Edward Stilgebauer Bürgerin Louise   Die Niederschrift dieses Romans stammt aus den ersten Monaten des Jahres 1914. Kein Wort wurde seitdem verändert, keines weggelassen, und keines hinzugefügt. Lugano, den 27. September 1919. Dr. Edward Stilgebauer.   Copyright 1919 by Erwin Berger Verlag Berlin W. 62. Erstes Kapitel. Das Haupt der Österreicherin, von der das Volk behauptete, sie habe all das namenlose Leid über Frankreich gebracht, war gefallen. Dreimal machte der Gehilfe des Henkers den Rundgang um das Schafott und hob den blutbesudelten Kopf in die Höhe, der einst das Entzücken von ganz Europa gewesen. »Es lebe die Republik, es lebe die Freiheit!« scholl es ihm in vielhundertstimmigem Rufe entgegen. Der Jubel des Volkes erfüllte den Revolutionsplatz, er drang bis in die Tuilerien und brach sich an den festen Mauern des Temple, hinter denen die Kinder der Gerichteten in Ungewißheit ihres ferneren Schicksals harrten. Ganz Paris war auf den Beinen. Auf den Dächern der Häuser, in den Kronen der Ulmen hatten sich die Menschen mühevoll ihr Plätzchen erklettert. Und nun war es geschehen, das seit Monden erstrebte Ziel war erreicht. Revolutionstribunal und Konvent hatten das immer und immer wieder Verlangte bewilligt. Das Haupt der bis in den Tod verhaßten Fremden war in den Kot der Straße gerollt. Robespierre, der Unbestechliche, hatte auch dieses letzte Opfer gebracht. Es war in der Mittagsstunde. Man schrieb den 16. Oktober 1793, und die Uhr zeigte ein Viertel auf eins. Die Menge im Zaum zu halten, einen unvorhergesehenen Versuch zur Befreiung der Verurteilten zu vereiteln, hatten dreißigtausend Soldaten der Republik von der Conciergerie bis zum Revolutionsplatz Spalier gebildet. Aber jetzt, nachdem es vollendet, flutete die Menge frei und unbeschränkt durch die Rue Saint Honoré. Burschen und Mädchen in Trupps, die roten Mützen auf den heißen Köpfen, die dreifarbige Kokarde an deren Rande, die Trikolorenschärpen um Hüften oder Brust. Unentwegt erklangen die Marseillaise und das Ça ira von den Lippen der sich in wildem Gedränge stauenden Menge, und die Kehlen waren heiser und trocken. Die Hände in den Hosentaschen, eine blendend weiße Schürze vorgebunden, wie sie alle die Jakobinermütze auf den schon ergrauenden und gelichteten Haaren, stand der Bürger François Levoisin vor dem Eingang seines an der Ecke der Rue Saint Honoré und Saint Roch gelegenen Cafés. Trotz der Kühle des Oktobertages, trotzdem die weißen Nebel des Herbstes in der Frühe über der Seine gelegen hatten, sein Geschäft würde heute schon blühen, denn die Freunde des Vaterlandes hatten Durst nach seinen Weinen und Spirituosen. Vater Levoisin war ein guter Bürger, trotzdem man ihn einst in den Tagen des Tyrannen zu den Royalisten gewählt hatte, weil seine Wirtschaft das Schild zu den drei weißen Lilien geführt. Nun hieß es zu den Rutenbündeln, und die Assignate der Republik waren gut Geld wie einst die Ecus und die Louisdors. Ein behagliches und zufriedenes Grinsen ging jetzt über sein breites und glattrasiertes Gesicht, als er ein Häuflein Nationalgardisten auf den Eingang seiner Wirtschaft zusteuern sah. »Nun, seid Ihr nicht bei den Zuschauern gewesen, Vater Levoisin?« redete ihn da einer der Uniformierten an. Es war ein blutjunger Bursche von kaum neunzehn Jahren, dem noch der zarte Flaum um Kinn und Lippe sproßte. »Ich dachte mir, daß Ihr Durst hättet, Bürgersoldat,« lautete Levoisins Antwort, »während Ihr am Werke wart, habe ich Euch für einen erfrischenden Trunk gesorgt.« »Das ist recht von Euch, Vater Levoisin, das Köpfen macht in der Tat Durst.« Die übrigen Nationalgardisten, in deren Begleitung sich der junge Mensch befand, brachen infolge dieser Bemerkung in lautes Lachen aus. »Hat sie sich tapfer benommen?« forschte Vater Levoisin voll Neugierde. »Gebt mir einen Schoppen Bourgogne, Bürger, kommt herein, ich erzähle Euch dann der Ordnung nach.« Die Nationalgardisten betraten in Begleitung des Bürgers Levoisin das Café. »Bürgerin Louise Marteau,« rief der Wirt dem bedienenden Mädchen zu. »Jawohl, Bürger Levoisin!« Auch das hübsche Mädchen, das hier hinter dem Schanktisch des Bürgers Levoisin stand, trug die dreifarbige Kokarde auf der gewölbten Brust. »Der Bürgersoldat Parmentier will einen Schoppen Bourgogne haben, Bürgerin Louise Marteau ... und die anderen Bürger?« Die Nationalgardisten bestellten. Als die Getränke aufgetragen waren, nahm Vater Levoisin am Tisch seiner Gäste Platz. Auch die Bürgerin Louise Marteau gesellte sich zu den Männern und hörte mit fieberheißen Wangen der Erzählung des jungen Bürgersoldaten Parmentier zu, der jetzt begann: »Ich habe auf dem Revolutionsplatz gestanden, Vater Levoisin, als der Karren, der von der Conciergerie kam, aus der Rue Saint Honoré bog. Aber der Bürgersoldat Laurent soll Euch zuerst erzählen, er ist in der Conciergerie gewesen an diesem Vormittag, da man die Witwe Tapet zu dieser Spazierfahrt gebeten hat. Und auch der Bürgersoldat Fénot weiß zu berichten. Dann käme erst meine Wenigkeit an die Reihe, Vater Levoisin, Laurent soll den Anfang machen.« Laurent, ein im blutigen Soldatenhandwerk der Zeit Ergrauter, der heute mit dem gleichen Eifer dem Konvent seine Dienste leistete, mit dem er sie einst dem Tyrannen geweiht hatte, strich sich mit dem Rücken der Hand über die Lippen, nachdem er sein Viertel »Vin blanc« geleert hatte, und sagte: »Ja, wenn Ihr hören wollt, Bürger Levoisin, und Ihr, Bürgerin Louise Marteau ...« Eine rasche Gebärde der Ungeduld von seiten Vater Levosins bildete die Antwort auf diese Frage. Dann begann der Bürgersoldat Laurent, und alles lauschte mit hochgeröteten Köpfen, Fieber auf den Wangen. Die Bürgerin Louise Marteau stützte den schönen Kopf auf beide Ellenbogen. Sie vergaß ganz die übrigen Gäste zu bedienen, die nun in Haufen in das Café Vater Levoisins eindrangen und sich um den Tisch gruppierten, an dem die Soldaten der Nationalgarde Platz genommen hatten. Wenn ihre Augen einen Moment von den Lippen Laurents, des Graukopfs, wegschweiften, suchten sie das schöne, schmale Gesicht des Bürgersoldaten Parmentier, dem die schmucke Uniform der Republik so seltsam ernst zu seinem fast noch knabenhaften Äußern stand. Sogar Vater Levoisin schien in dieser Stunde das schöne Geschäft ganz zu vergessen. Er dachte gar nicht daran, daß all die Leute, die aus der Rue Saint Honoré unablässig in das Café zu den Rutenbündeln hereinströmten, die Assignate in den Taschen trugen, und daß sie die in Wein und Spirituosen verwandeln wollten, so sehr nahm auch ihn die Erzählung des Unfaßlichen, das sich heute ereignet hatte und dessen Schilderung nun von Laurents Lippen kam, gefangen. Ein feiner Sprühregen des Herbstes ging draußen über der Rue Saint Honoré nieder. Er schlug wider die fast blinden Scheiben des Cafés, die man in der Aufregung der letzten Zeit seit Wochen nicht geputzt hatte. Er hüllte Paris samt den Tuilerien und dem Revolutionsplatz in einen eintönig grauen Schleier. »Ich habe mit Madame Bault gesprochen,« begann der alte Laurent seine Erzählung. »Wer ist das, Madame Bault?« fragte die Bürgerin Louise Marteau voll Neugierde. »Madame Bault? Das wißt Ihr nicht, Bürgerin Louise Marteau?« kam es jetzt fast wie in einem Tone des Vorwurfs von den Lippen des alten Laurent. »Madame Bault ist die Frau des Kerkermeisters, dem der Konvent die Witwe Capet in der Conciergerie anvertraut hat. Sie und ihre Tochter sind sehr liebenswürdig zu der Österreicherin gewesen, viel zu liebenswürdig. Man erzählt, daß Madame Bault ihr jeden Morgen das Fenster mit Blumen geschmückt hat.« »So sind das also Feinde des Vaterlandes und der Republik,« knurrte der junge Parmentier unwillig vor sich hin. »Man sollte diese Madame Bault samt ihrer Tochter dem Überwachungsausschuß anzeigen!« Mit einem Blick des Schreckens maß die Bürgerin Louise Marteau den jungen Soldaten, an dessen Gesicht sie noch eben mit dem Ausdruck der Begeisterung gehangen hatte. »Man soll doch nicht jede Regung der Menschlichkeit als Feindschaft gegen das Vaterland und die Republik auslegen, Bürgersoldat Parmentier,« erwiderte sie nun mit ein wenig zitternder Stimme. Aber der Bürgersoldat verwies sie kurz: »In dieser Zeit, Bürgerin Louise Marteau, gibt es keine Halbheiten, wißt Ihr nicht, daß Tausende gegen die Unteilbarkeit und Einheit der Republik konspirieren, daß der Süden im Aufstand begriffen ist und die Waffen für den Tyrannen ergreift, wißt Ihr nicht, daß man in Pitts Auftrag in England falsches Geld verfertigt und nach Frankreich sendet, um die Sache der Freiheit in Gefahr zu bringen? Wißt Ihr das alles nicht, Bürgerin Louise Marteau? Und Ihr habt noch ein Wort der Verteidigung übrig für eine Bürgerin, die der Witwe Capet das Fenster mit Blumen schmückt? Aber Robespierre ist unbestechlich. Er allein ist der wahre Republikaner. Er hat Catos Geist in sich aufgenommen und das ist unser aller Glück!« Der Bürgersoldat Parmentier erhob das mit blutrotem Burgunder gefüllte Glas und rief: »Es lebe Robespierre! Nieder mit allen Feinden des Vaterlands! Nieder mit den Tyrannen!« Und das ganze jetzt von Menschen überfüllte Café in der Rue Saint Honoré stimmte begeistert in diesen Ruf ein. Die Bürgerin Louise Marteau senkte den Blick, war sie doch zu weich für diese heroischen Zeiten, doch zu sehr Weib, zu sehr erfüllt von frauenhaftem Mitleiden und Empfinden, als daß sich der glühende Wunsch ihres Herzens erfüllen durfte, dermaleinst die Genossin, die Gefährtin, das Weib dieses jungen Parmentier zu werden, dessen helle, blaue Augen so freundlich in die Welt blicken konnten und die trotzdem kein Erbarmen zu kennen schienen, wenn der Karren des Henkers mit den Opfern des Revolutionstribunals durch die Gassen von Paris zu der Maschine neben der Freiheitsäule rollte. So mußte die Bürgerin Louise Marteau in diesem Stunde denken, als der alte Laurent seinen Bericht über den letzten Lebensmorgen der Witwe Capet, den die im Saale der Verurteilten in der Conciergerie verbracht hatte, begann. »Also, wenn Ihr endlich hören wollt,« berichtete der alte Laurent. »Ich war von dem Detachement, das den Karren des Henkers von der Conciergerie nach dem Revolutionsplatz zu begleiten hatte. Madame war sehr elegant. Madame Bault hatte sie selbst mit aller Sorgfalt frisiert. Die Haars hochgesteckt ... selbstverständlich ...« Alle lachten. Purpurglut stieg bei diesen Worten des alten Laurent in das Gesicht der Bürgerin Louise Marteau. »Madame Capet hatte sich ein weißes Kleid angelegt. Es stand ihr gut, viel besser als die Goldgewänder in den Tuilerien und in Versailles. Ma foi , viel besser! Ein weißes Kleid mit einem schwarzen Band. Ein zartes und schneeiges Spitzentuch bedeckte ihre Schultern, Bürgerin Louise Marteau, und eine Haube ihren Kopf. Aber vor der Conciergerie, da ging es Euch her ... kunterbunt ... sage ich Euch! Die Menschen drängten bis in den Hof. Da war kein Plätzchen mehr, keines an den Fenstern, keines auf den Dächern, keines auf den Bäumen. Den ganzen langen Weg nicht ein einziges Plätzchen!« »Weiter, weiter, Bürgersoldat Laurent,« klang es dem Erzählenden nun entgegen. »Es war Schlag elf, als wir den Saal der Verurteilten in der Conciergerie betraten, die Gendarmen, die Soldaten, der Henker und seine Gehilfen. »Und was für ein Gesicht machte die Witwe Capet, als sie diesen Besuch bemerkte?« fragte da Vater Levoisin. Sie schenkte uns keinen Blick, Bürger! Sie war hochnäsig wie immer, noch auf diesem letzten Gange, auf dem es wahrhaftig doch nichts mehr zum Spaßen gab! Sie schloß die Tochter der Madame Bault in ihre Arme und verlangte nach einer Schere ...« »Nach einer Schere? ... Sie wollte sich umbringen? Wollte sich dem Spruch des höchsten Gerichtes entziehen?« fragte jetzt der Bürgersoldat Parmentier in eisiger Strenge. »Aber nicht doch, Bürgersoldat Parmentier. Man gab ihr die Schere und sie selbst schnitt sich die langen Locken vom Haupt, die ein einziger Tag in Versailles weiß gefärbt hat. Ihr wißt es doch noch?« »Freilich weiß ich es noch! Gesegnet jener Tag? Es sind jetzt gerade vier Jahre. Ich war damals noch ein Bengel von fünfzehn. Da brach der Morgen der Freiheit an. Er lebe, dieser Tag! ... Der sechste Oktober soll leben!« Wieder klangen die Gläser nach dieser Aufforderung des jungen Bürgersoldaten Parmentier aneinander. Möchte es allen Feinden der einen und unteilbaren Republik so ergehen, wie der Witwe Capet,« vollendete er, glühenden Haß in den hellen, blauen Augen. Und die Bürgerin Louise Marteau war in diesem Moment außerstande ihn anzublicken. »Ihr hättet sie sehen sollen.« fuhr Laurent fort, »wie eine Königin verließ sie den Saal der Verurteilten und die Conciergerie.« »Ich bitte mir es aus, solche Worte sind zu vermeiden.« warf Parmentier haßerfüllt dazwischen. »Die Tage der Tyrannen sind ein- für allemal vorbei, Bürgersoldat Laurent! Erhabenheit! Sie sei das Losungswort der einzigen und unteilbaren Republik, meine Freunde! Römische Erhabenheit, wie sie dem einen eignet, ihm, dem Unbestechlichen! Es lebe Robespierre!« In der Nähe des Eingangs zum Café, wo man die Worte des Bürgersoldaten Parmentier und Laurents Erzählung nicht verstehen konnte, stimmte eine Gruppe von Leuten wieder das »Ça ira« zu Ehren des großen Volkstribunen an. Nachdem das aus heiseren Kehlen gegröhlte Lied verklungen, kam Laurent wieder zu Wort. »Im Hofe stutzte die Witwe Capet doch!« »Wovor stutzte sie?« rief jetzt ein gutes Dutzend Stimmen wie aus einem Munde. »Verließ sie ihr Mut?« Hatte sie Furcht?« »Sie stutzte vor dem Karren!« »Vor dem Karren?« »Sie hatte offenbar erwartet, der Konvent würde ihr eine Galakutsche für die Reise zu der Maschine bewilligen, wie einst dem Bürger Capet. Aber die Tage sind um. Der Berg ist jetzt am Ruder. Robespierre läßt seiner nicht spotten. Er ist unbestechlich. Er kennt keine Ausnahmen, und die Führer der Gemäßigten sitzen Gottlob hinter Schloß und Riegel, auch sie harren des Urteils ... Egalité ... einer wie der andere ... heiße er Roland oder Capet ... alle auf denselben Karren ... So verlangt es unsere Mutter, Kinder, die eine und unteilbare Republik ... Also, sie stutzte ... Dann bestieg sie mit Hilfe des Henkers und des Abbé Lothringer den Karren ...« »Des Abbé? ... Hat sie den nicht zurückgewiesen? ... Lothringer ist doch ein Abbé der Republik!« »Fénot wird Euch nachher davon erzählen, er weiß, was in der Rue Saint Honoré passiert ist. Sie ertrug den Abbé, aber seinen Segen nahm sie nicht an, denn Lothringer ist ein Abbé der Republik ... Das aber hättet ihr hören sollen, Kinder, als der Karren auf dem Hof der Conciergerie wandte und dann in die Straße fuhr. Tausend ... was sag ich ... zehntausend, nein, hunderttausend Stimmen, nein, ganz Paris, nein, die Welt schrie es ihr in das Gesicht. Es war wie ein Wirbelsturm, wie das Branden des Meeres ist er gewesen, Kinder, dieser Ruf: Es lebe die Republik! … Platz der Österreicherin, Platz der Witwe Capet! ... So macht ihr doch Platz! ... Es lebe die Republik! ... Es war ein Moment, Kinder, der jeden Freund der Freiheit in Entzücken und Taumel versetzen mußte.« Laurent nahm einen langen Schluck aus seinem Glase, wischte sich wieder den bärtigen Mund mit dem breiten Rücken seiner Hand und sagte noch einmal: »Ja, das war ein Moment, Kinder, ein unvergeßlicher!« »Daß ich in diesem Moment schon zu Füßen des Blutgerüstes stand,« bedauerte der junge Parmentier. »Kennt Ihr Grammont?« fragte da Laurent. »Den früheren Schauspieler, Rossins rechte Hand, natürlich kennen wir den!« »Der gab das Zeichen, Kinder, der zog seinen Säbel, der deutete auf die Österreicherin, als sie auf dem Karren den Hof der Conciergerie verlassen hatte. Auf seinen Wink erscholl jener vieltausendstimmige Ruf. Und dann ging es über das holprige Pflaster. Sie konnte nicht sitzen, ihre Hände waren gefesselt, unmöglich für sie, sich festzuhalten, und der Karren wackelte hin und her. Das war ein Anblick! ›Das sind nicht die Daunenkissen von Trianon!‹ schrien da die Weiber auf der Gasse, und alles brach in schallendes Gelächter aus. Das war ein Fest! Es lebe die Freiheit, Kinder! Allen ihren Feinden soll es ergehen wie der Witwe Capet!« Voll Blutgier nahmen die Zuhörer das Unfaßliche in sich auf. Sie tranken die Worte, diese grausamen Worte, von den Lippen des Erzählenden, und der Brand des Fanatismus färbte ihre Wangen. Nur die Bürgerin Louise Marteau war leichenblaß geworden und starrte wie abwesend vor sich hin. »Weiter, weiter, Bürgersoldat Laurent,« drängten die Stimmen aller übrigen. »Jetzt hättet ihr ihr Gesicht sehen sollen, Kinder, ihr Gesicht, das war bald blaß und bald rot ... Man sah das Blut unter ihrer Haut pulsieren. Der Karren schüttelte sie, so holpricht war das Pflaster. Ihre Kleider gerieten in Unordnung. Das schwarze Band, mit dem sie die Haare hochgebunden, löste sich, und die Stumpfe ihrer Locken fielen ihr da über den Hinterkopf. Ihre Augen starrten. Sie waren wie die eines gestochenen Kalbes. Noch nie hab' ich solche Augen gesehen, Kinder. Solches Entsetzen in den roten, geschwollenen, heißen, trockenen Augen! ... Ich versichere euch ... mutig ist die Witwe Capet gewesen, denn nicht eine einzige Träne hat sie geweint.« »Schrecklich, schrecklich ...« Kam es ganz leise von den Lippen der Bürgerin Louise Marteau. »Man kann nicht mehr weinen. Es gibt Momente und Situationen, in denen man nicht einmal mehr weinen kann!« »Ihr habt ja Mitleid mit den Tyrannen,« verwies da der junge Bürgersoldat Parmentier aufs neue, »Das gefällt mir nicht an Euch, an Euch am allerwenigsten, Bürgerin Louise Marteau!« Keiner Antwort fähig, blickte das junge Mädchen vor sich hin. Aber sie war nicht dazu imstande, die heißen Tränen zu verbergen, die nun in großen und hellen Tropfen auf ihre blühend weiße Schürze niederfielen. »Die Freunde der Freiheit und der Republik,« rief da der Bürgersoldat Parmentier und stieß aufs neue mit Fénot, Laurent und Vater Levoisin an. »Sie nagte an ihrer Unterlippe, als sie meinen Blicken entschwand,« vollendete nun Laurent. »Wenn ihr weiteres wissen wollt, dann fragt Fénot. Er hat unter den Spalierbildenden hinter dem Pont au change in der Rue Saint Honoré gestanden. Fragt Parmentier, er war bei denen, die der Wille der Regierung an die Füße ihres Schafotts geführt hat.« »Erzählt weiter, Fénot, erzählt weiter, Parmentier,« rief es jetzt von allen Seiten. Fénot, der wohlbeleibte, der in diesen Tagen des neuen Brutus und des neuen Cato allein an das Bild Cäsars erinnerte, bestellte bei Vater Levoisin eine frische Kanne »Vin blanc«. Langsam und behaglich, wie ein Mensch, der nichts zu versäumen hat, goß er sich ein. »Eure Gesundheit, Bürgersoldat Laurent,« begann er, »Ihr versteht wacker zu erzählen!« Dann trank er, nahm das feiste Kinn in die Hand, sah die Tafelrunde und die im Café zu den Rutenbündeln Umherstehenden wichtig an und meinte: »Ja, in der Rue Saint Honoré, da gab es einen Zwischenfall, für den man noch keine Erklärung hat.« »Einen Zwischenfall, wie meint Ihr das, Bürgersoldat Fénot? Haben etwa die Royalisten einen Versuch gemacht, die Österreicherin zu befreien?« Fénot lachte. »Dreißigtausend Soldaten der Republik, dreißigtausend Soldaten Robespierres, Bürger, und einen Versuch, sie zu befreien ... ha, ha, ha ... dreißigtausend, mein Freund, dreißigtausend ... versteht Ihr auch, was das heißt, dreißigtausend, und alle dreißigtausend treu wie Gold! Das glaubt Ihr doch selbst nicht. Bürgersoldat Parmentier, daß da jemand den Versuch wagen würde, sie zu befreien. Ihr seht Gespenster, Bürgersoldat Parmentier, vor lauter Sorge um die Republik seht Ihr am hellen Tage Gespenster!« »Man kann heute nicht streng genug sein, Bürgersoldat Fénot, nicht streng genug gegen sich selbst und gegen die andern in diesen Tagen. Nehmt Euch ein Beispiel an Robespierre, dem Unbestechlichen, und nun erzählt von Eurem Zwischenfall!« »Es ging also ganz langsam durch die endlose Rue Saint Honoré. Die Witwe Capet schien ihre Ruhe wiedergefunden zu haben, Abbé Lothringer redete in einem zu in sie hinein, aber sie hörte nicht auf ihn. Ihre Blicke hingen an den Fenstern der Häuser, als ob sie dort etwas suchten.« »Was hatte sie dort zu suchen, Bürgersoldat Fénot,« fragte Parmentier schon wieder in argwöhnischem Tone. »Das weiß ich doch nicht, Bürgersoldat Parmentier. Man war wohl der Meinung, die Inschriften, die Trikoloren, die roten Mützen der Freunde der Freiheit, die Rutenbündel und die Kokarden brächten sie in Verwirrung ... aber ...« »Aber ...« Es war wieder der junge Parmentier, dem dieses Wort entschlüpfte. »Man erzählt ...« »Was erzählt man, Bürgersoldat Fénot?« »Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber man erzählt, daß sich in einem Haus der Rue Saint Honoré ein katholischer Priester versteckt gehalten habe und daß der der vorüberfahrenden Witwe Capet vom Fenster aus den Segen erteilt hätte.« »Von welchem Fenster aus und in welchem Hause?« rief jetzt Parmentier in wilder Erregung. »Das weiß ich nicht, Bürgersoldat, man erzählte es nur. Tatsache ist ...« »Was ist Tatsache?« »Daß die Witwe Capet im Vorüberfahren den Kopf unter dem Fenster eines Hauses senkte, als ob sie den Segen aus Priesterhand empfange, und daß sie mit dem Haupt dreimal nickend das Zeichen des Kreuzes machte, da ihre Hände doch gefesselt waren ... das ist alles, was ich weiß und was man mir gesagt hat.« »Man soll es dem Ausschuß berichten. Man soll die Häuser der Rue Saint Honoré absuchen lassen,« rief da der junge Parmentier. »Kein Feind der Freiheit soll in diesen Tagen dem Beil der Gerechtigkeit entgehen. Wenn wir einen schonen, dann können wir auch den Tod der Tausende nicht verantworten. Wollt Ihr mir behilflich sein, Bürgersoldat Fénot, diesen Priester ausfindig zu machen, der sich in einem Hause der Rue Saint Honoré versteckt hält?« Fénot lächelte. »Aber das hat man doch nur erzählt, Bürgersoldat Parmentier, weiter weiß ich nichts. Ihr seid noch jung. Ihr könnt es in diesen Zeitläuften noch höllisch weit bringen. Laßt Euch ins Tribunal wählen, in den Ausschuß, in den Konvent ... Es lebe Silvain Parmentier gleich Robespierre, dem Unbestechlichen!« Alle lachten über diesen Vergleich, der den jungen Bürgersoldaten, den kein Mensch kannte, einfach an die Seite des großen Volkstribunen stellte. Aber Silvain Parmentier blieb durchaus ernst. »Ich nehme Euren Trinkspruch an, Bürgersoldat Fénot,« sagte er einfach. »Die Republik und das Vaterland brauchen Männer in diesen Tagen, unbestechliche Männer, wie der große Robespierre einer ist. Männer, wie Marat und Danton welche sind, die weder nach links, noch rechts blicken, Männer, die geradeaus schauen. Und in diesem Sinne nehme ich Euren Trinkspruch an, Vater Fénot! Ich werde meinen Mann stellen. Auch wenn sich die Leichen häufen, wenn dies nur des Blutbades Anfang war, verlaßt Euch drauf! So lange die Sache der Freiheit noch ein Opfer fordert!« Der junge Bürgersoldat Parmentier hatte sich erhoben. Seine Wangen glühten, der Atem der Freiheit, von dem sie alle fabulierten und träumten, umspielte, wie er in dieser Stunde wähnte, auch seine jungen und blonden Locken. Der heilige Gedanke der einzigen und unteilbaren Republik, die zur Sache der gesamten Menschheit geworden, thronte auch auf seiner Stirn, und aus diesem Grunde wurde jetzt seine Erzählung zur hinreißenden Rede, die wie der Lavastrom des entfesselten Vulkans durch das Café zu den Rutenbündeln ging. Louise Marteau war entsetzt. Aber sie war auch stolz und beglückt. Und wie der Bürgersoldat Parmentier so vor ihr stand, wie er so vor ihr redete, als sei er Marat, Danton und Robespierre in einer einzigen Person, da ward es ihr zum ersten Male klar, wie sie ihn liebte, da fühlte sie, daß sie bereit sein könne und bereit war, ihm alles zum Opfer zu bringen, da wußte sie, daß sie mit ihm Hand in Hand schreiten würde durch dieses Paris der Leichen und des Blutes, über Haufen und Haufen von der Freiheit zum Opfer Gefallenen bis an die Stufen des Schafotts und weiter und weiter, diese Stufen hinan, wenn es galt, das Haupt dem Fallbeil zu beugen, um Blutzeugnis für der Menschheit größte Sache abzulegen. Schauer der Bewunderung im Herzen, so liebte sie ihn, so sah sie ihn an. Dieser Jüngling von neunzehn, der aussah wie ein Knabe, von dessen Lippen die Worte wie die Bluturteile des Konvents fielen, er ward in ihren Augen zum Träger der Zukunft, zum Propheten seiner Zeit. Sie sträubte sich, ihm zu folgen, und dennoch folgte sie. Wogend ging ihr Busen auf und nieder, ihre Wangen flammten, und ihre Lippen zitterten, als sie jetzt die Worte seines Mundes vernahm: »Bürger,« kam es von den Lippen Silvain Parmentiers, »Freunde der Freiheit, Brüder! Ich habe auf den Stufen ihres Schafotts gestanden, als das verhaßte Haupt der Fremden fiel. Ich habe ihre letzten, ihre stolzen, herrischen und unversöhnlichen Blicke gesehen, die dem eitlen Schloß der Tuilerien und den festen Türmen des Temple gegolten haben. So sollten alle Freunde der Freiheit enden! So lange noch ein Tropfen Blut in unsern Adern fließt, alle enden wie diese da von Henkershand. Bei dem höchsten Wesen, Brüder, vor dem wir uns alle in Demut beugen, bei der Vernunft, die von nun ab die Geschicke der Menschen trotz Pfaffen und Tyrannen allein lenken soll. Jeder Feind falle wie diese da!« Und wie das Brausen des Lenzsturmes ging es bei diesen Worten des Bürgersoldaten Parmentier durch das Café Vater Levoisins. Der Sturm pflanzte sich fort. Er drang hinaus in die von Menschen flutende Rue Saint Honoré, er breitete sich aus, weiter und weiter bis zu den Tuilerien und dem Temple, in dessen Verließen die letzten Opfer schmachteten ... er ging durch Paris, durch Frankreich, durch die Welt. Entgeistert, der Gegenwart entrückt, blickte Louise Marteau den Bürgersoldaten Silvain Parmentier an. Sie liebte ihn. Bis an die Stufen des Schafotts und weiter ... bis an das fallende Beil! Zweites Kapitel. Ein von den milden Strahlen der scheidenden Sonne verklärter Oktobertag folgte dem sechzehnten. Als erglänze er in den Augen der Liebe, so freundlich erschien er. Er spiegelte sich wieder in den künstlichen Wasserwerken und Seen des Wunderbaus von Versailles, tauchte die weißen Marmorgruppen des Parkes in goldene Tinten und ließ die sterbenden Blätter der hohen Ulmen aufflammen in lohendem Gelb. Es war gegen Abend. Die Schatten der Bäume und Götter streckten sich länger und länger. Da erhob sich der Dichter Auguste Rodeur, der die Stunden dieses wundersamen Nachmittags auf einer Bank unter der Marmorgruppe der jagenden Artemis verträumt hatte, und ging langsamen Schrittes durch die große Allee. In der weiten Runde des von den Königen Frankreichs verlassenen Schlosses war in dieser Abendstunde des der Hinrichtung der Österreicherin folgenden Tages kein Laut zu vernehmen. Nur das bange Heulen eines Hundes, der im Hofe eines der Gärtnerhäuser von Trianon an der Kette lag, klang aus der Ferne klagend an Auguste Rodeurs Ohr. Sonst war nichts zu vernehmen. Das Laub, das in dichten Massen von den herbstlichen Bäumen gefallen war, dämpfte Auguste Rodeurs Schritt. Ihm kam es vor, als ginge er hin über einen goldenen Teppich direkt in den Strahlenglanz des abendlichen Himmels hinein. Er war ein junger Mann Mitte der zwanzig. Sein bartloses Gesicht eher häßlich als hübsch. Schon lichtete sich das kastanienbraune Haar auf seinem Scheitel. Die wulstigen Lippen, die starke Nase, das scharf nach vorn gebogene Kinn verliehen ihm den Ausdruck der Sinnlichkeit, die sich indes in ihm mit eisenharter Energie vermählt zu haben schien. Aber die außergewöhnlich hohe Stirn und die blitzenden, lebhaften Augen bildeten eine Krönung, redeten eine nur allzu deutliche Sprache und verrieten, daß Auguste Rodeur auch ganz anderen Dingen als dem Kitzel des Gaumens und dem Geplänkel der Liebe zugänglich war. Im Gehen träumte er vor sich hin. Seine Lippen bewegten sich. Es hatte den Anschein, als spräche er mit sich selber. Und in der Tat. Es waren Verse, die von den Lippen Auguste Rodeurs kamen, Verse, die er in dieser Stunde mit seinem Elfenbeincrayon in das Album eingetragen hatte, das er eben bei seinem Spaziergang in der Rechten trug. Nach ein paar Schritten schwenkte Auguste Rodeur von der großen Allee ab und bog in einen Seitengang des Parkes ein. »Seid Ihr es, Poignard?« rief er plötzlich. Der Maler, der hier unter einem flammend roten Ahorn vor seiner Staffelei stand und an einem Bild arbeitete, schaute ärgerlich auf. »Ach, Ihr seid es, Rodeur!« »Ja, ich bin es.« Auguste Rodeur war vor die Staffelei getreten. Mit den Blicken des Liebhabers musterte er das Bild des Freundes. Dann schüttelte er den Kopf. »Wieder eine Nymphe, die Ihr in den grünen Dämmer des Parkes von Versailles stellt, Poignard! Die Tage von Versailles sind dahin, mein Bester! Wie oft habe ich Euch nicht gesagt, daß Ihr solches nicht mehr malen sollt! Das blutige Morgenrot einer neuen Zeit ist in Paris längst aufgegangen.« »Und wenn ich es dennoch male?« »Dann malt Ihr es zu Eurem eigenen Schaden. Ihr werdet auch nicht einen Kunsthändler in ganz Paris ausfindig machen, der Euch solch ein lausiges Assignat dieser famosen Republik für Eure Leinwand gibt.« »Dann male ich es eben für die Katz',« lachte Poignard. »Wenn du Lust zum Verhungern hast, Bursche, dann nur zu, dann nur en avant im Stile des Passé. Mir soll es recht sein. Um deinetwillen habe ich mir mehr als einmal die Kehle wund geredet, mein bester Poignard! Aber ich tue es noch einmal. Nehmt Euch ein Beispiel an David. Der versteht sein Handwerk.« »Der Schmierfink! Dieser Cato in der Toga, dieser Bramarbas mit seinen faulen Helden von Chateauvieux,« schimpfte nun Poignard wacker drauf los. »Das nennt sich Kunst, mein Bester ... Watteau und Boucher ...« Auguste Rodeur lachte aus vollem Halse. »Watteau und Boucher ... ha, ha ... Man wird ihr Geschmiersel aus den Rahmen schneiden und es den Chiffoniers um ein paar Sous verkaufen, du ahnungsloser Engel du ... indessen der Konvent die Gemälde eines David für die Galerie der Republik erstehen wird. Hast du Lust zu verhungern, hm? Hast du etwa heute schon ein Filet gegessen, hm? ... Und dabei werden die Fleischpreise immer höher trotz des Maximums und trotz der strengsten Vorschriften des Konvents. Kaum ist mehr ein Laib Brot in Paris für Geld und gute Worte zu haben. Die Armee frißt uns noch auf, und da soll für die Kunst noch was übrig bleiben. Nee, mein Bester! Nymphen, wer kauft Nymphen? Leben wir etwa noch in den Tagen des Tyrannen ... oder haben wir das alles nur geträumt? Hm? ... Male die Ermordung Julius Cäsars, male die Mutter der Gracchen, male Harmodios und Aristogiton, die Tyrannentöter, und du wirst Erfolge haben ... aber bitte, bitte, keine Nymphen, keine gepuderten Marquisen und Duchessen, wenn dir Leib und Leben lieb sind, wenn du nicht Lust hast, deinen Magen in einen Rauchfang zu hängen ... oder gar ... du, man spricht im Ernst davon, eine zweite Maschine aufzustellen, Freund, weil die eine auf dem Revolutionsplatz zu viel Arbeit hat. Die Herren Henker müssen die Zahl ihrer Gehilfen verdoppeln. Hast du nicht auch schon solch ein seltsame Jucken am Halse verspürt? Und dabei malst du Nymphen! Bist du denn total von Sinnen, Freund? Manchmal wache ich des Nachts plötzlich mit diesem unheimlichen Jucken auf, und dann fällt es mir ein, daß ich ja noch in meinem Bett liege und daß alles nur eitel Traum gewesen ist!« »Du bist eben Dichter, Rodeur, das kommt alles von deiner ausschweifenden Phantasie. Ich gehe jede Wette ein, daß du den ganzen Nachmittag wieder das heute unbezahlbare Papier mit deinen Versen entwertet hast. Das gilt jetzt so viel wie die Assignate, die man von England in Marseille eingeschmuggelt hat. Auch nicht einen roten Pfifferling gelten deine Verse, Rodeur!« »Ich danke!« »Bitte, bitte, das war nur die Quittung für deine gute Meinung von dem Schüler des Watteau und Boucher. Übrigens, Fouquier Tinville ...« »Was ist mit Fouquier Tinville, dem Henkersknecht?« rief jetzt Rodeur in aufgeregtem Ton. »Man erzählt, daß er die Anklageschrift gegen die Gefangenen jetzt ausgearbeitet hat, daß der Prozeß in diesen Tagen zur Verhandlung kommt. Er wurde doch aufgeschoben, weil man zunächst mit der Österreicherin aufräumen wollte ... und das ist doch gestern gründlich geschehen!« Auguste Rodeur erblaßte. Unter den Gefangenen, von denen Poignard da sprach, befand sich mehr als einer, mit dem er auf das innigste befreundet gewesen. Die man jetzt in der Conciergerie auf ihren Prozeß und ihren letzten Gang zum Revolutionsplatz warten ließ, das waren die ersten Anhänger der großen Freiheitssache gewesen, die Gemäßigten, die nun der Sturm der Bergpartei und die Vasallen des Schreckensregiments hinwegfegen sollten. Und Auguste Rodeur, der trotz aller Trauer um das vergangene doch auch ein Mitgänger der großen Bewegung war, zitterte für sie. Die Sonne neigte sich jetzt zum Untergang. Poignard packte sein Malzeug zusammen, nahm die Staffelei auf den Rücken und fragte kurz: »Wo gedenkt Ihr den Abend zu verbringen, Rodeur?« Auguste Rodeur wich aus. »Ihr, Poignard?« »Ich fahre nach Paris zurück.« »Ich habe, offen gestanden, wenig Lust, den Blutgeruch zu schnuppern, teuerster Poignard,« sagte jetzt Auguste Rodeur in melancholischem Ton. »So lange das Wetter noch einigermaßen ist, bleibe ich in Versailles.« »Und tut gut daran! Heute kann man nie wissen, wer nicht alles plötzlich zu den Feinden des Vaterlandes gezählt wird. Am allerwenigsten aber bei einem, der schreibt und dichtet, wie Ihr, Rodeur. Der Überwachungsausschuß und seine Kreaturen sind unberechenbar. Es soll jetzt schon mehr als einmal vorgekommen sein, daß einer einfach infolge einer Namensverwechslung geköpft worden ist.« »Wieso infolge einer Namensverwechslung?« »Weil man sich in den Proskriptionslisten um eine Zeile verlesen hat, das ist doch klar ... Übrigens häufen sich die Akten in den Händen des wackeren Fouquier Tinville. Man spricht von Bergen von Anklageschriften, durch die er und seine braven Helfershelfer sich durchzufressen haben, mein bester Rodeur. Die Sitzungen der Geschworenen im Revolutionstribunal brechen nicht mehr ab. Tag und Nacht arbeitet man mit Hochdruck in den Tuilerien. Ich sehe die Stunde kommen, da die Gefängnisse in Paris nicht mehr ausreichen werden ... Dann bleibt eben nichts anderes übrig ...« »Was meint Ihr, Poignard?« Poignard pfiff vor sich hin ... »Nichts anderes als ... sss ... sss ... sss ... sss ... als Massenhinrichtungen ... Ich bin gespannt, bis zu welchem Tagesrekord man es in Paris in diesen Zeitläuften noch bringen wird. Doch, au revoir , teuerster Freund ... ich fahre nach Paris ... und bonne nuit !« Poignard schüttelte Auguste Rodeur die Hand. Dann verschwand er durch die große Allee in der Richtung des Schloßhofes im Abenddämmer. Es war schon dunkel geworden, als der Dichter sein bescheidenes Zimmer in einem kleinen Landhaus Versailles' aufgesucht hatte. Seit Monaten wohnte er hier. Fast niemand in Paris, ausgenommen seine nächsten Anverwandten, hatte eine Ahnung davon, daß er sich hierhin zurückgezogen hatte. Bei Robespierre und dessen Anhängern war Auguste Rodeur übel angeschrieben, seitdem es bekannt geworden war, daß er schon vor Monaten eine Verteidigungsschrift für den angeklagten König ausgearbeitet hatte. Zwar hatte er die aufständischen Schweizer von Chateauvieux, die der Konvent im Triumphe zurückgerufen hatte, in einer Ode verherrlicht, zwar schmeichelte er aus Klugheit dem berühmten Maler David und anderen Aposteln der Freiheit, aber so gescheit war er doch, um einzusehen, daß er den Führenden an jedem Tage als genügend verdächtig erscheinen konnte, um den Häschern des Wohlfahrtsausschusses in die Hände geliefert zu werden. Und darum war es schon besser in dem jetzt weltverlassenen und herbstlichen Versailles, als in dem von der blutigen Sonne dieser neuen Tage überstrahlten Paris. Als Auguste Rodeur Licht gemacht hatte, gewahrte er auf dem zierlichen Bouletisch, den seine Schreibereien bedeckten, einen Brief. Offenbar war der während seiner Abwesenheit eingetroffen und von Madame Labiche, bei der er zwei Zimmer gemietet hatte, hierher gelegt worden. Man sah es Auguste Rodeur an, daß ihm die Handschrift der Adresse nicht unbekannt war, daß er vielmehr mit der unverkennbaren Erregung des Liebenden den kleinen, von Damenhand geschriebenen Brief öffnete. Und im Schein der flackernden Kerze las Auguste Rodeur: »Mein teurer Freund! Warum lassen Sie so lange auf sich warten? Von mir will ich ja gar nicht reden, das wissen Sie ja. Aber meine Mutter und meine Schwester erwarten Sie voll Ungeduld. Wir sind immer in solcher Sorge, es könnte Ihnen trotz allem doch etwas zugestoßen sein. Und ich selbst! Offengestanden, ich fühle mich wirklich nicht so ganz wohl. Mir ist es immer, als läge ein Gewitter, ein Sturm, irgend etwas Schreckliches und Unfaßbares in diesen Tagen in der Luft. Also kommen Sie diesen Abend, mein Freund, und nehmen Sie uns allen die bange Sorge, die uns bei Ihrem Fernbleiben immer und immer wieder aufs neue beschleicht. Es erwartet Ihrer Ihre Adrienne Sourieux.« Die Uhr auf dem Kamin zeigte ein Viertel nach sechs. Auguste Rodeur überlegte. In einer knappen halben Stunde konnte er drüben bei den Damen, bei der aus der Ferne Angebeteten und Angedichteten sein, der er in seinen Oden den Namen Fanny gegeben hatte. Er hatte den Mantel noch gar nicht abgelegt. Er nahm den Hut, den er nachlässig wie immer einfach vor sich hin auf den Bouletisch geworfen hatte, und rief auf der Treppe Madame Labiche zu, daß sie ihn vor Nacht nicht erwarten solle. Besorgt fragte die alte Frau: »Sie fahren doch nicht etwa nach Paris, Herr Rodeur?« »Nein, nach Louveciennes,« lachte er und verschwand. Lange sah ihm Frau Labiche nach. Sie schüttelte den weißen Kopf. Diese Zeiten ... Und ein Dichter ... und Monsieur Auguste Rodeur, der den ganzen Bouletisch mit seinen Schreibereien bedeckt hatte ... mit Versen ... das wußte Madame Labiche ... so viel verstand sie auch ... mit Versen in diesen Tagen, da man neue Gesetze und Gesellschaftseinrichtungen mit Blut und Eisen schrieb ... in diesen Tagen, da eine Armee von vierzigtausend Mann wenige Meilen von Paris entfernt stand, eine Armee, von der man nicht wußte, wie man sich ihrer erwehren sollte. In diesen Tagen, da die Köpfe der Menschen fielen, als seien es die Ähren, die einen Sommer lang dem Schnitter entgegengereift ... Verse ... in diesen Tagen ... Verse, in denen von der Liebe und dem versunkenen Glanze einer herrlichen Vergangenheit die Rede war! O, Madame Labiche hatte manchen dieser Verse gelesen. Sie war nicht die erste beste. Ihr seliger Mann, der noch vor diesen Zeitläuften friedlich und wie ein anständiger Mensch in seinem Bett gestorben war und nicht nach dieser neuen Methode auf einem Holzgerüst im Angesicht des gaffenden Volkes, der war Kammerdiener im Schloß von Versailles gewesen. Madame Labiche war alt, und alte Leute hatten in diesen Tagen viel erlebt. Sie war noch Zeugin des pomphaften Einzugs gewesen, den die Österreicherin, die jetzt alle die Witwe Capet nannten, an des Dauphins Seite gehalten. Sie hatte noch die Tage gesehen, da der »Vielgeliebte« auf dem goldenen Thron Frankreichs gesessen ... Und nun diese Zeit ... und Verse ... Verse, die von der Liebe und dem Glanz versunkener Herrlichkeit handelten ... Und der Herr, der in ihrem Hause wohnte, verfaßte diese Verse, und das Haus selbst ... es war noch ein Geschenk des Königs ... o, nein, nicht des Königs ... einfach des Bürgers Capet, an seinen alten Kammerdiener gewesen. Auch jetzt suchten die Augen der alten Frau Labiche nach dem Album. Wenn Monsieur Rodeur den ganzen Nachmittag nicht zu Hause gewesen, wenn er durch den Park von Versailles geschlendert, dann war sicher etwas Neues auf diesen Blättern zu finden. Aber heute lag das Album nicht am gewohnten Platze. Monsieur Rodeur hatte es offenbar mitgenommen. Frau Labiche setzte sich auf den Sessel vor dem Bouletisch. Sie träumte vor sich hin. Seit sie denken konnte, wohnte sie in Versailles. Schon ihr Großvater war in dem Schloß bei dem König bedienstet gewesen, bei ihm, der sich einst mit der Sonne selber verglichen hatte, und jetzt, und jetzt ... Sie war seit langen Jahren nicht mehr in Paris gewesen. Aber die Blätter mit den unfaßbaren Nachrichten drangen auch bis in ihr stilles Heim in Versailles. Sie fielen auch in ihre alten und nun schon zitternden Hände und erzählten in nackten, dürren, nicht mißzuverstehenden Worten alles ... was gar nicht auszudenken war. Der alte Brun, der im gegenüberliegenden Hause wohnte, der war ein wütender Republikaner, ein Jakobiner, ein Schandkerl von einem Menschen ... und das hier mitten in Versailles, das doch einst das Zentrum der königlichen Gnadensonne gewesen war! Der las den Moniteur. Und der berichtete alles, haarklein, brühwarm aus Paris. Das machte dem Vergnügen, sie und andere damit zu foltern. Man erzählte sich in Versailles, daß der alte Brun in früheren Jahrzehnten Lieferungen für die Königliche Hofküche besorgt habe, daß er infolge der wachsenden und wachsenden Schulden des Königlichen Haushaltes um einen Teil seines Vermögens gebracht worden sei. Und nun rächte der sich, indem er die Lügenberichte des Moniteur las und sie den andern zum besten gab, so daß sich ihnen beim Anhören all dieser schauerlichen Schändlichkeiten die Haare zu Berge stellten. Aus dem Munde Bruns hatte auch Frau Labiche erfahren, was die Schand- und Henkersknechte des Konvents mit dem jungen Dauphin angestellt hatten, wie man das Kind aus den Armen der Mutter gerissen, wie man es einem betrunkenen Schuster im Temple überantwortet, wie man es gezwungen, selbst die schmählichsten Verleumdungen gegen seine Tante, die sanfte Madame Elisabeth, und gegen seine eigene Mutter auszusprechen ... O, über diese Schurken! In Gedanken an diese Vorkommnisse ballte Frau Labiche die welken Hände. Madame Elisabeth! ... Das waren noch Tage gewesen, ehe das Entsetzliche zur Wahrheit geworden, ehe der schwache König sich zwingen ließ, diese Nationalversammlung unglückseligen Angedenkens nach Versailles zu berufen, aus deren Schoße sich dieser Konvent und dieses Blutgericht in den Tuilerien losgewunden hatten. Und während die Bilder dieser letzten Jahre und Monde wie ein schauerlicher Spuk vor den müden Augen der alten Frau Labiche vorüberzogen, schritt der Dichter seines Weges durch das Dunkel der Nacht nach Louveciennes. Auguste Rodeur kannte diesen Weg. Ohne Sternen- und Mondenschein hätte er ihn jederzeit gefunden, so oft war er ihn gewandelt in all den Wochen und Monaten, die er sich nun aus Furcht vor den Wachsamen in Paris im Hause der alten Madame Labiche in Versailles verborgen hielt. Den Weg zu seiner Fanny, der lieblichen Adrienne Sourieux! In Gedanken an sie schritt Auguste Rodeur wie ein Träumer dahin. Sie war lieblich wie ihr Name, der für ihn das holde Lächeln eines ewigen Frühlingstages, eines griechischen Tages ... so sagte Auguste Rodeur ... in sich schloß. Sie war eine Rose, auf die der Reif einer Maiennacht gefallen, so dichtete Rodeur. Adrienne war Witwe, Witwe von dreiundzwanzig Jahren, ihr Mann, Offizier und Royalist, war im Dienste des Königs für das Vaterland auf dem Schlachtfelde zu Frankreichs Ruhm und Ehre gefallen. Er hatte die Schande dieser Zeiten, wie er das wohl genannt hätte, zu seinem Glücke nicht miterlebt. Und nun wohnte Adrienne zusammen mit ihrer Mutter und der um zwei Jahre älteren Schwester in dem Landhäuschen in Louveciennes, das sich der Kriegsschüler von Saint Cyr vor Jahren erbaut hatte in der Hoffnung, hier nach einer Laufbahn des Ruhmes ein gesegnetes Alter zu finden. Und durch die Zimmer dieses Landhauses in Louveciennes erscholl vom frühen Morgen bis zum späten Abend das silberhelle Lachen eines Kindes. Das war das Lachen der siebenjährigen Flora, des einzigen Töchterchens Adriennes, denn Adrienne war der Sitte ihrer Zeit gemäß bei ihrer Verheiratung mit dem Kriegsschüler von Saint Cyr erst sechzehn gewesen. Während Auguste Rodeur vorwärts und vorwärts schritt durch das Dunkel des frühen Oktoberabends, während die von den Kronen der Bäume herabfallenden Blätter wie der leise Kuß eines frühen Todes seine Stirn streiften, ertönte in seinen Ohren das silberhelle Lachen dieses Kindes, das Adriennes einziges Glück und ihre einzige Freude war. Leibhaftig im Dunkel der Nacht stand die kleine Flora vor den Augen seiner Dichterphantasie, das Kind mit den goldblonden Locken, die wie Strahlenbündel der Sonne über seine weiße, schöne Stirn fielen, das Kind mit den großen, veilchenblauen Augen, in denen ihm alles Glück und alle Zukunft Frankreichs zu schlummern schienen, jene Zukunft, die kommen mußte, um deretwillen dies Blut täglich und stündlich in heißen, roten Strömen floß. In Adriennes Kind, in Flora, sah der Dichter Auguste Rodeur das Bild, das lebendig gewordene, dieser Zukunft! Als er endlich das Haus der Frau Tourlan, Adriennes Mutter, betrat, kam ihm die Fanny seiner Oden schon auf der Schwelle entgegen. »Gottlob, gottlob,« stieß sie hervor, »wir haben uns alle schon solche Angst um Sie gemacht.« Auguste Rodeur lachte. Dann führte er die schmale Hand der Rose, die der Reif einer Maiennacht gestreift hatte, andächtig, feierlich an seine Lippen und sagte: »Ich fühle mich so sicher, so sicher in Versailles, Fanny, und Versailles ist ja so nah, so nah bei Louveciennes!« Adrienne lächelte beglückt. Aber sofort kam es wieder in ernster Sorge von ihren Lippen: »Man liest von nichts anderem mehr, als von Verhaftungen. Ich zittere vor jedem Zeitungsblatt, ich zittere, Ihren Namen zu finden, Auguste Rodeur!« »Keine Sorge! Man hat keine Ahnung in Paris, wo ich eigentlich bin. Und die wenigen Freunde, die es wissen, sind treu, Fanny ... und dann ...« »Und dann?« Wieder lächelte er. »Wir stehen zu tief, Fanny? Wir gleichen dem Halm, über den der Sturm dahinfährt, ohne ihn knicken zu können, indessen die Eiche und die Pappel in seines Wahnwitzes gigantischer Umarmung zerbrechen ... Aber ist die kleine Flora noch auf?« »Sie ist schon zu Bett, Auguste!« »Dann führe mich zu ihr, ja, willst du?« »Aber gern, wenn du es wünschest.« »Ich habe so etwas wie brennenden Durst nach ihr, Fanny!« Erstaunt blickte Adrienne Auguste Rodeur an. »Was soll das heißen?« »Das soll heißen, daß man in diesen Tagen des Blutes Durst nach der Unschuld, nach der Kindheit der Menschheit hat. Führe mich an das Bett, Fanny!« Adrienne ging voraus. Sie hielt den Leuchter mit der flackernden Kerze in der Rechten. Das unstete Licht der Flamme fiel auf ihre schlanke Gestalt in dem einfachen, glatten, weißen Gewande und verriet dem schwärmenden Freunde jede Bewegung ihres graziösen Körpers. Es fiel auf das wundersam geformte, bleiche Gesicht, auf die kastanienbraunen Locken, die sich nur widerspenstig um das Oval dieses herrlich, wie von Künstlerhand gemeißelten Kopfes fügten. Sie war das Bild ihrer Tage, dachte da Auguste Rodeur, oder nein ... der vergangenen Tage, der für immer dahingegangenen, da die gottbegnadeten Bildhauer und Maler des Sonnenkönigs die Säle Versailles' und Trianons mit den Fabelwesen griechischer Schönheit bevölkert hatten. Und die flackernde Flamme des Lichtes fiel in die großen, graublauen Augen, fiel auf die Lippen, die Auguste Rodeur in seinen Oden so gern mit den aufbrechenden Knospen der dunkelroten Rosen von Fontainebleau verglich. So stieg Adrienne die Treppe zum ersten Stockwerk des Landhauses empor, in dessen Schlafzimmer die kleine Flora ruhte ... und trunken von Liebe und Dichtung und Schönheit folgte Auguste Rodeur. Es war Adriennes großes und breites Himmelbett, in dem die Kleine schlief. Das Bett, das die Angebetete einst als eine der glücklichsten ihres Geschlechtes mit dem Kriegsschüler von Saint Cyr in seligen Nächten geteilt hatte. Ein reich mit Gold und Elfenbein verziertes, über dem sich ein Himmel aus hellblauem Seidendamast wölbte. Ein Bett, wie es die schrankenlosen Tage des fünfzehnten Ludwig hervorgebracht und ersonnen hatten, die Tage von Versailles und Fontainebleau und Trianon, denen Frankreich jetzt zum Opfer gefallen war. Daran dachte Auguste Rodeur, als er jetzt an der Seite Adriennes an dieses Bett trat, in dessen tiefen und weichen Daunen die kleine Flora wie ein Cupido auf einem Bild Watteaus oder Bouchers ruhte. Aber auch an Poignard, den Maler, der morgen in Paris vergeblich von Kunsthändler zu Kunsthändler laufen würde, mußte Auguste Rodeur in diesem Augenblicke denken. Und nicht nur an ihn, an all das Schöne, an all das Große, an all das Erhabene, an all die Kunst und all die Dichtung, die nun mit den Häuptern des Bürgers Capet und seiner Witwe in den Kot der Gasse gerollt waren. Es war das Weinen um eine Welt des Glanzes und der Erhabenheit, das nun unaufhaltsam im Inneren des Dichters Auguste Rodeur emporstieg und ihm an der Kehle würgte, als er jetzt, versunken in den Anblick der kleinen Flora, vor dem Himmelbett Adriennes stand. Das Kind schlug die großen, graublauen Augen, das Erbteil seiner schönen Mutter, nicht auf. Es schlief ruhig und sicher weiter in den Daunen des prunkvollen Himmelbettes und die goldenen Locken wallten wie ein Strahlendiadem über seine weiße und hohe Stirn. Der Dichter Auguste Rodeur faltete bei diesem Anblick die Hände. »Was ist Ihnen, Auguste?« Er war keines Wortes mächtig. Seine Augen starrten auf das Kind. »Wissen Sie, was ich hier sehe, Fanny,« stammelte Auguste Rodeur unter Tränen. »Was denn, mein Freund?« Er suchte die schlanken, die aristokratischen, die reinrassigen Hände Adriennes, führte sie beide an seine Lippen, bedeckte sie mit heißen Küssen, und die brennenden Tränen seiner Augen fielen auf diese Hände, so daß Adrienne leise erbebte. Endlich hatte er sich gefaßt. »Ich sehe hier die Zukunft, Adrienne Sourieux! Lassen Sie mich bei diesem Anblick Sie so nennen, ach ja, lassen Sie mich Sie so nennen! Ich sehe hier die Zukunft, für die all das Blut geflossen ist und noch fließt!« »Daß Sie auch immer nur an dieses eine denken!« »Ach ja, Adrienne Sourieux, der ein Gott diesen Namen gab, nur an diese eine! Ich sehe hier das Gute, das Erhabene, das höchste Wesen, die Vernunft, für die wir alle bluten und leiden müssen. Ich sehe hier die Welt, die Menschheit, ich sehe Frankreich, das Frankreich, Adrienne, das einst die Frucht, die süße Frucht, aus diesem blutgedüngten Acker ernten wird! Oh, meine Freundin, wenn Flora ernten soll ... dann bin auch ich dazu bereit ...« »Wozu,« rief da Adrienne voll Entsetzen, »wozu ... woran denken Sie denn, Auguste Rodeur?« »An das, woran wir heute alle denken müssen, woran wir alle denken sollen, Adrienne Sourieux! Was sagte der Unbestechliche, als man ihm vorhielt, daß eines Tages die Sonne auch seinem Blutgerichte leuchten könne, was sagte er?« »Was sagte er?« »Er sagte nur: Eh bien ... Eh bien , Adrienne Sourieux ... Wenn solche Zukunft ahnungslos schlummert ... Für sie ... für sie ...« Mit diesen Worten beugte sich der Dichter Auguste Rodeur über das Kind, und leise hauchten seine Lippen einen Kuß auf die unschuldsvolle Stirn des schlafenden, in dem er die sonnige Zukunft Frankreichs sah. »Für dich ... für dich ... für dich ... für dich und deine Altersgenossen,« stammelte er, »für dich, wenn die Sonne einer neuen Zeit des Friedens und der Freiheit sich siegreich hebt.« Dann wandte er sich an Adrienne. »Und wollen Sie jetzt hören, teuerste Freundin?« »Was, Auguste?« »Sie allein sollen es hören. Es würde mir ja doch die Kehle zuschnüren, wenn ich es drüben bei den andern lesen sollte, so lieb ich die andern auch habe, aber es wäre Sakrileg.« Er zog das Album, nach dem die alte Frau Labiche vorhin vergeblich auf dem Bouletisch Ausschau gehalten hatte, aus der Tasche seines tabakbraunen Rockes und sagte: »Ich war diesen Nachmittag wieder im Parke von Versailles, teuerste Freundin, und dort habe ich am Tage nach dem Fall des verhaßten Opfers das Schwanenlied der gesunkenen Größe gesungen. Wollen Sie es hören?« »Aber ich brenne doch darauf.« Auguste Rodeur trat an das Fenster, dort war ein kleiner Erker, dort störten seine Stimme und das flackernde Licht der Kerze die schlummernde Zukunft Frankreichs nicht. Adrienne stand dicht an seiner Seite. Und wie der ersterbende Windhauch des scheidenden Sommers ging die sanfte und weiche Stimme des Dichters durch das stille Schlafgemach in Louveciennes, in dessen Daunenbette das Kind gesund und froh und kräftig, tief und regelmäßig atmete, als sei sein Leben eine Bürgschaft. Und diese Stimme sprach von dem Versunkenen. Adrienne lauschte. Sie war der Gegenwart entrückt, und es schien, als wandele Auguste Rodeur wieder unter den Ulmen Versailles'. Es war eine Ode in antikem Versmaß, die er ihr las, eine Ode, die den Glanz und die Pracht des verwunschenen und in diesen Tagen verfluchten Königsschlosses noch einmal erstehen ließ in Adriennes Herzen, eine Ode, die Ruhe und Frieden dieses Parks atmete, die aber auch die Bilder des Blutes und des Jammers in dem nahen Paris wie einen scharlachroten Schleier aus Dunst und Nebel über den Seen und Wasserwerken des aus dem Schweiß und der Not eines ganzen Volkes herausgepreßten Prunkschlosses aufsteigen ließ. Und trotz allem schluchzte Adrienne Sourieuz, als ihr Dichter Auguste Rodeur nun schloß: »Aber deines Tales Frieden, Deiner Hügel Grün Deckt der Trauer schwarzer Schleier, wo die Blumen blühn. Auf dem Hügel steht ein Schatten, Drauf mein Auge ruht, Steht der Schatten meines Volkes, Das ertrank in Blut!« Drittes Kapitel. In der Mitternachtsstunde des dreißigsten Oktober stand der Bürgersoldat Silvain Parmentier Posten im Hof der Conciergerie. Sein Blut war heiß. Nicht nur die Weine und die Spirituosen Vater Levoisins hatten das zuwege gebracht, denn er kam aus dem Café zu den Rutenbündeln in der Rue Saint Honoré. Nein, wieder einmal sollte sich ein Tag des Mutes aus dem Schoße des unersättlichen Paris erheben. Aber nicht nur diese Ströme, die aus dem Altar des Vaterlandes vergossen werden sollten, hatten Herz und Sinne des jungen Bürgersoldaten, der für die Freiheit schwärmte und das Bild Marats, des nun Gemordeten, in einem goldenen Medaillon auf der Brust trug, so in Wallung gebracht. Er kam aus den Armen der Bürgerin Louise Marteau, die seiner stürmischen Werbung endlich erlegen war. Der Geist der Revolution hatte eben aus allen menschlichen Gebieten die Bande gelöst. Die Behörden, die mit dem Fällen der Bluturteile alle Hände voll zu tun hatten, fanden keine Zeit für Eheschließungen und standesamtliche Geschäfte mehr. Die freie Liebe, die Galanterie, die unter dem Szepter des Tyrannen das Symptom der Zügellosigkeit vaterländischer Sitten gewesen, sie wurden jetzt das Dokument der wahren persönlichen Freiheit. Im Kampf war so die Bürgerin Louise Marteau in ihrer hinter dem Café zu den Rutenbündeln gelegenen Kammer heute abend sein eigen geworden, und auch in den Adern dieser beiden jungen Menschen tobte der Sturm, der in diesen Tagen über Frankreich und die Welt dahinfuhr. Silvain Parmentier war es klar. Die Bürgerin Louise Marteau liebte ihn. Sie liebte ihn mit jener verzehrenden, immer dürstenden, wie die Flamme der Brandfackel auflodernden und wilden Leidenschaft, die jene Tage des Mutes und des Entsetzens, des einem jeden zu jeder Stunde drohenden gewaltsamen Todes, in den Herzen jener Jugend erstehen ließ. Fiebernden Blickes, mit heftig schlagenden Pulsen, Flammengut auf den Wangen, stand der Bürgersoldat Silvain Parmentier in dieser Stunde da. Wie ein Durst nach Blut, wie ein Heißhunger nach Menschenfleisch und immer wieder nach Menschenfleisch kam es in dieser Lage über ihn, als die hohen Mauern der Conciergerie ihre schwarzen Schatten in den Hof, wo er Posten stand, warfen, indessen die Wolken dieses Herbstes wie unbegreifliche Fabeltiere vor der bleichen Scheibe des Mondes einherzogen. Dumpfes Stimmengewirr drang an sein Ohr. Es kam von draußen, von der Straße her, aber auch von drinnen aus den Dutzenden von Kerkern, die mit des Todes harrenden Gefangenen überfüllt waren. Der Maler Poignard hatte nur zu recht. Die Gefängnisse in Paris reichten bald nicht mehr aus. Wie die murrenden Wellen eines über seine Ufer flutenden Stromes, der sich den Weg über jedes Hindernis bahnt, schlug das Leben der ungeheuren Stadt an die Mauermassen der Conciergerie. Der Bürgersoldat Silvain Parmentier stierte vor sich hin. Sein Auge fiel auf den Querbalken, der den Eingang der Conciergerie krönte. Auch hier, wie überall an den öffentlichen Gebäuden, hatte man in diesen Tagen die Devise der einen und unteilbaren Republik angebracht. Das Blut siedete in seinen Adern, als er jetzt wieder und wieder, zum wievielhundertstenmale, in fanatischer Begeisterung las: Die Freiheit, die Gleichheit oder den Tod! Lange konnte es jetzt nicht mehr dauern, dann mußten sie kommen, so fuhr es durch den Kopf des Bürgersoldaten Silvain Parmentier. Schon sieben Tage währte die Sitzung, heute würde Fouquier Tinville, der Gerechte, zu Ende kommen. Heute mußte das Revolutionsgericht sein »Schuldig« aussprechen und das Bluturteil fällen. Und der Bürgersoldat Silvain Parmentier, der eben aus den Armen der Liebe kam, dürstete nach Blut. Ein »Schuldig« mußte es sein, anders war es in diesen Tagen gar nicht zu erwarten. Die Verräter des Vaterlands, die die Sache des Konvents, die die Sache Robespierres, des Unbestechlichen, ihrem Mitleid und ihrer Nachsicht geopfert, sie mußten sterben. Frankreich konnte, nein, mußte dieses Opfer fordern, wenn es all die andern Opfer, die schon verblutet waren, verantworten wollte. Und er würde dabei sein! Bei den Rächern der Freiheit, bei den Verteidigern des Vaterlandes! So jauchzte es im Innern des Bürgersoldaten Silvain Parmentier, dessen, der eben aus den Armen der schönen Louise Marteau kam. Der von der Straße durch die Dicke der Hofmauern und über diese hin hereindringende Lärm wurde lauter und lauter. Er kam näher und näher. Das waren sie, die Verurteilten, Kein Zweifel! Die Sitzung mußte jetzt endlich aufgehoben sein. Der Bürgersoldat Silvain Parmentier lauschte und lauschte. Aber noch war es ihm nicht möglich, auch nur ein Wort der draußen johlenden und schreienden Volksmenge zu verstehen. Nur wie ein dumpfes Murren, das langsam, aber stetig zum brausenden Orkan anschwillt, drang es noch immer an sein Ohr. Der Mond, der sich vor wenigen Minuten hinter den schwarzen Wolkenballen dieses Oktoberabends verkrochen hatte, trat nun wieder hervor. Sein fahles Licht fiel auf die Fliesen des Hofes, auf den Schmutz des Weges, in den die Räder der Henkerkarren ihre tiefen Spuren gegraben hatten, es fiel auf einen Kehrichthaufen in der Ecke, den die Gehilfen des Scharfrichters hochaufgeschichtet hatten und der zum großen Teile aus abgeschnittenen Menschenhaaren bestand. Denn in den letzten Tagen war es des öfteren vorgekommen, daß man die letzte »Toilette« hier im Hof unter freiem Himmel vorgenommen hatte, weil es in den Kerkern der Conciergerie an Platz für die »Friseure« mangelte. Das alles betrachtete der Bürgersoldat Silvain Parmentier und er lächelte. Er lächelte glücklich und wie ein Kind, denn die Tage der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, die des Unbestechlichen, der der Vernunft und dem höchsten Wesen huldigte, sie waren endlich hereingebrochen. Und näher und näher kam der Lärm. Auch drinnen in den Kerkern der Conciergerie schien es jetzt in tiefer Nacht lebendig zu werden. Auch von dort drangen menschliche Laute an das Ohr Silvains. Und ein brausender Ruf von draußen, von der Straße her, belehrte den Bürgersoldaten, daß die Sache der Freiheit wieder einmal gesiegt hatte, gesiegt, wie das nicht anders zu erwarten stand, solange der Unbestechliche das Heft in eisernen Händen hielt, solange Fouquier Tinville öffentlicher Ankläger war. Und jetzt vernahm man auch den vielhundertstimmigen Ruf, jetzt verstand ihn auch Silvain. Er kam von der Straße und schlug wie die Welle des brandenden Meeres wider die Hofmauern der Conciergerie, der Ruf: » Es lebe die Republik !« Fouquier Tinville hatte also gesiegt. Die Geschworenen hatten ihr »Schuldig« gesprochen. Und da löste es sich auch aus dem Munde des jungen Bürgersoldaten. Es war wie der Schrei eines Tieres, wie das Brüllen des Löwen, der hungrig durch die afrikanische Felsenwüste irrt und endlich die Spur einer Antilope erschnuppert hat: »Es lebe die Republik!« Und die Antwort ließ nicht auf sich warten. Aus dem Inneren der Conciergerie, auf deren Treppe die einundzwanzig zum Tode verurteilten »Freunde des Vaterlandes und der Freiheit«, den Leichnam Valazés, der sich angesichts des Revolutionsgerichtes erdolcht hatte, in ihrer Mitte, nach den Kerkern zurückkehrten, scholl es Silvain entgegen: » Wir sterben unschuldig! Es lebe die Republik !