gnädige Herr nicht auffahre, sei er recht geduldig. Wir wollen billig sein, entschied der Professor: Geduld ist eine schweigende Tugend, die in der Gegenwart wenig Aufsehen macht und desto mehr in ihrer Abwesenheit vermißt und gepriesen wird. Daher sind die Geduldigen auch übel daran, denn sobald sie nur ein einziges Mal auffahren, wird nicht mehr an das gedacht, was sie stillschweigend ertragen haben. Wirklich ertrug der Oberst seine Schmerzen, wenn auch nicht immer mit Geduld, doch mit Mut. Nur darin wich er von seiner gewohnten Stimmung ab, daß er manchmal über Sachen, die er in gesunden Tagen scherzweise aufgenommen hatte, sich jetzt ärgerte; so bekam denn freilich jedermann etwas zu hören. Selbst den deutschen Arzt, zu dem er doch viel Vertrauen gefaßt hatte, fuhr er etwas derb an, als dieser ihn in einer Stunde des Schmerzes besuchte und, wie er selten umhin konnte, gelehrt zu reden anfing und von «depotenzierter Nerventätigkeit, als dem Zustande der Hypochondrie, der durch den Prozeß der Desoxygenation in seine höchste Potenz gesteigert werde» sprach. Heilen Sie mich, wenn Sie können, rief der Patient ergrimmt, aber um Himmels willen verschonen Sie mich mit Ihren Potenzen! Ich will noch lieber hören, was Hippokrates auf griechisch gesagt hat, wenn ich es schon nicht verstehe, so kann ich doch denken, es ist etwas Gründliches. Aber hinter diesen sublimierten Prachtswörtern steckt nichts als Vornehmtun, denn ich bin überzeugt, man könnte sie meist alle auf einfache schon bekannte Ausdrücke zurückbringen. – Nichts für ungut, lieber Doktor! tat er jedoch bald darauf, als der Schmerz heftiger wurde, hinzu: ich bin eben aus der alten Schule, die für alles einen verständlichen Namen suchte und in eine neue mag ich nicht mehr gehen, als allenfalls in die Schule der Notwendigkeit, wo man zum Lernen nie zu alt ist. In dieser Zeit, als der Oberst hier und Gustav dort krank lagen und der deutsche Arzt darum nur selten nach Sennwald hinkam, hatte der Engländer Langeweile bekommen und wurde begierig, das Leben auf Grünenstein, worüber er von dem Obersten und dem Arzte so viel Anziehendes gehört und in seiner Einsamkeit noch mehr geträumt hatte, mit eigenen Augen zu sehen. Da er es aber noch nicht wagte, sein Gesicht den Frauenzimmern zu zeigen, entschloß er sich, ohne jemand ein Wort zu sagen, einstweilen sein neues Leben damit anzufangen, daß er den, welchen er bisher als einen Feind betrachtet hatte, sich nunmehr zum Freunde zu machen suche, den jungen Mann, der gleich ihm dem Tode entronnen, die angebotene Versöhnung wohl nicht verschmähen werde. Er ließ sich also insgeheim in das Pfarrhaus bringen, wo sich Gustav aufhielt, fand dort auch noch ein Plätzchen und bald ward die Freundschaft geschlossen, welches unter jungen Leuten, die ein auffallendes Verhängnis vereinigt, eben nicht schwer ist. Verborgen konnte er aber daselbst nicht bleiben, da immerfort Leute von dem Dorfe und von Grünenstein hin und her gingen. Sobald es also auf dem Schlosse bekannt war, daß der Engländer bei Gustav sei, so wurde die weibliche Neugier rege, und die Freundinnen beschlossen, einen Besuch, den Clotilde, nur von Suschen und dem Prediger begleitet, auf dem Dorfe hatte machen wollen, nunmehr in Gesamtheit abzustatten. Von dem Obersten war kein Hindernis zu besorgen, denn wie nach dem Sturme die Stille, so war jetzt auch ein feierliches Schweigen über die Angelegenheiten der Liebe eingetreten; es war, als wenn sich alles das Wort gegeben hätte, die Sache mit keiner Silbe zu berühren und doch war es keine Verabredung. Von Gustav sprach jedermann, selbst der Oberst, als von dem Freunde des Hauses mit der größten Teilnahme; Clotilde wurde mit zärtlicher Schonung behandelt, der glückliche Erfolg der Liebe war kein bloßer Wunsch mehr, sondern eine stillschweigende Voraussetzung. Man fühlte aber, daß man jetzt den guten Geist des väterlichen Oheims müsse walten lassen, dem jedoch nicht so sehr die Sache, als das Wie? derselben noch manches Bedenken erregte. Da Gustavs Aufenthalt nur ein paar Stunden entfernt lag, so wurde der Besuch auf einen Nachmittag veranstaltet. Den Prediger schickte man als Eilreiter voraus, um den Kranken darauf vorzubereiten, da er aber Kürze halber einen Fußsteig eingeschlagen hatte, auf dem er nach einigen vergeblichen Versuchen nicht mehr fortkommen konnte, so war er genötigt zurückzureiten, so daß der Wagen geraume Zeit vor ihm im Dorfe anlangte und seine sorgsame Braut sich schon ängstlichen Gedanken hingab, bis er endlich in gestrecktem Galopp herangeflogen kam, um sie zu beruhigen. Die Freundinnen hatten unterwegs, weil sie wußten oder ahnten, daß die Mehrzahl den Liebenden lästig sei, ausgemacht, Clotilde müsse anfänglich nur von einer Person begleitet vor Gustav erscheinen, da aber jede wünschte diese Person zu sein, so vereinigten sie sich darüber zum Lose und dieses fiel der Chanoinesse zu. Es war ein warmer Septembertag, der Engländer saß auf einer Bank vor dem Hause und sah des Pfarrers Kindern zu, als die Kutsche um die Ecke des Hauses vorgefahren kam. Zum Entschlüpfen war es zu spät und der Anstand erforderte, den Frauen aus dem Wagen zu helfen, somit ward er erkannt und in die Bekanntschaft eingeführt, ehe er daran gedacht hatte. Sie erfuhren von ihm, daß der Kranke schlafe, übrigens, den noch unbeweglichen Fuß abgerechnet, sich wohl befinde. Das Geräusch unserer Ankunft wird ihn wohl geweckt haben, sagte die Chanoinesse zum Engländer: Fragen Sie ihn, ob ihm nicht eine von uns im Traume erschienen, die er zu sehen wünschte? Der Abgesandte brachte die Antwort, daß der glückliche Unglückliche sie mit Sehnsucht erwarte und so wankte Clotilde am Arm der Chanoinesse zu ihrem Geliebten. Letztere kam aber bald zurück: Die Kinder müssen allein sein! sagte sie bewegt. Erzählen Sie uns doch, wie haben sie sich benommen? – Wie zwei liebende Geschwister, die nach dem Tode sich im Himmel wieder finden ... O Gott, welch reine Seelen! rief sie und heiße Tränen stürzten über ihre Wangen. Auch die Freundinnen weinten und waren doch fröhlich. So eine Liebe, fuhr jene fort, habe ich noch nie gesehen, sie sprechen ohne Worte und verstehen sich ohne Rede; ihr Geist fliegt dem Begriffe voraus und ihre Empfindungen sind eins, ehe sich der Gedanke bildet und doch grenzt ihre Einfalt an das Erhabene. Es ist eine Rührung, die nicht auszuhalten und eine Wahrheit, die nicht zu beschreiben ist. So was sieht man nicht alle Tage, sagte darauf die Base: Meine Gegenwart wird sie nicht stören! Sie sprang hinauf. Ihr folgte Suschen und dann die Schweizerin. – Die Chanoinesse blieb bei dem Engländer, den sie nach ihrer freien Weise sogleich unter die Linse ihrer geistigen Beschauung nahm. Da ihm aber wegen seiner Wunde das Sprechen noch beschwerlich war, er auch aus angeborener Schüchternheit nicht reden mochte, so war die Unterhaltung für sie, die so viel auf zusammenhängendem Gespräche hielt, nicht ganz erfreulich. Doch konnte sie sich des aufrichtigen Lobes nicht enthalten, als er mit vaterländischer Sinnesfestigkeit versicherte, daß er entschlossen sei, seinen neuen Freund nicht zu verlassen, solange dieser noch seiner bedürfe. In seinem Lehnstuhle sitzend und den Fuß noch in Polster gehüllt, sah es der Oberst gerne, wenn sich die Gesellschaft der Freunde abends um ihn versammelte. Sie taten es willig, denn die Tage der Gegenwart waren jetzt wieder friedsam und heiter und das Verständnis der Gemüter glich, nach einem Gleichnisse der Chanoinesse, einem Regenbogen, der vielfarbig und doch eins sich über Grünenstein wölbte. Nur Gustav mangelte noch in ihrer Mitte an der Seite der jungfräulichen Clotilde, sie selbst, des Oheims Gewährung bewußt, vor dem sie nun kein Geheimnis mehr drückte, leuchtete in überschwenglicher Liebe und Bescheidenheit über alle; gleichwohl floß manche geheime Träne dem mütterlichen Verlangen nach ihr, das die Baronesse in ihren Briefen auf angelegentliche Weise äußerte. An einem solchen Abend sprach der Oberst von seiner nahen Abreise, wozu er wirklich schon vorläufige Anstalten getroffen und sagte dann: Genug der Schweizerfreuden und Leiden, der Herbst kommt, sobald der vorbei ist und ich gehen kann, ziehe ich ab. Was sollte ich länger in der Schweiz tun? Der Winter ist für uns Alte nur in Bequemlichkeit und warmen Stuben erträglich, die habe ich