Erdmann Graeser Lemkes sel. Wwe. Erster Teil Zur unterirdischen Tante I »Er geht mit ihr« »Nu singt se schon wieda«, sagte Herr Lemke verwundert. »Heite abend soll se ihre Sachen packen und abziehn – ick habs ihr jesacht – und nu singt se schon wieda janz vajniecht.« »Villeicht ihr Schwanenjesang«, sagte Frau Lemke, »eejentlich is ja schade um ihr – zujreifen konnt se, die Anna, aber ick mach ma doch zehnmal lieba allet alleene, als det ick hier so wat ins Haus dulde!« Frau Lemke schüttete die grünen Bohnen, die sie abgezogen hatte, auf den Tisch, nahm die weiße Schürze mit dem Abfall zusammen und ging durch den Ziegelsteinflur hinten nach dem Hofe. Alle Hühner liefen sofort herbei, als sie aber merkten, daß es nichts für sie zum Picken gab, wichen sie enttäuscht wieder zurück. Frau Lemke strich die Schürze glatt – ja, und nun mußte sie doch in die Küche gehen. Anna putzte noch immer an dem großen Messingkessel. »Laß man sind, er is ja jut«, sagte Frau Lemke, »jeh man jetzt ruff und mach wat for dir, sonst kommt deen Korb nich wech!« »Denn nehm ick'n huckepack, Jold is ja nich drinne, sonst könnt er stehenbleiben, und allet wär in schönster Ordnung!« »Meenste? Det mach dir man ab. Du hast dir det ja janz scheen ausjedacht, hier so in die Wirtschaft rinzuheiraten, aber du hast dir vaspekuliert!« »Oda ooch nich«, sagte Anna, »Willem liebt mia und ick liebe ihn, und wat nu kommt, det werden Se ja sehn, Frau Lemke, die Jrundlage is jelecht.« »So, na denn is ja allet in Ordnung, und wa brauchen uns jejenseitig nich weiter uffzurejen.« »Nee – wer hat denn wieda anjefangt, ick doch nich!« Anna wischte sich die nassen Hände am Rock ab, zog die aufgekrempelten Ärmel herunter und ging hinaus. Im Flur stellte sie, wie sonst, die Holzpantinen unten an die Treppe und stieg barfuß die Stufen hinauf. »Willem – Willem«, rief nun Frau Lemke in den Keller. Als sie keine Antwort bekam, stieg sie vorsichtig hinunter. »Diese Dusterheet, ick werd mir hia noch mal 's Jenick brechen«, räsonierte sie, »Willem, wo steckste denn?« »Hia, Mutta, wat wiste denn? Ick bin doch beit Abzappen!« »Laß mal sind, komm mal ruff.« »Nee, Mutta, 't hat keen Zwerch nich, ick weeß ja, watte willst!« »Willem – meen Sohn – willste dir von det Meechen wirklich zum Dussel machen lassen?« fragte Frau Lemke sanft. »Dieses wenijer, aba ick liebe ihr!« »Willem«, sagte Frau Lemke und tastete sich zu ihm durch, »Willem, als du noch so kleen wast, dette noch keene Beene hattest, da wolltste durchaus Jrienspan fressen. Wo man 'n Sticke Messing war, haste wie'n Wilda dran jeleckt, bis et blitzeblank war. Na, wenn ick dir nu jelassen hätte? Aba ick war imma hinter dir her, hab dir jleich imma 'n Finger rinjestochen und Seifenwasser hintajejossen, bis allet wieder rauskam!« Wilhelm hatte zu schluchzen angefangen. »Ick – weeß – ja, Mutta –«, er konnte kaum sprechen, »ooch dunnemals, wo ick mia die türksche Bohne in die Neese jestochen hatte und du se mia mit de Haarnadel rausjepolkt hast, ick – weeß et ja noch allet wie heite – aba ick kann nich, Mutta, ick kann nich, wahaftjen Jott nich, ick liebe ihr ßu sehr!« »Schnaub dia mal erst, Willem«, sagte Frau Lemke, »det kann ja keen Mensch mit anhören – nich mit de Finga, det is ja ne Schweinerei, wennste denn wieda die Pullen anfaßt, hia haste meen Tuch! Siehste, watte noch forn kleener Junge bist – und so wat will nu heiraten!« »Will ick ooch!« »Bloß jut, det dia Vata nich hört, der würd dia schon mit ›will ick ooch‹!« »Det is's ja eben, ihr behandelt mia immer noch wie'n Stepsel, bloß weil se mia bei de Soldaten nich jenommen habn!« »Ja, et wär wahaftich jut gewesen, wenn se dir in de Mache jekricht hätten«, sagte Frau Lemke ärgerlich, »du jloobst imma, Mutta wird schon kommen, wenn's dia dreckich jeht – aber diesmal nich, Willem, diesmal jeb ick Vatan recht!« Und drohend setzte sie hinzu: »Ibalech's dir, ehste Dummheiten machst, 's soll keener nachher saren, wa haben unsa eenzches Kind unjlicklich jemacht – ick hab ma mit Vatan besprochen, wir sind eenich!« »Wir ooch!« sagte Wilhelm. »Dafor hättste ja nu eben ne Knallschote vadient, aba ick werd mia nich an so'n jroßen Lümmel vajreifen«, sagte Frau Lemke, »du bist eben hinten und vorne mit'n Dämelsack jeschlagen!« Sie wandte sich kurz ab, stieg die Kellertreppe hinauf und ging durchs Haus vorn in den Garten. Dort, unter dem Nußbaum und den alten Linden, saßen bereits die ersten Gäste. Auf der Kegelbahn wurde es schon lebendig, und Vater Lemke, in Hemdsärmeln, eine blaue Schürze vor dem runden Bauch, lief – in jeder Hand drei große Weißbiergläser balancierend – geschäftig zwischen den grüngestrichenen Tischen umher. Es war Zeit, daß sie an den Ausschank kam, der Garten würde »voll werden«, der schöne Sommertag lockte die Berliner, trotzdem es in der Woche war, in Scharen heraus, und die meisten blieben hier stecken. Der Weg war zu weit, was sollten sie bis nach Schöneberg laufen – zwischen den Fliederbüschen, im Schatten der Bäume, saß man ja auch gut. Und dann begannen die Kegelkugeln regelmäßig zu rollen, und der Junge schrie: »Jrenadier« und »Alle neine.« Vater Lemke hatte keine Zeit mehr, bei seinen Gästen zu sitzen und sich erzählen zu lassen, daß Berlin immer weiter vorrückte und daß die Grundstücke im Preise stiegen. Und Mutter Lemke, jetzt ganz hochrot, bückte sich immerfort unter den Schanktisch, nahm die Steinkruken aus dem kühlen, weißen Sande, lockerte die Korkenstrippen und goß – ohne auch nur ein bißchen von dem Schaum zu verspritzen – die großen runden Gläser voll. »Keene Hilfe, keene Hilfe«, sagte sie einmal zu ihrem Mann. »Na – wo is denn Willem?« »Der bockt, Vata, da werden wa noch ville Ärjer haben!« »Ick nich, fällt mir janich in, mach man, Mutta, mach – jrienen Aal und Jurkensalat – drei Portsjonen, mach man aba jleich mehr ßurecht, die sind ja heite wie varickt nach!« »Bei die Hitze is det ja ooch det eenzje, wat man runterkriejen kann!« – – Dann kam die Dämmerung, Vater Lemke mußte heute selbst auf die Stühle klettern und die Petroleumlaternen im Garten anzünden. »Wo is denn Herr Willem, wo is denn heite Ihr Sohn?« fragte manchmal ein Kegler. »Der hat ne dicke Backe, kann sich nich sehen lassen«, sagte Herr Lemke. Die Nachtschmetterlinge stießen sich die Köpfe an den heißen Zylindern, fielen tot und versengt zur Erde, und Frau Lemke, die nun am Spätabend auch noch Zeit gefunden hatte, vor dem Hause zu sitzen und den Tag zu überdenken, sagte jedesmal: »Kiek mal, Vata, wieder so'n scheener, jroßer Mottenkopp – arme Biesters!« »Is'n recht, wat brauchen se denn in de Nacht zu sejeln, und wa'm wollen se heißet Jlas fressen.« Dann hörte man vom Kirchturm aus dem Dorf die Uhr schlagen. »Zehne – Vata!« Die letzten Gäste brachen auf und zogen singend durch die stille Sommernacht heim. Herr Lemke schloß die Gartentür, drehte die trübe brennenden Lampen aus und kam ins Haus. In der Gaststube stand seine Frau, einen Leuchter in der Hand, und starrte vor sich hin. Jetzt hob sie den Kopf und sagte: »Vata – Willem is nich da!« Herr Lemke kniff das linke Auge zusammen und zielte mit dem andern starr auf seine Frau. So stand er einen Augenblick unbeweglich, dann nahm er ihr plötzlich den Leuchter weg und stieg die Bodentreppe hinauf. Es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder herunterkam. Schweigend stellte er den Leuchter hin und begann, hinter dem Ladentisch stehend, Kasse zu machen. Seine Frau war auf einen Stuhl gesunken, die Hände lagen ihr schlaff im Schoß. »Vata – –?« sagte sie. Er machte eine ärgerliche Kopfbewegung, weil er sich verrechnen konnte, wenn er jetzt auf ihre Frage einging, und zählte weiter. »So – det stimmt so unjefähr«, die Spannung in seinem Gesicht ließ nach, »also hat er bloß die Sparbüchse von sich mitjenommen!« Er schob das Geld in einen Leinwandbeutel und sagte: »Na – nu komm man, Mutta, nu wolln wa man schlafen jehn!« »Ick – kann – nich schlafen«, sagte Frau Lemke, sie schluckte und würgte und wischte sich die Tränen mit der Hand ab, »ick hab doch so jut mit'n jeredet und ihm noch meen Schnupptuch jejeben!« »Da wird er sich die Aussteier rinjeknippert haben«, sagte Herr Lemke, »hör man uff mit die Heulerei, det hat nu keen Zwerch mehr. Wenn't Jeld alle is, wird er schonst wiedakommen, denn schmeiß ick'n aba raus!« »Vata, wie kannste so reden«, sagte Frau Lemke, »hättste det von unsen Willem jedacht?« »Ja, Mutta, du bist aber ooch dran schuld, wie kannsten da oben schlafen lassen! Du hast immer jetan, als müßt er sich bei dir noch an'n Rockzippel festhalten!« »Nu – jib mir man die janze Schuld – ick jloobe ja noch nich, det er wech is, villeicht will er uns bloß'n Schreck injagen. Wo soll er denn ooch hin mit die paar Talers!« »Wenn ihn det Meechen in die Mache hat, det is ne Karnalje, die denkt sich, wir werd'n schon kleen beijeben, die spekuliert uff dein weeches Herz. Aber sie soll sich eklich jeschnitten haben, ick rühr keenen Finger, und wehe dia, Mutta, wennste etwa hinter meen Rücken wat anfängst. Loofen lassen, det is det richtje, imma loof, loof mit die Karline, ihr werdet eich schon dicke kriejen!« Immer mehr redete sich Herr Lemke in Wut hinein. Sein Gesicht war braunrot geworden. Nun drehte er die Lampe über dem Schanktisch aus, nahm den Leuchter und ging vorneweg. »Schlafen jehen, wer weeß, wie morjen die Jeschichte aussieht, heite kann ick mia nich mehr ärjern, sonst platzt ma die Jalle!« II »Zur unterirdischen Tante« In der Ackerstraße, im äußersten Norden Berlins, betrieb Anna Zanders Tante eine Kellerwirtschaft. Frau Puhlmann war eine schiefgewachsene kleine Person mit kümmerlichem grauen Scheitel und einem roten Wolltuch um den Hinterkopf. »Scheene Jeschichte det«, sagte sie, als ihr Anna alles erzählte. »Und wo is er denn nu?« »Draußen wart't er!« »Na, wat heeßt denn bei, se werden dir'n stehlen, deen Willem, den tu dir man in de Kommode und heb dir'n uff oder laß'n for Angtreh sehen, det scheint mir ja der richtje Held zu sind!« »Tante, wenn du so anfängst, zieh ick sofort wieder Leine. Desterwejen bin ick nich herjekommen! Du kannst froh sind, wenn du mir in die Wirtschaft hia krichst!« »Ja – dir!« »Und Willem gehört ßu mia – et is imma jut, wenn ne Mannsperson bei is, hier bei die Sorte, wo alle Oogenblicke mal Krach is!« »Ja, wo soll ick eich denn aba untabringen, wa können doch nich alle drei in die kleene Kamurke schlafen!« »Nee, det jenierte mia ooch, aber in die Lojiestube!« »Det jeht nich!« »Na, wa'm soll denn det nich jehn? Jeht allens, wenn man bloß will. Natürlich krichste deen Jeld!« »Ach so – wa'm hasten det nich jleich jesacht, na, denn hol'n man rin, aber laß'n nich fallen!« »Tante, ick sach's dir noch ma', laß det sind, kopfschei derfsten nich machen!« Sie klopfte an die Fensterscheibe und winkte Wilhelm herein. Dann stellte sie vor: »Jestatte, liebe Tante, meen Breitjam Willem Lemke – –! Lieba Willem, meene Tante Marie!« »Na – det is sehr feierlich, wat, Herr Lemke«, sagte Frau Puhlmann, »aber meene Nichte is von kleen uff so jewesen – immer jroßartich, det hat se jeerbt – von ihre Mutta – die war ooch immer for det Jroßkotzije. Uff mia wirkt det imma ansteckend, also wenn ick bitten derf, nehmen Se jefällichst Platz – womit kann ick dienen, meene Herrschaften, denn ihr werdet woll mächtjen Hunga haben?« »Tante, laß doch det Affentheata«, sagte Anna mit einem verweisenden Blick, »natürlich haben wa Hunga, det Jeschleppe mit den Korb! Wenn uns der Kutscha nich mitjenommen, krauchten wa womöchlich noch draußen rum!« Als die Tante hinter den Schanktisch ging, faßte Anna Wilhelm um die Schulter: »Na, dia is woll noch 'n bißken bammlich? Det vazieht sich, morjen früh is allens wech! Und denn kannste ja deene Eltern schreiben, wo du bist. Und nu jräm dia nich, Willem, und jib ma etwa keene Schuld, det is allens so von alleene jekommen. Et is sehr jut, dette nu lernst, uff eejene Beene ßu stehen, du wärst sonst ewich 'n Schlappschwanz jebliebn. Det sare ick dir!« Nachher, als sie die Buletten und die Soleier gegessen hatten, wurde die Quartierfrage nochmals besprochen. »Du brauchst dia wahaftich keene Umstände zu machen, Tante, du hast deene Kamurke, Willem nimmt die Lojiestube, und ick weeß schon, wo ick bleibe. Ick werd dir noch deen Bette beziehn, Willem – Tante, jib man die Blaukarierten raus – un denn wollen wa machen, det wa in die Posen kommen, sonst knick ick um!« * Wilhelm hatte gleich am nächsten Tage an seine Mutter geschrieben und auf Antwort gehofft, aber zwei Wochen waren seitdem vergangen, ohne daß ein Brief eingetroffen wäre. Heimlich hatte er ganz fest damit gerechnet, daß die Mutter kommen und ihn und Anna zurückholen werde, nun – als es nicht geschah – erbitterten sich seine Gedanken, und das half ihm über die Traurigkeit und den Trennungsschmerz hinweg. In der ersten Zeit glaubte er, sich gar nicht in die neue Umgebung einleben zu können; der dunkle Keller, die engen Räume und Tante Maries Wesen bedrückten ihn. Aber Anna ließ ihm keine Zeit zum Kopfhängen, er mußte ihr fortwährend zur Hand gehen. »Det is keen Betrieb hia, Tante«, hatte sie gesagt, »hia muß feste Zuch hinta jemacht werden, sonst vaschimmeln wa allesamt in det Kellerloch. So kommen wa uff keenen jrienen Zweich, wenn hia abends zwee, drei sonne ollen Bowken sitzen und an ihre Neeje nippen. Woßu jibt's denn hia Bier, die Jäste müssen Durscht kriejen. Außerdem, Tante, wie sieht det von draußen aus – mit die roten Kattunvorhänge und die bekleckerte Wand, da traut sich ja keen Mensch rin, denkt ja jeder, et is ne Reiberhöhle. Und denn, Tante, det Kind muß doch 'n Namen haben, die Leute müssen doch wissen, wo se hinjehören. Da müssen wa uns mal alle drei hinsetzen und wat Feines rausknobeln. ›Zu Tante Marie‹ oder ›Zum strammen Willem‹ oder so wat Ähnliches – det zieht! Ooch mit die Soleia und die Buletten, Tante, det is doch nischt, wer soll denn det jeden Tach hintakriejen, da verjeht een'n ja der Apptit. Nee, der Jeruch muß jleich jeden in die Neese fahren – saura Hering oder ooch Heringssalat – oder Kartoffelpuffa – und sonntachs machen wa mal Schweinebraten – oder Jänsebraten und jeben ne ordentliche Portsjon, det die Jäste denken, se kriejens immer so!« Und sosehr sich Tante Marie gegen diese Reformen wehrte, weil sie tief in den Beutel fassen mußte, schließlich gab sie doch nach, denn Anna ließ keine Ruhe. Sie hatte gesehen, wie es andere machten, wie solch eine kleine Wirtschaft plötzlich Zuspruch erhielt, wenn es gemütlich und behaglich dort zuging. Und von Frau Lemke hatte sie gelernt, wie man die Küche einrichten müsse, was zu kochen sei, um den Ansprüchen der Gäste zu genügen. »Se missen denken, se sind bei Muttan, und det se's ßu Hause ooch nich besser kriejen können!« Tante Marie ließ sich wirklich überreden, neue Gardinen anzuschaffen, und zum Erstaunen der Nachbarschaft und besonders der Straßenjungen erschien eines Tages ein genial, aber auch ein wenig verhungert aussehendes Individuum, das mit einem gewaltigen Pinsel die Wände zwischen den Kellerfenstern und die Tür mit einer schönen, hellbraunen Farbe bemalte. Und dann wurden Zettel angemacht: »Frisch gestrichen.« »Wat is denn bei Puhlmanns los«, sagten die Leute, »die Olle will wohl ihre Sparjroschens loswerden, oda is det 'n Onkel von sie, den sie ooch beschäftigen muß?« Und nachdem der schöne hellbraune Anstrich getrocknet und der Malkünstler einige Tage unsichtbar geblieben war, sah ihn die Nachbarschaft eines Morgens wieder, wie er geheimnisvolle Arabesken auf die glänzenden Flächen zeichnete und dabei Weißbier trank. Als die Kinder aus der Schule kamen, waren sie nicht schlecht verwundert, daß aus den Arabesken Buchstaben geworden waren. »Alle Sorten verschiedene Biere« lasen sie und erzählten es zu Hause Vater und Mutter. Und diese Sensation dauerte fort. »Weiß- und Bayrischbier, echter Nordhäuser Korn« stand am nächsten Tage neben der Kellertür; der Höhepunkt der allgemeinen Verwunderung aber war erreicht, als der geniale Künstler auf einen Stuhl stieg, seinen Malstock über dem Kellereingang anlegte und mit einem kolossalen Aufwand von blauer Farbe die Inschrift anbrachte: »Die missen jeerbt haben«, war die öffentliche Meinung, denn anders konnte sich die Ackerstraße diesen großartigen Aufschwung der bisher ganz unbeachteten Kellerwirtschaft nicht erklären. Und als am nächsten Sonnabend ein Stuhl mit einer weißen Schürze vor dem Kellereingang aufgehängt wurde und dies weithin sichtbare Zeichen verkündete, daß es heute bei der unterirdischen Tante frische Blut- und Leberwurst gäbe, besah sich die Nachbarschaft auch das Lokal von innen. Der Eindruck war günstig. Die Tante hatte statt des alten roten Wolltuches eine Art weißer Haube auf dem Hinterkopf, hielt sich aber trotz dieses Schmuckes etwas zurück. Hinter dem Schanktisch stand Anna, das gelbe Haar zu einem riesigen Knoten oben auf dem Kopf getürmt und von unzähligen starken Nadeln zusammengehalten. Die dicken roten Arme waren von den Ellbogen ab frei und verkrochen sich nur ab und zu in dem Latz der weißen Schürze. Wilhelm reichte ihr zu. Trotz seiner blütensauberen Hemdsärmel und der neuen blauen Schürze machte er mehr den Eindruck eines angenommenen Hausknechtes. Und die Gäste hielten ihn auch zumeist dafür, nur die Stammkundschaft wußte, daß er der Sohn des »ollen Lemke« sei, der »da draußen bei Schöneberch« die bekannte Gastwirtschaft »Zur Märzweiße« hatte. Von den zarten Banden, die zwischen Anna und Wilhelm herrschten, merkte man nichts. Sie kommandierte ihm nur: »Willem, det Wassa in'n Kessel is nich mehr heeß, du mußt nei uffsetzen, aba 'n bißken dalli!« – »Willem, hol man imma schon neue Pullen, du siehst doch, det det nich mehr langt!« Und während sie einschenkte, die dampfenden Würste auf die Teller legte, Sülze zerschnitt und die »selbst eingemachten Rollmöpse« aus dem Fäßchen nahm, spekulierte sie: »Die Jäste kieken noch ßu sehr in die Winkel rum, nächsten Sonnabend laß ick 'n Leierkasten oder eenen mit ne Ziehharmonika kommen!« Als der größte Ansturm vorüber, nahm Wilhelm Annas Platz hinter dem Schanktisch ein. Sie selbst ging zu den Gästen, mischte sich in das Gespräch und erkundigte sich, ob das Essen geschmeckt habe und das Bier gut sei. Gewiß – ja, zu klagen hatte keiner, im Gegenteil. Aber trotzdem gab es einige spekulante Köpfe, die ihr andeuteten, was sie noch alles tun könne, um dem Lokal die »richtje Fasson« zu geben. Die Wand nach dem Logiszimmer müsse sie durchbrechen lassen und dort ein Billard aufstellen, es wäre auch gut, wenn sie einen »rejulären Mittagstisch« einrichtete und abends »länger uff« hielte. »Ja, ja, eens nach's andre, man bloß nicht drängeln«, jetzt müsse sie doch erst mal an die Hochzeit denken. Das gab Anlaß zu allerlei Andeutungen, die sie jedoch so parierte, daß sie die Lacher nachher auf ihrer Seite hatte. Es war später als sonst geworden, ehe der letzte Gast gegangen. Nun kam auch Tante Marie zum Vorschein, die sich ein bißchen zurückgesetzt fühlte und durchblicken ließ, daß die Herrlichkeit wohl nicht lange dauern werde, trotz der neuen Gardinen und selbsteingelegten Rollmöpse. III Besuch in Schöneberg Tante Marie hatte sich schließlich überreden lassen und die alten Lemkes in Schöneberg aufgesucht, um ihnen mitzuteilen, daß der Hochzeitstag festgesetzt sei, und zu fragen, ob die Eltern denn nicht auch an dem Glück ihres Sohnes teilnehmen wollten. Einen ganzen Tag fast war Tante Marie fortgeblieben, nun kam sie in der Abendstunde müde, verstaubt und mit einem Strauß verwelkter Feldblumen nach der Ackerstraße zurück und verlangte erst eine Tasse Kaffee, ehe sie erzählen wollte. Aber wenn sie der Kaffee auch wieder munterer machte, so war doch nicht viel aus ihr herauszubringen. »Der Olle is jrob jewesen«, sagte sie, »nehmen Se's ma nich ibel, Willem, aber zu dem bringt mich keen Deibel mehr raus, und wenn ick 'n junget Meechen wär und Ihnen heiraten sollte, for den Schwiejavata bedankte ick mir! Ihre Frau Mutta hat jeweent, aba der Olle hat se jleich so anjeschnauzt, det se'n Schlucken jekricht hat. ›Wat'n for'n Sohn?‹ hat er immer jefracht, ›Se sind woll mit'n Kopp wo jejen jeloofen, liebe Frau, ick hab keen Sohn nich, und wünschen Se sonst noch wat?‹ Na, ick hab'n ja Bescheed jestochen, denn uff die Schnauze bin ick ja ooch nich jrade jefallen, aber et hatte doch ooch allens anders sein können, wahr?« »Mutta hat jeweent?« fragte Wilhelm, der nichts anderes gehört zu haben schien. »Wat nutzt uns det«, sagte Anna ärgerlich, »dafor koof ick ma nischt, aba nu wissen wa wenichstens, wat los is, nu kann ja die Heiraterei losjehen!« »Ach – und scheen is draußen jewesen«, sagte Tante Marie, »da trillern de Lerchen, und det blieht und jrient uff die Wiesen. Und der scheene, jroße Jarten mit 'n Nußboom und de Hihna!« »Ja, die kennten wa nu ruppen, for die Hochzeitsgäste, na, wat nich is, is nich! Und wennstet etwa bereust, Willem, denn sach's frei raus, ick will dir nich unjlicklich machen.« »Ihre Mutta hat ma sehr jut gefallen«, sagte Tante Marie, »det is wirklich ne nette Frau, der is et ja bitter anjekommen, und die hätte Sie jewiß ooch 'n Jruß bestellt, aba der Olle stand imma neben und paßte wie so'n Schießhund uff. Na, ick hab ihm ja ooch jesacht, jlicklich wird ihn seen hartet Herz nich machen!« »Janz jewiß nich«, sagte Anna, »so wie ick ihn kenne, tut er aba ooch bloß so, er spielt sich jerne 'n bißken als Witerich uff. Du kannst ibazeicht sind, Willem, wennste jetz kämst und mir sitzenlassen wolltest, wirde er dir erst recht for'n Dussel halten!« Wilhelm äußerte sich dahin, daß es auf jeden Fall etwas schwierig sein dürfte, die Zufriedenheit seines Vaters zu erringen: »Ick weeß nich, woran et liecht, er hat ma von Kleenuff for'n Dusseltier jehalten, aber eejentlich, so demlich bin ick doch nich?« »Nu laß man dein'n Jeisteszustand«, sagte Anna, »die Hauptsache is det Herz, nich wahr, Tante?« »Des Vatas Sejen baut die Kinder Häuser, aba der Mutta Fluch reißet sie nieda«, sagte Tante feierlich. »Det paßt janich hierher«, meinte Anna, »höchstens umjekehrt, und denn stimmt's ooch noch nich. Bis jetz hat uns noch keen Mensch wat jebaut!« Tante Marie hielt das für eine Anspielung: »Ja, ja, wenn ick man schon in'n Sarch läje, denn könntet ihr ja mit den Kram machen, wat ihr wolltet!« »Ach, is det scheen hia«, sagte Anna, »Tante, dia derf man wahaftich nich rauslassen, dia is die freie Natur nich jut bekommen, aba ick hab ma jleich so wat jedacht, als ma heite morjen die Spinne über die Beene jeloofen is.« Sie ging hinaus in den Schankraum, um die Gäste, die schon ungeduldig waren, zu bedienen. Gewiß, es wäre schöner gewesen, wenn sie da draußen, in dem großen Weißbiergarten, Wirtin hätte sein können, aber wenn es nun einmal nicht war, konnte sie es doch nicht erzwingen. Und schließlich war sie auch so zufrieden, denn sie merkte ja, daß sie eine glückliche Hand hatte. »Et flutschte«, wie sie sagte, die Gaststube war nie leer. »Freilein, Se sind 'n so schnuddlijet Frauenzimmer, jeben Se ma noch'n Bittern«, pflegten die Droschkenkutscher zu sagen, wenn sie ihren Abstecher in die »unterirdische Tante« machten, und andere, die nach ihrer eigenen Meinung zu oft in den Keller stiegen, entschuldigten sich vor sich selbst: »Da bin ick schonst wieder, aba Se haben ooch so wat Anziehendes, Freileinken!« »Det wird sich bald ausjefreileint haben«, sagte Anna dann stets, »wer weeß, ob Se denn aba noch wiedakommen?« »Erst recht, sonne junge Frau, die wird denn erst schön mollig, objleich Se det janich mehr nötich haben«, sagten die Schwerenöter unter den Gästen. Andere wollten Genaueres wissen: »Ja, wann is denn nu die Hochzeit, die janze Ackerstraße wartet und wartet, aba det zieht sich so in die Länge.« Seit dem Besuche Tante Maries in Schöneberg, dessen Bedeutung alle gekannt hatten, waren die Redensarten allmählich anzüglicher geworden: »Wat lange währt, wird jut«, sagten die Leute und blinzelten sich zu, während sie beim Schanktisch standen und ihren Schnaps tranken. »Det is nich«, behaupteten andere und taten, als wüßten sie es besser und als hätte sie die »unterirdische Tante« besonders ins Vertrauen gezogen. »Willem soll erst noch 'n bißken wachsen, denn jeht's los, und denn wird allens doppelt nachjeholt, wat – Freilein!« »Zabrecht eich man euern werten Deetz nich«, sagte dann Anna, »heite hat's doch keene Fifferlinge jejeben, det ihr so witzich seid! Habt ihr eich denn schonst ibalecht, wat ihr mia zu die Hochzeit schenkt? Seht mal in'n Spiegel, wat ihr nu for Jesichter macht, nu trinkt man noch 'n Korn, villeicht kommt ihr uff'n juten Jedanken. Aber sacht's man lieber erst, wat ihr koofen wollt, sonst krieje ick nachher wat doppelt und muß es umtauschen jehn.« »'n Schloß«, schlug einer vor. »Sie meenen ne Villa, wat?« »Nee, eens zum Zuklappen, als Vaschluß für det Mundwerk!« »Ach so – weil Sie Schlosser sind, denn werden Se wenichstens mal wat los!« Wenn dann die anderen merkten, daß »gegen ihr« – wie sie sagten – »nich so jut anzukommen sei«, fingen sie mit Wilhelm an, der friedlich in einer Ecke saß und sich nützlich beschäftigte. »Na – Herr Lemke, und Sie –? Imma fleißig beit Strimpestricken, wat?« Wilhelm sah wohl auf, antwortete aber nicht, sondern schälte die Kartoffeln ruhig weiter. »Aba siehste denn nich, er näht doch«, sagte dann ein anderer vorwurfsvoll. »Ach so? Aba nu is die Aussteier wohl ooch bald fertich?« »Haben Se sich schonst 'n Mirtenkranz besorcht, mein Onkel is Järtner, der läßt Ihn'n eenen janz billich ab, Herr Lemke!« »Aber det is 'n offner?« erkundigte sich jemand teilnehmend. »Det sieht man ja nich, wenn er jeschickt uff'n Kopp jesteckt wird.« Und so ging die Stichelei unentwegt weiter, ohne daß Wilhelm aus der Ruhe kam. Wenn sie zu deutlich wurden, sagte er wohl: »Na – nu macht's man halweje mit eure Witze aus'n Hamburjer Millkasten«, und damit hatte er auf Stunden hinaus seine Beredsamkeit erschöpft. Wenn das Brautpaar dann allein war, machte ihm Anna wohl Vorwürfe: »Willem, nimm's ma nich ibel – aba 'n bißken maulfaul biste, und wenn du dia deine Zunge nicht abschleifen willst – na, denn nimm doch mal so'n Bruda, trach'n de Treppe ruff und setz'n sanft uffs Flaster, so'n jroßer, strammer Mensch, als wie du, wird sich doch nich von sonne Buljongköppe intunken lassen!« »Ach, mia macht et ja Spaß, ick laß ma bloß nischt merken«, sagte Wilhelm. »Du bist eben 'n Jemietsmensch und kannst nischt for dein weeches Herz. Und wennste anders wärst, hätt ick dir villeicht janich so lieb, ick komm ma mit meine Jefiehle imma wie'n Sticke Mutta vor. Aba, Willem, schäl keene Kartoffeln mehr, wenn't eener sehen kann. Spül lieba Jläsa oda mach sonst wat Männlichet, denn ick ärjere mia, wenn se dia uffziehn!« Ein paar Tage später, wieder nach solch einer Unterhaltung, sagte Tante Marie: »Wahr und wahaftjen Jott, ihr solltet nu aba ooch wirklich heiraten, denn det Hinjezoddele is wirklich nich mehr mit anzusehen. Uff wat wartet ihr denn eejentlich bloß – det ick sterbe? Du lieba Jott, ick vamach eich den janzen Krempel bei labundjen Leibe, werdet jlicklich damit, aba schmeißt ma nich raus. Ick bin schon froh, wenn ick meene Ruhe habe, denn seitdem det hia die ›untairdsche Tante‹ jeworden is, komm ick ma wie meen eejenet Jespenst vor und jraul ma vor ma selba!« IV »Nu is er futsch« Blitzschnell hatte sich die Nachricht in der Ackerstraße verbreitet: »Bei de untairdsche Tante hält ne Hochzeitskutsche!« Und alle gerieten in atemlose Aufregung, jedes Fenster der umliegenden Häuser war mit Neugierigen besetzt. Die Mütter holten ihre Kinder und hoben sie hoch, damit sie auch etwas von der Herrlichkeit sehen konnten, alte, erfahrene Frauen, die da wußten, daß »so wat lange dauerte«, schleppten Fensterpolster herbei, und der Herr Rentier, drüben aus der Beletage, putzte sogar einen Ferngucker und richtete ihn auf die Kellertür. Ernst und gemessen thronte der Kutscher auf seinem Bock, erhaben über das Gewühl um den Wagen. Denn da hatten sich die Kinder aus dem ganzen Viertel eingefunden, Frauen in großblumigen, bunten Jacken, und dann der Herr Portier, der plötzlich in der allgemeinen Achtung stieg, da er der einzige war, mit dem sich der Hochzeitskutscher zu unterhalten geruhte, sei es auch nur, daß er ihm verständnisinnig zunickte oder zublinzelte. Aber wehe, wenn sich der Herr Portier dann plötzlich umwandte und die Kinder nicht sofort scheu und ehrerbietig zurückwichen! Der Auflauf hatte einen Schutzmann angelockt, langsam kam er jetzt daher, aller Blicke waren auf ihn gerichtet; was würde er jetzt tun, wen würde er aufschreiben? »Nicht stehenbleiben – weitergehen«, kommandierte er. Die Kinder flüchteten auf den Fahrdamm, und die Frauen traten in die benachbarten Haustore, fest entschlossen, keinen Schritt weiter zurückzuweichen. Portier und Hochzeitskutscher aber hatten getan, als hätten sie den Schutzmann bis jetzt nicht gesehen. Nun trat er zu ihnen, und zur allgemeinen Verwunderung schüttelte er beiden die Hände. Wer hätte gedacht, daß dieser Portier einen Schutzmann zum Freund hatte! In diesem Augenblick erhoben ein paar Kinder den lauten Ruf: »Sie kommen – sie kommen!« Alles wich zurück, lautlose Stille trat ein, nur der Schutzmann traf noch rasch einige Anordnungen, und der Portier streute weißen Sand. Und nun erschienen die Braut und der Bräutigam, er in Schwarz, sie in Weiß mit langem Schleier. Ein Lohndiener, der bisher unsichtbar gewesen, öffnete den Kutschenschlag, Anna hatte den Vortritt; jetzt war sie glücklich im Wagen, nur die Schleppe war noch draußen. Wilhelm und der Lohndiener stopften sie gemeinsam hinein, dann stieg auch der Bräutigam ein – heiß und rot – der Kutschenschlag wurde zugeworfen, der Diener schwang sich auf den Bock, und die Pferde zogen an. Im nächsten Augenblick erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm, die Kinder schrien sich die Lunge aus, einige versuchten hinter dem Wagen herzulaufen, und der Schutzmann hatte alle Hände voll zu tun, sie von diesem Vorhaben abzubringen. In der allgemeinen Aufregung hatte man nicht beachtet, daß zwei Droschken ebenfalls vorgefahren waren. Nun erschien Tante Marie mit den Trauzeugen. Sie hatte ihr »gutes Schwarzes« an, und die anderen sahen auch feierlich aus. Eine ganze Gesellschaft kam aus der »unterirdischen Tante«, die nachher wohl ganz verwaist gewesen wäre, wenn der Herr Portier sich nicht schon früher verpflichtet hätte, »det Jeschäft solange zu besorjen!« Als auch die Droschken abgefahren, zerstreute sich allmählich der Auflauf. »Nu is er futsch«, sagten die Männer bedauernd und meinten Wilhelm, »aba et jeschieht ihm recht, wia sind ja ooch rinjeschliddert.« Bei den Frauen aber begann die Kritik, unglaublich, was sie alles in der kurzen Spanne beobachtet hatten. »Der Kranz wa offen!« – »Nee, er wa zu, ick hab extra bloß daruff uffjepaßt!« – »Jlooben Se denn, det det reene Seide war – ick jloobe et nich!« – »Nu wollen wa ma' uffpassen, wenn die Kutsche wieda zurückkommt, denn werden wa's ja janz jenau sehn!« Als dann nachher die »Brauteklipasche« vorfuhr, verpaßte man jedoch den richtigen Augenblick und sah das neuvermählte Paar nur noch im Keller verschwinden. Um so kritischer wurde daher jetzt die übrige Hochzeitsgesellschaft unter die Lupe genommen, die sich in den beiden Droschken zusammengezwängt hatte und nur mit Mühe aussteigen konnte. »Die haben sich vaheddert, wie die Maikeber in de Zigarrenkiste, paßt ma' uff, eener wird sich jewiß die Beene ausreißen, wenn er zu sehr zoppt!« Diese Prophezeiung der Straßenjungen ging aber nicht in Erfüllung, alles verlief ohne Unfall, und wessen Neugierde noch nicht gestillt war, konnte ja in die »unterirdische Tante« hinabsteigen. Denn trotz des Hochzeitstages ging der Schankbetrieb so wie sonst weiter. Die »junge Frau Lemke«, wie nun alle Anna beständig nannten, hatte sich nur auf kurze Zeit zurückgezogen, um das Hochzeitskleid auszuziehen, nun übernahm sie trotz Tante Maries und der Gäste Protest wieder die Wirtschaft. Als dann aber Wilhelm auch seinen schwarzen Anzug ablegen und ihr behilflich sein wollte, wurde sie beinahe grob zu ihm. »Det wär ja noch schöna, du bleibst so, eena muß doch nach wat aussehen!« So wurde er mitten auf das Sofa zwischen die neue Verwandtschaft gesetzt, und da hockte er nun mit schuldbewußtem Gesicht und sah, wie Anna sich mühte, die Hochzeitsgesellschaft zu bewirten. Auch als Tante Marie helfen wollte, duldete das die junge Frau nicht. »Ick sare's dia, Tante, setz dia hin und sitz, sonst vaderbste mia die Freide!« Und wenn sie hier etwas aufgetragen hatte, alle löffelten oder säbelten, lief sie wieder nach der Schankstube und bediente die Kundschaft. »Nachher kommt noch Musike«, sagte sie verheißungsvoll, »ick wundere mia iberhaupt, det sie noch nich da is«, und dann rannte sie die Kellertreppe hinauf, winkte einem der Jungen und sagte: »Loof mal schnell nach die Jroße Hamburja dreizehn, da wohnt uff'n Hof links in'n Kella 'n Leiakastenmann. Ick lassen saren, er soll sofort kommen, sonst besorj ick mia 'n annern. Aba loof schnell, wennste'n jleich mitbringst, schenk' ick dia 'n Jroschen!« Als sie wieder nach der Hinterstube kam, hatten sich die Männer die Röcke ausgezogen und den Kragen abgemacht. »Det is recht so«, lobte die junge Frau, »et wird eenen heiß beit Essen. Willem, zieh dir ooch dein'n juten Rock aus – jetz kannste – jib'n aba jleich her, sonst wird er jeknautscht. Biste satt jeworden, hat eener von eich noch Hunga – is noch jenuch da, braucht's bloß ßu saren. Onkel Aujust, wie is noch mit'n Sticke Kalbsbraten – is doch jut und saftich jewesen, nich?« Onkel August ließ sich überreden, machte sich aber zur Vorsicht die Westenknöpfe und den Lederriemen auf. »So«, sagte Frau Lemke, »und die andern, die fertich sind, jehen jetz nach vorne und machen sich's dort jemietlich. Ick werd jetz ooch 'n paar Bissen runtaschlingen, denn nachjrade wird mia 'n bißken schwach in'n Maren, denn räum ick hia ab, und denn könnt ihr alle wieda rinkommen. Onkel Aujust, wennste merkst, det dia schlecht wird, jeste erst nach hinten, du weeßt schon wo, und denn lechste dir lang uffs Sofa, da derf dia niemand stören – nu raus, alle mittenander!« Sie schob die Zögernden nach vorn, zog dem und jenem, kaum daß er aufstand, den Stuhl weg, winkte Wilhelm und sagte so laut, daß es alle hören konnten: »Nu schenk in – jeden, wat er will, und so ville wie'r will. Für die Damen jibt's jleich 'n starken, juten Kaffee, keene Zichorjen mang, jemahlen is er schonst!« Und dann überblickte sie das Schlachtfeld und war befriedigt. Nur Tante Liese, Onkel Augusts Frau, hatte etwas auf ihrem Teller liegenlassen. »Die tut immer 'n bißken etepetete, schon wejen ihren Mann, weil er so ville vertilcht!« »Schade, die Soße is schon 'n bißken kalt jeworden«, sagte sie, während sie sich auftat und das Fleisch kurz und klein schnitt, um nachher keinen Aufenthalt beim Essen zu haben. Dann entstand ein großes Hallo, der Leierkastenmann war gekommen. »Menschenskind, wo bleiben Se denn?« schrie ihm Anna durch die halboffene Tür zu, »Willem, jib den Jungen 'n Silberjroschen und den Orjelfritzen ne Jroße mit Mit, und denn los mit die Musike, sonst is det ja keene Hochzeet nich!« Der Orgelspieler trocknete sich den Schweiß ab, nahm einen kräftigen Schluck von der Himbeerweiße und wollte dann erst dem jungen Paare seinen Glückwunsch abstatten. Wilhelm, an den er sich zuerst gewandt, hörte ihm auch ganz verdutzt zu, aber Frau Lemke fuhr dazwischen: »Det hab'n Se sehr scheen auswendich jelernt, aber hätten Se sich man lieba nich erst so lange injeübt. Und denn sollen Se ja hier ooch keene Reden nich halten, fangen Sie jleich ohne Korridor an!« Und sie trällerte: »Kommen Se rin, kommen Se rin, Kommen Se rin – Kommen Se rin in die jute Stu–be!« Aber Onkel August war dieser Anfang nicht feierlich genug. Seine Frau, sagte er, die schon viele feine Hochzeiten mitgemacht habe, wäre der Ansicht, daß man »mit den Jungfankranz beginnen müsse«. »Von meenswejen!« sagte Anna. »Oda hat Willem wat jejen?« fragte »Onkel Karrel«, wie man Tante Maries Bruder nannte, den Witzbold in der Verwandtschaft. »I, wat soll er'n jejen haben, man imma feste druff los. Wia win–den dia – den ...« »Hör uff, falsch – Onkel, du mußt mit'n Leierkasten mitsing'n, sonst jeht ja allens durchenander, und denn singste ja ooch ville zu tief, da kann ja keen Mensch nich mitkommen.« »Ick werd'n Takt ßu schlaren, wie bei ne richtje Kapelle, eenen Oogenblick, ick hol erst meen Stock!« Aber während er danach noch suchte, hatte die Gesellschaft schon angefangen: »Wir winden dia – Den Jungfankranz – Mit veil–chenblau–au–e S–a–a–ide –« »So –«, schrie Onkel Karl hinzukommend, »nu alle nach mein'n Stock jekiekt!« Und dann begann der Gesang aufs neue. V »Lemkes sel. Witwe« Tante Marie hatte dem Paar den Keller überlassen und war »hintenhin« gezogen, »uff'n Hof paterr«, wie die junge Frau Lemke sagte. »Se wollte partu nich anders – laß ihr, uns kann's recht sind!« Durch eine bunte Glasfenstertür kam man vom Hausflur auf diesen Hof, einen überraschend großen Platz mit Katzenkopfpflaster und einem Brunnen, dessen Abflußrohr ein schrecklicher Drachenkopf war. Und zur Überraschung aller, die von der Straße auf den Hof traten, befand sich dahinter noch ein Garten mit Bäumen und einer grüngestrichenen Laube. Dort sah man an den Nachmittagen Tante Marie sitzen und Kaffee trinken. In wunderlicher Eilfertigkeit strickte sie an einem langen wollenen Strumpf, während die Augen über die »Vossische« glitten und die Annoncen durchsuchten. Denn das war das einzige, was Tante Marie interessierte, aus diesen Ankündigungen konnte sie sich die schönsten und merkwürdigsten Geschichten zusammensetzen. Gestört dabei wurde sie nur, wenn der Lärm auf dem Hofe zu groß wurde, denn dort, beim Hackklotz, tummelten sich mit Jauchzen und Lachen die Kinder der anderen Mieter, spielten Versteck oder zählten im Chor: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, Komm, wir wollen Kejel schieben, Kejel um, Kejel um, Böttcher, Böttcher, bum, bum, bum. Böttchers Frau, die olle Jrete, Saß auf einem Baum und nähte, Fiel herab, fiel herab, Und das linke Bein war ab. Kam der Doktor Zappelmann, Klebt das Bein mit Spucke an, Saß es fest, saß es fest, Jing nie wieder – ab.« Und dann stob die Schar auseinander, raste die Treppe hinauf und hinunter, machte die Hunde in der Nachbarschaft rebellisch und scheuchte die Katzen in die Kellerlöcher. Wenn es dann wieder still geworden, hörte Tante Marie auch wieder aus den Nebenhöfen die langgezogenen Leierkastenlieder: »Des Königs Ruf ist an sein Volk ergangen – –« »Ach Jott, ja«, brummelte sie dann vor sich hin, »wo is det allet hin – die Zeit is vajangen, nu sitz ick hia, wer weeß wie lange, ob ick iberhaupt den zweeten Strump noch fertichkrieje? Det kann janz plötzlich ibern Menschen kommen. Und ick träume jetz imma so schlecht – so'n konfuset Zeich, wo man janich weeß, wat's bedeitet.« Und mit Schaudern erinnerte sie sich an die »Erscheinung«, die sie neulich gehabt. »Mitten in de Nacht wach ick uff«, hatte sie dann am anderen Morgen erzählt, »wach ick also uff, denke nanu, wat is denn hia los, wat wachste denn uff? Bin janz klar in'n Kopp, janz munta, wie nach ner juten, starken Tasse Kaffee. Ick richte mir also uff ins Bette –« »Azehl doch 'n bißken rascher, Tante«, hatte sie Anna unterbrochen, »du spannst ma ja uff de Folta, also du bist uffjewacht, und wat war nu?« »Ja – wennste mia so untabrechst«, hatte Tante Marie etwas ärgerlich gesagt, »valier ick natürlich 's Ende. Nu kann ick wieda janz von vorn anfangen!« Und nach einer Pause: »– – – wach ick also uff – –« »Bist janz munta ...«, versuchte Anna einzuhelfen, da die Alte stockte. Aber Tante Marie war – nun wirklich ganz böse – aufgestanden: »Dann azehl du man weita, du weeßt et ja bessa als ick!« »Na sach ma bloß det eene noch«, hatte Anna gebettelt, »war't der Deibel oder nich?« »Nee, der Deibel war't nich«, hatte Tante Marie gereizt geantwortet, »der kommt höchstens bei dia. Et war aber'n Jeist – 'n Jeschpenst!« »Dunnerwettsteen«, hatte Anna gerufen, »dem hätt ick's aba besorcht! Hastet nich jleich mit'n Schrubba uff'n Deetz jehaun, det's injeknickt is?« »Meechen, mach dia nich unjlicklich«, hatte Tante Marie gesagt, »wir haben den Jeist keene Ruhe nich jelassen – det is's. Seitdem der Kella die ›unterird'sche Tante‹ heeßt, jeht's hia um, so ville is jewiß. Und darum hab ick's ooch nich mehr da unten ausjehalten und war froh, det ick an die Obawelt kam. Aba nu looft's mia nach, mia hat der Jeist uff die Pike jekricht, paßt mal uff, ick hab's eich vorher gesacht, eenes scheenen Morjens wach ich uff und bin dot!« »Na – Tante«, hatte Anna tröstend gesagt, »ick werd jut uffpassen, vielleicht fang ick den Jespensterich, ei – weih – aba denn! Denn tropp ick'n heeßen Sijelack uff de Beene und setz ihn nachher in Spiritus!« »Meechen, Meechen – sei nich ßu keß, so wat rächt sich!« Aber Anna hatte nicht hingehört, sie blickte ihren Mann an, der mit großen Augen in die dunkle Ecke stierte. »Willem«, rief sie erschrocken. »Willem, wat haste denn, komm zu dir, wat kiekste denn da in'n Winkel?« »Ick weeß, wat's jewesen is«, sagte er und sah sich scheu um. »Tante, is det Jeschpunst ne Frau jewesen – mit'n Umschlaretuch?« »Ja – ja – ja –«, stammelte Tante Marie, »woher weeßte det?« »Denn is's –«, sagte Wilhelm feierlich, »denn is's Lemkes selje Witwe jewesen!« »Ja, ja, ja«, jammerte Tante Marie und rang die Hände. »Et is meene Jroßmutta, Vatan seine Mutta«, sagte Wilhelm, »und det war ne sehr fromme Frau, als se noch lebte!« »Jetz scheint se aba unsolide ßu sind – so alleene nachts rumzuloofen is janz unschicklich. Die soll ruhich in ihren Sarch liejenbleeben, wir werden ihr ooch mal bejießen kommen. Lieba scheintot in'n Massenjrab, als so nachts bloß mit'n dinnet Umschlaretuch meene Verwandten besuchen. Und nu hören wa mit den Quatsch uff, denn wenn ick erst anfange, mia ßu jraulen, denn wird's eenfach firchterlich.« »Siehste, siehste, siehste«, sagte Tante Marie, »nu biste ooch anjestochen – – –« »Ja, ich werd ooch jleich de Jeschpenstersprache reden und allet dreimal saren. Kiekste, kiekste, kiekste – da sitzt die Olle in die Ecke und fängt sich wat.« Tante Marie kreischte laut auf, und Wilhelm hielt sich die Augen zu. »Mach keene Dummheiten nich, Anna«, warnte er, »Lemkes selje Witwe nimmt det krumm!« »Wa'm sagsten imma so und nicht janz eenfach Jroßmutta, wie annere vaninftje Menschen?« »Wir haben ihr imma so jenannt, Vata ooch.« »Det is eben keen natierliches Vahältnis jewesen, da'm is die olle Madam ooch so unnatierlich jeworden«, sagte Anna. »Ihr Lemkes habt ja alle 'n Knacks wech, entweder habt ihr die Dummheet mit Löffel jefressen, oder ihr seid vajeisticht! Sonst hätte dir deen Vata und deene Mutta nich so loofen lassen – haben se een eenzjes Mal wat von sich hören lassen?« »Du bist doch aba nu ooch ne Lemken«, sagte Tante Marie. »Na, denn kann et ja sind, wenn ick ooch selich jeworden bin, det ick die Witwe bejejne, denn werd ick ihr den Standpunkt mal janz jehörich klarmachen!« Tagelang nach dieser Unterhaltung war die Harmonie gestört gewesen, aber dann kam man allmählich wieder ins Geleise. Es gab tagsüber so viel zu tun, daß man abends »wie zaschlagen« ins Bett sank und gleich einschlief. »Lemkes selje Witwe hat dann det Pree«, pflegte Anna zu sagen, »meenswejen kann se hier rumklabastern, so ville se will. Wenn se ab und zu mal 'n Rollmops freßt, schad det nischt. Lieba wärt't ma ja, wenn se den Uffwasch besorchte, da kennt se sich wirklich nitzlich machen.« Aber das Geschirr wurde nicht abgewaschen. Auf Wilhelm wirkte das einigermaßen beruhigend. Tante Marie aber meinte: »Wo wird denn 'n Jeschpenst abwaschen – haste det schon jemals jehört? Von so'n Jeistertella und mit sonne Jeisterjabel wird ick ooch nischt essen wollen.« Seitdem Tante jeden Sonntag so regelmäßig die Kirche besuchte, war Lemkes sel. Witwe wieder abgezogen. Aber das behielt die Alte für sich, um nicht verspottet zu werden. Nur zu Wilhelm äußerte sie sich einmal gelegentlich: »Villeicht hat det Jeschpunst ooch bloß mal 'n kleenen Abstecha machen wollen, um ßu sehn, wie's dir jeht!« »Beschrei et man bloß nich, Tante, ick jloobe ja ooch, det sie wech is, und sare ooch nich mehr Jeschpunst, det nimmt se ibel, sach lieba Lemkes selje Witwe, det is höflicher!« VI Das Lotterielos Eines Morgens aber – ein paar Wochen später – sagte die junge Frau Lemke, nachdem sie sich die Haare gekämmt und die ausgerissenen nachdenklich um den Finger gewickelt und dann ins Ofenloch gesteckt hatte: »Willem – hältstet für möchlich – nu jloob ick ooch an ihr!« »Woso?« fragte er verdutzt. »An ihr – an die Jeschpensterjroßmutta!« »Achjottachjottachjott – jeht det wieda los?!« »Ja – heit nacht is se ma aschien, aba bloß in'n Traum. Ick finde, se sieht janz nett aus, int Jesichte wie so'n oller vaschrumpelta Appel, und denn hatte se sich 'n weeßet Schnupptuch so mit die vier Zippel über ihrn kahlen Kopp jeknippt, und denn zeichte se ma imma wat, wenn ick bloß wißte, wat det war!« »Na, wie sah't denn aus?« »Det is's ja eben, dadrieber denk ick ja immafort schon nach – et entschwindet ma bloß imma wieda!« »Villeicht 'n Jebetbuch?« riet Wilhelm. »Nee – det hätt ick doch akannt.« »Oda ne Schparbichse?« »Nee, die hätt ick doch erst recht akannt!« »Villeicht wat wejen dein Zustand?« »Quatsch, als ob ick da nich alleene Bescheed wüßte!« »Na, denn weeß ick's nich«, sagte Wilhelm entmutigt. »Hat doch ooch keen Mensch von dia valangt – wenn ick's nich mal weeß, wer soll't denn dann wissen!« Als aber nachher Tante Marie von dem Traum hörte, sagte sie mit seltsamer Bestimmtheit: »Ick weeß, wat's war – 'n Lotterielos war't – ja!« »Det könnte schon stimmen«, meinte die junge Frau Lemke sinnend, »aba wat ha' ick denn nu davon?« »Hättste dia bloß die Numma jemorken, da paßt man doch 'n bißken uff! Weeste nich wenichstens eene Zahl – war ne Sieben bei?« Anna zuckte die Achseln: »Jetzt könnt ick die Olle backfeifen – imma, wenn ick jenaua zukieken wollte, hielt se't ins Dustere!« »Nu will ick dia mal wat saren«, entschied Tante Marie, »paß jenau uff: Also, du pumpst dia von mia jetz 'n paar Dala – vastehste – denn wenn man jewinnen will, muß man sich det Jeld für det Los jepumpt ham – und denn schickste irgend 'n Dussel – und et muß eena sind, der aba wirklich 'n richtja Dussel is – den schickste und läßt dia 'n Los koofen!« »Also jut – abjemacht – Willem, zieh dia an, und du, Tante, pump ma wat!« »Nee, nee –«, sagte der Portier, der während der Unterhaltung in die Schankstube gekommen war – »so eenfach is die Kiste ja nich, sonst wär ick doch heite schon Milljonär! Mit det Ibertimpeln is det nischt. Et muß wirklich eener kommen und saren, er könnte seen Los nich mehr weitaspieln, ob man't ihn nich abkoofen wollte! Und det muß man denn tun und nachher det Los ordentlich zaknautschen und irjendwo in'ne olle Kommode schmeißen und denn janz und jar druff vajessen – denn jewinnt man, denn wird's det Jroße Los!« »Wa'm machen Se det nich – denn wär'n Se doch feine raus!« sagte die junge Frau Lemke. Der Portier zuckte die Achseln: »Wissen Se, ick spiel nu schon iber zehn Jahre, aber det Unjlick is, ick kann nich druff vajessen! Eenmal, als ick schon nich mehr dran dachte, bin ick jleich mit 'n Einsatz rausjekommen!« »Na, können Se denn nich 'n bißken in Not jeraten, denn koofen wir Ihn'n det Los ab« ermunterte Anna. »Und wenn't denn jewinnt?« »Denn woll'n Se de Hälfte abhab'n – wat?« »Ick wird's nua koofen, wenn't in die Mitte zwee Sieben hätte!« sagte Tante Marie. »Ooch jleich zwee – Sie wolln 'n bißken ville fort Jeld – nee, ick behalt meen Los selba – so blau!« »Also – Tante, denn machen wia det Jeschäft. Bloß ick hab's anders jehört – ne Sieben kann ja bei sind, ooch zwee, aba wenn man die Zahlen von die Numma ßusammenzehlt und die Hälfte von nimmt, muß et jrade uffjehen!« »Det kann ja ooch sind, ick will ma deswejen nich mit dia streiten – is man bloß, wo kriejen wa jetz son'n Los her?« »Ja – det is's!« »Na – denn winsch ick ville Jlick«, sagte der Portier, »Sie werden die Sache schon deichseln, da is ma janich bange vor. – Sie haben Schwein, det merkt man!« Ein paar Tage vergingen – man sprach schon nicht mehr von dem Los – als eines Abends ein Händler mit seinem Warenkasten in die ›unterirdische Tante‹ kam, um seinen Kram bei den Gästen zu verkaufen. Aber er hatte wenig Glück, man besah sich wohl die Herrlichkeiten, kaufte aber nichts, und der alte Mann, der müde und hungrig aussah, wollte gerade wieder die Treppe hinauf, als ihn die junge Frau Lemke anrief. »Hia – kommen Se her – haben S'n Korn – kost nischt!« Und Anna griff nach einer der großen, geschweiften Flaschen und füllte den Schnaps ins Glas. Der Alte kam zurück, trank bedächtig, wiegte den Kopf hin und her und rieb sich die Hände. Anna fing den Blick des Mannes auf und sagte: »Na – hat's jeschmeckt? Wie jeht denn's Jeschäft?« Der Händler zog die Schultern hoch und machte eine mutlose Handbewegung. »Is keen Vajniejen, bei den Pladderrejen draußen rumzuloofen, wat? Wollen Se noch een?« »Wejen mir –«, sagte der Alte. Und dann warf er mit einem Ruck den Kasten, den er auf dem Rücken trug, wieder nach vorn, hob die Glanzleinewand hoch und fragte zögernd: »Nu – nix zu handeln – schöne, junge Frau – sollen's billig haben – wirklich! Koofen Se nen hübschen Schmuckgegenstand – –!« »Lassen Se man zu«, sagte Anna abwehrend, »ick brauch nischt, det sind ja man allet bloß Kinkerlitzkens!« »Oder –«, der Händler faßte nach seiner Brusttasche und zog einen Lederumschlag heraus, »wie is mit'n Los zur Hamburger Lotterie – nehmen Se's ab, es is das letzte, was ich hab, und kommt bestimmt mit'n großen Gewinn heraus. Wollt ich's selber behalten und een reicher Mann werden, aber so –.« Er machte eine Bewegung des Dankes und zeigte auf das Schnapsglas. »Willem!« Anna hatte ihren Mann gerufen, aber er hörte es nicht, saß in der Fensterecke bei den Stammgästen und sah zu, wie sie würfelten. Da faßte sie entschlossen in die Tasche, zählte dem Alten das Geld in die Hand und sagte: »Na – eenmal will ick's vasuchen – is ja rausjeschmissenet Jeld – aba ...!« Niemand hatte sie beobachtet. Als der Händler hinausgehumpelt, bückte sich Anna hinter dem Schanktisch und schob das Los in den Strumpf, um es nachher, beim Schlafengehen, im Bett zu verstecken. Sie verriet auch nichts, als Tante Marie später wieder fragte, was denn nun sei, ob man denn wirklich nicht Lotterie spielen wolle? »Nee, nee, nee – wir brauchen det Jeld nötjer, uff sonne Jlickszufälle valaß ick mir nich. Kommt nischt bei raus! Is ville vaninftjer, man spart – iberhaupt jetz, wo so ville Ausjaben entstehen werden!« Der Gedanke an das Kind nahm allmählich alle in Anspruch, selbst die Gäste waren auf das freudige Ereignis gespannt. »Wenn't man jut ablooft«, sagte der Portier, der in solchen Sachen etwas pessimistisch gestimmt war, »wennt man jut ablooft! Meene Frau ...« »Ick bin doch aber nich Ihre Frau!« »Eben –«, sagte Wilhelm. »Na – ick meene ja man ooch bloß, wenn Sie meene Frau wärn ...« »Wie können Se'n aba so wat meenen! So wat meent man doch nich, det jehört sich doch nich!« »Eben –«, sagte Wilhelm. »Herrjott nich nochenmal, vastehn Se mia doch richtich! Wenn ick Ihn'n jeheiratet hätte und Sie ...« »Der Mensch is nich von abßukriej'n«, sagte Anna ärgerlich, »ick hätt Ihn'n eben nich jeheiratet – vastehn Se det doch mal!« »Na – denn nich, denn kann ick Ihn'n ooch die Jeschichte nich azehln!« »Azehln Se man, aba lassen Se mia jefällichst aus'n Spiel bei – ick weeß doch von alleene, det so wat nich zum Totlachen is!« Aber nun wollte der Portier nicht mehr, er trank seine Weiße aus und ging. »Mit den hastet vadorben«, sagte Wilhelm. »Schad nischt, ick konnte den Kerl nich ausstehen, jleich von Anfang an nich. Und det Nassauern hia – nich een enzjes Mal hat er det Bia bezahlt, et muß doch allens mal seene Jrenzen hab'n!« Aber auch Tante Marie sagte: »Wenn't nur bloß jlicklich abloofen wollte und iberhaupt schon allet vorüba wär! Is ja nich mehr ausßuhalten mit die Anna, nischt is se mehr recht, wat man ooch sacht – allemal hat se wat jejen. Jewiß, det hängt ja mit den Zustand ßusammen, da is ja jede 'n bißken nörjelich, aba doch nich so, se haut ja alle Jäste vor'n Kopp!« »Ja – na, ick kann's nich ändern«, sagte Wilhelm resigniert, »ick hab ma ja det Familjenleben ooch'n bißken anners vorjestellt, aba da is nu nischt jejen ßu machen!« VII Besuch bei Onkel August »Weeßte wat, Willem«, sagte die junge Frau Lemke – oder »die Lemken«, wie man sie jetzt in der Nachbarschaft auch nannte –, »weeßte wat, zieh dia an, mach dia fein, und jeh 'n bißken los – komm womöchlich erst uff'n Abend wieda!« »Nee«, sagte Wilhelm, »wo soll ick mia denn rumtreiben, und warum denn ooch?« »Ja, mach Beene«, sagte auch Tante Marie, »wa stolpern bloß iba dia, und jebrauchen können wa dia doch nich heite. Jeh, besuch ma' de Verwandten, det jehört sich so!« »Ibahaupt 'n bißken frische Luft täte dia sehr jut, du siehst schon jrien und jelb aus und wirst ma ooch zu dick!« »Ihr wollt ma bloß wechhab'n, am Ende jeht's heite hia los!« »Achjottachjott, Willem«, sagte die Lemken, »Jrütze haste nich in'n Kopp, aber 'n Jrützkopp biste doch! Wozu haste denn deene Finga, zähl dia's doch ab – wie kann det denn heite schon losjehen.« »Na – wenn du dia man nich varechnest«, sagte Wilhelm gekränkt, »aba wenn ick hia so ibaflissich bin, loof ick ooch iber, allens wie ihr wollt, ärjern laß ick ma nich, det ha'ck nich neetich, ick ärjre ja ooch keen!« »Wat der Mann jetz for'n Zungenschlach kricht«, sagte Frau Lemke, »is ma schon 'n paarmal uffjefallen in die letzte Zeit. Nu, sei keene jekränkte Lebawurscht, wa meenen's ja bloß jut zu dia.« Und Wilhelm ließ sich überreden. »Jewiß ja«, sagte er, »ick kann ma ja in Jlanz werfen und mal bei Onkel Aujust jehen!« Trotzdem er geglaubt hatte, sich allein zurechtfinden zu können, mußte er dann doch schließlich fragen, wo Neu-Kölln am Wasser sei. Endlich kam er in das Fischereiviertel: Niedrige, räuchrige Häuschen, hin und wieder mit den Abzeichen der Gilde geschmückt, Fischtonnen, deren Geruch die Luft erfüllte, standen mitten auf dem Bürgersteig, und mit Kopfschütteln sah Wilhelm die aus der Spree ragenden Holzgerüste, an denen die Fischkästen hingen. »Ne dufte Jejend, wenn ick man nu bloß wißte, wo er hia wohnt?« Da hinten war ein riesengroßes, etwas amphibisch aussehendes Wesen beschäftigt, ungeheure, grüngestrichene Bottiche auf einen Wagen, vor dem kein Pferd war, aufzuladen. »Villeicht weeß der hier Bescheed«, dachte Wilhelm. Zu seiner Freude sah er dann, daß das Amphibium Onkel August selbst war. »'n Tach«, sagte Wilhelm und streckte ihm die Hand hin. Aber der Onkel, obwohl er sich im ersten Augenblick unwillkürlich die nasse Hand an den Hosen abwischte, schüttelte den Kopf, als wäre ihm eine Fliege angeflogen. »'n Tach«, antwortete er und sah mit seinen kleinen, scharfen, blauen Augen Wilhelm starr und fremd an. »Onkel, kennste mia denn nich?« Onkel August blieb in seiner gebeugten Haltung, in der er gerade den Fischkübel auf den Wagen setzen wollte und sah ihn stumm an. »Aba, du wa'st doch bei uns uff de Hochzeet, ick bin doch der Mann von deene Nichte Anna Zander, ick bin doch der Willem Lemke!« Bei Onkel August schien – ganz in der Ferne – etwas zu dämmern, wenigstens setzte er den Bottich ab, nahm einen Holzspan von der Erde, mit dem er die herausgelaufene Wagenschmiere aus dem Hinterrad des Wagens kratzte und lackierte sich damit die ungeheuren Schaftstiefel an einer rötlich gewordenen Stelle. »Wennste mia aba nich kennen tust – – –«, sagte Wilhelm kleinlaut. »Ick tu dia schon kennen«, sagte Onkel August, »du kamst ma jleich so bekannt vor, ick konnte man bloß nich uff dia kommen.« Und dann reichte er ihm wirklich, wenn auch noch immer zögernd, die Hand. »Wat wiste denn?« »Meene Frau schickt ma, ick sollte eich besuchen kommen!« »Heite? – Na – denn besuch uns man«, sagte Onkel August. Er schien selbst neugierig zu sein, wie das wohl gemacht würde. Vorläufig war es ihm wichtiger, die anderen Bottiche aufzuladen. Nach einer Weile fiel dann zufällig sein Blick wieder auf Wilhelm, der unschlüssig dastand und mit seinem Stock Funken aus dem Pflaster zu schlagen versuchte. »Det jeht ville bessa mit'n Absatz«, sagte Onkel August, nachdem er interessiert zugesehen, »kiek ma', so!« Und er brachte es wirklich fertig, daß die Funken stoben. Seine Laune wurde besser, er machte eine einladende Handbewegung nach dem Häuschen und sagte: »Jeh man rin, ick komme nach, ick hab hia bloß noch wat zu tun!« »Nee, nee«, sagte Wilhelm, »ick kann ooch noch 'n bißken warten, mia pressiert's ja nich!« »Na, denn bleib ma hia stehen, denn werd ick ma rinjehen un 's meene Olle saren, det se sich 'n bißken ßurechtemacht!« Eigentlich wäre es Wilhelm ganz lieb gewesen, wenn er sich in der bisherigen zwanglosen Weise mit Onkel August weiter hätte unterhalten können; auf Tante Liese war er zu verzichten bereit – sie hatte zu feine Manieren. Doch da klirrte das kleine Fenster im ersten Stock, Onkel August zwängte seinen Hummernkopf durch die Öffnung und rief hinunter: »Meene Frau läßt dir bitten, näher zu treten!« Oben in der guten Stube mit dem schwarzen Ledersofa und den goldgerahmten Bildern roch es ein bißchen nach Fisch. Tante Liese, die nach Wilhelms Ansicht wie frisch gestrichen in dem neuen roten Kleid aussah, empfing ihn mit feierlicher Miene und geleitete ihn nach dem Sofa. »Bitte, Herr Lemke, nehmen Sie gefälligst Platz«, dann setzte sie sich daneben und deutete Onkel August an, daß er sich auch niederlassen solle. »Ick stehe lieberst«, sagte er ablehnend. Sie warf ihm dafür einen mißbilligenden Blick zu und wandte sich zu Wilhelm: »Der Kaffee wird jleich kommen!« »Ach – desterwejen bin ick ja nich herjekommen!« sagte Wilhelm bescheiden ablehnend. »Aba der Anstand erfordert det«, sagte Onkel August, der offenbar das Bestreben hatte, sich an der Konversation zu beteiligen. »Schschscht!« machte Tante Liese drohend, aber Onkel August sah sie ganz verwundert an: »Det haste vorhin doch selbst jesacht – – –!« »Und wie jeht's Ihre liebe Frau?« schnitt Tante Liese ihres Mannes Einwendung ab. »Na – se krabbelt ja noch rum, aba nu wird's wohl bald soweit sind!« Tante Liese zog die Augenbrauen hoch. »Das kann wohl nicht jut sein, das ist ja nicht möglich.« »Doch«, sagte Wilhelm, »wa awarten's jeden Tach!« »Aber Sie sind doch noch gar nicht so lange verheiratet!« Als Onkel August das verdutzte Gesicht Wilhelms sah, fing er zu schnaufen an, und um die Zischlaute zu unterdrücken, hielt er sich die Nase zu. »Mein Jott und Vata, schäm dir doch was«, sagte Tante Liese, »Aujust, wie kannste denn da lachen!« Und dann zu Wilhelm: »Nicht wahr, das müssen Sie doch zugeben, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, dann – dann ...« »Jewiß – jewiß«, sagte Wilhelm, »bloß et is nu mal so!« »In unserer ganzen Verwandtschaft ist so was noch nicht dajewesen«, bemerkte Tante Liese, »ich hoffe ja auch, daß Sie sich irren!« »Aberst er wird doch in seene eejenen Familienanjelejenheiten Bescheed wissen«, versuchte Onkel August, Wilhelm zu Hilfe zu kommen. »Na, wir werden ja sehen«, sagte Tante Liese, »entschuldjen Se mir einen Augenblick, ick will bloß kieken, ob das Wasser kocht«, und sie stand auf und ging in die Küche. »Laß ihr reden, imma laß ihr reden«, sagte Onkel August. »Ick sitze ja hia wie ne Klammer uff de Leine«, sagte Wilhelm, »wat mach ick ma denn aus den Kaffee, wenn ick so wat mit anhören muß! Wa sind doch rejelrecht verheirat', und meene Frau kann doch 'n Kind kriejen, wenn se will!« »Und so ville, wie se will«, bekräftigte Onkel August. Tante Liese stieß die Tür mit dem Fuß auf und trug mit beiden Händen ein großes Tablett herein, auf dem drei schöne große Tassen, die Kaffeekanne und ein Napfkuchen standen. »Nu wollen wa orntlich rinsteijen«, sagte Onkel August, »Willem, halt dia feste ran, et jeht los!« VIII Das freudige Ereignis Als Wilhelm heute mittag fortgegangen war, hatte sich Anna – froh, ein bißchen allein sein zu können – in die Ecke beim Stammtisch gesetzt und sich mit einer Näharbeit beschäftigt. Sie kam damit nicht gerade vorwärts, die Finger waren nicht flink genug, und auch die Augen strengten sich bei dieser »pusseligen« Arbeit zu sehr an. Dann sanken ihr die Hände in den Schoß, und die Blicke wanderten umher in dem Raum, der um diese Zeit von Gästen leer war. Durch die hochgelegenen Fenster fiel ein etwas totes Licht herein – auf die weißgescheuerten Tische, die sandbestreuten Dielen, den Schanktisch und den Vorrat an Würsten, die dort an der Decke hingen. Ein Zug der Befriedigung glitt über ihr Gesicht: Die Gäste brauchten es gar nicht zu sagen, sie wußte es ganz allein, daß dieser düstere, muffige Kellerraum eine Goldgrube geworden war. Ja, sie hatte wohl eine glückliche Hand, »et flutschte«, wo sie anpackte, wie Tante Marie sagte. Aber hatte sie sich nicht ordentlich abgerackert, verstand sie es nicht, auf dem Markt einzukaufen und gut zu kochen, ja – das wollte sie ja gewiß nicht bestreiten, von der »ollen Lemken« draußen in Schöneberg hatte sie wohl etwas gelernt. Seitdem nun da drüben der Neubau war und auch die Maurer zum Frühstück und Mittagstisch kamen, konnte sie es kaum noch schaffen. »Ick müßte ja zehn Arme und zehn Beene haben«, pflegte sie zu sagen, wenn die Gäste zu ungestüm wurden. Na ja – und nun jetzt, in der Verfassung, konnte sie doch nicht so rennen und traben. Das Ticken der Uhr machte sie schläfrig, und um nicht einzunicken, versuchte sie, ihre Gedanken auf das zu richten, was sie heute noch alles zu erledigen hatte. Aber sie hatte eigentlich nur immer die eine Vorstellung, daß der Oleander, der oben vor der Kellertür stand, begossen werden müßte, »ooch der Jummiboom wird schön vatrocknet sind«, dann wehrte sie im Halbschlaf eine aufdringliche Fliege ab, und dann, ja dann war sie wohl eingedruselt. Sie fuhr zusammen, als jetzt jemand holterdipolter die Kellertreppe herunterkam und in die Gaststube stolperte. »Meen Jott, Mensch, ham Se ma aschrocken«, kreischte sie und preßte die Hand auf die Brust, und aus ganz verstörten Augen blickte sie auf den alten Hausierer, der ebenfalls ganz atemlos war und sich vergeblich bemühte, ein Wort hervorzubringen. »Schöne junge Frau, wat hat Ihnen der olle Hausierer jesacht? Selber wollt er'n reicher Mann werden un det Los for sich behalten, weil es det letzte war mit der Glückszahl in der Mitte. Nischt Falsches hat er jesacht! Se ham fünftausend Taler in de Lotterie jewonnen!« Anna hatte die Empfindung, als wäre ihr ganz sacht, dann schneller, immer schneller der Boden unter den Füßen weggezogen. Unwillkürlich breitete sie die Arme aus. »Tante Ma–riiie!« gellte sie in langgezogenem Schrei, dann wurde es ihr schwarz vor den Augen, die Beine knickten ihr ein, und dem alten Hausierer glückte es gerade noch, die Ohnmächtige beim Hinstürzen aufzuhalten. »Det jroße Jlück hat se überwältigt«, murmelte er, schob ihr eine Unterlage unter den Kopf und lief, so rasch es seine alten Beine vermochten, in den Hof, um Hilfe herbeizuholen. Dort hatte man den Schrei wohl gehört, aus allen Fenstern steckten die Hausbewohner die Köpfe heraus, nur Tante Marie, die friedlich in ihrer Laube saß, hatte nichts gemerkt. Nun wurde aber auch sie durch das Stimmengewirr aufmerksam, und als sie den Portier auf sich zueilen sah, rief sie wie zur Entschuldigung: »Ja doch, ja doch, ick komm ja schon, ick komm ja schoon!« – – – – – Und dann sah man nachher vor der »unterirdischen Tante« und den Türen der Nachbarhäuser ganze Gruppen erregter Frauen, die die ungewöhnlichen Vorgänge besprachen. »Und jrade an so'n Tare muß der Mann nich ßu Hause sind, aber det is ja immer so mit die Männa – sonst hacken se een uff die Pelle, und man kann se mit alle Jewalt nich loswerden, und denn, wenn man se braucht, kann man sich de Lunge nach se ausschreien!« Aber die Frau des Portiers war anderer Ansicht. »Ick wißte nich, wozu man da die Männa bei braucht, ins Jejenteil, bloß wech mit se, die werden sonst janz varickt bei. Meener hat det letztemal, jerade wie et losjing, vor lauter Uffrejung die Fensta jeputzt!« »Na – und meener erst«, sagte eine andere, »Se werden det janich for mechlich halten, der hat det Schnippseln jekricht und sich mit meene Schere de Haare von'n Kopp jeschnitten.« »Ick kann ma ja noch besinnen«, bestätigte eine andere, »Ihr Mann sah ja nachher aus wie ne Spinatwachtel, de Kinder schrien et ja hinter ihn her!« Und diese Unterhaltungen dauerten fort, bis die Dämmerung hereinbrach, der Laternenanzünder durch die Straßen ging und für Beleuchtung sorgte. Um diese Zeit kam Wilhelm, ahnungslos von dem Umschwung in seinen Verhältnissen, heim. Es war bei Onkel August und Tante Liese nachher noch ganz nett geworden, man hatte das Photographiealbum durchblättert und Karten gespielt, und Tante Liese hatte Wilhelm zu guter Letzt davon überzeugt, daß es das beste wäre, wenn er sich mit seinen Eltern – die nach ihrer Meinung ganz im Recht waren – wieder aussöhnte. Nun stieg er, noch immer ganz erfüllt von diesem Gedanken, die Kellertreppe hinunter und trat in die Schankstube. Hier hatte Tante Marie keinen leichten Stand gehabt. Unter den vielen Gästen, die sich eingefunden, hatte es so manchen gegeben, der für eine Feier des freudigen Ereignisses gestimmt und auf das nötige Freibier gerechnet hatte. Und wenn Tante Marie auch fleißig eingeschenkt und nicht so peinlich genau wie sonst auf die Bezahlung geachtet, so war sie doch ganz entschieden dagegen gewesen, daß die fidele Stimmung gar zu laut geworden war. »Se missen doch 'n bißken Rücksicht uff die junge Mutta nehmen, det is doch keen kleenet Stick, so'n strammen Bengel uff die Welt zu bringen!