Benno Rüttenauer Der Gott und der Satyr Fünf Novellen Weltgeist-Bücher Verlags-Gesellschaft m.b.H. Berlin Pandolfino I. Die weltgeschichtlichen großen Sünderinnen, wie zuletzt alle übergroßen und blendenden Gestalten der Vorzeit, haben freilich ihre Wurzeln im Boden der gemeinen Wirklichkeit, aber ihr letztes Ausmaß, den letzten Höhenwuchs ihrer Gestalt, womit sie ins Übermenschliche und Unmenschliche hineinragen, verdanken sie doch einer Macht außer ihnen; sie verdanken sie jener mythenbildenden Kraft der Volksphantasie, aus der auch alle Kunst und Dichtung aufsprießt, deren tiefstes Wesen ist zu lügen, wenn man es gemein ausdrücken will, nämlich nicht eigentlich zu verschönern im schwächlichen Sinn des Wortes, sondern zu vergrößern, zu bereichern, zu steigern, emporzutreiben aus dem Gemeinen ins Ungemeine, aus dem Gewöhnlichen ins Außergewöhnliche, aus dem Vernunftbaren ins Wunderbare, aus dem Natürlichen ins Übernatürliche und Widernatürliche, aus dem Menschlichen ins Göttliche oder Teuflische, mit einem Wort über den Menschen hinaus in den Übermenschen. Und wehe, wenn dann ein Dichter, der nicht Größe genug hat, verführt von der dämonischen Schönheit solcher mythischen Volksschöpfungen, sich ihrer zu seinen Zwecken bemächtigt, dann entstehen notwendig, ästhetisch, nicht moralisch gesprochen, nur widerliche Ungeheuer und Scheusale. Man weiß, was auf diesem Weg aus jener zaubervollen Lukretia Borgia und aus jener so unglücklichen Johanna geworden ist, jener letzten angiovinischen Königin von Neapel, von der sogar die nüchterne Geschichtsschreibung, freilich ohne sie zu verstehen, eine schöne und große Liebe erzählt, aber natürlich, ihres Nichtbegreifens wegen, schlecht und unverständlich erzählt. Diese Königstochter war mit sechzehn Jahren an den kränklichen Erzherzog Wilhelm von Österreich vermählt worden, der, eben seiner kranken Lunge wegen, in dem windgeschützten Meran, der Landeshauptstadt seiner neuerworbenen Grafschaft Tirol, seinen Aufenthalt genommen hatte. Und in diesen hochummauerten, horizontlosen Gebirgskessel sah sich nun die Tochter des lichtweiten parthenopeischen Golfs, sah sich die sozusagen königliche Palme vom Fuß des meerumblauten Posilipo verpflanzt und in einem weltverlorenen dorfartigen Winkelstädtchen einem siechen Manne, den bereits der Tod gezeichnet hatte, zur Genossin bestellt, die von dem glanzvollsten und üppigsten Hofleben kam, das die Welt damals kannte. Die rohen Kriegsmänner in der Umgebung ihres Gemahls, denen Kampf und Trunk das Leben bedeutete, schmeichelten weder ihren zarten Sinnen noch ihrem feinen Geist, also daß es nicht zu verwundern ist, wenn das blutjunge Königskind fast kränker wurde als ihr lungensüchtiger, käsegesichtiger Ehegespons – krank im Herzen vor nagendem Heimweh; und krank zu krank gesellt, gibt eine traurige Musik. Jene andere Musik aber, die das Königskind aus dem Sonnenland als Erinnerung in tiefverschlossener Seele trug, war nicht nur das Gegenteil davon, sondern von so heißem Klang, daß sie nicht daran denken durfte, wenn ihr nicht unter den langen schwarzseidenen Wimpern auch die Blicke heiß werden sollten wie lodernde Flammen. Aber von so südlichem oder sündlichem Klang sollte dennoch eines Tages auch ihr äußeres Ohr einen wenn auch noch so unvollkommenen Widerhall vernehmen, und dieses scheinbar geringfügige musikalische Erleben wurde nicht nur ihr, sondern noch mehr drei Männern dergestalt verhängnisvoll, daß es zweien davon um den Kopf und dem andern um die Krone ging. An einem Sonntagnachmittag im April war's, und die junge Erzherzogin befand sich mit zahlreichem Gefolge auf dem Weg zur Hauptkirche der Stadt, um die Vesper zu hören. An ihrer Linken schritt die spitznasige, blonde Gräfin von Trachenstein aus der Steiermark, die gestrenge Frau Oberhofmeisterin; zwei buntscheckige, knirpsige Pagen trugen, wohl in fünf Schritten Abstand, das schwere Schleppkleid der Fürstin; die übrigen Herren und Damen folgten hinterdrein. Aus den dunklen Feueraugen der Angiovinerin blickte es wie zorniger Mißmut. Die bäuerisch plumpen Pfeiler der Gewerbelauben, unter denen sie herschritt, spotteten ihrer schlanken grazilen Gestalt, und wie einen Druck empfand sie die dunklen, allzu niederen Gewölbe, die eine hohe, stolze Aufgerichtetheit unmöglich zu machen schienen. Wirklich war, zwar nicht für ihre Gestalt an sich, aber für ihre ellenhohe zuckerhutförmige Haube, von langen Schleiern leicht umflattert, die geringe Höhe der Gewölbkappen kaum genügend. Vielleicht waren es aber auch andere, mehr innerliche Dinge, die sie mißgelaunt stimmten, daß ihre dunklen Augen fast zornig böse Blicke warfen, die sich aber dann plötzlich sonnenhaft erhellten. Das wurde bewirkt durch eine Musik, die plötzlich in einiger Entfernung anhub, wie die verstoßene Tochter der parthenopeischen Nymphe in diesem Land der Hyperboräer nie gehört hatte, woran sie aber die Erinnerung aus frühester Kindheit in sich trug. Die hohen quirlenden Töne eines Dudelsacks waren es, und die sich überhastenden, sich übersteigenden und manchmal sich frech überschreienden Triller konnten, so schien es ihr, nur die Begleitung sein zu jenem wilden napolitanischen Volkstanz, dem die königliche Prinzessin als Kind einige Male zugeschaut hatte. Bei dieser Erinnerung verschwanden die stumpfen, klotzigen Pfeiler zu ihrer Seite und die schwarzen, schmutzigen Mauern und niederen Gewölbdecken, und vor ihr weitete sich unter unendlicher Lichtbläue der gelbe Strand von Santa Lucia, der den perlmutterschimmernden Spiegel des unabsehbaren Golfs wie ein goldener Rahmen umschmiegte. Aber das war natürlich nur ein augenblickliches Traumgesicht. In Wahrheit stieß der Zug der fürstlichen Kirchgänger auf einen gedrängten bäuerlichen Volkshaufen, der mit aufgesperrten Mäulern dieser unerhörten, wilden Tanzmusik lauschte. Den Tanz selber mußte man sich dazudenken, es sei denn, daß man die grimassenhaften Sprünge und Pantomimen eines grasgrün bekleideten Äffchens auf der Schulter des Dudelsackpfeifers dafür nehmen wollte. »Platz, Platz! ihr Leute«, riefen jetzt die Hoftrabanten die Menge an, die sofort ehrfurchtsvoll auseinander wich, daß der fremde Spielmann der Fürstin frei vor Augen stand, ein hagerer, brauner Junge mit roter Schlappmütze auf dem schwarzen Hinterkopf und schwarzem Faltenmantel über rotem Hemd, kurz, ein unverkennbarer allerliebster Neapolitanerbengel, der beim Anblick der jungen Erzherzogin sich die Mütze herunterriß und in beide Knie niedersank, während er, die feurigen Blicke auf die Fürstin geheftet, die schrillen und hastenden und sich überstürzenden Triller seiner wilden Tanzweise sehr wirksam in ein sanftes Adagio überleitete in langgezogenen, fast klagenden Tönen, womit auf dem Golf von Neapel in hellen Mondnächten die Fischer auf unendliche Entfernungen hin im Zwiegesang Strophe und Gegenstrophe einander zusenden. Die Erzherzogin Johanna stand eine kleine Weile wie im Bann. Und deutlich war ihr anzusehen, wie sehr sie Lust hatte, den tönegewaltigen Sendboten der Heimat zu sich heranzurufen, um auch in seinen Worten den süßen Gruß der Heimat zu hören; aber das spitznasige, schmale Gesicht der hageren, blonden Frau Oberhofmeisterin nahm einen solchen Ausdruck von Strenge und Härte an, daß der jungen Erzherzogin gänzlich der Mut entfiel. Sie griff nur noch rasch in ihre Gürteltasche und warf ihrem kleinen Landsmann ein Geldstück zu, der es geschickt auffing und inbrünstig küßte, was auch das grasgrün bekleidete Äffchen pantomimisch nachahmte, und bei welchem Anblick die Nase der Frau Gräfin von Trachenstein noch spitziger wurde. Denn diese Dame war offenbar die Großmutter oder Urgroßmutter jener Spottgeburt von höfischem Ungeheuer, das später unter dem Namen der spanisch-habsburgischen Hofetikette über zwei Jahrhunderte lang die Fama von ganz Europa in Atem hielt; was nun freilich, wenngleich in anderm Sinn, auch dem Königskind Johanna widerfuhr, infolgedessen ein schwaches menschliches Wesen zur eingefleischten Teufelin werden mußte – im Munde eben jener Frau Fama. Und so kann man sagen, daß die beiden Frauen, wie sie jetzt, den beglückten Dudelsackpfeifer hinter sich lassend, dem spitzbogigen Kirchenportal zuschritten, recht eigentlich die Symbole zweier feindlicher Mächte darstellten, die besonders in den höheren und höchsten Regionen der menschlichen Gesellschaft seit ewig um den Sieg miteinander kämpfen, der doch, wenn er, auf der einen oder andern Seite, ein letztgültig vollständiger je werden sollte, das Menschentum in diesen Regionen so oder so mit gleicher Sicherheit vernichten müßte. Für diesmal aber hatte das eine Prinzip, das der Gouvernante, einstweilen gesiegt, und es siegte auch noch einmal am darauffolgenden Sonntag, wo sich der gleiche musikalische Auftritt wiederholte, ohne zu etwas Weiterem zu führen. Eine andere Gestalt aber bekam dann die Sache am Montag danach bei dem vormittägigen Messegang der Herzogin. Wieder staute sich eine Volksmenge vor der Kirche, aber was sie umstanden und umgafften, war jetzt, wenn schon dieselbe Person, kein lustiger Pfeifer mehr und Spielmann, sondern ein ertappter Dieb, ganz ohne seinen geliebten Dudelsack und ohne das grasgrün bekleidete Äffchen. Der junge Neapolitaner hatte nämlich unter den Lauben am offenen Bäckerladen ein Weizenbrötchen stibitzt, dabei war er ertappt worden und sollte nun dafür öffentlich ausgepeitscht werden. Die Stockknechte hatten ihm bereits die Kleider vom Leib gerissen; wie sie ihn aber nun ergreifen wollten, in seiner wundervollen braunen Nacktheit, um ihn auf die Schranne niederzuzerren, da stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Hatte er das Herannahen der Erzherzogin bemerkt? Sie jedenfalls wurde von seinem Schrei getroffen, und diesmal tat sie, alle äußeren Rücksichten vergessend und nur dem inneren Antrieb folgend, nicht beachtend auch die dünnen verkniffenen Lippen und spitze Nase der hagerblonden Frau Oberhofmeisterin, tat sie so rasche Schritte gegen den gaffenden Volkshaufen – trotz der unbequemen langen Schnabelschuhe –, daß sogar der eine der kleinen Pagen, der zugleich ihr Stundenbuch trug, sich ihre Schleppe aus der Hand entfahren ließ. Doch das hatte nichts zu bedeuten, auch die bäuerliche Menge wartete nicht erst auf einen Heroldsruf, sondern wich von selber zu einer breiten Gasse auseinander. Ein Leuchten wie von einem Blitz unter den langen, schwarzseidenen Wimpern der Fürstin hervor, begleitet von einer heftig abwehrenden Bewegung des Armes – daß ihr langer, spitzer Hängeärmel dabei wie ein gnadenverkündendes Fähnlein flatterte –, scheuchte die betroffenen Henkersknechte weit hinweg von dem Körper des nackten Adonis, der jetzt nicht ohne Grazie in die Knie sank und zu seiner Retterin seine Arme ausgebreitet emporhob. Die erregte Königstochter sprach kein Wort, aber mit ihren Fingerspitzen, wie sie rosig aus den gehäkelten Halbhandschuhen hervorschauten, berührte sie die Schulter des Knaben; damit weihte sie ihn zu ihrem Eigentum und machte ihn unberührbar und unnahbar für die schmutzige Bratze eines kommunalen Schergen. Mit einem Semmeldiebstahl also machte diesmal ein Mann seinen Eintritt in die Weltgeschichte; denn daß Ser Pandolfo Graf von Alopo dieser für alle Zeiten angehört, wird niemand bestreiten. Für seinen Semmeldiebstahl wurde ihm die Strafe trotzdem nicht geschenkt, er erhielt sie sogar ins Ungeheure vergrößert und in demselben Ausmaß, wie sein seltsames Schicksal sich seither ausgewachsen hat, aber bis dahin waren noch weite Wege. Pandolfino oder auch kurz Dolfino nannte ihn mit schmeichlerischem Diminutivum das Königskind aus Neapel, das seltsamerweise, und wer weiß von was für Mächten, dazu bestellt worden, auf der landesfürstlichen Burg zu Meran eine Zeitlang die Rolle einer Erzherzogin von Österreich zu spielen, was doch nicht so recht ihr Fach war. Pandolfino nannte sie ihn, und er war ihr Page geworden, trotz der Oberhofmeisterin Gräfin von Trachenstein; denn der kranke Wilhelm von Österreich hatte keinen Grund oder auch vielleicht nur nicht den Mut gefunden, seiner Gattin, die ihn so selten mit einer Bitte beehrte, in einer so geringfügigen Sache wider Willen zu sein, also daß jetzt, zur Abwechslung, das Prinzip der Gouvernante dem andern, dem Entgegengesetzten, das Feld räumen mußte. Pandolfino nannte ihn das Königskind Johanna, wenn er das Knie vor ihr beugte und sie ihm die Wange streichelte, der aber auch ein gar so hübscher und gar so aufmerksamer Page war und mit dem sie – es bedeutete dies kein Kleines – in den süßen Lauten ihrer Kinderheimat plaudern konnte und ganz anders als mit ihrer zahnlosen alten Amme, die in dem nordischen Klima von Tag zu Tag schwerhöriger würde, und ganz anders auch als mit dem sehr dienstwilligen, doch leider etwas säbelbeinigen Ser Martino Petruccini, der ihr als ihr Oberstallmeister nach Meran gefolgt war, aber immer nur von Dingen redete (und geredet haben wollte), die nun einmal dem Königskind kein Vergnügen machten. Aber konnte sie denn ein Gefallen finden an dem, was in knabenhafter Ruhmredigkeit Pandolfino an sie daher plauderte und mit fast komisch leidenschaftlichen Versicherungen und Schwüren untermischte? Nämlich ganz und gar nicht aus Zufall sei er nach Meran gekommen, sondern als elfjähriger Knabe habe er die Prinzessin Johanna bei ihrer Abreise von Neapel zum erstenmal erblickt, draußen am Hafen, als sie aus ihrer Sänfte trat und, geführt von der Hand ihres königlichen Bruders, die steil ansteigende Brücke zu dem weißleuchtenden hohen Meerschiff, einer venetianischen Gallione, hinaufstieg. Da war es wie ein Zauber über ihn gekommen, und er hatte sich geschworen, wenn er größer geworden, ihr zu folgen, sie aufzusuchen, wo es auch sei, und in ihrem Dienst, wenn sie ihn genehmigen wollte, das höchste Glück seines Lebens zu finden. Und auch das leckere goldene Weizenbrötchen hatte er nur entwendet, um die Aufmerksamkeit der Erzherzogin mit Gewalt auf sich zu lenken. In all dem steckte nicht das geringste Körnchen Wahrheit, es war reine Lüge; aber wie er die Lüge vortrug, wurde sie zum Gedicht und wurde er zum Dichter; ja, berauscht von der feurigen Kühnheit der eigenen Rede und dreimal schön in solchen Momenten, wurde er leicht glaubend an sich selber; kein Wunder, wenn er Glauben weckte. Natürlich sorgte die junge Erzherzogin für seine Erziehung. Sie hatte sich von dem gelehrten Kardinal-Erzbischof von Brixen, der ihr manchmal den Hof machte, einen gewandten Kleriker ausgebeten, von Geburt Toskaner, der mit dem Knaben aus Neapel die Fiametta des Boccaccio und die Sonette des Petrarca las und seinen Zögling in allen sieben Künsten unterrichtete. An diesem Unterricht durften auch die vier übrigen Pagen teilnehmen; aber diese blieben neben dem Napolitaner, dessen Geist sich wie eine prachtvolle exotische Blüte entfaltete, nur arme bescheidene Schattenblümchen, daß man sie mehr für die untertänigen Diener als für die Kameraden des Pandolfino gehalten hätte. Drei Jahre dauerte dies. Dann eines Tages erlag der Erzherzog Wilhelm seiner Lungenkrankheit und machte seine kinderlose junge Witwe zur eigenen Herrin ihres Schicksals. Sie trug ein Vierteljahr lang in großer Zurückgezogenheit und frommer Herkömmlichkeit Trauer um den Verstorbenen, dann holte sie von neuem ihre goldschimmernden Gewänder von farbiger Seide, von schwerem Brokat hervor, und bald entwickelte sich auf der landesherrlichen Burg zu Meran ein ungewohntes reges Treiben. Das Königskind rüstete sich, unterstützt von Ser Martino Petruccini, ihrem Oberstallmeister, zur Rückreise nach Neapel. Die kurze Strecke nach Venedig wurde in glanzvollem Zug über das Gebirge zurückgelegt, und dabei tat nun das Königskind etwas, womit sie dem heiligen Prinzip der Gouvernante, um diesen symbolischen Ausdruck beizubehalten, in geradezu unerhörter Weise ins Gesicht schlug. Daß die blondhagere und spitznäsige Gräfin von Trachenstein aus der Steiermark von der Fahrt ausgeschlossen wurde, war wohl selbstverständlich; aber daß die junge Johanna außer ihrer Kammerfrau (soviel Zugeständnis machte sie dem genannten Prinzip) noch jemanden in ihre prunkvolle königliche Sänfte nahm, die von vier Maultieren getragen wurde, und daß dieser Jemand kein anderer war als ihr Pandolfino, den sie zu ihrem Mundschenken erhoben hatte, das verdarb dem allzeit dienstbereiten, aber leider ein wenig säbelbeinigen Ser Martino bedenklich die Laune, so sehr er sich auf diese Reise gefreut hatte wie seine junge glänzende Herrin selber. Zu Venedig bestieg die Gesellschaft das Schiff, eine weißleuchtende hohe Galeere, fast der Gallione ähnlich, worauf das Königskind von Neapel her ihrem kränkelnden Gemahl zugeführt worden war. Möge aber niemand hier falschen Vermutungen Raum geben. Die schöne Johanna hat, solange Herr Wilhelm von Österreich die reine Luft von Meran mit seinem verpesteten Atem verunreinigte, dem Elenden pünktlich die Treue gehalten – wenn auch nur wegen der strengen Wachsamkeit der mehrgenannten Gräfin von Trachenstein; denn das heilige Prinzip der Gouvernante ist nicht immer eine verächtliche Spottgeburt und lächerliches Ungeheuer, sondern ebenso oft auch eine wirkliche moralische Person hohen Ranges, die nur leider nicht immer ihren Zweck erreicht, weil eben das andere, das ihr entgegenstehende Prinzip, zwar vielleicht weniger moralisch ist, aber seine Quellen aus einer Macht herschreibt, als welche von den Herren Theologen und Moralpredigern anders genannt wird als von den Philosophen, sofern diese etwa, wie dies wohl zuzeiten kommen mag, nicht selber Moralprediger und Theologen sind. Der Novellist aber, als die dritte Art Richter und souveränste von allen, möchte von den beiden Mächten, die in der menschlichen Gesellschaft, besonders in deren hohen und höchsten Regionen, seit ewig um den Sieg miteinander kämpfen, der Novellist möchte beileibe keiner von beiden zu nahe treten, weil, wie gesagt, der letztgültig vollständige Sieg einer der beiden das Menschentum in diesen Regionen, so oder so, in gleicher Weise vernichten müßte. Aber freilich, ohne den ewigen Kampf beider würde es weder Novellisten noch Novellen geben. Auf der Burg zu Meran hätte also, ich sagte es schon, auch das schärfste Späherauge nichts entdecken können, was nicht zu dem Verhältnis von Herrin und Diener gepaßt hätte. Aber wie sie jetzt auf dem Deck der hohen weißleuchtenden Galeere von Sankt Markus über die stillen Fluten der blauen Adria dahinglitten, die ehemalige Erzherzogin (wenigstens hatte sie diese Rolle gespielt) in einen hochlehnigen, reich skulptierten Sessel geschmiegt, ihre mit spitzen Schnabelschuhen bekleideten Füße auf einem reich gestickten Kissen, während Dolfino neben diesen Füßen und Kissen, wie ein gezähmter Panther graziös hingestreckt, aus seinen napolitanischen Glutaugen schmachtende Blicke zu ihr emporrichtete: da konnte selbst ein wenig scharfsichtiges Auge unzweifelhaft erkennen, daß das Verhältnis der beiden zueinander ein anderes geworden war, als wie es auf der Burg zu Meran bestanden hatte. Denn es gibt nun einmal menschliche Beziehungen, die ein Königskind einem Bauernkind seltsam ähnlich machen, bis aufs Kleid, das nun gerade in den genannten Beziehungen am wenigsten mitzureden hat. Und wenn die menschlichen Gesetze es der Frau Politik erlauben, die blühende Schönheit und Fülle der Jugend an Siechheit und Unvermögen zu verkuppeln, so ist doch noch nicht ausgemacht, daß auch die höheren göttlichen Gesetze ihre Sanktion dazu geben, da ja auch das mehrfach genannte Prinzip der Gouvernante doch mehr menschlichen als göttlichen Ursprungs ist. »Schau' nur, Dolfino,« sagte das Königskind, »wie die geschmeidigen Delphine so lustig unsern Kiel umtanzen, als ob sie mit uns im Einverständnis wären und uns einen Hochzeitsreigen aufführen wollten; soll ich dich in Zukunft Delfino nennen?« Dazu lächelte sie geheimnisvoll, und ein tiefer vielsagender Blick des Pandolfino dankte ihr. Und beide schwiegen wieder, und nur mit stummen Blicken fuhren sie fort, sich heimlich in der Seele miteinander zu unterhalten. II. Zu Neapel erwartete die junge Königstochter ein jubelnder Empfang. Denn alles, wonach sein Sinnen stand, versprach sich dies Volk, hoch und niedrig, von der künftigen Herrschaft der schönen jungen Fürstin, überreiche Gnaden und Geschenke und prunkvoll glänzende Feste. Nur König Ladislas, ihr Bruder – wie er zu dem befremdenden Namen kam, gehört nicht zur Sache –, war nicht dabei vertreten. Er lag, anders wie einst Wilhelm von Österreich, aber in ebenso rettungsloser Siechheit danieder, und zwar an einer Krankheit – warum sollte das nicht gesagt werden –, die man damals in Europa, wo sie noch neu war, die napolitanische nannte. Er war vergiftet worden auf Anstiften der Florentiner, als welche sich von dem ebenso ehrgeizig tatkräftigen wie ausschweifenden König alles versehen mußten, der mit seinem Wahlsprach »Aut Caesar aut nihil« nichts Geringeres als die Herrschaft über ganz Italien anstrebte. Mittels einer ungeheuren Summe hatten sie den Peruginer Arzt Uccellaccio bestochen, der durch das Medium seiner eigenen Tochter dem König das Gift beibrachte, das ihn vernichten sollte. Wahrlich, die Welt, in welche die jungverwitwete Erzherzogin hier in Neapel eintrat, war eine andere als jene, welche sie zu Meran im heiligen Land Tirol verlassen hatte. Der König also konnte sich bei dem triumphalen Empfang seiner Schwester, die schon jetzt vom ganzen Volke als seine zukünftige Königin umjubelt wurde in ihrer jugendlich strahlenden Schönheit, nicht persönlich einstellen; aber er ließ ihr, da zwei Hofhaltungen in demselben Palast nicht königlich gewesen wären, im Nordosten der Stadt, in dem gewaltigen Capuaner Kastell, ihre Residenz anweisen, wo ein glänzender Hofstaat sie erwartete. Von diesem jedoch schloß sich ihr mürrischer Reisemarschall, der Oberstallmeister Martino Petruccini, freiwillig aus, weil er die Rolle, die dem Mundschenken Pandolfino, dem kleinen Semmeldieb aus Meran, hier zugeteilt wurde, nicht mit ansehen mochte. Denn es blieb bis in die weitesten Volkskreise hinein nicht unsichtbar, daß der genannte Pandolfino, den viele als den Sohn des armen Dudelsackpfeifers Peppo noch gut in Erinnerung haften, bei ihrer zukünftigen Königin noch einen andern Posten einnahm als den des Mundschenken. Wenn das Volk auch nicht wissen konnte, daß es hinter den massigen Rundtürmen des Capuaner Kastells eine geheime Wendeltreppe gab, die auf verborgenen Umwegen zu dem Schlafgemach der jungen Fürstin führte, denn außer der verwitweten jungen Erzherzogin wußte das allein der süße Dolfino, so wurde doch vieles von dem Treiben in jenem Schlafgemach bald allgemeines Gerede. Wenn da zur Stunde des Morgengebetes der Kaplan in psalmodierendem Ton die Horen las, was der schönen Johanna sichtbar nur ein geringes Vergnügen machte, wahrscheinlich, weil sie die lateinischen Psalmverse und Antiphonen eben doch nur halb verstand, da suchte wie oft ihr gelangweilter Blick in verstohlener Sehnsucht nach dem des Pandolfino, der in erheuchelter Andacht neben der Frau Oberhofmeisterin – aber es war nicht mehr die Gräfin von Trachenstein – hinter dem Priester kniete. Und ihre Haltung vor dem gar nicht unbequemen schmalen Betstuhl aus zierlich durchbrochenem schwarzen Holz und roten Kissen wurde sichtlich immer ungeduldiger, wie die eines kleinen Mädchens in einer langweiligen Unterrichtsstunde, und ihr Herz freute sich schon jetzt auf den leckeren geistigen Nachtisch. Da war dann die Szene verwandelt, der schwarze Kaplan verschwunden, das Königskind saß behaglich hingeschmiegt in seinem hohen thronartigen Sessel, wie der Betstuhl von braunem durchbrochenen Holz und roten Kissen, und auf zierlichem Schemel zu ihren Füßen saß Pandolfino und las ihr mit seiner einschmeichelnden Stimme und im reinsten toskanischen Klang die wunderbar rhythmischen Perioden, in die Meister Boccaccio seine graziösen Novellen zu kleiden gewußt hat, an denen sich damals, da sie noch neu waren, mehr als je die ganze Welt entzückte. Und wenn sie dann ihre königliche Sänfte bestieg, weil sie den dicken, dumpfen Mauern entfliehen und des goldenen Lichtes und der seidenweichen Lüfte des napolitanischen Himmels froh werden wollte und des Anblicks von Meer und Inseln und palmentragender Vorgebirge – ihre Sänfte bestieg, um sich nach dem gelben Strand von Santa Lucia tragen zu lassen, die volksbunte Hauptstraße hinunter, die später der Corso von Toledo hieß und heute wieder einen andern Namen trägt: da saß ihr Oberstallmeister – und es war nicht mehr der säbelbeinige Ser Martino – und saß ihre Frau Oberhofmeisterin (aber auch nicht mehr die Gräfin von Trachenstein) bescheiden auf dem schmalen Vorderbänkchen, und ihr bequem zur Seite und herablassend lächelnd saß ihr Ganymed, ihr göttlicher Mundschenk, ahnungslos, daß einst in derselben Straße die Hunde sein Fleisch fressen würden. Denn die Liebe einer Königin, die zum süßesten heimlichen Entzücken noch den höchsten Rausch menschlichen Daseins, den Rausch der öffentlichen Macht verleiht, vermag auch zu Ausgängen von so furchtbarer Tragik zu führen, daß ... doch bis dahin hat es noch weite Wege. Pandolfino also saß glückdurchschauert an der Seite der stolzen Königstochter, leutselig herablächelnd auf das Volk, unter dem er einst als kleiner verlumpter Bettelmusikant seine Laufbahn