zu Hause noch besser als hier. – Er wollte in diesem leichten Tone fortfahren, aber die Empfindung überwog: Lebt alsdann wohl, sprach er weiter, ihr teuren Unvergeßlichen, ich trage Euer Andenken im Innersten des Herzens mit, bewahrt auch das meine! Unsere Freundschaft bildete eine heitere Blume, bald werden die Blätter derselben einzeln und düster umherfliegen! – Er schwieg und niemand antwortete. Als er sah, daß sie alle gerührt und schweigend um ihn her saßen, fuhr er sich selbst ermutigend fort: Doch wir sollen einander nicht, der Zeit vorgreifend; rühren, wenn es wirklich ans Scheiden geht, ist es noch früh genug und auch dann soll man nicht viel Wesens machen, gute Freunde sehen einander nie zum letzten Male. Wer diese Gewißheit mitnehmen kann, ist glücklich, sagte die Chanoinesse und sah dabei lächelnd auf Clotilde. Ich verstehe Sie, erwiderte der Oberst: Es ist Zeit, daß ich mich auch hierüber ausspreche. Und indem er sich zu seiner Nichte wandte, sprach er: Was Gott zusammenfügen will, das darf ich nicht scheiden, was meine Standespflicht erforderte, hab' ich getan, aber wo diese mit der Menschlichkeit in Streit kommt, da kann keine Frage sein, welche vorziehen soll. Meinen Schritten folgte das Unglück auf dem Fuße nach, dies gebot mir sie einzustellen und die Angelegenheit der höheren Hand, die sich mir darin zeigte, zu überlassen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, pflegt mein Freund zu sagen; Gustav wird dein sein und bleiben, liebes Kind, weil er deiner wert ist und die lenkende Macht es so haben will. Wenigstens soll, ich erkläre es hiemit feierlich vor allen, eure Verbindung an mir nicht nur kein Hindernis, sondern, wo es nötig sein wird, Unterstützung finden; denn verhehlen, Clotilde, mußt du dir's nicht, daß sich noch mächtige Schwierigkeiten zeigen werden. Unumgänglich notwendig ist es aber, daß Gustav jetzt sobald sein Fuß geheilt ist, auf Reisen gehe, um seine Bildung zu vollenden. Und Sie, mein Lieber, sprach er zum Professor, möchte ich bitten, meine Gesinnungen, so wie ich sie ausgesprochen habe, unserem jungen Freunde zu hinterbringen, damit die Erklärung schon gemacht sei, wenn wir wieder zusammenkommen, denn mein Wohlwollen persönlich mit Worten an den Mann zu bringen, machte mir von jeher Mühe, weil mich der Dank beschämt. Seltsamer Mann! sagte die Chanoinesse. – Clotilde aber fiel ihm um den Hals: Mein Vater! war alles, was sie sagen konnte. Er herzte sie kindlich: Kommt Zeit, kommt Rat, mein Töchterchen, fuhr er fort, für einmal nehmt ihr die Hoffnung mit, sie ist am Leben das, was eine frohe Aussicht dem Reisenden. Und ihre sittige Begleiterin ist die Geduld, tat der alte Professor hinzu, sie ist die Hütte, aus der man die Aussicht betrachten muß. Auch mag es allerdings gut sein, fuhr jener fort, daß junge Leute sich früh in der Geduld üben, um sie im Alter zeigen zu können. Wie der liebe Oheim, meinte die Schweizerin. Das tue ich auch, rief er lachend, wenn Ihr schon der Verstockung hingegeben seid, es nicht sehen zu wollen. – So wechselten Scherz und Ernst in ihren Unterhaltungen, denn der frohsinnige Alte liebte das in seinen guten Tagen und Stunden, und die Freundinnen fügten sich gern in seine Art und Weise, wiewohl sich die Chanoinesse anfänglich darüber aufhielt, als über eine gemeine Manier, die dem guten Tone und der Würde des Gesprächs zuwiderlaufe. Hingegen behauptete der Professor, das Gespräch an sich, als Form betrachtet, habe keine Würde, nur Geist und Gesinnung geben ihm diese, ohne jene Eigenschaft sei die Würde eine leere Importanz. Den Ernst in gemütlichen Scherz auflösen und mit Scherz den Ernst beginnen, das sei die wahre Kunst der Unterhaltung; jedes Gespräch das nur um eines angegebenen Tones willen fortgeführt werde und eine angenommene Richtung durchlaufen solle, führe zur Langeweile. Und so ergab sich auch jene alles lebendig erfassende Dame bald der Gewohnheit, welche die beiden Alten angenommen und mit leiser Geistesüberlegenheit auf ihre ganze Umgebung verbreitet hatten: Die Freiheit der Seele in der Unbefangenheit rein menschlicher Empfindung zu suchen, freilich mit Hinsicht auf die Empfänglichkeit der Gesellschaft, aber aus bloßen Geisteskünstlichkeiten sich nichts zu machen. So kam es, daß die Chanoinesse jetzt schon manches für Vorurteil erkannte, was sie sonst als ein Erfordernis höherer Bildung angesehen und an sich selbst geschätzt hatte. Auch an ihr erwies sich der Einfluß des Umgangs mit männlicher Kraft, dem keine edle weibliche Natur auf die Dauer widersteht. Tiefer war in dem deutschen Arzte seine Neulehre gewurzelt; er konnte und wollte sich nicht so leicht zu der obsoleten Klarheit der bejahrten Freunde herabdepotenzieren wie sie erwarteten, er hatte sich nun einmal in seine geheime Naturdynamik tüchtig hineingearbeitet und sich nicht nur den Schimmer, sondern die Wahrheit zu gestehen, auch den wesentlichen Sinn ihrer neuen Ausdrücke zu eigen gemacht, so daß weder der Spott des Obersten, noch die einfache Sprachweise des Professors viel über ihn vermochten, indem er beide im einzelnen übersah und zu übersehen glaubte. Sie fühlten das auch und wurden allgemach nachsichtig gegen seine wissenschaftliche Sprache: Ist doch im Grunde alles nur Terminologie, was wir vom Innern der Natur wissen, sagte der Oberst. Nur litten sie nicht, daß der Arzt seine Ansichten auch auf Sachen des Geschmacks übertrüge. Als daher eines Tages von neuen Dichtungsproben der Freundinnen die Rede war, die, da sie sich längst in alemannischen Gedichten erschöpft hatten, nunmehr zur südlichen Art und Kunst hinneigten und belehrt von dem deutschen Arzt ihre weichen Empfindungen nur in weiblichen Reimen aussprechen zu müssen glaubten, wehrte ihnen das einer der Alten und tadelte den Ratgeber, der zu diesem Behuf mehrere Sonette als Muster zum Vorschein brachte. Sonette, sprach jener, taugen durch ihre Form nicht für die deutsche Poesie, ihr Inhalt mag auch noch so sehr von dichterischen Funken glühen und glänzen. Freilich ist es ein Vorzug unserer Sprache, alles nachahmen zu können. Es ist aber auch eine Schwachheit, alles nachahmen zu wollen; jede Sprache hat ihre eigentümlichen Schranken und soll sie haben, über die hinaus der gute Geschmack sich in bloße Mode verliert. Ein Engländer, unterbrach ihn der Oberst, verglich die Sonette mit dem Bette jenes Tyrannen, wo den Fremden, welche sich hineinlegen mußten, was zu kurz auseinander gereckt und was zu lang war, abgeschnitten wurde. Die deutsche Sprache, fuhr der Professor fort, ist glücklich, beide Reimendungen zu haben, die weibliche und die männliche, und beide stehen ihr gleich gut an, warum sollte sie die eine auswärtigen Vorbildern zulieb vernachlässigen? Der Italiener wäre stolz darauf, wenn seine weichliche Sprache unsere männlichen Reime mehr als nur zum Scheine hätte. Und dem Engländer, sagte der Oberst, täte es wohl, wenn er die Einförmigkeit seines ernsten Gesangs wie wir durch Doppelreime unterbrechen dürfte. Aber beide werden sich wohl hüten, ihrem feststehenden Reimgebäude fremde Formen anzuflicken, welche die nationale Eigentümlichkeit verwirren, oder wohl gar, wie diejenigen Formen, von welchen wir sprechen, der Sprache mehr nehmen als geben. Klopstock hat den Hexameter mit Glück eingeführt, entgegnete der Arzt. Aber wir sprechen jetzt nur vom Reime, war die Antwort und da ist der wahre Dichter von dem halben schöngeistigen schon daran zu unterscheiden, daß jenem gewöhnlich die landesüblichen Versmaße genügen, um seine Schätze hineinzulegen, da hingegen der Halbe immer nach dem Modischen und Fremden hascht. Lassen wir die Sonette, meine Damen, rief der Oberst, unser sei das deutsche Lied! Aber der Professor war noch nicht fertig; er behauptete, die einfachste Tonweise sei der Innigkeit, die in echtdeutschen Dichtungen vorherrsche, angemessener als die verschlungensten Kunstketten des Auslandes. Und wie es geht, wenn man eine Meinung verficht, daß man oft aus Vorliebe auch dem Geringen einen höheren Wert beilegt, so zog er Verse hervor, die ein geistlicher Freund von ihm in der schlichten Form eines uralten Kirchenliedes verfertigt habe und führte dieselben als einen Versuch der Wirkung äußerlicher Einfalt an. Es ist ein Nachtlied, sagte er, und las: Die Sonne zeigte golden sich, Als sie am Abend von uns wich. Sie schied so