« Und die Verheißung, daß das Ereignis später ja gebührend gefeiert werden würde, hatte schließlich gewirkt, und die »Radaubrieda« waren abgezogen. Nur die guten Bekannten, die selbst für Ruhe und Ordnung waren, tranken am Stammtisch ihre Weiße und erzählten sich gegenseitig, wie es bei ihnen gewesen war, »als der erste vom Klappastorch jebracht worden war« – so, wie es heute nachmittag die Frauen getan, nur daß sie sich dabei in weit günstigerer Beleuchtung zeigten. Und diese Gesellschaft trat nun, wie auf Kommando, auf Wilhelm zu und gratulierte ihm. Noch begriff er nicht, wurde nicht klug daraus und dachte, es solle ein Witz sein. Seine Augen suchten Anna, aber als er nur Tante Marie erblickte, überkam ihn ein Gefühl, als sei hier wirklich etwas »los«. Und da drängte sich auch Tante Marie schon in den Kreis, zog Wilhelm am Ärmel und führte ihn nach der Hinterstube, schob ihn hinein und schloß schnell die Tür wieder. Und Wilhelm kam nicht wieder zum Vorschein. Als Tante Marie dann, nun selber neugierig, nachsah, fand sie ihn ganz verweint und mit dickem, rotem Kopf an Annas Bette sitzen. »Na – Willem, stattste dia freust, sitzte nu so bekleckert da«, sagte die alte Frau gutmütig, »haste dir'n denn schon anjesehen?« Wilhelms Schultern begannen wieder zu zucken, er vermochte kein Wort hervorzubringen. »Wie aus de Ogen jeschnitten is'r dia!« sagte Tante Marie. »Laß'n man, Tante«, sagte Anna, »Willem is schon so jerihrt, mach'n ma bloß nich noch rihrijer, ick bin heite zu schwach, ick kann ihm nich beistehen!« »Ja, et is merkwirdich mit die Mannsleite, denn tun se – aba ooch alle durch de Bank – als wenn sie Mutta jeworden wären. Denn jeht ihn'n plötzlich 'n Kandelaba uff, denn bejreifen se, wat sonne arme Frau uff sich nimmt mit det Kinderkriejen. Aber vorher – – –« »Du wirst mir'n noch janz koppschei machen«, sagte Anna vorwurfsvoll – »hör doch schon uff. Und denn, Tante, wat soll denn die traurije Beleichtung, det is doch hia keene Totenfeier! Mach den ollen Schirm von die Lampe wech, det man wat sieht. Wenn ick bloß nich hier so liejen müßte, et juckt ma in de Fingaspitzen.« »Jawoll, ick werd dia mit Uffstehen«, sagte Tante Marie, »du bist woll nich recht jescheit! Denn kannste dia ooch jleich dein Sarch koofen jehen und die Jrabstelle aussuchen!« IX Onkel Karl »Heiljer Brummtriesel«, sagte Onkel Karl immer wieder und hielt sich seinen Borstenkopf mit beiden Händen, als fürchtete er, daß ihm dieser wichtige Körperteil plötzlich abfallen könnte. »Fimftausend Tala!« »Ja – uff eenen Schlach!« bestätigte Frau Lemke nochmals. »Duddu- diddi-dadda – buh!« machte sie dann und fuhr dem Säugling, den sie auf dem Arm trug, mit dem Zeigefinger vor dem Näschen hin und her. »Fimftausend Tala! Denn kann sich ja eener seen janzes Leben plaren und schinden und kricht nich mal hundert beisammen!« »Sehste, Onkel Karrel«, sagte Anna, auf das Thema vorher zurückkommend, »wenn't ooch deene Schwester is, diese jute Tante Liese, ick muß dia's doch saren, ick find's nich hibsch von sie! Du kannst et ja nu bejreifen, det man sich uffrecht, wenn man so ville Jeld plötzlich kricht – nich wahr? Det jeht eenen doch durch und durch! Da is et man eben bloß 'n Siebenmonatekind jeworden, und da is doch drieber nischt zu reden! Aba weeßte, wat Tante Liese jesacht hat, noch eh det Kind überhaupt da war? Na, ick willt nich wiederholen!« »Aba rech dia doch bloß jetz nich mehr drieba uff«, sagte Onkel Karl begütigend, »se is doch schon imma so jewesen!« »Nee, aber et ärjert mia! Wenn eena zu Besuch kommt, schmeißt man ihn doch nich so wat an'n Kopp! Und wenn sie nachher ooch noch so freindlich zu Willem jetan hat – ick bin mit sie fertich!« »Wat werdet ihr denn nu mit det ville Jeld bloß machen?« fragte Onkel Karl. Aber Anna beachtete diese Frage gar nicht, sie ging noch immer aufgeregt in der Gaststube auf und ab und wiegte das Kind auf den Armen. »Jott sei Dank, det ick mia wieder bewejen kann«, sagte sie, »nu, wo ick ma kräftijer fiehle, kommt erst die janze Jalle raus! Du hast dir sehen lassen, Onkel Karrel, hast mia jratuliert, aba Tante Liese is nich jekommen und ihr Mann ooch nich! Nu kannste se aber iber allet uffklären und ihr det von det Lottrielos azehlen, ick jloobe, denn wird se platzen!« »Nu werd't ihr eich woll 'n Haus koofen?« erkundigte sich Onkel Karl, der mit seinen Gedanken nur bei dem Gelde war. Aber Frau Lemke schüttelte den Kopf. »Wa wissen noch nich, et is natirlich for det Kind bestimmt, dadrieber bin ick mia mit Willem einich!« »Ick wirde ma doch irgendwo beteiljen«, sagte Onkel Karl, »Akzien koofen oder so, da könnt ihr ja steenreich werden!« »Nee – nee, erst missen wa Tante Marie bezahlen, die hat uns damals det janze Lokal überlassen. For nischt und wieda nischt konnt sie det doch nich tun, denn hätt se ja selber nischt zut Brocken und Beißen ibrich jehabt. Nu werden wa wenigstens die Abzahlerei mit eenmal los. Und det annre Jeld wird nich anjerihrt, det is for det Kind, ick hab's dia schon mal jesacht, Onkel!« »Wie soll det Wurm heeßen – Edwin? Is doch keen Name nich!« »Laß man, den Namen ha'ck ihn ausjesucht, der Junge soll sich nich schenieren später. Int Jejenteil! – Sollen wir'n etwa Aujust rufen oder ...« »... Karl«, sagte Onkel Karl. »Sehste, Onkel, ick will dia ja doch nich kränken, aber Karrel is nu doch zu jewöhnlich for ...« »... det Siebenmonatekind«, ergänzte Onkel Karl; »wenn ihr det arme Wurm bloß nich falsch azieht.« »Wa'm sachste'n imma ›Wurm – armet Wurm‹, is ja keen Wurm nich, und zu bearmen is's doch ooch nich!« sagte Frau Lemke gekränkt. »Na entschuldje man jütichst, mia jeht's ja ooch nischt an, von meenswejen könnt ihr'n ja Kasimir rufen und Mama und Papa saren lassen!« »Muß'r ooch, soll'r ooch, wird'r ooch«, sagte Anna, »und nu können wa uns ja später noch drieba zanken, vorleifich is's jenuch. Trink man noch eens, Onkel, wat wiste denn schon wieda losjondeln!« »Ick muß – ick muß«, sagte Onkel Karl, ein bißchen verschnupft. »Dein Mann kricht man woll iberhaupt nich mehr zu Jesichte, der is woll iberirdisch jeworden?« »I wo – der is nach Schöneberch!« »Nanu – woso? Ick denke, da is allens ratzekahl aus?« »Ja – det dachten wa ooch, aba 's is doch nu anders«, sagte Anna triumphierend. »Wia beziehn doch Bia aus die Brauerei dort – na, und der Kutscha frachte imma so anjelejentlich, bis wa schließlich rauskrichten, det er man bloß for die olle Lemken frachte. Na – und da hat Willem seene Mutta 'n scheenen Jruß bestellt und ihr saren lassen, det er ihr, wenn se neijirich sei, det allet ville bessa azehlen könnte. Und denn hat nächsten Sonnabend der Kutscha wieda eenen scheenen Jruß von sie bestellt – und so is det eben so jekommen, wie't jekommen is, und heite is'r bei sie draußen!« »So – – –«, sagte Onkel Karl, »nu ha'ck ja 'n janzen Sack voll Neiichkeeten, nu kann ick mit hausieren jehen, wenn ick bloß nischt vajesse! Also: Kasimir – Siebenmonatekind – fimftausend Taler – jroße Aussöhnung – wie ufft Theata! Wenn ick's azehle, werden se 's nich jlooben wollen. Ihr könntet ma eijentlich wat pumpen – wie wär's denn mit so'n paar hundert Taler – Tante Liese wird't ma denn wirklich jlooben, denn so – mit bloße Hände – werden se denken, det is kalter Uffschnitt!« »Laß se, bei uns is nischt zu erben«, sagte Anna, »jib dia ja keene Miehe, Onkel!« »Also nee, denn nich! Et war bloß, det ick det Jeld so jut hätte jebrauchen können, und sicher wär's eich jewesen; aba wie jesacht, wenn's nich is – – –! Denn jieß ma noch 'n kleenen Bittan in, denn biste mia los!« Und dann war Onkel Karl gegangen, und Anna rief zum Hof hinaus: »Tante Marie – kannst kommen, er is wech!« Als Tante Marie erschien, sah sie sich mißtrauisch um: »Is'r wirklich wech? Der is imstande und dreht noch mal an de Ecke um. Ick weeß selba nich, wat ick jejen ihn habe, aba det war schon imma so! Irjendwat is ooch mit ihm los, der macht faule Jeschäfte, man weeß ja janich, von wat er eejentlich lebt. Wollt er nischt jepumpt haben – ja? Na ja, det ha'ck ma jleich jedacht. Aba 't war Essich?« »Na natürlich!« sagte Anna. »So, Tante, nu nimm du mal den Kleenen, ick muß ja noch so ville zurechtmachen für't Abendbrot.« Aber das Kind begann bei diesem Wechsel sofort zu schreien. »Bschsch! bschsch! bschsch!« machte Tante Marie, »wirste stille sind, wer wird denn so brillen!« »Ja, det hat'r raus«, sagte Anna mit einem kleinen Seufzer, »manchmal jeht's de janze Nacht, denn will er nich mehr nutschen, trocken licht'r ooch, da weeß man nich, wat man mit ihn machen soll.« »Villeicht sieht er wat, kleene Kinder sollen ja Jeister sehen können. Kiekt er denn nach eenen bestimmten Fleck?« »Da ha'ck wahaftich noch nich uffjepaßt«, sagte Anna, »det wär doch aba furchtbar, wenn kleene Kinder schon sonne Ascheinungen hätten, da können se ja vor Schreck wechbleeben!« »Können se ooch! Denn werden se blitzblau int Jesichte, kriejen de Krämpfe, und denn is aus mit se. Laßt'n man bloß schon toofen.« »Na ja doch, Willem is ja raus bei de Ollen und lad't se in. Ick bin ja mechtich neijierich, wie det abjeloofen is. Er könnte ooch schon längst zurück sind, aber et is wahaftich wahr: Sitzt er hier, denn kricht man ihn bloß mit Jewalt raus, und is er denn eenmal draußen, kricht man ihn nich wieda rin!« »Laß ihn man«, beschwichtigte Tante Marie, »wat hat der allet zu azehlen, bedenke man bloß! Von den Oogenblick an, wo ihr hier anricktet und er draußen vor de Türe stand – bis jetz! Sonne Vasöhnung dauert lange, da reden doch alle mang, und der olle Lemke wird sich doch erst aweichen lassen. Ick halt det for 'n sehr jutes Zeichen, det Willem noch nich da is – und wa broochen ja ooch nich uff'n zu lauern – schneid mir man ooch jleich ne Stulle ab.« Tante Marie hatte den Säugling in den Korb gelegt und ihm nach eigener Melodie vorgesungen: »Weene nich, et is vajebens, Jede Träne dieses Lebens Fließet in een Kellaloch, Deine Keile kriste doch!« Und Edwin war allmählich still geworden, vielleicht weil er gegen Tante Maries Organ doch nicht aufkommen konnte. »Wie so'n kleener Engel liecht er nu da«, sagte sie, »mia vasteht er noch am besten, zu schade, det ick nich ooch 'n Sohn habe, der könnte ma nu ne Stitze sind!« »Tante, hör uff, du wirst sonst wieda so melangklöterich, und denn is nischt mehr mit dia anzufangen. Willste Käse oder Wurscht uff die Stulle haben?« »Nee, keenen Keese, ooch keene Wurscht nich, ick bin jetz so mißtrauisch von wejen die Trichinen. Det is furchtbar, wat die Jelehrten allens entdecken, et wird noch so weit kommen, bis se rausjeheckt haben, det in die Trichinen wieda noch kleenere Trichinen sitzen!« »Kann allens möchlich sind, ick möchte denn bloß wissen, wat man nachher essen soll, wenn een allens vajrault wird. Aba die Zwiebelwurscht kannste ruh'ch essen, Zwiebel können se nich vatraren, da sind se alle schon tot!« »Nee – denn jib mia doch lieba Keese – da sieht man doch wenichstens, wenn wat druff rumkraucht und kann et rauspolken!« X Edwin regt sich Am Spätabend war Wilhelm dann endlich gekommen. Auf den Schultern trug er, mit zusammengebundenen Hälsen, zwei feiste Gänse und in der Hand drei geschlachtete Hühner. Schweigend legte er das Geflügel auf den Schanktisch, schenkte sich eine Weiße ein und trank in langen Zügen. »Ja – dunnerwettsteen, det war 'n Jeschleppe«, sagte er, »Mutta läßt scheen jrießen, Vata ooch, und se saren, die Toofe soll bei se sind, da hätten wa mehr Platz! Jib ma doch noch ne Weiße – mir durschtet zu sehr!« »Na, det is doch nich allet, du mußt doch azehlen, wie et war. Deene Mutta wird doch nich jleich die Hihna jeschlacht haben und denn biste wieda wechjejangen? Se werden doch bäh und mäh jefracht haben, obste dia jlicklich fiehlst und so weiter.« »Mutta, ja – Vata nich. Mutta hat 'n bißken jeweent und jesacht, det ick dicker jeworden bin, det ick sie aba zu jrien und ßu keesich aussehe!« »So, na det kommt von den Kumma, den wa jehabt haben. Aba nu azehl mal janz von vorne und laß nischt aus. War dia denn nich zuerst janz komisch zumute? Haben se denn uff mia nich mechtich jeschumpfen?« wollte Anna wissen. Und Wilhelm begann nun in seiner umständlichen und langsamen Art zu berichten. »Und weeßte«, setzte er hinzu, »draußen in Schöneberch hat's ooch jespukt – die Selje is umjejangen, Mutta hat se jesehen und Vata ooch!« »Det ha' ick ma ja jedacht«, rief Tante Marie, die bisher nur zugehört hatte, triumphierend dazwischen. »Det muß so um dieselbichte Zeit jewesen sind wie hia, die hatte bloß 'n Abstecha nach hia jemacht, so – wie ick's jleich jesacht hatte!« »Aba die Hauptsache, Willem, mit die Kindstoofe!« sagte Anna. »Wat soll denn det nu eijentlich werden? Willem, wia könn det doch nich annehmen, et jehört sich doch, det wir inladen – nich sie!« »Et soll 'n bißken jroßartich werden«, sagte Wilhelm, »weil mit die Hochzeet nich so ville herjemacht worden is, det soll nachjeholt werden! Wat ick beinahe vajessen hätte: Vata hat jute Jeschäfte gemacht, er hat von die Wiesen bei'n Faulen Jraben vakooft.« »Da hätt ick doch an seine Stelle noch jewartet«, sagte Anna kopfschüttelnd, »det war noch nich der richtje Momang, da hätt er später jewiß det Doppelte rausjeschlaren!« »Ja, Mutta sagte det ooch, aba er wollte partu nich mehr warten! Ibrigens, Mutta kann janich bejreifen, warum wa det Kind Edwin nennen wollen!« »Det vasteht Onkel Karrel ooch nich«, sagte Anna, und nun begann sie zu berichten, was sich inzwischen in der »unterirdischen Tante« ereignet hatte. Bis in die späte Nacht hinein berieten sie dann hin und her, was zu tun sei, und das vorläufige Ergebnis war, daß Anna ein neues Kleid haben müsse, ein »jutes Schwarzet«, damit sie sich vor den Schwiegereltern sehen lassen könne. Und gleich am nächsten Morgen machte sie sich mit Tante Marie auf, um in der Stadt den Stoff zu kaufen. Wilhelm hatte die nötigen Verhaltungsmaßregeln bekommen: »Edwin schläft jetz jrade so scheen, da schieb ick den Stoßwaren hia in die Ecke. Du broochst nischt weita, als ihn die Milchflasche zu jeben, wenn er schreit, aba er schreit nich! Jetz pennt er vier, fimf Stunden jlatt wech. Sehste, er schläft« – sie hob die Gardine und zeigte ihm im Halbdunkel etwas Rotes, Runzliges mit einem Büschel Haare. »Hia is ooch die Flasche, die mußte aba tichtich schockeln, ehste se ihm rinsteckst, und denn nich mit's vakehrte Ende etwa, sondern mit'n Proppen. Und nu paß bloß jut uff, et wär ja furchtbar, wenn det Kind vaunjlickt, et vabrennen jetz alle Tare so ville kleene Kinda, na, adje – in een, zwee Stunden bin ick wieda ßarück!« Wilhelm, der sich überaus verantwortungsvoll vorkam, nahm die Hühner, setzte sich so, daß ihn der Sonnenschimmer auf den Rücken traf, und begann äußerst gewissenhaft das Geflügel zu rupfen. So war wohl eine halbe Stunde friedlich vergangen, als er mit dem Stuhl rückte. Da begann ein leises Meckern hinter der Wagengardine, das jedoch gleich wieder verstummte. Der Schreck war Wilhelm in die Beine gefahren, das hätte ja eine schöne Geschichte werden können! Schon glaubte er, es sei alles wieder wie vorher, da – er konnte es nicht länger überhören – war es ihm doch, als wenn aus dem Wagen immer eine Art leisen Knallens drang. Es war, als wenn ein großer Goldfisch an der Oberfläche des Wassers nach Luft schnappte. Edwin erstickte doch nicht etwa? Vorsichtig schlich er näher und hielt das Ohr an die Gardine – richtig, es war Edwin. Schlief er, oder was war mit ihm, warum hatte er diesen rätselhaften Ton nicht vorher von sich gegeben? Da er nicht wagte, ihn anzufassen, blies er ihm vorsichtig auf die Nase. Die Wirkung war überraschend: Das Mäulchen, das vorher wie eine Sparbüchse ausgesehen hatte, klappte plötzlich zu, und die Augen gingen auf. Wilhelm wollte sich zurückziehen, aber da veränderte sich Edwins rundes, rotes Gesichtchen, und das klägliche Meckern begann wieder. »Er wird schon wieda uffhören«, dachte Wilhelm, »er is man bloß aschrocken, weil er nich det Jesicht von seene liebe Mutta jesehn hat!« Da aber Edwin beharrlich weiterheulte, nahm er die Milchflasche und wollte sie ihm in den Mund stecken. Aber es war ihm nicht möglich, den weichen Gummipfropfen zwischen die verzogenen Lippen des Kindes zu bringen, und bei der Bemühung floß die Milch ins Bett. »Ach du lieba Jott, is det ne Schweinerei«, dachte Wilhelm. »Wa'm wisten nich trinken?« fragte er Edwin, der aber durch wütendes Gebrüll antwortete. Vielleicht lag es daran, daß er die Milch vorher nicht geschüttelt hatte. Nun – das war nachzuholen. Und jetzt versuchte er sein Glück aufs neue und wartete einen Augenblick ab, da Edwin zu einem ausgedehnten Schrei ansetzte. Dann schob er ihm den Pfropfen in den Mund und hoffte, daß das Saugen beginne. Statt dessen bekam Edwin den Stickhusten, und zwar in einer Weise, daß Wilhelm das Schlimmste befürchtete. Das beste war wohl, er klopfte ihm den Rücken. Aber als er ihn anfaßte, brüllte Edwin los, als wenn er am Spieße steckte. Da wurde Wilhelm ärgerlich auf seinen Sohn. »Wiste stille sind, du Krabbe«, schrie er ihn an. Der Säugling verstummte einen Augenblick, sah ihn mißtrauisch an und machte dann fortwährend: »Bahahää!«, während er vorher in den höchsten Tönen gepfiffen hatte. Das bedeutete doch wenigstens eine kleine Besserung. »Duddudiddidaddaduuh!« ahmte Wilhelm die Muttersprache nach, »will Edwin nich trinken – ei, wat ick hia hab«, und verführerisch schwenkte er die Milchflasche vor des Kleinen Augen. Er machte damit aber wohl nur einen etwas unheimlichen Eindruck auf Edwin, denn der begann plötzlich mit Händen und Beinen zu strampeln, als wäre er auf glühendes Eisen gelegt worden. Wilhelm begann zu singen: »Uff'n Mühlendamme Sitzt 'n Mann mit Schwamme, Der will janich, janich, janich fang'n …« Edwin wurde auf einen Schlag still, verdrehte ganz seltsam die Augen im Kopf und bekam gleichsam einen vergeistigten Ausdruck: »Ba–a–«, sagte er feierlich und resignierte. »Ja, janz meene Meenung!« Aber dann schnüffelte Wilhelm plötzlich wie ein Jagdhund umher, eine schreckliche Ahnung überkam ihn, die sich zur Gewißheit steigerte, als er sich über seinen Sohn beugte. »Mensch – wat haste bloß jemacht?" fragte er Edwin verzweiflungsvoll, aber der antwortete nicht mehr, sondern schien zu erwarten, daß eine Exekution an ihm vollzogen würde. »Ick könnt dia wahaftich mit'n jefrorenen Waschlappen totstechen, so wat sacht man vorher, na, ick laß dia liejen, wo du liechst, und setz mia mit meene Hihna woanders hin. Ick hab die Neese pleng von dia!« Die Abneigung zwischen Vater und Sohn war offenbar gegenseitig, ja – Edwin schien sogar anzudeuten, daß die Angst und das Entsetzen vor seinem Vater die eigentliche Ursache der Katastrophe sei. Jetzt fühlte er sich entschieden erleichtert und hatte nichts dagegen, daß ihm sein Vater die Milchflasche in den Mund steckte. Wilhelm trank einen Bittern und überließ sich, während er sich wieder an das Rupfen des Geflügels machte, philosophischen Gedanken, die sich mit der Verbesserung der Naturgesetze im allgemeinen und der Veredelung des Menschen im besonderen beschäftigten. XI Kindtaufe Die Tauffeierlichkeit war vorüber, und der Kirchendiener winkte den Kutschern, daß sie vorfahren sollten. Dann erschien Tante Marie – in ihrem weiten Lilaseidenkleide und mit ihrer ungeheuer großen, etwas verstaubt aussehenden Taftschleife am Hinterkopf, die Sensation der spalierbildenden Neugierigen – und trug feierlich, wie auf einem Präsentierbrett, den jungen August Karl Edwin Lemke in seinem Steckkissen nach dem Wagen. »Det is die Schwiejermutta jewesen«, erklärte ein Kundiger, »die hat Beschlach uff den Kleenen jelecht!« »Und nu kommt det jeehrte Elternpaar«, sagte ein anderer, als die alten Lemkes aus der Kirchtür traten. »Die sehen ja aus wie't heilje Donnerwetter – macht bloß Platz!« Er im schwarzen Rock und Zylinderhut, sie in grauer Seide, so riefen die beiden Alten wirklich einen überaus respektablen Eindruck hervor, und als nun Wilhelm Lemke mit Anna erschien, nahm man kaum Notiz von ihnen. Desto mehr Aufsehen erregten wieder Onkel Karl und Onkel August, und zwar wegen ihrer Zylinderhüte. »Det war Miller und Schulze«, erklärte der Kundige, »und nu kommt det ibrige Jefolge!« Ein Wagen nach dem anderen war vorgefahren und davongerollt – durch die Straßen der Stadt, hinaus nach Schöneberg. »Deene liebe Mutta tut zu mia 'n bißken sehr etepetete«, sagte Anna während der Fahrt, »et kommt sie eklich sauer an, 'n bißken liebreich zu mia zu sind.« »Laß ihr man, se wird nachher schon anners werden«, sagte Wilhelm, »Mutta is so, det is aber man bloß äußerlich!« »Und Tante Liese is wahaftich nich jekommen, die tickscht feste weiter. Onkel Aujust sacht, se hat Zahnschmerzen – wer det jloobt! Wenn sich man Onkel Karrel anständich benimmt, der is jetz schon janz iberkandidelt!« Dann begann sich Anna interessiert umzusehen: »Wie sich det hier in die kurze Zeit allens vaändert hat, iberall bauen se – nischt wie Kalch und Ziejelsteene.« »Ick bin bloß froh, det mit Edwin allens so jut jejangen is – au Backe – wat hätte det werden können, wenn der nich jewollt!« sagte Wilhelm. »Und der Pasterich hat sonne scheene Rede jeredt, und keen Mensch hat ihn injeladen. Det hätte sich doch jewiß so jehört!« Dann war man endlich angelangt, stieg aus und trat in den Garten, der mit bunten Fähnchen und Stocklaternen geschmückt war. »Jroßartich, eenfach jroßartich«, hörte man Onkel Karls Stimme, »wenn det Essen ebensojut is –«, und er spähte neugierig nach der langen weißgedeckten Tafel im Hintergrunde des Gartens. »Und 'n Kellner haben se ooch, mit ne richtje Servjette untern Arm wie bei Hillern«, setzte Onkel Karl hinzu. »Zwee sojar, da steht doch noch eener«, sagte Onkel August, »oder soll det 'n neier Verwandta sind?« »Det wird 'n Vawandta sind, da sitzt doch in die Laube noch ne janze Klicke beisammen, det wird der Järtner sind aus Wilmersdorf und die andern Lemkes aus Tempelhof. Sehste, da kommen se, alle uffjedonnert wie die Fingstochsen. Zieh dia die Weste stramm, det Schemisett looft dia wech!« »Jestatten Sie, meene Herrschaften, det ick Ihnen bekannt mitenander mache«, sagte Herr Lemke mit seiner sonoren, gewichtigen Stimme, »et is am besten, Se stellen sich in zwee Reihen uff, die Damen rechts und die Herren links. Darf ick bitten – so, und nu jeh ick mitten durch und rufe die Namen uff, und nu passen Se jefällichst uff, det Se sich nachher nich mitenander vawechseln. Den Teifling werd ick Ihn'n später apart vorführen, meene Schwiejertochta und meene Olle sind mit ihn int Haus jejangen und machen ihn menschlich.« »Bravo, bravo«, sagte Onkel Karl. Und dann, bald die rechte, bald die linke Hand ausstreckend, nannte Herr Lemke die Namen der Anwesenden, und die Herren verbeugten sich, und die Damen nickten. »So – nu können Se sich wieda vamischen«, sagte Herr Lemke, »setzen Se sich an de Festtafel, wo jeder am besten hinpaßt. Sehen Se, da kommen ooch die Hauptpersonen« – er deutete nach dem Hause, aus dem die alte und die junge Frau Lemke traten, »wie et scheint, haben se sich jejenseitich Luft jemacht. Nu seh ick bloß noch nich die Tante Marie!« »Die hat die Sonne zu sehr uff'n bloßen Kopp jestochen«, sagte Anna herantretend, »die bleibt ins Haus bei den Kleenen!« »Jestatten Se, det ick det nachhole«, sagte Herr Lemke, »meine Jattin is Sie ja hinlänglich bekannt, bloß die Vornamen villeicht nich – Klara Emilie – und dieses hier is Frau Anna Lemke, geborne Zander, meenen Willem seene Frau.« Anna sah die Augen auf sich gerichtet, fühlte, wie man sie musterte, blickte aber alle der Reihe nach fest an und sagte: »Na, ick kenne ja die Herrschaften alle noch von frieha her und freue mir, Sie alle so jesund und munta wiederzusehen. Nu is man bloß der Kellner noch da, villeicht stellste den ooch noch vor, Schwiejavata?« »Bravo, bravo«, sagte Onkel Karl aus dem Hintergrund. »Onkel Karrel, sei stille, du hast dia vorhin schon mal so bemerkbar jemacht«, sagte Anna, »und jetz schlach ick vor, det wa nu mal erst wat Ordentliches in'n Maren kriejen. Willem, ick komm zu dia rum, ricken Se jefällichst alle 'n Sticksken!« »Und ick sitz hia«, sagte die alte Frau Lemken, auf einen Eckplatz zeigend, »ick muß freie Bahn haben und in die Küche können, wenn mein Meechen ja ooch sehr tüchtich is. Helf ma mal eener«, sie faltete eine weiße Schürze auseinander und ließ sich von Anna die Schulterbänder feststecken. Und dann gab sie dem Kellner einen Wink. Von der Köchin gefolgt, kam er – eine riesige Bratenschüssel tragend – zurück. »Minna, die Soße und die Kartoffeln hierher, und Sie, Franz, reichen Se mal imma rum. Et is Kalbsbraten, det Se's nich for wat anneres halten – und nu langen Se bitte zu und lassen Se sich nich nötijen –, wer sich ziert, kommt zu kurz, ick kann nich bei jeden uffpassen!« Auf diese Aufforderung suchte sich jeder seinen Teil zu sichern. Mit bedächtigem Ernst, prüfend die Portion abwägend, nahmen die schweigsamen Verwandten aus Wilmersdorf und Tempelhof von den Schüsseln, auch die anderen suchten durch gemessene Gebärden zu beweisen, daß sie nicht ausgehungert hergekommen waren, nur Onkel Karl blieb es vorbehalten, das Ansehen der Zanders durch einen ungestümen Angriff auf Fleisch und Soße in Mißkredit zu bringen. Alle sahen ihm staunend zu, wie er sich das Fleisch auftürmte, und Onkel August, der die verwunderten Blicke bemerkte, stieß ihn deshalb mit dem Fuß an. Onkel Karl jedoch verstand das falsch: »Nee, Aujust, Kartoffeln nehm ick nich, die ha ick jenuch zu Hause. Fleesch is die Hauptsache, Fleesch, det sieht man ja bei'n Löwen. Wat jloobste woll, wie der aussähe, wenn er Kartoffeln fressen wollte!« »Ja, aber du freßt wie zwee Lewen«, sagte Onkel August, »det jeht doch nich!« »Sollst ma' sehen, wie det jeht, ick bin eha fertich a's du – wetten det?« »Nee, ick schenier mia mit dia«, sagte Onkel August, »du weeßt, ick bin sonst nich so und kann 'n ordentlichen Stiebel vatraren, aba schling bloß nich so, sonst astickste noch!« »Heiljer Brummtriesel«, sagte Onkel Karl und wischte sich die fettigen Finger an seinem Borstenkopf ab, »wat ha' ick dia denn jetan, dette ma nich in Ruhe essen läßt? Nu ha' ick jedacht, et wird mal jemietlich werden, weil deine Olle mit ihre Zimpabeene nich bei is, und nu fängst du an zu stänkern! Is doch keen Vaein nich! Ick varenk ma lieba 'n Bauch, a's det ick wat umkommen lasse!« »Essen Se so ville, wie Se wollen«, rief Frau Lemke herüber, »is jenuch da!« »Hauptsache, det et Sie schmeckt«, sagte Herr Lemke. »Sehste, Aujust, die Leite sind ja janich so«, sagte Onkel Karl vorwurfsvoll. Bei jedem Teller stand eine Flasche mit Wein, und man hatte sich auch die Gläser gefüllt, trank aber fast gar nicht, nur der Gärtner aus Wilmersdorf nahm ab und zu ernst und gewissenhaft einen Schluck. Drei junge Mädchen in weißen Kleidern steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. »Jrete, wat wollt ihr?« rief Frau Lemke hinüber. »Ob wa nich 'n bißken Streizucker kriejen können, Tante, wa wollen den Wein 'n bißken sißer machen!« »Die Kälber sind janich so dumm«, sagte Onkel Karl, »der Wein mag ja sehr jut sind, aba det is bloß wat for Kenna! Ne Weiße wär ma lieba!« »Ja – mit Himbeer, Tante«, riefen die Mädchen. »Mir ohne Himbeer, Tante, oder in wat für ne Vawandtschaft wia nu stehen«, sagte Onkel Karl. »Ick hab ma det jleich jedacht, det det rausjeschmissenes Jeld is mit dem Wein«, sagte Herr Lemke, »wer will noch Weiße?« Es ergab sich, daß alle Weißbier haben wollten, und als es dann auf dem Tisch stand und man trank, wurde man bald fideler. »Et is eenen jleich, als wenn man sich den Kraren abjemacht und die Stiebeln ausjezogen hat, wat, Willem?« sagte Onkel Karl. »Wat is denn mit dir und deene Jattin los, von eich hört man ja heite janischt!« »Eß du man und trink du man«, fertigte ihn Anna ab, »statt detste ne scheene Rede jered't hättest, denkste bloß an dia!« »Det kann ick ja noch imma, wennste desterwejen vaschnuppt bist! Ick weeß nich, wenn ick mal fidel werd, kriejen's annere Leite imma mit die Traurichkeit!« Er wollte gerade aufstehen und an seine Weiße klopfen, als ihn Onkel August gewaltsam auf den Stuhl zwang. »Paß doch 'n bißken uff, Karrel, seh doch, da fängt ja schon eener an – ihr könnt doch nich beede jleichzeitich durchenander quasseln!« Der Gärtner aus Wilmersdorf klopfte nochmals an sein Glas und wiederholte lauter: »Jeehrte Herren und Damen!« »Falsch –«, sagte Onkel Karl halblaut, »et muß heeßen: ›Hochjeehrte Damen und Herren‹, denn die Damen kommen imma zuerst, nur bei Adam und Eva war det anners, da war erst der Mann da und dann kam sie. Inzwischen hat sich det aber jrindlich jeändert. Wir leben jetzt ins neunzehnte Jahrhundert und ...« »Wer red't denn da imma mang?« rief jemand von der Verwandtschaft aus Tempelhof. »Psst – Ruhe, man versteht ja sonst nischt«, rief auch Anna mit einem wütenden Blick auf Onkel Karl. Und nun konnte der Redner ungestört die Bedeutung des Tages würdigen. Als er endlich fertig war, schüttelte Onkel Karl den Kopf: »Ick hätt's bessa jemacht, wenn ick so lange drieber nachjedacht hätte wie der! Der hat doch die janze Zeit vorher über seine Rede jebrietet!« XII Onkel Karl findet eine spanische Fliege und Tante Marie legt Karten Nach dem Essen hatte sich Onkel August ein wenig abgesondert, weil er sein Pfeifchen rauchen wollte. Da ihm seine Frau gesagt hatte, daß allen anderen Menschen schon von dem Geruch schlimm werden könnte, verkroch er sich in eine Gegend des Gartens, in der der Tabaksqualm auf jeden Fall zur Verbesserung der Luft beitragen mußte. Seine Weiße hatte er mitgenommen, und nun saß er hier, trank und rauchte und stellte philosophische Betrachtungen über den Wert des Lebens an. Denn da war eine dicke, rauhhaarige Kürbispflanze, die es satt gehabt hatte, noch länger auf dem Erdboden hinzukriechen, die sich deshalb hochgerankt und quer über die Laufrinne der Kegelbahn gelegt hatte. Nach Onkel Augusts Ansicht mußte nun die erste Kugel, die hier hinunterrollte, die schöne Kürbisranke »ratzekahl abschneiden«. Aber als dann das Kegeln begann, sah er zu seinem Erstaunen, daß die Kugeln den Boden der Laufrinne gar nicht berührten und seine Befürchtungen also ganz überflüssig gewesen waren. Und da überkam ihn die Reue, daß er sich so abgesondert und Onkel Karls Aufforderung, mit den jungen Mädchen durch die Wiesen zu gehen, so grob abgelehnt hatte. Ja, wahrhaftig, Onkel Karl war viel gescheiter, der plagte sich nicht mit Todesgedanken, sondern suchte vom Leben zu erwischen, was zu kriegen war. Das beste wär's wohl, sagte sich Onkel August, er ginge jetzt wieder zu den anderen und kegelte ein bißchen mit. Unterdessen war Onkel Karl mit seiner Schar am Botanischen Garten vorbei ins Grüne gezogen. Es ergab sich, daß er ganz außerordentliche naturwissenschaftliche Kenntnisse besaß. In einem der Gräben, die die Wiesen durchzogen, hatte er Froschlaich entdeckt, den er nun – unter allgemeiner Spannung – mit seinem Stock zu landen versuchte. Aber der »Quibbel-Quabbel«, wie er den Laich nannte, glitt immer wieder ab, und so mußte sich Onkel Karl, der der Gesellschaft gern einige Experimente vorgemacht, mit der Behauptung begnügen, »det man in Rußland aus so'n Zeuchs echten Kaviar mache«. Zu seiner Freude fand er dann unter einem Stein, im traulichen Verein mit Kellerasseln und Ohrwürmern, eine spanische Fliege, obwohl diese nützlichen Tiere sonst nur im Süden vorkommen und auf Bäumen leben. Er bestand darauf, diesen seltenen Fund nicht für sich zu behalten, sondern schenkte ihn großmütig einem der jungen Mädchen, für den Fall, daß es einmal Zahnschmerzen bekommen sollte. Auch Kiebitze erspähte er, obschon die anderen meinten, daß die Vögel, die da vor ihnen aufflogen, »janz jemeene Krähen« seien. Aber Onkel Karl wußte doch besser Bescheid: »Kiebitze und Krähen jehörten in dieselbichte Klasse und sähen sich sehr ähnlich, weswejen man sie leicht verwechseln könnte«. Um aber den Beweis zu erbringen, daß es Kiebitze seien, schlug er vor, nach den Eiern der Vögel zu suchen, dann würde es sich ja sofort herausstellen, daß er recht habe, und man brauche sich nicht länger zu streiten. Leider fand man keine Eier, statt dessen, am Fuß der Krüppelweiden, Pilze, von denen Onkel Karl steif und fest behauptete, daß man sie essen könne. Schließlich aber, als man zu viel von diesen Pilzen fand, wurde er doch etwas mißtrauisch. Er untersuchte sie deshalb noch einmal ganz gründlich und gab dann die Parole aus, »die janzen Pilze wieda wechzuschmeißen, villeicht fände man nachher noch annere, die man besser erkennen könne«. Und dann, als habe er sich verbrannt, begann er seine Hände unter den Rockschößen an der Hose abzuscheuern, und alle anderen wischten und scheuerten ebenso eifrig. Dann erfaßte ihn eine Wut gegen die Pilz- und Nesselkolonien, er entfachte auch den Zorn der übrigen, und mit Stöcken und Ästen bewaffnet drang man gegen das Unkraut vor und schlug eine furchtbare Schlacht. Nachher lagerte man sich im Grase unter einem alten Weidenbaum, lauschte auf das »Quoracks« der »Padden und Paddexen«, wie Onkel Karl die Frösche nannte, versuchte in die rotglühende, untergehende Sonne zu blicken, und dann begann man, in der Abendstille, zweistimmig zu singen. Onkel Karl hatte angefangen: »Wenn ick am Fenster steh Und schlach ne Scheib' inzwee, Denn setzt et Keile ne janze Weile. Und wenn ick's noch mal tu, Krieje ick noch mehr dazu, Da mach ick mir nischt draus Und schlach noch eene aus!« Aber dieses Lied fand nicht den rechten Beifall, die jungen Damen wollten etwas recht Gefühlvolles singen, und so stimmte man alte Volkslieder an vom Scheiden und Meiden, bis eins der Mädchen erschrocken aufsprang, weil es sich Grasflecke in das weiße Kleid gemacht hatte. Onkel Karl sagte, man solle die spanische Fliege auflegen, die die Grasflecke schon ausziehen werde, aber die Besitzerin hatte das kostbare Insekt heimlich fortgeworfen, weil sie sich davor gegrault hatte. »Denn is nischt zu machen, als det janze Kleid jrien zu färben«, erklärte Onkel Karl resigniert, »schmeißen Se sich also int Jras, wa wollen Se hin und her trudeln.« »Hören Se doch uff mit Ihre faulen Kalauers«, sagte die junge Dame, »Sie sollten man weeße Hosen anhaben und sich wat rinjemacht haben!« »Uff det Jebiet will ick ma lieberst nich bejeben«, sagte Onkel Karl. »Ick hab mia ja jedacht, det eener von uns noch eklich werden würde, et wär ja sonst zu schön jewesen. Nu wollen wa man jehen!« Und dann zog er allen voran und sang für sich allein das traurige Lied: »Et schwimmt eene Leiche in'n Landwehrkanal, Lang se mir mal her, Aber knautsch se nich so sehr!« Da das für eine Anspielung gehalten wurde, verscherzte er sich trotz seiner Verdienste auch die Sympathien der anderen, und man zog im Geschwindschritt an ihm vorüber und ließ ihn einsam nachkommen – – –. Während dieser Zeit hatte Tante Marie, die sich von dem Täufling nicht trennen konnte, der alten Frau Lemke ihre Ansicht über die »selje Lemken« gesagt. Sie stimmten übrigens vollkommen darin überein: »Et is wat dran, und wer darieber lacht, der vasteht et nich besser und kann eenen bloß leid tun!« Und dann hatte Frau Lemke von ihrem Wilhelm erzählt aus der Zeit, da er noch ganz klein gewesen war, und Tante Marie hatte das Gegenstück geliefert und Anekdoten aus Annas Jugendzeit zum besten gegeben. Eine seltsame Harmonie hatte sich zwischen beiden Frauen entwickelt, und Frau Lemke bedauerte es nur, daß sich Tante Marie so von der anderen Gesellschaft absonderte. Aber die ließ es sich nicht ausreden: »Nee, nee, ick bleibe hia, nehmen Se't ma nich ibel, aba ick hab dafür ooch 'n Riecher. Die paßt da wat nich an uns, villeicht sind wa sie nich fein jenuch. Und ick drängle mia nich jerne uff!« Schließlich erreichte sie es, gerade durch diese Reserviertheit, daß die anderen Damen, denen Frau Lemke fortwährend von Tante Maries vortrefflichen Eigenschaften Bericht erstattete, ihre Neugierde nicht länger bezwingen konnten und – unter dem Vorgeben, sich das Kind ansehen zu wollen – zu ihr kamen. Und von den Kinderkrankheiten, mit denen das Gespräch angefangen, glitt die Unterhaltung allmählich auf das Thema »Vererbung« und von da auf Lemkes sel. Witwe und schließlich aufs Kartenlegen. Was man dunkel geahnt, ging in Erfüllung: Tante Marie gestand – wenn auch ein wenig schämig –, daß sie es verstehe, die Zukunft aus den Karten zu prophezeien. Das gab Anlaß, vor allen Dingen noch einmal frischen Kaffee zu kochen, dann kam ein Spiel Karten zum Vorschein, und die Wahrsagerei begann. Man war noch immer dabei, als die Vorläufer von Onkel Karls Expedition eintrafen. Zur Freude der grasfleckigen jungen Dame wurde das Unglück nicht so tragisch genommen, zumal Tante Marie auch ein gutes Mittel wußte, wie man »sonne Flecke, ohne den Stoff zu rujinieren, wieder rauskriejen könnte«. Onkel Karl freilich wurde der allgemeinen Verachtung preisgegeben, doch machte er sich offenbar gar nichts daraus. Im Gegenteil, er gesellte sich zu dem »Herrn Gärtnereibesitzer«, wie er ihn anfänglich titulierte, und zwang den schweigsamen Mann, seine Ansichten darüber zu bekennen, ob man nicht aus den Knospen der Gänseblümchen Kapern mache. Aus dem »Herrn Gärtnereibesitzer« wurde aber sehr bald ein »Menschenskind«, als dieser Meinung widersprochen wurde und der Gärtner auch bestritt, daß die Pflanze, die Onkel Karl noch zuletzt gefunden hatte und ihm triumphierend vorwies, Waldmeister sei und zur Bereitung einer Bowle benutzt werden könne. »Und so wat will Järtner sind«, sagte Onkel Karl nachher zu Onkel August, »so'n Dussel is mia schon lange nich vorjekommen. Und wat hast du die janze Zeit iber jemacht, Aujust?« »Jekejelt, aba nu wollen wia Schkat spielen!« »Jibt's denn hia janischt mehr zu essen und zu trinken?« erkundigte sich Onkel Karl. »In mein janzet Leben ha'ck noch nich sonne vaquatschte Toofe mitjemacht. Det hockt hia allet in Klicken zusammen, und wo Willem und Anna sich vakraucht haben, weeß ibahaupt keen Deibel!« »Doch, bei den Ollen. Man muß et det Meechen lassen, uff'n Kopp jefallen is se nich. Se hat so lange jemacht, bis se den ollen Lemke von de Kejelbahn runta in die Stube rin hatte. Und da sitzen se nu und rechnen, und Anna beweist ihm in eene Tour, det er mit die Moneten rausrücken muß!« »Die kricht et ooch sicha fertich, den Ollen zu betimpeln«, sagte Onkel Karl, »wär ick man lieba hiajeblieben und hätte mia ooch an den Ollen ranjemacht. Aba nee, da muß ick mit diese Affenbande uff de Wiesen jehen, und wat ha' ick nu davon – nischt wie Ärjer!« »Bloß de olle Lemken – Karrel«, sagte Onkel August, »haste det ooch jemorken, die is nich an Anna ranzukriejen! Se tun zwar alle beede, als wenn se een Herz und eene Seele und sonst wat mitenander wärn, aba det is man bloß sonne Mache, denn se können sich jejenseitich nich riechen!« »Aujust«, sagte Karl feierlich, »tu ma den eenzijen Jefallen und laß det Bemorken sind, du vastehst dir nich dadruff, denn wat du da sachst, is Blech. Und nu schlach ick dia vor, wa jehen jetz an den Buffet, kloppen mit'n Stock uff und valangen jejen Bezahlung wat zu essen. Du kannst for mia auslejen!« »Ick werde ma hiten«, sagte Onkel August, »wo du mir eben so beleidicht hast!« »Du bist empfindlich wie'n abjezorener Aal«, sagte Onkel Karl. XIII Das Vereinszimmer »Wa missen sehen, Willem«, hatte Anna gesagt, »det wa een Vaeinszimmer inrichten, mit'n Klavier und wat sonst noch zujehört!« Dieser Plan hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt, als sie – vor acht Tagen – im Kremser saßen und von der Tauffeier in Schöneberg nach der Ackerstraße zurückfuhren. Während die andern sich heiser sangen und schwatzten, hatte sie – den kleinen Edwin, in ein türkisches Umschlagetuch gewickelt, vor sich auf dem Schoß – schweigsam und nachdenklich die bunten Lampions angestarrt, die unter der Wagendecke schaukelten. Perspektiven hatten sich vor ihr aufgetan, das, was sie dem alten Lemke entwickelt und an das sie selbst noch nicht geglaubt, hatte feste Formen angenommen, nun, da sie auf seine Unterstützung rechnen konnte. »Ick reje ma so uff, det ick die janze Nacht nich werde schlafen können«, hatte sie schließlich gesagt, »for heite Schluß!« Aber am anderen Morgen hatte sie das Thema gleich wieder aufgenommen. »Schon wejen Edwin, der vakommt ma sonst in den dustern Keller. Wa nehmen hinten ins Haus die kleene Paterrewohnung, da haben wa ne ordentliche Schlafstube, und die annere richten wa uns hibsch in, Willem, so wie bei deene Mutta, mit'n Wäschespinde und 'n Plüschsofa. Und unse jetzije Schlafstube, da machen wir det Vaeinszimmer draus. Wa müssen natierlich die Wände tapezieren lassen und die vaflixten Wanzenlöcher vakleistern, und die Dielen müssen frisch jestrichen werden.« Und am gleichen Nachmittag war sie dann zu dem Hauswirt gegangen, hatte die leerstehende Wohnung gemietet und ihn dadurch bestimmt, auf seine Kosten den Keller renovieren zu lassen. Ein paar Tage später waren dann die Bettstellen über den Hof nach der neuen Wohnung getragen worden. Als Anna nachher aber das Mobiliar im hellen Sonnenschein sah und der Portier die Sachen kritisch musterte und sich den Kopf kratzte, sagte sie zu ihrem Mann: »Willem, wa müssen uns ooch annere Betten anschaffen – so liej ick nich länger, det is ne Schweinerei! Hätten wa man den Krempel jleich zahackt und uns nich erst die neie Wohnung vasaut!« Nach ein paar Tagen schrecklicher Konfusion, da man nichts an seinem gewohnten Platz fand, kam man allmählich wieder ins Geleise. Dann erschien auch wieder das genial und verhungert aussehende Individuum mit dem Schlapphut und malte mit weißer Farbe das Wort »Vereinszimmer« an die Fensterscheiben, die nach der Straße gingen. Und wieder ein paar Tage später wurde vor der »unterirdischen Tante« ein Klavier vom Wagen gehoben und mit vieler Mühe durch die Tür in den Keller geschafft. Unter das Wort »Vereinszimmer« kam dann noch der Zusatz: »Mit Klavier«, und der Künstler in seiner Schaffenslaune malte nun noch aus freien Stücken ein riesiges Weißbierglas mit überfließendem Schaum an die Fensterscheibe. Das Vereinszimmer aber erhielt außer dem Klavier noch ein paar Rehköpfe aus Gips, die einem hausierenden Italiener abgekauft worden waren. Auch ein paar Öldruckbilder, die Anna wegen der schönen, dicken Goldrahmen imponiert, wurden von einem Hausierer nach langem Handeln erstanden, und Anna, Wilhelm und Tante Marie vereinigten dann ihren Schönheitssinn und schmückten die Wände des Vereinszimmers mit den Rehköpfen und den Bildern. »Wat is det for ne Wohltat, wenn man sich abends in ne ordentliche Stube ausziehen und in'n ordentlichet Bett kriechen kann«, pflegte die junge Frau Lemke in der ersten Zeit jeden Abend zu sagen, wenn sie nach Feierabend aus dem Keller in die neuen Räume kam. »Weeste, Willem, eejentlich is's 'n Wunda, det man det so ausjehalten hat. Die janze Nacht hat man die Zwiebeln und die Rollmöpse jerochen, et konnte eenen wahaftich iber werden! Und for Edwin is det direkt ne Wohltat, der blieht ja ordentlich uff, und wie keesich sah det arme Wurm zuerst aus!« »Bloß mit det Vaeinszimma!« sagte Wilhelm. »Wat wiste denn?« sagte Anna. »Natierlich missen sich die Leite erst dran jewehnen!« »Watten for Leite – et traut sich ja keener rin!« »Die Sorte soll da ooch janich rin, sonnern 'n Vaein!« »Fang dia man erst eenen«, sagte Wilhelm. »Abwarten, abwarten! Wennste nich so schlafmitzich wärst, hättste schon längst eenen jejründet und dia zum Vorsitzenden machen lassen. Aba ick werd't mal Onkel Karrel saren, der eijnet sich bessa zu so wat, und der kommt ooch mit Leite zusammen, die nach so wat 'n Bedirfnis haben!« »Ja – zu so wat eijnet der sich, die Idee is jut«, sagte Wilhelm anerkennend, »aba et muß natierlich 'n Jesangvaein sind, wegen det teire Klavier. Aba ick seh's schon, nachher wird wieda keena druff spielen können!« »Wat du dir den Kopp zabrichst, denn nehmen wa eben 'n Klavierhengst«, sagte Anna – – –. Onkel Karl fühlte sich geschmeichelt, als ihm die junge Frau Lemke bei seinem nächsten Besuch die Begründung des Gesangvereins übertrug. »Een Mitjlied ha'ck schon sicher. Onkel Aujusten, der muß mit ran, ob er will oder nich, der singt Baß!« »Ja – aber nich bloß Vawandte, sonst looft det ja druff raus, det ihr hier Freibier kricht und uns wat vorsingt!« »Laß mir man machen«, sagte Onkel Karl eifrig, »heite haben wa Dienstach – warte mal, bis Sonnabend, ja, det sind ja iber drei Tage – da hab ick meene Leite beisammen, und denn jeht's los!« Onkel Karl mußte eine unheimliche Tätigkeit entfalten, bis zum Sonnabend hatten sich die merkwürdigsten Erscheinungen in der »unterirdischen Tante« sehen lassen und sich als neue Mitglieder des Gesangvereins vorgestellt. Schließlich kam auch einer, der sich als »Kapellmeister« ausgab und das Klavier probieren wollte. Es war ein noch junger Mann in etwas fadenscheinigem schwarzen Rock und Stiefeln mit schiefen Absätzen. Aber er hatte etwas so Musikalisches in seinem Wesen, daß ihm diese Äußerlichkeiten keinen Abbruch taten. Er zog, während er mit Anna sprach, eine kleine Bürste aus der Westentasche und striegelte sich seinen blonden Schnurrbart, fuhr sich mit dem Fingernagel durch die Scheitelrinne und sah die junge Frau verliebt an. »Wie wär's mit einem schönen, saftigen Beefsteak und Bratkartoffeln, Frau Wirtin? Es dürfte die Stimmung bedeutend verbessern.« »Können Se kriejen«, sagte Anna, »aba wollen Sie nich erst mal det Klavier probieren?« Er rieb sich die Hände, zog an den Fingern, daß sie knackten, und lächelte, indem er dabei die Augen schloß: »Gewiß, aber eine kleine Stärkung, Frau Wirtin, war schon im Altertum den fahrenden Sängern der willkommenste Anlaß ...« »Na – watten?« sagte Anna kopfschüttelnd, »Se sind woll beit Theater jewesen? Wenn ick Ihn'n richtich vastehe, können Se nich spielen, wenn Se vorher nich wat jejessen haben!« »Es würde wenigstens das Gleichgewicht der Kräfte stören«, sagte der junge Mann und schnalzte mit der Zunge. »Wat Se for Jeräusche von sich jeben!« sagte Anna. »Platzen Se da an den Tisch beit Fenster, ick werd untadessen die Bratkartoffeln machen!« »Und vielleicht einen kleinen Kognak vorher – zur Anregung der Magensäfte.« »Ja – det ooch, am Ende haben Se aba noch wat uff'n Herzen?« »Ich bezwinge meine Gefühle«, sagte er mit einem Seufzer. »Willem«, sagte Anna, als sie in die Küche kam, »Willem, jeh nach vorn und kiek dia mal den an, der an'n Stammtisch sitzt, ick jloobe, Onkel Karl hat uns da eenen Varickten jeschickt!« »So wat hat uns ja noch jerade jefehlt«, sagte Wilhelm, »wat sich hia in die letzte Zeit jetan hat, is nich zu jlooben! Wa werden bloß die Stammjäste vascheichen!« »Ick kann mia ooch irren«, meinte Anna, »et kann ja ooch 'n janz bedeitender Mensch sind, nur det er sich so vaquast ausquatscht!« Und dann setzte sie die Pfanne aufs Feuer und begann die Bratkartoffeln mit Schmalz aufzuwärmen. Wilhelm ging inzwischen in die Gaststube und besah sich den Fremden. Als er zurückkam, sagte er: »Janz varickt is er nich, bloß 'n bißken, aba du hast ja nach so'n Klavierhengst jejiepert, det is eena von die richtje Sorte. Haste die Kuhkette jesehn, die ihn iber die Weste bammelt, und den Jlasdijamanten an'n kleenen Finga? Und dabei die Stulpen mit die Trauaränder! Mia hat er wat vorjequatscht, det er in'n Konvasatorium war und det er eejentlich jetz ne Kunstreise vorhatte, aber Onkel Karrel soll ihn breetjeschlaren haben und da'm is er herjekommen, und nu will er wissen, ob det Biefsticke noch imma nich fertich is!« XIV Der Klavierhengst Wenn Onkel Karl nicht den Ehrgeiz gehabt hätte, Gründer, Vorsitzender und Dirigent des Gesangvereins zu sein, wäre es vielleicht für die Pflege des deutschen Volksliedes besser gewesen. So ergaben sich jedoch eigentlich recht kümmerliche Resultate, trotz der Sangesfreudigkeit der Mitglieder. Gegen Onkel Karls eigensinnigen Kopf war nicht anzukommen, selbst Herr Hahn, der Klavierspieler, vermochte seinen Willen nicht durchzusetzen und mußte nachgeben. Und das wollte etwas heißen, denn Herr Hahn war doch eigentlich »die Seele von's Buttajeschäft« und führte gewöhnlich das große Wort. Nach jenem ersten Abend, da er sich in der »unterirdischen Tante« eingefunden und durch sein flottes Spiel alle entzückt, betrachtete er sich, wie er selbst sagte, »zur Familie gehörig« und hatte sich häuslich niedergelassen. Nach der Einweihungsfeier am nächsten Morgen hatte er sich seinen Koffer von der Bahn geholt, einen bescheidenen, kleinen Koffer, und hatte die »schöne Frau Wirtin« gebeten, diesen Koffer irgendwo in einen Winkel des Vereinszimmers stellen zu dürfen. Dagegen wäre ja auch gar nichts einzuwenden gewesen, aber er packte den Inhalt des Koffers aus und brachte die Sachen – Schuhe, Pomadentöpfchen, Noten, Vorhemden, saubere und auch nicht mehr ganz saubere Papierkragen – in äußerst geschickter Weise an den verschiedensten Stellen in der Stube unter. In der Ofenröhre und hinter dem Ofen, auf den Fensterbrettern und dem Klavier, ja selbst unter dem Sofa konnte man Herrn Hahns Eigentum finden, und als Wilhelm sich darüber wunderte, beschwichtigte ihn Anna: »Det is 'n Schenie«, sagte sie, »Schenies sind imma so, hast ja jehört, wat Onkel Karrel von ihm azehlt hat!« Ja, Onkel Karl, der auf die Entdeckung des Herrn Hahn sehr stolz war, hatte höchst romantische Geschichten von seinem Schützling zu berichten gewußt. »Der hatte Professa studieren sollen, aba denn hat er wejen eene Jräfin een richtjes Duell jehabt mit Säbel und Pistolen – ihr seht ja noch die Schmarre uff die Stirn – und denn hat er sich wejen det jroße Talent ausbilden lassen und is Kinstleer jeworden. Und Kinstleer jeht's imma 'n bißken dreckich, und die haben imma wat Besonneres an sich!« »Ja, det hat er«, sagte Wilhelm, »ick finde et aba ßu komisch, wenn sich eener so bei janz fremde Leite innistet!« »Aba Willem«, sagte Anna, »er nist't sich doch nich in! Der arme Kerl kann eenen wahaftich barmen, so abjeklappert seht er aus. Wenn hia ooch noch eener mitißt, det merkt man ja janich, und wia haben doch den jrößten Vorteil von!« Gewiß, das mußte Wilhelm zugeben. Wenn sich Herr Hahn ans Klavier setzte und zu spielen begann, lockte er die Leute an, die draußen an der »unterirdischen Tante« vorübergingen. »Et is mia man ßu jemischt«, setzte Wilhelm hinzu, »wat da jetz so allens rinkommt, et is nich mehr die solide Kundschaft von frieher, Tante Marie hat janz recht!« Ja, Tante Marie hatte einen entschiedenen Widerwillen gegen Herrn Hahn und die Veränderungen, die er einführte. »Ick hab wat jejen den Kerl«, sagte sie, »ick kann't bloß nich saren wat. Ick wird's ihn nich alooben, det er hia den janzen Tach mit seene jriene Schlafschuhe rumlooft, det sieht doch aus, a's wenn's 'n Vawandter von eich wär. Fehlt bloß noch, det er hia ooch noch pennt! Und ick vasteh dia ooch nich, Anna, dette den Kerl jejenüber so schwach bist und ihm det nich mal janz jehörich sachst!« »Mia tut er leid«, sagte Anna, »man sieht doch, et is 'n Mensch aus jute Familie, der Unjlick jehabt hat und sich nu erst wieda uffrappeln muß. Wenn't ma ßu ville wird, werd ick's ihm schon saren, da hab ma keene Bange nich! Aba uffhetzen laß ick mia ooch nich! Und wenn wir'n rausschmeißen, haben wa doch keenen, der spielt, und wozu haben wa denn det Klavier eejentlich anjeschafft!« »Und wat ma ooch so ärjern kann – det er imma wie Nulpe tut und von nischt nich weeß«, hatte Tante Marie noch gesagt, »aba mia kann't ja ejal sind, ihr mißt ja wissen, wat ihr ßu tun habt.« Ja, Herr Hahn zeigte darin eine glückliche Veranlagung, er merkte nie, daß er Verstimmung erregte oder jemandem im Wege war. Im Gegenteil, gerade in solchen kritischen Augenblicken kam er mit irgendeinem Anliegen, das man ihm nicht abschlagen konnte. Aber wenn er erreicht, was er gewollt und Wilhelm nun glaubte, daß das Maß voll sei und dies Herr Hahn selbst begreifen müsse, verrieten dessen Andeutungen, daß er nun selbst die Überzeugung von der gutmütigen Bereitwilligkeit der Lemkes erlangt habe und sich deshalb die Freiheit nehmen werde, mit einem wirklichen Anliegen herauszurücken. Und dieser Virtuosität seines Benehmens, der ganzen Art seines Auftretens, verdankte er es, daß jedermann den Eindruck hatte, Herr Hahn sei immer in der »unterirdischen Tante« gewesen und gehöre dazu wie der Oleander vor der Tür. Und da Herr Hahn von Onkel Karl und Onkel August so zu sprechen pflegte, als wenn es seine eigenen Onkel wären, zweifelte schließlich niemand mehr daran, daß er selbst auch so eine Art Verwandter sei. Nur Tante Marie sorgte dafür, daß sich derartige Legendenbildung nicht zu üppig entfaltete. Mit ihrem Spiel Karten kam sie jetzt wieder öfter in den Keller, setzte sich an den Stammtisch und enthüllte sich selbst und allen, die es wünschten, die Zukunft. Herr Hahn zeigte dafür etwas weniger Verständnis, und wenn ihm Tante Marie aus heiler Haut heraus allerlei prophezeite, schüttelte er pessimistisch den Kopf. »Veränderungen, liebe Tante? Ich habe es aufgegeben, Fortuna nachzujagen, ich habe auf Glück und Lorbeer verzichtet, nach meinem Tode erst wird man meine Bedeutung zu würdigen wissen!« »Nee, so is det nich jemeent«, sagte Tante Marie, »wer red't denn von Lorbeerblätter, hia in die Karten steht: Se werden sich vaändern! Wissen Se nich, wat vaändern is? Vaändern is, wenn eener seene Strimpe, die untert Sofa liejen, zusammenrollt und denn woanders hinzieht!« »Ach so!« Und Herr Hahn schien dieser Möglichkeit nachzusinnen, gelangte aber zu einem anderen Resultat und sprach dann seine Überzeugung trübe dahin aus, daß er das nicht von sich glaube. »Na – Se werden ja sehen«, sagte Tante Marie, »die Karten behalten imma recht, passen Se uff!« »Tante, laß doch det«, sagte dann wohl die junge Frau Lemke, aber Wilhelm nickte der Tante heimlich zu, daß sie weiter prophezeien solle. »Ach herrjeh – und hia«, rief Tante Marie dann bestürzt und deutete auf irgendeine schwarzkreuzige Karte, »au Backe, au Backe, da zieht sich wat Ekliches iber unsen Kopp zusammen!« »Lassen Sie man«, sagte Herr Hahn, und sein Ton klang mutig und zuversichtlich, als werde er es mit dem Schicksal schon aufnehmen. Und dann setzte er sich ans Klavier und spielte Lützows wilde verwegene Jagd, daß es eine Art hatte und alle in Kriegsstimmung gerieten. Wenn Tante Marie nachher doch noch wieder anfangen wollte, sah Herr Hahn plötzlich mit starren Augen an ihr vorbei, drehte den Kopf, als sähe er etwas entschweben, und sagte dann beklommen: »Ach Gott, was war denn das eben! Hinter Ihnen stand jemand, und es sah aus, als wenn er Ihnen die Hand auf die Schultern legte!« »Watten!« sagte Tante Marie, »lassen Se det jefällichst und machen Se mia nich jraulich, denken Se denn, ick merke nich, det Se bloß Mumpitz machen wollen?« – Aber dabei fühlte sie sich unwillkürlich mit der Hand auf den Rücken und sah sich scheu um. »Ich mache keinen Mumpitz«, sagte Herr Hahn bekümmert, »ich gehöre nicht zu den Leuten, die ihren Mitmenschen das Leben verbittern wollen. Und da ist ja auch gar nichts zu fürchten, es sah nur so aus, als wenn da noch so eine alte Frau mit einem Umschlagetuch stände!« »Se haben ma villeicht da in'n Spiejel jesehen?« forschte Tante Marie. »Lassen wir das, sprechen wir nicht mehr davon«, sagte Herr Hahn, »was da auch kommen mag, es steht in den Sternen geschrieben, unser Schicksal ist nur ein Kreislauf!« »Wahaftich, Se hätten lieba Pasterich werden sollen, denn wär ick imma bei Ihn'n jekommen«, sagte Tante Marie. »Ich weiß ja, liebe Tante, ich weiß ja, daß Sie im Grunde genommen eine große Sympathie für mich haben, nur äußert sich das manchmal etwas anders, als wie Sie es selbst wollen. Und nun« – Herr Hahn richtete sich fröhlich auf, als sei er von allem befreit –, »was macht denn nun eigentlich unser kleiner Edwin?« Und sich liebevoll über den Korb beugend, sagte er: »Will denn das Kindchen den ganzen lieben, langen Tag verschlafen, das geht doch nicht, dann weint es doch in der Nacht, und Papa kann nicht zur Ruhe kommen!« Ehe es jemand verhindern konnte, hatte er Edwin aus den Kissen genommen, wiegte ihn auf seinen Armen, und wenn der Kleine nach der ersten Bestürzung zu brüllen begann, machte Herr Hahn: »Gugguck – wauwauh – bääh!« Die Folge war natürlich, daß Edwin aufs äußerste erschrak und das Lamento verstärkte, bis er blau wurde. Dann setzte Herr Hahn den zappelnden, ungebärdigen Irrwisch Tante Marie auf den Schoß und sagte: »Da, liebe Tante, nun nehmen Sie mal den Kleinen auch ein bißchen und stillen Sie ihn, wenn Sie können, was ich symbolisch meine!« XV Die Landpartie des Gesangvereins »Blaue Kaffeetiete« Onkel Karl konnte sich nun der Überzeugung nicht länger verschließen, daß der von ihm gegründete, organisierte und dirigierte Männergesangverein »Blaue Kaffeetiete« demnächst eines armseligen Todes sterben werde, wenn nicht irgend etwas Außerordentliches geschähe, was das Interesse der Mitglieder aufs neue entfachte. Denn an den drei letzten Sonnabenden war Onkel Karl der einzige, der noch erschienen und gesungen. Herr Hahn hatte die Begleitung dazu gespielt, bis dann Anna das Vereinszimmer betreten und gesagt hatte: »Onkel, hör uff, det kann keen Schwein vatraren, et mach ja sehr scheen sind, aba ick werd varickt, wenn ick det noch länger mit anhören muß, wie du jrölst. Du hast ßu ville Jefiehl, warte lieba, bis mal wieda die andern mitsingen, denn hört man deen Orjan nich janz so schrecklich!« Onkel Karl, der sonst gewiß nicht empfindlich war, hatte Anna diese Einwendung gegen seine Kunstbetätigung sehr übelgenommen. »Wo is'n meen Hut, ick jeh za Hause, is ja keen Vaein nich, wenn man sich nich mal wat Neiet inüben derf«, hatte er gesagt. Als er aber schon auf der Kellertreppe war und ihn wirklich niemand zurückhielt, kam er plötzlich wieder herunter, sagte mit fremder, herrischer Stimme: »ne kleene Weiße, ick bezahl se –« und warf das Geld auf den Schanktisch. Und Anna nahm wahrhaftig den Groschen fort. »Ja«, sagte Onkel Karl, zu sich selbst sprechend, und seine Stimme klang zuerst noch barsch, bekam dann plötzlich aber einen Bruch und war nun gerührt und halb erstickt, »ja, da jibt man sich die jrößte Mihe und rennt sich die Hacken schief, und denn hat man nischt wie Ärja; ob's ma aba nich imma so jeht. Wenn ick ma schon erst tot wär!« »Nu plinst er iber seen eejnet Bejräbnis«, sagte Anna mitleidlos. Wilhelm aber, der nach seiner Gewohnheit vom Winter her am Ofen gestanden hatte und ganz in Gedanken versunken war, ging zu Onkel Karl, zog ihn nach dem runden Stammtisch und goß einen Magenbittern ein: »Da, Onkel, stärk dir!« Herr Hahn bürstete sich den blonden Schnurrbart und betrachtete sich im Spiegel. Dann meinte er so nebenbei: »Man müßte eine Landpartie machen, nach dem Grunewald, da würden schon alle kommen. Und dann wäre doch das was ganz anderes, wenn man draußen in der schönen freien Natur anstimmen könnte: ›Wer hat dich, du schöner Wald ...‹« »... uffjebaut so hoch da droben«, fiel Onkel Karl unwillkürlich mit noch ganz gebrochener Stimme ein. Und wie zur Entschuldigung setzte er hinzu: »Ick kann doch nischt dafor, wenn ick so jerne singe!« »Et nimmt dir ja ooch keen Mensch ibel, bloß wenn's zu ville wird. Und for deenen scheenen Jesang alleene hab ick doch det Vaeinszimma nich injerichtet, Onkel«, sagte Anna. »Hia – haste deenen Jroschen wieda, ick will ma nich an dia bereichern!« Und nun kam das Gespräch in versöhnliche Bahnen, und die Landpartie, zu der alle Sangesbrüder feierlich eingeladen werden sollten, wurde eingehend beraten. In der Frühe des ersten Pfingstfeiertages hielt dann ein mit Birkenreisern geschmückter Kremser vor der »unterirdischen Tante«. Als er vorfuhr, wurden da und dort an den Fenstern verschlafene Gesichter bemerkbar, die von diesem Ereignis Notiz nahmen und wieder verschwanden und dann nach einiger Zeit wieder verschönert auftauchten, um die Weiterentwicklung der Dinge zu beobachten. Der Kutscher war inzwischen abgestiegen, knallte mit der Peitsche und streichelte die Pferde, die unter dieser Berührung erzitterten. Da erschien Wilhelm, schritt gelassen durch das Spalier von Bäckerjungen und Milchmädchen, ging zum Kutscher, wechselte mit ihm einige Worte, und beide blickten zum Himmel. »Von wejen die neien weeßen Hosen, die er anhat«, sagte die Portiersfrau, die sich ebenfalls eingefunden, verständnisinnig. Wilhelm und der Kutscher schienen, trotz des gefährlichen Beinkleids, übereinzustimmen, daß sich das schöne Wetter halten werde. Und dann verschwanden beide im Keller. Eine neue Sensation: Frau Lemke erschien in lilafarbenem Kleid, und hinter ihr Tante Marie mit dem kleinen Edwin auf dem Arm. »Die Olle hat ooch wat Neiet an, na – se können's sich leisten«, erklärte die Portiersfrau und nickte dann überaus herzlich Frau Lemke zu. »Als se hiaher kam, hat se woll jrade een Hemde jehabt – heite kann se koom noch nicken, wenn man ihr bejrunzt!« Doch – nun wandte sich alles um und blickte die Straße hinunter: dort kam Onkel Karl mit Onkel August. Beide trugen statt der üblichen Kopfbedeckung bunte Papiermützen. Sie begrüßten Anna sehr herzlich und sahen sich dann hochmütig die Versammlung an, ob etwa jemand an ihren Papiermützen Anstoß nähme, aber keiner wagte es. Onkel Karl begutachtete die Pferde, ob sie die bevorstehenden Strapazen auch aushalten könnten, und dann probierte er alle Sitze des rotgepolsterten Wagens durch, bis er zu der Überzeugung kam, daß er wohl am besten auf dem Bock neben dem Kutscher untergebracht sein würde. Er belegte diesen Platz mit seinem Schirm und nahm dann Onkel August unterm Arm, um mit ihm ebenfalls in der »unterirdischen Tante« zu verschwinden. Und nun kamen plötzlich – es schlug gerade sechs Uhr – die Mitglieder des Vereins »Blaue Kaffeetiete« von allen Seiten, Männer, Frauen und Kinder mit Paketen, Botanisiertrommeln – einer sogar mit einem Waldhorn – und alle festlich gekleidet. Man lief sich entgegen und schrie sich von weitem zu, und aller Freude war unbeschreiblich. Nach aller Erwartung hätte jetzt wohl die Abfahrt erfolgen müssen, Frauen und Kinder hatten den Kremser besetzt. »Aba wo sind denn nu die Männer?« fragte eine der Damen. Ja – die waren alle in der »unterirdischen Tante« verschwunden, und wie es schien, wären sie alle gern darin geblieben. Nur »troppenweise«, wie Tante Marie sagte, waren sie wieder herauszubekommen, und dann war es ihre größte Sorge, ein Bierfaß zwischen den Wagenrädern unterzubringen, damit man nachher nicht im Walde »verdursterte«. Dann endlich zogen die Pferde an: »Nu jeht's los, adschee, adschee, haben wa ooch nischt vajessen?« »Nee – habt ihr denn alle eire Schirme?« fragte Onkel Karl vom Bock herunter in den Wagen hinein. »Kinners, ick sach's eich vorher, wa rejnen in!« Aber man ließ sich die Stimmung nicht stören. Als der Wagen zum Brandenburger Tor hinausrollte, blies der Herr mit dem Waldhorn ein schönes Signal und heimste Anerkennung dafür ein, nur Onkel Karl sah ihn mißbilligend an und bemerkte zu dem Kutscher: »Det is doch noch keene Jejend für so wat, der Kerl wird et noch beschreien mit seene vadammte Tute! Kieken Se mal, wie die Vöjel dichte uff de Erde lang schießen; wenn det nich heite noch wat Ordentlichet jibt, will ick meen Lebelang Steene kloppen! Sehn Se da die Hagelwolke?« Als er dann aber über Wilhelms weiße Hosen herzog und er den anderen die Stimmung beinahe wirklich verdorben hatte, lenkte er ein. »Wenn sich's bis Mittach so hält, kommen wa villeichte bloß mit'n paar Troppen wech, der Wind hat sich jedreht.« Doch als er dann eine Bremse um die Pferde schwirren sah, wurde er sofort wieder zum Pessimisten. »Die Fliejen pieken«, verkündete er, »wa kriejen doch noch 'n janz jehörijen Ballabatsch!« Und als dann wirklich aus einer vorüberziehenden Wolke ein Tropfen fiel, jauchzte er: »Jetz jeht's los, Kinners, ha'cks eich nich jesacht, wenn wa bloß unter Dach und Fach wären. Jott sei Dank, ick hab ma ja jestern abend noch meene Stiebel mit Fett injeschmiert!« Man hörte gar nicht mehr auf ihn, die Frauen hatten so viel andere und wichtigere Dinge zu besprechen, und die Männer bestimmten das Programm des Tages. »Wat sacht denn aba Ha Hahn dazu?« fragte jemand. Ja plötzlich wurden sie sich alle bewußt, daß sich der Herr Kapellmeister heute ganz im Hintergrunde hielt. »Und Frau Lemken is ooch so still«, bemerkte eine der Damen. »Nanu«, sagte Anna, »det klingt ja höchst komisch, wie Se det so saren! Nee, mia wird bloß imma 'n bißken melangklöterich, wenn ick mal so frieh in die freie Natur komme!« Und nun ergriff Herr Hahn das Wort und faßte das Programm zusammen: »Wenn wir in Schildhorn sind, singen wir das Begrüßungslied, legen dann die Sachen in der Kolonnade ab und gehen in den Wald und lagern uns dort, bis das Mittagessen fertig ist. Es gibt gewiß Gänsebraten und Stachelbeeren. Und am Nachmittag spielen wir Blindekuh und Plumpsack oder gondeln auch und fahren Karussell, wie sich's eben trifft!« XVI In Schildhorn Nach dem Essen hatten die Damen Kaffee gekocht – nun saß die Gesellschaft an den in langer Reihe zusammengestellten Tischen und überlegte, ob alle wieder etwas zusammen unternehmen sollten oder ob sich nun jeder nach seiner Fasson amüsieren könne. »Ick werd mia da lange den Kopp zabrechen«, sagte Onkel Karl zu Onkel August, »komm, wa jehen los, wer Lust hat, kann hinterherzoddeln!