Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande bis zum Beginne des XI. Jahrhunderts von Adolf Ebert. Zweiter Band. Die lateinische Literatur vom Zeitalter Karls des Grossen bis zum Tode Karls des Kahlen     Unveränderter Nachdruck der 1880 bei F. C. W. Vogel in Leipzig erschienenen Ausgabe Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, Graz 1971     Inhalt. Vorwort   Viertes Buch: Die lateinische Literatur im Zeitalter Karls des Grossen. Einleitung I. Kapitel. Alcuin II. " Paulus Diaconus III. " Epische Dichtung: Hibernicus exul, Angilbert IV. " Eklogen: Naso, Conflictus veris et hiemis V. " Theodulf VI. " Ethelwulf VII. " Volksmässige weltliche Dichtung. Paulin von Aquileja VIII. " Einhard. Reichsannalen IX. " Heiligenleben: Eigil, Liudger X. " Smaragdus   Fünftes Buch: Die lateinische Literatur vom Tode Karls des Grossen bis zum Tode Karls des Kahlen Einleitung I. Kapitel. Raban II. " Walahfrid Strabo III. " Gottschalk IV. " Ermoldus Nigellus V. " Ermenrich von Ellwangen VI. " Lothringen: Wandalbert, Sedulius Scotus VII. " Westfrancien: Lupus VIII. " Publicistik. Agobard IX. " Claudius und seine Gegner Dungalus und Jonas X. " Paschasius Radbert. Ratramnus XI. " Hincmar von Reims XII. " Johannes Scotus Erigena XIII. " Prudentius. Florus. Audradus XIV. " Milo. Heiric XV. " Eklogen und Elegien: Agius, Ildericus, Bertharius XVI. " Eulogius. Alvarus XVII. " Volksmässige rythmische Dichtung XVIII. " Historiographie. Heiligenleben und Translationen Ostfranciens XIX. " Heiligenleben und Translationen Westfranciens XX. " Weltliche Biographien: Vitae Ludovici XXI. " Reichsannalen. Nithard XXII. " Geschichten von Bisthümern und Klöstern XXIII. " Weltchronik: Frechulf, Ado XXIV. " Nationalgeschichte: Nennius, Erchanbert XXV. " Geographie: Dicuil, Bernard   Register     Vorrede. Der vorliegende Band, den früher zu vollenden ich durch manche Störung meiner Gesundheit behindert ward, führt in zwei Büchern, dem vierten und fünften, nur die Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters bis zum Tode Karls des Kahlen; dem folgenden Bande ist es vorbehalten, im sechsten Buche die Geschichte der Nationalliteraturen des Abendlands, d. h. hier allein der germanischen, von ihren Anfängen bis zu demselben Zeitpunkt zu erzählen, worauf das siebente die karolingische Literatur auf beiden Gebieten, dem der lateinischen wie dem der Nationalliteraturen, unter welchen dann auch die romanischen vertreten erscheinen, zusammen bis zu Ende behandeln wird. Dass mit den letzten Decennien des neunten Jahrhunderts in der lateinischen Literatur eine Wendung eintritt und man daher mit dem Tode Karls des Kahlen füglich eine Periode derselben abschliessen kann, jedesfalls um diese Zeit einen Zeitabschnitt zu machen hat, wird die Fortsetzung des Werkes lehren. In dem siebenten Buche werde ich auch erst bei einer allgemeinen Betrachtung der liturgischen Poesie, die durch das Aufkommen der Sequenzen einen neuen Impuls erhält, die Hymnendichtung des neunten und der Anfänge des zehnten Jahrhunderts im Zusammenhange behandeln, denn die Abfassungszeit der meisten dieser Gedichte lässt sich nur nach Jahrhunderten bestimmen. Die Ueberwindung der mannichfachen Schwierigkeiten, welche die Ausführung meiner Arbeit bot, wurde nicht nur durch manche tüchtige, namentlich historische Monographien, die ihres Orts genannt sind, erleichtert, sondern auch durch einige allgemeinere Werke von Bedeutung, welche hier besonders hervorgehoben zu werden verdienen. Ich nenne einmal zwei VI vortreffliche Geschichtswerke, Simsons Jahrbücher des fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen und Dümmlers Geschichte des ostfränkischen Reichs. Der letztere hat sich auch um die karolingische Literatur und ihre Geschichte besondere Verdienste erworben durch die Herausgabe vieler unedirten Gedichte, durch welche er die bald zu erwartende Sammlung der Poetae latini aevi Carolini Diese Sammlung, von welcher der erste Band schon im nächsten Winter erscheinen soll, wird die von uns hier behandelten Gedichte vereint und mit allem textkritischen Apparat bringen. in den Monumenten der deutschen Geschichte vorbereitete, dann nicht minder durch die im 4. Band des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 1879 erschienene Abhandlung: Die handschriftliche Ueberlieferung der lateinischen Dichtungen aus der Zeit der Karolinger. Da ich diese Arbeit so häufig zu citiren hatte, habe ich mich auf die Abkürzung: Dümmler, N. A. stets beschränkt. Zu besonderem Dank bin ich noch dem allgemein anerkannten Buche von Wattenbach: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts verbunden. In bibliographischer Beziehung war mir auch Bährs Geschichte der römischen Literatur im karolingischen Zeitalter, Carlsruhe 1840 (3. Supplementband der Gesch. der röm. Lit.) von einigem Nutzen. Noch habe ich – wegen der Angabe der Seitenzahl – zu bemerken, dass die von mir angeführte Ausgabe der Acta S. S. ord. S. Benedicti Mabillons die in Venedig 1733 erschienene ist. Leipzig im Juni 1880. A. Ebert.     Viertes Buch. Die lateinische Literatur im Zeitalter Karls des Grossen. Einleitung. 3 Ein neuer Aufschwung, ja eine Wiederherstellung der Weltliteratur beginnt mit und durch Karl den Grossen. Am Ende der vorigen Periode fanden wir eine literarische Kultur im Abendlande nur noch im Norden und Südosten, in Britannien und Italien, aber wirklich productiv bei den Angelsachsen allein, welche die Bildungsmittel der Italiener wie der Iren sich angeeignet, um sie schöpferisch zu verwerthen. Das Herz des Abendlandes, das Frankenreich, das grösste und mächtigste der neuen Reiche, welches die christliche Bildung mit dem Schwert gegen den anstürmenden Islam geschirmt hatte, war seit den Tagen des Fortunatus aller literarischen Kultur entfremdet. Karl führt sie dorthin zurück, ja er macht es zum Hauptsitze derselben, und selbst für das ganze Mittelalter, indem er von hier aus das neue germanisch-romanische Weltreich gründete. Mit der Herstellung desselben geht die Restauration der Weltliteratur Hand in Hand. Dieselben historischen Momente erscheinen bei der einen wie bei der andern wirksam: die nahe Beziehung des Pippinschen Königshauses zu den Angelsachsen und die Eroberung des langobardischen Reiches. Die Christianisirung von Deutschland durch Bonifatius und seine Schüler und Schülerinnen war die erste Voraussetzung des neuen Weltreichs, dessen Schwerpunkt im Germanenthum ruhte, und zugleich die erste Bedingung der literarischen Kultur diesseits des Rheines, welche selbst bereits von jenen angelsächsischen Missionen hier angepflanzt ward. Von nicht geringerer Bedeutung aber war 4 für das neue Imperium der Zukunft die Einfügung der deutschen Kirche durch Bonifatius in den Organismus der allgemeinen katholischen, wodurch zugleich die Beziehungen der Arnulfingen zu dem Papstthum wesentlich verstärkt wurden. Ein Angelsachse ist es auch, der, von Karl dem Grossen berufen, dessen Hof zum Mittelpunkt der Gelehrsamkeit und zur Wiege einer neuen literarischen Bewegung im Abendlande macht: der Schüler Egberts, eines Schülers von Beda, Alcuin; in ihm reicht diese Literaturperiode der vorausgehenden die Hand. Der Monachus Sangallensis macht lib. I, cap. 2 Alcuin geradezu zum Schüler des Beda. Alcuin aber wurde erst fünf Jahre nach der vollen Unterwerfung der Langobarden, in Italien selbst von Karl berufen (781). Wie die Eroberung des Langobardenreichs wahrhaft den Grund zu dem neuen Imperium legte, da sie die thatsächliche Herrschaft über Rom zur Folge hatte, so hat sie auch erst das Bildungsbedürfniss, das die ächt germanische, universell angelegte Natur Karls erfüllte und durch das ganze Leben beseelte, ihm zum vollen Bewusstsein gebracht. Die feine Civilisation der langobardischen Grossen (wesentlich eine Frucht der in jenem Lande conservirten grammatischen Schulen), die nahen Beziehungen zu der Curie, die Begegnung mit angesehenen Gelehrten, Italienern wie Fremden, der gewaltige Eindruck der Denkmäler der antiken Architektur und Skulptur – all das musste in Italien dahin wirken, Karl die grossen Lücken seiner eigenen Bildung und den geringen Stand der seines Volkes erkennen zu lassen. Und indem die Verhältnisse von selbst in dem »Könige Germaniens, Galliens und Italiens«, wie Alcuin einmal in einem Briefe v. J. 796 Alcuini Epistolae in: Monumenta Alcuiniana a Ph. Jaffeo praeparata ediderunt Wattenbach et Duemmler . Berlin 1873. Ep. 67 (p. 307). Karl anredet, das wenn auch anfangs nur dunkle Streben nach der Wiederherstellung des abendländischen Kaiserthums erwecken mussten, musste auch der Wunsch Karls, sich in den Vollbesitz der überlieferten christlich-römischen Bildung zu setzen, immer mehr sich steigern, wie andrerseits wieder die Aneignung dieser Bildung erst jenes Streben zu einem bewussten machte und ihm eine ideale Weihe gab. So konnte erst die Civitas dei Augustins, 5 seine spätere Lieblingslectüre, Karl die christliche Bedeutung des Imperium vollkommen erschliessen. Karl begnügte sich aber nicht mit der Berufung des ausgezeichneten angelsächsischen Lehrers, welcher in Begleitung von drei Schülern als seinen Gehülfen, Wizo, Fridugis und Sigulf, 782 an Karls Hofe erschien; er zog zugleich auch ein paar Gelehrte Italiens an denselben, den schon bejahrten Grammatiker Petrus von Pisa und den Langobarden Paulus, den Diacon. Alcuin und Petrus wurden Karls eigene Lehrer, namentlich der erstere, den er auch als seinen Magister κατ' ἐξοχὴν bezeichnet, während des andern Unterricht, der specifisch italienischen Bildung entsprechend, sich nur auf die Grammatik beschränkte. Alcuin ward zugleich Vorstand der Hofschule, die er durchaus restaurirte, im Geist und nach dem Vorbild des angelsächsischen Schulwesens. Die Angelsachsen aber verstanden sich auch auf den Laienunterricht und selbst in den höchsten Kreisen: ihre bedeutendsten Lehrmeister waren ja selbst aus den vornehmsten Ständen hervorgegangen, ein Aldhelm wie Egbert waren von königlichem Geschlechte. Je ärger nun die Verwahrlosung der Studien an dem fränkischen Hofe gewesen war – vermochten doch die Pippiniden nicht mehr, wie selbst noch die letzten Merowinger, ihren Namen zu schreiben –, desto grösser und allgemeiner war jetzt dort die Lernbegierde: auch die Frauen nahmen an dem Unterrichte Theil, die Töchter Karls, seine Schwester, seine Base, indem auch hierin das Vorbild der Angelsachsen wirksam gewesen sein mag. S. Bd. I, S. 587 u. 615. Nur um so leichter wurde das literarische Interesse hier aus der Schule in die Gesellschaft übertragen. Und so bildete sich allmählich ein engerer der Wissenschaft ergebner Hofkreis, den man mit einer Akademie verglichen und also benannt hat. Alcuin selbst nennt einmal Karls gelehrten Hofstaat academici . Ep. 241 (p. 77b): – – evangelicas quaestiones achademicis vestris a nobis enucleandas inquiritis. Die von dem gleichen Streben nach weiterer geistiger Ausbildung beseelten Schüler und Freunde Alcuins traten durch dieses in einen vertraulicheren Verkehr, der sie über die Schranken des Standes und Lebensberufs hinwegsehen liess, indem sie sich gegenseitig mit besonderen Beinamen nannten als Merkmal und 6 Zeugniss jenes gemeinsamen Strebens, das ein Band von freundschaftlichem Charakter werden musste; so schieden sie zugleich sich von den Uneingeweihten. Alcuin, der offenbar diese Sitte dort eingeführt, welche auch nur eine Ueberlieferung der Angelsachsen war So gibt schon Aldhelm seinem Schüler, dem König Alfred von Northumbrien den Namen Acircius in dem ihm gewidmeten Werke. S. Bd. I, S. 590. , gibt selbst die »Familiarität« als den Grund derselben an. Ep. 199 (p. 686): Saepe familiaritas nominis immutationem solet facere: sicut ipse Dominus Simonem mutavit in Petrum, et filios Zebedei filios nominavit tonitrui. Quod et iam antiquis vel his novellis diebus probare poteris. Für den Charakter der neuen literarischen Bewegung, die von diesen Männern ausgeht, ist aber die Wahl der Namen höchst bezeichnend, sie sind nämlich ebensowohl dem klassischen Alterthum als der Bibel, namentlich dem alten Testament, entlehnt: wie Alcuin nach Horaz Flaccus, so heisst Karl selbst nach dem königlichen Sänger und Krieger des alten Bundes David, wie Karls Schwiegersohn Angilbert Homer, so Einhard Beseleel nach dem kunstreichen Ausschmücker der Stiftshütte, so führen andre die Namen Naso und Aaron; selbst den Eclogen Virgils sind solche Beinamen, und nicht selten, entnommen, wie Menalcas, Thyrsis, Damoetas. Andre sind allerdings, wie bei den späteren Humanisten, nichts weiter als lateinische Uebertragungen, so wenn Wizo Candidus, Arno Aquila genannt wird. Aber auch Frauen dieses Kreises führen solche vertrauliche Namen, wie Karls Schwester, die Aebtissin Gisela, die Alcuin wegen ihrer Hochschätzung der Bücher rühmt, Lucia, und Gundrad, die gelehrte Base des Kaisers, Eulalia, sowie seine Tochter Rotrude Columba heissen. Man ersieht hieraus schon den ganz gesellschaftlichen Charakter dieser Sitte. Eine sorgfältige Zusammenstellung aller der Namen s. in Dümmlers Artikel: Alcuin, in der Allgem. Deutschen Biographie Bd. I, S. 345. Dieser engere wissenschaftlich gebildete Hofkreis Karls schmückte und hob die Unterhaltung durch Kunst und Wissenschaft: so wurden bei und nach der Tafel Räthsel aufgegeben, musicirt, Gedichte vorgelesen und recensirt, aber auch speculative Fragen behandelt und Kapitel der Civitas dei , dieses so tief und vielseitig anregenden Werkes, vorgetragen. Karl war überall der belebende Mittelpunkt, da seine Wünsche ja massgebend waren, Alcuin aber auch hier seine rechte Hand; in 7 diesem Hofkreis war in der That wieder eine »Gesellschaft« geschaffen, in welcher die Wissenschaft, in so beschränktem Masse dies auch der Fall sein mochte, in allgemeine humane Bildung umgesetzt erscheint. – Aber die sogenannte Akademie bedeutete doch noch mehr für den König. So sehr auch Karl durch den Unterricht des Petrus wie des Alcuin seine Kenntnisse vermehrt hatte, sein Wissensdurst war hierdurch nur verstärkt worden; er bedurfte gleichsam eines gelehrten Hofstaats, um auf alle seine wissbegierigen Fragen, welche die verschiedensten Wissenschaften, wie Theologie, Grammatik und Astronomie, betrafen, alsbald eingehende und ausführliche Antwort zu erhalten – ein Bedürfniss das sich noch mehr geltend machte, als Alcuin den Hof verlassen hatte und nach Tours übergesiedelt war. Dieselben Gelehrten haben denn auch, und vornehmlich die jüngeren, die wissenschaftliche Correspondenz des Königs, namentlich mit seinem ›Magister‹, nach seinen Angaben oder Dictaten geführt. S. Alc. Ep. 112 (p. 459): Vestra – so schreibt Alcuin an Karl – vero auctoritas palatinos erudiat pueros, ut elegantissime proferant, quicquid vestri sensus lucidissima dictaverit eloquentia, ut ubique regalis nominis carta decurrens regalis sapientiae nobilitatem ostendat. Die Literatur aber, die aus diesem gelehrten Hofkreise Karls hervorgeht, reiht sich, so eigenartig sie auch zum Theil ist, doch an die lateinische der Angelsachsen sowie an die Dichtung des letzten Poeten von Bedeutung im Frankenreiche, des merowingischen Hofdichters Fortunatus an, welcher zugleich die Schulpoesie seiner Heimath Italien vertritt, so also gleichsam als Vorfahr des Petrus von Pisa und des Paulus Diaconus erscheint. Wie die angelsächsische Literatur und die Dichtung des Fortunatus, geht die karolingische Literatur, ganz im Gegensatz zu der älteren christlich-lateinischen, nicht von der Kirche, sondern von der Schule aus; wenn auch diese Schule noch eng mit der Kirche verknüpft war, doch ein sehr wesentlicher Unterschied! So werden auch die klassisch-lateinischen Autoren und namentlich die Dichter, vor allen Virgil und Ovid, ihre Vorbilder, zunächst in formeller Beziehung, aber indem die gelehrte Bildung hier zuerst im Mittelalter in epochemachender Weise auf den Boden der Gesellschaft tritt, auch in Bezug auf den Inhalt. In dieser Rücksicht wirkt zugleich auf das bedeutendste der Gedanke der Wiederherstellung des 8 abendländischen Imperium ein: man sieht in Karl einen zweiten Augustus. Und so entsteht eine weltliche, auch von Laien gepflegte Dichtung wieder, so zeigen sich bereits die Anfänge einer Hofpoesie und einer nationalen Epik, die auch der politischen Tendenzen nicht ermangeln. Dies wird die folgende Darstellung der Literatur im einzelnen veranschaulichen. Ging nun die Initiative zu der Erneuerung der literarischen Kultur im Frankenreiche – die, gleichwie dieses zum Weltreich, zur Erneuerung der Weltliteratur wurde – von Karl dem Grossen aus, so sorgte er nicht minder auch für die Verbreitung derselben, indem er zunächst bemüht war die Bildung der Geistlichen, der Lehrer des Volkes, dann durch Errichtung und Verbesserung der Schulen dieses selbst zu heben. Hierzu trieb Karl schon sein eignes Bildungsbedürfniss, noch mehr dann das lebhafteste Gefühl von der Verpflichtung des christlichen Herrschers, die Bürger seines Reichs für den Gottesstaat zu erziehen, eine Verpflichtung, die sich ihm um so mehr aufdrängte, je souveräner er gleich einem andern Constantin über die Kirche gebot und je mehr er zum Imperator, zum Weltherrscher sich berufen fühlte. Jene Fürsorge Karls bekundete sich in verschiedenen Verordnungen. So richtete Karl im Jahre 787 ein Rundschreiben Monumenta Germaniae histor. Leges I, p. 52. – Monum. Carolina ed. Jaffé. Berlin 1867. p. 343. an alle Bischöfe und Klöster, worin er sie auf das eindringlichste ermahnt, die studia litterarum zu pflegen, indem er dem rechten Leben das rechte Reden als Gott gleich wohlgefällig zur Seite stellt qualiter, sicut regularis norma honestatem morum, ita quoque docendi et discendi instantia ordinet et ornet seriem verborum, ut qui Deo placere appetunt recte vivendo, ei etiam placere non neglegant recte loquendo. , und darauf hinweist, dass erst diese Studien die Befähigung verliehen, in den tiefern Sinn der Bibel einzudringen. Er wünscht die Geistlichen ebenso gelehrt als fromm, dann würden sie erst die Religion würdig vertreten. Diese Encyclica hatte eine bestimmte Veranlassung, es waren die vielen fehlerhaften Schreiben, die von Klöstern an den König in den letzten Jahren gerichtet waren. In einer andern Encyclica Monum. Germ. hist. l. l. p. 44. S. über die Zeit des Erlasses Dahn (Paulus Diaconus I, S. 52 ff.), der ihn nicht mit Unrecht erst nach 786 setzt. an den Klerus 9 erklärt er, seinen Dank für die ihm im Kriege wie im Frieden bewährte göttliche Gnade durch eine Besserung des Zustandes der Kirchen bezeigen zu wollen, und zwar indem er die vergessene Werkstätte der Wissenschaft wiederherstelle und durch sein eignes Beispiel zum Studium der freien Künste auffordere. So habe er schon früher den durch die Unwissenheit der Schreiber entstellten Bibeltext bessern lassen. Jetzt aber habe er nach dem Beispiel seines Vaters, der die Kirchen mit dem römischen Gesange geschmückt, für eine andre Verbesserung des Kultus Sorge getragen, indem er durch Paulus Diaconus aus den Werken der katholischen Väter eine Blumenlese von Homilien habe ausziehen lassen, um an der Stelle der bisher beim Abendgottesdienst gebrauchten Lectionen, welche durch eine Unzahl von Sprachfehlern entstellt wären, zu dienen. In dem berühmten Capitulare vom Jahr 789 verlangt Karl die Verbindung von Schulen mit allen Episcopalkirchen und Klöstern, wo nicht bloss Kinder von Leibeigenen (aus welchen der Klerus sich gewöhnlich ergänzte), sondern auch von Freien, Edlen ( ingenui ) unterrichtet werden sollen, und zwar in den Psalmen, Noten, Gesang, Computus und Grammatik, und er dringt darauf, dass die geistlichen Bücher wohl emendirt sind. Evangelium, Psalterium und Missale sollen deshalb nur Erwachsene abschreiben und mit aller Sorgfalt. Monum. Germ. hist. l. l. p. 65, Cap. No. 71. – Auf die Anwendung der ganz ausser Gebrauch gekommenen Interpunction drang Alcuin bei dem Kaiser in dem oben S. 7 Anm. 1 citirten Briefe: Punctorum vere distinctiones vel subdistinctiones licet ornatum faciant pulcherrimum in sententiis, tamen usus illorum propter rusticitatem pene recessit a scriptoribus. Sed sicut totius sapientiae decus et salutaris eruditionis ornatus per vestrae nobilitatis industriam renovari incipit, ita et horum usus in manibus scribentium redintegrandus esse optime videtur. Sind auch diese Schulen zunächst zur Ausbildung des Klerus bestimmt gewesen, wie auch in dem Capitulare ausdrücklich angezeigt wird A. a. O.: Et ut scolae legentium puerorum fiant – sonst auch scholae lectorum genannt, im Gegensatz zu der Sängerschule, s. z. B. Monum. Carolina ed. Jaffé, p. 421. , so sollten sie doch darauf sich nicht beschränken: wird doch in einem späteren Capitulare von 802 geradezu gefordert, dass ein jeder seinen Sohn zur Erlernung des Lesens in die Schule schicke und ihn bis zur Vollendung des Unterrichts dort verweilen lasse. Ut unusquisque filium suum litteras ad discendum mittat et ibi cum omni sollecitudine permaneat usque dum bene instructus perveniat. Monum. Germ. hist. l. l. p. 107. – Auch die 10 Pflege des von Pippin eingeführten römischen Kirchengesangs wird in dem erstgenannten Capitulare den Geistlichen von neuem in Erinnerung gebracht. l. l. p. 66, No. 79. Karl liess sich auch zu diesem Zweck zwei Singlehrer vom Papste senden. – Am wirksamsten aber war für die Verbreitung der wissenschaftlichen Bildung die Uebertragung der angesehensten Bisthümer und Abteien an die in der Hofschule und in der durch Alcuin gegründeten Musterklosterschule von Tours gebildeten Monachus Sangallensis, lib. I, cap. 9 init. oder von auswärts berufenen ausgezeichneten Gelehrten. Auf die Laien aber musste das Beispiel des Kaisers, auf das er selbst auch hinzuweisen pflegte, von dem grössten Einfluss sein. Und in der That durfte Karl auf sein Beispiel sich berufen. Ihm hatten die unermüdlich betriebenen Studien, das stetig fortdauernde universelle Interesse an der Wissenschaft die Frucht wahrer Bildung gezeitigt. Mit Recht erhoben die Zeitgenossen seine Weisheit. Ihm hat Gott, meint Alcuin, auch schon um die Weisheit zu zieren, die Kaiserkrone gegeben. Ep. 241 (p. 775). Die Forderung Plato's dass die Philosophen herrschen sollen, sieht er durch ihn erfüllt. Ep. 170 (p. 613). Alcuin selbst aber, und dies ist dessen grösstes Verdienst, hat Karl die Wege der Wissenschaft geführt und ihm das Ziel stets vor Augen gehalten. Nichts ist zum Regieren nothwendiger als die Weisheit: wie oft spricht er dies direct und indirect in seinen Briefen an Karl aus. Vgl. Ep. 78 (p. 347). – Die Aufklärung Karls, die er namentlich auch seinem Sinn für Mathematik und Astronomie verdankte, gibt sich auch in seiner gesetzgeberischen Thätigkeit kund. So bekämpft er in dem zuerst erwähnten Capitulare mancherlei Aberglauben des Volkes, der nur zu oft von den Geistlichen unterstützt, ja gepflegt wurde, wie das Taufen der Glocken, den Hagelschutz durch an Ruthen aufgehängte Papiere, die wohl Beschwörungsformeln enthielten, das Befragen der Bibel durch Aufschlagen aufs Geradewohl um die Zukunft zu erfahren, sowie andre Weissagungen. Karls religiöse Aufklärung zeigt sich aber vornehmlich in der Stellung, 11 welche er zu dem von Byzanz angefachten Bilderstreite einnahm. Nicht allein in der Verwerfung einer jeglichen Adoration der heiligen Bilder, sondern mehr noch in der rationellen Begründung dieses Beschlusses der Frankfurter Synode, der nur der Ausdruck der Willensmeinung Karls war, offenbart sich recht seine gesunde, durch die romanische Bildung nur geläuterte germanische Natur. Von der romanischen Bigotterie war ihm nichts eigen. Das beweisen auch recht manche Anekdoten der Folgezeit, die von Geistlichen erzählt des grossen Kaisers Frömmigkeit verdächtigen. Auch ein Zeugniss seiner allgemeinen Bildung, das ihn über seine Zeit erhebt, ist das nationale Interesse, das er nach Einhard an der Sprache und Poesie seines Volkes nahm, jene grammatisch behandelt, diese gesammelt und aufgezeichnet zu sehn. Reuter, Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter. Bd. I. Berlin 1875. – Rettberg, Kirchengeschichte Deutschlands. Göttingen 1846–48. 2 Bde. – Lorentz, Karls des grossen Privat- und Hofleben. In: Raumers histor. Taschenbuch Bd. III. 1832. – Phillips, Karl der Grosse im Kreise der Gelehrten. In: Almanach der kais. Akademie der Wissensch. in Wien 1856. – Oebeke, De academia Caroli Magni . Gymn. Progr. von Achen 1847. – Büdinger, Von den Anfängen des Schulzwangs. Festrede. Zürich 1865. – Ebert, Die literarische Bewegung zur Zeit Karls des Grossen. In: Deutsche Rundschau, Bd. XI. 1877. 12   Erstes Kapitel. Alcuin. An der Spitze der Autoren dieser neuen Periode der Weltliteratur, welche der schöpferische Genius Karls ins Leben rief, indem er den Boden bereitete und bestellte, auf dem sie erwuchs, steht mit Recht der Mann, dem er selbst hauptsächlich seine wissenschaftliche Bildung verdankte, und der das Hauptwerkzeug für die Ausführung seiner Absichten war – Alcuin . B. Flacci Albini seu Alcuini opera cura et stud. Frobenii . 2 Tom. in 4 Voll. Regensburg 1777. – * Monumenta Alcuiniana a Ph. Jaffé praeparata edid. Wattenbach et Duemmler (Bd. VI der Bibl. rer. german. Jaffé's), Berlin 1873. (Darin: Vita Willibrordi, De patr. reg. et sanctis Euboricae und Epistolae ). – * Disputatio de rhetorica et de virtutibus sap. reg. Karli et Albini magistri , in: Rhetores latini minores ed. Halm. Leipzig 1863. – * Disputatio Pippini cum Albino scholastico herausgeg. von W. Wilmanns in Zeitschr. f. deutsch. Alterthum. N. F. Bd. II. (1869). S. 530 ff. – – Lorentz, Alcuins Leben, ein Beitrag zur Staats-, Kirchen- und Culturgeschichte der karolingischen Zeit. Halle 1829. – Monnier, Alcuin et Charlemagne avec des fragments d'un commentaire inédit d'Alcuin etc. 2 e éd. Paris 1863. – Dümmler, Alkuin, in der Allgemeinen Deutschen Biographie. Bd. I. Leipzig 1875. – Zeissberg, Alcuin und Arno, in: Zeitschrift f. österr. Gymnas. 13. Jahrg. 1862. – Sickel, Alcuinstudien in: Sitzungsber. der phil.-hist. Cl. der Wiener Akad. Bd. LXXIX, 1875. – Dümmler, N. A. S. 118 ff. Niemand konnte dazu mehr berufen sein, als dieser Vertreter des in der literarischen Kultur damals am meisten fortgeschrittenen rein germanischen Stammes. Die nationale Verwandtschaft machte Alcuin erst zum wahren Organ Karls, sie machte erst jene vollkommene geistige Wechselwirkung zwischen beiden möglich, sie liess zugleich mit der politischen Weltherrschaft jetzt auch die literarische für die karolingische Zeit auf die Germanen übergehn, denn die bedeutendsten Autoren 13 derselben sind fast alle, wie schon ihre Namen zeigen, germanischer Abkunft. Alcuin, der als Schriftsteller auch Albinus Den Namen mehr latinisirend. Derselbe erscheint auch in Verbindung mit Flaccus: Flaccus Albinus, z. B. Ep. 4 u. 78. – Vgl. auch Ep. 155 (p. 582). gern sich nannte, war, von edlem Geschlecht, um d. J. 735 in York geboren. Wie sein Verwandter, der berühmte Missionarbischof Willibrord und wie einst Beda, war er schon als kleines Kind dem dortigen Kloster übergeben. In der Domschule, deren Vorstand der Erzbischof Egbert war, erhielt er seine Bildung. Mehr noch als Egbert war sein Lehrer ein Verwandter desselben, Aelbert, der eigentliche Magister der Schule. Ihn zeichnete eine seltene Universalität des Wissens und ein ebenso grosser Lehreifer aus, die bald die Schule weithin berühmt machten, so dass selbst Ausländer sie bezogen. Alcuin, der schon als Kind das grösste Interesse an den Studien zeigte und namentlich von Virgil entzückt war, gehörte bald zu den besten Schülern und so begleitete er denn auch seinen Lehrer Aelbert auf einer der wissenschaftlichen Reisen, die dieser unternahm, um, wie Alcuin selbst sagt, »etwas Neues von Büchern oder Studien zu finden.«         Non semel externas peregrino tramite terras         Iam peragravit ovans, sophiae deductus amore:         Si quid forte novi librorum seu studiorum,         Quod secum ferret, terris reperiret in illis . De sanctis Euboricae urbis v. 1454 ff. Es erinnert dies ganz an die Entdeckungsreisen der Humanisten der späteren Zeit. Diese Fahrt ging nach Rom, dem Hauptziel solcher Reisen. Alcuin wurde dann aus dem Schüler der Gehülfe Aelberts, namentlich als dieser nach Egberts Tod 766 Erzbischof wurde. Als Aelbert aber 12 Jahre später resignirte, theilte er seine Aemter unter seine zwei Lieblingsschüler: Eanbald erhielt das Erzbisthum, Alcuin dagegen, der zum Diacon geweiht war, die Schule und die reiche Bibliothek zur Verwaltung. Nach Aelberts Tod 780 begab sich Alcuin, um für Eanbald das Pallium zu holen, nach Rom. Auf der Rückkehr von dort im folgenden Jahre war es, wo er in Parma mit Karl dem Grossen zusammentraf – den er bereits früher bei Gelegenheit einer Sendung von seinem Lehrer kennen gelernt – und die Berufung empfing. 14 Von Karl mit den Abteien von Ferrières und Troyes ausgestattet, verweilte Alcuin an dessen Hofe zunächst acht Jahre, indem in diesen Zeitraum seine Hauptthätigkeit an der Hofschule und für die Ausbildung Karls selbst fällt. Alcuin wirkte aber dort nicht bloss als vortrefflicher Lehrer – welche Wirksamkeit die Betrachtung seiner Werke genauer darlegen wird – sondern auch durch seinen geistig anregenden Umgang. Alcuin war kein Pedant, er zechte fröhlich mit beim heitern Königsmahle, er gerade amüsirte die Gesellschaft in echt angelsächsischer Weise mit Räthselaufgaben, die niemand besser als Karl selbst zu lösen verstand, er neckte gern durch scherzhafte Epigramme die jungen Freunde, wennschon mit der Absicht ihre Fehler zu bessern, aber er lenkte auch das Gespräch auf die ernstesten Gegenstände des Glaubens und des Wissens. Zugleich war Alcuin offenbar auch damals schon der Rathgeber Karls bei seinen den Kultus und den Unterricht betreffenden Verordnungen. Gegen 790 aber ging er, wie es scheint von Heimweh getrieben, zumal er nur zeitweilig von seinem Erzbischof und König beurlaubt war, nach England zurück, jedoch nur auf ein paar Jahre, denn 793 finden wir ihn bereits im Frankenreich wieder. Zur Rückkunft nach diesem bewogen ihn ebensowohl die traurigen öffentlichen Verhältnisse seines Vaterlandes als der dringende Wunsch Karls, der seiner Gelehrsamkeit damals bei der Bekämpfung der von Spanien eingewanderten Häresie des Adoptianismus wie der durch das zweite Nicäische Concil beschlossenen Bilderverehrung besonders bedurfte. Alcuin aber glaubte gerade vor allem berufen zu sein, für die Reinheit des Glaubens in die Schranken zu treten, wozu schon sein Lehrer Aelbert ihn ausersehen hatte. So nahm er in der Eigenschaft eines Vertreters der englischen Kirche an dem Concil zu Frankfurt 794 Theil, wo unter seinem massgebenden Einfluss im Sinne Karls in jenen beiden kirchlichen Fragen die Entscheidung getroffen wurde. In beiden trat er auch als polemischer Schriftsteller auf. Im J. 796, wo in Folge der Ermordung seines ihm so theuern Königs Ethelred Alcuin jeden Gedanken an eine Heimkehr aufgab, wurde ihm auch sein, jetzt durch das Alter doppelt gerechtfertigter Wunsch, aus der unmittelbaren Zerstreuung des Hof- und Staatslebens sich zurückziehen zu dürfen, von Karl erfüllt, indem er die gerade damals erledigte 15 Abtei von Tours erhielt. Das berühmte Kloster und seine Schule waren sehr herabgekommen, Alcuin stellte sie wieder her, ja er schuf hier, wie dies Karl gewünscht Alc. Ep. 78 (p. 345): Ego vero – schreibt Alcuin an Karl – Flaccus vester secundum exhortationem et bonam voluntatem vestram aliis per tecta sancti Martini sanctarum mella scripturarum ministrare satago, alios vetere antiquarum disciplinarum mero inebriare studeo, alios grammaticae subtilitatis enutrire pomis incipiam, quosdam stellarum ordine – ceu pictor cuilibet magnificare domus culmina – inluminare gestio, plurima plurimis factus, ut plurimos ad profectum sanctae Dei ecclesiae et ad decorem imperialis regni vestri erudiam. , eine Musterunterrichtsanstalt, ein zweites York, wo die oft aus weiter Ferne hingekommenen Schüler zu Lehrern des Frankenreichs ausgebildet wurden. Die literarischen Hülfsmittel liess er sich aus England holen. – Zugleich setzte Alcuin aber auch dort seine Thätigkeit als Kultusminister Karls, wenn man so sagen darf, fort, er gab ihm nicht bloss brieflich seinen Rath, sondern er war auch unermüdlich, Häresien, namentlich den Adoptianismus, durch Sendschreiben wie durch ganze Werke zu bekämpfen. Ja er nahm auch von dort, auf Karls Wunsch, an der Synode von Achen den bedeutendsten Antheil. Durch den ausgedehntesten Briefwechsel blieb er mit der gelehrten Welt im Frankenreiche, namentlich auch am Hofe, wie mit seinen Freunden in England in steter Verbindung. So hat dieser bedeutende Mann eine höchst mannichfache und lebhafte geistige Thätigkeit bis zu seinem Tode 804 bewahrt, indem er, wie er einmal sagt Ep. l. (p. 347). , den Samen des Wissens am Abend des Lebens ebenso in Francien ausstreute, als am Morgen in Britannien.   Alcuins Werke sind theils in Prosa, theils in Versen verfasst. Die einen wie die andern sind von nicht geringem Einfluss gewesen. Die ersteren aber haben am nachhaltigsten gewirkt: sind sie auch zu einem guten Theil für die allgemeine Literatur nur von indirecter Bedeutung, so ist diese doch eine grosse gewesen. Dies gilt namentlich von den Lehrbüchern Alcuins, welche für den wissenschaftlichen Unterricht im Frankenreiche nicht bloss in ihrer Zeit, sondern auch noch lange nachher massgebend gewesen sind. Wie Alcuin zunächst und vor allem ein vortrefflicher Schullehrer war, so verdienen sie auch 16 vor allen seinen andern Schriften hier den Vortritt, zumal sie uns zugleich ein Bild von seinem Unterricht in der Hofschule geben. Es sind einmal drei Compendien, der Grammatik, der Rhetorik und der Dialektik. Dem Inhalt nach sind sie zwar noch weniger originell, als sich von Büchern dieser Art schon von vornherein erwarten lässt, wohl aber sind sie ihrer Form nach eigenthümlich, wenn auch diese Eigenthümlichkeit keine Erfindung des Alcuin ist, vielmehr auf angelsächsischer Ueberlieferung beruht. Sie sind nämlich in dialogischer Form verfasst, katechismusartig, indess so, dass in der Regel der Lernende frägt, der Lehrende antwortet. Aldhelm, der erste bedeutende nationale Lehrer der Angelsachsen, hat bei diesen davon auch das erste Beispiel in seiner an Alfred von Northumbrien gerichteten Metrik gegeben. S. Bd. I, S. 591. Die Bezugnahme auf Augustin und Isidor zeigt, dass er bei den Angelsachsen hierin keine Vorgänger hatte. Aldh. opp. ed. Giles p. 233. Er motivirt dort die Anwendung dieser Form damit, dass sie die Klarheit der Auseinandersetzung fördere, Alcuin gibt dagegen einmal in seiner Grammatik als Grund Erleichterung des Gedächtnisses an Fuerunt in schola Albini Magistri duo pueri, unus Franco, alter Saxo, qui nuperrime spineta grammaticae densitatis irruperunt. Quapropter placuit illis paucis literulis [Froben emend.: paucas literalis] scientiae regulas memoriae causa per interrogationes et responsiones excerpere. Opp. T. II, p. 268. ; beide Motive werden wohl zugleich gewirkt haben. In der Art aber, wie Alcuin diese Form anzuwenden, dem Unterricht am Hofe geschickt anzupassen versteht, indem er ihr einen Zug dramatischer Lebendigkeit verleiht, zeigt er eine gewisse Originalität. Wie mit der Grammatik der Unterricht begonnen wurde, so schickt ihrem Compendium Alcuin eine kurze Einleitung in das wissenschaftliche Studium überhaupt voraus, deren Hauptgedanken ihn und seine Zeit charakterisiren. Das Licht der Weisheit, heisst es hier, ist dem menschlichen Geiste angeboren, aber es ruht in ihm verborgen, wie der Funke im Feuerstein, es muss durch wiederholten Unterricht geweckt werden. Die Weisheit ist nur um Gottes, der Tugend oder ihrer selbst willen, nicht wegen irdischer Vortheile zu lieben; die Zierde, die sie verleiht, ist unvergänglich, wie die Seele, der sie angehört. So wird der Werth der Wissenschaft gegenüber den äusseren 17 vergänglichen Gütern von Alcuin gezeigt. Der Gipfel der Wissenschaft aber ist die Theologie, das Verständniss der heiligen Schrift; sieben Stufen führen zu ihm empor, es sind die 7 freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astrologie, welche den 7 Säulen des Hauses der Weisheit bei Salomo Proverb. c. IX, v. 1. gleichen; wie sie die Philosophen, ja Consuln und Könige berühmt gemacht, so haben auch die Gelehrten des Christenthums durch sie den Sieg über die Ketzer davon getragen. So wird die religiöse Weihe den Studien gegeben, die auch hier zunächst für den Klerus bestimmt erscheinen. Schon diese Einleitung ist in ein Zwiegespräch von »Schülern« und dem »Magister« gekleidet, ebenso die folgende Grammatik, nur werden hier die Schüler genauer bezeichnet und spielen hier auch eine andere Rolle. Es sind ihrer zwei, ein fünfzehnjähriger Sachse, versteht sich ein Angelsachse, und ein vierzehnjähriger Franke. Dieser, der jüngere, weniger gebildete, frägt, der ältere, der Sachse antwortet: die Vertheilung der Rollen ist bezeichnend. Der Magister redet nur ausnahmsweise, er hilft nur in schwierigeren Fällen aus, namentlich wo die Grammatik in das Gebiet der Dialektik hinüberstreift, bei Begriffsbestimmungen, wie er z. B. im Eingang res, intellectus und vox definirt, mit welchen dreien jede Disputation ausgeführt werde. Der an sich so trockenen wissenschaftlichen Conversation wird aber ein gewisser dramatischer Reiz verliehn, der sicherlich nach dem Leben copirt die freiere Bewegung der Hofschule abspiegelt, indem Scherze der Schüler eingeflochten werden, durch welche selbst die Unterrichtsmethode ironisirt wird. So z. B. S. Ecce, France, de appellativis speciebus habes abunde, ut reor, licet nullus tuae aviditati possit satisfacere. Fr. Non sum tam avidus, quam tu invidus, qui nulla vis aperire, nisi interrogatione coactus. l. l. p. 273. – Was den Inhalt angeht, so werden nach den Buchstaben und Silben die einzelnen Redetheile behandelt. Bei den Silben werden Accent und Quantität nur kurz, und zwar vom Magister selber berührt, weil sie zur Metrik gehörten und dort erst zu lernen wären. l. l. p. 270. Die Metrik erscheint also als besondere Disciplin und als besonderer Unterrichtsgegenstand für 18 gereiftere Schüler. So nennt sie auch Raban unter den Disciplinen, die er bei Alcuin in Tours studirte. S. weiter unten Rabans Biographie. Uebrigens ist der Inhalt des Compendium aus älteren Grammatiken, von denen auch die des Donat und Priscian citirt werden, und was die Definitionen angeht, aus Isidors Etymologien entlehnt. Wurde diese Grammatik, wie die Einkleidung zeigt, direct für die Hofschule von Alcuin verfasst, so sind dagegen seine Rhetorik und Dialektik zunächst für Karl den Grossen selbst geschrieben, wie denn auch in ihnen der Dialog von »König Karl« und seinem »Magister Albinus« geführt wird. Und zwar wurden sie, wie ich aus dem Eingang der Rhetorik schliesse, zum Zweck der Repetition des vorausgegangenen mündlichen Unterrichts, auf welchen auch dort hingewiesen wird Verum ex quo mihi paucis tuis responsionibus ianuas rhetoricae artis vel dialecticae subtilitatis claustra partim aperuisti, valde mihi in eas rationes fecisti intentum, maxime quia me in cellaria arithmeticae disciplinae pridie sagaciter induxisti vel astrologiae splendore inluminasti. So sagt Karl im Eingang der Rhetorik l. l. p. 525. Man sieht hieraus zugleich, dass der systematische Unterricht in den mathematischen Disciplinen vorausgegangen war. – Auch die dem Buch vorausgeschickten Distichen, in welchen dasselbe als das gemeinsame Werk Karls und Alcuins bezeichnet wird, sprechen für meine Ansicht, die auch in der Natur der Sache begründet erscheint. , und zugleich wohl zu einer weiteren systematischen Ausführung desselben verfasst. Auch scheint die Rhetorik wenigstens erst nach der Wiederkehr Alcuins aus England, und zwar bald danach, verfasst worden zu sein. Sie beginnt mit den Worten Karls: Quia te, venerande magister Albine, Deus adduxit et reduxit , quaeso ut liceat mihi te de rhetoricae rationis praeceptis parumper interrogare; nam te olim memini dixisse , totam eius artis vim in civilibus versari quaestionibus. A. a. O. Mit dem letzten Satz scheint auch auf den früheren vor der Reise stattgehabten mündlichen Unterricht hingewiesen zu werden. Vielleicht hatte gerade die längere Abwesenheit Alcuins Karl das Bedürfniss eines solchen Lehrbuchs empfinden lassen. Auch in diesem Lehrbuch zeigt der Dialog einen gewissen individuellen Charakter. Alcuin beobachtet in seinen Antworten dieselben höfischen Formen als in seinen Briefen an Karl. Er gibt sich sogar den Anschein, als könne er dem König eigentlich nichts sagen, was dieser nicht schon selbst wisse, als antworte er nur aus Gehorsam. Karl will aber die Rhetorik lernen wegen ihrer Bedeutung für die » civiles quaestiones « – also die Bedeutung, die sie 19 im Alterthum hatte. Und in der That wird hier auch nur die aus dem Alterthum überlieferte Rhetorik geboten, bloss etwas christlich zugestutzt. Die stoffliche Grundlage bildet Cicero's Werk De inventione , auf das auch direct hingewiesen wird, nur werden neben den dort entlehnten Beispielen aus der alten Geschichte auch Beispiele aus der Bibel gegeben, ähnlich wie dies Ambrosius in seiner Bearbeitung der Officien that. S. Bd. I, S. 152. Neben Cicero ist hauptsächlich Julius Victor benutzt, und zwar sind aus beiden lange Stellen wörtlich aufgenommen. Diesem Compendium ist noch ein kleiner Anhang über die Tugenden angefügt, weshalb auch das ganze Werk Disputatio de rhetorica et de virtutibus in den Handschriften betitelt ist. Dieser Anhang ist mit der Rhetorik nur äusserlich verknüpft, indem er als Uebung in derselben betrachtet wird. Dass er aber von Alcuin selbst hinzugefügt wurde, zeigt nicht bloss sein Eingang und Schluss, sondern auch die Rückbeziehung bei der Temperantia auf das Ende der Rhetorik: Ne quid nimis . Nach der Definition von virtus werden als deren vier Theile die Cardinaltugenden bezeichnet, darauf von diesen wieder die partes gegeben (wie z. B. die drei der Prudentia : Memoria, Intelligentia, Providentia ) und alle definirt. Zu einem schönen Schwung erhebt sich die Rede Alcuins als er gegen das Ende den Reiz der Tugend, ihren hohen Werth schildert. Auch die Dialektik , in welcher die Form des Dialogs von unbedeutenderer Ausführung ist, ist bloss eine möglichst wörtliche Compilation, namentlich aus Isidors oben genanntem Werk, wie auch aus der pseudoaugustinischen Schrift über die 10 Kategorien und aus Boëtius' De differentiis topicis . Als eine Ergänzung der Grammatik lässt sich ein Schriftchen Alcuins De orthographia betrachten, in welchem, nach dem Vorbild, und unter Benutzung einer gleichnamigen Schrift Beda's, nach dem Anfangsbuchstaben geordnet eine Reihe von Wörtern aufgeführt werden, welche zu orthographischen Fehlern leicht Veranlassung boten, um vor diesen hier zu warnen. Dies Schriftchen ist nicht uninteressant für die Kenntniss der Aussprache des Lateinischen damals und nicht ohne Werth für die Kritik der Texte jener Zeit. Noch ein merkwürdiges kleines Lehrbuch Alcuins ist zu erwähnen, das recht als eine Frucht seiner Thätigkeit an der 20 Hofschule erscheint, wie es denn auch zunächst für Karls Sohn Pippin verfasst ist. Ich meine die Disputatio Pippini cum Albino scholastico . Es ist dies ein Handbüchlein für »Denkübung«, zur Schulung des Scharfsinnes und Witzes, auch in dialogischer Form. Es lassen sich zwei Abschnitte darin unterscheiden: im ersten frägt der Schüler, im zweiten der Magister. In jenem wird in der Regel von verschiedenen dem Menschen sehr nahe liegenden Objecten und Begriffen eine Definition verlangt und in witziger Weise durch ein Bild oder eine Metapher gegeben, so von dem Körper und seinen Gliedmassen, dem Leben und Tod, den Elementen, den Gestirnen, den Jahreszeiten u. s. w. Z. B. »Was ist die Zunge? Eine Geissel der Luft.« »Was ist der Nebel? Die Nacht am Tage, die Mühe der Augen.« Oder: »Was ist der Tag? Die Anregung zur Arbeit.« Wie nun manche dieser Antworten, als Frage gegeben, Räthseln gleichen würden, so werden denn in dem zweiten Abschnitt solche in der That von dem Lehrer dem Schüler aufgegeben, welcher durch die Antworten des ersten Abschnittes in das Wesen des Räthsels eingeführt, gleichsam zur Lösung geschult, diese selbst jetzt, und zwar oft wieder in einer räthselhaften Form gibt. Z. B. No. 94: A. Quis est quem videre non potes nisi clausis oculis? P. Qui stertit, tibi ostendit illum. Es ist eben somnus gemeint, und es ist die Frage dem Vers 3 des Räthsels Somnus des Symphosius (No. 99 bei Riese, Anthol. lat. I, p. 207) entlehnt: Sed me nemo uidet, nisi qui sua lumina claudit. Dieser letztere Zug, der ganz originell ist, zeigt recht in welchem Grade das Räthsel bei den Angelsachsen gepflegt ward. Und wenn auch bei der Abfassung des Büchleins eine aus dem Alterthum stammende Schrift Alcuin den Weg gewiesen und er ihr und andern das Material zu einem guten Theile verdankte S. darüber Wilmanns a. a. O. , so ist doch diese Art der Verwerthung zum Schulunterricht ächt angelsächsisch-national. Bei keinem Volke ist das Räthsel je beliebter gewesen. S. meinen Aufsatz über die Räthselpoesie der Angelsachsen, insbesondere die Aenigmata des Tatwine und Eusebius in den Berichten über die Verhandl. der k. sächs. Ges. d. Wissensch. Bd. XXIX, 1877. S. 20 ff. Und Alcuin theilte diese Vorliebe in hohem Grade. Endlich schliessen sich an die Lehrthätigkeit Alcuins, und insbesondere in der Pfalz, seine von Tours aus an Karl 21 gerichteten astronomischen Abhandlungen De saltu lunae und De bissexto , sowie ein paar Kalenderfragen betreffende Briefe. Von den übrigen wissenschaftlichen Arbeiten unseres Autors treten durch ihre Zahl wie durch das Ansehen, das sie in ihrem Zeitalter hatten, die theologischen in den Vordergrund; aber wir haben hier um so weniger genauer auf sie einzugehen, als sie inhaltlich von keiner Originalität sind. Die meisten sind Erklärungen der Bibel , von welchen das umfangreichste und geschätzteste Werk der auf den Wunsch der Gisela und Rotrud verfasste Commentar zum Evangelium Johannis ist. Auch er ist, gleich den andern, nur eine Compilation aus älteren berühmten Werken, welche theils wörtlich, theils nur dem Sinne nach excerpirt sind; dies bemerkt Alcuin selbst in der Widmung, wo er zugleich als seine Hauptquellen Augustins Erklärung, des Ambrosius Schriften, sowie Gregors und Beda's Homilien nennt. Diese Art der Erklärung durch eine »Blüthenlese« von Citaten aus den Kirchenvätern wurde aber ein Muster für die Folgezeit, die durch die directen und indirecten Schüler Alcuins, wie wir sehen werden, darin noch Grösseres leistete. Bemerkenswerth ist noch die mit seinen mathematischen Studien wohl zusammenhängende Vorliebe Alcuins für Zahlenmystik, die hier, wie auch sonst bei ihm, sich in recht auffallender Weise zeigt. – Ein gewisses historisches Interesse haben diese Commentare in ihrer Beziehung zu den Personen, denen sie gewidmet sind; dies gilt namentlich auch von dem Commentar zu dem Prediger, welchen Alcuin zunächst für seine Schüler Onias, Candidus und Fredegisus geschrieben hat, um ihnen, »nachdem sie aus dem Neste väterlicher fürsorgender Liebe in die freien Lüfte weltlicher Geschäfte entflogen«, als Handbuch christlicher Moral zu dienen, welches vor der Eitelkeit der Welt sie warnen soll. – Sein bedeutendstes theologisches Werk aber, das diesem Zeitalter auch am meisten imponirte, waren die Karl dem Grossen als Kaiser gewidmeten drei Bücher De fide Trinitatis , womit Alcuin auch von dem Nutzen des Unterrichts, den er Karl in der Dialektik gegeben, die welche daran zweifelten, überzeugen wollte. S. die Widmung, Monum. Alcuin. p. 673: ut convincerem eos, qui minus utile aestimabant, vestram nobilissimam intentionem dialecticae discere velle rationes, quas beatus Augustinus in libris de sancta Trinitate adprime necessarias esse putavit. Die kulturgeschichtliche Bedeutung des 22 Werkes liegt in der That darin, dass dies neue System der Dogmatik, so unvollkommen es war und so wenig originell, da es durchaus auf Augustinischer Grundlage ruhte, zu speculativem Nachdenken wieder aufforderte und die Nothwendigkeit einer philosophischen Vorbildung zeigte. Unmittelbarer interessiren uns hier zwei philosophisch-moralische Schriften Alcuins, welche auch in den ersten Jahren des neunten Jahrhunderts verfasst sind, und auch auf den Wunsch von Laien. Die eine, De virtutibus et vitiis betitelt, ist für den Grafen der Bretagne, Wido geschrieben, ein Laienbrevier, mit besonderer Rücksicht auf das Amt des Grafen. Nach den Worten der Widmung soll dies Buch Wido überall begleiten, auch auf seinen Kriegszügen, »damit er sich darin betrachte«, alle Zeit »was er zu thun und wovor er sich zu hüten« wisse, um so zum Gipfel der Vollkommenheit zu gelangen, der – was sehr zu beachten – wie Alcuin sagt, auch dem Laien erreichbar sei, da vor Gott kein Unterschied zwischen dem Laien und Kleriker bestehe, vielmehr von ihm ein Jeder nur nach seinem Verdienst belohnt werde. Als Handbuch ist es absichtlich kurz gefasst, und des leichteren Studiums wegen jeder Tugend und jedem Laster ein besonderes Kapitel gewidmet. Trotzdem vermisst man eine vollkommene Ordnung in dem Buche, das uns aber offenbar auch in einem schlechten Zustand überliefert ist. Wie in der Behandlung der Tugenden einzelnes an Lactanz' Institutionen erinnert, so in der der Laster an Prudenz, obgleich im Allgemeinen Alcuin hier Cassian, beziehungsweise Aldhelm S. Bd. I, p. 334 und 539. folgt. Ganz eigenthümlich ist ihm aber die besondere Berücksichtigung des Richterstandes, da ja gerade durch Karl den Grossen die Gerichtsbarkeit vorzugsweise in die Hände der Grafen gelegt war. So werden von dem Richter insbesondere Gerechtigkeit, Mitleiden und Unbestechlichkeit gefordert; auch der Pflichten der Zeugen wird speciell gedacht. Gleichen praktischen Sinn und Geschick in der Verwerthung der Studien zeigt Alcuin in der andern, kleineren Schrift De ratione animae . Sie ist auf den Wunsch der Gundrad, welcher durch Gespräche, die sie mit Alcuin das Jahr zuvor gehabt, veranlasst war, geschrieben und zwar in der Form eines Briefes. Ep. 243 bei Jaffé. Wie die 23 Wahl dieser Form hier eine passende ist, so zeigt Alcuin auch in dem Inhalt, dass er Frauen für philosophische Betrachtung zu interessiren versteht. Das moralische Moment lässt er die Darstellung beherrschen, in welcher das Verhältniss der Seele zu Gott durchaus den Schwerpunkt bildet. Erst indem er dieses schildert, geht er auf ihr Wesen ein. Zwei Gedichte schliessen sich an die Erörterung an, von welchen das erste in Distichen das Lob der menschlichen Seele singt und dabei die Gedanken der Abhandlung recapitulirt; das zweite fordert die Gundrad zum Preise Gottes in adonischen Versen auf, die zu 6 sechszeiligen Strophen verbunden sind. Die Bedeutung der Sechszahl, die in ihren Theilen vollkommen sei, fügt Alcuin hinzu, möge ihr der Kaiser selbst erklären, der unter so vielen Sorgen des Palastes und der Regierungsgeschäfte die Geheimnisse der Philosophen vollständig zu wissen sich bemühe, wie kaum ein Anderer, der nichts von der Welt zu thun habe. Ruht auch dieses Schriftchen nur auf überlieferten Ansichten, so ist doch die dem Zweck entsprechende Anlage und die leichtverständliche Ausdrucksweise zu rühmen, und beweist wieder recht, wie Alcuin der Mann war, wissenschaftliche Bildung in weiteren Kreisen zu verbreiten. Von historischen Prosaschriften hat Alcuin nur ein paar Heiligenleben aufzuweisen, von welchen aber zwei blosse stilistische Bearbeitungen sind, das eine von der Vita des h. Richarius, das andere von der des h. Vedastus, jene auf den Wunsch des Angilbert, diese auf den des Rado unternommen, welche beide Aebte von Klöstern waren, die diesen Heiligen gewidmet. Solche Renovationen älterer Vitae werden nun immer mehr Mode, ein Zeugniss fortschreitender ästhetischer Bildung, so wenig geschmackvoll auch noch ihre Ausführung in der Regel ist. – Ein drittes Heiligenleben Alcuins ist Originalwerk: es ist die Vita des h. Willibrord , des Apostels der Friesen und Vorläufers des Bonifatius, welcher der erste Bischof von Utrecht war. Er war ein Northumbrier, aber in Irland gebildet, wohin er sich zu dem Zweck nach dem Beispiel anderer bedeutender Kleriker Englands begeben. – – peregrinationis amore instigatus. Et quia in Hibernia scolasticam eruditionem viguisse audivit etc. c. 4. Zwölf Jahre verweilte er dort. Dann ging er als Missionar nach Friesland 24 (690); da er dort aber damals keine Erfolge erzielte, so begab er sich nach dem Frankenreich. Von Pippin begünstigt, wurde er im J. 695 von Papst Sergius zum Missionsbischof ordinirt, und predigte dann wieder bei den Friesen, den Dänen und selbst auf Helgoland. Nach der Eroberung Frieslands durch Karl Martell erhielt er das Utrechter Bisthum. Willibrord hatte auch das Kloster Epternach gegründet. Von dem Abte dieses Klosters, Beonrad war Alcuin gebeten worden die Vita, Mores und Miracula des Heiligen zu schreiben, und obgleich der vielbeschäftigte die Zeit dazu Nachts sich abstehlen musste, entsprach er doch der Bitte und im vollsten Masse – wohl um so mehr, als Willibrord sein Verwandter war. Alcuin verfasste nämlich das Heiligenleben in doppelter Gestalt, zuerst in Prosa, dann in Versen, indem das erstere zur öffentlichen Vorlesung in der Kirche vor den Mönchen bestimmt sein sollte, das andere dagegen zur Privatlectüre der Gelehrten unter denselben, und er fügte dem ersteren obendrein noch eine kurze Homilie für das Volk zur Predigt an den Natalitien des Heiligen hinzu. Alcuin gibt selbst diese Bestimmung der drei Arbeiten in der Zuschrift an den Abt Beonrad, der zugleich Erzbischof von Sens war, an. Was nun zunächst die prosaische Vita betrifft, so hat sie natürlich gemäss der ihr gestellten Aufgabe eine erbauliche Tendenz, Alcuin schreibt hier nicht als Historiker; trotzdem kann man mit Recht ihm vorwerfen, mit den geschichtlichen Vorstudien es sich zu bequem gemacht zu haben, zumal bei einem Helden, der kein Heiliger gewöhnlichen Schlags, sondern ein kulturgeschichtlich bedeutender Missionar war. Auch die Anordnung des Stoffes ist keine strenge; zu loben bleibt nur, dass im Gegensatz zu anderen Vitae jener Zeit, namentlich auch der von Alcuin selbst bearbeiteten Vita Richarii , der Stil von Schwulst sich frei hält, wenn er auch einer bildlichen Ausdrucksweise darum nicht ganz entsagt. Dies gilt auch von der metrischen Vita (in Hexametern), die übrigens nichts weiter als eine Versification der prosaischen, selbst unter Beibehaltung von Worten und Redewendungen, ist, aber mit manchen nicht unwesentlichen Auslassungen, wie denn auch darin auf die Prosa zur Ergänzung verwiesen wird. S. Absatz 13, Monum. Alcuin. p. 69. Wie dieser metrischen Vita eine Praefatio 25 in Distichen vorausgeht, so folgt ihr in demselben Versmass ein offenbar viel später hinzugefügter Epilog über den Vater des Heiligen, in welchem zugleich nachträglich die Geburt und Erziehung des Willibrord, auf Grund der ersten Kapitel der Prosa erzählt werden. Die metrische Vita hebt nämlich sogleich mit dem Erscheinen des Heiligen in Francien an, was vom ästhetischen Gesichtspunkt anzuerkennen ist. Dass die Schlussdistichen (was Jaffé und Wattenbach nicht bemerkten) viel später hinzugefügt sind, trotzdem ihrer in dem Widmungsschreiben gedacht wird, zeigen sie selbst, s. v. 3: ut dudum cecini , und v. 49: cuius vita etc, camenis olim fuit praetitulata meis . Die Erwähnung in der Dedication muss also ein späterer Zusatz sein. Mit diesem Werk sind wir schon auf das Feld der Dichtungen Alcuins übergetreten. Die grösste, bedeutendste und auch wohl die älteste der uns erhaltenen, die wohl noch in York, sicher in jüngeren Jahren von ihm verfasst ist, führte den Titel: De patribus, regibus et sanctis Euboricae , wie ihr Schluss mit Sicherheit zeigt. Haec idcirco cui(sc. Euboricae) propriis de patribus atque Regibus et sanctis ruralia carmina scripsi. v. 1653 f. Daher sind die bisher dem Gedicht gegebenen Titel: De pontificibus et sanctis , oder bloss De sanctis ecclesiae Eboracensis unrichtig. In diesem Falle ist aber der Titel, wie man oben sieht, von besonderer Bedeutung. Mit diesem Titel wird zugleich der Inhalt genauer bezeichnet, sowie der Charakter der Dichtung angedeutet. Er ist kein bloss geistlicher wie in dem versificirten Heiligenleben, das sonst in mancher Beziehung an diese Dichtung erinnert. Wenn auch in ihr Alcuin die Geschichte des Erzbisthums York gibt, so beschränkt er sich doch keineswegs darauf. Nicht ein kirchliches, sondern ein nationales Interesse hat ihn zunächst zu dem Werke getrieben: wie er selbst im Eingang sagt (v. 16 ff.), will er den Ruhm des Vaterlandes und der Vaterstadt verherrlichen. Nun kann ihm freilich dieser Ruhm nur ein christlicher sein. Und so beginnt er denn nach kurzen historischen Vorbemerkungen mit der Christianisirung Northumbriens unter König Edwin, dem ersten Oberherrscher der Angelsachsen, 627 seine Geschichte, und führt sie dann an der Hand der Nachfolger desselben bis auf Aldfrid fort, mit dessen Tod 705, wie Lappenberg sagt Geschichte von England Bd. I, S. 205. , der Lichtpunkt der Geschichte Northumbriens zu verbleichen beginnt: erst von hier ab liefert die Reihe der Erzbischöfe, an der Stelle der Könige, 26 den leitenden Faden der Erzählung Dies wird geradezu von dem Dichter gesagt v. 1078: seriemque relinquere regum . , die auch nun erst von weltlichen Dingen absieht. In dem vorausgehenden Theile dagegen werden zwar auch vorzugsweise die für die christliche Kirche wichtigen Ereignisse erzählt, aber der Dichter beschränkt sich doch nicht darauf, so wenig wie Beda in seiner Kirchengeschichte, die ihm hier durchaus den Stoff liefert; und selbst unter jenen Ereignissen treten die Kriege mit den heidnischen Königen des Landes ganz in den Vordergrund, und sie gerade bieten Alcuin die Gelegenheit zu den ausführlichsten und lebendigsten poetischen Schilderungen. Alcuin führt aber seine Erzählung bis zum Tode seines Lehrers, des Erzbischofs Aelbert, dem er einen rührenden Nachruf widmet: nur erzählt er noch, und zwar, wie er anzeigt (v. 1596 f.), anhangsweise, ein später erfolgtes Mirakel, die Vision eines seiner eigenen Schüler, die er nicht gern der Nachwelt vorenthalten wollte. In diesem zweiten Theile seiner Dichtung konnte Alcuin nur im Anfang noch Beda's Werk benutzen, das ja mit dem Jahre 731 abschliesst, und so erzählt er denn hier hauptsächlich auf Grund mündlicher Tradition und namentlich eigener Erfahrung. So wird in diesem Theile sein Werk zu einer vornehmlich in kulturgeschichtlicher Beziehung wichtigen Quelle. Hier lernen wir den Stand der Schule von York sowie selbst den Umfang ihrer Bibliothek (v. 1535 ff.) kennen, hier wird uns die in der Lebensskizze von uns verwerthete Auskunft über die Ausbildung Alcuins und über seine Lehrer gegeben. Aber die in 1657 Hexametern verfasste Dichtung zieht auch formell an: sie ist mit einer gewissen jugendlichen Frische und Lebendigkeit geschrieben und hält sich von unnützer Weitschweifigkeit im Ganzen frei; der Schüler Virgils gibt sich in manchen Reminiscenzen kund, aber auch in dem trotz einzelner prosodischer Fehler wohl gebauten Verse, sowie nicht minder in einigen kräftig gezeichneten historischen Porträts und in den mit Lust und Liebe ausgemalten Kampfbildern. Die Freude an diesen ist ein ächt nationaler Charakterzug der Angelsachsen und ihrer Dichtung, wie wir später sehen werden. – Von christlich-lateinischen Dichtern aber ist der begabteste, Prudentius nicht ohne Einfluss gewesen. S. z. B. v. 158 ff. 27 Die bisher verkannte literaturgeschichtliche Bedeutung dieses Gedichtes »von den Königen und den Bischöfen von York« liegt eben darin, dass es bereits die Dichtung auf das weltliche Gebiet hinüberführt, dass es wie der erste Vorläufer jener dem Epos so nahe verwandten Reimchronik des späteren Mittelalters erscheint, die ja auch zuweilen die kirchlichen Verhältnisse in den Vordergrund treten lässt. Noch ein grösseres Gedicht hat Alcuin verfasst, eine Elegie von 120 Distichen: De clade Lindisfarnensis monasterii . Der herkömmliche weitläufige Titel: De rerum humanarum vicissitudine et clade Lindisf. monasterii stammt von Froben. In den Handschr. ist das Gedicht ohne Ueberschrift. Vgl. Dümmler, N. Arch. S. 121. Es ist ein Gelegenheitsgedicht, zum Troste der Mönche des berühmten Klosters von Northumbrien verfasst, mit welchen Alcuin schon länger bekannt war und mit deren Abt und Bischof, Higbald er auch in Frankreich in Correspondenz blieb. Dies Kloster sammt der Kirche des h. Cuthbert wurde im Juni 793 von den Dänen verwüstet, wobei auch Mönche getödtet wurden. Da der Ort, wie Alcuin sagt Ep. 22 (p. 181). , ehrwürdiger als irgend einer in Britannien, so machte das Ereigniss das grösste Aufsehen, es erschien als ein Gericht Gottes, wenigstens unserm Autor, der davon Anlass nahm, an den König von Northumbrien und die Grossen seines Reichs zwei Sendschreiben (ep. 22 u. 23) zu richten, worin er sie zur Frömmigkeit und guten Regierung ermahnt. Aus demselben Grunde schrieb er auch an Higbald und seine Mönche zwei mit Ermahnungen verbundene Trostbriefe (ep. 24 u. 25). Diesen liess er hernach die Elegie folgen, in welcher sich einzelne in den beiden Episteln ausgesprochene Gedanken und angeführte Beispiele wiederfinden. Der Dichter führt in ihr zunächst aus, wie seit dem Sündenfall auf der Welt nichts beständiges sei, und also kein beständiges Glück, vielmehr ein steter Wechsel, wie in der Natur, so im Menschenleben, und wie namentlich das Grosse nicht selten von plötzlichem Unfall betroffen werde: nachdem hier der Dichter des Untergangs grosser Reiche in der Vergangenheit gedacht, verweist er für die Gegenwart auf die Herrschaft der Ungläubigen im Morgenland und in Spanien. Daher ist statt der irdischen die himmlische Heimath zu lieben, die Christus den geprüften 28 Gerechten aufbewahrt. Der Dichter ruft dann noch den Mönchen die Kraft des Gebets in Erinnerung, die sich nicht bloss den jüdischen Patriarchen, sondern auch ihren eigenen Bischöfen, wie durch Beispiele gelehrt wird, bewährte. Der Schluss ist an Higbald selbst gerichtet. – Bis auf wenige Stellen entbehrt diese Elegie des Schwungs und poetischen Reizes, wohl um so eher, als Alcuin auf eine Schilderung der Zerstörung des Klosters in einem an die Augenzeugen selbst gerichteten Gedicht verzichten musste. Wie dies Gedicht durch einen äussern Anlass hervorgerufen ist, so sind auch die meisten übrigen Gedichte des Alcuin mehr oder weniger reine Gelegenheitspoesie, theils Epigramme, theils Episteln, in Distichen oder Hexametern. Alcuin schliesst sich hierin ganz an Fortunat an, der auch vorzüglich diese Dichtungsarten kultivirte. Die Epigramme sind einmal und vornehmlich wirkliche Inschriften, Inscriptiones , so auf Codices, namentlich die Bibel, wie er ja auch solche den eigenen Werken vorausgehen oder folgen lässt (wie der Grammatik, Rhetorik u. s. w.), sie können sich selbst zu längeren Inhaltsangaben erweitern S. Opp. T. II, p. 203 ff. Von einzelnen dieser Inscriptiones erscheint allerdings Alcuins Autorschaft nicht genügend beglaubigt. ; ferner auf Kirchen, Oratorien, Altäre, Kirchthüren, Gräber So auch eine ungedruckte Grabschrift auf Aelbert. S. Dümmler, N. Arch. S. 120. , also auch Epitaphien. Solche Inschriften hat Alcuin namentlich auf Bitten Anderer gemacht (wie uns auch seine Briefe zeigen, so ep. 224), z. B. für die durch den ihm befreundeten Abt Rado restaurirte Klosterkirche des h. Vedastus, oder für die von St. Amand, von welchem Kloster sein innigster Freund Arno Abt war und in dessen Nähe Alcuin selbst ein Gut besass; so im Namen Karls des Grossen das noch als Inschrift erhaltene Epitaphium Papst Hadrians. Auch finden sich unter seinen Gedichten Inschriften für verschiedene Klosterlocalitäten – von welchen freilich keineswegs überall die Authentie gesichert erscheint – so für das Schulzimmer, die Bibliothek, in welcher auch die Bücherabschreiber arbeiteten, denen das Epigramm (c. 67) Sorgfalt, namentlich auch in Betreff der Interpunction einschärft, die ja erst durch Alcuins Bemühung damals wieder 29 eingeführt wurde. S. oben S. 9 , Anm. 1. Einige dieser Inscriptiones sind nicht ohne Esprit und von leichter ansprechender Darstellung, die meisten dagegen blosse Fabrikarbeit. Der andern Epigramme sind wenige, von welchen ein witziges auf die kleine Hausthür des kleinen Einhard hervorzuheben ist S. Jaffé, Monum. Carolina p. 492. ; von ihnen bilden einzelne den Uebergang zu der Epistelpoesie , die nicht allein durch längere Gedichte, sondern auch durch kurze, Billets in Versen gleichsam, vertreten ist (z. B. c. 227 von 5 Distichen), ähnlich wie bei Fortunat S. Bd. I, S. 503. , ja Alcuin pflegte nicht selten mit einem oder mehreren Distichen auch seine prosaischen Briefe zu schliessen, indem er in Versen Lebewohl sagt. Aber es finden sich jenen auch ganze Gedichte angehängt, so dass der prosaischen eine poetische Epistel angeschlossen ist, oder jene in diese ausläuft (s. z. B. ep. 248). Und dies wird auch von manchen in der Sammlung der Carmina enthaltenen zu gelten haben, bei denen die Prosabriefe, als deren Annex sie verfasst oder wenigstens abgesandt waren, verloren gegangen sind. Diese poetischen Episteln sind zum Theil von nicht geringem historischen Werth, schon durch die Bedeutung der Adressaten. So sind vor allem eine ganze Anzahl und darunter die interessantesten an den »süssen geliebten David, die Liebe des Flaccus« gerichtet. In der einen (c. 228) erkundigt sich Alcuin bei Karl nach der Hofschule, indem er scherzend das gelehrte Treiben in der Pfalz überhaupt schildert, so wird hier auch der Schüler des Hippokrates wie der Ausbildung der Priester gedacht, über den kleinen Schreiblehrer Zachaeus gespottet, und der astronomischen Studien einer Schülerin (wohl Gisela) Diese möchte man im Hinblick auf das Epigramm c. 256 (v. 5) vermuthen. erwähnt, aber auch des eifrigen Dienstes des Oberküchenmeisters wie des Mundschenks nicht vergessen. In einer andern Epistel (c. 230) bittet der Dichter den König ihn gegen unliebsame Kritiken in Schutz zu nehmen. Die wichtigste aber ist zugleich die längste, von 43 Distichen (c. 232), welche, an Karl bei seinem Römerzuge im J. 800 gerichtet, wie in der Vorahnung des grossen Ereignisses der Wiederherstellung des 30 abendländischen Kaiserthums durch Karl, geschrieben ist. Wird er hier auch noch König betitelt, so ist doch von seiner Herrschaft bereits als wie von einer Weltherrschaft die Rede. Auch den Worten nach: Talia compescat tua, Rex! veneranda potestas; Rectorem regni te Deus instituit . – Hier kann regni nur im Sinne von Weltreich genommen werden. Siehe auch die zunächst folgenden Verse. Alcuin fordert ihn auf, Rom, dem Haupte der Welt, den inneren Frieden zu geben, und die Schäden der ›Welt‹ zu verbessern. Als Rector ecclesiae soll er namentlich die Simonie abstellen. – Weit unbedeutender sind dagegen die an Papst Leo gerichteten Episteln, die nur Glückwünsche sagen oder Trost spenden. Auch an Mitglieder der Familie Karls wie an Freunde und Schüler, als Angilbert, Arno, Candidus (gelegentlich seiner Abreise nach Rom), Paulin von Aquileja, Benedict von Aniane, und selbst an ferner Stehende sind solche Gedichte geschrieben – darunter auch ein scherzhaftes, in räthselhaftem Ausdruck spielendes an Beonrad, den Alcuin vertraulich Samuel nennt. S. bei Hagen, Carmina medii aevi . Bern 1877, No. 77, p. 128. Hervorzuheben sind noch zwei Episteln. Die eine ist von England aus, als Alcuin dorthin 790 zurückgekehrt war, an seine Freunde auf dem Continent, namentlich in der Rheingegend und an dem Hof, der sich damals ebendort befand, gerichtet, indem dem Brief der Weg, den er zu nehmen hat, vorgezeichnet und die Grüsse und Aufträge, die er an die Freunde einzeln ausrichten soll, mitgetheilt werden – ein anmuthiges mit Humor und gutmüthiger Satire ausgestattetes Gedicht. Opp. H, p. 449. Auch kulturgeschichtlich ist das Gedicht mehrfach interessant. Die andere Epistel (c. 260) ist an die Yorkischen ›Brüder‹, seine alten Schüler gesandt. Mit einer Schilderung des Frühjahrs beginnend fordert sie dieselben auf, ›das Plectrum des Maro‹ zu ergreifen, aber geistliche Lieder zu singen, und damit den alten Lehrer zu beschenken, der jetzt den König Karl unterrichte. Eine Ermahnung an die Jugend, durch die Studien vor dem Bacchus und dem cretensischen Knaben sich zu schützen, schliesst sich daran. An die zuletzt erwähnte Epistel erinnert etwas eine Elegie von halb bukolischem Charakter, die offenbar im Anschluss 31 an einen prosaischen Brief abgesandt wurde Es ist der an Dodo gerichtete Brief Alcuins (ep. 286); dieser Brief erklärt nämlich erst Einzelheiten des Gedichts, die ohne das unverständlich sind; so im zweiten Vers: Quem subito rapuit saeva noverca suis ; diese noverca wird allein durch den folgenden Satz des Briefes, im Eingang desselben, verständlich: Inmitiorque noverca tam tenerum de paterno gremio per libidinum vortices caro rapuit . Der Brief ist übrigens ein ernsthaftes Vermahnungsschreiben Alcuins. : es ist c. 277 De Cuculo . In diesem Gedicht fordert Alcuin in scherzender Weise einen seiner Schüler, Daphnis (an den ep. 259 gerichtet), sowie Menalcas – den ästhetisirenden Oberküchenmeister der Pfalz – auf, zugleich mit ihm selbst den Kuckuk zu beklagen, einen jungen Sänger, der nur kurze Zeit ein Schüler Alcuins gewesen, jetzt von ihm entfernt, in den Wellen des Bacchus unterzugehen drohe. Der Frühling sei da, der Kuckuk solle aus seinem Schlafe erwachen und zurückkehren, um mit ihnen selbst seine Unfälle zu beklagen! Dieser junge, allzu lebensfrohe Poet des Alcuinschen Kreises hiess Dodo. S. über ihn Sickel, Alcuinstudien I, a. a. O. S. 525 f., und vgl. weiter unten die Anm. zu dem Gedicht › Conflictus veris et hiemis. ‹ Von ähnlicher Tendenz und bukolischer Färbung ist eine andere Elegie (c. 263), auch an einen Schüler gerichtet, der ein tüchtiger Gelehrter und vortrefflicher Dichter geworden war, dessen Zunge jetzt aber schläft, wie er selbst vom Bacchus eingeschläfert. Er hat sich in dem guten Leben der Pfalz verloren, und des Albinus wie seiner selbst vergessen. Alcuin nennt ihn in dem Gedicht Corydon: es ist wahrscheinlich der weiter unten betrachtete Eklogendichter Naso. S. meinen Aufsatz: Naso, Angilbert etc. in der Zeitschr. für deutsch. Alterth. N. F. X, S. 329. Noch findet sich unter den Poesien Alcuins im elegischen Versmass ein Gedicht auf die Nachtigall (c. 276), welche den Schöpfer mit ihrem süssen Lied besingend, den Menschen ein Vorbild sein soll. Auch in andern Dichtungsarten und Formen hat sich Alcuin versucht, wenn uns auch davon nur wenige Gedichte erhalten sind. Dies gilt namentlich von der Lyrik, welche er sogar, möchte man annehmen, mit besonderer Vorliebe gepflegt haben muss, denn dieser verdankt er doch wohl seinen akademischen Namen; auch wissen wir, dass unter musikalischer 32 Begleitung seine Carmina bei Hofe gesungen wurden. Theodulf, Carmina l. III, c. 3. Wir haben indess nur eine geistliche sapphische Ode (c. 1) – ein Abendgebet – und ein zierliches Gedicht in adonischen Versen (c. 264) unter seinem Namen. – Ferner sind zu erwähnen ein paar Acrosticha , die zugleich Bildergedichte sind, indem auch hierin wieder Alcuin an Fortunat erinnert S. Bd. I. S. 511. ; das eine auf das Kreuz Christi – was im Hinblick auf Alcuins Schüler, Raban, wie wir sehen werden, besonders bemerkenswerth ist – das andere auf Karl den Grossen als Kaiser, wie er denn hier Flavius Anicius Carlus genannt wird. Beide Acrosticha zuerst publicirt von Hagen a. a. O. S. 115 u. 123, und vgl. S. 215 u. 220. Auch einige Räthsel in Hexametern, namentlich Logogriphen, haben sich erhalten (c. 273 ff.), sowie eine Fabel vom Hahn und Wolf mit christlicher Anwendung (c. 278). Noch eines besonderen, und zwar ebenso wichtigen als anziehenden Theils der Werke Alcuins ist zu gedenken, der von Haus aus, der Tendenz der Abfassung nach, nicht als literarisches Product zu betrachten ist und daher hier erst, anhangsweise, behandelt wird: ich meine seine Briefe , von denen die meisten doch einen rein privaten Charakter haben, andere allerdings schon sogleich mehr oder weniger für weitere Kreise bestimmt waren. (Die bloss in Briefform edirten Abhandlungen rechne ich gar nicht hierher). Indem aber schon frühe Sammlungen von ihnen veranstaltet wurden, und zwar auch, obschon keineswegs ausschliesslich, zu dem Zweck als Muster des Briefstils zu dienen, so treten diese Briefe damit auch schon im Ganzen sehr bald in den Kreis der Literatur ein. Alcuin führte, wie früher bemerkt, eine ausgedehnte Correspondenz, auch darin den späteren Humanisten gleichend: und obwohl eine grosse Anzahl seiner Briefe verloren gegangen ist S. Sickel, Alcuinstudien I, a. a. O. S. 466. , so haben sich doch gegen 300 erhalten, die fast alle aus der Zeit seines Aufenthaltes im Frankenreiche stammen; die meisten sind aber in Tours geschrieben. Die grosse Bedeutung dieses Mannes, wie er die fortschreitende Bewegung der Kultur überall anregt, oder beeinflusst, tritt uns aus dieser Briefsammlung am 33 lebhaftesten entgegen, und man sieht wie dieser Einfluss auf das ganze Abendland sich erstreckt, wie denn seine Correspondenz nicht bloss bis an die äussersten Grenzen des Frankenreiches, sondern noch darüber hinaus geht. Seine Rathschläge und Ermahnungen sind an Könige wie an den Papst, an Bischöfe und Mönche wie an Hof- und Staatsbeamte, an Freunde wie an Fremde gerichtet. Sie betreffen bald kirchliche und geistliche, bald selbst politische Angelegenheiten, bald wissenschaftliche Fragen der verschiedensten Art, wie auch das Schulwesen; oder es sind die Briefe an die nächsten Freunde gerichtet, rein vertraulicher Natur, um den mündlichen Verkehr zu ersetzen, oder es spricht auch in ihnen zu den Schülern der sittlich bessernde Mentor. In der Menge dieser Briefe, die kulturgeschichtlich fast alle, wenn auch die einen mehr, die andern weniger, von Werth sind, lassen sich schon bei flüchtigem Ueberblick drei Hauptgruppen leicht unterscheiden. Eine solche bildet einmal die nicht geringe Zahl der in die Heimath England gesandten, sie gehören vorzugsweise zu den älteren der Sammlung, indem sie meist aus der Zeit stammen, wo Alcuin noch am Hofe Karls weilte. Sie haben angelsächsische Interessen zum Gegenstand, und zeigen die warme Heimaths- und Vaterlandsliebe, die Alcuin sich bewahrte, sowie andrerseits das hohe Ansehen, das er bei seinen Landsleuten hatte. Er spielt in diesen Briefen mitunter die Rolle des Gildas, den er selbst auch ein paar Mal citirt S. Ep. 28 (p. 206), und Ep. 86 (p. 371) wo er schreibt: Discite Gyldum Brittonem sapientissimum; et videte, ex quibus causis parentes Brittonum perdiderunt regnum et patriam; et considerate vosmet ipsos, et in vobis pene similia invenietis. , indem er die Fürsten und Grossen zur Eintracht den feindlichen Dänen gegenüber, und sie sowohl als den Klerus zu einem tugendhaften Leben und sittlicher Erziehung des Volks ermahnt, um ein Strafgericht Gottes abzuwenden, wie dies der Kelte Gildas einst bei seinen von den Angelsachsen bedrängten Landsleuten, freilich erfolglos, gethan. Namentlich eifert Alcuin wiederholt in diesen Briefen gegen das angestammte Laster der Trunksucht, aber auch gegen andere Fehler, wie den Kleiderluxus des angelsächsischen Klerus S. z. B. Ep. 34 (p. 251). , ein Fehler, 34 von dem er sich selbst, wie es scheint, auch nicht ganz frei zu erhalten wusste. Ep. 189 (p. 668). Hervorgehoben werde hier noch ein Glückwunschschreiben (Ep. 72) an den eben inthronisirten Erzbischof von York Eanbald II., einen Schüler Alcuins, worin er demselben ein ganzes Programm seiner neuen Amtspflichten entwirft und dabei auch die Pflege der Schule besonders ans Herz legt, ihm den Beistand seines Rathes zusichernd. Einzelne dieser Briefe zeigen uns Alcuin auch als diplomatischen Vermitteler zwischen seiner alten und seiner neuen Heimath. Eine andre, noch wichtigere Briefgruppe bildet die Correspondenz mit Karl dem Grossen, aus welcher wir am besten das innige vertrauliche Verhältniss beider Männer kennen 1ernen, wie namentlich Alcuin mit wahrer Liebe an seinem grossen Schüler hängt, dessen Wissenseifer, dessen umfassende Bildung er immer von neuem bewundert, ohne zum Schmeichler zu werden, wenn er sich auch in höfischen Formen ausdrückt. Er hat nicht Unrecht, wenn er Karl rühmt, dass er durch Belohnungen und Ehren zur Pflege der Wissenschaft anfeuere und zu diesem Zweck ihre Freunde aus den verschiedensten Theilen der Welt um sich versammele (Ep. 170), wenn er ihn wegen seines Strebens, das Volk zu bessern und zu heben und das Christenthum auszubreiten, preist (Ep. 78), oder ihm das Lob des Satzes zollt: sapienter interrogare docere est (Ep. 241). Vornehmlich ist die Correspondenz mit Karl wissenschaftlicher Natur, sie setzt gewissermassen den mündlichen Unterricht Alcuins fort, nachdem er den Hof verlassen. Karl richtet Fragen aus den verschiedensten Wissenschaften, namentlich aber aus der Astronomie, an Alcuin und zwar über solche Punkte hauptsächlich, worüber seine gelehrte Umgebung ihm nicht befriedigende Auskunft gab oder anderer Ansicht als sein alter Lehrer war. Dieser bildet gleichsam die höchste gelehrte Instanz für Karl, auch wenn Andere an ihn oder seine Hofschule gelehrte Fragen stellten (s. z. B. Ep. 239). Aber Alcuin behandelt auch wichtige kirchlich-politische Angelegenheiten in seinen Briefen an den König, wie die Art der Bekehrung der überwundenen Avaren, die Lage des Papstes Leo, das neue Kaiserthum. Eine dritte Hauptgruppe bilden die Briefe an den Erzbischof Arno von Salzburg, den innigsten Freund Alcuins, einst 35 seinen Schüler. Es sind zwischen 30 und 40 uns erhalten, alle bis auf einen aus der letzten Lebenszeit Alcuins vom Jahre 796–804. Diese Briefe sind die vertraulichsten. Hier gibt öfters Alcuin seiner Zärtlichkeit für diesen Busenfreund einen biblisch schwungvollen, selbst schwülstigen Ausdruck, der recht zeigt, wie viel seinem Herzen eine solche brüderliche Freundschaft war (s. namentlich Ep. 134) Dieser Brief beginnt: Aquilae inter omnes Alpine celsitudinis aves carissimo Albinus salutem. O si mihi translatio Abacuc esset concessa ad te: quam tenacibus tua colla strinxissem, o dulcissime fili, amplexibus; nec me longitudo aestivi diei fessum efficeret, quin minus premerem pectus pectore, os ori adiungerem, donec singulos corporis artus dulcissimis oscularer salutationibus. . Er steht in diesen Briefen Arno als treuer Berather bei allen wichtigen Angelegenheiten zur Seite, so bei seinem bischöflichen Missionarberuf, so als Vorstand des Klosters, wie bei dogmatischen und liturgischen Fragen, auf welche Alcuins Antworten selbst zu kleinen Abhandlungen anwachsen; er unterstützt ihn mit Büchern, er wechselt mit ihm Geschenke, trotz der grossen Entfernung. Arno war zugleich der Vermittler des freundschaftlichen Verkehrs Alcuins mit dem noch entfernteren Paulin von Aquileja. – Neben diesen drei Hauptgruppen der Briefe finden sich noch kleinere, sowie einzelne Briefe, denn die Zahl der Adressaten ist keine geringe. Im allgemeinen sind die Briefe Alcuins gut geschrieben, insofern der Ausdruck klar und natürlich ist, von Schwulst und Prätension sich freihält, am besten stilisirt sind wie bei den poetischen Episteln die an Karl gerichteten. Man sieht da, wie Alcuin schreiben konnte, wenn er sich Mühe gab. Hat auch Alcuin durch seinen persönlichen Einfluss, welchen gerade seine Briefe vor allem bezeugen, zu dem neuen Aufschwung, welchen die Weltliteratur nahm, noch mehr beigetragen als durch seine literarischen Leistungen, so haben doch auch diese denselben nicht wenig gefördert oder in seiner ferneren Entwickelung bestimmt. Alcuin hat nicht bloss, wie bemerkt, durch seine philosophischen und dogmatischen Arbeiten angeregt und in seinen Bibelcommentaren ein Muster für die Folgezeit geliefert, das seine Einflüsse selbst auf die Nationalliteraturen erstreckt, sondern er hat auch durch seine Dichtung, und hier noch bedeutender eingewirkt, trotzdem er kein 36 poetischer Genius war, denn er hat in seiner epistolographischen und epigrammatischen Gelegenheitspoesie, wie in seinen bukolischen Elegien, und zum Theil auch in seinem vaterländischen epischen Gedichte Beispiele einer rein weltlichen Dichtung gegeben, welche auf die lateinischen Klassiker, namentlich Virgil und daneben Ovid, als ihre Vorbilder unmittelbar hinwies.   Zweites Kapitel. Paulus Diaconus. Die Emancipation der Literatur von der geistlichen Herrschaft, wodurch ganz wesentlich ihr neuer Aufschwung bedingt ward, tritt uns aber an Karls Hofe gleichzeitig noch von einer anderen Seite entgegen, die auch von der Schule, aber nicht von der der Angelsachsen, sondern von der der Italiener ausgeht; dennoch ist auch ihr Hauptrepräsentant seiner Abstammung nach ein Germane. Es ist der berühmte Geschichtschreiber der Langobarden, Paulus, nach seinem Stande gewöhnlich Paulus Diaconus Pauli historia Langobardorum in: Monumenta Germ. hist. Script rerum langobard. et italic. Saec. VI–IX. 4. (Praef.) (auch in usum scholar. ) Hannover 1878. – Historia romana in: Monum. Germ. hist. Auctor. antiquissimor. Tom. II: Eutropi breviarium cum version. graecis et Pauli Landolfique addidamentis rec. et annot. H. Droysen. Berlin 1879. (Praef.) – Gesta episcoporum Mettensium in: Mon. Germ. hist. Script. T. II. p. 260. – Vita S. Gregorii M. in: Mabillon, Acta S. S. ord. Bened. Saec. I. – Homiliae in: Martène et Durand , Veterum scriptor. collectio Tom. IX. u. in: Tosti, Storia di Monte Casino . – Gedichte, einzeln edirt, s. weiter unten. – – Bethmann, Paulus Diaconus' Leben u. Schriften, und Die Geschichtschreibung der Langobarden, beides in Pertz' Archiv der Gesellsch. für ältere deutsche Geschichtskunde Bd. X. Hannover 1851. – Dahn, Paulus Diaconus. I. Abtheilung. Leipzig 1876. – Hartel, Eutropius und Paulus Diac. in: Sitzungsber. der phil.-hist. Cl. der Wiener Akad. Bd. LXXI. 1872. – Bauch, Ueber die Historia romana des Paul. Diac, eine Quellenuntersuchung. Göttingen 1873 (Dissert.). – Droysen, Die Zusammensetzung der Historia rom. des Paul. Diac. in: Forschungen zur deutschen Geschichte Bd. XV. – Jacobi, Die Quellen der Langobardengeschichte des Paul. Diac. Halle 1877. – Mommsen, Die Quellen der Langobardengeschichte des Paul. Diac. im Neuen Archiv der Gesellsch. f. ältere Geschichtskunde Bd. V, S. 51 ff. – Dümmler, N. A. S. 102 ff. genannt. Derselbe war, ein 37 Sohn des Warnefrid, im dritten Decennium des 8. Jahrhunderts geboren, also jedenfalls etwas älter als Alcuin. Er stammte aus Friaul und von edlem langobardischem Geschlechte. Dem gemäss wurde er auch am königlichen Hofe zu Pavia erzogen. Flavianus war sein Hauptlehrer. Wie seine Werke zeigen, war seine Ausbildung eine für jene Zeit vortreffliche, namentlich erlernte er auch die griechische Sprache. Paulus, der wohl schon unter König Ratchis (744–49) und durch den Einfluss desselben Das scheint wohl angezeigt durch die Verse der auf Paulus verfassten Grabschrift:         Omnia sophiae carpisti culmina sacrae,         Rege monente pio Ratchis , penetrare decenter. – welcher selbst vom Thron in das Kloster sich zurückzog – den Laienstand mit dem geistlichen vertauscht hatte, trat zu dem Königshaus des Desiderius (756–774) in nahe Beziehung; namentlich wurde er der Lehrer der Tochter desselben, Adelperga, der Gemalin des Herzogs von Benevent, Arichis, dem er eine gleiche Anhänglichkeit widmete, vielleicht um so mehr als dessen Geschlecht auch aus Friaul stammte. An ihrem Hofe fand er, zumal nach dem Untergang des Reichs von Pavia, eine zweite Heimath, indem er diesem hochgebildeten Fürstenpaar auch mit seiner literarischen Thätigkeit diente. Trotzdem zog er sich, vielleicht in Folge jenes dem Patrioten so schmerzlichen Ereignisses Wie dies Dahn S. 23 annimmt. , in das berühmte Kloster von Montecasino zurück. Aber ein besonderer Anlass rief ihn noch einmal und auf mehrere Jahre in die Welt wieder und brachte ihn zugleich in die nahe Beziehung zu Karl dem Grossen. An einem Aufstand gegen die Franken in Friaul im Jahr 776 hatte sich, wie es scheint, auch der Bruder des Paulus, Arichis betheiligt; er war wenigstens von ihnen gefangen fortgeführt und sein und der ganzen Familie Vermögen confiscirt worden Ohne Frage der angestammte Grundbesitz. Denn dass nicht bloss von dem Vermögen des Arichis die Rede sein kann, wie man ganz allgemein annimmt, zeigt offenbar die Art, wie sich Paulus in der poetischen Supplik ausdrückt:         Coniunx est fratris rebus exclusa paternis ,         Iamque sumus servis rusticitate pares,         Nobilitas periit miseris, accessit egestas. . Als nun Karl bei seiner Rückkehr nach 38 Italien im Jahre 781 sich gegen die Langobarden gnädig gezeigt hatte, so wagte es Paulus im folgenden Jahre, den König um Freilassung seines Bruders, sowie um Restitution des Vermögens der Familie zu bitten, in einer Supplik, die in Form einer Elegie verfasst war. Karl erfüllte zwar die Bitte, wenigstens was die Freilassung betrifft, nicht alsbald, aber er fesselte Paulus an seinen Hof, so dass dieser dort von 782 an die folgenden Jahre bis spätestens 786 verweilte 787 befand sich Paulus sicher in Italien wieder (s. Dahn S. 55); im November 786 aber zog schon Karl der Grosse selbst dorthin. S. Abel, Jahrbücher des frank. Reichs unter Karl d. Gr. Berlin 1866. I, S. 461. , auch noch für andere gefangene Landsleute sich verwendend. Nicht bloss wirkte er als Hofdichter dort zur ästhetischen Unterhaltung Karls in Gemeinschaft mit dem anderen Italiener, Petrus von Pisa, sondern er war auch sonst als Schriftsteller für den König thätig, wenn er auch die schon erwähnte Homiliensammlung erst in seinem Kloster vollendet hat. S. oben S. 9 . Zugleich wirkte er als Lehrer im Griechischen am Hofe, namentlich unterrichtete er darin die Geistlichen, welche die 781 mit dem byzantinischen Kronprinzen verlobte Tochter Karls Rotrude später nach Konstantinopel begleiten sollten. – Aber Paulus sehnte sich stets nach der beschaulichen Ruhe seiner Klosterzelle zurück, immer schweiften seine Gedanken dorthin: und so finden wir ihn denn im Jahre 787 wieder in Montecasino, wo er hochangesehen war wegen seiner Frömmigkeit, Liebenswürdigkeit und Gelehrsamkeit, welche letztere auch manche ausgezeichnete Schüler dort bildete. S. Bethmann S. 270 f. – Von ihr legt recht Zeugniss ab der Auszug des Festus, der jetzt Paulus Diaconus gewiss mit Recht zugeschrieben wird. S. darüber Mommsen a. a. O. S. 55. Seine literarische Thätigkeit, in der er nicht ermüdete, widmete er jetzt zum Theil dem Kloster selbst, indem er eine Erläuterung der Regel des h. Benedict, sowie Homilien verfasste; zugleich aber schrieb er jetzt dort sein berühmtestes Werk, die Geschichte seines Volkes; inmitten dieser Arbeit überraschte den Hochbetagten der Tod, wahrscheinlich noch in den letzten Jahren des achten Jahrhunderts. Die Werke des Paulus lassen sich in drei Klassen theilen: 1) historische, 2) praktisch-theologische, 3) poetische. Am wichtigsten ist die erste, die auch das älteste der Prosawerke 39 des Paulus in sich schliesst. Es ist dies die durch Paulus' Beziehungen zu dem Hofe von Benevent veranlasste, noch vor seiner Reise nach Frankreich, etwa um 770 S. Dahn a. a. O. S. 15. verfasste Bearbeitung, d. h. Erweiterung und Fortsetzung des Eutrop, welche den Titel Historia romana führt. Sie ist seiner Schülerin Adelperga gewidmet, ja für sie verfasst. Wie das Widmungsschreiben besagt, liebte die Herzogin nicht bloss der Philosophen goldene Worte und der Dichtung Perlen ihrem Gedächtniss einzuprägen, sondern auch die Geschichte, und zwar sowohl die weltliche als die des Reiches Gottes, eifrig zu studiren. Paulus hatte ihr deshalb den Eutrop zur Lectüre gegeben. Cum ad imitationem excellentissimi comparis, qui nostra aetate solus paene principum sapientiae palmam tenet, ipsa quoque subtili ingenio et sagacissimo studio prudentium arcana rimeris, ita ut philosophorum aurata eloquia poetarumque gemmea dicta tibi in promptu sint, historiis etiam seu commentis tam divinis inhaereas quam mundanis, ipse qui elegantiae tuae studiis semper fautor extiti, legendam tibi Eutropii historiam tripudians obtuli. Diese Stelle beleuchtet zugleich recht das Verhältniss des Paulus zu dem herzoglichen Ehepaar. Dieser aber befriedigte sie nicht, sowohl wegen seiner übertriebenen Kürze, als weil der Heide der Geschichte der christlichen Religion und Kirche gar nicht gedachte. Adelperga hatte deshalb Paulus aufgefordert, diese Mängel zu ergänzen. Derselbe entsprach nun nicht bloss diesem Wunsche, sondern setzte auch das Werk, das bekanntlich nur bis Valens reicht, bis auf die Zeiten des Justinian – und zwar bis kurz vor dem Einfall der Langobarden in Italien fort, indem er den zehn Büchern des Eutrop noch sechs neue hinzufügte. Für die Erweiterung des Eutropischen Textes, dem Paulus auch eine kurze Vorgeschichte Italiens (vor Roms Gründung) vorausschickt, hat derselbe, was die profane Geschichte betrifft, namentlich Hieronymus und Orosius, dann auch die Origo gentis romanae Die nach Mommsen (im Hermes Bd. XII) in einer vollständigeren Gestalt ihm vorlag. – S. über die Quellen und ihre Behandlung des Paulus Droysens Schrift und das Prooemium seiner Ausg. p. XXXVIII ff. , Aurelius Victor und Jordanis' Weltchronik, was die sacrale Geschichte aber anlangt, die übrigens hier nur sehr wenig bedacht wird, die beiden erst genannten benutzt. Die Zusätze, bald längere, bald kürzere, sind möglichst wörtliche 40 Excerpte Nur der weitläufigere Orosius wurde wesentlich gekürzt. , bei deren Einschaltung so wenig als nur möglich die Erzählung des Eutrop berührt wird, so dass nicht einmal persönliche Bemerkungen dieses Autors von Paulus geändert wurden; die Verknüpfung geschieht deshalb in ganz äusserlicher Weise durch ein igitur, siquidem, circa haec tempora u. dergl. Dagegen hat Paulus in sprachlicher Beziehung einzelnes geändert, indem er ungewöhnlichere Formen und Constructionen corrigirte. Die Fortsetzung des Eutrop aber, die sechs letzten von Paulus selbst verfassten Bücher, ist auch bloss eine Compilation, zunächst (bis ins dreizehnte Buch) noch aus denselben Hauptquellen, indem von ihnen Orosius den Leitfaden liefert; dann, als diese versiegen, ausser aus Jordanis' Werken, deren Benutzung jetzt ganz in den Vordergrund tritt, vornehmlich aus Prospers und Beda's Weltchroniken, wozu noch einige andere weniger benutzte, zum Theil selbst noch unbekannte Vorlagen kommen. Paulus scheint in der Regel eine Zeitlang allemal einer Hauptquelle gefolgt zu sein, zwischen deren Excerpte er dann die anderen einschaltete. Leider ist er bei seiner compilirenden Arbeit nicht mit der nöthigen Sorgfalt und Treue verfahren, was namentlich auch von der Chronologie gilt. Die Historia romana wurde später von einem Andern noch um ein Buch vermehrt, welches ein Auszug aus der Langobardengeschichte des Paulus ist, indem sein Verfasser wohl das von Paulus in der Widmung gegebene Versprechen, das Werk bis auf seine Zeit fortzuführen, erfüllen wollte. S. Bethmann S. 310. – Dies Buch findet sich im Appendix der Ausg. von Droysen p. 396 ff. Eine andre Fortsetzung, die zugleich eine Bearbeitung in derselben Art ist als sie Eutrop durch Paulus erfahren Indem sich der Bearbeiter auch fast derselben Quellen als Paulus bediente. S. d. Ausg. von Droysen p. LXV. , fand das Werk Ende des folgenden, oder Anfang des zehnten Jahrhunderts durch einen gewissen Landolfus Sagax . Dieses Werk, welches man später Historia miscella betitelt hat, führt die Geschichte bis zum J. 813 fort, namentlich auf Grund der 872 verfassten Kirchengeschichte des Anastasius. Die Historia romana wie ihre Fortsetzung genossen im Mittelalter grosses Ansehen und ausserordentliche Verbreitung. 41 Während seines Aufenthaltes im Frankenreich, wahrscheinlich im J. 784 S. Pertz, Praef. , verfasste Paulus, auf den Wunsch des Bischofs von Metz, Angilram nach dem Muster der Gesta pontificum Romanorum die Gesta episcoporum Mettensium , eine kurze Geschichte der Bischöfe von Metz, von dem ersten Verkünder des Evangeliums dort, dem heil. Clemens, welchen Petrus selbst noch gesandt haben sollte, bis auf Angilram. Diese Geschichte gibt aber zu einem guten Theil nichts weiter als ein Verzeichniss von Namen, denen kurze Notizen aus der Tradition beigefügt sind; nur ein paar Bischöfe sind auf Grund schriftlicher Quellen ausführlicher behandelt, wie Auctor zur Zeit Attila's nach Gregor von Tours und Fredegar, und der Stammvater der Arnulfingen. Aus seinem Leben erzählt Paulus zwar nur die bekannte Anekdote von dem Ring Vgl. Bd. I, S. 579, Anm. 3. , welche er von Karl dem Grossen selbst gehört hatte, und die Sage von dem Segen, welchen Arnulf seinem jüngeren Sohn ertheilte, aber er gedenkt dann auch der Nachkommen des letzteren, bis auf Karl selbst und seine Familie, indem er in einer kurzen Charakteristik derselben zeigt, wie sich an ihnen jener Segen erfüllte. Die Grösse Karls erkennt Paulus da mit beredten Worten an De quo viro nescias, utrum virtutem in eo bellicam, an sapientiae claritatem omniumque liberalium artium magis admireris peritiam. l. l. p. 265. , wie er zugleich seine Milde gegen die Langobarden rühmt. Hier hat denn auch Paulus die Epitaphien eingeschaltet, die er auf Befehl Karls auf die Mitglieder seiner Familie, welche im Oratorium Arnulfs in Metz bestattet worden, verfasst hat: es sind zwei Schwestern Karls, seine zweite Gemalin Hildegarde und zwei Töchter derselben. Am Schluss wird noch des unmittelbaren Vorgängers Angilrams, Chrodegang, ausführlicher gedacht, von dem hier unter anderm gerühmt wird, dass er ebenso beredt in der Muttersprache als im Lateinischen gewesen sei. Fuit autem – – eloquio facundissimus, tam patrio quamque etiam latino sermone imbutus. l. l. p. 267. Dem Gegenstand nach etwas verwandt ist eine andre kleine kirchengeschichtliche Schrift des Paulus, die zu Rom und wohl 42 bald nach seiner Rückkehr aus dem Frankenreiche verfasst ist S. Dahn S. 56 f. : das Leben Gregors des Grossen , das Paulus selbst in seiner Langobardengeschichte anführt. Es ist aber fast ganz eine blosse Compilation aus dem langen, diesem Papst gewidmeten Abschnitte der Kirchengeschichte Beda's S. Bd. I, S. 597. und den Werken Gregors selbst. Und Paulus zeigt in der Behandlung seines Gegenstandes keinen Blick für das geschichtlich Bedeutende, denn gerade die wichtigsten Seiten der Thätigkeit dieses grossen Papstes werden von ihm nicht einmal berührt, seine politische Wirksamkeit, welche die Unabhängigkeit Roms von Byzanz begründete, wie seine Reform der Liturgie; es wird gleichsam bloss sein Privatleben gegeben: nur ist bemerkenswerth, dass Paulus nicht der Wunder Gregors gedenkt Denn, wie Bethmann nachgewiesen S. 305, ist der sie behandelnde Abschnitt der Ausgaben wie der meisten Handschriften eine Interpolation, die mit der oben gegebenen Erklärung des Paulus in vollem Widerspruche steht. , ja sogar keine solchen von ihm annimmt, indem er sagt, Gregor hätte wohl Wunder thun können, es aber nicht gewollt. Iam vero utrum aliquibus vir iste tanti meriti miraculis claruerit, superfluo quaeritur, quod luce clarius constat quod is qui virtutum signa suis meritis valuit aliis quoque Christo largiente acquirere, si exegisset opportunitas, facilius poterat haec etiam ipse promereri. Weit bedeutender und wichtiger als diese früheren historischen Schriften, ja die wahre Grundlage des Ruhms unsers Autors ist seine Historia Langobardorum , von der er sechs Bücher in Montecasino nach seiner Rückkehr vollendete. Denn das Werk ist, wie eine Stelle im letzten Kapitel zeigt, wo er etwas später Geschehenes an seinem Orte erzählen zu wollen bemerkt, nicht beendet, wie denn auch Vorrede sowohl als Schluss fehlen – ein Schluss nämlich für das Ganze, denn das sechste Buch ist offenbar beendet, indem dasselbe mit dem Tode Liutprands, eines der bedeutendsten Könige, (744) einen passenden Abschluss findet. Auch die nicht verbesserten Sprachfehler legen für die Nichtvollendung des Ganzen Zeugniss ab. S. Waitz, Praef. p. 27. Die Vertheilung des Stoffs auf die sechs Bücher ist die folgende. Das erste umfasst die Geschichte der Langobarden 43 vor ihrem Einfall in Italien, indem hier zunächst von ihren ältesten Sitzen in Skandinavien, dann von ihrem Auszug von dort, ihren Wanderungen und Kämpfen bis auf die Zerstörung des Gepidenreichs durch Alboin gehandelt wird; ausserdem sind noch vor dem letzten (27.) Kapitel zwei aus dem Gebiet der allgemeinen Geschichte eingeschaltet, das eine (c. 26) offenbar aus persönlichem Interesse des Autors: es ist nämlich dem heil. Benedict gewidmet, der »in jenen Tagen durch seine Tugenden glänzte«, und der Gründung des Klosters Montecasino durch ihn; zwei Gedichte des Paulus, die seine Wunder besingen, werden hier mitgetheilt. In dem andern Kapitel (25) aber wird vornehmlich des Kaisers Justinian gedacht, der sowohl wegen der durch Belisar, namentlich auch über germanische Völker, erfochtenen Siege, wie als Gesetzgeber gepriesen wird. – Das zweite Buch wird eingeleitet durch die Darlegung der früheren Beziehungen des Narses zu den Langobarden, welche seine Foederati im Krieg mit den Gothen waren, die Eroberung Italiens durch ihn und die von ihm an Alboin ergangene Einladung, sich dieses Landes zu bemächtigen (c. 5). Hierauf wird denn die Einnahme Oberitaliens durch Alboin und die Geschichte seiner Regierung sowie seines ersten Nachfolgers dort, Cleph erzählt. Noch wird im letzten Kapitel des zehnjährigen Interregnums gedacht, das nach dem Tode des Cleph eintrat. Auch in diesem Buche finden sich ein paar Episoden, eine längere c. 15–24, worin eine kurze Beschreibung der Provinzen Italiens gegeben wird S. über dies Verzeichniss der italischen Provinzen und seine Quelle Mommsen S 84 ff. , und eine kürzere c. 13, die dem Dichter Fortunatus gewidmet ist. – Den Inhalt des dritten Buches bildet die Geschichte des Interregnums und der Regierung des Authari, des Sohnes Clephs: die Beziehungen zu dem Frankenreiche wie Byzanz, meist freilich feindlicher Natur, führen hier auch zu einer weiteren Berücksichtigung dieser Reiche, die mehrfach aber einen rein episodischen Charakter hat. – Das vierte Buch behandelt die Regierung einer ganzen Anzahl von Königen, die sich zum Theil rasch folgten, von Agilulf an, welchen Authari's Wittwe, Theudelinde, wie schon das letzte Kapitel des vorigen Buchs berichtet, sich zum Gemal erkiest, bis auf die Söhne Ariperts, 44 Perctarit und Godepert, deren Zwietracht das Reich von Pavia in die Hände des Herzogs von Benevent Grimuald bringt, wie noch am Schlusse erzählt wird. Neben einigen Mittheilungen aus der allgemeinen Geschichte findet sich hier auch eine interessante Abschweifung rein persönlicher Natur über das Geschlecht und namentlich den Urgrossvater des Autors, Leupichis, der allein von seiner Familie aus der Gefangenschaft der Avaren entflieht und unter grossen Gefahren nach Italien zurückkehrt (c. 37). – Das fünfte Buch hebt mit der Regierung Grimualds an; nach seinem Tode gewinnt Perctarit wieder den Thron, und ihm folgt sein Sohn Cunincpert; die Geschichte des letzteren wird aber hier nur bis zu seinem Siege über den Usurpator Alahis erzählt. Der Schluss derselben wird im Anfang des letzten Buches gegeben, welches dann vornehmlich die Geschichte des Aripert, eines Enkels des Godepert, und die des Liutprand zum Gegenstand hat, mit dessen Ende das ganze Werk schliesst. Diese Disposition des Stoffes ist mit Ueberlegung und Verständniss gemacht, sie ist weder eine willkürliche, noch durch Aeusserlichkeiten bestimmte; vielmehr sind es mehr oder weniger Epoche machende Ereignisse, welche die Einschnitte bilden, so zwischen dem ersten und zweiten Buch der Einfall in Italien, zwischen dem zweiten und dritten das Interregnum, zwischen dem dritten und vierten der Tod des Königs Authari – das Erlöschen der Dynastie des Cleph, zwischen dem vierten und fünften der Uebergang des Thrones an den Herzog von Benevent, der also die ganze langobardische Macht im Süd wie im Nord vereinigt. Dass endlich mit Liutprand ein Buch (das letzte) schliesst, ist auch durch die Bedeutung dieses Königs vollkommen gerechtfertigt. Fraglich kann nur sein, weshalb der Sieg des Cunincpert über Alahis Epoche macht, das fünfte Buch beendend: ich vermuthe, dass Alahis, der als Verächter der Geistlichkeit von Paulus mit den schwärzesten Farben geschildert wird, der letzte der arianischen Könige war. Der Klerus – und nach der Art, wie er von Paulus gerühmt wird, kann es nur der orthodoxe sein – nimmt in jenem Kriege auf das thätigste für Cunincpert Partei Paulus selbst äussert sich allerdings über die Confession des Alahis nicht, aber dies geschieht überhaupt, irr' ich nicht, nur einmal bei einem Könige in seinem Buche, bei dem Gesetzgeber Rothari (l. IV, c. 42); wohl aber spricht für meine Annahme die ausserordentliche, bei Paulus ganz ungewöhnliche Gehässigkeit, womit Alahis von ihm behandelt wird, vielleicht auch allein schon der Ausdruck filius iniquitatis (l. V, c. 36 init.), ein Ausdruck der genau so auf Arius selbst angewandt sich findet. Weniger als die 45 Composition des Ganzen ist die Ordnung des Stoffes innerhalb der einzelnen Bücher zu rühmen; der Faden der Erzählung wird nicht selten, wie angedeutet, durch Einschaltungen von Anekdoten, Sagen, geographischen Excursen oder Mittheilungen aus der allgemeinen Geschichte unterbrochen, welche letzteren allerdings nur die Völker betreffen, die mit Italien zu der Zeit gerade in Beziehung stehen, denn die Langobardengeschichte erweitert sich dem Paulus zu einer Geschichte von Italien, schon indem er den Sitz des Papstthums, Rom, besonders berücksichtigt Darum ist man aber noch nicht berechtigt, die Langobardengeschichte des Paulus als eine Fortsetzung der Historia romana zu betrachten, wie Mommsen thut S. 77, und von einer »Geschichte Italiens (des Paulus) von der Gründung Roms bis zum Beginne der Karolinger Zeit« zu reden (S. 53), »deren erste sechszehn Bücher als Historia rom. , die letzten sechs als Hist. Langob. betitelt waren«, schon aus dem einen sehr einfachen Grunde, weil die Historia romana nicht eine Geschichte Italiens, sondern des römischen Reichs ist. Ausserdem ist die Langobardengeschichte von einem ganz andern Standpunkt geschrieben, und wie die von mir dargelegte Composition zeigt, die Eintheilung des Stoffes nicht durch das Schicksal Italiens, sondern durch das des Langobardenreichs bestimmt. Die Chronologie, worin Beda sein Führer ist, bildet offenbar allein das leitende Princip bei der Anordnung und Einreihung der Ereignisse, Paulus nimmt es aber leider auch in diesem Werke mit ihr sehr wenig genau, wie er denn auch mit sehr seltenen Ausnahmen nur ganz unbestimmte Zeitangaben macht, wie »um diese Zeit«, »nach einigen Jahren« und dergl. Die oft so lose und geringe Verbindung der einzelnen Abschnitte seiner Erzählung erklärt sich aber aus der Art seiner Arbeit. Auch dies Werk des Paulus ist eine Compilation aus sehr verschiedenen Büchern, die er mitunter wörtlich ausgezogen hat; mit diesen Auszügen hat er aber auch der mündlichen Tradition entlehnte Mittheilungen verbunden, und sie geben gerade zugleich mit dem aus heute verlorenen Werken Geschöpften seinem Buche den stofflichen Werth. Zu den letztern gehört eine seiner bedeutendsten Vorlagen, eine kurz gefasste kleine Langobardengeschichte, welche 46 Secundus von Trient, wie uns dies Paulus selbst mittheilt – – qui usque ad sua tempora succinctam de Langobardorum gestis conposuit historiolam . l. IV, c. 40. Hiernach kann das Buch nur ein sehr kleines gewesen sein, was wohl bei der Frage zu berücksichtigen ist, wie viel Paulus dem Secundus entlehnt haben kann. Jacobi scheint dem nicht Rechnung getragen zu haben; Mommsen ebenso wenig, indem er (S. 74) es für evident erklärt, dass die Origo gent. Langob. (von der sogar eine weit ausführlichere Recension Paulus vorgelegen haben soll) nichts sei als ein mit einer kurzen Fortsetzung versehener Auszug aus der Schrift des Secundus! – Es konnte kein Auszug aus einer succincta historiola das Buch sein, aus welchem Paulus nach Mommsen so viel geschöpft haben soll. , bis auf seine Zeit verfasste; er starb 612. Wichtiger war für ihn noch eine andere, uns noch erhaltene langobardische Quelle aus dem Ende des siebenten Jahrhunderts, die kleine Schrift über die Herkunft des Langobarden-Volkes ( Origo gentis Langobardorum ), welche dem Edict Rothari's später vorgesetzt wurde Abgedruckt in der oben citirten Ausg. der Scriptores rer. Langobard. p. 1 ff Nach Mommsen S. 58 ff. hat, wie schon bemerkt, Paulus diese Schrift in einer ausführlicheren Gestalt vorgelegen. : es ist ein ganz kurzer Leitfaden der langobardischen Geschichte bis auf diesen König, und gerade als solchen hat Paulus auch das Büchlein zugleich benutzt, so dass es ihm doppelten Dienst leistete. Als Stoffquelle aber hat es ihm namentlich auch interessante Sagen geliefert. Von fremden Historikern hat Paulus vorzugsweise Gregor von Tours, Beda und die Gesta pontificum Romanorum benutzt, ferner in zweiter Reihe besonders die Schriften Gregors des Grossen und des Isidor S. darüber ausser Jacobi Waitz Praef. p. 26 und vgl. Mommsen S. 77 ff, der als eine Hauptquelle des Paulus »verlorene im byzantinischen Italien verfasste Annalen« annimmt, aus der Isidor und Beda selbst auch geschöpft hätten. . Auch eine strenge Ausscheidung des geschichtlich Bedeutenden darf man von diesem Werke ebenso wenig erwarten, als eine kritische Untersuchung der historischen Wahrheit, von der sich nur schwache Anfänge finden, so viel Wahrheitsliebe der Verfasser offenbar auch besitzt: und dennoch zeigt sich in diesem Werk ein Fortschritt der Historiographie dem verwandten des Gregor von Tours gegenüber Vgl. Bd. I, S. 544. in der Einschränkung des kirchlichen und geistlichen Elements, welches hier 47 keineswegs mehr dominirt, noch der Exponent der Geschichte ist, und zwar zum Theil gewiss in Folge des Arianismus der Langobarden, die an der Geschichte der katholischen Kirche lange Zeit nur einen negativen Antheil haben. An die Stelle der Herrschaft des kirchlichen Interesses tritt die des patriotischen, wie schon in der Gothengeschichte des Cassiodor-Jordanis, obwohl es sich da mit einem rein politischen mischt An Jordanis erinnert Paulus auch in der Anlage seines Werkes insofern als jener wie dieser mit der Darlegung der ältesten Sitze seines Volks, die auch in Skandinavien, beginnt, ganz im Gegensatz zu Gregor, der sein Werk vielmehr mit der Schöpfung anhebt. Dem Paulus wies aber da schon die Origo den Weg. . Nicht als Kleriker hat Paulus seine Geschichte geschrieben, wenn ihm auch Rom mehr als das Germanenthum zu gelten scheint; vielmehr, obgleich er ein guter Katholik ist und in abgeschiedener Klosterzelle schreibt, liebt er es doch, im Gegensatz zu Gregor, statt der Wunder der Heiligen die sagenhaften Thaten und Missethaten seiner Nationalhelden zu erzählen; und diese Erzählungen, welche ohne allen rhetorischen Aufputz oder moralische Salbung, schlicht und treuherzig berichten und oft durch eine reiche Ausführung im einzelnen aufs lebendigste veranschaulichen, bilden den grössten Reiz seiner ächt germanischen Nationalgeschichte. In diesem poetischen und zugleich volksthümlichen Sinn für die Sagen und Mythen der Vorzeit seines Stammes zeigt sich die weder durch seine romanische Bildung, noch durch seinen geistlichen Stand zerstörte germanische Natur unsers Autors aufs beste. – Welchen Beifall das Werk im Mittelalter fand, beweisen schon mehr als fünfzehn Auszüge und zehn Fortsetzungen desselben. Von den theologischen Arbeiten des Paulus ist die mehrfach erwähnte Homiliensammlung nicht bloss für ihre Zeit eine dem Zweck entsprechende, geschickt gemachte Anthologie gewesen, wie die lang dauernde Anerkennung zeigt, die sie fand Sie blieb zehn Jahrhunderte im Gebrauch der katholischen Kirche. Dahn S. 52. ; die Erklärung der Regel des h. Benedict liegt ausser dem Kreis unserer Darstellung, so dass wir auch von der Frage, ob sie uns in einer Handschrift von Montecasino erhalten S. darüber Bethmann S. 299 und Dahn S. 62. , hier absehen können; hier interessiren 48 uns nur die Homilien , die unter Paulus' Namen eben dort sich gefunden haben; es sind vier, von denen aber nur eine von Bedeutung ist. Sie knüpft an den Bibeltext über Martha und Maria an, indem sie in jener das thätige, in dieser das contemplative Leben dargestellt sieht und nun sich über beide verbreitet. Die Art, wie hier die goldene Mittelstrasse empfohlen wird, das eine Leben mit dem andern zu verbinden, ist sehr bezeichnend für den Charakter unseres Autors, der, obgleich Mönch, vielmehr als ein Mann der Praxis, denn der Speculation sich bekundet und dabei eine milde tolerante Natur war. Die Gedichte des Paulus, die uns erhalten sind – und es sind immerhin deren noch mehr als bei manchen andern Autoren jener Zeit – sind auch grossentheils Gelegenheitspoesien, wie die Gedichte des Alcuin, aber zum Theil von eigenthümlicher Art. Ich meine damit die an Karls Hofe entstandenen, von dem König selbst direct oder indirect veranlassten Gedichte, die uns recht in das auf wissenschaftlichem Grund erwachsene ästhetische Leben und Treiben dieses Hofes einführen, dem die Dichtung schon zur Unterhaltung und zum Schmucke diente. Es sind Antworten auf Gedichte und poetische Episteln des Petrus von Pisa, welche derselbe zum Theil direct im Namen Karls an Paulus gerichtet hat. Als Einleitung zu dieser poetischen Correspondenz erscheint gleichsam jene oben erwähnte Elegie von vierzehn Distichen Verba tui famuli etc. in Waitz' Praef. p. 15. , worin Paulus in warmen rührenden Worten Karl um Freilassung des schon sechs Jahre gefangenen Bruders bittet, indem er in wenigen einfachen, aber ächt poetischen Zügen die Noth der Familie desselben schildert, die einst wohlhabend und angesehen, jetzt ihr Brod auf den Strassen betteln muss. Z. B.         