lieblich wie ein Freund, Der wieder bald zu kommen meint. Es breitete ihr Sterngewand Die Nacht nun über Stadt und Land, Und vor des Mondes mildem Schein Entfloh Geräusch, trat Stille ein. Aus Sternenglanz und Mondenlicht Wem quillet Lieb' und Andacht nicht? Jetzt rückt die Mitternacht heran, Und alles schläft, was schlafen kann. Längst von des Nachbars Fenster her Begegnet mir kein Lichtstrahl mehr; Er betete mit seinem Haus, Und ruht nun von der Arbeit aus. Nur noch des Turmes Hüter wacht, Und schauet in die tiefe Nacht. Umsonst, o Wächter, wachest du, Sieht Gott der Herr nicht selber zu! Hier bei der Lampe spätem Schein, Wie hüllt mich einsam Schweigen ein! Des Tages Mühe schwand dahin, Und stille Ruh' ist mein Gewinn. Mein ist der Trost: der treue Hirt Die Schäflein nicht verlassen wird; Vergäß den Sohn die Mutter – Ich Will nie, spricht Er, vergessen dich! – Wie sich mein Aug' im Schlummer neigt, Zu Dir noch mein Gedanke steigt, O Herr des Lebens! – Säume nicht, Ruf aus der Nacht uns bald zum Licht! Es ist wirklich zum Einschlafen, sagte der deutsche Arzt, die Chanoinesse zuckte die Achseln und die übrigen Frauenzimmer sahen einander an, der Oberst aber drückte seinem Freunde kräftig die Hand. So geht's, sagte der Professor und steckte gelassen seine Verse ein: Das hat man davon, wenn man belehren will, es danken einem nur die, so schon belehrt sind. Schon färbten sich die Trauben und nahte der Herbst und mit ihm die längstersehnte Hochzeit Suschens; diese sollte im Schlosse auf Unkosten des Obersten mit anständiger Pracht gefeiert werden, denn er wollte die treue Begleiterin seiner Nichte, die nunmehr als ihre Freundin betrachtet wurde und ihren rechtschaffenen Bräutigam ehren. Da aber dieser festliche Tag zugleich als das Ziel der Scheidung angesehen wurde, so war man geflissen darauf bedacht, die kurze Frist noch so genußreich als möglich zu machen. Es wurden kleine Reisen veranstaltet, die benachbarten Höhen und Schlösser besucht, sogar Seefahrten gemacht. Von dem allem hatte nun freilich der noch ins Zimmer gebannte Oberst nur, wie er sich ausdrückte, den Genuß von der zweiten Potenz, das heißt, den der Erzählung. Er behauptete aber, daß Leute von Jahren, die mit Natur und Menschen überhaupt bekannt seien, oft ebenso viel Vergnügen am Anhören und Ausfragen eines von seinem Gegenstande begeisterten Erzählers finden, als wenn sie die Sache selbst vor Augen gehabt hätten, weil ihnen das, was an lebendigem Eindruck abgeht durch die anziehende Beobachtung eines fremden Auffassens ersetzt werde. Gleichwohl fehlte es ihm auch nicht an Gesellschaft, es kamen immer Nachbarn, selbst Bauern, mit denen er nach seiner Art Bekanntschaft gemacht hatte, zum Besuche. Der Hauptmann von Appenzell und sein Töchterchen waren zur Hochzeit eingeladen und wurden täglich erwartet, auch hatte man nicht gesäumt, den noch immer zum Gehen unfähigen Gustav, sobald er fortbringlich war, nach Grünenstein zu holen, und mit ihm kam der Engländer, so daß sich bald kein Plätzchen mehr in dem geräumigen Schlosse fand, das nicht besetzt war. Solcher Gestalt hatte sich doch noch, selbst aus der Widerwärtigkeit, ein erfreulicher Verein befreundeter Seelen gebildet, wie ihn der Oberst anfänglich gewünscht hatte. Dem an Leib' und Seele genesenden Engländer gefiel dieses Gemeinwesen gar wohl, er nannte es einen gesellschaftlichen Vertrag, wo alle gehorchen und keiner befiehlt, und der Professor, der alles mit inländischen Augen betrachtete, verglich es mit einer Tagsatzung, wo viel verhandelt und wenig ausgemacht wird, wo aber die Mitglieder gerne weilen. Ich habe neulich von dem Garten des Epikurs gelesen, sagte die junge Base, damit möchte ich diesen Aufenthalt am liebsten vergleichen. Ich wahrhaftig auch, rief der Oberst, wenn es Gott gefiele, mich der Vergleichung würdig zu machen! aber du bist eine Schmeichlerin, Mädchen, und weißt, was ich gerne höre. Andere nannten es ein patriarchalisches Leben und die Frau Amtsrätin, die auch ein Gleichnis anbringen wollte, bemerkte, daß das Schloß ihr manchmal vorkomme wie die Arche Noahs, jedoch ohne die Tiere. Von dieser Zeit an hieß es oft, wir wollen in die Arche zurück, wenn die Gesellschaft abends von einem ermüdenden Besuche nach Hause ging, zuweilen auch wurde der Oberst als Erzvater begrüßt, wenn beim fröhlichen Mahle die Becher klangen. Sonst zeigte sich die Frau Amtsrätin nicht mehr so häufig wie anfangs, eine nähere Angelegenheit gab ihr viel zu schaffen. Sie hatte eine Eroberung an dem Herrn von X gemacht, dem alten Offiziere, der bei der Feuersbrunst sie allein nicht verlassen und war jetzt im Begriffe, demselben ihr Herz zu schenken; da aber alte Herzen sich nicht so leicht hingeben wie junge und sie auf die Beharrlichkeit ihres Liebhabers sichere Rechnung machen konnte, so hatte sie eine Zeit der Prüfung festgesetzt, ehe sie das Jawort von sich gäbe. Der Mann lebte von einem kleinen Retraitegehalt aus Frankreich und war die Geduld selbst, dabei auch kein ungeschicktes Wesen für den gesellschaftlichen Umgang, indem er gut Boston spielte und mehrere weibliche Arbeiten aus dem Grunde verstand, auch sein Französisch sehr geläufig sprach. Er scheute aber das Schloß, weil alles dieses daselbst nicht vorzüglich geachtet noch getrieben wurde und darum hatte er die Frau Amtsrätin beredt, mit Zuzug von ein paar Gleichgesinnten beiderlei Geschlechts eine kleine Gesellschaft unter sich zu stiften, wo man bei einem ruhigen Kartenspiel und unterhaltendem Stricken vergnügter wäre als in dem Wirrwarr des Schlosses. Der Verlust wurde nicht stark gefühlt, man hatte dagegen ein gefälliges Erwerbnis an dem Engländer gemacht, der durch die blutige Zurechtweisung seiner besseren Natur wieder näher gebracht, den Obersten wie seinen Vater oder wie ein Neugeweihter seinen Lehrer verehrte und seinen neuen Freund mit treuer Bruderliebe umfing. Er lernte von diesem Deutsch und lehrte ihn hingegen das Englische; beide taten es mit Eifer, denn man muß nicht glauben, daß das Treiben im Schloß ein bloßes Hingeben an Zerstreuung gewesen; wie hätte sich der ernste Professor mit leerem Genüsse befriedigen und der tätige Geist des Obersten sich mit Tändeleien begnügen können? Sie hatten Stunden und Tage wahrheitforschender Betrachtung und sahen es auch gerne, wenn sie die jüngeren Freunde an bedeutender Arbeit trafen. Daran ließ es auch die lehrreiche Chanoinesse nicht ermangeln, unter ihrer Anleitung wurde der naturgeschichtliche Kram fortgesetzt, und von ihr lernten auch die Freundinnen italienisch, nicht ohne den geheimen Wunsch, einmal noch davon Gebrauch zu machen. Ja, die Base hatte schon seit geraumer Zeit von dem Obersten, dessen Liebling sie war, weil ihr Köpfchen, wie er sagte, alles so schnell und richtig ergriff, Unterricht im Englischen genommen und benutzte nun auch dazu, soweit es der Anstand erlaubte, die Gegenwart des Engländers, der hinwieder gar nicht abgeneigt schien, sie zur Schülerin zu haben. So sah das Schloß zuweilen aus wie ein Musensitz, von unten bis oben; denn auch Tobias unterließ nicht, in müßigen Stunden den Kammermädchen des Fräuleins und der Chanoinesse Vorlesungen zu halten, wozu er den Prediger um Bücher angesprochen und von ihm mit großer Bereitwilligkeit mehrere Schriften zur Beförderung des Sittlichguten, auch einige belehrende Romane erhalten hatte, wovon letztere zuerst gelesen, doch auch jene zuweilen vorgenommen und mit anständigem Stillschweigen bei der Arbeit angehört wurden. Als aber Tobias einmal einen Ritter- und dann einen Räuber-Roman brachte, wurden die Zuhörerinnen so hingerissen, dass alles andere auf der Seite blieb und selbst die Nadel mitunter stockte, bis das Abenteuer zu Ende war. Und da der Vorleser sich selbst in dieser Aufmerksamkeit gefiel und sogleich wieder mit einer ähnlichen Erzählung auftrat, so wurde das Wohlgefallen der Mädchen an diesen Dichtungen so laut und um sich greifend, daß bald die eine, bald die andere der Frauen aus dem höhern Stockwerke sich unvermerkt hinunter begab, um gleichsam im Vorbeigehen die schauerliche Geschichte mitanzuhören. Suschen allein konnte an allen diesen gelehrten Belustigungen wenig Anteil nehmen, der Tag ihrer Verbindung rückte heran und sie hatte noch soviel mit Vorarbeiten zu ihrem künftigen Haushalt, wobei ihr jedoch die Freundinnen getreulich halfen, zu