« Sie fanden nur eine geringe Anhängerschaft, und als ihr Bestreben, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen, dann ganz offenkundig wurde aus der Art, wie sie jeden Zuruf unbeachtet ließen, blieben die anderen zurück, gründeten selbst eine Partei und zogen mit der weiter. Und so verschwand nach und nach die ganze Gesellschaft, zurück blieb nur Tante Marie mit dem kleinen Edwin, um auf die Sachen der anderen aufzupassen. Und so saß sie, trotz der warmen Luft des schönen Tages in ihr Umschlagetuch gehüllt, einsam da, erfreute sich an dem Widerspiel der Himmelsfarben im Wasser, an den flinken Booten, die im Sonnenschein glänzten, dem Kiefernduft, den der Wind herübertrug, und dann suchte sie zu ermitteln, von welcher Seite es am meisten zog. Während sie noch mit diesen meteorologischen Feststellungen beschäftigt war, sah sie Wilhelm zurückkommen. »Nanu – wa'm bisten nich mit?« fragte sie verwundert. »Wo ist denn Anna?« »Die jondeln«, sagte Willelm. »Na – und du?« »Mia wird schlimm nach, ick kann's nich vatraren, det is imma, a's wenn ick uff ne Schaukel sitze!« »Na, denn bleib hia und setz dia hin, hia is ooch sehr scheen«, sagte Tante Marie. Als sie ihn dann aber näher ansah, fragte sie verwundert: »Wat is dia denn for ne Laus iber die Leber jeloofen, Willem, wa'm ärjerst du dir'n so?« Er antwortete nicht gleich, schließlich, als sie weiterbohrte, kam er mit Gegenfragen: »Is dia denn nischt uffjefallen, Tante?« Sie sann nach. »Onkel Karl is'n bißken riedich heite!« »Nee – na, laß man sind, et wird sich ja alles uffklären!« Aber nun war Tante Marie neugierig geworden, und sie ließ alle Eindrücke des Tages vorüberziehen. »Ach so – jetz ha' ick's, du meenst von vorhin, bei't Spielen, als Anna den Herrn Hahn den Kuß jab. Aba, det war doch bei't Fänderauslösen, Willem! Onkel Aujust wußte doch janich, wen der Schlüssel jehörte, vielleicht dachte er, et is de Olja ihrer, die doch 'n Kieker uff den Hahn hat. Und da wollt er die jewiß ne Freide machen, als er den Quatsch von den Kuß sachte.« »Meenste?« sagte Wilhelm zweifelnd. »Aba et war mia ßu zärtlich!« »Na ja, det is ma och uffjefallen, aba det hat nischt uff sich«, tröstete Tante Marie. »Et is ja richtich, se hat ne Schwäche for den Kerl, det jibt se selba zu! Weil er Musike machen kann und sich imma so hat mit seene feine Abstammung. Aba desterwejen laß dia wahaftich keene jrauen Haare wachsen, Willem! Nee, janz int Jejenteil, wenn der wat von se wollte, denn wird se ihn 'n paar Knallschoten runterhauen, aba jehörije!« »Aba – wa'm jondelt se denn mit ihn in eene Jondel alleene«, sagte er zweifelnd, »konnte sich doch bei die andern setzen und ihn die Olja überlassen!« »So – jondelt er mit sie alleene?« fragte Tante Marie nachdenklich. Aber dann schüttelte sie energisch den Kopf. »Nee, wat du denkst, Willem, is nich. Ins jerade Jejenteil, weil se sich nischt bei denkt. Se weeß doch, se hat Edwin und dia und mia und det Lokal, der Spaß käm sie zu teier. Ick hab doch ne Pike uff den Hahn, und ick wär jewiß die erste, die wat röche, aba du irrst dia, Willem, ick sach's dia noch mal. Wat mia aba nich abhalten soll, 'n wachsamet Ooge uff ihr ßu haben. Na – und denn is ja imma Zeit, zwischenzufahren – wahr?« Und dann – um ihn auf andere Gedanken zu bringen, begann sie von dem kleinen Edwin zu sprechen, von Tante Liese, die auch diesmal nicht mitgekommen sei, und daß sie sich Onkel Karls wegen ein bißchen geniere. »Man derf ihn nich so ville durchenandertrinken lassen«, schloß sie ihre Rede. Wilhelm hörte gar nicht hin, was sie da sprach. Von Zeit zu Zeit hob er schützend die Hand, damit ihn die Sonne nicht blendete, während er über die Wasserfläche nach den Booten ausspähte. Der ganze Himmel erglänzte jetzt in einem wundervollen, strahlenden Rotgelb, das Sonnengold fing sich in den Kiefernwipfeln, und die roten Stämme glühten auf. Noch immer waren die Boote da hinter der Landzunge nicht zum Vorschein gekommen, und einige besorgte Mitglieder des Gesangvereins, die sich jetzt einfanden und schon vorher geäußert hatten, daß das Wasser keine Balken habe, ergingen sich in den schauerlichsten Mutmaßungen über das Schicksal der kühnen Seefahrer, vertraten außerdem die Ansicht, daß es viel besser sei, zu würfeln. Und zur Unterstützung dieser Behauptung zeigten sie ein paar blaue Glasvasen, die sie gewonnen hatten. »Da kommen se ja!« sagte Tante Marie. Es war aber nur Onkel August mit Onkel Karl. »Die zanken sich«, sagte eine der Damen, und es hörte sich wohl auch so an, aber wie sich beim Näherkommen herausstellte, unterhielten sie sich nur ganz gemütlich über die Konstruktion des Waldhorns, das Onkel Karl dem glücklichen Besitzer abgenommen hatte, um ihm zu zeigen, wie man »richtije Signale« darauf blasen könne. Da nach seiner Ansicht aber – denn sonst hätte er die Töne sofort herausbekommen – »die Tute vastoppt war«, hatte er mit einem Ast in der Trompete gestochert, wobei der Ast abgebrochen und in dem Waldhorn steckengeblieben war. Aus Onkel Karls Unterhaltung mit Onkel August ging nun hervor, daß man sich über die Methode nicht einigen konnte, wie das Aststück wieder herauszukriegen sei. Onkel Karl hielt es jedenfalls für das beste, die Trompete ins Feuer zu legen, denn dann verkohle das Holz und käme von ganz allein heraus. Onkel August aber war entgegengesetzter Meinung, und der Waldhornbesitzer wiederholte fortwährend die Behauptung: »Se haben's kaputt jemacht, hätt ick's Se bloß nich jejeben!« »Von Kaputtmachen is iberhaupt keene Rede nich«, sagte Onkel Karl, »die Tute funkschoniert oogenblicklich nich, det is alles, und nu lassen Se mir zufrieden, vastehn Se!« Auch bei den anderen machte sich eine gewisse Mißstimmung geltend, man wollte nach Hause fahren und konnte nicht fort, weil die Gesellschaft noch nicht vollzählig war. »Det is doch imma so uff Landpartien«, sagte Onkel August, »da wart't imma eener uff'n andern, und schließlich hat keena wat von, da'm kommt meene Olle ooch nie mit!« »Jott sei Dank!« sagte Onkel Karl, und als Onkel August auffahren wollte, setzte er hinzu: »Ick meene bloß: Jott sei Dank, da kommen sie endlich!« Wirklich, da tauchten die Boote auf. »Wenn ihr nich schneller macht, fahren wa ohne eich ab«, schrie ihnen Onkel Karl über das Wasser zu, um ihnen die am Lande herrschende Stimmung anzudeuten. »Ja – Ja –«, kam die Antwort, und wie auf Verabredung begannen die Bootsfahrer zu singen: »Za Hause – za Hause, Za Hause jehn wa nich –« »Denn laß se –«, sagte Onkel Karl, »ick jeh jetz – wer kommt mit?« Und alle zogen hinter ihm her, ohne sich noch weiter um das Landen der Boote zu kümmern. Vor der Ausspannung stand der Kremser schon bereit, und Tante Marie hatte sich mit dem kleinen Edwin den geschütztesten Platz ausgesucht. »Ick muß hia sitzen«, sagte sie zu den Ankömmlingen, »ick hab bei't Sitzen an't zujije Wassa eklich wat ins Kreiz jekricht. Bloß jut, det wa Oponuljuk ßu Hause haben!« »Et heeßt Opolduldok«, sagte Onkel Karl, »du vaquatscht ooch allet, Tante, laß bloß die Fremdwörta! Ick setz ma jedenfalls wieda bei'n Kutscha uff'n Bock. Jeben Se mia mal Ihre Posaune her, villeicht krieje ick den Ast jetz raus, und denn können wa doch noch blasen!« »Nee, die ha' ick injewickelt«, sagte der Waldhornbesitzer, »sonst jeht se noch janz kapores!« »Denn nich, denn mach ick se Ihn'n ooch nich janz, aba nu jeben Se mia ooch keene Schuld mehr!« Wilhelm hatte abseits gestanden, als ginge ihn der ganze Trubel nichts an, und nur verstohlen nach seiner Frau geblickt, die mit Herrn Hahn als letztes Paar ankam. Als Anna ihn jetzt erblickte, kam sie eilig auf ihn zu: »Ach, Willem, war det scheen, siehste, wa'm biste nicht mitjejondelt! Wo is'n Tante und Edwin?« »Wennste dia bis jetz nich um det Kind jekimmert hast«, sagte Wilhelm, »nu laß man, nu reiß et nich aus'n Schlaf!« »Ach herrjeh«, sagte Anna, »du tickscht woll! Ick hab's ma ja jleich jedacht, dette ma zum Schluß noch de Freide vaderben wirst! Man soll bloß mal 'n bißken vajniecht sind. Na – meenswejen, ich ärjere mia nich – so blau!« Und ohne sich weiter um ihn zu kümmern, stieg sie in den Wagen, quetschte sich bis zur Tante Marie durch und sagte: »Jib det Kind her, sonst ha' ick noch mehr Ärger.« Herr Hahn aber trat inzwischen zu Wilhelm und sagte: »Sie werden es begreiflich finden, daß ich Ihre Gattin vor ungerechten Vorwürfen zu schützen suche. Wenn ein Verschulden vorliegt und jemandem ein Vorwurf zu machen ist, so trifft er nur mich allein, Herr Lemke, denn Ihre Gattin hat sich fortwährend um Edwin geängstigt, aber sie konnte doch nicht ans Land schwimmen!« »Da hat er recht«, schrie Onkel Karl, »jetz jeht's los!« XVII Klatsch Nichts hatte sich verändert seit jenem Pfingstausflug. Wilhelm, der es damals kaum hatte erwarten können, daß man nach Hause kam, um dann seinem Herzen Luft zu machen, hatte kein Wort mehr über die Gondelfahrt verloren, hatte auch nicht, wie er zuerst gewollt, Herrn Hahn vor die Tür gesetzt, sondern war still und verschlossen ins Bett gekrochen. Und am nächsten Morgen hatte er getan, als wüßte er von nichts mehr. Nur das stets ein wenig vorwurfsvolle Benehmen des Herrn Hahn, der es Herrn Lemke, wie er sagte, doch noch nicht ganz verzeihen konnte, daß er damals Anna vor der ganzen Gesellschaft kompromittiert hätte, erinnerte noch an den Pfingstausflug. Aber – im Laufe der Zeit – zeigte sich auch Herr Hahn nicht unversöhnlich, er trug Wilhelms Charakter Rechnung und ließ ihn die Aufwallung nicht länger entgelten. Trotzdem fand der Klatsch immer neue Nahrung. Zu dem, was damals der Kutscher des Kremsers erzählt und was am nächsten Tag die ganze Ackerstraße wußte, kamen nach und nach die Beobachtungen, die die Portiersfrau machte. So hatte man immer Stoff, und man konnte darüber reden – morgens, in aller Frühe, wenn der Hausflur gescheuert wurde, nachher, wenn sich die Frauen beim Kaufmann trafen, oder abends, wenn man nach des Tages Last und Mühe vor der Haustür stand und noch ein bißchen frische Luft schnappte. »Jott ja – entweda is der Mann blind und sieht nischt, oda« – die Portiersfrau zog die Schultern bis an die Ohrläppchen – »oda er will eben nischt sehen!« »Jlooben Se, det's sonne Männa wirklich jibt?« Die welterfahrene Portiersfrau sah die Fragerin mitleidig an, dann ließ sie sich herab, auch diesen törichten Einwurf zu beantworten. »Haben Se mal wat vons Jeschäftsinteresse jehört, Frau Kufahl? Nee? Na – Jeschäftsinteresse is, wenn eenen allet ejal is und man nur Jeld vadienen will! Wissen Se't nu?« »Sind denn Lemkes so jieperich?« Auch darüber wußte die Portiersfrau ganz genau Bescheid. »Se waren's nich, aba jetz sind se't – vastehn Se? Jeden Ersten zieht sich die Lemken ihre Samtmantillje an und jeht wech. Wohin jeht se? Nach de Sparkasse! Da packt se die Jroschen ab, und wat jlooben Se woll, wat da so zusammenkommt? Die Leite missen ja reich werden, die könnten sich jetz schon Ferd und Waren halten, wenn se wollten. Aba se tun's nich. Ins Jejenteil – wie looft der Mann rum! Sonntags und wochentags mit die ollen Kaschmirhosen, in Hemdsärmel mit die zalöcherte blaue Schirze vor. Na und sie – die Lemken! Du lieba Jott, wat hat se denn jroß anzuziehn außer ihr Schwarzet und, wie jesacht, die Samtmantillje, die man ooch schon hin is! Da je ick anners, wenn ick mia sonntags fein mache, da wird ick mia schenieren, mia mit die Lemken uff die Straße sehen ßu lassen!« »Ick ooch!« sagte Frau Kufahl. »Ick ooch!« stimmte nacheinander jede der Damen bei: »Nee, man muß wat uff seen Äußres jeben, sonst kommt man ins Jerede!« »Aaba die Frau Lemken is det allens janz piepe, die lacht bloß, wenn man mal ne Andeitung macht!« »Oda se wird jrob«, gab eine andere ihre Erfahrung zum besten. »Wat wollen Se denn ooch – det is doch ne janz unjebild'te Frau, wo soll't denn da herkommen? Budikers – ick bitt Se – wenn se sich ooch hundertmal ›Restaurateurs‹ nennen, det ändert doch nischt!« »Un dabei hat ihr der Ha Hahn in die Mache und bringt se den juten Ton bei!« »Wat dabei rauskommt, sieht man ja«, sagte die Portiersfrau und spuckte aus. »Wat noch keener weeß und noch keene jesehen hat – ick weeß et! Ick laß ma meene Oogen in'n Kopp nich blind machen, kieken Se sich die Frau Lemken mal janz jenau an, wenn Se se ßu sehn kriejen, und denn saren Se, ob ick nich recht hab, wenn ick behaupte, det da bald wieda wat Kleenet ankommen wird!« Die Portiersfrau konnte mit dem Effekt, den diese Mitteilung machte, zufrieden sein. »Ja –«, sagte sie und spuckte noch mal aus, »ne Schande is's!« »Du lieba Jott, du lieba Jott, wat wird denn nu der Mann ßu saren?« »Woso – der Mann?« sagte die Portiersfrau. »Ha' ick etwa jesacht, det er nich der Vata is? Da muß ick doch recht sehr bitten. Wenn ick iberhaupt wat jesacht hab, denn ha' ick nur jesacht, det bei Lemkes bald wieda der Klapperstorch kommen wird, weiter nischt, det können Se mia vor Jericht bezeijen. Denn mit die Frau muß man sich vorsehn, die hängt eenen eenes scheenen Tares wat an, und man weeß nich, wie man ßu kommt. Sehn Se sich also ooch vor, eh Se sich wat inbrocken. Und nu muß ick wieda an die Arbeet jehen und sehn, det ma det Essen nich anbrennt – adje!« – – – »Diese vadammten Klatschweiba«, pflegte Tante Marie zu sagen, wenn ihr wieder einmal eine gehässige Äußerung zugetragen wurde, »det Scheenste an die janze Sache is, det ooch nich een eenz'jes Wort dran wahr is. Jlooben Se, sonst wird ick ßu schweijen?« Aber wenn sie dann in den Keller stieg, war das erste, was sie nach der Begrüßung sagte: »Se sprechen iber dia, Anna, du mußt da wat machen, det det Jerede wieda uffhört. Ick vasteh dia ooch wahaftjen Jott nich!« »Aba so laß se doch, wenn se't Spaß macht«, sagte Anna lachend. »Et is ßu komisch, wie een'n die Menschheet die jrößten Jemeinheiten zutraut – aba bloß hintan Ricken. Von vorne möchten ma die Leite weeß Jott wat. Und du, Tante, wennste ma ooch vateidichst, janz und jar trauste ma doch nich – du denkst, wat wird schon dran sind – aba't is nischt dran, wahaftjen Jott, ick will jleich umfallen und dot sind, wenn wat wahret dran is!« »Anna – denn beantworte ma eene Frage: Wa'm schmeißte den Kerl nich raus?« fragte Tante Marie. »Weil et jetz – bei diese Umstände – erst recht vadächtich aussieht. Wenn's nich det wär, wird mia die Sorte wat anneres anhängen. Denn det is der Neid, der jelbe, jriene Neid, weil's uns nich schlecht jeht. Denn det is doch imma so, Tante, haste det noch nich jemorken! Jeht's eenen dreckich, denn kommen die Leite mit abjelechte Hosen und zaplatzte Stiebeln oder mit'n Kanten Brot und drängeln eenen det uff und valangen, det man se for Wohltäta hält. Det is det sojenannte Mitleid und det berihmte jute Herz! Hat man det aba nich nötich, denn fallen se wie die Krähen iber een her und hacken eenen de Oogen aus!« »Det stimmt«, sagte Wilhelm, der mit philosophischer Ruhe das Gespräch angehört hatte. »Ja – du«, sagte Anna, »wenn du nich so'n Schlappschwanz wärst, aba dia jeht det allens nischt an!« »Nee – woso denn ooch«, sagte Wilhelm, »ick hab doch keen Anlaß! Du sachst doch selba, et is man bloß Jeklatsch, und davor kann sich doch keener schitzen.« »Na –«, sagte Anna, »wenn ick'n Mann wär, denn wird ick dazwischenfahren, det man allens so kracht!« »Du machst man imma: ›Kß, kß – faß det Kätzken‹, aba selba tuste nischt, det det Jerede uffhört. Ick an deene Stelle wißte ja, wat ick ßu tun hätte!« »Na, wer is denn Herr int Hau«!« sagte Anna gereizt. »Zankt eich nich«, suchte Tante Marie zu beruhigen. »Wenn man eich ßuhört, denn weeß imma eener, wat er an den annern seene Stelle täte. Die Hauptsache is doch, det ihr beede inseht, det det nich mehr so weitajehn kann. Nu mißt ihr eich in Ruhe und Frieden iberlejen, wat ihr machen wollt. Ihr habt so jlicklich jelebt, aba seitdem der vadammte Klimpakasten da is – is allens wie vahext. Hättet ihr man lieba een Biljard jekooft. Schon wie det Jejröle damals mit den Jesangvaein anjing, hat mia nischt Jutet jeschwant. Die Mieter habn sich wejen nächtliche Ruhestörung beschwert, und wat war die Folje von: Der Wirt hat eich jesteigert!« »Mia soll et recht sind, haun wa doch die janze Drahtkommode kurz und kleen und kochen wa uns Kaffee von«, sagte Anna. »Nee – Tante Liese kann se koofen und sich in die jute Stube stellen. Die is ja imma so für det Feine – wenn se ooch nich spielen kann –«, schlug Tante Marie vor. »Villeicht kooft se Herr Hahn mit, ick laß ihn billich ab – for sechs Dreier, wenn se will: ooch janz umsonst!« meinte Wilhelm. »Na – denn zieh dia de Stiebeln an, Willem, und jeh los, jetz bist du am dransten!« »Meenste det wirklich ...?« »Mach dia aba 'n bißken proppa, Willem«, sagte sie, ohne seine Frage zu beachten. »Zieh dia ne Weste an, wo det Schemisett nich so vorkrauchen kann und man nachher det bekleckerte Hemd drunter sieht.« »Tante Liese wird mia rausschmeißen«, sagte er, »ick weeß ja janich, wie ick ihr det beibringen soll!« »Tante Marie, jeh du mit«, sagte Anna, »sonst wird det ja doch vakehrt. Du kannst ja so bleiben wie de bist, nur 'n paar neie Watteproppen wird ick mia in die Ohrn stecken; die du da drinne ßu sitzen hast, sind schon 'n bißken unansehnlich jeworden. Wie jeht's denn iberhaupt mit dein Reißmatichtich?« »Schlecht, seit die vadammte Landpartie ha' ick 'n Knacks wech! Mal sitz's ins Kreiz, mal in'n Kopp, mal in die Beene, wie sich's trefft. In'n Kopp is aba am schlimmsten, besonders in de Ohrn. Aba ick jloobe ooch, det wird am besten sind, ick jehe mit. Mach dia aba zarechte, Wilhelm, ick jeh bloß ruff und hol mir meen Hut!« * Und dann war Tante Marie mit Wilhelm fortgegangen, und Anna hatte die Zwischenzeit benutzt, um in dem »Vereinszimmer« gründlich sauber zu machen. Die Sachen des Herrn Hahn, die Kragen, Pomadentöpfchen und Notenhefte wurden zusammengepackt. Dann – als Anna das Paket schnüren wollte – fiel ihr etwas ein. Sie holte noch eine Schlackwurst, die sie zwischen die Sachen steckte, und nun zog sie die Schnur an und sagte: »So – det wär ooch jemacht!« Als Herr Hahn, der jetzt erst immer in den Abendstunden zu kommen pflegte, den Schankraum betrat, fand er sein Bündel geschnürt. »Also – das ist das Ende«, sagte er. »Ja – et muß sind, Ha Hahn, Se habn mia ins Jerede jebracht!« »Das ist der Fluch, der auf mir lastet«, sagte er, »ich werde immer für einen Don Juan gehalten werden, und dabei wollte ich nur in geordneten Verhältnissen leben!« »Ick weeß ja, aba ick hab Ihnen ooch noch wat Eßbaret injepackt«, tröstete ihn Anna. »Ich habe es mir schon gedacht«, sagte er gerührt, aber – sich einen Ruck gebend – setzte er hinzu: »So leben Sie wohl, Frau Lemke, Sie haben es gut mit mir gemeint, und grüßen Sie Ihren Mann und Tante Marie und den kleinen Edwin!« »Machen Se's jut, Ha Hahn«, sagte Anna und wandte sich ab, um ihre Bewegung zu verbergen. Ein paar Stunden später kamen Tante Marie und Wilhelm zurück, und aus dem, was sie erzählten, ging hervor, daß sich Tante Liese durch das Anerbieten geschmeichelt gefühlt hatte. »Ja, se war mechtich jebumfiedelt«, sagte Tante Marie, »hat mia jleich een Mittel jejen meen Koppreißen jejeben, echten orjentalschen Balsam aus Gerusalem, und denn hat se Schnecken holen lassen und Kaffee jekocht, objleich de Kaffeezeit doch längst voriber jewesen is!« »Ja – will se't denn nu koofen?« fragte Anna, »denn det wär ja nu jemeen, wo ick inzwischen den Ha'n Hahn rausjejrault habe!« »Der is wirklich so jejangen?« Tante Marie und Wilhelm sahen sie erstaunt an. »So'n feina, jebildta Mensch«, sagte Anna, »der läßt sich doch so wat nich bieten. Ick hab bloß een' Ton jesacht, wech war er!« »Der hat wahrscheinlich schon längst wat anners in petto jehabt«, sagte Tante Marie, »und morjen kommt Onkel Aujust mit'n Sachvaständjen und bejutachtet det Klavier!« XVIII Große Keilerei »Als wenn se'n Sarch raustraren«, sagte Anna, als einige Tage später zwei junge Athleten unter Onkel Augusts Kommando das Klavier die Kellertreppe hinauf auf einen Wagen schafften. »Meen Jott, mia wird janz komisch, ick kann et janich mit ansehn!« Es war ihr, als wenn mit dem Instrument zugleich auch die Kunst, die Feinheit des Lebens, die Bildung fortgeschleppt würde – alles das, was dem menschlichen Dasein Anmut und Schönheit geben konnte, kurz – was Herr Hahn in der »unterirdischen Tante« verbreitet hatte. Als das Klavier abgerückt worden war, hatte Anna noch einen Hemdenknopf von ihm auf der Diele gefunden und ihn, ohne daß es die anderen gesehen, in die Tasche gesteckt als Andenken an diese Periode ihres Lebens, in der ungeahnte Empfindungen ihre Seele durchzogen hatten. »Und wenn wa wenichstens det Jeld for det Klavier schon hätten, aba ick weeß, det wird sich hinzoddeln und hinzoddeln, und wa werden nich eenen Dreia for besehen.« Auch in der Nachbarschaft erregte die Wegschaffung des Klaviers großes Aufsehen. »Da hat's woll wat jejeben?« erkundigte man sich, und die Portiersfrau wußte Bescheid: »Aba wat Eklijes«, sagte sie, »den eenen Abend is 'n Skandal jewesen, det man's durch alle Decken durch jehört hat. Denn floch plötzlich der Klavierspiela – wissen Se, der Pomadenhengst, der nie zuerst jrießen konnte –, der floch mit eenen Satz die Kellatreppe ruff uff de Straße und seene Pomadentöppe hintaher!« Ja, die Portiersfrau kannte die Ehetragödie, die sich da abgespielt, in allen Einzelheiten. »Der Mann, der Ha Lemke, wissen Se, wollte sich zuerst von die Frau scheiden lassen, aba wejen den kleenen Edwin hat er't denn doch nich jetan. Der Mann is eben ne Nulpe, aba die Frau, det is ne janz jewitzte!« In der Ackerstraße wußte man bald die merkwürdigsten Geschichten von dem Leben und Treiben in der »unterirdischen Tante« zu erzählen. Schließlich konnte es weder Anna noch Wilhelm, noch Tante Marie verborgen bleiben, was man da von ihnen sprach. »Sonne Karnalljen«, sagte Wilhelm bedrückt. »Ick hab's ma jleich jedacht«, sagte Anna – sie war rot vor Ärger geworden, »aba warte man, ick weeß ja ooch, von wen det allens ausjeht, der werd ick det Maul aba janz jehörich stoppen!« »Die Portjehfrau is's«, sagte Tante Marie, »sehste, det is der Dank dafor, dette ihr die scheene Samtmantillje geschenkt hast, Anna. Da hat se dia erst nach alle Seiten hin madichjemacht, und nu vaklatscht se dir noch in diese niedatrechtje Weise!« »Ick soll ihr man awischen«, sagte Anna. »Du wirst nischt machen«, fuhr sie Wilhelm an, »det iberläßte mia, vastehste! In dein'n Zustand, det wär so wat, dette dia for deen janzet Leben unjlicklich machst!« Er hatte etwas in seinem Ton, daß Anna diesmal nicht zu widersprechen wagte. Und ihre Wut wich plötzlich einer gräßlichen Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, die sich in Tränen zu erleichtern suchte. »Hör bloß uff«, sagte Wilhelm, »det allens hätten wa janich nötich jehabt, wennste dia nich so varickt hinta den Stiesel jezeicht hättest!« »Willem, Willem, nimm Rücksicht uff ihr«, bat Tante Marie händeringend. »Ick hab so schlecht jetreimt die janzen Nächte, hab wieda die Selje jesehen und Spinnen und andret Unjeziefa ...!« »Fang du ooch noch an«, schrie Wilhelm, »der Deibel soll den janzen Klamauk hia holen, ick hab's satt ...!« Und er nahm einen Stuhl und schlug damit auf die Erde, daß das Bein abbrach! Draußen vor den Fenstern standen die Portiersfrau und Frau Kufahl: »Hören Se't, da jeht's wieda los – der Mann is tobsichtich jeworden. Jetrunken hat er ja schon lange – reenen Sprit – imma direkt aus de Pulle raus, wie Wassa!« Aber dann fuhren sie beide mit lautem Aufkreischen auseinander und stürzten in den Hausflur. Wilhelm hatte plötzlich die Kellertür aufgerissen, lief wie ein Rasender hinter den Frauen her und schrie dabei: »Wat reden Se hia – bleiben Se stehen – halten Se stand, sonst kriejen Se eens ins Jenick!« Krachend flog die Haustür ins Schloß – einen Augenblick wurde es still – dann gellte ein Schrei über den Hof: »Anton – zu Hilfe – zu Hilfe, Anton, er mordet mia!« Und dann sahen die entsetzten Hausbewohner den Portier – bewaffnet mit einem Ausklopfer – über den Hof laufen und im Hausflur verschwinden. Dort schien eine regelrechte Schlacht geschlagen zu werden, das Kampfgeschrei erfüllte die Luft, die kämpfenden Parteien erschienen ab und zu auf dem Hofe, und dann erblickte man Frau Kufahl mit dünnem, aufgelöstem Haar, die Portiersfrau mit aufgeplatzter Taille, ihren Mann mit blutiger Nase, und Wilhelm, der jetzt im Besitze des Ausklopfers war und damit um sich schlug, als wenn er Teppich klopfte. Auf der Straße hatte sich eine Ansammlung Neugieriger gebildet, die sehnlichst hofften, daß sich das Ende der Schlacht draußen vor der Haustür abspielen würde. Als es aber zu lange dauerte, lief jemand zu dem Schutzmannsposten an der Ecke und meldete: »Sie – Ha Wachtmeester – da is jroße Keilerei – kommen Se schnell hin, sonst jibt et Mord und Totschlach!« Der Beamte wollte zuerst seinen Posten nicht verlassen, als er aber den Auflauf sah, ging er doch mit. »Achtung, 'n Blaua kommt!« schrie jemand in den Hausflur. Und dieser Ruf wirkte. Der Portier und seine Frau verschwanden, auch Frau Kufahl war nicht mehr zu sehen, nur Wilhelm – zerkratzt und zerbeult – stand, den Ausklopfer in der Hand, noch da und versuchte die abgerissenen Hosenträger anzuknöpfen. »Mia haben se ibafallen – mit det Ding hia«, sagte er, auf den Ausklopfer weisend. »Auseinanderjehn – vowatz – nich stehnbleib'n«, sagte der Beamte und drang wie ein Keil in die Menge ein. »Pollype – Pollype!« schrie ein halbwüchsiger Bursche, der sich so aufgestellt hatte, daß er jeden Augenblick um die Ecke verschwinden konnte, und jetzt so tat, als habe er mit diesem Rufe nur einen vorüberfliegenden Sperling gemeint. Als der Schutzmann nun aber den Hausflur betrat und die Menge hinter ihm herdrängte, machte er plötzlich kehrt. Unwillkürlich wich man zurück, und langsam, Schritt für Schritt, ging man weiter rückwärts, staute sich aber vor dem Eingang auf der Straße wie eine Mauer und machte lange Hälse. Zum allgemeinen Ärger schloß der Beamte jedoch das Haustor, man war also an der Weiterentwicklung der Dinge ausgesperrt, und wenn auch hin und wieder ein Verwegener das Schloß aufklinkte und die Tür aufstieß, so flog sie in der nächsten Sekunde krachend wieder zu. Und dann plötzlich stob alles wild auseinander, der Schutzmann erschien auf der Straße, aber nicht, wie man erwartet und prophezeit hatte, »mit Lemke an'n Kanthaken«, sondern allein, sein blaues Notizbuch einsteckend und mit Blicken, als spähe er nach neuen Opfern aus. »Blauet Abführmittel«, schrie der Junge an der Ecke und verschwand. »Jehn Se auseinander, meine Herrschaften, sonst muß ich Sie uffschreiben«, sagte der Beamte, »is ja hia nischt mehr zu sehen, wat versäumen Se die Zeit!« Und dann ging er – als wollte er sie zertreten – auf zwei kleine Jungen los, die sich ahnungslos in seine Nähe begeben hatten und nun erschreckt und heulend davonliefen. Ja, die Enttäuschung war groß, der Hausflur war leer, das sah man bei der Nachrevision, als der Schutzmann davongegangen war und man nun doch in den Hausflur drang. »Hia liecht noch 'n Sticke Hosenträja!« »Und hia sind Blutstroppen«, meldete einer triumphierend, als komme er einem schweren Verbrechen auf die Spur. »Det hat mechtje Senge jejeben!« »Dunnawettsteen nich noch mal, war det ne Keilerei«, sagte ein anderer anerkennend, »aba dreie jejen eenen!« »Na – der Lemke mit seine Bullenkräfte, der nimmt's mit'n janzet Schock uff!« Der Kellereingang zur »unterirdischen Tante« war dicht umlagert: irgend etwas mußte doch noch kommen, so konnte doch das große Ereignis nicht im Sande verlaufen! »Passen Se uff, det jibt noch'n jerichtlichet Nachspiel, da nehm ick Jift druff!« »Schade, ick hätte ma ooch jerne die Zeijenjebührn vadient, ick hab jesehn, det er 'n Auskloppa in die Hand jehabt hat!« »Heben Se sich man det Sticke Hosenträja uff, det is 'n Korpusdelikti!« »Weeß ick doch alleene, heben Se sich man die Blutstroppen uff! Will ma hia for dumm halten und saren, wat'n Korpusdelikti is – so'n Dussel! Ziehn Se man Leine!« Ja – es war gut, daß der andere abging, sonst wäre es bei der kampflustigen Stimmung zu einer neuen Schlägerei gekommen. In der »unterirdischen Tante« ging es inzwischen nicht weniger aufgeregt zu als auf der Straße. »Mit Essich, Willem, mit Essich«, jammerte Tante Marie, »sonst jibt det ne Blutvajiftung. Wat denkste denn, wat die unter die Finganäjel ßu sitzen haben!« Aber Anna fuhr dazwischen: »Du bleibst so, wie de bist, Willem, du jehst jetz jleich uff de Wache, wie dir't der Schutzmann jesacht hat, und machst Anzeije, hia muß wat Jesetzlichet jeschehen, sonst jeht det so Tach for Tach weiter, se haun uns de Fenstascheiben in oda machen sonst wat!« Und dann holte sie Wilhelms Mütze: »Hia, setz dia uff, die draußen brauchen's ja nich so zu sehen, wie dia die Karnalljen zakratzt haben!« »Sonne vadammte Packasche«, wimmerte Tante Marie, »die schlaren uns hia noch dot, die muß raus aus't Haus, so wat derf doch hia nich wohnen mit die anständ'jen Mieters zusammen!« »Laß man, Tante«, sagte Anna, »wir werden's sie jrindlich besorjen. Und nu halte dia nich länga uff, Willem, nu jehste nach de Wache und zeichst die Bande an. Den Auskloppa nimmste mit, pack ihn aberst in'n Sticke Papia!« XIX Der »Jesetzeskundje« Als der Kriminalwachtmeister merkte, daß ihm Herr Lemke eine Anzeige machen wollte, nahm er eine ernste, strenge Miene an: »Also, denn schildern Sie den Vorgang ausführlich!« Dann erzählte Wilhelm, wie er der Frau des Portiers nachgelaufen sei, um sie zur Rede zu stellen, daß er sie – als sie nicht stehen wollte – am Ärmel festgehalten, und wie sie ihm nun sofort mit allen zehn Fingern ins Gesicht gefahren sei und ihn zerkratzt habe. Dann wäre ihr Mann hinausgekommen und hätte ihn von hinten mit dem Ausklopfer über den Kopf geschlagen, bis es gelungen sei, dem Portier den Ausklopfer abzunehmen. »Und dann ha' ick mia natierlich jewehrt«, schloß Wilhelm. »Haben Sie Zeugen?« fragte der Wachtmeister. »Die wer'n det schon bezeijen«, sagte Wilhelm. »Ich frage, ob Sie Zeugen dafür haben, daß Sie nur in Notwehr gehandelt haben?« »Ick hab ma nich umjekiekt, aba det missen alle jesehn haben, et war ja wie in'n Theata so voll, und der beste Beweis is doch hia der Auskloppa, den ick ihn abjenommen!« »Der beweist gar nichts, Sie müssen sehen, daß Sie Zeugen beschaffen, die Ihre Darstellung unterstützen. Und dann lassen Sie sich die Beule hinten am Kopf, wo Sie der Mann geschlagen hat, ärztlich bescheinigen. Das Zeugnis wird beigelegt. Jetzt werd' ich das Protokoll aufnehmen. Also nun noch einmal von vorne!« »Allens janz noch mal von vorne? – Na, denn los«, sagte Wilhelm mit einem tiefen Seufzer. »Und nun unterschreiben Sie – hier kommt der Name hin!« »Und wat wird nu?« fragte Wilhelm, der eigentlich erwartet hatte, daß der Wachtmeister den Portier sofort verhaften lassen und ins Gefängnis führen werde. »Jetzt werd' ich mir den Portier mal kommen lassen, und dann geht die Sache an die Staatsanwaltschaft!« »Ach du lieba Jott, sonne Umstände wejen die Keilerei«, sagte Wilhelm bedauernd, »wenn ick det bloß vorher jeahnt hätte!« Und dann war er entlassen und ging zu einem Arzt, der ihm seine Verletzungen für einen Taler bescheinigte und ihm sogar ein Pflaster auflegte. Nachher, als Wilhelm das Attest zur Polizei gebracht, ging er heim – mit sehr gemischten Empfindungen: »Ick hätt den Kerl lieba haun sollen, det ihn die Schwarte knackt; nu kost det allens bloß noch schweret Jeld, wo man sich lieba wat for hätte anschaffen können!« »Nee, nee, laß man, is sehr jut so«, sagte Anna, als ihr Wilhelm alles erzählt hatte, »hia muß wat Jesetzlichet jeschehen, sonst haben wa keene ruh'je Stunde mehr. Und nu lech dia uffs Sofa und ahol dia, denn du siehst eklich anjejriffen aus!« Am nächsten Morgen erschien zur ungeheuren Genugtuung Annas ein Polizist im Hause und verschwand in der Wohnung des Portiers. »Nu wird er jefesselt und abjefiehrt«, sagte Tante Marie, »und die Wohnung werden se denn woll vasiejeln.« Doch – diese Voraussicht erfüllte sich nicht, der Beamte kam nach kurzer Zeit allein wieder zum Vorschein und ging davon, ohne daß man von einem Akt des Gesetzes etwas vernommen hätte. Aber eine halbe Stunde darauf – da erlebte das Haus und die Ackerstraße eine große Sensation: die Portiersfrau, angetan mit Annas Samtmantille und gekrönt mit einem farbenprächtigen Hut, trat in Begleitung ihres Mannes auf den Hof und dann auf die Straße und schlug den Weg nach der Polizeiwache ein. Als sie zurückkehrten, zeigten beide ein feierliches, verschlossenes Wesen, winkten der Frau Kufahl und nahmen sie mit in ihre Wohnung. Und als Frau Kufahl nachher wieder erschien, zeigte diese dasselbe feierliche, verschlossene Wesen wie die Portiersleute und hatte nur auf alle Fragen ein geheimnisvolles Lächeln. »Det bedeut nischt Jutes«, sagte Tante Marie, »wenn ma bloß erst wüßte, wat dahintastecken tut!« Am Nachmittag erfuhren sie es, da kam, jetzt zur ungeheuren Genugtuung der Portiersleute, wieder ein Polizeibeamter, der aber diesmal in der »unterirdischen Tante« verschwand. Und dann machte sich eine Stunde später Wilhelm auf den Weg nach der Wache, und als er zurückkehrte, sagte er: »Nu haben se jejen mia ooch Strafantrach jestellt wejen Körpavaletzung und Beleidijung. Ick soll die Frau uff ihren Lausekopp jehaun haben, die Kufahl will det beschwörn, aba et is nich wahr, Anna, det kann ick beschwörn, nua an'n Ärmel ha' ick ihr festjehalten!« Tage und Wochen vergingen, die Aufregung legte sich, es schien alles wieder im Geleise zu sein. Wenigstens kam es zu keinem neuen Zusammenstoß; man ging sich auffällig aus dem Wege, als könnte man sich aneinander verbrennen. Doch da berichtete Tante Marie eines Morgens kummervoll, daß ihr »die Selje« im Traum erschienen sei und ihr Umschlagetuch wie eine schwarze Flagge geschwenkt habe. »Und allemal, wenn mia die ascheint, denn passiert wat, paßt uff, ick hab's eich vorher jesacht, det hat wat Schlechtet zu bedeiten!« Richtig, nach den berühmten drei Tagen kam ein Brief an Herrn Gastwirt Wilhelm Lemke, und als der das unheilverkündende Siegel abgemacht und das Schreiben gelesen hatte, sagte er: »So – nu jeht der Tanz los, nächsten Sonnabend is die Vahandlung!« Onkel Karl, der am Abend in der »unterirdischen Tante« erschien, las das Schreiben sorgfältig und sagte: »Willem, hör uff mia, ick meene et doch jewiß jut mit dia, ick werd dia morjen eenen Rechtskonsulenten schicken, der dia jenau saren wird, wieste dia vor Jericht zu vahalten hast, sonst schlidderst du rin, und die vadammte Bande triumfiert iba dia!« »Schick'n man her«, sagte Anna, »schaden kann et ja nischt, und bessa is bessa!« »Ja – et is een sehr jesetzeskundjer Mann, der mit alle Parajrafen jenau Bescheed weeß«, sagte Onkel Karl. »Und denn keene Bange nich, Willem, die Unschuld muß ja siejen, und die Kufahl, wenn se det wirklich beschwört, kommt wejen Meineid ins Zuchthaus, det kann ick dia heite schon saren, denn ick weeß ooch Bescheed, for dumm soll mia keena nehmen!« Aber der »Jesetzeskundje«, ein altes vertrocknetes Männchen, das nach Alkohol roch, war ganz anderer Ansicht. Als er am nächsten Abend in der »unterirdischen Tante« erschien, legte er eine dicke, schwarze Glanzledertasche auf den Stammtisch, nahm ein Quittungsformular und sagte düster: »Zuerst die Jebühren! – Zwee Tala! Sie sind der Jastwirt Lemke – jeboren wann? – wo? – vaheiratet mit? – wat is Ihr Vata? – lebt Ihre Mutta noch? – wie oft vorbestraft? – – So – und nu merken Se sich mal, wat ick Sie jetz sare, aba merken Se't ooch wirklich: Vor Jericht sieht allet anners aus, a's wie't is – haben Se det vastanden? Zweetens: Vor Jericht jilt nua, wat die Zeijen aussaren – haben Se det kapiert? Scheen, wo sind Ihre Zeijen, und wer sind Ihre Zeijen? Sie können sich dabei setzen, aba vor Jericht missen Se stehn – det is sehr wichtich, merken Se sich det, sonst werden Se wejen Unjebühr bestraft, und den Hut ab, um Jottes willen, Mann, den Hut ab, jetz können Se de Mütze uffbehalten, merken Se sich det, det is sehr wichtich!« »Ick hab keene Zeijen«, sagte Wilhelm, »ick wollte det allet selbst bezeijen!« »Mensch – Se haben keene Zeijen?« Der Gesetzeskundige packte seine Glanzledertasche zusammen und griff nach dem Hut, als wollte er gehen. »Villeicht trinkt der Herr eenen Kümmel«, sagte Anna, die bestürzt zugehört hatte. »Oda villeicht jenehmicht der Herr wat anneres, wia haben ooch Spirituosen und annere Sorten geistje Jetränke.« Der Gesetzeskundige sah sie streng an, dann sagte er: »Eijentlich jehört sich det ja nich bei sonne ernste Sache, und ick sare Sie det im juten: Trinken Se sich um Jottes willen keene Kurasche an vor die Vahandlung – sonst sind Se jleich unten durch, denn det riecht man. Also, haben Se'n Likör? 'n Jrog wär ma freilich lieba!« Und als das dampfende Glas vor ihm stand, sagte er, als könne er das gar nicht fassen: »Se haben keene Zeijen? Und wie wollen Se denn wat bezeijen, wo Sie janich derfen – Se sind doch Anjeklachta, Se können azehlen, wat Se wollen, keen Mensch jloobt Ihn'n wat, det is allens Schwindel!« »Aba die Wahrheet muß doch siejen«, sagte Anna, »die Sonne bringt doch allens an'n Tach, hab ick in die zweete Klasse jelernt!« »Vor Jericht nich, da jilt nua, wat die Zeijen aussagen. Und Sie haben keene, folchlich werden Sie vaurteilt, und zwar nach Parajraf – warten Se mal!«, er schlug in einem schwärzlich und fettig aussehenden Buche nach, »und zwar nach Parajraf 223 bis 233. Passen Se uff: ›Wer vorsätzlich einen anderen körperlich mißhandelt oder an der Jesundheit beschädigt, wird wejen Körperverletzung mit Jefängnis bis zu drei Jahren bestraft.‹ Warten Se mal: ›Sind mildernde Umstände vorhanden', er suchte eifrig, »det Jeringste, wat Se kriejen können, is een Monat Jefängnis. Also, den haben Se sicha, da is janischt mehr jejen zu machen. Und nu wollen wa mal sehen, ob wa mildernde Umstände rauskriejen. Ihre Frau kann mia noch 'n Jlas Jrog jeben, und denn schildern Se mia mal den Vorjang, aba bleiben Se bei de Wahrheet, setzen Se nischt hinzu, und verschweijen Se nischt, wie't vor Jericht heeßt!« Und dann begann Wilhelm nochmals die ganze Geschichte zu erzählen. »Wenn ick ehrlich sind soll«, sagte der Gesetzeskundige, »denn steht Ihre Sache nich jut. Wir wollen mal jetz noch 'n Lokaltermin abhalten, führen Se mia nach den Hausflur, damit ick die Sachlare aus'n Tatort beurteilen kann!« Als sie hinaus waren, sagte Anna zu der stumm die Hände ringenden Tante Marie: »Wenn Willem int Jefängnis kommt, denn muß die Bande int Zuchthaus!« XX Auf dem Korridor des Gerichts Einen Tag vor der Gerichtsverhandlung mußte sich Frau Lemke legen – sie war in ihrem Zustand so elend geworden, daß sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. »Jott, Willem, det is die fortwährende Uffrejung, die muß ja 'n Menschen runtabringen«, sagte Anna. »Ick wär so jerne mitjekommen, um ßu sehen, wat nu eejentlich wird! Und nu sollste so muttaseelenalleene jehn, denn Tante Marie muß doch wejen die Jäste hiableiben! Wenn sie dia nu jleich dabehalten?« »Mia is allens janz ejal«, sagte Wilhelm, »meenswejens können se Hackfleesch aus mia machen, aba det eene weeß ick, ehe se mia inspunnen, reiß ick die Portjehfrau den Kopp ab und schmeiß'n durch die Fensterscheibe uff die Straße!« »Det wirste nich tun, Willem, mach dia nich unjlicklich for't janze Leben!« »Siehste, Anna, uff de Menschen is eben keen Valaß. Wenn man ne Landpartie macht oda Kindtoofe feiert, denn haben se imma Zeit. Aba – wo is nu Onkel Karrel und Onkel Aujust?« »Dettet bloß nich vaschläfst, Willem, ick werd ja de janze Nacht wachliejen, aba jrade an sonne Tare, da kann ma und kann ma sich frieh nich amuntern. Putz dia man heite abend schon de Stiebel und bürscht dia den schwarzen Rock aus, sonst haste Uffenthalt!« Zu derselben Zeit, da Wilhelm am anderen Morgen aus dem Keller trat, verließen die Portiersleute und Frau Kufahl das Haus, alle drei in ihrem Sonntagsstaat. Wilhelm, der sofort auf die andere Straßenseite ging, hatte sich zwar von den Handschuhen, die er heute trug, einen besonderen Effekt versprochen, nun hielt er es aber doch für angebracht, sich unterwegs noch eine neue Krawatte zu kaufen. Mit der Gewissenhaftigkeit, mit der er nachher seine Aussagen machen wollte, reinigte er sich dann, ehe er das Gerichtsgebäude betrat, die Stiefel an der Kratzbürste. In dem Augenblick aber, da er die Tür öffnete und das Stimmengesumme in den Korridoren hörte, wurde er plötzlich gedächtnisschwach, mußte sich erst den Brief mit dem Stempel und den Aktenzeichen vornehmen und – obwohl er die Zahl zu Hause auswendig gelernt – noch einmal nachsehen, in welchem Zimmer er sich einfinden sollte. Beim Suchen danach stieß er auf lauter Türschilder, die ihn entmutigten und verzagt machten. »Angeschuldigte – Präsident – Gerichtsphysikus – Staatsanwalt«, und wenn sich eine dieser Türen öffnete, wenn jemand heraustrat, fürchtete er durch die Spalte mitten in ein entsetzliches Geheimnis zu blicken. Schließlich war es ihm, als spazierte er in einem Irrgarten: Die Schilder waren voll Tücke, die Pfeile, die die Richtung angeben sollten, zeigten plötzlich nach der Decke, alle Türen sahen gleich aus, und dabei geriet er zu seinem maßlosen Erstaunen doch immer wieder trotz allen Laufens an dieselbe Stelle, an der er eben erst gewesen. Er war in der richtigen Verfassung, ganz kopflos zu werden, und es tröstete ihn nur, daß er noch andere geängstigte, erhitzte Menschen in dem großen Gebäude umherjagen sah, die sich ebenfalls nicht zurechtfinden konnten. Durch irgendeinen Zufall geriet er an eine Tür, auf der die Nummer, die er suchte, groß und deutlich prangte, und verblüfft fragte er sich, warum er sie nicht gleich entdeckt, da sie ja, wie er nun sah, ganz leicht zu finden gewesen war. Er blickte auf seine dicke, große Taschenuhr und war froh, als er merkte, daß er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, ehe es »anfing«. Nun setzte er sich auf eine der Bänke und spähte nach den Portiersleuten aus: Ja, da waren sie, und auch Frau Kufahl, die sogar etwas aß. Dick und behaglich saß sie da, wie ein Kaninchen, die Kinnbacken in gleichmäßiger Kaubewegung. Eine Stulle nach der anderen kam zum Vorschein, sie wickelte sie aus, besah sich den Belag, stopfte das Papier in die Spalte zwischen Bank und Wand und hörte zu, was die Portiersfrau erzählte. Der Portier aber hatte das Angstgähnen bekommen und steckte die anderen damit an. Erst hatte er es zu unterdrücken versucht, wischte sich mit dem Knöchel verstohlen die Tränen aus den Augen, aber dann wurde es immer schlimmer mit ihm, und schließlich folgte dem Aufreißen der Kiefer ein langgezogener melancholischer Laut, wie von einem dressierten Hunde. Er schien selbst darüber erschrocken zu sein und blickte nach dem Gerichtsdiener. »Wat hujaxten immafort, hättste lieber wat jejessen«, hörte Wilhelm die Portiersfrau sagen, und er merkte, daß auch er besser daran getan hätte, sich eine Stulle mitzunehmen. Mit der Schrippe, die er heute früh um sechs Uhr hastig heruntergeschlungen, würde er es kaum aushalten können. Denn nun war es schon über eine halbe Stunde nach der angesetzten Zeit, wer weiß, wie lange es noch dauern konnte! Dabei war eine ungeheure Geschäftigkeit in dem Hause, ein fortwährendes Kommen und Gehen. Die Rechtsanwälte flatterten mit ihren schwarzen Roben und Mützen durch die Korridore. Schutzleute und Gendarmen erschienen, geschminkte Mädchen, und da war ja auch der »jesetzeskundje Mann«, der sich benahm, als wenn er hier geboren worden wäre. Er nickte den Rechtsanwälten vertraulich zu, nahm sich eines Neulings an und teilte ihm mit, »det det Zimma, wo die Zeijenjebührn ausbezahlt werden, ne Treppe tiefa, jleich rechts neben den Einjang wäre«! Aber kopfschüttelnd ging er dann weiter, als er merkte, daß der Mann auf alle Zeugengebühren verzichten wollte, wenn er dafür nur etwas früher fortkommen könnte, denn er wartete, wie er sagte, »schon zwee jeschlarene Stunden und habe za Hause ne kranke Frau«! Und dann wollte der »Jesetzeskundje« plötzlich in einen der Säle dringen, wurde aber von dem Gerichtsdiener zurückgehalten und wagte nun sogar zu streiten. Nein, er wollte sich nicht dort auf die Bank setzen, er wollte in den Saal, und wenn er daran gehindert werde, würde er sich beschweren. Und als ihm das nichts half, begann er aufgeregt kreuz und quer umherzulaufen, um sich besser überlegen zu können, was er nachher »da drinne« zu sagen habe, denn er müsse seinen Klienten verteidigen. Und wie ein Schauspieler, der eine Rolle lernt, begann er zu gestikulieren, stieß dumpfe Drohlaute aus und blickte mit geistesabwesenden Augen über den Diener hinweg, bis er dann wieder in Meinungsverschiedenheiten mit ihm geriet, wobei er beteuerte, ein »freier Mann zu sein, der stets seine Steiern bezahlt habe«. Wilhelm sah, wie der Portier in dem Zimmer verschwand, und hielt es für angebracht, ihm nachzugehen. Aber erst prüfte der Gerichtsdiener die Vorladung, verglich etwas mit einem Zettel, den er besaß, und dann schob er Wilhelm mit sanfter Gewalt vorwärts in eine Art Gehäuse, das an die geschlossenen Kirchenbänke erinnerte. Und da saß nun Wilhelm zu seiner eigenen Überraschung neben dem Portier auf einer Bank, starrte die schmutziggrauen Wände, die mit grünem, schon zerschlissenem Tuch bedeckten Tische an, wunderte sich über das mächtige schwarze Tintenfaß und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Denn im übrigen hatte er die Empfindung, daß ihn das alles gar nichts anginge, erinnerte sich nur immer für eine Sekunde daran, wenn er den Portier neben sich sah, und schließlich verfiel er in behagliches Träumen: Er dachte an den großen Garten draußen in Schöneberg, bekam eine heiße Sehnsucht nach seiner Mutter – und plötzlich erhob er sich erschreckt mit den anderen Anwesenden und blickte erwartungsvoll die Herren an, die hinter den grünen Tischen Platz genommen hatten. XXI Die Verhandlung »Und nun, Angeklagter Lemke, erzählen Sie mal so kurz wie möglich, was sich am dreizehnten September in dem Hausflur ereignet hat!« Wilhelm erwachte wie aus einer Betäubung. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß man bereits mitten in der Verhandlung war, daß er schon, allerdings wie im Traumzustande, eine ganze Reihe Fragen beantwortet hatte, fast dieselben Fragen, die neulich der Gesetzeskundige an ihn gerichtet. Und jetzt sollte er also wieder einmal die Geschichte erzählen, die er nun schon so oft erzählt. Ganz geläufig, als wenn er ein Gedicht aufsagte, brachte er sie hervor und vergaß selbst an der richtigen Stelle nicht die Unschuldsbeteuerungen, die er hier und dort stets eingeschoben hatte. Als er sich dann aber triumphierend umblickte und noch einige Schlaglichter aufsetzen wollte, fuhr ihn der Herr, der ihm bisher ganz freundlich erschienen, plötzlich an: »Ist genug – fertig. Sie können sich setzen!« »Und jetzt schildern Sie den Vorgang«, wandte er sich dann an den Portier, der während Wilhelms Vortrag fortwährend den Kopf geschüttelt und mit den Händen geschlenkert hatte. »Also – et is allens janz anners jewesen, Ha Präsident!« begann der und schluckte, wobei er die Augen eindrückte, um anzudeuten, daß er sich die Szene ganz genau vergegenwärtige. »Also ick hatte jrade Tepp'che jekloppt und wischte mia den Schweeß ab ...« »Fassen Sie sich kürzer«, fuhr ihn der freundliche, alte Herr an. »Kürza kann ick mia nich fassen«, sagte der Portier resigniert, »det jehört allens dazu, sonst is ja die janze Jeschichte nich verständlich. Also ick hatte mia jrade den Schweeß abjewischt, da hör ick uff eenmal 'n Jeheil wie von die Injaner. ›Anton – Anton‹, schreit jemand, a's wenn er an'n Spieß steckt, und ick denke jrade: ›Nanu, die Stimme haste doch schon mal jeheert, die kommt dia doch so merkwirdich bekannt vor!‹ Und wie ick noch drieber nachdenke, loofen meene Beene schon janz von alleene ...« »Also – ich werde Sie jetzt fragen«, fuhr der alte, freundliche Herr, der eben noch so getan, als wolle er ein Mittagsschläfchen machen, dem Portier plötzlich dazwischen: »Sie haben also den Ausklopfer genommen, sind in den Hausflur gelaufen und sahen – nun, was sahen Sie da?« »Et war kummervoll, Ha Präsident«, sagte der Portier, überwältigt von der Erinnerung. »Er hatte meene Olle unta und schlenkerte ihr, die Neese hatte sie schon im Jenick sitzen, und die Oogen hingen so zu'n Kopp raus, wie so'n Knopp, der man bloß noch an eenen Faden bammelt!« »Und da haben Sie mit dem Ausklopfer auf den Angeklagten Lemke eingeschlagen?« »Janz int Jejenteel, ick hab janz freindlich ßu ihn jesacht: ›Aba, Ha Lemke, wat machen Se denn da, meene Olle wird ja brejenklieterich werden.‹ Da hat er ihr hinjeschmissen wie so'n Sticke Wischlappen, is mit die Beene druff rumjetrampelt, denn hat er mia den Auskloppa wechjerissen, hat mia damit uff'n Kopp jedrescht, und denn is er uff die Frau Kufahl losjejangen und hat ihr 'n Zopp abjerissen und in die Tasche jestochen!« In maßlosem Erstaunen hatte Wilhelm den Portier angeblickt, jetzt hob er, wie einst in der Schule, den Finger und sagte treuherzig: »Ha Präsident, ick will totfallen und um sind, wenn ooch nua een eenzjes Wort von diese Räubajeschichte wahr is – nee, det hab ick wahaftjen Jott nich jetan, denn wird ick mia ja ßu Tode schämen, ick vajreif mia an keene Frau, nur an'n Ärmel hab ick ihr jeschittelt!« »Stille!« rief der alte, freundliche Herr mit einer Stimme, daß die Fensterscheiben klirrten, und sich an den Gerichtsdiener wendend, donnerte er: »Führen Sie die Zeugin Anna Luise Kufahl, geborene Zeisig, herein!« Draußen auf dem Korridor hörte man den Gerichtsdiener den Namen rufen, dann trat Frau Kufahl herein, sah sich mit einem zagen Lächeln um und blickte, Kraft und Stärke suchend, die Portiersfrau an, die regungslos mit eingezogenem Halse bisher auf einer der Bänke gesessen hatte. Auch von Frau Kufahl wollte der freundliche, alte Herr, der nun wieder eine gütige, liebevolle Stimme hatte, allerlei wissen, und auf einmal wurde es ganz feierlich – alle hatten sich von ihren Sitzen erhoben, und Frau Kufahl sprach nach, was ihr der alte Herr da vorsagte. Wilhelm war plötzlich leicht und froh ums Herz geworden, es kam ihm vor, als sei Frau Kufahl, nachdem sie die Eidesformel aufgesagt, noch einmal eingesegnet worden. Jetzt mußte die Wahrheit ans Tageslicht kommen, denn Frau Kufahl durfte ja weder etwas hinzusetzen noch etwas verschweigen, sonst drohte ihr schwere Zuchthausstrafe. »Also, was haben Sie gesehen, Zeugin?« Frau Kufahl, die bisher einen recht gebildeten und netten Eindruck gemacht hatte, sah den alten Herrn eine Zeitlang starr an, dann hob sie plötzlich den Kopf, drehte ihn nach allen Seiten und betrachtete eingehend die Zimmerdecke, als sei sie durch den Eid dazu verpflichtet worden. »Also – Zeugin«, ermunterte der alte Herr, »Sie waren dabei, als am dreizehnten September der Angeklagte Lemke mit dem ...« »Ick jloobe, et war doch der vierzehnte September jewesen«, sagte Frau Kufahl weinerlich. Der alte Herr blickte in die Akten, schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, es war der dreizehnte!« »Aba unse Minna hat doch jrade Jeburtstach jehabt«, sagte Frau Kufahl. »Also, das Datum steht fest, da ist gar kein Zweifel möglich«, sagte der alte Herr, und seine Stimme begann zu grollen. »Was haben Sie also an jenem Tage gesehen?« »Er hat ihr jeschlaren«, sagte Frau Kufahl und blickte plötzlich wieder nach der Decke, als fürchte sie, daß sie ihr auf den Kopf fallen könnte. »Wer hat wen geschlagen – erzählen Sie doch vernünftig, es tut Ihnen doch niemand etwas, Sie waren doch dabei, als der Angeklagte Lemke in den Hausflur kam?« »Ja!« »Na – und was war da?« Der alte Herr sprach plötzlich in einem Ton, als habe er ein ganz kleines Kind vor sich. »Ick wollte an dem Tare jrade Hascheh machen, denn ick hatte sonne scheene Lunge jekooft, aba ick hatte keenen Troppen Essich za Hause, und da mußte ick noch mal runter«, sagte Frau Kufahl, und der alte Herr nickte, als begriffe er das vollkommen. »Na, und da is's denn so jekommen!« »Wie?« »Na – ick hab welchen jeholt!« »Was haben Sie geholt?« »Na – Essich – ick sach' doch immafort schon!« »Schön – na und dann?« Frau Kufahl begann sich plötzlich zu erinnern. »Wie wir beede so zusamm' sprechen, denn ick hatte ihr ja jetroffen ...« »Wen?« Frau Kufahl sah den alten Herrn wegen dieser Unterbrechung etwas unwillig an und schien ihn für ein bißchen schwachsinnig zu halten: »Na ihr – die Portjehfrau. Also wie wa so stehn und uns untahalten, kommt Ha Lemke wie so'n Losjelassener aus die ›untaird'sche Tante‹ jestürzt, scheicht uns beede in den Flur, kricht die Portjehfrau ins Jenicke, haut ihr uff'n Deetz, det se jleich janz windschief aussieht, fuchtelt mia mit de Faust um de Neese rum, und als denn der Portjeh zukam, war man bloß noch een eenzjer Kuddelmuddel!« »Hat Ihnen der Angeklagte Lemke einen Zopf abgerissen?« »'n Zopp? Nee – det nich! Der is von janz alleene uffjejangen, der jeht imma uff, wenn ick mia aschrecke und keenen Hut uffhabe!« Mit großen, entsetzten Augen starrte Wilhelm noch immer Frau Kufahl an. Was sie jetzt auf die weiteren Fragen noch antwortete – daß der Portier mit dem Ausklopfer zuerst geschlagen, daß sich Wilhelm eigentlich nur gewehrt –, konnte ja alles wahr und richtig sein, aber das andere war falsch: Er hatte die Portiersfrau nur am Ärmel geschüttelt, ihr weiter nichts getan. Das mußte Frau Kufahl wissen, sie aber hatte ausgesagt, daß er die Portiersfrau auf den Kopf geschlagen, das war eine Lüge, und dafür kam sie ins Zuchthaus. Und es verschwamm ihm alles vor den Augen, er hörte kaum noch, was um ihn herum vorging, bis sich einer der schwarzen Herren, der – wie Wilhelm meinte – eine »kleene Leichenträjermitze« auf dem Kopf hatte, erhob und zu sprechen begann. Der würde jetzt veranlassen, daß Frau Kufahl wegen Meineides ins Zuchthaus kam. »Durch die Aussage der einwandfreien Zeugin Kufahl ...« Alles andere der Rede schwirrte an Wilhelms Ohren vorüber, sein ganzes Denken klammerte sich nur an das Wort »einwandfrei«, bis er plötzlich erschrocken zusammenfuhr. Was hatte der »Leichenträjermitzenmann« da eben gesagt, »er beantrage, daß der Restaurateur Wilhelm Lemke wegen Körperverletzung zehn Taler Strafe zahlen sollte, während der erste Angeklagte, der wiederholt vorbestraft sei, wegen Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzeuges zu drei Monaten Gefängnis verurteilt werden solle«? Und da erhoben sich alle Herren hinter dem grünen Tisch, nur der »Leichenträjermann« blieb höchst zufrieden sitzen, und verschwanden in einem Nebenzimmer. Obwohl die Saaltür nach dem Korridor geöffnet wurde, Leute herausgingen oder hereinkamen, so daß es schien, als sei nun alles aus, blieb Wilhelm doch auf seinem Platz, da ja auch der Portier und Frau Kufahl blieben. »Die Sache muß sich ja uffklären«, dachte Wilhelm, »ick for nischt und wieda nischt zehn Taler, der da«, und er schielte verstohlen nach dem Portier, »jleich uff drei Monate ins Kittchen, und die beeden Karnalljen da – die Kufahl und det annere Klatschmaul – kriejen janischt!« Und auf einmal erschienen die schwarzgekleideten Herren wieder im Saal, setzten sich, und Wilhelm sagte sich: »So, nu kommt die Revision!« Der alte, freundliche Herr redete etwas, so rasch, daß man es kaum verstehen konnte. Nur Bruchstücke: »... in Anbetracht der seit langem bestehenden Feindschaft zwischen den Parteien ...« Dann auf einmal ganz deutlich: »... wird der Angeklagte Wilhelm Lemke zu einem Taler und der erste Angeklagte trotz seiner erheblichen Vorstrafen nur zu zehn Taler Strafe oder zehn Tagen Gefängnis verurteilt.« Wilhelm hatte unwillkürlich nach dem Portemonnaie gefaßt, »um die Jeschichte jleich glattzumachen«, aber der Gerichtsdiener dachte gar nicht ans Einkassieren. XXII Umzug »Und nu ha' ick de Neese pleng«, schloß Wilhelm seine Erzählung, »plenger kann se janich werdn!« Nach einer Weile, während Anna und Tante Marie stumm und niedergeschlagen dagesessen, fügte er hinzu: »Da haben wa jejloobt, det wa uns hia Freinde aworben haben! Nu sehn wa't ja, wat det for Freinde sind. Denn wenn die annern ooch so tun – jetz jloob ick an keen'n mehr, alle sind se falsch! Und worum? Weil se't een nich jönnen, det man 'n bißken Jlick jehabt hat!« »Na – det is nu ooch nich janz richtich«, sagte Tante Marie. »Erst seit ihr damals in die Lotterie jewonnen habt, da fingen se an, so von hinten rum Andeitungen ßu machen, det ihr von Jottes und Rechts wejen det Jeld hättet redlich unter alle verteilen sollen.« »Ja – et soll mal bloß eener kommen mit seene Ansprüche«, sagte Anna und hob die Hand, als ohrfeige sie jemanden. »Und nu paß mal uff«, sagte Wilhelm, »det wird nu so weiterjehn, bis ick mia mit die janze Ackastraße jekeilt habe. Denn wat jloobste woll, det sind ja rachsichtje Karnalljen, diese Pottjehs, die loofen ja rum und machen beeset Blut jejen eenen!« »Und wat man so allet in lauta Liebe und Freindschaft vasetzt kricht«, sagte Anna. »Mia traut sich ja keener wat zu saren, und ick lach ja ooch heite den janzen Vormittag – ick hatte so jreuliche Schmerzen –, aba erzehl ma, Tante Marie, wat der Schlossa jesacht hat!« »Er hat mit so'n hehnischet Lächeln jesacht: ›Na – nu werden woll die Knoblenda bald 'n bißken jrößa und dicka bei eich werden?‹ Und als ick ihn druff janz sanftmietich frare: ›Woso, wie meenen Se det?‹ sacht er: ›Na ja, wenn man die Konkurrenz ibatrumpfen will!‹« »Det vasteh ick nich«, sagte Wilhelm. »Ick zaerst ooch nich«, sagte Tante Marie, »bis er denn deitlicha jeworden is: Also, an die Ecke wird ooch ne Jastwirtschaft uffjemacht. Der Laden is vermiet', und nu kriejen wa Konkurrenz.« »Ach so?« Wilhelm begann auf und ab zu gehen. Dann blieb er plötzlich stehen und sagte entschlossen: »Wißt ihr wat? Det beste wär doch – raus aus die vaflixte Jejend, janz raus. So ville haben wa ja, Jott sei Dank, det wa den Betrieb janz und jar vaändern können, wa haben et ja doch jewiß nich netich, hia in det Kellaloch ßu sitzen und uns von die vadammte Bande Jallensteene ärjern ßu lassen!« »Det sare ick ooch«, stimmte Anna bei, »schon wejen Edwin und det annere, det noch unterwegs is. Denn wenn wa ooch hinten die Wohnung haben, wa schlafen ja bloß drinne, die meeste Zeit sitzen wa doch hia unten. Und det kann for keen Kind jut sind. Edwin sieht jrien aus, det macht die schlechte Luft; wo keene Sonne hinkommt, kann ooch nischt jedeihen!« »Det is ja richtich«, sagte Tante Marie, »aba wer weeß, wie et uns woanners jeht und unta wat for Pack wia da erst kommen! Jedenfalls mißte die Sache erst jrindlich ibalecht werden!« Und sie wurde gründlich überlegt. Denn wenn auch Tante Marie, die »ihre Jejend«, die Ackerstraße, sehr liebte, immer noch heimlich gehofft hatte, daß allmählich alles wieder ins alte Geleise kommen werde, so merkte sie schließlich doch selbst, wie gut es wäre, wenn der Schauplatz geändert würde. »So wat von Rachsucht is ma ja noch janich vorjekommen«, sagte sie eines morgens beinahe weinend, als sie in die »unterirdische Tante« gekommen war. »Jeh ick durch'n Flur, besprengt mia der Kerl mit'n Schlauch die janzen Beene, bis an die Knie, wo ick so schon mit det Jliederreißen ßu tun habe!« »Ja – und ick steh for nischt mehr in«, sagte Wilhelm, der vor Wut kirschrot geworden war, »wenn ick den Kerl jetz noch mal unter die Klauen krieje, denn hau ick'n ßu Appelmus. Ick muß mia imma ßusammennehmen, wenn er mia so dämlich anjlotzt, det ick'n nischt tue.« »Na – und wie mia die Uffrejung schadet«, sagte Anna, »wat soll denn det for'n Kind werden! Wenn ick ma nich vakieke, denn wird's 'n Krippel oda 'n Mörda, denn ick beschäftje mia bloß noch in Jedanken, wie ick dem Pottjehweibe de Haare von Koppe reiße und se det Jenicke breche!« »Denn wollen wa doch schon aus die vaflixte Jejend raus«, sagte Tante Marie, »hia is vorbei mit uns!« Und mit einer gewissen Genugtuung setzte sie hinzu: »De Sahne haben wa ja ooch abjeschöppt, der Neue an de Ecke wird's bald merken, laß'n man kommen!« »Ja, et bleibt wirklich nischt ibrich, ick werde nu jeden Tach jehen und sehen, det ick wat anneres finde«, sagte Wilhelm. »Na – det wird'n Uffruhr jeben«, sagte Anna. An einem der nächsten Vormittage erschien dann der Portier mit einem Stuhl vor der Haustür. Er stieg hinauf und nagelte einen roten Pappdeckel mit der Inschrift: »Hier ist ein Kellerlokal zu vermieten« über dem Eingang an. Der Portier tat dies mit einer gewissen Genugtuung, aber auch mit einer gewissen Wehmut, denn er wußte, daß, wenn Lemkes jetzt auszogen, seinem Leben Wert und Inhalt genommen war. Wo fand er nun eine Ersatzpartei, mit der er sich in den Haaren liegen konnte? Dann begann Onkel Karl seine Besuche regelmäßig zu machen. Er kam, wie man bald merkte, um die Möbel Tante Maries für den Umzug aufzuputzen und zu polieren. Man hörte ihn sägen und hämmern, und Tante Marie führte seitdem ein Leben wie ein Hottentotte, wie sie sich ausdrückte. Denn ihre Bettstelle war frisch gestrichen worden, und die Farbe wollte und wollte nicht trocknen. Außerdem herrschte eine greuliche Finsternis in der Stube, weil Onkel Karl, damit die Leute nicht durch die gardinenlosen Fenster sehen konnten, alte Decken vor die Scheiben genagelt hatte. In den Straßen der Stadt begannen die grünen Möbelwagen allmählich eine Rolle zu spielen. Man sah sie vollbepackt dahinschwanken, ein Greuel für die Kutscher anderer Fuhrwerke, denen sie den Weg versperrten. Und dann war endlich jener große Tag gekommen, da ein solches grünes Ungetüm vor der »unterirdischen Tante« haltmachte, eine Anzahl wild und verwegen aussehender Männer unter Onkel Karls Oberleitung das Innere des Wagens verließen und mit großem Hallo in der »unterirdischen Tante« verschwanden. Beim Anblick dieser Rotte hielten es der Portier, seine Frau und ihre Freundin Kufahl, die jetzt im Besitz der Samtmantille war, doch für angebracht, sich hinter die Haustür zurückzuziehen und von dort aus die Weiterentwicklung der Dinge zu beobachten. Aber es dauerte lange, ehe die Männer wieder zum Vorschein kamen, und inzwischen sammelten sich die Kinder aus der Ackerstraße bei dem leeren Möbelwagen, zogen das Seegras aus einer auf dem Bock liegenden, schadhaften Matratze, versuchten die Pferde damit zu füttern und spielten dann, da sich die Pferde beharrlich weigerten, Versteck und Zeck in und um den Wagen. Aber dann ergriffen sie allesamt plötzlich die Flucht: Onkel Karl war auf der Straße erschienen und gab im Feldherrnton die notwendigen Anweisungen zum Aufladen der Möbel. Der Oleander, der den Eingang geziert, wurde beiseite gerückt und neben ihn dann, als erste Stücke, eine Petroleumlampe und ein Spiegel gestellt, den die Hunde anbellten und alle Vorübergehenden benutzten, um die Wirkung ihrer Persönlichkeit zu prüfen. Wer von ihnen dann noch einen Blick in das Innere des Kellers tat, sah, daß dort noch immer in fieberhafter Eile gepackt wurde. »Det wa aba ooch sonne Masse Krimskrams haben«, hörte man Frau Lemkes Stimme. Immer lauter und schallender wurden die Stimmen in den leer werdenden Räumen. Dann erschien Tante Marie in ihrem Umschlagetuch, stieg mit Hilfe einer »Hutsche« auf den Möbelwagen und nahm auf dem Bock Platz. Wilhelm mußte ihr die Lampe hinaufreichen, die sie sich auf den Schoß nahm. Und da saß sie und ließ geduldig alle Witze der Straßenjungen über sich ergehen und wurde selbst nicht böse, als einer sie fragte, »ob sie eene kluge Jungfrau sei, die Öl uff ihre Lampe jejossen habe«? Dann erschienen Herr und Frau Lemke mit dem kleinen Edwin und nahmen neben ihr Platz. Auch der Kutscher stieg hinauf, aber gerade als die Pferde anziehen wollten, schrie Tante Marie: »Um Jottes willen, ihr vajeßt ja den Oljanda!« Der grüne Kübel mit dem trübseligen Baum wurde hinten auf den Wagen gesetzt, dann begannen sich die Räder zu bewegen, und einige freundlich gesinnte Leute schrien hinterher: »Adje, adje, lassen Se mal wat von sich hören!« Zweiter Teil Die Sache macht sich! I Landsberger Straße 136a Ein schöner Sommertag mit all dem frohen, geräuschvollen Treiben, das sich dann in Berlin zu entwickeln pflegt. In den ersten Nachmittagsstunden begannen ganze Karawanen durch die Straßen zu ziehen, die Omnibusse, die über das holprige Pflaster rasselten, waren dicht besetzt, die Pferdebahnkutscher mußten fortwährend klingeln, um die Geleise frei zu bekommen, und auf dem Fußsteig wimmelte es von Kinderwagen, die von geputzten Müttern geschoben wurden. An solchen Tagen, da alle Welt ins Freie, ins Grüne drängte, blieb es in der Gaststube des Lemkeschen Bierlokals ziemlich still. Die wenigen Stammgäste, die sich heute eingefunden, saßen hinten in der großen, dämmrigen Stube, waren vorläufig versorgt, spielten jetzt ihren Skat, und Herr Wilhelm Lemke konnte sich daher unbesorgt einen Stuhl vor den Eingang setzen, um nun auch ein bißchen frische Luft zu schnappen. Er rauchte dabei seine Zigarre, blickte bald nach links, bald nach rechts die Landsberger Straße hinunter, manchmal auch, wenn der schrille Schrei der Schwalben gar zu laut wurde, hinauf nach dem flimmernden blauen Himmel. Und zu seiner Beruhigung stellte er dann fest, daß noch immer kein Wölkchen zu sehen war und daß also doch kein Gewitter kommen werde, obwohl es wetterkundige Leute schon am frühen Morgen mit aller Bestimmtheit angekündigt hatten. Wer aus der Nachbarschaft vorüberkam und Herrn Lemke da sitzen sah, grüßte ihn freundlich, und er dankte, durch ein etwas schwerfälliges, wohlwollendes Nicken. »Der Mann wird zu dick, der sollte sich ein bißchen mehr Bewegung machen«, sagten dann die Leute wohl, wenn sie außer Hörweite waren, und in der Art, wie sie es sagten, lag eine gutmütige Besorgnis, daß Herrn Lemke der reichliche Fettansatz doch schädlich werden könnte. Nun ja, es war ja richtig, Herrn Lemkes Hals war ein bißchen sehr kräftig geworden und ließ sich kaum noch in einen Kragen zwängen, aber sonst genierte ihn sein Fett nicht weiter; die Weste ließ sich ja jederzeit aufknöpfen, und die Beinkleider waren weit und bequem gemacht, daß sich der »dicke Gastwirt«, wie man ihn wohl auch nannte, noch immer ohne jede Besorgnis bücken konnte. »Na, Herr Lemke, sind Se wieder mal alleene?