Illius in patria coniux miseranda per omnes         Mendicat plateas ore tremente cibos. Wohl noch der ersten Zeit seines Aufenthaltes an Karls Hofe gehört ein poetisches Duett des Paulus mit Petrus Bei Waitz l. l. p. 17 ff. Nos dicamus Christo etc. und Sensi cuius verba . in dem bekannten trochäischen Hymnenversmass an, das aber hier durchaus rythmisch und nicht quantitativ ausgeführt ist – ich komme 49 auf die Form weiter unten, im folgenden Buche, bei einer zusammenfassenden Betrachtung der rythmischen Verse dieses und des folgenden Zeitalters genauer zurück. Hier schreibt Petrus im Namen Karls: derselbe danke dem Himmel, der ihm in Paulus den gelehrtesten der Dichter sandte, welcher durch seine Kenntniss verschiedener Sprachen glänze, der ein Homer im Griechischen, ein Virgil im Lateinischen, im Hebräischen ein Philo sei. Als Dichter vergleicht ihn Karl noch mit Horaz und Tibull. Er hofft, dass Paulus im Felde seiner Liebe Wurzel gefasst habe, und sein Herz sich nicht mehr nach den alten Schlupfwinkeln ( latibula ) sehne. Er sagt ihm grossen Dank besonders für den Unterricht, den er – ein früher von Karl nicht gehoffter Ruhm! – im Griechischen vielen         Credimus post Graecam, multis quam ostendis, regulam Dies multis ist, was nicht überall geschehen, wohl zu beachten; ebenso auch die folgende, oben angedeutete Stelle:         Qui cupis Graeco susceptos erudire tramite:         Quam non ante sperabamus, nunc surrexit gloria . Hieraus ergibt sich, dass Paulus zuerst zu dem Studium des Griechischen, das besonders hochgeschätzt ward, am Hofe Karls und zwar in weiteren Kreisen anregte. ertheile, und namentlich den Klerikern, welche seine Tochter nach Byzanz begleiten sollten. S. oben S. 38 . Er hofft sogar, dass Paulus auch im Hebräischen die Gelehrten unterrichten werde. – Paulus lehnt in seiner Antwort das – allerdings scherzhaft übertriebene – Lob, welches er nur für »Ironie« nehmen könne, in humoristischer Weise nicht minder übertreibend ab: er will verderben, wenn er wünsche jenen alten Heiden , mit denen er verglichen ward, ähnlich zu sein, die er selbst lieber mit Hunden vergliche; griechisch und hebräisch versteht er nicht, bis auf ein paar Silben, die er in der Schule eingeheimst, und wenn jene Kleriker nicht mehr griechisch in Byzanz hervorbringen können, als sie von ihm gelernt, so werden sie dort als stumme Statuen verspottet werden. Indess, um zu zeigen, dass er der Sprachen nicht ganz unkundig, theilt er am Schlusse ein griechisches Epigramm in lateinischer Uebersetzung mit. (Das Epigramm war wohl zugleich im Original beigefügt.) Der scherzhafte Ton des Gedichts stimmt gut zu dem populären Versmaass. 50 Ein andres Beispiel dieser poetischen Correspondenz des Paulus mit dem König, das sich erhalten, ist aus späterer Zeit. Karl, der auch hier durch das Organ seines Grammatikers spricht, bezieht sich in seiner Epistel (25 Hexameter) Paulo sub umbroso etc. S. Gedichte aus dem Hofkreise Karls d. Gr. herausgeg. v. Dümmler in: Ztschr. f. deutsch. Alterth. Bd. XII, S. 452. auf ein an ihn gerichtetes (nicht mehr erhaltenes) Gedicht des Paulus, worin dieser frohlocke, von ihm zu Ehren angenommen worden zu sein, und Christus und Gott durch erhabene Gesänge feiere, weil sie ihn nach der Finsterniss das Licht schauen liessen. Paulus bete darin für den König; er sage, es wäre für ihn (Paulus) der Sorge genug gewesen, jetzt liege der hässliche Kummer hinter ihm. – Auch ich kann, wie schon Bethmann (S. 262), nur annehmen, dass das von Karl angezogene Gedicht des Paulus eine Danksagung für die endliche Gewährung seiner Bitte, die Freilassung des Bruders und die Rückgabe des Vermögens der Familie, enthielt. – Aber, fährt der König in seiner poetischen Epistel fort, Paulus sei ihm noch die Antwort auf dreierlei schuldig geblieben: ob er lieber wolle mit Ketten belastet sein, oder in einem furchtbaren Kerker liegen, oder vor das Angesicht des wilden Dänenkönigs Sigfrid treten, um ihn zu taufen. – Wahrscheinlich hatte Karl im Scherz bei der Begnadigung Paulus die Wahl zwischen diesen drei Bussen gelassen. Nicht sowohl als Stellvertreter des Bruders, glaub' ich, als vielmehr der Familie sollte er die Busse leisten. – Am Schluss des Gedichts fügt Karl aber auch noch ein Räthsel zur Lösung bei. Paulus antwortet auf diese Epistel mit siebenundzwanzig Distichen Sic ego suscepi etc. a. a. O. S. 452 ff. , worin er auf den Scherz des Königs eingehend, mit Humor und wahrhaft fein erwidert: »Gefängniss und Banden sind unnöthig, gefesselt bin ich schon durch meines Königs und Herren Liebe«; Paulus liebt ihn so heiss, wie Petrus Christus, nachdem dieser ihm nach der Verläugnung seine Schuld erlassen. Das grimmige Angesicht des Sigfrid aber zu sehen, verspreche kaum einigen Nutzen, sie würden sich ja nicht verstehen. Ja man würde ihn, den Paulus – in seiner Mönchstracht – für einen Affen oder ein Borstenthier halten und sein – kahles – Haupt verspotten. Sigfrid aber, den 51 Paulus mit einem struppigen Bocke vergleicht, werde nicht wagen, nur mit dem kleinen Finger ihn zu berühren, so fürchte er Karls Namen und Waffen. Er werde noch entweder freiwillig sich Karl unterwerfen, oder mit gebundenen Händen vor ihm erscheinen, ohne dass Thonar und Wodan ihm helfen könnten. – Zum Schluss gibt Paulus eine Auflösung des Räthsels, die, wenn sie nicht die rechte, woran er selbst zweifelt, doch eine für den König schmeichelhafte war. Petrus correspondirte aber auch im eigenen Namen mit Paulus, wenn auch vielleicht selbst hierbei zugleich im Auftrag des Königs, so sendet er in einem Gedichte ( Lumine purpureo etc. 45 Hexam.) A. a. O. S. 454. dem Paulus ein Räthsel, das während der Mittagszeit, die der Dichter im Eingang, an Virgils Eklogen erinnernd, schildert, ein schöner junger Mann ( iuvenis ), den er höchlichst rühmt, der alle an Geist und höchstem Namen übertrifft, ihm selbst aufgegeben. War dieser Iuvenis nicht Karl selbst, wie Dahn vermuthet S. 43; wenn man aber zu dem Iuvenis noch den Vers: de cuius niveo florebat barbula mento in Betracht zieht, so möchte man doch eher an einen kaum zum Jüngling Herangereiften denken, der den Namen Karl führte. Karls gleichnamiger Sohn lässt sich freilich, weil noch zu jung, nicht annehmen. , so kam er doch gewiss in seinem Auftrag. Da die Lösung des Räthsels Petrus Kräfte übersteige, sendet er es dem ›büchergewaltigen‹ Bruder, nur solle er ihn nicht deshalb noch mehr verspotten, vielmehr, wenn er dazu geneigt, eines Dactylus gedenken. So folgt hiermit ein zweites Räthsel. Letzteres löst Paulus in dem kleinen Gedicht in Distichen: Iam puto etc. A. a. O. S. 455 f. – der Dactylus ist desine –; das andre Räthsel aber, das dem Petrus zu schwer war, in einem längeren Gedicht von 47 Hexametern ( Candide lumbifido ) In: Lebeuf, Dissertations sur l'histoire de Paris I , p. 411. Bei Dahn S. 86. , in welchem er am Schlusse selbst seinem Landsmann ein Räthsel aufgibt. So haben wir also auf die eine Epistel des Petrus zwei Antworten des Paulus. Ein andres Gedicht des letzteren ( Cinthius occiduas etc., 24 Hexam.) Dümmler a. a. O. S. 456. , das auch auf jene Epistel Bezug nimmt, weist auf andre poetische 52 Wettkämpfe satirischer Art zwischen beiden, offenbar nahe befreundeten Gelehrten hin, Wettkämpfe, die sie zur ästhetischen Unterhaltung des Königs ausführten. Es ist, wie man sieht, eine Poesie des Hofs, der Gesellschaft. Neben solchen Dichtungen hat Paulus bei seinem Aufenthalte in Francien auch Epitaphien in Versen verfasst, die sich zum Theil weit über andre jener Zeit, auch die des Alcuin, erheben; so hat er eins für das Grab des Fortunat bei seinem Besuche desselben auf den Wunsch des Abtes von St. Hilaire gedichtet Von Paulus selbst in seiner Hist. Langob. l. II, c. 13 mitgetheilt. , und wie oben ( S. 41 ) bemerkt, eine Anzahl für Gräber der königlichen Familie in Metz. Unter diesen Epitaphien findet sich ein vortreffliches, es ist das schöne Lobgedicht von 18 Distichen auf die Königin Hildegard. Nach ihrem Stamme rühmt hier Paulus zuerst die Anmuth ihrer zarten blühenden Schönheit, der Lilien mit Rosen gemischt kaum gleichkamen; übertroffen aber wurde diese noch von den Vorzügen des Herzens und Geistes, ihrer Sanftmuth und Klugheit, ihrem Fleiss und Frohsinn; aber, ruft der Dichter aus, was ist weiter zu sagen nöthig, da es kein grösseres Lob für dich gibt, als einem so grossen Manne gefallen zu haben! Sie theilte seinen weltbeherrschenden Scepter, und so beweinen sie denn alle Nationen; die starken Herzen der Männer sind zu Thränen gerührt, die zwischen den Schilden und Schwertern herabfallen. – Man sieht, das Gedicht ist alsbald nach dem Tode Hildegardens verfasst. Die Königin hatte offenbar auch das Herz unsers Paulus gewonnen. Wie viel er als Dichter zu leisten vermochte, wo sein Gemüth tief ergriffen war, zeigt noch ein andres Epitaphium, das er später in Italien seinem Freund und Gönner, dem Herzog Arichis gewidmet hat. An der Verfasserschaft des Paulus ist um so weniger zu zweifeln, als dies Epitaph an das der Hildegard gewidmete erinnert, so findet sich hier namentlich der » Romuleusque Tibris « am Ende eines Distichon wie dort. – Das Gedicht ist überliefert durch das Chronicon Salernitanum I, 20; auch bei Dahn S. 95. – Ein historisch interessantes, ästhetisch nicht unbedeutendes Epitaph auf Adelperga's Mutter, die Königin Ansa wird auch Paulus nicht ohne Grund beigelegt. S. dasselbe bei Waitz, Script. rer. lang. p. 191 und vgl. darüber Dahn S. 67 f. Dies Gedicht hat einen noch elegischeren Charakter durch die innige Theilnahme an dem Schmerze 53 der Wittwe, der Paulus hier einen rührenden Ausdruck gibt. Von Arichis rühmt er vor allem die gelehrte Bildung und die Bauten, namentlich die hohen Mauern, womit er das Vaterland schmückte: sie würden sein Lob verewigen.         Ornasti patriam doctrinis, moenibus altis:             Hinc in perpetuum laus tua semper erit. Und einige Verse danach:         Nec minus excelsis nuperque condite muris             Structorem, orbe, tuum, clare Salerne, gemis. Eben dieselben gaben ihm auch schon bei Lebzeiten des Herzogs die Veranlassung zu einem Gedicht (von 32 Hexam.), worin er Arichis auch zugleich in der andern Beziehung rühmt. Das Gedicht beginnt:         Aemula Romuleis consurgunt moenia templis,         Ampla procul fessis visenda per aequora nautis da heisst es denn auch von Arichis v. 15 ff.:         Omnia componens quem sic sapientia compsit,         Redderet ut variis satis artibus esse potentem,         Quo merito Latiae dicatur gloria gentis,         Bardorum et culmen – – ( Bardorum für Langobardorum ). – Das Gedicht ist zuerst herausgegeben von Dümmler in der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. IX, S. 471. Die Uebereinstimmung im Inhalt wie im Ausdruck mit dem vorher erwähnten lässt nicht daran zweifeln, dass beide Gedichte denselben Verfasser haben. – Aber auch der »frommen Adelperga« hat Paulus' Muse gedient. Dies bezeugt wenigstens ein Gedicht, das älteste Werk überhaupt, das sich von ihm erhalten ( A principio etc.), welches in mancher Beziehung recht bemerkenswerth ist. Wie wir aus ihm selbst erfahren, ist es im J. 763 verfasst; es gibt nämlich die Hauptepochen der Weltchronologie – zum Theil in eigenthümlicher Art Diese Epochen sind: 1) von Anfang der Welt bis zur Sündfluth 2242 Jahre, 2) von da bis Abraham 942, 3) bis zur Gesetzgebung Mosis 505, 4) bis zur Weihe des Tempels durch Salomo 480, 5) bis zur babylonischen Gefangenschaft 512, 6) bis zur Geburt Christi 518, 7) bis auf des Dichters Zeit 763. Von diesen sieben Epochen entsprechen 1 und 2 den beiden ersten Weltaltern, ebenso 6 und 7 den beiden letzten; dagegen geht das dritte Weltalter bis auf David, so dass es noch etwas mehr als die 3. und 4. Epoche umfasste; das vierte Weltalter erstreckt sich dann auch bis zur babylonischen Gefangenschaft. Vgl. Bd. I, S. 224 ff. – Das Gedicht findet sich bei Waitz, Praef. p. 13 f. und bei Dahn S. 76. – wie zum Auswendiglernen für den Unterricht und in dem oben erwähnten, auch später noch von Paulus angewandten populären Versmass des rythmischen trochäischen Tetrameter, 54 von dem hier zwölf dreizeilige Strophen das Acrostichon » Adelperga pia « bilden. So beurkundet das Gedicht auch die Stellung, welche Paulus als Lehrer zu der Herzogin einnahm. Noch ein elegisches Gedicht von Bedeutung wird dem Paulus nicht mit Unrecht beigelegt, ein Lobgedicht auf den Comersee in 15 reciproken Distichen. Ordiar unde tuas etc. Herausgeg. von Dümmler, Zeitschr. f. deutsch. Alterth. XII, p. 451 und in H. Müller's Symbolae ad emendand. script. lat. Berlin 1876. Hier begegnen wir einmal, was selten im älteren Mittelalter, einem Landschaftsgemälde, indem der Dichter den ewigen Frühling, den grünen Rasen, und die das Ufer umsäumenden »lachenden Gärten« mit ihren Oelbäumen, Granaten, Myrthen, Pfirsichen und Citronen rühmt. Der Schluss hat einen etwas geistlichen predigerhaften, obschon damit nicht unpoetischen Anstrich, wenn der Dichter den See ermahnt, sich vor dem Verbrechen zu hüten, in seinen zitternden Wellen die Nachen mit Menschen zu verschlingen, um so sein Lob sich zu erhalten. Sehr wahrscheinlich hat Paulus auch drei Fabeln verfasst, die in einem Collectivcodex mitten unter authentischen Gedichten desselben überliefert worden sind. Sie sind für die Geschichte der Thierfabel höchst merkwürdig, und zeigen im Verein mit der von Alcuin uns erhaltenen Fabel S. oben S. 32 . , wie auch diese Dichtungsart an dem ästhetischen Hofe Karls gepflegt wurde, denn eine von den dreien des Paulus scheint direct an Karl adressirt zu sein. Es ist die von uns zuletzt aufgeführte: sie schliesst:         Servulus ecce tuus depromit hos tibi versus,             Fabula quid possit ista, require valens. Es wird hierdurch meines Erachtens die Autorschaft des Paulus unterstützt. In ihnen bekundet sich auch das anmuthige Erzählungstalent unseres Autors zugleich mit dem humoristisch-ironischen Zuge, der ihm eigenthümlich. In der That sind diese drei in Distichen verfassten Fabeln, zumal für jene Zeit, in der Ausführung vortrefflich. In der einen, De vitulo et ciconia Herausgegeben zugleich mit der folgenden von Müllenhoff in der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. I, S. 319 f. , brüllt das hungrige Kälbchen und der Storch sagt ihm zum Trost, dass er selbst schon seit drei Jahren 55 entwöhnt sei. »Deine Beine zeigen es auch, womit du dich genährt«: erhält er zur zornigen Antwort. In der zweiten Fabel treten das Podagra und der Floh auf. Beide machten schlechte Geschäfte, als das erstere den Armen, der Floh den Reichen heimsuchte; sie vertauschen die Rollen und so ist ihnen beiden geholfen. Die dritte behandelt die Heilung des kranken Löwen. Der Schluss (von v. 41 an) wurde zuerst publicirt, von Dümmler in der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. XII, S. 459 nach der St. Galler Handschr. des 10. Jahrh., wo der Anfang fehlt (aus ihr sind auch die beiden andern Fabeln edirt); die Ergänzung lieferte Weiland in derselben Zeitschr. N. F. II, S. 497 f. auf Grund einer Fuldaer Handschr. des 15. Jahrh., die offenbar auf den St. Galler Codex zurückgeht, wenn auch vielleicht nicht unmittelbar. – S. über diese Fabel Müllenhoff, Zeitschr. f. d. A. N. F. VI, S. 3. Originell ist hier im Unterschied von der äsopischen Fabel, dass der Bär der Ankläger des Fuchses ist und sein Fell lassen muss an der Stelle des Wolfes und der witzige Zug, dass der Fuchs vor dem Könige mit vielem zerrissenen Schuhwerk auf dem Rücken erscheint, zum Zeugniss, wie viel und wie weit er gelaufen um den Arzt aufzufinden, der dem Könige helfen kann und das Bärenfell als Arznei verordnet. Die geistliche Poesie des Paulus tritt hinter seiner weltlichen entschieden zurück. Die uns bekannte und erhaltene ist vornehmlich seinem heil. Benedict gewidmet. Es sind einmal zwei Gedichte auf ihn, die Paulus selbst in seiner Langobardengeschichte (l. I, c. 26) mittheilt. Das eine ist eine Elegie von 66 reciproken Distichen, in welcher auf Grund der Dialoge Gregors S. Bd. I, S. 521. eine panegyrische Verherrlichung des Lebens und der Wunder des Heiligen gegeben wird, indem in der Regel einem jeden der letzteren, wie Paulus selbst auch anzeigt, ein Distichon gewidmet ist. Nur findet sich daneben auch eine Erwähnung anderer Thatsachen aus Benedicts Leben, s. z. B. v. 13 ff.: die Schilderung seines Einsiedlerlebens. So sind die Wunder nur angedeutet , und das Gedicht setzt ihre Kenntniss voraus, da es ohne dieselbe oft gar nicht zu verstehen ist. Vielleicht hatte das Gedicht den Zweck, die Reihenfolge der Wunder dem Gedächtniss einzuprägen. Dasselbe gilt auch von dem andern Gedicht, einer für den Festtag des Heiligen verfassten Hymne in iambischen Dimetern, in der auch 56 seine Wunder den Inhalt bilden. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist Paulus auch als Verfasser eines Gedichts auf die Schwester des h. Benedict, die h. Scholastica In: Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. I , p. 42.– Dümmler vermuthet als Verfasser den Alberich von Montecasino (Ende des 11. Jahrh.), s. N. A. IV, S. 103. zu betrachten, welche ein Nonnenkloster in der Nähe von Montecasino gegründet hatte. Dies Gedicht, ganz in demselben Metrum als die erwähnte Elegie auf den heil. Benedict, bildet zu dieser ein Pendant gleichsam. Es ist für das Fest der Heiligen geschrieben, und erzählt hauptsächlich das Wunder, dass bei einem Besuche ihres Bruders am Tage vor ihrem Tod Gott auf das Gebet der Heiligen ein Unwetter sendet, um Benedict die Nacht bei ihr bleiben zu lassen, was er selbst ihren Bitten verweigert hatte. Dies Gedicht (40 recipr. Distichen), das in der Schilderung der geschwisterlichen Liebe der beiden Heiligen einen eigenthümlichen Reiz besitzt, ist, zumal bei seinem klaren gewandten Ausdruck, viel ansprechender als sein Seitenstück. Beigelegt wird dem Paulus u. a. noch (zuerst im 12. Jahrh.) die berühmte Hymne auf Johannes den Täufer in sapphischen Strophen, von welchen die erste in den Anfangssilben der ersten sechs Halbverse ut, re, mi, fa, sol, la dem Guido von Arezzo die Namen seiner Noten lieferte. S. die Hymne bei Daniel, Thesaur. hymnolog. I, p. 208 und Dahn a. a. O. S. 98. Ferner werden ihm noch in neuerer Zeit zugeschrieben 62 Hexameter (bei Meurisse, Hist. de Metz ), worin eine Liste der Bischöfe von Metz bis auf Angilram, der zu des Verfassers Zeit »die Heerde weidete«, gegeben wird. Der Verf. würzt die trockene Aufzählung durch eine Spielerei mit der Etymologie der Namen, z. B. Sambatus octavus bene mystica Sabbata servat . Das Gedicht, dessen Handschrift noch aus der Zeit Karls d. Gr. sein soll, ist allerdings höchst wahrscheinlich auf Grund der Schrift des Paulus verfasst, aber sicherlich nicht von ihm. Eher könnte noch der Hymnus auf Johannes ihn zum Verfasser haben.   Drittes Kapitel. Epische Dichtung: Hibernicus exul, Angilbert. Während nun Karl der Grosse durch die an seinen Hof von ihm selbst verpflanzte grammatisch-ästhetische Bildung eine weltliche höfische Lyrik ins Leben rief, die namentlich auch 57 zk seiner eigenen Unterhaltung diente, erweckten andrerseits seine Thaten schon in den Zeitgenossen selbst, und auch in seiner eigenen Umgebung, den wenigstens auf dem Continent in der Kunstpoesie schon lange entschlummerten epischen Geist. So sind uns Fragmente von zwei Dichtungen in Hexametern erhalten, welche Thaten Karls, unmittelbar den Ereignissen folgend, besangen. Die ältere ist das Werk eines Hibernicus exul (wie der Verfasser in der Ueberschrift genannt wird) Hibernici exulis versus ad Karolum imperatorem . In: Mai, Classicorum auctorum e Vaticanis codd. editorum Tomus V , p. 405 ff. , also eines jener gelehrten Iren, welche schon seit Columbans Zeiten nach dem Festland auszuwandern pflegten, um dort als Missionäre zuerst des Glaubens, dann der Wissenschaft eine reichere Wirksamkeit als in der Heimath zu finden. Dieser ›Irische Auswanderer‹ hat den unblutigen Sieg Karls im J. 787 über den abgefallenen Tassilo von Baiern besungen, und dies Gedicht als Vasallen-Jahresgeschenk dem König dargebracht, offenbar in dem folgenden Frühjahre, denn später würde der Dichter nicht gewagt haben, in einem Karl selbst gewidmeten Gedichte den Baiernherzog zu entschuldigen, der schon Ende Juni 788 entsetzt wurde. Ein Gespräch des Autors mit der Muse eröffnet das Gedicht; sie beruhigt ihn über den Werth ihrer Gaben gegenüber dem Silber und Gold, den Perlen und Purpurgewändern, den stolzen Rossen, welche die Grossen dem Könige darbringen. »Durch der Musen Geschenke glänzen die herrlichen Thaten der alten Könige, und werden die der gegenwärtigen den zukünftigen Jahrhunderten erzählt, ja durch sie wird selbst der Schöpfer der Welt gepriesen.« Der Dichter geht dann zu seinem Gegenstand mit der Frage über: »welche Pest den in allem getreuen Dienstmann ( servus ) befallen, dass er den finstern Blick seines Herrn verdient hatte?« Das Gift des Satan selbst ist es gewesen, der überall Streit säet. Dieser trägt die Schuld an dem Friedensbruch: er hat das Gerücht von Tassilo's Abfall verbreitet. Karl wollte es nicht glauben; aber das Gerücht schwoll immer mehr an, so musste er, der gerechteste Held, der öffentlichen Stimme Gehör geben. Er versammelt ein Heer, das er auf Schiffen über den Rhein setzt; er redet seine Grossen an: O königliches Geschlecht, 58 hervorgegangen aus den hohen Mauern von Troja, denn unsre Väter führte der Richter der Welt an diese Küsten und übergab ihnen diese Gefilde, und unterwarf die Völker den gerechten Gesetzen der Franken         O gens regalis profecta a moenibus altis         Troiae, nam patres nostros his appulit oris,         Tradidit atque illis hos agros arbiter orbis,         Subdidit et populos Francorum legibus aequis – – In der Dichtung wohl die erste Erwähnung der Trojasage der Franken. Vgl. Bd. I, S. 572 und 575. , – – aber neulich erhob sich ein Feind in unsern Fluren, ihn hatte der neidische Drache vielleicht – – Hier bricht mitten in der Anrede das Hauptfragment (93 Hexam.) ab, und es folgen nur noch zehn Verse des Schlusses, worin die Aussöhnung und das neue Gelöbniss der Vasallentreue, welches der Herzog dem Könige darbringt, berichtet wird. Das Gedicht ist in einem Stil, der des Schwungs nicht entbehrt, aber von Schwulst sich freihält, und in einem kräftigen Verse geschrieben. – Noch ein paar andre Gedichte sind uns von demselben Autor in derselben Handschrift aufbewahrt, die auch an Karl, aber als Kaiser, gerichtet sind, zum Theil auch als Geschenk oder als Glückwunsch. Eins davon, das noch in Hexametern (No. 2 bei Mai), ist merkwürdig durch die Art, wie es das monarchische Princip verherrlicht: wie ein Gott im Himmel, soll auch auf Erden nur ein Herrscher sein, und auch nur ein Glaube. Diesem Gedichte ist in ein paar Distichen ein Geleit an Gundrad, Karls gelehrte Base, beigefügt, welcher der Dichter offenbar näher stand. Das letzte der Gedichte ist in metrischer Beziehung sehr beachtenswerth, wie ich weiter unten Im folgenden Buch bei einer allgemeinen Betrachtung der rythmischen Verse. genauer zeigen werde: es ist in gereimten rythmischen trochäischen Langzeilen verfasst.   Bedeutender und noch interessanter ist das andere epische Fragment Helperici sive, ut alii arbitrantur, Angilberti Carolus magnus et Leo III. Emend. Orellius. Zürich 1832. – In: Monumenta German. historica Script. T. II. – – Simson, Ueber das Gedicht von der Zusammenkunft Karls des Gr. und Papst Leo III. in Paderborn. In: Forschungen zur deutschen Geschichte. Bd. XII, S. 567 ff. , wie es scheint das dritte Buch einer grösseren Dichtung, deren Held Karl der Grosse ist. Im Eingang 59 nämlich vergleicht sich der Autor mit einem Schiffer, der wieder den Anker lichtet zur Fortsetzung der Fahrt, nachdem er schon zwei Stürme überstanden: dies Bild ist aber entlehnt der epischen Dichtung des Fortunat auf den heiligen Martin, wo es zum Eingang aller vier Bücher verwerthet wird, nach dem Beispiel der denselben Heiligen besingenden Dichtung des Paulinus von Périgueux. S. Bd. I, S. 512. Wie aber Fortunat gewiss im Hinblick auf dies Bild seinen Helden den gallischen Pharus nennt, so unser Dichter Karl den Leuchtthurm Europas. Aber nicht bloss diese christliche Dichtung ist unserm Autor ein Vorbild gewesen, dem er auch manche Einzelheiten in seiner poetischen Malerei und manche Künste des Ausdrucks entlehnt hat, sondern ebenso die klassische des Virgil, dessen Helden, den ersten Gründer des römischen Reichs, Aeneas hier der Erneuerer desselben, Karl entspricht, Karl der »die zweite Roma«, Achen ausbaut. Der Inhalt des Gesanges ist aber dieser. Den Eingangsversen folgt ein langer im Stile Fortunats verfasster Panegyricus auf Karl, welcher an das Bild vom Leuchtthurm sich anschliesst, das selbst wieder zu einer Vergleichung »Davids« (des Kaisers nämlich) mit der Sonne führt: sein Glanz übertrifft aber den ihren, da ihn nie Wolken verhüllen. Der Dichter rühmt namentlich den Charakter Karls und seine umfassende Bildung. Dann schildert er mit poetischer Freiheit Wie er sich selbst die zukünftige Hauptstadt der Welt ausmalt. Eine solche poetische Freiheit räumt ihm allerdings sein scharfer Kritiker, Simson nicht ein, der ihm auch die Benutzung des »Ammenmärchens« von der Verstümmelung und wunderbaren Heilung des Papstes zum Vorwurf macht. Simson vergisst eben, dass er kein Werk der Annalistik, sondern ein Gedicht kritisirt. , im Hinblick auf den von Virgil erzählten Bau von Karthago, wie der der »zweiten Roma«, der »zukünftigen«, unter der Leitung Karls sich erhebt. Hieran schliesst sich eine hübsche idyllische Schilderung des Waldes und Parkes von Achen, wo Karl mit der Jagd sich zu vergnügen pflegt. Eine solche wird dann vom Aufbruch am frühen Morgen an mit den lebendigsten Farben beschrieben, und bei dieser Gelegenheit die Familie Karls vorgeführt, denn Gemalin, Söhne und Töchter nehmen an dem Jagdvergnügen Theil. Ihre äussere Erscheinung, hoch zu Ross, 60 namentlich ihr prächtiges Kostüm wird mit allem Glanze ausgemalt; eine Charakterschilderung findet sich aber nur bei zweien, dem kriegerischen Helden Pippin (v. 200 ff.) und der männlich gesinnten, dem Vater im Charakter wie im Aeussern ähnlichen Berta (v. 220 ff.). Die Reiter umstellen den Wald, ein Eber wird von den Hunden aufgespürt. Karl selbst erlegt ihn. So beginnt die Jagd; nach ihrer Beendigung wird die Beute unter die Grossen vertheilt, und im Schatten des Parks unter Zelten ein heiteres Mahl eingenommen. – In der folgenden Nacht aber hat Karl ein Traumgesicht: der Papst (Leo) erscheint ihm klagend, furchtbar verwundet mit blutbesudelten Augen und der Zunge beraubt. Karl sendet alsbald Boten nach Rom, um die Wahrheit zu erkunden, während er selbst nach Sachsen aufbricht, das rebellische Volk zu züchtigen. Die Boten vernehmen auch in Rom die Wahrheit des Attentats, das – ein Werk des Satan Dies erinnert an das ep. Gedicht des Hibernicus exul, s. oben S. 57 . – hier ausführlich geschildert wird (v. 344 ff.), ebenso die wunderbare Heilung, wie sie die Sage alsbald erfand. Der Papst ist schon nach Spoleto geflüchtet, dorthin beruft er die Boten, und beschwört sie, ihn zu Karl zu geleiten, der in seiner, des Papstes, Sache richten, ihn rächen und wieder aufrichten solle. Die Gesandten nehmen den Papst mit; seine Reise wird zu einem Triumphzug, denn das Volk strömt überall auf dem Wege zusammen, das Wunder ›der neuen Augen und Zunge‹ zu schauen und zu preisen. Karl ist indessen mit seinem wohlgewappneten Heere, das die Erde erdröhnen macht, bis Paderborn gelangt. Vom Herannahen des Papstes benachrichtigt, sendet er ihm Pippin entgegen. Dann aber zieht er selbst mit dem ganzen Heere aus ihn zu begrüssen, dreimal beugt es die Knie, um dreimal den Segen zu empfangen. Der König, »der Vater Europas«, und »der höchste Hirt auf dem Erdkreis« umarmen sich. Sie gehen vereint in die Kirche, wo der Papst die Messe feiert, dann aber in den Palast zum fröhlichen Mahle, nach welchem Leo reich beschenkt wird. Der König zieht sich darauf in seine Gemächer zurück, und der Papst in das Lager der Seinen. Und der Gesang schliesst: »Mit solcher Ehre wurde von Karl Leo aufgenommen, der vor den Römern flüchtige, aus seinem eigenen Lande vertriebene«. 61 Der Gesang hat damit einen vollständigen Abschluss, das ganze Werk aber schwerlich: man möchte vielmehr glauben, dass in einem folgenden vierten Buche – zählt doch auch die Dichtung des Fortunat vier Bücher – die Wiedereinsetzung des Papstes, das von ihm begehrte Gericht Karls in seiner Sache (s. oben) und die mit alle dem unmittelbar zusammenhängende Krönung desselben als Kaiser erzählt wäre. Dann wäre die Dichtung zur Verherrlichung des neuen Imperium verfasst worden, und hiermit stünde die Gründung der neuen Roma, wie sie der erhaltene Gesang erzählt, im vollen Einklang. Dann aber ist die Dichtung erst, jedoch bald, nach der Kaiserkrönung verfasst worden; denn später als 801 möchte ihre Abfassung überhaupt nicht zu setzen sein, da in einer weiter unten betrachteten Ekloge, die spätestens 805 gedichtet erscheint, auf unsern Gesang als schon längere Zeit Mit den Worten: iam dudum . Naso, lib. II, v. 118. S. weiter unten, im folgenden Kapitel die ganze Stelle. verfasst hingewiesen wird. Jedenfalls folgt auch hier die Epik den von ihr besungenen Begebenheiten alsbald nach. Hiermit hängt zusammen ein gewisser panegyrischer Zug, der ihr inwohnt, wie sich dies ja auch sonst in solchen Fällen, z. B. in den Gedichten des Claudian, welche Ereignisse der Gegenwart besingen, findet. Nicht bloss einen Fortschritt in der literarischen Bewegung, wie ihn schon Alcuin in seiner Dichtung von den Bischöfen und Königen von York gemacht, nein eine Wendung zeigen diese epischen Versuche an, und am auffallendsten der zuletzt betrachtete im Hinblick auf sein Vorbild, das Werk Fortunats: an der Stelle eines Heiligen wird jetzt ein weltlicher Held besungen – dessen Grossthaten bald in der That gleich Mirakeln auf eine noch immer sehr wundersüchtige Zeit wirken sollten, die sie der Nachwelt durch den Volksmund auch in der Phantasiegestalt von solchen überlieferte, um dann noch einmal wieder, in dem romanischen Westfrancien, die Epik und zwar in volksthümlicher Form zu einem frischen Leben zu erwecken. Zunächst aber wirkt dieser neue, weltliche Heroenkultus auf die Schulpoesie erfrischend, namentlich begeistert der Gedanke der Wiederherstellung des abendländischen Imperium die Schüler Virgils, des Sängers des römischen 62 Weltreichs. Ein frischer weltlicher Zug geht durch jenen Gesang von der Zusammenkunft Karls und Leos, trotzdem der Dichter nicht müde wird bis zur Langweiligkeit das Wunder der Herstellung des Papstes wieder und wieder zu glorificiren; einen reichen lebhaften Sinn für das Malerische der Schilderung, sowie für die Musik des Verses zeigt der Dichter darin mit glücklichem Erfolge: wenn auch das glänzende Mosaik seiner Gemälde zu einem guten Theil aus Reminiscenzen aus Virgil und Fortunat zusammengesetzt ist, es ist keine verstandesmässige mechanische Arbeit des Gelehrten gewesen, sondern das Werk eines Künstlers, der in dem Spiel der Phantasie einen Genuss sucht. In der Schilderung der schönen geschmückten Frauen, bei welcher der Dichter mit Vorliebe verweilt, zeigt sich schon eine sinnlich romantische Neigung, die weit abliegt von der Askese der Heiligenpoesie, hingegen einen höfischen Charakter hat. Manche Anzeigen S. darüber meinen Aufsatz: Naso, Angilbert etc. in: Zeitschrift f. d. Deutsche Alterthum N. F. X, S. 331 f. scheinen dafür zu sprechen, dass der ungenannte Verfasser der eben betrachteten Dichtung der »Homerus« des ästhetischen Kreises Karls gewesen ist, Angilbert . Carmina ed. Migne, Patrol. lat. Bd. 99 nach Froben's Ausg. der Werke Alcuins T. II (Addenda) und Duchesne, Historiae Francor. scriptor. T. II. – Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen. 4. Aufl. Bd. I. S. 140 ff. – Dümmler N. A. S. 140 ff. In ihm ist wieder ein andrer germanischer Stamm, und zwar der der Franken selbst vertreten. Von vornehmem Geschlecht, war Angilbert an dem fränkischen Hofe selbst aufgewachsen und so schon frühe zu der königlichen Familie in eine nähere Beziehung gekommen, die mit der Zeit eine noch engere wurde. Die Lehrer Karls, Petrus und Alcuin waren auch die seinen. In der königliche Capelle angestellt, wurde er einer der vertrautesten Räthe Karls, der ihm die wichtigsten politischen Aufträge ertheilte: so leitete er eine Zeitlang bei dem jungen Pippin die Regierung Italiens, so wurde er mehrmals in wichtigen Angelegenheiten nach Rom gesandt. 790 erhielt er für seine Dienste die Abtei S. Riquier, die er zu einem so prächtigen geistlichen Sitze umgestaltete, dass er dort später als Heiliger verehrt ward. Seine geistliche Stellung hielt ihn jedoch nicht ab, mit einer Tochter Karls, Bertha einen geheimen ehelichen 63 Bund zu schliessen, von dem zwei Söhne die Frucht waren, der eine von ihnen der Historiker Nithard. Vielmehr Staatsmann als Priester, hatte Angilbert eine durchaus weltliche Gesinnung, welche sich auch, und zugleich wohl mit einem sinnlich ästhetischen Interesse, in einer von Alcuin wiederholt getadelten Vorliebe für die Aufführungen der Histrionen bekundete, deren Fortdauer also bezeugt wird. Alcuini Epp. ed. l. p. 479 u. 627 f. Dass Angilbert als Dichter in dem Kreise Karls sehr hoch geschätzt wurde, beweist nicht bloss sein akademischer Beiname, sondern auch das gelegentliche Urtheil von Zeitgenossen, das ihn mit Theodulf auf eine Linie stellt. S. Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. V, S. 143, die › Versus Fiduciae ‹, v 17: hier wird er zugleich mit Theodulf als divinus poeta bezeichnet. – Ebendort hat Dümmler eine kleine Epistel Angilberts an seinen Magister Petrus publicirt. Er starb nicht lange nach seinem Freunde, dem Kaiser 814. Nur ein paar grössere Gedichte aber haben sich von ihm erhalten, in denen er selbst sich als Verfasser nennt, und von diesen sind auch nur zwei von einiger Bedeutung. Das eine, 34 Distichen, begrüsst den aus dem Avarenfeldzug siegreich zurückkehrenden Pippin, als ihm Angilbert auf seiner Reise nach Italien 796 in Langres begegnet: der Dichter schildert ihm, mit welcher Sehnsucht Pippin vom Hofe, namentlich vom Vater und von seinem älteren Bruder Karl erwartet werde, und wie Ludwig den letzteren durch einen Traum getröstet habe, in dem ihm Pippin selbst seine nahe Ankunft verkündete; er malt ihm dann ferner noch den zärtlichen Empfang aus, der ihn von der ganzen königlichen Familie erwarte, bei dem nicht gegenwärtig zu sein Angilbert schmerzlich bedauert. Das schöne deutsche Familienleben an Karls Hofe zur Zeit der Königin Luitgard spiegelt sich in dieser gemüthvollen Darstellung ab. – Dieselbe Gesinnung des Autors gibt sich auch in dem andern, in Hexametern verfassten Gedichte kund, in dem die Formen der Ekloge und der Epistel combinirt erscheinen. Der Kern des Gedichts ist ein Loblied auf Karl und die Lieben ( cari ) des Dichters in einer dem Wettgesang der achten Ekloge des Virgil nachgebildeten Form, indem Refrainverse, gewöhnlich nach drei Zeilen, wiederkehren, 64 worin der Dichter seine Hirtenpfeife zum Gesange auffordert, oder auch andere Verse wiederholt. So beginnt das Gedicht:         Surge, meo Domno dulces fac, fistula, versus:         David amat versus, surge et fac, fistula, versus.         David amat vates, vatorum est gloria David,         Quapropter vates cuncti concurrite in unum         Atque meo David dulces cantate camoenas.         David amat vates, vatorum est gloria David.         Dulcis amor David inspirat corda canentum,         Cordibus in nostris faciat amor ipsius odas:         Vatis Homerus amat David, fac, fistula, versus.         David amat vates, vatorum est gloria David. Alcuini opp. ed. Froben II. p. 614. Karl-David wird namentlich als Freund der Sänger und als Gönner der Wissenschaft gepriesen, der die Weisheit der Alten wieder erneut. Aber es wird auch des Dombaus gedacht, zu dessen Vollendung der Beistand des Himmels erfleht wird. Die »Lieben« aber, die einzeln gefeiert werden, sind des Kaisers Sohn, Karl – der, ausser Pippin, dem Angilbert besonders theuer gewesen zu sein scheint –, Gisela, Rotrud, Bertha, »der seine Lieder gefallen mögen«, und die Freunde, der Primicerius Aaron (Hildebald), Thyrsis und Menalcas. Hierauf wird aber vom Dichter der »Brief« ( cartula ) aufgefordert, nach der Pfalz sich zu begeben und die Lieder und Grüsse auszurichten, dann aber die reizenden Gärten zu durchwandern, wo Homerus (der Dichter) mit seinen Knaben zu wohnen pflegte, welche Haus und Hof ihm wohl hüten sollen bis zu seiner Rückkehr. – Man sieht wie der Abt in der Nähe einer der Pfalzen ein Heim sich gegründet, wo er die Freuden des Familienlebens genoss, das er so hoch zu schätzen weiss.   Viertes Kapitel. Eklogen: Naso, Conflictus veris et hiemis . Wir haben schon mehrfach gesehen, wie die Ekloge Virgils, diese ächt höfische Dichtung, in dem grammatisch-ästhetischen Kreise Karls beliebt war und auf die neue 65 Hofpoesie einwirkte. Ich erinnere nur an die diesen Einfluss recht charakterisirende Thatsache, dass jenen Eklogen mehrere der akademischen Namen entlehnt waren und gerade von Hofbeamten Karls. S. oben S. 6. So hiess der Oberküchenmeister Menalcas, der Kämmerer Thyrsis. Dieser Einfluss wuchs noch, als der Frankenkönig das römische Imperium im Abendlande wiederherstellend, als ein anderer Augustus jenem Kreise erschien, der in Virgil den ersten der Dichter verehrte. Um so weniger kann es uns hiernach Wunder nehmen, wenn man jetzt auch versuchte selber Eklogen nach dem Muster der Virgilischen zu dichten. Einer solchen begegnen wir in einem Karl gewidmeten, auch seinem Inhalte nach merkwürdigen Gedichte, das manche Beziehung zu jenem dem Angilbert beigelegten epischen Gesange enthält. Die in Hexametern verfasste und in zwei libelli getheilte Ekloge hat einen kurzen Prolog wie Epilog in Distichen, welche beide an Karl gerichtet sind. Hier erfahren wir, wie auch in dem Gedichte selbst (I, v. 62) den, natürlich akademischen Namen des Verfassers: Naso Gedichte des Naso herausgeg. von Dümmler in: Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. VI. S. 58 ff. – S. meinen oben S. 62 Anm. 1 angeführten Aufsatz. – Dümmler N. A. S. 142. , sowie dass er ein noch junger und armer Poet war, der erst noch die dauernde Gunst des Kaisers, deren so manche andere Dichter sich erfreuten, sich zu erwerben hatte. Er war, wie es scheint, ein angelsächsischer Presbyter, Schüler des Alcuin S. oben S. 31 . , und gehörte zu Karls Capelle. Zu Angilbert stand er, wie sich ferner aus dem Gedicht selbst ergibt, in jedem Fall in einer näheren Beziehung. – Der Autor hat aber nicht bloss Virgil, sondern auch einen antiken Nachfolger desselben, Calpurnius sich zum Muster genommen, an dessen erste Ekloge namentlich er in dem zweiten libellus sich unmittelbar anschliesst. Wie bei einzelnen Eklogen des Virgil und auch des Calpurnius besteht das Gedicht nur aus einem Wechselgesang. Das erste Büchlein (95 Hexam.) bildet eine Einleitung gleichsam. Die beiden Hirtensänger sind ein junger Anfänger, » puer « Dies Wort hat damals die Bedeutung von Jüngling . , 66 welcher den Dichter selbst vorstellt, und ein alter, ruhmgekrönter Veteran der Dichtung, der nach einem Hirten des Virgil, welcher auch bei Calpurnius wiederkehrt, Micon heisst. Bei Calpurnius Ecl. V ist er der Lehrer des Canthus, mit welchem er dort zusammen auftritt, er der senior mit dem iuvenis; vielleicht hat Naso ein gleiches Verhältniss im Sinne gehabt, wenigstens steht ihm als puer Micon als senex (senior) gegenüber. Bei Virgil aber wird ein Micon namentlich in Ecl. III angeführt, die noch einen andern näheren Bezug zu unserm Gedicht hat. S. weiter unten. Jener fordert diesen zum Gesang mit ihm auf, er hofft auch die Gunst Davids – des Kaisers – zu gewinnen, der schon von ihm poetische Gaben huldvoll aufgenommen. Er, ihr Palaemon, schaue von der hohen Burg der »neuen Roma« alle Reiche seinem »Imperium« unterworfen, die Welt sei, verwandelt, zu den alten Sitten zurückgekehrt; das goldene Rom werde wiederum erneuert dem Erdkreis wiedergeboren.         Rursus in antiquos mutataque secula mores;         Aurea Roma iterum renovata renascitur orbi. l. I, v. 26. Hier findet sich also selbst der Ausdruck: Renaissance. – Palaemon nennt der Puer aber hier den Kaiser nach einem Hirten der dritten Ekloge des Virgil, der dort zum Schiedsrichter in einem Gesangswettstreit erkoren wird: so soll bei ihrem Wettgesang Karl richten. – Der Alte theilt nicht die Hoffnungen des Jünglings, er meint im Gegentheil, Karl verachte die Gedichte desselben, ja er erinnert ihn an das Schicksal seines antiken Pathen – des Ovid. Der junge Sänger weist dagegen auf die Belohnungen hin, die einem Virgil, Lucan und Ennius im Alterthum geworden: und fände nicht dasselbe in ihrer Zeit statt? Homer (Angilbert), Flaccus (Alcuin), Theodulf und Einhard bezeugen reich belohnt, dass Karl die Dichtung liebe.         Sic iterum haec etiam nostro nunc tempore cerne:         Non meus ecce solet magno facundus Homerus         Carminibus Carolo studiosis semper placere.         Ni Flaccus calamo modulari carmina nosset,         Non tot praesentis tenuisset praemia vitae.         Theudulfus gracili iamdudum lusit avena:         Plurima cantando meruit commercia rerum.         . . omsa vide solitus recitare camenas,         Nardus ovans summo praesenti pollet honore. 1. I, v. 84 ff. 67 Das zweite Büchlein (121 Hexam.) enthält nun den Wettgesang, denn der Alte verweigert ihn nicht mehr, er fordert jetzt den Jungen dazu auf, indem er mit lebendigen Farben die mittägliche Sonnengluth malt, in der die Bienen fröhlich summen, das Vieh aber des Waldes Schatten aufsucht. Er ladet dann den Genossen ein, in den nahen kühlen Hain mit ihm einzutreten. – Dieser antwortet und preist den Alten glücklich, dessen Liedern die Thiere lauschend folgten, das wilde zum zahmen in Frieden gesellt, durch seine Flöte gesänftigt. So scheint sich schon zu erfüllen, was man mit göttlichem Messer auf einer Buche Rinde eingeschnitten liest, und die Gesträuche und der ganze Hain rufen: Friede den Ländern, es fliehe weit der grausame Krieg. – Die Inschrift sagt die Wahrheit, erwidert der Alte: in der That kündigt eine göttliche Hand einen ewigen Frieden den Ländern an. Eine goldene Sonne leuchtet glänzend in der Mitte des Erdkreises, nach allen Himmelsrichtungen ihre Strahlen ausbreitend; durch keine Wolken verdunkelt, verscheucht sie die Stürme. Ihrer erfreuen sich Saone, Rhone, Loire, Maas und Rhein. Dieses goldene Licht, vom Himmel der Welt gesandt, unterwirft sich die wilden Völker und zügelt durch Gesetze unzählige Stämme, ihm beugt sich der ganze Erdkreis. Der ruchlose Aufruhr flieht, die Waffen ruhen, Bellona knirscht gefesselt in ohnmächtiger Wuth. Eine goldene Regierungszeit ersteht den sorglosen Lateinern, das hohe Rom sieht schon seine Trophäen wiederkehren. – Hieran reiht sich eine Schilderung des goldenen Zeitalters im Hinblick auf Virgil (Ecl. IV), Calpurnius (Ecl. I) und Ovid (Metam. l. I). Im kaiserlichen Schutz hält Karl die ganze Erde, die seinem frommen Imperium gehorchen wird. Ihn hat Micon schon einmal unter dem Namen der Sonne gefeiert. Hunc ego iamdudum memini sub nomine solis, Qui nitet in totum claro vibramine mundum : l. II, v. 118 f. sagt Micon. Hiermit wird er als Verfasser des dem Angilbert beigelegten epischen Gedichts bezeichnet. Vgl. oben S. 59 . – In dem Epilog bittet der Dichter Karl um huldvolle Aufnahme seines Werkes, indem er in diesem Falle verspricht alle Thaten des Kaisers zu besingen. Dies Gedicht, das also die Wiederherstellung des Weltreichs im Abendlande durch Karl feiert und die grossen 68 Hoffnungen zeigt, die man davon hegte, ist nicht lange nach dem Ereigniss, aber erst nach dem Jahre 804 Denn, wie schon Dümmler a. a. O. bemerkte, wird l. I. v. 87 f. (s. oben S. 66 Anm. 3) des Alcuin wie eines Verstorbenen gedacht. , wahrscheinlich 805 verfasst, nachdem die Sachsenkriege ihren Abschluss gefunden, worauf der Dichter vielleicht mit der Flucht des ruchlosen Aufruhrs hindeutet. Jetzt erst konnte Friede und Eintracht des neuen Imperium gesichert erscheinen.   Aus derselben Zeit stammt, und wahrscheinlich aus dem Kreise Alcuins, vielleicht ein Werk seines Schülers Dodo Dieser von mir aufgestellten Hypothese tritt Dümmler in dem in der folgenden Anm. angeführten Aufsatz entgegen, indem er das Gedicht nur an Dodo gerichtet glaubt. Vgl. über diesen oben S. 31 . eine andere merkwürdige Ekloge, die man früher entweder Beda oder Milo beigelegt hat. Sie ist Conflictus veris et hiemis In: Anthologia latina . P. I. rec. Riese, Fasc. 2, Nr. 687. – – Mein oben S. 62 Anm. 1 angeführter Aufsatz. – Dümmler, Ueber die Gedichte De Cuculo in: Zeitschr. f. d. Alterth. N. F. Bd. XI, S. 67 ff. betitelt, besser aber wäre statt Conflictus Certamen zu sagen, ein auch in den antiken Eklogen gebrauchter Ausdruck. Dies Certamen ist wohl das älteste bekannte der, später auch in den Nationalliteraturen beliebten Streitgedichte, die sich also aus der der antiken nachgebildeten Ekloge, oder mindestens unter ihrem Einfluss entwickelt haben. Das Gedicht besteht aus 55 Hexametern. Im Eingang, den ersten neun Versen, erzählt der Dichter, dass plötzlich von den hohen Bergen herab sämmtliche Hirten zusammenkommen bei der Frühlingssonne unter dem Baumesschatten, um ein fröhliches Lied zu singen, ein Loblied dem Kuckuk, unter ihnen auch der junge Daphnis und der alte Palaemon. Da kommt auch der Frühling mit einer Blumenkrone, und der kalte Winter, der struppige mit starren Haaren: sie hatten einen grossen Streit ( certamen ) über das Kuckukslied; und der Frühling begann. Nun folgt der »Streit«, indem ein jeder von beiden allemal Mit einer einzigen Ausnahme. drei Verse singt. Die Darstellung ist von da an ganz dramatisch, da die verbindende Erzählung fast durchaus aufhört, ja selbst am Schlusse kaum wiederkehrt. 69 Der Frühling wünscht, dass der Kuckuk kommt, der liebste Vogel, allen der willkommenste Gast, welcher gute Lieder mit seinem rothen Schnabel anstimmt; er soll die Kälte vertreiben, dieser stete Begleiter der Sonne; er bringt die Blumen wieder und den Honig, er kleidet die Fluren und sänftigt die Wellen. – Der Winter wünscht nicht seine Ankunft, weil er Arbeiten hervorruft und die geliebte Ruhe zerstört, ja den Hunger im Gefolge hat. Offenbar, da die Wintervorräthe im Beginn des Frühjahrs aufgezehrt sind. Der Winter freut sich seiner Reichthümer, die Schätze in den Truhen zu zählen, der fröhlichen Mahlzeiten und der süssen Ruhe am warmen Herde. – Woher hätte aber der Winter seine Schätze, wendet der Frühling ein, wenn nicht er und der Sommer für ihn arbeiteten. Sehr wahr, antwortet der Winter, eben deshalb sind sie meine Knechte. – Du bist nicht ihr Herr, denn du bist arm und hülflos, erwidert der Frühling. Du kannst dich nicht selbst erhalten, wenn nicht der Kuckuk kommt und dir Nahrung leiht. – Darauf aber spricht Palaemon »vom erhabenen Sitze«, Daphnis und die Schaar der frommen Hirten: »Lass das weitere, Winter, du Verschwender, du trotziger. Es soll kommen der Kuckuk, der Hirten holder Freund.« Grün soll es werden auf den Hügeln, Futter für das Vieh geben, und die Vögel sollen mit ihrem verschiedenen Gesang die Sonne begrüssen. Schnell komme darum der Kuckuk. »Alles erwartet dich, Meer, Erde und Himmel. Salve, dulce decus, cuculus; per saecula salve! « Der Kuckuk wird in dieser Ekloge also nach germanischer Sitte als Verkünder des Frühlings betrachtet und gefeiert S. Grimm, Deutsche Mythologie 4. Ausg. S. 563. , der dem Stil der antiken Ekloge ganz gemässe Wettgesang des Frühlings und Winters beruht auch auf alter germanischer Ueberlieferung eines Kampfes dieser Jahreszeiten Grimm, a. a. O. S. 650. , die hier als germanische, zumal der Winter, nirgends sich verläugnen: so verschmilzt nationaler Inhalt mit antiker Form, wodurch hier allerdings auch die letztere berührt wird, insofern als die das Certamen Führenden Personificationen sind. Auch hier heisst aber der Schiedsrichter Palaemon, und nach dem »erhabenen Sitz« möchte man fast glauben, dass der Dichter 70 auch dieser Ekloge dabei an den Kaiser gedacht habe. – In Sprache und Vers erscheint das Gedicht aber weit correcter als das des Naso.   Fünftes Kapitel. Theodulf. Noch einen Dichter aus der Zeit und dem Kreise Karls des Grossen haben wir zu betrachten, von dem uns Poesien, und sogar in grösserer Zahl, überliefert sind, obgleich auch von ihm manches verloren ist; es ist der Bischof von Orleans, Theodulf . Theodulfi Aurelianensis episcopi opera, J. Sirmondi cura et studio edita notisque illustrata. Paris 1646. 8°. Daraus, aber vermehrt, in: * Sirmondi opera, Tom. II. Paris 1696. fol. – Mabillon, Vetera Analecta . Paris 1675. T. I. p. 386 ff. – – Hauréau, Singularités historiques et littéraires . Paris 1861. – Rzehulka, Theodulf, Bischof von Orleans. (Dissert.) Breslau 1875. – Ebert, Kleine Beitrage zur Geschichte der karolingischen Literatur 1 u. 2. In: Berichte über die Verhandl. der königl. sächs. Ges. d. Wiss. 1878. II. S. 95 ff. – Dümmler, N. A. S. 242 ff. In ihm ist wieder ein anderer germanischer Stamm vertreten, denn er war ein Gothe, als welchen er selbst sich in seinen Gedichten bezeichnet. Opp. l. III, c. 1 und 3. Welches Land aber seine Heimath war, lässt sich nicht mit voller Sicherheit bestimmen, doch kann nur zwischen Septimanien und Spanien die Wahl sein. Ich habe mich für das letztere entschieden. Mit Hauréau p. 37 ff. und Simson, Jahrb. des fränk. Reichs unter Ludwig d. Fr. I, S. 114. – S. meine Motivirung a. a. O. S. 95 ff. Dass von Italien als Heimath gar nicht die Rede sein kann, habe ich dort auch gezeigt. Auch Theodulf hatte offenbar durch seine ausgezeichnete Bildung sich Karl empfohlen. Den weiten Kreis seiner Studien bezeugen seine Gedichte, namentlich eines (l. IV, c 1), worin er die Autoren, welche seine Lieblingslectüre bildeten, aufführt: da gedenkt er denn neben den grossen Kirchenvätern und dem Encyclopädisten Isidor auch der Schriften der heidnischen Philosophen, die leider nicht mit Namen genannt sind, und 71 neben den angesehensten christlichen Dichtern Es sind Arator, Avitus, Fortunat, Juvencus, Paulin, Sedulius und »Rutilus«, die Form des letzten Namens ist durch den Vers geschützt; an Rutilius Numat. zu denken, verbietet schon der Umstand, dass derselbe nicht nur kein Christ war, sondern sogar als Feind der Christen in seinem Gedichte sich bekundet. , unter welchen Prudentius, der metrische Künstler         Diversoque potens prudenter promere plura         Metro, o Prudenti, noster et ipse parens. , einen hervorragenden Platz erhält, der Grammatiker Pompeius und Donatus, sowie der Dichter Virgil und Ovid. Obgleich in den Versen der letzteren vieles Frivole ( frivola ) sich finde, so sei doch auch sehr viel Wahres darin, unter falscher Hülle verborgen. Theodulf meint damit namentlich die Mythen, deren wahre Bedeutung erst die Philosophen aufgewiesen, nämlich durch die allegorische Erklärung, von der er dann Beispiele gibt. So weiss sich Theodulf nach dem Vorgang des Fulgentius S. Bd. I, S. 453. mit dem heidnischen Elemente der antiken Dichtung abzufinden. Und in der That verdankt er der letzteren nicht wenig. In ihm haben die klassischen Studien eine wahrhaft ästhetische Bildung gereift. Dies zeigt sich namentlich auch in seinem Sinn für die bildende Kunst. So liess er eine prachtvolle Kirche nach dem Muster der Achener Basilika zu Germigny bauen und auf das kostbarste im Innern ausschmücken, sowie andre restauriren; so liess er Handschriften der Bibel verfertigen, die noch heute als kalligraphische Musterstücke bewundert werden, und sie mit Bildern verzieren. S. Delisle, Les Bibles de Théodulfe in der Bibliothèque de l'Ecole des chartes XL. 1879, p. 5 ff. Aber dieser Kunstsinn erscheint nicht bloss im Dienste der Religion; der Bischof schmückte auch seine Tafel durch Aufsätze kunstvoller Werke, im symbolisch-allegorischen Stil der spätrömischen Zeit, um dem Geiste ebenso wie dem Leibe Nahrung zu spenden, wie er selbst in der Beschreibung eines solchen Tafelaufsatzes (der auch mit einem Tellurium verbunden war) sagt. Wie er antike Kunstwerke zu schätzen wusste, zeigt eine andre seiner Dichtungen. S. weiter unten S. 76 . 72 Ein Mann von solcher Bildung und solchen Neigungen musste leicht Karl nahe treten. Von seinem Leben haben wir nur sehr lückenhafte Kunde. Dass er am Hofe Karls verkehrte, kann bei seiner genauen Kenntniss desselben nicht bezweifelt werden. Mindestens seit d. J. 788 Dümmler a. a. O. S. 241. stand er dem Bisthum von Orléans und der Abtei von Fleury – wozu noch die von St. Aignan kam – vor, um zum Nutzen der Kirche und des Staats eine bedeutende Wirksamkeit zu entfalten, und zwar ganz in dem Sinne der Bestrebungen Karls, die Sittlichkeit und Bildung des Klerus wie des Volks zu heben. Davon legt recht Zeugniss ab ein an die Presbyter seiner Parochie erlassenes Capitulare. Bei Sirmond l. l. p. 921 ff. Hier wird unter anderm den Geistlichen geboten die Predigt zur Belehrung des Volkes nicht zu vernachlässigen (cap. 28), und in Dörfern und Weilern ( per villas et vicos ) Schule zu halten und mit Liebe und unentgeltlich, was besonders eingeschärft wird, die Kinder zu unterrichten (cap. 20). Auch die Klöster seiner Diöcese zu reformiren war er bemüht: so berief er zu dem Zweck nach Mici Mönche von Aniane, wo Benedict Wittiza damals eine Wiederherstellung des gesunkenen Mönchthums in Westfrancien mit Erfolg unternahm. S. über Benedict weiter unten im 5. Buche, wo die Vita desselben behandelt wird. Eine solche öffentliche Wirksamkeit sowie offenbar auch der strenge Rechtssinn Theodulfs – der sich später auch in einer Aufsehen machenden Streitigkeit mit Alcuin bekundete – fanden eine besondere Anerkennung, als ihm i. J. 798 ein Amt des höchsten Vertrauens, das des Missus dominicus übertragen wurde. Auch wurde Theodulf von Karl berufen in dem Process des Papstes Leo und seiner Feinde in Rom 800 mit zu Gericht zu sitzen. Von dort brachte er dann das Pallium mit. Nach dem Tode Alcuins wurde er auch einer der ersten theologischen Beiräthe des Kaisers, wie er denn in einer denselben lebhaft beschäftigenden dogmatischen Streitfrage, über den Ausgang des h. Geistes, auf Befehl des Kaisers das Material zu ihrer Entscheidung aus den Kirchenvätern sammelte (in der Schrift De spiritu sancto ). Selbständiger 73 abgefasst ist von ihm eine andere, auch durch den Kaiser veranlasste theologische Gelegenheitsschrift: De ordine baptismi , welche aber ausserhalb des Bereichs unserer Aufgabe liegt. Auch bei Ludwig dem Frommen stand Theodulf im Anfang der Regierung desselben in hohem Ansehen. So sandte ihn Ludwig 816 dem Papste Stephan V., als dieser zur Krönung kam, entgegen. Aber dies gute Verhältniss änderte sich bald vollkommen. Theodulf wurde der Theilnahme an der Verschwörung Bernhards von Italien angeklagt und Ostern 818 aller seiner Würden entsetzt und nach Angers in ein Kloster verbannt. Theodulf läugnete bis zu seinem Ende seine Schuld, obwohl er mit einem blossen Geständniss Begnadigung erkaufen konnte. Jene lässt sich allerdings weder mit seinem früheren Leben, noch mit seinen politischen Grundsätzen vereinen. Vgl. Simson, Jahrb. I, S. 114 f., 122, und 169 f. – S. auch weiter unten. So starb er 821 in der Gefangenschaft. In formeller Beziehung, sowohl was den sprachlichen Ausdruck als die Versbildung betrifft, nimmt Theodulf unter den Dichtern jener Zeit wohl die erste Stelle ein. Wie hoch er in diesen Beziehungen geschätzt, und wie er noch im 10. Jahrh. als Autorität in Betreff der Quantität betrachtet wurde, zeigt Dümmler a. a. O. S. 241 f. Man sieht an ihm von neuem die besondere Befähigung des gothischen Stammes unter den Germanen, die romanische d. i. die überlieferte christlich lateinische Bildung sich anzueignen. In seinen Gedichten finden wir nicht mehr jene wörtlichen Entlehnungen, jene gehäuften Reminiscenzen aus den antiken Vorbildern, welche an die grammatische Schule erinnern. Freilich ein poetisches Genie ist auch Theodulf nicht, aber er besitzt ein Talent zu schildern, das, unterstützt von seiner formalen Begabung, manche hübsche lebendige Gemälde in seinen Versen entworfen hat. – Auch seine Dichtung schliesst sich zum grössten Theil an die des Fortunat an, wie sie denn auch gleich dieser fast durchaus in Distichen verfasst ist Wo im Folgenden das Metrum nicht angegeben ist, sind daher immer Distichen anzunehmen. ; in jüngeren Jahren aber hat sich Theodulf auch den Prudentius zum Muster genommen. Dies war namentlich der Fall in einer grösseren didactischen Dichtung, von der sich aber nur 74 zwei Bruchstücke, das eine wie es scheint ein vollständiger Gesang, erhalten haben. Derselbe Liber V, carmen 3. Die Eintheilung der Gedichte Theodulfs in 6 Bücher (sowie auch gewiss grösstentheils die Anordnung derselben) ist ein Werk Sirmonds wie er in der ersten Anmerkung zu diesem Gedichte l. l. p. 1101 selbst sagt. Die Verszählung Sirmonds, sei hierbei erwähnt, bezieht sich immer auf das Buch, nicht auf das einzelne Carmen. , eine Ermahnung an die Priester, insonderheit die Bischöfe, bezeichnet sich selbst als viertes Buch, und deutet im Eingang, wenn auch nur dunkel, den Inhalt der drei vorausgehenden an, die an alle Welt gerichtet sein sollten: danach scheint das erste Buch von der Offenbarung und den Thaten Christi Auf dieses Buch bezieht sich wohl das in den Versus Fiduciae (Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. V, S. 143) dem Theodulf gezollte Lob: Teudulfus rutilat mire de arte Iuvenci . , das zweite von den Strafen und den Belohnungen der Ewigkeit gehandelt zu haben, indem Himmel und Hölle sich da beschrieben fanden, während dagegen »das dritte den Krieg mit dem furchtbaren Volke zu führen lehrt und die Genossen mit dem möglichen Beistand ausrüstet.« Hier scheint der Kampf mit den Lastern gemeint zu sein, den wir in dem längeren Bruchstücke eines andern Gesanges Theodulfs Ich sage »Gesanges« d. i. Theils einer grösseren Dichtung, dafür spricht das letzte Distichon (u. vgl. v. 362 f). Ging auch in der Handschrift, wie man vermuthen möchte, dies Carmen dem vorher betrachteten voraus, so würde dies die auch schon von Sirmond aufgestellte Ansicht dass wir in demselben das 3. Buch der erwähnten Dichtung besitzen, wohl zur Gewissheit erheben. (l. V, c. 2) in der That wiederfinden. Derselbe behandelte, wie sich aus einem Rückblick darin (v. 364 ff.) ergibt, die sieben Laster: gula, moechia, fraus, avaritia, invidia, tristitia und ira , und als ihren Anführer die superbia , wie ja auch zugleich mit der letztern acht bei den Asketen unterschieden werden So bei Cassian Coenob. instit. , s. Bd. I. S. 334, nur erscheinen hier statt fraus und invidia acedia und cenodoxia . ; aber das erhaltene Bruchstück beginnt erst mit der tristitia . Gegen diese Feinde, durch welche Satan das Menschengeschlecht sich unterwirft, hat Gott aber diesem in den entgegengesetzten Tugenden Waffen gegeben, gleich einem weisen Arzte der durch das Gegentheil heilt; diese Tugenden sind: ieiunia, pudicitia; der avaritia gegenüber operatio dandi; ferner dilectio domini et fratrum; 75 die tristitia bekämpft brüderlicher Zuspruch, Gebet und die Bibel, ira patientia, superbia das Beispiel Christi, die Furcht vor der Strafe und die hehre Liebe. Das Mittel gegen die fraus aber fehlt. Der Einfluss der Psychomachie des Prudentius ist leicht zu erkennen, aber er erstreckt sich weniger auf Einzelheiten. Obgleich diese Dichtung ein Jugendwerk Theodulfs ist, das er noch als Diacon verfasste S. l. V c. 3 v. 450 ff und vgl. Hauréau l. l. p. 45. , zeigt er doch darin schon seine Begabung, so ist u. a. die sehr eingehende Schilderung der sündhaften tristitia vortrefflich. Trotz mancher Schwächen des Ausdrucks. S. z. B. v. 134 ff.         Est et ei (tristitiae) sine clade dolor, sine nomine moeror,             Intima sed cordis nubilus error habet.         Hanc modo somnus habet, modo tarda silentia prensant;             Ambulat et stertit, murmurat atque tacet.         Somniat hic oculis residens ignavus apertis,             Nilque loquens sese dicere multa putat.         Actus hebes, secessus iners, oblivia pigra             Sunt, et nil fixum mente vel ore vehit.         Ut ratis in pelago, cui non est navita, certa             Ad loca nulla volat, sed vaga oberrat aquas. Eine andre grössere didactische Dichtung Theodulfs, welche 956 Verse in Distichen zählend das ganze erste Buch der Sirmondschen Ausgabe einnimmt, gehört zu den bedeutendsten und bekanntesten Werken desselben. Sie ist als eine Frucht seiner Thätigkeit als Missus i. J. 798 zu betrachten, wie denn auch dieser Mission darin ausführlich gedacht wird, nur hat die Dichtung dieselbe keineswegs allein zum Gegenstand: vielmehr ist sie eine Ermahnung an die Richter überhaupt und daher nicht mit Unrecht: Paraenesis ad iudices vom ersten Herausgeber betitelt worden. Nämlich von Petrus Daniel (Paris 1598) dem dann Sirmond folgte. Der Titel: Contra iudices , den zwei Codd. bieten, entspricht dem Charakter der Dichtung weniger. Nach einigen allgemeinen Ermahnungen der Richter zur Gerechtigkeit, Milde und Unbestechlichkeit, wobei denn auf Vorbilder und Aussprüche des Alten Testamentes hingewiesen wird, berührt der Dichter die Habgier, die er oft an den Richtern zu tadeln Veranlassung fand (v. 87 ff.): da möge dann mancher von ihnen, meint er, denselben Fehler ihm zugetraut haben. (Man sieht daraus recht wie allgemein verbreitet er damals war). Aber von diesem 76 wenigstens wisse er sich frei: und hier (v. 99) fügt denn der Dichter die Erzählung von seiner Sendung als Missus ein, die also die damals herrschende Bestechlichkeit der Richter und die eigene Unbestechlichkeit erhärten soll. Diese Erzählung, welche bis zu v. 291 sich erstreckt, bildet die interessanteste Partie des Gedichts. In Gemeinschaft mit dem »zukünftigen« Bischof von Lyon, Laidrad als Collegen wird von Theodulf die Fahrt unternommen, deren Aufgabe und Gebiet kurz bezeichnet werden. Narbonne, Arles, Marseille bilden die Hauptstationen. Vornehmlich wird erzählt, welche Versuche sie zu bestechen gemacht wurden, von den Geringen wie von den Grossen; denn keiner glaubt etwas zu erreichen, wenn er nicht gibt (v. 254). Kulturgeschichtlich sehr beachtenswerth sind die Geschenke, die man verspricht oder anbietet. Sie zeigen unter anderm den regen Handelsverkehr Südfrankreichs mit dem moslemischen Spanien. Nicht bloss arabische Goldmünzen, sondern auch Tücher ( pallia ) und Cordovanisches Leder werden namentlich aufgeführt. Aber bei den gelehrten Prälaten versuchte man sein Glück auch mit Antiquitäten. Eine prachtvolle Vase, die Theodulf ausführlich mit dem Interesse des Kenners beschreibt (v. 179 ff.), wird ihnen heimlich durch Vermittlung ihres Dieners angeboten. – Nach dieser Digression – und als solche bezeichnet Theodulf selbst die Erzählung von seiner Sendung V. 291 f.:         Quae errabunda meos paulo est digressa per actus,             Ad coeptum redeat nostra Camoena melos. – kehrt er dann zu seiner Ermahnung der Richter zurück. Die Unbestechlichkeit soll ihnen auch nicht erlauben für gerechtes Urtheil Geschenke zu nehmen. Das Recht soll nicht verkauft werden. Der Dichter lässt die Vernunft selbst an die habgierigen Richter eine Standrede halten (v. 338 ff.). Darauf gibt er specielle Vorschriften, wie der Richter um recht zu urtheilen verfahren soll: so soll er durch Gebet sich vorbereiten, frühe am Morgen in gehöriger Nüchternheit seine Thätigkeit beginnen u. s. w. Er warnt ihn vor der Superbia, die er unter dem Bilde Lucifers malt (v. 459 ff.)         Torva oculis, horrenda manu, foedissima rictu,             Vipereumque caput corpus et omne tumens,         Mens tumcfacta cui, levis actio, turgida vox est,             Cui cibus et potus atra venena manent,         Pro gressu saltus, pro plantis pinna volucris,             Remige quo labi quivit ab axe poli,         Et memor antiqui sceleris super aethera facti,             Utens arte sua qua petit ima Stygis:         Qua te sublimem, qua celsum sibilet intus,             Plebibus ut misci dedecuisse putes etc. und ermahnt ihn zur Leutseligkeit, zur besonderen Berücksichtigung der Armen, Wittwen und Waisen. 77 Aber nicht bloss Humanität, auch Salomonische Weisheit und Menschenkenntniss soll der Richter besitzen, wie für einzelne Fälle gezeigt wird. Noch wird von der Ueberwachung der Anwälte und der eigenen Beisitzer, von der Zeugenvernehmung, dem Eide, sowie der Verhängung der Strafen, wobei vor Grausamkeit gewarnt und zur Milde ermahnt wird, gehandelt. So wird ein lebendiges Bild des damaligen Gerichtswesens mit vielen merkwürdigen Einzelheiten S. z. B. v. 420 ff. gegeben, welches zugleich die humane Gesinnung und Bildung unseres Dichters im hellsten Lichte erscheinen lässt. Auch der Schluss der Dichtung bekundet dieselbe: anhangsweise nämlich (v. 891 ff.) legt der Dichter noch ein beredtes Wort für die Armen und Bedrückten überhaupt ein, indem er die Reichen und Mächtigen daran erinnert, dass jene gleich ihnen Menschen und ihre »Nächsten« sind. Wir besitzen noch ein kleineres didactisch-beschreibendes Gedicht Theodulfs (von 114 V.), das inhaltlich von besonderem Interesse ist (l. IV, c. 2). Es wird darin ein Bild, welches die sieben freien Künste darstellte, beschrieben, wohl das älteste von dem wir aus dem Mittelalter Nachricht haben. Ein späteres Bild von andrer Composition und Ausführung ist uns aus dem Hortus deliciarum der Herrad von Landsperg erhalten; s. bei Engelhardt, Herrad v. Landsp. Stuttgart 1818. Tafel VIII. Ein Baum war dargestellt: an seiner Wurzel sitzt die Grammatik , also »andeutend dass sie ihn erzeugte und halte.« Von ihr geht der ganze Baum der Wissenschaft aus. Sie hält in der Linken eine Geissel, die Trägen anzutreiben, in der Rechten ein Messer, um die Fehler auszuradiren. Den Kopf aber schmückt ein »Diadem«. Sensus bonus und Opinatio stehen ihr zur Seite. Von dem graden Stamme des Baumes gehen Aeste aus: den rechten haben Rhetorik und Dialektik 78 inne. Die erstere hat ein geflügeltes Löwenhaupt, um die Macht der Beredsamkeit und den leichten Flug der Worte zu bezeichnen; auf der ausgestreckten Rechten trägt sie eine gethürmte Stadt. Während die Rhetorik aber redend steht, sitzt die Dialektik, nicht weit von ihr, lesend, eine Schlange umwindet ihren Leib. Logik und Ethik, die nicht weiter beschrieben sind, folgen dann auf dieser Seite, der letzteren schliessen sich die vier Cardinaltugenden an, Prudentia mit einem Buche, Fortitudo als gewappneter Krieger, Justitia mit Schwert und Palme, Wage und Krone, und Temperies, welche Zügel und Geissel führt. Weiter hinauf auf dem Baume, wahrscheinlich auf der andern Seite, befanden sich Arithmetik Bei ihr wird auch der Physik gedacht, aber in einer mir unverständlichen Weise:         Arboris at magnae sursum tendebat imago,             Ibat et in celsum stips bene rectus ei,         Quem numerorum ulnis ars amplexata tenebat:             Stare videbantur ramo in utroque pedes.         Ista manus numeros retinebat, et illa volumen,             Quam constat matrem, Physica, inesse tuam. (?) v. 125 ff. , Musik die Lyra spielend, Geometrie mit Radius und Rotula         Et radius teretem metitur comminus orbem,             Aetherias zonas et rota quinque tenet. v. 139 f. , und hoch über allen Astrologie , die einen Himmelskreis mit Sternbildern über ihr Haupt erhebt. Kleinere moralisirende Gedichte, namentlich im Anschluss an Bibelsprüche, hat Theodulf nicht wenige verfasst (s. vornehmlich l. VI.), auch ein längeres Gedicht (l. II, c. 1, 1250 V.) über den Inhalt und Werth der Bibel, das er einer noch erhaltenen kostbaren Abschrift derselben, die er anfertigen liess, voraussandte: auf diese Gedichte hier näher einzugehen haben wir aber keine Veranlassung. Eins (l. VI, c. 5) zeigt die für jene Zeit grossen geographischen Kenntnisse unsers Autors. Interessanter sind einige rein beschreibende oder erzählende Gedichte: so jenes (l. IV, c. 3), das den Tafelaufsatz beschreibt, welchen Theodulf selbst hatte anfertigen lassen; ferner drei Gedichte, die er in der Gefangenschaft verfasst und an Bischof Modoin gesandt hat, welche merkwürdige Naturerscheinungen zum Gegenstand haben. Das eine (l. IV, c. 6) erzählt in recht launiger Weise das plötzliche 79 Austrocknen der Sarte bei Le Mans im Februar 820 – ein ähnliches Thema hat auch einmal Fortunat behandelt S. Bd. I, S. 505. ; die beiden andern Gedichte (IV, c. 7 u. 8) schildern zwei Schlachten, die sich Heere von Vögeln lieferten (für welche Erzählungen Theodulf selbst seine Gewährsmänner anführt). Die eine soll im Gebiet von Toulouse stattgefunden haben; nachdem viele Vögel getödtet, sei das eine Heer nach Norden zurückgegangen: die andre begab sich an den Ufern der Saone und Rhone, wo Habichte und Kapphähne als Vorkämpfer erscheinen; hier erinnert der Dichter an die Bürgerkriege Roms, und ahnt in diesen wunderbaren Kämpfen Vorzeichen der Zukunft. Die Schilderung ist trefflich, leicht und lebendig. Hier sei angemerkt, dass l. III. c. 10 ein kleines Fragment eines Itinerar (30 Hexameter) sich findet. Ob wirklich von Theodulf? Die Reise berührt hier Limoges und Perigueux. Die Persönlichkeit Theodulfs und zum Theil auch seine dichterische Begabung tritt uns aber am bedeutendsten in seiner Epistelpoesie entgegen, die auch er gleich den andern Dichtern jener Zeit mit Vorliebe gepflegt hat. Unter diesen Episteln sind einige seiner anziehendsten und schönsten Gedichte, die auch neue Seiten seines Talents und seines Charakters zeigen. Den Vorrang verdient ein längeres Gedicht an Karl den Grossen (l. III, c. 1, 244 V.), welches uns auf das lebendigste mitten in die Gesellschaft seines Hofes einführt, zu der Zeit als diesem ein besonderer Glanz noch verliehen wurde durch die eben dort eingetroffene reiche Beute des Avarenkriegs 796. Der damals abwesende Dichter schildert hier das Leben in der Pfalz, wie er es sich im Geiste nach seinen Erinnerungen aus früherer Zeit ausmalt. Mit einem schwungvollen Triumphgesang auf Karl, der nun auch die Hunnen unterworfen, hebt die Dichtung an. Sein Lob, das der ganze Erdkreis singt, ist unermesslich. Die neue Eroberung ist dem Dichter eine Erweiterung des Reiches Gottes, und wie die Avaren zu dem Christenthum bekehrt werden sollen, so auch die Araber, die, nicht minder grausam und trotzig, von Karl einst noch besiegt vor ihm sich beugen sollen; auch Cordoba soll seine seit lange gesammelten Schätze ihm zu Füssen legen. So werden die schon ein Jahr danach beginnenden spanischen Feldzüge 80 vorausgesagt, welche schliesslich die Eroberung von Barcelona krönte. – Der Dichter erzählt dann in allem Detail, wie nach Beendigung des Rathes und des Gottesdienstes zum festlichen Mahle in der Hofburg geschritten wird, wie dem Könige die Söhne Mantel, Handschuhe und Schwert abnehmen, und die Töchter unter Küssen Blumensträusse überreichen. An sie schliesst sich Liutgarde, die zukünftige Gemalin Karls an, deren Schönheit, Leutseligkeit, Freigebigkeit, sowie gelehrte Bildung hier hoch gerühmt werden. Auch die fromme Schwester Karls, Gisela wird bei seinem Empfange erwähnt. Nachdem dann der Ankunft der Grossen, der Geschäftigkeit des Hofmarschalls, des Tischgebets des Erzcapellans gedacht ist, werden uns die bedeutendsten Persönlichkeiten der Tafelrunde Karls vorgeführt, vor allem die Gelehrten, an ihrer Spitze Alcuin, der auch hier, wie schon früher erwähnt S. oben S. 14 . , den Ton angibt, dann der gelehrte Kanzler Erchanbald, darauf der »Schotte« (vielleicht der Grammatiker Clemens), den mit beissendem Spott Theodulf auch sonst verfolgt, und ein Gegner desselben, der geschäftige kleine, aber grosssinnige Einhard. Fein und schön ausgedrückt, v. 155 ff.:         Nardulus huc illuc discurrat perpete gressu,             Ut formica, tuus pes redit itque frequens;         Cuius parva domus habitatur hospite magno,             Res magna et parvi pectoris antra colit. Alle werden mit Witz und Laune geschildert. Am Schlusse der Tafel, bei welcher Wein und Bier nicht gespart wird, werden Gedichte Theodulfs selbst vorgelesen, die ein starkknochiger Kriegsmann, dem das Haupt schon schwer ist, verwünscht, der boshafte Schotte aber, über den der Dichter hier einen ganzen Hagel von Sarkasmen ergiesst, bald hierhin bald dorthin sich wendend, recensirt. Noch eine Epistel Theodulfs an Karl besitzen wir (l. III, c. 6), welche den »König« als den Schirm und Trost des Klerus preist, durch ihn besitzen die Bischöfe die geheiligten Rechte, wie dies der Papst Leo selbst erfahren: und hiermit geht Theodulf auf das bekannte Attentat ein. Die bedeutende Stellung, die Karl der Kirche gegenüber einnahm, tritt recht offen in diesem Gedichte hervor: wie Petrus die Schlüssel 81 des Himmels, so soll Karl, sagt Theodulf, die der Kirche führen. Auch an die Königin Liutgard (l. III, c. 5) und an Karls Sohn, Karl (l. VI, c. 25) finden sich Episteln, die aber nicht von Bedeutung sind, sowie an Ludwig den Frommen (l. VI, c. 26), worin der Dichter ihn als Kaiser begrüsst. Dies Gedicht ist in Sirmonds Ausg. mit Unrecht: » Ad Carolum imperatorem « überschrieben, wohl von dem Herausgeber selbst. – Das » Caesar fortissime nate « des viertletzten Verses zeigt klar, dass es an Ludwig und zwar als Mitregenten seines Vaters gerichtet, vielleicht zur Beglückwünschung seiner Ernennung zum Mitkaiser verfasst ist. Uebrigens findet sich auch die richtige Adresse in dem Cod. Harleian. S. Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. IX, S. 84 (letzte Zeile). Interessanter sind eine an Benedict von Aniane (l. II, c. 6) Unrichtig Ad monachos S. Benedicti überschrieben. , worin Theodulf um eine zweite Sendung von Mönchen nach Mici bittet, und eine andre an seine »Brüder«, welche für ihm dargebrachte Gedichte dankt und zu weiteren Studien die Jünglinge ( pueri ) auffordert (l. II, c. 13). In diesem Gedicht (das zu mancher Frage auffordert) wird auch des Grammatikers von Orleans, Wulfin, als Lehrers der Pueri in der Metrik gedacht. Auch ein Begleitbrief zu einem Hochzeitsgeschenk, einem kostbaren Psalter, an eine »Tochter« (offenbar im geistlichen Sinne Obgleich man meist das Gegentheil angenommen hat. S. darüber Rzehulka S. 11 ff. ) Gisla, der ihr die Pflichten einer guten Hausfrau einschärft, ist bemerkenswerth (l. III, c. 4). Von besonderem literargeschichtlichem Werth sind dagegen inhaltlich wie formell die folgenden Episteln. Eine (l. III, c. 3) bezieht sich auf den Dichterhof Karls und ist fast durchaus satirisch, leider wegen der mannichfachen persönlichen Anspielungen, auch einzelner sonst nicht bekannter Verstecknamen grossentheils unverständlich. Theodulf verspottet zunächst hier die vielen Dichterlinge unter dem Bilde von Vögeln, und das ganze Gedicht ist, wie der Schluss zeigt, an einen jungen »Raben« gerichtet Das Gedicht ist ganz mit Unrecht: Ad Angilbertum überschrieben. Das » vatis Homere « im sechsten Vers ist nur ein rhetorischer Imperativ, wie ihn Theodulf gar nicht selten gebraucht. , was vielleicht zu dem Bilde die Veranlassung gab: denn dieser corvulus , der schliesslich Corvinianus genannt wird, kann wohl niemand anders als Alcuins 82 Schüler, Raban sein. S. meine oben S. 70 Anm. 1 citirten Kl. Beiträge zur caroling. Lit. 2. – Vielleicht ist unter dem Psittacus , von dem es v. 6 heisst: varias imitatur voce camoenas, Commaculans musas, vatis Homere, tuas – Naso zu verstehen. Auch hier wird mit Ehren der Töchter Karls, namentlich ihrer musikalischen Talente gedacht (v. 313 ff.), und andrerseits wieder der Scotus als sottus und coltus verhöhnt (v. 341 ff.). Doch auch viele andre trifft hier der Witz unseres Dichters, welcher auch in dem leichten spielenden Ausdruck dieses Gedichts seine geistige Ueberlegenheit und die Höhe seiner formalen Bildung zeigt. – Einen ganz andern, aber nicht minder bedeutenden Eindruck machen ein paar Episteln, die Theodulf im Gefängniss verfasst hat. Die eine (l. IV, c. 4) ist an den Erzbischof von Bourges, Aiulf gerichtet, der, wie es nach diesem Schreiben scheint, Theodulfs Schüler gewesen war. Unser Dichter rühmt ihn zunächst, dass er die Verheissungen der Jugend erfülle; seine gelehrten Studien würden ihm jetzt als Bischof auch zu statten kommen, namentlich für die Predigt; andre gute Lehren für die Verwaltung seines hohen Amtes – das ihm wohl noch nicht lange übertragen – knüpft er daran. Dann aber bittet er ihn, seines, des Theodulf, Unglücks zu gedenken, und im Gebet ihm beizustehen, indem der Dichter unter Berufung auf Gott und sein Gericht sich unschuldig des Verbrechens des Hochverraths in ausdrücklichster Form erklärt.         Non regi aut proli, non eius, crede, iugali             Peccavi, ut meritis haec mala tanta veham.         Crede meis verbis, frater sanctissime, crede,             Me obiecti haud quaquam criminis esse reum.         Perderet ut sceptrum, vitam propriumque nepotem:             Haec tria sum numquam consiliatus ego.         Addimus et quartum: mihi non fuit illa voluntas – – v. 303 ff. Vgl. Simson a. a. O. I, S. 115. Ergreifender noch malt seine traurige Lage der Gefangene in dem andern Schreiben (l. IV, c. 5), das an den damals so einflussreichen, gelehrten Bischof von Autun, Modoin , der selbst den Musen huldigte, gerichtet ist: es scheint deshalb auch mit besonderer Kunst ausgearbeitet zu sein. Der hübsche Eingang des Gedichts erinnert an den der ersten Elegie der Ovidschen Tristien. Seiner Muse, die er bald Thalia, bald Erato nennt, 83 befiehlt der Dichter, sich schleunigst zu der Wohnung des Modoin zu begeben, und vor ihm niederkniend, schweigend die befreundeten Hände zu küssen. Wenn er sie aber frage, wer sie sei und wem sie gehöre, dann soll sie sprechen, dass sie aus dem Kerker Theodulfs komme, den unbegrenzte Liebe zu ihm erfülle, der dort verbannt, hülflos, arm, traurig, angstvoll, bekümmert und verachtet weilt, ein Leben schlimmer als der Tod. Darauf soll sie ihre Botschaft ausrichten; und nun redet der Dichter in eigener Person weiter, indem er den »liebenden Bruder« beschwört, seiner zu gedenken. Die brüderliche Liebe vergehe ja nicht wie die dunstigen Freuden dieser Welt. Seine Sache sei die aller Bischöfe; was ihm heute geschehen, könne jeden andern morgen treffen. Jeder wird nach seinem Gesetze gerichtet, nur nicht der Bischof; und wer andern Recht sprechen musste, verliert selbst das Recht. Kein Zeuge sei da und kein competenter Richter. Er habe nichts gestanden und sei doch verurtheilt worden. Und selbst wenn er es gethan, so hätte nur der Papst, der ihm das Pallium verliehen, ihn richten können. Mit diesem Brief sandte Theodulf die oben erwähnten drei Gedichte. Wir besitzen auch die Antwort, die Modoin darauf, auch in Distichen gab. Sie findet sich in Sirmonds Ausg. Theodulfs l. IV, c. 9. Die Antwort, als Gedicht unbedeutend, gibt den Rath die Forderung Ludwigs zu erfüllen, und ein Schuldbekenntniss abzulegen, um Begnadigung zu erlangen, obgleich Modoin selbst vorher Theodulf als »unschuldig« bezeichnet, und seinen Sturz seinen Neidern Schuld gibt. – Vgl. auch Rzehulka l. l. S. 55 f. Dass der Distichendichter Theodulf auch Epigramme verfasst hat, lässt sich von selbst erwarten; doch sind uns im ganzen nicht sehr viele, und darunter wenige bedeutende überliefert. Einzelne sind wirkliche Inschriften, so Grabinschriften, wovon die auf den Pfalzgrafen Helmengald (l. VI, c. 19) die beste, die auf die Königin Fastrade (l. II, c. 11) die unbedeutendste ist. Unter den anderen Epigrammen sind bemerkenswerth ein ganz scherzhaftes (l. VI, c. 22); eins das gegen die Romfahrten gerichtet ist (l. V, c. 4): nicht der Weg der Füsse, sondern des Charakters führe zum Himmel; und am meisten ein längeres (l. III, c. 10) von politischem Inhalt, worin Theodulf gegen eine Theilung der Herrschaft unter Brüder, insbesondere gegen ein dreiköpfiges Regiment, wie es Geryon in 84 sich darstellte, mit speciellem Hinblick auf seine Zeit entschieden sich erklärt. Es beweist dies auch gegen die Schuld des Theodulf. Als Lyriker hat sich Theodulf nur gelegentlich versucht. Und doch hat grade ein Gedicht, das nur zum Theil einen lyrischen Charakter hat, durch diesen am längsten die Erinnerung an Theodulf in weiteren Kreisen erhalten. Es ist ein auch in Distichen in der Gefangenschaft zu Angers verfasstes Gedicht auf den Palmsonntag (l. III, c. 2). Es beginnt mit einem schönen Lob Christi, worin die Palmenträger sich mit den hebräischen Knaben, die Christus einst Hosianna singend, entgegenzogen, vergleichen; daran reiht sich dann eine Schilderung des Festes in Angers, zu dem aus weiter Umgegend die frommen Schaaren herbeiziehen. Der schwungvolle Eingang des Gedichtes, der Preis Christi, wurde nun als Hymne, zunächst in Angers selbst, dann in der Kirche überhaupt, sogar noch von den Protestanten des 16. Jahrhunderts S. Daniel, Thesaur. hymnolog. I, p. 217. , an jenem Festtag gesungen; und an diesen Hymnus knüpfte sich selbst die Sage, dass Theodulf seine Befreiung ihm verdankt habe. S. Simson a. a. O. I, S. 169 f. Ein anderes, auch in Angers Wie der heil. Albinus in der vorletzten Strophe zeigt. verfasstes Gedicht, eine sapphische Ode an Kaiser Ludwig, der darin zum Besuche der Stadt aufgefordert wird, ein Gedicht, das sich bei andern des Theodulf gefunden, kann ihn wohl zum Verfasser haben, obwohl es wenig bedeutend ist. Mabillon hat es zuerst, zugleich mit dem folgenden, aus einem Codex des Klosters Vito (S. Vannes in Verdun) herausgegeben in seinen Vetera Analecta T. I, danach auch bei Sirmond l. l. im Anhang p. 1127 f. Ist es von Theodulf, so wird es im October 818, wo Ludwig die Stadt besuchte, verfasst sein. – Die andre Ode findet sich auch bei Sirmond l. l. p. 1126. Sicherer aber ist ihm beizulegen eine andere sapphische Ode an denselben Kaiser zu seiner Begrüssung, als er Orleans 814 besuchte. Sie ist in einem kräftigen, des Theodulf würdigen Stile gehalten, so dass sie seine Befähigung auch für diese Dichtungsart wohl belegt. Sie bekundet zugleich von neuem die Vielseitigkeit seines poetischen Talentes und seine für jene Zeit zu bewundernde formale Bildung und Gewandtheit. 85   Sechstes Kapitel. Ethelwulf. Höchst wahrscheinlich gehört noch diesem Abschnitt unserer Geschichte die erzählende Dichtung eines Angelsachsen Ethelwulf In: Mabillon Acta S. S. ord. Bened., Saec. IV pars  2 (Praef.), p. 317 ff. – – Th. Wright, Biographia britannica literaria . Anglo-saxon period . London 1842. p. 370 ff. – Dümmler N. A. S. 253 f. an, welche dem Bischof Egbert von Lindisfarne gewidmet ist, der diese Würde von 802–819 bekleidete. So fällt die Abfassung in diesen Zeitraum. Der Dichter war ein Mönch eines von Lindisfarne abhängigen Stiftes Nicht von Lindisfarne selbst, wie dies Mabillon (Praef.) sicher erwiesen. und berichtet hier in Hexametern die Geschichte desselben, wie der Edle Eandmund, durch König Osred von Northumbrien zum Mönche geschoren, das Kloster gründete und wie dasselbe unter ihm und seinen Nachfolgern aufblühte bis auf die Zeit des Autors. Er gedenkt dabei nicht bloss der Vorstände des Klosters, deren Tugenden rühmend, sondern auch einzelner Mönche, welche durch besondere Begabung oder wunderbare Begnadigung ein Gedächtniss sich stifteten. So eines schottischen Presbyter Ultan, dem niemand in der Schreibkunst gleichkam (cap. 8), und ebenso eines Mönchs, der als Schmied sich auszeichnete (cap. 10), während von einem anderen Bruder wieder eine Vision erzählt wird (cap. 11). Auch seiner Lehrer Higlac und Godfridus vergisst er nicht, die er in einem Gesicht im Dome des Himmels wiedersieht (c. 27); des ersteren hatte er schon vordem kurz gedacht in einem Gedicht, in welchem er einige Frauen aus dem Volke der Anglen besang         De quo iam dudum perstrinxi pauca relatu,         Anglorum de gente pios dum carmine quosdam         Iam cecini indoctus vilisque per omnia scriptor. c. 16. – ein Gedicht das sich nicht erhalten. – In formaler Beziehung ist das vorliegende Werk sehr mangelhaft – soweit sich nach der höchst erbärmlichen Ausgabe Mabillons urtheilen lässt und gereicht den Angelsachsen nicht zum Ruhme. 86   Siebentes Kapitel. Volksmässige weltliche Dichtung. – Paulin von Aquileja. Neben der Kunstpoesie des Zeitalters Karls des Grossen, die in Hinsicht der Form ihren Höhepunkt wohl in Theodulfs Werken zeigt, findet sich aber auch eine volksmässige weltliche Dichtung in rythmischen Versen, wie wir auch schon zu bemerken Gelegenheit hatten. Und die grossen Thaten jener Zeit erfüllen auch sie mit dem epischen Geist und lassen so eine volksmässige lyrisch-epische, wie episch-lyrische Dichtung entstehen. Freilich sind uns aus der Zeit Karls nur wenige Beispiele erhalten, von denen drei merkwürdiger Weise in mehr oder weniger naher Beziehung zu dem Avarenkrieg stehen. Ausser ihnen ist nur noch ein rythmisches Gedicht aus dieser Zeit zu erwähnen: ein Lob der Stadt Verona, verfasst während der Regierung König Pippins von Italien (781–810), die es in der vorletzten Strophe rühmt. Es ist in rythmischen trochäischen Tetrametern geschrieben, aber ohne allen poetischen Werth. Nachdem das Aeussere der Stadt beschrieben, deren merkwürdige Bauten sie dem heidnischen Alterthum verdanke, wird ihrer Christianisirung, ihrer Bischöfe und der Reliquien gedacht, die ihr einen besonders hohen Werth verleihen. (S. Dümmler N. A. S. 148.) Es schliesst sich das Gedicht an ein ähnliches auf Mailand abgefasstes, von gleichem Versmass, an, das zwischen 721 u. 736 geschrieben ist (s. Dümmler N. A. S. 153). Beide gedruckt bei Muratori, Script. rer. it. II, 2. Das älteste ist ein Gedicht Zuerst herausgegeben von Pertz im Anhang von Einhard: Vita Karoli magni in usum scholarum . 2. Ausg. Hannover 1845. auf den Sieg Pippins , des Sohnes Karls, über die Avaren i. J. 796, oder genauer gesagt auf die vollständige Unterwerfung derselben, ein Triumph- und Danklied, das mit einem Gloria für Gott den Vater und den Sohn schliesst. Denn dieser Sieg wird als ein Sieg über das Heidenthum gefeiert, über die Feinde der christlichen Kirche, als welche die Avaren gleich im Eingang geschildert werden. Diese Kirchenräuber und Schänder, diese Zerstörer der Gottestempel und Klöster werden mit Hülfe des heiligen Petrus, des Fürsten der Apostel, den Gott selbst dem Heere zum Begleiter gesandt, von Pippin, »dem katholischen König«, besiegt und unterworfen. Durch die göttliche Gnade ist es, wie der Dichter sagt, geschehen. So hat das Gedicht ein geistliches Kolorit und ist 87 offenbar von einem Geistlichen, der vielleicht den Kriegszug mitgemacht, bald nach dem Ereigniss verfasst worden, obschon nicht unmittelbar, da auch der Bekehrung der Besiegten schon gedacht wird. Avares quos convertisti ultimis temporibus v. 6. Die Darstellung erhält durch eingeflochtene Reden eine dramatische Lebendigkeit, welche die Aehnlichkeit dieses in rythmischen trochäischen Tetrametern verfassten Gedichtes mit den späteren Romanzen wesentlich erhöht. Den volksthümlichen Charakter zeigt auch die Sprache in phonologischer wie in syntaktischer Beziehung. So Verschleifung der Vocale und Krasis (so Dei bald zweisilbig bald einsilbig), so andrerseits de an der Stelle des Genetivs: vestem de ara , so adpropinquat occupare u. s. w. Das zweite dieser Gedichte, das nicht lange nach dem ersten, und zwar in rythmischen iambischen Trimetern verfasst ist In: Catalogus codicum mss. bibliothecae Bernensis cur. Sinner, Bern 1760. T. I, p. 146 ff. (mit erklärenden Noten). – Du Méril, Poésies populaires latines antérieures au 12. siècle. Paris 1843, p. 241 ff. – *Pertz' Schulausg. der Vita Karoli Einhards, im Anhang, s. S. 86 Anm. 2. , ist ein Klagelied auf den Tod des Helden, den man als den eigentlichen Besieger der Avaren zu betrachten hat, des Markgrafen von Friaul Erich , eines der tüchtigsten Feldherren Karls überhaupt, dessen Verlust denselben aufs schwerste traf. Nicht bloss beweist dies der » tristis nuntius de Geroldi et Erici interitu « in den Königsannalen (799), sondern viel mehr noch das lange Trostschreiben, das Alcuin deshalb an Karl zu richten sich veranlasst sah. S. Alcuini Epp. ed. Jaffé No. 124 (p. 501). Er fiel 799 in Dalmatien durch einen Hinterhalt der Einwohner. Dieser tief empfundene Planctus , wohl der erste seiner Art, der sich erhalten, ist trotz mancher Mängel und Härten des Ausdrucks das Werk eines wahren poetischen Gemüths. Der Dichter beginnt, indem er die neun Flüsse des Gebietes des Markgrafen auffordert ihn zu beweinen, und die neun Hauptorte ihn zu beklagen, vor allen aber seine Vaterstadt, die ihren »berühmten Bürger« verloren, Strassburg, welche er aus Liebe zu dem holden Freund mit ihrem alten süss tönenden Namen » urbs Argentea « nennt. Nun folgt das Lob des Helden, der freigebig gegen die Kirche, ein Vater der Armen, ein Trost der Wittwen war, sanft und doch ein gewaltiger Kriegsmann, den Priestern theuer und von feinem Geiste. Dann 88 werden seine Thaten kurz aufgezählt. Hierauf aber spricht der Dichter seinen Fluch über die Gegend aus, wo Erich getödtet wurde: kein Thau, kein Regen soll sie benetzen, keine Blume noch Frucht soll sie erzeugen.         Ulmus nec vitem gemmato cum pampino         Sustentet, uvas nec in ramis pendeat,         Frondeat ficus sicco semper stipite,         Ferat nec rubus malagranis punica,         Promat irsutus nec globus castaneas. Nun schildert er seinen Heldentod und welchen gewaltigen Eindruck die Trauerkunde in seiner Hauptstadt hervorrief, wie Väter, Mütter und Kinder, wie Herren und Knechte, Laien und Priester laut weinten und klagten. Mit einem Gebet an Gott, dem Helden die Freuden des Paradieses zu gewähren, schliesst das Gedicht, das überall in der Ausführung ergreifend, in der That als das Werk eines Freundes sich kundgibt. Das dritte Gedicht, in rythmischen iambischen Trimetern In: Catalogus codicum philologicor. latinor. bibliothecae palatinae Vindobonensis digessit St. Endlicher. Wien 1836. pag. 298 f. – Du Méril, Poés. popul. (s. S. 87 , Anm. 3) pag. 234 ff. , hat nur eine entfernte Beziehung zu den Avaren, den »Hunnen« jener Zeit, indem es ein Klagelied auf die Zerstörung des alten Aquileja durch Attila ist. Der Dichter stellt den Untergang der Stadt als ein Gericht Gottes hin, das sie, die prächtige, reiche und üppige, durch ihren Hochmuth herausgefordert. Er schildert dann, wie der grausame Attila sie erobert und bis auf den Grund zerstört, wie die Einwohner von den Flammen und dem Schwert hingerafft und die von diesen verschonten in die Gefangenschaft geschleppt werden, wie die Wuth der Heiden die heiligen Schriften verbrannte und die geweihten Gefässe raubte. Nun liegt die stolze da verachtet, unnütz, in Trümmern, nie mehr wiederherzustellen; die einst eine Stadt der Könige war, jetzt eine Höhle für Arme; in den Ruinen ihrer Kirchen suchen Füchse und Schlangen eine Zuflucht, und selbst die Ruhe der Gräber bleibt nicht verschont, da ihr Marmor abgebrochen wird, um verkauft zu werden. Ein Gebet an Christus, solches Unheil von seinen Dienern abzuwenden, schliesst das Gedicht, das durch Energie des Ausdrucks und Lebendigkeit der Schilderung dem vorher erwähnten sich würdig zur Seite stellt. Beide Gedichte werden, und wie sich zeigen wird, 89 wohl nicht mit Unrecht demselben Autor beigelegt, der auch einer der gebildetsten Männer der Zeit Karls und ein Freund Alcuins war, Paulinus von Aquileja . Paulinus S. Paulini patriarchae Aquileiensis opera, ex editis ineditisque primum collegit, notis et dissertationibus illustravit J. Fr. Madrisius. Venetiis 1137. fol. – – Büidinger, Oesterreichische Geschichte bis zum Ausgang des 13. Jahrh. Bd. I. Leipzig 1858. S. 141–147. – Dümmler N. A. S. 113 ff. , aus Friaul gebürtig, war einer der Gelehrten, die sich am frühsten der Gunst Karls erfreuten; als »Magister der grammatischen Wissenschaft« hatte er dem Könige solche Dienste geleistet, dass dieser 776 nach der Unterdrückung des Aufstandes der Langobarden in Friaul ihn mit mehreren Rebellengütern beschenkte, später aber sogar zum Patriarchen von Aquileja machte. Nach Jaffé, Monum. Alcuin. p. 162, erst 787. Wie er dem König treu verbunden blieb – offenbar eine wesentliche Stütze der fränkischen Herrschaft in jenem Hauptsitze der alten Langobardenmacht – so trat er auch zu dem ersten geistlichen Berather desselben, Alcuin in nahe freundschaftliche Beziehung. Alcuin achtete ihn zugleich sehr hoch, nicht bloss wegen seiner angesehenen kirchlichen Würde, sondern nicht minder wegen seiner theologischen Gelehrsamkeit und formalen Bildung. Wie die an ihn gerichteten Briefe und Gedichte Alcuins bezeugen. Auf seine Anregung S. Alcuins Ep. 94 ed. l. und Karls Aufforderung verfasste Paulin sein bedeutendstes theologisches Werk, die 3 Bücher gegen Felix, den spanischen Häretiker. An den wichtigsten Synoden des fränkischen Reichs unter Karl nahm er hervorragenden Antheil. Am einflussreichsten aber war wohl seine Wirksamkeit bei der Christianisirung des eroberten Avarenlandes, wofür er Hand in Hand mit seinem und Alcuins gemeinschaftlichen Freunde, dem Erzbischof von Salzburg, Arno thätig war. Auf Alcuins Anregung gab er ein ausführliches Votum über die Art, wie die Bekehrung und Taufe auszuführen sei, ab. In Monum. Alcuin. p. 311 ff., u. vgl. Alcuins Epp. 56 u. 67. Er schliesst sich darin den für jene Zeit durchaus humanen und verständigen Grundsätzen seines Freundes Alcuin an. Schon durch ihre Stellung mussten der höchste geistliche und der höchste weltliche Würdenträger Friauls sich nahe 90 kommen, zumal beide in der Liebe und Treue zum König sich gleichstanden und der tapfere Markgraf oder, wie er gewöhnlich betitelt wird, Herzog S. über diesen Titel Erichs Büdinger S. 142, Anm. 3. Erich viel Sinn für geistliche Bildung hatte. Für diesen Freund schrieb Paulin den Liber exhortationis auf dessen Bitte, zu welcher derselbe wie es scheint durch Alcuin veranlasst worden war. S. Alcuins Ep. 55 an Erich. Dies ist das einzige von Paulins prosaischen Werken, welches in den Kreis unserer Darstellung fällt, aber es erfüllt keineswegs die Erwartungen, die man von ihm hegen mag, schon weil es zum Theil eine blosse Compilation, namentlich aus dem Werk des Pomerius über das beschauliche Leben ist. Capp. 10–20. – Capp. 20–45 finden sich, nach einer Anmerkung Madrisi's p. 30, in einer Admonitio ad filium spiritualem wieder, welche als Uebersetzung eines Werkes Basilius' des Grossen angesehen wurde, von dem das Original aber nicht existirt. Madrisi hält mit andern Gelehrten die Schrift für keine Uebersetzung, sondern für ein Plagiat aus Paulins Buch. Es ist dies »Buch der Ermahnung« eine Sammlung von einzelnen Vorschriften für ein tugendhaftes christliches Leben, die in lose oder auch gar nicht verbundenen Kapiteln behandelt, zu einem wenig geordneten Ganzen vereint sind. Das Laienthum des zu Ermahnenden wird allerdings, seine besondere Lebensstellung aber wenig berücksichtigt. Hauptsächlich nur in der Wahl der Räthe cap. 6, wo vor Schmeichlern gewarnt wird; auf Erichs militärische Stellung könnte c. 20 gehn; was von den Untergebenen c. 29 gesagt wird, bezieht sich nur auf die des Hauses. So steht das Buch gegen das viel praktischer angelegte des Alcuin an den Grafen Wido zurück. Zu rühmen ist vornehmlich der Stil, der klare, einfache, nirgends überladene Ausdruck: in dieser Beziehung unterscheidet sich das Buch sehr vortheilhaft von andern Paulins, namentlich auch von seinen Büchern gegen Felix, worin die » flores dictionum «, welche selbst Alcuin imponirten S. Alcuins Epp. ed. 1. p. 562. , in einer oft ganz widerwärtigen Häufung sich finden. Da will der alte Grammatiker seine rhetorischen Künste zeigen; trotzdem lässt dieser blumige Stil in seinen Bildern eine gewisse poetische Anlage erkennen. Und so besitzen wir denn auch von Paulin ein Gedicht De regula fidei in 152 Hexametern, worin der Verfasser 91 seinen Glauben an die Dreieinigkeit und die Fleischwerdung Christi bekennt. Daran schliesst sich eine Schilderung der Blumenfluren des Paradieses, in welche Petrus die Lämmer einlässt, und eine Verdammung der Hauptketzer, deren Reihe Cerinthus beginnt und Sabellius beendet. Ein Gedicht ohne poetischen Werth, aber sicher, schon durch seinen Stil, authentisch, wofür auch seine Ueberlieferung spricht. Im Anschluss an die Schrift gegen Felix. S. Dümmler a. a. O. S. 114. Das letztere lässt sich von mehreren Paulin beigelegten Hymnen nicht behaupten Alcuin dankt für ihm zugesandte » Carmina sacra « des Paulin in einem Gedicht an denselben, No. 239 bei Froben. Dass Paulin als Hymnendichter bekannt war, zeigt Walahfrid De exord. et increm. rer. eccles. c. 24. ; nur eine rythmische Hymne über die Geburt Christi, welche im selben Versmass als das Gedicht auf die Zerstörung von Aquileja verfasst ist, scheint ihm sicher anzugehören, wie sie denn auch in der Handschrift mit seinem Namen bezeichnet ist. Dieses 156 Verse lange Gedicht hat einen lyrisch-epischen Charakter, indem es auch die auf die Geburt folgenden biblischen Begebenheiten bis zum bethlemitischen Kindermord erzählt. So erinnert es auch im Stil an das Gedicht auf Aquileja, das selbst auch einem Paulinus, wenn auch Diaconus, in der Handschrift zugeschrieben wird. Um so eher dürfen wir hiernach das Gedicht auf Erichs Tod als ein Werk des Paulin betrachten, als welches selbst der Schreiber einer Handschrift es bezeichnet. S. Dümmler S. 115. Dass nur ein Gelehrter diese Gedichte verfasst haben kann, bekundet Inhalt und Darstellung, wie denn bei dem letzt erwähnten gleich im Beginn eine Reminiscenz aus Virgil sich findet. Andrerseits musste gerade Paulin solche rythmische Gedichte zu verfassen geneigt sein, da er trotz seines früheren Magisterberufs selbst in Betreff der quantitativen Verse vor der Prosodie keinen besonderen Respect zeigt. Dies gibt er offen zu erkennen in einem in scherzhaftem Tone gehaltenen Nachwort an den Leser seines Carmen De regula fidei . Diese Entschuldigung, die ein Anderer damals nicht für nöthig gehalten, ist indess als solche für den früheren Magister bezeichnend. – Paulin starb 802. 92   Achtes Kapitel. Einhard. – Reichsannalen. Der grosse Fortschritt, den auch die Prosa im Zeitalter Karls und im Frankenreiche selber machte, zeigt sich auf keinem Gebiete der Literatur so auffallend wie auf dem der Geschichtschreibung , als deren bedeutendster Vertreter der Ostfranke Einhard Oeuvres complètes d'Eginard, réunies pour la première fois et traduites en français, par A. Teulet. Paris 1840–43. 2 Vol. – Einharti Epistolae und Vita Caroli in: * Monumenta Carolina ed. Jaffé. – – Jaffé's Einleitung zu der V. C. – Wattenbach, Deutschl. Geschichtsquellen I, S. 147 ff. erscheint, welcher Autor allerdings gleich Theodulf, und noch weiter als dieser, in die Zeit Ludwig des Frommen hineinreicht. Einhard, von edlem Geschlechte, war um d. J. 770 im Maingau geboren. Seine erste Ausbildung erhielt er in dem Kloster des h. Bonifatius in Fulda, welches schon damals eine angesehene Schule besass. Die grosse wissenschaftliche Begabung, welche Einhard zeigte, veranlasste den Abt Baugulf, den Nachfolger Sturms, des Gefährten des Bonifatius, ihn an Karls Hof zu senden (in der ersten Hälfte der neunziger Jahre), nicht bloss in seinem, sondern auch in des Königs Interesse, der ja alle bedeutenden Talente dort zu versammeln suchte. Einhard empfahl sich dort leicht schon durch die Mannichfaltigkeit seiner Anlagen, da er ebenso sehr technisch-künstlerische Geschicklichkeit als Sinn und Neigung für die humanen Wissenschaften besass, wie er denn auch der Dichtkunst huldigte S. das Zeugniss Alcuins c. 228:         Quid faciet Beleel Hiliacis doctus in odis, und des Naso, das wir oben S. 66 Anm. 3 erwähnten. Auch eine Stelle, in Theodulfs Gedichten, l. III, c. 3 (v. 331 ff.), zeigt uns jedenfalls Einhard (»Beselel«) unter den Dichtern des Hofes, wie sie auch ihrem Zusammenhange nach aufgefasst werden mag. ; dazu kam aber noch sein liebenswürdiger Charakter, sein gefälliges und bescheidenes Wesen So schreibt Lupus, Ep. 1: – – Ita vehementer aestuanti (sc. mihi) facilis et modesta et quae sane philosophiam decet, animi vestri natura tantae rei obtinendae spem tribuit. : so wurde der junge Franke trotz seiner zwerghaften Gestalt bald 93 allgemein beliebt; man schätzte den grossen Geist in dem kleinen Körper nur um so mehr, wie uns Gedichte von Alcuin, Theodulf S. oben S. 80 Anm. 2. und Walahfrid zeigen. Mit den Söhnen Karls wurde er eng befreundet, dem Kaiser selbst aber trat er mit der Zeit so nahe, dass er sein vertrautester Rath in den wichtigsten Staatsgeschäften wurde; so war er es der die Bestätigung des Testaments Karls über die Reichstheilung 806 vom Papste einholte, und die Annahme Ludwigs zum Mitregenten 813 bewirkt haben soll. Insbesondere verwerthete er auch seine technischen, namentlich architektonischen Kenntnisse, die ihm den akademischen Namen Beseleel – wie wir schon oben (Seite 6) bemerkten – eintrugen, im Dienste des Kaisers, der ihm die oberste Leitung seiner Bauten übertrug. Einhard, zunächst durchaus Laie, wie er denn auch die weltliche Literatur mit besonderem Eifer studirte und eine schöne Bibliothek der Klassiker besass Lupus, Ep. 1: taceo quidem saecularium litterarum de amicitia sententias, ne, quoniam eis adprime incubuistis, etc. , vermählte sich mit einem Mädchen von edler Familie, Imma, mit der er in der glücklichsten Ehe lebte; ihre selbst die Mehrzahl der Männer beschämende Klugheit sowie ihr Charakter werden von Zeitgenossen hoch gerühmt. S. Lupus Ep. 4. Nach Karls Tode stand Einhard auch bei Ludwig dem Frommen im höchsten Ansehn, und wurde selbst, wie es scheint, von ihm seinem Sohne Lothar, als dieser Mitregent ward, zum Mentor gegeben. Wenn der Brief an Lothar bei Jaffé, l. l. Nr. 7, p. 445 von Einhard ist, woran aber meines Erachtens kaum zu zweifeln; da heisst es: postquam (pater vester) vos in societatem nominis et regni – – adsumsit meaeque parvitati praecepit, ut vestri curam gererem ac vos de moribus corrigendis et honestis atque utilibus sectandis sedulo commonerem. Er suchte denn auch zwischen Vater und Sohn immer versöhnend zu vermitteln, und selbst beim Ausbruch der Empörung 830 nahm er eine so unparteiische Stellung mit solcher Klugheit ein, dass er weder die Gunst des Vaters noch der Söhne verscherzte. Indessen hatte er sich damals schon längere Zeit von den Staatsgeschäften, soweit ihm dies möglich war, zurückgezogen, wenn er auch immer noch den Winter am Hofe zu Achen zuzubringen pflegte: er war ja offenbar überhaupt keine thatkräftige Natur. Durch 94 die Gnade des Kaisers Ludwig schon seit 815 in den Besitz mehrerer Klöster gekommen – es gab ja damals auch weltliche Aebte – schlug er allmählich immer mehr eine geistliche Richtung ein, indem er sich gern aus der Welt in die Einsamkeit, namentlich seines abgelegenen, und deshalb gerade von ihm geliebten Michelstadt im Odenwalde zurückzog, wo er Häuser und eine Kirche baute, für welche die Reliquien der heil. Marcellin und Petrus, die sein Notar Ratleik aus Rom ihm brachte (828), zunächst bestimmt waren. Aber ein Jahr später führte Einhard dieselben nach seiner nicht weit davon nördlich gelegenen Besitzung Mulinheim, später Seligenstadt genannt, wo er eine prächtige Kirche baute und ein Kloster stiftete, welche durch die von den Reliquien ausgehenden Wunder rasch berühmt wurden. Dort nahm er dann selbst seit d. J. 830 seinen ständigen Aufenthalt. Sechs Jahre später starb Imma, mit der er jetzt nur in einem geschwisterlichen Verhältniss gelebt Lupus Epp. 3: Einhards Antwort an Lupus: Omnia mihi studia omnesque curas tam ad meas quam amicorum causas pertinentes exemit et excussit dolor quem ex morte olim fidissimae coniugis, iam nunc carissimae sororis ac sociae gravissimum cepi. , ein Tod der ihn um so mehr erschütterte, je sicherer er auf die Hülfe seiner Heiligen gebaut hatte. Weder der Trost seiner Freunde, der oft allerdings recht ungeschickt war S. Einhards eigene Klage darüber in seinem eben citirten Brief an Lupus. , noch des Kaisers Ludwig, der selbst zu ihm eilte, vermochte seinen Schmerz zu lindern. Nur vier Jahre überlebte er sein Weib. Er starb den 14. März 840. Das bedeutendste Werk Einhards, das auch ganz unbestritten sein eigen ist, ist allerdings erst nach dem Tode Karls des Grossen verfasst worden, wenn auch alsbald danach; aber es gehört um so mehr in diesen Abschnitt unserer Geschichte, als dasselbe so recht als die reifste Frucht dieser ersten Renaissance erscheint, der Wiedergeburt humaner weltlicher Bildung, welche Karl hervorgerufen, dass es gleichsam sein Gebäude krönt. Dieses Werk ist – es konnte für solchen Zweck keinen besseren Inhalt haben – das Leben Karls selbst, in seiner formellen Vollendung das schönste Denkmal seiner Verdienste um die wissenschaftliche Bildung. Es bezeichnet, 95 insbesondere in der Prosa, durch seinen sprachlichen Ausdruck den Höhepunkt der klassischen Studien jener Zeit. Ranke hat die Arbeit durchaus treffend charakterisirt, indem er sagt: »Einhard hat gleichsam die Masse und Verhältnisse nach dem Muster der Antike eingerichtet, wie in seinen Bauwerken (bei welchen Vitruv sein Lehrer war, fügen wir hinzu); aber damit noch nicht zufrieden, wendet er wie in diesen auch sogar antike Werkstücke an.« Zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalisten (s. weiter unten) S. 416. Karl wird hier nämlich als der neue Augustus, als welchen ihn ja der Kreis seiner Gelehrten und Poeten schon lange gefeiert hatte, abgeschildert und so sein Lebensbild in der Form der Vita des Augustus von Sueton entworfen, dergestalt dass dieser die Composition der Vita Caroli zum grössten Theil nicht bloss in den äusseren Umrissen, sondern, soweit dies bei der Verschiedenheit der Zeiten und der Helden möglich war, auch im Detail entlehnt ist, während zugleich aber oft auch die Formen des Ausdrucks, Worte und Wendungen, dem römischen Vorbild entnommen sind. So wird zuerst hier wie dort von den Vorfahren und der Jugend des Helden und darauf von seinen Kriegszügen gehandelt; während dann aber Sueton (c. 26) der Aemter gedenkt, die Augustus bekleidet, führt Einhard (c. 16) die Freundschaftsbündnisse Karls mit andern Königen und Völkern, wodurch er den Ruhm seiner Regierung vermehrte, auf. Dann begegnen sich beide Autoren wieder, indem Sueton (c. 28 ff.) den prächtigen Umbau Roms durch Augustus, Einhard (c. 17) die Werke, die Karl zum Schmuck und Nutzen des Reiches, wie zu seinem Schutze ausführen liess, berichtet. Hierauf geht Einhard (c. 18 ff.) sogleich zur Schilderung des »inneren und häuslichen Lebens« und des Charakters, sowie der ganzen Persönlichkeit Karls über, indem er sich über seine Familie, seine Erziehung der Kinder, sein Benehmen gegen Fremde, sein Aeusseres, Kleidung, Lebensweise, Studien, Religion und Verhältniss zur Kirche, sowie gesetzgeberische Thätigkeit Hier (c. 29) wird denn auch der Sorge Karls für die Nationaldichtung und Sprache gedacht. – letzteres in aller Kürze – verbreitet; Sueton dagegen bringt erst einen langen Abschnitt über die Verwaltung des Augustus, 96 wie er bei Einhard sich nicht findet, ehe er (c. 61) zur vita interior ac familiaris desselben übergeht, wo dann aber fast dieselben Punkte in ziemlich derselben Reihenfolge in Betracht gezogen sind. Den Schlussabschnitt bildet bei beiden Autoren das »Ende« der Helden (Sueton c. 97 ff., Einhard c. 30 ff), ihr Tod, die Vorzeichen desselben, die Bestattung und das Testament: nur ist bei Einhard noch vorher (c. 30) der Krönung des Nachfolgers durch den von Krankheit und Alter hinsiechenden Kaiser gedacht. Ranke hat zwar vollkommen Recht, wenn er behauptet, dass bei einer solchen Nachahmung die ganze Originalität der Erscheinung Karls nicht wiedergegeben werden konnte; ich möchte sagen, die Unmittelbarkeit der Wiedergabe fehlt, das Bild erscheint in einer reflectirten Beleuchtung: andrerseits aber hat Jaffé nicht minder Recht, wenn er geltend macht, dass gerade durch den genannten Hinblick auf sein Vorbild Einhard veranlasst ward, manche feine Züge mitzutheilen, die wir sonst entbehren würden Z. B. Sueton c. 78: Post cibum meridianum ita ut vestitus calciatusque erat , retectis pedibus paulisper conquiescebat. Einhard c. 24: Aestate post cibum meridianum – – depositis vestibus et calciamentis , velut noctu solitus erat, duabus aut tribus horis quiescebat. , denn bei seinem Streben ein vollkommen wahres Bild von seinem Helden zu zeichnen, hat er die geringsten Abweichungen von seinem Vorbild sorgfältig im Ausdruck wiedergegeben, deren Bedeutung gerade durch eine Vergleichung mit Sueton recht ins Licht tritt. Z. B. Sueton c. 66: Amicitias neque facile admisit et constantissime retinuit – – Einhard c. 19: Erat enim in amicitiis optime temperatus, ut eas et facile admitteret et constantissime retineret – – Kein andres Werk jener Zeit trägt so sehr das volle Gepräge der Renaissance. Hier zeigt sich auch die Wechselbeziehung der Wiederherstellung der klassischen Studien und der des römischen Weltreichs am innigsten und am auffallendsten. Es ist nach so vielen Heiligenleben die erste weltliche Biographie wieder, das Lebensbild des grössten Laien seiner Zeit und so vieler folgenden, der kein Heiliger war noch es sein wollte, entworfen von einem Laien nach dem Muster einer heidnisch antiken Vita. Hier ist denn auch nicht mehr der panegyrische Ton, 97 der jenen so eigenthümlich, wenn auch der Autor seinen Helden im besten Lichte zeigt, jedoch so wie er ihm selbst erschien, der durch dieses Buch auch, wie er in dem Vorwort sagt, seinem dominus und nutritor den Tribut der Dankbarkeit darbrachte. Aber nicht bloss das Gefühl dieser Verpflichtung liess ihn das Werk unternehmen, vielmehr auch das Bewusstsein, wie er ebendort sagt, dass niemand getreuer als er darstellen könnte, wovon er selbst Augenzeuge gewesen. Und in der That stand dem Kaiser in den späteren Jahren keiner aus seiner Umgebung näher als Einhard. Das Buch Einhards fand, wie schon die grosse Zahl der erhaltenen Abschriften zeigt, einen ausserordentlichen Beifall, der nicht nur dem Inhalt, sondern ebenso sehr der Form galt So schreibt Lupus ep. 1 an Einhard: – – cum deinde auctorum voluminibus spatiari aliquantulum coepissem, et dictatus nostra aetate confecti displicerent propterea quod ab illa Tulliana ceterorumque gravitate, quam insignes quoque Christianae religionis viri aemulati sunt, aberrarent, venit in manus meas opus vestrum, quo memorati imperatoris clarissima gesta (liceat mihi absque suspicione adulationis dicere) clarissime litteris allegastis. Ibi elegantiam sensuum, ibi raritatem coniunctionum, quam in auctoribus notaveram, ibidemque non longissimis periodis impeditas et implicitas ac modiis absolutas spatiis sententias inveniens, amplexus sum. , und so vermochte es, wie kein andres jener Zeit, zu den klassischen Studien anzuregen: fürwahr also ein würdiges Denkmal des grossen Kaisers. Ist die Autorschaft Einhards bei diesem Buche nicht zu bezweifeln, so ist sie um so mehr bestritten in Betreff seines Antheils an einem grössern historischen Werke, das einer andern Gattung der Geschichtschreibung angehört, welche auch in dem Zeitalter Karls erst zu einer höheren Entwickelung gelangte. Ich meine die Annalistik . S. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen I, S. 114 ff. u. 156 ff. – Ranke, Zur Kritik fränkisch-deutscher Reichsannalen in den Abhandl. der Berliner Akad. aus d. J. 1854. – Giesebrecht, die fränkischen Königsannalen und ihr Ursprung im Münchner histor. Jahrbuch für 1865. – Ebrard, Reichsannalen 741–829 und ihre Umarbeitung in: Forschungen zur Deutschen Geschichte Bd. XIII. – Dünzelmann, Beiträge zur Kritik der karolingischen Annalen im Neuen Archiv Bd. II. – v. Sybel, Die karoling. Annalen in der Histor. Zeitschrift N. F. Bd. VI. – Simson, Zur Frage nach der Entstehung der sog. Annales Laurissenses maiores in Forschungen zur d. Gesch. Bd. XX. Hierauf Replik Sybels a. a. O. Bd. VII. Sie hat sehr bescheidene Anfänge gehabt. Die Annalen gingen aus den 98 spärlichen Notizen der Mönche am Rande der Ostertafel hervor; solche Notizen stellte man dann in den Klöstern den Jahren folgend zusammen, und führte darauf dieses Grundwerk, nun Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse aufzeichnend, weiter; auch schloss sich eine solche Aufzeichnung wohl an bekannte chronistische Werke, die sich in der Klosterbibliothek befanden, wie an die des Beda an. Unter diesen Klosterannalen finden sich aber solche, welche durchaus frei von localer Beschränkung, nur das allgemeine Interesse des Reiches im Auge haben, indem ja nicht selten an der Spitze der Klöster Männer standen, die am öffentlichen Leben einen bedeutenden Antheil hatten. Solche Klosterannalen können als Vorläufer von Reichsannalen officiellen Charakters betrachtet werden, wie man sie schon unter Karls des Grossen Regierung in den sogen. Annales Laurissenses maiores zu finden glaubt. Diese Ansieht bestreitet Sybel, dem Simson entgegentritt. (Man hat ihnen diesen Namen gegeben, weil die älteste und vollständigste Handschrift in dem Kloster Lorsch sich gefunden.) Diese Lorscher Annalen In: Monum. Germ. histor. Scriptores T. I, ed. Pertz. erstrecken sich vom Jahr 741, dem Beginne der Regierung des Vaters Karls des Grossen, Pippin, bis zum Jahr 829: auf Grund der Art der Abfassung wie des Stils lassen sich aber 3 Hauptabschnitte in ihnen unterscheiden, von denen der erste nach der gewöhnlichen Annahme bis zum Jahr 788 reicht, und um dieses Jahr im Zusammenhang abgefasst, also nicht wie die folgenden Abschnitte gleichzeitig mit den Ereignissen aufgeschrieben ist; der zweite aber geht bis zum Jahr 796, von wo an die meisten einen neuen Verfasser annehmen, dem also der letzte Hauptabschnitt beigelegt wird, und in ihm wollen sie Einhard erkennen. Diese Jahrbücher erhielten aber eine nicht bloss stilistische, sondern auch redactionelle Ueberarbeitung, die bis zum J. 801, bald mehr, bald weniger bedeutend, sich erstreckt; auch diese Ueberarbeitung wird von manchen Historikern Einhard zugeschrieben, und auch von solchen, die seinen Antheil an der Abfassung selbst sehr beschränken, während andere, die in dieser Beziehung grosse Zugeständnisse machen, jene ihm absprechen. So schreibt Dünzelmann Einhard die Abfassung (von 797 an) nur bis Mitte 801, dagegen die Ueberarbeitung zu, während Ebrard letztere Einhard abspricht, aber seine Verfasserschaft bis zum Jahr 829 erstreckt. Auf diese Streitfragen genauer einzugehen liegt der Aufgabe dieses Buches zu fern. 99 Was Darstellung und sprachlichen Ausdruck anbetrifft; so erscheint die Ueberarbeitung dieser Annalen, die man früher keinen Anstand nahm als Annales Einhardi zu bezeichnen, wie der letzte Hauptabschnitt überhaupt des Verfassers der Vita Caroli im allgemeinen wohl würdig. In diesen Lorscher Jahrbüchern tritt die Annalistik zuerst im Mittelalter in den Kreis der literarischen Production ein, während die älteren Annalen in ihren von Jahr zu Jahr aufgezeichneten kurzen Notizen als literarische Erzeugnisse nicht betrachtet werden und deshalb in einer Geschichte der Literatur auch keine Stelle beanspruchen können. Also hat in dem Zeitalter Karls des Grossen auch ein bedeutender Fortschritt der Historiographie stattgefunden, und gewiss auch unter dem Einfluss des grossen Fürsten, der nach Einhards Bericht auch sonst so viel geschichtlichen Sinn zeigte. Ebenso sicher als die Lebensgeschichte Karls gehört Einhard noch ein Buch an: die ausführliche Erzählung von der oben erwähnten Uebertragung der Gebeine des Petrus und Marcellinus (zweier Priester, die unter Diocletian in Rom Märtyrer geworden) nach Seligenstadt, und der Wunder, die von ihnen ausgingen. Translatio SS. Petri et Marcellini ed. Henschen in: Acta SS. Iun. Tom. I , p. 181 ff. Wie solche »Translationen« aufkamen, und wie sie im Anschluss, dann im Gefolge der »Passionen« zu erzählen Sitte wurde, haben wir früher angedeutet. S. Bd. I, S. 293 u. 577. Der Schwerpunkt des Interesses des Autors wie des Lesers lag hier wie bei den Heiligenleben überhaupt zunächst in den Wundern, die bei den Translationen aber nur von den Reliquien ausgehen. Die Verehrung der Reliquien und der Glaube an ihre Wunderkräfte war aber kaum zu irgend einer Zeit grösser, als zu der Einhards, wie auch recht dieses Buch zeigt, zumal sein Verfasser einer der gebildetsten Männer damals und ein Historiker war. Auch er hat, wie er selbst im Vorwort erklärt, in frommer Absicht das Buch geschrieben, es soll – nämlich durch den Bericht von den Wundern seiner Reliquien – »den 100 Sinn des Lesers zum Lobe seines Schöpfers erheben«, der Allmacht Gottes, welcher ja der eigentliche Wunderthäter ist. Die besondere Versicherung dieser Absicht möchte aber den Glauben erwecken, dass sie nicht allein Einhard bestimmt hat; es scheint auch etwas Eitelkeit im Spiele gewesen zu sein, die auch allein seine Urtheilskraft so verdunkeln konnte, dass er selbst die unglaublichsten Dinge, welche von der Heilkraft seiner Reliquien ihm berichtet wurden, ohne Anstand weiter erzählt. So heisst es von einem Geheilten c. 68: ita sanus ab oratione surrexit, ut nec tumor in facie, nec dolor in dentibus, nec gibbus, quo premebatur, remaneret in dorso . Mit dem Besitze solcher wunderthätigen Kostbarkeiten, die den Kirchen, wo sie aufbewahrt wurden, den höchsten Ruf verliehen, machte man sozusagen Staat. Daher erklärt sich denn auch der persönliche subjective Charakter der Erzählung Einhards, in welcher der Autor von Anfang an in den Vordergrund tritt, so dass sie im Stile von Memoiren verfasst erscheint; und hierdurch hat schon diese Erzählung ein ganz anderes, grösseres Interesse als die gewöhnlichen Translationen; dies wird aber noch durch manche kulturgeschichtlich merkwürdigen Züge vermehrt, wie die folgende Skizze des Inhalts zeigen wird. Einhard erzählt im Eingang, wie er nach dem Bau seiner Kirche in Michelstadt im Zweifel gewesen sei, welchem Heiligen er sie widmen sollte – und zu solcher Widmung gehörten wo möglich Reliquien des Heiligen –: da sei er am Hofe zu Achen mit einem römischen Diacon Deusdona zusammengetroffen, und die Rede auf die vielen in Rom befindlichen und vernachlässigten Gräber der Märtyrer gekommen. Da gedenkt denn Einhard seiner neuen Basilika und frägt, wie er wohl »etwas von den ächten Reliquien« dieser Heiligen erlangen könnte. Der schlaue Römer theilt ihm nun nach einigem Bedenken mit, dass er selbst solche in grosser Zahl besitze, und, wenn er ihm zur Rückkehr nach Rom behülflich wäre, sie ihm senden wolle. Einhard geht gern auf den Antrag ein, er gibt ihm ein Maulthier und ein Viaticum, und sendet seinen Notar Ratleik sammt einem Diener mit. Sie reisen über Soissons, und dort verspricht Deusdona auch dem Abt Hilduin den Leib des heil. Tiburtius, worauf ihm dieser auch einen 101 Begleiter Namens Hun mitgibt. Als sie nun aber in Rom angelangt sind, macht der Diacon alle möglichen Ausflüchte, und die Begleiter merken gar bald, dass sie von ihm betrogen sind – dem Diener Ratleiks war es selbst schon unterwegs, während er fieberkrank war, durch eine Vision eröffnet worden: sie beschliessen darauf durch Diebstahl sich in den Besitz von Reliquien zu setzen, bei welchem Unternehmen der Diacon schliesslich doch noch Beihülfe leistet. Freilich der feste Sarkophag des Tiburtius spottet ihrer Anstrengungen, wohl aber gelingt es ihnen das benachbarte Grab der heil. Marcellin und Petrus zu öffnen, worauf zunächst die Reste des ersteren, und dann, damit die, welche zusammen die Passion erlitten, auch ferner in ihren Reliquien zusammenblieben, auch die des Petrus von Ratleik entwandt werden. Hun erhielt zu seinem Troste auch von dem Petrus einigen Aschenstaub, von dem man, weil er abgesondert lag, sich überredete, dass er dem Tiburtius hätte angehören können! Dieser fromme Raub wird indessen, wie billig, erst nach dreitägigem Fasten und nach Anrufung Gottes, Jesu und der Märtyrer selbst ausgeführt. Unter Vorkehrung der grössten Vorsichtsmassregeln, eine Entdeckung zu verhüten, wird dann der kostbare Schatz heimlich bis nach St. Moriz gebracht. Dort erst werden die Reliquien in einen Sarg gelegt und, nun offen »transferirt«, indem überall Schaaren des Volkes Hymnen singend sie geleiten. So gelangen sie nach Michelstadt, wohin nun auch Einhard, der gerade auf einer Reise war, eilends sich begibt. – Aber schon im Anfang des folgenden Jahres (828) wurden die Reliquien nach Mulinheim, das danach Seligenstadt genannt wurde, übertragen, da in Träumen und Visionen, die verschiedene Personen gehabt haben wollten, die Märtyrer erklärten, in Michelstadt nicht bleiben zu wollen. Der wahre Grund der weitern Translation war vermuthlich, dass jener Ort in seiner Abgelegenheit zu wenig geeignet war, die Verehrung der Reliquien in Zug zu bringen. S. Jaffé, l. l. p. 496, Anm. 7. Indessen hatte sich der Presbyter Hun mit dem Bisschen ihm geschenkter Asche nicht begnügen mögen, und durch Bestechung des Dieners Ratleiks noch in Rom in den Besitz 102 eines ganzen Kruges von dem Staube des heil. Marcellin gesetzt. Einhard erfährt dies in Achen von Hilduin selbst und reclamirt mit Erfolg das Entwandte. Dies wird in allem Detail erzählt, ebenso die neue Translation dieser entwandten Reliquien nach Mulinheim. Hierauf folgt dann eine ausführliche Erzählung von den Wundern, die von den Reliquien ausgingen, welche zwei Drittheile des Buches einnimmt. Es sind dies im allgemeinen die gewöhnlichen Krankenheilungen der Reliquien, die Einhard zum Theil selbst mit angesehen haben will. Namentlich Heilung von Stummen, Tauben, Gelähmten, Epileptischen und Besessenen. Besonders erwähnenswerth ist aber eins dieser Mirakel, welches sich in seiner Abwesenheit zutrug, so dass ihm ein schriftlicher Bericht darüber erstattet wurde (c. 49 ff.) Darin wird die Heilung eines von einem Dämon besessenen Mädchens erzählt. Merkwürdig sind nämlich die Aussagen, welche derselbe durch den Mund des Mädchens gemacht haben soll, da sie eine schneidende Kritik der sittlichen Zustände jener Zeit enthalten. Der Dämon, lange schon Thürhüter der Hölle, hat, wie er sagt, mit elf Genossen das Frankenreich verwüstet, indem er die Früchte vernichtete und über Menschen und Vieh Krankheiten brachte. Auf die Frage des beschwörenden Presbyter warum er das gethan, entwirft er nun ein Bild von der Unsittlichkeit jener Zeit – die sei das Motiv gewesen – in welchem er die Grossen noch weniger als das Volk verschont. Einhard aber fügt dem Berichte die Worte hinzu: wie weit ist es mit dem Elend unsrer Zeit gekommen, wenn statt guter Menschen böse Dämonen ihre Lehrer sind, an unsere Besserung uns mahnen müssen! Zu derselben Zeit (828) empfing Einhard (c. 47 f.) eine andre Schrift von Mulinheim, welche eine Offenbarung, die einem Blinden dort vom Engel Gabriel geworden, und von Ratleik aufgezeichnet war, enthielt. Sie war ausdrücklich für den Kaiser Ludwig bestimmt, und wurde ihm auch von Einhard übergeben. Man sieht aus alle dem, wie von dem nahe herandrohenden Unheil der schwachen Regierung schon eine Ahnung durch das Volk ging. Wir besitzen aus derselben Zeit etwa eine Passio der beiden Märtyrer in 353 rythmischen trochäischen Tetrametern, welche allein durch die Anwendung dieses Versmasses – 103 worauf ich weiter unten zurückkomme – merkwürdig ist S. Acta SS. Iun. Tom. I. p. 174 ff. ; sie ist in einer Handschrift dem Einhard beigelegt Des 10. Jahrh., während in andern, und darunter einer des 9. Jahrh., kein Verfasser genannt wird. S. darüber Dümmler, N. A. S. 262 f. . Einhard hat sich nun allerdings auch als Dichter bekannt gemacht, wie wir oben sahen S. Seite 92 . , obgleich kein Werk seiner Muse sonst uns erhalten ist: aber in Betreff dieser Dichtung ist seine Autorschaft doch zu wenig beglaubigt; dazu kommt, dass obschon trotz der klassischen Bildung Einhards die Annahme wohl zulässig erscheint, er habe in einem solchen volksmässigen rythmischen Versmass seine Heiligen besungen, es dagegen im höchsten Grade unwahrscheinlich ist, dass er in dem Gedicht gar nicht der Translation gedacht haben sollte, durch welche ja erst die Heiligen sein wurden. Noch sind uns eine Anzahl Briefe Einhards erhalten, namentlich in einer Mustersammlung des Briefstils, wie sie die Mönche für Lehr- und Lernzwecke anzulegen pflegten, welche aus dem Einhard angehörigen Kloster St. Bavo in Gent stammt. Ausserdem besitzen wir noch den schönen Brief Einhards an Lupus, dessen wir schon gedachten. Diese Briefe, die fast nur Geschäftsbriefe sind, obgleich auch an die Kaiser Ludwig und Lothar einzelne sich finden, liefern zwar nur wenige, aber doch recht schätzbare Beiträge zur Lebensgeschichte und Charakteristik des Verfassers. Namentlich bezeugen sie auch die grosse Gutmüthigkeit Einhards, der gern bereit ist auf Bitten andrer zu vermitteln oder Fürsprache einzulegen, andrerseits freilich im Alter auch so dem Kultus seiner Heiligen ergeben war, dass er jedem, der bei ihnen Schutz suchte, ohne alle weitere Rücksicht, seinen Beistand gewährte. S. z. B. Epp. 37, 43 u. 44. In stilistischer Beziehung aber zeigen die Briefe wie die Translatio einen grossen Unterschied von der Vita Caroli ; an der Stelle einer eleganten klassisch gefärbten Diction finden wir hier gewöhnlich eine incorrecte nachlässig bequeme Ausdrucksweise, in den Briefen noch mehr als in der Translatio: dieser Unterschied ist aber keineswegs besonders 104 schwierig zu erklären. Wie Dünzelmann a. a. O. S. 499 glaubt. Die Diction der Briefe wie der im Memoirenstil geschriebenen Translatio entspricht offenbar der damals üblichen lateinischen Umgangs- und Verkehrssprache, die gleich den sich entwickelnden modernen Sprachen auch in der Satzbildung einen mehr analytischen Charakter liebte; war dies doch im Alterthume selbst wenigstens bei den weniger Gebildeten der Fall. Endlich sei noch erwähnt, dass Einhard in den letzten Lebensjahren um 836 auch eine geistliche Schrift: De adoranda cruce verfasst hat, welche er Lupus widmete S. Lupus Ep. 4. ; sie ist aber verloren. Die Nachricht beweist jedoch von neuem, wie Einhard jetzt ganz der geistlichen Richtung sich hingegeben.   Neuntes Kapitel. Heiligenleben: Eigil, Liudger. Als Vertreter der Historiographie dieses Zeitalters sind auch zwei Heiligenleben zu nennen, die aber im Gegensatz zu dem Charakter der älteren keine Wunderthäter, sondern zwei um die Kultur sehr verdiente Männer zu ihren Helden haben. Das eine ist das Leben des ersten Abtes von Fulda, Sturmi , verfasst von einem seiner Nachfolger Eigil In: Monum. Germaniae histor. ed. Pertz, Script. T. II, p. 365 ff. – – Rettberg, Kirchengesch. Deutschlands Bd. I, S. 371, 609 ff. – Schwartz, Bemerkungen zu Eigils Nachrichten über die Gründung und Urgeschichte des Klosters Fulda. Progr. zur Feier tausendjähriger Erinnerung an Hrabanus Maurus. Fulda 1856. , dem Vorgänger des Raban, in dessen Biographie ich auf ihn zurückkomme. Eigil, der 822 starb, war mehr als 20 Jahre Sturms Schüler gewesen, indem er, ein Verwandter von ihm, schon als Kind dem Kloster Fulda des Unterrichts wegen übergeben worden war: so hat er die noch im achten Jahrhundert verfasste Vita zum Theil auf Grund eigener Erfahrungen geschrieben. Dies sagt Eigil selbst in der Widmung an die Nonne Angildruth, welche ihn zu dem Buche aufgefordert indem sie ihn bat, das 105 Leben des Heiligen und die Anfänge des Klosters Fulda zu erzählen. Poscebas enim – heisst es in der Widmung – ut initia et vitam sancti ac venerabilis abbatis Sturmi tibi exponerem, ac primordia monasterii sancti Salvatoris quod ab eo fundatum atque constitutum est, quodque alio nomine appellatur Fulda, conscriberem, causas quoque eiusdem coenobii, quas res visu vel auditu didicerim, sincere narrarem. Schon durch die letztere Aufgabe, zu der freilich diese Lebensgeschichte von selbst aufforderte, erhielt dieselbe einen höheren allgemeinern Gesichtspunkt, der sie über die gewöhnlichen Vitae Sanctorum emporheben musste. Und so handelt es sich denn in der That in ihr vornehmlich um die Gründung jenes Klosters, welches der erste Sitz wissenschaftlicher Kultur im Inneren Deutschlands werden sollte. Sturm, von edler Herkunft, stammte aus Baiern; er war in seiner Jugend dem Bonifatius bei seiner dortigen zweiten Anwesenheit zur geistlichen Ausbildung übergeben und von ihm dem Presbyter, späteren Abte, Wigbert in Fritzlar anvertraut worden, bei welchem er die Psalmen auswendig und die Bibel lesen und auslegen lernte. Er wurde dann Presbyter, aber nach ein paar Jahren verlangte es ihn sich ganz der Askese zu widmen, als Eremit zu leben. Bonifaz, der seinem Wunsche Beifall zollte, sandte ihn darauf mit zwei Begleitern, um eine solche Niederlassung zu gründen, in das einsame Waldrevier Buchonia. Sie erbauen sich darauf zuerst in der Gegend von Hersfeld, da wo später das Kloster stand, Hütten und verweilten dort auch längere Zeit. Manseruntque illic tempus non modicum . c. 4. S. über die Streitfrage der Zeit des Aufenthalts. welche eine andre Stelle c. 11 anregt, namentlich Schwartz S. 29 ff. Da erklärte aber Bonifaz diesen Ort, weil zu nahe der sächsischen Grenze, für zu gefährdet, und befahl ihnen tiefer in den Wald einzudringen. In sehr anziehender lebendiger Weise wird nun diese Fahrt, offenbar auf Grund der eigenen Mittheilungen Sturms, erzählt. Da ein Eindringen zu Nachen auf der Fulda stromaufwärts resultatlos bleibt, versucht es Sturm, von neuem von Bonifatius ermuntert, allein auf dem Lande, indem er zu Esel reist. Es ist eine wahre Entdeckungsreise wie in einem Urwald Sicque vir Dei per horrendum solus pergens desertum praeter bestias, quarum ingens in eo fuit abundantia, et avium volatum et ingentes arbores – – nihil cernens – – c. 8. Et tunc quando alicubi noctabat, cum ferro quod manu gestabat, sepem caedendo ligno in gyro composuit, ad tutamen animalis sui, ne ferae, quarum perplura ibi multitudo erat, illud devorarent (c. 7). Diese ferae sind offenbar Wölfe und Bären. mit 106 manchen kleinen Abenteuern, wie einer Begegnung mit badenden Slaven (cap. 7), die noch Heiden, den frommen Pilger verhöhnten. Endlich wird die geeignete Stelle für die Niederlassung, wie Sturm glaubt durch eine göttliche Inspiration, von ihm gefunden. Bonifatius billigt den ausgewählten Ort, erwirbt den Grund und Boden, und erscheint darauf selbst die Urbarmachung des Landes und die ersten Vorbereitungen zum Bau des Klosters zu leiten, der dann von Sturm ausgeführt wird (744). Einige Jahre später unternahm Sturm eine Romfahrt, um das Klosterleben Italiens kennen zu lernen und so sichere Normen für die Einrichtung des eigenen Klosters zu gewinnen. Der Ruf desselben verbreitete sich dann bald weit, ward aber noch wesentlich vermehrt durch die Ueberführung der Gebeine des Bonifatius dorthin von Mainz (wo sie zunächst hingebracht und auch gern behalten worden wären) noch im Jahre seines Todes 755. Die Wunder, welche diese hochverehrten Reliquien vollbrachten, überlässt indess Eigil andern zu berichten. Dagegen erzählt er namentlich noch, wie Sturm die Unabhängigkeit des Klosters gegen den Erzbischof von Mainz, Lull, am Ende siegreich vertheidigte, und die nahen Beziehungen, in welche er zu Karl dem Grossen trat (c. 21), wie er den Sachsen predigte, aber bei einem Einfall derselben mit seinen Mönchen das Kloster verlassen musste, eine Exodus, die auch Eigil selbst mitmachte. Sturm starb im Jahr darauf 779 (17. December) in Fulda. Wie der Inhalt dieser Vita ein rein historischer ist, so ist auch die Form die einer einfachen schmucklosen Erzählung, fern von aller panegyrischen Ueberladung, aber mit warmer Theilnahme an dem Helden geschrieben; der Verfasser lässt die Thatsachen für sich selber sprechen; hier und da etwas weitläufig, erinnert die Erzählung dann an mündliche Mittheilungen. Das andre bemerkenswerthe Heiligenleben ist auch einem Missionar gewidmet, der auch mit dem heil. Bonifatius in nächster Beziehung stand: es ist die Vita des heil. 107 Gregor von Utrecht In: Mabillon, Acta Sanctor. ord. S. Benedicti (s. Bd. I, S. 577 Anm. 1) Saec. III, pars  2. – – Rettberg, Kirchengesch. Deutschlands Bd. II, S. 531 ff. , verfasst von seinem Schüler Liudger , einem geborenen Friesen, auf dessen eigenes Leben ich im folgenden Buche zurückkomme; hier sei nur bemerkt, dass er seine höhere Ausbildung in York von Alcuin erhielt und als Bischof von Münster 809 starb. Diese Vita ist zwar schon mehr in dem gewöhnlichen Legendenstil geschrieben, wie auch Wattenbach Deutschl. Geschichtsq.. I, S. 200. meint, hat aber doch einen in mancher Beziehung geschichtlich merkwürdigen Inhalt nicht bloss durch die Persönlichkeit ihres Helden, sondern mehr noch durch die Rolle, welche in ihr Bonifatius spielt; die grössere Hälfte des Buches (bis cap. 13) beschäftigt sich mehr mit ihm als mit Gregor. Der letztere war einer der treusten Schüler desselben. Er stammte, ein Urenkel Dagoberts II., aus dem merowingischen Königsgeschlecht; ein Zufall führte ihn als Knaben mit Bonifaz zusammen, er begeisterte sich alsbald so für denselben, dass er, dem geistlichen Berufe sich zu widmen, sich ihm sogleich anschloss und lange Zeit sein steter Begleiter wurde. Gregor wurde dann um die Mitte des achten Jahrhunderts speciell die Mission in Friesland von König und Papst anvertraut, indem er zwar nicht Bischof, sondern nur Abt vom Martinsmünster in Utrecht wurde. Hier wirkte er namentlich als Vorstand der Schule, welche bald berühmt, aus allen Gegenden Deutschlands Schüler empfing; Franken, Angeln, Friesen, Sachsen, Baiern und Schwaben erhielten hier ihre geistliche Ausbildung, welcher Gregor mit dem grössten, selbst durch Alter und Krankheit ungebrochenen Eifer oblag. Manche Bischöfe hat diese Schule Deutschland gegeben, und zu einer Zeit wo es der geistlichen Hirten sehr bedurfte. Ueber diese damals doppelt verdienstliche Wirksamkeit Gregors gibt leider der Verfasser nur spärliche Andeutungen, während er dagegen der sittlichen Vorzüge desselben ausführlich gedenkt, namentlich seiner Barmherzigkeit und einfachen schlichten Lebensweise; denn wie er im Vorwort anzeigt, will er seinen Lehrer als »frommes und nützliches Beispiel« nicht bloss zu seiner eigenen 108 steten Erinnerung, sondern auch zu andrer Erbauung schildern. Und dies hat er mit aller Wärme dankbarer Liebe gethan, was sich namentlich bei der Schilderung des Lebensendes des Heiligen zeigt. Gregor starb nach Rettberg 775.   Zehntes Kapitel. Smaragdus. Auch das Feld der didactischen Prosa wurde in einer des Zeitalters Karls stilistisch würdigen Weise in ein paar literargeschichtlich nicht unwichtigen Werken bestellt. Ihr Autor ist Smaragdus Smaragdi abbat. monast. S. Michaelis Virdunensis Opera omnia. Accur. Migne. Paris 1851 ( Patrol. lat. T. CII. ). – * Smaragdi abbat. Via regia in: D'Achery, Spicilegium. Nova ed. Paris 1723. Tom. I, p. 238 ff. – – Hauréau, Singularités (s. oben S. 70 Anm. 1) p. 100 ff.: Smaragde, abte de Castellion . – Dümmler, N. A. S. 250 ff. – Mabillon, Vetera Analecta, Nova ed. Paris 1723, p. 350 ff. – Keil, De grammaticis quibusdam latin. infimae aetatis . Erlangen (Univers. Progr.) 1868. , Abt des Klosters S. Mihiel an der Maas, das er selbst gegründet, indem er dorthin seine Mönche aus der alten Abtei auf dem Berge Castellion, die ein paar Stunden von da entfernt lag, übersiedelte. Er war zuerst Magister der Klosterschule. Eine Frucht dieser Wirksamkeit war ein Commentar zu der Grammatik des Donat , welchen er auf die Bitte seiner Schüler zwischen 800 und 805 verfasste. Im letzteren Jahre wird er schon in einer Urkunde als Abt genannt S. Hauréau p. 103. ; was den terminus a quo aber betrifft, so wird unter den Beispielen der Grammatik Karl als Kaiser bezeichnet Ergo si placet, sic istae quatuor propriorum nominum species iam hodie apud nos teneantur, ut dicamus praenomen Imperator , et sit illi proprium dignitatis, quod nulli alio in suo convenit regno; dicamus Karolus , et sit illi proprium, quod accepit in baptismo; dicamus Francus , et sit illi appellativum in genere suo; dicamus Prudens , et sit illi agnomen appellativum accidens ei extrinsecus. Mabillon l. l. p. 358. . – Durch seine Gelehrsamkeit Karl empfohlen, wurde er von ihm 809 mit der Abfassung einer Denkschrift über die Lehre vom Ausgehn des heiligen Geistes betraut, und im Verein mit drei andern Prälaten zu der von Leo III. deshalb gehaltenen 109 Synode nach Rom gesandt, deren Protocoll er redigirte. Auch der Gunst Ludwigs des Frommen erfreute er sich, welcher dem neuen Kloster manche Privilegien gewährte. Smaragdus lebte bis gegen Ende des dritten Jahrzehnts des neunten Jahrhunderts. Smaragdus verläugnet in allen seinen Werken, obgleich ein paar von allgemeinerem Interesse sind, nicht den Theologen, selbst nicht in seiner grammatischen Schrift, ja ihre Originalität ruht gerade in diesem Umstand. Smaragdus nimmt nämlich die Beispiele zur Illustration der Regeln vornehmlich aus der heil. Schrift, oder doch aus kirchlichen Schriftstellern. Er thut dies, wie die Vorrede zeigt, in der Absicht, um den Trägen, welche das Studium der Grammatik unter dem Vorwand vernachlässigten, dass in ihr nur heidnische Namen vorkämen und von Gott nicht die Rede sei, diese Entschuldigung zu nehmen; sein Werk soll das dulce mit dem utile verbinden, »der himmlische Honig« soll dem Anfänger die Herbe der Wissenschaft mildern. Sed ut dulciter tiro auctoritatem artis cum coelestis mellis dulcedine facilius possit glutire, scripturas arti, artem vero nectimus scripturis, ne aut grammaticae artis pondere pressus aut divinarum scripturarum mole gravatus desidiosus lector excusationis invenire possit anfractus. Keil, l. l. p. 20. Es ist also gleichsam eine christianisirte Grammatik. Smaragdus sucht aber auch noch in andrer Weise das Studium für seine Zeit anziehender zu machen, indem er, wie oben bemerkt, auch Beispiele aus der Gegenwart nimmt und nicht wenige Eigennamen der Franken und Gothen erklärt. S. Massmann, Gothica minora , in Haupt's Zeitschrift f. deutsch. Alterth. Bd. I, S. 398 ff. Dass die etymologische Erklärung oft eine falsche ist, nimmt um so weniger Wunder, als sich unter den lateinischen Etymologien jener Zeit und auch des Smaragd noch haarsträubendere finden, z. B. erklärt er: Verbum a verberatione et bombum nomen accepit; bombus enim sonus dicitur. Accepit a verberatione primam syllabam ver et a bombo ultimam bum! Hauréau p. 110. – Indessen zeigen die germanischen Etymologien doch eine solche Kenntniss der Sprache, dass man Smaragd für einen Germanen halten möchte. Von Smaragds andern Werken interessiren uns hier nur das Diadema monachorum und die Via regia . Das erstere hat eine weite Verbreitung gefunden und ist, nachdem es durch das ganze Mittelalter in Ansehn geblieben, im 16. und 17. Jahrhundert wiederholt gedruckt worden. Es ist, wie die Vorrede sagt, eine Blumenlese von Aussprüchen der Väter, namentlich 110 aus den Collationes patrum (des Cassian) wie auch von »verschiedenen Doctoren« – vornehmlich ist Gregor der Grosse benutzt –, welche Dicta die allgemeinen Pflichten des Christen, wie die besondern des Mönches betreffen. Sie sind, natürlich mit eigenen Zuthaten und vielen Bibelstellen, von Smaragd in 100 Kapiteln zusammengestellt. Das Buch war, wie er in der Vorrede bemerkt, zur Abendlectüre der Mönche bestimmt, ebenso wie die Regel Benedicts zur Lesung am Morgen. Diese von Smaragd getroffene Anordnung Volumus ut iste libellus ad eorum (sc. monachorum) capitulum quotidie legatur vespertinum. zeigt allein schon, dass er als Abt es verfasste. – Die Ausführung in den einzelnen Kapiteln ist eine recht gewandte und ansprechende, zumal der Ausdruck einfach und klar und belebt ist; die einzelnen Kapitel stehen freilich meist in nur loser oder auch gar keiner Verbindung, so dass die Composition des Ganzen manches zu wünschen übrig lässt. In einer nahen, jedoch wenig beachteten Beziehung zu diesem Werk steht das andre erwähnte. Es behandelt, auch in einer Reihe von Kapiteln (32), die Pflichten des Königs; aber es zeigt nicht bloss eine ähnliche Anlage als das Diadema, indem im Anfang dieselben Tugenden und in derselben Reihenfolge behandelt werden, sondern es finden sich auch ganze Partien allgemeinerer Natur wörtlich aus ihm entlehnt. Das umgekehrte Verhältniss lässt sich nicht annehmen. Die Königsstrasse ist aber die, welche der irdische König einschlagen muss, um zum Lande der Verheissung, zu dem himmlischen Reiche zu gelangen, dieselbe welche schon die Könige des alten Bundes gewandert haben: so sagt uns der Autor in der Widmungsepistel, die er an den König, dem er das Werk übersendet, richtet. Et tibi ergo, nobilissime rex, si vis ad supernam feliciter promissionis tendere patriam, diligenter regia quaerenda est via ; quia, cum sis rex in terra, ad coelorum properans regna per regiam debes currere viam. Trita etenim est et antiquitus sanctorum regum vestigiis confricata. Derselbe ist, wie im ersten Kapitel bemerkt wird, schon als kleines Kind auf den Thron gehoben. Diligens etenim Dominus, o mitissime rex, creavit te et vivificavit, nutrivit et custodivit, et ad lavacrum regenerationis perduxit, renovavit, gubernavit et ad intelligibilem perduxit aetatem ; et dum adhuc parvulus esses, regali te sede sublimiter evexit. Auch die gesperrt gedruckten Worte können in diesem Zusammenhang allein auf einen König passen, der noch nicht alt ist. Er hat seine Laufbahn gut begonnen , aber das genügt 111 nicht, er muss auch so fortfahren. – Es ist klar, dass nur von einem jüngeren Mann die Rede sein kann, nur einem solchen gegenüber erscheint auch ein Werk dieser Art schicklich, und so sind auch die späteren ähnlichen, wie die des Jonas und Sedulius S. darüber weiter unten. , an junge Könige gerichtet. Es ist hiernach mir unzweifelhaft, dass dies Buch Ludwig als König von Aquitanien gewidmet ist, der ja auch als kleiner dreijähriger Knabe schon von dem Papste selbst in Rom gekrönt war. S. die Vita Hludovici von dem Astronomen, c. 4. – An Ludwig haben auch schon andre wie der erste Herausgeber d'Achery gedacht, aber, wie es scheint, nur an ihn als Kaiser. Dass an Karl den Grossen nicht gedacht werden kann, wie dies noch von Hauréau geschieht, wird sich wohl von selbst aus meiner obigen Darlegung ergeben. – Bei dem Abhängigkeitsverhältnisse von dem Diadema ist die Abfassungszeit der Via regia zwischen 806 und 813 zu setzen. Der Inhalt dieses Werks, das schon als das erste seiner Art von Bedeutung ist, und auch für jene Zeit durch seinen Stil sich empfiehlt, ist der folgende. Der Verfasser handelt zuerst von der Liebe Gottes und des Nächsten, dann von der Erfüllung der Gebote Gottes, die jene verlangt, hierauf von der Furcht Gottes und von der heiligen Weisheit, deren Anfang die Gottesfurcht ist, danach von der Klugheit, der Einfalt und der Geduld: es sind dies die ersten sieben Kapitel, die Cap. 4–10 des Diadema entsprechen; nunmehr wendet sich unser Autor zu den specielleren königlichen Tugenden und Pflichten, indem er von der Gerechtigkeit spricht, von der Beschirmung der Waisen, Wittwen und Armen, von dem Erbarmen, durch dessen Werke Gott zu ehren ist, wobei denn besonders der Zehnten und Erstlinge, die der König ihm, d. h. der Kirche schulde, gedacht wird (c. 12): so soll er Schätze im Himmel sich anhäufen, der irdischen aber sich nicht rühmen, sondern vor Gott sich demüthigen, hierdurch erlange er den Frieden. Für das Haus Gottes soll der König Eifer zeigen und die Schäden der Kirche, wenn sich solche finden, verbessern. Si quid forte perversum in Ecclesia videris Christi, satage corrigere et emendare non cesses c. 18. Milde und Berathschlagung werden dann 112 noch empfohlen. – Nunmehr geht Smaragd (c. 21) zur Warnung vor den Fehlern über. Der Stolz, der Satan zu Falle brachte, hat auch hier den Vortritt; Eifersucht und Neid folgen: gegen die erstere ist Herzensgüte, gegen den andern brüderliche Liebe das Heilmittel. Der König soll ferner nicht Böses mit Bösem vergelten, den Zorn unterdrücken, Schmeichler nicht anhören, sich vor Geiz und Habsucht hüten. Er soll die Richter anhalten, keine Belohnung für die Gerechtigkeit zu verlangen (c. 28), und verhindern, dass in seinem Reiche Knechtschaft stattfinde (c. 30) Prohibe ergo, clementissime rex, ne in regno tuo captivitas fiat. ; ein jeder soll, Gottes Gebot gehorchend, die Knechte freilassen in Anbetracht, dass sie nicht die Natur ihm unterwarf, sondern die Schuld, denn wir sind gleich geschaffen. Vere obedire debet homo Deo et eius praeceptis, in quantum ille possibilitatem dederit, obedire: et inter alia praecepta salutaria et opera recta, propter nimiam illius charitatem unusquisque liberos debet dimittere servos, considerans quia non illi eos natura subegit, sed culpa; conditione enim aequaliter creati sumus. – Kurz darauf heisst es, der König solle Gott ehren, »indem er aus den Knechten Freie mache« ( ex illis – sc. servis – liberos faciendo ). – Nach einer kurzen Recapitulation des Inhalts des Werks ermahnt dann noch der Verfasser den König die Hülfe und den Schutz Gottes sich durch das Gebet zu suchen. So schliesst dies Buch mit einer Empfehlung des Gebets, wie das Diadema mit einer solchen beginnt. Die rein theologischen Werke des Smaragdus sind ein sehr umfangreicher Commentar zu den sonntäglichen Episteln und Evangelien, welchen er im Vorwort Liber comitis , wohl als Begleiter des Priesters, nennt, eine Compilation aus sehr verschiedenen Kirchenvätern mit besonderer Berücksichtigung der allegorischen Erklärung, und ein Commentar zur Regel des heil. Benedict, welchen in Veranlassung der Klosterreform der Achener Synode v. J. 817 Smaragd verfasste. Beide Werke sind mit einem metrischen Prooemium geschmückt, das des ersteren in Hexametern, das andre in Distichen. Auch eine Hymne des Smaragd auf Christus in trochäischen catal. Tetrametern, die aber, wie der öfter eintretende Reim lehrt, in Kurzzeilen aufgelöst, Strophen von sechs Versen bilden, hat sich erhalten. Erschienen in Hagens Carmina medii aevi p. 93 ff. 113     Fünftes Buch. Die lateinische Literatur vom Tode Karls des Grossen bis zum Tode Karls des Kahlen. Einleitung. 115 Mit dem Tode Karls des Grossen tritt zwar kein plötzlicher Verfall der literarischen Kultur ein, obgleich über ein Sinken der Studien und eine Geringschätzung derselben schon bald Klagen laut werden So von Walahfrid in seinem Vorwort zu Einhards Vita Caroli , wenn er seine Zeit mit der Karls des Grossen vergleichend sagt: Nunc vero, relabentibus in contraria studiis, lumen sapientiae, quod minus diligitur, rarescit in plurimis ; so von Lupus in einem Briefe an Einhard (ep. I), der unter anderm bemerkt: Nunc oneri sunt qui aliquid discere affectant, et velut in edito sitos loco studiosos quosque imperiti vulgo aspectantes, si quid in eis culpae deprehenderint, id non humano vitio, sed qualitati disciplinarum assignant. Endlich von Claudius in seinem Commentar zu dem Brief an die Epheser (817), Praef.: Cum nostris temporibus tepescentibus studiis rarus quisque inveniatur quotidiana intentione promptissimus non solum ad disserendum quae indiscussa sunt, sed etiam ad legendum quae iam a maioribus disserta sunt. Alle diese in mancher Beziehung recht lehrreichen subjectiven Auslassungen sind nur mit grosser Einschränkung aufzunehmen. : aber es ist keine Frage, wichtige Einflüsse, die ihren Aufschwung begünstigt hatten, hörten jetzt auf, und dagegen machten sich manche nachtheilige Einwirkungen geltend. Karls Nachfolger, Ludwig der Fromme hatte alle die gelehrte Bildung erhalten, die sein Vater einst selbst zu besitzen wünschte. Er hatte das Lateinische sich gleich seiner Muttersprache angeeignet, was sein früher und langer Aufenthalt in einem so romanisirten Lande wie Aquitanien, dessen König er 116 schon als Kind geworden war, noch sehr begünstigen musste; er hatte sich dort selbst romanisirt: zum Theil wenigstens mag sich auch daher seine Abneigung gegen die vaterländische Dichtung der heidnischen Vorfahren erklären; ja Ludwig scheint es selbst bis zur höchsten Frucht des grammatischen Unterrichts damals, der lateinischen Versification gebracht zu haben. S. Dümmler im Archiv f. Kunde österreich. Geschichtsq. Bd. 22, S. 289 No. 14 ein Ludwig beigelegtes Gedicht; es ist unbedeutend genug: es könnte sonst auch von einem Andern im Namen des Königs verfasst worden sein. Auch griechisch verstand er, wenn er es auch nicht gut reden konnte. Zur Astronomie hatte er eine Neigung vom Vater geerbt, wie wir genauer von einem seiner Biographen wissen, dem sogen. Astronomen, welcher selbst ihn in dieser Wissenschaft berieth. Aber seine Vorliebe gehörte der Theologie, der Schriftauslegung in der herkömmlichen dreifachen Weise, auf welche er sich nach Thegan vortrefflich verstand; mit Bibellesung und Psalmodie pflegte er sich auch eifrig zu beschäftigen. Die Hofschule bestand auch fort unter der Leitung des gelehrten Iren Clemens, der vielleicht schon unter Karl dem Grossen Alcuins Nachfolger geworden war, ja sie erfreute sich, wie ihr Magister selbst, in Bezug auf die Grammatik eines besonderen Ansehens Vgl. Simson, Jahrb. d. fränk. Reichs II, S. 256, 258. ; aber von einem ästhetisch-gelehrten Hofkreis, wie ihn Karl der Grosse um sich zu versammeln liebte, war nicht mehr die Rede. Dafür gefiel es Ludwig mit Mönchen Umgang zu pflegen: den berühmten Abt von Aniane, den Reformator der Klöster damals, Benedict zog er in seine nächste Umgebung, indem er ihm in einer Lichtung des königlichen Forstes bei Achen das Kloster Inden erbaute. Hier, in unmittelbarer Nähe der Residenz, welchen Namen Achen jetzt noch mehr als früher verdient, konnte nun Ludwig sich allen seinen Passionen zugleich hingeben. Denn neben seiner Schwärmerei für das Klosterwesen, welche ihm bei manchen Zeitgenossen den Beinamen »der Mönch« eintrug, konnte er hier seiner Leidenschaft für die Jagd fröhnen. Er war gleichsam ein »Jäger vor dem Herrn«. Denn Ludwig war kein blosser Kopfhänger: wie er von kräftigem Körperbau war, so war er auch im Waffenwerk sehr geübt und namentlich ein vortrefflicher Schütze. 117 Hatte Ludwig also auch weltliche Neigungen, wie er ja auch kein Verächter der Frauenliebe war, so hörte doch die Begünstigung der schönen Literatur durch den Kaiser nach Karls Tode auf, und damit die so wichtige Verbreitung des Sinns für dieselbe unter den Laien, zunächst den Vornehmen, die es für eine Ehre gehalten hatten, auch darin dem grossen Kaiser nachzustreben; und hierdurch hatte ja die Literatur schon zum guten Theil einen weltlichen Charakter angenommen. Dazu war freilich der Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit Karls gekommen, dessen wunderbare Thaten die vieler Heiligen in Schatten stellten: der neue Kaiser war kein Held wie sein Vater, weder seine Individualität, noch seine Handlungen konnten zur Dichtung begeistern; wo er besungen ist, geschah dies aus bestimmten egoistischen Absichten. Im vollen Gegensatz zu Karl war Ludwig ein schwacher Charakter; ohne Scharfsinn des Urtheils über Menschen und Dinge, war er abhängig von seiner Umgebung, deren Rath ihn bestimmte, deren Leitung er um so mehr sich hingab, als er in dem Bewusstsein der ihm für den Herrscherberuf mangelnden Befähigung die Staatsgeschäfte gern andern überliess. Sein klerikaler Sinn liess ihn in Augenblicken der Noth seine Herrscherwürde ganz vergessen, wie die Demüthigung zu Compiegne zeigte, wo er zu einer öffentlichen Kirchenbusse von seinen Feinden sich nöthigen liess, obgleich er freilich immer noch Ehrgeiz genug besass, um den Zumuthungen derselben in den Mönchsstand einzutreten, zu widerstehen. Die unkluge Theilung des Reichs 817 unter seine Söhne und die Erhebung Lothars zum Mitkaiser, sowie die noch unklugere zweite Heirath, welche nach der Geburt eines vierten Sohnes (823) zu einer neuen Theilung, um auch diesen zu bedenken, führte, hatten die Empörung der älteren Söhne gegen den Vater und die auch nach Ludwigs Tode (840) so lange fortdauernden, weil so oft sich erneuernden, Bürgerkriege zur Folge. So konnten die Thaten des Kaisers Ludwig nur zu Klageliedern auffordern. Zeigen auch die Söhne Ludwigs noch eine gleiche gelehrte Bildung als ihr Vater, so herrscht doch auch bei ihnen – von Pippin vielleicht abgesehen, der aber schon vor dem Vater starb – in ihren literarischen Interessen die theologische Richtung wenigstens vor. So hat zwar dem Lothar in jüngeren Jahren sein Lehrer Clemens ein grammatisches Buch 118 gewidmet, aber auf seinen ausdrücklichen Wunsch sind nur theologische Werke, namentlich allegorische Erklärungen der Bibel, verfasst worden, wie denn vor allen Raban solche Bücher für ihn geschrieben hat, wie wir weiter unten sehen werden. Ludwig der Deutsche, mit dem Raban in noch mannichfaltigerer literarischer Beziehung steht, hat, obgleich auch er von theologischem Interesse ausgeht, doch schon eine universellere Richtung. Die allegorische Schriftauslegung lag ihm allerdings auch zunächst am Herzen, aber er verlangte doch auch das grosse encyclopädische Werk Rabans zu besitzen, wenn auch dieses zugleich demselben Zwecke diente. Wichtiger ist, dass Ludwig auch der Dichtung in seiner Muttersprache, obschon nur der geistlichen, seine Theilnahme schenkte. Bei Karl dem Kahlen aber, dem Sohn der geistvollen Judith, dem Schüler Walahfrids, nehmen die theologischen Studien schon eine speculative Wendung: nicht bloss interessirten ihn die wichtigsten dogmatischen Fragen, über welche er mit seltener Toleranz die entgegengesetztesten Ansichten anhörte, sondern er stellte auch den bedeutendsten Philosophen des früheren Mittelalters, den Johannes Scotus Erigena an die Spitze seiner Hofschule und trat mit ihm in ein sehr freundschaftliches Verhältniss. Einer der Lobredner Karls, Heiric (dessen Dichtung wir später genauer betrachten) rühmt von ihm, dass er ausgezeichnete Meister der Wissenschaft, wo sie nur sich fanden, und selbst aus Griechenland berief; aus Irland aber wären, dem Meere zum Trotz, die »Philosophen« in hellen Haufen eingewandert, dem weisen Salomo zu dienen. So würde seine Pfalz mit Recht eine Schule genannt. So sagt Heiric u. a. in dem Widmungsschreiben seiner Vita S. Germani zu Karl dem Kahlen selbst: – – id vobis singulare studium effecistis, ut sicubi terrarum magistri florerent artium, quarum principalem operam philosophia pollicetur, hos ad publicam eruditionem undecunque vestra celsitudo conduceret, comitas attraheret, dapsilitas provocaret. Luget hoc Graecia , novis invidiae aculeis lacessita, quam sui quondam incolae iam dudum cum Asianis opibus aspernantur, vestra potius magnanimitate delectati, studiis allecti, liberalitate confisi: dolet, inquam, se olim singulariter mirabilem ac mirabiliter singularem a suis destitui, dolet certe sua illa privilegia (quod numquam hactenus verita est) ad climata nostra transferri. Quid Hiberniam memorem, contempto pelagi discrimine, pene totam cum grege philosophorum ad littora nostra migrantem etc. 119 Dagegen trugen die grammatischen Studien in Westfrancien keine ebenso bedeutenden Früchte als in Deutschland. Hier hatte zwar auch die Hofschule nicht aufgehört, aber sie hatte nicht mehr die allgemeine wissenschaftliche Bedeutung, selbst wenn auch zeitweilig daran ein berühmter Gelehrter wie der Erzcapellan Grimald wirkte. In Deutschland wie in Lothringen knüpfte sich vielmehr die literarische Kultur durchaus an die Klosterschule, deren Pflege im ganzen Reiche schon durch die Reform des Mönchwesens auf Grund der ausschliesslichen Herrschaft der Regel Benedicts, wie sie Ludwig der Fromme auf dem Reichstage zu Achen 817 veranlasste, gefördert werden musste. Damals wurde unter anderm in einem diese Regel ergänzenden Capitulare bestimmt, dass nur die Schüler, welche zum Mönchsstand bestimmt waren, in dem Kloster selbst unterrichtet würden Capitula Monachor. c. 45: Ut scola in monasterio non habeatur nisi eorum qui oblati sunt. Monum. German. histor. Leges I , p. 202. ; so mussten also die, welche Weltgeistliche werden oder Laien bleiben wollten, von den andern getrennt ausserhalb des eigentlichen Klosters den Unterricht empfangen: so unterschied man denn seitdem scholae internae und externae . Aber nur einzelne Klosterschulen gelangten, dank besonders ausgezeichneten Lehrern, zu wahrer Blüthe, und sie finden sich vornehmlich auf deutschem Gebiet. In diesen aber werden die grammatischen Studien, zumal in der ersten Zeit, erfolgreicher als in Frankreich betrieben. Die Bürgerkriege mussten selbstverständlich auf die Pflege der literarischen Bildung ungünstig einwirken, und um so mehr bei der so lebhaften Betheiligung der hohen Geistlichkeit, der Bischöfe wie Aebte, an denselben, sowohl mit dem Wort als mit dem Schwert. Aber diese Kriege hatten wenigstens in ihrem Endresultat den Nutzen, das deutsche und das romanische Volkselement zum grössten Theil definitiv zu scheiden und in selbständigen Staaten zu constituiren; zu gleicher Zeit lässt sich aber auch schon in Betreff der literarischen Thätigkeit der Hauptunterschied zwischen dem ost- und westfränkischen Reiche nicht verkennen: in Deutschland herrschen die grammatischen und allgemein wissenschaftlichen Studien und auf dem Felde der Theologie die Bibelerklärung vor, und so findet sich hier im Anschluss an die ersteren auch 120 noch eine reichere poetische Thätigkeit, während dagegen in Frankreich Dogmatik und Philosophie dominiren, so dass sich dieses Land schon vorbereitet die Hauptstätte der mittelalterlichen Speculation zu werden. S. über die Geschichte, namentlich auch Kulturgeschichte dieser Periode im allgemeinen: Simson, Jahrbücher des fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen. 2 Bde. Leipzig 1874–76. – Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs. 2 Bde. Leipzig 1862–65.   Erstes Kapitel. Raban. Die älteste und zunächst bedeutendste der deutschen Klosterschulen ist die von Fulda , an welcher derjenige Schüler Alcuins wirkte, der die Wissenschaft und die Lehrthätigkeit seines Meisters am erfolgreichsten überliefert und fortgesetzt hat; es ist der deutsche Hraban , der seinen Namen lateinisch Rabanus nannte. In ihm, dem ersten Praeceptor Germaniae , wie man ihn später wohl betitelt hat, zeigt sich sogleich die wissenschaftliche Universalität, die den deutschen Genius auszeichnet, sowie die grosse receptive Anlage desselben und der ausdauernde Fleiss des deutschen Gelehrten, welche beiden Eigenschaften jene Universalität ja zur Voraussetzung hat. Er hat den grössten Einfluss auf die Pflege der literarischen Bildung in Deutschland gehabt. Raban Rabani Mauri Opera omnia iuxta, edit. Colvenerii anno 1617 Coloniae datam – – expurgatam etc. accur. Migne. Paris 1851–52. 6 Tom. ( Patrol. lat. Tom. 107–112). – – Kunstmann, Hrabanus Magnentius Maurus, eine histor. Monographie. Mainz 1841. – Böhmer, Regesten zur Geschichte der Mainzer Erzbischöfe bearbeitet von Will. Frankfurt 1877. 4° S. XIX ff. u. S. 64 ff. – Bach, Hrabanus Maurus der Schöpfer des deutschen Schulwesens. Progr. Fulda 1835. 4°. – Köhler, Hrabanus Maurus und die Schule zu Fulda. Leipz. Dissert. 1870. – Dümmler, N. A. S. 286 ff. , wie es scheint von angesehenem Geschlechte, stammte aus Mainz, weshalb er sich wohl Magnentius So in der in Distichen verfassten Praefatio der Dichtung über das heil. Kreuz, wo sein voller Name durch Hervorhebung gewisser Buchstaben an bestimmten Stellen des Gedichts ausgedrückt ist, daher jeder Buchstabe gesichert; er lautet da: Magnentius Hrabanus Maurus. – Magnentius ist meines Erachtens von ahd. Magenze herzuleiten (keineswegs eine Corruption von Moguntinus), indem Raban vielleicht das lat. gn wie im Italienischen und Französischen aussprach, das g von Magenze aber wie j, und sich so die Schreibung mit gn erklärt. Die Annahme Kunstmanns S. 12 f., dass Raban aus der Familie des Kaisers Magnentius gewesen, erscheint mir wunderlich. – Dass Raban aber zu Mainz geboren, ergibt sich aus seinem von ihm selbst verfassten Epitaph. 121 beigenannt hat, und war dort gegen das Jahr 776 geboren. Als Knabe kam er in das Kloster Fulda unter Baugulf, der von 780–802 dort Abt war. Hier empfing er seine erste gelehrte Bildung, denn schon zu Sturms Zeit wurde dort die Wissenschaft gepflegt So wurde schon damals Eigil dem Kloster causa litterarum übergeben, wie sein Biograph Candidus erzählt (Vita Eig. c. 3). Vgl. auch oben S. 104 . , wenn auch die Gründung des Klosters keine solche Tendenz gehabt hatte. Schon 801 wurde Raban Diacon. Von dem Nachfolger Baugulfs Ratgar wurde er zugleich mit Hatto in Alcuins Schule nach Tours gesandt, in welcher er schon einmal früher gewesen sein muss. S. meine kleinen Beiträge zur karoling. Literatur 2, in den Sitzungsber. der k. sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1878, S. 98 ff. u. vgl. oben S. 81  f. Dort hatte er zum Mitschüler auch den älteren Samuel, späteren Bischof von Worms., mit welchem er ebenso innig befreundet wurde, als mit Hatto, genannt Bonosus. Letzterer, der sich auch als Maler auszeichnete, wurde später Rabans Nachfolger als Abt von Fulda. Die Schule Alcuins wurde für Raban von der grössten Bedeutung. Ausser der Theologie d. i. der Bibelerklärung, studirte er bei ihm die »freien Künste«, und war wohl gerade deswegen besonders von Ratgar nach Tours gesandt, wie auch die alte Ueberlieferung, ein Katalog der Aebte von Fulda, ausdrücklich besagt. Tertius abbas Ratgar – – Hrabanum et Hatton Turonis direxit ad Albinum magistrum liberales discendi gratia artes . S. Schannat, Historia Fuldensis . Frankfurt 1729. Cod. probat. p. 1. Raban selbst erwähnt in seinem Werk De sancta cruce Und zwar in der Intercessio Albini (s. darüber weiter unten). Alcuin sagt dort zum heil. Martin von Raban:         Hunc puerum docui divini famine verbi,             Ethicae monitis et sophiae studiis. Und später:         Abbas namque suus, Fuldensis rector ovilis,             Illum huc direxit ad tua tecta, pater,         Quo mecum legeret metri scholasticus artem ,             Scripturam et sacram rite pararet ovans. , einer Frucht dieser Studien, den von Alcuin empfangenen Unterricht in der Ethik, der 122 Sophia überhaupt und was von vorzüglichem Interesse ist, in der Metrik. Alcuin gewann ihn besonders lieb und gab ihm deshalb den Beinamen Maurus – den Raban als Schriftsteller auch ohne weiteren Zusatz geführt hat – nach einem Lieblingsschüler des heil. Benedict, von dem Gregor sagt Dialog. II, c. 3. , dass er, durch gute Sitten ausgezeichnet, ein Gehülfe seines Magister zu sein begann. Vielleicht hat auch Alcuin ihm zugleich mit Samuel eine heute verlorene Schrift De benedictione patriarcharum gewidmet, wenn der Brief Alcuins, worin ihrer gedacht wird (bei Jaffé No. 291), an Raban gerichtet ist, was gar nicht unwahrscheinlich. Nach der Rückkehr von Tours wurde Raban Lehrer in Fulda, in welchem Beruf Alcuin, mit dem er brieflich in Verbindung blieb, sein Vorbild war. Das Kloster besass bereits, namentlich durch verschiedene grössere Schenkungen, ansehnliche literarische Hülfsmittel, welche Raban noch wesentlich vermehrte; es hatte auch einen besonderen Bibliothekar. Unter dem Abte Ratgar, der mit der Zeit seiner Leidenschaft zu bauen alles aufopferte, und seine Mönche fast nur zu Maurern machte, musste auch die Schule leiden. Viel günstiger wurde jedenfalls die Lage derselben und ihres Magister, als nach Ratgars Entfernung 817 Eigil Abt wurde, der Biograph Sturms S. oben S. 104 ff. , ein wahrhaft gebildeter Mann, mit dem Raban im freundschaftlichsten Verkehr stand, schon lange ihm vor vielen herzlich zugethan. Eigil liebte es, mit Raban auch eine gelehrte Unterhaltung zu führen. Um so weniger nimmt es uns Wunder, dass nach seinem Tode 822 Raban, der seit sechs Jahren Presbyter war, sein Nachfolger wurde. Wenn er jetzt auch das eigentliche Magisterium nicht mehr behalten konnte, so wirkte er trotzdem noch als Lehrer fort; ja er hat gerade als Abt seine bedeutendsten Schüler, einen Lupus, einen Walahfrid und Otfrid, ausgebildet. Raban führte am liebsten das Leben eines Gelehrten. So widmete er auch 123 jetzt alle seine Mussestunden dem Unterricht und dem eigenen Studium. Wie sein Schüler Rudolf in der sogen. Vita des Raban berichtet, c. 5: Huic itaque monasterio quintus a beato Bonifatio praefuit in regimine Rabanus abbas – – Quotiescunque a curis saecularibus (quas, prout possibile erat, toto nisu declinabat) liber esse permittebatur, aut alios sacris litteris instruebat, aut in legendo vel dictando divinis scripturis semet ipsum pascebat. Auch an der Politik nahm er nicht gern Antheil, wie dies damals bei der höheren Geistlichkeit so gewöhnlich war, was er ausdrücklich tadelt. S. die Praefatio des Werkes De universo ad Haimonem . Freilich konnte er in seiner Stellung doch darum nicht der Parteinahme während der Bürgerkriege sich entziehen. So lange Ludwig der Fromme lebte, stand er auf seiner Seite, denn in den Conflicten desselben mit seinen Söhnen war für Rabans Parteistellung schon die Pflicht des kindlichen Gehorsams, die er nachdrucksvoll geltend machte, massgebend. Aber auch das legitime Princip der Reichseinheit wirkte wohl dabei mit. So blieb Raban auch nach Ludwig des Frommen Tode gut kaiserlich, und um so mehr, als er mit Lothar persönlich befreundet war. Aber nicht lange danach, im Frühjahr 842, entsagte Raban freiwillig der Abtswürde. Nicht bloss bewog ihn dazu, wie Dümmler sagt Gesch. d. ostfränk. Reichs I, S. 301, die auch beim Folgenden zu vergleichen ist. , die Missstimmung über den seinen Wünschen entgegengesetzten Gang der politischen Ereignisse, das Unterliegen des Kaisers nämlich, sondern es bestimmte ihn gewiss auch der Wunsch, der seinen Neigungen so wenig zusagenden weltlich praktischen Thätigkeit, der Last der Administration eines so reichen und mächtigen Klosters sich zu entledigen Wie Lupus ep. 40 und Rudolf a. a. O. c. 50 annehmen; vgl. auch oben Anm. 1 die Parenthese. , die zu vernachlässigen seine Gewissenhaftigkeit ihm nicht erlaubt hätte. Ueberdies folgte er bei seiner Abdankung nur dem Beispiel eines sehr tüchtigen Vorgängers, des gelehrten Baugulf. Während Raban nun seinem Freunde Hatto die Abtswürde überliess, zog er sich selbst auf den Petersberg bei Fulda, wo er eine schöne Kirche gebaut hatte, zurück, um sich jetzt ganz seinen Studien und seiner Schriftstellerei zu widmen. Damals war es, wo er sein grosses encyclopädisches Werk De universo 124 verfasste. Mit Ludwig dem Deutschen, dessen politischer Gegner er als Abt gewesen, fand in Folge einer von dem Könige gesuchten Zusammenkunft eine volle Aussöhnung statt. Um so sicherer erhielt Raban nach seines Freundes Otgar Tod 847, vom Volk wie vom Klerus gewählt, den erzbischöflichen Stuhl von Mainz. Obgleich er wider seinen Wunsch dem gelehrten Stillleben entrissen wurde, so entfaltete er doch als Erzbischof eine bedeutende Wirksamkeit, welche durch das grosse Ansehn, das er als Gelehrter genoss, ihm nicht wenig erleichtert werden musste. Noch in demselben Jahre fand unter seinem Vorsitz eine Synode in Mainz statt, welche sich bemühte, die für Recht und Sitte so nachtheiligen Folgen der Bürgerkriege zu heilen. Näher berührt uns hier die im Jahre darauf ebendort in Verbindung mit einem Reichstag gehaltene Synode, denn auf ihr wurde unter dem entschiedenen Einfluss Rabans Gottschalk und die von ihm mit all der Hartnäckigkeit und Ueberzeugungstreue eines deutschen Gelehrten und Theologen verfochtene Augustinische Prädestinationslehre verurtheilt. Denn Gottschalk hatte in der That vollkommen Recht sie also zu bezeichnen, nur zog er streng und hart mindestens die Consequenzen der Lehre, welche eine systematische Entwickelung derselben verlangte, indem er eine doppelte Prädestination der Bösen wie der Guten behauptete. Raban vertrat dagegen die in der fränkischen Kirche herkömmliche Ansicht, welche die Augustinische Lehre modificirend abschwächte. Vgl. Weizsäcker, Das Dogma von der göttlichen Vorherbestimmung im neunten Jahrhundert in: Jahrbücher für deutsche Theologie, Bd. IV, Gotha 1859. S. 527 ff. Raban war ein persönlicher Gegner Gottschalks, denn dieser war sein Schüler in dem Kloster Fulda gewesen, wo er, ein Sachse aus vornehmer Familie, als puer oblatus aufgenommen worden war. Gottschalk, dessen unruhiger und selbständiger Geist in dem fränkischen Kloster sich gefesselt fühlte, entfloh demselben, und verlangte auch von einer Synode zu Mainz 829 die Lösung seines Gelübdes, aber auf Rabans Appellation wurde die Entscheidung der Synode wieder aufgehoben und Gottschalk in das Kloster Orbais gewiesen. Nachdem dieser dort seine wissenschaftliche Ausbildung, 125 vornehmlich durch eignes Studium und vor allem der Werke Augustins vollendet, begab er sich später auf Reisen, namentlich nach Oberitalien, indem er, von einer glänzenden Beredsamkeit unterstützt, überall für seine Lehre Propaganda machte. Auf Anregung des Bischofs von Verona, Noting, schrieb deshalb schon 840 Raban gegen ihn, und als er auf einer zweiten Reise bei dem hochgebildeten Markgrafen Eberhard von Friaul eine gastliche Aufnahme gefunden, so trieb ihn 848 Raban durch einen Brief an denselben von diesem Hofe. Gottschalk blieb aber auf Rabans Angriffe auch nicht die Antwort schuldig, er klagte ihn des Semipelagianismus an und gab allen seinen Gegnern den Spottnamen »Rabanici«. Das Verhältniss zwischen dem entflohenen Schüler und seinem alten Lehrer, welche beide dem Charakter, den geistigen Anlagen, ja der Abstammung nach nicht bloss von einander verschieden waren, sondern Gegensätze bildeten, war also ein sehr erbittertes geworden, als der eine vor dem Tribunal erschien, dem der andere präsidirte. Um so eher erfolgte Gottschalks Verurtheilung, obgleich keineswegs einstimmig: er wurde grausam gegeisselt, aus dem ostfränkischen Gebiet verbannt und zu weiterer Bestrafung dem Erzbischof Hincmar von Reims überwiesen. Um Raban aber gerecht zu sein, ist hinzuzufügen, dass das Motiv seiner Strenge insonderheit die grossen sittlichen Gefahren waren, welche die Lehre Gottschalks im Gefolge hatte, wenn sie, wie von diesem begeisterten Reiseprediger geschah, in dem grossen Publikum verbreitet wurde. Eben deshalb unterliess Raban auch später nicht, gegen Gottschalks Lehre und ihre Verbreitung aufzutreten, wobei er allerdings der Inhumanität gegen den Freidenker selbst sich schuldig machte. Sonst hat er gerade als Bischof durch seine Menschenfreundlichkeit, seine Unterstützung der Armen und Bedrückten sich ausgezeichnet. Während er also sein Hirtenamt gewissenhaft verwaltete, blieb er, ein wahres Muster deutschen Fleisses, auch als Schriftsteller bis zu seinem Tode mit altem Eifer thätig. Hochbejahrt starb er 856. Raban ist für die allgemeine Literatur fast allein von indirecter Bedeutung, aber von einer grossen, natürlich vorzugsweise in Bezug auf Deutschland. Seine literarische Thätigkeit, die eine ausserordentlich grosse war, verfolgt mit seltener Ausnahme praktische Zwecke; meist aus seiner amtlichen 126 Thätigkeit als Lehrer, Seelsorger, Abt und Bischof erwachsen, dient sie dieser und hat vornehmlich das Ziel der intellectuellen und sittlichen Bildung zuerst des Klerus, dann auch des Volkes. Raban war, wie Alcuin, vor allem Lehrer, dies war sein eigentlicher Lebensberuf, und die Klosterschule hatte ja zunächst die Aufgabe den Klerus zu bilden. Die meisten seiner Werke haben dieselbe Absicht. Es lassen sich aber verschiedene Gruppen unter ihnen unterscheiden. Erstens solche Schriften, die dem Unterricht unmittelbar dienen, Compendien, ähnlich denen des Alcuin und offenbar nach deren Beispiel verfasst. Hierher gehören einmal ein paar grammatische Arbeiten: 1) ein von den Herausgebern Excerptio de arte grammatica Prisciani betiteltes Compendium, welches aber fast allein der Prosodie und in einem Anhang, einem zweiten Büchlein gleichsam Es beginnt dieser Anhang: Sane quia in superiore libello – – superest ut ipsius metri vim etc. Ed. Migne T. III p. 666. , im Anschluss an andre alte Autoren den Metren und der Poetik gewidmet ist; vielleicht sollte es eine Ergänzung zu Alcuins Grammatik bilden, der ja die Metrik als besondere Disciplin betrachtete. S. oben S. 17 . – Ueber dies Compendium Rabans s. Hertz in der Praef. seiner Ausg. des Priscian (Leipzig 1855) p. X, Anm. 36. Einige wenige selbständige Zusätze in Citaten aus christlichen Dichtern, namentlich Prudentius, finde ich. Diese Arbeit Rabans ist literargeschichtlich nicht bloss dadurch wichtig, dass sie, wie Bähr bemerkt Gesch. der röm. Literatur im karoling. Zeitalter S. 419. , den Priscian in die deutschen Schulen einführte, sondern namentlich auch als Zeugniss für das besondere Interesse unseres Autors für die Metrik, die er, wie er sie bei Alcuin mit Eifer erlernt, sicher auch selbst unterrichtet hat, wohl mit Hülfe dieses »Auszugs«, und das ist im Hinblick auf die lateinische wie deutsche Poesie seiner Schüler von Bedeutung. 2) Der kleine Aufsatz, welchen man De inventione linguarum betitelt hat, dem aber vielmehr der Titel: De inventione litterarum d. h. der Buchstaben zu geben ist. Es werden hier nämlich die folgenden Alphabete aufgeführt, indem zugleich mit ein paar Zeilen ihrer Erfinder gedacht wird: das hebräische, griechische, lateinische, das scythische des Ethicus und das der Marcomannen oder Nordmannen, »von welchen die deutsch Redenden abstammen«, ein Alphabet, dessen sich 127 »die noch in heidnischen Riten Befangenen« zur Aufzeichnung ihrer Lieder und Zaubersprüche bedienen – es sind die Runen. Dann folgt noch eine Reihe lateinischer Abbreviaturen und Monogramme. Dieser Aufsatz war offenbar für den Unterricht bestimmt. Auch eine Frucht seiner Lehrthätigkeit wie zugleich seines Interesses für die Muttersprache, sind Sammlungen deutscher Glossen , wie Walahfrid eine über die Theile des menschlichen Körpers nach Rabans Vortrag aufgezeichnet hat. So wird Raban auch eine Bearbeitung eines lateinisch-deutschen Glossars zur Bibel in einer Handschrift des neunten Jahrhunderts beigelegt. S. Die althochdeutschen Glossen gesammelt u. bearbeitet von Steinmeyer und Sievers. Bd. I. Berlin 1679, S. 3 ff. Sein deutsch-philologisches Interesse bekundet sich ferner recht auffallend in der etymologischen Erklärung von deutschen Personennamen an einer Stelle wo man es gar nicht erwarten sollte, nämlich in manchen seiner Gedichte, wo diese Erklärung mitunter sogar die Pointe bildet, indem dieselben an die Träger der Namen gerichtet sind. S. c. 13 Brunward und c. 26 Isanbert; s. ausserdem c. 5 Batorich und c. 17 Gerhoh; übrigens finden sich auch Erklärungen von Namen andrer Sprachen, wie c. 7 Praeclarus, c. 20 Samuel. Um ein Beispiel zu geben c. 26 v. 5 ff.:         Cuncta quidem tibimet virtutum insignia condunt             Nomen, quo clarus, dignus honore fias:         Ferrum te fortem, clarum , virtute decorum,             Signant – – Auch in der Erneuerung des Gebots deutscher Predigt auf der ersten von Raban präsidirten Synode kann man ein Zeugniss seiner Liebe zur Muttersprache sehen, obgleich dabei auch das Pflichtgefühl des Oberhirten und der pädagogische Sinn des früheren Magister sicher mitgewirkt haben werden. Auch unmittelbar für den Unterricht bestimmt erscheint das Buch De computo , obgleich es auf private Anregung eines wissensdurstigen Mönches Marcharius verfasst ist, welcher Raban nur gebeten hatte, ihm einige von andern aufgestellte Sätze dieser Wissenschaft zu corrigiren und dadurch klarer zu machen. Raban sagt im Prolog: Petebas ergo ut quibusdam de computo propositionibus earumque minus perfectis responsionibus, quas mihi protuleras nescio a quibus confectas, stylum adhiberem easque tibi lucidiores redderem. Aber der Computus war schon unter Karl dem 128 Grossen durch Synodalbeschluss zu einem obligaten Gegenstand der Schule des Klerus gemacht, und das Buch Rabans ist in der dialogischen Form der Alcuinschen Compendien verfasst, indem der Schüler frägt, der Lehrer antwortet. Wie der Eingang ausspricht, ist es für Schüler »reiferen Alters« bestimmt, und so redet denn auch der Magister den Discipulus mit Frater an. Doch finden sich hier zugleich auch die ersten Elemente behandelt. Das Buch ist, wie alle solche Rabans, eine Compilation, namentlich hat er aus dem Grund legenden Werke Beda's De temporum ratione mitunter selbst seitenlange Auszüge wörtlich aufgenommen, ausserdem sind Isidors Etymologien, Boëtius' Arithmetik, die auch citirt werden, u. a. benutzt; seinen eigenen Antheil beschränkt der Verfasser selbst im Prolog hauptsächlich auf die »Verdeutlichung«, wie er auch in der Anordnung des Stoffes mit einer gewissen Selbständigkeit verfährt. Indem er nun, wie er sagt, sich der Kürze befleissigt und bloss das Nothwendige geben will, also manches ferner liegende weglässt, hat er in der That ein Lehrbuch verfasst, nach dem leichter zu studiren war als nach Beda's Werk. Im Anschluss an den Computus sei hier eines Martyroloyium gedacht, das Raban geschrieben auf den Wunsch des »Abtes« Ratleik, des früheren Notars des Einhard S. oben S. 100 . , der nach dessen Tode dem Kloster Seligenstadt vorstand; so ist dies Buch Rabans erst nach dem März 840 verfasst. Ratleik war, wie auch die Zuschrift von ihm zeigt, ein gelehrter Mann und schon seit 839 Kanzler Ludwigs des Deutschen. S. über ihn Dümmler a. a. O. S. 868 f. Später hat Raban auch noch dem Erzcapellan Grimald durch ein Gedicht in Distichen das Buch gewidmet. Dasselbe basirt auf dem Grund legenden Werke des Beda, aber in der Bearbeitung, die ihm von Florus zu Theil geworden S. Bd. I, S. 607 und vgl. weiter unten über Florus von Lyon. , indem Raban nur Zusätze aus andern Quellen hinzugefügt und stilistisch manches geändert hat. Seine eigene Arbeit charakterisirt Raban selbst in der Zuschrift mit den Worten: feci quantum potui et singulis diebus nomina sanctorum, quae scripta sive notata ab antecessoribus in libellis reperi, ibidem inserui; et cuiuscunque sancti obitum sive martyrium, qualiter vitam finierint, legi, breviter, prout valui, notavi. 129 Eine zweite Gruppe bilden die Bibelcommentare Rabans; diese Gattung seiner Schriftstellerei, die er besonders emsig gepflegt hat, ist wenigstens aus dem Unterricht, seiner Lehrthätigkeit erwachsen , denn den ältesten dieser seiner Commentare, den zum Matthäus , hat er noch zu der Zeit, wo er Presbyter und Magister war, abgefasst auf den Wunsch der Mönche, die mit ihm das Evangelium lasen und bei diesem Evangelisten eine ebenso vollständige und genügende Erklärung als bei den andern vermissten. So erzählt uns Raban selbst in der Widmung an den Erzbischof von Mainz Heistulf. Dieser Commentar ist literargeschichtlich besonders wichtig, einmal wegen des Einflusses, den er auf die Dichtung Otfrids gehabt hat, dann als der erste des Raban, indem die Art seiner Abfassung für die der übrigen unsers Autors massgebend wurde. Ueber jene gibt die Widmung selbst schon den folgenden Aufschluss. Der Commentar soll das Studium der alten Erklärer ersetzen, zunächst den Unvermögenden, denen keine Bibliothek zu Gebote steht, oder die höchstens nur den einen oder andern Commentator besitzen. Zu dem Zweck gibt Raban, auch hier nur dem Beispiel seines Meisters Alcuin folgend S. oben S. 21 . , gleichsam eine Anthologie aus den Erklärungen der alten Commentatoren, indem er sie theils wörtlich, theils nur dem Sinn nach, also gekürzt, bei den einzelnen Stellen anführt; jedoch verschmäht er es auch nicht, wo es sich trifft, eigene Erklärungen hinzuzufügen – und diese finden sich gerade hier mehr als in den späteren Commentaren Rabans. Am Rande aber hat er die Autoren durch die Anfangsbuchstaben Wahrscheinlich aber nur bei den wörtlichen Excerpten, wie er dies in dem Commentar zu den Büchern der Könige gethan zu haben in der Vorrede desselben bemerkt. , seine eigenen Erklärungen durch die des Namens Maurus allemal bezeichnet. – So hat also das Werk seiner Anlage nach eine ganz praktische Tendenz, wie es denn Raban selbst auch für mehr bequem als sehr nothwendig erklärt. (Opus) non quasi pernecessarium, cum multi scriptores me in illo vestigio praecesserint, sed quasi magis commodum, cum plurimorum sensus ac sententias in unum contraxerim. Praef. Er theilte den Commentar in acht Bücher, indem er, wie er sagt, wo 130 möglich, allemal mit einer Rede des Herrn abschloss. Totumque opus in libros octo distinxi, illud maxime observans ubicunque potui, ut ubi evangelista sermones Domini consummatos esse referebat, ibi librorum terminos constituerem. Praef. Was die Art der Erklärung aber betrifft, so herrscht auch hier, der Tradition gemäss, die allegorische Interpretation durchaus vor, sie ist dem Verfasser die Hauptsache (wie auch eine Stelle in der Widmung zeigt); doch werden hier immer noch mehr als in andern Commentaren des Raban auch andere Erklärungen, historische und sprachliche, gegeben, und auch auf die übrigen Evangelien und ihre Abweichungen Bezug genommen. Als Raban bereits Abt geworden war, begann er gegen die Mitte der zwanziger Jahre auch die Erklärung des Alten Testaments in derselben Weise. Die Anregung dazu gab ihm der Bischof von Lisieux, Frechulf, der ihn um einen Commentar zum Pentateuch bat, da er an seinem Bischofssitz den grössten Mangel an Büchern litt, nicht einmal eine Bibel dort vorgefunden hatte. Der Commentar, wie er ihn wünschte, sollte ganz in derselben Art ausgeführt sein, wie der zum Matthäus. Den wohl Frechulf kannte, obgleich er ihn nicht nennt. Raban entsprach dieser Bitte, indem er nach und nach die fünf Bücher Mose commentirte. – Diese gelehrte Excerptenarbeit scheint Raban allmählich ein wahres Bedürfniss geworden zu sein, denn er hat im Laufe der Jahre noch eine grosse Zahl von Büchern des Alten Testamentes in der angezeigten anthologischen Weise commentirt. Von diesen Commentaren hat er mehrere dem Kaiser Lothar dedicirt, ein paar sogar auf dessen ausdrücklichen Wunsch verfasst; die zu den Büchern Judith und Esther widmete er der Kaiserin Judith, welche er den jüdischen Heldinnen vergleicht, die übrigens hier als der Typus der Kirche aufgefasst werden. Ludwig dem Deutschen aber widmete er die Commentare zu den Paralipomena und den Maccabäern , nachdem er den letzteren schon früher dem kaiserlichen Archidiaconus Gerold dedicirt hatte. Das erstere Werk soll dem König ein Wegweiser für die Leitung der Regierung sein. Raban sagt in der Widmung: – – cogitavi aliquod servitium, ut amantissimo decet domino, vobis exhibere, quod etiam vestrae nobilitatis in divinis legibus potuisset nostro labore aliquo modo florens exercere ingenium, divinaque sacrorum librorum testimonia rimando, regni gubernacula secundum Patrum praecedentium exempla legitime tenenda instruere. Die beiden 131 Commentare sind aber zugleich mit der für den Erzcapellan Hilduin verfassten Erklärung der Bücher der Könige insofern von allgemeinerem Interesse, als sie den Bereich der historischen Kenntnisse und Bildung Rabans, des ersten Gelehrten Deutschlands damals, uns zeigen. Bei diesen Commentaren hat er auch weltliche Historiker, namentlich Justin, benutzt, ja, was ihm besonders verdacht wurde, aber für seinen wissenschaftlichen Sinn gut zeugt, ausser Josephus auch einen modernen jüdischen Autor. Er hatte diesen zuerst in dem Commentar zu den Büchern der Könige citirt; trotz der Angriffe, die er deshalb erfuhr, zog er ihn doch, indem er sich um diese nichts kümmerte, in dem Commentar zu den Paralipomena an. In der Widmung des letzteren spricht er sich darüber aus. – Von neutestamentlichen Schriften hat Raban noch die Episteln des Paulus commentirt, ein sehr weitläufiges Werk, das aber reine Excerptenarbeit, und zum Theil selbst mit fremder Hülfe verfasst ist. Beigelegt wird ihm auch ein Commentar zum Johannes. Auch hat Raban auf den Wunsch Ludwig des Deutschen eine Erklärung der Cantica , die bei den Matutinen gesungen wurden, herausgegeben. Drittens unterscheiden wir wissenschaftliche Werke Rabans, die zur weiteren Ausbildung des Klerikers und Gelehrten dienen sollen. Hierher gehört zunächst das von ihm noch als Magister verfasste und dem Erzbischof Heistulf gewidmete Werk: De clericorum institutione , welches aus mündlichen und schriftlichen Antworten Rabans auf Anfragen seiner Mönche, namentlich solcher, welche die Weihen erhalten hatten, hervorgegangen ist. Alles was zur Ausrüstung und Bildung des Geistlichen für den Kirchendienst nöthig ist, soll hier angezeigt und erklärt werden. Es sind drei Bücher. In den beiden ersten wird was das Verständniss des Kirchendienstes verlangt, behandelt, in dem einen die Kirchenverfassung, die Weihen, die Kleidung der Priester, die Taufe, die Messe, in dem andern die Officien der canonischen Stunden, Gebet, Beichte und Fasten, die Feste, der Kirchengesang, die Lectionen, das Glaubensbekenntniss und »als Gegensatz zu diesem« in kurzer Uebersicht die verschiedenen Häresien. Im dritten Buche aber lehrt der Verfasser, welche Bildung die Geistlichen haben 132 müssen. Nach ihm sollen die Fülle der Wissenschaft, die Rechtschaffenheit des Lebens und die Vollkommenheit der Gelehrsamkeit am meisten diejenigen besitzen, welche das Regiment in der Kirche führen. Die Weisheit und der gute Lebenswandel sind beide zugleich nöthig, jene erhellt diesen und dieser empfiehlt jene: beide sollen also in diesem Buche behandelt werden (c. 1). Sed quia utrumque necesse est, ut bonam vitam sapientia illustret, et sapientiam bona vita commendet, utrumque in hoc libro – – digeremus. Die Grundlage wie der Gipfel aller Weisheit ist aber auch Raban die Wissenschaft der heiligen Schrift, welche unmittelbar von Gott stammt, der die Quelle aller wahren Weisheit, auch der weltlichen, heidnischen ist (c. 2). Fundamentum autem, status et perfectio prudentiae scientia est sanctarum Scripturarum, quae ab illa incommutabili aeternaque sapientia profluens, quae ex ore Altissimi prodiit, primogenita scilicet ante omnem creaturam, Spiritus sancti distributionibus per vasa Scripturae lumen indeficiens, quasi per laternas, orbi lucet universo, ac si quid aliud est, quod sapientiae nomine rite censeri possit, ab uno ecclesiaeque sapientiae fonte derivatum, ad eius respectat originem . Dieser Satz wird dann noch weiter ausgeführt und so heisst es dann später: ac ideo ad unum terminum cuncta referenda sunt et quae in libris gentilium utilia, et quae in Scripturis sacris salubria inveniuntur – – So wird denn zuerst vom Studium der heil. Schrift gehandelt (c. 6 ff.), darauf von den Wissenschaften ( doctrinae ) der Heiden (c. 16 ff.). Der Verfasser spricht von ihnen zuerst im allgemeinen, indem er das, was in ihnen wie in den Einrichtungen der Menschen superstitiös ist, von dem Nichtsuperstitiösen unterscheidet, und allein jenes verwirft. Alles Historische wird schon an sich in Schutz genommen Aliud est enim facta narrare, aliud docere facienda l. III, c. 17. , die Geschichte der Heiden dient selbst zur Erklärung der Bibel. Mit cap. 18 geht Raban auf die Artes liberales über und beginnt mit der Grammatik , die er definirt als die scientia interpretandi poetas atque historicos et recte scribendi loquendique ratio . Der Metrik, »die durch die Grammatik gelehrt wird«, gedenkt er noch besonders als einer »edlen« Wissenschaft Metricam autem rationem – – non ignobile est scire . c. 18. , freilich mit der falschen Motivirung, dass die Psalmen und Cantica des Alten Testaments in klassisch antiken Versmassen verfasst wären. Auch wären in denselben ausgezeichnete Werke von evangelischen Männern geschrieben, wie von 133 einem Iuvencus, Sedulius (welchen Raban auch in seinen Bibelcommentaren gern citirt), Arator, Alcimus (sc. Avitus), Clemens (sc. Prudentius), Paulinus und Fortunatus. »Wollen wir aber Gedichte und Bücher der Heiden wegen der Blüthe der Beredsamkeit lesen«, so soll mit ihnen nach dem Typus der von den Juden gefangenen Heidinnen verfahren werden, mit denen jene nach der Vorschrift Gottes (2. B. Mose) erst dann sich vermählen durften, wenn sie dieselben durch Abschneiden der Haare und Nägel gereinigt hatten. Dieser Gedanke ist dem Hieronymus entlehnt. S. Bd. I, S. 189. Raban fährt dann ihn erläuternd fort: Itaque et nos hoc facere solemus, hocque facere debemus, quando poetas gentiles legimus, quando in manus nostras libri veniunt sapientiae saecularis, si quid in eis utile reperimus, ad nostrum dogma convertimus, si quid vero superfluum de idolis, de amore, de cura saecularium rerum, haec radamus, his calvitium inducamus, haec in unguium more ferro acutissimo desecemus. c. 18. – Die Rhetorik wird wegen der Predigt empfohlen, die Dialektik besonders hochgerühmt, namentlich, nach Alcuins Vorgang De fide Trinit. (Praef). S. oben S. 21 . , als Waffe gegen die Sophismen der Häretiker, zugleich wird aber schon vor dem Missbrauch der Disputirkunst gewarnt. Vgl. Prantl, Gesch.. der Logik Bd. II, S. 19. Die Arithmetik empfiehlt Raban, schon weil ihr Studium von den sinnlichen Begierden abzieht, und sie die mystische Bedeutung der Zahlen in der heil. Schrift erklärt. In Betreff der Astronomie (c. 25) ist bemerkenswerth, dass er sie von der Astrologie unterscheidet, welche er in die naturalis und die superstitiosa eintheilt. Die erstere ist mit der Astronomie fast identisch nur scheint Raban darunter die rein praktische, welche die Feststellung des Kalenders zum Zweck hat, zu verstehen. Da Astronomia und Astrologia im Mittelalter promiscue gebraucht werden, so verdient die Stelle in der Hauptsache angeführt zu werden: Inter astronomiam autem et astrologiam aliquid differt, licet ad unam disciplinam ambae pertineant. Nam astronomia coeli conversionem, ortus, obitus motusque siderum continet, vel ex qua causa ita vocentur ; astrologia vero partim naturalis, partim superstitiosa est. Naturalis dum exsequitur solis lunaeque cursus vel stellarum, certas temporum quaestiones . Nachdem er so von dem Nutzen der sieben freien Künste gehandelt hat, zeigt er noch (c. 26), dass auch die philosophischen Schriften der Heiden, namentlich der Platoniker, keineswegs 134 ganz zu verwerfen wären, vielmehr manche sehr nützliche moralische Vorschriften und selbst einiges wahre über die Verehrung eines Gottes enthielten. Im folgenden Kapitel spricht Raban von der Uebung der Tugenden, namentlich der vier cardinalen, und erörtert darauf (c. 28 ff.), wie der Geistliche lehren soll, und bei der Predigt vornehmlich das Verständniss des Volkes stets berücksichtigen, und daher dieselbe nicht wörtlich auswendig lernen soll (c. 30). Es wird dann noch von den verschiedenen Gattungen der Beredsamkeit gehandelt, und von der Verschiedenheit der Vermahnung, je nach dem Alter, Geschlecht und den Fehlern derjenigen, an welche sich die Rede richtet. Auch dies Werk Rabans ist grösstentheils nur eine, öfters selbst wörtliche, Compilation aus verschiedenen Werken der Väter, wie Raban selbst in der Widmung bemerkt, vor allem hat er neben Cassiodors Institutionen Augustins Doctrina christiana und Gregors Cura pastoralis benutzt. So wenig originell also auch dies Werk ist, so wichtig erscheint es doch sowohl für die Erkenntniss des Höhepunkts der damaligen Bildung des Klerus, namentlich in Deutschland, als durch den Einfluss den es nicht bloss auf die unmittelbaren Schüler Rabans, sondern auch auf eine spätere Folgezeit gehabt hat. Verwandten Inhalts sind ein paar spätere, weit weniger bedeutende Schriften Rabans, mit deren Titelangabe wir uns hier begnügen: De sacris ordinibus, sacramentis divinis et vestimentis sacerdotalibus und De disciplina ecclesiastica libri tres . Einen ähnlichen wissenschaftlichen Charakter hat ein weit grösseres Werk, welches Raban in seiner gelehrten Zurückgezogenheit nach Niederlegung der Abtwürde verfasste: es ist die 22 Bücher begreifende Encyclopädie: De universo , welche er zunächst einem früheren Studiengenossen Haimo, Bischof von Halberstadt, widmete. Es sollte das Werk, wie er an ihn schreibt, dem vielbeschäftigten Missionsbischof zur Recapitulation dienen, indem er hier kurz angeführt fände, was er in vielen Büchern früher zerstreut weitläufig gelesen. In der Weise der Alten, welche über die Naturen der Dinge und die Etymologien der Namen und Wörter schrieben, sei es verfasst, aber es habe nicht bloss diese Aufgabe, sondern es füge auch die mystische Bedeutung derselben Dinge hinzu, so dass Haimo 135 fortlaufend sowohl die historische als die mystische Erklärung der einzelnen darin fände. Vgl. damit die andere, an Ludwig den Deutschen gerichtete Widmung, worin Raban das Werk bezeichnet als de sermonum proprietate et mystica rerum significatione verfasst. Und hierin liegt allerdings hauptsächlich die Originalität dieses Werkes, das im Uebrigen zum grössten Theil aus Isidors Etymologien wörtlich abgeschrieben ist: es ist gleichsam eine für den christlichen Theologen zugerichtete Isidorische Encyclopädie. Dem entsprechend ist auch die Ordnung der Stoffe etwas geändert: während Isidor sein Werk mit den sieben freien Künsten beginnt, woran sich die Medicin, Jurisprudenz und Geschichtswissenschaft anschliessen, dann erst Bibel und Liturgie den Uebergang zu Gott selbst und der himmlischen Hierarchie (Buch VII) bilden S. Bd. I, S. 557 ff. , so beginnt Raban vielmehr mit diesen, indem seine ersten fünf Bücher überhaupt der Religion und Kirche gewidmet sind, die weltlichen Wissenschaften dagegen ganz übergangen werden. Im übrigen folgt er zum grössten Theil der Anordnung Isidors Von dessen 11. Buche ab, mit welchem ja manche Handschriften einen zweiten Theil anheben (s. Bd. I, S. 558): nur werden von den vorausgehenden Büchern ein paar später, wenn auch nur theilweise, eingeschaltet, wie das neunte Isidors bis zum Anfang des fünften Kapitels als das sechzehnte; auch werden aus einem Buche des Isidor, wie dem vierzehnten, zwei von Raban gemacht, das zwölfte und dreizehnte (das letztere von c. 8 des vierzehnten des Isidor an), indem in diesem Falle von Raban auch viel hinzugefügt ist. – Um an ein paar Beispielen, die aufs Geradewohl genommen sind, das Verfahren des Raban bei der Bearbeitung des Isidorschen Werks zu zeigen, heisst es De univ. l. XVI, c. 4: Cives vocati, quod in unum coeuntes vivant, ut vita communis et ornatior fiat et tutior. Dies entspricht wörtlich l. IX, c. 4 §. 2 des Isidor; nun fährt Raban aber fort: Cives autem mystice in bonam partem ponuntur, ut est illud in Apostolo: Vos autem estis cives sanctorum et domestici Dei (Ephes. II.). Item in malam partem, quando ad Babyloniam spiritalem, hoc est, in partem diaboli deputantur. Oder etwas später in demselben Kapitel sagt Raban: Mercenarii sunt qui serviunt accepta mercede; iidem et barones Graeco nomine, quod sint fortes in laboribus , wörtlich aus Isidor l. l. §. 31; und Raban fährt fort: Mercenarii mystice illos significant qui serviunt Domino non pro amore divino tantum, sed pro temporali retributione, de quibus scriptum est in Evangelio – worauf wieder ein paar Bibelstellen folgen. , aber sein Werk ist, um der von Hieronymus angenommenen Bücherzahl des Alten Testamentes 136 zk entsprechen S. Praef. ad Ludovicum regem . , in 22 Bücher, statt gleich dem des Isidor in 20, eingetheilt. Dass die von Raban hinzugefügte mystische, d. h. allegorische Erklärung, mindestens im allgemeinen, auch nur eine entlehnte ist, ist schon bei ihrem traditionellen Charakter selbstverständlich; eine Hauptquelle ist aber auch hierbei Isidor und zwar durch sein Buch » Allegoriae quaedam sacrae scripturae « dem Raban gewesen. S. Bd. I, S. 563. Raban selbst wird auch ein Buch: Allegoriae in iniversam sacram scripturam beigelegt, worin nach alphabetischer Reihenfolge die allegorische Bedeutung einer grösseren Zahl von Substantiven gegeben wird. So wenig eigenes auch Raban in diesem voluminösen Werke bietet – von dem er ein Exemplar auch König Ludwig auf dessen Wunsch widmete Auch in dieser Widmung gibt sich die geistliche Tendenz des Werkes kund, denn wie Raban dort sagt, soll das Werk dem Könige dienen: quatenus tuum bonum studium multis proveniat ad spiritalem profectum, et fiat tam tibi quam illis (seinen Unterthanen) spiritale exercitium atque coelestis gaudii incrementum . – so war es doch für die Conservirung und Fortpflanzung mancher Kenntnisse des Alterthums wichtig, da es durch seine besondere Anlage wie durch den Namen seines Verfassers dem Klerus jener Zeit mehr als Isidors Werk selbst sich empfehlen musste. Zu dieser Gruppe der Rabanschen Werke ist auch die kurze Abhandlung De anima zu rechnen, welche dem sehr wissbegierigen König Lothar, also wohl Lothar II. gewidmet und damit vielleicht die letzte Schrift unseres Autors ist. Wenigstens aus seinem letzten Lebensjahre, wie Dümmler in der unten erwähnten Edition des Anhangs (S. 451) gezeigt hat. Sie ist auch fast allein ein Excerpt, und zwar hauptsächlich aus Cassiodors gleichnamigem Buche S. Bd. I, S. 487 ff. , mit ein paar eigenen Zuthaten, wie Raban selbst in der Widmung besagt. Seltsamer Weise hat unser Autor einige Kapitel: De disciplina Romanue militiae »der sehr häufigen Einfälle der Barbaren wegen« angehängt, kurze Auszüge aus Vegetius' bekanntem Werke. Sie fehlten in der überlieferten Handschr. des Tractats, wurden aber in neuerer Zeit in einem Collectivcodex Triers wieder aufgefunden, und von Dümmler in der Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. Bd. III, S. 443 ff. herausgegeben. 137 Sind die bisher betrachteten Werke theils aus dem Unterricht direct erwachsen, theils aus gelehrten Studien, deren Motiv eigenes Bildungsstreben und Verbreitung der Bildung war, also Producte des Schulmeisters und Gelehrten, so gibt es dagegen eine andre Klasse von Schriften Rabans, die von jenen wesentlich verschieden, aus seinen amtlichen Stellungen als Abt oder als Bischof entsprungen sind: Schriften theologischer Publicistik gleichsam, so namentlich Gutachten über Fragen der kirchlichen Disciplin, durch Anfragen von Collegen oder durch bestimmte äussere Verhältnisse veranlasst, Schriften, die für die Kirchen- und Kulturgeschichte, mitunter selbst indirect für die politische von Bedeutung sind. Diese Schriften haben zum Theil die Form von Episteln, und Raban zeigt in ihnen öfters eine grössere Selbständigkeit des Gedankens und einen freieren, individuelleren Ausdruck als in den dickleibigen Compilationen. So behandelt er in zwei Schreiben (an Humbert, Bischof von Würzburg Quota generatione licitum sit connubium . , und an Hatto) De consanguineorum nuptiis et de magorum praestigiis falsisque divinationibus . die Frage: in welchem Grade der Verwandtschaft die Ehe erlaubt sei, indem er in dem zweiten zugleich eine ganz andre beantwortet, nämlich: was von denen zu halten wäre, die durch magische Künste und teuflische Zaubersprüche die Menschen, wie man sagt, zu täuschen und aus ihrem früheren Zustand herauszureissen vermögen. Alteram (quaestionem), quid de his sentiendum esset, qui magicis praestigiis sive incantationibus daemoniacis dicuntur homines fallere et a statu suo pristino evertere posse. Hier gedenkt der Verfasser nicht bloss der Bibelstellen, welche von Wahrsagern und Zaubern handeln, sondern er gibt auch eine Uebersicht der verschiedenen Arten derselben, welche das klassische Alterthum unterschied, eine Uebersicht die auf Varro zurückgeht, den Raban öfters citirt. Uebrigens verwirft Raban so wenig als die Väter, die Macht der Dämonen Indem er die Möglichkeit derselben in eigenthümlicher Weise erklärt: Quod vero non solum quaedam daemones futura praedicunt, verum etiam quaedam mira faciunt, pro ipsa utique sui corporis excellentia, cura non contemnatur a prudentibus: cum plerique iniqui ac perditi homines ita exerceant corpora sua, tantaque diversis artibus possint, ut ii qui haec nesciunt, nec aliquando viderunt, etiam narrata vix credant: quam multa funambuli caeterique theatri artifices, quam multa opifices maximeque mechanici miranda fecerunt. Num ideo meliores sunt bonis etc. , über die er überhaupt 138 dieselben Ansichten als jene hegt. Die Schrift ist schon durch die Stellung der Frage selbst kulturgeschichtlich von Interesse. – So vertheidigte Raban in einer Flugschrift das in Westfrancien heftig angegriffene Institut der Chorbischöfe ; so hat er in der Gottschalkschen Angelegenheit verschiedene Episteln (welche zugleich die Frage der Prädestination behandeln), wie an den Bischof Noting von Verona, den Markgrafen Eberhard, an Hincmar von Reims erlassen, die doch auch für die Oeffentlichkeit bestimmt waren. Unter allen den Flugschriften Rabans sind aber zwei von allgemeinerem Interesse, indem sie zugleich ein lebendiger Ausdruck der Individualität unsers Autors sind, an dessen Darstellung hier auch das Gemüth keinen geringen Antheil hat: sie verdienen deshalb von uns eine grössere Berücksichtigung. Die eine ist die gegen Gottschalk gerichtete Schrift: De oblatione puerorum , durch welche Raban bei Ludwig dem Frommen gegen die Befreiung Gottschalks von seinem Mönchsgelübde durch die Mainzer Synode protestirte, und in der That die Aufhebung des Beschlusses derselben bewirkte. Raban sucht hier zunächst den Beweis zu liefern, dass nach den Zeugnissen der heil. Schrift und den Beispielen der Väter dem Christen es erlaubt sei, sein Kind Gott zu weihen ( consecrare ). Dann bekämpft er den Einwand Gottschalks, dass, weil die Oblation eines Minderjährigen durch rechtskräftige ( idonei ) Zeugen bestätigt werden müsse, nur Sachsen solche Zeugen hätten sein können, da es nach sächsischem Recht nicht erlaubt sei, dass ein Mann von einem andern Volke Zeugniss ablege, wo es sich um den Verlust der Freiheit eines Sachsen handle. Als wenn, fügt Raban hinzu, der Dienst Christi die Freiheit und den Adel des Geschlechts nähme! Indem nun aber Gottschalk in seinem Falle das Zeugniss von Franken verwarf, empört sich darob das Stammesgefühl Rabans, und nachdem er die Forderung des sächsischen Rechts vom biblischen Standpunkt bekämpft, ruft er erzürnt aus: wie lässt es sich hiernach bei Gott und den Menschen rechtfertigen, dass die, welche geringer an Tugend und Würde sind, die ihnen 139 überlegenen und höheren verachten, und als ob jeder Ehre unwürdig verwerfen, welchen sie doch sich unterwerfen mussten? Haec vero cum se ita habeant, quae ratio est secundum Deum aut secundum homines, ut qui inferiores sunt virtute et dignitate superiores sibi et eminentiores spernant, et quasi indignos omni honore respuentes abiiciant, quibus subiici oportebat? Wer in aller Welt weiss nicht, dass die Franken vor den Sachsen Christen geworden, diese mit den Waffen unterjochten und als ihre Herren zum Christenthum bekehrten? – So tritt hier der Stolz des Franken – der sein Volk dann auch mit den Persern und Römern, den Herrschern von Weltreichen, auf eine Linie stellt – dem ungebeugten Stolz des Sachsen entgegen; der Zorn macht Raban da wahrhaft beredt, und in seiner Sprache ist ein gewisser adliger Zug nicht zu verkennen. Nicht den Kleriker, sondern den fränkischen Edlen hören wir hier. – Raban sucht dann zweitens durch Bibelstellen zu erweisen, dass ein Gott geweihtes Gelübde nicht gebrochen werden dürfe, und zeigt endlich drittens, dass das Mönchsleben eine göttliche Institution sei. Die andre bemerkenswerthe Flugschrift Rabans ist das Buch: De reverentia filiorum erga patres et subditorum erga reges , womit er für Ludwig den Frommen, nach dessen Gefangennahme und Entthronung i. J. 833, in die Schranken trat. Er schärft darin das Gebot Gottes die Eltern zu ehren durch Stellen des Alten und Neuen Testamentes ein, indem er zugleich auf den Segen hinweist, der sich an seine Erfüllung knüpft, und den Unsegen im andern Falle. Dann geht er auf die der königlichen Würde von den Unterthanen zu leistende Ehre über, und zeigt durch Aussprüche und Beispiele der Bibel, wie Gott die Widersetzlichkeit missfällt. Auch aus der weltlichen Geschichte der christlichen Zeit wird der Beweis geliefert, wie Gott die Tyrannen, die gegen den legitimen Herren sich erhoben, bestraft, an einem Maximus, Arbogastes und Eugenius – während dagegen Theodosius von Gott begünstigt ward. Auch zieme es den Söhnen als Erben nicht (c. 4), ihre Eltern aus Besitz und Würden zu verdrängen, wären doch Thronfolger, selbst wo sie Mitregenten waren, im alten Bunde wie in der christlichen Zeit ihren Vätern bis zu deren Tode unterthänig geblieben. – Hat sich bis hierhin 140 Raban gegen die Söhne gewandt, und ihr Verfahren, wenn auch indirect, verurtheilt, so spricht er im Folgenden direct für den Kaiser, indem er zunächst darlegt, dass der Richter, welcher Aufrührer bestrafe, kein Homicidium Dies Verbrechen wurde auf der Reichsversammlung zu Compiegne Ludwig Schuld gegeben, hauptsächlich im Hinblick auf den Tod seines Neffen Bernhard. begehe, und Könige deshalb aus solchem Grunde von Synoden und Bischöfen nicht verurtheilt worden wären (c. 8). Ferner: auf ein bloss allgemeines Schuldbekenntniss hin wäre niemand zu excommuniciren, hätten doch Heilige selbst ein solches abgelegt, auch David, der darum nicht sein Reich verloren: Gott verzeiht vielmehr dem reuigen Sünder (c. 11). Im letzten Kapitel redet Raban den Kaiser an, um ihn über die Vergangenheit zu trösten und zu bitten, sich nicht rächen zu wollen, sondern, wie Christus geboten, zu verzeihen und den reuigen Sohn – womit offenbar Lothar gemeint ist – wieder aufzunehmen. Diese Schrift ehrt wahrhaft Raban, dessen Pietät und Rechtsgefühl in um so glänzenderem Lichte erscheinen durch den dunkeln Gegensatz des Benehmens seiner meisten Amtsbrüder. Sie erfreute den Kaiser so, dass dieser ihn zu einer andern Schrift aufforderte, einer Sammlung von Bibelsprüchen »über Tugenden und Laster« – wie auch der Titel lautet – mit besonderer Berücksichtigung der Pflichten der einzelnen Stände und Klassen der Gesellschaft. Endlich haben wir unter Rabans Prosawerken noch seiner Predigten zu gedenken. Zwei Sammlungen hat er davon verfasst; die eine als Abt auf Wunsch des Erzbischofs Heistulf, welchem er sie allmählich zugehen liess, je nachdem ihm seine Musse erlaubt hatte eine Partie auszuarbeiten; ihn bat er später, wie die Widmung sagt, das Ganze zu ediren. Diese Predigten sollten »von allem was für das Volk nothwendig«, handeln, nämlich einmal von den Hauptfesten, dann von den verschiedenen Arten der Tugenden und Fehler. Sie gründen sich offenbar, mindestens zum Theil, auf Predigten, die Raban selbst gehalten. Daher auch ihre Kürze: die lateinische Rede wurde sicherlich von ihm ins deutsche übertragen Vgl. oben S. 127 . , und 141 manches zur Erklärung weiter ausgeführt, waren doch die Predigten für das Volk bestimmt. Und in der That haben viele auch einen populären Charakter, indem das dogmatische Moment zurück, das moralische in den Vordergrund tritt. Nur zum Theil sind sie original, manche sind mehr oder weniger Sermonen Leo's, Augustins, Alcuins u. a. entlehnt. Am originalsten und populärsten zugleich sind die kulturgeschichtlich bedeutenden, worin Raban die Unsitten seiner Landsleute, namentlich auch die Reste heidnisch-germanischen Aberglaubens bekämpft, die durch den Verkehr mit den noch heidnischen Bewohnern, wie er sagt, sich erhielten: so die Homilien 42 und 43. Die erstere hat die abergläubische Sitte zum Gegenstand, bei abnehmendem Monde Lärm zu machen, Pfeile in die Luft zu schiessen und Feuer hinauf zu schleudern, um dem Mond gegen Ungeheuer zu helfen, welche ihn verschlingen wollten. Vgl. Grimm, Deutsche Mythologie. 4. Ausg. S. 588 f. Auch noch andrer Unfug wurde deshalb getrieben. Raban beginnt recht volksmässig die Rede damit, dass er erzählt, wie er vor einigen Tagen ruhig Abends zu Hause sitzend, in seinen Meditationen plötzlich durch das Gelärm gestört worden sei; worauf er den Grund vernimmt, den er spottend erzählt. Aber er begnügt sich dann nicht das Unsinnige des Aberglaubens nachzuweisen, sondern er erklärt auch die Naturerscheinung. In der andern Homilie eifert er gegen die Befragung von Wahrsagern und Zeichendeutern, namentlich auch bei Krankheiten, und gegen mancherlei Aberglauben, vornehmlich beim Reisen, wie Beobachtung der Vögel und ihres Gesangs, des Tags der Abreise und Ankunft, des Niesens. Vgl. Grimm a. a. O. S. 944 ff., 953 f., 935. Gegen jede Besorgniss soll vielmehr das Schlagen des Kreuzes schützen. – Die Homilie 63 sei auch noch besonders hervorgehoben, da sie gegen Modelaster jener Zeit in Deutschland sich richtet, Fehler, die man für gering, oder für nichts achte, ja die so herrschten, dass man sie sogar als Tugenden ansehe. Es sind die Schwelgerei und die Trunksucht ( comessatio und ebrietas ), die bei den Vornehmen wie bei den Geringen sich fände, bei beiden Geschlechtern und in allen Ständen, den Klerus mit eingeschlossen. Die Schlemmer rühmt man selbst als freigebig, indem man die Enthaltsamen 142 tadelt. – Auch vor der Possenreisserei, dem übertriebenen lauten Lachen wird in manchen dieser Homilien das Volk gewarnt. So ermahnt Raban in Hom. 50 u. a. » auditum a scurrilitate avertere, risum excelsum et excussum non amare. « – – Als letzte von diesen Homilien (No. 70) findet sich ein Aufsatz über die Zurückführung des von Kosroë geraubten heil. Kreuzes nach Jerusalem durch Kaiser Heraklius, – ein im späteren Mittelalter, auch in den Nationalliteraturen, öfters behandelter Stoff; aber dieses Stück hat weder die Form der Homilie, noch den Stil des Raban. Da es von Massmann in seinem Eracles nicht erwähnt ist, so sei hier darauf aufmerksam gemacht. Die zweite Sammlung enthält Homilien im engeren Sinne des Worts, Sermone, die sich an die sonn- und festtäglichen Lectionen der Bibel anschlossen und den betreffenden Text erklären; diese Sammlung wurde von Raban auf den Wunsch des Kaisers Lothar zunächst für diesen verfasst; aber von ihren drei Theilen hat sich nur einer erhalten. Dies sind die Prosawerke Rabans, die von allgemeinem literarhistorischen Interesse sind Ich sehe hier daher von einigen andern, in denen zum Theil Raban sich selbst copirt, ganz ab; ihre Titel findet man bei Bähr a. a. O. namentlich S. 434 und 435. Das von Raban redigirte Poenitentiale ist wohl kirchenhistorisch wichtig, selbstverständlich aber kein literarisches Werk. . Raban hat aber auch Gedichte verfasst, so wenig poetische Begabung er besass; doch er war nicht umsonst in der Metrik bei Alcuin in die Schule gegangen, ein allerdings erst später, im dreissigsten Jahre von ihm vollendetes, aber gewiss in Tours bereits begonnenes Werk legt davon vor allem Zeugniss ab. Nach dem Beispiel seines Meisters Alcuin – der selbst hierin nur dem Vorgange eines Porphyrius und Fortunatus gefolgt war Vgl. oben S. 32 ; Porphyrius hat sich Raban auch direct zum Muster genommen, indem er in dem Prolog rücksichtlich der Abkürzungen, die er sich erlaubte, auf Porphyrius sich bezieht. – Vgl. über Fortunat Bd. I, S. 511. – Rabans Gedicht ist am besten edirt von Henze. Leipzig 1847. – verfasste er eine Bilderdichtung im grössten Massstab: De laudibus sanctae crucis , worin das Kreuz in 28 »Figuren« erscheint, die in Gedichten von Hexametern sich abgezeichnet finden, indem die durch die Linien der Zeichnung eingeschlossenen Buchstaben wieder zugleich Verse für sich, und auch andre als Hexameter So finden sich bei dem Bilde des Kaisers Ludwig (im Prooemium) in dem den Kopf umgebenden Kreis die beiden adonischen Verse: Tu Hludovicum – Christe corona ; im Innern des Schildes 2 Distichen, in dem Kreuze, das Ludwig hält, asklepiadeische Verse u. s. w. bilden – eine ebenso ausserordentlich künstliche 143 und mühselige, als unpoetische Arbeit. Die Anregung zu dieser Dichtung hatte Raban sein Freund und Mitschüler bei Alcuin, der im Malen geschickte Hatto gegeben S. weiter unten. , der gewiss die Zeichnungen lieferte, da ihn Raban in einem Schreiben an ihn, womit er die Zusendung des vollendeten Werkes begleitete, als seinen Mitarbeiter an demselben bezeichnet. S. das Schreiben bei Kunstmann, der es zuerst veröffentlichte, a. a. O. S. 169. Jedem Bildergedicht folgt eine Declaratio figurae in Prosa, die auch für das Verständniss der »Figur« bei der Künstlichkeit der ganzen Composition oft sehr wünschenswerth ist. Ja, wegen des in Folge der Figuren allerdings sehr »dunkeln Ausdrucks« der Gedichte, indem namentlich mit der Wortstellung in der willkürlichsten Weise umgesprungen wird, fügte Raban Wie er sagt, nach den Beispielen des Prosper und Sedulius. Vgl. Bd. I, S. 352 und 362 f. noch ein zweites Buch hinzu, das in verständliche Prosa die Gedichte umsetzt – der beste Beweis von der Werthlosigkeit solcher metrischen Künste, die freilich die Mitwelt und auch noch eine spätere Nachwelt höchlichst bewunderten Die Zeichnungen bieten indess manches kultur- und kunsthistorische Interesse, die erste Figur ist das Bild des Gekreuzigten selbst. . Dem ganzen Werk gehn drei Gedichte voraus, von denen aber zwei erst später von Raban hinzugefügt sind, das eine, in Distichen, ist an den Papst Gregor gerichtet bei Uebersendung eines Exemplars, das andre, ein Bildergedicht, dessen Haupttext in Hexametern, enthält die Widmung des ganzen Werks an Ludwig den Frommen, dessen Bild mit Krone, Kreuz und Schild selbst die Figur ist; das erste der Gedichte aber, Intercessio Albini pro Mauro betitelt, in Distichen, enthält die an den heil. Martin, den Schutzpatron des Klosters von Tours, gerichtete Bitte Alcuins, in dessen Namen es Raban gedichtet, das Werk seines Schülers gnädig aufzunehmen und für diesen Verzeihung von Gott zu erflehen. Dies Gedicht, welches das Verhältniss Rabans zu Alcuin überhaupt interessant beleuchtet, zeigt recht, 144 wie dies Werk selbst unter Alcuins Auspicien in Tours begonnen worden ist. Zugleich aber auch, dass es erst nach seinem Tode vollendet ward, was ja mit der Angabe der Intercessio selbst, dass Raban, nachdem er 6 Lustra vollendet, das Werk herausgegeben, vollkommen übereinstimmt. Dies hat Kunstmann S. 43 ganz übersehen. Sonst müsste man annehmen, Alcuin hätte selbst die Intercessio verfasst. Die übrigen Gedichte Rabans sind zum grössten Theil mehr oder weniger Gelegenheitspoesie in Distichen, gleich der des Alcuin und Fortunat. Einmal Gedichte an Freunde oder Gönner, theils kurze von epigrammatischem, theils längere von epistolarischem Charakter. Einzelne sind auch, wie bei Fortunat, im Namen von andern verfasst. Z. B. c. V, im Namen Isanberts. Vgl. in Betreff des Vorgangs Fortunats Bd. I, S. 505 und 501. Zum Theil sind sie von Interesse durch die Personen, an die sie gerichtet, und als Quelle für die Lebensgeschichte Rabans, so c. XIV. an Ratgar, XV und XVI an Eigil, XIX an Samuel, oder auch in kulturgeschichtlicher Beziehung, wie XVII an den Bibliothekar Gerhoh, XXX an Bonosus (Hatto), worin das Schreiben mit dem Malen verglichen und jenem der Vorzug gegeben wird. Einzelne längere haben auch einen allgemeineren Inhalt. – Ferner hat auch Raban nicht wenige Inschriften, namentlich auf Altäre, sowie Epitaphien verfasst, die zum Theil bedeutenden Männern gewidmet sind, wie dem Kaiser Lothar, Alcuin, den Erzbischöfen Heistulf und Otgar, ferner Eigil, Einhard, Ratleik, Walahfrid, auch Raban selbst. – Sind auch die meisten dieser Gedichte blosse Versification, so finden sich doch in einzelnen, namentlich wo das Freundschaftsgefühl des Verfassers zum Ausdruck kommt, ansprechende Stellen. Wie in dem erwähnten Gedicht an den Jugendfreund Samuel, als er noch Presbyter war. An ihn sind eine ganze Anzahl Gedichte gerichtet. Unter den Epitaphien sind die auf Alcuin und Heistulf in formeller Beziehung hervorzuheben. Zwei Gedichte Rabans verdienen noch besondere Erwähnung. Das eine, c. XXXII, in dreizeiligen Strophen In dem Metrum: – – – ᴗ ᴗ – – ᴗ ᴗ – ᴗ. , aber unvollendet erhalten, schildert einem abwesenden »Bruder« die durch die Grausamkeit Ratgars herbeigeführte Secessio der Fuldaer Mönche mit lebhaften Farben; das andre, c. XXXI, ist ein 145 langes Gedicht von 100 sechszeiligen Strophen und zwar rythmischer iambischer Dimeter. Auf seine Form komme ich zurück. Was den Inhalt betrifft, so beginnt es mit einem Preis auf die Dreieinigkeit, deren wahres Wesen der Dichter verkündet, darauf singt er die Schöpfung der Engel, den Abfall des Lucifer, die Weltschöpfung, den Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies, Abels Ermordung, die Sündfluth, dann den erneuten sittlichen Verfall, welcher die Sendung Christi zur Folge hat, dessen Leben und Wunder, Leiden, Höllenfahrt, Auferstehung, Himmelfahrt und endlich das jüngste Gericht, bei dessen Schilderung er länger verweilt; ein Gebet bildet den Beschluss. Ein darauf folgendes Distichon zeigt noch Raban als Verfasser an. Diese in volksthümlicher Form und einfachem Stile gehaltene Dichtung erinnert an einzelne spätere in der deutschen Nationalsprache selbst verfasste, als deren Vorläufer sie erscheint. Raban hat auch Hymnen gedichtet, es werden nicht wenige ihm mindestens beigelegt, aber da es mir nicht möglich ist die in der That authentischen auszuscheiden, muss ich auf ein Urtheil hier verzichten. Sicherlich gehören ihm nur gar wenige von den ihm zugeschriebenen an. Dafür spricht auch dass Walahfrid in seinem Buche De exordiis etc. Rabans als Hymnendichter gar nicht erwähnt. (S. weiter unten.) Für die Aechtheit der Hymne De ascensione domini: Festum nunc celebre magnaque gaudia , bei Daniel, Thesaur. hymn. I, p. 217, könnte das auch sonst von Raban angewandte asklepiadeische Metrum sprechen.   Zweites Kapitel. Walafrid Strabo. Wohl der bedeutendste Schüler Rabans ist der Hauptvertreter der schönen Literatur in Ostfrancien damals, Walafrid Strabo Walafridi Strabi opera omnia ex editione Duacensi et collectionibus Mabillonii, Dacherii etc. nunc primum in unum coadunata. Accur. Migne. 2 Tom. Paris 1852. ( Patrol. lat. T. 113–114). – Bibliotheca Patrum maxima. Lugdun. 1677. T. XV. – *Canisius, Lectiones antiquae. Ed. Basnage Tom. II, Pars  2. Antwerpen 1725. p. 186 ff. (Enthält die meisten der Gedichte). – Versus in Aquisgrani palatio editi anno Hludovici imperatoris XVI de imagine Tetrici , herausgeg. von Dümmler, in: Zeitschr. f. deutsch. Alterth. Bd. XII, S. 461 ff. – Walafridi Strab. Hortulus, auctore Reuss, Würzburg 1834. – Macer Floridus De viribus herbarum una cum Walafridi etc. carm. ed. Choulant. Leipzig 1832. – – König, Ueber Walafrid Strabo von Reichenau, in: Freiburger Diöcesanarchiv. Bd. 3. 