begonnen hatte. Dieses Volk aber machte ehrfurchtsvoll Platz und riß die Mützen vom Haupt und begrüßte jubelnd, zusammen mit seiner schönen zukünftigen Königin, auch ihren lockigen Mundschenken, denn das war wirklich noch ein gutes Volk, das nichts Arges darin fand, wenn sich eine junge Witwe zu trösten suchte, wie sie eben konnte. Waren sie wirklich ein gutes Volk, diese wildleidenschaftlichen, lärmigen Halbafrikaner des neapolitanischen Golfs, denen doch das, was wir Treue nennen, nie eigentlich so recht im Blute lag? Jedenfalls war es noch eine gute Zeit – für Könige; eine Zeit, wo den Völkern das Blut derer, die es einmal als seine Herren anerkannte von Geschlecht zu Geschlecht, eine unverletzliche heilige Sache bedeutete, die nach dem allgemeinen Gefühl selbst von Schuld und Sünde der Person nicht leicht besudelt und verunehrt werden konnte. Und man weiß ja, was dieses Volk sich erwartete von seiner Fürstin. Wie hätte es also ernstlich verstimmt werben können beim Anblick einer leichtfertigen Unbekümmertheit, die seinen Hoffnungen nur um so reichere Nahrung bot? Wo aber hatte sich das Prinzip der Gouvernante jetzt verkauert? Ach, es war gar nicht so sehr verkauert und versteckt, es stand sogar in leibhaftiger Gestalt und als gewaltige Macht, dem Pandolfino zum Trotz, zur Seite der jungen Fürstin. Es gehörten dazu die Ersten unter den Großen des Reiches, in vorderster Linie Julius Cäsar, Graf von Durazzo und Herr von Capua, ihr leiblicher Vetter, ferner dessen Schwager, der Graf von Gerace, und endlich der besonders trotzige und stolze Graf von Troja, der oberste Seneschall des Reiches, ebenfalls ein Vetter der jungen Fürstin. Diese hatten ein ganz besonderes Interesse an der Thronfolge der Prinzessin Johanna; denn sie war ja mir von ihrer Mutter her eine Angiovinerin, durch ihren Vater aber, Karl III., war sie eine Durazzo. Wenn sie den Thron bestieg, bestieg ihn mit ihr zum drittenmal das Haus Durazzo, welches durch König Karl III. dem Hause Anjou gleichsam aufgepfropft war. Diese starke sogenannte Partei der Durazzi übte, wie sie die mächtigste Stütze der jungen Fürstin und Thronprätendentin bildete, eben deswegen eine Art Recht der Vormundschaft über sie aus, und wenn darin das Prinzip der Gouvernante auch nicht wie der Zipfel eines Taschentuches zwischen biedermeierlichen Rockschößen hervorguckte, so steckte es doch darin. Die Durazzi hatten zugleich den nach dem König mächtigsten Mann des Reiches auf ihrer Seite, den Condottiere und Großkonnetabel Sforza. Was für den Pandolfino die Göttin der Liebe, das hatte für den Sforza, den Begründer des späteren Mailänder Herrscherhauses, die Bellona, die gewaltige Kriegsgöttin vollbracht. Öfter als irgendwo hat man es in Italien erlebt, daß sich Söhne selbst der alleruntersten Volksschichten zu machtvollen Ämtern, ja zu fürstlich souveränen Würden erhoben haben, denn Italien ist das Land, wo sogar der Sohn eines Schweinezüchters den höchsten Thron der Welt besteigen und ihm Ehre machen konnte, was nur möglich ist in einer Rasse und in einem Volk, wo Vorurteile wenig, die verwegene Kühnheit aber, wenn ihr Kraft und Begabung zur Seite stehen, alles gelten. Öfter als irgendwo sind in Italien Spitznamen zu weltgeschichtlichen Namen geworden. Der Konnetabel Sforza hieß eigentlich Mutius Attendoli. Schon seine äußere Erscheinung verriet ihn als Ausländer, wenigstens für Neapel. Seine hohe Gestalt, die die kleinen fettlichen Napolitaner um drei Kopflängen überragte, sowie sein dicker und lang herabhängender ganz blonder Schnurrbart ließen an die ehemaligen Normannen denken, die einst die sizilianischen und napolitanischen Lande beherrscht hatten. Aber noch von anderem Blute her wachsen solche Gestalten auf dem Boden Italiens, nämlich unter den Romagnolen von Dalmatiner Abstammung. In der Tat war Mutius Attendoli, genannt Sforza, ein Bauernsohn aus einem Dorf der Romagna, bei der Stadt Faenza. Als er einmal, ein sechzehnjähriger Knabe, im Garten seines Vaters hart arbeiten mußte, überkam ihn der Unmut über die knechtische Mühseligkeit, und mit einem Schwur warf er seine Hacke hinauf zu dem Feigenbaum über ihm. Geschworen hatte er innerlich: fällt sie wieder herunter, so ist es der Wille Gottes, daß ich weiterarbeite, bleibt sie aber hängen, usw. Die Hacke verfing sich leicht in dem schlangenartigen Geäste des Feigenbaumes, Mutius aber stahl in der Nacht darauf ein Pferd aus dem Stalle seines Vaters, ritt damit heimlich davon, nahm Kriegsdienste, und wenn er in Ausübung dieses Handwerks bei der Beuteverteilung meist sehr gewalttätig war, so hat ihm dies zwar seinen Spitznamen eingetragen, den späteren Namen einer mächtigen Dynastie, aber ihn nicht daran gehindert, ein gewaltiger Feldhauptmann und zuletzt der Großkonnetabel des Königreichs Neapel zu werden. Oder ist er dazu gar noch der Nebenbuhler des Semmeldiebes aus Meran, des göttlichen Mundschenken Dolfino geworden? Das wird die Geschichte zeigen. Wenn also wirklich das Prinzip der Gouvernante von der Partei der Durazzi vertreten wurde, so lag es wahrlich in starken Händen. Einstweilen jedoch, wie bereits angedeutet, merkte man nicht viel davon. Diese Großen des Reiches dachten zwar anders als das gemeine Volk über das Verhältnis ihrer Fürstin zu ihrem Ganymed, doch sie machten, nach dem bekannten Sprichwort, dieselbe Miene dazu. Sie dachten: Gönnen wir dem verzogenen Königskind einstweilen seine Possen (als ob die Liebe eine Posse wäre); wird sie einmal erst den königlichen Thron bestiegen haben, wird sie auch begreifen, was sie diesem, was sie uns und sich selber schuldig ist, und der kleine Adonis von Mundschenk wird von ihr absinken wie ein vernutzter Kleiderlappen und wird wieder ein Lump und Bettler sein, wie er immer gewesen war. So dachten sie. Aber das Prinzip der Gouvernante hat sich, wie die Weltgeschichte lehrt, öfter gröblich verrechnet. Und ein weltgeschichtlicher Tag war es, da König Ladislas von Neapel endlich seinem innerlichen Gift erlag. Wie schon erwähnt, hatte ihn Florenz vergiftet, weil es in ihm seine größte Gefahr erblickt hatte. Damit war zugleich einem näheren und darum noch dringlicher bedrohten Herrscher ein großer Dienst erwiesen worden; denn wer weiß, was aus dem ohnedies arg zerrütteten Patrimonium Petri geworden wäre ohne die Erkrankung des ehrgeizigen Königs? Es stand dort schlimm, und an dem Tag, da das genannte Gift im Castello Nuovo zu Neapel seine letzte endgültige Wirkung tat, mußte zu Rom der alte napolitanische Seeräuber Baltasar Cossa, der als Johann XXII. den Statthalter Christi auf Erden darstellte, in der Nacht heimlich die Flucht ergreifen, um seinen seltsam umgekehrten Gang nach Kanossa anzutreten. Denn nicht der Kaiser war diesmal der Bußgänger, sondern der Papst, und nicht dem Süden entgegen ging die Reise, sondern dem Norden. Konstanz hieß sein Kanossa, und es harrte dort seiner auf dem Konzil ein beträchtlich schlimmerer Empfang, als ihn jener vierte Heinrich einst auf dem finsteren Bergschloß der schönen Markgräfin Mathilde erfahren hat. Seltsamerweise war es die vereinsamte und verödete Burg zu Meran – das Königskind vom Parthenopeischen Golf war ja längst ausgeflogen –, die dem obersten König der Christenheit ein letztes Nachtquartier jenseits der Alpen darbot. Auf einem schwarzen Maulesel, aber anders wie einst der Göttliche, dessen Statthalter er sich nannte, begann er in der Frühdämmerung des andern Morgens, nur von zwei Getreuen begleitet, seinen mühseligen und gefahrvollen Ritt über die Reschen-Scheideck und Finstere Minz auf die Landseck zu. Es war ein lamentabler Zug für den Inhaber einer Würde, die über allen Würden stand auf dieser Welt. Einen andern Aufzug sah zu derselben Zeit die Stadt Neapel. Durch die volksbunte Hauptstraße, die später der Korso von Toledo genannt wurde und heute wieder einen andern Namen trägt, bewegte sich ein wundersamer goldener Wagen. Er war von sechs weißen Rossen gezogen, geführt an den goldenen Zügeln von den höchsten Würdenträgern des Reiches, das vorderste Paar von dem Grafen von Troja, dem obersten Seneschall, das zweite von Julius Cäsar von Capua, dem Großgonfaloniere, und das dritte von dem Grafen von Gerace, an Stelle des Exkämmerers, welches Amt für das vornehmste galt von allen, aber augenblicklich unbesetzt war. In dem bekränzten Wagen aber, in königlicher Einsamkeit – denn diesmal fehlte Pandolfino – saß die junge Königin Johanna und hielt ihren Triumphzug von dem Capuaner Kastell nach dem Königsschloß, das noch heute, so schwarz und finster es auch aussieht vor Alter, das Neue Kastell heißt. Damals aber war es wirklich noch neu und stieg mit seinen gewaltigen runden Türmen weißleuchtend wie ein Märchenbild aus den blauen Fluten des Golfs empor an derselben Stelle, wo einst griechische Fischer – sie trugen auf ihren schwarzen Haarschöpfen schon dieselben roten und nach vorn oder nach der Seite lappenartig umhängenden Tuchmützen – einen seltsamen Fisch in ihren Netzen gefangen haben, der nichts anderes war als der schlohweiße Leichnam der homerischen Nymphe Parthenope, die manche auch eine Sirene nennen. Ein wirklicher Triumphzug war's, und an jeder Seggia der Stadt, nämlich den offenen antiktheaterartigen Gerichtsplätzen hielt der Wagen, und der Sprecher des Adels aus der jeweiligen Region hielt eine wohlgesetzte Begrüßungsrede. Und ein ungeheurer Jubel des Volkes umtoste jedesmal die neue erbberechtigte Herrscherin von Neapel. Und sein Jubelrausch erlitt keine Enttäuschung, noch vor Abend öffneten sich alle Gefängnisse und gaben ihre Gefangenen frei, und in allen Regionen der Stadt wurde unter das gemeine Volk Geld ausgeteilt und leckere Speisen und Wein. Auch die Großen des Reiches, besonders die Partei der Durazzi, waren zufrieden. Die Königin war ja gewissermaßen ihr Werk, und wenn dieses mit so außerordentlichem Pomp in Szene gesetzte Werk mit Jubel begrüßt wurde von der Welt, so konnten sie darin nur ihre eigene Genugtuung finden. Sie dauerte leider nicht lange. Am dritten Tage nach dem Regierungsantritt der Königin Johanna, d. h. in der Nacht nach diesem Tag, befand sich im Stadtpalast des Grafen Julius Cäsar von Capua eine vierköpfige Versammlung von Männern beieinander, auf deren Gesichtern, auch ohne daß man erst ihre Reden hörte, Arger und Empörung deutlich genug zu lesen standen. Außer dem noch jugendlichen Julius Cäsar waren da die Grafen von Troja und Gerace, zwei schon greisenhafte Gestalten, und der hochstämmige Sforza, der allseitig gefürchtete Condottiere. Die Angelegenheit, die besprochen wurde, betraf am nächsten und persönlichsten den Grafen Gerace. Dieser hatte bei dem prunkhaften Einzug der Fürstin in das Königsschloß den Platz des Großkämmerers eingenommen und darum auf die Verleihung dieses Amtes mit Sicherheit gerechnet. Aber die Königin hatte nun einen andern mit dieser höchsten Wurde bekleidet, nämlich, zum Unrecht das schreiende Ärgernis fügend, den neugebackenen Grafen von Alopo, den Ser Pandolfo, genannt Pandolfino, Semmeldieb und Schleppenträger meranischen Angedenkens. Dieses Allerschlimmsten hatten sich die Grafen wahrlich nicht versehen. Sie waren wie vor den Kopf geschlagen. So furchtbar war ihre Entrüstung, daß sie kaum Worte fanden. Nur ihre verstörten Gesichter zeigten an, daß sie vor dem Unerhörten sich wie rettungslos Verlorene fühlten, wie Leute, die in einen plötzlich aufgähnenden Abgrund starren, der sie zu verschlingen droht. Aber noch tödlicher als diese Ernüchterung traf sie die Enttäuschung, die der schnauzbärtige Kriegshäuptling, der hochstämmige Sforza und Großkonnetabel ihnen bereitete. Sie hatten nicht anders gemeint, als daß er ihre Ausfassung vollauf teilen werde. Aber er zeigte sich anderer Meinung, wenigstens nahm er das für sie Ungeheuerliche ganz und gar auf die leichte Achsel, die er dabei ein wenig verächtlich zuckte. Von ausgesprochen königlichem Sinn, will sagen königlicher Klugheit, so meinte Sforza, zeuge allerdings das Gehaben der Königin Johanna nicht. Nein, eigentlich königlich könne man ihr Handeln nicht nennen. »Aber«, so fuhr er fort, mit einem fast verächtlichen Lächeln unter dem herabhängenden, bereits leicht ergrauenden Lippenbart, »warum will man auch aus einem Weib eine Königin machen? Ist das nicht gegen die Natur? Man kennt die Namen berühmter Königinnen. Semiramis hieß die eine, Tamyris die andere, Kleopatra die dritte. Waren das aber Frauen nach der Natur des Weibes oder nicht vielmehr ihr entgegen? Unsere schöne Königin Johanna aber, hat sie nicht, wenn auch vielleicht wenig königlich, so gerade darum echt weiblich gehandelt? Ist es nicht echt weiblich, daß die Frau, was sie liebt, gern groß und herrlich sehen möchte vor der Welt, die das Knie beugen soll vor dem, dem sie selber untertan ist?« »Ja«, schrie hier der noch jugendliche Julius Cäsar von Capua heraus; »aber es müßte ein Würdiger sein. Ist es jedoch erlaubt, daß eine Königin einen Knecht liebe?« »Ich gebe dir deine Frage zurück, Julius Cäsar,« rief der Sforza, »ich frage: darfst du den einen Knecht nennen, den deine Königin liebt? Ich habe nicht die Ehre, dem Ser Pandolfo, Grafen von Alopo, näherzustehen, aber man sagt: ihn habe die Muse geküßt, ehe es unsere Königin getan hat. Das ist vielleicht kein allzu großes Verdienst, aber Ihr, Graf von Troja, müßt doch wissen, daß Ihr sogar Euren Namen letzten Endes einem Manne verdankt, den man, wenn er heute lebte, sehr wegwerfend einen Bänkelsänger nennen würde.« Der alte Graf von Troja hob unwirsch den Kopf, während seine auf dem Tisch liegende knöcherne Hand sich unwillkürlich zur Faust ballte. »Herr Konnetabel, Ihr sprecht in Rätseln, ich verstehe Euch nicht,« sprach er mit verhaltenem Ingrimm, »ich höre aber: Ihr geht weit in Euren Reden.« Der lange Sforza zuckte wieder verächtlich mit der Achsel. Er sagte: »Ich bin eines Bauern Sohn.« Und dabei warf er den dreien einen Blick hin, den sie nicht mißverstehen konnten; daß er aber seine Laufbahn mit einem Pferdediebstahl begonnen, fügte er nicht hinzu. Kurz, die geheime Zusammenkunft der vier Männer nahm für drei unter ihnen einen höchst unbefriedigenden Verlauf. Sie hatten den Großkonnetabel für ihren Verbündeten gehalten, und als er nun weggegangen war, zweifelten sie nicht, daß er ihnen entgegenstand, daß sie zum mindesten auf ihn nicht rechnen durften. Er aber erhielt dafür, daß er so freimütig und allerdings vielleicht nur aus einer augenblicklichen Laune heraus den Anwalt der Königin und ihres Günstlings gemacht hatte, schon nach wenigen Tagen seinen Lohn, freilich so, wie er ihn kaum mochte erwartet haben. Er wurde am Morgen darauf von der Königin in Audienz empfangen, die von der geheimen nächtlichen Zusammenkunft nichts wußte. Sie behandelte ihren Feldhauptmann mit großer Huld, der sich nicht genug wundern konnte über die Wohlunterrichtetheit der jungen Monarchin in allen Fragen der Politik und Regierung, also daß auch er, wie er überhaupt als Kriegsmann mit Potentaten pflegte, frei von der Leber redete und sogar bald eine recht heikle Frage berührte. »Ihr werdet auf einen Gemahl denken müssen, hohe Frau«, sagte er; »wie Euer eigener Sinn steht, weiß ich nicht, aber das Volk erwartet von Euch einen Erben des Reiches, und Eure Großen werden es sich nicht nehmen lassen, Euch die Möglichkeit dazu recht bald zu verschaffen.« Die Königin, zurückgesunken in die goldgestickten schwarzen Kissen ihres steillehnigen hohen Stuhles, zeigte dem Sprecher ein unmutiges Gesicht, ja unter den langen, schwarzseidenen Wimpern hervor traf ein fast feindseliger, böser Blick den Sprecher, der deswegen aber seine Rede nicht bereute. »Ihr habt recht,« antwortete Johanna endlich, »man wird mir deshalb bald genug und lästig genug in den Ohren liegen. Aber gerade du, mein Sforza, sollst mir nicht davon reden. Oder soll ich den Stil umdrehen? Hättest du nicht zu allererst die Pflicht in deiner Stellung, dich nach einer neuen Hausfrau umzusehen? Du bist jetzt schon im dritten Jahr Witwer, ein großes Haus wie das deine bedarf einer Herrin.« »Ihr spottet meines grauen Bartes, schöne Königin«, versetzte der Konnetabel in überzeugtem Ton. »Was du redest, mein Mutio,« rief Johanna in heiterer Vertraulichkeit, wie sie ihr eigen war, indem sie sich gegen den vor ihr stehenden Kriegsmann weit vorneigte, »was du redest! Willst du deine Königin zu Komplimenten herausfordern? Nimm dich in acht! Stelle mich nicht auf die Probe!« Es war mit Scherz gesprochen. Es konnte aber auch als Ernst gehört werden. Und vielleicht haben es zwei Ohren so gehört – die Ohren des Ser Pandolfo, Grafen von Alopo. Als Großkämmerer des Reiches hatte er jederzeit Zutritt zu der Person der Königin. Und so stand er jetzt im langen brokatenen Gewand unter dem erhobenen Vorhang des Eingangs, die Lippen aufeinander beißend, lauernd. Mutio Sforza schien ihm offenbar kein ungefährlicher Nebenbuhler. Er räusperte sich jetzt, sei es unwillkürlich oder willkürlich, und der Sforza begrüßte den Großkämmerer mit stummer Verbeugung. »Ich habe Euch schon zu lange belästigt, hohe Frau«, wandte er sich an die Königin, beugte das Knie, und mit einem leichten Kuß auf die dargereichte lilienweiße Hand verabschiedete er sich. Aber das lockenumwallte apollohafte Gesicht des Herrn Pandolfo, Grafen von Alopo, erheiterte sich auch jetzt nicht. Seine dunklen, leicht verschleierten Augen ruhten wie mit tiefem Kummer auf der Gestalt der jungen Königin. Sie hatte sich wieder behaglich, fast katzenartig in die goldgestickten schwarzen Kissen ihres steillehnigen Stuhles zurückgeschmiegt. Die von feinen Silberfäden durchwobene amethystfarbene Seide ihres Kleides hob sich wundervoll davon ab, ihr Hängeärmel war zurückgestreift, ihr schimmernder Arm lag lässig auf der hohen Armlehne ihres braunen Holzgestühls. Sie schien auf eine Anrede zu warten. III. »Was ist dir, Pandolfino?« fragte die Königin endlich, befremdet von dem düsteren Schweigen ihres Lieblings. »Königin,« antwortete dieser, »Ihr nährt eine Natter an Eurem Busen.« »Pfui, Pandolfino, du sprichst ja wie ein schlechter Poet,« versetzte sie lachend, »ich bin doch keine Kleopatra von Ägypten.« Aber Herr Pandolfo blieb ernst. Und ernst wurde bald auch das zarte Nymphengesicht der Königin, während der Kämmerer, aufrecht vor ihr stehend, die Linke im Gürtel seines lichtgrün-goldblumigen Gewandes, seinen gar nicht harmlosen Bericht erstattete. Dieser betraf die geheime nächtliche Zusammenkunft der drei Häupter der Durazzischen Partei im Stadtpalast des Grafen Julius Cäsar von Capua. Herr Pandolfo war durch seine zahlreichen Späher genau davon unterrichtet. Zwar den Inhalt der Verhandlungen kannte er nicht. Aber nach den Gesichtern, die die Herren geschnitten hatten bei der letzten Audienz, ließ sich nur Schlimmes vermuten. Auch der lange Sforza war beobachtet worden, wie er, ohne alle Begleitung, durch die dunkelsten Treppengäßchen sich nach jenem Palast geschlichen und durch ein Hinterpförtchen in ihn eingetreten war. Und Herr Pandolfo zweifelte nicht, daß es sich dabei um eine gefährliche Verschwörung handelte, bei welcher der Konnetabel wahrscheinlich die aktivste Rolle übernommen habe. Wirklich, die Königin war ernst geworden, und auf ihren samtenen Pfirsichwangen lag jetzt fast die Blässe der Angst. Der Herr Pandolfo sprach zuletzt nicht mehr wie ein schlechter Dichter, sondern wie ein guter, der, weil selber ergriffen, ergreifende und überzeugende Worte findet. Das Leben ihres Lieblings stand offenbar in ernster Gefahr. Und diese Angst bestimmte ihre Haltung. Ohne viel Besinnen gab sie dem Großkämmerer jede gewünschte Vollmacht mit der Versicherung, alle Schritte zu billigen, die er zu seiner Sicherheit unternehmen werde. Und als der Großkonnetabel nach drei Tagen sich aufs neue zu einer Audienz meldete, wurde ihm bedeutet, daß sich die Königin auf den Turm Beverella verfügt habe, um einem Flottenmanöver zuzuschauen, das ihr aus dem Golf zu Füßen des Kastells vorgeführt werde – was denn freilich mit den hochgebauten weißen Gallionen und Galeeren und Karavellen mit ihren langbewehrten Ruderern ein wunderbares Schaustück gewesen sein mag – wenn es nicht eine bloße Lüge war wie überhaupt die Anwesenheit der Königin in dem genannten Turm an der Seeseite des Kastells. Denn kaum war Mutio Sforza, nachdem er an der Schloßkirche von St. Barbara vorüber den ungeheuern Hof des Kastells überschritten hafte, in die nichts weniger als zur Lust erbaute Beverella eingetreten, so wurde er schon von vier Schergen ergriffen, gefesselt und in die unterirdischen, eigentlich unterseeischen Verliefe dieser runden Quaderfeste hinuntergeschleppt. So hatte es Pandolfino gedichtet, so wurde es ausgeführt. Pandolfino hoffte dadurch die Mitverschworenen in Furcht und Schrecken zu erhalten. Daß er sie damit sogar versöhnen wurde, konnte er nicht ahnen. Er hatte dabei mehr Glück, als er wußte. Sein Gewaltstreich gegen einen der mächtigsten Männer des Königsreichs konnte ihm übel bekommen, wenn die Durazzi nicht Grund gehabt hätten, jetzt sogar aus seinen Gegnern, die sie waren, wenigstens für den Augenblick seine Mitverschworenen zu werden. Denn da sie seit jener Nacht den Sforza als einen Verräter an ihrer Sache betrachteten, fanden sie keine kleine Genugtuung darin, daß der Großkonnetabel wie ein rechter Gimpel dem Mann in die Schlinge gegangen und zum Opfer geworden war, dem er so großmütig das Wort geredet hatte, und sie konnten darum dem Großkämmerer gar nicht so recht böse sein. Nicht, daß sie ihren Plan, ihn zu entfernen, aufgegeben hatten, aber dieses Geschäft sollte nun ein anderer besorgen. Sogar einer, der in gewissem Sinn einstweilen noch gar nicht existierte, nämlich der Gemahl der Königin. Mit diesem rechnete nun das Prinzip der Gouvernante, und diesmal machte es für lange Zeit keine Falschrechnung, obwohl der gedachte Gemahl erst gesucht und gefunden werden mußte. Diese Bemühung übernahmen jetzt die Durazzi, die damit keine Verschworenen mehr waren, sondern die ehrlichen Förderer des Staatsinteresses und ergebene Diener ihrer Monarchin, als welche, wie die Dinge nun einmal lagen, zu dem bösen Spiel eine gute Miene machen, ja überdies gegen ihre Vettern von königlichen Dankesworten überfließen mußte für ihre Sorge um das Heil der Monarchie und der Monarchin. Nichtsdestoweniger lehnte die Königin eine Reihe von Vorschlagen und Anträgen sehr energisch ab, vielleicht nur, um Zeit zu gewinnen und ihre aufgedrungenen Vormünder zu ermüden. Auch mußte man öfter ihre Gründe gutheißen, da sie politisch nicht ohne Sinn und Vernunft waren. Nur einmal wurde ihre Weigerung als allgemeines Ärgernis empfunden. Da erschien eines Tages – der alte Graf von Troja hatte es so eingefädelt – eine glänzende Gesellschaft, Ritter und Prälaten, von seiten des Königs Ferdinand von Aragonien, um feierlich um die Hand der Königin zu werben für den Prinzen Don Juan, den zweiten Sohn des Königs. Diesmal gab es keine vernünftigen Gründe zur Ablehnung. Vielmehr sprach die Politik, wenn für irgendeine, so für diese Verbindung. Die Aragonesen waren bereits die Herren von Sizilien. Eine Wiedervereinigung der beiden Königreiche Sizilien stand durch diese Heirat in sicherer Aussicht. Sie lag sogar bereits im Plan der weltgeschichtlichen Vorsehung und fand tatsächlich, wie jedermann weiß, und dem Widerstand der Königin Johanna zum Trotz, nicht viel später ihre Verwirklichung. Einstweilen aber schien sie endgültig zu scheitern an dem kinderhaften Trotz Johannas. Und was konnte sie diesmal für Gründe anführen? Der aragonesische Prinz war erst achtzehn Jahre. Sie erklärte, daß sie sich schämen müßte, einen Knaben zu heiraten. Fast mit sittlicher Entrüstung sprach sie dieses Wort, indem sie sich in ihrem Stuhl stolz emporrichtete, und über ihr nymphenhaftes Gesicht legte sich ein kalter Trotz. Der Graf von Troja, der diese Unterhandlungen mit ihr führte, senkte, vor ihr stehend, bekümmert sein greises Haupt. Es stieg ihm wohl eine Antwort auf die Lippen, eine bitterböse, und man kann sich leicht denken, auf welche Persönlichkeit sich diese Antwort bezog. Aber wie hätte er so gröblich den Respekt gegen die Monarchin verletzen dürfen? Dieser Respekt zwang ihn, seine Antwort in sich hineinzuwürgen, und wenn er es noch nicht gewußt hatte, jetzt blieb ihm kein Zweifel mehr daran: daß wohl er und seine Freunde in dem schwierigen Fadengewirr der Politik gelegentlich ihre Hand und ihre Finger haben durften, daß aber allein der Graf von Alopo, Großkämmerer des Reiches, mehr oder weniger König war von Neapel, wenn auch sozusagen auf heimliche Weise. Und also mußte, denn so war es le bon plaisir des Herrn Pandolfo, die glänzende Gesandtschaft des Königs Ferdinand von Aragonien, Ritter und Prälaten, mit einem höchst ärgerlichen Korb und nicht wenig gekränkt in ihrem spanischen Stolz, auf ihrer weißbesegelten Karavelle nach Barcelona zurückkehren. Aber nicht nur die spanischen Gesandten waren gekränkt, noch mehr waren es die Magnaten von Neapel, ja selbst das harmlose Volk murrte, und Johanna fühlte wohl, daß sie einen Streich wie diesen nicht wiederholen dürfe, weil selbst Ser Pandolfo dabei seine Rechnung nicht finden würde. Auch sehr mächtige Monarchen sind nicht allmächtig. Und als darum der alte Graf von Troja und Julius Cäsar von Capua mit einem neuen Heiratsplan vor ihr erschienen, da war es, wie wenn ihre trotzige Königin sich in ein schüchternes Pensionsmädel verwandelt hätte. »Meine lieben Vettern,« sagte sie mit einem etwas müden Lächeln auf den sonst so trotzigen Lippen, »ihr wißt, daß ich euch in allem gern zu Willen bin, insofern damit nicht meinen königlichen Rechten und meiner Frauenehre zu nahe getreten wird.