Benno Rüttenauer Tankred Die Geschichte des verheimlichten Prinzen   1913 München und Leipzig bei Georg Müller   Copyright 1913 by Georg Müller in München Erstes Kapitel Handelt von dem, der Tankreds Vater sein sollte Herr Roger von Rabutin, Graf von Bussy, der auch in diesen verwirrten Tagen auf Seite des Königs kämpfte gegen das frondistische Parlament und die Stadt Paris, wofür er später schlecht genug belohnt wurde; er schrieb unterm 2. Februar des Jahres 1649 an seine Base, die Marquise von Sévigné auf Schloß Livry in der Normandie, unter anderem folgendes: In dem verschneiten Wiesental von Fécan, nahe bei Schloß Vincennes, heißt es in dem Briefe, war ich vor drei Tagen Augenzeuge, wie ein feindlicher Angreifer von einem meiner Leute tödlich verwundet niedergestreckt wurde. Der junge Mann, von fast noch knabenhafter Gestalt, das bläßliche Gesicht von einem üppigen Schmuck braungoldiger Locken umgeben, stürzte nur wenige Schritte von mir entfernt jählings von seinem Rappen, offenbar von einer Musketenkugel getroffen, und ich sehe ihn noch, wie er mit der Rechten krampfhaft in den zerstampften Schnee greift, den das helle Blut färbte, das ihm unter der Schulter durch die Kleider sickerte. An seiner Schärpe erkannte ich ihn als einen Freiwilligen der Parlamentsarmee von Paris. Wer in Wahrheit dieser Jüngling war ... aber das wäre falsch ausgedrückt, denn niemals wird die Welt das wissen; was er vielmehr vorstellte oder vorstellen sollte, das erfuhr ich und erfuhr die Hauptstadt gleichzeitig mit der Nachricht von seinem erfolgten Tod am andern Morgen. Das Parlament aber, heute eine souveräne kriegführende Macht gegenüber seinem Herrn und König – was für kuriose Dinge man nicht erlebt! – dieses Parlament in seinem gotisch-finsteren Inselpalast erhielt die verblüffende Botschaft, als gerade seine drei obersten Kammern zu einer außerordentlichen feierlichen Sitzung zusammengetreten waren. »So hat denn der Tod gesprochen und unseren Spruch unnötig gemacht;« mit diesen Worten löste der erste Präsident die kaum begonnene Gerichtssitzung auf, und all die würdigen und machtgewaltigen Männer in den scharlachfarbenen und violetten Talaren und den hohen Hermelinmützen gingen auseinander mit Gesichtern, wie Leute, die vom Kirchhof kommen. Ihr werdet sie Euch vorstellen, verehrte Base. Schon oft hatte das Machtwort eines Königs oder Ministers diese Trotzigen und Stolzen des Gerichtspalastes unwürdig auseinander getrieben, wenn sie sich weigern wollten, eine neue Steuerforderung oder sonst ein Willkürgesetz zu sanktionieren; etwas wie gestern aber war der illustren Gesellschaft noch nicht widerfahren. Denn da ist ihre Versammlung gesprengt worden von der allerhöchst eigenen Person Seiner grausigen Majestät des Todes selber, dessen Spruch ihnen sozusagen mit eiskaltem Stahl das Wort vom Munde abgeschnitten, also daß ihnen eine geraume Weile die Mäuler davon offen standen. Ihr müßt nämlich wissen, meine liebe Freundin, wenn Ihr es nicht sonst etwa schon erfahren habt, daß die Hermelinmützen sich an dem genannten Tag versammelt und sich konstituiert hatten als außerordentlicher oberster Gerichtshof, zu dem Zweck und in dem Vorhaben: den »zugelaufenen Vagabunden« – wie die Königin Anna von Österreich und der Hof den jungen Mann vom Tal zu Fécan nannten – auf Begehren seiner Mutter, der Herzoginwitwe von Rohan, feierlich in seine Rechte einzusetzen: d.\ h. ihn als einzigen und rechtmäßigen Sohn des verstorbenen Herzogs Heinrich von Rohan, Fürsten von Leon und Pair von Frankreich, anzuerkennen, ihm alle hierausfließenden Ansprüche auf Namen, Rang und Besitztümer des genannten Herzogs Heinrich zuzusichern, für seine Person ebenso wie für alle seine Nachkommen, und jeden Widerspruch, der sich dagegen erheben sollte, zum voraus und auf alle Zeit und Ewigkeit für null und nichtig zu erklären. Dieses löbliche Vorhaben der in diesen Tagen der »Fronde« mächtigsten Körperschaft des Königreichs hat der Tod vereitelt. Und wie diese heilige Majestät (des Todes nämlich) – wenigstens kann einen das Leben dahin bringen, dies zu glauben – öfter eine Wohltat bedeutet, wo sie erscheint, als ein Übel und im ganzen dieser Welt mehr Trost und Linderung spendet als Schmerz zufügt, so hat der Allgewaltige und Unerbittliche (aber Wohltäter der Menschheit trotz allem), so hat der Tod auch in diesem Fall, wo er als der plumpste und roheste Zufall zu walten schien, aller Wahrscheinlichkeit nach Schlimmes verhindert, viel Zank und Streit und tausendfältiges Blutvergießen. Aber, was schreib ich Euch da ein langes breites, denn gewiß ist auch zu Euch längst die Kunde gedrungen und von diesem »zugelaufenen Vagabunden«, diesem Tankred Ohnenamen, den die Herzoginwitwe von Rohan plötzlich für ihren Sohn anzuerkennen beliebte, und für den sie das Erbe des verstorbenen Herzogs Heinrich, das längst von dessen Tochter angetreten worden ist, nachträglich in Anspruch nehmen wollte. Die wunderliche alte Dame ist nun ihrer Sorge und freilich auch ihrer phantastischen Hoffnungen ledig. Und jubilieren wird die Tochter. Und die Hände reiben wird sich Heinrich von Chabot, genannt von Rohan, dem nun niemand mehr seinen neuen Namen und sein anerheiratetes Herzogtum streitig machen wird. Der Mann hat bei Gott Glück. Wie wird er nun erst tanzen, der ewige Tänzer, der geniale Erfinder der »Chabotte«. Ja, denen, die der Herr lieb hat, gibt er's im Tanz. Und erinnert Ihr Euch noch, wie damals eine Tanzwut über die Jugend kam und die ruppigsten Bärbeißer sich im Menuettschritt übten, als zum erstenmal die Rede ging von der famosen Heirat der Prinzessin Margot mit diesem Herrn von Habenichts? Aber nicht jeder ist ein Liebling des Herrn. Euer gehorsamster Diener zum Beispiel scheint nicht dazu gehört zu haben. Denn ich war doch wahrlich auch kein schlechter Tänzer; aber Ihr, schöne Base, wäret eben keine Margaret von Rohan. Verzeiht den Scherz einem alten Hofmacher. Es muß aber wahr sein, daß ... genug. Sie rostet aber wirklich nicht. Seid nicht bös. * Das eine darf kaum bezweifelt werden, nämlich: daß jener vielberühmte Herzog Heinrich von Rohan, Fürst von Leon und Pair und Marschall von Frankreich, wenn auch nicht dem Blute, so doch dem Gesetze nach, der Vater war des »zugelaufenen Vagabunden.« Von ihm, dem Herzog, wird also einiges zu sagen sein. Wie jedermann weiß, war Herzog Heinrich der erste dieses Titels innerhalb seines Geschlechts. Ja, seine stolze Mutter aus dem uralten Hause von Luzignan-Parthenay, hat sich aufs tiefste empört, als sie hörte, daß ihr Sohn von König Heinrich den Herzogs- und Pairstitel bekommen solle. Das heiße, meinte die alte Dame im weißen Haar, den alten stolzen Wappenspruch derer von Rohan »Roy ne puys, Duc ne dagne, Rohan suys« in schimpflicher Weise Lügen strafen. Denn die von Rohan waren bis dahin außer auf ihren fast königlichen Besitz in der Bretagne auf nichts so stolz gewesen als ihre Abstammung, die sie in gut verbrieften Ansprüchen auf die alten bretonischen Könige zurückführten, mit denen ihre Vorfahren zum mindesten öfter verschwägert waren, wie denn schon in den alten Liedern und Sagen von des Königs Arthus Tafelrunde ein Rohan als Onkel und Vormund des vielbeschrienen Herrn Tristan genannt wird, also daß sich die Überlieferungen dieses Geschlechts bis in die regenbogenfarbigen Dämmerungen der ältesten Fabeln und Poesien hinein verlieren. Mit den meisten souveränen Häusern von Europa war das Geschlecht zu aller Zeit verschwägert und auch die Lusignanerin, die Mutter unseres Rohan, konnte sich rühmen, von Königen abzustammen und noch dazu von Königen mit einer Aureole absonderer Art. Denn einer ihrer Vorfahren, ein Guido von Lusignan, war einmal nichts Geringeres als ein König von Jerusalem und Cypern, was darum bemerkt sein mag, weil die Insel Cypern eine Rolle in dieser Geschichte spielt. Heinrich von Rohan jedoch, so scheint es, fühlte weniger Stolz in sich als der allzu stolze Wappenspruch seines Hauses ausdrückte. Und darum wurde er außer einem Rohan und Fürst von Leon, der er schon war, ein Herzog und Pair von Frankreich, vielleicht sogar nur aus reinem Gehorsam gegen seinen Oberherrn, König Heinrich VI., mit dem er nicht allein den Namen, sondern auch die neue Religion teilte. Aber während der königliche Heinrich diese Religion, wenigstens äußerlich, abschwur, weil er meinte, daß Paris wohl eine Messe wert sei, blieb Rohan ihr treu bis in den Tod. Ja, er wurde nach der Ermordung des großen Königs durch Franz Ravaillac erst recht das anerkannte Haupt der hugenottischen Partei, die sich durch ihn gegen König Ludwig XIII. und seinen Minister Richelieu zu jenen wiederholten verheerenden Kriegen aufreizen ließ, die den ganzen Süden unsers schönen Frankreichs verwüsteten, und in deren Verlauf der Herzog Rohan, das kann niemand leugnen, sich einen großen und wohlbegründeten kriegerischen Ruhm über ganz Europa hin erwarb, aber doch seine Sache zuletzt verlor, wenn auch weniger durch seine als der anderen Schuld. Aber diese auf dem großen Schauplatz der Weltgeschichte trotz aller Mißerfolge glanzvolle Persönlichkeit war der bedauerlichste Schwächling auf dem Boden der eigenen Familie. Man erriet dies, indem man ihn nur ansah. Sein Haupt war schon früh kahl über der hohen schmalen Stirne, seine großen Augen blickten müd und waren eher die eines Apostels oder Predigers, als die eines Feldherrn. Seine Mundwinkel über dem verkürzten Kinn zogen sich wie erschlafft nach unten. Der ganze Ausdruck seines Gesichtes hatte wenig Kriegerisches trotz des steifgewichsten dreispitzigen Bartes, den er trug in Nachahmung des großen Schwedenkönigs Gustav Adolf. Zu allem Unglück mußte dieser Mann an eine Frau geraten, die sich seiner wenig würdig zeigte. Sie hieß Margarete von Bethune und ihr Vater war der vielgenannte Minister Herzog von Sully – Sully-Bethune – ein großer Finanzmann in seiner Art, aber sonst, wie sich das oft bei Leuten dieser Berufsart findet, ein unfeiner und fast roher Mensch. Man erzählt sich von ihm, daß er einmal die zehnjährige Margaret, seine Tochter, wegen einer Unart vor mehreren anwesenden Personen gezüchtigt habe mit Entblößung des hierzu besonders geeigneten Körperteils. Und dann, indem er mit Kennerblicken den zuckenden zarten Körper seinen Gästen zeigte: Da sieht man schon, scherzte er unter Behagen – – – aber nein, seine Worte waren zu canaillenhaft, als daß man sie einem Leser, den man achtet, oder gar einer ehrbaren Leserin schwarz auf weiß bringen dürfte. Mit kaum sechzehn Jahren wurde die kleine Margaret dem Herzog Heinrich vermählt. Die Trauung vollzog sich unter großem soldatischen Gepränge in dem protestantischen Tempel zu Charenton, damals noch eine Hochburg des Kalvinismus im Angesicht von Paris, ein Art Zion und neues Jerusalem für alle Rechtgläubigen (wie sie sich nannten) des ganzen Königreichs. Man mußte die Braut, gekleidet in weißen Taft, auf einen Schemel stellen, so klein war sie noch, und der Prediger Dumoulin, ein Spaßvogel trotz seinem Predigertum, fragte lachend, ob das Kind getauft werden wolle. Aber unmittelbar nach dem Trauakt wurde dieses Kind zur Herzogin gekrönt und angetan mit dem dukalen Mantel von Hermelin und blauer Seide. Und als sie darauf, zur Rechten der Herzoginmutter, jener alten Dame im weißen Haar aus dem Hause Luzignan-Parthenay, ihren feierlichen Einzug in Paris hielt, durch die Vorstadt von Sankt Anton, da sah sie nicht anders aus als eine kleine Königin. Ohne ihren Gemahl hielt sie diesen Einzug in den herzoglichen Palast von Rohan in dem Stadtteil, genannt das Marais, nahe bei Unserer Lieben Frau zu den blauen Mänteln. Der Herzog selber stieg vom Traualtar hinweg in den Sattel, und an der Spitze seiner zahlreichen Krieger, die mit ihm zur Hochzeit gekommen waren, alles mächtige Herzöge und Grafen aus der Languedoc, zog er gen Grenoble in das Heerlager des Königs Heinrich, der damals gegen Savoyen im Felde stand. Das eheliche Beilager mit seiner allzu jungen Frau mußte verschoben werden. Es wurde erst zwei Jahre später während eines Waffenstillstandes vollzogen und blieb lange unfruchtbar. Erst im neunten Jahre schenkte Margarete von Bethune dem Herzog eine Tochter. Ich sagte im neunten Jahr, nicht im neunten Monat. Denn wenn man auch bei einem so freudigen Ereignis die Arithmetik mit Fug und Recht aus dem Spiel lassen sollte, gibt es doch immer Leute genug, die es gerade bei solchen Gelegenheiten nicht unterlassen können, peinliche Berechnungen anzustellen. Und da Herzog Heinrich, immer von kriegerischen Unternehmungen in Anspruch genommen, nur selten und stets nur auf kurze Zeit, auf einen Sprung sozusagen, seine Gemahlin besuchte, wollten jene Rechner herausgefunden haben, daß die kleine Prinzessin, sie hieß Margaret wie ihre Mutter, trotz der neun Ehejahre noch immer um einige Monate zu früh auf die Welt gekommen sei. Doch wie es sich nun auch mit ihr verhalten mag, sicher ist so viel, daß bald nachher der Herzog von Candale ganz allgemein als der Geliebte der Fürstin oder Herzogin von Rohan – sie ließ sich gern als Hoheit anreden – bezeichnet wurde. Dieser Candale war der ältere Bruder des durch seinen Feldherrnruhm allgemein bekannten Kardinals von La Ballette. Er selber wurde durch nichts berühmt als, wie gesagt, durch seine allzu öffentlichen und allzu skandalösen Beziehungen zu der genannten Fürstin, deren Gemahl gerade jetzt in der Languedoc alle Hände voll zu tun hatte, um mit seinen Verbündeten den Truppen des Kardinals Richelieu standzuhalten. Zweites Kapitel Erzählt mehr von Herzog Heinrich und seiner schönen Gemahlin Der Herzog selber war mit seiner Frau sehr zufrieden. Das kleine lebhafte Persönchen – sie muß nach dem, wie man sie im Alter gesehen hat, sehr hübsch gewesen sein – liebte ihren Mann auf ihre Weise. Sie kam oft zu ihm ins Lager oder in seine Standquartiere zu La Rochelle und Montauban, zu Castre und Aigues-Mortes, zu Montpelliers und Pisme, und wie sonst die festen Plätze der Hugenotten in der Languedoc heißen mochten, und führte wiederholt für ihn und nicht ohne Glück die Verhandlungen mit Richelieu und der Königin Anna von Österreich, mit der sie in einer Art freundschaftlichem Verhältnis stand. Man sprach einmal von ihr bei der Marquise von Rambouillet. »Oh, rief Tallemand des Réaux, in einem Land, wo der Ehebruch erlaubt wäre, würde sie nicht nur für eine tüchtige, sondern auch für eine höchst ehrbare Frau gelten.« »Als ob bei uns, antwortete boshaft der Marschall von Bassompières, der Ehebruch etwa nicht erlaubt sei.« Selbst in ihren Liebeshändeln verlor sie die Politik ihres Gemahls nicht ganz aus dem Auge und brachte wirklich den Candale dahin, sich von seiner Frau zu scheiden und zu Charenton feierlich den katholischen Glauben abzuschwören, was ihr vom Hof in höherem Grad übel genommen wurde als alles andere. Von ihrem lebhaften und brüsken Temperament erzählte man eine Menge drolliger Geschichten. Als sie einmal von einem Ball im Louvre in ihrer Sänfte nach Hause kehrte, wurde sie hinter den Markthallen nahe bei dem schönen Brunnen der Unschuldigen Kinder von Räubern überfallen, die es auf ihr kostbares Perlenhalsband abgesehen hatten. Die Dienerschaft war im Nu überwältigt, die Herzogin aber wehrte sich heldenhaft, indem sie das Kleinod an ihrem Hals krampfhaft mit ihren Händen umschlossen hielt. Da griff einer der Männer nach einem andern Kleinod, das sich sonst die Damen am wenigsten gern von fremden Händen berühren lassen. Die Herzoginhoheit aber lachte. Das werdet ihr mir schon lassen müssen, sagte sie verächtlich; meine Perlen haben es nötiger verteidigt, zu werden. Und sie hat wirklich ihre Perlen gerettet. Sie war eine Frau von praktischem Verstand. Dennoch konnte sie, und all ihrer intriganten Rührigkeit zum Trotz, nicht hindern, daß das politische Schiff ihres Eheherrn immer mehr mit vollen Segeln dem Untergang zusteuerte. Der gute Herzog hatte kein Glück mehr. Die Wahrheit zu sagen, war er eine Art personifizierter Anachronismus geworden. Er fand sich nicht in die Veränderung der Zeit. Während seine Verbündeten längst die Religion nur noch als Vorwand benützten zur Verwirklichung eigennütziger und sonderbündlerischer Absichten, um die es ihnen allein noch zu tun war, meinte er immer noch in aller Aufrichtigkeit, einzig für seinen Glauben zu kämpfen. Er mißkannte gründlich seine Genossen, die bereits anfingen, sich über ihn lustig zu machen. Seit dem Edikt von Nantes erfreuten sie sich mehr als hinlänglicher Duldung in Religionssachen, und so mußten die Verständigen unter ihnen immer deutlicher fühlen, daß es ihnen schlecht anstand, für eine Sache zu kämpfen, die ihnen in Wahrheit niemand streitig machte. Daß der Rohan und sein Bruder, der Fürst von Soubise, damals von Spanien, dem Todfeinde Frankreichs, Subsidien bezogen und zuletzt Englands Hilfe gegen den König anriefen, setzte ihren Patriotismus in ein verdächtiges Licht und mißfiel den meisten in der eigenen Partei. Die mächtigsten ihrer Häupter folgten jetzt sogar dem Beispiel der Bourbonen und traten öffentlich in die Kirche zurück. Besonders verstand es Herzog Heinrich nicht, gewisse unzeitgemäße Äußerlichkeiten rechtzeitig abzulegen. Er trug über seinem schwarzen Küraß den berüchtigten hugenottischen Kragen noch immer um keinen Finger weniger breit als zur Zeit des dritten Heinrich, und sein dreigespitzter Bart war in Frankreich auch längst außer Mode. Und nie hielt er seinen Einzug in eine eroberte Stadt, ohne daß drei Prediger mit brennenden Kerzen und einer riesigen aufgeschlagenen Bibel vor ihm her schritten. Vielleicht glaubte er auch hierin seinen Patron, den heiligen Gustav Adolf von Schweden, würdig nachzuahmen. Herzog Heinrich selber war mindestens ein ebensoguter Prediger wie Feldherr. Auf der vielbeschrienen Kirchenversammlung zu Saumur hielt er an den reformierten hohen Adel eine Allocution, die folgendergestalt schloß: »So laßt uns, meine Brüder in Christo, abtun alle weltlichen Gedanken, abtun von uns alle sündige Ehrsucht und feige Rücksicht auf irdisches Gut und persönlichen Vorteil, um einzig und mit allen unsern Kräften zu arbeiten am Ruhme unsers Erlösers und seiner heiligen Kirche. Dann wird die Hand des Herrn mit uns sein in all unserem Beginnen. Und wahrlich, kein frommerer Ehrgeiz könnte uns beseelen, als der ist, die verfolgte Kirche Gottes zu erretten und mächtig zu machen gegen ihre Feinde. Dazu wirke jeglicher nach den Kräften, die ihm Gott verliehen hat. Alle irdischen Güter sind eitel Kot und Staub vor dem Herrn und unser ganzes Leben hienieden hat keinen andern Sinn, als damit das ewige im Jenseits zu verdienen. Darum laßt uns ebenso all unsere Kraft aufwenden zur Verherrlichung Gottes, wie unsere Gegner zum Gewinn des Teufels. Laßt uns sie nachahmen in ihrem unermüdlichen Eifer, aber zur Vermehrung des Reiches Christi, nicht Satans, wie sie tun in ihrer Verruchtheit.« Leider hatte die schöne Predigt nicht den gewünschten Erfolg bei seinen vornehmen Standesgenossen. Die einen lachten, die andern schüttelten unwillig den Kopf. Sie meinten, die Zeiten der Apostel und Albigenser seien doch wohl vorüber. Um diese Zeit war es auch, daß Heinrich von Bourbon, Fürst von Condé, ihm einen harten Brief schrieb wegen seines geheimen Einverständnisses mit den Todfeinden Frankreichs, den Spaniern und Engländern. Heinrich von Rohan antwortete darauf als Christ, ohne auch nur mit einem Wort auf des Bourbonen ungeheuerliche Beschuldigung der Felonie einzugehen, einzig besorgt um das Seelenheil des Fürsten. »Zuletzt bleibt mir nur übrig,« so schloß seine fromme Epistel, »als Gott zu bitten, daß er Euch nicht behandle nach Eueren Werken, vielmehr Euch die Gnade angedeihen lasse, zur wahren Religion zurückzukehren und darin zu verharren. Ja, möchte doch Gott in seiner Barmherzigkeit Euch würdigen, wie er Euren Herrn Vater und Großvater gewürdigt hat, aufs neue der Verteidiger unserer heiligen Kirche zu werden: dann könnte ich freudigen Herzens mich bekennen, auch in Hinsicht auf Eure Person, wie jetzt nur in Anbetracht Eures Ranges, als Euern Diener H. v. R.« Herzog Heinrich, in seiner Nachahmung des großen Schwedenkönigs, vergaß eines: daß wir Franzosen eine andere Rasse Menschen sind als die fischblütigen Nordländer und daß in unserem schönen Frankreich kein Fluch tödlicher wirkt, als der der Lächerlichkeit. Er begriff auch nicht, daß die Franzosen, und die im Süden mehr noch als wir andern, zwar einen Glauben mit einem an Raserei grenzenden Fanatismus zu ergreifen vermögen, der aber, einmal lau geworden, leicht in Frivolität umschlägt und, dem bewegten Geist gallischer Rasse entsprechend, einer Spottlust Raum gibt, die manchmal an Gottlosigkeit grenzen mag. Man verbreitete damals die erste Übersetzung jenes spanischen Buches von einem gewissen Miguel de Cervantes, und bald mußte Heinrich von Rohan es erleben, daß alle Welt ihn mit dem lächerlichen Helden des närrischen Romans verglich. Seine eigenen Anhänger aus der hohen Aristokratie – nur das gemeine Volk hatte seine ehrliche Gläubigkeit bewahrt – nannten ihn schon nicht mehr anders als den Don Quichotte des Evangeliums. Heinrich von Bourbon soll zuerst das Wort auf ihn gemünzt haben. Kurz, es stand schlecht um seine Sache und noch schlechter um ihn selber; seine ungeheuren Besitzungen waren längst von Richelieu konfisziert. Dabei verlor er eine Schlacht nach der andern, eine feste Stadt um die andere fiel in die Hände der Königlichen. Nur La Rochelle hielt sich noch. Dieser Platz, der von außen eher einer meerumrauschten und vielgetürmten barbarisch gotischen Burg glich als einer Stadtfestung, wurde durch den hartnäckigen Glaubenseifer seiner frommen Bürger – der Gewerbsmann brachte seiner Religion noch Opfer – wie durch die nicht weniger hartnäckige Brandung des Ozeans zu gut verteidigt. Dennoch mußte auch diese letzte Festung des Kalvinismus sich endlich nach dreizehnjähriger Belagerung übergeben; denn wenn die Hugenotten den Ozean und hundert feste Türme für sich hatten, so kämpften dafür auf Seite Richelieus zwei noch schrecklichere Gewalten, denen keine menschliche Macht je auf die Dauer widerstanden ist: der Würgeengel Hunger und sein entsetzliches Geschwister, die Seuche. Und als dann La Rochelle, drei Tage vor Allerheiligen des Jahres 1628, sich seinem furchtbaren Belagerer, dem bourbonischen Prinzen Ludwig, Grafen von Soisson, auf Gnade und Ungnade ausgeliefert hatte, da schien es, daß der Herzog Heinrich von Rohan seine Rolle auf dem irdischen Welttheater für immer ausgespielt habe. Er wurde zwar, wie auch seine Glaubensgenossen, von Richelieu gnädig behandelt. Denn dieser Priester war in erster Linie Politiker und in zweiter Linie noch einmal Politiker. Er kannte in seinem Herzen nur eine Religion, die Religion der Macht. Ihr allein widmete er einen ehrlichen Kultus. Der Glaube der Untertanen galt ihm gleich, wenn sie nur seine schrankenlose Herrschaft duldeten, welcher selbst König Ludwig sich nicht zu entziehen gewagt hätte. Herzog Heinrich erhielt alle seine konfiszierten Besitztümer, Städte, Burgen, Dörfer und Ländereien zurückerstattet, nur eben mit dem königlichen Befehl, Frankreich unverzüglich zu verlassen und in Venedig Wohnung zu nehmen, bis es Seine Majestät gefallen sollte, ihn zurückzurufen. In dem neutralen Venedig glaubte man den unruhigen Herzog am unschädlichsten aufgehoben. Das mürrische und verdrossene Gesicht Heinrichs von Rohan, in dem die großen Augen mit dem umflorten Blick und die herabgezogenen Mundwinkel so schlecht zusammen gingen mit dem steifgewichsten dreispitzigen Kriegerbart, dieses melancholische Antlitz war damals jedermann bekannt. Auch wo er als Sieger in Burgen und feste Städte eingezogen – immer, wie schon erwähnt, mit den drei Predigern, die brennende Kerzen und die Bibel vor ihm hertrugen – hat er nie ein anderes als dieses Gesicht gezeigt, das an das eines armen Sünders erinnerte, der zum hochnotpeinlichen Gericht geführt wird. Wie aber mag er erst dreingeschaut haben, als er nun, nicht mehr als ein Sieger oder Krieger, sondern als ein Unterlegener, als ein Verbannter und Ausgestoßener, mit seinem Gefolge in die stolze Lagunenstadt einzog, um deren Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Die schwarzen Gondeln in der sonst so hellfarbigen Stadt können, schlank und schmal wie sie gebaut sind, selbst einen Frohen an Särge erinnern, und als diejenige, die den besiegten Rohan trug, auf dem großen Kanal unter den prunkvollen Palästen dahinglitt, da mochten die Insassen anderer Gondeln manchmal erschrocken zusammengefahren sein, weil sie einen Augenblick geglaubt hatten, einem Gespenst ins Angesicht gesehen zu haben. Auch mag sich seine Leichenbittermiene kaum erheitert haben, als die Gondel nach kurzer Fahrt an der Portaltreppe des von ihm gemieteten Palastes anstieß und seine Gemahlin und Tochter ihm vom Balkon herunter freudig zuwinkten. Denn die immer rührige, immer sorgliche und immer reisefertige Frau Fürstin – da sie doch einmal diesen Titel am liebsten hatte – war ihm mit ihrer Tochter, der Prinzessin Margaret, zusammen vorausgeeilt, um dem düsteren Gemahl in dem farbigen Venedig das Haus zu bestellen und die harten Tage des Exils so leicht und sanft als möglich zu machen. Und wie die ewigen Götter ein Wohlgefallen haben an der liebenden Besorgtheit ehelicher Gatten für einander, das zeigt sich deutlich bei dieser Gelegenheit, indem der Gott Zufall es gütig fügte, daß zur selben Zeit der Herzog von Candale nach Mantua reiste, um an dem dortigen Hof einen Auftrag auszurichten, den er sich von der Königin verschafft hatte. So schien es nur natürlich, das die Fürstin in seiner Gesellschaft reiste. Wer sich aber in Rohan geirrt hatte, wenn er ihn zu Venedig kaltgestellt glaubte, das war der Kardinal Richelieu. Denn in dieser Lagunenstadt kam der Herzog auf den Gedanken, eine wie herrliche Sache es wäre, ein Bündnis zu stiften zwischen der Republik des heiligen Markus und dem König von Schweden, womit er dem Kardinal sehr unbequem werden mußte. Er begann also zu handeln und zu korrespondieren, und wenn man gewissen Historiographen glauben darf, waren wirklich seine Bemühungen nicht aussichtslos, hat es nur an einem Haar gefehlt, daß ihm sein kühner Plan gelungen wäre. Immer hat es bei diesem Mann nur um ein Haar gefehlt. Jedenfalls ließ also auch in Venedig die Politik dem Herzog keine Zeit, sich um seine Frau zu kümmern. Und als dann eines Tages der braungelockte zierliche Candale von Mantua herüberkam und sich in der Nähe des herzoglichen Palastes einquartierte, freute sich darüber, sagen wir: war damit niemand, die Fürstin Margarete vielleicht ausgenommen, mehr zufrieden als Heinrich von Rohan, der bei aller Unbekümmertheit in diesem Punkt doch einigemal bemerkt haben mochte, daß sich die Fürstin in dem schönen Venedig auf den Tod langweile. Er selber hatte aber wirklich keine Zeit übrig für seine lebhafte kleine Frau. Denn die Muße, die ihm seine politische Korrespondenz freiließ, verwendete er in emsiger und unermüdlicher Schriftstellerei. Er verfaßte damals sein Buch: »Von den Tugenden eines guten Fürsten.« Rohan wollte damit die heidnischen und unchristlichen Anschauungen des Katholiken Machiavell bekämpfen. Nebenbei arbeitete er an der Beschreibung einer früheren Reise durch Frankreich, England, Schottland, Deutschland und Italien. Und vor allem galt es, seine eigenen ruhmreichen Taten in richtiger Beleuchtung auf die Nachwelt zu bringen. Und so schrieb er. Band um Band, an seinen Memoiren, die bekanntlich den Titel führen: »Von den denkwürdigen Begebenheiten in Frankreich vom Tode Heinrichs IV. bis zum Frieden von Alais im Monat Juni des Jahres 1629.« Also geschah es denn oftmals, während er vor einem ungeheuren Arbeitstisch, den er sich in seinem eigenen abgesonderten Schlafzimmer aufgestellt hatte, zwischen hohen Haufen bestaubter Papiere kramend und kritzelnd saß. Stunden um Stunden, manchmal allein, manchmal unterstützt von seinem Sekretär Priolo: daß die Fürstin auf dem steinernen Balkon vor dem großen weitläufigen Saal zusammen mit dem braunlockigen zierlichen Candale weilte und sich besprach über Vergangenheit und Zukunft. Und bei einer solchen Gelegenheit – die Prinzessin Margaret, damals noch ein kindliches Ding mit ihren vierzehn Jahren, saß mit ihrer Gouvernante und dem Sprachmeister drin in einer Ecke des Saales über ihrer italienischen Lektion – bei einer solchen Gelegenheit machte Margarete von Bethune dem Candale eines Tages eine Entdeckung bedenklicher Art. Der parfümierte Candale schnitt dazu erst ein verdutztes Gesicht. Er beruhigte sich aber sehr schnell und suchte auch die Fürstin zu beruhigen mit dem Hinweis auf die bekannte kindliche Gutgläubigkeit des hohen Herrn Gemahls in diesen Dingen. Leider gelang es ihm nicht, die trübe Besorgtheit der Fürstin zu besiegen. Ja, als diese ihm nun fernere intime Eröffnungen machte über ihr eheliches Zusammenleben oder vielmehr Nichtzusammenleben mit dem Gemahl, da kraute sich auch der schöne Candale ein wenig ratlos in den duftenden Locken. Zum Glück aber kam der gefällige Gott Zufall der Dame Margaret abermals zu Hilfe. Drittes Kapitel Ein Triumphzug der präsumtiven Königin von Zypern Mit großem Schmerz hatte es Herzog Heinrich erleben müssen, wie seine Bemühungen um einen schwedisch-venetianischen Bündnisvertrag zuletzt ins Wasser fielen – was ihn füglich an einem Ort wie Venedig nicht allzu sehr hätte verwundern sollen. Um so beglückendere, ja fast märchenhafte Aussichten eröffneten sich ihm jetzt im fernen Morgenland. Er erhielt zu dieser Zeit einen Brief von dem Patriarchen Cyrillus von Konstantinopel, worin ihm dieser griechische Kirchenfürst, der dem Papst gern einen Tort antat, nichts Geringeres vorschlug als: dem Großherrn der Türken die Insel Zypern abzukaufen und dieses alte Königreich – Rohans Vorfahren mütterlicherseits hatten schon als Könige dort geherrscht – zu einer Zufluchtsstätte aller Anhänger des »gereinigten« christlichen Glaubens und zu einer Art Neuem Jerusalem zu machen. Denn kein Wort außer dem Evangelium klang denen »von der Religion« so lieblich im Ohr, sollte man es für möglich halten? als das Wort Jerusalem, daß man meinen könnte, sie hätten es bedauert, Franzosen zu sein wie wir andern, die wir uns doch darauf mit Recht etwas einbilden, und hätten vorgezogen, lieber Juden zu heißen, wie sie denn auch ihren Kindern die unglaublichsten jüdischen Namen gaben statt der hergebrachten französischen, was kein wohlgearteter Sohn unsers schönen und einzigen Frankreichs je begreifen wird. Und also leuchtete ohne weiteres ein, daß unser kalvinistischer Zionswächter die Idee des Patriarchen mit einem Eifer ergriff, der, ich will nicht sagen einer besseren, aber, hol's der Kuckuck, wenigstens einer vernünftigeren Sache würdig gewesen wäre. Der Herzog Heinrich konnte sich doch nicht verleugnen, daß unter Kardinal Richelieu und Ludwig XIII. den französischen Hugenotten auch nicht ein Haar gekrümmt wurde. Sie durften ihre weißen Breitkrägen und altmodischen Spitzbärte spazieren führen, wo sie nur wollten. Und dann: hat dieser Apostel der Duldsamkeit nicht bedacht, daß auf der Insel Zypern doch auch Leute wohnten? Ich weiß nicht, was man dort für eine Art Religion hat. Jedenfalls aber bekannten sich diese Insulaner, die recht nahe mit den alten Heiden verwandt sein müssen, keineswegs zu dem »gereinigten Glauben«, von dem sie wahrscheinlich noch gar nichts gehört hatten. Wollte denn dieser Don Quichotte II. diese Hunderttausende von Menschen ins Meer werfen lassen, oder wollte er sie, was ich mir noch schrecklicher denke, mit Gewalt zu Hugenotten machen? Der griechische Patriarch hatte bereits bei dem Sultan Schritte getan. Sechsmalhunderttausend Taler als Kaufsumme und außerdem einen jährlichen Tribut von dreitausend Talern verlangte die Hohe Pforte für die Abtretung der Insel und gedachte jedenfalls damit ein gutes Geschäft zu machen. Rohan fand die Forderung nicht zu hoch. Er hegte in sich nur noch den einen Gedanken, wie er das Geld beschaffen könne. Wenn er einen Teil seines Herzogtums in Frankreich verkaufte, mochte der Erlös wohl reichen; aber wie das so rasch ins Werk setzen? Darüber wollte er sich mit seiner Gemahlin beraten, da er sehr gut wußte, wie sehr seine wirklich schönere Hälfte ihm zugleich in solchen gemeinen praktischen Dingen überlegen war. Und so geschah es ihm in diesen Tagen zum erstenmal, daß er plötzlich und unerwartet auf dem marmornen Balkon erschien, wo seine Frau in Gesellschaft des Herzogs von Candale gerade eine Zwiesprache hielt, die nicht erfreulicher Natur sein mußte; denn dem Herzog Heinrich entging es nicht, wie besorgt und düster das Paar auf das bunte Treiben des großen Kanals hinunterblickte. Nur ihr grenzenloses Erstaunen, den Marschall an diesem Ort erscheinen zu sehen – er war nach echter Gespensterart lautlos herzugekommen – mochte noch größer sein als ihre sichtbare Verstimmung. Heinrich von Rohan aber ließ sich von dem Kämmerer einen Stuhl herbeischieben und da er den schönen Candale der hugenottischen Sache von Herzen ergeben glaubte, zögerte er nicht, sein Anliegen in dessen Beisein der Gemahlin vorzutragen. Aber sein kühnes Projekt machte auf den jungen Mann mit den regelmäßigen blassen Zügen nicht den geringsten Eindruck. Gelangweilt und wie einer, der gar nicht zuhört, schaute er finster auf das Wasser hinunter, wo die schwarzen Gondeln mit den schlanken silbernen Schnäbeln in lautloser Schnelligkeit an einander vorüberschossen, die so lebhaft an schwarze Särge erinnerten und doch so oft der wollüstigsten Liebe zur Zuflucht dienen mußten. Candale selber hätte davon erzählen können. Mit um so größerer Befriedigung gewahrte Herzog Heinrich, wie freudig sich die Züge seiner Gemahlin aufhellten, sobald sie begriffen hatte, um was es sich handle. Wer die Herzogin (und Fürstin) von Rohan nur oberflächlich kannte, nur eben nach der Seite ihres behenden Zugreifens und ihrer immer bereiten Unternehmungslust, mußte sich im Beweggrund ihrer Freude notwendig täuschen. Hat sich die Herzogin etwa in ihrer blühenden Phantasie bereits als gekrönte exotische Königin gedacht in goldgestickten seidenen Gewändern und umgeben von der ganzen blendenden Pracht des geheimnisvollen Orients? Hat sie gar an jene Katharina Cornaro gedacht, auch eine Königin von Zypern ehemals, deren Bild man ihr jüngst in dem Palast gleichen Namens gezeigt hatte, gemalt von dem Herrn Titian, mit einem Mieder von unsagbarer Kostbarkeit, über und über ornamentiert mit Perlen von fabelhafter Größe und Schönheit. Nein, Margarete von Rohan hatte nichts weniger als eine blühende Phantasie. Sie hatte nur Temperament. Beides wird gern verwechselt. Und vor allem war diese Dame durch und durch Pariserin. Paris ging ihr über alles. Sie hätte diese Stadt niemals dran geben mögen gegen ein phantastisches Königreich irgendwo dahinten in der Türkei, womit sie bewies, sie war eben eine schöne Frau, daß der gute Geschmack und der französische Instinkt (was auf dasselbe hinausläuft) noch ein Wörtlein bei ihr mitredete, trotz gereinigter Religion. Ja, ich glaube, sie hätte, trotz ihrer Strenggläubigkeit, im Notfall ihr liebes Paris so gut eine Messe wert gehalten wie jener vierte Heinrich, der das Rechengenie ihres Vaters entdeckt hat. Nichtsdestoweniger, und sie hatte ihre guten Gründe dafür, griff sie das Projekt ihres Gemahls auf mit der Lebhaftigkeit, die man an ihr kannte. Gewiß, ja, das waren wunderbare Aussichten. Da galt es, unverzüglich zu handeln. Aber, ob er denn nicht seine Gemahlin mit dem Geschäft betrauen wolle. Er kenne doch ihre Geschicklichkeit in solchen Dingen. Sie sei nicht umsonst die Tochter ihres berühmten Vaters. So oft schon habe sie ihm Proben gegeben, so oft schon habe sie sich als gewitzigte Unterhändlerin bewiesen. Kurz, das Gescheiteste war zweifellos, daß sie unverweilt nach Frankreich zurückginge und dort persönlich die Schritte tue, die zum Verkauf des Herzogtums führen konnten. Sie werde die Sache mit der Königin beraten. Ihre Majestät werde ihr gewiß behilflich sein. Leider, freilich, werde man dann nur an einen von der katholischen Partei verkaufen können. Aber da es nun doch ausgemacht sei, daß die Hugenotten samt und sonders nach Cypern auszögen, und so weiter. Man kann sich denken, wie auf einmal der zierliche Candale aufhorchte. Die Gondeln unten im großen Kanal, die manchmal schlanken schwarzen Vögeln glichen mit seltsam gebogenen silbernen Schnäbeln, interessierten ihn plötzlich nicht im geringsten mehr. Mit aufdämmerndem Verständnis lauschte er verstohlen den Worten der Herzogin. Er senkte aber dabei die langbewimperten Lider über seine braunen Rehaugen, um sich mit keinem unvorsichtigen Freudenblick dem Herzog zu verraten. Herzog Heinrich wollte Einwände erheben. Das Geschäft sei zu beschwerlich. Schon die lange Reise allein dürfe er der zarten Gesundheit seiner Gemahlin nicht zumuten. Ihr Aussehen sei ohnedies nicht zum besten. Ihre Wangen seien manchmal auffallend blaß in der letzten Zeit, ihr Blick müde. Und die Herzogin begann energischer zuzugreifen. Ja, das war's. Sie fühlte sich wirklich nicht wohl in den letzten Monaten. Sie hatte sich aber gescheut, ihren Gemahl damit zu belästigen. Der Arzt hatte ihr längst den Grund davon verraten. Die Luft von Venedig war's. Diese feuchte Luft vertrug sie nicht. Schon längst hatte der Doktor Lesage dem Herzog den Rat geben wollen, seine Gemahlin nach Frankreich zurückzuschicken. Sie allein hatte ihn daran verhindert, weil sie es für ihre heilige Pflicht gehalten, bei ihrem Gemahl in der Verbannung auszuhalten. Aber anders jetzt, wo ihre Reise ihm nützlich werden konnte, ja unvermeidlich war. Dagegen wußte der Herzog nichts weiter vorzubringen. »Und wie glücklich es sich trifft, Freund meines Herzens, sprach die Fürstin mit ihrer einschmeichelndsten Stimme, und was werdet Ihr nur sagen? Denn erst vor einer halben Stunde, als Ihr gerade zu uns tratet, hat unser lieber Freund hier mir eröffnet, daß er uns verlassen müsse, da er den Befehl erhalten, sich ohne Aufschub zu seinem Regiment nach Amiens zu verfügen. So haben wir beide bis nach Paris den gleichen Weg und Herr von Candale hat gewiß die Güte, mich bis dahin zu begleiten.