1860. – Bock, Die Reiterstatue des Ostgothen Theodorich, in: Jahrbücher des Vereins v. Alterthumsfreunden im Rheinlande Heft V (1844) (Geht auch auf die Biographie W.s ein). – Ebert, Zu der Lebensgeschichte Walahfrid Strabo's, in: Sitzungsber. d. k. sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1878, S. 100 ff. – Dümmler, N. A. S. 270 ff. , der allerdings seine erste Ausbildung einer 146 andern Kulturstätte Deutschlands in jener Zeit, dem Kloster Reichenau auf einer Insel des Bodensees verdankte. Walahfrid führte seinen Beinamen, der auch in der Form Strabus sich findet, weil er schielte: er hatte ihn aber ganz adoptirt und zwar vornehmlich in der letzteren Form S. die Schlussdistichen der Versus de imag. Tetrici , worin er dies selbst sagt und scherzend motivirt. , so dass er selbst sich so, ohne weiteren Zusatz S. z. B. die Praefatio zur Epitome der Commentare Rabans zum Leviticus: ego Strabus, tradenti etc. und seine Gedichte. , nennt. Er stammte aus Alamannien und war von geringer Herkunft. Er war, was mir am wahrscheinlichsten dünkt, um das Jahr 809 geboren. S. meinen Aufsatz S. 100. Ebenso für die andern Zeitbestimmungen. Nach Reichenau kam er unter Abt Haito, der von 806–823 dem Kloster vorstand. Dort war zuerst der Neffe Haito's, Erlebald, ein sehr gebildeter Mann, der mit seinem Oheim auch Byzanz besucht hatte, sein Hauptlehrer, dann als dieser 823 dem abdankenden Haito in der Abtwürde folgte, Wettin, »der berühmte Magister«, wie ihn Walahfrid selbst nennt; er war einst zugleich mit Erlebald zu seiner weitern wissenschaftlichen Ausbildung von Haito zu einem gelehrten Schotten So sagt Walahfrid in De visionibus Wettini , wo er ausführlich seiner Lehrer gedenkt (s. weiter unten):         Mittitur (Erleb.) ad quemdam, socio comitatus, ab inde,         Cuius multa viret sapientia dogmate, Scottum. Ganz unbegreiflich ist, wie noch König S. 357 unter diesem Schotten Alcuin verstehen kann. Wo ist derselbe je ein Schotte genannt worden! Eher wäre an Clemens, den damaligen Lehrer der Hofschule Karls, zu denken; der war wenigstens ein Schotte. Zweifel erweckt aber, dass hier speciell die theologische Gelehrsamkeit des Schotten betont wird. gesandt 147 worden. Walahfrid wurde Wettins Lieblingsschüler: ihm dictirte derselbe seinen letzten Willen, während er dem Lehrer das schönste Denkmal in einer Dichtung setzte, die seinen Namen der Nachwelt erhielt. Neben und nach Wettin unterrichtete ihn Tatto, der zuerst in Reichenau, dann auf der Hofschule gebildet war; kürzere Zeit auch der spätere Erzcapellan Ludwigs des Deutschen Grimald, der noch Alcuins Schüler gewesen sein soll. Monachus Sangall. I, c. 9. Trotz dieser Ausbildung durch so viele tüchtige und angesehene Lehrer begab sich Walahfrid doch noch nach Fulda (um 827), um Rabans Schüler zu werden – ein neues Zeichen, welche hohe Autorität dieser besass. Hier schloss er mit Gottschalk ein Freundschaftsbündniss, wovon noch ein späteres an diesen gerichtetes Gedicht Walahfrids zeugt. Eine Zeitlang scheint er auch in einer einsamen Cella des Klosters Fulda gelebt zu haben, vielleicht um ganz ungestört zu studiren. Nachdem Walahfrid aber Fulda verlassen, gerieth er, arm wie er von Haus aus war, in die bedrängteste Lage, da er, man weiss nicht aus welchem Grunde, nach Reichenau nicht zurückkehrte. Aus dieser Lage wurde er, wie er selbst in einem Gedichte sagt, mit einem Male durch den Erzkanzler Hilduin herausgerissen und zu einer Ehrenstelle erhoben. Dies geschah meines Erachtens offenbar nachdem Walahfrid in Achen 829 durch Hilduin dem Kaiser empfohlen worden war. Seinen Dank zollte er damals durch eine Dichtung, worin er Ludwig den Frommen, seine Familie – vor allen Judith – und seinen Hof preist, auch des Hilduin selbst gedenkt. Walahfrid kam in die Dienste der Judith und ihres Sohnes, des Knaben Karl, dessen Erzieher er wurde. S. darüber meinen Aufsatz S. 103 ff. An ihren wie an des Kaisers Schicksalen in den folgenden stürmischen Jahren nahm er den innigsten Antheil. Die schöne geistvolle Frau, die er hübsch des Lichtes Freundin Lucis amica in dem auf die Versus de imag. Tetrici folgenden Gedicht: Ad Judith imperatricem . in einem Gedichte nennt, die Kunst und Wissenschaft liebte und selbst pflegte, musste der poetischen Natur des jungen Gelehrten ungemein sympathisch sein. Ludwig der Fromme verlieh denn auch Walahfrid zum Lohne seiner Treue und Dienste die Abtei Reichenau nach 148 Erlebalds Tode i. J. 838. Aber er verlor sie schon ein paar Jahre darauf wieder, als er nach dem von ihm sehr beklagten Tode des alten Kaisers in dem neu entbrannten Bürgerkriege Partei ergreifen musste, und dem Grundsatz der Reichseinheit treu bleibend an Lothar sich anschloss. Durch Ludwig den Deutschen von Reichenau vertrieben, floh er nach Speier. Aus dieser Verbannung wurde er aber 842 erlöst und in seine Abtei wieder eingesetzt, wohl durch den Einfluss seines Freundes und Lehrers Grimald, der, Kanzler Ludwigs des Deutschen, ihn mit dem neuen Landesherrn versöhnt haben wird. Indess nur sieben Jahre war es dann noch Walahfrid vergönnt, in seiner angesehenen Stellung, in welcher er auch als ausgezeichneter Lehrer thätig war Nach der Gelehrsamkeit seines Schülers Ermanrich zu urtheilen; s. über ihn weiter unten. , zu wirken; schon 849, also im besten Mannesalter, starb er auf einer Reise, die er zu seinem Schüler Karl im Auftrage seines Königs Ludwig unternahm, beim Uebergang über die Loire. Seine Gebeine aber wurden in Reichenau bestattet. Ganz im Gegensatz zu seinem Lehrer Raban besass Walahfrid eine wahre poetische Begabung, die sich zunächst schon in früher Jugend in einer nicht geringen Befähigung zur lateinischen Versification kundgab; er hat viel in Versen geschrieben, offenbar mehr noch als uns erhalten: aber er war nicht, wie so viele andre jener Zeit, ein blosser Versemacher, sondern er bewährt sich in einzelnen kleineren Gedichten wie in manchen Partien seiner grösseren Dichtungen auch als wahrer Poet. Er zeigt eine wirklich ästhetische Empfindung, er hat nicht bloss ein lebhaftes reiches Gefühl für sittliche Grösse, sondern auch einen feinen Sinn für Naturschönheit; er hat nicht bloss geistliche, sondern auch weltliche Dichtungen verfasst, wie er in der Schule der heidnischen klassischen lateinischen Dichter nicht minder als in der der christlichen sich gebildet hatte: so setzt er die humanistischen Bestrebungen und auch die weltliche Hofpoesie der ersten Renaissance, des Zeitalters Karls des Grossen, fort. Einzelne seiner Poesien bieten noch ein besonderes literarhistorisches Interesse, wie wir sehen werden, dar. Dies gilt sogleich und vor allem von der wohl ältesten 149 seiner grösseren Dichtungen: De visionibus Wettini , über die Gesichte, welche Wettin, sein geliebter Lehrer, kurz vor seinem Tode (Nov. 824) von der jenseitigen Welt hatte. Dieses Werk ist die erste Darstellung einer solchen Vision in Versen , mit welcher diese besondere Species mittelalterlicher Dichtungen beginnt, die ihre höchste Vollendung in Dante's göttlicher Komödie findet; mit dieser selbst theilt das Werk aber auch manche einzelne Züge Ich habe sie bei der folgenden Analyse besonders berücksichtigt; zu ihnen gehört namentlich die Rolle des Führers ( ductor ), die Art wie die Strafe die Sünde malt, das Zeitgenössisch-persönliche, die himmlische Hierarchie des Paradieses; was das Locale anlangt, der bis in den Himmel sich erhebende Berg des Fegefeuers. , was seine literarhistorische Bedeutung nicht wenig vermehrt. Es ist übrigens nur zu einem geringern Theile dem Inhalt nach ein Originalwerk, vielmehr zum grössern eine blosse Uebertragung einer Prosaschrift des Abts Haito in Vers und poetischen Stil, gleich den damals so gewöhnlichen Versificationen der Prosalegenden. Vgl. oben S. 24 . Haito's Schrift findet sich in Mabillons Acta SS. ord. S. Bened. Saec. IV, pars  1 und bei Migne, Patrol. lat. Bd. 105, p. 770 ff. Der eigentliche Autor aber ist Wettin selbst, dessen Erzählung, sogleich nach seinem Erwachen von den Mönchen aufgezeichnet Auf Wettins dringende Bitte, in der Voraussicht seines baldigen Todes, s. c. 19 der Schrift Haito's. , die Grundlage der Schrift des Abtes bildete. Das Gedicht, das gegen 1000 Hexameter zählt, ist wohl nicht vor dem Jahre 826 verfasst S. meinen Aufsatz S. 101. und Grimald von Walahfrid gewidmet, der, wie er selbst im Vorwort sagt, damals fast sein achtzehntes Jahr vollendet hatte. In Anbetracht dieser Jugend ist schon der leichte Fluss des Verses ein Zeugniss der besondern Begabung und Bildung des frühreifen Autors. Aber Walahfrid hat sich nicht auf eine blosse Versification beschränkt, sondern er hat auch eigene grössere und kleinere Zusätze gemacht: so hat er eine kulturgeschichtlich interessante Einleitung von über 150 Hexametern vorausgesandt, worin er, nach Aufzählung der Aebte Reichenau's von der Gründung des Klosters an bis auf Haito, von dessen und seines Nachfolgers Erlebald Leben ein eingehendes, liebevoll ausgeführtes Bild entwirft. Walahfrid geht dann zu Wettin über, dessen 150 Gelehrsamkeit und Charakter er hoch rühmt, und erzählt, wie derselbe nach dreitägigem Kranksein – offenbar im Fieber – zunächst das Gesicht von dem bösen Geist in Gestalt eines Klerikers hat, dem sich dann eine ganze Schaar von bewaffneten Teufeln, den Kranken zu bedrängen, anschliesst. Aber ein paar himmlische Gestalten in Mönchsgewand erscheinen und verscheuchen die bösen Geister, und ein Engel – wie derselbe später selbst sagt, Wettins Schutzengel         – – – Ego sum qui te servare iubebar,         Angelus et custos rerum persisto tuarum. Canisius p. 216. Migne T. II, p. 1077 B. – kommt ihn zu trösten. In der Unterhaltung mit ihm erwacht Wettin; er bittet dann die sein Lager umstehenden Brüder, für ihn zu beten und aus den Dialogen des heil. Gregor ihm vorzulesen – und wie Haito bemerkt, geschieht dies mit den ersten neun bis zehn Blättern des letzten Buchs, in diesem werden aber gerade Visionen erzählt; eben diesen Abschnitt hatte wohl auch der Kranke selbst verlangt, der sich also gleichsam zum Empfang eines neuen Gesichtes vorbereitete. Dieses bleibt denn in der That nicht aus, nachdem Wettin wieder entschlummert ist. Der Engel, der ihm früher erschienen, kehrt zurück und führt ihn auf einem reizenden Wege, dort sieht er ungeheuere Berge von unglaublicher Schönheit als wären sie von Marmor. Sie umgibt ein feuriger Fluss, in welchem unzählige Verdammte sich befinden, die die verschiedenste Folter erdulden; unter ihnen gewahrt Wettin sehr viele Priester, höheren wie niederen Ranges, die zugleich mit Weibern, mit welchen sie Umgang gehabt, bestraft werden. Manche der Priester erkennt er auch. Den Betrachtungen, die Haito darauf über die Unsittlichkeit der Priester anstellt, schliesst Walahfrid hier eine eigene lebhafte Mahnrede an sie an. Nachdem Wettin also die Hölle geschaut, welche offenbar nach dem Vorgang Gregors Vgl. Bd. I, S. 522 u. 616; aber auch der Apocalypse c. 21, v. 8. der feurige Fluss – der Phlegethon der Alten – bedeutet, lernt er nun auch das Purgatorium kennen: so sieht er einmal einen furchtbaren mit Rauch angefüllten Thurm, worin Mönche der Reinigung halber sich aufhalten         Vidit et horrendum ligni lapidisque opus illic         Materia exstructum, castelli more locatum,         Ordine confuso, summo atque vapore repletum.         Territus his frater quaerens, qui mansor inesset,         Audiit inclusam monachum pro sorte catervam         Purgandi variis patriisque locisque manentum. Canisius p. 211.   Migne l. l. p. 1071 C. , wie er auf seine Frage von dem Engel 151 erfährt, der einen besonders nennt, welcher wegen seiner Habgier in einer bleiernen Kiste eingeschlossen, den jüngsten Tag erwarten muss; danach aber erblickt Wettin einen bis zum Himmel hohen Berg, worauf sein »Führer« ( ductor ) sagt, auf der Spitze desselben verweile zu seiner Reinigung ein Abt, der vor einem Decennium gestorben, der Wuth der Stürme und des Regens ausgesetzt – Wind und Wasser also reinigen hier –: dieser Abt aber ist Waldo von Reichenau, wie ein Acrostichon an dieser Stelle der Dichtung anzeigt.         His visis, celsum coelo montemque propinquum         Aspiciunt, tum ductor ait: hac arce tenetur         Abbas, ante decem corpus qui liquerat annos.         V entorum incursus tempestatumque furores,         V im pluviae, multumque (ferens?) discrimen ibidem,         A bluit incauto quidquid neglexerat actu. – – Canisius l. l.   Migne l. l. p. 1072 A. Auch ein Bischof, der von solchen Visionen nichts wissen wollte, sie vielmehr deliramenta nannte, weilt dort; auch sein Name wie der von andern, die hier büssen, wird durch ein Acrostichon angegeben. Ein paar der Acrosticha hat zuerst Bock entdeckt a. a. O. L, S. 68. Durch solche Angabe von Namen unterscheidet sich das Gedicht auch von der Prosa, die sie verschweigt. Zu ihnen gesellt sich kein Geringerer, als der grosse Karl selbst, der hier, wie Wettin mit Schrecken schaut, für seine Ausschweifungen büsst, denen er selbst bis zum Tode sich hingab.         C ontemplatur item quemdam lustrante pupilla,         A usoniae quondam qui regna tenebat et altae         R omanae gentis, fixo consistere gressu,         O ppositumque animal lacerare virilia stantis,         L aetaque per reliquum corpus lue membra carebant.         V iderat haec, magnoque stupens terrore profatur:         S ortibus hic hominum, dum vitam in corpore gessit,         I ustitiae nutritor erat saecloque moderno         M axima pro Domino fecit documenta vigere,         P rotexitque pio sacram tutamine plebem;         E t velut in mundo sumpsit speciale cacumen,         R ecta volens dulcique volans per regna favore.         A st hic quam saeva sub conditione tenetur,         T am tristique notam sustentat peste severam,         O ro, refer. Tum ductor: In his cruciatibus, inquit,         R estat ob hoc, quando bona facta libidine turpi         Foedavit etc. Canisius p. 212.   Migne l. l. p. 1073 B. Der Dichter widmet ihm aber im übrigen 152 schöne Worte des Lobs, denn auch der Engel versichert, dass Karl zum ewigen Leben bestimmt sei. – Dort sah dann Wettin auch prachtvolle Geschenke von dem Teufel zugerüstet, kostbare Gewänder, reich geschmückte Rosse u. s. w.; es sind die Mittel der Bestechung der Grafen, welche die hierher kommenden Sünder dort vorfinden. Gegen diese untreuen Beamten flicht hier der Dichter eine heftige Invective ein. Darauf führt aber die Erzählung Wettin zu den Mauern Der Visionär hat wohl an die Mauern des himmlischen Jerusalem gedacht. Apocalyps. c. 21, v. 12. Vgl. auch Bd. I, S. 616. einer prachtvollen Besitzung ( sedes ) mit Bogen von Gold und Silber – die Beschreibung der Oertlichkeit ist wenig klar –: es ist das Paradies , und hier verkündigt der Engel seinem Begleiter, dass derselbe am Tage darauf das irdische Leben verlassen werde, und nun erstreben möge, noch sich der Gnade Christi zu versichern. Wettin sucht sie dann durch die Fürbitte der Heiligen zu erlangen, zunächst der Priester, dann der Märtyrer, die zum Throne Christi deshalb hinziehen, aber vergeblich durch diese; erst die Fürsprache der heiligen Jungfrauen hilft ihm. Hier folgt nun ein Preis der Jungfräulichkeit von Seiten des Dichters, dann eine heftige Strafpredigt des Engels gegen deren ärgste Feindin, die Sodomie Vgl. Prudentius' Psychomachia (v. 40 ff.), wo mit der Pudicitia die Sodomita libido kämpft. S. auch Bd. I, S. 272. – und der Engel fordert, dass Wettin, ins Leben zurückgekehrt, seine Worte mittheile – ferner weitere Ermahnungen an die Mönche und Nonnen; und zum Schluss seiner Rede rühmt der Engel einen grossen Wohlthäter des Klosters, Gerold, den Bruder der Gemalin Karls, Hildegard. – Hiermit schliesst die Geschichte der Vision; der Dichter erzählt dann noch, wie Wettin nach seinem Erwachen sie mittheilte, und das Ende desselben, wobei er einzelnes interessante zu Haito's Darstellung hinzufügt. Ausser der eben betrachteten hat Walahfrid noch mehrere andre grössere erzählende oder beschreibende Dichtungen in 153 Hexametern verfasst, von welchen zwei noch der geistlichen Poesie angehören. Es sind zwei Heiligenleben, die stofflich interessanter als viele sind und einen gewissen poetischen Reiz besitzen. Das eine, kürzer und früher verfasst, ist die Vita S. Blaitmaici (10 Capp. und gegen 200 V.). Der Held ist ein irischer Königssohn und Thronerbe, der, von Jugend auf zur Askese geneigt, heimlich in ein Kloster geht. Vergeblich sendet der Vater die weltlichen und geistlichen Grossen ihn zurückzuführen. Blaitmaic glänzt dann bald durch seine Tugenden wie seine Gelehrsamkeit. Aber er wünscht sich noch die Palme des Martyrthums und so begibt er sich deshalb nach der Insel Hy bei Schottland, die den Angriffen der Normannen so sehr ausgesetzt war. Bei einem solchen findet er denn auch den ersehnten Tod, indem er den kostbaren Sarg des Columba auszuliefern verweigerte. – Die Katastrophe ist mit grosser Lebendigkeit erzählt, wie sich denn überhaupt diese Vita durch Kürze der Darstellung und einen kräftigen Versbau auszeichnet. Weit umfangreicher (26 Capp. und gegen 650 V.), aber in der Ausführung weniger zu loben ist das andre Gedicht, die Vita S. Mammae . Ihm geht ein Vorwort in einem besondern Metrum, dem kleineren asklepiadeischen, voraus, demselben welches Prudentius zu seiner Praefatio des ersten Buches Contra Symmachum verwandte. Hier, wie schon in einem Prolog zu der andern Vita, stellt Walahfrid diese poetischen Heiligenleben den antiken Epen gegenüber, die Heiligen sind die christlichen Heroen, eine ja alt überlieferte Anschauung. – Der Held dieser Dichtung ist eine originelle Persönlichkeit. Mammes aus Caesarea ist auch schon als Kind der Askese ergeben. Früh verwaist, flüchtet der zwölfjährige bei der Christenverfolgung unter Aurelian ins Gebirge, wo er Schafe hütet und von ihrer Milch lebt. In wunderbarer Weise erhält er dort die besondere Gnade, das Evangelium den Thieren des Waldes zu predigen, die in einer kleinen Kapelle um ihn sich versammeln, seinem Vortrag der Bibel zu lauschen, und kniend adoriren.         Dumque sacros versus depromeret ore beato,         Silvestres venere greges, animalia iussu         Acta Dei, fixoque genu patienter adorant.         Quo recitante tacent et acutis auribus adstant etc. c. 4. Es sind die wilden Schaf- oder Ziegenherden. Sie 154 lassen sich dann nach diesem Gottesdienst von dem Heiligen melken, der von der Menge der Milch Käse bereitet und ihn den Armen verschenkt. Neidische Bürger, die das Wunder mit ansahen, klagen Mammes der Zauberei an. Der Präses sendet Häscher aus ihn vorzuführen, aber sie wagen nicht ihn anzutasten. Mammes stellt sich freiwillig. Er läugnet, auf Zauberei sich zu verstehen, aber er verweigert, dies bei Caesar und Fortuna zu beschwören, oder den Göttern zu opfern. So wird er gefoltert und in das Gefängniss gesetzt; dorthin bringen ihm Tauben Speise. Vergeblich wird er dann in einen feurigen Ofen geworfen: eine Taube vom Himmel gesandt, löscht die Flamme. Nun soll er im Amphitheater von wilden Thieren zerrissen werden, aber sie schmeicheln ihm, ja einer der Löwen zerreisst statt seiner die zuschauenden Heiden und Juden. Auch gesteinigt, bleibt Mammes unverletzt. Nachdem er so über seine Feinde triumphirt, wird er durch eine himmlische Stimme abberufen: er bittet für jene und entschläft. Der Dichter schliesst mit seinem Lobe, indem er ihn mit andern Frommen vergleicht. Die Wahl des Stoffes zeigt den Dichter, denn in jenem steckt in der That ein poetischer Kern, aber er ist zu wenig herausgearbeitet, dabei ist die Darstellung zu weitläufig und das Pathos hält sich nicht überall frei von Schwulst. Andrerseits finden sich aber auch manche anziehende Stellen, und für jene Zeit war selbst das Ganze in seinem leicht fliessenden Vers immerhin keine geringe Leistung. Doch verschmäht auch Walahfrid nicht ganz den Effect formeller Künsteleien, wie hier und da einmal die Alliteration in übertriebener Weise, z. B. c. 9:         Flectere, frange fidem, facilis fuga, forte furoris und kurz vorher:         Nec poteris poenas penitus perferre paratas . Von besonderem Interesse sind dagegen die beiden grösseren weltlichen Dichtungen. Die ältere ist jenes Gedicht, durch welches Walahfrid in Achen 829 seine erste Huldigung darbrachte und seine erste Begegnung mit dem Kaiser und seinem Hofe erzählt, die Versus de imagine Tetrici Die vollständige Ueberschrift s. oben S. 145 Anm. 2. – S. darüber namentlich Bock, Die Reiterstatue des Ostgothenkönigs Theodorich vor dem Palaste Karls d. Gr. zu Achen, in: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Hft. L. Bonn 1871. u. vgl. damit die frühere Arbeit Bocks (s. S. 145 Anm. 2.) und H. Grimm, Das Reiterstandbild des Theodorich zu Achen und das Gedicht des Walahfrid darauf. Berlin 1869. , 268 Hexameter 155 mit einem Nachwort von 3 Distichen. Dieses literargeschichtlich wie historisch interessante Werkchen hat auch eine originelle Einkleidung. Es beginnt nämlich mit einem Zwiegespräch des Strabus und seiner Scintilla , d. h. seinem poetischen Genius, während der Dichter neben der vor dem kaiserlichen Palast zu Achen aufgestellten Reiterstatue des grossen Theoderich sich befindet, die Karl der Grosse 801 von Ravenna entführt hatte. Strabus fragt die Scintilla, warum sie in dieser holden Frühlingszeit – die er kurz schildert – seinem Rufe nicht antworte. Scintilla erwiedert: er werde wohl wissen, wie die alten Dichter um zu singen die Natureinsamkeit aufgesucht hätten; hier aber sei kein Ort zum Dichten, hier wo eine schmutzige Menge sich dränge, wo Bettler und Kläger laut lärmten. Er möge deshalb verzeihen, wenn sie nur wenig rede, da sie ihm doch antworten wolle. Der Dichter fragt nun nach der Bildsäule, neben der er sich befindet, und Scintilla erklärt sie ihm, die Einzelheiten deutend. Tetricus – Dietrich – wird hier im Geiste der römisch-klerikalen wie römisch-nationalen Ueberlieferung S. Bd. I, S. 521 Anm. 2. , indem namentlich auch Boëtius Dessen Consolatio philosophiae Walahfrid in diesem Gedicht benutzt hat. Walahfrids Urtheil beeinflusste, als der abscheuliche, der Hölle überlieferte Tyrann betrachtet, zugleich aber als ein Typus der Avaritia und Superbia, in welchem Sinne Einzelheiten des Kunstwerks gedeutet werden. Dieses Gespräch über die Statue des Tyrannen bildet aber nur die Folie für die folgende Darstellung, einen Panegyricus auf Kaiser Ludwig, der das vollkommene Gegentheil von Dietrich ist. Den Uebergang bilden die Worte des Strabus v. 89 f.:         Dignum est, ut video, praemissis tristibus ergo         Debita principibus laudum persolvere vota. Durch Ludwig, sagt Scintilla, ihn apostrophirend, sei das goldene Zeitalter zurückgekehrt; was etwa noch fehle, ergänze er durch seine Frömmigkeit. Wenn andre durch Schätze, so möge er durch Verdienste geschmückt sein, er gefalle durch Güte, während andre der Tyrannei sich erfreuen. Nur mit Moses sei er zu vergleichen, indem er die Völker der Finsterniss 156 entreisse und die ihm verliehenen Gaben Christi allen gemein mache. – Die Ausbreitung des Christenthums meint hier der Dichter, vielleicht im besondern Hinblick auf die Taufe Haralds (826) und die nordischen Missionen. – Und so übertrifft Ludwig noch Moses, denn: »jener hatte nur den Schatten, du den Leib.« Der Dichter vergleicht dann die Stiftshütte mit dem Tempel der Pfalz und seinen goldenen Bildwerken; wurde jene in einer Einöde errichtet, so dieser in der anmuthigsten Umgebung, in der Nähe des Parkes, wo wilde Thiere Gewiss keine blosse Phantasie, wie schon Bock a. a. O. L, S. 38 richtig bemerkt, da ja schon Karl d. Gr. manche Geschenke von wilden Thieren erhielt. mit zahmen spielen, und von dem höchsten Gipfel der luftigen Eiche die Vögel singen und zwitschern. Aber da ertönt von der andern Seite liebliches Orgelspiel, und das Getäfel der von der Pfalz zur Kirche führenden Halle dröhnt von der grossen prächtigen Schaar, die dem herrlichen Moses folgt. Der Dichter sieht Ludwig, zwei Söhne neben sich, zur Rechten die beste Hoffnung des Reichs, ein Josua, dem nichts von Sitten, Tugend und Ehre fehlt, es ist Lothar; zur Linken Jonathan, der friedfertige, brave, immer siegreiche, des väterlichen Namens würdige, es ist Ludwig der Deutsche: ist sein Besitz geringer, so bietet die Eintracht Ersatz. Nec doleas, quod gaza negat, concordia praestat v. 173. Damit wird wohl auf die einheitliche Nationalität Deutschlands hingewiesen. Des abwesenden Pippin wird nur flüchtig gedacht: desto ausführlicher der »schönen Rachel«, die Benjamin führt, so wird die Kaiserin Judith nach der zweiten Gattin Jakobs genannt. Trotz der zarten Jugend zeigt Karl schon reifen Verstand: er soll in Thaten, Charakter, Tugend, Triumphen dem nachfolgen, dessen Namen er trägt. Die Kaiserin aber wird dann nicht bloss mit der biblischen Judith, sondern auch mit der Pauken schlagenden Maria verglichen, denn sie spielt die Orgel vortrefflich. Was das Geschlecht ihr versagte, ersetzt sie durch ihre Bildung, die des Dichters Verwunderung errege. Ihren Verstand, ihre Güte, ihren muthigen Sinn, ihre witzige Rede preist er, indem er mit Begeisterung ihr Glück wünscht.         Quicquid enim tibimet sexus subtraxit egestas,         Reddidit ingeniis culta atque exercita vita,         In qua multa simul nobis miranda videmus:         Semine stat locuples, apparet dogmate dives,         Est ratione potens, est cum pietate pudica,         Dulcis amore, valens animo, sermone faceta:         Laeta cubans, sit laeta sedens, sit laeta resurgens         Laeteturque poli felix in sede locata. v. 204 ff. – 157 Nun folgt an der Spitze der Grossen, im prachtvollen hohenpriesterlichen Gewande Aaron, der aber keine Götzenbilder giesst, d. h. hier zugleich, frei von Geiz ist: auch ihm – es ist Hilduin – bringt der Dichter seine Glückwünsche dar. Nicht minder verehrt er den folgenden: es ist Beseleel (Einhard), der in seiner kleinen Gestalt zeigt, wie Gott das Schwache erkiest, und das Starke verachtet. Zuletzt gedenkt Walahfrid noch des Grimald, seines Lehrers, der im verborgenen den Musen huldige; denn alle die Grossen würdig zu feiern, sei ihm unmöglich, auch wenn er noch so viel Zungen hätte. Während der Dichter aber in dieses Anschauen und diese Betrachtungen versunken ist, wird er plötzlich gefragt – nach dem Folgenden offenbar von dem Kaiser S. meinen Aufsatz S. 105. – woher er wäre und auf wessen Sendung er da sei. Zitternd gibt er ausführliche Antwort; einmal möge er diesen Anblick gehabt haben, aber beständige Liebe dränge ihn zu preisen: die göttliche Gnade möge den Kaiser mit seinen Nachkommen die Trophäen und den Ruhm der Väter behalten lassen, und sie einst in den Senat des Himmels aufnehmen. Wie das Wild den Bogen Ludwigs fürchte, so sollen die wilden Völker, Bulgaren, Sarazenen, Britten, Dänen u. s. w. sich ihm unterwerfen. Heil dem Staate, wenn die Könige weise sind und die Weisen herrschen. Zum Schluss nimmt der Dichter von dem thörichten Dietrich Abschied, der ihn zum Singen veranlasste: da sei es freilich kein Wunder, wenn das Gedicht mangelhaft sei. Diese Dichtung, die in ihrer durchaus originellen Anlage das schöpferische Talent Walahfrids recht zeigt, hat noch die literargeschichtliche Bedeutung, dass in ihr die höfische Poesie des Zeitalters Karls des Grossen eine Fortsetzung findet; sie erinnert an die Eklogenpoesie eines Naso, wie an das dem Angilbert beigelegte epische Gedicht; zugleich ist leicht zu erkennen, dass an der Stelle des kaiserlichen Kunstfreunds, jetzt die hochbegabte, ihren Gemal weit überragende und 158 beherrschende Judith es ist, welche Poesie und Wissenschaft begünstigt. Die letzte der grösseren Dichtungen Walahfrids, auch beschreibender, dabei aber zugleich didactischer Natur, ist die bekannteste von allen, da sie nicht bloss den Beifall des Mittelalters Auch wurde sie nachgeahmt, und zwar in grösserem Massstab, schon im 10. Jahrh. von einem Autor der sich Macer Floridus nennt, in der Dichtung De viribus herbarum . , sondern auch den der Humanisten gewann, wie sie denn auch im 16. Jahrhundert nicht weniger als achtmal im Drucke erschien (zuerst 1510): es ist der Hortulus , ein Gedicht von 444 Hexametern, worin Walahfrid als Abt sein Klostergärtchen beschreibt, und zwar zunächst seinem alten Lehrer Grimald, der damals selbst Abt von St. Gallen war, denn ihm ist das Werkchen gewidmet. Wie dasselbe so recht als der Ausdruck eines sorgenfreien Gemüthes erscheint, so beginnt auch der Verfasser einleitend mit dem Satze, dass unter den Merkmalen eines friedlichen Lebens nicht das geringste die Gartenkultur sei. Und überall, auf jedem Boden, liesse ein Garten sich herstellen, wenn man es nur versteht, die Arbeit nicht scheut und den Dünger nicht spart. Das weiss der Dichter nicht bloss aus alten Büchern oder von Hörensagen, sondern aus eigener Erfahrung. Er erzählt dann im ersten Kapitel, wie er den kleinen Hofraum urbar machte, von Nesseln und Maulwürfen gereinigt, eingezäunt und bestellt habe. Im Folgenden will er nun die Ernte, die Frucht dieser Bemühungen berichten, indem er in einzelnen Kapiteln alle die Pflanzen und Blumen vorführt, die er in dem Gärtchen gezogen. Es sind im Ganzen 23, eine jede in einem Kapitel behandelt, nämlich Salvei, Raute, Stabwurz, Gurke, Melone, Absinth, Andorn, Fenchel, Schwertlilie, Liebstöckel, Körbel, Lilie, Mohn, Sclarea, Minze, Polei, Eppich, Betonica, Ackermennig, Meertraube, Katzenminze, Rettig und Rose. Sie werden mehr oder weniger ausführlich, öfters wirklich poetisch geschildert, und ihre heilkräftigen Eigenschaften gerühmt Um ein Beispiel zu geben, wähle ich ein kürzeres Kapitel, das sich ganz mittheilen lässt: c. III. Ruta (v. 83 ff.).         Hoc nemus umbriferum pingit viridissima Rutae         Silvula caeruleae, foliis quac praedita parvis,         Umbellas iaculata breves, spiramina venti         Et radios Phoebi caules transmittit ad imos,         Attactuque graves leni dispergit odores;         Haec cum multiplici vigeat virtute medelae,         Dicitur occultis adprime obstare venenis,         Toxicaque invasis incommoda pellere fibris. , ja 159 es wird selbst ihre medicinische Verwendung genauer gelehrt. S. z. B. cap. IX. Apium. Vor allem war also der Garten ein pharmaceutischer, welcher der Apotheke des Klosters zum Vortheil gereichte. Die Dichtung hat einen durchaus weltlichen Charakter, wie denn auch die antike Mythologie als ästhetisches Mittel hier ohne Bedenken verwandt wird, so finden sich nicht bloss Priapus, Bacchus, Erato als allegorische Ausdrücke, sondern es wird auch antiker Fabeln wie des Hyacinth, der Latona nach Ovids Metamorphosen S. v. 221 f. u. 261 ff. gedacht. Nur das letzte, der Rose gewidmete Gedicht erhält ein geistliches Gepräge, indem diese »Blume der Blumen« mit der Lilie verglichen wird: beide bezeichnen die höchsten Palmen der Kirche, wie die eine der Märtyrer Blut, so die andere die glänzende Reinheit des Glaubens; hieran reiht sich dann noch eine Apostrophe an die heil. Jungfrau. Zum Schluss folgt die Widmung, die auch in eine anmuthige Form gekleidet ist: Grimald soll das Büchlein lesen, während er unter dem Schatten des Pfirsichbaumes sitzt, und seine Schulknaben fröhlich im Spiel sich tummelnd, die grossen zartwolligen Früchte auflesen, die sie mit einer Hand kaum fassen können. Trotz einzelner Reminiscenzen aus Virgils Georgica und aus Columella ist auch diese Dichtung Walahfrids im Ganzen durchaus originell, und weiss einer sinnigen Naturbetrachtung einen anmuthigen Ausdruck in fliessenden Versen zu geben. Ausser diesen grösseren Dichtungen hat Walahfrid noch eine Anzahl kleinere hinterlassen. Die meisten von ihnen gehören auch der weltlichen Poesie an: es sind vornehmlich theils in Reichenau entstandene Jugendgedichte, wie sich denn eine Sammlung unter dem Titel: Versus quos post annum aetatis quintum decimum edidit de rebus humanis erhalten hat, theils an dem Hofe der Judith verfasste. Die meisten sind, in der Form von Episteln , an bestimmte Personen gerichtet, in Hexametern oder Distichen. Oft sind diese Gedichte schon durch die Persönlichkeit des Adressaten von Interesse. Unter 160 denselben finden wir Autoren, wie den Historiker Thegan – welche Epistel im Namen von Tatto, Walahfrids Lehrer, verfasst ist – den Bischof Modoin, der auch hier als Dichter gepriesen wird Vgl. oben S. 82 . , Agobard – in welchem Gedicht dessen Diacon Florus besonders verherrlicht wird – Raban und Gottschalk; andrerseits den Kaiser Ludwig und die Seinigen, Judith, den jungen Karl, den der Dichter als Lehrer ermahnt, Hilduin (ein Dankschreiben), die Verwandten der Judith, Graf Konrad, ihren Neffen, u. s. w. Von diesen Gedichten verdienen ein paar besondere Berücksichtigung. Das eine an Judith (50 Hex.) erzählt einen tröstenden Traum, den Walahfrid in der Zeit, wo die Lage des Kaisers eine sehr traurige war, gehabt hatte. Das Gedicht beginnt mit einem ergreifenden Zeitgemälde:         Temporis infausta sub potestate dolendi,         Dum fraudis commenta pios populumque patremque         Opprimerent, sanctamque fidem delere pararent         Praescripta exsiliis, odio, vi, carcere, ferro:         Tunc iacuere boni nebula moeroris opaci,         Solaque per gremium regni nutantis ineptos         Perfidia exseruit terrore tyrannidis ausus – – Canisius p. 234.   Migne l. l. p. 1096. Das andre, ein längeres Gedicht von 100 Hexametern, ist ein ächt poetisches Werk, an dem Herz und Gesinnung Walahfrids ihren vollen Antheil haben; es ist an »den Laien Ruodbern« – später, wie Dümmler meint Gesch. des ostfränk. Reichs I, S. 95 u. vgl. Simson a. a. O. II, S. 99. , Cubicularius Karls des Kahlen – gerichtet, dessen Treue in einer so treulosen Zeit der Dichter feiert, indem er schildert, unter welchen Schwierigkeiten und Gefahren der Alpenreise wie der Nachstellungen der Feinde Schön sagt der Dichter u. a.:         Nox obscura diem, noctem lux ipsa timebat;         Nulla domo campove quies, timor undique pulsans:         Sola fides rectique sibi mens conscia tantum         Suasit opus, docuitque aliquam sperare salutem. Canisius p. 239.   Migne l. l. p. 1101. dieser treue Diener des Kaisers Judith in Italien aufsuchte und ihre Befreiung vorbereitete. Aus einer späteren Zeit ist noch bemerkenswerth ein Gedicht an Lothar (84 Hex.) Von Dümmler zuerst herausgegeben in der Zeitschr. für deutsches Alterth. N. F. VII, S. 462. , 161 worin ihn Walahfrid, nach seiner Vertreibung aus Reichenau, in Speier um Unterstützung bittet und dabei seiner kaiserlichen Gesinnung wie seinem Schmerze über den Tod seines Gönners, Ludwigs des Frommen, Ausdruck gibt. Auch Epigramme , namentlich Inschriften hat Walahfrid verfasst; unter jenen finden sich auch einige scherzhafte. So ein Billet an einen Poeten, einen Schotten: Versibus atque metris par est donare poetam bei Canisius p. 242, Migne l. l. p. 1104. Er hat sich aber auch als Lyriker versucht. So haben wir von ihm ein kurzes Lobgedicht auf die Gemalin des oben erwähnten Grafen Konrad, Adelheid in phaläcischen Elfsilblern; interessanter ist ein längeres Gedicht De carnis petulantia in zehn sechszeiligen Strophen glyconischer Verse Ein Metrum, dem wir auch in Prudentius' Peristeph. VII, nur in fünfzeiligen Strophen, begegnen. (Bd. I, S. 255 ist das Metrum irriger Weise anders bestimmt, was hiernach zu ändern.) Walahfrids Gedicht beginnt:         Quisquis tramite pendulo         Declivique spheram loco         Plana ponit in area,         Ni prensum teneat manu:         Statim cernit ad infima         Cursu nare volubili. Canis. p. 252, Migne l. l. p. 1114. , worin die Nothwendigkeit, bei Zeiten jenem Fehler Einhalt zu thun, in einer Reihe von Bildern gezeigt wird: das Gedicht hat einen volksmässigen liederartigen Charakter, obgleich es in quantitativen Versen und ohne beabsichtigten Reim geschrieben ist (der sich überhaupt nur ein paarmal hier findet). Ferner ein längeres Gedicht in sapphischen Strophen, worin unser Poet, nachdem er Raban verlassen, auf einem einsamen Gute mitten im kältesten Winter, wie es scheint in einer Cella Fulda's, seine traurige Lage beklagt und seinem Heimweh nach dem schönen Reichenau, das er jetzt empfindet, einen zärtlich gefühlvollen Ausdruck gibt. Dies Gedicht habe ich zuerst herausgegeben im Anhang meines Aufsatzes S. 109 ff. Auch Hymnen hat Walahfrid gedichtet: so ein paar auch im sapphischen Metrum, davon eine auf Christi Geburt, worin er am Schluss dessen Segen für Kaiser Ludwig, Judith und ihren Sohn erfleht; eine andre auf die Translation der 162 Gebeine des heil. Januarius nach Reichenau durch Kaiser Lothar. Die erstere bei Canis. p. 223 f. Migne l. l. p. 1085; die andre von Dümmler herausgeg. im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F. Bd. 23 (1876), S. 178 f. – Auch eine Hymne » In natalem S. Mammae « hat Walahfrid gedichtet im Ambrosianischen Metrum, die aber wenig bedeutend ist. Weit bedeutender ist eine in 33 vierzeiligen Strophen phaläcischer Verse im Stile der Peristephanon des Prudentius und offenbar nach seinem Vorbild verfasste Hymne, welche den Märtyrern von Agaunum, dem heutigen St. Moriz in Wallis, gewidmet ist, der so genannten thebaischen Legion, die dort wegen ihres Christenthums, nach einer aus dem Orient übertragenen Sage, 285 trotz bewährten Waffenruhms auf kaiserlichen Befehl vernichtet sein sollte. Namentlich sind die Reden des »Führers« ( dux ) und der Soldaten vortrefflich; wie denn die Hymne überhaupt in kräftigem Stil und Vers geschrieben ist. Wie in diesem Gedichte besonders, so hat Walahfrid im allgemeinen vor andern christlichen Dichtern Prudentius sich zum Muster genommen, namentlich auch, wie schon angedeutet, in metrischer Hinsicht. Von den Prosawerken Walahfrids ist das einzige selbständige und bedeutendere, das zugleich von allgemeinem Interesse ist, sein Buch: De ecclesiasticarum rerum exordiis et incrementis . Dasselbe ist laut der Vorrede auf den Wunsch des gelehrten Bibliothekars von Reichenau S. über ihn König a. a. O. S. 372 f., und vgl. von demselben Verf.: Die Reichenauer Bibliothek, in dem 4. Bd. des Freiburg. Diöcesan-Archiv, insbesondere S. 263 ff. , Reginbert und zwar zur Ergänzung früherer Schriften über Liturgik verfasst. Walahfrid hat hier zuerst eine historisch-kritische Behandlung derselben versucht, indem er, wie er in der Vorrede sagt, anzeigen will, »woher dies oder jenes zur Gewohnheit wurde und im Verlauf der Zeit sich gestaltete«; also will er eine Entwickelungsgeschichte einzelner zum Kultus gehöriger Dinge geben. Da das Werk als Ergänzung nur auf einzelnes sich bezieht, so erklärt sich der essaiartige Charakter der Darstellung, der Mangel einer systematischen Anlage, sowie manche Abschweifungen, auch fehlt deshalb die mystische Erklärung. Der Verfasser beginnt mit den Kulturstätten, Tempeln und Altären; c. 5 handelt von den Glocken; c. 6 wird eine 163 Erklärung der lateinischen Namen der kirchlichen Gebäude und ihrer Theile gegeben; dem schliesst sich nun ein besonders interessantes Kapitel (7) an: die Erklärung des deutschen Namens des Gotteshauses. Der Verfasser thut dies, wie er sagt, auf die Gefahr hin, den Lateinern lächerlich zu erscheinen, deren Hochmuth er hier mit heiterer Ironie, in welcher Walahfrids patriotische Gesinnung sich spiegelt, verspottet. Dicam tamen etiam secundum nostram barbariem, quae est Theotisca, quo nomine eadem domus Dei appellatur: ridiculo futurus Latinis, si qui forte haec legerint, qui velint simiarum informes natos inter augustorum liberos computare. Scimus tamen et Salomoni (qui in multis typum gessit Domini Salvatoris) inter pavones simias fuisse delatas (III. Reg. c. 10). Es sollen es nur die Landsleute lesen, und erfahren, dass sie in vielen Dingen die Weisheit der Griechen und Römer nachahmen. Diese besteht nämlich hier darin, mit den Dingen auch die Namen derselben andern Völkern zu entlehnen. Wie die Griechen und Lateiner solche den Hebräern entnahmen, und die Lateiner zugleich den Griechen, so die Deutschen den Lateinern wieder. Dies gälte namentlich von fast allen kirchlichen Gegenständen, aber auch in die gemeine Sprache sei vieles aus dem Lateinischen übergegangen, das selbst wieder aus dem Griechischem stamme, wie »Vater«, »Mutter«. So wird denn Kirche von Kyriaca hergeleitet. Die Aufnahme der aus dem Griechischen stammenden Wörter in die deutsche Sprache wurde aber vermittelt durch die im römischen Kriegsdienst stehenden Barbaren und ihre Bekehrung, namentlich durch die Gothen, deren noch erhaltener Bibelübersetzung hier Walahfrid gedenkt. – Das nächste Kapitel (8) hatte ein actuelles Interesse, indem es die Bilder und ihre Verehrung zum Gegenstand hat, wo denn Walahfrid die deutsche verständige, vermittelnde Ansicht vertritt. – Ausführlich wird im weiter Folgenden (c. 14 ff.) die Messe behandelt, und dabei auch der Hymnen (c. 25) und ihrer Geschichte besonders und zwar ganz ausführlich gedacht, ein Abschnitt der recht die grosse Belesenheit des Verfassers zeigt. Beachtenswerth ist, dass auch hier metrische und rythmische, sowie Hymnen im allgemeinen Sinne neben den eigentlichen unterschieden werden. Notandum, hymnos dici non tantum qui metris vel rhythmis decurrunt – – verum etia caeteras laudationes, quae verbis convenientibus et sonis dulcibus proferuntur. Unde et liber Psalmorum apud Hebraeos liber hymnorum vocatur. Et quamvis in quibusdam ecclesiis hymni raetrici non cantentur, tamen in omnibus generales hymni, id est, laudes dicuntur. – Auch eine literarhistorische Kritik zeigt schon Walahfrid, indem er unter den hymni Ambrosiani die von Ambrosius selbst und die von seinen Nachahmern gemachten unterscheidet, welche letzteren durch Inhalt wie Sprache sich von jenen oft unterschieden. Vgl. Bd. I, S. 171. – 164 Besondere Erwähnung verdient noch das eigenthümliche Schlusskapitel (31), welches für den Historiker werthvoll ist: es enthält nämlich eine Vergleichung der geistlichen Würden mit den weltlichen, so wird dem Papst der Kaiser gegenübergestellt, den Patriarchen die Patricii – wohl in Erinnerung an die Stellung der Frankenkönige vor dem Kaiserthum Karls – den Erzbischöfen die Könige, den Metropolitanen die Herzöge; und so wird die Stufenleiter hinabgeführt bis zu den Acoluthen, Lectoren, Cantoren und Psalmisten, denen auf weltlicher Seite die » Veredarii (Couriere), Commentarienses, Ludorum exhibitores, Carminum pompatici relatores « gegenüberstehen. Die beiden zuletzt genannten weltlichen dignitates sind besonders interessant, es können darunter nur Hofspielleute und Sänger vorstanden werden, namentlich Joculatores , die bei Hofe angestellt waren. Am wenigsten selbständig erscheint unser Autor in seinem umfangreichsten, rein theologischen Werke, das ihm den meisten Ruhm eintrug und sich noch bis in das 17. Jahrhundert in Ansehen erhielt; es ist die Glossa ordinaria d. h. ein kurzer Commentar der ganzen Bibel, grossentheils aus den Commentaren des Raban gezogen, welche selbst, wie wir sahen, fast nur Compilationen sind, ein Werk erstaunlichen Fleisses, das von andern erweitert, das beliebteste Hülfsmittel für die Bibelerklärung im Mittelalter blieb. In diesem Werk bewährte sich Walahfrid recht als Schüler Rabans. Seine humanistische Bildung aber machte ihn auch zum Bearbeiter und Herausgeber von Werken andrer. So überarbeitete er zunächst auf den Wunsch des Abtes Gozbert von St. Gallen die alte Vita des h.  Gallus , dann im Anschluss hieran zwei hagiographische Werke eines gleichnamigen Neffen jenes Abtes, des Diacon Gozbert, der es selbst verlangte, nämlich eine Fortsetzung jener Vita – ein Buch von den nach dem Tode des Heiligen geschehenen Wundern – und das Leben 165 des ersten Abtes des Klosters, des heil. Othmar . S. die beiden letzten Werke in: Monum. German. histor. Script. T. II, p. 21 ff. u. p. 41 ff., das erste in Mabillons Acta S S. ord. Bened. Saec. II. Diese Bearbeitungen geschahen aus formalen Rücksichten; es wurde einmal dem alten Werk ein neues stilistisches Gewand angelegt oder, wie bei Gozberts Schriften, dieses verbessert: wie weit Walahfrid in seiner Bemühung um den Color latinus ging, zeigt, dass er sogar die Namen der Zeugen der Wunder des heil. Gallus lieber wegliess, als durch ihre barbarischen Formen »die Ehre des lateinischen Ausdrucks« zu beschmutzen ( V. S. Galli l. II, c. 10); ferner hat Walahfrid auch gekürzt, beziehungsweise zusammengezogen, um Langweiligkeit zu verhüten, wie er selbst sagt, und endlich auch, wenigstens bei der alten Vita, eine Eintheilung in Kapitel, zum leichteren Verständniss vorgenommen. In der Vorrede des eben erwähnten Buches findet sich aber auch ein kleiner selbständiger geographisch-kritischer Excurs über unsers Autors Heimath, Alamannien. Er hatte übrigens die Absicht, das Leben des heil. Gallus auch noch metrisch zu behandeln, kam aber nicht zu ihrer Ausführung. – Von Einhards Leben Karls veranstaltete Walahfrid eine neue Ausgabe, indem er dasselbe in Kapitel eintheilte und diesen Titel gab, um das Nachschlagen, wie er sagt, zu erleichtern. Zugleich fügte er einen zwar kurzen aber inhaltreichen Prolog hinzu, worin er eine kleine, heute sehr werthvolle Lebensnotiz und treffliche Charakteristik des Autors gibt. S. Jaffé's Ausgabe oben S. 92 Anm. 1. Bedenkt man dass Walahfrid im besten Mannesalter starb, so erscheint seine grosse und vielseitige literarische Thätigkeit doppelt bedeutend; dabei hat er zugleich als Lehrer sicher folgenreich gewirkt, indem er den einflussreichen Gönner der Wissenschaft und literarischen Kultur, Karl den Kahlen erzog und die ausgezeichnete Schule Reichenau's, der er selbst so viel verdankte, in ihrer Blüthe erhielt. Walahfrid erscheint nicht bloss als ein grosses, selbst schöpferisches Talent, das auch seine eigenen Wege zu gehen weiss, sondern auch als eine liebenswürdige Persönlichkeit, wie einzelne in seinen 166 Werken zerstreute Züge zeigen, unter welchen auch selbst der eines heitern Humors nicht fehlt.   Drittes Kapitel. Gottschalk. Ein andrer, schon genannter, berühmter Schüler Rabans, Gottschalk Migne, Patrologia latina Tom. 121, p. 345 ff. – Cellot, Historia Gotteschalci praedestiniani . Paris 1655. (Append.) – Dümmler, Gesch. des ostfränk. Reichs Bd. I, S. 311 ff. u. 384 ff. – Dümmler, N. A. S. 320. verdient hier als Dichter Erwähnung, und ist in dieser Rücksicht sogar besonders merkwürdig, so gering auch die Zahl der unter seinem Namen erhaltenen Gedichte ist. Der wichtigsten Momente seines Lebens bis zu seiner Verurtheilung auf der Synode zu Mainz 848 haben wir schon oben gedacht S. Seite 124 f. , und auf die Geschichte seiner Prädestinationslehre kommen wir bei der Literatur, die sie hervorrief, soweit dieselbe in den Kreis unserer Betrachtung gehört, weiter unten wiederholt zurück. Seine eigene Lage wurde durch seine in Mainz beschlossene Auslieferung an den Erzbischof von Reims nicht gebessert. Der Groll des mächtigsten Kirchenfürsten Deutschlands ging auf den Westfranciens über, Hincmar verfolgte den unbeugsamen Mönch ebenso grausam als Raban. Auf der Synode von Quierzy im folgenden Jahre 849 wurde Gottschalks Lehre von neuem verdammt und er selbst, nachdem er fast zu Tode gepeitscht worden, zur ewigen Einsperrung in dem Reimser Kloster Hautviller verurtheilt. Nachdem ihm dann im Anfang noch das Schreiben gestattet und so der Verkehr mit der Aussenwelt ermöglicht war, wurde ihm nach einigen Jahren auch diese Freiheit entzogen, die er freilich benutzt hatte, um seinen erzbischöflichen Verfolger persönlich zu kränken. Gegen Ende des sechsten Jahrzehnts starb Gottschalk, bis zum Tode seinen Meinungen treu, unversöhnt mit der Kirche. Was sich von prosaischen Werken desselben erhalten hat, ist ohne literarische Bedeutung, wie er denn auch nur 167 zkm Zweck seiner Vertheidigung es geschrieben hat. So haben wir zwei Confessionen , von denen die längere durch Stellen aus der Bibel und den Kirchenvätern seine in der Kürze dargelegte Prädestinationslehre begründen soll. Dann besitzen wir noch wenige Fragmente aus der auf der Mainzer Synode Raban übergebenen Vertheidigungsschrift, die von Hincmar in seinem Werk über die Prädestination angeführt sind. Capp. 5, 21, 24, 27, 29. Zur Verbreitung seiner Lehre bediente sich Gottschalk vornehmlich der mündlichen Rede. Seine wenigen Gedichte sind dagegen literarhistorisch wichtig. Einmal eine poetische Epistel an Gottschalks Freund, den Corbier Mönch Ratramnus , die inhaltlich wie formell von besonderem Interesse ist, und um so mehr als ihre Authentie nicht zu bezweifeln. Ebenso wie bei der an Gottschalk gerichteten Epistel Walahfrids Canisius a. a. O. pag. 254 f. Migne, Walahfr. Opp. II, pag. 1115 f.: Gottschalk wird hier mit seinem Beinamen Fulgentius genannt, den er wohl nach dem Vertheidiger des Augustinismus, dem Bischof von Ruspe führte. geht dem in Hexametern verfassten Schreiben ein in lyrischem Metrum gedichtetes Vorwort voraus, worin die Muse – bei Gottschalk Clio, bei Walahfrid Calliope – aufgefordert wird, dem Freund den poetischen Brief zu überbringen. So beginnt Walahfrids Gedicht: Velox, Calliope, viam frequenta und das des Gottschalk: Age, quaeso, perge, Clio . Das Metrum sind bei Gottschalk anacreontische Ionica a minori , bei Walahfrid dagegen phaläcische Verse. Die Verse Gottschalks aber sind in verschiedener Weise durchweg gereimt. Um davon Beispiele zu geben, v. 21 ff. (Cellot p. 415):         Tenearis ac decora,         Videas sodalis ora,         Bis enim venis ab illo         Speciosa iam magistro,         Adimens fel, imprimens mel. Hiermit in Uebereinstimmung sind die Hexameter des Briefes selbst leoninische , mit die ältesten überhaupt, die mit Bewusstsein in einem grösseren Gedichte vollständig durchgeführt sind. Um dieselbe Zeit etwa ist die Widmung eines prachtvollen Evangelienbuchs, welches ein Mönch von Hautviller geschrieben, an Ebbo, den Erzbischof von Reims, auch in leoninischen Hexametern verfasst; sie beginnt: Ebo, Remense decus, praesul pastorque coruscus, Celsa et clara farus, sanctis per saecula carus, Ordinis omnis honos pariterque piissimus heros. Man sieht hier schon die verschiedenen Arten des Reims der Hexameter neben dem eigentlichen leoninischen sporadisch sich einfinden. Das Gedicht, das vor der Absetzung Ebbo's 839, aber nicht lange vorher geschrieben, weil das Werk ihm nicht übergeben ist, ist herausgegeben von Paulin Paris in den Comptes rendus der Académie des inscript. et belles-lettres Sér. IV, T. 6 Paris 1879, p. 98 f. – S. darüber auch Dümmler, N. A. S. 269. Der Brief ist ein Antwortschreiben. Gottschalk dankt 168 zknächst dem Freunde für dessen »Metra«, womit er ihn unerwartet beglückt, indem er sie in poetisch überschwänglichen Ausdrücken rühmt. Sein krankes Gemüth habe in ihnen Trost gefunden. Möchte der Freund doch auch in Prosa ihm geschrieben haben – offenbar über Gottschalks Lehre ausführlicher. Er selbst könne dies nicht, ihm fehle die Zeit, da der Abt ihm bald das, bald jenes auferlege, auch fehle ihm die wissenschaftliche Bildung, habe er doch kaum ein Jahr die höhere Schule besucht Namque magisterio vix uno subditus anno. und auch hernach keinen Führer gehabt. Um eine klare Auslegung der Meinung ( sententia ) Augustins habe er die zahlreichen Gelehrten seines Landes, und selbst solche des Auslandes brieflich gebeten, dreien von ihnen, dem Marcward, Jonas und Lupus, aber auch »den eigentlichen Sinn« (der Meinung) mitgetheilt: niemand habe ihm aber ausser einem geantwortet, der als ein Schlauer mit keiner Partei es verderben wolle. Aus dieser Stelle namentlich ergibt sich, dass das Gedicht in Orbais verfasst ist. Denn Gottschalk begann erst der Prädestinationslehre Augustins zu huldigen, darum fragte er um Rath. Ferner befand er sich, wie die oben auch angezogene Stelle: » ut saltem hinc fingere ternas Litterulas liceat, quoniam imperium Patris instat Ad patrandum aliquid, cum hoc, tum protinus illud « zeigt, in einem Kloster. Und endlich kann die andre oben wiedergegebenen Stelle: » Denique sunt multi, Domino donante, magistri Hac regione siti, ingenio locuplete beati, Unde palatina plerique morantur in aula « damals wohl nur auf Westfrancien bezogen werden. Man könnte hiernach selbst glauben, dass Gottschalk erst nach d. J. 840, d. h. nach dem Antritt der Regierung Karls des Kahlen seine Lehre ausgebildet oder doch mitgetheilt habe, wenn er sie auch schon längere Zeit bei sich herumgetragen. – Der Schluss der Epistel fehlt. In den letzten Versen wird noch des Unterschieds der Electi und Reprobi gedacht. 169 Zwar ist der Stil öfters hölzern bis zur Unklarheit: trotzdem zeigt aber das Gedicht nicht bloss, dass sein Verfasser auch die Schule der poetischen Kunst durchgemacht, sondern an einzelnen Stellen selbst, dass es dieser tief innerlichen, leidenschaftlichen Natur nicht an dichterischer Empfindung fehlen konnte. Letzteres bezeugen noch mehr zwei rythmische Gedichte, die unter Gottschalks Namen in einer Handschrift des zehnten Jahrhunderts sich gefunden haben. In: Du Méril, Poésies populaires latines antérieures au XII. siècle . Paris 1843. p. 177 ff. u. 253 ff. In dem einen ( O Deus miseri ) bittet der Dichter Gott, sich seines elenden Knechts zu erbarmen, indem er ein Schuldbekenntniss ablegt, alle Heiligen, insonderheit Maria, Michael, Petrus, die Märtyrer, Patriarchen und Propheten, die frommen Jungfrauen sowie die Bekenner zur Unterstützung seiner Bitte anruft. Es ist ein langes Gedicht von zwanzig Strophen zu sieben Kurzzeilen, die sämmtlich auf einander reimen. Das andre Lied ( O quid iubes, pusiole ) von zehn Strophen zu sechs Kurzzeilen hat einen profaneren Charakter; es ist an einen jungen Schüler, wie es scheint von vornehmem Stande, gerichtet, der den Dichter auffordert »ein süsses Lied zu singen.« Dieser lehnt es zunächst ab, da ihm, der so fern von der Heimath, eher Weinen und Klagen zieme, und dem Schüler, mit ihm darin einzustimmen: war doch auch den Juden in Babylon zu singen verboten. Aber da der junge Freund auf seinem Wunsch besteht, so besingt der Dichter den dreieinigen Gott, dem er sein Heimweh klagt; denn er verweilt schon zwei Jahr auf einer Insel im Meer. Auch dies Gedicht ist ganz durchgereimt. Indem ich auf die Vers- und Reimform weiter unten bei einer allgemeinen Betrachtung der rythmischen Gedichte zurückkomme, sei hier nur bemerkt, dass die Vorliebe für den Reim und die Art seiner Anwendung in diesen Liedern Gottschalks sich ebenso wie in dem lyrischen Metrum seiner oben betrachteten Epistel findet; und dies spricht für ihre Authentie, der auch der Inhalt keineswegs widerstreitet. Dass Gottschalk lange auf Reisen, namentlich in Italien und Friaul sich befand, ist oben S. 125 bemerkt. So kann man bei dem zweiten Liede mit Du Méril an einen Aufenthalt auf einer Insel des adriatischen Meeres denken. 170   Viertes Kapitel. Ermoldus Nigellus. Das Fortwirken der ästhetischen Kultur des Zeitalters Karls des Grossen zeigt sich in der Jugendzeit Walahfrids auch in einem andern Dichter, der – obgleich nicht selbst ein Deutscher, doch von germanischer Abkunft Für dieselbe spricht mehr noch als der Name Ermold, seine Kenntniss des Deutschen, die er in der Etymologie von Eigennamen (s. l. I. v. 47 ff. die Ableitung von Ludwig) zeigt, oder wo er eine solche Kenntniss auch bei dem Leser voraussetzt, wenn er l. IV v. 657 f. von »Theutrammus« sagt: nomine dignus , ohne weitere Erklärung. – als ein merkwürdiger Vertreter der weltlichen Epik, zu welcher der grosse Kaiser die erste Anregung gegeben, erscheint: es ist dies Ermoldus Nigellus In: Monum. Germaniae histor. Scriptor. T. II p. 464 ff. – Uebersetzung von Pfund in: Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit. 9. Jahrh. 3. Bd. Berlin 1856 (Einleitung). – – Henkel, Ueber den historischen Werth der Gedichte des Ermoldus Nigellus. Progr. der höheren Bürgerschule in Eulenburg 1876. – Dümmler, N. A. S. 260 f. , dessen Dichtung über die Thaten des Kaisers Ludwig schon selbst für die volksthümliche Epik der Nationalliteratur des Mittelalters von Bedeutung ist. Ueber seine Persönlichkeit geben uns nur seine Gedichte einige Nachricht. Ein aquitanischer Mönch, stand er in naher Beziehung zu dem König Pippin, Ludwigs des Frommen Sohn, der eben Aquitanien regierte; eine sehr einflussreiche Stellung muss er bei ihm eingenommen haben: vielleicht war er sein Erzieher gewesen und wurde später sein Kanzler. Auch Dümmler meint, man dürfe Ermold mit grosser Wahrscheinlichkeit für identisch mit dem Kanzler Hermoldus halten, der im Jahre 838 unter mehreren Urkunden Pippins erscheint. Er begleitete Pippin sogar gewappnet ins Feld bei dem Kriegszug gegen die Bretonen i. J. 824. Aber er scheint auch den Ehrgeiz des jungen Königs so angestachelt zu haben, dass dieser selbst seinem Vater gegenüber sich geltend machte. So wurde Ermold von Ludwig aus Pippins Umgebung entfernt und nach Strassburg verbannt, wo er unter die Aufsicht des Bischofs Bernold gestellt wurde, der ihn aber, wohl auch aus Liebe zu Pippin, freundlich behandelte. In dieser Verbannung schrieb 171 Ermold dann die uns von ihm erhaltenen Gedichte, zu welchen ebendieselbe sogar den Anlass gab: einmal die erwähnte epische Dichtung, durch welche er die Erlösung aus dem Exil von dem Kaiser zu erlangen hoffte, sie ist Ende 826 oder Anfang 827 verfasst Spätere Ereignisse werden nicht bloss nicht behandelt, sondern nicht einmal angedeutet, wo man dies erwarten sollte, wie z. B. Haralds Vertreibung. ; dann zwei an Pippin gerichtete Elegien, von denen wenigstens die zweite nach der epischen Dichtung geschrieben ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde Ermold nach dem Siege der Söhne über den Kaiser 830 frei. – Das epische Gedicht, dem man wohl am besten den Titel: De gestis Ludovici Caesaris zu geben hat Im Hinblick auf das Vorwort, namentlich v. 9 ff. – – quo possim Caesaris in hoc – – Carmine gesta loqui . Vgl. auch l. I v. 15 und 29. Der erste Herausgeber (Muratori) hat die Dichtung: De rebus gestis Ludovici imperatoris betitelt. , ist in Distichen geschrieben und umfasst vier Bücher und ein Vorwort von 35 Hexametern, das Acrostichon und Telestichon zugleich ist, indem die Anfangs- wie Endbuchstaben der Verse den Hexameter: » Ermoldus cecinit Hludovici Caesaris arma « ergeben. In diesem Prolog bittet der Dichter Christus und den Psalmensänger David um Beistand bei seinem Unternehmen, »die Thaten des erhabenen Kaisers zu sagen«: denn nicht will er wie die wahnsinnigen Alten die Musen, noch Phöbus, noch Apollo         Nec rogo Pierides, nec Phoebi tramite limen         Ingrediar capturus opem, nec Apollinis almi Praef. v. 13 f. Wie hier aus Phoebus Apollo zwei Götter gemacht werden, so l. I, v. 18 aus Tullius Cicero zwei Autoren; das letztere findet sich auch in der späteren mittelalterlichen Literatur gar häufig. Für die gelehrte Bildung des Ermold ist aber beides bezeichnend. anrufen, da sie eitle Weisheit blendete und ihre Herzen der Teufel beherrschte. Durch solchen Beistand hofft er von seiner Dichtung die Befreiung aus dem Exil. Schliesslich wendet er sich noch an den Kaiser selbst, dessen Frömmigkeit er preist, mit der Bitte, das Werk huldvoll aufzunehmen und ihn, den gefallenen Diener, wieder zu erheben. – Geben wir zunächst eine kurze Inhaltsübersicht. Das erste Buch (616 V.) ist, nach einem Eingang worin der Dichter nochmals seine Absicht erklärt, aber auch bemerkt, nicht alle einzelnen Thaten Ludwigs besingen zu können, 172 fast durchaus der Eroberung Barcelona's durch Ludwig als König von Aquitanien (801) gewidmet (von v. 65 an); vorher wird nur noch kurz seiner Erhebung auf diesen Thron, der Bedeutung seines Namens und der Besiegung der Basken gedacht (v. 31–64). Das zweite Buch (602 V.) beginnt mit der Kaiserkrönung Ludwigs durch Karl den Grossen 813 (v. 1–84), erzählt dann nach kurzer Erwähnung des Todes Karls Ludwigs Reise nach Achen, die einem Triumphzug gleicht durch das Herbeiströmen des huldigenden Volkes, das vielleicht in übertriebener, aber poetisch lebendiger Weise geschildert wird, – ferner seine ersten Regierungshandlungen: Gnadenbezeigungen, Aussendung von Königsboten, woran sich dann ein Elogium des Kaisers knüpft (v. 85–196). Hierauf wird ausführlich das Erscheinen des Papstes Stephan im Frankenreiche auf Befehl des Kaisers und die Krönung desselben durch ihn im Jahr 816 berichtet (v. 197–480): diese Erzählung nimmt namentlich durch die langen Reden der beiden die Hälfte des Buches ein und bildet so gleichsam den Kern desselben. Der Schluss behandelt dann noch die Reformbestrebungen Ludwigs in Betreff des Klerus und der Klöster, namentlich die Instruction der zu diesem Zweck ausgesandten Missi (818) und das Verhältniss des Kaisers zu Benedict von Aniane (v. 481–602). Das dritte Buch zählt 628 Verse. Den grössten Theil desselben nimmt die Erzählung von dem Feldzug Ludwigs gegen den Bretonenfürsten Morman i. J. 818, womit es beginnt, ein – seine Besiegung, sein Tod, die Unterwerfung der Bretonen (v. 1–502); dann wird noch des Berichts der zurückgekehrten Königsboten gedacht und von v. 543 an ein Zweikampf als Gottesgericht geschildert, der 820 zwischen dem Grafen Bera von Barcelona, einem alten Genossen des Kaisers, und dem Grafen Sanila stattfand, und da beide gothischer Herkunft waren, in gothischer Weise, zu Ross mit Wurfspeer und Schwert. Das vierte Buch (768 V.) hat vornehmlich die Bemühungen Ludwigs um die Bekehrung der Dänen zum Gegenstand; dies bildet den Hauptinhalt des Buchs, das nach einer kurzen Charakteristik der heidnischen Dänen oder Normannen         Hic populi porro veteri cognomine Deni             Ante vocabantur et vocitantur adhuc;         Nort – quoque francisco dicuntur nomine – manni,             Veloces, agiles, armigerique nimis.         Ipse quidem populus late pernotus habetur,             Lintre dapes quaerit, incolitatque mare;         Pulcher adest facie, vultuque statuque decorus,             Unde genus Francis adfore fama refert. v. 11 ff. sogleich 173 mit der Aussendung des Erzbischofs Ebbo von Reims als Missionar an König Harald i. J. 823 beginnt (v. 25–112). Nachdem dann in der Kürze ein neuer Kriegszug gegen die aufrührerischen Bretonen i. J. 824, an welchem Pippin von Aquitanien und mit ihm Ermoldus selbst Theil nehmen, geschildert ist (v. 113–146), erzählt der Dichter von Ebbo's Thätigkeit und wie Harald mit einer grossen Flotte in der Pfalz Ingelheim erscheint i. J. 826, um sich dort taufen zu lassen und Ludwigs Vasall zu werden. Vorher wird hier eine höchst interessante Beschreibung des Palastes von Ingelheim und seiner Kirche, namentlich der Gemälde, welche beide schmückten, gegeben (v. 181 ff.). Die Taufe und die darauf folgenden Feste, sowie die Huldigung des Dänenkönigs werden ausführlich, mit allen Einzelheiten lebendig geschildert (v. 622). Nachdem dann Ermold den Abzug Haralds berichtet, preist er Ludwig wegen der friedlichen Eroberung, er besitze was weder das mächtige Rom noch die fränkische Krone hatte; und hier gedenkt denn der Dichter auch der Wasserorgel, die 826 ein venezianischer Presbyter Ludwig baute, ein Wunderwerk, um welches dieser allein den byzantinischen Kaiser zu beneiden gehabt hatte. Darauf aber geht Ermold auf sich und seine Verbannung über (v. 649) und erzählt von dem Dome Strassburgs und den Wundern, die dort ein frommer Priester zu Bonifatius' Zeit schaute. Zum Schluss (v. 747 ff.) bittet er dann auch hier – wie an andern Stellen der Dichtung – sein Vergehen nicht bestreitend, noch einmal den Kaiser und seine schöne Gemalin um Begnadigung. Diese Dichtung hat keinen geringen literargeschichtlichen Werth und ist auch an manchen Stellen nicht ohne ästhetischen Reiz. Beides gilt namentlich von dem ersten Buche. Hier finden wir zum ersten Male im Abendland als Gegenstand der Epik den Kampf mit den Sarazenen, und zur Zeit Karls des Grossen, also das Sujet des volksthümlichsten der grossen 174 Sagenkreise der nationalen Weltliteratur, und zwar schon auf Grund mündlicher Ueberlieferung, der Sage, wie der Dichter selbst bemerkt Die Stelle lautet im Zusammenhang:         Culmina terrarum, vel quot castella peragrans (sc. Ludovicus)             Subdidit imperiis arma ferento Deo,         Sunt mihi nota minus, vel si modo nota fuissent,             Non poterat stolidus cuncta notare stilus:         Sed quae fama recens stupidas pervexit ad aures,             Incipiam canere; caetera linquo catis . v. 65 ff. , der sich als Ungelehrter, wenn auch mit Unrecht, hinstellt, aber in der That eine populäre Natur war. Zugleich erscheint hier bereits und als der Hauptheld jener Wilhelm, Graf oder Herzog Beide Titel hat er bei Ermold. von Toulouse, der als Guillaume d'Orange oder Guillaume au court-nez, der Mittelpunkt eines der drei Cyklen des karolingischen Sagenkreises ist, welche zuerst die nordfranzösische Nationaldichtung ausbildete. Er ist es, der in unserm Gedicht auf einer Reichsversammlung Ludwig zu dem Kriegszug gegen die Sarazenen auffordert; er kennt jenes Volk, sagt er, und es kennt ihn Quae (sc. gens) mihi nota nimis, et sibi notus ego. v. 148. Eine den Helden schön charakterisirende Wendung. – hiermit wird gewiss vornehmlich auf die Schlacht am Orbieu 793 hingedeutet, in der zwar die Franken bei ihrer Minderzahl unterlagen, aber durch ihre und namentlich Wilhelms, ihres Anführers, Tapferkeit die Araber von weiterem Vordringen abschreckten. In der Wilhelm feiernden Chanson de geste: La bataille Aliscans wird bekanntlich diese Schlacht besungen. Die Eroberung Barcelona's wird als das Ziel des Feldzugs von Wilhelm bezeichnet, sie allein sichere den Frieden: er selbst will der Führer sein. – Lebendig wird dann die Berennung der Stadt geschildert, und manche ächt epische Züge finden sich da, darunter auch solche, die recht unmittelbar an das karolingische Volksepos erinnern, wie z. B. die Rolle, welche die Streitrosse der Helden spielen. So antwortet (v. 401 ff.) Wilhelm einem Mauren, der von der Zinne herab spottet, der Hunger werde noch die Franken zum Abzug nöthigen: eher wolle er sein prächtiges Ross selbst verzehren, als die Belagerung aufheben. Da erst erschrecken die Mauren. Der Emir verlässt nun heimlich die Stadt um Entsatz zu holen: 175 aber das Wiehern seines Pferdes verräth ihn. – Episodisch wird früher erzählt (v. 207 ff.), wie bei den Einfällen der Araber einem Franken Datus seine Mutter geraubt und auf eine uneinnehmbare Felsenfeste gebracht wird: vergeblich sucht der Sohn mit dem Schwerte sie zu befreien, da wird von dem Feinde als Lösegeld das Ross des Franken gefordert; dieser aber lässt lieber die eigene Mutter vor seinen Augen tödten, als sein Pferd hinzugeben, eine Missethat, die er dann sein Lebelang als Einsiedler büsst. – Die Lebhaftigkeit der Darstellung erhöhen nicht bloss die eingelegten Reden, sondern auch manche treffende Gleichnisse: so verstecken sich die Mauren vor dem Pfeil- und Schleuderregen wie Schwimmvögel, wenn sie der Adler bedroht, der jeden fasst, der den Kopf aus der Tiefe erhebt (v. 505 ff.). Auch die ausführliche Erzählung von dem bretonischen Krieg im dritten Buche ist recht interessant und bietet auch manche poetische Züge. Da der Dichter selbst, wenn auch nicht diesen, doch den folgenden Feldzug gegen die Bretonen mitgemacht hatte, so gibt er von Land und Leuten und der durch ihre eigenthümliche Natur bestimmten Art der Kriegsführung ein lebendiges anschauliches Bild: in dem ganz coupirten Terrain, das voller Sümpfe, Wälder und Hecken, war ein Kampf im offenen Felde mit entscheidenden Schlachten nicht möglich; es war vielmehr ein Parteigängerkrieg, von Seiten der Franken Verwüstung, von der der Bretonen Ueberfälle (v. 347 ff.). Im einzelnen hervorzuheben sind namentlich Mormans Verhandlung mit dem fränkischen Gesandten und sein Auszug zum Kampf (v. 101 ff. u. v. 361 ff.), wie er dort durch sein Weib verführt wird, den Krieg statt den Frieden zu wählen, und wie er hier von demselben Abschied nimmt, Scenen die manchen hübschen bedeutenden Zug enthalten. Auch die Rede ist bemerkenswerth, mit der Morman nach der bei seinem Weib im Rausche vollbrachten Nacht, die er als Bedenkzeit sich ausbedungen, den Gesandten entlässt l. III, v. 207 ff.:         Ecce miser tandem potu somnoque sepultus             Murman adest, oculos vix aperire valens.         Ebrius haec ructans labris vix orsa remotis             Voce sonat, numquam post placitura sibi:         Perge, tuo regi celerans haec verba renarra:             Nec sua rura colo, nec sua iura volo.         Ille habeat Francos, Brittonica regmina Murman             Rite tenet, censum sive tributa vetat.         Bella cient Franci, confestim bella ciebo,             Neve adeo imbellis dextera nostra manet. Auch in diesem Buch begegnen wir trefflich ausgeführten Gleichnissen, s. z. B. v. 175 ff. 176 So ist durchaus nicht zu läugnen, dass Ermold poetisches und zwar episches Talent besass, er ist weit davon entfernt ein blosser Chronist in Versen zu sein, wie schon die Auswahl des Stoffes zeigen konnte; auch wird nicht durch die panegyrische Tendenz der epische Stil wesentlich beeinträchtigt. Ermolds Werk ist trotz all seiner sprachlichen wie metrischen Mängel Selbst an siebenfüssigen Hexametern fehlt es nicht, wenn sie auch nur ganz selten mit unterlaufen, s. z. B. l. III, v. 31. eine für seine Zeit nicht unbedeutende Leistung, zumal er sich von sclavischer Nachahmung oder übertriebener Benutzung Die gegentheilige Behauptung von Dorn, De bellis Francorum cum Arabibus gestis , S. 52 ist ganz ungerechtfertigt, wie seine eigene Vergleichung einzelner Stellen zeigt. Reminiscenzen aus Virgil waren für einen späteren lateinischen Epiker geradezu unvermeidlich, aber sie finden sich keineswegs in auffallender Zahl bei Ermoldus. Virgils frei erhält, obwohl dieser an einzelnen Stellen als Vorbild ihm vorschwebt, wie denn an einer auf sein Epos selbst Bezug genommen wird. In der Rede des fränkischen Gesandten, eines Abtes übrigens, an Morman, wo jener bemerkt, dass wenn diesem selbst solche Hülfstruppen kämen als dem Turnus, er doch nicht wagen könne es mit den Franken aufzunehmen (l. III, v. 144 ff.). Morman mochte dem Dichter wohl als ein Turnus erscheinen, da Ludwig durch das ihm schon gewöhnlich beigelegte Prädicat pius von selbst an den pius Aeneas erinnerte. Auch die beiden Elegien Ermolds sind von geschichtlichem und die erste noch von besonderem literargeschichtlichem Interesse. In dieser (200 V.) sendet der Dichter seine Thalia zu König Pippin, ähnlich wie Theodulf an Modoin S. oben S. 82 . , und wohl nach diesem Vorbild Dies zeigt, von allem andern abgesehen, schon der Umstand, dass die Botin Thalia genannt wird. , wenn er auch Theodulfs Muster, Ovids Elegie gekannt hat. Die Botin erscheint aber in der Pfalz an der Charente zum Osterfest, als der König mit seiner Gemalin in feierlichem Zuge den Palast verlässt – ohne Zweifel zum 177 Kirchgang. Der Dichter gibt dann die Unterredung seiner Muse mit dem König, der von dem Verbannten Kunde wünscht, in welchem Lande er weile, in welcher Stadt, wer dort der Bischof sei. Thalia schildert darauf den Elsass, seine Fülle von Korn und Wein, die er dem Wasacus – den Vogesen – und dem Rhein verdanke, zwischen welchen beiden er liege. Wenn es dem König beliebe, solle er von ihnen selbst erfahren, was ein jeder vermöge, wer von beiden seinem Volke nützlicher sei. Diesen Worten Thalia's folgt nun ein Streitgedicht zwischen Rhein und Vogesen, welche beide in Wechselrede eingeführt werden. So rühmt der Rhein die Wasserstrasse, die er für die Einfuhr reicher Waaren bietet, und seine Fische; dagegen spende nur Holz für den Herd der von Sturm und Regen gepeitschte Wasacus. Dieser entgegnet: von seinen Eichen würden Paläste und Kirchen gebaut, Könige jagten in seinem Revier Hirsche und Eber, und seine Bäche wären auch an Fischen reich; der Rhein aber entführe die Landesproducte. Der Rhein replicirt, dass er nur den Ueberfluss ausführt und zum Eintausch andrer Waaren; statt Holz biete er Gold in seinem Sande, und befruchte das Land, wie der Nil, durch seine Ueberschwemmungen. Wasacus antwortet: der Rhein ertränke vielmehr die Saaten. – Nachdem dann Thalia beiden Schweigen geboten, beantwortet sie selbst die zweite und dritte Frage des Königs, indem sie ihm das geräuschvolle, volk- und verkehrreiche Strassburg nennt und von dem Bischof Bernold erzählt, der, ein Sachse, in der Hofschule Karls des Grossen gebildet, durch Geist und Gelehrsamkeit sich auszeichnet, wie durch Herzensgüte und Frömmigkeit; er vermag geschickt durch seine deutsche Predigt das auf seine Reichthümer trotzende Volk zu Gott zu führen.         Sed gens atra nimis, cui praest modo praesul, honore,             Divitiis pollens, nescit amare Deum;         Barbara lingua sibi, scripturae nescia sacrae,             Ni foret antestis ingeniosus ei:         Hic populis noto scripturas frangere verbo             Certat, et assiduo vomere corda terit. v. 155 ff. Er ist des Ermold Trost; trotzdem ist diesem die Verbannung schwer, weil er fern von der Heimath und fern von seinem Könige weilt. – Die Antwort, die der König darauf Thalia ertheilt, schliesst das Gedicht: Ermold möge sich mit dem gleichen Geschick 178 andrer – berühmter – Männer trösten, Heiden wie Christen, einem Ovid, Virgil, der sein Gut verlor und erst durch seine Dichtkunst wieder gewann, den Aposteln Johannes, Petrus und Paulus, und dem heil. Hilarius. Auch die zweite Elegie, 222 Verse, hat Ermold an Pippin gerichtet. Nach einer Captatio benevolentiae für seine geringe Muse, die er eine Musella , eine Musa iocosa nennt, und die trotzdem dem Könige sonst gefiel, folgt das überschwängliche Lob desselben, das sich auch auf sein Aeusseres erstreckt Dieser Panegyricus schliesst:         Si Veneris soboles, Priami si filius adsit,         H    ector et Aeneas cedet uterque tibi. v. 33 f. , und darauf gute Rathschläge, wie sie ein Mentor einem jungen Manne ertheilt; der König soll zwar das Leben in erlaubter Weise geniessen, namentlich auch der Jagd sich erfreuen, aber doch nur an bestimmten Tagen, an andern nützlicheres thun; sei kein Jüngling mehr, sei ein Mann, ruft ihm der Dichter zu, und hält ihm dann seine Regentenpflichten vor; sie krönt die Liebe zu Gott, die über jede andre gehen muss. Hier flicht dann (v. 69 ff.) der Dichter eine Episode ein, in der er seiner »spasshaften Muse«, welche Pippin so besonders gefiel, das Wort leiht, indem er erzählt, wie einem Eremiten die Liebe zu einem Kater die Liebe Gottes schmälerte. Ermold zeigt dann, auf die Bibel verweisend, wie die frommen Könige von Gott begünstigt werden, und stellt Pippin seinen eigenen Vater als Muster hin Hier gedenkt Ermold seines epischen Gedichts v. 141 f. ; Pippins Geschlecht Es ist bemerkenswerth dass der unter den Vorfahren aufgeführte Karl Martell hier (v. 131) Carolus magnus genannt wird, was sich ja auch sonst findet und die Identification desselben mit Karl dem Grossen durch die Sage noch fördern musste. hätte immer viel für die Kirche gethan; und bei dieser Gelegenheit rühmt der Dichter besonders Karl den Grossen (v. 159 ff.), und zollt von neuem ausgiebiges Lob Ludwig, den er stets Pippin in Worten und Schriften als Beispiel gezeigt, nur der Neid habe ihn anderes reden lassen (v. 201 ff.). Mit Segenswünschen für Pippin und seine Gemalin schliesst dann der Dichter, der sich hier mit seinem Namen nennt.         Er – modolata tibi conscripsit carmina – moldus ,             Nominis ut famuli sis memor, alme, tui. 179   Fünftes Kapitel. Ermenrich von Ellwangen. Mehr als ein hervorragender Vertreter der Gelehrsamkeit, wie sie in solchen Pflanzstätten derselben wie Fulda und Reichenau gepflegt wurde, denn als Autor verdient hier ein Schüler Walahfrids genannt zu werden, der auch in Fulda und St. Gallen studirt hat, und der besonderen Leitung eines alten Lehrers Walahfrids, des Erzcapellan Grimald Vielleicht war Ermenrich eine Zeitlang Mitglied der königl. Capelle, wie Dümmler und Wattenbach vermuthen. sich erfreute: Ermenrich von Ellwangen Ermenrici Vita S. Solae in Canisii lectiones antiquae (s. oben S. 145 Anm. 2) T. II, pars  2, p. 161. – Vita S. Hariolfi in: Monum. Germaniae histor. ed. Pertz, Scriptores T. X, p. 11 ff. – Ermenrici Epistola ad Grimoldum Archicapellanum ex cod. Galli etc. ed. Dümmler. Halle 1873. (Vgl. St. Gallische Denkmale aus der karoling. Zeit, herausgeg. von Dümmler. In den Mittheilungen der antiquar. Gesellsch. in Zürich. Bd. XII. Hft. 6.) – – Dümmler, Ueber Ermenrich von Ellwangen und seine Schriften. In: Forschungen zur Deutschen Geschichte. Bd. XIII. S. 473 ff. (Nachtrag Bd. XIV, S. 405 f.) – Wattenbach, Deutschl. Geschichtsq. Bd. I, S. 229 ff. Dümmler, N. A. S. 321 f. , so genannt von dem Kloster, dem er angehörte. Ueber sein Leben geben uns nur seine Schriften zerstreute Nachrichten. Die älteste ist ein Leben des h.  Sualo Vgl. Rettberg, Kirchengesch. v. Deutschland, Bd. II, S. 360 f. , des Gründers von Solenhofen an der Altmühl, dessen Namen man latinisirend Solus nannte. Nicht bloss Ermenrich, wie Dümmler und Wattenbach sagen, auch Gundram nennt ihn so, und die Form Solenhofen spricht auch dafür. Ermenrich verfasste diese Vita auf den Wunsch des ihm nahe befreundeten Neffen Rabans, Gundram (welcher jener zu Fulda gehörigen Cella vorstand), nachdem er sich der Erlaubniss Rabans versichert. Hiervon macht uns eine Correspondenz der beiden Freunde, die als Vorwort der Vita vorausgeht, Mittheilung. In Gundrams Brief wird Ermenrich auch die stilistische Beihülfe des gelehrten Fulder Rudolf, seines Lehrers in der Beredsamkeit » Oratoris tui «? – In einem Schreiben an ihn, das auch um die Beihülfe bittet, nennt ihn Ermenrich seinen didascalus . , zugesagt. An diesen ist denn auch ein Prolog des Autors in adonischen Versen gerichtet. Die Vita 180 selbst, zu welcher Gundram und auch noch am Leben befindliche Augenzeugen, wie ein Diener des Heiligen, das Material lieferten, ist kurz und unbedeutend. Sualo war einer der Angelsachsen, die Bonifaz nach Deutschland folgten; von ihm zum Presbyter geweiht, zog er, wie manche andre, doch das Einsiedlerleben vor. Als der Ruf seiner Heiligkeit sich verbreitete, erhielt er den Ort seiner Ansiedlung, der nach ihm benannt wurde, von Karl dem Grossen geschenkt. Er wirkte übrigens als Missionar in seiner Umgebung, wobei ihn zwei Landsleute unterstützten. Seine Besitzung vermachte er dem Kloster Fulda. Die obligaten Wundergeschichten, Heilungen von Blinden und Taubstummen, sind ohne Interesse, dagegen bemerkenswerth, dass eine davon durch »dort (wohl in der Kirche) hängende Bilder« schon zu Ermenrichs Zeit verewigt war. – – Et continuo cecidit coram populo et sanatus est homo. Quod quidem tabulae pictoriae ibidem pendentes testantur. c. 8. – Ein acrostichischer Hymnus auf den Heiligen in eigenthümlichen Versen ist von dem Autor beigefügt. Er ist in der Form des 2. Asclepiadeum, mit einem eigenthümlichen Schlussvers, aber in rythmischen Versen, denn es ist nicht nur die Quantität vernachlässigt, sondern auch der Hiatus zugelassen, während der Wortaccent herrscht. So auffallend dies bei einem Autor wie Ermenrich sein kann, ist ihm doch der Hymnus nicht abzusprechen, da derselbe durchaus das Gepräge seiner Ausdrucksweise (auch die Einmischung griechischer Worte) hat, und Ermenrich eines der Gedichte der weiter unten betrachteten Epistel auch in fast ganz gleichen asklepiadeischen, allerdings quantitativen, Versen geschrieben hat. – Diese Vita ist noch vor 842 verfasst, zu einer Zeit wo der Autor noch Diacon war. Eine der Zeit nach folgende kleine Schrift, welche Ermenrich schon als Presbyter in Ellwangen verfasst und einem andern seiner Lehrer, Gozbald, der damals Bischof von Würzburg war, gewidmet hat, hat zunächst das Leben des Gründers von Ellwangen, eines Verwandten des Gozbald, zum Gegenstand. Es ist Hariolf , später Bischof von Langres, in welcher Würde er seinem Bruder Erlolf folgte. Hariolf, ein vornehmer Laie am Hofe Pippins, war – so wird hier erzählt – auf der Jagd nach einem Elch in jene Gegend geführt; dort übernachtend, hört er im Schlaf wiederholt das Läuten von Glocken. Hierin glaubt er eine Weisung des Himmels zu 181 sehen; und von seinem geistlichen Bruder berathen, wird er Mönch und gründet in jenem Thale ein Kloster. Er wurde später von Karl dem Grossen sehr hoch gehalten. Von seinen Wundern wird namentlich erzählt, dass einer der Seinigen Namens Grimald des Nachts aus dem Munde des betenden Hariolf ein Feuer wie eine Fackel zum Himmel aufsteigen sah – eine Sage deshalb erwähnenswerth, weil gleiches auch von Helden der weltlichen Dichtung im Mittelalter sich erwähnt findet, wennschon anders motivirt. Wie z. B. von Havelok dem Dänen, dessen königliche Abstammung sich dadurch kundgibt. Von dem eben genannten Grimald wird dann noch ebenso ausführlich gehandelt, der in ganz gleicher Weise wie sein Abt zum Mönch bekehrt sein sollte! Auch er hört läuten, hat dann aber noch eine Engelserscheinung. – Diese Vita Hariolfi , die ein einfacher, natürlicher Ausdruck vor den andern auszeichnet, ist durch ihre Einkleidung besonders bemerkenswerth: sie ist nämlich in dialogischer Form verfasst, indem Ermenrich sich mit einem älteren Mönch, Mahtolf, als dessen » alumnus « er sich bezeichnet, unterhält, der wie ein Lehrer auf seine Fragen, als die des Schülers, antworten soll. So ist es also die Form der Alcuinschen Unterrichtsmethode, die Ermenrich von Fulda her bekannt war. Aber es war ihm auch ein unmittelbares Beispiel für eine solche Einkleidung in den berühmten Dialogen des Sulpicius Severus über das Leben des h. Martin gegeben, hinter denen freilich seine mitunter gar hölzerne Ausführung weit zurücksteht. Wenn in der Epist. ad Grimaldum p. 35 Ermenrich auf Boëtius' Consolatio philosophiae als sein Vorbild in dieser Beziehung wirklich hindeutet, wie Dümmler annimmt, so ist dies eine nachträgliche gelehrte Dickethuerei. Wichtiger als diese beiden Heiligenleben ist eine dritte, spätere, Mitte des Jahrhunderts verfasste Schrift, eine Epistel an den Erzcapellan Ludwigs des Deutschen Grimald , welche von der umfangreichen gelehrten Bildung des Autors, der so vieler berühmten Lehrer Schüler sich nennt, ein merkwürdiges Zeugniss ablegt, das also von nicht geringem kulturgeschichtlichen Interesse ist. Die Epistel ist, wie der Verfasser selbst sagt, zu Ehren Grimalds geschrieben, indem sie über die verschiedensten Gebiete des Wissens sich verbreitend, mit allen 182 möglichen gelehrten Citaten gespickt, dadurch die Universalität der Erudition des Adressaten Hinc sane omnes, qui hanc epistolam lecturi sunt, rogo ne perturbentur nec felletenus irascantur, quod a deo tibi datae sapientiae tanta ascribimus. Si enim universalem prudentiam tuam tam in dominicis quam etiam in publicis functionibus pensare voluissent – – non haberent in hac sceda quid mirarentur . Malui tamen hanc epistolam inter primas vel secundam fore ad honorem tuum scriptam. pag. 31. , aber noch mehr offenbar die des Schreibers selbst vor der Welt glänzen lassen will. So erklärt sich der bunte Inhalt, der aus allen verschiedenen Wissenschaften, welche die Schule lehrte, einzelne, zum Theil, wie bei der Grammatik oder Dogmatik, schwierigere Fragen behandelt, gleichsam als Schmeckebisschen, die zum weiteren Studium anreizen sollen Quapropter et si non omnia, tamen gustum ex aliquantis necessariis porrigo illis, qui nesciunt, vel qui ad legendum tardi sunt. p. 29. , aber zugleich geeignet erscheinen das Erstaunen über die Gelahrtheit des Autors und des Adressaten zu erregen, den er als seinen Lehrer verehrt. Dabei taumelt der Verfasser, wie ein Trunkener, wie er selbst einmal sagt Videsne, pater, quod quasi ebrius, via coepta relicta, in alias partes etiam devolvor tangendo quaedam ex his et ad intelligendum exponendo. p. 23. , von einem Gegenstand zum andern. Nach einer schwülstigen Lobpreisung Grimalds und König Ludwig des Deutschen hebt Ermenrich mit dem Fundamentalsatz der christlichen Moral: Liebe Gott und deinen Nächsten, an, dem er die Freundschaft Grimalds verdanke. Durch diese beiden »Federn (Schwingen) der Liebe« erhebe sich die Seele »auf der Quadriga der vier Haupttugenden« zum Himmel. Diese Allegorien sind besonders beachtenswerth, weil sich ganz ähnliche in der späteren mittelalterlichen Literatur in didactischen Dichtungen wiederfinden, so die pennae dilectionis in dem Roman des Eles des Raoul de Houdenc (vgl. auch Bd. I S. 236, Anm. 3), und die Fahrt der Seele auf der Quadriga in dem Anticlaudianus des Alanus ab Insulis. Dieser Satz führt nun alsbald den Verfasser zu der Frage, was denn die Seele im Unterschiede vom Geiste sei. Und hier werden nun Excerpte aus Schriften Alcuins ( De arte rhetor. und De anima ) an einander gereiht, ohne dass indessen, wie auch an andern Stellen, der Autor genannt wird. Bei Grimald selbst konnte wohl Ermenrich allerdings die Kenntniss desselben voraussetzen. Dann kommt er, an den obigen Satz 183 weiter anknüpfend, auf die Liebe , und insonderheit auf die auch der Feinde zu reden. Die erwähnte Quadriga aber, deren Räder die vier Evangelien bilden S. p. 6. , deren Wagenlenker die Weisheit ( sophia ) selbst ist S. p. 7. , führt unsers Verfassers Rede auf die Philosophie , »die Mutter aller Tugenden«, und mit ihr zu ihren einzelnen Theilen, den Wissenschaften , die durch ein Excerpt aus Alcuin kurz definirt werden. Nachdem dann ein Stückchen aus der Rhetorik des letzteren noch mitgetheilt, geht der Verfasser (S. 8) zur Grammatik über, um hier einzelne intricatere Fragen der Betonung, Quantität und Aussprache weitläufig zu behandeln, wobei denn ein halbes Dutzend lateinischer Grammatiker und Metriker als Autoritäten angeführt werden. So ausser Alcuins, Priscians und Donats Werken Consentius, Sextus Pompeius, Servius Honoratus, Beda. Diese Partie, die den Hauptinhalt bildet, bezeugt wenigstens, in welcher eingehenden und ausführlichen Weise die grammatischen Studien schon damals von einzelnen betrieben wurden. – Indem der Verfasser darauf zu seinem Hauptsatz von der christlichen Liebe zurückkehrt (S. 23 f.), gibt er dann noch eine Probe seiner Bibelexegese , die natürlich die mystisch-allegorische ist, und – nach einem philosophischen Abstecher über die Natur der Seele – als Gegenstück etwas von der antiken Mythologie auf Grundlage des Virgil und seiner Commentatoren zum besten (S. 29 ff.), wobei er es indessen gerathen findet, seinem Abscheu vor dem Heidenthum einen sehr affectirten kräftigen Ausdruck zu geben. Linquamus, pater, iam linquamus Maronem cum Sinonte suo mendacissimum et in Stige, pessima palude, cum Apolline et Musis suis sepultum etc. Der Verfasser plaudert dann von der Unterwelt, den Parcen, Furien und endet seine Diatribe: Caelestis rex maledicat talia figmenta. Et quid haec eadem nominare valeo? nisi supra conpositorum equorum, qui redam tuam trahunt, stercora decidentia. – – Et quia, prout nosti, sicut stercus parat agrum ad proferendum satius frumentum, ita dicta paganorum poetarum, licet foeda sint, quia non sunt vera, multum tamen adiuvant ad percipiendum divinum eloquium. p. 31. – Uebrigens weiss er, dass Virgil in den Eklogen Theokrit, in den Georgica Hesiod und in der Aeneis Homer nachgeahmt habe. ibid. Zum Schluss (S. 31 ff.) beschäftigt er sich allein mit Grimald und dem von ihm regierten St. Gallen, zu dessen Ruhme 184 er eine von Walahfrid beabsichtigte poetische Bearbeitung des Lebens seines heiligen Gründers, wozu er aufgefordert war, ausführen will, obgleich sich mittlerweile auch Concurrenten dafür eingestellt hatten. Den Anfang dieses Werkes, dem er ein prosaisches Vorwort über die alte Heimath des Heiligen vorausschickt, worin ihre Vorzüge allegorisch gedeutet werden, gibt Ermenrich in 114 zum Theil sehr holprigen Hexametern im Anhang. Hier besingt er das neue Vaterland des Begleiters des Columban, indem er dessen beide Hauptströme, die Donau und den Rhein in ihrem Laufe schildert. Auch andre Gedichte theils zum Lobe Grimalds, theils zum Preise der Dreieinigkeit (zum Theil mit der Spielerei des Acrostichon) sind von ihm beigefügt, wie denn auch über die letztere als Beispiel seiner dogmatischen Bildung eine kleine Abhandlung nicht fehlt. Dieses wunderliche Specimen eruditionis , das in kleinem Rahmen ein Bild der damaligen Klosterstudien Deutschlands bietet, in welchen sich ganz verschiedene Kulturelemente durchkreuzen, hat noch einen besondern Zug, der bereits in der ersten Schrift Ermenrichs sich findet: eine gewisse, wenn auch noch so beschränkte und oberflächliche Kenntniss des Griechischen gibt sich nicht bloss in einzelnen Wörtern kund, die wie falsche Brillanten in die ohnehin gezierte Diction eingefügt sind, sondern auch in ganzen, offenbar entlehnten, griechischen Versen. So griechische Hexameter in dem ersten Gedicht, p. 36, v. 31, 33, 35, mit welchen lateinische Pentameter zu Distichen verbunden sind; so in dem dritten p. 41, v. 20 ff. Pentameter und Hexameter, ja im zweiten Pentameter werden lateinische Worte mit den griechischen gemischt: Orgia da nobis panta kalon domine. – Was die Einmischung griechischer Worte in lateinischen Text betrifft, so findet sich dieselbe auch in dem weiter unten angegebenen Codex von St. Riquier, s. Dümmler, N. A. S. 521. Der Verfasser scheut sich überhaupt nicht, fremdes Gut in Prosa wie in Poesie sich anzueignen, wie er denn in den wenigen Gedichten nicht bloss u. a. Auson und Priscian (dessen Periegesis), sondern auch Theodulf und den karolingischen Naso geplündert hat. Man sieht auch an Ermenrich wieder, wie verschieden blosse Gelehrsamkeit und wahre Bildung sind. Der ersteren scheint Ermenrich aber doch seine Erhebung zum Bischof von Passau verdankt zu haben im Jahr 865; als solcher starb er neun Jahre später. 185   Sechstes Kapitel. Lothringen: Wandalbert, Sedulius Scotus. Auch in Lothringen findet die gelehrt-ästhetische Bildung und die Poesie, die aus ihr erwuchs, um jene Zeit, die Mitte des neunten Jahrhunderts, ihre Vertreter: einmal einen Deutschen, der in einem Theil seiner Dichtung einen gewissen Zug der Verwandtschaft mit Walahfrid zeigt in dem Sinn für die Reize der Natur, es ist Wandalbert Wandalberti opera in Migne's Patrol. lat. T. 121. Paris 1852. – Wandalberti Martyrologium in: D'Achery, Spicilegium sive collectio veterum aliquot scriptor. qui in Galliae bibliothecis delituerant. Nova ed. per De la Barre. Paris 1723. fol. T. II, p. 38 ff. – Vita S. Goari in: Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. II , p. 298. – – Histoire littéraire de la France T. V, p. 377 ff. – Dümmler, N. A. S. 305 ff. , ein Mönch des Klosters Prüm, der 813 geboren war. Der Abt des Klosters (829–853), Marcward, ein Verwandter des Lupus, hatte seine Ausbildung im Kloster Ferrières erlangt, welches Alcuin einst gehörte, und schon dadurch eine Stätte der Kultur werden musste, zumal Alcuin selbst dort öfters sich aufhielt; Marcward war auch zeitweilig Karls des Kahlen Hüter und Lehrer, als derselbe 833 nach dem Siege Lothars über Ludwig den Frommen nach Prüm verwiesen wurde. S. Wattenbach a. a. O. I, S. 210. Wie dieser auch in politischer Beziehung hochangesehene Abt die gelehrten Studien in seinem Kloster pflegte, so musste er auch literarische Thätigkeit begünstigen. Wir besitzen von Wandalbert nur ein, aber ein grösseres, aus verschiedenen Gedichten componirtes, poetisches Werk, dessen Kern ein Martyrologium ist, wovon es denn überhaupt diesen Titel trägt. Es ist dasselbe i. J. 848 vollendet. Wie der Autor aber selbst in diesem Werke bemerkt, hat er früher manche weltliche Gedichte geschrieben, durch die er den Beifall der Menge erstrebte         Carmine qui vacuas captavi saepius auras,         Rumores vulgi quaerendo stultus inanes. Propositio. ; sie sind uns aber nicht 186 erhalten. Dem Werke geht eine Vorrede in Prosa voraus, an einen Freund »Herrn« Otrich in Cöln gerichtet Denn wenn es am Schluss des Abschnitts von den Monaten heisst:         Huncque modum et morem sibi Gallica rura retentant,         Quem breviter signans digessi carmine, lector,         Wandalbertus ego, hortatu compulsus amici,         Dulcia me Rheni quo tempore littora alebant,         Maxima Agrippinae veteris quis moenia praesunt. so beziehe ich den mit quo tempore eingeleiteten Satz auf hortatu , nicht auf digessit . , der dem Verfasser nach dessen Entfernung aus dem Vaterlande mit Rath und That beigestanden habe; er hat Wandalbert um ein in Versen verfasstes Martyrologium gebeten. – – petiisti, ut per anni totius spatium occurentes quot diebus sanctorum festivitates et solemnes undecunque Christianorum votorum celebritates metro digererem. Praef. Bei dessen Abfassung aber, bemerkt hier Wandalbert weiter, sei er vorzüglich durch den berühmten Subdiacon der Kirche von Lyon, Florus unterstützt worden, der im Besitz einer reichen Bibliothek ihm alte und verbesserte Codices geliehen habe. Unter den letzteren befand sich ohne Frage das von Florus selbst erweiterte und vermehrte Martyrologium des Beda S. Bd. I, S. 607. , das in der That als die Hauptquelle Wandalberts erscheint. Der Verfasser gibt ferner in der Vorrede den Inhalt des ganzen Werkes an, indem er alle einzelnen Theile oder Gedichte, die es bilden, nennt, woraus sich mit Sicherheit ergibt, dass und wie sie zusammengehören. Zugleich aber erklärt er hier die in ihnen angewandten mannichfaltigen Versmasse, wobei einzelne beachtenswerthe Eigenthümlichkeiten der mittelalterlichen Metrik sich finden. So werden hier die Strophen durch die Ausdrücke: Versus maiores , oder Versus maioris complexionis bezeichnet. Zeigt sich auch hier und da einmal eine nicht richtige Auffassung des antiken Versmasses, so muss man doch im allgemeinen über die Kenntniss der Metrik des Alterthums und die Gewandtheit in ihrem Gebrauche erstaunen. Das Werk beginnt mit der Invocatio , einem Gebet zu Christus in elf vierzeiligen Strophen asklepiadeischer Choriamben (– – – ᴗ ᴗ – – ᴗ ᴗ – ᴗ  ᴗ ), worin der Dichter bittet, 187 ihm um der Verdienste der Heiligen willen, denen sein Werk geweiht ist, zu verzeihen. Es folgt die Allocutio , die Anrede an den Leser, 68 Verse in demselben Versmass, nur dass es hier catalectisch ist; die Heiligen werden hier als Muster hingestellt, indem aller einzelnen Klassen derselben gedacht wird: der Propheten, Apostel, Märtyrer, Kirchenlehrer, derjenigen, welche die Fleischeslust besiegten, und die vermählt, der Ehe entsagten, oder doch ihre Kinder Gott weihten, dann der Eremiten, der Mönche und derjenigen, die ihren Reichthum Christus opferten: »so ist vielfach die Ursache des Verdienstes der Seligen.« Ihnen soll der Leser nachstreben. – Drittens die Commendatio in zwei Gedichten, das eine in 36 phaläcischen Versen, die der Praefatio zufolge vierzeilige Strophen bilden sollen, empfiehlt das Buch dem Freund Otrich, das andre in 42 adonischen Versen, zu sechszeiligen Strophen vereint, dem Kaiser Lothar. Der schon 5 Lustra diesen Titel führt: hieraus ergibt sich die Zeit der Abfassung des Werkes, oder mindestens seiner Publication; das letzte darin erwähnte Ereigniss ist vom J. 844. S. Hist. littér. l. l. p. 380. Hier wird dessen Lob gesungen, dort der ausgezeichnetsten christlichen Autoren gedacht, die mit ihren Werken Ruhm ernteten, zuletzt des Prudentius, welcher ohne Frage durch die Mannichfaltigkeit seiner Metren auf unsern Dichter einen besondern Einfluss ausgeübt hat. Nun kommt erst das Martyrologium selbst in Hexametern, nachdem in demselben Versmass unter der Ueberschrift »Propositio« das Argument gegeben, und unter dem Titel » Comprensio temporum « die Eintheilung der Zeit, das Jahr, die Monate, die Woche, kurz behandelt worden. Das Martyrologium, welches 940 Verse zählt, führt Monat für Monat bei jedem Tag einen oder mehrere Heiligen, zunächst Märtyrer, auf, denen derselbe als ihr Todestag – der Geburtstag zum ewigen Leben – geweiht ist, zuweilen mit kleinen Bemerkungen; zugleich werden aber auch andre Kirchenfeste, die Christus und den Aposteln gewidmet sind, angeführt, wie beim 1. Januar die Beschneidung Christi, beim 25. desselben Monats die Bekehrung des Paulus. Wie sich kaum anders erwarten lässt, hat diese Kalenderpoesie von der Poesie nur den Vers und hier und da den Ausdruck, aber so sehr auch in letzterer Beziehung der Verfasser zu variiren bestrebt ist, es 188 müssen doch dieselben Wendungen ungezählt wiederkehren. Das Verhältniss zu Beda und Florus liesse sich erst erörtern, wenn das Verhältniss der beiden zu einander festgestellt wäre. Doch erhebt sich die Darstellung immer noch viel über die anderer solcher versificirten Martyrologien, von denen mindestens eins, dessen Handschrift aus St. Riquier stammt, wohl noch früher verfasst ist, zumal wenn, wie es wahrscheinlich, der Magister der Klosterschule, Mico sein Autor ist. Von dem sich schon ein Gedicht aus d. J. 825 in demselben Codex findet. S. über den Codex wie über Mico Dümmler, N. A. S. 515 ff., namentlich 516 u. 520 f. Es hat auch einen primitiveren Charakter als das des Wandalbert, indem nicht alle, sondern nur einzelne Tage, und ein jeder stets nur in einem Verse behandelt werden. Die Versification der Martyrologien erklärt sich aber überhaupt wohl aus dem Wunsche dem Gedächtniss zu Hülfe zu kommen. Was für einen andern Zweck konnten solche Verse haben wie bei Wandalbert: Martis Donatus tenet Albinusque Calendas ? Aber auch selbst mit einer Motivirung, wie zum 10. August: Quartis (sc. idibus), Laurenti , merito splendescis opimo,         Ignem qui passus tortorem vincis iniquum.         Nach dem Martyrologium folgt die Conclusio in acht dreizeiligen Strophen desselben choriambischen Metrum, das Prudentius in der Praefatio seiner Werke angewandt hat Das Schema ist:        –́ – | –́ ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ        –́ – | –́ ᴗ ᴗ – | –́ ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ        –́ – | –́ ᴗ ᴗ – | –́ ᴗ ᴗ – | –́ ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ , an welche auch der Inhalt an einzelnen Stellen erinnert. So vgl. die 3. Strophe der Conclusio mit der 1. der Praef. Der Dichter hofft zum Dank für sein Werk, auf das er hier zurückblickt, durch die Fürbitte der Heiligen von Christus einst begnadigt zu werden, ein Gedanke den er schon in der Invocatio aussprach, und in einem der Conclusio folgenden, in acht sapphischen Strophen verfassten Hymnus wiederholt. Beide Schlussgedichte sind an Christus gerichtet. Aber es sind noch zwei Anhänge hinzugefügt, die, wie die Vorrede ausdrücklich bezeugt, zu dem ganzen Werke gehören. Der erste von ihnen (im ganzen 450 Hexameter) hat einen durchaus weltlichen Charakter und ist von einem Hauche wahrer Poesie erfüllt, so dass wir, hiernach zu urtheilen, den 189 Verlust der weltlichen Gedichte Wandalberts in der That zu bedauern haben. Es schliesst sich dieser Anhang an die kurze Comprensio temporum seinem Inhalt nach an. Der Dichter behandelt darin zunächst die Monate einzeln, und zwar immer die Herkunft des Namens, das entsprechende Sternbild und die Thätigkeit des Landwirths, wie man dies ja auch heute noch in manchen Kalendern kurz angezeigt findet. Der zuletzt erwähnte Punkt der Betrachtung, welcher nicht bloss Feld und Gartenbau, sondern auch die Jagd begreift, gibt nun zu kurzen, oft recht anmuthigen Beschreibungen in einer damals seltenen gewandten Form Gelegenheit, Schilderungen die man noch heute in den leicht dahin fliessenden Versen mit Vergnügen liest. In diesem Theile seiner Dichtung zeigt sich Wandalbert als ein Geistesverwandter des Verfassers des Hortulus, nur erscheint seine Darstellung noch freier, ungezwungener und frischer. Um wenigstens ein kleines Beispiel, aufs Gerathewohl genommen, zu geben, so heisst es vom Januar:         Tum tempus, campis lepores lustrare nivosis,         Artibus et variis pictas captare volucres;         Per campos volitant collesque et flumina circum.         Tum capus accipiterque placet, curisque solutis         Per brumam genio vacat indulgere, domique         Diversos usus veri proferre futuro. Die Herleitung der Monatsnamen ist nach Isidor (Etymol. l. V, c. 33) gegeben Auf dessen Rechnung auch die noch im späteren Mittelalter, so bei Philipp von Thaun (Compot), sich findende wunderliche Etymologie von September und den folgenden Monatsnamen kommt, die aus Zusammensetzung mit imber gebildet sein sollen. , ausser dass Wandalbert Juno zur Taufpathin des Juni macht. Am Schluss dieses Gedichts von den Monaten nennt sich der Verfasser (s. die Stelle oben S. 186 , Anm. 1), und bemerkt dass er die Gallische Landwirthschaft im Auge gehabt, doch wird er unter Gallien das Land bis zum Rheine begriffen haben. – Als Anhängsel zu diesem Anhang folgt ein recht prosaisches Thema wieder, ein Horologium für die zwölf Monate, in welchem die Tagesstunden durch die Länge des Schattens des menschlichen Körpers für die einzelnen Monate bestimmt werden, von welchen aber immer zwei, der erste und zwölfte, der zweite und elfte u. s. w. gleichgestellt werden. Endlich der zweite Anhang: er ist betitelt 190 De creatione mundi und in 285 pherecratischen Versen verfasst Von denen nach der Vorrede allemal 3 eine Strophe bilden sollen was aber nur ausnahmsweise der Fall ist. ; hier wird das Werk der sechs Schöpfungstage kurz geschildert und darauf der Mensch, der selbst eine Welt sei, gegen welche die grosse zurückstehe, zu einer tieferen, mystischen Auffassung des Schöpfungswerkes aufgefordert. Hiermit schliesst die Dichtung, die im Ganzen nicht weniger als 1919 Verse zählt. Auch ein Werk in Prosa besitzen wir von Wandalbert, ein Heiligenleben, das aber in seinem ersten Buche nur eine stilistische Bearbeitung einer älteren Redaction, wie sie die fortgeschrittene literarische Bildung damals verlangte, dagegen original im zweiten Buche ist, welches die Wunder des Heiligen behandelt, die an seinem Grabe seit der Uebertragung der Gebeine in die ihm zu Ehren gebaute Kirche geschahen. Es ist die Vita S. Goaris , welche Wandalbert auf den Wunsch seines Abtes Marcward um 839 verfasste. Das Kloster Prüm hatte aber ein besonderes Interesse an dem Heiligen und seiner Verehrung, weil es durch Pippin, Karls des Grossen Vater, die Cella Goars erhalten hatte. Nach unsrer Vita stammte der Heilige aus Aquitanien und war bereits im sechsten Jahrhundert unter Childebert I. an den Rhein gekommen, und hatte dort als Missionar gewirkt, indem die ihn besonders auszeichnende Tugend der Gastfreundlichkeit ihn überall beliebt machte. Nur von dem ansässigen Klerus, der wohl eifersüchtig auf die Popularität des Fremden wurde, hatte er manche Anfechtungen zu erdulden. Er wurde angeklagt, sich selbst dem Essen und Trinken zu sehr hinzugeben, wenn er es auch mit Reisenden und Armen theilte, und deshalb vor den Bischof von Trier citirt. Aber die Heiligkeit des Bonhomme, der lebte und leben liess, wird hier in wunderbarer Weise bezeugt und die Unheiligkeit des Bischofs nicht minder, so dass dieser dem Bisthum entsagen muss, das nun Goar, aber vergeblich, angetragen wird. Vgl. Rettberg, Kirchengesch. Deutschlands I, S. 481 f. u. 465, der aber hier in seiner kritischen Schärfe etwas zu weit geht. So feiert die Legende den Sieg des Missionars über den Bischof. Unter den im zweiten Buche erzählten Wundern, von denen der Autor nur durch Ueberlieferung von Augenzeugen 191 Kunde haben will, findet sich neben vielem unbedeutenden auch einzelnes historisch merkwürdige, wie c. 15 eine Erzählung von einer Rheinfahrt Karls des Grossen und seiner Söhne, die von neuem bestätigt, dass der grosse Fürst kein Betbruder war, oder c. 11 die von dem Nationalhass eines deutschen Adligen gegen alle Romanen. Die Stelle finde ich zu merkwürdig, um sie nicht hier anzuführen: cum – – omnes Romanae nationis ac linguae homines ita quodam gentilitio odio execraretur, ut ne videre quidem eorum aliquem aequanimiter vellet, ac si quos forte ex eadem familia comprehendere potuisset, crudeliter nonnumquam afficeret. Auch die Prosa Wandalberts zeichnet sich durch einen einfachen und klaren Ausdruck aus.   Ein andrer Vertreter der literarischen Kultur in Lothringen um die Mitte des Jahrhunderts ist ein eingewanderter Ire, Lehrer an der Domschule von St. Lambert in Lüttich, Sedulius Scotus . Fünf Gedichte des Sedulius Scottus an den Markgrafen Eberhard von Friaul, zum erstenmale herausgeg. von E. Dümmler. In: Jahrbuch für vaterländ. Geschichte. 1. Jahrg. Wien 1861. – Sedulii Scoti carmina ed. ab Aem. Grosse. Königsberg 1868 (Festprogr. des Friedrichscolleg). – Sedulii Scotti Carmina quadraginta ex cod. Bruxellensi ed. ab E. Dümmler. Halle 1869. (Univ.-Progr.) – Carmina medii aevi maximam partem inedita, ex bibliothecis Helveticis collecta ed. H. Hagen. Bern 1877. p. 1–10. – Sedulii Scoti Liber de rectoribus christianis in: Spicilegium romanum . Tom. VIII. Rom 1842. – – Dümmler, N. A. S. 315 ff. Die uns von ihm erhaltenen Werke fallen ungefähr in den Zeitraum von 840–868; sie sind auch die einzige Quelle seiner Lebensgeschichte. Sedulius, so erfahren wir aus ihnen, war einer jener gelehrten irischen Auswanderer, die, wie wir auch schon früher bemerkten, auf dem Continent eine grössere Wirksamkeit und eine bessere Lebensstellung suchten, und zunächst auf gut Glück hin ihre Heimath verliessen. So langte denn auch eines Tags bei eisigem Nord und Schneegestöber Sedalius zugleich mit zwei andern »gelehrten Grammatikern und frommen Presbytern«, seinen Landsleuten, müde, erfroren und hungrig in dem Lütticher Domstift an, um mit ihnen dort nicht bloss eine zeitweilige Zuflucht, sondern eine dauernde Aufnahme zu finden. Hierfür spricht Sedulius in einem Gedicht dem Bischof Hartgar (840–854) 192 seinen Dank aus. S. Carmina quadrag. c. 1 u. vgl. Carmina ed. Grosse, c. I, insbesondere v. 39 f. Freilich die rauchige, fenster- und schlösserlose Wohnung war, zumal verglichen mit dem prächtigen Palaste des Bischofs, eine Cacus-Höhle: so singt in einem mit gutem Humor und lebhaften Farben ausgestatteten Liede (in vers. Asclepiad. minor. catal. ) unser Dichter den heiligen Lambert an, der lieber alle seine Blinden in diesem Hause versammeln möge, das für Nachtkrähen und Maulwürfe, aber nicht für »Gelehrte« ( sophistae ) sich schicke, welche die Gaben strahlenden Lichtes lieben. Carm. ed. Grosse, c. 2. Manche scherzhafte poetische Bettelbriefe an den Bischof um Wein, Meth, Brod und Fleisch Carm. ed. Grosse, c. 4, Carm. quadt., c. 22. zeigen, dass des armen irischen Magister Haushaltung oft knapp bestellt war, aber wohl noch mehr, dass er gar nicht unempfindlich für die leiblichen Genüsse war: namentlich liebte er den Becher, wenn er die Musen anrief. Vescor poto libens, rithmizans invoco Musas. Carm. quadr. , c. 33, v. 3. Neben der Dichtkunst huldigte Sedulius, auch darin ein ächter Ire, mit Vorliebe der Musik, vergleicht er sich selbst doch einmal mit Orpheus und nennt Calliope seine musica coniux Dümmler, Fünf Ged. S. 171. Vgl. Carm. ed. Grosse, c. 15. ; freilich war ja die Musik auch ein wesentlicher Bestandtheil der Gelehrsamkeit damals. Seine grammatische Bildung bezeugen schon seine Gedichte formell wie inhaltlich, in der Metrik und Sprache, wie in der Kenntniss der antiken Mythologie und Geschichte. Besonders hat Virgil, wie auch manche Reminiscenzen zeigen, auf ihn Einfluss gehabt, wagte Sedulius es doch, sich selbst den Maro Lüttichs zu nennen. Sogar einige Kenntniss des Griechischen scheint er besessen zu haben, was gerade bei einem Iren zwar weniger Wunder nimmt: es hat sich noch die Abschrift eines griechischen Psalters von seiner Hand erhalten, und selbst in seinen Gedichten finden sich Andeutungen und Spuren einer solchen Kenntniss. S. auch Carm. ed. Grosse, c. 15, v. 82: dort lässt sich Sedulius von seiner Muse als Graeculus rühmen. – Sedulius hat auch noch unter Hartgars Nachfolger, Franco (854–901), den er gleich dessen Vorgänger in seiner Dichtung 193 verherrlicht, in Lüttich kürzere Zeit gewirkt; dann aber ist er mit seinen Landsleuten nach Italien gezogen und hat bei dem Erzbischof von Mailand Tado (860–868) Aufnahme gefunden. S. N. Arch. IV, S. 317 ff., wo Dümmler den Beweis antritt, dass die von Hagen Carm. med. aev. p. 1–10 edirten Gedichte, und namentlich die an Tado gerichteten, unsern Sedulius zum Verfasser haben. Rücksichtlich der letzteren stimme ich unbedingt bei. Zumeist spricht dafür die auch sonst bei Sedulius sich findende Benutzung eigener älterer Gedichte, aus denen ganze Verse entlehnt sind, so in c. VII, worin namentlich das an Hartgar während seiner Abwesenheit in Rom gerichtete Gedicht ( Carm. quadr. c. 3) benutzt ist; die Vergleichung von v. 55 desselben mit VII, v. 39 zeigt aber nach dem ganzen Zusammenhang der Stellen, dass nicht das umgekehrte Verhältniss obgewaltet hat. Diesem wie andern angesehenen Prälaten und vornehmen Laien wusste er durch seine Dichtung sich zu empfehlen, was noch immer einen in den höhern Kreisen weiter verbreiteten ästhetischen Sinn bekundet. Die Dichtung des Sedulius, von der uns sehr viel erhalten (es sind gegen 90 Gedichte), ist zwar meist Gelegenheitspoesie; doch zum Theil in einem höheren Stile; Sedulius war kein blosser Versemacher, er besass doch einen Funken poetischer Begabung, so dass wir einzelnen Stellen, ja einzelnen Gedichten von ihm begegnen, die eines wahren Dichters würdig sind. In literarhistorischer Beziehung aber bieten seine Gedichte ein mehrfaches Interesse dar. Zuerst ein allgemeines: es spiegelt sich in ihnen die Nationalität des Autors lebhaft ab, und zwar in ihren merkwürdigen Gegensätzen: es zeigt sich ebenso die Neigung zu schwülstigem Prunk, als der Sinn für das niedrig Burleske; auch ein gewisser elegischer Zug fehlt nicht ganz. Die meisten der Gedichte sind entweder epistelartig in der Form der antiken Elegie, oder panegyrische Gedichte, die theils auch in Distichen verfasst, an die ersteren sich anschliessen, theils als Oden in der sapphischen Strophe erscheinen. In ein paar Elegien an Bischof Hartgar, der, offenbar nicht lange nach Ankunft der Schotten, nach Rom reisen musste, findet sich ein Ausdruck wahrer Empfindung, wenn der Dichter in der einen den Winter anklagt, den wilden Sohn der scythischen Felsen, dass er ihnen diese goldene Leuchte entführe – war doch der Bischof gewiss nicht bloss 194 in materieller Beziehung den Fremden eine Stütze, sondern auch in geistiger ein Trost – und wenn in der andern der Dichter die Musen auffordert, Hartgar zurückzubringen, und den Tiber bittet mit dem Rheine Mitleid zu haben, um ihn ziehen zu lassen. Carm. quadr. c. 2 u. 3. Die panegyrischen Gedichte sind im allgemeinen mindestens durch die Persönlichkeiten, denen sie gewidmet sind, von Interesse: so sind ein paar an Karl den Kahlen gerichtet, dessen Gelehrsamkeit hoch gerühmt wird, den aber der Dichter auch mit dem »alten Karl« (dem Grossen) gleichzustellen wagt. Nicht minder wird Lothar, der Landesherr, mit seiner Familie besungen: am schwungvollsten aber feiert unser Dichter die schöne, fromme Gemalin des Kaisers, Irmingard, zu der er offenbar eine persönliche Zuneigung hatte; in der Schilderung ihrer Schönheit verwendet er die glänzendsten Farben seiner poetischen Palette Carm. quadr. c. II, v. 21 ff.         In facie niveum quoddam roseumque rubescit,             Quae superat nimphas Luciferique decus.         