« Der Zigarrenhändler von der Ecke war zu ihm getreten und schüttelte ihm die Hand. »Mutta is draußen in Scheeneberch!« sagte Herr Lemke und sah den Nachbar prüfend von oben bis unten an, als gedenke er sich auch solch einen salz- und pfefferfarbigen Anzug machen zu lassen und wolle sich den Schnitt merken. »Na ja – bei dem Wetter!« Und damit war die Unterhaltung vorläufig erschöpft, und Herr Krause hatte sich dadurch nur das Recht gesichert, neben Herrn Lemke zu stehen und mit ihm die vorübergehenden Leute zu betrachten. »Det zieht nu allens nach'n Hain«, sagte der Zigarrenhändler, um das Gespräch wieder in Fluß zu bringen, »det muß doch da schon kribbeln und wibbeln!« »Nach'n Friedrichshain?« Herr Lemke sah den Nachbarn überlegen an und schüttelte dann den Kopf. – »Nee, da irren Se sich!« »Na, wo denn sonst hin?« Herrn Lemke schien es nicht recht lohnend, dem anderen volle Aufklärung zu geben. Aber dann bequemte er sich doch dazu: »Wissen Se, wo die olle Windmihle steht, wo die Patzenhofer-Brauerei is – da sind doch lauter Järten! Na – und denn weiter uffs Feld!« »Uffs Feld?« fragte Herr Krause zweifelnd. »Se missen ooch mal sonntachs Ihre Kabuse zumachen«, sagte Herr Lemke, »sich de Stiebeln anziehen und rausjehen. Ick bin erstaunt jewesen, wie sich det da vaändert hat. Da buddeln se und machen se – eener hat mit anjefangt und sich ne richtje Laube jebaut, und nu wollen alle eene haben. Det is da wie in Amerika bei die Farmers, bloß det noch keene Löwen da sind, aba die werden se sich wahscheinlich ooch noch besorjen, se sind ja wie toll und varickt!« »Is ja nich wahr, Se machen man bloß Spaß, Herr Lemke. Wenn der Schangdarm kommt, missen se doch runta, und denn is doch allens for umsonst jewesen!« »Aber woso denn, det is doch vapachtet, rejulär vapachtet, da derf jeder machen, wat er will.« »Na«, sagte Herr Krause und kratzte sich bedenklich hinterm Ohr, »würden Se det tun, Herr Lemke? Ick tät's nich!« »For jeden is det ooch nich, da muß man die Kräfte ßu haben«, sagte Herr Lemke mit einem abtaxierenden Blick auf den mageren Nachbar, »aba wat meen Onkel Karrel is, der is feste mit bei, der is imma, wo wat los is!« »So?« »Ja«, sagte Herr Lemke, bei dem Gedanken an diesen Onkel Karl ganz lebhaft werdend, »der macht allens mit. Frieher hat er sogar mal 'n Jesangvaein jejründet, der hieß ›Blaue Kaffeetiete‹, denn hat er sich uffs Angeln jelecht, aba man bloß Plötzen jefangen, und nu is er uff de Tauben vasessen. Die zichtet er – wissen Se –, et kommt ihm druff an, ne janz varickte Sorte rauszukriejen, wie se keen andrer Mensch hat!« Und Herr Lemke, der ins Erzählen gekommen war, hatte in seiner Begeisterung gar nicht gemerkt, daß sich die kleine, vertrocknete Gestalt Tante Maries an der Tür gezeigt hatte. Jetzt stieß ihn Herr Krause an: »Se werden jewunken, Herr Lemke!« »Pscht – Willem, willste nich Kaffee trinken kommen?« fragte Tante Marie nun mit freundlicher Betulichkeit, als sie merkte, daß sie nicht störte. »Bei die Hitze – nee, Tante, lieberst nich! Willste dia nich aba bei uns setzen und deene Tasse mitbringen? Du kannst doch ville besser Onkel Karrels Zicken azehlen.« »Nee, lieba janich dran denken«, sagte Tante Marie abwehrend, »man kann bloß froh sind, wenn man nischt von ihn hört – det is eener, na!« Und als sie sich dann auf die Schwelle gesetzt hatte, die Kaffeetasse im Schoß haltend und ab und zu ein Schlückchen nehmend, sagte sie: »Wir hätten 'n bißken sprengen sollen, Willem, et stoobt doch!« Aber im nächsten Augenblick sprang sie auf, riß ihr graues Wolltuch von der Schulter und bedrohte, furchtbare Zischlaute ausstoßend, einen Teckel, der sich der Tür genähert hatte. »Diese verdammten Teelen«, sagte sie, wie zur Entschuldigung ihres aufgeregten Wesens, »imma an den Oljanda – wie sieht der arme Boom nu schon aus!« »Da kann man nischt jejen machen«, sagte Herr Krause, »frieher hab ick ma driber ooch so jeärjert, hab allet möchliche jestreit, selbst Schnupptabak – et hat nischt jenutzt, int Jejenteel, et war, als wenn se noch ville toller wirden. Man darf eben nischt vor die Türe stellen!« »Ibahaupt, Tante, der olle Oljanda, wollen wa den nich zahacken?« sagte Wilhelm. »Der paßte sehr jut, als wa noch in die Ackerstraße wohnten, in die ›unterirdische Tante‹, aba hia vor det Lokal jehört er nich mehr hin!« »Nich zahacken, det olle Ding is üba zwanzich Jahre alt, meen Mann hat imma so druff jehalten«, sagte Tante wehmütig. »Denn schenken wir 'n Onkel Karrel«, sagte Herr Lemke, und Tante hielt das für einen Ausweg, obwohl sie dachte, daß Onkel mit seiner Experimentierwut den alten Oleander nur »totmartern« würde. »Villeicht nimmt ihn ooch Tante Liese – wie dunnemals det scheene Klavier. Jeld haben wa bis heite nich for besehen, und for den Oljander wollen wia ja ooch keens haben!« »Tante Liese nimmt allens«, sagte Herr Lemke, erweiterte diesen Ausspruch dann aber noch ein wenig: »Nimmt allens, wenn sie't in ihre jute Stube stellen kann und et nischt kost!« Der Zigarrenhändler fühlte sich geehrt, daß man derartige Familieneigentümlichkeiten ungeniert vor ihm erörterte, und es drängte ihn, anzudeuten, daß er übrigens schon Bescheid wüßte: »Tante Liese«, sagte er, seinem Gesicht einen vergeistigten Ausdruck gebend und sich den Stammbaum vorstellend, »das sind die aus'n Fischerviertel, also die Verwandten mütterlicherseits?« Herr Lemke schien sich das zu überlegen, dann sagte er erregt: »Nee, woso denn? Aus'n Fischerviertel is richtich, da hab ick se sojar mal besucht. Aber Tante Liese hab ick anjeheiratet durch meene Frau, deren Tante is se, und Onkel Aujust is nu wieder der Onkel von Tante Liese!« »Der Mann is er von sie, wat machste denn, Willem«, sagte Tante Marie, »du vaheddast ja allens, und die Sache is doch janz eenfach! Seh mal: Onkel Karrel is doch meen Bruder – wahr?« »Aba von Onkel Karrel hat doch ibahaupt keena jesprochen, und nu wird die Sache erst janz vawickelt«, wehrte Herr Lemke ab, »wat missen wa denn det ooch so jenau ausnanderpolken, wia sind doch hia nich vor Jericht!« »Bei uns is ooch so«, sagte Herr Krause, »ick hab beispielsweise ne Tante deren Mann ...« »Nee – azehln Se nich weita – um Jottes willen nich!« Und Herr Lemke stand auf, um der komplizierten Unterhaltung ein Ende zu machen. »Kommen Se, wa jehn jetz rin und trinken ne Weiße!« »Ick bleib noch 'n bißken«, sagte Tante Marie und setzte sich auf den frei gewordenen Stuhl. »Wenn Liese schreit, hör ick's ja ooch hia!« »Ach, die Kleene is nich mit nach Schöneberch?« »I wo, wat soll sich denn Mutter damit schleppen, die hat an Edwin jenuch, zwee kann se doch nich uff eenmal bändjen!« Die Männer verschwanden im Innern des Lokals, und Tante Marie, die trotz der Hitze hin und wieder erschauerte und dann das graue Wolltuch jedesmal fest um die Schultern zog, überließ sich nun in der hereinbrechenden Dämmerung ihren Träumereien. Die Fledermäuse begannen zu huschen, der rote Abglanz des Abendhimmels da oben auf den Fensterscheiben der großen Häuser verblaßte, und der Strom derer, die heute mittag hier vorüberzogen, flutete langsam zurück: Soldaten, deren Urlaub abgelaufen, Dienstmädchen, die keinen Hausschlüssel hatten, solide Familienväter, die am Montag früh aus den Federn mußten, Mütter mit ermüdeten, stolpernden und lamentierenden Kindern – na, und da kam ja endlich auch Frau Lemke! II Onkel Karls Farm »Erst mal den Jungen ins Bett, is ja nich auszuhalten mit den Bengel, den janzen langen Wech hat'r jequakt, der Schaffner wollte mia schon rausschmeißen aus'n Omnibus, ick hab's ihn aba jejeben! Wer keene kleenen Kinder hat, weeß ooch nich, wie det is!« Und während Frau Lemke das sagte, knöpfte sie ihrem Erstgeborenen den Anzug vom Leibe – so rasch, als wenn sie eine Naht auftrennte. »Na ja, ick hab's ma ja jedacht, da haben wa ja wieda die Bescherung«, setzte sie ärgerlich hinzu, als sie den Jungen wie ein Ei mit einem Ruck aus der Schale genommen hatte. »Kannste dia nich inrichten? Bist doch keen Wickelkind mehr!« Edwin hatte jetzt, da sein Geheimnis entdeckt, keine Antwort, und Tante Marie, die bisher stumme Handlangerdienste verrichtet, nahm daher mitleidsvoll seine Partei: »Jroßvata is aba ooch dran schuld, so'n Kind jibt man doch noch keene Märzweiße zu trinken.« »Det is's ja eben, wenn Jroßvata nich jar so varickt hinter den Jungen wär'! Nu rin ins Bette, und wennste nu nich janz stille liechst und dia etwa uffstrampelst, jibt's Senge! So, nu komm ick allmehlich zu mia«, sagte Frau Lemke tief aufatmend und zog sich das neue, teure Sonntagskleid aus, besah sich ärgerlich den Stoß und rieb ihn zwischen den Fingern aus. »Wat man sich da rujiniert, wenn man sich den Rock nich ordentlich hebn kann, die janze Bochte is durch – ick müßte ooch so'n Schleppenhalta habn, wie ick se heite ibaall jesehn.« Aber dann, während sie sich die Bluse anzog und die Schürze umband, vergaß sie auf derartige Finessen, erkundigte sich nach der kleinen Liese und war nicht recht zufrieden, daß das Kind während des ganzen Tages geschlafen hatte. »Det wird wieda ne unruhje Nacht, denn liecht se munter und jrault sich, det is ja so'n nervöset Jeschöpf!« Und sich über das Bettchen beugend, sagte sie: »Du, wach mal uff – Liesekin –«, nahm sanft rüttelnd das schlaftrunkene Wesen auf den Arm und bedrohte dann gleich darauf Edwin, der nicht stille lag. »Nu wolln wa nach vorne jehen, Tante, komm, ick muß eich doch azehln!« In der Gaststube war es inzwischen etwas reger geworden, und im Nebenzimmer spielte eine Gesellschaft junger Leute Billard. »Det hättste mal draußen sehn soll'n, Tante, in Schöneberch«, sagte Frau Lemke, sich auf das große, schwarze Ledersofa setzend, »die Leite haben sich um die Stihle jekeilt, so voll war der Jarten wieda. Det is da 'n Jeschäft, aba Jroßvata hat keene rechte Lust mehr ßu!« Und sich zu ihrem Manne wendend, der herangetreten war, setzte sie hinzu: »Sehste, Willem, det hätten wia ibanehmen solln, als wa in de Ackastraße zogen! Aba nee, denkste, deene Mutta kann et vajessen, det se mia mal in ihre Küche kommandiert hat? Bis heite noch nich! Nu sind wa doch schon so lange vaheirat, aba noch heite vafällt sie in den ollen Kommandoton.« »Na aba«, verteidigte Tante Marie, »se haben eich mächtich unta de Arme jejriffen! Bedenk man bloß, die janze Inrichtung hia, wie sieht det Lokal jetz aus jejen frieha in die ›untairdsche Tante‹! Wenn ick an det muffje Kellaloch noch denke!« »Jewiß doch, et sacht ja ooch keena wat jejen sie, ick meene doch bloß, dettet schneller jejangen wäre, wenn se uns den Jarten in Schöneberch ibalassen hätten, wia hätten ihn'n ja abzahlen können. So ville, wie se jetz for fordern, können wa natierlich nich jeben!« »Vata denkt ja ooch janich dran, det Lokal uffzujeben, det sachta man bloß so!« »Doch, doch, Wilhelm, jetz wird's ernst, wejen Muttan, die kann nich mehr so. Er is ja noch mechtich flink, aba deene Mutta will nich mehr, se ärjert sich zu sehr bei!« Wilhelm meinte, daß er jetzt den Garten auch kaum noch übernehmen würde, da nach seiner Ansicht nicht mehr viel damit zu machen sei. Als er vor acht Tagen draußen gewesen, habe er ihn kaum noch finden können, so sehr habe sich die Gegend verändert. Neue Straßen wären angelegt worden, der Garten läge jetzt zu tief und wäre feucht, und dann mache es auch kein Vergnügen, die Brandmauern der ringsherum erbauten Häuser anzusehen. »Vata soll man ruhich vakoofen, det is det jescheitste, watta machen kann!« Während sie sich noch unterhielten, kam ein wie ein amerikanischer Trapper und Fallensteller gekleidetes Individuum herein, spuckte genial in weitem Bogen aus und nickte ihnen herablassend zu. »Jott, det is doch Onkel Karrel«, sagte Tante Marie, »meen Jott, wat is denn mit dia los? Wa'm hasten dia so vakleidet?« »Ick hab ma nich vakleidet, ick jeh jetz imma so«, sagte Onkel Karl, »det is die eenzije richtje Art, wenn man die Jeschichte ernsthaft betreiben will!« »Na, lachen dia denn die annern nich aus?« fragte Frau Lemke kopfschüttelnd, die Erscheinung mit dem breitrandigen ungeheuren Strohhut und den hohen Schaftstiefeln betrachtend. »Lachen – et soll ma' eener lachen, denn lynch ick ihn«, sagte Onkel Karl, knöpfte die Nankingjacke auf und holte eine an einem Ledergürtel hängende Pistole vor. »Tu det vadammte Ding wech, det Kind jrault sich vor – sehste, nu schreit's«, sagte Frau Lemke ärgerlich und suchte die kleine Liese zu beruhigen. »Ick will eich doch bloß ma' die Konschtruktion aklären«, sagte Onkel Karl, »kiekt ma', wenn ick den Hahn spanne und anleje ...!« »Wech – biste varickt, willst woll 'n Unjlick anrichten, alle Tare steht's in de Zeitung! Ick hol 'n Schutzmann, wennstet nich jleich wechsteckst!« »Na denn nich", sagte Onkel Karl, höchst befriedigt über den Erfolg seines Auftretens, und spuckte wieder, kunstfertig wie ein Singhalese, in die Ofenecke. »Ick hätte janich jedacht, det ihr eich jleich so inschichtern laßt. Nu jib ma mal 'n kleenen Whisky!" »So wat habn wa nich«, sagte Herr Lemke, »'n Korn kannste kriejen, wennste den meenst.« »Whisky meen ick, aba meenswejen, ick bin ooch mit'n Korn zufrieden!« Und dann setzte er sich und steckte die Pistole in den Stiefelschaft, daß er sie jederzeit zur Hand hatte. »Onkel Karrel, nimm's mia nich ibel«, sagte Frau Lemke, das noch immer wimmernde Lieschen hin und her wiegend, »wia leben doch hia nich bei die Wilden, det du so rumrennst. Der Schangdarm wird dia uffschreiben, wenn er dia so sieht!« »Denn lynch ick ihn«, sagte Onkel Karl. »Det hat dia ja bloß noch jefehlt, der Betrieb da draußen uff die Felda«, sagte Tante Marie, »nu wirste janz vawildern und dia nich mehr waschen und nich mehr kämmen!« »Ick? Int Jejenteel! Wenn ick uff meene Farm bin, hab ick so jut wie janischt an. Wenn't denn rejnet, jeht allens runta – ick seh jetz an'n janzen Körpa wie poliert aus!« »Bloß de Hände nich«, sagte Tante Marie, »sonne Klauen habn ja nich mal die Schornsteenfejer!« Onkel Karl betrachtete sich seine Finger. »Ja – wenn man den janzen Tach in de Erde buddelt! Und ick hat se mia ja ooch noch abjescheiert, aba denn fiel ma in, det ick eich doch wat mitbringen wollte, und da mußte ick noch mal von vorne anfangen!« Er nickte verheißungsvoll, griff in die Jackentasche und holte ein Bündel Grünzeug hervor. »Da – habta –«, sagte er und warf es nachlässig auf den Tisch. Alle kamen neugierig näher. Frau Lemke drehte das Bündel hin und her, roch daran und reichte es Tante Marie, die ebenfalls eingehend daran roch. Schließlich zuckte sie die Achseln und tat es wieder auf den Tisch. »Wat soll denn det nu sind?« »Haste noch keene Radieser jesehen?« fragte Onkel Karl verächtlich. »Radiesa – Jott, und ick dachte, et sind Fefferkörna, an die wat Jrienet jewachsen is!« »Na – denn schmeck mal erst«, sagte Onkel Karl. »Um Jottes willen, Willem, eß det Zeich nich, du kannst dia mit vajiften«, sagte Frau Lemke ängstlich, als ihr Mann eine der kleinen, schwärzlichen Knollen in den Mund stecken wollte. »Vajiften –«, sagte Onkel Karl gereizt, »ihr habt schon ne Ahnung von de Landwirtschaft, da paßt mal uff!« Und er nahm die Knollen und aß sie samt dem ganzen Grünzeug auf. »Wie so'n richtja Wilda«, sagte Tante Marie schaudernd, »pfui Deibel – mia könnte eener sonst wat dafor jebn, wenn ick det so essen sollte!« »Na du ibahaupt, außer deen'n bekleckerten Oljanda kennste ja ibahaupt nischt!« Frau Lemke suchte ihn wieder vergnügt zu machen: »Und det haste janz allene jezichtigt, Onkel Karrel?« »Och – noch ville mehr; Jurken und Kürbisse und Bohnen, ibahaupt allet, wat's jibt. Ich kann det ja doch nich allens mitbringen, und et is ja ooch noch nich allet reif, aba ihr mißt eich det mal ansehn kommen – ick lade eich hiermit feierlich in for nächsten Sonntach. Onkel Aujust und seene Frau werd ick ooch noch bestellen, objleich ick ja schon im voraus weeß, det Tante Liese mit ihre Zimpabeene nich kommen wird!« Tante Marie deutete an, daß sie ebenfalls nicht kommen werde, wenn ihr der Bruder vorher nicht Garantien dafür gäbe, daß er weder nackt umherlaufen werde noch seine Besucher zu Krüppeln schießen wolle. Onkel Karl verfiel in tiefe Niedergeschlagenheit. »Wat wollt ihr denn da, wenn ick eich nischt zeijen derf! Det Schießen is doch die Hauptsache, ihr sollt mal sehen, wie ick die Krähen aus de Luft hole!« Also gut, man versprach ihm zu kommen, und er empfahl ihnen für den Fall, daß ihnen sein Essen nicht schmecken sollte, einige Vorräte mitzubringen. »Die Weißbierkruken buddeln wa in de Erde, det se hibsch kiehl bleiben. Und denn, vageßt ja nich Kartoffeln, die sind bei mia noch nich reif, und wa wolln uns doch welche braten!« »Na, wenn wia det man erst ibastanden hätten«, sagte Tante Marie, als Onkel Karl dann abgezogen war. »Wenn der wo bei is, kommt nie wat Jutes raus, denn jibt's allemal Ärja, oda man rujiniert sich seen jutes Zeich!« »Laß'n man, wia wollen ihm doch ooch mal ne Freide machen«, sagte Herr Lemke tröstend. III Übernatürliche Dinge Tante Marie hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben! »Irjendeener muß doch in die Wirtschaft sind und de Jäste vasorjen!« Und an solchen Tagen, da sie das Regiment, wie in früherer Zeit, allein hatte, pflegte das alte geschäftige Frauchen wieder aufzuleben, merkte nichts von dem chronisch gewordenen Hexenschuß, der sie sonst quälte, und war in fortwährender Tätigkeit, um es allen recht zu machen. Trotzdem hatte ihr Frau Lemke, ehe sie mit ihrem Mann und den Kindern fortgegangen, noch allerlei Verhaltungsmaßregeln gegeben: An die Sülze sollte sie jedesmal, wenn ein Gast davon verlangte, »noch 'n Schuß Essich jeben« – »uff Jroßetjeldwechseln sollte sie sich mit unbekannte Leite nich inlassen« – und »wenn etwa Onkel Aujust mit seene Frau käme«, sollte sie sie nachschicken: »Imma die Landsberjer Allee runta, und denn wirden se ja sehen, anners hat's uns Onkel Karrel ooch nich beschrieben!« »Det is imma een Jemache, eh se wechkommen«, dachte Tante Marie, »imma, als wenn ick schon nich mehr janz richtich in'n Kopp bin; so alt bin ick doch noch janich, manch eene denkt da noch ans Heiraten – sechzig – da hab ick noch wenichstens zwanzich vor mia. Und dabei denken se nich an sich und vajessen die Hauptsache – da steht nu wieda die scheene Milchflasche for Lieschen, und ick hatt ihr noch abjekocht!« Tante Marie hatte ihr »Jrienjesprenkeltes mit die Puffärmel« angezogen, die große, gewichtige Goldbrosche vorn an den Hals gesteckt und sich ein schwarzes Häubchen höchst kunstgerecht auf dem Hinterkopf angebracht, so daß der dünne, graue Scheitel verdeckt wurde. Nun sah sie ganz stattlich aus, »frisch gestrichen«, wie einer der Gäste sagte, der mit seinen Freunden zum Sonntagnachmittagsskat angerückt war. So gegen fünf Uhr kam auch Herr Krause, der Zigarrenhändler, um seine Weiße zu trinken. Er hatte seinen »Salz- und Pfeffernen« an, der ihn so jugendlich machte, und unter dem Arm trug er ein in blaues Papier gehülltes Päckchen, das er mit geheimnisvoller Miene auf den weißgescheuerten Tisch legte. Als Tante Marie das Glas vor ihn hinstellte, sagte sie mit einem gutmütigen Lächeln: »Se sitzt wieda 'n bißken schief, Herr Krause!« Er fuhr sich verlegen nach der Krawatte und rückte an dem kleinen schwarzen Knoten, der unter dem Klappkragen zum Vorschein kam, aber Tante Marie schüttelte lächelnd den Kopf: »Nee, nee, die annere, Herr Krause!« Nun wußte er, was er gleich gefürchtet hatte, daß es die graumelierte Perücke war, und er drehte sich hastig nach dem Spiegel um und beklopfte mit den Fingerspitzen den Kopf. »Jott ja – der Jüngste is man jerade ooch nich mehr, aba immahin –«, sagte er wie zur Entschuldigung, gab seinem Oberkörper einen Ruck und zupfte die Weste herunter. Und um das Thema zu wechseln, deutete er nun auf das Päckchen und sagte: »Ich hab Ihn'n die Biecha mitjebracht!« »Det is scheen, Herr Krause, obschonst ick mia lieba mit Ihn'n drieba untahalte; man is ja doch keen Professor – wahr? –, und denn versteht man manchmal nich allens. Wo haben Se denn die Biecha her?« »Se missen ma' rinkommen ßu mia in'n Laden und sich det ansehn«, sagte Herr Krause, und dann schilderte er ihr, daß er – um seine Einnahmen aufzubessern – auch einen kleinen Handel mit Traum- und Punktierbüchern und den neuesten Couplets angefangen habe. »Ick hatte mia, als ick hia in die Jejend zog, doch 'n bißken vaspekuliert, ick dachte, wenn ick den schwarzen Jipsmohren und die beeden jroßen Knastarollen int Fensta stelle, wirde det jenuch Zuchkraft ausüben. Pustekuchen – die Leite sind hia sehr sparsam: for'n Sechsa zwee Ziehjarren, for'n Dreier Schnupptabak, damit reichen se ne Ewigkeit, und nu jar erst, die Rippenknasta koofen. Mit die Tonfeifen is ooch keen Jeschäft mehr ßu machen, die kommen janz aus de Mode, und wer kooft sich denn mal wirklich ne lange Piepe, höchstens als Jeburtstagsjeschenk oda ßu Weihnachten! Aba mit die Dinga hia« – er schlug auf das Päckchen, »is wat ßu machen, da haben se Jeld for ibrich. Ick klebe die neuesten inwendig an de Fensterscheibe, und denn jibt's allemal 'n jroßet Jedrängle draußen, und die Ladenjlocke jeht in eene Tour!« »So?« sagte Tante Marie. Der Ausdruck ihres Gesichts verriet, daß sie eine Frage auf dem Herzen hatte, deren Beantwortung sie doch noch mehr interessierte als die Geschäftstüchtigkeit des Zigarrenhändlers. Aber sie ließ ihn reden, bis sie dann schließlich merkte, daß er überhaupt ganz vom Thema abkam und aus seiner frühesten Jugend erzählte. Da unterbrach sie ihn: »Na ja, Herr Krause – aba nu saren Se mia – jlooben Se daran oda jlooben Se nich daran, aba nu seien Se janz ehrlich?« »An wat?« sagte der Zigarrenhändler ganz verblüfft, plötzlich vor solch einer Gewissensfrage zu stehen. »Na – an allet so wat: an Träume, an Gespensta, an't Kartenlejen –«, sagte Tante Marie verschämt. »Det kommt druff an«, sagte Herr Krause und wiegte wie ein alter Diplomat den Kopf hin und her. »Jedenfalls – det is meene Ansicht von die Sache – jibt et wat, wovon wir nischt wissen!« »Janz jenau meene Meenung«, sagte Tante Marie und schlug sich erfreut mit der Faust der Rechten in den Handteller der Linken. »Man muß jenau alle Umstände prüfen und kann det nua imma von Fall ßu Fall untascheiden«, belehrte Herr Krause weiter. »So is's –«, sagte Tante Marie triumphierend. »Sehn Se, desterwejen ha' ick Sie ja die Biecha mitjebracht!« Er griff nach dem blauen Paket und mühte sich, mit den Fingelnägeln den Knoten der Schnur zu lösen. Tante Marie wurde dabei etwas ungeduldig. »Wat knippern Se denn so lange, warten Se, ick hol ne Schere«, sagte sie. »Nee, nee, nee«, wehrte Herr Krause ab, »et jeht schon, nich so hastich, die Strippe kann man imma noch jebrauchen –«, und er wickelte sie sorgfältig zusammen und steckte sie in die Westentasche. »Sehn Se – also det sind hia Traumbiecha, det hia Punktierbiecha, und die da belehren eenen über't Kartenlejen!« »So –«, sagte Tante Marie mit einem tiefen Atemzug, »det sind also die Kartenlejerbiecha«, und sie wandte kein Auge mehr davon. Und Herr Krause, der wie ein alter, weiser Magier mit spitzen Fingern die Bücher sortierte, sagte bestätigend: »Ja, det sind die – eijentlich lej ick den Hauptwert uff die Punktierbiecha, denn da bekommt ma imma janz jenaue Auskunft, während det mit die Kartenlejerei manchmal sonne Sache is!« »Mit eenen Wort«, sagte Tante Marie ein wenig enttäuscht, »von die Karten halten Se nich so ville – ick aba! Ick hab janz wunderbare Beispiele alebt, det muß ick Ihn'n janz jenau azehlen, Herr Krause. Aba warten Se, erst will ick Ihn'n noch ne Weiße jeben, und ick werd mia 'n kleenen Bittern holen, denn mia wird imma so schummrich rum um 'n Maren, wenn ick an sonne ibernatierliche Sachen denke!« Und als sie dann zurückkam und sich gestärkt hatte, begann sie – weit ausholend – von Lemkes seliger Witwe, »dem Jeschpunst«, zu berichten. Wie Herrn Lemkes Großmutter, also die verstorbene Mutter des alten Herrn Lemke, in dem Hause draußen in Schöneberg »umginge«, und daß dies der eigentliche Grund sei, warum der »olle Lemke« Haus und Grundstück verkaufen wolle. »Et wird ihm aba nischt nutzen«, schloß Tante Marie, »denn die Selje läßt ihn nich locker und zieht ihn nach. Und wenn er se uff die Weise loswerden will, wird se rachsichtich werden!« Herr Krause schien einige Zweifel an der Existenz von Lemkes seliger Witwe zu haben, aus der Art aber, wie Tante Marie gesprochen, merkte er, daß jeder Spaß übelgenommen werden könnte. Er fragte daher vorsichtig hintenherum: »Hat denn der olle Herr Lemke an seene Frau Mutta schlecht jehandelt? Denn da läßt eenen det Jewissen keene Ruhe nich!« »I bewahre, so hängt det nich zusammen, janz int Jejenteil, er hat ihr furchtbar jeliebt und jeht ihr jetz noch imma bejießen!« »Denn is't det Muttaherz, det nich ßu Ruhe kommen kann«, sagte Herr Krause. »Ooch nich, haben Se schon mal 'n Herz alleene mit'n Umschlaretuch in de Nacht rumloofen sehn? Na – also! Et is een janz richtjer Jeist, bloß det er keene irdischen Bedirfnisse mehr hat ...« Sie unterbrach sich, holte aus ihrer Kleidertasche eine rohe Kartoffel und schleuderte sie geschickt durch die offene Tür nach einem Hund, der sich an den verkümmerten Oleander gestellt hatte. »Warte man, komm du ja nich wieda«, rief sie ihm drohend nach, als der Hund nur einige Schritte trabte, dann gelassen stehenblieb und mit den Hinterpfoten kratzte, als wolle er Tante Marie mit Sand bewerfen. »Wenn man da so nen Jeist anstellen könnte, der die Hundeteelen vatreibt«, sagte Herr Krause. Aber da wurde Tante Marie empfindlich. »Nee, nee«, wehrte sie ab, »lassen Se det lieba, Herr Krause, iba so wat scherz ick nich! Wer det mit alebt hat, wat ick alebt hab, der nimmt sich in acht. Denn die Selje macht Abstecha – eenmal is se sojar nach die Ackastraße jekommen, bis von Scheeneberch nach die Ackastraße, obschonst det ja for'n Jeist keene Entfernung nich is. Damals, als sie det erstemal kam, hat se uns ja Jlick jebracht, wenigstens meene Nichte, die junge Frau Lemke, die in de Lotterie jewonnen hat. Aba als sie't zweetemal kam, bracht se Unjlick, damals is Willem vor Jericht vaknackt worden!« Und nun kam Tante Marie auf alte Geschichten, bis Herr Krause wieder nach den Büchern griff und Tante über die Kunst des Punktierens belehrte. Wenn es sie auch interessierte und sie sich auch sattsam über das Orakel wunderte, so gestand sie schließlich, daß ihr die Karten doch lieber seien. Und nun begann sie Herrn Krause zu belehren, daß alles auf den Karokönig oder die Karodame ankomme. »Det sind die, deren Zukunft man erfahren kann. Und nu will ick se Ihn'n mal lejen, und Se können mia denn späta saren, ob allens richtich injetroffen is!« Erst aber mußte sie noch einmal nach den Gasten sehen, die schon ungeduldig mit den Gläsern auf den Tisch klopften. Und dann prophezeite sie, und Herr Krause ging am Abend mit dem tröstenden Bewußtsein heim, »det ihm mal eene liebende Hand die Oogen zudrücken werde«! IV In »Neu-Kalifornien" Inzwischen war die Familie Lemke glücklich in »Neu-Kalifornien" angekommen – ganz so leicht, wie man sich's vorgestellt, war es ja allerdings nicht gewesen: Erst war man durch eine Reihe von Straßen gezogen, die alle neu angelegt, zum größten Teil auch schon bebaut, aber noch gänzlich unbewohnt waren. Trotz des warmen Sommertages wehte dort aus den Neubauten eine eisige Luft, es roch nach Ölfarbe, Mörtel und Asphalt. Dann schnitt der Straßenzug jäh ab, als wäre den Unternehmern der Mut vergangen, weiter vorzudringen. Denn ein wüstes Terrain kam, auf dem sich eingefunden, was Berlin hatte loswerden wollen, Blechkasserollen, verbeult und ohne Boden, Fetzen von schwarzer Dachpappe, Batterien von Konservenbüchsen, und hin und wieder erhob sich auch ein Müllhaufen, aus dem verzweifelte Heringsköpfe melancholisch gen Himmel blickten. Irgendwo stand dann auch jedesmal ein Schild mit der Drohung, daß Müll und Schutt hier nicht abgeladen werden dürfe, aber es sah schief, krank und pessimistisch aus, als bezweifle es selbst seine Existenzberechtigung. »Na – hia müßte't doch nu bald sind", sagte Frau Lemke verzweifelt, »er hat et doch ›Nei-Kalifornien‹ jenannt, weil die Jejend ne wahre Joldgrube for ihn sind soll. Und damit kann er doch man bloß so'n Klamauk jemeent haben, wie er hia rumliecht. Denn wat annere Leite wechschmeeßen, hebt er ja wieda uff und macht sich wat von. Und nu wolln wa mal an den Zaun hia langjehn, da hinten scheint ja wat zu sind, paß aba 'n bißcken uff deene Beene uff, Willem, sonst tritt ma hia wo rin!" Herr Lemke konnte es aber nicht unterlassen, dann und wann durch eine Zaunritze zu spähen, und jedesmal sagte er: »Kiek mal ooch durch, Mutta, det find allens Stätteplätze!" Aber Frau Lemke wollte nicht, sie sah ja nur immer »detselbichte", wie sie sagte: Rüstzeug für die Bauten, kalkbespritzte Bretter und Stangen, verrostete Röhren, Schienen und eiserne Reifen, grüne Möbelwagen und Haufen schadhafter Tonnen. »Jott, wat mö'jen da for Ratten drunta sitzen!" Ein Stück weiter wurde es dann freundlicher: Wegebreit und Knöterich wucherten aus der Erde, gelbe oder schon verblühte flockige Butterblumen leuchteten aus dem Grün, auf einer Rasenfläche weidete ein klapperdürres, altes elendes Pferd, das die Annäherung der Familie Lemke mit mißtrauischen Augen beobachtete. Weiterhin wurden rote und buntgewürfelte Betten gesonnt, dann erklangen Kinderstimmen, »und wenn ma nu nich da sind", sagte Frau Lemke, »dreh ick wieda um und jeh za Hause, denn zum Narren laß ick mia ooch nich machen." Als sie endlich die Zaunecke erreicht hatten, sahen sie eine Kinderschar, die – mit Konservenbüchsen, alten Schirmgestellen und Schuhsohlen bewaffnet – gerade in eine furchtbare Schlacht verwickelt war und nun die Flucht vor Lemkes ergriff. Nur ein kleiner Junge, der auf dem Kopf einen Schmuck von Schwanzfedern längst verzehrter Hühner trug, blieb trotzig stehen, hob mit Mühe einen zerbrochenen Ziegelstein hoch und schrie: »Ick schmeiße mit Klamotten, wenn Se mia wat tun! Hia derf niemand lang, det Betreten diesa Wiese is bei Strafe vaboten!" Und er wies auf einen Pfahl, der diese Inschrift trug. »Komm ma' her, du Lausejunge", rief Herr Lemke, »wo jeht's denn hia nach Nei-Kalifornien?" »Na – da hinten, wo die rote Fahne is, können Se denn nich kieken?" schrie der »Lausejunge" zurück. »Imma de Neese lang...!" Und das schrie er ihnen noch nach, als sie schon so weit von ihm weg waren, daß sie ihn kaum noch sehen konnten. Ja, das war »Neu-Kalifornien". Wunderliche Machwerke aus Latten, Dachpappe, Rasen und geteerter Leinwand erhoben sich da in buntem Durcheinander, Lauben und Buden, umgeben von gravitätischen, steifen Sonnenblumen, überwuchert von rotblühenden Feuerbohnen. »Na – nu haben wa's woll jeschafft«, sagte Frau Lemke keuchend, »weiter hätt ick det Kind ooch nich mehr schleppen können, mia sind alle beede Arme steif jeworden, und Edwin kann ooch nich mehr loofen.« »Kiek mal, Mutta«, sagte Herr Lemke, »wat die sich hia allens anjebaut haben – Petersilje und Zwiebeln und sojar Kohlköppe!« »Na ja – eenen Zweck muß det doch haben«, sagte Frau Lemke, »nu möcht ick bloß wissen, wo sich Onkel Karrel hia vastochen hat, wia können doch nich die janzen Buden absuchen. Is schon eene Art von den Mann – lockt er een'n in sonne Wildnis, und denn steht man nu da und kann die Aussicht jenießen.« »Da seh ick so wat wie'n Taubenschlach«, sagte Herr Lemke, »wollen wa mal hia durch die Beete jehen, ohne wat zu zatrampeln!« Und um die Ankunft anzumelden, steckte Herr Lemke die Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. Gleich darauf gellte derselbe Pfiff als Antwort. »Ja – wo is det nu, det kam doch aus de Erde«, sagte Frau Lemke, »nee, och sonne Varicktheit, hia rauszuloofen!« »Komm man, Mutta, jetzt weeß ick's schon«, sagte Herr Lemke und nahm Edwin auf den linken Arm. »So – und nu jib ma mal die Kleene her, und denn heb dia 'n bißken die Röcke, Mutta, sonst reißte mit deene Schleppe die janze Plantasche kaputt, du hast schon 'n janzen Schwanz von Suppenjrien hinten dranhängen!« »Na – eenmal un nich wieda«, sagte Frau Lemke, »keene zehn Ferde bringen mia noch mal in diese vaflixte Jejend! Wennste aba denkst, det du scheen aussiehst, denn irrste dia. Merkste denn janich, dette schon seit ne halbe Stunde ne olle Sprungfeda an'n Stiebel zu bammeln hast?« »Jemorken ha' ick schon wat, ick wußte bloß nich, wat et war«, sagte Herr Lemke, »et konnte ja ebensojut ne Fußangel sind!« Dann pfiff er wieder, und von irgendwoher kam die Antwort. »Et klingt schon näher!« »Na – uff die Weise kann et Abend werden, bis wa uns jefunden haben, wia sind doch keene Affen«, fagte Frau Lemke empört, und dann rief sie mit ihrer gesunden, lauten Stimme in die grüne Wirrnis hinein: »Onkel Karrel, wennste jetz nich jleich vorkommst und noch länger so'n Quatsch machst, denn« – sie blickte sich suchend um, womit sie ihm wirksam drohen konnte –, »denn kriste nich, wat wia dia mitjebracht haben, und ick zatrample hia den jelben Kürbis zu Appelmus!« Die erste Drohung hatte die größere Zugkraft: »Ohioo – ohioo« kam es melodisch langgestreckt zurück, »wat habt ihr'n mitjebracht? Hia jeht's lang!« Und dann hörte man es von einer Seite, von der man es am wenigsten erwartet, knacken und rascheln, und Onkel Karls Borstenkopf kam zum Vorschein. »Na, du bist mia eena«, sagte Frau Lemke. »Aba – Jott – ick mußte mia doch erst 'n bißken menschlich machen«, sagte er zu seiner Entschuldigung, »ihr kommt ja ville ßu früh! Als ick dia det erstemal feifen hörte, jloobte ick an ne Sinnestäuschung. Ick war jrade bei't Umziehen und hatte bloß eenen Riemen um'n Bauch, na – so konnt' ick mia doch nicht presentieren! Da ha' ick mia die Sachen uff'n Arm jenommen und hab se mia anjezoren, während ick mia an eich ranschlich!« »Sehste –«, sagte Herr Lemke zu seiner Frau. »Wer denkt denn ooch an so wat«, sagte Frau Lemke, »also nu is jut, nu zeije uns mal det Blockhaus!« Unter seiner Führung ging es dann durch ein Bohnenspalier in gebückter Haltung weiter. Als man sich endlich wieder aufrichten konnte, befand man sich auf einem kleinen freien Platz mit einer Feuerstelle in der Mitte, neben der ein Schusterschemel stand. »Sehr scheen«, sagte Frau Lemke, »hia trinkste woll imma deen'n Kaffee? Und wo is nu det annere?« »Den Taubenschlach habt ihr noch nich jesehen –«, Onkel Karl wies auf das Pfahlgerüst, auf dem sich ein großer, viereckiger Kasten befand. »Doch, den hab'n wia schon von janz hinten bewundert!« »Et kommt mia vor, als wenn ihr 'n bißken entteischt seid?« Frau Lemke sah ihren Mann an. »Nich im jeringsten«, sagte sie, »nua – –?« »Na, ick will eich nich länger uff de Folta spannen, det is hia bloß, wenn ick die Leite irreführen will! So – un nu paßt mal uff, kommt mal hinta mia her, aba haltet eich janz dichte an mia ran. Seht ihr, hia denkt man, et jeht nich weita, wa? Det is aba ne Türe!« Er wies auf ein Erbsengerank, bog es auseinander und schlüpfte hindurch. »So – könnt ihr mia noch sehen?« »Nee!« »Det hättet ihr in eier janzet Leben nich entdeckt«, sagte Onkel Karl, »und nu kommt mal durch.« »Donnawetta, det is wirklich ne Iberraschung«, hörte Frau Lemke ihren Mann sagen, der sich durchgezwängt hatte. Und als es ihr dann geglückt war, ebenfalls durchzuschlüpfen, stand sie sprachlos da: vor einem Häuschen aus grünem Rasen stand eine alte, eiserne Bettstelle, auf der – wie auf einem Sofa – Onkel August und Tante Liese saßen. »Na – seid ihr da?« sagte Onkel August und erhob sich schwerfällig, »wia hätten uns jerne eha bemerkbar jemacht – aba er wollte partuh nich! Und wa'm sollten wia ihm denn ooch die Freide vaderben!« Er schüttelte Frau Lemke die Hand: »Da – setzen Se sich uff det Kannapeh zu meene Jattin – ihr habt eich beede lange nich jesehn!« »Nee – seit die Hochzeit nich!« sagte Frau Lemke steif. Frau Zander nickte würdevoll. »Sehr erfreut«, sagte sie. »Ick kann mia noch nich so rasch klarwerden iba meene Jefiehle«, sagte Frau Lemke, »ick finde't nua unrecht von Onkel Karrel, det er nich vorher jesacht hat, det noch annrer Besuch kommt!« »Woso?« sagte Onkel Karl. »Na, weil ick mia denn ooch meene seidne Talje hätte anziehen können!« Und dann ging sie zu dem Bettgestell und sagte: »Et wird doch ooch nich umkippen, wenn ick Ihn'n die Balanze halte?« »Det wollen wia nich hoffen«, sagte Onkel August. V Die Sache macht sich »Wia haben dia ooch wat mitjebracht«, hatte Frau Lemke nachher gesagt, und Herr Lemke hatte die Kognakflasche ausgepackt und Onkel Karl überreicht. »An so wat haben wia nu janich jedacht«, sagte Onkel August betreten, »ick hätte dia ja sonst ooch wat aus meen Jeschäft mitbringen können – 'n scheenen Hecht oder 'n fetten Aal ...« »Denn wär mia schon 'n Karpen lieba jewesen, weil ick mia nehmlich 'n janzen Teich anlejen würde«, sagte Onkel Karl, »'n scheenen rojenen Karpen, den hätt ick denn hia losjelassen. Ick kann mir'n ja ooch noch morjen bei eich holen kommen!« »Det kannste, aba mit die Fischzucht wird det woll Essich werden. Warum? Det will ick dia saren!« Und dann hatte Herr Zander ausführlich seine Gründe entwickelt. – – – Sie saßen und tranken noch immer Kaffee. Nach und nach waren auch Frau Lemke und Tante Liese ins Gespräch gekommen. Den Anlaß hatte Edwin gegeben, der – starr und steif, den Mund offen – unausgesetzt Frau Zander angesehen hatte. »Mach bloß de Klappe zu, Edwin, sonst fliecht dir noch ne Micke rin«, hatte Frau Lemke gesagt, aber Edwin hatte seiner Mutter nur einen raschen Seitenblick zugeworfen und dann wieder Tante Liese angestarrt. »Ich gefall' ihm wahrscheinlich so gut«, bemerkte Frau Zander. »Kann sind oda ooch nich, man weeß det niemals janz jenau bei det Kind – et is von Anfang an 'n bißken tiefsinnich jewesen. Se wissen ja, et is 'n paar Monate zu früh uff de Welt jekommen – Se haben mia det damals ja noch so ibeljenommen!« »Ich wollte nicht mehr von diesen alten Geschichten sprechen, wenn Sie aber wieder davon angefangen haben, denn muß ich Sie sagen, daß Sie mir großes Unrecht getan haben«, sagte Tante Liese eifrig. »Heute glaub ich's Ihnen gerne, man sieht es ja dem Jungen gleich auf den ersten Blick an, daß was mit ihm los ist!« »Meenen Se villeicht damit, det er Anlare zu'n Varicktsein hat?« »Sehen Sie, Frau Lemke, Sie fassen das immer gleich so scharf auf! Ganz im Gegenteil, der Knabe hat so was ...« »Ibakandideltes – –«, schlug Onkel Karl vor, als Tante Liese nicht gleich den richtigen Ausdruck fand. »Nein – wie kannst du denn so was sagen«, wehrte Tante Liese ab, »er hat was Vergeistigtes.« »Ick dachte, et würde janz wat annres rauskommen«, sagte Herr Lemke, »ick als Vata hab bis jetz nur eens imma an ihm bemorken!« Und er beugte sich zu Tante Liese und sagte ihr etwas ins Ohr. Sie fuhr betroffen zurück und nahm unwillkürlich ihr Kleid zusammen. »Da muß man sich ja vorsehen«, sagte sie. »So schlimm is's ja nich«, beschwichtigte Frau Lemke, »bloß uff'n Schoß derfen Se'n nich nehmen, det kann er nicht vatraren. Und nu, Edwin, steh ma' uff und loof 'n bißken rum, hia kannste ibaall spielen, Onkel Karrel aloobts dia!« Und wie Edwin nun aufstand, sahen ihm alle bedenklich nach. »Aba reiß nischt ab«, ermahnte Onkel Karl, »oda warte ma, ick werd lieba mitkommen und dia zeijen, wo et is!« »Und die Kleine haben Sie Lieschen genannt, das ist ja sehr schmeichelhaft für mich«, sagte Frau Zander. »Ja – die hat so wat Etepetetes an sich, is man aba leida Jottes 'n sehr nervöses Kind«, sagte Frau Lemke, die in versöhnliche Stimmung kam. Und als dann das kleine, ein bißchen kränklich aussehende Kind von allen begutachtet worden war, sagte Onkel Karl, der zurückgekommen war: »So, meene Herrschaften, nu hat woll det Kaffeejelabbere 'n Ende, und nu will ick Sie ma 'n bißken wat zeijen. Aheben Se sich, wia machen jetz eenen Rundjang durch die Plantasche. Erst will ick aba noch det Jeschirr rintraren, ick kann sonne bekleckerten Tassen nich stehen sehen!« Und mit den Manieren eines Kellners setzte er alles auf einem Brett zusammen und verschwand damit in dem Rasenhäuschen. »Der Kaffee hat sehr scheen jeschmeckt«, lobte ihn dann nachher Frau Lemke, »man hat et janich jespürt, det Zichorje mang war!« »Und et war ne Masse mang«, sagte Onkel Karl triumphierend. »Uff'n Tempelhofer Feld wachst se ja wild, wa'm soll ick ihr da nich benutzen, ick hab Zichorjen sojar anjeflanzt. Ibahaupt, wat man sich selbst anbauen kann, bau ick ooch an. Ainnert ihr eich noch, wie wir dunnemals bei die Kindtoofe in Schöneberch waren, da lief doch eener von die Vawandtschaft aus Wilmersdorf rum, so'n Järtner – den ha' ick uffjesucht und allerlei abjekneppt und anjeflanzt. Er hat mia von alle seene Samensorten jeben missen. Zaerst hatte ick Backpflaumen jesteckt, det Zeich jing aba nich an, so ville ick ooch jejossen hab. Denn hatt ick mia uff Mais jelecht, weil man da bekanntlich türkschen Tabak von machen kann. An alle Droschkenhalteplätze hab ick die Körna uffjesucht. Aberst bloß det, um det ick mia janich jekümmert, is jewachsen. Hia könnt ihr's sehen, det sind Appelsinen!« »Wo – det?« sagte Onkel August mißtrauisch, »det sieht doch man aus wie Jras!« »Na, jewisse Ähnlichkeit is ja vorhanden«, sagte Onkel Karl, »aba wie sieht zum Beispiel 'n Huhn aus, wennt uff de Welt kommt – wie'n Ei – und denn is's doch 'n Huhn!« »Det waren also die sojenannten Südfrüchte«, sagte Onkel Karl, einen Bogen über das Beet beschreibend, »nu kommen wia zu die Heilflanzen, ick hab det nehmlich allet jenauso wie in'n Botanischen Jarten injericht, bloß det ick keene lateinischen Namen ranjeschrieben!« Und dann entwickelte er ihnen seine Spekulation: Seiner Meinung nach könnte man das beste Geschäft mit den Apotheken machen: »For'n Jroschen Fefferminztee, da kricht man sonne kleene Prise; wenn man den Apotheka nu dreimal so ville for'n Jroschen liefert, macht er noch imma 'n jutes Jeschäft und ick ooch!« Und deshalb hatte Onkel Karl Fenchel, Baldrian, Kamille, aber auch Giftpflanzen wie Schierling, Wolfsmilch und Tollkirschen angepflanzt. »Man muß nu bloß uffpassen, det's nich durchenanda wachst, sonst kann man sich vajiften.« »Da haste recht«, sagte Frau Lemke, »Edwin, komm her, du hast doch noch nich wat von jejessen, det wär ja ne scheene Jeschichte!« »I wo –«, sagte Onkel Karl, »keene Sorje, außadem wirkt det nich jleich. Und späta werd ick jeden von eich ne kleene Hausapotheke inrichten, da könnt ihr eich selbst kurieren und schwitzen, so ville wie ihr wollt!« »Und nu kommen wir zu die Kichenflanzen. Da wachsen die Radieser, von die ick eich neilich mitjebracht, hia is Sellerie, Petersiljen, Kohlrabi, Mohrrüben, Bohnenkraut ...« »Wo?« sagten alle. »Na hia – se sind bloß noch nich anjejangen, der Boden is hia ßu sandig!« »Denn zeij uns mal, wat man sehen kann«, sagte Herr Lemke. »Da missen wia in die annere landwirtschaftliche Abteelung, wo ick die Viehzucht betreibe, aba die Tauben habt ihr ja alle schon jesehen, und wat 'n Karnickel is, wißt ihr doch woll ooch?« »Aba du hast doch neilich wat von Spanferkel azehlt, wo sind denn die nu?« fragte Tante Liese. »Von Spanferkel?« sagte Onkel Karl, »ach so, eens hatt ick ooch, aba det is wild jeworden und ausjebrochen. Det wirde ßu ville Mihe machen, wenn ick det nu erst infangen sollte; denn da muß man sich ja stundenlang uff de Laua lejen.« »Na, denn wolln wia man wieda nach deene Villa jehen und uffpassen, wie de Sonne untajeht«, sagte Herr Lemke. Das taten sie dann auch, und die Damen setzten sich auf das eiserne Bettgestell und die Herren auf die Erde. »Wollen wa nich wat Scheenet singen?« schlug Onkel Karl vor, »eens von die Lieda, die wa in den Jesangvaein injeibt hatten?« »Ach – nee, man wird denn imma so traurich, und man ainnert sich an allet von frieher her«, sagte Frau Lemke, »wat mag zun Beispiel aus den Kapellmeesta jeworden sind, aus den armen Herrn Hahn?« »Um den mach dia man keene Sorje, den jeht's jut, der is jetz nich mehr Klavierhengst, sondern bei eene Baujesellschaft. Er wird mia nechstens mal besuchen und mir een paar baureife Parzellen zeijen, die janz billich zu haben sind«, sagte Onkel Karl. »Wa'm will er'n dia die zeijen?« erkundigte sich Onkel August. »Warum?« Onkel Karl zog pfiffig die Augenbrauen hoch. »Man kann ja nie wissen, villeicht fang ick ooch 'n bißcken zu bauen an!« »Du?« Onkel August sah Onkel Karl in maßlosem Erstaunen an. »Wo hast'n det Jeld her?« »Jeld? Wozu denn Jeld?« »Zu't Bauen!« »Aba dazu braucht man doch keen Jeld – wenichstens heitzutare nich mehr. Nee, lieba Aujust, da biste schief jewickelt, det war mal frieha so. Du mußt dir det mal von den Herrn Hahn ausenanderklamiesern lassen, und ick sare dia, du wirst staunen, wat heitzutare allet jemacht wird.« »Ick staune jetz schon, wie dia der Herr Hahn inseeft«, sagte Onkel August, »aba ick warne dia, denn bei mia derfste nachher nich kommen, wennste in die Patsche drinnesitzt!« »Wia jeben ooch nischt«, sagte Frau Lemke, »also – Onkel Karrel – dette dia nu nich etwa uff uns valäßt!« »Kinda – Kinda, wat seid ihr – na, ick hätte beinah wat jesacht. Aba ihr könnt janz beruhicht sind, eha hack ick mia meen linket Been ab, eh ick wat von eich nähme. Aba wenn ick denn erst Hausbesitza bin, will ick eich die erste Etasche billich vamieten!« »Na – wollen wia det beste hoffen«, sagte Onkel August. VI Im Spukhaus zu Schöneberg Wind und Wetter hatten im Laufe der Jahre das große Schild mit der Inschrift: »Zur Märzweiße, Restaurant und Kegelbahn«, arg mitgenommen, aber der »olle reiche Lemke«, wie ihn die Leute nannten, dachte nicht daran, die Farbe auffrischen zu lassen. Unverändert hatte sich der große Garten erhalten, nur daß er jetzt, da bei den Straßenregulierungen ringsum Anschüttungen vorgenommen worden waren, so tief lag, daß die Gäste – wie sonst ein paar Stufen hinauf – eine kleine Treppe hinuntersteigen mußten. Da unten aber spazierten die Hühner wie früher zwischen den klobigen, grüngestrichenen Tischen, brannten abends die flackernden Petroleumlampen, sah man Herrn Lemke an heißen Sommertagen in Hemdsärmeln mit der Gießkanne umhergehen und die Wege sprengen. Und auch das Rollen der Kegelkugeln hörte man, die Stimme des Jungen, der sein »Jrennadier« und »alle neine« durchdringend schrie und dabei die nacken Beine anzog, daß ihn die stürzenden Kegel und sausenden Kugeln nicht trafen. Und man hätte glauben können, daß Lemkes alter Weißbiergarten trotz des Aufschwungs, den Schöneberg genommen, trotz des Näherrückens Berlins unverändert und siegreich allen Neuerungen standhalten werde, wenn da nicht merkwürdige Gerüchte im Umlauf gewesen wären. Irgendwo hatte es einer gelesen, war es durchgesickert, daß der »olle Lemke vakoofen wolle«. Und man glaubte auch die Gründe zu kennen: erstens, die »olle Lemke« war nicht mehr so taktfest auf den Beinen und konnte sich nicht mehr so wie früher um die Wirtschaft kümmern. Man merkte das schon am Essen, das lange nicht mehr so gut wie sonst war. Und die alten Stammgäste drückten die Augen ein und schnalzten mit der Zunge, wenn sie von dem »jrienen Aal mit Jurkensalat« und den großen Portionen Gänsebraten schwärmten, die man einstmals hier bekommen. Zweitens aber – und wenn man davon sprach, dämpfte man jedesmal die Stimme, denn der »olle Lemke« konnte »sehre eklich« werden, wenn er es hörte – »war irgendwas mit dem alten Haus los«. Andere sagten es geradezu heraus: »Es spukte« oder: »Lemkes selige Witwe ging um.« Man hatte – besonders die beiden Dienstmädchen, die in der Küche hantierten – oft genug in der Nacht einen schrillen Schrei gehört, und wenn der »olle Lemke« auch zehnmal am anderen Morgen behauptete, daß seine Frau nur schlecht geträumt habe, so ließ man es sich doch nicht ausreden, daß noch etwas anderes »dran« sei, denn man hörte es ja auch nachts oben auf dem Boden rumoren. Alle Milchmänner, die mit ihren Frauen von Wilmersdorf und Schöneberg zur Milchablieferung nach Berlin fuhren, spähten jedesmal, wenn sie vorüberkamen, nach dem Garten und dem im Grün des Nußbaumes und der Linden versteckten Hause, grüßten zuvorkommend den »ollen Lemke« und erwarteten irgend etwas Neues zu erfahren – aber da war keine Veränderung zu bemerken, alles war beim alten. Nur den jungen Herrn Lemke, den Sohn, sah man jetzt wieder häufiger und wunderte sich, was aus dem schmächtigen, tolpatschigen Burschen, der immer für ein bißchen dumm gegolten, für ein selbstbewußt auftretender, stattlicher Mensch geworden war. Und jedesmal erinnerte man sich dann an die alte Geschichte, wie damals der junge Lemke mit der Anna, dem hübschen, forschen Dienstmädchen, seinen Eltern durchgebrannt war, um dann in Berlin ganz von vorn anzufangen, »wie dunnemals seen Jroßvata«, der auch keinen Dreier besessen und es dann doch zu solcher Wohlhabenheit und solchem Ansehen in Schöneberg gebracht hatte. »Aba det haben se beede ihren Frauen ßu vadanken«, pflegten dann die alten Schöneberger Bauern hinzuzusetzen, »wat die Jroßmutta für een resolutes Frauenzimma jewesen is, merkt ma ja am besten daraus, det se jetz noch nach ihrem Tode im Hause rumwirtschaft'.« Nachmittags, wenn die Sonne nicht mehr ganz so grell schien, sahen die Vorübergehenden »die kranke Lemken« vor der Haustür sitzen, umgeben von einer Hühnerschar, die darauf wartete, daß für sie etwas abfiel. »Ach herrjeh«, hieß es dann jedesmal mit Bedauern, »wat is aus die schöne, rotbackige Frau jeworden – die wird's wohl nicht mehr lange machen.« Und dann freute man sich über Herrn Wilhelm Lemke, der so zu seiner Mutter hielt und jeden Tag den weiten Weg von der Landsberger Straße bis nach Schöneberg machte, um zu erfahren, wie es mit der Kranken stände. »Wenn se sich man 'n Doktor nehmen wollten, det Jeld haben se doch dazu!« sagten die Leute. Aber »die Lemken« wollte von den Ärzten nichts wissen. »Ick halt nischt von die janzen Doktors«, wehrte sie jedesmal ab, »die können mia ooch nich helfen, die denken man imma jleich an't Schneiden und Absebeln. Nee, nee, det muß von janz alleene besser werden. Und et fehlt mia ja ooch nischt, ick hab ja keene Schmerzen, bloß det ick 'n bißken schwach uff de Beene bin und keene Luft krieje. Wenn ick janz stille sitze, merk ick ibahaupt nischt von, nur rumloofen derf ick nich mehr so wie frieher!« Eines Tages kam auch Tante Marie mit nach Schöneberg hinaus. Unter ihrem Umschlagetuch verbarg sie mit großer Geheimnistuerei einen Gegenstand, der sich als eine alte Zigarrenkiste entpuppte, die sie als ihre »Hausapotheke« bezeichnete. Tante Marie hatte die Absicht, die Kranke »nu mal jründlich ßu kurieren«, aber ehe sie damit anfing, legte sie der Lemken die Karten. Ja, die Karten hatten wieder mal recht, »da stand die Krankheit« – und sie wies auf die schwarzen Kreuze –, »aba et war ooch Hoffnung vorhanden«, und darum öffnete Tante Marie die Zigarrenkiste und begann unter den Fläschchen und blauen Tüten zu suchen. »'n Kapital steckt hier drinne«, wiederholte sie fortwährend, »wat braucht man denn det teire Jeld die Apothekas in 'n Rachen ßu werfen?« Und da ihr ja die Mittel nichts kosteten, denn sie hatte sich die heilkräftigsten Kräuter – Lindenblüten, Stiefmütterchen- und Kamillentee – selbst gesammelt oder von Onkel Karl schenken lassen –, ging sie nicht sparsam damit um, sondern beschloß gleich eine Radikalkur. »Die Hauptsache is, det die Krankheit erst mal orntlich rauskommt.« Und die durchschlagenden Erfolge, die sie dann mit einem ganz besonders wirksamen Tee erzielte, der auch ihr immer geholfen hatte, veranlaßten sie, wieder und immer wieder darauf hinzuweisen, wie dringend notwendig für jeden Haushalt solch eine Apotheke sei. Dem alten Herrn Lemke leuchtete das auch ein, und als Tante Marie am nächsten Tage wiederkam, wurde sie in die gute Stube geführt, wo auf dem Tische ein zierliches kleines Schränkchen stand – »ne wirkliche Hausapotheke, die ick in ne richtje Apotheke jekooft habe, damit Se sich nich imma mit die olle Zijarrnkiste zu schleppen brauchen«, wie Herr Lemke zur Erklärung sagte. Aber Tante Marie war gar nicht so entzückt davon. Mißtrauisch besah sie sich die eleganten Glasstöpselfläschchen, die etikettierten Salbentöpfchen und bunten Pillenschachteln und schüttelte bedenklich den Kopf. Interesse erregte bei ihr nur die kleine, seltsam gebogene Schere, die sie für ein Operationsmesser hielt. Und sie konnte auch gar nicht Herrn Lemke zustimmen, der nun mit diesem Heilmagazin einem ganzen Heer von Krankheiten Trotz bieten wollte. »Is ja nischt drinne in die kleenen Pullen, bloß Uffmachung, ick halte det Jeld for wechjeschmissen. Hätten Se mia man lieba wat von jesacht. Wenn nu zwee uff eenmal krank werden, denn is for keenen jenuch da, nee, da is mia meene Apotheke doch ville lieba!« Und darum blieb die elegante Hausapotheke unbenutzt stehen, und Tante Marie kurierte mit ihren Mitteln weiter. Aber es wurde und wurde nicht besser mit der Kranken. Und eines Morgens sagte Wilhelm Lemke, der die ganze Nacht über bei seiner Mutter gewacht hatte: »Nee – det jeht so nich mehr weita, hia muß wat Ernstliches jeschehen«, und ging und holte einen Arzt. Doch wie es schien, wurde der auch nicht klug aus dem Zustand der Kranken, aber er schrieb ein langes Rezept und traf die Anordnung, daß Frau Lemke im Bett blieb. Sie jammerte zwar: »Nee, nee, Herr Doktor, ick derf mia nich festlejen, denn is's aus und vorbei mit mir«, aber als nun alle auf sie einredeten und ihr gut zusprachen, fügte sie sich endlich. Gegen Tante Marie, die sich einmischte und dem Doktor widersprach, wurde der Arzt grob. »Sie mit Ihrer verdammten Quacksalberei machen, daß Sie überhaupt ganz aus der Krankenstube kommen. Ihnen geb' ich die Schuld, daß man mich nicht früher gerufen hat. Legen Sie sich Ihre Karten alleine, und machen Sie selbst solche Pferdekuren durch, aber probieren Sie das nicht bei anderen, wenn Sie sie nicht auf dem Gewissen haben wollen!« Tante Marie war wie vor den Kopf geschlagen, ging hinaus, packte umständlich ihre Karten und die Zigarren-Hausapotheke zusammen und verschwand, ohne einem Menschen Adieu gesagt zu haben. VII »Nulpe« Es wurde nicht besser, aber auch nicht gerade schlechter mit der »ollen Frau Lemke«, und Dr. Knast, der täglich seinen Besuch bei ihr machte, dachte manchmal, daß sie mit ihrer Natur den alten Weidenbäumen da draußen auf den Schöneberger Wiesen glich: man konnte denken, es seien morsche, tote Stümpfe, aber an jedem entdeckt man doch noch etwas Grünes – so frisch, so saftig wie in den besten Jugendjahren des Baumes. Mit dem »jroßartijen Bejräbnis«, auf das man sich schon gespitzt, war's also vorläufig nichts, dafür wurde die Nachbarschaft durch eine andere Überraschung entschädigt: Der »olle« Herr Lemke hatte Haus und Grundstück verkauft. Noch zweifelte man daran, aber eines Morgens blieb die grüne Zauntür geschlossen, und in den nächsten Tagen hörte man oft das Geschrei flüchtender Hühner, das dann immer jäh verstummte. Und dann wußte man, daß wieder eins gefangen und geschlachtet worden war. Bis endlich der große Garten still und öde dalag und die Berliner, die an schönen Nachmittagen hier vorüberzogen, ahnungsvoll prophezeiten: »Na – nu wird det nich mehr lange dauern, denn wird hia ooch jebaut werden, schade um den scheenen Jarten mit die ollen prachtvollen Böme, lange jenuch hat er sich ja jehalten.« Hinten an der Rückseite des Hauses hielten Tag für Tag Rollfuhrwerke und Möbelwagen, auf denen die grünen Stühle und Tische und schließlich auch der Hausrat fortgeschafft wurden. Sang- und klanglos waren die alten Lemkes dann plötzlich ebenfalls verschwunden, ohne daß man Gewißheit darüber bekommen, für welche Summe der Garten denn nun eigentlich verkauft worden war und welche Pläne das Ehepaar hatte. Doch dann brachten die Milchhändler einige Zeit darauf die Nachricht nach Schöneberg, daß sie die alte kranke Lemken an dem Parterrefenster eines Hauses hatten sitzen sehen. »Dichte bei die Bülowstraße, aba in die Potsdama Straße – da wohnen se jetz, wia haben ihr deitlich akannt, se hat uns ja ooch noch zujenickt«, sagten die Milchfrauen. Und wen von den Schönebergern der Weg nach Berlin führte, der paßte nun scharf auf die Fenster jenes Hauses auf, und wer Glück hatte, sah die Lemken da auch manchmal sitzen, wenn die gelbe Herbstsonne auf die blanken Scheiben fiel. »Der Olle nennt sich nu Rentjeh und looft mit ne jriene jestickte Mitze rum. Manchmal buddelt er ooch vorne in den kleenen Jarten und flanzt da allen Tod und Deibel an. Die Frau soll's ja nu wieda 'n bißken besser jehen, bloß rumloofen kann se nich mehr, weil se Wasser in de Beene hat. Da wird se nu in'n Rollstuhl durch die Stuben jefahren, manchmal hält ooch ne Droschke vor die Türe, und denn fahren alle beede mang'n Tierjarten – leisten können se sich's ja, denn det Haus jehört sie!« So erzählte man sich, aber mehr erfuhr man auch nicht, denn wie es drinnen in den großen, gemütlichen Stuben zuging, wußte man nicht. Nur die Hausbewohner erhielten dann und wann einen kurzen Einblick, wenn sie die Miete bezahlen kamen. Dann saß der »olle Lemke« an seinem Mahagoni-Rollpult und quittierte mit seiner dicken Unterschrift, die nicht trocken werden wollte trotz des vielen Goldsandes, den er auf die nassen großen Buchstaben streute. Dann mußten die Mieter warten, denn der »olle Lemke« war ein bißchen ängstlich, daß sie beim Zusammenkniffen der Quittung die Schriftzüge verwischen könnten. Während sie nun dastanden und Herr Lemke in weichen Filzschuhen auf der Stubendiele hin und her balancierte, besahen sie sich die Einrichtung: den braunen Kachelofen, in dem – trotz der warmen Witterung draußen – schon das Feuer sprühte, lauschten auf die unheimlich langen Triller des echten Harzers, der nebenan in der Stube sang, oder stellten Betrachtungen über die großen Lithographien an, die rechts und links von dem Regulator über dem schwarzen Ledersofa hingen und den alten Kaiser und seine Gemahlin darstellten. Und wenn Herr Lemke diesen Blick auffing, konnte er manchmal im Unteroffizierston fragen: »Sind Sie Soldat jewesen – welchen Rejement?« Und wenn der Alte guter Laune war, fragte er wohl auch weiter, hörte interessiert zu, verfiel dann aber in eigene Erinnerungen, brummelte vor sich hin und warf dem Kaiserbild gerührte Blicke zu. Wie zur Entschuldigung oder Erklärung setzte er dann hinzu: »Wie ick in Schöneberch noch den Jarten hatte, da war schon im März – an den sein'n Jeburtstach – immer wat jefällich – jawoll! Da feierten wia Frihlingsanfang, und die Jäste saßen in't Freie, und der Flieda wurde schon jrien!« Dann zog Herr Lemke sein rotes Taschentuch und schneuzte sich gewaltig, und wenn das Gedröhne verstummte, mahnte eine wehmütige Stimme aus der Nebenstube: »Vata – wat rechste dia'n wieda so unnütz uff, laß doch die ollen Jeschichten, et jeht uns doch jetz ooch nich schlecht!« »Nee, jewiß nich, aba man denkt doch an so wat und kann et nich vajessen! Ick vasteh et ja ooch jetz noch nich, wie ick's ibers Herz habe bringen können, mia von den scheenen Jarten ßu trennen!« Und in dieser Stimmung, die die Mieter stets wahrzunehmen wußten, gelang es am leichtesten, Herrn Lemke für allerlei Verbesserungen und Reparaturen in den Wohnungen gefügig zu machen. Dieser Stimmung verdankten sie die neuen Tapeten, die glänzend braungestrichenen Dielen, die sauber getünchten Küchen, denn dann pflegte der Alte jedes Anliegen mit einem: »Jajaja« zu beantworten, und was er versprochen, das hielt er, wenn er sich auch nachher über seine Gutmütigkeit ärgerte. Eines Sonntagnachmittags – die Glocken der Zwölfapostelkirche hatten gerade geläutet – riß es draußen an der Korridorklingel, daß die alte Frau Lemke vor Schreck in ihrem Rollstuhl in die Höhe ging. »Jott und Vata«, sagte sie, die Hand aufs Herz drückend, und rang nach Atem, »da is sicherlich wat ins Haus passiert – hach!« Und sie ließ schwach und hilflos den Kopf auf die Brust sinken. Auch Herr Lemke saß wie versteinert auf dem Sofa und lauschte voll Erwartung, was da kommen würde. Beide hörten, wie Minna, das neue Dienstmädchen, durch den Korridor rannte, die Sicherheitskette wegschob, einen Aufschrei ausstieß, dann aber offenbar die Fassung wiedergewann und mit jemand verhandelte. »Nu möcht ick bloß schon wissen, wat da draußen los is!« schrie Herr Lemke mit Schlachtkommandostimme. »Minna, komm rin, mach aba die Türe zu!« »Ick kann ja nich, der Mann hält ja det Been vor«, schrie Minna zurück. »Wer hält hier de Beene vor, na warte mal, ick hol mia jetz bloß mal 'n Plättbolzen«, rief Herr Lemke aufspringend, und während er durch den Korridor lief, brüllte er: »Stemm dia jejen, Minna aba feste, klemm ihn in, klemm ihn janz jehörich in!« Als Herr Lemke mit dem Plättbolzen ankam, stand der Mann bereits im Korridor: »Ick zehle jetz bis drei, und wenn meen Hund denn nich ooch drinne is – sind Se jeliefert, Freilein!« Und sich zu Herrn Lemke wendend, sagte er: »Man muß ja'n lieben Jott for allens danken, aba so'n Dussel is mia wahaftich noch nich vorjekommen – sare ihr immerfort, ick bin 'n juter Bekannta, aba se kann nich heeren!« »Na – alooben Se mal, det is doch ooch keene Art nich, mit wem ha ick denn eijentlich det Vajniejen?« »Nu kennt der mia ooch nich mehr, nee, et is nischt, wenn die Leite so alt werden«, sagte der Mann, »ick merk schon, mit den Besuch ha' ick mia rinjeritten, wär' ick man lieba nich jekommen!« »Wenn Se bloß keene Reden halten wollten, sonnern saren, wer Se sind! Da könnte ja jeder kommen und meen Bekannta sind!« »Jetz will ick erst ma' bei meen Hund«, sagte der Mann, »der is det nich jewöhnt, det'r alleene uff de Treppe sitzen soll, nu fängt er schon an zu jauxen!« Und zur Tür hinausrufend, setzte er drohend hinzu: »Kusch dia, Nulpe, sonst dreh ick dia den Schnörjel nach links!« »Nu kenn ick Ihnen,« sagte Herr Lemke, »Sie waren damals uff die Hochzeit von meenen Sohn!« »Janz recht, ick bin Onkel Karrel«, sagte der Mann, »schade um Ihre scheene Vastehste, die hat 'n bißken bei det Stubensitzen jelitten. Nu lassen Se mia mal raus, ick muß die Teele erst eene stechen, denn wenn die nich ab und zu ne Reinijung kricht, is se nich zu bändjen!« Damit drängte er sich an dem fassungslosen Mädchen zur Tür hinaus, packte einen zottigen großen Hund am Halsband und schrie ihn an: »Mit dia ha' ick mia bekooft, ne Ratze biste, aba keen amerikanischa Bluthund – wat wiste denn nu von mia – hia is ja deen jutet Herrchen!« Und sich zu Herrn Lemke wendend, sagte Onkel Karl kummervoll: »Ick jloobe nehmlich, der Hund is varickt – nu sehn Se bloß mal det Karnickel, jetz kennt er mia wieda nich!« »Ja – et scheint so, villeicht is's janich Ihrer«, sagte Herr Lemke, »Minna, jeh rin und sach meene Frau Bescheed, denn det kann hia noch lange dauern!« »Denn loof, du Karnalje du«, sagte Onkel Karl, den Hund, der sich fortwährend hatte frei machen wollen, wieder loslassend, »loof bein Schinda und laß dia schlachten!« Und sich zu Herrn Lemke wendend, sagte Onkel Karl: »Det kommt davon, weil wia nich jleich rinkonnten! Nu muß ick hinta ihn her, und wenn ick ihm dann wechloofe, kommt er wieda hinta mia her, so macht er det imma, denn sonst is's 'n sehr anhänglichet Tier. Lassen Se also die Türe offen, wia kommen jleich wieda zurück – adje solange!« Und damit rannte Onkel Karl davon, und man hörte ihn auf der Straße schrille Pfiffe ausstoßen und in allen Tonarten »Nulpe« schreien. VIII Onkel Karl baut »Der Hund is man bloß vapriejelt«, sagte Frau Lemke, als Onkel Karl dann mit »Nulpe« in der Stube war. »Na, machen Se'n mal det Maulkörbchen ab, da werden Se sehen, wie er zuschnappt. Nee, ick hab'n uff'n Mann dressieren wollen, und da is er so jeworden. Aba et is ja bloß, det man drüba red't! Nu von wat anneres, denn det Biest vasteht ja jedet Wort, et vadreht schon wieda so dehmlich die Oogen in'n Kopp«, suchte Onkel Karl das Gespräch abzulenken. »Det is hia Ihre jute Stube – wahr?« »Ja«, sagte Herr Lemke, der sich nur schwer von dem an der Tür kratzenden »Nulpe« abwenden konnte, »eijentlich jehört noch 'n Klavier rin, aba wer soll denn druff spielen?« »Da find't sich schon imma eena, det is's wenichste«, sagte Onkel Karl, »soll ick Se eens beschaffen – janz billich?« »Ick kann mia ja schon denken, wat for eens, aba lieberst nich –«, und Herr Lemke kratzte sich bedenklich den Kopf, »Se meenen doch det, wat früher meene Schwiejatochta in det untairdsche Lokal hatte und wat denn nachher bei den Fischhändla kam?« »Ja – bei Onkel Aujusten und Tante Liesen, die aba bis jetz noch keenen Dreier abjezahlt haben. Erstens jehört se't nich, un zweetens: Wat soll det da bei die so nutzlos rumstehen, wo Ihre kranke Frau jetz sonne jroße Freide dran haben könnte! Nulpe, kratz nich, sonst schmeiß ick dia'n Stiebel an'n Kopp – ja kieck man so dusselich, dia meene ick, wen denn sonst!?