« Da hielt es den jungen Bürgersoldaten nicht mehr auf seinem Posten. Seine Pflicht vergessend, eilte auch er in das Innere der Conciergerie und er sah den Zug der Helden, einem nach dem andern blickte er in die Augen, der ganzen Schar, wie sie am Abend nach Fällung des Bluturteils dahergeschritten kam durch das Gewölbe und über die Treppe, hinab in die Kerker, einer wie der andere entschlossen, stolz wie die Römer zu sterben. Zwei von ihnen, die in der Mitte gingen, trugen die Leiche Valazés, als sei sie das Bild eines Heiligen, auf den Schultern. Die Menge, die der langen Sitzung des Gerichtshof beigewohnt hatte, erfüllte in dichten Massen die Gänge und das Treppenhaus der Conciergerie. Und aus den Kerkern antworteten die noch des Todesurteils harrenden diesen Märtyrern der Freiheit mit dem gleichen Liede. das sie alle sangen: Allons enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé Silvain kannte sie nicht alle. Aber die berühmtesten dieser Namen hatte er, wer weiß wie oft, schon gehört. Und nun der eine, der eben auf dem Absatz der Treppe Halt machte, der die Hand ausstreckte, als ob er reden wollte, und nun einen Bündel Assignate unter die Menge warf, weil das Geld für ihn, der zu sterben wußte, ja doch keinen Wert mehr haben konnte. Ja, das war er ! Ihn kannte ganz Paris. Und der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier, der erst vor Monden von der Rheinarmee in die Hauptstadt gekommen war, täuschte sich nicht. Mit einem Worte majestätisch, wie die Togastatue eines antiken Heros sah er in dieser erhabenen Stunde aus, so wie er als des Konvents größter Redner in der Blüte seines Ansehens und seiner Macht auf der Rostra in den Tuilerien gestanden hatte! Vergniaud! Ein Zittern lief durch den Körper des jungen Bürgersoldaten, als er diesen Giganten der Freiheitssuche jetzt als den Gefangenen und zum Tode verurteilten seines Volkes in dieser Stunde so vor sich sah. Noch trug Vergniaud denselben dunkelblauen Rock, in dem er immer im Konvent erschienen war, aber es sah aus, als sei ihm dieser infolge des langen Nichtstuns im Gefängnis zu eng geworden und als wachse er aus dem Kleid des Republikaners heraus. Wie ein Athlet, wie ein Riese erschien er dem jungen Bürgersoldaten auch in diesem Augenblick. Und dennoch wie einer, der schon den Stempel des Vergehens auf seiner hohen Stirn, aber auch das Leuchten der Ewigkeit in seinen strahlenden Augen trug. Wie ein Traum der Nacht schwand das Bild Vergniauds vor Silvains Blicken. Er wollte es festhalten, hinter dem Zug der Verurteilten stieg der junge Bürgersoldat die zu den Kerkern hinabführende Treppe hinunter. Mochte kommen, was da wollte, unwiderstehlich zog es ihn zu diesen da. Er hatte gelebt, er hatte in den Armen der Bürgerin Louise Marteau höchste Seligkeit und unendliches Glück getrunken und in den Tagen des Wohlfahrtsausschusses starb es sich in Paris so rasch und so leicht ... das lehrten ihn diese da! Während der Zug der Verurteilten, dem Silvain folgte, die Treppe hinunterstieg, ertönten aus den Kerkern die Rufe derer, die noch nicht gerichtet waren und des Todes wie diese harrten. Aus den Tiefen der Zellen tönten die Strophen des Freiheitsliedes, erschall das Lebewohl der Abschiednehmenden, erklang das Bravo der Bewunderung, seufzte die Klage des Mitleids. Silvain mußte sich an der Wand des Treppenhauses halten. Wie schwarze Nacht der Ohnmacht war es einen Augenblick über ihn gekommen. Aber er raffte sich rasch wieder empor. Keine Schwäche, kein Mitleid! Es galt die Sache der Republik bis zum letzten Atemzuge, die große Sache des Unbestechlichen. So mahnte er sich selber. So faßte er seinen letzten Mut zusammen und betrat den großen Kerker, den Saal der Verurteilten, in dem sie alle des Anbruchs des Todesmorgens und der Schritte der Henkersknechte zu harren hatten. Erstaunt blieb Silvain am Eingang des großen Kerkers stehen, wie sah das heute hier aus! Liebende Hände hatten den großen Kerker in einen Festsaal gewandelt. Eine lange in der Mitte de» Raumes aufgestellte Tafel wartete der Verurteilten und lud zu einem letzten Freudenmahle ein. Silvain drückte sich in eine dunkle Ecke des Saales. Da fuhr er entsetzt zurück. Sein Fuß hatte einen auf dem Boden, in der Ecke des Saales liegenden Körper berührt. Er sah näher zu, und im Schein der Kerze, die hier an einem Wandarm brannte, gewahrte er einen blutbedeckten Leichnam. Es war der entseelte Leib Valazés. Auf den Befehl Hermanns, des Vorsitzenden des Revolutionsgerichts, hatte man ihn hier niedergelegt. Er sollte auch noch im Tode, morgen in der Frühe, mit den Genossen die Fahrt auf dem Karren der Schande nach dem Revolutionsplatz antreten. Silvain wußte das nicht. Er sah nur einen blutbesudelten Leichnam und fuhr momentan trotz allem zurück. Er dachte an das blühende Leben, das noch vor wenigen Stunden in seinen Armen geruht hatte, und schauderte. Von einem die Speisen auftragenden Nationalgardisten erfuhr er, daß der Abgeordnete Bailleul dieses letzte und feierliche Mahl für die einundzwanzig Verurteilten bestellt hatte. Bailleul befand sich selbst in Haft, aber die Fürsprache eines der Allmächtigen jener Tage hatte es ihm dennoch ermöglicht, den einundzwanzig Freunden diesen letzten Liebesdienst zu erweisen. Und voll Staunen und Verwunderung ward der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier Zeuge des Unvergeßlichen, das sich hier in der Nacht vor dem Tode der einundzwanzig Gerechten zutrug. Er schaute und schaute und er fühlte, wie allgemach eine seltsame Veränderung, gegen die anzukämpfen er vergeblich sich bemühte, in seinem Inneren vorging. Vaterlandsverräter und Feinde der Freiheit hatte er bis zu diesem Augenblick in den einundzwanzig mit Recht Verurteilten gesehen und nun wandelten sie sich unter seinen eigenen Augen zu sterbenden Helden, zu Brüdern, zu Märtyrern der Menschheit um. Er starrte auf diese Tafelrunde, die im Schein der flackernden Kerzen und Fackeln ihm schon wie die Tafel der Abgeschiedenen an den Ufern des schleichenden Acheron vorkam. Wie oft in den folgenden Monaten hatte sich der Bürgersoldat Silvain Parmentier die bittersten Vorwürfe gemacht über all das, was er in dieser Nacht im Saal der Verurteilten in der Conciergerie empfunden! Aber er suchte auch Gründe für seine eigene Entschuldigung. Am Ende lag das tiefverschlossen in dieser Zeit, am Ende war das nur die natürliche Folge dessen, was sich ereignete, daß der Henker weinen konnte mit dem Freund und der Braut des Verurteilten, daß die Tochter des Kerkermeisters die Zelle des zum Tode Verdammten mit Blumen schmückte. Und weiter flogen die Gedanken Silvain Parmentiers im Angesicht dieses Abschiedsmahles! Waren sie nicht alle am Ende in gleichem Maße schuldig und unschuldig? War es nicht die große Idee der Freiheit, die Mutter dieser einzigartigen Bewegung, die die Welt in einen wahren Taumel der Freude und des Schreckens versetzte, und die so ihre eigenen Kinder fraß? Er wollte nicht länger darüber grübeln. Er versenkte sich ganz in das seltsame Bild, das sich hier vor seinen Blicken entrollte. Sein Vater war ein frommer Katholik in einem kleinen Städtchen des Elsaß gewesen, kein komplizierter Kopf, kein Schwärmer der Freiheit, wie er doch einer war. Ein Sandmann, der dort in den gesegneten Gauen zwischen Rhein und Vogesen den Pflug geführt hatte, und in dessen Stube hatte ein Bild gehangen, das man heute in Paris, da man drauf und dran war, die Religion der Vernunft auf den Schild zu erheben, öffentlich verbrannt hätte. Silvain wußte nur, daß dieses Bild das letzte Mahl des Heilands im Kreis seiner Jünger darstellte. Daß es eine schlechte Kopie des Abendmahls des Leonardo da Vinci war, das wußte er nicht, vielleicht hatte sein Vater selbst davon nicht eine Ahnung gehabt, denn die Parmentiers waren schlichte Bauern, die sich um Fragen der Kunst wenig kümmerten. Aber dieses Bild seiner Knabenjahre fiel ihm ein in dieser Nacht, da er im Saale der Verurteilten lauschend und spähend in der Ecke neben dem blutbesudelten Leichnam Valazés stand. Das waren ausgezeichnete Speisen und erlesene Weine, die man hier auftrug, und herrliche Blumen schmückten diese Tafel, indessen zahllose Fackeln und flackernde Kerzen den Saal der Verurteilten erleuchteten. Still und feierlich spielte sich das alles vor den Augen des jungen Bürgersoldaten ab. Es lag ein Hauch des Ewigen über dieser Tafelrunde und vor der Tür des Saals harrte der Priester, der die zum Tode Verdammten auf ihrem letzten Gange trösten sollte. Schweigend nahmen die »Freunde des Vaterlandes«, wie sie die einen, die »Feinde der Freiheit«, wie sie die anderen nannten, ihr Mahl ein. Nur leise Gespräche, die Silvain in seiner Ecke nicht verstehen konnte, schwirrten wie auf den Fittichen des Todes von Mund zu Ohr. Stunden und Stunden gingen dahin ... und endlich brach der fahle Schein des letzten Morgens durch die vergitterten Fenster und stritt mit dem Flackerlichte der ersterbenden Fackeln und Kerzen. Und Silvain Parmentier lauschte und lauschte. Aber es war ihm nicht möglich, das Geflüster der dem Tode Geweihten zu begreifen, es in Worte und Sätze, die ihm verständlich gewesen wären, auseinanderzulegen, denn es ging nur wie der Hauch des scheidenden Sommerwindes leise durch den Saal. Doch jetzt traf eine Stimme wirklich und vernehmlich Silvains Ohr. Es war die Stimme dessen, dem aus der Höhe seiner Macht und seines Glanzes ganz Paris gelauscht hatte, wenn sie hell und klar von der Rostra des Konvents erklang. Es war Vergniauds Stimme, der sich eben noch einmal an seine Leidensgenossen wandte und sagte: Meine Freunde! Da wir den Baum der Freiheit pfropfen wollten, haben wir ihn getötet. Er war zu alt. Und Robespierre haut ihn jetzt ab. Wird er glücklicher sein als wir? Ich glaube nein! Auf diesem Boden erblüht die bürgerliche Freiheit nicht. Denn dieses Volk steckt noch in den Kinderschuhen. Es kann seine Gesetze nicht handhaben, wenn wir sie ihm auch geben wollten. Es wird seine Könige wieder verlangen, wie das Kind sein Spielzeug. Wir haben uns in unserer Zeit geirrt, wir glaubten uns in Rom, um für die Freiheit zu sterben, und sind doch nur in Paris. Die Revolutionen gleichen den Stürmen der Leidenschaft, die das Haar des Menschen in einer einzigen Nacht bleichen. Aber sie reifen die Völker. Und das Blut in unseren Adern ist heiß genug, um den Boden der Republik düngen zu können, wir wollen die Zukunft nicht mit uns davon tragen, sondern laßt uns dem Volk, das uns das Leben nimmt, die Hoffnung geben!« »Nein, nein, du lügst, Alter.« schrie es da bei Vergniauds Worten in wildem Aufbäumen in dem Inneren des jungen Bürgersoldaten. Die Könige werden nicht wieder kommen, das lügst du, Alter, wie recht tat man, dich und deine Genossen verdammt zu haben.« Silvain Parmentier mußte sich Gewalt antun, daß er sich nicht auf den da stürzte, der ihn mit seinen Gedanken des Pessimismus und der Mäßigung die ganze Frucht des furchtbaren Blutbads in Frage zu stellen schien. Die Fackeln und Kerzen im Saale der Verurteilten erloschen, eine nach der andern. Der helle Tag erhob sich über Paris. In den Gängen der Conciergerie, vor dem Saale der Verurteilten und auf der Treppe, die hinab in den Kerker führte, wurde es lebendig. Die Gefangenen schwiegen und lauschten. Voll fieberhafter Glut waren ihre Augen auf die Tür des Saales gerichtet, gleich den Augen Silvains. Aber noch Stunden der Qual und der Angst schlichen schneckengleich dahin. Es war gegen zehn Uhr vormittags, als sich die Tür des Saales endlich öffnete, um den Henker und dessen Gehilfen einzulassen. Und die einundzwanzig Opfer für die Sache der Freiheit neigten im Angesicht des jungen Bürgersoldaten das Haupt. Ihre Locken fielen unter der Schere der Henkersknechte. Sie streckten den Gehilfen des Scharfrichters beide Hände entgegen und ließen sich fesseln. Silvains Auge ruhte voll staunender Bewunderung auf dem leichenblassen und schönen Gesicht eines noch ganz jungen Mannes, dessen rabenschwarze Locken eben wie Schlangen auf die Dielen des Kerkers niederglitten. Es war Gensonné. Aber der junge Bürgersoldat kannte auch dessen Namen nicht. Ein Priester trat an die Seite des Verurteilten. Mühsam beugte sich der junge Mann zur Erde, nahm eine der Locken, die der Knecht des Henkers soeben von seinem Scheitel getrennt hatte, auf, küßte sie lange und überreichte sie dem Priester. »Bringt sie meiner Frau,« sagte er mit brechender Stimme, »und richtet ihr aus, daß diese Locke alles ist, was ich ihr senden kann von dem, was von mir übrig bleibt, aber sagt ihr auch, daß ich sterbe im letzten Gedanken an sie.« Da war der junge Bürgersoldat nahe daran, daß ihn die Tränen übermannten, aber die Wirbel des Tambours, die jetzt draußen auf dem Hof einsetzten, rissen ihn wieder aus seiner weichen Stimmung heraus. Die Gendarmen und Nationalgardisten, die die Karren der Verurteilten auf ihrer letzten Fahrt nach dem Revolutionsplatz zu begleiten hatten, traten in den Saal. Man führte die »Geschorenen« in zwei Kolonnen in den Hof des Justizpalastes. Fünf Henkerskarren standen hier bereit. Eine ungeheure Menschenmenge füllte den Hof. Silvain tauchte in dieser Menge unter. Der Ruf: » Es lebe die Republik !« brauste allen auch in dieser Stunde des Abschieds entgegen. Und wie eine Antwort klang es aus den Kehlen der Verdammten, als sie nun geschorenen Hauptes, die Hände gefesselt, auf den Karren zur Seite ihrer Henker wie aus einem Munde zu singen begannen: »Es flattert rot zu unsern Häupten Die Blutstandarte des Tyrannen!« Vier dem Tod Geweihte saßen auf jedem der Karren, nur der letzte trug deren fünf. Und der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier, der vor wenigen Wochen am Fuße des Schafotts der Österreicherin gestanden hatte, begleitete auch diesen Zug durch die Gassen von Paris. Als die Sonne draußen am blendend blauen Himmel stand, als er die johlende und schreiende Volksmenge mit den roten Jakobinermützen wieder erblickte, als es tausendstimmig wieder und wieder an sein Ohr drang: » Es lebe die Republik !« »Es lebe die Freiheit!« Nieder mit den Tyrannen!« ... als die Trommeln wirbelten und die Trikoloren im Winde sich blähten, da waren die Bilder des Mitleids und des Schauderns, die in dieser Nacht seine Seele so ganz erfüllt hatten, wieder wie ausgelöscht in seinem Hirn. Der Marsch der Soldaten, die die Karren der Henker begleiteten, fuhr in Silvains Beine. Hier ging es zum Tode in Reih und Glied! In Schritt und Tritt! Zum Tode auf dem Altare des Vaterlandes, auf dem der Freiheit, die jedes, auch das letzte Opfer, in diesen Tagen von ihren Kindern und dem guten Bürger forderte. Er dachte nicht mehr an die Liebesstunde in den Armen der Bürgerin Louise Marteau. Er dachte nicht mehr an die Tränen, die in dem Saal der Verurteilten in dieser doch unvergeßlichen Nacht leise und fast ungesehen geweint worden waren, nicht mehr an die schwarze Locke des jungen Mannes, die auf die Diele des Kerkers unter der Schere des Henkerknechts gefallen und die ein Angedenken in den Händen des Priesters auch über das Grab hinaus bleiben sollte. Er hörte nur noch die Trommelwirbel der Tambours, er sah nur noch die Trikoloren, die Farben der einen einzigen und unteilbaren Republik, die jedes Opfer zu fordern berechtigt war. Er sah den Pöbel, der den langen Weg von der Conciergerie nach dem Revolutionsplatz säumte, denselben Weg, den der Karren der Österreicherin vor gerade zwei Wochen gefahren war. Er sah die Horden blutdürstiger Weiber aus den Halles und dem Palais Royal, die sich den drallen Busen, der einem jeden gehörte, mit der dreifarbigen Kokarde geschmückt hatten und die nun aus Leibeskräften wie die Besessenen, wie das Tier der Wüste brüllten: » Es lebe die Republik !« »Es lebe die Freiheit;« »Nieder mit den Tyrannen!« ... und im Sonnenglast der blutgetränkten Straße, im Anblick des blutbesudelten Platzes kamen ihm diese Megären wie die Prophetinnen einer besseren Zukunft vor. Rot war der Himmel vor Silvains Blicken, rot der Revolutionsplatz und rot die ganze Stadt. Ein Regen von Blut, von düngendem, von befruchtendem Blut ging über sie nieder. »Es lebe die Freiheit!« jauchzte jede Fiber seines Körpers, brüllten die Trommelwirbel der Tambours, als die Karren endlich die Stufen des Blutgerüstes erreicht hatten. Die Verurteilten stiegen aus. Die Marseillaise, das Lied der Freiheit, tönte noch immer von ihren Lippen über den weiten Platz, und der junge Bürgersoldat starrte wie gebannt, ganz erfüllt von einer einzigen und blutigen Vision, auf die Opfer. Er sah, wie sie sich einander in die Arme fielen, wie einer den Bruderkuß auf die Stirn des andern drückte, wie die einen letzten Bund der Freiheit zu schließen schienen in diesem Augenblick des letzten Abschieds, noch einmal einen Bund für Leben und Tod. » Es lebe die Republik !« »Es lebe die Freiheit!« »Nieder mit den Tyrannen!« ... brauste es da wieder von tausend und abertausend Stimmen über den weiten Platz. Auch Silvains Lippen bewegten sich. Auch der junge Bürgersoldat brach mit aus in den frenetischen Ruf, der den Trommelwirbel des die Exekution weithin verkündenden Tambours überdröhnte. Da fiel das erste Haupt. Aber die anderen sangen: »Es flattert rot zu unsern Häupten Die Blutstandarte des Tyrannen!« Sillery betrat das Schafott. Er verbeugte sich nach links und nach rechts. Er dankte diesem Volke, das ihm den Heldentod für die Freiheit ermöglicht hatte. Und Sillerys Haupt fiel. Und die anderen sangen: »Es flattert rot zu unsern Häupten Die Blutstandarte des Tyrannen!« Auch der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier fiel in diesen Gesang ein. Aus welchem Grunde, das wußte er selbst nicht. Aber er sang: Das Lied der dem Tode Geweihten, das Freiheitslied Frankreichs riß ihn einfach mit sich fort. Schwächer und schwächer wurde der Gesang. Mit jedem Haupte, das fiel, verlor der Freiheit Chor eine Stimme. Und unentwegt taten der Henker und seine Gehilfen ihr Werk. Die Reihen der Verurteilten zu Füßen des Schafotts lichteten sich. Maschine und Gerüst flossen in Blut. » Es lebe die Republik !« »Es lebe die Freiheit!« »Nieder mit den Tyrannen!« ... brauste es wieder und wieder über den weiten Platz, und die Stimmen, die den Schwanengesang der Freiheit anstimmten, wurden schwächer und schwächer. Nur ein mächtiger Baß tönte noch. Es war Vergniauds gewaltige Stimme, die die Bänke des Konvents und die Massen dieses Volkes so oft in flammende Begeisterung versetzt hatte. Sie war es, die hier an den Stufen des Blutgerüstes noch als letzte den Hymnus der Freiheit sang. Wie ein Triumphator betrat er jetzt die Stufen, die zu der Guillotine hinaufführten. Noch einmal dröhnte es aus seinem Munde: »Es flattert rot zu unsern Häupten Die Blutstandarte des Tyrannen!« Dann warf er sich selbst in die Arme der Henkersknechte. Noch einmal blitzte das hochgezogene Beil, zum einundzwanzigsten Male in dieser Stunde ... und Vergniauds Denkerkopf fiel. Da brach das Volk in rasenden Jubel aus. Es war eine seltsame Ironie des Schicksals, daß man die Leiber der Enthaupteten in der gleichen Grube verscharrte, die vor langen Monden die Gebeine des Tyrannen aufgenommen hatte, gegen den sie als die ersten Sturm gelaufen. Wie im Traum ging der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier seines Weges. Er dachte nicht mehr an die, die am vergangenen Abend seine Geliebte geworden, nicht mehr an die Bürgerin Louise Marteau, nicht mehr an die Kameraden, nicht mehr an Vater Levoisin und dessen Café zu den Rutenbündeln. Ein abenteuerlicher Gedanke stieg in ihm auf, als er jetzt, von dem Revolutionsplatz kommend, sinnend durch die wie immer menschenüberfüllte Rue Saint Honoré schritt. Es genügte nicht, wenn er als Bürgersoldat wie tausend andere der Sache der Freiheit diente, das war zu wenig. Das war nichts. Er hatte in diesen Tagen so viel von dem Wohlfahrtsausschuß gehört, so viel von dem Überwachungskomitee, das die Schuldigen ausfindig machte. Er war noch jung und gelehrig. Im Dienst des Komitees würde er dem Vaterland und der Sache der Freiheit, deren letzter Feind durch Henkershand verbluten mußte, besser dienen können. Das stand bei ihm fest. Wer wagte, gewann! Schließlich war es das beste, er wandte sich direkt an Chaumette oder Hébert, er bot einem von diesen beiden Männern, die in der Stadtverwaltung von Paris saßen, seine Dienste an, oder er begab sich zu Fouquier Tinville. Der saß im Justizpalast. Der war dermaßen mit Arbeit überhäuft, daß er seine Mahlzeiten auf dem gleichen Tisch einnahm, auf dem er die Anklagen auf Tod und Leben abfaßte, daß er in seinem Arbeitszimmer auf einer Matratze schlief und überhaupt nicht mehr nach Hause ging. Einem von diesen Männern mußte er seinen glühenden Wunsch vortragen, der Sache der Freiheit besser, als er das bisher vermocht hatte, dienen zu wollen. In solchen Gedanken und Plänen schritt der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier durch die Rue Saint Honoré und stand plötzlich wie durch einen Zufall wieder vor dem Café zu den Rutenbündeln. Viertes Kapitel. In einem alten Hause der Rue Saint Roch bewohnte der Maler Aristide Poignard zwei dürftig ausgestattete Zimmer, hier hauste der Künstler zusammen mit seiner »Nymphe«, der bildschönen Fleurette Bouchard, die einst in den Tagen ihres Glanzes Tänzerin an der Oper gewesen. Dann war es in den Stürmen der Revolution mit Fleurette Bouchard rasch bergab gegangen. Die Zeit, da Camille Demoulins das Volk durch seine feurigen Reden vor dem Palais Royal zum Sturm gegen die Bastille ermuntert, hatte sie schon unter den Damen der den altberühmten Palast umgebenden Cafés gesehen. Dort hatte sie auch Aristide Poignard in einer lustigen Nacht entdeckt, von dort hatte er sie mit in seine Wohnung nach der Rue Saint Roch genommen, und so war sie zuerst seine Geliebte und dann sein Modell geworden. Der Dichter Auguste Rodeur hatte nur zu recht. Das sah Aristide Poignard von Tag zu Tag deutlicher ein. Mit der Kunst war in diesen Zeitläufen beim besten Willen nichts zu verdienen, und nun gar mit seiner Kunst, die sich dem Geschmack des Tages zum Trotz an die Zierlichkeit der Watteaus und Bouchers hielt. Die Nymphe, an der er in jenen Herbsttagen im Park von Versailles gemalt hatte, lehnte noch immer unverkauft und unverkäuflich in einer Ecke neben dem Kamin. Nicht einmal für einen Rahmen hatte es in diesen Wochen gelangt. Ein armseliges Feuer, das Fleurette Bouchard an diesem Morgen mit Hilfe ein paar alter Kistendeckel angezündet hatte, glimmte dort neben dem Bild und vermochte den kalten Raum, der Aristide und seiner »Nymphe« als Atelier und Wohnzimmer diente, nur mäßig zu erwärmen. Aristide war allein. Er saß vor der Staffelei, auf der wieder eine eben angefangene Studie stand, aber er malte nicht. Das Licht dieses grauen Dezembermorgens war zu ungünstig, die Farben waren teuer, und wenn er sie ohne Erfolg auf die Leinwand brachte und dann mit dem Spachtel wieder abkratzen mußte, waren sie auch hin. Den schönen, von schwarzen Locken umrahmten Künstlerkopf in beide Hände gestützt, saß Aristide Poignard sorgenvoll da. Fleurette Bouchard war in die Stadt gegangen. Du lieber Himmel, sie hatten beide diesen Morgen nichts zum Frühstück gehabt. Kastanien und immer wieder Kastanien waren nun seit Wochen ihre einzige Nahrung gewesen. Und endlich hatte sich Aristide Poignard, und zwar gegen seine innerste Überzeugung, entschlossen, seinen Namen in die Liste derer einzutragen, die wegen Bedürftigkeit außerstande waren, an den politischen Geschäften teilzunehmen und so ihre Pflicht als Bürger der Republik zu erfüllen. So erhielt er denn jetzt von Staats wegen 40 Sous täglich, und mit denen konnte man wenigstens das Verhungern verhüten. Diese in der Tasche, war Fleurette Bouchard in die Stadt gelaufen. Hunger in den Därmen und Ungeduld im Herzen, erwartete Aristide Poignard die Rückkehr des Mädchens. Mit 40 Sous war schon etwas zu erreichen, denn die Damen der Halles waren längst nicht so grausam und unanständig, wie sie von vielen seit jenem Zug der Weiber nach Versailles hingestellt wurden. Sie hatten ein Herz im Leib, sie waren sogar dem Mitleid zugänglich, und einer Fleurette Bouchard, die einst Tänzerin an der Oper und dann eine Berühmtheit des Palais Royal gewesen, schlugen sie gewiß so leicht nichts ab. Und Aristide Poignard hatte sich nicht getäuscht. Nachdem er reichlich fünfviertel Stunden vor sich hin gebrütet hatte, vernahm er Fleurettes glockenhelle Stimme und ihren leichten Schritt draußen auf der Treppe. Wenn sie sang und vergnügt war, dann hatte sie sicher ihr Ziel erreicht. Aristide Poignard lauschte. Es war ein Gassenhauer, den er da draußen vernahm. Ein Gassenhauer, wie er sie nicht leiden mochte. Aber was verschlug's? Fleurette war lustig, und er krümmte sich schon vor Hunger. Er hätte keinen Kastanienbrei mehr schlucken können, und wenn er an Unterernährung eingegangen wäre. So widerte ihn das süßliche Zeug an. Es war ein Lied Gaston Dvoracs, das Fleurette draußen auf der Treppe sang. Aristide Poignard hatte dieses Lied schon immer gehaßt und mehr als dieses dessen Verfasser Gaston Dvorac, den leichtsinnigen Schlingel, der sich in den Tagen des Tyrannen auf seine Muse was zugute getan hatte und Stammgast in den Kaffeehäusern des Palais Royal gewesen war. Mehr als einmal hatte er dieses Lied aus seines Dichters eigenem Munde gehört, wenn Gaston Dvorac mit unnachahmlicher Gebärde die Laute zu seinen Versen schlug. Poignard haßte dieses Lied, weil es Gaston Dvorac eigens für Fleurette Bouchard gedichtet hatte, weil dieses Lied von ihr handelte und er wohl nicht mit Unrecht vermutete, daß die einstige Tänzerin an der Oper auch den Lyriker begeistert hatte und zwar auf denselben Wegen, auf denen sie des Malers Modell geworden war. Aber trotzdem lauschte er, als Fleurette draußen auf der Treppe sang: »Fleurette, Fleurette, So lieb und so adrett, Erst war sie an der Oper, Da lachte wie Zinnober Ihr kleiner roter Mund Und küßte mich gesund. Fleurette, Fleurette, So lieb und so adrett, Dann kam sie zu den Damen, Die man nicht nennt mit Namen, Sie zeigte im Café Den Busen weiß wie Schnee. Aristide Poignard sprang auf. Er ärgerte sich über dieses Lied. Doch da öffnete sich schon die Tür, und die liebliche Fleurette Bouchard stand leibhaftig vor ihm. Sie stellte den großen Handkorb, den sie am Arm getragen, auf den Boden des Zimmers und flog an seinen Hals. »Aristide,« jauchzte sie, »ich habe deine vierzig Sous nutzbringend angelegt, jetzt soll es uns schmecken!« Ohne seine Antwort abgewartet zu haben, lief sie hinein in das Schlafzimmer. Sie kam sofort wieder zurück und deckte den in der Mitte des Wohnraums stehenden Tisch mit einem groben Leinentuch, das sie dem gemeinsamen Bett entnommen hatte, holte Teller, Messer, Gabeln und Gläser aus dem Wandschrank und begann damit, die Schätze ihres Korbes vor den Blicken des hungrigen Künstlers auszubreiten. Brot, Käse, Wurst und Schinken, ein gebratenes Huhn, eine Flasche Médoc kamen zum Vorschein. »Und das alles für vierzig Sous?« stotterte der betretene Maler. »Sei doch nicht so ... und iß, Aristide,« schmollte sie jetzt. »Ich dächte, wir hätten lange genug gefastet.« Dann schwang sie sich mit einem graziösen Sprunge, der an ihre einstige Beschäftigung in den Musikdramen erinnerte, auf Aristides Schoß und goß beide Gläser voll mit dem dunkelroten Bordeaux. »Iß und trink, Aristide, es gibt noch gute Menschen auf der Welt,« lachte sie. »Und wenn ich dir erst erzähle, was sie heute im Konvent aufgeführt haben, dann wirst du dich am Ende zu Tode lachen, Aristide.« Der Maler hörte kaum auf ihre Worte. Er war damit beschäftigt, sich eine große Schnitte von dem köstlichen Weizenbrot abzuschneiden. Fast andächtig belegte er die mit einer dicken Scheibe gekochten Schinkens, und erst, nachdem er diese verzehrt und so seinen ersten Hunger gestillt hatte, ging er auf Fleurettes Worte ein und fragte: »Nun, Fleurette, was haben sie denn wieder im Konvent angestellt?« »Es ist zum Totlachen, Aristide.« erwiderte Fleurette, »alles hat doch seine Zeit. Wir Damen vom Theater kommen jetzt auch wieder an die Reihe. Was sagst du, wenn ich behaupte, daß heute der Tag angebrochen ist, da wir in der Republik die allererste Flöte spielen?« »Aber du bist doch gar nicht mehr beim Theater, beste Fleurette!« »Macht nichts, mein teuerster Aristide, auch die andern ...« »Welche andern?« »Na, du wolltest doch vorhin offenbar darauf anspielen, daß du mich nicht im Theater, sondern in einem Café des Palais Royal aufgelesen hast.« »Das wollte ich allerdings.« »So höre, also auch die andern ... Du, ich habe übrigens heute morgen ein neues und einträgliches Metier für dich ausfindig gemacht.« »Auch das noch, Fleurette?« Sie überhörte absichtlich den Ton des Vorwurfs, der schon wieder in Aristide Poignards Worten lag, und fuhr in aller Seelenruhe fort: »Doch davon später, mein Bester, die Damen der Halles, bei denen ich diese Kostbarkeiten für vierzig Sous erstanden habe, wirklich für vierzig Sous, auf Ehre und Gewissen, mein lieber Aristide, die haben mir das erzählt, und das hat mich auch auf den Gedanken von deinem neuen Metier gebracht.« »Was haben sie dir erzählt, und was ist das für ein neues Metier?« »Eines nach dem andern. Also, denke dir, Aristide, Hébert und Chaumette haben es endlich durchgesetzt. Die Religion wird endgültig abgeschafft. Sie haben Danton und Robespierre für ihre Sache gewonnen. Heute ist es im Konvent zum Klappen gekommen. Die Religion wird also abgeschafft und der Kultus des Fleisches und der Schönheit, kurzum die freie Liebe, wird an deren Stelle gesetzt. Aussichtsreich, was? Zweifelst du etwa auch jetzt noch daran, daß unser Weizen wieder zu blühen beginnt?« Aristide Poignard war eben dabei, die eine Hälfte des gebratenen Huhns mit größtem Appetit zu verspeisen, und so sagte er denn mit vollem Mund und kauend: »Wenn du von der freien Liebe sprichst, dann magst du schon recht haben, mein Kind ... aber mit der Schönheit ...« »Ich bitte es mir aus, Aristide, wenn du mir so kommst, dann behalte ich meine Erzählung und meinen Vorschlag mit deinem neuen Metier ganz einfach für mich ...« »Aber so schlimm war das doch nicht gemeint, Fleurette, nur ein Scherz ...« »Freilich, freilich ... nur ein Scherz ... Aber du irrst dich, Freund, du irrst dich ganz gewaltig ... du wirst noch was erleben ... oh, ich werde meine Rolle glänzend spielen, verlaß dich drauf ... Kennst du die rote Therese?« »Das Scheusal aus der Rue Saint Dénis?« »Ganz recht, das Scheusal aus der Rue Saint Dénis! Sie ist Chaumettes Geliebte, die rote Therese.« »Einen besseren Geschmack hätte ich Chaumette, Hébert und deren Genossen auch kaum zugetraut. Nun ja, einer dieser Herren ist ja, wenn ich nicht irre, Logenschließer in einem Theater in den Tagen des Tyrannen gewesen. Wo sollte da der Geschmack herkommen? ... Also, erzähle, was ist mit der roten Therese?« »Ich werde mich an sie wenden. Sie kennt mich noch vom Palais Royal her, dann kann es nicht fehlen.« »Aber so erzähle doch!« »Du weißt doch, daß die rote Therese was zu zeigen hat trotz der teuren Zeiten, und das will was besagen, Aristide, wo wir alle vor Hunger so mager werden wie die Féras nach der Laichzeit, so daß man gerade kein Gourmet zu sein braucht, um auf uns Verzicht zu leisten. Also höre! Chaumette hat heute die rote Therese dem Konvent vorgeführt.« »Du hast dir einen Bären aufbinden lassen.« »Du wirst es heute abend schwarz auf weiß im Moniteur lesen. Verlaß dich drauf. Um neun Uhr begann die Sitzung, in der der Gemeinderat von Paris den Kult der Vernunft proklamiert hat.« »Und dazu bedurfte der Gemeinderat der roten Therese aus der Rue Saint Dénis?« »Aber ich sagte dir es doch, Aristide, sie ist die Geliebte Chaumettes, und Chaumette und Hébert sind augenblicklich allmächtig. Sie verstehen es schon meisterlich, ihren Willen bei Danton und Robespierre durchzusetzen. Höre, so haben die Damen der Halles es mir brühwarm erzählt. Eine ungeheure Menschenmasse umlagerte schon um acht Uhr die Tuilerien. Kaum ein Zehntel der Leute konnte Einlaß in den Sitzungssaal erlangen. Um neun Uhr erschien Chaumette, gefolgt von einer Musikerbande, und führte die rote Therese aus der Rue Saint Dénis an der Hand. Und das tollste ...« »Das tollste?« »Die rote Therese war splitternackt ... Sie hatte trotz der Kälte nichts als einen hellblauen Seidenschal um ihren üppigen Corpus geschlungen. Sie sei das Symbol der neuen Religion, Aristide, sagten voll Begeisterung die Damen der Halles.« »Und weiter?« »So führte sie Chaumette in den Saal des Konvents ... Und sie war nicht allein. Daß ich davon nichts gewußt habe, Aristide, du hättest es mir gewiß erlaubt ...« »Das ist denn doch noch sehr die Frage, mein Kind!« »Dann wäre ich eben einfach ohne deine Erlaubnis gegangen.« »So ...?« »Ja, so ... All mein Lebtag wird es mich reuen, daß ich hier bei dir diese wunderbare Stunde der Rehabilitation verschlafen habe. Denn die rote Therese war nicht allein, alle Mädchen des Palais Royal haben sie begleitet ... Sie bildeten den Hofstaat, gewissermaßen das Gefolge des Symbols, sagten die Damen der Halles.« »Und was geschah weiter?« »Das Volk folgte ihnen auf dem Fuß und schrie: Es lebe die Republik !« »Wie gewöhnlich in diesen Tagen.« »Ja ... und: Es lebe die Schönheit ...« Aristide Poignard platzte los: »Die dicke Therese aus der Rue Saint Dénis, ausgerechnet die, und ... die Schönheit ...« »Ja, und die freie Liebe und das Weib ... Es lebe das Weib, rief Chaumette und führte die rote Therese auf die Tribüne des Konvents. Und dann spielte die Musik die Marseillaise und das Ça ira .« »Und hat Chaumette dazu keine Rede gehalten?« »Freilich hat er das, Aristide. Die Mädchen aus dem Palais Royal besetzten die Bänke der Abgeordneten. Laloi führte den Vorsitz im Konvent, Chaumette schritt auf ihn zu, nachdem er den blauen Schleier von dem splitternackten Körper der roten Therese mit einer feierlichen Bewegung weggenommen hatte.« Aristide Poignard schüttelte sich vor Lachen. »Du, wenn dich einer der Machthaber so sähe, Aristide,« drohte Fleurette. »Die rote Therese ist heute zum Symbol der Republik erhoben worden. Bedenke das!« »Also scheint man in Frankreich den guten Geschmack heute endgültig zu Grabe getragen zu haben, meine Beste.« Fleurette Bouchard ließ sich durch all seine spöttischen Bemerkungen durchaus nicht irre machen. Sie fuhr in heller Begeisterung fort: »Wie Gott sie geschaffen, stand die rote Therese vor dem Konvent und der Menge. Da rief Chaumette: Sterbliche, kennt ihr in Wahrheit kein höheres Wesen als die Vernunft? Höher als die Vernunft ist die Natur, deren schönstes und reinstes Bild ich euch hier allen vor Augen stelle.« Es war unheimlich mit dem Maler. Er wand sich in körperlichen Schmerzen, so lachte er, die Tränen liefen ihm in einemzu die Wangen hinunter. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet,« rief er ein über das anderemal. »Das schönste und reinste Bild der Natur aus der Rue Saint Dénis, ausgezeichnet. Und was tat der Konvent, was tat das Volk, Fleurette? Sie lachten ihm nicht in das Gesicht? Klatschten sie etwa Beifall?« »Sie lachten nicht, aber sie klatschten auch nicht Beifall.« »Also hat dieser Chaumette mitsamt seiner roten Therese aus der Rue Saint Dénis doch ein wohlverdientes Fiasko erlitten?« »Aber mit nichten, Aristide. Chaumette und der ganze Konvent waren aufs tiefste ergriffen. Sie neigten sich voll Andacht vor der nackten Therese und beteten sie an.« »In drei Teufels Namen.« Ein furchtbarer Fluch kam dieses Wort aus dem Mund Aristide Poignards. Dann sprang er auf und faßte nach dem Bild, das ohne Rahmen neben dem flackernden Kaminfeuer stand. »Was hast du vor, Aristide?« schrie Fleurette. »Ich möchte den Plunder ins Feuer stecken,« wetterte er jetzt blaß vor Wut. »In einer Welt, in einer Stadt, bei Menschen, wo eine solche Geschmacksverirrung möglich ist, was soll ich da? Was soll mein Bild da?« »Aber nein, nicht doch,« wehrte Fleurette. »Aber nein, Aristide, du hast doch acht Monate unter Hunger und Entbehrungen daran gemalt ... und ich ... ich habe dir doch Modell dazu gestanden ...« fügte sie noch hinzu und schmiegte sich zärtlich an ihn. Aber er hatte jetzt kein Ohr für ihre freundlichen Worte. »Acht Monate daran gemalt,« schrie er, »und was bringt es mir ein? Was habe ich davon, als daß wir alle beide vor Hunger krepieren müssen, als daß ich gezwungen werde, hinzugehen und diesem Saupack meine Dienste in politischen Geschäften anzubieten, um dich und mich mit den vierzig Sous dieser Schandregierung über Wasser zu halten, nein und abermals nein, es ist genug!« Er hielt den schmalen Holzrahmen, auf den er vor Monden, erfüllt von Schaffenslust, die Leinwand gespannt hatte, in den Händen und versuchte, dessen Stäbe über seinem Knie zu knicken. Aber das Holz war zu stark. Es gab seiner Kraft nicht nach. Jetzt brachte er das Bild an die Zähne. Er machte den vergeblichen Versuch, die Nägel, die die Leinwand festhielten, mit seinen Bissen zu lösen und so sein Werk, die Frucht mondelangen Hungers und mondelanger Entbehrungen, in Fetzen zu reißen. Aber die Nägel gaben nicht nach. »Nicht doch, nicht doch, Aristide,« jammerte Fleurette, »nicht doch, um meinetwillen nicht, es ist doch mein Körper, ich bin es doch, Aristide, in die du die Nägel deiner Finger bohren, die du mit harten Händen in Stücke reißen willst.« Da kam er wieder zur Besinnung. Die Worte dieses Mädchens, das er in all dem Elend und all dem Hunger liebte, weil sie wie ein treuer Hund die Kälte und die Not mit ihm teilte, taten es ihm an. Momentan war er völlig ruhig. Kopfschüttelnd stellte er das Bild wieder an seinen Platz. »Mag es stehen bleiben, Fleurette, wo es schon so lange gestanden hat,« entschied er, »aber nach dem, was du soeben erzählt hast, rühre ich keinen Pinsel mehr an. Unter dieser Gesellschaft nicht, und bis der Sturm diese Gesellschaft hinweggefegt haben wird, sind auch wir verdorben und gestorben, Fleurette! Auch die vierzig Sous nehme ich von denen nicht mehr an.« Sie hielt es für das beste, ihn jetzt ganz sich selbst zu überlasen. Sie schwieg, denn sie wußte, daß jedes Wort der Beruhigung und des Trostes ihn nur wieder außer sich gebracht hätte. Sie kannte ihn. Aristide Poignard war ein großer Künstler, und als solcher war er maßlos. Maßlos in allem! In der Freude und in der Hoffnung und in der Liebe, wie er maßlos in dem Schmerze und in der Verzweiflung und in der Verachtung war. Eine ganze Weile war es daher totenstill in dem kleinen Zimmer. Nur das verlöschende Feuer des Kamins knisterte leise, nur die Schneeflocken, die draußen tanzten, schlugen fast lautlos wider die Scheiben. Plötzlich fuhr Aristide Poignard aus seinem Sinnen empor. Ganz unvermittelt fragte er: »Was hast du denn vorhin gemeint, Fleurette, als du von einem neuen Metier sprachst, das dir für mich eingefallen ist?« »Ich habe mir das auf dem Heimweg so zurechtgelegt, Aristide,« erwiderte das Mädchen schüchtern. »Aber wenn du in solcher Stimmung bist, wenn du alles so aufnimmst, dann wage ich es gar nicht auszusprechen.« »Heraus damit,« sagte er da schon wieder in befehlerischem Ton. Fleurette Bouchard zitterte. Wenn er in diesem Ton sprach, dann bekam sie Angst vor ihm, dann wäre sie am liebsten auf und davon gelaufen und zu ihren Schicksalsgenossinnen in die Cafés des Palais Royal zurückgekehrt. Schon oft war sie drauf und dran gewesen, diesen Schritt zu tun. Aber halben Weges war sie immer und immer wieder umgekehrt und wieder zu ihm geeilt. Denn sie liebte Aristide Poignard. Sie liebte ihn mit jener seltsamen Liebe der Dirne, die für keinen der vielen Männer, denen sie sich um Geld hingibt, etwas empfindet, und die den einen anbetet, von dem sie sich prügeln läßt wie ein Hund, die diesem einen ihre Liebe und den Sündenlohn ihrer Liebe schenkt. »Soll ich es sagen, Aristide?« bettelte sie nun aus diesem Gefühl heraus. Und er befahl ihr noch einmal: »Heraus damit!« »Ich habe auf dem Heimweg von den Damen der Halles darüber nachgedacht, Aristide,« begann sie. »Ich dächte, die Verspottung der Religion dürfte in diesen Tagen ein Bombengeschäft werden.« »Und ich meine, das könnten wir Chaumette und Hébert und den übrigen Artikelschreibern im Père Duchesne überlassen.« »Wie du meinst, Aristide, aber ich dachte an die bildliche Verspottung. Alle Kirchen in Frankreich sollen doch jetzt in Tempel der Vernunft verwandelt werden. So hörte ich von den Damen der Halles. Ein großer Teil der Priester hat auch schon umgeschworen, sogar den Erzbischof von Paris, den alten Göbel, wird man dazu zwingen. Chaumette und Hébert planen nämlich ein großes Fest in Notre Dame. Auch davon war heute die Rede. Um die Weihnachtszeit soll da das Bild der Jungfrau gestürzt und das der heiligen Geneviève öffentlich verbrannt werden. Man muß doch mit seiner Zeit gehen, mein bester Aristide, wenn man ein Künstler ist und nicht verhungern will, sollte ich meinen.« »Ja, das solltest du freilich meinen,« wiederholte Aristide Poignard und wühlte mit beiden Händen in seinen dichten, schwarzen Locken. »Und was hast du also als mein neues Metier ins Auge gefaßt, Fleurette?« »Ich habe nur so ganz im allgemeinen darüber nachgedacht, Aristide, Verspottung der Religion auf zeichnerischem und malerischem Gebiet, so was fiel mir wohl ein.« Mit langen und unruhigen Schritten ging Aristide Poignard in dem kleinen Wohnraum auf und nieder. Auf einmal blieb er stehen, faßte Fleurette mit beiden Armen um die Hüften und rief: »Ich hab's, ich hab's, Fleurette ... du bist ein Teufelsweib, du hast den Satanas selber im Leib. Wenn sie es denn nicht anders haben wollen, meinetwegen. Verspottung der Religion! Du wirst Polischinellen anfertigen ... und ich ... ich werde sie mit meinen Farben anstreichen ...« »Ich, Aristide?« »Ja, du, Fleurette ... Und du selbst sollst sie vor dem Palais Royal verkaufen, jedes Stück zu zehn Sous. Das wird ein heiteres Metier werden, Fleurette! Priester und Könige und Herzöge und Grafen, die Jungfrau selber und den Heiland und den lieben Gott werden wir zu Hanswursten machen. Reißenden Absatz wird das Zeugs finden, und wir werden nicht mehr zu hungern brauchen, wir werden nicht mehr auf die vierzig Sous von denen da angewiesen sein, Fleurette ... Und ...« »Und was noch?« fragte Fleurette. Aristide Poignard schwieg und blickte finster vor sich hin. Endlich sagte er: »Und vielleicht, Fleurette, ist der Tag gar nicht mehr so fern, an dem wir andere Modelle für unsere Polischinellen finden werden.« »Andere ... wen meinst du damit?« »Nun, wen sollte ich meinen? ... Chaumette und Hébert und Danton und Robespierre und Saint Just, die meine ich. Der Tag wird kommen, wo sie auf der Place de la Révolution das gleiche Kasperletheater spielen werden, das sie mit den anderen aufgeführt haben ... Aber bis zu diesem Tage halten wir uns an den Erzbischof von Paris ... das war wirklich ein genialer Einfall, Fleurette!« Er trat an die Kommode, die an der einen Seitenwand des Zimmers stand, und zog eine Schublade auf. »Was suchst du, Aristide,« fragte Fleurette. »Stoff für mein Kunstwerk, meine Teuerste,« antwortete er mit grausamem Lachen, »schwarzen Stoff, aus dem du dem Erzbischof von Paris das Gewand schneidern sollst, aber schwarz muß der Stoff sein, pechrabenschwarz!« Er wühlte in den Kleidern und Wäschestücken Fleurettes, die hier in dieser Kommodeschublade lagen. »Alles bunt, alles Flitter für das Palais Royal,« knurrte er, »kein einziges schwarzes Stück, nichts für meinen Erzbischof, doch halt ...« Fleurette stieß einen Schrei aus. »Da haben wir's,« triumphierte Aristide. Er hielt einen Schleier aus schwarzem Krepp in den Händen. Er betrachtete den Stoff von allen Seiten. »Das wird unseren Erzbischof nicht übel kleiden, wenigstens erkennt selbst ein Blinder von weitem, daß es sich um einen Pfaffen handelt, und das ist doch der Clou unseres Polischinellentheaters. Ich werde mit meinem Freund Auguste Rodeur reden, daß er mir die Stücke für meine Gründung schreibt.« »Aber das ist doch der Schleier, den ich bei der Beerdigung meiner Mutter getragen und den ich mir immer aufgehoben habe,« stammelte jetzt endlich Fleurette. »Mein liebes Kind,« begann jetzt Aristide Poignard, indem er den schwarzen Kreppschleier wie eine Fahne schwang. »Der neue Kult der Vernunft duldet solche Reliquien nicht mehr. Machen wir also unter alles Vergangene einen Strich, setzen wir ihn definitiv unter die Rechnung, Fleurette.« Mit diesen Worten ergriff er eine Schere, die auf Fleurettes kleinem Nähtisch, der vor dem Fenster stand, lag, und schnitt ein Stück Krepp aus dem Schleier. »Mach dich an die Arbeit, Fleurette, und nähe ein Gewand, in dem sich ein Pfaffe sehen lassen kann, meine Teuerste.« Schweigend machte sich Fleurette an die Arbeit. Sie kauerte sich auf dem Stuhl vor ihrem kleinen Nähtisch nieder und griff zur Nadel. Aber die Tränen fielen aus ihren großen, dunkelbraunen Augen, die der Maler so oft und so ehrlich bewundert hatte, auf das Kleid des Priesters, das sie jetzt nach ihrer eigensten Idee zu Hohn und Spott aus dem Kreppstoff nähte, der ihr einstmals am Beerdigungstag ihrer Mutter in tiefem Ernste gedient hatte. Fleurette war weiß Gott nicht weich. Sie war nicht tief. Das Leben am Theater und dann das weitere in den Cafés des Palais Royal hatte auch sie zu der gemacht, die sie im Grunde genommen doch alle waren. Und dennoch! Es war ihr in diesem Augenblick, als trüge sie an dem Tage, da Chaumette den Kult der höchsten Schönheit verkündet und das Bild der Jungfrau gestürzt hatte, auch noch den letzten Rest von dem zu Grabe, was noch Eigenes, noch Persönliches, noch Heiliges auch an ihr, der käuflichen Priesterin der Liebe, gewesen war. Und sie tat es nach dem Willen des Einzigen, den sie selbstlos geliebt hatte, und gerade, weil er es verlangte, tat sie es. Ohne ein Wort des Widerspruchs machte sie sich an die Arbeit, von der sie nicht mehr aufsah, auch nicht, als Aristide Poignard den Hut nahm und ging. Die Augen auf das Stück Krepp geheftet, fragte sie ihn: »Wo willst du hin, Aristide?« Und er: »Meine vierzig Sous von heute zum letzten Male holen. In der Rue Richelieu wohnt ein Drechsler, der Puppenköpfe aus Holz feil hält. Ich werde mit ihm handeln. Ich denke, er wird mir das Dutzend um zwei Franken lassen. Dann kann die Affenkomödie mit den Königen und den Priestern, mit der Jungfrau und mit dem Heiland und mit dem lieben Gott ihren Anfang nehmen.« Fünftes Kapitel. In einer stürmischen Nacht der dritten Dezemberwoche machte der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier eine wichtige Bekanntschaft. Es war weit nach Mitternacht, und er saß noch immer im Café zu den Rutenbündeln in der Rue Saint Honoré. Vater Levoisin war müde. Er lehnte auf der Bank in der Ofenecke und war selig entschlummert. Einige Stammgäste des Cafés waren noch mit einem späten Kartenspiel beschäftigt. An ihrem Tische ging es laut genug her. Sie amüsierten sich. Denn eben war ein Händler in dem Café gewesen, der ihnen eine ganz neue Sorte von Spielkarten angeboten hatte. Sie aber hatten ihre Assignate in den Taschen behalten und ruhig mit den alten Karten weiter gespielt. Es sei ein Skandal, es sei unwürdig freier Männer und der Söhne der einen und unteilbaren Republik, so hatte der Händler verkündet, daß sie mit Königen und Königinnen, Buben und Aß noch fernerhin Karten spielten. Er habe ein neues System erfunden. Seine Karten müsse jetzt alle Welt kaufen, denn das höchste Wesen nehme auf seinen Karten den Platz des Königs und die Vernunft den der Dame ein. Da hatte aber der alte Schuster Brouillard aus der Rue Saint Martin dem Händler ins Gesicht gelacht. Die alten Karten seien ihm gerade recht, hatte der Schuster gemeint. Es sei für einen jeden Republikaner eine wahre Wonne, dem König und seiner Dame den Trumpf zu geben, mit jedem Spiel dem König eins über den Kopf zu hauen, und die ganze Tischgesellschaft war in lautes Lachen ausgebrochen. Der Händler hatte seines Weges ziehen müssen, ohne auch nur ein einziges seiner neumodischen Kartenspiele an den Mann gebracht zu haben. Auch Silvain hatte hinübergehört. Dann war er aber wieder in seine Träume versunken, die ihn nun schon seit Wochen, seit dem Todestage der »Gerechten«, beherrschten und die er die ganze Zeit über nicht hatte los werden können. Die Bürgerin Louise Marteau saß an seiner Seite. Viel gab es in dieser Stunde im Café nicht mehr zu tun. Die Alten am Stammtisch waren mit ihren Karten beschäftigt und leerten langsam und gemächlich die Viertel »Vin blanc«, die vor ihnen auf dem Tisch standen, und Vater Levoisins Auge wachte in dieser Stunde Gott sei Dank einmal nicht über ihrer Emsigkeit. Sie hielt die Hand des jungen Bürgersoldaten, dem sie sich so rasch und stürmisch hingegeben hatte, in der ihren und blickte ihn voll verzehrender Leidenschaft an. Aber Silvains Gedanken weilten nicht bei der Geliebten, das empfand die Bürgerin Louise Marteau nur zu gut. Er war in tiefen Gedanken verloren, er nagte an der Unterlippe, und wie eine finstere Wolke lagerte es auf seiner Stirn. Noch immer hatte er keine Gelegenheit, noch immer hatte er nicht den Mut gefunden, sich einem der Machthaber mit seinem Anliegen zu nähern, und das verdroß ihn. Da ging die Tür des Cafés noch einmal auf ... und ein langer, hagerer Mann von etwa fünfzig Jahren erschien auf der Schwelle. Die Alten am Stammtisch steckten die Köpfe zusammen. Es hatte den Anschein, als ob ihnen der neue Gast bekannt sei. »Guten Abend, Bürger!« sagte der. Dann ging er geraden Weges auf die Bürgerin Louise Marteau zu und befahl kurz: »Einen Kaffee, Bürgerin!« Es war dem jungen Mädchen durchaus nicht angenehm, jetzt noch einmal in die Küche zu müssen, um diesen Kaffee zu bereiten. Aber die Worte waren in solch herrischem Tone aus dem Munde des neuen Gastes gekommen, daß die Bürgerin Louise Marteau gar nicht an Widerspruch dachte. Der junge Bürgersoldat war dermaßen in seine Träume versunken, daß er von dem Weggehen Louises keinerlei Notiz nahm. Indessen trat der Fremde mit den Worten: »Ist es erlaubt?« an den Tisch Silvains heran und setzte sich diesem gerade gegenüber. »Gefallt Ihr Euch in dem Rock der Republik, Bürgersoldat,« fragte er, sich setzend. Mit einem erstaunten Blick maß Silvain den Fremden von oben bis unten. Das vorhin noch so laute Gespräch am Stammtisch der Alten wurde nun im Flüsterton geführt. »Ob ich mir gefalle?« kam es in gedehntem Tone aus Silvains Munde. »Man muß mit dem Posten fürlieb nehmen, Bürger, auf den einen das Vaterland, gestellt hat.« »Das will ich meinen, Bürgersoldat,« antwortete der Fremde. Es lag ein seltsamer, lauernder, werbender Ton in seiner Stimme. Das entging Silvain nicht. Da entstand eine Pause. Silvain nahm einen langen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glas und sah dann sein Gegenüber wartend und fragend an. Und der Fremde ergriff wieder das Wort: »Ihr seid noch sehr jung, Bürgersoldat. Ihr seid von guter Statur und dünkt mich, wie ich Euch beim ersten Anblick beurteile, keineswegs auf den Kopf gefallen.« »Oho,« brummte Silvain. »Seht Ihr, daß ich recht hatte,« fuhr der Fremde unbekümmert in ruhigem und festem Ton fort. »In Eurem Alter und bei Euren Fähigkeiten kann man es heutzutage noch sehr weit bringen. Ihr stammt aus guter Familie, sollt ich meinen?« Es entging Silvain nicht, daß die Augen des Fremden bei dieser Frage einen lauernden Ausdruck angenommen hatten. »Was soll das heißen, Bürger, aus guter Familie?« erwiderte der Bürgersoldat in beinahe gereiztem Ton. »Ich dächte, daß man heute ... Mein Vater ist Landmann im Elsaß ...« »Um so besser ... Nehmt Euch ein Exempel an Hébert ... Nehmt Euch eines an dem großen Chaumette! Der eine war Logenschließer und der andere Schuster, und heute regieren sie Paris und die Welt. Heute stürzen sie die alten Götter und die Könige, heute führen sie die Vernunft und die Natur als höchste Wesen ein. Dazu bedarf es keiner sogenannten guten Familie. Ich wollte Euch auch nur gefragt haben, ob Ihr lesen und schreiben könnt, Bürgersoldat?« »Das will ich meinen,« antwortete der junge Silvain voll Stolz. »Wenn man heutzutage das kann, dann hat man schon den halben Weg hinter sich, um eine Rolle in der Politik zu spielen. Sagt an, hättet Ihr nicht Lust dazu? Ich dächte, an dem Verstand könnt's Euch nicht mangeln.« Argwöhnisch betrachtete sich Silvain jetzt sein Gegenüber von oben bis unten. Es gab heutzutage so viele Spitzel in Paris, das wußte er, die davon lebten, daß sie Wildfremden ihre politische Gesinnung auf die Zunge lockten und dann hingingen, sie dem Überwachungskomitee anzuzeigen, um so ein Stück Geld zu verdienen. Es hatte den Anschein, als erriete der Fremde Silvains Gedanken. »Ihr müßt mich nicht für solch einen halten, Bürgersoldat,« sagte er darum treuherzig. »Ich habe im Ernst gesprochen, ich meine es offen und ehrlich mit Euch. Kennt Ihr Chaumette?« »Pierre Gaspard Chaumette? Freilich kenn' ich den dem Namen nach ... und Ihr?« »Ich kenne ihn so gut, wie ich mich selber kenne, Freund.« Erstaunt blickte Silvain sein Gegenüber an. Da erschien die Bürgerin Louise Marteau mit dem Kaffee. Langsam schlürfte der Fremde, von dessen Persönlichkeit sich der junge Bürgersoldat noch immer kein rechtes Bild machen konnte, das heiße Getränk. Die Bürgerin Louise Marteau hatte sich wieder zurückgezogen. »Ihr steht gut mit der Bürgerin, Bürgersoldat?« fragte da der Fremde ganz unvermittelt. »Wie kommt Ihr auf diese Frage?« »Ich meine nur so ... Sie ist jung ... Sie saß bei Euch allein am Tisch, als ich eintrat. So dachte ich mir, daß Ihr gut miteinander steht.« »Ich kenne Euch nicht, Bürger,« lautete Silvains Antwort. »Ich wüßte also auch nicht, aus welchem Grund ich Euch Auskunft darüber schuldig wäre.« »Schuldig ... schuldig ... davon ist doch nicht die Rede ... Bürgersoldat, ich habe doch nur ganz bescheiden gefragt ... Ihr kennt mich wirklich nicht?« »Nein.« »Aber ich, ich kenne Euch ... Silvain Parmentier!« Erstaunt sah der junge Bürgersoldat sein Gegenüber an. »Jawohl! ... Ich habe viel des Rühmenswerten von Euch gehört, von Eurem Eifer für die Sache der Freiheit, von Eurer Energie, von Eurem Mut! Die Republik kennt ihre Männer. Die Regierung weiß ihre Männer zu schätzen. Das könnt Ihr mir glauben, Silvain Parmentier!« Das Herz in der Brust des jungen Mannes begann höher zu schlagen. Wer war der, den er da vor sich hatte? Sollte er seinen Worten Glauben schenken oder aber war hier höchste Vorsicht am Platze? ... Von beiden Seiten konnte in diesen Zeiten das Verderben drohen. Der Aufstand im Süden war noch lange nicht zu Ende. Die Royalisten waren immer noch heimlich am Werke und sandten in alle Welt, vornehmlich aber nach Paris, ihre Spitzel aus. Silvain war wieder voll Argwohn. Der Fremde lächelte. »Man hat mir viel von Euch erzählt, Silvain Parmentier,« fuhr er nun unbeirrt fort, »von Euren Reden, die Hand und Fuß haben, die es ernst nehmen mit der großen Sache der Republik, von Euren Plänen habe ich das eine und das andere vernommen!« »Von meinen Plänen?« »Was man so nennt,« verbesserte sich der Fremde, »sagen wir also lieber von Euren Ideen. Ihr standet am Schafott, als das Haupt der Österreicherin fiel, und Ihr habt nicht gezittert ... so hat man mir erzählt ... Ihr ward Zeuge des letzten Mahles und des Todes der 21 Vaterlandsverräter und seid keinen Augenblick wankend geworden. Die große Republik hat ihre Augen allüberall, Silvain Parmentier, und darum ...« Der junge Bürgersoldat zitterte. Woher wußte dieser Mensch das alles ... und er war doch der Meinung gewesen, er sei in der Menschenmenge dieses gewaltigen Paris und in dem Dunkel des Nichtgekanntseins völlig untergetaucht! Der Fremde war mit seinem Kaffee zu Ende. Er winkte die Bürgerin Louise Marteau an sich heran, die sich jetzt hinten auf der Ofenbank neben Vater Levoisin niedergelassen hatte. Er bestellte eine Kanne Bourgogne. »Ihr tut mir doch Bescheid, Bürgersoldat,« wandte er sich an Silvain. Die Alten am Stammtisch hatten ihr Kartenspiel beendet. Sie erhoben sich und gingen. Ein jeder warf noch einen neugierigen Blick auf den Fremden, der den jungen Bürgersoldaten jetzt völlig an sich gefesselt zu haben schien. Aber der Fremde schenkte den Gehenden keinerlei Beachtung. Sein Blick hing wieder an der vollen und üppigen Erscheinung der Bürgerin Louise Marteau, die eben die Kanne mit dem Bourgogne auf den Tisch niedersetzte und dann rasch, als ob sie diesen Blick nicht ertragen könne, verschwand. Dem Fremden entging das nicht. »Ein hübsches Weib, die Bürgerin,« sagte er leise. »Ist es die Tochter des Bürgers Levoisin, der das Café zu den Rutenbündeln führt?« »Nein,« erwiderte Silvain treuherzig, er wußte noch immer nicht, wo der eigentlich hinaus wollte. »Sie ist eine Waise aus der Normandie. Beide Eltern starben in dem gleichen Jahre. Sie ist bei Vater Levoisin nur in Stellung.« »Desto besser!« »Was soll das heißen desto besser?« fragte Silvain jetzt in aufbrausendem Ton. »Aus Eurer Erregung, Bürgersoldat, schließe ich, daß Ihr ein Verhältnis mit der Bürgerin habt!« Silvain erwiderte kein Wort. Am liebsten aber wäre er aufgesprungen und hätte dem Unverschämten glatt den Rücken gekehrt. Aber ein Rätselvolles, die Tatsache, daß der Fremde ihn beim Namen kannte und von seinen Diensten in Sachen der Freiheit unterrichtet war, die Neugier, die sich darauf gründete, hielten ihn davon ab. Das Gespräch wurde im Flüsterton geführt. Louise Marteau, die sich wieder in die hinterste Ecke des Cafés zurückgezogen hatte, verstand infolgedessen kein Wort. Aber eine Ahnung verriet ihr, daß zwischen den beiden Männern von niemand anderem, als von ihr selber die Rede war. »Trinkt, trinkt, Bürgersoldat,« ermahnte nun der Fremde. Und nachdem sie miteinander angestoßen und die Gläser geleert hatten, fragte er: »Ihr habt Einfluß bei der Bürgerin, Bürgersoldat, wenn sie Eure Geliebte ist. Sie ist hübsch. Sie könnte der Republik in diesen Tagen einen großen Dienst erweisen.« »Der Republik?« Es entging dem Fremden nicht, daß es bei diesem Worte in Silvains hellen Augen zu leuchten begann. Die Flamme des Fanatismus, die bei diesem einzigen Zauberworte in den Blicken des jungen Bürgersoldaten lohte! Die kannte er! Sie sprach beredter als alle Worte jemals dazu imstande waren. So ließ er denn die Maske der Vorsicht fallen und sagte endlich: »Wenn Ihr Einfluß bei der Bürgerin habt, Bürgersoldat Silvain Parmentier, dann zweifle ich keinen Augenblick daran, daß Ihr patriotisch genug sein werdet, Euren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Bürgerin ihre Schönheit in den Dienst des Vaterlandes stellt. Doch darüber sprechen wir ein andermal, denn das hat noch Zeit!« »Patriotisch bin ich,« versicherte Silvain. »Das ist über jeden Zweifel erhaben, Bürgersoldat, doch nun ... wollt Ihr mich begleiten?« »Wohin?« »Kennt Ihr die Cordeliers?« »Was ist das?« »Seid Ihr ein Kind? Ihr lebt in Paris und kennt die Cordeliers nicht?« »Ich bin erst seit drei Monaten in Paris,« entschuldigte sich Silvain, »ich kam von der Rheinarmee, ich tue meinen Dienst, das ist alles.« »So kommt!« Der Fremde warf ein Assignat auf den Tisch. »Der Rest für Euch, Bürgerin,« sagte er zu der herbeieilenden Louise Marteau, die er noch einmal von oben bis unten mit einem prüfenden Blicke maß. Es war das erste Mal, daß Silvain sie beim Abschied nicht umarmte, das erste Mal seit jenem Abend, da sie sich drüben in der Kammer hinter dem Café ihm hingegeben hatte. Aber in dieser Minute schien der junge Bürgersoldat gar kein Auge mehr für Louise zu haben. Er folgte dem Fremden, der ihn wie mit dämonischer Gewalt in das Dunkel der Rue Saint Honoré zog. Keine Laterne brannte mehr. Nur der Mond, der eben zwischen zerrissenen Schneewolken hervorlugte, warf einen matten Schein auf die Straße der beiden nächtlichen Wanderer. Es hatte den lieben, langen Tag geschneit. Sie gingen wie auf einem Teppich. Kein Laut wurde hörbar. Paris schlief. Nur in dem Arbeitszimmer der Conciergerie saß einer unermüdlich beim Schein der Lampe und schaffte und schaffte. Das war Fouquier Tinville, der öffentliche Ankläger des Konvents, auf dessen Tische sich die Anklagen auf Leben und Tod zu Bergen häuften. Silvain hüllte sich fest in seinen Mantel. Von der Seine her wehte ein rauher Wind, die Nacht war schon weit vorgeschritten. Jetzt hatte sich der Himmel völlig geklärt und über Paris glitzerten die ungezählten Sterne. Er schauerte zusammen. Wie Eis und Tod lag es in dieser blutgeschwängerten Atmosphäre. »Wir haben einen weiten Weg, Bürgersoldat,« vernahm da Silvain die Stimme des Fremden, als käme sie aus fernster Ferne. Der eisige Wind, der sich erhoben hatte, ließ ihm Fingerspitzen und Ohrmuscheln erstarren und verschlang in stöhnender Klage fast jeden Laut. Dicht an der Seite des Fremden und fest in seinen Mantel gehüllt schritt Silvain einher. Es war ihm klar, daß diese Nacht eine Wendung seines Schicksals brachte, daß sie eine solche bringen mußte. Und er wäre mit diesem gegangen und wenn der ihn bis an das Ende Frankreichs geführt hätte. »Der Weg ist weit,« begann der jetzt noch einmal, »und dennoch der Weg ist kurz, Bürgersoldat Silvain Parmentier, wenn wir überlegen, welch ungeheuren Weg wir hier in Paris in wenigen Monaten zurückgelegt haben. Von der Allmacht des Tyrannen ... bis zum Siege der Vernunft! Dieser Weg war weit!« »Dem Siege der Vernunft,« wiederholte Silvain und sah seinen Begleiter begeistert an. »Wenn man bedenkt, was die Welt noch vor dreiviertel Jahren war, Bürgersoldat, und was wir nun aus ihr gemacht haben, dann sollte man die Weite keines Weges mehr scheuen. Die Könige haben wir enthauptet, die Priester haben wir gestürzt, mit den Vorurteilen des Standes, der Geburt, der Gesellschaft haben wir endgültig aufgeräumt. Das Kreuz ist zertrümmert und in wenigen Tagen wird das Symbol der Freiheit von dem Altar des Tempels der Vernunft grüßen an der Stelle, wo sich einst der Wahnwitz des Aberglaubens breit gemacht hat.« »Das Symbol der Freiheit,« wiederholte Silvain mit Begeisterung in der Stimme, »ja, Bürger, ja, das Symbol der Freiheit, dem wir auch das letzte Opfer zu bringen bereit sein müssen!« »Und wäret Ihr dazu bereit, Bürgersoldat Silvain Parmentier,« fragte nun der Fremde ernst. »Dazu bin ich zu jeder Minute und zu jeder Stunde bereit, Bürger!« Scharf blickte der Fremde dem jungen Bürgersoldaten in das Gesicht. »Jedes Opfer, Bürger,« wiederholte der nun voll Fanatismus, »jedes, auch das letzte!« »Auch Euer Leben, auch Eure Liebe, Bürgersoldat, wie es einem treuen Sohne der einen und unteilbaren Republik zukommt?« »Auch mein Leben ...« Silvain zögerte einen Moment ... »und auch meine Liebe, Bürger ...,« stieß er nun mühsam, aber im festen Tone unerschütterlicher Entschlossenheit hervor ... »auch diese, Bürger!« »So hört ... Ihr habt doch vernommen, was sich in diesen Wochen im Konvent ereignet hat?« »Was meint Ihr, Bürger?« »Was ich meine? Daß man die Vernunft und die Natur feierlich an die Stelle der alten Götzen gesetzt hat!« »Das habe ich vernommen.« »Nun, der Tag ist nicht mehr fern, Bürgersoldat, da man die Kathedrale von Paris zum Tempel der Vernunft weihen wird. Der alte Gobel hat schon darauf schwören müssen. Es wird ein Fest werden, Bürgersoldat, wie die Welt noch keines gesehen hat. Der Konvent und der Stadtrat und die Behörden werden an diesem Tage der Vernunft huldigen und der Jungfrau, die man dort angebetet, solange die Tyrannen lebten, wird man ins Gesicht speien. Wollt Ihr einer der unseren sein, Bürgersoldat?« »Ich bin der Eure. Ich war stets der Eure, zweifelt Ihr am Ende daran, Bürger?« »Ich zweifle nicht daran.« »Nun also.« »So hört denn weiter! In allen Kirchen von Paris, in allen Kirchen Frankreichs soll sich das gleiche Schauspiel wiederholen, sobald die Kathedrale durch das Volk geweiht worden ist. Das Symbol der Natur, das Symbol der Vernunft soll aufgerichtet werden an der Stelle, wo einst der Kelch und das Tabernakel gestanden haben. Das Volk wird aus dem Kelch dieser verlogenen Priester trinken, das Tabernakel wird in Geld für die Armee umgeschmolzen, die lügnerischen Glocken dieser Kirchen sollen sich in Kanonen zur Verteidigung der Republik und der Freiheit wandeln. Sie und die Bronzetüren der Kathedralen werden in Kugeln umgegossen werden. Wir brauchen Bilderstürmer, Bürgersoldat, die ihre Sache ernst nehmen! Wollt Ihr der unsere sein?« »Ich bin der Eure!« »Mit Haut und Haaren?« »Mit Haut und Haaren!« »Nach Saint Denis richte sich der Blick!« Der junge Bürgersoldat sah den Fremden voll Entsetzen an. »Nach Saint Denis, Bürger, was soll das heißen nach Saint Denis,« stammelte er. »Dort liegt das letzte Bollwerk des Gewesenen,« fuhr der Fremde im Tone des Fanatismus fort. Es hatte den Anschein, als wolle sich seine Rede überstürzen, wie ein Gießbach ergossen sich, sprudelten jetzt die Worte seines Mundes. »Die Königsgräber müssen fallen. Sie müssen unser, sie müssen des Volkes und der Freiheit werden, Bürgersoldat!« »Die Gräber ... das wäre Schändung!« »Schändung?« Es war ein drohender Blick, der nun den jungen Bürgersoldaten aus den Augen des Fremden traf. »Verzeiht,« stammelte der, »aber ich dachte, die Toten –« Der Fremde lachte. Heiser, bitter, schrecklich, wie im Wahnwitz lachte er, so daß der junge Bürgersoldat wieder einen Moment zurückschauerte. »Seid Ihr etwa feige, Bürgersoldat?« hörte er da wieder diese Stimme. »Wollt Ihr halbe Arbeit machen? Sie müssen hervor aus der Kathedrale von Saint Denis, die sich Könige nannten und Königinnen, Dauphins und Prinzessinnen, auch ihre Asche muß vernichtet werden. Wir müssen auch den letzten Rest ihrer Gebeine vom Erdboden vertilgen, wenn wir denn ganze Arbeit machen wollen, Bürgersoldat!« »Ja, das müssen wir, das müssen wir in der Tat, Bürger, großer Bürger,« stammelte nun Silvain. »Seht Ihr, daß ich recht hatte! Umgewandt sollen sie werden ... diese Gräber. Kein Stein soll in Saint Denis auf dem andern bleiben, heraus aus euren pomphaften Särgen, ihr, die ihr euch noch im Tod über die andern erheben wolltet! In die Kalkgrube wollen wir sie versenken, und der Kalk wird ihr letztes Überbleibsel verzehren, wie sie noch kein Wurm der Grube verzehrt hat!« ... Und wenn noch einer den Kopf auf den Schultern tragen sollte, Bürgersoldat, ... dann werden wir ihn köpfen!« Entzückt starrte Silvain den Fremden an. Wie der da sprach! So wahr und so gerecht! So hatte noch keiner zu ihm gesprochen, bis heute hatte er ja überhaupt noch gar keine Ahnung davon gehabt, daß man so sprechen konnte. Bis in die Gräber, bis auf die Gebeine der Tyrannen, bis auf die Goldgewänder und Szepter, die sie noch in ihren Grüften in Saint Denis tragen,« schrie nun auch er. »So gefallt Ihr mir, Bürgersoldat, so seid Ihr der rechte, der Sache der Freiheit zu dienen!« Der Fremde blieb stehen und reichte Silvain die Hand. »Und darf ich das andere heute dem Klub verkünden,« fragte er plötzlich. »Welches andere und welchem Klub?« »Ach so! Ich sprach Euch doch von den Cordeliers, Bürgersoldat. Wir stehen vor ihrem Heim.« Es war ein altes Kloster. Ein unheimlicher Bau, so wollte es Silvain bedünken ... mit vielen Kellern und Zellen, vor dem der Fremde jetzt Halt machte. »Tretet nur mit ein, Bürgersoldat, ich will Euch gern mit den Brüdern der Vernunft und der Freiheit bekannt machen.« Silvain zitterte an allen Gliedern. Jetzt war es ihm klar. Die Cordeliers waren ein politischer Klub, sie mußten eine große Rolle im Konvent spielen. So nahe war er also völlig unvermutet seinen hohen Zielen durch einen Zufall gekommen. Oder vielleicht doch nicht durch einen Zufall? Hatte nicht der Fremde gesagt, daß er ihn kannte, daß man ihm von seinen freiheitlichen Gedanken und Plänen, von den Diensten, die er der Republik schon geleistet hatte und noch leisten wollte, erzählt hatte? Silvain war stolz. Er war Patriot, ein guter Sohn des Vaterlandes, einer, der für die Sache der Freiheit zu jedem Opfer bereit war. Auch zu dem letzten! Und deshalb sagte er jetzt voll fanatischen Eifers: »Nehmt mich denn hin, Bürger, ich bringe dem Vaterland auch das letzte Opfer!« »Auch die Geliebte,« forschte der Fremde. Silvain schauderte. Er dachte an Louise Marteau, an die heißen Küsse, die sie jetzt schon seit Monden in der stillen Kammer hinter dem Café zu den Rutenbündeln tauschten. Er dachte daran, daß er sie ja an diesem Abend zum ersten Male nicht umarmt hatte. Er dachte an all das süße Glück, an all die heimliche Seligkeit und unvergeßliche Wollust, die er in ihren Armen genossen ... und ... was wollte der Fremde von ihm? Was sagte er? Was tat er da? »Alles, auch das letzte Opfer, auch die Geliebte, auch das Glück ... der Freiheit und der Republik und den Brüdern ...« so vernahm er da wieder die furchtbare Stimme. Und seiner selbst, seiner Sinne und seiner Gedanken und seines Willens nicht mehr mächtig, stammelte er: »Alles, Bürger ... auch die Geliebte!« »Weib und Natur und Schönheit, Vernunft und höchstes Wesen sind eines, Bürgersoldat,« hörte er da weiter. »Sie dürfen, sie können, sie sollen nicht einem gehören, das wäre Raub und Diebstahl an den andern. Hört Ihr! Es ist das höchste Ziel des Kommunismus, das sie gemeinsam wie die Luft und das Licht der Sonne allen, allen sind. Könnt Ihr Louise Marteau auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer bringen, Bürgersoldat? Fühlt Ihr die Kraft, ihren Namen in die Liste des gemeinsamen Gutes des Vaterlandes einzutragen, den Namen derer, die die Eure war? Seid Ihr bereit, sie als Symbol auf dem neuen Altar der Vernunft in der zum Tempel der Natur gewandelten Kirche vor allem Volke zu entblößen, fühlt Ihr diese höchste Kraft der Entsagung in Euch, Bürgersoldat?