« Auch Herzog Heinrich fand dieses Zusammentreffen glücklich, und schon in wenigen Tagen erklärte sich die Herzogin reisefertig. Zwei fromme Maultiere, jedes mit einer Art Sänfte gesattelt, standen bereit, die Fürstin und ihre Tochter aufzunehmen. Ein drittes war für die Rahel, die Kammerfrau der Fürstin, bestimmt, und noch vier weiteren wurde das Gepäck aufgeladen. Der Herzog von Candale bestieg seinen glatten Berberhengst. Zwei Lakaien und ein Dutzend berittener Musketiere, die der französische Botschafter zur Verfügung stellte, bildeten das Gefolge. Und der Aufbruch fand statt zwei Tage vor Bartholomäi. Nicht just von Venedig aus, sondern von Ca Fusina an der Brenta geschah dieser Aufbruch. Bis dahin hatte die Gesellschaft die Reise zu Wasser mittels einer kleinen Flotte von sieben Gondeln zurückgelegt, und der Herzog hatte ausnahmsweise Zeit gefunden, die Seinigen auf dieser Fahrt zu begleiten. Immerhin fügte es sich, daß er zugleich ein politisches Geschäft dabei erledigte. Als nämlich zu Venedig vor der Marmortreppe des Palastes die Einschiffung in die stillen schwarzen Wassersärge vor sich ging, ließ sich ein venzianischer Kriegsführer bei dem Herzog melden, der eine wichtige den Herzog selbst nahe berührende Angelegenheit mit ihm zu besprechen wünschte. Dieser Obrist war Herrn Heinrich von Rohan dem Namen und Ruf nach nicht fremd. Er war ein Landeskind aus den Grauen Bünden und hatte sich bereits in seiner Heimat als ein eifriger Kalvinist auffallend hervorgetan und sich eine Art blutige Berühmtheit erworben. Jetzt diente er der Republik des heiligen Markus in ihren Kriegen gegen die Dalmatiner. Die Venezianer nannten ihn Messer Genaste, in seiner Heimatsprache hieß er Georg Jenatsch. Herzog Heinrich war weit entfernt von diesem Mann gering zu denken und er schwankte darum einen Augenblick, ob er nicht doch seine Gemahlin und Tochter in Gottes Namen ziehen lassen und dem Obristen dafür die gewünschte Unterredung gewähren solle. Dann kam ihm ein glücklicher Gedanke. Er stieg hinauf in den Saal, wo der Obrist seiner wartete, eine ebenso hohe wie breitschulterige Gestalt mit grobknochig rotem Gesicht, dessen Ausdruck von herrischem Wesen und lauernder Verschlagenheit gegen die sanften und melancholisch frommen Züge des Herzogs seltsam abstach. Das ursprünglich Bäuerische an dem hochragenden derben Kopf des Soldaten war unverkennbar, zeigte aber dennoch an, daß Befehlen mehr in seiner Natur lag als Gehorchen. Er zeigte übrigens, daß ihm höfische Sitte nicht fremd geblieben, und die Linke am Degengefäß haltend zugleich mit dem umfangreichen Federhut und den gelbledernen Handschuhen, die Rechte aber mit gespreizten Fingern auf den Brustkoller gedrückt, verneigte er sich tief und ehrfürchtig vor dem Herzog. Dieser äußerte sein aufrichtiges Bedauern, dem Herrn Obristen die gewünschte Unterredung jetzt nicht gewähren zu können, da er im Begriff stehe, seine nach Frankreich zurückkehrende Gemahlin auf der Brenta eine Strecke weit zu begleiten, es sei denn ... der Herzog stockte. Es sei denn, fügte er hinzu, der Herr Obrist Genaste möge ihm die Ehre schenken, an der Fahrt nach Ca Fusina teilzunehmen, dies würde gewiß auch der Herzogin ein großes Vergnügen sein. Dazu erklärte sich der Obrist freudig bereit. Und bereit zur Abfahrt waren unterdessen auch die übrigen, denn als jetzt der Herzog und sein neuer Gast unter dem Portal des Palastes und auf der marmornen freien Treppe erschienen, war die schöne Herzogin gerade daran, es sich in der vornehmsten Gondel bequem zu machen, in dem sie zugleich Herrn Candale den Sitz an ihrer Seite anbot. In der Gondel nebenan war die Prinzessin Margaret mit der Kammerfrau Rahel untergebracht, in andere beförderte das Gesinde die letzten Gepäckstücke. Auf der untersten Stufe der Treppe angelangt, stellte Herr Heinrich den Obristen seiner Gemahlin vor, die befremdet und ein wenig hochmütig nickte, während der Herzog von Candale, der seine Höflichkeiten nicht gern unnötig verschwendete, den Soldaten keines Blickes würdigte. Herr Heinrich aber winkte eine neue Gondel herbei und in diese stieg er zusammen mit seinem neuen Gefährten, also daß den beiden darauf, während der langen und langsamen Fahrt hinlänglich Gelegenheit und Muße ward, die Angelegenheit des Obristen Genaste, vulgo Georg Jenatsch, gründlich zu erörtern und durchzudenken. Davon hier ein Näheres zu sagen, ist umso weniger nötig, als die Sache zu ihrer Zeit ohnedies zur Sprache kommen muß, wo es sich dann zeigen wird, was für einen Freund oder Feind, Heiland oder Verderber Herr Heinrich an jenen Vorvigilien von St. Bartholomäi auf dem Kanal der Brenta zur Luftfahrt geladen hatte, gerade drei weniger als sechzig Jahre nach jener andern Bartholomäusnacht, von der jedermann weiß. Denn eine Lustfahrt war's, wenn man nur den Herzog Heinrich ausnimmt. Die bevorstehende Trennungsstunde trübte nicht die heitere Stimmung der Gesellschaft. Ging doch die Fahrt wie durch ein leibhaftiges irdisches Paradies. Wer schon auf diesem zauberhaften Kanal gefahren ist, zwischen Venedig und Ca Fusina, der weiß, wenigstens war es noch so in meiner Jugendzeit, wie sich hier in unaufhörlicher Reihe die üppigen Landhäuser und Prachtgärten der vornehmsten Venezianer aneinander reihen, mit dein stolzesten Baumwuchs, wie er kaum zum zweitenmal auf unserem Erdteil zu finden sein mag. Weißästige Platanen- und Tulpenbäume wetteifern miteinander an Mächtigkeit. Von schwarzen Zypressen rieselt blutrot das Gerank japanischer Blütenstauden, weiße und rote Päonien leuchten über dunklem Laub, mannshohe Feuerlilien züngeln daneben wie entzündete Flammen, brennende Geranien und honiggelbe Rhododendren erheben sich zu Baumhöhe in ihrer Blütenüberfülle und aus Wäldern von bleichen und brennend-farbigen Rosen schwankt in kupferner Bronze der leuchtende Granatapfel an zierlich dünnem Gezweig im Wechsel mit Tausenden und Tausenden der hellgoldenen Früchten der Hesperiden; von schwarzblauen schweren Trauben aber bis zum Brechen überladen schlingt sich die weitgreifende Rebe von Pappel zu Pappel, von Maulbeer zu Maulbeer gleich künstlich aufgestellten Festgirlanden, herbeigeschafft zum Triumphzug der neuen Königin von Zypern. Und an den zahlreichen Anlegstellen vor den wirtlichen Lokalen sieht sich die Gesellschaft, der galante Candale hat es so veranlaßt, begrüßt von festlich gekleideten Mandolinenschlägern und geschmückten Dirnen in weiten Weißärmeln, die das Tamburin zum Tanze schwingen, und kleine halbwüchsige Mädchen und schöne Knaben, mit Kränzen in den Haaren, bringen der Königin Rosen und Früchte und Wein. Also hielt die neue Königin von Zypern ihren Triumphzug durch die üppigen Gefilde einer vergangenen Königin und Beherrscherin jener Insel, der stolzen Dame Venezia, indessen Herr Heinrich, ihr Gemahl, mit dem Mann aus den Grauen Bünden, dem Soldaten mit dem derben Frechgesicht, ernste Dinge der Zukunft beriet. Viertes Kapitel. Wie Tankred geboren wurde und welchergestalt er den Namen eines vergangenen Königs von Jerusalem erhielt. Und dann zu Ca Fusina ein kurzer Abschied, worauf Herr Heinrich mit seinem Gast in Lederkoller und Federhut seine Gondel rückwärts lenkte, während die andern auf ihren Tieren, die schöne Herzogin an der Seite Candales, die Prinzessin Margaret neben der Rahel, die Dienerschaft aber und die bepackten Maultiere mit den Bewaffneten des Botschafters in einem Abstand folgend, durch die fruchtschwere und duftschwere Ebene in der Richtung aus die Stadt des heiligen Antonius davon ritten. Die Jahreszeit war die denkbar günstigste. Sie drängte nicht zur Eile, und man machte also kurze Tagesreisen. An vergnüglichen Orten, wie Mailand, Turin, Chamberi, Lyon und anderen hielt man längere Rasten unter fremdem Namen. Denn die Herzogin wollte, wenigstens zeitweise und stellenweise inkognito reisen. Das war lustiger, wie sie sagte, und an manchen Orten unstreitbar bequemer für sie, auch hatte sie noch ihre besonderen Gründe. So ging der September, der Oktober und auch der November darüber hin. Denn je weiter der Herbst vorrückte, desto kürzer wurden die Etappen, nicht nur wegen der frühen Abende, sondern noch mehr, weil die Fürstin längere Tagereisen immer weniger ertrug. Erst Anfangs Dezember näherte sich die Reisegesellschaft der Hauptstadt. Zu Charenton, wo sie in dunkler Nacht anlangten, fühlte sich die Fürstin plötzlich so krank, daß sie erklärte, nicht mehr weiter zu können. Mit dem sie begleitenden Freund hatte sie sich, wie man annehmen darf, längst eingehend beraten. Und jetzt, im Beisein ihrer Tochter, äußerte sie gegen Candale, daß sie entschlossen sei, sich bei einer Freundin hier auszuruhen und beauftragte ihn, die bewaffnete Eskorte zu entlassen und ihre Tochter, die Prinzessin Margaret, in aller Stille zu deren Tante nach Paris zu bringen. Die Rahel, ihre Kammerfrau, sollte die Prinzessin begleiten und beiden schärfte sie ein, sich im Haus der Tante so viel als möglich verborgen zu halten, wie auch dem Candale, ihre Rückkehr von Venedig als ein Geheimnis zu behandeln, von dem in der Gesellschaft und am Hof nichts verlauten dürfe, weil ihre Unpäßlichkeit vielleicht doch einige Zeit dauern und dann von sich reden machen könnte, was ihr von allen Seiten Besuche auf den Hals ziehen müßte, die ihr jetzt sehr lästig wären. Die genannte Tante, muß man wissen, ein Fräulein Anna von Rohan und ältere Schwester des Herzogs Heinrich, wohnte nicht im herzoglichen Palast am Marais. Sie war bucklig und Dichterin und hatte ihre Wohnung in dem sogenannten kleinen Rohanschen Palast am Königsplatz. Die Freundin aber, bei der die Fürstin in jener Nacht abstieg (und wahrscheinlich hatte sie sich brieflich zuvor angemeldet) war eine Frau von Mitry, deren Vater der Privatsekretär des Herzogs von Sully gewesen war. Sie lebte zu Charenton in beschränkten Verhältnissen und fast ausschließlich von der Freigebigkeit der Herzogin. Diese Dame erzählte am andern Tag ihren Bekannten mit großer Beflissenheit, daß sie den Besuch einer alten Freundin aus Bethune erhalten, einer Frau Lebon, die bei ihr aus gewissen heiklen Rücksichten ihrer Entbindung entgegensehen wolle. Die Leute, denen diese Eröffnungen gemacht wurden, konnten nicht anders, als sich darüber verwundern. Es war doch nicht nötig, ein solches Geheimnis so eifrig auszuplaudern. Und sie wunderten sich um so mehr, als sie die Frau von Mitry bis jetzt als eine sehr diskrete und wenig plauderhafte Dame gekannt hatten. Niemand bekam übrigens die Dame Lebon zu sehen. Sie verließ mit keinem Schritt das Zimmer, es hieß, daß sie elend daran sei und das Bett hüte. Und dann nach ungefähr drei Wochen am 18. Dezember zur Mittagszeit standen die Nachbarinnen der Frau von Mitry unter den Haustüren und erzählten sich mit großer Wortverschwendung die Neuigkeit des Tages. Die Dame Lebon aus Bethune war vor einer Stunde niedergekommen mit einem Knaben. Die Mutter Millet, die Hebamme aus der Furtgasse, war ihr beigestanden. Eine kuriose Sache war das mit dem Doktor. Darüber flossen viel Reden. Nämlich die Frau von Mitry hatte aus Paris, aus dem Viertel von Sankt Eustach, einen Arzt kommen lassen, der im Umkreis dieser Pfarrei für den besten Geburtshelfer gelten sollte. Aber er hat die Dame Lebon nicht zu sehen bekommen. Sie wollte ihn nur zulassen im Fall höchster Not. Die war gottlob nicht eingetreten, und so wurde der Doktor, ohne einen Finger gerührt zu haben, mit reichlicher Bezahlung wieder nach Hause geschickt. Das alles fanden die guten Weiblein der reformierten Charentongemeinde höchst erbaulich. Diese Dame war also gewiß eine gute Christin. Eine Papistische hätte weniger Umstände gemacht. Nicht andere Meinung äußerte auch Mutter Millet, die deutlich durchblicken ließ, daß sie an den Namen Lebon nicht glaube und daß da sicher etwas Vornehmeres dahinter stecke. Oh, ihr könne man nichts weismachen. Solche Wäsche und das andere, so was findet man nicht bei der ersten besten. Diese Mutter Millet besorgte denn auch die Schenkamme für das Kind, eine jungverheiratete Gärtnersfrau aus dem Dorfe St. Mandé, die drei Wochen zuvor ein Kind geboren und nach wenigen Tagen wieder verloren hatte. Mutter Millet versicherte, daß der Knabe nirgends besser aufgehoben sein könne als bei der Gevatterin Beaumichel, so hieß die Gärtnersfrau. Die Hebamme brachte selber das Neugeborene nach St. Mandé. Im Hause der Frau von Mitry verlief indessen alles aufs beste. Die Dame Lebon hatte die Entbindung vortrefflich überstanden, sie konnte schon nach wenigen Tagen wieder auf sein, und alle Nachbarinnen wußten, daß der Besuch der Frau von Mitry in kurzem abzureisen gedenke. Nur noch einmal gab es eine Aufregung, als eines Tages die Amme des Kindes, die Gärtnersfrau von St. Mandé, plötzlich eintrat, mit verstörtem Gesicht und ganz verängstigt. Der Kleine war krank. Er litt an schrecklichen Krämpfen, die seinen Lebensatem jeden Augenblick zu ersticken drohten. Und was die Gevatterin Beaumichel am meisten beunruhigte: daß der Knabe nicht getauft war. Die Dame Lebon, noch ein wenig angegriffen in ihren Nerven, stampfte ärgerlich mit dem Fuß. Was für ein dummes Volk. So soll man den Knaben doch in Gottes Namen taufen. Dieses seltsame Betragen einer Mutter erinnerte die junge Gärtnersfrau an die verzweiflungsvollen bitteren Tränen um den Verlust ihres eigenen Kindes, über dessen schmerzlichem Sterben sie fast närrisch geworden wäre vor Elend und Herzeleid. Sie war also über die Haltung der Dame Lebon so empört, daß sie sich hütete, weiteres zu äußern und auch die Frage nach dem Namen unterließ, den das Kind erhalten solle. Unter großer Angst und Hast eilte sie nach Hause, indem sie die ganze Zeit laut vor sich hinbetete, die heilige Jungfrau möge doch das Unglück verhüten, daß der Knabe sterbe ohne die heilige Taufe. Denn sie hielt sich dafür verantwortlich in ihrem christlichen Gewissen. Und ihr angstvolles Gebet wurde erhört, sie fand, zu Hause angekommen, den Knaben gesund und wohl, die Krämpfe hatten gänzlich aufgehört. Da beschloß sie nun, dem Kind die Wohltat der heiligen Taufe nicht länger vorzuenthalten, und da sie eine Katholikin war, kam sie gar nicht auf den Gedanken, das Kind kalvinistisch taufen zu lassen. Vielmehr fuhr sie mit dem Wurm nach der Vorstadt von Sankt Anton zu Paris, wo ihre Schwester wohnte, und beide Gevatterinnen trugen den Knaben, dem es von Stunde zu Stunde besser ging, zur Taufe nach der Kirche von Sankt Paul. Der Mann der jungen Gärtnerin, ein zugewanderter Normanne, hieß Tankred mit seinem Taufnamen. Dieser fremdartige und seltsame Name gefiel der jungen Frau eigentlich ganz und gar nicht. Das war ja wahrhaftig überhaupt kein ehrlicher Christenname. Aber sie dachte in ihrer Einfalt: vielleicht gefällt er der Dame Lebon, die ja aus Bethune ist, das in der Normandie liegt. Und wenn nicht, um so schlimmer für sie; warum hat sie sich so aufgeführt. Und jedenfalls freut es meinen Mann. Ein eigenes Kind würde ich niemals so nennen. Gut denn, heiße er Tankred. Und also wurde der Knabe Tankred geheißen und im Taufregister von Sankt Paul eingetragen als Tankred Lebon, getauft am Tage vor Weihnachten im Jahr von unseres Heilands Geburt eintausendsechshundertunddreißig. Dieser pfarramtliche Eintrag wurde später ermittelt und figuriert in dem gedruckten Aktenmaterial aus dem ersten Tankredprozeß von 1648. Soviel also wäre von den Vorgängen in Charenton zu berichten. Im herzoglichen Palast von Rohan aber erschien am Tage vor Sankt Silvester in der Frühe eine Stafette mit der Meldung an den Palastverwalter von der noch am selben Tag bevorstehenden Ankunft der Herzogin. Mit Postpferden und einem schwerbepackten Reisewagen, den Frau von Mitry für ihre Freundin gekauft hatte, kam sie auf weitem Umweg, um die Leute von Charenton von der Spur abzulenken, und spät in der Nacht in ihrem Palast am Marais angefahren. Sie fertigte ihren Palastverwalter, der sie unter dem Portal mit den kugelbrüstigen Karyatiden empfing, kurz ab, gönnte dem Troß der zahlreichen Dienerschaft kaum einen Blick und begab sich ohne Nachtmahl zur Ruhe. Am andern Tag, es war der erste des neuen Jahres, ließ sie sich in ihrer Sänfte nach dem Louvre tragen, um der Königin ihre Aufwartung zu machen. Desgleichen tat sie bei mehreren anderen großen Damen der Hofgesellschaft. Alle fanden sie unter großem Bedauern blaß und angegriffen aussehend. Alle konnten nicht Worte genug finden in Bewunderung ihrer heldenhaften Gattenliebe, die ihr die Kraft gegeben, so lange auszuhalten in der ungesunden, feuchten Luft von Venedig. Denn das gehört zu den Eigentümlichkeiten der Pariser und Pariserinnen, daß sie sich außer ihrer Stadt keinen gesunden Ort der Welt denken können, obwohl es doch nirgends so viel stinkt als in dem herrlichen und einzigen Paris. Sehr befriedigt von ihren Besuchen kehrte die Fürstin in ihren Palast zurück, indessen sie schon unterwegs die Schritte überlegte, die sie wegen des Verkaufs der Ländereien zuerst zu tun gedachte, um den Ankauf des Königreichs Zypern, soviel es in ihrer Macht stand, zu ermöglichen und zu beschleunigen. Diese Gedanken erregten sie aufs freudigste, so sehr, daß ihre Gesichtsfarbe sich darüber zusehends besserte und sie mit ganz rosigem Aussehen zu Hause ankam. Ihre Freude darf abermals nicht mißverstanden werden. Nicht über die fernen Aussichten freute sie sich, nicht das chimärenhafte Königtum von Zypern lockte sie, die bevorstehenden Geschäfte an sich waren es, die ihr Temperament in Wallung brachten. Einzig der Gedanke, ihrem Gemahl einen Dienst leisten zu können, der viel Anstrengung und Bewegung von ihr verlangte, und wobei es ungeheure und verwickelte Schwierigkeiten zu überwinden galt, schwellte so freudig ihr ehefrauliches Herz. In diesen Aussichten wurde sie durch einen Brief ihres Gemahls, den sie zu Hause fand, bitter enttäuscht. Darin teilte ihr Herzog Heinrich mit, daß der Patriarch Cyrillus eines plötzlichen Todes verstorben, die Unterhandlungen mit der hohen Pforte infolgedessen abgebrochen und darum auch alle Bemühungen wegen Verkaufs von Ländereien gegenstandslos geworden seien. Mit den Geldgeschäften, die der Herzogin so verlockend in Aussicht gestanden, war es also nichts und so sah sie ein weites Feld ihres lebhaften Geistes, das zu kultivieren einen wesentlichen Teil ihres Lebens ausmachte, in empfindlicher Weise brachgelegt. Und auch die andere, sozusagen menschlichere Seite ihres Wesens – denn zwei Seelen, sehr verschieden voneinander, wohnten in der Brust dieser Dame – erhielt zu gleicher Zeit einen solchen Stoß, daß das lebhafte kleine Persönchen ordentlich die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht alle Haltung zu verlieren. Fünftes Kapitel Der Herzog von Candale verschwindet und der Marquis von Ruvigny tritt auf den Plan Nämlich der schöne Candale ließ sich, seit ihrer Rückkehr nach Paris, mit keinem Auge mehr blicken. Er beantwortete nicht einmal ihre Briefe. Und bald wurde es bekannt, daß er sich mit einem Fräulein aus dem reichen und mächtigen Hause von Gondy – einer Base des nachmaligen so vielberüchtigten Kardinals von Retz – versprochen habe und um diese Verbindung zu ermöglichen, entschlossen sei, öffentlich in die katholische Kirche zurückzukehren. Mit einem Schlag also sollte nicht nur die Fürstin einen Geliebten, sondern auch die Sache ihres Gemahls – als welcher mit allen ihren Kräften zu dienen, ihr höchster Ehrgeiz war – einen wichtigen Parteigänger verlieren. Wirklich vollzog schon in den nächsten Wochen der Herzog von Candale in der Pfarrei von Sankt Merry seinen öffentlichen Rücktritt. Der Pfarrvikar, in dessen Hände er den kalvinistischen Glauben abschwur, fragte ihn, wie er nur imstande gewesen sei, einer Frau zu Liebe eine solche Schändlichkeit, als die Apostasie eine ist, zu begehen? Hochwürdiger Herr, versetzte Candale zerknirscht, es ist nur gut, daß Ihr nicht ahnt, was für ganz andere Schändlichkeiten ich jener Dame zu Liebe begangen habe. Das Wort wurde herumgesprochen. Ob es ehrlich war, wer wollte das wissen? Selten, daß der süße Wein der Liebe auf die Neige geht, ohne einen bitteren, ja giftigen Bodensatz zurückzulassen. Immerhin gereicht eines dem flatterhaften Candale zur Ehre. Über eine Indiskretion seinerseits wegen der Geburt Tankreds hat nie das geringste verlautet. Um so schwerer hat in diesem Punkt ein anderer Freund der Herzogin von Rohan gesündigt, der dadurch die Veranlassung geworden ist, daß sich das Geschick des verheimlichten Tankred zu einem so abenteuerlichen Roman auswuchs, wie er in den Büchern der Geschichte, insofern sie tatsächlich Geschehenes berichten, nicht oft geschrieben steht. Marquis von Ruvigny hieß der Mann und war damals Gouverneur der Bastille. Sein Vater hatte, in irgendeiner Beamtung, zum Hause des Ministers Sully gehört, von dem er im Alter den genannten Gouverneursposten erhielt, den er aus seinen Sohn vererbte. Ruvigny, der Sohn, war fast gleichaltrig mit Margarete von Bethune und als Kind neben ihr aufgewachsen. Ob er schon vor Candale oder auch gleichzeitig deren Geliebter war, wie alle Welt damals sich erzählte, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist nur, daß er seit der Verheiratung seiner Jugendgespielin aufs intimste im herzoglichen Palast von Rohan verkehrte. Nicht nur von der Herzogin, auch von Herzog Heinrich sah er sich als Freund und Vertrauter behandelt. Während der Kriege der Hugenotten hatte er als Oberst unter Rohans Fahnen gestanden und nach dem Friedensschluß wurde er auf des Herzogs von Rohan Vorschlag Deputierter der reformierten Kirche für die Ständeversammlung, welches Amt ihm bei allen Hugenotten das höchste Ansehen gab. Mit väterlicher Zärtlichkeit schien er an der kleinen Prinzessin Margaret zu hangen, mit der er sich gern in verwegenen Spielen herumtollte und die, in stilleren Stunden, auf seinen Knien sitzend, die ersten Wörter mit ihm buchstabieren lernte. Er hat später, nachdem sich seine Freundschaft für die Prinzessin in tödlichen Haß verwandelt, häßliche Dinge über sie in Umlauf gebracht. Er hat sich nicht entblödet, zu behaupten, das Kind mit zwölf Jahren verführt und dann durch Jahre hindurch in verbrecherischer Vertraulichkeit mit ihr gelebt zu haben. Niemand glaubte ihm. Die Reinheit und Sittenstrenge der stolzen Prinzessin leuchtete zu hell vor aller Augen, Ruvignys schmutzige Verleumdungen fielen auf ihn selbst zurück im Urteil der Welt, und in diesem Punkt wenigstens scheint die Welt sich nicht geirrt zu haben über diese Prinzessin, der noch genug andere Dinge zur Last fallen. Über den Charakter dieses Mannes ist kein Wort zu verlieren; sein Betragen, seine Handlungen zeichnen ihn zur Genüge. Seltsamerweise hatte er fuchsrote Haare, wie die volkstümliche Fabel sie gern gewissen berühmten Verrätern zuschreibt. Er war nicht ohne Tugend. Er besaß in höchstem Grade diejenige, die oft am Manne höher geschätzt wird als alle anderen: eine unerschrockene Tapferkeit. Ihretwegen auch schätzte ihn Herzog Heinrich, in dessen Schlachten er einst – während des Krieges in der Languedoc – oft eine Todesverachtung an den Tag gelegt haben soll, die das ganze Heer mit Bewunderung für ihn erfüllte. Seine Bravour war sein Ruhm. Und diesem Marquis von Ruvigny vertraute die Herzogin von Rohan das Geheimnis von der Geburt ihres Sohnes. Es kostete sie einen Kampf. Eine geheime Ahnung schien sie zu warnen. Aber zwei Jahre hatte sie nun ihre Angst allein getragen, sie vermochte es nicht länger. So oft überkam es sie mit schrecklichen Befürchtungen. Die Rahel, ihre Kammerfrau – die Herzogin hatte sie zu entlassen nicht den Mut gefunden – sah sie manchmal so seltsam an. Sogar Freiheiten und Unbotmäßigkeiten erlaubte sie sich gelegentlich. Sie wußte gewiß etwas. Immer deutlicher fühlte es die Herzogin, daß sie notwendig jemand brauchte, der sie beraten konnte, an den sie sich wenden konnte in ihrer Bekümmertheit. Der Herzog von Candale war für sie so viel wie tot, und Frau von Mitry zu Charenton war eben doch ein bißchen eine einfältige Person. Auch für die Zukunft und für alle Fälle konnte es nützlich sein, daß sie einen Mann von Gewicht zu ihrem Mitwisser machte, der als solcher schon ehrenhalber ihre Partei nehmen würde, wenn die Sache irgendwie auf gefährliche Wege geriet. Und wer anders hätte das sein sollen als Ruvigny, der treueste Freund ihres Hauses, der schon in so vielen Dingen ihr Vertrauter geworden und sich immer als durchaus verläßlich erwiesen hatte. Sie gestand ihm aber doch nicht die ganze Wahrheit, sondern sie stellte die Sache so dar, als ob sie durchaus im Einverständnis mit dem Herzog gehandelt habe, der die Geburt seines Sohnes geheim gehalten wünschte, da er, selber von Richelieu verbannt, auch für seinen Sohn das Schlimmste befürchten müsse von dem gewalttätigen Minister. »Und Ihr werdet selber zugeben, lieber Freund,« sprach die Fürstin, indem ihre weiße, etwas allzu kurze und rundliche Hand eine Schwanenfeder zerknitterte, die vor ihr auf dem intarsierten Sekretär lag. »Ihr werdet selber zugeben, daß der Kardinal, im Einverständnis mit dem König und der ganzen katholischen Partei des Hofes, alles aufbieten würde, um den Sohn und Erben des verbannten Rohan, wenn er um ihn wüßte, entweder auf geheimen Schleichwegen aus der Welt zu schaffen – sein frommer Pater Josef scheint deren eine Menge zu kennen – oder auch sich des Knaben mit Gewalt zu bemächtigen und denselben durch seine ergebenen Kreaturen in der Abgötterei der papistischen Irreligion erziehen zu lassen. Mit dem besten Gewissen von der Welt würde dieser Minister im Purpur eine solche Schurkerei ins Werk setzen, überzeugt, damit nur eine doppelte heilige Pflicht erfüllt und der Sache des Königs wie derjenigen der Kirche gleichermaßen rühmlichen Vorschub geleistet zu haben.« Der Marquis von Ruvigny war ob dieser außerordentlichen Eröffnung und seltsamen Reden der Herzogin allzusehr erstaunt, um gleich Worte zu finden. Auch die Fürstin verharrte kurze Zeit schweigend mit gesenkten Lidern. Dann erhob sie fragend den Blick zu ihm. Gerade fiel ein Strahl Sonne durch die gelbseidenen Gardinen des hohen Fensters und traf das Haar Ruvignys, das sich davon gleichsam zu einer Flamme entzündete, wie auf gewissen Kirchenbildern das Haupt des Ischariot, während er mit dem Herrn gleichzeitig in die Schüssel tunkte. Doch die Herzogin war weit entfernt, an so etwas zu denken. Sie hatte wenig Phantasie, und derartige Gedankenverbindungen entsprachen nicht ihrer Art von Intelligenz. Aber ein gewisses Lächeln, das jetzt um seine dünnen Lippen spielte, beunruhigte sie. Sein erster Gedanke war: Sie ist eine rechte Gans, wenn sie mir im Ernst zumutet, diesen Unsinn zu glauben. Und sein zweiter: Sie belügt mich also. Sie mißtraut mir. Sie ist unredlich gegen mich. Um so besser. Um so weniger bin ich ihr verpflichtet. Wer mir nicht zutraut, daß ich ihm Treue halte, dem bin ich auch keine schuldig. Nicht daß er in diesem Augenblicke schon die Möglichkeit einer tatsächlichen Untreue in Aussicht genommen hätte. Die Gedanken kamen ihm, wie sie jedem gekommen wären, der plötzlich entdeckt hätte, daß er unter dem Schein des Vertrauens mit Lügen abgespeist wird. Und sein Lächeln wurde noch um einen Grad spöttischer. Über die Fürstin kam eine große Unruhe. »Ihr lächelt verächtlich?« fragte sie endlich. »Der Name lächert mich,« antwortete Ruvigny spaßhaft. »Habt Ihr den erfunden?« Das Gesicht der Fürstin überflog ein tiefes Rot, gegen das selbst die erblassende Kraft der gelben Vorhänge nicht aufzukommen vermochte. Na, dachte Ruvigny, merkst du, daß ich dich durchschaue? Der Fürstin kam ein rettender Gedanke. »Nicht ich,« stotterte sie, »der Wille meines Gemahls hat diesen Namen bestimmt.« »Ach so,« versetzte Ruvigny. »Aber das ist ja eine unbegreifliche Phantasterei. Durch das ganze Geschlechtsregister der Rohan hindurch und wenn man bis zum König Arthus und dem Ritter Tristan und seinem Onkel hinaufsteigt, wird man keinen einzigen Tankred finden. Heinrich, Ludwig, Eduard, Johann, Karl, Peter, so und ähnlich lauten, sich ins Unendliche wiederholend, die Namen derer von Rohan. Auch der bretonische Name Meriadek wiederholte sich öfter. Einmal hieß einer Herkules. Nie hieß einer Tankred.« Dem Marquis machte es offenbar Spaß, die Fürstin recht in die Enge zu treiben und für ihren Mangel an Aufrichtigkeit zu strafen. Aber wenn die Herzogin von Rohan auch keine Phantasie hatte, so fehlte es ihr dafür doch nicht an Geistesgegenwart. »Ihr wißt doch, lieber Freund,« versetzte sie, »welche große Sache im Gange war, als mein Tankred geboren wurde. Damals bestand alle Hoffnung, daß dieses Kind einst König sein werde, König von Zypern. Und war der Name eines glorreichen Königs von Jerusalem und Zypern nicht Tankred?« Wie sie sich herauszubeißen versteht, dachte der Marquis. »Sei's um den Namen,« sprach er dann. »Noch weit mehr aber wundere ich mich über die leichtfertige Art, wie man den künftigen Herzog und Erben von Rohan – vielleicht König von Jerusalem untergebracht hat, bei unbekanntem fremden Vorstadtgesindel, wo sein zartes Leben doch wahrlich so wenig als möglich behütet und in acht genommen wird.