« »Is aba ooch wahr«, sagte Frau Lemke, »'n bißken Musik wär doch sehr scheen, wo man nu janischt mehr hört, denn wejen die Mieta müssen wa jedesmal die Leiakastenmänna von'n Hof jagen, so leid et uns ooch tut.« »Also – abjemacht, Seefe«, sagte Onkel Karl, »ick beschaff et Sie, nächsten Sonntach steht's hia, und wenn Se wollen, bring ick eenen her, der perfekt druff spielen kann!« »Ach – den Herrn Hahn, wat? Iba den sich meen Sohn so jeärjert hat«, sagte Herr Lemke, »den wollen wa man lieba in die Versenkung lassen, der Kerrel hat dunnemals meene Schwiejatochta ins Jerede jebracht!« »Is doch allens man bloß Klatsch jewesen von die vadammte Bande aus de Ackerstraße. Hier in'n feinen Westen weeß doch keen Mensch wat von. Nulpe, wennste nu nich uffhörst, kriste den annern Stiebel ooch noch an'n Kopp!« »Na, det können wia uns noch allens iberlejen«, sagte Herr Lemke, »wodrieba ick mia aba schon die janze Zeit wundre, det is Ihr Aussehn. Se haben sich mächtig vaändert, wat Mutta?« »Finden Se?« – Onkel Karls Augen suchten einen Spiegel. »Ja, det macht woll die Ausrüstung. Ick hab mia nehmlich uff die Landwirtschaft jeschmissen. Heitzutare muß man doch allens zu vawerten suchen, wa? Und wo ick nu so jute Kenntnisse in die Naturwissenschaften habe ...« Er schwieg bescheiden, aber nach einigen Sekunden setzte er hinzu: »Nebenbei bau ick ooch!« »So?« sagte Herr Lemke gedehnt und sah seine Frau bedeutsam an, »det vastehn Se also ooch so jut? Wat ick Ihnen schon immer fraren wollte – wat sind Sie'n eejentlich von Beruf, irjend wat missen Se doch jelernt haben?« »Ick?« Onkel Karl faßte in die Westentasche, holte einen Priem vor, biß davon ein Stück ab und schob es in die Backentasche. »Ick bin frieha uff See jewesen, vastehn Se? Aba als ick denn bei den jroßen Sturm aus'n Mastkorb jeschleidert wurde, jab ick die Seefahrerei wieda uff und hab denn so rumjesimpelt – bis jetz – nu bin ick Landwirt und Bauunternehma in eene eenzichte Person!« »So?« »Ja –«, sagte Onkel Karl mit großer Befriedigung, daß die Sache endlich einmal festgestellt worden war. »Ja, ick bin schon 'n jutet Sticke in de Welt rumjekommen und hab wat zu sehen jekricht. Woher hätt ick denn det ooch allet sonst – irjendwo muß et doch herkommen. Sie mißten mal rauskommen bei mia, Herr Lemke, und sich meene Plantasche ansehen, staunen wirden Se!« »Ja, unsa Sohn hat uns schon von azehlt«, sagte Frau Lemke, »wia kennen allet nach die Beschreibung, ooch von Ihre Bauerei wissen wia, von det Blockhaus!« »Ach, Se denken, so wat bau ick bloß?« Onkel Karl schüttelte mit einem nachsichtigen und überlegenen Lächeln den Kopf. »Nee, liebe Frau Lemke, det wär woll nich det richtje! Ick hab da draußen ne scheene Eckpazelle jekooft und laß ne sojenannte Mietskaserne uffführen, denn det rentiert sich imma am besten. Die erste Balkenlare is schon fertich, eene Banke jibt denn det Geld zum Weitabau – det is Usus so –, aba nu bin ick 'n bißken int Stocken jeraten, denn 'n Laie macht sich ja keene Vorstellung, wat da allet drumm und dran hängt.« »So?« sagte Herr Lemke und mahnte durch einen sanften Stoß seine Frau zur Vorsicht. Aber Onkel Karl, trotzdem er eben Nulpe pantomimisch mit Stiefelwerfen bedroht, hatte es bemerkt und sagte gekränkt: »Se brauchen Ihre Jattin janich zu knuffen; wenn Se nich wollen, denn nich. Ick dachte bloß eben, wo ick Sie nu det scheene Klavier beschafft hab, wirden Se mia ooch 'n bißken jefällich sind. Wa'm soll ick mia denn an'n Halsabschneida wenden, wo ick sonne reichen Vawandten hab? Nulpe, wennste jetz nich jleich ruhich bist und die Schnauze hältst, hau ick dia 'n Brejen in! – Zu'n Hund kann man Schnauze saren, det is nich unanständich«, fügte Onkel Karl wie zur Entschuldigung hinzu und sah Frau Lemke fragend an. »Denn 'n Schnabel hat er ja nich –«, sagte die Kranke mit einem zustimmenden Lächeln. »Nee – sonst könnten ja die Hunde zwitschern.« Und Onkel Karl sah Frau Lemke dankbar an, als wäre sie auf seiner Seite. Die Tür öffnete sich, Minna – mit einem Tablett voll Gläsern und Flaschen – kam herein und machte, als sie an Onkel Karl vorbei mußte, einen großen Bogen. »Ach Jott – ick tu Ihn'n nischt –, nehmen Se sich lieberst vor den Hund in acht. Wenn Se den zufällich uff'n Schwanz treten sollten, streckt er Sie mit eenen Tatzenschlach zu Boden!« Als Herr Lemke mit seltener Kunstfertigkeit die Weißbierflaschen öffnete, die Gläser gefüllt und alle getrunken hatten, sagte Onkel Karl: »Wie wär det mit'n Jungen von den Nulpe – Herr Lemke, wollen Se eenen haben, 'n hibschet Exemplar?« »Nee – danke! Ibrijens, is denn die Teele da ne Sie?« fragte Herr Lemke. »Ick hab ihr bisher for'n Er jehalten!« »Det is ooch keene Ihr und keene Sie, sonnern 'n Er«, sagte Onkel Karl, stolz auf seinen Hund. »Denn vasteh ick nich, wie det Vieh Junge kriejen soll!« »Jott, is det allet eene Umständlichkeet«, sagte Onkel Karl ein bißchen verdrießlich, »ick meene natierlich, wenn die Sie von den Er Junge kricht!« »Ach so, nu ha' ick Ihn'n schonst vastanden«, sagte Herr Lemke, befriedigt mit dem Kopf nickend, »vasteh schonst, ja ja – Sie haben noch ne Sie zu Hause!« »Nee, leida eben nich«, sagte Onkel Karl. »Denn kann ick mia nich helfen, denn bleibt mia die Jeschichte schleiahaft«, sagte Herr Lemke, »Mutta – vastehst du denn det?« »Ihr habt eich jejenseitich 'n bißken vaheddert«, sagte Frau Lemke, »seh ma, Vata, er meent ...« »Nee, nee, aklär's mia lieba nich«, wehrte der Alte ab, »mia platzt sonst wat in'n Kopp. Ick will ja jakeen so'n Biest, keen junges und keen altes nich!« »Denn nich«, sagte Onkel Karl gekränkt, »denn behalte ick se mia, bis ick 'n wirklichen Liebhaba for finde!« »Det wird woll ooch det beste sind, prost«, sagte Herr Lemke, nach dem Glase fassend. »Prost – na, und wie is nu mit det Jeld jejen jute Sichaheet?« Herr Lemke schüttelte ruhig und gelassen den Kopf: »Nee, meen lieba, wenn Se desterwejen herjekommen sind, tut mia's um Ihre Stiebeln leid. Ick will Ihn'n nehmlich saren, det ick den Rummel janz jenau kenne. Ick seh't ja hia vorne uff die Schöneberjer Wiesen, wo se wie varickt zu bauen anjefangen haben, lauta vakrachte Häusa, keene Lieferanten und keene Handwerka sind bezahlt worden, Vorteel davon haben nur die Kerls, die die mittellosen Leite zu't Bauen vaanlaßt haben. Wenn ick Ihn'n heite fimfhundert Tala jebe – morjen sind se alle, da haben Se een Loch zujestoppt und 'n anneres is offen!« »Also fimfhundert –«, sagte Onkel Karl, eine große, lederne Brieftasche vornehmend, »jejen Wechsel, oda wat wollen Se for ne Sichaheet?« »Nich 'n Dreier«, sagte Herr Lemke grob. »Mann, lassen Se die Finga von die janze Bauerei, lejen Se sich lieba ne Piereselhecke an, det is jescheita, da riskieren Se nischt!« »Aba, wennste ihn helfen könn'st?« sagte Frau Lemke leise, als sie sah, wie Onkel Karl, noch immer zögernd, die lederne Brieftasche in die Nankingjacke steckte. »Nee, den is nich zu helfen«, sagte der Alte, »haste die dicke Brieftasche jesehen, det sind allet unbezahlte Rechnungen!« »Se hätten mia ja später det Haus abkoofen können«, sagte Onkel Karl. »Wat für'n Haus, det jehört Se doch janich!« »Aba det Jrundstück!« »So?« sagte Herr Lemke gedehnt, »ick weeß et zufällich aba bessa, Sie jehört nischt weita als die Schulden uff det Jrundstück und uff den Bau – dafor werden Se vaantwortlich jemacht werden!« »Et soll mia mal eener wat tun wollen«, sagte Onkel Karl drohend, »komm, Nulpe, wia jehen los!« IX »Geld her oder ich fall' um« Tag für Tag war dann Onkel Karl, dem allmählich etwas bänglich zumute wurde, umhergelaufen, um das Geld, das er den Bauhandwerkern schuldete, aufzutreiben. Eine Ahnung stieg in ihm auf, daß ihn dieser Herr Hahn, den er eigentlich bisher für einen großen »Schafskopp« gehalten, in eine »vaflixte Patsche« gebracht hatte. Wie schön hatte das damals geklungen: »Wollen Sie ein reicher Mann werden? Jetzt haben Sie Gelegenheit dazu – mit nichts können Sie anfangen – und wenn Sie in zwei, drei Jahren das Haus gut verkaufen, haben Sie so viel, daß Sie bis an Ihr Lebensende in einer Gummiequipage fahren können.« Ja – und dann hatte Onkel Karl einen Kontrakt unterschrieben, und »alles andere« hatte Herr Hahn besorgt: die Verträge mit den Lieferanten abgeschlossen, die Maurer und einen Polier engagiert, und dann war »die Sache in Gang gekommen«. Die Ausschachtungen hatten begonnen, das Fundament war gelegt worden, das Kellergeschoß entstanden. In Begleitung des Herrn Hahn war er – einige Wochen später – auf die Bank gegangen, um die erste Baugeldrate abzuheben. Dort hatte es ein großes Hin und Her gegeben, er wurde ganz konfus von dem, was ihm die Herren vorrechneten und erzählten, und war schließlich sehr verblüfft gewesen, als man ihm zu guter Letzt doch noch eine größere Summe auszahlte. Nur eins begriff er bei der ganzen Geschichte: Kein Mensch würde jemals imstande sein, ihm klarzumachen, wie das alles zusammenhing. Für dumm sollte ihn aber auch niemand halten, und darum hatte er nichts gesagt, auch als ihm Herr Hahn die Summe wieder abgenommen und ihn in das Kontor der Baugesellschaft geführt hatte, wo ihn die Herren sehr freundlich empfingen und ihm, nachdem sie wieder angestrengt gerechnet, glatte hundert Taler als »ersten Verdienst« auszahlten. Erst ein paar Tage später kam Onkel Karl der Gedanke, daß das von der Bank erhobene Geld doch wohl dazu hätte dienen müssen, die Handwerker und Lieferanten zu bezahlen. Aber als er das Herrn Hahn gesagt, hatte er laut aufgelacht: »Die kommen doch ganz zuletzt, das ist doch alles kontraktlich ausgemacht.« Und da sich Herr Hahn keine Sorgen machte, der doch die Sache gründlich verstand, machte sich Onkel Karl nun auch keine mehr, sondern ging seinen Liebhabereien nach und hatte sich Nulpe angeschafft. Zu seinem Schutze – denn es ergab sich, daß sich in seiner Wohnung allerlei erregte Leute einfanden, die von ihm, als Bauherrn, in nicht mißzuverstehender Weise Geld forderten. Schließlich hielt er es für das beste, gar nicht mehr aus dem Hause zu gehen, sondern in seinem Blockhaus zu kampieren. Hier in diesem Versteck hielt er sich für sicher, dressierte Nulpe und gab sich, während er seine kurze Pfeife rauchte, allerlei Vermutungen hin, was denn nun aus der ganzen Geschichte eigentlich werden sollte. Es war ein so eigentümlicher Gedanke, zu wissen, daß da ein Haus gebaut wurde, das ihm gehörte oder wohl auch nicht gehörte, daß Leute, die er gar nicht kannte, Geld von ihm haben wollten, während er doch keins hatte, und das Resultat dieses Nachdenkens war: »Ick kimm're mia um die janze vaflixte Kiste nich mehr.« Aber andere kümmerten sich um ihn. Am letzten Sonnabend sah Onkel Karl zu seinem Erstaunen plötzlich eine Gruppe erregter und energischer Männer vor dem Rasenhause auftauchen, die ihm die Fäuste unter die Nase hielten und ihm erklärten, daß sie ihn »kurz und kleen hauen« würden, wenn er sie nicht augenblicklich bezahlte. Onkel Karl hatte ihnen klarzumachen versucht, daß ihn der Bau gar nichts mehr anginge und daß er die hundert Taler, die ihm die »eejentlichen Bauherren« gegeben, sehr gern wieder zurückzahlen wolle, aber dazu müsse man ihm Zeit lassen, bis er sich die Summe beschafft habe. So war es ihm geglückt, die erregten Männer zu beschwichtigen, aber er wußte, daß sie wiederkommen und ihn aufs neue bedrohen würden, und deshalb hatte er den alten, reichen Lemke in Schöneberg am nächsten Sonntag aufgesucht. Der Versuch war aber mißglückt, und nun befand sich Onkel Karl mit Nulpe auf dem Wege zu Tante Liese und Onkel Aujust, von denen er ganz genau wußte, daß sie etwas »auf der hohen Kante« liegen hatten. »Nanu – wo kommst du denn her?« hatte Onkel August mißtrauisch gefragt, und Tante Liese hatte entsetzt aufgeschrien: »Wat is denn det for'n Hund, so'n hab ick ja noch nie jesehen, nimm bloß den Köta wech, der springt eenen ja immafort an!« »Der freit sich«, sagte Onkel Karl. »Wo ick herkomme? – Nu, ick wollt eich mal wieda besuchen – ihr wart ja ooch bei mia draußen!« »Na setz dia man«, sagte Onkel August mit einem etwas ängstlichen Blick auf seine Frau. »Wenn ick dia recht vastehe, wiste dia den Karpen holen kommen, den ick dia vasprochen hab.« »Ja, den kann ick ja ooch mitnehmen, obwohl ick die Fischzucht woll uffjeben werde. Ick hab so ville annere Untanehmungen vor. Den Bau zun Bleistift, der nimmt mia 'n bißken sehre in Anspruch. Ick will eich desterwejen ooch janich lange uffhalten. Wie wär't denn, wollt ihr eich nu nich 'n bißken dran beteiljen?« »Nee«, sagte Onkel August, und Tante Liese schüttelte den Kopf. »Bloß mit hundert Tala«, schlug Onkel Karl vor. »Nich mit hundert Dreia«, sagte Tante Liese kühl. Onkel Karl betrachtete aufmerksam Tante Lieses Gesicht. »Wat du for ne merkwirdje Neese hast –«, sagte er und gab damit gelassen dem Gespräch eine andere Wendung. »Ja –«, Tante Liese tat distinguiert, »die kümmert sich auch nur um ihre eigenen Angelegenheiten.« »Hmhm!« Onkel Karl schien das zu begreifen, warf aber gleich darauf Onkel August einen verächtlichen Blick zu, als er sah, wie der sich angelegentlich mit seinen Stiefelabsätzen zu schaffen machte. »Wat ick saren wollte – wie wär't denn, wollt ihr mia nich meen'n Hund abkoofen – den Nulpe?« »Wa'm wisten den loswerden?« fragte Onkel August. »Is doch so'n scheenet Tier, kiek mal, wie der det Stuhlbeen da anknabbern will!« »Bloß wejen die Steiern – Nulpe, laß det, du hast deen Fressen schon wech! Also – wie is's?« »Wat is denn det ibahaupt for ne Rasse?« Aber Tante Liese fuhr erregt dazwischen: »Aujust, ick vasteh dia wahaftich nich, laß dir doch erst janich uff so wat in – wat sollen wia denn mit solchem Biest in die Stube?« »Laß jut sind, Aujust, det, wat ick dafor fordere, hättste doch nich jeben können. Det is 'n echta Bernhadina, 'n sojenannta Lebensretta, und unta Brieda achzich bis neinzich Tala wert!« »Der?« Tante Liese zuckte verächtlich die Achseln. »Een Ziehhund is det, wie for jeden Lumpenkarren«, sagte sie. »Na, denn probier mal, wie der dia zieht, vasuch mal bloß, den inzuspannen«, sagte Onkel Karl. »Wollen wa nich 'n scheenen Karpen aussuchen jehen?« meinte Onkel August, dem immer unbehaglicher zumute wurde. »Det können wa ja nachher noch machen«, sagte Onkel Karl, »nehmlich, damit ihr's wißt, ick bin eejentlich wejen janz wat anneres jekommen: Ihr mißt det Klavier wieda rausrücken!« In dieser Pause starren Staunens, die nun folgte, biß Onkel Karl mit den Manieren eines Feinschmeckers ein Stück Kautabak ab und sah sich prüfend in der Stube um. Aber plötzlich trat Tante Liese wie ein Untersuchungsrichter vor Onkel Karl hin: »Wer hat dir denn damit beauftragt, uns det auszurichten – he?« »Der olle Lemke in Schöneberch!« »Aba det Klavier is doch von die jungen Lemkes aus die Landsberjer Straße!« »Janz recht – ihr habt et sogar schon ibanommen, als die noch in de Ackastraße wohnten, aba bis heite habt ihr noch nich so ville von abjezahlt.« »Weil niemals nich een jenauer Preis jenannt worden is«, sagte Tante Liese. »Den kann ick eich ja nennen – hundert Tala, aba nur uff eenen Schlach und jejen bar.« »Aba 'n Recht dadruff haben bloß die jungen Lemkes«, warf Onkel August ein, »wie kommt denn der Olle zu?« »Die jungen Lemkes wollen sich nich mit eich vakrachen«, sagte Onkel Karl, dem die Geschichte nun ganz klar wurde. »Nee, wollen sich nich mit eich vakrachen, und da haben sie ihre Forderung an den ollen Lemke vakooft. Und als ick letzten Sonntach bei sie draußen war, hat mia der Olle beufftracht, det Jeld inzutreiben oda eich det Klavier abzunehmen. Ick wirde eich ja raten, bezahlt's lieba!« »Nimm dia det Dreck uff'n Buckel und zieh ab mit«, sagte Onkel August ärgerlich, »denn hört endlich mal det Stoobwischen uff. Ick hab mia't ja imma jedacht, det wia deswejen noch mal Ärjer haben werden!« »I wo – die Sache stimmt noch nicht, da ist wat faul bei«, sagte Tante Liese, »aba ick werde mia akundjen jehen, und denn wird sich's ja rausstellen!« »Ja, det kannste tun, aba det Klavier nehm ick heite schon mit, det muß jestimmt werden, det soll ick jleich zu den Herrn Hahn bringen, hat der olle Lemke jesacht!« »Ach so – nu merk ick wat«, sagte Tante Liese, »weeßt du, wat du bist, Onkel Karrel? Du bist een fauler Kopp – schwindelst – schäm dia wat.« »Det hat mia noch keena zu saren jewagt, nu jeh ick direktement nach Schöneberch, hol mia von den ollen Lemke ne Vollmacht, und denn komm ick mit'n Möbelwaren zurück und lad det Klavier uff, macht's man inzwischen reene. Vorwärts, Nulpe, wia jehen, so wat lassen wia uns nich bieten – adje!« X Der Schandfleck der Familie Aber mit dem Gang nach Schöneberg hatte es Onkel Karl nicht so eilig. Als er aus dem Fischerviertel hinaus war, zog er auf weiten Umwegen, immer in Angst und Sorge, daß er einen Gläubiger treffen könnte, nach der Landsberger Straße. Er hatte sich unterwegs etwas anderes überlegt, um die hundert Taler zu bekommen. Tante Marie hatte ihn schon einmal unterstützt, damals im Frühjahr, als er seine Karriere als Bauunternehmer begonnen hatte. Da war sie es gewesen, die auf das Versprechen hin, in dem neuen, schönen Hause ein sonniges, großes Balkonzimmer zu bekommen, mit ihren Spargroschen herausgerückt war, damit er sich an dem Unternehmen hatte beteiligen können. Nun wollte er den Versuch machen, »den Rest« von ihr zu bekommen. Aber er hatte offenbar keinen günstigen Tag heute, der Empfang, der ihm zuteil wurde, gefiel ihm nicht. Tante Marie nahm kaum Notiz von ihm und unterhielt sich gleich wieder mit dem Zigarrenhändler Krause, Herr Lemke hatte mit der Bedienung der Gäste zu tun, und Frau Lemke litt an Zahnschmerzen und war deshalb schlechter Laune. »Et jibt vaschiedene Mittel jejen«, sagte Onkel Karl, »aba det beste is woll, man hat den hohlen Zahn mit die Wurzel in de linke Westentasche. Wenn't reimatisch is, lech doch mal die kranke Backe an Nulpen seen Fell, det zieht den Schmerz raus!« »Oda ooch nich«, sagte Frau Lemke, die vor Schmerzen nur ganz wenig den Mund zu bewegen vermochte. »Wennste det arme Luda uff die Weise ausnutzen willst, denn halt's man erst 'n bißken sauberer. In den sein'n Pelz hecken se ja!« »Ick werd mia noch 'n Affen anschaffen, der kann Nulpen denn ja absuchen«, sagte Onkel Karl, dessen hoffnungsfreudige Stimmung nun auch umschlug, »dazu hab ick mia det teire Tier doch nich jekooft, det jeder dran rumnörjeln tut!« Herr Lemke, den der Hund umschwänzelt hatte, ging nach der Küche und kam mit ein paar Knochen zurück, die er Nulpe unter den Tisch warf: »Da, nu vahalt dia aba still da unten«, sagte er. Dann fuhr er sich verlegen mit der Hand über die Bartstoppeln und meinte: »Hör mal, Onkel Karrel, hia kommen jeden Tach jetz Leite, sich nach dia akundjen, möchste nich mal ne annere Referenz uffjeben? Ick hätte ja jewiß nischt jejen inzuwenden, aba det sind zumeist sonne Brieda mit blaue Mitzen und Aktenmappen, und det schad't dem Lokal!« Onkel Karl war sehr erstaunt. »Nu sach mal, wat wollen die denn eejentlich von mia, zeijen se denn irjentwat vor, äußern se sich denn janich 'n bißken?« »Det wirste schon merken", sagte Herr Lemke, »laß dia man mal mit Nulpen sehen, denn pappen se den 'n Siejel uff'n Schwanz, und futsch und wech is eens!« »Also – hia bin ick nu ooch schon nich mehr sicha – na ja, ick kann ja jetz mal zur Abwechslung Tante Liesen ihre Adresse anjeben lassen, denn ick hab det nich jetan, det besorcht der Jeneralbevollmächtichte, unsa lieba Hahn!« »So?« »Ja – ibrijens is det nischt Besonneres«, sagte Onkel Karl mit Genugtuung und einem zuversichtlichen Lächeln, »det muß man sich eben jefallen lassen, wenn man in't öffentliche Leben steht.« Und dann stieß er vertraulich Herrn Lemke an: »Hör mal, Willem, der da – bei Tante Marie – der Krause, wat is denn det for'n Mensch?« »'n sehr netta, freindlicha Mann!« »Na, hat'r denn wat?« Trotz ihrer Schmerzen mischte sich nun Frau Lemke in das Gespräch: »Untasteh dia janich – den laß jefällichst zufrieden!« Onkel Karl besah sich seine Weste. »Ja – bin ick denn jemeinjefährlich, warum denn sonne Angst – ick werd mia doch noch mit die Leite untahalten derfen!« Und um ihr zu beweisen, daß er sich als freier Mann keine Vorschriften machen lasse, nahm er sein Weißbierglas und sagte: »Ick werd mia mal 'n bißken bei ihnen setzen und zuhören, wat die so woll reden!« Aber das Gespräch verstummte in dem Augenblick, da er sich an dem anderen Tisch niedergelassen. Nulpe – widerwillig knurrend – war, einen Knochen in der Schnauze, seinem Herrn gefolgt. »Karrel, ick wollte dia bloß bitten«, sagte Tante Marie, »wennste jehst, paß' 'n bißken uff, det deene Teele nich an den Oljanda kommt!« »Merk dia det, Nulpe«, sagte Onkel Karl unter den Tisch hinunter, »du bist ne Teele, und det draußen is 'n Oljanda! Vorleifich jeh ick aba nich, ick denke sojar hia noch Abendbrot zu essen – wat sachste nu?« Herr Krause, der in seiner langen Weichselrohrpfeife gestochert hatte, erhob sich. »Ja, ich muß nun wieder mal rüber in meinen Laden, vielleicht komm ich nachher noch mal – adje solange!« »Adje, adje«, sagte Onkel Karl, aber als sich nun Tante Marie ebenfalls erheben wollte, wandte er sich hastig zu ihr: »Ick muß dia wat sehr Wichtijes saren!« »Wat'n?« Tante Marie sah ihn böse und mißtrauisch an. »Mia hat wat Furchtbares jetreimt!« »Is dia recht –«, und Tante Marie wandte sich ab. »Und denn hatt ick ooch ne janz seltsame Ascheinung«, sagte Onkel Karl feierlich. »Det kann man sich ja denken, bei dein ruheloset Leben!« »Det war sicherlich Lemkes Selje«, sagte Onkel Karl. »Jott sei Dank, det se nu bei dia anjelangt is, villeicht macht se noch 'n ordentlichen Menschen aus dir – Karrel, Karrel, wo bist du hinjeraten!« Onkel Karls Augen schielten plötzlich, und er mußte ein paarmal krampfhaft schlucken. Tante Marie sah ihn lange prüfend an und sagte seufzend: »Man wird aus dir eben nich kluch – denkste, ick weeß nich, dette det Jesichte ooch uff Kommando machen kannst! Damit haste schon imma als Junge standjehalten, wenn die andern Lausejungens wechjeloofen sind.« »Na, denn nich«, sagte Onkel Karl und rollte die Augen wieder zurück, »nu ha' ick's ibawunden, et war bloß 'n Schwächeanfall, wie er iba die stärksten Rollkutscha kommen kann. Ihr stoßt mia von eich – jut – jut, jetz jeh ick unta die Vabrecha, nu sollt ihr aba wat von mia aleben, nu komm ick in die Zeitung!« »Karrel, ick sare dia, denk an unse Eltern!« »Nee – tu ick nich!« – Er schüttelte energisch den Kopf und sagte mit erstickter Stimme: »Die Behandlung heite hia hat mia den Rest jejeben. Ihr könnt eich ja nachher später jejenseitich die Vorwürfe machen, denn det kann ick dia jleich saren, liebe Marie – eh mia eena fängt, schieß ick'n ibern Haufen!« »Wa'm wollen se dia denn fangen?« »Det möcht ick alleene wissen, wat se nu schon von mia haben, wenn se mia haben! Wascheinlich is keen annerer da, den se steekern können!« »Det Unjlick is, dette dia keene ordentliche Frau jenommen hast«, sagte Tante Marie, »die hätte dia zusammenjehalten, hätte dia jekocht und die Kneppe anjenäht, aba du hast von kleenuff schon imma so'n unsoliden Eindruck uff alle Leite jemacht!« »Und 'bei hat mia Vata doch so jedroschen«, sagte Onkel Karl, »und mia die untajelechten Pappdeckel imma aus die Hosen jezoren. Und darum jloob ick doch, det ick zu wat Besseres jeboren bin – sonst wär ick doch schon längst vaheirat't!« »Wenn du nu Kinda jekricht hätt'st – wat wirdest du die for'n schlechtet Beispiel jejeben haben!« »Och –«, sagte Onkel Karl, »wenn ick Kinda kriejen könnte, denn wird ick mia for Jeld sehen lassen, und die jroßen mißten mia anähren, und die kleenen wird ick vakoofen!« »Fui Deibel – mit dia derf man wahaftich keen Mitleed nich haben«, sagte Tante Marie, »du bist da draußen uff die Wiesen janz und jar vakommen. Mia tut bloß der arme Hund leed, wat der bei dir so ausstehen mach!« »Wisten koofen – der is uff alle Sorten Jeister dressiert ...« »Spotte du man – du wirst schon in die Hölle an mia denken!« »Wenn ick man erst drinne wäre, alle Deibels wirden sich freien. Denn führ ick se an nach'n Himmel, und denn machen wia een furchtbaren Krach!« »Watte man, watte man«, sagte Tante Marie, »weeßte denn nich mehr, wie't in die Bibel steht: ›Ihr werdet Rechenschaft ablejen missen for jegliches unnütze Wort!‹?« »Da kämen wa aus det Jerechne ja janich mehr raus«, sagte Onkel Karl, »und denn wär die Ewichkeit um, und wat wär denn dann?« Tante Marie sah ihn starr an, sagte: »Fui, du bist een Jotteslästera, fui und nochmals fui!« – und wandte sich entrüstet ab. »Det tuste bloß, weil du mia keen Jeld jeben willst, aba watte man, et kommt noch janz anners mit mia!« Sie wandte sich nochnmals um und sagte: »Mach's man wahr, Vata hat et ja noch uff'n Totenbett jesacht, det du Schande uff unsan ehrlichen Namen bringen wist!« »Schande is janischt jejen, und uff'n Totenbett hat Vata ja janich mehr reden können!« Aber Tante Marie hörte nicht mehr, was er sagte, sie ging zu Frau Lemke und sagte ihr etwas ins Ohr. Frau Lemke schüttelte sich und rief ihren Mann, und als er kam, erzählten sie ihm gleichzeitig Onkel Karls Lästerungen. Da hielt es Onkel Karl für angebracht, »Nulpe« am Halsband zu packen, dem widerstrebenden Tier den Maulkorb anzumachen und sich zu entfernen, ohne auch nur Lebewohl zu sagen. XI Ein bißchen Bildung In den nächsten Tagen ereignete sich etwas, das Tante Marie mit Grauen und Mitleid erfüllte. Es geschah – bald mittags, bald abends oder morgens –, daß ein bis aufs Skelett abgemagerter großer, zottiger Hund keuchend und abgehetzt durch die Landsberger Straße jagte, in Lemkes Restaurant und Bierlokal stürzte, dort mit aufgeregtem Winseln jeden Winkel abschnüffelte und dann wieder davonraste, ohne sich von jemand halten zu lassen. »Nulpe – Nulpe –«, schrien die Straßenjungen hinterher und warfen ihm Steine nach. Und kaum eine halbe Stunde später wurde das abgehetzte Tier draußen in Schöneberg bei den alten Lemkes und dann – später wieder – im Fischerviertel bei Onkel August gesehen. Und überall sagten die Leute: »Et is anjebunden jewesen, det arme Tier, und hat sich losjerissen, det sieht man ja noch an det Seil, dettet mitschleeft. Wahscheinlich sucht et sein Herrchen, wenn't man nich der Schinder kricht!« »Paß ma' uff, mit Onkel Karrel is wat«, sagte Tante Marie, der es über den Rücken lief, »den werden se wo finden, starr und steif, oda von'n Ast abschneiden!« Die junge Frau Lemke meinte jedesmal: »Na, da missen wia uns 'n bißken kimmern, wa können ihn doch nich janz und jar in Stich lassen, zu det Bejräbnis muß doch eener mitjehen. Willem, zieh dia ma' die Stiebeln an und jeh los und kimmere dia 'n bißken!« Wenn Herr Lemke dann nach ein paar Stunden zurückkam, konnte er nur immer sagen: »Keene Spur – et jloobt ooch keener an den sein'n Tod, int Jejenteil, se saren, er hat sich bloß dinnejemacht. Und wat man da allet ßu hören kricht: Vatan in Schöneberch hat er anpumpen wollen, Tante Liese hat er det Klavier fänden wollen! Ach – und nu erst in seene Wohnung oder uff'n Bau und in ›Nei-Kalifornien‹, da stehen die Leite Tach und Nacht und warten. Der hat sich rinlejen lassen, Dunnawetta – und dabei, wenn man jenau hinhört, merkt man, det er eijentlich janz unschuldich is, und det die Leite ihm man bloß so nachloofen, weil man sie uff ihn jehetzt hat.« »Wo wird sich denn der ooch uffbammeln«, hatte Frau Lemke gesagt, »da kennt ihr Onkel Karreln schlecht! Der hat längst 'n jroßet, neiet Untanehmen vor – eenes Tares wird er schon wieda ufftauchen und so tun, a's wenn er ibahaupt nich wechjewesen is!« Diese Ansicht hatte viel Wahrscheinlichkeit und wurde durch das Gerücht unterstützt, daß dieser oder jener der Gäste Onkel Karl irgendwo gesehen haben wollte. Und schließlich beruhigte sich auch Tante Marie: »Er is ja schon eenmal wechjewesen und seenen Meester aus die Lehre jeloofen, hat sich in die Welt rumjetrieben und sich denn doch wieda anjefunden. Ick jloob et ja nu ooch schon halb und halb, det er wieda uff die Wandaschaft jejangen is.« Im Grunde genommen hatte auch jeder so mit seinen eigenen Angelegenheiten zu tun, daß er sich nicht um andere kümmern konnte. Frau Lemke kam schon nicht mehr aus den Sorgen heraus: Die Kinder – erst Edwin und dann die kleine Liese – hatten die Masern bekommen, und es war Herbst geworden, bis die Kleinen so weit waren, daß man wieder aufatmen konnte. Und dann legte sich wieder Tante Marie, die sich bei den Nachtwachen überanstrengt hatte, und alle Gäste fanden es rührend, wie nun Herr Krause Tag für Tag kam, sich eingehend erkundigte und jedesmal eine kleine Aufmerksamkeit mitbrachte: eine seltene Messinaapfelsine, die die Kranke mit Zucker essen sollte, oder zur Zerstreuung einen der bunten Neu-Ruppiner Bilderbogen, manchmal auch Blumen oder die neuesten spaßhaften Couplets. Und dann saß Herr Krause, nachdem er erfahren, daß sein Präsent gut aufgenommen worden war, in der Nähe des Eingangs und paßte getreulich auf, daß die Hunde dem Oleander nicht zu nahe kamen. Wenn sich dann Frau Lemke zu ihm setzte, erfuhr sie so mancherlei, das ihr bisher bei ihrer Geschäftigkeit entgangen war. Herr Krause wußte über die Leute im Hause und in der Nachbarschaft gut Bescheid. »Wat wohnt da nich allens in sonne jroße Mietskaserne«, pflegte er zu sagen, »wat steckt nich alleene bei Sie hia int Hintahaus! Lauta kleene Leite, die sich durchs Leben schlaren, so jut oder so schlecht et eben jeht. Ick habe wenich Schlaf und bin 'n Frühuffsteher – da seh ick, wie eener nach'n andern morjens uff de Arbeet jeht, wie se abends za Hause kommen und wat sich hia in de Nacht tut, wenn man denkt, det alle schlafen und dettet Haus ßu is.« Und mit einer Kopfbewegung wies Herr Krause dann manchmal auf die Vorübergehenden: »Sehen Se den da? Det is'n Steinmetz, der hat die Schwindsucht und hust't sich tot! Und die da – det junge blasse Meechen – die hat sich mit eenen injelassen. Nu sitzt se da und lauert, bis allet vorüba is. Wenn se sich mal uff die Straße sehen läßt, looft se Spießruten, alle kieken se nach. Und det da –«, er zeigte mit der Pfeifenspitze nach ein paar kleinen Kindern, deren Köpfe viel zu groß für die mageren Körperchen waren –, »det sind die Kellawürma. Mutta wascht sich die Finga wund, und Vata sauft. Ja, sehen Se, Frau Lemke, det lebt allet und kraucht rum, und man denkt, det beste wär, wenn se der Totenjräber injebuddelt hätte, aba fragen Se, wen Se wollen, sterben will doch keener nich!« »Da kann man ja noch ordentlich froh sind«, sagte Frau Lemke. Und während Herr Krause weiterphilosophierte, wanderten ihre Gedanken umher, wogen die Ereignisse der letzten Jahre ab, schweiften in die Zukunft, und das Ergebnis konnte sie nur befriedigen. Sie hatten Glück gehabt, aber freilich, scharf genug waren sie auch hinterher gewesen, um es zu etwas zu bringen. »Na, nu –«, und sie suchte sich selbst abzulenken, »nicht beschreien, wer weeß, wat eenen noch allet bevorsteht. Uff eenmal is denn det Unjlick da, und denn wird man's nich wieda los!« »So is's«, sagte Herr Krause. »Unjlick is wie Jrienspan oder Rost, man kann putzen, so ville wie man will, man sieht doch immer noch, wo et sich injefressen hat.« »Man derf sich eben janich mit inlassen – mit det Unjlick", sagte Frau Lemke. »Et jibt Leite, die haben ihr janzet langet Leben nur imma die Jedanken uff Tod und Bejräbnis und annere sonne traurijen Sachen. Nee, dafor bin ick nich. Int Jegenteil – ick will jetz erst anfangen und wat von't Leben haben, ick will mia amisieren! Unse Vawandte, die Tante Liese, die den reichen Fischameesta hat, die möcht ick 'n bißken ibatrumpfen – wissen Se – die hält uns nehmlich for 'n bißken power. Der mißte man mal zeijen, det man ooch annern Umjang hat. Sie sind doch so'n jebildeter Mann, Herr Krause! Wodruff et ankommt, wissen Se doch – Sie müßten een'n doch 'n bißken in die Mache nehmen können – wat?« »Jewiß – jewiß –«, und Herr Krause kratzte sich etwas bedenklich die Perücke, »det könnt ick sehr scheen. Sehen Se, Frau Lemke, Se mißten jute Biecha lesen!« »Nee – det is nischt vor mia, det ha' ick schon frieha mal vasucht. Aba da steht man imma von Jräfinnen und Barons drinne, und so wat kann ick ja doch nich mehr werden. Nee, man mißte wo hinjehen und wat sehen, und Sie mißten eenen det ordentlich aklären, wat man nich vasteht!« »Ach so – so meenen Sie det«, sagte Herr Krause geschmeichelt, »det soll mia schon recht sind!« »Wenn man erst Tante Marie wieda jesund wär, denn die mißte natierlich mitkommen, sonst jibt et wieda Jerede, wie dunnemals mit den Herrn Hahn. Von den Mann hätte ick ooch wat lernen können, aba da hab'n mia die Leite vaklatscht, und da mußten wia'n rausschmeißen.« »Ja, Tante Marie mißte mitkommen«, sagte Herr Krause begeistert, »da wirden wia mal in die ›Walhalla‹ jehen!« »Oda in die Opa –«, meinte Frau Lemke. »Oper – et heeßt nehmlich nich Opa, sonnern Operrr – det wird ick nich raten. Aba am Weinbergsweg, da jibt's 'n beriehmtes Volkstheata, wo sehr riehrende Sticke uffjeführt werden, da mißte man mal hinjehen. Wenn man da so'n Stick jesehen hat, kann man die janze Woche drieba sprechen!« »So? – Na ja! Und wat könnte man denn noch for seene Bildung tun?« fragte Frau Lemke. »Na – det wär doch schon ne janze Masse«, sagte Herr Krause ermunternd, »aba wenn Sie noch wat Besonderes tun wollen – Se dirfen mia det aba nich ibelnehmen, denn wird ick mia an Ihre Stelle 'n bißken Mihe jeben und richtjer sprechen!« »Ja, man kann sich 'bei blamiern mit det Berlinsche, aba man hat et sich ja so anjewöhnt. In die Schule durften wia so nich sprechen, und meene Mutta hat ooch imma jeschumpfen.« »Jeschimpft«, verbesserte Herr Krause. »Jeschumpfen«, sagte Frau Lemke, die da glaubte, er habe sie nicht verstanden. »Ick meene, jeschimpft heeßt et!« »Ach so – Sie fangen schon an«, sagte Frau Lemke, »na ja, achten Se man uff mia, ick werde Sie schon dankbar sind!« »Sein!« sagte Herr Krause. »... dankbar sind sein«, wiederholte Frau Lemke gefügig. »Nee, nu is's janz falsch«, meinte der Zigarrenhändler, »sind sein kann man nie nich saren.« »Na – uff een Schlach is det ooch nich ßu machen, det muß so langsam mit die Zeit kommen. So peuhapeu – wat heeßt'n det eejentlich uff deitsch?« »Det is'n Fremdwort«, sagte Herr Krause, »und mit die wird ick mia ibahaupt nich inlassen. Wia haben Anno siebzig-eenundsiebzig die Franzosen geschlaren, nu haben die ihre Rolle ausjespielt, nu kommen wia dran mit's Deitsche, det wird jetz Weltsprache!« »So –«, meinte Frau Lemke, »denn is man bloß jut, det ick erst jar keen Franzesisch jelernt, also – Herr Krause, nu haben wia uns besprochen, nu wollen wia aba ooch Wort halten. Ick wer't meen' Mann bejreiflich machen, und er wird et schon insehen. Et is ja ooch schon wejen die Kinda, man muß sich ja sonst späta vor sie schämen. Den Edwin wollen wia uff die hohe Schule schicken, und wie sieht denn det dann aus, wenn seene Eltern so jewöhnlich sprechen. Nechstes Jahr ßu Ostern kommt der Junge uff's Jimnasium, Jroßvata in Schöneberch hat's ooch jesacht, bloß meen Mann is noch jejen, aba ick werd's ihm schon bejreiflich machen!« Und Frau Lemke nickte Herrn Krause freundlich zu und erhob sich. »Denn meen Mann winkt mia schon immazu«, sagte sie zur Entschuldigung. Xll In »Walhall« »Ick bin doch mechtich runterjekommen«, sagte Tante Marie ein paar Wochen später und besah sich kummervoll im Spiegel. »Et is ja wahr, 'n bißken dürre biste jeworden, aba et kleidet dia«, sagte Frau Lemke tröstend. »Eß man jetz imma tichtich Schabefleesch und Schinken. Herr Krause sacht, du sehst jetz so disquinjiert aus!« »Wie meent er'n det?« »Jott – da kann sich jeder bei denken, wat er will«, meinte Frau Lemke. »Ja – et is 'n feiner, jebildeter Mann«, sagte Tante Marie, »det muß man ihm lassen. Schade, schade, det ick den nich in meine Jugend jekannt hab, in den hätte ick mia valieben können!« »Na, wer weeß, wie noch allet kommt«, meinte Frau Lemke, »laß man erst dein neiet Kleid fertich sind!« »Denn jehen wia aba ooch wirklich in't Theata, det nich wieda wat zwischenkommt!« Die Aussicht auf den Theaterbesuch hielt die Frauen und auch Herrn Krause in ständiger Aufregung. »Wenn wia nu man schon wißten, in welchet«, sagte Frau Lemke, »wenn wia uns jetz nich entschließen, stehen wia 'n Sonntach da und wissen nich wohin.« »Nach ›Walhall‹ in die Charlottenstraße«, sagte Tante Marie, »weeßte denn nich mehr, wie Tante Liese damals jeschwärmt hat? Da wird jetz wieda een Stick jejeben, det furchtbar aschitternd is!« Und als galanter Mann pflichtete Herr Krause bei: »Ick hab's ooch noch nich jesehen, aba et soll wirklich sehr riehrend sind. Und denn soll ooch det Essen da sehr jut sind, et jibt jroßartije Schinkenstullen mit Lamberkänks!« »Mit wat?« fragte Tante Marie. »Mit Lamberkänks – so wird det ausjesprochen, jeschrieben wird et hinten mit'n q – Lamberquinz, det heeßt, der Schinken is mit'n Faltenwurf iba die janze Stulle rieba!« »Na – wie bei uns«, sagte Frau Lemke, »desterwejen brauchten wia ja janich int Theata zu jehen!« »Jewiß, Ihre Schinkenstullen sind ja berihmt«, begütigte Herr Krause, »aba die da sind ooch jut.« Und eines Sonntags abends kam Herr Krause dann die beiden Damen abholen. Eine gewisse feierliche Stimmung herrschte – alle standen unter dem Eindruck, daß man sich heute sozusagen dem Luxus ergab, und in Tante Maries Herzen nagte heimlich die Reue. Frau Lemke, die ihr diese Empfindung vom Gesicht ablas und fürchtete, daß vielleicht noch in letzter Minute ein Hindernis entstehen könnte, sagte mit aller Entschiedenheit: »Tante, damit wia uns von vornerin klar sind: Bezahlen tu ick – also kannste deen Pottmaneh ibahaupt ßu Hause lassen.« »Is jut, nechstetmal revanschier ick mia«, sagte Tante Marie befriedigt. Sie fuhren mit dem Omnibus bis in die Nähe des Theaters, stiegen dann aus und bogen in die Charlottenstraße ein. »Seh doch bloß mal die Masse Menschen«, sagte Frau Lemke aufgeregt und voller Unruhe, »wia missen schnella jehen, sonst kriejen wa keen Platz nich mehr.« Und mit feindseligen Gefühlen betrachtete sie jeden, der sie überholte. »Jadrobe jeben wia nich ab«, instruierte Herr Krause, »det wär' wahaftich wechjeschmissenet Jeld. Die Damens lejen nachher ihre Mantilljens iba die Stuhllehne, meenen Hut behalt ick in de Hand, und mit den Schirm mach ick det so –", und zum Erstaunen seiner Begleiterinnen knöpfte er sich die Weste auf und schob, wie einen Säbel in die Scheide, den Schirm in das Hosenbein. »Det is sehr praktisch«, lobte Tante Marie. Frau Lemke aber meinte: »Nu werden Se bloß nich loofen können!« »Doch – 'n bißken steifbeenich, aba det schad nischt, ick werd dann allemal for'n Jeneral in Zivil jehalten, die jehen ooch imma so«, sagte Herr Krause. Und zu ihrer großen Genugtuung gelang es auch, in den Saal zu kommen, ohne daß der Schirm entdeckt worden war. »So jenau wird's ja hia janich mit die Jadrobe jenommen – bloß in die keeniglichen Theata, und da is et mia leida Jottes schon mal passiert, det ick mia habe vor alle Leite die Hosen uffkneppen missen, weil se jejloobt hatten, det ick den Schirm jestoblen hätte.« Und mit Feldherrnblick umherspähend, kommandierte er plötzlich: »Rasch, da sind noch drei Stihle frei, aba nu dalli durch det Jedrängle durch!« Unbekümmert, wen er trat und stieß, stürzte er vorwärts und brachte das Kunststück fertig, gleichzeitig zwei Stühle so zu besetzen, daß sie ihm nicht mehr weggezogen werden konnten, und auf den dritten legte er feierlich Hut und Hand und erklärte einem wütend dreinblickenden Herrn: »Ooch besessen – da kommt schon die Besitzerin!« Gegen Frau Lemke wagte der Herr nicht anzukämpfen, er sah Herrn Krause und seine beiden Damen verächtlich an und schimpfte dann im Abgehen: »Die Stühle waren schon längst mit Beschlag belegt, aber mit solchen Menschen will ich mich gar nicht einlassen, wir sind doch hier nicht in der Hasenheide.« »Det is ibrijens 'n Jedanke, da missen wia ooch mal hinjehen«, sagte Frau Lemke, ohne sich weiter um den Herrn zu kümmern. Und mit Befriedigung um sich blickend, setzte sie hinzu: »So – von meenswejen kann et nu anfangen, wia sitzen jut!« »Allens feinet Publikum hia«, sagte Tante Marie ein bißchen bedrückt, »kiek ma' die da mit die Marabufedern uff'n Kopp!« »Det sind doch keene echten, wenn't ibahaupt welche sind«, sagte Frau Lemke. Aber Herr Krause, der Wert darauf legte, seine Damen in eine feine Umgebung geführt zu haben, pflichtete Tante Marie bei: »Se können Jift druff nehmen, et sind echte, Frau Lemke.« Doch – sie ließ sich nicht so leicht irremachen: »Ick hab doch ooch Oogen in'n Kopp, det sind höchstens Reiha. Und so wat Feinet, wie ihr denkt, is det ooch nich! Ne reichjewordene Schlechtameestern – seh dia doch die Hände an, Tante Marie!« Dann brachte der Kellner das Bier, und Herr Krause kaufte einer alten Frau, die allerlei Backwaren und Süßigkeiten feilbot, Salzbrezeln ab. »Nee, danke, Herr Krause, sehr nett von Sie«, lehnte Frau Lemke die für sie bestimmte Brezel ab, »det Zeich is mia 'n bißken zu hart, und ick muß mia vorsehen, det ick nich wieda Zahnschmerzen krieje!« »Det könnt' uns ja jetz jrade so passen – Zahnschmerzen«, sagte Tante Marie, »da wirden wa 'n scheenet Vajniejen von haben. Denn faste lieba, ick werd die Brezel schon runterkriejen! Und laß det, polk nich mit die Haarnadel mang die Zähne, ooch nich mit die Zunge, sonst werden die Wurzeln uffriehrerisch!« Herr Krause wollte ein Programm kaufen, aber Tante Marie hinderte ihn daran: »Is doch nich nötich«, sagte sie zärtlich, »wozu denn? Wia sehen doch allet, und hören werden wia ooch janz jut. Wenn Se aba ma' jerne in so'n Zettel rinkieken wollen, borjen ihn uns die Leite nebenan von'n Tisch!« Frau Lemke war derselben Ansicht, glaubte außerdem, daß Herr Krause ihnen durch derartige unnütze Ausgaben nur imponieren wolle. Und um ihm zu beweisen, daß sie sehr wohl wisse, was sich in einem Theater schicke, zog sie sich mit der ganzen Langsamkeit und Umständlichkeit, die sie bei anderen beobachtete, ein Paar rotbraune Glacéhandeschuhe an. »'n Opankucka hätten wia uns ooch mitbringen können«, sagte sie, als sie sah, wie andere ihre Gläser einstellten. »Ja – «, Tante Marie stimmte zu, »villeicht könnte man denn durch die Köppe durchkieken«, denn sie grollte allen Leuten, die da noch vor ihnen saßen. Und dann vertieften sich beide in das Studium des bunten Vorhangs, suchten das Guckloch darin, von dem sie so viel gehört, und waren glücklich, als sie es entdeckten. Zum ersten-, zweiten- und zum drittenmal hatte es geklingelt – da endlich hob sich der Vorhang. »Et jeht los.« Tante Marie schob den Rest der Brezel in die Backe und hörte – wie ein Kaninchen – plötzlich mit Kauen auf, auch Frau Lemke saß steif da, und Herr Krause behielt das nonchalante Gebaren eines routinierten Theaterbesuchers bei. Alle Hoffnungen, die man sich von einem richtigen Theaterstück gemacht hatte, gingen prompt in Erfüllung: Die Tugend wurde zuerst gequält und gemartert, und das scheußlichste Laster triumphierte, man bekam Rüstungen und viele Schleppgewänder und viele vornehme Personen zu sehen, dann wurde die Tugend langsam, aber gründlich weiß gewaschen und der Schuft und Bösewicht bestraft. Tante Marie, Frau Lemke und das übrige Damenpublikum – alle weinten wie die Schloßhunde, legten sich keinen Zwang auf, und wer sein Taschentuch vergessen hatte, borgte es sich von seiner Nachbarin. Selbst die verhärtetsten männlichen Gemüter operierten verstohlen mit dem Knöchel, und als es unerwartet hell im Saale wurde und Herr Krause seinen Finger nicht so rasch von der Nase wegbekam, behauptete er, daß ihm etwas ins Auge geflogen sei. In den Zwischenpausen tröstete man sich dann, daß »det allet ja janich wahr sei«, obwohl Herr Krause betonte, »det een historischer Hintajrund hinta sei«. Der Schlußakt wurde geradezu stürmisch. Das Gerechtigkeitsgefühl wollte sich mit aller Macht auslösen, man nahm persönlich an der Rache teil. »Feste, feste«, ertönten die Zurufe aus dem Publikum, um die Schauspieler zu ermuntern, als die Tugendhaften von ihnen dem Schurken auf den Leib rückten. Und man bedauerte nur, daß jener nicht bei lebendigem Leibe geröstet wurde. »Na, et war sehr scheen«, sagte Frau Lemke mit tiefer Befriedigung, als der Vorhang endgültig gefallen war, »det Stick muß sich Willem ooch ansehen, det is det Jeld wert. Schade man bloß, det ick mia bei det viele Klatschen meene scheenen Handschuhe so rujiniert habe!« »Wia können ihm ja ooch den janzen Inhalt azehlen«, sagte Tante Marie, »ick weeß allet janz jenau!« XIII Die Selige macht sich bemerkbar Es wurde – nach diesem großen Ereignis – ziemlich schwierig, sich wieder in die Prosa des Alltagslebens hineinzufinden. In Frau Lemkes Herzen war eine Sehnsucht nach Romantik und Schönheit erweckt worden, die sich innerhalb der Weißbierstube nicht recht zu entwickeln vermochte und sie außerdem zu ihrem Mann in Gegensatz brachte. »Is det nu eejentlich ne jlickliche Ehe, in die wia leben, oda is det keene?« fragte sie ihn manchmal. Aber Herr Lemke ließ sich auf derartige Auseinandersetzungen nicht ein. »Wennste dia 'n Ritter hättst heiraten wollen, hättste frieha uffstehn missen. Ick kann doch hia nich in Stulpenstiebel Weißbier abzappen!« »Aba 'n bißken könnteste wahaftich uff deen Äußeres jeben, Willem, zieh dia wenichstens die Hosen 'n bißken stramm, du weeßt ja janich, wat du von hinten fer ne Fijur machst!« »Ick muß mia bicken können«, beharrte Herr Lemke ärgerlich, »wennste willst, kannste mia ja zu Weihnachten sonne Ristung schenken, da werd ick die Feiertare denn mit rumrennen und mia zu'n Affen machen!« »Ach Jott, Willem, ick lieb dia ja ooch so, bloß 'n bißken kühna könntste doch aussehen.« »Kühna? Laß man die Jungs mit ihre Pappristungen kommen, die haue ick allesamt noch mit de Köppe zusammen«, sagte Herr Lemke und reckte sich. Dann fuhr er, wie das so seine Gewohnheit war, wenn ihn ein Gedanke stark beschäftigte, mit dem Handrücken über die Stoppeln des breiten, runden Kinns und sagte: »Weeßte wat, Anna, ick werd dia mal wat saren, ick werd ma' ooch in det Theata jehen!« »Na, det ha' ick dia doch imma schon jesacht, Willem –«, aber Frau Lemke war doch ganz betroffen von dieser plötzlichen Willensäußerung ihres Mannes. »Ja – womöchlich heite schon«, sagte Herr Lemke, »denn du hast janz recht, wat soll ick hia eenen Tach for'n annern sitzen, ick vasaure bloß!« »Na, denn man zopp, los, los!« Sie hatte gedacht, daß er nur Redensarten gemacht habe, aber zu ihrem Erstaunen band er sich wirklich die blaue Schürze ab und ging nach der Hinterstube. »Wat is denn in den jefahren«, fragte sie sich, »wat hat'r mia denn da so ibeljenommen, er is doch sonst nich so!« Aber sie ließ sich nichts mehr merken, zeigte auch keine Verwunderung, als Wilhelm nachher in seinem schwarzen Sonntagsanzug zum Vorschein kam. »Na – nu amisier dia man, Willem!« »Ja, det will ick, seh ma' nach, Anna, ob die Krawatte hinten sitzt, ick kann so schwer hintenrum langen.« Sie half noch ein bißchen nach, trat dann zurück und musterte ihn: »So jefällste mia schon bessa als vorhin!« »Det jloob ick«, sagte er, »na, nu laß dia die Zeit nich lang werden, adje!« »Jetz schon, wo wiste denn jetz schon hin?« »Erst will ick noch mal nach Schöneberch – bei Muttern, und denn will ick mia ooch mal 'n bißken umkieken in de Stadt, vor Weihnachten is ja so ville los, und denn jeh ick ins Theata!« »So – na denn uff Wiedasehen«, sagte sie und wandte sich kurz ab, um ihren Ärger zu verbergen. »Nu paß jut uff die Kinda uff – also adje.« Und damit ging er wirklich und ertrug mit großer Gelassenheit die Verwunderung der Nachbarschaft, die Herrn Lemke in solchem Staat noch nie gesehen hatte. Er wußte selber nicht, was plötzlich über ihn gekommen war, und fühlte sich ganz unglücklich, so allein durch die Straßen zu laufen. »Aba wat red't se imma so, det wurmt eenen doch schließlich ooch mal. Und daran is bloß der vaflixte Kerl, der Krause, schuld, der hat ihr und Tanten mit seen Jequatsche varickt jemacht.« Am liebsten wäre er, nachdem er eine halbe Stunde kreuz und quer gelaufen, wieder umgekehrt, doch die Angst, daß ihn Anna auslachen könnte, trieb ihn weiter. »Nu muß ick's schon wahrmachen, wat ick jesacht hab«, dachte er, »Mutta wird sich ja ooch freien, wenn se mia wiedasieht.« Und so wartete er Unter den Linden, bei der Friedrichstraße, bis der Omnibus vom Stettiner Bahnhof kam, stieg ein und fuhr bis zur Endstation nach der Kurfürstenstraße. Das kurze Stück, das er noch zu laufen hatte, nahm er in behaglichem Schlenderschritt, denn plötzlich war ein frohes, angenehmes Gefühl über ihn gekommen, die alte, heimatliche Gegend wiederzusehen, so sehr sie sich auch verändert hatte. Und dann, als er vor dem Hause stand und nach dem Fenster neben der Haustür spähte, erblickte er hinter den grünen Polsterkissen, die auf dem Fensterbrett lagen, den schlohweißen Kopf der Mutter. Als die eiserne Gittertür klappte, sah die Mutter auf, und trotz der ungewohnten Aufmachung, in der sich Wilhelm befand, hatte sie den Sohn sofort erkannt. Ehe er dann noch den Porzellangriff des Klingelzuges berührt, wurde die Tür geöffnet – der alte Lemke stand da und fragte atemlos: »Et is doch keen Unjlick nich passiert, Willem?« »Nee, Vata – ick komm eich bloß mal wieda besuchen!« »Jott sei Dank – Mutta hat keen schlechten Schreck jekricht«, und der Alte atmete erleichtert auf. »Wia dachten, et is wat mit die Kinda! Et is doch ooch wirklich nischt?« Und dann, als er den Sohn prüfend angesehen, wies er nach der Kratzbürste und sagte: »Ordentlich reene machen, man sieht jeden Tapsen jetz bei det Dreckwetta, det Meechen bleibt in eenen Scheuern! Und denn rasch rin, sonst heezen wia for umsonst, die Stuben sind sowieso nich mehr warm zu kriejen!« »Nu –Willem – was is?« fragte die Mutter ängstlich, gab sich aber, nach einem Blick auf Wilhelms Gesicht, gleich selbst die Antwort. »Keen Unjlick – keen Ärjer – keen Zank, ach – und 's hätte allet uff eenmal kommen können, wenn's jewollt.« Sie seufzte tief auf. »Nehmlich«, sagte der alte Lemke, »aba lang dia mal erst 'n Ziehjarn aus die Kiste von't Spinde, Willem, und denn setz dia dahin an det annere Fensta, det Mutta nich so direkt den Qualm in de Oogen kricht – nehmlich wia hatten jrade von so wat jesprochen, Willem!« »Na, denn kann ick mia ja denken, wat hia los is«, sagte Herr Lemke junior und sah mißtrauisch in alle Winkel, »die Selje jeht wieda mal um!« »Ja, se macht sich bemerkbar«, sagte der alte Lemke respektvoll, und seine Frau setzte erklärend hinzu: »Se schmeißt in de Nacht Klamotten in die Schornsteene, imma von zwölfe bis eens bullert's in eene Tour!« »Als wenn se Kejel schiebt«, sagte der alte Lemke, »und denn is allemal wat jewesen!« »Ick weeß ja, ick weeß«, stimmte Wilhelm zu, »dunnemals, wie't so furchtbar in Schöneberch jebrannt hat!« »Und ooch dunnemals, wo Mutta nach'n Dönhoffsplatz uff'n Jänsemarcht jejangen is und det scheene neie Pottmaneh mit die fuffzich Tala valoren hatte!« »Die sind mia doch jestohlen worden«, sagte Frau Lemke, »jedenfalls, eens is sicha: Wia können uns wieda uff wat jefaßt machen.« »Und da red'ten wia eben von«, sagte der Alte, »und da mußt du ooch jrade kommen, und da jloobten wia, bei eich hat's schon injeschlaren!« »Nee – bei uns is allens jut«, beruhigte sie Wilhelm. »Aba wia hatten uns wat ibalecht«, sagte die Mutter, »seh ma', wia sind doch nu alte Leite jeworden, wie lange kann't noch dauern, denn buddelt uns der Totenjräber in. Vatan nich, der lebt noch lange, aba mia – jajaja, ihr braucht eich ja keene Mihe jeben und mia wat vormachen, ick weeß janz jenau, wat da los is! Und ick will eich ja janich damit traurich machen, denn sterben missen wia ja alle, aba ick wollte bloß saren, ob et nich ville jescheita wäre – na, Vata, nu red du ...« Sie lehnte sich zurück und schloß erschöpft die Augen. »Kurz und jut«, sagte der Alte mit feierlicher Entschlossenheit, »et handelt sich um det Jeld.« Er prustete, als wenn er eine Last abgeworfen hätte. »Nehmlich – ihr sitzt nu da draußen in die fremde Jejend und quält eich um jeden Dreia, und ihr könntet doch eiern Betrieb vajrößern und die Sache janz anners anjreifen, wat, Willem?« »Na – Vata – ick freie mia ja, dette die Ibazeijung jewonnen hast«, sagte Herr Lemke junior. »Nu wirden wia eich ja janz freie Hand lassen, aba eenen Vorschlach möchten wia eich doch machen. Nehmlich, ick hätte wat in petto, und det könntste dia ja mal mit deene Frau ibalejen.« »Erstens wollten wia eich 'n bißken näher haben«, schob Frau Lemke ein, »und zweitens is's wejen die Kinda. Der Edwin und die kleene Liese, die sind beede nich so jesund, wie sie sein könnten, wenn se mehr an de frische Luft kämen.« »Und da dachten wia an eenen scheenen, jroßen Jarten, so wie wir'n in Schöneberch hatten«, sagte der Alte, »kurz und jut: Weeßt doch, Willem, wo die Potsdamer Bricke is? Eh man riebakommt, wenn man da rechts an'n Kanal lang jeht, imma jrade aus, da liecht een scheenet, altet Jartenlokal – und det is jetz zu vakoofen. Wie wär't damit, Willem?« Und als Herr Lemke junior, noch ganz verblüfft und gerührt, kein vernünftiges Wort herausbekommen konnte, sagte die Mutter: »Wirst doch zujeben, det det bessa is, als wenn ihr eich da oben in die Landsberjer Straße weita abrackert? Det Jeld könnte doch janich bessa anjelecht werden?« »Na, nu – Willem, is doch keen Jrund nich, sich so zu haben«, wehrte die alte Lemken mit gutmütigem Lächeln den Sohn ab, der ihr immerfort die Hand schüttelte. »Denn seh mal, von Rechts wejen hätten wia det schon längst machen sollen, aba wia wollten erst mal sehen, wie sich die Heirat mit die Anna anlassen wirde. Aba nu wissen wia ja, dette jar keene bessere Frau hättest kriejen können, und da is nu jetz der jinstigste Oogenblick für't Einjreifen jekommen!« XIV Der Eisbahnpächter Wilhelm hatte keine Lust mehr, ins Theater zu gehen – die Freude trieb ihn heim. Er wollte auf dem Rückwege das Gartenlokal aufsuchen, um seiner Frau dann eine anschauliche Schilderung geben zu können. Als er nun durch die Potsdamer Straße der Brücke zuging, bemerkte er auf der anderen Seite ein Individuum, dem alle Leute verwundert nachsahen, weil es eine außergewöhnliche hohe und spitze Pelzmütze und einen riesigen Schulterkragen von gelbem Fell trug. In respektvoller Entfernung folgte diesem Individuum eine Horde Straßenjungen, die laut und ungeniert allerlei Mutmaßungen über den Besitzer des Pelzkragens und der Pelzmütze anstellten. Von Zeit zu Zeit blieb das Individuum unvermittelt stehen, drehte sich um und bedrohte die zurückweichenden Jungen. Als Herr Lemke junior das einige Zeit mit angesehen hatte, konnte er sich der Überzeugung nicht mehr verschließen, daß der Pelzträger mit seinem verschwundenen Onkel Karl identisch sein müsse. Er ging deshalb hinüber, tippte ihn auf den Arm und sagte treuherzig: »Soll ick dia jejen die Bande beistehen, Onkel Karrel?« Der war zusammengefahren, kniff nun die Augen zusammen, musterte Wilhelm von Kopf bis zu Fuß und sagte: »Ick kenne dia doch janich!« »Mach doch keenen Fez hia uff de Straße«, sagte Wilhelm ein bißchen ärgerlich, »ick hab mia doch bloß 'n bißken fein jemacht! Ick bin Willem Lemke, und du bist Onkel Karrel mit den vakrachten Bau!« »I bewahre – ick bin Eisbahnpächta«, sagte der Pelzmann. »Det du mit was Kaltet zu tun hast, sieht man dia ja schon von weiten an«, bestätigte ihm Herr Lemke, »aba frieha ...?« »Ick weeß nischt von frieha«, sagte das Individuum. »Na, denn nich, Onkel, ick hab's bloß jut jemeent.« »Nu loof doch nich schon wieda wech, wia können uns ja noch 'n bißken drieba untahalten«, schlug das Individuum vor, als es sah, daß Wilhelm nach der anderen Straßenseite hinüber wollte, »merkste denn nich, det mia det wurmt, wenn man mia an meen Unjlick ainnert?« Wilhelm, sofort versöhnt, suchte bereitwillig dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Wo haste denn Nulpen jelassen?« fragte er teilnehmend. »Den ha' ick uff'n Kopp und um de Schulta. Mit den Schwanz will ick mia noch die Ärmel besetzen«, sagte Onkel Karl voll Stolz und Genugtuung. Als aber Wilhelm einen wehmütigen Blick auf den Pelzreichtum richtete, setzte Onkel Karl erklärend hinzu: »Ick hatte det Biest ja von Anfang an in Vadacht, dettet ibakandidelt is, und nachher, als et die Jalloppade hinta mia her anfing, hat et richtich die Tollwut jekricht!« »Ach – det war doch man bloß Treie und Anhänglichkeit«, meinte Wilhelm. »Jewiß doch, det war die eenzichte Kreatur, die noch an mia jloobte, aba Nulpe hetzte mia die janze Bande von Halsabschneidern nach, sie brauchten ja bloß hinta ihm herzurennen, denn der fand mia allemal!« »Na – nu hat er ausjelitten – det arme Biest – und nu machste in Eis, Onkel?« »Ja, ick hab hia draußen bei'n Faulen Jraben 'n jroßet Terräng jepachtet, det schon von janz alleene unta Wassa steht. Nu braucht et bloß zu frieren, denn is die scheenste Eisbahn fertich. 'n Thermometa ha' ick ooch schonst«, setzte Onkel Karl triumphierend hinzu und klopfte auf die Brusttasche. »Jott sei Dank, die Sache wird schon schiefjehen –«, sagte Wilhelm, »wo kann denn det frieren, wennstet in de Tasche wärmst? Außadem braucht man zu det Jeschäft doch 'n sojenanntes Barameta!« »Laß jut sind, Willem, ick brauch jar keens von die teiren Dinga; wenn't in meene jroße Zehe kribbelt, weeß ick schonst Bescheed!« Nachdenklich gingen sie ein Weilchen stumm nebeneinander her, dann fragte Onkel Karl plötzlich interessiert: »Und wat hast du hia draußen in diese Jejend jemacht?« Wilhelm erzählte von den Veränderungen, die in seinen Verhältnissen bevorstanden, und Onkel Karl machte große Augen. »Ja, bei eich heckt det Jeld«, sagte er wehmütig, um dann aber gleich hinzuzusetzen: »Sach mal, Willem, soll ick dia villeicht eenen sehr tüchtijen, jewissenhaften und fleißijen Menschen empfehlen, der det jroße Jrundstick beuffsichtjen hilft?« »So jroß is et nich«, lehnte Wilhelm ab. »Wenn dia der zu teier wär, könnt' ick dia ja ooch 'n annern tichtjen jungen Mann vorschlaren«, meinte Onkel Karl kleinlaut. Und als Herr Lemke nur den Kopf schüttelte, sagte er dringlich: »Seh ma, Willem – eventuell wird ick selbst den Posten ibanehmen, denn dazu jehört doch eener, der sich vor Tod und Deibel nich fürcht't, nachts mit'n scharfen Hund det Jrundstick abjeht und et eventuell mit zwee, drei Mann jleichzeitich uffnehmen kann!« »Det is doch nischt«, sagte Wilhelm, »tagsiba rackerst du dia uff de Eisbahn ab, und nachts wiste bei uns Wechta sind ...« »Eventuell wird ick die Eisbahn schießenlassen«, kam Onkel Karl bereitwillig entgegen, »die Pacht ha' ick nehmlich noch jar nich bezahlt, bloß den Thermometa.« »Ach herrjeh – aba seh ma', Onkel, ick kann dia wirklich mit'n besten Willen noch jar nischt vasprechen, ick weeß doch selba noch nich, ob die Sache perfekt wird. Ibrijens, hia is et.« Herr Lemke wies auf das Grundstück, das durch einen grünen Lattenzaun von der Straße abgetrennt war. Vornan erhob sich ein niedriges, langgestrecktes Haus mit schwärzlichem Ziegeldach. Rechts davon hatte man einen Überblick über den großen Garten, der jetzt – mit den zusammengeklappten Tischen in der Kolonnade, den entlaubten Bäumen und den frierenden, vom Wind zerzausten Sperlingen – einen etwas trübseligen Eindruck machte. »Det kann doch eener alleene janich ibablicken«, sagte Onkel Karl mit sanftem Vorwurf. »Die Kolonnade mißte im Friehjahr abjerissen werden und ne hibsche Jlashalle for ne Militärkapelle hinjebaut werden.« Und um Herrn Lemke die Vorschläge begreiflicher und anschaulicher zu machen, ging er hinein in den Garten, zeichnete mit seinem Stock im Sande den Grundriß der Halle auf und unterzog dann die Kolonnade einer eingehenden fachmännischen Prüfung. Wie er so an den Ecken rüttelte und mit dem Stock klopfte, sah es aus, als wollte er sie überhaupt gleich einreißen. Da man von dem Hause aus dieses bedenkliche Vorhaben beobachtet hatte, erschien der Besitzer des Lokals auf der Bildfläche und sah etwas mißtrauisch dem weiteren Beginnen Onkel Karls zu. Der ließ sich aber gar nicht stören, sondern drang immer weiter auf diesem Neuland für eine ersprießliche Tätigkeit vor, und Herr Lemke hielt es deshalb für angebracht, sich dem Besitzer vorzustellen und ihn über den Zweck des Besuches aufzuklären. Mit einer gewissen Genugtuung empfand Wilhelm die Wirkung, die der Name seines Vaters hervorbrachte – den Sohn »des ollen Lemke ans Schöneberch« behandelt man mit Respekt, und ein Abglanz davon entfiel auch auf Onkel Karl, den – als er hinzukam – der Besitzer »Herr Injinjeur« titulierte. Onkel Karl nahm das äußerlich mit der ganzen Gelassenheit eines bedeutenden Mannes entgegen und bekundete seine Genugtuung nur dadurch, daß er nach Art der Denkmalshelden die rechte Hand pathetisch vorn in den Rock steckte und die Beine zu kreuzen versuchte. Dann aber machte er eine zarte Andeutung, daß man jetzt ein bißchen in die Gaststube gehen und eine kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Drinnen in dem Hause war es sehr gemütlich. Der altmodische Eindruck, den hier alles machte, schien eine gewisse Anziehung gerade auf ein feineres Publikum auszuüben: da saßen an ihrem Stammtisch eine Anzahl weißhaariger Herren, die Schach spielten – ernst, gemessen, nachdenklich in Haltung und Bewegung –, an dem Kachelofen spielte eine andere Gesellschaft – etwas lebhafter und erregter – Skat, und um den Sofatisch herum thronte ein Kaffeekränzchen angejahrter Damen, deren gedämpfte und doch deutliche Stimmen mit ihren vielen Zischlauten den Raum erfüllten. Onkel Karl zog eine Brieftasche hervor und machte sich eifrig Notizen, unbekümmert darum, daß die Anwesenden durch sein Gebaren den Eindruck empfingen, er nehme von jedem das Signalement zu einem Steckbrief auf. Der Wirt ließ – um den Herrn Ingenieur von dieser aufsehenerregenden Tätigkeit abzubringen – schleunigst einen schönen Kalbsbraten und eine Flasche Rotwein auftragen, und der leckere Geruch stach Onkel Karl sofort in die Nase, daß er – mit bedauerndem Kopfschütteln – seine Tätigkeit unterbrechen mußte, die Brieftasche einsteckte und nun auch das Essen einer genauen Prüfung unterzog. Das Ergebnis war befriedigend, und Onkel Karl versprach aus eigenem Antrieb, Herrn Lemke einen günstigen Bericht erstatten zu wollen. »Haben Se ma' vasucht, hia in den Jarten ne Eisbahn zu machen?« »Nee –«, sagte der Wirt betroffen. »Ja – sehen Se, det war 'n Fehla«, sagte Onkel Karl. »Wenn die Jeschichte hia sich jejen die iberall uffblühende Konkurrenz halten soll, denn muß 'n janz annerer Schwung rinjebracht werden.« »Dazu sind wia eben schon zu alt«, sagte der Wirt, »wia wollen uns jetz ßu Ruhe setzen – meene Frau und ick. Ja – wenn wia Kinda jehabt hätten, denn wirden wia ja ooch nie nich an eenen Vakoof jedacht haben – aba so!« »Nu werden Se woll ooch keene mehr kriejen«, sagte Onkel Karl. »Ibrijens seien Se froh, Kinda machen schwere Sorjen, wer weeß, wat Sie bei die Teilung des Jrundsticks for Ärjer alebt hätten! Hoffentlich besuchen Sie uns mal späta hia?« »Ach Jott«, sagte der alte Mann wehmütig, »det beste wär woll, ick käme dann nie wieda hierher. Denn wie der Herr Injinjeur vorhin sachte, det hia der jrößte Teil von die ollen, scheenen Beime jefällt werden mißte, da is's mia wie so'n Stich durch det Herze jejangen.« »Ja – wat sein muß, muß sind«, sagte Onkel Karl energisch, »wat denken Sie, ick hab mia doch sojar von meenen Lieblingshund trennen missen, als et notwendich war.« XV Herr Krause drückt sich Ein paar Tage später sagte Tante Marie, nachdenklich die Karten mischend: Also – nu wollen wia det mal festhalten: Wenn die Selje ascheint, denn bedeitet det nich imma Unjlick, sondern ooch manchmal det Jejenteel!« »Na ja – nachjerade wissen wia det, nu lech doch aba schon mal die Karten, damit wia wissen, wat mit dia los is«, sagte Frau Lemke. Tante Marie hatte es aber nicht so eilig, ihr Schicksal zu erfahren. »Und denn«, lenkte sie ab, »die Ibaraschung mit Onkel Karrel – ick hab mia imma jedacht, det sie ihn injespunnt hätten – derweile looft der quietschfidel rum und spielt sich als Jrönlända uff!« Frau Lemke nickte ein bißchen ungeduldig: »Ja doch – Tante, wiste nu aba nich mal deen Herze ausschitten und mia azehlen, wie weit du nu mit deenen lieben Herrn Krause bist?« Tante Marie ließ plötzlich den Kopf auf die Brust sinken und schluchzte jäh auf: »Ick jloobe, det wird Essich!« »Det jloob ick nehmlich ooch«, sagte Frau Lemke, und als Tante Marie sie starr und verzweifelt ansah, setzte sie tröstend hinzu: »Du valierst nischt an den – sei froh, det et nischt jeworden is! Jlicklich hätte der dia nich jemacht, der hält sich for wat Höheret mit seine Bildabogen und Leiakastenlieda!« »Aba – wa'm hat er denn dann mit mir anjefangt – mit die Appelsinen und det Theatajehen?« schluchzte Tante Marie. »Weeß Jott«, sagte Frau Lemke, »wer kann die Männa int Herze kieken, villeicht hat er dia for unse Erbtante jehalten, und als er nu jetz jehört hat, wie die Vahältnisse liejen, is er abjeschnappt. Wie jesacht – wer kann die Männa int Herze kieken! Wat war det neilich mit meen'n Willem! Zieht der sich an, macht sich fein und jeht wech – und is doch sonst nich so!« Aber Tante Marie beschäftigte jetzt nur ihre eigene Herzensangelegenheit: »Ick jloobe nich, dettet nua wejen det Jeld war! Nee, nee, da steckt ne annere hinta, det is so jut wie jewiß. Denn det hat er ja oft jenuch jesacht, er sehnt sich nach Familienjlick!