tun und so viel notwendige Bekanntschaften unter den Pfarrgenossen anzuknüpfen und war dann in freien Stunden so gern um ihren Bräutigam, daß ihr das Wegbleiben aus der Gesellschaft niemand übel nahm und der Oberst selbst es nicht ungern sah, damit sie sich desto leichter an die Entfernung von Clotilde gewöhne und ihnen beiderseits das Scheiden weniger schwerfalle. Dafür ist schon gesorgt, sagte der Professor: Das Fräulein hat ein Scheiden vor sich, dessen Schmerz jeden anderen verschlingt, und Suschen tritt in einen Wechsel des Lebens, dessen Neuheit keiner anhaltenden Rührung Platz lässt. Von Suschen lasse ich's gelten, erwiderte der Oberst, aber nicht von Clotilde, bei ihr ist jetzt nicht, wie bei jener, ein Gegengewicht von Lust. Das Scheiden von dem Freunde wird ihr die Trennung auf immer von der lange vertrauten Dienerin desto empfindlicher machen. Nur gegenstehende Empfindungen schließen einander aus, aber ein tiefbetrübtes Herz blutet stärker von einer neuen Wunde, als es ohne das schon innewohnende Leiden geschähe. Sie haben recht, gestand jener: Schmerzhafte Gefühle sind sich befreundet, ein Leid bietet dem andern die Hand; neben der Leiche des Patroklus beweinten die Mägde auch ihr eigenes Elend. Sei behutsam, wenn du deinem Vater schreibst, sprach der Oberst zu Gustav: Bedenke sein offenherziges Wesen, das keine innere Bewegung verbergen kann, das will die Klugheit. – Gustav tat es, meldete dem Vater seine fortschreitende Genesung und ließ einige Worte von den Folgen des Unglücks fallen, die oft ein unerwartetes Glück begründen können. Auch der Oberst wollte noch einige Zeilen freundlicher Begrüßung beifügen und dachte sich während er schrieb so gutmütig in die entzückende Überraschung des Vaters hinein, daß er noch mehr offenbarte als der Sohn und den Pastor über etwas, das nicht wohl einem Brief anvertraut werden könne, an den Major wies, dessen Verstand er das Maß der Enthüllung an ihren gemeinschaftlichen Freund überlassen habe. Selbst Clotilde konnte ihrem Drange nicht widerstehen, und der Oheim wehrte es nicht, ein Wort der Verehrung und des unvergeßlichen Dankes an den Lehrer und Erfreuer ihrer Kindheit mitgehen zu lassen. Das wird dem Pastor Freude machen, sagte der Oberst und rieb sich vergnügt die Hände, als er es dem Professor erzählte. Ja wohl, meinte dieser: Aber wenn er so kindlich offen ist, so wird er einen Teilnehmer an seiner Freude haben müssen und sollte er es den Wänden erzählen, und so wird's auskommen. Und mag er auch nicht alles merken, so haben sie ihn doch neugierig gemacht, die Neugier ehrlicher Leute aber ist unvorsichtig, eher hätten Sie ihm alles sagen sollen. Doch, fügte er hinzu, unter die menschlichen Schwachheiten gehört auch diese, daß wir nicht selten das zuerst tun, wovor wir andere warnen. Aber der Brief war schon abgegangen und der Oberst konnte nichts weiter machen, als dem Freunde recht geben. Das plagte ihn jedoch nicht lange, denn da ihn die Krankheit verlassen und er wieder in der freien Luft herumwandeln konnte wie zuvor, ward auch das Ruhegefühl der Genesung in ihm mächtiger als die Sorglichkeit: Ich bin, sagte er, der Vormund Clotildens, aber nicht des Schicksals, wo dessen ordnende Hand so sichtbar über den Ereignissen waltet, darf uns ein Fehlschritt, der aus guter Meinung geschehen, nichts kümmern, sein Gang steht darum nicht still. Oder glauben Sie nicht, daß eine höhere Waltung hier im Spiele sei? fragte er den Professor. – Wo ist sie es nicht? fragte hinwiederum dieser. Nach dem Ausspruche des deutschen Arztes sollte der Oberst, alles Widerstandes ungeachtet, das benachbarte Bad in Kobelwies besuchen und mit ihm der Engländer, jener für seine Füße, denen nichts mehr fehlte, und dieser für seine Wunde, die beinahe geheilt war; die Notwendigkeit für beide wußte der Arzt unumstößlich darzutun. Sie waren demnach eines Morgens, allein von ihren Bedienten begleitet, weggeritten und hatten für die vorgeschriebene Zeit, gegen die Gewohnheit des Obersten, nur sehr wenig Bequemlichkeiten mitgenommen. Daraus glaubten die Freundinnen, die Base vorzüglich, anzunehmen, daß der Aufenthalt nicht lange dauern werde und jene tat des folgenden Tags den Vorschlag, morgen, da das Wetter noch so schön sei, den Badegästen einen unerwarteten Besuch abzustatten, wobei zugleich die dort befindliche Kristallhöhle, die einzige Merkwürdigkeit der umliegenden Natur, die sie noch nicht gesehen, untersucht und ihre Sammlung mit selbstgefundenen Seltenheiten vermehrt werden konnte. Die Chanoinesse lobte den Vorschlag und der Hauptmann von Appenzell, der heute mit seinem Töchterchen angekommen war, billigte ihn, wollte aber nicht mitgehen, weil für ihn Bad und Höhle nichts Anziehendes mehr haben; der Professor mochte auch nicht, Gustav konnte nicht und der Prediger hatte eine Ausrede, weil Suschen in der Pfarrwohnung beschäftigt war. Also blieb die Chanoinesse ebenfalls zu Hause, um die Ehre der Bewirtung zu machen, und der deutsche Arzt war abwesend, der sich den Lustfahrenden sonst gern zum Gefährten gegeben hätte. Dem ungeachtet setzten sich mit Anbruch des Tages Clotilde, die Schweizerin und die Base allein in einen Wagen und fuhren unter Gesang und Scherz fröhlich ihre Straße. Was wird der liebe Oheim sagen? hieß es unterwegs. Einen Freudensprung wird er machen, auch wenn er wieder das Podagra hätte, rief die Base. Und der Engländer, sagte die Schweizerin, der wird eine von uns ansehen und rot werden und die beiden anderen fragen, wie sie sich befinden. – Und dann die Kristallhöhle, hieß es weiter, das muß unvergleichlich sein, wenn wir mit Fackeln in ihren Schimmer, wie in einen unterirdischen Feenpalast treten! – Sie mochten den Augenblick kaum erwarten. Allein, wie groß war ihre Bestürzung als sie erfuhren, die beiden Herren wären seit gestern schon wieder fort. Sie konnten es nicht glauben, meinten, man habe sie kommen sehen und wolle sie zum Besten haben; sie durchsuchten das ganze Haus, aber weg waren sie: Den Bergen zu, wohin sie einen Führer genommen haben, wiederholte der Wirt. Zum Glück trafen sie einen Bekannten des Schlosses an, der hier das Bad gebrauchte; dieser konnte ihnen sagen, der Oberst habe sich geäußert, er wolle den Kamor zu Pferde besteigen und dann über Gais, das er noch einmal sehen möchte, ins Rheintal zurückkehren. Wenn er nicht vorher den Hals bricht, tat ein Anwesender hinzu. – Das waren nun alles keine Nachrichten die den Freundinnen behagten, ein Strich durch die Freudenrechnung und dazu die Besorgnis für den väterlichen Oheim, der noch solch jugendliche Wagestücke unternahm. Jedoch über dem Mittagessen und bei dem tröstlichen Gedanken an des Obersten Begleitung faßten sie wieder Mut, so daß sie sich jetzt noch anstellten, die Kristallhöhle zu sehen. Als ihnen aber beim Eingange statt der Fackeln ein Stümpfchen Licht in die Hand gegeben wurde und sie mit demselben durch die nasse Öffnung auf Händen und Füßen hineinkriechen sollten, entsank ihnen das dichterische Herz, sie fanden dies untunlich und entsagten ihrer Wißbegierde und dem sternefunkelnden Feenpalast ihrer lebhaften Einbildung. Um jedoch nicht mit leeren Händen wegzugehen, nahmen sie beträchtliche Stücke von dem durchsichtigen Kalkspat der Höhle mit, die ihnen der Wirt aus seinem Vorrat unentgeltlich abtrat, weil er sie schon vorläufig in die Zeche verrechnet hatte. Im weiblichen Unwillen über die Entwichenen, die ihren Besuch nicht abgewartet hatten, und um der Nachrede zu trotzen, als hätten sie eine vergebliche Reise gemacht, waren die Freundinnen anfänglich gesinnet, noch nach Sennwald und Werdenberg, vielleicht gar bis an den Walensee zu fahren. Allein das Mißgeschick verfolgte sie, denn im Vertrauen auf die Gastfreiheit des Obersten hatten sie nicht daran gedacht Geld mitzunehmen und waren jetzt kaum imstande, die Wirtsrechnung zu bezahlen, sie mußten deshalb gern oder ungern den nächsten Weg wieder dorthin nehmen, woher sie gekommen waren. Sie taten es indes nicht nur mit guter Miene, sondern gestanden sich am Ende noch insgeheim, daß ohne männliche Gesellschaft das Reisen doch langweilig sei und waren froh, als sie wieder im Schlosse anlangten. Von sich und seinem Streifzuge gab der Oberst dem Major in folgendem Briefe Nachricht: Grünenstein, Ende September Erst jetzt zeigt sich das Land unseres Aufenthalts in