« Nur allzusehr fühlte die Fürstin die Wahrheit dieser Worte. Sie hatte sich dieselben längst selber sagen müssen, wenn es ihr auch nur einmal eingefallen wäre, über die Lage ihres Sohnes ernstlich nachzudenken. Aber solche Gedanken waren allzu peinlich. Man mußte ihnen zu entrinnen suchen, so gut es gehen wollte. Man durfte nicht »herein« rufen, wenn sie anklopften; man mußte ihnen die Türe weisen, wenn sie sich aufdringlich zeigten. Zum Glück war dies nicht einmal öfter nötig. Die Herzogin hatte ein so glückliches Naturell, sie hatte ihren leichtbeschwingten Geist so in der Gewalt: an etwas, das ihr unbequem war, dachte sie einfach nicht. Wie hätte sie es sonst auch fertig bringen sollen, innerhalb der zweiundeinhalb Jahre nicht ein einziges Mal zu den Gärtnersleuten nach dem nahen St. Mandé hinauszufahren; nicht ein einziges Mal in drittehalb Jahren ihren Sohn zu sehen, ihr Kind an die mütterliche Brust zu drücken ... nicht ein einziges Mal auch nur das geringste Verlangen danach zu spüren. Eine Gefahr wäre doch nicht dabei gewesen. Sie konnte ihre Freundin, die Frau von Mitry, in Charenton besuchen – durch die sie auch das Kostgeld den Gärtnersleuten zustellen ließ – und konnte von dort, einfach gekleidet und tief verschleiert, etwa wieder als Frau Lebon nach St. Mandé kommen. Nichts war einfacher. Oder das Kind konnte zu der Frau von Mitry nach Charenton gebracht werden. Aber ihr kam nie der Gedanke. Oh, sie war eine zu gesund animalische Natur, sie war ein zu kluges Weibchen, um sich mit Unangenehmem den Geist zu verdüstern und die Säfte zu verderben, was der Glätte und Zärte der Haut sehr nachteilig ist und unvermerklich Runzeln gräbt. Sie machte sich darum auch keine Gewissensbisse. Ja, sie war bei sich überzeugt, daß gerade Religion und Moral ihr verboten, an ihr Kind zu denken, einmal, weil es ein Kind der Sünde war, und dann ... ja, wie soll man das ausdrücken? Weil ... weil der Gedanke an das Kind, ganz heimlich und unvermerkt, einen gewissen Wunsch erzeugen konnte, einen verbrecherischen Wunsch, einen im Herzen einer Mutter teuflischen Wunsch, einen Wunsch, der sich um nichts Geringeres drehte, als um die furchtbare Vorstellung von Sein oder Nichtsein, und wie das eine in das andere verwandelt werden kann. Ist das klar? Dieser schrecklichen Gedankensünde, deren Gefahr so nahe lag, auszuweichen, gebot die Moral wie die Religion. Also war es besser, zu vergessen, ganz zu vergessen. Und wie grausam ihr Freund war, sie so schonungslos, sie so unbarmherzig an die Vernachlässigung ihrer mütterlichen Pflicht zu erinnern. Auch Ruvigny merkte, daß er seine Grausamkeit nicht weiter treiben dürfe. »Ich meine nur,« sagte er in leichtem unbekümmerten Ton, »daß ein Ort, unmittelbar vor den Toren von Paris, nicht sehr geeignet erscheint, um den Knaben vor der Gewalt des Ministers zu sichern, und ich wundre mich, daß der Herzog, wie auch Ihr, schönste Freundin, nicht bessere Vorsichtsmaßregeln ersonnen habt.« »Ihr kennt ja den Herzog,« entgegnete die Fürstin mit einem leisen Anflug von Geringschätzung um ihre roten fleischigen Lippen. »Ihr kennt ihn ja, er hat das alles mir überlassen, und ich ...« Sie stockte. Und sie? Nun ja, sie hatte eben am liebsten so wenig als möglich an diese ganze ärgerliche Angelegenheit gedacht. Aber das durfte sie nicht gestehen. »Und ich,« fuhr sie errötend fort, »Ihr begreift, ich hatte das Kind doch so gern in meiner Nähe.« Sie vergaß, daß sie bereits verraten hatte, ihren Sohn seit seiner Geburt mit keinem Auge wieder gesehen zu haben. Aber Ruvigny tat nicht dergleichen. Die Herzogin schien ihm genug gestraft für ihr Lügen. Er sprach jetzt als Freund, er entwickelte ihr seine Gedanken, seinen Plan. Und mit immer höherer Befriedigung hörte die Herzogin ihm zu. Wie das einleuchtend war! Ihre lebhaften braunen Augen strahlten von freudigem Beifall. Da sah man, was eben ein Mann bedeutet. Und wie sie wohlgetan, sich endlich diesem Freund anzuvertrauen. Was der Marquis ihr riet, war übrigens so naheliegend. Und sie, sonst so klug, so findig, hatte denn der Himmel ihren Geist getrübt, daß sie nicht längst von selber darauf kam? Die Herzogin erschrak über ihren eigenen Zustand. Was sie sich selber so lange geleugnet hatte, erkannte sie jetzt. Wahrlich wie in einer Art Lethargie hatte sie gelebt seit der schmählichen Treulosigkeit des schönen Candale. Und nun fühlte sie plötzlich ihre ehemalige jugendliche Lebhaftigkeit wieder erwachen. Die alte Unternehmungslust war wieder, wie mit einem Schlag, über sie gekommen. Nun wollte sie aber auch unverweilt handeln. Des Freundes Anerbieten, ihr die ganze Mühsal des Geschäftes abzunehmen, schlug sie rund ab. Alles, alles wollte sie nun wieder selber tun. Schon morgen wollte sie reisen. Ob sie auch den Knaben gleich mitnähme? fragte Ruvigny. Verständnislos sah ihn die Herzogin an. Ruvigny besann sich. Natürlich, das war nicht möglich wegen der Dienerschaft. Er wußte aber nur zu gut, er las es der Herzogin in den bösen Augen: daß sie selber in diesem Augenblick keinesfalls an die Dienerschaft dachte. Eine seltsame Mutter das, ging es Ruvigny durch den Kopf, die über die Möglichkeit, ihr Kind zu sehen, auf den Tod erschrickt und böse Augen macht, als ob ihr weiß Gott was zugemutet worden. Unterdessen hatte die geschäftige Herzogin bereits die Klingel gerührt und Rahel, die Kammerfrau, war eingetreten. »Hoheit befehlen?« Und Hoheit gab ihre Weisungen. »Hast du richtig gehört?« fragte sie zuletzt. »Also den viersitzigen, rot ausgeschlagenen Reisewagen mit den goldenen Panaschen, den ich neulich nach Fontainebleau benützt habe. Abfahrt in der Frühe um Sieben. »Zu dienen, Hoheit.« »Noch eins: Ihrer Hoheit der Prinzessin Margaret melde: ich hoffe, sie werde die Güte haben, mich zu begleiten. Wir reisen nach der Normandie. Wichtige Geschäfte verlangen für einen Tag meine Gegenwart auf Schloß Préfontaine.« Da es mit dem Sohn nicht ging, wollte sie wenigstens die Tochter mit sich führen, ein Umstand, der nur dazu beitragen konnte, ihre Reise so unverdächtig als möglich erscheinen zu lassen. »Und mich ladet Ihr nicht ein?« fragte Ruvigny mit gutmütigem Spott. »Jedenfalls wird mir die Prinzessin deswegen nicht wenig grollen,« versetzte die Herzogin lachend, indem sie sich erhob; »ich aber, mein Freund, muß diesmal leider ernstere Ansprüche an Euch machen. Wenn unser Plan gelingt, wollt Ihr mir schon heut versprechen, den ... den Prinzen Tankred nach Préfontaine zu begleiten?« Ruvigny verbeugte sich: »Schönste Freundin und hohe Gönnerin, Eure Frage ...« »Nun ja, nun ja,« fiel sie ihm ins Wort; »ich muß freilich überzeugt sein, daß Ihr niemals den traurigen Mut haben würdet, mir einen Dienst zu verweigern, den niemand in der Welt, außer Euch, mir zu leisten imstande ist. Auf Wiedersehen, lieber Freund.« Verbindlich drückte Ruvigny seine Lippen auf die weiße mollige Hand, die sich ihm darreichte. – Was nur die Menschen gegen das rote Haar haben mögen, dachte Margarete von Bethune, während Ruvigny sich entfernte; diesem steht es doch gar nicht übel. Sechstes Kapitel Der sinnreiche Gedanke des Marquis von Ruvigny wird ins Werk gesetzt. Die Prinzessin will nicht heiraten Und also ging am andern Tag, wie es die Herzogin ihrer Tochter angekündigt, die Reise nach Préfontaine in der Normandie, einem Erbgut der Herzogin von ihrem Vater her und Pachtlehen eines Herrn La Brière, früheren Stallmeisters im Hause des berühmten Finanzministers. Dieser Lehensmann der Herzogin, ehemals ihr Reitlehrer, jetzt ein Mann hoch in den Fünfzig, mit schneeweißem Haar und lang herabhängendem Schnauzbart in seinen, breiten Normannengesicht, war eben im Schloßhof damit beschäftigt, einen Stalljungen, der ein Pferd unsanft behandelt hatte, eigenhändig durchzuprügeln, worüber das wohlgenährte rote Gesicht noch röter wurde und wie eine Blutlache im Schnee von dem weißen Haar abstach. In diesem Augenblicke war's, daß die Karosse der Herzogin vierspännig durch das hohe Einfahrtstor rollte und den Herrn von Préfontaine, wie er vom Volk genannt wurde, in seiner tätlichen Ausübung schloßherrlicher Justiz jäh unterbrach. Ohne Federlesens schleuderte er den heulenden armen Sünder wie ein Werkzeug zur Seite und eilte nach dem Wagenschlag, den der Torwart bereits aufgerissen hatte. Und sprachlos starrte er die Hoheiten an, die er recht gut kannte, während er trotzdem seinen Augen nicht traute, ob sie es wirklich seien oder nur ihre Erscheinungen: so unglaublich und unerhört dünkte ihn das Ereignis. Erst als die Herzogin, trotz beginnender Fettheit, mit überraschender Beweglichkeit aus dem Wagen gesprungen und lachend sich entschuldigte wegen des Schreckens, den sie den Leuten einzujagen scheine, gewann Herr La Brière wieder einigermaßen seine Fassung. Viel weniger verwunderte sich dieser schnauzbärtige Normanne, nachdem er sich von seinem ersten sprachlosen Erstaunen erholt hatte, über das, was ihm ihre Hoheit eine Viertelstunde später droben in seinem Arbeitskabinett so vertrauensvoll eröffnete, während die Prinzessin Margret, von der alten Schwester des kinderlosen Witwers begleitet, sich das Schloß und seine Umgebung ansah und sich über das schöne Obst im Garten erfreute, der mit dem goldenen Füllhorn seiner Früchte das Auge zu ergötzen wohl imstande war. Herr La Brière, genannt Herr von Préfontaine, nahm ohne die leiseste Kritik in seiner Seele die Gründe hin, die ihm die Herzogin auseinandersetzte, warum ihr fürstlicher Gemahl und sie selber sich gezwungen sahen, einen Sohn vor der Welt zu verheimlichen, der von seinem Vater nicht nur Rang und Namen, sondern auch die religiösen und politischen Grundsätze erben sollte. Der ehemalige höfische Stallmeister, ein wenig verbauert in dem Winkel seiner Provinz und in nicht geringerem Grad seinem Calvinismus ergeben wie seine Oberherrschaft, fand auch in seinem heimlichsten Innern nichts gegen diese Gründe einzuwenden, da es ihn keine Überwindung kostete, dem gehaßten Richelieu und dessen berüchtigten Handlanger, dem Pater Josef, jede noch so ungerechte Gewalttat zuzutrauen. Und ohne alles Besinnen erklärte er sich bereit, den heimlichen Prinzen in seinem Hause aufzunehmen und aufs beste zu verpflegen. Das genüge noch nicht, bemerkte die Herzogin. Die Gegenwart des Kindes in seinem Hause brauche eine Erklärung. Er müsse sich notwendig dazu verstehen, den Knaben für seinen eigenen auszugeben, den er wegen unehelicher Geburt bis jetzt zu Paris verborgen gehalten, nun aber willens geworden sei, bei sich zu erziehen und mit der Zeit zu adoptieren. »Ein uneheliches Kind mit meinen weißen Haaren«, wagte mit einem heuchlerischen Lächeln der ehemalige Stallmeister einzuwenden. Die Herzogin drohte mit dem Finger. »Ich möchte nicht darauf wetten,« versetzte sie mit schalkhafter Koketterie, »daß Ihr nicht ... aber,« brach sie ab, »nicht wahr, Ihr seid einverstanden?« Und der »Schloßherr« von Préfontaine war in der Tat einverstanden, nicht ohne sozusagen unsichtbar in sich hineinzulächeln bei dem Gedanken, daß er von nun an nicht leicht eine Mahnung wegen rückständiger Abgaben zu fürchten haben werde. Ihre Hoheit erhob sich. Im Saale nebenan stand eine Erfrischung bereit für sie und die Prinzessin; doch die beiden machten es kurz. Sie wollten noch diesen Tag nach Schloß Beaumesnil gelangen, wo sie auch am Abend zuvor genächtigt hatten. »Also, mein Lieber, innerhalb acht Tagen wird eine sichere Person die bewußte Sache in Eure Hände übergeben.« Und Mutter und Tochter stiegen ein, und unter vielen Komplimenten des Herrn La Brière und seiner alten Schwester rollte das herzogliche Viergespann durch den Torbogen wieder davon. Die sichere Person aber, die jene bewußte Sache zu Händen des Herrn von Préfontaine übergeben sollte, war der Marquis von Ruvigny. Als ihn die Herzogin um diesen Dienst anging, setzte er als selbstverständlich voraus, daß sie mit ihm nach Charenton gehen werde, um wenigstens einmal vor langem Abschied ihren Sohn zu umarmen. Sie aber meinte, das sei zu gefährlich, das könne Aufsehen erregen. Diese Ängstlichkeit fand er übertrieben, doch besann er sich und machte ihr einen anderen Vorschlag. Er kannte einen kleinen Gasthof zu Neuilly, es war zugleich die dortige Posthalterei und hieß »Zum roten Roß«. Daselbst konnte die Herzogin sich unter falschem Namen ein Zimmer bestellen, wo sie ihn mit dem Kinde erwarten mochte, er würde dann unter dem Vorwand eines Frühstückes absteigen und ihr den kleinen Tankred zuführen. Dieser Gedanke schien sie zu entzücken. Lebhaft ging sie darauf ein. »Wie ihr alles wohl überlegt,« rief sie aus, »ich von selber wäre nicht daraufgekommen.« Und sie konnte nicht Worte genug finden, ihrer Freude Ausdruck zu geben. In unauffälliger Weise nahm Ruvigny bei Frau von Mitry zu Charenton den Knaben Tankred in Empfang, der im Wagen heftig weinte, weil er fühlte, daß es für immer fort ging von seiner guten Mutter, der jungen Gärtnersfrau von Saint-Mandé. Und nur von seinem Kämmerer begleitet, der nicht wußte, um was es sich handelte, fuhr der Marquis mit dem heimlichen Prinzen nach Neuilly, wo er aber vergeblich nach der fremden Dame fragte, die ihn erwarten wollte. Sie war nicht gekommen. Und also setzte Ruvigny, nachdem er eine Stunde lang umsonst gewartet, seine Reise fort, indem er sich über das Betragen der Herzogin seine eigenen Gedanken machte. Er brachte aber ihren Sohn, wie er es versprochen, noch an demselben Tag bis zur Stadt Evreux, wohin sich Herr von Préfontaine, durch Ruvigny verständigt, begeben hatte, um sein vorgebliches uneheliches Kind zu sich zu nehmen, jedoch nicht ohne zuvor seine alte Schwester ins Geheimnis gezogen zu haben, auf deren Verschwiegenheit er übrigens mit Sicherheit rechnen durfte. Die Herzogin von Rohan hätte dieses heikle Geschäft niemand anderem als ihrem Freund Ruvigny anvertrauen mögen. Sie war darum über dessen Bereitwilligkeit hierzu aufrichtig gerührt und bewies dem Getreuen ihre Dankbarkeit nicht nur mit Worten. Sie verhätschelte vielmehr auf jede Weise den ergebenen Freund, der denn auch vollkommen mit ihr zufrieden sein durfte, bis sie sich nach einiger Zeit plötzlich in den kleinen René von Jarzay verliebte. René du Plessis de la Roche-Pichemer, Graf von Jarzay lautete sein voller Name. Weniger voll klang sein Beutel, und die Herzogin mußte damit anfangen, daß sie ihm ein Regiment kaufte, um nur einigermaßen eine Figur machen zu können. Denn er hatte, zusammen mit seinem Kameraden Cinq-Mars, alle seine Einkünfte bei jener Marion Delorme vertan, der früheren Geliebten des Kardinals Richelieu, die damals am Königsplatz einen wahrhaft herzoglichen Palast bewohnte, wo die Hugenotten wie die Papisten mit gleichem Eifer zur Messe gingen und so viele Söhne vornehmer Familien ihr Gold wie in einen bodenlosen Abgrund warfen. Der stolze Cinq-Mars selber, dieser intime Freund und eine Zeitlang so einflußreiche Günstling Ludwigs XIII., der einige Jahre später in ihrem Hause gegen Richelieu konspirierte, verließ es eines Tages für immer, um noch am selben Abend das Schafott zu besteigen. Den Jarzay verjagte sie schmählich, nach dem sie ihn kahl gerupft. Dieser wurde nicht geköpft, er hatte das Glück, der Herzogin von Rohan zu begegnen, die ihm ein Regiment kaufte. Ein solches Betragen nun gereichte wohl ihrem guten Herzen, aber nicht ihrem guten Ruf zur Ehre, den sie damit endgültig kompromittierte. Aber so war einmal die temperamentvolle Tochter des großen Sully, die, wie gesagt, allmählich zur Fettheit neigte, ohne deswegen an Geschmeidigkeit und Rührigkeit einzubüßen. Man muß sie entschuldigen. Sie zeigte sich vielleicht nicht sehr empfindlich im Punkt ihrer Frauenehre, um so vernehmlicher sprach in ihr das ästhetische Gewissen; denn Graf Jarzay konnte an Schönheit und Gestalt und Jugend eine Art Candale redivivus genannt werden, und ungefähr das Gegenteil davon durfte der Marquis von Ruvigny heißen, dem das aber kein genügender Grund schien, – so sind wir Männer – zu so schnödem Verrat von seiten seiner alten Kinderfreundin. Und so war es bei dieser Gelegenheit, daß der erste Gedanke der Rache in ihm keimte, wozu sich, wie die Dinge lagen, früher oder später eine günstige Gelegenheit geben mußte. Unterdessen beschäftigte sich die temperamentvolle kleine Herzogin, wie man glauben wird, nicht ausschließlich mit ihren Liebeshändeln. Eine große Sache erfüllte ihr Trachten, deren glückliche Durchführung ihrer aktiven Natur mindestens ebensosehr am Herzen lag als die Liebe selber. Diese Sache mit größter Umsicht und hartnäckiger Unermüdlichkeit zu verfolgen, gewährte ihr, zu ihrer Ehre sei es gesagt, wirklich eine noch größere Befriedigung als jede Art galanter Eroberung, worin eben doch nur die Hälfte ihres Lebens bestand, abgesehen von ihrem Eifer für die Religion, der sie außerdem auszeichnete. Diese große Sache war die Verheiratung ihrer Tochter. Der Mutter schien es dazu die höchste Zeit. Sie selber hatte man viel jünger schon verheiratet. Und sie dachte darin im besten Sinne mütterlich. Denn das Nebenbei ihrer Gedanken sich klarzumachen und zum vollen Bewußtsein zu bringen, hütete sie sich weislich. Wie schon erwähnt, besaß sie die glückliche Fähigkeit, von ihren Gedanken alles weit entfernt zu halten, was ihr nicht paßte, was diese Gedanken irgend in Verwirrung zu bringen geeignet schien. Und so konnte nichts in der Welt sie zwingen, sich klarzumachen, daß sie eben ihre Tochter aus ganz besonderen Gründen sich gern vom Hals geschafft hätte. Und wäre nicht obendrein auch dies ein echt mütterlicher Gedanke gewesen – da einmal ihr Haus und ihre Lebensweise keine gesunde Luft abgaben für eine erwachsene Tochter, die anfing, Augen und Ohren zu bekommen für Dinge, die sie doch nichts angingen und gelegentlich über gewisse hochmütige und verächtliche Blicke verfügte, womit sie eine sorgliche Mutter kränken und beunruhigen mußte? Nun aber lebte ihr Gemahl verbannt in Venedig und saß, zusammen mit seinem getreuen Sekretär, dem Sieur Priolo, über unendlichen Haufen verstaubten Papieres und schrieb an seinem Buch: »Von den Tugenden eines guten Fürsten« und seinen Memoiren, betitelt: »Von den denkwürdigen Begebenheiten in Frankreich, seit dem Tode Heinrichs IV. bis zum Frieden von Alais im Monat Juni des Jahres 1629«. Und hatte keine Zeit und keine Gedanken, sich mit derartigen Lappalien zu beschäftigen, als die Überlegungen und die Schritte sein mögen, eine Prinzessin vorteilhaft zu verheiraten; wie er denn überhaupt sein Leben lang die eigenen und privaten Angelegenheiten gegen die der Religion und Politik zurückzustellen, ja zu vernachlässigen gewohnt war. Mußte also notwendig an seiner Statt die Mutter denken und handeln. Und sie tat es nicht nur mit Lebhaftigkeit, Unermüdlichkeit und Umsicht, sondern auch, so weit dies an ihr lag, mit überraschendem Glück. Sie scheute keine Mühe, sie schreckte vor den schwierigsten Schritten nicht zurück. Viermal führte sie ihre Verhandlungen – denn zu verhandeln war ihre Stärke – genau bis zu dem Punkte, wo es nichts weiter mehr bedurfte als des Jawortes der Prinzessin. Und alle viermal waren es die günstigsten und schmeichelhaftesten Partien, die man sich innerhalb des Königreiches nur denken konnte. Aber die Prinzessin zeigte sich wenig dankbar dafür. Ihr allzu hoher Stolz auf der einen und eine allzu steife Tugend auf der anderen Seite, die ihr die Mutter im verächtlichsten Lichte zeigten, verhinderte sie, auch nur dem guten Willen dieser Mutter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie betrug sich genau wie jene Prinzessin in dem bekannten Ammenmärchen, mit der sie auch die strahlende Schönheit gemein hatte, als welcher selbst einige zurückgebliebene Blatternarben zu beiden Seiten der schön geschwungenen Nase und der verächtlichen Mundwinkel nichts anzuhaben vermochten, von so zarter Reinheit war ihre Haut, die von der dunklen Pracht ihres üppigen Haares um so heller und leuchtender abstach. Wie ihre Märchenschwester, gefiel sie sich förmlich in wegwerfenden Bemerkungen über ihre Freier. Man kennt die übermütig kindischen Reden jener anderen. Da war ihr der eine zu dick. Sie sagte: »Oh, das Weinfaß.« Der andere zu lang. »Schwank und lang«, sagte sie, »hat keinen Gang.« Der dritte zu dick: »Kurz und dick, hat kein Geschick.« Der vierte zu blaß: »Im Blut arm, macht's Herz nicht warm.« Margarete von Rohan hatte nicht ganz die gleichen Sprüchlein; aber der Sinn ihrer Reden lief auf dasselbe hinaus. Der erste, der ihre Hand begehrte, war der Herzog von Bouillon, der Bruder des heute so berühmten Fürsten Turenne. Sie sagte: »Einen Herzog der Wildsäue sollt' ich heiraten!« Es ging nämlich ein alter Spott am Hof, daß das Herzogtum Bouillon, mitten in den Ardennen gelegen, mehr Wildschweine als sonstige Einwohner beherberge. Indessen war es eine souveräne Herrschaft und unabhängig von der Krone Frankreichs. Als zweiter ließ ihr der Herzog von Nemours und Prinz von Savoyen einen Antrag machen. »Das müßte lustig sein,« spottete sie, »ein Land, wo die Kinder als kleine schwarze Kaminfeger auf die Welt kommen.« Der Herzog von Longueville (also ein Prinz reinsten bourbonischen Geblüts) wurde Witwer, und sofort legte die Mutter Hand auf ihn. Er erwies sich auch willig, aber die Prinzessin tat ganz entrüstet: »Lieber gleich den Ritter Blaubart als einen Witwer.« Langwierige Unterhandlungen führte die Mutter mit jenem anderen bourbonischen Fürsten, dem Grafen von Soisson. Er lebte zur Zeit wegen seiner Teilnahme an der Verschwörung Gastons von Orleans gegen den König, d.\ h. gegen Richelieu, in der Verbannung zu Sedan. Dieser stellte eine Bedingung. Die Prinzessin müßte sich zum Katholizismus entschließen können. Dazu brauchte es der Einwilligung des Vaters. Und siehe, die Herzogin von Rohan verpflichtete sich, sogar diesen ungeheuren Stein aus dem Wege zu räumen, das schwerste Eingeständnis, das sie machen konnte. Aber alle Opfer blieben umsonst. »Der da,« sagte die Prinzessin, »der ist ja schon mit Gaston von Orleans verheiratet. Oder er ist dessen Lakai, der seinem Herrn die Kastanien aus dem Feuer holt, wie ein guter Pudel den Stein apportiert, den sein Brotgeber ins Wasser geworfen hat.« Also ärgerliche Reden führte die Prinzessin, sei es aus wirklichem Hochmut, oder auch nur, um ihre Mutter zu kränken, die sie von Tag zu Tag aufrichtiger haßte. Zum Unglück wurden ihre Reden herumgesprochen, und trotz allem Respekt vor der einzigen Erbin des Herzogs Heinrich gab es doch am Hofe genug Leute, die sie wegen ihrer unziemlichen Sprüche lächerlich zu machen suchten, so daß sie etwas mehr ins Gerede kam, als es für ein junges Mädchen gut ist. Ihre besonderen Freunde, der Marquis von Ruvigny gehörte dazu, und nicht zum wenigsten ihre alte Tante, das Fräulein Anna von Rohan und noch andere, drangen darum im Ernst in sie ein und suchten ihr klarzumachen, daß es nicht gut sei, den Bogen allzu straff zu spannen und den Übermut allzu weit zu treiben. Und diesen gab dann auch die Prinzessin gesetzte und ruhige Reden, dahin gehend: sie achte sich überhaupt zum Heiraten noch viel zu jung, und als eine Rohan und alleinige Erbin ihres Vaters habe sie nicht nötig, sich zu übereilen, und was derartige Reden oder Ausreden mehr sein mochten. Um diese Zeit, es war jetzt im fünften Jahr nach Tankreds Geburt, sprach ganz Paris von nichts anderem als von der Ankunft des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar am Hof zu Saint-Germain. Besonders die Hugenottischen regten sich darüber auf. Sie sahen in dem Weimarer eine Art Doppelgänger ihres Herzogs Heinrich von Rohan, dazu berufen, der Sache des Calvinismus noch wichtige Dienste zu leisten. Die wiederholten Konferenzen des germanischen Kriegshelden und Verteidigers ihres Glaubens mit Richelieu belebten auf einmal wieder ihre kühnsten Hoffnungen und ließen ihnen sogar den Kardinal in günstigem Lichte erscheinen, als welcher demnach doch nicht so schlimm sein konnte, da er nun, indem er dem Weimaraner großmütigst Unterstützung versprach, die protestantische Religion selber zu unterstützen schien. Auch die Herzogin von Rohan äußerte sich in diesem Sinne. Sie hatte dabei ihre besonderen Hintergedanken. Denn wie sie sich nun einmal daran gewöhnt hatte, jeden Mann, der nur in Betracht kommen konnte, in das weitgespannte Netz ihrer Heiratspolitik einzubeziehen, so tat sie jetzt heimlich auch mit Bernhard von Weimar, und dieses neue Projekt ihres findigen Kopfes schien ihr fast das glänzendste und glücklichste von allen. Auch konnte sie sich nicht enthalten, bei ihrer Tochter dessentwegen einmal vorsichtig auf den Busch zu klopfen. Dazu bot sich eine sehr günstige Gelegenheit. Die Ältesten der calvinistischen Gemeinde von Charenton, meist Mitglieder des hohen Adels, hatten den Weimarer auf den 31. Oktober, als den entscheidenden Tag der deutschen Kirchenreformation, zu einem feierlichen Gottesdienst im dortigen Tempel eingeladen, und Bernhard hatte die Einladung freundlich angenommen. Auch die Herzogin von Rohan und ihre Tochter waren dazu geladen und verfehlten nicht, sich nach der Predigt, zusammen mit anderen ihres Standes, dem berühmten Feldherrn im schwarzen Harnisch vorstellen zu lassen, der durch sein einfaches und leutseliges Auftreten bereits die Herzen von allem Volk gewonnen hatte. Mit der Fürstin und deren Tochter sprach der Herzog fast wie mit alten Bekannten und Freunden, erkundigte sich mit ungeheuchelter warmer Teilnahme nach seinem alten Freund, wie er sich ausdrückte, dem Herzog Heinrich, und ließ dabei nicht ohne Wohlgefallen seine Blicke auf der königlichen Gestalt der jungen Prinzessin ruhen, die darüber leicht errötete, was die Mutter noch niemals an ihr beobachtet hatte. So fiel es ihr also leicht, nachdem der Weimarer sich mit verbindlichen Komplimenten verabschiedet, ein paar Worte gegen ihre Tochter fallen zu lassen, die deutlich genug erkennen ließen, worauf die Mutter hinauszielte. Und siehe, die mütterlichen Anspielungen reizten diesmal die Tochter nicht zu spitzigen Reden oder verächtlichem Achselzucken wie sonst, sondern wurden von der schönen Prinzessin nur mit einem verlegenen und fast demütigen Niederschlagen der Augen und einem nachdenklichen Schweigen erwidert. »Endlich«, jubelte die Herzogin in ihrem Innern. Aber sie hütete sich, ein weiteres Wort zu riskieren und benützte dafür das Schweigen während der ganzen Dauer der Heimfahrt, die Möglichkeiten oder Schwierigkeiten zu überlegen, wie in diesem besonderen Fall die Sache einzufädeln und mit Vorsicht anzuspinnen sei, wobei sie nur zu deutlich fühlte, daß sie diesmal ein Terrain vor sich hatte, auf dem ihr fast jede Orientierung fehlte. So war sie wohl müden Kopfes, aber nicht mutlos, als die Karosse endlich vor den Kolossalkaryatiden des inneren Portals im Hof des herzoglichen Palastes anhielt. Als der Wagenschlag sich öffnete, stieß sie einen Schrei aus. Hatte sie ein Gespenst gesehen? Nein, er war es selber, er war es leibhaftig und in Fleisch und Blut, ihr Gemahl, der Herzog Heinrich, der die Arme nach ihr ausstreckte und die Aussteigende – der kleine Schreck hatte sie nicht getötet – an seine Brust drückte; worauf nun die Herzogin ihrerseits den Gemahl aufs lebhafteste und freudigste umarmte und küßte. Und das war nicht einmal eine Komödie, denn man mußte es dieser Frau lassen, daß sie ihren Gemahl auf ihre Art herzlich liebte. Siebentes Kapitel Ein Frühstück bei Kardinal Richelieu. Heinrich von Rohan und Bernhard von Weimar Aber wie erklärte sich dieses plötzliche Erscheinen des Herzogs in Paris? Antwort: Der König hatte ihn unvermutet zurückgerufen, der Kardinal hatte Absichten mit ihm. Zu nichts Geringerem war er ausersehen, als mit französischem Gelde und einem Heer des Königs nach dem Val Telin zu gehen, um dort im Verein mit den Graubündener Protestanten der spanisch-österreichischen Okkupation ein Ende zu setzen. Nicht von Richelieu war der Gedanke dazu ausgegangen. Vielmehr hatte der Herzog selber dem Kardinal-Minister den Vorschlag unterbreiten lassen, kurz nach seiner Konferenz mit dem Obersten Genaste während jener denkwürdigen Fahrt auf der Brenta zwischen Venedig und Ca Fusina. Und Richelieu war unverzüglich in Rohans Plan eingegangen. Endlich also wieder eine große militärische Mission. Dazu eine, wie sie der Rohan sich nicht schöner wünschen konnte, denn zum erstenmal sah er sich jetzt in der Lage, seinem König und zugleich der Sache des Protestantismus mit seinem Talente zu dienen. Um so weniger Zeit aber hatte er auch jetzt wieder für seine Frau übrig. Er mußte dem König und der Königin den Hof machen und mit Richelieu und dem Kriegsminister Beratungen pflegen. Doch einige freie Minuten gab es immerhin, und die Frau Herzogin benützte dieselben aufs eifrigste ihm ihre geheimen Hoffnungen und Absichten auf den Weimarer als zukünftigen Schwiegersohn leise und vorsichtig zu Gemüte zu führen. Ihre Einflüsterungen fanden bei dem Herzog ein williges Gehör. Diese Verbindung schien in der Tat seinen eigenen Wünschen zu entsprechen. Denn hier stand Größeres in Aussicht als nur eine einfache Familienallianz, ein Ziel hoher Politik winkte hier. Die beiden protestantischen Parteien, die französische und die deutsche, gleichsam in einer Ehe miteinander zu vermählen, das war in Wahrheit eine seines hugenottischen Ehrgeizes würdige Sache. Und so konnte er nicht anders, als seine unvergleichliche Gemahlin abermals aufrichtig zu bewundern, die diesem genialen Gedanken zuerst das Wort geliehen. Nicht ohne feine Berechnung hatte der Kardinal gerade diesen Zeitpunkt gewählt, den Rohan nach Paris zu ziehen. Er wußte, daß es dessen heißester Wunsch war, dem protestantischen Helden aus Germanien einmal persönlich zu begegnen, als dem Manne, den er, nebst dem Schwedenkönig, am höchsten verehrte von allen Kämpfern für das Evangelium, um in seinem Stil zu reden. Und korrespondierende Wünsche und Gefühle durfte der Kardinal bei dem Weimarer voraussetzen. Ein baldiges Zusammentreffen unter ihnen zu vermitteln, das würden ihm beide, dessen war der Kardinal sicher, nicht gering anrechnen. Er lud also, schon am dritten Tage nach Rohans Ankunft, die beiden Glaubenshelden zu einem intimen Frühstück zu sich, und es mochte dem genialen Politiker eine prickelnde Genugtuung gewähren, bei diesem Symposium sich als den einzig Gewitzigten zu fühlen gegenüber zwei Ahnungslosen, deren er sich bedienen wollte, weil er sie brauchte, und die er schon jetzt entschlossen war, sich aufzuopfern, sobald sie ihm nicht mehr nützlich wären. Man stelle sich das Bild nur vor: Den Rohan und den Weimarer einander gegenüber in ihrem unverbrüchlichen calvinistischen Schwarz, jener nach seiner Gewohnheit sauertöpfisch vor sich hinblickend, trotz aller verehrungsvollen Sympathie für sein Gegenüber, dieser, der Weimarer, voll kindlichen Vertrauens, aber auch nicht ohne kühnen Eroberertrotz in den strahlenden blauen Augen; und zwischen beiden der Richelieu in Purpur und Hermelin, mit dem schmalen blassen Gesicht unter der breiten Stirn, die großen dunklen Augen, während er sprach, manchmal wie in Verwunderung auf seine Gäste gerichtet, die sich, trotz ihrer vorausgegangenen Selbstermahnung zur Vorsicht, nun leichter, als er es zu hoffen gewagt hatte, in das ebenso feinmaschige wie weitläufige Garn seiner Politik einspinnen ließen. Und mit ironischem Wohlgefallen bemerkte er, wie das grämliche Gesicht des Rohan sich um so mehr aufheiterte, je deutlicher der hugenottische Herzog die warme Freundschaft herausfühlte, die der Weimarer offen gegen ihn an den Tag legte. Gehobenen Gemüts verließ Herzog Heinrich den Minister und seinen deutschen Verbündeten. Das Frühstück unter sechs Augen hatte im Schloß des Kardinals zu Rueil stattgefunden, wo Herzog Bernhard als der Gast des Ministers weilte; aber obwohl der Rohan nun eine lange Fahrt vor sich hatte bis nach seinem Stadtpalast am Marais bei Unserer lieben Frau zu den Blauen Mänteln, kam er dennoch zu Hause an, ohne mit all seinem Nachdenken die Lösung des Rätsels gefunden zu haben, das sich ihm bot: nämlich wie es anzustellen wäre, den Weimarer auf diplomatische Weise und ohne der Würde des Hauses Rohan etwas zu vergeben, auf die bewußten geheimen Absichten des herzoglichen Ehepaares aufmerksam zu machen. Doch er hätte sich das Kopfzerbrechen sparen können: seine Frau hatte, wie immer, bereits für ihn gedacht. Durch den Marquis von Ruvigny mußte es geschehen. Als Deputierter der reformierten Kirche von Frankreich sah dieser sich ohnedies fast verpflichtet, dem Herzog von Weimar aufzuwarten. Er war also die unverfänglichste Person, die erste Andeutung fallen zu lassen. Und natürlich mußte es so geschehen, als ob es sein eigener Gedanke sei, ihm eingegeben nicht von persönlichen Beziehungen und Interessen, sondern von ernsten Erwägungen politischer und religiöser Natur. Also geschah es, und nach dem Bericht Ruvignys über den Erfolg seiner Sendung – der Weimarer hatte ihn stumm aber wohlgefällig angehört – durften sich die Rohanschen einige Hoffnung machen. Sie beschlossen darum, dem Weimarer in ihrem Palast ein glänzendes Fest zu geben, und niemand wird den Herzog allzu großer väterlicher Eitelkeit beschuldigen, wenn er dabei die stolze Schönheit seiner Tochter sozusagen als keinen geringen Faktor mit in die Rechnung einstellte. Wie aber hätte er mit etwas rechnen sollen, was ihm verborgen war? Und wie konnte er ahnen, was für ungeheure Versprechungen dem Weimarer von Richelieu unter der Hand gemacht worden, solche Versprechungen, – nie dachte Richelieu daran, sie zu erfüllen – daß, so meint der Chronist, ein ausgedehntes Herzogtum am Oberrhein diesem Prinzen Ohnefurcht und Ohnehabe nur noch eine Art geringer Anzahlung dünkte auf größere Ansprüche und Forderungen, die, immer höher und strahlender sich erhebend in seiner blühenden Junggesellenphantasie, in nichts geringerem gipfelten, als in der Machtgewalt der deutschen Königskrone und dem weithin ragenden Thron der Cäsaren. Denn beides, den deutschen Königsthron und die römische Kaiserwürde, dem mürbe gewordenen Hause von Habsburg mit französischer Hilfe zu entreißen, mußte in jenem Augenblick einem kühnen und verwegenen Geist möglicher scheinen als je. Ein Kaiserthron aber war, trotz allem, zu hoch für eine Rohan. Und so kam es, daß das Fest im Marais ergebnislos verlief und der Weimarer kurz darauf sich verabschiedete und abreiste, ohne daß von seiner Seite, sei es persönlich, sei es durch eine Mittelsperson, das leiseste Wörtchen laut geworden wäre über die Angelegenheit, die dem Herzog Heinrich, und noch mehr seiner Gemahlin, so sehr am Herzen lag. Und nicht wenig gedemütigt in seiner stolzen Seele, verließ mit dem anbrechenden Frühling auch der Herzog Rohan die Hauptstadt, um vom oberen Elsaß aus mit einem Teil der dort stehenden königlichen Truppen auf bewunderungswürdigen Eilmärschen mitten durch die Schweiz und die Grauen Bünde den Schauplatz seiner neuen Tätigkeit zu erreichen. Mehr als gedemütigt, im Innersten erbittert fühlte sich die Herzogin. Und für sie führte die so eifrig, aber vergeblich betriebene und nicht erfolgte Brautwerbung durch den Weimarer nachträglich eine Folge mit sich, die ihr in ihren Fortwirkungen im höchsten Grade verhängnisvoll wurde. Die Herzogin konnte es der Prinzessin jetzt weniger als je verzeihen, daß diese sich für ihre Bemühungen, der Tochter eine glänzende Partie zu verschaffen, so wenig entgegenkommend gezeigt hatte. Und als eines Tages Mutter und Tochter wegen dieses Themas in heftigen Wortwechsel gerieten, da konnte es sich die Herzogin nicht versagen, der Prinzessin ein giftiges Wort hinzuwerfen über den beschämenden Korb, den sie sich nun von diesem Weimarer geholt hatte. Die Tochter richtete sich hoch auf. »Das ist unwürdig von Euch, Mutter,« rief sie in ehrlicher Entrüstung; »denn Ihr wißt nur zu gut, daß ich dem Bernhard von Weimar so wenig nachgefragt habe und nachfrage als einem der andern.