« Und Silvain stammelte: »Ja, ich fühle diese höchste Kraft der Entsagung in mir, Bürger!« »So kommt!« Der Fremde faßte Silvain an der Hand. Über eine dunkle, nur spärlich von einer an der Wand befestigten Fackel erleuchtete Treppe führte der Weg hinunter in das einstige Refektorium des ehemaligen Franziskanerklosters, das nun dem Klub der Cordeliers als Versammlungslokal diente. Brausende Rufe empfingen die beiden Eintretenden. Um einen runden Tisch saßen hier beim Schein flackernder Lichter etwa fünfzig Menschen und aus fünfzig Kehlen scholl es nun: »Willkommen, Chaumette!« Nun wußte Silvain, wer dieser rätselvolle Fremde war, der ihn und keinen andern im Café zu den Rutenbündeln in der Rue Saint Honoré gesucht und gefunden hatte. Die ganze Tafelrunde war gleichmäßig gekleidet. Sie alle trugen die Trikolorenschärpen um die Brust und die phrygische Mütze auf den heißen Köpfen. »Hoch Chaumette, hoch der Prophet.« riefen sie jetzt immer wieder aufs neue. Da flog eine der roten Mützen durch den Raum. Chaumette fing sie auf und drückte sie dem jungen Bürgersoldaten, der seine Kopfbedeckung beim Eintritt in den Saal abgenommen hatte, auf die Haare. Dann krönte Chaumette sich selbst mit einer zweiten Mütze, die ihm geschäftige Hände reichten, und bestieg so die Rednertribüne. »Hoch Chaumette,« dröhnte es wieder in diesem Augenblick von den Wänden des Saales wider. Und Chaumette begann: »Brüder! Der Sieg im Konvent, der Sieg im Stadtrat ist unser!« »Das ist dein Werk, Chaumette.« hallte es ihm entgegen. »Er ist unser! ... Die Kirchen der Schande sind gestürmt, sie sind gestürzt und die Tempel der Vernunft sollen nun errichtet werden. Ich führe euch hier einen neuen Bruder zu, Brüder! Die Gesetze des Klubs werden bald zu Gesetzen des Konvents und des Volkes erhoben werden, Brüder! Robespierre steht auf unserer Seite!« »Dein Werk ... dein großes, dein unsterbliches Werk, Chaumette ...« »Das Weib und die Schönheit werden gemeinsames Gut aller Bürger sein. Wer ein Weib für sich allein begehrt, Brüder, der begeht Verrat an der Sache der Republik und verfällt der Maschine!« »Bravo, Chaumette!« »Wir werden das Gesetz der Schlichtheit, der Einfachheit des Lebens im Sinne der Natur im Konvent einbringen, Brüder! Wir werden es durchzusetzen wissen! Die Kartoffel soll fortab die einzige Nahrung des schlichten Bürgers sein! Der Schlemmer, der Fleischfresser verfalle der Maschine! Das werde Gesetz des Konvents!« »Hoch Chaumette!« »Niemand soll anderes Schuhwerk als hölzernes tragen. Es werde gleichfalls Gesetz, und wer dagegen verstößt, verfalle der Maschine!« »Hoch, Chaumette!« Ein wahrer Freudentaumel erfaßte bei diesen Ausführungen des Redners die Tafelrunde und er löste sich in den frenetischen Rufen: »Hoch, Chaumette!« ... und immer wieder: »Hoch, Chaumette!« Schließlich gingen seine Worte wie in einem brandenden Meer unter. Nur einzelne und unverständliche Laute drangen noch an die Ohren der Hörer. »Gemeinsamkeit, Gemeinsamkeit, Gemeinsamkeit ...« scholl es wie ein blutiger Fluch, der alles Schöne verderben und vernichten sollte, durch den Saal. Und der junge Bürgersoldat Parmentier sah und hörte nichts anderes mehr, als dieses eine, dieses furchtbare, alles Entsetzen der Menschheit in sich schließende Wort. Er hielt es in dieser Stunde für eine Prophetie, für der kommenden Menschheit neues Evangelium ... und so ward auch er in dieser Nacht Mitglied des Klubs der Cordeliers. Sechstes Kapitel. Man war fest entschlossen, mit allem vergangenen aufzuräumen. Zeit und Geschichte sollten auf den Kopf gestellt werden oder besser gesagt, sie waren überhaupt nicht mehr vorhanden. Daß man die Leichen der Könige aus der Kathedrale in Saint Denis gezerrt und der Kalkgrube des Friedhof Valois überantwortet hatte, genügte den Machthabern vom Schlage der Hébert und Chaumette, Saint Just und Robespierre nicht. Die Menschheit sollte von vorn anfangen. Aus diesem Grunde und zu diesem Zwecke hatte der Konvent nun schon vor Monden einen neuen Kalender eingeführt. Dieser datierte vom 22. September 1792, dem Tage der Gründung der einen und unteilbaren Republik. Man schrieb also jetzt das Jahr II und war am Anfang des Monats Nivose, duz heißt zu Ende des Dezember 1793. Seinem Namen Ehre zu machen, hatte der Nivose den Park von Versailles in eine dichte Schneedecke gehüllt. Der Dichter Auguste Rodeur saß in seinem Stübchen bei Frau Labiche vor dem Bouletisch. Schon seit Wochen war er kaum mehr vor die Tür gekommen. Seinen Freund, den Maler Poignard, hatte er seit jenem Herbsttag im Park von Versailles nicht wiedergesehen. Er mied Paris. Er verkroch sich in Versailles vor dem Allgewaltigen, seitdem das Gesetz gegen die »Verdächtigen« Leben und Vermögen eines jeden Bürgers willkürlich in die Hände des Wohlfahrtsausschusses, des Überwachungskomitees und des Revolutionstribunals gelegt hatte. Und dann ... er hatte zu tun. Die Blätter seiner Manuskripte häuften sich auf dem Bouletisch vor Auguste Rodeur. Denn er arbeitete an einem großen Lehrgedichte in Stil und Form seiner griechischen Vorbilder, sein »Hermes«, wie er das gewaltige Werk nennen wollte, sollte dereinst den Stolz Frankreichs bilden. Es sollte den Ruhm Boileaus und Lafontaines in den Schatten stellen. Das war in jenen trüben Wintertagen der Verbannung in Versailles der Traum Auguste Rodeurs. Denn dieser Dichter war ganz und gar das Kind seiner Zeit, der Epigone jener großen, klassischen Periode, die unter der Regierung des Sonnenkönigs Frankreichs hervorragende Stellung innerhalb der Weltliteratur begründet hat. Horaz und Vergil, Ovid und Catull, Homer und Anakreon, Pindar und die Sappho hatte Auguste Rodeur zu den Paten seiner Dichtkunst erhoben. Ein Grieche des Geschmackes, ein Römer der Gesinnung, wandelte er durch diese furchtbaren Tage des Schreckens, und als solcher anerkannt zu werden, das war Auguste Rodeurs heißer und unbeirrbarer Wunsch. Aber es war nicht nur die Mode der Zeit, der Auguste Rodeur in seinen Schriften folgte. Bei ihm lag das tiefer, bei ihm steckte das im Blut. Zwar war sein Vater Franzose. Der war Kaufmann und Konsul im Orient gewesen. Aber dort in Stambul angesichts des Goldenen Hornes hatte Auguste Rodeurs Vater die Mutter des Dichters gefreit. Und von dieser Mutter kam es her. Sie war Griechin. Sie hatte den unlöschbaren Durst nach Größe und Schönheit auf den Sohn vererbt, auf den Sohn, der eine einst ach so glänzend erscheinende Karriere erst als Offizier und dann als Diplomat kurzerhand an den Nagel gehängt hatte, um das Spiel der friedlichen Leier anzustimmen inmitten eines Volkes und einer Zeit, die wie keine zweite das Blut ihrer Bürger in Strömen vergoß, die des Gesetzes heilige Tafeln und den Griffel der Geschichte gegen Schafott und Fallbeil eingetauscht hatte. Dieser Zwiespalt zwischen seinen eigensten Bestrebungen und dem Wollen seiner Tage war Auguste Rodeurs grausiges Schicksal. Er hatte den König verteidigt, heimlich zwar, und doch war es kund geworden, daß kein anderer als der Dichter damals vor fast einem Jahre der Verfasser der Schrift gewesen, die man im Namen der Menschlichkeit zur Rettung des Bürgers Louis Capet dem Konvent und dem Revolutionstribunal der Geschworenen überreicht. Und das verziehen die Machthaber des Augenblicks, die das verblendete Volk an ihrem Gängelband führten, nicht. Und noch mehr! Auguste Rodeur war Zeuge jener schmachvollen Sitzung gewesen, die von Rechts wegen das gesalbte Haupt Louis Capets dem Pöbel zum Opfer gebracht hatte. Seit dem 21. Januar 1793 hatte man den Dichter kaum mehr in den Straßen von Paris gesehen. Nur ganz selten und dann des Nachts kam er in die Hauptstadt, ein paar Freunde zu sprechen, an den Sitzungen seiner gemäßigten Sektion teilzunehmen, der er noch immer angehörte, und nun kam er schon seit Wochen überhaupt nicht mehr. Der »Hermes« hielt ihn in Versailles am Bouletisch, die Liebe hielt ihn in Louveciennes an der Villa fest, um deren Eingang sich im Mai die blühenden Glyzinen rankten. Es war in der Dämmerstunde. Schon brannte die Lampe auf dem Bouletisch und warf ihren matten Schimmer auf die Blätter, die Auguste Rodeur mit seiner zierlichen und aristokratischen Handschrift bedeckt hatte, da trat die alte Frau Labiche zu ihm in das Zimmer. »Soll ich das Essen besorgen, Herr Rodeur,« fragte sie auf der Schwelle, »oder haben Sie vor, ins Restaurant zu gehen?« Wie abwesend blickte Auguste Rodeur von seiner Arbeit auf, die ihn eben auf den Olymp und in das Tal Tempe geführt hatte, als wisse er gar nicht, daß er bei Frau Labiche in Versailles sei und daß die Stunde der Abendmahlzeit näher und näher kam. »Ach so,« erwiderte er zerstreut. »Ach nein, Frau Labiche, ich werde diesen Abend nicht zu Hause essen.« Es hatte den Anschein, als wolle Frau Labiche sich entfernen. Aber sie zauderte. Sie hielt ein Zeitungsblatt in den Händen, das ihr offenbar der freundliche Nachbar Brun wieder einmal übermittelt hatte. »Haben Sie denn die Zeitung gelesen, Herr Rodeur?« fragte sie endlich. »Sie wissen doch, daß ich die Zeitungen schon lange nicht mehr lese, Frau Labiche,« sagte er mürrisch. Aber Frau Labiche ließ sich nicht irre machen. »Es ist entsetzlich!« stieß sie nun hervor. »Heute sind wieder fünfzehn Köpfe auf dem Revolutionsplatz gefallen, Herr Rodeur, und das Tribunal hat heute abend siebenundzwanzig neue Todesurteile ausgesprochen.« »Das ist bei der schon sprichwörtlich gewordenen Fixigkeit Fouquier Tinvilles doch noch keine allzu große Leistung, meine beste Frau Labiche!« »Aber Sie sollten die Zeitung trotzdem lesen, Herr Rodeur!« »Wieso? Warum trotzdem, Frau Labiche?« »Es ist darin vom Herrn Poignard die Rede ...« Auguste Rodeur erbleichte. »Von dem Maler? Von meinem Freund, Madame Labiche? Ist er etwa unter den fünfzehn oder unter den siebenundzwanzig?« »Ach nein, Herr Rodeur!« Wie eine Zentnerlast fiel es bei diesen Worten der alten Frau Labiche von Auguste Rodeurs Herzen. Und Frau Labiche fuhr fort: »Ich bin eine ganz altmodische Frau, Herr Rodeur, das wissen Sie ja. Mein Mann und ich sind beide immer gut katholisch gewesen. Du lieber Himmel, das darf man ja heutzutage nicht mehr laut sagen, und wenn ich nicht in meinen vier Wänden wäre und nicht Sie mir zuhörten, Herr Rodeur, dann sagte ich es ja auch nicht. Was Herr Poignard da tut, das scheint mir noch schrecklicher, als wenn er unter den fünfzehn oder unter den siebenundzwanzig gewesen wäre.« »Was tut er denn? So zeigen Sie her!« Auguste Rodeur ergriff das Zeitungsblatt, dessen eine Spalte ihm Frau Labiche direkt unter die Augen hielt, und er las: » Polichinellentheater auf der Place Grève . Auf eine artige Idee ist ein Freund des Vaterlandes und der Freiheit gekommen. Er hat ein Hanswursttheater auf der Place Grève errichtet, das sich des lebhaftesten Zuspruchs aller Gutgesinnter erfreut. Man spielt dort mit Puppen den »Untergang des Tyrannen«. Die Mannequins sind von sprechender Ähnlichkeit und zum Totlachen. Man trifft dort den Bürger Louis Capet, man trifft die Bürgerin Capet und Gobel, den ehemaligen Erzbischof von Paris. Man trifft Vergniaud, den Verräter, man trifft Mirabeau, den Volksverführer, man trifft aber auch Marat, das Opfer der Freiheit, man trifft die verwünschte Corday und ... den Henker! ... Niemand sollte es versäumen, sich das erhebende Schauspiel auf der Place Grève zu betrachten, zu dem der Erfinder der Puppen die Verse selber gedichtet und die er selbst zusammen mit einer Bürgerin vorträgt. Der geniale Erfinder ist der frühere Maler Aristide Poignard, und die Bürgerin nennt sich Fleurette Bouchard. Sie war in den Tagen des Tyrannen Tänzerin an der Oper und dann eine der gefeiertsten und gesuchtesten Damen des Palais Royal ... Bürger, auf nach der Place Grève! ...« Auguste Rodeur ließ das Zeitungsblatt sinken und starrte vor sich hin. »Nun, was sagen Sie dazu, Herr Rodeur?« fragte Frau Labiche. Der Dichter gab keine Antwort. Er lächelte nur trübe. »Das Brot in Paris ist teuer, meine liebe Frau Labiche,« brachte er endlich hervor ... und seine Worte klangen wie eine Entschuldigung für den armen Aristide Poignard. »Auch die Assignate der Republik wollen sauer verdient sein ... so oder so ... und einem Schüler der Watteaus und Bouchers kauft der Konvent keine Bilder ab ... Das ist alles, was ich dazu sagen kann.« Aber in seinem Innersten machte er sich doch Vorwürfe, daß er, völlig in Anspruch genommen von seinen dichterischen Plänen und seiner Liebe zu Adrienne Sourieux, den Freund in Paris sich so ganz selbst überlassen hatte und so wohl mit daran Schuld trug, daß der auf diese Bahn geraten war. Er erhob sich und griff nach Mantel und Hut. Frau Labiche entging es nicht, daß er das Album von dem Bouletisch nahm und es in die Tasche seines tabakfarbenen Rockes steckte. Sie irrte also nicht, wenn sie annahm, daß er seine Schritte auch heute wieder wie fast täglich nach Louveciennes lenken werde. Deshalb fragte sie: »Und wie steht es mit dem Befinden der Frau Sourieux, Herr Rodeur?« »Ich danke Ihnen, Frau Labiche, leider nicht zum besten. Sie haben recht mit Ihrer Annahme, daß ich den Abend bei den Damen in Louveciennes verbringen werde.« Mit diesen Worten ging er. Als Auguste Rodeur den Salon im Landhaus der Frau Tourlan in Louveciennes betrat, waren die Damen dort schon versammelt. Sie warteten auf ihn mit dem Abendessen. Auch die kleine Flora war noch auf. Das Kind saß auf dem Teppich, der den Boden des Salons fast ganz bedeckte, und spielte mit einer Puppe, die ihr Auguste Rodeur zu ihrem Namensfest geschenkt hatte. Flora hatte Zutrauen zu ihm, ja, sie liebte ihn wie einen Vater, da sie doch keinen leiblichen Vater mehr hatte. Das wußte Auguste Rodeur. So sprang das Kind denn auch heute auf ihn zu, noch ehe er Zeit gefunden hatte, die Damen zu begrüßen. »Du sollst mir das Bilderbuch zeigen, Onkel Auguste,« rief Flora. »Ja, mein Herz!« Der Dichter nahm das Kind auf die Arme und küßte dessen goldblonden Scheitel. Es wollte gar nicht von ihm lassen. Mit sanfter Gewalt gelang es ihm, seinen Hals schließlich aus Floras kleinen Armen zu befreien. Als das Kind in das Nebenzimmer lief, das Bilderbuch zu holen, das ihm Onkel Rodeur zeigen sollte, begrüßte er die Damen. Er führte die Hand der Madame Tourlan an seine Lippen, bewillkommnete Jacqueline, Adriennes Schwester, und ließ sich dann wie selbstverständlich an der Seite seiner »Fanny« nieder. »Wie befinden Sie sich heute, Adrienne?« fragte er in zärtlichem Tone. »Die Schmerzen haben gegen Abend etwas nachgelassen.« Das Kind war mit dem Bilderbuch zurückgekommen. Es fing an zu quälen und zu betteln, es wollte sich auf Augustes Schoß setzen, wollte die Bilder betrachten. Madame Tourlan hielt aber solches für zudringlich. Sie wehrte der Enkelin, sie nahm das Kind an der Hand und wollte es aus dem Salon führen. »Aber so lassen Sie es doch gewähren, Madame Tourlan,« bat Auguste Rodeur. »In diesem Alter soll man sie alle gewähren lassen. Die Jahre, in denen ein Bilderbuch noch unser ganzes Glück bedeuten kann, kommen nicht wieder. Den Schatz der Kindheit, Madame Tourlan, vermögen wir nie und nimmer zu heben, und wenn wir das Jahrhundert erreichen sollten.« »Das sagen Sie, der Dichter, Herr Rodeur ... und ich dachte ...« »Was dachten Sie, Madame Tourlan?« »Ich dachte,« erwiderte Adriennes Mutter, »daß sich der Dichter und zwar er allein« ... sie deutete auf Flora ... »davon etwas bewahrt haben könnte, ja, daß er sich davon etwas bewahrt haben müsse, um wirklich ein Dichter zu sein, Herr Rodeur.« »Und hatten mit diesem Gedanken nicht unrecht, Madame Tourlan. Wissen Sie, wenn ich an meinem Arbeitstisch in Versailles sitze, dann kommt es mir manchmal vor, als ob ich diese ganze Gegenwart in dem Schwelgen in Tönen, Farben und Worten vergessen könnte, dann spiele ich mit Gedanken und Worten und Reimen und Bildern und Vergleichen, Madame Tourlan. Dann bin ich in der Tat wie dieses Kind, dem ein Bilderbuch noch das Leben und die Welt bedeuten kann.« Die Kleine hatte sich natürlich wieder an Onkel Auguste herangemacht. Sie hatte es durchgesetzt, sie saß auf seinem Knie, und Adrienne Sourieux lächelte beglückt vor sich hin. Die Blicke der beiden Schwestern trafen sich. Auguste Rodeur sah Jacqueline fragend an und sagte: »Was denken Sie, Jacqueline? Warum betrachten Sie mich und das Kind, und warum wechseln Sie diesen verständnisinnigen Blick mit Adrienne?« »O, das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie mich das fragen, Herr Rodeur,« erwiderte Jacqueline und geriet sichtlich in Verlegenheit. »Soll ich Ihnen sagen, was Sie gedacht haben, Jacqueline?« forschte er. »Bitte!« Adrienne erhob sich. Infolgedessen brachen Auguste Rodeur und Jacqueline ihr Gespräch ab. Der Dichter wandte sich wieder an Adrienne. »Kehren die Schmerzen wieder?« fragte er besorgt. »O nein! Aber ich muß nach der Bonne in der Küche sehen. Nicht wahr, Mama?« »Ich will dich lieber begleiten,« sagte jetzt Frau Tourlan zu Adrienne. Es hatte geradezu den Anschein, als ob Mutter und Tochter die Absicht hätten, Jacqueline mit Auguste allein zu lassen. Und wirklich, als die beiden draußen waren, wandte sich Auguste Rodeur an Jacqueline und sagte: »Sie hatten mir etwas zu sagen, Jacqueline, etwas, was Sie vor den andern nicht sagen wollten, etwas, was Ihnen auf der Zunge lag, als ich vorhin Ihren Gedanken erriet.« »Sie errieten meinen Gedanken?« »Freilich.« »Was habe ich also gedacht?« »Als ich die kleine Flora so auf dem Schoße hielt, Jacqueline, da dachten Sie ... und das denken Sie immer ... daß sie einst ein anderer mit väterlichen Gefühlen und in väterlichem Stolze auf seinen Knien geschaukelt hat und daß dieser andere für immer dahingegangen ist.« »Ja, das denke ich, und das dachte ich auch vorhin, Herr Rodeur.« »Sehen Sie!« »Und gerade darum ...« Jacqueline machte eine lange Pause. »Sie nehmen mir meine Freiheit nicht übel, Herr Rodeur, Mutter und ich wissen, daß Sie jeden Tag nur um Adriennes willen unser bescheidenes Haus in Louveciennes aufsuchen. Wir wissen, wie Sie an der kleinen Flora hängen ... Wir wissen auch, daß Adrienne in Ihren Oden die hervorragendste Rolle spielt ...« »Nun, und ...« »Und weil wir das wissen, Herr Rodeur, und weil wir Sie alle von Herzen lieb haben, dürfen wir Ihnen nicht verschweigen, wie es um Adrienne steht. Damit Sie sich keine trügerischen Hoffnungen machen!« Einen Moment sah Auguste Rodeur Jacqueline erschrocken an. »Was soll das heißen, wie es mit ihr steht,« fragte er dann in dumpfem Ton. »Sie wissen, daß sie krank ist.« »Das weiß ich.« »Daß sie immer Schmerzen hat.« »Ich leide mit ihr.« »Sie wird das fünfundzwanzigste Lebensjahr nicht vollenden, Herr Rodeur, das glaubte der Arzt mir und der Mutter nicht vorenthalten zu dürfen.« Auguste Rodeur bedeckte beide Augen mit den Händen. Einen Moment herrschte tieft Stille. Das Kind glitt von seinem Knie herunter. Es schien, als ob es sich fürchte, fast sah es so aus, als habe es den Sinn von Jacquelines Worten begriffen. »Ihr hättet es vor Flora nicht sagen sollen, Jacqueline.« ergriff setzt Auguste Rodeur zuerst wieder das Wort ... Ich ... ich ... ich ... mußte es!« »Woher wußten Sie es?« »Ich habe selbst schon vor Wochen mit Doktor Richard gesprochen. Er hat auch mir alles anvertraut, aber ich wollte Ihnen den Kummer ersparen.« »Sie wußten es, und dennoch lieben Sie sie?« »Gerade darum, Jacqueline! Wissen wir denn in diesen Tagen, wie lange wir leben werden? Wissen wir denn, ob wir das begonnene Jahr vollenden?« »Das wissen wir freilich nicht.« »Sehen Sie ... Und wenn ich Ihnen nun anvertraue, Jacqueline, was mir Arienne ist. Daß sie mir mehr ist, als mir Freundin oder Geliebte oder Braut oder Frau jemals auf dieser Erde sein könnten ... Daß sie mir gerade darum so viel ist, weil ich solches weiß.« »Armer Freund!« Jacqueline reichte Auguste Rodeur die Hand. »Nennen Sie mich nicht arm, teuerste Schwester. Es ist ein unendlicher Reichtum, ein unfaßbarer, ein glorreicher, der sich in diesen Tagen des Blutes und der Tränen über mein unwürdiges Haupt ausgegossen hat. Mir ist es, als trüge ich eine unsichtbare Krone auf dem Kopf, unter deren Last ich zusammenbrechen würde, wenn ihr strahlender Glanz mich nicht aufrecht erhalten müßte. Paris und Frankreich und die Welt schwimmen in Blut. Und ich, ich sitze hier in Versailles, und Versailles ist so nahe bei Louveciennes. Ich wandele durch Griechenland und Italien an Adriennes Hand. Sie führt mich den Weg durch die Dichtung der Alten, Jacqueline, und sie und diese Dichter lehren mich, daß das Leben an sich jeden Wertes entbehrt. Und nicht nur sie und meine Dichter lehren mich das, sondern das lehrt mich vor allem ... diese Zeit!« »Diese Zeit? Diese blutige Zeit?« »Gerade sie, Jacqueline. Sie lehrt uns den wahren Wert des Lebens erkennen, indem sie das Leben wertlos macht. Sie spielt mit dem Stand, mit der Geburt, mit der Jugend, mit dem Besitz, mit der Schönheit, mit dem Talente Fangball, wie sie mit den Köpfen ihrer Bürger Fangball spielt. Aber, Jacqueline ... sie macht den Tod zum Gedicht.« »Sie sind außer sich, Auguste Rodeur!« »Bin ich das, bin ich das wirklich, Jacqueline? Oder scheint das Ihnen nur so? Wie über einen sammetweichen Teppich lautlos schreite ich in diesen Tagen beflügelten Fußes dahin. Goldene Äpfel scheinen mir trotz des Winters und des Todes an allen Ästen zu hängen, scheinen zu sprechen, Jacqueline: Brich uns und iß!« »Sie sind ein Schwärmer!« »Der bin ich, Jacqueline. Und wenn ich mein ganzes Leben betrachte, wenn ich die hoffnungslose Liebe betrachte, Jacqueline, die mir am Ende doch am Rande meines eigenen Grabes wie eine seltene Wunderblume blüht, dann ist es doch nur zu natürlich, daß ich ein Schwärmer sein muß, daß ich einer bin. Aus dem fernen Orient, wo meine Wiege an des Bosporus' blauen Fluten gestanden, führte mich mein Weg in dieses Frankreich, Jacqueline, in das Paris dieser einzigartigen und niemals wiederkehrenden Tage! Und mein Auge sah noch einmal all den unfaßlichen Glanz, ehe er für immer zusammenbrechen mußte und nur noch eine Volke Staubes und einen dunstigen Schleier aus Blut und Tränen hinter sich ließ. Und ich, ich lebe noch! Ich fühle, ich atme, ich dichte trotz allem noch, Jacqueline, obwohl Adriennes Tage nach den Worten des Arztes gezählt sein sollen, obwohl die meinen sicher gezählt sind!« »Aber mein Freund!« »Zweifeln Sie am Ende daran? Ich wollte, ich könnte manchmal zweifeln ... und dann wieder auch nicht. Manchmal kommt es mir aber vor, als ob ich wirklich zweifeln könnte, aber dann ...« Er schwieg. »Über dann?« fragte Jacqueline. »Dann, Jacqueline ... dann faßt mich in seltsam schicksalsschweren Stunden ... eine unheimliche Lust ...« »Was haben Sie vor?« »Zittern Sie nicht. Ich habe gar nichts vor ... Es ist nur ein Wunsch, ein Gedanke, ein Gebet, das aufsteigt aus den tiefsten Tiefen meiner Seele und das mich zieht und zieht und zieht ... das dann aber schweigt, wenn ich mich in meine Schreibereien in meinem stillen Zimmer in Versailles versenke ...« »Sie enthüllen mir da Fürchterliches, mein Freund!« »Ahnen Sie denn, was ich meine?« »Freilich, freilich ahne ich Entsetzliches, Herr Rodeur ... Auch Sie sehen nämlich so etwas wie einen Abglanz antiker Größe und römischer Erhabenheit in dem, was in diesen Tagen in Paris geschieht!« »Freilich, Jacqueline, freilich sehe so etwas darin. Und darum ... aus Angst, aus feiger Furcht vor mir selbst und vor meiner Größe ... ja, lachen Sie nur, Jacqueline ... halte ich mich hier in Versailles verborgen ... denn wenn ich jetzt nach Paris ginge ... wenn es der Zufall wollte ... wenn mich ein Wink des Schicksals dorthin riefe, Jacqueline ... dann ...« »Dann?« »Dann würde ich die Straße nach Versailles und den Weg nach Louveciennes, den Pfad zum Frieden, den Pfad zur Dichtung schwerlich zurückfinden können, Jacqueline, dann würde sich das ereignen, was sich schon einmal in meinem Leben ereignet hat ...« »Dann würden also auch Sie Partei ergreifen entweder Für oder Wider ... und auf wessen Seite Sie auch stünden ... das Ziel Ihrer Wallfahrt würde das gleiche sein!« »Ja, das würde ich ... Und in jedem Falle, Jaqueline, würde das Ziel meiner Wallfahrt das gleiche sein ... der Revolutionsplatz!« Entsetzt starrte Jacqueline den Dichter an. »Und Sie ... Sie nennen das ... erhaben ... Auguste Rodeur?« »Ja, ich nenne das erhaben, Jacqueline ... Wenn mein Blut siedet, wenn sie mich faßt, diese wilde, diese unbezwingliche Sehnsucht nach Paris, in solchen Momenten nenne ich das erhaben. Aber diese Momente verfliegen wieder, und wenn kein äußerer Umstand hinzukommt, dann schweigt diese Stimme in meinem Inneren. Dann scheint es mir vor meinem Arbeitstische in dem stillen Zimmer in Versailles, als hätte ich so viel zu tun und so viel zu schaffen, als hätte ich so viel Ewiges und Unsterbliches vor mir, daß ich mich und meine Zeit vergesse, und dann ... dann plötzlich wieder ... packt mich die Zeit und ruft in meinem Herzen: Auch du mußt nach Paris!« »Und haben Sie auch mit Adrienne darüber gesprochen, Herr Rodeur?« »Mit Adrienne ... nein, niemals, Jacqueline ... ihr könnte ich solches gar nicht sagen!« »Und warum nicht? Weil Sie für ihr Leben fürchten, Herr Rodeur?« »Ach nein, Jacqueline ... Daran hätte ich am Ende gar nicht gedacht. Ihr könnte ich es gar nicht sagen, weil Adrienne für mich das Ewige, weil sie für mich die Dichtung ... und weil das in Paris für mich das Zeitliche und nur das Wirkliche ist!« Ich habe Ihnen vorhin ruhig zugehört, als Sie von Adriennes Krankheit und von dem Urteil des Arztes sprachen. Ich habe auch schon vor Wochen dem Arzt selbst ruhig zuhören können, weil Adrienne für mich gar nichts Zeitliches, gar nichts Vergängliches bedeutet. Sie ist ewig, wie die Verse der Griechen, um die ich mich in heißem Kampfe mühe. Tod und Vergehen reichen nicht an Adrienne heran. Und aus diesem Grunde schweigt auch mein Wunsch in ihrer Gegenwart, der mich sonst lockt und lockt, wenn ich allein bin in meinem Zimmer in Versailles und wenn ich aufschauend von meinen Versen zur Besinnung, zur Erkenntnis des Gegenwärtigen komme, der Wunsch, der mich dann packt wie mit der Gewalt des Dämons und der mir in beide Ohren schreit: Mach' dich auf nach Paris! Sie bedürfen deiner! Dein Opfer fehlt! Dein Blut muß noch fließen, wie das der Besten deines Vaterlandes schon geflossen ist!« Auguste Rodeur schwieg. Und Jacqueline wußte nicht, was sie ihm darauf erwidern sollte. Sie verstand ihn nicht. Sie hatte nur das dumpfe Gefühl, daß da in des Dichters Innerem sich ein Vorgang abspielen mußte, für den es keinerlei natürliche Erklärung gab. Daß das etwas war, was sich in Hunderten und Tausenden ihrer Zeitgenossen in diesen Tagen in Paris vollzog. Aber was war es? Was konnte es sein? Die Wollust der Grausamkeit, der Triumph des Schmerzes, die Freude am Leiden, die Apotheose des Todes ... wie sollte sie das Unfaßbare nennen ... für das selbst der Dichter Auguste Rodeur keine Worte hatte! So etwas mußte es doch am Ende sein! Während der Dichter tief versenkt in seine Ideen und in diese Vorstellung des Leidens für die große Sache vor sich hinbrütete, rief sich Jacqueline so manches von dem, was sie in diesen letzten Monaten seit dem gewaltsamen Tode des Königs gehört hatte, ins Gedächtnis zurück. Vor ihrem geistigen Auge dehnte sich da plötzlich der furchtbare, jetzt mit dem Blut von Tausenden gedüngte Platz vor den Tuilerien, den sie einst in seiner königlichen Schönheit und Größe bewundert hatte, ehe dort die Säule der Freiheit und die Maschine auf dem Gerüste standen. Sie hörte die Lieder der Verurteilten, die in der Conciergerie, im Luxembourg, in Saint Lazare aus den Kerkern erklangen. Sie sah sie selbst, diese Verurteilten beim Wein, beim Kartenspiel, in den Armen von Frauen und Mädchen, die gleich ihnen zum Tode verdammt waren. Sie sah, wie der Knecht des Henkers eintrat in den Saal der Verdammten, wie er sie beim Namen rief, vernahm ihr Ohr ... und voll schaudernder Bewunderung erblickte sie, wie sie sich jetzt erhoben von dem Kartenspiel, vom Glase Wein, von den Küssen junger Lippen, den Karren zu besteigen und den Nacken dem fallenden Beil der Maschine zu beugen, die ihr Lebensblut verspritzen sollte, als müsse das so, als könne das gar nicht anders sein ... wie sie gestern das Blut der Freunde und Leidensgenossen verspritzt hatte. Und wie erhoben die sich! ... Als ob es zu einem Spaziergang ginge, als ob sie das begonnene Spiel weiter und zu Ende führen, als ob sie die angebrochene Kanne Wein noch zu leeren hätten, als ob die Lippen, die sie soeben geküßt hatten, sich bei ihrer Rückkehr aufs neue für sie wölben würden. So gingen die! Und doch gab es keine Rückkehr, doch gab es kein Morgen, doch gab es kein Zuendespielen, kein Austrinken ... Und dennoch gingen die so! Es war unfaßbar!! Der Zug der Karren, der nur das eine Ziel des großen Platzes vor den Tuilerien kannte, führte vor den Blicken Jacquelines einen wüsten Reigen auf. Auf den holprichten Wegen stießen die Karren mit ihren gefesselten Fahrgästen auf und nieder und sie zogen daher ein nicht endenwollender Strom und verschwanden endlich in einem blutroten Schleier, den diese Tage aus Sonne und Nebel über Paris gewoben hatten. Sie starrte auf den noch immer vor sich hinbrütenden Dichter. Sie zweifelte in diesem Augenblicke nicht mehr daran: Auch für ihn würde diese Stunde des Taumels und der Begeisterung kommen, wenn das Schicksal, wenn der Zufall mit dem Rufe: »Auf nach Paris!« tückisch an ihn herantrat ... Und so war es am Ende gut, was der Arzt ihr und der Mutter über Adrienne und deren Krankheit gesagt hatte. Das Kind saß schweigend auf dem Teppich des Zimmers. Es blätterte in seinem Buche, das ihm Onkel Auguste nicht zeigen wollte. Da öffnete Madame Tourlan die Tür. »Darf ich jetzt zum Essen bitten,« sagte sie ... und das klang wie eine Rückberufung in die Welt der Wirklichkeit. Siebentes Kapitel. Das Polichinellentheater auf der Place Grève hielt sich nicht lange. Aristide Poignard hatte eben kein Glück. In den ersten Tagen des Nivose war das schönste Wetter gewesen, herrliche Winterstimmung, blauer Himmel und Sonnenschein, kein Wind, so daß der Aufenthalt im Freien schon erträglich war und man sich den »Untergang des Tyrannen« wohl einmal ansehen konnte, bei dem der Maler die Puppen tanzen ließ und Fleurette Bouchard die von Aristide gedichteten Verse sprach. Wenn dann die einstige Stammgästin der Kaffeehäuser des Palais Royal, den Teller in der Hand, während der großen Pause zwischen dem dritten und dem vierten Akt sammeln ging, dann hielten die patriotischen Bürger die Hände nicht auf die Taschen, sondern der »Untergang des Tyrannen« nährte seinen Mann. Dann aber ging es auch Aristide Poignard, wie es schon manchem Theaterdirektor vor ihm ergangen war und wie es noch gar manchem nach ihm ergehen sollte, die Ungunst der Witterung bereitete seinem Geschäft ein jähes Ende. In dichten Flocken fiel der Schnee über Paris. Am folgenden Tage setzte Tauwetter ein. Der Schnee des Himmels wandelte sich in Regen, der auf der Erde liegende in Kot. Schmutzige Pfützen standen auf der Place Grève. Man konnte es keinem Menschen, auch nicht dem verbissensten Freunde der Freiheit und der Republik, auch nicht dem opferwilligsten Patrioten zumuten, in diesem Morast stehen zu bleiben und sich den »Untergang des Tyrannen« vorspielen zu lassen. Der Teller blieb leer. Nur noch ein paar Gassenjungen, die selbst keinen roten Sou in der Tasche hatten, schauten ein paar Minuten zu und lachten, wenn Fleurette Bouchard mit der Stimme einer Tragödin von der Comédie française deklamierte: Wir fordern deinen Kopf, nicht mehr, nicht minder, Wir sind der neuen Freiheit stolze Kinder! Heute war Aristide Poignard über seinen Mißerfolg tiefunglücklich. Kein Mensch ließ sich bei diesem Hundewetter auf der Place Grève blicken. Nur die Chiffoniers, die wie immer in dem Morast des Platzes wühlten, waren am Werk, und einer dieser Gesellen hätte beinahe sein kostbares Polichinellentheater, das er sich so kunstvoll aus Kistendeckeln und bunter Leinwand zusammengebaut hatte, über den Haufen gerannt. »Daß ich das Donnerwetter,« schrie er dem eifrigen zu, der gerade daran war, einen Kehrichthaufen, den man aus einem Haus der Place Grève einfach auf die Gasse geworfen hatte, auf ein paar noch brauchbare Lumpen und etwas Küchenabfall zu untersuchen. »Unser Theater,« kreischte Fleurette Bouchard mit ihrer hohen Diskantstimme, die bei der Aufführung des »Untergangs des Tyrannen« in den ersten und guten Tagen so großes Furore gemacht hatte. Die Chiffoniers lachten. »Den Affenkasten aus alten Unterhosen nennt das Weibsbild ein Theater,« rief da ein junger Bursche. »He, Frau Direktor, hat man dich nicht in besseren Zeiten in den Cafés des Palais Royal gesehen?« Fleurette Bouchard gab dem Unverschämten keine Antwort. Das Weinen war ihr nahe, die Tränen stiegen ihr unaufhaltsam in die Augen, wenn sie daran dachte, daß sie heute auch keinen einzigen Sou mehr mit nach Hause bringen würden und daß Aristide und sie noch nicht einmal gefrühstückt hatten, obgleich die Uhren schon auf Mittag zeigten. Aristide Poignard schmetterte einen grausigen Fluch vor sich hin. Dann machte er sich daran, das Theater zusammenzupacken. Er legte die Polichinellen sorgsam in eine alte Zuckerkiste, die ihm ein Viktualienhändler in der Rue Saint Martin zu diesem Zwecke geschenkt hatte. Der Bürger Louis Capet, der eine goldne Krone aus Pappe auf seinem Holzkopf trug, und Gobel, der Erzbischof von Paris, den das Talar aus Fleurettes Trauerschleier zierte, kamen zu oberst. Dann nahm er das Theater auf den Rücken und schickte sich voll Trauer an, mit Fleurette den Heimweg anzutreten in die kalte Bude der Rue Saint Roch, aus der man sie beide auch bald an die Luft setzen würde, weil sie die Miete schon seit drei Wochen schuldig geblieben waren. »Am Ende bleibt mir doch nichts anderes übrig, Fleurette, als die 40 Sous für meine politischen Geschäfte wieder zu holen,« sagte er traurig. Gerade als sie sich auf den Weg machen wollten, bot sich ihnen ein seltsamer Anblick dar. Vom Pöbel gefolgt, von lautem Lachen und frenetischen Bravorufen begleitet, bewegte sich da ein Trupp Weiber über die Place Grève. Es waren wohl zwischen dreißig und vierzig junge und alte, hübsche und häßliche, wie sie der Zufall gerade zusammengewürfelt hatte. Sie trugen rote Männerhosen, hatten die Trikolorenschärpe um ihre Brüste geschlungen und auf ihren unfrisierten Haaren wippten die roten phrygischen Mützen. »Das sind die Strickerinnen Robespierres,« sagte da Aristide Poignard zu Fleurette. »Das glaube ich nicht,« erwiderte das Mädchen. »Die Strickerinnen Robespierres tragen keine Hosen. Zudem, sie haben alle Hände voll zu tun. Sie sitzen im Konvent. Sie sitzen in der Kommune. Sie sitzen auf der Estrade des Revolutionstribunals. Sie sitzen vor der Guillotine auf der Place. Die machen keinen solchen Umzug, Aristide! Ich weiß in der Tat nicht, was das bedeuten soll.« Der Trupp der Weiber kam näher. Der Pöbel folgte ihm auf Schritt und Tritt. »Es lebe Chaumette! Es lebe Hébert!« scholl es dem Maler und Fleurette schon von weitem entgegen. »Daß euch das Gewitter ...,« knurrte Aristide Poignard. Aber noch ehe er seinen Fluch vollenden konnte, rief Fleurette: »Ist das nicht Rose Lacombe, Aristide, dort die erste, die den Trupp anführt und die Fahne der Republik in den Händen schwingt?« »Wer ist das, Rose Lacombe?« »Die kennst du wirklich nicht? Sie war auch einst mit von den Damen des Palais Royal! Sie ist eine Kollegin. Sie war Schauspielerin an einem Provinztheater, ehe sie nach Paris kam, hat sie erzählt.« »Und jetzt?« »Was sie jetzt tut, weiß ich nicht. Ich sagte dir doch, Aristide, sie war auch mit von den Damen des Palais Royal ...« »Damen ...« wiederholte der Maler verächtlich und spie vor sich hin. Der Trupp der Weiber und der ihn begleitende Pöbelhaufe schienen sich aus dem prasselnden Regen, der eben wieder in Strömen niederging, nichts weiter zu machen. Es klatschte nur so auf die Fahne, die Rose Lacombe in ihren Händen hielt, aber das focht sie weiter nichts an. Jetzt hatte der Trupp unter ihrer Führung die Mitte des Platzes erreicht. Drüben vor dem Eingang zu einer Taverne lag zufällig ein geleertes Weinfaß. Ein paar der Weiber in den roten Männerhosen rollten dieses heran, stellten es aufrecht und Rose Lacombe bestieg die so improvisierte Rednertribüne. »Freundinnen! Mitglieder des Revolutionsklubs,« schrie sie jetzt über den Platz. Ihre Stimme hatte etwas Durchdringendes. In der Art, wie sie ihre Worte vorbrachte, lag etwas Deklamatorisch-theatralisches. Man merkte ihr sofort an, daß sie aus der Schule der Kulissen hervorgegangen sein und in einem Theater dritten oder vierten Ranges die Andromache gegeben haben mußte. »Bravo, bravo, hoch Rose Lacombe,« brüllte der Pöbel, noch ehe die einstmalige Schauspielerin und jetzige Vorsitzende des Revolutionsklubs etwas gesagt hatte. Dann wurde es plötzlich mäuschenstill. Die Menge besann sich. Es kam jedem einzelnen zum Bewußtsein, daß er ja nicht auf seine Kosten kam, wenn er so brüllte, daß man dann die große Rose Lacombe ja nicht verstehen könnte! Auch Aristide Poignard und Fleurette Bouchard blieben stehen. Auch sie waren jetzt neugierig zu erfahren, was denn das Frauenzimmer in den roten Männerhosen vorzubringen hatte. »Mein großer Kollege Collot d'Herbois,« begann jetzt die Rednerin, »ist mein Vorbild. Auch er ist wie ich von der Bühne ausgegangen. Auch ihn hat das Schicksal aus der Welt der Kulissen in die der großen Politik gestellt.« »Hoch Rose Lacombe,« schrie da schon wieder einer. Aber die anderen verwiesen ihn zur Ruhe. Sie wollten doch wissen, was die Vorsitzende des Revolutionsklubs eigentlich vorzubringen hatte. »Wir ziehen in den Konvent, Mitschwestern, wir ziehen in die Tuilerien,« schrie jetzt Rose Lacombe mit hocherhobener Stimme. »Sie müssen uns endlich hören, wie sie uns in der Kommune gehört haben. Chaumette und Robespierre, Hébert und Saint Just sind auf unserer Seite. Sie müssen uns hören. Gleiches Recht für alle, ob Mann oder Weib. Es gibt keinen Unterschied der Geschlechter in den Tagen der einen und unteilbaren Republik. Mitschwestern, der Tag des neuen Kalenders hat auch den Unterschied der Geschlechter aufgehoben.« »Das Weibsbild ist irrsinnig,« knurrte Aristide Poignard. Fleurette sah ihn voll Entsetzen an. Das war nicht ungefährlich, wenn einer dieser Fanatiker eine solche Bemerkung gehört hätte! Im Angesicht der früheren Kollegin Rose Lacombe fiel es Fleurette plötzlich ein. In diesen Tagen hatte sie so mancherlei von der gehört und gelesen, seitdem die den Revolutionsklub ins Leben gerufen hatte, der in der einstigen Kirche Saint Eustache in der Ecke der Rue Montmartre seine Sitzungen abhielt. Sie hatte Einfluß. Vor allem in der Kommune hörte man auf sie. Sie rühmte sich der Protektion Chaumettes und Héberts und zwar nicht mit Unrecht. Sie flunkerte sogar, daß sie auf ihn selber, den Unbestechlichen, einzuwirken imstande sei, obwohl Robespierre ihr, wie man wußte, die Tür gewiesen hatte. »Aber hübsch ist die Person,« bemerkte jetzt Aristide Poignard. »Sie hat uns allen im Palais Royal die Augen ausgestochen und hat dort immer die beste Kundschaft gehabt,« sagte da Fleurette in unvergleichlicher Naivität. Und Aristide Poignard fühlte nicht mehr die Kraft in sich, ihr etwas zu erwidern. Seine Energie war zu Ende. Es war ihm klar, daß er ohne Fleurette verloren war, daß am Ende nur noch von ihr die Erhaltungsmöglichkeit und Rettung kommen konnten. Wieder hallte die schrille Stimme Rose Lacombes über den Platz und traf des Malers Ohr wie ein schneidendes Schwert. Und sie sagte: »Wir haben unsere Kinder mit Blut getauft, Mitschwestern, und wir nennen unsere Kinder mit Stolz ... die roten Kinder.« Dieses Wort pflanzte sich jetzt fort von Mund zu Mund. Helle Frauenstimmen krähten die furchtbare Offenbarung, Männer, denen Hunger und Alkohol den letzten Rest der Vernunft genommen zu haben schienen, schrien in heiserem Ton: »Die roten Kinder!« »Man hat uns manches bewilligt, aber nicht alles, Mitbürger,« fuhr Rose Lacombe weiter fort. »Chaumette ist auf unserer Seite, und die Cordeliers sollen uns weiter führen!« »Es leben die Cordeliers!« Es war wie das Brausen eines Sturmes, der jetzt über die Place Grève ging. Selbst der Wind, der sich erhoben hatte und den Regen vor sich hin trieb, konnte gegen die entfesselte Leidenschaft des Pöbels, die von einem Weib in Männerhosen aufgerüttelt wurde, nicht an. »Die Kommune hat uns Ehrenplätze bewilligt, Mitschwestern. Sie hat uns unser Banner der Freiheit zugesprochen.« Rose Lacombe schwang die Fahne, die drei geheiligten Farben der einen und unteilbaren Republik, als wehendes Banner über ihrem Haupt. »Lest die Inschrift unserer Fahne, Mitschwestern, wie lautet die Inschrift unserer Fahne?« schrie sie. Und wie aus einem Munde brüllte ihr jetzt die Menge entgegen und wie ein orkanartiger Windstoß flog dieses Wort über den Platz: »Sie haben die Tyrannen vor sich hin gekehrt!« »Sie haben die Tyrannen vor sich hin gekehrt!« So klang es ein zweites und ein drittes und ein viertes Mal. »Bin ich denn in einem Narrenhause? Ist das Frankreich, ist das Paris?« stammelte Aristide Poignard. »Aber ich flehe dich an, Aristide, wenn dir dein Leben lieb ist! Sie haben doch die Macht. Chaumette, Hébert, Saint Just, am Ende gar Robespierre selbst, stehen hinter ihnen.« Am liebsten hätte sich Aristide Poignard trotz allem der Rednerin entgegengeworfen. Aber wer war er denn? Ein Maler, nach dessen Bildern in diesen Tagen des Blutes kein Mensch fragte, ein Hungerleider, der sich eben noch mit einem Polichinellentheater, in dem er gegen sein Gewissen das Gewesene verhöhnte, ein paar Sous hatte verdienen wollen ... und diese da ... Schauspielerin aus einem kleinen Provinztheater, die ihren Vater nicht und ihre Mutter kaum kannte ... dann Dirne im Palais Royal ... die war jetzt allmächtig ... die zog die Massen der entfesselten Weiber und verwahrlosten Männer hinter sich her, weil die Despoten der Kommune und des Konvents für ein paar Wochen auf ihrer Seite standen, weil die diese Megären nötig hatten, damit die Bewegung des Blutes und der Tränen und des Hungers, das Regiment des Schreckens, nicht im Sande verliefen, wenn die bis zur Siedehitze getriebene Tollheit dieser Weiber nicht mehr hinter ihnen stand. Wer war er heute im Vergleiche mit dieser da? Er, der doch drauf und dran war, der doch drauf und dran sein mußte, sich von einer solchen aushalten zu lassen, die gleich dieser Stammgästin der Cafés des Palais Royal gewesen war! In solch bitteren Gedanken verharrte Aristide Poignard reglos auf dem Platze, wo er gerade stand, und sah traurigen Blickes auf seine kleine Freundin Fleurette, die er einst als sein Modell hatte retten wollen und mit der er nun um so tiefer in den Morast dieser aus Blut und Wahnwitz zusammengesetzten Tage versank. Immer dichter drängte die Menge an Rose Lacombe heran. Die stand noch immer auf dem leeren Weinfaß und schwang die Trikolore. Rascher und lauter ging ihr Atem, stärker schwoll ihre Stimme an, heiserer kamen die Worte aus ihrem Munde, flammendere und flammendere Röte legte sich auf ihre heißen Wangen. Und der Sturm der Nivose fuhr über den Platz. Aber Rose Lacombe lachte dieses Sturmes, und die Regenschauer, die über sie und ihre Mitschwestern herniedergingen, die sie unbarmherzig bis auf das Hemd durchnäßten und vor Kälte erschauern ließen, kümmerten sie nicht. »Mitschwestern,« begann sie aufs neue. »Was die Kommune uns zugebilligt hat, genügt nicht. Wir wollen Männer sein, Männer, Mitschwestern, und wenn wir uns die Brüste, über die man sich lustig zu machen wagte, mit eigenen Händen von den Knochen herunterreißen müßten. Männer wollen wir sein, Männer wie die, die uns unseren Platz streitig machen. Wir wollen Männer sein! Wir wollen die Rechte des Mannes haben im Konvent, in der Kommune, im Wohlfahrtsausschuß, im Überwachungskomitee, in der Armee, auf den Schlachtfeldern und im Frieden,« riefen da die Mitglieder des Revolutionsklubs wie aus einem Munde ... »Es lebe Rose Lacombe! ... Es lebe die Gleichheit! ... Auf in die Tuilerien ... in den Konvent! ... Voran! ...« Mit diesen Worten setzte sich der Trupp in Bewegung. Das Polichinellentheater auf dem Rücken, folgte Aristide Poignard diesem Zug, dem in Rose Lacombes Händen die Trikolore voranwehte. Fleurette ging dicht an seiner Seite. Sie trug die Zuckerkiste mit den Mannequins auf der Schulter. Der Weg von der Place Grève nach den Tuilerien war weit genug, daß sich Pöbelhaufe auf Pöbelhaufe trotz des Sturmes und Regens zu dem Weibertrupp gesellte. Es gab in diesen Tagen Obdachlose und Lungerer genug in Paris, denen eine Sensation die einzige Abwechslung ihres endlosen Tages bedeutete. Wenn der Zug der Karren, die nach dem Revolutionsplatz fuhren, einmal abbrach, weil Fouquier Tinville in der Conciergerie mit seiner Arbeit nicht zu Ende gekommen war, dann bot solch ein Weiberauflauf oder auch eine kleine Revolte des Revolutionsklubs schon eine willkommene Anregung. Weit über sechstausend Gefangene schmachteten jetzt in den Pariser Kerkern und harrten des Henkers. Aber die Zahl derer, die kein Brot und keinen Unterschlupf hatten, die an jedem neuen Abend auf einen Zufall warteten, um in einen Schuppen oder einen leeren Laden unterkriechen zu können, war Legion. Die Armee fraß dieses Volk auf. So schwoll denn der Trupp der etwa vierzig Weiber zu einem Strom von Menschen an, bis man den Revolutionsplatz und den Eingang des einstmaligen Königsschlosses erreicht hatte, in dessen Theatersaal jetzt der Konvent der einen und unteilbaren Republik seine täglichen Sitzungen abhielt, nachdem er die Reitbahn, in der er so lange getagt, verlassen hatte. Und unaufhaltsam ergoß sich dieser Strom in den Tuileriengarten. Er drang in das Schloß. Er betrat die Treppen, auf denen einst der Fuß des Bürgers Capet und der verhaßten Österreicherin gewandelt, und flutete in den Saal des Konvents. Ein Murren ging durch die Bänke der Volksvertreter, als die Weiber hier eindrangen. Aristide Poignard und Fleurette waren fast wider ihren Willen mit hineingerissen worden, denn wen der Strom einmal gefaßt hatte, den ließ er nicht mehr. Voll Staunen und Schauder musterte der Maler die Versammlung der Allmächtigen, an deren Worten das Schicksal Frankreichs und der Welt in diesen Tagen hing, auf deren Zungen Vermögen und Leben jedes Einzelnen als Freibeute lagen. Der Strom der Weiber hatte ihn und Fleurette bis an die Ballustrade der Galerie gedrängt, von der aus man den freien Überblick über den ganzen Saal und über die Bänke der Volksvertreter hatte. Der herrliche Raum der Tuilerien hatte seinen alten Glanz gewahrt. Unter den goldenen Kronleuchtern der Bourbonen, auf den Sitzen, die einst die Lilien Frankreichs geziert, beratschlagten jetzt die Gesetzgeber und Alleinherrscher des dritten Standes, die den Adel und die Geistlichkeit wie eine Herde Schlachtvieh vor sich her getrieben hatten. Und an dem Zucken ihrer Wimpern hing Leben oder Tod. Aristide Poignard starrte vor sich hin. Den Hunger, der seit dem frühen Morgen in seinen Gedärmen wühlte, denn schon seit einer Woche hatte er sich wieder mit Kastanienbrei begnügen müssen, hatte er bei diesem Anblick plötzlich vergessen. Auch dachte er gar nicht daran, welchen Eindruck er hier machen mußte, er in seinen abgetragenen Kleidern, mit dem auffallenden, rabenschwarzen Künstlerkopfe, den Polichinellenkasten auf dem Rücken, in dem er noch heute den »Untergang des Tyrannen« auf der Place Grève zum besten gegeben hatte. Er hier an der Seite eines Mädchens, das einst eine stadtbekannte Erscheinung in den Cafés des Palais Royal gewesen war, er, der Freund des Dichters Auguste Rodeur, der den König verteidigt hatte, er, der sich für einen Schüler der Bouchers und Watteaus hielt. Er in diesem Prunksaale, den dieses Volksgericht zum Tribunal der Willkür und Zügellosigkeit erniedrigt hatte, genau so gut, wie er einst der Tummelplatz absolutistischer Willkür und Laune gewesen war. War das am Ende doch der Hunger, der solches zustande brachte? In diesem Augenblick hatte Aristide Poignard mitten in dem Saale des Konvents, wo die Vertreter des Volkes tagten und der dermaleinst einer der Prunksäle des Königs und der Königin gewesen war ... eine Vision. Er sah die Österreicherin samt ihren Hofdamen ... und die Witwe Capet und alle ihre Begleiterinnen hielten ihre abgeschlagenen und blutenden Köpfe in den Händen. Aber der Spuk schwand. Nur der Hunger war daran schuld gewesen. Jetzt sah Aristide Poignard wieder alles klar und in scharfen Umrissen, und sein Ohr vernahm in nüchternen und verständlichen Worten, was man sprach. Angesichts des Konvents war das laute Johlen und Schreien der einstürmenden Volksmenge, die den Weibertrupp in ihrer Mitte führte, die jetzt die ganze Galerie bis auf das letzte Plätzchen füllte, verstummt. Drunten im Saale auf der Rednertribüne stand ... ein Mann. Und Aristide Poignard, der Schüler Watteaus und Bouchers, der einstige Royalist und individuelle Künstler, dem jede Art des Kommunismus ein Greuel bedeuten mußte, vermochte sich von dessen Anblick nicht loszureißen. Das war kein anderer, das konnte gar kein anderer sein! Das war der eine, der große »Unbestechliche« ... Das war Maximilien Robespierre! Wie ein Felsen stand dieser Mann, in der Versammlung. Wie die starre Klippe, die das brandende Meer vergebens umtost. Wie Sinn und Ende, Zweck und Zielpunkt der ganzen, großen Revolution. So mußte Aristide Poignard denken, als er diesem Manne zum ersten und einzigen Male in seinem Leben in die kalten Augen sah. Sie waren blau und ohne Leidenschaft. Aber wenn der Mund zu sprechen begann, dann funkelten diese Augen wie in der Sonne gezückter Stahl. Der Mann war nicht groß, er war vielmehr von kleiner Statur, aber wenn er sprach, dann wuchs er plötzlich, dann schien er sich wie ein Wunder ins Gigantische zu recken. Seine Stimme klang leise und unbedeutend. Es hatte den Anschein, als könnte sie so leicht und sicher von anderen Stimmen übertönt werden, als wäre sie rasch zum Schweigen gebracht. Aber wenn er seine Worte formte zu Schwertern, die schneidend eindrangen in den Busen des fühlenden Menschen, wenn er sie spitzte zu Pfeilen, die klirrend abschwirrten von der Sehne des Bogens seiner unbeugsamen Gedanken und Ideale, so daß sie ihr Ziel niemals verfehlen konnten, dann vergaß man den leisen Ton und die mangelnde Bedeutung dieser Stimme, die mit dem vor Monden und Jahren gehörten Pathos eines Mirabeau, die mit dem Brustton der Überzeugung eines Vergniaud nicht im entferntesten zu vergleichen war ... denn dieser Mann war Ziel und Ende dieser Revolution! Er hatte sie alle hinter sich gelassen. Wie ein Somnambuler war er über ihre in den Kot des Revolutionsplatzes gerollten Köpfe dahingeschritten, unbekümmert, nicht nach rechts und nicht nach links schauend, in keinem Sinne nachgebend, über Blut und Leichen, über Leichen und Blut, seinen unverrückbaren Idealen entgegen, die in der Philosophie des großen Bürgers von Genf gipfelten. Dieser Mann, der zusammen mit einem Schreiner die Wohnung in einer alten Gasse von Paris teilte, obwohl er sich in diesen Tagen den Louvre oder die Tuilerien ganz nach seinem Gutdünken hätte einrichten können, dieser Mann, der die Tochter eines bettelarmen Arbeiters als Geliebte in sein Haus genommen und ihr treu blieb, obwohl er alle Damen Frankreichs zu seinen Bettgenossinnen hätte machen können, der war Ziel und Ende, Gedanke und Seele, Nerv, Hirn und Herz dieser Revolution. Wenn er nicht mehr mitmachte, dann brach die Bewegung in sich zusammen, die er von ihrem ersten Anbeginn an unverrückbar wie des Nordens heller Stern bestimmt hatte. Denn alle anderen hatten nachgegeben, alle anderen hatten Kompromisse geschlossen und waren gefallen ... Er gab nicht nach! Er stand! ... Denn er war der Unbestechliche! Dem starrte Aristide Poignard jetzt ins Gesicht, wie der drunten auf der Rednertribüne stand und die Hand erhob. Der Maler sah, wie der die schmalen, festaufeinandergekniffenen Lippen, um die immer ein zwischen Verachtung und Wohlwollen wechselndes Lächeln spielte, öffnete, und er hörte, wie zauberhafte Ruhe im Saale des Konvents entstand. Denn er, der Unbestechliche, Felsen und Anker seiner Zeit, sprach. Aristide Poignard erwartete eine jener Reden, die in diesen Tagen so oft wie das Weltgericht über Paris niedergegangen waren. Aber Maximilien Robespierre begnügte sich diesmal mit einem einzigen Satz. Denn Rose Lacombe und der Revolutionsklub schienen es nicht wert, daß der Unbestechliche ihnen in eigener Person Rede und Antwort stand. Er sagte nur: »Ich gebe Chaumette das Wort.« Aristide Poignard stand in nächster Nähe von Rose Lacombe. Er sah, wie diese erblaßte. Chaumette hatte sie verraten. Er hatte die Sache des Revolutionsklubs aufgegeben, wenn er hier im Konvent an Stelle Robespierres und in seinem Sinne die Antwort erteilte, denn der Unbestechliche hatte von den Weibern in den Männerhosen nichts hören wollen, und so mußte Chaumette selber nach des Allgewaltigen Willen das Gefäß wieder zerschmettern, das er einst geformt hatte. Der Vorsitzende des Klubs der Cordeliers, der den Bürgersoldaten Silvain Parmentier in das ehemalige Franziskanerkloster geführt hatte, stand nun an Robespierres Seite auf der Tribüne. »Was haben schwangere und halbnackte Weiber im Konvent zu suchen?« donnerte er. Ein unwilliges Murren von den Ränken der Abgeordneten bildete die Antwort auf diese Frage Chaumettes. »Bürger,« ergriff der aufs neue das Wort. »Euer Murren gefällt mir. Es ist nur vernünftig, daß Ihr Euch gegen solches auflehnt.« Da rief es von der Galerie: »Das Gesetz erlaubt uns, den Saal des Konvents zu betreten.« »Man lese dieses Gesetz!« schrie da Chaumette. »Benehmt ihr euch wie Weiber? ... Das Gesetz befiehlt euch, der guten Sitte zu folgen, der Sitte Achtung zu zollen. Tut ihr das? Seit wann ist es den Frauen erlaubt, ihr Geschlecht zu verleugnen und in Männerkleidern einherzugehen, seit wann? Sagt mir, bitte, seit wann? ... Wer gab euch das Recht, euer Haus, die Wiege eurer Kinder im Stiche zu lassen und so in den Saal des Konvents einzudringen? Wer, wer, wer?« Droben auf der Galerie um Rose Lacombe herum war es bei diesen Worten Chaumettes ganz still geworden. Aristide Poignard lauschte der Rede des Führers der Cordeliers voll flammender Begeisterung. Wie recht hatte der, daß er so sprach, und daß er so sprach, war Wille und Werk des Unbestechlichen. »Wem,« so fuhr Chaumette jetzt fort, »hat die Natur die Sorge für Haus und Kinder anvertraut? Wem hat sie Brüste gegeben, um die Kinder ernähren zu können? Dem Manne oder dem Weibe? Antwortet mir! Wem? ...« Kein Laut drang mehr von der Galerie an das Ohr Chaumettes. Aber der erhob seine Stimme noch einmal und sprach noch lauter: »Die Natur, die wir alle verehren, zu der wir alle beten, Bürger, sagte dem Mann: Sei Mann! ... sagte dem Weib: Sei Weib! ... Wenn Ihr herrschen wollt, dann herrscht durch die Liebe, und herrscht Ihr durch sie ... dann herrscht Ihr nach dem Willen der Natur!« Hier machte Chaumette eine Pause. Er wußte wohl warum. Die Weiber droben auf der Galerie hatten nämlich ihren Wunsch und das Anliegen Rose Lacombes bereits vergessen. Sie fühlten sich geschmeichelt. Sie nahmen die roten Mützen von ihren Köpfen und riefen: »Es lebe Chaumette!« Die Sache des Unbestechlichen hatte gesiegt. »Ich warne euch, Bürgerinnen,« sagte jetzt Chaumette nach dieser Pause. »Erinnert euch der Weiber, die mehr sein wollten als ihr Geschlecht, die sich anmaßen wollten, zu herrschen. Sie alle sind noch den Weg des Verderbens gegangen. Denkt der Roland, deren Haupt nach Recht und Gesetz auf dem Blutgerüst fiel. Sie war die erste, die einen Weiberklub gründete, und die Strafe ist ihrem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt. Denket daran! Nur in den Zeiten, in denen es keine Männer gibt, haben die Frauen die Macht an sich gerissen. Aber heute gibt es Männer in Frankreich. Jeanne d'Arc konnte nur geboren werden, weil der siebente Karl ein Weib gewesen ist.« So schloß Chaumette. Aristide Poignard war von seiner Rede hingerissen. Auf den Bänken der Volksvertreter brach ein Sturm des Beifalls los. Nur er, der Unbestechliche, stand wie der Felsen im Meere und regte sich nicht. Dieser Chaumette, seine Kreatur, das Werkzeug seiner Hände, von dem er schon heute wußte, daß er auch ihn, wenn die Stunde gekommen war, auf das Blutgerüst schicken würde, hatte die ihm übertragene Rolle nach Wunsch gespielt. Rose Lacombe an der Spitze, trat der Revolutionsklub den Rückzug aus dem Saal des Konvents an. Auf der Treppe erkannte Rose Lacombe ihre einstige Kollegin aus dem Palais Royal, Fleurette Bouchard. »Wie geht es, Fleurette?« fragte sie. »Schlecht,« erwiderte Fleurette einfach. »Ja, das Gewerbe zieht nicht mehr,« sagte Lacombe melancholisch, »seit nach dem Sturze des Tyrannen alles in freier Liebe macht, seit die Bürger ihre Frauen und Töchter auf den Altären in den Tempeln der Vernunft öffentlich zur Schau stellen. Und dann, wir werden alt, Fleurette!« Fleurette hatte es gar nicht bemerkt, daß sie Aristide im Gedränge verloren hatte, während sie mit Rose Lacombe auf der Treppe der Tuilerien sprach. »Komm zu uns nach Saint Eustache,« sagte jetzt Rose Lacombe voll Mitleid. »Was sollte ich in der Kirche?« Rose lachte. »Saint Eustache ist keine Kirche mehr. Sie ist jetzt Klublokal der Société révolutionnaire .« »Und ich soll rote Hosen tragen und die Fahne schwingen?« lachte Fleurette. Rose sah sie resigniert an. »Was bleibt wohl unsereiner anders übrig, Fleurette, wenn man älter wird und wenn die Jugend Frankreichs umsonst und für einen jeden zu haben ist? Seitdem Hébert und Chaumette, dieser Verräter, das Symbol der Natur auf den Altar der Jungfrau erhoben haben! Wenn es mit der Liebe nicht mehr geht, versuchen wir es mit der Politik. Die Kommune und der Konvent bezahlen die, die am lautesten schreien ... und das ist ehrlich verdientes Geld!« »Man bezahlt euch?« »Was dachtest du?« »Dann komme auch ich nach Saint Eustache.« Achtes Kapitel. Chaumette weihte den jungen Bürgersoldaten Silvain Parmentier in die Geheimnisse des Klubs der Cordeliers ein. Und Silvain war ein gelehriger Schüler. Stundenlang saßen die beiden, während es draußen schneite und stürmte, vor dem Kamin in dem alten Refektorium des ehemaligen Franziskanerklosters und besprachen sich miteinander. Chaumette war allmächtig. Er und sein Genosse Hébert, der Schusterssohn und der ehemalige Logenschließer im Theater des Königs, hielten die Stadtverwaltung von Paris in ihren Händen. Und nicht nur das! Sie spielten auch Fangball mit dem Konvent. Sie tyrannisierten das Überwachungskomitee und den Wohlfahrtsausschuß, soweit Maximilien, der Unbestechliche, solches zuließ, soweit er nicht dazwischen fuhr, wie das neulich in jener Konventsitzung, da die Weiber der Société révolutionnaire in die Tuilerien einbracht, der Fall gewesen war. Mit dem Fest in Notre Dame, mit der Schändung der Königsgräber in der Kathedrale von Saint Denis sollte es nach Chaumettes und Héberts Willen keineswegs sein Bewenden haben. Das war nur ein bescheidener Anfang. Während die Generäle des Konvents an den aufrührerischen Städten Lyon, Toulon, Bordeaux und Nantes blutige Vergeltung übten und dort die Gemäßigten und vermeintlichen Anhänger des Königtums zu Hunderten niederschossen oder in der Rhone und Garonne ertränkten, schritt der Kult der Vernunft hocherhobenen Hauptes durch Paris und ganz Frankreich. Nur der Süden und Westen leisteten noch immer verzweifelten, aber nutzlosen Widerstand. »Wir müssen eben ganze Arbeit machen, Bürger Parmentier,« vernahm Silvain eben wieder die Stimme des hageren und ausgehungerten Fanatikers, zum wievielstenmale heute ... immer in dem gleichen Ton. »Das müssen wir, Chaumette,« antwortete der. Silvain trug jetzt ständig die Tracht der Jakobiner. Die phrygische Mütze krönte sein Haupt, um seine Brust wand sich die Trikolorenschärpe und die Kokarde der einen und unteilbaren Republik leuchtete auf seinem Rock. Ein Wort Chaumettes hatte genügt, den jungen Bürgersoldaten, der ihm blindlings ergeben war, vom Dienst zu befreien. Er brauche ihn für sich, damit der dem Vaterland von größerem Nutzen sein könne, hatte der Führer der Cordeliers erklärt. »Saint Sulpice ist die nächste, die an die Reihe kommt,« drang da wieder diese Stimme an Silvains Ohr. »Die Kommune und der Konvent haben mir die Umweihung von Saint Sulpice überlassen. Das wird ein Fest!« Wie lohendes Feuer flammte es bei diesen Worten in den Augen Chaumettes auf. »Habt Ihr jetzt mit der Bürgerin Louise Marteau gesprochen, Bürger Parmentier?« Silvain senkte den Kopf. »Nun,« forschte Chaumette in strengem Ton. »Ich habe mit ihr gesprochen, Bürger Chaumette!« »Und ist sie bereit?« »Sie würde für mich jedes Opfer bringen, Bürger Chaumette, das hat sie gesagt!« »Auch dieses?« »Ich weiß es nicht, Bürger Chaumette. Sie ziert sich« Es war ein häßlicher Ton, indem dieses Wort »sie ziert sich« aus Silvains Mund kam. »So wird man sie zwingen,« erklärte Chaumette. Eine finstere Wolke des Unmuts ging bei diesen Worten des Führers der Cordeliers über Silvains hübsches Gesicht. Dann sagte er rasch: »Wenn ich sie bitte, Bürger Chaumette, dann wird sie es mir zuliebe tun!« »Dann bitte sie!« »Das werde ich tun!« »Es geschieht im Dienst unserer großen Sache, Bürger Parmentier!« »Das weiß ich und sonst täte ich es nicht, Bürger Chaumette!« Chaumette erhob sich von dem Stuhl vor dem flackernden Kaminfeuer des Refektoriums, wo er die ganze Zeit gesessen hatte, und ging nun mit langen Schritten in dem ehemaligen Speisesaal der Franziskaner auf und nieder. »Wollt Ihr jetzt die Gewänder betrachten, Bürger Parmentier,« sagte er plötzlich. »Welche Gewänder, Bürger Chaumette?« »Die Gewänder, die die Bürgerin Louise Marteau bei dem Fest in Saint Sulpice als Vertreterin der Vernunft tragen soll. Es sind griechische Gewänder. Ich habe sie selbst aus der Garderobe der Comédie française besorgt.« »Habt Ihr sie hier, Bürger Chaumette?« »Sie liegen dort im Wandschrank.« Chaumette ging auf den Wandschrank zu, der einst den Franziskanern zum Aufbewahren heiliger Gefäße und kirchlicher Talare gedient hatte, und schloß ihn auf. Den Theaterflitter der Comédie in den Händen, ging er jetzt wieder auf den Bürger Parmentier zu und breitete die Kleider auf dem großen, in der Mitte des Refektoriums stehenden Tisch aus. »Es ist ein Chiton aus weißem, durchsichtigem Stoffe und eine Chlamys aus himmelblauer Seide, Bürger Parmentier! Das wird die Bürgerin Louise Marteau trefflich ... ent-kleiden ... Ist sie denn gut gewachsen?« Ein lauernder Blick Chaumettes, dem sich in diesem Moment für den jungen Silvain frivole Geilheit und Sinnlichkeit beizumengen schienen, traf ihn bei dieser Frage aus den Augen des Führers der Cordeliers. »Ich hielt Euch für einen Asketen, Bürger Chaumette!« erwiderte Silvain und sah sein Gegenüber voll Verachtung an. »Der bin ich ... für mich, Bürger Parmentier ... aber das Volk will die Schönheit. Es will Befriedigung seiner Instinkte. Wir müssen dem Volke etwas bieten in diesen Tagen des Jammers, wenn es nicht von uns abfallen und sich andern Göttern zuwenden soll.« »Das müssen wir allerdings!« Die hageren Hände Chaumettes entfalteten jetzt den zarten Batiststoff, den er vor Silvain auf dem Tisch der Mönche ausgebreitet hatte. »Der schöne Leib der Bürgerin Louise Marteau wird hindurchschimmern; Bürger Parmentier,« sagte er, den Stoff wohlgefällig musternd ... »halbverhüllte Schönheit reizt bekanntlich mehr als völlig nackte ...« Siedend heiß stieg es bei diesen Worten Chaumettes in Silvains Innerem empor. Wenn er seiner Leidenschaft gefolgt wäre, dann wäre er diesem da an die Kehle gesprungen, der in solchen Worten im Hinblick auf seine Geliebte, die Bürgerin Louise Marteau, sprach. Aber er wagte es nicht. Der Fanatismus Chaumettes und die furchtbaren Lehren der Cordeliers, zu deren Klub er nunmehr geschworen hatte, hielten ihn wie mit eisernen Ketten umfaßt. Er hatte das Versprechen gegeben, alles, auch das letzte, auch seine Liebe, auf dem Altar des Vaterlands und der Freiheit zu opfern ... und dieses Versprechen würde er halten! Chaumette entging es denn auch nicht, welche Gedanken da durch den Kopf seines Jüngers und Leibeigenen huschten. Deshalb sagte er: »Die Reue, Bürger Parmentier, ist ein schlecht' Ding für den, der das Höchste zu erreichen entschlossen ist, und selbst die Pfaffen lehrten, daß der, der seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, für ihr Werk nicht geschickt sei.« »Das weiß ich, Bürger Chaumette!« »Wir werden die hellblaue Chlamys mit einer goldenen Spange auf der nackten Schulter der Bürgerin Louise Marteau befestigen, Bürger Parmentier. Sie ist vollbusig? Das habe ich in dem Café zu den Rutenbündeln wohl bemerkt!« Silvain schwieg. Voll Unmut nagte er an der Unterlippe. Aber Chaumette ließ sich dadurch nicht mehr irre machen. »Wie die Künstler der Griechen, Bürger Parmentier, soll die Bürgerin Louise Marteau auf goldenen Kothurnen vor allem Volk einherwandeln. Hier sind sie!