Cingitur auricomis flavus vertexque capillis,             Crisoliti specimen circulat omne caput.                         –         –         Lactea formoso decorantur colla nitore,             Lilia ceu splendent aut elefantis ebur. ; für sie dichtete er auch Verse auf Bilder aus dem Leben des heil. Petrus, womit ein Pallium, das die Kaiserin verschenkte, geschmückt war. Carm. quadr c. 12: Hinc versus ad Ermingardem imperatricem conscripti in serico pallio de virtutibus Petri Apostoli. – Die Verse – allemal vier Hexameter – waren wohl unter oder über den Bildern eingewebt. Solche Tetrasticha hatte schon Prudenz zur Erklärung von Bildern, mit denen sie verbunden waren, verfasst. S. Bd. I, S. 279 ff. u. vgl. ebenda S. 397 ff. Auch Söhnen Lothars und seiner Tochter Bertha, die verwittwet, Aebtissin von Avenay geworden war, sind Gedichte gewidmet; in einem an dieselbe rühmt er vornehmlich die sittlichen Vorzüge der Mutter Irmingard, die sich in der Tochter wiederfinden ( Carm. quadr. c. 37). Ludwig der Deutsche ist auch in einem langen Panegyricus von 52 reciproken Distichen angesungen (ed. Gr. c. 10), worin – das einzig thatsächliche von Belang in dem Wortschwall – die Ausbreitung des Christenthums durch ihn, gepriesen wird. 195 Zum guten Theil sind solche schablonenhaft verfasste, stets mit einer tüchtigen Dosis Schmeichelei gewürzte Gedichte zur Feier der Ankunft der hohen Personen in Lüttich gemacht. Zu ihnen gehört auch der tapfere Graf Eberhard von Friaul. Ludwigs des Frommen Schwiegersohn, der im lothringischen Reiche begütert war und von dorther stammte. Es ist derselbe bei dem sich Gottschalk aufhielt. Wie er überhaupt die Literatur und die Literaten liebte, auch eine für jene Zeit bedeutende Bibliothek besass, so trat auch Sedulius leicht zu ihm in eine nähere Beziehung. Ausser der ihm bei seiner Rückkehr in die Heimath in Distichen gewidmeten Begrüssung, worin Sedulius den Sieger über Normannen und Sarazenen als Schild Italiens preist Dümmler, Fünf Ged. c. 5. , hat er noch mehrere Gedichte an ihn gerichtet, die gerade zu seinen besseren gehören. So eins auf den Tod und eins auf die Geburt eines Sohnes des Grafen, welche Elegien durch manche hübsche Einzelheit ansprechen Dümmler a. a. O. c. 1 u. 2. In der zweiten Elegie heisst es von Eberhard v. 27 f.:         Sic tuus ensipotens genitor puerilibus annis             Almae sophiae sacra fluenta bibit. ; so ein anderes, im Namen Hartgars auch in Distichen verfasstes Gedicht bei Uebersendung des Werks des Vegetius De re militari . Der kriegerische Ton, den hier Sedulius mit Erfolg anschlägt Z. B. Dümmler a. a. O. c. 4, v. 9:         Hic tuba terribili sonitu clangore remugit,             Praecipites scopulos carrobalista serit,         Horridus ast aries frontis ductuque superbo             Muros turrigeros conterit atque quatit. , klingt auch in mancher seiner Oden wieder, namentlich in einer dem Eberhard gewidmeten, worin er von neuem den frommen Helden, den »Schützer der Kirche« feiert, seine siegreichen Kämpfe, an der Spitze der weissen Schaaren der Franken, mit den heidnischen Mauren schildernd. Dümmler a. a. O. c. 3. In andern Oden preist der Dichter Lothar und die eignen Bischöfe, Hartgar wie dessen Nachfolger Franco, ob der über die Normannen erfochtenen Siege, bei ihrem Einzug in Lüttich: in der ersten dieser Oden wird die Flucht der Normannen in ihre 196 Schiffe lebendig geschildert; sonst findet sich in ihnen manche phrasenhafte Wiederholung. Carm. quadr. c. 26 u. 29, ed. Grosse c. 3 u. 9. – Von den andern Gönnern, denen Sedulius Gedichte, meist im elegischen Metrum, gewidmet, verdienen noch genannt zu werden: der Erzbischof von Cöln, Gunther, der, wie sich hier ergibt ( Carm. quadr. c. 30 u. 34), selbst geistlicher Dichter war, der oben erwähnte Tado (bei Hagen c. 2 u. 7) und der Herzog Leodfrid, Kaiser Lothars Schwager (bei Hagen c. 3 u. 8). Unter den übrigen Gedichten des Sedulius sind vier von besonderem Interesse: einmal ein Lobgedicht auf einen Gönner Robertus, wahrscheinlich einen Abt Dümmler hält ihn für einen Grafen, aber für »Abt« spricht die Bezeichnung pater v. 17, man müsste denn annehmen, sie wäre scherzhaft angewandt, was sich auch wohl denken liesse. , der reich an Weinbergen wie Schafherden, durch seine Freigebigkeit bekannt war. Das Gedicht ist in rythmischen Versen verfasst, und durchaus scherzhafter Natur, beweist es den guten Humor unseres Poeten, der ziemlich deutlich hier auf die Weine seines Gönners speculirt, welcher, ein Gelehrter unter den Gelehrten, mit himmlischem Thau die Geister zu unterweisen verstehe. In der That aber muss Robertus einige Gelehrsamkeit besessen haben, da ihn der Dichter im Eingang in allen sechs Casus begrüsst, ein grammatischer Witz, der etwas an die Spielerei des grammatischen Reims in der Lyrik der Troubadours erinnert. Das Gedicht bei Grosse c. 6 beginnt:         Bonus vir est Robertus , laudes gliscunt Roberti :         Christe fave Roberto , longaevum fac Robertum ,         Amen. Salve Roberte , Christus sit cum Roberto . Den Rythmus betrachten wir weiter unten. – An denselben Robert hat Sedulius auch eine directe poetische Supplik in Hexametern gerichtet, in der er in scherzender Form um einen Hammel bittet; auch hier fehlt es nicht an Wortspielerei ( ut multis multetur multo ). S. Carm. quadr. c. 18. – Ferner eine Thiergeschichte: De quodam verbece a cane discerpto , ein längeres Gedicht von 70 Distichen, das offenbar eine wahre Geschichte zum Gegenstand hat. Carm. quadrag. c. 19. – Anspielungen auf die Fabeln vom Fuchs finden sich in hübscher Form bei Grosse c. 11. Ein dem Dichter von seinem Bischof Hartgar geschenkter Hammel wird gestohlen; der Dieb, von Hunden verfolgt, lässt das Thier fahren, das nun selbst mit diesen einen Kampf zu bestehen hat, in dem es schliesslich unterliegt. In komisch 197 parodischer Weise wird dieser Schöps und sein Heldenmuth vom Dichter besungen, der ihm am Schluss noch ein Epitaphium setzt. Die fliessend geschriebene muntere Dichtung spricht noch immer an und zeigt die besondere Begabung des Sedulius für diese Art der Poesie. Merkwürdig ist die Freiheit, die sich der Dichter nimmt (v. 117 f.), den für den Dieb gestorbenen Bock mit dem Agnus dei zu vergleichen, eine Freiheit wie sie auch die spätere mittelalterliche Dichtung in ihrem Humore sich nicht selten erlaubt. – Ein andres Gedicht in Distichen ( Carm. quadr. 5) ist merkwürdig als eine zum Weihnachtsfeste verfasste geistliche Allegorie: der Kirchenchor ( chorus ecclesiae ) – hier wohl für die »Kirche« selbst genommen – soll Maria bedeuten, der Bischof, der Pastor, der die »Brüder« aus der ägyptischen Finsterniss in die Heimath des Lichts führt, den Joseph, der Dom ist Bethlehem, auch das Christuskind ist da in dem Brode (die Transsubstantion nimmt also Sedulius an), und wie die Engel sein Lob singen, so hier der Chor; der Bischof-Hirt repräsentirt in zweiter Rolle die Hirten, welche den Hirten Christus bezeugen, die Magier aber werden vertreten durch die Scotti sophistae , die irischen Weisen Vielleicht liegt hier zugleich eine irische Reminiscenz zu Grunde: die Druiden nannten sich Magier, wie mir mein College Windisch mittheilt. , welche Gaben der Weisheit ( sophica dona ) bringen. So möge denn, wie Maria und Joseph die Geschenke der Magier annehmen, auch die Kirche und der Bischof die kleineren Gaben der irischen Muse nicht verschmähen. – Literarhistorisch am interessantesten ist das letzte dieser Gedichte, das auch nicht ohne ästhetischen Reiz ist. Es ist das meines Wissens zweitälteste Streitgedicht Vgl. oben S. 68 . , in welchem der Rahmen der Ekloge bereits aufgegeben ist, es ist auch schon Certamen und zwar Rosae Liliique betitelt Die Ueberschrift bekundet auch die Autorschaft des Sedulius, sie lautet: De Rosae Liliique certamine idem Sedulius cecinit, Carm. quadrag. c. 40. , und zählt 50 Hexameter. Auch in diesem tritt der Frühling auf. Entfernt erinnert der Vers 29: Tunc Ver florigera iuvenis pausabat in herba an den Vers 6 des Conflictus: Ver quoque florigero succinctus stemmate venit. Wie in den späteren französischen Débats , leitet der Dichter in ein paar Versen den 198 Streit ein. Die Rose beginnt zuerst, sie rühmt ihre Farbe: der Purpur verleihe die Herrschaft, das Weiss sei die Farbe des Elends. Die Lilie entgegnet, der schöne Apollo liebe sie, die goldhaarige Zier der Erde; das Roth der Rose sei das der Scham und bezeuge ein schlechtes Gewissen. Die Rose will dagegen Aurorens Schwester sein, ihr Roth ist die Schönheit jungfräulicher Sittsamkeit. Nun wirft ihr die Lilie ihre Dornen vor. Es kommt zu heftigen Worten. Da erhebt – so fährt jetzt der Dichter wieder fort – ein Jüngling, der unter Blumen im Grase ruhte, das Haupt mit Kränzen geschmückt, seine Stimme – es ist der Frühling –: Theuere Kinder, warum streitet ihr? ruft er, erkennt euch als Schwestern! – Einer jeden das ihrige. Und er endet sein versöhnendes Wort: Du, Rose, reichst mit deinem Kranze die rothe Palme den Märtyrern, ihr Lilien schmückt die mit der Stola bekleideten jungfräulichen Schaaren. – Noch besitzen wir zwanzig Gedichte des Sedulius, die mit einem prosaischen Werke desselben verbunden sind, welches hier auch für uns von Interesse ist. Es ist ein christlicher Fürstenspiegel: De rectoribus christianis betitelt In einer Handschrift auch Via regia , wie das Werk des Smaragdus, s. oben S. 110 . , und an einen, offenbar jungen, »Herrn und König «, der noch nicht lange den Thron bestiegen, gerichtet, ja aus Liebe zu ihm verfasst Dies zeigt die im letzten Kapitel gegebene Zuschrift, welche beginnt: Has autem paucas de multis, divinas et humanas historias percurrens, vestrae, domine rex, excellentiae commonitorias obtuli litteras, vestro amore ad hoc opusculum instigatus , sciens me debitorem esse vestrae celsitudinis obsequio. Und hernach: Hos itaque apices velut enchiridion vestri sagacitas ingenii saepius tanscurrendo perlegat. ; wahrscheinlich ist also Lothar II. gemeint und die Abfassungszeit dann 855. Das Buch, welches 20 Kapitel begreift, will lehren – namentlich auch an der Hand der biblischen wie der profanen Geschichte – wie ein frommer Herrscher ( rector ) beschaffen sein soll. In der Form ist es der Consolatio philosophiae des Boëtius nachgebildet, indem ein jedes Kapitel – ausser dem letzten – mit einem Gedichte schliesst, das in der Regel nur den Hauptinhalt der Prosa recapitulirt. Dass Boëtius in dieser Beziehung unmittelbar das Vorbild gewesen, zeigt recht der Schluss der ersten Prosa (c. 1), welcher lautet: Sed haec quae breviter stilo prosali diximus, aliqua versuum dulcedine concludamus , verglichen mit Boëtius l. IV, Prosa 6 Ende: sed video te iam dudum et pondere quaestionis oneratum et rationis prolixitate fatigatum aliquam carminis expectare dulcedinem . Man sieht also dass auch dasselbe Motiv für die Einschaltung der Gedichte bei Sedulius massgebend war, als bei Boëtius; vgl. hierüber Bd. I, S. 473, Anm. 1. Auch wird das Ganze durch eine Praefatio in 199 Versen eingeleitet. Die Gedichte sind in verschiedenen Metren verfasst, und darin zeigt sich auch der Einfluss des Werks des Boëtius: nur sind die Metra grösstentheils andre als in diesem, einfacher, weniger complicirt. Es sind die folgenden: Hexameter allein (Praef.), Distichen (c. 1, 2, 6, 10, 14, 19), Versus asclepiad. min. catal. (c. 7), Anapaest. Dimet. catal. (c. 12) – nur diese Metra hat das Buch mit der Consol. gemein – ferner: Sapphische Str. (c. 3, 4, 16), Hexam. mit Iamb. Dimet. acat. (c. 5), Troch. Tetram. catal. (c. 9, 19), Asclepiad. minor (c. 11, 17) – der bei Boëtius sich nicht, wie hier, allein gebraucht findet – Iamb. Dimet. acat. (c. 15) und catal. (c. 13), und endlich Dactyl. Tetram. catal. in disyll. (c. 8). Man sieht aber hier, dass die metrische Mannichfaltigkeit, die uns in manchen Dichtungen jener Zeit überrascht, nicht bloss der Einwirkung der Hymnen des Prudentius, sondern auch des berühmten Buches des letzten römischen Philosophen zuzuschreiben ist. Nur einzelne dieser Gedichte des Sedulius haben eine poetische Selbständigkeit, die ihnen einen gewissen Reiz verleiht. Skizziren wir nun den Inhalt des Werks, dessen Gang keineswegs ein sicherer ist, schon durch die Abschweifungen, die der Verfasser sich erlaubt. Das erste Kapitel bildet gleichsam ein Prooemium, das aber für Autor wie Werk recht bezeichnend ist: sobald der christliche Herrscher den Thron bestiegen hat, soll er Gott danken und zwar durch Dotirung der Kirche. Mit dem zweiten Kapitel geht Sedulius auf sein Thema selbst ein und verlangt nicht mit Unrecht vor allem, dass wer andre zu regieren berufen ist, sich selbst regiere, das Schlechte, das er als Herrscher bestraft, selbst vermeide, und das Gute, das er befiehlt, selbst zu thun sich bemühe. Sechs Lebensvorschriften hat er zu dem Ende sich zu merken: er muss unerlaubte Gedanken unterdrücken, heilsame Rathschläge in Betracht ziehen, unnütze und schädliche Reden vermeiden, Aussprüche ruhmvoller Fürsten sowie die der Bibel über alles gern »kosten«, sich fürchten eine schmähliche Handlung zu begehen, und sechstens sein Licht leuchten lassen in 200 prächtigen Reden und Handlungen. So vermag (c. 3) der Fürst die Gnade Gottes zu erlangen, die allein seiner vergänglichen Herrschaft eine gewisse Stabilität verleihen kann. Der Schmuck der königlichen Gewalt ist die fromme Weisheit, welche Salomo über alle Könige erhob. Sie zeigt sich nun nicht bloss darin, dass der Herrscher sich selbst, sondern dass er auch sein Haus und sein Volk verständig regiert. In ersterer Beziehung entwirft der Verfasser hier (c. 5) nur das Bild einer guten Hausfrau, wobei er auf Placilla, des Theodosius Gemalin, als Muster hinweist. In Bezug auf die Staatsregierung aber, diese schwierigste Kunst, hat der Fürst eine dreifache Regel zu beobachten (c. 6): erstens, dem Göttlichen vor dem Menschlichen den Vorzug zu geben, da man Gott mehr als den Menschen gehorchen muss, zweitens, nicht so sehr auf sein eignes Urtheil als auf das seiner klügsten Räthe sich zu verlassen – wofür Aussprüche des Kaisers »Antonin« Unde illa Antonini imperatoris praecipua semper in consiliis fuit sententia: aequius est, ut ego tot et talium amicorum consilium sequar, quam ut tot et tales amici meam unius voluntatem sequantur. und des Salomo citirt werden, drittens, keine falschen und verderblichen Räthe zu haben. Diesen soll er als wie Drachen Feind sein, wie das Beispiel des Panthers lehrt. Absit vero ut crudeles tyrannos tamquam infestos dracones bonus habeat princeps amicos, quod pantheris exemplo animalis adstruitur. Siquidem panther, genus quadrupedis, est, ut physici perhibent, omnium animalium amicus excepto dracone. Eine bemerkenswerthe Hinweisung auf die Physiologen, nach denen auf Grund dieser Fabel der Panther der Typus Christi ist. Dann werden die guten »Freunde« des Fürsten charakterisirt. In den folgenden Kapiteln (7 und 8) aber entwirft Sedulius zur Warnung ein Bild von den gottlosen Herrschern, nachdem er erörtert, was die guten verderben kann: es ist die Freiheit, die sie haben, der Reichthum, schlechte Umgebung und die Unwissenheit im Staatswesen ( ignorantia rerum publicarum ). Solche Herrscher, die auch die göttliche Strafe ereilte, sind Pharao, Antiochus, Herodes, Pilatus Von diesem wie den beiden vorausgehenden heisst es: quis nescit quanta districti iudicis ultio perculit? Hieraus ergibt sich, wie verbreitet die Pilatussage schon damals war. Vgl. Bd. I, S. 606, Anm. 2. , Nero, Aegeus In Mai's Ausg. steht de . . Aege a , was wohl nur Druckfehler ist. , Julian 201 und Theodorich, bei welchem der Verfasser länger verweilt, der Strafe dieses »grausamsten Königs« nach Gregor S. Bd. I, S. 521, Anm. 2, u. vgl. oben S. 155 . gedenkend, ohne jedoch merkwürdiger Weise hierbei Boëtius zu erwähnen. Dagegen gehört nun (c. 9) der Rex pacificus , in der Glorie seiner Herrschaft, wenn er in der königlichen Aula seine Geschenke und »Beneficien« austheilt (also der germanische Volksfürst Ob auch der irische hier gemeint sein kann? ), zu den nach dem Ausspruche der Weisen Ut sapientes ferunt , wie weiter unten: ut sapientes perhibent . Schöpft hier der Autor aus irischen Quellen? sieben schönsten Dingen der Welt – die andern sind der unbewölkte Himmel, die Sonne, der Mond, das Kornfeld, das Meer mit Ebbe und Fluth, der Chor der in einem Glauben vereinten Gerechten. Als Beispiele eines solchen Fürstenideals – des gnädigen und gerechten Herrschers – werden August, die Antonine, Constantin der Grosse, die beiden Theodosius, Karl der Grosse und » Ludovicus piissimus « genannt. Acht Säulen stützen nach dem Ausspruche der Weisen die Herrschaft des gerechten Königs: Wahrheit, Ausdauer ( patientia in omni negotio ), Freigebigkeit, Freundlichkeit in der Rede, Züchtigung der Bösen, Freundschaft mit den Guten, Erleichterung der Steuern, gerechte richterliche Entscheidung zwischen Reichen und Armen (c. 10). Dann aber soll der Gott gefällige Herrscher sein persönliches Interesse dem Nutzen der Kirche nachsetzen, um so Gott, seinen Wohlthäter, zu ehren. Namentlich soll er – worauf Sedulius wiederholt zurückkommt – ein paar mal des Jahres Synoden halten (c. 11). Indem hier der Verfasser also auf das Verhältniss des Herrschers zu der Kirche näher eingeht, verlangt er von ihm Demuth und Gehorsam; er soll selbst die Zurechtweisung der Priester, als geistlicher Aerzte, hinnehmen, indem auf das Beispiel des Theodosius hingewiesen wird, welcher, wie hier ganz ausführlich erzählt wird, nach dem Thessalonichschen Blutbad der Kirchenbusse sich unterwarf (c. 12 f.). Vgl. Bd. I, S. 160 f. Auch im Kriege muss der Herrscher mehr auf Gott als auf Menschenmacht vertrauen; was beide vermögen, zeigt die Geschichte, unter anderm der Sieg des h. Germanus, des Apostels der Britten, über deren Feinde (c. 14 f.). Im Unglück soll der 202 gute Fürst nicht verzagen (c. 16) Auch hier wird wieder ein Ausspruch der Weisen citirt: Ut enim sapientes perhibent, quinque temporum varietatibus regnum terrarum consistit : 1) die Zeit der Kämpfe, 2) wann das Reich zur »Vollständigkeit« ( plenitudo ) heranstrebt (Neumond), 3) wann es diese erreicht hat (Vollmond), 4) wann es gleich dem Monde abnimmt, 5) die Zeit des Zusammensturzes. , zum Frieden stete bereit sein (c. 17) und bei glücklich beendetem Kriege sich nicht rühmen, sondern Gott danken – durch Vermehrung der Privilegien der Kirche und Hochschätzung der Priester. Andrerseits aber wird der Herrscher auch als Vicar Gottes in der Regierung der Kirche bezeichnet, der sie gegen Eingriffe weltlicher Machthaber schütze, aber auch für gute Bischöfe und Priester sorge, die frei von unersättlicher Habsucht und Ueppigkeit des göttlichen Amtes warten. Solche müsse er als geistliche Milites dann auch mit allem Nothwendigen versorgen, wie er dies mit den fleischlichen thue, da durch ihre heiligen Arbeiten und Gebete der Staat vor Schaden bewahrt bleibe (c. 19). Das Schlusskapitel endlich enthält die Zuschrift an den König, der das Buch öfters zu lesen und zu beherzigen ermahnt wird. Der prosaische Ausdruck dieses kulturhistorisch interessanten Buches, das im Gegensatz zu der Via regia des Smaragdus S. oben S. 110 ff. doch mehr einen weltlichen Charakter hat, ist leicht verständlich und klar, mitunter durch Gleichnisse geschmückt. Sedulius hat endlich auch theologische Werke, und zwar zur Erklärung der Bibel, verfasst, welche uns aber hier um so weniger angehen, als sie blosse Compilationen sind. S. darüber Dümmler, N. A. S. 316. . Auch wird ihm, und meiner Ansicht nach mit grosser Wahrscheinlichkeit ; ein Commentum in Eutychis artem de discernendis coniugationibus beigelegt. Herausgegeben von Hagen in dessen Anecdota Helvetica quae ad Grammaticam latinam spectant . Leipzig 1870. (Supplement v. Keils Grammatici lat. ) pag. 1 ff. – Als Verfasser wird in der Handschrift Sedulius, allerdings ohne weiteren Beinamen, genannt. Die Einwendungen, die Hagen gegen die Annahme unsers Sedulius als Autors erhebt, sind wenig stichhaltig; denn wie wir oben zeigten, besass er einige Kenntniss des Griechischen, und zeigt auch in seinen Gedichten seine grammatische Bildung. Hagen hat ihn sehr einseitig nur auf Grund seines Buchs De rector. christ. beurtheilt. Ausserdem ist zu beachten, dass der Commentar auf Bitten von Mönchen ( rogatu fratrum ) geschrieben ist, was zu Sedulius Lebensstellung so wohl passt und von Hagen gar nicht berücksichtigt ist. 203   Siebentes Kapitel. Westfrancien: Lupus. Während also in Deutschland und Lothringen die grammatisch-humanistischen Bestrebungen des Zeitalters Karls des Grossen ihre Fortsetzung finden und als deren Blüthe eine weltliche Poesie erscheint, so tritt dagegen in Westfrancien bald mehr eine theologisch-polemische Richtung in der Literatur in den Vordergrund, indem selbst dogmatische Streitfragen, die in Deutschland sich erhoben hatten, erst dort wahrhaft ausgefochten wurden; zugleich zeigt sich dort aber auch eine freiere geistige Bewegung, eine religiöse Aufklärung, welche theils in einer Polemik gegen den Aberglauben, nicht bloss den im Volke, sondern auch in der Kirche, sich kundgibt, theils productiv in dem Versuche eines neuen philosophischen Systems erscheint. So offenbart sich Frankreich jetzt schon als die für die mittelalterliche Philosophie geweihte Stätte. Doch hat Westfrancien damals auch besondere Vertreter jener grammatisch-humanistischen Richtung: der bedeutendste von ihnen hatte auch seine letzte Ausbildung bei Raban erhalten, wie Walahfrid, und trat auch, wie dieser, in nahe Beziehung zu Judith und Karl dem Kahlen, es ist Servatus Lupus . B. Servati Lupi, presbyteri et abbatis Ferrariensis opera Stephanus Baluzius collegit, epistolas ad fid. vetustissimi cod. emend. notisque illustr. Ed. 2. Antwerpen 1710. – – Nicolas, Etude sur les lettres de Servat-Loup. Thèse prés. à la faculté de Paris. Clermont-Ferrant 1861. Lupus, von angesehener Familie, in der Diöcese von Sens, wie es scheint, geboren, erhielt seine erste gelehrte Bildung in dem in ihr gelegenen Kloster Ferrières, das früher Alcuin gehörig und von ihm öfter besucht, ein Sitz der Wissenschaft geworden war. Ihm stand damals der gelehrte Abt Aldrich vor, der selbst in diesem Kloster gebildet war; er wurde 829 Erzbischof von Sens und spielte eine bedeutende Rolle an dem Hofe Ludwigs des Frommen. S. über ihn Simson, Jahrb. II, S. 259 f. Er war es, der den früh erwachten wissenschaftlichen Sinn des Lupus begünstigte und ihm einen Lehrer der Grammatik gab. Später sandte er ihn auch zu seiner weiteren, vornehmlich auch theologischen 204 Ausbildung zu Raban nach Fulda. Während seines Aufenthaltes dort machte Lupus die nähere Bekanntschaft bedeutender Männer, namentlich des Einhard, welcher letztere damals ja in dem nicht fernen Seligenstadt wohnte. Diesen verehrte er schon lange hoch, insbesondere wegen seiner klassischen Bildung; der Eindruck, welchen der Stil der Vita Caroli auf ihn gemacht, hatte in ihm zuerst den Wunsch einer persönlichen Bekanntschaft Einhards erweckt. Bei ihm suchte und fand er Unterstützung in seinen gelehrten Bestrebungen, ihn befragte er über die sprachlichen und metrischen Schwierigkeiten, die ihm aufstiessen, schriftlich wie mündlich, von ihm entlieh er Bücher, die ihm fehlten: so nennt er ihn nicht mit Unrecht seinen Lehrer; er trat ihm so nahe, dass Einhard dem viel jüngeren Gelehrten seine uns verlorene Schrift De adoranda cruce widmete. S. Lupi Epp. 1–5. Nach seiner Rückkehr von Fulda 836, wahrscheinlich im Frühjahr. S. über die Zeitbestimmung Jaffé, Monum. Carol. p. 498, Anm. 6. wurde Lupus 837 am kaiserlichen Hofe vorgestellt, wo er der hochgebildeten Kaiserin so gefiel, dass er von ihr schon im folgenden Jahre wieder dahin dringend eingeladen wurde. So erhielt er leicht 842 von Karl dem Kahlen die durch Absetzung Odo's erledigte Abtei Ferrières. Die Bürgerkriege mit ihren Folgen Namentlich indem eine sehr einträgliche Zelle dem Kloster durch Karl den Kahlen entzogen und einem Grafen verliehen war. Das Königthum wusste so auf Unkosten der Klöster sich der Treue des Adels zu versichern. S. darüber Nicolas a. a. O. S. 28 ff. brachten ihn und sein Kloster in vielfache Noth, so dass es den Mönchen selbst an Lebensmitteln und Kleidern fehlte und Lupus verzweifelnd schon seine Würde niederzulegen dachte; ja er musste selbst Heeresfolge leisten, so wenig er das Schwert zu führen wusste (ep. 78), und gerieth sogar vorübergehend in Kriegsgefangenschaft in dem aquitanischen Feldzuge Karls 844. Nicht bloss als Gelehrter, sondern auch als Geistlicher erfreute er sich grossen Ansehens; er durfte auf den Synoden nicht fehlen (ep. 60), und redigirte selbst die Beschlüsse der wichtigen Synode von Verneuil (844). Mit der Reform der Klöster von Burgund wurde er zugleich mit 205 Prudentius von Troyes, sowie mit einer Sendung an den Papst Leo von König Karl beauftragt. Auch musste er denselben, als diplomatischer Beistand in kirchlichen Angelegenheiten Non ignoratis – schreibt Lupus an Marcward ep. 59 – credo, reges nostros apud Traiectum – – celebraturos colloquium, quo me trahit ecclesiastica necessitas . – Vgl. Dümmler, Gesch. d. ostfr. Reichs I, S. 286. , auf den Frankentag von Meersen bei Mastricht begleiten (ep. 50 f. u. 59). Das Jahr seines Todes ist unbekannt, doch scheint er das Jahr 862 nicht lange überlebt zu haben. Von seinen uns erhaltenen Schriften, die nur einen mässigen Band füllen, ist seine Briefsammlung , wie auch bei manchen der späteren Humanisten, der Renaissance, am anziehendsten und wichtigsten. Es sind 130 Briefe, unter welchen ein paar im Namen andrer von Lupus geschrieben, ein paar auch Antworten seiner Correspondenten, wie des Einhard, sind. Zu den Adressaten gehören aber die bedeutendsten Männer jener Zeit, so ausser dem eben genannten ein Raban, Gottschalk, Hincmar, Radbert, Marcward, Prudentius, Jonas, Karl der Kahle und Lothar. Bald sind es kirchliche oder politische, bald gelehrte oder rein private Angelegenheiten, die einzeln oder vereint den Gegenstand der Episteln des Lupus bilden, welche gewöhnlich den reinen subjectiven Briefcharakter haben, indem die Persönlichkeit des Schreibers Stoff wie Behandlung durchaus bestimmt. Diese Persönlichkeit ist aber hier eine bedeutende und interessante. Sie zeigt namentlich, welche Frucht der Bildung die klassischen Studien in jener Zeit schon tragen konnten, wenn sich ein guter Kopf von Jugend auf mit Begeisterung ihnen hingab, und trotz aller zerstreuenden Geschäfte, aller Noth einer von Bürgerkriegen und kirchlichen Streitigkeiten erfüllten Zeit, unverbrüchlich an ihnen festhielt. Man ist überrascht über den Umfang und Ernst dieser Studien: wie jede Gelegenheit von Lupus ergriffen wird, seine Bibliothek der römischen Klassiker zu erweitern und zu ergänzen; wie er selbst zu letzterem Zwecke keine Mühe scheut, ja wie er sogar bloss in der Absicht der Textverbesserung sich Bücher erbittet Ep. 69: Tullianas epistolas, quas misisti, cum nostris conferri faciam, ut ex utrisque, si possit fieri, veritas exsculpatur. ; und diese Bitten gehen 206 auch in weite Ferne, wie nach Rom und nach York, sie richten sich nicht bloss an Bischöfe und Aebte, sondern auch an den Papst selber (ep. 103). Und welcher Vorsorge S. ep. 76. , welcher Kosten bedurfte die Versendung solcher literarischen Schätze damals! Die Frucht der Bildung aber zeigt sich in seinem Stil, dies Wort im weitesten Sinne genommen. Nicht als ob das Latein fehlerlos wäre, aber der Ausdruck ist ein individueller, welcher Charakter und Stimmung abspiegelt, daher beweglich, von verschiedenem Kolorit; Witz und Ironie zeigen sich bereits in leichten gefälligen Formen (s. z. B. epp. 35 und 68, vgl. auch ep. 46 Ende). Nirgends etwas phrasenhaftes, studirtes oder gemachtes, noch weniger entlehntes. Literarisch productiv ist Lupus weniger gewesen, obgleich nicht alles, was er verfasst, sich erhalten hat; so haben wir schon des Stiles wegen allem Anscheine nach den Verlust einer kurzen römischen Kaisergeschichte zu beklagen, die Lupus Karl dem Kahlen zur Warnung wie zum Vorbild widmete. Ep. 93: Imperatorum gesta brevissime comprehensa vestrae maiestati offerenda curavi, ut facile in his inspiciatis quae vobis vel imitanda sint vel cavenda. Maxime antem Traianum et Theodosium suggero contemplandos, quia ex eorum actibus multa utilissime poteritis ad imitandum assumere. Hier hätte sich zeigen mögen, in wie weit der von ihm so hoch verehrte Verfasser der Vita Caroli ihm Muster gewesen. – Die erhaltenen Bücher des Lupus sind zunächst nur im kirchlichen Interesse geschrieben; doch bezeugen sie auch schon in der geschickten Anlage und in dem einfach klaren und doch gewandten Ausdruck die durch die klassischen Studien gewonnene Bildung. Sie offenbart sich aber, wie man sehen wird, in den einzelnen auch noch in andrer als formeller Weise. Das eine dieser Bücher ist die Vita S. Wigberti , welche Lupus auf den Wunsch des Abts von Hersfeld, Bun 836 verfasst hat. Wigbert war ein Angelsachse von vornehmer Geburt, der von dem heiligen Bonifaz nach Deutschland berufen, zum Abt des von ihm gegründeten und zuerst auch selbst geleiteten Klosters Fritzlar gemacht wurde, welches namentlich zur Ausbildung von Klerikern dienen sollte. S. c. 5, Eingang u. vgl. Rettberg, Kirchengesch. I, S. 595. Später wurde 207 er nach Ordruf versetzt, kehrte aber, als er erkrankte, nach Fritzlar zurück, um dort sein Leben zu beschliessen (747). An die kurze Lebensgeschichte schliesst sich die Translation (c. 13 ff.), die in diesem Falle am wenigsten übergangen werden durfte. Sie ist auch nicht ohne geschichtliches Interesse. Die Gebeine des Heiligen wurden nämlich, wie Lupus ausführlich erzählt, bei einem Einfall der Sachsen in das benachbarte befestigte Buraburg gerettet, welches mit Erfolg von den Hessen vertheidigt ward; von dort aber nach einigen Jahren nach Hersfeld transferirt. C. 24 u. vgl. Rettberg I, S. 597. Ein paar Wunder, die sich am Grabe des Heiligen begaben – die herkömmlichen Heilungen – werden von dem Verfasser noch erwähnt, pflichtschuldig – denn das Material war ihm, wie er am Schlusse sagt, von den Hersfelder Mönchen geliefert. Interessanter sind die Wunder, die von der ersten Translation erzählt werden, welche der Volksmund überliefert hatte. Bemerkenswerth ist, dass unser Autor (c. 12) die von den Reliquien ausgegangenen Wunder für werthvoller erklärt, als die von den Heiligen bei ihren Lebzeiten vollbrachten, da jene selbst über den Verdacht eiteln Ruhmes erhaben wären. – Dass Lupus bei der Abfassung dieser Vita mit Bewusstsein den Standpunkt des Historikers einnimmt, und nicht des erbauenden Panegyristen, zeigt das an das Kloster Hersfeld gerichtete Vorwort, indem er einen Zweifel an der Treue seiner Erzählung aus dem Grunde, weil sie erst 90 Jahre nach den Begebenheiten verfasst sei, unter Berufung auf die Werke eines Sallust und Livius, in zweiter Reihe auch des Hieronymus und Ambrosius Der Vita Pauli und der Passio virginis Agnes , s. darüber Bd. I, S. 192 f. u. S. 149 (vgl. S. 258). zurückweist. Ebendort spricht er es dann auch geradezu aus, Geschichte zu schreiben; er hat nämlich deshalb die deutschen Namen unlatinisirt gegeben, da die Historie nicht gestatte, durch ein abweichendes Kolorit verdunkelt zu werden. – – meminerit (lector) non carmen me scribere – – sed historiam, quae se obscurari colorum obliquitatibus renuit. Vgl. das ganz entgegengesetzte Verfahren Walahfrids oben S. 165 . – Auch der Eingang der Vita, der von den Angelsachsen handelt, entspricht diesem Charakter derselben. 208 Beigelegt wird dem Lupus noch eine andere Vita, die des heil. Maximin Rettberg I, S. 131 u. 186 und Wattenbach I, S. 192 nehmen Lupus von Ferrières als Verfasser an, der erstere mit einigem Bedenken, Nicolas p. 124 spricht ihm die Vita lieber ab, wie die Hist. litter. V, p. 267. , die allerdings nur, nach eigener Aussage, die Bearbeitung einer älteren ist S. den bevorwortenden Brief des Lupus an Waldo: Flagitasti ut vitam beati Maximini meo stilo elucubrarem et res quae ad nos usque qualibuscunque litteris decurrerunt, accuratiori sermone convenienti restituerem dignitati. Hiernach wurde sogar nur eine stilistische Bearbeitung von Lupus gewünscht, der doch schon durch Ausscheidung mancher Wunder weiter ging. – Das Original war unter Pippin, Karls des Grossen Vater, verfasst. ; von einem Lupus ist sie und im Jahre 839 auf Bitten eines Waldo, wohl des späteren Abtes von St. Maximin, verfasst. Zwar in einem unseres Lupus nicht unwürdigen Stile geschrieben, der im Anfange sogar in einzelnen Wendungen an die Vita Wigberti erinnert, unterscheidet sie sich doch in der Behandlung des Stoffes nicht wenig von jener: an der Stelle eines objectiven, concisen historischen Berichts finden wir hier eine weitläufigere, durch manche ausführlichen Betrachtungen und theologischen Erörterungen abschweifende Erzählung unsicheren Ganges, in welcher die Wunder des Heiligen einen breiten Raum einnehmen, trotzdem der Verfasser viele unglaubwürdige weggelassen haben will. Vielleicht erklärt sich der Unterschied beider Vitae aus dem Umstande, dass die des Maximin eine blosse Bearbeitung war und Lupus seine Vorlage nicht zu weit verlassen mochte. Der Heilige aber war der Bischof von Trier, der den von dem arianischen Kaiser Constantius verfolgten Athanasius bei sich aufnahm. Endlich haben wir noch eine dogmatische Schrift des Lupus in dem von Gottschalk angeregten Streit über die Augustinische Prädestinationslehre zu verzeichnen. Es ist das Buch De tribus quaestionibus , welches wohl auf Veranlassung Karls des Kahlen 850 verfasst worden ist. Denn auf dieses Buch ist wohl der Eingang der Ep. 128 zu beziehen. Die drei Fragen sind die des freien Willens, der doppelten Prädestination – »der Guten und der Bösen« – und »der Werthschätzung des Blutes Christi«, d. h. ob Christus für alle Menschen, oder nur für die Auserwählten gestorben sei. Die drei Fragen bilden, 209 wie leicht zu ersehen, ein Ganzes. Neander Allgemeine Geschichte der christl. Religion und Kirche Bd. IV, S. 435 ff., wo sich eine treffende Charakteristik des Inhalts findet. rühmt von diesem Buche, dass es durch klarere Auffassung und Darstellung der eigentlichen Streitpunkte sich auszeichne und durch die Art, wie Lupus das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden wisse; und er schreibt dies mit Recht der klassischen Bildung desselben zu. Lupus vergisst auch hier seine Klassiker nicht, indem er eines Ausspruchs des Cicero in De senectute und eines des Virgil gedenkt, freilich um sie zu bekämpfen. Opp. 1. p. 221 f. Ihr Einfluss zeigt sich aber nicht minder in dem eleganteren Ausdruck und, worauf Nicolas schon aufmerksam machte, in der Urbanität der Polemik, die freilich hier auch in seiner Humanität wurzelt, – beides so selten gerade auf diesem Felde der mittelalterlichen Literatur. Lupus steht in dieser Schrift auf der Seite Gottschalks und Augustins, nur zeigt sich eben seine Humanität in der Erklärung, er würde, wenn man beweisen könnte, dass das Blut Christi auch den Verdammten etwas nütze, gern sich dieser Ansicht anschliessen. – Da Lupus aber wegen seiner Meinung in diesen Streitfragen, wahrscheinlich, auf Grund der eben betrachteten Schrift, von der Gegenpartei manche Anfechtung erlitt, auch bei seinem Könige selber, so richtete er ein Schreiben (ep. 128) an denselben, worin er seine Meinung noch einmal entwickelt, und zwar in aller Kürze und Klarheit, weil er weiss, dass die Regierungsgeschäfte die Zeit des Königs zu sehr in Anspruch nehmen. – Ausserdem liess er seiner Schrift auch noch eine Sammlung von Belegstellen aus den Kirchenvätern, die er, wo nöthig, mit Erklärung versah, folgen. Hymnen und Homilien sind Lupus ohne triftige Gründe beigelegt. S. Dümmler, N. A. S. 314.   Achtes Kapitel. Publicistik. Agobard. Als ein Vorläufer jener theologisch-polemischen Literatur, die in Westfrancien seit dem Auftreten Gottschalks zu solcher 210 Blüthe gelangt, dass sie dort ganz in den Vordergrund tritt, erscheint daselbst ein Autor, dessen mannichfache schriftstellerische Thätigkeit mit wenigen Ausnahmen nur in Polemik bestand, die sich aber keineswegs bloss auf theologischem Gebiete bewegte; im Gegentheil, sie betrifft zum guten Theil Dinge von allgemeinem öffentlichen, ja Staatsinteresse. Und nicht wenige dieser Arbeiten, und darunter die anziehendsten, sind Flugschriften. Dieser erste moderne Publicist, wie man ihn nennen könnte, ist der Erzbischof von Lyon, Agobard . S. Agobardi, Lugdunensis episc, opera ed. St. Baluzius . 2 T. Paris. 1666. (Migne, Patrol. lat. T. 104.) – – Hundeshagen, Commentatio de Agobardi vita et scriptis. Pars I, Vita. Giessen 1831. (Diss.) – Blügel, De Agobardi archiepisc. Lugdun. vita et scriptis. Halle 1865. (Diss.). – Leist, Agobard von Lyon. Theil 1. Seine theolog. Schriften. Gymn.-Progr. von Stendal 1867. – Reuter a. a. O. S. 24 ff. Von Herkunft wahrscheinlich ein Franke, war er 792 nach Lyon gekommen, und hatte dort seine gelehrte, namentlich nicht geringe theologische Ausbildung erhalten, die er vor allem auch seinem Vorgänger auf dem erzbischöflichen Sitze, Leidrad , verdankte. Dieser gelehrte Geistliche, einst aus Baiern von Karl dem Grossen berufen, hat sich durch Gründung von Schulen und Bibliotheken zur Ausbildung des Klerus wie durch Restauration der Kirchen und Verbesserung des Gottesdienstes um seine Diöcese sehr verdient gemacht. In letzterer Beziehung folgte Agobard auch seinem Beispiel, indem er das Antiphonar der Kirche von allem unbiblischen reinigte. – Als Leidrad alt und krank nach Soissons in ein Kloster sich zurückzog, wurde Agobard, der ihm schon als Chorepiscopus zur Seite gestanden, sein Nachfolger und 816 Erzbischof. Ein Mann von seltenem Muthe und Unabhängigkeitssinne, welche in der Selbständigkeit des Urtheils eine sichere Stütze hatten, vertheidigte Agobard seine Kirche ebensowohl gegen die Eingriffe des Papstes wie weltlicher Gewalten. Auch mit der Feder wie in der Schrift De dispensatione ecclesiasticarum rerum gegen die Usurpation geistlicher Güter. Aber er nahm auch an den politischen Bewegungen jener stürmischen Zeit den grössten Antheil, indem er für Lothar, seinen Landesherrn, gegen Ludwig den Frommen, bei der Empörung der Söhne i. J. 833, auftrat, von den Bischöfen einer der energischsten Gegner des alten Kaisers: so wurde er denn auch 211 zwei Jahre später, als Ludwig wieder zur Macht gelangt war, seines Bisthums entsetzt; jedoch erhielt er es nach einiger Zeit, wahrscheinlich erst 839, wieder; er starb i. J. 840. Den Muth, den Agobard handelnd im Leben bewährte, zeigt er auch als Schriftsteller. Er bekämpfte den Aberglauben und das Vorurtheil auf den verschiedensten Gebieten: in manchen seiner kulturgeschichtlich so interessanten Flugschriften erscheint die Publicistik bereits im Dienste der Aufklärung. Man hat, vielleicht mit einiger Uebertreibung, Agobard den hellsten Kopf seiner Zeit genannt; wenigstens hat ihn an Selbständigkeit des Urtheils und der freisten und kühnsten Aeusserung desselben niemand übertroffen, wenn auch dasselbe, wie man sehen wird, nicht überall das richtige, und seine Aeusserung mitunter eine bis zur Gehässigkeit leidenschaftliche war. Aber alles zusammengenommen bleibt dieser männliche streitbare Autor, der nach den verschiedensten Richtungen hin Front macht, eine merkwürdige, bedeutende Erscheinung. Zuerst bekämpfte er den Aberglauben des Volkes überhaupt in seiner um 814 verfassten Schrift: Contra insulsam vulgi opinionem de grandine et tonitruis . Schon der Titel ist bezeichnend. »Fast alle Menschen in diesen Gegenden,« beginnt er, »Edle und Unedle, Städter und Landleute, Alte und Junge, glauben, dass Hagel und Donner durch das Belieben von Menschen gemacht werden können« – durch die Zaubereien von sogenannten Wettermachern nämlich. Daran reihte sich noch der Unsinn, dass man glaubte, es kämen aus einem Lande Magonia Leute in Luftschiffen, welche die durch den Hagel abgeschlagenen Früchte von den Wettermachern kauften und entführten. Cap. 2. – S. darüber Grimms Deutsche Mythologie. 4. Ausg. S. 530 ff., wo auch die Vermuthung, dass Magonia von Magus herzuleiten, ausgesprochen wird. Man behauptete sogar, solche Luftschiffer gefangen zu haben und wollte sie steinigen, wie dies Agobard selbst erlebte. – Diesen Aberglauben bekämpft aber Agobard hier nicht mit physikalischen Gründen – wie dies bei einer andern Gelegenheit Raban that – sondern mit religiösen, die allerdings dem Volke leichter zugänglich und bei ihm wirksamer sein mussten. Er verlangt von denen, welche den Unsinn behaupten, den Beweis für die Wahrheit aus der 212 heil. Schrift; können sie ihn nicht erbringen, was ausser Zweifel stehe, so machen sie sich einer schweren Lüge schuldig, indem sie Menschen ein Werk Gottes beilegen und es diesem absprechen. Dass es ein solches ist, beweist Agobard selbst dann aus Stellen der Bibel, namentlich des Alten Testaments, worin Gott sagt, dass er Hagel senden wolle, oder dies von ihm ausgesagt wird. Aber auch Vernunftgründe führt er ins Feld. Er zeigt, wie wenig bezeugt die vorgeblichen Thatsachen, wie unbedeutend die Menschen, denen man die Macht beigelegt; zugleich aber, zu welchen Betrügereien dieser Aberglauben ausgebeutet wurde: es fanden sich »erbärmliche Menschen«, welche behaupteten, vor solchem Unwetter schützen zu können und sich dafür mit einer Abgabe von Früchten bezahlen liessen. – – et in tantum malum istud iam adolevit, ut in plerisque locis sint homines miserrimi, qui dicant se non equidem nosse immittere tempestates, sed nosse tamen defendere a tempestate habitatores loci. His habent statutum quantum de frugibus suis donent, et appellant hoc canonicum . c. 15. Zum Schluss aber erzählt Agobard ein warnendes Beispiel, wohin solcher Aberglaube führen könne, zu einer Zeit, wo von den Christen so alberne Dinge geglaubt würden, wie sie niemand früher selbst den Heiden, die doch den Schöpfer von allem nicht kannten, einreden konnte. Eine Rinderpest nämlich, die einige Jahre früher (810) über ein grosses Gebiet in Italien sich ausdehnte, gab man bösen Menschen Schuld, welche ein tödtliches Pulver weit und breit ausgestreut haben sollten; sehr viele Leute wurden deshalb von der Menge getödtet, ja der unsinnige Glaube hatte mit der Zeit so um sich gegriffen, dass die Angeklagten selbst zuletzt eingestanden, die That vollbracht zu haben! Und doch hätte die einfache Ueberlegung, dass keine andern Thiere verendeten, und dass es unmöglich wäre, eine solche Masse Pulver zu beschaffen und über so weite Landstriche auszustreuen, die Unwahrheit sogleich zeigen müssen. In einer andern, etwas grösseren Schrift wendet sich Agobard gegen den kirchlichen Aberglauben; es ist das Buch: Contra eorum susperstitionem qui picturis et imaginibus sanctorum adorationis obsequium deferendum putant . Unser Autor tritt hier in die von dem Orient dem Abendlande schon im 213 Beginne der Regierung Karls des Grossen überlieferte Streitfrage über die Bilderverehrung in der energischsten Weise im Geiste des grossen Kaisers ein S. oben S. 11 u. vgl. S. 14 . , nur dass er noch weiter als dieser geht, und die Bilderverehrung absolut verwirft, da er gegen die Verehrung der Heiligen und ihrer Gräber, wohinter die Bilderverehrer sich allemal zuletzt verschanzten, überhaupt sich erklärt. Non solum vero divinum deferre honorem quibus non licet, sed et ambitiose honorare sanctorum memorias ob captandam gloriam popularem reprehensibile est. c. 17 init. – Nec iterum ad sua latibula fraudulenta recurrat astutia, ut dicat se non imagines sanctorum adorare, sed sanctos. Clamat enim Deus: Gloriam meam alteri non dabo, nec laudem meam sculptilibus. c. 35 init. Agobard stützt sich zunächst, ausser auf die Bibel selbst, auf Aussprüche der Kirchenväter, namentlich des Augustin, dann aber verweist er zugleich auf den Gebrauch in der altchristlichen Kirche, indem er treffend bemerkt, wenn denen, welche damals den Kultus der Dämonen, d. i. den heidnischen, aufgegeben, die Bilder der Heiligen zu verehren befohlen worden wäre, so würden sie nicht sowohl die Götzen aufzugeben, als die Bilder zu wechseln geglaubt haben (c. 19 Ende). In der That war ja der Heiligenkultus nur an die Stelle des heidnischen Heroen, theilweise selbst Götterdienstes getreten. – Aber Agobard appellirt auch in dieser Schrift nicht selten zugleich an den einfachen gesunden Menschenverstand, zumal wo es sich um die Bilderverehrung in ihrer extremsten Gestalt, wie sie sich gerade beim Volke fand, handelt, die er mit Recht der Idololatrie und der Ketzerei der Anthropomorphiten an die Seite stellt. So wenig man von gemalten säenden oder weinlesenden Landleuten Haufen von Getreide oder Bächlein von Most zu erhalten hoffe, ebenso wenig dürfe man von den Bildern der Engel, Apostel, Märtyrer eine Hülfe erwarten. Und recht treffend bemerkt er: At quae huius erroris causa? Fides de corde ablata, tota fiducia in rebus visibilibus collocata. cap. 33. Drittens aber trat Agobard auch dem Aberglauben im Staatswesen entgegen: er bekämpfte den gerichtlichen Zweikampf und die Gottesurtheile überhaupt; zunächst in seiner Diöcese, indem er an den Kaiser Ludwig die Schrift: Adversus legem Gundobaldi et impia certamina quae per eam geruntur richtete. In Lyon, das früher ja zum burgundischen 214 Reiche gehörte, war noch das burgundische Gesetzbuch des Königs Gundobald gültig, wonach nur Burgunder gegen Burgunder als Zeugen auftreten konnten; eine Folge davon war unter anderm die Anwendung des gerichtlichen Zweikampfs als Ersatz des Zeugenbeweises. Agobard eifert nun zuerst gegen die Verschiedenheit der Gesetze unter Christen als Brüdern in demselben Reiche und gegen jene burgundische Bestimmung insbesondere Welche sich übrigens auch bei den Sachsen fand. S. oben S. 138 . , deren »Absurdität« er nachweist. Nicht minder zeigt er den Unsinn des Zweikampfs als Gottesurtheil, da auch um der erbärmlichsten Dinge willen Schwache und Greise dazu genöthigt sind und für dergleichen sich die verwunden, welche sich wechselseitig lieben sollten. Und da glaubt man noch, dass mit dem Sieger, der seinen Bruder in die Tiefe des Elends stürzt, Gott sei. Dies ist der schlimmste Irrthum, die Umkehrung der Dinge, von Gott so unwürdiges zu vermeinen. – Und wie wenig der Sieger im Rechte sein müsse, zeigen ja die Märtyrer des christlichen Glaubens. Gott richtet aber erst am jüngsten Tage. Nicht darf der Gläubige von ihm annehmen, dass er in diesem Leben die Geheimnisse der Menschen ( occulta hominum ) durch heisses Wasser und Eisen enthülle, um wie viel weniger durch grausamen Zweikampf. – Keine auctoritas , keine ratio gestattet zu glauben, dass die Wahrheit sich zu offenbaren der Waffen bedürfe. – Zum Schluss gibt Agobard noch das Urtheil, das Avitus über diesen gerichtlichen Zweikampf gegen den König Gundobald selbst aussprach, indem er dem Bischof von Vienne bei dieser Gelegenheit auch als Autor hohes Lob spendet. Cap. 13. Agobard gedenkt hier andeutungsweise auch verschiedener Werke desselben. S. über Avitus Bd. I, S. 376 ff. In einer andern Schrift, die sich offenbar sogleich an das grosse Publikum wendet Wie der predigtartige Eingang zeigt: In nomine Domini Dei et Salvatoris nostri Jesu Christi – worauf eine lange Bibelstelle folgt. , behandelt Agobard denselben Gegenstand; sie enthält eine Sammlung von Aussprüchen der Bibel – daher De divinis sententiis betitelt –, welche die Unchristlichkeit des Zweikampfs als Gottesurtheil beweisen sollen. Auch hier werden die andern Gottesurtheile in die Verurtheilung mit einbegriffen, und ausser den schon oben erwähnten 215 auch das des Kreuzes genannt. Neque sanctus et innocens vir David persecutori Saul diceret: si Deus te incitat contra me, odoretur sacrificium etc. Sed potius diceret: Mitte unum de tuis qui congrediatur mecum singulari certamine, et probet me reum tibi esse, si occiderit; aut certe: iube ferrum vel aquas calefieri, quas manibus illaesus attrectem, aut: constitue cruces, ad quas stans immobilis perseverem . c. 1 Ende. Hätte Gott dergleichen gestattet, so hätte er nicht Richter einzusetzen verordnet, noch Beweis durch Zeugen und Eid. Merkwürdig ist nun, dass ein so aufgeklärter Mann durch seine Feindseligkeit gegen die Juden , welche mehrere von seinen Flugschriften hervorgerufen hat, sich auszeichnet, und, wie sich eben aus denselben ergibt, zu einer Zeit, wo gerade im südlichen Frankreich beim Volke eine auffallende Toleranz ihnen gegenüber herrschte, und noch mehr in den höchsten Regionen des Staates. S. die weiter unten behandelte Schrift De insolentia Judaeorum , und die Ep. ad Nibridium ; u. vgl. im Folgenden überhaupt: Stobbe, die Juden in Deutschland während des Mittelalters. Braunschweig 1866. Ludwig der Fromme begünstigte sie, und zwar aus Ehrfurcht vor den Patriarchen, wie wenigstens die Juden selbst behaupteten; seine Umgebung mag auch ihrem Gelde zugänglich gewesen sein. Andrerseits sprach aber auch in dem Streite, welchen Agobard mit den Juden führte, Recht und Billigkeit für sie. Man machte nämlich unter den heidnischen Sklaven der Juden christliche Propaganda, und wenn sie sich bekehrt, so glaubten sie sich berechtigt, offenbar gemäss den ihnen gemachten Versprechungen, ihren Herren zu entlaufen. Aus diesem Grunde war eine Taufe derselben gegen den Willen der Herren, früheren Concilbeschlüssen entsprechend, herkömmlich nicht erlaubt. Die älteste Schrift Agobards gegen die Juden, wahrscheinlich v. J. 822 Indem ich hier Simsons Untersuchung: »Zur Chronologie der Schriften des Erzbischofs Agobard von Lyon wider die Juden« folge. S. Jahrb. d. fränk. Reichs unter Ludwig d. Fr. Bd. I, S. 393 ff. , die an die Proceres palatii gerichtete Consultatio et supplicatio de baptismo Judaicorum mancipiorum fragt nun in dieser Sache die Rathgeber des Kaisers, Adalhard, Wala und Helisachar, um Rath, indem Agobard die Ansicht begründet, die Taufe solcher Sklaven dürfe nicht verboten werden; auch die Freilassung in Folge derselben nimmt er 216 als selbstverständlich an, nur soll den Juden der Preis der Sklaven bezahlt werden. Dies hätte er ihnen aber vergeblich angeboten. Man sieht schon hieraus, wie aus dem Eingange des Schreibens, dass Agobard in der Sache bereits eigenmächtig verfahren und die Juden bei Hofe sich mit Hoffnung auf Erfolg beschwert hatten. Dieser blieb in der That nicht aus; ein kaiserlicher Erlass verbot jene Taufe. Hiergegen wendet sich nun Agobard in einem neuen Schreiben an die Proceres (Hilduin und Wala): Contra praeceptum impium de baptismo Judaicorum mancipiorum ; aber ohne das erwünschte Resultat, vielmehr da Agobard in seiner Verfolgung nicht nachliess, so mussten schliesslich sogar besondere Königsboten gegen ihn und für die Juden einschreiten. Nunmehr appellirte er an den Kaiser selbst in der Beschwerdeschrift De insolentia Judaeorum . An die Sendung der Missi anknüpfend, gibt Agobard hier als Grund, warum er von den »Gönnern der Juden« zu leiden habe, an: weil er den Christen gepredigt, sie sollten keine christlichen Sklaven Juden verkaufen, und den Juden nicht erlauben, sie nach Spanien auszuführen, oder als Diener zu haben, ferner, dass christliche Frauen mit ihnen nicht den Sabbat feierten, und dass sie für die Juden an Sonntagen nicht arbeiteten, noch an Fasttagen mit ihnen speisten, dass kein Christ von ihnen Wein oder Fleisch kaufe – weil die Juden das unkoscher befundene, was sie Christenvieh nannten, zu verkaufen pflegten. Darüber sucht sich Agobard hier zu rechtfertigen, denn er hatte durch solche Predigten offenbar sich in Widerspruch mit vom Kaiser den Juden ertheilten Schutzbriefen gesetzt Wie sich noch welche erhalten haben. S. Simson a. a. O. S. 395. , und war also noch weiter gegen die Juden vorgegangen. Da die Juden Christus verfluchen, sagt er, sollen die Christen keine solche Gemeinschaft mit ihnen haben; übrigens sollen sie aber den Juden nicht schaden. Auf den ersten Grund des Streites kommt hier aber Agobard nicht zurück. – Zugleich mit diesem Schreiben ging an Ludwig eine Schrift ab, die von Agobard im Verein mit zwei andern Bischöfen verfasst und De Judaicis superstitionibus betitelt worden ist. Sie ergänzt das Schreiben, indem sie zur Unterstützung desselben »aus dem Leben der Kirchenväter und ihren Beschlüssen, sowie 217 aus der Bibel einiges« mittheilen will Scribimus tantum pauca de exemplis et statutis Patrum ac deinde de Actis apostolicis sive de Evangeliis et Veteris Testamenti scripturis – – ; aber sie beschränkt sich nicht auf die betreffenden Punkte der Beschwerdeschrift, sondern soll überhaupt zeigen, wie verabscheuungswürdig die Juden sind, zu welchem Zwecke denn auch ihrer verschiedenen Superstitionen gedacht wird (c. 10). Bei der Gelegenheit wird auch eine Lebensgeschichte Christi, wie sie die Juden erzählten, mitgetheilt, die nicht ohne Interesse ist. Christi Leib soll danach durch eine Ueberschwemmung, da er neben einem Aquäduct bestattet, fortgetragen und auf Pilatus' Befehl 12 Monate, doch vergeblich, gesucht worden sein, worauf derselbe dann Christi Auferstehung proclamirt und seine Anbetung den Juden befohlen habe. Endlich hat Agobard diese Angelegenheit noch einmal in einer Epistel an den greisen Bischof von Narbonne, Nibridius , behandelt De cavendo convictu et societate Judaeorum . , indem er seine pastorale Thätigkeit, die Christen vom Umgange mit den Juden abzuhalten, sowie den Widerstand, den er bei den kaiserlichen Beamten darin fand, darlegt und den hoch angesehenen Nibridius um seinen Beistand bittet. Dieser soll gleich ihm vorgehen und hierzu auch die benachbarten Bischöfe auffordern. Hier gibt Agobard seinem Groll gegen die Juden den freisten und leidenschaftlichsten Ausdruck, indem er die gegen die Heiden gerichteten zornigen Stellen des Alten Testaments nunmehr auf sie selbst anwendet; andrerseits offenbart gerade diese Epistel, bis zu welchem für jene Zeit erstaunlichen Grade die Toleranz des Volkes gegen die Juden in Agobards Diöcese ging dum se (Judaei) patriarcharum progeniem, iustorum genus, prophetarum sobolem superbo ore proloquuntur – – Unde et in tantum erroris pelagus nonnulli ex vulgaribus ac rusticis abducuntur, ut hunc solum Dei populum, apud hos piae religionis observantiam, ac multo certiorem, quam nostra sit, fidem et seducto suspicentur animo, et ore impio inter pares et consimiles fateantur. , so dass seine Befürchtung, es möchten Uebertritte zum Judenthum erfolgen, während es durch alle Humanität und Wohlwollen nicht möglich wäre, Juden für das Christenthum zu gewinnen, nicht ungerechtfertigt erscheint. Am glänzendsten zeigt sich unser Autor als politischer Pamphletist. Wir besitzen von ihm drei Broschüren, die sich 218 auf die wichtigsten Tagesereignisse seiner Zeit beziehen. Die eine ist ein Schreiben an den Kaiser Ludwig, das, sein Thema zu bezeichnen, der erste Herausgeber wenig genau De divisione imperii inter filios Ludovici betitelt hat. Es ist i. J. 830 verfasst und wirft Ludwig vor, den Bürgerkrieg durch seine Sinnesänderung veranlasst zu haben. Durch Gottes Erleuchtung habe er Lothar zum Mitkaiser einst gewählt (817) – denn bei der Wahl war jene durch Fasten und Messopfer erfleht worden – und nun ohne Gott ihn (829) verstossen, als wenn er ohne Gott selbst einen besseren Rath gefunden. Namentlich wird der Missbrauch, der mit dem Eide durch solchen Wechsel der Politik getrieben werde, und der Ludwig selbst in der öffentlichen Meinung herabsetze, gerügt. In dieser Schrift, die den Kaiser offenbar zur innern Umkehr bewegen soll, denn die Gefahr seiner Seele ist es, welche Agobard zum Schreiben bewog, tritt unser Autor entschieden für die Einheit des Reichs in die Schranken, gleich den meisten Mitgliedern der hohen Geistlichkeit. Das Schreiben ist uns aber meines Erachtens sicher nicht vollständig erhalten. Es fehlt ihm jeder Schluss. Bedeutender sind die beiden andern Schriften, die man merkwürdiger Weise bis auf Simsons gründliche Untersuchung als eine betrachtet und Liber apologeticus pro filiis Ludovici betitelt hat. Es bilden aber, wie Simson ganz richtig nachgewiesen »Ueber den sogen. Liber apolog. des Erzbischofs Agobard v. Lyon« a. a. O. I, S. 397 ff. Simsons Beweis wird noch unterstützt durch den Schluss des sechsten Kapitels: Amen, amen et hymnum Deo . , die ersten sechs Kapitel eine besondere Schrift, die so recht den Charakter des Pamphlets hat und stilistisch wohl das bedeutendste ist, was Agobard geschrieben. Wie schon der Eingang zeigt, ist die Schrift an alle Welt gerichtet; sie beginnt gleich einer politischen Predigt Mit einem Audite begannen ja die Predigten, wie sie mit einem Amen endeten (s. die vorausgehende Anm.). : Audite haec, omnes gentes, audiat terra et plenitudo eius a solis ortu usque ad occasum, ab aquilone ad mare. Wie sicher statt et mari zu lesen ist. Die Schrift ist im Frühjahre 833 verfasst, als Kaiser Ludwig gegen die empörten Söhne den Heerbann aufbot, also am Vorabend des neuen 219 Bürgerkriegs. Sie soll das Verfahren der Söhne rechtfertigen, und dem Blutvergiessen vorbeugen. Aber sie wird zur heftigsten Anklageschrift und athmet vielmehr Krieg als Frieden. Die Anklage richtet sich aber vornehmlich gegen des Kaisers Gemalin, Judith: ihr wird alles Unheil Schuld gegeben. Die Söhne sind im vollen Rechte, heisst es im Eingange, wenn sie den väterlichen Palast von Schmutz und Intriguen reinigen wollen, und das Reich von Tumult und Unruhen. Alles ging gut, so lange der Kaiser noch männlich kräftig war; danach aber begann der Kaiserin ausschweifendes Leben, anfangs nur wenigen, dann mehreren, zuletzt aller Welt bekannt. Die sittliche Entrüstung der Söhne darüber rief die erste Empörung hervor, Judith musste ins Kloster wandern. Aber in Folge der Nachgiebigkeit der Söhne und durch die Macht ihrer Reize kehrte die Kaiserin in den Palast zurück und gelangte wieder zur Herrschaft, indem sie des Gemals Sinn änderte. – Hiernach (c. 3) kommt Agobard wieder auf den mit dem politischen Eide getriebenen Missbrauch. Und wohin ist man nun gelangt? Statt dass durch Krieg gegen barbarische Nationen das christliche Reich ausgedehnt werde, drängt sich dasselbe vielmehr in seiner Mitte zusammen zum Bürgerkriege Cum enim deberent exercitus mitti adversus exteras gentes et ipse imperator adversus barbaras nationcs dimicare, ut eas fidei subiugaret ad dilatandum terminum regni fidelium – – nunc e contrario omne regnum cum extremitatibus suis conglobatur in unum in medio sui, diversa tamen intentione, dum alii parantur ad intestina viscera disrumpenda, alii ad pacandam, si fieri potest, iniustissimam discordiam – – ; und statt der Unterwerfung und Bekehrung von Barbaren, werden die christlichen Unterthanen in die Barbarei gestürzt. (Ecclesia) orat ut christianissimo imperatori barbari subiciantur , non ut subiecti conturbentur et barbarizentur . Das Wortspiel lässt sich in der Uebersetzung nur andeuten. In seiner Verblendung liebt Ludwig die ihn hassen, und hasst die ihn lieben. Sagt man doch, dass einige seiner Umgebung die Vernichtung der Söhne anstreben, um dann an den Kaiser selbst Hand anzulegen und das Reich unter sich zu theilen. Nur Gott kann helfen, sonst wird das Reich die Beute äusserer Feinde oder vieler Tyrannen. – Man sagt auch, dass die Kaiserin mit kindischen Spielereien sich die Zeit vertreibe, woran sogar Priester theilnehmen; man sagt wohl, sie sei 220 keine Intrigantin, sondern anmuthig und lieblich; darauf antwortet die Bibel: trügerisch ist die Anmuth, eitel die Schönheit, nur das gottesfürchtige Weib ist zu loben. – Schliesslich fordert dann Agobard alle die Gott fürchten, ihn, den Herrscher und das Reich lieben, auf, mit allem Bemühen dahin zu streben, die alten Wunden verharrschen zu machen, ohne Krieg, ohne Blutvergiessen. Die andre Schrift, welche die noch übrigen sieben Kapitel des Liber apologeticus bilden Ob sie darin vollständig erhalten, ist allerdings sehr fraglich, ja wenig wahrscheinlich. Bei der Zusammenschweissung dieser Schrift mit der vorausgehenden wird mindestens der Anfang weggelassen sein. Sonderbar dass diese Schrift, welche den Verrath auf dem »Lügenfelde« rechtfertigt, hier mit einer Erörterung über die Lüge beginnt, indem der Verf. sagt, dass dieselbe nicht bloss in Worten ( dictis ), sondern auch in Handlungen ( factis ) bestehe, und der letzteren soll sich offenbar der Kaiser schuldig gemacht haben! Klingt dies nicht als wie eine an diejenigen gerichtete Antwort, welche dasselbe den Söhnen vorgeworfen hatten? , ist nach dem für Ludwig unglücklichen Ausgange des Feldzugs v. J. 833 verfasst, er wird hier nur » quondam imperator « genannt. Oder auch domnus dudum imperator , wie im vorletzten Kapitel. Die Schrift soll die von ihm verlangte Kirchenbusse rechtfertigen, insbesondere auch bei ihm selbst. Judith ist freilich die »Ursache alles Uebels«, wie durch eine kurze Geschichte der Unruhen gezeigt wird, aber Ludwig ist damit so wenig entschuldigt, wie der durch sein Weib verführte Achab der Bibel; wie dieser Busse thun musste, so er, damit ihm wenigstens die Erhöhung im ewigen Leben zu Theil werde. Die exaltatio aeternae vitae im Gegensatz zu der » exaltatio temporalis vitae «, die nicht mehr für ihn passe. – Diese zweite Schrift unterscheidet sich auch stilistisch von der ersten, indem sie mit weit weniger Feuer verfasst ist. – Nicht bloss auf dem Felde der allgemeinen Literatur, in Schriften, die sich an das grosse Publikum wandten, sondern auch auf rein theologischem und kirchlichem Gebiete hat sich dieser streitbare Autor fast nur als Polemiker gezeigt. So bekämpfte er in einem Ludwig dem Frommen gewidmeten Buche den Adoptianismus des Bischofs Felix von Urgel noch nach dem Tode des letzteren, da ein von diesem in Lyon, wo er 818 starb, hinterlassener Zettel, der in Fragen 221 und Antworten seine Lehre behandelte, zur Genüge zeigte, dass er trotz aller Widerrufe unbekehrt geblieben. S. über den Liber adversus Felicem Leist a. a. O. S. 3 ff. So verfasste Agobard eine Streitschrift gegen Fredegis , den Schüler und Nachfolger Alcuins in Tours, die freilich nur die vertheidigende Erwiderung eines Angriffs desselben ist. Hier handhabt im Eingange unser Autor die Ironie in pikantester Weise. Was öfter missverstanden ist, so von Ahner, Fredegis von Tours. Leipzig 1878. S. 13. So lautet der Anfang: Dudum modestiae vestrae benignitas adversum nos peccatis nostris exigentibus mota talibus nos invectionibus perculit, quae lenitatis ac sinceritatis vestrae modum excedere viderentur etc. Und wenn es dann später heisst: Et idcirco, sapientissime vir, si dignatur admittere magnitudo vestra etc., so ist auch das sapientissime ironisch gesagt. Bei diesem Streite handelt es sich namentlich um die Frage der Inspiration: und da zeigt sich denn wieder der verständige klare Blick Agobards, indem er sich gegen die herkömmliche grobe Auffassung, die selbst Fredegis vertrat, erklärt und behauptet, dass nicht die Worte und der Stil, sondern der Inhalt und die Beweisführung von dem heiligen Geiste den Aposteln wie Propheten inspirirt worden sei. S. Leist S. 21 ff., Reuter S. 36 ff. – Ein andrer seiner Gegner war Amalarius Dieser Amalarius, der auch den Beinamen Symposius führt, ist nicht zu verwechseln mit dem Amalarius Fortunatus , Bischof von Trier (809– 814), welcher 813 als Gesandter nach Constantinopel geschickt, über diese Reise einen Bericht in 80 Hexametern verfasst hat. Dies Odoporicum , am besten edirt in Jaffé's Monum. Carolina p. 426 ff., ist literarisch zu unbedeutend um hier weiter berücksichtigt zu werden. Vgl. Dümmler, N. A. S. 139. , der als Presbyter von Metz vier Bücher: De ecclesiastico officio um 820 verfasst hatte, worin er alle Einrichtungen und Gebräuche des Kultus allegorisch zu erklären sucht; dieser, der sich also speciell mit der Liturgie beschäftigte und eine Uebereinstimmung in den Antiphonarien, wohl auf Grund des römischen, anstrebte Vgl. Simson I, S. 294 f. , trat der einseitigen Reform Agobards entgegen: wider ihn ist dessen kurze heftige Flugschrift: De divina psalmodia gerichtet. Die Rechtfertigung seines Verfahrens, die Agobard in dem kleinen Buche: 222 De correctione Antiphonarii gibt Es kann bei diesem wie bei der vorerwähnten Schrift wohl sehr bezweifelt werden, dass sie uns vollständig erhalten sind; beiden fehlt auch ein Schlusswort. , steht aber wohl mit jenem Angriffe in keinem Bezug. Dagegen bekämpfte Agobard In dem Liber contra libros quattuor Amalarii abbatis . auch das zuerst erwähnte Hauptwerk des Amalar, indem er ihm selbst Irrlehren nachwies. Diese Gegnerschaft war offenbar zugleich eine persönliche, indem Amalar während der Entsetzung Agobards der Kirche von Lyon vorgesetzt war; seine Irrlehren verdammte aber auch die Synode von Quiercy 838. Unter den wenigen nicht polemischen Schriften Agobards sei hier noch kurz erwähnt der Anfang einer Sammlung von Bibelstellen über die Furcht und die Hoffnung , welche den Sinn der Menschen zu lenken haben, und ein beredter Sermo über die Wahrheit des Glaubens . Die Klarheit und Präcision des Ausdrucks Agobards zeigt sich auch hier im besten Lichte. S. über beide Schriften Leist S. 16 ff. – Ueber die ihm beigelegten Gedichte Dümmler, N. A. S. 263 f.   Neuntes Kapitel. Claudius und seine Gegner Dungalus und Jonas. Ein ebenso aufgeklärter Kopf, ein ebenso leidenschaftlicher Feind kirchlichen Aberglaubens als Agobard, obgleich ohne dessen humanistische Bildung, war der Bischof von Turin, Claudius . Claudii Taurinensis opuscula quae supersunt in Migne's Patrol. lat. T. 104. – Claudii Taur. episc. ineditorum operum specimina, praemissa de eius doctrina scriptisque dissertatione, exhibuit A. Rudelbach. Kopenhagen 1824. – C. Schmidt, Claudius von Turin, in Illgens Zeitschr. für d. histor. Theologie. Jahrg. 1843. – Simson a. a. O. II, S. 245 ff. Reuter a. a. O. S. 16 f. Er war in Spanien geboren, und ein Schüler des Felix von Urgel, zu dessen Adoptianismus er sich aber nicht bekannte. Eine Zeitlang diente er als Presbyter am Hofe Ludwigs des Frommen, schon als dieser noch König von 223 Aquitanien war. Da er durch eine umfassende Kenntniss der Bibel, in welcher er die Hofgeistlichkeit unterrichtete, und nicht minder durch eine begeisterte Predigt sich auszeichnete, so erhob ihn Kaiser Ludwig (vielleicht schon 815) auf den italienischen Bischofsstuhl, »um das dort dem Evangelium entfremdete Volk in der heiligen Lehre zu berathen«. Wie Claudius' Gegner, Jonas in der Praefatio seines Werks De cultu imag. sagt. Der krasseste Aberglauben herrschte damals gerade in Italien, wo aus dem Alterthume überlieferte heidnisch-sinnliche Religionsvorstellungen, in christliches Gewand gehüllt, fortlebten. Dort war auch die Bilder und Reliquienverehrung beim Volke zu einem wahren Götzendienst geworden. Claudius war dies um so mehr ein Gräuel, als er, ein begeisterter Schüler Augustins, die Verehrung Gottes im Geiste als das wahre Wesen des Christenthums betrachtete, und in der unmittelbaren Beziehung zu Gott, der vollen Hingabe der eigenen Persönlichkeit in der Liebe zu ihm das höchste Heil sah. So trat er denn als Oberhirt mit der rücksichtslosesten Energie gegen jenen Aberglauben auf, indem er die Bilder, ja, wie es scheint, selbst die Kreuze aus den Kirchen entfernte. Zugleich bekämpfte er ihn aber auch mit der Feder in seinen zahlreichen Bibelcommentaren , obgleich dieselben im allgemeinen nur Compilationen sind, wo sich ihm dazu die Gelegenheit darbot. Dort ging er nun noch weiter und verwarf von seinem Augustinischen Standpunkte die Intercession der Heiligen und damit ihren Kultus überhaupt, darin mit Agobard übereinstimmend. Ja er läugnete selbst die fortwirkende Macht des Petrus, und dass diese von einem bestimmten Sitze ausgehe. Und so erklärte er sich denn auch gegen die Wallfahrten nach Rom, wie dies schon Theodulf gethan. S. oben S. 83 . – Ein Abmahnungsschreiben eines früheren Schülers und Freundes, des Abts Theodemir , der schon einmal gegen seine Lehren aufgetreten war, veranlasste Claudius zu einer geharnischten Erwiderung in einer ausführlichen apologetischen Schrift. Dies Apologeticum ist uns aber nur theilweise in zwei Gegenschriften von Dungalus und Jonas erhalten. Claudius blieb indess, so vielen und grossen Anstoss 224 er auch in seiner Diöcese Doch hatte er auch dort seine Anhänger, wie die Gegenschrift des Dungalus im Eingang zeigt. und selbst jenseits ihrer Grenzen gab, in seinem bischöflichen Amte unbehelligt. Er starb nicht lange nach der Abfassung der Schrift, um das Jahr 830. Sein Nachfolger erscheint schon in einer Urkunde vom Januar 832. S. Simson II, S. 250, Anm. 3.   Claudius' Gegner, Dungalus Responsa contra perversas Claudii sententias ed. P. Massonius . Paris 1608. (Migne, Patrol. lat. T. 105.) – Schrift u. Briefe des Presbyter von S. Denis in Jaffé's Monumenta Carolina p. 396 u. 429 ff. , ist ein gelehrter Ire, der, wie so manche andre, zur Zeit Karls des Grossen eingewandert, von ihm später zum Magister des Klosters des h. Augustin zu Pavia gemacht wurde, um dort eine Stätte wissenschaftlicher Bildung zu begründen. Indem ich glaube, dass mit der von mir gemachten Einschränkung die Nachricht des Monachus S. Gall. l. I c. 1 benutzt werden darf; Dungalus kam, wenn er derselbe als der Presbyter von S. Denis war, was mir doch am wahrscheinlichsten dünkt, erst nach 811 nach Pavia. Dass er schon zu Karls d. Gr. Zeit dorthin gekommen, dafür spricht auch eine Stelle im Eingang seiner Schrift gegen Claudius, wo er sagt, dass er schon lange, seit er nach Italien gekommen, Anlass zur Beschwerde über das Treiben des Claudius gehabt habe: non quod ante iam dudum ex quo in hanc terram advenerim , occasio mihi copiosa hac de re reclamandi conquerendique assidue non occurreret . Unter dem hanc terram kann aber hier nur Italien verstanden werden. – Für die Identität der beiden Dungalus spricht auch der langathmige Periodenbau, der in dem Buch gegen Claudius wie in der Schrift über die Sonnenfinsterniss auffällt. Er ist wahrscheinlich derselbe, der früher als Presbyter in dem Kloster von St. Denis lebte, wohl dort dasselbe Amt bekleidend. Auf Kaiser Karls Wunsch verfasste er dort i. J. 811 eine Schrift über die Sonnenfinsterniss des vorhergegangenen Jahres. – Sein Leben beschloss er in dem Kloster Bobbio, da er diesem seine Bücher als » incola « desselben schenkte, und unter ihnen auch den Liber contra perversas Claudii sententias . Wie Wattenbach nachwies, Bd. I, S. 125. Dies Buch ist Ludwig dem Frommen und seinem Mitkaiser Lothar gewidmet, indem sie in den heftigsten Ausdrücken gebeten werden, der Kirche zu Hülfe zu kommen, und den »Schüler des Felix«, der diesem nicht bloss gleichkomme, sondern ihn noch übertreffe, auch 225 härter zu strafen. Er sei der Schwanz der Schlange, die gegen die Einheit der Kirche zischt. Dungalus will ihn durch Aussprüche der heiligen Väter widerlegen, und er gibt davon eine reiche Blumenlese, aber er rechnet merkwürdiger Weise zu ihnen auch die Dichter, indem er viele und auch längere Auszüge nicht bloss aus den Gedichten des Paulin, sondern auch des Prudenz und Fortunat gibt. Die Auszüge sind so beträchtlich, dass sie auch für die Textkritik der Dichtungen von Belang sein müssen; auch literarhistorisch sind sie nicht ohne Werth, so legt Dungalus den Hymnus Pange lingua etc. dem Fortunat bei, u. in Betreff Paulins s. oben Bd. I, S. 291 Anm. 1. Verräth er hierin schon den Grammatiker, so nicht minder in dem hohen Lob, das er Virgil und namentlich Priscian zollt, der wegen des Glanzes des edelsten Genies das Licht der römischen Beredsamkeit zu heissen verdiene. Uebrigens vertritt Dungalus in Betreff der Bilder wie Reliquien nur die vermittelnde Ansicht der fränkischen Kirche, welche statt der Adoratio bloss eine Veneratio zuliess. Ueber die beiden wenig bedeutenden Gedichte, die seinen Namen tragen, s. Dümmler, N. A. S. 255. – Andre sind ihm ohne Berechtigung beigelegt, so noch von Migne p. 529, darunter sogar ein panegyrisches Epitaph auf ihn selbst, worin er u. a. als Lehrer von Kindern wie Greisen gepriesen wird.   Der andre Gegner des Claudius, Jonas Migne, Patrologia latina Tom. 106. – Bibliotheca maxima vet. patrum etc. Leyden 1677. T. XIV, p. 167 ff. ( De cultu imag. ). – *D'Achery, Spicilegium, Nov. ed. Tom. I , p. 258 ff. ( Instit. laic. u. Instit. reg. ). – war der Nachfolger Theodulfs auf dem erzbischöflichen Sitze von Orleans. Er war ein Aquitanier und ein Mann ebensowohl von humanistischer Bildung als von theologischer Gelehrsamkeit, dabei dem Kaiser Ludwig treu ergeben. So spielte er auf wichtigen Synoden eine bedeutende Rolle, wie auf der von Paris 825, wo noch einmal die Frage der Bilderverehrung verhandelt wurde, in Folge einer von Byzanz nachgesuchten Vermittelung Kaiser Ludwigs bei dem Papste. Die Synode blieb den früheren Beschlüssen der fränkischen Kirche getreu. Jonas aber wurde zugleich mit dem Erzbischof von Sens, Jeremias von dem Kaiser an den Papst abgeordnet. S. das Nähere über diese Angelegenheit bei Simson I, S. 249 ff. Ferner hat er auf 226 der Pariser Synode v. J. 829, welche sich mit der Reform von Kirche und Staate sehr eingehend beschäftigte, die ausführlichen Acten – worauf ich unten zurückkomme – wahrscheinlich redigirt, indem er der geistige Leiter dieser Verhandlungen war: hat er doch auch auf der Synode von Diedenhofen 835 in so hervorragender Weise mitgewirkt, dass er das Protocoll über die Absetzung Ebbo's von Reims abfasste. Jonas starb 843. Zu seinen gegen Claudius gerichteten drei Büchern: De cultu imaginum war er von Ludwig dem Frommen selbst aufgefordert worden, eine Aufforderung, die sich leicht aus seinem oben erwähnten Antheil an der Pariser Synode von 825 und der Sendung nach Rom erklärt. Dorthin hatte er eine Auslese aus der von der Synode veranstalteten Sammlung von Zeugnissen der Bibel und der Kirchenväter für die fränkische vermittelnde Ansicht über den Bilderkultus mitgenommen. Er war also in diese kirchliche Streitfrage, wie wenige, eingeweiht. Jonas hatte sein Werk aber noch nicht vollendet, als Claudius starb, und liess es dann liegen, in der Hoffnung, dass mit Claudius' Tode auch seine Irrlehre verschwinden werde. Aber er hatte sich getäuscht – man sieht auch hier wieder, wie es Claudius nicht an Schülern und Anhängern fehlte – und so beendete er das Werk erst nach Ludwigs Tode und widmete es dessen Sohne, Karl dem Kahlen. Es ist aber, wie Jonas im Vorworte erklärt Jonas schreibt hier an Karl den Kahlen: Sed quam pestiferum dogma et ab Ecclesiae auctoritate abhorrens in plebem sibi transfuderit commissam, libellus quem ad Theodemirum , venerabilem abbatem, se charitate imperante corrigentem et a superstitiosa doctrina avertere volentem, scripsit, eundem legere et nosse volentibus patenter demonstret. Quem licet ego nec legerim, nec viderim, quoddam tamen ex eo excerptum , eodem genitore vestro (sc. Ludovico) mittente, suscepi. , nur auf Grund eines ihm vom Kaiser zugestellten Auszugs aus dem Apologeticum des Claudius verfasst. Den drei Hauptzielen der Angriffe des Claudius entsprechend, ist das erste Buch der Verehrung der Bilder, das zweite der des Kreuzes, das dritte den Romfahrten und dem damit zusammenhängenden Glauben an die Intercession der Heiligen gewidmet. Der Eingang des ersten Buches gibt zugleich eine kurze Geschichte des Claudius und seiner Häresie, freilich in ganz einseitiger polemischer Weise. 227 Denn auch das Werk des Jonas ist von kirchlich zelotischem Geiste erfüllt, den noch das Gefühl persönlicher Kränkung anstachelte. Er sah nämlich in den Angriffen des Claudius gegen Theodemir den Klerus Galliens und Germaniens überhaupt angegriffen, und damit sich selbst der Idololatrie angeklagt. Und doch wollte die fränkische Kirche, wie er selbst, die Bilder nur zur Verschönerung und zur Erinnerung in dem Gotteshause haben; und das Kreuz sollte nur betend begrüsst werden. Die heftige Sprache des Claudius mit seinem grotesk übertreibenden Spotte hatte eine ebenso heftige Erwiderung hervorgerufen, die an beissender Satire dem Gegner nichts schuldig blieb. Und hier zeigt sich denn die humanistische Bildung des Jonas, der seinen Spott auch gegen die schlechte Latinität, den zwar schlagenden, aber incorrecten Ausdruck des Claudius richtet Migne l. l. p. 314. , dessen Namen er selbst nicht verschont. Is quippe de quo agimus, quia non simpliciter graditur, sed a recto tramite aberrans, sanctorum Patrum terminos iactanter transgreditur, non frustra, sed quodam, ut creditur, vaticinio Claudii sortitus est nomen etc. Migne l. l. p. 311. Ja, er schmückt seine Satire selbst mit Versen des Ovid und Virgil, indem er das nach ihnen ausführlich ausgemalte Bild des trunkenen vom Esel herabschwankenden Silen auf seinen Gegner anwendet. Migne l. l. p. 362 f. Mit der synodalen Thätigkeit des Jonas hängen unmittelbar zusammen zwei didactische Werke, von denen das eine, drei Bücher umfassend, De institutione laicali betitelt, für einen Matfrid – höchst wahrscheinlich den Grafen von Orleans –, das andre, dem der Herausgeber die Ueberschrift De institutione regia gegeben, für den König von Aquitanien, Pippin, verfasst ist. Das letztere ist vollständig den Acten der Pariser Synode v. J. 829 entlehnt, indem für Pippin hier excerpirt ist, was dort zunächst für seinen Vater Ludwig bestimmt war Wie dies schon Simson sicher nachgewiesen hat; seinen Beweis vermag ich aber noch zu verstärken: das mit l. III c. 19 identische c. 16 der Instit. reg. beginnt mit einem Nam , dies ist an der ersteren Stelle ebenso motivirt als an der zweiten nicht. Hieraus allein schon sieht man klar, dass nicht das umgekehrte Verhältniss zwischen den beiden Schriftwerken bestanden hat, wie man früher glaubte. Nimmt man aber an, dass Jonas die Canones redigirt hat, so erklärt sich sein Verfahren, aus ihnen ein Buch für den Herrscher seiner Heimath zu machen, um so leichter. ; 228 ausser den den Herrscher speciell betreffenden Lehren sind aber auch einige allgemeine christliche Vorschriften gegeben. Die Abfassung dieses Buchs ist ziemlich sicher ins Jahr 834 zu setzen. Auf das Jahr 833 passt vollkommen was in der Widmung von dem »vorausgegangenen Jahre« gesagt wird, wie auch Simson bemerkt, auf das Jahr 827 aber gar nicht, welches Jahr man für die Abfassung annahm, als man diese vor die Synode setzte. – Das Verhältniss des Laienspiegels zu jenen Synodalacten lässt sich nicht ebenso klar und sicher bestimmen. Auch in ihm finden sich ganze Kapitel, die in den Acten und dann auch in der Institutio regia wörtlich wiederkehren; ferner verweist die Synode auf eine Anzahl auf ihr zusammengetragener Kapitel Congessimus etiam in opere conventus nostri nonnulla alia capitula ad vestram (des Kaisers) fideliumque vestrorum observationem et salutem pertinentia, quorum hic omissa prolixitate mentionem tantum facimus. Scilicet quod eos oporteat, coniugium etc. Synod. Paris. L. III, c. 2. Mansi, Sacror. Concilior. nova et ampliss. collectio. Tom. XIV , Venedig 1769. p. 596. über die ehelichen Pflichten, von welchen Kapiteln der Kürze wegen nur Inhaltsangaben mitgetheilt werden, und diese stimmen, und zwar fast wörtlich, mit den Titeln der meisten Kapitel des zweiten Buchs der Institutio laicalis überein. Diese Kapitel bilden aber gerade den Kern der letzteren. Denn die dem Werke vorausgehende Widmung erklärt, dass es unternommen worden ist auf die Bitte des Matfrid, »ihm aufs schnellste und kürzeste zu schreiben, in welcher Art er und die übrigen, die durch das Band der Ehe gebunden sind, ein Gott gefälliges Leben einzurichten haben.« Jonas hat sich, wie er dort weiter sagt, nur nach grossem Bedenken zu dem Werke entschlossen – dem er sich nicht gewachsen fühlte – indem er die Aussprüche der Bibel und der Väter zusammentrug und commentirte. Am Schlusse der Widmung aber bemerkt er, dass er das ganze Werk wegen seiner Weitläufigkeit in drei Bücher theilte, von denen das erste und letzte für alle Gläubigen im allgemeinen, das zweite aber grossen Theils speciell für die Eheleute bestimmt sei. Um das räthselhafte Verhältniss dicses Werks zu den Synodalacten zu erklären, kann 229 man vielleicht annehmen, dass Jonas zuerst der Bitte Matfrids entsprechend, nur das zweite Buch verfasst hat, und dass die Synode dies bloss approbirte und dann empfahl, in den Acten mit Angabe des Inhalts sich begnügend; dass nach der Synode aber Jonas den Ehespiegel zu einem Laienspiegel überhaupt, unter Benutzung der Synodalacten, erweiterte, das erste und dritte Buch hinzufügend. So würde sich denn auch die schlechte Composition des Ganzen erklären; nachdem nämlich im ersten Buche weitläufig von der Taufe, dem Gebet, dem Kirchenbesuch und der Busse gehandelt worden, wird im zweiten Buche nach den ehelichen Pflichten ausser verschiedenen andern Ermahnungen auch einzelner Laster und Fehler, wie Bestechlichkeit, Lüge, Neugierde, gedacht; darauf aber im dritten Buche wieder von einzelnen Tugenden und Lastern in einzelnen Kapiteln gehandelt, die meist gar nicht mit einander verknüpft sind. Mit dem jüngsten Gericht und der ewigen Vergeltung schliesst das Ganze. Dass das Werk, obgleich grössten Theils nur eine Stellensammlung aus der Bibel und den Kirchenvätern, als Origenes, Ambrosius, Hieronymus, Lactanz, Prosper, Gregor, Isidor, Beda und vor allen Augustin, doch manche für die Sittengeschichte der Zeit des Verfassers bedeutende Bemerkungen enthält, ist schon anerkannt worden; eine innere Einheit aber fehlt ihm durchaus und in jeder Beziehung, so dass es als schriftstellerische Leistung, von einem einfachen klaren, für jene Zeit correcten Stil abgesehen, kein Lob verdient. Endlich hat Jonas noch die alte Vita des heil. Hugbert auf den Wunsch des Bischofs Walcaud von Lüttich stilistisch überarbeitet – da sie um die Mitte des achten Jahrhunderts abgefasst, in der That in einem sehr fehlerhaften Latein geschrieben ist – und zugleich die Erzählung von der zweiten Translation des Heiligen, von Lüttich nach dem durch Walcaud wiederhergestellten Kloster Andoin, hinzugefügt. Der Heilige, den erst spätere Sagen zu einem Verwandten Pippins und zum Schutzpatron der Jäger gemacht haben, war der erste Bischof von Lüttich, indem er das Bisthum von Mastricht, nach der Ermordung seines Vorgängers, dorthin verlegte. Er zeichnete sich als Missionar in den Ardennen und Brabant aus. Nachdem er 727 gestorben, wurde er in der Basilica des h. Petrus in Lüttich bestattet, 744 aber an eine andre Stelle der 230 Kirche, unter der Theilnahme des Königs Karlmann selbst transferirt. Auch diese Translation wird in der alten Vita Sie ist zugleich mit Jonas' Brief an Walcaud u. der zweiten Transl. edirt von Arndt, Kl. Denkmäler aus der Merovingerzeit. Hannover 1874. von dem zeitgenössischen Autor erzählt.   Zehntes Kapitel. Paschasius Radbert. Ratramnus. Tiefer als der Streit über die Bilderverehrung regten seit dem vierten Decennium dogmatische Fragen von grosser Bedeutung, die des Lehrbegriffs des Abendmahls wie die schon öfters erwähnte der Prädestination und des freien Willens, die Geister, namentlich in Westfrancien, auf, wo denn zugleich, zum Theil in Verbindung damit, zum Theil unabhängig davon, ein speculativer Sinn erwacht. So wenig nun auch die dogmatische und selbst die philosophische Literatur an sich in den Kreis unserer Betrachtung fällt, so haben doch die Hauptwerke, welche jenen Fragen damals gewidmet sind, meist indirect so viel Interesse für uns, um ihrer kurz zu gedenken; denn sie spiegeln einmal die Kultur, welche die literarische Entwickelung damals bedingte, von einer sehr wichtigen Seite ab, und sie haben ferner auf die Folgezeit einen grossen Einfluss gehabt. Dazu kommt, dass die Autoren der wichtigsten zugleich in anderer Beziehung eine literarische Bedeutung haben: dies gilt insbesondere von demjenigen, welcher die erste der beiden Fragen auf die Tagesordnung setzte, und sie in einer Weise entschied, welche die katholische Kirche für immer adoptirte. Es ist dies Radbert , genannt Paschasius . S. Paschasii Radberti, abbatis Corbeiensis, opera omnia iuxta editiones Sirmondi Mabillonii Martenii recogn. et diligent. emend. accur. Migne. Paris 1852. ( Patrol. lat. Tom.  120.) – *Martène et Durand, Veter. Scriptor. etc. amplissima collectio, Tom. IX. Paris 1723 (Enthält: De corp. et sang. u. De fide etc.). – *Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV, pars  1 (Enthält die VV. Adalh. u. Walae p. 291 ff. u. 434 ff.). – – Rodenberg, Die Vita Walae als historische Quelle. Göttingen 1877. (Diss.) Radbert war zu oder bei Soissons um 790 geboren; ein Sohn armer Eltern, wurde er in einem Frauenkloster dieser 231 Stadt, in welches er nach dem Tode seiner Mutter aus Mitleid aufgenommen war, auferzogen. Trotzdem schlug er herangewachsen zunächst eine weltliche Laufbahn ein. Aber aus freiem Entschluss kehrte er zum Mönchsleben zurück, indem er in das Kloster Corbie trat (vor 812). Der Abt desselben war der hochgebildete Adalhard, ein Vetter Karls des Grossen, der einst dem gelehrten Kreise Alcuins am königlichen Hofe angehört hatte, und dort den Namen Antonius führte. Die Schule von Corbie muss damals schon eine vortreffliche gewesen sein, da Radbert nicht bloss eine umfangreiche theologische, sondern auch eine für jene Zeit bedeutende klassische Bildung dort sich erwarb, die er dann wieder als Lehrer in demselben Kloster verwerthete. Seine ausgebreitete und intime Kenntniss der antiken lateinischen Literatur bezeugen seine Citate und die ohne Quellenangabe entlehnten Stellen, aus Virgil und zwar allen seinen Werken, Horaz (auch den Sermonen Vita Adalhardi c. 15. ), aus Terenz Namentlich in der Vita Walae öfters. und den verschiedensten Schriften des Cicero, sowie die lobpreisenden Aussprüche über diese Autoren, wie er denn Cicero den König der Beredsamkeit Expositio in Matthaeum Prolog. 6. Vita Adalhardi c. 20. und Virgil den grössten Dichter nennt, wenn er ihn auch einmal der falsura   beschuldigt. In der Widmungsepistel des Buchs De corp. et sang. an Karl den Kahlen: Idcirco ne me putes, Augustorum clarissime, fabulam vobis contexere de Maronis falsura. – Auch trägt Radbert kein Bedenken seinen » maximus poeta « zu einem Plagiator zu machen, und ihn auch den »weit älteren Horaz« plündern zu lassen. Die Stelle ist beachtenswerth genug um hier angeführt zu werden: Si quaeris, Adeodate, qualis (Adalhardus) venerit: fateor talis, qualem Virgilius ille tuus Maro describit, totus teres atque rotundus . Qui nimirum versus licet in Virgilio vestro magnis extollatur laudibus, longe antiquior legitur in Horatio, qui dum de viro sapiente loqueretur, ait, quod sit fortis et in se ipso totus teres atque rotundus. Unde profecto liquet, sicut et in quam pluribus locis, quia Maro vester, callidus ingenio, de ceterorum sententiis laudem tulit, et de multis, acsi mendicus, philosophorum fragmentis convivium vanitatis saltim pueris fecit. Vita Adalh. ed.  l. p. 446. – Vgl. Horatii Satir. II, 7 v. 86. Wie Radbert Adalhards Gunst zu gewinnen wusste, so nicht minder die seines Bruders und Nachfolgers Wala. Mit beiden wurde er innig befreundet, und nahm an ihren kirchlichen wie politischen Bestrebungen den regsten Antheil. – 844 wurde er selbst Abt des Klosters, legte aber 232 dieses Amt schon 851 nieder, um sich, wie einst Raban, ganz seinen gelehrten Studien und literarischer Thätigkeit zu widmen. Er hielt sich zu dem Zweck auch eine Zeitlang in dem von wissenschaftlichem Geiste beseelten Kloster St. Riquier auf. Er starb zu Corbie 865. Dass der von ihm geführte Beinamen Paschasius seiner Beschäftigung mit der Abendmahlsfrage seinen Ursprung verdankt, ist wohl nicht zu bezweifeln; ob er ihn aber zuerst selbst sich beigelegt, oder von seiner Umgebung im Kloster, vielleicht in Folge der von Adalhard dorthin verpflanzten Alcuinischen Sitte, erhalten, vermag ich nicht zu entscheiden. Radbert nennt sich in seinen Schriften zuerst so in der Vita Adalhardi , diese ist aber vor seinem Buche De corpore et sanguine verfasst; vielleicht ist der Name in der Vita noch Versteckname für das Publikum, ausserhalb des Klosters, wie andre Namen dort. Von seinem berühmten Buche hat er ihn also jedenfalls nicht erhalten. Für die Verpflanzung der Alcuinischen Sitte spricht aber auch der Beiname des Schülers Radberts Warin »Placidius.« Wie hoch Radbert schon von seiner Zeit geschätzt wurde, zeigt namentlich ein von dem Bischof von Soissons, Engelmodus auf ihn bei Lebzeiten verfasster Panegyricus, der ihn in schwülstigen Hexametern nicht bloss als Säule der Kirche, höchste Ceder des Paradieses und Schild des Glaubens preist, sondern auch seine Beredsamkeit mit überschwänglichen Ausdrücken rühmt. In der That gehörte Radbert zu den ersten Gelehrten Westfranciens damals und obgleich er kein wahrhaft productiver Denker war, so ist ihm doch eine gewisse speculative Neigung, ein Streben nach philosophischer Begründung eigen, selbst wo er von der wörtlichsten Auffassung des Dogma ausgeht und dem extremsten Wunderglauben huldigt. Auch er verdankte dies dem Studium der Werke des Augustin, von welchen die speculative Thätigkeit des älteren Mittelalters fast immer ihren Ausgang nimmt. Das bedeutendste Werk des Radbert, das in seiner Zeit das grösste Aufsehen machte und auf die Folgezeit den mächtigsten Einfluss ausübte, selbst auch durch den Widerspruch, den es hervorrief, ist das Buch De corpore et sanguine Domini , die erste Monographie über die Lehre des Abendmahls. Das Buch ist in der ersten Ausgabe 831 an den Abt von Corvey, Warin genannt Placidius, einen früheren Schüler Radberts, gerichtet; in einer zweiten um 844 233 dem König Karl dem Kahlen, wie es scheint, als Weihnachtsgeschenk, auf seine Aufforderung gewidmet Hinc inde, ut condignum est, ad superventura diei Dominici festa missuri sunt auri argentique et vasorum diversi generis munera etc., inter quae nimirum, etsi ultimus, fide devotus, quia monuistis , et mea, ut opto, vos delectant; decrevi non ignavi ponderis metalli vestrae maiestati munus offerre, scilicet libellum etc. , nachdem die erste Ausgabe schon, wie diese Widmung besagt, in viele Hände gekommen. Doch hoffte Radbert von der Billigung des Königs eine noch sicherere allgemeinere Anerkennung seiner Lehre und weitere Verbreitung seines Buchs, das, wie er schon in dem an Warin gerichteten Prolog sagt, in populärem Stile abgefasst, auch für ein grösseres Publikum, das keine literarische Bildung besässe, bestimmt sein sollte. Zwei Gedichte in Hexametern gehen dem Werke in der zweiten Ausgabe Dass dies auch von dem oben an zweiter Stelle erwähnten Gedichte gilt, zeigt der 4. Vers des Acrostichon, namentlich die Worte: puero quae misimus olim , mit welchen auf die frühere Ausg. hingewiesen wird. voraus, von welchen das eine König Karl geweiht ist, dem das Buch zu überreichen, die Jungfrau Sophia aufgefordert wird; das andre, das mit einem Acrostichon beginnt, welches den Namen Radbert enthält, wendet sich an den Leser und zeigt den Inhalt des Werks in der Hauptsache an. Radbert entwickelt in dem Buche zum ersten Male ausführlich die Lehre von der Transsubstantion und sucht sie auch wissenschaftlich zu begründen, indem er diese Auffassung des Abendmahls: die Verwandlung der Substanz des Brodes und des Weines durch die Consecration des Priesters in die Substanz des Leibes und des Blutes Christi, selbstverständlich für die einzig richtige erklärt. Diese Auffassungsweise fand sich in der Kirche auch schon früher vertreten, wenn auch nicht mit derselben Entschiedenheit ausgesprochen, aber sie war keineswegs die allein herrschende, indem auch eine geistigere, dieser sinnlichen gegenüber, von ebenso vielen getheilt wurde; es bestand eben noch kein fester, von der Kirche geweihter Lehrbegriff. Radbert begründet aber seine Lehre durch die Rechtfertigung des Wunders als solchen, denn er selbst erklärt, wie dies ja auch nicht anders sein konnte, die Transsubstantion für ein Wunder, ja, weil es kein sichtbares, für ein grösseres 234 als alle andern, die selbst nur deshalb geschehen sind, damit dieses eine Wunder geglaubt werde (c. 1, §. 5). Gottes allmächtiger Wille ist die Ursache aller Dinge und Naturen. Indem sie aber Gott schuf, nahm er seinen Willen nicht von ihnen weg, vielmehr besteht ihr Dasein in seinem Willen und seiner Kraft, durch welche alles was ist, nicht bloss existirt, sondern auch so , wie es Gottes Wille beschlossen. Neque enim sic condidit omnium artifex Deus rerum naturas, ut suum velle ab his auferret, quia omnium creaturarum subsistentia in eadem Dei voluntate subsistit et virtute, a qua causam habet, non solum ut subsistat quidquid est, sed etiam ut sic sit, sicut ipsa Dei voluntas decreverit, quae causa est omnium creaturarum. c. 1, §. 1. So ist denn auch jede Veränderung der Natur des Geschaffenen von ihm abhängig. Bei dem Wunder scheint also nur sich etwas gegen die Natur zu begeben, in der That aber ist es nicht der Fall, da es ja im Wesen der Natur liegt, den Befehlen Gottes stets zu gehorchen. Demnach ist ein Zweifel an der Möglichkeit der Transsubstantion nicht gerechtfertigt. Freilich ist der Glaube nöthig, weil ja die äussere Erscheinungsform von Brod und Wein bleibt, aber den Glauben verlangt die Religion überhaupt. Ohne diesen würde auch niemand Christus am Kreuze in Knechtsgestalt als Gott erkannt haben. Diese Auffassungsweise des Abendmahls erhielt aber dadurch eine besondere Bedeutung, dass nach ihr, wie Radbert ausführt, durch die im Abendmahl zugleich vollzogene leibliche Gemeinschaft mit Christus, auch die leibliche Natur des Menschen zur Unvergänglichkeit qualificirt, und so die Auferstehung desselben gerechtfertigt wird. – Nicht mit Unrecht ist dem Buche, auf dessen weiteren, theologischen Inhalt einzugehen uns hier fern liegt, eine mangelhafte Composition und, was damit zum Theil zusammenhängt, Weitschweifigkeit in Folge häufiger Wiederholungen vorgeworfen; durch letztere wollte der Verfasser offenbar auch die von ihm erstrebte Gemeinverständlichkeit seines Buches erzielen, das übrigens im Ganzen durch einen einfachen Satzbau und eine ungesuchte Ausdrucksweise sich empfahl. Eine gewisse Ergänzung zu diesem Buche bildet die Epistola ad Fredegardum , worin Radbert die ihm von diesem Mönche brieflich mitgetheilten Zweifel vieler an seiner Lehre 235 zu widerlegen sucht, hier sich aber nur auf theologische Gründe beschränkt. Noch eine andre rein dogmatische Schrift hat Radbert, und zwar schon im hohen Alter, verfasst, in der er auch seinem Wunderglauben genugthun konnte; ich meine das Werkchen De partu Virginis . In demselben vertheidigt er die übernatürliche Geburt Christi, wobei er zugleich behauptet, dass Maria von aller Erbsünde frei gewesen sei. Einen etwas philosophischen Charakter hat dagegen sein den drei theologischen Tugenden gewidmetes, und danach in drei Bücher eingetheiltes Werk: De fide, spe et caritate ; es ist an den Abt Warin wieder gerichtet, der Radbert darum gebeten, und für den Unterricht bestimmt. S. ausser dem Widmungsschreiben den Schluss: Haec, prout potui, Pater – – devotus obtuli, non ut sufficiat de his quod dixi, sed ut habeat beatitudo tua adhuc tironibus quid exhibeat de tribus istis virtutibus, sine quibus nemo est christianus. Ein Acrostichon welches den Namen Radberts enthält und die drei Tugenden feiert, geht dem Werke voraus. Das erste Buch ist besonders beachtenswerth, insofern der Verfasser dort das Verhältniss des Glaubens zur Erkenntniss untersucht und schon zu dem die mittelalterliche Scholastik beherrschenden Grundsatze gelangt, den der h. Anselm am strictesten in den Worten ausdrückte: Credo ut intellegam . Eine der bezeichnendsten Stellen in Radberts Buch ist wohl diese: Porro illa quae de Deo divinitus dicuntur, credibilia quidem sunt simul et intelligibilia, sed nisi credantur primo, numquam intelleguntur ; idcirco necesse est credantur ex toto corde et ex tota anima et ex tota virtute, ut Christo illustrante hic ex parte et in futuro ex toto intellegantur; et tanto amplius vel perfectius hic aut illuc, quanto mundiores corde mandatorum Dei praeceptorumque observatores erimus. l. I, c. 7, §. 2. Ritter, der die Bedeutung dieses Werks gewürdigt, verkennt doch nicht das Verdienst, welches für diese Zeiten eine im Ganzen gut zusammenhängende Ueberlieferung der Augustinischen Lehre haben musste. Geschichte der Philosophie. Bd. VII, S. 204. Sie musste in der That zu einem tieferen theologischen Nachdenken, und damit überhaupt zu einer speculativen Thätigkeit anregen. Auch verschiedene Bibelcommentare hat Radbert verfasst, von welchen der bedeutendste der sehr ausführliche, zwölf Bücher begreifende, zu dem Evangelium des Matthäus 236 ist, den er zum grössten Theil erst in der Zeit seiner gelehrten Musse nach Niederlegung der Abtwürde verfasst hat. Er ist durch die von ihm seinen Mönchen gehaltenen Homilien veranlasst worden. Für jene ist er denn auch, auf ihre Bitte, zunächst geschrieben worden, um sie zum Studium der heil. Schrift anzuregen. Auch dieser Commentar soll, gleich denen des Alcuin und Raban, vornehmlich eine, obschon nicht wörtliche, Blumenlese aus älteren, auch mit Quellenangabe (die aber in den überlieferten Handschriften weggelassen), sein; doch hat Radbert bei der ihm eigenthümlichen Gesprächigkeit vieles eigene eingemischt und dabei auch manche Abschweifungen und Anspielungen auf seine Zeit gemacht: so greift er gelegentlich nicht bloss die Häresien jener Tage an, sondern beklagt auch die traurigen politischen Verhältnisse, die das Ende der Welt anzeigen könnten. Qui talia et tanta videmus quotidie inter fratres et propinquos civilia, et plus quam civilia bella; tanta a barbaris et paganis hostibus ex terminia hominum et desolationes civitatum iugiter sustinemus – – Licet insurgant barbari in nos, et nemo est qui auxilium ferat, quia civiles in invicem magis saeviunt insidiae et strages, ita ut intus et foris nihil aliud quam mors repercutiat aures nostras. l. 7, c. 24. – Die Erklärung ist in diesem Commentar übrigens vorzugsweise eine sachliche, während in denjenigen, welche Radbert zu alttestamentlichen Büchern verfasst hat, die überlieferte allegorische Auslegung durchaus vorherrscht. Radbert gehört als Autor aber der allgemeinen Literatur auch unmittelbar an durch zwei historische Werke, die allerdings wegen ihres panegyrischen Charakters, den der Verfasser aber offen bekennt, als Geschichtsquellen nur mit vorsichtiger Kritik zu verwerthen sind, zumal eine jede in eine eigenthümliche ästhetische Form eingekleidet ist. Es sind die Lebensbeschreibungen, oder genauer gesagt Charakterbilder der beiden angesehenen Aebte von Corbie, denen Radbert so nahe gestanden, des Adalhard und seines Bruders Wala. Die Vita S. Adalhardi ist bald nach dem Tode ihres Helden 826 geschrieben, als »ein literarisches Grabtuch« ihm dargebracht, um seinen heiligen Namen für alle Zukunft zu erhalten. Nam nostrum alii pallentes violas etc. carpunt – – et ego litterarum superintexo (sc. sepulcrum) pallas , quatenus aevi temporibus futuris sanctum servetur nomen. c. 85. Als 237 die Vorbilder für sein Unternehmen bezeichnet Radbert hier im Eingange insbesondere Ambrosius in seinen Leichenreden, von welchen er der auf Valentinian II. namentlich gedenkt, und Hieronymus in seinen Epitaphien. Er will, wie sie, indem er den Verlust eines ihm Theuern beweint, ihn mit hohem Lobe erheben, und so sich selbst zu eignem Troste seiner erinnern, der Nachwelt aber ihn als Muster der Tugend empfehlen. Ambrosius' Beredsamkeit strebt er zu erreichen, wenn er es auch nicht vermag. So ist diese Vita in der Form eines am Grabe gehaltenen Panegyricus gegeben, offenbar nach des Ambrosius Beispiel: daher denn die steten Apostrophen, wie sogleich im Beginne, an den Todten selbst, dann an Jesus, Gott, die Mitmönche, an das Publikum überhaupt; daher die fortwährenden erbaulichen Betrachtungen, welche die in Vergleich damit so magere Lebensgeschichte ganz überwuchern; daher der mit Blumen und Metaphern, die an die geschmückte Redeweise mancher Bücher des Alten Testaments erinnern, sowie mit biblischen Citaten verzierte Stil. Der Gang der Darstellung folgt allerdings, wenigstens im allgemeinen, dem Lebensverlaufe. So wird nach dem Eingange zuerst (c. 7) der Erziehung des Helden, der ein Neffe Pippins war, am königlichen Hofe zugleich mit seinem Vetter Karl, gedacht. Als dieser aber als König seine erste Gemalin verstiess und sich von neuem, mit Hildegard vermählte, verlässt der junge Adalhard den Hof, indem er in seiner strengen moralischen und religiösen Gesinnung der neuen Königin nicht zu huldigen vermag, da er ihre Ehe bei Lebzeiten der andern nicht für eine legitime halten kann, und der Bruch der ersten Ehe auch den Eidbruch mancher Franken, die jene verbürgt, zur Folge haben müsste. Adalhard entsagte lieber der Welt und wurde Mönch in dem Kloster Corbie; aber auch hier fand damals diese asketische Entsagung (der er später seinen akademischen Namen Antonius Er führte ihn nach dem berühmten Einsiedler Aegyptens, dem Freunde des Paulus (s. Bd. I, S. 193), dies ergibt sich mit Sicherheit daraus, dass Alcuin an ihn schreibt: Antonio Paulus. Ep. 117 ed. Jaffé. verdankte) keine volle Befriedigung; so begab er sich denn ganz in Incognito nach dem Musterkloster Montecasino. Allein Karls Boten fanden ihn dort auf, um ihn nach Corbie zurückzuführen, und bald 238 danach wurde er an die Spitze dieses Klosters, zunächst als subrogirter Abt, gestellt. Hier nimmt nun unser Autor diese Gelegenheit wahr, um zu zeigen, wie sein Held »auf der Quadriga der Tugenden, deren Räder die vier Cardinaltugenden, einherfuhr« (c. 16) Vgl. oben S. 182 . ; und indem er da bei der Gerechtigkeit länger verweilt, gedenkt er denn u. a. auch kurz Adalhards italienischer Mission, wie derselbe den jungen Pippin bei seiner Regierung Italiens leitete, in seiner Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit Fatentur enim, quod numquam in iudicio alicuius personam inspexerit; neque iuxta proverbium vulgi aureo pugno sit murus eius animi fractus. Solus, ut aiunt, potuit flumen transire Acherontis avari et sine discrimine caecitatis ex alpibus remeare per annos. Diese letzte Bemerkung ist von allgemeinerem Interesse. ein Schrecken der Tyrannen dieses Landes, welche wie Räuber unter dem Volke wütheten. Die Art, wie hier nur ganz gelegentlich in ein paar Sätzen bloss zur Begründung einer der Tugenden Adalhards dieser wichtigen mehrjährigen politischen Thätigkeit desselben gedacht wird – denn sie erstreckte sich auch noch auf die Zeit nach Pippins Tode, was Radbert nicht sagt – zeigt recht, wie fern unserm Autor das politische Interesse lag und wie es ihm in diesem Panegyricus nur darauf ankommt, den heiligen Mönch zu verherrlichen, der den weltlichen Dingen eigentlich fremd bleiben sollte. Die von dem Neide Satans angestifteten Feinde der Gerechtigkeit und Wahrheit sind es denn auch, welche nach Radbert, der einen andern Grund nicht angibt, Ludwig nach seinem Regierungsantritte bewogen, Adalhard in das Exil nach einem fernen Kloster an der Mündung der Loire zu senden (c. 30). Auch fast alle seine Geschwister, deren hier der Verfasser einzeln gedenkt, traf die Verfolgung (c. 32 f.). Nach sieben Jahren der Verbannung, in welcher auch seine Wirksamkeit eine segensreiche war, kehrte Adalhard zurück, um wieder an die Spitze seines Klosters zu treten. Die Reue des Kaisers, seine öffentliche Busse zu Attigny, welche die Widergeburt des Reiches, die Rückkehr des Saturnischen Zeitalters anzukündigen schien, preist hier Radbert als unter dem Einflusse Adalhards geschehen (c. 50 ff.). Nunmehr (c. 55 ff.) geht unser Autor zum Lobe seines Helden nach den Regeln der 239 Rhetorik über Iuxta oratores , sagt er, indem er »was im griechischen ein χαρακτηρισμὸς heisst«, geben will. , indem er Namen, Vaterland, Geschlecht, Würde u. s. w. behandelt, das eine mehr, das andre weniger ausführlich. Besonders bemerkt sei einmal das Lob, das er seiner Beredsamkeit zollt (c. 63), worauf er später (c. 77) noch einmal zurückkommt, indem er erwähnt, dass sie auch in der deutschen Sprache glänzte. Vel quis sine mentis scrupulo poterit epistolarum eius nitorem eloquentiae recitare? quem si vulgo audisses, dulcifluus emanabat; si vero idem barbara, quam Teutiscam dicunt, lingua loqueretur, praeminebat claritatis eloquio. Auch die Eleganz seines Briefstils wird eben dort erwähnt. Ferner wird da, wo sein Herz ( affectus ) gepriesen wird, der Gründung von Corvey, des deutschen Corbeia, durch Adalhard ein Jahr nach seiner Rückkehr (822), gedacht, indem namentlich die Oertlichkeit hier genauer beschrieben wird (c. 65 ff.). Diese neue Pflanzung war die grösste Freude seiner letzten Lebensjahre. – Der Autor geht dann (c. 73) zur ausführlichen Erzählung von seinem Tode über, woran sich noch eine klagende und tröstende Schlussrede reiht, bald an die Welt, bald an Adalhard oder seine Mönche gerichtet. Hier wird c. 84 die Mythe von dem zur Unterwelt hinabgestiegenen Orpheus erzählt, dessen Beispiel zu folgen die Mönche keinen Anlass hätten: Neque igitur iuxta quod fabulae ferunt Treicium fecisse vatem, gemimus apud inferos coniugis mortem, sed super astra tollimus Patris nomen etc. Endlich wird noch seines Grabes gedacht. Zehn Jahre nach Adalhard starb sein jüngerer Bruder Wala (836); und nicht lange danach begann Radbert dessen Epitaphium , wie er selbst nach dem Vorgange des Hieronymus diese Vita nennt, zu verfassen, aber zunächst nur ein Buch, welches bis zum Jahre 826 geht. Ihm liess er erst nach 851 ein zweites Buch folgen. Dies Werk hat nun die eigenthümliche Form einer Conversation, einer Unterhaltung Radberts (Paschasius) mit ein paar seiner Confratres von Corbie. Adeodatus, Severus und Chremes im 1. Buch; dass die Namen Verstecknamen sind, scheint der letzte namentlich zu beweisen, der aus dem mehrfach citirten Terenz offenbar entlehnt ist, ebenso entspricht der Charakter des öfters zurechtweisenden Sever dem Namen. Diese Form ist wohl im Hinblick auf die Dialoge des Sulpicius Severus 240 über den heiligen Martin gewählt Darauf scheinen namentlich auch die frostigen Spässe über einzelne der Interlocutoren hinzudeuten, die sich hier in ganz ähnlicher Weise wie dort finden. Auch hat Wala ja mit Martin die eine Verwandtschaft, dass beide zuerst Soldaten waren, ehe sie die Kutte nahmen. , wenn sie auch dort in einer andern Weise gehandhabt wird. – Einer jener Mönche, Adeodatus, hat, wie Paschasius sagt – und damit beginnt das erste Buch – ihn aufgefordert, ein Bild von dem Charakter des Wala, der hier Arsenius genannt wird Wohl nach jenem gelehrten und frommen römischen Diacon, der von Theodosius zum Erzieher des Arcadius ernannt, von diesem verfolgt, in die ägyptische Wüste sich zurückzog. Adalhard dagegen heisst hier Antonius, wie ihn schon Alcuin nannte, s. oben S. 237 Anm. 1. Dieses Namens gedenkt auch Paschasius in der Vita Adalhardi c. 21. , zu malen, nach Art des Zeuxis zur Erinnerung für Jahrhunderte – der Nachwelt zum Spiegel. So wenig Paschasius die Lösung dieser Aufgabe sich zutraut, so will er doch anheben zu erzählen, was er mit seinen Augen geschaut, mit seinen Ohren vernommen und vollständiger durch Nachdenken erkannt hat. Unde exordiar narrare partim quae perspex his oculis, partim quae accepi auribus et mente plenius intellexi. Adeodat meint, das beste in Betreff eines Abgeschiedenen wäre, seine Tugenden im Geiste sich zu wiederholen, die immer fortblühen und nicht mit ihm sterben. Paschasius hat nur noch die Besorgniss, durch seine Darstellung bei vielen anzustossen, und wenn er, wie einer der Sprechenden, Severus verlangt, zeige, wie Wala in sich die Charakterzüge des älteren Arsenius, des Benedict und des Jeremias vereinte, kaum irgend Glauben zu finden. Nach solchen weitläufig ausgeführten Präambulen wird c. 1 mit dem Lobe des Wala von Paschasius begonnen. Denn auch diese Vita ist ein Panegyricus wie die andre, und wie es die Epitaphien des Hieronymus, nur in der Form des erzählenden Briefstils, auch waren S. Bd. I, S. 187, wo ich sie als Elogien charakterisire. , aber es ist ein Panegyricus von durchaus apologetischem Charakter, und für einen solchen, wie schon Rodenberg mit Recht bemerkt hat, die Form der Unterhaltung, die mitunter einem Plaidoyer gleicht, mit vielem Geschick gewählt: in ihr liessen sich bequem die Einwürfe machen, die Bedenken wie selbst die Anklagen der Gegner 241 vorbringen, um ihre Erledigung zu finden, und zugleich die Wahrheit durch Zeugen (die Interlocutoren nämlich), wie Paschasius einmal sagt Bei der Neuconstituirung der Gesellschaft im Beginne des 2. Buchs: quatenus et veritas quasi sub tribus testibus melius commendetur . , erhärten. Ausserdem vermögen die letzteren auch aus ihrer eigenen Erfahrung noch Beiträge zu dem Charakterbilde zu liefern. Der apologetische Charakter des Werks ergab sich aber von selbst aus der Natur und Geschichte des Helden. Er hätte sich auch rühmen können, einer der am besten gehassten Männer zu sein. Es war eine thatkräftige, aber leidenschaftliche Natur. Ein Mann, der zum Soldaten geboren war, und diese Laufbahn auch zugleich mit der politischen zuerst ergriff; der, als er dann durch das Misstrauen Ludwigs bald nach dessen Thronbesteigung genöthigt wurde, aus der Welt sich zurückzuziehen und in dem Kloster Corbie eine Zuflucht zu suchen, auch unter der Mönchskutte seinen kriegerischen Sinn bewahrte und ihn als Staatsmann in den inneren Streitigkeiten des Reiches vollauf befriedigen konnte. Er hat in den unheilvollen Bürgerkriegen zur Zeit Ludwigs des Frommen eine der bedeutendsten Rollen gespielt. In der durch Wiederholungen und Abstecher, sowie erbauliche und andere Betrachtungen ungemein weitschweifigen und hin- und herfahrenden Darstellung, die ein Abbild einer Conversation auch in der Nachlässigkeit und Incorrectheit des Ausdrucks erscheint, geht der Faden der Erzählung oft ganz verloren. Trotzdem lassen sich drei Hauptabschnitte in dem ersten Buche erkennen, von welchen der erste das Leben Wala's bis zum Eintritte ins Kloster behandelt, oder vielmehr die Tugenden, die er vor seinem Mönchthume entfaltete, zu rühmen bestimmt ist; denn biographische Facta werden nur ganz sporadisch gegeben. So wird seiner schnellen Auffassungsgabe, seines sichern Urtheils, seiner Beredsamkeit in »beiden Sprachen«, wie er sie im Staatsrathe zeigte, gedacht. Eloquentiam quoque utrarumque linguarum, qua sapientia plerumque iuvatur, et copiam dicendi ad persuadendum quae vellet, modestam nimis dehabebat (so ist gewiss für das unverständliche debebat zu lesen). Da die ganze Darstellung hier mit » In senatu quidem prae cunctis pollebat « beginnt, so kann ich den vorstehenden Satz nur so wie oben im Text gegeben auffassen, und unter den beiden Sprachen nur das Lateinische und Deutsche, nicht das Griechische verstehen, wozu denn auch die von Adalhard gerühmte Beredsamkeit in jenen beiden Sprachen (s. oben S. 239 , Anm. 2) stimmt. Wo hätte denn Wala auch seine Beredsamkeit im Griechischen entfalten können? 