« »Ihr könnt dennoch nicht leugnen,« entgegnete hohnvoll die Mutter, die sich keine Mühe gab, ihre Schadenfreude zu verbergen, »daß er Euch verschmäht hat, dieser fremde Abenteurer, dieser Nachgeborene von Weimar, dieser Prinz von Habenichts. Er ist davongegangen und Ihr sitzt da.« »Er wird Euch nicht zur Schwiegermutter gewollt haben.« Mit diesem bösen Wort erhob sich die Tochter, und Zorn und Verachtung verhäßlichten fast ihr schönes Antlitz, indem sie heftigen Schrittes den Saal verließ. Sie befahl ihre Sänfte und ließ sich zu ihrer Tante, dem alten Fräulein Anna von Rohan tragen die am Königsplatz wohnte. Dieser erklärte sie, daß sie entschlossen sei, das Haus ihrer Mutter mit keinem Schritt mehr zu betreten. Ihre Mädchenapanage mache sie unabhängig, und wenn die Tante sie nicht behalten wolle, so werde sie eben irgendwo bei väterlichen Verwandten ein Unterkommen suchen und wenn es draußen in der verlorensten Provinz sein sollte. Dem alten Fräulein aber fiel es nicht ein, die Prinzessin von ihrem Entschluß abbringen zu wollen. Sie stand selber schlecht mit Margarete von Bethune, ihrer Base, und gönnte dieser gern jeden Ärger. Und also erhielt die Herzogin von Rohan noch an demselben Tag von dem Fräulein Anna von Rohan die Nachricht, daß die Prinzessin sich weigere, in die mütterliche Wohnung zurückzukehren, und der Erwartung sei, die Herzogin werde in ihrem eigenen Interesse es nicht zum Äußersten treiben, sondern auf jede Anwendung von Zwang verzichten, und auch keine Schwierigkeiten erheben, den Trousseau ihrer Tochter mitsamt der ihr persönlich zustehenden Dienerschaft in das Haus der Tante zu überführen. Was denn auch die Herzogin, nachdem der erste heftige Ausbruch leidenschaftlichen Zornes sich gelegt hatte, für das klügste und angenehmste fand. Sie war sehr geknickt von diesem Ereignis. Denn wenn sie auch einstweilen noch nicht von ferne ahnte, was für Unheil für sie aus diesem leidigen Zerwürfnis hervorgehen sollte, eines sah sie schon jetzt ganz klar: daß in diesem Streit die Welt sich auf die Seite der Prinzessin stellen werde. Und so geschah es. Die Prinzessin Margret erfuhr nicht nur keinen Tadel wegen ihres immerhin ungewöhnlichen Betragens, sie wurde sogar von jedermann dazu beglückwünscht. Denn alle Welt glaubte nicht anders, als daß sie das mütterliche Haus nur darum verlassen, weil sie an dem Leben der Herzogin ein Ärgernis nahm und um ihren guten Ruf fürchtete, in der Nähe so offenkundiger Unordnungen, wie man sie sich von ihrer Mutter erzählte. Die Gesellschaft, und um so mehr, je weniger sie selber tugendhaft ist, braucht von Zeit zu Zeit einen Sündenbock, dem sie dann alle Schmach zusammen mit einem ausgiebigen Maß von moralischer Entrüstung aufbürdet. Das war im Augenblick die Herzogin von Rohan. Und so übersahen die guten Leute gern das Unkindliche und Unschickliche im Betragen der Tochter. Und mit einem wahren Nimbus von Tugend umwob die Welt das Haupt dieser Prinzessin – es ist so dankbar, Schönheit zu schmücken – die im Grund, und ihr späteres Verhalten legt das nahe, vielleicht nichts weiteres war als ein sehr eigensinniges und über alle Begriffe hochmütiges Ding. Die Herzogin aber sah sich im Handumdrehen in einer höchst peinlichen Isoliertheit, und ihre frühere mütterliche Besorgtheit um ihre Tochter, die nur halb aus selbstischen Gründen entsprungen, verwandelte sich in tiefen Haß. Am meisten kränkte sie das Betragen des Marquis von Ruvigny. Sie hätte ihm hingehen lassen, daß er auch in Zukunft der Freund und Vertraute ihrer Tochter blieb, die sozusagen auf seinen Knien groß geworden. Sie hätte nicht von ihm verlangt, mit der Prinzessin zu brechen. Sie hätte es ihm sogar verziehen, wenn er nach dem Auszug der Prinzessin etwas weniger häufig in ihr Haus gekommen wäre. Aber er kam gar nicht mehr. Das ertrug sie schwer. Und noch wußte sie nicht, welchen Streich der Rothaarige gegen sie im Schilde führte, der nun täglich bei ihrer Tochter ein und aus ging und, wie von jeher, für ihren Berater galt in allen wichtigen und unwichtigen Dingen. Und sehr wichtig allerdings, und mehr als das, war eine Angelegenheit, die der Marquis bald nach ihrem Zerwürfnis mit der Mutter bei der Prinzessin zur Sprache brachte. Er war aber in seinen einleitenden Worten nicht glücklich, die stolze Margret fuhr ihn bös an. »Mein Herr,« rief die Prinzessin mit eisiger Kälte, »Ihr vergeßt, daß ich Euch verboten habe, in meiner Gegenwart den Namen der Herzogin von Rohan auszusprechen.« Sie lag lässig auf einem Ruhebett ihres Boudoirs ausgestreckt. Ihr Auge blickte streng. Ihre großen regelmäßigen Züge wurden hart. Die Blatternarben zu beiden Seiten ihres stolz geschwungenen Mundes röteten sich. Ihre feine weiße Hand, die aus einem Bukett spanischer Spitzen hervor über die Lehne hing, zitterte. Sie konnte es nicht vertragen, daß man ihre Befehle nicht achtete. Der Marquis von Ruvigny saß, mit dem Rücken gegen das Fenster, vor dem Arbeitstischchen der Prinzessin, auf dem eine elfenbeinerne Schatulle stand mit dem Miniaturbild des Herzogs Heinrich auf dem Deckel. Die Strenge der Prinzessin machte ihn einen Augenblick betreten. »Aber Ihr werdet mir Euer Leben lang dankbar sein,« wagte er zu erwidern, »wenn Ihr gehört habt, um was es sich handelt.« »Ich will es aber nicht hören.« Der blasse, schmallippige Mund des Gouverneurs der Bastille verzog sich spöttisch. »Nun denn,« begann er nach einigem Überlegen, »so will ich Euch, da Ihr Ernstes zu hören nicht aufgelegt seid, ein Märchen erzählen, daraus Ihr Euch nach Belieben eine Nutzanwendung ziehen mögt; darf ich?« »Wenn es Euch Vergnügen macht«, antwortete sie begütigend. »Also, es war einmal ...« Und mit großem Geschick und sorgfältiger Überlegung jeder Wendung erzählte Ruvigny sein Märchen: die anonyme Geschichte von der heimlichen Geburt Tankreds. »Was soll das, warum erzählt Ihr mir das?« fragte, als er geendet, die Prinzessin unwirsch. »Auf daß Ihr die Nutzanwendung daraus ziehet.« Er schaute sie nicht an bei diesen Worten, er schien vielmehr mit großer Aufmerksamkeit das Miniaturbild auf dem Deckel des elfenbeinernen Kästchens zu studieren, das den Herzog von Rohan in voller Kriegsrüstung darstellte. In der Seele der Prinzessin, die sich Mühe geben mußte, ihre lässige Haltung zu bewahren, kämpfte ein sehr natürliches Gefühl mit dem Stolz – auf den sie so stolz war. Und diesmal unterlag der Stolz. »Sollen diese ungeheuerlichen Dinge auf meine Mutter zielen«, platzte sie heraus. »Ihr habt es selber ausgesprochen«, antwortete der Marquis trocken. Die Prinzessin war aufgesprungen. »Und mir erzählt Ihr diese Greuel?« fragte sie bebend vor Aufregung. »Warum mir? Ich frage es zum drittenmal. Bin ich die Hüterin und Wächterin meiner Mutter? Bin ich die Richterin ihrer Taten?« »Vielleicht nicht«, versetzte Ruvigny mit kalter Ruhe. »Aber vielleicht deren unschuldiges Opfer. Hört mich an.« Achtes Kapitel Wie der Marquis von Ruvigny der schönen Prinzessin in die Suppe spuckt, die ein anderer dann ausessen muß »Aber«, rief die Prinzessin, »das ist ja unmöglich, was Ihr mir da in Aussicht stellt, das kann ja nicht geschehen. Niemals kann das geschehen.« »Laßt nur erst den Herzog Heinrich tot sein und Ihr werdet etwas erleben.« »Die Herzogin denkt ja nicht daran,« sprach die Prinzessin zuversichtlich; »sie hat allen Grund, den Skandal zu fürchten.« »Sie würde gewiß niemals daran gedacht haben, wenn Eure Hoheit ihr nicht Grund gegeben hätte zum Haß. In Ihrem Haß aber wird sie jedes Mittel willkommen heißen, das ihr geeignet scheint, Euch zu demütigen und zu schädigen. Was aber den Skandal anbelangt, den braucht sie nicht mehr zu fürchten, sobald ihr Gemahl die Augen geschlossen hat. Und bei dem jetzigen Unternehmen Eures Vaters, in dem wilden fremden Gebirgsland, in die Mitte gestellt zwischen die fanatischen Grisonen und die aufs äußerste gereizten Spanier – wer weiß, worauf der Richelieu sich im geheimen Hoffnung macht.« »Gut, gut«, versetzte die Prinzessin ungeduldig. »Sie wird es vielleicht tun in ihrem unnatürlichen Haß. Aber niemals wird sie damit durchdringen. Niemals werden die Gerichte sich auf ihre Seite stellen.« »Das Gesetz ist gegen Euch.« Der Marquis von Ruvigny blickte, seinen inneren Triumph verbergend, ernst und nachdenklich vor sich nieder. »Ich begreife, daß Ihr Mühe habt, mir zu glauben«, nahm er dann zögernd von neuem das Wort. »Man glaubt nicht gern an das, was einem unangenehm ist. Oder vielmehr, man wehrt sich dagegen, wenn man auch schon daran glaubt. Aber ich will Euch einen Rat geben. Ihr kennt persönlich den Staatsrat von Thou. Das Parlament besitzt keinen erfahreneren Juristen, keinen erprobteren Ehrenmann als ihn. Er hat von seinem Vater, dem großen Geschichtsschreiber der Liga, alle Wissenschaft und alle Tugend geerbt. Laßt Euch zu ihm fahren, tragt ihm die Sache vor, und ich will ein Hundsfott sein, wenn er nicht meiner Meinung ist.« Dieser Vorschlag leuchtete der Prinzessin ein, sie ließ sich noch am gleichen Nachmittag nach dem Augustinerkai fahren zum Hause des hochangesehenen Herrn von Thou. Den Staatsrat und Großmeister der königlichen Bibliothek setzte schon das Erscheinen der Prinzessin in seinem Arbeitskabinett aufs höchste in Erstaunen. Er schob einen hohen Stoß von Akten auf seinem mächtigen Schreibtisch weit zurück und beeilte sich dienstbeflissen, seiner schönen und vornehmen Besucherin mit dem krönchenartigen Perlenschmuck über dem üppigen Haargelock einen Stuhl vorzusetzen. Und sprachlos hörte er die Geschichte von Tankred, wie Margarete von Rohan sie ihm erzählte. Die Art dieses Mannes war es nicht, in laute Äußerungen dessen auszubrechen, was in ihm vorging. Er schwieg lange in tiefem Nachdenken. Noch hatte der Staatsrat keine Ahnung, daß bereits das Beil des Henkers über seinem Haupte schwebte wegen seiner Verbindung mit dem Marquis von Cinq-Mars und Gaston von Orleans zum Sturze des despotischen Kardinals, den selbst der König haßte, um so mehr, je mehr er sich vor ihm fürchtete. Der streng-rechtliche Herr von Thou war ein kurzsichtiger Politiker. Er sah in Richelieu nur den Vergewaltiger seines Vaterlandes. Und so erwies er sich in diesem Fall vollständig als Partei, geneigt, dem Kardinal jede Schlechtigkeit zuzutrauen, wo seine Herrschsucht ins Spiel trat. Was er von der Prinzessin hörte, war ihm darum Wasser auf seine Mühle. Die Befürchtungen, die die Herzogin dem Ruvigny gegenüber geäußert, schienen ihm nichts weniger als lächerlich. Über den mysteriösen frommen Pater Josef, den strengen Asketen und kaum gekannten, aber um so mehr beschrienen heimlichen Gehilfen Richelieus, dachte der gelehrte und hochgebildete Parteimann kaum aufgeklärter als der gemeine Pöbel. In diesem Sinne antwortete er endlich der Prinzessin, die in ihrem hochlehnigen Armsessel von schwarzem geschnitzten Holz und bordeauxrotem Samt sich kaum mehr zu halten vermochte vor Erwartung und an ihrer Goldkette über dem steifen Brokatmieder wiederholt so ungeduldig zerrte, daß sie wohl sehr solid sein mußte, wenn sie nicht zerriß. »Zunächst«, so begann der Staatsrat, »bitte ich Eure Hoheit, zu bedenken, daß wir nicht berechtigt sind, an dem zu zweifeln, was die Herzogin von Rohan ihrem einstigen Freund vertraut hat. Dem Marquis von Ruvigny beliebt es, die Aussagen der Herzogin hinsichtlich der zu befürchtenden Machenschaften des Herrn Kardinals als ein unsinniges Gerede hinzustellen. Ich bin nicht seiner Auffassung und ich finde in seinem Betragen einen schweren Verstoß gegen den Respekt, den er einer hohen Dame vom Rang Eurer Mutter, die ihm ihr Vertrauen geschenkt hat, in allen Lagen schuldig ist... Der Staatsrat schien sich zu bedenken. »Und ich selber«, fuhr er nach einer Pause fort, »würde mich des gleichen häßlichen Vergehens schuldig machen, wenn ich in die Ehre der Herzogin von Rohan ohne triftige Gründe den geringsten Zweifel setzen wollte. Ich kann also nur annehmen, daß sich die Sache verhält, wie Eure Frau Mutter sie darstellt. Danach ist ihr Sohn Tankred der eheliche Sohn Eures Vaters und als solcher dessen einstiger Erbe.« Der Staatsrat hielt inne. Ein unartikulierter Ausruf der Prinzessin, die ihr Gefühl der Empörung nicht zu bemeistern vormochte, ließ ihn verstummen. Herr von Thou warf einen erstaunt fragenden Blick auf die Hoheit, deren Blatterngrübchen um die Mundwinkel wieder jene Rötung zeigten, die das stolze Gesicht fast unschön erscheinen ließ. Ein zuckender Glanz in ihren braunen Mandelaugen erinnerte an das blendende Leuchten im Auge eines Raubtieres, das seine Beute verteidigt. Man sah es dem Staatsrat an, daß es ihm nicht leicht wurde, in seiner Rede fortzufahren. »Und wenn ich auch,« brachte er stockend hervor, »was mir aber nicht erlaubt ist, wenn ich auch die Möglichkeit annehmen dürfte, jener Tankred sei nicht vom Blute seines Vaters – man sollte einen solchen häßlichen Verdacht auch nicht einmal bedingungsweise aussprechen – so wäre doch damit für die Hauptfrage gar nichts geändert.« »Wieso nichts geändert«, rief die Prinzessin, indem sie von ihrem Sitz aufsprang. »Weil Euer Bruder ...« »Ein elender Bastard ist er, nicht mein Bruder.« »Weil Tankred«, nahm der Staatsrat ruhig sein Wort auf, »matrimonio constante, wie wir Juristen sagen, das heißt bei bestehender Ehe gezeugt und geboren ist. Darum ist seine Geburt legal. Darum ist er legaliter der Sohn des Herzogs Heinrich. Und muß er als solcher, wie auch als dessen rechtmäßiger Erbe anerkannt werden, sobald es seiner Mutter gefällt, zu Lebzeiten oder nach dem Tode des Herzogs, ihren Sohn dem Parlament zu präsentieren.« »Aber das ist ja ein ungeheuerliches Gesetz«, stieß die Prinzessin in höchster Erregung hervor. »Jedes Gesetz«, sprach Herr von Thou, »wird unter Umständen als Härte empfunden, als Ungeheuerlichkeit, um Euren Ausdruck zu gebrauchen. Das spricht nicht gegen die ihm innewohnende Gerechtigkeit, und ich wiederhole Eurer Hoheit: kein Richter von Frankreich, dem das Gesetz heilig ist, wird dem Sohn Eurer Mutter seine Legalität absprechen.« Die Prinzessin hatte genug gehört. Kühl-hochmütig dankte sie dem Staatsrat, der sie respektvoll bis zu ihrem Wagenschlag begleitete und dann nicht ohne bittere Empfindungen in seinen Arbeitssaal zurückkehrte. Es bleibt doch wahr, dachte er, wir Juristen tun wahrhaftig die tiefsten Einblicke ins Herz der Menschen. Was wohl ihr Beichtvater viel wissen wird von diesem Fräulein mit seiner eine heilige Scheu einflößenden Larve. Nichts wahrscheinlich. Und mir zeigte sie ohne Umstände ihre Seele in voller Nacktheit. Aber bin ich auch nicht ungerecht gegen sie? unterbrach sich der gewissenhafte Mann in seinen Gedanken. Sie hält den Bruder für einen Bastard. Sie ist davon überzeugt. Kann man es ihr übelnehmen, daß sie sich gegen den unrechtmäßigen Eindringling zur Wehr setzt? Doch was für ein seltsamer Roman, diese Tankredgeschichte. Welche Möglichkeiten der Verwicklung. Und welche Lösung wird er finden? Ich bin begierig. Er hat sie nicht erlebt, der arme Staatsrat. Das gefährliche Staatsverschwörerspiel, in dem er seit einiger Zeit eine Rolle spielte, fand seine Lösung früher, und diese Lösung kostete ihm den Kopf. Die Prinzessin aber meinte es nicht zu erleben, bis sie zu Hause ankam. Ihre Seele war erfüllt von Empörung. In ihrem Boudoir angelangt, warf sie sich auf ein Ruhebett, weinend vor Zorn, und ohne auf Ruvigny zu achten, der sie hier erwartet hatte. »Also es kam, wie ich vorausgesagt habe«, sprach er mit Triumph. »Höhnt mich nicht«, herrschte ihn die Prinzessin an, indem sie mit Heftigkeit aufsprang. »Ratet mir lieber.« »Dies will ich,« versetzte der Marquis, dessen Stirn unter dem gelbroten Haar noch blasser geworden war als gewöhnlich; »aber Ihr behandelt mich kaum so, wie es ein alter Freund beanspruchen darf.« »Sprecht, ich bitte Euch«, bat sie in begütigendem Ton. Hier ist zu sagen, daß sich die Prinzessin wohl von ihrer Mutter, aber deswegen keineswegs von der Welt zurückgezogen hatte. Sie ging nicht nur selber und sehr häufig in die große Gesellschaft, wenn sie wußte, daß sie ihre Mutter nicht traf; sie liebte es noch mehr, bei sich zu empfangen. Und dabei setzte sie sich, vielleicht im stolzen Bewußtsein ihrer Tugend, jedenfalls aber im Stolz auf ihre Geburt, kühn über vieles hinweg, was anderen eine Schranke gewesen wäre. Denn ihres Hochmuts ungeachtet, war sie ein recht lebenslustiges Fräulein. Ihre höchste Lust bildete der Tanz. Sie selber war eine Ausnahmetänzerin, die längst von sich reden machte, und mit der Zeit, wie es so geht, wurde ihr Talent ihre Leidenschaft, ohne daß sie noch ahnte, wie diese Leidenschaft einst ihr endgültiges Schicksal bestimmen sollte. Und unbekümmert, was die anderen dazu sagen konnten, liebte sie es, fast ausschließlich junge Leute bei sich zu sehen, die gern und gut tanzten, vorausgesetzt, daß sie zugleich den vornehmsten Häusern von Frankreich angehörten. Es ging also lustig her in dem fast bürgerlich dreinschauenden Hause des alten Fräuleins von Rohan, die trotz ihrem Höcker und ihrem Dichtertum auch keine Kopfhängerin war, und zwar so wenig, daß sie sogar des heimlichen Katholizismus geziehen wurde. Unter den Tänzern der Prinzessin befand sich auch ein weitläufiger Vetter des Marquis von Ruvigny, ein Herr Heinrich von Taillefer, der, obwohl ohne Titel und Vermögen, dem ältesten Adel des Königreichs angehörte. Es war das ein blutjunger Kapitän der königlichen Marinetruppen, dessen Kompagnie zu Pont l'Eveque in der Normandie in Garnison stand. Auf diesen verwegenen und wenig skrupelhaften Offizier, der aus finanziellen Nöten nie herauskam, bauten die Prinzessin und der Marquis von Ruvigny ihren Plan. Und sie täuschten sich nicht in ihrem Mann. Der Taillefer, sobald er begriff, daß es sich darum handelte, der angebeteten Prinzessin einen wichtigen Dienst zu leisten, den sie von niemand anderem so leicht erwarten konnte, schätzte sich überglücklich, der schönen Herrin in einer so abenteuerlichen und nicht ungefährlichen Sache seine Ergebenheit beweisen zu können. Alle Umstände wirkten glücklich zusammen. Die Entfernung zwischen Pont l'Eveque und Schloß Préfontaine konnte man mit scharfem Ritt in dritthalb Stunden zurücklegen; es schien fast, als ob die Vorsehung – nämlich diejenige, die ohne Zweifel bei der Prinzessin in besonderer Pflicht stand – den Garnisonsort der Tailleferschen Kompagnie längst mit Bewußtsein vorbestimmt habe. Und noch eins traf sich gut. Der Bruder des Herrn von Taillefer, ebenfalls Inhaber einer Kompagnie – er nannte sich Herr von La Sauvetat – stand unter dem Oberbefehl des Herzogs von Estrades in holländischen Diensten und befand sich also in der günstigsten Situation, um dem Taillefer in die Hand zu arbeiten. Der Plan des Marquis von Ruvigny, im Einverständnis mit der Prinzessin, ging nämlich dahin, den jungen Tankred zunächst nach Holland zu entführen, von wo es später nicht schwer fallen konnte, ihn nach den hinterindischen Kolonien einzuschiffen. Und also reiste Herr Heinrich von Taillefer, von der Prinzessin mit dem nötigen Geld versehen – der Herzog hatte ihre Apanage um die Einkünfte des Baronats St. Pol de Léon erhöht – nach Pont l'Eveque und besprach sich mit seinem Waibel La Pétrière, dessen Verwegenheit und Zuverlässigkeit er kannte, und machte alles ins einzelne mit ihm aus, wie er vorzugehen habe. Elf Mann aus der Kompagnie sollte er auf Eidschwur in seine Pflicht nehmen, und in Bauernkleidern und mit geschwärzten Gesichtern sollten sie sich bei anbrechender Nacht vor Préfontaine einfinden, mit List in das Schloß zu dringen suchen und sich des Knaben Tankred tot oder lebendig bemächtigen. Taillefer selbst wollte zwar ebenfalls an dem Zuge teilnehmen, aber sich letzten Endes im Hintergrund halten, um nicht mit seiner Person, im Fall eines Mißgeschicks, die Prinzessin bloßzustellen. Neuntes Kapitel Was sich nächtlich auf Schloß Préfontaine zutrug Und dann war's in der Nacht vor dem Magdalenentag, so gegen die zehnte Stunde, und der Herr von Préfontaine hatte sich eben in sein Schlafzimmer zurückgezogen, um sich zu entkleiden: da tat es unten am großen Tor des Hofes drei Schläge, und Marquis, der Hofhund, ein hellgrauer Neufundländer, ließ sich knurrend vernehmen. Der alte Torwart, der sich längst niedergelegt hatte, erhob sich, und nachdem er sich notdürftig mit Kleidern versehen, machte er sich mit seiner Laterne und dem Schlüsselbund, den knurrenden Marquis am Halsband mit sich führend, nach dem Tor. Es war gerade ein Gewitter im Aufsteigen. Schon blitzte es vereinzelt mit nachfolgendem fernen Rollen des Donners. Drei Schritte vom Tore verlöschte ein plötzlicher heftiger Windstoß ihm das Licht in der Laterne. Auf seine Frage, was es gäbe, wurde ihm von außen geantwortet: ein Bote sei da von der Herzogin von Rohan. Was er wolle, der nächtliche Bote? Eine dringende Botschaft für den Herrn von Préfontaine habe er. Worauf der Wärtel, indem er den eifernd aufspringenden Hund mit großer Anstrengung an sich zerrte, erklärte, daß er dem Schloßherrn Meldung machen wolle. Herr von Préfontaine stand im Hemd vor seinem Bett. Sein Haar und der hängende Schnauzbart, weiß wie das Linnen seines Bettzeugs, verstärkten unheimlich die Röte seines breiten Gesichts. Sein erster Gedanke, als er den Torwart angehört hatte, war Tankred. Die Gegenwart dieses Kindes in seinem Hause hatte ihn immer ein wenig beunruhigt: als ob ihm daraus noch etwas recht Unangenehmes erwachsen müsse. Nie hatte sich die Herzogin im geringsten um ihren Sohn gekümmert. Niemals die geringste Erkundigung nach ihm eingezogen. Als ob sie ihn ganz und gar vergessen hätte. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Das war unnatürlich, unheimlich. Nach einigem Besinnen sagte er dem Wärtel, er möge den Mann draußen einmal ansehen. Wenn derselbe unverdächtig scheine, solle man ihn heraufführen. Erwecke er aber nur den geringsten Verdacht, müsse man ihn, so es nötig falle, mit Hilfe des Marquis wieder zurückschmeißen. Weiteres Aufsehen solle lieber nicht entstehen, da man nicht wissen könne, um was es sich handle. Die Knechte im Wirtschaftshofe und in den Stallungen seien nicht zu wecken, unnötiger Lärm zu vermeiden. Als der Wärtel in den Hof hinunterkam, fing das Gewitter gerade an, sich zu entladen. Große schwere Tropfen schlugen ihm ins Gesicht und rings um ihn her auf das Pflaster. Blitz zuckte jetzt auf Blitz, und einmal tat es einen furchtbaren Krach, es mußte in der Nähe eingeschlagen haben. Durch das kleine Eisengitter in dem eichenen Torflügel wechselte er in der kurzen Pause des rollenden Donners noch einmal Rede und Antwort mit dem da draußen, und nachdem er sich versichert hatte, wie er meinte, daß wirklich nur ein einzelner draußen warte, schob er endlich die Bolzen zurück, worauf ihm der schwere Flügel mit solcher Gewalt gegen den Kopf schlug, daß er rücklings zu Boden stürzte. Noch Schlimmeres geschah dem »Marquis«. Mehrere Spieße zugleich trafen ihn in die Weichen, und winselnd krümmte sich das Tier auf der Erde. Der Torwart aber fühlte sich von mehreren mächtigen Armen gepackt. Ein Knebel wurde ihm in den Mund gestoßen und Arme und Beine wurden ihm mit Stricken fest verschnürt. So blieb er liegen neben dem unglücklichen Marquis, der ihm noch die Hand leckte, indem er verröchelte. Der Torwart hatte es nicht für nötig befunden, die Hauptpforte des Hauses zu verschließen, und also gelangten die Einbrecher ziemlich geräuschlos nach dem oberen Stock und in den einzig belichteten Saal, wo Herr von Préfontaine im ledernen Jagdrock und hohen Stiefeln, den Degen an der Seite, den vermeintlichen Boten der Herzogin erwartete. Sein rotes Gesicht verfärbte sich und wurde fahl, als auf ein höfliches Anklopfen und seinen Hereinruf die Türe sich weit auftat und er sich plötzlich neun Kerlen gegenübersah, mit geschwärzten Gesichtern und in phantastischen Bauernkleidern, sechs davon mit Schwertern und Hellebarden, und drei andere jeder mit einer Muskete bewaffnet, die sie mit gespanntem Hahn auf ihn gerichtet hielten. In demselben Augenblick zuckte es trotz der verschlossenen Läden, vom Schein eines gewaltigen Blitzes, unheimlich durch den Saal und ein erschütternder Donnerschlag folgte. »Nichts für ungut, Herr von Préfontaine«, sagte der vorderste der Männer. »Wir bitten sehr um Entschuldigung, wenn wir Euch erschreckt haben. Es war nicht unsere Absicht. Wir kommen wegen des Tankred. Unser Herr und Meister, ein Mann von Macht und Gewalt, schickt uns, ihn abzuholen.« Es war Herr von Taillefer, der so sprach. Er hatte sich im letzten Augenblick doch noch entschlossen, selber mit in das Schloß einzudringen. »Ich bitte meinerseits um Entschuldigung,« versetzte der Schloßherr, der sich wieder gefaßt hatte, »aber wollen die Herren nicht die Güte haben, mir ihren schriftlichen Ausweis vorzuzeigen?« »Lappalien,« entgegnete der andere lachend; »wir hatten nicht geglaubt, daß Ihr ein Freund von solchen Formalitäten wäret.« »So tut es mir leid...« »Herr,« rief der Sprecher der Bande, »es geht auf Leben und Tod. Macht keine Umstände. Führt uns unverweilt zu dem Knaben.« Da erkannte Herr von Préfontaine, wie vergeblich und gefährlich sein Widerstand sei. Er deutete nach einer Tür. »Dort schläft das Kind.« »Weckt den Burschen und helft ihm in die Kleider«, befahl der Vermummte. Und Herr von Préfontaine gehorchte. Die Schwarzgesichtigen folgten ihm in das Schlafzimmer und sahen in drohender Haltung zu, wie der Schloßherr den schlaftrunkenen Knaben zum Wachsein und in die Kleider zu bringen suchte. Als dies geschehen, nahm der Herr von Taillefer den Jungen an sich, der nicht begriff, was mit ihm vorging, und an den Schloßherrn gewendet: »Macht Euch keine Sorge«, sprach er, »wegen der Frau Herzogin von Rohan. Meldet ihr unverzagt den Tod des Kindes, sie wird es sich wenig anfechten lassen. Und vor allem sprecht mit niemand, wer es sei, von unserem Besuch. Unser Herr und Meister ist allmächtig und Ihr sollt es nicht zu bereuen haben, wenn Ihr Euch klug haltet in dieser Sache.« Sollte doch der Kardinal im Spiel sein, dachte Herr von Préfontaine. Die anderen zogen sich zurück. Der Regen fiel in Strömen, als sie aus der Haustür traten. Sie achteten seiner nicht. Geräuschlos verließen sie den Hof, und in einiger Entfernung vom Tor unter einer weitausgeästeten Linde fanden sie ihre Pferde, bei denen drei Mann zurückgeblieben waren. Die Finsternis verhinderte zu sehen, wie der Blitz die Linde verstümmelt hatte, aber einer der Männer und ein Pferd lagen tot am Boden, mit versengten Kleidern der Mann, der Gaul über und über mit Brandwunden bedeckt. »Zu Pferd«, rief der Taillefer, ohne über den Unfall ein Wort zu verlieren. Und sie schwangen sich in die Sättel, der Taillefer den Knaben vor sich haltend, und fort ging's im Galopp, hinein in die schwarze triefende Frühlingsnacht. Einige Tage darauf aber erhielt die Herzogin von Rohan in ihrem Palast am Marais einen Brief von Herrn von Préfontaine zugestellt, des Inhalts: Der Knabe Tankred sei an den Blattern erkrankt, er schwebe in höchster Lebensgefahr, die Herzogin möge unverzüglich einen Pariser Arzt schicken, da in der Nähe von Préfontaine dergleichen nicht wachse. Hierüber geriet die Herzogin in keine kleine Verwirrung. Denn, wie das nun wieder machen, ohne Verdacht zu erwecken? Ihrer Hausärzte einer durfte es nicht sein, und doch mußte mit Rücksicht auf den Mann zu Préfontaine etwas geschehen. Einen Augenblick überlegte sie, ob sie sich nicht, als Zofe verkleidet, in eigener Person auf die Suche eines fremden Heilkünstlers gehen solle. Aber diese Mühe schien ihr doch zu viel. Sie schellte ihrer Kammerfrau. »Was diesem Herrn La Brière auf Préfontaine nur einfällt«, sagte sie zur eintretenden Rahel. »Schickt mir der Mann da einen Brief, worin die Rede ist von einem kranken Knaben, für den er einen Pariser Medikus zu haben wünscht. Was einem diese Leute nicht alles zumuten. Aber seien wir christlich. Da ist Geld. Schau, daß du einen Medizinmann findest, der sonst nichts zu tun hat und sich zu der Reise entschließen mag. Er soll Extrapost nehmen.