« Chaumette war wieder vor den Wandschrank getreten und holte die hohen Stiefel der Schauspieler, die seine Göttin der Vernunft nach seinem Willen tragen sollte. »Über Blumen wird sie durch die Halle des Tempels Saint Sulpice schreiten, Bürger Parmentier!« »Der Nivose steht im Kalender, Bürger Chaumette, wo wollt Ihr im Nivose Blumen herbekommen?« »Ich werde die Kamelienhäuser der Österreicherin in Trianon plündern lassen,« entschied Chaumette kurz. »Die Bürgerin Louise Marteau soll über einen Teppich aus weißen und roten Kamelien wandeln. Es wird einen Festzug geben, wie man in Paris noch keinen erlebt hat, Bürger! Ich lasse sie auf einem purpurnen Thronsessel hereintragen und ein Himmel aus dem grünen Wipfel einer Eiche wird sich zu ihren Häupten wölben!« »Ihr seid von Sinnen, Chaumette, grüne Eichen im Nivose!« »Die Palmen von Versailles tun mir den gleichen Dienst! ... Aber wo bleibt denn die Bürgerin Marteau? Ihr habt sie doch hierher bestellt, Bürger Parmentier?« »Freilich habe ich das!« »Zu einer Ankleideprobe!« Wieder glitt das sarkastische Lächeln um die schmalen Lippen Chaumettes. Silvain kannte dieses Lächeln. Aber der Schwur, den er für die Sache der Cordeliers geleistet hatte, hielt ihn von jeder Äußerung seines Hasses gegen Chaumette ab. Da trat Legrange, der Schreiber Chaumettes, in das Refektorium. »Eine Bürgerin wartet draußen. Sie fragt nach dem Bürger Parmentier.« »Kennt Ihr die Bürgerin, Bürger Legrange?« »Nein, Bürger Chaumette, ihr Gesicht ist nicht zu sehen. Sie hat einen schwarzen Schal um den Kopf geschlungen, der auch den größten Teil ihrer Züge bedeckt.« »Sie ist es ...,« sagte jetzt der Bürger Parmentier mit zitternder Stimme. Und Chaumette befahl: »Laßt die Bürgerin eintreten, Bürger Legrange!« Legrange ging. »Es ist Euer Glück, Bürger Parmentier, daß sie Wort gehalten hat,« sagte Chaumette jetzt finster. »Die Bürgerin Louise Marteau hält ihr Wort, wenn sie mir etwas versprochen hat, Bürger Chaumette,« erwiderte Silvain in eisigem Tone, »denn sie liebt mich ...« Chaumette antwortete nichts. Er starrte nach der Tür, durch die die Bürgerin Louise Marteau eintreten sollte, die er zu seiner Göttin der Vernunft erkoren und deren Schönheit er dem Pöbel von Paris als Opfer auf dem Altar von Saint Sulpice zu bringen entschlossen war. Endlich öffnete sich die Tür und Louise Marteau trat ein. Wie Legrange berichtet hatte ... tiefverhüllt. »Ich folge deinem Willen, Silvain,« sagte sie mit dumpfer Stimme, »es war dein Befehl und dein Wunsch!« Sie würdigte Chaumette keines Blickes. Alle ihre Worte waren ausdrücklich nur an Silvain gerichtet. »Der Bürger Parmentier hat Euch mitgeteilt, Bürgerin Marteau, um was es sich handelt?« »Ja, mein Herr!« Im Flüsterton kam diese Antwort aus dem Mund Louise Marteaus. »Das Gewand, das Ihr an dem hohen Fest der Göttin der Vernunft tragen werdet, liegt hier auf dem Tisch, Bürgerin,« sagte Chaumette und entfaltete gleichzeitig den Batist vor den Augen Louise Marteaus, wie er ihn eben vor denen Silvains entfaltet hatte. Louise Marteau hatte den Schal, der ihr Gesicht verhüllte, noch immer nicht abgelegt. Tief verschleiert, als sei sie ein Rätsel und als wolle sie profanen Blicken ewig ein solches bleiben, trat sie jetzt an den Tisch heran und wühlte mit zitternden Fingern in dem leichten Stoff. »Gefällt Euch das Gewand, Bürgerin Louise Marteau?« fragte Chaumette. Sie würdigte ihn keiner Antwort. Chaumette war nahe daran aufzubrausen, aber noch einmal beherrschte er sich. Louise Marteau nahm den Chiton in ihre Hände. Sie hielt die rosa schimmernde Haut ihres Armes, den sie entblößt hatte, unter den Stoff. So trat sie dicht an Silvain heran, sah ihm fest in die Augen und fragte: »Ist es dein wohlüberlegter und klarer Wille, Silvain, daß ich mich so in Saint Sulpice vor allem Volke zeigen soll, in diesem Gewande, Bürger Parmentier, in diesem Gewande? Ihr wißt, daß ich nichts unter ihm tragen werde, als meinen nackten Leib, der Euch allein gehört?« »Euer Leib gehört dem Vaterlande, Bürgerin Louise Marteau,« rief da Chaumette. »Ich habe nicht mit Euch gesprochen, Bürger,« verwies da Louise Marteau. »Oho,« rief jetzt Chaumette wütend, »man kann Euch zwingen, Bürgerin! Der Konvent ... das Tribunal ... Fouquier Tinville macht kurzen Prozeß, wenn ihm das Überwachungskomitee in meinem Auftrag etwa einen Wink geben sollte!« »Das weiß ich, Bürger ... aber davor fürchte ich mich nicht. Fouquier Tinville würde mich dazu nicht zwingen können ... Ich habe den Bürger Silvain Parmentier gefragt, ob es sein fester und wohlüberlegter Entschluß ist, daß ich mich so in diesem Gewande vor allem Volke zeigen soll, und der Bürger Silvain Parmentier ist mir bislang die Antwort schuldig geblieben. Über mein Leben verfüge Fouquier Tinville! Über meinen Leib hat niemand zu verfügen als ich allein und der Mann, dem ich diesen Leib nach meinem freien Willen geschenkt habe, versteht Ihr mich?« »Ich verstehe Euch vollkommen, Bürgerin Louise Marteau ... und was Ihr da sagt, ist Verrat an dem Vaterlande und Verrat an der Sache der Freiheit! Es würde für Fouquier Tinville nach dem Gesetz gegen die Verdächtigen genügen, Bürgerin, denn niemand hat das Recht, Eigentum, das dem Volk und dem Vaterland gehört, dem Volk und dem Vaterland zu entziehen.« Die Bürgerin Louise Marteau antwortete Chaumette nicht. Sie wandte sich vielmehr noch einmal an den jungen Bürger Silvain Parmentier und sagte: »Habt Ihr verstanden, Bürger Silvain Parmentier, was ich Euch soeben gefragt habe?« »Ich habe dich verstanden, Louise!« »Und ist es dein fester und wohlerwogener Entschluß?« »Er ist es!« »Dann zeigt mir das Gemach, in dem ich das Gewand anprobieren kann, Bürger!« Chaumette lächelte cynisch. »Wenn Ihr das hier tun wollt, Bürgerin ... mich berührt das weiter nicht ... und der Bürger Silvain Parmentier wird doch Bescheid wissen!« Verächtlich verzog Louise Marteau die herben Lippen. »Zeigt mir das Gemach,« sagte sie einfach. Da öffnete Chaumette eine Tür, die in eine kleine, neben dem Refektorium gelegene Anrichtekammer führte, und sagte: »Bitte, Bürgerin, wenn es Euch hier nicht zu dunkel ist ...« »Ich sehe genug, Bürger!« Louise nahm die Kleidungsstücke von dem Speisetisch der Mönche und verschwand damit lautlos in der Kammer. Chaumette ging mit langen Schritten im Saale auf und nieder. Silvain wandte sich von ihm ab. Er trat vor den Kamin und schaute in die flackernden Flammen, die gierig an einem Scheit fast noch grünen Buchenholzes leckten und dieses nicht vernichten konnten, weil es noch zu viel Saft in seinen Fasern barg. »Worüber sinnt Ihr nach, Bürger Parmentier,« fragte Chaumette nach einer langen Pause. »Ich betrachte mir das Holz im Kamin, Bürger Chaumette,« lautete Silvains Antwort. Es gleicht der Jugend Frankreichs in diesen Tagen. Es ist noch jung und grün, und schon verzehrt es der Brand. Aber die Flamme kann nicht mit ihm fertig werden. Der Saft fließt aus dem Holze und dieses Scheit sieht aus, als ob es über sein eigen Schicksal eine Träne weinte, Chaumette!« »Der Brand wird mit ihm fertig werden, verlaßt Euch darauf, Bürger Parmentier,« sagte Chaumette in schroffem Tone. Wieder schwand eine Weile in tiefem Schweigen dahin. Kein Laut wurde in dem alten Refektorium vernehmlich. Aber ganz plötzlich drang da ein leises Geräusch an das Ohr der beiden Männer. »Was ist das?« fragte Silvain. »Es ist der Holzwurm, Bürger Parmentier,« erklärte Chaumette ... »er frißt das Alte, während der Brand das Junge verzehrt ... Das ist der Gang des Lebens und der Geschichte ...« Da trat die Bürgerin Louise Marteau wieder ein. Auf den goldenen Kothurnen, in dem durchsichtigen Chiton aus weißem Batist, die hellblaue Chlamys aus Seide um die Schultern geschlungen. Eine seltsame Veränderung war mit ihr vorgegangen. Chaumette glaubte sie nicht wiederzuerkennen. Fast nackt stand sie so da vor den beiden Männern, vor dem Geliebten und dem Apostel des Kommunismus, der Paris in diesen Tagen nach seinem Willen zwang, und wie mit einem Schlage waren alle Zurückhaltung und alle Scheu von ihr genommen. »Gefallt Ihr Euch in dem Kleide der Vernunft, Bürgerin Louise Marteau,« fragte Chaumette. Sie lachte. »Wenn es ihm gefällt ... wenn er es will ... ich gefalle mir schon ...« Ihre Augen hingen an denen Silvains. Entgeistert und als sei sie eine Erscheinung starrte er die Geliebte an. Noch nie war ihm deren faszinierende Schönheit so ganz zum Bewußtsein gekommen, wie in dieser Stunde, da er sie den schamlosen Blicken Chaumettes aus freiem Entschlusse preisgab, der sie jetzt von oben bis unten maß mit den Augen des Schaustellers, der seine Ware darauf hin prüft, ob sie auch genügend Anziehungskraft für sein Publikum hat. Noch nie wie in dieser Stunde, da er entschlossen war, um der Sache willen die Schönheit Louises, das höchste, was er besaß, und sein Eigenstes den Lüsten des Pöbels zum Opfer zu bringen. Jetzt schritt Louise auf den hohen, goldenen Stiefeln der Schaubühne leichten Fußes durch den Saal der Mönche. »Also in Saint Sulpice, Bürger,« wandte sie sich an Chaumette, »und wann?« »Morgen in der neunten Stunde, Bürgerin Louise Marteau!« »Und Euer Programm?« »Ich habe dem Bürger Parmentier bereits einige Andeutungen gemacht, ehe Ihr kamt, Bürgerin! Man wird Euch im Triumph durch die Straßen von Paris führen, auf einem Thronsessel, den man unter einem Dach aus Palmblättern von den Warmhäusern in Versailles tragen wird. Die Kommune und die Mitglieder des Konvents werden diesem Zug folgen und auf dem Altar von Saint Sulpice wird das Volk Eurer Schönheit huldigen, Bürgerin! ... Ich selbst werde dort eine Ansprache halten. Man wird singen und tanzen, Bürgerin! Das wird ein Fest werden!« »Und das ist dein Wille, Bürger Parmentier,« fragte jetzt Louise noch einmal mit Nachdruck. »Mein Wille,« sagte er fest unter den drohenden Blicken Chaumettes. »Dann soll es auch der meine sein!« * * * Chaumette hatte das feierliche Schauspiel in Saint Sulpice in ganz Paris bekannt gegeben. Am Morgen des folgenden Tages drängten sich die Menschen um den Eingang der Kirche. Alle Fenster der umliegenden Häuser waren mit Neugierigen besetzt und schon lange vor neun Uhr fand man keinen Platz mehr. Der Donner einer Kanone kündete den Beginn des Festes an. Der lange Zug, dessen Mittelpunkt der Thronsessel mit der Bürgerin Louise Marteau bildete, näherte sich dem Platze vor Saint Sulpice. Ein Geleite weißgekleideter Frauen, die Trikolorenschärpen um die Hüften geschlungen, die Kokarde an den roten, phrygischen Mützen, schritt dem Sessel voran. Das waren die Stammgäste des Palais Royal, die Chaumette aus dem Kot der Straße aufgelesen hatte, damit sie Priesterinnen seiner Göttin der Vernunft sein sollten. Auch Rose Lacombe und Fleurette Bouchard befanden sich darunter, und der Maler Aristide Poignard blickte von weitem diesem Zuge zu. Als sich der Thronsessel mit der halbentblößten Bürgerin Louise Marteau dem Portal von Saint Sulpice näherte, brachen die Pöbelhaufen in frenetische Beifallsrufe aus. » Es lebe die Schönheit! Es lebe das Weib! Es lebe die Vernunft !« so klang es aus tausend und tausend Kehlen diesem Zuge entgegen. Die Bürgerin Louise Marteau sah und hörte nichts. Sie hatte nur den einen Gedanken, daß der Bürger Silvain Parmentier, der Mann, den sie liebte, der einzige, dem sie ihren jungen Leib hingegeben hatte, dicht hinter diesem Thronsessel zwischen Chaumette und einem schamlosen Sänger der Oper schritt, und daß der es gut hieß, nein, es wollte, daß sie sich so vor allem Volke auf dem Altar von Saint Sulpice zur Schau stellte. Der Zug schien endlos. Chaumette hatte alles auf die Beine gebracht, dessen er nur habhaft werden konnte, und seine Macht reichte weit. Die Klubs, die Frauenvereine, die politischen Sektionen, die Sänger und die Tänzer der Oper folgten dem Siegeswagen der Vernunft. Die Masse der Teilnehmer füllte das weite Schiff der Kirche, so daß es für überflüssige Gaffer fast keinen Raum mehr gab. Unter dem Schall von Flöten und Cymbeln trug man jetzt den Thronsessel mit der Bürgerin Louise Marteau die Stufen des Hochaltars hinan. Der Chor der Oper, den Chaumette in griechische Gewänder gekleidet hatte, fiel nun ein. Tausend und abertausend Augen waren auf Louise gerichtet. Es kam ihr vor, als durchbohrten alle diese Blicke wie vergiftete Pfeile schmerzlich und wollüstig zugleich den dünnen Batiststoff des Chitons, den sie auf ihrem nackten Körper trug, und die wehende Chlamys in himmelblauer Farbe, die von ihren entblößten Schultern herabwallte, ward ihr hier zu einem Banner, das die Kunde der ihr von dem Geliebten selbst bereiteten Schande durch der entweihten Kirche hohe, gothische Säulenhallen trug. Lauter und lauter tönte die Musik. Der Chor der Sänger, der eine Weile geschwiegen hatte, setzte nun aufs neue ein. Er sang ein von Chaumette selbst gedichtetes Carmen, das der Menschheit neuen Frühling und des Weibes ewige Schönheit pries. »Die Vernunft ... die Vernunft ... die Vernunft ...« so tönte der Refrain wie ein Hohngelächter beim Schluß einer jeden Strophe durch das besudelte Gotteshaus. Und Chaumette jauchzte in seinem Inneren. An der Seite des Sängers von der Oper, an der Seite des Bürgers Parmentier, der sich dicht hinter dem Thronsessel hielt, stand der Begründer des Klubs der Cordeliers auf dem Altare, den er mitsamt seinen Gesinnungsgenossen der Vernunft und der Natur errichtet hatte. Als die acht weißgekleideten Knaben, die den Thronsessel mit Louise Marteau trugen, diesen vor dem Gottestische niedersetzten an der Stelle, an der einst das Tabernakel mit dem Allerheiligsten Leibe des Erlösers gestanden hatte, als die Menge in die Knie sank und anbetend vor ihr im Staub verharrte, da ging es wie der Stich eines Dolches durch die Brust der Bürgerin Louise Marteau. Sie hatte gar nicht mehr das Gefühl der Scham, das sie aus dem langen Weg nach Saint Sulpice wegen ihrer so schnöde entblößten Nacktheit so furchtbar gequält hatte, so brennend war ihr Schmerz darüber, daß man es wagte, daß Silvain und sie selber es wagten, ihren besudelten und entehrten Leib an die Stelle des Leibes des Gekreuzigten zu setzen, und daß diese Menge vor ihrem Leibe auf den Knien lag. Hinter ihr auf dem Altare, den Thronsessel bis in die Höhe des Kirchendomes weit überragend, flammte eine ungeheure Fackel. Das Licht der Philosophie, die nach den Worten Chaumettes fortab des Aberglaubens Dunkel strahlend durchleuchten sollte. Jetzt empfing Chaumette aus den Händen zweier Knaben die goldenen Weihrauchbecken und zündete eigenhändig, sich vor der Bürgerin Louise Marteau in den Staub niederwerfend, das Opferfeuer seiner Göttin an. Die Worte seines Mundes gingen wie ein Pesthauch durch Saint Sulpice. Es waren Schmähreden, mit denen er sich an das gestürzte Bild der Gottesmutter wandte, das zerbrochenen Hauptes zu Füßen der neuen Gottheit auf den Stufen des geschändeten Altares lag. Dann setzte der Chor wieder ein. Das Brausen des Orchesters, die Stimmen der Sänger gipfelten immer und immer wieder in dem einen, einzigen Worte: »Vernunft ... Vernunft ... Vernunft ...« das Schluß und Inhalt aller Lieder bildete und das die Wogen der Musik in tausendfachem Echo hinauf in die Wölbung der Kirche trugen, die man einst dem Glauben und dem Unbegreiflichen geweiht hatte. Die Musik schwieg. Noch einmal ergriff Chaumette das Wort: »Bürger,« sprach er. »Wir liegen im Staub vor der Schönheit, denn Schönheit ist Natur und Natur ist Vernunft! ... Die Tage des Tyrannen und die des Aberglaubens sind dahin. Wir beten das Weib an, denn in dem Weib sehen wir Schönheit und Natur, und Schönheit und Natur sind Gott! ... Schauet hierher auf den Altar der einen und unteilbaren Republik, berauscht euch an dem hehren Bilde, das der Wille des Vaterlandes als gemeinsames Gut vor die Blicke aller guten Bürger und aller Freunde der Freiheit gestellt hat. Schauet hierher, Bürger, und sinkt anbetend in den Staub!« Die Bürgerin Louise Marteau schauderte. Wie das Brausen des jüngsten Gerichts, wie der Donner der ewigen Verdammnis schlugen die Worte Chaumettes an ihr Ohr. Das Blut hämmerte wider ihre Schläfen, es kam ihr vor, als stocke ihr Herzschlag. Sie fühlte, wie ihr die Sinne zu schwinden drohten. War das nicht die Hand Chaumettes, die sie da eben berührt hatte ... oder aber ... war es Silvains Hand? Sie wußte es nicht. Sollte das Ungeheure geschehen? War es mit diesem Opfer noch nicht genug? Ging man noch weiter in seiner Tollheit und war Silvain das blinde Werkzeug, der Fanatiker, der keine Grenze kannte, der Narr im Dienste Chaumettes? Sie erblaßte. Man sah es ihr an, daß sie im nächsten Augenblick von dem Thronsessel heruntergleiten und an die Seite der verstümmelten Statue der Gottesmutter sinken würde. Hatte die mehr als sie gelitten, da sie unter dem Kreuz des Heißgeliebten stand, mußte die Bürgerin Louise Marteau in diesem Augenblick denken. Hatte die Mater Dolorosa blutigere Tränen geweint als sie in dieser Stunde, da sie eine unkeusche Hand berührte und die hellblaue Chlamys, die ihre Blöße umwallte, zu lösen begann? Die Hand nestelte an der goldenen Agraffe, die die Chlamys auf ihrer nackten Schulter hielt. Wenn die Chlamys fiel, dann stand sie hüllenlos angesichts des ganzen Volkes auf dem entweihten Altare von Saint Sulpice. Das war das einzige, was Louise Marteau in diesen Minuten zu denken vermochte. Noch fand sie die Kraft, sich umzuwenden und sie wandte sich um. Da erkannte sie Silvain, da sah sie die Hand des Heißgeliebten, die sich nach der Agraffe ausstreckte, die sich anschickte, den Knoten zu lösen ... damit die Chlamys fiel. Sie las den Fanatismus in seinen Augen, den diese von Chaumette vorgenommene feierliche Handlung in Saint Sulpice wieder ganz entfacht hatte, sie las in diesen Augen das furchtbare Wort: »Jedes, auch das letzte Opfer ...!« das Silvain in diesen Wochen so oft in seinen Reden ausgesprochen hatte, und da wehrte sie ihm nicht mehr. Durch keinen flehenden Blick, durch keine bittende Gebärde! ... Und die Chlamys fiel! In dem durchsichtigen Chiton stand Louise Marteau jetzt nackt vor allem Volke auf dem entweihten Altare von Saint Sulpice und dieses Volk schrie aus mehr denn tausend Kehlen: » Es lebe die Schönheit !« Der brausende Ruf schwieg ... Wie ein Zittern lief es durch die Menge. Als habe sie der Blitz des Himmels selber gefällt, war die nackte Louise Marteau ohnmächtig zusammengebrochen. Ihr weißer Leib, den der eigene Geliebte im Dienste der Sache für das Vaterland geschändet, rollte von dem Thronsessel wie ein lebloser Stein und schlug neben der Statue der Mater Dolorosa nieder, der ruchlose Hände das Haupt vom Rumpf getrennt hatten. Und hier blieb das auf dem Altare der Vernunft verblutete Opfer liegen und regte sich nicht. Neuntes Kapitel. Der Dichter Auguste Rodeur war gerade wieder mit seinem »Hermes« beschäftigt, als Frau Labiche in sein Zimmer trat und ihm einen Brief überreichte. Der kam aus Louveciennes. In fieberhafter Hast, die Frau Labiche sonst gar nicht an ihm gewohnt war, riß Auguste Rodeur den Umschlag von dem Bogen und las: Teuerster Freund! Kommen Sie so rasch Sie können! Adrienne ist sehr krank. Mutter ist außer sich. Wir sind in Gefahr! Ohne Unterschrift hatte Jacqueline diese Zeilen mit fliegender Hand auf das Papier geworfen. Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, ohne zu bedenken, daß er selbst denen in Paris verdächtig war und sich doch hier in Versailles verborgen hielt, nahm Auguste Rodeur Mantel und Hut und machte sich nach Louveciennes auf den Weg. »Wann darf ich Sie zurückerwarten, Herr Rodeur,« rief Frau Labiche ihm noch nach. »Ich weiß es nicht,« lautete seine Antwort. Er lief mehr, als er ging. Auf dem ganzen langen Weg von Versailles nach Louveciennes kam er keinen Augenblick zur Ruhe. Adrienne war sehr krank, Frau Tourlan außer sich, die ihm so nahe stehende Familie, die nächsten Angehörigen der Heißgeliebten in Gefahr! Was mochte vorgefallen sein? Im Garten des Landhauses in Louveciennes kam ihm Jacqueline entgegen. »Was gibt es, Jacqueline,« rief er Adriennes Schwester schon von weitem zu. »Gott sei Dank, daß Sie endlich da sind, teuerster Freund, wir sind vor Angst fast gestorben und Adrienne ist so krank!« Nur diesen letzten Satz: Adrienne ist so krank, verstand Auguste Rodeur in seiner ganzen Furchtbarkeit. Die Gefahr, in der die anderen sich befunden hatten, in der sie immer noch schweben konnten, hatte er beinahe schon wieder vergessen. Jacqueline war ihm entgegengegangen. Jetzt standen sie dicht beieinander am Gartentor und Jacqueline reichte ihm die Hand. »War Dr. Richard da, was hat Dr. Richard gesagt, Jacqueline,« stammelte er. »Dr. Richard war da. Er hält es für einen Unfall, wie er schon des öfteren dagewesen ist, für einen Herzkrampf, der auch diesesmal wieder vorübergehen wird, Herr Rodeur!« »Gott sei Lob und Dank!« »Es geht ihr ja auch schon wieder besser. Nur die furchtbare Aufregung ist daran schuld gewesen.« »Welche Aufregung, Jacqueline?« »Kommen Sie mit in das Haus, ich erzähle Ihnen dann alles,« erwiderte Jacqueline. Mit diesen Worten führte sie Auguste Rodeur nach der Tür des Landhauses, sie traten ein. »Es war entsetzlich, was wir in diesen Stunden abgehalten haben!« »Aber so reden Sie doch endlich, Jacqueline, so erklären Sie mir doch!« »Ein Abgesandter des Überwachungskomitees, Herr Rodeur, ist mit zwei Nationalgardisten bei uns im Haus gewesen.« »Bei Ihnen, Jacqueline?« »Bei uns!« »Aber sie haben nichts gefunden, Gott Lob und Dank! Sie haben eine Haussuchung veranstaltet, das oberste haben sie zu unterst gekehrt, Herr Rodeur. Bis in Adriennes Schlafzimmer sind sie vorgedrungen. Sie haben die Kranke aus dem Bett gezerrt. Aber sie haben nichts gefunden.« »Die Halunken,« knirschte Auguste Rodeur. Auguste und Jacqueline saßen jetzt wieder in dem Salon des Landhauses, wo der Dichter an jenem Abend seiner Unterredung mit Jacqueline mit der kleinen Flora gespielt hatte. Endlich hatte Auguste seine Gedanken gesammelt. »Wo ist Frau Tourlan,« fragte er. »Wollen Sie mich zu Adrienne führen? Darf ich zu ihr, Jacqueline?« »Ich werde Sie nachher hinausbegleiten, Herr Rodeur,« antwortete Jacqueline. »Mutter ist auch oben. Sie zittert noch immer an allen Gliedern. Ich glaube nicht, daß sie sobald den Mut findet, wieder herunter zu kommen aus Furcht. daß die Halunken aus Paris noch einmal zurückkehren könnten.« »So will ich mich denn gedulden. Aber sagen Sie mir um Gotteswillen das eine, Jacqueline, was hat man denn bei Ihnen im Hause gesucht, was hat man denn in drei Teufels Namen bei Ihnen im Hause suchen können?« Jacqueline schwieg. Auguste Rodeur wurde es momentan klar, daß die Familie Tourlan, die er doch so gut kannte, die er doch so gut zu kennen glaubte, ein Geheimnis vor ihm hatte, daß Jacqueline mit sich selbst noch nicht im reinen war, ob sie ihm dieses Geheimnis preisgeben sollte oder nicht. Deshalb sagte er: »Sie kennen mich, Jacqueline, Sie wissen, daß Sie vertrauen zu mir fassen können, daß ich Adrienne über alles, daß ich sie mehr als mich selbst liebe, daß ich sie liebe mit einer Leidenschaft, an die nichts Irdisches, an die weder Tod noch Leben heranreichen können. Sie wissen, daß Sie alle drei aus diesem Grunde in mir einen Freund besitzen, der jederzeit bereit sein wird, sein letztes mit Ihnen zu teilen und sein Leben für Sie in die Schanze zu schlagen! Darum reden Sie, Jacqueline!« »Das weiß ich, Herr Rodeur, daß wir einen solchen Freund in Ihnen besitzen,« sagte Jacqueline schlicht, »und darum ...« »Reden Sie, Jacqueline. Es wird mir leichter sein. Mittel und Wege zu finden, Sie und die Ihren zu beschützen, wenn ich weiß, um was es sich handelt. Was hat man bei Ihnen in Ihrem Hause suchen können, hier in Louveciennes?« »Es ist unser tiefstes und heiligstes Geheimnis, Herr Rodeur.« erwiderte nun Jacqueline leise und langsam. »Daß Sie mir darum vorenthalten zu müssen glauben, Jacqueline,« kam es nun schmerzlich von seinen Lippen. »Ach nein, Herr Rodeur. Aber ...« »Aber?« »Das Leben des teuersten Menschen hängt von der Wahrung dieses Geheimnisses in diesen Tagen ab, Herr Rodeur!« »Des teuersten Menschen, wer ist Ihnen dieser teuerste? Jacqueline, von dem ich noch nie ein Sterbenswort gehört habe?« Es lag fast wie Eifersucht in Auguste Rodeurs Frage. Jacqueline bemerkte das wohl. »Sie können darüber völlig beruhigt sein. Herr Rodeur,« antwortete deshalb Jacqueline mit einem feinen Lächeln, »obwohl dieser Mensch Mutter und Adrienne und mir, uns allen dreien, gleich teuer ist, hat er doch nicht die Möglichkeit, unserer Freundschaft zu Ihnen und Adriennes Liebe irgendwelchen Abbruch zu tun.« »Und wer ist dieser seltene Mensch, Jacqueline?« »Ihnen will ich es sagen, selbst auf die Gefahr hin ...« »Auf welche Gefahr hin?« »Auf die Gefahr hin, daß Mutter damit nicht einverstanden ist. Denn sie hat Ihnen gewiß, wie allen anderen Freunden und Bekannten erzählt, daß unser Vater, daß Herr Tourlan in Lyon, enthauptet worden ist?« »Das hat sie mir allerdings erzählt.« »Das wußte ich ... Aber Herr Tourlan lebt. Er ist nach der Schweiz entkommen. Er wohnt in Genf. Er gehört zu den Emigrierten, Herr Rodeur.« »Jetzt verstehe ich alles ... Und Sie, Sie haben ... Sie Unglückselige haben ...« Das Wort erstarb auf Auguste Rodeurs Lippen. »Ja, wir haben ... wir mußten doch, Herr Rodeur ... Es ist doch unser Vater,« erwiderte Jacqueline. Endlich hatte sich Auguste Rodeur gefaßt. »Und wissen Sie denn, in welch ungeheurer Gefahr Sie sich alle drei befinden? Kennen Sie denn das Gesetz über die Verdächtigen wirklich nicht? Wissen Sie denn wirklich nicht, daß der Konvent die Todesstrafe für alle anberaumt hat, die mit einem Emigrierten korrespondieren? Und Sie waren so leichtsinnig, Briefe in die Schweiz zu schreiben und diese Briefe hat man hier in Louveciennes bei Ihnen gesucht!« »Wir waren so leichtsinnig, Herr Rodeur ... was hätten wir denn anderes tun sollen? Herr Tourlan mußte doch Nachricht aus der Heimat haben!« »Und Herr Tourlan ist Girondist, das wissen Sie doch!« »Er ist es! Aber man hat die Briefe nie gefunden, denn die Boten, die die unseren bis an die Grenze brachten, sind treu und zuverlässig, Herr Rodeur!« »Wer ist heute noch treu und zuverlässig,« lachte da Auguste bitter, »wer, wer, wer in ganz Frankreich, meine arme Jacqueline? Aus der einfachen Tatsache, daß diese Burschen hier waren; ersehen Sie doch, daß Ihr Geheimnis auch von den zuverlässigsten Freunden verraten und preisgegeben worden ist.« »Nein, Sie irren. Herr Rodeur! Die Gefahr ist im Gegenteil noch viel größer, als sie jetzt annehmen! Mutter hat Herrn Tourlan nach Genf geschrieben. Sie hat ihm nicht verschweigen können, wie es um Adriennes Gesundheit steht, sie hat ihm mitgeteilt, was Dr. Richard gesagt hat, daß es mit Adrienne bald zu Ende gehen wird ... und Adrienne war immer Herrn Tourlans Lieblingstochter ... Herr Rodeur ... und ...« »Und?« »Sie haben die Briefe nicht gefunden ... Ihr Platz ist sicher ... An die Röhre in der Wand über dem Kamin dachten sie nicht ... aber die andere Gefahr. daß, worüber sie noch nicht unterrichtet zu sein scheinen, das ist das Schlimme, Herr Rodeur!« »Reden Sie, Jacqueline, denn jetzt bin ich auf alles gefaßt!« Über ich errate, was Sie meinen! Sie brauchen jetzt gar nicht mehr zu reden, und wie ich Ihnen schon damals sagte: Ich bin zu allem bereit! ... Ihre Mutter hat also Herrn Tourlan von Adriennes Krankheit und bevorstehendem Tod geschrieben. Adrienne ist Herrn Tourlans Lieblingstochter. Herr Tourlan hat sein Kind noch einmal sehen wollen. Er hat sein sicheres Asyl in der Schweiz verlassen. Herr Tourlan ist nach Frankreich zurückgekehrt und Sie halten ihn hier in Louveciennes in Ihrem Hause verborgen!« »Herr Tourlan ist nach Frankreich zurückgekehrt, ja. Sie haben recht, Herr Rodeur. Er wäre kein Vater, wenn er nicht zu seinem sterbenden Kinde zurückkehrte. Aber wir halten ihn nicht hier in Louveciennes in unserem Hause verborgen. Herr Tourlan wollte die Seinen nicht in Gefahr bringen ... Er ist in Paris! In tiefer Nacht ist er heute hier gewesen und hat Adrienne noch einmal gesehen.« »Und wenn ihn einer in Paris erkennt. Jacqueline ... der Wohlfahrtsausschuß und das Überwachungskomitee haben in der ganzen Stadt ihre Häscher und man kennt Herrn Tourlan, denn alle Girondisten sind der Regierung genau bekannt!« »In Paris wird man ihn nicht finden, Herr Rodeur. Er hat bei einem Freund in der Rue Saint Honoré einen Unterschlupf gefunden und verläßt niemals vor Mitternacht das Haus.« »Sie stehen auf einem Krater, Jacqueline,« sagte Auguste Rodeur ernst. Sie und Frau Tourlan und Adrienne stehen auf einem Krater und ich selber, wir alle, Jacqueline, wir alle ... Sei's drum! Ganz Frankreich baut sich in diesen Tagen auf einem Krater auf. Kommen Sie! Über das eine verspreche ich Ihnen! Bauen Sie auf mich! Wenn die Stunde ruft, wenn man sich Ihres Vaters, wenn man sich Herrn Tourlans bemächtigen sollte, dann rechnen Sie auf mich, denn ich bin zu dem letzten bereit!« »Wie danke ich Ihnen, Herr Rodeur, aber es wird nicht dahin kommen, die Freunde des Herrn Tourlan sind treu. Man wird ihn nicht in Paris finden!« »Ich bewundere Ihren Mut und Ihre Hoffnungsfreudigkeit, Jacqueline, doch jetzt führen Sie mich zu Frau Tourlan und zu Adrienne!« »Gerne ... Aber Sie versprechen mir ...« »Alles, was Sie verlangen, Jacqueline!« »Daß Sie der Mutter und Adrienne nichts davon sagen, daß Sie um unser Geheimnis wissen, Herr Rodeur. Es würde für die Kranke und Frau Tourlan nur neue Aufregung geben, und Doktor Richard sorgt wohl mit Recht für Adriennes Herz.« »Es bleibt zwischen uns beiden. Jacqueline, Sie sind ein tapferes Mädchen, mit dem ein Mann in diesen Tagen gerne ein Geheimnis teilt!« »Also abgemacht!« An Jacquelines Seite stieg Auguste Rodeur jetzt die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Frau Tourlan kam den beiden entgegen. »Es geht etwas besser,« sagte sie und ein glückliches Lächeln verklärte ihr von Gram und Sorge schon früh gealtertes, aber noch immer so hübsches Gesicht. Jetzt begrüßte sie Auguste. Sie hatte keine Ahnung davon, daß ein Brief Jacquelines den Freund in dieser Stunde nach Louveciennes gerufen hatte. Sie war der Meinung, er sei, wie so oft, aus eigenem Antrieb gekommen, um sich persönlich nach dem Befinden Adriennes zu erkundigen und sich selbst ein Bild von deren Zustand zu machen. »Darf man eintreten,« fragte Auguste, nachdem er Frau Tourlan herzlich die Hand gedrückt hatte. »Adrienne erwartet sie,« lautete die Antwort. »Sie hat an diesem Morgen schon verschiedenemale nach Ihnen gefragt, Herr Rodeur!« Von Jacqueline gefolgt, trat Auguste Rodeur in das Schlafgemach Adriennes. Sie lag in dem Himmelbett des Schülers von Saint Cyr, in dem der Dichter neulich den ruhigen und gesunden Schlaf der kleinen Flora bewundert hatte. Ganz leise erhob sich bei Augustes Eintritt das Kind, das neben dem Bett auf einem Taburett gesessen und wieder in seinem Bilderbuch geblättert hatte. Die Worte des Arztes, der Großmutter und der Tante hatten ihren Eindruck auf die Kleine nicht verfehlt. Sie schlich sich auf den Zehen an Onkel Auguste heran, ließ sich von dem in die Höhe heben, denn sie wußte, daß sie in Mutters Gegenwart keinen Lärm machen durfte, daß es ihr verboten war, zu lachen, fröhlich und laut zu sein. Auguste Rodeur küßte die Kleine auf die Stirn. Dann setzte er sie sanft und behutsam auf den Boden nieder und näherte sich dem Himmelbett, in dem Adrienne Sourieux mit wachsbleichem Gesicht lag. »Wie das Marmorbild eines griechischen Meisters,« dachte der Dichter. Sie reichte ihm die Hand. Er hielt sie lange in der seinen. Die Hand war kühl und schlaff. Merklich traten die Adern unter der zarten Haut dieser Hand hervor, denn aus dem Garten von Louveciennes fiel ein schüchterner Strahl der Wintersonne durch das hohe Fenster in das Gemach und dieser Strahl traf gerade diese Hand, als sie Auguste Rodeur fast feierlich an seine Lippen führte. Er wagte es gar nicht, Adrienne Sourieux nach ihrem Befinden zu fragen. Er sah und er wußte schon zu viel! Jacqueline war an das Fenster getreten. Sie blickte hinaus in den Garten, über dessen Beete und Rasen der Winter noch immer sein Leichentuch gebreitet hatte. Aber über den blauen Himmel zogen da weiße Wölkchen in eiligem Fluge und erweckten in Jacquelines Innerem die Vorstellung, als könnten sie bescheidene Boten des doch nicht mehr fernen Frühlings sein. »Wir haben eine große Aufregung hinter uns, mein Freund,« begann Adrienne. »Sie deutete auf das Taburett, das zur Seite des Himmelbettes stand, auf dem das Kind noch eben gesessen hatte, und bot es so wortlos Auguste Rodeur an. Der Dichter setzte sich an das Bett der Geliebten. Wie ein Arzt der Seele sah er in dieser Tage aus, so sorgenvoll, so ernst, so forschend, so jeder Sinnenlust entrückt waren seine guten Augen auf das wachsbleiche Gesicht Adriennes gerichtet. »Ich weiß es, meine liebste Adrienne,« sagte er. »Aber die Gefahr ist vorüber. Jacqueline hat mir alles erzählt. Sie sollten nicht mehr daran denken. Heitere Vorstellungen und Hoffnung, meine Beste, sind schon der halbe Weg der Genesung.« Adrienne lächelte trübe. »Heitere Vorstellungen in dem Frankreich dieser Tage, dazu müßte man schon, wie Sie, ein Dichter sein.« »Dafür bin ich es ja, Adrienne.« sagte er und zwang sich zum Lächeln, zwang sich zu einem heiteren, fröhlichen, sorglosen Ausdruck seines Gesichtes, obwohl ihm im Anblick der heißgeliebten, der er ansah, daß sie der Tod bereits geküßt hatte, die Tränen in die Augen steigen wollten. »Dazu bin ich eben Dichter, meine Beste. Sie haben ganz recht. Wäre ich es, wenn ich aus diesem blutgedüngten Boden die Saat der Zukunft nicht schon sprießen sähe! Betrachten Sie Ihre kleine Flora, Adrienne, denken Sie an das Kind, und Sie werden mit mir an die Vorstellung der Heiterkeit und an eine bessere Zukunft glauben!« »Zukunft, Freund, Zukunft ...« Es lag ein Furchtbares in dem Tone, den Adrienne in dieser Stunde diesem einen Worte »Zukunft« gab. Doch Sie sprachen von Flora ... Leihen Sie mir Ihr Ohr, teuerster Freund!« Auguste Rodeur rückte das Taburett dicht an das Himmelbett heran. Adrienne nahm seinen Kopf in beide Hände, führte ihn dicht an ihre Lippen und er erschauerte. Aber ihre Lippen begegneten nicht seinem Munde. Sie lagen nur dicht auf seinem Ohr und er vernahm ihre Stimme wie den Hauch des ersterbenden Herbstwindes, wie das leise Klagen der Luft, die über einen abgeernteten Acker geht. Jacqueline hielt die kleine Flora an der Hand. Sie stand mit dem Kinde am Fenster und blickte mit ihm hinaus in den Garten des Landhauses von Louveciennes. Sie zeigte ihm die weißen Wölkchen am blauen Himmel, die wie die Gedanken und Fantasiegebilde des Dichters, der hier in dem Zimmer saß, vorüberflogen, und sie erzählte dem Kinde mit halblauter Stimme ein Märchen von den Wolken, die die Daunenbetten der Englein unseres lieben Herrgotts sein sollten. Und das Kind lauschte den Worten Tante Jacquelines und war ganz in die Vorstellung von dem Himmelbett der Englein droben in den golden-blauen Hallen vertieft. »Ich habe viel an Sie gedacht und mich viel um Sie gesorgt in diesen Tagen, mein bester Freund,« vernahm jetzt Auguste Rodeur Adriennes Stimme. Sie kam von den kühlen und trockenen Lippen der Kranken, die dicht auf seinem Ohr ruhten. »Ja, Adrienne,« sagte er leise. »Und ich habe nachgedacht, Auguste, ich habe nachgedacht über mich und über Sie, über Jacqueline und das Kind.« »Aber das sollen Sie doch nicht, Adrienne,« wehrte er ihr, »Sie wissen doch ...« »Das soll ich nicht, mein Freund?« fragte sie in traurigem Tone. »Warum soll ich das nicht? Die Tage des Schreckens in Frankreich werden ein Ende nehmen ... und Sie ... Sie sind noch so jung ... aber ich ...« Er wagte es nicht mehr, ein Wort zu erwidern. Am Ende wäre ja auch jedes Wort töricht gewesen, vielleicht war Adrienne über ihren eigenen Zustand klarer als sie alle zusammen, er und Dr. Richard, Frau Tourlan und Jacqueline. Aus diesem Gedanken heraus ließ er Adrienne gewähren und lieh ihr weiter das Ohr. »Vielleicht ist das auch krankhaft, mein Freund, was ich da sage,« vernahm er sie nun weiter, »vielleicht ist das eine Folge des Fiebers. Aber was ich denke, will ich Ihnen nicht vorenthalten, Auguste!« »Reden Sie, Adrienne,« stammelte er. »Wenn ich so still und ruhig, wie in all' den vergangenen Tagen bis heute, da diese Menschen kamen, stundenlang in meinem Bett liege, Auguste, dann habe ich einen goldenen Traum, eine herrliche Vision, eine göttlich schöne Fantasie, mein Freund!« »Erzählen Sie mir, Adrienne!« »Da wir Kinder waren, als unsere Großmutter starb, wir haben unsere Großmutter alle sehr lieb gehabt, Auguste ... da erzählte die Mutter uns Kleinen, daß Großmütterchen jetzt droben im Himmel aus einem goldenen Fenster auf die Erde herniederschaue und daß wir recht artig sein sollten, weil sie alles sehen könnte. Und wenn ich so daliege und träume, dann stehe ich schon droben an Großmütterchen goldenem Fenster und blicke in den Garten von Louveciennes!« »Und was siehst du in dem Garten, Adrienne?« »Dort sehe ich einen Mann, Auguste, der glücklich ist, weil der Frieden wieder seinen Einzug in Paris und in Frankreich gehalten hat. Und dieser Mann ist mein Freund, und mein Freund führt eine Frau durch den Garten an seinem Arme, und das ist meine liebe Schwester Jacqueline, und an der Hand hat er ein kleines Mädchen, Auguste, das ist meine Flora ... So sehe ich die Zukunft aus Großmütterchens goldenem Himmelsfenster, Auguste, und wenn ich sie so sehe, dann schlafe ich beruhigt und glücklich ein.« Die letzten Worte waren kaum hörbar von Adriennes Lippen gekommen. Auguste Rodeur, der sich noch gar nicht zu fassen vermochte, fühlte, wie das Haupt Adriennes schwer zurückfiel. Er starrte in ihr Gesicht. Als ob der Tod dieses Gesicht schon geküßt hätte, ruhte es in den Kissen, und voll Entsetzen rief er nach Jacqueline. Diese eilte herbei. »Es ist nur eine Ohnmacht, Herr Rodeur, wie sie in den letzten Tagen des öfteren dagewesen sind,« sagte sie. »Reichen Sie mir bitte die Tropfen dort vom Tisch, Herr Rodeur!« Er tat, wie Jacqueline ihm geheißen, und, nachdem Adrienne den Duft der scharfen Essenz in sich aufgenommen, kam sie langsam wieder zu sich. »Oh, es war so schön an meinem goldenen Fenster, meine lieben Freunde,« sagte sie. »Warum ruft Ihr mich von meinem goldenen Fenster in das Zimmer nach Louveciennes zurück?« Ein paar Minuten war es ganz still in dem Zimmer. Adrienne träumte vor sich hin und die beiden andern wagten kein Wort. Da begann die Fieberkranke aufs neue: »Es war gräßlich, mein Freund! Schreckliche Männer sind in meinem Zimmer gewesen. Sie haben mich aus dem Bett gezerrt. Sie haben mein Bett durchwühlt. Sie haben hier in dem Zimmer das Oberste zu unterst gekehrt!« »Sie spricht von den Soldaten der Nationalgarde,« wandte sich Jacqueline an Auguste. Und schon wieder schien das Bewußtsein der Fiebernden zu schwinden. »Aber bis zu meinem goldenen Fenster mit der schönen Aussicht können sie ja doch nicht hinauf. Von dort sehe ich nicht nur Louveciennes. Ich sehe Paris und die Welt, meine Freunde ... Und der Bogen des Friedens steht schon über der Säule der Freiheit auf dem Platze vor den Tuilerien, wo einst die Maschine und das Blutgerüst des Henkers stand!« Da übermannte es Auguste Rodeur. Sich selbst und den Zustand der Kranken ganz vergessend, rief er: »Von welchen Zeiten sprechen Sie, Adrienne, von welcher Zukunft? Wissen Sie denn nicht, wie fern, wie weltenfern diese Zukunft noch für Frankreich ist?« »Und doch sehe ich das alles aus meinem goldenen Himmelsfenster,« beharrte die Kranke. »Dort unten steht ein Mann und putzt und putzt. Er putzt die Blutflecken von den Steinen, die einstmals alle ganz rot geworden waren, er wäscht die Steine spiegelblank. Man sieht keine rote Spur mehr aus meinem Fenster. Die Zukunft hat sie alle rein und weiß und blank gewaschen ... diese Steine, die einst so rot und so besudelt gewesen sind! Das sehe ich! ... Und über diese weißen Steine wandelt jetzt mein Freund mit Jacqueline. Frühling ist es in Paris geworden und die Bäume des Tuileriengartens stehen in Blüte. Die Blumen duften von den Beeten, Anemonen und Osterglocken und Veilchen und all die lieben Kinder des April ... und meine Flora pflückt sich diese Blumen, windet sie zu einem Kranz und drückt diesen auf meiner lieben Schwester Jacquelines bräutliches Haupt. Das sehe ich jetzt aus meinem goldenen Fenster, meine Freunde! Und hört Ihr es? Die Glocken tönen wieder, die Glocken der Madeleine und die von Notre Dame und die von Saint Eustache und die von Saint Sulpice ... die Glocken, die man stehlen und zu Kanonen gießen wollte ... sie laden in diesem Frühling meinen Freund und meine Schwester zum Hochzeitsfeste ein! Und die beiden schreiten feierlich nach Notre Dame im Zug der Freunde ... so sehe ich das von meinem goldenen Fenster ...« Adrienne schwieg. Wieder fiel ihr Haupt schwer in die Kissen zurück. »Es ist zuviel für sie, Auguste,« wandte sich jetzt Jacqueline an den Dichter. »Kommen Sie!« Auguste Rodeur beugte sich über das Himmelbett. Leise wie ein Hauch ging der Kuß seines Mundes über Adriennes kalte, in Schweiß gebadete Stirn. Adrienne lag wie tot. Kein Laut kam mehr über ihre Lippen, nur das leise Heben und Senken der Brust verriet, daß wirklich noch ein Funke Leben in ihrem Körper war. »Ich werde bei ihr bleiben, Herr Rodeur, entschuldigen Sie mich,« wandte sich jetzt Jacqueline an den Dichter und reichte ihm zum Abschied die Hand. »Und wenn sich hier oder in Paris etwas ereignen sollte, dann dürfen wir auf Sie zählen?« »Sie dürfen auf mich zählen, Jacqueline, hier und in Paris, in welcher Sache es auch immer sein mag, was auch kommt!« »Ich danke Ihnen! Bringen Sie bitte die Kleine zu Madame Tourlan!« Das Kind an der Hand, verließ Auguste Rodeur das Leidenszimmer Adriennes, die er so liebte und von der er wußte, daß es keine Rettung mehr für sie gab, daß ihr Leben nur noch nach Wochen, am Ende nur noch nach Tagen oder Stunden zählen konnte. Und da fuhr es wieder durch seinen Kopf: Und dein Leben? ... Wie fern waren doch die Tage für Paris und Frankreich, die seine schon verklärte Adrienne aus ihrem goldenen Himmelsfenster schaute! Und er, und er! Wenn Herr Tourlan nach Paris zurückgekehrt war und wenn das Los seiner Freunde und seine Pflicht ihn eines Tages in schicksalsreicher Stunde in die Hauptstadt führen würden? Dann war der Traum Adriennes, der Traum von ihm und dem Kinde und Jacqueline, nichts als ein schöner Traum, eine Vision, die man nur im Fieber aus einem goldenen Himmelsfenster sah ... wie alles Schöne und alles Große in diesen Tagen des Wahnsinns und des Schreckens und des Blutes nur ein Traum und eine Vision, geschaut aus des Himmels goldenen Fenstern, waren und sein durften. Da traf die Stimme des Kindes, das er an der Hand führte, sein Ohr. »Onkel Auguste!« »Was willst du, Flora?« »Ich muß dich etwas fragen, Onkel Auguste!« »Was denn, mein Kind?« »Ist denn das wahr, was Tante Jacqueline immer sagt?« »Was sagt denn Tante Jacqueline immer, mein Liebling?« »Daß die Welt rund ist und eine Kugel ... Aber ich kann das gar nicht glauben, Onkel Auguste ... und doch hat Tante Jacqueline mich das gelehrt!« »Das ist schon wahr, mein Herz!« Das Kind lachte. »Ist das denn lächerlich, Flora?« »Aber ganz gewiß, Onkel Auguste ... Dann ist ja die Welt wie eine Seifenblase, mit der ich doch so gerne spiele ... Sie ist schön und rund wie eine Kugel ... aber sie zerplatzt!« »Genau so, mein Liebling,« sagte Auguste Rodeur in ernstem Tone. »Als eine Seifenblase kannst du dir die Welt sehr gut vorstellen. Sie ist rund und hohl wie eine solche ... und schließlich zerplatzt sie wie die!« Das Kind lachte. »Aber das kann doch gar nicht sein, Onkel Auguste!« »Warum könnte das nicht sein, Flora?« »Weil dann die Städte und die Dörfer und die Menschen und die Tiere und die Bäume und die Blumen mit zerplatzen müßten, Onkel Auguste. Das kann ich nicht glauben! Tante Jacqueline hat mir einen Bären aufgebunden. Ich glaube nicht, daß die Welt wie eine Seifenblase ist!« »Glaube es nicht, mein Kind, glaube du es nicht,« sagte der Dichter tief erschüttert. Auf dem Vorplatz des Landhauses verabschiedete er sich von der ihm entgegenkommenden Frau Tourlan und überließ das Kind dem Schutz der Großmutter. Zehntes Kapitel. »Fouquier Tinville braucht einen Schreiber!« Mit diesen Worten trat an einem der ersten Tage des Monats Pluviose des Jahres II ... das war also im Februar 1794 ... Chaumette an die Seite des Bürgers Silvain Parmentier, der wieder einmal, in tiefes Grübeln versunken, vor dem Kamin in dem Refektorium des ehemaligen Franziskanerklosters saß. »Fühlt Ihr Euch diesem Posten gewachsen, Bürger Parmentier?« »Und ob ich mich ihm gewachsen fühle, Bürger Chaumette,« lautete Silvains rasch gegebene Antwort. »Wenn ich ganz offen sein soll, es reut mich schon lange, den Rock der Republik ausgezogen zu haben und hier in Eurem Klub der Cordeliers in Untätigkeit zu verharren. Was ist denn hier viel los, sagt es selbst, Bürger Chaumette! Mit Theorien kommen wir nicht weiter, mit den Lehren von der Vernunft und dem Atheismus auch nicht, mein Bester! Männer der Tat verlangt die eine und unteilbare Republik, Chaumette! Und darum ist mir der Platz an der Seite Fouquier Tinvilles gerade recht. Er ist der einzige, der in Paris wirklich handelt!« Chaumette lächelte überlegen. »Mein bester Bürger Parmentier,« sagte er dann langsam und jedes Wort betonend, »das will Euch so scheinen. Und doch ... Fouquier Tinville und sein Revolutionstribunal, der Wohlfahrtsausschuß und der Konvent, sie alle sind doch schließlich nur der Arm, der unsere Gedanken zur Ausführung bringt. Das Gehirn, dem alle Gedanken entspringen, findet Ihr in der Kommune und hier im Klub der Cordeliers ... Prache, Hébert und Chaumette ... so nennt sich dieses Gehirn!« »Und Robespierre und Danton und Collot d'Herbois und Saint Just, Bürger Chaumette?« fragte da Silvain und sah den, der ihn einst in die Lehren der Cordeliers eingeführt hatte, fast mitleidig an. »Ihre Tage sind gezählt, mein bester Parmentier, wenn wir nicht mehr mit ihnen gehen wollen,« erklärte Chaumette. »Jawohl, gezählt! Die Schale der Macht beginnt sich zu neigen und ihre schwerere Seite sinkt gewaltig in der Richtung des Stadthauses nieder. Der Maire von Paris und seine Getreuen halten jetzt das Heft in den Händen, der Konvent und das Überwachungskomitee und der Wohlfahrtsausschuß mitsamt dem Revolutionstribunal und dem famosen Fouquier Tinville, der es noch auf ein halbtausend Todesurteile an einem Tage bringen wird, wenn wir ihm das befehlen, sie alle tanzen nach unserer Pfeife. Auch Danton und Robespierre werden das über kurz oder lang einsehen müssen, wenn nicht, dann sind auch sie verloren. Danton traue ich schon solches zu. Aber Robespierre ist denn doch viel zu klug. Er ist schlau wie ein Fuchs!« »Er ist der einzige, vor dem man in diesen Tagen Achtung empfinden kann, Bürger Chaumette,« sagte jetzt Silvain in festem Tone. »Ich stelle mich also in seine Dienste, wenn ich den Posten bei Fouquier Tinville annehme. Bringt mich zu ihm in die Conciergerie!« »Das will ich gerne tun, Bürger Parmentier. Aber unter einer Bedingung!« »Unter welcher, Bürger Chaumette?« »Ihr müßt mir Ersatz für Euch schaffen!« »Ersatz für mich, Bürger Chaumette?« Silvain lachte. »Ich möchte doch wissen,« fuhr er dann fort, »was Ihr für mich für einen Ersatz braucht, wenn ich in der Conciergerie die Akten Fouquier Tinvilles führe? Ich habe hier ja sowieso den lieben, langen Tag nichts zu tun gehabt und habe auf der Bärenhaut gelegen. Das bißchen Herumschnüffeln nach Verdächtigen und die Propaganda für Eure Ideen, das kann man doch kaum als Arbeit für einen gewesenen Soldaten bezeichnen, der im Feuer der Schlachten und am Fuß des Schafotts gestanden hat!« »Es wird aber Arbeit geben, Bürger Parmentier, wenn Ihr erst in der Conciergerie bei Fouquier Tinville seid!« »Wie meint Ihr das, Bürger Chaumette?« »Wie ich das meine? Lange wird es nicht mehr dauern, mein Freund! Robespierre wird sich entscheiden müssen, die Mehrheit des Konvents und der Wohlfahrtsausschuß werden sich entscheiden müssen! Es gilt jetzt, Freund! Danton oder uns! Ihn oder uns wird man zum Opfer bringen! Es ist die Frage, ob der Kompromiß oder die Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit den Sieg davontragen wird! Die Frage lautet für Robespierre: Danton und der Konvent ... oder Hébert, Chaumette und die Kommune!« »Ihr seid ganz von Sinnen, Bürger Chaumette,« sagte Silvain in kühlem Tone. »Glaubt Ihr denn wirklich, daß sich der Unbestechliche am Gängelband wird leiten lassen, glaubt Ihr das denn wirklich, nachdem auf seinen Antrag der Konvent, die Klubs der Frauen abgeschafft, nachdem er Euch selber gezwungen hat, gegen Rose Lacombe und deren Anhang zu reden? Er wird Frankreich und Paris seinen Willen aufzuzwingen wissen, ohne Danton und den Konvent und ohne Euch und die Kommune! Und wenn Ihr alle beide dabei zu Fall kommen solltet, die auf der Rechten und die auf der Linken ..., denn er ist unbestechlich!« »So haltet Ihr ihn für den Mittelpunkt von Paris und mithin für den Mittelpunkt der Welt, Bürger?« »Dafür halte ich Maximilien Robespierre, Bürger Chaumette!« Chaumette biß sich auf die Lippen. Er erwiderte kein einziges Wort mehr. Er wußte nur zu gut, wie recht Silvain Parmentier hatte, und war erstaunt darüber, mit welchem Scharfblick der junge Bürger die verwickelten Verhältnisse der politischen Situation durchschaute. Es war freilich klar, was den Robespierre feindlichen Parteien bevorstand. Das sagte sich auch Chaumette. Danton und die Seinen waren dem Machthaber verhaßt, weil sie drauf und dran zu sein schienen, mit dem Gewesenen zu paktieren und so die große Sache der Gerechtigkeit und der Freiheit zu verraten, und die »Enragés«, wie sie Robespierre kurzerhand nannte, wühlten die Masse des Volkes gegen die Regierung auf. Denn in der Tat stand nur noch der Pöbel von Paris auf ihrer Seite. Die Masse des französischen Volkes begehrte Ruhe und der Blutgeruch des Revolutionsplatzes, der die Rue Saint Honoré und die Champs Elysées verpestete, hatte für die Mehrheit längst seinen Reiz verloren, nachdem das Haupt der Tyrannen gefallen war. Denn dieser Blutgeruch entwertete die Häuser der von ihm durchdrungenen Straßen und das wollten die Besitzer und die Inhaber der Läden nicht. Das alles sagte sich Chaumette, als er den jungen Bürger Parmentier, der jetzt Fouquier Tinvilles rechte Hand werden wollte und sie ... das glaubte der Führer der Cordeliers mit Recht annehmen zu dürfen ... auch werden würde, betrachtete und seine erste Frage wiederholte: »Habt Ihr für mich einen Ersatz, Bürger, einen Mann, den ich an Eurer Stelle im Dienste unserer Sache verwenden kann? Ihr spracht doch vorhin selber von Euren Schnüffeleien in den Gassen von Paris. Ich sollte meinen, bei diesem Geschäfte könntet Ihr wohl einem solchen begegnet sein?« »Ich stand gestern auf der Place Grève, Bürger!« »Nun, und?« Gespannt waren Chaumettes Augen auf den jungen Bürger Silvain Parmentier gerichtet. »Da kam ich durch Zufall mit einem Mann ins Gespräch, der dort gebratene Kastanien feilhält.« Chaumette lachte. »Auch ein Geschäft in diesen Tagen, Bürger. Aber das Métier mißfällt mir nicht. Am Ende hat ein solcher Übung und vermag die gebratenen Kastanien für andere aus dem Feuer zu holen! Meint Ihr nicht, Parmentier?« Silvain blickte düster vor sich hin. »Das weiß ich nicht, Bürger Chaumette!« »Aber weiter ... Wie kamt Ihr mit dem Mann, der auf der Place Grève die gebratenen Kastanien feilhält, ins Gespräch?« »Als Schnüffler natürlich. Ich hatte den Mann schon seit einigen Wochen beobachtet. Ich hatte mich nach ihm erkundigt, Bürger Chaumette. Ich hielt ihn für einen verkappten Royalisten, dem sein Geschäft nur als Vorwand dient, um sich in Paris aufhalten und mit dem Ausland, vor allem mit England, konspirieren zu können.« »Wie kamt Ihr auf den Gedanken, Bürger Parmentier?« »Sehr einfach! Ein solches Geschäft nährt doch seinen Mann nicht und der Mann lebt doch in Paris ... er muß also andere Einnahmequellen haben!« »Sehr richtig!« »Und da war ich der Meinung, daß er vom Ausland her unterstützt werde.« »Das war ein richtiger Schluß ... Und weiter! Traf das zu?« »Nein, Bürger Chaumette. Ich hatte mich getäuscht. Der Mann scheint wirklich der Republikaner, als den er sich auch ausgibt!« »Woraus schließt Ihr das, Bürger Parmentier, und wer ist dieser Mann?« »Es ist ein Maler mit Namen Aristide Poignard!« »Schon der Name macht mir den Mann sympathisch, Bürger Parmentier,« lachte da Chaumette. »Was habt Ihr weiter über ihn in Erfahrung gebracht? Und woraus schließt Ihr, daß er kein Royalist ist? Bezieht er die 40 Sous von der Regierung zur freien Ausübung seiner politischen Geschäfte?« »Er hat sie eine Zeitlang bezogen, Bürger Chaumette! In den letzten Wochen ist er aber nicht wieder erschienen, um sein Geld abzuholen. Er haust in einer elenden Wohnung in der Rue Saint Roch zusammen mit seiner Geliebten, die früher regelmäßige Besucherin der Cafés des Palais Royal war, einer gewissen Fleurette Bouchard, die auch mit Rose Jacombe bekannt gewesen ist. Die Schande dieser Dirne ist jetzt die einzige Einnahmequelle des Aristide Poignard, abgesehen von den Sous, die er mit seinen Kastanien verdient.« »Ich kann mich Euer Ausdrucksweise nicht anschließen. Bürger Silvain Parmentier,« verwies Chaumette streng. »Die Liebe ist frei unter der einen und unteilbaren Republik, das wißt Ihr. Seit dem Vendemiaire des Jahres l kann also von einer Schande nicht mehr die Rede sein.« »Ich lasse mich belehren, Bürger Chaumette!« »Und woher wißt Ihr, daß dieser Aristide mit dem schönen Zunamen Poignard kein Royalist ist, trotz allem kein Royalist, Bürger Parmentier?« »Ich habe diesen Schluß aus seiner früheren Tätigkeit gezogen, Bürger Chaumette!« »Und worin bestand diese seine frühere Tätigkeit, Bürger Parmentier?« »Er war während des Monats Nivose Besitzer eines Polichinellentheaters auf der Place Grève, in dem er den »Untergang des Tyrannen« nach selbstverfaßten Versen zusammen mit der Bürgerin Fleurette Bouchard gespielt hat!« »Davon habe ich gehört. Die Komödie hat damals gewaltigen Zulauf gehabt.« »Das hat man auch mir erzählt, Bürger Chaumette, bis das Volk wieder etwas anderes sehen wollte. Der Maler behauptet, daß das schlechte Wetter des Monats Nivose sein Geschäft ruiniert habe.« »Und könnte diese Farce mit dem ›Untergang des Tyrannen‹ nicht eine Finte sein, Bürger Parmentier, die es einem verkappten Royalisten desto leichter macht, sich in Paris aufzuhalten?« »Auch daran habe ich gedacht, Bürger Chaumette, aber das glaube ich nicht!« »Warum glaubt Ihr das nicht, Bürger Parmentier?« »Weil das Elend des Malers so groß ist, Bürger Chaumette, daß er unmöglich ein Anhänger des Tyrannen sein kann.« »Und wenn er dieses Elend gerade der Republik in die Schuhe schiebt? Er ist Künstler, die Republik solchen Leuten nichts zu verdienen, unter dem Tyrannen hat dieses Gelichter Geschäfte gemacht, bedenkt das wohl, Bürger Parmentier!« »Auch das habe ich bedacht, Bürger Chaumette, aber gerade darum fiel mir dieser Mensch ein, als Ihr mich vorhin nach einem Ersatz für mich selbst fragtet, da ich denn doch in die Conciergerie zu Fouquier Tinville muß!« »Wieso gerade darum?« »Ihr braucht doch exaltierte Naturen, Bürger Chaumette! ... Wer in diesen Tagen der Sache der ... wie sagte der Unbestechliche gleich? ...« »Der Exagérés ... meint Ihr?« »Ja, der Exagérés dienen will, der muß eine Leidenschaft sondergleichen sein eigen nennen, und nichts ist so dazu imstande, die Leidenschaft bis in ihre äußersten Entfaltungsmöglichkeiten zu entwickeln, Chaumette, als das Elend und die Schande und der Hunger, vor allem, wenn sie einen betreffen, der früher bessere Tage gesehen hat.« »Ihr seid ein feiner Kopf, Bürger Parmentier, trotz Eurer Jugend, ein seiner Kopf,« sagte jetzt Chaumette und schüttelte beifällig das Haupt. »Und kennt Ihr die Wohnung dieses Desperado, den ich am Ende besser als irgend einen anderen verwenden kann, Bürger Parmentier?« »Ich sagte Euch doch, er haust in der Rue Saint Roch.« »Wißt Ihr das Haus?« »Ich kann es Euch zeigen.« »Und er haust zusammen mit der Bürgerin ... wie hieß sie?« »Fleurette Bouchard ... Mit ihr haust er zusammen ... Er lebt von ihr, da er ihr Männer zuführt ...« »Schön!« Chaumette erhob sich. »Wollt Ihr mich begleiten, Bürger Parmentier?« »Wohin?« »Ihr sollt mir das Haus in der Rue Saint Roch zeigen, ich bringe Euch alsdann in die Conciergerie und stelle Euch selbst Fouquier Tinville vor.« »Ich bin bereit.« Die beiden Bürger machten sich auf den Weg. Als sie die Rue Saint Roch erreicht hatten, fand Silvain nach einigem Suchen auch glücklich das Haus, in dem Aristide Poignard wohnte. Das war nicht so leicht. Eines der alten und schmutzigen Häuser ähnelte hier dem anderen und dann ... Er war auf seinen Beobachtungsgängen bislang nur in der Nacht durch die Rue Saint Roch gekommen, so daß ihm das Wiedererkennen des Hauses am Tage Schwierigkeiten bereitete. »Hier ist es, Bürger Chaumette,« sagte er endlich. »Vier Treppen hoch. Am Ende habt Ihr Glück und trefft ihn zu Hause, wenn er nicht gerade auf der Place Grève Kastanien feilhält oder in der Nähe des Palais Royal einen Liebhaber für Fleurette Bouchard sucht.« »Ich werde allein hinaufgehen,« entschied Chaumette nach einer Minute der Überlegung. »Das erweckt weniger Verdacht. Ich erwarte Euch also um drei Uhr vor dem Eingang in den Hof der Conciergerie.« »Und seid pünktlich zur Stelle?« »Ihr werdet noch schnell genug zu Fouquier Tinville kommen, denke ich,« erwiderte Chaumette und sah den jungen Bürger mit einem ganz seltsamen Blick an. Dann reichte er ihm zum Abschied die Hand und verschwand in der niedern und alten Tür, die den Eingang des Hauses bildete, in dem Aristide Poignard wohnte. Langsam und bedächtig stieg Chaumette die schmalen und dunkeln Wendeltreppen bis zum vierten Stockwerk hinauf. Kaum daß ein Strahl des grauen Februartages auf diese düsteren und ausgetretenen Stufen fiel, über die man sich tastend hinauffühlen mußte, da schlechterdings nicht die Hand vor den Augen zu sehen war. Nach langem Suchen fand Chaumette endlich die Klingel vor der Tür des vierten Stockwerks. Auf sein Läuten erschien eine alte Frau von über siebenzig Jahren. Ihre Haltung war gekrümmt, die ungekämmten, weißen Haarsträhne fielen ihr tief in das runzelige Gesicht hinein. Das vermochte Chaumette zu erkennen, da sich beim Öffnen der Vorplatztür der Schein eines Fensters über ihn und die Alte ergoß. »Wohnt hier der Bürger Aristide Poignard?« fragte Chaumette. Die Alte schlotterte an allen Gliedern, als sie Chaumettes ansichtig wurde. Zwar kannte sie ihn nicht. Aber jeder Besuch eines Fremden, der in solchem Ton nach einem Bürger fragte, war in diesen Tagen des Gesetzes gegen die Verdächtigen schon eine Gefahr. Deshalb zögerte die Alte mit der Antwort. Und Chaumette fragte noch einmal: »Ich habe Euch gefragt, Bürgerin, ob hier der Bürger Aristide Poignard wohnt?« Die herrische Art und Weise, in der Chaumette sprach, brachte die Alte in nur noch größere Verwirrung. Am liebsten hätte sie dem da die Tür vor der Nase zugeschlagen, aber was half das, die Soldaten der Nationalgarde traten solche Türen in diesen Tagen einfach mit den Stiefeln der Republik ein, und wenn man lange Geschichten machte, dann geriet man womöglich noch selbst in den Verdacht, den Royalisten oder den Gemäßigten Vorschub zu leisten ... und Fouquier Tinville und seine Maschine auf dem Revolutionsplatz arbeiteten rasch. Kein Alter war vor den beiden sicher, noch neulich hatte man einen Mann geköpft, der das 94ste Lebensjahr überschritten hatte und den die Knechte des Henkers auf einer Krankenbahre auf das Schafott geschleppt. Deshalb besann sich die Alte rasch eines Besseren und sagte: »Der Bürger Aristide Poignard wohnt hier, Bürger, ... oder vielmehr er hat hier gewohnt, da wir ihm heute gekündigt haben, weil er uns fünf Wochen die Miete schuldig geblieben ist. Wir sind arme Leute, Bürger, und wir leben von dem Vermieten unserer Zimmer,« fügte sie rasch hinzu. Sie wußte selbst nicht, ob das diesem gegenüber als Entschuldigung galt oder ob es unter Umständen ihre Tage noch schwieriger machen könne. Denn was Aristide Poignard trieb und wovon der eigentlich lebte, das wußte die gute Alte selber nicht. »Und ist der Bürger Aristide Poignard zu Hause, Bürgerin?« »Ich weiß es nicht, Bürger, überzeugt Euch bitte selber,« log die Alte und verschwand eiligst in die Küche. »Diese Tür führt in die Zimmer des Bürgers Poignard,« sagte sie noch auf dem am Vorplatz rechts gelegenen Eingang deutend ... und war fort. Chaumette hatte Glück. Der Maler Aristide Poignard war in der Tat zu Hause. Als Chaumette an die Zimmertür pochte, rief die Stimme des Malers »Herein!« Erstaunt sah sich der Führer der Cordeliers in dem Raum um, den er nun betrat. Hier sah es jetzt noch ganz anders aus als vor Wochen, da der Maler Aristide Poignard wegen der Unverkäuflichkeit seiner »Nymphe« und weil man schon mit Kistendeckeln heizte, auf die Idee gekommen war, sich von der Regierung die 40 Sous zur Freiheit seiner politischen Geschäfte zu holen und die Puppenköpfe aus der Rue Richelieu in politische Polichinellen zu verwandeln. Damals hatten noch der Tisch und ein paar Stühle, das Bild und das Malzeug des Künstler an ihren Plätzen gestanden. Jetzt war die Bude leer. Auch das letzte hatte den Weg auf den Mont de Pitié gefunden, war in Assignate der Republik und dann in saures Brot und süßen Kastanienbrei verwandelt worden, denn man mußte doch leben und die Liebhaber zahlten für eine ausgediente Dirne aus den Cafés des Palais Royal in diesen Tagen wahre Schandpreise, da, wie Rose Lacombe sehr richtig bemerkt hatte, der Kult der Vernunft die Schönheit des Weibes zum Allgemeingut aller Bürger der einen und unteilbaren Republik gemacht hatte. Chaumette schmunzelte. Was hatte der Bürger Silvain Parmentier gesagt? Und hatte der Bürger Silvain Parmentier vielleicht nicht recht? Hatte er ihn nicht selber einen schlauen und feinen Kopf genannt? Elend und Hunger und Schande waren die besten Werber für die Revolution. Sie brachten in wenigen Tagen das zustande, wozu die höchste Leidenschaft und die feinste Kunst der feurigsten Überredung in langen Wochen nicht befähigt waren. Sie ließen alle Entfaltungsmöglichkeiten der Seelenwirrnis in Stunden und Tagen üppig ins Kraut schießen. So ungefähr hatte sich der junge Bürger Silvain Parmentier ausgedrückt. Chaumette sah sich in dem schmierigen und halbfinsteren Raum um. Vor den Scheiben hing als Vorhang der zerrissene Unterrock einer Frau, so daß nicht übermäßig viel Licht durch die schlecht geputzten Fenster fallen konnte. Der Führer der Cordeliers suchte den Maler, dessen Stimme er soeben vernommen hatte, aber er entdeckte ihn nicht sogleich. Endlich fiel sein Blick in eine finstere Ecke des Zimmers. Dort lag ein von Mäusen angefressener Strohsack und ein Haufe Lumpen, der sich ihm zu bewegen schien. »Ist denn jemand im Zimmer,« vernahm da Chaumette von dem Strohsack her eine menschliche Stimme. »Sind Sie es, Bourdonnier, wir sind noch nicht so weit. Fleurette hat die Schätze noch nicht zusammengepackt!« »Mein Name ist leider nicht Bourdonnier, aber mein Name tut zunächst nichts zur Sache,« sagte Chaumette. Aristide Poignard richtete sich auf seinem Lager auf und rieb sich die Augen. »Wer seid Ihr, Bürger, und was wollt Ihr von mir?« fragte er in beinahe barschem Ton. Und dann fügte er etwas freundlicher hinzu: »Ihr entschuldigt, Bürger, wenn ich mich nicht erhebe, einmal ist es so verteufelt kalt in dem Loch, daß mir die Zähne klappern, wenn ich mich von diesen Lumpen entblöße und dann mein letzter Rock ist gestern die Straße zum Mont de Pitié gewandelt. Und dann! Ich habe ein so seltsam Gefühl, einmal in den Knochen, und dann in der Gegend, wo andere Menschen ihren Magen und nicht einen ausgepumpten Schlauch haben. Ich fürchte nämlich wieder hinzufallen, wenn ich wirklich den Versuch machen sollte, aufzustehen?« »Ihr seid krank, Bürger? Ich spreche mit dem Maler Aristide Poignard?« »Der bin ich ... Aber wenn Sie einen Auftrag für mich haben sollten, Freundchen, dann tut es mir leid, dann kommen Sie wirklich zu spät. Ich kann nicht mehr malen, mein Bester! Sie hätten schon früher kommen müssen. Ich kann die Farben seit einigen Tagen nicht mehr unterscheiden. Ich bin farbenblind geworden. Ich sehe nur noch rot und immer wieder rot! Es liegt wie ein roter Schleier über der Rue Saint Honoré, und dieser Schleier reicht bis in die Rue Saint Roch, mein Bester! Denn alles schwört nur noch auf diese einzige Farbe!