seiner Fülle; eine unzählige Menge von Obstbäumen ist dieser Gegend eigen, die ganze Dörfer wie in einen Wald einhüllen und da sie dies Jahr reichlich Früchte getragen, so gewährte nicht nur der Anblick des Segens, unter dem sich die Zweige bogen, sondern auch das Gottlob der Leute schon ein frohes Ergötzen. Und dann die Lese selbst, welch ein Leben und Treiben von Alten und Jungen! jeder Baum ist belebt, die Menschen im fröhlichen Geschäfte des Sammelns und Eintragens kommen und gehen und verlieren sich malerisch in den Schatten. Ist aber diese Landlust vorüber, so steht die nahe Erwartung einer noch edleren bevor, denn die Frucht des Weinstocks ist zur Zeitigung gediehen und schon werden allenthalben Anstalten zur Weinlese gemacht; das Hämmern an Faß und Kufe ertönt freudig durch das ganze Land, die rings umherliegenden Landhäuser füllen sich mit Gästen, und uns werden täglich Geschenke der auserlesensten Trauben gebracht, wir empfangen und geben Besuche nah und fern, und so reich ist die Lage des Rheintales an überraschender Abwechslung, daß unsere Liebhaber der schönen Natur auf jedem Landsitz einen besonderen Reiz der Aussicht zu finden wissen. Dazu kommt noch der anhaltend heitere Himmel, der überhaupt in der Schweiz, und diesmal besonders, den Herbst zur schönsten Jahreszeit macht, denn der Frühling ist gewöhnlich zu kurz und der Sommer unbeständig. Meine jugendliche Lust an diesem allem wird Dich nicht, würde aber manchen unserer heimatlichen Bekannten wahrscheinlich etwas befremden. «Gottlob ich seh' es klar, Ich bin nicht wie ich war; Wenn auch, ich fühl' es wohl, Noch nicht so wie ich soll!» – hörten wir ehmals die mährischen Brüder singen und lächelten darüber, jetzt würde ich von Herzen in den Gesang einstimmen. Der Mensch soll nie an sich selbst verzagen, das Geistige in ihm bleibt doch, wenn er nur recht will, mächtiger als die Körperlichkeit, und aus jedem Drucke sproßt eine Blüte der Freude, die dem, der sie zu warten versteht, bald zur erquicklichen Frucht wird. Kein Alter macht für die Schönheit der Natur unempfindlich, nur der Griesgram tut es, und wenn ich jetzt halb wie ein Dichter davon spreche, so ist es ein Zeichen, daß ich einen Feind überwunden habe. Aus dieser Lebendigkeit wollten sie mich nun in guter Meinung herausreißen und in ein Bad schicken, damit ich mich vollends erhole, als ob reine Fröhlichkeit nicht die beste Erholung gewährte. Der deutsche Arzt hat das mit vielen originellen Köpfen gemein, daß er Neigung zu einer Grille faßt und sie durch seinen Scharfsinn zu etwas Bedeutendem aufstutzen will; so hat er sich in ein Bauernbad, einige Stunden von hier verliebt, über dessen Bestandteile er neue Entdeckungen gemacht zu haben behauptet. Dahin verurteilte er mich und den verwundeten Engländer, der, was ich Dir im Sturme der letzten Tage zu schreiben vergessen, nicht nur aus einem Feinde unser Freund geworden ist, sondern auch, wer hätte es denken sollen? sich als Sohn des Commodore N., mit dem ich einst in so engen Verhältnissen gestanden, erzeiget hat. Der Arzt wußte seinen Rat unseren Frauenzimmern so einleuchtend zu machen, daß sie mir darüber unaufhörlich in den Ohren lagen. Ich versprach es, um der Andringlichkeit los zu werden, redete aber mit dem Engländer ab, damit ein anderes Vorhaben zu verbinden, dessen Vollziehung die Sorgsamen nie zugegeben hätten. Wir begaben uns also, da ich kein Geleit wollte, zu Pferde nach dieser Fontaine de Jouvence , wie sie der Engländer nannte, und nahmen nur soviel Kleidung mit als nötig war, uns nicht zu verraten. An Ort und Stelle trafen wir größtenteils arme Leute und krätzige Bauernweiber an, unter denen wir ohne Not nicht hätten leben können und waren desto froher, als wir morgens bei guter Zeit, unserem geheimen Vorsatze gemäß, die Reise auf den Kamor antreten konnten. Wir nahmen einen Wegweiser mit und unterwegs noch ein paar, und so kamen wir mit Mühe und Arbeit und Hilfe der Führer, bald zu Fuß, bald zu Pferd (an einigen Orten ließen wir eine Kuh vorausführen, um die Pferde in gelassener Richtung zu halten), gegen Mittag oben auf die Spitze des Berges, die sich mehr als viertausend Fuß über den unten fließenden Rhein erhebt. Hier lagerten wir uns, erst zum Ausruhen und dann zum stärkenden Mahle und schauten in die weite friedliche Welt, denn friedlich wie der Himmel erscheint aus diesen mächtigen Höhen die Erde, wo man das Gewühl der Menschen nicht mehr sieht und die Stimme der Leidenschaft nicht mehr vernimmt. Alles zeigt sich nur still und groß, das Kleinliche und Unbedeutende, das Anmaßende und Ängstliche verliert sich. Und diese Erscheinung geht auch in die Seele des Wanderers über, Freiheit und Ruhe des Gemüts werden bald zur herrschenden, einzigen, beseligenden Empfindung, ach daß sie uns nimmer verließe. Es war ein schöner Tag, ein wolkenloser Himmel, und was auf den Bergen selten ist, es wehten nur leichte, erfrischende Lüfte. Zur Seite hatten wir die starren Eisgebirge Appenzells, hinter uns die Bündner- und Tiroler-Berge und vor uns den Spiegel des Sees und unübersehbares Land. Ich freute mich wie ein Kind, daß mein Wunsch erfüllet war, auf einem Berge Abschied von der Schweiz zu nehmen, das Lebewohl zuzurufen, dem auch in seiner Verarmung noch glücklichen Lande, den Bergen und Tälern und Seen und Flüssen und Bäumen. Wir tranken auf das Wohl seiner biederen Bewohner und auf die Gesundheit unserer Freunde, die dort jenes weiße Pünktchen beleben, das man Grünenstein heißt; wer von ihnen hätte uns hier vermutet? Auch meinen Reisegefährten ergriff auf dieser seelerhebenden Schauhöhe die »Flamme der Menschenfreundlichkeit« (Fiamma di carità), wie sie Dante beim Anblicke seiner Beatrice empfand und wie sie sich in jedem regt, der von dem wahren Schönen gerührt wird, es gehe aus von welchem Gegenstand es wolle. Möge Gott mir verzeihen, rief er, in dem Maße, wie ich von nun an der Freundschaft und milder Liebe leben will! – Er öffnete mir sein Herz und erzählte mir sein Leben, oft mit Tränen, nichts Niedriges kommt darin zum Vorschein, aber was bei diesen jungen Leuten, die mit ihrer Willkür und ihrem Gelde nie fertig werden häufig der Fall ist, Ausartung der Kraft in Eigensinn, übrigens ist er gebildeter und weiß mehr, als ich erwartet hatte. Die Stunden flogen geschwinder dahin als unser Vergnügen, es war Zeit, daß wir uns von dem Göttersitze wieder auf die Erde herabließen; das ging nun aber meinerseits erbärmlich menschlich zu. – Genug, wir kamen hinunter und sehr ermüdet nach Appenzell, wo wir sogleich nach dem Hauptmann schickten, der aber schon tags vorher nach Grünenstein abgegangen war. Der Engländer zeigte mir aus dem Fenster des Wirtshauses die Windfahne, nach welcher Simmenthal bei der Herausforderung geschossen hatte, fürwahr ein fertiger Schütze, denn das Fähnchen war mitten durchbohrt. – Ich fragte, was dieser Schuß für einen Eindruck auf ihn gemacht? – Ich gab mein Leben verloren, antwortete er: Aber ich wollte lieber sterben, als verzagt scheinen, doch hörte ich es gerne, als mein Gegner sich nicht schießen wollte; mit dem Schwerte, dachte ich, wird es sich schon geben, indessen hatte mir das Männchen Achtung eingeflößt, ich wäre bereitwillig gewesen, mit ihm Frieden zu schließen, wenn es die Ehre gestattet hätte. Aber geschlagen mußte nun einmal sein, er schien es selbst zu suchen; ich weiß nun warum und lobe ihn dafür. Wir blieben diesen Abend in Appenzell, und da der Engländer ausgegangen war, die öffentlichen Gebäude zu sehen, woraus man, wie er meint, in Freistaaten vieles von dem Verstand und guten Willen der Regierungen abnehmen könne, nicht nur, ob sie die republikanische Sparsamkeit mit den Erfordernissen des guten Geschmacks zu vereinigen wissen, sondern auch, ob ihre Baulust nicht bloß örtliche Prachtliebe zum Grunde habe – so setzte ich mich inzwischen zu einigen Männern des Ortes hin, die im Wirtshause ihren Vesperwein tranken. Nachdem ich ihre Neugier über meine Person befriedigt hatte, denn das ist die erste Huldigung, die man der Landessitte bringen muß, wenn man an dem Gespräche teilhaben will, und nachdem ich als Freund des Hauptmanns erkannt war, schlossen sie auch ihre Gesinnungen auf, und wir wurden recht gute Bekannte. Auffallend war mir hier wiederum der Abstand, den Verschiedenheit der Regierungsart in der Eigenschaft der