« Frau Lemke sah Tante Marie, die Augenbrauen hochgezogen, kritisch an: »Sach mia bloß det eene noch – haste dia denn zujetraut, dette nu noch wat Kleenet krichst?« »Det kann niemand nich wissen«, sagte Tante verschämt und zupfte die verstaubte Taftschleife am Hinterkopf zurecht. »Wenichstens vorher nich«, stimmte ihr Frau Lemke zu, um ihr über die Verlegenheit hinwegzuhelfen. »Aba – Tante – wat hättste von jehabt, nimm et mia nich ibel, denn der Krause is doch eejentlich schon 'n recht oller Knaster, und sonne ollen Männa nörjeln in eene Tour und haben allerlei Eijenheiten!« »Ick hätte ihm allet so jerne jemacht«, sagte Tante Marie, in neu hervorbrechendem Schmerze aufschluchzend, »mia is er imma so stattlich vorjekommen, besonners neilich int Theata, schon wie er den Kellna imma so jroßartich jewunken hat, wie so'n Jraf!« Frau Lemke begriff, daß sie diese zarten Beziehungen nicht so ganz abgetan behandeln durfte, daß sie etwas Tröstendes, Hoffnungsvolles sagen mußte. »Hör doch uff, Tante, dia stößt ja schon der Bock, azehl mia lieba mal, wie det anjefangen mit det Uffhören!« Und als sich die Weinende dann endlich ein wenig beruhigt, gab sie eine Art chronologischer Übersicht: Apfelsinen, Couplets, Träume und Punktierkunst spielten in diesem Bericht eine große Rolle. »Aba eejentlich«, sagte Tante Marie, »is et wejen den ollen Oljanda jekommen!« »Woso?« fragte Frau Lemke verblüfft. »Von wejen, weil ick imma nach die Köters jeschmissen hab, die da dranjingen«, erklärte Tante. »Den letzten Tach, wo er noch hia war, azehlte er sonne lange Jeschichte – ick weeß nich mehr, von wat, ick jloobe aus'n Kriech – und det wollte keen Ende nehmen und wollte keen Ende nehmen. Und draußen an den Oljandatopp waren zwee sonne vadammte Teelen, die jingen nich von den Topp wech. Und da konnt ick's mia nich mehr vakneifen und hab mit Kartoffeln nach sie jeschmissen. Und det hat mia der Herr Krauss so firchterlich ibeljenommen, er sachte, mein Topp sei mia wichtjer als er, und ick interessier mia zu wenig for seene Lebensschicksale!« »Wat soll man da nun machen«, sagte Frau Lemke, »det eenzichste is und bleibt abwarten. Manche Männa kricht man bloß, wenn man se bei't Schlafittchen nimmt, an de Leine knippert und nich mehr losläßt. Wohinjejen annere wieda nua mirbe werden, wenn man sich janich um sie kimmert!« Und so schwer Tante Marie unter dieser Ungewißheit auch leiden mußte, sie war bereit, sie zu ertragen, »denn man um Jottes willen nich biejen oda brechen«! »Du ziehst nu mit uns mit, Tante«, sagte Frau Lemke, »und du wirst ma' sehen, wenn er merkt, du machst dir nischt aus ihm, kommt er dia nachjeloofen!« – – – – – Endlich, ein paar Wochen vor Weihnachten, war alles erledigt, Lemkes konnten ihr neues Heim beziehen. Als die Droschke, die sie von der Landsberger Straße nach dem Schöneberger Ufer gebracht hatte, vor dem Gartentor hielt, wurde eine Flagge gehißt. »Wenn det nich Onkel Karrel seene Mache is, denn weeß ick nich, wer noch uff so wat vafallen könnte. Wahrscheinlich will er sich bei mia lieb Kind machen«, sagte Frau Lemke und blickte mißtrauisch um sich. »Ick finde det sehr nett von ihn«, meinte Herr Lemke anerkennend; »et hat doch wat for sich, wenn eener 'n bißken Sinn for Feierlichkeiten hat. Ick seh ihn ooch schon, da hinta die Kolonnade steht er, wahrscheinlich scheniert er sich vor eich wejen damals, als er unta die Vabrecha jehen wollte. Komm man vor, Onkel Karrel, wia haben dia schon jesehen«, rief Herr Lemke laut und winkte. »Ick wollte noch 'n kleenen Böller loslassen«, sagte Onkel Karl näherkommend und winkte allen vertraulich zu. »Untasteh dia ja nich!« sagten Tante Marie und Frau Lemke fast gleichzeitig. »Et jeht ooch nich, det Pulver is ßu feucht jeworden«, erklärte Onkel Karl. »Neilich jing's sehr jut, bei die Kolonnade is nehmlich een Echo!« »Ach du lieba Jott und Vata«, sagte Tante Marie, »vor dia is ooch nischt sicha, wie haste denn det nu wieda entdeckt?« »Ick hab's jemorken«, sagte Onkel Karl. »Wie et scheint, haste dia hia schon recht jut injelebt«, fragte Frau Lemke, »wat jibt's denn noch hia allet, ick bin nehmlich nich for Ibaraschungen?« »For Edwin ha' ick da hinten ne Schaukel jemacht!« »Die machste wieda ab, aba jleich«, erklärte Frau Lemke, »der Junge soll sich woll 'n Loch in'n Kopp schlaren. Haste etwa ooch Fallen jelecht?« examinierte sie weiter. »Eene –«, gestand Onkel Karl. »Die machste ooch wech«, sagte Frau Lemke streng, »ibahaupt allet, watte hia inzwischen anjestellt. Det hört nu uff, sonst is jleich wieda aus mit unse neie Freindschaft!« »Ooch die Flagge?« fragte Onkel Karl kleinlaut. »Die Flagge kannste oben lassen, wenn se ordentlich feste is, und nu wollen wia hia nich länger in'n Wind stehen, sonnern machen, det wia int Haus kommen!« Dort besserte sich die Stimmung gegen Onkel Karl, denn man merkte, welch redliche Mühe er sich gegeben hatte, die Räumlichkeiten behaglich zu machen. In den Öfen glühte das Feuer, auf dem Herde in der Küche stand als erste Labe eine große Kanne mit Kaffee, und auf dem Fensterbrett lagen sechs tote Schwaben, die er erlegt hatte. »Det haste recht jemacht«, lobte ihn Frau Lemke, »ibahaupt, Onkel Karrel, wennste dia in die Weise nitzlich machen willst, hätte ick nischt jejen. Vastehste – mehr will ick nich saren!« »Ihr jloobt ja janich, wat ick hia jeschuft' habe«, sagte Onkel Karl, »da hinten in'n Jarten is die reene Wildnis jewesen!« »Dia derf man wahaftich nich loben«, sagte Tante Marie, »sonst fängste sofort in deene vaflixte Manier an. Jeh jetz lieba und hol 'n paar Stihle rin, det wia uns nich uff die blanke Diele setzen missen, und denn paß draußen uff, ob der Möbelwagen kommt!« »Ick tue allet aus freien Sticken«, sagte Onkel Karl mit erhobener Stimme, »merk dia dett, Marie, kommandieren laß ick mia nich von dia, dettet also weeßt!« »Ach Jott«, sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung, »tu bloß nich so, Karrel, wennste ooch zehnmal ne Pelzmitze uffhast – du bist und bleibst een jroßer Quatschkopp!« »Dia wird noch mal die Jalle ibaloofen, und denn sterbste«, sagte Onkel Karl mit einem düsteren Blick auf Tante Marie. »Na« – und wat haste denn? Denn kannste mit deene Jallensteene Murmel in'n Himmel spielen.« Nachdem er ihr diese Perspektive eröffnet, ging Onkel Karl hinaus, fand im Garten Herrn Lemke und nahm ihn ins Schlepptau, um ihm alle Verbesserungen zu zeigen, die er inzwischen geschaffen hatte. Und endlich wurde ihm volle Anerkennung. »Sehr scheen, Onkel, allet wat recht is, du hast dir wirklich jroße Mihe jejeben«, sagte Herr Lemke. Onkel Karl begann ein bißchen krampfhaft zu schlucken. Plötzlich wandte er sich ab, hielt die Hand vor die Augen und schüttelte trostlos den Kopf. »Meen Leben is ja doch vafuschert«, brachte er mühsam hervor, »wat hätte aus mia werden können! Meene Zeitjenossen hätten stolz uff mia sein können, ibahaupt ...« Er machte eine Handbewegung, als umspanne er den Erdkreis, schneuzte sich dann gewaltig und wandte sich zu Herrn Lemke. »Willem«, sagte er ärgerlich, »Willem, lobe mia nie wieda, det vaträcht meene Natur nich, da kommt mia allet ruff, und ick ziehe mia bei det Jewirje noch'n Halsleiden zu. Et is ville jescheiter, wennste mia jedesmal een jewisset Recht inräumen wirdest. Seh ma', von nebenan den schwarzen Kata, der hia imma die Vöjel in'n Jarten nachstellt, den möcht ick jern eens uffbrennen, wennstet aloobst?« »Von meenswejen immazu«, sagte Herr Lemke. XVI Der Patentkitt Allmählich kam Ordnung in das neue Heim. »Jroßvata Lemke«, wie der kleine Edwin den alten Herrn nannte, war fast täglich nach dem Schöneberger Ufer gekommen und hatte Küche und Gastzimmer einrichten lassen. »Et is nehmlich bessa, ick mach det«, hatte er zu seiner Schwiegertochter gesagt. »In die Kichenanjelejenheiten will ick mia nich rinmengen, det vastehst du bessa, bloß det Kuppajeschirr will ick besorjen. Aba die Jastzimmer ibalaß mia man, da derf keen so'n moderner Klimbim rin, hia muß et jemietlich sind, jenauso wie frieha, bloß sauberer. Jetz in'n Winta is nich ville los, Hauptsache is ja ooch der Jarten, und ihr mißt et eben vastehen, eich die Jäste ranzuholen. Die meesten werden ja denken, die scheenen Zeiten sind hia vorieba – und schließlich werden se doch wiedakommen, wenn det Essen jut is und die Bedienung.« Und die junge Frau, die sonst immer auf ihrem eigenen Kopf bestand, ließ den alten Herrn nach Herzenslust wirtschaften. Sie wußte, besser als er verstand ja doch keiner, den Betrieb wieder in Gang zu bringen. Die Stammgäste, die damals beim Scheiden des alten Besitzers so getan hatten, als habe man sie bestohlen oder enterbt, kamen ab und zu, um zu sehen, wie weit die Verwüstung hier schon vorgeschritten sei. Zu ihrer Überraschung fanden sie dann eine freundliche, stattliche Wirtin, einen behäbigen, netten Mann als Wirt, die sich beide bemühten, es ihren Gästen behaglich zu machen. Und das Essen war besser als früher. Dann geschah es wohl, daß einer oder der andere der alten Herren Frau Lemke zu sich winkte, mit einer Kopfbewegung in den Garten hinauswies und vertraulich fragte: »Sagen Sie mal, Frau Lemke, wer is denn das da eijentlich – ja, dieser Mensch da? Aus dem wird man ja nicht mehr klug?« »Det is Onkel Karrel!« »So? Gemeingefährlich ist er nicht?« »I bewahre! Warum denn?« erkundigte sich Frau Lemke verwundert. »Na ...« Die Gäste wollten dann nicht so recht mit der Sprache heraus. »Ehe Sie hierher zogen und dieser Onkel Karl hier noch allein das Regiment führte, da haben wir ihn zuerst für den neuen Wirt gehalten. Er tat auch immer so, als wenn er der Besitzer sei. Und da hat er uns die merkwürdigsten Geschichten erzählt.« »Det kann ick mia ja denken, dadrinne is er jroß. Wahrscheinlich wollt er hia wat bauen oder wat anlejen?« fragte Frau Lemke. »Das kann man alles gar nicht wiedergeben«, sagten die Gäste. »Soviel man aus ihm klug wurde, sollte hier ein Vergnügungspark eröffnet, eine Rollschuhbahn gebaut werden, Schießbuden herkommen, Militärkapellen – die reine Hasenheide, aber alles im größten Maßstabe.« »Na ja – nu sehen Se ja, wat bis jetz draus jeworden is«, sagte Frau Lemke, »nee, nee, det bleibt hia allet so, wie't von Anfang an jewesen is!« Da stellte sich eines Tages das Damenkränzchen wieder ein, eroberte mit Jubelschreien den alten Platz und brachte nun auch in die bisher so stillen Nachmittagsstunden Leben. Die ganze Behaglichkeit des Hauses zeigte sich aber erst, als dann draußen im Garten hoher Schnee lag, die Fensterscheiben dick gefroren waren und in den Stuben die braunen Kachelöfen prasselten. Es ging stark auf Weihnachen zu – in einem großen Schneehaufen hinter der Kolonnade stand schon der riesige Tannenbaum, den Onkel Karl für das Fest besorgt hatte – Tante Marie klebte den ganzen Tag, am Ofen sitzend, bunte Papierketten als Schmuck für den Baum, und Herr und Frau Lemke berieten immer wieder den Küchenzettel für die Festtage. »Onkel Aujust könnte uns doch die Karpen liefern«, sagte Frau Lemke, »wat sollen wia denn die bei fremde Leite koofen!« »Da haste ja ooch recht«, meinte Herr Lemke, »bloß mit Onkel Aujust is det imma sonne Sache! Der tut imma so, als wollte man wat jeschenkt haben, und eh man denn bis bei ihn in die Jejend kommt!« »Willem – sei nich so faul«, sagte Frau Lemke mit zärtlichem Vorwurf, »et täte dia sehr jut, 'n bißken Bewejung! Meenswejen nimm dia Onkel Karreln mit, und denn jeht beede los. Kiekt eich doch ooch den Weihnachtsmarcht bei't Schloß an und kooft wat in – da sieht man doch allerlei!« * Als Herr Lemke nachher Onkel Karl in seiner Stube aufsuchte, fand er ihn bei der Anfertigung von ein paar Schneeschuhen. »Det ha' ick mia for Edwin ausjedacht, da kann er nachher in'n Jarten mit loofen«, sagte Onkel Karl triumphierend. »In Lappland loofen die kleensten Kinda uff Schneeschuh!« »Ach Jott«, sagte Herr Lemke verdrießlich, »ibalech dia doch det selbst, Karrel, wo wird denn Mutta alooben, det sich der Junge sonne Faßreifen an de Beene bind't! Da brecht er sich doch det Jenicke, mußte dia doch selbst saren! Mach dia man die Schneeschuh alleene, aber nich jetz – wia sollen jehen und von Onkel Aujust Karpen holen und uns den Weihnachtsmarcht ankieken!« »Ihr vaderbt mia aba ooch jede Freide«, sagte Onkel Karl gekränkt, »wenn die Faßreifen nich so dinne wären, hätte ick ja ooch die Schuhe for mia jemacht!« »Wo hast'n die Dinga ibahaupt her?« »Na, von det Sauakohlfaß!« »Ei weih«, sagte Herr Lemke, »ei weih!« »Wa'm schlenkerst'« so mit die Hand?« »Det Faß jeht doch nu ausenander!« »Det war schon«, sagte Onkel Karl, »die Soße war wenichstens schon rausjeloofen!« »Weeßte wat, Onkel Karrel? Ick rat dia, vasteck die Dinga, wo du kannst, und denn wollen wia schleunichst machen, det wa wechkommen, denn sonst alebste eenen Krach, wie'r noch nie dajewesen!« »Ick werd se uff det Dach von die Kolonnade schmeißen«, sagte Onkel Karl, »da find't se keena, da ha' ick bis jetz allens vastochen!« »Los, los, aba det se dia nich awischt!« »Ick werd mia jleich die dicke Jacke anziehen und die Mitze uffsetzen, denn jehen wia ßusammen«, sagte Onkel Karl, dem etwas bänglich zumute wurde. »Wia können ja ooch hinten rumjehen und iba den Zaun klettern?« »Det sieht ßu vadächtich aus«, sagte Herr Lemke, »ick kann ooch nich so iba die Zäune wie du!« »Na – entdecken tut sie't ja doch«, sagte Onkel Karl plötzlich ganz resigniert, »sowie ick aus die Stube bin, schnüffelt sie hia rum, und wenn sie 't nich find't, denn find's Tante Marie – eene von beeden find's uff jeden Fall, und wenn ick die Schnipsel ooch vabrenne, denn setzen se die Asche wieda ßusammen!« »Denn komm man, denn is ja allens janz ejal, denn mußtet iba dia ajehen lassen«, sagte Herr Lemke. »Imma dreist und jottesfirchtich«, ermutigte sich Onkel Karl selbst, als sie dann durch den Garten gingen. »Paß ma' uff den Schislameng uff, wie ick die Dinga jetz uff det Dach schmeiße.« Und mit der Gewandtheit eines Taschenspielers ließ er die Reifen plötzlich verschwinden. * »Wat war denn det, wat Onkel Karrel da eben uff det Dach von die Kolonnade jeschmissen hat?« sagte Tante Marie. »Der Mann hat doch nie een jutet Jewissen!« »Et is 'n rechtet Unjlick mit sonnen ruhelosen Jeist«, sagte Frau Lemke. »Ick hab's jrindlich satt mit ihn! Wenn't nich jrade jetz vor't Fest wär', mißte er wech! Wat man ooch anfaßt, hat er in de Mache jehabt, und denn nimmt er't eenen ooch noch ibel, wenn man denn 'n Wort sacht!« »Wie neilich mia, wo er den Kitt afunden hatte«, sagte Tante Marie. »Wat war denn det – davon weeß ick ja janischt«, sagte Frau Lemke, »davon haste mia ja keen Wort nich jesacht?« »Na nee, wa'm solltest du dia denn ooch noch ärjern«, sagte Tante. »Karrel kommt vorjestern bei mia und sacht: ›Tante Marie‹, sacht er, ›ick hab een'n Patentkitt afunden, soll ick dia mal wat kitten?‹ ›Nee‹, sare ick, ›jeh mia wech mit det Zeichs, ick hab nischt ßu kitten!‹ ›Laß dia doch wat kitten‹, sacht er und bettelt und barmt in eene Tour und azehlt, wat det for'n Wundakitt sind soll. Nu wird er 'n reicha Mann, sacht er, det wäre die jrößte Afindung der Neuzeit, mit een Wort: er quatscht, und quatscht, bis ick mia wirklich von den Schafskopf breetschlaren lasse." »Na – und wat war denn nu?« fragte Frau Lemke gespannt. »Na – wat is, wenn man sich mit diesen Karrcl inläßt?« sagte Tante Marie bedrückt. »Ick nehme schließlich meene scheene Jeburtstagstasse – die mit den Joldrand – und töppere se uff de Diele, weil er jesacht hat, det, wenn er sie kittet, ooch nich der kleenste Sprung nachher ßu sehen is.« »Na – und hat er sie denn nu jekitt?« fragte Frau Lemke. »Azehl doch, Tante, du läßt dia ja heite allens so aus de Neese ziehen!« »Erstens haben wia janich alle die kleene Scherben wiedajefunden, und zweetens wußten wia nich, wie die tausend Sticke zusammenjehörten und drittens klebte det Dreckzeich, wat er da afunden hatte, bloß an die Poten. Man krichte die Splitta nich mehr von die Finga, und dadruff war der Schafskopp ooch noch janz stolz. Und wie ick nu wejen meene scheene Tasse weente, is der Kerl ooch noch frech jeworden und hat jesacht, seen Kitt sei ooch bloß for janz echtet Porzlan, und die Tasse wäre man bloß Steenjut – die jute Tasse!« Frau Lemke sah Tante Marie starr an: »Nu wird mia ja vielet klar«, sagte sie sinnend. »Darum ooch – darum! Da'm jehen jetz die Henkel von die janzen Tassen ab – wat man ooch anfaßt, een Sticke bleibt stehen, und die annre Hälfte hat man in die Finga! Na, warte man, Karrel!« XVII Weihnachten »Viel wird ja heite nich werden«, sagte Herr Lemke, »an so'n Tach wie heite bleibt ja allet jern in die Familje!« »'n paar werden doch kommen, die keene Menschenseele haben, aba nu doch Heiligabend feiern wollen«, sagte Tante Marie. »Na ja – und jerade vor die muß man't recht jemietlich machen«, sagte Frau Lemke und beobachtete mißtrauisch Onkel Karl, der – auf einem Tisch stehend – den großen Weihnachtsbaum putzte. »Vata sachte jestern, er will sehen, ob er Muttan in ne Droschke kricht, det sie ooch ma' bei uns is«, sagte Herr Lemke. »Ick kann se ja abholen«, schlug Onkel Karl vor. »Du bleibst hia und wirst dia nich wieda dricken wollen, wennste mal wirklich 'n bißken wat machen sollst«, sagte Frau Lemke drohend. »Wer soll denn die Tillen rindrehen – etwa ick?« »Denn nich«, sagte Onkel Karl, »ick hätte ooch jar keene Zeit nich jehabt, denn wat ick noch allet zu tun habe! Mia wird orntlich angst und bange!« »Jott, mia ooch«, sagte Frau Lemke unruhig. »Mit die Karpen hat eich Onkel Aujust ibrijens jründlich anjeschmiert, da is ooch nich een eenzjer rogener bei!« »Ick denke, et sollen lauta milcherne sind«, sagte Onkel Karl. »Wia ha'n uns desterwejen beinah noch jezankt«, sagte Herr Lemke, »ick hab mia jleich jedacht, det det nich stimmen wird, und Onkel Aujust hat sich ooch jewundert, aba Onkel Karrel hat immafort behauptet, du hättest milcherne jesacht!« »Hat se ooch«, sagte Onkel Karl aus seiner sicheren Höhe herab. »Kannste etwan von Rogen Soße machen – aba von milcherne, sehste!« »Dia derf man eben nich schicken«, sagte Frau Lemke. »Ick bin ja bloß aus lauta Jefällichkeet mitjejangen«, sagte Onkel Karl, »andermal nich – et soll mia ne Lehre sind!« »Mia ooch«, sagte Frau Lemke, »und nu wollen wia in die Kiche jehen, Tante, sonst werden wia wirklich nich fertich!« Als die Dämmerung hereinbrach, stand der große Tannenbaum in all seiner Pracht neben der langen, weißgedeckten Tafel. Onkel Karl, das mußte man ihm lassen, hatte seine Sache wirklich gut gemacht, und unter den Lobsprüchen, die ihm alle zollten, wurde sein Herz auch wieder weicher, und er sagte anerkennend: »Aus eire Kiche riech't ooch sehr scheen – ordentlich appetitlich. Villeicht kommt's ooch daher, det ick noch nischt Ordentliches in'n Bauch hab. Aba Heilichabend is det ja imma so vaquast, da jibt's nie nich 'n vanünftjes Mittag, bis man ibahungert is und nachher janischt essen kann!« Tante Marie sah ihn kopfschüttelnd an. »Von Vahungern kann doch keene Rede nich sind«, sagte sie, »ick hab doch vorhin jesehen, wie du dia heimlich mit die Feffakuchen volljestoppt hast!« »So – na, dafor esse ick ooch nachher keene«, erklärte Onkel Karl, und dann sagte er plötzlich: »Stille, ick hör wat, villeicht sind se det?« Alle lauschten. »Nee«, sagte Frau Lemke, »det sind keene Räder, det sind Kirchenjlocken!« Tante Marie faßte sich vorwurfsvoll an die Stirn: »Jott – ja, ick hätte ooch jehen sollen, det jehört sich doch so in die Christnacht!« »Aba nu sind se't«, rief Onkel Karl triumphierend und stürzte hinaus. Herr Lemke lief ihm nach, und Tante Marie nahm Edwin vor, kniff ihm mit ihrer weißen Schürze etwas unter der Nase weg und ermahnte ihn, »scheen artich ßu sind, denn sonst bringt dia Jroßvata nischt mit«! Und dann hielt Onkel Karl die Tür auf, und die alte Frau Lemke, von Wilhelm und ihrem Mann gestützt, kam langsam herein. »Na – da sind wia ja doch jlicklich anjelangt«, sagte der Alte. »Jott sei Dank! Nu, Mutta, kommste jleich an'n warmen Ofen, dette ufftauen kannst. Karrel, sind Se doch mal so jut – draußen in die Droschke liejen 'n paar Pakete, die holen Se doch mal rin, sonst fährt der Kerl fort!« »Ach Jott, wie scheen, wie scheen«, sagte die alte Frau Lemke, wehmütig-froh den geputzten Baum betrachtend, »wer hat denn den so scheen jemacht?« »Ick«, sagte Onkel Karl, erwartungsvoll hervortretend, und legte ihr die hereingeholten Pakete vor die Füße. »Nee, jetz noch nich«, protestierte der alte Lemke, »for Sie is ja ooch wat bei, Mann, aba jetz is noch keene Inbescherung!« »Det wär ja ooch noch scheena, erst essen wia«, sagte Frau Lemke. »Und die Kinda – Edwin und Lieschen, wo steckt ihr denn?« fragte Großmutter Lemke. Tante Marie führte sie ihr vor, und Edwin zeigte – was ihm Tante beigebracht –, wie man eine Verbeugung mache. »Der Junge wird ja reizend«, lobte die alte Frau gerührt, »ach – und nu erst Lieschen, wie niedlich is die Kleene!« »Nu wollen wia bloß schon essen«, suchte Frau Lemke junior geschmeichelt abzuwehren, »kommen Sie, Jroßmutta, ick helfe Sie – und ihr annern kommt ooch!« Und dann nahm man die Plätze ein, und das neu gemietete Dienstmädchen brachte die Biersuppe und dann nachher die Fische herein. »Habt ihr denn noch imma keen'n Kellna?« erkundigte sich der alte Lemke. »Jetz in'n Winta kellneriere ick«, sagte Onkel Karl, »nachher in'n Somma nehmen wia Sticka sechse an, und ick werde Ober!« »Karpen – von Onkel Aujust«, bemerkte Tante Marie, »nu eßt nich so hastig, det eich keene Jräte in'n Hals hackenbleibt!« »Paß du man uff dia uff«, sagte Onkel Karl, der sich durch den Blick, den sie ihm zuwarf, gereizt fühlte. »Wenn ick mia asticken sollte, jebt mia rasch 'n paar Mohnpielen, damit reinje ick den Schlund!« »Hör uff, du vaderbst mia den Appetit«, sagte Frau Lemke, »wat sollen denn die Kinna denken?« Schweigend, bedächtig und vorsichtig aßen sie dann alle. Nur hin und wieder sagte einer: »Kann ick noch'n bißken kriejen? – Fisch, ja, und Soße ooch zu!« Und dann wurde abgeräumt, und Tante Marie brachte die Kinder aus der Stube, weil Onkel Karl nun die Lichter des Weihnachtsbaumes anstecken sollte. »Wollen wia nun erst die Kinda inbescheren oda uns?« fragte Onkel Karl. »Uns –«, wiederholte Tante Marie ein bißchen höhnisch, »du meenst doch dia!« »Denn sonst vakleide ick mia als Weihnachtsmann«, sagte er, Tante Marie mit Verachtung strafend. »Aba – wenn ihr nich wollt ...« »Vakleid dia man, sonst haben wia ja doch keene Ruhe vor dia«, sagte Frau Lemke, und als die anderen nickten, verschwand er eilfertig. Als er dann nach langer Zeit wieder hereinkam, sah er mit der vorgebundenen Maske so schrecklich aus, daß Tante Marie laut aufkreischte. »Nee, det jeht nich, Karrel«, sagte auch Frau Lemke, »du sehst ja aus wie der Deibel, die Kinda bleiben mia ja wech vor Schreck!« »Ob ick's eich mal, ooch bloß een eenzichtes Mal, recht machen kann«, sagte Onkel Karl dumpf hinter der Maske hervor. »Die Ausristung hat doch nu so ville Jeld jekost't – soll det allet wechjeschmissen sind?« »Is dia recht, wa'm sachste nischt vorher, imma det jeheimnisvolle Jetue, und wat kommt nachher bei raus?« fertigte ihn Tante Marie ab. »Denn beschert eich alleene in«, sagte Onkel Karl mit erstickter Stimme, »ick sehe ja, ick bin hia janz ibaflissich!« »Wie so'n kleenet Kind, schämste dia denn nich?« fragte Frau Lemke. »Nimm dia den Pelz von Jroßvatan, setz dia meenswejen ooch wieda den schwarzen Kochtopp uff, denn wird dia Edwin schon nich akennen!« Sie hatten alle viele Mühe, Onkel Karl wieder in Stimmung zu bringen, denn – wie er sagte – »eejentlich wollte er sich uff seene Stube zurückziehen und for sich alleene Weihnacht feiern«! »Mensch, du machst mehr Umstände wie die Kinda«, sagte Herr Wilhelm Lemke, »laß dia doch nich so zureden!« »Mia is ja nun doch schon die janze Freide vadorben«, sagte Onkel Karl, schließlich gefügiger werdend, »aba Weihnachtsmann kann nu Jroßvata alleene spielen, ick nehme man bloß noch an die Bescherung teil!« Und damit man weiterkam, übernahm der alte Lemke auch die Rolle des Weihnachtsmannes, und Onkel Karl begnügte sich damit, untergeordnete Dienste zu verrichten und zu klingeln, als Zeichen, daß die Kinder kommen durften. Er tat das mit einer Gründlichkeit, die etwas verstimmend wirkte, da man aber seinen guten Willen schätzte und ihn durch einen neuen Verweis offenbar der Verzweiflung preisgegeben hatte, hielt man sich lieber die Ohren zu und wartete, bis er sich »ausgeklingelt« hatte. Und dann folgte die Bescherung. * Onkel Karl ging am Spätabend um den Weihnachtsbaum und bemühte sich mit versagender Lungenkraft, das oberste und letzte Licht des Tannenbaumes auszulöschen. Er war in weihevoller, gerührter und etwas zerknirschter Stimmung, die ihn zeitweilig, wenn er an die Einzelheiten des schönen Abends zurückdachte, fast zu überwältigen drohte. Er besaß jetzt einen Kompaß in echter Goldfassung, an der Uhrkette zu tragen, ein Dutzend schöner roter Taschentücher, drei Paar Socken, ein Messer, das man auch als Säge verwenden konnte, eine neue Pfeife, eine Ziehharmonika, eine Tüte mit Schnupftabak und drei blanke Taler. Was waren dagegen die weißen Mäuse, das Fläschchen mit selbstverfertigtem Patentkitt, der schwarze Siegellack (für den Fall, daß mal eine Trauerbotschaft abgeschickt werden müsse), der Hampelmann und die amerikanischen Nüsse – kurz, seine Geschenke, mit denen er alle hatte übertrumpfen wollen! Und nun konnte er trotz aller Anstrengung das Licht nicht auslöschen! Da zog er kurz entschlossen den Stiefel aus und warf ihn nach der Flamme. Und das wirkte, das Licht erlosch, aber der Stiefel blieb oben im Baum sitzen, und so mußte Onkel Karl, wenn er in der Dunkelheit nicht Unheil anrichten wollte, vorläufig auf die Fußbekleidung verzichten. Nach einer Weile ärgerlichen Nachsinnens zog er dann hinkend auf Stiefel und Socke mit seinen Geschenken ab. XVIll Tante Maries Silvesterüberraschung Acht Tage später, am Silvesterabend, vereinigten sich dann alle Mitglieder der Familie Lemke nochmals um den Tannenbaum – man wollte Abschied vom alten Jahr feiern. Und diesmal waren auch Onkel August und Tante Liese erschienen und hatten drei mächtige Karpfen mitgebracht. »Et sind aba rogene«, sagte Onkel August, »denn det jehört sich doch so, sonst hat man ja det janze Jahr keen Jeld nich, denn Rogen bedeitet Jeld!« »Vor allen Dingen muß man sich 'n paar Schuppen in't Pottemaneh tun«, sagte Onkel Karl, der sich auch auf diesem Gebiet versiert erweisen wollte. »Sonne Schuppen, die hecken«, setzte er wichtig hinzu. »Abajlaube«, sagte Tante Liese mit einer Handbewegung, die Onkel Karls Ansicht gleichsam mit einem Schlage abtat. »So? Na, bei mich hecken se«, sagte Onkel Karl, »jib ma mal 'n Tala, denn laß ick ihn bei meene mithecken!« »Ick werd mia hiten«, sagte Tante Liese, »wie ick dia kenne, Onkel Karrel, sachste nachher, se haben sich jejenseitich uffjefressen, und denn is man seenen Tala los!« »Bissich derf er ooch nich sind«, sagte Onkel Karl, »aba wennste nich willst – is doch bloß ne Jefällichkeet von mia!« Er zuckte die Achseln und wandte sich der übrigen Gesellschaft zu: »Meene Herrschaften, wat ick bloß saren wollte: Se werden heile abend noch ne mächtije Ibaraschung aleben, aba vorläufich heeßt's abwarten!« »Ach Jott, ach Jott«, sagte die alte Frau Lemke, die dicht beim Ofen in einem hohen Lehnstuhl saß, »ach Jott, Onkel Karrel, wenn't bloß nich knallt, det kann ick nich vatraren, ick derf mia nich aschrecken!« »Vaehrteste Stammutta – et knallt nich«, sagte Onkel Karl. Auch die junge Frau Lemke trat hinzu. »Du –«, sagte sie drohend, »det will ick dia jleich saren – Karrel – wennste heite ooch wieda Dummheeten machst, denn is et for imma mit uns beede aus!« »Nu seh ick erst, wat ick hia for'n Rennomeh habe«, sagte er, »det is ja im höchsten Jrade bedauerlich. Weeß der liebe Aff', wie man dazu kommt! Von friehen Morjen bis in die späte Nacht rackert man sich ab – und der Dank?!« Er zuckte wieder, diesmal aber ganz entmutigt, die Achseln, schlug die Arme übereinander und starrte verzweifelt nach der Stubendecke. Der alte Herr Lemke, der hinzugetreten war, klopfte ihm freundlich auf die Schulter: »Saren Se wenichstens, in welche Richtung, damit man nich die Fassung verliert!« »Et is etwas Freudijes«, sagte Onkel Karl, »mehr derf ick nich verraten, also fraren Se mia nich, det ick nich wortbrüchich werde!« Tante Liese, die mit Tante Marie auf dem Sofa saß, schüttelte mißbilligend den Kopf: »Ick wirde mia nich um den seene Ibaraschung so haben, is doch man bloß allet Dicketuerei von den Mann!« »Ach nee, diesmal is wat hinta«, sagte Tante Marie ein bißchen bedrückt und glättete ihr schwarzes Seidenkleid. »So?« Tante Liese sah sie mißtrauisch an. »Na, da bin ick ja aba wirklich – jespannt –«, sagte sie, hütete sich jedoch, auch nur noch eine Frage zu tun. Nach einem Weilchen erhob sie sich dann und ging zu ihrem Mann. »Aujust", sagte sie, »hier scheint heite abend wirklich wat vorßujehen!« »Von meenswejen!« Er schlenkerte unmutig mit der Hand. »Hätt ick lieba za Hause wat Orntliches jejessen – eh man hia 'n Bissen vorjesetzt kricht, fällt man ja vor Hunga um!« »Et scheint noch jemand erwartet zu werden«, sagte Tante Liese, »oda ick mißte mia sehr täuschen. Seh mal, seh mal – wo looft denn Onkel Karrel so eilich hin?« Draußen war ein Wagen vorgefahren, nun hörte man Stimmen im Gange, und dann trat Onkel Karl mit einem sehr respektablen älteren Herrn ein, dem er beim Ablegen der Garderobe behilflich war. Dann nahm er ihn vertraulich unter den Arm und führte ihn der Gesellschaft zu. »Jestatten Se, meene Herrschaften, det ick Ihnen jejenseitich mitenander bekannt mache. Hia, Herr Ziehjarrenfabrikant Krause, und det hia sind meene Vawandten: Herr Lemke senior und seene Jattin, Onkel Aujust dito Jattin ...« »Na, und wia annern kennen uns ja«, sagte die junge Frau Lemke und reichte ihm die Hand, »wat is det for ne Ibaraschung, Herr Krause?« »Ja – wie das so manchmal sonderbar im Leben ist«, sagte er zierlich und trat zu der im Hintergrund stehenden Tante Marie, verneigte sich und sprach einige, wie es schien, sehr gewählte Worte zu ihr. Sie blickte mit einem verschämten, treuherzigen Lächeln zu ihm auf und zupfte mit zitternden Fingern an der großen Taftschleife, die ihren Hinterkopf zierte. Onkel Karl aber steckte die Hand in die Weste und sah die Gesellschaft der Reihe nach triumphierend an. »Nu können wia woll essen?« erkundigte sich Onkel August. »Du mit deene vadammte Esserei«, fuhr ihn Tante Liese an, »man muß sich ja wahaftich schenieren, merkste denn ich, det det een sehr feierlicha Momang is? Vorleifich is det doch ßu vawundern, wie so wat ibahaupt möchlich is! Hättste denn jedacht, det die liebe Marie noch mit sonne Absichten rumlooft?« »Mia is det janz Wurscht«, sagte Onkel August, »ick jebe nischt uff feierliche Momangs und weeß ibahaupt nich, wo eener is. Ick will bloß wat ßu essen haben, und wenn't 'n oller Kanten is, denn ick hab 'n Heißhunga, det mia det Wassa in'n Mund ßusammenlooft!« »Na –«, sagte Tante Liese und schluckte bitter und resigniert, »mia wäre ooch wohler, wenn ick 'n annern Mann jekricht hätte.« Onkel August hatte kein Verständnis für ihren Schmerz. »Wo wia die scheenen Karpen mitjebracht haben!« murrte er, und ganz erleichtert setzte er hinzu: »Na, nu scheint's aba doch loszujehen!« Die Tür, die nach der Küche führte, war geöffnet worden, jetzt stieß sie jemand vollends auf, und dann wurde das Dienstmädchen mit einer mächtigen Schüssel sichtbar. »Also los, nu wollen wia uns aba ranhalten!« * Onkel August begann erst wieder auf seine Umgebung zu achten, als jemand fortwährend laut und eindringlich sprach und ein anderer Jemand ihm fortwährend eindringlich gegen das Schienbein trat. Der Redner war Onkel Karl, der Treter Tante Liese, die ihrem Gatten pantomimisch andeuten wollte, daß er nicht so laut den Teller abkratzen möge. »Ick bin ja schon fertich ...«, sagte er und schob den Teller von sich. Nun, als er um sich blickte, merkte er erst, daß die ganze Gesellschaft feierliche und gerührte Mienen zeigte. Tante Marie weinte sogar heftig in ihr Taschentuch, und dieser Augenblick verleitete Onkel Karl, seiner Rede immer kühneren Schwung, immer größeres Pathos zu verleihen. »Denn wenn man so bedenkt«, suchte er eben eine Behauptung zu begründen, »wenn man so bedenkt, wat dazu for ne Kurasche jehört, in dieses Alta noch ßu heiraten, denn muß man wahaftich die Braut bewundern, die sonne Kurasche hat!« Onkel Karl schien ein »Bravo, bravo!« zu erwarten; als es aber ausblieb, schöpfte er tief Atem und fuhr fort: »Ick habe et ja von'n ersten Oogenblick an kommen sehen, und ick habe mia drieba jefreit. Herr Krause is ja so'n netta Mann, et is uns ne Ehre, ihn in die Vawandtschaft rinßukriejen. Aba det Vajniejen hätte er schonst lange haben können, wenn er nich so lange jewartet hätte. Denn die Jeschichte fung ja schon dunnemals an, als ick noch meenen seljen Nulpe hatte.« »Nu hör uff, Onkel Karrel«, unterbrach ihn die junge Frau Lemke, »sonst kommste von's Hundertste ins Tausendste!« »Alaube – bloß noch det Hoch«, sagte Onkel Karl. »Also, meene Jeliebten, uff det sie beede recht jlicklich werden und noch ville, ville Jahre in unse Mitte weilen: Hoch – und nochmals hoch und ooch zum drittenmal ho–och!« Und dann nahm Onkel Karl sein Glas und begab sich zu Tante Marie und Herrn Krause, um mit ihnen anzustoßen. »Werdet jlicklich, Kinda«, sagte er nun selbst ganz gerührt, als er die tiefe Bewegung der beiden Verlobten sah. Herr Krause drückte ihm immer wieder die Hand. »Sie sind ein juter Mensch, Karl«, sagte er. »Man vakennt mia bloß imma zuerst«, bestätigte ihm Onkel Karl, »aba et jehört janich so ville Menschenkenntnis ßu, um det ßu bejreifen.« Onkel August kam hinzu, faßte ihn beim Ärmel und zog ihn in eine Ecke: »Also – wat is hia los, Karrel, ick werde aus die janze Jeschichte nich kluch.« »Haste denn nich jehört, wat ick for ne Rede jeredet habe? Von wen ha' ick da jesprochen?« examinierte ihn Onkel Karl. »Da hatte ick jrade nich uffjepaßt«, sagte Onkel August. »Mensch, denn kann ick dia nich helfen«, sagte Onkel Karl, »denn seh zu, wieste kluch draus wirst!« Und dann ließ er den Verdutzten stehen und mischte sich unter die anderen, denn er sah, daß große Schüsseln mit Pfannkuchen hereingetragen wurden und daß Herr Krause alle Vorbereitungen zum Bleigießen traf. »Da muß ick doch mit bei sind und wissen, wat die Zukunft bringt«, erklärte er. Zuerst hielt er sich aber an die Gegenwart, nahm sich eine Schüssel mit Pfannkuchen und zog sich in eine Ecke zurück. Dem Rest, den er übrigließ, suchte er durch künstlichen Aufbau wieder Fülle und Ansehen zu verleihen, aber Frau Lemke, die ihn beobachtete, sagte gutmütig: »Jib dia keene Mihe, Onkel Karrel, du hast – Jott sei Dank – die Schüssel mit die harten awischt, die werden dia wie Steene in'n Bauch liejen – aba et is dia janz recht!« »Na – denn kann ick mia ja ooch 'n paar von die weechen nehmen«, sagte Onkel Karl, »drum ooch – drum ooch, ick hab mia immafort schon jewundert, det die Fannkuchen heite so jehaltvoll sind.« Der Lehnstuhl der alten Frau Lemke war inzwischen so gerückt worden, daß auch die anderen an den Ofen konnten, an dem, feierlich wie ein Alchimist, Herr Krause hantierte und galant dagegen protestierte, daß ihm Tante Marie auch nur die geringste Handreichung machte. Tante Liese, die danebenstand, hatte ein überlegenes Lächeln aufgesteckt und wiederholte von Zeit zu Zeit ins Blaue hinein: »Nein, nein, ick jlaube an so wat nich, in die Zukunft kann keiner nich sehen!« »Aba et macht wenichstens Spaß«, sagte die junge Frau Lemke, »man möchte doch jar zu jerne 'n bißken wat wissen, wie det noch später allens mal kommt!« »Jewiß – wenn det eena vastände, wird er bald 'n reicha Mann sind«, bemerkte Tante Liese. »Nun«, sagte Herr Krause, »einige Fingerzeige genügen ja manchmal, und diese Fingerzeige geben uns die wunderlichen Formen, die durch Abkühlung des flüssigen Bleis im Wasser entstehen.« Dieser Ausspruch imponierte Onkel August so sehr, daß er entschlossen fragte: »Na – denn möcht ick ooch wissen, wat mit meene Zukunft is – oda kostet det extra wat?« »Nein«, sagte Herr Krause mit nachsichtigem Lächeln, »jeder von uns kommt dran.« Und dann schob er die eiserne Schaufel mit der Bleimasse ins Ofenloch. »Man muß et allerdings vastehen, sonne Fijuren ßu deuten«, sagte Tante Marie, »manchmal sieht et aus wie'n Brautkranz, und denn is's eejentlich 'n Totenkranz.« »Ja – wie ick vorjen Silvester«, sagte Onkel Karl, »da hatte ick mia ne richtje kleene Eklipasche mit zwee Ponys jejossen – na, und wo is se nu?« »Det hattest du dia bloß so ausjelecht«, sagte Tante Marie, »ick hatte dia ja jleich jesacht, det sind keene Ponys, det sind Karnickels, und der Klumpatsch, der dranhing, det war der Stall und keene Eklipasche. Und 'n Karnickelstall haste ja ooch jehabt.« »Desterwejen hätte ick janich in die Zukunft zu kieken brauchen, det ha' ick vorher jewußt«, sagte Onkel Karl. »Stille – es geht los«, gebot Herr Krause und zog die Schaufel heraus. »Die verehrten Damen haben den Vortritt, wer von Ihnen hat den Mut, zuerst dem Schicksal ins Auge zu sehen?« Eine gewisse Feierlichkeit hatte sich aller bemächtigt, niemand wollte den Anfang machen. Onkel Karl aber entschied: »Die jeehrte Braut hat den Vordatritt – feste ran, Tante Marie, zier dia nich!« Und mit zagen Händen faßte sie schließlich nach der Schaufel und goß etwas von der geschmolzenen Masse in den Wassereimer. Onkel Karl, der sich schon die Jacke ausgezogen und die Hemdsärmel hochgekrempelt hatte, übernahm es, die Schicksalsfiguren aus dem Wasser zu holen. »Det is een rejuläret Krokodil«, sagte er jetzt, »kiek mal bloß die naturjetreue Schnauze!« »Aber, Mann«, sagte Herr Krause sanft verweisend, »sehen Sie denn nicht, daß das ein Storch mit langem Schnabel ist?« Und alle erkannten es: Ja – es war ein Storch, dessen Beine allerdings etwas verkümmert waren. »Na – uff die Weise!« sagte Onkel Karl. »Denn sind meene Karnickels sojar Appelschimmel jewesen.« Ein großer Eifer war ietzt entstanden, jeder wollte zuerst das Schicksal befragen. Aber es ging gewissenhaft der Reihe nach, erst die Damen, dann die Herren, und Tante Marie übernahm die Deutung der Figuren. Im allgemeinen stimmte man ihrer Auslegung auch zu, nur Tante Liese protestierte aufs entschiedenste. »I wo«, sagte sie, »det is in'n janzen Leben keene Wieje, det is eha ne Kommode!« Onkel Karl nahm ihr den rätselhaften Gegenstand aus der Hand und betrachtete ihn mit der Miene eines Sachverständigen: »Jetz weeß ick's, wat es is, kann ibahaupt jar keen Zweifel drieba sind: 'n Klavier is's!« »Dette det wieda uffs Trapez bringen wirdst, ha' ick ma ja jedacht«, sagte Onkel August, »na, mir is's janz schnuppe, ick hab mia 'n Pottemaneh jejossen, mehr will ick janich!« »Und ick mia«, übertrumpfte ihn Onkel Karl, »ick hab mia sojar wat jejoffen, det sieht aus wie'n Veloziped mit'n jroßet und 'n kleenet Rad. Det ha' ick mia schon lange jewünscht!« »Zeich ma'«, sagte Onkel August neidisch, aber als er es dann betrachtet hatte, sagte er beruhigt: »Da hastet wieda, det is 'n janzen Leben keen Veloziped nich, det is ne Scherenschleifakarre!« Die andern waren nicht recht klug daraus geworden, was ihnen das Schicksal bestimmt, obwohl sie es hin und her wendeten. Nur bei der alten Frau war kein Zweifel möglich, alle hielten den Gegenstand für ein Kreuz, obwohl Onkel Karl steif und fest behauptete, es könne auch ein Quirl sein. »Jott, ja, wer weeß, wie allet kommt«, sagte der alte Lemke. »Man bloß nich traurich werden«, tröstete Onkel Karl, »und jetz bin ick dafor, det wia alle unse Punschjläsa noch mal volljießen, anstoßen und austrinken, denn die Uhr hat schon jeschnirkst und wird jleich zwölfe schlaren!« Und das taten sie dann auch, begrüßten das neue Jahr, als die Kirchenglocken läuteten, und stießen mit ihren Gläsern an auf künftige glückliche Jahre. Dritter Teil Edwin kriegt Nachhilfestunden I Deklamationsunterricht In dem großen Biergarten von Lemkes am Schöneberger Ufer war es jetzt, wie immer um diese Nachmittagsstunde, etwas einsam. In Reih und Glied standen die vielen Stühle und Tische – als warteten sie auf die Gäste –, nur auf dem sogenannten »Hügel« in der Nähe des Zaunes saß bereits das »Strickkränzchen«, eine Schar ältlicher Damen, die fleißig die Nadeln klappern ließen und sich durch große Kaffeeportionen stärkten. Wenn der Wind über die Baumkronen strich, fanden die Sonnenstrahlen Eingang durch das Gewirr der Blätter und Äste. Und jedesmal flogen dann die Sperlinge, die sich in dem lockeren Sand bei der Kolonnade badeten, erschrocken auf, denn sie fürchteten ein Attentat Onkel Karls auf ihre Freiheit. Aber Onkel Karl, der in den letzten Jahren ein gewisses Embonpoint und einen etwas kahlen Kopf bekommen hatte, was er beides dem Genuß des vielen fetten Gänsebratens zuschrieb, kümmerte sich heute gar nicht um die Sperlinge – ihn bewegten höhere, sozusagen ästhetische Interessen: Tante Marie, seine Schwester, deren unermüdlicher Fürsprache er es verdankte, daß ihn die Lemkes, trotz der vielen Konfusionen, die er angerichtet, immer noch bei sich behalten hatten, diese gute Tante Marie feierte morgen ihren Geburtstag, und Onkel Karl war der Meinung, daß die Feier einen besonders würdigen Anstrich erhalten müsse. Schon Herrn Krauses wegen, der immer so tat, als sei er ein Opfer Maries geworden, als habe sie ihn mit List und Schlauheit ins Ehejoch gelockt. Es war dringend nötig, daß man diesem Herrn endlich einmal zeigte, wie hoch entwickelt der Sinn für Schönheit und Poesie in allen Familienmitgliedern sei. Und Onkel Karl, der in seinem nach Art einer Kapitänskajüte eingerichteten Stübchen saß, nahm sein Fernrohr vom Wandbrett, »sichtete« den Hügel, eine seiner letzten Schöpfungen, verzog – als habe er etwas Bitteres verschluckt – den Mund beim Anblick des Strickkränzchens und durchforschte – als er Edwin bei den alten Damen dort oben nicht erblickte – nun den übrigen Teil des Gartens. Dann nickte er befriedigt, als er den Jungen in der Kolonnade erspäht, nahm den »Deklamator für alle Gelegenheiten« und schlenderte, ein Liedchen trällernd, zu dem schon unruhig werdenden Opfer. »Na – Edwin, ick komme dia ibahören, dette morjen nich steckenbleebst; hastet dia denn noch ma' jrindlich injeibt?« Der Junge, der bis zum letzten Augenblick gehofft hatte, sich durch einen kühnen Seitensprung retten zu können, gab sich nun verloren, obwohl er noch einen kläglichen Versuch machte, loszukommen. »Mutta hat jesacht, du derfst mia nich so piesacken mit det olle Jedicht, du sollst et alleene auswendich lernen und uffsaren!« »Edwin«, sagte Onkel Karl mit großer Sanftmut, »Edwin, soll ick dia mal eene rechts und links stechen, sonne richtje Knallschote?« »Muttaa – Onkel Karrel haut mia«, schrie der Knabe, so laut er konnte. »So, meen Sohn, da haste, det's ooch wahr is«, sagte Onkel Karl und gab ihm eins in den Rücken. »Steh jrade, nimm die Hände aus die Hosentaschen. Und denn fang an, aba erst schnaub dia noch mal, da haste meen Schnupptuch, in deens jeht ja nischt mehr rin!« Und Edwin – nun ganz hoffnungslos und verzweifelt – vollzog in aller Eile eine so radikale Säuberung, daß Onkel Karl schon fürchtete, er werde ihm mit dem Taschentuch zugleich die abgebrochene Nase übergeben. »So – nu is jenuch, wat scheuersten noch imma?« suchte er die Prozedur zu beschleunigen. Edwin zog noch einmal entschlossen hoch und stand dann wie ein Rekrut. »Nu los –«, Onkel Karl nahm das Buch und zog sich etwas in den Hintergrund zurück. Und mit stierem Blick zu dem Kolonnadendach schnatterte Edwin los: »Die Frauenlieb' ist eine Knospe. Tritt ein Mädchen ...« »Pause hinta Knospe«, unterbrach Onkel Karl, »haste denn det noch nich kapiert, det is doch die Ibaschrift, da mußte doch 'n Punkt in die Luft machen!« »Ick krieje den Punkt aba nich raus«, sagte Edwin weinerlich, »ick hab mia schonst die jrößte Mihe jejeben!« »Denn werd ick dia also imma an die Stelle eens ins Kreiz vasetzen, und denn hältste die Puste an, vastehste? Und wa'm sachsten imma Knuspe? Et heeßt doch Knooo–spe! Sach's mal nach – immafort: Knospe, Knospe, Knospe ...« Aber der Feuereifer, den Edwin im Nachsprechen dieses Wortes zeigte, wurde jäh wieder gedämpft. »Halt – hör uff, jetz sachste ja Knosch–pe!« schrie Onkel Karl dazwischen. »Edwin – Mensch – biste denn wirklich so'n Dusseltier, dette det nich mal richtich nachsprechen kannst?« »Wennstet mia bloß uffsaren lassen tätest«, heulte Edwin, »ick kann et mit janz richje Betonung!« »Denn sach's uff, aba wehe, wennste steckenbleebst!« Und mit neuer Hoffnung begann der Knabe: »Tritt ein Mädchen zum Altare, Reicht die Hand fürs ganze Leben, Läßt ihr Herz für ihn nur schlagen ...« »Schschscht – uffhören – halt«, sagte Onkel Karl und winkte mit der Hand ab. »Seh ma', Edwin, det is keen Vortrach nich, det is'n Leiakasten. Horch ma', wat ick dia jetz als Hauptrejel vorlesen werde: ›Bei der Kunst des Vortrages ist die Hauptsache die Mienensprache, sie liegt in den Augen. Um nun ein ausdrucksvolles Auge zu bekommen, muß man viel denken. Sodann bestrebe man sich, den Charakter zu veredeln‹ ...« »Na, det is nu Quatsch – mit den Karakta«, unterbrach sich Onkel Karl selbst, »det wollen wa ma' sind lassen, aba wat hasten for Oogen, kiek mia mal an – orntlich – so!« »Nee – Edwin«, sagte Onkel Karl dann kummervoll, »du hast'n ßu stieren Blick! Denk ma' an wat Scheenet, an Weihnachten oda deen Jeburtstach!« Aber obwohl Edwin das tat, seufzte Onkel Karl dann bei der Prüfung tief auf. »Nun sehste aus wie so'n richtjet Schaf, mach man deene Oogen so, wie du sie zuerst hattest. Und denn halt ooch deene Hände anners, so wie't hia in den Deklamata steht, paß uff, wat ick vorlese: ›Die Bewegungen dürfen nicht eckig und abgerissen sein, sondern wellenförrmig und im selben Satz miteinander verbunden.‹ Vastehste det?« Und als Edwin nickte, sagte Onkel Karl: »Na, ick noch nich, aba nu mach's mal!« Das Resultat war unbefriedigend: »Weeßte nich, wat ne Welle is? Ne Welle uff'n Wassa, nich ne Bauchwelle! Na, Junge, ick merke schon, du wirst mia ja scheen blamieren. Jetz iebe et mal, tu mal so, als wennste janz alleene bist, ick werd mia umdrehen. Wennste aba etwan auskneifst, jeht's dia eklich!« Onkel Karl besah sich angelegentlich einen Pfosten der Kolonnade, kratzte mit dem Fingernagel einen hervorgequollenen Harztropfen ab und drehte sich dann behutsam um: »Kannstet jetz – na, denn los!« »Tritt ein Mädchen zum Altar«, begann Edwin, aber weiter kam er nicht. »Wa'm machsten den kleenen Finga so steif und streckst'n so weit wech?« Da Edwin nicht begriff, was Onkel Karl meinte, stürzte sich dieser auf ihn und riß an dem aufrührerischen Finger, um ihm die richtige Stellung zu geben. »Auah!« sagte Edwin. »Det hat bloß so jeknackst, weh hat det nich jetan«, beschwichtigte Onkel Karl, »aba ich werd's deene Mutta saren: du hast ne heimliche Braut. Willste jetz jar ßu heulen anfangen, schäm dia lieba, so'n jroßa Junge! Wirste jleich hiableeben!« Und dann faßte er ihn um und koste ihn: »Nanu, Edwin, du krichst ja morjen ooch wat Scheenet, sach man det Jedicht so uff, wiestet kannst, du broochst jar kene Bewejungen ßu machen, det kommt von janz alleene. Also los: ›Die Frauenlieb' is eene Knospe‹ – sehste, ick kann's ooch schon! Na, nu weita: ›Tritt een Meechen zu'n Altar ...‹« »Zum Altar«, schluchzte Edwin weiter und suchte seine Stimme zu festigen: »Reicht die Hand fürs ganze Leb'n, Läßt ihr Herz für ihn nur schlag'n, Treu ist sie ihm stets ergeben!« »Sehr scheen«, lobte Onkel Karl, »det wird tiefen Indruck uff alle Jemieta machen. Nu is for heite jenuch, aba morjen, ehe die Jäste kommen, hör ick dia noch mal ab – nu loof!« Und Edwin lief, so rasch ihn seine Beine zu tragen vermochten, zu seiner Mutter. Frau Lemke, die in dem kühlen Gastzimmer auf dem schwarzen Ledersofa gerade ein bißchen eingeschlafen war, fuhr jäh aus ihrer bequemen Haltung auf. »Wat is'n nu schon wieda los?« fragte sie verdrießlich. »Janischt«, sagte Edwin, »ick komme bloß bei dia, Mutta, weil mia Onkel Karrel wieda jacht!« »Denn jeh dahin, wo er dia nich jaren kann«, sagte Frau Lemke. »Wo is denn det, Mutta?« »Det weeß ick doch ooch nich«, sagte Frau Lemke, »een richtja Junge weeß sich alleene ßu helfen!« »Denn jeh ick bei det Strickkränzchen«, sagte Edwin, »und schmeeße mit Steener!« »Die werden ooch nich jrade iba dia erfreit sind, se haben neilich schon jesagt, du machst ßu ville Stoob. Wa'm spielsten nich mit Liesken?« »Ick weeß ja nich, wo se is«, lehnte Edwin ab. »Na, ick will dia jetz ooch nich haben«, sagte Frau Lemke, »denn mach, watte wist!« »Ick hab Hunga«, sagte Edwin. »Denn jeh in die Kiche und laß dia von Minna ne Stulle jeben!« »Nee, uff Stulle nich!« »Uff wat denn – uff Sißichkeeten, Jeld vanaschen, wahr?« sagte Frau Lemke. »Jibt nischt, mach dia det man ab, von det ville siße Zeich kriste bloß Wirma in'n Bauch und hohle Zehne.« »Die ha' ick ja schon«, sagte Edwin. »Und da freiste dia ooch noch drieba«, sagte Frau Lemke, »warte man, wenn de erst sonne Schmerzen haben wirst wie ick, denn wird dia det Jelache schon vajehen. Und nu zieh Leine, mach dia 'n bißken nitzlich!« II Die Geburtstagsfeier Die Gesellschaft hatte sich um den großen, weißgedeckten Tisch in einer Ecke der Kolonnade vereinigt. Vor Tante Marie, dem Geburtstagskinde, stand – in einem Bierseidel – ein pyramidenförmig fest zusammengedrehter Blumenstrauß, und vor Herrn Krause – der ein Liebhaber von Backwerk war – prangten die beiden riesigen Napfkuchen. »Nu essen Se doch so ville so'n Zeich«, sagte Onkel August, der Fischermeister, der mit Tante Liese, seiner Frau, ebenfalls erschienen war, »so ville Kuchen essen Se und – und – und Torten, aba es schlacht bei Sie nich an, int Jejenteel, Se kommen mia eejentlich noch magererrer vor wie frieha!« »Aujust«, sagte Onkel Karl, »wa'm stotterste denn heite so? Et heeßt doch bloß janz eenfach mager und nich magererrer! Det kann ja keen Schwein nich aussprechen, da brecht man sich ja hinten det Zöppken ab. Und denn haste ooch dreimal hintananda ›und‹ jesacht, du machst dia ja bloß ßu ville Umstände!« »Det jeht dia janischt an«, sagte Onkel August, »paß du man uff dia uff!« »Det meene ick ooch«, sagte Herr Lemke mißbilligend, »Karrel, ick bitte dia, vaderb heite mal keen die Freide!« »Willem –«, sagte Onkel Karl und sah Herrn Lemke treuherzig an, »seh ma', det von Onkel Aujusts Sprechweise wollte ick bloß so nebenbei bemorken haben, eejentlich wollt ick ja janz wat anneres saren!« »Na watten?« sagte Frau Lemke, die mit Edwin und Lieschen beschäftigt gewesen war und jetzt erst wieder zuhören konnte. »Wat wollste denn saren, Onkel Karrel, oda is et wat Unanständjes?« »Nanu, so eener bin ick doch nich«, sagte Onkel Karl gekränkt, »ick weeß doch, det hia Kinda an'n Tisch sitzen, und denn is ja ooch Tante Liese da, die wieda ohnmechtich werden könnte.« »Na, denn sach's doch«, forderte Herr Lemke auf. »Ick meene bloß«, sagte Onkel Karl bedächtig, »det is so die Konschtituzion bei manche Menschen. Seht ma', wie't bei de Hunde Windspiele und Bulldoggen jibt, so bei die Menschen dicke und dinne. Een Windspiel kann so ville fressen, wie't will, et wird niemals nich ne Bulldogge werden, und eene Bulldogge kann sich noch so lange uffs Abmagern lejen, et wird keen Windspiel werden – in ihr janzet Leben nich!« »Da hat er recht«, sagte Herr Krause, »das sind eben die sogenannten Rassenunterschiede.« »Janz richtich«, sagte Onkel Karl, »Sie, Ha Krause, sind een Windspiel und Onkel Aujust is een Bulldogg!« »Ich möchte doch sehr jebeten haben«, sagte Tante Liese, »solche Vergleiche mit meinem Mann nicht zu machen!« »Ick finde det ooch nich scheen von dir, Karrel«, sagte nun auch Tante Marie, »meen Mann is keen Windspiel!« »Ick meente ja man ooch bloß«, entschuldigte sich Onkel Karl. Tante Liese, zartfühlend wie immer, half über die Verstimmung fort: »Werden denn die lieben Großeltern nicht auch kommen?« erkundigte sie sich angelegentlich. »Wie nett war das damals an Silvester, wo wir alle zusammen waren und Blei gegossen haben!« »Ja, aba dunnemals fing't mit Muttan wieda an«, sagte Herr Lemke niedergeschlagen, »se hatte sich doch schonst so scheen aholt mit die Krankheet, aba wie se denn den Abend nach Hause jefahren is, hat se sich uffs neie akeltet. Seitdem is janischt mehr mit sie los!« »Na – mia ahnte jleich wat, als se sich den Totenkranz jejossen hatte«, sagte Tante Marie und nickte traurig vor sich hin. »Det du imma wieda mit den ollen Quatsch anfängst«, sagte Onkel Karl mißbilligend, »ick weeß noch janz jenau, du hast dia dunnemals 'n Storch jejossen, aba bis heite hat er bei dich noch nich jeklappert – also is doch det janze Zukunftsjekieke Mumpitz!« »Wir sind auch recht froh – wir wollen gar keine Kinder haben – Kinder machen nur Sorgen«, sagte Herr Krause. »So – na ja!« meinte Onkel Karl mit verächtlichem Blick auf Tante Maries Gatten. »In die Tierwelt jibt's ja ooch sonne merkwirdjen Exemplare, die keene Jungen haben wollen. Beispielsweise die Katers, die fressen ihren Nachwuchs mit Schwanz und Pelle jleich wieda uff, und et is'n Wunda, det's ibahaupt noch Katzen in die Naturjeschichte jibt. Et aklärt sich det villeicht dadurch, det det Muttatier die kleenen Katzen in Sichaheet jebracht hat, woraus sich ajibt, det sie – wat der weibliche Teel is – janz jerne wat Junget haben mechten – wahr, Tante Marie?« Da es schien, als sei Onkel Karl in etwas gar zu streitlustige Stimmmung geraten, machte man den Versuch, ihn von dem Thema abzubringen. »Eß und trink feste, Karrel«, sagte Frau Lemke und schob ihm den Kuchen zu, »du redst heite so ville, det is nich jut for deen'n Hals!« »Bloß noch det eene will ick bemorken«, sagte er, »ick frare eich alle: Wo bleebt sonne Mutta mit ihre Jefiehle, wenn se keene Kinda nich hat?« »Denn is's doch keene Mutta nich«, sagte Onkel August. »Mensch – Aujust –«, sagte Onkel Karl mitleidig, »dia wär't ooch bessa, du wärst nie jeboren worden! Ick frare also uffs neie: Wo bleebt sonne Mutta mit ihre Jefiehle?« Und als alle betreten schwiegen, beantwortete er selbst die Frage in feierlichem, ernstem Ton: »Wer det mal mit anjesehen hat, wie so'n armet Wesen in seene ibaströmende Zärtlichkeet eenen Laubfrosch adoptiert hat oda 'n Karnickel oda 'n Mops – na, ick sare bloß, den konnten sich de Jedärme in'n Leib umdrehen. Et is vorjekommen, det sonne arme Tierstiefmutta for ihre unnatierlichen Kinda Jäckchen und Höschen und Mitzchen jestrickt und ihnen anjezoren hat. Und eenmal sah ick, wie so'n Laubfrosch, den sie 'n roten Wollfaden als Halstuch umjebunden hatten, aus Vazweiflung, weil det Rote an det Jrine sich abfärbte, eenen rejelrechten Ahängungsvasuch an seene Leita machte!« »Hör uff, Karrel«, sagte Herr Lemke, »du machst ja alle melangklöterich mit deene traurijen Jeschichten.« »Ja – uffhören«, riefen auch die anderen, »det sind doch keene Jeburtstachsjespräche nich!« »Also – die lieben Großeltern werden nicht erscheinen?« nahm Tante Liese den Faden wieder auf. »Jroßvata wird woll noch kommen«, sagte Frau Lemke. »Wenn er nich schon da is«, bemerkte Onkel Karl mit einer Kopfbewegung nach dem Garteneingang, wo der alte Herr eben auftauchte. Edwin und Lieschen stürmten ihm entgegen und klammerten sich an ihn. »Wollt ihr woll!« rief Frau Lemke drohend, als sie sah, wie Großvater nun nicht weiterkonnte. »Willem – sehste denn nich«, wandte sie sich an ihren Mann, »se vaheddern ihn ja die Beene, jeh ma' hin und mach sie von ihn los!« Aber schon hatte der rüstige Alte das kleine Mädchen auf den Arm genommen und kam nun, herzlich lachend, näher. »Sonne Krabben«, sagte er, und sein frisches Gesicht, daß durch die Anstrengung noch röter geworden war, strahlte vor Vergnügen. »Na, da sind wa ja jlicklich anjelangt, ick bin det janze Sticke von za Hause bis hierher jeloofen. Und bei die Hitze heite – –«, er fuhr sich mit dem großen, buntbedruckten Taschentuch über die nasse Stirn und glättete mit der Hand das weiße, dichte Haar. »Kinners, laßt ma sitzen, sonst fall ick um.« Und behaglich aufstöhnend sank er auf den Stuhl, den ihm sein Sohn hingeschoben hatte, blickte nun der Reihe nach jeden einzelnen der Gesellschaft an und nickte dem und jenem noch besonders zu. »Und Jroßmutta?« fragte Frau Lemke. »Wollt se nich ooch 'n bißken mit?« »Ick soll alle recht scheen von sie jrießen, aba se kann nich – die Beene sind wieda mal janz schwach.« Onkel Karl, der den Alten mit liebevollen Gönneraugen betrachtete, zog die Stirn kraus und sagte sanft tadelnd: »Sehn Se mal, Jroßvata, nu sind Se doch so'n netta, olla Knopp jeworden, und man sieht et ja, det Sie schwer reich sind – Hausbesitzer und Rentjeh, keen Mensch merkt Sie den Budiker an –, nu frare ick eenen Menschen, wa'm schaffen Se sich nich endlich mal sonne Jummieklipasche an, denn brauchte Ihre Jattin doch bloß rinzusteijen, und Se könnten sie doch ibaall mitschleefen!« »Denn braucht ick ma doch bloß ne Droschke ßu nehmen«, sagte der alte Lemke, »aba et is nich mehr ßu machen, man kann Jroßmuttan nich mehr heben. Aba nu von wat anneres, nu werd ick mal erst det Jeburtstachskind bejlickwinschen.« Er nahm eine hübsche goldene Uhr aus einem Pappschächtelchen und reichte sie Tante Marie: »Da, liebe Frau Krausen – 'n kleenet Jeschenk, weil Se dunnemals meene Olle so jut jeflecht hab'n.« »Det kann ick nich annehmen«, sagte Tante Marie, blaß und rot, und streckte abwehrend die Hände aus. »Du bist ja varickt«, sagte Onkel Karl, »wa'm kannste det nich annehmen, det is ne jute Schweizer Uhr, wennste die vakoofst, kriste mindestens zehn Tala for!« Als er aber nach der Uhr greifen wollte, faßte Tante Marie schnell zu. »Na sehste«, sagte Onkel Karl, »nu kannste jleich zuschnappen, wa'm ziersten dia erst so!« Herr Krause sprach in gewählten Worten dem alten Lemke seinen tiefgefühlten Dank – auch gleich im Namen seiner Ehehälfte – aus. »Is ja jut – man bloß nich so ville Uffhebens«, lehnte Großvater ab. Alle freuten sich, nur Tante Liese sah sauer drein. »Sehr scheen«, sagte sie dann, »nur ein bißchen zu kostbar für Marie.« Frau Lemke, die nach der Küche gegangen war, brachte jetzt eine riesige Kanne mit frischem Kaffee und schenkte – um den Tisch gehend – die Tassen voll. »So, nu setzen wia uns man wieda alle und machen wia's uns jemietlich –«, forderte sie auf. Und es wurde auch recht gemütlich, selbst das kleine Intermezzo, das dann entstand, als Edwin das Gedicht aufsagte und steckenblieb, vermochte die Harmonie nicht zu stören. Nur Onkel Karl kam am Abend noch einmal auf diesen Punkt zurück und äußerte, daß – seiner Meinung nach – der kleine Edwin einen »Boulljongkopp« habe. III »Jeschwänzt« Später als sonst waren die Kinder ins Bett gekommen, und Frau Lemke hatte am nächsten Morgen die größte Mühe, Edwin und Lieschen zur rechten Zeit in die Schule zu schicken. »Det is nischt, det derf nich wieda vorkommen«, sagte sie zu sich selber, als sie sah, wie dem kleinen Mädchen, nachdem es schon gewaschen und gekämmt war, die Augen immer wieder zufielen. Und drohend rief sie fortwährend: »Nuddele doch nich so rum, Junge, zieh los!« Endlich waren die Kinder fertig und stürmten davon. Lieschen hatte es nicht weit und verschwand bald in dem großen, roten Ziegelsteingebäude. Edwin, dem es nun war, als habe ihm sein letzter guter Geist verlassen zog – langsam und immer langsamer – am Kanalufer dahin. Dort blühten in dem hohen dichten Grase, das die Uferböschungen bedeckte, große, gelbe Butterblumen und zierliche Gänseblümchen. Unten, auf dem trüben Wasser, lagen die Frachtkähne verankert, und Edwin blieb – beim Entziffern der Inschriften an den Kajüten – schließlich stehen und stellte wunderliche Mutmaßungen über das Schiffervolk an. Er sah, wie die buntblusigen Frauen Kartoffeln schälten und Windeln wuschen, hörte die Spitze und die kleinen bissigen Köter unausgesetzt kläffen, beneidete die Schifferkinder, die da so friedlich im Sonnenschein auf Deck spielten – und hielt es dann für geraten, sich ins Gras zu legen und mal erst sein Frühstücksbrot zu verzehren. Die Kajüten der Schiffer übten eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus – was hätte er dafür gegeben, wenn er einmal in solch einem geheimnisvollen Raum gewesen wäre, der wie eine Stube aussah und doch keine Stube war, trotz der Betten und der Schränke, die man darin erblickte. Und dann daneben diese winzige Küche – und die kleinen Blumenbretter vor den Fenstern! Stundenlang hätte Edwin da so liegen und zusehen können, und wer weiß, wie lange er auch gelegen, denn plötzlich bekam er einen furchtbaren Schreck: irgendwo schlug eine Uhr, und wie er so mitzählte und die Schläge gar nicht verstummten, immer wieder noch solch ein langgezogener Ton erklang, machte sich etwas wie Leibschneiden bei ihm bemerkbar. Und während dieser wunderlichen Empfindungen brach sich gleichzeitig die Erkenntnis Bahn, daß es nun wohl keinen Zweck mehr habe, noch in die Schule zu gehen. Was sollte er denn jetzt in der letzten Stunde, im Gesangunterricht, nachdem er Religion, Rechnen und Deutsch versäumt! Überhaupt – das war das Entsetzliche bei der ganzen Geschichte – stand er nun nicht völlig vereinsamt in der Welt da? Wo gab es einen Menschen, der nicht erschrocken die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, daß er – Edwin Lemke – die Schule geschwänzt hatte! Nur ein Wildfremder, der keine Ahnung von diesem furchtbaren Verbrechen hatte, konnte ihm überhaupt noch Teilnahme erweisen. Solch eine teilnahmsvolle Seele schien ihm der große, wild und verwegen aussehende Straßenjunge zu sein, der ihn seit einiger Zeit umkreiste. Und dieser Junge stand plötzlich unmittelbar vor Edwin, sah ihn mit seinen kleinen schwarzen Augen durchdringend an und fragte – während er sein pockennarbiges Gesicht eilfertig kratzte: »Wat machsten hia – hia derfste doch janich liejen!« »Ick hab bloß meene Stulle jejessen«, sagte Edwin kleinlaut. »Haste noch eene?« »Ja – mit Zungenwurscht!« »Jib ma' her!« Nie hatte Edwin ein Butterbrot rascher verschwinden sehen als hinter den großen weißen Raubtierzähnen dieses Jungen, der ihn dabei unausgesetzt betrachtete. »Wat hasten noch in die Mappe?« »Man bloß meene Schulbiecher!« »Zeich mal her!« Der neue Bekannte unterzog die Mappe einer gründlichen Revision. Weder die Bücher noch die Hefte schienen ihn sonderlich zu interessieren, aber der Federkasten, ein Geschenk Großvaters, erregte seine Aufmerksamkeit. »Den werd ick dia traren«, sagte er, »der zaknautscht ja bloß die Hefte.« Und zu seinem Erstaunen sah Edwin, daß der Junge eine Tasche besaß, in der ein ganzer Federkasten bequem untergebracht werden konnte. »Wat hasten sonst noch so?« Und gleichzeitig beklopfte der Junge Edwins Anzug. »Da – in die Jacke steckt doch wat – hol't ma' raus!« Ein hübsches Taschenmesser, das Edwin von Onkel Karl zum Geburtstag erhalten hatte, kam zum Vorschein. »Jib ma' her, sonst schneidste dia noch mit«, sagte der fürsorgliche Junge. »Haste denn keen Jeld nich?« »Zwee Sechsa –«, gestand Edwin. »Davor koofen wa uns jetz wat«, entschied der neue Bekannte. »Wia wollen jute Freinde werden«, setzte er hinzu, »ick heeße Ede, Ede Müller, und du heeßt Edwin, det ha' ick schonst uff deene Schulhefte jelesen. Jib ma' die Sechsa her, det se nich valorenjehen, bei mia sind se sicherer!« »Det derf ick nich«, sagte Edwin weinerlich. »Wat – wat derfste nich?« schrie Ede. »Soll ick dia ma' in die Schule bringen, bei deen Lehra? Da kriste sonne Senge, dette nich sitzen kannst. Denkste, ick weeß nich janz jenau, dette hinter die Schule jejangen bist?« Edwin gab völlig eingeschüchtert das Geld hin. »Und nu will ick dia ma' wat saren: Die Mappe mit die ollen Schreibhefte schmeißen wia in'n Kanal – die broochste ja doch nich mehr –, und det Lesebuch jehen wia jetz vakloppen.« Und gleich darauf sah Edwin seine Schulmappe auf dem Wasser dahinsegeln. Ede Müller kniff die Augen zusammen und bog den Kopf bald rechts, bald links, als habe er eine Kegelkugel abgeschoben, nickte befriedigt und sagte: »Nu saucht se schonst Wassa, nu jeht se bald unta! Ick werd ihr noch ne Klamotte nachjeben, det se sich nich so lange quält!« Dann – als er ein paar Steine nachgeworfen – faßte er Edwin am Jackenärmel: »Los – nu halte dia feste mit ran.« Es ging im Eilschritt durch allerlei Straßen. Hin und wieder ließ Ede Müller eine Bemerkung fallen. »Ville werden wa ja for det Buch nich kriejen, et sind schonst ßu ville Eselsohren drinne, ooch 'n Klecks, und denn is deen Name vorne so dick rinjeklaut, den hätten wia ausradieren müssen, aba wia haben keene Zeit nich!« Er sah sich um, als fürchte er, daß man sie verfolge. »Holt uns keena mehr in, wia haben 'n ßu jroßen Vorsprung! Da drieben is't schon«, er wies auf eine kleine Buchhandlung, »ick jeh jetz rin, und du bleibst solange an die Ladentir stehen, vastehste?« Durch die Scheibe sah dann Edwin, wie sein neuer Freund mit einem alten, vertrockneten Männchen eine lebhafte Unterhaltung führte. Der Buchhändler schüttelte immerfort den Kopf, während er das Lesebuch durchblätterte oder prüfend an dem umgebogenen Deckel hochhielt und schüttelte, ob keine losen Seiten herausfielen. Schließlich faßte er in die Kasse und warf mürrisch ein paar Geldstücke auf den Ladentisch. Ede Müller ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden. »So'n olla Jauna«, sagte er, als er herauskam, »ick hab mia die Schnauze fusselich reden missen, und denn hat er doch bloß sechs Dreia jejeben. Den Jroschen krieje ick – da haste deen Sechsa, und nu jehen wia uns wat koofen!