« Und Chaumette, der noch eben geschmunzelt, er, auf dessen geheimen Antrieb schon so mancher Fouquier Tinville überantwortet worden war, schauderte angesichts dieses hündischen Elends. Der Mensch dort hatte das Fieber, wenigstens sprach er wie ein Fieberkranker! Wenn das, was der da hatte, nicht der Hungertyphus war! Und wer wußte, ob ein typhöses Fieber hier nicht ihm selber seine Pestmiasmen ins Antlitz schleudern konnte. Und Chaumette war feige. Und doch! Trotz allem näherte er sich dem Lager des Malers und sagte: »Seid Ihr denn mutterseelenallein, Bürger? Ihr seid doch krank und niemand nimmt sich Eurer an? Ich dächte, man hätte mir gesagt, daß eine Freundin mit Euch zusammen hier in der Rue Saint Roch haust?« Und Aristide Poignard, dem es in dieser Lage und in dieser Stunde wirklich vollständig gleichgültig war, wer ihm, dem verhungernden, kurz vor seinem Ende noch einen Besuch abstattete, der sich nichts daraus machte, ob dieser Besuch in freundlicher oder feindlicher Absicht gekommen war, erwiderte: »Ihr habt ganz recht, Bürger, eine Verworfene haust hier mit mir, eine, auf die die Leute in anständigen Zeiten mit Fingern gedeutet hätten, die haust hier mit mir! Aber sie ist doch wenigstens ein Mensch, sie ist kein Raubtier wie die, die heute in Paris das Heft in den Händen haben, die heute Frankreich und die Welt beherrschen! Deshalb ist sie zu den Damen der Halles gelaufen, Abfall zu erbetteln, damit ich hier nicht verrecken soll! Das ist doch wenigstens noch ein menschlicher Zug in diesen Tagen, Bürger, wenn auch nur von einer solchen!« Ein schrilles Hohngelächter löste sich bei diesen Worten aus dem Mund Aristide Poignards. »Mir hilft keiner, Bürger, mir nicht! Die Bluthunde haben die Macht, sie haben das Geld der Republik in den Händen und die Bluthunde helfen unsereinem nicht. Die lassen unsereinen krepieren oder sie schleppen ihn in die Cachots und dann auf das Schafott.« »Also hat sich Parmentier doch geirrt, also ist er doch ein Royalist,« fuhr es da durch Chaumettes Kopf, und seine Pflicht verlangte eigentlich, daß er den da ... Fouquier Tinville ... wie ein Blitzstrahl ging dieser Name durch das Gehirn Chaumettes ... Doch bald lächelte er wieder und verwarf sofort diesen Gedanken. Am Ende starb der schon auf dem Weg ins Luxembourg oder in die Conciergerie oder nach Saint Lazare ... und was hatte er dann? Nein! Was hatte der junge Silvain Parmentier, der von ihm erleuchtete und auf den rechten Weg geführte, noch vorhin gesagt? Hunger und Elend und Schande ... Auch ein solcher, auch ein Royalist, konnte ihm, wie jetzt die Verhältnisse lagen, von Nutzen sein. Auch ein solcher konnte das Werkzeug seiner höheren Pläne werden, denn er brauchte niemals zu wissen und niemals zu erfahren, wer sein Wohltäter und wer der Lenker und Leiter seiner Taten und Gedanken war! Und wußte er es, erfuhr er es dennoch, dann war immer noch Zeit, dann fiel er eben, wie tausend andere gefallen waren, wie noch viele tausend und tausend andere nach ihm fallen würden, denn dazu waren Fouquier Tinville und seine Maschine da.« Ein Royalist in seinen Diensten! Jawohl, denn Robespierre war sein Feind! Lange konnte es nicht mehr dauern. Robespierre hatte zu wählen, ob er sich auf die Seite der Dantonisten oder auf die der Kommune stellen wollte, und wenn er gewählt hatte, so oder so, dann war die Stunde nicht mehr fern, da sich der Unbestechliche und Allmächtige auch gegen Chaumette und dessen Anhang richten würde ... und dann verfügte er über diesen da ... und der war Royalist ... und mithin Robespierres geschworener Feind! So konnte er ein Werkzeug werden, auch ein solches in den Händen Chaumettes! Blitzschnell hatte sich diese Gedankenfolge in dem Kopf Chaumettes abgewickelt. »Und wenn euch doch einer helfen sollte, Bürger,« wandte sich jetzt Chaumette aufs neue an den Maler Aristide Poignard. Der dem Verhungern nahe richtete sich auf seinem Lager auf. Aus großen, weitaufgerissenen Augen starrte er auf Chaumette, als ob dieser Mensch ein Wunder des Himmels, als ob er die Erscheinung aus einer besseren Welt wäre. Und Chaumette fuhr fort: »Er braucht ja nicht gerade ein Bluthund zu sein, Bürger, wenn er euch hilft!« »Dann wäre er ein Royalist,« kam es Chaumette in dumpfem Ton von dem Lumpenlager entgegen, »und wenn er ein solcher wäre ...« »Ihr fürchtet also Verrat, Bürger?« Aristide Poignard lachte. »Ich fürchte offen gestanden nichts mehr, mein Freund,« sagte er. »Was könnte mir Verrat denn noch anhaben, mein Teuerster, hm? In den Gefängnissen soll man sich satt essen, hat man mir erzählt. Es gibt Leute, die dort Wein trinken, die dort Hühner verzehren, die dort Karten spielen und tanzen und so der Stunde warten, bis der Henker mit seinen Knechten erscheint! Das dünkt mich schöner, Bürger, als hier zu verhungern, nachdem man sechs Wochen lang nichts als den verdammten Kastanienbrei im Leib gehabt hat. Die Maschine auf dem Revolutionsplatz macht rasche und saubere Arbeit. Der Hunger frißt wie ein Tiger in den lebenden Gedärmen, er verzehrt sie einzeln und stückweise, Freundchen, am lebendigen Leibe ... und das ist kein Vergnügen ... Also, wer Ihr auch seid ... was läge mir wohl daran, wenn Euch der Henker auch auf dem Fuße folgte, ob Ihr mich nun für einen Royalisten oder einen Freund der Freiheit und der Gerechtigkeit nehmt!« Aristide Poignard schwieg. Eine ganze Weile überlegte Chaumette, wie er diesen Royalisten wohl am besten für sich gewinnen und seinen Plänen dienstbar machen könne. Endlich sagte er: »Und wenn Euch jetzt einer sagte, Bürger, wenn ich Euch sagte, in der Rue Saint Honoré, nur wenige Schritte von hier um die Ecke, befindet sich ein Restaurant. Der Wirt dieses Speisehauses hat heute köstliche Rindsrouladen zubereitet. Sie erfüllen die ganze Rue Saint Honoré mit ihrem Dufte und übertäuben den Blutgeruch ... der Euch quält! Ihr braucht nur aufzustehen und mit mir zu gehen, Bürger, dann könnt Ihr euch nach Herzenslust satt essen! Könnt essen, so viel Ihr wollt!« Die Augen Aristide Poignards waren bei diesen Worten Chaumettes weit aufgerissen. Sie traten aus ihren Höhlen. Der Kranke, der dem Hungerdelirium nahe war, sog jedes einzelne dieser Worte wie eine Erlösung und voll Gier in sich ein. Chaumette fühlte, hier hatte er gewonnenes Spiel und sein Herz jauchzte. »Ich habe ja keinen Rock, um in die Rue Saint Honoré hinüber zu gehen,« sagte jetzt der Maler, »selbst wenn ich mich noch bis dorthin schleppen könnte!« Chaumette lachte. »Wenn das alles ist, Bürger, ich leihe Euch meinen Mantel, der deckt den Mangel eines Rockes zu.« Er trat an den Strohsack und half Aristide Poignard auf die Beine. Es ging besser, als Chaumette es erwartet hatte. »Ihr sollt Euch satt essen, Bürger! Ihr sollt Euch jeden Tag satt essen,« sagte er, »wenn Ihr mir einen kleinen Gefallen erweist, einen Gefallen, der Euch mit Euren royalistischen Anschauungen durchaus nicht in Konflikt bringen wird. Ihr könnt Euch dann jeden Tag 20 Francs verdienen, Bürger!« Die Augen Aristide Poignards wurden größer und größer. »Zwanzig Francs,« stammelte er, »zwanzig Francs, Bürger?« »Zwanzig Francs,« bestätigte Chaumette, »und jetzt kommt in die Rue Saint Honoré!« Elftes Kapitel. Es war zu Anfang der zweiten Dekade des Monats Dentose. Silvain Parmentier arbeitete jetzt schon geraume Zeit in dem Amtsbureau der Conciergerie, und zwar als persönlicher Sekretär Fouquier Tinvilles. Gleich in den ersten Tagen hatte der öffentliche Ankläger herausgefunden, daß der ihm von Chaumette zugeführte junge Bürger mit aller Energie und aller Leidenschaft auf seinem schweren Posten war. Der war ein anderer als die Lohnschreiber, die ihm der Konvent bislang zur Verfügung gestellt hatte, die schlecht und recht für ihre Assignate das tägliche Pensum absolvierten und den Abend erwarteten, um sich wieder auf die faule Haut legen zu können, während er selbst seine Nächte wachend in der Conciergerie verbrachte und höchstens in den ersten Morgenstunden, wenn er von Müdigkeit überwältigt auf die in seinem Zimmer ausgebreitete Matratze niedersank, ein wenig Schlaf fand. Silvain Parmentier war mit seinem Herzen und seiner ganzen politischen Persönlichkeit bei der Sache und einen solchen Helfershelfer brauchte Fouquier Tinville in diesen schweren Tagen. Denn die Akten in der Conciergerie, die ausschließlich aus Anklageschriften auf Tod und Leben bestanden, häuften sich zu Bergen. Sie wuchsen selbst ihm, dem unermüdlichen Fouquier Tinville, über den Kopf. Und doch hatte er sich wie kein zweiter eine seltene Routine in der Erledigung seines furchtbaren Geschäftes im Laufe der Wochen und Monde angeeignet. Er brachte es jetzt auf 80 bis 100 Stück an einem einzigen Tag. Aber das genügte dem Wohlfahrtsausschuß, dem Überwachungskomitee, den Führern der Kommune und vor allem dem großen »Unbestechlichen« noch lange nicht. Erlahmte der Schrecken, arbeitete die Maschine auf dem Revolutionsplatz zu langsam, dann fand der Pariser Pöbel, wenn möglich Zeit, sich auf sich selber zu besinnen, dann erlosch der Enthusiasmus, mit dem man auch heute noch trotz der Proteste der Anwohner der Rue Saint Honoré, den Zug der Karren begrüßte, und mit der Diktatur des Unbestechlichen und seiner Anhänger war es dann am Ende aus. Und die Provinz stand noch immer in hellem Brand. Sie war der Herd, von dem aus das Feuer um sich greifen und auf die Hauptstadt hinüberspringen konnte, weil sich dort die Royalisten, die lieber heute als morgen den Dauphin zum König ausgerufen hätten, verborgen hielten und dort zusammen mit den Anhängern der geopferten Girondisten und den Gemäßigten ihre Ränke spannen. Aus diesem Grunde hatte Robespierre noch gestern zu Fouquier Tinville gesagt: »Ihr arbeitet mir viel zu langsam, Bürger Fouquier Tinville, Ihr solltet es täglich zum wenigsten auf 500 bringen!« Und Fouquier Tinville war fest entschlossen, seine Arbeitskraft zu verdoppeln und zu verdreifachen, um dem Allmächtigen und Unbestechlichen zu Willen zu sein, und sollte auch wochenlang kein Schlaf mehr auf seine Augenlider kommen. Auch Maximilien Robespierre schlief ja nicht oder doch nur kaum, denn sein Auge wachte Tag und Nacht über der Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit und über der einen und unteilbaren Republik. So hatte denn Chaumette Fouquier Tinville in der Tat einen großen Dienst erwiesen, als er ihm den jungen Silvain Parmentier für seine Zwecke zugeführt. Ohne Murren machte sich der junge Bürger an seine Arbeit, ob es am frühen Morgen oder in später Nacht geschehen mußte, einerlei! Er las die Akten, versah sie mit den notwendigen Randbemerkungen, verhörte schon als Untersuchungsrichter die Verdächtigen und hatte die ihm von seinem Vorgesetzten übertragene Arbeitslast an jedem neuen Tage bewältigt, und wenn es auch fünf Uhr morgens geworden war, bis die Akten aus dem Amtsbureau der Conciergerie in die Hände des Greffiers und so in die des Tribunals gelangten. Denn Silvain Parmentier arbeitete mit dem Herzen und nicht nur mit den Händen und dem kühlen Verstand. Die Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit, die dieses Blutgericht allein zu vertreten, von der es sich allein zu bestimmen, zu lenken und zu leiten lassen hatte, war ihm das eigene Glaubensbekenntnis und das Glaubensbekenntnis seiner ganzen Zeit! Vor dem mit einem Stoße von Aktenheften bedeckten Tische saß hier Silvain stunden- und stundenlang in einem engen und stickigen Vorraum, der dicht an das Zimmer Fouquier Tinvilles stieß. Ein Räuspern des Unermüdlichen rief ihn schon hinein in das Gemach, in dem die Geschicke der Hunderte und Tausende mit einem einzigen Federzuge entschieden wurden. Denn, fand die Anklageschrift die Genehmigung Fouquier Tinvilles, dann war das Urteil in diesen Tagen auch schon gesprochen. Die Gerichtsverhandlung war nur noch Formsache. Der Unbestechliche, der Wohlfahrtsausschuß, das Überwachungskomitee und die Führer der Kommune wußten alle miteinander, wem sie in den »Zeiten der Gefahr« das Amt eines Geschworenen anzuvertrauen hatten. Und ein »Nichtschuldig«, dessen Folge der Freispruch eines Verfolgten gewesen wäre, hätte in diesen Tagen den betreffenden Geschworenen, der es veranlaßt, selbst unter das Gesetz gegen die Verdächtigen gebracht. So war denn jede Anklageschrift, die aus dem Amtsbureau der Conciergerie mit der Unterschrift Fouquier Tinvilles ihren Weg in die Hände des Greffiers fand, schon ein Todesurteil. Das wußte der öffentliche Ankläger und das wußte Silvain Parmentier. Und Dutzende und wieder Dutzende und aber Dutzende dieser furchtbaren Aktenhefte gingen an einem jeden neuen Tage hier in dem kleinen Raume mit dem vergitterten Fenster, das einen Ausblick in den Hof der Conciergerie gewährte, in dessen Morast die Henkerkarren ihre tiefen Spuren zurückgelassen hatten, durch Silvains Hände. Wortlos übermittelte er sie Fouquier Tinville zur Unterschrift und dachte sich nichts dabei. Er diente der Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit. Er war ein treuer Patriot und ein guter Sohn der einen und unteilbaren Republik, und das Blut, das sich infolge seiner Tätigkeit über den Revolutionsplatz an der Seite der Säule der Freiheit ergoß, war der Dünger, der den Boden des Vaterlandes für eine bessere Zukunft bereiten sollte. Seit Wochen hatte er die Bürgerin Louise Marteau nicht mehr gesehen. Er kam nicht mehr in die Rue Saint Honoré und nicht mehr in das Café zu den Rutenbündeln. Er hatte dazu keine Zeit mehr. Fouquier Tinville hatte ihm in der Conciergerie ein kleines Zimmer anweisen lassen. Hier schlief er, damit er zu jeder Stunde der Nacht oder am frühen Morgen bereit sein konnte. Einer der Soldaten der Wache holte ihm aus einem der Conciergerie benachbarten Restaurant das Essen. Nicht einmal hierzu fand Silvain Parmentier den Weg in die Straßen von Paris. Denn er ging ganz im Dienste seiner großen Sache auf, die er damals aus den Händen Chaumettes mit solcher Bereitwilligkeit übernommen hatte. Eben erhob er sich von seinem Stuhl, auf dem er an diesem Vormittag Stunde für Stunde vor seiner Blutarbeit gesessen hatte. Er wollte die jetzt erledigten Akten in das Arbeitszimmer Fouquier Tinvilles zur Unterschrift bringen und sich dann ein neues Bündel aus den Regalen holen, die die hohen Wände des Raumes bis zur Decke verbargen und in deren Gefächern Bündel bei Bündel, tausend und wieder tausend, ruhten. Ihr Eingang datierte zum Teil um Monate zurück. Die einzige Hoffnung der Unglückseligen, die in den Pariser Gefängnissen schmachteten und des Todesurteils harrten, war die, daß die Arbeit den Beamten eines Tages über den Kopf wachsen könne, oder auch die, daß ihre Akten zu unterst lagen und bei dem Massenbetriebe, der hier herrschte, verlegt und vergessen werden könnten. Für diese Gefächer und ihren furchtbaren Inhalt hatte Silvain Parmentier kein Verständnis mehr. Es waren Holzgefächer, bestimmt zur Aufnahme von Akten. Es war totes, mit Lettern bedecktes Papier, das er durchzulesen und zu prüfen hatte ... und die Anweisung des »Unbestechlichen«: »So viele wie möglich an einem einzigen Tage« war jetzt auch für Silvain Parmentier der einzige Leitsatz. Das Gefühl des Mitleids und des Schreckens, das sich noch in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in diesem furchtbaren Zimmer der Conciergerie mit dem vergitterten Fenster hie und da elementar in seinem Inneren gemeldet hatte, es war verflogen ... es war überwunden ... Schon stand er vor der in das Gemach Fouquier Tinvilles führenden Tür, als ein Nationalgardist eintrat. Es war Lerond, der Wachhabende, der eben den Dienst am Eingang der Conciergerie versah und der ihm meldete, daß der Agent Duchèsne den Bürger Fouquier Tinville zu sprechen wünsche. »Lassen Sie den Agenten Duchèsne eintreten, Bürger Lerond,« wandte sich Silvain Parmentier an den Gardisten, »ich werde ihn dem Bürger Fouquier Tinville melden!« Der Wachhabende ging, den Agenten einzulassen. Indessen betrat Silvain das Gemach des Unermüdlichen. Fouquier Tinville sah von seinen Akten auf. »Wie viele habt Ihr erledigt, Bürger Parmentier,« fragte er und versenkte seinen Blick schon wieder in das vor ihm liegende Aktenheft. »Zweiundsechzig, Bürger Fouquier Tinville!« »Das geht mir viel zu langsam, Bürger Parmentier,« knurrte der Unermüdliche, »wie sollen wir denn auf 500 kommen, wenn Ihr in der Mittagsstunde erst bei Nummer 62 seid?« »Ich werde mich bemühen, Bürger Fouquier Tinville,« erwiderte Silvain sich entschuldigend. »Habt Ihr sonst noch etwas?« »Der Agent Duchèsne wartet draußen im Vorraum, er wünscht den Bürger Fouquier Tinville zu sprechen!« »Duchèsne vom Überwachungskomitee, den man Chien de Boucher nennt?« Fouquier Tinville lachte. »Er ist sehr stolz auf seinen Namen, Bürger Parmentier,« sagte er dann, »und doch, bei Chien de Boucher ist das nur ein Geschäft. Das Überwachungskomitee bezahlt ihn gut. Sein Métier ist sehr einträglich. Ihr könntet mit ihm sprechen. Hat er Euch gesagt, um was es sich handelt?« »Ich habe Duchèsne noch nicht gesprochen, Bürger Fouquier Tinville, der Wachhabende Lerond meldete ihn eben, als ich bei Euch eintrat.« »Dann fragt ihn, was er von uns will. Ich habe keine Zeit. Wenn er auf einer wichtigen Spur ist, dann könnt Ihr mich ja rufen, Bürger Parmentier, aber für eine gewöhnliche Denunziation! Macht das allein! Ihr kennt Euch ja jetzt zur Genüge auf diesem Gebiete aus! Ich habe wirklich keine Zeit!« »Wie Ihr meint, Bürger Fouquier Tinville!« Silvain legte die 62 Anklageschriften auf dem Arbeitstisch des Unermüdlichen nieder. Dann betrat er wieder den Vorraum mit dem vergitterten Fenster, in den Lerond den Agenten mit dem Spitznamen Chien de Boucher schon eingelassen hatte. Der »Metzgershund« war eine in den Räumen der Conciergerie sattsam bekannte Erscheinung. In den Tagen des Tyrannen war er Hofjuwelier in Versailles gewesen und hatte die Perlenschnüre und Diamantenhalsbänder der Österreicherin und ihrer Hofdamen und Verwandten, sowie die der fürstlichen Gäste geflickt. Aber seit dem Vendemniaire des Jahres I hatte er sein ganzes Vermögen verloren. Die Weiber, die damals in das königliche Schloß eingedrungen, hatten auch seinen Laden geplündert. Die großen Summen, die der Hof ihm noch schuldete, waren niemals bezahlt worden, und der Bankrotteur wurde fanatischer Anhänger der Sache der Freiheit und stellte jetzt seinen Verstand und sein aus seinen einstigen Beziehungen resultierendes Wissen nach der Hinrichtung des Bürgers Capet in die Dienste des Konvents. Sein vor keiner Schwierigkeit zurückschreckender Spürsinn, seine ausgezeichnete Findigkeit, die Zähigkeit und Energie, mit denen er seine Opfer bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel verfolgte, hatten ihm den von ihm selbst so gern gehörten Spitznamen Chien de Boucher eingetragen. So redete ihn denn auch Silvain Parmentier, der sich in wenigen Wochen an den hier herrschenden Ton des Cynismus gewöhnt hatte, schlankweg mit diesem Namen an und fragte: »Was bringt Ihr mir Neues, Chien de Boucher?« Der kleine Mann mit den zierlichen und dünnen Beinchen, mit dem Kahlkopfe, der spitzen Habichtsnase, den immer entzündeten Äuglein und dem pockennarbigen Gesichte, verzog den Mund zu einem häßlichen Grinsen. »Eine wichtige Botschaft, Bürger Parmentier,« sagte er, die ich am liebsten dem Bürger Fouquier Tinville selbst übermittelt hätte ... sie ist dem Konvent ihre 5000 Francs wert!« »Billiger tut Ihr es nicht, Chien de Boucher?« »In diesem Falle nicht, mein Lieber! Der Mann, den ich ausgekundschaftet habe, ist dem Konvent sehr teuer, mein Bester! Er ist von den Toten auferstanden! Versteht Ihr mich?« »Ihr müßt Euch schon deutlicher ausdrücken, Chien de Boucher, wenn ich Euch verstehen soll,« lautete Silvains Antwort. »Was soll das heißen, von den Toten auferstanden?« »Ihr habt wohl vergessen, was über den Massengräbern des Pariser Kirchhofes steht, hm? Dormir, Alter, dormir ... das heißt, wenn ich nicht irre, daß es aus diesem Schlafe kein Erwachen mehr gibt. Wer ist also von den Toten auferstanden?« »Ich möchte das Fouquier Tinville doch lieber selber sagen, Bürger Parmentier!« »Schön, Chien de Boucher ... Aber wenn es nicht wichtig genug ist ... Nehmt Euch in acht! Der Bürger Fouquier Tinville hat in diesen Tagen sehr wenig Zeit! Ihr könntet seinen Groll auf Euch laden, Chien de Boucher, und das wäre nicht gut!« »Auf die Gefahr hin, daß ich Fouquier Tinvilles Groll auf mich lade, Bürger Parmentier,« beharrte Chien de Boucher. »Laßt mich nur bei ihm eintreten oder führt mich zu ihm!« »Dann wartet einen Augenblick!« Silvain verschwand wieder in dem Zimmer des Unermüdlichen und meldete diesem, daß der »Metzgershund« darauf beharre, ihn persönlich sprechen zu wollen. Wie das Rollen des Donners traf eine Minute später die Stimme Fouquier Tinvilles das Ohr Chien de Bouchers. »Ihr habt mich in meiner Arbeit gestört, Chien de Boucher,« herrschte der ihn an ... Was habt Ihr mir zu sagen?« Das zierliche Männchen knickte zusammen. »Verzeiht, Bürger Fouquier Tinville,« stammelte es, »aber, aber ...« »Was aber?« »Ich habe sehr wichtige Nachrichten aus Versailles und Louveciennes ...« »Aus Versailles?« Fouquier Tinville wurde aufmerksamer. »Ich dächte doch, Versailles hätten wir völlig ausgeräumt, Chien de Boucher, seitdem wir das Schloß samt Trianon entvölkert haben!« Ein bitterböses Lächeln huschte bei diesen hämischen Worten um den marmorharten Mund Fouquier Tinvilles, der sich seit Wochen nicht mehr zu einer Gefühlsäußerung verzogen hatte. »Sind noch Verdächtige in Versailles, Chien de Boucher ... und was wollt Ihr mit Louveciennes?« »In einem Landhaus in Louveciennes empfängt man nächtliche Besuche, Bürger Fouquier Tinville,« antwortete Chien de Boucher. »Was kümmert das mich, wenn die Galanten in Versailles des Nachts ihre Liebhaber empfangen, Chien de Boucher,« knurrte Fouquier Tinville, »Ihr langweilt mich, denn Ihr stehlt mir meine Zeit!« »Und wißt Ihr, Bürger Fouquier Tinville, wer sich seit Monaten bei einer Frau Labiche in Versailles verborgen hält?« »Wer, Chien de Boucher?« »Der Dichter Auguste Rodeur!« »Ich kenne keinen Dichter Auguste Rodeur!« »Ihr scheint an Gedächtnisschwäche zu leiden, Bürger Fouquier Tinville,« sagte jetzt Chien de Boucher mit einem widerlichen Grinsen. »Aber den Juristen Auguste Rodeur, den kennt Ihr, hoffe ich doch, der damals die Verteidigungsschrift für den Bürger Louis Capet abgefaßt hat.« »Laßt mich mit diesen alten Geschichten zufrieden, Chien de Boucher, versteht Ihr mich! Wer der Verfasser dieser Verteidigungsschrift war, ist niemals mit absoluter Sicherheit festgestellt worden, also, wenn Ihr sonst nichts wißt ...« Chien de Boucher schwieg eine lange Weile. Es hatte den Anschein, als wolle er absichtlich die Spannung des Unermüdlichen durch diese Kunstpause wecken. Und wirklich ergriff Fouquier Tinville noch einmal das Wort. »Nun, Chien de Boucher, Ihr spracht, wenn ich nicht irre, von einem, der von den Toten auferstanden sein soll, so berichtete mir der Bürger Silvain Parmentier.« »Das tat ich, Bürger Fouquier Tinville ... Tourlan kommt jede Nacht von Paris nach Louveciennes.« »Welcher Tourlan?« »Marie Josephe Théophile Tourlan, Bürger Fouquier Tinville ...« Chien de Boucher betonte jeden einzelnen dieser Namen, denn er wußte ganz genau, welchen Eindruck er mit diesen Namen im Inneren des Unermüdlichen wachrufen mußte. »Der Girondist?« »Wer sonst, Bürger Fouquier Tinville? Marie Josephe Théophile Tourlan, der Girondist!« »Das ist nicht wahr, Chien de Boucher!« »Das wäre erst noch zu beweisen, ob das nicht wahr ist.« »Die Akten über diesen Tourlan sind geschlossen. Sie liegen hier in der Conciergerie, wie alle Akten über die Girondisten!« »Wenn Ihr Eurer Sache so sicher seid, Bürger Fouquier Tinville, dann ...« »Ich bin meiner Sache vollkommen sicher, Chien de Boucher! ... Bürger Silvain Parmentier!« »Ihr befehlt?« »Holt mir die Akten über den Girondisten Tourlan. Sie liegen in dem Gefache T des großen Schrankes der erledigten Edikte.« Silvain Parmentier verschwand. Fouquier Tinville trat an das vergitterte Fenster. Er wartete auf die Rückkehr Silvains. Chien de Boucher, der ihn in einem zu beobachtete, wurde von dem Unermüdlichen keines weiteren Wortes gewürdigt. Denn der sah zum Fenster hinaus. Auch draußen in dem Hof der Conciergerie meldete sich ganz schüchtern der nun beginnende Frühling, der zweite seit dem Tag der Errichtung der einen und unteilbaren Republik. Neben dem großen Brunnen, in dem die Gefangenen ihre Wäsche wuschen, stand eine Birke und entfaltete ganz bescheiden und zaghaft ihr lichtgrünes Haar. Die Worte Chien de Bouchers ließen Fouquier Tinville keine Ruhe. Wenn der da recht hatte, wenn er selbst sich wirklich irrte, wenn das, was er für wahr gehalten, eine Täuschung gewesen war, dann war allerdings die Bedeutung der Nachricht, die ihm Chien de Boucher da überbrachte, gar nicht voll auszudenken, ja, sie schien ihm von dem allergrößten Werte in dem gegebenen Augenblicke. Tourlan war sein Feind! ... Wenn der noch am Leben war, wenn der mit dem Ausland konspirierte ... wo konnte er selbst heute noch hinkommen! Wo wäre er damals hingekommen, wenn nicht das Schicksal Vergniauds und seiner Genossen durch die Energie des Konvents und die Hinrichtung der Österreicherin jene für ihn segensreiche Wendung genommen hätte? Gerade damals, als er das wichtige Amt des öffentlichen Anklägers aus den Händen des jetzt ermordeten Marat übernahm! Fouquier Tinville war noch völlig in seine Gedanken versunken, als Silvain mit den Akten eintrat. Voll Ungeduld nahm er sie dem jungen Bürger aus der Hand. »Ihr irrt Euch, Chien de Boucher,« sagte er jetzt mit erhobener Stimme. »Wollt Ihr bitte selbst sehen, hier steht es Schwarz auf Weiß! Der Girondist Marie Josephe Théophile Tourlan ist am 3. Frimaire des Jahres II in Lyon geköpft worden.« Chien de Boucher näherte sein Gesicht dem Aktenstück, das ihm Fouquier Tinville dicht unter die Nase hielt. Er nahm das Lorgnon, das er als einstiger Hofjuwelier des Tyrannen alter Gewohnheit gemäß noch immer an einer goldenen Schnur befestigt in der Tasche seines himmelblauen Gilets trug, und las. »Wahr und wahrhaftig, Bürger Fouquier Tinville,« sagte er jetzt. »Das steht in der Tat in diesem Aktenstück, wahr und wahrhaftig! Der Girondist Marie Josephe Théophile Tourlan ist am 3. des Frimaire des Jahres II der Republik in Lyon geköpft worden ... Wahr und wahrhaftig! Und ich soll jetzt trotz der Religion der Vernunft daran zweifeln, daß die Toten auferstehen können, da ich doch den Bürger Tourlan mit meinen eigenen Augen in Louveciennes gesehen habe! Sapristi! Sollte dieses Schriftstück nicht am Ende doch eine Fälschung sein, Bürger Fouquier Tinville?« »Ihr habt den Bürger Tourlan mit Euren eigenen Augen in Louveciennes gesehen, Chien de Boucher? Ihr kennt den Bürger Tourlan genau, Ihr irrt Euch nicht,« kam es jetzt wie in Angst aus dem Mund Fouquier Tinvilles. »Ich kenne ihn, wie ich meinen Bruder und meinen Vater und wie ich mich selber kenne, Bürger Fouquier Tinville. Dies Aktenstück aus Lyon muß also eine Fälschung sein!« »Wie wäre das möglich, Chien de Boucher?« Der Metzgershund kratzte sich hinter den Ohren. »Wie das möglich wäre, Bürger Fouquier Tinville ... Die Tourlans sind reiche Leute ... Sie haben ihr Geld in der Schweiz und in England in Sicherheit gebracht. Und erinnert Ihr Euch vielleicht ganz zufällig, wieviele Menschen im Frimaire des Jahres II in Lyon geköpft worden sind?« »Zwischen sechs- und siebentausend, Chien de Boucher,« antwortete der Unermüdliche kühl. »Das ist die Bevölkerung einer kleinen Stadt, Bürger Fouquier Tinville,« sagte jetzt Chien de Boucher, »bedenkt das! ... Die Tourlans verfügen über große Mittel. Haltet Ihr es denn wirklich für ausgeschlossen, daß sich gegen Geld und gute Worte ein falscher Name in ein Aktenstück der einen und unteilbaren Republik einschleichen kann? Es ist ein sogenannter Totenschein, bei dessen Abfassung sich einer geirrt hat, ganz einfach, Bürger Fouquier Tinville, sonst nichts. Das soll doch auch schon in ruhigeren Zeiten vorgekommen sein; warum also nicht im Monat Frimaire in Lyon, da man sechs- bis siebentausend solcher Papiere auszustellen hatte. Meint Ihr nicht?« Fouquier Tinville schwieg. Der Metzgershund mochte recht haben und deshalb überlegte der Unermüdliche eine Weile. »Ihr könnt also beschwören, daß Ihr den Girondisten Marie Josephe Théophile Tourlan, der am 3. des Frimaire in Lyon geköpft worden ist, lebend in Louveciennes gesehen habt, Chien de Boucher?« »Das kann ich! Sonst stünde ich nicht vor Euch, Bürger Fouquier Tinville!« »Und Ihr könnt ihn zur Stelle schaffen, Ihr könnt seine Verhaftung durch das Überwachungskomitee herbeiführen?« »Das weiß ich noch nicht, ob ich das kann! Dazu bin ich eben hier, Bürger Fouquier Tinville, denn dazu bedürfte ich Eurer Hilfe!« »Meiner Hilfe? Wieso?« »Weil ich unter den gegebenen Umständen nicht weiß, ob der Bürger Tourlan nach Louveciennes zurückkehren wird. Er hält sich in Paris verborgen. Er verschwindet in Paris. Man war so unvorsichtig, in dem Haus der Frau Tourlan in Louveciennes eine Haussuchung abhalten zu lassen nach Briefen, die aus der Schweiz gekommen sein sollen, und das könnte für ihn eine Warnung sein!« »Wer war so unvorsichtig?« »Die Nationalgardisten des Konvents und ein Mitglied des Überwachungskomitees, die in diesen Tagen den Geheimagenten so gern ins Handwerk pfuschen, Bürger Fouquier Tinville! Es hat eben den Augenschein, als sei keine Organisation in der ganzen Sache mehr. Viele Köche verderben den Brei. Daran wird die Sache der Republik noch einmal zuschanden werden!« Fouquier Tinville seufzte. Der Metzgershund hatte wieder einmal recht. Auch er hatte es in diesen Tagen des öfteren erfahren, daß der Feuereifer des einen oft das verdarb, was der Fleiß und die Pflichterfüllung des andern glücklich zuwege gebracht hatten. »Und habt Ihr eine Ahnung, Chien de Boucher, wo, in welchem Teil von Paris, in welchem Faubourg sich dieser Tourlan verborgen halten kann?« »Paris ist groß,« meinte Chien de Boucher, »und die Feinde der Republik zählen auch in der Hauptstadt nach Hunderten ... Aber eine Spur hätte ich schon ...« In den Augen Fouquier Tinvilles leuchtete es auf. »Ihr habt eine Spur? Was für eine Spur habt Ihr denn, Chien de Boucher?« »Der alte Brun in Versailles hat geplaudert.« »Wer ist das, der alte Brun?« »Ein Unzufriedener wie ich, Bürger Fouquier Tinville, der auch im Dienst Louis Capets sein Vermögen verlor, einer, der den Moniteur und die Blätter des Père Duchèsne mit Vorliebe liest.« »Und was hat er geplaudert?« »Er erzählte von dem Kutscher Poissonier, der neulich in einer Regennacht diesen Tourlan von Louveciennes nach Paris zurückgefahren hat. Aber Poissonier kannte seinen Fahrgast nicht!« »Und hat der alte Brun herausgebracht, wohin der Kutscher Poissonier diesen Tourlan fuhr?« fragte jetzt Fouquier Tinville. »Tourlan verließ den Wagen am Eingang der Rue Saint Honoré und ging dann zu Fuß weiter.« »Zum Donnerwetter, was soll mir das, Chien de Boucher,« schimpfte jetzt Fouquier Tinville, »wenn Ihr nicht wißt, wo er in Paris seinen Unterschlupf gefunden hat!« »Man könnte das am Ende herausbekommen, Bürger Fouquier Tinville, »aber das kostet Geld!« Chien de Boucher zwinkerte mit den Deckeln seiner entzündeten Augen. »Wieviel braucht Ihr, Chien de Boucher,« fragte Fouquier Tinville kurz. Chien de Boucher tat, als ob er ein schweres Rechenexempel zu lösen hätte. Er tanzte von dem einen seiner dünnen Beinchen auf das andere, führte den schmalen Zeigefinger seiner rechten Hand an die Stirn und meinte endlich: »Ich dächte, Bürger Fouquier Tinville, daß 1000 Franks für den Anfang genügen möchten!« »Die erhaltet Ihr im Bureau der Conciergerie, Chien de Boucher, sobald Ihr diesen Tourlan gefaßt habt!« »Für den Anfang, sagte ich! Denn so geht das nicht, Bürger Fouquier Tinville,« versicherte nun der Metzgershund und legte die Hand aufs Herz. Wir brauchen doch Geld, wenn wir auf der Lauer liegen und ihn ins Netz locken wollen. Wir brauchen einen Vorschuß!« »Ich gebe Euch 100 Franks!« »Damit werden wir nicht weit kommen!« »Keinen Sou mehr, Chien de Boucher!« »Gebt ihm ein Assignat auf 100 Franks, Bürger Parmentier,« wandte sich jetzt Fouquier Tinville an Silvain. »Wie Ihr befehlt, Bürger Fouquier Tinville!« Der Unermüdliche wandte sich zum Gehen. »Halt, noch eins,« sagte da Chien de Boucher. »Und das wäre?« »Mir will das nicht aus dem Kopf, Bürger Fouquier Tinville, was der Kutscher Poissonier von der Rue Saint Honoré gesagt hat!« »Warum nicht?« »Der Bürger Tourlan ist doch ein älterer Herr!« »Es gibt keine Herrn mehr, Chien de Boucher, seit dem Tode des Tyrannen gibt es keine Herrn mehr, merkt Euch das!« »Also ein älterer Bürger ... er ist bequem. Er wird in einer Regennacht nicht weit laufen wollen und können, denn er lahmt auf dem einen Bein, Bürger Fouquier Tinville!« »Das stimmt, er lahmt auf dem einen Bein. Aber er ist doch kein Idiot. Er wird dem Kutscher Poissonier doch nicht Rue Saint Honoré sagen, wenn er wirklich in der Rue Saint Honoré wohnt. Und dann ... gerade diese Straße, die auf den Revolutionsplatz führt, die immer der Mittelpunkt der freiheitlichen Bewegung war ... nein, das glaube ich nicht, Chien de Boucher!« »Aber ich glaube das! Nirgends fühlt man sich sicherer und nirgends ist man in der Tat geborgener, Bürger Fouquier Tinville, als gerade in der alten Straße, die ... wie sagtet Ihr doch gleich ... die immer ein Mittelpunkt der freiheitlichen Bewegung war. Denn hier vermutet man einen Feind der Freiheit nicht. Ich möchte für mein Leben gern die Häuser der Rue Saint Honoré absuchen lassen. Kennt Ihr jemanden, der in der Rue Saint Honoré Bescheid weiß, Bürger Fouquier Tinville?« »Ich kenne die Rue Saint Honoré,« sagte da Silvain Parmentier in festem Entschlusse. »Mir würde in der Rue Saint Honoré ein Unterschlupf so leicht nicht entgehen.« »Ihr kennt sie?« Chien de Boucher wandte sich wieder an Fouquier Tinville. »Wollt Ihr mir Euren Schreiber für ein paar Tage überlassen, Bürger Fouquier Tinville?« »Zu diesem Zwecke, ja! Aber ich rate Euch, daß Ihr mir nicht mit leeren Händen kommt, Chien de Boucher!« »Wir bringen Euch den Burschen, verlaßt Euch auf mich!« Zwölftes Kapitel. Der Monat Ventose brachte in diesem Jahr schon schönes und mildes Wetter. Er schien mit den Machthabern in Paris durchaus nicht einverstanden zu sein, da er seinem Namen so wenig Ehre machte. Die Luft war windstill und warm und in den Alleen des Schloßparks von Versailles trieben die Ulmen und Roßkastanien schon zaghaft ihre Knospen. Auch in dem Garten des Landhauses von Louveciennes erwachte schüchtern und bescheiden das erste Leben der auferstehenden Natur. Auf den Beeten, an geschützten und sonnigen Stellen reckten schon Veilchen, Primeln, Krokus und Osterblumen die bunten Köpfe. Das Schneeglöckchen war aus der schwarzen Erde hervorgekrochen und stand in den ersten Strahlen der Frühlingssonne in zitterndem Weiß. Auf dem Magnolienbaum, der in der Mitte des großen, jetzt mit Gänseblümchen bestickten Rasens stand, schmetterte des Abends die Schwarzamsel ihr brünstiges Gebet der untergehenden Sonne entgegen und ein flinkes Rotschwänzchenpaar, das in der Nähe von Paris den schönen Namen »Mauernachtigall« führt, suchte schon über dem Balkon des Landhauses, unter der Dachrinne einen Platz für sein Nest. Während Adrienne Sourieux droben in dem Zimmer mit dem großen Himmelbett qualvolle Stunden der sich immer rascher entwickelnden und ihrem Ende zugehenden Krankheit verbrachte, war die kleine Flora mit Tante Jacqueline viel im Freien. Onkel Auguste hatte der Kleinen einen Spaten und eine Hacke aus Versailles mitgebracht, und das Kind bestand darauf, in diesem Frühjahr in Louveciennes sein Beet zum erstenmal selbst bestellen zu wollen. Tante Jacqueline mußte ihm dabei zur Hand gehen. Mit seinen kleinen Patschen machte es in der Sonne den Versuch, die braune Erde umzugraben und warf dann nach Tante Jacquelines Weisung, den Samen der Radieschen und der Kresse, die Feuerbohnen und Wicken in die Furchen, die es mit dem von Onkel Auguste geschenkten Spaten gezogen hatte. Flora jubelte: »Wenn die Sonne so weiter macht, Tante Jacqueline, dann werden wir in sechs Wochen die saftigsten Radieschen haben, dann werden wir im Sommer in der Bohnenlaube sitzen, die mir Armand von den von mir selbst gezogenen Stecklingen anlegen soll!« Armand war der alte Gärtner, der schon in Diensten des einstigen Kriegsschülers von St. Cyr gestanden hatte, der das Kind als Baby auf dem Arm getragen und ohne den sich Flora das Landhaus in Louveciennes gar nicht vorzustellen vermochte. »Ja, mein Liebling, das wird schon der Fall sein,« sagte dann Tante Jacqueline mit einem Seufzer, den das Kind nicht verstand. Denn sie dachte daran, daß droben in dem Zimmer mit dem Himmelbette eine Sterbende lag, daß diese Sterbende des Kindes Mutter war und daß die Tage des Jahres II der Republik, in denen man noch lebte, das Beil der Maschine über einem jeden gezückt hatten. Aber davon wußte die kleine Flora nichts. Wenn dann der Abend kam und Tante Jacqueline die Kleine in ihr Bettchen gebracht und zusammen mit ihr das Nachtgebet gesprochen hatte, dann saß sie zusammen mit Frau Tourlan in dem großen Salon des Landhauses vor dem Kamin, in dem noch immer ein kleines Feuer flackerte, denn, wenn die Sonne untergegangen war, wurde es wieder empfindlich kalt. Voll Ungeduld waren in diesen Abendstunden Frau Tourlans und Jacquelines Augen auf die Bronzeuhr gerichtet, die dort zwischen den Marmorkandelabern des Kamins stand. Träge schienen den beiden Frauen die Zeiger über das Zifferblatt zu schleichen. Sie warteten der Mitternachtsstunde, bis es in den schon am Tage fast totenstillen Straßen Louveciennes noch stiller geworden war, und man nur noch das Heulen eines an der Kette liegenden Hofhundes oder drunten unter den Ziersträuchern des Gartens das Miauen einer verliebten Katze vernahm. Wenn dann endlich die Bronzeuhr auf dem Kamin mit zwölf silberhellen Schlägen die Mitternachtsstunde verkündete, sprang Jacqueline endlich auf, hüllte sich in einen dunkelblauen Schal, den sie von der Lehne des großen Sofas nahm, wo sie ihn immer bereit liegen hatte, und schlich sich auf den Zehen hinaus aus der Tür des Landhauses in den Garten. Wie ein Schatten huschte das junge Mädchen dann durch das Buschwerk und erreichte lautlos und von niemanden gesehen, die hintere Pforte des Gartens, die in ein kleines zwischen Äckern und Nachbargärten sich hinziehende Gäßchen mündete, das schließlich auf die große Landstraße nach Paris führte. Dann knarrte der Schlüssel, den Jacqueline in zitternden Händen hielt, einen Moment in dem Schloß der Gartenpforte und die Tochter ließ Herrn Tourlan ein, den der Wagen aus Paris bis an die Mündung des kleinen Gäßchens auf der großen Landstraße gebracht hatte. So war es jetzt schon wochenlang gegangen, seit jenem Tage, da Frau Tourlan den Brief an den Gatten in Genf geschrieben hatte, der die Nachricht von der tödlichen Erkrankung Adriennes enthielt und der Théophile Tourlan zu seiner unbedachten Rückkehr nach Frankreich veranlaßt hatte. Auch der Dichter Auguste Rodeur, den jeder Tag aufs neue wieder in das Sterbezimmer nach Louveciennes und an Jacquelines Seite rief, war Teilnehmer dieser nächtlichen Zusammenkünfte geworden. In dem totgeglaubten Herrn Tourlan hatte er so die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der ihm nicht nur als Vater Adriennes und Jacquelines nahe stand. Auch Théophile Tourlan war wie er selber ein Anhänger jener gemäßigten Richtung, die eben von den Machthabern zum Opfer gebracht werden sollte, ein Mitgänger jener Partei, die zwar für die Abschaffung des Königstums und die Einführung der Republik gestimmt hatte, die aber das Leben des Bürgers Capet und das seiner Familie hatte schonen wollen, die der Ansicht gewesen, das Wohl des neuen Staates auf Reformen und Gesetzen und nicht auf dem vergossenen Blute der Bürger und den Launen der Willkür einer Handvoll neuer Tyrannen, die der Stimme des Pöbels lauschten, aufbauen zu können. So hatten sich denn Auguste Rodeur und Théophile Tourlan rasch gefunden. Das Land der Liebe und Freundschaft knüpfte sich ja so schnell in jenen Tagen, da das Beil des Henkers über jedem Nacken gezückt war, da es nur eine Frage des Zufalls schien. ob und wann es herniedersausen und einen selbst wie die Tausende und Abertausende, deren Blut schon auf dem Revolutionsplatz geflossen war, vernichten würde. Es knüpfte sich eben so leicht und sicher, wie die Flamme des Hasses und der Feindschaft jach emporloderte, da der Dienst im Solde des Henkers wie bei Chien de Boucher zu Vaterlandsliebe und Freiheitsgesinnung geworden war! Acht Tage hatten genügt, um Auguste Rodeur an Tourlan zu ketten, den der Dichter jetzt schon mit all der Sorge und Freundschaft umgab, die sonst nur der Sohn für den Vater übrig hat. So war denn Auguste Rodeur die Stunde dieser nächtlichen Zusammenkünfte bekannt. Auch er machte sich jeden Abend kurz nach elf Uhr zu Fuß von Versailles auf den Weg und langte wenige Minuten vor Mitternacht an dem hinteren Gartentore des Landhauses in Louveciennes an, wo Jacqueline seiner und des Vaters wartete und ihnen das Schloß öffnete, das dem Vater den Weg zu seiner Familie und ihm den zu den Freunden seines Herzens und der sterbenden Genossin seiner Dichterträume freigab. In der Abendstunde hatten sie sich heute wieder, seit langem zum ersten Male, Wolken am westlichen Horizont zusammengeballt. Im Lauf des Tages war es wohl wärmer gewesen, als während der ganzen vergangenen Woche. Es lag daher wie ein Frühlingsgewitter in der Luft, als Jacqueline wartend und horchend im Schatten eines Fliederbuschs zur Seite der Hinterpforte des Gartens stand. Ihr war heute so seltsam, ängstlich, schauerlich beklommen zumute. Nicht, daß sie sich fürchtete! In den Tagen des Schreckens hatte man die Furcht wohl abgelegt ... oder vielmehr man hatte sich so an die Furcht gewöhnt, daß man sie nicht mehr empfand. Sie war etwas so Selbstverständliches, etwas, das einen in diesen Tagen verfolgte wie sein eigener Schatten, so daß sie einem eigentlich gar nicht mehr zum Bewußtsein kam. Man las die Zeitungen, die in diesen Tagen in Paris wie die Pilze nach des Sommers warmen Regen aus dem Erdreich schossen, und man achtete kaum mehr auf das, was man las. Ob die Zahl der Hinrichtungen an einem Tage 120 oder 130 betragen hatte, war einem gleich. Paris troff von Blut, das wußte man, das war ein notwendiger Bestandteil dieses Regierungssystems, an dem man ja doch nichts zu ändern vermochte. Es war also nicht die Furcht, es war etwas anderes, was Jacquelines Inneres in dieser mitternächtlichen Stunde des Wartens so ganz erfüllte. Unter den Wolken des drohenden Frühlingsgewitters wartete sie in tiefer Nacht. Sie wartete auf den Vater, der nach der gefährlichen Fahrt von Paris, die den Keim des gewaltsamen Todes für ihn in sich bergen konnte, nach Louveciennes herauskommen sollte. Aber wartete sie eigentlich wirklich auf ihn und wartete sie nur auf ihn? Oder war es in Wahrheit ein anderer, auf den sie hier wartete? Flammenröte schlug bei diesem Gedanken in ihr Gesicht. Sie fühlte das wohl, wenn hier auch kein Spiegel war, in dem sie ihre von Purpurglut übergossenen Wangen hätte betrachten können. Wie große, schwarze Vögel des Schicksals zogen die Wolkenballen des Frühlingsgewitters, das sich immer noch nicht entladen wollte, über Jacquelines Scheitel dahin. Der Wind, der sich jetzt erhoben hatte, spielte mit ihrem blonden Haar. Sie trug keinerlei Kopfbedeckung, nur den Schal hatte sie um Hals und Brust geschlungen. So wartete sie. Was die sterbende Adrienne damals in ihrem Fieberwahn zu Auguste Rodeur gesagt, hatte sie wohl verstanden. Die Meinung und der Wunsch der Scheidenden, deren Tage nach dem Urteil Doktor Richards gezählt waren, gingen ihr durch den Kopf. Und auch sie hatte es gepackt ... War es die Liebe, wirklich die Liebe zu dem Dichter Auguste Rodeur, von dem sie doch wußte, daß er die sterbende Schwester anbetete, die Schwester, die sie nun hintergehen wollte, indem sie ihr das nahm, was der Scheidenden bis zu deren letztem Atemzug als unverlierbares Eigentum gehören mußte? War es diese verzehrende Leidenschaft und Liebe, die nun ihren Busen höher wogen ließ, die ihr das Herz zusammenkrampfte ... oder war es der Geist dieser Zeit? War es das Schrankenlose dieser Tage des Schreckens, die Mann und Weib zueinander zwangen, so lange das Blut noch durch ihre Adern pulsierte, in der Gewißheit, daß man die Stunde des Lebens und des Genusses nicht vorübergehen lassen dürfe, weil das junge und heiße Blut schon morgen dazu bestimmt war, in hochaufspritzendem Strahle die Stufen des Gerüstes zu färben? Jacqueline wußte es nicht. Da ließ sie ein dumpfes Geräusch zusammenfahren. Was war das? Waren das die Schritte des Vaters, waren es die Auguste Rodeurs, waren es die der Häscher, die man in diesen Tagen in jedem Augenblick zu gewärtigen hatte? Aber nein! Es war nur der Wind, der raschelnd und knackend durch die Zweige des Fliederbusches fuhr, von dessen Blüte im Floréal sie noch nicht wußte, ob sie sich auch noch schauen würde. Es war nur das Frühlingsgewitter, das droben in ungemessener Höhe dahinzog über ihren blonden Scheitel, das sich jetzt in grellen Blitzen und dumpfem Rollen entladen wollte, ohne daß es zu dem befreienden und erfrischenden Regen kam, nach dem sich des Gartens schon trocken gewordene Beete sehnten, in deren dunkeln Schoß Flora, das Kind, den Samen der Zukunft gesenkt hatte. Jacqueline blickte hinauf in den düsteren Himmel. Wie die grotesken Spukgestalten einer überreizten Fantasie zogen die Wolkenballen dieses Frühlingsgewitters, das da kommen sollte und doch nicht kam, über sie dahin. Zwischen den aus Dunst und Nässe und Nacht gewobenen, bizarren Gebilden blitzten da die Sterne in unfaßbarer Höhe, einen Augenblick blitzten die, um rasch wieder zu verschwinden, wie das Licht der Hoffnung, das, noch ehe das Auge es gesucht und gefunden, wieder in trostlose Finsternis taucht. Droben lag die Schwester im Sterben, um derentwillen der Vater das Leben aufs Spiel setzte, und hier unten im Garten stand sie und harrte des Mannes, der der vom Leben Abschied Nehmenden allein gehörte, und ihr Herz kannte in der Tat nur den einen Wunsch: Wenn er jetzt käme, um mich in dieser Nacht des Frühlingsgewitters in seine Arme zu reißen ... daß ich an nichts mehr zu denken brauchte, nicht an die Schwester und nicht an die Mutter, nicht an das Kind und nicht an den in ständiger Todesgefahr schwebenden Vater, nicht an Frankreich und sein Schicksal, auf daß dieser Tag des Schreckens auch für mich in einem Rausch des Blutes unterginge! Da klang das Heulen Hussards, des großen Bernhardiners, der drüben den seit dem Sturze des Tyrannen verlassenen Park der gräflichen Familie de Tissanderie durchstreifte, und kaum mehr etwas zu fressen hatte, durch das Dunkel der Nacht und übertönte das Klagen des eben ein wenig nachlassenden Windes. Jacqueline spitzte die Ohren. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse herauf. »War es der Vater, der aus Paris zu den Seinen kam ... oder ...« Sie lauschte. Im Gäßchen wurden Schritte vernehmbar. Jacqueline fuhr zusammen. Konnten es nicht auch die Häscher sein, die den Unterschlupf Tourlans in der Rue Saint Honoré ausfindig gemacht hatten. Konnten sie nicht kommen und auch sie holen, sie und die alte Mutter und die sterbende Schwester, weil sie herausgefunden hatten, daß sie trotz allen Leugnens mit dem Emigrierten korrespondiert und so im Sinne des Gesetzes gegen die Verdächtigen schuldig geworden waren? Oder ... oder ... war es er? Endlich er? Sie war außer sich. Sie fühlte sich kaum dazu imstande, den Schlüssel in das Schloß der Gartenpforte zu stecken und ihn umzudrehen. Aber sie tat es doch mit einer letzten Anstrengung aller ihrer Willenskräfte, einerlei, ob sie in dieser Nacht des Sturmes Freund oder Feind in den Garten ließ. Sie taumelte. Als sie wieder zu sich kam, lag sie in Auguste Rodeurs Armen. Voll Seligkeit schlug sie die Augen zu ihm auf. »Wo bin ich, stammelte sie in verzückter Verwirrung.« »Was ist Ihnen denn, Jacqueline,« fragte er da voll banger Sorge. »Sagen Sie mir um Gottes willen, was Ihnen ist? Ist eine schlimme, eine entscheidende Wendung in Adriennes Zustand eingetreten?« Diese Frage brachte sie wieder zur Besinnung. »Nein, Herr Rodeur,« sagte sie in fast kühlem Tone zu dem Manne, nach dem sie die Sehnsucht verzehrte und der sie noch immer in seinen Armen hielt. »Adriennes Zustand ist der gleiche, der er gestern gewesen ist. Sie irren sich! Nein!« »Gottlob,« stammelte Auguste Rodeur. Es entging ihm völlig, daß ihn Jacqueline bei diesem Wort mit einem geradezu haßerfüllten Blicke maß. Er fuhr fort: »Sind sie wieder dagewesen, die Bluthunde, Jacqueline? Haben Sie Bestimmtes über Herren Tourlan in Erfahrung gebracht?« Sie riß sich von ihm los. »Ich warte noch auf Herren Tourlan, wie Sie wohl sehen, Herr Rodeur.« »Sie werden vergeblich auf ihn warten, Jacqueline!« Dumpf wie das Urteil des Todes fielen diese Worte aus Auguste Rodeurs Munde. Und Jacqueline erschrak. Aber nicht über die furchtbare Botschaft, die diese Worte aus dem Munde Auguste Rodeurs doch in sich schließen mußten, sie erschrak über sich selbst. Sie erschrak darüber, wie gleichgültig ihr diese Worte in diesem Momente waren, da sie sich dem Manne, den alle ihre Sinne begehrten, in dieser Frühlingsnacht des Gewitters allein gegenüber befand, diese Worte, die den Tod des Vaters, das Ende der Schwester, vielleicht auch das der Mutter und den Untergang ihrer ganzen Familie in sich schließen konnten, und die sie ... das fühlte sie doch in dieser Stunde ... kaum berührten. »Sie fragen nicht, Jacqueline, warum Herr Tourlan in dieser Nacht nicht aus Paris kommt,« stammelte endlich Auguste Rodeur. »Doch ... doch ... ich frage ja, Herr Rodeur ...« brachte sie da mühsam hervor. »So kommen Sie in das Haus, Jacqueline, ich will Ihnen und Frau Tourlan alles sagen. Ich muß noch in dieser Nacht nach Paris!« »Das dürfen Sie nicht, das dürfen Sie unter keinen Umständen, das lasse ich nicht zu, Herr Rodeur!« »Ich muß, Jacqueline! Es gilt das Leben Ihres Vaters! Es ist meine Pflicht, alles zu versuchen, mich zu überzeugen, ob es noch einen Weg der Rettung für ihn gibt,« beharrte er. »Und ich lasse Sie nicht nach Paris, Herr Rodeur!« Wieder lag sie an seiner Brust wie vorhin, da sie einer Ohnmacht nahe gewesen, und ihre Arme umfaßten seinen Hals wie mit eisernen Klammern. Er wehrte ihr. »Aber, Jacqueline, die Angst macht Sie rasend und unvorsichtig! So nehmen Sie doch Vernunft an, Jacqueline!« Aber sie preßte sich nur noch fester an ihn. »Nein,« schrie sie, »ich ertrage das nicht! Diesen Hals sollen die Bluthunde nicht haben, diesen nicht!« Da löste er mit sanfter Gewalt Jacquelines Arme von seinem Halse und sagte: »Er gehört Frankreich und dem Schicksal und der Vorsehung, wie jeder in diesen Tagen, Jacqueline, wenn die Stunde geschlagen hat! Ich gehe freudig und voll Zuversicht nach Paris, wie es auch ausfallen mag!« Sie zitterte. Seine Festigkeit und seine Todesbereitschaft hatten ihr mit elementarer Kraft allen Mut genommen. So legte er ihren Arm in den seinen und führte sie durch den schweigenden, in das Dunkel der Frühlingsnacht gehüllten Garten dem Landhaus zu. »Sie öffnen mir nachher wieder das Pförtchen, Jacqueline,« vernahm sie da wie im Traum seine Stimme, »das Gäßchen mündet auf die große Landstraße nach Paris ... und diese ist jetzt auch mein Weg!« Kein Laut kam von ihren Lippen. Aber im Schein des Mondes, der eben die schweren Wolkenballen des Frühlingsgewitters durchbrach und sein mildes Licht wie im sanften Strahl des Abschieds über die Kieswege des Gartens von Louveciennes sandte, schien es ihm, als ob sie endlich leise zur Bejahung den Kopf senkte. Sie betraten das Haus. Jacqueline öffnete die Tür in den Salon, wo Frau Tourlan vor dem flackernden Kaminfeuer wartete. Der bleiche Schrecken malte sich auf ihrem Gesicht, als die beiden ohne Théophile eintraten. »Wo ist Herr Tourlan, stammelte die alte Frau. »Ich weiß es nicht, Madame,« sagte Auguste Rodeur. »Ich bin auf dem Weg nach Paris, ihn zu suchen, seinen Aufenthalt ausfindig zu machen!« »So weilt er nicht mehr in jenem Hause der Rue Saint Honoré, Herr Rodeur?« »Ich habe Gründe, aus denen ich annehme, daß das nicht mehr der Fall ist, Frau Tourlan, aber trotzdem werde ich ihn noch in dieser Nacht in diesem Hause suchen!« »Hat man seinen Unterschlupf ausfindig gemacht, hat man ihn verhaftet.« jammerte jetzt die alte Frau, »verbergen Sie mir nichts, Herr Rodeur, geben Sie mir das Gift nicht tropfenweise, wenn es denn doch Gift sein soll,« bettelte sie. »All' das weiß ich noch nicht, Frau Tourlan! Ich habe nur einen Brief aus Paris erhalten, der mich warnt!« »Und ist der Briefschreiber zuverlässig, Herr Rodeur?« »Ich kann mich auf ihn verlassen, wie auf mich selber, Frau Tourlan! Es ist Aristide Poignard!« »Der Maler?« »Derselbe, den auch Sie vor Monaten, im vergangenen Herbst hie und da in Versailles gesehen haben. Ich habe lange nichts von Aristide Poignard gehört. Ich wußte nicht, was aus ihm geworden ist. Fast scheint es, als sei er in schlechte Hände geraten, aber im Grund genommen ist er überzeugter Royalist ... und das macht seinen Brief so wertvoll!« »Und was schreibt Herr Poignard?« »Hören Sie!« Auguste Rodeur bemerkte gar nicht, daß sich Jacqueline für den Inhalt dieses wichtigen Briefes durchaus nicht zu interessieren schien, daß sie in dumpfem Grübeln, wie in Abwesenheit, vor sich hin starrte, während er sich an Frau Tourlan wandte, und sich auf dem ihm von der alten Dame angebotenen Fauteuil niederließ. Im Schein der Kerzen, die auf den Marmorkandelabern des Kamins brannten, las jetzt Auguste Rodeur: »Lieber Freund! Ich bin infolge der Not der Zeit in eine etwas absonderliche Gesellschaft geraten, aber das tut ja weiter nichts zur Sache. Ich halte es für ein Glück, daß mir mein neuer Beruf (Frage nicht weiter nach ihm!) die Möglichkeit gibt, Dir einen Dienst zu erweisen, denn er hat mich mit einigen der blutgierigsten Anhänger des eben in Paris herrschenden Systems zusammengeführt. Wenn ich mit meiner Annahme Recht habe, daß Du auch heute noch in der Villa der Damen Tourlan und Sourieux in Louveciennes verkehrst (wie solltest Du auch nicht? Adrienne ist doch ein Stern, wie so leicht kein zweiter am Himmel aufgehen wird), dann können Dir meine Zeilen nur dienlich sein.« Begeisterung im Ton seiner Stimme hatte Auguste Rodeur diese Worte gelesen. Ein wehes Schluchzen erschütterte Jacquelines Körper. Er nahm es für das natürliche Zeichen ihrer gewaltigen Erregung, achtete nicht weiter darauf und fuhr fort: »Mein neues Geschäft, das mir täglich zwanzig Francs einbringt, denke Dir bei dem Niedergang der Kunst ... ein Maler und zwanzig Francs an einem einzigen Tage ... hat mich mit einem gewissen Parmentier bekannt gemacht, der eben der wichtigste Schreiber in dem Bureau des gefürchteten Fouquier Tinville ist. Er und ein Agent des Überwachungskomitees, dem sie den schönen Namen Chien de Boucher gegeben haben und der in Wirklichkeit Duchèsne heißt, sind Herren Tourlan, der also doch noch lebt und unbegreiflicher Weise nach Frankreich zurückgekehrt sein soll, auf den Fersen. Wir alle hielten ihn doch für einen langst in Lyon Geköpften! ... Sie werden versuchen, ihn in seinem hiesigen Unterschlupf ausfindig zu machen, und wenn sie ihn dort nicht finden sollten, ihm sicher auch in Louveciennes nachstellen. Du weißt, wie Du selbst hier angeschrieben bist! Also, wenn Dir Dein Kopf lieb ist, und er sollte dir lieb sein wegen der Pläne und der Dichtungen, die noch in ihm schlummern, dann meide das Landhaus in Tonneciennes. Das hatte ich Dir zu sagen. Dein alter Freund Aristide Poignard.« »Und Sie glauben, daß sie ihn schon in der Nue Saint Honoré ausfindig gemacht haben, Herr Rodeur, weil er in dieser Nacht nicht nach Louveciennes gekommen ist?« stotterte nun Frau Tourlan. »Das ist doch nicht ausgeschlossen. Über das will ich ja gerade feststellen, deshalb gehe ich heute, noch in dieser Nacht nach Paris, ob ich ihn noch finden und ihn zur Flucht überreden kann. Wenn er vor Tagesgrauen Paris verläßt, wenn es ihm gelingt, unerkannt die Grenze zu erreichen, dann ist er gerettet!« »Und Sie, Herr Rodeur?« »Ich?« Auguste Rodeur lachte. »Ich halte diesen Brief meines Freundes Aristide Poignard für den Wink des Schicksals, das mich auf den Schauplatz der Ereignisse ruft, Frau Tourlan, das ist doch gewiß sehr einfach und das ist alles!« »So gehen Sie mit Gott, Herr Rodeur ... Aber lassen Sie die Vorsicht nicht ganz aus dem Spiel,« erwiderte jetzt die alte Frau Tourlan, »wenn Sie glauben, ihn noch retten zu können. Unsere ganze Hoffnung und alle unsere Wünsche begleiten Sie nach Paris, Herr Rodeur! ... Nicht wahr, Jacqueline?« Ein gequältes »Ja, Mutter« rang sich als Antwort von Jacquelines Lippen. »Aber ehe ich gehe, vielleicht für immer gehe ... habe ich noch eine große Bitte,« sagte jetzt Auguste Rodeur. »Wir erfüllen Ihnen jede Bitte, Herr Rodeur, deren Erfüllung in unseren Kräften steht, antwortete Frau Tourlan schlicht. »Ich möchte von Adrienne Abschied nehmen, Frau Tourlan,« sagte jetzt Auguste Rodeur, »weil ich nicht weiß, ob ich von diesem Wege nach Louveciennes zurückkehren werde.« »Adrienne schläft,« warf da Jacqueline rasch dazwischen. »Auch so möchte ich sie noch einmal sehen, Jacqueline! Ich verspreche Ihnen, daß ich sie nicht wecken werde, sie nicht und das Kind nicht. Begleiten Sie mich bitte, Jacqueline!« »So erfülle doch Herrn Rodeur diesen Wunsch!« Erst die Worte der Mutter belehrten Jacqueline, daß es doch wohl nicht anging, in dieser Tage Auguste Rodeur, der bereit war, sich um des Vaters willen selbst in Todesgefahr zu bringen, seinen Wunsch abzuschlagen. So nahm sie denn einen der Marmorkandelaber, auf dem die Kerzen brannten, vom Kamin und sagte: »Kommen Sie, Herr Rodeur!« Sie stiegen Seite an Seite die Treppe hinauf, die zu dem Schlafgemach führte. Aber sie sprachen kein Wort miteinander und ihre Hände berührten sich nicht. Wie Eisesschauer ging es während dieses Ganges durch den Körper Jacquelines, und es war ihr in dieser Stunde, als ob sie Welten von dem Manne schieden, nach dessen Umarmung sie noch vorhin drunten im Garten gelechzt hatte. Es war ihr, als ob der schon dem Tode verfallen sei, als ob der bereits unter den Abgeschiedenen wandelte, er, der als letzten Wunsch noch einmal den Anblick der gleich ihm selber dem Tod Überantworteten begehrte, während das blühende Leben hier dicht an seiner Seite schritt und bereit war, sich ihm in die Arme zu werfen. Als sie jetzt das Schlafgemach betraten, als Jacqueline mit zitternder Hand den Kandelaber mit den Kerzen hob, um Adriennes Gesicht zu beleuchten und so dem Geliebten einen letzten Blick in das Antlitz der Schwester zu ermöglichen, der, wie sie wußte, trotz allem sein ganzes Herz gehörte, regte sich Arienne nicht. Schwer und niedergedrückt vom Schlaf lagen die Lider auf diesen Augen, die sie nicht mehr öffnete, und die flackernden Lichter auf dem Kandelaber schwankten in Jacquelines Hand, so daß die Glasverzierungen des Leuchters klirrend aneinanderschlugen. Mit weitaufgerissenen Augen starrte sie die Schwester an, der sie noch eben den an ihrer Seite, den um ihres Vaters willen am Ende in den Tod gehenden, nicht gegönnt hatte. Sie brachte kein Wort über die Lippen. Entsetzen malte sich in ihren Blicken und sie schwieg. Und auch aus Auguste Rodeurs Munde kam lange kein Wort. Er sah und erfaßte alles in einem einzigen Momente, aber das Wort, das er doch an Jacqueline richten mußte, das fand er nicht. Endlich trat er dicht an das Bett heran. Mit zitternden Händen berührte er die Lider derer, die die Fanny seiner Oden gewesen, die ihn wie im Tanze durch dieses Frankreich des Blutes und der Tränen auf die Höhe der Dichtung geführt hatte. Er schloß die Lider mit sanftem Druck, dann sagte er einfach: »Adrienne ist tot, Jacqueline! ... Jetzt wird mir der Abschied so leicht und der Gang nach Paris ist mir nichts weiter, als ob er ein Morgenspaziergang durch den Park von Versailles sein sollte.« Jacqueline war vor dem Lager der toten Schwester niedergesunken. Sie wagte es nicht, die Augen zu Auguste Rodeur emporzuschlagen. Da klang die silberhelle Stimme des Kindes, das der Lichtschein der brennenden Kerzen geweckt hatte, durch das stille Gemach. »Bist du da, Onkel Auguste,« fragte diese Stimme. Auguste Rodeur trat an das Bettchen der Kleinen heran, das man ihr seit Adriennes schwerer Erkrankung in einer Nische des Gemaches bereitet hatte. »Du bist ja in Hut und Mantel, Onkel Auguste,« fuhr das schlaftrunkene Kind fort und rieb sich die Augen. »Wo willst du denn hin?« »Ich gehe nach Paris, Flora!« Das Kind wurde munter. »Dann bringst du mir etwas mit, Onkel Auguste?« »Aber gewiß, mein Liebling,« sagte er. »Doch jetzt sei artig, Flora, und schlafe wieder ein. Wenn du erwachst, dann bringe ich dir das Schönste mit, was ich in ganz Paris finden kann! ... Leben Sie wohl, Jacqueline, und geben Sie mir den Schüssel zur Pforte ... Bleiben Sie bei unserer teuren Toten oder rufen Sie Frau Tourlan. Ich werde meinen Weg jetzt ganz allein gehen müssen! ... Den Schlüssel lege ich Ihnen unter den Fliederstrauch!« Wortlos reichte ihm Jacqueline den Schlüssel. Mechanisch gab sie ihm die Hand zum Abschied, aber den Druck ihrer Hand fühlte er nicht. Sie war wie die Hand der andern hier im Himmelbett, schlaff und kalt. So ging er aus dem Haus der Tourlans, aus Louveciennes ... nach Paris! Jacqueline rührte sich nicht. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft des Wunsches, daß er aus Paris wiederkehren möchte, weil er, der Totgeweihte, ja doch Eigentum einer Toten war! Dreizehntes Kapitel. Der Dichter Auguste Rodeur hatte das Ende des Gäßchens erreicht, das den Garten des Tourlan'schen Landhauses in Louveciennes mit der Landstraße nach Paris verband. Und seltsam beklommen war ihm in dieser dunklen Frühlingsnacht zumute, da er sich auf den weiten und schweren Weg machte, den er vor hatte, und da er sich nun diesen, im Düster kaum zu erkennen, vor sich ausbreiten sah. Der mit niederschmetternder Schnelligkeit eingetretene Tod der Heißgeliebten, Jacquelines rätselvolles Wesen, die Angst um Herrn Tourlan, den er in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft so lieb gewonnen hatte, der Schleier, der sich über seiner eigenen Zukunft breitete, die Wolken des Schicksals, die sich plötzlich wie das Gewitter dieser Nacht über dem Landhaus von Louveciennes zusammenballten, das alles lag zentnerschwer auf seine Seele und benahm ihm die Leichtigkeit des Handelns und des Entschlusses, die all sein Lebtag die eigentliche Kraft seines Seins gewesen war. Endlos, so kam es ihm in dieser Stunde vor, lag diese Straße vor ihm. Wenn er alle seine Kräfte zusammennahm, wenn er nicht vorher ermüdete und energie- und willenlos am Wegrand sich niederließ, dann konnte er Paris in etwa fünf Stunden erreichen, dann war es möglich, daß er noch kurz vor Sonnenaufgang in der Rue Saint Honoré in dem Unterschlupf des Herrn Tourlan, den Jacqueline und deren Mutter ihm verraten hatten, anlangte und den Vater der jetzt Toten von der Gefahr, in der er sich befand, unterrichtete. Nur von diesem einen Gedanken beherrscht, schritt Auguste Rodeur vorwärts. Er achtete nicht des Regens, der jetzt in dichten Strömen fiel, der seinen Mantel und seine Kleider durchnäßte, so daß er bald keinen trockenen Faden mehr auf dem Leib hatte. Er wollte den Freund retten, den Vater der Familie erhalten, und wenn er das wollte, dann mußte er es ermöglichen, daß er noch ungesehen und unbemerkt in der Rue Saint Honoré anlangte, bevor sich die Sonne des neuen Tages über Paris erhob. Mit dem Regen und Sturm des Ventose, der sich eben wieder kräftiger erhoben hatte, kämpfend, schritt Auguste Rodeur voran, stunden– und stundenlang, ohne zu erlahmen, ohne sich auch nur den Gedanken an Müdigkeit und Ruhe zu gönnen. Es war totenstill in der Runde. Kein menschliches Wesen weit und breit zu sehen. Wenn er auf seinem Weg durch die Gasse eines Dorfes schritt, dann schlug hie und da ein Hund an oder ein verschlafener Hahn, dem der Morgen wohl nicht mehr fern zu sein schien, krähte dann und wann in einem Hühnerstall. Das Muhen einer Kuh. das Scharren eines träumenden Pferdes drang an Auguste Rodeurs Ohr. Sonst nichts ... nichts als das Heulen und Klagen dieses Frühlingswindes, der die Äste der Ulmen und Kastanien, deren erste Knospen sich eben entfalten wollten, wie in gigantischer Umarmung zur Erde bog. So kam er durch Les Gressets, so durch Vaucresson. Als er endlich Saint Cloud erreicht hatte, schlug es von dem alten Kirchturm vier Uhr. Die Massen des gewaltigen Schlosses ragten düster in das noch immer undurchdringliche Dunkel der Nacht hinein. Aber hie und da in den Häusern wurde es schon lebendig. An der Seine waren Bootsleute damit beschäftigt, ihre Nachen flott zu machen. Sie zogen auf Fischfang aus, sie wollten offenbar ihre Netze heben, deren Ertrag in den Stunden vor Sonnenaufgang der ergiebigste war. Aus manchem Fenster schimmerte Licht. Die Landleute von Saint Cloud begannen mit ihrem Tagwerk. Sie rieben sich den Schlaf aus den Augen, warfen sich noch mitten im Dunkel in ihre Kleider, um in den Ställen nach dem rechten zu sehen und dann beim ersten Sonnenstrahl mit der Arbeit auf den Feldern und in den Gemüsegärten zu beginnen. Vor den Toren Saint Clouds auf der Landstraße traf das Geräusch eines langsam seines Weges daherziehenden Wagens Auguste Rodeurs Ohr. Unwillkürlich drehte er sich um. Die Füße schmerzten ihn. Es war ihm mit einemmale, als ob er so nicht mehr weiter könne. Es war der Karren eines Milchmanns, der seine Kannen in der frühen Morgenstunde in die Hauptstadt fuhr. Den Schlaf noch in den Augen, saß der Alte in seiner blauen Bluse auf dem Bock. Er schnalzte von Zeit zu Zeit mit der Zunge, um seine Mähre anzutreiben, die sich aber nicht um alles in Trab setzen wollte. Auf dem Kahlkopf trug er die rote Mütze der Republik, wie sie alle in diesen Tagen, denn besser war schon besser, zumal wenn man aus Saint Cloud kam und in Paris seine Milch an die Freunde der Freiheit verkaufen wollte. So dachte wenigstens Vater Legrange, der den Sturz des Königtums und den Sieg der Gerechtigkeit hier in Saint Cloud aus nächster Nähe miterlebt hatte. Als der Wagen den einsamen Wanderer einholte, wandte sich Auguste Rodeur an den Alten auf dem Bock. »Wie weit ist es noch nach Paris, Bürger?