242 Aber für diese Thätigkeit wurde ihm, wie dem Scipio, von der öffentlichen Meinung nur mit Undank gelohnt (c. 1). So wird seine Jugenderziehung am Hofe erzählt, wo er den »liberalen Studien« sich hingab, nach göttlichem Rathschluss aber auch eine Demüthigung erfuhr, um dann bei dem Kaiser besonders beliebt zu werden, so dass ihm die wichtigsten Aemter im Frieden und Kriege übertragen wurden (c. 6). Nachdem dann noch gezeigt, wie der Tugend Wala's der Laienstand keinen Abbruch gethan, wie die Kirche aus diesem schon die ruhmvollsten Bischöfe erhalten, so einen Ambrosius und Hilarius (c. 7), wird Wala als Mönch gepriesen (c. 10 ff.) und hiermit beginnt dann ein zweiter Abschnitt. In diesem bildet den Hauptinhalt eine Vergleichung Wala's mit seinem Bruder Adalhard und die Betheiligung beider an der Begründung von Corvey, wobei denn der Löwenantheil dem Wala gewährt wird. Hier wird denn auch des nahen Verhältnisses des Radbert zu den beiden Brüdern gedacht. c. 14 Ende u. c. 15. So sagt an jener Stelle Severus: Quae omnia melius fortasse Paschasius novit, qui eis (Adalh. u. Wala) comes fuit in omnibus specialis et quasi tertius inter eos in omni negotio. So viel man auch in Betreff des letzteren Punktes die Richtigkeit und Unparteilichkeit der Darstellung des Paschasius anzweifeln mag, ebenso sehr muss man sie gewiss in Betreff des ersteren anerkennen. Adalhard, der ältere, ist von ruhigerer Ueberlegung und weiterer Voraussicht, auch die Folgen bedenkend, und reicher an Caritas; Wala, der jüngere, ist scharfsinniger, schlagfertiger, und heftiger bei dem, was er für Recht hält. Iste quasi pro iustitia ferventior . Dieser verhält sich zu jenem, wie der Sohn zu dem Vater (c. 12). Noch ein Charakterzug Wala's, der hierbei nicht hervorgehoben wird, ist beachtenswerth, sein lebhaftes Stammesgefühl; auch als Mönch bewahrte er es sich und fühlte sich noch als Sachse, so wollte er in das schlechtere Tuch seiner Landsleute sich kleiden und deren Schuhwerk tragen, was Adalhard nicht erlaubte (c. 16). Indess gehörte er diesem Stamme nur mütterlicherseits an. Dass er also bei den Sachsen sehr beliebt wurde, lässt sich leicht 243 denken. – Von Cap. 21 an kann man den dritten Abschnitt rechnen, der sich bis zum Ende des ersten Buchs erstreckt. Hier wird Wala als Abt gefeiert, namentlich die Disciplin, die er, zum Herrschen geboren, zu führen verstand, aber auch seine Gerechtigkeitsliebe, wovon denn verschiedene Beispiele erzählt werden. Das zweite , viel später abgefasste Buch hat einen etwas andern Charakter. Auf die Aufforderung des Adeodat wird die Unterhaltung von Paschasius fortgesetzt, das Epitaphium zu vollenden, nachdem ein dritter Mönch, Theophrast, zugezogen worden ist, da die beiden andern früheren Interlocutoren indessen verstorben sind. In diesem Buche bildet den Gegenstand das Leben Wala's nach den Erinnerungen des Paschasius vom J. 828 an – ein paar Jahre bleiben also unberücksichtigt – bis zu des Helden Ende. Es ist die Zeit seiner ausserordentlichen politischen Thätigkeit, seiner Theilnahme an der Empörung der Söhne Ludwigs des Frommen gegen den Vater, aber auch an den Reformversuchen, die derselben vorausgingen. Wala stand auf der Seite Lothars. Und von diesem Parteistandpunkt werden denn die Ereignisse vom Jahr 830 bis 836, wo Wala im Kloster Bobbio, dessen Abt er geworden, starb, betrachtet und geschildert. Aus dieser Darstellung reflectirt noch die ganze Parteiwuth jener Zeiten, indem der Apologetiker hier, die Furcht zu beleidigen ablegend, von der Vertheidigung zum heftigsten Angriff übergeht; allerdings verbirgt er die Namen der hohen Personen, Ludwigs, seiner Söhne, seiner Gemalin und des Herzogs Bernhard unter dem Schleier der Pseudonymität, der aber durch den Zusammenhang leicht sich heben liess. Schon das Pseudonym des Helden konnte darauf führen, auch bei den andern Personen solche anzuwenden. Ludwig der Fromme heisst hier Justinian, gewiss im Hinblick auf dessen ausschweifende Gemalin Theodora, indem zugleich auch die Bigotterie Justinians auf Ludwig passte; Judith Justina – Anbildung an Justinian; Lothar Honorius wohl wegen honor ; Pippin Melanius; Ludwig der Deutsche Gratian; Bernhard Naso, wohl wegen des Verhältnisses des Ovid zur Julia. An einzelnen Stellen macht der Zorn den Autor beredt, sonst ist auch hier die grosse Weitschweifigkeit zu beklagen. Die wüthendsten Invectiven schleudert Radbert hier gegen Bernhard, den er schon durch die Bezeichnung Amisarius brandmarkt; dieser 244 Verworfene soll nach seiner Berufung an den Hof alles Unheil veranlasst (c. 7), die Zwietracht zwischen Vater und Söhnen gesäet haben, und indem er mit der Kaiserin Ehebruch trieb, die Pfalz zu einem Schauplatz der Schande gemacht haben. Nach Radberts unpolitischer Anschauung soll eben Unsittlichkeit die Ursache der Bürgerkriege gewesen sein, und so die Empörung, an der sein Held selbst einen so bedeutenden Antheil nahm, gerechtfertigt sein. Endlich hat Radbert auch noch die Passion der um das Jahr 287 in dem Gebiet von Soissons hingerichteten Märtyrer Rufinus und Valerius auf den Wunsch andrer neu bearbeitet. Auch dieses Werk vermag unsern Autor zu charakterisiren. Man sieht da recht, mit welchen Mitteln er den ihm vorliegenden Stoff aufzubauschen und auszuschmücken versteht, um auch hier seiner weitschweifigen Redseligkeit genugthun zu können. Indem er seiner Begeisterung für den Heiligenkultus im Eingang Ausdruck leiht, will er, wie man deren Reliquien in goldenen Büchsen aufbewahrt, ihre Lebens- und Wundergeschichte auch in ein kostbares Gewand gekleidet sehen. So werden die einfachsten Dinge durch lange Paraphrasen ausgedrückt Ein Beispiel statt vieler: Dum ergo athletae regis aeterni, in penetralibus secretae telluris degentes, turbarum tumultus, clamores aulicos devitant, dum solitudinis incolunt secretum, dum quietem supernae contemplationis amplectuntur, dum volatu mentis temporalia negligunt et ad aeterna contendunt etc. , und der Stil mit Metaphern und Vergleichungen aufgeputzt, auch die beliebten Citate aus der Bibel und selbst den antiken Poeten dürfen nicht fehlen.   Der bedeutendste theologische Gegner des Radbert war seltsamer Weise ein Mönch seines Klosters, Ratramnus Ratramni, Corbeiensis monachi, Aeneae etc. opera omnia accur. Migne. Paris 1852 (Migne's Patrol. lat. Tom.  121). – Chr. Baur, Vorlesungen über die christl. Dogmengeschichte Bd. 2. Leipzig 1866. S. 167 ff. , einer der hellsten Köpfe seiner Zeit, ein Mann von umfassender Bildung, gleich Radbert, aber ein logisch geschulter Geist, der mit kritischem Sinne begabt war. Für den letzteren zeugt allein schon, dass er ein paar Schriften, die Hincmar dem Hieronymus beilegte, als unauthentisch verwarf. Ein solcher Sinn für literarische Kritik findet sich damals auch bei andern bedeutenderen Autoren, wie Florus, Prudentius z. B. S. darüber Weizsäcker, Hinkmar u. Pseudoisidor in Niedners Zeitschr. f. d. histor. Theol. 1858, S. 334 ff. Er war mit 245 Lupus innig befreundet, wie mit Gottschalk, der ihn als seinen Meister verehrt. Auch der Dichtung hat er gehuldigt, obgleich sich von seinen Poesien nichts erhalten hat. Er scheint Lehrer der Klosterschule gewesen zu sein. Die drei letzten Angaben nach dem oben S. 167  f. betrachteten an ihn gerichteten Gedichte Gottschalks. Dass ein solcher Mann an den theologischen Streitfragen, welche jene Zeit bewegten, den lebhaftesten Antheil nehmen musste, versteht sich leicht. Einmal rief ihn die Abendmahlslehre in die Schranken; allerdings auf die besondere Aufforderung Karls des Kahlen, verfasste er sein berühmtestes Buch: De corpore et sanguine Domini gegen die Mitte des Jahrhunderts. Wie Ratramnus selbst mittheilt, hatte der König, beunruhigt über die ganz verschiedene Auffassung des Abendmahls im Volke, die figürliche und die substanzielle, auch von unserm Autor seine Meinung verlangt. Ratramnus verfährt nun, die Streitfrage zu untersuchen, in einer für jene Zeit wahrhaft überraschenden methodischen Weise. Die Frage des Königs ist, sagt er, ob das, was in der Kirche in den Mund der Gläubigen genommen wird, Leib und Blut Christi im Mysterium oder in Wirklichkeit wird; ob dies nur den Augen des Glaubens sich erschliesst, oder ob ohne die Verhüllung eines Mysterium das Schauen des Körpers das äusserlich sieht, was der Blick des Geistes innerlich schaut Quod in ecclesia ore fidelium sumitur, corpus et sanguis Christi, quaerit vestrae magnitudinis excellentia, in mysterio fiat an in veritate: id est, utrum aliquid secreti contineat, quod oculis solummodo fidei pateat, an sine cuiuscunque velatione mysterii hoc aspectus intueatur corporis exterius, quod mentis visus aspiciat interius, ut totum quod agitur in manifcstationis luce clarescat etc. c. 5. ; und zweitens, ob es derselbe Leib ist, der von Maria geboren, der gestorben und wieder auferstanden und zum Himmel gefahren ist. Diese Fragen zu beantworten, bestimmt der Autor zunächst die Begriffe von Bild ( figura ) und Wirklichkeit ( veritas ). Darauf gründete er dann den Schluss, dass ein Mysterium sich stets unter einem Bilde vollzieht, d. h. wie er diesen Begriff bestimmt hatte, einer Verhüllung. Figura est obumbratio quaedam quibusdam velaminibus quod intendit, ostendens ; verbi gratia, Verbum volentes dicere, panem nuncupamus: sicut in oratione dominica panem quotidianum dari nobis expostulamus; vel cum Christus in Evangelio loquitur: Ego sum panis vivens qui de coelo descendi (Joann. VI, 41); vel cum se ipsum vitem , discipulos autem palmites appellat etc. Haec enim omnia aliud dicunt et aliud innuunt. c. 7. Fehlt 246 diese, ist es eben kein Mysterium. Im Abendmahl liegt aber ein Mysterium vor, da auch nach der Consecration Brod und Wein äusserlich Brod und Wein bleiben. So ist schon die figürliche Auffassung gerechtfertigt. Erst durch ihre Annahme ist die Wirkung des Glaubens bei dem Genusse nothwendiges Erforderniss. Wäre Leib und Blut in Wirklichkeit vorhanden, hätte der Glaube dabei nichts zu thun. – Diese Ansicht führt dann der Verfasser in einer Polemik gegen die des Radbert, den er selbst allerdings nicht nennt, sowie durch Vergleichung mit der Taufe und dem Mannaregen, und durch Berufung auf die Bibel und die Kirchenväter weiter aus. Im Anschluss an letztere beantwortet er dann auch die zweite Frage (c. 50 ff.). Das ganze Buch, von dessen Gedankenarbeit wir nur eine Andeutung geben wollten, zeichnet sich vor dem des Radbert durch Uebersichtlichkeit, Kürze und einfache Klarheit des Ausdrucks vortheilhaft aus. Noch in einer andern Schrift erscheint Ratramnus als Gegner des Radbert, indem er auch hier zugleich den so weit gehenden Wunderglauben seiner Zeit bekämpft. Es ist das Buch: De eo quod Christus ex Virgine natus est . Freilich scheint es keine Antwort auf die oben erwähnte Schrift Radberts, diese vielmehr später abgefasst zu sein. Der Verfasser bezeichnet auch im Eingange als die Veranlassung seines Buchs die Kunde, dass in einzelnen Gegenden Deutschlands die alte Häresie von der widernatürlichen Geburt Christi aufgetaucht sei. – Auch hier finden sich das methodische Verfahren und die stilistischen Vorzüge des Ratramnus wieder. Er zeigt zuerst, wie die häretische Ansicht dem Begriffe der Geburt widerstreitet und die Unhaltbarkeit ihrer Motive, dann, wie sie den Aussagen der Bibel und dem Urtheile der Kirchenväter widerspricht. Auch über eine andre wichtigere Streitfrage jener Zeit, die der Prädestination , gab Ratramnus, und diesmal wieder auf die Aufforderung Karls des Kahlen, sein Gutachten 247 ab in den zwei Büchern: De praedestinatione Dei , in welchen er zu der Ansicht Gottschalks, ohne indessen diesen zu erwähnen, sich bekennt und dieselbe begründet. Auch er nimmt eine doppelte Prädestination, also auch eine der Bösen zu der ewigen Strafe an, und diese bedingt durch die Präscienz Gottes. Diesem streitigen Punkte ist das zweite Buch gewidmet, auf welches das erste nur vorbereitet. Endlich hat noch Ratramnus die lateinische Kirche in einem Werke von vier Büchern Contra Graecorum opposita Romanam ecclesiam infamantium. gegen die Angriffe vertheidigt, welche der Kaiser Photius 867 in einem Circularschreiben an die Bischöfe des Orients auf sie richtete. Von diesem Werke rühmt Neander, es zeichne sich besonders durch die christliche Mässigung und Geistesfreiheit aus, mit welchen Ratramnus das Gewicht der Verschiedenheiten, welche nur Kirchengebräuche betreffen, beurtheile. Neander, Gesch. der christl. Religion u. Kirche, Bd. IV, S. 611. Und so bestätigt auch dieses in leichtem Stile geschriebene Werk, das zugleich des Autors umfangreiche Kenntniss der Kirchenväter besonders bezeugt, das ihm von uns gezollte Lob. Nach dieser Zeit haben wir kein weiteres Lebenszeichen von ihm.   Elftes Kapitel. Hincmar von Reims. In dem Streite über die Frage der Prädestination, welche die Theologen Westfranciens noch mehr als die der Auffassung des Abendmahls beschäftigte, spielt eine der ersten Rollen, als Hauptgegner des Gottschalk, der Erzbischof Hincmar Hincmari, Rhemens. archiepisc., opera omnia accurante Migne. 2 Bde. Paris 1852. ( Patrologia lat. T. 125 u. 126). – » Hincmari, archiep. Rhemens., opera, cura et studio J. Sirmondi. 2 Bde. Paris 1645. fol. – – v. Noorden, Hinkmar, Erzbischof von Rheims. Ein Beitrag zur Staats- und Kirchengeschichte des westfränk. Reichs. Bonn 1863. von Reims. Er ist eine der bedeutendsten historischen Persönlichkeiten jener Zeit, ein Mann viel mehr der That, als der Feder, 248 so viel er auch geschrieben hat, wie denn auch weitaus die meisten seiner Schriften ganz reellen kirchlichen oder politischen Zwecken dienen; doch sind unter ihnen einzelne auch literargeschichtlich interessant. Hincmar war von fränkischer Abkunft und edlem Geschlechte; er wurde um das Jahr 806 geboren und, schon als Knabe zum geistlichen Stande bestimmt, dem Kloster St. Denis übergeben. Dort erzog ihn der hochgebildete Abt Hilduin, der 822 Erzkanzler Ludwigs des Frommen wurde. S. über ihn weiter unten u. vgl. oben S. 147 . Ihm folgte Hincmar an den kaiserlichen Hof, dessen Einrichtungen, wie eins seiner Werke zeigt, er so genau kennen lernte. Dort wurde dem noch sehr jugendlichen Manne, der sich dem frommen Ludwig auch durch seine asketische Gesinnung empfahl, 829 der ehrenvolle und bedeutende Auftrag, allerdings im Verein mit Hilduin und andern Prälaten, das Kloster St. Denis durch Einführung der Ordnung des h. Benedict zu reformiren. Hincmar, bisher nur Canonicus, wurde jetzt selbst Mönch. Obgleich er aber sich der besondern Gunst Ludwigs des Frommen und nicht minder der Karls des Kahlen erfreute, so beginnt er doch erst nach dem Vertrage von Verdun eine Rolle im öffentlichen Leben zu spielen. Bis dahin scheint er vornehmlich gelehrten theologischen Studien sich gewidmet und in dieser Zeit seine ausgebreitete Kenntniss der Kirchenväter erworben zu haben. Nachdem er schon 844, in welchem Jahre er noch Presbyter war, ein paar Klöster von Karl verliehen erhalten, wurde er das Jahr darauf zum Erzbischof von Reims erhoben, welcher angesehenste und mächtigste Bischofsstuhl Westfranciens längere Zeit unbesetzt geblieben war. Die ausserordentliche Wirksamkeit, die Hincmar in dieser Stellung bis zu seinem Lebensende (882) nicht bloss unter Karl dem Kahlen, sondern auch unter seinen schwachen Nachfolgern, in Kirche und Staat entfaltet hat, können wir hier im einzelnen nicht verfolgen. Er war ein Mann von seltener Willenskraft und Energie, aber herrisch und leidenschaftlich, der für die Rechte seiner bischöflichen Metropolitangewalt gegen das Papstthum wie gegen das Königthum mit gleicher Kühnheit in die Schranken trat, und seine kirchlichen und religiösen Ansichten gegen alle Welt unermüdlich bis zum 249 äussersten zu vertheidigen wusste, der aber mit vieler Klugheit, ja Schlauheit ausgerüstet, auch in der Wahl seiner Mittel nicht verlegen war und sich manche Zweideutigkeit zu Schulden kommen liess. Andrerseits aber hat er, den Dümmler Gesch. d. ostfränk. Reichs I, S. 246. die leitende Seele der westfränkischen Politik nennt, die durch sein Amt ihm verliehene bedeutende Macht auch zur Stärkung des Königthums und zur Befestigung und Erweiterung des westfränkischen Reiches, so viel als dies damals möglich war, mit seltener staatsmännischer Umsicht verwandt. Trotz seiner grossen praktischen Thätigkeit hat Hincmar, wie bemerkt, viel geschrieben, meist allerdings kürzere Arbeiten, und zwar reine Gelegenheitsschriften, von denen manche überhaupt keinen literarischen Charakter haben, wie Synodalschreiben, Denkschriften, bischöfliche Briefe und Erlasse. S. das »Verzeichniss der Schriften und wichtigeren Briefe Hinkmars« bei Noorden S. 403 ff. Es sind nicht weniger als 125 Nummern. Auch sein umfangreichstes, im Anfange der sechziger Jahre verfasstes Werk: De praedestinatione Dei et libero arbitrio interessirt uns hier nur indirect. In diesem sehr weitläufigen und weitschweifigen Opus, das auch zum grössten Theile eine blosse Sammlung von Stellen aus den Kirchenvätern ist, sucht Hincmar noch einmal sein ganzes Auftreten in diesem kirchlichen Streite zu rechtfertigen, insbesondere aber die Beschlüsse der Synode von Quiersy (853) zu vertheidigen, die von ihm inspirirt waren, und durch die zwei Jahre darauf folgende Synode von Valence verworfen wurden. In jenen Beschlüssen war nur eine einfache Prädestination, die einerseits als Gnade, andrerseits als Gerechtigkeit erscheint, angenommen, und indem zwar also die Bedeutung der Gnade zugegeben wurde, doch der freie Wille zum Guten im Menschen ausdrücklich anerkannt, nicht minder, dass Gott alle Menschen selig machen wolle und Christus für alle gelitten habe. Diesem Werke Hincmars war schon eine andre, speciell gegen die Synodalbeschlüsse von Valence von ihm gerichtete Schrift vorausgegangen, die uns aber nicht mehr erhalten ist. Dass aber Hincmar gerade an dieser dogmatischen Frage so ausserordentlichen Antheil nahm, lag, abgesehen von seinem persönlichen Verhältnisse zu Gottschalk, hauptsächlich 250 in der hervorragenden praktisch sittlichen Wichtigkeit, welche sie haben konnte, und die auch Raban so lebhaft aufgeregt hatte, denn Gottschalks Lehre konnte nur zu leicht im Volke zu einem sittlichen Indifferentismus führen. – Andre theologische Arbeiten Hincmars, worunter auch manche kirchenrechtliche, stets durch bestimmte Anlässe hervorgerufen, liegen ausser dem Kreise unserer Betrachtung. Nur einer sei hier kurz gedacht, insofern sie wenigstens indirect hier für uns von Bedeutung sein kann: es ist die um 862 verfasste Schrift De divortio Lotharii regis et reginae Tetbergae . Sie enthält nämlich einmal manches sittengeschichtlich interessante Material über das eheliche Leben in jener Zeit, nicht minder aber auch über den damals noch in Bezug auf Hexen, Zauberer, Liebestränke herrschenden Aberglauben (s. namentlich Interrog. XV); zugleich dient die Schrift aber auch recht zur Charakteristik ihres Autors, der nicht bloss diesen Aberglauben theilt, sondern auch die Gottesurtheile hier (Interrog. VI) in Schutz nimmt. Vgl. auch Noorden S. 172 ff. – Hincmar wird auch eine philosophische, an Karl den Kahlen gerichtete Schrift De diversa el multiplici animae ratione , von ihrem ersten Herausgeber Sirmond beigelegt, dem in Betreff der Autorschaft Noorden mit Gründen beistimmt (S. 109). Trotzdem scheint mir dieselbe nicht genügend beglaubigt, zumal Flodoard die Schrift unter denen des Hincmar nicht erwähnt. Dagegen interessiren uns hier ein paar Schriften des Reimser Erzbischofs, die, mehr oder weniger von politischer Bedeutung, dem Gegenstande wie der Behandlung nach in den Bereich der allgemeinen Literatur fallen. Zwei davon sind auf Karls des Kahlen Wunsch verfasst. Die eine: De regis persona et regio ministerio ist eine Art von Fürstenspiegel, wie wir ihnen schon begegneten S. oben S. 110 , 198 u. 227 . , zugleich aber, wie das bei den Schriften Hincmars gewöhnlich, mit einer besondern Tendenz verfasst. – Nach dem an den König gerichteten Vorwort soll hier von »dem was zur Competenz des königlichen Amtes gehört«, gehandelt werden – – de his quae regio ministerio, vobis a Deo commisso, competere vidi, quasi scintillas micantes lumini scientiae vestrae superadieci. : zu dem Zwecke hat Hincmar was davon der heilige Geist in der Bibel und durch die katholischen Doctoren sagt, hier gesammelt; und in der That ist dies Werk nur eine solche, und gewöhnlich wörtliche, Compilation. Die Sammlung ist aber, wie Hincmar ferner im Vorwort darlegt, unter einem dreifachen 251 Gesichtspunkte vorgenommen und geordnet. Erstens nämlich wird von der Person des Königs und dem königlichen Amte im allgemeinen gehandelt; zweitens von dem Unterschiede, der bei der Begnadigung zu machen ist (d. h. wo dieselbe stattfinden dürfe), und von der Bestrafung »besonderer Personen« Et de ultione specialium personarum . Praef. , die als unverbesserlich die Todesstrafe verdienen, was von manchen bestritten werde; drittens davon, dass auch nahe Verwandte, die gegen Gott, die heilige Kirche und den Staat sich vergehen, der König seines Amtes wegen nicht schonen dürfe. Diese Eintheilung in einen allgemeinen, einen besondern und einen ganz besondern Theil lässt sich allerdings in dem Werke nachweisen, indem den ersten cap. 1–18, den zweiten cap. 19–28 und den letzten cap. 29–33 bilden. Es dünkt mir gar nicht unmöglich, dass die zuletzt behandelte Frage den Anlass zu der ganzen Schrift gegeben hat, die bisher noch keine genauere Untersuchung gefunden hat; denn es würde dann erst die eigenthümliche Eintheilung gerechtfertigt erscheinen. Man erinnert sich hier der Empörung der Söhne Karls des Kahlen Ludwig (862) und Karlmann (870), von welchen der letztere vom Vater selbst mit Blendung bestraft wurde; und war doch die Erhebung der nächsten Blutsverwandten in dem karolingischen Reiche seit Ludwig dem Frommen überhaupt etwas gewöhnliches geworden, ja sogar schon unter Karl dem Grossen versucht! Schon hierdurch war allerdings ein Anlass zur Erörterung der Frage Hincmar gegeben; aber ich möchte doch nach der Composition der ganzen Schrift eher glauben, dass eine von jenen Empörungen der Söhne Karls des Kahlen selbst die Schrift überhaupt hervorgerufen habe, deren Abfassungszeit sich vielleicht auf Grund dieser Ansicht bei genauerer Untersuchung ergeben möchte – eine Untersuchung die ich aber, wie billig, den Historikern überlasse, für welche diese Zeitbestimmung mehr Interesse als für uns hier hat. – Uebrigens lässt Hincmar auch in solchen Fällen eine Begnadigung bei wahrer Reue zu, bei einer solchen, die nicht bloss auf das Schuldbekenntniss sich beschränkt (c. 30). Diese Forderung war aber um so natürlicher, als die Rückfälle solcher Empörer in jenen Zeiten so gewöhnlich waren. Beachtenswerth ist hier die Betrachtung über die Zulässigkeit der Todesstrafe überhaupt (c. 23), ebenso die Rechtfertigung der Kriegsführung in dem 252 ersten Theile (c. 9 ff.). – Von den Kirchenvätern sind namentlich Augustin, Ambrosius und Gregor der Grosse benutzt. Das andere an Karl den Kahlen gerichtete Buch führt den Titel: De cavendis vitiis et virtutibus exercendis . Die Anregung zu demselben gab der Umstand, dass der König von Hincmar die Epistel Gregors des Grossen an Reccared zugesandt wünschte. In ihr beglückwünscht der Papst den Westgothenkönig wegen seines Uebertritts zum Katholicismus, dankt für die ihm überschickten Geschenke und gibt Reccared einige kurze, offenbar durch dessen persönliche Verhältnisse bedingte Lebensregeln. An diesen Brief, den Hincmar zunächst mittheilt, und zwar an das, was darin über die Werke des Erbarmens gesagt ist, knüpft er sein Buch, in welchem er auch vornehmlich Gregors Schriften benutzt Seine Moralia und Homilien namentlich. , unmittelbar an, indem er die Frage erörtert, in wie weit die Liebeswerke zur Tilgung der Schuld dienen können. Die wahre Reue wird dabei verlangt, welche in der Enthaltung von der Sünde sich bekundet (c. 3). Dies bildet den Uebergang zu einer Besprechung der Hauptlaster, als welche hier aufgeführt werden: avaritia, superbia, luxuria, gula, invidia, ira ; bei dem letzten Laster wird noch des zelus gedacht, der aber, aus einer Tugend entsprungen, an sich nicht als Sünde zu betrachten ist. Vortrefflich ist die Schilderung der Wirkung dieser Leidenschaften auf das Aeussere des Menschen, wie beim Zorn, beim Neid; auch eine Analyse der verschiedenen Gestalt, in welcher sie erscheinen können, z. B. der Arten des Zorns ist beachtenswerth, ebenso die auch aus reicher Lebenserfahrung geschöpften Mittel eine solche Leidenschaft, wie den Zorn, zu besiegen. Wie viel freilich hier überall auf Hincmars eigene Rechnung kommt, vermag ich leider nicht zu entscheiden, denn es finden sich viele und längere Stellen wörtlich Gregor, namentlich seinen Moralien entlehnt; die Citate bei Sirmond sind aber ungenau und bei Migne nicht controlirt, ja manche davon weggelassen. Die Moralia sind aber bekanntlich ein zu kolossales Werk, um es zu diesem Zwecke durchlaufen zu können. Die Darstellung ist vielleicht gerade bei diesem Laster um so trefflicher, als der Verfasser es wohl am besten kannte; sie ist energisch, bilderreich. – Es wird hierauf noch anderer Fehler und Vergehen gedacht, wie der Verkleinerung, des Meineids, der Untreue überhaupt (c. 5): dann kehrt 253 erst der Verfasser zu den Werken der Barmherzigkeit, von denen er ausgegangen, zurück (c. 6), um ihren Werth zu bestimmen, und von der Reue zu handeln, sowie vom jüngsten Gericht und der Höllenstrafe, der Vermittelung der Heiligen und dem Hauptmittler Christus, der sich täglich für uns auf dem Altar opfert (c. 11), indem Hincmar hier in der Abendmahlslehre der Auffassung des Paschasius Radbert huldigt, dessen Wunderglauben er überhaupt theilte. So stimmt er auch in der Streitfrage über die Geburt Christi Radbert bei. S. Noorden, S. 106, Anm. 4. Noch ist eine politische Schrift Hincmars, die nach dem Tode Karls des Kahlen verfasst und in mancher Beziehung ein Seitenstück zu der » De regis persona et regio ministerio « ist, besonders bemerkenswerth, da sie zugleich eine wichtige historische Quelle bildet. Es ist eine an die Grossen des Reichs i. J. 882 gerichtete Denkschrift Ad Proceres regni, pro institutione Carlomanni regis et de ordine palatii. , als Karlmann, der Enkel Karls, nach seines Bruders Ludwig Tode Westfrancien wieder unter einem Scepter vereinigte. Damals haben, wie der Eingang der Schrift besagt, die Grossen Hincmar aufgefordert, »zur Unterweisung des jungen neuen Königs und zur Wiederaufrichtung der Ehre und des Friedens der Kirche und des Reiches die kirchliche Ordnung und die Einrichtung des königlichen Hauses, so wie er es gehört und gesehen habe, darzulegen«. ordinem ecclesiasticum et dispositionem domus regiae in sacro palatio, sicut audivi et vidi, demonstrem. – Der König mag also erkennen, meint Hincmar, welche Verpflichtungen er jetzt hat, und den Ermahnungen des Königs der Könige gehorchen, der von ihm eine Kenntniss derselben verlangt. Hiernach behandelt Hincmar zuerst die kirchliche Ordnung , indem er zwischen der hohen und niedern Geistlichkeit, den Pontifices und Presbytern unterscheidet, von welchen die ersteren die Nachfolger der Apostel sind, deren Stellung in der Kirche einnehmen. Die Welt wird von zwei Gewalten regiert, von der heiligen Autorität der Oberpriester und der königlichen Macht (c. 5). Indem hier dem Könige die Beobachtung der kirchlichen Gesetze zur Pflicht gemacht wird, 254 wird ihm noch besonders eingeschärft, bei der Besetzung der Bischofstühle nicht durch weltliche Rücksichten, Dienste, Geschenke oder Verwandtschaft sich bestimmen zu lassen (c. 9). Dann wird die Ernennung von solchen Grafen und Richtern gefordert, welche die Habsucht hassen und die Gerechtigkeit lieben (c. 10); woran sich noch ein paar allgemeine Regeln für alle, welche eine Herrschaft ausüben, schliessen, die wörtlich aus dem dem Cyprian fälschlich beigelegten Buche: De duodecim abusivis saeculi , c. 6, entlehnt sind. Im übrigen wird zur weiteren Belehrung auf frühere Synodalbeschlüsse und Capitularien verwiesen (c. 11). So hat Hincmar bis hierhin den zweiten Theil seiner Aufgabe noch gar nicht erfüllt: er hat von der Einrichtung des königlichen Hauses nicht gehandelt. Er hat sich in der Beziehung nur mit der eben erwähnten Verweisung begnügt (s. c. 11); trotzdem thut er, als wenn er in der Bearbeitung der Adalhardschen Schrift bloss etwas über das Maass noch hinzugebe, indem er sich auf Luc. c. 10, v. 35 bezieht. Dies geschieht nun erst im Folgenden durch eine im Hinblick auf seine Zeit von Hincmar ausgeführte auszügliche Bearbeitung einer Schrift Adalhards : De ordine palutii , welche jedoch nicht bloss die Verwaltung der Pfalz, sondern auch die des Reiches zum Gegenstande hatte, und hiernach in zwei Abtheilungen zerfiel. Beide werden denn auch von Hincmar berücksichtigt. Von den einzelnen Hof- und Staatsämtern und ihren Pflichten, sowie von den Reichsversammlungen finden sich hier die wichtigsten Mittheilungen S. darüber Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte Bd. 3, S. 412 ff. : ihre Schilderung erscheint zugleich aber als ein Spiegelbild für die Gegenwart, in der ebenso wohl das Pflichtgefühl der Beamten wie der Könige selbst erloschen war und an die Stelle eines festen, wohlgeordneten, gesetzmässigen Verfahrens anarchische Willkür trat. Das alte Hof- und Staatswesen wieder herzustellen, bedurfte es freilich mehr als dieser Erinnerung an seine Einrichtungen und an den ursprünglichen Charakter der überlieferten Aemter, es bedurfte vor allem tüchtiger sittlicher Persönlichkeiten, dieselben zu bekleiden. Und so fordert denn Hincmar im letzten Capitel die Proceres auf, dafür zu sorgen; denn aus der guten alten Zeit wären keine solchen Beamten mehr übrig, vielleicht aber fänden sie sich unter den Söhnen der letzteren. 255 Auch auf dem Felde der Hagiographie ist Hincmar thätig gewesen, doch auch hier nicht ohne persönliches Interesse. So hat er das Leben des Schutzpatrons der Reimser Kirche, des h.  Remigius , neu bearbeitet, auf Grund einer dem Fortunat beigelegten Vita, welche, wie Hincmar nach mündlicher und allerdings wahrscheinlicher Ueberlieferung behauptet, selbst nur eine auszügliche Bearbeitung einer älteren war, die durch diesen Auszug hernach ganz verdrängt wurde und verloren ging. Hincmar hat nun keine Mühe gescheut, die kurze, bloss zu gottesdienstlichem Zwecke verfasste Vita zu einem seines Heiligen würdigen Buche von 88 Kapiteln aufzubauschen, denn unser Autor schien den Werth der Bücher auch etwas in das Volumen zu setzen. Freilich die Art der Ausführung ist keineswegs zu rühmen. Hincmar nahm das Material, wo er es bekommen konnte, aus historischen Werken, als Gregor von Tours und den Gesta Francorum , wie aus verschiedenen zerstreuten Flugblättern offenbar legendarischer Natur Wie mit Recht Noorden vermuthet (S. 394, Anm. 2), der überhaupt hier zu vergleichen. und aus dem Munde des Volkes Verum et illa in serie digerens quae vulgata relatione percepi: quia haud longe ante nos dictum est et etiam in sanctis Scripturis, sed et in evangelica veritate comperitur: vera est lex historiae, simpliciter ea quae fama vulgante colliguntur, ad instructionem posteritatis litteris commendare. Diese Stelle ist auch im Hinblick auf die Annalen Hincmars von Interesse. , und gab es – wie er selbst naiv genug eingesteht – alles zusammen ohne kritische Auswahl, und wo es möglich war, mit den eigenen Worten der Quelle, indem er auf die Buntheit des Stiles, die davon, wie er selbst zugibt, die nothwendige Folge war, keine Rücksicht nahm. Ueberdies hat Hincmar, den Werth des Buches zu erhöhen und gewiss auch zum Zwecke seiner weiteren Vergrösserung, wie er sagt, nach dem Beispiele des h. Gregor (von Tours nämlich) Denn auf diesen lässt sich wohl nur der Zusatz beziehen: qui describens sanctorum actus pravorumque casus exhortatione inde assumpta – – multa necessaria et utilia – – interposuit. Die im Druck hervorgehobenen Worte würden auf die Dialoge Gregors des Grossen nicht passen. , den erzählten Wundern lange moralische Betrachtungen und allegorische Deutungen – wie bei ihm üblich im Geleite vieler Bibelcitate – öfters hinzugefügt. Bei 256 alle dem hat aber der Autor das Ziel im Auge, durch den wunderbaren Glanz, den er um seinen Heiligen verbreitet, die Bedeutung der Reimser Kirche in das hellste Licht zu setzen, wie er denn auch die politische Stellung des Remigius, sowie die ihm von Chlodwig gewordenen Schenkungen zu erwähnen nicht vergisst. S. c. 41. – Hier sei noch bemerkt, dass c. 29 der Trojanersage der Franken gedacht wird. – Auch trat Hincmar für die Identität des Areopagiten mit dem heil. Denis in die Schranken in einem Schreiben an Karl dem Kahlen v. J. 877, worin er eine Bearbeitung des Lebens des Sanctin, eines Schülers des Heiligen, gibt. S. darüber Noorden S. 397 ff. Noch ist hier einer kleinen Schrift Hincmars zu gedenken, in welcher er eine Vision eines gewissen Bernold erzählt, eines ihm bekannten Laien seiner Parochie, welcher das Gesicht, das er am vierten Tage einer schweren Krankheit hatte, dem herbeigerufenen Priester mittheilte. Seine dem Diesseits entrückte Seele traf an einem gewissen Orte – offenbar dem Fegefeuer – eine ganze Anzahl Bischöfe (unter welchen er den bekannten Vorgänger Hincmars, Ebbo, erkennt), die bald von Hitze, bald von Kälte geplagt werden; ferner sieht er ausser andern den König Karl den Kahlen in Schmutz und Fäulniss, von Würmern verzehrt, an einem finstern Orte, in den aber die Strahlen und Düfte eines andern, glänzenden, drangen, welcher die Ruhe der Heiligen hiess; auch schaut er einen hässlichen Brunnen, der Flammen und Rauch ausspeit, und ein pechschwarzes Wasser, und Seelen, wie das Vieh von Teufeln getrieben. Die Seelen aber, denen er begegnet, senden ihn an noch Lebende, so Karl an Hincmar, um sie durch ihre Fürbitten zu befreien; diese Aufträge erfüllt Bernold seltsamer Weise auch in der Vision selbst und sieht die Erfolge derselben. – Hincmar, der nach des Presbyters Aussage die Vision aufzeichnete, und sie, offenbar in seinem persönlichen hierarchischen Interesse Karl der Kahle sagt, dass er deshalb für seine Sünden büsse, weil er Hincmars Rathschlägen nicht gefolgt sei. – Er nur kann ihn erlösen. , verbreitete Quam visionem domnus Hincmarus – – per loca ubi necesse visum est exponens, ad multorum notitiam pervenire fecit. Flodoard, Hist. eccles. Rem. l. III, c. 18. , hält sie für wahr, wie 257 er sagt, im Hinblick auf die älteren Visionen, die er in den Dialogen des h. Gregor, in Beda's Geschichte der Angeln, in den Schriften des heil. Bonifaz und als in seinem Zeitalter dem Wettin offenbart gelesen habe. Hiermit werden also die zu Hincmars Zeit bekannten Visionen aufgeführt, wir haben ihrer sämmtlich früher gedacht, s. Bd. I, S. 522 f., 599, 615 u. oben S. 149  ff. Auch die Vision Bernolds geht in ihren Grundzügen auf Gregors Darstellung zurück. Nach solchen Werken sollte man nicht erwarten, Hincmar unter den tüchtigsten Annalisten seiner Zeit zu begegnen: diese seine weltliche historiographische Thätigkeit, zu welcher allerdings seine staatsmännische Begabung und Wirksamkeit ihn vorzüglich ausrüsteten, werden wir erst weiter unten im Zusammenhange mit der ferneren Geschichte der Reichsannalen überhaupt betrachten. Hincmar hat sich auch im Versemachen versucht; so haben sich denn einige Epigramme und ein längeres Gedicht in Distichen an die Jungfrau Maria erhalten, welches Mai, Classicor. auctor. e Vaticanis codd. editor. T. V, p. 452 ff. herausgegeben hat. Dasselbe ist in dogmengeschichtlicher Beziehung nicht ohne Interesse. wie denn hier auch die Geburt Christi als » utero clauso « erfolgt (v. 10) bezeichnet wird. Von Poesie ist in den Versen Hincmars, deren Sprache steif und dunkel ist, nichts zu verspüren.   Zwölftes Kapitel. Johannes Scotus Erigena. Es war auch der Streit über die Prädestinationsfrage, in welchem zuerst allgemeineres Aufsehen erregte eine ganz andre gelehrte Persönlichkeit aus dem Kreise Karls des Kahlen, ein halber Laie, denn er hatte keine der kirchlichen Weihen erhalten. Der früher mit Erigena befreundete Prudentius nennt ihn De praedest. c. 3: »nullis ecclesiasticae dignitatis gradibus insignitum, nec unquam a catholicis insigniendum.« Obgleich von Hincmar zu seinem Auftreten auf diesem Kampfplatze veranlasst, erklärte er sich zwar auch gegen dessen Feind, Gottschalk, aber in einer von dem Erzbischof nicht erwarteten, ja durchaus perhorrescirten Weise. Es war 258 dies der bedeutendste Denker dieses Jahrhunderts, dessen philosophische Werke wahrhaft Epoche machen, Johannes Scotus Joannis Scoti opera quae supersunt omnia ad fid. italic., germanic., belgic. codd. partim primus edid., partim recognovit H. J. Floss. Paris 1853. 4° (Bd. 122 der Patrol. lat. von Migne). – – Huber, Joh. Scotus Erigena. Ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Theologie im Mittelalter. München 1861. – Noack, Joh. Scotus Erigena. Sein Leben und seine Schriften. Leipzig 1876. (Kirchmanns philos. Bibliothek Bd. 66.) – Ritter, Geschichte der Philosophie. Bd. 7. Hamburg 1844. – Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande. Bd. 2. Leipzig 1861. S. 20 ff. – Reuter a. a. O. S. 51 ff. , später auch Erigena genannt. Die ältesten Handschriften haben nur Joannes Scotus oder Joannes Jerugena ; über die Herleitung dieses Namens s. Huber S. 38 ff. Unter Scotia verstand man in jener Zeit bekanntlich nicht bloss Schottland, sondern auch Irland, selbst ganz vorzugsweise, da es ja die ursprüngliche Heimath der Schotten war. Und in der That kann man kaum zweifeln, dass Johannes, worauf auch der andre Beiname deutet Mindestens als Tradition in der umgewandelten Form: Erigena. , in Irland geboren und gebildet worden ist Dafür spricht auch die Anrede des Prudentius an Erigena in seiner Streitschrift De praedest. c. 14: Te solum acutissimum Galliae transmisit Hibernia (was Huber bemerkte) und nicht minder die oben S. 118 Anm. 1 citirte Stelle des Heiricus, eines indirecten Schülers des Erigena, in der Praefatio zu seiner Vita S. Germani , dass aus Hibernia eine ganze Schaar Philosophen unter Karl dem Kahlen nach Westfrancien eingewandert sei, endlich auch die Kenntniss der griechischen Sprache. , in Irland, aus dem schon seit Jahrhunderten so viele Missionare nicht bloss des Glaubens, sondern auch der Wissenschaft nach dem Continent auswanderten; und die Emigration der letzteren scheint gerade in dieser Zeit eine besonders lebhafte gewesen zu sein. S. oben bei Sedulius ( S. 191 ) u. die eben erwähnte Stelle des Heiric. Mehr als sein Vaterland ist die Zeit seiner Geburt ungewiss, über die uns jede Nachricht mangelt. Seine Ankunft in Westfrancien aber erfolgte in den vierziger Jahren, und wohl in dem Anfange derselben: dort fand Erigena, zuerst in unsicherer Lage, bald am Hofe des wissbegierigen jungen Königs, eine gastliche Aufnahme. Er wurde Lehrer, ja Vorstand der Hofschule, und erfreute sich der besondern Gunst Karls des Kahlen, welcher, wenn spätere Traditionen die Wahrheit abspiegeln, mit ihm auch einen vertrauteren gesellschaftlichen Umgang pflog. 259 Als Lehrer hat Erigena, wie sich dies auch kaum anders erwarten lässt, bedeutend gewirkt, und zwar nicht bloss durch die Anregung zur Speculation, die er gab, sondern auch durch Verbreitung der Kenntniss des Griechischen, der wir gerade bei seinen Nachfolgern, mag sie auch bei ihnen noch so oberflächlich sein, wie bei ihm selbst begegnen. Erigena's besondere Bildung ruhte ja auch hauptsächlich auf seiner Kenntniss der griechischen Kirchenväter und griechischer Philosophen, obwohl er nicht überall deren Werke im Original, oder ohne Beihülfe lateinischer Bearbeitungen studirt haben mag, denn auch seine Kenntniss des Griechischen war eine unvollkommene, wie er selbst zugibt. Den bedeutendsten Einfluss aber haben auf ihn die Schriften des vermeintlichen Dionysius Areopagita gehabt, in welchen eine Christianisirung des Neuplatonismus erscheint. Dieselben waren schon unter König Pippin als Geschenk des Papstes nach dem Frankenreiche gekommen, dann wieder von dem griechischen Kaiser Michael Balbus Ludwig dem Frommen gesandt worden. Indem man nun, wie dies auch Erigena thut, den in der Apostelgeschichte erwähnten Areopagiten mit dem heil. Dionys von Paris, der unter Decius den Märtyrertod erlitt, identificirte, so schätzte man diese Schriften in Westfrancien doppelt hoch, und hoffte von ihnen, je weniger man sie kannte, um so mehr tiefer religiöser Geheimnisse Enthüllung. So kam es, dass Karl der Kahle, welcher an der theologischen Speculation ein lebhaftes Interesse nahm, Erigena zu einer Uebersetzung jener Schriften ins Lateinische aufforderte – wohl das erste Werk das derselbe an seinem Hofe ausführte. Er widmet es denn auch dem Könige als Opferspende des » advena Joannes « in einem elegischen Gedichte, dem eine längere Zuschrift in Prosa, die zugleich Vorwort, folgt. Hier gibt er seiner Bewunderung des Königs, der trotz der beständigen Unruhe der Bürgerkriege und der Einfälle der heidnischen Barbaren mit der ganzen Sammlung des Geistes und Andacht des Herzens in die Geheimnisse der heil. Schrift einzudringen suche, und deshalb auch die griechischen Väter zu Rathe ziehen wolle, einen unverhüllten Ausdruck, worauf er dann das Leben des Autors behandelt und den Inhalt der übersetzten Bücher kurz anzeigt. – Danach übertrug auch auf Karls Befehl Erigena eine Erklärung schwieriger Stellen in 260 den Reden des Gregor von Nazianz von Maximus , welches Buch in der Uebersetzung Ambigua betitelt ist. Erigena entschloss sich um so eher zu derselben, trotz aller Schwierigkeiten, die sie darbot, als das Buch auch sehr dunkle Sätze des Dionys erläutere, wovon er Beispiele in der Vorrede gibt. Freilich ist diese Uebertragung eine recht fehlervolle, zum Theil wohl weil der König sie sehr bald verlangte. Der des Dionys aber wurde schon von Zeitgenossen Erigena's Dunkelheit vorgeworfen, und diese nicht mit Unrecht auch auf die allzu wörtliche Wiedergabe geschoben. Uebrigens bemühte sich Erigena die Schwierigkeiten, welche der Autor bietet, auch selbst durch Commentare zu heben, die er zur Erklärung seiner Bücher verfasste, welche Commentare uns aber nur zum Theil erhalten sind. Während nun also Erigena im Dienste seines königlichen Gönners die Wissenschaft pflegte, und durch diese Studien, namentlich auch des Dionysius, sein philosophisches System ausbildete, das er in einem grossen Orginalwerk darnach niederlegte, wurde er durch Hincmar, wie bemerkt, in den theologischen Kampf, der in jener Zeit Westfrancien so sehr bewegte, hineingezogen (851). Hincmar, von vielen Seiten, namentlich von den Theologen Lyons angegriffen, hoffte von der grossen Gelehrsamkeit Erigena's, den er wohl sicher als einen Gegner der Gottschalkschen Meinung kannte, die kräftigste Unterstützung. Erigena aber, der auf seinem philosophischen Standpunkt über beide Parteien sich erhob, verdarb es mit beiden, zog aber namentlich die Angriffe der Gegner Hincmars auf sich, die den Philosophen in den heftigsten Streitschriften zugleich als Ketzer denuncirten; und seine in dem Buche über die Prädestination ausgesprochenen häretischen Ansichten selbst von verschiedenen Synoden verurtheilen liessen. Diese Angriffe mögen wohl die Veranlassung gewesen sein, dass Erigena die Leitung der Hofschule niederlegte, obwohl er am Hofe selbst blieb, und fortlehrend der Gunst des Königs sich auch fortdauernd erfreute. Alles dies ergibt sich aus dem in der folgenden Anmerkung citirten päpstlichen Schreiben. Vergeblich verlangte selbst der Papst im Anfang der sechziger Jahre von diesem, Erigena, der in dem Geruche ketzerischer Meinungen stehe, nach Rom zur 261 Verantwortung zu senden, weil er ohne seine »Approbation«, die Uebersetzung des Dionysius publicirt habe, oder ihn mindestens von der Hofschule zu entfernen, deren Haupt er früher gewesen sein solle, damit nicht Unkraut unter den Waizen gesäet würde. Der Papst schliesst sein Schreiben: Hinc est quod dilectioni vestrae vehementer rogantes mandamus, quatenus apostolatui nostro praedictum Joannem repraesentari faciatis, aut certe Parisius in studio, cuius capital iam olim fuisse perhibetur, morari non sinatis, ne cum tritico sacri eloquii grana zizaniae et lolii miscere dignoscatur et panem quaerentibus venenum porrigat. Floss, p. 1025. Aber – zur Ehre Karls des Kahlen – der Philosoph blieb weiter unbehelligt. Ueber sein späteres Leben ist uns nichts sicheres mehr bekannt, wahrscheinlich aber hat er noch i. J. 877 ein Gedicht an den König, seinen Gönner, gerichtet S. Huber S. 119 ff. , den er wohl nicht lange überlebt haben mag. Fabeln einer späteren Zeit, die ihn nach Karls Tod an den gelehrten Hof Alfreds ziehen lassen, halten vor der Kritik keinen Stand. S. die ausführliche und gründliche Untersuchung von Huber S. 108 ff. Das Hauptwerk des Philosophen, in welchem er sein System im Zusammenhange entwickelt, führt den Titel: Περὶ φύσεως μερισμοῦ id est De divisione naturae . Dies Werk (wohl erst im Anfang der sechziger Jahre vollendet) Gewiss vor 865, da Wulfad damals Erzbischof von Bourges wurde, und bei der Widmung (l. V, c. 40) nicht als solcher von Erigena bezeichnet wird. Noack S. 22. Vgl. dagegen Huber S. 107 f. und seinem Freunde und Mitarbeiter in den Studien der Weisheit, Wulfad gewidmet, ist von einer grossen historischen Bedeutung, indem es die Philosophie zuerst als eine ebenbürtige Wissenschaft der Theologie zur Seite stellt, und so verschieden auch die Weltanschauung unsers Autors von der der späteren mittelalterlichen Speculation ist, doch die Keime derselben – die einen mehr, die andern weniger entwickelt – nach ihren verschiedensten Richtungen, sowohl der dialektischen Scholastik, und zwar des Realismus wie des Nominalismus, als auch des speculativen Mysticismus, in sich schliesst. Die Elemente, aus denen dies System geschaffen ist, wie die leitenden Grundgedanken sind allerdings zum grössten Theil entlehnt, theils dem christianisirten Neuplatonismus der griechischen 262 Kirchenväter, des Origenes, Gregor von Nazianz und namentlich des Dionysius Areopagita und seiner Erklärer, theils dem Augustin; aber die Systematisirung selbst, die strenge syllogistische Form der Entwicklung gehören unserm Autor an, der darin eine für jene Zeit bewundernswerthe Denkkraft und Freiheit des Geistes, ja auch eine kühne Selbständigkeit des Charakters zeigt. Er versucht zwar ein philosophisches System herzustellen, das mit der kirchlichen Ueberlieferung sich verträgt, welche damals die Schranke des Gedankens war, aber er macht darum nicht die Philosophie zur Magd der Theologie. Vielmehr soll die wahre Philosophie mit der wahren Religion identisch sein – ein Satz, den nicht bloss Augustin, sondern selbst schon Lactanz aufgestellt hatte. S. Bd. I, S. 77. Autorität und Vernunft fliessen aus einer und derselben Quelle, der göttlichen Weisheit. De divis. nat. l. I, c. 66 Ende. (Die Autorität aber sind Erigena die heiligen Schriften, daneben auch, obgleich in eingeschränkter Weise, die sie erklärenden Kirchenväter.) Die Autorität ist nur das der Zeit nach Frühere, die Vernunft das der Natur nach. Bei einer Collision zwischen beiden ist der letzteren der Vorzug zu geben. Denn jede Autorität, welche durch die wahre Vernunft nicht gebilligt wird, erscheint schwach; die wahre Vernunft aber bedarf nicht der Zustimmung der Autorität. Omnis enim auctoritas, quae vera ratione non approbatur, infirma videtur esse. Vera autem ratio, quoniam suis virtutibus rata atque immutabilis munitur, nullius auctoritatis astipulatione roborari indiget. l. I, c. 69. – Dieser Satz genügt allein zu zeigen, wie weit sich Erigena über seine Zeit erhob! Unter dem Begriff der Physis oder Natura fasst Erigena alles was ist und was nicht ist, zusammen, indem er das Nichtseiende nicht in absolutem Sinne nimmt, sondern in relativem, das Nichterkannte oder das nur erst potentiell Vorhandene oder die menschliche Natur, die durch die Sünde ihr Sein verloren hat, darunter versteht. Mit dieser Unterscheidung beginnt er sein Werk. Die also definirte Natur aber theilt sich – und daher der Titel des Werks – nach vier Unterschieden in vier Species: 1) die Natur welche schafft 263 und nicht geschaffen wird: das ist Gott als die letzte Ursache von allem; 2) die welche geschaffen wird und schafft: die Gesammtheit der Urgründe der Dinge ( primordiales rerum causae ), auch Prototypen, »Ideen d. i. Species oder Formen«, genannt, welche in dem Wort Gottes – dem Logos – gegründet sind; 3) die Natur welche geschaffen wird und nicht schafft: die reale Welt, die unter der Einwirkung des heiligen Geistes aus den Urgründen hervorgeht, gleichsam »hervorgebrütet« wird Spiritus enim sanctus causas primordiales, quas Pater in principio, in Filio videlicet suo fecerat, ut in ea, quorum causae sunt, procederent, fovebat , hoc est divini amoris fotu nutriebat. Ad hoc namque ova ab alitibus, ex quibus haec metaphora assumpta est, foventur, ut intima invisibilisque vis seminum, quae in eis latet, per numeros locorum temporumque in formas visibiles corporalesque pulchritudines igne aereque in humoribus seminum terrenaque materia operantibus erumpat. l. II, c. 19. ; 4) die Natur welche weder schafft noch geschaffen wird: d. i. wieder Gott als das letzte Ziel der Dinge, – die letzte Naturform fällt mit der ersten zusammen, wie die zweite mit der dritten – Gott ist die essentia von allem. Die Schöpfung aber ist ein dauernder Process. – Das ganze System ist aber nach dem Schema der Dialektik construirt, wonach einerseits die höchste Einheit – herabsteigend – bis zu den Individuen zertheilt wird ( διαιρετικὴ oder μερισμός ), andererseits das Individuelle – hinaufsteigend – zur höchsten Einheit zurückgeführt, in sie aufgelöst wird ( ἀναλυτική ). Vgl. Prantl. a. a. O. S. 27. So ist der ontologische Process zugleich der logische. Die Bedeutung, welche hiernach die Logik für die Speculation bei Erigena erhalten hat, ist etwas für seine Zeit ausserordentliches und gehört ihm individuell an, wie sie zugleich für seine geistige Unabhängigkeit der Theologie gegenüber zeugt. Die Vereinbarung dieses philosophischen Systems mit der Bibel war aber nur durch eine kühne allegorische Auslegung derselben möglich, an welche man allerdings schon lange gewöhnt war, sie war ja zugleich mit der christlichen Speculation erwachsen. Das richtige, vollkommene Verständniss der heil. Schrift verlangt eine innere Erleuchtung, so meinte auch Erigena, um über den Buchstaben hin in den wahren Sinn der Bibel einzudringen. Die allegorische Exegese, die er hier gibt, 264 ist aber theils sein eigenes Werk, theils älteren Kirchenvätern entlehnt. Ein weit ausgeführtes Beispiel bietet die Auslegung des Schöpfungswerks im Beginne des 1. B. Mose: l. III, c. 24 ff. Das Werk ist in fünf Bücher getheilt, von denen die drei ersten je einer der drei ersten Naturformen gewidmet sind, die beiden letzten zusammen aber der vierten. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Büchern – von den beiden letzten, die gleichsam nur eins bilden, abgesehen – wird durch eine Recapitulation im Eingang allemal streng gewahrt. Der klaren Uebersichtlichkeit der Composition entspricht die Klarheit des Ausdrucks, der durch Präcision und Correctheit über den herkömmlichen Stil jener Zeit in speculativen Werken sich erhebt, und eine fesselnde lebendige Beweglichkeit zeigt. Diese wird dadurch unterstützt, dass das Werk die Form des Zwiegesprächs zwischen einem Lehrer und Schüler hat, eine Form die hier wohl den philosophischen Erstlingswerken des Augustin entlehnt ist. S. Bd. I, S. 231 f. Sie hat hier einen dialektischen, keinen pädagogischen Charakter. Dass ein Philosoph, und von Erigena's Standpunkt der Lehre Gottschalks von der doppelten Prädestination abhold sein musste, versteht sich. Er bekämpft sie in seinem Buche De divina praedestinatione , dem schon die in seinem Hauptwerke systematisch entwickelten Ideen zu Grunde liegen, in einer dreifachen Beziehung: als unverträglich einmal mit dem Wesen Gottes, der vollkommnen Einheit desselben, dann mit dem des Menschen, der, nach Gottes Bilde geschaffen, den freien Willen dadurch substanziell besitzt, ihn also auch nicht durch den Sündenfall verlieren konnte Non enim aliter debuit fieri rationalis vita, nisi voluntaria, cum ab ea voluntate, quae est causa omnium, creata sit ad imaginem et similitudinem sui. Aut quomodo eam divina voluntas, summa videlicet universitatis ratio, quae nulla necessitate stringitur, quoniam sua liberrima potentia potitur, imaginem sui similem faceret, si non eius substantiam crearet voluntatem liberam rationalem? – Hoc apertissimo probatur argumento, quod sumitur ex primi hominis peccato. Quamvis enim beatam vitam peccando perdidit, substantiam suam non amisit, quae est esse, velle, scire. De div. praed. c. IV, §. 5 u. 6 init. , endlich auch mit dem Begriffe des Bösen, das, weil alles auf Gott als die letzte 265 Ursache zurückgeht, substanziell gar nicht existirt, sondern nur die Verderbtheit des Guten ( corruptio boni ) ist C. X, §. 3. Erigena beruft sich hier auf Augustin. Vgl. auch Bd. I, S. 207. : eine Prädestination zu dem Bösen oder auch nur zur Strafe desselben, dem ewigen Tode, durch Gott ist daher unmöglich. Das Böse bestraft sich vielmehr selber. Nullum peccatum est quod non se ipsum puniat, occulte tamen in hac vita, aperte vero in altera, quae est futura. c. XVI, §. 6. Auch das Wesen der Höllenstrafe wird hier nur in die Abwesenheit des seligen Glückes gesetzt. In seinem philosophischen Werke wird die sinnliche Hölle direct geläugnet. De divis. nat. l. V. c. 29, wo sich auch der schöne bezeichnende Satz findet: Ubi Judas Salvatoris nostri proditor torquetur? Nunquid alibi nisi in sua polluta conscientia, qua Dominum tradidit? Wie unendlich weit ging Erigena seiner Zeit voraus. – Dass er bei dieser Behandlung der Prädestinationsfrage von seinem philosophischen Standpunkte auch nicht den Beifall der Gegner Gottschalks, deren Sache er führte, ernten konnte, ist leicht verständlich, schwer dagegen, wie er bei alledem in dem guten Glauben befangen sein konnte, die katholische Kirche zu vertreten, und Gottschalk mit heftigen Worten als Ketzer apostrophiren, wie dies im Beginne seines Buches (c. 2) geschieht. Von theologischen Werken Erigena's besitzen wir ausser den genannten noch Fragmente eines Commentars zum Evangelium Johannes und eine Homilie über den Eingang desselben Evangeliums, worin zugleich jener Apostel mit begeisterten Worten als Typus der Contemplation und der Wissenschaft gefeiert wird. – Ausserdem hat von gelehrten Arbeiten unser Philosoph noch einen Commentar zum Marcianus Capella verfasst, offenbar eine Frucht seiner Lehrthätigkeit. Erigena hat aber, nach der Sitte der Zeit, wie bereits angedeutet, auch der gelehrten Muse gehuldigt, und es haben sich auch eine Anzahl Gedichte von ihm erhalten, die durchaus den Stempel seines Geistes tragen, so dass an seiner Autorschaft kein Zweifel sein kann. Doch sind sie wohl alle Gelegenheitsgedichte, theils und vornehmlich in Distichen, theils in Hexametern, die meisten an seinen hohen Gönner, Karl den Kahlen gerichtet. Ihm scheint Erigena alljährlich einen solchen poetischen Tribut zu den höchsten Kirchenfesten 266 dargebracht zu haben, namentlich zu Ostern, denn eine ganze Zahl der Gedichte hat entweder die Kreuzigung, oder die Auferstehung, oder die Höllenfahrt Christi, oder auch das Pascha zum Thema, nach dessen Behandlung der Dichter dann immer seinen Wünschen und Gebeten für den König Ausdruck gibt. Ein Carmen ( De Verbo incarnato ) ist aber zu Weihnachten dargebracht. Diese Gedichte haben, die einen mehr, die andern weniger, das, wie es scheint, noch kaum beachtete Interesse, dass in ihnen das philosophische System des Verfassers, wenn auch nur in einzelnen Zügen, sich abspiegelt In einzelnen dieser Gedichte finden sich auch Anspielungen auf die Zeitgeschichte, die Kriege Karls mit seinen Brüdern und die Einfälle der Normannen. ; am meisten ist dies der Fall in dem zuletzt erwähnten Carmen. Einen poetischen Werth aber hat die Mehrzahl gar nicht; nur in der Schilderung der Höllenfahrt, namentlich in dem Gedichte: Christi triumphus de morte ac diabolo erhebt sich die Darstellung stellenweise zu einem wahren, selbst kraftvollen Pathos. Merkwürdig ist, dass in diesem Carmen v. 63 ff. der Teufel als seine letzte Zufluchtsstätte, seinen einzigen Trost »die jüdische Brust, den lastervollen Abgrund« bezeichnet, all sein Gift will er durch den Mund dieses Christus verhassten habgierigen Volkes ergiessen. Hat dieser Judenhass bei Erigena, möchte man fragen, ein persönliches Motiv? Toleranz war ihm jedenfalls trotz seiner Philosophie nicht eigen. – Noch ist besonders erwähnenswerth ein Gedicht, das vornehmlich das Lob der Gemalin Karls, Irmindrud singt: ihre anmuthige gelehrte Rede, ihre Geschicklichkeit in Handarbeiten Laudes Irmindrudis , v. 7 ff.:         Ingens ingenium, perfecta Palladis arte             Auro subtili serica fila parans.         Actibus eximiis conlucent pepla mariti,             Gemmarum serie detegit indusias.         Miratur fugitans numquamque propinquat ἀράχνη ,             Quamvis palladios aequiperat digitos. Vgl. hiermit oben S. 194 , Anm. 3. , ihr Bücherlesen, ja selbst ihre politische Befähigung         Quid causas regni dicam, quas ipsa perita             Disponit viglii pectore praecipuo? Carm. IV, v. 21 f. werden hier u. a. gepriesen. – In formeller Beziehung ist von 267 Erigena's Poesien der leichte Fluss des Verses und die Enthaltung von allem irischen Schwulste zu rühmen, dagegen liebt er es mitunter, auch seine poetische Diction mit griechischen Worten aufzuputzen, ja auch ganze griechische Verse finden sich in einigen Gedichten ein- oder beigefügt, was seine Schüler ihm nachmachten. Selbst griechische Gedichte, freilich sehr wenig gelungen, von ihm zum Lobe Karls verfasst, haben sich erhalten, manche zwar nur bruchstücksweise, die zum Theil, was recht beachtenswerth, mit einer lateinischen Interlinearübersetzung versehen sind.   Dreizehntes Kapitel. Prudentius. Florus. Audradus. Das Buch des Erigena über die Prädestination rief, wie schon bemerkt, die lebhafteste Opposition hervor. Unter den Gegnern des Philosophen nehmen aber den ersten Platz ein sein früherer Freund, der Bischof von Troyes, Prudentius und der Diacon von Lyon, Florus. Prudentius Prudentii opera in Migne's Patrol. lat. Tom.  115. Paris 1852. – – Girgensohn, Prudentius und die Bertinianischen Annalen. Riga 1875. – Dümmler, Gedichte an Prudentius, in: Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. IX, S. 76 ff. – Dümmler, N. A. S. 314. , von Geburt ein vornehmer Spanier, dessen ursprünglicher Namen Galindo , war in der Hofschule Ludwigs des Frommen gebildet worden. S. Dümmler, Ged. an Prud. S. 85. Durch Gelehrsamkeit und Scharfsinn ausgezeichnet, erhielt er das Bisthum von Troyes zwischen 843 und 846; er starb 861. In seiner Schrift De praedestinatione contra Joannem Scotum legt er auch von jenen Eigenschaften Zeugniss ab, indem er 19 Sätze des Buchs des Erigena, welche der Erzbischof von Sens, Wenilo, als häretisch bezeichnet hatte, einen nach dem andern zu widerlegen unternimmt. In dieser Schrift findet sich die Beredsamkeit des Zornes des Theologen, den die frühere Freundschaft mit Erigena vielleicht noch gesteigert hat. Mehr interessirt uns dieser Autor als 268 Geschichtschreiber durch seine Theilnahme an der Fortsetzung der Reichsannalen in Westfrancien; auf diese schriftstellerische Thätigkeit von ihm kommen wir weiter unten zurück.   Florus Flori, diaconi Lugdunensis, opera accur. Migne ( Patrol. lat. 119). – Georg Fabricius, Poetarum veter. ecclesiast. opera christiana . Basel 1564. pag. 729 ff. die einem Drepanius Florus fälschlich beigelegten Gedichte. – – Histoire littér. de la France T. V, p. 213 ff. – Dümmler, N. A. S. 296 ff. , ein Zögling der Lyoner Kirche, dann Magister der Kathedralschule und Diacon, nahm dort schon unter Agobard eine einflussreiche Stellung ein, wie denn damals bereits der Ruf seiner Gelehrsamkeit bis nach Germanien drang, wo der jugendliche Walahfrid, wie wir sahen S. oben S. 160 . , ihn preist; auch Wandalbert rühmt ja seine Bibelkenntniss und die Schätze seiner Bibliothek, die ihm selbst zu gute kamen. S. oben S. 186 . Am meisten trug wohl zur Ausbreitung dieses wissenschaftlichen Rufes sein Buch über den Canon der Messe: De actione missarum , wie er es selbst betitelt, eine gelehrte Compilation von Stellen aus den Kirchenvätern Welche Florus aber als einen Gegner der Radbertschen Auffassung des Abendmals zeigt. , und namentlich sein schon früher erwähntes S. oben S. 128 . Martyrologium bei, in welchem das Werk des Beda eine wesentliche Erweiterung erfuhr. So wenig auch heute mit Sicherheit die Arbeit des Florus von dem Bedaschen Grundwerk sich scheiden lässt. Sein Todesjahr ist so wenig als sein Geburtsjahr bekannt. Florus verfasste im Namen der Kirche von Lyon sein Buch gegen Erigena, das schon in der Ueberschrift den leidenschaftlichen Ton ankündigt, in dem es geschrieben: Libellus Flori adversus cuiusdam vanissimi hominis, qui cognominatur Joannes, ineptias et errores de praedestinatione et praescientia divina et de vera humani arbitrii libertate . Es ist ähnlich componirt als das des Prudentius, indem es auch eine Reihe von Hauptsätzen aus dem Werke des Erigena wörtlich aufführt, um sie einzeln zu widerlegen, auf Grund der Bibel wie der Aussprüche der Kirchenväter. Beide Schriften, die des Florus, wie die des Prudentius, haben noch das Interesse, 269 dass in ihnen wohl zuerst im eigentlichen Mittelalter ein Kampf der Theologie mit der Philosophie erscheint, die sogleich auf das heftigste an einander gerathen. Wie auch Florus in der Vorrede sagt, streitet Erigena, wie er sich selbst rühme, mit menschlichen und philosophischen Argumenten, indem er auf die Autorität der heil. Schrift und der Väter sich nicht stütze. Ganz mit Recht wird er von den Theologen nicht als der ihrige angesehen. Für uns ist Florus direct nur als Dichter von Bedeutung. In der That, er ist mehr als ein gewöhnlicher Versemacher, er hat einen Hauch von poetischem Genius, wie nicht bloss der zwanglose metrische Fluss seiner Verse, sondern auch ein paar wahrhaft schwungvolle Gedichte unter den uns erhaltenen zeigen. Das bedeutendste und interessanteste davon ist eine politische Dichtung von 172 Hexametern, die Querela de divisione imperii post mortem Ludovici pii . Florus war, wie überhaupt der Klerus, namentlich der hohe, für die Einheit des Reichs, und so gibt er denn hier dem wahrhaft und tief empfundenen Schmerz über den Zerfall der Schöpfung des grossen Karl einen beredten, ergreifenden Ausdruck: »Berge und Hügel,« beginnt er, »Wälder, Flüsse und Quellen, steile Felsen und tiefe Thäler beweint der Franken Geschlecht, das, einst erhaben durch das Geschenk Christi, die Weltherrschaft ( imperium ), jetzt in dem Staube versunken liegt!«         Montes et colles silvaeque et flumina, fontes,         Praeruptaeque rupes, pariter vallesque profundae         Francorum lugete genus: quod munere Christi,         Imperio celsum, iacet ecce in pulvere mersum. Die Elemente sollen Schmerz darob empfinden und die Menschen beklagen, weil der Menschen Herzen erstarrt sind. Ueberall dröhnt die Geissel Gottes, überall Verwüstung, alles Gut des Friedens vom bittern Hasse zerrissen, alle Zier des Reiches durch die Wuth der Leidenschaften geschwärzt! – Der Dichter zeigt dann, wie Kirche und Staat verfallen, wie Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit durch die beständigen Bürgerkriege einreissen, wie das Volk unter den fortwährenden Plünderungen leidet, und der zwieträchtige Adel sich selbst zerfleischt. Schon verliess die Sterblichen die Furcht vor den Königen und den Gesetzen, sie eilen den Weg zur Hölle mit geschlossenen Augen 270 hinab.Und nun das Gegenbild: wie blühte das Reich einst, als noch ein Fürst war, und ein Volk, ihm unterthan         Floruit egregium claro diademate regnum:         Princeps unus erat, populus quoque subditus unus. , als im Innern Gesetz und Frieden herrschten, die Kirche durch Concilien, Predigt und Schule sittlichend wirkte, nach aussen aber die Macht des Reiches in der Besiegung und Bekehrung der Heiden sich kundthat: berühmt war da in der ganzen Welt das Volk der Franken, bis zu ihren äussersten Grenzen drang da der Ruf ihrer Tugenden. Die Barbaren, die Griechen und Latium selbst schickten zu ihm ihre Gesandten. Vor ihm wich zurück das Romulische Volk und der Reiche Mutter, die berühmte Roma. Die Krone des Weltreichs wurde dem Fürst der Franken. – Aber jetzt in dem dreigetheilten Reiche kann niemand ganz für den Imperator gelten         Et regnum unitum concidit sorte triformi;         Induperator ibi prorsus iam nemo putatur. : pro rege est regulus, pro regno fragmina regni! – Es folgt hierauf gleichsam ein zweiter, schwächerer Abschnitt, worin der Dichter auch mehr den Theologen herauskehrt: er erwähnt hier zuerst furchtbare Himmelserscheinungen, eine Sonnenfinsterniss und Kometen, die den Bürgerkrieg anzeigten, und glaubt, dass die Verkündigungen der Propheten Ezechiel und Amos sich an seiner Zeit erfüllen werden, wo Christus keinen Platz finde, sein Haupt hinzulegen. Ein Gebet an Gott, der alles Uebel der Welt den Menschen zur Läuterung gereichen lassen möge, schliesst das Gedicht, welches in manchem schwungvollen Verse auch – was damals selten – eine patriotische Gesinnung zeigt. Nach diesem Gedichte fesselt am meisten eins der an Modoin gerichteten; es steht in merkwürdigem Gegensatze zu zwei andern, in welchen Florus den Bischof von Autun als Gelehrten und christlichen Dichter preist, und ihm seinen Dank sagt für poetische Episteln, die er ihm gesandt. In dem einen Bei G. Fabricius l. l. p. 730 f. dieser beiden Gedichte wird die christliche Muse der heidnischen gegenübergestellt, das Wasser des Jordan dem castalischen Quell, Christi siegreiche Palmen und Friede bringende Oelzweige dem Lorbeer Apollo's, dem Parnass der Sion, 271 Karmel, Sinai, und des Hiob, David, Salomo als Vorbilder gedacht. Das erst erwähnte Gedicht Bei Migne l. l. p. 253 ff.: De iniusta vexatione ecclesiae Lugdunensis . S. zur Erklärung Maassen, Ein Commentar des Florus von Lyon zu einigen der sogen. Sirmondschen Constitutionen. Sitzungsberichte der Wiener Akad. Phil.-hist. Cl. Bd. XCII. enthält dagegen die heftigste Anklage gegen den von dem Dichter sonst so hoch geschätzten Bischof. Hier spricht Florus aber nicht sowohl im eigenen Interesse, denn als zorniger Anwalt der Kirche von Lyon. Modoin, der bei Ludwig dem Frommen in hohem Ansehen stand, hatte, wahrscheinlich als Missus, den niedern Klerus der Diöcese von Lyon vor das weltliche Forum gezogen. Und doch war Modoin in der Kirche von Lyon erzogen worden, die seine »Nährmutter« ( nutricula ) war. So sagt hier die als Henne dargestellte Kirche Lyons:         O fili Moduine, tibi (nam pignus et ipse             Es nostrum, nostro fotus et in gremio) – – Und später:         Agnoscisne, rogo, venerandae aenigmata matris . Diese selbst führt der Dichter unter dem Bilde einer Henne, die mit ihren Flügeln die fromme Brut schützt, ein, um ihre »alten Rechte« auf den eigenen Gerichtsstand gegen Modoin zu vertheidigen, der sie und ihre Jungen wie ein Raubvogel bedroht. Trotz des leidenschaftlichen Angriffs, dem oft ein kraftvoller Ausdruck gegeben ist, spricht Florus doch am Schlusse die Hoffnung aus, dass Modoin keinen Groll darum gegen ihn hegen werde, da die Wunden frommer Liebe immer besser wären, als ein falscher Kuss. – Dies Gedicht (gegen 160 V.) ist, wie die beiden andern an Modoin gerichteten, in Distichen verfasst. Ausser noch ein paar epistolographischen Gedichten in demselben Versmass, wovon das an den Grammatiker von Orleans, Wulfinus , der hiernach auch ein Poet war, formell anziehend ist Bei Fabricius l. l. p. 733. Hier wird auch die schöne Schrift des Wulfin sinnig gerühmt:         Annuus excurrit revolutis mensibus orbis,             Quod tua vox nostris auribus insonuit,         Tam nitidis chartis, tam claris culta figuris.             Ut specimen cordis pagina pulchra daret. – Im neunten Distichon ist offenbar vestrae statt nostrae zu lesen. , besitzen wir von Florus noch eine Anzahl geistlicher Gedichte verschiedener Art. So einmal zwei 272 Gedichte auf Evangelien, das eine auf das des Matthäus, das andre auf das des Johannes, worin der Inhalt derselben in dreizeiligen Strophen von Hexametern – und diese Form ist eigenthümlich – kurz angezeigt wird; ihnen reiht sich auch ein längeres Gedicht in Hexametern an, welches als »Epigramma«, d. h. hier poetisches Vorwort, für ein Homilienbuch des ganzen Jahres verfasst ist: darin werden alle kirchlichen Festtage vorgeführt und begründet. Ferner finden sich unter diesen Poesien Lobgesänge, so ein unvollendeter auf die Thaten ( gesta ) Christi, der im Versmass wie in der Darstellung an die Gedichte auf die Evangelien sich anschliesst, und einer auf Christus als Schöpfer und Regierer der Welt, auch in Hexametern Aber nicht in Strophen, wohl aber in Abschnitten von verschiedener Verszahl, ähnlich den französischen Tiraden, indem jeder derselben eingeleitet wird durch die beiden Anfangsverse:         O virtus aeterna Dei, quam machina mundi         Suscipit auctorem, cui servit terra polusque. , der manchen schönen Vers enthält. Auch Hymnen für bestimmte kirchliche Feste hat Florus verfasst, so in Distichen für das des Erzengels Michael Bei Fabricius l. l. p. 728 f. , und auf den »Geburtstag« der Märtyrer Johannes und Paulus, die Julian hinrichten liess; des Todes, den er zur Strafe dafür erlitt, wird hier ausführlich gedacht. Bei Migne No. III. – Diese Märtyrer spielen auch in den Mysterien des Mittelalters eine Rolle. Auch ein dem Agobard fälschlich beigelegtes Gedicht in phaläcischen Hendecasyllabi auf die Translation der Reliquien des Cyprian, Speratus und Pantaleon nach Lyon ist allem Anscheine nach ein Werk des Florus. Wie auch Dümmler meint, a. a. O. S. 298. – Von Agobards Autorschaft kann gar keine Rede sein. Noch erwähne ich eine recht hübsche wohl gelungene Uebertragung der Psalmen XXII und XXVI, sowie des Lieds der drei Knaben im feurigen Ofen in lateinische Hexameter, und eine Bearbeitung des XXVII. Psalms in dem Ambrosianischen Metrum. In Sprache und Vers erheben sich überall des Florus Poesien über die meisten seiner Zeitgenossen, und einzelne Stellen und Gedichte zeigen von wirklich poetischer Begabung und einer damals nicht gewöhnlichen ästhetischen Bildung.   273 Von einem andern angesehenen Geistlichen Westfranciens in jener Zeit, einem Freunde Hincmars, besitzen wir auch ein paar Dichtungen, von welchen wenigstens die eine ein eigenthümliches literarhistorisches Interesse bietet. Es ist Audradus , Modicus beigenannt Excerpta libri revelationum, quae Audradus Modicus scripsit. In: Du Chesne, Historiae Francor. Scriptores. Tom. II. Paris 1636. p. 390 f. – Hincmari Opusculum de fonte vitae, ex ms. cod. Abbatiae Floreffiensia. Leyden 1692. In: Veterum aliquot Galliae ed Belgii scriptor. opuscula sacra, numquam edita etc. (von Cas. Oudin herausgeg., der das Gedicht fälschlich Hincmar beilegt.) – – Histoire littéraire de la France, Tom.  V, p. 131 ff. – Dümmler, N. A. S. 295 f. , der 843 Chorbischof von Sens wurde, 849 aber die Würde verlor, da dieses Amt überhaupt aufgehoben wurde. Ausser seinen Dichtungen hat Audrad auch ein prosaisches Werk, einen Liber revelationum verfasst, von dem sich aber bloss einige Kapitel, und zum Theil nur fragmentarisch, erhalten haben. Cap. 8, 9, 15, 18, 24. Die Handschrift, welche Sirmond gehörte, ist verschollen. Diese Enthüllungen sind Visionen – die der Verfasser gehabt haben will – in welchen der »Herr« selbst ihm erscheint. Sie dienen kirchlichen Zwecken und haben sogar eine ganz actuelle Bedeutung. In der einen (c. 8 und 9) zieht der »Herr« Ludwig den Frommen zur Rechenschaft, wegen der unter seinen Söhnen gestifteten Zwietracht, unter welcher die Gläubigen litten; billigt aber die Erhebung Karls des Kahlen auf Kosten Lothars, und ermahnt dann jenen, sowie Ludwig den Deutschen und den Sohn Lothars, den König Ludwig von Italien, die Kirchen in den alten Stand wieder herzustellen und den Klöstern die ihnen zukommenden Vorsteher zu geben – – et ecclesias meas restitueris in statum suum quo ordinavi eas, et unicuique ordini congruum suae religionis restitueris caput (dies Gebot ist wohl gegen die weltlichen Aebte gerichtet) et ordini unicuique propriam legem tenere feceris . , und ihre Beraubung und Vergewaltigung allen seinen Unterthanen zu verwehren. Und unter den drei Königen soll ein ewiger Friede sein. Statt die Waffen gegen einander zu kehren, werden sie auf die Besiegung der Ungläubigen und die Eroberung von deren Gebieten gewiesen, indem einem jeden ein »Kirchenfürst« als Führer zuertheilt wird, Karl dem Kahlen der heil. Martin, 274 Ludwig dem Deutschen St. Paul und dem König von Italien der heil. Petrus. Karl wird dabei zugleich noch prophezeit, dass er wegen des Unheils, das die Kirche durch seine Schuld betroffen, im folgenden Jahre im Feldzuge in der Bretagne von seinen Feinden entehrt werden würde, obwohl er mit dem Leben davon komme. – Es ist hier die Niederlage vom 22. und 23. August 851 gemeint, welche schliesslich zu einer schimpflichen heimlichen Flucht des Königs führte. S. darüber Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reichs Bd. I, S. 333. – Eine andre Vision, von der hier erzählt wird (c. 15), hatte Audrad i. J. 853 sogar auf sein Gebet und nach dem Wunsche seines Erzbischofs, um die Ernennung eines beiden antipathischen Klerikers zum Bischof von Chartres durch den König rückgängig zu machen: Audrad liess den ihm erscheinenden »Herrn« den Tag seiner Ordination verfluchen. Aber Karl der Kahle liess sich hierdurch um so weniger einschüchtern, als er schon die frühere Vision selbst für eine Lüge gehalten. Dafür wird er freilich nach des Verfassers Meinung durch einen danach erfolgenden Normanneneinfall bestraft. Die originellere der beiden Dichtungen des Audradus wird in diesem Buche (c. 18) erwähnt, ist also früher als dasselbe verfasst worden. Sie hat, wie wir hier authentisch erfahren, den Titel: De fonte vitae , und zählt 404 Hexameter. Sie ist an Hincmar gerichtet: er hat den Dichter, seinen theuern Freund, wie auch andere – allem Anscheine nach durch ein Gedicht – aufgefordert, die Quelle des Lebens aufzusuchen, die ihm selbst lebendigen Trunk bot. Dieser Aufforderung folgte der Dichter; aber er kann nicht zu der Quelle dringen; es wird schon Abend, da betet er mit Thränen in den Augen zum »Herrn«, seinen Durst löschen zu dürfen. Da antwortet ihm eine Stimme – des »Ursprungs der Lebensquelle« –: kein Sterblicher erhält einen Trunk der Quelle ohne ein Gefäss – dessen Grösse und Gestalt hier beschrieben wird, wobei die Siebenzahl eine Hauptrolle spielt.         Scilicet ut calamis septenis surgat ab imo,         Erigat et summum distinguens ansa cacumen,         Ora quidem totidem colli de vertice flagrent.   v. 42 ff. Ein solches Gefäss soll sich der Dichter zu Haus holen; wenn er es aber nicht besitzt, an einen Jüngling sich wenden, der die Quelle besucht 275 und aus ihr Libationen darbringt. Dieser soll ihm das Gefäss aus Thon bilden Wie er dabei zu verfahren hat, wird hier im einzelnen beschrieben. An Christus als figulus ist hier wohl gedacht, obgleich der Jüngling hier nicht selbst Christus sein kann. Vgl. über dieses Bild Bd. I, S. 381 u. 499. , und ihm erklären, warum Ostern in den Vollmond – nach der Frühlingsnachtgleiche – fällt, so dass drei mal sieben Tage die Ostergrenze bilden, was diese Zahl und der Mond bedeuten. Der Jüngling nimmt den Dichter in seine Wohnung bei der Quelle auf, und den andern Morgen beginnt er ein Lied »von der ewigen Quelle, der Pascha-Ziffer und Stunde«.         Incipe nunc mecum, coelestis gratia, carmen         Aeterni fontis, ciphri paschalis et horae. v. 53 f. Im Hinblick auf Ecl. VIII des Virgil, v. 21: Incipe Maenalios mecum, mea tibia, versus. Wie dieser Vers hier bei jedem Absatz refrainartig wiederholt wird, so auch die beiden Verse des Audrad bei den allerdings längeren Absätzen des Liedes. – Von der hora ist indess nicht speciell die Rede. Der Jüngling singt zuerst von der Schöpfung, dem ersten Verbot, der Uebertretung desselben, dem Ausschluss der Erzeltern von dem Paradiese und der Lebensquelle. – Gott ruft den Menschen zu ihr zurück, welche sieben Palmen von unvergänglicher Frucht umgeben; zurückgekehrt soll er reuevoll um Verzeihung flehen, und mit Gelübden fromme Becher des Quells und Erlösung durch die Frucht der Palme von den Banden der Sünde erbitten. Aber der Mensch folgt dem Herrn des Todes zu der »tödtlichen« Quelle         Sed mortis dominum letali fonte secutus         Excepit dignas tanto pro crimine poenas. v. 111 f. Dann heisst es:         Hostis ut agnovit revocari (hominem) carmine (Dei) victum,         Fraude dolos acuit, figitque cacumine culmi         Mortiferum pomum, nexit calamoque draconem,         Extulit et virga signum pomo colubroque         Ante patrem prolemque suam – – , welcher Bilder von sich machen und als Gott sich verehren lässt. – Gott sendet darauf seine Propheten dem im Götzendienste befangenen: sie tranken aus der Quelle, aber die Frucht der Palme kostete keiner und konnte nicht die Sündenbande lösen. Nun erscheint der Sohn Gottes, er ist selbst die Quelle des Lebens, wie er selbst verkündet; von ihm und dem Vater geht der heilige Geist aus, welchen mit seiner vielfachen Gabe die sieben 276 Palmen bezeichnen. Wohl im Hinblick auf Apocal. c. 4, v. 5: et septem lampades ardentes ante thronum, qui sunt septem spiritus Dei. Der Teufel, der Christi Rede vernommen, rühmt sich seiner Macht, die sich auf die Erbsünde gründet; er ruft den Tod, seinen Freund und Genossen, zu Hülfe. Dieser fordert ihn auf, sein Banner zu erheben, er selbst will den Leib Christi von der Seele trennen und ihrer mag sich dann der Teufel bemächtigen. Aber die Fahne Christi siegt, er tödtet den Tod, er erstürmt die Hölle. Triumphirend erhebt er sich am dritten Tage von den Schatten. So weihte er das Pascha. – Nun wird die Mystik der Mondphasen vor Ostern erklärt. Der Neumond ist das Bild des ganz auf das Irdische gerichteten Menschen, die beiden Wochen vor dem Vollmond aber sind die Christus vorausgehenden Zeiten, die erste die Zeit vor dem Gesetz, die andre die unter dem Gesetz.Nach einem kurzen Rückblick schliesst dann der Jüngling sein Lied mit einer Ermahnung Audrads, die das Gedicht selbst beendet. Die andre, noch ungedruckte Dichtung des Audrad ist ein umfangreicheres Werk. Es ist die Passio beatorum Juliani et sociorum eius , welche gegen 1100 Verse zählt. S. über die Handschrift (von der ich nur eine flüchtige Einsicht nehmen konnte) Dümmler S. 296. – Die Legende findet sich Acta SS. Boll. 9. Jan. T. I, p. 575 ff. Sie zerfällt in vier Bücher, von denen das erste, kürzeste, in Distichen, die drei andern in Hexametern verfasst sind. Dieser Julian ist der auch schon von Aldhelm De laudibus virginitatis c. 26 und De laudibus virginum ed. Giles p. 170 ff. S. auch Bd. I, S. 588. gefeierte, welcher im Orient, in Aegypten oder Syrien (Alexandria oder Antiochien) unter Diocletian und Maximian den Märtyrertod erlitt. Als sein Natalis wird der 8. oder 6. Januar – von unserm Dichter der letztere – bezeichnet. Julian, von vornehmer Herkunft, wurde schon frühe von den Eltern mit einem Mädchen von angesehener Familie, Basilissa, vermählt; beide aber kamen überein, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren; als ihre Eltern gestorben, verwandten sie ihr grosses Vermögen zur Gründung von Klöstern für Männer und Frauen, von welchen nach der Legende tausende ihrem Rufe folgten. Sie wurden wie die beiden Heiligen selbst zu Märtyrern. 277   Vierzehntes Kapitel. Milo. Heiric. Noch zwei Poeten haben sich in Westfrancien ausgezeichnet, da sie bei den Zeitgenossen, zum Theil selbst in der Folgezeit viel Anerkennung fanden; beide waren zugleich als Lehrer, Gelehrte, ja Philosophen angesehen. Der ältere ist Milo Acta Sanctor. Bolland. ed. Henschen 6. Febr. T. I. (die Vita Amandi ). – Desplanque, Etude sur un poème inédit de Milon, moine de St. Amand d'Elnon. (Extrait des mém. de la société des sciences etc. de Lille.) Lille 1872. (Enthält zugleich das Gedicht De sobrietate selbst.) – Histoire littéraire de la France. Tom. V , p. 409 ff. – Dümmler, N. A. S. 521. , Mönch des Klosters Elnon oder St. Amand bei Tournai, das durch die handschriftlichen Schätze, die es uns aufbewahrte, noch heute einen Namen hat. Er war Schüler eines gelehrten Mönches von St. Vaast bei Arras, Haimin , welcher selbst ein Schüler des Alcuin gewesen war, und auch als geistlicher Schriftsteller sich versucht hat, indem er die Wunder des Gründers seines Klosters erzählte. – Milo hatte schon in jugendlichem Alter die Kutte genommen; später wurde er Presbyter. Dies erfahren wir aus seinem Gedicht De sobrietate l. II, v. 916: Post etiam sumptam iuvenili aetate cucullam – – und v. 921: Jusque ministerii sacris altaribus apti – indignus sumpsi. Er war ein Mann von sehr umfassender Bildung So wird er wiederholt in den Quellen als philosophus oder sophus bezeichnet, wie in den Annal. Elnonens. maior. und in seinem Epitaphium . und vielseitigem Talent, denn auch den Künsten scheint er gehuldigt zu haben Für eine musikalische Kenntniss spricht wohl dass er der Lehrer Hucbalds war, vielleicht auch etwas die Aufzählung der verschiedenen Instrumente in seinem Carm. de sobriet. (s. weiter unten die Stelle). Was die bildende Kunst betrifft, so führt man die Ausschmückung von ein paar Mss. seiner Vita S. Amandi auf ihn zurück; auch hat er zwei sehr künstliche Bildergedichte Karl dem Kahlen gewidmet. : so wurde ihm die Erziehung von zwei Söhnen Karls des Kahlen, Pippin und Drogo, in seinem Kloster anvertraut; für die früh verstorbenen hat er ein gefühlvolles Epitaphium verfasst; so war er es auch, welchem Hucbald, sein Neffe, der später durch seine Gelehrsamkeit, und 278 namentlich auch durch seine musikalische Kenntniss, berühmt ward, seine erste Ausbildung verdankte. Er starb 872. Nach dem Necrolog. Elnon. , während die Annal. Elnon. 871 geben. Milo hat zwei grössere poetische Werke verfasst, das eine in jungen Jahren So sagt der Dichter selbst, Vita S. Amandi l. I, c. 3, §. 15: Aptum opus ut iuvenis iuvenem laudare mererer. um die Mitte des Jahrhunderts S. Dümmler S. 523. , das andre nicht lange vor seinem Tode. Das erstere ist die Vita S. Amandi , des Gründers des Klosters Elnon, in 1800 Hexametern, welche in der Hauptsache durchaus der Bd. I, S. 579 erwähnten ältesten prosaischen des Baudemund folgt, die übrigens auch durch Milo eine Ergänzung in Prosa erhielt. So heisst es in seinem Epitaph: – et sanctum pulchre depinxit Amandum, Floribus exornans, metro prosaque venustans etc. Die Dichtung ist, wie ein hübsches Proömium in Distichen zeigt, auf Anregung der Klosterbrüder geschrieben und zum Festtag des Heiligen von Milo als seine Gabe demselben dargebracht. Sie ist seinem Lehrer Haimin S. über diesen Histoire littér. de la France T. IV, p. 515 ff. gewidmet, der in der Antwort auf Milo's Zuschrift sie bestens empfiehlt, da sie weder gegen den Glauben, noch gegen die Gesetze der Metrik verstosse, und den Autor über die von ihm besorgte neidische Kritik beruhigt. Der Gegenstand der Dichtung ist durchaus nicht uninteressant, denn der h. Amandus war ja, wie wir früher schon bemerkten, in der That ein bedeutender Missionar des siebenten Jahrhunderts, und wirkte in sehr verschiedenen, weit entfernten Ländern, was einer poetischen Darstellung wohl zu gute kommen musste. Und wenn auch Milo dies Moment nicht wahrhaft auszubeuten verstand, so zieht doch diese metrische Vita noch immer mehr als viele andre an. Sie ist in vier Bücher getheilt, von denen das erste , nachdem einleitend der Heilige als ein Nachfolger der Apostel charakterisirt worden, seine Herkunft, sein jugendliches anachoretisches Leben auf einer Insel, seinen Eintritt in den geistlichen Stand, und seine erste Romfahrt, auf welcher sein Missionarberuf ihm zum Bewusstsein kam, schildert; das zweite erzählt, wie er zum Missionsbischof geweiht, zunächst in seiner Heimath Gallien wirkt, zum zweiten Male nach Rom zieht, und darauf 279 im Gau von Gent erfolgreich predigt, wobei denn auch (c. 11) seines Freundes und Nachfolgers dort, des h. Bavo mit hohem Lobe gedacht wird; das dritte Buch enthält seinen Zug zu den Slaven der Donau, seine Verbannung durch König Dagobert und die ehrenvolle Rückberufung nach Gallien, dann noch sein kurzes Mastrichter Episcopat, das er in Folge des Widerstands des Klerus aufgibt, um auf eine Insel der Schelde sich zurückzuziehen; das vierte Buch endlich berichtet, wie Amandus den Basken das Evangelium verkündet, dann nach Gallien zurückgekehrt, Klöster gründet und manche Heilungen vollbringt, und in Elnon, das jetzt sein Hauptsitz war, seinen Tod und sein Grab findet. Einzelne Wundererzählungen finden sich auch in den andern Büchern zerstreut, zum Theil als längere Episoden. Die Eintheilung des Stoffes in die vier Bücher (welche wieder in Kapitel zerfallen) ist zunächst nur zur Erleichterung der Mühe des Schreibers wie des Lesers gemacht, wie der Verfasser selbst im Eingang des zweiten Buches sagt; im Anfang des vierten macht er freilich nachträglich einen tieferen Grund geltend, die Bücher sollen den vier Evangelien entsprechen. Eine gewisse Gliederung des Stoffes aber hat er in der That damit erreicht, zumal er jedem Buch eine einleitende Betrachtung voraussendet. Die Rücksicht, die Milo bei der Eintheilung auf ein grösseres Publikum nahm, sollte auch in seinem Stile massgebend sein: nicht für die Gelehrten, die »Magister« will er hier schreiben, sondern allen Mönchen verständlich sein, deshalb hat er, wie er in der Widmung sagt Vgl. auch im Eingang des 2. Buchs: Non opus hoc orbis recitandum mitto magistris etc. , schwierigere Constructionen, die er wohl auch hätte machen können, vermieden. Dies gereicht nun in der That seiner Dichtung zum entschiedenen Vortheil im Gegensatz zu andern solchen Heiligenleben jener Tage, von welchen wir sogleich eins vorführen werden. Die Diction ist im allgemeinen einfach, natürlich, leicht verständlich, ungezwungen und frei von Schwulst, auch im Ganzen wie auch der Vers correct, so dass von der »Rusticität«, die der Verfasser in der Widmung entschuldigt, vom Standpunkte jener Zeit nichts zu bemerken ist. Milo weiss auch die Darstellung durch Mittel der Kunst zu 280 beleben, nicht bloss durch Apostrophen – womit er oft nur allzu verschwenderisch verfährt, wie namentlich im zweiten Buche, und durch Vergleiche, die desto seltener sind, sondern auch durch ausführlichere Schilderungen, wie die Begegnung mit der Schlange (l. I, c. 2), der Sturm auf dem Meere (l. II, c. 8) und das Lob Elnons Elnon hiess das Kloster, welches später nach seinem Schutzheiligen St. Amand vorzugsweise genannt wurde, nach einem Flüsschen, an dem es lag, wie hier auch gesagt wird §. 12: Locus est de flumine dictus . , das ebenso reich an materiellen, wie an sittlichen Gütern erscheint (l. IV, c. 4). In solchen Schilderungen ist, wie auch sonst, leicht der gelehrige Schüler des Virgil zu erkennen. Doch kann auch Milo nicht unterlassen, auf die unnütze Eitelkeit der antiken Poesie hinzuweisen und den Stoff seines Werks über den der Aeneis zu erheben. S. das Prooem. v. 21 ff. und l. II, c. 1, §. 1. Dieser Ansicht pflichtet auch ganz bei eine der Dichtung Milo's beigefügte poetische Empfehlung eines seiner Mitschüler bei Haimin, Wulfaius, welche zugleich zeigt, welchen Beifall das Werk bei den angesehensten Geistlichen zu seiner Zeit fand. – In formeller Beziehung ist noch bemerkenswerth, dass Milo mitunter die Alliteration als poetischen Schmuck verwendet, und selbst in einer ganz übertreibenden Weise. Die aber recht zeigt, dass auch an den andern Stellen die Alliteration kein Werk des Zufalls ist. Beispiele der Uebertreibung finden sich namentlich l. I, c. 1, so v. 14 ff.:         Pastores pecorum primi pressique pavore         Conspicuos cives carmen caeleste canentes         Audivere astris arrectis auribus: auctor         Ad terras etc. Hier findet sich also auch die vocalische Alliteration; beachtenswerth ist dass der Vers, der auf den letzten der alliterirten folgt, im Eingang allemal noch die Alliteration anschlägt. Gewöhnlich beschränkt sich aber die Alliteration an einer Stelle nur auf einen Vers, und zeigt sich nicht wie oben bei mehreren hinter einander, z. B. l. II, c. 1, v. 20:         Petrus piscator populos piscando poetis         Praefertur cunctis etc. Wie diese metrische Spielerei bei Milo's Schüler, Hucbald eine Nachahmung bis zur lächerlichsten Extravaganz fand, wird man im folgenden Bande sehen. Die andre Dichtung Milo's, die er, nachdem er schon 281 länger der poetischen Production entsagt So heisst es l. II, v. 964 f.:         Hinc me desuetis repetentem carmina rithmis         Musa sagax olim, iam nunc ignava tepescens,         Ammonuit etc. , verfasst hat, ist ein weit selbständigeres Werk didactischer Natur: De sobrietate So sagt der Dichter selbst l. II, v. 1086: Qui scripsi geminos de sobrietate libellos ; während die Ueberschrift in der ältesten Handschrift, vom neunten Jahrhundert, den wunderlichen Staatstitel, so zu sagen, bietet: Utilia tela sacrae parcitatis Adversus coquum Babylonis De divinae scripturae pharetris Educta, studio Milonis Coenobitae Amandi almi Ac beati Christi praesulis . Dieser Titel wird sich aus unsrer Inhaltsanalyse erklären. , welches zwei Bücher umfasst, von denen das erste 982, das zweite 1096 Hexameter zählt; ein jedes ist zugleich in eine grössere Zahl Kapitel getheilt. Dem Werke gehen zwei Widmungen an Karl den Kahlen voraus, die eine in 38 Hexametern von dem Dichter selbst, worin er von dem erlauchtesten »Könige« nach dem Beispiele der Poeten des Alterthums Lohn für seine Dichtung erhofft; die andre Widmung in 30 Distichen ist an den »Kaiser« gerichtet – also nach 875 verfasst –, und zwar von Hucbald, der den ihm von seinem sterbenden Oheim gewordenen Auftrag vollziehend, Karl das Gedicht übergibt. Der Dichter beginnt sein Werk damit, dass er die äussere Veranlassung desselben erzählt. Tief ergriff ihn eines Tags beim Gottesdienst der Vesper der Gesang des 136. Psalms: » Super flumina Babylonis «, indem er, denselben bei sich allegorisch auslegend, in den aus dem gelobten Lande exilirten Juden die aus dem Paradiese verbannte Menschheit sieht, die ihr Schicksal, wie jene, beweinen müsse. Ein solches Klagelied beschloss er zu dichten, das aber ihn und andre bessern soll (v. 32 ff.). Nach Schilderung des Tempels Salomo's, nach dem die Sehnsucht der Juden sich richtet, führt der Dichter die allegorische Erklärung weiter: ihm ist Nebucadnezar Satan selbst und sein grausamer Feldherr Nebuzardan – der »Koch«, da er die heiligen Gefässe des Tempels als Kochtöpfe verwandte, – die Gastrimargia, durch die schon das Erzelternpaar verführt ward. Babylon aber bezeichnet unser Sündenwirrsal Quod Babylon signat, scelerum confusio nostra est l. I, v. 81. Auf Grund von Genes. c. 11, v. 9. . Der Dichter will dann (v. 126) die »Ehre« der 282 Sobrietas und wie verdammlich das gegentheilige Laster ist, vom Anfange der Welt an aus der alttestamentlichen Geschichte zeigen. Er gedenkt zunächst des Sündenfalls; noch während der Sündfluth erscheint die Gastrimargia wieder in dem Raben, der von Noah ausgesandt nicht zurückkehrt, durch den Frass des Aases aufgehalten. Der Patriarch selbst huldigt der Sobrietas nur so lange, als er in der Arche verweilt. Auch Loth fällt durch seine Trunkenheit; die Gefrässigkeit lässt Esau sein Erstgeburtrecht verkaufen. Das jüdische Volk, durch die Wachteln in der Wüste wohl genährt, betet das goldene Kalb an. Als Vorbilder der Sobrietas erscheinen dagegen Samson, der dem Löwenrachen den Honig entnimmt, Elias, Elisaeus, Daniel, Judith – deren Geschichte ausführlich erzählt wird (v. 331 ff.) – Esther, die sieben Maccabäer. Tugend und Laster haben immer von Anfang an neben einander bestanden (v. 431), und ihre Vertreter mit einander gekämpft, wie dies der Dichter auch durch Beispiele des Alten Testaments beweist. Die soll sich der Leser einprägen, und gegen die Angriffe der Schlange sich rüsten durch die »Schuhe der Väter«, die Schilde von dem Thurme Davids, den Harnisch der Gerechtigkeit, den Helm des Heiles. – Der Thurm aber, der zum Himmel führt, dessen Fundament Christus ist (nach Epist. I ad Corinth. c. 3, v. 10 ff.) muss mit den drei theologischen Tugenden erbaut werden (v. 551 ff.); dagegen sind die drei Hauptlaster Invidia, Superbia, Avaritia zu fliehen, die auch wieder durch biblische Beispiele illustrirt werden. Ihre Gegenmittel sind: die Nächstenliebe, die Demuth, das Almosengeben. Bei der Avaritia, welche die meisten verdirbt, Könige wie Kleriker, und die grösste Nachkommenschaft andrer Laster hat, verweilt der Dichter länger (746 ff.). Um uns gegen sie und die ihrigen zu schützen, sollen wir nichts über das, was die Nothdurft verlangt, suchen, alles andre den Armen geben und so einen Schatz im Himmel sammeln. Denn die jüngste Zeit ist nicht mehr fern. Und doch wird die Predigt wenig gepflegt und auch wenig begehrt (v. 880 ff.). Der Dichter kehrt dann am Ende des ersten Buchs zur Sobrietas zurück; sie vermag den Teufel zu besiegen, wie der Speichel eines Nüchternen das Schlangengift zerstört. Während nun der Autor in dem eben betrachteten Buche die Vorbilder der von ihm verherrlichten Tugend dem Alten 283 Testament entnahm, so in dem zweiten dem Neuen. Es beginnt mit dem Lobe der Jungfrau Maria, zumal die Sobrietas auch die Pudicitia in sich schliesst (s. v. 86); Maria, der hier schon die verschiedensten Prädicate aus dem Pflanzen- und Steinreiche gegeben werden         Cedrus, cypressus, platanus, nux, myrtus, oliva,         Myrra, storax, calamus, thus, balsama, cassia, nardus,         Onyx, cristallus, prasius, berillus, iaspis. v. 9 ff. Später, v. 44, heisst sie noch:         Margarita micans, praecellens unio gemmas . , übertraf an Glauben Abraham, an Muth Daniel. Es folgt die wie die Turteltaube keusche Wittwe Anna, die eben deshalb die Gabe der Weissagung besass; dann Johannes der Täufer: der Dichter widmet ein ganzes langes Kapitel (v. 117 ff.) seiner Passion, in deren Schilderung er seine glänzendsten Farben verwendet. In der Beschreibung des üppigen Mahles des Herodes wird denn auch der verschiedenen Musikinstrumente gedacht, v. 161:         Ebrietas, luxus, petulantia, lusus inanis,         Harpa, lirae, citharae, psalteria, fistula, musae,         Cimbala, sambucae, simphonia, timpana, sistra.         Organicumque melos aptabat filia mortis,         Vipera vipereo saltatrix germine creta.         Sibilat ut serpens, ut regulus ore volucrem         Sorbeat, ad caput haec tendit fera bestia vatis etc. (Hieran schliesst sich eine heftige Diatribe gegen die Weiberliebe.) – Christus selbst zeigt den rechten Weg, indem er den Versucher überwand; durch seine Hülfe können wir ihn auch besiegen. Der Dichter warnt dann vor der Gefrässigkeit und besonders vor der Trunkenheit, von deren Folgen er ein lebendiges, bis zum Widerwärtigen abschreckendes Bild entwirft (v. 315 ff.). Die Sobrietas dagegen geleitet uns zum Paradies; sie müssen wir zur Lehrerin nehmen, die unter den vier Cardinaltugenden selbst die Meisterin ist, indem sie die drei andern vor jedem Zuviel bewahrt, so dass die Klugheit nicht zur Sectirerei, die Gerechtigkeit nicht zur Strenge, die Tapferkeit nicht zur Grausamkeit verführt wird (v. 441 ff.). Christus gab selbst das Beispiel der Mässigkeit, als er seine Menschennatur bewies; mit dem Vater uns versöhnend, ist er unser »Friede«. Pax dessen drei Buchstaben die Dreieinigkeit bezeichnen: » P patrem «, » A genitum , quod Graecus nominat Alfa«, »X duplex, ab utroque venit quia spiritus almus.« v. 514 ff. Nur um Brod, Fisch und Ei sollen wir bitten, das erstere bedeutet die Caritas, das zweite den Glauben, das dritte die Hoffnung. Der Dichter wendet sich dann zu den Gefallenen und ermahnt sie durch Reue und Schuldbekenntniss sich wieder zu erheben (v. 552 ff.), indem er auf des Petrus Beispiel verweist und ausführlich auf die Parabel von dem verlorenen Sohne eingeht. Es folgt – unvermittelt – ein Lob der Schamhaftigkeit oder vielmehr der Jungfräulichkeit, von der Maria das Vorbild ist. Leider ist die Jungfräulichkeit zum Himmel entflohen, und »liess nur seltene Spuren ihres Kultus auf der Erde zurück.« Das Laster nennt man Natur, eine That des schimpflichen Ehebruchs belobt man mit beifälligem Gelächter! Und die Schuld trifft auch Wittwen und Nonnen; und selbst Priester beflecken ihre Stola.         Vixque sacerdotes iam sorde carere secundos         Flere decet, sed scire pudet qui crimine stolas         Non vitant maculare suas; reverentia celsi         Digna ministerii tenet hos non ulla, nec ipsa         Pollutis manibus sacranda offerre recusant.   v. 770 ff. Wer ein Demant sein will, muss sich vor dem Bocksblut der Wollust hüten, das ihn zerbricht (v. 788 f.). Die Priester müssen rein sein, wie ihre Gewandung, sonst sind sie durch Heuchelei noch schuldiger. Dich nicht alle trifft der Tadel oder Verdacht: die guten belobt und ermahnt der Dichter. Dann aber kehrt er zu sich selbst zurück (v. 906 ff.), um seine eigene Sündhaftigkeit, offenbar übertreibend, zu beklagen; wer lehrt, muss auch dem entsprechend handeln. Diese Klagen zu ergiessen hat ihn seine Muse aufgefordert, um so den ewigen zuvorzukommen – durch seine Reue. Wer wird ihn vor der Hölle schützen? Nur im Vertrauen auf seinen Glauben hofft er durch Gottes Gnade gerettet zu werden. – In einem Epilog dankt der Dichter schliesslich Gott, seine Herrlichkeit feiernd, für die Vollendung des Werks. Diese umfangreiche Dichtung, die durch einzelne kulturgeschichtlich interessante Züge anzieht, legt zugleich recht ein Zeugniss von der für jene Zeit nicht geringen theologischen Gelehrsamkeit Milo's ab, namentlich von seiner grossen Bibelkenntniss; die Sprache wie der Vers – so wenig auch der 285 Dichter die Quantität geachtet haben will Indem er im Epilog v. 1034 ff. sagt:         Posthabui leges ferulas et munia metri:         Non puto grande scelus si syllaba longa brevisque         Altera in alterius dubia statione locetur;         Quodsi, ut credo, nequit carmen iam iure vocari,         Sit satis huic saltem censeri nomine rithmi . Auch der Schluss der Stelle ist bemerkenswerth. – Dass es auch in diesem Gedicht an der Spielerei der Alliteration nicht fehlt, lässt sich leicht denken; obgleich sie sich seltener in übertriebener Weise findet: ein Beispiel, in dem sie dem Gedächtniss zu dienen scheint ist l. I v. 979:         Virtus viva valet vitiorum vincere virus . – bekunden den gelehrigen Schüler der Alten, der auch seine Kenntniss der antiken Mythologie gelegentlich zu zeigen versteht. S. z. B. l. I v. 831 ff., wo u. a. die Harpyien und Furien genannt werden.   Ein interessantes Gegenstück zu dem von Milo verfassten poetischen Heiligenleben ist das eines jüngeren Zeitgenossen und Landsmanns, welches nicht minder besondern Beifall erntete. Auch gehörte sein Verfasser zu den bedeutendsten Gelehrten jener Zeit. Es ist das Leben des h. Germanus von Heiric von Auxerre Acta Sanctorum, Julii Tom. VII , p. 221 ff. – – Kaulich, Geschichte der scholast. Philosophie Bd. I, Prag 1863. – Prantl, Geschichte der Logik, Bd. II, S. 41 ff. – Sickel, Lettre sur un msc. de Melk venu de S. Germain d'Auxerre in: Biblioth. de l'Ecole des Chart. Sér. V , Bd. 3. – Dümmler, N. A. S. 528 ff. , der Mönch des dort dem Germanus geweihten Klosters war, welcher Heilige selbst aus dieser Stadt stammte. Heiric war unweit derselben zu Hery 841 geboren, schon im achten Jahre zum Mönch tonsirt und 859 als Subdiaconus ordinirt. S. Sickel a. a. O. S. 35. Offenbar ein frühreifes Ingenium, gleich Walahfrid, hatte er seine Ausbildung aber nicht bloss dem Kloster zu danken, vielmehr nennt er selbst als Lehrer seiner Jugend in einem Gedicht an den Bischof von Auxerre Hildebold S. das Gedicht bei Mabillon, Vet. Analecta , Paris 1723, p. 423. Lupus und Haimo, den ersteren in den humanen Wissenschaften, den andern in der Theologie – jeder von beiden, wie er sagt, in seinem Fache berühmt. Der erstere ist gewiss der bekannte, oben erwähnte Abt von Ferrières, wer der andre war, dagegen nicht zu sagen; er mag wohl 286 auch dem Kloster Ferrières, was am wahrscheinlichsten, oder Auxerre selbst angehört haben. An Haimo von Halberstadt ist nicht zu denken, wie man mit Unrecht gethan hat; er war schon seit 840 Bischof jener deutschen Stadt, das Gedicht an Hildebold ist vor 857 verfasst, da der letztere nur so lange lebte; wie sollte Heiric vor dem 16. Jahre nicht bloss in Ferrières, sondern auch noch in Deutschland und zwar dem fernen Halberstadt studirt haben, während er in Auxerre Mönch war! Manche, wie Kaulich und Prantl, lassen ihn sogar in Fulda bei Haimo Unterricht geniessen – das wäre also noch vor Heirics Geburt – und machen Haimo, wie der sonst so verdienstvolle Prantl, zu einem Schüler Rabans, während er sein Mitschüler bei Alcuin war. Mit jenem Gedichte überreichte er seinem Bischof eine Frucht seines Fleisses, Collectaneen aus Valerius Maximus, Sueton, Solin, Julian von Toledo und den Kirchenvätern Hieronymus, Augustin, Beda u. a., Stellen, welche jene Lehrer in wissenschaftlicher Unterhaltung mitgetheilt hatten. Nach einer, allerdings nicht ganz sichern Ueberlieferung des zehnten Jahrhundert In Pertz, Archiv f. ältere deutsche Geschichtskunde Bd. X, S. 333 f. soll Heiric auch ein Schüler des Schotten Elias, Bischofs von Angoulème, dessen eigener Lehrer ihr zu Folge Erigena war, gewesen sein. Unwahrscheinlich ist es nicht insofern als Heiric in der That mit der Philosophie des Johannes Scotus sich sehr vertraut zeigt, ja in uns erhaltenen commentirenden Glossen zu älteren philosophischen Werken, namentlich zu den pseudo-augustinischen Categoriae und dem Martianus Capella, sich an ihn anschliesst, doch keineswegs unbedingt, vielmehr beweist er eine gewisse philosophische Selbständigkeit, indem er einer entschieden nominalistischen Richtung huldigt. Heirics Gelehrsamkeit erstreckte sich aber auch noch auf andre Gebiete, wie auf das der Chronologie und Astronomie: so hat er ein Werkchen über die Position und den Lauf der Planeten verfasst, so auch erklärende Glossen, zum Theil in tironischen Noten, zu Beda's Liber de temporibus . Dass diese Glossen von Heiric herrühren, dafür spricht auch der Umstand dass sie zum Theil in tironischen Noten geschrieben sind: was man nämlich bisher nicht beachtet zu haben scheint, er bezeichnet sich selbst als einen Kenner dieser Stenographie in dem Widmungsgedicht der Collectanea, die er ebenso aufgezeichnet; es heisst da v. 15 f.:         Haec ego tum notulas doctus tractare furaces (?),         Stringebam digitis arte favente citis. Ferner hat er sich an einer Geschichte 287 der Bischöfe von Auxerre betheiligt. Gesta episcoporum Autisiodorensium , s. Wattenbach, Deutschl. Geschichtsq. I, S. 245. Was endlich seine philologischen Kenntnisse betrifft, so bezeugt namentlich seine Dichtung die der griechischen Sprache – was wieder auf Erigena's und seiner Schüler Einfluss zurückweist – und eine ungewöhnliche Kenntniss der Metrik. Ein Gelehrter von solcher Bedeutung musste auch als Lehrer keine geringe Wirksamkeit haben: er wurde später als einer der Fortpflanzer der wissenschaftlichen Tradition im eminenten Sinne bezeichnet, als der Lehrer des Remigius, des Wiederherstellers der danach so berühmten Schule von Reims. S. oben S. 286 Anm. 2. Auch Hucbald wird sein Schüler genannt. Er scheint schon 876 oder 877 gestorben zu sein. Sickel a. a. O. S. 37. Die Vita S. Germani hat Heiric schon in früher Jugend begonnen, als er eben die Schule verlassen, wie er selbst sagt, und zwar auf den Wunsch des jugendlichen Abtes seines Klosters, des Sohnes Karls des Kahlen, Lothar, der, damals noch ein Knabe, in dem Kloster erst erzogen wurde; aber kaum war die Arbeit begonnen, als Lothar starb (865), Heiric liess sie dann eine Zeitlang liegen, und auch als sie vollendet, i. J. 873, zögerte er noch lange mit der Herausgabe. Diese erfolgte nicht vor dem Jahre 876, denn in dem Widmungsschreiben an Karl den Kahlen – dem wir die obigen Angaben entlehnen Mit Ausnahme des Jahrs der Vollendung, dies zeigt Heiric im Epilog der Dichtung an, wo er sein Alter mit 32 Jahren angibt. – titulirt er denselben Caesar . Das Widmungsschreiben hat noch dadurch ein besonderes Interesse, dass Heiric, wenn auch in panegyrischer Weise, über die ausserordentliche Begünstigung der humanen Studien und namentlich der Philosophie durch seinen König manche Angaben von Bedeutung macht, die wir auch am geeigneten Orte bereits benutzt haben. Vgl. oben S. 118 . Wenn unser Autor dabei aber insbesondere auf die Einwanderung irischer Philosophen nach Westfrancien hinzeigt, so erweist dies von neuem seine nahe Beziehung zu ihnen. Die stoffliche Grundlage der Dichtung bildet die im Ganzen 288 gut abgefasste Prosa-Vita des Heiligen, welche der Presbyter von Lyon, Constantius, ein Freund des Apollinaris Sidonius in den achtziger Jahren des fünften Jahrhunderts verfasste. Dessen Autorschaft aber Schöll, De eccles. Briton. Scotorumque histor. fontibus p. 25 bezweifelt. Der Heilige selbst lebte bis 448, so dass Constantius noch sein Zeitgenosse war. Die Vita ist wie die des heil. Amandus von grösserem und selbst historischem Interesse; obgleich dieser Heilige kein Missionar war, so hat er doch ein bewegtes Leben geführt. Germanus stammte aus Auxerre, wovon er auch zum Unterschied von andern Heiligen dieses Namens, zubenannt wird, und war von vornehmer Abkunft; so schlug er zunächst die politische Laufbahn ein, auf der er es zu hohen Würden brachte: da wurde er, was damals nicht auffallend, zum Bischof gewählt. Vgl. z. B. die Wahl des Sidonius, Bd. I, S. 402. Nachdem Germanus die Wahl angenommen, änderte er sein Leben vollständig und ward Asket, so dass sich der Ruf seiner Frömmigkeit bald weit verbreitete, und auch die obligaten Wunder nicht fehlten. Er machte verschiedene weite Reisen, so ging er zweimal nach Britannien, um auf den Wunsch der Katholiken die Pelagianer zu bekämpfen: bei einer dieser Fahrten führte er die Britten auch im Kampfe mit den Picten zum Siege, den einzigen, den sie über diese erfochten (429), daher denn dieser Heilige bei ihnen eine besondere Popularität stets genoss. So zog er nach Italien, um den aufgestandenen Armoricanern vom Kaiser in Ravenna Amnestie zu erwirken, nachdem er das gegen sie von Aëtius gesandte Executionsheer der Alanen durch seine muthige Beredsamkeit zur Umkehr bewogen. In Ravenna aber, wo er die ehrenvollste Aufnahme fand, ereilte ihn der Tod. Seine Leiche wurde nach Auxerre übergeführt. Auf allen diesen Zügen aber gab er von seiner Wunderkraft, namentlich durch Heilungen, Zeugniss. Auf Grund dieser Vita hat Heiric seine Dichtung, die er in sechs Bücher getheilt, verfasst, wenn auch mit einzelnen Abweichungen Z. B. l. I, c. 2, §. 32 wo der Vorgänger des Germanus, Amator Märtyrer zu werden wünscht, während in der Vorlage §. 3 das Gegentheil gesagt wird. : das erste Buch geht bis zur Bischofswahl, 289 das zweite ist dieser und einer Charakteristik des Heiligen gewidmet, im dritten und vierten bilden den Hauptinhalt seine beiden Reisen nach Britannien, das fünfte erzählt, wie er sich der Armoricaner annahm und deshalb nach Italien zieht, das sechste endlich berichtet seine Aufnahme in Ravenna, den Tod und die Translation, und schliesst mit einem langen Gebet an Christus als Epilog. Jedem Buche geht aber eine Praefatio in Versen, dem ersten sogar zwei, eine Invocatio und eine Allocutio ad librum , voraus, sämmtlich in den verschiedensten Versmassen, die zum Theil ganz eigenthümliche metrische Combinationen sind. Hier zeigt sich denn die seltene Kenntniss der lateinischen und selbst griechischen Metrik, auf die wir oben schon hindeuteten: ist doch sogar die Angabe der Gliederung der Strophe mit dem griechischen Kunstausdrucke gegeben. So z. B. bei der Allocutio: » Δικώλῳ διστρόφῳ discursa .