« Über die »Frauenehre« hatte hier wieder der alte Troja gern eine Bemerkung gemacht, jedoch wie früher unterdrückte er auch jetzt seine Meinung. »Eines will ich euch nicht verhehlen,« fuhr die Königin fort, »ihr steht hier vor eurer rechtmäßigen Herrin, eurem angestammten, anererbten König, vertreten durch meine arme, schwache Person. Bedenkt dies wohl! Meine ererbten Königsrechte zu schützen gegen jedermann, das ist eure Pflicht als meine Untertanen und Verwandte, die ihr seid. Schickt nun immerhin eure Abgesandten an den Grafen von La Marche. Er ist ja wohl ein Bourbone und also vom Blut der Könige von Frankreich, aber seine Residenz Gueret – wer hätte auch mir je den Namen gehört? – ist doch nicht viel mehr als ein Dorf in den Auvergner Bergen, wo er jetzt, wie ich höre, damit beschäftigt ist, sich ein prunkvolles Schloß zu bauen, weil er sonst nichts zu tun hat. Denn mit seinem Vetter von Frankreich soll er nicht zum Besten stehen. Er wird sich also bewußt sein, wie weit er in seinen Ansprüchen gehen darf. Ich will ihn als meinen Gemahl freundlich empfangen, und wenn er es zufrieden ist, heiße er der Generalvikar des Königreichs von Neapel; das ist gewiß ein schöner Titel.« Von den Lippen der Königin war das müde Lächeln verschwunden, und ein strenger, herrischer Zug war an seine Stelle getreten. Sie selbst hatte sich hoheitsvoll emporgerichtet auf ihrem Stuhl. Ihre Herren Vettern beugten sich tief vor ihr. Sie fühlten etwas wie Drohung in dem Blick ihrer wundersamen Augen. Und das hätte sie eigentlich nicht gedemütigt, es hätte sie eher mit Stolz erfüllt, denn sie fühlten gern in Johanna ihren Herrn und König. Mit Genugtuung hätten sie sich als ihre Untertanen empfunden, wenn sie selber frei gewesen wäre. Aber statt dessen war sie, wie es die Vettern nahmen, die Sklavin eines andern, eines Niedriggeborenen. Dieser Gedanke drückte sie unerträglich, und so setzten sie auf den Grafen von La Marche heimliche Hoffnungen, von denen aber die Königin einstweilen nichts zu ahnen brauchte. Sie waren wirklich im Herzen entschlossen, ihre Königin, mehr: ihren König zu verraten. Sie waren Hochverräter in ihrem Herzen, während Johanna sie für ehrliche Untertanen hielt. Ihre Motive mochten ihren Verrat entschuldigen, ja rechtfertigen, aber die kommenden Dinge haben gezeigt, daß sie sich in ihrem Mittel vergriffen hatten. Und dann war's einige Monate nach dieser Audienz, da trat einmal gegen Abend der Graf von Alopo in großer Aufregung in das Gemach der Königin, die, harmlos mit ihren Frauen plaudernd, am Stickrahmen saß, von dem ihre Augen sich von Zeit zu Zeit erhoben, um durch das offene Fenster mit den zierlichen Doppelsäulchen aus rotem Porphyr in die lichte Ferne hinauszuschweifen, hinweg über den opalfarbenen Golf zum Posilip, der mit seinem weißen Gefels aus den Wogen emporwuchs und auf dessen Absturz einige schlanke Palmen schwarz gegen die lichtseidene Bläue des Himmels standen. Das Erscheinen des Großkämmerers und seine verstörte Miene riß sie aus ihrer kindlichen Harmlosigkeit. »Was ist dir, Pandolfino?« fragte sie besorgt. »Ich bringe schlimme Nachricht, Königin,« antwortete er mit einer Stimme, in der seine innere Erregung zitterte, »der neue Herr naht.« »Herr?« wiederholte Johanna. »Ich kenne keinen Herrn über mir an. Keinen,« fügte sie schelmisch lächelnd hinzu, »als den ich mir selber gesetzt habe.« Das war stolz königlich gesprochen. War es auch weiblich gesprochen? Und darf der Mann sein Herrentum haben aus der Gnade der Frau? Doch dem Großkämmerer von Neapel lagen im Augenblick solche Spitzfindigkeiten fern, er hegte andere Sorgen. »Ihr steht im Begriff, ihn zum Herrn zu machen«, versetzte er fast barsch. »Und einstweilen spielt er ihn, ohne Euch gefragt zu haben.« »Von wem redest du, Pandolfino?« fragte die Königin mit der unschuldigsten Miene von der Welt. »Von wem anders,« versetzte Herr Pandolfo, »als von dem Bauerngrafen Jakob von Bourbon! Er ist in Venedig eingetroffen und hat es sich nicht versagt, in seiner französischen Eitelkeit sich dort einen königlichen Empfang zu bestellen. Er ist ja sehr reich. Der Doge der Republik des Heiligen Markus ist ihm sogar auf dem hochgebauten goldenen Bucentauro in großem Pomp entgegengefahren, und ganz Venedig hat ihn als den König von Neapel begrüßt.« »Er ist ein Narr,« versetzte die Königin im wegwerfendsten Ton, der ihr zur Verfügung stand, »ein echter französischer, eitler Narr; aber lassen wir das Männlein nur kommen!« Hier entstand eine Pause. Herr Pandolfo schien nachzudenken. Und was er dann sagte, überraschte die Königin nicht wenig. War auch ihr Pandolfino unter die Politiker gegangen? »Wir haben eine Unüberlegtheit begangen«, sprach er. »Ich denke an den Sforza.« »Wie?« versetzte etwas boshaft Johanna. »Ihr habt meiner rasenden Eifersucht allzu willig Gehör geliehen.« »Da kannst du recht haben, mein Dolfino«, meinte das liebe Hannchen und machte ein verzweifelt altkluges Gesicht dazu; »wenn ein Mann eifersüchtig ist, ist er immer ein Tor, und man sollte überhaupt nicht auf ihn achten.« »Laß uns nicht streiten, schöne Herrin,« bat der Großkämmerer, »wir leben in einem zu gefährlichen Augenblick. Leider kommen zu den heimischen Sorgen auch noch bedrohliche Aussichten der äußeren Politik. Die Konzilherren zu Kostnitz haben unter Mitwirkung des Kaisers Sigismund unsern guten Landsmann, den Papst Johann, zur Abdankung gezwungen und den Otto Colonna als Papst Martin den Fünften auf den Stuhl Petri erhoben. Dieser gewalttätige und herrschsüchtige Römer wird uns ein weniger bequemer Nachbar sein als sein Vorgänger (diese Voraussagung hat sich seither auffallend bewahrheitet), und Eure Majestät, Königin, wird wahrscheinlich nur allzubald eines mächtigen Feldhauptmanns bedürfen. Ihr seht, schöne Herrin, daß es also naheliegt, an den Großkonnetabel zu denken, dessen in Tricarico müßig liegende Heerhaufen sich immer mehr aufführen wie der böse Feind, ohne daß eine starke Hand da wäre, ihnen zu wehren. Bis vor die Tore von Neapel verheeren und verwüsten sie das Land.« Die Königin seufzte. »Meine Vettern haben leider anderes zu tun, als ihre Königin vor ihren Bedrängern zu schützen.« »Sie sind selber Eure ärgsten Bedränger«, ergänzte der Großkämmerer. »Über den Konnetabel aber ist mir erstaunliche Kundschaft geworden, und daraus ist mir ein Plan erwachsen. Der Sforza war gar nicht, wie ich gemeint hatte, von der Partei der Durazzi. Er hat sich sogar in der Nacht jener heimlichen Zusammenkunft offen mit ihnen überworfen und ist als Feind von ihnen geschieden, weshalb sie denn auch seine Einkerkerung so ruhig hingenommen haben. Er kann noch unser Verbündeter werden. Gebt ihm die Freiheit, Königin, und ...« »Wir haben ihn schwer gekränkt«, fiel ihm Johanna ins Wort; »wird er sich so leicht versöhnen lassen?« »Haltet Ihr es für möglich, daß er, Euer Untertan und Dienstmann, Eure königliche Huld von sich weist?« »Er ist stolz und hochfahrend.« »Mehr noch ist er etwas anderes,« beeilte sich der Großkämmerer hinzuzufügen, »nämlich habsüchtig. Er ist nicht umsonst ein geborener Bauer; seine Reichtümer zu vermehren, war ihm noch immer jede Gelegenheit willkommen. Und diese Gelegenheit hat diesmal ein allerliebstes Gesicht. Eure Freigebigkeit, Königin, hat meine Schwester Katarina Alopo, heute außer Euch das schönste Weib in Neapel, zur reichsten Partie des Königreichs gemacht, ich werde dem Sforza ihre Hand anbieten.« »Ei, mein Pandolfino,« antwortete die Königin mit einem klugen Augenaufschlag, »du hast wirklich manchmal einen verflucht gescheiten Gedanken, wie man ihn einem Musensohn, der du bist, gar nicht zutrauen sollte.« Der Großkämmerer beugte das Knie und küßte der Königin die Hand. »Ich eile, den Mann in seinem Kerker aufzusuchen.« Unterwegs aber hatte er noch ein kleines Zwischenspiel zu bestehen, nämlich bei Überquerung des langgestreckten weiträumigen Burghofs, so weiträumig, daß er einem ganzen Heerlager Platz gegeben hätte und daß die gar nicht kleine Kirche von Sankt Barbara sich inmitten des ungeheuren und auch ungeheuer hohen Schachtes wie ein kleines zierliches Kapellchen ausnahm. Zwischen den Strebepfeilern dieser Kirche aber waren jetzt gelbe Zelttücher aufgespannt, grob zugehauene Marmorblöcke von bald schmal länglicher, bald kubischer Gestalt lagen übereinandergehäuft, an einzelnen von ihnen meißelten rüstige Gesellen, und hier und da war bereits zu erkennen, wie pflanzliche und tierische Formen oder auch der Ansatz zu einer menschlichen Figur, nach vorliegenden Rötelzeichnungen auf glatten Holztafeln, sich aus dem harten Gestein heraushoben. Vor einem mächtigen Reißbrett aber stand in anliegend gestrickten braunroten Beinkleidern und dunkelgrünem, gegürtetem Tuchkamisol der Meister Andreas aus Florenz und zog in sinnendem Schauen seine Rötelstriche. Mit seinem kurzen, weißen Bart und dem gleichfarbigen dreigeteilten Haargelock, unbedeckt von dem zurückgeschobenen gelben Lederkäppchen, glich sein mächtiger Kopf fast dem des heiligen Petrus, wenigstens so wie man ihn oft abgebildet sieht. Der Großkämmerer wollte grußlos an ihm vorüber, der Meister aber vertrat ihm den Weg. »Ein Wort, wenn Eure Gnaden erlauben möchten!« »Scher' dich zum Teufel, Maurer,« herrschte der Graf von Alopo ihn an, »ich habe Wichtigeres im Kopf.« Die Hand des berühmten Bildners machte eine Bewegung nach seinem Dolchgürtel. Doch er beherrschte sich, und stolz erhobenen Kopfes trat er an sein Reißbrett zurück. Es ist so, wie man mir in Florenz sagte, dachte er, diese Neapolitaner sind keine Christenmenschen; Afrikaner sind es, Heiden, Barbaren, mit einem Wort Bestien. Und dann hantierte bereits wieder sein Rötelstift in bald zögernden, bald hastig zufahrenden Strichen über das weißgeglättete Pappelholz vor ihm. Die Schritte des Großkämmerers aber hatten sich verlangsamt. Diese verdammten Florentiner, dachte er, zuerst haben sie uns gezwungen, ihre Sprache zu sprechen und zu schreiben, und nun sollen wir auch einzig beten vor ihren Götterbildern, womit sie ganz Italien überschwemmen, und doch sind wir, wir Napolitaner, die Söhne Griechenlands. Aber diese Toskaner haben böse Zungen, die überall gehört werden, und wer sich ihnen nicht beugt zwischen Verona und Palermo, den bringen sie in ein übles Geschrei. Die Königin wird mein barsches Betragen zu entgelten haben und wird es mir übel anrechnen. Sapristi, ich liebe ihre Gardinenpredigten nicht. Und an dem Alten hat sie gar ihren Narren gefressen. Er hatte einen Augenblick im Gehen angehalten, und jetzt kehrte er um. Mit liebenswürdigster Freundlichkeit näherte er sich von neuem dem Meister Andreas. »Verzeiht, Meister,« sprach er, »ich habe schwere Dinge im Kopf und war ungeduldig gegen Euch; aber wollet nicht glauben, daß ich den größten Meister in der Kunst, dessen Italien sich heute rühmt, nicht zu schätzen wüßte! Habt Ihr ein Anliegen an mich, Meister Andreas?« Solchen Schmeichelreden konnte der Bildner nicht widerstehen. »Hoher Herr,« sprach er, »Eure schöne Königin, Gott erhalte sie glücklich, hat mir eine Ehre angetan, wie noch keinem Künstler der Christenheit widerfahren ist. Das Grabmal des Königs Ladislas, das sie zu schaffen mich berufen hat, soll an Größe und Reichtum und Schönheit alles übertreffen, daß es seinesgleichen nicht haben wird in der ganzen Christenheit. Ihr dient der größten und großmütigsten Königin der Welt, hoher Herr. Aber die Großen übersehen gern das Kleine. Ein Großes ist das Werk des Künstlers, ein Kleines ist das Geld. Aber Eure schöne Königin sollte doch daran auch denken, denn meine Gehilfen laufen mir weg, wenn ich sie nicht bezahlen kann. Unsere herrschenden Geschlechter von Florenz sind keine Könige, sind nur einfache Bürger, aber für die Künstler haben sie einen stets offenen und bei Gott auch vollen Beutel, besonders der junge Kosimo aus dem Haus der Medici.« Ei, du bettelhafter florentinischer Großsprecher, dachte der Pandolfo, aber seine schönen Adonisaugen heuchelten staunende Bewunderung. »Es ist mir eine große Ehre, dir zu dienen, Meister Andreas«, sagte er; »ich werde noch diesen Abend mit der Königin reden; mein Freund, du sollst mit mir zufrieden sein.« Und mit einem verbindlichen Kopfnicken verabschiedete er sich. Wenn es mir nur auch gelingt, den schnauzbärtigen Romagnolen so leicht zu begütigen wie diesen Florentiner Handwerker! dachte er. Wenigstens soll es mir ein gutes Vorzeichen bedeuten, wenn ich auch bei dem Sforza ganz andere Schulden aus dem Kerbholz habe. Und wirklich muß ihm sein Besuch in der Beverella, deren unterirdische oder vielmehr unterseeische Verliese gewiß nicht auf Heiterkeit zu stimmen angetan waren, ganz nach Erwarten geglückt sein. Denn als er am Abend zu Santa Lucia, als napolitanischer Fischer verkleidet, in dem Hause eines engen Winkelgäßchens mit einem hübschen Liebchen bei einer Flasche Falerner zusammensaß – denn er war der Königin Johanna keineswegs treu –, da mußte ihm die schlangengeschmeidige Assunta gestehen, daß sie ihn seit Wochen nicht in solcher Aufgeräumtheit gekannt habe. »Du würdest dich nicht wundern,« sagte er lachend, »wenn du wüßtest, was für ein Mordsfisch mir heute in die Angel gebissen hat, ein Fisch, sage ich dir, mein Schätzchen, den der stolze Cäsar von Capua mit seiner halben Grafschaft nicht zu teuer bezahlen würde. Freilich war auch mein Köder danach. Ich habe ihn der Königin gebracht, und so glücklich wie über seinen Anblick haben ihre strahlenden Augen schon lange nicht geleuchtet.« »Hat sie ihn denn aber auch gut bezahlt?« fragte die schlangengeschmeidige Assunta mit begehrlichem Blick. »Mit einem Kuß von ihren stolzen Lippen«, antwortete trocken der geheimnisvolle Menschenfischer. Die Assunta schien enttäuscht: »Du bist einmal ein lumpiger Ausschneider«, versetzte sie schnippisch, indem sie mit ihrem Glas, in dem der Wein vor der flackernden Öllampe funkelte wie flüssiger Bernstein, an das seinige stieß. Dem wiederausgesöhnten Großkonnetabel aber war von der Königin eine große Genugtuung zugedacht. Ihr zukünftiger, bereits prokuratorisch ihr angetrauter Gemahl hatte ihr eine Botschaft zugehen lassen. Danach war er zu Manfredonia an der Adria und also auf napolitanischem Boden gelandet, und Johanna bestellte den Sforza zum Führer der feierlichen Gesandtschaft, die dem Königsgemahl nach Benevent entgegenkommen sollte. Alle ihre getreuen Barone nahmen daran teil, Sforza erhielt für die Formen der Begrüßung ganz besondere geheime Instruktionen. Aber jetzt kam der heimliche Verrat ihrer Vettern zum offenen Ausbruch. Ohne Vorwissen der Königin waren sie, Julius Cäsar von Capua, der Graf von Troja und der Graf von Gerace, mit zahlreichen andern Großen des Reiches, die ihren Anhang bildeten, schon drei Tage früher zum Empfang des von ihnen sehnlich Erwarteten aufgebrochen, dem sie weit über Benevent hinaus entgegenkamen. An den Ostabhängen des Apennins, wo die weite apulische Ebene beginnt, liegt das Städtchen Troja, von dessen Besitz der Seneschall von Neapel seinen Grafentitel führte. Der Ort selber schreibt seinen Namen von den Griechen her, die einst an dieser Stelle die Langobarden besiegt haben. Im Osten dieser Stadt, vor dem Foggianer Tor, erwarteten die Barone des Königreichs Neapel in feierlicher Aufstellung den Zug des Jakobs von Bourbon, Grafen von La Marche, der eine so große und glänzende französische Gefolgschaft mit sich führte, daß sie wahrlich eines Königs nicht unwürdig war. Der Graf selber, ein stattlicher Mann in der Mitte der Vierziger, mit spitzzulaufendem, braunem Bart, ritt auf einem schwarzen Berberhengst seiner Begleitschaft um einige Schrittlängen voran. Als er nun näher kam, stieg der greise Seneschall, der Graf von Troja, als der Gastherr dieses Bodens, vom Pferd und kam dem von La Marche zu Fuß entgegen. Er sprach: »Erlauchter König! Eure Majestät sei uns allen willkommen.« Daraufhin, wie auf ein gegebenes Losungswort, stiegen alle Barone von ihren Pferden, verbeugten sich tief und begrüßten Jakob von Bourbon als ihren König. Dieser aber schien sich von den Hochverrätern an ihrer Königin und Herrin nicht sehr imponieren zu lassen. Er lüftete nur leicht sein Hütchen und setzte ohne Aufenthalt seinen Ritt fort auf die Stadt Benevent. Julius Cäsar von Capua und der Graf von Troja ritten ihm zur Seite und verfehlten nicht, ihren neuen Herrn und König über die Verhältnisse in Neapel und die Gesinnung der Königin mit kaum verschleiernden Reden aufzuklären, in die, wenn auch vorsichtig, der Name des Großkämmerers gelegentlich verflochten wurde, ohne daß bei all dem Jakob von Bourbon auch nur eine Miene verzog und kaum daß je ein Wort von seinem Munde kam. Er verbarg sogar nicht, wenn es die andern auch vielleicht nicht merkten, daß er, hierin kein schlechter Franzose, die Verräter ein wenig verachtete. Denn daß er nicht gerade ein politischer Kopf war, hat er auch später gezeigt. Und einige Enttäuschung freilich malte sich schon jetzt auf den Gesichtern der Neapolitaner; sie hatten sich einen Franzosen gesprächiger gedacht. Aus französische Geistreichigkeit schien dieser nicht erpicht zu sein. Nein, man war innerlich nicht ganz zufrieden, und der greise Troja, der ja näher als die andern von den Griechen abstammte, dachte sogar heimlich im Herzen an die äsopische Fabel von den Fröschen, die um jeden Preis einen König haben wollten. In ihren Bildern stimmte sie ja nicht, denn die Königin Johanna in der Vorstellung mit einem Klotz zusammenzubringen, wäre selbst diesem alten Intriganten wider den Geschmack gegangen, aber sollte sie dem Sinn nach etwa doch stimmen, sie enthielt ja ein ganz verdammtes Fabula docet . Vor den Toren von Benevent gab es einen andern Auftritt. Hier hatte sich der Sforza mit den Seinigen aufgestellt, ganz wie die andern vor Troja; sein Herold, in den Farben von Anjou und Durazzo bunt ausstaffiert, ritt dem Ankommenden entgegen, und nachdem sein Bläser dreimal in die Trompete gestoßen, wie bei Ankündigung einer Schlacht, rief er mit lauter Stimme: »Hier ist der Großkonnetabel von Neapel!« Dieser aber stieg nicht vom Pferde, er verneigte sich nur leicht gegen Jakob von Bourbon und sprach: »Erlauchter Graf! Die Königin, deine Gemahlin, erfreut sich deiner Ankunft und erwartet dich mit Ungeduld.« Hier war also der Graf von La Marche auf einmal nicht mehr König. Er schien aber nicht darauf zu achten; er fragte nur: »Wie geht es der Königin?« Im Thronsaal des königlichen Schlosses zu Benevent aber bestieg er den hohen Stuhl unter dem purpurnen Thronhimmel und ließ sich von den Baronen huldigen, die ihm kniend die Hand küßten. Da erkannte der Konnetabel, welche Art Suppe die Durazzi ihrer Königin und ihm selber eingebrockt hatten, und wenn er auch im Herzen nicht willens war, sie auszuessen, so mußte er doch dergleichen tun. Für den Augenblick wenigstens sah er keinen andern Ausweg, als sich den gegebenen Umständen scheinbar zu fügen. Aber vor der Tür zum Thronsaal trat ihm Julius Cäsar von Capua in den Weg. »Zurück!« rief er ihn an. »Elender Schurke, der als Fremdling, als Bauernsohn aus der Romagna, es wagen konnte, sich gegen unsern König zu empören.« Und wohl war es sein König, er hatte ihn selber dazu gemacht. Der Konnetabel aber warf dem Capuaner statt aller Antwort seinen Hut vor die Füße. Das gleiche tat Julius Cäsar. Aber nur der Sforza bückte sich nach dem Hut seines Gegners, zugleich entblößte er sein Schwert. In demselben Augenblick trat, wie er es mit seinem Vetter von Capua verabredet hatte, der Graf von Troja hinzu mit zwei eisengepanzerten Rittern hinter sich. Er war oberster königlicher Seneschall und waltete also nur seines Amtes, wenn er durch seine Begleiter den Konnetabel mit Gewalt festnehmen ließ, der, so konnte es scheinen, im Begriff gestanden, mit gezücktem Schwert in den Thronsaal einzudringen und sich auf den König zu werfen. Und also wurde dieser Sforza, der berufen war, eine mächtige Herrscherdynastie zu gründen, kaum befreit, zum zweitenmal eingekerkert, denn so lag es damals, zu den Zeiten der Könige, im Stil des Lebens, es lebte sich da noch abenteuerlicher und gefährlicher als später in der Zeit der Bürger. Der Schlag der Durazzi gegen den Großkonnetabel war wohlüberlegt, er traf zugleich die Königin, die damit ihres starken Armes beraubt wurde. Sie begriff ihre Lage, und mit der Geschmeidigkeit, die in ihrer Natur lag, fand sie sich schnell in die neue Rolle, die ihr durch den Verrat ihrer Vettern zugeteilt war, wohlunterrichtet, wie die Dinge in Troja und Benevent verlaufen waren und wie Jakob von Bourbon weiterhin in allen Städten, durch die er kam, als König empfangen wurde und als solcher auftrat. So ließ sie in aller Eile einen prunkvollen Baldachin herstellen und ordnete an, daß ihr Hofmarschall, der Graf von Prajano, und die zwölf vornehmsten Ritter ihres Hofdienstes ihrem neuen König vor das Capuaner Tor entgegenzogen. Sie setzte selber dem Hofmarschall die Rede auf, Wort für Wort, womit er den König, nachdem die Ritter den königlichen Baldachin über ihm entfaltet, begrüßen sollte; Jakob von Bourbon durfte mit ihr zufrieden sein. Wie aber war es, als der Bourbone darauf, überschattet von dem königlichen Baldachin mit seinen vier mächtigen Büscheln von Straußfedern über den goldenen Tragstangen, durch die sozusagen einzige Straße des damaligen Neapels ritt (denn fast alle übrigen waren einzig getreppte und gestufte Gäßchen), durch die volksbunte Hauptstraße, die später der Korso von Toledo hieß? Ja, wie war es da? So war es, daß der Ruf »Es lebe unser König!« wohl allenthalben erscholl; aber der freudige, jauchzende Jubel wie einst bei dem Zug der Königin kam nicht darin zum Ausdruck. Zu den Seiten des Königs ritten – aber nicht mehr unter dem Baldachin – zur rechten der königliche Seneschall Graf von Troja und zur linken der Großgonfaloniere Julius Cäsar, Graf von Capua, und das gemeine Volk, so fern es den inneren Hofkabalen stehen mochte, wußte doch nur zu gut, daß die beiden der Königin nicht freundlich gesinnt waren. Dieses Volk aber liebte seine Königin, die jung und schon war und prunkhafte Ritterspiele gab und fette Volksbelustigungen. Es liebte auch den glänzenden Grafen Alopo, den Großkämmerer, weil es wußte, daß er ein eifriger Begünstiger war des tollen Lebtags und sich dem Volk freundlich und leutselig zeigte, wo sich nur die Gelegenheit gab. Beide, die Königin und ihr Günstling, lebten in den Sinnen und der Phantasie des Volkes wie in einer Art Verklärung. Was hätte dagegen der finsterstolze Graf Julius Cäsar und der greisenhafte, zittrige Seneschall der Phantasie zu bieten vermocht? Jakob von Bourbon aber fühlte aus all dem so viel heraus, daß die beiden Königsmacher keinen allzu großen Rückhalt hatten im Volk, und beschloß bei sich, sein Betragen danach einzurichten. Sympathisch hatten ihn die Verräter ohnedies nicht berührt von der ersten Begegnung an. Auf der Hängebrücke, die vom Hafenplatz zum Tor des königlichen Kastells führte, begrüßte ihn der junge strahlende Graf Alopo, des Reiches Großkämmerer; er ließ sich vor seinem neuen König aufs Knie nieder und küßte ihm den Fuß. Das war die Gebärde tiefster Unterwürfigkeit, und Jakob von Bourbon sah freundlich und leicht spöttisch lächelnd auf den Knienden nieder, von dem er wohl wußte, daß er bis jetzt der mächtigste Mann war des Königreichs. Die Königin erwartete ihren Gemahl oben im großen Prunksaal, auf dem Thron sitzend und umgeben von ihrem Hofstaat, den Erzbischof von Nola, ihren Kanzler, stehend zu ihrer Rechten. Der König schritt mit seinem Anstand langsam auf sie zu und verbeugte sich dreimal vor ihr. Die Königin Johanna sprach: »Wer mich liebt und das Haus Durazzo, der begrüße diesen meinen Gemahl als seinen König.« Und alle riefen: »Es lebe die Königin Johanna und der König Jakob, unsere Herren!