Bewohner zusammengrenzender Länder bewirkt. Selten ist ein Appenzeller, der nicht die Geschichte seines Landes und die Taten seiner Alten kenne und die Verfassung, die ihn nicht bloß leidend einschließt, als sein Eigentum schätze und schütze; von dem allem weiß der benachbarte Rheintaler, der Jahrhunderte unter unsichtbaren Regierungen und immer wechselnden guten und schlechten Landvögten gestanden, noch wenig und bekümmert sich auch nicht viel darum. In häuslicher Beziehung mag ihm das wohl gleichgültig sein, denn er wird durch diesen Mangel nicht ärmer, aber jener lebt doch in einer höheren Idee, die sein Wesen anziehender macht. Der Engländer war mit dem, was er gesehen weniger zufrieden als ich mit dem Gehörten. Appenzell, behauptete er, müsse vor Jahrhunderten schöner und bedeutender gewesen sein als jetzt; dafür sprechen noch die alten Anlagen der Kirche an Gewölben, Mauern und Turm, wogegen das neuangeflickte Innere und Äußere, hölzern, vernachlässigt und dürftig sei. Noch mehr wußte er an dem Rathause auszusetzen, das ebenfalls in seinem Bau von einer besseren Vorzeit zeuge, aber jetzt nicht nur nicht nachgebessert, sondern nicht einmal, auch in den Gerätschaften, ordentlich und sauber gehalten werde. Wenn der an Eleganz gewöhnte Brite nicht übertrieben hat, so muß man sich wirklich wundern, wie die Appenzeller, die sonst so reinlich in ihren Privatwohnungen sind, daß diese Reinlichkeit fast einen Nationalzug ausmacht, nicht auch eine kleine Summe Geld daran wenden, ihrem Rathause, wo doch die Regierung eines souveränen Volks sich besammelt, wenigstens innerlich ein ehrenfestes oder auch nur erträgliches Ansehen zu geben. Zum Glücke sprach der Erzähler nicht deutsch und ich fand nicht für gut, ihn den anwesenden Bürgern zu übersetzen. Noch weniger hätte ich ihnen die Bemerkungen des Tobias mitteilen mögen, der den Engländer begleitet hatte und mir nachher noch mehrere Öffentlichkeiten beschrieb, die sich mit seiner Vernunft nicht recht reimen wollten. So fand er ... – Doch was halte ich Dich, den Fremden, Fernen, mit diesem Völklein und seinen Sachen auf! Du wirst finden, ich sei ganz zum Schweizer geworden, da mir das Kleine Teilnahme einflößt, als wär' es Großes. Was ist aber Groß und Klein? Wörter, deren Wert wir nach dem Maßstabe unserer Umgebungen zu bestimmen pflegen, und ich bin nun einmal in diesem Lande. Habe ich doch an großen Höfen ebensoviel, ja noch mehr des Kleinen gesehen als in der Schweiz, als selbst hier in dem Flecken Appenzell. Den gediegenen, angestammten, ruhigen, nicht mit neumodischer Eitelkeit prangenden Freiheitssinn muß man diesen Menschen doch lassen, und ein wohlgebildeter Volksschlag ist es noch dazu, den auch meine Gefährten rühmten. Mag man sich auch, wie diese, über manche Geschmacklosigkeiten aufhalten, ich habe nichts dagegen, wo alle Meister sind, da hält es schwer, das Ungereimte von dem Herkömmlichen zu sondern, jedes Licht hat seinen Schatten. Die Appenzeller sind nicht das einzige Volk, bei dem der Geschmack in umgekehrtem Verhältnisse mit der Freiheit steht und stand. Wie lange blieben selbst die Römer in den Künsten zurück? Auch die Jahre, wo bei den Griechen die Kunst am höchsten stand, waren nicht der Zeitpunkt ihrer größten Freiheit. Als wir des folgenden Tages über die Brücke ritten, kam uns ein vierschrötiger Kerl entgegen, der sich auf Händen und Knien fortbewegte, weil er keine Füße hatte; der sprach uns um ein Almosen an. Im Maule hing ihm ein krummes Tabakspfeifchen, woraus er behaglich rauchte, während er wie ein Bär einherkroch und uns die Pferde scheu machte. Ein »unglückliches Geschöpf und ein freier Landsmann, wer wollte den im Betteln stören? die Reiter mögen sehen, wie sie durchkommen und das Pfeifchen ist so ein Beiwesen, das man ihm auch nicht nehmen mag, was hat er sonst für Freude!« So sprach später der Hauptmann, als von dem Menschen die Rede war; was hätte ich antworten wollen? In Gais, wo wir frühstückten, waren längst schon alle Kurgäste abgezogen; der Platz, sonst von geputzten Wandlern belebt, erschien jetzt still und frei, der große Gasthof geschlossen und sein Lärm verblaßt, eine Schaubühne ohne Personen, der Wirt hatte sein Kämmerlein, wo er sonst schweigselig wie ein Finanzminister saß, verlassen und seine Sprache wieder bekommen. – So kurze Zeit erst, und doch war mir das Vergangene wie die Erinnerung eines Schattenspiels! Nicht ohne wehmütige Empfindung, die mich jedesmal begleitet, wenn ich von der Höhe nach der Tiefe gehe, nahm ich bei der Kapelle am Stoß von dem interessanten Hochlande den letzten Abschied, und wir stiegen dann zu dem im morgendlichen Silberduft schimmernden Gemälde des Rheintals hinab. Fortsetzung, anfangs Oktober Hier sind wir nun wieder, zwar nicht wenig mitgenommen von dem waglichen Ritte, dem Engländer hatte sich seine Wunde wieder entzündet, und ich mußte ein paar Tage das Bett hüten; dabei durften wir nicht einmal klagen, denn laute und stumme Vorwürfe verfolgten uns. Nun aber ist alles wieder gut. Die geheimen und öffentlichen Vorbereitungen auf die Hochzeit, welche künftige Woche in meinem Hause statthaben soll, beschäftigen alle Hände und Geister der jungen Leute, nicht nur suchen sie einander in Gedichten zu überbieten, sondern es ist gar von einem kleinen Schauspiel in spanischer Form: »Die Burg der Eingeweihten«, die Rede, das aber wegen des geistlichen Standes des Bräutigams nicht am Tage der Hochzeit selbst, sondern später zum Abschiede aufgeführt werden soll. Zum Abschied? Jawohl, es ist Zeit, daß ich gehe, ich hätte mit dem Aufwande, den ich hier mache, bis an die Säulen des Herkules reisen können doch es reut mich nicht; gereist hab' ich mein Leben lang genug, aber noch so viel harmlose Freuden, auf die ich schon verzichtet hatte und so viel teilnehmende Genossen um mich zu versammeln und im Einklang zu bewahren, wie es mir in diesem Lande gelungen, das war eine unerwartete Wohltat des Himmels, die um kein Geld zu teuer ist. – Nun soll freilich auch dies schöne Triebwerk auseinander gehen, das wird uns wehe tun! Jedoch der Professor hat recht: Es mag besser sein, daß es sich auf einmal auflöse, als daß nach dem menschlichen Unbestand hier und da ein Rad gebrechlich werde, oder ein Glied der Kette reiße und uns der Mangel längerer Tüchtigkeit peinlich auseinander treibe. Das Leben besteht aus guten und bösen Träumen, dieser da war ein guter. Am längsten wird wohl Gustav hier verweilen, der noch nicht auf seinem Fuß stehen kann, ganz verlassen wird er jedoch nicht sein, denn geht auch Clotilde mit seiner Liebe hinweg, so bleibt ihm doch die Freundschaft in der Person des Engländers. – Wer zusammen gehört, wird sich auch wieder finden, nur muß man auf das Finden nie Verzicht tun, das ist es, was ich jetzt Clotilden und ihm sage, ihm den ich, nach allem, was vorgefallen, nicht mehr anders ansehen kann, als meinen Sohn, als den Geliebten meines Kindes, wiewohl mir der Handel oft noch mißlich genug erscheint. Der Würfel ist gefallen, rufe ich mit dem Professor aus, und tröste mich nach seiner Weise mit Sentenzen und Sprichwörtern; Du kannst nicht glauben, was das für eine bequeme Hausregel ist, die gleiche, nach welcher ehmals unsere verwundeten Soldaten in Stellen alter Kirchenlieder Trost und Balsam für ihre Leiden fanden. Wieder finden aber werden sich nicht nur jene, die den süßen Ton der Liebe am reinsten angestimmt haben, sondern es sind auch noch andere aus unsrer Mitte, die in gemütlichem Zuge sich entgegen gehen, als wenn die Liebe bei uns einheimisch geworden wäre, doch man sagt, sie teile sich mit wie jede Dämonie. – O daß ich jemand um mich hätte, dem ich meine Beobachtungen anvertrauen könnte! Allein in Sachen der Zärtlichkeit ist der Professor gleichgültig, und parteilos ist sonst niemand hier als die Schweizerin; sie ist aber ein Frauenzimmer und die hören oft Mitteilungen dieser Art mit scheinbarer Befremdung an, wiewohl sie ihnen schon längst bekannt sind, das nimmt dem Vertrauen den Reiz. So vernimm also Du in der Ferne, was ich in der Nähe nicht anbringen kann. Der Engländer ist ganz von der Base, wie wir sie nennen, einem geistvollen, niedlichen Schweizermädchen, das Augen hat wie eine Taube und ein Haar wie Gold, eingenommen und wozu ein feindlicher Hieb den Grund gelegt, das hat die Liebe vollendet: Er ist aus einem