« In der Hinzufügung solcher Praefationes ist unser Autor offenbar dem Beispiele des Prudentius gefolgt, wie denn eine derselben auch direct an eine des Prudentius erinnert Es ist die Praef. l. IV, worin nach Matth. c. 14 erzählt wird, wie Christus die Jünger und namentlich Petrus bei dem Sturm auf dem Meere, über die Wogen schreitend rettet: Christus soll dem Dichter ebenso beistehen. Dies Gedicht erinnert an die Praef. l. I Contra Symmachum , worin eine andre Seefahrt des Petrus nach Apostelgeschichte c. 27 erzählt wird. Vgl. Bd. I, S. 267. ; ebenso bekundet sich auch der Einfluss desselben in der Mannichfaltigkeit der Metra. Aber nur eins der von Prudentius gebrauchten kehrt hier wieder. Die Invocatio nämlich ist in den phaläcischen Hendecasyllaben geschrieben, wie sie Cathemerin. IV. und Peristeph. VI. bei Prudentius sich finden, allerdings da zu dreizeiligen Strophen verbunden; aber beachtenswerth ist, dass die Invocatio ein Preis der Dreieinigkeit ist, und das erst erwähnte Gedicht des Prudenz auch mit einem solchen anhebt, das andre desselben wenigstens eine Beziehung zur Dreizahl hat. S. Bd. I, S. 256. Im Ganzen zeigt sich hier Heiric in der Wahl der Metra, namentlich der Systeme, seinen christlichen Vorgängern, auch dem Boëtius gegenüber, ja zum Theil selbst überhaupt sehr originell. Die übrigen Metra Heirics sind die folgenden. Die Allocutio: phaläc. Hendecasyll. mit dactyl. Tetram. heroicus; Praef. libri II: Asclepiadeum IV des Horaz; Praef. l. III: Vers. asclepiad. maiores; Praef. l. IV: vierzeilige Strophen also gebildet:         1. – ᴗ ᴗ – ᴗ         2. – ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ –         3. – – – ᴗ ᴗ – ᴗ         4. – – – ᴗ ᴗ – ᴗ –; Praef. l. V: dactyl. Pentapodie u. Tripodie; Praef. l. VI: Hexam. und dactyl. Penthem. Und es fehlt ihm auch nicht das 290 Bewusstsein der ästhetischen Bedeutung der Metra, wenn er die Verbindung der »leichten« Dactylen mit den »morosen« Spondäen für anmuthiger erklärt. Praef. l. II, v. 26 f. Auch in ihrem Inhalte bilden diese die Bücher einleitenden Gedichte die originellste Partie des ganzen Werkes, welche die Gelehrsamkeit und die klassische Bildung Heirics in den verschiedensten Beziehungen zeigt. So gibt sich in einzelnen rein christlichen Inhalts der Schüler des Erigena leicht zu erkennen, zumal wenn man die hier von Heiric selbst, allem Anscheine nach, hinzugefügten Anmerkungen in Betracht zieht. Dies gilt namentlich von der Invocatio und der Praefatio des sechsten Buches. In jener gab dazu die Anrufung der Dreieinigkeit die beste Veranlassung, in dieser wird das Lob der Sechszahl gesungen und die mystische Bedeutung derselben dargelegt, was dann wieder auf die Trinität führt. In beiden Gedichten finden sich öfters griechische Wörter, ja in dem ersteren sogar ganze griechische Verse eingefügt. Ein paar andre dieser Gedichte bezeugen eine für jene Zeit nicht gewöhnliche Kenntniss der antiken Mythologie: so wird in Praefatio V das Schicksal des Icarus erzählt Heiric behandelt den Stoff frei, an die Darstellung des Ovid, Metam. VIII, v. 183 ff., erinnert nichts. , indem es dem Dichter selbst, der sich mit ihm in seinem erhabenen Unternehmen vergleicht, zur Warnung dienen soll; so wird in der Allocutio der Fabel von der Danae gedacht. Diese Anrede des Autors an sein Buch ist auch sonst interessant. Er besorgt, dass es noch nicht genug gefeilt, wie es die Werke des Maro waren, in die Oeffentlichkeit trete, und die verschiedenen Kritiken, die es dabei erfahren kann – Beifall scheint er nur von profanen Händen zu erwarten Hic plausum manibus dabit profanis . – endlich werde es nach all der Unbill in den Laden des Gewürzkrämers wandern!         Tandem ludibrio subactus omni             Μυροκοπου trudere taberna,         Aut nardi modicum feres piperve             Et si quid chartis amicitur         Ignavis. Vor solchem Unheile möge es der heil. Germanus bewahren. 291 In der Vita selbst hat Heiric das Interesse, welches sie in seiner Vorlage schon darbot, durch ausgeführtere Beschreibung und Schilderung poetisch zu erhöhen gestrebt, so in der Darstellung des asketischen Lebens des Helden – ein in jener Zeit so dankbarer Stoff – die tief in das einzelne geht, und der als Gegenbild die seiner frühern üppigen weltlichen Lebensweise folgt (l. II, c. 1); andre hervorragende Beispiele sind die Beschreibung der Fama (l. I, c. 2, §. 31), die manche originelle Züge zeigt, und die daran sich schliessende, mit grosser Lebhaftigkeit ausgeführte Darstellung des Zorns des Germanus, ferner die den Schüler Virgils offen verrathende und doch zum Theil eigenthümliche Schilderung des Meeressturmes (l. III, c. 3), die Zeichnung des Charakters der Armoricaner         Torva (sc. gens), ferox, ventosa, procax, incauta, rebellis,         Inconstans, disparque sibi novitatis amore,         Prodiga verborum, sed non et prodiga facti,         Dicere plus, fecisse minus taxatur honestum. und die Beschreibung ihrer Angst         Non conferre manum, non fines hoste tueri,         Non saltem tentare fugam sententia surgit:         Fingit quisque sibi varii discrimina leti         Solaque suspectae torquet dilatio mortis. (l. V, c. 1). – Auch in der Vita selbst zeigt der Autor hier und da seine Kenntniss des klassischen Alterthums. S. z. B. l. I, c. 1, §. 25. In Bezug auf die Diction aber bildet die Dichtung des Heiric einen bemerkenswerthen Gegensatz zu der des Milo, der Ausdruck ist oft gesucht und geschraubt, die Construction verwickelt, so dass das Werk weit schwerer zu verstehen ist als das des Milo. Und eben dieser gelehrten Schwerverständlichkeit verdankte das Buch die Ehre, als Lesebuch für den höheren grammatischen Unterricht in den Klosterschulen eingeführt zu werden. So zeigt sich also hier auch in den versificirten Heiligenleben der Gegensatz der gelehrten und der populären Behandlung der Legende, wie schon viel früher in den prosaischen. S. Bd. I, namentlich S. 429; vereinzelt auch schon früher in der Dichtung s. a. a. O. S. 513. 292 Rücksichtlich des Verses ist noch erwähnenswerth, dass auch Heiric nicht selten den Schmuck der Alliteration anwendet, aber nur ganz vereinzelt in so geschmacklos übertriebener Weise als Milo. Z. B. l. I, c. 3, §. 38: Discite, doctores, decretorumque datores . Nach dieser Dichtung verfasste Heiric noch zwei Bücher Miracula S. Germani in Prosa, die er zugleich mit jener Karl dem Kahlen widmete. Vgl. Hist. littér. de la France T. V, p. 540. In dem ersten Buche hat er die von Constantius übergangenen Wunder, im zweiten die zu Lebzeiten des Verfassers selbst bei besonderen Gelegenheiten, wie bei einem Neubau der Klosterkirche, von den Reliquien des Heiligen ausgegangenen erzählt. Namentlich im ersten Buche finden sich die unglaublichsten Geschichten erzählt, die der Vorgänger mit gutem Grunde weggelassen. – Auch der Stil dieser Prosa bewegt sich mitunter in schwierigeren Perioden, im allgemeinen aber zeugt er auch für die höhere Bildung des Autors. Dies gilt nicht minder von einer dem Festtage des Heiligen gewidmeten Predigt. Doch findet sich einmal darin eine wohl erwähnenswerthe Reimspielerei: dicam hunc esse beatissimi Germani diem non fu nebre m, sed ce lebre m, non lu gubre m, sed sa lubre m . – Noch sei bemerkt, dass auch ein Hymnus, von Barth in zwei Mss. nach der Vita S. Germani gefunden, und in dessen Adversaria l. XXXIV, c. 20 publicirt, Heiric beigelegt wird.   Fünfzehntes Kapitel. Eklogen und Elegien: Agius, Ildericus, Bertharius. Noch ist aus dem Ende dieses Zeitalters einiger Gedichte zu gedenken, wovon eins wohl auch Westfrancien angehört. Da Galatea zum Gesange auffordert, könnte man auch glauben, dass das Gedicht in Corvey entstanden sei, doch spricht die Auffindung der einzigen Handschrift in Corbie, sowie wohl auch das Corvey gezollte Lob für das Mutterkloster. Das Gedicht ist allerdings in einem sehr verwahrlosten Text überliefert; aber auch, wenn es in gereinigter Gestalt vorläge, würde ich es doch mit den Herausgebern und mit den Verfassern der Hist. littér. des Radbert für unwürdig halten, gegen dessen Autorschaft auch sonst manches spricht. Die Anknüpfung an die Vita Adalhardi in der Handschrift ist ja eine ganz äusserliche, sie geschieht einfach durch ein Sequitur . Es ist eine im Anschluss an die Vita Adalhardi des Radbert 293 in einer aus Corbie stammenden Handschrift des zehnten Jahrhunderts sich findende Ecloga duarum sanctimonialium Mabillon, Acta S. S. ord. Bened. Saec. IV, Pars  1, p. 321 ff. – – Dümmler, N. A. S. 303 f. in Hexametern – ein amöbäischer Klage und Lobgesang auf Adalhard , ausgeführt, wie der Dichter annimmt, bei seiner Bestattung von der älteren und jüngeren Corbeia, von denen die erstere, seine Gemalin nach dem Bilde der Vermählung Christi mit der Kirche, hier Philis heisst, wegen ihrer Liebe zur Caritas, die andre, seine Tochter, Galatea, wegen der Weisse ihres Angesichts. So wird uns in ein paar einleitenden Prosazeilen mitgetheilt. Galatea beginnt, indem sie die Männer, alle die Erwachsenen auffordert, mit ihr den Vater zu beklagen, ihn soll die romanische Volkssprache und die lateinische feiern, ja der Sachse soll auch seinen Klageruf erheben.         Rustica concelebret romana latinaque lingua,         Saxo quin pariter plangens pro carmine dicat. » Quin « lese ich mit Diez, der sich über diese Stelle in seinen Altroman. Sprachdenkmalen, Bonn 1846, S. 78 Anm. verbreitet. Die Handschrift hat qui . Zu Adalhards Exequien sollen die Priester sein Lob singen, und das Volk andrerseits Gottes Erbarmen für ihn erflehen, seine Aufnahme in das Paradies. Philis antwortet: Wer mag nicht beklagen, dass »ein über die Sterne Erhabener« zu Asche werde, vom harten Marmor bedeckt, dass des Kaiserhauses Spross, von dem der Ruf der Tugenden überall durch den Erdkreis fliegt, den Würmern eine Speise. – Und Philis fordert darauf auch die Männer, Knaben und Mädchen zum Klagen und Weinen auf. Galatea bittet dann die »ältere Corbeia« den Greis zu bestatten, und gedenkt hier ihrer Gründung durch ihn, der ein heiliges Kloster dort baute, wo früher dem Teufel geopfert ward. Philis aber preist die jüngere Corbeia ob des glänzenden Aufschwungs, den sie schon 294 genommen, dessen sie sich stolz rühmen dürfe. (Diese Stelle weist wohl auf die Zeit der Abfassung hin Indem also die Abfassung längere Zeit nach Adalhards Tod und der von Radbert verfassten Vita erfolgte. ) Mit solchen Reden verbinden sich dann weitere Klagen beider, die wenig neues bieten. Sie wünschen schliesslich in den seligen Gefilden mit dem geliebten »Senior Menalcas« vereint zu werden. Dümmler hat schon nachgewiesen, wie ausser andern Reminiscenzen, namentlich aus dem Trostgedichte Fortunats an Chilperich und Fredegunde Vgl. Bd. I, S. 502. , solche vornehmlich aus Virgils Eklogen sich finden, was sich ja von vornherein schon erwarten liess; wir können aber weiter gehen und bemerken, dass die Idee des Gedichtes selbst und seine Anlage der fünften Ekloge des Virgil entlehnt ist. Dort wird von zwei Hirten Menalcas und Mopsus unter dem Namen des Schäfers Daphnis der zum Gott erhobene Julius Caesar besungen, indem der erstere den Tod desselben beklagt, der andre Hirt über seine Vergötterung frohlockt; beides geschieht ja ebenso auch in unserm Gedichte in Betreff des Adalhard, dem hier der Name Menalcas beigelegt ist. Auch der Name Philis ist dort entlehnt, da Vers 10 bei Virgil einer Phyllis gedacht wird; aber der letztere Name erscheint hier wohl absichtlich verändert, um ihn mit φιλειν in Bezug zu bringen, denn es heisst ja in dem kurzen Vorwort: porro aliam propter amorem caritatis Philidis nomine . Es ist daher auch Philis im Texte beizubehalten und nicht in Phyllis zu ändern.   Einige Verwandtschaft mit diesem Gedichte hat eine auch in Dialogform verfasste Elegie auf den Tod einer Aebtissin, welche ganz in das Ende dieser Periode fallend 875, oder nicht lange danach gedichtet ist. Sie ist auch im Anschluss an eine Vita der Heiligen in Prosa aufbewahrt, welche hier denselben Verfasser hat, und um dieselbe Zeit geschrieben ist. Es ist die Vita Hathumodae von deren Bruder Agius . In: Monumenta Germaniae histor. ed. Pertz Script. T. IV , p. 165 ff. (Praef.). – – Dümmler, N. A. S. 527. Beide waren Kinder des berühmten Grafen Liudolf, des Ahnherrn 295 der deutschen Könige der sächsischen Dynastie. Vgl. über ihn Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reichs I, S. 349 ff. Derselbe zeichnete sich nicht bloss durch seine kriegerischen und staatsmännischen Eigenschaften, sondern auch durch seine Frömmigkeit aus, in der seine Gemalin mit ihm wetteiferte. Ihrem Beispiele folgten die Kinder; und so weihten sich fünf Töchter und ein Sohn dem asketischen Leben. Der letztere verdankt wohl seinen Namen, der dann zuerst Beiname war, seiner frühen ernsten religiösen Gesinnung, oder war er ein puer oblatus , dem dieser Name in der Taufe selbst gegeben ward? Er wurde Mönch, wahrscheinlich in dem Kloster Lammspringe. Die Schwester Hathumod, im Kloster Herford, nachdem sie den Schleier genommen, erzogen, wurde in noch sehr jungen Jahren zur Aebtissin eines von Liudolf neu gegründeten Klosters gemacht, das zuerst von ihm in Brunshausen errichtet, dann sehr bald nach Gandersheim verlegt wurde. Dort starb Hathumod an einer Epidemie 874 im 34. Jahre. In der Elegie heisst es v. 350 f. Hathumod habe dasselbe Alter als Christus gehabt:         Annorum siquidem triginta trium memoratur,         Quem simul annorum ipsa tulit numerum . In der Vita dagegen wird c. 29 gesagt: Omnos anni vitae eius fuerunt triginta quatuor. Da ist wohl das nicht vollendete Jahr mitgerechnet. Agius, der ihr besonders nahe stand, war an das Krankenlager geeilt und bei ihrem Tode zugegen; ihren Verdiensten zum Denkmal, und ihr und dem Kloster zum Danke verfasste er für dasselbe die Vita, um den Nonnen ein Bild der Verstorbenen zu zeichnen, die sie im Leben so sehr vermissten. Die Lebensgeschichte ist eine sehr einfache, wie sich dies bei diesem schon so früh dem Kloster übergebenen Mädchen kaum anders erwarten lässt, aber in ihrer Darstellung spiegelt sich in jedem Zuge die treue zärtliche Liebe des Bruders ab, die dem Ausdrucke einen individuellen Reiz verleiht. Er gedenkt zuerst ihrer vornehmen Herkunft von väterlicher wie mütterlicher Seite; sie wurde »die süsseste Frucht guter aus gutem Samen entsprossener Bäume«. Schon als Kind verschmähte sie Schmuck und Putz, dagegen lernte sie um so eifriger aus eigenem Antriebe. Ihr Aufenthalt in Herford war die glücklichste Zeit ihres Lebens. Als Aebtissin wirkte sie durch ihr Beispiel ebenso viel als durch ihre Lehren: denn 296 »sie that selbst, was sie lehrte, und was sie lehrte, that sie« (c. 7). Ausführlicher erzählt der Verfasser von ihrer Krankheit – die um so gefährlicher wurde, je eifriger sie, so lange sie sich aufrecht erhalten konnte, die früher erkrankten Nonnen gepflegt – von den Träumen und Visionen, die sie – im Fieber – hatte, von der sorgsamen ängstlichen Pflege der Mutter und leiblichen Schwestern, schliesslich von ihrem frommen Ende. In dieser Darstellung finden sich manche durch liebevolles Eingehen in das Detail anziehende Schilderungen. S. z. B. c. 21. Dieselbe innige Liebe zu der Schwester bildet nun auch den Grundton der Elegie , deren Inhalt in der Hauptsache auf einem Gespräche ruht, das der Dichter kurz nach dem Tode der Heiligen mit den Nonnen, sie zu trösten, führte und das sie aufgezeichnet wünschten. So ist die Elegie selbst in der Form eines Dialogs verfasst. Agius beginnt, indem er die Nonnen auffordert, nicht zu sehr dem Schmerze sich hinzugeben, so gerechtfertigt er auch sei. Sie antworten, dass er nur den Verdiensten der Seligen entspreche, mit der sie ein Herz und eine Seele waren. Agius läugnet die Gerechtigkeit ihres Schmerzes nicht: wie viel habe er ja selbst in ihr verloren! – Ihrer geschwisterlichen Liebe gibt er hier einen einfach schönen und wahren Ausdruck: Leid und Freud theilte Hathumod mit ihm, mit ihr konnte er wie mit sich selbst reden. Der Gedanke allein, dass sie jetzt ein besseres Leben führt, vermag einen Trost zu bieten. – Trotzdem aber können die Nonnen, wie sie antworten, ihre Thränen nicht stillen, weil sie unendliche Sehnsucht nach ihr, die sie mit den Augen des Leibes nicht mehr sehen können, erfülle. Agius wendet darauf ein, dass Hathumod selbst durch die Klagen der Nonnen bekümmert werde. So geht das Gespräch fort, das manche schöne Stellen zarter Empfindung im einzelnen bietet S. z. v. 75 ff., wo Agius redet:         Vos melius nostis, quanto me semper amore,             Quantis incolumis foverit officiis.         Vos nostis, quanta iam languida sedulitate             Qua anxietate meam gestierit faciem,         Quo desiderio susceperit advenientem,             Et quam mirandis mulserit obsequiis,         Qualiter alloquio fuerit dignata supremo,             Assidue nomen ingeminando meum. , bis 297 endlich (v. 467) die Schwestern ihre Thränen trocknen, indem sie einsehen, dass sie sich selbst nur beweinen, über sie, die Selige, aber freuen müssen, die den Hafen erreichte. Sie preisen ihr glückliches Loos. Sie bitten Hathumod, sie möge sie wenigstens im Traume besuchen. Dann empfehlen sie sich dem Bruder, der sie auch ferner lieben und belehren möge. Agius antwortet verbindlich Die Stelle, welche beginnt:         Gratum valde mihi hoc est quod dicitis, immo             Istud nunc ipse debueram petere   v. 527 f. zeigt recht, welche feine Lebensart in diesen Kreisen sich damals schon fand. , aber anknüpfend an eine Bemerkung der Nonnen (v. 493 ff.), dass Hathumod jetzt den verstorbenen Familiengliedern, namentlich dem Vater, auch helfen könne, da man deren Loos doch nicht wisse, erwiedert er, sie brauchten darum keine Sorge zu haben, und gedenkt hier der frommen Handlungen und Gesinnungen des Vaters, durch die er etwaige Flecken seines weltlichen Lebens getilgt habe. Aber er rühmt auch dieses mit begeisterten Worten. V. 617 f.:         Summus erat, quia nempe sui generis simul omnes             Vicit virtute, vicit honore quoque. Der theuern Schwester aber wird er immer gedenken: ihr liebes Bild wird nie aus seinem Herzen weichen, weder im Wachen, noch im Schlafe. So oft er die Augen schliesst, steht es vor ihm. So ist sie ihm auch sieben Tage nach der Bestattung im Traume erschienen, und hat Gerberg, die Schwester und Schülerin, als ihre Nachfolgerin angedeutet. Er beglückwünscht dann diese als solche, indem er sie lobt, und fordert die Nonnen auf, ihr zu gehorchen. Hiermit schliesst diese Dichtung, welche 359 Distichen umfasst; sie erscheint recht als ein Erzeugniss des innigen deutschen Gemüthes und als ein treuer Ausdruck seines herzlichen Familienlebens. Mit diesem Reize warmer Empfindung verbindet sich eine leichte gewandte Darstellung und ein fliessender Vers, die keine schulmässigen Exercitien, vielmehr, trotz mancher Incorrectheiten, ein Werk wahrer Bildung sind. So zeigt die Dichtung einen individuellen Charakter, der zugleich eine nationale Färbung hat. Merkwürdig ist, dass auch dieser Dichter wie der Verfasser der vorher erwähnten Ekloge das Trostgedicht Fortunats an Chilperich benutzt hat (vgl. namentlich v. 237 mit Fort. v. 19, und v. 292 mit Fort. v. 34), wie Dümmler S. 527 nachgewiesen hat. 298 Derselben poetischen Form, einem Wechselgesange in Distichen, begegnen wir noch in dem Gedichte eines Italieners, das uns die Chronik von Salerno aufbewahrt hat. Es ist dies ein in der Zeit Kaiser Ludwigs II. (843– 875) lebender Gelehrter Benevents, Ildericus Chronicon Salernitanum c. 122 in: Monum. Germaniae histor. ed. Pertz, Script. T. III . 1839, p. 534. – – Dümmler, N. A. S. 527. , welcher der ausgezeichnetste der Weisen jener Stadt von der Chronik genannt wird, ein Mann, nicht bloss in den liberalen Wissenschaften vorzüglich unterrichtet, sondern auch von grosser Rechtschaffenheit, so dass die Tradition ihn sogar mit einem Wunder begnadigt werden lässt. Dümmler vermuthet in ihm wohl mit Recht den Verfasser einer von Keil De grammaticis lat. p. 23 erwähnten Grammatik. Das in der Ausführung unbedeutende Gedicht ist ein Wechsellobgesang der Engel und des Poeten zu Ehren Gott-Christus, welcher zum Schluss angefleht wird, den Menschen gnädig zu sein, sie vor dem Teufel zu schützen und zu dem Himmel zu geleiten. Es sind 22 Distichen.   Ein anderes Gedicht in Distichen von einem Italiener gehört wohl auch noch dieser Periode an. Es ist verfasst von Bertharius In: Pia quaedam poemata ed. Prosper Martinengius Rom 1590. – *Mabillon, Acta S. S. ord. Bened. T. I, p. 29 ff. – – Dümmler, N. A. S. 539. , Abt von Montecasino (856–883), dessen gelehrte Bildung besonders gerühmt wird. Das Gedicht, zum Preise des heil. Benedict geschrieben, gedenkt auf Grund des Werks des Gregor in der Kürze der Wunder des Heiligen, doch ist die Darstellung etwas ausführlicher, als in Paulus Diaconus' reciproken Distichen S. oben S. 55 . , und so an sich schon verständlich. Paulus' Gedicht ist nicht benutzt. Bertharius hat auch drei Wunder seiner Zeit, Heilungen an dem Grabe des Heiligen, hinzugefügt; am Schlusse, wo er den Schutzpatron anruft und die Heerde seiner Diener vor dem Wolf, dem Feinde, zu schirmen bittet, nennt er sich selbst, und diese Bitte lässt erkennen, dass er als Abt das Gedicht verfasst hat. 299 Die Klarheit und verhältnissmässige Correctheit des Ausdrucks und Verses bekunden, dass die grammatischen Studien in Italien, wenigstens in solchen Klöstern wie Montecasino, noch immer wohl gepflegt wurden, wenn auch nur so wenige Gedichte aus diesem damals jedesfalls literarisch recht unproductiven Lande uns überliefert sind.   Sechzehntes Kapitel. Eulogius. Alvarus. Den geringsten Antheil an der literarischen Bewegung dieser Zeit überhaupt musste Spanien nehmen, das zuerst ganz ausgeschlossen von dem Weltreiche Karls, später nur in seinem nordöstlichen Grenzlande mit ihm vereinigt wurde. Der grösste Theil der Halbinsel, der Kern des Landes, blieb den Mauren unterworfen. Der Kampf mit dem Islam erfüllte, oder bedingte ganz das Leben des christlichen Volkes, das reale wie das ideelle, dies namentlich, weil der Islam gerade dort seine eigenthümliche Kultur zu einer hohen Blüthe entfaltete. So musste die überlieferte christlich-lateinische Bildung, soweit sie sich unter den Stürmen des Kriegs und dem Drucke der Unterjochung erhalten, sich um so enger an die Kirche anschliessen, das klassisch-antike Element in den Hintergrund treten, zumal auch gar manche literarische Hülfsmittel verloren gegangen und zugleich einer weltlichen lateinischen Poesie, bei denen die einer solchen geneigt waren, die arabische eine starke Concurrenz machte, da diese Sprache die Gebildeten mehr oder weniger verstanden. Die isolirte Stellung der spanischen Kirche, sowie die Einflüsse des Islam und des auf der pyrenäischen Halbinsel so stark vertretenen Judenthums, liessen aber manche von dem Katholicismus abweichenden Lehren auftauchen und selbst sich kräftig entwickeln, wie den Adoptianismus des Elipand von Toledo, der selbst wieder aus der Bekämpfung einer andern häretischen Trinitätslehre eines Spaniers hervorgegangen war. So sind denn die ältesten literarischen Werke seit der Eroberung, von denen wir wissen, polemisch-dogmatische, die ausser dem Bereiche unserer 300 Betrachtung liegen, obschon wir gelegentlich darauf hingedeutet. Erst in dieser Periode treten ein paar Schriftsteller von universellerem literarischen Interesse dort auf, die auch an ein allgemeines Publikum sich wenden, und die in ihren Schriften zugleich manches kulturgeschichtlich wichtige Zeugniss bergen. Freilich polemisch-apologetisch sind auch ihre Schriften grösstentheils; es war eben eine Zeit der inneren und äusseren Kämpfe der spanischen Kirche, und diese schloss damals das ganze Nationalinteresse des den Mauren unterworfenen Volkes in sich. Die beiden Vertreter der Literatur Spaniens in diesem Zeitraume sind Eulogius und Alvarus S. Eulogii opera in Migne's Patrol. latina T. 115. (Ebendort auch seine Vita.) – Alvari Cordubensis opera in Florez' España sagrada T. XI. (Madrid 1753). – – v. Baudissin, Eulogius und Alvar, ein Abschnitt span. Kirchengesch. aus der Zeit der Maurenherrschaft. Leipzig 1872. – Amador de los Rios, Historia crítica de la literatura española. T. II. Madrid 1862. – Dozy, Histoire des musulmans d'Espagne . T. II. Leyde 1861. , die beide aus Cordoba, von Jugend auf innig befreundet, von gleichen Bestrebungen beseelt, auch in ihrer literarischen Thätigkeit gegenseitig sich unterstützten. Alvarus, der ältere, hat doch Eulogius überlebt und dessen Leben beschrieben. Eulogius stammte aus einer edlen, senatorischen Familie von Cordoba. Zum Priester bestimmt, wurde er in dem Collegium der Kirche des heil. Zoylus erzogen. Dort zeichnete er sieh durch sein eifriges Studium der kirchlichen Literatur aus. Sein Wissenstrieb aber liess ihn auch die Vorträge des durch seine theologische Gelehrsamkeit und Beredsamkeit in Andalusien berühmten Abtes Speraindeo besuchen Nam et abbatem – – Speraindum – – saepius invisebat auditorioque more ex illius ore disertissimo dependebat, qui ipso tempore totius Baeticae fines prudentiae rivulis dulcorabat. Alvar. Vita Eulog. c. 1. ; und hier war es, wo Eulogius des Alvarus erste Bekanntschaft machte, die durch gemeinsame Studien, wobei gelehrte Dispute in Briefen und ein gegenseitiges Ansingen in rythmischen Versen nicht fehlte – – et rhythmicis versibus nos laudibus mulcebamus. Vita Eulog. c. 1. , zur unverbrüchlichen Freundschaft wurde. Eulogius wurde dann Priester der Kirche des h. Zoylus, aber bei seiner entschiedenen Neigung zur Askese hielt er sich oft in 301 Klöstern auf. Doch blieb er seinem wissenschaftlichen Interesse immer getreu. So brachte er von einer Reise nach dem Gebiete von Pampelona Nach Baudissin S. 92 wurde die Reise i. J. 848 gemacht. Von ihr gibt uns auch interessante Nachricht ein später an den Bischof von Pamplona gerichteter Brief des Eulogius. , wo er verschiedene Klöster besuchte und ihre Bibliotheken durchstöberte Eulogii Apologet. §. 15. , gar manche Bücher, um die sich dort fast niemand kümmerte, mit, nicht bloss die Civitas dei des Augustin und geistliche Hymnen, sondern auch die Aeneis, den Juvenal, die Satiren des Horaz, die Fabeln des Avien, des Porphyrius Bildergedichte Porphyrii depicta opuscula – eine Stelle die Morales in seinen Anmerkungen durchaus missverstanden hat. und »die Epigrammenwerke« des Aldhelm. Nicht lange danach trat in Folge des Märtyrertodes des Presbyter Perfectus i. J. 850 in Cordoba ein wahrhaft fanatisches Drängen zum Martyrium ein unter dem asketischen, religiös aufgeregten Theile der christlichen Bevölkerung Andalusiens. Diese Bewegung wurde von der Geistlichkeit Cordoba's, und an ihrer Spitze stand der Bischof und der angesehene Eulogius, gebilligt und gefördert, während dagegen der Metropolitanbischof im Einverständniss mit den Staatsbehörden dawider ankämpfte und sich zuletzt genöthigt sah, jene widerspenstigen Geistlichen einkerkern zu lassen. Dies Loos traf nun auch Eulogius. Dieser widmete aber in dem Gefängnisse seine Musse nicht bloss der Fortführung eines der Verherrlichung jener Märtyrer gewidmeten Buches wie einer andern geistlichen Schrift, sondern auch dem Studium der lateinischen Metrik, die, wie Alvarus in der Biographie desselben sagt, die (damaligen) Gelehrten Spaniens noch nicht kannten Ibi metricos, quos adhuc nesciebant sapientes Hispaniae, pedes perfectissime docuit (sic) nobisque post egressionem suam ostendit. V. Eulog. c. II, §. 4. , und gewiss lernte sie Eulogius an der Hand des Werkes von Aldhelm, das er von der Reise mitgebracht, denn die » epigrammatum opera « desselben können nichts anderes gewesen sein, als die Epistola ad Acircium , eine Einführung in die lateinische Metrik, von welcher nur den Kern gleichsam die Epigramme, d. h. die Räthsel des Aldhelm, bilden. S. Bd. I, S. 590 ff. Und 302 diese metrischen Kenntnisse lehrte Eulogius später seinem Freunde Alvarus, wie er denn auch seine Bücherschätze gern andern mittheilte. Auch nach seiner Freilassung aus dem Gefängnisse (851) fuhr er fort, die Märtyrer, die immer von neuem noch freiwillig sich fanden, zu vertheidigen, ja in ihrem Unternehmen zu bestärken. Diese Unerschrockenheit vereint mit dem Rufe seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit bewogen die Kirchenprovinz von Toledo, ihn zu ihrem Erzbischof zu wählen, wohl die höchste Anerkennung, die Eulogius werden konnte, aber die Wahl wurde von dem Emir Mohamed, der noch strenger als sein Vorgänger Abderrahman II. gegen die Christen verfuhr, nicht bestätigt. Nicht lange danach ergriff Eulogius eine Gelegenheit, um die Meinung, die er durch seine Schriften vertreten, auch durch die That zu erhärten, indem er selbst, die Muslim herausfordernd, vor dem Kadi ihren Propheten schmähte, und so der Todesstrafe verfiel. Er wurde 859 enthauptet. Das Hauptwerk des Eulogius ist sein Memoriale Sanctorum So ist der Titel und nicht Memoria lis , wie er in den Drucken sich findet. – Die Form Memoriale wird bezeugt durch die Epistel des Eulogius an Alvaras, mit der er diesem das erste Buch übersendet, sowie durch den Eingang und Schluss des letzteren. in drei Büchern, an dem er Jahre lang gearbeitet, den Ereignissen zum Theil mit der Feder unmittelbar folgend. Dies »Gedächtnissbuch der Heiligen« war von ihm begonnen noch ehe er in das Gefängniss geworfen; von dort sandte er das erste Buch vollendet seinem Alvarus zur Beurtheilung, ehe er es publicire. In der Antwort auf dieses Begleitschreiben rühmt der Freund das Buch in überschwänglicher Weise, auch in formeller Beziehung, indem er des Eulogius Beredsamkeit noch über die eines Livius, Cato, Demosthenes, Cicero und Quintilian erhebt! Nachdem der Verfasser in dem Vorworte des Werks erklärt, dass er es nicht bloss für die Klöster, wie er ursprünglich beabsichtigt, sondern für die ganze Kirche bestimmt habe, da das Märtyrthum ein allgemeines geworden, erzählt er denn hier noch ausführlich das erste freiwillige Martyrium jener Zeit, das des Mönches Isaac i. J. 851. Isaac nämlich trat ohne alle äussere Veranlassung, geschweige denn Nöthigung, 303 vor den Kadi, um Mohamed zu verfluchen und so die Märtyrerkrone zu erwerben, da auf die Schmähung des Propheten die Todesstrafe gesetzt war. Da dies Verfahren, im Himmel sich einen der ersten Plätze und auf Erden nach dem Tode die Verehrung eines Heiligen zu verschaffen, alsbald mannichfache Nachahmung fand, so wurde die muslemische Regierung gegen die Christen erbittert, und es erhoben sich nun unter diesen letzteren selbst viele Stimmen, die ein solches Verfahren mit Recht eher für einen Selbstmord als für ein Märtyrthum erklärten, und diese Heiligen nicht anerkennen wollten. Das erste Buch des Memoriale ist daher nur eine Apologie dieses Martyriums, indem sich Eulogius bemüht, die gegen dasselbe gemachten Einwendungen zu widerlegen, namentlich auch die, warum sich keine Wunder bei demselben begaben. – In den beiden folgenden Büchern erzählt dann der Verfasser die Thaten der Märtyrer, indem er einem jeden ein Kapitel widmet, und zwar ist das zweite Buch denen geweiht, welche unter Abderrahman, das dritte denen, welche unter Mohamed starben. Das Werk ist mit dem Fortschreiten dieser religiösen Epidemie allmählich selbst fortgeschritten, der Verfasser wollte ursprünglich mit dem sechsten Kapitel des zweiten Buchs enden Wie denn dies Kapitel mit einem Amen schliesst und das folgende mit den Worten beginnt: Hucusque finem libri secundi esse decreveram, hucusque terminum sanctorum ad huiusmodi palaestram currentium esse putaveram. , dann mit dem Schlusse des zweiten Buchs, dem schon ein Gebet als Nachwort des Ganzen hinzugefügt ist. Das dritte Buch ist erst nach dem Sommer 856, aber wohl noch in diesem Jahre abgeschlossen. S. Baudissin S. 142. Die Bücher sind offenbar auch einzeln edirt, wie denn ein jedes seine besondere Praefatio hat. Unter diesen Märtyrergeschichten ist eine der ausführlichsten die im Kapitel acht des zweiten Buchs erzählte zweier Jungfrauen – wie denn überhaupt das weibliche Geschlecht stark vertreten ist – Flora und Maria, die Eulogius während seiner Haft im Gefängnisse traf und tröstete. Die erstere hatte er schon als Kind kennen gelernt und an ihr ein lebhaftes Interesse genommen, da sie bereits in frühster Jugend eine 304 asketische Gesinnung zeigte. Diese auch durch leibliche Anmuth und Schönheit ausgezeichnete Jungfrau scheint Eulogius' Herz ganz gewonnen zu haben, und so ist denn ihre und ihrer Genossin Passion mit besonderer Theilnahme von ihm geschrieben, und auch selbständig ausser dem Gesammtwerke herausgegeben. Dies zeigt die besondere Vorrede, welche sich über den Heiligenkultus überhaupt verbreitet, und doch sicher von dem Autor stammt. Diese beiden Jungfrauen zu dem Vorhaben ihres Märtyrertodes zu stärken, dass sie standhaft bei demselben verharrten So heisst es §. 12: Rogo vos, sanctae sorores, ne desistatis a coeptis, ne cessetis ab inchoatis, ne resiliatis a praeliorum auspiciis, quia non inchoantibus praemium, sed perseverantibus datur. Und vgl. die Passio SS. Virginum Florae et Mariae §. 14, wo der Autor dieses Buches gedenkt. , richtete Eulogius an sie noch im Gefängniss – wahrscheinlich weil er sie nicht mehr sprechen durfte – eine Schrift, welche er selbst Documentum martyrii betitelt S. den Brief Eulogs an Alvarus und das Prooemium. , andre aber später, wie schon Alvarus in der Vita, Documentum martyriale genannt haben. Auch diese Arbeit sandte er diesem Freunde, wie die Correspondenz beider zeigt, zunächst zur Durchsicht, sogar ehe er sie den Jungfrauen selbst zukommen liess. In dieser Schrift sucht er dieselben gegen alle Drohungen des Richters zu wappenen, indem er ihnen zugleich die Belohnungen, die ihnen winken, im glänzendsten Lichte zeigt. Auch hier bekundet sich seine zärtliche Zuneigung zu Flora, wo er sich gegen den Schluss mit seinen Worten an sie allein wendet (§. 20) Schon der Eingang dieser Stelle zeigt es: Sed iam me in portu silentii constituto, priusquam volumen finem appetat, et sancto inspiramine educatis arma praeliandi ministrare desistat, tecum mihi paululum loqui libet, o virtutum meritis florens Flora, sanctissima soror, ut nostrae familiaritatis verbum auditu placido captans, secretario cordis recondendum admittas, nostrumque consultum sanctificatis mentibus tuis ut pii patris praeceptum reponas. , die eine Rose von Dornen erblühte, weil ihr Vater ein Moslim war. Der König (des Himmels) begehre ihre Schönheit. Ein Gebet schliesst das Buch. Noch ein Buch hat Eulogius geschrieben, welches gewissermassen als eine Fortsetzung des Memoriale erscheint. Es ist der 857 verfasste Apologeticus Sanctorum , worin die 305 Passion noch zweier Märtyrer (Roderich und Salomo), die im März dieses Jahres hingerichtet wurden, erzählt wird. Diese Erzählung bildet aber nur einen zweiten Theil des Buches, während der erste (bis c. 20) von neuem eine Apologie des Martyriums jener Zeit bringt, wonach denn das ganze Buch seinen Titel erhalten hat. Hier werden denn ausser den im Memoriale schon widerlegten Einwendungen derer, welche diese Märtyrer den früheren nicht gleich stellen wollten, auch neue bekämpft, wie die, dass doch ein Unterschied zwischen dem Islam, der doch auch den wahren Gott verehren heisse, und dem Götzendienste der Heiden sei. Dies bietet nun Eulogius die Gelegenheit, den Islam und seinen Lügenpropheten anzugreifen, wobei er die Lebensgeschichte des letzteren aus einem in einem Kloster auf seiner Reise gefundenen lateinischen Werkchen hier mittheilt (c. 16). Auch einige Briefe von Eulogius besitzen wir, von welchen der lange an den Bischof von Pamplona, Wiliesind gerichtete am interessantesten ist. Eulogius hatte dessen Gastfreundschaft genossen und beschreibt in dieser Epistel, mit welcher er ein Geschenk von Reliquien begleitet, u. a. seine Reise. Es finden sich da auch historische Notizen von Belang. Alle diese Schriften des Eulogius sind kulturgeschichtlich von nicht geringem Interesse, namentlich die Märtyrerlebens- und Leidensgeschichten, welche u. a. recht zeigen, wie weit damals die Wechselbeziehungen der moslemischen und christlichen Bevölkerung auf dem Boden der Gesellschaft und der Familie gingen in Folge des Renegatenthums, und wie hart da die Gegensätze des Islam und des Christenthums auf einander trafen. Diese Märtyrergeschichten, namentlich die grösseren, deren Helden dem Autor persönlich bekannt waren, sind im allgemeinen in einem klaren, nicht überladenen, wohl aber durch die herzliche, oft begeisterte Theilnahme des Verfassers warm belebten Ausdruck geschrieben. Ueberhaupt findet sich in Eulogius' Schriften eine natürliche Beredsamkeit, welche die Individualität des Schriftstellers wohl abspiegelt, der eine in seiner Nation damals seltene Bildung besass.   Eine ganz andre Persönlichkeit, auch als Autor, war Eulogius' Freund, Alvarus . Er war ein angesehener Laie, bei Cordoba begütert, dessen Vorfahren von jüdischer Herkunft waren. Er war auch verheirathet und hatte Kinder. Dass er 306 ein Schüler des Speraindeo gewesen, sowie was er Eulogius in seiner Bildung verdankte, ist oben bei diesem bemerkt worden. Aber nicht bloss gemeinsame Studien, sondern auch dieselbe religiöse Gesinnung, zumal in jener Streitfrage über das Martyrium, verband die beiden Freunde aufs innigste. Dieser Freundschaft hat Alvarus ein Denkmal in der Vita des Eulogius gesetzt, namentlich wo er im letzten Kapitel seine Worte an den Märtyrer selber richtet. Alvarus schliesst sich auch in seinem bedentendsten Werke an die literarische Thätigkeit seines Freundes an. Es führt dies den eigenthümlichen Titel: Indiculus luminosus – einleuchtender Nachweis, »weil es«, wie der Verfasser selbst im Eingang den Titel erklärt, »einleuchtend lehrt, was zu befolgen ist, und mit offenen Indicien den Feind der Kirche, welchen alle Christenheit vermeiden muss, zeigt. Hic liber ideo luminosus Indiculus dicitur, quia luminose (Fl. luminasse) quae sequenda sunt, docet, et apertis indiciis hostem Ecclesiae, quem omnis vitare christianitas debet, ostendit. Dies Werk ist nach der eigenen Angabe des Verfassers im Jahr 854 geschrieben §. 21 fin. Vgl. Florez a. a. O. S. 250. , also nach dem ersten Buche des Memoriale des Eulogius. Alvarus hat aber zunächst dieselbe Aufgabe in seiner Schrift sich gestellt, als Eulogius in jenem Buche: er will das angefochtene freiwillige Märtyrthum seiner Zeit vertheidigen. S. §. 2 init.: Sed quia siti sunt nonnulli fervore speciali indigni, amore fidei frigidi, pavore terreno et ictu gladii territi, qui non pressa voce, sed rauca fauce, dissoluto labio, obtorta lingua Martyrium nostro tempore gestum invectione minus idonea detrahunt vel sugillant, et diabolo, quantum in eis est, palmam victoriae tradere non recusant: nos ipsi sensibus suis respondentes admittant. Es geschieht dies aber zum Theil mit andern Gründen, und mit grösserer Leidenschaftlichkeit. Alvarus behauptet namentlich energisch, dass es eine Zeit der Verfolgungen sei, was die Gegenpartei läugnete. Er weist auf die beiden ersten Märtyrer, ihre Geschichte kurz erzählend, hin, die allerdings noch von den Ungläubigen zur Schmähung des Propheten herausgefordert waren. Aus Stellen der Bibel, insbesondere des Alten Testaments, sucht er zu beweisen, dass die Feinde der Kirche zu verfluchen recht sei. – Diese Apologie bildet den ersten Theil der Schrift, entsprechend dem 307 ersten Satz der Titelerklärung; von §. 21 an beginnt aber ein zweiter Theil, worin nun gezeigt wird, dass »der Feind der Kirche« – welchen der zweite Satz der Titelerklärung anführt – der Vorläufer des Antichrist, der Pseudopropheta, und dieser niemand anders als Mahomed ist, wie denn eben jene im ersten Theil behandelten Verfolgungen die jüngsten Zeiten ankündigten. Den Nachweis für seine Behauptung liefert der Verfasser hier durch Erklärung der Weissagungen Daniels im c. 7, v. 23–25 und c. 11, v. 36 ff. des biblischen Buches, welche Stellen Alvarus auf Mohamed bezieht; und ebenso deutet er in ausführlicher allegorischer Interpretation auf diesen (§. 26 ff.) die Schilderung des Behemoth und Leviathan im Buche Hiob, c. 40 f., im Anschluss an Gregors des Grossen Moralia, der auch unter beiden Thieren den Antichrist versteht. Die Wollust Mohameds und die Rolle, welche sie in seiner Lehre spielt, wird in diesen Bildern des Vorläufers des Antichrist mit besonderem Nachdruck in den stärksten Ausdrücken hervorgehoben Und dabei selbst keine Obscönität gescheut. S. namentlich §. 23 f. u. §. 26. Um wenigstens ein gelindes Beispiel dieser heftigen Polemik zu geben: Quam impurissimi sectam, impurissimi sequipedi amplientes amissarii et adulteri universi sunt facti, dum et propter iuramentum scindunt coniugium, quod maiore dedecore iterum adulterando coniungunt; et pellices multiplicando a trigamis vel quadrigamis serviendo femellarii, imo verius amissarii equi hinnientes seu rudentes asini sunt universi . §. 23. ; wie denn diese Seite des Islam den christlichen Gegnern immer eine beliebte Zielscheibe ihrer Angriffe war. – Seine Behauptung dass die Zeit des Antichrist gekommen, bestärkt der Verfasser am Schlusse (§. 35) noch auf Grund der Apocalypse c. 13, v. 17 Et ne quis possit emere aut vendere, nisi qui habet characterem aut nomen bestiae aut numerum nominis eius. Vgl. dazu den vorausgehenden Vers. durch den Hinweis auf die fortschreitende Arabisirung seines Volkes; alle die Unsrigen, meint er, tragen schon den Stempel ( nota ) des Antichrist. Nehmen wir nicht die Beschneidung vor? Ergötzen wir uns nicht an ihren Versen und ihren Märchen? – eorum versibus et fabellis milesiis delectamus; milesiis ist die unzweifelhaft richtige Emendation Dozy's (II, p. 103 Anm.) für das handschriftliche mile suis , die auch Baudissin adoptirt. Und während 308 wir die heilige Schrift zu lesen vernachlässigen, studiren wir ihre Philosophen, vielmehr Philocompen, nicht um ihre Irrthümer zu widerlegen, sondern wegen der Eleganz ihres Witzes und der Fülle ihrer Beredsamkeit. Die gebildete Jugend liest auf das begierigste die Werke der Araber, von der Schönheit der Bibel aber weiss sie nichts. Nonne omnes iuvenes christiani vultu decori, lingua disserti, habitu gestuque conspicui, gentilicia eruditione praeclari, Arabico eloquio sublimati volumina Caldaeorum avidissime tractant, intentissime legunt, ardentissime disserunt et ingenti studio congregantes lata constrictaque lingua laudando divulgant, ecclesiasticam pulchritudinem ignorantes et ecclesiae flumina de paradiso manantia quasi vilissima contemnentes. Heu proh dolor! linguam suam nesciunt Christiani et linguam propriam non advertunt Latini, ita ut omni Christi collegio vix inveniatur unus in milleno hominum numero, qui salutatorias fratri possit rationabiliter dirigere litteras. So äussert sich offenbar übertreibend unser leidenschaftlich erregter Autor. Um ihre eigene Sprache kümmern sich diese Lateiner so wenig, dass unter tausenden kaum einer einen vernünftigen Brief darin schreiben kann, Ghaselen können sie dagegen drechseln, noch besser als die Mauren selber. Vergleicht man diese Schrift des Alvarus mit dem ersten Buche des Memoriale, so zeigt sich auffallend die grosse Verschiedenheit der Individualität der beiden Freunde: Eulogius ein Geistlicher von einer innigen schwärmerischen Frömmigkeit, eine zarte Natur, ein Gelehrter zugleich, dem seine Studien auch eine Frucht ästhetischer Bildung trugen – Alvarus dagegen ein Mann von der Thatkraft des Laien, von südlicher Leidenschaft, in dem das orientalische Blut noch fortwirkt; er erinnert an Tertullian in seiner apologetischen Heftigkeit, aber auch mitunter in seiner leidenschaftlich fortreissenden Beredsamkeit. Adicitis: tempus persecutionis non est. Imo ego plus dico: tempus Apostolorum non est, quia vigor est apostolicus imminutus qui debuerat semper in pastoribus Christi fervore constantiae et zelo iustitiae usque ad consummationem saeculi flammas spiritales in adversos ciere et fomite inluminationis accenso tenebras aevi corusco sidere eoi climatis inlustrare etc. Wenn er sich beherrscht, so vermag er sich einfach auszudrücken, wie in seiner Vita des Eulogius. Hier aber in dem Indiculus lässt er seinem Genius freien Lauf: sein Stil ist da überladen mit Metaphern und Bildern, und er scheut nicht vor den hässlichsten zurück, wenn sie ihm die 309 treffendsten scheinen. Z. B. in der Einleitung: Praecide, Domine, linguae saeculari coeno confectae praeputium. Wie das letzte Wort, für die jüdische Abkunft des Autors bezeichnend, häufig bildlich angewandt wird, so – auch ächt orientalisch – canis zur demüthigen Bezeichnung des Autors selbst. Die Kühnheit, beziehungsweise Geschmacklosigkeit des Gebrauchs der Metaphern zu belegen, seien noch ein paar Beispiele gegeben: flexo cordis poplite rogans, dumosam mei pectoris inriget terram . In dieser Bildersprache schliesst er sich gern an das Alte Testament an. Sein Stil erinnert hier an den pomphaften Ausdruck des spanischen Pathos. Er hat eine nationale Färbung, aber ein Kolorit, das durch semitischen Einfluss bestimmt erscheint; und man sieht hier zugleich recht, wie dieser Einfluss mehr noch auf Rechnung des jüdischen Volkselements in Spanien, als auf die des maurischen zu setzen ist. Die zum Islam übergegangenen Christen haben weniger nachhaltig auf die spätere Entwicklung des spanischen Nationalcharakters gewirkt, da sie im Maurenthum untergehen mussten, als die zu Christen gewordenen Juden, in denen das orientalische Volkselement unter der Herrschaft der ihnen verwandten Nation der Araber trotz des Christenthums, das sie aufrichtig bekannten, sich wohl conserviren konnte, zumal sie doch immer mit der arabischen Bildung vertraut blieben. In einem ähnlichen, orientalisch, namentlich alttestamentlich gefärbten Stile, aber in ruhigerem Tone, ist eine andre, kleinere Schrift unsers Autors verfasst: seine Confessio , die an eine dem Isidor beigelegte erinnert und diese zum Vorbild hat. Es ist die Oratio pro correptione vilae flenda semper peccata . Appendix XVIII der Ausgabe Arévalo's, T. VII, p. 358 ff. (Vgl. Bd. I, S. 555, Anm. 1.) Diese etwas wortreiche Beichte legt doch ein beredtes Zeugniss von einem tieferen Gemüthsleben ab. Ausser diesen Schriften Alvarus' und seiner Lebensbeschreibung des Eulogius besitzen wir in Prosa von ihm noch eine Reihe von Briefen, theils an einen Schwager, Johann von Sevilla, auch einen Laien, theils an seinen Lehrer Speraindeo, theils an den zum Judenthum übergetretenen Presbyter Bodo, der am fränkischen Hofe auferzogen war, gerichtet; sie betreffen dogmatische Fragen, namentlich die Dreieinigkeit und die Christologie, und liegen daher ausser dem Bereich unserer Betrachtung. 310 Endlich sind uns auch noch Früchte der metrischen Studien des Alvarus erhalten, in einer Anzahl Gedichte, in welchen selbst nicht selten der metrische d. h. quantitative Charakter der Verse vom Autor, wahrscheinlich mit einem gewissen Stolz, hervorgehoben wird. So z. B. in VII, v. 4 bei Florez, p. 280: metrice sed ecce reboat (sc. Alvarus) ; ebenso VIII l. l. p. 286 oben: Alvarus haec metrice longa per saecla reboat . Vgl. auch l. l. III v. 15, u. den Hymnus auf Eulogius Str. 2, v. 4. Aber die Verse sind oft recht mangelhaft, namentlich wird auch gegen die Quantität selbst über die Grenze der in der christlichen Poesie schon länger üblichen Freiheiten gefehlt Es ist interessant zu beobachten, wie dabei der Einfluss der Betonung sich geltend macht in einer der eigenthümlichen spanischen Betonung entsprechenden Weise, so findet sich: vĭnērānt für vĕnĕrāntur, ganz entsprechend dem spanischen venéran. , sowie gegen das Gesetz der Elision. Diese Gedichte sind zum Theil ganz weltlicher Natur, wie eins auf die Nachtigall in Distichen in Anlehnung an das dem Eugen von Toledo beigelegte S. Bd. I, S. 570 Anm. 2. und ein andres auf den Pfau in Hexametern, aber gerade diese Gedichte erscheinen als Schulübungen, gleichsam nach Vorbildern gearbeitet, wie denn im ersten Worte, Wendungen, ja ganze Verstheile aus der Vorlage entlehnt sind. Auch in den geistlichen Gedichten des Alvarus, welche alle mit einer Ausnahme in Hexametern geschrieben sind, zeigt sich die Schülerhaftigkeit und geringe Gewandtheit des Autors in Wiederholungen derselben Gedanken, Schilderungen und Worte. Man vergleiche nur VI u. VII bei Florez. Was den Inhalt betrifft, so findet sich ein längeres Gedicht auf ein Bibelwerk, das ein Leovegild (wahrscheinlich ein Presbyter, der ein Buch De habitu clericorum damals verfasst hat S. Florez a. a. O. p. 517. ) zusammenschreiben liess, ferner Verse zum Lobe des Kreuzes, und andre zum Lob des Hieronymus; interessanter sind die Verse welche sich auf eine schwere Krankheit, vielleicht die letzte, des Autors beziehen, eben durch diese Beziehung, aus der sich ein Beitrag zu seiner Charakteristik ergibt. Wenn auch Eugen ein Gedicht: Querimonia aegritudinis propriae verfasst hat, so zeigt das des Alvar mit diesem doch keine Verwandtschaft. Auch in der Lyrik hat sich Alvarus versucht in 311 einem Hymnus auf den heil. Eulogius für dessen Festtag in vierzeiligen Strophen von kleineren asklepiadeischen Versen: darin wird namentlich das Martyrium des zum Heiligen gewordenen Freundes gepriesen, jedoch in keiner besseren Sprache und Metrik als in den andern Gedichten unsers Autors. Bemerkenswerth ist noch, dass am Schluss der Verse auf das Kreuz die letzten fünf Hexameter in ore auslauten. Am Ende des Gedichts auf Hieronymus finden wir zehn leoninische Hexameter, worauf schon Amad. de los Rios a. a. O. p. 116 Anm. 1 aufmerksam gemacht hat: aber diese Verse gehören nicht zu dem Gedicht, was Florez in einer Anmerkung richtig anzeigt, de los Rios aber gar nicht beachtet hat; sie scheinen gar nicht von Alvarus zu sein, und können aus einer weit späteren Zeit stammen.   Siebzehntes Kapitel. Volksmässige rythmische Dichtung. Dass auch in dieser Periode die volksmässige, rythmische Profandichtung Worin wir hier auch Gedichte geistlichen Inhalts, die nicht kirchlichen Zwecken dienten, einbegreifen. – Bei der Angabe der Versmasse in diesem Kapitel sind selbstverständlich immer rythmische zu verstehen. gepflegt wurde, haben selbst einzelne Gedichte berühmter Autoren, eines Raban, Gottschalk und Sedulius gezeigt. Aber wir können noch eine grössere Zahl Gedichte unbekannter Poeten hinzufügen, die wir zunächst hier soweit als möglich chronologisch geordnet aufführen, um hernach zu einer allgemeineren Betrachtung dieser immer mehr aufblühenden, für die spätere Poesie in den Volkssprachen so wichtigen Dichtung zu schreiten. Ganz in den Anfang der Periode fällt ein Planctus , Klagelied, auf den Tod Karls des Grossen in iambischen Trimetern Du Méril, Poésies populaires latines antérieures au XII. siècle. Paris 1843. p. 245 f. – In: Einhardi vita Karoli magni in usum scholar. ed. Pertz. Hannover 1845. p. 40 ff. – – Dümmler, N. A. S. 151 f. , in verschiedenen Handschriften abweichend 312 überliefert. In der erweiterten Gestalt bei Pertz finden sich offenbar längere Interpolationen, sie erscheint als das Werk eines Franken, aus der Zeit der Bürgerkriege unter Ludwig dem Frommen. S. die Strophe Francia diras perpessa iniurias , die sicher auch interpolirt ist. Höchst wahrscheinlich ist er von einem Mönch des Klosters Bobbio verfasst. Wie die Anrede an den heil. Columban, der Klageruf über Italien zeigt. Vom Sonnenaufgang bis zu den westlichen Meeresgestaden, beginnt das Lied, schlägt die Klage die Brust         A solis ortu usque ad occidua         Littora maris planctus pulsat pectora.                         Heu mihi misero! – – Franken, Römer und alle Gläubigen quält der Kummer, die Thränenströme hören nimmer auf, der ganze Erdkreis beklagt den Tod Karls. Wehe dir, Rom, und dem römischen Volke, das den höchsten, ruhmvollen Karl verloren, wehe dir, verwaistes schönes Italien! – Christus soll Karl die ewige Ruhe geben, der heil. Columban für ihn bitten. – Der Dichter gibt aber zugleich seinem persönlichen Schmerze Ausdruck, indem jeder Strophe ein Refrain folgt: Wehe mir Armen, und an einer Stelle in den Worten: die Nacht erzählte ( retulit ) mir schreckliche Träume, und der helle Tag brachte mir kein Licht! Durch dieses subjective Moment wird der Eindruck des Gedichts wesentlich verstärkt, das einer gewissen einfachen Grösse nicht entbehrt. Hierauf folgen erst aus den vierziger Jahren wieder datirbare rythmische Gedichte; zunächst eins in trochäischen Tetrametern Du Méril a. a. O. p. 249 ff. – In: Nithardi histor. libri IV in usum scholar. ed. Pertz. Ed. II. Hannover 1870. p. 56 f. – Angilberts Rythmus auf die Schlacht von Fontanetum nach den Papieren von Pertz herausgeg. von Dümmler. Aus den zu Ehren Mommsens herausgeg. Abhandl. 1877. – – Dümmler, N. A. S. 267. – Meyer v. Knonau, Ueber die Schlacht von Fontanetum in dessen: Ueber Nithards vier Bücher Geschichten, Excurs VI, S. 136 ff. auf die Schlacht von Fontanetum 841, die blutigste des Bruderkrieges der Söhne Ludwigs, in welcher Lothar mit Pippin gegen Karl den Kahlen und Ludwig den Deutschen focht, und die letzteren siegten. Das Gedicht ist von einem Mitkämpfer, der sich in ihm selbst Angelbert 313 nennt         Hoc autem scelus peractum         Quod describi ritmice,         Angelbertus ego vidi         Pugnansque cum aliis;         Solus de multis remansi         Prima frontis acie. Ed. Pertz. – In der von Dümmler edirten Posener Handschriften hat der Name die Form: Engelbertus. und auf der Seite Lothars stand, verfasst. Er zeigt gelehrte Bildung und war vielleicht ein Geistlicher. Die Schlacht wird, und mit Recht, als ein Verwandten- und Christenmord, über den die Hölle sich freue, hingestellt, Lothar aber als ein durch Gottes Rechte beschirmter Held, der für seine Person siegreich war, aber von seinen Herzögen wie der Heiland von Judas verrathen wurde. – Das Gedicht ist nicht ohne poetische Züge. So schildert es das Schlachtfeld, das von den leinenen Gewändern der von den Heeren Karls und Ludwigs Gefallenen weiss glänzt, wie die Fluren im Herbst von den Vögeln. Die Schlacht ist keines Lobes werth, kein Lied soll sie besingen. Verflucht sei der Tag, der ausgetilgt werde aus jedem Gedächtniss. Die Sonne soll an ihm nicht leuchten, das Morgenroth die Dämmerung nicht verscheuchen. Und welche Nacht folgte dem Tag, in der sich Klage und Schmerz mischten! O der Trauer und des Wehs! Die Todten entblösst, sind eine Speise der Geier, Raben und Wölfe. Der Dichter kann den Jammer nicht weiter schildern; mag ein jeder wie viel er kann seine Thränen trocknen und für die Seelen der Gefallenen den Herrn anflehn. – Das Gedicht ist ein Abecedarius, geht aber nur bis P. Und auch nur in zwei Handschr., worunter aber die älteste, während in einer nur bis N. – Die Handschriften weichen öfters beträchtlich von einander ab. Ein tiefes sittliches Leid spricht aus ihm, das nur der Ausdruck der öffentlichen Meinung war, der Kämpfer auf beiden Seiten. Bemerkenswerth ist, wie offen bei diesem Gedicht das subjective Moment in der Darstellung hervortritt. Auch eine Frucht der Bürgerkriege ist ein Klagelied in iambischen Trimetern Du Méril a. a. O. p. 251 ff. – – Dümmler, N. A. S. 267. auf den Tod des Hugo , Abt von St. Quentin, der in einem Gefecht bei Toulouse 844 fiel. Er 314 war ein natürlicher Sohn Karls des Grossen, der von dem argwöhnischen Ludwig dem Frommen zum Geistlichen gemacht, später aber in Gnaden aufgenommen, sein Erzkanzler geworden war. Er stand auf der Seite Karls des Kahlen in dem Bruderkriege, und fiel, als er mit andern Grossen, namentlich Geistlichen, dem Toulouse einschliessenden Neffen zu Hülfe zog, durch einen Ueberfall Pippins, denselben bei welchem auch Lupus gefangen genommen wurde. Dies gefühlvolle Gedicht scheint auch das Werk eines Deutschen zu sein, worauf auch die unlateinischen Namensformen Hug, Karroff, Karli wohl hinweisen. »Hug, süsser Name – beginnt das Gedicht – Hug, edler Spross des mächtigen durchlauchtigen Fürsten, unschuldig in den Waffen, so plötzlich erlagst du verwundet!« – Aber warum wagtest du auch Karl zuzuziehen, den der Kaiser Ludwig so gern vom Sohn zum König machte? fährt der Dichter fort, indem er durch das ganze Klagelied die poetisch wirksame Anrede an den Todten beibehält. – Darum war Hugo doch nicht zu durchbohren und zu zerfleischen, da er immer jedem vielmehr zu nützen als zu schaden liebte – ein Satz der refrainartig am Schlusse der zwei letzten Strophen sich wiederholt, gleichsam die Quintessenz seines Lobes. Selbst sein Gegner Pippin beweinte ihn, als er ihn nackt da liegen sah im Staube des Schlachtfelds und wünschte ihn in das Leben um jeden Preis zurück. In Karroff soll er ehrenvoll bestattet werden Karroff honeste collocetur tumulo : diese Stelle zeigt, dass das Gedicht noch vor dem Begräbniss, also bald nach dem Tode 844 verfasst ist. Karroff ist die Abtei Charroux in Poitou. , wie er wünschte. Welche schöne Erscheinung war er vor allen andern; kein Verbrechen, keinen Raub hätte er begangen – im Kriege nämlich –, er der so sanft war, da er immer jedem vielmehr zu nützen als zu schaden liebte.         Non crimen ullum, non rapinam quamlibet         Tu perpetrasses, cum fores mitissimus,         Cum plus prodesse quam nocere cuique                         Semper amares. In dieselbe Zeit ungefähr, d. h. zwischen 844 und 849 fällt ein polemisches Gedicht, ein Schimpflied möchte man sagen in trochäischen Tetrametern Du Méril a. a. O. p. 261 ff. – Dümmler, N. A. S. 118. , gegen Aquileja , 315 insbesondere seine geistliche Oberherrlichkeit über die Kirche Venedigs, oder genauer, gegen eine Wiederherstellung derselben. Es ist offenbar von einem Venezianer Geistlichen an die » augustales principes « (v. 6), d. h. wie der Schluss des Gedichts zeigt, Kaiser Lothar und seinen Sohn Ludwig, der 844 zum König der Langobarden gekrönt wurde, gerichtet. Die schlimmen Schicksale der »einst herrlichen Stadt« seit ihrer Zerstörung durch Attila werden von dem Dichter als ein göttliches, von ihr verdientes Strafgericht gezeichnet, da sie Verbrechen auf Verbrechen häufte. Ihrem »dem Himmel und der Erde gleich verhassten Volke« wird das leuchtende und berühmte Venedigs, das alle Nationen an Huld übertrifft, gegenübergestellt.         Lucida Venetiarum semper gens et inclyta         Omnes nationes prima superat per gratiam;         Sine fine, firma fide, destruens mendacia. – Das Gedicht ist ein Abecedarius und von ziemlich rohem ungelenken Ausdruck. Hiernach ist zu nennen ein 39 Strophen langes episches Lied in iambischen Dimetera Du Méril a. a. O. p. 255 ff. – – Dümmler, N. A. S. 296. auf die Zerstörung des Klosters Glonna in Poitou durch den Bretonenfürsten Nominoi und seine Wiederherstellung durch Karl den Kahlen i. J. 850. Der Verfasser, ohne Frage ein Mönch des Klosters, wünscht sich zunächst in einem recht gelehrt kunstmässigen Eingang         Dulces modos et carmina         Praebe, lyra Threïcia,         Commota quis cacumina         Planxere hyperborea. die süssen Weisen des Orpheus, so dass ihm Flüsse und Berge antworten sollen; dann gedenkt er der Gründung des Klosters durch Karl den Grossen, seiner und Ludwigs Schenkungen, darauf der traurigen Bürgerkriege und der Theilung des Reichs, sowie des Aufkommens des Nominoi, der, ein armer Bauer, durch Auffindung eines grossen Schatzes und durch Trug zur Macht gelangt, die innere Zwietracht im Frankenreiche benutzt und in dasselbe plündernd einfällt. Auch von dem Kloster verlangt Nominoi Unterwerfung und als diese verweigert wird, übergibt er es den Flammen. Der Schutzheilige desselben, Florentius straft ihn aber alsbald durch Lähmung. Hiernach wird noch erzählt, wie Karl das Kloster, es 316 wiederherzustellen, beschenkte. Mit einer Aufforderung zur Freude zum Gesange und dem Anruf des Heiligen endigt das Lied, das trotz seines, wenn man von dem Wunder des heil. Florentius absieht, ganz profanen Charakters auch in der Klosterkirche – wohl nur zum Theil wenigstens – gesungen sein soll. S. Du Méril p. 259, Note 5. Genauer datirbar ist noch eins dieser Gedichte, das sich auf ein Ereigniss des Jahres 871 bezieht, und sehr bald nach demselben verfasst sein muss. Es ist ein Abecedarius in trochäischen Tetrametern Du Méril a. a. O. p. 264 ff. – Dümmler, N. A. S. 154. , worin das von der Stadt Benevent an Kaiser Ludwig II. im genannten Jahre verübte Verbrechen der Welt verkündet wird, wie denn das Gedicht mit der Strophe beginnt: Höret alle Enden der Erde mit Abscheu und Trauer, welches Verbrechen von der Stadt Benevent begangen wurde: Ludwig den heilig-frommen Kaiser nahmen sie gefangen.         Audite omnes fines terrae orrore (Du M. errore) cum tristitia,         Quale scelus fuit factum Benevento civitas!         Lhuduicum comprenderunt sancto-pio-augusto. In der That hatten sich die Beneventaner, an ihrer Spitze der Herzog Adalgisus, des Kaisers am 13. August bemächtigt und gaben ihn erst am 17. September frei. Dies Ereigniss S. über dasselbe Dümmler, Gesch. des ostfränk. Reichs I, S. 711 ff. machte um so grösseres Aufsehen im ganzen Frankenreiche, als Ludwig eben die Saracenen Italiens mit grossem Erfolge bekämpft hatte. Das unter dem Einfluss der Volkssprache im Ausdruck rohe, unvollständig erhaltene Es geht nur bis zur Strophe M, die, soweit man sieht, noch keinen Abschluss bietet; auch fehlt die Strophe H, während I irrig ans Ende gesetzt, des dritten Verses entbehrt. und durch schlechte Ueberlieferung in seinem Text entstellte Gedicht ist zum guten Theil unverständlich. Eine gewisse dramatische Lebendigkeit erhält es durch die eingeschalteten Reden, wie der Beneventaner und des Kaisers. Mindestens dieser, wenn nicht schon der vorausgehenden Periode gehören eine Anzahl rythmischer Gedichte an, welche Dümmler in der Zeitschrift für deutsches Alterthum, Neue Folge Bd. XI, S. 261 ff., zum Theil zum ersten Male, publicirt 317 hat, mit der Vorbemerkung dass sie »dem Alter der Ueberlieferung nach spätestens in das neunte, vielleicht schon in das achte Jahrhundert gesetzt werden müssen.« Vgl. dazu meinen Aufsatz: Zu den carolingischen Rythmen, in derselben Zeitschr. N. F. Bd. XII, S. 144 ff. Das erste dieser Gedichte, hier Parabel genannt, ist ein Zahlenräthsel, in sechs Strophen von je fünf Kurzzeilen. Das Räthsel ist an eine Erzählung geknüpft, die zu ihm in keinem inneren Zusammenhang steht und auf welche sich die Bezeichnung »Parabel« zunächst allein bezieht. Ein Knabe jagt einen Eber, er tödtet ihn, aber vor ihm zurückweichend, tritt er auf eine Natter, die zwar hierdurch auch stirbt, dem Knaben aber noch eine tödtliche Wunde beibringt, so dass sie also alle sich »gegenseitig den Tod geben«. Die Mutter ruft dann bei der Nachricht unter Thränen aus: Wenn du, mein Sohn, noch so lange gelebt hättest, als du gelebt hast, und noch einmal soviel und dazu die Hälfte und noch ein Jahr, so hättest du 100 Jahr gelebt. Die Auflösung ist: der Knabe war 16½ Jahr alt, nämlich: 16½ × 2 : 33 × 2 : 66 + 33 + 1 = 100. Das zweite Gedicht ist ein scherzhaftes Spottlied auf einen Abt von Angers , beziehungsweise auf diese Stadt selbst, in trochäischen catalectischen Trimetern, fünf Strophen von fünf Zeilen, wovon die letzte ein freier gebildeter Refrain, worin Bacchus (Liber) gepriesen wird. So ist das Spottlied zugleich ein Trinklied. Die Andegaver, heisst es da, sollen einen Abt haben, der noch mehr trinkt, als alle andern Andegaver. Er lässt nicht Tag, noch Nacht vorübergehn, dass er nicht satt vom Weine schwanke, wie ein Baum im Winde. Sein Leib ist unverweslich, mit Wein, wie mit Aloe, ganz gewürzt; und wie mit Myrrhe Leder gebeizt wird, so wird seine Haut mit Wein gefärbt. Nicht mit einem Becher schöpft er aus dem Fasse sacht, sondern mit Töpfen und zwar über die Massen grossen. An den denkt Andegavium und gesellt sich keinen solchen mehr, der so immer Wein kann schlürfen; seine Thaten lasst euch, Bürger, malen. Eia, eia Lob, eia Lob dem Bacchus sagen wir! Die beiden folgenden Gedichte behandeln alttestamentliche epische Stoffe zum Theil im strengen Anschluss an ihre 318 Quelle, das eine die Erzählung von Judith und Holofernes in trochäischen Tetrametern (nach Judith c. 2 ff.) Schon bei Du Méril a. a. O. p. 184 f., aber unvollständiger. , das andre die von der Esther , ein Abecedarius in iambischen Trimetern (nach Esther c. 1–9). Das erste Gedicht ist nur fragmentarisch erhalten, d. h. der Anfang und das Ende, während das mittlere Hauptstück fehlt. Das erste Stück (zwölf Strophen) schliesst mit der Belagerung Bethuliens, und zwar mit dem Abschneiden des Wassers durch Holofernes c. 7, v. 11. Das Schlussstück (ein Vers und sechs Strophen) beginnt mit der Entdeckung des Mordes c. 14, v. 14 und erzählt dann den Sieg der Juden und dessen Feier. Die beiden letzten Strophen aber enthalten die Nutzanwendung für die Christenheit: jener Gott, heisst es da, der die übermächtigen Assyrer schlug, mag auch die ungläubigen Heiden vernichten         Ille deus qui percussit castraque Assyrios,         In virtute sua magna et in forte brachio,         Perdat gentes paganorum domino incredulas. ; woran sich dann ein Gloria auf die Dreieinigkeit schliesst. – Obgleich die biblische Erzählung in dem Gedichte natürlich nur im Umriss wiedergegeben ist, so findet sich doch hier und da im Ausdruck selbst einzelnes entlehnt. Die Darstellung ist übrigens dramatisch lebendig und schreitet rasch fort. Das andre Gedicht erzählt Es beginnt mit der folgenden Strophe:         Ampla regalis Susis dicta civitas,         In qua regnare Asuerus ceperat,         Regnans ab India usque Aethiopiam         Centum viginti et septem provincias. , noch mehr die biblische Vorlage kürzend, die Vermählung des Assyrischen Königs Assuerus mit Esther , den Conflict seines Veziers Aman mit der Esther Oheim Mardochaeus und den Sturz des ersteren durch die Königin und damit die Rettung der von jenem mit Vernichtung bedrohten Juden, die nun selbst an ihren Feinden Rache nehmen dürfen. »Christus, der die Gebete erhört, rettete sein Volk vom Verderben.« »Ruhm ihm dem unbesiegten Könige!« – So werden auch hier die Juden gleichsam als die Vorfahren der Christen gefeiert. – Beide Gedichte erhalten so durch ihren Schluss einen etwas geistlichen Charakter, der 319 aber doch nicht, am wenigsten beim zweiten, an einen kirchlichen Gebrauch denken lässt. Das fünfte Gedicht behandelt einen neutestamentlichen Stoff, die Parabel vom Reichen und Lazarus , nach Lucas c. 16, v. 19 ff., in trochäischen Tetrametern. Es schliesst sich zum grossen Theil so unmittelbar seiner Vorlage an, dass die Worte so viel als möglich beibehalten sind, ja dass ganze Halbverse Wort für Wort der Bibel entlehnt sind. So im Anfang Homo quidam erat dives vgl. l. l. v. 19, Str. 5 Mortuus est autem dives vgl. v. 22 (wo allerdings noch et vor dives eingeschaltet); oder nur mit Umstellung: Str. 3 ulcera eius lingebant vgl. v. 21: et lingebant ulcera eius . Die Strophe 11 ist in diesem Gedicht nach Str. 8 zu stellen. Das letzte der Gedichte ist inhaltlich und metrisch von besonderem Interesse. Auf die eigenthümliche Versbildung komme ich weiter unten zurück, hier sei nur bemerkt, dass es aus 44 Strophen von je fünf Langzeilen besteht. Es ist die älteste poetische Behandlung der im Mittelalter so beliebten, in den verschiedenen Nationalliteraturen in Prosa wie in Versen, auch in mannichfach veränderter Gestalt bearbeiteten Legende vom heil. Eustachius . S. Acta S. S. Boll. Sept. T. VI p. 123 ff., und über die Verbreitung der Legende in der mittelalterlichen Literatur: Dos obras didácticas y dos leyendas sacadas de manuscritos de la Biblioteca del Escorial; dalas á luz la Sociedad de Bibliófilos españoles . (Dr. Hermann Knust ist der Herausgeber.) Madrid 1878. p. 107 ff. u. vgl. p. 87 ff. Er hiess als Heide Placidas und war nach unserem Gedicht unter Trajan Magister militum , reich und tapfer, aber auch ein Freund der Armen. Ein »grosser Waidmann und Bogenschütze « sah er einst auf der Jagd einen glänzend weissen Hirsch; er verfolgt ihn lange, da erblickt er den Hirsch die Spitze eines Felsen erklimmen und zwischen seinen Geweihen das Bild des gekreuzigten Christus, und vernimmt eine Stimme, die ihm (wie einst dem Saulus) zuruft: Warum verfolgst du mich? Ich bin Jesus, an den du zwar nicht glaubst, den du aber in guten Werken zu verehren scheinst. Placidas fragt erschrocken, was er thun soll. Er wird an einen christlichen Priester gewiesen. Hierauf lässt er mit seinem ganzen Hause sich taufen, und erhält seinen christlichen Namen, der in unserm Gedichte Eustasius lautet. In den Wald zurückgekehrt, hört er wieder die Stimme 320 des Herrn, die ihm verkündet, er werde viel Unglück haben, schliesslich aber die Märtyrerkrone erhalten. Nun werden seine Leiden erzählt. Pestilenz befällt sein Haus, Räuber stehlen sein Vermögen; nichts bleibt ihm von aller seiner Herrlichkeit übrig als sein Weib und zwei Knaben. Weil er den Nachbarn ein Spott, zieht er mit ihnen heimlich weg gen Aegypten. Der Schiffer aber, der sie über das Meer setzt, raubt das schöne Weib und Eustasius entgeht mit seinen Kleinen kaum dessen Nachstellungen. Mit ihnen kommt er zu dem Ufer eines Flusses, er trägt den einen Knaben hinüber und kehrt um, den andern zu holen; als er mitten im Flusse, sieht er einen Löwen den einen, einen Wolf den andern rauben. Die Kinder werden später aber gerettet von Hirten und Bauern. Der verzweifelte Vater wollte sich ertränken, da gedachte er des Worts des Herrn. Weinend zieht er nach Aegypten weiter, wo er Feldhüter wird. Zwölf Jahre vergehen: da fallen die Barbaren in Pannonien ein; der Kaiser sammelt ein Heer und erinnert sich nun des Placidas, der es führen soll. Er sendet darauf in alle Lande Soldaten aus, ihn aufzusuchen. Zwei entdecken ihn, obwohl er sich verläugnete, an einer Narbe. Zurückgeführt, wird er vom Kaiser mit Schätzen überhäuft und an die Spitze des Heeres gestellt. Als er sich den Grenzen Pannoniens nähert, strömen von allen Seiten ihm junge Krieger zu. Darunter sind auch seine zwei Söhne, die sich gegenseitig zu erkennen geben und zwar in Gegenwart ihrer Mutter, die sie durch ein Fenster belauscht – denn der Schiffer wohnt dort. Die Mutter will dann dem Feldherrn ihre Gefangenschaft klagen, dabei erkennt sie ihren Gemal, und die ganze Familie findet sich also wieder. – Der Name des Placidas aber schlägt schon allein die Barbaren in die Flucht. Dem zurückkehrenden Sieger kommt der »Cäsar gewordene« Hadrian entgegen. Eustasius aber verweigert zugleich mit den Seinigen den Göttern zu opfern, indem sie sich als Christen bekennen. Sie werden darauf einem Löwen vorgeworfen; der jedoch beleckt nur die Füsse der Heiligen. Nunmehr werden sie in einem ehernen Stier verbrannt, nachdem Eustasius Gott gebeten, ihren Leibern ein gemeinsames Begräbniss zu gewähren. Diese Bitte wird erfüllt, und ihr Märtyrthum erwirbt ihnen die Gemeinschaft mit Christus. Noch gehört diesem Zeitabschnitte ein merkwürdiges 321 rythmisches Gedicht an, das einen Stoff aus dem Alterthum behandelt, der einen der Hauptsagenkreise der späteren mittelalterlichen Epik bildet. Es ist ein, wie es scheint, nur fragmentarisch erhaltener Abecedarius in trochäischen catal. Tetrametern Er geht nur bis zum Buchstaben J. – Herausgeg. von Zarncke: Ueber das Fragment eines lateinischen Alexanderliedes in Verona. In den Berichten der k. sächs. Ges. d. Wiss. Philol. hist. Cl. 1877. Bd. 29, S. 57 ff. , welcher Alexander den Grossen auf Grund der aus dem Orient überlieferten Sage besingt. Alexander wird hier aber nicht als Kriegsheld, als Besieger des Orients, sondern als kühner Reisender gefeiert, der die ganze Welt, Länder wie Meere durchzogen. Dies besagt schon die erste Strophe:         Alexander puer magnus circumivit patriam         Usque ad mare oceanum, civitates, insulas,         Ante [quam] Christus fiat natus ex Maria virgine. Patria hat hier, wie auch sonst im Mittelalter die Bedeutung von terra , und ist daher nicht zu ändern. Er ist auch der Sohn eines Philisters und einer Bethanierin; von seiner königlichen Herkunft und Stellung ist nirgends die Rede. Nur Reisewunder werden berichtet. So besucht er das in Finsterniss begrabene Land, aus dem die Edelsteine stammen Vgl. Zacher, Pseudocallisthenes, Halle 1867. S. 141. ; in der Wüste fängt er ein Thier, halb Pferd, halb Stier – eine Erinnerung an den Bucephalus; er tödtet zahllose wilde Bestien; und macht die Luftfahrt mit den Greifen, als er hierbei in Lebensgefahr schwebt, gelobt er zu Gott, eine Stadt zu bauen, da, wo er herabkäme. Dort gründete er in der That Alexandria. Dies ist der Inhalt des Stücks.   Wenn wir nun die rythmische Profandichtung dieser Periode zugleich mit der der vorausgehenden hier überblicken, so finden wir einmal unter den Verfassern die verschiedensten Nationalitäten vertreten: Romanen und Germanen, letztere theils rein, theils romanisirt, und Iren. Iren sind: der Hibernicus exul und Sedulius Zu ihnen gesellt sich auch noch Dicuil, s. das letzte Kapitel. ; reine Germanen: Raban, Gottschalk, und vielleicht die Verfasser der Einhard beigelegten Passio und des Klagelieds auf den Abt Hug, (dazu wissen wir wenigstens von dem Angelsachsen Alcuin, dass er solche 322 Gedichte gemacht hat Dies bezeugt namentlich eine Stelle in Theodulfs Gedichten, l. III, c. 1, v. 136, wo es bei der Schilderung von der Unterhaltung an Karls Tafel (s. oben S. 79  f.) von Alcuin heisst: Et solvat numeri vincla favente ioco . ); romanisirte Germanen: der Langobarde Paulus Diaconus, der Westfranke Angelbert, wohl auch der Verfasser des Spottgedichts auf Angers; Romanen: Petrus von Pisa, Paulin von Aquileja und der Venezianer, der das Schimpflied auf diese Stadt dichtete. (Ausserdem sahen wir, dass in Spanien die rythmische Poesie überhaupt und lange Zeit allein gepflegt ward S. oben S. 300 , Anm. 3 und S. 301 , Anm. 4. ). Die uns bekannten Autoren sind Gelehrte oder Kleriker, alle aber zeigen mehr oder weniger wissenschaftliche Bildung. Wir machen ferner die Beobachtung, dass einzelne dieser rythmischen Dichtungen keinen volksmässigen Inhalt haben, auch nicht an das allgemeine Publikum sich wenden, wie der Wechselgesang des Paulus Diaconus und Petrus von Pisa, die Gedichte der beiden Iren und die Lieder des Gottschalk. Hier erscheint denn auch die populäre rythmische Form zum Scherz angewandt, wie ja auch Alcuin die Tafelrunde Karls gerade mit solchen Gedichten unterhielt. Von diesen Gedichten exclusiven Charakters absehend, können wir in Bezug auf den Inhalt folgende Kategorien unterscheiden: 1)  Schlachtlieder , so das auf Pippins Sieg über die Avaren und das auf die Schlacht von Fontanetum, das erstere ein Triumphlied, das andre ein Klagelied; 2)  Planctus , Klagelieder, so das auf den Tod Erichs, Karls, Hugs, auf den Fall Aquileja's; 3)  Schimpflieder , wie die gegen Benevent und Aquileja und gegen den Abt von Angers gerichteten; 4)  erzählende Gedichte, wie die Legenden oder die biblische Geschichte behandelnden, sowie das Alexandergedicht und das auf die Zerstörung von Mont-Glonne, wozu denn auch das Gedicht des Raban und die das Räthsel enthaltende Parabel, sowie das Gedicht des Paulus A principio seculorum zu rechnen sind, welches letztere allerdings mehr aufzählt als erzählt. Betrachten wir nun die in diesen Gedichten angewandten Versarten, so findet sich am häufigsten der aus dem trochäischen Tetrameter catal. hervorgegangene rythmische Vers, der also nach der vierten Senkung eine Cäsur hat, welche die 323 Langzeile in zwei Hemistichen zerlegt; er erscheint, wie in der christlichen Dichtung schon bei Prudentius Cathemerin. 9, Peristeph. 1, s. Bd. I, S. 249 u. 252. , zunächst zu dreizeiligen Strophen verbunden, die zu sechszeiligen werden können, wenn die Hemistichen als selbständige Verse nicht bloss geschrieben, sondern auch – und namentlich im Gegensatz zu den Langzeilen – durch den Reim gebunden werden. Letzteres kommt aber hier nur in ein paar Gedichten und auch da nur ausnahmsweise vor. In dem Lied auf die Schlacht von Fontanetum, z. B.:         Gramen illud ros et imber         Nec humectet pluvia,         In quo fortes ceciderunt         Proelio doctissimi;         Plangent illos qui fuerunt         Illo casu mortui. Der Reim der Kurzzeilen im Gegensatz zu den Langzeilen findet sich hier auch:         Ima vallis retrospexi         Verticemque iugeri         Ubi suos inimicos         Rex fortis Hlotharius                 –         – Ebenso in dem Lied auf Pippins Sieg Str. 2:         Multa mala iam fecerunt         Ab antico tempore.         Fana Dei destruxerunt         Atque monasteria,         Vasa aurea sacrata,         Argentea, fictilia. In dieser Versart sind verfasst einmal die Gedichte der ersten Kategorie, und mit Recht: war doch der trochäische Tetrameter catal. das Versmass der römischen Soldatenlieder und noch Prudentius, wie ich früher zeigte, sich dessen bewusst. Und so gehen denn auf diese Versart später auch die Redondillen der spanischen Romanzen zurück. – Und wie jene Soldatenlieder auch Spottlieder waren, so finden wir in dieser populären Versart auch die beiden ersten Gedichte der dritten Kategorie; nicht minder sind viele der vierten in ihr verfasst, so die dem Einhard beigelegte Passio und zwei der biblischen Erzählungen (Judith und Lazarus), wie das Gedicht auf Alexander und das A principio . Dazu kommt noch der Wechselgesang des Petrus und Paulus. – 324 Beachtenswerth ist noch, dass gerade diese Versart für Abecedarien beliebt erscheint: so sind solche das Gedicht Angelberts, die beiden zuerst genannten Schimpflieder und das Alexandergedicht, während A principio ein Acrostichon. Zarncke macht bei dem Alexandergedicht (a. a. O. S. 59) auch schon darauf aufmerksam. Zu seinen Hinweisungen lässt sich jetzt noch hinzufügen von den »Weiteren caroling. Rythmen«, die Dümmler Zeitschr. f. d. Alterth. N. F. XII, S. 151 ff. veröffentlicht hat, No. 1, 3 und 4. Der trochäische Rythmus musste sich für die volksmässige lateinische Dichtung von Beginn dadurch empfehlen, dass hier Ictus und Wortaccent leichter zusammenfielen. Und so finden wir denn in ihm auch eigenthümliche Versbildungen. So ist das Spottlied auf den Abt von Angers in einem Rythmus verfasst, der einem trochäischen catalectischen Trimeter entspricht, mit der Cäsur nach der zweiten Senkung. Das Schema ist – indem wir die Hebung hier immer durch das Zeichen der Länge, die Senkung durch das der Kürze bezeichnen:         – ᴗ – ᴗ | – ᴗ – ᴗ – ᴗ – Ich gebe als Beispiel die erste Strophe:         Andecavis abbas esse dicitur,         Ille nomen primum tenet hominum,         Hunc fatentur vinum velle bibere         Super omnes Andecavis homines.         Eia eia eia laudes, eia laudes dicamus Libero. Eine andre Auffassung des Verses rücksichtlich der Cäsur, wie sie Bartsch bei ähnlichen späteren lateinischen Versen in seinem interessanten Aufsatz: Ein keltisches Versmass im Provenzal. und Französ. (Zeitschr. f. roman. Philol. Bd. II, S. 195 ff.) darlegt, scheint mir hier nicht wohl zulässig, schon im Hinblick auf v. 1 der 3. Strophe: Iste gerit corpus inputribile. Es sind Strophen von vier solchen Versen, an die sich noch eine Refrainzeile anschliesst, die einen ganz irregulären rythmischen Charakter hat. Höchst merkwürdig ist die trochäische Versart, worin die zwei rythmischen Gedichte der beiden Iren S. oben S. 58 und S. 196 , Anm. 3. und diese allein verfasst sind, es sind Langzeilen, deren Hemistichen einem catalectischen trochäischen Dimeter entsprechen. Das Schema ist:         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – | – ᴗ – ᴗ – ᴗ – Dieser Rythmus ist nämlich der irischen Dichtung entlehnt. Und wie in ihr diese Langzeilen in der Regel paarweise gereimt 325 werden, so auch in dem Gedichte des Hibernicus exul Irisch:         a n- dorigne do fertaib | ní fail dorurme co cert         amra ro gab prainn Lugdach | trenfer di dé gaib a nert. Hibernic. exul:         Fer salutem Caesari | ac suis agminibus,         Gloriosis pueris | sacrisque virginibus. Vgl. Bartsch a. a. O. S. 218, der die irischen Beispiele Windisch verdankt. ; seltener erscheint in ihr der Reim der Hemistichen an der Stelle des der Langzeilen, dieser Reimweise begegnen wir, wenn auch nur bei einigen Versen, in dem Gedichte des Sedulius. Irisch:         ro bad imnain lá mad fír | ricfed Cuchulaind no thir Sedulius:         Ingentesque bachones | et cornuti multones         Multiplicesque gazae | Christi dono collatae. Auch in den beiden Liedern Gottschalks Vgl. oben S. 169 . findet sich der trochäische Rythmus, in dem einen durchaus, in dem andern grösstentheils. Der Grundvers in dem ersteren ( O Deus miseri ) ist der trochäische Dimeter. Das Versschema der siebenzeiligen Strophe siehe unten, die zwei ersten und der letzte Vers wiederholen sich in allen Strophen, und alle Verse in sämmtlichen Strophen reimen in i . Das Schema ist:         – ᴗ – ᴗ –         – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – Die erste Strophe lautet:         O Deus miseri         Miserere servi!         Ex quo enim me iussisti         Hunc in mundum nasci,         Prae cunctis ego amavi         Vanitate pasci.         Heu quid evenit mihi! Im ersten Vers ist Deus offenbar einsilbig zu lesen, wie es so öfters in der rythmischen Poesie gebraucht erscheint. In dem zweiten Liede ( O quid iubes pusiole ), das aus sechszeiligen Strophen besteht, sind die beiden ersten Verse eine Art rythmisch glyconischer, von der Cäsur abgesehen, die folgenden trochäische Dimeter.         – ᴗ – ᴗ | ᴗ – ᴗ –         – ᴗ – ᴗ | ᴗ – ᴗ –         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ         – ᴗ – ᴗ – ᴗ – Die erste Strophe lautet:         O quid iubes, pusiole?         Quare mandas, filiole,         Carmen dulce me cantare,         Cum sim longe exul valde,         Intra mare?         O cur iubes canere? 326 Hier wird nur der letzte Vers in allen Strophen als Refrain wiederholt. Aber auch hier findet Durchreimung durch alle Strophen statt, indem sämmtliche Verse des Gedichts in e reimen. Die Fülle des Reimes in diesen Gedichten, die schon ganz den Charakter des deutschen Liedes haben, ist höchst beachtenswerth, und werde ich bei der deutschen Dichtung dieser Periode später darauf zurückkommen. Der Reim ist dabei öfters ein erweiterter, indem er sich nicht bloss auf die auslautende Silbe, selbst wo diese den Ton hat, sondern auch auf vorausgehende erstreckt. Dass die verschiedenen Arten desselben sich ebenso schon in dem metrischen Vorwort der Epistel Gottschalks an Ratramnus finden, ist bereits früher bemerkt worden. S. oben S. 167 und 169 . Unter den iambischen Rythmen erscheint hier am gewöhnlichsten gebraucht die dem iambischen acat. Trimeter entsprechende Versart, welche nach der dritten Senkung die Cäsur hat. Das Schema ist also:         ᴗ – ᴗ – ᴗ | – ᴗ – ᴗ – ᴗ – In ihr sind sämmtliche Gedichte der zweiten Kategorie, die Planctus, geschrieben und auch eine der biblischen Erzählungen (Esther); doch ist eine Verschiedenheit in der Strophenbildung zu bemerken. Nur in zweien dieser Gedichte erscheinen die Langzeilen allein, in der Klage um Erich zu Strophen von fünf, in der Esther von vier Versen verbunden. Die erstere Strophenbildung begegnet uns beim quantitativen iambischen Trimeter schon in zwei Gedichten des Prudentius Cathemer. VII und Peristephan. X (der Passio des Romanus). – Die Planctus auf Aquileja und Hug sind auch in Strophen von vier Versen, von denen der letzte aber eine Kurzzeile ist, 327 welche sich als rythmischer Adonius darstellt. Ursprünglich wohl nur das erste Hemistich war; durch die Vertauschung des ersten Jambus mit einem Trochäus entstand aus: ᴗ – ᴗ – ᴗ: – ᴗ ᴗ – ᴗ. Jene Vertauschung ist in diesem Rythmus überhaupt häufig; einzelne Verse zeigen noch den ursprünglichen Charakter, z. B. im Planctus auf Aquileja Str. 15: ad mansionem . Vgl. oben S. 314 Anm. 2. Das Klagelied auf Karls des Grossen Tod ist in Strophen von zwei Langzeilen und einer Refrainkurzzeile. Heu mihi misero , oder Heu me dolens plango . (Vgl. oben S. 312 Anm. 2.) So ist die Strophenbildung in der Ausg. von Pertz; in der von Du Méril dagegen folgen die Refrainzeilen erst nach vier Langzeilen, so dass die Strophen dort fünfzeilige sind. In rythmischen iambischen Dimetern sind zwei der erzählenden Gedichte verfasst, das des Raban und das von der Zerstörung von Glonna; im ersteren sind diese Verse zu sechszeiligen Strophen, im zweiten zu vierzeiligen verbunden. Beide sind gereimt, in Rabans Gedicht ist der gepaarte Reim durchgeführt Z. B. Str. 3:         Ut tuam laudem famine         In primis possim dicere,         Magnam miram ac praeclaram         Digna voce iustissimam;         Meaeque sim miseriae         Compunctus memor ultimae. , nur dass mitunter gleiche Reimpaare auf einander folgen; in dem andern herrscht der Monorim vor S. ein Beispiel oben S. 315 Anm. 3. , und derselbe Reim, der alle Verse der Strophe bindet, erstreckt sich auch über mehrere, ja eine ganze Reihe von Strophen: so lauten alle Verse der sechs ersten Strophen in  a , der sechs folgenden in  us aus, danach tritt aber ein öfterer Wechsel ein, und auch mitunter Reimpaare. Ganz eigenthümliche iambische Rythmen zeigen die Parabel und die Legende des Placidas. Das Schema des ersteren Gedichts ist: ᴗ – ᴗ – ᴗ ᴗ – ᴗ –; im dritten Fusse also eine Doppelsenkung.         Audite versus parabole         De quodam puero nobile:         Dum iret in solitudine         Aprum cum canibus querere,         Invenit eum celeriter. Von einer bestimmten Cäsur ist bei dieser Kurzzeile so wenig, als bei dem rythmischen iambischen 328 Dimeter die Rede, eben weil es Kurzzeilen sind. Fünf Verse bilden eine Strophe; der Reim findet sich nur sporadisch. – Noch merkwürdiger ist der Rythmus des Placidas. Er stellt sich folgendermassen dar: ᴗ – ᴗ – ᴗ – ᴗ | ᴗ – ᴗ – ᴗ – bzw. ᴗ – ᴗ – ᴗ ᴗ – ᴗ | ᴗ – ᴗ – ᴗ –; im dritten Fusse kann also eine Doppelsenkung eintreten, ja sie tritt sogar ganz gewöhnlich ein, doch nie, wenn im Fusse vorher eine schwebende Betonung ist, um eine dreisilbige Senkung zu vermeiden. Die schwebende Betonung zeige ich durch einen Gravis an:         Dùm per spàcia múlta | post éum cúrrerét,         Ascéndit cérvus in súmmum | saxórum vérticém.         Placídas dúm perpensáret | quid íllic fácerét,         Vìdit in córnibus éius | crùcis imáginém         Et ínter córnua púlcram | Chrìsti effígiém. Ueber die griechische Betonung der Eigennamen s. meinen Aufsatz. Fünf Verse bilden auch hier eine Strophe, der Reim findet sich hier öfters, aber ganz willkürlich und regellos, die in der Anmerkung mitgetheilte Strophe ist darin durchaus nicht massgebend.   Achtzehntes Kapitel. Historiographie. Heiligenleben und Translationen Ostfranciens. Es bleibt uns nur noch übrig, die Geschichte der Historiographie Vgl. Waitz, Ueber die Entwicklung der deutschen Historiographie im Mittelalter, in: Schmidts Zeitschr. f. Geschichtswissensch. Bd. 2, S. 39 ff. in diesem Zeitraume zu verfolgen, soweit wir sie nicht schon bei den einzelnen Autoren, deren literarischer Schwerpunkt auf andern Gebieten lag, bereits berührt haben; wir wollen also hier die Werke derer, die nur oder vorzugsweise Geschichtschreiber waren, im Zusammenhang betrachten. Vier Hauptgattungen der Historiographie dieser Zeit können wir unterscheiden, von welchen drei auch in dem vorausgehenden Zeitraume sich vertreten finden. Die erste, die älteste in der christlich-lateinischen Literatur überhaupt, und die am meisten gepflegte, ist die Vita , die Lebensgeschichte, die seit Einhard in zwei Arten sich scheidet: erstens das 329 Heiligenleben , das noch immer und durch das ganze Mittelalter vorherrscht; von dieser Art haben wir schon manche Werke auch dieses Zeitraums gelegentlich betrachtet. Als eine besondere Species der Vita Sanctorum ist aber anzufügen die Translation , d. h. die Geschichte der Ueberführung der Gebeine der Heiligen, die gewissermassen eine Ergänzung der Vita ist, namentlich durch die Erzählung der Wunder, die von dem Heiligen nach seinem Tode ausgingen; die Translation erscheint daher nicht selten mit der Vita verbunden, aber auch ganz selbständig, wovon ein rechtes Beispiel im vorigen Buche die von Einhard verfasste lieferte. Die zweite Art der Vita ist die weltliche, politische Lebensbeschreibung, die erst mit der Vita Caroli Einhards wieder auftritt. Den Uebergang zu ihr von dem Heiligenleben bilden solche Vitae, die Geistlichen, beziehungsweise selbst Heiligen gewidmet sind, welche zugleich eine politische Rolle gespielt haben, wie die von Paschasius verfassten, welche wir oben bereits behandelten. Seite 236 ff. und 239 ff. Dergleichen Heiligenleben fanden sich ja auch schon viel früher, wie das des heil. Leodegar von dem Mönche von St. Symphorian. S. Bd. I, S. 577 f. Die zweite Hauptgattung der Historiographie bildet die Geschichtschreibung des Jahrbuchs, die Annalen , und zwar einmal die des Reichs, dann die kleinerer Gebiete, in unserm Zeitraume nur von Bisthümern und Klöstern. Man kann, wie wir schon oben Seite 97  f. bemerkten, zwei Arten der Annalen unterscheiden, die erste ursprüngliche, die eigentlichen, welche Jahr für Jahr gleichzeitig mit den Ereignissen geschrieben werden, die zweite die Annalen im weiteren Sinne, welche auf Grund der ersten die Geschichte der näheren oder ferneren Vergangenheit von Jahr zu Jahr erzählen, und von demselben Verfasser fortgesetzt, auch wieder zu Annalen im engeren Sinne werden können. Mit der zweiten Art der Jahrbücher ist die Chronik identisch. – Diese zweite Hauptgattung der Historiographie kann sich mit der ersten vermischen, indem die Lebensgeschichte, sei es eines einzelnen, wie eines Königs, oder auch mehrerer, wie einer Reihe von Bischöfen oder Aebten, zur Chronik werden kann. Die dritte Hauptgattung, in der vorigen Periode nicht 330 vertreten ist die Weltchronik , mit der Eusebius-Hieronymus den Anfang machte S. Bd. I, S. 199 ff. ; die vierte endlich ist die Nationalgeschichte , wie im vorigen Zeitraume des Paulus Diaconus Langobardengeschichte.   Indem ich nun mit der ersten Hauptgattung beginne, gedenke ich zunächst der von mir noch nicht behandelten Heiligenleben dieses Zeitraums, die formell oder inhaltlich von Interesse sind; und beginne mit Ostfrancien. Einige schliessen sich an schon betrachtete an, insofern sie das Leben der Biographen derselben zum Gegenstand haben. Zu ihnen gehört sogleich eins der älteren, die Vita Eigilis , die Lebensbeschreibung jenes Abtes von Fulda, welcher selbst das Leben Sturms geschrieben. S. oben S. 104 . Sie ist verfasst von Bruun , genannt Candidus Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. saec. IV, pars  1, p. 217 ff. – – Wattenbach I, S. 189 f. , der schon unter dem Vorgänger Eigils, Ratgar, in Fulda Mönch war. Von dem letzteren zu seiner weiteren Ausbildung zu Einhard gesandt, zeichnete er sich, eines solchen Lehrers würdig, nicht bloss als Gelehrter, sondern auch als Künstler aus. Wie er später unter dem Abte Raban als Magister an der Schule wirkte, so hat er auch die Absis des Grabs des Bonifatius gemalt. Er sagt beides selbst in der Vita metrica Eigilis , c. 17 Ende, in folgenden Versen:         Quamque (sc. absida) egomet, quondam hac Christi nutritus in aula,         Presbyter et monachus Bruun vilisque magister         Depinxi ingenio tenui parvaque Minerva         Formans expressi varios ferrugine vultus. Auf Eigils Anregung hatte er das Leben Baugulfs, das leider verloren ist, geschrieben (§. 2). Denselben Dienst wollte er nun Eigil selbst, der ihm besondere Theilnahme geschenkt, leisten, als ihn Raban zu literarischer Thätigkeit aufforderte unter Hinweisung auf sein »in Prosa und Versen verfasstes Werk« über das heilige Kreuz. Dem gemäss behandelte Bruun auch die Vita Eigilis in zwei Büchern, das eine in Prosa, das andre in Hexametern, welche Bücher aber, wie er selbst in der Praefatio des ersten sagt, ein Werk bilden sollten, da auch das eine das andre ergänze; und dies ist in der That auch hier und da der Fall. So ist, obgleich im allgemeinen im 331 zweiten Buche nur wiederholt wird, was das erste in Prosa erzählt, die Beschreibung der Translation der Gebeine des Bonifatius dort (c. 17) weit ausführlicher, worauf auch in der Prosa in demselben Kapitel hingewiesen wird Mit den Worten: sicut in sequenti libro manifestissime continetur . ; und so wird auch am Schlusse des zweiten Buchs, und damit allerdings des ganzen Werks ein Lob des Heiligen gegeben, das am Ende der Prosa fehlt. Andrerseits findet sich in der Poesie auch einzelnes weggelassen oder gekürzt. Wie dem ersten Buche eine prosaische Vorrede, geht dem zweiten eine in asklepiadeischen Versen verfasste voraus, in welchen beiden der Autor das Werk seinem Compresbyter Modestus widmet. Diese Vita ist weit davon entfernt, ein gewöhnliches Heiligenleben zu sein. Sie ist namentlich in dem prosaischen Buche eine wichtige Quelle für die Geschichte des Klosters Fulda, welches damals von so grosser Bedeutung war. Diesem allgemeineren historischen Interesse wird von dem Verfasser besonders Rechnung getragen, der darin nur dem Beispiele seines Helden selbst in dessen Biographie Sturms folgt. S. oben S. 105 . So wird die Wahl Eigils zum Abt, die allerdings nach dem auf die Absetzung Ratgars folgenden Interregnum von besonderer Wichtigkeit war, in dem Prosabuche so ausführlich erzählt, dass sie die Hälfte seines Raumes einnimmt. Die erregten Verhandlungen der Mönche unter einander vor der Wahl werden durch Mittheilung ihrer Reden auf das lebendigste geschildert, indem den verschiedenen Wünschen und Erwägungen in ihnen Ausdruck gegeben wird. Als aber nach der Wahl der neue Abt im Gefolge einer Schaar seiner Mönche dem Kaiser sich vorstellt, lässt der Autor den frommen Ludwig zwei lange Reden halten, in welchen derselbe die Mönche und den Abt an ihre Pflichten, namentlich auch die gegenseitigen, erinnert und dabei indirect eine Kritik des Regimentes des abgesetzten Ratgar gibt. Dass diese Reden auf wirklichen Ansprachen Ludwigs beruhen, zeigt der Verfasser selbst in dem Vorworte an: nur hat er letztere rhetorisch weit ausgesponnen und mit theologischer Gelehrsamkeit geschmückt. Auf diese Reden bezieht sich die Stelle im Vorwort, welche beginnt: In quibus (sc. libris) nimirum Ludovici serenissimi Augusti clementiam circa nos factam reverenter expressi, cuius commonitionem atque doctrinam etsi ita ut ab eo prolatae sunt, ad integrum explanare nequivi etc. Wattenbach scheint die Stelle nicht berücksichtigt zu haben, wenn er sagt: »Darauf versucht sich der Verfasser in langen Reden, die man nun einmal nach dem Vorbild des Alterthums als nothwendig betrachtete.« – Hierauf 332 gedenkt Candidus namentlich der bedeutenden Bauten, welche Eigil ausführen liess, genauer; selbst Alter und Kränklichkeit hielten ihn davon nicht ab. Theilte er so auch die Baulust seines Vorgängers, so verfuhr er doch dabei, ganz im Gegensatze zu ihm, durchaus im Einverständniss mit seinen Mönchen, mit denen der milde, gebildete Mann überhaupt in bester Gemeinschaft lebte. Sein reges wissenschaftliches Interesse hatten wir schon früher Gelegenheit zu erwähnen. S. oben S. 122 .   Dies Feld der Geschichtschreibung hat noch besonders gepflegt ein andrer Fuldaer Mönch, der auch als Annalist sich hervorgethan hat. Es ist Rudolf , der auch ein Schüler des Raban war und in Fulda unterrichtete S. oben S. 179 . ; er wird bei seinem Tode 865 in den Fulder Reichsannalen als ein berühmter Gelehrter, namentlich Historiker, aber auch Poet bezeichnet Ruodolfus Fuldensis coenobii presbyter et monachus, qui apud totius pene Germaniae partes doctor egregius et insignis floruit historiographus et poeta, atque omnium artium nobilissimus auctor habebatur. Monum. Germ. hist. Script. I, p. 378. ; doch haben sich keine Dichtungen von ihm erhalten; seine hervorragende wissenschaftliche Bildung aber wird durch seine historischen Werke bezeugt, denen auch mit Recht Reinheit und Klarheit des Ausdrucks nachgerühmt wird. So von Dümmler, Gesch. d. ostfränk. Reichs Bd. I, S. 877. In welche nahe Beziehungen er zu seinem Könige, Ludwig dem Deutschen, trat, werden wir weiter unten bemerken. Rudolf verfasste zunächst, und zwar auf das Gebot seines »Abtes« Raban Schon hiernach lässt sich die Zeit der Abfassung ungefähr bestimmen, genauer aber noch dadurch, dass Rudolf hier der Translation der Gebeine der Lioba auf den Petersberg nicht gedenkt (c. 23), welche durch Raban 838 erfolgte. Er erwähnt sie dagegen in der sogen. Vita Rabani c. 47. , das Leben der heil. Lioba , Aebtissin von 333 Bischofsheim an der Tauber. Vita S. Liobae in Mabillons Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. III, pars  2, pag. 221 ff. – – Rettberg, Kirchengesch. Deutschl. II, S. 336 ff. Sie gehörte zu jenen gelehrten angelsächsischen Frauen, die Bonifatius zur Unterstützung seiner missionaren Thätigkeit nach Deutschland berief, um sie an die Spitze von Klöstern zu stellen; Lioba war dazu eine Verwandte von ihm, und stand zu ihm, wie schon die erhaltene Correspondenz beider zeigt S. epp. Bonif. 23, 91, 93, 97. von welchen der erste von Lioba, in Jaffé's Monum. Moguntina , Berlin 1866. , in besonders naher Beziehung. Sie hatte den Schleier in dem Kloster Winbrunn in Britannien genommen, welchem die ausgezeichnete Aebtissin Tetta vorstand. Dieser als ihrer Erzieherin glaubt Rudolf zuerst ausführlicher gedenken zu müssen. Er erzählt dann, wie Lioba, schon bei ihrer Geburt der Kirche geweiht, in dem Kloster als junges Mädchen durch wissenschaftlichen Eifer und sittliches Streben die Liebe ihrer Oberen gewann. Und so musste sie denn ganz besonders berufen sein, die Wünsche des Bonifatius als Aebtissin zu erfüllen. In der That wurde ihr Kloster ein Pflanzstätte von Lehrerinnen ( magistrae ) anderer in Deutschland (c. 11). Ihr gelehrter Ruf, ihre Tugenden und ihre liebenswürdige Persönlichkeit führten ihm immer von neuem Töchter der Edlen und solche Matronen, die aus dem Leben sich zurückziehen wollten, zu. Sie liebte dabei auch den Verkehr mit der Aussenwelt: so besuchte sie öfters das Kloster Fulda und den Hof Karls des Grossen, mit dessen Gemalin Hildegard sie sehr befreundet wurde. Im höheren Alter zog sie sich in ein Kloster bei Mainz zurück, wo sie nach einem letzten Besuch bei der Königin starb (wahrscheinlich 779). Sie wurde in Fulda bestattet, wenn auch nicht in demselben Grabe als Bonifatius, wie dieser gewünscht hatte, doch in seiner Nähe; später aber wurden ihre Gebeine in die neue Kirche und dann auf den Petersberg transferirt. Im Eingange des Buchs erwähnt Rudolf seine Quellen; es sind Aufzeichnungen »ehrwürdiger Männer«, namentlich eines Mönches Mago, auf Grund der Mittheilungen von vier Schülerinnen der Heiligen, sowie mündliche Tradition: die Wahrheit dieser Berichte soll, wie Rudolf meint, nicht bloss durch die Ehrlichkeit ihrer Erstatter, sondern auch durch 334 die Wunder, »die bei den Gebeinen der Heiligen häufig zu geschehen pflegen«, gewährleistet werden. Nichts zeigt besser, wie fest Rudolf an diese Wunder glaubte, und welchen Werth er auf sie legte. Und so werden denn nicht bloss alle Mirakel, die Lioba im Leben wie nach dem Tode vollbrachte – und von denen sich manche sehr leicht natürlich erklären – von ihm ausführlich und mit besonderer Lebendigkeit erzählt, sondern er gedenkt auch solcher von ihrer Lehrerin Tetta. So handelte Rudolf auch durchaus im Sinne seines Lehrers Raban, und musste daher ganz besonders zu der Abfassung eines Werkes berufen sein, in dem er sich die Aufgabe stellte, die Kräfte und Wunder zu beschreiben, die von den unter Raban in das Fuldaer Gebiet eingeführten Reliquien in der Neuzeit ausgegangen waren. – – scribere nitor virtutes et miracula quae Deus per sanctos suos modernis temporibus facere dignatus est, quorum sacri cineres, regionem nostram illati, quotidie fidelibus causa salutis existunt. c. 1. Es ist dies die sogenannte Vita Rabani . In Mabillons Acta S. S. ord. S. Bened., Saec. IV, pars  2, p. 1 ff. – Ingleichen im 1. Bd. der Opera Rabani . – Der Verfasser beginnt damit, in der Kürze zu zeigen, wie in den Zeiten Ludwigs des Frommen der Reliquienimport von Rom nach Francien in Schwung gekommen (wobei er auch der Einhardischen gedenkt), geht dann auf das Kloster Fulda über und seinen Abt Raban, von dem er namentlich rühmt, dass er viele Kirchen, vornehmlich in den Cellen Fulda's, gebaut habe, welche er durch von allen Seiten her gesammelte Reliquien geweiht hätte (c. 5 Ende). Dies war offenbar das Hauptmotiv von Rabans leidenschaftlichem Reliquiensammeleifer, den vollauf zu befriedigen durch die neue Industrie verschmitzter Italiener, sowohl Geistlicher als Laien, mit heiligen Gebeinen jenseits der Alpen zu handeln, nicht schwer war. Da hatte z. B. der aus der Einhardschen Translation bekannte Diacon Deusdona zu gleicher Zeit einen Schenkel und Fuss des h. Alexander, einen Arm des Felicissimus, ein Haupt der Concordia, einen Zahn des h. Sebastian u. s. w. zu verkaufen. Raban nahm alles, was er bekommen konnte; von irgendwelcher Beglaubigung oder einer Kritik der Aechtheit der Waare ist nirgends die Rede. Den versprochenen und angekündigten Reliquien wurde dann eine festliche Einführung oder auch aus grösserer Ferne eine feierliche Translation durch 335 entgegengesandte Boten zu Theil, unter denen sich ein paarmal auch Rudolf selbst befand, der dann als Augenzeuge von den Wundern, die sich auf dem Wege an dem Sarge begaben, berichten konnte. So c. 19 Ende: caetera (sc. miracula) vero, quae scripturus sum, ipse coram positus vidi, quia ex eis qui ad perferendos sacros cineres missi fuerunt, unus eram. Vgl. auch c. 34. Die Bestattung der Gebeine in den Kirchen und die ihnen von Raban gewidmeten Epigramme werden nicht minder sorgfältig von dem Verfasser erwähnt. Am Schlusse seiner Erzählung aber erklärt er, dass er noch nicht aller von Raban gesammelten Reliquien gedacht, dies jedoch geeigneten Orts später thun wolle (c. 49). Doch hiermit endet das Buch noch nicht, vielmehr kehrt Rudolf noch einmal zu Raban zurück, der als der Sammler der Reliquien gleichsam der Held der Erzählung ist, um zu berichten, wie derselbe nach 20 Jahren seine Abtwürde niedergelegt und sich nun ganz seinen Studien gewidmet; worauf er dann noch eine Liste seiner Werke bis zu diesem Zeitpunkte folgen lässt. Denn das grosse Werk De universo (s. oben S. 134 ) wird hier nicht erwähnt. Rudolfs Schrift ist aber später verfasst, wie schon in dem Satze, wo von der Zurückgezogenheit Rabans auf dem Petersberg die Rede ist, der Gebrauch des Imperfect zeigt: ibique manens ac deo serviens, coelesti philosophiae vacabat (c. 50 init.) . Durch diese drei letzten Kapitel (50–52) erklärt sich denn auch der falsche Titel Vita Rabani , dem man dem Buche seit lange gegeben. Dasselbe enthält übrigens manches nicht bloss für die Biographie Rabans interessante, sondern auch sonst historisch denkwürdige. Noch eine, und geschichtlich bedeutendere Translation Translatio S. Alexandri ed. Pertz in: Monum. German. histor. Script. T. II, p. 673 ff. übernahm Rudolf zu verfassen, und zwar auf den Wunsch des Translators selbst. Es war dies ein Enkel des berühmten Widukind, Waltbraht, welcher den unversehrten ( integrum ) Leib des Märtyrers Alexander , Sohnes der Felicitas, im J. 851 von Rom als Geschenk des Papstes nach Wildeshausen gebracht hatte. Rudolf aber begann nur die Schrift, indem er bloss die Einleitung, welche zur Motivirung des Unternehmens des Waltbraht dient, verfasste. Durch den Tod wurde er an der Fortsetzung gehindert, worauf sein Schüler Meginhard die Schrift vollendete, wie uns dieser in einer Widmung an 336 den Priester Sunderolt, späteren Erzbischof von Mainz, berichtet. Waltbraht, der am Hofe Lothars erzogen, zu dessen Palatinen gehörte, ein frommer Mann, wünschte durch die Reliquien, die er vom Papste selbst erhielt und in seine Heimath schaffte, die zum grossen Theil noch immer im heidnischen Aberglauben befangenen Landsleute zur wahren Religion zu bekehren. Diesen Wunsch zu begründen, beginnt nun Rudolf die Schrift nach kurzer Andeutung der sagenhaften Herkunft der Sachsen, der Lage ihres Gebiets und ihrer Standesverhältnisse – wobei er die leibliche und sittliche Tüchtigkeit der Sachsen rühmt – mit einer Darstellung der heidnischen »Irrthümer«, in welchen sie befangen waren, um dann im dritten Kapitel zu berichten, wie sie von Karl dem Grossen allmählich besiegt, das Christenthum anzunehmen gezwungen wurden, und ihr Haupt Widukind selbst von Karl aus der Taufe gehoben wurde. Fast diese ganze Darstellung besteht aber nur aus wörtlichen Excerpten, in den beiden ersten Kapiteln aus Tacitus' Germania, in dem dritten aus Einhards Vita Caroli , c. 7. – Vom vierten Kapitel an schreibt schon Meginhard, der nun erzählt, wie Waltbraht sein Unternehmen mit der Unterstützung des Kaisers durchführte, der selbst den Papst um die Reliquien bat. Dieses Schreiben, sowie die Geleitsbriefe des Kaisers an seinen Sohn, den König von Italien, und die Primaten dieses Landes, werden hier wörtlich mitgetheilt. Die feierliche Uebergabe der Reliquien durch den Papst, sowie ihre Translation und die obligaten Wunder, die bei derselben und auch nachher von ihnen ausgingen, werden dann im herkömmlichen Stile erzählt.   Schon früher hatte aber eine andre Translation nach Sachsen stattgefunden, von der wir auch einen ausführlichen Bericht haben, welcher zu einem Büchlein von mannichfachem historischen Interesse erweitert worden ist. Es ist die i. J. 836 ausgeführte Uebertragung des heil.  Veit Translatio S. Viti in: Monumenta Corbeiensia ed. Jaffé. Berlin 1854. (Tom. I der Bibliotheca rer. germanicar. ) pag. 3 ff. von St. Denis nach dem noch nicht lange gegründeten, für die Christianisirung Sachsens so wichtigen Kloster Corvey. Diese Uebertragung ist von einem Mönche des Klosters, der selbst an ihr Theil 337 nahm, ein Jahr darauf geschildert. Aber er, oder ein andrer hat sich mit diesem Berichte nicht begnügt Papebroch ( Acta SS. Iun. T. II) ist der letzteren Ansicht, indem er zwei Verfasser annimmt, der entgegengesetzten Jaffé, dem Enck, De S. Adalhardo , Münster 1873 (Dissert.) zustimmt. Ich halte, allein auf Grund der ganzen Darstellung, die Sache für zweifelhaft; für zweifellos dagegen dass der erste Abschnitt (bis »Anno 836« etc.) erst nach Abfassung des zweiten hinzugefügt ist, wie eine Vergleichung des Schlusses des ersten Abschnittes und des Anfangs des zweiten leicht zeigt. , vielmehr hat derselbe zur gründlichen Motivirung eine Erzählung von der Stiftung des Klosters und auch eine Nachricht darüber, wie jene Reliquien nach Westfrancien gekommen waren, vorausgesandt. Ein Laie hatte sie dorthin aus Italien gebracht. Corvey aber war eine Pflanzung Corbie's: dessen berühmter Abt Adalhard S. oben S. 237 ff. hatte zuerst den Gedanken einer solchen gefasst, da unter seinen Mönchen Sachsen sich befanden, die in Corbie ihre Ausbildung erhalten hatten. Nach seiner Verbannung war auch von seinem Nachfolger im Verein mit Adalhards Bruder Wala der Versuch einer Ausführung des Planes gemacht, aber an einem wenig geeigneten Orte. Erst Adalhard selbst war es vorbehalten, nach seiner Rückkehr aus dem Exil die rechte Stätte in dem Gebiete von Höxter aufzufinden und das sächsische Kloster, das neue Corbeia, zu gründen (822–23), dessen erster Abt 826 Warin wurde. Vier Jahre später wurde der Abt von St. Denis, Hilduin, dorthin verbannt; er versprach dem Kloster die Reliquien des heil. Vitus. – Hiernach wird die Translation, die namentlich im Sachsenlande, wo dergleichen noch neu war, grosses Aufsehen machte Igitur post dies aliquot regnum Saxonicum introeuntes ac recto calle gradientes, veniunt in villam, quae Sosat vocatur, ubi maximam multitudinem Saxonum obviam habuerunt, adeo ut incredibilis numerus videretur utriusque sexus. p. 21. , ausführlich erzählt mit allen den obligaten wunderbaren Heilungen, welche auch hier vornehmlich Blinde und Lahme betrafen. Bemerkenswerth ist, dass es doch auch nicht an Zweiflern fehlte, die sich, freilich ohne Erfolg nach unserm Autor, genauer erkundigten. Qua de re cum aliqui, ut solet in hac aetate, diffidentiam signi haberent et diligenter inquirerent nomenque ipsius percunctarentur, affuerunt plurimi vicini et cognati, qui eum a multo tempore claudum et in asello victum quaeritantem noverant. p. 19, vgl. auch p. 22. Noch gedenkt derselbe einiger Wunder, die sich 338 am Grabe des Heiligen in Corvey selbst in d. J. 836 und 837 zutrugen, um dann ohne einen äusseren Abschluss sein Werkchen zu endigen, so dass es scheint, als hätte er sich noch eine weitere Fortführung vorbehalten.   