« Der Franzose antwortete nur: »Ich danke Eurer Majestät«, und küßte, sich verbeugend, der Königin die Hand. Auf diesen ersten Akt folgte in der an den Saal anstoßenden Kapelle die kirchliche Trauung durch den Erzbischof von Nola. Johanna entschuldigte gegen ihren Gemahl die etwas unzeremoniöse Kürze dieser Handlung. Sie habe, der Stimme ihres Herzens folgend, gewünscht, daß die heilige Weihe der Kirche ihrem Bund nicht länger fehle, und da der König müde sein werde von seinem langen Ritt, habe sie ihm die Umständlichkeiten einer großen Zeremonie in Santa Barbara oder am Grabe des Hl. Januarius ersparen wollen. Dabei sah sie den Bourbonen an mit einem Blick wie dem einer sehnsuchtsvollen kleinen Braut. Der König erwiderte fast wie in Verlegenheit, er habe eine so eilige Beschleunigung nicht zu erwarten gewagt und sei darum der Königin um so mehr zu Dank verpflichtet. Sie sind beide gute Komödianten, dachte Julius Cäsar von Capua, indem er dem König die Hand reichte zum Gang nach der Kapelle. Voran schritt die Königin an der Hand ihres Großkämmerers, des Herrn Pandolfo, Grafen von Alopo, auf dessen Gesicht kein anderer Ausdruck zu lesen war als der einer kalten Würde, die zwar mit seiner Jugendlichkeit in seltsamem Widerspruch stand, aber in der Königin den Gedanken weckte, daß sie sich wahrlich des Erwählten ihres Herzens nicht zu schämen brauche. Sehr verschieden davon waren die Gedanken in dem Gehirn des greisen Seneschalls Grafen von Troja, der der Herzogin von Tarent, der obersten Palastdame der Königin, die Hand gereicht hatte und als Dritter in der Reihe folgte. Ist das Franzosenart, so dachte er, oder ist dieser Jakob von Bourbon nur ein Hanswurst von einem Franzosen? Wie kann er diesen Skandal ertragen? Er hätte den süßen Pandolfino gleich unten auf der Zugbrücke verhaften lassen sollen; er ist doch wahrlich genügend unterrichtet worden von uns. Nach der Trauung begab man sich zur Tafel, und hier saß zur Linken der Königin, nach dem Recht seiner Würde, der Erzbischof von Nola, zur Rechten des Königs aber, nach altem Herkommen, sein Großkämmerer, und diesem gegenüber, Aug' in Auge, der Großgonfaloniere Julius Cäsar von Capua. Der Graf von Troja und die übrigen anwesenden Barone des Reiches nebst den vornehmsten Franzosen im Gefolge des Königs schlossen sich an mit den Damen in bunter Reihe. Für zwei keineswegs gleichgültige Gäste fehlten die Stühle, sie saßen dennoch mit zu oberst an der Tafel: der Ritter Verrat und die Dame Verstellung. Man sah sie nicht, aber man spürte sie, ihr Hauch machte die Luft giftig, und dies mochte der Grund sein, daß in dieser glänzenden Gesellschaft nur die leuchtenden Farben der Prachtgewänder und die üppigen Rosensträuße in kupfernen und achatblauen Gesäßen eine hochzeitlich helle Freudigkeit ausdrückten. Nur von dem blitzenden Gefunkel des mannigfachen Edelgesteins in dem zierlichen Goldkrönchen der Königin, in Gürtelschnallen, Schwertknäufen und Mantelspangen, wie des hellgrünen Smaragds, des zartblauen Berylls, des blutroten Rubins, und nur von dem buntfiedrigen Gevögel zwischen phantastischen Blumen, eingewirkt in die flandrischen Teppiche und Behänge der Saalwände, ging es aus wie ein hochzeitliches Jubilieren, kaum aber von den zurückhaltenden und gedämpften Reden der Gäste mit Ausnahme eines Trinkspruchs, kurz gehalten, aber sprühend von Geist und übermütiger Laune, den der Graf von Alopo ausbrachte, der aber doch nicht allen gefallen wollte. Der Graf Julius Cäsar, dem Sprecher gegenübersitzend, wurde merklich bleich vor Wut. Der Großkämmerer hatte sich da etwas herausgenommen, was doch allein ihm, dem nächsten Verwandten der Königin, zugestanden wäre. Aber so fein wär's ihm freilich nicht gelungen. Und vollends düster blickte der Graf von Troja auf seinen Teller nieder. Diese Rede setzte nach seiner Meinung dem Skandal die Krone auf. Um so freudiger strahlte dabei das Auge der jungen Königin. Der Beherrscher ihres Herzens hatte sich durch seine geistige Überlegenheit auch als der Beherrscher einer Lage gezeigt, in der doch das Schreckgespenst der Gefahr ihm nur allzu nahe entgegengrinste. Dachte das auch der König? Er lächelte vor sich hin wie einer, der einen schönen Augenblick genießt. Er war offenbar kein Hasser einer ironischen Situation. Dagegen seinen Geist leuchten zu lassen in feingeschliffener Rede, wie es sonst französische Art ist, fühlte er entweder kein Bedürfnis oder keine Befähigung. Seine Wortkargheit machte die Neapolitaner förmlich betroffen; dieser lederne Geselle war wahrlich kein König nach ihrem Sinn. Er erhob sich auch überraschend früh, bat die widerwillig sich erhebenden und erstaunt dreinblickenden Gäste, ihn mit seiner Müdigkeit zu entschuldigen, sich aber in keiner Weise stören zu lassen, und ergriff unter tiefer Verbeugung die Hand der Königin, die von dem übereilten Aufbruch sichtlich am unangenehmsten berührt schien. Dem Großkämmerer hätte es obgelegen, nach Brauch und Herkommen dem königlichen Paar nach dem Schlafgemach voranzuschreiten. Doch diesmal wies ihn der König mit einer leichten Handbewegung zurück, allerdings nicht ihn allein, sondern auch die übrigen Herren des hohen und höchsten Ehrendienstes, so daß nur die Herzogin von Tarent als oberste Palastdame und der Hofmarschall Graf von Prajano nebst Pagen und Trabanten den hohen Neuvermählten folgten und mit den verblüfften Würdenträgern auch ein altüberkommenes, umständliches Zeremoniell gleichsam wesenlos beiseite geschoben war. Im Saal fanden sich zuerst die Franzosen und ihre Damen, die den überhasteten Aufbruch des königlichen Paares von der scherzhaften Seite nahmen, zuerst auf ihre Sitze und in das gastliche Behagen zurück. Zu ihnen gesellte sich jetzt der Graf von Alopo und wußte diese selbstgefälligen Eindringlinge schnell so zu bezaubern, daß sie alle erklärten, der Großkämmerer sei der einzige Neapolitaner, der Geist habe. Und wie Herr Pandolfo den Franzosen, so näherte sich gleichzeitig einer von diesen, Herr Tristan von Clermont, den Häuptern der Durazzischen Partei. Die stolzen Vettern der Königin hatten es, als ihrer Würde nicht entsprechend, verschmäht, in Abwesenheit des Königs weiter zu tafeln; sie standen in einem einsamen Nebensaal und sprachen über Politik. Das war überhaupt die einzige Beschäftigung ihres Geistes, und der greise Seneschall, Graf von Troja, konnte jetzt seinem Unmut rückhaltlos Luft machen über den König, der die skandalöse Gegenwart des Grafen Alopo bei der heutigen Feier nicht verhindert hatte, worin ihm Herr Julius Cäsar und der Graf von Gerace lebhaft beistimmten. In diesem Augenblick trat zu ihnen Herr Tristan von Clermont, von dem sie wohl wußten, daß er der nächste Vertraute des Königs war. »Ihr kommt uns gerade recht,« raunte ihm, nicht ohne einen flüchtigen Blick des Mißtrauens, der Capuaner zu, »offen gestanden, wir beklagten uns gerade über den König.« Die Lippen des Herrn Tristan umspielte ein spöttisches Lächeln, das er keineswegs zu verbergen trachtete. »So früh schon, meine Herren?« sagte er boshaft. »Und das in einem Augenblick, wo der König in den Armen der Liebe gewiß an alles eher denkt als an die Politik? Da werden ihm ja die Ohren läuten, und das könnte leicht ein Unglück geben. Oder wäre es nicht schlimm, wenn der zukünftige Thronfolger von Neapel mit läutenden Ohren auf die Welt käme und damit behaftet bliebe sein Leben lang? Er würde darüber vielleicht verrückt werden, und das müßte notwendig noch ein größeres Unheil über den Staat bringen als die noch so tollen Verliebtheiten einer hübschen, jungen Königin.« Diese Rede des Franzosen war nicht angetan, die kabbalistischen Gesichter der andern aufzuheitern! »Herr Ritter,« sprach finster der greise Seneschall, »wir sind in diesem Augenblick nicht aufgelegt zu spaßen, am wenigsten über die heiligen Geheimnisse einer königlichen Brautnacht, woran auch nur mit Gedanken zu rühren uns ein Crimen lesae majestatis bedeuten würde.« »Puh!« machte Herr Tristan, wie wenn es ihn schauderte bei so großen Worten. »Übrigens,« fügte er bei, indem er mit Daumen und Zeigefinger sein seidenweiches Knebelbärtchen zwirbelte und ein boshafter Blick in seine lustigen Augen trat, »übrigens, wer sagt euch denn, daß ich scherze, ihr gestrengen Herren? Ich gedachte vielmehr euren feierlichen Herrlichkeiten eine durchaus ernste Warnung zukommen zu lassen.« Dies klang zweideutig und die Napolitaner witterten einen versteckten Sinn, eine Art Drohung darin. Der nervösen, nicht sehr großen Gestalt des gelbgesichtigen Julius Cäsar gab es innerlich einen Ruck; er dachte heimlich: Mit dir nehme ich es noch auf, Freundchen. Aber Herr Tristan spielte ganz und gar den Harmlosen. »Haben Eure Herrlichkeiten eben aus dem Saal die begeisterten Zurufe gehört?« fragte er. »Sie galten Eurem Erzkämmerer, dem Grafen von Alopo. Er scheint meine Landsleute gänzlich bezaubert zu haben. Und wahrlich, er ist ein wunderbarer Mann. Das Schwert des Todes schwebt über seinem Haupt, er weiß es, dennoch ...« Julius Cäsar von Capua unterbrach die Rede. »Herr Ritter,« fiel er ein, »solange ein Schwert über einem Haupte schwebt, kann es auch noch, unter Umständen, ein anderes Haupt verletzen, vielleicht gar ein königliches.« »Hallo,« rief Herr Tristan, » Crimen lesae majestatis .« »Es gibt Leute, denen man alles zutrauen darf«, bemerkte der leicht bucklige, im allgemeinen schweigsame Graf von Gerace. »Wirklich?« fragte der Franzose, und abermals blitzte es boshaft aus seinen lustigen Augen. Seine unverkennbar spöttische Frage ärgerte den Grafen von Capua. »Wir Neapolitaner«, sagte er fast herrisch zurechtweisend, »sind keine Freunde von spitzen Reden – –« Eher von spitzen Dolchen, dachte Herr Tristan. »Ihr aber, Herr Ritter,« sprach der Capuaner weiter, »Ihr wißt sehr wohl, auf wen mein Vetter Gerace mit seinem Wort deutete; es ist der Mann, dem ja auch Ihr außerordentliche Fähigkeiten zuzutrauen scheint.« »Ich halte ihn sogar für fähig, sich die Gunst des Königs zu gewinnen.« Herr Tristan warf dies leicht hin, aber man sah ihm an, daß er wohl wußte, was für ein schweres und niederschmetterndes Wort es für die Neapolitaner bedeutete. Und wirklich, die dreie standen sprachlos. Herr Tristan lachte. »Beruhigen sich Eure Herrlichkeiten! Jakob von Bourbon ist nicht ohne einigen Verstand.« Der Graf von Gerace wagte von neuem ein Wort, er sagte: »Die Rolle, die dieser Graf von Alopo heute abend gespielt hat, war uns allen ein Ärgernis.« »Das glaube ich,« antwortete Herr Tristan, »denn eigentlich hättet Ihr, Herr Graf, an seiner Stelle sein sollen, nach Eurer Meinung.« »Eure Anspielung, Herr Ritter, mißfällt mir,« sprach Julius Cäsar scharf, »für uns handelt es sich nicht um unsern eigenen persönlichen Vorteil, sondern einzig und allein um das Heil unseres Königs. Herr Tristan machte ihm eine stumme Verbeugung. »Und darum können wir nicht begreifen,« nahm wieder der greise Seneschall, Graf von Troja, das Wort, »daß der König es zu diesem Skandal kommen ließ, statt unsere Ratschläge zu befolgen, die wir ihm deutlich genug zu verstehen gegeben haben.« »Aber unter welchem Vorwand sollte Seine Majestät den Grafen verhaften lassen?« fragte Herr Tristan. »Vorwand?« rief der Capuaner. »Braucht es eines Vorwandes, wo so schwere Gründe vorliegen?« Tristan von Clermont nahm jetzt plötzlich einen ernsteren Ton an als seither. »Ihr, meine Herren,« sagte er, »ihr mit dem afrikanischen Blut in euren Adern ...« Die Neapolitaner machten eine Bewegung des Unwillens. »Wenn es euch lieber ist,« fuhr Herr Tristan fort, »sagen wir griechisches Blut. Also ihr mit dem griechischen Blut in euren Adern seht diese Dinge anders an als wir Franken. Die Verhaftung des Herrn Erzkämmerers hätte einen Prozeß zur Notwendigkeit gemacht, und dieser Prozeß hätte in ärgerlichster Weise die Königin bloßgestellt. So ungalant gegen seine Gemahlin zu handeln, dessen ist kein Franzose fähig, gar als König; aber glaubt mir, der König ist ein besonnener und kluger Mann (er hielt sich wenigstens in hohem Grad für einen solchen), ein kluger Mann, er wird seine Sache schon gutmachen.« In diesem Augenblick betrat der Großkämmerer von Neapel von dem großen Saal her das Gemach und näherte sich der Gruppe mit einer solchen Unbefangenheit und Selbstsicherheit, daß Herr Tristan nicht anders konnte, als den befeindeten und gefährdeten Mann aufs neue heimlich zu bewundern; die andern, obwohl voll von Haß und Grauen, begegneten ihm mit ausgesuchter Höflichkeit, von Politik wurde nicht mehr gesprochen! Daß aber Tristan von Clermont sich in der Ausdeutung seines königlichen Beschützers nicht geirrt hatte (wenigstens meinte er es so), zeigten die nächsten Tage; der Graf von Alopo blieb unbehelligt in seinem Amt und in seiner Freiheit. Er hatte wie zuvor jederzeit freien Zutritt zur Königin, aber freilich, sie je wieder unter vier Augen zu sprechen, blieb ihm versagt. Der König hatte seiner Gemahlin einen neuen Stallmeister bestellt in der Person eines alten Franzosen, namens La Berlinguère, den die Neapolitaner Berlinghiero nannten, und der, wenn nicht der König selber zugegen war, die Königin nicht einen Augenblick aus den Augen lassen durfte, die also in ihren eigenen Gemächern wie eine Gefangene behandelt wurde. Und das war nun freilich bitter für den süßen Pandolfino. Es war eben noch nicht das schlimmste. In der Öffentlichkeit behandelte ihn der König mit all den Formen der Höflichkeit, die seiner hohen Würde zukamen; aber im Alleinsein mit ihm oder auch, was noch schlimmer, in Gegenwart der Königin, zeigte er ihm die äußerste Geringschätzung und Verachtung und überschüttete ihn förmlich mit beißendem Hohn. Wie blutige Geißelhiebe trafen seine kurz hingeworfenen Worte die verwundete Seele des armen Pandolfino, der doch nur mit tiefster Unterwürfigkeit darauf erwidern durfte. Aber der Großkämmerer blieb bald nicht der einzige, der sich über den König bitter zu beklagen hatte. Den bestgehaßten Feind der Durazzi, den Großkonnetabel Sforza, von dem alten Seneschall so heimtückisch eingekerkert, gab König Jakob zwar zunächst nicht frei, aber er gewährte ihm ein sehr bequemes ritterliches Gefängnis, und seiner jungen Gemahlin, Katarina Alopo, die sich in das Kloster von Sankt Clara geflüchtet hatte, erlaubte er, frei in ihren Palast zurückzukehren. Er ernannte sogar den Herrn Francesco, den ältesten Sohn des Konnetabels und späteren Herzog von Mailand, zum obersten Befehlshaber der ganzen napolitanischen Heeresmacht, was nun freilich als richtige Halbheit leicht zu einer ganzen Dummheit werden konnte. Gegen die Durazzi aber, die ihn zum König gemacht hatten, bewahrte dieser merkwürdig anständige, aber allerdings und vielleicht eben deswegen nicht allzu kluge König (wie sehr er sich auch dafür hielt) die ursprüngliche Abneigung, die sie durch ihren aufdringlichen Verrat in ihm erweckt hatten. Das Wort vom Undank der Könige ist uralt, aber bei diesem Jakob von Bourbon war es noch etwas anderes. Je unsicherer er sich letzten Grundes in seiner Lage fühlte, um so deutlicher glaubte er zeigen zu müssen, daß er sich aus eigener Kraft den Schwierigkeiten gewachsen fühle. Er traute sich große Dinge zu. Und daß die Durazzi ziemlich anmaßend auftraten, stieß vollends dem Faß den Boden ein. Eine Anzahl ihrer Barone wurde plötzlich verhaftet. Dem greisen Troja ließ der König sagen, daß ihn sein Alter nicht geeignet scheinen lasse, als oberster Richter des Königreichs zu fungieren, und daß er deshalb hiermit aufgefordert sei, sein Amt als oberster Seneschall des Königreichs dem Herrn Tristan von Clermont abzutreten. Überhaupt ging der König rücksichtslos darauf aus, alle höheren Würden des Reiches einzig den Franzosen vorzubehalten, mit denen er sich ausschließlich umgab. Das verfängliche Fabula docet des äsopischen Froschteichs – der alte Troja dachte jetzt mit Bitterkeit daran – traf die Durazzi täglich härter. Der stolze Julius Cäsar von Capua sah sich vom König gänzlich auf die Seite geschoben, und seine ehrgeizige Seele füllte sich immer mehr mit giftigem Haß gegen den fremden Eindringling, wie er jetzt den König nannte, den er doch selber, um den Preis des Hochverrats an der angestammten Monarchin, zu so hoher Würde und Machtvollkommenheit erhoben hatte. So stand er denn mit seinem innerlichsten Gefühl jetzt keinem so nahe als dem einst so verachteten Grafen von Alopo, und nicht allzu lange dauerte es, daß sie sich auch äußerlich zusammenfanden, so daß diesmal, was nicht allzu häufig vorkommt, die Liebe und die Politik sich zu gemeinsamem Tun die Hand reichten. Julius Cäsar hatte voll Mißmut Neapel verlassen, wo das Prinzip der Gouvernante abermals in neue Hände übergegangen war, und saß trutzend wie ein fauchender Uhu auf seinem alten Bergschloß zu Marcone bei Capua. Hier ließ sich eines Tages ein armer neapolitanischer Fischer bei ihm melden mit der Begründung, daß er ihm eine wichtige Sache aus Neapel zu melden habe; es war niemand anders als der Großkämmerer Pandolfo Graf von Alopo. Über die zu vollbringende Tat stimmten die beiden ehemaligen Feinde von allem Anfang an überein. Und sie zu beschließen, war freilich leicht; ihre Ausführung indessen schien fast unmöglich. Doch Herr Pandolfo, dessen seelische Spannkraft und sonstigen geistigen Fähigkeiten Herr Tristan von Clermont nicht umsonst so bewundert hatte, würde sich für einen erbärmlichen Tropf gehalten haben, wenn ihn seine poetische Erfindungskraft, wie er ein wenig ironisch die Sache nannte, jetzt im Stich gelassen hätte. Und so wußte er, noch vor Weihnachten, dem Grafen von Capua einen Vorschlag zu unterbreiten, dem man tatsächlich eine gewisse Poesie nicht absprechen konnte, und dem dann auch Julius Cäsar, wenn er schon die Gefahren darin nicht verkannte, nach einigem Bedenken seine Zustimmung gab. Die größte Schwierigkeit bei der Ausführung seines sinnigen Vorschlags lag darin, daß die Königin im voraus davon unterrichtet sein mußte. Nun war Herr Pandolfo zwar nicht ganz ohne geheime Verbindung mit der Königin verblieben. Eine ihm geneigte Zofe hatte ihm von seiner erhabenen Geliebten wiederholt kleine Zettelchen überbracht, knappe hieroglyphisch gehaltene Versicherungen von Liebe und Treue, und Pandolfino hatte diese in ähnlichen abgerissenen Rätselworten erwidert; aber so tollkühn war er doch nicht, um auch nur einen einzigen Augenblick bei dem Gedanken zu verweilen, dieser verhältnismäßig unschuldigen Geheimpost seine halsbrecherischen Absichten anzuvertrauen. Wen jedoch das allmächtige Schicksal erheben oder auch vernichten will, dem ebnet es auch den Weg zu dem Ende hin, das ihm unwiderruflich vorbestimmt ist. Und auch ein König fällt nicht von Mörderhand, wenn die Götter oder die Vorsehung ihm ein anderes Los bestimmt haben, mag auch der Anschlag noch so sinnig ausgedacht, der Dolchstoß von noch so sicherer Hand geführt sein. So schien denn ein geradezu wunderbar aussehender Zufall den Pandolfino in überraschender Weise zu begünstigen. Denn da er jetzt eines Tages, wie stets zweimal in der Woche, der Königin seine dienstliche Aufwartung machte, erlebte er das Unglaubliche, daß der alte Berlinghiero entgegen allem Brauch mit einer stummen Verbeugung gegen ihn das Gemach verließ. Der Fall kam so unerwartet, daß Pandolfo fast darüber seine Fassung verlor. In dieser Verblüffung verwechselte er, wie das öfter geschieht, den Teufel mit dem lieben Gott. Er stürzte der Königin zu Füßen. »Johanna,« flüsterte er, »der König muß sterben: Gott selber ist mit uns im Bunde.« In den schönen Augen der Königin malte sich ein ungeheucheltes Erschrecken. Sie sagte: »Pandolfino, du rasest. Erhebe dich, der Berlinghiero wird jeden Augenblick eintreten!« Pandolfino erhob sich und stand nun in ehrfürchtiger Haltung vor der Königin, die, wie man es auf alten Bildern sieht, begünstigt von der hochsteilen Lehne ihres Stuhles, in steifer Würde schweigend verharrte. Und flüsternd entwickelte ihr Pandolfo seinen Plan. Alljährlich am Tag vor der Heiligen Nacht pflegten die Verwandten der Königin und andere Reichsbarone der Monarchin in feierlicher Weise ein Geschenk zu überbringen, das diese, so war es altes Herkommen, nur von ihren Frauen umgeben, entgegenzunehmen pflegte. »Dieses Mal wird es«, erläuterte Pandolfo, »ein kunstvoll geformtes Backwerk sein, den alten maurischen Palast in Granada, die Alhambra genannt, darstellend. Das Ganze wird von solcher Pracht und zugleich von solcher Größe sein, daß zehn Jünglinge in der weißen Standestracht von Zuckerbäckern es abwechselnd tragen werden. Die Grafen von Troja und Gerace, wie auch die andern Barone, die an dieser Huldigung sich beteiligen, werden ahnungslos sein. Nur Julius Cäsar von Capua wird die geheime Bedeutung des Geschenkes kennen. Mit ihm ist bereits alles verabredet.« Johanna horchte gespannt auf. Pandolfo fuhr in etwas erregterem Ton fort. »Nun höre, Johanna!« raunte er. »Einer der als Zuckerbäcker weiß verkleideten Diener wird dein Pandolfino sein, und während sie lärmend das Vivat ausbringen, wird er sich unvermerkt auf die Seite machen und hinter den zurückgeschobenen Türvorhängen unsichtbar werden. Du kennst meinen Dolch. Der König wird die Heilige Nacht nicht überleben. In dem Augenblick, wo ich sein blutiges Haupt aus dem Fenster werfe, wird Julius Cäsar mit seinen Kriegsleuten das Tor des Kastells erbrechen, dann wird das ganze Franzosengesindel niedergemetzelt, und die hier als Untertanin und Gefangene des französischen Usurpators schmachtete, wird aufs neue als die souveräne Königin von Neapel proklamiert werden unter dem Jubel alles Volkes, das dich mehr liebt, als du ahnst, süße Königin.« Pandolfo hielt inne. Auch Johanna sah mit starren Augen eine Weile schweigend vor sich hin. Dann sagte sie, nicht ohne einen merklichen Ton des Vorwurfs: »Warum plauderst du mir das aus, Pandolfino? Du hättest mich in Unwissenheit lassen sollen.« »Ich hätte dir die Mitwissenheit gern erspart«, antwortete der Großkämmerer. »Aber das war nicht rätlich; du möchtest leicht in der Überrumpelung unser Werk vereitelt haben.« Johanna senkte schweigend den Blick zu Boden. Von ihren Wangen war der mattrötliche Schimmer eines flaumigen Pfirsichs verschwunden, eine fast tödliche Blässe lag über ihrem Gesicht. Sie schien nach einer Antwort zu suchen; aber sie fand keine, und stumm reichte sie ihrem Großkämmerer ihre weiße, schmale Hand zum Kuß. Vergeblich suchte der Graf ihrem Blick noch einmal zu begegnen. Aber wenn ihm das auch nicht gelang, so verließ er doch das Gemach mit großer Befriedigung. Pandolfo machte danach auch dem König seine Aufwartung. Jakob von Bourbon saß mit seinem Vertrauten, dem obersten Seneschall Tristan von Clermont, beim Schachspiel. Er empfing den Großkämmerer freundlicher als je zuvor. Er sprach Worte, die den Herrn Pandolfo von neuem in höchstes Erstaunen versetzten. »Mein lieber Alopo,« sagte der König fast kameradschaftlich, »der Herr Seneschall hier, der, wie du wohl weißt, dein Freund ist, hat mir immer Vorwürfe gemacht, daß ich deine Verdienste nicht genug zu schätzen wußte. Er hat mich hundertmal deiner Treue und Ergebenheit versichert, und es ist ihm gelungen, mich endlich zu überzeugen. Du kommst von der Königin. Ich weiß, du kannst das Gesicht des alten La Berlinguère nicht leiden, ich werde darum Fürsorge treffen, daß du ihm nicht mehr bei Ihrer huldvollen Majestät begegnen sollst.« Damit wendete sich König Jakob wieder zu dem Spiel, und der erstaunte Großkämmerer war entlassen, ohne zu ahnen, wie fürchterlich wahr der König, wenigstens im letzten Teil seiner Rede, gesprochen hatte. Als er unten in den ungeheuren Schloßhof hinaustrat, hielt sein Page, der hier die Pferde auf und ab führte, gerade bei den Zelten des Meisters Andreas an der Längswand der Sankt-Barbara-Kirche. Der Knabe, mit den Gesellen des Florentiners scherzhafte Reden tauschend, bemerkte, wie es schien, seinen Herrn nicht gleich, der nun selber auf die Gruppe zuschritt. Unter den gelben Zelten war die Arbeit bereits ein gutes Stück gediehen. Kniende und stehende Rittergestalten und ein reicher Zierat von Tier- und Pflanzenformen hatten sich aus den rohen Blöcken herausgeschält, auf einem gewaltigen Sarkophag lag ausgestreckt in voller Rüstung, die Arme mit den Stahlnetzhandschuhen über der Brust gekreuzt, der selige König Ladislas, kurz, eine ganze Anzahl von Einzelbestandteilen des umfangreichen und vielfach zusammengesetzten Bildwerkes, wie es noch heute in der Kirche von St. Johann zu den Kohlbrennern zu sehen ist, waren wenigstens aus dem Gröbsten heraus. Meister Andreas, der mit vorgebundenem Schurzfell selber an dem königlichen Sarkophag meißelte, legte Hammer und Eisen beiseite, und sein gelbes Lederkäppchen hinter dem dreigeteilten weißen Haargelock lüftend, grüßte er mit beflissener Unterwürfigkeit den Großkämmerer. »Geht's gut, Meister?« fragte dieser, der heute bedeutend freierer Laune zu sein schien als damals auf seinem Gang nach der Beverella zum Besuch des gefangenen Sforza. »Der König«, antwortete der Florentiner, »hat meine Arbeiten noch keines Blickes gewürdigt; diese Franzosen sind in Sachen der Kunst reine Bestien.« »So vergeltet eben gleiches mit gleichem, stolzer Republikaner«, scherzte Pandolfo. »Kann ich aber auch dem König den Brotkorb höher hängen«, entgegnete der Meister in gleichem Ton, wenn auch eine Note schärfer, denn er war wieder einmal unzufrieden. Diese Florentiner Steinmetzen, dachte Herr Pandolfo, spielen die Hochmütigen, aber ihre Geldgier ist noch größer als ihr Stolz. »Übrigens«, nahm der Bildhauer noch einmal das Wort, »auch Ihr, hoher Herr, scheint mir einigen Grund zu haben ...« Graf Alopo dachte: Nun stellt sich der staubige Lump auch noch auf eine Stufe mit mir. »Du hast eine allzu lose Zunge, Mann aus Florenz«, unterbrach er unwirsch den Meister – (ach, daß ihm doch selber heute die Zunge nicht so locker gesessen hätte!) – »Und wie du dich irrst! Der König ist mir ein sehr huldvoller Herr.