« Und als dann die Zofe nach mehreren Stunden zurückkam und meldete, daß der Arzt gefunden und bereits mit der Post nach der Normandie unterwegs sei, wurde die Herzogin wieder heiter und verlebte, im Bewußtsein ihre Pflicht getan zu haben, den vergnügtesten Abend von der Welt. Aber schon am andern Morgen erschien ein neuer Bote. Tankred war tot. Schon wenige Stunden nach Abgang des ersten Briefes war er gestorben. Und so erfuhr es auch der Pariser Arzt, als er auf Préfontaine ankam. Diesem zeigte Herr La Brière das Grab Tankreds in der Schloßkapelle mit frisch verlöteter Platte und einem Kranz von weißen Lilien darüber. Und der Herr von Préfontaine fühlte sich aller Sorgen ledig. Er gab sich das Zeugnis, vorsichtig und den Umständen gemäß, – kurz, als geriebener Normanne gehandelt zu haben, und die Zukunft quittierte sein Selbstzeugnis. Nicht nur, daß die Herzogin von Rohan keinerlei Schwierigkeiten machte: sie ließ überhaupt nichts von sich hören. Aber niemand soll ihr vorwerfen, daß sie den Tod ihres Sohnes gleichgültig hinnahm. Vielmehr mußte der ganze Rohansche Palast aus ihrem Tun fast schließen, daß sie über jenem zweiten Brief, von dessen Inhalt niemand erfuhr, ein wenig irr im Kopf geworden sei. Sie befahl Schneider und Schneiderinnen und ließ prachtvolle Trauerkleider anfertigen. Denn sie wollte, was sie aber nur sich selber innerlich sagte, um Tankred Trauer anlegen wie um einen toten Königssohn. Als aber die Kleider fertig dalagen, besann sie sich, daß ja niemand wußte, wem die Trauer gelten solle und daß sie es auch niemand sagen dürfe. So ließ sie denn den ganzen Trauerpomp in die Schränke schließen und hütete sich, je wieder ein Wort davon zu reden. Sie hat später Gelegenheit bekommen, in ausgiebigster Weise davon Gebrauch zu machen. Und mancherlei Art von Betrübnis erfuhr sie schon jetzt, wenn auch nicht von der Art, für die man schwarze Kleider anlegt. Tief kränkte sie der Verlust ihres Grafen Jarzais. Er war ihr durch den Krieg genommen worden, den Richelieu damals unternahm, um das Herzogtum Lothringen zu erobern, dessen abenteuerlicher Herzog Karl, auch eine Art Don Quichotte, ein katholischer diesmal, sein schönes Herzogtum im Stiche ließ, um dem Kaiser Ferdinand sein Schwert zu leihen gegen die Schweden. Jarzais tat sich in diesem Feldzug sehr hervor, und er wurde Gouverneur der Festung Toul, bei deren Einnahme er sich besonders ausgezeichnet hatte. Von dort schrieb er zwar der Freundin noch immer zärtliche Briefe, aber er selber kam nicht. Dadurch trieb er die Herzogin in die Arme des Vizegrafen Matras, von dem, wie die Gerüchte gingen, die Herzogin sich bald die brutalste Behandlung – bis zu Schlägen soll es der Zärtliche getrieben haben – gefallen lassen mußte und allem Anschein nach sogar gern gefallen ließ. Zehntes Kapitel Wie die Herzogin ihren Gemahl verliert und ihren Sohn beweint So hätte sich die Herzogin über den Verlust des Jarzais getröstet, aber tief schmerzten sie die Nachrichten von ihrem Gemahl. Dessen erstes Jahr in Graubünden war glorreich verlaufen. In kurzer Zeit waren ihm dort die schönsten Lorbeeren seines Lebens erblüht. Er hatte sich der Grafschaft Chiavenna bemächtigt und dann im Engadin zweimal die Kaiserlichen geschlagen. Die Spanier, unter der Anführung des Herzogs Serbelloni, hatte er bei Morbegno besiegt und zur gänzlichen Räumung des Val Tellin gezwungen. Damit aber hatte er die ihm vom Kardinal zugewiesene Aufgabe glänzend erfüllt. Und da Herzog Heinrich fühlte, daß er von da an dem Lande nur zur Last fiel, um so mehr, da es ihm gänzlich an Mitteln fehlte zum Unterhalt seiner Truppen, wünschte er nichts sehnlicher in seiner Ehrlichkeit, als vom Minister den Befehl zum Rückzug zu erhalten. In diesem Sinne schrieb er an Richelieu. Aber der Minister spielte den Schwerhörigen und gab weder den Befehl zum Rückzug, noch schickte er die dringend erbetenen Subsidien. Es kam, wie Rohan es vorausgesehen. Die Erbitterung im Lande wuchs, und bald waren allen Parteien die Franzosen so verhaßt, als nur je die Spanier. Ein merkwürdiger, seltsamer Mann besiegelte das Schicksal des armen Rohan. Was war er? Ein Patriot? Ein Held? Ein Schurke? Georg Jenatsch hieß er mit Namen und war kein anderer als jener Oberst Genaste, der, damals in venetianischen Diensten, mit Herzog Heinrich die Fahrt auf der Brenta zu machen die Ehre hatte, als dessen Gemahlin von Venedig nach Paris zurückkehrte. Als calvinistischer Prädikant hatte er seine Laufbahn begonnen, der wie wenige es verstand, das gemeine Volk zu fanatisieren. Im Jahre 1621 erschlug er mit eigener Hand den Pompejus Planta, das Haupt der spanisch-katholischen Partei. Dann wurde er Kriegsmann und er diente ein Zeitlang der Republik Venedig mit großer Auszeichnung. Als Rohan in das Land der grauen Bünde kam, stellte er sich ihm mit seinem ganzen Anhang nebst dem ihm gehörigen Regiment zur Verfügung, und bald wurde Oberst Jenatsch dem Herzog unentbehrlich in allen wichtigen Unternehmungen. Aber auch hier wieder erwies sich die Menschenkenntnis des Rohan in ihrer ganzen Kurzsichtigkeit. Er sah in Georg Jenatsch den Mann, dem das Bewußtsein, für sein Vaterland und die heilige Sache seiner Religion zu streiten, ein genügender Lohn war. Mit solch romantischen Voraussetzungen enttäuschte der Herzog in diesem ehemaligen Bauern alle heimlichen Erwartungen eines glühenden Ehrgeizes sowohl wie einer unbegrenzten Habsucht, die der Herzog freilich, auch wenn ihn eine bessere Philosophie beraten hätte, zu erfüllen nicht imstande gewesen wäre. Kurz, dieser Jenatsch verriet den Rohan schmählich. Während er ihm noch immer die tiefste Ergebenheit heuchelte, stachelte er im geheimen seine Landsleute im französischen Heere zur offenen Empörung auf, setzte sich persönlich in Verbindung mit den Spaniern, trat plötzlich zum Katholizismus über und ließ sich zum Obergeneral aller bündnerischen Lande ernennen. Als solcher nötigte er zuletzt Rohan zu schimpflichem Vertrag und Rückzug. Verschuldet war diese Unehre der französischen Waffen in Wahrheit von Richelieu. Aber Rohan hatte nichtsdestoweniger die ganze Verantwortung dafür zu tragen, und er mochte ahnen, was das zu bedeuten habe gegenüber dem Kardinal, immer bereit, den Einzelnen dem Wohl des Ganzen, oder was sein allmächtiger Wille dafür erklärte, aufzuopfern. Rohan erhielt zunächst vom Hof den Befehl, sich in Hochburgund mit dem Herzog von Longueville zu vereinigen; aber zu Gex an der französischen Grenze ward ihm von sicheren Freunden die Nachricht, daß er verhaftet und vor das Kriegsrecht gestellt werden solle. Auf Gerechtigkeit durfte er nicht hoffen, und so zog er sich, nur von seinem Sekretär begleitet, nach Genf zurück. Von hier schrieb er an den König und bat Seine Majestät, ihm zu vergönnen, sich in dieser Stadt einige Zeit ausruhen zu dürfen, da er sich von den Strapazen des Feldzuges und einer kürzlich überstandenen Krankheit sehr erschöpft fühle. Er erhielt keine Antwort. Und bald merkte er an deutlichen Zeichen, wie peinlich es seinen Genfer Glaubensgenossen sei, ihn bei sich zu beherbergen. In der Tat hatte der hohe Rat dieser Republik gute Gründe, alles zu vermeiden, was den König von Frankreich und seinen Minister erzürnen konnte. Der große Heinrich von Rohan war nun ein Ausgestoßener auf der ganzen Welt. In dieser Not und Bekümmertheit richtete er seine Blicke nach Deutschland. Bernhard von Weimar belagerte eben die Stadt Rheinfelden. An ihn schrieb der Herzog und schilderte ihm in bewegten Worten seine verzweifelte Lage. Der trutzige Weimarer soll Tränen vergossen haben beim Lesen dieses Briefes. Er lud den Herzog ein, zu ihm in sein Lager zu kommen. Er wolle sich lieber, so schrieb er, für immer mit Frankreich entzweien, wenn es sein müßte, als seinen Freund in der Not zu verleugnen. Er ging so weit, sein Heer heimlich zu verlassen und, allein von dem Prinzen von Hessen-Kassel begleitet, dem Herzog bis nach Burgdorf im Lande von Bern entgegenzukommen. Ein solches Wiedersehen hätten sich die beiden nicht träumen lassen: weder damals, als sie bei dem Frühstück des Kardinals sich zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht gegenübersaßen, noch bei dem nachfolgenden glänzenden Fest im Rohanschen Palast, wo der Weimarer des Herzogs heimliche Lieblingshoffnung so grausam enttäuschte, vielleicht ganz ahnungslos; denn es ist sehr ungewiß, ob der Marquis von Ruvigny den ihm gewordenen Auftrag im Sinne des Auftraggebers auch wirklich erfüllt hat. Der Prinz von Hessen-Kassel erbot sich, dem Herzog Heinrich sein Regimentskommando abzutreten, der aber ablehnte, fest entschlossen, als Freiwilliger in Reih und Glied zu kämpfen – und zu sterben, wenn es Gott wolle. Rohans Ahnung erfüllte sich. Nur wenige Tage nach seinem Eintritt in das Heer des Weimarer kam es zwischen diesem und den Kaiserlichen zu einer der blutigsten Schlachten jener Zeit, aus welcher Bernhard von Weimar als ruhmbedeckter Sieger, Herzog Heinrich von Rohan aber mit einer tödlichen Verwundung hervorging. Eine Musketenkugel hatte ihn in den Schenkel getroffen und ihm den Knochen zersplittert. Man brachte ihn nach der Abtei von Königsfeld, dort starb er am dreizehnten des Aprilmonds im Jahre 1638. Seine Leiche wurde nach Genf überführt und in einer Kapelle des Doms von St. Peter beigesetzt. Mit allem Pomp geschah dies, dessen die kleine calvinistische Republik fähig war. Die guten Genfer dachten: Um einen Toten, Hund oder Löwe, wird sich die Welt nicht weiter kümmern; sie mußten nichtsdestoweniger nachträglich eine berühmte Inschrift wieder auslöschen, die... aber das ist später zu erzählen. Für die Herzogin von Rohan jedoch war es jetzt an der Zeit, ihre Trauergewänder aus den Schränken hervorzuholen. Dieselben erfüllten auch jetzt noch ihre frühere Bestimmungen. Die Herzogin trauerte jetzt doppelt. Zugleich mit dem Gemahl beweinte sie den Sohn. Nun auf einmal empfand sie dessen Tod als einen schweren und unersetzlichen Verlust. Zu Lebzeiten des Gemahls hatte dieser Sohn nur eine fortgesetzte peinliche Verlegenheit, eine ewig drohende Gefahr für sie bedeutet. Darum hatte sie ihn gehaßt. Sie gestand es sich jetzt. Darum hatte sie ehemals die Nachricht von seinem Tode mit wahrer Befriedigung aufgenommen. Sie verhehlte sich's nicht mehr. Wie ein Bleigewicht war's ihr von der Seele gefallen. Wie befreit von einem beklemmenden Alpdruck hatte sie aufgeatmet bei der Trauerbotschaft. Eine Freudenbotschaft war's für sie gewesen. Aus einem Gefühl freudiger Dankbarkeit heraus hatte sie den ganzen kostbaren Trauerprunk besorgt und – dann in die Schränke gesperrt. Anders lagen heut die Dinge. Nun war der Gemahl dahin, der einzige Mensch, der sie wegen der Existenz jenes Tankred zur Rechenschaft ziehen konnte. Nichts stand nun im Wege, wenn Tankred noch lebte, öffentlich mit ihm hervorzutreten, seine Anerkennung als Sohn Herzog Heinrichs beim höchsten Gericht, den Gesetzen gemäß, zu beantragen und auf Grund gerichtlicher Entscheidung einen Parlamentsbeschluß herbeizuführen, der das Testament des Verstorbenen aufhob und Tankred in die Rechte und Vorteile einsetzte, deren sich jetzt dessen Schwester allein und in vollem Umfange erfreute. Denn diese Tochter hatte Herzog Heinrich als alleinige Erbin eingesetzt, ohne mit dem Geringsten die Gemahlin zu bedenken, die es anders erwartet haben mochte und sich nun auf ihr kontraktlich festgelegtes Leibgeding und ihr nicht sehr beträchtliches Sondervermögen eingeschränkt sah, indessen die Tochter triumphierte. Ein furchtbares Mittel aber war der Herzogin in die Hand gegeben, jene Hochmütige zu erniedrigen und sich furchtbar zu rächen an der undankbaren und unnatürlichen Tochter, die ihre Mutter verleugnete, ein furchtbares Mittel – wenn Tankred noch lebte. War er wirklich tot? Nicht mehr lebendig zu machen? Empfindlicher hätte das grausame Schicksal sie nicht treffen können, als ihr jetzt den Sohn vorzuenthalten, wo er ihrem Leben, wenn es noch einen Reiz für sie haben sollte, nötiger schien als ihrer Lunge die Lust zum Atmen. War er wirklich nicht wieder lebendig zu machen? Ein dunkel-geheimnisvolles (und nur zu richtiges) Gefühl in ihr, verbunden mit der magischen Kraft ihrer Wünsche, gab ihr heimlich eine unbestimmte Hoffnung. Sie reiste zum zweiten Male nach Prefontaine, diesmal ohne ihre Tochter. Auch wurde Herr La Brière oder von La Brière, genannt Herr von Préfontaine, diesmal nicht in einer Prügelei unterbrochen durch ihre Dazwischenkunft. Er saß behaglich beim Nachtisch und schälte sich eben eine dritte Birne, als man ihm den hohen Besuch meldete. Leider aber hinderte sein kulinarisches Behagen nicht, daß ihm bei dieser Meldung im ersten Augenblick ein heftiger Schreck durch die Glieder fuhr, infolgedessen sein rotes Gesicht, das allmählich ins Blaue spielte, um den hängenden Schnauzbart her noch um einen leisen Grad bläulicher wurde. Er faßte sich jedoch rasch. Denn er durfte sich beglückwünschen, keine Forderung der Klugheit außer acht gelassen zu haben. Als Normanne von Geburt, wie auch als frommer Calvinist – die Herzogin hätte keinen Katholiken unter den Ihrigen geduldet – lebte er in der Furcht des Herrn, und besonders blieb er sich allezeit bewußt, daß diese Furcht nicht zum wenigsten in der Richtung des Herrn Kardinals von Richelieu gut angebracht sein dürfte. Jene Knabenräuber hatten verdächtige Worte fallen lassen. Ganz sicher war der Kardinal im Spiel. Nun: der Herr von Préfontaine konnte sich, wie gesagt, das Zeugnis geben, klug verfahren zu sein. Die Kundschafter des Kardinals, wenn sie seines Tuns geachtet, waren gewiß mit ihm zufrieden. Er hatte nicht nur in dem nahen Städtchen Breuil bei Meister Hochetête einen Sarg für den Knaben bestellt; er hatte auch dafür gesorgt, daß der Pfarrer von Préfontaine der Einsenkung beiwohnte und alles richtig in sein Kirchenbuch eintrug. Er brauchte also vor der Herzogin nicht zu erschrecken. Alle Formalitäten waren erfüllt. Dennoch wurde es ihm von neuem ein wenig unheimlich, als die Herzogin, seine Begrüßung kaum in acht nehmend, in nervöser Unruhe nach dem Grab ihres Sohnes fragte. Herr La Brière führte sie in die Kapelle. Wie schade, daß er nicht für frische Blumen zuvor gesorgt hatte. Zwar zeigte sich die Platte reichlich bedeckt mit Kränzen und Sträußen; aber daß sie einmal frisch gewesen, das mochte lange her sein. »Kann man die Platte abheben«, fragte die Herzogin. Doch ihres Vasallen entsetztes Gesicht, in dem der gewaltige Schnauzbart jetzt fast mitleiderregend herunter hing, brachte sie schnell von dem Gedanken ab, denn sie war im Herzen arglos und vermutete hinter dem kalten Entsetzen ihres ehemaligen Stallmeisters und Reitlehrers ein volkstümlich-religiöses Motiv. »Nein, nein«, wehrte sie ab, sie fühlte es selber, es möchte ein Unrecht sein, die Ruhe des Toten nicht heilig und unverletzlich zu halten. Und wie sie das Wort aussprach, da kam es über sie, das plötzliche und ganz sichere Bewußtsein vom Tod, vom unabänderlichen Tod des teuren Sohnes. Und es überwältigte sie, wie nie in ihrem Leben sie etwas überwältigt hatte. Und sie warf sich hin und drückte ihre Stirne gegen die Grabplatte und brach in ein so heftiges Schluchzen aus, daß der schnauzbärtige Normanne ganz hilflos dabei stand. Bitterschmerzlich weinte sie. Noch nie waren heißere Tränen um ein Kind von einer Mutter vergossen worden. * Dennoch lebte Tankred. Der Marquis von Ruvigny besaß in der nächsten Nähe von Calais ein Schloß, man nannte es Charlemotte. Dahin hatten zunächst die vermummten Soldaten den geraubten Knaben gebracht. Er blieb daselbst unter der Obhut der Frau des Kastellans, bis Herr von La Sauvetat ihn zu Schiff nach Holland abholte. Dort angelangt, gab der Kapitän den Entführten bei dem Schulmeister Simon Cernolle in dem Dorfe Gravensande, unfern vom Haag, in Pension, wo der Junge bald groß und stark wurde und vielleicht in dem Augenblick, da die Herzogin auf seinem vermeintlichen Grab weinte, dem Simon Cernolle seine Gerste ausdrosch oder sich mit der Dorfjugend herumprügelte. Elftes Kapitel Die Prinzessin tanzt und verliebt sich. Darauf gibt ihr die Königin ein Rätsel auf Die Herzogin, jetzt Herzogin-Mutter von Rohan, unterließ es nach dem Tode Herzog Heinrichs, ihrer Tochter den herzoglichen Palast am Marais anzubieten, worauf diese als ihr Eigentum von nun an ein Recht hatte. Die Mutter schien vielmehr darauf zu warten, daß die Prinzessin das erste Wort spreche und ihr gleichsam den Befehl zukommen ließ, die herzogliche Wohnung zu räumen. Prinzessin Margarete hütete sich sehr, dies zu tun. Man würde ihr, sie verkannte das nicht, eine solche Hätte gegen die eigene Mutter übelgenommen haben. Sie blieb darum auch fortan in dem kleinen Rohanschen Palast am Königsplatz, und die Welt rechnete ihr diese scheinbare weitgehende Rücksicht gegen die Mutter um so höher an, da jedermann wußte oder zu wissen meinte, aus welchen delikaten Motiven sie sich von dieser Mutter getrennt hatte. Ihr Betragen, im Verein mit ihrer berückenden Schönheit und hohen Geburt, gewann ihr alle Herzen, und man würde ihr kaum weniger den Hof gemacht haben, wenn sie auch nicht, was sie in der Tat war, eine der reichsten Erbtöchter von Frankreich, wenn nicht die reichste, vorgestellt hätte. Und wie man sich denken kann, fehlte es ihr an Bewerbern jetzt weniger denn je. Der Bourbone, Herzog von Longueville, wiewohl zweimal abgewiesen, bemühte sich noch immer vergeblich um sie. Und gleichzeitig mit ihm gab sich der Herzog von Elboeuf, aus dem Hause Lothringen, alle nur erdenkliche Mühe, sie für seinen Sohn, den Herzog von Harcourt, zu gewinnen, dem sie eine Zeitlang gewogen schien, obwohl er von wenig glänzendem Äußern, ja fast ein wenig buckelig war. Zu seinem Unglück entbrannte er in heftiger Eifersucht gegen den Prinzen Rupprecht von der Pfalz, der, ein Sohn des unglücklichen Königs Friedrich von Böhmen, in einer politisch-militärischen Sendung seines Onkels, des Königs Karl von England, am französischen Hofe weilte und dem die Tanzprinzessin, wie die Spötter sie manchmal nannten, ebenfalls mit Wohlwollen begegnete. Nun galt der junge Herzog von Harcourt, trotz seiner verwachsenen Gestalt, für den glänzendsten Fechter und verwegensten Raufbold jener Tage. Und so suchte er es eines Tages einzurichten, daß er dem blonden Prinzen aus der Pfalz begegnete, wie dieser eben den Palast der Prinzessin verließ. Er trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er der königliche Bettelprinz sei, von dem jetzt so viel gesprochen werde. Prinz Rupprecht war einen Augenblick verblüfft. »Ah, richtig,« sagte er dann mit liebenswürdigem Lächeln, »da hinaus will der Herr«, und zog vom Leder. Der Harcourt tat desgleichen, und in weniger als man drei zählen kann, kreuzten sich die Klingen. Es war mitten auf dem Königsplatz, bei noch heller Dämmerstunde, eine Menge Volk scharte sich um die Kämpfenden; die Prinzessin selber sah von ihrem Balkon herunter, zusammen mit mehreren Damen und Kavalieren, dem Schauspiel zu. Dergleichen Stegreifduelle waren übrigens an der Tagesordnung damals. Eine Weile lang schien der Harcourt im Vorteil gegen seinen Widerpart, der bereits aus einer Wunde am linken Ohr heftig blutete, aber kaum angreifend vorging und sich auf die Verteidigung beschränkte. Dann aber parierte der Prinz einmal einen Stoß des andern so geschickt, daß er dem Herzog den Degen aus der Hand schlug, worauf er ihn mit behendem Griff an der Schulter packte, mit kraftvollem Ruck niederwarf und ihm mehrere Streiche mit der flachen Klinge über den schiefen Rücken zog. Einige der Umstehenden lachten, andere erhoben ein Gemurr. Sie fanden die Handlungsweise des fremden Prinzen wenig ritterlich. Die Prinzessin droben auf dem Balkon aber zog sich mit ihrer Gesellschaft zurück. Sie hat den Herzog von Harcourt nie wieder empfangen. Doch auch der Prinz Rupprecht bekam seinen Abschied, und ihr Betragen in dieser Angelegenheit fand von neuem die allgemeine Billigung. Nichtsdestoweniger kam die Tanzprinzessin ganz allmählich und immer mehr auf eine wenig schmeichelhafte Art in den Mund der Leute. Wie sie ausnahmslos die respektabelsten Freier mit Verachtung behandelte, mißfiel allmählich. Sie hatte jetzt die Dreißig beträchtlich überschritten, was einem Mädchen, besonders wenn es schön und reich ist, vom instinktiven Urteil der Menge zuletzt immer zum Verbrechen angerechnet wird. Und so wagte sich der Spott immer dreister an sie heran. »Nun,« hieß es da, »wenn der Rechte kommt, wird sie schon zugreifen, und wer weiß, sie wartet gewiß auf die Zeit, wo der Thronfolger von Frankreich mannbar wird. Sie hält sich gewiß nicht zu gut für ihn.« Gemeint war der nachherige Ludwig XIV., damals ein Kind von sieben Jahren. Eine Äußerung ihrerseits wurde auch um diese Zeit zuerst lautbar. Sie sei entschlossen, soll man wiederholt von ihr gehört haben, den stolzen Namen Rohan nicht erlöschen zu lassen und wolle darum nur den Mann heiraten, der willens wäre, seinen eigenen Namen gegen den von Rohan auszutauschen. Hatte sie bereits eine bestimmte Absicht? Sicher ist nur, daß derjenige, der später ihr Gemahl wurde, schon längere Zeit bei ihr verkehrte. Ihr Freund Ruvigny hatte ihn bei ihr eingeführt als einen nahen Verwandten von sich. Ebenso war er nahe verwandt mit jenen Offizieren, von Taillefer und von La Sauvetat, denen, wie man sich erinnert, die Prinzessin für den wichtigsten Dienst verpflichtet war, der ihr je von Menschen erwiesen worden, wenn sie auch selten daran denken mochte. Auch lagen andere Motive der Bereitwilligkeit zugrunde, womit sie den neuen Mann bei sich aufnahm. Graf von Chabot hieß er und stammte aus dem altadeligen burgundischen Geschlecht derer von Jarnay. Er ermangelte nicht nur des fürstlichen Ranges, er sah sich auch, als ein nachgeborener Sohn, von geradezu kläglicher Armut bedrückt. Seine Charge als Hofmarschall des Herzogs Gaston von Orleans trug ihm nicht so viel ein, um nur einigermaßen standesgemäß auftreten zu können. Die Karosse, mit der er bei der Prinzessin vorzufahren pflegte, sah so arm und bettelhaft aus, daß sie zum allgemeinen Gespött der Pariser wurde; man nannte sie die goldene Chabotteuse. Aber Heinrich von Chabot galt für den besten Tänzer am Hof. Er war ein Meister in dieser Kunst. Er ging darin bis zur Erfindung, und wenn die Pariser seine schadhafte Karosse die goldene Chabotteuse nannten, so hieß dafür am Hofe ein von ihm ersonnener Tanz die Chabotte, welcher Name den der Gavotte auf längere Zeit gänzlich verdrängt hat. Dieser Graf war also für die Prinzessin Rohan wie geschaffen. Sie dachte, als sie ihn an sich zog, einzig an ihre Tanzlust. Er galt ihr kaum für etwas anderes als eine Art Maître de plaisir, und wer ihr am Anfang gesagt haben würde, daß der schlanke braune Kerl ihr Gemahl werden könne, der hätte den verächtlichsten Blick zugeworfen bekommen, den die Prinzessin aufzubringen vermochte, die in diesem Punkte für keine Stümperin galt. Aber bei einer Prinzessin so wenig wie bei anderen Leuten gehen die Dinge immer nach vorgefaßten Grundsätzen. Der Mensch denkt und – man kennt das Wort; kein anderer Gott aber lenkt so eigenwillig und unversehens wie Gott Amor. Zunächst verging bald kein Tag, daß die guten Pariser nicht schon an den Vormittagsstunden und meist ebenso am Abend die »goldene Chabotteuse« vor dem kleinen Rohanschen Palast am Königsplatz bewundern konnten, indessen oben in dem Tanzboudoir der Prinzessin, neuerdings von den Freunden, man weiß nicht recht warum, »La Moquette« genannt, das lustigste Treiben stattfand mit Einübung von Tänzen aller Provinzen und Länder: von Sarabanden, Branles und Gavotten, von Giguen, Rigoldonen, Musetten und Couranten, von Bourren und Paduanen, von Gaillarden und Ciaconen und immer neuen Variationen der »Chabotte«. Es war ein ungewöhnliches und auffallendes Wesen. Man sprach davon am Hof und in der Stadt. Und der spöttelnde Witz blieb nicht aus. Boshafte Reime schossen wie Pilze aus dem Boden. Der berüchtigte Chevalier von Gramont, damals noch der Abbé von Gramont, richtete an eine Freundin der Prinzessin von Rohan, die Marquise Gillette von Pienne, folgende Strophen, die bald auf allen Gassen gesungen wurden: O Gillette, süßes Herz, Schönste der Marquisen, Nicht länger mag ich ertragen den Schmerz Und will mich jählings erschießen, Tut sich nicht auf durch deine Macht Mir über Nacht La Moquette, O Gillette, Will ich mich jählings erschießen. O Gillette, sage nicht nein, Schönste der Marquisen, Mache, daß meinem tanzlustigen Bein Endlich sich muß erschließen Und auftun mir durch deine Macht Über Nacht La Moquette, O Gillette, Brauch ich mich nicht zu erschießen. Ein anderer, sei es aus Neid, sei es aus Übermut, reimte: Im Luxembourg langweilen sich Gaston und seine Schranzen, Chabot, des Herzogs Hofmarschall, Muß täglich auswärts tanzen: O Hofmarschall, o Graf, so schlank, Vom Tanz wird leicht das Herze krank! Am Königsplatz bei Tag und Nacht, Bald Solo, bald im Chore Graf Chabot tanzt im strengen Dienst Der Margret-Terpsichore: O Hofmarschall, o Graf, so schlank, Vom Tanz wird leicht das Herze krank! Und der Graf hätte sehr zufrieden sein können, wenn es bei Liedern dieser Art geblieben wäre. Aber schlimmere machten die Dichter der Gassen und der Weinschänken, verdorbene Advokatenschreiber und andere. Die Prinzessin war unpopulär geworden. Denn dem Volk ist nichts so verächtlich als Mißheiraten der Großen. Diese sollen nicht heruntersteigen gegen das Volk in ihren Familienverbindungen, das Volk will sie in ihrer reinen Höhe sehen. Wie so etwas zu erklären ist, wer möchte es sagen. Aber es ist so in der Kanaille drin und zeigt sich bei jeder Gelegenheit. Und zeigte sich auch jetzt. Daß die Prinzessin Margarete ihre Neigung einem armen und geringen Herrn zugewandt, mißfiel den Leuten aufs höchste. Was anders, wenn so was in Romanen geschieht. Da heult das sentimentale Pack rührselige Tränen. In der Wirklichkeit aber nimmt es dieselbe Sache den Beteiligten sehr übel. Und die nämlichen Leute, die sich an Amadis von Hispanien oder an dem Märchen von der Prinzessin, die den Sauhirten heiratet, bis zur Erbauung ergötzten, beehrten jetzt Margarete von Rohan um ihrer Neigung willen mit jeder Art Verachtung. Und nahmen zuletzt keinen Anstand, sie ganz in den Schmutz zu ziehen. Und die Strophen, die man über sie auf den Gassen sang, redeten noch von ganz andern Tänzen zwischen der Prinzessin und Herrn von Chabot in La Moquette, als von Sarabanten und Gaillarden. Sie waren zum Teil unerhört schamlos und von schmutzigster Laszivität. Sie waren zugleich noch grausamer gegen ihn als gegen sie. Denn trotz aller bonne fortune, welche die Reime ihm andichteten, ließen sie ihn doch die allerverächtlichste Rolle spielen, die einem Manne nachgesagt werden kann, indem sie weniger seine galanten Dienste betonten, als vielmehr die Barbezahlung dafür, die er, den Reimen zu glauben, reichlich bezog. Es ist nicht wahrscheinlich, daß diese frechen Spöttereien sich auf Tatsachen gründeten, obwohl sogar jener Tallemant des Réaur in der witzigen Gesellschaft seiner Tante, der Marquise von Rambouillet, alle möglichen geheimen Schandtaten der Prinzessin zum besten gab; aber man dürste eher dem Ur- und Erzverleumder Satan aufs Wort glauben, als jenem Schalk und Lästermaul. Er glaubte auch im Ernst wohl selber nicht daran, aber die Gesellschaft fand Gefallen an seinen Histörchen, und so erzählte er sie; was ging ihn die Wahrheit an. Welcher Historienerzähler, wenn nur die Historie gefällt, kümmert sich um das weitere. Was aber das Volk glauben mag, soll keinen Ehrenmann anfechten. Also geschah es, daß die auffallende Gunst von seiten der stolzen Margarete von Rohan dem Grafen Heinrich von Chabot zunächst nur Hohn und Lächerlichkeit vor der Welt eintrug, und niemand schien im Ernst dem armen Kadetten aus Burgund das Glück zuzutrauen, das ihm bereits heimlich lächelte, allerdings so heimlich einstweilen, daß er selber weit entfernt davon schien, es auch nur zu ahnen. Der erste aber, dem ein Verdacht aufkeimte und der von nun an dem Treiben im Rohanschen Palast mit wachsendem Unbehagen zusah, war gerade derjenige, der dazu den Anstoß gegeben: der Marquis von Ruvigny. Er war seit kurzem Witwer geworden, und ohne es sich recht bewußt zu sein, nährte er bereits in seinem Herzen eine feindliche Eifersucht gegen Heinrich von Chabot. Und dieses Gefühl bei ihm konnte nicht gerade unnatürlich genannt werden. Denn wenn es wirklich möglich sein sollte, daß die Prinzessin ihren Gemahl aus der Zahl ihrer nächsten Freunde wählte, konnte er selber es nicht ebensogut sein als ein anderer, nicht ebenso gut und besser als dieser Kadett aus verarmtem burgundischen Geschlecht? Gewiß entbehrte er einige von dessen Vorzügen. Er war nur ein mittelmäßiger Tänzer. Und seine äußere Erscheinung nahm sich wenig vorteilhaft aus neben der des schlanken braunen Grafen. Aber diese Dinge, meinte er, dürften in einer so ernsten und geschäftlichen Sache, wie die Heirat ist, nur mit geringem Gewicht in die Wagschale fallen. Besonders mußte, wenn es mit rechten Dingen zuging, seine alterprobte Freundschaft und Treue von allen anderen Vorteilen abgesehen, ihm den Vorrang sichern vor jedem, der sonst für seinesgleichen gelten konnte. Jedenfalls wollte er nicht ruhig zusehen, daß man ihm diesen Chabot vorzog. Und er begann zunächst damit, in Gegenwart der Prinzessin schlecht und verächtlich von ihm zu reden. Dabei beging er eine große Dummheit. Da er wirklich Nachteiliges über Heinrich von Chabot nicht vorzubringen wußte, ohne grob zu lügen, klammerte er sich, in Nachahmung der andern, an dessen Leidenschaft für den Tanz, und suchte sie ins Lächerliche zu ziehen. Er bemerkte nicht, daß er damit vor allem die Prinzessin an ihrer empfindlichsten Stelle verletzte und so, aus leicht begreiflichem Zusammenhang, die Sache des Grafen nicht wenig förderte, indem er ihr zu schaden meinte. Dieser hatte bis jetzt nicht gewagt, den Freundlichkeiten der Prinzessin gegen ihn eine tiefere Bedeutung beizulegen. Ein Zufall öffnete ihm die Augen. Seine Familie wollte ihn verheiraten und hatte in einer Gräfin Coislin von Ségnier eine viel glänzendere Partie für ihn gefunden, als man je zu hoffen gewagt. Er selber, wie wenig er auch in der ganzen Angelegenheit getan, war es zufrieden, und in diesem Sinne teilte er der Prinzessin das bevorstehende Ereignis mit, das von den beiden Familien noch geheimgehalten wurde. Er war früher gekommen an diesem Tag und hatte, wie er es gewünscht, die Prinzessin allein getroffen. Aber wie erstaunte er. Die Prinzessin erblaßte und sah ihn mit großen Augen erschrocken an. Noch begriff er nicht. Er scherzte sogar. »Und Ihr gratuliert mir nicht?« »Doch«, antwortete sie, »ich gratuliere Euch.« Aber das kam so kalt und tonlos hervor, daß es dem Grafen durch Mark und Bein drang. Wie Schuppen fiel's ihm von den Augen. Er warf sich der Stolzen zu Füßen. »Noch heute«, stotterte er, »soll alles rückgängig gemacht werden. Und Ihr, ist es möglich, Ihr erlaubt mir, zu hoffen?« »Alles«, sprach sie entschieden und reichte ihm ihre Hand, die er mit heißen Küssen bedeckte. Die Margarete von Rohan war stolz im vornehmsten Sinne des Wortes, und in diesem Stolz verschmähte sie alle kleinen Mittel einer herkömmlichen weiblichen Strategie. Sobald sie wußte, was sie wollte, gab es für sie keine Umschweife. Dergestalt waren einstweilen die beiden Liebenden mit sich einig, ohne sich die Schwierigkeiten zu verhehlen, die es zu überwinden galt. Doch hatte die Prinzessin schon vorher Schritte getan. Sie hatte sich ihrem Vetter, dem jungen Herzog von Sully anvertraut (dem Enkel des Ministers), der ihre Wahl zu billigen schien. Auf seine Unterstützung durfte sie rechnen. Er verabscheute seine Tante, die Herzogin-Mutter, und hatte es darum von jeher mit der Tochter gehalten. Eine Gefahr bedeutete der Marquis von Ruvigny. Ihn hielt die Prinzessin mit gutem Grund zu allem fähig, um diese Heirat zu hintertreiben; ihn in Ahnungslosigkeit zu erhalten, gebot deshalb die Klugheit. Es galt darum, so heimlich als nur möglich zu Werke zu gehen. Auf ihre Mutter, die der Sache schon aus Haß entgegen sein würde, brauchte die Prinzessin gesetzlich keine Rücksicht zu nehmen; aber hinfällig wurde das ganze kühne Unternehmen doch, wenn man nicht die Einwilligung der Königin gewann. Und Anna von Österreich, seit Ludwigs XIII. Tode die Regentin von Frankreich, mochte der Mutter wegen, deren Verehrung ihr schmeichelte, geneigt sein, Schwierigkeiten zu machen. Hier hieß es vorsichtig auf den Busch klopfen; denn wirklich, ohne den guten Willen der Königin ging es nicht mit dieser Heirat. Denn die Prinzessin von Rohan hatte bei aller Verliebtheit doch noch andere Dinge im Kopf, die sie – sie hätte keine Prinzessin sein dürfen – sogar beträchtlich wichtiger nahm als die Liebe selber. Um folgendes handelte es sich: Als Tochter des Rohan, das heißt eines Herzogs und Pairs von Frankreich, hatte die Prinzessin ihr »Taburett« bei der Königin. Gleich einer Prinzessin von königlichem Geblüt hatte sie das Recht, sich setzen zu dürfen in Gegenwart der Majestät. Das war eine große Sache. Als verheiratete Gräfin von Chabot aber verlor sie dieses Vorrecht. Und dies bedeutete ungefähr so viel, wie wenn eine Königin ihrer Krone verlustig ginge, und die stolze Margarete von Rohan hätte zehnmal so verliebt sein dürfen, als sie es war, und sie würde immer noch zehnmal eher auf den Geliebten als auf das Taburett verzichtet haben. Ein solcher Tausch wäre ihr nicht nur töricht, sondern auch ihrer unwürdig erschienen. Heinrich von Chabot aufgeben zu sollen, dieser Gedanke drückte sie schmerzlich, aber von sich aus einzuwilligen, daß sie ihr »Taburett« bei der Königin verlor, das schien ihr, als etwas Schimpfliches, ganz und gar undenkbar. Und das höchste menschliche Glück, das Glück in der Liebe, dem einfachsten Mädchen erreichbar, schien ihr nur begehrenswert in Verbindung mit dem höheren, dem mehr als menschlichen Glück, das nur wenigen Auserwählten vorbehalten ist: dem Taburett. Auch darauf haben die unbesoldeten »Hof«-Poeten – nämlich Höfe- und Gassenpoeten – einen Reim gemacht, der auf seine Melodie nicht lange zu warten brauchte: Den Chabot liebt die Ro – Rohan, Die Gans, Der Chabot hat's ihr angetan Im Tanz; Doch teilt sie mit ihm Tisch und Bett, Zum Teufel geht ihr Taburett, Taburett, jaja, jaja, Taburett und Taburah. Dem Löffel ist naturgemäß Der Stiel, Und dem Prinzessinnen-Gesäß Das Ziel, Das Ziel, das ist ihr Taburett, Sie wär' es nicht, wenn sie's nicht hätt' Das Taburett, jaja, jaja, Taburett und Taburah. Ein Schemel ist das Taburett, Ein Sitz, Am Hof ist es ein Schibboleth, O Witz! Und macht aus einem Menschenkind Ein hochprinzeßlich Hofgesind, Das Taburett, jaja, jaja, Taburett und Taburah. O Gott, o Gott, welch ein Malheur Dem Steiß, Wenn sie das Taburett verlör', Wer weiß? Denn ohne Taburett, oho? Was soll ihr noch ihr Glanzpopo, Glanzpopo und Tanzpopah, Taburett und Taburahhh. Um beides zu vereinigen, das Taburett und die gewünschte eheliche Verbindung, bedurfte es zunächst eines königlichen Patents für die Prinzessin. Zwar stellte sie im Geist noch eine weitere Bedingung, nämlich die Übertragung des Pairswürde und des herzoglichen Titels in Verbindung mit dem Namen von Rohan auf ihren Gemahl; doch darüber würde sich später reden lassen. Zum Glück erfreute sich Heinrich von Chabot eines mächtigen Gönners in Heinrich von Bourbon, Fürsten von Condé, den das Volk schon damals den großen Condé nannte. Dieser übernahm die Unterhandlung mit der Königin-Mutter. Anna von Osterreich machte wirklich Schwierigkeiten. Fast zwei Jahre zog sich die Angelegenheit hin. Erst ausgangs Mai dieses letzten Jahres erhielt die Prinzessin von Rohan das gewünschte königliche Breve. Man hat dasselbe später oft abgedruckt, denn es war zufällig die erste von Ludwig XIV. unter der Regentschaft seiner Mutter eigenhändig unterzeichnete königliche Urkunde; sie lautete: »Heute als dem 25ten Mai 1645 hat hier zu Paris, in seinem Palast, dem Louvre, Seine Majestät der König also verfügt. ›Auf den Rat der Königin-Regentin, Unserer vielgeliebten Mutter, und in Würdigung der guten und löblichen Eigenschaften, die das Fräulein Margarete von Rohan in sich vereinigt, auch mit besonderer Rücksicht auf deren hohe Geburt und erlauchten Namen, haben Wir beschlossen: der genannten Margarete von Rohan ein ausdrückliches Zeichen Unseres Wohlwollens zu geben, indem Wir, für den Fall ihrer beabsichtigten Verheiratung mit dem Grafen Heinrich von Chabot, ihr gnädig gewähren, daß sie ihren Rang und ihre Würde als Prinzessin auch hinfüro behalten solle, ebenso wie das Recht eines Taburetts vor dem König und der Königin, zusammen mit allen übrigen Rechten, Vorteilen und Privilegien, die sie bis heute genossen hat oder noch genießt.