« fragte er ihn. »Wenn Labruyère so weiter macht, dann werden wir kaum vor sechs im Quartier Saint Germain sein, Bürger, und ich muß noch in die Gegend des Palais Royal!« Bei diesen Worten deutete der Alte auf seinen Gaul, der wieder hindöste, als ob er die Stalluft, aus der er gerade kam, noch nicht aus den Nüstern hätte. »Ihr verkauft Eure Milch im Quartier des Palais Royal, Bürger?« fragte jetzt Auguste Rodeur. »In der Rue Saint Honoré, wenn Euch das interessiert, Bürger!« »Diese Straße ist auch mein Ziel, meint Ihr nicht, daß man vor Sonnenaufgang diese Straße noch erreichen kann?« Der alte Legrange kratzte sich hinter den Ohren. »Wenn Labruyère nicht so lendenlahm wäre, Bürger, dann schon! Die Sonne geht erst nach sechs Uhr auf, wir könnten dann schon um halb in der Rue Saint Honoré sein. Aber Labruyère will nicht. Wenn Ihr aber aufsitzen wollt, Bürger?« Auguste Rodeur kletterte auf den Bock des Milchkarrens an die Seite des alten Legrange. Er zog ein Assignat über fünf Franks aus der Tasche seines Rockes und reichte es dem Alten. »Wenn Ihr Labruyère antreiben möchtet, Bürger, fügte er diesem Geschenk bei, es liegt mir sehr viel daran, noch vor Sonnenaufgang in der Rue Saint Honoré zu sein.« Einen Augenblick sah der alte Legrange Auguste Rodeur mißtrauisch an. »Komisch, Bürger,« meinte er, »in diesen Zeitläufen komisch, wenn man zu Fuß von der Straße von Daucresson kommt und noch vor Sonnenaufgang in die Rue Saint Honoré will. Habt Ihr am Ende politische Geschäfte in Paris? Das ist in diesen Tagen ein gefährlicher Beruf! Aber gleichviel, fünf Franks sind fünf Franks ... Hopla, Labruyère!« Die Mähre setzte sich jetzt wirklich in Trab, die Peitsche des alten Legrange hatte sie dazu vermocht und eine Viertelstunde lang ging es in ganz anständigem Tempo vorwärts. »Ihr kommt täglich nach Paris, Bürger?« fragte jetzt Auguste Rodeur. »An jedem neuen Tag das gleiche, Bürger,« lautete die Antwort des Bauern. »Alle Morgen punkt vier hole ich Labruyère aus dem Stall und fahre meine Kannen nach Paris. Sie können unsere Milch gebrauchen in der Rue Saint Honoré, wer auch am Ruder sein mag, Robespierre oder Danton. Milch und Brot braucht man immer, solange einem noch die Vernunft und die Maschine das Leben lassen. Das war so in den Tagen des Tyrannen und ist auch heute im zweiten Jahr der Republik noch nicht anders geworden. Ich verkaufe meine Milch, ob nun der Monat März oder Ventose heißt!« Er lachte, so daß die zahnlosen Kiefern seines breiten Mundes sichtbar wurden. Dann spie er in weitem Bogen aus und rief: »Hopla, Labruyère! Für fünf Franks kann man sich schon ein wenig anstrengen.« »Und was gibt es neues in Paris, Bürger, ich bin lange nicht mehr in Paris gewesen?« Legrange schnalzte mit der Zunge. »Und hättet gut daran getan, Bürger, zu bleiben, wo Ihr wart, sollt' ich meinen! In Paris gibt es nichts neues, immer nur das alte und dasselbe, Bürger!« »Was meint Ihr damit?« »Blut und Blut und wieder Blut, Bürger!« ... Das ist das einzige, was in diesen Tagen in Paris verzapft wird. Die Abnehmer meiner Milch verringern sich von Stunde zu Stunde. Du lieber Himmel! Über die Liebe feiert trotz allem nicht. Ha, ha ... wenn sie erst darauf kommen, die Säuglinge zu köpfen, dann kann ich Labruyère zum Schinder bringen und meine Kühe dem Schlächter verhandeln, aber bis dahin hat es noch gute Wege. Denn trotz allem, die Liebe feiert in Paris nicht!« »So ... so ... Bürger!« Auguste Rodeur starrte vor sich hin ... finster. »Was ist Euch, Bürger?« »Ich denke über das nach, was Ihr soeben sagtet, die Liebe feiert nicht.« »Tut das! Sapristi, ob ich nicht recht habe! Der Storch kommt jeden Tag nach Paris, als hätte er keine andere Aufgabe als die, dafür zu sorgen, daß es dem Henker und seinen Knechten niemals an Material mangelt, und ich, ich verkaufe meine Milch dabei ... Übrigens hat es in der Rue Saint Honoré gestern einen kleinen Aufstand gegeben, Bürger! Vielleicht interessiert Euch das, wenn Ihr doch in diese Stadtgegend wollt!« »Was war das?« forschte Auguste Rodeur gespannt. Um Ende handelte es sich um Tourlan, und der Zufall gab ihm hier eine handhabe, die ihm seins Nachforschungen erleichtern konnte! Deshalb fragte er: »Hat man vielleicht gestern in der Rue Saint Honoré einen Verdächtigen aufgegriffen, Bürger?« Legrange lachte. »Die greift man in der Rue Saint Honoré wie in ganz Paris eben an jedem Tag auf. Gestern sind es wieder 68 gewesen, die man auf dem Revolutionsplatz um einen Kopf kürzer gemacht hat. Das wäre also kein Grund für einen Aufstand. Aber die Leute lassen sich das nicht länger gefallen, sie machen in der Rue Saint Honoré nach ihrem eigenen Rezept Revolution. Denn sie begreifen nicht, warum sie allein den Vorzug haben sollen.« »Welchen Vorzug Bürger, ich verstehe Euch nicht?« »Den Vorzug, daß die Karren mit den Verurteilten von der Conciergerie jeden Tag durch die Rue Saint Honoré gezogen werden. Am Anfang hob das ja das Geschäft. Aber das Volk hat sich jetzt an den ewigen Exekutionen auch satt gesehen, es verlangt nach neuer Unterhaltung, Fouquier Tinville zieht eben nicht mehr, Robespierre sollte also findiger sein. Keiner reckt sich mehr den Hals nach diesen Karren aus. Es macht den Leuten keinen Spaß mehr, wie noch vor sechs Monaten, als die Österreicherin an die Reihe kam. Deshalb meidet man die Rue Saint Honoré und das schädigt die Läden und die Cafés.« »Und deshalb gab es gestern einen Ausstand?« »Ja, Bürger! Das Volk hat demonstriert, vor dem Café Vater Levoisins ... es heißt jetzt ›Zu den Rutenbündeln‹ und hieß in den Tagen des Tyrannen ›Zu den drei weißen Lilien‹ ... ist es gestern zu einer solennen Keilerei gekommen, als die den Karren mit den 68 Verurteilten wieder einmal durch die Rue Saint Honoré nach dem Revolutionsplatz fuhren. Man schrie: Schluß! Fort mit der Maschine! Die Maschine gehört nicht in die Stadt! Sucht euch gefälligst einen anderen Platz für das Ding! Na, und was man in solchen Fällen noch alles ruft. Die Begeisterung ist eben futsch, was wollt Ihr, Bürger? Man ist nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache. Das Volk verlangt neue Sensationen und das sehen eben Fouquier Tinville und Robespierre nicht ein.« »Und hat dieser Aufstand irgend einen Erfolg gehabt, Bürger?« »Es scheint doch so. Die Sache ist im Konvent zur Sprache gekommen, man beratschlagt darüber, ob man die Maschine nicht lieber in einem Faubourg aufstellen soll. Man sprach, wenn ich nicht irre, von Saint Antoine und der Barrière du Tronc ... aber bis dahin hat es wohl noch gute Wege ... Hopla, Labruyère!« Infolge seines Gespräches hatte Legrange der Mähre nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Das Tier wäre um ein Haar in die Knie gesunken, wenn es Legrange nicht noch im letzten Augenblick in die Höhe gerissen hätte. »Wäre noch schöner, Labruyère,« knurrte jetzt der Alte, »fünf Franks und auch noch stolpern, wäre noch schöner ... Hopla, Labruyère!« Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »Man kann es ihnen ja schließlich nicht weiter übelnehmen, Bürger, daß sie rasche Arbeit machen. Fouquier Tinville schafft ununterbrochen Tag und Nacht und seine Aktenstöße werden nicht niedriger. Die Gefängnisse sind schon alle überfüllt. In der Conciergerie, im Luxembourg, in Saint Lazare ist kein Plätzchen mehr zu haben. Fouquier Tinville und seine Henker müssen für freie Stellen sorgen ... Ich kenne per Zufall einen, der in Saint Lazare Wächter ist ... einen gewissen Rougegorge ... der hat es mir erzählt ... Das und noch mehr ...« »Was noch mehr?« »Daß es in Saint Lazare sehr fidel hergehen soll, Bürger! Man sperrt jetzt Männer und Weiber einfach zusammen, einstmalige Herzoginnen und Gräfinnen, die unter dem Tyrannen in seidenen Betten geschlafen haben, mit Damen aus dem Palais Royal und Dirnen von der Place Grève. Alles kunterbunt durcheinander. Und auch in den Gefängnissen feiert die Liebe nicht. Die Leute wollen ihr Leben noch einmal genießen, wenn jeden Morgen der Friseur seine Visite abstatten kann. Rougegorge erzählte mir, daß man in Saint Lazare Herzoginnen um eine Flasche ordinären Landwein versteigert und der glückliche Besitzer hat selber noch nicht einmal dem dritten Stand angehört. Wie sich doch die Zeiten ändern können, Bürger, in wenigen Monaten. Man sollt' es einfach nicht für möglich halten. Mir dünkt's noch gut wie heut', da ich den Galawagen des Bürgers Capet und den der hochnäsigen Österreicherin in Versailles sah, an dem Tage, da der die Nationalversammlung zum erstenmal einberief!« Plötzlich und unvermittelt gab Auguste Rodeur dem Gespräch eine andere Wendung. »Habt Ihr viele Kunden in der Rue Saint Honoré, Alter.« fragte er. »Es macht sich so ... auch in der Rue Saint Honoré, Bürger, verliert man den einen und den anderen Kunden im Handumdrehen, man könnte sagen, durch höhere Gewalt!« »Was meint Ihr damit, Bürger?« »Da hatte ich zum Beispiel eine alte Frau zu bedienen, Bürger, Estelle mit Namen. Die brauchte viel Milch. Ich habe sie anfangs für eine Kinderhalterin genommen, weil sie so viel Milch brauchte ... »Ja und was ist mit dieser Frau Estelle?« »Wartet, ich erzähle Euch alles hübsch der Reihe nach!« »Sie war aber, gar keine Kinderhalterin, sie betrieb vielmehr ein ganz anderes Geschäft in dem alten Hinterhaus der Rue Saint Honoré.« Auguste Rodeur wurde immer gespannter. Aber er hütete sich, Legrange noch einmal zu unterbrechen und ihm so zu verraten, daß das Hinterhaus in der Rue Saint Honoré, in dem diese Frau Estelle wohnte, ein ganz besonderes Interesse für ihn habe. Deshalb fragte er lieber ganz unbefangen: »Und welches andere Geschäft betrieb diese Frau Estelle in ihrem Hinterhaus in der Rue Saint Honoré?« »Ein sehr gefährliches ... eines, Bürger, das einen in diesen Tagen den Hals kosten kann. Sie hielt eine Herberge, eine Fremdenherberge, sie nahm Verdächtige in ihrer Herberge auf ... das wußte ich nicht!« »Das ist ja interessant, Bürger,« heuchelte nun Auguste Rodeur, dem alles daran lag, den Namen dieser Herberge der Frau Estelle aus dem Alten herauszubekommen, ohne daß der Verdacht schöpfte. »Interessant nennt Ihr das. Ehrliche Leute dazu zu veranlassen, ihre Milch in ein solches Haus zu liefern, wo man Gefahr laufen kann ... Meiner Lebtage setze ich keinen Fuß mehr in diese vermaledeite Herberge zu den drei goldenen Kugeln!« Auguste Rodeur fuhr entsetzt zurück. Es konnte Legrange unmöglich entgehen, daß der Name dieser Herberge auf seinen Fahrgast einen ganz unerwartet tiefen Eindruck machte. »Habt Ihr am Ende auch gute Bekannte in der Herberge zu den drei goldenen Kugeln in der Rue Saint Honoré, Bürger? Wenn Ihr solche habt, dann kann ich Euch sagen, daß Ihr zu spät nach Paris kommt. Ein Agent des Überwachungskomitees und die Soldaten der Nationalgarde haben das Nest gestern nacht bereits ausgehoben. Der berüchtigte Chien de Boucher war auch dabei, wenn Ihr den par renommé kennt! Man soll einer ganzen Bande von Royalisten auf die Spur gekommen sein, die mit Pitt in England konspiriert. So hat man wenigstens gestern in der Rue Saint Honoré erzählt.« Auguste Rodeur nahm alle seine Kraft der Selbstbeherrschung zusammen, damit der Bürger mit der roten Mütze, der so friedlich an seiner Seite auf dem Kutschbock des Milchkarrens saß, nicht merken sollte, in welch' furchtbare Erregung ihn diese Mitteilungen versetzten. Das Haus der Frau Estelle, diese Herberge zu den drei goldenen Kugeln in der Rue Saint Honoré, das war ja der Unterschlupf Théophile Tourlans, den ihm Jacqueline und deren Mutter verraten hatten. Er kam also zu spät, wenn der Milchmann an seiner Seite die Wahrheit sprach, und an der Wahrheit seiner Erzählung war nach den Umständen kaum zu zweifeln. Es gelang Auguste Rodeur, so viel Ruhe und Fassung zu bewahren, daß Legrange in aller Seelenruhe weiter erzählte: »Man hat also das Nest ausgehoben und die ganze Gesellschaft in das Luxembourg abgeführt. Wann sie freilich zur Verurteilung kommen, das ist eine andere Frage. Denn wie gesagt, Fouquier Tinville hat alle Hände voll zu tun und die Akten werden dem Eingang nach erledigt ... wer zu unterst liegt, der kann lange warten ...« Er schwieg und sah Auguste Rodeur, ein schlaues Lächeln um seine unrasierten Lippen, mit einem vertraulichen Zwinkern seiner ein wenig triefenden Augen an. »Wenn Ihr Lust habt, in der Herberge zu den drei goldenen Kugeln eine Visite abzustatten, Bürger, dann könnt Ihr Euch den Weg sparen. Denn dann kommt Ihr heute zu spät! Hopla, Labruyère!« Der Milchkarren ratterte jetzt über das schlechte Pflaster der Rue de l'Université. Durch den Faubourg Saint Germain hatte Labruyère endlich Paris erreicht und noch lag die mit dem Dämmer des Morgens ringende Nacht über der Stadt. Als man in der Nähe des Louvre angelangt war und die Seine mit dem Pont Neuf hinter sich hatte, machte Legrange halt. Er deutete mit dem Stiel seiner Peitsche nach dem Wirtshausschild eines kleinen Hauses und sagte: »Ich muß Labruyère jetzt füttern und will selbst meine Suppe essen drüben bei Vater Michelet, Ihr entschuldigt mich, Bürger.« Auguste Rodeur reichte dem alten Legrange die Hand zum Abschied und schüttelte sie herzlich. »Ich danke Euch, Bürger, für die Fahrt und für die Mitteilungen, die Ihr mir gemacht habt.« Dann ging er geraden Weges vorüber an dem mächtigen Gebäudekomplex des Louvre und betrat voll Sorge und Angst die Rue Saint Honoré. Noch war die alte Straße in völliges Dunkel gehüllt. Droben am Himmel stritt der erste Schimmer des werdenden Morgen mit den langsam erbleichenden Sternen. Auguste Rodeur fröstelte. Schon zwischen Saint Cloud und dem Faubourg Saint Germain hatte es aufgehört zu regnen, aber sein Mantel und seine Kleider waren noch immer naß. Ein Gefühl der Leere erinnerte ihn daran, daß er seit zwölf Stunden nichts mehr zu sich genommen hatte, und die Schauer, die jetzt über seine Haut liefen, waren wie Vorboten des Fiebers. Da entdeckte er ungefähr in der Mitte des Stückes der Rue Saint Honoré, das er von hier aus zu überschauen vermochte, noch eine Laterne. Es war die einzige in der ganzen Straße, die brannte. Alle anderen Häuser außer dem einen, das diese Laterne trug, lagen in tiefe Schatten gehüllt da. Er mußte sich stärken, mußte etwas essen, sonst lief er Gefahr, auf dem Pflaster hinzusinken. Und dann ... wenn das der Wahrheit entsprach, was der Alte auf dem Kutschbock des Milchkarrens erzählt hatte, dann war ja sein Besuch in der Herberge der Frau Estelle völlig zwecklos, nein, im Gegenteil, dann war ein solcher Besuch für ihn selbst mit der größten Gefahr verbunden ... So wollte er denn in Ruhe überlegen, welche Schritte jetzt die geeignetesten seien, um etwas über das Schicksal Théophile Tourlans zu erfahren. Wenn es der Wahrheit entsprach, daß man ihn mit den anderen Verdächtigen der Herberge zu den drei goldenen Kugeln im Luxembourg eingeliefert hatte, dann brauchte er unter Umständen nur den Versuch anzustellen, sich einen Einblick in die Listen des Gefängnisses zu verschaffen und dann hatte er die traurige Gewißheit. So ging er denn geraden Weges auf das Haus mit der brennenden Laterne zu. Schon von weitem vermochte er die auf der Innenseite der Glasscheibe in der Laterne angebrachte Inschrift zu lesen: Café. Es war das Café zu den Rutenbündeln, das Lokal Vater Levoisins, das Auguste Rodeur jetzt ahnungslos betrat. Man schien hier die Nacht durchgezecht zu haben. So wenigstens sah es aus. Das Lokal war leer. Aber auf den Tischen standen noch die Gläser mit den Resten und ein Spiel Karten, das irgend jemand vielleicht im Streit auf den Boden geworfen haben mochte, trieb sich in allen Winkeln und Ecken umher. Hier lag eine Karte und dort wieder eine, so daß man jede von den 32 auf einem anderen Plätzchen suchen konnte. Todmüde setzte sich Auguste Rodeur auf die Bank, die sich hier in der Ofenecke an der Wand hinzog. In dem Ofen flackerte noch ein ganz kleines Feuer, an dem er sich ein wenig erwärmen und seine Kleider trocknen konnte. Ein großer, schwarzer Kater lag auf der Bank. Als Auguste Rodeur ihn im Nacken kraulte, begann das Tier behaglich zu schnurren. Der Dichter stützte den Kopf in beide Hände und es dauerte nicht lange, da sank sein Haupt schwer herab. Er schlief. Die Aufregungen der letzten Stunden und die gewaltigen Anstrengungen, die ihm Weg und Fahrt von Louveciennes nach Paris auferlegt hatten, forderten ihren Tribut. Er wußte selbst nicht, wie lange er hier gesessen und geschlafen hatte, als ihn eine Frauenstimme in die Wirklichkeit zurückrief. »Was wünscht Ihr, Bürger,« vernahm er sie an seiner Seite. Auguste Rodeur fuhr auf. Sein Blick traf das Gesicht eines Mädchens und dieses Gesicht war von außerordentlicher Schönheit. Es war die Bürgerin Louise Marteau, die vor ihm stand, deren Wuchs und Liebreiz die Pöbelhaufen in Saint Eustache in einen Rausch des Entzückens versetzt hatten. Aber Auguste Rodeur wußte das nicht. »Könnt Ihr mir einen heißen Kaffee bereiten, Bürgerin,« fragte er. »Habt Ihr Brot oder sonst etwas Genießbares im Hause,« wandte er sich weiter an das Mädchen. Die Bürgerin Louise Marteau sah ihn ganz erschrocken an. Sie maß den Fremdling in den nassen Kleidern, die auf eine weite nächtliche Wanderung hinzudeuten schienen, mit scheuen Blicken und dann sagte sie: »Wer Ihr auch sein mögt, Bürger, ich bin gern bereit, Euch einen heißen Kaffee zu kochen und Euch Brot zu holen und was wir sonst noch im Haus haben ... Aber wenn Ihr fremd in Paris seid ... Ich weiß nicht, ob das Café zu den Rutenbündeln der richtige Ort für Euch ist!« »Was wollt Ihr damit sagen, Bürgerin?« »Offen gestanden, Bürger, wenn ich Eure weißen und gepflegten Hände ansehe, wenn ich Euer Gesicht betrachte, dann halte ich Euch ... verzeiht mir ... aber dann halte ich Euch für einen gewesenen Adeligen ... und wenn nicht das, so doch sicher für einen Royalisten! Seitdem man gestern die Herberge zu den drei goldenen Kugeln ausgehoben hat, Bürger, ist für Leute Euren Standes kein sicherer Aufenthalt mehr in dem Café zu den Rutenbündeln. Das Café wird nämlich seit gestern von einem Agenten des Überwachungskomitees und den Soldaten der Nationalgarde kontrolliert.« »Gebt mir meinen Kaffee, Bürgerin, und ich gehe,« sagte Auguste Rodeur mit müder Stimme. »Wie Ihr wollt!« Die Bürgerin Louise Marteau begab sich in die Küche, um das Gewünschte zu holen. Auguste Rodeurs Kopf sank wieder schwer auf die Platte des Tisches herab. Und wenn man ihn von hier gradenwegs in den Luxembourg oder nach Saint Lazare geführt hätte, er konnte nicht von der Stelle, ehe er nicht etwas zu sich genommen und sich gekräftigt hatte. Und erst jetzt fiel es ihm ein, daß ja auch dieses Mädchen mit dem herrlichen Gesichte und den großen Madonnenaugen bestätigt hatte, was der alte Milchmann von der Herberge zu den drei goldenen Kugeln erzählt, daß also alle seine Bemühungen vergeblich sein würden, weil das Schicksal Théophile Tourlans ja schon besiegelt war. Nach einigen Minuten erschien die Bürgerin Louise Marteau mit einer Schale dampfenden Kaffees. Sie setzte diese samt einem Korbe frischen Brotes und einem Teller Butter vor ihm nieder und er aß und trank mit einem wahren Heißhunger. Er glaubte zu fühlen, daß seine Kräfte fast unmittelbar wieder zurückkehrten. Die Bürgerin Louise Marteau hatte sich an seiner Seite auf der Bank niedergelassen. Je länger sie ihn betrachtete und beobachtete, desto größeres Gefallen fand sie an dem jungen Menschen, den sie, sie selbst wußte eigentlich nicht aus welchem Grunde, für einen Aristokraten und Royalisten hielt, der sich seinem verstaubten und durchnäßten Äußeren zufolge auf der Flucht vor den Häschern befinden mußte, und sie fühlte, wie sie in ihrem Innern für ihn zu zittern begann. »Was bin ich Euch schuldig, Bürgerin,« fragte jetzt Auguste Rodeur. »Der Kaffee kostet vier Sous und das Brot mit Butter drei,« antwortete sie. Er reichte ihr ein Assignat über einen Franc. Eben als sie dabei war, ihm herauszugeben, wurde die Tür des Cafés aufgerissen und der mit der Trikolorenkokarde geschmückte Hut eines Nationalgardisten ward sichtbar. »Sind noch Gäste im Café,« vernahm man da dessen rauhe Stimme. Der Nationalgardist hatte den in der Ecke am Ofen sitzenden Fremden nicht sehen können. Denn die Bürgerin Louise Marteau stand vor ihm und sie log: »Nein, keine Gäste mehr, Bürgersoldat!« Aber ihre Stimme zitterte bei dieser Lüge und alle ihre Glieder schlotterten. Der Gardist zog sich zurück. Als er draußen war, sagte Louise Marteau zu Auguste Rodeur: »Ihr könnt jetzt unter keinen Umständen auf die Straße. Verbergt Euch, Bürger, bis sie fort sind. Sie würden Euch aus dem Café treten sehen und eine Untersuchung abhalten, weil ich den angelogen habe.« »Wo soll ich hin, Bürgerin,« stotterte Auguste Rodeur. »Geht den Gang hinunter, hinter das Café, verbergt Euch rasch, rasch in meiner Kammer, ehe sie wieder kommen. Ich ziehe den Schlüssel ab und lasse Euch dann auf die Straße, sobald die Luft wieder rein geworden ist.« Wie zwei Schatten glitten Auguste Rodeur und die Bürgerin Louise Marteau den noch in tiefes Dunkel gehüllten Gang entlang. Das Mädchen öffnete die Tür der Kammer. »Hier hinein, Bürger, und regt Euch nicht, bis ich komme!« Es war das Werk weniger Augenblicke. Auguste Rodeur befand sich in der Mädchenkammer der Bürgerin Louise Marteau. Der matte Schein des anbrechenden Tages fiel durch das niedere Fenster. Er traf das unberührte Bett der Bürgerin, das diese infolge der aufregenden Vorgänge der Nacht, die die ganze Rue Saint Honoré in Bewegung gesetzt und das Café zu den Rutenbündeln mit Gästen gefüllt, gar nicht aufgesucht hatte. Es war die gleiche Kammer, in der einst vor Monaten der verheerende Lenzsturm der Leidenschaft über den Scheitel der Bürgerin Louise Marteau dahingegangen war, in der sie dem jungen Bürgersoldaten Silvain Parmentier die Erstlinge ihrer Liebe zum Opfer gebracht hatte. Als Louise das Café zu den Rutenbündeln wieder betrat, gewahrte sie zu ihrem Schrecken das pockennarbige Gesicht Chien des Bouchers und hinter diesem tauchte ... nein ... das war doch nicht ... der junge Bürgersoldat Silvain Parmentier, den sie einst so sehr geliebt hatte und von dem sie sich trotz allem noch immer nicht loszureißen vermochte ... das war der Schreiber und Helfershelfer Fouquier Tinvilles, des Unermüdlichen, dem sie seit jenem Tage in der Kirche Saint Eustache nicht wieder begegnet war. Sie war ratlos, außer sich vor Angst und Verwirrung. Sie wußte nicht mehr was sie tat und sprach. »Ihr haltet einen versteckt, Bürgerin Louise Marteau,« drang da die Stimme Chien de Bouchers an ihr Ohr. »Nein,« erwiderte sie in festem Ton. »Und doch, seht hier!« Chien de Boucher hob den Hut in die Höhe, den Auguste Rodeur in der Verwirrung und Eile der Flucht auf der Ofenbank hatte liegen lassen. »Das ist der Hut eines Royalisten, Bürgerin, ich vermisse die Kokarde an diesem Hut!« »Sucht, Chien de Boucher, sucht,« klang es dem Agenten des Überwachungskomitees in kühlem Ton aus dem Munde des Mädchens entgegen. »In deiner Kammer, Dirne, in deiner Kammer!« Silvain Parmentier hatte diese Worte, von der Eifersucht Blitzstrahl erleuchtet und in maßloser Wut, hervorgestoßen. Die Bürgerin Louise Marteau wankte. »Kommt, Chien de Boucher, kommt, Gardisten ... ich zeige Euch den Weg!« Silvain Parmentier stürmte den anderen voran den Gang entlang. Die Bürgerin Louise Marteau brach zusammen. Aber sie weinte nicht. Sie hatte keine Tränen mehr seit jenem Tage, da sie der Mann, den sie liebte, der Menge in Saint Eustache zur Schau gestellt. Und um alles in der Welt hätte sie den nicht um Gnade bitten können. Die Kammertür der Bürgerin Louise Marteau gab unter den Tritten der Nationalgardisten nach. Es war eine schwache Tür aus elendem Tannenholz, die ja nur in das Schlafgemach eines Mädchens führte. »Es ist der Schreiber Auguste Rodeur, der die Verteidigungsschrift für Louis Capet verfaßt hat,« vernahm da die Bürgerin Louise Marteau die triumphierende Stimme Chien de Bouchers. Dann kamen die schweren Schritte der Männer wieder den Gang entlang. Den verhafteten Auguste Rodeur in ihrer Mitte betraten die Nationalgardisten, gefolgt von Chien de Boucher und dem Helfershelfer des Unermüdlichen, jetzt wieder das Café. »Gebt mir einen Kognak, Bürgerin Louise Marteau,« sagte da einer der Soldaten. »Mir auch einen, mir auch einen,« befahlen die beiden anderen. Und erst, nachdem sich die Nationalgardisten aus den Gläsern, die ihnen Louise Marteau gereicht, gestärkt hatten, ertönte die Stimme Silvain Parmentiers: »Führt sie beide ins Luxembourg, Soldaten, ihn und die Bürgerin Louise Marteau, da sie der Konspiration mit einem Feind der Republik dringend verdächtig ist. Ich erstatte Fouquier Tinville Bericht.« Der einstige Bürgersoldat würdigte weder das Mädchen noch den Dichter eines Blickes. Er sah nichts davon, wie die Augen Louise Marteaus voll Entsetzen und doch noch immer voll Liebe auf ihn gerichtet waren, als sie an des Dichters Seite den Gardisten voranschritt. Vierzehntes Kapitel. In einer der ältesten Gassen von Paris lag das Haus des Schreiners Duplay. Hier wohnte der große »Unbestechliche«, der unbeschränkte Machthaber in diesen Tagen des Schreckens, der die Kommune und den Konvent, den Wohlfahrtsausschuß und das Überwachungskomitee am Gängelband führte und sich die Tochter des einfachen Handwerksmeisters als Liebste auserkoren hatte. Schon seit einigen Wochen stand jetzt im Torweg des alten, fast völlig baufälligen Hauses ein Italiener und hielt auf einem Karren seine Ware feil. Er nannte sich Benvenuto Lipari, wie auf einem über seinem fliegenden Laden angebrachten Schild weithin in blutroten Buchstaben zu lesen war. Und eine Frau, die nach Sitte der Neapolitanerinnen ein buntes Tuch um den Kopf geschlungen hatte, war ihm bei seinem Geschäft behilflich. Benvenuto Lipari verkaufte auf seinem Karren, was der verlotterten und zerlumpten Jugend der alten Pariser Gasse willkommen war. Da gab es Orangen aus Messina, das Stück schon für einen Sou, Zuckersteine, arabischen Honig, glasierte Maronen, Zitronat und Pomeranzenschale, wie man sie heute noch bei den Straßenhändlern am Kai von Santa Lucia findet. Wie die Frau, trug auch er neapolitanische Tracht. Trotz der noch immer recht empfindlichen Kälte des zu Ende gehenden Ventose stak er in einem weißen Anzug, um den er an Stelle eines Gürtels eine blutrote Schärpe geschlungen hatte. Bei der Jugend der alten Gasse war er ungemein beliebt. Er knauserte keineswegs mit seinen Schätzen, im Gegenteil, wenn so ein kleiner zerlumpter Bengel oder ein Mädel in zerrissenen Röcken die Blicke auf Liparis Karren richtete und kein Kupferstück bei sich hatte, dann kam es mehr als einmal vor, daß der Italiener nach den herrlichen Gaben seines Vaterlandes griff und dem mit den Augen bettelnden eine Frucht oder ein Stück Naschwerk reichte, und zwar ohne Bezahlung dafür zu verlangen. Das wußten die Kinder der Gasse und darum scharten sie sich vom frühen Morgen bis lange nach Sonnenuntergang zu Haufen um Liparis Karren. Der Italiener sprach nur wenig. Er mochte die französische Sprache wohl nur ganz unvollkommen beherrschen. Viele Stunden lang beschränkte er sich auf den Ruf: »Dolci, Dolci, Dolci, Signori, Signore, Dolci ...« Das amüsierte den Pöbel. Aber einem aufmerksamen Beobachter wäre es wohl kaum entgangen, daß Benvenuto desto aufmerksamer zuzuhören verstand, je weniger er selber sprach. Denn durch den Torweg dieses Hauses gingen tagsüber allerhand Menschen aus und ein und auch während der Nachtstunden brach der Verkehr niemals völlig ab. Wenn es zu dunkeln begann, machten sich der Italiener und die Frau, wie es schien, auf den Heimweg. Benvenuto Lipari schob dann den Karren vor sich her, die Frau mit dem bunten Kopftuch folgte und die allen Anwohnern jetzt schon so wohlbekannte Gruppe verschwand in dem Gedränge der Pariser Pöbelhaufen, die bei Beginn des Abends diese Stadtgegend unsicher machten. Sobald der Italiener die Rue Saint Honoré erreicht hatte, ließ er die Maske fallen. Die Frau verschwand in einem der alten Häuser, wo sie den Karren im Schuppen eines Hofes die Nacht über unterstellte, und Benvenuto Lipari begab sich in das Refektorium des ehemaligen Klosters, um Chaumette über seine Beobachtungen Bericht zu erstatten. Das war der Posten, von dem Aristide Poignard in seinem Brief an Auguste Rodeur damals gesprochen hatte und der ihm den ansehnlichen Verdienst von 20 Franks täglich eintrug. Die Partei der Dantonisten, ihre Führer an der Spitze, Chaumette und Hébert fürchteten die wachsende Macht Robespierres. Sie hatten Angst, daß der große »Unbestechliche« und sein unbegrenzter Einfluß ihnen eines schönen Tages über den Kopf wachsen könnten, und so hielt Chaumette es für notwendig, den »Unbestechlichen« den lieben, langen Tag beobachten zu lassen und sich und seine Anhänger davon zu unterrichten, wer bei dem ein- und ausging und was er den Tag über getrieben hatte. Und der in die Haut des Italieners geschlüpfte Aristide Poignard war schlau. In dieser Zeit der Not, da er dem Verhungern nahe gewesen, wußte er die 20 Franks aus der Tasche Chaumettes wohl zu schätzen. Er tat so, als ob er kein Wort von all dem verstünde, was den lieben, langen Tag im Torweg um ihn herum gesprochen wurde. Er bot einfach in ein paar italienischen Brocken seine Leckereien zum Verkauf an, und die Leute achteten kaum auf ihn. Sie führten in seiner Gegenwart Gespräche, die sie bei einem anderen wohl unterdrückt hätten, denn sie waren der Ansicht, daß dieser Orangenverkäufer ein durchaus ungefährlicher Zuhörer sei. So betrat denn Aristide Poignard, nachdem er Fleurette Bouchard, die auch in diesem neuen Beruf getreulich an seiner Seite aushielt, an der Ecke der Rue Saint Honoré und der Rue Saint Roch verabschiedet hatte, auch heute wieder in der neunten Abendstunde das Refektorium des Klubs der Cordeliers, in dem Chaumette seiner voll Ungeduld wartete. Schon gleich bei seinem Eintreten sah es ihm Chaumette an, daß er heute nicht, wie so oft in diesen Tagen, nur gleichgültige Dinge berichten würde, sondern daß es ihm heute gelungen sein mußte, etwas aufzuschnappen, was für ihn und die Seinen von Wichtigkeit war. Daher ging Chaumette mit raschen Schritten auf Aristide Poignard zu und sagte: »Nun, was habt Ihr in Erfahrung gebracht, Bürger, ich sehe es Euch an, daß Euch heute Wichtiges zu Ohren gekommen sein muß!« »Allerdings, Bürger Chaumette!« »Heraus mit der Sprache.« »Wollt Ihr Euch nicht zunächst setzen?« Sie nahmen vor dem Kamin Platz, an dessen Feuer einst der Bürgersoldat Silvain Parmentier seine philosophischen Betrachtungen über das jugendgrüne und brennende Buchenscheit angestellt hatte, und Aristide Poignard sagte: »Ich möchte den Posten in dem Torweg der Maison Duplay aufgeben, Bürger Chaumette. Habt Ihr keinen anderen Platz für mich, einen weniger gefährlichen für meinen Orangenkarren?« »Oho,« lautete Chaumettes Antwort, »so haben wir nicht miteinander gerechnet, Bürger Aristide Poignard, daß Ihr im Augenblick der Gefahr einfach von Eurem Posten davonlauft! Was ist geschehen und aus welchem Grunde verlangt Ihr nach einem anderen Posten?« »Weil es mich schon am Hals zu jucken beginnt, Bürger Chaumette. Offen gestanden, ich möchte die Zeit der Krise überstehen, weil ich mich noch zu Höherem berufen fühle. Aber auch Euch rate ich, seid auf der Hut!« »Wieso, Aristide Poignard?« »Ich habe heute die Stimme des ›Unbestechlichen‹ selber gehört, Bürger Chaumette!« »War er etwa so unvorsichtig, auf der Straße, in dem Torweg von seinen Plänen zu reden? Das sieht ihm doch sonst nicht ähnlich. Er ist doch die Verschlossenheit selbst!« »Das hat wohl so den Anschein, Bürger Chaumette. Aber er schien erregt ... Es dunkelte bereits ... Ich stand allein mit meiner Freundin vor dem Karren im Torweg, wir waren gerade im Begriff, Feierabend zu machen ...« »Nun, und?« »Da erschien er, wie gewöhnlich zu dieser Stunde, um sich zu Duplay in seine Wohnung zu begeben.« »War er allein?« »Nein, Bürger Chaumette ... Sonst hätte ich seine Rede doch nicht vernehmen können. Der »Unbestechliche« pflegt nämlich keine Monologe zu halten, ein wie großer Redner er auch sonst auf der Tribüne des Konvents ist.« »Wer war bei ihm?« »Es war schon reichlich dunkel, Bürger Chaumette. Aber ich hielt seinen Begleiter für Souberbielle! Sie blieben vor der Tür der Maison Duplay stehen und plauderten noch eine Weile miteinander. Der »Unbestechliche« schien sehr erregt. Ich drückte mich mit meiner Freundin und dem Karren in die Ecke des Hofes, aber ich glaube, er sah uns sowieso nicht. Es war schon zu dunkel.« »Und was sagte er zu Souberbielle?« »Er sagte: Heute habe ich denen noch einmal ihre Beute entrissen. Ich sah bei diesen Worten seine Augen leuchten. Sie blitzten wie gezückter Stahl durch das einbrechende Dunkel, Chaumette!« »Und wen verstand er unter dieser Beute?« »Danton ... ohne Zweifel ... Danton ... Bürger!« »Was hat das mit uns zu tun? Danton ist unser Feind. Danton kann er opfern.« »Er weilt übrigens mit seiner jungen Frau in Sèvres.« »Das weiß ich, Poignard!« »Ich fürchte ...« »Was fürchtet Ihr, Poignard?« »Ich fürchte, daß der Sturz Dantons auch noch andere mit in den Abgrund reißen könnte!« »So ... Am Ende den ›Unbestechlichen‹ zu allererst, mein Freund!« »Meint Ihr das in der Tat, Bürger Chaumette? Ich habe nämlich heute noch manche andere Stimme im Torweg des Hauses Duplay gehört, die über Danton und dessen bevorstehendes Ende sprach.« »Und was meinten diese anderen Stimmen?« »Sie meinten, daß Dantons Sturz beschlossene Sache sei. Der ›Unbestechliche‹ zögere nur noch, weil er doch mit Danton auf der gleichen Bank im Konvent gesessen, weil er mit ihm wie mit dem ermordeten Marat eng befreundet gewesen ist. Er wolle das Odium darum auf andere wälzen, und dazu seien ihm Hébert und dessen Freunde gerade recht!« »Wir, Poignard?« »Wenn Ihr Euch zu dem Anhang Héberts zählt, dann ja, Chaumette!« »Und weiter?« »Ihr vermutet mit Recht, Chaumette, daß das nicht alles ist, was ich weiß, daß eine Bemerkung des ›Unbestechlichen‹, die ich im Vorübergehen aufgefangen habe, mich noch nicht dazu veranlassen könnte, meinen einträglichen Posten als Hörrohr des großen Chaumette im Torweg der Maison Duplay aufzugeben und auf meine 20 Franks zu verzichten. Um Mitternacht findet eine geheime Sitzung des Konvents, des Wohlfahrtsauschusses, des Überwachungskomitees und der gesetzgebenden Körperschaft im Ballsaal der Tuilerien statt. Wollt Ihr vielleicht Zeuge dieser Sitzung sein, Chaumette?« »Und um was dreht es sich in dieser Sitzung, Poignard, habt Ihr auch das in Erfahrung bringen können?« »Auch das, Chaumette! Unsereiner arbeitet prompt für seine 20 Franks, während er seine Orangen verkauft. Es dreht sich ... um den Kopf Danton!« Chaumette brach in einen Ausruf des Entzückens aus. »Jubelt ja nicht zu früh, Bürger Chaumette,« warnte Poignard. »Ich möchte Euch wirklich geraten haben, nicht voreilig zu triumphieren. Ich habe einem Schreiber des Konvents ein halbes Dutzend meiner köstlichen Messinablut für seine Kinder verehrt ... das ist alles!« »Und dieser Mensch war so leichtsinnig, Poignard, Euch um ein halbes Dutzend Orangen ...« »Aber doch nein, Bürger Chaumette ... Er hatte eine Aktenmappe des Konvents in das Haus des ›Unbestechlichen‹ zu tragen. Und ...« Poignard machte absichtlich eine Pause. »Aber so redet doch weiter, Poignard, Ihr spannt mich ja auf die Folter ...« »Der Mann hatte es eilig. Die Familie Duplay war in corpore ausgegangen. Der ›Unbestechliche‹ befand sich, wie ich nachträglich erfuhr, in der Rue Saint Honoré im Jakobinerklub, nicht einmal die unvergleichliche Leonore, die er zu seinem Bettschatz gemacht hat, war daheim. Da wollte der Mann traurig und unverrichteter Dinge mit seiner Aktenmappe wieder abziehen. Da trat ich ihm in dem Torweg entgegen. Ich stammelte in der Sprache Voltaires. Ihr könnt es mir glauben, wie ein geborener Italiener mit einem ganz gräßlichen Akzent. Ich habe mich in der Tat vor mir selbst geschämt!« »Und da gab Euch der Kerl die Mappe?« »Nur zum Aufbewahren!« »Sapristi!« »Ich gewann sein Vertrauen mit den Orangen, die ich ihm für seine Kinderchen schenkte, und ich sagte ihm, daß ich die Mappe sofort droben abgeben würde, sobald Mademoiselle Duplay zurückgekehrt sei. Es macht nämlich der Braut des großen ›Unbestechlichen‹ Spaß, wenn sie Mademoiselle tituliert und auch bei dritten so genannt wird, Ihr verzeiht mir also diesen Rückfall in die Tage des Tyrannen, Bürger Chaumette!« »Ich verzeihe ihn ... Und da habt Ihr die Mappe untersucht, Poignard?« »Für Euch dürfte das Ergebnis meiner Untersuchung schon von Interesse sein. Ihr erinnert Euch doch, was ich soeben von Hébert und dessen Anhang sagte?« »Nun?« »Sie sind alle in dieser Nacht heimlich verhaftet worden ... Die Mappe enthielt eine Liste für Fouquier Tinville ... Ihr hört wohl nicht, Bürger Chaumette?« Fassungslos starrte Chaumette vor sich hin. Ein unartikulierter Laut, wie ein Seufzer, ein Fluch oder ein Röcheln entrang sich seiner Kehle. Dann packte er Poignard an den Schultern, schüttelte ihn und schrie mit der Stimme eines Tieres: »Aber so redet doch, Poignard ... Das ist nicht wahr! ... Wer ist in dieser Nacht verhaftet worden?« »Ich habe die Namen abgeschrieben, Bürger Chaumette, wer kann denn in diesen Tagen die Namen aller Verhafteten behalten? Selbst, wenn diese Namen einen besseren Klang hätten!« Poignard brachte ein zerknittertes Stück Papier zum Vorschein, eines von dem grauen, in das er den Kindern des Torwegs der Maison Duplay den arabischen Honig einzuwickeln pflegte, denn auf dieses hatte er mit Bleistift die Namen derer notiert, die man in der vergangenen Nacht festgenommen und in die Cachots abgeführt hatte, die die noch gestern selbst mit den Opfern ihrer Grausamkeit und ihres Blutdurstes gefüllt. Das Blatt in den Händen, trat jetzt Chaumette dicht an den Kandelaber, dessen Kerzen auf dem Kamin flackerten, und las: »Ronsin.« »Der General der Revolutionsarmee,« fügte Poignard in trockenem Ton hinzu. Chaumette hörte gar nicht auf ihn. Er fuhr einfach fort. »Hébert.« »Euren Freund, Bürger Chaumette, den großen Stifter einer neuen Religion!« Die Namen überstürzten sich jetzt aus Chaumettes Munde. »Vincent, Momore ...« »Der soll doch seine eigene Frau auf Eurem Altar des Fleisches zur Schau gestellt haben, Chaumette! Oder ist dem etwa nicht so?« Chaumette zitterte an allen Gliedern. »Ducroquet, Cock ...,« fuhr er fort. »Ei, den Bankier aus Holland, der die Republik um Millionen betrogen hat. Um den ist es wirklich nicht weiter schade, Chaumette, meint Ihr nicht?« warf da Poignard mit teuflischer Schadenfreude dazwischen. Auch unter dem neuen Regime passieren Dinge, über die man in den Tagen des Tyrannen sich nicht weiter echauffiert hat!« »Ihr seid ein Satan, Poignard!« »Entschuldigt, Bürger Chaumette, ich bin nur bei den Cordeliers in die Schule gegangen.« Der Wind, der durch die schlecht schließenden Fenster des alten Refektoriums eindrang, trieb die Flammen auf dem Kandelaber hin und her, so daß Chaumette die Namen der verhafteten kaum mehr zu entziffern vermochte. Der »Unbestechliche« hatte seine schwere Hand fast auf alle Mitglieder des Klubs der Cordeliers gelegt. Wie durch ein Wunder war Chaumette selbst noch der Gefahr entgangen. Aber für wie lange? Das war nur eine Frage der Zeit, wenn der Mann in der Maison Duplay den nervigen Arm aufs neue recken und auch ihn selber am Schopfe packen würde. Chaumette zitterte für sein Leben, denn er war im Grunde seines ganzen Wesens ein Feigling. Und das bereitete Poignard in diesem Augenblick ein grausames Vergnügen, ihm, dem Künstler von Gottes Gnaden, dem Schüler der Watteaus und Bouchers, der trotz Fleurettes aufopfernder Hilfe schließlich verhungert wäre und den die 20 Franks dieses Bluthundes ... gerettet hatten. Er hörte die Namen, die dem Munde Chaumettes wie schwere Tropfen rinnenden Blutes in dumpfem Tone entfielen, und er hatte auch nicht für einen einzigen ihrer Träger nur einen Funken des Mitgefühls. Nein, er freute sich, daß er diesem da diese Botschaft übermitteln konnte, daß er diesen da in seiner ganzen Feigheit und in seiner in solchen Tagen ekelhaften Todesfurcht vor sich hatte. »Laumur,« sagte jetzt Chaumette. Poignard lachte. »Ei, ei, der Infanteriehauptmann und Gouverneur von Pondichéry. Er wird auf dem Revolutionsplatz seine schneidigen Kommandos vergessen. Meint Ihr nicht?« »Leclerc, Pereyre, Anarchasis Clooß.« »Der Deutsche, Chaumette ... Euer Evangelist mit dem neuen Weltsystem, auch den ...« Und Chaumette las immer weiter. »Desfieux, Dubuisson, Proly ...« »Seid Ihr zu Ende?« »Und wo hat man sie hingeführt,« stammelte jetzt Chaumette. »Lest nur weiter, Bürger Chaumette, auch das steht auf dem Papier, in das ich sonst den arabischen Honig für meine Kleinen zu wickeln pflege. In die Conciergerie, geraden Weges in die Conciergerie. Ich schließe daraus, daß der »Unbestechliche« und Fouquier Tinville dieses Mal kurzen Prozeß machen werden. Erst Hébert und seinen Anhang! Hat er Euch nicht einmal die Enragés genannt? Dann Danton und die Gemäßigten! ... Die Schlange beginnt sich selbst aufzufressen und verschluckt ihren eigenen Schwanz. Ist das nicht zum Totlachen, Bürger Chaumette?« Der Führer der Cordeliers gab Aristide Poignard keine Antwort. Er starrte noch immer in dumpfer Verzweiflung vor sich hin. Der »Unbestechliche!« Kaum ein paar Wochen waren es her, daß Hébert, Clooß, er selber und die andern ihn gezwungen hatten, seine Einwilligung zu der Umweihung der Kirchen in Tempel der Vernunft, seine Erlaubnis zur Plünderung der Königsgräber in Saint Denis zu geben ... und jetzt ... und jetzt? ... Der Spötter da hatte recht! Die Schlange wandte sich jetzt gegen sich selber und sie verzehrte zunächst einmal ihren eigenen Schwanz. Poignard lachte. »Ihr seid ja so stumm wie ein Fisch und so nachdenklich wie Voltaire geworden, Bürger Chaumette!« Und noch immer gab Chaumette keine Antwort. Bleicher Schrecken und feige Angst malten sich in seinem Gesicht ... denn gerade in diesem Augenblick brach draußen auf der Straße ein ohrenbetäubender Lärm los, der das alte Franziskanerkloster erzittern ließ. »Was ist das, Poignard?« »Wer kann das heutzutage wissen, Chaumette? Die Posaune des jüngsten Gerichtes, wie man in den Tagen des Tyrannen sagte, und die heute ja an jedem neuen Morgen in Paris geblasen wird!« Der Lärm kam näher. » Es lebe die Freiheit! ... Es lebe die Republik !« »Auf mit ihnen in den Kerker! Schleppt die Tyrannen auf das Blutgerüst. Priester wollen wir wieder haben! Nieder mit der Vernunft! Nieder mit Anarchasis Clooß, nieder mit Hébert, nieder mit Chaumette ...« so scholl es den beiden von drunten entgegen. Es lebe Robespierre! Es lebe die Maschine! Es lebe Fouquier Tinville!« Lachend sah Poignard, wie sich Chaumette in heller Angst hinter einen der hohen Lehnsessel verkroch, die hier vor dem Kamin des Refektoriums standen. »Wenn sie kommen ... den Klub der Cordeliers vollends auszuheben, Poignard,« stammelte er voll gräßlicher Todesangst. Aber Poignard lachte nur weiter. »Verrückte Weiber sind es, Bürger Chaumette, Pöbel, Maulaffenfeilhalter, Vauriens, die wieder einmal brüllen müssen, damit ihnen die Kehle für ihren sauren ›Vin blanc‹ genügend trocken wird. Weiter nichts! Hört Ihr! Sie singen schon. Wenn sie erst singen, dann hat es weiter keine Gefahr. Böse Menschen haben keine Lieder, so sagt das Sprichwort, Chaumette!« Die Marseillaise und das Ça ira wurden drunten wieder laut. »Diese Lieder wachsen einem schon aus dem Hals, Chaumette, findet Ihr das nicht auch? Es ist mit einem Wort geschmacklos, ewig ein und dasselbe zu singen. Seit drei Jahren höre ich in Paris keine andere Musik mehr, als dieses verdrehte: Allons, enfants de la patrie ...« Der Zug mußte jetzt dicht unter den Fenstern des Refektoriums sein. So nahe klangen die Stimmen des gröhlenden Pöbelhaufens. »Die Weiber brüllen immer am lautesten, Bürger Chaumette!« Poignard hatte ganz vergessen, daß der Führer der Cordeliers noch immer hinter dem hohen Lehnstuhl kniete und sich der törichten Hoffnung hingab, daß man ihn hier nicht finden würde, wenn man jetzt wirklich in das Refektorium trat, um den Klub der Cordeliers, mit dem Robespierre jetzt den Anfang gemacht hatte, vollends auszuheben. »Ihr erlaubt doch, daß ich das Fenster öffne, Bürger Chaumette?« »Ich flehe Euch an, Poignard, löscht die Lichter! Wenn sie sehen, daß hier oben noch Licht brennt, dann kommen sie herauf.« »Aber es sind doch nur ein paar Weiber und eine Handvoll Besoffener, mein teuerster Chaumette, doch, wenn Ihr das wünscht, wenn Euch das beruhigt ...« Poignard trat an den Kamin und löschte die Kerzen. Es war jetzt in dem Refektorium stockfinster. Der Maler tastete sich nach dem Fenster und öffnete dessen Flügel. Fackelschein drang von unten herauf. Er warf seinen unsteten Schimmer in den ehemaligen Speisesaal der Franziskaner und malte seltsame Schattengebilde an die weißgetünchten Wände, auf denen das Malerauge Aristide Poignards sofort wie gebannt haftete. »Seht doch, Bürger Chaumette,« sagte er, »der Schatten des Lehnstuhls, hinter den Ihr Euch noch immer verkriecht, sieht er in dem Flackern dieser Fackeln nicht aus wie die gewaltige Maschine, die heute hoch über allem Irdischen auf dem Revolutionsplatz thront? Und die ... was wettet Ihr ... auch Eure letzte Zuflucht noch sein wird?« Chaumette schlotterte mit den Knien, die Zähne klapperten ihm in einem unbesieglichen Schüttelfroste aufeinander. Er brachte kein Wort der Erwiderung hervor. Poignard trat an das Fenster. » Es lebe die Freiheit !« tönte es ihm da wieder von unten herauf. »Sapristi, das solltet Ihr doch sehen, Chaumette, das solltet Ihr Euch unter keinen Umständen entgehen lassen, diesen nächtlichen Fackelzug. So kommt doch hervor, Chaumette!« Aber der war nicht um alles in der Welt dazu zu bringen, seinen vermeintlichen Unterschlupf hinter dem Lehnsessel zu verlassen und an das Fenster zu treten. »Wenn sie heraufkommen, Poignard, wenn sie heraufkommen,« stotterte er in einem zu. »Dann laßt sie doch kommen! Man stirbt doch nur einmal, Chaumette, und heutzutage immer in der gleichen Lage ... Es stirbt sich horizontal ... ob auf der Guillotine oder im Bett ... wie es sich für so viele horizontal gelebt hat!« Poignard brach in wildes Lachen aus. Ihm wäre es gerade recht gewesen, wenn sie ihn jetzt geholt hätten. Aber daran war ja gar nicht zu denken. Die Häscher des »Unbestechlichen« waren weit von dem Refektorium, in dem er sich eben an der Seite Chaumettes befand. Die da drunten vorüberzogen, waren nur die niedrigsten Elemente des Pöbels, der immer Lärm schlagen mußte. Sie führten gerade eine Dirne aus dem Palais Royal auf weißem Pferde als Göttin durch die Gassen, Robespierre, dem »Unbestechlichen« zu Ehren, der heute wieder einmal ein Exempel statuiert haben sollte. »Aber so seht doch, Chaumette! ... Es ist ja nur die dicke Rose aus dem Café Floréal im Palais, die sich ihren Freunden nach Eurem Rezept wieder einmal nackt zur Schau stellt. So seht doch, bitte, nur einen Blick auf ihren Fackelzug, das müßt Ihr doch gesehen haben!« Endlich ließ sich Chaumette dazu bewegen, seinen Schlupfwinkel zu verlassen und an das Fenster zu treten. Das sah toll genug da drunten aus. Männer und Weiber aus dem Pöbel bildeten den Vortrab der dicken Rose. Sie trugen Stangen in den Händen, an denen Schilder mit Inschriften befestigt waren: Hoch Robespierre! Nieder mit der Vernunft! Es lebe die Religion! Es lebe das höchste Wesen! Nieder mit Hébert! Auf das Blutgerüst mit Chaumette! ... So las man auf diesen Papierfetzen im Schein der Fackeln. Wie ein Spuk huschte der Zug vorüber und verschwand im Dunkel der Nacht. »Es lebe das höchste Wesen!« murmelte Chaumette fassungslos vor sich hin. Aber Poignard lachte: »Das kann Euch doch gleich sein, Chaumette,« meinte er, »ob die die Vernunft oder das höchste Wesen leben lassen. Mir ist das durchaus schnuppe. Und Euch? Wenn es Euch nur nicht selber an den Kragen geht!« Er würdigte Chaumette keines weiteren Blicks. Sein Bericht war für heute zu Ende. Er ging, weil er sich mit Fleurette an der Ecke der Rue Saint Roch und der Rue Saint Honoré verabredet hatte. Fünfzehntes Kapitel. In dem Winkel, wo die Rue de Vaugirard mit dem Jardin de Luxembourg zusammenstößt, lag das kleine Café du Glaive. Dieses hatte Aristide Poignard schon seit einigen Wochen zu seiner Stammkneipe erhoben. Wenn er seinen »Dienst« im Torweg der Maison Duplay beendet und Chaumette Bericht erstattet hatte, traf er sich regelmäßig mit Fleurette an der Ecke der Rue Saint Roch und Saint Honoré. Arm in Arm traten dann die beiden die nächtliche Wanderung bis an die Grenze des fernen Faubourg Saint Michel an. In dieser Gegend kannte sie kein Mensch und dann ... der Blutgeruch, der aus dem nahegelegenen, nun zum Gefängnis der Republik umgewandelten Luxembourg aufstieg, wo die Hunderte den Morgen der Exekution erwarteten, war so recht etwas für Aristide Poignards überreizte Nerven. Das Assignat über 20 Francs, das er an jedem Tage aus den Händen Chaumettes für seine Tätigkeit als italienischer Orangenhändler im Torweg der Maison Duplay erhielt, wanderte dann in die Tasche Lerouges. So nannten Aristide Poignard und die Bohémiens sowie die Damen des Palais Royal, mit denen er sich allnächtlich hier traf, kurzerhand den kugelrunden Pierre Puligne, der das immer flott gehende Geschäft in der Rue de Vaugirard betrieb. Denn der war eines Tages von dem Revolutionsplatz zurückgekommen und hatte eine mit dem Blut der Enthaupteten getränkte Serviette als Reklame in das Schaufenster des Café du Glaive gelegt ... und seitdem hieß er in aller Welt Mund: Lerouge. Es war eine warme Nacht. Draußen im Jardin de Luxembourg prangten die Roßkastanien und der Flieder in vollem Flor. Lerouge hatte ein paar Tischchen aus dem Restaurant heraustragen lassen. Die standen nun auf der Gasse. Der Wind trieb den süßen Duft der blühenden Bäume und Sträucher herbei und der Atem des Frühlings schien sogar für Stunden den aus dem Luxembourg emporsteigenden Blutgeruch in der Fantasie der vor dem Café versammelten Gäste zu überbieten. Es war gegen 10 Uhr abends und man schrieb den 16. Germinal des Jahres II. In dieser schönen und warmen Nacht hatte Lerouge für Unterhaltung seiner Gäste gesorgt. Eine Musikerbande gab ihre Weisen zum besten und infolgedessen drängte es sich bald um die wenigen Tische, so daß man kaum ein Plätzchen zu finden vermochte. Das Künstlertrio, das Lerouge sich zu verschaffen gewußt hatte, bestand aus einem jugendlichen Violinspieler, einem Alten, der das Cello strich und einer Frau, deren weiche Sopranstimme eben durch die Milde des Frühlings hallte und sich an den zu Gefängnismauern gewordenen Wänden des Luxembourg brach. Es war ein sentimentales Lied, das die junge Frau da unter den lebhaften Beifallsbezeugungen ihres Publikums zum besten gab. Auch Aristide Poignard, an den sich Fleurette schmiegte, gefiel dieses Lied. Entsprach es doch so ganz dem Geist jener Tage in seiner fürchterlichen Mischung von Gefühlsüberschwang und brutaler Grausamkeit. Die Sängerin wußte sogar so etwas wie Seele in ihr Lied zu legen, zu dem der schwarzgelockte Junge und der kahlköpfige Alte ... nach der Ähnlichkeit zu schließen ... offenbar ihr Bruder und ihr Vater ... unentwegt die Geige und das Cello strichen. »Das Lied könnte Auguste Rodeur zum Verfasser haben,« sagte da Aristide Poignard zu Fleurette und schlang zärtlich seinen Arm um die Hüften des Mädchens. »Wer ist das, Auguste Rodeur,« fragte Fleurette. Die jungen Leute und die Dirnen, die mit ihnen am Tisch saßen, lachten. Sie erzählten sich Zoten und hatten auf die Worte des Malers und die Frage des Mädchens überhaupt nicht geachtet. »Ach so, du hast ihn ja nicht gekannt, Fleurette,« entschuldigte sich Aristide Poignard. »Es war ein Jugendfreund aus meinen besseren Tagen, als ich noch den Pinsel im Park von Versailles führte und noch nicht in den Diensten dieser einen und unteilbaren Republik stand.« Er brach in ein krampfhaftes Lachen aus und spie dann verächtlich vor sich hin. »Noch eine Flasche Beaujolais, Lerouge!« »Zu dienen, das ist die dritte, Bürger Poignard!« Damit es bei der Rechnung nicht zu Differenzen kommt!« »Schön, die dritte.« Aristide Poignard wandte sich wieder an Fleurette. »Ich habe von dem Dichter Rodeur lange nichts mehr gehört. Wer weiß, ob er überhaupt noch unter den Lebenden weilt. Das kann man doch heutzutage von keinem Menschen so ohne weiteres annehmen, wenn man ihn ein paar Wochen nicht gesehen hat.« »Freilich nicht, Aristide,« antwortete Fleurette. Während die Geige seufzte und das Cello klagte, sang die junge Frau jetzt die zweite Strophe ihres Liedes: »Was bindet mich an meine Kleine, An ihrer Wangen frische Glut, Was glänzt in ihrer Äuglein Scheine? Das Blut, das Blut!« Aristide Poignard war plötzlich ganz ernst und nachdenklich geworden. Der blutfarbene Beaujolais stand schon eine ganze Weile unberührt vor ihm im Glase und Fleurette sah ihn besorgt an. »Weißt du, wo ich hinmöchte, Fleurette,« sagte er da ganz unvermittelt. »Wohin, Aristide?« »Hinüber in den Luxembourg. Würdest du mich begleiten?« »Aber jetzt in der Nacht, Aristide ... und dann ...« »Was hast du für Bedenken, Fleurette?« »Ich bin abergläubig, Aristide, wie wir Mädels aus dem Palais Royal schließlich doch alle abergläubig sind. Ich halte es für besser, die Berührung mit dem Luxembourg und dem Saint Lazare in diesen Tagen zu meiden!« »Du fürchtest dich also, Fleurette?« »Ich fürchte mich nicht. Ich habe mich vor nichts mehr zu fürchten, Aristide, nur für dich, mein Freund, denn du mußt der Kunst und der Zukunft Frankreichs erhalten bleiben!« Aristide Poignard lachte bitter auf. »Kunst und Zukunft Frankreichs? Glaubst du im Ernst, Fleurette, daß es für Frankreich noch eine Kunst und eine Zukunft geben kann?« Dann leerte er sein Glas in hastigem Zug. Die junge Frau begann eben, von den beiden Musikern begleitet, die dritte Strophe ihres Liedes zu singen. Melancholisch wie das Seufzen der lauen und milden Frühlingsluft, die den Duft aus dem blühenden Jardin de Luxembourg herüberwehte, zogen die Töne und Worte durch die nächtlich stille Rue de Vaugirard: »Was schreibt die Freiheit auf die Fahnen, Was bleibt der Menschheit letztes Gut, Was führt das Volk in neue Bahnen? Das Blut, das Blut!« »Komm, Fleurette,« sagte da Aristide Poignard. Er warf das Assignat über 20 Francs auf den Tisch und schrie: »Ich will zahlen, Bürger Lerouge, hört Ihr, drei Flaschen Beaujolais. Ich halte es im Café du Glaive nicht mehr aus, der Name Eures Cafés gefällt mir nicht mehr, Lerouge!« »Wie Ihr meint, Bürger,« erwiderte Pierre Puligny trocken und zog sich den Preis der drei Flaschen Beaujolais von dem Assignat ab, indem er Aristide den Rest in lauter Sousstücken herausgab, so daß der mit einem Schlag die ganze Tasche voll Kupfer hatte. »Das Geld der Republik wiegt schwer,« meinte er lachend, »nachdem Gold und Silber längst zum Teufel gegangen sind, nicht wahr, Bürger Lerouge?« »Mir sind die Assignate schon recht, Bürger, so lange die von denen da droben in Zahlung genommen werden. Euch nicht auch? Gehabt Euch wohl.« Aristide Poignard und Fleurette schritten wieder Arm in Arm ... hinein in die blühende und duftende Nacht des Germinal dem schlafenden Luxembourggarten zu, in dessen Tiefe der zum Gefängnis gewandelte Palast stand. Eine ganz weiche Stimmung war plötzlich über den Maler gekommen. Er dachte an seinen Freund und Jugendgenossen Auguste Rodeur und an den Brief, den er dem vor Wochen nach Versailles geschrieben und auf den er niemals eine Antwort erhalten hatte. Dann tröstete er sich wieder. Wohin hätte ihm Auguste Rodeur auch schreiben sollen? Der wußte ja gar nicht, ob er überhaupt noch in der Rue Saint Roch wohnte, zumal, da er ihm in diesem Brief Andeutungen über seinen neuen Beruf gemacht hatte. Auch Fleurette fühlte sich plötzlich von der Stimmung des Malers angesteckt. »Wollen wir uns nicht ein wenig hier auf die Bank setzen, Aristide,« fragte sie. »Die Nacht ist so schön. Es duftet hier so süß nach Flieder. Ich fürchte mich doch vor dem Luxembourg.« »Wie du willst, Fleurette! Aber dann ... Ich muß mich nach ihm erkundigen!« Fleurette sah Aristide voll Angst in die Augen. »Das ist ganz ungefährlich, Fleurette, alle erkundigen sich unbehelligt nach den Namen derer, die in die Gefängnisse eingeliefert worden sind. Robespierre und der Wohlfahrtsausschuß machen durchaus kein Geheimnis daraus und die Verhandlungen des Revolutionstribunals sind öffentlich.« »Wer ist denn dieser Auguste Rodeur?« »Mein Freund, FIeurette, ein großer Dichter, wie ich ein großer Maler geworden wäre, wenn diese Revolution mir nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Jetzt bin ich nur der Agent eines Machthabers, wie hundert andere heutzutage Agenten sind. Und mit Chaumette dürfte es nicht mehr lange dauern, nachdem Hébert und sein Anhang dem großen ›Unbestechlichen‹ zum Opfer gefallen sind.« Er lachte bitter und laut: »Ein netter Name, der große Unbestechliche!« Auf dem Kiese des Luxembourg wurden Schritte laut. Aristide Poignard und Fleurette horchten auf. »Siehst du, man kann nicht vorsichtig genug sein,« mahnte Fleurette. Es war eine Gruppe Bürger, die noch so spät des Weges daherkam. Sie alle trugen die rote Mütze mit der Trikolorenkokarde der Republik. Sie waren in eifrigem und lautem Gespräch begriffen, so daß Aristide und Fleurette jedes Wort zu verstehen vermochten. Vor der Bank, auf der die beiden saßen, im Schatten einer blühenden Roßkastanie, die ihre roten Kerzen aufgesteckt hatte, machten sie halt. »Ihr seid auf dem Revolutionsplatz gewesen, Bürger Riard,« vernahm da Aristide und Fleurette eine Stimme. Es waren im ganzen vier Männer, die sich jetzt unter der Kastanie zu einer aufgeregt diskutierenden Gruppe vereint hatten. Riard stand in der Mitte, die drei andern umdrängten ihn im Halbkreis und suchten jedes Wort von seinen Lippen zu reißen. »Freilich bin ich dagewesen. Die Sache hat erst um vier Uhr nachmittags im Luxembourg ihren Anfang genommen. Und sie hat lange gedauert, Bürger Fossé, das könnt Ihr mir glauben. Aber wie Männer sind sie gestorben, verlaßt euch darauf!« »Erzählt, erzählt, Bürger Riard,« riefen die drei Zuhörer und auch Aristide Poignard und Fleurette spitzten die Ohren, damit ihnen kein Wort von Riards Erzählung entgehen sollte. »Ich habe also der Exekution von Anfang an beigewohnt, Bürger Fossé, ich war pünktlich um vier Uhr im Luxembourg, als es losging. Die Sache hat mir höllischen Durst gemacht. Ich habe danach bei Vater Lerouge im Café du Glaive einen Schoppen gehoben!« »Also wie war's im Luxembourg?« »Das Hauptinteresse richtete sich natürlich auf Danton!« »Selbstverständlich, er war ja der Held des Tages!« »Wißt Ihr, was Danton zu dem Friseur sagte, als der ihm ratsch, ratsch die Locken von seinem geweihten Haupte schnitt?« »Was?« »Als der Friseur mit seiner Arbeit fertig war, trat Danton vor den Spiegel und meinte: Für die Kaffern, die in den Straßen gaffen, bin ich so immer noch gut. Vor der Nachwelt werden wir in einem anderen Aufzug erscheinen, Freunde!« »Das hat er gesagt?« »So erzählte der Friseur selbst, als er aus dem Zimmer trat, in dem die Toilette stattgefunden hatte. Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört, Fossé!« »Und weiter?« »Mit Camille Desmoulins soll es furchtbar gewesen sein!« »Der arme Kerl!« »Das sage ich auch ... Er konnte noch immer nicht daran glauben, daß ihn der große ›Unbestechliche‹ wirklich hatte fallen lassen. Man mußte ihn niederschlagen, ehe man ihn fesseln und frisieren konnte.« »Pfui Teufel,« rief da Fossé mit erregter Stimme und Aristide Poignard, der reglos an Fleurettes Seite auf der Bank gesessen hatte, wandte sich jetzt plötzlich in tiefstem Ekel ab. Aber die drei Zuhörer ließen dem Bürger Riard keine Ruhe. Sie wollten von diesem Augenzeugen, der dem Tod des gewaltigen Danton beigewohnt hatte, alles wissen. Dieser Mann, dieser Danton war so lange der Abgott von Paris und von ganz Frankreich gewesen. Der Mann mit dem hohen Wuchse und der gewaltigen Statur, der wunderbaren Rednergabe, dem beißenden Witze und dem scharfen Verstande, lauter Eigenschaften, die ihn zum Herren dieser Revolution geschaffen zu haben schienen, die die Bewunderung der Massen immer wieder aufs neue erzwungen hatten ... und nun auch er? Riard fuhr fort: »Als sie Camille Desmoulins endlich gefesselt hatten, bettelte er um die Locke, die ihm seine Lucile von ihrem Haar abgeschnitten und in das Gefängnis geschickt hatte. Danton erwies ihm diesen Liebesdienst. Er hob die Locke auf, die zwischen seine eigenen abgeschnittenen Haare auf die Erde geglitten war, und da beruhigte er sich.« »Die Bestien!« knirschte Fossé. Und auch die anderen beiden Bürger, ein Sattler namens Jaunâtre und der Bäckermeister Poirier aus der Rue Saint Denis ballten im Grimm gegen die Bluthunde die Hände zur Faust. »Als er die Locke seiner Lucile zwischen den Fingern seiner gefesselten Hände hielt, ward er still.« So fuhr Riard fort. »Und denkt euch. Sie hatten nur einen einzigen Karren für die 14 Verurteilten. Das war eine saubere Fahrt!« »Waren viel Leute auf dem Platz, Bürger Riard, als der Karren den Hof des Luxembourg verließ,« forschte jetzt der Bäckermeister aus der Rue Saint Denis. »Ein Haufe! Ein gewaltiger Haufe, sage ich euch! Und dieser Haufe schwieg, als er Dantons ansichtig wurde. Niemand wagte zu rufen. Es herrschte Totenstille unter dem Haufen. Nur ein paar Lumpenhunde und eine Handvoll versoffener Weiber waren noch zusammengetrommelt worden, die brüllten auch einem Danton ins Gesicht. Camille Desmoulins hielt auf der Fahrt eine Rede.« »Eine Rede, was sagte er, Bürger Riard?« Er schrie dieses Volk an: »Edles Volk! Unglückliches Volk! Irregeleitetes Volk!« ... so rief er, »du wirst getäuscht! Du wirst zugrunde gerichtet. Man schleppt deine besten Freunde auf das Blutgerüst. Erkennt ihr mich nicht? Rettet ihr mich nicht? Ich bin Camille Desmoulins! Mir verdankt ihr den 14. Juli! Ich habe euch zum Kampf gegen den Tyrannen nach der Bastille geführt. Wißt ihr das wirklich nicht mehr? Ihr tragt die Kokarde der Republik! Ich habe sie Euch geschenkt!« ... So stand er auf dem Karren, so schrie er auf dem ganzen Wege, Freunde! ... Von dem Luxembourg bis zu dem Revolutionsplatz! Er wollte seine Fesseln zerreißen, aber er zerriß nur seinen Rock und sein Hemd, so daß er fast nackt mit seiner knochigen und sehnigen Büste vor den Augen des Pöbels stand.« »Und man machte keinen Versuch, ihn zu befreien?« »Keine Hand regte sich, das Volk ist ganz apathisch geworden, Bürger Fossé, es kümmert sich eben um nichts mehr, es läßt den großen ›Unbestechlichen‹ schalten und walten ... Nur die Lumpenhunde, die man gemietet und bezahlt hatte, nur der Haufe versoffener Weiber antwortete auch Camille Desmoulins mit Schimpfworten und wütendem Hohngelächter. Endlich beruhigte ihn Danton, der an seiner Seite auf dem Karren saß. »Schweig, rief der mit seiner gewaltigen Stimme, laß die Hundsfotte laufen!« So kam man vor das Haus Duplays, vor die Wohnung des großen »Unbestechlichen«! »Ich bin gespannt, was sich in unserem Torweg ereignet hat,« sagte Aristide Poignard zu Fleurette, die sich, an allen Gliedern über die Erzählung Riards zitternd, fest an ihn schmiegte. »Es war doch heute nach vier Uhr nicht möglich, dort mit Orangen zu handeln, so voll gedrängt mit Neugierigen war die Straße.« »Und gab es einen Zwischenfall vor der Maison Duplay,« fragte jetzt Fossé. »Als der Karren herangerattert kam, schloß man droben die Läden. Es wurden Stimmen laut: ›Es lebe Robespierre!‹ ... aber der ›Unbestechliche‹ zeigte sich nicht. Ein Weib, das in dem Torweg des Hauses stand, soll erzählt haben, daß er in die Hinterzimmer geflüchtet sei, wo man die Schreie der Menge nicht hätte hören können!