« Bei diesen Worten stand er bereits mit einem Fuß im Steigbügel. Zugleich aber fühlte er sich an der Achsel gepackt und zurückgeworfen. Vier Schwerbewaffnete bemächtigten sich seiner, fesselten ihn und stülpten einen weiten, schwarzen Sack über seine Gestalt. Dann fühlte er sich mit Gewalt auf ein Pferd gehoben zwischen zwei andern Pferden, und so ging es galoppierend davon, wer weiß wohin. Seine Vergewaltiger freilich wußten es. Nicht fern von dem gelben Strand von Santa Lucia, der den perlmutterschimmernden Spiegel des unabsehbaren Golfs wie ein goldener Rahmen umschmiegt, ragte seit ewigen Zeiten aus den blauen Wogen ein schwarzer Fels, den die Griechen die Insel Megaris nannten und auf der später ein europäischer Kaiser und König von Sizilien, genannt Friedrich der Zweite von Hohenstaufen, ein festes Kastell errichtet hat, aus schwarzem Gestein, wie der Fels selber, furchtbar finster dastehend in der lichten Bläue von Himmel und Meer, und die Leute hießen es Il Castello dell' Ovo , von seinem eiförmigen Umriß. Hinter dessen Mauern verschwand Herr Pandolfo, Graf von Alopo, des Königreichs Neapel Großkämmerer. Auch der Graf Julius Cäsar von Capua, der um der bewußten Geschäfte willen nach Neapel gekommen war, hielt hier kaum eine halbe Stunde später ebenfalls seinen unfreiwilligen Einzug. Und wie das so gekommen war? Die Entfernung des Berlinghiero aus dem Gemach der Königin hatte für den Grafen Alopo eine Probe bedeutet oder eine Falle, und er ist hineingefallen. Der König selber, die Rolle eines gewissen Herrn aus Dänemark namens Polonius spielend, zusammen mit seinem Seneschall, dem Herrn Tristan von Clermont (die Vorbereitungen und Bedingungen dazu waren mit großer Sorgfalt und Heimlichkeit ins Werk gesetzt worden), hatte den Pandolfino hinter der Tapete belauscht in seinem heimlichen Gespräch mit der Königin. Der Prozeß der beiden Grafen nahm nicht viel Zeit in Anspruch, und auch das Urteil wurde ohne Aufschub vollzogen. Sie wurden auf dem neuen Markt vor dem Tor von Capua enthauptet, im Angesicht des weiten und massigen Kastells Capuana, wo einst der junge Pandolfino, schon hinlänglich berauscht aus dem Becher der Liebe, von dem betörenden Trank der Macht zum erstenmal genippt hatte. Der unermüdliche Kabalenspinner Julius Cäsar von Capua und ehemalige Hochverräter an seiner Königin wurde aus Rücksicht auf sein verwandtes Blut in der Kirche der Annunziata ritterlich bestattet, der Leichnam des Pandolfo aber, durch den Spruch der Richter von allen seinen Würden entkleidet, wurde auf dem Schindanger verscharrt und sein Kopf vor der genannten Kirche auf einer Stange allem Volk zur Schau aufgesteckt. Doch schon in der folgenden Nacht riß ein Sturm ihn zu Boden, und die Hunde machten sich darüber her und fraßen ihm das Fleisch aus dem Gesicht und fraßen die geschwellten Lippen, die so oft in liebestollen und lustvollen Nächten von der schönsten Königin der Welt geküßt worden waren. * Das ist die wahrhafte Geschichte des Pandolfino und der schönen Königin Johanna von Neapel, nicht was durch die Jahrhunderte über sie phantasiert wurde, sondern was die Geschichtschreibung von ihr erzählt, wenn auch schon nicht, wie sie es erzählt. Denn, die einst zu den Tagen des Herodotos eine junge Göttin war, gleichgeschwisterig mit der epischen Muse, ist unterdessen ein altes zahnloses Weib geworden, das trotz seiner Zahnlosigkeit ewig alles benagen und benörgeln muß, und es ist zum Davonlaufen, wenn sie uns selbstgefällig ihr Gekäue vorsetzt. Wie aber Johanna von Neapel den Tod ihres Lieblings gerächt hat, wie sie nun in der Kraft ihrer rächenden Aufgabe stark wurde und, ihres vergewaltigten Königtums sich mit kräftiger Hand bemächtigend, den anmaßlichen Bourbonen, nachdem er sich allzu lange mausig gemacht hatte, aus dem Lande jagte mit Hilfe des Mutio Sforza und anderer kühner Ritter – sie wurde noch immer wie nur je geliebt und angebetet –, daß er eines Tages als armer Flüchtling zu Venedig landete, wo ihm kein Doge und kein goldener Bucentauro mehr entgegenkam, also daß er, geknickt in seinem mittelmäßigen Geist, im Kloster der Franziskaner zu Besançon in der Freigrafschaft Burgund unerkannt sich vor der Welt verbarg in seiner Scham: das steht in einem andern Kapitel des ebenfalls mittelmäßigen und unzusammenhängenden, ja oft so sinnlosen Buches, das sich die Weltgeschichte nennt. Der geschundene Marsyas Der Doktor Philipp Rebmann war in seinem Bauernwirtshaus in Hochsavoyen Punkt drei Uhr aufgebrochen, und zu einer Zeit, wo er sonst noch lange zu schlafen pflegte, hatte er bereits den Col de la Seigne erreicht. Er befand sich hier auf beträchtlicher Höhe, hoch über den Voralpen von Savoyen. Sie lagen unter ihm im Nebel. Wie ein weißer Ozean erstreckte sich's in der Tiefe nach Westen und Südwesten, nur einzelne Kuppen ragten daraus empor wie schwarze Inseln. Es war, als läge das grauliche Ungeheuer des Nebels gebunden unter den Strahlen des herrschaftlichen Gestirns wie unter einem goldenen Netz. Es bäumte sich wohl manchmal in die Höhe, wie die weißen Bäuche gefangener Riesenfische, aber nur – als ob das goldene Netz stellenweise schadhaft wäre –, nur da und dort riß sich's los, eine weiße Masse, und ballte sich und stieg frei in den Raum und segelte nun als leuchtende Wolke ruhig dahin gleich einem weißen Segelschiff auf seiner Fahrt in die Unendlichkeit. Aber lange dauerte das Leben dieser Frühwolken nicht. Wie zierliche Frauenfinger den Flachs vom Rocken spinnen, daß die Docke kleiner und kleiner wird, so zupfte die Sonne Flocke um Flocke von den schimmernden Wolkengebilden und dröselte sie auf zu unsichtbaren Fäden, und das legte sich als ein Anhauch von weißlichem Schimmer über das dunkle Blau des Himmels. Gen Osten, wie zum Greifen nahe, lagen vor dem Wanderer die unendlichen Schneegefilde der Montblancwelt. Die dreieckige granitene Stirne des Bergriesen erschien von hier aus überhängend, als ob sie sich beuge unter der Last des ewigen Schnees. Und weit wie der Himmel selbst war die hochgewölbte Schneeflur. Unzählige scharfkantige Granitzacken, alle himmelhoch, umstanden die Hauptkuppe in dichtem Gedränge; das Ganze sah aus wie eine weißgezuckerte Artischocke, aber eine Artischocke, die groß war wie eine Welt. Dem Doktor weitete sich die Brust in dieser Umgebung. Er dachte mitleidig an das, was hinter ihm lag, an die zweijährige Privatdozentenexistenz, denn das war off ein recht elendigliches Leben für einen jungen Menschen ohne Geld, der sich einmal mit kühnen Dingen getragen hatte. Auf dem Gymnasium, als Schüler, hatte er sogar mit seinem Freunde Richard zusammen eine Art Hainbund gegründet. Die beiden haften damals geschworen, ihr ganzes Leben der Poesie zu weihen. Aber nur Richard, bei Berlin wohnend, draußen in Pankow, hielt den Schwur und nährte sich einstweilen, bildlich gesprochen, von Heuschrecken und wildem Honig und der Erwartung künftiger Unsterblichkeit. Darüber aber hatte später Philipp Rebmann gelächelt wie über eine Kinderei und halbe Verrücktheit. Kein vernünftiger Mensch konnte in Deutschland, wo ja nach dem bekannten Wort jedermann ein Dichter ist oder ein Denker, von der Dichtkunst leben wollen. Da war's mit der Wissenschaft etwas anderes. Um sie kümmerte sich der Staat. Ihre Diener besoldete der Staat. In ihr waren die höchsten staatlichen Ehren zu erlangen. Die Poesie konnte man ja doch so nebenher kultivieren. Freilich, Freund Richard wurde teufelsmäßig wild, wenn man solche Ansichten vor ihm entwickelte. Nach ihm verlangte die Poesie ihren ganzen Mann, die ganze Kraft, das ganze Leben. Die Poesie zur Nebenbeschäftigung zu machen, erklärte er für die größte Sünde wider den Heiligen Geist. »Du wolltest ein Gelehrter werben und ein Bezahlter des Staates,« erklärte er dem ehemaligen Schulgenossen, »gut, aber nun laß die Finger von der Poesie. Und werde mir kein Ebers, kein Dahn.« Philipp wagte manchmal einen schüchternen Einwand. »Werde sein solcher Kerl,« brach Richard los, »du kennst die alte Fabel vom geschundenen Marsyas.« »Das Märchen hat mir nie besonders imponiert«, wagte Philipp einzuwenden. »Ich finde da den Herrn Phöbus ganz unverständlich grausam. Warum sollte der arme Ziegenfuß nicht ein wenig die Flöte blasen in der Einsamkeit seiner Täler.« »Ja, das war ein verhältnismäßig unschuldiges Vergnügen«, fiel ihm Richard scharf ins Wort. »Aber euer Treiben, meine Herren, das ist nicht unschuldig, und wenn euch der Gott die Haut lebendig vom Leibe zöge, das wäre eine erlösende Tat, das wäre eine Freude und Genugtuung für alle ehrlichen Priester des Gottes. Und er wird wiederkommen, und ihr werdet ...« Richard wurde manchmal grotesk in seinen Bildern, und Philipp Rebmann fand ihn dann ein wenig lächerlich. Überhaupt fand er, daß sein Freund schwer unrecht hatte. Die Malerei, die Skulptur, die Musik, diese Künste verlangten ihren ganzen Mann. Aber die Poesie? Goethe war Staatsminister. Homer war allem nach Schweinehirt – er hätte sonst den Eumäus nicht mit solcher Liebe behandelt. Voß war Schulmeister zu Eutin. Diese jungen Leute unserer Tage, die lieber hungerten als etwas Nützliches trieben, mochten das halten wie sie wollten und mochten auch immerhin aus ihrer Faulheit eine Tugend machen, aber Philipp Rebmann ließ sich von ihnen nicht imponieren. Freund Richard mochte ein Dichter sein, aber sonst war er eben auch nichts. Unter solchen Gedanken und Erinnerungen war Philipp in die Gegend gelangt, die man dort die Allée blanche zu nennen pflegt, eine fast unendliche Flucht von kolossalsten Felswänden, von weithin sich erstreckenden Gletscherströmen, von unabsehbaren Schneefeldern, von Moränenwällen, die sich wie Berge türmen. In diesen ewigen Wüsten von Stein und Eis war Philipp Rebmann heute »die einzige fühlende Brust«, wie er selber zitierte. Er wußte sich kaum zu fassen vor all diesen Wundern, vor dieser Kraft der kalten Lichter, vor dieser sinnverwirrenden Größe aller Verhältnisse, wo den Menschen aller Maßstab aus den Händen fiel, vor dieser grausenerregenden Wildnis. Und durch seine erschütterte Seele zog es wie heiliger Schauer der Ewigkeit. Ein See lag in der Nähe. Schwarze Felsen umstarrten ihn von drei Seiten, lotrecht, himmelhoch. Sein Wasser reflektierte einen schwarzen Glanz wie das Auge einer Neapolitanerin. Aus der schwarzen Flut aber ragte blaugrünlich eine ungeheure Gletscherscholle empor, eine zerklüftete Kristallmasse, ein Märchenhort von Lichtern und Farben. Jahrtausendlange Gletscherschiebungen hatten in dem braunroten Granit eine glatte muldenartige Vertiefung ausgehöhlt; darin ruhte das Wasser wie in einer Kupferschale, und wenn die Sonne darauf fiel, funkelte sein Schwarz in rotgoldenen Lichtern. Wenn irgendein Wasser der Welt, lud dieses zum Baden ein, und schnell entledigte sich Philipp seiner Kleider. So schön hatte er in seinem Leben nicht gebadet. Und in der Sonne ließ er sich trocknen, denn wenn das Licht hier kalt war für das Auge, so war es doch warm für das Gefühl. Nur als Hitze wurde es nicht empfunden in dieser dünnen reinen Luft. Wie diese Luft und die Sonne zusammen seine Haut liebkosten! Es war eine ganz neue Sensation für ihn. Wer hätte da so schnell wieder in die plumpen Kleider schlüpfen mögen! Philipp beeilte sich nicht. Er hatte ein Gefühl wie ein nackter Heidengott. In diesem Zustand fühlte er sich erst ganz losgelöst von der Unnatürlichkeit unserer gesellschaftlichen Lebensgestaltung, fühlte er sich erst ganz eins mit der Natur, als ihr Kind, das an ihren mütterlichen Brüsten saugen durfte als an zwei unversieglichen Quellen von Kraft und Schönheit, der Poet in ihm war von der Wissenschaft keineswegs ganz ertötet. Also nur so lange als möglich nicht mehr in diese erborgte Haut der Kleider. Er brauchte steh ja nicht zu beeilen, er hatte den Tag vor sich. Nur die Schuhe zog er an, weil er auf nackten Füßen nicht gehen konnte. Er wollte sich aber bewegen. Damit wurde sein Gefühl der Gottähnlichkeit erst voll. Er unternahm also kleine Streifungen. Er kletterte auf Felsen und Moränen, er wandelte über Schneefelder und Gletscherarme. Er spiegelte sich in dem schwarzen rötlich funkelnden Kristall seiner mehr als märchenhaften Badewanne. Immer mehr kam er sich vor wie ein nackter Heidengott. Nur den Unsterblichen selber, die ihm vom Olymp aus zusahen, kam er eigentlich nicht recht so vor. Sie lachten sogar über ihn. Seine nordisch gebleichte Nacktheit erbaute sie keineswegs, sie fanden sie mehr als schäbig. Venus sah hinweg, aber nicht aus Prüderie, was bekanntlich ihr geringstes Laster ist. Ganymed scherzte: »Seht doch den betrunkenen Satyr, der sich weiß angestrichen hat wie ein Clown im Zirkus der Barbaren; nur die Bocksfüße hat er vergessen, sich weiß zu machen.« In der Tat hatte Philipps Ansehen etwas von einem Bocksgesicht, die weißgelben Bartzöttelchen wuchsen ihm am stärksten und längsten unter dem Kinn, dazu stand die goldene Brille höchst komisch. Einmal mußte Philipp nach Hause denken, in die deutsche Universitätsstadt. Wenn jetzt Seine Exzellenz der Geheimrat Bitterlich daher käme, was der für Augen machen würde. Oder das schöne Nannerl, die Gattin des philologischen Ordinarius, seine besondere Protektorin. Aber diesen Gedanken wagte Philipp aus Schamgefühl gar nicht weiter auszudenken. Plötzlich erschrak er. Jemand hatte gepfiffen. So war er bei keinem Pfiff mehr erschrocken seit seiner Knabenzeit, wenn er fremde Kirschen genascht oder nach roten Äpfeln geworfen und die Pfeife des Feldhüters sich hören ließ. Schnell kauerte er sich hinter einen Block. Und vorsichtig lugte er hervor. Der Geheimrat Bitterlich wird ja nicht gepfiffen haben. Das schöne Nannerl wohl auch nicht. Aber immerhin, wer es auch sein mochte, der heutige Mensch ist nicht gewöhnt, seinem Nebenmenschen nackt gegenüber zu treten. Der Pfeifende aber war gar kein Mensch gewesen, nur ein Murmeltier. Diese Winterschläfer säßen zu Hunderten da oben auf den Felsplatten, zu sehen waren sie nicht, obwohl sie aufgerichtet auf den Hinterbeinen hockten. Ja, wenn sie wie Elefanten so groß gewesen wären, dann hätte sie das Auge vielleicht gerade noch wahrgenommen in dieser Welt, und jemand hätte geglaubt, es seien graue Mäuse, die ihre Männchen machten. Auch sie sahen dem nackten Menschen verwundert zu. Sie hielten ihn wohl für ein seltsam nacktes Tier. Aber was sie sich sonst dabei dachten? Die Gedanken der Götter mag ein Mensch erraten, doch wer hätte je erforscht, was ein Murmeltier denkt, das neun Monate schläft und sich während dreier Monate von der Sonne das Fell wärmen läßt, indem es im Angesicht des Montblanc in stiller Betrachtung auf den Hinterbeinen sitzt ... Philipp Rebmann gewahrte übrigens, wie seine weiße Haut allmählich einen rosigen Anflug bekam. Immer rosiger wurde sein ganzer Körper. Ein förmliches Blühen überflog ihn. So günstig wirkten Luft und Licht. Erst spät am Abend kam der Doktor wieder in Gegenden menschlichen Lebens. Es war höchste Zeit. Er fühlte sich müde. Auf den Rausch war die Abspannung gefolgt. Fast ein Gefühl von Übelkeit überkam ihn. Seinen Körper durchlief ein nervöses Kribbeln, manchmal wollte ihm schwindlig werden. Noch kurz vor anbrechender Nacht fand er ein primitives Unterkunftshaus, die Leute sprachen ein Patois, wovon der Doktor bei all seiner Sprachgelehrsamkeit kaum hier und da ein Wort verstand. Es gelang ihm dennoch, sich eine Suppe zu bestellen; er meinte, die müsse ihm gut tun. Aber wie sie nun dampfend vor ihm stand, setzte er kaum den Löffel an, er spürte keinen Antrieb dazu. Nur durstig fühlte er sich, und er trank hintereinander mehrere Gläser von dem dicken roten Wein. Die Suppe zu essen konnte er sich nicht entschließen. Er war offenbar krank. Eine seltsame Hitze umflammte ihn. Sein ganzer Körper glühte. Und von innen heraus schüttelte ihn der Frost. Das war Fieber. Und es verlangte ihn nach nichts so sehr als nach dem Bett. Die Magd, eine ältere häßliche Person, begleitete ihn nach der Schlafstube zu ebener Erde auf den Hof hinaus, durch das offene Fenster hörte man den Brunnen rauschen. Der Doktor zweifelte nicht mehr, daß er schwer krank sei. Sein Körper, wo er ihn nur anrührte, brannte wie ein glühendes Eisen, und im Innern schüttelte es ihn, und immer heftiger. Er beeilte sich, unter die Decke zu kommen. Im Bett hörte das Frösteln auf, aber die Hitze wurde immer größer. Er lag wie im Feuer. Er fühlte sich mit der Hand an die Stirn, die war, wie wenn eine Flamme daraus emporschlüge. Und eine ungeheure Angst stieg in ihm auf. War das am Ende Typhus? Alle Symptome stimmten. Herrgott, und auch noch unter diesen wilden Menschen, wo vielleicht auf zwanzig Stunden kein Arzt zu finden war. Tausend Angstgespenster umgaukelten ihn, er fing an, für seinen Verstand zu fürchten. Wenigstens wollte er sich kalte Umschläge auf die Stirne machen; er zündete sich ein Licht an, um sich nach Wasser und Handtuch umzusehen. Aber weder Wasser noch ein Gefäß war zu entdecken. Er öffnete die Tür und rief in den Flur hinaus. Nichts regte sich. »Hallo!« Er rief's einigemal, immer lauter, das Haus lag wie ausgestorben in Nacht und Finsternis. Ein neuer heftiger Schüttelfrost trieb ihn in die Federn. Aber er meinte verbrennen zu müssen. Nein, länger hielt er's nicht aus. In der Hölle konnte es nicht schlimmer sein. Er drohte rasend zu werden. Wo soll es auch mit dem armen Verstand hinaus, wenn sein Haus brennt, und wenn aus dem Dach die Flammen schlagen? Den armen Philipp Rebmann ergriff die helle Verzweiflung. In der höchsten Not erinnerte er sich, daß Typhuskranke im entscheidenden Augenblick noch durch ein kaltes Bad gerettet werden konnten. Und draußen rauschte der Brunnen durch die Nacht. Er raffte also sein letztes Bewußtsein zusammen, die Türen waren unverriegelt, er erreichte ohne Schwierigkeit den Brunnen. Ein langer Trog war voll von Wasser. Es kostete ihn keine geringe Überwindung. Aber er war entschlossen. Ein Ruck, und er saß darin, und das Wasser klatschte auseinander nach allen Seiten. Zugleich rasselte ganz nahe eine Kette. Und ein Hund schlug an. Philipp wollte sich erheben, aber er sah sich einem schrecklichen Feind gegenüber. Ein Bernhardinerbastard, ein schwarzes zottiges Ungeheuer, die Vorderpfoten auf dem Trog, stand vor ihm, Kopf an Kopf, Gesicht an Gesicht ... und bellte fürchterlich. Philipp war einen Augenblick starr vor Schrecken. Was sollte er tun? Er konnte doch nicht im Wasser bleiben. Er wußte sich nicht anders zu helfen, er erhob ein lautes Geschrei. Er schrie, als ob ihm die Bestie an der Kehle hänge. Doch eine lange, lange Zeit rührte sich nichts im Hause. Der Hund wurde immer aufgeregter über den nackten Zweihänder im Brunnentrog, er bellte immer wütender. Und immer gotteserbärmlicher schrie der arme Doktor. Endlich – endlich erschien unter der Haustür die alte Magd im Hemd, eine Laterne in der Hand. Langsam, mißtrauisch näherte sie sich. Als sie aber schon ganz nahe gekommen war und den seltsamen Fisch im Brunnentrog erblickte, ließ sie die Laterne fallen und sprang mit einem Schrei des Entsetzens davon. Sie glaubte entweder ein Gespenst zu sehen, oder sie hielt den Fremden für einen Verrückten, der in einem Anfall von Tobsucht das Wasser aufgesucht hatte. Und Minuten vergingen wieder, schreckliche Minuten, bis endlich ein alter Knecht herbeihinkte und den Doktor aus seiner verzweifelten Lage befreite. Fünf Tage hatte Philipp Rebmann das Bett gehütet. Nun saß er beim Frühstück, ein fremder Tourist teilte es mit ihm. »Sie waren ein wenig sehr unvorsichtig«, sagte der Fremde lächelnd. Und das Lächeln war nicht ohne Anflug von Spott. »Ich habe den Schaden von meiner Unerfahrenheit«, meinte Philipp kleinmütig; »man soll ja überhaupt nur durch Schaden klug werden. Es hätte mir schlimmer gehen können.« Der Fremde lachte: »Gewiß, der ganze Spaß kostet Sie nur die Epidermis, das ist alles. Sie haben einmal wörtlich Ihre eigene Haut zu Markte getragen.« »Wie hätte ich mir träumen lassen,« sprach Philipp, »daß die Sonne so heimtückisch sein könnte. Ihre Strahlen kitzelten so wohlig.« »Es hat keinen Sinn, andere der Heimtücke anzuklagen. Besser klagt man sich selber dafür an, daß man nicht besser auf seiner Hut war. Die Sonnenstrahlen wirken natürlich nicht anders, als wie glühend Eisen auch wirkt, sie verbrennen einfach das Gewebe. Sie verbrennen ja auch die Leinwand auf der Bleiche, wenn sie nicht genetzt wird. Und Sie, mein Herr, Sie merkten die Wirkung nur zu spät.« Noch einige Tage und dem Doktor Philipp Rebmann fiel die Haut fetzenweise vom Leibe. Doch dieser Naturprozeß verdroß ihn nicht weiter. In bester Laune nach den überstandenen Schmerzen und Ängsten schrieb er folgende Postkarte an seinen Freund Richard: Stets der prophetischen Gabe rühmten sich stolz die Dichter, Du auch, Poeta, mein Freund, rühme dich ihrer getrost. Denn womit du mir drohtest, des Marsyas grausames Schicksal Hat mich getroffen schon heut; schmerzend und wund ist mein Leib. Ganz nach der Regel geschunden bin ich an Leib und Gliedern: Das hat Phöbus getan, Phöbus mit goldenem Pfeil. Ja, so hör' ich dich rufen, daran erkenn' ich Apollo, Und die Pfuscher der Kunst haßt er noch heute wie eh. Nein, mein Freundchen, er hasset, ganz wie irdische Dichter, Haßt und verfolgt mit Neid konkurrierende Kraft. Philipp schmunzelte. Die Verse gefielen ihm. Und – Richard wird sich ärgern. Unter dem Feigenbaum Vor den Toren von Forli erhob sich einst, die Stadt beherrschend, das schwermassige Kastell von Rivaldino, und in dessen gut gehegtem Garten an der hintersten Mauer, bei dem gewaltigen quadratischen Eckturm, stand, halb aus dem Gemäuer hervorgewachsen und gegen die Nordwinde wohlgeschützt, ein uralter Feigenbaum, dessen honigsüße Feigen seit Menschengedenken berühmt waren weit im Land. Zweimal in sieben Jahren aber hat, wenn auch sehr uneigentlich gesprochen, dieser Baum bittergiftige Frucht getragen. Unter ihm wurde am 13. August 1493 auf Anstiften der Caterina Sforza, Gräfin von Forli und Immola, deren verhätschelter Günstling Giacomo Fevo, nachdem er sieben Jahre das Land und seine Fürstin beherrscht hatte, von einem seiner Hauptleute mit Namen Gianghetti meuchlings ermordet, weil er der jungen Gräfin zu mächtig und mit seinem anmaßenden Wesen unbequem geworden war; und eine zwar anders geartete, aber vielleicht noch viel schauervollere Szene sah dieser Baum mit dem schlangenartig verschlungenen Geäst im Sommer nach jenem blutigen Ausstand der Brüder Orsi, bei dem der Graf Girolamo Riario, der Gemahl der Caterina Sforza, in so entsetzlicher Weise seinen Tod gefunden hat. Ausgangs Juli war's diesmal, als eines Morgens in der Frühe der Gouverneur von Rivaldino, Tomaso Bruzzone, durch einen berittenen Boten die Nachricht erhielt, daß seine Herrin auf dem Wege sei, ihn auf dem Kastell zu besuchen, worüber er in eine Aufregung geriet, die ihn selber in Erstaunen setzte. Er hatte es sich bisher nicht eingestehen wollen, der gereifte ernste Mann, ausgangs der vierziger Jahre, nun aber konnte er sich's nicht mehr verhehlen, schaudernd ward es ihm zur Gewißheit: er hegte für die angesagte Besucherin heimliche Gefühle im Herzen, die mit seinem Dienstverhältnis zu ihr nichts zu tun hatten, ja eigentlich damit in Widerspruch standen. Was bei ihren Verwandten in Mailand und Bologna wie nicht weniger am römischen Hof längst geredet wurde, daß die schöne Gräfin von Forli zur Zeit das gefährlichste Weib sei durch ganz Italien, ein Weib, dessen verführerischer Macht kein Mann zu widerstehen vermöge, das war ihm nun selber zur Erfahrung geworden, seitdem es ihm am verflossenen 14. April geglückt war, mit eigener höchster Lebensgefahr seine Herrin von schimpflichem Tod zu erretten; mit Grausen dachte er zurück an jene entsetzliche Nacht. Folgendergestalt aber haben sich damals die Dinge abgespielt. Die Verschwörung der beiden Bruder Orsi, Ludovico und Cecco, gegen den Grafen Girolamo Riario war trotz großen Anhangs so geheim betrieben worden, daß der Graf und seine Familie ahnungslos geblieben waren. Und dann am Abend des 14. April, als der Graf mit seinem Kanzler im sogenannten Nymphensaal des Schlosses in einer Beratung zusammensaß, trat plötzlich Cecco Orsi in den Saal. Daran war noch nichts Auffallendes, er hatte in seiner Eigenschaft als Schloßhauptmann allzeit freien Zutritt. Sich verbeugend näherte er sich dem Grafen, um ihm, wie er sagte, einen wichtigen Brief eines Freundes zu zeigen. Er hielt den Brief in der linken Hand, aber seine Rechte griff nicht nach der Hand des Grafen, die ihm dieser zum Willkomm freundlich entgegenstreckte, sondern faßte nach dem Dolch unter dem Mantel, und kurz zustoßend traf er den Grafen mitten in die Brust. »Verräter«, schrie Herr Girolamo und flüchtete sich hinter den schwer eichenen Tisch; aber da stürzten auch schon Ludovico Orsi und zwei weitere Mitverschworene in den Saal, und bald, nach kurzem Ringen, lag der Graf entseelt am Boden. Der Kanzler war entwischt. Cecco Orsi aber riß den Fensterflügel auf und verkündete seinem Anhang, der unten den ganzen Platz erfüllte, den Tod des Tyrannen; ein tausendfaches wildes Freudengeschrei erhob sich in der Menge. Der tote Graf hatte keine Freunde mehr – außer einem, dem Messer Tomaso Bruzzone, aber der saß als Gouverneur auf Rivaldino und ließ sich nichts träumen von den grausigen Vorgängen in der Stadt; alle andern hielten es mit den Aufständischen, seine nächsten Günstlinge sogar bemächtigten sich seines blutenden Körpers und warfen ihn, wie man wütenden Hunden einen Fraß zuwirft, hinunter aufs Pflaster, wo alsbald die tobende Menge über ihn herfiel, ihn seiner kostbaren Kleider beraubte und den nackten Leib in unflätigster Weise schändete. Unterdessen suchten die beiden Brüder Orsi und ihre Gehilfen nach der Gräfin, auch ihren Leichnam forderte der Pöbel. Aber ob man gleich alle Gemächer und alle Winkel durchstöberte, alle Kästen zertrümmerte und selbst die Matratzen zerschnitt, Caterina Sforza war nicht aufzufinden. Diese Bastardtochter des Herzogs von Mailand war jedenfalls, wie man sie auch beurteilen möge, ein außerordentliches Weib ersten