‹ Und hat sonach der König mir, seinem Staatssekretär und Sekretär Seiner Heeresverwaltung und Seiner Finanzen, befohlen, hierüber diese gegenwärtige Urkunde auszustellen, die Seine Majestät zur besseren Versicherung eigenhändig mit Dero Unterschrift versehen wollte. (Gezeichnet:) Ludwig. weiter unten: von Lomerie.« Margarete von Rohan zitterte vor stolzer Genugtuung, als sie diesen Brief endlich in ihren Händen hielt. Nun konnte ihr auch die Erfüllung ihres andern noch höheren Ehrgeizes nicht mehr fehlen: die Forterhaltung ihres ruhmreichen Namens durch ihren Gemahl und dessen Nachkommen. Und schon wenige Tage danach wurde ihr die Gnade, sich der Königin zu Füßen werfen zu dürfen, um ihr persönlich für die empfangene Gunst zu danken. Dies geschah im Louvre, in dem täglichen Arbeitsraum der Regentin, dem sogenannten grauen Kabinett, am Ende der Galerie, die gegen den Fluß hinführt und über der man später die sogenannte Galerie des Apollo erbaut hat. Diese Audienz nahm einen höchst merkwürdigen und ganz und gar unerwarteten Verlauf. Zunächst schien Anna von Österreich nicht ganz so gnädig gestimmt, als die Prinzessin geglaubt hatte, es erwarten zu dürfen. Ein berühmter Ordensmann, der damals schon für einen Heiligen galt, Vinzenz von Paul, der Gründer der Lazaristen, ging von der Regentin weg, während die Prinzessin eintrat. Sie wurde mit einem strengen und kalten Blick empfangen. Abseits stand der Bischof von Lisieux, der Königin Beichtvater; ihr Ehrenkavalier, der spanische Graf Brancas, hielt sich in einer Fensternische. »Ihr kennt die Bedingung, die sich an die Verleihung des Patents geknüpft habe?« fragte die Königin-Mutter, indem sie sich zu dreiviertel gegen Margarete von Rohan umwandte. »Daß meine Kinder in der katholischen Religion erzogen werden«, antwortete schüchtern Margarete von Rohan. »Gut,« erwiderte die Regentin, »und Ihr selber, wie gedenkt Ihr es zu halten? Graf von Chabot ist ein eifriger Katholik.« Margarete von Rohan sah der Königin frei und unbefangen in die forschenden Augen und legte sogar der Majestät gegenüber in ihren Blick etwas von dem Stolz, den alle Welt ihr nachsagte. Eine leise Röte überflog bis zu den feingeringelten blonden Stirnlöckchen hinauf das Antlitz der Monarchin. Sie sagte: »Ich will Euch in Sachen Eurer Religion nicht zu nahe treten.« »Wenn ich Eurer Majestät«, versetzte die Prinzessin, »meine aufrichtige Überzeugung sagen darf, sie besteht darin, daß es einer Frau schlecht ansteht, eine andere Religion zu haben als ihr Mann ...« »Als ihr Mann und ihre Kinder«, fiel Anna von Österreich ein. »Ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr darin denkt wie ich.« Und sie wies mit einem freundlichen Blick und einem gnädigen Lächeln, in dem sich nur eine ganz leise Spur von Ironie verriet, auf das Taburett, das die Kammerfrauen für die Prinzessin hingestellt hatten. »Ich will frei heraus mit Euch reden,« sprach sie dann; »ich war Euch bis jetzt wenig günstig gestimmt. Nach meinen Begriffen von Frömmigkeit und Religion gibt es für eine Tochter keine heiligeren Pflichten, als die gegen die Mutter, und Ihr schient mir die Eurigen gröblich zu verletzen. Ihr zeigtet der Welt einen Mangel an kindlicher Pietät, der – nein, laßt mich ausreden! – einen Mangel, den ich niemals zu entschuldigen vermochte, was auch Eurer Mutter zur Last gelegt werden kann. Das alles sage ich Euch, damit Ihr Euch nicht etwa einbildet, Ihr verdanktet jenes Patent Euren persönlichen Verdiensten. Wem Ihr es in Wahrheit verdankt, Ihr würdet es wohl nie raten.« »Allein Eurer Güte, Hohe Frau, ich habe es nie anders empfunden«, gab höfisch die Prinzessin zur Antwort. »Eben erklärte ich Euch, daß ich mir gar keinen Grund wüßte, gütig gegen Euch zu sein«, versetzte die Königin fast mit Schärfe. Margarete von Rohan antwortete hierauf mit einem erschrockenen Schweigen. »Gesprochen hat für Euch der Condé,« fuhr Anna von Österreich fort, indem die gute Laune wieder die Oberhand bei ihr gewann; »aber weder ihm noch sonst einem seinesgleichen verdankt Ihr es, den Gipfel Eures Strebens erreicht zu haben.« Es schien der Monarchin eine Genugtuung zu bereiten, die hochmütige Prinzessin in Verlegenheit zu sehen. »Ihr wollt nicht raten?« fragte sie von neuem. Margarete von Rohan fühlte sich in die Enge getrieben. Eine Antwort mußte sie geben. »Wäre es erlaubt,« stotterte sie, »an die Person Seiner Majestät zu denken?« »Ludwig, das Kind!« lachte jetzt Anna von Österreich laut heraus. Dahin hatte sie die stolze Prinzessin bringen wollen, die sich ihres unklugen und unvernünftigen Wortes bereits im Innersten schämte. Und wirklich, es schien der Königin in der ganzen Unterhaltung einzig darum zu tun, die Hochmütige einmal gründlich zu demütigen. »Es hat früher geheißen,« sagte sie jetzt heiterboshaft, »Ihr würdet nur deshalb alle Eure Freier ausschlagen, weil Ihr auf die Volljährigkeit Seiner Majestät warten wolltet. Das war ohne Zweifel höchst schmeichelhaft für meinen Sohn.« Niemals hätte Margarete von Rohan geglaubt, daß es jemand geben könne, dem es erlaubt sei, sie so mit Hohn zu überschütten; aber es blieb hier wirklich keine andere Wahl, als sich in Demut zu beugen. »Nein,« flüsterte ihr die Königin zu, »nicht ein Ludwig hat das Wunder getan, sondern ein – Tankred.« Margarete von Rohan zuckte zusammen, wie wenn sie rücklings von einem Dolchstoß getroffen worden wäre. Die Regentin schien nicht darauf zu achten. »Ihr werdet Euch wundern, woher ich den Namen weiß«, sagte sie im gleichgültigsten Ton von der Welt. »Ach Gott, die Könige und die Beichtväter erfahren gewiß vieles nicht, was sie eigentlich wissen müßten, aber doch einiges; und von der Existenz dieses Tankred wurde mir Kenntnis durch den armen Staatsrat von Thou – Ihr habt ihn doch gekannt, natürlich zur Zeit, als ihm noch sein Kopf auf der Schulter saß, den er im Leben nicht ein einziges Mal verloren hat. Aber freilich, was ihm im Tod passieren mag, das kann auch der gescheiteste Kopf nicht wissen. Der gute Staatsrat hatte nur einen einzigen Fehler, aber der war groß. Er kümmerte sich um Dinge, die ihn nichts angingen. Sogar um jenen Tankred kümmerte er sich. Er meinte, an dem jungen Menschen dieses Namens werde in der Dunkelheit ein unverantwortliches Verbrechen begangen. Und er meinte ferner, daß es meine Pflicht wäre, dieses Verbrechen zu verhindern. Ich habe ihm geantwortet, daß man es dem König sehr übelnehmen würde, wenn er sich in die inneren Privatangelegenheiten der Familien mischen wollte; hatte ich nicht recht?« »Und im übrigen«, fuhr die Regentin fort, »lag es nicht im Interesse des Königs, die Züchtung eines neuen Hugenottenführers zu begünstigen. Seid Ihr überzeugt, daß es der Sohn Eures Vaters ist?« »Wie hätte der Herzog, mein seliger Vater,« antwortete die Prinzessin, »mich ausdrücklich zur alleinigen Erbin eingesetzt, wenn er sich eines Sohnes bewußt gewesen wäre?« Anna von Österreich überlegte. »Was Ihr sagt, ist logisch,« sprach sie; »aber vor dem Richter beweist es nichts, und jener Tankred, wenn er noch lebt, kann Euch Verlegenheiten bereiten. Ich wollte Euch zeigen, daß ich in diesem Handel mich auf Eure Seite zu stellen entschlossen bin. Darum habe ich Euch das Patent bewilligt. Ihr könnt dem Herrn Tankred dafür danken. Und Ihr wißt nun, wie Ihr daran seid. An meiner Unterstützung, wenn Ihr sie in dieser Sache nötig haben solltet, wird es Euch nie fehlen. Darauf verlaßt Euch!« Das war das letzte Wort der Regentin. Und wahrlich, was sich darin versteckte, sah bei Gott der Aufmunterung zu einem furchtbaren Verbrechen auf ein Haar ähnlich. Man wird sich vielleicht wundern, daß aus dem Munde einer Frau, deren heftige Frömmigkeit weltbekannt war, eine solche Aufmunterung kommen konnte. Aber wer sich also wundert, bedenkt nicht, daß die Frau eine Königin war und noch dazu eine Regentin. Auch war ja der Sinn ihrer Rede dunkel genug, niemand konnte sie beim Wort nehmen. Die Prinzessin hatte dennoch vollkommen verstanden. Und man konnte die seltsam gemischten Gefühle begreifen, und den Zwiespalt in ihrem Herzen, womit Margarete von Rohan, voll Zorn in ihrem gekränkten Stolz und doch voll innerer Befriedigung, den Louvre verließ und in ihrer mächtigen Staatskarosse, mit zwei Vorreitern und sechs hintenauf stehenden Lakaien im großen Kostüm, nach dem Königsplatz zurückkehrte. Zwölftes Kapitel Die Prinzessin hält Hochzeit. Das Rätsel der Königin macht ihr Bauchweh Diese Audienz mochte es der Prinzessin nahelegen, sich wieder einmal in ihren Gedanken mit dem Bruder Tankred zu beschäftigen, der ihr seit langer Zeit ein wenig aus dem Gedächtnis gekommen war. Aber zugleich nahmen die Vorbereitungen zu ihrer bevorstehenden Hochzeit sie derart in Anspruch, daß die Frage um das Schicksal Tankreds von neuem zurückgestellt werden mußte. Mit solcher vorsichtigen Heimlichkeit betrieb die Prinzessin jene Vorbereitungen, daß ihre Mutter auch nicht einmal ahnte, was im Werke sei, bis eines Tages eine Freundin ihr zuflüsterte, ob sie denn nicht wisse, was im Palast Sully vor sich gehe, oder ob sie gar damit einverstanden sei, daß ihre Tochter den Chabot heirate. Die Herzogin-Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen. Sie ließ unverzüglich anspannen und fuhr nach dem Palast ihres Neffen, des jungen Herzogs von Sully, wo sie in dem Augenblick gemeldet wurde, als ihre Tochter, die jetzt täglich dort verkehrte, gerade im Begriff stand, sich zu verabschieden. Man riet der Prinzessin, sich vor der Mutter zurückzuziehen. Aber ihr Stolz lehnte sich auf gegen eine solche Zumutung. Und so mußte die Herzogin-Witwe jetzt aus dem eigenen Munde ihrer Tochter – man hatte sich seit sechs Jahren nicht gesprochen – die Bestätigung dessen vernehmen, was sie noch immer nicht glauben wollte. Wie ein Schlag ins Gesicht war's ihr. Sie geriet außer sich. Und sie machte der Tochter eine so häßliche Szene, daß die Familie alle Mühe hatte, die tief Empörte vor dem Unwürdigsten zurückzuhalten. Mit ihrem mütterlichen Fluch auf ihre Tochter verließ sie den Palast. Acht Tage darauf reiste Margarete von Rohan in Gesellschaft ihrer Tante Anna von Rohan, die jetzt Mutterstelle an ihr vertrat, und zahlreichen Freunden und Freundinnen nach Schloß Sully an der Loire, nicht weit von Orleans, wo ihr künftiger Gemahl sie mit den Seinigen erwartete. Und dort auf dem vielgetürmten feudalen Schloß ihres berühmten Großvaters, es ist das massigste und hochragendste von allen Schlössern, die sich so zahlreich in den Wellen der Loire spiegeln, fand am sechsten des Junius, nachdem Margarete von Rohan am Tage zuvor, als am Fest des heiligen Bonifazius, ihren calvinistischen Glauben in die Hände des Ortspfarrers abgeschworen hatte, ihre Vermählung statt mit Heinrich Grafen von Chabot, unter Zeugenschaft des Fräuleins Anna von Rohan an Mutterstelle und des Herzogs Heinrich von Sully-Bethune, Barons von Rosny, in Vertretung der übrigen Familie, ferner des Grafen von Larochepot als Vertreter des Herzogs Gaston von Orleans und des Chevalier von Sévigné als Abgesandter des Herzogs Heinrich von Bourbon-Enghien, Fürsten von Condé. Nur noch einmal hat eine Heirat durch das ganze Königreich und weit darüber hinaus ein gleiches Aufsehen erregt: als nämlich, es war viele Jahre später, die Herzogin von Montpensier, die Tochter Gastons von Orleans, berühmt wie Margarete von Rohan vor allem durch ihren ungemessenen Stolz, von Ludwig XIV. die Erlaubnis erhielt, sich mit dem Grafen von Lauzun-Caumont zu vermählen. Immerhin war dieser der verhätschelte Günstling eines allgewaltigen Monarchen, Heinrich von Chabot aber – einfach der Erfinder der »Chabotte«. Man mag sich denken, wie nun das Tanzen in Mode kam. Was nur irgendwie gerader Beine und eines kleinen Adeltitels sich rühmen konnte, hielt es nicht für unmöglich, sich ebenfalls eine reiche Prinzessin zu ertanzen mit dem Herzogshut und der Pairswürde obendrein. Und wo die leichtfertige Jugend nicht von selber auf so geniale Gedanken kam, verfehlte es gewiß die fürsorgliche Mutter nicht, oder gar eine Tante, man weiß Beispiele, den wenig ehrgeizigen Sohn nachdrücklich darauf hinzuweisen: woraus denn eines hervorging, daß das raufboldige Duellieren fast in Mißkredit kam, die Kunst des Tanzes dagegen sich vervollkommnete und so allmählich jene verfeinerten Sitten angebahnt wurden, die dann der große und einzigartige König Ludwig in ganz Europa zur allgemeinen Herrschaft bringen sollte. Oder wäre das nicht genug Wirkung von einer sozusagen privaten Familienangelegenheit? Es darf also Herr von Chabot nicht nur das hohe Verdienst beanspruchen, der Pfropfzweig und Erneuerer eines der glorreichsten Geschlechter von Europa geworden zu sein, sondern auch das noch viel höhere und bleibendere: eine ganz neue Ära unserer Zivilisation und Kultur tanzend eröffnet zu haben. Und nun sagt, ob dem Manne in der Chronik der Sitten nicht mindestens ein Platz gebührt und ein Rang, wie in anderen Chroniken, wo man die sogenannten Weltereignisse liest, den Königen und Fürsten der Erde? Doch seine famose Heirat hatte noch eine andere, näherliegende Folge. Der Marquis von Ruvigny erhielt die Nachricht davon in London, wo er seit mehreren Monaten zu Besuch bei seiner Schwester weilte, die einen Lord Southhampton geheiratet hatte. Er sah sich schnöde genasführt. Die Verheimlichung vor ihm erregte noch heftiger seinen Zorn, als die ärgerliche Tatsache an sich, die doch auch schon eine gewaltig bittere Pille für ihn bedeutete. Nach Paris zurückgekehrt, erfuhr er als erstes die Installierung des jungen herzoglichen Hofhaltes im großen Rohanschen Palast am Marais. Des »herzoglichen Hofhaltes«, ja; denn Herzog Heinrich von Rohan-Chabot, Pair von Frankreich, so nannte sich Margaretes Gemahl jetzt auf Grund eines neuen königlichen Patents vom 15.Juli jenes Jahres. Und damit in Verbindung stand die Übersiedlung der Herzogin-Mutter nach Charenton, wo sie sich das Schloß gekauft hatte, das später der tolle Herzog von Richelieu erwarb. Es war nicht nur der Gram und die Verärgerung, die die Herzogin-Witwe aus Paris vertrieben. Seit der schimpflichen Apostasie ihrer Tochter, wie sie deren Übertritt zum Katholizismus nannte, hielt sie sich für verpflichtet, ihre Treue und Anhänglichkeit an das gereinigte Christentum doppelt zu betonen. Charenton mit seinem protestantischen Tempel aber bedeutete, wie gesagt, den »Gläubigen« eine Art von Burg Zion und neuem Jerusalem. Und überdies hatte sie ja zu Charenton, sie sagte dies jetzt aller Welt, ihren Sohn Tankred geboren, den ihr der Allmächtige in seiner unerforschlichen Weisheit zur Strafe für ihre Sünden wieder zu entreißen für heilsam befunden. Diesen Sohn zu beweinen, täglich und stündlich, bildete jetzt für sie die große heilige Pflicht, die ihr einzig noch blieb hier unten in dem Tal der Tränen, da ihre Tochter sich mit Gewalt losgerissen von dem mütterlichen Herzen. Wo aber wäre sie mehr an den geliebten Sohn erinnert worden, und wo hätte sie schmerzlicher um ihn weinen können als an dem Orte, wo seine Augen einst das Licht der Welt erblickt. Wenn Margarete von Sully-Bethune, Herzogin-Witwe von Rohan, in diesem Sinne zu ihren Freunden sprach, überwältigte sie jedesmal ein solcher Schmerz, daß sie fast nie ihre Tränen zurückhalten konnte. Und viele, die es einst mit der Tochter gehalten, wandten jetzt ihre Sympathie wieder ganz der unglücklichen Mutter zu, deren tiefes und aufrichtiges Leid (niemand zweifelte daran, am wenigsten die Fürstin selber) ihnen wie eine reinigende Sühne erschien für manches, was die schöne Frau in jugendlichem Leichtsinn gesündigt haben mochte. Auch der Marquis von Ruvigny würde sich gern zu diesen gesellt haben, hätte nicht das schwere Unrecht gegen die Unglückliche, das ihm auf dem Gewissen lastete, sich drohend und abschreckend zwischen beiden aufgerichtet. Er wäre aber von der Mutter wahrscheinlich immer noch besser empfangen worden als von der Tochter und deren Gemahl. An der kalten Höflichkeit, womit der ehemalige Jugendfreund und Ratgeber im herzoglichen Palast begrüßt wurde, merkte er schnell, daß man seine Freundschaft billig gebe. Und mit vollem Recht ergrimmte er über die Undankbarkeit dieser Leute, denen er doch einen unendlich größeren Dienst erwiesen, als jener Fürst Condé, dessen Name von den Herzoglichen jetzt ausgesprochen wurde, wie wenn es der des lieben Gottes gewesen wäre. Der Marquis war mit dem festen Vorsatz in den Palast gekommen, ruhiges Blut zu bewahren, wie man ihm auch begegnen würde, und sich vor allem zu keiner Unklugheit hinreißen zu lassen. Er beging dennoch die größte, die er nur begehen konnte. Er verstieg sich zu Drohungen. Der neue Herzog Heinrich lachte ihn aus. Darüber wurde Ruvigny ganz irre. Er dachte, sollten sie wirklich nicht ahnen, was ich ihnen einbrocken kann? Und er ging weg mit dem festen Entschluß, unverweilt zur verwitweten Fürstin nach Charenton zu fahren. Herzog Heinrich aber hatte mit seinem Lachen nur eine geschickte Komödie gespielt. Er hatte es zuvor nicht bedacht, aber Ruvignys Drohwort hatte ihm die Augen weit geöffnet, daß er blitzschnell erkannte, welche fürchterliche Waffe der Mann, jetzt sein Todfeind, gegen ihn und seine Frau in Händen hielt. Sein Schrecken darüber war groß, mit seinem Lachen hatte er nur eine geschickte Komödie gespielt. Wenigstens war der Marquis – so dachte bei sich der Herzog – dumm genug gewesen, sich in seine Karten blicken zu lassen. Er hatte seinen Feind gewarnt, der Esel. Nun galt es, ihm zuvorzukommen. Und nach einer langen und ernsten Beratung mit der jungen Herzogin und peinlicher Abwägung aller Eventualitäten wurde ein Plan zu handeln aufgestellt, an dessen günstigem Gelingen das herzogliche Paar kaum einen Zweifel hegte. Und damit im Zusammenhang geschah es dann, Anfang September, daß sich zu Leyden in Holland bei einer gewissen Witwe, genannt Marie Lejuste, ein Franzose für einige Zeit einmietete, der sich für einen Pariser Kaufmann ausgab, aber in der ganzen Stadt nur einen einzigen Krämer öfter besuchte, welcher Walter Potenicq mit Namen hieß und in einer engen Gasse hinter der weltberühmten Universität einen elenden Laden inne hatte. Obwohl dieser arme Krämer dem Fremden nicht die geringste Aussicht auf einen irgendwie bedeutenden Geschäftsabschluß geben konnte, kam dieser Franzose dennoch unter allerlei Anerbietungen immer von neuem in die übelriechende Bude. Daselbst schien ihn nichts so sehr zu interessieren, als der Lehrling des Meisters Potenicq, ein schmächtiger Bursche mit blassem Gesicht, aber auffallend schönem goldbraunen Lockenhaar, der hinter dem Ladentisch hantierte und jetzt auf einer Wagschale von Horn einem alten Weiblein für drei Pfennig Schnupftabak abwog, dann einem anderen einen Vierling Kaffee verkaufte, dann einem kleinen Mädchen eine Unschlittkerze oder einem blaunasigen Kutscher für einen halben Pfennig Zunder verabreichte und was dergleichen Geschäfte mehr sein mochten. »Ein hübscher junger Mann,« sagte dann einmal der Fremde, als der Lehrling eben in einem Auftrag weggegangen war; »wie heißt er denn?« »Er weiß es selber nicht,« antwortete Meister Potenicq, ein kleines angegrautes, hohlwangiges Männlein; »der Schulmeister Cernolle in Gravensande, bei dem er Rechnen und Schreiben gelernt hat, nannte ihn schlechtweg Karl, und hier wird er nun ebenso genannt. Nur ein närrischer junger Mensch, der bei mir Kost und Wohnung hat, sonst ein Student seines Zeichens, nennt den jungen Mann nicht anders als Monsieur Charles.« »So hat er keine Eltern, oder man weiß nicht, wer sie sind?« forschte der fremde Kaufmann weiter. »Mich geht das nichts an,« gab der Krämer zurück, »ich habe nie danach geforscht.« »Ein Etwas in den Zügen und der Bildung des jungen Mannes«, meinte der Kaufmann aus Paris, »lasse vermuten, daß derselbe von Geburt aus zu anderem bestimmt war, als Wagenschmiere und Schwefelfaden zu verkaufen.« Meister Potenicq zuckte mit der Achsel. »Wenn der Herr von La Sauvetat hier wäre,« sagte er dann, »der könnte Euch vielleicht, das heißt, wenn er wollte, einiges hierüber sagen. Ich habe ihn nicht gefragt. Er hat mir den Knaben in die Lehre gegeben, er bezahlt pünktlich das Lehrgeld. Ich bin nicht neugierig. Der Herr von La Sauvetat hat wohl einmal durchblicken lassen, der Jüngling sei guter Leute Kind, aber heimlicher Geburt, und es sei die Absicht, ihn später als Kaufmann nach den indischen Kolonien zu schicken. Sollte ich erwidern, daß mein Kramladen nicht die rechte Gelegenheit sei, einen Kaufmann für die Kolonien auszubilden. Herr von La Sauvetat bezahlt ein zu gutes Lehrgeld. Auch sah ich gleich, daß ich in dem jungen Mann einen folgsamen und willigen Gehilfen erhielt. Das andere ist nicht meine Sache. Oder habe ich nicht recht, Herr?« In diesem Augenblick trat der Lehrling Karl mit einem Fäßchen Heringen unterm Arm wieder herein. Der Kaufmann aus Paris bemerkte, daß wohl die vorgebundene Schürze mit dem hohen Brustlatz von Schmutz starrte, die übrige Kleidung aber mit besonderer Achtsamkeit sauber gehalten schien. »Ihr habt vollkommen recht, Meister«, antwortete er nachträglich dem Krämer und schien sich verabschieden zu wollen. Aber an der Tür wandte er sich noch einmal um; er fragte: »Wer ist jener Herr von La Sauvetat eigentlich?« »Herr von La Sauvetat«, versetzte Meister Potenicq, »ist ein Kapitän im Regiment des Herzogs von Estrades.« »Und er ist jetzt abwesend, sagtet Ihr?« »Seit vierzehn Tagen erst«, berichtete der Krämer. »Er hatte drüben im Haag ein Duell mit dem Junggrafen von Grouy und sitzt nun zu Aachen, um in den dortigen Heilquellen seine Wunde auszukurieren. Der Herr von Grouy soll ihn am Knie empfindlich verletzt haben.« »Dank, Meister«, sprach, sich verabschiedend, der Kaufmann aus Paris, den aber ganz andere Geschäfte als kaufmännische nach Leyden verschlagen hatten. Denn er war nichts anderes als ein gewisser Herr La Coste, ein geheimer Agent im Dienste des Herzogs Heinrich von Rohan-Chabot und dessen Gemahlin, damit beauftragt, sich des jungen Tankred in vorsichtiger Weise zu bemächtigen und ihn auf einem holländischen Schiff, mit einigem Geld versehen, nach Hinterindien zu schicken. Und so machte Meister Potenicq große Augen, als am andern Tage ein vornehm gekleideter Edelmann bei ihm eintrat, in dem er nach dem ersten Schreck den Pariser Kaufmann wiedererkannte, der den erstaunten Krämer um eine Unterredung unter vier Augen ersuchte. Es führte also der Meister Potenicq seinen Besuch über einen dunklen Flur und von dort in eine Stube, die nach dem Hof hinaus lag, wo eben die Frau des Potenicq, eine kurze, rundliche Person mit roten, glänzend gescheuerten Wangen, sich damit beschäftigt zeigte, den Mittagstisch zu decken. Auf ein Zeichen ihres Eheherrn wollte sie sich entfernen. Der Edelmann aber hielt sie zurück. Sie möge nur bleiben. Vor ihr habe er kein Geheimnis. Er rechne im Gegenteil auf ihren klugen Rat und Beistand. Und ohne weitere Umschweife und Einleitung eröffnete er den beiden Eheleuten seine große Neuigkeit. Wenn er den Leutchen eine geladene Bombe auf ihren Eßtisch geworfen hätte, würde er sie kaum heftiger erschreckt haben. Sie kannten zwar, wie es im Propheten Habakuk heißt, weder Babylon noch die Löwengrube und wußten weder von einer Herzogin noch von einem Herzogtum Rohan, aber daß hinter solchen Worten etwas Großes, etwas ungeheuer Großes stecken müsse, dachten sie sich doch gleich. Und ihr Lehrjunge, ihr Karl, er sollte ein Herzog sein, ein legitimer, ein wirklicher, ein leibhaftiger Herzog mit einem Herzogtum und einer goldenen Herzogskrone auf dem Kopf ... Durch verruchte Verwandte und Erbschleicher war er entführt und von seiner eigenen Mutter für tot gehalten worden bis vor wenigen Wochen, wo dann dieser Mutter sein jetziger Aufenthalt verraten worden ist. Das alles vernahmen die verblüfften Krämersleute und begriffen auch halb und halb, aber ohne recht daran glauben zu können. Und vernahmen dann weiter, der vermeinte Pariser Kaufmann sei ein Herr Johann von Rondeau, Sieur von Montville, der Geheimsekretär der Herzogin-Witwe von Rohan und von dieser geschickt, ihren Sohn aus Holland zurückzuholen: vernahmen alles in ihrer Verblüfftheit und begriffen auch halb und halb, aber immer ohne recht daran glauben zu können. Und sahen den fremden Edelmann zwischen den zinnernen Suppentellern ein Papier auf den Tisch breiten, dessen Aussehen und Bedeutung wenigstens dem Meister Potenicq nicht ganz unbekannt war, und vernahmen, das sei ein Wechsel über sechstausend holländische Gulden, ausgestellt von dem Bankhaus Lallemand und Rambouillet zu Paris auf das und das Bankhaus zu Amsterdam, nach Sicht auszuzahlen, und diese Summe sollten sie, die Eheleute Potenicq, als ein Geschenk annehmen von der Herzogin-Mutter für ihre bisherigen Mühen um deren Sohn: vernahmen alles und begriffen auch halb und halb, aber immer wieder, ohne recht daran glauben zu können. Das merkte der fremde Edelmann und rückte mit einem anderen Papier heraus, einem mit mächtigem Siegel versehenen großen Brief und hielt ihn dem Krämer unter die rotgeränderten ängstlichen Augen. Das sei in aller Form Rechtens die Urkunde, womit Ihre fürstliche Hoheit die Herzogin-Mutter ihm, dem Herrn Johann von Rondeau, Sieur von Montville, Vollmacht gebe, die Hand zu legen auf deren Sohn, wo er ihn finde, um ihn seiner hohen Bestimmung zuzuführen. Aber Meister Potenicq schüttelte bedenklich den Kopf, er konnte französisch Geschriebenes nicht lesen. Und dann erklärte er dem Edelmann mit demütigen Worten und unter oft wiederholten Entschuldigungen, daß so viel Außerordentliches, ja Unglaubliches ihm ganz den Kopf verwirrt habe, und er darum Ihre Gnaden untertänigst bitten möchte, ihm Zeit zu geben bis auf den anderen Tag, sich den Handel zu überlegen. »Nicht wahr, Frau Dorthe, diese Sache müssen wir noch erst besprechen,« wandte er sich an seine Ehehälfte, die offenen Mundes zur Seite stand und die Sprache verloren zu haben schien. Der Fremde erhob Einwendungen. Ein solcher Aufschub sei ein unnötiger Zeitverlust. Ihre fürstliche Hoheit, die Herzogin-Mutter werde ihn zur Rechenschaft ziehen für jede Stunde, jede Minute, die man den jungen Herzog noch länger in seinem unwürdigen Zustand auszuharren nötige. Aber seine Beredsamkeit verfing nicht bei dem Männecken Potenicq, er mußte sich wohl oder übel auf den anderen Tag vertrösten lassen. Dreizehntes Kapitel Der Freund des Herrn Karl Und an diesem anderen Tage geschah es dann, daß der Krämer – er hatte unterdessen mit dem Friedensrichter seines Bezirkes, dem Mynheer Newskiker an der St. Pankraskirche, Rücksprache genommen – etwas weniger schüchtern dem Mann aus Paris folgendes erklärte: Er habe sich's überlegt und sei zu dem Entschluß gekommen, seinen Lehrling Karl so lange zu behalten und zu bewahren, bis ihm von Herrn von La Sauvetat eine andere Weisung zugehe. So habe er's dem Herrn Kapitän versprochen und dabei wolle er bleiben. Denn dieser Herr von La Sauvetat sei ein heftiger und gewalttätiger Mensch, der es ihm, dem Meister Potenicq, übel entgelten möchte, wenn er, der Herr Kapitän, eines Tages nach dem Lehrling Karl fragen sollte und dieser dann nicht mehr vorhanden wäre. Und also habe er, der Meister Potenicq, heut in aller Frühe einen Brief an den Herrn Kapitän von La Sauvetat nach Aachen geschrieben mit der Anfrage, wie der Herr Kapitän es gehalten haben wolle mit dem jungen Mann, seinem, des Meisters Potenicq, gegenwärtigen Lehrling. Hier wurde der Krämer, der sich heute etwas wortreich ausdrückte, in seiner Rede heftig unterbrochen. Wie außer sich schrie der angebliche Herr von Rondeau, Sieur von Montville, das Männecken an: Er sei ja ein Narr; an den Kapitän zu schreiben sei das Dümmste, was er tun konnte. Man habe es gut mit ihm gemeint. Habe in Freundschaftlichkeit mit ihm reden wolle. Er habe das merken können an der großmütigen Belohnung, die man ihm angeboten. Oder ob sechstausend holländische Gulden etwa ein Nasenwasser seien! »Ja, Freundchen,« schloß der angebliche Edelmann seine Zornesergüsse, »man hatte es gut mit dir vor; aber mit deinem törichten Betragen wirst du mich nötigen, die Sache vor den Richter zu bringen, und das kann dir übel bekommen. Denn, nicht wahr, der Lehrling, der Karl, ist entführt worden, und bei dir hält er sich auf, du verbirgst ihn, du bist der Hehler. Weißt du, was auf Hehlerschaft für eine Strafe steht?« Aber das Männecken Potenicq mit seinen eingefallenen Wangen und geröteten Augenrändern erschrak nicht im geringsten über diese Drohung, wie es der Redner doch erwartet haben mochte. »Gut,« sagte der Krämer ruhig, »das wird das beste sein, gehen wir gleich zusammen, wenn es Eurer Gnaden beliebt, zu Mynheer Newskieker bei St. Pankras, er ist der Friedensrichter dieses Bezirkes; wenn er mir befiehlt, kraft seines Amtes, Euch meinen Lehrling zu überlassen, sollt Ihr ihn haben, noch heut, und sollt mir nicht einen Groschen dafür bezahlen.« Diese Unterredung geschah, wie gestern, in der hinteren Stube nach dem Hof. Nur, daß die runde Frau mit den roten blanken Backen – sie schien diese nicht weniger fleißig zu scheuern wie ihr Zinn – sich diesmal nicht in der Stube blicken ließ. Auf einmal aber wurde etwas barsch die Türe aufgerissen und unter derselben erschien ein junger Mann im weißen Kragen über dem schwarzseidenen Wams und einem Degen mit stählernem Griff an der Seite. Sichtbar verblüfft von dem Anblick des fremden Edelmannes, wollte er sich, auf einen Wink des Krämers hin, mit einer Verbeugung schnell wieder zurückziehen. »Wer ist der junge Herr?« fragte der Franzose, dem es angenehm sein mochte, das Gespräch von vorher abzulenken. »Ein Student der Medizin namens Jakobus Renetzius, bei mir in Kost und Wohnung«, erklärte der Krämer. »Übrigens ein Freund des Karl, dem er unentgeltlich einigen Unterricht gibt.« »Ein entschlossener junger Mann, wie mir scheint, der Herr Student«, meinte der Franzose. »Und verzeiht, Meister, meine Heftigkeit von vorhin. Ich bin unterdessen vollkommen ruhig geworden und sehe ein, daß Ihr gehandelt habt als ein Mann von Ehre und Gewissen. Warten wir denn die Antwort des Herrn von La Sauvetat ruhig ab. Wie lange mag das dauern?« »Vielleicht vierzehn Tage, aber vielleicht auch vier Wochen, je nachdem.« »Verdammt lange Zeit. Nun, fassen wir uns eben in Geduld. Grüßt Monsieur Charles von mir, ich habe die Ehre, mich zu beurlauben.« Mit innerlichem Kopfschütteln sah Meister Potenicq dem Franzosen nach. Also vom Richter wenigstens wollte der nichts wissen. War das nicht gar verdächtig? Und der kleine Krämer, bis jetzt ganz harmlos, beschloß bei sich, von nun an doppelt auf seiner Hut zu sein. Damit mußte der Franzose rechnen, das verhehlte sich dieser nicht, nachdem er sich so plump hatte fortreißen lassen; aber da er sich in jedem Betracht für stärker hielt als das Ladenmännlein in der Kollegiengasse, zweifelte er nicht daran, dieses Männecken trotz all seiner Hut und Vorsicht gehörig in die Patsche zu setzen. Er schien sich indessen in der guten Stadt Leyden nicht zu langweilen. Man sah ihn täglich, früh und abends, auf der breiten Straße spazieren, wie einer, der mit großem Eifer und sichtbarem Genuß das Wesen eines fremden Volkes studiert. Besonders den Studenten und ihrem Treiben galt sein Augenmerk. Es konnte fast scheinen, als ob er unter ihnen etwas suche. Und dann trat er einmal, nach vier Tagen etwa war's, mit höflichem Gruß an einen dieser Jünglinge heran. »Wenn ich nicht irre,« sprach er, »so habe ich die Ehre, den Herrn von Renetzius zu begrüßen.« Der andere sah verwundert auf. »Ihr erkennt mich nicht?« fragte der Franzose. »Wir sind uns bei Meister Potenicq begegnet.« Und dem Jakob Renetz oder Jakobus Renetzius, wie er sich nannte, kam jetzt die Erinnerung. Was er vorhabe, gerade, fragte der Fremde. »Nicht eben viel,« meinte jovial der Student; »irgendwo mit Kameraden eine Kanne Bier trinken.« »Eine Flasche Wein dürfte es nicht sein?« fragte der andere schmeichelnd. »Das verbietet mir mein Herr«, antwortete der Student lachend. »Euer Herr, wer ist der?« »Mein Beutel, natürlich.« »Ihr habt Witz, lieber Freund,« sprach der Mann aus Paris; »aber würdet Ihr mir nicht die Ehre schenken, mein Gast zu sein, Herr von Renetzius; es wäre mir eine große Genugtuung, den Abend in so heiterer Gesellschaft zu verbringen.« Des war der Student zufrieden. Er wußte auch ein passendes Lokal. In der Stube »Zur Seejungfrau« hinter St. Peters Münster schenkte man vom Besten, was nur am Rhein und Mosel wachsen mag. Der Franzose schien nachdenklich. »Ich hatte einen Augenblick vergessen,« sagte er, »daß zu Hause bei der guten Dame Lejuste das Essen auf mich wartet. Ihr kennt sie vielleicht? Marie Lejuste in der Boerhavengasse; sie hat auch einen Kosttisch für Studenten. Ich speise jedoch allein auf meinen Zimmern. Würdet Ihr mir die große Ehre antun, dürft ich Euch einladen? Ihr sollt finden, daß die dunkeln Weine von den goldenen Hügeln unseres Burgund es mit den grasig-grünen Eurer Moselberge wohl aufnehmen können. Ich habe einen kleinen Vorrat davon mitgebracht.