ungestümen Knaben so zahm geworden wie eine Jungfrau. Die Unschuld muß nie weit von einem Menschen gewichen sein, in dessen Busen sie so lauter zurückkehren kann; er errötet, wenn er mit ihr spricht und seine Worte sind Seufzer. Verstellung ist das nicht, sonst würde er sich in anderer Gesellschaft vergessen und für seine Zurückhaltung Ersatz suchen, allein, er ist nur da zu finden, wo sie oder Gustav ist. Die Base will zwar nichts merken lassen und sucht ihre muntere Laune beizubehalten, öfters noch zu steigern; es geht aber nicht allemal ohne Verwirrung ab. Von einer anderen Art ist die fortschreitende Annäherung zwischen der Chanoinesse und dem Hauptmann von Appenzell, wo aber der schwächere Teil den Angriff macht, der jedoch nur geistige Liebe bezwecken soll. Was gleichwohl daraus noch werden kann, weiß ich nicht, denn ich bin von guter Hand belehrt worden, daß diese Stiftsfräulein auch heiraten dürfen. Der deutsche Arzt findet alle diese Wahlverwandtschaften nicht nach seinem Sinne und bleibt oft geraume Zeit von uns weg. Denn selbst bis auf Clotildens Bernerzofe hat sich der Anfall erstreckt; diese ist in den alten Tobias verliebt, oder vielmehr er in sie. Ja wirklich, der alte Tobias! Er hat seit einiger Zeit den Kammer- und Küchenmädchen soviele Romane vorgelesen, daß endlich ein Teufelchen daraus in ihn gefahren, das ihm nun gewaltig im Kopf spukt und ihm einstweilen alle weiblichen Vorzüge und Liebenswürdigkeiten unter der Gestalt eines Bernermädchens zeigt. Sie ist schlau genug, eine gute Versorgung im Auge, diese Liebesflamme mit vestalischer Sorgfalt zu wahren. Es wird sich zeigen; ist der Anfall nicht vorübergehend, und hält sie sich gut, so mag sie ihn haben, sonst wird nichts daraus; ich werde meinen treuen alten Diener in keinem Fall im Stiche lassen. Clotilde hat einen Brief der Freude an die Mutter über ihre Genesung und das nahe Wiedersehen geschrieben und dabei einen Strom von Tränen vergossen. Das arme Kind fühlt peinlich seine Lage zwischen dem offenen Hingeben an das Mutterherz und dem unwiderstehlichen Zuge zum Geliebten; sie klagt sich selbst des Unrechts an und vermag es doch nicht mehr zu ändern, sie weint nicht über sich selbst, aber mit Grund über den bevorstehenden Schmerz ihrer Mutter; ich möchte wahrlich oft mitweinen. – War gleich die jugendliche Irrung natürlich und ohne Leichtsinn, so will sie dennoch ihre Büßung haben, das ist die moralische Ordnung der Welt. Dem Buchstaben nach hat Clotilde gefehlt, spricht der Professor, im Geiste ist sie unschuldig, das wird kein böses Ende nehmen. – Wer dürfte den ersten Stein auf sie werfen? sagt freimütig die Chanoinesse und die übrigen mögen es denken. In vierzehn Tagen sind wir auf der Rückreise, und wenn der Spätsommer noch so anhält, werden wir langsam durch Deutschland ziehen. Über einige häusliche Angelegenheiten und Einrichtungen, die ich anzutreffen wünschte, werde ich Dir noch besonders schreiben, der Brief ist ohnedies zu lange; nimm ihn als eine Einleitung zu den künftigen Gesprächen über unser Schweizerleben, wovon ihr den Winter hindurch noch genug werdet hören müssen. O daß ich Euch den echten Schweizermann, den Professor, diese Seele ohne Falsch, mitnehmen könnte; welch ein köstlicher Gewinn für unsre Winterabende! allein er ist nicht mehr aus seinem Vaterlande herauszubringen, würde aber auch mit der alten Einfalt seiner Sitten kaum mehr außer seinem Kreise gedeihen und höchstens für einen rohen Demant gelten, da er doch der leuchtendsten einer ist. Was hab' ich nun von diesem allem? O genug zum stillen Wohlleben, wenn ich nur das Andenken an die angenehmen Erscheinungen mitnehme. Und bin ich nicht vom Podagra, so bin ich doch von dem weit größeren Übel des Unmuts geheilt worden und habe das natürliche Eigenmittel dagegen gefunden oder vielmehr wieder deutlich erkannt, nämlich den Leib zu ermüden, auf daß der Geist Ruhe habe, welches auch Plato, wie mich der Professor versichert, für den ersten, ursprünglich von Gott bestimmten Zweck der Arbeit und Anstrengung hält, wozu ich auch zu Hause gelangen kann, weil er sich uns allenthalben darbietet. Doch ich muß abbrechen, um meinen Lobgesang nicht wieder von vorn anzufangen. Aus der Länge dieses Schreibens magst Du, als wenn Du es sonst nicht wüßtest, ersehen, wie gerne ich bei Dir bin. Sie bringen eine unglückliche Botschaft? rief der Oberst ängstlich dem Professor entgegen, als dieser unerwartet mit mehr als gewöhnlichem Ernste zu ihm kam: Sie haben mit der deutschen Post einen schwarzgesiegelten Brief erhalten, mein Bedienter erkannte die Handschrift des Majors und das Siegel. Es ist jemand gestorben – ist es meine Schwester? mein banges Herz sagt es mir – verhehlen Sie mir nichts! So war es: denn kaum war das Schreiben des Obersten abgegangen, so empfing der Professor diese traurige Nachricht mit dem Ersuchen des Majors (der an den Verrat des Siegels nicht dachte), seinen Freund als dessen Vertrauter darauf vorzubereiten, bis er ihm selbst mit nächster Gelegenheit das Mehrere melden werde. Was soll ich sagen? antwortete der Professor: Ich sollte Sie vorbereiten, Sie sind es schon. – Gerne wollte ich Sie trösten, aber ich sehe Sie weinen; der Trost ist in den Tränen, ihnen gehört das erste Recht, sie sind die Ehre der Toten. Bittere Tränen vergoß der Oberst und der Freund saß stille neben ihm. Fassen Sie sich, hob endlich der Professor an: Wir müssen an das Fräulein denken, wie machen wir ihr den traurigen Vorfall bekannt? Als sie eben darüber sprechen wollten, trat Clotilde selbst ins Zimmer. Sie hatte etwas von dem schwarzen Siegel vernommen, worüber Tobias, als er die Briefe brachte, ihrem Kammermädchen einige Besorgnis geäußert, und da sie bald darauf hörte, daß der Professor zur ungewohnten Stunde zu dem Obersten gegangen, setzte sie das in Unruhe und trieb sie auch dahin. Sie sah den Brief auf dem Tische liegen und las den Schmerz des Oheims auf seinem Gesichte. – Was brauchte es mehr? sie stürzte in seine Arme und – wußte alles. Groß war ihr Leid, und heftig ihre Klage, denn sie schonte ihrer selbst nicht mit Vorwürfen, und was sie je gegen ihre Mutter gefehlt haben mochte, das rächte sich jetzt schmerzlich in dieser Stunde des Leidens. Der Professor ließ sie mit dem Obersten allein um die Freundinnen zu benachrichtigen, und bald war das ganze Schloß eine Behausung der Trauer, wer hätte nicht Anteil an der Betrübnis der Edlen nehmen wollen? Nach einigen kläglichen Tagen erfolgte die nähere Anzeige des Majors, er schrieb, daß die Baronesse, seit geraumer Zeit schwächlich, aufs Neue von einer Unpäßlichkeit überfallen worden, die unvermutet und schnell in tödliche Krankheit übergegangen; allerdings habe sie sehr nach den abwesenden Lieben geseufzt, aber ihr letztes Wort sei Zufriedenheit, sei Segen und Zärtlichkeit für ihr teures Kind gewesen. – Am Ende meldete der Brief noch, daß in der Residenz schon etwas von Clotildens Liebe zu Gustav und von des Obersten Nachsicht, wahrscheinlich durch Reisende ruchbar geworden sei und großes Aufsehen bei der vornehmen Welt errege, wovon aber der Sterbenden nichts mehr zu Ohren gekommen, das sie noch hätte beunruhigen können. Dafür dankte der Oberst dem Himmel, denn der Todesfall lag ohnedies schwer auf ihm; er hatte seine Schwester brüderlich geliebt und nicht geglaubt, daß er sie nie wiedersehen würde. Auch machte ihn die Ungewißheit, was er nun anfangen sollte, unruhig und er ging darüber mit den Freunden zu Rate. Meine Rückkehr, sagte er, täte in mancher Hinsicht wohl und hätte ich nicht den Major, der für häusliche Angelegenheiten besser zu sorgen versteht als ich, so müßte ich gehen, komme ich aber mit Clotilde nach Hause zurück, so müssen wir dem Gerüchte Rede stehen, das ist mir unmöglich und hier bleiben, das kann ich auch nicht. Möchte es Ihnen bei uns gefallen, lieber Oheim! wünschte die Schweizerin. – Gehen Sie nach Italien, rief die Chanoinesse. – Lassen Sie sich Zeit, sagte der Professor. Er ließ sich Zeit. – Unterdessen ging nicht nur die Weinlese für die Trauernden geräuschlos vorüber, sondern auch Suschens Hochzeit, worauf so glänzende Erwartungen erregt worden, wurde zwar im Schlosse, doch ohne Gepränge und ohne die vielen auswärtigen Gäste, aber mit desto wärmerer Teilnahme gefeiert. Der Oberst hatte eine herzliche Freude, der Braut am Hochzeitsmahle