« In der nächsten Straße drückten sich dann beide die Nase an der Fensterscheibe eines Ladens platt. »Wat koofst du'n dia?« fragte Ede fortwährend. »Kiek ma' da hinten det Rote mit Zuckajuß, wat mach det sind, villeicht Mazzepan! Oda wiste dia lieba ne Bonbontorte koofen, die sind man bloß imma so hart! Oda kiek ma', sonne kleene Himbeerpulle, die hackt eenen nachher an die Zunge, aba wennste sie loskrichst, kannste sie als Tintenfaß benutzen!« »Erst sach ma', wat du dia koofst«, meinte Edwin vorsichtig. »Ick weeß noch nich«, sagte Ede, »villeicht Lakritzen oda Sißholz oda Naute. Villeicht koof ick mia ooch Jahannisbrot, det is nahrhaft!« »Denn koof ick mia ooch welches«, sagte Edwin, der hinter seinem Freunde nicht zurückstehen wollte. »Nee, koof dia man hia wat, nachher kommen wia an keen Laden mehr. Und ick jeb dia ja ooch von meen Johannisbrot ab!« »Aba watten? Sach du – wat ick mia koofen soll!« »Na – koof dia – – –.« Ede suchte das ganze Schaufenster mit den Augen ab. – »Koof dia Jummibonbons, die können wa uns am besten teilen, und da kaut man in eene Tour druff rum und hat furchtbar lange wat von!« »Jut –«, sagte Edwin, »aba du jibst ma denn ooch von deens ab!« »Wah und wahaftich!« schwor Ede. Da ging Edwin Lemke in den Laden, kaufte Gummibonbons und brachte sie seinem Freunde. So ergiebig erwies sich dieser Einkauf übrigens nicht. Nach redlicher Teilung und nachdem Ede erst einen Gummibonbon als Probe gekostet hatte, kamen auf jeden nur fünf Stück. »Und lutschen tut man ooch nich lange dran, die Olle da drinne hat dia nich die richtjen jejeben!« Als Ede den letzten in den Mund gesteckt hatte, verzog er plötzlich das Gesicht: »Det Zeich schmeckt ja nach Seefe – pui Deibel!« Und Edwin sah dann, wie der an die Fensterscheibe gespuckte Bonbon langsam an dem Glase hinunterrutschte. »Wat koofst du dir'n nu?« forschte Edwin, der seinen Einkauf heftig bereute und nun auf Entschädigung rechnete. »Ick weeß noch nich«, sagte Ede, villeicht Zijaretten, villeicht spar ick ooch!« Edwin war sehr enttäuscht: »Wa'm wisten sparen?« »Ick muß, ick werd doch nu bald injesejent«, sagte Ede sorgenvoll, »bedenk ma', wat ick da allet brauche: Neie Stiebeln, neien Hut, 'n schwarzen Anzuch, Schemisett und noch so ville!« Und dann sah er Edwin plötzlich mißgünstig an: »Wiste nich lieberst za Hause jehen, du wirst Keile kriejen, wennste so spät kommst!« »Nee, ick jeh nich mehr za Hause«, sagte Edwin, »ick trau mia nich!« »Denn komm«, sagte Ede, »nu jehen wa woanners hin.« IV Ede Müller, der große Straßenjunge Die Sonnenstrahlen wurden schräger – immer weiter rückte der Nachmittag vor, und immer tiefer geriet Edwin in die Gewaltherrschaft seines Freundes. Anfänglich hatte dieses freie Leben noch einen romantischen Anstrich gehabt: Sie waren – mühsam durch den lockeren weißen Sand watend – auf den Gipfel des Kreuzbergs gestiegen, und Ede Müller hatte Edwin eine Stelle gezeigt, an der er einmal Geld vergraben haben wollte. Während er es sich dann in einer Sandmulde behaglich machte, die Jacke auszog – wobei ein unglaublich buntes Hemd zum Vorschein kam – und in die Sonne blinzelte, hatte Edwin im Schweiße seines Angesichts nach dem vergrabenen Schatz »buddeln« müssen. »Wennsten nich findst, denn missen wia uns uff annere Weise Jeld beschaffen«, hatte Ede nachher gesagt, »wa missen uns Schrippen koofen, sonst vahungan wa. Nu jeh ma' und seh ma', obste ollet Eisen findst, varroste Näjel und so wat; det vakloppen wia denn bein Lumpenmatz!« Aber so weit auch Edwin umherschweifte – außer einer verbeulten Kasserolle und einer gekrümmten Schuhsohle fand er nichts. »Mensch – du wirdest vahungan, wennste alleene uff die Welt wärst; sei bloß froh, dette mia hast! Nu penne man ooch 'n bißken, ick werd dia schon saren, wat wia nachher machen, hab also keene Bange nich!« So lagen sie beide regungslos lange Zeit zwischen den dürren, stacheligen Büscheln des Bocksbartgrases und ließen sich von der Sonne braten. »Wenn wia Hunde wären, krichten wia nu bald die Tollwut«, hatte Ede gesagt, »wia missen uns ooch mal uff die annere Seite drehen!« Mit großer Gewissenhaftigkeit hatte Edwin diesen Ratschlag seines erfahrenen Freundes auch befolgt, schließlich aber – beim Blinzeln nach den weißen matten Schmetterlingen, die vorüberflatterten, durch das Flimmern des heißen trockenen Sandes ringsum, die tiefe Stille und den weiten Marsch ermüdet – war er eingeschlafen. Und ganz verdutzt und verwirrt blickte er nun um sich und suchte zu begreifen, wo er war, als ihn jemand heftig an der Schulter rüttelte. »Mensch – wach doch schon uff, sonst vadörrt dia ja det Fleesch uff die Knochen«, sagte Ede Müller, »komm – nu jeht's weita, wa missen Jeld vadienen!« Noch immer wie betäubt, zog dann Edwin hinter seinem Freunde her. »Wo jehen wia denn nu hin?« hatte er einmal zu fragen gewagt, aber Ede hatte eine ganz unbestimmte Handbewegung über die weite, baumlose Fläche des Tempelhofer Feldes gemacht. Und erst eine ganze Weile später – wie zum Trost – setzte er hinzu: »Det wirste ja sehen!« Nun, als der Wind die Töne eines Leierkastens herübertrug, ein paar kleine Häuschen – eins davon mit einem grüngestrichenen Turm – zwischen Fliederbüschen und stacheligen Hecken auftauchten, ließ sich Ede herab und fragte: »Biste schon mal nach die Türmchen jewesen?« »Nee –«, sagte Edwin. »Nich ins neie Türmchen – ooch nich ins alte? Weeßt woll ooch janich, wat det is?« setzte Ede geringschätzig hinzu. »Nee!« »Na – denn wirste ja Oogen machen«, sagte Ede, »halt dia nu imma janz dichte an mia ran!« Und die Hecken, die die beiden Biergärten von dem staubigen Wege trennten, wie ein Fuchs umschleichend, drang er plötzlich durch die Zweige und stellte sich – als habe er dort schon immer gestanden – neben das große Karussell. »Ran –!« kommandierte er wütend, als er sah, wie Edwin noch immer zwischen dem Dornengestrüpp steckte. Und ob der sich nun auch die Hände und das Gesicht zerriß, er gehorchte dem Befehl und kämpfte sich mit verzweifeltem Aufgebot seiner letzten Kräfte durch. »Nu missen wia warten, bis der Karussellmann wieda neie Jungs braucht, die det Dings drehen helfen, denn melden wia uns und vadienen uns wat«, sagte Ede. Und getreulich hielt Edwin neben dem erfahrenen Freunde aus. Ach, aber wie kam er sich vor, als er nun die anderen Kinder sah, die dort bei ihren Eltern an den Tischen des Lokals saßen, Kaffee und Bier trinken und nachher Karussell fahren konnten. Eine heiße Sehnsucht erwachte – nach seiner Mutter, seinem Vater, selbst nach Onkel Karl, nach großen Schinkenstullen und Weißbier. Aber Ede Müller ließ ihm keine Zeit, trübselige Betrachtungen anzustellen. »Uffjepaßt, jetz werd ick mit den Mann sprechen, und denn kommste nach, wenn ick dia winke!« Gleich darauf sah Edwin, wie Ede auch wirklich mit dem Mann verhandelte, wie dieser nickte und Ede dann das verabredete Zeichen gab. Die geheimnisvollen roten Vorhänge in der Mitte des Karussells wurden sekundenlang zurückgeschlagen – die beiden Jungen schlüpften durch den Spalt, liefen eine Wendeltreppe hinauf – und unmittelbar über ihren Köpfen spannte sich nun die graue Leinwand des spitzen Karusselldaches. Vor ihnen aber – als wären sie zwischen die Speichen eines umgefallenen Rades gekommen – streckte sich eine sinnverwirrende Reihe von Querbalken. Und als nun der Leierkasten zu spielen begann, setzten sich diese Balken in Bewegung, und Edwin konnte gerade noch Edes Beispiel folgen, der sich mit der linken Schulter gegen einen Balken gestemmt, ihn vorwärts schob und dabei im Kreise lief, so rasch seine Beine konnten. Und wie Edwin so dahinkeuchte, immer in Todesangst, der Balken hinter seinem Kopfe könne ihn einholen und treffen, begann sich plötzlich alles vor seinen Augen zu drehen. Er wollte schreien, rufen, hörte aber bei dem Dröhnen des Leierkastens seine eigene Stimme nicht mehr. Dann war's ihm, als versinke er in schwarze Tiefen, und nur aus weiter, weiter Ferne drang ganz leise und fein die Melodie des Drehorgelliedes an sein Ohr. »Meen kleena Bruda is schwindlich jeworden«, hörte er dann die Stimme seines Freundes Ede, und als er die Augen aufschlug, sah er den hohen blauen Himmel und das schwarzbärtige Gesicht des Karussellbesitzers über sich. »Na – wie jeht's dia denn, Steppke?« fragte der Mann. »Jut!« sagte Edwin und rappelte sich von dem Rasen auf. »Sehste, du bist noch ßu kleen for so wat!« Und dann fuhr der Mann plötzlich wütend auf Ede los: »Nu machste, dette mit den Kleenen za Hause kommst, Lausejunge, und wennste dia hia noch mal sehen läßt, schlag ick dia't Kreiz in!« »Erst meenen Sechsa raus«, sagte Ede und senkte den Kopf, als wollte er damit gegen den Bauch des Mannes Sturm laufen. »Da hast'n – aba nu zieh Leine, sonst vajreif ick mia an dia«, sagte der Karussellbesitzer und hob die Hand. »Los!« sagte Ede und trat einen Schritt näher. »Los – bloß eenen eenzjen Schlach! Ick kann Ihn'n saren – – –.« In dumpfem, drohendem Gurgeln erstickten die anderen Worte, und der Kopf hob und senkte sich, als suche er das Ziel. Aber im nächsten Augenblick sah Edwin, wie sein kühner Freund hinten im Genick gepackt und vorwärts geschoben wurde, daß die Staubwolken aufwirbelten. Dann gab's ein Knacken und Brechen im Gezweig der Dornenhecke, und Ede Müller befand sich draußen. »Nu vaschwind du man ooch«, sagte der wütende Mann zu Edwin, »sonst kriste die annere Hälfte! Vorwärts – wiste durch!« Und Edwin sprang in seiner entsetzlichen Angst in das Gestrüpp, hatte die Empfindung, als würden ihm alle Haare vom Kopf gerissen, und befand sich dann zu seinem Erstaunen wieder draußen auf dem staubigen Wege. Dort hinten sah er Ede Müller und lief ihm nach und schrie seinen Namen. Aber Ede war offenbar taub geworden, blieb nicht stehen, ging weiter. Endlich hatte ihn Edwin eingeholt. »Wat wisten?« schrie ihn Ede an. »Bleib du man da – bei den Karussellfritzen!« »Ick hab dia doch janischt jetan«, heulte Edwin, »wat kann ick denn 'for, det dia der Mann vadroschen hat!« »Der mia vadroschen?« wiederholte Ede in maßlosem Erstaunen. »Haste nich jesehen, wie ick ihn mit de Faust unta die Neese jefahren bin, det er jleich Backenzehne jespuckt hat?« Edwin konnte sich wirklich nicht erinnern, etwas Derartiges gesehen zu haben. »Et stoobte ßu sehr«, sagte er entschuldigend. »Du bist eben noch ßu kleen«, sagte Ede verächtlich, »mit sonne Dreikäsehochs derf man sich ooch wirklich nich inlassen. Wat wisten ibahaupt noch von mia? Mach doch, dette za Hause kommst, deene Mutta wird dia schon ibaall suchen!« »Ick trau mia nich«, heulte Edwin. »Wat – du traust dia nich«, sagte Ede, »soll ick dia mal Beene machen, wiste jleich loofen – loof, sonst schmeiß ick!« Und er hob einen Stein so groß wie einen Kinderkopf und zielte nach Edwin. »Ick find ja nich za Hause!« schrie Edwin angstvoll. »Loof! – Eens – zwee – drei!« Und im nächsten Augenblick fiel der große Stein dicht neben Edwin nieder. Und da begann Edwin wirklich zu rennen, hörte die Schritte seines Verfolgers hinter sich und sah ab und zu den schweren Stein dicht neben sich auf die Erde fallen. Als er dann beinahe in die Knie brach und sich endlich wieder einmal umzusehen wagte, war Ede Müller verschwunden. Und nun fühlte sich Edwin Lemke noch unglücklicher als vorher, denn jetzt spürte er in der hereinbrechenden Dämmerung seine ganze Einsamkeit. Ringsum, so weit er sehen konnte, das weite Feld – da und dort ein Baum – aber kein menschliches Wesen. Doch – da klang durch die Abendstille der langgezogene Pfiff einer Lokomotive, und Edwin erinnerte sich, daß er heute früh auch über eine Eisenbahnbrücke gekommen war. Ede Müller hatte dort noch begierig die weißen Dampfwolken eingesogen und gesagt: »Det rieche ick for meen Leben jern!« Nun hatte Edwin wenigstens ein Ziel, und mühsam schleppte er sich vorwärts. Dann, als er die Brücke wirklich erreicht, hörte er Trompetensignale, und wieder erinnerte er sich, daß er heute früh auch an einer Kaserne vorbeigekommen war. So schleppte er sich noch ein Stück weiter, bis er endlich wieder unter Menschen kam. Aber nun fehlte ihm der Mut, zu fragen, er wußte sich nicht mehr zu helfen, blieb verzweifelt an einer Straßenecke stehen und begann laut zu weinen. Die Leute sammelten sich um ihn – ein Auflauf entstand. Alle sprachen auf ihn ein, fragten ihn, streichelten ihn oder lachten ihn aus, bis Edwin so verwirrt war, daß er sich nicht einmal mehr erinnern konnte, wie er mit dem Vatersnamen heiße und wo er wohne. V Verlaufen Eine halbe Stunde später saß Edwin in der Wachstube des nächsten Polizeibüros und verzehrte mit Heißhunger und doch voll inneren Widerstrebens eine Zwiebelleberwurststulle, die ihm der Wachtmeister gegeben hatte. Trotz seines Heißhungers schmeckte die Stulle »nach Polizei«, wahrscheinlich weil sie der Beamte längere Zeit hindurch in seiner Hosentasche gewärmt hatte. Und ab und zu schluchzte Edwin jählings wieder auf, wenn er an das eben überstandene Verhör dachte, und wie man ihn mit Fragen gemartert hatte, bis er alles verraten: daß er die Schule geschwänzt und mit Ede Müller Karussellschieber geworden sei. Und auch wo er wohne, wie er heiße, wann er geboren sei, hatte er eingestanden. Statt ihn ins Gefängnis abzuführen, hatte man ihm dann ein Plätzchen angewiesen, und der Wachtmeister hatte ihn getröstet und gesagt, daß nun bald jemand von seinen Angehörigen kommen und ihn abholen werde. So verheißungsvoll das auch geklungen, so sah Edwin der Wiedervereinigung mit seiner Familie doch mit etwas gemischten Empfindungen entgegen. »Der Junge ist ja schon auf allen Revieren als verschwunden angemeldet«, hatte der Wachtmeister zu den anderen Beamten vorhin gesagt, und Edwin entnahm dieser Äußerung, daß die Nachforschungen nach seinem Verbleib wohl im größten Maße angestellt worden waren. Er hörte auch, daß seine Schulmappe nicht im Kanal untergegangen, sondern aufgefischt worden sei. »Die Eltern werden wohl schon das Schlimmste befürchtet haben und froh sein, daß sie den Bengel so heil wiederkriegen«, hatte der Beamte hinzugesetzt, »aber soll man's glauben, auf was diese Lümmels alles kommen!« Bei der Erinnerung daran, wie er vorhin an der Straßenecke von dem Beamten aufgegriffen und dann, unter dem Gejohl der Straßenkinder, abgeführt worden war, überwältigten Edwin die Empfindungen jedesmal aufs neue. Das Taschentuch hatte ihm Ede Müller heute früh abgenommen, und so war er gezwungen, die Feuchtigkeit aus Nase und Augen mit dem Jackenärmel zu beseitigen. Allmählich erwies sich dies aber als unmöglich, denn der Ärmel glich – wie Edwin in seinem Kummer dachte – »eener janz richtjen Schlidderbahne«. Mit Dankbarkeit nahm er es daher auf, als ihm ein freundlicher Schutzmann ein altes, mürbes Zeitungsblatt gab und ihn aufforderte: »Hia – schnaub dia mal jrindlich aus, und denn falte's sauba zusammen und steck dia't in die Tasche. Detstet janich etwa hia wo wechschmeeßt, denn schneid ick dia die Horchlappen ab.« Und dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und hereinstürzte – hochrot und schwitzend vor Eile und Aufregung – Onkel Karl, am Arm einen großen Henkelkorb, der – wie sich später herausstellte – Würste, Eier und Schinken enthielt, zur ersten Labung für den Wiedergefundenen. »Mensch –«, sagte Onkel Karl, mitten in der Wachstube stehenbleibend, und sah Edwin starr an. »Mensch – wat machste bloß?« Und dann, sich zu den Beamten wendend, setzte er hinzu: »Wenn ick meen'n Bluthund, den Nulpe, noch jehabt hätte, wirden wia die Spur schon ville eha jefunden haben. Ick schaff mia aba ooch wieda so'n Tier an, det is durchaus notwendich!« Aber in kurzem amtlichen Ton fragte der Wachtmeister: »Sie sind der avisierte Verwandte?« »Nee, ick bin bloß eenfach jlicklich«, sagte Onkel Karl. »Das jeht mich janischt an – sind Sie der Vater des Kindes?« »Jott sei Dank, nee! Det weeß ick jenau!« Und bereitwillig setzte Onkel Karl hinzu: »Wenn Sie det aba allet for die Ibajabe des Findlings notwendich halten, könnte ick Sie ja meen Lebenslauf azehlen. Ick hab ooch annere Legitimationen – – –.« Als er aber seine ungeheure lederne Brieftasche, die sich im Jackenfutter festgesetzt, herausziehen wollte, sagte der Beamte zu Edwin: »Kennst du den Herrn da?« »Det is ja unsa Onkel Karrel«, sagte Edwin. »Also – es genügt, lassen Sie man«, wehrte der Wachtmeister ab, als ihm Onkel Karl die ganze Brieftasche überreichen wollte, »es genügt, nehmen Sie sich den Bengel, und passen Se andermal besser drauf auf!« »Da haste't – mia trefft diesmal aba keene Schuld«, sagte Onkel Karl, und sein Brustton grollte, »int Jejenteel, ick hab die Mappe aus'n Kanal jeholt ...« »Jut, jut, jut – die Sache ist erledigt!« »Denn komm, denn wollen wia hia wechjehen!« Und gemessen faßte er Edwin hinten am Kragen und sagte: »Bein jeringsten Fluchtvasuch schieß ick dia nieda! Adje, meene Herrn!« Draußen auf der Straße aber blieb er plötzlich stehen: »Haste Hunga – nee? Haste Durscht? Nee – Keile kriste doch, watte man, laß uns man erst za Hause sind!« Und dann, da ihm das für einen richtigen Gefangenentransport angemessener erschien, winkte er einem Droschkenkutscher, ließ ihn vorfahren und umbiegen und öffnete den Wagenschlag. »Injestiegen, sonst lej ick dia Fesseln an die Jelenke!« Der Eindruck dieser Drohung wirkte ersichtlich imponierend auf die Neugierigen, die sich sofort angesammelt hatten. »Also, Kutscha – direktemang nachs Scheeneberjer Ufa, aba 'n bißken Trab!« Und als Onkel Karl dem Arrestanten dann gegenüber Platz genommen, sagte er: »For deene Ajreifung sind mia zehn Tala bewillicht worden!« Aber trotz dieser hohen Summe zeigte Edwin keine besondere Ergriffenheit. »Wenn ich druff bestanden, hätt ick ooch mehr jekricht!« Und da Edwin auch jetzt noch stumm blieb, setzte Onkel hinzu: »Laß jut sind, meen Sohn Absolom, die Vastockheet werd ick dia schon austreiben, und wenn ick dia wie ne Flunda reichern sollte.« Mit Genugtuung konstatierte Onkel Karl, daß Edwin mürbe zu werden begann, aber mit diesen paar Tränen, die dem Jungen übers Gesicht liefen, war ihm noch lange nicht gedient. »Du wirst deen Alibibi nachweisen müssen, ibalech dia also die Schose!« sagte er. »Ick hab ja meen Hut«, trotzte Edwin. »Du Dussel«, sagte Onkel Karl verächtlich, »Alibibi is doch janz wat anneres als 'n jewöhnlicha Bibi, komm mia bloß nich so, sonst vaderbstet ooch noch mit mia!« In dumpfem Schweigen ging die Fahrt nun weiter. Als Edwin dann aber das mürbe Zeitungsblatt aus der Tasche holte, die Augen damit abwischte und sich schnaubte, faßte Onkel Karl, dem das verdächtig vorkam, plötzlich zu: »Wat is denn det for ne neimodsche Sache?« »Det hat mia der Schutzmann jejeben!« »Ick hätte't nie for möchlich jehalten, det'n Mensch in sonne kurze Zeit so tief sinken könnte«, sagte Onkel Karl kopfschüttelnd, »Schnuppticha aus olle Zeitungen – hat man det jehört? Hia, haste meens, det Papia nehme ick in Beschlach!« Und er faltete es und steckte es vorsichtig in die Tasche. Nach einer Weile sorgfältiger Überlegung sagte Onkel dann: »Ick wirde an deene Stelle 'n janz offnet Jeständnis ablejen, det jibt mildernde Umstände. Azehle mal also janz von vorne an.« Nur mit Mühe konnte sich der jetzt wirklich ganz zerknirschte Junge so weit beruhigen, daß er bei dem strengen Verhör zu antworten vermochte. Dann wurde er von selbst ausführlicher, als er Ede Müllers Auftreten schilderte. »Is det so eena mit jriene Hosen?« unterbrach Onkel Karl, »denn den kenne ick, det is so'n Klamottenschmeißa.« »Nee – mit jesprenkelte –«, sagte Edwin. »Denn hat er sich annere anjezoren, det er unkenntlich is. Wat hat er noch for Kennzeechen?« »Er is 'n Kopp jrößa wie ick!« »Det is selbstvaständlich –«, wies Onkel Karl zurück; »dette dia von 'n kleeneren vaschleppen lassen wirst, is doch nich jut denkbar. Steht det eene Ohr von'n Kopp ab, denn da ha'ck ma' dran jezoren?« Edwin konnte über die Ohrstellung nichts aussagen. »Aba int Jesichte hat er lauta sonne kleenen Kuten!« »Sommasprossen?« »Nee – Kuten, wie von Schrotkureln!« »Nu weeß ick, wer't is –«, sagte Onkel Karl, »det is der Barfbeenije! Mit sonne janz kleene schwarze Oogen wie so'n Wiesel – wahr?« Und als Edwin nickte, sagte Onkel in tiefer Befriedigung: »Also der! Na – ick solln man erst jefaßt haben, den laß ick nich mehr labundich aus die Finga!« Nun bog der Wagen in die stille Gegend am Kanal ein, man mußte bald am Ziel sein. Vorher wollte sich Onkel aber noch über einige dunkle Punkte völlige Klarheit verschaffen. Und so fragte er plötzlich: »Wat habt ihr for det scheene Lesebuch jekricht?« »Sechs Dreia!« »Na watte man«, grollte Onkel Karl vor sich hin. Und dann ließ er sich ganz genau beschreiben, wo der alte Buchhändler wohnte. »Det Taschenmessa hat mia Ede Mülla ooch wechjenommen«, sagte Edwin, der das Bestreben hatte, völlig reinen Tisch zu machen. »Und det haste ooch wirklich so hinjejeben?« Aus Onkels Gesicht schwand alle Genugtuung, und das heimliche Mitleid, das er für Edwin empfunden, war wie weggeflogen: »Seh ma', allet könnt ick dia vazeihen, aba det vazeih ick dia nich! So dumm derf keena nich sind, det is strafbar, det vadient jehörje Keile. Weeßte, wat det Messa jekost hat?« Dann gab er, als Edwin schwieg, selbst die Antwort: »'n Tala – 'n schweren Tala. Det Messa schnitt wie Jift, und die Schale war echt Schildpatt! Et soll mia aberst ne Lehre sind: In meen janzet Leben schenk' ick dia aba ooch nich mehr so ville, eha laß ick mia in Sticke zarreißen. Junge – Junge, Edwin, Mensch, bist du ne Schafsneese!« VI Die mündliche Entschuldigung Als der Wagen vorfuhr, lief das ganze Lokal zusammen: »Sie kommen – sie kommen«, pflanzte sich der Ruf fort. Onkel Karl überlegte, ob er den Wagen deshalb nicht besser durch das Gartenportal bis vor das Haus fahren lassen solle, aber da wurde der Schlag schon aufgerissen, und Frau Lemke – ganz aufgelöst – fragte: »Haste'n denn ooch wirklich, Karrel?« »Hia bring ick dia deen Kind«, und Onkel trat schlicht und bescheiden zurück, um das Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn nicht zu stören. Zu Herrn Lemke aber, an den sich die kleine Liese klammerte, und zu den spalierbildenden Gästen gewandt, sagte Onkel: »'n bißken dreckich sieht er zwar aus, aba heil is'r. Na – ick kann nua saren, die zehn Tala möcht ick mia nich noch mal vadienen. Willem, den Kutscha mußt du bezahlen.« Und dann trat er zu Frau Lemke, die den Jungen noch immer an sich drückte, tippte ihr zart auf die Schulter und sagte ernst: »Nu sacht nischt, und nu fracht ihn nischt – Edwin muß jetz int Bette und schwitzen, wat er schwitzen kann!« »Meen Jott, meen Jott«, stammelte Frau Lemke, und ihre geängstigten Augen suchten auf den Gesichtern der Umstehenden zu lesen, während sie Haar und Anzug ihres Sohnes betastete: »... Denn is a also doch int Wassa jefallen jewesen?« »Nee – ick hab ihn schon berochen, bloß seene Hände stinken 'n bißken nach Kanal«, sagte Onkel, »beruhje dia doch man, Anna, schwitzen is imma jut, da kommt allet raus!« Frau Lemke ließ Edwin los und wandte sich zu Onkel: »Ach – ick bin ja so jlicklich, so jlicklich! Karrel –«, sie faßte nach seiner Hand, »Karrel, ick danke dia ooch!« »Bitte schön!« sagte Onkel Karl. »Wenn wia dia nich jehabt hätten ...«, schluchzte Frau Lemke, »wer weeß, wie denn allet aussähe!« »Ick sah nehmlich die Schultasche schwimmen«, erläuterte Onkel Karl die Situation den Umstehenden. »Ja, det haste fein jemacht, Karrel«, sagte Herr Lemke, der vor Bewegung kaum ein Wort hervorbringen konnte. »Nu wissen wia erst, wat wia an dia haben!« Onkel Karl wehrte sanft ab: »Nich so ville uff eenmal, Willem, du weeßt, denn krieje ick den Knoten in'n Hals. Ick habe ja doch bloß meene Flicht und Schuldichkeet jetan, wahr, meene Herrschaften?« Und er streckte die Hände aus und ließ sie sich drücken. »Liesken, jib Onkeln 'n Kuß, er hat dia deen Bruda wiedajebracht«, ermunterte Herr Lemke das Töchterchen. »Laß man, Liesken, mit deene kleene Sabbaschnauze, det schenk ick dia, wia machen uns alle beede nischt draus. Die Dankbarkeit wird erst später kommen, wennste die volle Insicht jekricht hast. Und nu, meene Herrschaften, wollen wia uns wieda jruppieren.« Frau Lemke hatte dann Edwin ins Haus gebracht, die Gäste kehrten an die Tische zu ihrem Weißbier zurück, und die Aufregung legte sich allmählich. Onkel Karl, um den sich ein engerer Kreis von Bewunderern gebildet hatte, gab nun eine ganz ausführliche Schilderung des ereignisreichen Tages. Frau Lemke, die hinzukam, unterbrach ihn aber und sagte mit sanftem Vorwurf: »Det arme Kind is janz hin und fantasiert schon, det wird ne beese Nacht werden!« »Ick wußte ja, det wat nachkommen wirde«, sagte Onkel Karl wehmütig und resigniert, »nich bei Edwin, aberst bei mia. Ick hatte mia die Uffjabe jestellt, ihn tot oda labundich herzuschaffen, und wenn ick'n halbtot herjeschafft hab, is mia die Uffjabe jlänzend jelungen. Aba ick ärjere mia nich, i bewahre, so blau! Bloß jut, det ick die zehn Tala habe – jetz wirde ick se ja nich mehr kriejen!« Er stand auf, schlenkerte mit der Hand, sah nach dem Himmel und sagte plötzlich: »Wennste willst, jeb ick dia det Jeld ooch wieda zarick – et jenücht mia, det ick vor mia selbst jerecht dastehe.« »Wer red denn von det Jeld, mach doch keene Jeschichten«, sagte Herr Lemke, »Mutta meent det ja nich so, Karrel!« Aber er war beleidigt, und mit belegter Stimme sagte er: »Jute Nacht, meene Herrschaften, anjenehme Ruhe!« – und entfernte sich, trotzdem man ihn zurückzuhalten versuchte. In seinem kleinen, kajütenähnlichen Stübchen stopfte er sich dann eine Pfeife, zog sich die Sachen vom Leibe und suchte sein Feldbett auf. Dort lag er, qualmte, daß ein anderer in dem Rauch erstickt wäre, und dachte darüber nach, wie er der Welt seine Selbstlosigkeit beweisen könnte. Die Ovationen, die ihm heute zuteil geworden, hatten außerdem den Wunsch nach einer Wiederholung in ihm erweckt – es war so angenehm, gefeiert zu werden. Seinetwegen hätte Edwin morgen schon wieder verschwinden können, er würde ihn mit Vergnügen eingefangen haben. Am nächsten Morgen wurde ihm dann eine Anerkennung zuteil, die ihn mit der Welt wieder aussöhnte. »Onkel Karrel«, sagte Frau Lemke, »uff so'n Entschuldjungszettel kann man det janich allens ruffkriejen. Du mußt mit Edwin nach die Schule jehen und den Lehra det allet ausenanderpolken, det er det Kind nich vakeilt. Denn seh ma', wia könnten ja janz eenfach schreiben: wejen Bauchschmerzen, aba nu is doch Vata jestern in die jroße Uffrejung bein Rektor jeloofen, und der weeß doch nu, det Edwin jeschwänzt hat!« »Laß mia man machen, Anna«, sagte Onkel Karl, »ick werd's schon deichseln!« »Mach dia aba recht proppa, Karrel, det der Lehra keen schlechten Bejriff von uns kricht!« »Na ja – ick seh ja so vakommen aus; wenn man erst wieda Winta wär, det ick meene Pelzmitze uffsetzen könnte, mit die repräsentiere ick doch noch wat, da kommt der scheenste Zylinda nich jejen an«, sagte Onkel Karl voll Genugtuung. Und dann ging er – eine halbe Stunde später –, Edwin an der Hand führend, am Kanal entlang nach der Schule. »Wenn wia an die Stelle kommen, woste dia jestern jelagert hast, zeichste se mia!« Das tat dann Edwin auch, und Onkel sagte: »Ick werd uff alle Fälle ne Kerbe in den Boom hia schneiden, man kann nie nich wissen!« Als dann das große rote Gebäude in Sicht kam, nahm Onkel ein sehr feierliches Benehmen an. Auch Edwin ermahnte er dazu und gab ihm einen Knuff in den Rücken: »Halt dia jrade, Junge, brauchst keene Bange nich zu haben, wenn ick bei bin!« Sie stiegen, angestaunt von den Schulkindern, die steinernen Treppen hinauf und warteten vor der Klassentür, hinter der es wie in einem Bienenkorb summte. »Ick krieje sonne furchtbaren Leibschneiden«, sagte Edwin weinerlich. »Det mußte dia vakneifen lernen«, sagte Onkel Karl, »ick hab ooch Bauchschmerzen, aba merkste mia wat an? Welchet is denn nu deen Lehra?« »Der da mit den Bart«, sagte Edwin, auf eine Gruppe von Herren zeigend, die am Flurfenster standen und sich unterhielten. »Wie heeßt er – Neumann? Na, denn watte mal«, sagte Onkel Karl, ging ein paar Schritte auf die Herren zu, winkte geheimnisvoll mit der Hand und machte: »Pssst, Pssst, Sie – Ha Neimann, kommen Se doch mal 'n Oogenblick her!« Und durch eine verheißungsvolle Miene deutete er dem Lehrer an, daß es Herr Neumann nicht bereuen werde, wenn er dieser Einladung Folge leistete. Doch – die Herren da am Flurfenster schienen es für ratsamer zu halten, Onkel Karls befremdliche Existenz zu ignorieren, und sie hätten es gewiß auch gern getan, wenn es sich nur hätte machen lassen. Aber Onkel Karl, der Herrn Neumann wegen der Brille für zu kurzsichtig hielt, gebärdete sich durch sein Armschwenken so auffällig, daß man mit Recht erwarten konnte, er werde in der nächsten Minute radschlagen. Und so kam, wenn auch mit nötiger Vorsicht, der Lehrer näher – und da Onkel Karl mit gekrümmtem Zeigefinger noch immer winkte – ganz nahe heran. »Nehmlich – ick bin 'n Vawandta von den Kleenen da ...«, sagte Onkel Karl, sich zu des Lehrers Ohr beugend und dann mit einem Zurückschnellen des Kopfes auf Edwin zeigend. »So ...?« Der Lehrer schien durch ein paar rasche Blicke die Ähnlichkeit zu prüfen. »Et is keene vorhanden«, sagte Onkel Karl, »nehmlich, Edwin is 'n Siebenmonatskind. Und Se wissen ja – Ha Neimann«, setzte Onkel Karl vertraulich hinzu, »denn kommt die eejentliche Rasse erst später zum Durchbruch. Sie werden det ja aus die Naturjeschichte wissen – denken Sie bloß mal an die Kaulquabben, und det werden doch denn nachher janz rejuläre Padden.« Und nachdem Onkel Karl durch diese Beweisführung seine Verwandtschaft und die Berechtigung seines Auftretens nachgewiesen hatte, hielt er sich mit Einleitungen nicht länger auf. »Se derfen den Kleenen nich dreschen, desterwejen bin ick mitjekommen – Se kriejen's nehmlich sonst mit mia zu tun ...«, sagte er. »Erlauben Sie mal –«, wollte der Lehrer unterbrechen, aber Onkel Karl schüttelte den Kopf und legte Herrn Neumann gewichtig die Hand auf den Arm: »Sehen Se mal, ick bin ne sanftmietje Natur, aba wenn man eenen Lewen seen Junget vakeilen will, denn wird, wat sozusagen der olle Lewe is, ooch witend. Det werden Sie ja aus die Naturjeschichte wissen, wahr? Also – tippen Sie den Kleenen ooch nua so mit den Zeijefinga an«, Onkel Karl fuhr sanft über Herrn Neumanns Ärmel, »denn sind Sie morjen frih Appelmus!« Der Lehrer war so verblüfft, daß er kein Wort herausbrachte, und als er dann auffahren wollte, ließ ihn Onkel Karl nicht mehr zu Worte kommen: »Wenn Sie aba recht freindlich zu den Kleenen sind, denn lade ick Sie hiermit in – Se wissen schon – bei Lemkens ans Scheeneberjer Ufa. Denn werd ick Ihn'n ooch allet janz ausfiehrlich azehlen – jetz ha' ick nehmlich keene Zeit nich mehr!« Und sich zu Edwin wendend und ihn heranwinkend, setzte Onkel Karl hinzu: »Kannst dreiste mitjehen – er derf dia nischt mehr tun!« VII Die Reinigung In höchster Befriedigung verließ Onkel Karl die Schule, besah sich draußen, von der anderen Straßenseite, das Schulgebäude noch auf seine architektonische Schönheit und ging dann mit raschen Schritten dem Kanal zu. Er hatte wirklich keine Zeit mehr gehabt, dem Lehrer den gestrigen Tag in allen Einzelheiten zu schildern, denn eine viel wichtigere Sache tat not: Ede Müller, den großen Straßenjungen, zu fangen. Diese schwierige Aufgabe, die sich Onkel Karl aus freiem Antrieb gestellt hatte, erforderte ein ganz ungewöhnliches Maß von List und Geschicklichkeit, und er wollte zeigen, daß er die zehn Taler nicht umsonst erhalten hatte. Mit dem behäbigen, ruhigen Schritt eines harmlosen Spaziergängers schlenderte er nun unter dem Grün der Bäume dahin, bückte sich ab und zu nach einem flachen Stein, ließ ihn über die Wasserfläche tanzen und freute sich, daß er noch so gut »Butterstullen« werfen konnte. Aber dann gingen seine scharfen Augen sofort wieder in die Runde und spähten nach Ede Müller aus. Dort hinten, wo die Karrenschieber die Ziegelsteine von den Lastkähnen schafften, sah er ein paar verdächtige Gestalten. Und dann gab es ihm plötzlich einen Ruck durch die Glieder: »Da is ja ooch meen lieba Freind und Kuppastecha, na nu, Karrel, blamier dia nich!« Ede Müller, der – dank seiner glücklichen Veranlagung – stundenlang zusehen konnte, wie andere arbeiteten, war ganz in den Anblick der Karrenschieber vertieft gewesen. Nun aber verstummte plötzlich sein halblautes Pfeifen, er nahm die Hände aus den Hosentaschen, kratzte sich nach seiner Gewohnheit eilfertig das pockennarbige Gesicht und blinzelte Onkel Karl an. Offenbar kam ihm der Herr dort bekannt vor, er wußte wohl bloß noch nicht, wo er ihn schon einmal gesehen hatte, ob er Freund oder Feind sei. Wie Ede zu seiner Beruhigung dann feststellte, nahm der Herr gar keine Notiz von ihm, sondern starrte unausgesetzt in das Geäste eines der Bäume. Ede, den ein Instinkt warnte und der deshalb schon zur Flucht bereit gewesen war, begann nun, Onkel Karl vorsichtig zu umkreisen, immer enger, immer enger, endlich stand er nur drei Schritte weit entfernt still, legte den Kopf ins Genick und starrte ebenfalls in das Blättergrün. Dann kam er plötzlich ganz dicht heran, sah Onkel Karl ins Gesicht, um sich genau dessen Augenrichtung zu merken, und machte den letzten ärgerlichen Versuch, irgend etwas Interessantes in dem Baumwipfel zu entdecken. Und dann sagte er verächtlich: »Wat kieken Se denn da immafort?« Onkel Karl erwachte wie aus einem tiefen Traum, sah Ede Müller geistesabwesend an und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. »Wat saren Se?« fragte Ede. Onkel Karl kratzte sich nachdenklich den Kopf, schien weitergehen zu wollen und sagte seufzend: »So eenen mißte man haben, sonnen biechsamen Ast, denn könnte man se fangen!« »Wat könnten Se denn fangen?« fragte Ede interessiert: »Vöjel?« »Nee – Karnickels!« »Quatsch – wo wollen Se die denn fangen? Oda sind Sie welche wechjeloofen?« »Nee, wilde«, sagte Onkel Karl, »in die Hasenheide wimmelt's von.« »Ja – det ha' ick ooch schon jemorken«, sagte Ede, »bloß man kommt nich ran!« »Braucht man ja ooch janich, wenn man sonnen Ast hat, da macht man doch die Falle von!« »Die Falle möcht ick sehen«, sagte Ede höhnisch. »Wenn ick man bloß sonnen biechsamen Ast hätte, denn wirdste schon sehen und dia von ibazeijen können«, sagte Onkel Karl seufzend. »Ick werd ma' so'n Ast runtaholen«, sagte Ede entschlossen. »Du krichst ihn doch nich ab!« »Ick hab doch 'n Messa, det schneid't wie Jift!« »So – na denn!« Geschickt wie eine Katze begann Ede an dem Stamm emporzuklimmen. »Welchen meenen Se denn nu?« fragte er von oben herab. »Den da –«, und Onkel Karl bezeichnete ihm einen hübschen, geschmeidigen Ast, den Ede dann abschnitt und hinunterwarf. Gleich darauf stand der Junge neben Onkel Karl und sah zu, wie der Blätter und Zweiglein entfernte. »Na – wie is, wiste dia nu ooch 'n Karnickel fangen?« »Sie sollen mia doch eens abjeben, ick hab Sie doch den Ast for abjeschnitten«, sagte Ede, als ob ihn Onkel Karl schon betrogen hätte. »Na, denn mußte mitkommen«, sagte Onkel Karl, »und dia mit uff die Laua lejen.« Und dann ließ er den Ast sausend durch die Luft fahren und prüfte ihn auf seine Geschmeidigkeit. »Der jeht –«, sagte er befriedigt und setzte sich in Bewegung. Ede, der zu der Überzeugung gekommen war, daß diese neue Bekanntschaft immerhin von Vorteil sein könnte, trabte neben ihm her. »Womit wollen Se denn die Karnickels anlocken?« »Det wirste ja sehen!« »Machen Se se jleich tot?« »Bloß die Zibben.« »Heeßen die denn ooch Zibben – ick denke, bloß die Sies von die Ziegenböcke?« »Wennste nachher ooch so ville frachst, wirste bloß die Karnickels vascheichen«, sagte Onkel Karl. Und der Junge, der sich ärgerte, daß er nicht für voll genommen wurde, verkniff seine Neugierde und lief nun stumm weiter mit. Endlich kamen sie aus den Straßen heraus, vor ihnen dehnte sich die riesige Fläche des Tempelhofer Feldes. »Da jeht's doch lang, da is doch die Hasenheide«, sagte Ede, auf das Kieferngehölz weisend. Onkel Karl beschattete die Augen mit der Hand und besah sich die Gegend: Ganz hinten, in weiter Ferne, übten Soldaten, nirgends sonst in der Runde ein menschliches Wesen zu sehen. »Na«, sagte Onkel Karl, »denn wollen wa ma erst die Falle machen, jib ma mal deen Messa, ick muß ne Kerbe in den Ast schneiden!« Ede nahm das Messer, das er gestern dem kleinen Edwin abgenommen hatte, aus der Tasche und sah neugierig zu, wie Onkel die Kerbe schnitt und dann in der Zerstreutheit das Messer in die Weste steckte. »Nu haben wia die Hauptsache vajessen«, sagte Onkel Karl und schlug sich ärgerlich an die Stirn. »Woso?« fragte Ede. »Ick brauch doch 'n Paar Hosenträjer zu!« »Na, nehmen Se doch solange meene«, sagte Ede und knöpfte sich die Riemen ab. »Scheen«, sagte Onkel Karl, »jib her. Nu kannste nich mehr rennen, sonst rutschen dia die Hosen, wat?« Ede kniff plötzlich die Augen zusammen und sah Onkel Karl mißtrauisch an. »Ja, kiek man, meen Sohn«, sagte Onkel Karl, »wat ick dia beweesen wollte, is man bloß, det et doch noch hellere Köppe jibt a's wie du. Det Kanickel, wat ick fangen wollte, bist du nehmlich!« Ede erbleichte bis in die Haarwurzeln hinein, dann machte er eine blitzschnelle Wendung und versuchte davonzulaufen, aber die weiten, sackähnlichen Hosen, die herunterrutschten, hinderten ihn. »Mach mia nich erst wietend«, sagte Onkel Karl, »sonst fessele ick dia. Seh ma', meen Sohn, jestern haste den kleenen Edwin in eene Falle jelockt, und heite biste selba rinjejangen, hast dia sojar den Ast abgeschnitten, mit den du nu deene Senge beziehen wirst. Hia kannste schreien, so ville wieste willst – et hört dia keena als der liebe Jott! Und nu jib ma' erst die sechs Dreia raus for det Lesebuch und den Sechsa for det Karussellschieben, den hat sich der kleene Edwin redlich vadient.« Ede sah Onkel Karl stier an, dann faßte er in die Tasche und holte das Geld hervor. »Also – den Parajrafen hätten wia ooch aledicht – nu ma' weita! Du weeßt doch, watte allet uff'n Kerbholz hast, anjefangen von die Schultasche in'n Kanal bis ßu det Steenjeschmeeße zuletzt, um den Kleenen loszuwerden. Janz abjesehen von die Sorje und Uffrejung, in die du Vatan, Muttan und mia eenen janzen langen Tach vasetzt hast. Weeßte det?« Ede blieb stumm, nur die Blicke irrten umher. »So – na!« Onkel Karl spuckte sich in die Hand und faßte den geschmeidigen Ast fester. »Nu, meen Sohn, bück dia recht scheen tief, und zieh dia mit bede Hände die Hosen so stramm, wieste kannst. Ick zähle jetz bis fimfundzwanzich, und du rechnest laut mit. Wennste springst oda zappelst, denn jilt der Schlach nich, denn fangen wa janz von vorne ßu zählen an!« Und als Ede zauderte, tönte Onkel Karls Stimme wie eine Posaune über das Feld: »Runta mit 'n Kopp, Hosen strammjezoren! Denkst woll jar, ick spaße mit dia? Nee, meen Sohn, der Denkzettel jetz rettet dia villeicht vor't Zuchthaus!« Da begriff Ede Müller, daß es keine Rettung mehr gab, und nach einem letzten, verzweifelten Blick auf Onkel Karls Gesicht bückte er sich langsam. Gleich darauf prasselten die Schläge auf seine Kehrseite, und Onkel Karl schrie wütend: »Wiste mitzählen – achte, neine, zehne!« »Halt!« kommandierte sich dann Onkel Karl selbst. »Is jenuch, det ibrije schenke ick dia in Jnaden. Da haste deene Hosenträja wieda, und nu loof, watte loofen kannst, und laß dia nich wieda in unse Jegend sehen, sonst biste jeliefert!« Ede, der sich, laut heulend und jämmerliche Mißtöne ausstoßend, die Kehrseite rieb, schlich mit einem schielenden Blick auf Onkel Karl davon, und Onkel drohte ihm mit der Faust nach. VIII Einflüsse der »Seljen« Auf dem Heimwege hatte Onkel Karl das Lesebuch des kleinen Edwin zurückgekauft. »Nu is allens wieda jlatt«, dachte er befriedigt, »bloß den scheenen Fedakasten von Jroßvatan ha' ick nich! Na – villeicht fang ick den Ede Müller später noch mal, wenn er nich inzwischen baden jejangen is!« Als Onkel Karl nun den Biergarten betrat, merkte er auf den ersten Blick, daß hier irgend etwas nicht stimmte. Herr Wilhelm Lemke stand am Eingang der Kolonade, machte ein düsteres Gesicht und schlenkerte, wie immer, wenn ihm etwas quergegangen war, mit der Hand. »Mensch – wat haste bloß jemacht?« sagte er. Onkel Karl fiel es wie Mehltau auf die Seele. Dann aber zog er die Augenbrauen hoch und sagte: »Heite kommt mia nich – ick rat's eich!« »Karrel«, sagte Herr Lemke, »Karrel, du wirst schon kleenlaut werden, wennste hörst, watte anjerichtet hast!« »Ick hab nischt anjerichtet, sonne Ausdrücke muß ick mia sehr verjebeten haben!« »Wennste noch jrob werden willst, denn freß et alleene aus«, sagte Herr Lemke. »Mutta wart schon uff dia!« »Denn werd ick ma' jleich bei ihr jehen, aba jleich –«, sagte Onkel Karl hitzig. »Jeh man, jeh – ick bleib hia«, sagte Herr Lemke. Als Onkel Karl aber ins Haus kam, erschrak er: Frau Lemke hatte ihr »jutes Schwarzes« an und probierte eben den großen Federhut vor dem Spiegel auf. Jetzt drehte sie sich um, sah Onkel Karl von oben bis unten an und wandte sich wieder ab. »Ihr jeht woll heite int Theata?« fragte Onkel Karl freundlich. »Watte man ...« Frau Lemke schwenkte den Kopf und bohrte in höchster Erregung die Hutnadel durch das starke gelbe Haar. »Watte man ...«, wiederholte sie, »laß mia man zurückkommen!« »Wo jehste denn hin?« Frau Lemke machte kehrt und kam schnurstracks auf ihn zu: »Du hast natierlich wieda keen Schimma, watte anjerichtet hast, du bist unschuldich wie'n Neijebornet, wahr?« »Ick werd dia ma' wat saren, Anna«, sagte Onkel Karl, »wenn dia ne Laus iba die Leba jeloofen is, denn hetze sie nich uff mia, vastehste!« »Stille – sei janz stille!« warnte Frau Lemke. »Reje mia nich noch mehr uff!« »Jottes willen«, sagte Onkel Karl, »da schlare doch der Deibel Purzelboom! Wat is denn ibahaupt hia los?« »Ick jeh jetz bei'n Rektor, und wenn ick zurück bin, werd ick mia schon mit dia aussprechen!« »Wa'm jehste denn aba bei'n Rektor?« »Wa'm ick bei'n Rektor jehe – weil er mia hinbestellt hat«, sagte Frau Lemke, »und wa'm hat er mia hinbestellt, weil sich der Herr Lehra iba dia beschwert hat! Und det weeßte woll ooch nich, det Edwin Keile jekricht hat, det er hinten blaue Flecke hat und det er außadem noch ne Stunde hat nachsitzen missen?« »Watte ma', wer kann denn det allet uff eenmal behalten?« sagte Onkel Karl und faßte sich an den Kopf. »Also, wat war det erste?« »Ick kann mia jetz nich mit deenen schwachen Kopp inlassen«, fuhr ihn Frau Lemke an, »mach bloß, dette schon rauskommst. Ick muß mia den Untarock noch ma' hochziehen, der kiekt mia vorne vor!« »Ick werd mia bloß annere Stiebel anziehen, denn komm ick mit«, sagte Onkel Karl eifrig, »denn – denn saren wia ihn beede Bescheed.« »Untasteh dia – laß dia ja nich noch ma' in die Schule sehen«, sagte Frau Lemke. »Ick hätte't von frieha her wissen sollen, det du allet bloß vaderbst. Ick dachte ja, du könntest eenen mal 'n Jang abnehmen, aba nee! Nu ha' ick die Bescherung, nu mach ick mia de jrößten Vorwirfe selba!« »Brauchste nich«, sagte Onkel Karl, »der Lehra is wortbrichich jeworden, den jeb ick morjen frieh eens ins Jenicke, det ihn die Kohlrübe wackelt!« »Denn schlacht er Edwin tot!« sagte Frau Lemke. »Denn schlare ick ihn ooch tot und tret noch mit'n Absatz druff!« sagte Onkel Karl. »Hör uff, in die Art und Weise is nischt ßu machen.« »Ick wüßte schon, wie man die Bande ärjern könnte«, sagte Onkel Karl, »ick wirde den Rektor janz jehörich Bescheed stechen, denn wird ick Edwin sofort abmelden und ihn ufft Jimnasium schicken! Jroßvata sacht det ja schon lange! Wat braucht er denn von die Klippschila Unjeziefa za Hause bringen!« Frau Lemke schwieg nachdenklich und zerrte an ihrem Kleid. »Jeh man jetz ma' raus«, sagte sie dann, »det ick endlich fertich werde, ick mißte schon längst da sind!« »Also mach, wie ick's dia jesacht hab«, sagte Onkel Karl im Abgehen, »und wennste denn nachher zurückkommst, werd ick dia azehlen, wat ick heite frieh jemacht hab. Du wirst staunen!« »Laß mia lieba nich staunen, Karrel«, sagte Frau Lemke niedergeschlagen, »denn nachher kommt det dicke Ende jedesmal nach!« »Diesmal nich«, sagte Onkel Karl, und dann drückte er die Tür zu, um zu Edwin zu gehen, den er verweint und traurig in einer Ecke fand. »Konnste dia nich vorher 'n Pappdeckel untalejen?« fragte er teilnehmend. »Det ha' ick imma jemacht, ehe die Sengerei losjing.« Edwin begann von neuem zu schluchzen, und Onkel Karl hörte ihm ein Weilchen voll stummer Anteilnahme zu. Dann plötzlich sagte er: »Na – nu, nu höre uff, et klingt schon kinstlich, besonners der eene Schnorax, den du mit die Neese machst!« Und dann erzählte er ihm ein bißchen umständlich, wie er heute früh Ede Müller gefangen, ihm die Beute abgejagt und ihn schließlich gelyncht hatte. »Da hättste ma' hören sollen, wie det klingt, wenn eener wirklich Heulkrämpfe kricht – da kommst du ja nicht jejen an. Und hia haste den Sechsa, den du dia als Karussellschieba vadient hast, und nu tröste dia: Ick hab vaanlaßt, dette uff'n Jimnasium kommst, da derfen die Lehra keenen schlaren, und die Jungs können machen, wat se wollen, denn dafor bezahlen se ja Schuljeld!« »Da muß man aber so ville lernen«, sagte Edwin, »allet so'n schweret Zeich, ick weeß doch!« »Et is ja richtich«, sagte Onkel Karl, »du hast'n schwachen Kopp, und er wird dia woll mechtich bei uffquellen, aberst ick werde dia schon imma ibahören, so lange, bistet wirklich kannst!« Diese Aussicht schien Edwin mit etwas weniger großer Freude zu erfüllen als Onkel Karl, der nach einer ganzen Weile noch hinzusetzte: »Uff die Weise lerne ick denn ooch noch Lateinisch und Jriechisch und sojar jratis; schade man bloß, dette nu deen Lesebuch nich jebroochen kannst. Na, denn vaklopp et man wieda und koof dia wat Nitzlichet for det Jeld!« * Eine Stunde später war Frau Lemke von ihrem Besuch bei dem Rektor zurückgekehrt, aber sie wollte nicht eher erzählen, als bis sie sich das Staatskleid ausgezogen und es sorgfältig in den Kleiderschrank gehängt hatte. Dann, als sie sich die große weiße Latzschürze über den Alltagsrock gebunden und Kaffee gekocht hatte, faßte sie alles, was sie an Eindrücken und Erfahrungen heute gesammelt, in der Behauptung zusammen: »Lehrers dürfte't ibahaupt nich jeben!« »Woso?« fragte Onkel Karl, der sich damit nicht zufriedengeben wollte. »Wer nich selbst eenen Kinde det Leben jejeben hat, der weeß nich, wat een Kind is«, sagte Frau Lemke. »Det mußte näher bejründen, Anna«, sagte nun auch Herr Lemke, »ick a's Vata beispielsweese ...« »Nee, nee«, wehrte Frau Lemke ab, »laß man, Willem, jib dia keene Mihe mit die Vatafreiden. Aba nu paßt mal bloß uff: Also, ick erzähle den Rektor allet janz jenau, wie't mit Edwin jewesen is, ehe er uff die Welt kam. Dunnemals hätte jrade wieda mal die Selje jespukt, und ick hab ihn auseenandaklamüsert, wat det mit die Selje for ne Bewandtnis hat, aba er hat bloß die Achseln jezuckt und jesacht: ›Das is doch barer Unsinn.‹ Wie kann der Mann bloß so sprechen, wo er doch nich mit alebt hat, wat wia dunnemals bei Jroßvatan in det Schöneberjer Spukhaus und denn bei uns in die ›untairdische Tante‹ durchjemacht haben. ›Herr Rektor‹, ha' ick ßu ihn jesacht, ›det jeht bis in't dritte und vierte Jlied, und wat die Selje is, det is ne sehr enerjische Pason jewesen. Det letztemal hat se Klamotten in'n Schornsteen jeschmissen. Und wie ick mit Edwin jing, war sie janz aus de Fassong jekommen, und det hat uff det arme Kind jewirkt – et is ja ooch ßu frieh uff die Welt jekommen und imma schwächlich und kränklich jeblieben‹!« »Na, und denn?« fragte Onkel Karl, dem Frau Lemke viel zu weitschweifig erzählte. »Na, und denn«, sagte Frau Lemke, »hab ick for dia Abbitte leisten müssen, denn sonst wären se wejen Beleidjung jejen dia vorjejangen.« »Na, kommt denn nu Edwin ufft Jimnasium?« fragte Onkel Karl. »Der Rektor hat jesacht, wenn't so'n nervöset Kind is, denn wär't allemal det Beste, wia schicken ihn in ne Privatschule, und da ha' ick'n also abjemolden!« »Det vadankste mia, Edwin«, sagte Onkel Karl freudestrahlend. IX Ferienarbeiten Edwin war wirklich »uffs Jimnasium jekommen«, wie Onkel Karl sagte, und alle Glieder der Familie erfüllte diese Tatsache mit einer etwas feierlichen Genugtuung. »Nu lerne, Edwin, det dia die Schwarte knackt«, ermunterte Onkel Karl immer wieder. »Wenn mia meen Vata so zu't Lernen anjehalten hätte, wie ick dia, denn broochte ick heite nich so zu schuften!« Und an manchen Tagen, besonders wenn er sich vor Frau Lemke sicher wußte, konnte er plötzlich – eben noch ganz friedlich und vergnügt – im strengsten Tone fragen: »Edwin, haste ooch deene Jimnasienarbeeten jemacht? Ja, na – wenn't man wahr is? Mia kommt det höchst vadächtich vor, wenn fangste denn nu mit den Jriechisch und Französisch an?« »So weit sind wa noch nich, det kommt erst in die obersten Klassen«, sagte Edwin. »Na, wat lernt ihr denn eijentlich jetz for det teire Schuljeld?« »Deitsche Jrammatik und Jeographie und allerhand – ooch Lateinisch!« »So – na, denn laß ich deen Herrn Lehra saren: Die Hauptsache is Rechnen und ne jute Handschrift, und denn – selbstvaständlich – ne scheene Aussprache. Seene Muttasprache muß man natierlich aus'n Effeff kennen. Da derf man nich immafort mia und mich vawechseln. Wenn ick dia jetz bleistiftsweese frare, Edwin, wie heeßt et: Mia blutet der Finga, oda: mich blutet der Finga, wat sachste denn?« »Ick blute«, half sich Edwin über die Schwierigkeit. »Denn weß doch keena, wat blutet, denn kann's ja ooch aus die Neese sind«, sagte Onkel Karl mißbilligend, »lerne du man hibsch fleißich, dette dia nich so rauszureden broochst wie eben, det kann mia janich jefallen.« * Und Edwin, in dem allmählich der Ehrgeiz zu erwachen begann, gab sich wirklich Mühe: man konnte ihn jetzt täglich in einem abgelegenen Winkel des Gartens sitzen sehen, wie er den Kopf in die Hände stützte, die Augen schloß und die Wissenschaft mit Gewalt in sich hineintrieb, um Oktober versetzt zu werden. Gut nur, daß nun die großen Ferien kamen, da wollte er alle Lücken seines Wissens verstopfen. Doch als dann die Ferien endlich da waren, brauchte er die erste Woche, um sich in der ungewohnten Freizeit zurechtzufinden. Und in den folgenden Wochen vermochte er trotz des Arbeitsplanes, den er sich für jeden Tag zurechtgemacht hatte, wegen der großen Hitze nicht zu arbeiten. Dieser Arbeitsplan wurde überhaupt sein Verhängnis. Früh um acht Uhr wollte er stets anfangen, eine Stunde Deutsch, eine Stunde Lateinisch, dann wieder eine Stunde Rechnen und nachher noch wieder eine Stunde Geographie oder Geschichte treiben – so konnte er nie aus dem Geleise kommen und war um die Mittagszeit ein freier Mann. Wäre es ihm geglückt, diesen Plan gleich am nächsten Tage durchzuführen, so hätte er seine Pflicht auch redlich weitergetan und jedesmal drei Stunden gelernt. Da es ihm aber nicht geglückt war, entschied er sich dafür, erst am nächsten Montag regelrecht anzufangen, da diese Woche nun ja doch schon angebrochen war. Seine Gewissenhaftigkeit war eigentlich daran schuld, die sich sträubte, einen Zeitabschnitt mitzurechnen, den er als vollständig nicht mitzählen durfte. Er hätte es Onkel Karl gegenüber auch gar nicht zu behaupten gewagt, daß er Tag für Tag seine Schuldigkeit getan, wenn dessen Kontrolle damit nicht gestimmt. Der Montag war gekommen, und pünktlich wie zur Schulzeit schleppte Edwin das Bücherpaket nach dem grünen Tisch in dem Gartenwinkel und schlug entschlossen die lateinische Grammatik auf. Aber die Sonnenlichter, die über das Buch tanzten, ließen alles so sonderbar erscheinen, daß er nichts zu erfassen vermochte. Als eine halbe Stunde vergangen war, entdeckte er, daß er überhaupt noch gar nicht angefangen hatte. Nun war der richtige Zeitpunkt wieder versäumt. Ehe sich Edwin noch selbst darüber klar war, hatte er alle Bücher schon zusammengepackt und sich entschlossen, nun – obwohl ihm dabei zumute war, als säße er auf einer Schaukel – auch diese ganze Woche nichts zu arbeiten, ja selbst die nächste Woche bis zum Mittwoch tatenlos verstreichen zu lassen. Denn dann war gerade die Hälfte der großen Ferien vergangen, er hatte sich genügend erholt und wollte nun in der andern Hälfte, statt drei, täglich vier Stunden mit neuen Kräften arbeiten und alles nachholen. Als jener Mittwoch aber überraschend schnell gekommen war, hielt Edwin eine erste und gewissenhafte Zwiesprache mit sich selbst und kam zu dem Ergebnis, daß es das beste sei, in der letzten Woche gründlich zu »schuften«, denn dann war die Gefahr vollständig ausgeschlossen, wieder etwas zu vergessen, wie es sonst vielleicht geschehen wäre. So brach jener Montag an – mit eisernem Fleiß sollte die Arbeit einsetzen. Aber da ergab sich, daß etwas Seltsames mit Edwins Kopf vorgegangen sein mußte: Das Hirn wollte nichts fassen, es erschien ihm alles in lächerlichem und komischem Licht, daß er sich wunderte, wie er früher ernsthaft dabei hatte bleiben können. Vielleicht ging es ihm nur mit der lateinischen Grammatik so, aber das Geographiebuch erschien ihm plötzlich noch viel närrischer, und die Geschichtszahlen glichen Seifenblasen, die in seinem Hirn platzten. Doch die lächerliche Stimmung ging allmählich in zehrende Verzweiflung über, denn – was sollte nun eigentlich werden? Er begriff, daß er die kostbare Ferienzeit unwiederbringlich verloren hatte und daß es ihm nichts nützen würde, selbst wenn er Tag und Nacht lernte. Sein Gehirn hatte das wenige Wissen vollständig ausgeschwitzt, anders vermochte er sich die seltsame Leere nicht zu erklären. Die Angst steigerte sich, je länger er darüber grübelte, und machte ihn unfähig, still zu sitzen. Er packte die Bücher zusammen, schlich sich damit in die Stube und versteckte sie. Frau Lemke, die in der kühlen Gaststube saß, beobachtete ihn heimlich voller Mitleid. In der ersten Woche hatte Edwin der Muter erzählt, was er an Ferienaufgaben zu bewältigen hatte, und Frau Lemke hatte gesagt: »Hör uff, hör uff, mia schwindelt der Kopp!« Nun sah sie ihm mißtrauisch nach, als fürchte sie, Edwins Kopf, der so vollgestopft worden war, könne durch eine unvorsichtige Bewegung zum Explodieren gebracht werden. Edwin fühlte diese Blicke und schämte und verachtete sich; da aber die Katastrophe nun doch nicht mehr abzuwenden war, gab er sich einen Ruck, nahm seinen Flitzbogen und verschwand damit. * Und die Ferien waren vergangen und der erste Schultag gekommen. Als Edwin in die Klasse trat, erkannte er seine Kameraden kaum wieder. Die meisten sahen aus wie Mulatten und hatten laute und rauhe Stimmen gleich Seeleuten. Nur der Primus sah wie immer ein wenig blaß und kränklich aus. Alle gaben sich der Hoffnung hin, daß heute am ersten Schultage noch nichts zu befürchten sei, aber so recht wohl war doch keinem zumute. Und darum verzehrten einige ihr Frühstück wie eine Henkersmahlzeit, aßen die Wurstscheiben vom Brot und stellten wehmütige Vergleiche mit den Tagen vorher an, da sie »sonst um diese Zeit« am Strande oder im Walde gewesen waren. Andere, die ihre Sache auf nichts gestellt, wurden plötzlich von einer unheimlichen Lustigkeit erfaßt und suchten sich ihr Dasein, solange es noch ging, zu verschönern. Sie kletterten über Bänke, rissen den Primus trotz der Heiligkeit seiner Person an der Nase oder eröffneten mit angebissenen Birnen ein Bombardement. Edwin dagegen wurde fromm. Er gelobte ein neues Leben, wenn alles gut ablaufen sollte. Sein Vordermann war – falls der Blitz nicht bei ihm einschlage – zu jeder Unterstützung Edwins bereit, wollte außerdem lieber Zahnschmerzen haben oder sich mit einer Stecknadel unter den Daumennagel »pieken« lassen als »reinfallen«. Und als Vorspiel knabberte er sich sämtliche Fingernägel ab und drehte sich ganze Haarbüschel aus. Optimistische Gemüter unter den Jungen suchten das Versäumte nachzuholen. Ohne ihre Umgebung zu beachten, trotz des Lärmens und Tumultes, lernten sie – die Augen in die Ferne gerichtet; wenn sie noch etwas länger Zeit hätten, wären sie ja gerettet gewesen. Da klappte plötzlich die Tür, Dr. Barth, der Klassenlehrer, war eingetreten und bestieg das Katheder. Wie ein Feldherr übersah er die Schar, dann kommandierte er: »Richtung – Vordermann – setzen!« Und gerade als die Jungen aufatmen wollten, weil »der Alte« gut gelaunt zu sein schien, donnerte er: »Hefte vor – wir schreiben Extemporale!« Eine Bewegung des Schreckens ging durch die ganze Klasse, nur der Primus blieb zuversichtlich. »Rrruhe – ich bitte mir Rrruhe aus, es geht los. Vorwärts: Als Caesar nach Gallien kam...«, diktierte Dr. Barth, und gleich darauf hört man das Kritzeln der Federn. Edwin hatte den Kopf gesenkt und tat, als wenn er schrieb, aber er vermochte nicht ein einziges Wort zu übersetzen. Während des Lehrers scharfe Stimme weiterklang, verfiel er in einen seltsam traumhaften Zustand: er dachte an Onkel Karl, an die Straßenjungen, die er, durch den Gartenzaun gesichert, mit seinem Flitzbogen bedroht hatte, an Ede Müller, der auch vorübergekommen war – und auf einmal kam es ihm zum Bewußtsein, daß er ja hier in der Klasse sitze. X Das Extemporale »Wenn doch alles nur ein Traum wäre«, dachte Edwin, gab sich – wie sonst, wenn er früh geweckt wurde – einen jähen Ruck und hoffte, daß sich dadurch alles verändern werde. Aber starres Entsetzen überkam ihn: Dr. Barth stand da wirklich auf dem Katheder, diktierte noch immer, und die ganze Klasse schwitzte vor Eifer und Angst. Edwin drehte, ohne den Kopf zu bewegen, die Augen nach rechts und schielte auf das Heft seines Nebenmannes. Aber wie zufällig hob dieser gerade den linken Ellbogen und versperrte damit die Aussicht. Edwin stieß den Jungen unter der Bank mit dem Fuß an. Statt daß Lehmann jetzt aber den Arm weggezogen und das Heft etwas nähergerückt hätte, machte er eine ungestüme Bewegung des Ärgers und legte nun den Arm ganz offensichtlich als Schutzwall vor sein Geschreibsel. Das wagte Lehmann, dieser »Ochse«, der mit seiner Versetzung doch ebenfalls »auf der Kippe« stand! Und vor Empörung trat ihm Edwin gegen das Schienbein. »Auah!« Die ganze Klasse drehte sich bei diesem lauten Schmerzensschrei erschrocken nach den letzten Bänken um. »Lemke – vorkommen!« donnerte Dr. Barth. »Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Pfeifer mit Lemke tauschen, rasch, rasch!« Der kleine Pfeifer, der vorn neben dem Primus gesessen hatte, eilte nach der Bank der »Faultiere«, und Edwin kam blaß und zitternd vor. »Hier setzt du dich hin«, fuhr ihn der Ordinarius an, »und wenn du jetzt noch ein einziges Mal störst, mußt du vor die Klassentür und bekommst ›ungenügend‹! Rrrruhe! Es geht weiter: Die Troßknechte aber...« Und Dr. Barth, hin und wieder einen haßerfüllten Blick auf Edwin werfend, diktierte im Kommandoton weiter. Zuerst war Edwin ganz verwirrt und betäubt, hier vorn hatte er ja noch nie in seinem Leben gesessen. Er befand sich unmittelbar vor dem Lehrer, dessen blaue Weste sich wie ein Abhang über Edwins Kopf wölbte und ihn gleichsam beschirmte. Und unter diesem Schutzdach konnte er mit einiger Vorsicht bequem den Kopf drehen und die klare, deutliche Schrift des Primus erkennen. Das Herz stand ihm still, die Augen wurden starr und groß, saugten sich an dem fremden Heft fest ... Dann begann er plötzlich, wie ein Fieberkranker so hastig und aufgeregt, abzuschreiben, immer von der Angst erfüllt, der Primus könne das Blatt zu früh umwenden. Der kranke, blasse Junge, der ganz von seiner Aufgabe erfüllt war, merkte nichts. Da und dort hatte er verbessert, durchgestrichen und drüber geschrieben – Edwin dagegen konnte sofort das Richtige hinsetzen. »Hefte zu – Schluß – die Federn hinlegen«, donnerte Dr. Barth. An allen Gliedern zitternd, blaß wie eine Kalkwand, hob Edwin den Kopf und atmete tief auf, es war ihm geglückt, sogar den letzten Satz noch abzuschreiben. Aber nun war ihm zumute, als habe er unter einem Eisenbahnzug gelegen, habe alle Wagen über sich hingleiten sehen und wunderte sich, daß er trotzdem unverletzt wieder aufstehen könne. Der Primus sammelte die Hefte, trug den Stoß vorn nach dem Katheder, wo Dr. Barth eigenhändig die Verschnürung der Hefte vornahm. »So«, sagte er nach dem letzten Knoten, und sah mit triumphierendem Lächeln auf die Schüler, »dieses Extemporale enthielt einen Extrakt dessen, was ihr während der Ferien lernen solltet. Ich kann daraus ersehen, wer wirklich gearbeitet hat.« Und dann wollte er – wie sich das eigentlich für die erste Stunde nach den Ferien gehörte – freundlich und kameradschaftlich tun, fragte, wer verreist gewesen wäre, und bezeigte die Absicht, kleine geographische und geschichtliche Examina daran anzuknüpfen, aber die Schüler waren zu sehr erschöpft; Dr. Barth bekam nur widerwillige Antworten, und alle atmeten auf, als jetzt die Glocke geläutet wurde. Drei Tage später gab Dr. Barth das Extemporale zurück. »Siehst du, Lemke«, sagte er, mit eigentümlich wohlwollenden Blicken den Knaben betrachtend, »siehst du, dein Ferienfleiß hat gefruchtet, du hast die beste Arbeit in der Klasse geliefert!« Alle Jungen staunten Edwin Lemke an. »Zuerst hatte ich dich ja im Verdacht, du hättest vom Primus abgeschrieben, aber bei genauer Vergleichung sah ich, daß du selbst an den schwierigsten Stellen sofort sicher übersetzt hast, wo er gezögert und geschwankt hat. Nur zum Schluß sind dir einige kleine Flüchtigkeiten unterlaufen. Fahre so fort, Lemke!« Das wollte Edwin ganz gewiß, denn nun kam er auf den Platz neben dem Primus und konnte künftighin weiter abschreiben. »Im übrigen ist das Resultat dieses Extemporale geradezu niederschmetternd«, fuhr Dr. Barth die Klasse an, »wir werden sofort eine neue Arbeit schreiben, da ich hoffe, daß ihr euch diesmal besser präpariert habt! Hefte aufschlagen, wir schreiben!« Gerade als er mit dem Diktat beginnen wollte, kam Dr. Barth vom Katheder. »Lemke«, sagte er, »damit du deine Nebenmänner nicht in Versuchung führst, daß sie von dir abschreiben, kannst du dich hier oben auf meinen Platz setzen!« Da begriff Edwin, daß Dr. Barth doch nicht das Nilpferd war, für das er ihn gehalten hatte. Im Gegenteil: Dieser Mensch hatte sich bis jetzt nur verstellt, um sich nun in seiner ganzen Gemeinheit zu zeigen. Blaß, aber völlig gefaßt, stieg Edwin zum Katheder hinauf und starrte nun wie von einem Schafott auf das Gewimmel der Köpfe. Lauter höhnische, grinsende Gesichter; Lehmann, genannt der »Ochse«, wagte es sogar, ihm, durch den dicken Konrad vor des Lehrers Augen geschützt, eine lange Nase zu machen. Und nun begann Dr. Barth zu diktieren, das Kritzeln der Federn erfüllte den Raum, die Köpfe der Jungen röteten sich allmählich, und manchmal ging es wie ein Aufstöhnen durch die Klasse. Edwin machte den Versuch, ebenfalls zu schreiben, aber die wenigen Worte, die er da aufs Papier brachte, erschienen ihm selbst so sinnlos, daß er sie wieder ausstrich – erst dünn, dann dicker, schließlich so dick, daß die Tinte durchschlug und das nächste Blatt beschmutzte. Mit großem Erstaunen beobachtete er dann, wie die Mitschüler die vollbeschriebene Seite umwandten und wohlgemut eine neue begannen. Hin und wieder war es ihm, als müsse doch nun endlich ein rettendes Wunder wieder geschehen, aber als es ausblieb, erfaßte ihn eine seltsame Sorglosigkeit. Er begann mit seinem Federhalter in dem Tintenfaß des Lehrers zu fischen, machte aus seinem Löschblatt kleine Kugeln, die er mit Tinte tränkte und dann in die Klasse schnellte, und hatte jedesmal sein Vergnügen daran, wenn er sah, welchen Schrecken und Ärger diese »Stinkbomben«, wie er sie nannte, bei den Getroffenen erregten. Dann hieß es plötzlich wieder: »Fertig – Hefte abgeben – Primus sammeln.« In den nächsten Tagen, bis zur Rückgabe der Hefte, ging Edwin umher wie ein Mensch, der seine Sache auf nichts gestellt hat. Onkel Karl, der ihn mißtrauisch beobachtete, sagte: »Junge, Junge, mit dia is's nich richtich, da steckt wat hinta!« »Nee –«, versicherte Edwin. »Mia kannste doch nischt vorspinnen«, sagte Onkel Karl, »det ick dia iba bin, sollste doch nu nachjrade wissen. Also, jesteh in, wat is los?« »Meen Lehra is so jemeen jejen mia«, sagte Edwin und begann plötzlich zu heulen. »Woso?« sagte Onkel Karl streng. »Ick hatt so'n jutet Extemporale geschrieben, und da hat er jedacht, ick hab abjeklaut, und da hat er mia ufft Katheda jesetzt, und da bin ick so vawirrt jeworden, det ick janischt hab schreiben können!« »Du hast ufft Katheda jesessen?« sagte Onkel Karl voll des höchsten Mißtrauens. »Wer soll dia denn det jlooben? Denn hat er sich woll so lange uff deenen Platz jesetzt?« »Er hat nebenbeijestanden!« »Edwin, schäme dia doch wat und schwindle nich so«, sagte Onkel Karl entrüstet. »Seh mal, wennste in ne Patsche sitzt, denn helf ick dia doch jerne, aba denn derfste doch nich mit sonne Zicken kommen, det vatrare ick nich!« »Wahr und wahaftich, du kannst ja alle Jungs fraren«, heulte Edwin. »Ick werd mia scheene hiten, ihr steckt ja doch alle unta eene Kappe«, sagte Onkel Karl. »Und da haste janischt schreiben können?« »Nee!« »Wat kristen denn, wenn er det nu entdeckt?« »Denn krieje ick Arrest!« »Ouatschkopp du, du bist doch nich bei't Militär, tu dia man nich jar so dicke mit deen Jimnasium! Keile wirste kriejen!« »Nee, Arrest –«, sagte Edwin. »Na, denn komm ick dia mal besuchen.« »Man bloß eene Stunde krieje ick doch Arrest!« »Ach so –«, sagte Onkel Karl enttäuscht. »Na, denn reiß dia man bloß keen Been aus!