« Der Student wollte gern, und schon eine halbe Stunde später saßen beide in einem einfachen aber behaglichen Zimmer im Hause der Witwe Lejuste vor einem wohlbesetzten Tisch, über dem der Geruch angenehmer Speisen und der Duft eines reichlich alten Burgunders um die Wette miteinander kämpften. Während des Essens sprach man von allerlei. Der Franzose hatte tausend Dinge zu fragen. Als aber dann das bedienende Mädchen einen halbmondförmigen und rotgeränderten Ausschnitt holländischen Käses nebst allerlei Backwerk aufgetragen und sich zurückgezogen hatte, zog auf einmal der Franzose aus seiner Seitentasche – wie in Gedanken – einen länglichen Streifen Papiers, bedeckt mit kleiner und großer Schrift und mit unendlich verschlungenen Initialschnörkeln verziert. »Kennt Ihr das?« fragte er, das Blatt dem Studenten hinschiebend, indem er zugleich eine Flasche entkorkte und in zwei kleine Gläschen einen Likör einschenkte, der aussah wie geschmolzenes Gold. Unterdessen hatte Jakob Renetz die Schnörkelschrift des mehrfach gestempelten Papiers genau betrachtet. »Das kenn ich freilich,« sagte er; »es ist ein Pariser Wechsel über sechstausend holländische Gulden, auszuzahlen auf Sicht im Kontor der Sinterklaasgilde zu Amsterdam. Den nimmt in ganz Holland jeder Kaufmann für bares Geld.« »Wollt Ihr ihn haben?« Der Student fuhr unwirsch zurück. »Mein Herr,« rief er, »was für Scherze macht Ihr?« »Ihr mißversteht mich«, versetzte der Franzose begütigend. »Für eine Gegenleistung, meine ich natürlich, für einen wichtigen Dienst.« »Und ich, ich sage Euch,« versetzte der Student barsch, »daß Ihr es seid, der sich irrt, wenn Ihr etwa glaubt, daß ich ...« Kurz, Herr La Coste – um den Mann bei seinem wahren Namen zu nennen – erfuhr bei dieser Gelegenheit, wenn er's noch nicht gewußt hatte, wie absolut unberechenbar doch, weil in jedem Individuum verschieden, die Wirkung des Weines ist. Der geschmeidige Franzose hatte all seine Gewandtheit nötig, um den Studenten, in dem der Burgunder rumorte, zu besänftigen und dahin zu bringen, ruhig anzuhören, um was es sich handle. Herr La Coste ließ diesmal die herzoglichen Herrlichkeiten aus dem Spiel. Denn er hatte bemerkt, daß so große Worte die Leute nur stutzig und ungläubig machten. Er sprach einfach von einer reichen, sehr reichen Dame zu Paris, der ihr Sohn von verbrecherischen Verwandten als kleines Kind entführt worden, unter solchen Umständen, daß sie ihn für tot glauben mußte, bis vor kurzem, wo jene Verwandten sich entzweiten und der Mutter alles verraten wurde, wie auch der Aufenthalt ihres Sohnes, der usw. Und kein anderer sei dieser Sohn als jener Karl, der Lehrling des Krämers Walter Potenicq. Aber eben dieser Potenicq mache Schwierigkeiten, aus Angst vor einer Art Landsknecht, einem Kapitän La Sauvetat, der wahrscheinlich den Knaben ehemals entführt hat oder doch dabei behilflich war. »Und begreift Ihr nun,« schloß er seine Rede, »daß Ihr nur der Gerechtigkeit zu Hilfe kommt und das Glück eines Menschen beschleunigt. Eures Freundes dazu, der lange genug schuldlos elend war, wenn Ihr mir in meinem Vorhaben, den jungen Mann seiner Mutter zurückzuführen, behilflich sein wollt?« Das schien dem Studenten wirklich einzuleuchten. Aber was konnte er tun? »Nichts ist einfacher«, erklärte La Coste. »Ihr müßt Eurem Freund alles erzählen, so wird er sich leicht bewegen lassen, mit Euch zu entfliehen. Ihr nehmt zusammen den Weg nach Herzogenbusch, wo ich Euch erwarte. In wenigen Tagen gelangen wir von dort nach Paris. Und ich darf Euch wohl versichern, daß der gedachte Wechsel nur eine Kleinigkeit genannt werden muß im Vergleich zu der Dankbarkeit der Dame, die in ihrem überschwenglichen Glück nicht zögern wird, und sie hat die Mittel und Macht dazu, Euch zu versorgen, Euch zu einem reichen Manne zu machen.« Dem Studenten schwindelte. Welche Versprechungen! Übrigens schien ihm alles sehr glaubhaft. Sein Freund Karl hatte ihm öfter erzählt, daß er sich recht gut erinnere, wie er als Kind in einem Schlosse gewohnt und in einer Karosse mit vier Pferden gefahren sei. Auch die Erlebnisse in der Nacht seiner Entführung tauchten ihm oft, wenn auch nur dunkel und verschwommen, im Gedächtnis auf. Von dieser Seite also schien sich alles zu bestätigen, was der Franzose vorbrachte. Und übrigens, – was sollte für ein Unrecht dabeisein? Miserabler als in dem stinkenden Laden des Männecken konnte es dem armen Karl nirgends gehen in der Welt. Es war eine edle Tat, ihn da herauszureißen. Denn, wer weiß, was jener Raufbold von La Sauvetat noch mit dem jungen Menschen vorhatte. »Topp,« sagte er endlich, »ich schlage ein in den Handel. Ich will wenigstens mein möglichstes tun.« Freudig erwiderte der Franzose den Handschlag und beide trennten sich als Freunde und Bundesgenossen. Vierzehntes Kapitel Die Stadt Leyden gereicht der Prinzessin zum Leidwesen Herr Jakobus Renetzius, medicinae studiosus , hatte auch noch am anderen Tage keinen üblen Willen, sich die sechstausend Gulden zu verdienen und den Dank jener Ungenannten obendrein, mußte aber bald erfahren, daß in jeder Art Unternehmen der gute Wille allein nicht entscheidet. Der Lehrling Karl war von seinem Meister bereits gewarnt worden. Er weigerte sich mit aller Entschiedenheit, dem Studenten zu folgen. Schon einmal hatte er sich zu seinem Unglück in Nacht und Nebel hinausschleppen lassen; er wollte jetzt nicht das aus freien Stücken tun, wozu man ihn damals mit Gewalt genötigt. Und Jakob Renetz selber drang nicht allzusehr in ihn. Die ganze Sache wollte auch ihm am nüchternen Tage sehr viel weniger einleuchten als am Abend zuvor bei Kognak und Burgunder. Wenn Karl eine reiche Mutter hat, dachte er, die nach ihm verlangt, wird sie sich an den französischen Gesandten im Haag wenden oder an die Gerichte; wo man ein Recht hat, geht man nicht auf heimlichen Schleichwegen. Er glaubte jetzt nicht einmal mehr an die Echtheit des Wechsels. Die Summe war auch zu groß. Und er vermied es darum mehrere Tage, dem Franzosen zu begegnen, und als es dann eines Abends doch geschah, zuckte er die Achsel. »Er will nicht.« »Verdammt«, fluchte Herr La Coste. »Es tut mir leid«, versicherte der Student. »Sechstausend Gulden, das ist ein Wort. Eine solche Gelegenheit bietet sich mir nicht so schnell wieder. Und was erst noch alles folgen sollte. Ich habe schon jede Nacht von den Reichtümern geträumt, die dort zu Paris nichts zu tun haben als nur auf mich zu warten. Und nun will der dumme Junge nicht. Dieser Bengel. Was meint Ihr, was er mir geantwortet hat? Mein Vorschlag schaue mehr nach einer abermaligen Entführung aus als nach einer Heimführung. Ist der nicht gewitzigt?« Also auch dieser Versuch war mißlungen. Herr La Coste mußte auf einen neuen Einfall denken. Dabei ahnte er nicht, daß ihn bereits der gerade Weg, auf den er am wenigsten vertraut, dem Erstrebten um ein Haar nahegebracht hatte – wenigstens einen Augenblick lang. Denn schon an einem der nächsten Tage lief bei Meister Potenicq von Aachen her die Antwort des Kapitäns von La Sauvetat ein. Sie dünkte das Männecken seltsam in ihrer Knappheit, aber sie war wenigstens klar in ihrer Zustimmung. Walter Potenicq hatte in der Tat allen Grund, sich über diesen Brief zu verwundern. Er konnte nicht wissen, daß gleichzeitig mit seiner Anfrage, oder auch kurz zuvor, dem Herrn von La Sauvetat ein Brief aus Paris zugegangen war von seinem Freund und Verwandten, dem Marquis von Ruvigny, der ihm dieses schrieb: »Ich höre, daß Ihr mit unserem Vetter, dem Herrn von Chabot, der sich jetzt einen Herzog von Rohan nennen läßt, sehr wenig zufrieden seid. Lieber Freund, ich bin es noch weniger. Dieser Herzog von gestern, wie auch seine Frau – sie ist auf meinen Knien groß geworden – haben bei meiner Rückkehr von London einen Ton gegen mich angeschlagen, der mich empörte. Ihr wißt, was diese Leute mir verdanken. Mir und Euch. Aber für geleistete Dienste scheint das kein Gedächtnis zu haben. Nun, bei Gott, sie sollen ihre Undankbarkeit noch bereuen. Die Tanzprinzessin soll noch an mich denken. Sie ist nicht nur undankbar, sie ist auch dumm. Weiß sie denn nicht, was für einen unfehlbaren Trumpf ich gegen sie in der Hand habe? »Und bereits habe ich davon Gebrauch gemacht. Bereits weiß die Herzogin-Witwe, daß ihr Sohn lebt und wo er lebt. Bereits hat sie Schritte getan, ihn zu reklamieren. Begreift Ihr? Dieser wiedergefundene Tankred kann seiner Schwester noch einen verdammten Streich spielen. Die Mutter wird triumphieren. Und das habe ich getan, ich, der Marquis von Ruvigny, das ist mein Werk. Ihr wißt, wie Margarete von Bethune mich haßt, seitdem es mir gefallen hat, die Tochter gegen die Mutter zu beraten und zu unterstützen. Und ich also tue Gutes denen, die mich hassen. Und Ihr, mein Freund? Ihr seid dort im Land, Ihr könnt der Herzogin-Witwe, die ihren Sohn reklamiert, Hindernisse in den Weg legen, wird Euch Euer Gefühl das raten?« Die Gefühle des Herrn von La Sauvetat gegen seinen neuerdings herzoglichen Vetter, so wie dieselben seit einiger Zeit beschaffen waren, rieten ihm etwas ganz anderes. Und er stellte sich kurz entschlossen auf die Seite Ruvignys; – trotzdem er das Empörendste nicht einmal ahnte, nicht ahnte die für ihn geradezu schimpfliche Tatsache, daß auch er hinfüro ein fünftes Rad am Wagen sein sollte und daß der Herzog von Rohan-Chabot und dessen Gemahlin, heimlich und hinter seinem Rücken, bereits Schritte unternommen hatten, um sich ohne sein Mitwissen des Tankred habhaft zu machen, den der Herr von La Sauvetat doch sozusagen als sein persönliches Eigentum betrachtete. Diese Ahnungslosigkeit des Sauvetat hätte verhängnisvoll werden können. Denn, als dann fast gleichzeitig der Krämer Potenicq seinen Bericht erstattete über Herrn Johann von Rondeau, Sieur von Montville, der im Namen einer Herzogin von Rohan die Auslieferung des Lehrlings Karl verlange, konnte La Sauvetat nicht einen Augenblick daran zweifeln, daß wirklich der Geheimsekretär der Herzogin-Witwe bereits des Tankreds wegen in Leyden angelangt sei. Mögen sie es schlucken, die hochmütigen Hoheiten, dachte der Herr von La Sauvetat und schrieb dem Potenicq jene barsch-lakonische Antwort. Er hatte, die Wahrheit zu gestehen, zuerst einen längeren Brief verfaßt, den er aber sofort in hundert Stücke zerriß. Wozu mich bloßstellen, sagte er sich. Den Herzog von Rohan-Chabot oder Chabot-Rohan kann man unter Umständen wieder einmal nötig haben in seinem Leben. Er braucht nicht zu erfahren, daß ich gewußt habe, was ich tue. Ich kann ja der Meinung gewesen sein, daß er selber und seine stolze Gemahlin sich des Tankred bemächtigen wollten. Ich bin ja nicht dabei. Wie soll ich hier im fernen Aachen unterrichtet sein. Ganz recht: er muß meinen, ich habe mit meiner Zustimmung ihm dienen, ihm zu der abermaligen Entführung (und vielleicht Vernichtung) des gefährlichen Schwagers und Bruders behilflich sein wollen. Wie dumm, mich selber mit langen Auseinandersetzungen zu verraten. Ist doch gar nicht nötig, mein lieber Vetter Chabot. So elektrisierend wirkte der glückliche Gedanke auf ihn, daß er in ekstatischer Freude darüber von seinem Sessel emporschnellte, aber mit schmerzverzerrtem Gesicht und einem wilden Fluch wieder zurücksank, da seine Kniewunde noch nicht so weit geheilt war, daß ihm eine derartig heftige Bewegung hätte ungestraft hingehen können. Und Herr von La Sauvetat setzte sich bequem zurecht und schrieb: »An Meister Walter Potenicq, in der Kollegiengasse der Stadt Leyden zu Holland. Mag der junge Mensch zum Teufel fahren, ich kümmere mich nicht mehr darum.« So, lachte er vor sich hin, das mag nur der herzogliche Herr Vetter lesen. Das kann ebensogut für ihn wie gegen ihn gehandelt sein. Wäre aber diese Antwort nur einen einzigen Tag früher in Leyden angelangt, so hätte sie genau das Gegenteil bewirkt von dem, was sie wollte, und hätte wahrhaftig anstatt der Mutter gerade der Tochter den größten Dienst getan. Nämlich Meister Potenicq nahm sich nur wenig Zeit, sich über den landsknechtlichen Brief zu verwundern, dann fing er an, sich unbändig darüber zu freuen. Nun stand ja nichts mehr im Weg, nun konnte er die sechstausend holländische Gulden doch noch verdienen. Sechstausend Gulden und ohne gegen sein Gewissen zu handeln, vor allem aber, ohne in der ewigen Angst leben zu müssen, der wilde La Sauvetat werde ihm eines Tages die Knochen im Leibe entzweischlagen. Er wollte auch schon zu seiner Frau eilen, ihr seine Freude mitzuteilen. Nein, dachte er dann, Frau und Geschäft gehören nicht in ein Heft. Wenn ich ihr heut mittag die Verschreibung auf den Suppenteller lege, da wird sie sich noch ganz anders erstaunen. Und indem er wiederholt verstohlen nach dem Lehrling Karl hinblickte, der eben eine Kiste Seife auspackte und mit den Stücken eine kunstvolle pyramidenförmige Architektur im Ladenfenster aufrichtete, legte er die Schürze ab, zog seinen Rock an, nahm Hut und Stock zur Hand und machte sich auf den Weg nach dem Hause der Witwe Lejuste in der Boerhavengasse. Die Zeit, die er bis dahin brauchte, benützte er weislich. Er machte sich einen Plan. Von dem Schreiben des Kapitäns sollte nicht die Rede sein. Vielmehr wolle er so tun, als ob er sich die Sache überlegt habe und der Meinung geworden sei, daß man ja immerhin noch einmal darüber reden könne. Wenn er es recht klug anstellte, ließ sich wohl auch noch mehr als sechstausend Gulden herausschlagen. Bei der Witwe Lejuste aber erfuhr er, ganz ohne Vorbereitung, daß der französische Edelmann, oder Kaufmann, oder was er sonst sein mochte, seine Wohnung bei ihr mit einer anderen im »Roten Turm« vertauscht habe. Nicht weniger als vier Häscher hätten ihn vor einer Stunde abgeholt und zu seiner Sicherheit bis dorthin begleitet. Zum Unglück nämlich des falschen Johann von Rondeau, war seit zwei Tagen der wirkliche Herr Johann von Rondeau, Sieur von Montville und Sekretär der Herzogin-Mutter von Rohan, zusammen mit deren ebenfalls wirklichem und wahrhaftigem Haushofmeister, Herrn La Metterie, in der Stadt Leyden angelangt. Und das erste, was der herzogliche Sekretär allhier erfuhr, war die Kunde – sie hatte sich bereits allenthalben herumgesprochen – daß er, wenn nicht mit seiner Person, so doch mit seinem Namen, seit Wochen auf unerklärliche Weise in der Stadt spuken solle. Da tat also Aufklärung not. Und Herr von Rondeau sah sich veranlaßt, bei der Behörde unverzüglich diejenigen Schritte zu tun, die zu dem Resultat führten, daß der genannte La Coste wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen und Führung eines angemaßten Namens und unechter Dokumente plötzlich verhaftet wurde, als er gerade, ohne es selber zu wissen, der Erfüllung seines Strebens so unglaublich nahe stand. Ein einziger Tag Aufschub noch, und er war mit seiner Beute für immer aus der Stadt verschwunden. Aber endlich schien sich die Vorsehung entschieden auf die Seite der betrübten und tief gedemütigten Mutter stellen zu wollen. Man mag sich denken, was Meister Potenicq für Augen machte. Ganz verwirrt in seinen Gedanken, trat er den Heimweg an. Als er in seine Gasse einlenkte, sah er schon von weitem vor seinem Laden eine Menge Menschen sich stauen, die ihm in großer Bewegung schienen. Andere kamen ihm aufgeregt entgegen. Ob er es schon wisse, er werde von der Behörde gesucht. Ein Gerichtsbote warte auf ihn in seinem Laden. Und ob es denn wirklich wahr sei, das mit seinem Lehrling Karl, der der Sohn eines Herzogs sein solle, ein Herzog selber. Große Herren aus Frankreich wären bei Gericht erschienen, die den verwunschenen Prinzen reklamierten, um ihn in sein Herzogtum heimzuführen. In seinem Laden erfuhr er die Bestätigung dieser Aussagen. Er fand hier den ihm wohlbekannten Büttel Clas Daal mit einer schriftlichen Aufforderung, wonach er sich, zusammen mit Monsieur Charles, seinem bisherigen Lehrling, unverweilt zu Mynheer Newskieker, dem Friedensrichter von St. Pankras, zu verfügen habe. Jetzt erst sah sich Meister Potenicq nach dem Lehrling um. Der war ruhig damit beschäftigt, frische Flundern an einer Schnur aufzureihen, an der sie vor dem Ladenfenster zum Trocknen aufgehängt werden sollten. Er schien von allem nichts zu wissen; denn die Leute waren ganz scheu geworden über die verblüffende Nachricht von seinem Prinzentum, so daß niemand gewagt hatte, auch nur das Wort an ihn zu richten, und Dorthe Potenicq, von der das am ehesten zu erwarten stand, befand sich zufällig außer Hause. Potenicq selbst zögerte, wie er seinen Lehrling anreden müsse. »Kommt, Monsieur Charles,« sagte er endlich, »folgt mir zum Herrn Friedensrichter; es scheint, daß wir uns bald trennen müssen.« In seiner Verwirrtheit vergaß er ganz, den Karl aufzufordern, andere Kleider anzulegen. So dachte denn auch dieser nicht daran, und ohne ein Wort der Verwunderung oder Frage, wie das immer so seine Art gewesen, folgte er, wie er ging und stand, im schmutzigen Ladenschurz, seinem Meister und dem Büttel nach der unfernen Gerichtsstube bei St. Pankras. Dort, bei dem Richter Mynheer Newskieker, fanden sie nicht nur die beiden französischen Herren, von denen schon der Leute Mund geredet, sondern auch ihren Kostgänger, den Studenten Jakob Renetz. Dieser war aus der Anatomie der Universität, wo er eben an der Leiche einer enthaupteten Kindesmörderin herumgeschnitten, herbeigeholt worden, um vor dem Richter und den beiden Fremden über seinen Verkehr mit einem gewissen La Coste auszusagen, der sich erst für einen Pariser Kaufmann und dann für einen Edelmann namens Johann von Rondeau, Sieur von Montville und Sekretär Ihrer fürstlichen Hoheit Herzogin-Mutter von Rohan ausgegeben hatte. Als dann dieses Geschäft beendet und die ausführliche Erzählung des Studenten mit Hilfe des Schreibers zu Protokoll genommen war, wandte sich Mynheer Newskieker an Meister Potenicq mit der Frage: ob er an bedungenem Lehrgeld und sonstiger Entschädigung noch Forderungen zu machen habe an den Herrn von La Sauvetat, ersten Hauptmann im Regiment des Herzogs von Estrades, und wie hoch sich seine Forderung beliefe. Potenicq nannte diese Summe in ehrlicher Genauigkeit, und sofort wurde ihm dieselbe von dem einen fremden Herren, dem Herrn La Metterie, auf Heller und Pfennig vorgezählt. Darauf fragte ihn der Richter, formhalber: ob er dagegen Einwendung erhebe, daß Monsieur Charles, so genannt, sein bisheriger Lehrling, den anwesenden Herren nach Frankreich folge, um seiner rechtmäßigen Mutter überantwortet zu werden? Potenicq erhob keine Einwendung. Und der Richter verlas darauf das von ihm bereits angefertigte Aktenstück, in dem ausgesprochen wurde: »Daß in Gegenwart seiner selbst, des Richters Dierck Newskieker, sowie dessen Schreibers, Meister Lukas Schob, ferner des Herrn Johann von Rondeau Sieur von Montville und des Herrn La Metterie beide aus der Stadt Paris in Frankreich, ferner des Meisters Potenicq aus der Kollegiengasse und des Studenten der Medizin, Herrn Jakob Renetz, der so genannte Monsieur Charles, bis anher Lehrling bei Meister Potenicq, mit seinem wahren Namen Tankred geheißen, dem edlen Herrn von Rondeau, geheimen Sekretär Ihrer fürstlichen Hoheit der Herzogin-Witwe von Rohan übergeben worden zwecks Überführung des genannten Herrn Tankred an die genannte Herzogin, die gemäß den vorgezeigten Ausweisen und Vollmachten den eben genannten Herrn Tankred als ihren und ihres verstorbenen Herrn Gemahl, des Herzogs Heinrich von Rohan, leiblichen Sohn reklamiert, der ihr als Kind auf verbrecherische und gewalttätige Weise entführt worden ist.« Dieses Dokument unterzeichnete der Richter und nach ihm alle Anwesenden, außer Tankred, worauf Mynheer Newskieker dem Meister Potenicq bedeutete, daß er entlassen sei. Ob er noch etwas vorzubringen habe, fragte der Friedensrichter, da Meister Potenicq zögernd verweilte, der jetzt durch die Frage sichtlich in Verwirrung geriet, dann aber stockend und stotternd mit seinem Anliegen herausrückte: daß ihm nämlich der andere Herr eine Belohnung von sechstausend holländischer Gulden versprochen und daß ohne seine, des Meisters Potenicq, Gewissenhaftigkeit... Hier stockte das Männecken. Und Mynheer Newskieker sah Herrn von Rondeau fragend an. Aber da mußte das Männecken Potenicq erfahren, daß Gewissenhaftigkeit nicht unter allen Umständen belohnt wird. Denn Herr von Rondeau gehörte zu jener Sorte hochherrschaftlicher Sekretäre und Verwalter, die für ihre Herren noch geiziger sind als für sich selber, er erklärte kurz und bündig, daß ihm kein Auftrag dieser Art geworden sei. Unterdessen hatte Tankred kein Wort gesprochen. Die beiden Hausbediensteten seiner Mutter hatten den Jüngling in der schmutzigen Ladenschürze gleich bei seinem Eintreten tief respektvoll als ihren Herrn und Meister begrüßt, ohne daß er imstande gewesen wäre, darauf zu erwidern. Aber bei der Verlesung der Urkunde, an der Stelle, wo von der Herzogin von Rohan als seiner Mutter die Rede war, waren ihm dicke Tränen entquollen. Immer heftiger und sozusagen unbeholfener war sein stummes Weinen geworden; nun jedoch raffte er sich auf zu einer Handlung. Er näherte sich dem Männecken Potenicq. »Lebt wohl, Vater,« sagte er, jetzt fast in Schluchzen ausbrechend, »lebt wohl, ich danke Euch für alles, ich werde Euer gedenken. Grüßt die Mutter von mir.« Unendlich rührend war's. Selbst der Richter wurde davon ergriffen, und Herr von Rondeau schämte sich jetzt seiner harten Worte von vorher. Darauf verabschiedete sich Tankred auch von Jakob Renetz, der ihm versprechen mußte, ihn in Paris zu besuchen. Dann, nach Abgang des Krämers und des Studenten, forderte Herr La Metterie den jungen Herzog auf, sich mit ihm in das anstoßende Gemach zu verfügen. Als vornehmer Kavalier gekleidet, die roten Arbeitshände weiß behandschuht und einen reich mit Brillanten besetzten Degen an der Seite, kam er wieder hervor, und alle drei beurlaubten sich von dem Richter. Und anderthalb Stunden später, nach kurzem Frühstück, traten sie die Heimfahrt an, in einem üppigen und weitläufigen Reisewagen mit dem weithin sichtbaren Rohanschen Wappen und seinem stolzen Wahlspruch: Rois ne puys, Duc ne daygne, Rohan suys. Fünfzehntes Kapitel Tankred erhält endlich eine Mutter Wie dann die Herzogin in ihrem Schloß zu Charenton ihren verlorenen und wiedergefundenen Sohn in ihre mütterlichen Arme schloß, das war ein großes Glück und ein großes Weh. Wieder flossen heiß ihre Tränen wie damals in der Schloßkapelle zu Préfontaine über dem vermeintlichen Grab des jungen Tankred. Aber dieselben Tränen flossen aus andern Quellen. Und nicht nur, daß es damals Tränen zornigen Schmerzes waren und der Verzweiflung und daß jetzt eine Glückliche weinte: sie waren heut vor allem unendlich aufrichtiger. Ihr ehemaliger zorniger Schmerz um den totgeglaubten Sohn hatte gar nicht diesem an sich gegolten; er entsprang einzig aus dem Verlust eines Wesens, das ihr darum so teuer galt, weil damit ein kostbares und unersetzliches Werkzeug ihren Händen unersetzliches Werkzeug ihren Händen entglitten war. Man weiß, wozu das Werkzeug dienen sollte. Und wie sie ihn damals beweint, das Herz voll Heuchelei, ohne es zu ahnen, in dem gleichen Sinn hatte sie sich, die tiefgekränkte Mutter, als die sie sich selber gern ausgab, jetzt auf den Wiedergefundenen gefreut: gefreut im Triumph ihrer rächenden Gelüste, gefreut nicht viel anders als wie auf eine Rute, auf eine Geißel, die ihr vom gerechten Gott, wie sie meinte, von neuem in die Hand gegeben ward, um damit eine undankbare und unnatürliche Tochter endlich nach Verdienst zu züchtigen. In solchen Gefühlen und keinen anderen hatte sie, ohne sich klare Rechenschaft darüber zu geben, dem Erfolg ihrer Gesandtschaft und dem Wiedersehen mit Tankred entgegengeharrt. Aber die Herzogin wurde mit einem Schlag eine andere in dem Augenblick, wo sie den verstoßenen; mißhandelten, getretenen Sohn, der ihr bis zu diesem Tage nicht viel mehr war als ein Phantom, unter heftigem Schluchzen leibhaft an ihre Brust drückte. In diesem Augenblicke wurde sie endlich eine Mutter – für Tankred. Sie sah in seinem Gesicht die Spuren der Erniedrigung, sie fühlte seine Hände übler zugerichtet als die ihres letzten Knechtes, und ein unendlich mütterliches Erbarmen kam über sie, ihr Gewissen erwachte, und sie fühlte zusammengedrängt in einen Moment ihr ganzes ungeheures Unrecht gegen ihr Kind während fast zwei Jahrzehnten. Tief erschüttert brach sie zusammen. Die endlich erwachte Mutterliebe drohte ihr das Herz zu zersprengen, und es wäre schwer zu sagen, was größer und überwältigender war in ihrer Brust, das süße Glück oder das bittere Weh. Aufrichtigere Tränen hatte die Herzogin von Rohan nicht geweint in ihrem Leben, aufrichtiger hatte sie nie geliebt. Der Sohn seinerseits schien noch nicht recht zu begreifen, was es mit dieser neuen Mutter für eine Sache sei; er sprach noch immer von der Krämersfrau zu Leyden als seiner Mutter, und auch der Frau des Schulmeisters zu Gravensande, die ihn aufgezogen, gab er diesen süßen Namen. Das wollte der Frau Herzogin schier das Herz abdrücken. Und sie mußte an demselben Abend des Wiedersehens noch etwas anderes erleben, das ihr schrecklich war. Sie hatte sich allmählich zur Gefaßtheit zurückgefunden, die Abendtafel stand bereit, ihr Sohn mußte sich neben sie setzen, sie bediente ihn, sie legte ihm eifrig die besten und leckersten Bissen auf seinen Teller. Da gewahrte sie plötzlich, wie er blaß wurde und immer blässer und sich dann stracks erhob. Aber es war bereits zu spät. Sein Magen, an die stark gewürzten und mannigfaltigen feinen Speisen nicht gewöhnt, revoltierte. Und noch mehr als gewisse pöbelhafte äußerliche Manieren tat der Mutter seine Sprache im innersten weh. Sein Flämisch, das in einem bedenklichen Sinn des Wortes seine Muttersprache geworden, konnte die Herzogin nicht verstehen, und die wenigen Brocken Französisch, die Tankred von seinem Freund Jakob Renetz gelernt hatte, kamen in zu roher und verdorbener Gestalt heraus, um nicht ihr Herz in gleichem Maße wie ihr Ohr tief zu verletzen. Darum wurde schon am anderen Tage, als erster, ein Sprachmeister für Tankred herbeigeschafft, dann auch ein Schreibmeister, ein Rechenmeister, ein Tanzmeister, ein Fechtmeister, ein Reitmeister. Unter ihrer Leitung gedieh Tankred in kurzer Zeit zum Kavalier, der er erst nur dem Kleide nach gewesen war. Die Lehrer entdeckten in ihm einen klaren Verstand, und die Schmeichler rühmten bald allenthalben seine Ingenuität, worunter sie eine seltene Paarung von Naivität und Geist verstanden wissen wollten. Tankreds Erscheinen zu Charenton war kein Geheimnis geblieben. Schon sprach ganz Paris von dem unter so wunderbaren Umständen wiedergefundenen Prinzen, und nicht wenig regte sich die Hofgesellschaft darüber auf. Allenthalben fragte man sich: was wird die Herzogin-Witwe nur mit ihm vorhaben? Wird sie der Tochter ihr Erbe streitig machen wollen? Und diese selber und ihr Gemahl, was werden sie dazu sagen? Die junge Herzogin von Rohan-Chabot zuckte einstweilen nur verächtlich die Achseln, die Mutter aber handelte. Sie lud, nachdem einige Wochen vergangen, diejenigen Häupter der Familie und der protestantischen Partei, die sie sich ergeben wußte, zu sich wie zu einem großen Fest und stellte ihnen den jungen Tankred vor. Und alle, die erschienen waren, fanden den jungen Tankred entzückend. Die ganze protestantische Partei erkannte ihn jetzt schon feierlich als ihr künftiges Oberhaupt an. Doch waren dies allerdings nicht mehr ganz die nämlichen Leute wie einst unter der Führung Heinrichs von Rohan. Die Vornehmsten und Mächtigsten unter ihnen hatten sich längst, der strengen Sitten des Hugenottentums müde, auf die Seite des Hofes geschlagen und, politisch gesprochen, die Sache des Protestantismus, zu dem sie sich kirchlich zum Teil noch bekannten, endgültig aufgegeben. So vor allem der eigene Neffe der Herzogin-Witwe, das gegenwärtige Oberhaupt ihrer Vaterfamilie, Maximilian Franz von Bethune, Herzog von Sully und souveräner Fürst von Enrichemont, der, wie erzählt worden, nicht nur die Heirat seiner Base Margarete von Rohan mit Herrn von Chabot, sondern auch deren Übertritt zur katholischen Kirche zu begünstigen für gut befunden. Denn so hatten sich in Frankreich die Verhältnisse und die Geister allmählich gewandelt. Der religiöse Kult beherrschte nicht mehr wie früher vorherrschend die Köpfe und Herzen. Ein anderer Kultus, nicht weniger reich an Mysterien und dunklen Bangigkeiten um der Gnade beseligende Güter, war langsam an die Stelle des alten getreten und wurde immer allmächtiger in den Seelen der Großen und Vornehmen: der Kultus des Hofes, der »Hof« sozusagen als Religion, die höchste und unverbrüchlichste von allen. Zwar erst im Aufgehen war dieser Kultus und sein höchster Gott noch in den Kinderschuhen, so daß sein alles verdunkelnder Nimbus in seiner nachherigen Zauber-Herrlichkeit einstweilen noch nicht einmal geahnt wurde: aber schon in ihrer Morgenröte wirkte sie, die neue Religion, mit unerhörter Macht auf die Gemüter. Darum fand der Herzog von Sully, der Enkel des berühmten protestantischen Ministers, in seinem Verhalten keine kleine Gefolgschaft von Herren ähnlich hohen Ranges und Standes. Und darum mußte es der Herzogin-Witwe um so mehr Genugtuung bereiten, daß sich auf ihre und ihres Sohnes Seite gerade die ansehnlichsten Häupter der Rohanschen Familie stellten, außer dem neukreierten Herzog natürlich: so der Fürst Herkules von Rohan, Herzog von Montbazon, dann Ludwig von Rohan, Fürst und Herzog von Rohan-Guémenée, endlich der junge Heinrich von Rohan, Herzog von Soubise. Aus der Herzogin eigener Vaterfamilie aber hatten ihrer Einladung Folge geleistet: Herr Hippolith von Bethune, Graf von Orval. Wenn es die Rohanschen mit der Herzogin hielten, geschah dies wohl weniger aus persönlicher Sympathie für sie und den jungen Tankred, als aus Verärgerung über die Usurpation, wie sie sich ausdrückten, ihres illustren Namens durch den Herrn von Chabot, dem sie darum im höchsten Grad übel wollten. Aber wie es nun auch um die Motive bestellt sein mochte, die Hauptsache blieb, daß sie gekommen waren: im ganzen an die dreißig vornehme und reiche Herren, die an diesem Tage mit der Herzogin zusammen Rat hielten und Beschlüsse faßten über die ersten einleitenden Schritte der Fürstin, um die Rehabilitierung und Anerkennung ihres Sohnes Tankred bei den maßgeblichen Instanzen durchzusetzen. Die wesentliche Funktion in dieser Angelegenheit lag dem Parlament ob, gegen dessen endgültige Entscheidung in einem Fall wie dem vorliegenden, d. h. in einer reinen Rechtsfrage, der Hof sich ausnahmsweise zur Ohnmacht verdammt sah. Und innerhalb des Parlaments wiederum war allein die sogenannte Kammer des Edikts das für die Herzogin kompetente Tribunal; denn ihren Namen hatte diese Kammer daher, daß ihre Gründung und Einrichtung auf dem Edikt von Nantes fußte. Sie war zur gleichen Hälfte aus Katholiken und Hugenotten zusammengesetzt, und ihre Bedeutung lag darin, eine Rechtsgarantie für die Protestanten zu bilden. An diese Kammer richtete darum die Herzogin-Witwe eine Supplik, dahin lautend: daß es ihr verstattet sein möge, in öffentlichem Akt, d. h. in Beisein eines Mitgliedes des Parlaments, einen Familienrat zu versammeln, zum Zweck, ihrem und ihres Gemahls Sohn, dem Herrn Tankred von Rohan, in legaler Form einen Vormund zu setzen und diesen mit jeder Art Vollmacht bezüglich der Interessen seines Mündels auszustatten. Von diesem Schritt ihrer Mutter wurde die junge Herzogin noch am gleichen Tage benachrichtigt, die nun ohne Verzug bei der gleichen Kammer einkam mit dem Ersuchen, der von der Herzogin-Mutter von Rohan gestellten Forderung keine Folge geben zu wollen. Die Kammer des Edikts aber entschied zugunsten der Mutter. Ihrem Verlangen nach öffentlicher Einsetzung eines Vormundes wurde stattgegeben. Und der in einem Saal des Parlamentspalastes rechtsgültig versammelte Familienrat, ausschließlich aus der Partei der Herzogin-Mutter zusammengesetzt, erwählte zu dem genannten Amt den Parlamentsrat Joly, der seine vormundschaftliche Tätigkeit damit begann, daß er über die Entführung des Tankred aus dem Schlosse Préfontaine in der Normandie die gerichtliche Untersuchung einleitete. Die junge Herzogin und ihr Gemahl, der Herzog Heinrich von Chabot-Rohan, legten wiederholt bei dem Parlament heftigen Protest ein gegen das Verfahren. Denn für beide mußten bei dieser Untersuchung unangenehme Ergebnisse herauskommen. Aber ihr Protestieren blieb unbeachtet, und alle Art peinlicher Verhöre und Protokolle nahmen ihren Anfang. Die Herzogin-Mutter schien wirklich das Spiel gewinnen zu wollen. Denn es war nur zu sichtbar, daß die hugenottisch gestimmte Kammer des Edikts ihre Sache nach jeder Richtung hin mit großem Eifer unterstützte. Welch ein Triumph endlich für diese Mutter, die so bitter gelitten – an ihr eigenes Unrecht dachte sie nicht – unter der stolzen Verachtung ihrer, wie sie sich ausdrückte, entarteten und unnatürlichen Tochter. Nichtsdestoweniger stand ihr Haß gegen die junge Herzogin nicht mehr so im Vordergrund ihrer Gefühle. Das Bewußtsein, ihrer unbotmäßigen Tochter wehe tun zu können, bereitete ihr immer noch eine große innere Genugtuung; aber diese wurde verzehnfacht durch die Hoffnung, die ihr jetzt vor allem süß dünkte: ihren Sohn, an dem sie so schweres Unrecht getan, vor der Welt zu erheben und zu Ehren, Reichtum und Macht zu bringen. Aber die junge Herzogin blieb unterdessen nicht müßig. Da das Parlament zu versagen schien, entschloß sie sich, solange es noch Zeit wäre, ihre Zuflucht zu einer anderen Instanz zu nehmen, die schon manchmal bewiesen hatte, daß, wenn auch Recht vor allem geht, die Macht doch sehr oft stärker ist und aus diesem Grunde das letzte Wort behält. Diese Macht war der Hof. Solange das Parlament kein Urteil gesprochen hatte, konnte noch immer der königliche Staatsrat in Repräsentation des Königs sich auf mancherlei Art ins Mittel legen, ohne sich von dem strikten Boden der Legalität zu entfernen. Auf die Begünstigung ihrer Interessen von seiten des Hofes zu rechnen, dazu hatte die junge Herzogin von Rohan-Chabot mehr als einen Grund. Hatte ihr doch Anna von Österreich, die Königin-Regentin, ihre diesbezügliche Unterstützung ausdrücklich zugesagt, und ebensolche, ja noch lebhaftere Versicherungen hatte sie von dem neuen Minister, dem Kardinal Mazarin erhalten. Wohl war die Königin, die für die junge Herzogin von Rohan wenig Sympathie hegte, in ihrem Innern geneigt, an das Recht dieses Tankred zu glauben. Aber ein solches Recht stritt wider die Interessen ihrer Politik und mußte darum gegen diese zurückstehen. Denn nichts konnte der Königin unerwünschter kommen, als ein Wiederaufleben der alten konfessionellen Parteiungen unter den Vornehmen des Reiches, und der Name Tankred von Rohan schien geradezu das Losungswort zu bilden zu erneutem verderblichen Zwist. Schon hatte der verhängnisvolle Name im Schoße zweier der einflußreichsten und mächtigsten Familien den Hader entzündet; wie leicht konnte dieses böse Feuer, das man erloschen glauben durfte, frisch auflodernd um sich greifen und wie früher das ganze Reich in Brand setzen, ja das Königtum selber von neuem in Frage stellen. In diesen Erwägungen wurden der Kardinal und die Königin lebhaft bestärkt von zwei Fürsten ersten Ranges und vornehmsten Mitgliedern des obersten Staatsrates: von Gaston von Orleans, dem Onkel des minderjährigen Königs, und von Herzog Heinrich von Bourbon, Fürsten von Condé. Durch den mächtigen Einfluß dieser beiden war allein die Heirat zwischen Margarete von Rohan und Heinrich von Chabot zustande gekommen, und so setzten beide ihre Ehre darein, ihr eigenes Werk nicht nachträglich zuschanden werden zu lassen. Als darum durch ihre und der Königin Anregung die Sache wegen Tankred dem versammelten Staatsrat vorgelegt wurde, wußte diese erlauchte Versammlung zum voraus, was von ihr erwartet werde. Und danach faßte sie ihre Beschlüsse, die dahin gingen: daß in der zwischen Margarete von Sully-Bethune, Herzogin-Mutter von Rohan, und der Fürstin Margarete von Rohan, Herzogin von Rohan-Chabot, schwebenden Streitsache, als die Interessen und das Wohl des Staates berührend, nicht die Kammer des Edikts allein, sondern vielmehr die drei vereinigten Kammern, die des Edikts, die von La Tournelle und die Großkammer, im letzten Urteil zu entscheiden hätten und nur das Verfahren der Voruntersuchung der Kammer des Edikts einstweilen zu überlassen sei. Indem das gesamte Parlament sich ohne Widerrede diesem Gewaltakt fügte, der doch einen Eingriff in seine inneren Angelegenheiten und in die geordnete Rechtspflege überhaupt bedeutete, zeigte es eine Nachgiebigkeit gegen den Kardinalminister, die ihm dieser selbstverständlich als Schwäche deutete, was dann für beide Teile übel ausschlug. Denn aus dieser Nachgiebigkeit des Parlaments schöpfte der Kardinal bald den Mut zu ferneren Vergewaltigungen, die immer weiter gingen und letztlich den Ausbruch eines Bürgerkrieges zur Folge hatten, wie ihn die Hugenotten zu dieser Zeit zu entzünden nicht mehr imstande gewesen wären, und der dann dem Schicksal Tankreds – wenig nur fehlte – gerade die Wendung zu geben drohte, die jene Beschlüsse zu verhindern suchten. Aber davon ist später zu reden. Die Herzogin-Mutter aber erfuhr noch am gleichen Tage den bedrohlichen Akt der höchsten königlichen Ratsversammlung, der durch die Unterschrift der Majestät Gesetzeskraft erhielt. Sie saß mit ihrem Sohn, denn es war ein schöner Sommertag, auf der Terrasse hinter dem Schloß in der Nähe einer Fontäne, in deren Mitte ein kleiner Herkules der Lernäischen Hydra die Köpfe abschlug, während aus der Brunnenschale hervor vier Schildkröten mir Wasser nach ihm spieen. Tankred hatte eben einen Verweis von seiner Mutter erhalten. Er stand im Begriff, ihr eine spaßige Geschichte von seinem ehemaligen Leydener Freund, dem Studiosus Jakob Renetz, zu erzählen, aber die Mutter unterbrach ihn fast barsch. »Ich habe Euch gebeten,« sagte sie, »mir niemals wieder von jener unrühmlichen Vergangenheit zu reden, die Ihr vergessen müßt. In die Zukunft muß Euer Blick gerichtet sein, nicht auf das, was hinter Euch liegt. Ihr seid zu Großem und Glänzendem berufen, jene dunklen Jahre müssen wie ausgelöscht sein aus Eurem Leben. Auch nicht einmal in Gedanken sollt Ihr Euch damit beschäftigen.