Ranges. Alle noch so ungeheuerlichen Ungereimtheiten der Renaissance, alles Schöne und Starke, wie alles Unheimliche und Schreckliche der Zeit war in ihr verkörpert. Ein Gesandter der Republik des Heiligen Markus nannte sie in einem Schreiben an seine Signoria » la semenza di la serpe indiavolata «, den Samen der Schlange, die den Menschen um das Paradies gebracht hat; aber der fromme Maler Piero di Cosimo hat sie gemalt mit einem Heiligenschein um das stolze Haupt, auf einem Bilde, das noch heut im Museum zu Altenburg zu sehen ist. Sie war fromm, wie ihre Zeit die Frömmigkeit verstand. Sie hat zu Forli (und zu Immola, das ihr ebenfalls gehörte) prachtvolle Kirchen gebaut und reiche Klöster gestiftet. Ihre Lieblingsstiftung aber war das Kloster der Klarissinnen bei San Biagio zu Forli, deren Nonnen sie eine besonders liebe Patronin war und die sie oft zu besuchen pflegte. Und siehe, das hat ihr Segen gebracht, denn in diesem Kloster verweilte sie, während ihre wildgewordenen lieben Untertanen im Schloß ihr Bett durchwühlten und alles zu oberst und zu unterst kehrten, weil sie ihr an die stolze Seele wollten und an den schlohweißen Leib, mit dem sie sich ein ganz besonderes Gaudium versprachen. Sie aber hatte in der Dämmerung, in einfacher Aufmachung und tief verschleiert, auch nur von einer einzigen Kammerfrau begleitet, das Schloß verlassen, um die frommen Töchter der Heiligen Clara zu einem Zuspruch zu besuchen. Dort im Kloster traf sie die Nachricht des Vorgefallenen. Natürlich konnte sie nicht daran denken, zurückzukehren. Aber auch das Kloster war kein ungefährdeter Aufenthalt. Es brauchte nur einer der Verschworenen auf den Gedanken zu kommen, so war sie rettungslos verloren. Nur eine einzige Hoffnung auf sichere Rettung gab es für sie, das war der würdige Tomaso Bruzzone, der Kastellan von Rivaldino, dessen treue Ergebenheit keinem Zweifel unterstand. Zu ihm schickte sie einen Boten und bat ihn um Rat und Beistand. Sie hatte richtig geurteilt und gehandelt. Tomaso Bruzzone kam noch in der Nacht kunstreich als altes Weib vermummt in das Kloster bei San Biagio und brachte die Gräfin, in gleicher Vermummung, glücklich aus der Stadt und auf ihr festes Kastell vor dem Bologneser Tor, von wo sie unverweilt eilige Stafetten ausschickte an den Oheim ihres gemordeten Gemahls, den römischen Papst, an ihre eigenen Verwandten in Mailand und an die Bentivogli zu Bologna, die ihre Verbündeten waren. Aber bis ihr von diesen verschiedenen Seiten her Hilfe werden konnte, verstrich eine geraume Zeit, und unterdessen mußte sie eine Gefangene bleiben auf ihrem eigenen Kastell, von ihren lieben Untertanen hart belagert. Rivaldino war wohl eine gute Festung mit den neuesten Geschützen und zahlreicher Bemannung, aber gerade deswegen für eine hohe Dame kein sehr vergnüglicher Aufenthaltsort. Die Gräfin ließ sich in dem nördlichen Eckturm, der nach der dreieckigen hohen Gartenterrasse ein Pförtchen hatte (nahe bei jenem Feigenbaum), so gut es gehen wollte, ein Gemach einrichten; aber außer der schönen Aussicht nach allen Seiten hin, besonders hinunter auf ihre aufrührerische Stadt Forli, mangelte es hier an allem und jedem. Hart entbehrte sie ihre gefüllten Wäsche- und Kleiderschränke und ihren mit tausenderlei Notwendigkeiten ausgestatteten Putztisch, denn sie war in diesem Fach eine große Künstlerin und als solche weit berühmt in ganz Italien. Auch ihre Kammerfrauen fehlten ihr, die alte Aufwärterin des Herrn Kastellans bildete die einzige weibliche Bedienung, die ihr zur Verfügung stand. Nein, das war kein Leben für die schöne Caterina Sforza. Sie verstand sich auf viele Künste, nur nicht auf die des Alleinseins. Zu Messer Tomaso, dem Kastellan oder Gouverneur des Schlosses, war Caterina bis jetzt in keinerlei persönlicher Beziehung gestanden; er war der Dienstmann ihres Gemahls gewesen, seine ganze Anhänglichkeit und Ergebenheit hatte immer ausschließlich dem Grafen gegolten, die Gräfin dagegen war dem soldatischen Mann, dem zum Hofmann soviel wie alles fehlte, fast unbekannt geblieben, von seiner Gesellschaft konnte sie sich wenig versprechen. Er ließ sie sogar anfangs sein rauhes Wesen nur allzusehr fühlen. Denn als Geschöpf ihres ermordeten Gemahls, dem er angehangen hatte wie ein Hund seinem Herrn, fühlte er sich innerlich mehr als Feind denn als Freund dieses Weibes, die nach seinem Empfinden die Feindin ihres Gemahls gewesen war und durch ihre despotische Herrschaft den Untergang des, wenn auch unbedeutenden, so doch mild und leutselig gearteten Grafen hauptsächlich herbeigeführt hatte. Bruzzone war wohl ihr Retter geworden, aber keineswegs ihr zuliebe. Sie selber haßte er fast. Und sie merkte das sehr schnell, und daß er ihr gegenüber nur seine Dienstmannpflicht gegen den Herrn Girolamo erfüllt hatte, nicht aber eine freundschaftliche Tat gegen sie, die doch jetzt seine Herrin war, aber allerdings in gewissem Sinne auch seine Gefangene, das demütigte und verletzte sie tief. Aber er war einstweilen ihr einziger Verteidiger, ihr starker Schirm und Schild, überhaupt, seit dem Tode ihres Gemahls, der mächtigste Mann im Lande, von dem für jetzt ihr ganzes Schicksal abhing. Und so zeigte sie sich ihm schon aus politischer Berechnung von ihrer liebenswürdigsten Seite und ging recht eigentlich darauf aus, ihn mit dem berückenden Zauber ihrer außerordentlichen Persönlichkeit ganz und gar einzuspinnen, was ihr schneller gelang, als sie gedacht hatte. Das bereitete ihr in ihrer augenblicklichen Lage keine kleine Genugtuung. Diesen sonst recht unmanierlichen Bären von einem Kriegsmann mit dem kurzen schwarzen Krausbart sich wie im Handumdrehen zu einem wedelnden und ganz und gar gefügigen Schoßhündchen umgewandelt zu haben, machte ihr fast ein kindisches Vergnügen. Der würdige Tomaso Bruzzone besaß übrigens in ihren Augen noch ein besonderes Verdienst. Das war sein Neffe Giaconio Fevo, ein achtzehnjähriger Adonis, nicht nur der schönste Jüngling, den die Gräfin je vor Augen bekommen hatte, sondern auch sonst mit überraschenden Talenten ausgestattet. Er wußte meisterhaft die Laute zu schlagen und sang dazu mit einer Stimme wie ein Cherub. Er war ganz geringer Leute Kind und in großer Armut aufgewachsen, bevor der Oheim sich seiner erbarmt hatte; aber sein Betragen war so frei und unbefangen wie das eines wahrhaftigen Prinzen. Er wußte sich mit einer solchen Grazie vor der Gräfin zu verbeugen, daß sie sich nicht genug darüber verwundern konnte, und wenn er dabei einen Blick lang seine leuchtenden Mandelaugen anbetend zu ihr aufschlug, so meinte die Gräfin, oder wenigstens das Weib in ihr, in ihrem Leben keine schönere Huldigung empfangen zu haben; ihr heimliches Bewußtsein, einen krausbärtigen Bären so kurzerhand gezähmt zu haben, bildete also nicht ihr einziges kindisches Vergnügen. Und also fühlte sie sich bereits nach einigen Wochen lang nicht mehr so unglücklich. Den grauenhaften Tod des Grafen Riario, ihres Gemahls, empfand sie nämlich, wie Messer Tomaso es richtig herausgefühlt hatte, keineswegs so schmerzlich, als man etwa glauben sollte. Zu sagen, sie habe ihn nicht geliebt, wäre zu schwach ausgedrückt; sie hatte ihn (Tomaso Bruzzone war gut beraten) tödlich gehaßt, den Mann, der in seiner Jugend zu Genua ein elender Krämer gewesen war und mit Schuhwichse gehandelt hatte. Nur weil dann sein Oheim, der gelehrte Franziskanermönch Della Rovere, zu Rom auf den höchsten Thron der Welt berufen worden, sah er sich plötzlich aus verächtlicher Niedrigkeit zu fürstlichem Rang emporgehoben. Das war das Schicksal vieler in jener Zeit. Und viele sind dadurch wirklich Große geworden. Diesem Papst-Neffen aber fehlte dazu das Zeug. Er ist, wenigstens nach dem Urteil seiner Genossen, eine schwachmütige, feige Krämerseele geblieben, ohne Schwung und Kraft, ein armseliger, kleinlicher Mensch, bis an sein schmähliches Ende, und die stolze und starke Caterina Sforza hat ihn nicht nur gehaßt, sondern tief verachtet in jeder Stunde ihrer unglückseligen politischen Ehe mit ihm, die doch zu Rom in der Basilika des heiligen Petrus mit einem Pomp begangen worden war wie selten eine. So beschaffen war die Vergangenheit dieser schönen Frau, die einst zu Rom an der Spitze ihres Söldnerheeres, während ihr Gemahl seinen Lüderlichkeiten nachging, sich der Engelsburg bemächtigt, den Papst selber bedroht und die Kardinäle zur Annahme ihrer Bedingungen genötigt hatte, wobei sie von den begeisterten Römern fast wie ein überirdisches Wesen angestaunt und in Hunderten von guten und schlechten Sonetten besungen wurde. Sie aber sah jetzt nicht zurück in die Vergangenheit, nur der Zukunft galt ihre Sorge. Der Tod ihres Gemahls, wie gesagt, schmerzte sie wenig als Weib; aber die Pflicht der Rache, von der allgemeinen Sitte der Zeit ihr als Fürstin auferlegt, gedachte sie deswegen nicht abzulehnen; sie sann im Gegenteil auf nichts anderes, und wenn trotzdem das Betragen zweier Männer ihr öfter, als man es glauben sollte, ein kindisches Vergnügen bereitete, so zeigte das nur, daß ihr stolzes Fürstenwesen ihrem Weibtum wenig Abbruch tat. Wochen um Wochen dauerte dieser Zustand, aber endlich nahte doch die Stunde, die aus der Gefangenen eine Freie machen sollte und aus der Duldenden eine Frau der rächenden und vergeltenden Tat. Zwar der Papst-Oheim zu Rom war plötzlich gestorben, als sich ihr Bote zu ihm noch unterwegs befand, nicht aber versagten ihre Verwandten und Verbündeten zu Mailand und Bologna. Deren Söldnerheeren, geführt von dem weitgefürchteten Galeazzo von Aragon-Sanseverino, konnte die Stadt Forli nur kurz Widerstand leisten, schon nach drei Tagen mußte sie sich ergeben, und Caterina Sforza hielt an der Seite des genannten schrecklichen Condottiere auf weißem Zelter triumphierend ihren Einzug in die zitternde Stadt. Sie erwies sich jedoch gnädig, ja huldvoll gegen die gemeine Bevölkerung und verbot ihren Mailändern, die sich doch nach Sitte und Herkommen vollkommen dazu berechtigt glauben durften, alles Plündern und Mordbrennen aufs strengste. Die adligen Verschwörer jedoch strafte sie fürchterlich; sie blieb ihnen keine ihrer Unmenschlichkeiten schuldig, ihr Oberprofoß, der berüchtigte Babone, hatte drei Monate lang harte Arbeit, die Gräfin aber wurde seit jenen Tagen an den Höfen Italiens in zynischem Scherz die Tigerin von Forli genannt. Ihren Mailänder und Bologneser Freunden aber gab sie dergestalt prunkartige Festgelage, dergleichen man in der guten Stadt Forli nie erhört hatte, und wobei selbst der goldene Schmuck der Poesie, wie der Südländer sie versteht, nicht zu kurz kam. Wahrlich, sie verstand es, Fürstin zu sein im Stil ihrer Zeit, der nun einmal die wildeste Grausamkeit als würzende Zugabe galt in dem rosenbekränzten Becher ihres überschäumenden unbändigen Lebensgefühls. Und diese »Tigerin von Forli« (auch durch ihre faszinierende Schönheit einer solchen vergleichbar) befand sich nun auf dem Weg, den Bären zu besuchen, den schwarzen Krausbart Tomaso Bruzzone auf Rivaldino, und ein sphinxhaftes Lächeln umspielte die roten Lippen der gefürchteten Frau beim Gedanken an dieses Wiedersehen. Denn wenn Messer Tomaso es vielleicht wirklich noch nicht wußte, daß seine Herrin es ihm bedenklich angetan hatte mit ihrem Zauber, sie selber wußte es um so besser. Der von ihrer Ankunft benachrichtigte und aufs höchste verblüffte Tomaso schickte zu allererst nach seinem Neffen. Dieser schien über die ungewöhnliche Botschaft weit weniger erstaunt. »Nun ja,« meinte et mit einem kindlich unschuldsvollen Blick aus seinen großen Mandelaugen, »Ihr müßt es doch gemerkt haben, Onkel, daß sie Euch während ihrer Gefangenschaft hier ordentlich liebgewonnen hat, und auch Ihr machtet keineswegs ein verdrießliches Gesicht, wenn sie Euch sozusagen den Bart kraute, so wenig Ihr sonst daran gewöhnt sein mochtet.« Tomaso hatte Mühe, über diese treuherzigen Worte des Knaben nicht zu erröten. »Hier ist der Schlüssel zur Pforte des Nordturms,« sagte er, »steige hinauf auf seine höchste Zinne, und wenn du die nahende Herrin erblickst, gib uns ein Zeichen mit deinem Tuch.« Gut, dachte der schöne Giacomo, auf die Turmzinne wollte ich gerade hinaufsteigen, das ist mein Posten, und es ist fast komisch, daß mich mein Oheim nun selber hinaufschickt. In der Halle winkte er einem schwerbewaffneten jungen Freiwilligen, namens Gianghetti, der sein Vertrauter war und auf ihn wartete. Und beide begaben sich nach dem bezeichneten Turm. Tomaso aber befahl der Schloßbemannung, sich eiligst in ihren Paradestaat zu werfen und sich bereit zu halten. Er selber sah in eigener Person nach den Geschützen, den blitzblanken und reichverzierten bronzenen Mörsern, ob auch alles in Ordnung sei, dann postierte er seine buntaufgeputzte Mannschaft vor dem großen Eingangstor und ließ sie eine Gasse bilden, zwischen welcher er nervös erregt auf und ab schritt, immer nach der Turmzinne blickend. Endlich sah er den Neffen sein Tuch schwenken. Er gab einen Befehl, und schon im nächsten Augenblick krachte der erste Salutschuß. Nach fünf Minuten folgte ein zweiter, und so sieben hintereinander. Unterdessen näherte sich die Gräfin. Sie saß auf einem reich aufgeschirrten weißen Zelter, zwei schmucke Pagen hielten die Zügel des Pferdes, ihre Leibwache, zwölf bis zu den Zähnen bewaffnete Lanzenknechte mit ihrem Hauptmann zu Pferde, folgten ihr. Die Gräfin trug ein rotes Atlaskleid mit schwarzen, über und über mit Edelsteinen besetzten Puffärmeln und darüber einen Mantel von schwarzem Damast und Goldbrokat. Herr Bruzzone schritt ihr mit Wurde entgegen, und drei Schritte vor ihr beugte er das Knie; sie lächelte huldvoll auf ihn hernieder. Es war seltsam und eigentlich kaum zu begreifen, wie von diesem Frauengesicht mit der übergroßen Nase, so daß es im Profil fast einem Raubvogel glich, ein so bezwingender Liebreiz ausgehen konnte. Daß sie freilich auch erschreckend zu blicken verstand, hat mancher erfahren. Die Pagen waren zurückgetreten, Herr Bruzzone ergriff selber die goldenen Zügel und geleitete seine Herrin durch die unbewegliche bunte Gasse der Schloßbemannung und die schweren massiven Torbogen hinein nach dem inneren Hof. Wußte er, wen er so unvorsichtig in seine wohlverwahrte Festung einführte? Er wußte es nicht. Noch war zu seinen unschuldigen Ohren das höfisch-höhnische Wort nicht gedrungen, das Wort von der Tigerin von Forli. Er hielt ihr jetzt den Steigbügel, sie stützte ihre Hand auf seine Schulter, und da stand sie vor ihm, zu Fuß noch majestätischer wirkend als zu Pferde. »Ich habe Wichtiges mit Euch zu besprechen, mein Freund,« sagte sie, »lasset uns nach dem Garten gehen, es ist der Ort, an den ich meine liebsten Erinnerungen habe aus der Zeit meiner traurigen Gefangenschaft, die mir nur durch Euch einigermaßen erträglich geworden ist. An der hintersten Mauer steht ein Feigenbaum mit einer steinernen Bank darunter, dort werden wir ungestört sein.« Unter schweren Gewölben, durch dunkle Gänge und einige hochummauerte Höfe gelangten sie hinaus auf die lichte dreieckige Gartenterrasse, ebenfalls von dicken Mauern hoch umschlossen und flankiert von dem mehrfach genannten quadratischen Eckturm. Auf die Steinbank unter dem Feigenbaum setzte sich die Gräfin und winkte ihrem Gouverneur, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Aber daß sie wichtige Dinge mit ihm zu besprechen habe, war ihr offenbar in Vergessenheit geraten; sie verharrte in rätselhaftem Stillschweigen. Doch von Zeit zu Zeit sah sie ihm forschend in die Augen. Tief versenkte sie ihren Blick in den seinen, wie voll Begierde, das zum aber- und abermalsten in seinem Innern zu lesen, was sie doch längst auswendig wußte. Und Blicke waren es, daß sie ihm Mark und Bein durchdrangen und sein Blut derart in Aufruhr brachten, daß er Mühe hatte, an sich zu halten. Dann begann sie plötzlich von ihrem gemordeten Gemahl zu erzählen, dem gehaßten Papst-Neffen, unschöne Dinge, und ihre Rede klang ihm wie eine Herausforderung. Es wunderte ihn auch, daß sie mit keinem Wort nach seinem Neffen fragte, für den sie seinerzeit doch soviel Teilnahme gezeigt hatte; aber er war dessen wohl zufrieden. Eine reife Feige fiel vom Baum weich in den gefransten Blätterbusch eines Akanthus. Er erhob sich, um sie aufzunehmen. Sie war nur wenig verletzt, ein kurzer Sprung nur zeigte das weißlich rosafarbene Fleisch unter der grüngelben Hülle. »Es ist die Erstlingin des Jahres,« sprach er, »darf ich sie Eurer Herrlichkeit anbieten?« »Die Frucht, die der Venus geweiht ist«, versetzte sie mit fragendem Blick. Dann griff sie danach, und ihre zierlichen spitzen Zähne bissen in das saftige Fleisch. »Sie ist wie Honig,« versicherte sie, »versucht nur.« Damit hielt sie ihm die angebissene Frucht entgegen. Und wahrlich, er wäre der erste Adam gewesen, obgleich er mit Namen Tomas hieß, der nicht eifrig nach der Frucht gelangt hätte, welche zuvor die Zähne der Eva blutig gebissen hatten. Er nahm sich also zusammen und tat nach ihrem Geheiß. Aber dann lag er plötzlich zu ihren Fußen und umklammerte ihre Knie. Wie in jähem Schreck erhob sie sich und eilte nach dem offen gebliebenen Pförtchen des Turmes. Dort oben hatte sie einst gewohnt, dort stand ihr Schlafgemach noch unberührt, wie sie es vor drei Monaten verlassen hatte. Sollte sie ...? War ihr Aufbruch eine Flucht oder vielmehr eine Einladung? Er entschied sich für das letztere, er erhob sich und folgte ihr ... Du folgtest ihr wirklich, Herr Tomas. Oh, daß dein heiliger Patron dir etwas von seiner Ungläubigkeit vererbt hätte. So warst du allzu gläubig. Aber freilich konntest du nicht wissen, was im geheimen seit drei Monaten vor sich gegangen war, daß dein Neffe Giacomo wiederholt Brieflein von der Gräfin erhalten und sogar in ihrem Stadtschloß von ihr empfangen worden war. Du warst allzu unwissend, Herr Tomas mit dem schwarzen Krausbart ... Er folgte ihr. Er fürchtete nur eins, daß er die Tür oben verschlossen und verriegelt finden könnte. Aber sie war nur angelehnt, und er stürmte hinein. Die Gräfin stand am Fenster und blickte wie in sehnsüchtigen Träumen in das weite Land hinaus; ihr kühnes Profil und ihr wunderbar schlanker weißer Hals über dem schwarz-goldenen Brokat hoben sich kraftvoll ab gegen das einfallende Licht. Herr Bruzzone beugte das Knie vor ihr und ergriff ihre entblößte weiße Hand. Sie entzog sie ihm nicht, sie blickte mit einem zärtlichen Blick zu ihm nieder. Er las in ihm die letzte Bestätigung seiner Hoffnungen. Mit machtvollen Armen ergriff er ihre hohe Gestalt und trug sie zu der kaum geordneten Lagerstätte – da stieß sie einen gellenden Hilferuf aus, und im gleichen Augenblick stürzten der junge Giacomo und sein Geselle Gianghetti, beide mit entblößten Dolchen, in das Gemach. Der Freiwillige warf sich unverweilt über den Kastellan, der sich in diesem Augenblick am wenigsten eines Schlimmen versehen haben mochte. Er fühlte sich vollständig überrumpelt, er gelangte kaum zur Gegenwehr, schon nach wenigen Minuten lag er mit durchschnittener Kehle auf dem blutbesudelten Ruhebett, wo er so ganz anders zu liegen gehofft hatte. Also hatten es die Gräfin und ihr Adonis sich ausgedacht. Tomaso war sonach als Übeltäter gefallen, als Opfer seines ruchlosen Angriffs auf die Ehre und den Leib seiner Landesfürstin. Und die Gräfin ließ es an Dankbarkeit gegen ihren Retter nicht fehlen. Sie ernannte ihn zunächst zum Nachfolger des Gemordeten, und die finstere Festung von Rivaldino erfreute sich nun auffallend oft der Gegenwart ihrer strahlenden Schönheit. Immer höher stieg Giacomo Fevo in ihrer Gunst, ja sie machte ihn zuletzt zum Generalgouverneur und Vizeregenten ihrer Staaten, und er besaß bald nicht weniger Macht und Einfluß, als wenn er der Graf selber gewesen wäre. Das Volk sprach von einer heimlichen Ehe zwischen ihm und der Gräfin. Kaiser und Könige begannen mit ihm zu rechnen. Karl der Achte von Frankreich, der damals in Italien weilte, empfing ihn huldvollst und ernannte ihn zu einem Baron von Frankreich. Da fing er an, hochmütig zu werden und seinen Einfluß zu mißbrauchen, die Gräfin selber bekam Angst vor ihm. Immer mehr legte er alle Mäßigung ab; sogar seinen alten Vertrauten Gianghetti, den er zum Schloßhauptmann hatte machen lassen, beleidigte er eines Tages tödlich. Darüber brach er das Genick, er endete wie sein Oheim, und der nämliche alte Feigenbaum, der einst die verliebte Betörtheit des ehrlichen Tomaso mit seinen schamhaften Blättern überschattet hatte, wurde der Zeuge auch seines blutigen Todes. Sein Nachfolger bei der Gräfin wurde der florentinische Gesandte am Hof zu Forli, Giovanni Medici, genannt Popolano; auch er hat, wie in der Geschichte zu lesen ist, der schönen Caterina Sforza wenig Glück gebracht. Napolitanische Sittlichkeit »Da bin ich, gottlob! gerettet, auf deutschem Boden. Und kann nun aufatmend fast schon lächeln über die entsetzliche Nacht, über die Nacht voll Schrecken und Angstschweiß, die ich hinter mir habe. In fünf Tagen bin ich bei euch, dann werd' ich's euch erzählen. Mit schönsten Grüßen euer Eduard Hesse. – P.S. Vedi Napoli, poi mori habe ich, wie so viele Laffen, mir noch vorgestern auch vorgesagt mit geschwellten Gefühlen; heut sag' ich: liebes Neapel – – – die Gedankenstriche mögt ihr selber ausfüllen, aber so unschön als möglich. D.O.« Datiert war diese Postkarte aus dem Golf von Neapel und trug den Poststempel des Norddeutschen Lloyddampfers »Iduna«; gerichtet war sie an den Stammtisch einer kleinen Gesellschaft von Hofmusikern in einer süddeutschen Residenzstadt, wo sie denn des Staunens und Ratens nicht wenig verursachte. Von Nervi aus, wohin er von seinem Arzt wegen eines Lungenspitzenkatarrhs geschickt worden war, hatte Kollege Hesse (der zweite Violinist vom Hoftheater) immer nur lustige und vergnügte Karten geschickt, und sehr erfreut, ja mit Entzücken und Begeisterung hatte er auch von seiner bevorstehenden Fahrt nach Neapel gemeldet. Denn der Vater eines seiner Schüler, ein großer Geschäftsmann am Ort, hatte ihm dazu eine Freikarte Erster Klasse beim Lloyd verschafft, auch war er deswegen von dem ganzen Stammtisch nicht wenig beneidet worden. »Dieser schmachtlockige Jüngling ist ein verdammter Glückspilz«, hatte der dicke, kahlköpfige Josef Bender, der Mann vom Kontrabaß, nicht ohne bittere Mißgunst ausgerufen. Nach all dem nun diese heutige Karte! Natürlich war ihre Neugierde ungeheuer, und als nach nicht ganz acht Tagen Eduard Hesse wohlbehalten in ihrer Mitte saß, wurde diese Neugierde geradezu bis zur Nervosität gesteigert, weil der schönlockige Kollege erst behaglich von einigen kleinen Abenteuerchen auf dem Dampfer erzählte; ja sozusagen auf die Einzelheiten seiner Seekrankheit ging er weitschweifig ein und brauchte so fast eine Stunde, bis sein Glücksschiff am andern Morgen gegen elf Uhr glücklich in den Hafen von Neapel einlief und dann auf festem Boden der häßliche Kampf begann, den der Fremde hier mit den Tausenden von zerlumpten Spitzbuben (spitzbübischen Lumpen) zu bestehen hat. »Um es kurz zu machen,« meinte Eduard Hesse endlich, »so überließ ich mein Köfferchen zuletzt einem halbnackten Lazzaronijungen, dem ich dann auf Gnade und Ungnade folgte. Wir kamen über eine Art Fischmarkt, wo es schrecklich nach faulen Muscheln stank, dann durch einige unglaublich schmutzige Gassen; von da aber traten wir plötzlich in eine weite, schöne Straße hinaus, wie sie selbst in Leipzig nicht schöner zu finden sein dürfte, nur daß einen ein Übermaß von Sonnenlicht unangenehm blendete. An einem Eckhause las ich in mächtig großen Buchstaben: Corso Umberto I . Ihn wenigstens, diesen grandiosen Corso Umberto I. – (er ist, wie der Schreiber bemerken will, eine der charakterlosesten Neustraßen der Stadt) – ihn habe ich also doch gesehen, wenn auch sonst nichts von ganz Neapel. Wir machten auch nur noch wenige Schritte hier, da wandte sich mein schnellfüßiger napolitanischer Kobold gegen mich um, sagte:. » Ecco, Signore! « und wies mit der Hand nach einer schildförmigen Tafel mit der Inschrift: » Albergo della buona Stella. « Das heißt auf deutsch: »Zum guten Stern.« Nun, meine Freunde, mir war's ein böser Stern. Gedacht hätt' ich's nicht in jenem Augenblick, vielmehr beglückwünschte ich mich, in einer so schönen Straße zu wohnen, und auch von dem stattlichen Haus muß ich sagen, daß es durch sein Aussehen keineswegs aus dem Bild herausfiel; das konnte nur ein gutes, vornehmes Hotel sein. Freilich das schachtartige steinerne Treppenhaus, in dem wir hinaufstiegen, ließ an Sauberkeit zu wünschen, es schien mir nicht mehr ganz zu stimmen zu dem glanzvollen Korso, und oben im ersten Stock der Herr Oberkellner roch verdammt nach Knoblauch in seinem fettig schmuddeligen Frack. Aber das Zimmer, das er mir öffnete, war hoch und geräumig und mit nicht weniger als drei Fenstern nach dem Korso hinaus. Ich öffnete eines davon mitsamt den durchbrochenen Läden davor, und wahrlich, das war ganz ein Blick wie zu Leipzig in der Nürnberger Straße, wenn nämlich, wie gesagt, das blendende Licht einen nicht so molestiert hätte ... Und nur zwei Lire sollte es kosten. Ihr könnt euch denken, daß ich zufrieden war. Und natürlich hätte ich am liebsten nun gleich das ganze Neapel ein wenig in Augenschein genommen. Aber ich hatte auf dem Schiff die ganze Nacht kein Auge zugetan, so zog ich es vor, mich erst ein wenig hinzulegen und auszuruhen. Darüber muß ich dann eingeschlafen sein, und als ich einmal von einem Geräusch in die Höhe fuhr, war die Sonne verschwunden, ich schaute auf die Uhr, sie zeigte bereits auf fünf. Während ich mich dann an meiner Waschschüssel etwas erfrischte, schlugen plötzlich eigentümliche Töne an mein Ohr. Es klang wie das Kichern junger Frauenstimmen. Ich sah mich um, und mein Blick fiel auf eine Tür, die wohl in ein Zimmer nebenan führte und die ich am Mittag nicht weiter beachtet hatte. Hinter dieser Tür scholl immer wieder von Zeit zu Zeit das sirenenhafte Kichern – und darum näherte ich mich dieser Tür und geriet da im ersten Augenblick in keinen kleinen Schrecken. Ich bemerkte nämlich, daß das Schloß auffällig gelockert war, ja, als ich vorsichtig daran griff, wie es denn mit seiner Festigkeit bestellt sei, blieb mir das ganze Schloß in der Hand mitsamt den Nägeln, die doch eigentlich den Beruf gehabt hatten, es festzuhalten. Und mit dem losgegangenen Schloß in der Hand stand ich verblüfft da. Drüben aber hörte ich von neuem Kichern – Sirenengesang. Ihr seid ja Musiker, ihr wißt, was das Wort bedeutet. Ihr wißt aber auch, daß ich allzeit meines Lebens ein ehrbarer Jüngling war ...