« »Der Feigling,« rief da der Bäckermeister Poirier. »Das unterschreibe ich,« sagte da Aristide Poignard zu Fleurette. »Sei doch vorsichtig, Aristide, ich bitte dich, sei doch vorsichtig!« Aristide Poignard lachte und spie dann wieder einmal kräftig vor sich hin. Die Gruppe der Bürger ließ sich durch das Pärchen auf der Bank, das sie schon lange bemerkt hatte, durchaus nicht irre machen. Es kamen so viele Liebesleute auf den Bänken im Jardin de Luxembourg zusammen und nun gar in einer warmen und schönen Nacht im Monat Germinal. »So kam man denn endlich vor die Maschine,« fuhr Riard jetzt fort. Die Augen der Bürger waren weit aufgerissen, wie immer in diesen Tagen die Augen aller, auch die der Friedfertigsten, wenn von der Blutmaschine die Rede war. Durch den Kopf Aristide Poignards zog da das Lied, das die junge Frau vorhin vor dem Café du Glaive gesungen hatte. Unwillkürlich summte er leise vor sich hin: Wer schreibt die Freiheit auf die Fahnen? Wer bleibt der Menschheit letztes Gut? Wer lenkt die Welt in neue Bahnen? ... Das Blut, das Blut! Je dramatischer sich seine Erzählung gestaltete, desto lauter erhob der Bürger Riard seine Stimme. »Hérault de Séchelles betrat als erster das Schafott! Ich sage Euch, Bürger, er näherte sein Gesicht dem Gesicht des großen Danton, als ob er ihn küssen wolle. Aber seine gefesselten Hände hinderten ihn daran, den Freund zu umarmen. Der Knecht des Henkers gab ihm einen Stoß. Da vernahm man Danton: »Rindvieh, unsere Lippen werden sich trotz allem finden, wenn du erst unsere Köpfe in deinen Korb mit den Sägespänen schmeißest!« »Dem hat er es aber gegeben,« jubelte da der Bäckermeister Poirier aus der Rue Saint Denis und die andern beiden rieben sich vergnügt die Hände. »Ich kann das nicht mehr mit anhören, Aristide,« jammerte Fleurette. »Seit wann bist du denn weichherzig geworden, mein Täubchen, das war doch sonst nicht Sitte bei den Damen im Palais Royal. Hast du denn die Rolle, die du selbst bei Rose Lacombe gespielt hast, schon wieder vergessen?« Beschämt senkte Fleurette den Kopf. Sie errötete vor Aristide Poignard, wenn sie daran dachte, daß auch sie die Stunde höchster materieller Not dazu vermocht hatte, unter die Fahne einer Rose Lacombe zu treten, die der Sturm der Revolution jetzt längst vom Erdboden weggefegt hatte, die jetzt Gott wußte, in welcher Gosse von Paris ihren besudelten Leib um ein paar Sous einem jeden preisgab. »Aber auch Camille Desmoulins fand sich wieder,« berichtete Riard weiter. »Er hielt die Locke seiner Lucile zwischen den Fingern, betrachtete die Maschine, von der gerade das Blut seines Freundes Hérault de Séchelles troff, und sagte: Das ist also das Ende des ersten Apostels der Freiheit! Aber die Bluthunde, die zu meinen Mördern geworden sind, werden mich nicht lange überleben! Da fiel sein Haupt und nachdem sie so dreizehn geköpft hatten, kam als letzter Danton selbst an die Reihe.« »Was tat er?« »Was sagte er?« »Wie benahm er sich?« Die Fragen aus dem Munde der Riard Zuhörenden überstürzten sich. Auch Aristide Poignard ließ jetzt alle Vorsicht beiseite. Fleurette an der Hand, erhob er sich von der Bank und trat an die Gruppe der Bürger heran. Die erstaunten auch nicht weiter. »Nicht wahr, das wollt Ihr auch wissen, Bürger,« sagte Riard ganz einfach. »Wer wollte das nicht von einem Augenzeugen wissen, wie Danton gestorben ist!« »Freilich will ich das wissen, Bürger!« Riard warf sich in die Brust, als ob er selbst ein Teil an Dantons Heldentode hätte, und sagte: »Er sah aus, sage ich euch, so stolz und so groß, wie er niemals auf der Tribüne des Konvents ausgesehen hat! Verächtlich betrachtete er, sich nach rechts und nach links wendend, das zu Füßen des Blutgerüstes versammelte Volk. Nur einmal wurde er schwach. Es schien, als denke er an seine junge Frau, die ihm doch eben erst angetraut war! Doch dann raffte er sich wieder zusammen. Er faßte den Henker scharf in das Auge und befahl dem: ›Du wirst meinen Kopf dem Volke zeigen, es ist der Mühe wert, mein Freund! ...‹« »Und was tat der Henker?« »Selbst er vermochte sich einem Befehl Dantons nicht zu entziehen. Er folgte ihm. Er suchte seinen Kopf unter den vierzehn Köpfen, die seinen Korb mit den Sägespänen bis zum Rand füllten, hervor, hob ihn in die Höhe und machte den Rundgang um das Schafott. Er zeigte ihn allem Volke, wie man ihm einst den Kopf Louis Capets und den der Österreicherin gezeigt hat.« »Die Hyänen des Konvents an der Spitze, jubelte alles ... und alles klatschte in die Hände ...!« »Komm, Fleurette!« Aristide Poignard zog das Mädchen in das Dunkel des Jardin de Luxembourg. Riard rief hinter den beiden her: »Ist es Euch übel geworden, Bürger, Ihr könnt wohl das Blut nicht gut vertragen. Ihr habt wohl keine Konstitution für die Tage Maximilien Robespierres, mein Freund?« Aristide erwiderte nichts. Er war mit Fleurette bereits im tiefen Schatten eines der Seitenwege des Gartens verschwunden und ging jetzt geraden Schrittes auf das Palais zu, in dessen Vorhof man die Wache der Nationalgarde untergebracht hatte. Er trat an den Posten heran. »Kann ich den Wachhabenden sprechen, Bürgersoldat,« fragte er den Nationalgardisten. »Gewiß könnt Ihr das, Bürger, tretet nur ein!« Zusammen mit Fleurette betrat jetzt Aristide Poignard das Wachzimmer des Luxembourg. Auf den Bänken an der Wand schliefen langausgestreckt die Soldaten und schnarchten in gesundem Schlummer. Eine einzige Öllampe erhellte den düsteren Raum, in dessen Mitte ein grob zusammengezimmerter Tisch mit glattgehobelter Eichenholzplatte stand. Vor diesem saß der Wachhabende und las in einem Buch. Voll Neugier trat Aristide an ihn heran und sah ihm über die Schulter. Es war der Emile des Rousseau, den der Unteroffizier der Nationalgarde da las. »Womit kann ich Euch dienen, Bürger,« fragte der höflich. »Ist es erlaubt, die Listen der Eingelieferten durchzusehen, Bürgersergeant,« forschte Aristide Poignard. »Gewiß ist das erlaubt, Bürger! Sucht Ihr eine bestimmte Person?« »Ja!« »Wie heißt diese Person, Bürger?« »Darf ich die Listen nicht selbst durchsehen?« »O ja ... aber die Listen sind umfangreich.« »Ich bitte um den Buchstaben R.« »Es handelt sich um die letzten vier Wochen?« »Um die letzten vier Wochen, Bürgersergeant!« Der Wachhabende trat vor ein Regal, das an der einen Wand der Stube angebracht war und dessen Gefächer bis oben hinauf von Papieren strotzten. Einem dieser entnahm er ein in blaue Pappe gebundenes Aktenbündel und sagte: »Der Buchstabe R, Bürger ... vom 15. des Monats Ventose des Jahres II bis zum 15. des Germinal.« Aristide Poignard suchte den Namen des Freundes in dieser Liste, während Fleurette ihm über die Schulter sah. Das Mädchen entdeckte den Namen zuerst. »Da steht es in der Tat, Aristide,« sagte sie mit zitternder Stimme. Und Aristide Poignard las: Auguste Rodeur, angeblich Publizist aus Versailles, eingeliefert am 17. des Ventose wegen Verdachts der Begünstigung des Girondisten Marie Josephe Théophile Tourlan auf Veranlassung des Agenten Duchèsne und des Schreibers Silvain Parmentier. Dieser Vermerk in der Liste trug die Nummer 8963. Aristide wandte sich an den Sergeanten, der sich schon wieder in die Lektüre des Rousseau versenkt hatte. »Und wißt Ihr, Bürgersergeant, ob sich die Nummer 8963 noch im Luxembourg befindet oder ob über diese Nummer schon verhandelt worden ist?« »Steht nichts darüber in der Liste?« »Nein, Bürgersergeant.« »Welche Nummer sagtet Ihr, Bürger?« »8963.« Der Wachhabende erhob sich. Er nahm einen dicken Folianten aus dem untersten Gefach seines Regals, schlug diesen auf und las: »Befindet sich nicht mehr im Luxembourg.« »Und wo sonst, Bürgersergeant?« fragte Aristide Poignard. Es war ihm nicht möglich, den Ton des Schreckens, den seine Stimme da plötzlich annahm, völlig zu verbergen. »Wo denn sonst?« wiederholte er noch einmal. »Man hat ihn abgeführt.« »In die Conciergerie?« stammelte Aristide. »So rasch arbeitet Fouquier Tinville nicht, Bürger! Nach Saint Lazare, der Luxembourg ist überfüllt, wir haben hier keinen Platz mehr!« »Ich danke Euch, Bürgersergeant!« »Bitte sehr. Wir haben strengste Weisung von Fouquier Tinville, keinem Bürger die Auskunft zu weigern, die Republik kennt keinen Hinterhalt, sie dient der Sache der Freiheit und der Gerechtigkeit ohn' Ansehn der Person und ihre Wege liegen vor jedem offen.« Der Bürgersergeant grüßte und Aristide entfernte sich zusammen mit Fleurette. Für heute war es zu spät, um noch den weiten Weg hinaus nach Saint Lazare anzutreten, wo sich also der Freund befand. Morgen in aller Frühe würde er dort sein und sich mit größter Vorsicht nach ihm und seinem Schicksal erkundigen. Wie war das wohl alles gekommen? Standen sein Brief und Augustes Verhaftung in einem inneren Zusammenhang? Hatte nicht der Wachhabende etwas von dem Girondisten Tourlan gesagt und davon, daß Rodeur der Begünstigung dieses Mannes verdächtig erklärt worden war? Sinnend schritt Aristide Poignard durch den dunklen und jetzt totenstillen Jardin de Luxembourg an der Seite Fleurettes dahin. Der morgige Tag würde ihm Aufklärung bringen. Voll Ungeduld erwartete er diesen. Sie hatten das Café du Glaive wieder erreicht. Bei Lerouge brannte noch immer Licht, obwohl die Tische draußen in der Rue de Vaugirard verschwunden waren. Es war schon kühler geworden und auch die Musikerbande hatte sich aus dem Staube gemacht. Die Stimme der jungen Frau klang nicht mehr an Aristides Ohr, aber im Geist hörte er noch immer diese Stimme und das seltsame Lied mit dem stets wiederkehrenden Refrain: Das Blut, das Blut! Als ob das ganz selbstverständlich sei, gingen sie wieder in das Café. Wie manche Nacht hatten sie in den letzten Wochen, bis der Morgen graute, bei Lerouge gesessen! Das Café war beinahe leer, nur in der einen Ecke auf dem schmierigen Kattunsofa, das einmal bessere Tage gesehen haben mochte, unter dem erblindeten Wandspiegel, dessen vergoldeter Rahmen seinen Glanz aus den Tagen des Tyrannen längst verloren hatte, saßen noch drei grell geschminkte Dirnen des Palais Royal, drei alte, die keine Kunden gefunden hatten. »Das ist ja Amélie ... Die war auch einmal Sängerin in einem Variété,« sagte jetzt Fleurette. Aristide hörte nicht weiter auf sie. In der entgegengesetzten Ecke des Cafés nahm er Platz und bestellte für sich und Fleurette noch eine Kanne Tee. Dann träumte er vor sich hin. Über Auguste Rodeur, über die Oden des Freundes und über die eigene Malerei. Über die Vergangenheit und die Zukunft Frankreichs! Das alles wirbelte samt der blutigen Erzählung des Bürgers Riard im Jardin de Luxembourg durch seinen müden Kopf. Fleurette lehnte sich an seine Schulter und schlief bald ein. Da ging die buntgemalte Alte, die Fleurette vorhin als Amélie vom Variété bezeichnet hatte, an das Spinett, das neben dem Kamin in Lerouges Café du Glaive stand. Sie schlug ein paar Takte an, probierte das Lied, das die junge Frau an diesem Abend draußen in der Rue de Vaugirard gesungen hatte und sang die Strophe, die letzte, die Aristide Poignard entgangen war: »Was senkt die Liebe in die Herzen, Was leiht den höchsten Opfermut, Was setzt ein Ende allen Schmerzen? Das Blut, das Blut!« Amélie sang schlecht. Sie kannte das Lied noch nicht und ihre Stimme war ausgeschrien. Der Kopf Aristide Poignards sank schwer herab. Da trat Lerouge aus der Küche kommend in das Café und trieb die Dirnen auf die Gasse. »Fertig, Schluß,« sagte er, »hier findet Ihr doch keinen mehr, geht in den Luxembourg, dort hat's Bänke.« Die Dirnen gingen ohne ein Wort des Widerspruchs. Lerouge löschte die Lampe. Der Bürger mit dem Mädchen, der die Assignate in der Tasche hatte, mochte ruhig hier weiter schlafen. Es war nicht das erstemal. Und durch den Traum Aristide Poignards ging der Refrain des heute gehörten Liedes wie das geheime Weben und Wehen seiner Tage: Das Blut, das Blut! Sechzehntes Kapitel. Aristide Poignard hatte sich eine schier unerfüllbare Aufgabe gestellt. In den Tagen und Wochen, die dem Tod Dantons folgten, war es ein Ding der Unmöglichkeit, einen einzelnen Verdächtigen in den Pariser Gefängnissen ausfindig zu machen. Die Zahl der Blutopfer wuchs den Henkern und deren Helfershelfern über den Kopf. Die Zellen, Gänge und Säle der Conciergerie, des Luxembourg und Saint Lazares waren vollgepfropft mit Menschen, die der Ladung vor das Revolutionstribunal und somit der Guillotine harrten, denn die Anklage Fouquier Tinvilles war gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Der höchste Adel Frankreichs, die Aristokratie und Geistesblüte der bedeutendsten Kulturnation, die glänzendsten Namen der gestürzten Monarchie waren hier zusammengeworfen mit dem Abhub der Gosse, den die Häscher des Überwachungskomitees aus den schmutzigsten Winkeln der Hauptstadt zusammengekehrt hatten, und alles harrte desselben Loses. Frauen, die einst an den Stufen des Thrones gestanden, ja eine, deren im Schoße der Zukunft die Kaiserkrone noch harrte, teilten in diesen Kerkern den Strohsack mit dem verworfensten Gesindel, das in seiner Masse den Machthabern über den Kopf zu wachsen drohte und mit dem aufgeräumt werden mußte. Wahllos würfelte man die Gefangenen beiderlei Geschlechts durcheinander, und so erblühte den des Todes Harrenden hier am Rand des Grabes noch des Liebesrausches duftende Blume und die zarte Blüte der durch den Hauch des Todes geadelten Poesie. Dantons Opfer dampfte zum Himmel und forderte neue Hekatomben von Tag zu Tag. Das Blut des Führers, auf den das Volk vertraut hatte, war nach der Ansicht des großen »Unbestechlichen« nur mit Blut wegzuwaschen ... und so sandten denn Fouquier Tinville und sein Gerichtshof die von Robespierre am meisten gefürchteten Insassen von Saint Lazare auf das Schafott. Zwei Generäle, die der Republik in Treue gedient hatten, Gobel, der alte Erzbischof von Paris, der zu allem »Ja und Amen« gesagt, die Witwen Héberts und Desmoulins' und schließlich Chaumette selbst befanden sich unter diesen Opfern. Als das Haupt dieses fanatischsten Führers der Cordeliers fiel, hatte Aristide Poignard wieder einmal seine Einnahmequelle verloren. Niemand gab ihm jetzt auch nur einen Sou dafür, wenn er vor der Maison Duplay im Torweg stand und zusammen mit FIeurette seine Orangen verkaufte. Wieder einmal saß er auf der Straße und noch immer floß in Strömen ... das Blut. Wieder konnten Fleurette und er betteln gehen, wenn sie den Sturm, der noch immer über Paris dahinbrauste, überstehen wollten. Und während der Maler und die Dirne jetzt tatsächlich auf dem Pont Neuf die Hände ausstreckten und die Vorübergehenden um eine milde Gabe anflehten, wurden den Gefangenen in Saint Lazare die Tage vor ihrem Tode zum ... Fest! »Man sollte kurzen Prozeß machen, Fleurette,« sagte der Maler an einem Abend des Floréal, als ganz Paris infolge des schönen Wetters und einer im Auftrag Robespierres wieder einmal in Szene gesetzten Massenexekution auf den Beinen gewesen war. »Man sollte kurzerhand in die Seine springen, dann hätte das ein Ende. Zum Teufel auch, wenn man heute so gar keinen Namen hat und es nicht einmal bis zum Verdächtigen bringen kann, der noch einmal anständig gefüttert wird und anständig stirbt! Die Lumpenhunde geben nur noch Kupferstücke, den ganzen Tag stehe ich hier und habe noch keine 15 Sous verdient! Und du, Fleurette?« »Ich habe nur 11,« erwiderte das Mädchen, und die Tränen standen ihr in den Augen. »Laß uns gehen, Fleurette,« sagte jetzt Aristide. »Aber wohin denn? Lerouge im Café du Glaive gibt uns doch schon lange nichts mehr. Wir schulden ihm doch noch 16 Franks!« Bitter lachte Aristide Poignard. »Lerouge ... Wer sagt denn, Fleurette, daß wir zu Lerouge gehen wollen? Ich betrete nie und nimmer mehr die Schwelle eines Menschen, der mich vor die Tür gesetzt hat, das weißt du doch, ich gehe hinaus in den Faubourg Saint Denis. Kommst du mit?« »Was willst du in Saint Denis, Aristide?« »Dort soll es Arbeit geben, Fleurette! Es sitzen viele Gefangene in Saint Lazare, die Assignate in den Taschen haben. Das Geld hat keinen Wert mehr für den, den Fouquier Tinville schon in Arbeit genommen hat. So verprassen sie ihr Gut. Komm mit, die Speisehäuser in Saint Denis sind überlaufen. An den Büfetts stehen die Leute Queu, die das Essen für die Gefangenen in Saint Lazare holen. Der Wein fließt in den Zellen und Sälen in Strömen. Alle Räume in Saint Lazare sind vollgepfropft! Komm mit!« »Ich fürchte mich, Aristide!« Poignard lachte. »Gibt es für unsereinen noch was zu fürchten, Fleurette, wenn einem der Hunger wie ein Geier an den eigenen Gedärmen frißt? Ich beneide Auguste Rodeur, daß er in Saint Lazare oder sonst wo im Trockenen sitzt und sich für seine Assignate ein Filet und eine Flasche Burgunder kaufen kann. Ist es nicht besser, in Saus und Braus auf Madame Guillotine zu warten, als hier auf dem zugigen Pont Neuf langsam an Unterernährung zu krepieren? Komm also mit!« Allmählich war es dunkel geworden. Aristide Poignard machte sich auf den Weg und seufzend folgte ihm Fleurette. Er hatte ja recht, das Handaufhalten auf dem Pont Neuf warf verflucht wenig ab. Schließlich war die Idee mit Saint Denis und dem Gefängnis Saint Lazare nicht die schlechteste, wenn es dort alle Hände voll zu tun gab. Schweigend schritten Aristide und Fleurette nebeneinander her. In den Wellen der Seine spiegelten sich die Lichter des Kais. Der Mond der warmen Vorsommernacht trat eben hinter einer Wolke hervor und warf sein silbernes Licht auf den Fluß, so daß die Reflexe wie eine Schar munterer Fische durch die dunkle Tiefe schossen. Fleurette blieb stehen. Sie trat dicht an den Rand des Kais und schaute hinab in das gurgelnde Wasser. »Am Ende hast du so unrecht nicht, Aristide,« sagte sie erschauernd. »Das Leben ist laut und hart und da drunten liegt sich's lind und weich.« Wie in plötzlicher Sehnsucht breitete sie beide Arme aus, als ob sie den Fluß dort unten umfangen wollte, so daß Poignard wirklich einen Augenblick erschrak. Aber dann sagte er: »Das ist alles Larifari, Fleurette, man lebt nur einmal und der Tod bleibt der Tod. Gelichter wie du und ich übersteht auch diese Revolution, weil Unkraut nicht zuschanden werden kann. Komm mit, wir wollen doch sehen, ob für uns von dem Tisch der Glücklichen in Saint Lazare nicht auch ein Brocken abfällt!« Er nahm den Arm Fleurettes. Mit sanfter Gewalt mußte er das Mädchen von dem Rand der Kaimauer fortziehen, denn deren Augen waren wie gebannt auf den durch die Lichter des Mondes in silbenen Glanz getauchten Wasserspiegel gerichtet. Die endlos lange Rue Saint Martin, durch die sie das Tor gleichen Namens und dann den Faubourg Saint Denis erreichen wollten, war in dieser Stunde schon still und dunkel. Wie Schatten huschten die beiden an den Häusern entlang. Hie und da gab das Pflaster den Schritt ihrer Füße in hohlem Ton zurück. »Weißt du, Aristide, daß es dein Unglück war, als du meine Bekanntschaft machtest,« sagte jetzt Fleurette. Poignard lachte gezwungen. »Wer hätte mir umsonst Modell für meine Nymphe gesessen, Fleurette?« »Hat dir die Nymphe vielleicht Glück gebracht, Aristide? Monatelang hat sie unverkäuflich auf unserer Bude in der Rue Saint Roch gestanden und dann ist sie für 100 Sous zum Trödler gewandert. Ach, ich und die Nymphe, wir sind dein Unglück geworden, Aristide!« Die Worte des Mädchens griffen Poignard ans Herz. Er legte seinen Arm um die Hüften Fleurettes. Einen Augenblick blieben die beiden in der dunklen Rue Saint Martin stehen. Ein Schimmer des Mondlichts fiel jetzt wieder auf Fleurettes schlanke Gestalt, deren Wuchs die einstige Grazie und Schönheit, die dem Maler die Anregung zu seiner Nymphe gegeben hatten, noch immer zeigte. Aristide sah der Freundin seines Elends und Unglücks in die von tiefen, blauen Ringen umränderten Augen und sagte: »Meine liebe Fleurette! Du, mein Unglück? O nein! Die Revolution ist mein Unglück gewesen, wie sie das Unglück Tausender in Frankreich war. Sie hat die Kunst gemordet, und wenn die tot ist, dann stirbt auch der Künstler mit ihr ab. Das ist alles! Nicht du warst es, Fleurette!« »Wirklich nicht ich, Aristide?« Ein glückliches Lächeln glitt bei ihrer Frage und den Worten Poignards um Fleurettes auch in den Tagen des Hungers und Elends noch immer geschminkten Mund. Poignard fuhr fort: »Nein, wirklich nicht du, Fleurette, du bist mein letzter Halt in den Stürmen dieser Tage gewesen, ohne dich und deine Liebe wär' ich schon tot! Hätte ich ohne dich die Polichinellen zustande gebracht, mit denen wir uns auf der Place Grève doch eine Zeit lang ernährt haben, bis der Pöbel andere sehen wollte. Nur um deinetwillen, Fleurette, habe ich mir die 40 Sous von der Regierung geben lassen, nur um deinetwillen bin ich zu Chaumette gelaufen und habe mich in dessen Dienste gestellt. Deine Liebe hat mich über Wasser gehalten, sie allein, Fleurette!« »Meine Liebe?« Bitter klang das wundersüße Wort aus dem geschminkten Munde des Mädchens. »Hat so eine wie ich eine Liebe, Aristide,« fragte sie. Er ging auf ihren Ton ein. »Auch so eine wie du, Fleurette, hat eine Liebe,« antwortete er ernst. »Es gibt überhaupt kein Wesen, so arm, und keines so schlecht, Fleurette, das nicht eine Liebe hätte!« »So schlecht sagst du, Aristide!« »Ich spreche nicht von dir, Fleurette! Du hast mich gefragt und ich muß dir antworten, ganz im allgemeinen antworten, wie du mich im allgemeinen gefragt hast. Vielleicht hat diese Zeit, die sich unterfing, alle Begriffe der Menschheit auf den Kopf zu stellen, auch solches zuwege gebracht, FIeurette, daß man den Edelmut und die Liebe, die den andern abhanden gekommen Zu sein scheinen, bei den Besucherinnen der Cafés des Palais Royal zu suchen hat!« »Deine Worte machen mich so glücklich, Aristide!« »Siehst du, Fleurette! Als ich dich damals auflas von der Gasse vor dem Palais Royal und dich mit nach Hause nahm, gab es mir wohl manchmal der Dünkel ein, daß ich dich retten könnte! Jetzt hat sich der Spieß umgedreht, Fleurette! Wenn ich noch lebe und wenn diese Tatsache ein Anlaß zum Danke wäre, dann schulde ich das dir, dir allein, Fleurette!« Sie sah ihm beglückt in die Augen und preßte ihren Arm an seine Schulter, die sie umschlungen hielt. »Als ich damals den Schleier opferte, Aristide ...« Er lachte. Er erinnerte sich augenblicklich gar nicht daran, daß sie doch mit auf den Schleier anspielen konnte, aus dem sie die Kleider für den Erzbischof Gobel auf seinem Polichinellentheater geschnitten hatte. »Welchen Schleier,« fragte er daher erstaunt. »Den schwarzen, den ich nach dem Tod meiner Mutter trug und aus dem ich den Talar für den Pfaffen gemacht habe.« »Ach richtig, Fleurette! ... Das war also damals, da du den Schleier opfertest ...« »Da glaubte ich das Letzte hergegeben zu haben, Aristide, was mich noch an die Reinheit meiner Kindheit und an die Vergangenheit band, da glaubte ich jeden Besitzes bar zu sein. Dem war aber nicht so, mein Freund!« »Dem war nicht so?« »Im Gegenteil, Aristide! Das Opfer weckte in meinem Innern alles, was ich längst verloren wähnte, wieder auf. Ich dachte aufs neue meiner Mutter und der Tage der Kindheit, da ich noch ein kleines Mädchen wie alle andern war. Auch Dirnen aus den Cafés des Palais Royal sind nämlich einmal kleine Mädchen wie alle andern gewesen, Aristide!« »Das waren sie sicher einmal alle, alle, Fleurette. Auch die Bluthunde, die heute in den Tuilerien regieren, sind einmal unschuldige Knäblein gewesen, die verhungert wären, wenn ihnen ihre Mütter die Brüste nicht gereicht hätten ...« »Ja ... auch die Bluthunde, Aristide! ... Aber ich dachte meiner Kindheit, da ich den schwarzen Schleier opferte, von dem ich mich nicht trennen wollte, weil das seit langer Zeit wieder das erste Opfer ... aus Liebe war!« »Das sagst du, Fleurette?« »Das sage ich, die sich wie oft dem erstbesten zum Opfer brachte, ohne der Liebe Glück und Leid zu empfinden, das sage ich, Aristide! Und wenn du jemals einen Ausweg aus diesem Wirrsal finden solltest, dann denke der Stunde meines Opfers! Willst du das tun?« »Das will ich, Fleurette!« Poignard drückte ihre Hand und es kam ihm vor, als sei dies ein heiliges Versprechen, das er eben der einstigen Dirne aus dem Palais Royal gegeben hatte. Langsamen Schrittes waren die beiden durch die warme Vorsommernacht weiter und weiter gegangen, durch die Rue Saint Martin, hinaus aus Paris ... und jetzt standen sie vor dem gewaltigen Tore, das den Eingang zu Saint Lazare bildet. »Ist das Saint Lazare,« fragte Fleurette. »Es sieht aus wie ein Kloster!« »Es war auch ein solches, Fleurette, ehe es in den Tagen der Republik zum Staatsgefängnis erhoben wurde.« »Haben hier Mönche oder Nonnen gehaust?« »Mönche ... Augustiner ... Fleurette!« »Es scheint sehr alt!« »Weit über 500 Jahre, Fleurette! In der Zeit der Kreuzzüge ward es von einem frommen Pater errichtet, der es zum Hospital bestimmte und Kranke in seinen Räumen pflegte, denn die Pest verheerte damals den größten Teil Frankreichs und ganz Paris!« »Die Pest, Aristide?« Fleurette schrak zusammen. »Das muß eine schaudervolle Krankheit sein!« »Kaum so schaudervoll wie die, die heute in den Mauern von Paris wütet, Fleurette! Saint Lazare hat glücklichere Tage gesehen, als die der Pest und die der Revolution!« »Erzähle, Aristide!« »Als die Krankheit in Paris zum Stillstand gekommen war, ward Saint Lazare ein Kloster. Unermeßliche Reichtümer sind dann von Saint Vincent de Paul in diesem Kloster zusammengetragen worden und jeder Arme ward hier umsonst verpflegt. In jenen Tagen hätten wir wahrscheinlich den gleichen Weg wie heute gemacht, Fleurette! Jetzt hat man die Mönche in die Kerker und auf das Schafott geschleppt und ... Saint Lazare ist ... Gefängnis!« Aristide und Fleurette traten durch das hohe Portal in den Hof Saint Lazares, das sich plötzlich im Schein der Windlichter und Fackeln, die man hier angebracht hatte, wie ein unergründlicher Schlund mit seinen langen und rätselvollen, von niederen Säulen getragenen Gängen vor ihnen auftat. Die Wache ließ die beiden ruhig passieren. Das war Wunsch und Wille der gerechten Regierung des großen »Unbestechlichen«. Hunderte und aber Hunderte gingen in diesen Tagen im Luxembourg, in der Conciergerie, in Saint Lazare aus und ein, um sich nach dem Schicksal eines Verwandten oder Freundes zu erkundigen oder sich selbst nach ihm umzusehen. In den meisten Fällen ohne jedes Resultat, da sie sich unter der Menge der Gefangenen ebensowenig zurechtzufinden vermochten, wie Fouquier Tinville in den Bergen seiner Anklageschriften im Bureau der Conciergerie. In den langen und düsteren Bogengängen von Saint Lazare brannten die Laternen, die Aristide und Fleurette einen schwachen Schein auf ihren Weg warfen. Diese Gänge führten vorüber an den schweren, eichenen und mit Eisen beschlagenen Türen, die den Eingang zu den in Kerker verwandelten Zellen und Sälen der vertriebenen Mönche bildeten. Menschen schoben sich durch diese Gänge ... suchende, neugierige ... wie Aristide und Fleurette. Aber auch Aufwärter und Mädchen aus den Saint Lazare benachbarten Speisehäusern liefen dazwischen mit Tellern und Schüsseln, Gläsern und Flaschen, die den Gefangenen die Nahrung und das Getränk in die Zellen und Säle brachten, denn wer sich hier nicht selbst beköstigte, lief Gefahr zu verhungern, noch ehe der Henker das Fallbeil für ihn geschliffen hatte. Viele der Gefangenen saßen schon Monate lang in Saint Lazare, weil sich Fouquier Tinville immer noch nicht bis zu ihrem Aktenheft hindurchgearbeitet hatte. So wurde der Aufenthalt hier diesen zur Gewohnheit, die Ungewißheit der noch bevorstehenden Lebensdauer, die Gewißheit des nahenden Todes wurden zum Stachel, das Leben noch einmal in vollen Zügen zu genießen, so weit man dazu imstande war. Und die Wächter legten keinerlei Hindernisse in den Weg, wenn einer nur die nötigen Assignate zum Bezahlen in der Tasche seines seit Monden nicht mehr gesäuberten und gewechselten Rockes trug. Sie hatten keine Augen. Sie sahen nichts. Es wäre auch zu viel verlangt gewesen, wenn sie überallhin hätten sehen sollen, da die in Kerker gewandelten Zellen und Säle der Mönche mit Menschen geradezu gestopft waren wie die Karren der Henker, deren Pferde an jedem neuen Morgen unter der Last, die sie zu ziehen hatten, kaum mehr vorankamen. Eben öffnete ein junger Mensch, der in einem Korb auf den Schultern ein paar Flaschen Wein trug, die schwere Tür einer der größten Zellen. Poignard sah ihn einen Moment erstaunt an. Er war so begierig, einen Blick in die Zelle werfen zu können. Der junge Mensch redete ihn zuerst an und sagte: »Ihr steht vor der richtigen Zelle, Bürger, wenn Ihr Euch in Saint Lazare noch nicht auskennen solltet! Es ist der rollende Sarg, vor dem Ihr steht!« »Was ist das, der rollende Sarg,« forschte Fleurette auf das höchste gespannt. »Das wißt Ihr nicht, Bürgerin,« lachte der mit dem Weinkorb, »seid Ihr denn fremd in Saint Denis? Das ist doch der Spitzname, den die Gefangenen selbst dieser Zelle gegeben haben. In ihr bringen die Leute ihre letzte Nacht zu, die das Pech hatten in der Lotterie der heiligen Guillotine zu gewinnen. Tretet ruhig ein, wenn es euch interessiert, Bürger, man geniert euch nicht. Aber habt Obacht, daß man euch nicht verwechselt, es soll schon vorgekommen sein, daß man einen falschen ›frisiert‹ hat ... und das wäre zum mindesten unangenehm. Denen bringe ich ihren Wein. Der Commerce meines Patron blüht, seitdem wir hier so viele Kundschaft haben. Wir stehen dicht am Eingang des Himmels!« »Was willst du damit sagen, Bursche?« »Oho ... Bürger ... und Ihr, wenn ich bitten darf! ... Was ich damit sagen will? Habt Ihr denn die Aufschrift draußen über der einstigen Kapelle Saint Lazares nicht gelesen? Die haben sie doch jetzt zum Empfangsraum für unsere Pensionäre gemacht!« »Welche Aufschrift?« »Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels! ... Das könnt Ihr über der alten Kapelle lesen, Bürger, und so wahr wie heute ist das noch niemals gewesen. Doch kommt!« Der Junge, der den Korb mit dem Wein nach Saint Lazare brachte, öffnete mit einem Tritt die schwere Eichentür, vor der zwei Nationalgardisten totenstumm Wache standen, hinter ihm traten Poignard und Fleurette ein. Es war ein großer, von Laternen hellerleuchteter Raum, in dem die Gefangenen, die des anbrechenden Todesmorgens harrten, Zum Teil an Tischen saßen, zum Teil sich auf den längst der Wände liegenden Strohsäcken noch einmal ausgestreckt hatten. »Meine Flasche Wein, Pierre,« rief da eine Stimme. »Und meine und meine ...« eine zweite und eine dritte. Hier wurde getrunken, gespielt und sogar gesungen. Die Tage des Schreckens hatten die furchtbare Angst vor dem Tode wie durch ein Wunder des Himmels verscheucht. Man warf die Karten, schlug die Guitarre, küßte und scherzte, auch noch in der letzten Nacht, bevor man den Karren des Henkers besteigen sollte. Männer und Frauen ... es waren Herren und Damen der höchsten Kreise bunt zusammengewürfelt mit Burschen und niederstem Gesindel ... Alles saß hier an den Tischen ... Der Friseur war noch nicht dagewesen. Er hatte die Toilette noch nicht vorgenommen, so daß die Opfer noch leidlich ausschauten. Setze meine Flasche Burgunder hierher, mein Freund,« redete da ein noch junger Mensch den Burschen an, in dessen Begleitung Poignard und Fleurette den »rollenden Sarg«, von niemandem behelligt, betreten hatten. Es war eine hochgewachsene und elegante Erscheinung, aus deren Mund diese Worte kamen. Das edelgeformte und schöne Gesicht war offenbar durch langen Aufenthalt im Freien von der Sonne gebräunt. Weder die Aussicht des so nahe bevorstehenden Todes, noch die aufreibenden Wochen m Saint Lazare hatten die frische Farbe aus diesen sympathischen Zügen auswischen können. Der war sicher noch nicht allzulange im Kerker und Fouquier Tinville hatte mit ihm rasche Arbeit gemacht. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er mit andern am Tisch und schrieb. Jetzt wandte er sich in ganz freundschaftlichem Ton an einen der Gefangenenwärter, die im Saal von Tisch zu Tisch gingen, und beim Auftragen der Weine und Speisen behilflich waren, und sagte: »Ihr schwört mir einen Eid, Bürgersoldat, daß Ihr dieses Blatt in die Hände meiner Witwe niederlegt!« »Wird besorgt, Bürger Montjourdain, Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Das wird besorgt. Ich habe des öfteren schon solche Aufträge pünktlich ausgeführt, und die Herrschaften wären sicher alle mit mir sehr zufrieden gewesen, wenn sie die Erledigung ihrer Aufträge noch erlebt hätten!« Einige der um den Tisch sitzenden, die dem Wein schon reichlich zugesprochen hatten, brachen in ein krampfhaft Lachen aus. Aber dieses Lachen barg trotz allem einen grellen Mißklang in seinem Ton. »Wer ist der Bürger, der da schreibt,« wandte sich Poignard, in dessen Innerem ganz plötzlich ein Interesse an diesem dem Tod Verfallenen erwacht war, an den Burschen mit dem Korb. »Ihr nanntet ihn Montjourdain?« »In den Tagen des Tyrannen hieß er de Montjourdain,« erklärte der Bursche nun Poignard. Und auch Fleurette lauschte gespannt. »Es ist eben heutzutage schon eine Gefahr, wenn man einmal das unschuldige Wörtchen »de« vor seinen Namen gesetzt hat, Bürger! Er war Kommandant eines Bataillons der Nationalgarde und hat der Republik in Ehren gedient. Aber der große ›Unbestechliche‹ erklärte ihn für verdächtig und der ›Unermüdliche‹ säumte nicht. Er hat sich erst vor sechs Wochen verheiratet, der arme Kerl, und heute ist er so weit!« Montjourdain, von dem die Rede war, sah von seinem Papier auf. Er merkte wohl, daß der Junge aus dem Speisehaus und diese seltsamen Gäste des »Rollenden Sarges«, die offenbar die Sorge um einen Bekannten oder auch nur die schnöde Neugier hierhergetrieben hatten, sich über ihn unterhielten. Er wandte sich deshalb an Poignard und sagte: »Wenn es Euch interessiert, Bürger, dann lest! Ich bin zwar nur Soldat, aber in meinen Freistunden, wie jetzt, befasse ich mich auch mit der Poesie!« »In der Tat, das sind Verse,« sagte Poignard, als er das ihm überreichte Blatt aus Montjourdains Händen entgegennahm. »Lest es vor, Bürger. vielleicht paßt es auch zu der Stimmung der übrigen Herrschaften!« Montjourdain hatte diese Worte so laut gesprochen, daß sich ein großer Teil der Gäste des »Rollenden Sarges« nun um den Tisch drängte. »Lest, lest, Bürger,« forderte Montjourdain noch einmal auf. »Ich würde es selbst lesen, aber ich fürchte die eigenen Verse könnten mir in der Kehle stecken bleiben. Wenn ich nicht irre, dann hat Euch unser Ganymed ja schon erzählt, daß ich mich vor sechs Wochen verheiratet habe. Man muß seiner jungen Frau doch noch einen Gruß senden am Abend vor dem Tage, da man die Einladung zu Besteigung des Karrens empfängt. Lest also, lest!« Poignard war dicht an eine der Laternen getreten, die an der Wand des »Rollenden Sarges« befestigt waren. Fleurette sah ihm über die Schulter. Die meisten der Schicksalsgenossen drängten sich jetzt um Montjourdain, der in dumpfem Hinbrüten auf den Tisch und in das mit blutrotem Burgunder gefüllte und zur Hälfte geleerte Glas starrte, indessen Aristide mit zitternder Stimme las. Es war ein Abschiedsgedicht, das Montjourdain in den letzten Stunden seines verrinnenden Lebens, umgeben von den Wänden des »Rollenden Sarges« und den Schauern Saint Lazares, an seine junge Frau gerichtet hatte. Und je weiter Poignard dieses Gedicht las desto stiller wurde es in dem Kerker, desto stärker wurde das Vibrieren seiner Stimme, bis endlich die Tränen dessen, der diesen Raum wieder verlassen und in das blühende Leben des Vorsommers treten durfte, die Worte des dem Tode Geweihten erstickten. Wie die Gedanken und Gesichte eines der Welt und ihren Schmerzen schon Entrückten klangen die Verse des zum Gang auf das Schafott bereiten einstigen Offiziers der Nationalgarde aus dem Munde Aristide Poignards durch den »Rollenden Sarg«. Der Maler war auf das tiefste erschüttert. Aber er las und las und die Ohren der hier versammelten Todesopfer lauschten und lauschten, als müsse die Dichtung des einen ihrer Schicksalsgenossen ihrer aller Sterben verklären. Es naht des Sterbens schwere Stunde, Die Uhr holt aus, es kommt der Tod, Kein Seufzer tritt aus meinem Munde, Nicht flieh' ich vor der letzten Not! Mein Auge bricht, es öffnet nimmer Sein Lid ob deiner Schönheit Pracht, Und deiner braunen Blicke Schimmer Ist jetzt voll Tränen aufgewacht! Aristide schwieg. Er mußte sich sammeln. Die übrigen Insassen des »Rollenden Sarges« standen jetzt alle dichtgedrängt um den Maler, der das Blatt mit dem Gedicht des Verurteilten in zitternden Händen hielt. Aber dieser selbst sagt ruhig: »Lest nur weiter, Bürger!« Aristide Poignard kämpfte die Tränen wacker hinunter und fuhr fort: Ich war nur kurze Zeit dein Eigen, Drum tilg' mein Bild aus deiner Brust! Ich wandle in dem ew'gen Schweigen, Du wandelst in des Lebens Lust! Ein Glücklicher an meiner Stelle Beschirme unser trautes Nest, Er mache deine Tage helle Und deine Nacht zum Liebesfest! Wenn morgen mich das Beil getroffen, Gedenke einer alten Frau, Ich war als Kind ihr ganzes Hoffen, Denk' an den Greis, der schwach und grau! Verlaß' sie nicht in ihren Schmerzen Und teile treulich ihr Geschick, Und strahlt mein Bild aus deinem Herzen Wird dies ihr schönster Augenblick! Aristide Poignard hatte geendet. Draußen in den Gängen von Saint Lazare wurden Stimmen laut. Die Gefangenen fuhren zusammen. »Schon so früh,« vernahm da Poignard. Und von draußen tönte es als Antwort aus dem Munde eines der Henkersknechte: »Wir müssen rechtzeitig mit der Morgentoilette beginnen, sonst werden wir nicht fertig, es sind heute 87.« Die Tür, durch die Poignard und Fleurette vorhin eingetreten, öffnete sich. Der Greffier des Revolutionstribunals verlas die Namen: Bürger Montjourdain ... so lautete der erste. Da erhob sich Montjourdain. Er nahm das Blatt mit dem Gedicht aus den Händen Aristide Poignards, reichte es dem jungen Menschen, mit dem er vorhin gesprochen hatte, und sagte einfach: »Der Bürgerin Montjourdain, mein Freund!« Dann setzte er sich, ein heiteres Lächeln um die Lippen, auf den in der Ecke des »Rollenden Sarges« stehenden Schemel und überließ seine jugendbraunen Locken der Schere der Henkersknechte. Das war das letzte Bild, das Aristide Poignard und Fleurette aus dem Gefängnis Saint Lazare mitnahmen. Noch lange stand es in furchtbarer Klarheit vor ihrem geistigen Auge: Der Dichter dieses Abschiedsliedes und der Geselle, der seinen Nacken für das Beil der Maschine bereitete. Siebzehntes Kapitel. Von der Liebe war nicht mehr zu leben. In diesen Tagen der allgemeinen Zügellosigkeit wenigstens nicht. Das sah Fleurette Bouchard nachgerade ein. Angesichts des einem jeden in unmittelbare Nähe gerückten Todes gaben sich die Frauen des Bürgerstandes, die Mädchen aus dem Volk, die Damen der Aristokratie umsonst den Begierden der Männer hin. Selbst in den Kerkern Saint Lazares feierte noch die Wollust ihre Triumphe. Eine ausgediente Besucherin der Cafés des Palais Royal konnte heute betteln gehen, zumal wenn sie einen Maler, der keinen roten Sou verdiente, zum Freund hatte. In dieser Einsicht hatten sich Aristide Poignard und Fleurette endlich getrennt. Vielleicht brachte die Zukunft doch noch einmal bessere Tage, in denen sie wieder zueinander finden konnten. Für die Gegenwart war es schon besser, wenn jedes seine eigenen Wege ging. Das hatte Fleurette dem Freund unter Tränen noch an dem Morgen auseinandergesetzt, der ihrem Besuch in Saint Lazare gefolgt war. Und Poignard hatte dem Mädchen recht geben müssen. Zu bieten hatte er Fleurette wirklich nichts mehr und, wenn sie verhungern wollten, dann war es schon besser, das allein zu besorgen, als zu zweien zu Grund zu gehen und sich den Abschied von diesem Leben, das man freilich kein Leben mehr nennen konnte, gegenseitig noch schwerer zu machen. So hatten sich denn die beiden in einem Winkel des Faubourg Saint Denis, wo sie unter freiem Himmel genächtigt, noch einmal freundschaftlich die Hände geschüttelt und waren dann schweigend, ein jedes seinen trüben Gedanken überlassen, ihrer Wege weitergegangen. Und alle beide hatten sie noch einmal Glück. Madame Gay, die Wirtschafterin in einem muffigen Kellerlokal der Rue Saint Denis, wußte zwei kräftige und junge Arme schon zu schätzen, wenn die bereit waren, sich den lieben langen Tag und die halbe Nacht gegen Kost und Logis für sie abzurackern. Und so stand denn Fleurette seit etwa vierzehn Tagen vor dem Waschtrog dieser Dame und rieb sich zusammen mit noch einem halben Dutzend Schicksalsgenossinnen die Hände rot und wund, bis der hohe Haufe schmutziger Kleidungsstücke, den die Besitzerin der Anstalt an jedem neuen Morgen wieder zum Vorschein brachte, weiß wie frisch gefallener Schnee geworden war. Fleurette dachte nicht mehr der Tage ihrer Triumphe am Theater. Sie dachte nicht mehr ihrer Eroberungen in den Cafés des Palais Royal, ja, vor Arbeit und Müdigkeit kam sie kaum mehr dazu, darüber nachzugrübeln, was denn aus ihrem Freund Aristide geworden sein könne, von dessen Schicksal sie in der Waschanstalt des Faubourg Saint Denis auch nicht ein Sterbenswörtchen erfuhr. War Poignard verschollen? Hatte ihn, den Künstler, sein unabwendbares Schicksal in diesen Tagen des Schreckens und des Jammers ereilt? War er zugrunde gegangen auf dem Boden dieses blutgetränkten Paris, das seinem Talent kein Arbeitsfeld mehr zu bieten vermochte, oder hatte das Geschick ihn wie sie in letzter Stunde noch vor dem äußersten, dem Tod aus Entkräftung oder dem Sprung in die Seine, bewahrt? Fleurette wußte es nicht und wollte sich darüber auch nicht weiter den Kopf zerbrechen. Sie war so todmüde, wenn sie endlich tief in der Nacht Seife und Bürste beiseite legte und mit den anderen in den früheren Gemüsekeller kroch, den Madame Gay für ihre Mädchen als Schlafsaal eingerichtet hatte. Und doch war Aristide ihr nicht fern. Aber auch seine Tage und Nächte waren jetzt in Anspruch genommen. Einem augenblicklichen Entschluß der Verzweiflung folgend, hatte er sich in der früheren Kapelle mit der vielsagenden Aufschrift: »Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels!« als Gefangenenaufseher in Saint Lazare gemeldet. Und seltsam ... seine Meldung hatte den gewünschten Erfolg. Wie so oft in seinem Leben, trotz allen Unglücks fiel der Maler Aristide Poignard auch diesmal wieder auf beide Füße. Ein gichtiger Alter, namens Bland, den man schon lange nur noch aus Mitleid in Saint Lazare geduldet hatte, konnte sich nicht mehr von seinem Lager erheben ... und der Bürger Aristide Poignard erhielt dessen Platz. Nun hatte der Maler den lieben, langen Tag zu laufen von Zelle zu Zelle, von Saal zu Saal durch die langgestreckten und rätselvollen Bogengänge des einstmaligen Klosters, das die Regierung der Republik in ein Gefängnis gewandelt hatte. Und eines schönen Morgens stieß er in der Zelle Nummer 27, die acht Männer und sieben Frauen beherbergte ... auf seinen Freund, den Dichter Auguste Rodeur! Wie eine Erscheinung starrte der ihn an. »Du bist es, Poignard,« kam es endlich von seinen Lippen. »Bist denn auch du ... doch nein ... du trägst ja die Futterschüssel der wilden Tiere und an deinem Arm ... ist das nicht das Abzeichen des Angestellten der Republik?« »Es ist es, Rodeur,« stammelte nun auch Poignard und schloß den so wiedergefundenen Freund lange in seine Arme. Das konnte er ohne jede Gefahr, aber selbst auf die äußerste Gefahr hin hätte er es in dieser Stunde getan. Doch es befand sich niemand in dieser Zelle mit Ausnahme der Unglückseligen, die nun schon seit Wochen vergeblich auf ihr Urteil harrten, denn die Berge der Anklageschriften häuften sich vor Fouquier Tinville und der »Unermüdliche« kam nicht mehr über sie hinweg. »Aber so gib mir doch eine Erklärung, Poignard!« »Die Nymphe ist noch immer unverkauft, das heißt beim Trödler ...« erwiderte der Maler in elegischem Tone, »das sagt dir wohl alles, Rodeur! Man muß essen. Ich habe nichts unversucht gelassen. Und mit diesem Abzeichen am Arme füttert man mich in Saint Lazare. Der alte Bland hat das Reißen in den Gliedern ... das war mein Glück!« Die übrigen Insassen der Zelle kümmerten sich nicht um das Gespräch der beiden Freunde. Nur die dunklen Augen eines schönen Mädchens waren unablässig auf den Dichter gerichtet, als wollten sie in dem Wiedersehen der beiden einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft und die endliche Befreiung aus dem Kerker entdecken. Es waren die Madonnenaugen der Bürgerin Louise Marteau, die Augen derer, die der eigene Geliebte im Fanatismus für die große Sache der Freiheit erst in den Luxembourg und dann nach Saint Lazare geschleppt hatte, wo sie mit ihren Mitschuldigen in Sachen Tourlan den Kerker und die Erwartung des sicheren Todes teilte. »Und was machst du den lieben, langen Tag, Rodeur?« So fragte jetzt Poignard ... »Es sind doch Monate verflossen, seitdem ich dir jenen Brief nach Louveciennes geschrieben habe, hat sich das Schicksal dieses Herrn Tourlan erfüllt?« »Darüber bin ich nicht unterrichtet, Poignard,« lautete Auguste Rodeurs Antwort. »Man hat ihn, wie es scheint, nicht nach Saint Lazare geschafft. Er ist im Luxembourg geblieben oder gleich in die Conciergerie gewandert. Ich weiß es nicht, ich vermute nur solches. Doch was sage ich. Saint Lazare ist groß und seiner Zellen und Säle sind Legion ... Ich wette, die Verwaltung weiß selbst nicht recht, wem sie alles Logis gewährt.« »Das könnte schon sein, Rodeur! ... Und sonst ...?« »Und sonst? ... Ich dichte hier! Ich habe in Saint Lazare erst den würdigen Gegenstand meiner Poesie gefunden, Poignard, nachdem die Tage von Louveciennes und mit diesen die Fanny meiner Oden für immer dahingegangen sind!« Poignard entging es nicht, daß Rodeur bei diesen Worten eine Träne in seinem Auge zerdrückte. »Adrienne Sourieux ist tot,« sagte der Dichter dann einfach. »Ich glaubte, das Lächeln, von dem sie doch ihren Namen hatte, sei mit ihr aus meinem Leben verschwunden. Doch der Aufenthalt in Saint Lazare, mein Freund, hat mich eines besseren belehrt!« »Was soll das heißen?« Der Dichter deutete auf das schöne, junge Mädchen, das seine Mitgefangene und nach dem Willen der Machthaber seine Mitschuldige war. »Es blühen Blumen in diesen Tagen auf Frankreichs Erde, mein bester, von deren Anmut und Farbenfülle, von deren süßem Dufte wir vordem gar keine Vorstellung hatten. Diese Blumen blühen aber nur am Rand des Grabes und hier entfalten sie für unsereinen ihren Reiz.« Louise Marteaus dunkele Augen, die so recht der Gegensatz zu den blauen Adriennes waren, richteten sich bei diesen Worten Rodeurs voll Begeisterung und Dankbarkeit auf das Gesicht des Dichters. Sie sagte schlicht: »Ach ja, mein Freund ... Sie haben mir die Tage des Kerkers zu Tagen des Paradieses gemacht! Das werde ich Ihnen niemals vergessen, auch nicht in der letzten Stunde, wenn wir, wie ich hoffe und wünsche, Seite an Seite und Hand in Hand, den Karren und das Blutgerüst besteigen werden.« Rodeur war dicht an die Bürgerin Louise Marteau herangetreten. Er drückte deren Hand in der seinen und hauchte einen Kuß auf die weiße Stirn des Mädchens. deren einst so blühende Gesichtsfarbe die Luft des Kerkers gebleicht hatte. »Das sind Blumen, Poignard,« wiederholte nun Rodeur, von deren Süße und Schönheit wir in Versailles und Louveciennes noch gar keine rechte Vorstellung hatten. Blumen des Todes, die in ihrem berauschenden Duft noch einmal den ganzen Hochgenuß des Lebens in sich schließen ... wie es sich hier lebt, Poignard? ... Doppelt und dreifach, zehnfach wie in der Freiheit ... denn hier ist jeder neue Morgen ein Geschenk. Hier wird jeder Blick der Geliebten zu einem Hymnus auf das Leben, jeder Händedruck wird hier zum Gedicht, Poignard, jeder Kuß zum nimmer versiegenden Quell höchster Lust und letzter Seligkeit. Nicht wahr, Louise?« Rodeur zog die Bürgerin Louise Marteau an seine Brust. »Freundin meines Kerkers und meines Todes,« sagte er jetzt feierlich, »Stimme meines letzten Liedes, Unsterbliche, Unsterbliche, künde ich dir!« Eine Flutwelle höchster Liebesseligkeit schien ihm aus jedem Hauch, der von den Lippen der Bürgerin Louise Marteau kam, hier in den Kerkermauern Saint Lazares entgegenzuwogen. »Komm, Komm, Poignard, setze dich an unsere Seite. Du hast doch Zeit?« Poignard vergaß in diesem Augenblick seinen Dienst. Es hätte ihm auch nichts daran gelegen, wenn man ihn jetzt wieder auf die Straße gesetzt hätte. Er mußte sich in dieser Stunde aussprechen mit dem so wiedergefundenen Freunde um jeden, auch um den höchsten Preis! Er trat mit Rodeur und Louise Marteau an das vergitterte Fenster. Hier rückten sich die drei die Schemel des Gefängnisses zusammen, die sie von dem in der Mitte des Raums stehenden langen Tisch wegnahmen. Poignard und Louise Marteau lauschten den Worten des Dichters und Auguste Rodeur begann: »Der Genius der Unsterblichkeit hat sie und mich geküßt, Poignard, in diesen Stunden vor dem Tode, im Kerker! Nicht Louise?« »Er hat dich geküßt, mein Freund, er hat dich geweiht, mein Bruder,« lautete die Antwort des Mädchens, »und mich durch dich! Mich, die kein anderes Verdienst ihr eigen nennt, als mit dir sterben zu dürfen!« Auguste Rodeur griff in die Tasche seines verschlissenen und nun schon seit Wochen nicht mehr gereinigten, tabakbraunen Rocks und brachte ein dünnes Heft zum Vorschein, in das er mit einer Haarnadel Louises und mit aus Ruß und Kohlenstaub fabrizierter Tinte seine letzten Gedichte schrieb. »Wenn die Stunde kommt, Poignard, ... das Schicksal ließ mich dich noch finden ... dann trage du diese Lieder aus meinem Kerker und sie sollen Frankreich verkünden, was ich ihm sein wollte und was ich ihm nicht war!« »Das werde ich tun, Rodeur!« »Du versprichst es mir!« »Bei der Heiligkeit deiner letzten Stunde, Rodeur!« Der Dichter schüttelte dem Maler die Hand. »Und noch eine weitere Bitte habe ich an dich, Poignard! ... da dich das Schicksal zu mir nach Saint Lazare geführt hat! Willst du mir auch diese Bitte erfüllen?« »Jede, die in meinen Kräften steht, Rodeur!« Wieder griff Rodeur in die Tasche seines Rocks. Er zog ein Assignat hervor. »Ich habe Geld bei mir, Poignard, Geld, das keinen Wert mehr für mich hat, denn die Tore Saint Lazares haben sich für immer hinter mir geschlossen. Aber dir, Poignard, öffnen sich diese Tore, willst du mein Bild zeichnen, Poignard, und willst du dieses Bild nach Louveciennes bringen? Adriennes Schwester Jacqueline lebt noch in Louveciennes. Ich bin hellseherisch geworden in Saint Lazare ... Sie liebt mich ... und das von dir gezeichnete Bild soll ihr ein Andenken sein! Willst du das tun, Poignard?« »Ich will ... und ich werde die Stunde dafür finden, Rodeur!« So nimm das Geld der Republik. Kaufe dir das notwendige und in den Stunden der Stille suchst du die Zelle deines Freundes auf. Es gibt viele Stunden der Stille in Saint Lazare, Poignard!« »Ich werde sie finden!« »Und ich werde meine letzten Verse für Jacqueline unter dieses Bild schreiben ... und du selbst wirst dieses Bild nach Louveciennes bringen. Abgemacht, Poignard?« »Abgemacht, mein Freund! ... Aber die Schätze der Unsterblichkeit, von denen du noch eben sprachst, Rodeur!« »Bild und Verse und dieses Heft mit meinen Liedern aus Saint Lazare sollst du hinaus nach Frankreich und in die Welt tragen, Poignard, wenn die Stunde geschlagen hat. Abgemacht?« »Abgemacht.« »So höre denn! Es ist die Freundin, die ich in meinem Kerker als Genossin meines Todes fand, die also zu dir spricht!« Er nahm Louise Marteaus Hand in die seine. Er las weltentrückt. Er wußte nicht mehr, wo er sich befand. Er sah nichts mehr von Saint Lazare. Und auch die übrigen Schicksalsgenossen in der Zelle drängten sich nun um das Mädchen und den Dichter und den Maler, während der Poesie unsterbliche Stimme auch aus Frankreichs Todeskerker zu ihnen sprach. Rodeur las: Die Sense schont den Halm, bis er gereift, Geduldig harrt die Kelter ihrer Traube, Daß sie ihr keinen Strahl der Sonne raube, Und ich bin jung, obwohl der Tod mich streift. Birgt auch der Kerker Schrecken und Verderben! Ich bin so jung und will doch noch nicht sterben! Es schaut der weise trock'nen Aug's den Tod, Doch meine Jugend weint der Hoffnung Tränen, hebt sich der Nord mit sturmgepeitschten Mähnen, verhülle ich mein Haupt in Angst und Not! So wundersüß und bitter ist das Leben Und ohne Sturm hat's noch kein Meer gegeben. Die schöne Zukunft lebt in meiner Brust, Und es bedrängt die Kerkerwand vergebens Beim Flügelschlag der Fittiche des Lebens Der starken Hoffnung ungebroch'ne Lust. Und gleich dem Vogel, der dem Garn entronnen, Schwing' ich mich einst befreit zur gold'nen Sonnen! Seh' ich zum Sterben aus? Ich schlafe gut Und meine Nächte quälen keine Träume, In Ruhe wach' ich auf, durch diese Räume Trägt mein Gesicht der heiteren Freude Zug, Bedrückt den Freund die nahe Todesstunde, Entlocke ich ein Lächeln seinem Munde. Und wenn mein Leben einer Reise gleicht, Sah ich die ersten Ulmen nur am Pfade, Daß mich ihr Schatten ein zur Wand'rung lade, Der Tafel ersten Gang hat man gereicht. Ich wollte grade an dem Becher nippen, Er steht noch voll und schäumend vor den Lippen. In Blüte stehend harre ich der Frucht Und will der Sonne gleich mein Jahr beschließen, Des Sommers Glut, des Herbstes Glanz genießen, Will sehen meiner Tage heitere Flucht! Des Lebens Morgenrot war schön und labend, Ich hoffe still ... und warte auf den Abend! Du stehst vergebens, Tod, vor meiner Tür, Drum fliehe mich und töte du die andern, Die scham- und leiderfüllt durchs Leben wandern, Ich fordere die mir schuldige Gebühr! Der Blicke und der Küsse Liebeswerben: Ich bin so jung und will doch noch nicht sterben! Aristide Poignard war aufs tiefste bewegt. »Das ist ein Meisterwerk,« sagte er endlich und drückte dem Freund die Hand. In seligem Glück waren die Augen der Bürgerin Louise Marteau auf das Gesicht des Dichters gerichtet. Es war, als empfände das Mädchen aus dem Café zu den Rutenbündeln in der Rue Saint Honoré in dieser Stunde, daß sich der Genius der Unsterblichkeit im Kuß zu ihr geneigt hatte. »Zeige mir die Blätter,« sagte jetzt Poignard zu Rodeur. Wortlos reichte der Dichter dem Maler die Blätter, die er sich mit so großer Mühe in Saint Lazare zusammengebettelt und auf die er mit den aus Louise Marteaus Haarnadeln hergestellten Federn seine letzten Gedichte schrieb. »Darf ich sie verwahren, Rodeur?« »Wenn die Stunde sich erfüllt hat, Poignard, dann werde ich dir diese Blätter überantworten, aber heute und morgen, und wer weiß denn, wieviele Tage noch, habe ich das eine und andere hinzuzufügen. Du wirst sie dann abschreiben, Poignard, denn so dürften sie schwerlich lange mein Schicksal überdauern.« »Das werde ich tun, Rodeur!« Auguste Rodeur merkte es dem Maler an, daß eine gewaltige Erregung von dessen ganzem Inneren Besitz ergriffen hatte. War es allein das Gedicht, das er eben ein Meisterwerk genannt hatte und von dem er selbst wußte, daß es ein solches war? War es die Gewißheit, den Freund hier in Saint Lazare wiedergefunden zu haben und die, daß es in diesen Tagen für einen Verdächtigen bei der Arbeit Fouquier Tinvilles keine Rettung gab? ... Oder konnte es am Ende doch noch etwas anderes sein? Wortlos brütete Aristide Poignard eine ganze Weile vor sich hin und fragend waren die Augen Rodeurs auf den Maler gerichtet. Endlich kam es von den Lippen Poignards: »Weißt du, daß ich dich in dieser Stunde beneide, Rodeur! Daß ich dir dieses Gedicht von der ›jungen Gefangenen‹ nicht gönne!« »Du beneidest mich, Poignard! ... Du bist frei wie der Vogel in den Lüften, du wirst die Schwelle Saint Lazares wieder überschreiten. Du bist noch jung und stark! Deine Kunst wird dir Paris und die Welt erobern, wenn ich längst die Stufen des Blutgerüstes hinter mir habe und mein seines Kopfes beraubter Leib in den Kalkgräben dieser Burschen auf dem Kirchhof in Saint Denis verbrennt.« »Gerade darum beneide ich dich, Rodeur! ... Dir gab die Nähe des Todes, dir gab die Zeit des Schreckens die letzte und höchste Weihe! In dieser Luft des Mutes und der Tränen schwang sich dein Geist mühelos zur reinen Sonne der Vollendung empor! Sonst hättest du dieses Lied niemals zustande bringen können, Rodeur ... und ich ...« »Und du ...?« Wirklich waren die Augen Auguste Rodeurs mit einem Ausdruck des Mitleids auf Aristide Poignard gerichtet. Der Dichter fühlte und wußte, daß ihm der Maler jetzt ein schweres Bekenntnis machen würde. »Und du, Poignard?« fragte er aus diesem Grunde noch einmal. »Und ich, Rodeur ... Mich haben die Tage des Schreckens und des Blutes verlottert, anstatt daß sie mir wie dir letzte und höchste Kraft der Seele und der Kunst geliehen hätten. An jenem Herbsttag im Park von Versailles, Rodeur, da ich an meiner Nymphe malte, da bin ich noch Aristide Poignard gewesen! ... Dann war es aus mit mir ... Der Hunger und das Elend haben mich niedergerungen, Rodeur, in diesen furchtbaren Wochen und Monaten, die das jetzt schon in Paris und in Frankreich dauert. Eine Dirne des Palais Royal hat mich über Wasser gehalten, sonst wäre ich wohl heute nicht mehr. Polichinellentheater, Rodeur, habe ich gespielt, und nicht nur mit Holzpuppen, die ich mir angefertigt habe, um mein Leben zu fristen, nein, mit mir selbst, Rodeur, mit meiner Liebe, mit meiner Kunst, mit meinem Glück, mit Paris, mit Frankreich und mit der Welt! Um auch einmal etwas anderes als verdorbenen Kastanienbrei zu essen, habe ich mich den Führern dieser Narren ausgeliefert, ward ich Wärter in Saint Lazare ... alles, alles, um das nackte Leben zu erhalten. Wie stehe ich, der Maler, der Schüler der Watteaus und Bouchers, jetzt vor dem Dichter dieses Liedes, der auf zusammengebetteltes Papier noch in dem Kerker Saint Lazares, angesichts des Todes, mit den Haarnadeln einer Mitgefangenen und dem Brei aus Kohlenstaub und Wasser ein unsterbliches Meisterwerk wie dieses schreibt!« Da ging es wie das Leuchten der Verklärung, wie der Schimmer der Unsterblichkeit über das Gesicht Auguste Rodeurs. Seine Worte nahmen einen prophetischen Klang und seine Züge eine hellseherische Weihe an, als er jetzt zu Aristide Poignard sagte: »Und wenn dich das Geschick in den Kerker Saint Lazares zu mir in die Zelle geführt hätte, Aristide Poignard, weil es noch etwas Großes für dich vorbehalten hat? Was dann, mein Freund? Wenn die Wochen oder Tage vor meinem Tode ausersehen sein sollten, dich zu dir selbst und zu deiner Kunst zurückzuführen, wenn jene Bitte, mein Bild für Jacqueline Tourlan in Louveciennes zu zeichnen und ihr dieses Bild nach meinem Tode zu überbringen, mehr bedeuten könnte, Aristide Poignard, als den Wunsch eines dem Tode Geweihten, wenn sie für dich der erste Schritt auf die neu zu erklimmende Höhe werden könnte, was dann, Aristide Poignard?« Poignard schwieg. Er fand kein Wort der Erwiderung auf diese Ausführungen des schwärmenden Freundes, den die Aussicht des wahrscheinlich schon so nahe bevorstehenden Todes den Maßen und Grenzen des Irdischen bereits entrückt zu haben schien. Und warum konnte der nicht am Ende recht behalten? War es denn wirklich ein Ding der Unmöglichkeit, daß er in dem Kerker Saint Lazares, an der Seite des der Unsterblichkeit entgegengehenden Freundes, in einem letzten und beglückenden Bunde sich selbst und seine große Kunst wiederfand? War das wirklich ein Ding der Unmöglichkeit? Da vernahm er schon wieder Auguste Rodeurs ermunternde und ermutigende Stimme: »Willst du es nicht wenigstens versuchen, Aristide Poignard? Vielleicht, daß auch dir hier wie mir selber angesichts des Todes ein Meisterwerk glückt?« »Ich will es versuchen, Rodeur!« »Aber säume nicht! Es könnte der Fall sein, daß unsere Zeit sehr kurz bemessen sein wird. Ich weiß nicht, wie es mit den Akten ›Tourlan‹ steht, ich weiß nicht, ob das Heft mit den Namen Rodeur und Marteau bei Fouquier Tinville obenauf oder tief unten liegt. Und darauf allein kommt, wie du weißt, in diesen Tagen alles an.« »Ich werde nicht säumen.« Ein fester Entschluß war in wenigen Minuten in dem Inneren Aristide Poignards gereift. Mochte daraus entstehen, was da wollte, mochte er seinen Platz als Aufseher bei den Gefangenen in Saint Lazare auch wieder verlieren. Den Versuch wollte er wenigstens anstellen, den Anfang wollte er damit machen, dem Vorschlag Auguste Rodeurs folgen und sehen, ob er in den Kerkern von Saint Lazare durch Ausüben der Kunst, die er beinahe vergessen und aufgegeben hatte, sich selbst wiederfinden könnte. »Leb wohl, Rodeur,« sagte er da plötzlich, unvermittelt und rasch. »Wo willst du hin, Poignard?« »Dein Assignat brennt in meiner Tasche, Rodeur! Ich hatte deren manches in den letzten Wochen, aber die sind alle in den Sack Lerouges gewandert.« »Wer ist das, Lerouge?« »Der Cafetier im Glaive in der Rue de Vaugirard. Ich hatte eben keine Kraft mehr, Rodeur ... doch nun will ich es versuchen ... Noch heute, ehe die Sonne sinkt, bin ich wieder da. Und dann beginnen wir mit dem Werk! Ist dir es recht, Rodeur?« »Ich danke dir, Poignard!« Die Freunde schüttelten sich die Hände. Lange ruhte das Auge des Malers auf den herrlichen Zügen der Bürgerin Louise Marteau. »Was seht Ihr mich so an, Bürger?« stotterte das Mädchen endlich in tödlicher Verlegenheit. »Es könnte etwas werden ... wartet ... Es könnte etwas werden ... So ... ja ... so ...« Wieder verfiel er in tiefes Brüten und verwandte keinen Blick von dem Dichter Auguste Rodeur und der Bürgerin Louise Marteau. »So etwas ... wie das letzte Opfer auf dem Altar der Freiheit ...« sagte er jetzt mit halblauter Stimme vor sich hin. »Was meint Ihr damit, Bürger?« »Wenn ich euch zusammen auf eine Leinwand bringen könnte ... Dich, Auguste Rodeur, den Dichter dieses Liedes, und Euch, Bürgerin, die ihn zu diesem Liede begeisterte ... Euch als seinen Genius. Bürgerin, der ihn in der Todesstunde vor dem Blutgerüste krönt? ... Und im Hintergrunde die Türme von Paris und den mit einem blutigen Schleier überzogenen Himmel Frankreichs, auf dem sich doch und trotz allem die Morgenröte neuer Größe kündet ... das könnte etwas werden, Rodeur, das könnte etwas werden, Bürgerin, meint Ihr nicht auch?« »Und ob das etwas werden könnte,« ermunterte Auguste Rodeur, der den emporflackernden Funken des schöpferischen Gedankens in den Augen des Malers aufblitzen sah, in den Augen dessen, den die Qual und Not der Zeit niedergeschlagen hatten, der versunken schien in den Tiefen des der Gosse und der nun die Schwelle des Kerkers überschritt, um wieder den ersten Flügelschlag nach den ewigen Sternen des Ruhmes und der Größe zu wagen. »Freilich kann das etwas werden, Poignard,« beharrte Rodeur. Aber die Zeit drängt, vergiß das eine nicht, daß jede Stunde kostbar und unwiederbringlich sein wird!« »Ich werde es nicht vergessen!« Mit diesen Worten entfernte sich Aristide Poignard. Er ging in die Gassen von Paris; wo einst in den Tagen des Tyrannen die Schönheit und die Kunst ihre Läden gehabt hatten, sich einen Fetzen Leinwand, Pinsel, Palette und Farben zu besorgen ... und noch in den Nachmittagsstunden desselben Tages begann er sein Werk. Und niemand hinderte ihn daran. Die Zahl der Gefangenen in Saint Lazare war eine so große, der Aufsichtsdienst in diesen Tagen höchster Verwirrung ein so schlecht organisierter, daß sich kein Mensch darum kümmerte, zu welcher Arbeit der neue Wärter in Saint Lazare die Stunden seines Tages verwandte. Achtzehntes Kapitel. Wochen waren ins Land gegangen, der Sommer stand auf der Höhe. Nur in dem Bureau des »Unermüdlichen« in der Conciergerie schien man den Wechsel der Jahreszeit nicht zu empfinden. Denn wie eine Maschine arbeitete hier Fouquier Tinville unablässig Tag und Nacht. Und Silvain Parmentier war und blieb sein niemals versagender Helfer. In das Stadthaus drangen laute Klagen, Bittschriften zirkulierten auf den Bänken des Konvents. Sie kamen von den Hausbesitzern der Rue Saint Honoré, denen die Mieter in hellen Scharen davonliefen. Der Anblick der Henkerprozessionen, der Blutgeruch, der vom Revolutionsplatz aufstieg, der den Tuileriengarten und die Champs Elysées verpestete, war in diesen heißen Sommertagen schier unerträglich geworden und der große »Unbestechliche« forderte Blut und immer wieder Blut. Dies schien ihm das einzige Mittel, die Schatten des Vergangenen zu bannen. Über die Schatten des Vergangenen schwanden trotz allen vergossenen Blutes nicht, sie kamen immer wieder aufs neue zum Vorschein. Sie nahmen eine von Tag zu Tag drohendere Gestalt an und es war vorauszusehen, daß sie ihn selbst über kurz oder lang der Vernichtung preisgeben würden. Endlich gaben der Konvent und die Stadtverwaltung dem Drängen der Anwohner der Rue Saint Honoré nach. Die Maschine verschwand von dem Revolutionsplatz, um draußen im Faubourg Saint Antoine an der Barrière du Tronc ihres grausigen Amtes zu walten. Und wieder lautete die Weisung des großen »Unbestechlichen«: »Ihr arbeitet viel zu langsam, Bürger Fouquier Tinville,« und Fouquier Tinville verdoppelte noch einmal seine Riesenkraft. Wie die fertiggestellten Druckbogen des Moniteur verließen jetzt die Anklageschriften, die sich in wenige Stunden automatisch in Bluturteile wandelten, das Bureau der Conciergerie. »Der Bürgergeschworene Redard ist ohnmächtig geworden, man hat ihn soeben aus dem Gerichtssaal getragen.