ganz unerwartet die Zusicherung auf ein ansehnliches Vermächtnis von seiner Schwester, die sterbend noch der treuen Begleiterin der Clotilde gedacht hatte, zu übergeben. Er selbst beschenkte sie reichlich, und als sie und der Bräutigam aufstanden, ihm zu danken, umarmte er beide mit einer Träne im Auge; man sah, der Gedanke, sie bald auf immer zu verlassen, tat ihm wehe: Auf dein Fest, liebes Suschen – ich nenne dich jetzt zum letztenmale mit dem vertraulichen Namen, sprach er – sind wir alle zusammen gekommen. Wir dachten einst bei der Abrede nur an Fröhlichkeit, nicht an den Schmerz der Trennung, nicht an das, was inzwischen vorgefallen; entspricht aber auch der heutige Tag jener fröhlichen Erwartung nicht, so werden wir seiner dennoch als eines Tages der Freude gedenken, weil er dein Glück begründet hat. Was hindert uns aber, meine Freunde alle, das Ganze unseres hiesigen Aufenthalts als ein solches Fest anzusehen, das uns in Liebe und Freundschaft vereinigte, als den kurzen Abschnitt eines unverstellten Menschenlebens in tadelloser Freiheit und geselligem Verständnis? eine ach, nur zu flüchtige Stunde, dergleichen uns wohl nimmer zuteil werden wird! Sie fühlten alle die Wahrheit und den Schmerz dieser Rede; selbst die Frau Amtsrätin schluchzte laut. – Der Oberst verließ den Saal, Clotilde mit ihm, bald wurde auch Gustav abgeholt, der seinen Fuß noch wenig brauchen konnte; alle drei schlossen sich ein, und kamen bis zum Abend nicht wieder zum Vorschein. Doch der übrigen Gesellschaft war noch manches Ergötzen bereitet. Neben dem was Ehrenmänner des Dorfes dem neuvermählten Pfarrherrn insbesondere zu geben veranstaltet hatten, sollte ihm noch im Namen der Gemeinde auf das Hochzeitsfest eine inwendig vergoldete silberne Schale überreicht werden. Zu diesem Geschäfte wurde von den Vorgesetzten mit preiswürdigem Feinsinne der Alte ausersehen, den der Prediger jüngst aus den Flammen gerettet hatte und so trat er von zwei derselben geführt in den Saal und bot mit zitternden Händen das Geschenk sprachlos dem Bräutigam entgegen. Alle Herzen waren von freudiger Wehmut durchdrungen, der Prediger aber hatte nur Tränen der innigsten Rührung statt Worte. – Dem innern Rande der Schale waren nächst der Tag- und Jahrzahl der Feuersbrunst einzig die Worte eingegraben: Ein guter Hirt läßt sein Leben für die Schafe. – Unten am Fuße stand der Name des Pfarrers und der Gemeinde. Auch kam die junge Frau aus der idyllischen Hütte, blühend wie eine Rose, mit ihrem Jungen, dem Patchen der Anwesenden, und brachte der Gesellschaft einen Korb mit Früchten zum Geschenk und der Braut einen Stock Butter. Unter die Armen der Gemeinde hatte der Oberst insgeheim allerhand Gaben austeilen, und den zwei jungen Burschen, die dem Prediger bei dem Brande beigestanden, jedem eine Kuh in den Stall bringen lassen. Der jungen Mannschaft wurde in der Nähe des Schlosses, wo eine der schönsten Aussichten des oberen Rheintals ist, ein Freischießen zum Besten gegeben, dem der größere Teil der Gesellschaft auch beiwohnte; das dauerte bis an den Abend und selbst in der Nacht vernahm man noch das ferne Jauchzen aus dem Dorfe. Alles dieses, und anderes mehr noch, machte den Tag festlich; der Beschluß aber setzte demselben die Krone auf. Denn als man bei angehender Nacht wieder fröhlich beisammen saß, erschien der Oberst mit Gustav und Clotilde am Arme den Hochzeitsgästen, wie er sagte, noch ein neuverlobtes Paar zuzuführen und als seine lieben Kinder ihrer Freundschaft aufs neue zu empfehlen. War je eine Teilnahme aufrichtig, eine Freude einstimmig, so war es jetzt. Ein lautes Frohlocken verbreitete sich durch den Saal und das ganze Haus, so daß auch der treue Tobias an der Spitze der Dienerschaft kam und alle mit unverstellter Ergebenheit verlangten, der jungen Herrschaft glückwünschend die Hände zu küssen. Die Neuverehelichten hatten dem nunmehr in sicherer Liebe hochbeglückten Paare sogleich den Ehrenplatz eingeräumt. Es war ein erneuertes Fest, man war und pries sich glücklich im Wiederholen der Vergangenheit, im Zusammenfassen der Gegenwart. Und als man auf die Gesundheit des Obersten und der liebenden Beiden trank, erwiderte es jener mit dem Wunsche für die, welche, was sie noch nicht seien, noch werden können. Wer damit gemeint war, verstand es, schlug einen Moment den Blick nieder und schwieg errötend; die Frau Amtsrätin aber bezog es, ganz gegen die Absicht des Obersten, auf sich, dankte gar schön und erklärte, was alle schon wußten, daß heute wirklich auch der Tag sei, an dem sie Hand und Herz dem Herrn von X schriftlich zugesichert habe, auf dessen Schloß sie künftig ihre Wohnung aufschlagen werde; sie empfahl sich ebenfalls zu fortdauernder Freundschaft. Auch das wurde mit Liebe aufgenommen und im Namen aller verbindlich von Gustav beantwortet. Zwar stimmte es den Flug der Begeisterung ein wenig herunter, doch der alte Professor fand es nicht außer der Ordnung: Denn, sagte er zu seinem Nachbar, es gehört zum irdischen Wohlsein, daß der Mensch nicht zu lange in den Lüften der Empfindung verweile. Mit diesem Tage, dem die Trauer nur das Geräusch, aber nicht die Innigkeit der Freude genommen hatte, war die Wechselhöhe der Gastgenossenschaft erreicht, man fühlte das und mit diesem Gefühle, wenn auch schon die Neigung zum Beisammensein noch vorherrschte, war ohne Täuschung kein Bleiben mehr. Der Oberst, dem wenig andere Wahl übrig blieb, wenn er weder nach Hause zurückkehren noch in der kalten Schweiz bleiben wollte, hatte dem Ermahnen der Mehrzahl nachgegeben und sich entschieden, den Winter jenseits der Alpen zuzubringen. Da die Schweizerin hieran keinen Anteil nehmen konnte, so wurde bei der Frau Amtsrätin ausgewirkt, daß die Base als Gesellschafterin Clotildes mitgehen dürfte, worüber beide hocherfreut waren. – Gustav sollte bis zu seiner gänzlichen Wiederherstellung noch auf dem Schlosse bleiben und dann mit dem Engländer, der sich nicht von ihm trennen wollte, auf Reisen gehen: Vielleicht treffen wir einander in Italien, hieß es, und dieses vielleicht war bei den Jünglingen schon ein bestimmter Vorsatz. Hingegen wollte die Chanoinesse, die sich viel mit der Bildung von des Hauptmanns Töchterchen abgab, noch einige Zeit in der Schweiz bleiben und dann ihr Stift besuchen. Und so kam die Trennung. Erst aus den Armen Gustavs und von dem nun auf immer zurückbleibenden Suschen, wer will ihre Schmerzen beschreiben? – In Konstanz (der Hauptmann war schon früher verschwunden) schied die Chanoinesse und der Engländer; dieser im Gefühle des Glücks, nach einer seinen Wünschen antwortenden Unterredung mit der Base, die in Gegenwart des Obersten vorging. Die Chanoinesse nahm gar nicht Abschied, so war sie mit dem Obersten übereingekommen, allein sie trat den Rückweg mit zerrissenem Herzen an, denn Achtung und Liebe für den Alten hatten sich in ihr, je näher sie ihn kennengelernt, immer tiefer gewurzelt, sie liebte ihn selbst in seinen Schwachheiten. In Bern blieb die freundliche Schweizerin zurück und fühlte sich wie verlassen mitten im Kreise der Ihrigen, und die Reisenden weinten lang um diese Seele voll Rechtlichkeit und Treue. Noch war der alte Professor allein übrig, der dem Freunde das Geleit bis an die Berge gab. – Wo sehen wir uns wieder? fragte sich losreißend der Oberst. – In dem Reiche süßer Erinnerungen, antwortete der Professor, und eine menschliche Träne floß dem Einsamen über die Wange. Biographie J. Ulrich Hegner wurde am 17. Februar 1759 in Winterthur geboren. In Straßburg studierte er Medizin; doch offensichtlich lag ihm die Juristerei wesentlich mehr, denn im Jahre 1786 findet man ihn als Landschreiber der Grafschaft Kyburg wieder. 12 Jahre später war er bereits Kantonsrichter in Zürich. 1803 kehrte er als Bezirks- und Friedensrichter nach Winterthur zurück. Wieder zehn Jahre später trat er von seiner Ratsstelle zurück, um sich ganz der Literatur und der Kunstbetrachtung zu widmen. Sein Roman DIE MOLKENKUR war 1812 erschienen, und damit wurde er mit einem Schlag berühmt und zum Schweizer Volksschriftsteller. Die Fortsetzungsbände der MOLKENKUR, mit dem Titel SUSCHENS HOCHZEIT (Bd. 1 und 2), erschienen 1819, vom Publikum ungeduldig erwartet. Noch die modernen Literaturlexikas rühmen Hegners »klassische Prosa und die scharfe, realistische Beobachtungsgabe des äußerlichen Lebens«.