« »Nanu«, ließ der Hoboist Gödeke sich hier vernehmen. »Ehrbarer Jüngling.« »In der Wiege schon«, ergänzte Franz Hubmayer, der Mann der Bratsche, doch Eduard Hesse ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Ihr wißt es oder ihr wißt es nicht,« fuhr er ganz ernsthaft fort, »und so oder so, legte ich das ledig gewordene Schloß sanft auf meine Bettdecke, daß es kein Geräusch gab, und war nun natürlich sehr begierig, was denn eigentlich die Tür dazu sagen werde. Die sagte aber gar nichts, und ohne auch nur im geringsten zu graunzen, gab sie meinem Finger willig nach, und es entstand ein Spalt. Und da konnte ich mich nicht enthalten, ich mußte die entgegenkommende Tür noch etwas weiter öffnen und hatte mm auf einmal einen nicht unlieblichen Anblick vor mir. Der Tür schräg gegenüber auf einem Sofa von grünem Rips rekelten sich zwei Frauenzimmerchen, wie ich so schöne in meinem Leben nicht gesehen habe. Sie schienen außer ihren weißen Unterröckchen wenig anzuhaben. Die eine war rücklings hingelagert mit zwei nackten Armen hinter dem Kopf, und was für Armen; die andere schien sich auch erst gerade aufgerichtet zu haben; mit vorstehenden nackten Ellenbogen, ich hatte nicht gewußt, daß Ellenbogen so weiß sein können, nistelte und nestelte sie an ihrem schwarzen Haargebäude herum. Leider gähnte sie dabei. Sie hatten offenbar, wie ich, ein Schläfchen getan und waren jetzt daran, sich vollends zu ermuntern. Plötzlich aber stieß die Sitzende, die gerade gegähnt hatte, einen Schrei aus; sie hatte mich erblickt. Sie raffte zugleich ein Tuch vom Boden aus und umhüllte damit ihre Schultern, die andere warf mit einem Schwupps ihre beiden Beine über den Kopf ihrer Freundin hinweg, schnellte sich in die Höhe, und da stand sie aufgerichtet, wie drohend; ein Stoff war ihr nicht in Greifweite, sie bedeckte ihre Brust mit den ausgespreiteten Händen. Was ich wolle, warum ich die Tür geöffnet hätte, so ungefähr sprudelte mir's entgegen. Und ich? Nun, mein Italienisch vom Konservatorium versagte in diesem Augenblick ein wenig. Ich brachte zunächst kaum mehr als ein paar Stottertöne hervor und mag dabei vielleicht nicht sehr intelligent ausgesehen haben, denn die beiden Schönen hatten ihre erschreckend drohende oder drohend erschreckte Haltung aufgegeben, sie brachen beide in lautes Gelächter aus. Und so war ihr Lachen, daß ich wie berauscht davon wurde, und eine Kühnheit kam mir, ich machte einen Schritt ins Zimmer, ich bat, so gut ich die Worte finden konnte, um Entschuldigung, kurz, ich versuchte eben, ob ich diese verlockende Gelegenheit nicht etwa benutzen könne, mein Italienisch etwas zu fördern. Aber die beiden Frauenzimmer waren schon wieder ernst geworden, und wenn ich auch von ihrem Gekreisch nicht alle Worte verstand, wurde mir doch klar, daß sie mich heftig und unter Vorwürfen aufforderten, mich zurückzuziehen, und eine, so viel begriff ich, sprach von ihrem Mann, den sie zurückerwartete, und deutete dabei nach der Gangtüre, als ob sie ihn schon kommen höre ...« »Na, da hat denn wohl der blonde sächsische Jüngling schleunigst und mit Grazie den Rückzug angetreten; oder irre ich mich?« »Du irrst dich nicht, Gödeke«, antwortete Hesse dem Spotte des Hoboisten. »Der blonde sächsische Jüngling hat wirklich den Rückzug angetreten. Ob mit mehr oder weniger Grazie, gehört nicht zur Sache; nur das gehört dazu, daß ich so behutsam und geräuschlos als möglich das untreue Schloß wieder an seine Stelle zu bringen suchte und jeden Nagel akkurat in sein Loch drückte, als ob das nur so mein Handwerk gewesen wäre. Ich fühlte mich davon befriedigt und schon fünf Minuten später stand ich bereits drunten auf dem wundervollen Corso Umberto I. Aber wohin nun? Und sieh, ich hatte Glück. Denn schon nach einigen hundert Schritten fiel mir ein Türrahmen ins Auge, denkt euch, ein Türrahmen in geschwungenem und verschlungenem, kurz, im herrlichsten, neuesten, deutschen Jugendstil, und ich dachte, wie weit es doch die Deutschen gebracht haben, daß man sie jetzt schon überall in der Welt nachahmt. Als ich näher kam, blickte mir auf der Tür, sie war von Glas, sogar ein deutsches Wort, ein ehrliches deutsches Wort entgegen: Weinstube. Ich hatte trotz meines Hungers – nach anderthalb Tagen Seekrankheit – die Stadt etwas näher in Augenschein nehmen wollen, aber nun tat die deutsche Kunst und das liebe deutsche Wort mir's an, ich konnte nicht anders, ich mußte da eintreten. Die Stube war fast leer, hinter dem Büfett stand ein putziger Pikkolo, an einem Tisch in nächster Nähe saßen ein Herr und eine Frau, ich sah mich etwas unschlüssig um. ›Guten Tag, Herr Landsmann,‹ hörte ich plötzlich sagen, ›wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen?‹ Und denkt euch, im schönsten Leipziger Sächsisch. Ach, wie mir da das Herz heimatselig pupperte. Und selbstverständlich wollte ich bei den lieben Landsleuten Platz nehmen. Die beiden Leutchen hatten vor sich eine große Schüssel kalten Aufschnitt, Leberwurst, Blutwurst, Fleischwurst, dieselbe Wurst, die ich am Abend zuvor auf dem Dampfer auftragen sah, wo ich aber nichts davon essen konnte, weil ich seekrank war. Ich wurde eingeladen, mitzuhalten, der Pikkolo brachte einen Teller mit Messer und Gabel, und weil man mich doch einmal so freundlich aufforderte, sing ich an, tüchtig einzuhauen. ›Das bekommen Sie so leicht nicht noch einmal in Neapel,‹ ermunterte mich der Herr Landsmann, ›lassen Sie sich's nur schmecken, wenn es all ist, ist es noch lang nicht all.‹ Und er wies nach einem Korb auf der Bank, aus dem noch drei oder vier Mordswürste hervorstarrten ...« »Kurios, diese Wurstgeschichte«, brummte Josef Bender unter seinem hängenden Schnauzbart hervor. »Ihr müßt denken, er ist beim Aufschnitt,« witzelte der Bratschist Hubmayer, »da kommt's auf ein bißchen Aufschneiden mehr oder weniger nicht an; wenn es all ist, ist es noch lang nicht all.« Eduard Hesse fuhr fort: »Die Sache verlangt allerdings eine Erklärung. Der Herr Landsmann war nämlich, wie ich auch erst im Lauf des Abends erfuhr, eine Art Angestellter des Norddeutschen Lloyd, der aus eigener Schlächterei zu Neapel die Schiffe der Gesellschaft mit frischer Wurstware versorgte. Jedenfalls aber war er ein gemütlicher Leipziger, trotz seiner schwäbischen Frau, und so werdet ihr euch nicht wundern, wir tranken ja zudem einen hitzigen Vesuvwein, daß mir wohlig das Herz aufging, wobei ich denn bald mein kleines Abenteuerchen vom Nachmittag zum besten gab. Und ich konnte mein Bedauern nicht unterdrücken, die prickelige Angelegenheit nicht wenigstens ein klein wenig weitergetrieben zu haben. Der Landsmann war anderer Meinung. Nein, nein, mit solchen Dingen sei in Neapel nicht zu spaßen. Frauen, die dem Fremden zur Verfügung stehen, gab es ja Tausende; aber dabei an eine Unrechte zu geraten, das sei hier ganz anders gefährlich als im gemütlichen Deutschland daheim. Die Napolitaner verstünden da keinen Scherz. Meine schwäbische Nachbarin lenkte ab, wir sprachen wieder von weniger anzüglichen Dingen, und als ich mich, bereits gegen Mitternacht, nach meinem ›guten‹ Stern aufmachte, dachte ich wahrhaftig mit keinem Gedanken mehr an die ganze Sache. Das Hotel war geschlossen, ich mußte läuten. Ein barfüßiger junger Mensch in schmutzfarbigem Hemd und notdürftig geknüpfter Hose öffnete. Im ersten Stock oben brannte Licht und, in der Tasche nach meinem Zimmerschlüssel fühlend, stieg ich, wie in einem steinernen Schacht, die Treppe empor. Aber oben im Gang, der zu meinem Zimmer führte, sah ich mir plötzlich den Weg versperrt. Nicht weniger als vier Kerle traten mir entgegen: der schmierige Oberkellner vom Vormittag, immer noch in seinem unmöglichen Frack, ein Dicker in bürgerlich schwarzem Anzug (er gab sich später für den Wirt aus) und zwei – nun, wie soll ich sagen, zwei jüngere Herren, der eine in hellblauem, der andere in hellgrauem Kostüm, mit noch farbigeren Krawatten um den Hals, kurz, in einer Aufmachung und auch mit sonstigen Anzeichen, daß man sie, wenigstens in Deutschland, sicher für Artisten oder so ähnliches gehalten hätte. In meiner kleinen Weinheiterkeit dachte ich mir zunächst nichts Böses; ich lüftete höflich den Hut und erwartete, daß man mir Raum gäbe. Da nahm der Kellner zuerst das Wort und zugleich wies er mit der Hand nach einer Art Gelaß, mehr Loch als Zimmer, wo ich am Boden neben einem schmutzigen, schmalen Bett zu meinem höchsten Erstaunen mein Köfferchen erblickte. Aus seiner Rede hörte ich heraus, daß ich die Nacht nicht in meinem Zimmer, sondern in diesem Gelaß zubringen werde. Ich fragte nach dem Warum, er zuckte die Achsel. Ich hätte am Nachmittag in meinem Zimmer ein Schloß erbrochen, erklärte jetzt der Wirt. Ihr könnt euch denken, daß ich da plötzlich bodennüchtern wurde. Und natürlich protestierte ich. Das Schloß habe schon vorher lose in seinen Nägeln gehangen und sei mir beim bloßen Anrühren einfach in der Hand geblieben. Die beiden Hellfarbigen lachten höhnisch. Der Wirt: All sein Personal werde das Gegenteil bezeugen. Der Hellblaue: Was ich in dem Zimmer der Damen gesucht hätte? Der Perlgraue: Ob ich leugnen wolle, daß ich in einem fremden Zimmer unbescholtenen fremden Damen mit unanständigen Anträgen auf den Leib gerückt sei! Ob ich frech genug sei, es leugnen zu wollen? Herrgott, was für eine Szene! Ein vielstimmiges Geräusch einer schrillen Rhetorik überschüttete mich, heißer Atem fauchte mich an, Arme fuchtelten, Fäuste ballten sich mir unter der Nase, unheimliche Hände umkrallten mir den Arm und schüttelten mich – – –« Der Erzähler hielt ergriffen inne. »Armer Eduard,« sprach mit aufrichtiger Teilnahme Freund Hubmayer, »das war kein Spaß.« »Entsetzlich war's«, nahm Hesse wieder das Wort. »Ich verstand ja nicht den hundertsten Teil von all den überschwenglichen Wörterfluten, die auf mich einstürmten; aber daß von porte forzate , von erbrochenen Schlössern, von Einbruch und Hausfriedensbruch, von gewalttätigen Angriffen auf die weibliche Ehre und ähnlichen schönen Dingen immer und immer wieder die Rede war, begriff ich allmählich nur allzu gut. Und auch, daß darauf Gefängnis stehe, mehrmonatiges Gefängnis, und daß man nach dem Kommissar geschickt habe und den Karabinieri, und daß man es mir schon beibringen werde, was es heißen wolle, mit Gewalt in fremde Zimmer einzudringen und italienischen Damen über den Hals zu fallen, und so weiter, und so weiter. An die anderthalb Stunden wenigstens hatte ich diesem Verfahren standzuhalten, bis die Herren endlich doch ermüdeten, da immer noch kein Kommissar mit seinen Karabinieri erscheinen wollte, woraus der unheimliche Kellner – der Wirt hatte sich früher davon gemacht – mich in die erwähnte Spelunke hineinwies, während die andern mir die Versicherung nachriefen: am Morgen werde es schon nicht fehlen und der Kommissar zur Stelle sein, und dann werde ich schon erfahren und so weiter. Ich fühlte mich also endlich allein in einem engen, stockfinsteren Raum, und wie halb blödsinnig sprach ich immer und immer wieder vor mich hin: du bist verloren, du bist verloren. An Schlafen oder auch nur daran, mich niederzulegen, kein Gedanke. Ach Gott, war das eine Nacht. Allmählich aber gewann ich wieder etwas Herrschaft über mein Denken. Ich überlegte, ob ein Ausweg zur Rettung möglich sei. Ich fand keinen. Du kannst es nicht beweisen, sagte ich mir, der Schein ist gegen dich. Wenn der Wirt und seine Leute bezeugen, daß das Schloß in Ordnung war, so bleibt es auf dir sitzen; du hast es mit Gewalt losgebrochen, du bist und bleibst ein Einbrecher. Und der kalte Schweiß tropfte mir von der Stirn. Indessen nahm aber doch auch diese Nacht, wie alles einmal, ein Ende, mein Zimmer wurde heller und heller, man hörte Türen öffnen und schließen und Tritte auf den Gängen. Ich erwartete jeden Augenblick, daß es bei mir klopfe und der Kommissar mir gegenüberstehen werde. Eine Zeitlang harrte ich so in Zittern, aber es klopfte nicht, und draußen im Gang war auch wieder alles ganz still. Da faßte ich mir ein Herz, nahm in meine rechte Hand zwei Lire fünfzig, in die linke Schirm und Köfferchen, dann öffnete ich die Türe, es war niemand zu sehen. Also in Gottesnamen sagte ich mir, nun nichts als auf und davon. Im ganzen ersten Stock und auch im Treppenschacht keine Seele. Erst an der Hoteltür unten gewahrte ich ein menschliches Wesen. Es war der Bursche, der mir am Abend geöffnet hatte. Ich wolle mein Zimmer bezahlen, sagte ich ihm. Der Oberkellner werde gleich kommen; er drückte auf eine Klingel. ›Nicht wahr‹ sagte er gutmütig, fast in kameradschaftlichem Ton, ›nicht wahr, man hat Euch Angst gemacht gestern abend. Die beiden Komödianten wollten Geld von Euch haben. Sie haben sich geärgert, daß es nicht gelungen ist.‹ In diesem Augenblick erschien der Kellner, ich gab ihm mir die bedungenen zwei Lire, die fünfzig Centesimi gab ich dem Burschen, und ohne Gruß, immer noch im Bann der erlebten Ängste, machte ich mich davon nach dem Hafen, und ich muß gestehen, trotz der hausknechtlichen Ausplauderung, daß ich mich erst ganz sicher und gerettet fühlte, als ich statt des Pflasters der verdammten Stadt die Deckdielen der ›Iduna‹ unter meinen Sohlen fühlte ...« So Eduard Hesse. Die Gesichter der Kollegen hatten sich gegen Ende zu wieder entspannt, der dicke Josef Bender mit dem hängenden Schnurrbart meinte: Ende gut, alles gut, und wenn der geneigte Leser seinen erhabenen Weisheitsspruch für die Moral dieser ein wenig unmoralischen Geschichte nehmen will, hat der Schreiber seinerseits nichts dagegen. Der Heilige und der Papst Wer die »Blümlein des heiligen Franziskus« gelesen hat, der möge über das Folgende sich nicht ärgern, was schon an sich nicht christlich und dreifach unangebracht und im höchsten Grade unschicklich wäre in der Nähe dieses sanften Heiligen. Unzählig – daß jedoch niemand unselig verstehe – Unzählig aber sind die, die diese seltsamen Wunderblümlein nicht kennen; sie werden vielleicht durch das Nachfolgende bewogen, sie kennenzulernen, und wenn sie dann unglücklicherweise vielleicht nicht finden, was sie suchen, so kann das ebensowohl an ihnen liegen, wie an den armen Blümlein. * Am oberen Tiberfluß, etwa anderthalb römische Meilen unterhalb Perugia, liegt der Ort Bosko, und auf der Straße dahin, linkerhand auf einem sonnigen Hügel, war einst ein kleines Gehöft zu erblicken, das dem reichen und edlen Herrn Bernhard von Quintovalle gehörte, wo aber nun eine Anzahl Brüder des heiligen Franziskus wohnten, die dieser von seinem nicht allzu fernen Portiunkula her von Zeit zu Zeit zu besuchen pflegte. So geschah es, daß er auch am 15. Juli im Jahre des Heils 1216 an diesem Orte weilte. Er hatte sich mit der Sommersonne früh von seinem Lager erhoben, das in nichts weiter bestand als dem bloßen Erdboden, und war dann hinausgeschritten in den goldig durchglitzerten Lorbeerhain, der sich hinter dem Häuschen den Hügel hinauf erstreckte. Und vielleicht hat er an diesem Morgen seinen berühmten Hymnus an die Schwester Sonne gedichtet. Die da webt und flicht In den Tag ihr goldenes Licht Und schön ist und in ihrem Schild, O Herr, Spiegelt dein strahlendes Ebenbild. Und da, in seiner poetischen Verzückung, widerfuhr dem Dichter und Heiligen eine Unachtsamkeit. Eine Spinne hatte zwischen zwei Lorbeerkronen ein wundersames Netz ausgespannt, an dem die Tautropfen in der Sonne funkelten wie Diamanten. Franziskus aber war mit seinem Ärmel daran gestreift und hatte das unsagbar feine Gewebe zerrissen, daß die Spinne, die zuvor in seinem Mittelpunkt saß, erschreckt die Flucht ergriffen und sich auf ein Lorbeerblatt gerettet hatte. Noch mehr aber als die Spinne war Franziskus erschrocken. »Was habe ich getan, ich Tölpel«, rief er aus; »mit plumpem Dareinfahren habe ich eine wunderbare Schöpfung Gottes zerstört und habe meine Schwester Spinne gekränkt, die Kunstreiche, die es mir so sichtbar vor die Augen gestellt, welche unbegreiflichen Wunder der Schöpfer wirkt in seinen Geschöpfen. Ich Unglücklicher! Zerstören konnte ich das wundersam zarte Werk, aber es wieder herzustellen, vermag ich nicht. Denn unnachahmlich, wie er sich auch vermessen mag, sind dem Menschen die Werke des allmächtigen Gottes im größten wie im kleinsten.« Ein Geräusch in der Nähe zog seine Blicke seitwärts, und da sah er, von Bruder Juniperus geführt, zwei römische Priester in violenfarbenem Kleid auf sich zukommen, solche, die sich von den Leuten Monsignore anreden lassen. »Bruder Franz,« rief ihm einer derselben zu, »wir kommen als Boten Seiner Heiligkeit des Papstes; er ist schwer erkrankt und sehnt sich, dein Angesicht zu sehen und deine Stimme zu hören. Es verlangt ihn nach einem Trostwort aus deinem Munde.« »Seltsam,« sagte Franziskus vor sich hin, »da geht es ja dem Bruder Papst wie der Schwester Spinne. Auch er hat ein Netz gesponnen von feinen und groben Fäden, ein kunstreiches und gewaltiges, die ganze Erde umspannend, und nun streckt der Tod seine Hand aus, die knöcherne, um ihm darein zu fahren, nicht achtend aller Heiligkeit und Majestät.« »Lieber Bruder Franz,« sprach der andere Priester, »verliere nicht deine Zeit mit einfältigen Reden, komm und folge uns, so ist es dir durch uns von Seiner Heiligkeit befohlen.« »Meine Schwester Spinne, die ich schwer gekränkt habe,« sprach Franziskus, »bedürfte freilich meines Trostes mehr als der allmächtige Papst – allmächtig in dieser Welt –, und ich sollte sie wohl jetzt nicht allein lassen in ihrer Bekümmertheit. Denn seht, ihr Herren, der Papst trägt zwar auf der Brust ebenfalls das Kreuz, ein Kreuz von Gold und Edelgestein, aber es ist gemacht von Menschenhand, der Spinne jedoch ist dieses heilige Zeichen aufgedrückt von Gott selber; ein dergestalt ausgezeichnetes Geschöpf ist die Schwester Spinne, und so werdet ihr begreifen, daß mir das Herz schwer ist um ihre Betrübnis. Aber ich empfinde auch ein tiefes Mitleid mit meinem kranken Bruder Innozenz, und Gehorsam schulde ich dem Vater der Christenheit, so laßt uns gehen und zu ihm eilen.« Und also machten sie sich auf den Weg, und es war ein seltsamer Anblick, wie sie auf der weißen steilen Straße hinaufstiegen, zur Seite die beiden Violetten und zwischen ihnen Franziskus in seiner rostbraunen, aus alten Säcken zusammengeflickten Kutte, hinauf zur hochragenden Stadt Perugia, von deren weißen Türmen und Zinnen die höhersteigende umbrische Sonne blendend zurückfunkelte. Die beiden Priester in ihren violenfarbenen langen Gewändern konnten nur langsam schreiten, und so kam es, daß ein ländlicher Jüngling sie zu überholen im Begriff stand. Er sah phantastisch aus mit seiner kurzen dunkelgrünen Hose und seinem roten Hemd, sonst trug er nichts am Leib, aber am Arm hing ihm ein Weidenkorb, ganz angefüllt mit jungen Turteltauben. Den zartrosafarbenen Vögeln mit den schwarzen Halskrägelchen waren die Flügel über dem Rücken verbunden, und in ergebener Angst, aber wie zitternd schauten die Gefangenen aus ihren zinnoberroten Augen. Bei ihrem Anblick gab es dem heiligen Franziskus einen Stich durchs Herz, und ohne sich um seine Begleiter zu kümmern, schritt er auf den Knaben zu. »Lieber Bruder,« sagte er, »gib mir die Vögel, die Menschen in der Stadt, denen du sie bringen willst, werden sie grausam schlachten und ihr armes Blut vergießen, das wäre ein Jammer.« Der Knabe sah den Heiligen erst verblüfft an, dann aber, als ob es ihm Gott selber befohlen hätte, reichte er seinen Korb dem Fordernden, den er recht wohl kannte. Franziskus aber setzte sich nieder an der Böschung des Weges, nahm die Tauben heraus auf seinen Schoß und streichelte sie liebreich. »Ihr Turteltauben, meine Schwestern,« sprach er, »ihr sanften, unschuldigen und reinen, warum habt ihr euch fangen lassen. Ihr seid es, mit denen die Heilige Schrift die keuschen Seelen vergleicht, die frommen und arglosen. So will ich euch nun vor dem bitteren Tode bewahren und euch Nester bereiten, daß ihr Frucht bringet und euch mehret nach dem Gebot des Schöpfers.« Und dann sich an die Violetten wendend: »Blickt nicht mit so bösen Augen, ihr guten Herren; ich habe meinen Bruder, den Papst, nicht vergessen; aber ihn den Knochenhänden des Todes zu entreißen, sofern Gott diesem Gewalt gegeben hat, steht nicht in meiner Macht. Diese meine süßen Schwestern aber vermag ich zu retten. Grüßet den Heiligen Vater von mir, ich werde zu ihm eilen, sobald ich meine lieben Schützlinge geborgen habe, das wird nicht lange sein.« Damit erhob er sich, ließ die Priester stehen, denen das Gebaren des Heiligen ganz den Mund verschlagen hatte, und schritt eilig den Weg zurück zur Behausung seiner Brüder. Also mußten die beiden Priester ohne den Heiligen zu ihrem Papst zurückkehren, der, im erzbischöflichen Palast zu Perugia auf hoch aufgeschichteten Matratzen gebettet, den Todesschweiß auf der Stirn, schon deutlich die Hand vor dem Gesicht sah, die der Knöcherne nach ihm ausstreckte, und der nun fast zornige Augen machte, als ihm seine Boten von den kindischen Albernheiten des verrückten Bettelheiligen berichteten, wie sie sich ausdrückten. Er war aber einer der großen Päpste, der ganz großen, von keinem je übertroffen, die auf dem Stuhl des Heiligen Petrus oder, wie man vielleicht richtiger sagen würde, auf dem Stuhl der römischen Cäsaren einander gefolgt sind. Sogar jener furchtbare Freigeist Friedrich, König von Sizilien und Kaiser der Deutschen, der Stolzeste der stolzen Hohenstaufen, hat vor dem gewaltigen Innozenz das Haupt gebeugt. Den höchsten Gipfel menschlicher Größe, was die Welt so nennt, hatte dieser Papst erklommen. Königinnen hatte er aus dem königlichen Ehebett vertrieben und andere, Ausgestoßene, in ihre ehelichen Rechte wieder eingesetzt. Vier Könige, darunter der Beherrscher des stolzen Albion, hatten ihre Reiche aus seiner Hand zu Lehen empfangen und ihm Tribut und Gehorsam gelobt, und wahrlich, der unwissende Franz von Assisi, der reine Tor, hat wahr gesprochen mit seinem Bilde von dem gewaltigen Netz, das Innozenz gesponnen, die ganze christliche Welt umspannend, die ihn als ihren obersten Richter anerkannte und anrief bis zu den entlegensten Gegenden hinaus. Und noch stand Innozenz in der Blüte des Mannesalters. Und mitten in der Ausübung seines Weltrichteramtes hatte es ihn niedergeworfen. Die zwei mächtigsten Handelsstaaten der damaligen Welt, Pisa und Genua, bekämpften sich auf Leben und Tod; da war Innozenz von Rom aufgebrochen, um mit der ganzen Kraft seiner Seele und seiner Persönlichkeit den erbitterten Feinden in den Arm zu fallen. Aber ein Mächtigerer als er, so schien es, war nun zwischen ihn und seinen Vorsatz getreten. In der großen Sommerhitze an den Ufern des Trasimenischen Sees hinreitend, hatte ihn in seinem Durst nach einer Melone gelüstet, deren ein Bauer einen Korb voll des Weges trug. Darauf war ihm übel geworden, und als er gegen Abend im erzbischöflichen Palast zu Perugia anlangte, war er ein vom Fieber geschüttelter todkranker Mann. Wohl hatte er dazwischen auch erleichterte Stunden, wo ihm die Zunge zwar auch wie gelähmt am Gaumen klebte, aber doch die Geister des Fiebers seinen starken Geist nicht betäubten, sondern ihn zu erhöhter Regsamkeit aufstachelten, daß die Tage und Taten seines erfolgreichen Lebens mit überraschender Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit an ihm vorüberzogen, während hart an seinem Lager die arabischen Ärzte sich untereinander zankten in ihrem Kauderwelsch und die Priester mechanisch Gebete psalmodierten, die rotbemäntelten Kardinäle aber im Hintergrunde leise zusammen tuschelten, daß der Papst es zwar nicht hören, aber in ihren Mienen lesen konnte, wie man bereits schon nicht mehr mit ihm rechnete. Von seinem hochgeschichteten Matratzenlager schweifte sein Auge manchmal durch das Fenster hinaus in die sonnenlichten Fernen von Umbrien, und besonders nach einem Punkt richtete er oft den Blick. Ein kleines Bergstädtchen ragte dort. Das war Assisi. Und wie er sich das sagte, da kam eine ganz besondere Erinnerung über ihn. Kein welterschütterndes, welterstaunendes Ereignis, fast ein Nichts war es, und er kam doch mit seinen Gedanken nicht davon los, und jedes Wort, das dabei gefallen war, wachte in ihm auf, wie wenn sich der Vorfall nicht vor neun Jahren, sondern vor drei Stunden zugetragen hätte. Es war nämlich damals im lateranischen Palast zu Rom ein junger Mann mit zwei Gefährten vor ihn getreten, ein Mann im Bettlergewand, aber von sanft liebreizendem Antlitz und schönem braunen Bart, ganz wie die Maler unsern Herrn und Heiland abzubilden pflegen. Und dieser Mann hatte ihn gefragt: »Erlaubst du, Heiliger Vater, daß wir alles abtun, rein alles, wonach der Welt Begehren steht, und von der Armut leben?