« Es war Fouquier Tinville selber, der diese Worte an Silvain Parmentier richtete. »Es ist ja nicht weiter verwunderlich,« fuhr der öffentliche Ankläger fort. »Der Bürgergeschworene Redard war ein fleißiger Mann, aber das ging auch über seine Kraft. Er hat es sechsunddreißig Stunden hintereinander im Saal ausgehalten und kaum ein Stück Brot zu seiner Erholung verzehrt. Wir müssen solche Leute haben, Bürger Silvain Parmentier, wenn wir auf die vorgeschriebene Anzahl von Todesurteilen pro Tag nach dem Willen des ›Unbestechlichen‹ kommen wollen.« »Ja, die müssen wir haben, Bürger Fouquier Tinville,« lautete Silvain Parmentiers Antwort und in den Augen des jungen Schwärmers für die große Sache der Freiheit leuchtete es wieder in der Flamme des Fanatismus auf. »Es wird mir nicht leicht sein, Euch zu entbehren, Bürger Silvain Parmentier!« Silvain sah erstaunt und erwartungsvoll von dem Aktenbogen auf, mit dessen Ausfüllung er eben beschäftigt war. Der »Unermüdliche« erklärte weiter: »Der Schreiber Gossu soll Eure Arbeit übernehmen, Bürger Silvain Parmentier!« »Und ich, Bürger Fouquier Tinville?« »Ihr begebt Euch unverzüglich hinauf in den Gerichtssaal und meldet Euch bei dem Vorsitzenden als Ersatzgeschworener für den erkrankten Bürger Redard.« Silvain Parmentier erblaßte. Fouquier Tinville entging das nicht. »Was ist Euch, Bürger Silvain Parmentier? Ihr zittert ja,« fragte er rasch. Silvain machte den Versuch, auszuweichen. »Ich weiß es in der Tat nicht, Bürger Fouquier Tinville.« So stammelte er ... »Die Luft hier in dem engen Raum ...« Silvain erhob sich. Er trat an das mit schweren Eisenstäben vergitterte Fenster, öffnete es und atmete lange und tief. »Fühlt Ihr Euch wieder wohler, Bürger Silvain Parmentier?« fragte jetzt Fouquier Tinville. »Jawohl, Bürger!« »Dann geht unverzüglich in den Gerichtssaal, die Prozesse dulden keinen Verzug, wir kommen heute mit dem vorgeschriebenen Pensum nicht zu Ende.« Noch einmal zögerte Silvain. »Habt Ihr mich noch etwas zu fragen, Bürger Silvain Parmentier? Oder nein? Dann schickt mir den Bürger Gossu!« Endlich kam es zögernd von den Lippen Silvains: »Verzeiht, Bürger Fouquier Tinville, aber steht nicht heute die Sache Tourlan und Genossen auf der Tagesordnung?« Der »Unermüdliche« versenkte den Blick in die vor ihm auf dem Tisch liegende Liste, die die Namen der Angeklagten enthielt, deren Akten er heute zur Erledigung dem Revolutionstribunal überwiesen hatte. »Allerdings, Bürger Silvain Parmentier, die Sache des Girondisten Tourlan und Genossen steht heute zur Verhandlung.« Es entstand eine Pause. Prüfend waren die scharfen Augen Fouquier Tinvilles auf das bleiche Gesicht des jungen Bürgers Silvain Parmentier gerichtet. »Und wer sind die Genossen des Angeklagten Tourlan, Bürger Fouquier Tinville?« fragte da Silvain. Die Augen des öffentlichen Anklägers glitten wieder über die Liste. »Der Publizist Auguste Rodeur und die Bürgerin Louise Marteau, Bürger Silvain Parmentier, für den Fall, daß Ihr das wirklich nicht mehr wissen solltet. Der erstere wohnhaft in Versailles, die letztere Auftragerin in dem Café zu den Rutenbündeln in der Rue Saint Honoré.« »Und könnt Ihr wirklich keinen anderen Ersatzgeschworenen ausfindig machen, Bürger Fouquier Tinville?« Diese Frage kam in flehendem, angstvollem Ton von den Lippen Silvains. Wieder richteten sich die Augen des »Unermüdlichen« durchbohrend auf das Gesicht des jungen Bürgers. »Ich will nicht hoffen, Bürger Silvain Parmentier, daß Ihr Euch dem einen oder andern dieser Angeklagten gegenüber für befangen erklären wollt. Dient Ihr der Sache der einen und unteilbaren Republik oder nicht?« »Ich diene ihr wie Ihr selbst, Bürger Fouquier Tinville!« »Nun also ... Die Sache will's!« Laut mit sich selber sprechend, wiederholte Silvain das furchtbare Wort. Das Schicksal der einstmals so heiß Geliebten, das Leben der Bürgerin Louise Marteau, die sich ihm hingegeben und auch das letzte Opfer ihrer Frauenehre für ihn in Saint Eustache gebracht hatte, lag nun in seiner Hand! Die Sache wollte es! So hatte der »Unermüdliche«, der in Diensten des großen »Unbestechlichen« stand, soeben zu ihm gesagt. Auf eine Stimme konnte es bei dem Verdikt der Geschworenen ankommen und diese eine Stimme, die über Leben oder Tod der einst so heiß Geliebten entschied, konnte, nein ... er fühlte es in diesem Augenblicke ... würde die seine sein ... Aber die Sache wollte es! »Nun, Bürger Silvain Parmentier?« »Ich schicke Euch den Schreiber Gossu. Er soll meine Akten vollenden ... und ich gehe ... Bürger Fouquier Tinville ... denn die Sache will's!« »Das hätte ich nie anders von Euch erwartet. Bürger Silvain Parmentier,« antwortete der »Unermüdliche« und fuhr gelassen in seiner Blutarbeit fort. Noch lange nach diesem Tage konnte sich Silvain Parmentier keine Rechenschaft darüber geben, wie er eigentlich in dieser Stunde zuerst in das Zimmer der Schreiber, in dem er Gossu den Auftrag des »Unermüdlichen« erteilte und dann in den Saal des Revolutionstribunals gelangt war. Aber er stand in dem Saal. Er meldete sich seiner Pflicht gemäß, denn die Sache wollte es, bei dem Vorsitzenden und nahm inmitten der Geschworenen Platz auf der Bank an der Stelle, von der man den ohnmächtig gewordenen Redard fortgetragen hatte. Der Saal mit den Rutenbündeln der Republik, die neben den Trikoloren dessen einzigen Wandschmuck bildeten, an dessen Mittelmauer auf einem Sockel die lorbeergeschmückte Statue Marats, des großen Märtyrers für die Sache der Freiheit, stand, führte einen tollen Reigen vor Silvains Blicken auf. Ihn schwindelte. Er fuhr sich mit der Hand an den Kopf, seine Gedanken zu sammeln, sich zu sagen, wo er denn eigentlich war, was er denn hier wollte und was ihm nun zur Pflicht geworden. Und das eine Wort des »Unermüdlichen«: die Sache will's ... fuhr ihm unablässig durch den gequälten Kopf. Langsam wurde es ruhiger in seinem Inneren. Allmählich war er dazu imstande, Einzelheiten im Saale zu unterscheiden. Er sah den Tisch mit den Richtern, die Bank der Angeklagten, auf der heute 25 Opfer Platz genommen hatten. Er erkannte Auguste Rodeur, er erkannte Louise Marteau. Die Bürgerin schien ihm heute von überirdischer Schönheit. Sie war verklärt, wollte es ihn in dieser Stunde bedünken. Allem Leid und allem Haß dieses Lebens schon entrückt, so sah sie aus. Sie saß Seite an Seite mit dem Dichter und schaute diesen begeistert an, während ihre Blicke weder zum Tische ihrer Richter, noch zu der Bank der Geschworenen hinüberschweiften und ihn selber unter diesen noch nicht entdeckt hatten. Er sah die Tribüne des Saales, auf der sich heute wie immer die Zuschauer des Blutgerichts drängten, Männer mit den roten Mützen, den Kokarden und den Trikolorenschärpen, und Weiber, die ihren Strickstrumpf mit in den Sitzungssaal gebracht hatten, Megären, die jeden Augenblick bereit waren, den Angeklagten die unflätigsten Schimpfworte in das Gesicht zu schreien, Hyänen des Konvents, die auch heute noch, nachdem es selbst dem Pöbel zu bunt geworden, die Karren der Verdammten mit Triumphgeheul und Freudengeschrei zu begleiten pflegten. Silvain Parmentier biß die Zähne aufeinander. Die Sache will's, sagte er ein über das andere Mal vor sich hin. Tränen traten in seine Augen, als sein Blick auf das schon verklärte Gesicht der Bürgerin Louise Marteau fiel. Die schenkte ihm keine Beachtung, sie bemerkte ihn nicht unter denen, die dazu berufen waren, über ihr Leben zu entscheiden. Silvain Parmentier krampfte die Hand um die Lehne der Bank, auf der er saß. Da trat Fouquier Tinville selbst in den Saal. Das Murmeln der auf der Tribüne versammelten Pöbelmenge ließ nach. Der »Unermüdliche« verlas die Anklageschrift. Sie gipfelte in den an die Geschworenen gerichteten Schuldfragen: »Ist der Bürger Marie Josephe Théophile Tourlan schuldig, mit den Feinden der einen und unteilbaren Republik gemeinsame Sache gemacht, insonderheit mit ihnen in verbotener Unterhandlung gestanden zu haben? Ist er verdächtig, darauf bedacht gewesen zu sein, die Herrschaft der Tyrannen wieder einzuführen? ... Ist der Bürger Auguste Rodeur schuldig, dem Bürger Marie Josephe Théophile Tourlan in seinen Bestrebungen Vorschub geleistet, insonderheit ihn in Schutz genommen und gewarnt zu haben? ... Ist die Bürgerin Louise Marteau schuldig, den Bürger Auguste Rodeur in ihrem Zimmer in der Rue Saint Honoré versteckt zu haben, um ihn der Verhaftung durch die Beamten des Überwachungskomitees zu entziehen?« Bis hierhin folgte Silvain Parmentier den Worten des Bürgers Fouquier Tinville. Alles weitere hörte er nicht. Was ging ihn das Los der andern 22 Angeklagten, die gleich diesen ihres Todesurteils harrten, auch weiter an? »Ist die Bürgerin Louise Marteau schuldig?« ... Nur diese eine Frage brannte während der ganzen Verhandlung in seinem armen Gehirn. Nur diese eine Frage und die furchtbare Tatsache, daß er diese Frage mit einem »Ja« oder »Nein« zu beantworten hatte. Wie immer in diesen Tagen, nahm die Verhandlung einen summarischen Verlauf, Fouquier Tinville hatte keine Zeit. Auf alle Fragen des Vorsitzenden hüllte sich Tourlan in eisiges Schweigen und auch Auguste Rodeur schien es mit seiner Würde unvereinbar zu halten, auf die Anschuldigungen, die man hier gegen ihn erhob, auch nur ein Wort zu erwidern. Dann kam die Bürgerin Louise Marteau an die Reihe. »Bekennen Sie sich schuldig, Bürgerin Louise Marteau, den Bürger Auguste Rodeur in Ihrer Kammer in der Rue Saint Honoré Unterschlupf gewährt zu haben, um ihn der Verhaftung durch die Beamten des Überwachungskomitees zu entziehen?« ... So fragte der Vorsitzende. Und: »Ich bekenne mich dessen schuldig ...« erwiderte die Bürgerin Louise Marteau und ein Lächeln des Glückes überstrahlte bei diesem Bekenntnis, das ihr Ende auf dem Blutgerüst besiegelte, ihr Gesicht. Ihre schönen Augen hingen voll Stolz und Liebe an denen des neben ihr auf der Anklagebank sitzenden Dichters. Aber noch einmal öffnete sie die Lippen: »Ich habe den Bürger Auguste Rodeur damals noch nicht gekannt. Ich wußte nicht, um welchen Vergehens willen man ihn verfolgte. Ich wußte nicht einmal, daß er verfolgt wurde. Aber ich habe ihn in meiner Kammer versteckt aus Mitleid, weil er jung und unglücklich war.« Hohngelächter wurde auf der Tribüne laut. Der Vorsitzende, der einen Moment den Anschein erweckte, als ob er das junge und schöne Mädchen retten wollte, fragte noch einmal: »Ihr wußtet also nicht, Bürgerin Louise Marteau, daß der Bürger Auguste Rodeur unter dem Gesetz gegen die Verdächtigen stand, da ihr ihm Schutz in Eurer Kammer in der Rue Saint Honoré gewährtet?« »Nein, das wußte ich nicht.« Das Gelächter auf der Tribüne wurde lauter, es mischte sich mit dem Murren des Unwillens. »Wir fordern ihren Kopf, Bürger Fouquier Tinville,« tönte es da aus den Reihen der Weiber, die man in cynischem Scherz die Strickerinnen Robespierres genannt hat. Jetzt kam der Rest der Angeklagten an die Reihe. Trotz der Eile Fouquier Tinvilles zog sich die Handlung Stunden und Stunden hin. Es waren noch 22 und die wollten alle gefragt sein und sollten alle ihre Antwort erteilen. Silvain Parmentier sah und hörte nichts mehr. Wenn man ihn später gefragt hätte, was die Anklage den übrigen 22 zum Vorwurf machte, er hätte keine Rechenschaft darüber geben können. Er starrte auf die Bank der Angeklagten ... und das Bild der Bürgerin Louise Marteau wandelte sich vor seinen Augen in eine Erscheinung. So etwas ähnliches wie das, was der Maler Aristide Poignard beim Anblick dieses Mädchens im Gefängnis von Saint Lazare empfunden, da sie ihm die Idee für sein Gemälde plötzlich eingegeben, vollzog sich jetzt auch im Inneren des Bürgers Silvain Parmentier. Louise wuchs in seinen Augen ins Ungemessene. Sie wurde in seiner Fantasie die Verkörperung der Freiheit selber, die als letztes Opfer auf dem Altar der Republik verbluten mußte. Er war, wie er das einst Chaumette zugeschworen hatte, zu dem letzten und höchsten Opfer bereit ... denn die Sache wollte es so!« Der Greffier sammelte die Stimmen der Geschworenen in der Urne. Das Verdikt fiel einstimmig wie immer in diesen Tagen. Es war ein »Schuldig« für sämtliche 25 Angeklagte. Als der Vorsitzende dieses Urteil verkündete, brach der Beifall der Hyänen des Konvents wie ein tosender Sturm auf der Tribüne und dennoch wie auf Bestellung los. Und noch einmal hörte Silvain Parmentier seinen Namen aus dem Munde Fouquier Tinvilles. Es dauerte lange, bis er endlich begriffen hatte, um was es sich handelte. Der »Unermüdliche« hatte ihn dazu bestimmt. als Zeuge des Gerichtshofs morgen der Exekution der soeben verurteilten 25 Opfer draußen an der Barrière du Tronc beizuwohnen. Jetzt zitterte er, er, dessen Hand vorhin noch nicht gezittert hatte, da sie das Verdikt, das auf »Schuldig« lautete, in die Urne des sammelnden Greffiers gesenkt. Der mit den Rutenbündeln der Republik und mit dem Standbild Marats, des Märtyrers, geschmückte Saal leerte sich. Man brachte die Verurteilten in einer von Nationalgardisten eskortierten Kolonne in ihre Kerker zurück. Der »Rollende Sarg« nahm Auguste Rodeur und die Bürgerin Louise Marteau für die letzte Nacht ihres Lebens zusammen mit Tourlan und den übrigen 22 Verurteilten auf. Und hier harrte Aristide Poignard, der Gefangenenaufseher in Saint Lazare, des Freundes. Hier und in keinem andern Raum, weil das Urteil des Revolutionstribunals in diesen Tagen nun einmal kein anderes sein konnte. Schweigend und keine Träne in den Augen, schüttelten sich der Dichter und der Maler die Hand. Tourlan sprach kein Wort. Es hatte den Anschein, als sei er bereits völlig dieser Erde entrückt, nicht einmal ein Auftrag an Poignard, von dem er doch wußte, daß er mit Rodeur befreundet war und von diesem nach Louveciennes gesandt würde, kam von seinen Lippen. Die Bürgerin Louise Marteau schmiegte sich an Auguste Rodeur. Das Bild, das Aristide Poignard in Saint Lazare begonnen und an dem er in all' den schönen und furchtbaren Wochen des gemeinsamen Hoffens und Harrens und der schrecklichen Ungewißheit gemalt hatte, war noch nicht ganz vollendet. Aber es war beinahe fertig. Es galt nur noch ein paar Lichter aufzusetzen und zu diesem Zwecke hatte der Maler es heute mit in den »Rollenden Sarg« gebracht. Während ein Teil der Verurteilten betete und schluchzte, während Priester, die gleich den verdammten in Saint Lazare ihres Urteils harrten, die Beichte abnahmen und die Absolution erteilten, machte sich Aristide Poignard noch einmal fieberhaft ans Werk. Im Schein einer der trüben Laternen, die an der Wand des »Rollenden Sarges« brannten, führte er den Pinsel und die feierliche Erhabenheit dieser Todes- und Abschiedsstunde gaben seiner Hand noch nie gekannte Festigkeit und unerhörten Schwung. Er malte und malte. Auguste Rodeur und die Bürgerin Louise Marteau folgten voll Bewunderung seiner Arbeit und vergaßen fast die für immer dahinrollenden Stunden, die doch die letzten ihres jungen Lebens waren. Nur einmal sagte Louise: »Die Prophezeiung deines Liedes, Bürger Auguste Rodeur, das, was du von der »jungen Gefangenen« sagtest, ist nun doch nicht in Erfüllung gegangen. Der Vogel, der des Finklers Garn entronnen, wird sich nun doch nicht befreit zum Licht der Sonne schwingen können.« »Befreit doch, Bürgerin Louise Marteau, und zu einem höheren Lichte, als zu dem der Sonne,« sagte Auguste Rodeur in feierlichem Ernst. Dann hauchte er einen Kuß auf die Stirn des Mädchens und nahm den feinen Haarpinsel aus der Hand Poignards. »Darf ich mit Eurem Pinsel ein paar Verse an den Rand Eures Bildes schreiben, Poignard?« fragte er. »Aber gern, Rodeur!« »Sie fielen mir grade ein.« Während sich nun Auguste Rodeur daran machte, seine Gedanken mit Hilfe der Tusche auf den weißen Rand der Leinwand niederzuschreiben, wandte Poignard an die Bürgerin Louise Marteau. »Hat er das Heft bei sich, in das er seine letzten Gedichte geschrieben hat, in dem das Lied von ›Jungen Gefangenen‹ steht?« »Er trägt es immer auf seiner Brust, Bürger Poignard,« lautete Louises Antwort. Als Auguste Rodeur mit Schreiben zu Ende war, sagte Poignard einfach: »Gib mir das Heft mit deinen Liedern, Rodeur!« »Noch nicht, Poignard, morgen in der Frühe, wenn mein Haar unter der Schere des Henkerknechtes fällt, dann ist es Zeit. Ich habe in dieser Nacht noch einiges in dieses Heft zu schreiben. Aber dann sollst du es haben, dann sollst du es aufbewahren und sollst es meinem Volke übermitteln, wenn für Frankreich, für deine und für meine Kunst die Tage der Auferstehung gekommen sind.« »Das will ich, Rodeur!« In einer Ecke des »Rollenden Sarges« unter der an der Wand brennenden Laterne ließ sich Auguste Rodeur nieder. Er schrieb und schrieb, Raum und Zeit schienen von ihm überwunden. Sein Genius trug ihn auf unzerbrechlichen Fittichen über die Qual der dem Tode vorangehenden Stunden dahin. Mit der Rechten schrieb er, seine Linke ruhte zwischen den zarten Fingern der Bürgerin Louise Marteau, die ihm von Zeit zu Zeit in sanftem Streicheln über das Haar fuhr. Und Poignard malte und malte an seinem Bilde, das der dem Tode verfallene Freund soeben mit Versen der Liebe gezeichnet hatte. »Es ist, als dränge sich das ganze Leben in Minuten zusammen, Poignard,« sagte Auguste Rodeur. »Es ist, als flösse eine Kraft, die ich niemals kannte, aus dem Schauer dieser letzten Stunden, die Quellen öffnen sich in der Tiefe meines Inneren, von deren Vorhandensein ich in den Tagen der Freiheit und des Glückes nichts geahnt. Wie finde ich den Reim ... Er stützte den Kopf in die Hand und überlegte. Wie finde ich ihn? »Willst du lesen, Rodeur, vielleicht kann ich ...« »Warte, warte ... so ... doch nein ... vielleicht wenn ich es lese ...« Voll Begeisterung waren die Augen Louise Marteaus auf Auguste Rodeur gerichtet. »So lies doch, lies,« bat Poignard. Und von den Lippen des Dichters ging es wie der Seufzer des ersterbenden Herbstwindes durch den düsteren Raum des »Rollenden Sarges« von Saint Lazare und traf das Ohr seiner Mitverdammten. Wie der letzte Strahl und der letzte Hauch Am scheidenden Frühlingstag, So sei auf dem Blutgerüste auch Meiner Leier scheidender Schlag. Vielleicht, eh' die Stunde den Lauf noch vollbracht Auf dem glänzenden Zifferblatt, Noch eh' sie die sechzig Schritte gemacht Und ihr Ende geschlagen hat. Senkt sich ewiger Schlaf auf mein Augenlid, Noch eh' ich gefunden den Reim, Den mein Geist schon am Schlusse der Strophe sieht, Für den ich legte den Keim ... Auguste Rodeur schwieg. In dem »Rollenden Sarg« herrschte Grabesstille, denn alle drängten um den Dichter und lauschten den ewigen Versen, die ihm der Genius am Rande des schon geöffneten Grabes eingab. Jetzt fuhr Auguste Rodeur fort und die um ihn Stehenden ergriff es mit eisigem Schauer: Schon tritt in des grausigen Kerkers Nacht Der Bote der rohen Gewalt, von den Soldaten des Todes bewacht ... hört Ihr es? ... Mein Name erschallt!« ... * * * Die schwere, mit Eisen beschlagene Tür des »Rollenden Sarges« tat sich auf. Fackeln in den Händen, erschienen die Knechte des Henkers mit ihren Scheren, geleitet von zwei Nationalgardisten und dem Greffier des Revolutionstribunals. Der verlas die Liste. Auguste Rodeur ... fiel es in schweren und harten Silben von den Lippen des Gerichtsschreibers. Marie Josèphe Théophile Tourlan. Louise Marteau ... Da reichte Auguste Rodeur dem Freund das Heft mit dem unvollendeten Gedichte. »Bringe es zusammen mit deinem Bilde nach Louveciennes, Freund, und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe ... Hörst du ... zu Jacqueline nach Louveciennes!« Bei diesen Worten trat auch Tourlan an den Maler heran. »Auch von mir,« schluchzte er unter Tränen, »auch von mir, Bürger, noch einen Gruß in Louveciennes!« Die Hände eines der Henkersknechte ergriffen in diesem Augenblick den Arm des alten Mannes. Sie zerrten den Hinkenden auf den in der Ecke des »Rollenden Sarges« stehenden Frisierstuhl ... und seine weißen Locken fielen ... Dann fiel das dunkelbraune Haar Auguste Rodeurs ... und dann das herrliche der Bürgerin Louise Marteau ... und langsam das der 22 andern. Schon war es Tag, als die Gehilfen des Scharfrichters die Toilette beendet hatten und die Karren in den Hof von Saint Lazare rollten. Aristide Poignard schloß Augusts Rodeur nach einmal in seine Arme. Die Bürgerin Louise Marteau an der Hand bestieg der Dichter das schmutzige Gefährt, vor das man einen lahmen Maulesel gespannt hatte. Das Tier kam kaum vorwärts, denn der Dichter und das Mädchen teilten diese letzte Karosse noch mit vier weiteren Verurteilten. »Hott ... hott ... hott ...« schrie der Bürger in der blauen Bluse, die Peitsche in der Hand, und trieb so den ausgehungerten und matten Maulesel an. Unwillig setzte der sich endlich in Bewegung. Hand in Hand saßen Auguste Rodeur und die von ihm in unsterblichen Versen besungene Bürgerin Louise Marteau auf diesem Karren. Und wie Auguste Rodeur so auf dem Henkerskarren durch den Schmutz von Paris fuhr, hinaus in den Faubourg Saint Antoine, um an der Barrière du Tronc für der Freiheit große Sache zu verbluten, traten die Verse eines größeren auf seine Lippen. Er, der Dichter des »Hermes«, den er nicht vollendet hatte und den er niemals vollenden sollte, war nicht mehr hier in Paris. Er befand sich nicht mehr auf dem Karren des Henkers in diesen Tagen des Schreckens. Er stand im Geist auf den Zinnen Trojas. Er war Hektor und das Weib an seiner Seite hieß Andromache. Die Verse aus Racines Meisterwerk verklärten seine Todesstunde und er hatte die Verse der großen Tragödie im Geist noch nicht zu Ende gesprochen, als der Karren an den Stufen des Blutgerüstes hielt. Den Kopf tief gebeugt, stieren Auges auf den mit Blut besudelten Boden der Barrière du Tronc niederblickend, stand hier ein Mann und wagte sich nicht zu rühren. Er hatte dicht vor den Stufen, die zu der Maschine hinauf führten, Posto gefaßt. So hatte es Fouquier Tinville gewollt. Es war der Bürger Silvain Parmentier, der große Kämpfer für die Freiheit, der der Sache der Republik auch das letzte Opfer gebracht hatte. Plötzlich fuhr er zusammen. Eine leise Stimme traf sein Ohr. »Ich verzeihe dir, Bürger Silvain Parmentier, ich verzeihe dir, denn ich liebe dich noch,« sprach diese Stimme. Silvain blickte auf. Sein Auge versenkte sich einen Moment in das Auge der Bürgerin Louise Marteau, die eben Hand in Hand mit dem Dichter Auguste Rodeur die Stufen des Blutgerüstes hinanstieg. Die leuchtende Sonne des Thermidor lag über dem furchtbaren Bild. Ihr Glanz, der sich wie die Aureole der Freiheit um das Haupt des Dichters und um den seines Haarschmucks beraubten Kopf des Mädchens legte, blendete ihn. Er schloß die Augen in diesem Glanze, der der Freiheit letzte Opfer umflutete. Er konnte, er wollte nichts mehr sehen. Auguste Rodeur und Louise Marteau hatten jetzt die Höhe des Blutgerüstes erreicht. Einen Augenblick blieb der Dichter stehen, ihn schauderte, er wich einen Schritt zurück. Er stieß seinen Kopf wider einen Balken des Gerüstes. In wilder Verzweiflung kam es aus seinem Munde: »Und doch, ich hatte was in meinem Kopf!« Da packten ihn auch schon die eisernen und nackten Arme der Gehilfen und schnallten ihn auf das Brett. Das Beil fiel. In einem purpurroten Strahle verspritzte das Blut des Opfers, das das Gehirn eines Genies genährt hatte, des Opfers, das ein Unsterblicher Frankreichs und der Welt geworden wäre, wenn das Schicksal sein Leben nicht zufällig in die Tage des Schreckens gestellt hätte. Und in einem roten Rinnsal ergoß sich das Blut des Dichters über die Stufen des Schafotts und vermischte sich mit dem Blute der Narren und der Lumpe, die gestern an der gleichen Stelle für der Freiheit große Sache gefallen waren. Ein paar Tropfen dieses Blutes rannen über das wachsbleiche Gesicht der Bürgerin Louise Marteau. Man ließ ihr nicht die Zeit, diese Tropfen abzutrocknen. Ein gellender Schrei tönte über den Platz vor der Barrière du Tronc. Er kam aus dem Mund des Bürgers Silvain Parmentier in dem Augenblick, da das Haupt der Bürgerin Louise Marteau fiel. Doch man achtete seiner nicht. Noch 23 Opfer harrten der Vollstreckung ihres Urteils und für einen, der solches nicht mitanzusehen vermochte, hatte man einfach keine Zeit. Silvain Parmentier wankte. Wie ein Betrunkener tappte er sich über den Platz vor der Barrière du Tronc durch die Gassen des Faubourg Saint Antoine. Er sah und hörte nichts mehr. Blutrot war es vor seinen Augen, rot der Himmel und rot die Gassen, alles untergetaucht in eine purpurene Wolke aus Nebel und Blut ... Sie stand über Paris: Das Blutgericht des Thermidor! Der Bürger Silvain Parmentier irrte zurück nach der Conciergerie in das Bureau des »Unermüdlichen«. Und noch einmal knirschte er zwischen den Zähnen: »Die Sache will's!« Neunzehntes Kapitel. Der aus Blut und Nebel gewobene Schleier hob sich in den folgenden Tagen nicht von den Augen Silvain Parmentiers. Wie ein Nachtwandler schritt der junge Bürger daher. Er sah und hörte nichts von den Vorgängen in Paris. Nur das eine entsetzliche Bild stand vor seinem Innern und war nicht mehr auszulöschen: Der endlose Weg durch den Faubourg Saint Antoine, der Platz vor der Barrière du Tronc mit der grauenvollen Maschine, das blutbesudelte Gerüst, dessen Stufen die Bürgerin Louise Marteau, die ihn bis in den Tod geliebt und die er selbst verurteilt hatte, wie eine Verklärte emporgestiegen. Und dann ertönte immer und immer wieder jener gellende Schrei aus seinem eigenen Munde, dann sah er den hochaufspritzenden Strahl des Blutes, das rollende Haupt der Angebeteten, das der Knecht des Henkers zu den andern in den Korb mit den Sägespänen warf, und dann ward es stockfinstere Nacht vor seinen Blicken ... So waren seine ruhelosen Tage, so waren seine schlummerlosen Nächte gewesen. Er verkroch sich wie ein verwundetes Tier in das Bureau der Conciergerie. Er achtete nicht darauf, daß hier Fouquier Tinville schon seit einigen Tagen nicht mehr seines blutigen Amtes zu walten schien, daß er den »Unermüdlichen« seit jener Stunde, da er sich von hier zu der verhängnisvollen Sitzung in den Saal des Revolutionstribunals begeben, nicht mehr gesehen hatte. Stumpfsinnig, ohne den Inhalt des vor ihm liegenden Schriftstücks begreifen zu können, brütete Silvain Parmentier hier über den Akten, Anklageschrift auf Anklageschrift, die sich zu Bergen und Bergen gehäuft hatten, gingen auch in diesen entsetzlichen Tagen durch seine Hände. Aber sie sagten ihm nichts mehr, sein Gehirn war verdorrt, seine Fantasie ausgeschöpft, sein Herz erstorben, sein ganzer innerer Mensch tot. Nur der Körper lebte noch und übte mechanisch seine Funktionen aus. War er verrückt? Stundenlang saß er mutterseelenallein in dem Bureau der Conciergerie und konnte sich gar keine Rechenschaft darüber geben, warum er denn eigentlich mutterseelenallein hier saß ... Das Schreiberheer des großen »Unermüdlichen« hatte sich verlaufen ... In diesen drei Tagen seit dem Tode der Bürgerin Louise Marteau schien es mit einem Male, als stünde die Blutmaschine wie auf Kommando still. Oder feierte sie nur? Um noch einmal mit erneuten Kräften arbeiten, um zu einer letzten Anstrengung ausholen zu können, bevor sie endgültig zur Ruhe kam? Silvain Parmentier wußte es nicht. Er hatte nicht einmal die Kraft, Erkundigungen danach einzuziehen und darüber nachzudenken ... und doch lagerte in diesen drei entscheidungsvollen Tagen die entsetzliche Schwüle und die atembenehmende Ruhe, die dem Sturmgewitter voranzugehen pflegen, über Paris. »Hier findet man Euch in diesen Tagen, Bürger Silvain Parmentier, hier in dem Bureau der Conciergerie?« Erstaunt blickte Silvain von dem Aktenheft auf, dessen Seiten seine Finger gerade wieder mechanisch umblätterten, ohne daß er dazu imstande gewesen wäre, auch nur eine einzige Zeile zu lesen. Es war das häßliche, pockennarbige Gesicht Chien de Bouchers, das sich über ihn neigte. Einen Moment packte ihn die Wut. Momentan erinnerte er sich daran, daß es ja dieser Mensch gewesen, der Tourlan und Rodeur dem öffentlichen Ankläger denunziert hatte, daß er selbst sich angeboten, die Rue Saint Honoré nach dem Girondisten zu sondieren und daß er in der Begleitung dieses Ungeheuers den nun Geköpften in der Kammer der eigenen Geliebten aufgestöbert hatte! Er war drauf und dran, gegen den die Hand zum Schlag zu erheben. Aber die Kraft verließ ihn, seine Hand sank schlaff herab. Es hatte nur den Anschein, als ob er nach seiner eigenen Stirn griffe, um die fliehenden Gedanken mühsam zusammenzuhalten. Geistesabwesend starrte Silvain den Helfershelfer der Schreckensherrscher an. »Was führt Euch zu mir, Chien de Boucher,« stammelte er endlich völlig fassungslos. »Mein Weg ging zufällig am Justizpalast vorüber,« lautete die Antwort Chien de Bouchers. »Da dachte ich Eurer und kam herauf. Doch fast war ich sicher, Euch in diesen Tagen nicht mehr hier oben zu finden, Bürger Silvain Parmentier!« Silvain hatte sich noch immer nicht gefaßt. In sinnloser Verwirrung kamen die Worte aus seinem Munde, so daß Chien de Boucher für den Verstand des jungen Bürgers zu fürchten begann. »Löscht sie aus, Chien de Boucher, löscht sie aus ... ich bitte Euch darum!« »Was soll ich auslöschen, Bürger Silvain Parmentier?« »Die rote Laterne, die dort unten im Hof der Conciergerie noch brennt!« Silvain Parmentier war an das Fenster getreten. Er deutete durch die eisernen Gitter hinab in den Hof und sagte noch einmal: »Löscht sie aus!« »Aber es ist ja heller Tag, Bürger Silvain Parmentier,« erwiderte Chien de Boucher, den Ton des Schreckens vor dem hier hell aufflackernden Wahnsinn in seiner Stimme ... »dort unten im Hof brennt gar keine Laterne, Ihr irrt Euch bestimmt, Bürger Silvain Parmentier!« Verständnislos starrte Silvain ihn an. »Wenn Ihr die rote Laterne nicht löschen wollt, Chien de Boucher, dann nehmt wenigstens das Tuch dort an der Wand und trocknet mir die Hände, ich fühle nicht die Kraft in mir, mir meine Hände selber zu trocknen ... und meine Hände triefen von Blut! Kommt, kommt mit hinaus aus diesem schrecklichen Hause!« »Ja, kommt,« mahnte jetzt auch Chien de Boucher. »Das ist nichts für Euch hier in diesem stickigen Raum, kommt, schaut Euch Paris an! Ich wette, der Hunger spricht aus Euch, Ihr habt gewiß tagelang nichts gegessen?« Da fiel es Silvain Parmentier ein, daß er in der Tat seit jenem Gang nach der Barrière du Tronc keinen Bissen mehr über die Lippen gebracht hatte und daß seitdem drei Tage, wenn nicht mehr, verflossen sein mußten. »Was habt Ihr denn nur in diesen letzten Tagen getrieben, Bürger Silvain Parmentier,« vernahm er da wieder die Stimme Chien de Bouchers. »Ich weiß es nicht ... Ich saß hier und las und las ... Stunden und Stunden, Tage und Tage ... aber kein Mensch ist gekommen. Nicht Fouquier Tinville und nicht einer seiner Schreiber, und ich saß hier ... und las und las ...« »Und habt nichts von alledem gehört, was sich in diesen Tagen in Paris ereignet hat ... nichts von dem, was augenblicklich geschieht?« »Geschieht etwas, Chien de Boucher?« Die geistige Umnachtung schien schon wieder aus den Worten Silvains zu sprechen. Aber Chien de Boucher achtete nicht weiter darauf. Denn er brannte darauf, einem Menschen, der noch nichts von seinen furchtbaren Neuigkeiten wußte, diese mitzuteilen, und wenn dieser Mensch auch nur ein armer Narr gewesen wäre, wie Silvain Parmentier einer in dieser Stunde war. »So vernehmt denn, Bürger Silvain Parmentier,« sagte er, »und hört mir aufmerksam zu!« Entgeistert, mit weitaufgerissenen Augen starrte Silvain Chien de Boucher an. Und allmählich während dessen Erzählung gewann es den Anschein, als ob langsam die Erinnerung in das Gehirn des Gemarterten zurückkehre, als ob der von dem Anblick des Blutes und dem Hunger Geschwächte seine Gedanken und Vorstellungen allmählich wieder sammle. »Sie sind auf dem Stadthaus, Bürger Parmentier!« »Wer ist auf dem Stadthaus, Chien de Boucher?« »Der große ›Unbestechliche‹ und seine letzten Anhänger!« »Was soll das heißen, seine letzten Anhänger?« »Die Jakobiner, die ihm noch treu geblieben sind, Bürger Silvain Parmentier! Wißt Ihr denn gar nichts? Der Konvent hat sich gegen ihn erklärt. Der Konvent hat ihm den Prozeß gemacht. Aber die Gefängnisse weigern sich, Maximilien Robespierre und den Seinen ihre Tore zu öffnen. Die Jakobiner haben sie im Triumph durch die Stadt geführt. Jetzt sind sie auf dem Stadthaus versammelt und niemand weiß in dieser Stunde, was er eigentlich anfangen soll, ob Robespierre die Welt regiert oder der Konvent!« Wie der Blitzstrahl der letzten Erkenntnis fuhren diese Worte Chien de Bouchers durch das arme Gehirn Silvains. Er ballte beide Hände. »Die Schurken,« knirschte er. Dann trat er an den Schrank, der in dem Bureau der Conciergerie stand, öffnete dessen Tür und entnahm ihm den Säbel, den er einst als Soldat der Nationalgarde getragen hatte, sowie die Pistole, dir einst in den Kämpfen drunten am Rhein in längst vergangenen Tagen seine Waffe gewesen war. »Kommt, Chien de Boucher,« sagte er. »Wo wollt Ihr hin, Bürger Silvain Parmentier?« »Auf das Stadthaus ... an seine Seite ... Chien de Boucher!« »Das wird nicht angehen!« »Und warum nicht?« »Barras hat vom Konvent den Befehl, das Stadthaus mit Gewalt zu nehmen, mein bester Bürger Silvain Parmentier! Es ist der letzte Kampf der Verzweiflung, den man dort führt. Dulac kommandiert einen Teil der Truppen, hört Ihr dort draußen? Hört Ihr denn nichts?« Vor dem Justizpalast wurden die Rufe der Menge laut. »Nieder mit den Tyrannen! Es lebe der Konvent! Nieder mit Robespierre! Wir wollen seinen Kopf? Gebt uns den Kopf von Henriot! Gebt uns Lebas Saint Just, Couthon ...« so scholl es den beiden weiter Entfernung von den Straßen entgegen. Der Lärm schien wie das Brausen des brandenden Meeres, er wuchs bald zur tosenden Welle, die sich den festen Mauern des Justizpalastes brach. »Diese Verräter,« schrie Silvain, »diese Verräter ... Kommt, Chien de Boucher, kommt!« Er vermochte sich kaum auf seinen Beinen aufrecht zu halten. Der Hunger nagte in seinen Gedärmen, die Schwäche drohte ihn vollständig zu überwältigen. Ein Meer von Nebel und Blut wogte da wieder vor seinen Augen. Aber die Leidenschaft und der Fanatismus, die ihn da wieder bei der Nachricht, daß man den großen »Unbestechlichen« verraten habe, gepackt hatten, überwanden in dieser Stunde auch jede Schwäche seines Körpers. »Kommt, Chien de Boucher, kommt!« »Seid Ihr denn rasend, Bürger Silvain Parmentier? Wo wollt Ihr denn hin?« »Auf die Place de la Grève, auf das Stadthaus, Chien de Boucher, ihn mit meinem Leibe decken!« »Es gibt keinen Durchgang nach der Place de la Grève. Das Stadthaus ist umstellt. So hört mich doch, Silvain Parmentier. Barras wird es mit den Truppen des Konvents nehmen. So habt doch Vernunft. Alle sind sie von ihm abgefallen!« »Aber ich nicht, Chien de Boucher,« schrie jetzt Silvain Parmentier. Ich nicht! Wagt Ihr es, Euch mir in den Weg zu stellen? Ich kenne eine Gasse, durch die ich nach der Place de la Grève gelange. Es gibt ein Türchen im Stadthaus, das die Halunken nicht gefunden haben, durch das ich ihm den Weg in die Freiheit zeigen will. Kommt, Chien de Boucher, kommt!« »Keinen Schritt mit Euch, Bürger Silvain Parmentier!« »Feigling!« Chien de Boucher lächelte kühl. »Die Geschäfte der Republik sind im Rückgang begriffen, mein Lieber,« sagte er in einem unverschämten Ton, »ich halte mich heute an den Konvent, und morgen, na, morgen, wir werden ja sehen ... am Ende ist der Tag nicht mehr fern, an dem ich wieder Hofjuwelier in Versailles werden kann ... Gehabt Euch wohl, Bürger Silvain Parmentier ... Ich kann Euch nicht vor dem Verderben schützen, in das Ihr selbst zu rennen beliebt!« Wie durch ein Wunder hatte Silvain Parmentier sich selbst wiedergefunden. Alle seine Kräfte, die die Schrecknisse der letzten drei Tage lahm gelegt hatten, kehrten wie durch Zauberspruch noch einmal zurück. Er spürte nicht mehr den Hunger in seinen Gedärmen, die Schwäche schien ihn zu fliehen, die wilde Leidenschaft für die Sache der Freiheit, für die des großen »Unbestechlichen«, der Fanatismus seiner Tage packten ihn noch ein letztes Mal und trugen ihn auf starken Flügeln über alle Hindernisse hin. Den Säbel des Nationalgardisten umgeschnallt, die Pistole des Rheinarmeesoldaten in der Tasche seines Schreiberrockes, drückte er sich durch ein Gewirr von Gassen und Gäßchen, durch Winkel und Höfe, die er genau kannte, und vermied so die von den rasenden Pöbelhaufen und den Truppen des Konvents angefüllten Straßen, die nach der Place de la Grève führten. Wieder und immer wieder drang der Ruf der Verräter, die den Sieg schon in ihren Händen zu halten schienen, an sein Ohr: »Es lebe der Konvent!« Und dieser Ruf trieb ihn vorwärts. Endlich hatte er das kleine Türchen erreicht, das durch den Torgang eines alten Krämerhauses die Verbindung mit dem großen Hof des Stadthauses herstellte. Er hatte richtig vermutet. In der allgemeinen Verwirrung des Aufruhrs hatte niemand an dieses Türchen gedacht. Kein Soldat war davor postiert, wenn er also den großen »Unbestechlichen« und dessen Freunde noch rechtzeitig fand, dann konnte er ihnen durch dieses Schlupfloch den Weg aus dem von den Soldaten des Konvents umzingelten Stadthaus zeigen. Auf der Wendeltreppe, die er benutzte, drangen wieder die Rufe der Verräter an Silvains Ohr: »Es lebe der Konvent!« Und seltsam ... der Schleier aus Blut und Nebel, der in diesen drei Tagen vor seinen Augen gelegen, hatte sich wie durch ein Wunder des Himmels gehoben. Er hatte nur noch den einen Willen und den einen Gedanken, in den Saal zu Maximilien Robespierre und dessen Getreuen vorzudringen und ihnen den Weg der Rettung aus dem Stadthaus in die Gassen von Paris zu zeigen. Unheimliches Stimmengewirr, schwere Schritte der Soldaten hallten ihm jetzt von der Haupttreppe des Stadthauses entgegen. Sein Herz schlug zum Zerspringen. Kam er zu spät? War das Ungeheure schon geschehen? Hatten die Verräter sich den Eingang in das Stadthaus schon verschafft? Wagte man es, die Tür zu sprengen, hinter der sich der große »Unbestechliche« mit seinen letzten Freunden verschanzt hatte ... und er wußte noch nicht einmal, in welchem der Säle das war! Aber die namenlose Angst, trotz allem zu spät zu kommen, wies Silvain Parmentier den richtigen Weg. Der hohe Bogengang, durch den er sich schleichend den vorderen Räumen des Stadthauses, die nach der Place de la Grève gingen, näherte, wurde heller und heller. Plötzlich und unvermittelt stand er auf der Treppe, die hinauf nach den Sälen führte. Hier mußte der große »Unbestechliche« mit seinem Anhang sein! Drunten sah Silvain die Türen des Stadthauses, sie waren verrammelt. Sie waren geschlossen. Aber kein Mensch war weit und breit zu sehen. Oben in den Sälen schien man also noch den letzten Ansturm der Truppen des Konvents zu erwarten. Da schoß das Blut zu dem Herzen Silvain Parmentiers. Er lauschte. Die Totenstille, die eine ganze Weile droben in den Sälen des Stadthauses und drunten auf der Place de la Grève geherrscht hatte, wurde jäh unterbrochen. Das waren die Kolbenschläge der Soldaten, die wie das Anklopfen des Boten des jüngsten Gerichts wider die schweren Eichentüren des Stadthauses pochten. Atemlos flog Silvain Parmentier die Treppe hinauf. Nun stand er vor der verschlossenen Haupttür des großen Saales. Er wußte nicht, was er anfangen, wie er sich bemerkbar machen sollte. Und noch ehe er einen Ausweg gefunden hatte, vernahm er drunten ein gewaltiges und unheimliches Krachen. Die schweren Eichentüren des Stadthauses gaben unter den Axtschlägen der Nationalgardisten nach. Ein Offizier und etwa dreißig Mann, Bajonett auf dem Gewehr, erschienen jetzt auf der Treppe. Silvain Parmentier erkannte diesen Offizier. Er hatte ihn des öfteren bei Fouquier Tinville gesehen. Es war Dulac ... Agent des Überwachungskomitees. Also hatte Chien de Boucher recht. Der Konvent und alle seine Mitglieder, sämtliche Behörden der einen und unteilbaren Republik hatten sich gegen den großen »Unbestechlichen« erklärt. Dulac an der Spitze, stürmten die Nationalgardisten die große Treppe hinauf. Sie wiesen Silvain Parmentier den Weg. Der hatte sich hinter eine der großen Säulen verkrochen, die hier die Decke des Treppenhauses trugen, und sah voll bleichen Schreckens und Entsetzens zu, wie das Verhängnis Schritt für Schritt den Gang seiner Vollendung nahm. Es war die Salle de l'égalité, vor deren Tür die Soldaten Halt machten. Wie ein Blitz durchfuhr da ein Gedanke den Kopf Silvains. Dieser Saal hatte ja noch eine kleine Tür, die mit dem Zimmer des Maires in Verbindung stand. War diese nicht verschlossen, dann gab es für ihn noch eine letzte Möglichkeit, vor den Soldaten in den Saal einzudringen und den »Unbestechlichen« auf diesem Wege vielleicht noch zu retten. Auf allen Vieren kroch Silvain, von den Soldaten und deren Führer unbemerkt, durch den halbdunklen Bogengang. Tastend erreichte er die Tür, die in das Zimmer des Maires führte. Kein Mensch zeigte sich hier. Die Tür in den Saal stand offen ... Silvain kroch weiter und weiter. Vielleicht kam er noch rechtzeitig, ehe die Soldaten die große in die Salle de l'égalité führende Tür gesprengt hatten. »Bürger ...« rief er. Da sah er wie die Mündungen zweier Pistolen auf ihn gerichtet waren. Er hob die Hand! »Bürger!« Zwei Schüsse krachten unmittelbar hintereinander. Lebas und Couthon hatten sie abgefeuert, den großen »Unbestechlichen« zu schützen. Und in dem gleichen Augenblick vernahm man die Kolbenschläge der Soldaten an der großen Tür. Und Silvain Parmentier sah und hörte das alles, obwohl er zu Tode verwundet, in seinem rinnenden Blute auf dem Boden der Salle de l'égalité lag. Sein Auge und sein Ohr hielten noch eine Weile stand, den Untergang der großen Sache der Freiheit, für die er sein Leben und seine Liebe zum Opfer gebracht hatte, in sich aufzunehmen. Wie das Pochen des Weltgerichtes drangen die Kolbenschläge der Nationalgardisten an sein Ohr und sein brechendes Auge wurde der stumme Zeuge des Unerhörten, was nun in wenigen Minuten geschah. Einer der Freunde trat an den großen »Unbestechlichen« heran. »Stirb wie ein Römer, Maximilien,« sagte er und reichte ihm die geladene Pistole. »Ich beschwöre dich, stirb!« Aber noch immer zögerte der große »Unbestechliche«. Da richtete der Freund die zweite Waffe, die er in seiner Rechten hielt, wider die eigene Brust. Ein Schuß krachte. Entseelt sank er in die Arme eines dritten, der dicht an seiner Seite stand. »Gib dir den Tod, großer Unbestechlicher,« hauchten Silvain Parmentiers erkaltende Lippen. Aber seine Stimme ging wie der Hauch einer Klage durch die Salle de l'égalité und traf nicht mehr das Ohr des vielbewunderten, für den er jederzeit sein Leben geopfert hätte. Die Fußtritte und die Kolbenschläge dröhnten wider die Tür. Da stürzte einer der Männer an das hohe Fenster des Saales. Ein Ruck und die Flügel öffneten sich, ein Schwung, ein Schrei aus aller Munde. Der Mann fiel und schlug drunten auf dem Pflaster des Hofes nieder. Ein leises Wimmern drang noch herauf. Es wurde überdröhnt von dem Krachen der großen Tür, die jetzt nachgab. Ihre hohen Flügel fielen donnernd auf den Boden des Saales. Dulac mit seinen Gardisten drang ein. Wieder ein Schuß. Silvain Parmentier drohten die Sinne zu schwinden. Er preßte die Hand auf seine brennende Todeswunde, als ob er so den Strom seines verrinnenden Lebensblutes noch einmal aufhalten könnte, aufhalten, bis er das Ende der großen Sache der Freiheit selbst mitangesehen hatte, das Ende der Sache, der er alles geopfert hatte und an der er schließlich mitverblutet war. Niemand achtete auf ihn. Wie ein wertloses Bündel lag er am Boden in der Ecke des Saales, dicht neben der kleinen Tür, durch die er vorhin eingetreten war ... und er schaute ... er konnte noch schauen ... ehe die Schatten der Todesnacht sich für immer auf seine Augen senkten. Er sah, wie einer der eintretenden Männer einen der am Tisch sitzenden packte. Zwei Soldaten schleppten ihn an das offene Fenster, durch das schon jener andere seinen Weg genommen hatte, und stürzten ihn mit den Worten: »Verrecke, Saufaus, das Schafott ist für dich gut!« ... in den Hof. Und jetzt dröhnte eine Stimme wie des Sinai Donner an Silvain Parmentiers Ohr. »Tod dem Tyrannen!« kam es aus dem Munde Dulacs. »Welches ist der Tyrann,« schrien die Soldaten wie aus einer Kehle. »Dieser da,« rief da eine Stimme und eine Hand deutete auf den großen »Unbestechlichen«. Wieder krachte ein Schuß. Blutbedeckt brach Maximilien Robespierre zusammen. Sein Kopf sank auf das vor ihm auf dem Tisch liegende Aktenstück ... eine Proklamation an sein Volk ... die er soeben noch verfaßt hatte und für deren Unterzeichnung es schon ... zu spät gewesen war! Das blutüberschüttete Gesicht des großen Apostels der Freiheit war das letzte, was Silvain Parmentier sah. Nun wurde es schwarz vor seinen Augen. Mit eisernen Krallen umklammerte der Tod sein brechendes Herz. Die Salle de l'égalité, deren erhabenem Namen einer seiner großen Träume gegolten, drehte sich jetzt in wildem Tanze vor seinem Auge. Allein der Schleier aus Nebel und Blut sank jetzt wieder über sein Gehirn. Ein Seufzer löste sich aus seinem Munde, ein von niemanden gehörter letzter Seufzer, dann lief ein Zucken durch seinen Körper, sein Haupt sank auf die blutbedeckte Brust. Krampfhaft tastete seine Hand nach dem Säbel, den er einst zu Ehren der einen und unteilbaren Republik gezückt hatte, aber die Hand fand den Säbel nicht mehr ... Es war Nacht! Es war vorüber. Der Traum der großen Sache der Freiheit war ausgeträumt. Silvain Parmentier war tot. Und draußen auf der Place de la Grève wurde es jetzt lebendig. »Es lebe der Konvent! Es lebe der Konvent!« Wie des Meeres wogende Flut drangen diese Rufe an die Mauern des Stadthauses. Barras führte seine Truppen heran. Die Salle de l'égalité glich einem Schlachthaus, in dem der Fleischer seines Amtes gewaltet hat. Sie troff von Blut und die Soldaten Dulacs wateten bis an die Knöchel durch den purpurenen Saft, der den Leibern derer entströmte, die in den letzten Monaten Tausende und Abertausende auf das Schafott geschickt hatten. Ihrer harrte die grausige Maschine, noch ihrer, um dann endlich zum Stillstand zu kommen. Aber Silvain Parmentier sah davon nichts. Das Stadthaus war von den Truppen des General Barras erfüllt. Der große »Unbestechliche« und seine Getreuen, die 80 Mitglieder der Stadtverwaltung, wurden in dieser Stunde die Gefangenen des Konvents. Ein ganzer Zug! Barras führte ihn in Kolonnen, im Triumphe durch Paris ... nach den Tuilerien ... Es war die fünfte Abendstunde des 8. Thermidor, als die Spitze des Zuges den Eingang der Tuilerien erreicht hatte. Und Silvain Parmentier sah das nicht. Einer der Nationalgardisten hatte in der Salle de l'égalité seine Leiche gefunden. Mit Recht hatte er auch ihn für einen der letzten Getreuen des großen »Unbestechlichen« gehalten. Er zog seinen Säbel und hieb das Haupt der Leiche vom Rumpfe ab. Er spießte den Kopf des jungen Schwärmers für die große Sache der Freiheit auf sein Bajonett und trug ihn so hinter der Kolonne der Gefangenen im Triumphe durch die Gassen von Paris. »Es lebe der Konvent!« ... So tönte es diesem Haupte entgegen, das als eines der letzten für Maximilien Robespierre gefallen war. Im Hofe des Stadthaufes lag ein Haufe Mist. Der Rumpf Silvain Parmentiers und der Leib Henriots lagen mitten unter diesem Schutt und Schmutz. Zwanzigstes Kapitel. Am 10. des Thermidor, abends gegen sechs Uhr ... es war die Stunde, in der das Haupt des großen »Unbestechlichen« fiel ... betrat der Maler Aristide Poignard den Garten der Villa Tourlan in Louveciennes. Sorgsam verpackt trug er unter dem Arm das Bild, das er in Saint Lazare begonnen und nun vollendet hatte und das »der Freiheit letztes Opfer« hieß. Es hatte ihm selbst die Freiheit seiner Kunst und seines inneren Menschen wiedergeschenkt. In der Tasche seines Rockes stak das Heft, in das Auguste Rodeur in den Wochen vor seinem Todesgange seine letzten Gedichte aufgezeichnet hatte, beides, Bild und Dichtung, gehörten nach dem letzten Willen des Geopferten ... Jacqueline. Der Maler atmete tief auf, als er vor dem Eingang in den Garten der Villa stand. Hier draußen in Louveciennes merkte man nichts von den Stürmen der Revolution, die über Paris dahinbrausten, nichts von dem Blutgericht des Thermidor, das sich eben, der Rache letzter Akt, über Frankreich entlud. Der Garten und das Haus, alles war noch so, wie es Auguste Rodeur in jenen vom Sturm des Frühlings aufgepeitschten Tagen des Ventose verlassen hatte. Aber die Rosen blühten an den Stämmchen, die Pfirsiche an den Spalieren begannen zu reifen und aus dem Laub des Birnbaums, der damals geblüht hatte, lugten die Früchte gelb und rot. Leuchtend stand die Sonne des Thermidor über dem Park von Versailles und dem Garten von Louveciennes. Sie rüstete sich schon langsam zum Untergang und warf die langen Schatten der Sträucher und Bäume auf die sorgfältig mit Kies bestreuten Wege, die Aristide Poignard sinnend durchschritt. Hier hatte sich nichts geändert, nur die Jahreszeit hatte die von der Natur gesetzten Fortschritte gemacht. Aber Adrienne Sourieux hatte man zu Grabe getragen, Théophile Tourlan und Auguste Rodeur waren nimmer zurückgekehrt, die Haare der alten Frau Tourlan waren in einer Nacht schneeweiß geworden und Jacqueline trug ein schwarzes Kleid. Unter dem Birnbaum mit den reifenden Früchten und dem schon langsam sich verfärbenden Laube stand eine grün gestrichene Bank. Auf diese schritt Aristide Poignard zu. Die Stimme eines Kindes weckte den Maler aus seinen Träumen. »Was willst du, fremder Mann,« drang diese Stimme an sein Ohr. »Ich habe Tante Jacqueline etwas auszurichten, Kleine! Wie heißt du denn, mein Schatz?« »Ich heiße Flora Sourieux, mein Herr, und Tante Jacqueline ist bei Großmutter Tourlan im Hause. Soll ich sie rufen?« »Das ist aber ein schöner Name, Sourieux, mein Liebling! Er erinnert an das Lächeln der lieben Sonne, die hier den ganzen Garten so warm und golden macht. Aber was treibst du denn da?« »Ich mache Seifenblasen, mein Herr. Sie sind so rund und so schön und so durchsichtig und die Sonne spiegelt sich in meinen Seifenblasen. Onkel Rodeur sagte einmal, meine Seifenblasen seien wie die Welt so rund und sie zerplatzten am Ende wie diese Welt! Kennen Sie Onkel Rodeur? Wissen Sie etwas von ihm?« Betreten schwieg Aristide Poignard. Dann sagte er langsam: »Ich habe Onkel Rodeur gekannt, goldene Kleine! Du hast wohl Onkel Rodeur sehr lieb gehabt?« »Sehr, sehr lieb, mein Herr ... Onkel Rodeur ist immer so gut zu mir gewesen. Er hat mir Bonbons mitgebracht und wunderschöne Geschichten hat er mir erzählt. So wie die von der Welt und der Seifenblase. Aber Mama und Tante Jacqueline haben ihn auch sehr lieb gehabt. Mama ist jetzt droben im Himmel und spielt mit den Engeln Fangball, hat mir Großmutter Tourlan gesagt. Wissen Sie auch das, mein Herr?« Aristide Poignard wußte nicht, was er dem Kinde erwidern sollte. Aber die Kleine wartete seine Antwort auch gar nicht ab. Sie plauderte ruhig und harmlos weiter, als ob sie die lustigsten Dinge von der Welt zu erzählen hätte. »Onkel Rodeur ist von uns fortgegangen, mein Herr, eines Abends nach Paris ... das ist schon lange her. Ich bin böse auf Onkel Rodeur, weil er immer noch nicht kommt, und er hat mir doch sonst stets etwas Schönes aus Paris mitgebracht. Er wollte Großvater suchen, hat Tante Jacqueline zu mir gesagt. Aber er und Großvater sind aus Paris nicht wiedergekommen. Wissen Sie vielleicht etwas von Onkel Rodeur?« »Du wolltest doch Tante Jacqueline rufen, liebe Kleine! Oder soll ich mit dir ins Haus gehen?« »Nein, ich rufe sie ja schon.« Mit flinken Beinchen lief jetzt das Kind dem Eingang der Villa zu. Aristide Poignard ließ sich auf der Bank unter dem Birnbaum nieder. Er war erschöpft von dem Wege und den Aufregungen der letzten Tage. Der sanfte Wind, der hier draußen über reifende Kornfelder kam und durch den Garten des Landhauses in Louveciennes strich, tat ihm wohl. Er hatte gar keine Lust, das Haus zu betreten. Hier unter dem blauen Himmel dieses Sommertages fühlte er sich so frei. Während die Kleine Tante Jacqueline in der Villa suchte, um ihr zu sagen, daß ein fremder Herr im Garten sei und sie zu sprechen wünsche, machte sich jetzt Aristide Poignard daran, sein Bild auszupacken. Er tat dies mit fast zärtlicher Hand. Der Künstler behandelte sein Werk wie eine Mutter ihr Kind behandelt, als ob er ihm wehe tun, als ob er es verletzen könne. Nachdem die Hüllen gefallen, stellte er das Bild auf die Bank unter dem Birnbaum und versenkte sich in seinen Anblick. Es war ihm gelungen, Gott Lob und Dank! Wie noch nichts wieder seit jener Nymphe, die er im Park von Versailles begonnen hatte. Er hatte sich unter den Augen seines Freundes Rodeur in Saint Lazare wiedergefunden. Sich selbst und seiner Kunst! Und sonderbar, in dieser Stunde der Weihe dachte Aristide Poignard nicht mehr an Fleurette. Er wußte nicht, daß sie bei Madame Gay in der Rue Saint Denis Arbeit gefunden und sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend die Finger wund rieb. Es war, als seien mit dem letzten Sturm der Revolution in diesen entscheidenden Tagen des Thermidor, die auch Rodeur das Leben gekostet hatten, die Fesseln von ihm abgefallen ... die ihn an die Schwere des Vergangenen und an dieses Mädchen banden, das aus der Hefe des Volkes zu ihm gekommen war und trotz allem die treue Freundin seines Hungers und seiner Leiden geworden. Wie verklärt durch die Kunst, zu der er sich zurückgefunden, stand der Maler heute im Garten des Landhauses von Louveciennes vor seinem Werke ... und dachte nicht mehr an Fleurette. Die Bürgerin Louise Marteau, die Auguste Rodeur in Saint Lazare in unsterblichen Versen verewigt, war auf seinem Gemälde zum Idol dieser Tage des Schreckens geworden. Das fühlte Aristide Poignard in dieser Stunde, versunken in den Anblick seines eigenen Werkes. Die stand als Krönung der furchtbaren Zeit des Schreckens, die heute, die in dieser Stunde mit dem Tode des großen »Unbestechlichen« für immer zu Ende ging, auf seinem Gemälde und drückte dem Dichter, der sich der Freiheit großer Sache als letztes Opfer in die Arme geworfen hatte, den Lorbeer aufs Haupt. Ein goldenes Licht umflutete auf diesem Bilde das liebliche Antlitz der Bürgerin Louise Marteau, ein Licht, das, wie es dem Maler in dieser feierlichen Stunde vorkam, nicht mehr von dieser Erde sein konnte. Der Hauch der Ewigkeit ging für ihn von seinem eigenen Werk aus, zu dem ihm ein anderer, ein Größerer, ihn zu reinigen, Hand und Pinsel geführt hatte. So war das Bild Aristide Poignards mehr als ein Bild, es war Symbol und Sinn jener jetzt für immer dahingegangenen Tage des Schreckens. So empfand er es selbst in dieser Stunde. Und aus ihm entstieg ein neues Frankreich und mit diesem eine neue Welt! Er war in die Betrachtung des Werkes, auf dem die Lichter der scheidenden Sonne des Thermidor spielten, dermaßen vertieft, daß er gar nicht hörte, wie sich Schritte auf dem Kiesweg der Bank unter dem Birnbaum näherten. Erst der Ausruf der Bewunderung, der von Frauenlippen kam, riß ihn empor und führte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. »Das ist ein Meisterwerk,« sagte da Jacqueline. Und er, ohne zu fragen, ob er sich auch wirklich Jacqueline Tourlan gegenüber befand, erwiderte: »Es ist das Geschenk Auguste Rodeurs, meines verstorbenen Freundes, an Sie, Mademoiselle Jacqueline, daß er durch meine Hand im Gefängnis Saint Lazare fertigen ließ und das ich Ihnen nach dem letzten Willen des Toten überbringen sollte ... zusammen mit diesen Gedichten, die die letzten Aufzeichnungen aus seinem Kerker sind.« Er dachte in seinem Schmerze und in seiner grenzenlosen Verwirrung gar nicht daran, daß Jacqueline am Ende noch nicht über den Tod des Freundes unterrichtet sein könne. Aber Jacqueline sagte in schlichtem Ton: »Wir haben aus dem ›Moniteur‹ erfahren, mein Herr, daß Vater und Auguste Rodeur zu den letzten Opfern zählten. Haben Sie Vater und Auguste Rodeur gesprochen? Haben Sie einen Auftrag von ihnen erhalten? Haben Sie uns etwas mitzuteilen?« »Ich habe Herrn Tourlan kaum gesehen und kaum gesprochen ... mein Fräulein ... denn die Zahl der Gefangenen war eine zu große ... nur in der letzten Nacht« ... er wollte sagen im »Rollenden Sarg«, doch er verschluckte das entsetzensvolle Wort ... da sah ich wohl auch Herrn Tourlan. Doch er ahnte wohl nur, daß mich mein Weg nach Louveciennes führen würde. Aber mit Auguste Rodeur bin ich zusammen gewesen und diese Verse und dieses Bild sind sein Vermächtnis und sein letzter Gruß.« »Ich danke Ihnen, mein Herr ... Doch was wissen Sie ...« »Von seiner letzten Stunde, wollen Sie sagen?« »Ja, das will ich!« »Sie sind alle wie Helden gestorben, verlangen Sie bitte nicht mehr von mir zu wissen. Wenn ich den richtigen Eindruck mit mir genommen habe, dann war Auguste Rodeur schon vor seinem Tode allem Irdischen entrückt. Er wandelte durch den Garten Griechenlands, Hand in Hand mit den größten Helden aus der Dichtung der Vorzeit und er sah und fühlte nichts mehr von Paris und der Gegenwart, in der er starb!« »So dachte ich ihn mir ... Doch wollen Sie nicht eintreten? Wie darf ich Sie nennen?« »Aristide Poignard.« »Sie sind der Maler?« »Der bin ich ...« »Von dem Auguste Rodeur so oft und so gern gesprochen hat?« »Wirklich? Tat er das, mein Fräulein?« »Er war begeistert von Ihrer Kunst, wie er von allem Großen und allem Schönen immer begeistert war ... Doch sagen Sie, glauben Sie, daß diese furchtbare Zeit jetzt wirklich zu Ende geht?« »Sie geht zu Ende! ... In dieser Stunde fällt das Haupt Robespierres und ganz Paris atmet auf. Die Schuldigen verbluten und die Tage des Friedens und der Gnade werden wieder über Paris und Frankreich Kommen!« »Glauben Sie das wirklich?« »Wahr und wahrhaftig!« Ein tiefer und dankbarer Seufzer der Erleichterung entrang sich dem Munde Jacquelines. »Sie werden mich für eine krasse Egoistin halten. Herr Poignard, daß ich in dieser Stunde an mich denken kann ... und doch denke ich an mich ... und an die kleine Flora denke ich ein wenig ...« Sie nahm das Kind, das an ihrer Seite stand und das verständnislos den Worten Poignards gefolgt war, in die Arme und fuhr fort: »Flora ist ein Kind und ich ... ich bin noch so jung, Herr Poignard ... Die Jugend sträubt sich gegen den Tod. Man will seinen Herbst erleben, wenn man noch im Frühling seiner Tage steht!« »Das ist ein Gedanke ...« »Was wollen Sie sagen?« »Ein Gedanke, dem Auguste Rodeur in einem seiner letzten und vollendetsten Gedichte Ausdruck verliehen hat. Sie werden es in diesem Buche finden, das ich jetzt in Ihre Hände niederlege, und Sie werden dieses Gedicht lesen und verstehen, Fräulein Jacqueline Tourlan!« Aristide Poignard überreichte Jacqueline das dünne Heft, das Auguste Rodeur in Saint Lazare mit den Versen seiner letzten Lebenstage gefüllt hatte, und sagte: »Auch dies ist ein Vermächtnis! ... Und nicht nur an Sie, Jacqueline Tourlan, der ich es nach dem Willen des Toten übermitteln soll, es ist ein Vermächtnis an Frankreich und an die Welt! An Frankreich, das einen seiner besten Söhne in diesen Tagen nicht zu schützen vermochte, und an die Welt, weil es uns lehrt, daß kein Jammer so tief sein kann, daß ihn menschliche Größe nicht zu überwinden vermöchte, daß kein Leid so schwer ist, daß nicht das Licht der Dichtung hineinfallen und es mit ewiger Schönheit adeln könnte. Das, Jacqueline Tourlan, lehren uns Auguste Rodeurs Tod und sein Werk. Und mit dieser Erkenntnis verlasse ich Sie!« »Sie wollen nicht eintreten, Herr Poignard, wollen nicht meiner Mutter ...« »Ich muß nach Paris zurück! Mich ruft das Leben, Jacqueline Tourlan ... Schon ward zu viel davon versäumt! Wenn man wie ich das Glück gehabt hat. die Revolution zu überstehen, dann hat man nur dann das Recht zu feiern, wenn man ein Genie ist wie Auguste Rodeur oder ein Lump wie Chien de Boucher! Ich bin beides nicht! Aber ich habe die Revolution überstanden und ich will arbeiten, weil ich in diesen Tagen gelernt habe, wie wertvoll und wie wertlos unser Leben ist! So leben Sie denn wohl, Jacqueline Tourlan!« Als Aristide Poignard Jacqueline die Hand zum Abschied reichte, bemerkte er die letzte Nummer des »Moniteur«, die diese mit in den Garten gebracht hatte. »Wenn Sie das Blatt gelesen haben, Mademoiselle.« sagte er ... »dann darf ich vielleicht darum bitten. Ich habe heute noch keine Zeitung zu Gesicht bekommen!« »Aber gern, Herr Poignard?« Sie gab ihm das Blatt und reichte ihm noch einmal zum Abschied die Hand. Aristide Poignard ging. Als er die Tür des Gartens hinter sich geschlossen hatte, fragte die kleine Flora: »Was wollte der fremde Herr, Tante Jacqueline? Der Mann auf dem Bild ist Onkel Rodeur, aber die Frau auf dem Bild kenne ich nicht! Ist Onkel Rodeur jetzt bei Mama im Himmel und spielt auch er mit den Engeln Fangball?« »Ja, mein Liebling,« antwortete da Jacqueline und wehes Schluchzen unterbrach ihre Stimme. »Du mußt darüber nicht weinen, Tante Jacqueline,« mahnte das Kind, »wenn Onkel Rodeur es gut hat, wenn er droben bei Mama ist und mit den Engeln Fangball spielt ... Ich weine ja auch nicht!« Das Kind machte sich von Jacquelines Hand los und lief dem Hause zu. »Wo willst du hin, Flora?« »Schaum holen für meine Seifenblasen, Tante Jacqueline,« rief es. »Ich habe nicht mehr genug in der Schüssel ... und meine Seifenblasen sind so schön und so groß und so rund! Sie fliegen nach der Sonne, Tante Jacqueline, und sie glitzern in der Sonne. Sie sind wie die Welt und zerplatzen wie die Welt ... hat Onkel Rodeur einmal gesagt, der jetzt bei Mama und den Engeln ist!« Mit diesen Worten war das Kind in der Tür der Villa Tourlan verschwunden. Jacqueline trat an das Bild heran. Bewundernd ließ sie noch einmal den Blick über das Meisterwerk Aristide Poignards hingleiten, zu dem sie der dem Tode verfallene Dichter begeistert hatte ... und nun entdeckte sie die Verse, die unten in der Ecke auf der Leinwand standen, die Auguste Rodeur selbst mit dem feinen Pinsel des Malers in der Stunde vor seinem Tode in Saint Lazare auf dieses Vermächtnis geschrieben hatte. Jacqueline las. Sie waren so schlicht, diese Verse ... und gerade darum prägten sie sich sofort in das Gedächtnis Jacquelines ein ... und Jacqueline vergaß diese Verse nie ... »Erschrick nicht, staune nicht, geliebtes Wesen. Mußt Trauer du in diesen Zügen lesen, Als sie gemalt des Künstlers Pinselstrich, Baut' man das Blutgerüst ... ich dacht' an dich'.« Da stürzten endlich die lange zurückgehaltenen Tränen, die sie in all den Tagen des Schreckens nicht mehr zu weinen vermocht hatte, aus Jacquelines Augen. Wie der Trost der Ewigkeit zog es in dieser Minute durch ihr gequältes Herz, dieses eine Wort von jenseits des Schafotts und des Grabes: »Ich dacht' an dich!« So nahm sie Bild und Heft. das Letzte, das Unsterbliche, was von Auguste Rodeur geblieben war und bleiben sollte, und schritt dem wieder aus der Villa tretenden Kinde entgegen, das er einst die Hoffnung einer schöneren Zukunft genannt hatte ... * * * Die Sonne des 10. Thermidor sank in blutigem Glanze über Louveciennes. In der Postkutsche, in der er nach Paris zurückfuhr, las Aristide Poignard den »Moniteur«. Ein Bürger, den er nicht kannte und der ihm im Wagen gegenübersaß, fragte: »Wie heißt doch der Major, der die Pläne für den Alpenübergang der Armee an Barras und Carnot gesandt hat? Ich kann diesen Namen gar nicht behalten.« »Welchen Major meint Ihr denn, Bürger?« fragte Aristide Poignard. »Es steht heute im »Moniteur« und Ihr lest ihn doch! Seht zu, auf der dritten Seite. Er hat den kühnen Plan mit den Truppen der Republik, den Großen St. Bernhard zu überschreiten und so von Norden in Italien einzufallen. Das ist seit den Tagen Hannibals und Cäsars nicht wieder dagewesen! Aber ich kann den Namen dieses Majors nicht behalten, Er ist kein Franzose, dem Namen nach muß er ein Italiener sein. Seht zu, Bürger, auf der dritten Seite!« Poignard suchte in dem Zeitungsblatt. »Den meint Ihr wohl, Bürger? Allerdings Name ist italienisch. Major Buonaparte ...« »Ein seltsamer Name, was sich heute nicht alles in die Armee der Republik drängt ... Ein Italiener! ... Was geht den wohl Frankreich an? Ich kann den Namen immer noch nicht ausspreche. Ob man diesen Namen jemals in Paris behalten wird?« »Es ist ein kleiner Major, wie hundert andere, Bürger ... aber sein Gedanke ist kühn, trotz allem kühn ... und dann ...« »Und dann?« »Der Name klingt so verheißungsvoll ... Buonaparte bedeutet: Das gute Teil!« »Ich danke Euch, Bürger!« Der Postillon hieb auf die Gäule, er schnalzte mit der Zunge und rief: »Hü ... hott ... hü ... hott ...« Im Abenddämmer des blutgefärbten Horizontes tauchten die Türme der Notre Dame wieder auf. Die Kutsche hielt. Der Bürger, der vorhin die Frage an Aristide Poignard gerichtet hatte, stieg aus. »Gehabt Euch wohl, Bürger,« sagte er, »ich wohne hier und weiter gute Fahrt!« ... Jetzt habe ich es doch endlich behalten dank Eurer Übersetzung ... Buonaparte ... Buonaparte ...«   – Ende ! –     Die Ausstattung und den Buchschmuck besorgte Gertrud Stutze, Berlin. Druck von Paul Dünnhaupt, Cöthen i. And.