« XI Zwei Stunden Arrest Vor der lateinischen Stunde, die zur Rückgabe der Extemporalhefte bestimmt war, erkrankten die verzweifeltsten der Jungen. Sie legten sich nasse Taschentücher auf den Kopf oder hielten sich den Leib mit beiden Händen und krümmten sich. Und einer fragte den anderen, ob man es ihm nicht ansähe, wie krank er sei; und wenn der andere nicht, ehrlich besorgt, seine Teilnahme bekundete, suchte man die Krankheit zu steigern. Erfahrene Gemüter, die da wußten, daß man mit Kopf- und Bauchschmerzen keine glaubhafte Wirkung erzielen konnte, suchten ein sichtbares Leiden zu bekommen, steckten den Finger in den Hals, damit ihnen schlecht würde, oder lahmten plötzlich, suchten sich jedenfalls gegenseitig zu übertrumpfen, denn daß gleich drei oder vier Jungen zu derselben Zeit erkrankten, schien ihnen selbst ein wenig unwahrscheinlich. Als dann Dr. Barth in die Klasse trat, verloren die Jungen aber den Mut zu dem Komödienspiel, die Hände, die sie emporgestreckt, um die Krankheit zu melden, verschwanden; nur ein Arm blieb in heftiger, dringender Bewegung oben, über den Köpfen der Jungen, sichtbar. Und dieser Arm gehörte Edwin Lemke. »Was willst du denn?« schrie Dr. Barth ärgerlich, denn dieser zappelnde, zuckende Arm ließ ihm nicht einmal Zeit, den Stoß Hefte hinzulegen. Edwin erhob sich: »Ha Dokta, ick kann uff det eene Ooge nich kieken!« »Lemke –«, sagte Dr. Barth fassungslos, »was sprichst du denn da für eine Sprache? Du bist doch hier nicht auf der Straße, und selbst dort dürftest du so nicht einmal sprechen. Achtet denn niemand zu Hause auf dich und korrigiert dich?« »Ja, Onkel Karrel!« »Also, was ist mit deinem Auge?« »Es wird mia imma so jrien und jelb davor, denn uff einmal blau und rot und denn wieda anders – ibahaupt alle Farben, die es jibt.« »Komm mal vor – so! Hast du dich ans Auge gestoßen, oder hat dich jemand geschlagen?« »Nee – nein!« »Ich kann auch nichts daran entdecken«, sagte Dr. Barth kopfschüttelnd. »Oder simulierst du etwa gar? Das würde dir nichts nützen, deinem Schicksal entgehst du doch nicht!« »Jetzt is's auf einmal wieda wech –«, sagte Edwin, »wie wechjeblasen!« »Du scheinst mir ein ganz geriebener Bursche zu sein«, sagte Dr. Barth, »hinter deine Schliche komme ich aber doch – mir entgeht keiner. Nun setze dich nur ganz still und bescheiden wieder auf deinen Platz, denn ich habe noch ein Hühnchen mit dir zu pflücken.« Geknickt schlich Edwin nach seiner Bank und sah in düsterer Resignation zu, wie der Primus die Hefte verteilte. »Das Resultat ist diesmal erfreulich, man merkt, daß ihr euch auf die Hosen gesetzt habt. Nur einer ist völlig entgleist –«, und jetzt nahm Dr. Barths Stimme einen grollenden, dumpfen Ton an, »dieser eine ist dieser Bursche hier!« Er wies mit einem Zeigefinger, der sich vor Entrüstung nach oben krümmte, auf Edwin. »Lemke, willst du jetzt der Wahrheit die Ehre geben und eingestehen, daß du neulich Wort für Wort vom Primus abgeschrieben hast?« Edwin blieb stumm, aber seine Blicke durchspähten den Raum, als suchten sie irgendwo ein Schlupfloch. »Also – du hast nicht den Mut, dein Vergehen einzugestehen?« sagte Dr. Barth tief bekümmert. »Den Mut ha' ick schon, denn jeht's mia doch aba noch dreckijer –«, sagte Edwin. »Junge, was sprichst du denn für eine entsetzliche Sprache – das ist ja Rinnsteindeutsch.« Dr. Barth ekelte sich: »Brrr!« machte er und schüttelte sich, und Edwin dachte: »Et sieht aus, als wenn er eenen Bittern jetrunken hat.« »Und welch bodenlos feige Gesinnung liegt in diesem indirekten Geständnis, das ist die Logik eines Berufsverbrechers! Tritt vor, Lemke, komm hier aufs Katheder – so! Und nun sieh mal deine Kameraden an, nicht ein einziger würde so tief sinken wie du!« »Hach – die klauen ja alle eener von'n andern ab!« sagte Edwin trotzig. »Wa–as?!« Dr. Barth sank im Stuhl zurück und starrte an die Decke. Und Edwin, dem nun angst wurde und der deshalb seine Behauptung zu begründen versuchte, setzte kleinlaut hinzu: »Untern Tisch haben se alle Schmus und Klatschen, und uff die Löschblätter haben se die Rejeln jeschrieben, und vorsaren tun se sich ooch jejenseitich!« Ein drohendes Murmeln erhob sich in der Klasse: »Is nicht wahr, is nicht wahr!« Dr. Barth richtete sich langsam auf: »Kannst du – diese deine Behauptung durch Namennennung stützen?« »Ick hab nich vastanden, wie Sie det meinen«, sagte Edwin. »Nenne Namen!« schrie Dr. Barth wie ein gereizter Löwe. »Na – zun Beispiel: Büttner, Korn, Rosenberg, Krause, Cohn I, Bindemann ...«, zählte Edwin auf. »Genug – wessen beschuldigst du Bindemann?« »Bindemann hat von Korn abjeschrieben, und nu sacht er zun Dank dafür Korn vor, wenn er drankommt!« »So – und was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?« fragte Dr. Barth die beiden Knaben. »Er schwindelt, Herr Doktor«, antworteten sie wie aus einem Munde. »Ja, ich glaube auch, daß er in seiner Feigheit und Angst vor keinem Mittel zurückschreckt, sich weißzuwaschen. Er drückt das sittliche Niveau der Klasse, um sich zu heben – pfui – pfui und nochmals pfui!« Dr. Barth bedeckte die Augen, als sei ihm Edwins Anblick unerträglich geworden. Und dann setzte er dumpf und feierlich hinzu: »In Anbetracht der bodenlos gemeinen Gesinnung, die dieser Bursche gezeigt hat, tritt eine Strafverschärfung ein: statt einer erhältst du zwei Stunden Arrest, nimm deine Bücher – fort von dem gestohlenen Ehrenplatz neben dem Primus – scher dich, wohin du gehörst, auf die letzte Bank – – marsch, geh mir aus den Augen!« Wie ein Geächteter, Gebrandmarkter schlich Edwin durch den Gang. Und bei welchem Jungen er auch vorüberkam, von jedem erhielt er heimliche Püffe und Stöße gegen das Schienbein. Hinten, auf der einsamen Bank, überkam ihn trotz allen Kummers ein leises Gefühl des Behagens und der Sicherheit. Da vorn, neben dem Primus, hatte er wie unter einer Lupe gesessen, nicht mal die Nase hatte er sich reiben können, ohne daß es Dr. Barth gesehen. Aber dann überwältigte ihn doch plötzlich der Schmerz, die Tränen stürzten ihm in die Augen, und eine, die auf die schwarze, schräge Tischplatte gefallen, rollte wie ein Bächlein den Abhang hinunter. Bei dem Versuch, dem andern Auge nun auch eine so große Träne zu erpressen und sie genau auf dieselbe Stelle fallen zu lassen, wurde er wieder ruhig, hob – als daß Experiment mißlang – den Kopf und sah sich in der Klasse um. Nein, niemand kümmerte sich um ihn, Dr. Barth erklärte eine neue lateinische Regel, die so schwer war, daß selbst der Primus, den er fragte, einen ganz roten Kopf bekam. Als Edwin merkte, daß die beiden sobald nicht fertig werden würden, faßte er unter den Tisch in seine Schultasche und fühlte, wo das Frühstückspäckchen saß. Mit äußerster Vorsicht, damit das Papier nicht knisterte, öffnete er die Umhüllung, bröckelte ein Stück Brot ab und schob es in den Mund. Er hatte nur sehen wollen, was für Belag auf der Stulle sei – nun, als er merkte, daß es Leberwurst war, überfiel ihn ein fürchterlicher Heißhunger. Immer größer wurden die Stücke, die er abbrach, und während er sie verschluckte, stellte er vergleichende Betrachtungen zwischen dem Gemüt seiner Mutter und dem seines Lehrers an. So günstig diese Vergleiche aber auch für seine Mutter ausfielen, so konnte sich Edwin doch nicht verhehlen, daß es eine Katastrophe geben werde, wenn der Arrestzettel ankäme. Und er sann und sann, ob er gleich, wenn er nach Hause komme, alles erzählen oder damit warten solle, bis der Briefträger den unfrankierten Brief abgab. Er vermochte zu keiner Entscheidung zu kommen und wußte selbst dann noch nicht, was er tun sollte, als es zum letzten Male läutete und die Schule aus war ... XII Onkel Karls Vollmacht Als Edwin nach Hause kam, fand er dort alles in größter Aufregung. Onkel Karl fuhr, neben dem Kutscher auf dem Bock sitzend, mit einer leeren Droschke vor und gab dem Mann mit dem schwarzen Glanzhut Anweisung, vor dem Halten gleich umzulenken, daß er »direktemang nach Scheeneberch« fahren könne. Und dann lief Onkel Karl im Galopp ins Haus und schrie: »Nu ha' ick eene awischt, se steht vor die Tire, nu könnt ihr losjondeln – ick hab extra 'n Schimmel jenommen, der bringt Jlick!« Aber weder Herr noch Frau Lemke sahen so aus, als wenn sie sich von dem klapperdürren weißen Tier besondere Chancen versprächen. Ihre Gesichter blieben ernst und bekümmert, und ehe Frau Lemke einstieg, sagte sie zu Onkel Karl – der den Schimmel an der Nase hielt, weil er ihn für sehr feurig hielt: »Karrel – nu können wia uns ma' uff dia valassen, wahr? Du wirst uff die Kinna scheen uffpassen und uns vatreten. Man weeß ja nich, wie lange et dauert, aba bei sonne traurijen Jelejenheeten tritt allens z'rick, da muß et ooch ma' so jehen – wahr?« »Na – ick sollte meenen, du kennst mia«, sagte Onkel Karl mit bescheidenem Stolz. »Fahrt janz ruhich ab – ick weeß ma schonst zu helfen. Und jrißt Jroßvatan recht scheen von mia und Jroßmuttan, wenn se noch nich janz tot is, ooch. Und denn kannste ihr ja noch saren, det ick jroße Sticke von sie jehalten habe ...« Herr Lemke, der seinen Schmerz nicht länger zu bezwingen vermochte, zog sein großes buntes Taschentuch und schneuzte sich. »Hör uff, Karrel, is schonst so traurich«, wehrte er ab. »Willem«, sagte Onkel Karl, ließ den Schimmel los und faßte nun Herrn Lemke an der Schulter. »Willem, ick steh dia trei bei Seite! Ick hab schon so ville in meen Leben durchjemacht – dunnemals mit Nulpen und denn mit den vaflixten Bau – ick weeß also janz jenau, wie eenen da zumute is und wie det wohl tut, wenn man da ne treie Seele hat!« »Nu is jut –«, unterbrach Frau Lemke energisch, »laß Willem jetz los, det er insteijen kann, und denn los!« Onkel Karl schloß den Wagenschlag, klatschte dem Pferd auf die Schenkel und sah dann, den Kopf hin und her wiegend, der Droschke nach. Als er sich umwandte, bemerkte er Edwin, der ganz betroffen der Abfahrt zugesehen hatte. Er winkte ihn gebieterisch heran: »Fasse dia, Edwin«, sagte er, »deene Jroßmutta is sehr krank, heite oda morjen sterbt se.« Als Edwin erschrocken das Gesicht verzog, sagte Onkel mißbilligend: »Hör uff, sonst kannste nachher nich bei't Bejräbnis weenen, wo't doch notwendich is. Imma 'n bißken denken, Edwin, wozu hat eenen denn der liebe Jott den Jrips jejeben! Und denn, Edwin, merk dia, laß dia nie nich mit Jespensta in. Det hat deene Jroßmutta leida jetan. Deene Urjroßmutta – Lemkes selje Witwe, wie se mit ihre sämtlichen Vor- und Zunamen heeßt –, die zieht ihr nach. Det is 'n richtjet Jespunst jeworden, und wennste erst späta jrößa sind wirst, werd ick dia ma' die janzen Jeistajeschichten azehln, die wa frieha mit die Olle alebt habn!« Und dann hielt es Onkel Karl für angebracht, Edwin auf andere Gedanken zu lenken: »Heite ha' ick hia Vollmacht, da derf mia keena nich zwischenreden, und da sollste ma' sehen, wie det flutscht, wenn ick die Sache deichsele«, sagte er und rieb sich die Hände. Im Hause angelangt, gab er dem Dienstmädchen, das ihn angstvoll und erschrocken anstarrte, einige Anweisungen und setzte wohlwollend hinzu: »Sind Se nich so verdattert, wenn ick wat sare; ick beiß doch keenen! So – Edwin, und nu eßte deene Klopse, und denn kommste nach die Kolonnade, da machen wia zusammen deene Jimnasienarbeeten!« »Kann ick denn nich erst 'n bißken spielen?« fragte Edwin kleinlaut. »Nee – is nich, eß«, sagte Onkel Karl, und um zu beweisen, daß er nicht spaße, nahm er Edwins Schultasche und untersuchte den Inhalt. »Den scheen'n Fedakasten hab'n wia wahaftich nich mehr wiedajekricht«, Onkel Karl betrachtete ärgerlich die neue billige Federhülse, dann aber faßte er plötzlich nach dem blauen Extemporalheft und meinte interessiert: »Ja, wat ick saren wollte – wat is denn da neilich aus die vaflixte Jeschichte jeworden, wo du uff den Katheda jesessen hast?« Und da hatte er schon die letzte Seite aufgeschlagen, wo das riesengroße rote Fragezeichen stand und – dick unterstrichen – zu lesen war: »Völlig ungenügend!!! Lemke wird nach Maßgabe seines Verhaltens mit Arrest bestraft!« Onkel Karl betrachtete kopfschüttelnd bald die Seite, bald Edwin, dem der letzte Klops beinahe im Halse steckenblieb. »Mensch –«, sagte Onkel Karl fassungslos, »det is ja det reene Blutbad! Und da kannste hia so ruhich sitzen und essen? In die kleenen roten Tintenflaschen sind man imma bloß 'n paar Troppen drinne; wenn also eener mit det teire Zeich so zu asen bejinnt, denn ist die Sache kritisch – aba sehre!« Edwins Gesicht zog sich in die Länge, Augen und Nase begannen gleichzeitig feucht zu werden. »Ach Jott – bloß nich so«, wehrte Onkel Karl ab, »damit machste nischt bei mia! 'n Mensch, den se mit Arrest bestrafen, wascht sich uff die Weese nich mehr reene! Det kommt jleich hinter't Ferdestehlen! Zieh nich so durch die Neese, sonst vastehste doch nich, wat ick sare«, schrie er ihn an, »is ja 'n unausstehliches Jereisch, a's wenn eena Marks aus die Knochen lutscht!« »Also, jetz hörste uff damit«, sagte er streng, nachdem er ihm eine Beruhigungsfrist gewährt, »det war eben det letztemal, vastehste? Und nu will ick die Jeschichte haarkleen wissen, det ick die Sachlare richtich beurteile. Haste also abjeschrieben oda nich?« »Ick konnte doch nich, ick saß doch uff't Katheda!« sagte Edwin. »Det erstemal meene ick doch!« »Da ha' ick bloß vajlichen«, schluchzte Edwin. »Du bist een janz jeriebener Bursche«, sagte Onkel und klopfte Edwin mit dem Knöchel an die Stirn, »von wen haste denn det jeerbt?« »Der – der – Lehra hat – je–sacht, ick rede wie aus'n Rinnsteen, wie – so'n Rinnsteenklaua – und da ha' ick jesacht, meen Onkel Karrel beuffsichticht mia – –«, brachte Edwin mühsam hervor. Onkel Karl sah ihn verdutzt an. »Wie meensten det?« sagte er. »Soll det nu wat Jutet oda wat Schlechtet von mia sind?« »Ick weeß nich!« »Na, wat quatschte denn da so int Blaue rin«, sagte Onkel Karl, »bringst mia da in ne Jeschichte rin, die mia höchst unanjenehm is? Wat muß denn der Mann for'n Bejriff von mia kriejen, der denkt amende, ick berlinere ooch so wie du! Hat'r denn nich wissen wollen, wer ick bin?« »Nee!« »Denn kennt er mia villeicht schon«, sagte Onkel Karl befriedigt. »Aba – nu möcht ick ma' wissen, wat nu eejentlich wird – wenn spunnen se dia denn nu in?« »Nu kommt doch erst der Arrestzettel an, und det kost'n Jroschen, weil keene Marke druff is«, erklärte Edwin. »Also nich ma' unentjeltlich is's!« »Und dann muß der Arrestzettel noch untaschrieben mitjebracht werden – –«, sagte Edwin. »Horrrjott, und denn fährt woll die jriene Minna hia vor? Bloß jut, det Mutta nich za Hause is, die wirde vor Jram und Kumma vajehn«, sagte Onkel Karl. »Na – und Vata erst«, sagte Edwin. »Na nu – mach man nich jemeinsame Sache mit mia«, sagte Onkel Karl, »det Bedauern is janz uff meene Seite, vastehste, du hast janischt ßu bedauern! Et kommt mia vor, a's wennste schon wieda ibamütich werden willst!« »Nee, ick frei mia bloß, det Mutta nich da is!« »Dafor sterbt deene Jroßmutta!« »Villeicht wird se ooch wieda jesund«, meinte Edwin. »Ick weeß nich, wat du for ne Jemietsvaanlagung hast«, sagte Onkel Karl kopfschüttelnd, »du bist janz aus die Art jeschlaren, aba janz und jar! 'n annerer Junge wirde vor Jram und Kumma und Schmerz und Scham und Reie, und wat weeß ick, wie'n Schneemann vajehen, aba du jrienst mia vajniecht wie so'n Schneekönich an! Watte man, meen Sohn, dia werden sie die Fleetentöne schon noch beibringen, wennste keen Onkel Karrel mehr habn wirst, der dia allemal aus die Patsche helft!« XIII Besuch beim Ordinarius »Na – Meester Stefan, wat bringen Sie da Scheenet?« sagte Onkel Karl, dem Briefträger das Schreiben abnehmend. »Aha, ick seh schon, det jeht den Mußjeh Edwin an – da, haben Se, nu sind wa jlatt ...«, und Onkel Karl bezahlte das Briefporto mit der Ruhe eines Mannes, der sich durch nichts, was da auch kommen möge, aus der Fassung bringen ließ. Dann schnitt er das Kuvert auf und studierte – die Brauen hochgezogen – das Schreiben. Allmählich verfinsterte sich sein Gesicht, als er begriff, was der Zusatz auf dem Arrestzettel besagte: »Der Schüler Edwin Lemke erweist sich leider als ungeeignet für die Gymnasialbildung. Zu einer Rücksprache mit den Eltern gern bereit, am besten in den Nachmittagsstunden zwischen 5 – 6 Uhr. Dr. Barth.« »So'n Schafskopp!« sagte Onkel Karl. »Wat heeßt denn det – ›unjeeijnet‹ – man muß bloß vastehen, die Kinna wat beizubringen! Ochse der ...« Onkel Karl sah nach der Uhr, kratzte sich den Borstenkopf, und dann wurde ihm plötzlich ganz heiß bei dem Gedanken, daß er es noch schaffen und dem Lehrer einen Besuch abstatten könnte. »Minna«, sagte er aufgeregt und riß die Küchentür auf, »ick hab'n sehr wichtijen Jang vor! Kann man Sie mal ne halbe Stunde alleene lassen? Die paar Jäste um die Zeit jetz, det werden Se ja schaffen können, und det Frikassee is doch fertich – wat? Also denn jeh ick«, sagte Onkel Karl, als das Mädchen nickte, »nu zeijen Se mal, det Sie Anlage ßu ne Jastwirtin haben.« Eine halbe Stunde später stieg Onkel Karl die teppichbelegten Treppen zur Wohnung des Lehrers hinauf und wischte sich, da es unterwegs gestaubt hatte, an jeder Stufe das Oberleder der Stiefel ab. Dann, da ihm diese Säuberung nicht genügte, nahm er auf dem letzten Treppenabsatz sein Taschentuch, schnaubte sich sorgfältig und begann seine Stiefel mit dem Tuch zu bearbeiten. Er vollführte damit einen solchen Lärm, daß die Hausbewohner die Korridortüren öffneten, um zu sehen, was es da draußen gäbe. »Denn brauch ick ja janich zu bimmeln«, sagte Onkel Karl, als sich die Tür, vor der er sich reinigte, ein wenig öffnete und jemand mißtrauisch durch die Spalte lugte. »Wohnt hia der Jimnasiallehra?« Jemand machte den Versuch, die Tür möglichst rasch und leise zu schließen, aber Onkel Karl verhinderte es, indem er den Spazierstock dazwischensteckte. »Wat machen Se denn erst ßu, wenn Se doch jleich wieda uffmachen missen«, sagte er, »ick bin bestellt und werd schon awartet, also jehen Se rin und melden Se mia an!« »Wer sind Sie denn?« fragte das unsichtbare Wesen hinter der Tür. »Hab ick Sie schon jefracht, wer Sie sind, ick kenne Ihn doch ebensowenich«, sagte Onkel Karl, »ick komme wejen die unjeeijnete Jimnasialbildung – so wat lassen wia uns nich jefallen, saren Se det jefällichst drinne!« Die Tür öffnete sich, eine ältliche Frauensperson wurde sichtbar und sagte mißtrauisch: »Bitte scheen, jehen Se hia rin, der Herr Dokta wird jleich kommen!« »Wenn er etwa jrade bei't Kaffetrinken is, denn lassen Se'n man erst ruhich austrinken«, sagte Onkel Karl gutmütig, »solange wart ick jerne!« Dann trat er in die Stube und sah sich um, schüttelte den Kopf, als er die vielen Bücher in den Regalen sah, und musterte dann seine Erscheinung in dem Wandspiegel. Als er noch an der Krawatte zupfte, trat Dr. Barth ein. »Ju'n Tach!« sagte Onkel Karl mit einer höflichen, aber sehr gemessenen Verbeugung. »Hia is meene Lejitimation«, und er überreichte den Arrestzettel. »Nehmen Sie Platz – Sie sind der Vater?« fragte Dr. Barth. Onkel Karl sah den Lehrer durchdringend an: »Können Sie die jeringste, aba ooch nur die jeringste Ähnlichkeet entdecken? Nee, det können Se nich, die Lemkes haben 'n janz annern Fassongkopp! Aba ick bin der Onkel von den kleenen Edwin, und ick hab ihm ufft Jimnasium jebracht, und ick ärjere mia jetz von wejen unjeeijnete Jimnasialbildung!« Dr. Barth, der inzwischen begriffen hatte, daß seine steife Würde nicht gut angebracht sei, hielt es für das beste, Onkel Karl, der offenbar ein Spektakelmacher war, durch Milde und Freundlichkeit wieder loszuwerden. »Sie haben von den Eltern Vollmacht?« erkundigte er sich aber doch noch. »Wird ick sonst hia sitzen? Die Eltern haben den Kopp mit annere Sachen voll. Unse Jroßmutta – die olle Lemken aus Schöneberch, wenn Se die jekannt haben – liecht int Sterben, und an sonne kritischen Tare hab ick imma injejriffen – Onkel Karrel is nehmlich meen Name!« »So – so!« sagte Dr. Barth und zwang sich zur Freundlichkeit. »Ja – und nu möcht ick ma' wejen unsen Edwin mit Sie reden von wejen unjeeijnete Jimnasialbildung«, sagte Onkel Karl, »ick halte det nehmlich for ne vasteckte Beleidjung, det heeßt doch nischt anneres, als det Sie unsa Edwin nich fein jenuch is. Wia können ihn aba ooch Pumphosen machen lassen – wenn's dadruff ankommt!« »Was reden Sie denn da für Zeug«, sagte Dr. Barth mit scharfer Stimme, »verdrehen Sie doch die Sachlage nicht! Ich bin doch der, der Rücksprache mit Ihnen respektive mit den Eltern des Knaben zu nehmen wünscht – nicht wahr? Ich tue das lediglich im Interesse des Fortkommens des Kindes – –« »Also Se wollen ihn rausschmeißen, wat quetschen Se sich denn so jewählt aus – Fortkommen – wat heeßt denn det anners als Schassen ...«, sagte Onkel Karl, der vor Ärger einen roten Kopf bekam. »Aba – wa'm wollen Se'n schassen, det frare ick Ihnen als Anjehörijer und Onkel?« »Die Unterhaltung mit Ihnen ist völlig zwecklos«, sagte Dr. Barth erregt und erhob sich, »ich habe keine Lust, meine kostbare Zeit mit Ihnen zu vertrödeln!« »Ach Jott, ach Jott«, sagte Onkel Karl, »man bloß nich so haben! Uff mia lauat ooch schon allet, und ick halte doch stand! Meene Zeit is mindestens ebenso kostbar.« »Wenn Sie mich einmal ruhig sprechen lassen wollen und hören, was ich Ihnen sage, so bin ich auch jetzt noch bereit dazu«, sagte Dr. Barth gemessen. »Also – bitte ...«, sagte Onkel Karl. »Wie es mir scheint«, sagte Dr. Barth, »ist der Übergang des Knaben von der Gemeindeschule aufs Gymnasium zu rasch erfolgt. Die Vorbildung für die Sexta ist zu mangelhaft gewesen. Der Knabe beherrscht die deutsche Sprache ...« »Padong«, sagte Onkel Karl, »sie saren imma Knabe! Det is doch unsa Edwin?« Dr. Barth seufzte tief auf und sah Onkel Karl kopfschüttelnd an. »Also – Ihr Neffe – der Schüler Edwin Lemke beherrscht die deutsche Sprache leider so mangelhaft, daß es ihm unmöglich ist, im lateinischen Unterricht zu folgen!« »Aba er sprecht doch janz jut deutsch«, sagte Onkel Karl. »Man kann darüber verschiedener Auffassung sein«, meinte Dr.\ Barth. »Es hätte ja auch sein können, daß die neue Umgebung, die andern Knaben, einen günstigen Eindruck auf Ihren Neffen ausgeübt, aber – wie sich herausstellt, wirken nicht sie auf ihn, sondern er auf sie.« »Wie is det?« fragte Onkel Karl verdutzt. »Ja – zu meinem Bedauern bin ich gezwungen, Ihnen das zu sagen: Das sittliche Niveau der Klasse ist gesunken, seitdem der Schüler Lemke aufgenommen wurde.« »Na – wat machen wia denn da?« fragte Onkel Karl. »Wenn ick Ihnen richtich vastanden hab, führt sich unsa Edwin unanständich uff. Aba det hat der Bengel schon von kleenuff jetan, det is ihn nich abzujewöhnen.« »Ich würde Ihnen empfehlen, den Knaben in eine Privatschule zu geben, wo ihm eine individuelle Behandlung zuteil werden kann.« »Nee, wia sind froh, det wia'n uff'n Jimnasium haben«, sagte Onkel Karl, »aba wie wär't denn mit Privatstunde?« »Sie meinen Nachhilfeunterricht«, sagte Dr. Barth, »es könnte sein, daß sich da ein Erfolg erzielen ließe, aber ich glaube nicht recht daran.« »Na, denn ibalejen Se't sich ma', ick komme in'n nächsten Tagen wieda!« sagte Onkel Karl. XIV »Jroßmutta is tot!« Daheim fand Onkel Karl das ganze Haus in Aufregung. Frau Lemke war mit dick verweinten Augen zurückgekommen. »Jroßmuta is tot!« hatte sie schluchzend gesagt. Edwin und Lieschen hatten laut zu heulen begonnen, nur Minna, das Mädchen, behielt die Fassung. »Ick habe ihr nich jekannt«, sagte sie zur Entschuldigung. Als Onkel Karl in die Gaststube kam, saß Frau Lemke noch immer auf dem schwarzen Ledersofa und wischte sich die Augen. »Wat hat se denn zuletzt noch jesacht?« erkundigte sich Onkel Karl bedrückt. »Aba – Karrel –«, schluchzte Frau Lemke, »wat soll se denn in sonnen Momang noch saren!« »Immahin, man hätte ihr allerlei fraren können; et is jammaschade, det ick nich beijewesen bin. Und wo is Willem?« »Der is dajeblieben, Jroßvata kann doch det nich allens alleene besorjen. Denk doch ma' bloß die Looferei, die janzen Jänge nach't Standesamt und uff die Polizei.« »Denn werd ick hin«, sagte Onkel Karl, »det vasteh ick bessa. Ick werd ooch jleich mein Zylinda mitnehmen, der hat 'n paar kleene Beulen und muß uffjebiejelt werden.« »Et is mia eenfach unfaßbar, wieste jetz an sonne Kleenichkeeten denken kannst«, sagte Frau Lemke, »wennste ihr man jesehen hättest, wie se so starr und stumm dajelejen hat!« »Habt ihr se ooch die Oogen orntlich zujedrickt, denn da muß man wat zwischenklemmen, wenn se wieda hochjehen!« »Hör uff, hör uff«, jammerte Frau Lemke, »ick kann det janich mit anhören.« »Und hat sich sonst wat bemerkbar jemacht – keene Anzeichen – janischt?« erkundigte sich Onkel Karl. »Laß mia man jetz erst 'n bißken, ick kann so ville Fraren janich beantworten«, sagte Frau Lemke und hielt sich den Kopf, »det beste wär's schon, du jehst hin und hilfst'n bißken.« »Ick werd mia sofort 'n Droschkong nehmen«, sagte Onkel Karl eifrig, »det jeht schnella.« Und da Frau Lemke viel zu sehr von ihrer Traurigkeit in Anspruch genommen war, erhob sie keinen Protest. Erst als Onkel Karl, angetan mit seinem verbeulten Zylinder, in der Droschke Platz nahm, kam es ihr zum Bewußtsein, daß Onkel Karl ein bißchen großartig auftrat. »Vaschmaddere nich ßu ville Jeld bei die Jelegenheet«, warnte sie. Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Seh ma'«, sagte er und zeigte eine Zitrone vor. »Wat wisten damit?« »Det is so – bei Bejräbnisse – wenn een schwach wird, riecht man dran«, sagte Onkel Karl, und dann gab er dem Kutscher das Abfahrtszeichen, schwenkte seinen Zylinder und lehnte sich in die roten Plüschpolster zurück. Als der Wagen nachher vor dem Lemkeschen Hause in der Potsdamer Straße hielt, überzeugte sich Onkel Karl, daß die Fenstervorhänge im Sterbezimmer heruntergelassen waren. »So is recht«, lobte er diese Anordnung, und wie ihm der junge Herr Lemke dann öffnete, haschte er nach dessen Hand. »Willem – nu bin ick da, nu löse ick dia ab!« sagte er tröstend. Herr Lemke weinte wie ein kleiner Junge. »Meene arme Mutta –«, schluchzte er. »Ja – et war eene bedeitende Frau«, sagte Onkel Karl, »führe mia bei se!« Und dann steckte der alte Lemke seinen Kopf durch die Türspalte. »Wer is denn jekommen, Willem?« fragte er ängstlich. »Onkel Karrel, Vata ...« »Det is net von Sie, Se sind wahaftich ne treie Seele«, sagte der Alte und wischte sich die Augen. »Nich die Rede wert«, sagte Onkel Karl, »ick jehe sehr jerne bei Bejräbnisse, weil ick so selten in die Kirche komme. Derf man die Leiche ma' sehen?« Der Alte winkte ihm, und auf den Zehenspitzen traten alle drei ein. Wilhelm überwältigte sofort wieder der Schmerz, er wandte sich ab, auch Großvater konnte die Tränen kaum zurückhalten, aber Onkel Karl erwies sich als standhaft. »Nu weeß se, ob's 'n Himmel und ne Hölle jibt –«, sagte er feierlich und faßte die Hand der Toten. »Haben Se nich 'n bißken Siejellack da?« »Wat wollen Se'n damit?« fragte der alte Lemke verwundert. »Mia kommt et imma so vor, als wenn der Puls noch jeht«, sagte Onkel Karl, »et kann doch sind, det se bloß scheintot is, und da wollt ick ihr heeßen Siejellack uff die Beene trippen.« »Lassen Se det man«, sagte Großvater, »der Dokta hat doch schon den Schein ausjestellt!« »Det will janischt besaren, die Doktors verstehen alle nischt«, meinte Onkel Karl überlegen. »Aba, wie ihr wollt – ick hielt's bloß for meene Flicht, druff uffmerksam ßu machen. Denn kommen nu also die annern Formalitäten dran? Ick denke mia, et wird eene Leiche ersta Klasse?« »Mutta hat uff so wat janischt jejeben«, sagte Wilhelm, »wat meenste, Vata?« »Aba – et macht sich doch sehre scheen, wenn die Leichenferde sonne schwarzen Fedapuscheln uff'n Kopp haben«, warf Onkel Karl ein. »Ihr mißt schon 'n bißken wat hermachen. Denn wat wird det for ne Beteiljung werden, wenn sich det erst vabreitet, det die olle Lemken nu ooch tot is ...« Großvater schwankte noch einen Augenblick. »Ick wollte ihr in alle Stille beerdjen«, sagte er mit halberstickter Stimme, »ohne allen Klimbim, denn det konnte se uff'n Tod nich vatraren. Aba, wo se nu wirklich janischt jehabt hat in ihr janzet Leben ...« »Die Leite wirden Sie for'n ollen Knicka halten, und det derfen Se nich uff sich kommen lassen«, sagte Onkel Karl sehr entschieden, »hören Se uff mia, Jroßvata, und du ooch, Willem, nich an'n unrechten Fleck sparen!« »Denn wäre't villeicht doch det beste, Sie ibanehmen die janze Schohse.« »Ick will et jerne tun«, sagte Onkel Karl, »denn könnt ihr eich janz ruhich eiern Schmerz ibalassen, und ick ibanehme det Jeschäftliche! Ick wirde beispielsweese ooch unsan frieheren Jesangvaein – die ›Blaue Kaffeetiete‹ – wieda zusammenkriejen. Wir hatten uns dunnemals ooch 'n paar Jrabjesänge injeibt! Und denn – Jroßvata – Se werden sich doch 'n kleenet Erbbejräbnis nehmen?« »Ja, ja, ja«, sagte der alte Mann, »'n Plätzken neben ihr hätte ick jerne jehabt. Wo wia nu fuffzig Jahre lang allet miteenanda durchjemacht haben, wirde ick am liebsten ...« Großvater vermochte nicht weiterzusprechen und machte eine abwehrende Handbewegung. »Na nu – Kopp hoch«, tröstete Onkel Karl, »wenn Se sich da sonne kleene Kapelle bauen lassen, denn is det wie ne jute Stube. Da können se denn den janzen Tach bei sie sitzen. Und wie hibsch kiehl is det in'n Somma in sonne kleene Kapelle!« »Wat nehmen wia denn for'n Pastor?« fragte Wilhelm, der stumm und verweint in seinem Winkel gesessen hatte. »Aba Willem«, sagte Onkel Karl vorwurfsvoll, »wie kannsten bloß so fraren? Bei so'n Bejräbnis können wia doch nich 'n janz jewöhnlichen Pasterich nehmen! Natierlich nehmen wia den Suppandenten, wozu is denn der Mann da!« »Ach Jott, wird det een Trara werden«, sagte Großvater ganz verzagt, »wenn man erst allet jlicklich vorüba wär.« »Helf er sich – det is doch nu ma' so«, sagte Onkel Karl. »Nu werd ick ma' erst Trauakarten bestellen jehen, denn wia missen doch die Vawandten benachrichtjen.« XV Das Begräbnis »Ick hab et so jeschoben, det die Beerdjung uff'n Sonntachnachmittach stattfindet«, hatte Onkel Karl gesagt, »erstens is det feierlicha, und zweetens hätt ick die ›Blaue Kaffeetiete‹ sonst nich zusammengekricht. Det Dirijieren muß ick sowieso ibanehmen, denn der Herr Hahn is spurlos vaschwunden. Den haben se wahrscheinlich injespunnt wejen Bauschwindel. Aba ick hab mia ne Stimmjabel jekooft, da wird't schon jehen.« Und in der Zeit, da Onkel Karl gerade keine Besorgungen zu erledigen hatte, hörte man, wie er sich in seiner Stube einübte; außer einigen leichteren Chorälen probierte er auch: »Wie sie so sanft ruhen«, und am Sonnabend versammelte er den Gesangverein hinten im Garten und hielt eine Probe ab. Mit dem Erfolg war er sehr zufrieden, denn die Leute blieben draußen am Gartenzaun stehen und erkundigten sich, wer denn hier gestorben sei. Am Sonntagvormittag brachte er dann schöngeschriebene Plakate am Eingang des Bierlokals an: »Wejen Todesfall heite jeschlossen. Morjen wird wieder aufjemacht!!!« Dann – da die Familie Lemke schon nach dem Trauerhause gefahren war – gab er Minna, dem Dienstmädchen, die nötigen Instruktionen und machte sich endlich an seine Toilette. Es war auch höchste Zeit, denn kaum daß er mit dem ungewohnten Oberhemd zustande gekommen war, trafen die Mitglieder des Gesangvereins ein. Nachdem sie sich gestärkt, rückten sie unter Führung Onkel Karls in geschlossenem Zuge ab. Man hatte ihn schon mit großer Sehnsucht erwartet. »Bloß jut, dette da bist«, begrüßte ihn Frau Lemke in höchster Aufregung, »du hast ja keenen Menschen Bescheed jesacht – wo bleibt denn der Leichenwaren und die Kutschen?« »Is der noch nich da? – Und ick hatte doch anjeordnet, det er mindestens ne halbe Stunde frieha vor't Haus halten soll«, sagte Onkel Karl. »Nu laß mia ma' machen und rede mia nich mang! Ibrijens, wat schimfste denn – da fahren se ja jrade vor. Wenn ick wat ibanehme, denn mach ick's prompt und sauba, det sollste nu nachjrade schon wissen!« Und dann ging er in die gute Stube, um die Trauerversammlung zu begrüßen. Sein Benehmen war ein derartiges, daß sich alle verpflichtet fühlten, ihm besonders herzlich zu kondolieren. »Et is een unasetzlicha Valust«, sagte Onkel Karl zu jedem, der ihm die Hand drückte, »aba man derf nich den Kopp valieren!« »Wat haste dia denn so – et is doch janich deene Jroßmutta –«, sagte Tante Marie mißbilligend. Auch die Lemkes aus Wilmersdorf und Tempelhof sahen mit wachsendem Mißtrauen Onkel Karls Gebaren an – unzweifelhaft hielten sie ihn für einen raffinierten Erbschleicher. Er aber hatte jetzt gar keine Zeit mehr, sich um die Gesinnung der Anwesenden zu kümmern, sondern winkte dem Verein »Blaue Kaffeetiete«, dessen Mitglieder sich in dem engen Korridor drängelten und lange Hälse machten. Aber da bahnte sich in ihrer alten energischen Weise Frau Anna Lemke einen Weg, faßte Onkel Karl, der gerade die Stimmgabel an dem Sarge anschlagen wollte, beim Ärmel und sagte drohend: »Karrel, Karrel – biste denn varickt! Det is doch keene Jeburtstagsfeier nich, det ihr eich hia produzieren werd't – uff die Stelle scherste dia raus mit deene Bande, und denn marschierste ab!« Und bei dieser energischen Sprache, die Onkel Karl und alle Mitglieder des Gesangvereins noch aus der Zeit der »unterirdischen Tante« kannten, war an keinen Widerspruch zu denken. Onkel Karl wich kleinlaut zurück und trieb wie ein Keil seine Leute in den Korridor hinein. »Denn det kenne ick schon«, sagte Frau Lemke, gleichsam als Entschuldigung ihres heftigen Wesens, »den Rummel kenne ick schon. Wenn die erst ma' anjefangen, hätten se den janzen Liedakranz durchjesungen – und et wird doch nu nachjerade Zeit, det die Leiche unta die Erde kommt!« Alle gaben ihr recht, und als dann die Träger erschienen und den Sarg auf den Wagen schafften, ließ man Frau Lemke unwillkürlich den Vortritt. Vor dem Hause war es schwarz von Menschen, und wenn Onkel Karl nicht auf die gute Idee gekommen wäre, mit dem Gesangverein Spalier zu bilden, hätten die Träger kaum den Wagen erreichen können. Beim Anblick des alten Herrn Lemke – der vor Trauer und Schmerz ganz hinfällig war und von seinem Sohn geführt werden mußte – zogen die Leute respektvoll den Hut. Da Großvater dies aber gar nicht beachtete, hielt es Onkel Karl für seine Pflicht, die Grüße durch Zylinderschwenken zu erwidern. Und dann setzte sich der Leichenwagen in Bewegung, die Mitglieder des Gesangvereins ordneten sich zu zwei und zwei, damit der Zug etwas länger erschien, die Kutschen fuhren vor und schlossen sich an – langsam ging's die Hauptstraße hinunter, den Berg hinauf zum alten Schöneberger Kirchhof. Vor dem Portal hatten sich all die vielen Bekannten versammelt, die die Verstorbene von ihrer Glanzzeit her noch in Erinnerung hatten, von jenen schönen Tagen, da sie, rüstig und rotbackig, in dem großen Weißbiergarten gewirtschaftet hatte. Und so mancher schloß sich dem Zuge an, wenn es auch ganz aussichtslos war, daß er noch in der kleinen Leichenhalle Platz finden werde. Dort, in der Mitte vor dem Altar, stand der mit Blumen und Kränzen überschüttete Sarg. Aller Blicke waren darauf gerichtet – bis dann der Geistliche erschien und seine ernste, feierliche Stimme durch den Raum klang. Onkel Karl hatte sich hinausgeschlichen und entschuldigte sich bei den vor der Halle wartenden Leichenträgern damit, daß es ihm sonst »schlecht« geworden wäre. »Ick kann nich«, sagte er gepreßt, »ick krieje bei sonne feierlichen Mommangs imma so'n Knoten in'n Hals, det ick noch mal asticken werde. Ick werde lieberst jehen und sehen, wo ick mit meen'n Vaein nachher Uffstellung nehme; wenn man det Terräng nich jenau kennt, kann man leicht 'n Fehla machen.« Und dann verschwand er zwischen den grünen Büschen und weißen Marmorkreuzen. In dem Augenblick, da sich die Tür der Halle öffnete und der Sarg hinausgetragen wurde, tauchte Onkel Karl wieder auf und winkte seinen Vereinsbrüdern. »Kommt, ick führ eich, wir jehen hier den Nebenjang lang, denn sind wia eha da a's die annern. Ick hab inzwischen ausjeprobt, wo die beste Akkustike is – da stellen wia uns uff, und denn los – denn singen wia – und hören nich uff, als bis wia fertich sind!« Und da Onkel seine ganze Energie zur Durchführung dieses Vorhabens einsetzte, gelang es dem Verein »Blaue Kaffeetiete«, sich doch noch Gehör zu verschaffen. Als der Sarg an den weißen Bändern in die Erde gelassen wurde und sich die tiefe Ergriffenheit der Versammlung durch Räuspern, Schluchzen und Schnauben bemerkbar machte, hörte man plötzlich das Kommando: »Eens – zwee – drei – los!« Gleich darauf klang es feierlich und getragen über den Kirchhof hin: »Wenn ich einmal soll schei–den ...« Und während dieses Vortrages kamen alle Anwesenden zu der Überzeugung, daß Onkel Karl seine Sache sehr gut machte. »Et hört sich wirklich an wie in ne Kirche«, sagte Onkel August, der Fischhändler, der mit seiner Frau, der Tante Liese, etwas in den Hintergrund geraten war. »Wirklich – sehr scheen, ick hatte erst sonne Wut uff Karrel, weil er sich bei alle Jelejenheeten imma in'n Vordajrund drängelt, aba nu wird mia janz feialich!« »Mia ooch –«, schluchzte Tante Liese, »bei meen Bejräbnis laßt ihn man freie Hand – da – soll – der Vaein – ooch kommen!« Nun verklang auch – ein wenig zu lang gezogen – der letzte Vers des Chorals. Onkel Karl machte eine Art Verbeugung, wischte sich mit dem roten Taschentuch den Schweiß von der Stirn und begann – damit sie nicht roste – sofort die Stimmgabel zu polieren. Inzwischen war der Geistliche auf die Bretter gestiegen, die die Grube umgaben. »Von Erde bist du – und sollst wieder zu Erde werden –«, klang es durch die Sommerluft in das Rauschen der Bäume, in das Zwitschern der Vögel hinein. Und das unabwendbare Gesetz, das die alten Worte verkündeten, machte stumm und resigniert. Aber als dann Großvaters Gestalt auftauchte und man sah, wie er schmerzüberwältigt die drei Hände Sand in die Grube streute, hörte man jähes Aufschluchzen und lautes Weinen. XVI Edwin kriegt Nachhilfestunden In den nächsten Tagen hatte man dann versucht, so rasch wie möglich ins gewohnte Geleise zu kommen. Und die Arbeit, die alle erwartete, zwang die Traurigkeit nieder. »Bloß Jroßvata jefällt mia janich«, sagte Herr Wilhelm Lemke, »der sitzt, so ofte man bei ihn rauskommt – ejal in seenen Winkel und sprecht mit sich selba!« »Ja, da muß ooch wat jeschehen«, sagte Frau Lemke. »Det kann man ja begreifen, nu hat er keenen Menschen mehr, mit den er reden kann!« »Ick werd bei ihn rausjehen und ihn uffheitern –«, schlug Onkel Karl vor, aber dieser Vorschlag wurde abgelehnt. »Mit dia ha' ick sowieso ßu sprechen«, sagte Frau Lemke drohend, »du hast mia ja wieda nette Jeschichten jemacht und mia wat Scheenet injebrockt.« »Woso?« sagte Onkel Karl und riß die Augen auf. »Ja – kiek man so! Man braucht hia bloß mal den Ricken ßu drehen, denn brockst du eenen ooch wat in! Wer hat dia denn jeheeßen, bei Edwins Lehra ßu jehen und da jroße Reden ßu reden? Dunnemals, woste in die Jemeendeschule jeloofen bist, ha' ick nachher for dia und deene Niedaträchtichkeeten Abbitte leisten missen, und nu rennste wieda bei den Dokta Barth und spielst dia da als Bevollmächtichta uff! Wer hat dia denn die Vollmacht jejeben?« »Die hatt ick!« sagte Onkel Karl voll Überzeugung. »Ihr wart alle wech, und die janze Last ruhte uff meene beeden Schultern! Ick möchte ibrijens jerne wissen, wer dia det jestochen hat?« »Den Edwin«, sagte Frau Lemke und wandte sich zu ihrem Mann, »den Edwin werden se aus't Jimnasium schmeeßen. Der hat Arrest jekricht, und den hat er nich abjesessen, und denn hat er ohne Entschuldjung drei Tare jefehlt, und denn is Karrel dajewesen und hat Radau jeschlaren – –« »Det war schon vorher«, unterbrach Onkel Karl, »und ick hatte mia doch schon vollständich mit den Herrn Lehra jeeinicht, det Edwin Nachhilfestunden kriejen sollte!« »Mia laßt jefällichst ßufrieden,« sagte Herr Lemke, »mia jeht det nischt an, und ick will ooch nischt von wissen. Ick bin von Anfang an jejen die hohe Schule jewesen! Wat broocht Edwin Jriechisch und Lateinisch ßu lernen, wenn er mal det Jeschäft ibanehmen soll – hat er ja janich netich!« »Reljon is natierlich die Hauptsache«, sagte Onkel Karl, »aba fremde Sprachen sind ooch wat wert. Wenn ick beispielsweese Jriechisch jelernt hätte, denn wirde ick ...« »Ja – ja – du wirdest –«, sagte Frau Lemke, »wat wirdest du ibahaupt nich, wenn man dia so losließe – bloß vanünftich wirste nich!« »Nee?« fragte Onkel Karl – aber dieser Vorwurf schien ihn an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen zu haben, denn sein Gesicht färbte sich und wurde kirschrot. »Willem«, sagte er, »is det deene Ansicht ooch, det ick so langsam vadussele?« »Jescheiter wirste jrade nich«, sagte Herr Lemke, »macht det aba man mit eich selba ab und laßt mia jefällichst ßufrieden!« Damit steckte er die Hände in die Hosentaschen und ging in den Garten. Auch Frau Lemke wollte gehen. »Man hat so ville ßu tun, det man nich weeß, wat man zuerst machen soll – und da muß ick nu allet stehen- und liejenlassen und ßu den Lehra loofen –«, sagte sie wütend. »Et war ja det letztemal«, sagte Onkel Karl, »von heite ab sollste dia nich mehr ßu beklaren haben – det schwöre ick dia!« »Ach –«, machte Frau Lemke mit einer verächtlichen Handbewegung, »deene Schwüre, die kannste dia sauakochen lassen!« »So – also ick schwöre«, sagte Onkel Karl und salutierte wie ein Soldat mit der Hand. »Een Mann, der wie ick so lange uff See jewesen is, der aus'n Mastkorb jeschleidert wurde und sich durch Schwimmen jerettet hat – so'n Mann jeht nich so leichte unta!« »Also erstens –«, sagte Frau Lemke, »kannste ibahaupt nich schwimmen, zweetens biste höchstens uff'n Wilmasdorfa See jewesen und drittens biste aus'n Waschkorb, aba nich aus'n Mastkorb jefallen – so, mia komm nich mit deene Abenteia!« »Na – nu haste dia ja Luft jemacht«, sagte Onkel Karl, »die Foljen wirste ja sehen!« »Ick wird den lieben Jott uff die Knie danken, wenn endlich mal wat Indruck uff dia machte –«, sagte Frau Lemke, »und nu halt mir jefällichst nich mehr uff mit deene Quasseleien!« Onkel Karl sah sie einen Augenblick starr an, dann wandte er sich stumm ab und ging aus der Gaststube. Als ihm Frau Lemke nachblickte und seinen eingezogenen Kopf und die schlaff herunterhängenden Arme bemerkte, tat er ihr plötzlich leid. »Et is ihn villeicht doch ne Lehre«, sagte sie sich, »so konnte't ja nich mehr weitajehen mit den Mann! Det Leben is so schwer und traurig, und er hat den Kopp bloß imma voll Faxen – is doch keen kleena Junge mehr wie frieha!« Und dann ging Frau Lemke in die Schlafstube und zog sich ihr gutes Schwarzes an – es war auch die höchste Zeit, wenn sie noch rechtzeitig zur Sprechstunde des Herrn Dr. Barth kommen wollte. * Als sie dann heimkehrte, sagte sie zu ihrem Manne: »Na – Jott sei Dank, det hab ick ooch jlicklich ibastanden – leicht is mia't jrade nich jeworden. Also der Bengel muß Nachhilfestunden kriejen, der Lehra hat mia da eenen jungen Kandidaten empfohlen, der det besorjen wird – ick werd nachher jleich an ihn schreiben. Und von wejen den Arrest, den muß Edwin natierlich absitzen, da helft ihn keen Jott und keen Deibel nich! Aba dia jeht det allet nischt an«, sagte sie erregt, »dia is det piepe, wah? Du sitzt da in deene Ecke und siehst dia die Weltgeschichte an, wat?« »Ach so –«, sagte Herr Lemke, »nu fangste woll mit mia an?« »Mit wen ha' ick denn schon anjefangt?« Herr Lemke zog die Achseln hoch. »Wa'm sprechste denn so laut – is doch janich netich nich! Ick möchte ja bloß wissen, watte noch mit Onkel Karrel vorjehabt hast?« »Den is's woll an die Nieren jejangen?« fragte Frau Lemke höhnisch. »Et scheint so –«, sagte Herr Lemke, und da ihn seine Frau so ansah, als erwarte sie nähere Aufklärung, setzte er hinzu: »A's du vorhin wechjingst, mußte ick mia doch um allet kimmern, die Minna is ja zu dehmlich! Und a's ick denn nachher an'n Schenktisch kam, lach det hia mitten druff!« Herr Lemke faßte in die Hosentasche und holte einen Schlüssel und ein Stück Papier vor. »Det is Karrels Stubenschlissel, und uff det Papier stehen lauta Anfänge von Lieda –.« Herr Lemke suchte die Bleistiftkrakelei zu lesen: »Hinaus in die Ferne, Heite muß ich fort von hier, Wandern, ach wandern, Wen Gott will rechte Gunst erweisen ...« »Det wird seen Liedavazeichnis sind«, sagte Frau Lemke. »Det dachte ick ooch erst, aba als ick denn bei ihn jing und die Stube uffschloß, sah ick, det er alle seene Sachen zusammenjepackt und vaschwunden wa. Nu is mia ooch so, a's wenn vorhin ne Droschke vor det Lokal jehalten hat, aba ick hab nich weita druff jeachtet, wahscheinlich hat er seene Sachen mit fortjeschafft!« »Der kommt wieda«, sagte Frau Lemke zuversichtlich, »det wäre ja nich det erstemal, det er wechjeht, det kennen wia ja nu schon von frieha her!« »Ick jloobe, du teischt dia diesmal«, meinte Herr Lemke, »du mußt ihn wat jesacht haben, wat ihn durch Mark und Fennich jejangen is!« »Na – sind wia froh, det wia'n los sind«, suchte Frau Lemke sich über die aufsteigende Reue hinwegzusetzen. »Ewich konnte't doch nich mit ihn jehen!« »Det sare nich – er hat doch janz scheen jeholfen«; sagte Herr Lemke, »mia tut's leid, denn nu vakommt er. Wenn ihn nich eena an'n Wickel hat und ihn mal zoddelt, denn valiert er die Balanze!« »Ick jloobe ja noch janich, det er ibahaupt wech is«, sagte Frau Lemke, »ick werd jetz erst ma' in seene Kamurke nachsehen jehen!« Als sie dann aber in Onkel Karls Stube nachforschte, konnte sie sich ebenfalls der Überzeugung nicht verschließen, daß er fortgezogen war ... XVII Der Hauslehrer Am nächsten Tag – gerade um die Kaffeezeit – tauchte in Wilhelm Lemkes Gartenlokal ein junger Mann mit einem schwarzen Bratenrock und goldener Brille auf. Er schien etwas schüchterner Natur zu sein – blieb am Eingang stehen – nahm die Brille ab, hauchte darauf und putzte sie dann mit einem Taschentuch, das er nachher sorgfältig wieder in kleine Quadrate faltete. »Wat is denn det for'n Sticke Unjlick«, fragte Frau Lemke, »der macht ja so'n sparsamen Indruck!« »Det wird der Nachhilfestundenlehra sind –«, sagte Herr Lemke. »Du hast recht, Willem – er steuert ufft Haus zu, laß'n man, wollen ma' sehen, ob er uns find't!« Aber der junge Mann bemerkte das Ehepaar nicht, das am Kaffeetisch hinter dem Fliederstrauch saß – ging ins Haus hinein und kam nicht wieder zum Vorschein. »Da muß man doch mal jehen und nachsehen«, sagte Herr Lemke beunruhigt, »er kann sich ja wo injeklemmt haben!« Gerade als sich Herr Lemke aber erhob, tauchte Minnas kräftige Gestalt im Türrahmen auf und zeigte mit einer halbgeputzten Bratpfanne auf Frau Lemke: »Na da sitzt se doch und der Herr is ooch bei – –«, sagte sie verdrießlich. »Ich danke sehr, mein Fräulein«, sagte der junge Mann, zwängte sich an Minna vorbei und näherte sich entschlossen dem Ehepaar, wobei er den Hut abnahm, grüßte, den Hut aufsetzte und dann wieder abnahm. »Ju'n Tach – ju'n Tach –«, sagte Frau Lemke wohlwollend. »Ich habe wohl die Ehre mit Herrn und Frau Restaurateur Lemke? Ich komme mit einer Empfehlung von Herrn Doktor Barth und auf dieses Schreiben hier – das mir gestern zuging. Mein Name ist Anton Fiedler, cand. phil. « »Ach so –«, sagte Herr Lemke, »na, denn sprechen Se man mit meene Jattin, die kennt die Schohse bessa.« Und man merkte es Herrn Lemke an, daß es ihm sehr lieb war, verschwinden zu können. »Bitte, setzen Se sich doch, Herr Kandedat – oda wie sacht man zu Sie, ick kann det nich so kleen aussprechen, wie det hia uff die Fisitenkarte steht –«, sagte Frau Lemke und zeigte auf das »cand. phil. « »Kandidat der Philologie«, sagte der Herr. »Nee, det is mia zu lang – Herr Anton Fiedler«, meinte Frau Lemke kopfschüttelnd, »aba nu wollen wia uns nich so lange bei die Anfangsjrinde uffhalten, Se kommen wejen unsen Edwin?« »Herr Doktor Barth sagte mir, Sie würden mich damit betrauen, Ihrem Sohn Sprachunterricht zu erteilen –«, sagte Herr Fiedler. »Also – uff deitsch – Se kommen wejen Edwin. Wenn Sie det so vaquaast saren, wird det nachher een eenzjet jroßet Mißvaständnis«, bemerkte Frau Lemke warnend, »wia sind doch unta uns und brauchen keen Blatt for'n Mund zu nehmen!« Herr Fiedler blickte etwas ratlos umher und schien es zu bereuen, diesen Besuch gemacht zu haben. »Und wat soll det nu kosten?« fragte Frau Lemke. »Se scheinen 'n bißken schichtern zu sind, Herr Anton Fiedler, schenieren Se sich nich, reden Se dreiste wech von die Lunge und die Leba.« Herr Fiedler war blutrot geworden, nun entfaltete er sein Taschentuch und fuhr sich über die feuchte Stirn: »Ich würde die Honorarbestimmung der gnädigen Frau überlassen«, sagte er gepreßt. »Warten Se ma', ick muß mia det erst imma klarmachen«, sagte Frau Lemke, »man merkt et ja jleich in die ersten fimf Minuten, det Sie Sprachlehra sind. Et hört sich allens wie jedruckt an. Wia haben een Vawandten, der unse Tante Marie jeheiratet hat – den Herrn Krause – kennen Se woll aba nich?« »Nein«, sagte Herr Fiedler. »Mit den mißten Se sich mal untahalten, der sprecht ooch sehr jebildet. Er hat mia mal ne Zeitlang allerlei beijebracht, aba ick hab et wieda vajessen. Da muß man in die Ibung bleiben, sonst is det nischt!« Herr Fiedler machte eine zustimmende Verbeugung. »Und dann hatten wia mal eenen Klavierlehra, der sprach woll noch feiner wie Sie. Der hatte janz merkwirdje Ausdricke. Wenn der Kirschkompott saren wollte, sagte er imma Kirschkompoh, und statts Beene sagte er imma Pedale – ibahaupt, det war een janz sonderbara Mensch – Hahn hieß er – haben ihn woll ooch nich jekannt?« »Nein«, sagte Herr Fiedler. »Se haben woll ibahaupt wenich Umjang mit Menschen jehabt?« erkundigte sich Frau Lemke teilnahmsvoll. Der junge Mann sah sie verwirrt an und rückte unruhig auf seinem Stuhl. »Ick meene bloß – weil Se so'n jekniggten Indruck machen – jekniggt mit'n weichen G, weil et von Knigge kommt, aba det vastehen Se woll nich – ick ooch nich –, Herr Krause macht manchmal sonne faulen Witze –«, tröstete Frau Lemke. Mit einem mütterlich-wohlwollenden Blick die schmächtige Gestalt des jungen Mannes umfassend, setzte sie dann hinzu: »Der Herr Hahn hatte imma mächtjen Hunga – derf ick Se villeicht ooch ne scheene Schinkenstulle vorsetzen – können ooch Schweinebraten kriejen!« »Ich danke sehr«, sagte Herr Fiedler. »Na, dann trinken Se wenichstens ne Tasse Kaffee – Hunga werden Se nachher schon kriejen.« »Wenn Sie gestatten, sehr gern. Ich hätte nur vorher gern gewußt, welches die Bedingungen sind, unter denen ich mit dem Unterricht betraut würde! Ich erlaube mir, darauf aufmerksam zu machen, daß das Stundengeben meine Einnahmequelle ausmacht ...« Frau Lemke legte ihm die Hand auf die Schulter: »For umsonst sollen Se't ooch nich machen, Herr Fiedler, und die Schinkenstulle und die Tasse Kaffee sollen keene Bezahlung nich sind. Stellen Se man Ihre Bedingungen, fordern Se jetrost, wat Se zu fordern haben, und denn seien Se vasichert, denn leje ick noch wat druff!« »Gnäd'ge Frau sind sehr gütig ...« »Und denn saren Se nich mehr jnädje Frau – det paßt nich recht – for jütig können Se mia halten, det bin ick, da will ick nischt jejen saren ...« Herr Anton Fiedler verbeugte sich und sah Frau Lemke dankbar an. »Se werden sich bei uns schon wohlfiehlen, passen Se mal uff, in'n halben Jahr können Se den Rock vorne nich mehr zuknöppen, so ville Fett haben Se anjesetzt!« »Das wäre nicht gut«, versuchte Herr Fiedler einen etwas freieren und scherzhaften Ton anzuschlagen, »da müßte ich mir einen neuen machen lassen ...« »Und det wirde nich schaden. Der Kraren is schon 'n bißken speckich – hinten – wo die Haare druffstoßen«, sagte Frau Lemke. Der junge Mann wurde sofort wieder bedrückt und sah unruhig umher. »Könnte ich jetzt vielleicht die Bekanntschaft meines Schülers machen?« fragte er. »Det können Se! – Edwin – Eed–wien –!« rief Frau Lemke in den Garten. »Der Bengel hat sich vastochen – na, denn werd ick ihn mal suchen jehen!« XVIII Frau Lemkes Zukunftspläne »Det is 'n feina, jebild'ta Mensch«, hatte Frau Lemke nachher zu ihrem Mann gesagt, »bloß det er Anton heeßt, paßt nich recht zu seene Ascheinung.« »Du brauchste'n ja nich bein Vornamen zu nennen«, sagte Herr Lemke. »Jott – Willem – ick weeß nich, watte hast und worum du so vadrießlich bist.« »Wat ick da wieda drunta zu leiden haben werde –«, sagte Herr Lemke, »det wird jenau dieselbe Schohse wie mit den Hahn oder wie dunnemals, woste mit die Theatajeherei anfingst!« »Aba – Willem – woso denn?« sagte Frau Lemke vorwurfsvoll. »Na – weeßte nich mehr? Da hatte ick dia plötzlich zu weite Hosen an, und denn paßte dia meen Kopp nich mehr – ibahaupt, ick konnte froh sind, det ick noch Piep saren durfte!« »Da tuste mia aba wirklich unrecht«, sagte Frau Lemke, »seh mal, Willem, wenn man so'n Menschen angaschiert, denn sollen doch alle wat von haben – wahr? Wozu schmeeßt man denn det teire Jeld raus? Und et is wirklich wat Scheenet um ne scheene Aussprache!« »Ick jloobe man bloß, Anna, wia beede werden det nie und nimmamehr lernen«, sagte Herr Lemke mit einer Gebärde völliger Hoffnungslosigkeit. »Det sare nich, Willem«, tröstete ihn seine Gattin, »denk ma' bloß, wie wia uns schon vafeinat haben! Und denn – seh ma' – wenn ick's man lerne, bei dia kommt's nich so druff an!« »Wa'm kommt's denn bei mia nich so druff an?« fragte Herr Lemke mißtrauisch. »Ick könnte ja een armet, aba sehr jebildetet Meechen jewesen sind, det du jeheirat't hast«, sagte Frau Lemke verschämt. »Und wat haste von?« »Weil et sich bessa macht, Willem – späta – wenn wenichstens eena von uns beeden aus na sojenannten juten Familje stammt!« »Ick stamme aus na juten Familje«, sagte Herr Lemke, »ick hab nischt zu vaheimlichen!« »Ick ooch nich«, sagte Frau Lemke, über den Ton pikiert, »jewiß doch, du kannst immahin uff deene Urjroßmutta, uff Lemkens selje Witwe, stolz sind, aba et wär doch nu sehr scheen, wenn ick die Tochta von eenen Jeheimrat oda so wat wäre.« »Jloobt dia ja keena«, sagte Herr Lemke. »Det sare nich, Willem, du weeßt nich, wie ick mia benehmjen kann. Denn koof ick mia bloß 'n juten Ton in alle Lebenslagen, und denn sollste ma' sehen, wie ick ufftrete – wie ne Jräfin!« »Denn wirde ick mia doch lieba wat Feineret ausdenken«, sagte Herr Lemke, »mit Findelkind und so, wie in so'n richtjen Roman.« »Findelkind is unanständich«, lehnte Frau Lemke ab, »sonne Zicken mach ick nich. Laß mia man janz alleene, du wirst noch stolz uff mia sind, Willem.« »Ick möchte bloß wissen, woso und warum«, sagte Herr Lemke. »Weil wia doch nich ewich hia uff denselbjen Fleck sitzen werden, bis wia ooch uff'n Kirchhof kommen«, sagte Frau Lemke, »du jloobst nich, Willem, wie ick's plötzlich mit die Angst zu tun jekricht hab, als ick Jroßmuttan so steif und kalt daliejen sah. Wozu rackert man sich denn da so ab, wenn't nachher doch so kommt? Jewiß doch, sterben missen wia ja leida Jottes alle mal, aba man kann doch vorher noch wat jehabt haben. Denn wer weeß, wie det nachher in'n Himmel is und ob wia uns da ibahaupt wohl fiehlen!« »Villeicht schmeißen se uns ooch jleich in die Hölle –«, sagte Herr Lemke. »Da'm heeßt et mitnehmen, wat noch mitzunehmen is«, sagte Frau Lemke, »det wia von unse Ainnerungen nachher zehren können! Die Welt is so jroß und scheen, und wat kennen wia davon? Den Jrunewald! Der reicht aba nich for die Ewichkeet aus. Aba wenn man in die Schweiz jewesen is oda in Italjen, denn kann man doch mitsprechen und ooch wat azehlen!« »Wenn't bloß nich so ville Jeld kosten wirde«, meinte Herr Lemke nachdenklich. »Aba, Willem«, sagte Frau Lemke, »du kannst doch die Jeldkisten nich nachher mit in'n Himmel nehmen! Ne Vaschwenderin bin ick nie jewesen und werd ick ooch, Jott sei Dank, nie nich werden. For Edwin und Lieschen is jesorcht, da hab keene Bange nich. Haste ma' mit Jroßvatan jesprochen, weeßte eejentlich, wat da is? Ick weeß't, ick hab mia drum jekimmert. Wenn da noch zukommt, wat wia uff die hohe Kante haben und wat wia jetz for det Lokal und det Jrundstick rauskriejen, denn kann Edwin sich heite schon hinsetzen und saren, er is Rentjeh!« »Et hat ja jeheckt«, stimmte Herr Lemke zu. »Natierlich – wo wat is, kommt wat zu, aba nu missen wia ooch in die vaenderten Vahältnisse wat for unse Bildung tun!« »Na – denn bilde dia man mit Herrn Anton Fiedler«, meinte Herr Lemke mit einem gutmütigen Lachen, »aba mia laßt jefällichst aus't Spiel. Ick kann mia mit den besten Willen nich mehr umkrempeln.« »Ha' ick dia doch jleich jesacht, Willem, aba ick will mia presentieren, mia sollen die Leite for wat Besseret halten!« »In eire Familje is eben unruhjet Blut, det is wie Bärme«, sagte Herr Lemke, »ihr möjt noch so solide vaanlacht sind, 'n bißcken hat doch jeda von eich abjekricht. Selbst Tante Marie – wat mußte die den ollen Knacka, den jeizjen Krause, heiraten, bloß weil se dachte, se kricht noch uff ihre ollen Tage durch den Kerl 'n Ansehen. Und denn Tante Liese mit ihre Zimpabeene! Det jepumpte Klavier hat se uns noch imma nich zurückjejeben, spielen hat se ooch nich jelernt, steht det Ding also bloß zun Staat da, det man denken soll, se sind wat Feinet!« »Na, wennste nu schon bei bist, unse Familje schlechtzumachen, denn derfste vor allen Dingen Onkel Karreln nich vajessen«, sagte Frau Lemke. »Na ja, der hat ja die Bärme jleich mit Löffel jefressen und is ibahaupt aus'n Leim jejangen!« »Wat er jetz woll so macht –?« fragte Frau Lemke, »'n zu komischet Jestecke, diesa janze Karrel! Uff eenmal is er wech, als sei er nie dajewesen! Det is ja sicha, det er uns mit det Wechjeloofe nua 'n Tort antun wollte, der jloobt ja, wia kommen nich ohne ihn aus ...« »Nee – so is er nich, denn hätt er uns seene Adresse hintalassen, damit, wenn wia'n rufen wollen –«, meinte Herr Lemke. Minna, das Dienstmädchen, erschien mit irgendeinem Anliegen, und Frau Lemke sagte: »Ja, ja, ick komme, komme schon – jeh man wieda hinta und laß dia hia nich vor die Jäste in den Uffzuch sehen!« Minna trat verstört den Rückzug an, und Frau Lemke sah ihr kopfschüttelnd nach: »Die sollten wia uns ausstoppen lassen, so'n Exemplar is mia ja noch nich vorjekommen! Wenn man nich immafort bei steht und ihr 'n Puff int Kreiz jibt, macht se allens, aba ooch allens vakehrt. Und nu, wo der Herr Anton Fiedler se neilich Freilein jenannt hat, is se janz hin. Da hat se keene Ruhe in die Kiche, da muß se immafort kieken kommen, ob er etwan da is!« »Det is ja unjlaublich, wat der Mann for Vaheerungen in eire Jemieta anricht't –«, sagte Herr Lemke, »aba nu wollen wia man wieda 'n bißken wat machen, sonst wird's nachher zu ville!« XIX »Klietschijer Kuchen« Am anderen Morgen sagte Frau Lemke: »Weeßte, Willem, ick hab heit nacht schlecht jetreimt. Von'n jroßen Hund, der beenah so aussah wie Onkel Karrelns Nulpe!« »Wat is denn da Schlechtet bei –«, sagte Herr Lemke, »det war doch 'n sehr treiet Tia!« »Ja, aba die Teele, die ick da in'n Traum jesehen hab, hat immafort Kuchen jefressen, so'n klietschijet Zeich, weeßte, det een'n imma oben an'n Jaumen hackenbleebt!« »Wenn eena aba Kuchen freßt, det is doch immahin een Zeichen, det's ihn jut jeht.« »Kuchen is schlecht«, sagte Frau Lemke und schüttelte sich voll Unbehagen, »Kuchen – det weeß ick von Tante Marien – is Krankheet oder Ärja!« »Na, da wollen wia uns man recht vorsehn, det wia uns nich akälten oda det Kabbeln kriejen – und denn wollen wia ooch uff die Kinda jut uffpassen, det da nischt passiert!« »Et broocht ja nich jrade bei uns sind«, meinte Frau Lemke, »kann ja ooch die Vawandtschaft anjehen.« »Am Ende is wat mit Onkel Aujust los?« »Ach – der!« sagte Frau Lemke. »Der platzt ja beenah vor Jesundheet! Nee, aba – Willem – nu krieje keen'n Schreck, ick firchte, mit Jroßvatan wird wat los sind!« Herr Lemke bekam aber doch einen Schreck: »Mit Jroßvatan«, wiederholte er, »wa'm denn jrade mit Jroßvatan?« »Wia wissen doch janich, wie't ihm jeht, seit acht Tagen haben wia uns nich um ihn kimmern können! Wia hatten ja ooch mit unse Sachen alle Hände voll zu tun –«, sagte Frau Lemke. »Da war det Bejräbnis, denn die Zucht mit Onkel Karrel, denn mit Edwin, und denn kam der Herr Fiedler ...« »Also – wat is da zu tun –«, sagte Herr Lemke ratlos. »Nu sei nich jleich so konfuse, Willem«, sagte seine Frau, »et kann ja allet in scheenste Ordnung sind, ick meene bloß, wia missen uns wieda mal 'n bißken um Jroßvatan kimmern. Wia können den ollen Mann da nich so eensam in seene Triebsal sitzenlassen! Der jrault sich ja in die Wohnung!« »Denn werd ick ma' hin« sagte Herr Lemke entschlossen. »Am besten jleich, Willem, zieh dia die Stiebeln an, und jeh los! Denn macht man sich wenichstens keene Unruhe mehr und hat Jewißheet!« »Haste recht – ick vaseime ja ooch hia frieh nischt!« * Es wurde Mittag – und Herr Lemke war nicht wieder zurück. Die Kaffeezeit kam, aber Herr Lemke nicht. »Jott und Vata, wat mach denn da passiert sind«, jammerte Frau Lemke, »da is wat los, da is wat los – und der Mann bleibt vaschwunden! Aba det hat er von jeher so jemacht! Wenn der Stiebeln anhat, denn is er wie ausjewechselt, a's wenn 'n beesa Jeist iba ihn kommt! Denn vagißt er Frau und Kinda und 't Lokal! Denn is ihn uff eenmal allens piepe – aba ooch allens!« Und Minna, das Dienstmädchen, das diese Klagen stumm mit anhörte, schüttelte ab und zu wehleidig den Kopf und dachte: »Wenn se bloß hia aus die Kiche jehen wollte, se macht een'n ja janz nervös! Und wenn ick dann wat hinschmeeße, krieje ick's, denn jeht die janze Wut uff mia!« »Det is meen Traum, der klietschije Kuchen – wa'm ha' ick mia ooch nich warnen lassen! Wenn't wat Jutet is, denn jeht's ja nie in Afüllung, aba det Schlechte, det trefft imma in.« »Ick hab ooch so wat Komischet jetreimt«, sagte Minna plötzlich. »Nu fang du mia ooch noch an, du hast janischt zu treimen«, sagte Frau Lemke ärgerlich. »Wat haste denn jetreimt?« »Det sare ick nich!« Minna bekam einen dicken roten Kopf. »Kam en männlichet Wesen drin vor?« examinierte Frau Lemke, »raus mit die Maus, jesteh't man in, zier dia nich!« Minna stocherte erregt mit dem Feuerhaken in der roten Glut, antwortete aber nichts. »Also kam eens drinne vor, und wenn eens drinne vorkam, denn weeß ick ooch, watte jetreimt hast«, sagte Frau Lemke, »und det vabitt ick mia, vastehste? So wat duld ick nich in meen Haus, und wenn't noch mal vorkommt, schmeeß ick dia raus!« »Aba er hat mia ja bloß jestreichelt«, sagte Minna weinerlich. »Damit fängt's an! Wer is denn der Er?« »Herr Fiedla –«, sagte Minna, als sei damit alles entschuldigt. Frau Lemke sah das Mädchen vernichtend an. »Du hast'n Littiti – du bist jrößenwahnsinnich, Minna, det steht sehr jefährlich mit dia!« »Wat kann ick denn for?« begann Minna laut aufzuheulen. »Doch kannste for, du hättest et dia nich jefallen lassen sollen, aba da haste wahscheenlich janz stille jebalten!« »Nee – ick hab jesacht, er soll Ihn'n streicheln«, verteidigte sich Minna. »Du Lüjenmaul, schäm dia wat, bis jetz ha' ick dia allet jejloobt, aba det jloob ick dia nich –«, sagte Frau Lemke. »Nu mach, dette die Schnitzel pannierst, hia wird heite mal wieda ibahaupt nischt fertich!« * In den Abendstunden, gerade als Frau Lemke einen Dienstmann auf Erkundigungen ausschicken wollte, kam Herr Lemke heim. »Uff deene Treime jeb ick nischt mehr oda bloß noch det jrade Jejenteel –«, sagte er zur Begrüßung. »So?« Frau Lemke trat dicht vor ihn hin. »Willem, du hast wat jetrunken, streit's nich ab, ick riech's!« »Ick streit's ja janich ab«, sagte er mutig, »wa'm soll ick's denn ooch abstreiten?« »Wo biste denn jewesen?« fragte Frau Lemke ganz sanft. »Na – bei Jroßvatan«, sagte er, erstaunt, daß darüber irgendein Zweifel sein könnte. »Von'n friehen Morjen bis uff'n speten Abend?« »Wia haben uns ne scheene Punschbohle jemacht, und denn lassen se dia alle scheen jrießen!« »Alle – wer sind denn alle?« fragte Frau Lemke mit einer Freundlichkeit, die ihren Mann eigentlich ein bißchen hätte mißtrauisch machen sollen. »Alle nich –«, sagte er, sich erinnernd, und seine Stimmung schlug plötzlich um und wurde ärgerlich. »Nee – alle nich!« »Sondan?« »Frach mia doch nich so aus«, sagte er mürrisch, »laß mia doch erst die Stiebeln ausziehen, du wirst ja allens ßu afahren kriejen!« Aber Frau Lemke vertrat ihm den Weg. »Wie ville seid ihr denn jewesen, Willem?« »Na – wir drei!« »Also det eene bist du«, sagte Frau Lemke und hob zählend die Finger, »zweetens – wenn's wahr is – Jroßvata – und nu die dritte?« »Det is keene Sie, sonnern een Er!« sagte Herr Lemke. »Und damittet weeßt und mia Ruhe jibst und det ick endlich die Stiebeln loskrieje – det is mit eenen Wort Onkel Karrel!« Frau Lemke war so betroffen, daß sie zuerst kein Wort der Erwiderung fand. »Onkel Karrel – nu wird mia ja vielet klar, deen janzet Ufftreten hia, der hat dia uffjehetzt«, sagte sie endlich. »Wie kommt denn der aba bei Jroßvatan?« »Der is schon lange da!« sagte Herr Lemke. »Jroßvata hat ihn als Hausvawalta und Portjeh anjestellt. Ne neie Mitze hat er sich ooch jekooft, eene Marinemitze! Und er läßt dia saren, sonne Behandlung läßt er sich von dia nich jefallen, und er is doch aus'n Mastkorb jefallen! Er hat's uns ja ooch janz ausfiehrlich azehlt und uns die Stelle jezeicht, wo er uffjeschlaren is!« »So!« sagte Frau Lemke. »Nu weeßte wat, Willem, nu jeh und lech dia hin, mit dia is heite doch nischt mehr los!« »Det wollte ick ja sowieso, wennste mia nich dran jehindert hättest«, sagte Herr Lemke und entfernte sich etwas schwankend. Kopfschüttelnd sah ihm seine Frau nach, und dann setzte sie sich an den Tisch hinter der Fliederhecke und verfiel in tiefes Sinnen. »Onkel Karrel bei Jroßvatan – det sind ja nette Aussichten for die Zukunft, wie wird det nu allet werden?« dachte sie seufzend. »Klietschija Kuchen, hat meen Traum also doch wahrjesacht!«