« Beschämt saß Tankred und schwieg. Das Reden konnte ihm die Mutter verbieten, aber das Denken? Äußerlich wollte er ihr gern gehorchen, er machte sich bittere Vorwürfe, daß er ihr Verbot einen Augenblick lang vergessen konnte; aber würde es je in seiner Macht liegen, innerlich aufsteigende Bilder und Erinnerungen ganz zu unterdrücken? Ist man denn Herr seiner Gedanken? Er wenigstens war es nicht. Eine solche Gewalt und Macht besaß sein Wille nicht, er schämte sich. In diesem Augenblick trat ein Lakai aus dem Schlosse und überreichte auf silbernem Teller der Herzogin einen Brief. Darin berichtete ihr der Marschall von Châtillon die Vorgänge im Louvre. Das immer noch schöne, ja jugendlich aussehende volle Gesicht der Herzogin erbleichte. Am Hofe also war man entschlossen, der Sache Tankreds entschiedenen Widerstand zu leisten. Wird sie, die viel angefochtene und gebeugte Witwe, diese Macht zu überwinden vermögen? Sie sah von der Seite den getadelten und beschämten Tankred an und ihre harte Rüge reute sie. Er tat ihr bitter leid. Seine große und glänzende Zukunft war auf einmal wieder bedenklich ferne gerückt. Sechzehntes Kapital Die Prinzessin triumphiert In der Kammer des Edikts aber nahmen währenddessen unter Leitung des Parlamentsrats Joly die Untersuchungen und Vernehmungen ihren ungestörten Fortgang. Joly machte sich seine Aufgabe nicht leicht. Er war durchaus erfüllt von dem Bewußtsein seiner Pflicht und verrichtete gründliche Arbeit. Auch nahm er sich Zeit dazu. Viele Monate lang zogen sich die Verhöre hin, die Akten häuften sich zu Bergen. Doch endlich erklärte er sie für abgeschlossen. Und dann, es war der sechsundzwanzigste Februar, traten die drei genannten Kammern, die des Edikts, die sogenannte La Tourelle und die Großkammer zum Gericht zusammen. Man hatte den geräumigsten Saal des Palastes dazu gewählt, der in seiner tief getönten Dekoration im strengen Stil aus der Zeit der Königin Katharina Medici, mit der nachgedunkelten reichen Vergoldung, schon an sich einen imposanten Eindruck erregte. Und nicht weniger imposant wirkte die Versammlung. Denn außer den zahlreichen Räten, mit ihrem jeweiligen Präsidenten, geordnet nach der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Kammer, und verschieden untereinander durch die Farbe ihrer pelzverbrämten Talare und hohen Mützen, und außer den Advokaten und dem Troß von Schreibern: hatten sich eingefunden nicht nur der Herzog Heinrich von Rohan-Chabot und dessen herzogliche Gemahlin, sondern auch alle die hohen Herrschaften, die für sie Partei ergriffen hatten, die Parteigänger mit einem Wort, gegen die sechzig mindestens, der weitaus größte Teil des ganzen hohen Adels von Frankreich, an ihrer Spitze der nächste Verwandte der Gegenkläger, Maximilian Franz von Bethune, Herzog von Sully, Pair von Frankreich und souveräner Fürst von Enrichemont. Nur die höchsten Fürsten von Geblüt waren nicht erschienen, nicht Gaston von Orleans und nicht Herzog Heinrich von Bourbon, Fürst von Condé, die beide sich durch Prokuratoren vertreten ließen. Um so vollzähliger drängten sich im Saal alle diejenigen, die den Anhang dieser Größten bildeten: darunter selbst so stolze und unabhängige Herren wie die Pairs und Herzöge von Fronsac, von St. Simon, von Retz, nicht zu vergessen den späteren Kardinal von Retz, gegenwärtigen Koadjutor von Paris und Erzbischof in partibus von Korinth. Leer dagegen, seltsam, zeigten sich alle Plätze der Gegenpartei. Der erste Präsident, Herr von Bellièvre, ganz in Rot und Hermelin, erklärte dennoch, nachdem er seinen hohen Sitz bestiegen, die Verhandlung als eröffnet, und man begann mit der lauten Verlesung der Verhörsprotokolle aus der Voruntersuchung. Sie bildete einen ungeheueren Stoß von Akten, und drei Aktuare, die sich der Reihe nach ablösten, waren mit dem Geschäft der Vorlesung betraut. Es wurde da verlesen: Erstens eine Vollmacht der Dame Margarete von Sully-Bethune, Herzogin-Witwe von Rohan, in welcher die genannte Dame ihren Bevollmächtigten, den Herrn Parlamentsrat Joly, beauftragt, eine Untersuchung einzuleiten und zu führen über die Entfernung des Herrn Tankred von Rohan, ihres Sohnes, aus Schloß Préfontaine in der Normandie, sowie über dessen Verbringung nach Holland und seine Unterkunft daselbst. Zweitens, von der gleichen Herzogin-Witwe von Rohan ein Gesuch in Form einer Klage an den Amtmann von Evreux und dessen Stellvertreter in der Vize-Grafschaft Orbec, um die obrigkeitliche Erlaubnis, in dem dortigen Gerichtssprengel, d. h. zu Préfontaine und in der Nachbarschaft, alle Schritte tun zu dürfen, die zur Aufhellung der Entführung ihres Sohnes, des Herrn Tankred von Rohan, irgendwie dienen können. Drittens, eine gerichtliche Vorladung an verschiedene Einwohner aus den Pfarreien von Préfontaine, von Breuil und Le Grasset, zum Zweck ihrer Vernehmung in Sachen der Entführung eines gewissen Herrn Tankred Le Bon, genannt von Rohan. Viertens, das Verhörsprotokoll mit den verschiedenen Aussagen jener Vorgeladenen. Fünftens wurde verlesen: das Verhör des Heinrich von Taillefer, Seigneur von La Barrière und Vetter des Herrn Heinrich von Chabot, worin derselbe aussagte: daß er zu dem Zwecke in die Normandie gekommen, um durch elf Leute seiner Kompagnie den Herrn Tankred, genannt von Rohan, mit Gewalt den Händen des Herrn La Brière, Schloßherrn von Préfontaine, zu entreißen und aus dem Schlosse Préfontaine zu entführen; wie auch, daß er zu diesem Schritte veranlaßt worden durch die Bitte der Dame Margarete von Rohan, heutiger Gemahlin Heinrichs von Chabot, seines leiblichen Vetters, welche genannte Dame ihm auch das Geld eingehändigt, das er zu dem Unternehmen benötigt, und dies alles, weil die genannte Margarete von Rohan befürchtete, der genannte Tankred, ihr Bruder, würde ihr später in der Erbnachfolge ihres Vaters Abtrag tun. Sechstens, das Verhör des Herrn Marquis von Ruvigny, Gouverneurs der Festung Seiner Majestät in der St. Antonsstadt, der bestätigte, den genannten Tankred von Rohan aus den Händen des Herrn Heinrich von Taillefer durch einen seiner Leute entgegengenommen und nach seinem festen Schloß bei Calais, genannt La Caillemotte, verbracht zu haben, woselbst Herr von La Sauvetat, der Bruder des Herrn von Taillefer und Hauptmann in dem holländischen Regiment des Herzogs von Estrades, den Knaben abgeholt und nach Holland verbracht hat. Wurde hierauf verlesen Siebentens: die Vollmacht der mehrgenannten Dame Margarete von Bethune, Herzogin-Witwe von Rohan, gegeben an Herrn Johann von Rondeau, Seigneur von Montville, ihren geheimen Sekretär, zu dem Zweck, nach Holland zu reisen und dort durch richterliche Vermittlung oder andere legale Schritte sich des ihr geraubten Sohnes Tankred zu bemächtigen und ihn nach Frankreich zurückzuführen. Achtens: eine schriftliche Erklärung des Simon Cernolle, Schulmeisters von Gravensande in Holland, mit der Bestätigung, daß ihm das in Rede stehende Kind von dem Herrn von La Sauvetat, Hauptmann in holländischen Diensten, am Karfreitag des Jahres 1638 übergeben worden ist. Und wurden ferner verlesen noch eine große Anzahl von Protokollen und Zeugnissen, unter anderem die Aussagen des Herrn von La Sauvetat, des Agenten La Coste, des Krämers Walther Potenicq und seiner Frau Dorothea aus der Kollegiengasse der Stadt Leyden in Holland, sowie das Verhör und die Aussage des Studenten der Medizin Jakobus Renetz an der Universität zu Leyden und viele andere Schriftstücke dieser Art, deren Lektüre nur selten verlief ohne laute Proteste und Zwischenrufe der Parteigänger des Herzogs Heinrich und der Herzogin Margarete von Rohan-Chabot. Als letzte Dokumente kamen zur Verlesung die Aussagen folgender Personen: des Herrn Lamettrie, Hausmeisters der Herzogin-Witwe von Rohan, der Herren Lagneau und Rosé, ersterer Leibarzt, letzterer Leib- und Hofapotheker der genannten Herzogin, ferner einer weiblichen Person, genannt Rahel Ledanois, Kammerfrau der Dame Margarete von Bethune, und noch einiger andern. Und sagten alle diese Personen übereinstimmend dahin aus: daß sie beobachtet hätten, wie zu Venedig der verstorbene Herzog Heinrich von Rohan und dessen Gemahlin, die Dame Margarete von Bethune, vier Monate in größter Eintracht gelebt und lange Zeit in einem gemeinschaftlichen Zimmer und oft in einem gemeinschaftlichen Bette geschlafen hätten. Die Verlesung dieser letzten Schriftstücke wurde von der Tochter mit schallendem Hohngelächter empfangen und nötigte selbst den ernstesten Richtern ein Lächeln ab. Womit aber die Gedanken aller Anwesenden sich seit zwei Stunden, je länger, je ausschließlicher beschäftigten, das war die Abwesenheit der anderen Partei. Denn die Zeit zeigte sich unterdessen zu weit vorgerückt, als daß noch mit deren Erscheinen hätte gerechnet werden können. Das Absichtliche dieses Verhaltens konnte nicht länger verborgen bleiben. In der Tat hatte einen Tag vor der Verhandlung der Familienrat der Herzogin-Mutter beschlossen, ein endgültiges Urteil, das bei der gegenwärtigen Stimmung des Parlamentes mit Sicherheit ungünstig ausfallen müsse, durch Nichterscheinen für jetzt unmöglich zu machen. Dergestalt kam es, daß nach ganz kurzen Plaidoyers der drei Advokaten auf seiten der Chabot-Partei das Urteil ganz im Sinne dieser Partei ausfiel. Die Forderungen der Herzogin-Mutter in ihrem und ihres Sohnes Namen wurden kurzer Hand abgewiesen und diesem Sohn unter Androhung der vorgesehenen Ordnungsstrafe verboten, den Namen, Titel und Rang seines Vaters – er war es vor dem Gesetz – ganz oder teilweise für sich anzunehmen oder sich anzueignen, wie auch seiner Mutter, der Herzogin-Witwe, sie diesem Sohne beizulegen oder auf ihn anzuwenden. Dieses in Abwesenheit der einen Partei gefällte Urteil galt zwar durchaus als provisorisch, es konnte dagegen jederzeit appelliert werden; aber Heinrich von Rohan-Chabot und seine Gemahlin durften sich nichtsdestoweniger einstweilen dabei beruhigen. Sie hatten allem Anschein nach endgültig über die Mutter gesiegt und sie taten ihrem Jubel keinen Einhalt. Der Herzog ließ das Urteil auf seine Kosten an allen öffentlichen Gebäuden von Paris, wie an allen Plätzen und Straßenkreuzungen anschlagen, und zu Charenton ließ er es bis unter den Fenstern der herzoglichen Mutter und ihres Sohnes von dem öffentlichen Ausrufer an drei hintereinanderfolgenden Tagen laut vor allem Volke verlesen. Dennoch muß gesagt werden, daß jetzt, in ihrem höchsten Triumph, der Tochter zum ersten Male nicht ganz wohl zumute war gegenüber dem Verhältnis zu ihrer Mutter. Das menschliche Herz ist so beschaffen. Wenn es seinen Widersacher tief gebeugt und gedemütigt sieht, dann vermag es wieder mild und versöhnlich an ihn zu denken. Margarete von Rohan empfand jetzt fast etwas wie Reue über ihre Härte gegen die Mutter. Dazu mochte freilich auch ihr körperlicher Zustand etwas beitragen; sie sah ihrer ersten Entbindung entgegen. Je näher diese schwere Stunde heranrückte, desto drückender und banger wurde es ihr um die Seele. Es schien ihr auf einmal doch kein Kleines, vielleicht gar vor der Mutter und unausgesöhnt mit ihr vor den Richterstuhl des Ewigen gerufen zu werden. Ja, sie fing an, ihren Frieden mit der Mutter als eine Garantie für einen glücklichen Verlauf ihres eigenen Mutterwerdens zu empfinden und sich täglich heftiger danach zu sehnen. Sie übermannte sich endlich und schrieb in diesem Sinne der Mutter einen langen Brief. Seht, seht, sagte diese bitter beim Lesen des töchterlichen Schreibens, alles hat sie mir genommen, alles. Mit allen Machtmitteln der ungerechten Welt hat sie mich unterdrückt. Ganz klein hat sie mich gemacht. Kalt lächelnd hat sie ihren Fuß gesetzt auf meinen gedemütigten Nacken. Nun möchte sie als Letztes noch mein Herz. Das kann sie mir durch keinen Richterspruch entreißen lassen. Mit Gewalttat kann sie mir das nicht nehmen, so will sie mir's abschmeicheln mit sanften verlogenen Worten. Und die Herzogin-Mutter antwortete ihrer Tochter: sie sei der Versöhnung nicht abgeneigt, sie freue sich des guten Willens. Und vollkommen billige sie den sinnigen Vorschlag der Tochter, die Vornahme der heiligen Taufhandlung an dem zu erwartenden Neugeborenen in ihrer sakramentalen Weihe noch dadurch zu erhöhen, daß über das Becken des Täuflings hinweg Mutter und Tochter sich umarmten, und wie der neugeschaffene Christ, ebenfalls, wenn auch in anderem Sinne, eine Wiedergeburt feierten im heiligen Geist der christlichen Liebe. »Und so nehme ich an,« schloß die Mutter ihren Brief, »daß es Eure Absicht sei, das Kind in dem Tempel zu Charenton, der der Eurige ist wie der meinige seit Kindheit auf, zur Taufe zu bringen, wie auch, daß Ihr damit einverstanden seid und Euch darüber freut, wenn ich Euch zu Taufpaten vorschlage: mich als Eure Mutter und Tankred von Rohan als Euren Bruder.« Die junge Herzogin erhielt diesen Brief, als sie gerade mit ihrem Gemahl bei der Morgenschokolade saß. Sie hatte in ihrem bösen Gewissen eigentlich doch nicht recht gewagt, eine Antwort von ihrer Mutter zu erwarten, und in freudiger Erregtheit und nicht ohne eine Beimischung von neuem Triumph öffnete sie das Schreiben. Einen Augenblick hatte der Herzog es ihr verbieten wollen, ihres Zustandes wegen; aber sie war auf ihrem Willen bestanden. Als sie die ersten Zeilen las, rötete sich ihr bleichgewordenes Gesicht. Ein Ausdruck lebhaftester Genugtuung verbreitete sich über ihre Züge. Aber plötzlich begann ihre schlanke weiße Hand zu zittern, ihr Gesicht verzerrte sich, und dann brach sie in ein kaltes, häßliches Lachen aus. Ihr schwerer Leib unter den losen Hüllen des Morgengewandes bebte. Erschrocken eilte der Herzog, ihr Gemahl, hinzu. Er hatte es geahnt, er hätte sie diesen Brief nicht lesen lassen dürfen. Wenn sie nun Schaden nahm! Aber mit einer verächtlichen Geste warf die junge Herzogin das mütterliche Schreiben vor sich hin auf den Tisch. Sie war innerlichst empört. In ihrem naiven Egoismus hatte sie sich's zu keinem kleinen Verdienst angerechnet, den ersten Schritt der Mutter entgegen getan zu haben, der ihr nun so vergolten wurde. Mit welchem Hohn! In großer Ängstlichkeit suchte ihr Gemahl sie zu beruhigen. Und sie war auch schon wieder ruhig. Ihre Augen blickten kalt und hart. Die Befürchtungen des Herzogs erwiesen sich als grundlos. Die ehemalige Tanzprinzessin war eine starke und gesunde Natur, und sie gebar am anderen Tage ihrem Gemahl einen gesunden und kräftigen Sohn. Und über diesem neuen Glück hätte sie der Mutter bald gänzlich vergessen, wenn nicht um diese Zeit in den politischen Verhältnissen allmählich eine Wendung eingetreten wäre, die die schwachen Hoffnungen der Herzogin-Witwe auf die Rehabilitierung ihres Sohnes in ganz unerwarteter Weise noch einmal zu begünstigen versprach. Der Kardinalminister Mazarin und die Königin-Regentin, Anna von Österreich, hatte sich allem Anschein nach endgültig mit dem Parlament überworfen. Diese illustre Körperschaft, die mit der Zeit aus einem obersten Gerichtshof zugleich ein politischer Machtfaktor geworden war, fing auf einmal an, sich wieder auf ihre alten Rechte, am Hofe sagte man »Anmaßungen«, zu besinnen, welche ihr unter der eisernen Rute des großen Richelieu ganz aus dem Gedächtnis gekommen schienen. Das wichtigste dieser Rechte, von Richelieu aber niemals anerkannt, bestand in der Bewilligung oder Verweigerung neuer Steuern, in der Form, daß keine königlichen Steuern, keine königliche Steuerausschreibung Gesetzeskraft erlangte ohne die Sanktion des Parlamentes. Keine auf Steuern und sonstige Abgaben bezügliche Verordnung des Königs (oder seines Ministers) sollte Gültigkeit und Kraft haben, solange sie nicht in den Registern des Parlamentes beurkundet worden. Eine solche Beurkundung zu verweigern hatte das Parlament lange nicht mehr gewagt; denn Richelieu, dieser eigentliche Urheber des königlichen (oder ministeriellen) Absolutismus in Frankreich, hätte eher das Parlament vernichtet, als sich von ihm einen Einspruch in seine Macht gefallen zu lassen. Was aber dieses Parlament jenem gewaltsicheren Königsbeherrscher gegenüber sich nicht mehr zugetraut hatte, dazu ward ihm jetzt unter dem von vornherein mißliebigen Ministerium Mazarin von neuem der Mut. Und wie politische Auflehnungen und Revolutionen fast immer von der Verteuerung der Lebensmittel für die Massen des Volkes ihren wirksamsten Anstoß nahmen, so geschah es auch diesmal. Denn da es sich gerade um drückende neue Steuern auf Getreide und Mehl handelte, denen das Parlament sich widersetzte, gewann diese Körperschaft sofort den mächtigsten Rückhalt im Volk. Ein Befehl des Ministers, im allerhöchsten Namen, verbot dem Parlament, sich zu versammeln. Dieses weigerte den Gehorsam, und als daraufhin mehrere Räte verhaftet wurden, brach die Revolution in der Hauptstadt offen aus. Der Hof verließ in nächtlich heimlicher Flucht die Hauptstadt und rettete den unmündigen König nach St. Germain. Das war der Anfang jener langwierigen Bürgerkriege, die man in der Geschichte Frankreichs die »Fronde« zu nennen pflegt. Viele Großen des Reiches, mit Mazarin unzufrieden, ergriffen gleich anfänglich die Partei des Volkes und des Parlamentes, vor allem der Koadjutor von Retz und mehrere bourbonische Prinzen, wie die Herzöge von Beaufort und Longueville und der Fürst von Conti. Auf seiten des Kardinals und des Hofes standen einstweilen noch der Herzog Gaston von Orleans und der Fürst von Condé. So waren denn die beiden mächtigsten Protektoren des Herzogs und der Herzogin von Rohan-Chabot jetzt die Todfeinde des Parlamentes. Und so hielt mit Recht die Herzogin-Witwe von Rohan den Augenblick für überaus günstig, die Sache ihres Sohnes Tankred zu einer endgültigen und glücklicheren Entscheidung zu bringen. Siebzehntes Kapitel Soldatentod. Tankred wird von Margarete von Rohan noch im Grabe verfolgt Die Herzogin-Witwe blieb also nicht untätig. Zunächst veranlaßte sie ihren Sohn zum Eintritt in die Truppen des Parlaments unter dem Oberbefehl des Fürsten von Conti, indem sie damit rechnete, daß ein solcher Schritt wohl geeignet wäre, ihrem Sohne die Gunst der Parlamentsherren zu gewinnen. Tankred wurde als Freiwilliger eingereiht und bekam während der Belagerung der Hauptstadt durch die Armee des Fürsten von Condé bald Gelegenheit, sich durch Tapferkeit, ja Todesverachtung hervorzutun. Und obwohl nur als gemeiner Reitersmann in den Reihen kämpfend, wie einst sein unglücklicher Vater Heinrich von Rohan, sein Vater im Sinne des Gesetzes, unter den Mauern von Rheinsfeld, so gelang es ihm doch, seinen Namen in den Mund von ganz Paris zu bringen und das Parlament auf sich aufmerksam zu machen. Als die Dinge nun so standen, reichte seine Mutter, die Herzogin-Witwe von Rohan, die unterdessen ein umfangreiches Aktenmaterial zusammengestellt hatte, ihre Berufung ein gegen das in Abwesenheit ihrer Partei gefällte Urteil vom 26. Februar des Vorjahres. Und diese Berufung wurde bereitwillig von der hohen Körperschaft entgegengenommen, die in einer Präliminarsitzung den bewußten Beschluß des königlichen Staatsrates als dem Edikt von Nantes widersprechend – man fand jetzt den Mut dazu – für unwirksam erklärte und den Prozeß Margarete von Bethune nebst Anhang kontra Margarete von Rohan-Chabot und Gemahl der alleinigen Kammer des Edikts zur endgültigen Entscheidung überwies. Damit hatten Tankred von Rohan und die Herzogin-Witwe, seine Mutter, ihre Sache so gut wie gewonnen. Der neue Gerichtstag wurde angesetzt auf den 1. Februar, also fast auf den Jahrestag der ersten Verhandlung; Tankreds Schicksal aber entschied sich bereits an dem vorangehenden Tage, dem einunddreißigsten des Monats Januar, in der Weise, wie zu Anfang dieser Erzählung bereits angedeutet worden. An diesem einunddreißigsten des Januar unternahm es der Herzog von Noirmoustiers, von der Pariser Partei, mit einer Abteilung seiner Reiterei den festen Platz Brie-Comte-Robert im Südwesten von Paris durch einen verwegenen Handstreich dem Feind zu entreißen, der sich seit wenigen Tagen zuvor dort festgesetzt hatte. Unter den dreihundert jungen Leuten, die sich dieser gewagten Expedition freiwillig anschlossen, befand sich auch Tankred von Rohan. Das Unternehmen mißlang. Die Besatzung von Brie-Comte-Robert erwies sich stärker, als die Pariser vermuten konnten, und nach mehreren blutigen Scharmützeln entschloß sich der Herzog von Noirmoustiers, seine Leute noch am Abend nach Paris zurückzuführen. Er kam ungefähr bis nahe an das Dorf Vincennes heran, während gerade die Wintersonne jenseits des Flusses sich blutig gegen Montrouge niedersenkte. Da, in dem sogenannten Val de Fécan, stieß er plötzlich auf eine feindliche Reiterpatrouille aus der Festung von Vincennes, in deren Anführer er den Grafen von Bussy-Rabutin erkannte. Die Patrouille des Grafen, aus zehn oder zwölf Mann bestehend, konnte den drei hundert Parisern nicht standhalten, sie wandte sich zur Flucht. Und die Pariser hinter ihnen her, den Fliehenden am nächsten Tankred von Rohan mit sechs bis sieben Mann zur Seite. Diese sieben oder acht Mann weit im Vorsprung vor den Ihrigen, bemerkten es nicht in ihrem Eifer, daß ihr Führer die Verfolgung des Grafen aufgegeben und bereits wieder seinen friedlichen Marsch auf das Tor von St. Anton zu fortsetzte. Dagegen war dies von dem Grafen von Rabutin wahrgenommen worden, der sich jetzt, sein Pferd herumwerfend, angreifend gegen seine Verfolger wandte, unter denen sich Einer durch besondere Angriffslust hervortat, ein auffallend junger Mann von fast noch knabenhafter Gestalt, das schmale bläßliche Gesicht von einem üppigen Schmuck braungoldener Locken umgeben. Vier seiner Kameraden stürzten um ihn her von ihren Pferden; er selber hatte bereits zwei Feinde mit seinen Pistolen niedergestreckt und drang nun mit dem Degen auf die übrigen ein, als er plötzlich aus der Flinte eines Musketiers getroffen, heftig aus der Schulter blutend, niedersank. Dies war Tankred von Rohan. Die königlichen Soldaten hielten ihn für tot und machten sich daran, ihn auszurauben. Als aber einer davon, ein blondgeschnauzter Deutscher aus dem Regiment des Grafen Dona, ihm in hastiger Ungeduld und wenig sänftiglich die Stiefel von den Füßen riß, kam der Totgeglaubte ins Bewußtsein zurück und öffnete groß die Augen. Nach seiner Kleidung und Wäsche mußte es ein Vornehmer sein. So packten ihn die Soldaten wieder auf sein Pferd und ritten mit ihm bei einbrechender Nacht, in Erwartung einer guten Belohnung, nach Schloß Vincennes, wo sie ihn dem Kommandanten, Herrn von Drouet, auslieferten, der den Schwerverwundeten, ahnungslos, mit wem er es zu tun hatte, in einem Seitenbarren der Stallung auf das Heu lagern und von dem Chirurgen der Festung verbinden ließ. Als gegen Mittag des folgenden Tages die Herzogin-Witwe von Rohan sein Geschick erfuhr, war Tankred bereits verschieden. Der Tod war dem Urteil der Richter zuvorgekommen. »Schon oft hatte das Machtwort eines Königs oder Ministers diese Trotzigen und Stolzen des Gerichtspalastes«, so schrieb Roger Graf von Rabutin, »in unwürdiger und beschämender Weise auseinandergetrieben, wenn sie sich weigern wollten, eine neue drückende Steuerforderung oder sonst einen Willkürakt zu sanktionieren; etwas wie gestern aber war der illustren Gesellschaft noch nicht widerfahren. Denn da ist ihre Versammlung gesprengt worden von der allerhöchst eigenen Person Seiner grausigen Majestät des Todes selber, dessen Spruch ihnen sozusagen mit eiskaltem Stahl das Wort vom Munde abgeschnitten, also daß ihnen eine geraume Weile die Mäuler davon offen standen.« Und trotzdem sollte Tankreds Schicksal mit dem Tode keineswegs erledigt sein. Noch im Grabe wurde er vom Haß seiner Schwester verfolgt. Das kam so. Gleich am ersten Tage nach dem Tode ihres Sohnes hatte die Herzogin-Witwe ihren Vetter Franz von Bethune, Grafen von Orval, zu ihrer Tochter abgesandt, um ihr einen Vertrag anzubieten, dahin lautend: daß ihr, der Herzogin-Mutter, von ihrer Tochter und deren Gemahl in ehrlicher Gutwilligkeit und ohne Hinterhalt zugestanden werde, ihren Sohn Tankred im Dom zu Genf in der Gruft ihres Gemahls, des Herzogs Heinrich, zu bestatten, wogegen die Mutter sich verpflichtete, die Kosten eines längst geplanten Denkmals für Herzog Heinrich, die auf Lasten der Tochter und Erbin gehen sollten, allein aus ihrem Weibergut und Wittum zu bestreiten und dennoch für Größe, Form, Gestalt und Umfang dieses Monumentes allein ihrer Tochter die Entscheidung zu überlassen. Dieser Vertrag hatte der jungen Herzogin und ihrem Gemahl vorteilhaft geschienen, und sie hatten ihn beide unterschrieben. Und also begrub darauf die Herzogin-Witwe ihren Sohn Tankred mit großem Pomp im St. Peter zu Genf an der Seite des Herzogs Heinrich und ließ auf die Platte eine Inschrift setzen, über die man lächeln kann, die aber der betrübten Dame und Mutter in jenen Tagen sicherlich aus ehrlichem Glauben und aufrichtigem Herzen kam. Diese Grabschrift lautete: Tancredus Rohani Ducis filius Hic situs est Qui paternae virtutis Et tanti nominis Verus Haeres Pro Parisiensibus obsessis Anno MDCIL. aetatis suae IX. Fortiter dimicans Globo plumbeo transverberatus Cecidit Gentis suae fato potius quam suo Ostensus terris tantum. Posuit Margarita Bethunia Rohani Ducissa Videa dolorosa, Mater inconsolabilis Aeternum aeterni luctus sui Monumentum Quod manes cineresque diu testetur Amatos. Auf Deutsch: Hier ruht Tankred Des Herzogs von Rohan Sohn und Wahrer Erbe Seines großen und verdienstvollen Namens. Er starb Von einer Kugel getroffen im tapfern Kampf Für das belagerte Paris Im Jahr MDCIL, seines Lebens im IX. Zu größerem Unglück für seine Familie als für ihn selber, Ward er vom Himmel dieser Erde nur gezeigt. Margarethe von Bethune, Herzogin von Rohan Die trostlose Witwe und schmerzhafte Mutter Hat als Zeichen ihrer ewigen Betrübnis Dieses Denkmal gesetzt, Daß es ihrer mütterlichen Zärtlichkeit für Die Manen des teueren Hingeschiedenen Ein Zeugnis sei allen kommenden Jahrhunderten. Es konnte nicht fehlen, daß dieses Epitaphium in seinem Wortlaut der Herzogin von Rohan-Chabot zu Ohren kam. Sie fand die Schrift empörend. Sie fand sie auch lächerlich und verlogen. Sie nannte sie einen Skandal, den sie unmöglich dulden dürfe. Und da sie gerade mit Anna von Österreich besser stand als je, wurde es ihr nicht schwer, die Königin-Mutter für ihre Angelegenheit zu gewinnen. Denn auch die Königin fand das genannte Epitaphium geschmacklos, sogar schamlos, und versprach Abhilfe. Sie hielt Wort. Und so geschah es, daß an einem Tage ausgangs September des Jahres 1650 in dem Hohen Rat der Republik zu Genf das folgende Schreiben verlesen und nicht nur mit offenen Ohren, sondern auch weit offenen Mündern angehört wurde: »An meine sehr werten und guten Freunde, die Mitglieder des Hohen Rats von Genf! Sehr werte und gute Freunde! Wir haben in Erfahrung gebracht, daß die Herzogin-Witwe von Rohan, in ihrem Haß gegen unsere Base, die Herzogin von Rohan, verharrend, die Absicht hat, die leiblichen Überreste eines gewissen Tankred in dem Grab Unseres Vetters, des Herrn Herzogs Heinrich von Rohan, beisetzen zu lassen. Da diese Handlung aber ein Unrecht gegen das Andenken des Verstorbenen, sowie ein Verstoß gegen unsere eigene Autorität bedeuten würde – da wir durch den allbekannten Erlaß unseres Parlamentshofes die Ansprüche des obgenannten Tankred als fälschlich angemaßte abgewiesen haben –: so bringen wir, nachdem wir Rat und Meinung Unserer sehr verehrten Frau Mutter, der Königin, eingeholt haben, Gegenwärtiges zu Eurer Kenntnis, um Euch mit aller möglichen Affektion aufzufordern: Nicht dulden zu wollen, daß der Körper des besagten Tankred in Genf empfangen, noch in dem Tempel beigesetzt werde, wo die Gebeine des Herrn Herzogs Heinrich von Rohan ruhen. Indem wir erwarten, daß Ihr uns diese Satisfaktion geben werdet, bitten wir Gott, daß er Euch, sehr werte und gute Freunde, in Seiner heiligen Gnade und Obhut behalte. Bourg-sur-Mer, am 2. September 1650. Gezeichnet: Ludwig. weiter unten: De Lomenie.« Dieser Brief war diplomatisch abgefaßt. Er stellte die Sache so hin, als ob Tankred erst beigesetzt werden sollte, was zu verhindern die Genfer aufgefordert wurden. Die Herren aber kannten sich aus im Stil solcher Schriftstücke. Sie wußten, daß Seine allerchristlichste Majestät keine Leichenausgrabung wünschte. Nur um die ärgerliche Grabschrift handelte es sich. Und darum gingen sie hin und bestellten Werkleute und ließen die Platte abmeißeln und die Schrift vertilgen, daß auch nicht ein Buchstabe davon übrig blieb. Das war im Grunde nicht übel getan, denn es sollte ja über der Gruft das Monument des großen Herzogs Heinrich sich erheben, was denn auch bald darauf geschah in fast pomphafter Gestalt, noch heut zu schauen im Dom zu St. Peter: Über hohem Sarkophag von schwarzem Marmor, den zwei gewaltige Löwen tragen, der Herzog in sitzender Haltung, zweifelhaft vor sich hinausblickend, aber kaum wie ein Sieger, eher wie ein Besiegter, mit einem Ausdruck voll Trauer und Melancholie. Was würde er aber erst für ein Gesicht machen, wenn er sich nun dazu verdammt sähe, durch alle Zeiten hindurch und immerwährend vor seinen Augen die Grabschrift eines Sohnes zu haben, von dem er im Leben kein Wort je gehört hat.