« – »Was ist das für eine Nahrung«, hatte der Papst spöttisch geantwortet. »Sie ist unsere süße Braut, deren wir uns zu vermählen gedenken mit deinem Segen, Heiliger Vater.« Und der Papst hatte gelacht. »So seid ihr gekommen, den Papst einzuladen auf eure Bettelhochzeit? Geht in Frieden, Kinder, ich will euch meinen Segen nicht verweigern, aber bedenkt, daß es ein Frevel ist, wenn sich der Mensch Dinge unterfängt, die über seine natürlichen Kräfte gehen!« Und gesenkten Hauptes haben sich die drei hinweggeschlichen. Was half es damals dem Papst, daß ihm die drei Weggeschickten in der Seele leid taten; wenn sie auch zurückgekehrt wären, er würde doch wieder nicht anders gehandelt haben. Er verstand sie nicht. Er traute ihnen vor allein nicht. Ein Jahrzehnt früher würde er sie vielleicht verstanden haben. Da war er selber ein weltabgezogener schwärmerischer Jüngling gewesen, der in einem kleinsten Kämmerlein des stolzen Grafenschlosses Anagni und dann in seiner Studienzelle an der Pariser Sorbonne und der Hohen Schule zu Bologna sich mit der getrübten Lampe des Aristoteles in dem labyrinthischen Turm der Scholastik heillos verstiegen hatte. Da hat er selber ein kleines Büchlein versaßt, de contemptu mundi . Von der Verachtung der Welt. Wer aber sollte sein eigenes Reich verachten? Und war indessen die Welt nicht sein Reich geworden, in dem er schaltete als der oberste Machthaber? Aber des päpstlichen Widerspruchs ungeachtet, hatte Franziskus dann doch seine Gemeinde gegründet, deren Mitglieder schon zu vielen Tausenden zählten und hatte seine Jünger ausgesandt in alle Welt, zwei und zwei, wie einst sein Herr und Heiland, in die Lombardei, nach Frankreich und Spanien, nach Deutschland, Böhmen und Ungarn. In diesem Einfältigen war also eine wunderbare Kraft lebendig. Das ging dem Papst, der auf den Tod daniederlag, plötzlich auf, als wenn ein neues Licht über ihn gekommen wäre. Und mit dem Licht zugleich entbrannte in ihm der Wunsch, den Heiligen noch einmal zu schauen von Angesicht zu Angesicht, ob er vielleicht diesmal das Geheimnis zu lesen und zu verstehen vermöchte, das jener in der Seele trug, und aus seinem Munde vielleicht ein tröstliches Wort zu hören in dem Augenblick, wo aller Trost der Welt ihn verließ, ein Wort der Zuversicht und vielleicht auch der Verzeihung. Denn wirklich, es war dem Papst, als ob er dem einfältigen Franz Abbitte zu leisten hätte. Denn die Erinnerung seiner Spottworte, wenn sie auch menschenfreundlich gesprochen waren, drückte mehr und mehr seine Seele. Und siehe, der heftige Wunsch löste zugleich seine Zunge. »Ist der Bruder Franz von Assisi hier?« fragte er plötzlich mit laut vernehmlicher Stimme, als ob eine hellseherische Kraft über ihn gekommen wäre, um ihm Ungewußtes zu offenbaren. Die psalmodierenden Priester verstummten. Sie wußten von dem Besuch des Franziskus bei seinen Brüdern; wer hatte es aber dem Papst gesagt? »Man rufe ihn her«, befahl der Papst. So war es geschehen, daß jene Violenfarbenen in den frühmorgendlichen golddurchwirkten Lorbeerhain kamen, um den Bruder Franz zu suchen, und fast zornige Augen machte der große Papst dann, als die beiden Priester ohne den Heiligen zu ihm zurückkehrten. Böse Gedanken durchzogen seine Seele. »Gewiß, er trägt dir's nach, daß du ihm die Bulle verweigert hast, verweigert hast Schrift und Insiegel, er will sich rächen an dir. Rache ist süß. Gewiß sind auch die Heiligen rachsüchtig, denn wie sollte ein Mensch dahin gelangen, kein Mensch mehr zu sein?« So dachte der große Papst; er hatte in seinem geräuschvollen und geschäftlich erfüllten Leben viel mit den Kindern der Welt und nie mit einem Heiligen zu tun bekommen. Doch dann kam dem Papst eine Anwandlung frömmerer Gedanken. »Ich habe sie verachtet und von mir gestoßen, die heilige Armut,« so dachte er, »nun rufe ich sie, und sie kommt nicht zu mir. Und bin doch nun ärmer als der Ärmste unter allen. O Franziskus, Franziskus, du hast den besseren Teil erwählt.« Doch diese Stimmung hielt nicht an. Von neuem bekam der Zorn in ihm die Oberhand. »Aber was wollen sie mit ihrer Armut?« fuhr's ihm durch den Sinn. »Macht wollen sie, Macht über die Welt und die Menschen, wie wir alle. Sie streben nach dem Gleichen wie wir, nur mit andern Mitteln. Nach Macht strebt das Leben, in der niedersten und in der höchsten Kreatur. Macht ist der Sinn des Lebens, und es müßte einmal ein Philosoph kommen, der diese Wahrheit offen anerkennt und ausspräche. Nein, ich hatte recht, diesen Predigern der Armut ist nicht zu trauen. Dieser Franziskus, will er wirklich der Kirche dienen in Niedrigkeit, oder heuchelt er das nur, und will er nicht gar die Kirche untergraben und unterhöhlen und an sich reißen ihre Macht über die Seelen? Ich kann nicht sterben ohne eine Antwort auf diese Frage. Ich muß ihn zur Rede stellen. Mit scharfem Griff will ich hineingreifen in das Geheimnis seiner Seele. O Franziskus, Franziskus. Aber er kommt nicht. Ich bin ja ein sterbender Mann, ich habe keine Macht mehr zu vergeben.« Und die Augen des großen Papstes blickten hilflos von einer Personengruppe zur andern in dem weiten Raum. »Schickt mich, Heiliger Vater, ich werde alles versuchen, den Bruder Franz vor Eurer Heiligkeit Angesicht zu bringen.« Das sprach ein priesterlicher Mann, der sich zu Häupten des Papstes hielt und ihm von Zeit zu Zeit mit einem Batisttüchlein den kalten Schweiß von der Stirn wischte. Es war der Hofkaplan des Papstes, der Vertrauteste seiner Seele. Der Papst nickte zustimmend. Zugleich erhob sich der greise Erzbischof von Perugia, der zu des Papstes Füßen saß. »Ich werde Euch begleiten«, sprach er. Und die beiden Priester, der Greis und der Jüngling, machten sich auf den Weg. Nicht weit vor dem Tor, genannt von Agobio, erblickten sie in der Ferne den Bruder Franz, der, nachdem er seine Turteltäubchen versorgt und geborgen wußte, sich eiligst auf den Weg gemacht hatte, um dem Ruf des Heiligen Vaters zu folgen. Aber er war jetzt nicht allein. Zwei Männer in feierlich schwarzer Ratsherrentracht standen vor ihm in ehrfürchtiger Haltung. Sie schienen ihm ein Anliegen vorzutragen. Der greise Erzbischof von Perugia war nur langsamen Gehens fähig, so geschah es, ehe die Botschafter des Papstes die Gruppe mit Franziskus erreicht hatten, daß diese zum höchsten Erstaunen jener sich in der Richtung auf den Ort Bosko in Bewegung setzten. Da bat der päpstliche Kaplan den Erzbischof um Entschuldigung, und dann eilte er mit mächtigen Schritten den Davonwandelnden nach und rief mit lauter Stimme den Heiligen mit seinem Namen. Dieser hielt inne in seinem Gehen, und nach einem Wort an seine Gefährten wandte er sich zurück und kam dem Kaplan entgegen, dem die hellen Schweißtropfen von der Stirne rannen, denn schon hatte die feuerheiße Julisonne den halben Weg zu ihrem Zenit zurückgelegt. »Was setzt dich so in Hast? Priester Gottes,« fragte Franziskus, »und ist das nicht unser ehrwürdiger Herr Erzbischof, den du da hinten zurückgelassen hast und hat euch der Heilige Vater gesandt? Ach, der arme Bruder Innozenz hat sich auch an die zehn Jahre mit einer argen Wölfin herumgebissen, und seine Seele hat schwere Wunden davongetragen. Welt heißt sie, die Wölfin. Aber dem Heiligen Vater droht keine Gefahr mehr von ihr. Zwischen ihr und ihm hat der Bruder Tod seine gewaltige Hand vorgestreckt, und so hat die Welt keine Gewalt mehr über Bruder Innozenz. Für ihn ist keine Gefahr mehr zu fürchten, darum wird er es mir verzeihen, wenn mein Kommen noch einmal einen Verzug erleidet; denn noch muß ich zuvor ein Wort reden mit meinem Bruder Wolf von Agobio, vor dem eine ganze Stadt zittert in tödlicher Angst. Mich jammert der Frauen und unschuldigen Kindlein, die er täglich tötet, so will ich ihn unentwegt aufsuchen und ihm ins Gewissen reden. Seht dort, jene stolzen Herren in ihren Ratsgewändern, sie haben mich unter Tränen angefleht, ich mußte Erbarmen haben mit ihnen, Seine Heiligkeit, der Papst, wird das einsehen und mir wegen einer kleinen Verzögerung nicht böse sein.« Während dieser Worte hatten sich jene Schwarzsamtenen mit abgezogenen Baretten und tiefbesorgten Gesichtern dem Heiligen wieder genähert. »Ja, brechen wir auf«, sagte dieser zu ihnen, und ehe noch der Kaplan des Papstes in seiner Bestürztheit ein Wort der Entgegnung fand, war auch schon jede Rede nutzlos geworden und hatten sich die drei dunklen Schattengestalten hinter einer Biegung der Straße seinen Augen entzogen. Auch der greise Erzbischof kam inzwischen heran, es blieb ihm aber nichts übrig, als sich mit dem päpstlichen Liebling auf den heißen Rückweg zu machen, schweren Herzens im Hinblick auf ihren Empfang durch den Papst und nicht ohne menschliche Entrüstung über die Schrullen dieses Narren von Assisi, dem aber allerorten das dumme Volk nachlief, ganz beglückt, ihm den schmierigen Ärmel zu küssen, wie wenn er der Herr Jesus gewesen wäre in eigener Person. Unterdessen schritt Franziskus, die beiden Ratsherren zu seiner Seite, die Straße hinauf gegen die kleine Stadt Agobio in der unwirtlichsten Region des umbrischen Gebirges. Durch schwarzgraue Felsenschlünde ging der Weg, als ob hier einmal ein höllisches Feuer für ewige Zeit alles Leben weggeleckt habe, daß nur noch der Tod mit aufgesperrtem Rachen gähnte, und es den Wanderer schaudernd überrieselte vor der unmenschlichen Wüste. Denn so steht es in der Beschaffenheit des dortigen Landes, daß oft neben paradiesisch üppigen Gefilden die heillose Öde starrt. Im Weiterschreiten erzählten die beiden Ratsherren dem heiligen Franziskus noch Näheres von den Untaten des Wolfs von Agobio, und wie alle, wenn sie die Stadt verließen, nur noch in Waffen gingen, als ob sie zu einer Schlacht auszögen; wie aber dennoch der Wolf jeden überwältigte, den er allein traf, so daß fast niemand mehr den Mut fand, sich vor die Stadt hinauszuwagen. Während dieser Erzählungen waren sie der Stadt näher gekommen, die man zwar noch nicht erblickte, weil immer noch das felsige Geklüft den Blick ummauerte, aber kleine Pflanzungen, wo sich nur ein Stückchen Erdkrume bot, und hier und da ein Fruchtbaum deuteten auf menschliche Nähe. Und lag nicht auch schon etwas wie lebendiges Atmen in der Luft, und hatte einer der Ratsherren den Hauch gespürt? Er wandte den Kopf und in demselben Augenblick stieß er einen Schrei des Entsetzens aus: »Der Wolf!« Zum Glück stand ganz nahe ein Feigenbaum. Diesen erkletterten im Nu die beiden Ratsherren mit einer Geschmeidigkeit, die man ihnen nicht zugetraut hätte. In scharfem Trott sah Franziskus den Wolf näher kommen, und das war freilich kein zutraulicher Anblick. Vernehmlich schnob der Bestie der heiße Odem des Hungers aus dem aufgesperrten Rachen, wo ihm zwischen den gelben Zähnen weit die Zunge heraushing, flatternd wie ein rotes Fähnlein. Franziskus ging dem Tier ruhig entgegen. Der Wolf schien darüber verdutzt, er hielt an in seinem Lauf. Nur ganz langsam und zögernden Schrittes näherte er sich dem Heiligen. Franziskus machte das Zeichen des Kreuzes über der Bestie. »Mein Bruder Wolf,« sprach er, »ich befehle dir im Namen des Herrn Jesus, dich deiner Gewalttaten für immer zu entschlagen und nie wieder einem Menschen ein Leid anzutun.« Seine Worte bewirkten ein unglaubliches Wunder. Ganz eingeschüchtert, wie ein sanftes Lamm, kam der Wolf herzu und legte sich, wedelnd mit dem Schweif, zu den Füßen des Heiligen. »Bruder Wolf,« sprach Franziskus mit liebevollem Ernst, »du hast in dieser Gegend große Missetaten verübt. Du hast die Tiere getötet, die der Menschen Freunde und Helfer sind, ja die Menschen selber hast du vielfach nicht verschont, die ein Gleichnis sind und Ebenbild des allerhöchsten Gottes. Dadurch bist du des Galgens schuldig als ein ruchloser Räuber und Mörder. Alles Volk schreit gegen dich als gegen den Brecher des Landfriedens im Weichbild dieser Stadt. Alle sind deine erbitterten Feinde und haben deinen Untergang beschworen. Ich aber, mein Bruder Wolf, will Frieden machen zwischen dir und ihnen. Du sollst ablassen von Mord und Gewalt, sie aber werden deiner vergangenen Untaten dich entbinden und dich deretwegen nicht zur Rechenschaft ziehen.« Der Wolf, dem kein anderes Mittel zu Gebote stand, sich verständlich zu machen, wedelte heftiger und freudiger mit seinem Schweif, um anzudeuten, daß er den Vorschlag des Heiligen gern annehme und alles pünktlich halten wolle, was ihm der Mann Gottes auferlegte. Franziskus aber ergriff von neuem das Wort. »Dieweil du nun, mein Bruder Wolf,« so sprach er, »freudig annimmst, was ich dir vorschlage, so will ich Sorge tragen und verspreche dir, daß dir die andern alles freiwillig zukommen lassen, was nötig ist, deinen Hunger zu stillen; denn allein dein Hunger ist es, der dich zu deinen Missetaten angetrieben hat. Da aber nicht einmal die vernünftigen Menschen dem Hunger zu widerstehen vermögen, wie sollte es ein unvernünftiger Wolf. Unsere Brüder von Agobio hätten das begreifen sollen. Du aber, Bruder Wolf, versprich mir ausdrücklich, daß du auch wirklich alles halten und keine Kreatur mehr mit Gewalt anfallen willst, weder Mensch noch Tier.« Der Wolf sagte durch Neigen seines Kopfes, daß er verspreche. »Wohlan denn, Bruder Wolf,« versetzte Franziskus, »so will ich, daß du dein Versprechen beschwörst und besiegelst durch deinen Handschlag.« Franziskus reichte seine Hand dar und unverzüglich erhob die Bestie den Fuß und legte ihre rauhe haarige Bratze in die schmale weiße Hand des Heiligen. »Schön, Bruder Wolf,« fuhr Franziskus fort, »und nun befehle ich dir im Namen unseres Herrn Jesus, daß du mit mir kommst in die Stadt, auf daß wir dort vor der ganzen Gemeinde den beschlossenen Frieden kundtun und bekräftigen.« Damit machte sich Franziskus auf den Weg, und der Wolf folgte ihm; die beiden Ratsherren aber, die Franziskus ganz vergessen hatte, wußten sich vor Erstaunen gar nicht zu fassen über alles, was sie gesehen hatten. Sie kletterten jetzt bedächtig von ihrem Feigenbaum herunter, und in einem vorsichtigen Abstand und mit furchtsamem Zögern schritten sie den beiden nach durch das Perugianer Tor in die Stadt. Dort ergriff zuerst alles die Flucht bei dem Anblick des Wolfs. Kinder, Frauen und Bürger, alles verschwand von der Gasse, wie wenn ein Sturmwind sie weggefegt hätte. Als sie dann aber, durch die Türspalten und Fenster lugend, mit Augen sahen, wie der Wolf fromm geworden war, da kamen sie wieder hervor, und alles Volk, Mann und Weib, klein und groß, drängte sich hinterdrein nach dem Markt und staunten alle über das große Wunder. Als dann alles Volk versammelt war und Franziskus nicht ohne Mühe vermocht hatte, daß die Ratsherren der Stadt, auch jene beiden vom Feigenbaum, sich um ihn herstellten, da erhob er gewaltig seine Stimme. »Liebe Brüder und Bürger von Agobio,« so sprach er, »ihr zittert vor diesem Wolf, der doch nur den Leib zerreißen, der Seele aber keinen Schaden antun kann. Die Bestien aber, die in euch selber wohnen und euch die Seele zerreißen und dem ewigen Tod überliefern, die Bestien in eurer Brust, nämlich eure Laster und Leidenschaften, sie machen euch keine Sorgen, sie hegt und hätschelt ihr und sind doch schlimmere Ungeheuer als alle Wölfe der Wildnis. Ihr wollt sie nicht kennen, diese wilden Tiere. So will ich euch ihre Namen ins Gesicht sagen. Sieben sind es, und von diesen sind zwei böser als alle übrigen, das gefräßige Tier Habsucht und sein Geschwister der giftige Neid. Vor ihnen zittert! Ihrer sucht euch zu entledigen. Der Bruder Wolf aber, der hier vor euch steht, hat mir versprochen und mir sein Wort verpfändet, mit euch Frieden zu halten und sich aller Gewalttat gegen euch zu entschlagen, sofern ihr euch verpflichtet, ihm das zukommen zu lassen, dessen er bedarf. Und ich stelle mich als Bürgen für ihn, daß er den Pakt des Friedens halten wird.« Da versprach das ganze Volk einstimmig, den Wolf auf gemeine Kosten zu verpflegen. »Und du, Bruder Wolf,« wandte sich Franziskus an das Tier, »versprichst du ihnen, den Frieden zu halten und Mord und Gewalt von dir abzutun?« Der Wolf ließ sich auf die Knie nieder und senkte den Kopf zum Zeichen, daß er verspreche. »So tretet näher, Meister Bartolo,« wandte sich Franziskus an den Ältesten vom Rat, »Euch, als dem Regenten dieser Gemeinde, wird Bruder Wolf sein Wort verpfänden durch Handschlag und Ihr ihm das Eurige.« Der Angeredete, ganz blaß im Gesicht, machte eine angstvoll abwehrende Gebärde, als er aber merkte, daß in den nächsten Reihen ein freches Lachen sich erhob, faßte er sich ein Herz, trat hervor gegen den Wolf und streckte ihm zitternd die Hand entgegen, und in sie hinein legte der Wolf seine haarige Pfote. Und niemand dachte mehr daran, noch weiter über die bleiche Angst des Regenten zu lachen, wie groß auch die Lust dazu gewesen war. Der frechste Mutwille verstummte vor dem Wunder. Alles drängte hinzu und liebkoste und streichelte den Wolf, und nur darüber entstand noch ein Streit, wer das fromm gewordene Tier zuerst bei sich füttern dürfe. Franziskus aber wandte sich jetzt an die Nächststehenden im Gedränge, des großen Haufens. »Meine Brüder,« sprach er, »wenn ihr mir eine Liebe antun wollt, so leihe mir einer unter euch eine Eselin. Zwar geziemt es dem Bruder der heiligen Armut und Diener unseres Herrn Jesus einzig, zu Fuß zu wandeln auf dieser Erde. Doch hat er, der nicht soviel besaß, wohin er sein Haupt legte, einmal eine Eselin bestiegen, als die stolze Tochter Zion sich zu seinem Empfang bereitete. Mich aber erwartet zu Perugia der Vater der Christenheit. Zwar braucht er mich nicht, da sich Gott selber seiner erbarmt hat, aber er hat gerufen, und es geziemt mir, daß ich seinem Ruf folge.« Mehrere Esel waren herangebracht worden, den unansehnlichsten bestieg Franziskus. In diesem Augenblick entstand eine Bewegung. Wie in Angst und Scheu wich das Volk auseinander, eine Gasse entstand, und durch sie hindurch bewegten sich nun langsam und feierlich eine Anzahl Reitergestalten, wie das arme Agobio sie noch niemals gesehen hatte. An der Spitze ritten auf blankweißen Rossen zwei Männer in weiten faltenreichen Scharlachmänteln, und von der gleichen Farbe waren ihre flachen breitrandigen Hüte mit kunstvoll verknoteten Schnüren. Ihnen folgten vier bewaffnete Kriegsleute und dann ein Knecht, der ein loses gesatteltes Pferd an der Hand führte. Das Volk umher, vom ersten Erstaunen erholt, fiel in die Knie, mit emporgestreckten Händen um Segen flehend. Franziskus allein schien sich über die Erscheinung nicht im geringsten zu verwundern. Er wartete auch nicht erst, bis er angeredet wurde. »Ich bin bereit,« rief er den Kardinälen entgegen, »eures Pferdes bedarf ich auch nicht erst, wie ihr sehet, der demütige Bruder Esel ist mir ein näherer Bruder, und also laßt uns aufbrechen, mein Bruder Innozenz möchte mir böse werden, wenn ich ihn noch länger warten lasse.« Nicht aus Ehrfurcht, beileibe, aber weil sie als gute Italiener die Symmetrie liebten, nahmen die stolzen Kirchenfürsten den Franziskus und seine Eselin in ihre Mitte, und so setzte sich der Zug in Bewegung, die einzige, hoch aufgemauerte Stadtgasse hinunter zum Perugianer Tor, dessen niedere rundbogige Wölbung die Reiter einen nach dem andern verschluckte. Die Sonne hatte längst ihren Zenit Überschritten, und bis die Reiter bei dem Dorfe Bosko den Tiberfluß erreichten, dämmerte bereits der Abend. Die beiden rotbemäntelten päpstlichen Botschafter auf ihren weißen Rossen hatten den ganzen langen Weg kein Wort mit Franziskus gesprochen, so blieb ihm Zeit, ungestört seinen Gedanken nachzuhängen. In seinem vorwegnehmenden Geiste ward ihm Zukünftiges bereits zu leibhaftiger Gegenwart. Er stand an dem Sterbelager des großen Papstes, der über die westliche Menschheit, welche die ganze Menschheit bedeutete für jene Zeit, so unbedingt geherrscht hatte, wie nie ein König oder Kaiser vor ihm. Mit verzerrten Zügen, kalte Schweißtropfen auf der blassen Stirn, lag da auf den hochgeschichteten Matratzen der machtgewaltige Nachfolger der römischen Cäsaren (denn dies war er mehr als der Nachfolger des armen Fischers vom See Genezareth), und die Strahlen der schon niedergehenden Sonne fielen durch die hohen Bogenfenster in das Gemach und lockten ein Geleucht von farbigen Blitzen aus den Rubinen, Smaragden und Diamanten der gewaltigen dreifachen Krone, die zu Häupten des Papstes prunkhaft aufgepflanzt stand. »Hebt dieses Ding hinweg,« bat Franziskus den Kardinal, der ihn vor das Sterbelager geführt hatte, »meine Augen sind solche Blitze nicht gewöhnt, hebt es hinweg, daß ich zu dem spreche, der unser und der ganzen Christenheit heiliger Vater ist.« Und sinnend stand dann Franziskus noch eine kleine Weile, stumm vertieft in Betrachtung des todverzerrten Antlitzes, aus dem ihn zwei weitaufgerissene Augen wie in flehentlicher Angst anblickten, während der einst allgebietende Mund, mit schmutzigem Schaum umrändert, schon kein Wort mehr zu formen vermochte. »So darf ich dich endlich glücklich preisen, Heiliger Vater,« sprach dann sanft der Bruder Franz, »denn schon hat meine süße Braut, die heilige Armut, deine Hand erfaßt. Du hast sie immer noch nicht erkannt in ihrer wahren Gestalt, erschrocken und angstvoll ist noch immer dein Blick, aber bald wird es dir wie Schuppen von den Augen fallen, und du wirst selig ihre Schönheit schauen. Einst hast du sie verlästert, meine süße Braut. Denn wie hast du damals gesprochen, freundlich zwar, und doch nicht ohne Hohn. Das waren deine Worte: ›Ihr wollt euch der Armut vermählen, aber eitel seid ihr auch, darum kommt ihr zu mir, den Papst zu eurer Bettelhochzeit einzuladen.‹ Du wußtest nicht, was dein Mund sprach, du standest im Bann der Welt. Und ein groß Wesen hast du in dieser Welt gemacht, ein lautes, lärmiges, gewaltiges Wesen. Aber Gott wird dir verzeihen. Er hat dir schon verziehen. Denn du hast auch ein kleines, stilles Werk getan. Dies wird bleiben, wenn all das Getöse, womit du die Welt erfüllt hast, verstummt und verschollen sein wird. Dieses stille Werk wird auch dein Fürsprecher sein vor deinem ewigen Richter. Ich saß einst in dem prunkvollen Lustgarten hinter dem Hause meines Vaters und las in einem kleinen Buche, und dieses Buch ließ mich zum erstenmal die Schönheit meiner Braut erkennen, daß ich aufsprang mit dem festen Entschluß, ihr zu folgen und ihr treu zu bleiben immerdar. De contemptu mundi stand auf dem Deckel des Buches, und darunter stand dein Name. Und siehst du, Bruder Innozenz, schon wird lichter und zuversichtlicher der Blick deiner Augen.« – Kein Wort sprachen die beiden rotbemäntelten Kirchenfürsten auf dem ganzen Wege mit dem Bruder Franziskus; sie hegten keinen kleinen Haß gegen ihn um des beschwerlichen Rittes willen, den sie ihm zur Schuld legten. Und so hatte auch Franziskus geschwiegen; jetzt aber, während sie diesseits der Tiberbrücke die Straße gegen das hochragende Perugia hinaufritten und er plötzlich links von den hohen Mauern der Stadt die Sonne erblickte, wie sie blutrot in bläulicher Tiefe versank, da konnte er einen närrischen Einfall nicht zurückhalten. »Seht, ihr stolzen Herren,« sprach er zu den Kardinälen, »seht meine Schwester, die Sonne, die erhabenste, die nächste am Thron Gottes, sie sogar huldigt euch. Eurer Herrlichkeit die Ehre anzutun, hat sie sich in eure eminenzlichen Farben gekleidet.« Derartigen neckischen Scherzen war Franziskus, in dem doch auch ein Stück von einem Troubadour steckte, keineswegs abgeneigt. Um so abgeneigter waren die Rotmäntel zu seiner Seite, auch nur mit dem leisesten Lächeln darauf einzugehen. Erst nach längerer Weile nahm einer der Kardinäle, zu dem andern sich hinwendend, das Wort. »Sehen, Eure Herrlichkeit,« sprach er, »die Sonne hat sich in einen violetten Mantel gehüllt, das ist die Farbe, die wir tragen, wenn wir Trauer anlegen, sollte Lothar Conti gestorben sein?« Dieser Kirchenfürst nannte den Papst schon nicht mehr Papst, sondern nannte ihn mit dem Namen seiner vorpäpstlichen Vergangenheit. Franziskus aber dachte heimlich: »Nein, mein Bruder Innozenz ist gewiß nicht weggegangen, da er doch weiß, daß sein Bruder Franz zu ihm auf dem Wege ist.« Er dachte aber anders, als sie eine halbe Stunde darauf in den Säulenhof des erzbischöflichen Palastes einritten und dort vor der inneren Palasttreppe abstiegen. Die aufgeregte Geschäftigkeit, wie die Menschen hier, Priester, Edelleute, Ritter und Dienerschaft, aneinander vorüberhasteten, mit verstörten und giererregten Gesichtern, verkündete allzu deutlich das Ereignis. Der große Papst war gestorben. Beim letzten Scheideblick der niedergehenden Sonne auf sein hochgeschichtetes Lager hat er seinen letzten schmerzlichen Seufzer ausgehaucht. Groß war dieser Papst Innozenz, und nicht gering ist sein Ruhm in der Welt noch heute, doch weit überstrahlt wird dieser Ruhmesglanz von dem einfachen Heiligenschein des seltsamen Bettlers von Assisi, der den Wolf seinen Bruder und die Spinne seine Schwester nannte.