Eine recht gute Biographie fand der heil. Liudger , erster Bischof von Münster, den wir schon als Verfasser des Lebens des Gregor von Utrecht oben erwähnten; dieselbe ist von einem seiner Verwandten, der auch sein zweiter Nachfolger auf dem Bischofsstuhle war, Altfrid Vita Liudgeri auctore Altfrido ed. Pertz in: Monum. Genn. hist. Script. T. II, p. 403 ff. – – Wattenbach I, S. 199 f. – Rettberg Bd. II, S. 425 ff. , auf den Wunsch des von Liudger gegründeten Klosters Werden geschrieben. Wie die an die Mönche desselben gerichtete Widmung zeigt, schrieb Altfrid als Bischof, also zwischen 839 und 849 (in welchem Jahre er starb), und zwar auf Grund von Mittheilungen von Augenzeugen, der nächsten Verwandten und Schüler des Liudger. – Die Biographie ist in drei Bücher – schwerlich aber von dem Verfasser selbst – eingetheilt, von welchen das erste das längste und interessanteste ist, dies bringt die eigentliche Lebensgeschichte, während das zweite die Wunder des Heiligen bei seinem Leben, zugleich mit einer Charakterzeichnung desselben (c. 6) und einer Schilderung seines Todes, das dritte aber die Wunder, die von seinen Reliquien ausgingen, enthält. Ein besonderes Interesse hat schon die Vorgeschichte des Heiligen. Liudgers Grossvater, Wursing war ein edler Friese, der schon als Heide durch ein tugendhaftes Leben sich auszeichnete. Deshalb von dem Könige Radbod verfolgt, floh er zu den Franken, wo er mit seiner Familie zum Christenthum übertrat. Nach der Eroberung Frieslands durch Karl Martell erhielt Wursing dort ein Beneficium, um den heil. Willibrord in seinem Bekehrungswerke zu unterstützen, mit welchem er, wie später mit Bonifaz, sehr vertraut wurde. Liudger zeigte schon in kindlichen Spielen Liebe zur Wissenschaft (c. 8). Auf seine eigne Bitte übergaben den Knaben die Eltern dem 339 Gregor von Utrecht zum Unterricht. Als er herangewachsen, trat er in Gregors Kloster und nahm an der berühmten Schule desselben Theil. S. oben S. 107 . Aber sein wissenschaftliches Streben ging noch weiter: nach York gesandt, lernte er Alcuin und seine Schule kennen, und verlangte nun, zurückgekehrt, diese besuchen zu dürfen, was ihm auch endlich von Gregor, der sich sehr ungern von ihm trennte, bewilligt wurde. Drei ein halb Jahr blieb er bei Alcuin, und nur ein zufälliger Umstand nöthigte ihn, denselben zu verlassen (c. 11). Liudger wirkte dann als Missionar an der Yssel, darauf, nach Gregors Tode, als Presbyter im Gau Ostrache, wo Bonifaz erschlagen worden Vgl. auch Vita Willehadi , c. 2. , und zugleich drei Monate des Jahrs an der Utrechter Schule (c. 15). Aus seiner Pfarre nach sieben Jahren durch die Sachsen vertrieben, besuchte er Rom und Montecasino, wo er die Regel des h. Benedict kennen lernte. Nach seiner Heimkehr aber erhielt er von Karl dem Grossen fünf friesische Gaue zur Seelsorge – in welcher Stellung er seine missionare Thätigkeit auch auf Helgoland ausdehnte (c. 19) – später im Anfange des neunten Jahrhunderts auch das neu errichtete Bisthum Münster. So entfaltete Liudger als Lehrer wie als Geistlicher eine ganz ausserordentliche segensreiche Wirksamkeit. Was nun die beiden von den Mirakeln handelnden Bücher betrifft, so interessirt uns nur der Eingang zu denselben, in welchem der Verfasser gesteht, dass der Dienst der evangelischen Predigt und die Erleuchtung vieler Herzen dem Wunder- und Zeichenthun allerdings vorzuziehen sei. Quamvis praeponendum sit ministerium evangelicae praedicationis et multorum illuminatio cordium operationibus miraculorum ostensionibusque signorum, ad honorem tamen largientis Domini stilo alligari fecimus, quae ab eodem sancto viro facta recolimus. l. II init. So werden denn die Mirakel gleichsam nur als Anhang gegeben. Auch hierin zeigt der Verfasser wieder die höhere Bildung, von welcher das erste Buch durch geschichtlich bedeutenden Inhalt wie klaren und einfachen Ausdruck das beste Zeugniss gibt.   Die wichtige Missionsthätigkeit im germanischen Norden, welche die Gründung der Bisthümer Bremen und Hamburg veranlasste, wird in zwei Vitae erzählt, die sich an den Namen 340 des ersten Hamburger Erzbischofs, Ansgar knüpfen, insofern er als der Autor der einen genannt wird und der Held der andern ist. Die erstere ist die Vita Willehadi Ed. Pertz in: Monum. German. hist. Script. T. II, p. 378 ff. – – Rettberg Bd. II, S. 451 ff. – Dehio, Geschichte des Erzbisthums Hamburg-Bremen bis zum Ausgang der Mission. Bd. I. Berlin 1877. S. 12 ff. und Krit. Ausführungen III. , eines Northumbriers, Schülers des Alcuin, der, wie andre Angelsachsen, als Missionar nach Friesland kam im Anfang der siebziger Jahre des achten Jahrhunderts. Er wirkte dort mit sehr wechselndem Erfolg, indem das unbesonnene Vorgehen seiner Schüler wieder verdarb, was seine Predigt erreicht hatte, und ihn selbst in die grösste Lebensgefahr brachte. Nach etwa einem Decennium wurde Willehad von Karl dem Grossen zur Mission in dem sächsischen Wichmodesgau berufen. Aber seine Thätigkeit beendete dort bald der letzte Aufstand Widukinds: erst nach dessen Taufe konnte er zur Mission zurückkehren; Karl liess ihn jetzt in Worms selbst zum Bischof weihen. Seinen Sitz nahm Willehad in Bremen, wo er eine Kirche »von wunderbarer Schönheit« baute, und so kann man wohl sagen, dass dies der erste Anfang des Bisthums Bremen war. Willehad aber starb schon zwei Jahre danach, 789. Diese Vita ist in schlichtem wohl ansprechendem Ausdruck geschrieben und nach 838 verfasst – denn es wird darin (c. 11) der Nachfolger Willehads, Willerich als verstorben erwähnt Vgl. Dehio I b , S. 51. – aber mindestens vor 860, der Translation des Heiligen in die neue Basilika durch Ansgar, da dieser Translation hier nicht gedacht wird, obgleich eine ihr vorausgehende, die durch Bischof Willerich geschah, doch Erwähnung findet. Am Schlusse der Vita beklagt der Verfasser, dass die vielen Wunder, die sich an dem Grabe des Heiligen, sowohl an der einen, wie an der andern Stelle, begeben hätten, nicht aufgezeichnet worden wären. Nur zwei wunderbare Ereignisse hätten in Bremen bisher die Glorie des Heiligen »göttlich offenbart«, nämlich dass sein Stab wie sein Kelch bei Feuersbrünsten unverletzt geblieben waren. Dieser Vita folgt unmittelbar ein andres Büchlein, worin »die Virtutes et miracula des Heiligen, welche in der Kirche 341 Bremens sich begaben«, berichtet werden; es sind aber nur solche des Jahres 860 So muss man wenigstens annehmen, wenn die am Schluss erwähnte Translation in demselben Jahre stattfand. , in welchem überhaupt, wie der Verfasser sagt, dieselben erst zu geschehen begannen. Es ist eine grössere Zahl von Heilungen, namentlich Blinder und Gelähmter, die alle mit Namen und Herkunft genannt werden. Am Schluss wird noch der durch den Verfasser C. 38: Verum nos , ne prolixior narratio onerosa fiat legentibus, haec et alia multa intermisimus – – Corpus autem ipsius sanctum – – nos cum maxima fidelium turma etc. in nova quam tunc dedicavimus, collocavimus basilica. vollzogenen Translation des Heiligen gedacht. Als Autor aber nennt sich in einem bevorwortenden Schreiben, worin die Mittheilung der Wunder gerechtfertigt wird, in ganz officieller Form Ansgar, Bischof von Bremen. Liegt nun hier keine Fälschung vor, so muss Ansgar der Verfasser dieses zweiten Buches sein, während in Betreff des ersten seine Autorschaft mindestens sehr unwahrscheinlich ist. Absolut unmöglich wäre sie nicht; es müsste dann Ansgar die Vita viel früher verfasst haben, als das andre Buch. Dass es ihm beigelegt wurde, erklärt sich leicht, da man schon frühe die beiden Bücher als ein Werk betrachtete. So Adam von Bremen, der allein Ansgar auch als Verfasser der Vita nennt, l. I, c. 33: Ipse enim qui transtulit, et vitam et miracula eius singulis libris comprehendit . Er sagt dies offenbar auf Grund des Schlusses des zweiten Buchs, wo die durch den Autor desselben vollzogene Translation berichtet wird. S. oben Anm. 2. Ein weit bedeutenderes Werk ist das Leben des heil. Ansgar selbst Vita S. Anskarii ed. Dahlmann in: Monum. German. hist. Scr. T. II, p. 683 ff. – – Dehio a. a. O. S. 42 ff. Krit. Ausführ. VI–IX. – Dümmler, Gesch. des ostfränk. Reichs Bd. I, S. 562 ff. , bald nach seinem Tode von seinem liebsten Schüler und Nachfolger in dem Erzbisthum Hamburg, Rimbert und einem Mitschüler desselben verfasst. S. Vita Rimberti c. 9, bei deren Behandlung wir auf Rimbert zurückkommen werden. Es ist den Mönchen von Corbie gewidmet. In die Schule dieses Klosters war Ansgar schon als fünfjähriger Knabe aufgenommen worden. Etwa im zwölften Jahre aber wurde er dort Mönch. Seine religiös extatische Natur gab sich schon frühe in Visionen 342 oder Träumen kund, in welchen seine erregte Phantasie ihm eine unmittelbare Leitung durch die Mächte des Himmels vorspiegelte. Sie kehrten ihm durch das ganze Leben wieder, wenn er in kritischen Lagen sich befand; durch sie wurde er in seinen Entschlüssen befestigt und mit Trost erfüllt. Eins dieser Traumgesichte, das er im dreizehnten Jahre hatte, wies ihm das ideale Ziel seines Lebens (c. 3). Der Tod Karls, des allmächtigen Kaisers, den er selbst in aller seiner Herrlichkeit gesehen, hatte ihn aufs tiefste erschüttert, indem er ihm die ganze Gebrechlichkeit des menschlichen Daseins zeigte. Nicht lange danach sah er im Traume sich gestorben und in die andre Welt versetzt; er stand die Qualen des Fegefeuers aus, dann aber kostete er die Seligkeit des Paradieses, und vernahm die Stimme Gottes, welche ihm zurief: Gehe und mit der Krone des Märtyrthums kehrst du zurück. – Ansgar aber verlor sich nicht im Mysticismus; er war wissenschaftlich so thätig und tüchtig, dass er bereits mit 15 Jahren vom Schüler zum Lehrer wurde, als welcher er sich vortrefflich bewährte. So war niemand mehr zum Missionar berufen, als er. Und für diese Laufbahn erhielt er nach einigen Jahren noch eine besondere Schulung. Er wurde nach dem neu gegründeten Corvey von Adalhard 823 mitgenommen Vgl. oben S. 337 . , um dort Vorstand der Schule zu werden; zugleich wurde er einstimmig zum Hauptprediger gewählt (c. 6). Hier galt es nur, das Christenthum Neubekehrter zu kräftigen. Seine eigentlich missionare Thätigkeit aber begann er, als er den Auftrag Ludwigs des Frommen übernahm, den in Ingelheim getauften Dänenkönig in seine Heimath zu begleiten (826). Vier Jahre später folgte er einer andern Aufforderung Ludwigs nach dem fernen, unbekannten Schweden. Trotz aller Widerwärtigkeit im Beginne der Reise, indem kurz vor der Landung Seeräuber ihn seiner ganzen Habe, namentlich der kaiserlichen Geschenke für den schwedischen König und seiner für den Gottesdienst bestimmten Bücher beraubten, (c. 10), blieb der muthige, Gott vertrauende Mann seiner Sendung getreu, die denn auch in Schweden dem Christenthum Bahn brach. Schon war dort die erste Kirche gebaut (c. 11), als Ansgar nach anderthalb Jahren heimkehrte, um dem Kaiser 343 Bericht abzustatten. Dieser, über die Erfolge desselben hoch erfreut, nahm einen Plan Karls des Grossen wieder auf, und errichtete in Hamburg ein Erzbisthum, in welchem die nordische Mission ihre sichere Stütze finden sollte; er verlieh dies Ansgar, der auch in Rom das Pallium und die Ernennung zum päpstlichen Legaten erhielt. In der Schule des von ihm dann in Hamburg gegründeten Klosters suchte er vornehmlich Missionare auszubilden, indem er unter den Dänen und Wenden Knaben zu dem Zwecke aufkaufte (c. 15). Aber der Hamburger Wirksamkeit wurde ein trauriges Ende bereitet, als i. J. 845 dänische Piraten die Stadt überfielen und zerstörten. Ansgar konnte nur sein Leben und die Reliquien retten. Zwei Jahre später erhielt er dagegen von Ludwig dem Deutschen das Bremer Bisthum, mit dem danach auch Hamburg vereinigt wurde (c. 22). Nun nahm Ansgar mit neuem Eifer seine missionare Thätigkeit wieder auf, indem er selbst nach Dänemark und Schweden sich begab und durch die Macht seiner bedeutenden Persönlichkeit, der namentlich auch die Könige jener Länder sich nicht zu entziehen vermochten, das dort unterdessen fast wieder zerstörte Christenthum zu neuem Leben erweckte. Ansgar starb, 64 Jahre alt, 865. Die merkwürdige Doppelnatur dieses Heiligen, der einerseits ein schwärmerischer Mönch war und das contemplative Einsiedlerleben über alles schätzte, wie er sich denn auch selbst als Bischof zeitweilig gern in die Einsamkeit zurückzog, der andrerseits aber die grösste Thatkraft zu entfalten vermochte und in der Wirksamkeit als Lehrer und Prediger unter den Heiden seine höchste Lebensaufgabe fand, – diese Doppelnatur spiegelt auch seine Biographie wieder, die uns ebensowohl alle seine Visionen, als seine wichtigsten Handlungen berichtet. Ja die ersteren werden von seinem Lieblingsschüler, dem er sie im tiefsten Vertrauen mitgetheilt, mitunter noch ausführlicher und eingehender erzählt. In ihnen musste sich ja nach seiner Anschauung die Bedeutung seines Helden am grössten und unmittelbarsten zeigen. Bieten diese Visionen kein andres als ein psychologisches Interesse, so sind dagegen die historischen Nachrichten, namentlich über die Verhältnisse des germanischen Nordens, die politischen wie religiösen, von unschätzbarem Werthe, der durch die Unbefangenheit der Darstellung und einen einfachen Ausdruck nur erhöht wird. 344   Neunzehntes Kapitel. Heiligenleben und Translationen Westfranciens. Auch in Westfrancien wurde, wie wir schon an manchen Beispielen sahen, diese Gattung der Geschichtschreibung nicht minder gepflegt. Unter den wichtigeren Werken nennen wir zuerst eins der ältesten: die Vita Alcuini Monumenta Alcuiniana (s. oben S. 12 , Anm. 1) p. 1 ff. , wichtig allerdings nur als die einzige zeitgenössische Biographie dieses so einflussreichen Mannes, dessen sie weder in materieller, noch in formeller Beziehung würdig ist. Sie ist von einem unbekannten Mönche, einem Schüler des Sigulf, welcher nach Alcuin Abt von Ferrières war, zwischen 823 und 829 verfasst So Wattenbach, Praef. p. 1. , und zwar auf Grund von Mittheilungen Scribam igitur fideliter quae ab eius fidelissimo tantum didici discipulo, Sigulfo scilicet, institutore meo, – – Prolog. dieses Lieblingsschülers Alcuins, der seinem Meister aus York nach dem Continente gefolgt war. Die Quelle, aus welcher der Verfasser schöpfte, war also in manchen Beziehungen eine gute, und doch hat er im allgemeinen nur ein Zerrbild seines Helden geliefert. Nicht im geringsten vermochte er die Bedeutung desselben zu erkennen. Einige Schuld trifft sicher auch Sigulf selbst, der offenbar zu der Zeit, als er dem Verfasser von Alcuin erzählte, schon ein blosser Betbruder geworden war, wie er denn im Alter seine Abtwürde in die Hände seines Schülers Aldrich niederlegte, um sich ganz der Askese zu widmen. Sigulf aber war schon todt, als unser Autor schrieb, während Aldrich noch Abt war, auf dessen Veranlassung er wahrscheinlich das Buch verfasste. Die Absicht, die ihn bei demselben leitete, spricht er selbst in dem Prolog aus. Es soll ein Heiligenleben, wie es sich gehört, sein, zur Erbauung geschrieben. Die alten Heiligen nachzuahmen, meint der Verfasser, wäre in seinem Zeitalter zu schwer, so müsse man vielmehr aus diesem selbst die Muster nehmen; ein solches sei Alcuin für die Canoniker, wie Benedict (von Aniane) für die Mönche. Die ganze Darstellung 345 wird von dieser Tendenz beherrscht. Der alte Abt von Tours, der auch wohl schon asketische Anwandlungen hatte, soll hier als Heiliger glorificirt werden; nur von seinem Leben in England und in Tours ist ausführlicher die Rede, während sein Aufenthalt am Hofe Karls mit ein paar Zeilen abgethan wird. In naiver Weise werden ihm Visionen, Prophezeiungen – die sich gar leicht natürlich erklären – und sogar Wunder (c. 12) angedichtet. Dagegen wird er zu einem Verächter der heidnischen Poeten, und insonderheit des Virgil gemacht Es ist dies die bekannte Stelle c. 10: Legerat isdem vir Domini (Alcuin) libros iuvenis antiquorum philosophorum Virgiliique mendacia, quae nolebat iam ipse nec audire neque discipulos suos legere , sufficiunt, inquiens, divini poetae vobis, nec egetis luxuriosa sermonis Virgilii vos pollui facundia . Aus dieser Stelle hat man dann die weitest gehenden Folgerungen gezogen, ohne den Charakter des Buchs, das sie enthält, und ihres Schreibers zu berücksichtigen. Das Geschichtchen, woran sich diese Aeusserung knüpft, ist offenbar dahin zu interpretiren, dass Sigulf mit seinen Schulknaben den Virgil zu einer ungehörigen Zeit las, wo das Kloster andre Pflichten gebot. Alcuin trat offenbar nur dem übertriebenen Virgilkultus entgegen, wie auch in seinem Brief an den Erzbischof Ricbod (ep. 216 ed. Jaffé); die scherzhafte Weise, worin dies dort geschieht, zeigt am besten, wie auch damals noch Alcuin seinen Virgil liebte, dessen anziehende Mythen man einmal herkömmlich im christlichen Jargon mendacia nannte, als Versicherung dass man nicht daran glaubte. Wie der beschränkte Mönch in der obigen Stelle übertrieben hat, kann eine andre der Vita zeigen, wo es (c. 4) von dem jugendlichen Alcuin in York heisst: »Hac autem insignitum virtute Albinum mira cum pietate veneremur, qui noluit absincium saecularis litteraturae nosse !!« – Sapienti sat! – zu einer Zeit, wo Raban noch bei ihm Metrik studirte! S. oben S. 122 . Das passte ja zu der frommen Tendenz. Seine » doctrina « ist unserm Autor nur eine » pia «; seine Schriften empfiehlt er auch nur zur Erbauung (c. 12). – Die Darstellung, mitunter gewürzt mit frommen Exclamationen und Betrachtungen in sehr geschraubtem Stile, zeigt auch die geringe humanistische Bildung dieses in seinem geistigen Horizont beschränkten Mönches. Bei alledem ist die Vita durch einzelne thatsächliche Mittheilungen wichtig, die wir in Alcuins Leben schon verwerthet haben.   Von dem berühmtesten geistlichen Zeitgenossen Alcuins, mit dem er in den letzten Lebensjahren auch viel freundschaftlich verkehrte, dem oben erwähnten Benedict haben wir 346 auch aus dieser Zeit eine Biographie, die aber weit umfänglicher und gründlicher als die Vita Alcuini ist. Sie ist das Werk des Aedo genannt Smaragdus Vita S. Benedicti abbatis Ananiensis in Mabillons Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV, pars  1, pag. 183 ff. , der Benedict besonders nahe stand und nach dessen Abgang von Aniane Vorstand dieses Klosters war Im Chronic. Moissiacense (Cod. Anan.) heisst es unter d. J. 814: ipse vero supradictus abbas (Benedict), antequam abiret in Francia, ordinavit in loco suo in monasterio Aniano abbatem nomine Smaragdum . Monum. Germ. hist. Script. T. II, p. 311 und vgl. Simson, Jahrb. I, S. 24, Anm. 4. An Smaragd ist ja auch die weiter unten erwähnte Relation gerichtet. , auf Bitten von Mönchen von Inden, die seine Schüler in Aniane gewesen, verfasst. Smaragd nahm, nachdem er ein Jahr lang gezögert, aus Furcht der Aufgabe nicht gewachsen zu sein (c. 1 u. 2) Namentlich fürchtete er auch die literarische Kritik wegen seines ungeschmückten und von Solöcismen nicht freien Ausdrucks, praesertim cum noverim vos sacrae aulae palatii adsistere foribus nec turbulenti rivuli sitire potum, quin potius ab indeficienti vena purissimi fontis sedulo sapientiae haurire fluenta. Beachtenswerth ist dieser Respect vor der Hofschule, der Smaragd selbst zu einer so gesuchten Redeweise, wie sie im ganzen Buche sich nicht wiederfindet, bewegt. , dieselbe 822 in Angriff. Benedict starb d. 11. Febr. 821, und die Bitte der Mönche ist ihrem Bericht über seinen Tod beigefügt. – Er starb 843, und wurde in seinem Kloster als ein Heiliger verehrt. Obgleich diese Vita kein ganz vollständiges Bild von der Thätigkeit ihres Helden liefert, namentlich seit der Zeit, wo derselbe Aniane verlassen, so lässt sie doch alle wichtigen Züge derselben erkennen und bietet ein reiches historisches Material dar, das um so werthvoller ist, je weniger an der Treue der Erzählung die Unbefangenheit der Darstellung zweifeln lässt, in welcher die Subjectivität des Verfassers ganz in den Hintergrund tritt. Dies zeigt sich recht da, wo er von der Klosterschule spricht; er beschränkt sich auf die in der folgenden Anmerkung gegebenen Worte. So ist auch der Stil einfach und ungesucht. Benedict, 750 geboren, hiess mit seinem weltlichen Namen Witiza, und war aus edlem gothischen Stamme, ein Sohn des tapferen Grafen von Magelone. Er wurde an dem Hofe Pippins erzogen und widmete sich zuerst dem Kriegsdienst. So nahm 347 er auch an dem langobardischen Feldzuge Karls des Grossen Theil. Eine Lebensgefahr, in die er auf ihm durch einen unglücklichen Zufall gerieth, reifte in ihm den schon länger gehegten Entschluss der Welt zu entsagen. Er führte ihn heimlich sogleich aus und trat in ein Kloster des Bisthums Langres. Hier gab er sich im Anfang der Askese in der übertriebensten, ja widerwärtigsten Weise hin (c. 7), indem er sogleich zu dem Höhepunkt derselben aufstrebend, die Regel Benedicts als nur für Anfänger und Kranke gut genug ansah (c. 8). Hiervon mit der Zeit zurückgekommen, verliess er nach des Abtes Tode das Kloster (779), um auf einer väterlichen Besitzung am Bache Anianus zunächst eine Cella, dann ein eignes Kloster zu gründen, das nach dem Bache seinen Namen erhielt (c. 14). Denn die Schaar seiner Schüler wuchs, trotzdem er streng auf die Beobachtung der Regel hielt und dies im Anfang bei der damaligen Verwilderung des Mönchthums manchen Widerstand fand. Aber sein sittliches Beispiel wirkte mit der Zeit ausserordentlich. Für seinen Charakter bezeichnend und seine Popularität erklärend ist, dass er Leibeigene, die seinem Kloster geschenkt wurden, freiliess (c. 14) und bei einer Hungersnoth die Bevölkerung mit kluger Besonnenheit auf das thatkräftigste unterstützte. Das Kloster entwickelte sich indess immer glänzender: eine prächtige Kirche ward erbaut und mit allem liturgischen Schmuck versehen, ganz im Gegensatz zu den einfachen Anfängen; aber es wurde von Benedict nicht minder für die Schule und deren Bibliothek gesorgt (c. 27). Instituit cantores, docuit lectores, habuit grammaticos, et scientia scripturarum peritos, de quibus etiam quidam post fuere episcopi, aggregavit. Librorum multitudinem congregavit. Die Zahl der Mönche stieg allmählich bis auf 300, welche, da die Gebäude nicht ausreichten, auch auf Cellen vertheilt wurden (c. 34). Schon Karl der Grosse erkannte Benedicts Wirksamkeit an, trotz aller gegen ihn am Hofe geschmiedeten Intriguen weltlicher und geistlicher Grossen (c. 41) Das folgende Kapitel enthält eine interessante Episode, indem darin das Mönchthum des in der Sage und Epik so berühmten Wilhelm Grafen von Toulouse geschildert wird, der ein Verehrer des Benedict, durch dessen Beihülfe im Alter in diesen Stand trat. Sein Leben als Mönch wird in allen Einzelheiten hier beschrieben. S. über Wilhelm auch oben S. 174 . , noch mehr aber sein 348 Sohn Ludwig, der bereits als König von Aquitanien alle Klöster dieser Provinz seiner reformatorischen Oberaufsicht unterstellte und ihm manche auch verlieh. Er wie seine Gemalin verehrten ihn sehr. Als Ludwig Kaiser geworden, gab er ihm, um nicht zu weit von ihm entfernt zu sein, das Kloster Maurmünster im Elsass; bald danach aber baute er ihm in nächster Nähe der Achener Pfalz das Kloster Inden, wo er nun täglich mit ihm verkehren konnte. Benedict wurde jetzt Obervorsteher aller Klöster des fränkischen Reichs, um sie, wie die Aquitaniens, zu reformiren (c. 50). Unter seiner Leitung wurde auf dem Achener Reichstag v. J. 817 die Benedictiner Regel verbessert und ergänzt. Sein Inden machte er zu einem Musterkloster; wie er dort die Regel ausführen liess, wird hier (c. 52) im einzelnen gezeigt. Auch die schriftstellerische Thätigkeit Benedicts bewegte sich nur auf diesem Gebiete (c. 53). Die Vita schliesst mit einer Schilderung seines Endes, welche eine Ergänzung in dem hinzugefügten an Smaragd gerichteten Briefe der Brüder von Inda findet, welcher einen Bericht von den letzten Lebenstagen Benedicts enthält. Diese Vita eines Zeitgenossen, der ein so thätiges, erfolgreiches Leben führte, von einem gelehrt gebildeten Magister geschrieben, hat, wie sich nicht anders erwarten lässt, den Charakter eines Geschichtswerks. Von Mirakeln ist nur beiläufig und in aller Kürze die Rede. So sagt der Verfasser selbst c. 39: Haec de miraculis nostris temporibus actis pauca dixisse sufficiat .   Noch eine, literarhistorisch merkwürdige Vita verdient hier erwähnt zu werden, es ist die des heil. Dionysius von dem schon mehrfach erwähnten Erzkanzler Hilduin Migne's Patrol. lat. T. 106, p. 14 ff. – S. über Hilduin u. a. S. 248 . , welcher seit 814 Abt von St. Denis war und Ludwig den Frommen nicht lange überlebte. Er macht in dieser Vita, allerdings schon auf Grund der Ansicht seiner Zeit Vgl. oben S. 259 . , den heil. Denis von Paris zum Areopagiten, indem er das wenige, was die Tradition von diesem berichtete, mit der Legende jenes leicht verschmelzen 349 konnte. Sein Buch befestigte dann aber die Meinung von der Identität der beiden für das ganze Mittelalter, ja noch darüber hinaus; daher schon ist es von historischer Bedeutung. Auch für die Nationalliteratur wurde die Legende des heiligen Denis, so wie sie Hilduins Vita darstellt, massgebend. Dieser aber hatte sein Werk auf die Aufforderung Ludwigs des Frommen, ja nach seiner Vorschrift unternommen. S. das Schreiben Ludwigs bei Migne l. l. T. 104, p. 1326 ff. Der letztere, auch von der Ansicht der Identität der beiden Dionysius ausgehend, wünschte nach seiner feierlichen Wiedereinsetzung in der Abtei St. Denis hierfür diesem Heiligen, dem schon seine Vorfahren, wie er an Hilduin schreibt, so viel verdankten, seine Erkenntlichkeit zu beweisen, und verlangte deshalb von dem Abte: alles sorgfältig zu sammeln und in einem Buche compendiös zu vereinigen, was er in Bezug auf den Heiligen in griechischen und lateinischen Werken und in den eigenen desselben fände – dies waren also die Quellen der Lebensgeschichte des Areopagiten – und dies mit dem aus der Passio des Heiligen und aus den sehr alten Urkunden der Pariser Kirche geschöpften – also das Material der Biographie des heil. Denis – zu verbinden. So erzählt denn Hilduin zuerst von Athen, schon um den Beinamen Areopagita zu erklären, von der Predigt des Paulus dort und wie Dionys sein Schüler wurde, der von da an drei Jahre sein unzertrennlicher Begleiter gewesen wäre. Darauf aber gedenkt er der Schriften desselben in einer Reihe von Kapiteln einzeln, kurz ihren Inhalt anzeigend. Nach dem Tode der Apostelfürsten, berichtet dann Hilduin weiter, kommt Dionys, der indessen im Orient gewirkt, nach Rom und wird vom Papst Clemens aufgefordert, Gallien zu bekehren. Er zieht mit einigen Begleitern dorthin, landet in dem Hafen von Arles und begiebt sich nach Paris, wo er mit dem grössten Erfolge das Evangelium verkündet und die erste Kirche baut. Seine heidnischen Gegner aber denunciren ihn deshalb bei Domitian, der über diese Fortschritte des Christenthums erbittert, eine allgemeine Christenverfolgung beschliesst und einen Präfecten speciell zur Verfolgung des Heiligen aussendet. Nun wird die Passio desselben in einer übertriebenen schwülstigen Weise erzählt, wie wir ihr später auch in den 350 französischen Mysterien wieder begegnen: so wird der Heilige erst gegeisselt, dann auf einem Rost gebraten, und so den wilden Thieren vorgeworfen, die ihn aber dank dem Zeichen des Kreuzes verschmähen; darauf wieder in einen feurigen Ofen gesteckt, dessen Feuer jedoch erlischt, dann von neuem gefoltert und endlich enthauptet. Hierbei begibt sich denn das wohl hier zuerst berichtete, wenn nicht von Hilduin erfundene Wunder, dass der Heilige, seinen Kopf in den Händen, noch fast zwei Meilen weiter marschirt bis zu der Stelle, wo er für immer ruhen wollte.   Auch manche Translationen hat Westfrancien in dieser Periode aufzuweisen, von denen einige auch von geschichtlichem Interesse sind: so die Translatio Sancti Filiberti von Ermentarius In Mabillons Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV, pars  1, p. 510 ff. – – Histoire littér. de la France Tome V , p. 315 f. . Der Verfasser war Mönch des Klosters Hermoutier, wo sich die Gebeine des Heiligen befanden, er begleitete sie auf ihrer Translation, so dass er als Augenzeuge berichtet; 25 Jahre später, um d. J. 860, wurde er Abt dieser wandernden Mönchsgemeinde, die noch nicht in ihr Kloster hatte zurückkehren können. Er starb etwa fünf Jahre darauf. Die Geschichte der Translation zerfällt in zwei Bücher, die getrennt erschienen sind, indem das zweite dem ersten nach mehr als 20 Jahren gefolgt ist. Das erste, Hilduin von St. Denis gewidmet Wie aus der Vorrede des zweiten Buchs hervorgeht. , ist zwischen 836 und 840 verfasst, das zweite erst 863. Diese Translation war von eigenthümlicher Art, denn sie betraf nicht bloss die Reliquien, sondern das ganze Kloster. Die Normannen nämlich, welche seit 835 die Küsten Aquitaniens plünderten, waren eine solche stete Drohung für das auf der Insel Heri gelegene Kloster, dass die Mönche, nach Zustimmung des Königs Pippin, Anfang Juni d. J. 836 nach dem Festlande mit den Reliquien ihres Schutzheiligen übersetzten und sich zunächst nach dem ihnen auch gehörigen Kloster Deas (heute St. Filibert) begaben. Diese Uebersiedelung mit den Mirakeln Bemerkenswerth ist darunter eins c. 82, wo erzählt wird, wie brittische Kaufleute, die dem Kloster Blei gestohlen, die Heimath nicht erreichen können, und durch die Erscheinung des Heiligen, der auf dem Meere zu Ross sie mit drei Speeren bedroht, zur Umkehr und Rückgabe des Gestohlenen genöthigt werden. In dieser ausführlichen Erzählung sucht der Verfasser durch seinen Stil zu glänzen, der allerdings hier von seinen grammatischen Studien zeugt. – meist wunderbaren Heilungen – die 351 von den Reliquien unterwegs und in Deas selbst ausgingen, bildet allein den Gegenstand des ersten Buches. – Das zweite , viel kleinere Buch berichtet dann die weitere Flucht der Mönche vor den Normannen nach Cunauld, und selbst nach Messay in Poitou, da jene Piraten vier Jahre hinter einander auf der Loire überwinterten. Von Interesse ist die im Vorwort gegebene Schilderung der verwüstenden Raubzüge der Normannen, die in Folge der Bürgerkriege nach Ludwigs Tod, wie der Verfasser klagend ausführt, immer bedeutender werden, und nicht allein die ganze Westküste Frankreichs treffen, sondern auch die Ufer der Rhone und Seine. Lebendig weiss unser Autor den panischen Schrecken, den sie verbreiteten, mit wenigen Worten zu malen. Nullus paene locus, nullum intactum remanet monasterium: omnes fugam arripiunt; rarus est qui dicat: state, state, resistite, pugnate pro patria, liberis et gente. Sicque torpentes atque invicem dissidentes quod defendere debuerant annis, tributis redimunt ac Christianorum pessumdatur regnum. Den Hauptinhalt des Buches aber bilden auch hier Mirakel.   Eine ähnliche Flucht vor den Normannen wird erzählt in der Historia translationis corporis S. Mauri in Fossatense monasterium In Mabillons Acta S. S. ord. S. Bened. Saec IV, pars  2, p. 175 ff. – – Hist. littér. de la France T. V, p. 383 ff. von Odo , der seit 863 Abt von Glanfeuil , seit 869 auch von S. Pierre des Fosses bei Paris war. Die Geschichte der Translation nimmt aber nur einen kleinen Theil seines Buches ein, weitaus den grössten dagegen die Geschichte des Klosters Glanfeuil Er selbst bezeichnet auch sein Buch als » Historia eversionis seu restaurationis sancti coenobii « etc. in der Praefatio. von seiner Zerstörung durch den ihm von Pippin, Karls des Grossen Vater, vorgesetzten Gaudulf von Ravenna, der nach Vertreibung der Mönche es in ein Canonicat verwandelte und gänzlich verfallen liess, bis zu jener 352 Translation. Namentlich wird die Wiederherstellung des Klosters unter Ludwig dem Frommen durch den Grafen Rorigo und seine fromme Gemalin ausführlich erzählt. Hierbei hatte der Abt des Klosters des Fosses, Ingelbert wesentlich mitgewirkt, und mit seinen Mönchen das restaurirte Glanfeuil wieder bevölkert. So war dies zuerst dem Pariser Kloster untergeben. Nach dem Tode des Grafen aber erhielt es seine Selbständigkeit und einen eigenen Abt, in der Person eines Neffen Rorigo's, Gauzlin. Die Wunder, die sich an dem Grabe des Heiligen zutrugen, die Verfolgungen, die das Kloster von einzelnen mächtigen Laien erlitt, und deren wunderbare Strafen werden dann noch weitläufig berichtet, ehe die Translation in aller Kürze erzählt wird, die erst nachdem der h. Leib an ein paar andern Orten Jahre lang stationirt hatte, in dem Kloster des Fosses i. J. 868 ihr Ende fand. Die Geschichte von Glanfeuil ist als ein Spiegelbild der Schicksale mancher Klöster Westfranciens in jenen Zeiten von allgemeinerem Interesse. Die Ueberzahl von Wundern, womit die Erzählung ausstaffirt ist, ist für die Zeit und den Verfasser bezeichnend, der als Erdichter eines Lebens des h. Maurus entlarvt, auch hier den Verdacht geringer Wahrheitsliebe in manchen Einzelheiten nur um so mehr erweckt, als er so grosse Vorsorge nimmt, sich auf das Zeugniss andrer zu berufen, mitunter aber, wo es gerade nöthig wäre, mit der Sprache nicht herausrückt. Wie wo er von dem abhanden gekommenen Edict Ludwigs des Frommen erzählt, durch welches Glanfeuil seine Praepositi und Magistri von dem Kloster Des Fosses erhalten sollte: Quod qualiter tempore Ingelberti ablatum ignique crematum fuerit, melius reticendum quam proferendum putamus. c. 14. Sicherlich hat ein solches Edict nie existirt.   Dem Ende dieser Periode gehören noch ein paar Werke dieser Gattung der Historiographie in Westfrancien an, welche ein besonderes Interesse haben und von einem und demselben Autor verfasst sind, der also diese historische Specialität besonders cultivirte. Es ist dies ein Mönch von St. Germain des Prés bei Paris, Aimoin Vgl. Dümmler, N. A. S. 543. – Hist. littér. de la France , T. V, p. 641 ff. , Lehrer der Schule dieses Klosters, 353 dem sein Zögling Abbo die Dichtung » De bellis Parisiacae urbis « gewidmet hat, als eine Frucht des bei ihm genossenen Unterrichts. Hiernach lässt die Gelehrsamkeit, womit dieses Werk prunkt, auf eine gleiche des Aimoin schliessen. Da aber, wie schon Dümmler bemerkt, die in der Dichtung dargestellten Kämpfe bis 896 reichen, so muss Aimoin mindestens dies Jahr überlebt haben. Wohl das älteste Denn Aimoin war bei der Abfassung der diesem Werk erst später beigefügten Verse noch Comminister, wie er sich in der Widmung derselben nennt; auch wird diese Translation in der folgenden angeführt. von Aimoins Werken ist die Translatio des h.  Vincenz aus Spanien nach dem Kloster Castres Mabillon, Acta SS. ord. S. Bened. Saec. IV pars  1, p. 606 ff. , welche er auf Bitten des Abtes und der Mönche dieses Klosters, wie ein dem Werk vorausgeschicktes Schreiben an sie zeigt, verfasste. Es ist das Werk in zwei Bücher getheilt Um den Leser mehr anzuziehen; deshalb hat sich der Autor auch kurz gefasst. So sagt er im Eingang des zweiten Buchs: Neque enim effugari lectorem, multo magis vero ad ea quae dicuntur invitari oportet, qualiter, etsi sermo incultus exasperat, saltem succinctus demulceat. Ideoque omne hoc opus in duo etiam dividere voluimus corpora, licet quantitate exigua. , von welchen das erste die Auffindung des heil. Leibes, das zweite seine Uebertragung erzählt. Das erste ist das bei weitem interessantere. Ein Mönch von Conkittas in Aquitanien, Hildebert, wird (i. J. 855) in einem Traumgesicht aufgefordert, den Leib des Vincenz, der in einer zerstörten Kirche Valencia's unverehrt ruhe, zu holen. Er verbindet sich zu dieser Fahrt mit einem ihm nahe befreundeten andern Mönche desselben Klosters, Audald. Mit Genehmigung des Abtes treten sie die Reise an; Hildebert aber muss erkrankt umkehren, während Audald Valencia erreicht. Mit der Unterstützung eines Mauren, die er um fünf Soldi erkauft, gelangt der Mönch auch in den Besitz des Leibes, der so wohl erhalten, dass er um ihn in einem Sack zu transportiren, zerschnitten werden muss. Audald kommt dann auch mit seinem Schatze glücklich bis Saragossa; dort aber ist er so unklug in dem Absteigequartier, das eine fromme Frau ihm gewährt hat, bei angezündeten Kerzen und unter Gesang den Heiligen im Sacke zu verehren. Die Frau 354 macht alsbald bei dem Bischof Anzeige. Und dieser bemächtigt sich des Schatzes. Vergeblich versichert der Mönch, es sei ein Verwandter, den er aus so weiter Ferne geholt. Durch Drohungen eingeschüchtert, gibt er dann zu, dass es der Leib eines Märtyrers sei, für welchen er den Namen Marinus erfindet. Die »heilige Beute« lässt darum aber der Bischof nicht fahren; und Audald kehrt mit leeren Händen in sein Kloster zurück. Seiner Erzählung schenkt man dort so wenig Glauben, dass ihn als Lügner und Herumstreicher sein Kloster verstösst. Er wendet sich darauf nach Castres, wo er besseren Glauben findet und deshalb mit offenen Armen aufgenommen wird, denn die Mönche hoffen durch ihn in den Besitz des h. Vincenz zu kommen. Erst nach achteinhalb Jahr (864) gelingt es ihnen in der That, durch die Vermittelung eines Grafen von Cerdagne, der unter dem Vorgeben, der sequestrirte Heilige sei ein Verwandter, Namens Sugnarius, einen Befehl des Emir von Cordoba auf Herausgabe gegen Zahlung von 100 Solidi erwirkt. Andre 100 kostete es noch an den Statthalter von Saragossa. Der Bischof läugnet zwar alles unter vielen Eidschwüren Episcopus advocatur, et cur tantam in mortuum – – exercuerit iniquitatem – – inquiritur. Quo omnia negante, et quod id non fecerit, cum multis Dei sanctorumque iuramentis affirmante etc. ; aber Audald überführt ihn, und so wird ihm und den ihn begleitenden Mönchen von Castres endlich der Heilige überliefert. Wie viele Lügen und Meineide um den Besitz desselben! Im zweiten Buche wird kurz die Translation berichtet und einiger in Castres an Vincenz' Sarge geschehener Wunder gedacht, unter welchen sich einmal die Variation findet, dass der Heiligeneinfluss Diebe zur Restitution des Gestohlenen nöthigt. Wie dies auch schon vom h. Felix Paulin erzählt. S. Bd. I, S. 292. Auch vom heil. Nicolaus wird dasselbe berichtet. Auch diese Reliquien mussten übrigens vor den Normannen geflüchtet werden. Auf den Wunsch eines befreundeten Mönchs Theotger fügte Aimoin nach Vollendung des Werks jedem der beiden Bücher 30 Hexameter in je drei Kapiteln hinzu, die den Inhalt des Buchs sehr unvollständig recapituliren, und formell wie materiell gänzlich werthlos sind. Nur verräth sich wohl 355 der Schulmeister in dem Versuche den Namen des Freundes etymologisch zu erklären. Theotger soll Deum gerens sein! Von der deutschen Herkunft des Wortes hatte man also in Westfrancien keine Ahnung mehr. Noch eine Translation aus Spanien, aber nach dem eigenen Kloster, die mit der eben betrachteten in einer gewissen Beziehung steht, hat Aimoin erzählt. Er wird zwar nicht in der Handschrift als Verfasser genannt, aber er gibt sich selbst c. 3 zu erkennen, indem er auf die von ihm früher verfasste Translatio des h. Vincenz verweist, deren Geschichte ihm Audald selbst erzählt habe. Auch findet sich hier dasselbe Motiv für die Eintheilung in zwei Bücher (s. Prolog. libri II ) als bei der Transl. Vincent. , s. oben S. 353 Anm. 3; ingleichen die Etymologie eines Namens l. I, c. 8. Es ist die der Märtyrer von Cordoba, Georgius und Aurelius . Mabillon l. l. Saec. IV, pars 2, p. 45 ff. Auch diese Translation ist in mancher Rücksicht interessant. Sie zerfällt auch in zwei Bücher. – In dem Kloster St. Germain war auch bekannt geworden, dass der Leib des h. Vincenz »von Valencia leicht gehabt werden könne«. Und so machten sich denn ein paar Mönche dieses Klosters Odilard und Usuard mit Genehmigung des Abtes und des Königs zu dem Zweck i. J. 858 auf den Weg. Doch schon im südlichen Frankreich erfahren sie, dass der h. Leib von Valencia weggebracht sei, obwohl mit Unrecht nach Benevent gesagt wurde, während er damals in Saragossa festgehalten war. Die Mönche wollen aber doch nicht mit leeren Händen zurückkehren. In Barcelona klagen sie ihre Noth einem angesehenen Manne, der sie denn auf die unlängst unter Abderrahman zu Märtyrern gewordenen Christen Cordoba's, namentlich den Georgius und Aurelius aufmerksam macht. Ihre Passion ist, wie schon Aimoin l. I, c. 9 bemerkt, von Eulogius, dessen eignen Märtyrtod unser Autor ebenda erwähnt, geschildert in dem Memoriale Sanctorum (s. oben S. 302  f.) l. II, c. 10. Diese sollen sie nun schadlos halten, so sehr ihnen auch von der gefährlichen Reise abgerathen wird. Indess mit einem Empfehlungsschreiben von dem Grafen von Barcelona an einen maurischen »Magnaten« Saragossa's versehen, werden sie von diesem einer nach Cordoba ziehenden Karavane anbefohlen; und kommen so sicher dorthin, wo sie, an einen angesehenen Christen Leovigild empfohlen, auch das Ziel ihrer Wünsche erreichen. Während aber der 356 Leib des Georgius vollständig erhalten war, fehlte an dem des Aurelius der Kopf, der nach der Hinrichtung abhanden gekommen; er wurde merkwürdiger Weise durch den seiner Gattin Nathalia, die mit ihm gleichzeitig enthauptet und deren Leib nicht aufgefunden worden war Die Christen konnten nur heimlich Nachts die Ueberreste der Märtyrer vom Blutgerüst holen, und daher dieselben leicht zerstreut werden. , ersetzt. Den Rückweg machen die Mönche zunächst im Gefolge des Heeres des gegen das aufständige Toledo ziehenden Emirs Mohamed unter dem besondern Schutz des Leovigild, dann über Alcala de Henares und Saragossa nach Südfrankreich. – So weit geht das erste Buch. Die weitere Fahrt nach dem Norden – wobei denn auch der Invasion Ludwigs des Deutschen und der Plünderungen seines Heeres gedacht wird (c. 5 und 10) – und die Wunderwirkungen, die von den Reliquien ausgingen, werden dann im zweiten Buche erzählt, worin gegen den Schluss noch erwähnt wird, wie König Karl durch einen nach Cordoba Abgesandten die Wahrheit des Martyriums an Ort und Stelle untersuchen liess. Nec est oblitus (Karolus) delegans Mancionem Cordubae huius facti veritatem ex loco requirere . c. 27. Endlich besitzen wir von Aimoin zwei Bücher: De miraculis S. Germani . Mabillon l. l. Saec. III, pars 2, pag. 96 ff. Es ist dies Werk aber nur eine Bearbeitung von zwei andern, die im Auftrage des Abtes Ebroin, Bischofs von Poitiers, zwei Mönche des Klosters St. Germain gleichzeitig verfasst hatten, um dem Wunsche des Königs Karl des Kahlen zu genügen, der von den Wundern der Reliquien des Heiligen zu den Zeiten des Normannenherzogs Ragenarius und seiner Gefährten gehört hatte und sie aufgezeichnet wünschte. Die beiden Arbeiten waren aber nicht veröffentlicht worden, und Jahre später dem Aimoin ihre Verschmelzung zu einem Werke vom Abt Gozlin aufgetragen. Auch dieses Werk ist eine Geschichte von Translationen, indem die Gebeine des Heiligen vor den Normannen wiederholt geflüchtet werden. Es werden uns hier sehr lebendige Bilder entworfen von zwei Einfällen dieser Piraten, die auf der Seine bis Paris vordringen und dort auf einer Insel sich festsetzen, um dann auch zu Lande mit requirirten Pferden 357 ihre nächtlichen Raubzüge zu unternehmen. Die feige Flucht der Bevölkerung Paris und alle Klöster im Umkreis waren von ihren Bewohnern verlassen bei der Normannen Ankunft. Worauf der Autor gut fortfährt: Timor siquidem et metus universos invaserat, utpote merito iniquitatis divino enudatos auxilio atque ideo mundanae defensionis destitutos solatio. Quis, rogo, non doleret, antequam bellum committeretur, fugatum exercitum, antequam jaceretur sagitta, confossum, ante scuti conlisionem ignominiose subactum? l. I, c. 1. , die Barbareien der heidnischen Feinde, die namentlich auch Klöster und Kirchen heimsuchen, ihre Brandstiftungen, ihr Aufgreifen Vornehmer, – alles nur zum Zweck hohe Lösegelder zu erzwingen – ihre stolze Verachtung der Gegner, welche sie nur durch Zahlung eines Tributs zu entfernen vermögen Siquidem Ragenarius dux auctorque totius memorati mali ante profanum Horich Nortmannorum principem cum ingenti superbia veniens, ostendit ei quod secum hinc absportaverat aurum argentumque multum, dixitque quod opinatissimam Parisius civitatem captam haberet, quodque mansionem Germani senis, quae in eadem terra decentissima haberetur, intrasset, insuper et quod omne Karoli regnum sibi ratione tributi subiugatum haberet. l. I, c. 12. , wird uns hier anschaulich geschildert. Die erste Invasion, die i. J. 845 stattfand, wird in dem einen, die zweite, die einige Jahre später erfolgte, in dem andern Buche erzählt, zugleich mit den von dem Heiligen in diesen Zeiten gewirkten Wunderthaten, unter denen manche Visionen seiner Mönche und die Pest, welche die Normannen sammt ihrem Herzog befiel (l. I, c. 12 f.), erwähnenswerth sind. Jedem der beiden Bücher ist gegen das Ende ein Gedicht beigefügt, von denen das erste in Distichen kurz und ganz unbedeutend ist, das zweite in rythmischen trochäischen catal. Tetrametern den Heiligen bei seiner Rückkehr zum Kloster begrüsst und eine früher schon (c. 10) erzählte Rettung der Mönche bei einem Ueberfall der Normannen – indem es ihnen gelang, in Verstecken sich zu verbergen – als ein Mirakel besingt. Diese »neue Begrüssungshymne« war von den Mönchen bei der Wiedereinführung der Reliquien ins Kloster gesungen worden.   Dass auch in Italien während dieser Periode diese Gattung der Historiographie vertreten ist, braucht kaum bemerkt zu werden; aber die Werke sind, so viel ich sehe, zu wenig bedeutend, um ihrer hier zu gedenken. Nur das 358 Büchlein De apparitione S. Michaelis Liber de apparitione S. Michaelis in Gargano in: Monum. German. hist., Script. rerum langobardic. et italic. Saec. VI–X , p. 540 ff. – Vgl. Gregorovius, Wanderjahre in Italien, Leipz. 1880. Bd. V, S. 92. sei hervorgehoben, in welchem die Gründung der Kirche des heil. Michael auf dem Berge Garganus in Campanien nach frommer Sage erzählt wird. Ein reicher Heerdenbesitzer Namens Garganus nämlich vermisst einen Stier, und entdeckt ihn endlich auf dem Gipfel des Bergs vor dem Eingange einer Höhle: zornig schiesst er einen Pfeil auf ihn, das Geschoss kehrt aber zurück, ihn selbst zu durchbohren. Das Volk, über dieses Ereigniss erschrocken, fragt den Bischof um Rath. Dieser ordnet ein dreitägiges Fasten und Gebete zu Gott um Erleuchtung an. Da erscheint dem Bischof der Erzengel und verkündet ihm, dass er selbst durch jenes Wunder sich als Hüter des Orts hätte erweisen wollen. Dies wird denn auch noch bestätigt durch einen Sieg, den die Beneventaner über heidnische Neapolitaner davon tragen, indem ein furchtbares Ungewitter, das von dem Berge ausgeht, die letzteren erschreckt und in die Flucht jagt: die Fussspur des Engels, in dem Felsen der Höhle eingeprägt, bezeugt, dass er zugegen war. – Es wird dann noch der wunderbare Bau der merkwürdigen Kirche erzählt.   Zwanzigstes Kapitel. Weltliche Biographien: Vitae Ludovici . Die rein weltliche, politische Biographie ist in dieser Periode durch zwei Lebensbeschreibungen Ludwigs des Frommen vertreten, beide Vita Ludovici imperatoris betitelt. Die ältere ist noch bei Lebzeiten Ludwigs geschrieben: sie reicht nur bis zum Jahre 835 und ist, wie es scheint, 837 beendet. Ihr Verfasser ist Thegan , Chorbischof von Trier Monum. German. histor., Script. T. II p. 585 ff. ed. Pertz (Praef.) – Simson, Ueber Thegan den Geschichtschreiber Ludwigs des Frommen. In Forsch. zur Deutsch. Gesch. X, S. 325 ff. – Foss, Ludwig der Fromme vor seiner Thronbesteigung (Progr. des Friedr.-Wilh.-Gymn. in Berlin 1858). . Der Name 359 ist vielleicht eine verkürzte Form von Theganbert. Thegan stammte aus einer vornehmen fränkischen Familie und war sich seines Adels wohl bewusst. Wie der mit ihm befreundete Walahfrid, welcher das Werk zuerst, und zwar nach Ludwigs Tode herausgab, in seiner Vorrede mittheilt, hatte Thegan zwar eine grosse Belesenheit, war aber kein Literat, kein Gelehrter; dafür war er durch seine praktische Berufsthätigkeit als Prediger und Seelsorger zu sehr in Anspruch genommen. Novimus et nos virum multa lectione instructum, sed praedicationis et correctionis studiis occupatum . – Wenn in dem an Thegan gerichteten Jugendgedicht Walahfrid der Carmina desselben gedenkt und ihn als strengen Kritiker der eignen Verse fürchtet, so erklärt sich dies aus dem Respect, den dem jungen Mönche der angesehene Bischof einflössen musste. Damit entschuldigt Walahfrid den »etwas ungebildeten Ausdruck« ( quantulacunque rusticitas ), womit höflich die grosse grammatische Fehlerhaftigkeit angedeutet wird. – Diese Biographie ist nicht, wie die Einhards, ein Suetonisches Kunstwerk, sondern, wie schon ihr Herausgeber bemerkt, nach Art der Annalen ( in morem annalium ) verfasst, oder genauer gesagt, als Chronik, d. h. mehr oder weniger in einem Zuge geschrieben, wenn auch wohl auf Grund jährlicher Aufzeichnungen; daher sind denn auch die letzten Jahre so viel ausführlicher behandelt. Thegan gibt also eigentlich eine annalistische Geschichte, mit biographischer Zuthat, von dem »Kaiser« Ludwig. Die sieben ersten, zum Theil recht kleinen Kapitel bilden die Einleitung; in denselben wird von der Abkunft Ludwigs von väterlicher und mütterlicher Seite, von seiner Jugend, seiner Vermählung und seinen Kindern, dem Tode seiner Brüder, der ihm den Weg zum Kaiserthum bahnte, in Kürze, dann ausführlicher von seiner Ernennung zum Mitregenten und Krönung, sowie von Karls des Grossen Tode gehandelt. – Vom achten Kapitel an folgt nun des Kaisers Geschichte chronologisch, meist auch mit annalistischer Kürze erzählt. Doch finden sich auch ausführlichere Partien, ja Abschweifungen: so wird nach der Consecration Ludwigs durch Papst Stephan (i. J. 816) ein Charakterbild des frommen Kaisers in einem längern Kapitel (19) gegeben; es ist recht bezeichnend für Thegan, dass es an dieser Stelle geschieht, als wenn durch die päpstliche Consecration Ludwig erst voller Kaiser geworden wäre. In diesem Kapitel ist die Vita Caroli Einhards 360 sein Vorbild gewesen. An die Charakteristik Ludwigs, und zwar an die Bemerkung, dass derselbe seinen Räthen mehr als nöthig vertraute, wird aber im folgenden Kapitel (20) eine noch ausführlichere Digression geknüpft, in welcher der Verfasser seinen Zorn über die schädliche Beförderung von Leuten niedriger Geburt, namentlich geborenen Leibeigenen, zu hohen Kirchenämtern auslässt. Ihr Uebermuth, ihr Nepotismus gegen ihre gemeine Verwandtschaft, der sie die geistliche Laufbahn eröffneten, wird mit scharfen Worten verurtheilt, so dass unsern Autor der Zorn hier selbst beredt macht. Da heisst es: Postquam illi tales culmen regiminis arripiunt, numquam sunt antea tam mansueti et sic domestici, ut non statim incipiant esse iracundi, rixosi, maliloqui, obstinati, iniuriosi et minas omnibus subiectis promittentes, et per huiuscemodi negotia cupiunt ab omnibus timeri ac laudari. Turpissimam cognationem eorum a iugo debitae  (!) servitutis nituntur eripere et libertatem inponi. Tunc aliquos eorum liberalibus studiis instruunt, alios nobilibus feminis coniungunt, et propinquas eorum filios nobilium in coniugium compellunt accipere. – – Propinqui vero superdictorum, postquam aliquid intellegunt, senes nobiles derident atque despiciunt, sunt elati, instabiles, incontinentes, inpudici, inverecundi – – Ein interessantes Sittenbild! Ebenderselbe macht sich in einer andern ausführlichen Abschweifung Luft bei Gelegenheit der Absetzung Ludwigs in Compiegne im 44. Kapitel, worin Thegan den Erzbischof von Reims, Ebbo aufs heftigste angreift, der unter den hohen Prälaten am beleidigendsten gegen den Kaiser aufgetreten war: und dieser »unverschämte und grausamste« war von Geburt nur ein Leibeigener. Ist es nur das adlige Standesbewusstsein des Thegan, das sich hier so empört, sowie seine eifrige Treue gegen den Kaiser, mit der Walahfrid diese zornigen Ergüsse entschuldigt In cuius quibusdam sententiis quod effusior et ardentior in loquendo videatur, ut vir nobilis et acris animi, quod de indignitate vilium personarum dolor suggessit, tacere non potuit. Praeterea nimius amor iustitiae et executoris eius, christianissimi imperatoris, zeli naturalis exaggeravit dolorem. Praef. ; oder hatte er von Ebbo und seines Gleichen auch persönliche Kränkungen und Zurücksetzung erfahren, zumal der erstere auch ein Gegner des damals in Westfrancien so bestrittenen Chorepiscopats war? Vgl. Simson S. 346. Diese Digressionen sind die ausführlichsten Kapitel im 361 ganzen Buche; sonst gibt unser Verfasser fast immer statt einer lebendigen Erzählung nur einen trockenen und kurzen Bericht, der bis zum Jahre 833 auch sehr dürftig ist: erst von diesem und namentlich dem folgenden Jahre wird ausführlicher gehandelt. Indem er dann am Ende seines Berichts vom Jahre 835 den Segen des Himmels auf Ludwig erfleht, schliesst er mit einem Amen sein Werk, das auch durch manche lange Bibelcitate, bei Gelegenheit seiner subjectiven Auslassungen, den theologischen Autor nicht verläugnet. In einer Handschrift findet sich noch ein kleiner Anhang über die zwei folgenden Jahre, der aber nicht in Walahfrids Ausgabe war, ganz in demselben Geist und Stil als das Buch des Thegan, schwerlich aber von ihm selber. Obgleich kein officieller Geschichtschreiber, ist Thegan doch weit entfernt von Unparteilichkeit, wozu schon die Heftigkeit seiner Natur, sein zelus naturalis , wie Walahfrid sich ausdrückt S. oben Seite 360 Anm. 2. , ihn unfähig machte, zumal in einer von solcher Parteileidenschaft beherrschten Zeit. Hand in Hand mit seiner Sympathie für den alten Kaiser geht seine Antipathie gegen Lothar, während er dagegen Ludwig den Deutschen sehr begünstigt, ja ihn rein zu waschen sucht. S. Simson S. 341 ff. Derselbe meint sogar, Thegan hätte deshalb über d. J. 837 seine Geschichte gar nicht fortsetzen können. Allerdings handelte aber Ludwig in der That auch besser gegen seinen Vater als Lothar. – Bei alledem ist Thegans Werk durch das selbständig gesammelte Material als historische Quelle wichtig.   Die andre Vita Ludwigs des Frommen Ed. Pertz: Monum. German. historica, Scriptores T. II, p. 604 ff. – – Simson Jahrb. Bd. II, S. 294 ff. Excurs II: Ueber die Vita Hludovici des Astronomus. – Meyer v. Knonau, Ueber Nithards vier Bücher Geschichten S. 129 ff. (Excurs III. Ueber die Zerrüttung der Chronologie in den letzten Theilen des Astronomus. Exc. IV. Die Umarbeitung des dritten Theils der fränk. Königsannalen durch Astron. Exc. V. Vergleichung der Parallelstellen des Nithard und Astron. mit den der fränk. Königsann. u. des Astron.) ist ein weit grösseres Werk, da sie nicht nur auf das ganze Leben Ludwigs gleichmässig sich erstreckt – nicht bloss den »Kaiser« zu ihrem Helden macht, sondern auch in der Darstellung 362 weit ausführlicher ist. Den Verfasser, dessen Namen unbekannt geblieben, hat man den Astronomen genannt, weil er, wie er in dem Werke selbst sagt, als der Astronomie kundig galt, und den Kaiser, der sich für dieselbe besonders interessirte, darin berieth. In Bezug auf die Erscheinung eines Kometen i. J. 838 heisst es c. 58: Quod cum imperator talium studiosissimus, primum ubi constitit, conspexisset, antequam quieti membra committeret, accitum quendam (idem me qui haec scripsi et qui huius rei scientiam haberi credebar ) percontari studuit, quid super hoc mihi videretur. Er war ein Gelehrter von mannichfachen Kenntnissen, selbst von medicinischen, nach seinem Werke zu urtheilen, das uns über ihn den einzigen Aufschluss bietet. Dem geistlichen Stande gehörte er offenbar an, ja es zeichnet ihn eine ultramontane Gesinnung aus, indem er dem Papstthum besondere Verehrung darbringt. Ausser dem von Simson S. 296 Angeführten beachte man auch solche Stellen wie den Eingang des c. 4. Er scheint im Dienste des Kaisers, wenigstens seit 829 gewesen zu sein – wenn er sich wohl auch nicht ständig am Hofe aufhielt – denn er berichtet nach eigener Aussage S. die Anm. der folgenden Seite. auch als Augenzeuge von dem, was sich dort begab. Aus einer nahen persönlichen Beziehung zu dem Kaiser, die auch durch Thatsachen in seinem Werke bezeugt wird S. schon oben Anm. 1. , erklärt sich auch allein die blinde Parteilichkeit für ihn, das ihm gezollte übertriebene, oft durchaus unmotivirte Lob, welches schon den Zeitgenossen wie Ironie klingen musste. So wenn er bei dem Tode Karls des Grossen sagt: At vero in eius successore veridica probata est scriptura , quae in talibus tribulantium consolans animos dicit: »Mortuus est vir iustus et quasi non est mortuus; similem enim sibi reliquit nlium haeredem. « c. 20. Das Werk ist aber ein paar Jahre nach Ludwigs Tod abgefasst, so dass man deshalb den Verfasser kaum einen Schmeichler nennen kann: er müsste denn bei Karl dem Kahlen und der Kaiserin-Wittwe sich damit haben empfehlen wollen. Schon in der Vorrede gibt der Verfasser seine begeisterte Verehrung für den Kaiser kund. Der Nutzen, den die Geschichte in dem Berichte der Thaten der Fürsten, die als Vorbild wie als Warnung dienen können, bietet, treibt ihn an, die Handlungen und das Leben des Gott lieben ( Deo amabilis ) und 363 orthodoxen Kaisers Ludwig aufzuzeichnen. Dieser Stoff sei aber ein so grosser, dass ihm selbst das Genie grosser Männer erliegen müsse. Denn Ludwig besass alle vier Cardinaltugenden, und in solchem Grade, dass man nicht wusste, welche man in ihm am meisten bewundern sollte; nur einen Fehler hatte er, den zu grosser Milde. Das Werk, welches von der Geburt Ludwigs bis zu seinem Tode reicht, ist eine biographische Chronik, die, weil der Held ein Herrscher, zugleich zur Geschichte seiner Regierung wird. Drei Theile lassen sich in dem Werke unterscheiden, von denen der erste bis 814, zur Kaiserherrschaft Ludwigs geht. In ihm wird seine Jugend, seine Regierung in Aquitanien behandelt, welches Land ja Ludwig schon bei der Geburt zum Königreich bestimmt wurde. Hier werden namentlich auch die Verhältnisse des Frankenreichs zu Spanien, die Kämpfe mit den Mauren, aber auch mit den Basken, zum Theil selbst im einzelnen geschildert: diese Partie ist als historische Quelle von besonderem Werthe, nicht minder aber für die Karlsage wichtig, wie denn auch hier der Niederlage von Ronceval (c. 2) gedacht wird, aber auch manches andre, was mittelbar mit ihr zusammenhängt, sich erwähnt findet. In diesem ersten Theile folgt aber der Verfasser, wie er im Vorwort bemerkt, dem Berichte ( relatio ) des sehr edlen und frommen Mönches Adhemar, der gleichalterig mit Ludwig und mit ihm auferzogen war. Porro quae scripsi usque ad tempora imperii Adhemari nobilissimi et devotissimi monachi relatione addidici, qui ei coaevus et connutritus est; posteriora autem, quia ego rebus interfui palatinis, quae vidi et comperire potui, stilo contradidi. Es scheint mir sicher, dass diese relatio eine schriftliche, ein Buch war, welchem der Astronom ebenso treu gefolgt ist, als danach den Reichsannalen; das Buch behandelte aber wohl die Geschichte Aquitaniens, und auch vor Ludwigs Zeit: dies alles schliesse ich aus dem Anfange des Werks des Astronomen, der sonst unerklärlich wäre. Er macht ganz den Eindruck eines Ausschnitts aus einem Buche, nur dass der erste Satz, von dem Astronomen selbst davor geschrieben, eine Art von Eingang bilden soll. Die Vita beginnt nämlich mit der Erzählung von der Unterdrückung eines Aufstands in Aquitanien i. J. 769, also neun Jahre vor Ludwigs Geburt; dieser Erzählung ist aber ein Satz allgemeiner Phrasen über Karl den Grossen vorausgesandt. – So erklärt es sich auch, dass, wie der Uebersetzer des Astronomen, Jasmund, schon richtig bemerkt, (Einleitung S. VI), in diesem Theil Erzählung und Sprache am besten sind: es kommt dies eben auf Rechnung des Adhemar. Hier ist, dank der Vorlage, die Darstellung am besten, 364 durch lebendige Anschaulichkeit oft wahrhaft anziehend, namentlich in der Schilderung der Kriegszüge in Spanien, auf welchen der Mönch Ludwig wohl begleitete. Jedesfalls ruht seine Erzählung auf dem Berichte von Augenzeugen. – Der zweite Theil des Werks erstreckt sich bis zum Jahre 829. Hier folgt unser Autor den Reichsannalen, obgleich er auch noch andre Nachrichten, namentlich über kirchliche Dinge, bringt, und noch andre Quellen, wie Nithard, benutzt hat. – In dem dritten Theile endlich, der bis 840 geht, berichtet der Verfasser aus eigener Kunde oder selbst als Augenzeuge Auf diesen Theil allein kann der in der vorausgehenden Anmerkung citirte zweite Satz: posteriora etc. sich ganz beziehen. Wenn der Autor der für den zweiten Theil benutzten Reichsannalen unter seinen Quellen nicht gedenkt, so geschah dies wohl, weil er sie als allgemein bekannt annahm und die volle Ausnutzung einer solchen officiellen Quelle als selbstverständlich betrachtete. – (Girgensohn nimmt allerdings auch für den dritten Theil eine Benutzung der Fortsetzung der Reichsannalen – der sogen. Bertinianischen – an, in Forschungen zur deutsch. Gesch. X, S. 653 ff., was Simson aber verwirft a. a. O. S. 298, Anm. 5.) , und so hat dieser Theil als Geschichtsquelle wieder besondern Werth, der freilich hier, wie auch sonst, durch eine verwirrte Chronologie eingeschränkt wird. – Wie es scheint, ist das Werk uns nicht unversehrt überliefert, indem ein grosser Theil der Geschichte des Jahres 824 ausgefallen ist. S. Simson S. 300. Was die Diction betrifft, so beeifert sich der Verfasser, obgleich er in der Vorrede sich entschuldigt, dass das Werk in einem stilus minus doctus geschrieben sei, doch nicht selten gerade einer gelehrten Ausdrucksweise, aber indem er dann wieder von seinem Kothurn auf den platten Boden herabsinkt, macht sie recht den Eindruck des Gemachten, Gesuchten und Schwülstigen: das Ungleichmässige, Bunte der Ausdrucksweise ruht zum Theil auch darin, wie er seine eigne Rede mit der seiner Vorlagen mischt und diese mit hochtrabenden Phrasen auszuschmücken sucht. Man sehe z. B., wie er Ende c. 4 in einem ganz trockenen Bericht den Beginn des Herbstes anzeigt: Mansit ergo (Ludovicus) cum patre, inde usque ad Herisburc vadens, usquequo sol ab alto dedinans axe ardorem aestivum autumnali cumdescensione temperaret! Vgl. damit die im zweiten Theile c. 26 sich findende Umschreibung des hieme transacta der Reichsannalen, auf welche Meyer v. Knonau aufmerksam macht S. 134. 365   Einundzwanzigstes Kapitel. Reichsannalen. Nithard. Die Reichsannalen erhalten in diesem Zeitraume, den Haupttheilen des karolingischen Weltreichs entsprechend, eine doppelte Fortsetzung, die eine in West-, die andre in Ostfrancien; aber die einen wie die andern beschränken sich nicht auf den Reichstheil, dem ihr Verfasser angehört, wie ja trotz aller Theilungen noch immer ein Imperium bestand; doch haben die ersteren mehr als die letzteren einen universellen Charakter. Es ist dies eine Folge theils der Lage Westfranciens, theils seiner romanischen Bevölkerung, die es mit dem grösseren Theile Lotharingiens in eine nähere Beziehung setzte, theils endlich des dort herrschenden lebhafteren dogmatischen Interesses, wobei denn, wie überhaupt, die Persönlichkeit der Autoren auch schwer ins Gewicht fällt. So ist denn die westfränkische Fortsetzung der Reichsannalen entschieden bedeutender als die Ostfranciens. Es sind dies die sogenannten Annales Bertiniani Ed. Pertz in: Monum. German. histor., Script. Tom. I , p. 419 ff. (Praef.). – – Die Annalen von St. Bertin und St. Vaast. Nach der Ausg. der Monum. Germ. übersetzt von Jasmund. Berlin 1857. (Geschichtschreiber der deutsch. Vorzeit IX. Jahrh. 11. Bd.) (Vorwort.) – Wattenbach, Deutschl. Geschichtsq. I, S. 241. Girgensohn, Prudentius etc. (s. oben S. 267 Anm. 1). , welche ihren Namen nach dem Kloster St. Bertin erhalten haben, da sie aus einer Handschrift desselben zuerst veröffentlicht wurden. Diese Annalen bestehen aus drei Theilen. Der erste ist vom Jahre 741 bis 829 fast durchaus nur eine wörtliche Abschrift der alten, oben S. 98  f. betrachteten Reichsannalen, der sogenannten Lorscher mit der Einhard beigelegten Fortsetzung, von 830 bis 835 aber eine gleichzeitige Fortsetzung eines literarisch wenig gebildeten Mannes, der ein mangelhaftes Latein schreibt, dessen Fehler aus dem Einfluss der romanischen Volkssprache sich erklären; aus ihnen ergibt sich allein schon, dass er ein Romane, und zwar Frankreichs war. So zeigt sich dies in dem Gebrauch der Tempora, indem z. B. der Conjunctiv des Plusquamperfect als Conj. Imperfect gebraucht wird; specifisch französisch (incl. provenz.) aber ist der Gebrauch von hostis in der Bedeutung von exercitus , gemein romanisch hingegen wieder: nullus in der Bedeutung von irgend einer, so p. 427, Zeile 21. Er zeigt sich durchaus als ein dem 366 »sehr religiösen Kaiser« ( religiosissimus imperator ) ergebener Diener. Der zweite Theil, der vom Jahre 835 bis 861 sich erstreckt, hat einen weit bedeutenderen Verfasser. Dieser ist der schon oben S. 267 erwähnte Prudentius , welcher, als er die Arbeit begann, noch nicht Bischof von Troyes war, vielmehr zweifelsohne am Hofe Ludwigs des Frommen und danach Karls des Kahlen, bis zur Zeit seiner Ernennung gegen die Mitte der vierziger Jahre, lebte. Dies geht aus der Stelle eines uns erhaltenen Briefs des Prudentius mit Sicherheit hervor, in welcher es heisst: cum repente tandem a palatinis excubiis, quibus diu inservire coactus fueram, latorem – – apicum (celsitudinis) vestrae Trecas, cui me divina gratia – – praeesse dignata est, offendi. Vgl. Girgensohn S. 20. So unternahm Prudentius gewiss sein Werk, wenn nicht auf des Kaisers Geheiss, wenigstens mit seiner Billigung: dem entsprechend ist seine Darstellung eine Ludwig dem Frommen sehr günstige, indem, wie Girgensohn zeigt Seite 22. , für den Kaiser peinliche Thatsachen ausgelassen, und äussere Vorgänge erzählt werden, ohne Aufdeckung der eigentlichen Motive. Auch gegen Karl den Kahlen werden die ersten zwölf Jahre nach Ludwigs Tod Rücksichten der Loyalität genommen; erst mit dem Jahre 853 – vielleicht in Folge der Synode von Quierzy – hören sie auf, so dass der Autor selbst eine scharfe Kritik der Handlungen und Gesinnungen des Königs gelegentlich sich herausnimmt. Es erklärt sich leicht, dass der officiöse Annalist, der ausserdem, wie es scheint, Ludwig dem Frommen persönlich ergeben war, unter Karl dem Kahlen als Bischof und vom Hofe fern, von den Einflüssen desselben sich emancipirt. Den Beziehungen zu diesem verdankte er aber den Reichthum des Materials, indem er auch politische Urkunden benutzen, ja mittheilen konnte. Dazu kamen natürlich auch persönliche Verbindungen, wie denn mit Recht schon hervorgehoben worden ist, dass sich in den Jahrbüchern dieses geborenen Spaniers viel mehr als sonst Nachrichten über die pyrenäische Halbinsel finden. Wenn auch der Stil des Prudentius nicht den schlichten, 367 treffenden objectiven Ausdruck zeigt, der die formell besten Annalen auszeichnet, so ist er doch klar und für jene Zeit correct. In dieser Beziehung steht der dritte Theil zurück, welcher von 861, dem Todesjahre des Prudentius, bis 882 reicht, und dieses Annalenwerk beendet. Sein Verfasser ist der Erzbischof von Reims, Hincmar . S. über ihn oben S. 247 ff. – Als Annalist nennt ihn Richer im Prolog seiner Geschichte. Die Jahrbücher seines Vorgängers hatte Hincmar, wie er selbst in einem Schreiben an den Erzbischof Egilo von Sens sagt, von Karl dem Kahlen geliehen erhalten. Ist seine Arbeit in formeller Beziehung der seines Vorgängers nachzusetzen, so erhebt sie sich dagegen über sie noch in der Fülle des Stoffes und der Unabhängigkeit der Darstellung. Der stolze Erzbischof, der die erste geistliche Würde Westfranciens bekleidend, an der Spitze seiner kirchlichen Angelegenheiten stand und auf die politischen den grössten Einfluss ausübte, war durch Stellung und Charakter dem Zwange höfischer Rücksichten entzogen. Er schrieb auch in der Geschichte seiner Zeit zum guten Theil seine eigene, wie vieles hatte er selbst vollbracht und an wie vielem persönlich Antheil genommen! Um so mehr ist die unparteiliche Ruhe der Erzählung, zumal bei seinem heftigen Temperament, anzuerkennen: Hincmar hat ein Bewusstsein von seiner Pflicht als Historiograph gehabt, das ihn vor Entstellungen der Thatsachen behütete, andrerseits aber auch sein sittliches Urtheil rücksichtslos aussprechen oder andeuten liess. Dieses subjective Moment gibt seinen Jahrbüchern einen eigenthümlichen Reiz. Vgl. Noorden, Hinkmar S. 152 f. Durch die hervorragende Berücksichtigung der allgemeinen kirchlichen Interessen wie der Curie, durch die ausführliche Mittheilung von Actenstücken, aber auch durch eine häufigere und eingehendere Inbetrachtnahme der andern karolingischen Reiche, Lotharingiens namentlich, ist der dargebotene Stoff ein so reicher, und hat zugleich dieser Theil der Bertinianischen Annalen unter allen den Jahrbüchern jener Zeit den universellsten Charakter. Dieser entspricht fürwahr der Stellung, welche Westfrancien damals, dank der Initiative seines ehrgeizigen Königs, unter den schon angezeigten günstigeren Verhältnissen in dem Kreise der karolingischen Reiche einnahm. So hätte man damals wohl denken können, dass 368 die Kaiserkrone, die Karl der Kahle in der That sich eroberte, auch für die Zukunft diesem Reiche vorbehalten wäre.   In Ostfrancien erhielten die Reichsannalen eine Fortsetzung in den Annales Fuldenses Ed. Pertz in: Monum. German. histor. l. l. p. 337 ff. (Praef.) – – Die Jahrbücher von Fulda und Xanten. Nach der Ausg. der Monum. Germ. übers. von Rehdantz. Berlin 1852. (Geschichtschr. d. deutsch. Vorz. IX. Jahrh. 9. Bd.) (Einleitung.) – Wattenbach a. a. O. S. 183 ff. : es ist bezeichnend, dass dies an dem Hauptsitze der wissenschaftlichen Bildung Deutschlands damals geschah. Diese Fuldaer Annalen sind bis zum Jahre 838 von einem sonst nicht weiter bekannten Mönche, Enhard , verfasst; er schliesst seine eigenen kargen Aufzeichnungen an eine Compilation von Auszügen aus den älteren Reichsannalen, den kleinen Lorscher und den des Klosters Sithiu (St. Bertin), vermehrt durch einige Zusätze. S. Simson, Ueber die Annales Enhardi Fuldenses und Annales Sithuenses . Jena 1863. – Waitz nimmt das entgegengesetzte Verhältniss der beiden Annalen an. S. Forschungen zur deutsch. Gesch. Bd. 18, S. 354 ff. An diese literarisch werthlose Arbeit Enhards schliesst sich nun vom Jahre 838 an die weit bedeutendere Fortsetzung Rudolfs , des schon von uns behandelten Schülers Rabans S. oben S. 332 f. , welche bis zum Jahre 863 reicht. Dieselbe ist, wenn nicht im Auftrage Ludwigs des Deutschen, wie Wattenbach annimmt, doch ganz in seinem Sinne verfasst Die Begünstigung Ludwigs des Deutschen zeigt Rudolf sogleich im Eingang beim J. 839, indem er den Rückzug desselben vor dem Heere seines Vaters aus kindlichem Pflichtgefühl erklärt. , wie sie denn ganz speciell seiner Regierungsgeschichte gewidmet ist: bezeichnend ist dafür, dass auch in den ersten drei Jahren, wo noch Ludwig der Fromme herrschte, der König Ludwig schon durchaus in dem Vordergrunde der Erzählung steht. Eine Berücksichtigung des eigenen Klosters zeigt Rudolf ebenso wenig, als Enhard in seiner Fortsetzung; ja er gedenkt nicht einmal der Resignation Rabans als Abt, während er von ihm später und als Erzbischof gelegentlich selbst rein persönliches berichtet. So i. J. 844 die Uebersendung des Buchs De s. cruce an den Papst; so i. J. 850 die Speisung der Armen auf Rabans Gut, Winkel. Auch die andern karolingischen Reiche werden, wo 369 nicht Deutschland zu ihnen in eine unmittelbare, meist feindselige Beziehung tritt, sehr wenig in Betracht gezogen; dasselbe gilt in noch höherem Grade von den allgemeinen kirchlichen Interessen, so wird der Schicksale Gottschalks und seiner Lehre in Westfrancien gar nicht gedacht. Aus alle dem erklärt sich leicht, dass diese Jahrbücher weit kürzer als die Hincmars sind. – Dass Rudolf dem Hofe nahe gestanden hat, ergibt sich mit Sicherheit aus seinem Werke; es ist sogar nicht unwahrscheinlich, dass er zu den Rathgebern Ludwigs gehörte. Hierfür scheint die Stelle namentlich zu sprechen, worin weitläufig die Bedenken und Erwägungen Ludwigs erörtert werden, welche i. J. 858 seinem Entschluss Karl den Kahlen zu entsetzen vorausgingen, da heisst es denn schliesslich: quod longe aliter esse quam se vulgi fert opinio, cuncti consiliorum regis conscii veraci sermone testantur. l. l. p. 371, Zeile 34 f. Noch ist bemerkenswerth, dass unter allen Orten Mainz, auch in rein localer Rücksicht, in seinen Annalen bei weitem am meisten genannt wird, der Art, dass man, auch bei Berücksichtigung des freundschaftlichen Verkehrs Rudolfs mit Raban, doch an einen zeitweiligen längeren Aufenthalt desselben dort denken könnte. Stilistisch erheben sich diese Jahrbücher über alle andern jener Zeit – wieder ein Zeugniss der erfolgreichen Pflege der klassischen Studien in Deutschland. Eine weitere Fortsetzung bis zum Jahre 882 erhielten die Fuldaer Annalen in unserer Periode noch von einem unbekannten Kleriker, der jedenfalls ein Franke, wahrscheinlich wohl auch ein Fuldaer Mönch war, so wenig auch von ihm dieses Klosters gedacht wird. Er erzählt zum Theil weit ausführlicher als sein Vorgänger, obzwar nicht in ganz ebenso gutem Latein, und berücksichtigt auch etwas mehr das karolingische Ausland. Seine Erzählung hat aber weit weniger den Charakter ruhiger Objectivität. Namentlich mag er nirgends seinen Hass gegen Karl den Kahlen verbergen: nicht bloss, dass er seine Habsucht und Feigheit offen brandmarkt So sagt er von ihm 875: est enim lepore timidior ; und 877: Quod cum Karolus comperisset, illico iuxta consuetudinem suam fugam iniit. , er betitelt ihn auch sonst öfters »Tyrann Galliens« statt König, namentlich nachdem er der Kaiserkrone sich bemächtigt, was besonders den Zorn unsers Autors erregt zu haben scheint. 370 Eine gewisse Verwandtschaft mit der Annalistik zeigt eine pragmatische Geschichte der Gegenwart, wie sie in dem Werke eines Laien, der an den von ihm erzählten Begebenheiten einen thatkräftigen Antheil genommen, schon damals uns entgegentritt – ein Werk, das ohne Frage den Höhepunkt der Historiographie in dieser Periode bezeichnet. Es sind die Libri quattuor historiarum des Nithard . Nithardi historiarum libri IV ed. Pertz in: Monum. German. histor., Script. Tom. II , p. 649 ff. – * In usum scholar. Ed. altera. Hannover 1870. Meyer von Knonau, Ueber Nithards vier Bücher Geschichten. Leipzig 1866. 4°. – Pätz, De vita et fide Nithardi. Haller Dissert. 1865. – Kuntzemüller, Nithard und sein Geschichtswerk. Jen. Dissert. Guben 1873. – Wattenbach, Deutschl. Geschichtsq. 4. Aufl. I, S. 171 ff. Nithard, wie er in seinem Werke selbst sagt Ende des 5. Kap. des 4. Buchs. , ein Sohn des Angilbert und der Tochter Karls des Grossen, Bertha, war, wie sein Vater, Laienabt Ganz dem entsprechend heisst es in Hariulfs Chronic. Centulense, lib. III am Schlusse des Angilbert gewidmeten cap. 7: post eius sanctum transitum filius eius Nithardus, quem de regis filia Berta susceperat, Centulensibus iure Abbaticio praelatus ; und wenn der Verfasser dann fortfährt: paucisque diebus in regimine expletis , interemptus praelio , so wird meines Erachtens damit gesagt, dass Nithard nur kurze Zeit die Abtei selbst leitete, nachdem er nicht lange vor seinem Tode dorthin sich zurückgezogen und in den geistlichen Stand selbst eingetreten war: so besagt ja auch die Grabschrift: Nomen rectoris qui modico tenuit , und wieder das Chronic. Centul. l. III, c. 5: Is ipse Nithardus, domni Angilberti filius, coenobio huic praefuisse asseveratur post decessum patris, quique cum paucissimis diebus ministrasset , bello interfectus, iuxta patrem sepulturam meruit. Die nach Angilberts Tod bis auf den Eintritt Nithards in das Kloster in der Chronik als Aebte Bezeichneten haben nur das geistliche Regiment geführt. von St. Riquier, das ihm wohl als Erbgut zugefallen. Seinem Neffen Karl dem Kahlen diente er als Soldat und Diplomat in hervorragender Weise, und hing ihm aufs treueste an, wie er ihm denn offenbar persönlich sehr zugethan war: vergeblich suchte ihn Kaiser Lothar auf seine Seite zu ziehen. Bei Fontanetum hat er zum Siege Karls als geschickter und tapferer Führer wesentlich beigetragen; andrerseits gehörte er auch zu denen, welche 842 mit der Theilung des Reichs Lothars von Karl bevollmächtigt wurden. Dass der Sohn eines Angilbert, auch ohne zum Geistlichen 371 bestimmt zu sein, eine wissenschaftliche Ausbildung erhalten, versteht sich von selbst. So erklärt es sich wohl, dass Karl ihn berufen glaubte, die Begebenheiten seiner Zeit der Nachwelt zu tiberliefern, und ihm hierzu mitten in dem Bürgerkriege im Mai d. J. 841 den Auftrag gab, wie uns Nithard in dem an Karl gerichteten Vorwort des ersten Buches mittheilt. Der Auftrag war schön, meint Nithard, wenn nur auch die Musse zur Ausführung einer so bedeutenden Arbeit gegeben wäre: er nimmt deshalb die Nachsicht des Königs und der Leser überhaupt in Anspruch. Indessen vollendete unser Autor die beiden ersten Bücher schon im Herbst desselben Jahres, denen er dann die zwei anderen allmählich folgen liess bis zum Frühjahre 843, wo er die Arbeit abbrach. Die eigenthümliche Bedeutung des Werks lässt schon das erste Buch erkennen, das als historische Einleitung einen Ueberblick über die Geschichte Ludwigs des Frommen gibt, und zwar zu dem Zwecke, dass der wahre Sachverhalt der Streitigkeiten Karls (mit Lothar) jedem Leser leichter offenbar werde und derselbe erfahre, weshalb nach dem Tode des Vaters Lothar seinen Bruder zu verfolgen beschloss. So beginnt Nithard sogleich mit der Motivirung der Ereignisse, welche er erzählen will. Der Rückblick ist klar, in prägnanter Kürze gegeben und durchaus in den Grenzen der ausgesprochenen Absicht, indem vornehmlich der Reichstheilungen und ihrer Folgen gedacht wird, in welchen unser Autor mit Recht die Anfänge der Streitigkeiten seiner Zeit sieht. Vom zweiten Buch an beginnt Nithard ihre Geschichte, indem er nunmehr darstellen will, wie er in der Vorrede dieses Buches sagt, mit welcher Tüchtigkeit und Geschicklichkeit Lothar die Verfolgung seines Bruders Karl ausgeführt habe. Er erzählt hier aus dem Gedächtniss Prout memoria viresque suppleverint. Praef. libri II. die Ereignisse von dem Tode Kaiser Ludwigs bis zur Schlacht von Fontanetum (Juni 841). Mit dieser Schlacht, die wie ein Zweikampf als ein Gottesurtheil aufgefasst wurde, sollte eigentlich der Streit für immer entschieden sein; aber es war nur das erste Certamen , mit dessen Ende, wie Nithard sagt, er sein zweites Buch schliesst. Gern hätte er damit seine Arbeit ganz geendet, wie er im Eingange des dritten bemerkt, denn, schäme er sich schon, 372 wenn er etwas schlimmes von seinem Volke höre , so müsse ihn noch mehr verdriessen es zu berichten; nur damit nicht ein andrer die Ereignisse anders als sie sich begeben, zu erzählen sich herausnehme, habe er sich bequemt, von dem, bei welchem er selbst dabei war, ein drittes Buch hinzuzufügen. Und so erzählt er denn hier den zweiten Feldzug Karls gegen Lothar, welcher nach dem durch den Strassburger Vertrag neu besiegelten Bündniss Karls mit Ludwig Hier, c. 5, theilt denn Nithard bekanntlich die Eide in romanischer und deutscher Sprache mit, mit welchen die Könige und ihre Völker das Bündniss beschworen. vor den alliirten Heeren nach dem Süden bis zur Rhone entweicht (März 842). Von diesem Buche an folgte der Autor gewiss mit der Feder den Ereignissen, und so finden sich denn hier mehrere kleinere oder grössere Episoden, die mit der Haupthandlung in einer nur geringen Verbindung stehen; unter ihnen ist (c. 6) von besonderem Interesse die Schilderung des Zusammenlebens der verbündeten Könige in Worms und der Kampfspiele ihrer aus den verschiedensten Nationen aufgebotenen Truppen – so werden hier Sachsen, Basken, Austrasier und Britten genannt. In dem letzten Buche, welches die Zeit bis zum Frühjahre 843, also ein Jahr umfasst, und namentlich also die Verhandlungen begreift, welche dem Vertrage von Verdun vorausgingen, nimmt Nithards Werk, zumal gegen Ende, immer mehr den Jahrbuchscharakter an, indem Notizen von Begebenheiten eingeschaltet werden, die gar keinen Bezug zu dem Bürgerkriege haben und auch an sich von keiner Wichtigkeit sind, wie eine Plünderung der Normannen (c. 3), die Translation Angilberts (c. 5), die Eroberung von Benevent durch die Mauren (c. 6) u. dgl. Auch mancherlei Naturereignisse finden sich hier aufgezeichnet. Ja mit einer Betrachtung, welche dieselben veranlassen, schliesst der Verfasser das Buch. Der harte Winter, der tief in den März hineinreicht, den Früchten wie dem Vieh verderblich, erscheint ihm als eine Strafe des Himmels für den Egoismus der Menschen, die das öffentliche Wohl um ihres Eigennutzes willen vernachlässigen, so dass überall Zwiespalt und Streit sich zeigt. Wie ganz anders war alles zu Karls des Grossen Zeiten, wo Friede und Eintracht herrschte, und auch die Natur ihren reichen Segen spendete! 373 Diese traurige Schlussbetrachtung entspricht ganz dem Vorwort dieses Buches, wo Nithard nicht allein den Wunsch wiederholt, die Arbeit aufzugeben, sondern auch den andern ausdrückt, sich vom öffentlichen Leben ganz zurückzuziehen. Aber weil er, noch auf stürmischem Meere herumgetrieben, nicht wisse, in welchen Hafen er getragen werde, so stehe nichts im Wege, wenn er etwas Musse finde, das Werk fortzusetzen. »So will ich denn,« schliesst er dort, »mit einem vierten Buche mich beschäftigen, und wenn ich sonst in Zukunft nichts werde nützen können, wenigstens hierin den Nebel des Irrthums den Nachkommen durch meine Arbeit zerstreuen.« Ergo huic rerum operi quarto assistam, et si in ceteris rebus futuris prodesse nequivero, saltem in his erroris nubeculam proprio labore posteris detergam . Aus diesem Vorwort des letzten Buches, das vor der Abfassung desselben geschrieben ist, geht hervor, dass Nithard seiner Theilnahme an den Staatsangelegenheiten müde war, wohl auch deshalb, weil der König auf seinen Rath weniger hörte Darauf scheint mir die in der vorigen Anmerk. citirte Stelle si in ceteris etc. hinzudeuten; wie dies schon Pätz annahm l. l. p. 7. ; den Hafen fand er, vielleicht noch vor Beendigung des Buchs, in seinem Kloster, wo er, wie ich glaube S. oben S. 370 Anm. 3. , jetzt wirklich geistlicher Abt wurde; und bald danach, vor dem Sommer des Jahres 844, fiel er, noch einmal zum Schwerte greifend So besagt auch das Epitaphium; dasselbe findet sich auch bei Wattenbach S. 174. , vielleicht bei einem Angriffe der Normannen auf das Kloster. Die Bedeutung seines Werks liegt in der Pragmatik, der Schwerpunkt in dem ersten Buche: es ist seiner Anlage nach die erste politische Geschichte, und dieser Anlage entsprechen auch die beiden ersten Bücher, während die andern, im Laufe der Begebenheiten aufgeschrieben, bei dem Mangel historischer Perspective in eine annalistische Darstellung mehr und mehr sich verlieren. Nithard nimmt einen Parteistandpunkt ein, wie jeder politische Historiker der »Gegenwart«; wie dies an und für sich selbstverständlich, so gibt dies auch Nithard offen zu erkennen. Nur in so weit aber erscheint in dem grössten Theile des Werks die Darstellung eine subjective, – vom Memoirenstil hat sie da nichts – natürlich von den 374 Prologen abgesehen; diese aber, wie der Schluss, erwecken die lebendigste Theilnahme an dem Autor, und erhöhen dadurch das allgemeine menschliche Interesse an den von ihm erzählten Begebenheiten. Auch in dem Stile besitzt das Werk einen Reiz, denn er hat einen sehr individuellen Charakter; es ist unschwer zu erkennen, dass ein zwar literarisch gebildeter, aber ganz und gar nicht gelehrter Soldat und Staatsmann die Feder führt: er fasst sich kurz, er liebt keine langen Perioden; viele und schöne Worte machen zu wollen, fällt ihm nicht ein, und dies um so weniger, als sein Wortschatz ein dürftiger ist; wie oft kehren dieselben Worte und Wendungen wieder! Auch vergreift er sich in den Ausdrücken und wird selbst zuweilen durch Incorrectheit dunkel.   Zweiundzwanzigstes Kapitel. Geschichten von Bisthümern und Klöstern. Die chronistischen Werke, die einzelnen Gebieten gewidmet sind, betreffen in dieser Periode nur geistliche: Bisthümer oder Klöster, indem sich die Darstellung unter geringerer oder grösserer Einmischung des biographischen Elements, an die leitenden Persönlichkeiten reiht, die Bischöfe und Aebte. Das älteste und wichtigste dieser Werke, das den andern zum Vorbilde gedient hat, ist der Liber pontificalis oder Gesta , auch Vitae pontificum Romanorum betitelt. Ed. Bianchini. Rom 1718. 4 Tom. fol., danach in: Muratori, Rerum italicar. Scriptores T. III. – – Piper, Einleitung in die monumentale Theologie. Gotha 1867. S. 315 ff. – Duchesne, Etude sur le libre pontificalis . Paris 1877. – Waitz, Ueber die verschiedenen Texte des liber pontif. im N. Archiv Bd. IV. – S. über den heutigen Stand der Frage nach dem Alter und dem Verhältniss der verschiedenen Texte: Waitz in der Histor. Zeitschr. 1880. S. 135 ff. Es enthält zunächst die Geschichte der einzelnen Päpste bis Stephan VI. (incl.), der von 885 bis 891 den römischen Stuhl einnahm. Zwei Theile lassen sich aber in dieser ersten Hauptpartie – dem Grundwerk, das später eine Fortsetzung fand – unterscheiden, von 375 welchen der erste mit Conon (686 bis 687) abschliesst. Dieser ist auf Grund eines Papstcatalogs aus der Mitte des vierten Jahrhunderts, und unter Benutzung der Aufzeichnungen des päpstlichen Archivs, der Inschriften und mündlicher Tradition ausgeführt. Die Vitae sind kurz, annalistisch in der Darstellung, obwohl meist nur ganz allgemeine Zeitangaben – abgesehen von der Dauer des Pontificats – sich finden; annalistisch auch in der Art der Auswahl des Stoffes: kurze persönliche Angaben, die wichtigsten politischen Ereignisse, die das Papstthum und Rom betreffen, Häresien, Naturereignisse; eine ganz besondere Berücksichtigung aber wird den ausgeführten Bauten und erworbenen Kirchengeräthen zu Theil. Der zweite Theil ist das Werk verschiedener Verfasser, die den ersten successive fortsetzten, zum Theil selbst als Zeitgenossen. Die Vitae sind hier umfangreicher, manche, wie die Hadrians, Leo's III. und Leo's IV., selbst sehr ausführlich, indem jetzt auch auswärtige Begebenheiten, die in keiner näheren Beziehung zu dem Papstthum stehen, berichtet werden. Die Darstellung gewinnt zugleich an Lebendigkeit und individueller Färbung. Früher nahm man irrthümlich als Verfasser des ganzen oben betrachteten Grundwerks den römischen »Bibliothekar« Anastasius an (der um 886 starb und verschiedene Werke aus dem Griechischen übersetzt hat), ihm ist aber höchstens die Vita Nicolaus' I. beizulegen.   Wie schon dem Paulus Diaconus bei seinen Gesta pontificum Mettensium das römische Pontificalbuch Vorbild war, so ist dies ingleichen der Fall gewesen bei einem weit bedeutenderen Werke Italiens, dem Liber pontificalis ecclesiae Ravennatis des Agnellus . Ed. Holder-Egger in: Monum. German. histor., Script. rer. Langobard. saec. VI–IX. p. 265 ff. (Praef.) – – Piper a. a. O. S. 349 ff. Agnellus, der auch Andreas hiess, stammte aus einer edlen und reichen Familie Ravenna's und war um d. J. 805 geboren. Schon als Kind zum geistlichen Stande bestimmt, kam er früh für Geld und durch Erbschaft in den Besitz von ein paar Klöstern und wurde Presbyter der Kirche seiner Vaterstadt. Durch seine Gelehrsamkeit angesehn, wurde er von seinen geistlichen Brüdern (den andern Presbytern) um Abfassung des Werkes gebeten, das er vor d. J. 838 376 begann und allmählich es fortführend Indem er es stückweis den Brüdern, die ihn fortwährend um die Fortsetzung drängten, vorlas, s. z. B. c. 38 u. 39, c. 62. , erst nach 846 etwa beendete, da er mit dem Erzbischof Georgius schliesst. Von dem man annimmt, dass er um d. J. 846 gestorben ist. Bei der Ausführung seiner Aufgabe die Wirksamkeit der einzelnen Bischöfe von Ravenna zu schildern, verfährt Agnellus zwar in ähnlicher Weise, als das römische Pontificalbuch, indem er in chronologischer Reihenfolge einen Bischof nach dem andern vorführend, die Handlungen derselben berichtet und dabei namentlich auch der Bauten und des Schmuckes wie der Geräthe der Kirchen gedenkt, aber er unterscheidet sich schon in dieser Beziehung von seinem Vorbilde insofern er nicht auf blosse Angaben jener sich beschränkt, sondern die Gebäulichkeiten und Kunstwerke beschreibt, wo nicht selbst, doch durch Mittheilung schildernder Gedichte, die sich, wie es ja schon lange Sitte war, als Inschriften daran fanden; ja er geht noch weiter und benutzt, wohl der erste, die Werke der monumentalen Kunst als Geschichtsquelle, wie er dies auch selbst sagt. S. unten Anm. 5 die im Druck hervorgehobenen Worte. So gibt er auch nicht selten nach Portraits ein Bild des Aeussern der Bischöfe. Auch ist die mündliche Tradition, auf die er sich häufig beruft Allerdings mitunter auch unwahrer Weise, da wo eine schriftliche Quelle ihm vorlag, wie dies in Betreff der Ravennater Annalen von Holder-Egger nachgewiesen ist. , in weit ausgedehnterer Weise seine Quelle gewesen, wie er denn gern selbst ganz lange fromme Sagen und Anekdoten seiner Darstellung einflicht. Ja er scheut sich sogar nicht (was er offen eingesteht) da, wo das Material ihm ganz fehlt, ein Charakterbild aus der Phantasie zu entwerfen. S. De s. Exuperantio (p. 297), wo er sich zugleich gelegentlich über seine Quellen äussert: Et ubi inveni quid illi (fratres) certius fecerunt, vestris (legentium) aspectibus allata sunt, et quod per seniores et longaevos audivi, vestris oculis non defraudavi; et ubi istoriam non inveni aut qualiter eorum vita fuisset, nec per annosos et vetustos homines, neque per haedificationem, neque per quamlibet auctoritatem, ne intervallum sanctorum pontificum fieret, secundum ordinem, quomodo unus post alium hanc sedem optinuerunt, vestris orationibus me Deo adiuvante, illorum vitam composui, et credo non mentitum esse, quia et horatores fuerunt castique et eleemosinarii et Deo animarum hominum acquisitores. De vero illorum effigie si forte cogitatio fuerit inter vos, quomodo scire potui: sciatis, me pictura docuit , quia semper fiebant imagines suis temporibus ad illorum similitudinem. 377 Von Büchern hat er nur wenige benutzt; dagegen hat er vieles aus den Urkunden des Ravennatischen Archivs geschöpft. Wie er selbst einen regen Sinn für Kunst und Poesie besass, so theilt er auch Inschriften in Versen mit, wo sie auch nicht zur Beschreibung dienen, wie auf Gräbern und auch sonst. Hierdurch erhält sein Werk noch ein besonderes literarhistorisches Interesse. Er selbst hat auch zwei eigene Gedichte in dem Werke gegeben. Das eine, an der Spitze desselben, enthält ein Gespräch in Hexametern zwischen dem Dichter und seinen Mitpresbytern, worin sich jener nach einigem Sträuben bereit erklärt, ihre Bitte zu erfüllen und das Werk zu verfassen; es schliesst mit einigen adonischen Versen. Das andre Gedicht, das dem Vorworte folgt, wie das erste ihm vorausgeht, ist ein Acrostichon von zehn Distichen auf den heiligen »Apolinaris«, mit welchem, als einem Schüler des Apostels Petrus, die Reihe der Bischöfe Ravenna's sich eröffnet. – Wie die ganze Darstellung des Agnellus einen recht subjectiven Charakter hat, indem er manches persönliche einmischt und von Parteilichkeit sich durchaus nicht frei hält, so auch sein Stil; er ist ungleich, in der Erzählung im Ganzen einfach und natürlich, zuweilen aber durch poetische Ausdrücke und Phrasen, die namentlich dem Virgil entlehnt sind, schwülstig und geziert. Daneben finden sich auch episodisch Betrachtungen im salbungsvollen Kanzelstil. Bei der sehr schlechten Ueberlieferung lässt sich über die Sprache kaum ein Urtheil fällen.   Um dieselbe Zeit wurde nach demselben Vorbilde in Westfrancien auch die Geschichte eines Klosters geschrieben in den Gesta abbatum Fontanellensium In: Monum. German. histor., Script. T. II, p. 270 ff. Ed. Pertz. (Praef.). ; es ist das Kloster Fontanelle oder St. Vandrille. Der Verfasser, dessen Namen unbekannt, war ein Mönch desselben und führt sein Werk bis zum Tode des Ansegis 833. Bei dem Leben dieses wie bei dem des Stifters verweilt er am längsten. Das Kloster wurde von Wandregisil, einem Vetter des älteren Pippin, der zuerst 378 Laie, Pfalzgraf und Herzog, war, dann sich dem asketischen Leben weihte, in der Nähe von Rouen gegründet (645). Die Geschichte dieser Aebte, die auch einiger merkwürdiger Mönche besonders gedenkt Leider ist sie nur mit einer Lücke überliefert, indem die Gesta der drei auf den Stifter folgenden Aebte, sowie der Schluss des Lebens des Wandregisil in der Handschrift fehlen. , gibt ein anschauliches Bild von den Schicksalen eines Klosters im Frankenreiche im siebenten und achten Jahrhundert. Merkwürdig ist, wie oft Fontanelle von Bischöfen (von Rouen und von Reims) und Aebten anderer Klöster regiert wurde. Auch Laien fehlten unter seinen Rectoren nicht. Den Hauptinhalt dieser Gesta bildet die Mittheilung der Erwerbungen des Klosters an Grundbesitz und andrerseits ihrer Verluste vornehmlich in Folge von Säcularisation Vgl. Roth, Die Säcularisation des Kirchengutes, im Münchener histor. Jahrbuch für 1865. , ferner der von den Aebten geschenkten und vererbten Kirchengeräthe, Gewänder und auch Bücher, sowie ihrer Bauten. In beiden Beziehungen zeichnete sich namentlich der sehr reiche und hochgebildete Ansegis aus, der seit 823 dem Kloster vorstand, und zugleich noch ein paar andre besass. Wie er unter Einhards Oberleitung die königlichen Bauten in Achen ausgeführt hatte, so restaurirte er und errichtete auch neu manche Gebäude des Klosters und liess sie auch mit Wand- und Deckengemälden schmücken; andrerseits verbesserte er den Landbau und stellte die Regel Benedicts wieder her; er schenkte auch diesem Kloster, wie einem andern, eine nicht geringe Zahl Bücher Er muss eine bedeutende Bibliothek gehabt haben, wie man sieht, wenn man die nicht einmal vollständige Liste der dem Kloster Flaviacum geschenkten Bücher (p. 295) mit den Fontanell gegebenen verbindet. , namentlich Werke des Augustin, Ambrosius, Hieronymus und Beda, welche im Verein mit einer früheren Schenkung, des Abtes Wando in den vierziger Jahren des achten Jahrhunderts S. c. 13 (p. 287). Unter diesen Büchern, die selbstverständlich grösstentheils theologische waren, werden doch auch genannt die » Historia Jordani, episcopi Ravennatis ecclesiae, de origine Getarum « und, was noch interessanter, die » Historia Apollonii regis Tyri «. , eine stattliche Büchersammlung schon bildeten. Dazu kamen noch eine Anzahl Bände, welche unter dem Vorgänger des Ansegis ein Mönch des Klosters, der in 379 einer Cella desselben einsiedlerisch lebte, der Presbyter Harduin selbst geschrieben hatte. Dieser machte sich auch durch seinen Unterricht in der Arithmetik und in der Schreibkunst verdient zu derselben Zeit, wo sein Abt Gervold die Klosterschule für die ganz ungebildeten Mönche gründete, und selbst recht musikalisch, sie im Gesang unterrichtete (c. 16, p. 292). Politische Nachrichten finden sich wenige und diese sind – von solchen abgesehen, die das Kloster unmittelbar berührten – fast alle bekannten Werken, wie Fredegar, den Reichsannalen u. s. w. entlehnt. Die Hauptquellen, aus denen der Verfasser schöpfte, sind Klosterurkunden und mündliche Tradition Dieser wird umständlich gedacht bei der Erzählung von einem Einsiedler Milo (aus dem Anfang des achten Jahrhunderts), wo es heisst: Audivi nempe narrantem quendam venerabilem senem, qui ab eo didicit, qui ipsum Milonem multo tempore vidit – – c. 4 (p. 278). , wozu dann noch die alte Vita des Stifters kommt. Herausgeg. von Arndt in: Kleine Denkmäler aus der Merovingerzeit. Hannover 1875. Auch eine kurze Chronik dieses Klosters vom Jahre 841 bis 859 hat sich erhalten. Monum. Germ. hist. l. l. p. 301 ff.   Noch ist aus dieser Periode die Geschichte eines Klosters Italiens zu erwähnen, des im Sabinerlande zwischen Rom und Reate gelegenen, der heil. Jungfrau gewidmeten Farfa – so genannt nach einem Flusse in seiner Nähe. Diese Geschichte von Farfa geht bis zum Jahre 857, und ist wohl nicht lange danach verfasst worden. Den grössten Raum nimmt in ihr die ausführliche Erzählung von der Gründung des Klosters und dem ersten Abte Thomas ein; daher ist denn die Schrift Constructio Farfensis betitelt worden. Ed. Bethmann in Monum. German. histor., Script. T. XI, p. 519 ff. (Praef.) Thomas (starb 720), ein Presbyter Galliens, hatte eine Pilgerfahrt nach Jerusalem unternommen: dort wird ihm, während er am heil. Grabe Gott anfleht, ihm den Weg des Heiles zu zeigen, eine Erscheinung der Jungfrau, die einen Ort im Sabinerlande bezeichnet, wo mitten im Walde bei drei hohen Cypressen eine ihr geweihte Basilika steht; dort solle er leben, um seinen Wunsch erfüllt zu sehen. Nach manchem vergeblichen Versuche gelingt es 380 Thomas auch den Ort zu finden, wo er denn, unterstützt von dem Herzog von Spoleto, ein Kloster gründet. Noch wird von ihm eine Cella desselben am Vulturnus zunächst für drei edle junge Beneventer, die sich der Askese weihen, errichtet. – Der andern Aebte bis zum vierzehnten, der 857 starb, wird meist nur in wenigen Zeilen gedacht, in kurzer Charakteristik, ähnlich wie in den libri pontificales . Sie waren fast alle Franken. Einer, Alanus (759–69) war ein Gelehrter, der viele Jahre als Eremit lebend mit Abschriften von Codices sich beschäftigte, die er »wundervoll« ausführte; aber er war kein Menschenkenner, denn zu seinem Nachfolger erwählte er einen Angelsachsen Wigbert, der bei seinen rohen Sitten die Mönche so tyrannisirte, dass sie die weltliche Macht zu Hülfe riefen, ihn zu vertreiben.   Dreiundzwanzigstes Kapitel. Weltchronik: Frechulf, Ado. Auch die Weltchronik fand in diesem Zeitraum eine, und sogar doppelte Bearbeitung: einmal von Frechulf Freculfi, episcopi Lixoviensis, Chronicorum Tomi II. Coloniae 1530. In: Biblioth. patrum u. in Migne's Patrol. lat. T. 106. – – Grunauer, De fontibus Historiae Frechulfi . Dissert. Zürich 1864. (Gibt zugleich Ergänzungen des ersten Buchs aus dem S. Galler Cod.) – Histoire littér. de la France T. V, p. 77 ff. – Wattenbach, Deutschl. Geschichtsq. 4. Aufl. S. 177 ff. , dem Bischof von Lisieux, der, wie wir sahen, Raban zur Abfassung seines Commentars zum Pentateuch aufgefordert hatte. Er war ein Schüler des Presbyter Helisachar, des einflussreichen Kanzlers Ludwigs des Frommen. Dank seiner Gelehrsamkeit und der Gunst dieses Fürsten, dem er auf das treueste anhing, wurde er um 824 in der Angelegenheit der Bilderverehrung an den Papst nach Rom gesandt. Bald danach mag er sein Werk in Angriff genommen haben, das er vor 830 beendete. Das letztere ergibt sich aus der Widmung des zweiten Theils, nicht bloss weil er hier Judith felicissima nennt, sondern viel sicherer noch aus dem Prädicat invictus , das er dort dem Kaiser Ludwig gibt: das war nach 830 auch einem Schmeichler nicht mehr möglich zu sagen. Dass er das Werk erst nach der italienischen Reise begonnen, ist wahrscheinlich, weil ihm auf dieser wohl, wie auch Wattenbach meint, die Gelegenheit geboten ward, dem Büchermangel abzuhelfen, über den er gegen Raban – mindestens nach 822, in welchem Jahre Raban Abt wurde – klagt. Vgl. oben S. 130 . Die 381 Aufforderung zu demselben war ihm von Helisachar gekommen, der »unersättlich in seiner Liebe zur Weisheit« war. Frechulf, dessen Namen noch manche Synodalverhandlungen zeigen, lebte bis um die Mitte des Jahrhunderts. Sein Werk besteht aus zwei Theilen, die selbständig edirt sind. Der erste ist dem Helisachar gewidmet und behandelt die Weltgeschichte bis zu Christi Geburt, und nur so weit hatte der Kanzler das Werk verlangt, wie die Widmung besagt; der zweite Theil führt dasselbe bis zum Tode Gregors des Grossen, indem jedoch am Schluss noch anhangsweise berichtet wird, wie Bonifaz (IV.) das Pantheon vom Kaiser Phocas erhielt. Frechulf sagt selbst gegen Ende des letzten Kapitels: Igitur a nativitate Domini Jesu Christi ob amorem dominae meae Augustae Judith aggressus sum opus quod usque ad Gregorii, eximii doctoris, obitum perduxi . De gestis etiam Bonifatii papae quaedam deinceps praelibando perstrinxi – – Er identificirt aber da Bonifaz IV. mit Bonifaz III., indem er von demselben Papst zugleich noch berichtet, dass Phocas den römischen Bischofssitz als omnium ecclesiarum caput anerkannt habe; Bonifaz III. hatte dies, aber auch nicht als Papst, sondern als Gesandter Gregors durchgesetzt. Dieser Theil ist aber der Kaiserin Judith, welche der Verfasser mit galantem Lob überschüttet, gewidmet; er soll zur Unterweisung ihres Sohnes Karl dienen. Der erste Theil begreift sieben, der zweite fünf Bücher; jedes Buch aber wieder eine grössere Zahl Kapitel. Wie sich schon hieraus ergibt, ist diese Weltchronik eine Weltgeschichte in zusammenhängender Erzählung. Die Gliederung des Stoffes ist die folgende, zunächst des ersten Theils. Wie Orosius, und mit der aus ihm wörtlich entlehnten Motivirung, beginnt Frechulf seine Geschichte, statt mit Ninus, wie Eusebius, vielmehr mit Adam und führt sie im ersten Buche bis Abraham, von dem indessen hier schon ausführlich gehandelt wird. Das zweite Buch beginnt mit Ninus, bei dem und dessen Nachfolgern Abrahams von neuem gedacht wird, und geht bis auf David, insbesondere die 382 Vorbereitungen zum Bau des Tempels von Jerusalem. Von hier an erstreckt sich das dritte Buch bis zur zweiten Wiederherstellung desselben unter Darius. Das vierte reicht bis auf die vollständige Unterwerfung Italiens unter Rom nach dem Tode des Pyrrhus; das fünfte bis zur Verwüstung des Tempels durch Antiochus und den Untergang des macedonischen und carthagischen Reiches; das sechste geht bis auf Pompeius, das siebente endlich bis zu Christi Geburt. Wie sich unschwer erkennen lässt, geht diese Gliederung des Stoffes in der Hauptsache theils auf das in der Civitas dei aufgestellte System der Weltalter S. Bd. I, S. 224 ff. , theils auf das der Weltreiche Dass sich dessen Frechulf bewusst ist, zeigt recht der Schluss des fünften Buchs: Nunc vero ubi contaminationem atque vastationem templi ostendimus, duoque regna potentissima, Macedonicum scilicet atque Carthaginiense defecisse , finem etiam huius voluminis imponere decrevimus. , die Eintheilung des Werks des Orosius S. Bd. I, S. 326 ff. , zurück: das erste Buch soll nämlich die zwei ersten Weltalter umfassen, nur geht der Verfasser hier, indem er in der Weise der Civitas dei da weniger erzählt, als vielmehr einzelne Fragen, wozu der biblische Text auffordert, behandelt, schon auf Abraham ein, obgleich er das zweite Buch von dessen Geburt an rechnet; dieses entspricht dem dritten Weltalter; das dritte Buch ist durch den Verfasser ganz selbständig abgegrenzt, das vierte dagegen geht bis zum Anfang des vierten Buchs des Orosius, indem das letztere in seiner Ausdehnung ganz dem fünften des Frechulf entspricht: mit dem Kriege Roms gegen Pyrrhus beginnend, endigt es auch mit der Zerstörung Carthago's; dasselbe Verhältniss ist bei den beiden folgenden Büchern: das sechste des Frechulf ist in seiner Begrenzung dem fünften des Orosius gleich, nur dass im letzten Kapitel noch der Anfang des folgenden Buchs des Orosius behandelt wird, letzteres geht dann auch bis auf Augustus und Christi Geburt. Bei der Eintheilung des zweiten Theils ist Frechulf dagegen selbständig verfahren, da hier weder das System der Weltalter noch Orosius den Weg weisen konnte, weil ja der ganze Theil wie einem Weltalter, so auch nur einem Buche des Orosius entspricht. Das erste Buch geht hier bis zur 383 Zerstörung von Jerusalem, das zweite bis auf Caracalla und die unter ihm und seinem Vater eingetretene Verfolgung der Christen, das dritte von Elagabal bis auf Constantin den Grossen und die Schliessung der heidnischen Tempel durch ihn, das vierte von dessen Söhnen bis auf Theodosius den Grossen und die Zerstörung der Götter und ihrer Tempel, das fünfte endlich von Arcadius und Honorius bis auf Gregor, die Invasion der Langobarden und den Uebertritt Reccareds zum Katholicismus. Es ist offenbar, dass diese Eintheilung des zweiten Theils durch die Geschichte der christlichen Kirche bedingt worden ist, und so vom Standpunkt jener Zeit betrachtet, sogleich (vom zweiten Buche abgesehen) vollständig motivirt erscheint. Dies gilt auch von dem Schlusse des Werks: durch Gregor den Grossen ist die römische Kirche erst unabhängig von Byzanz geworden, und bald darauf, wie der Autor noch hinzufügt, selbst vom Kaiser als das Haupt aller Kirchen anerkannt. Dazu kommt, nach der Widmung des zweiten Theils wenigstens, auch noch ein verwandtes weltliches Motiv des Abschlusses, worauf Wattenbach mit Recht hingewiesen, das Ende der römischen – jetzt nur noch byzantinischen – Kaiserherrschaft im Abendland, da ihre Gewalten, wie Frechulf sagt Die Stelle der Widmung lautet: Igitur ab Octaviano Augusto et Domini nativitate Salvatoris nostri aggressus sum scribendo opus, quod peregi usque ad regna Francorum et Langobardorum, deficientibus Romanorum imperatoribus seu iudicibus ab Italia et Gallia, Gotorum quoque regibus, qui successerant, ab iis etiam depulsis. , in Gallien wie Italien verschwinden. Die Anlage des ganzen Werkes aber zeigt schon, wie auch in dieser Universalgeschichte die doppelte Strömung fortdauernd sich kundgibt, eine geistliche und eine weltliche; die Geschichte der Kirche und des auserwählten Volkes und die der irdischen Weltreiche neben einander geht. Augustins Civitas dei und Orosius' Geschichte, die diese ergänzen sollte, sind die Werke, welche auf die Anlage und Ausführung dieser Weltchronik den grössten Einfluss gehabt haben. Ihrem Inhalt nach ist sie aber eine wörtliche Compilation aus den verschiedensten Büchern, eine wahre Mosaikarbeit, indem in demselben Kapitel aus drei, vier, ja noch mehr Büchern die einzelnen Sätze entlehnt sein können Wie dies Grunauer durch das ganze Werk hin nachgewiesen hat. , hier und da mit geringer 384 Veränderung Dass aber auch mitunter bedeutungsvolle Abänderungen sich finden können, worauf eine erneute Untersuchung des Werks ihr Augenmerk zu richten hätte, mag ein Beispiel lehren. Cap. 4 des 1. Buchs des 2. Theils, welches Kapitel von Octavian handelt, ist zuerst aus Orosius, dann aus Aurel. Victor entlehnt, darauf folgt eine kleine Stelle unbekannter Herkunft, dann wieder eine Stelle aus Aurel. Victor Epit. c. 1 Ende, welche lautet: Imperavit annos quinquaginta et sex etc., qui certe numquam aut reipublicae ad se potentiam traxisset, aut tamdiu ea potiretur, nisi magnis naturae et studiorum bonis abundasset . An die Stelle der durch cursiven Druck hervorgehobenen Worte hat aber Frechulf gesetzt: nisi procausa nativitatis Domini hoc fieret . , wobei es denn auch wohl geschieht, dass dasselbe an anderer Stelle noch einmal erzählt wird. Die Hauptquellen Frechulfs sind ausser den beiden schon genannten Werken Eusebius-Hieronymus' Weltchronik, Eusebius' Kirchengeschichte mit der Fortsetzung des Rufin, die Historia tripartita , Isidors und Beda's Weltchroniken, Josephus' und Jordanis' Werke, Aurelius Victor, Florus, die Historia miscella und Hieronymus' De viris illustribus , welches Werk zum grössten Theil excerpirt ist, indem der Verfasser also, was Anerkennung verdient, der christlichen Literatur eine besondere Berücksichtigung schenkt. Ein Hauptmangel besteht darin, dass chronologische Angaben bei den einzelnen Begebenheiten in der Regel ganz fehlen, nur Berechnungen von Zeiträumen am Ende der Bücher sich finden, sowie die Zahl der Regierungsjahre der Könige. Nur durch ganz allgemeine Zeitbestimmungen, wie Quo tempore, tunc, interea und dergleichen, oder auch durch ein blosses igitur – das unserm nun entspricht – werden gewöhnlich die einzelnen Erzählungen lose mit einander verbunden.   Den formalen Charakter der Weltchronik bewahrt reiner das andre Werk, das auch weit weniger originell in der Anlage wie umfangreich ist. Es hat den auch sonst literarisch bemerkenswerthen Erzbischof von Vienne, Ado S. Adonis opera ad fidem editionum Rosweidi, Mabillonii etc. recognita et expressa, accur. Migne. (Patrol. lat. T. 123). – Auszüge der Chronik und von 814 an vollständig in: Monum. German. histor., Scriptor. Tom. II , p. 315 ff. ed. Pertz. (Praef.) – – Histoire littér. de la France T. V, p. 461 ff. Wattenbach a. a. O. S. 179. zum Verfasser. Dieser, einer alten edlen Familie Westfranciens entsprossen, war in dem durch seine humanistischen Studien, wie wir sahen, 385 sich auszeichnenden Kloster Ferrières erzogen und dort Mönch geworden. Er wirkte dann eine Zeitlang in Prüm, welches Kloster unter Marcward mit Ferrières in nahen Beziehungen stand, und besuchte danach Italien, wo er in Rom fünf Jahre verweilte. Auf dieser Reise hat er namentlich das Material zu seinem Martyrologium gesammelt. Nach der Heimath zurückgekehrt, erhielt er eine Pfarrstelle in Lyon. Seine Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit, welche letztere er auch durch die Abfassung seines Martyrologium jener Zeit bewies, empfahlen ihn dann i. J. 860 für den erledigten wichtigen erzbischöflichen Sitz von Vienne. Hochangesehen wirkte er hier bis zu seinem Tode 874. Seiner, nach den sechs Weltaltern eingetheilten Chronik liegt das Werk Beda's unmittelbar zu Grunde, das er, so weit es reicht, nur ergänzt oder modificirt, indem er hierzu namentlich aus Isidors Chronik und Orosius, dann auch aus den Gesta regum Francorum S. Bd. I, S. 573. das Material entlehnt und meist wörtlich einverleibt; dann als Beda's Werk aufhört, nimmt er seinen Stoff aus Kloster- und Reichsannalen vornehmlich, bis er zur Gegenwart gelangt, die aber gar dürftig behandelt ist; denn er hat seine Chronik bis zum Ende der sechziger Jahre des neunten Jahrhunderts fortgeführt. Sie erhält später von andern ein paar unbedeutende Fortsetzungen. Auch wo ihn Beda verlässt, behält er als Leitfaden die Reihenfolge der Kaiser bei, nur dass er mit Karl dem Grossen vom Orient zum Occident hinüberspringt. In dem letzten Weltalter sind einige Vienne betreffende Nachrichten von Werth. So wenig originell hiernach das Werk in stofflicher wie formeller Beziehung erscheint, so hat es doch eine bisher gar nicht beachtete Eigenthümlichkeit, auf die doch der Verfasser selbst im Eingange hinzeigt. Darauf geht meines Erachtens die Stelle: Quaedam etiam ex divinis libris ad eruditionem legentium, ubi opportunum duximus, subnotantes, ut ex brevi lector plura colligere possit. Jedem der vier ersten Weltalter nämlich ist eine allegorische Deutung der wichtigsten biblischen Handlungen und Persönlichkeiten, welche letztere als Typen, vorzugsweise von Christus, aufgewiesen werden, hinzugefügt, eine »Präfiguration«, die aber »unbeschadet der historischen Wahrheit«, wie der Verfasser sagt, statthat. 386 Das Martyrologium Ado's, ein weit umfangreicheres Werk als die älteren, wurde, wie er in der Vorrede bemerkt, auf Bitten frommer Männer von ihm unternommen, und zwar in der doppelten Absicht, erstens die Tage, welche Florus leer gelassen, auszufüllen und zweitens von den gefeierten Heiligen genauere Nachricht zu geben, und so werden denn, namentlich in der zweiten Hälfte, die Passionen recht ausführlich mitgetheilt, dank den Codices, die der Verfasser in Italien gesammelt. Er hat sich aber mit diesen Erweiterungen des Beda-Florusschen Werkes nicht begnügt, sondern seinem Martyrologium noch zwei besondere Stücke einleitungsweise vorausgeschickt: einmal ein sehr altes aus Rom stammendes Martyrologium, das er in Ravenna abgeschrieben, um durch dessen Autorität die früher öfters unrichtig gegebenen Daten der Festtage sicher festzustellen, dann ein Büchlein über die Feste der Apostel und ihrer Schüler und einiger auserwählten Märtyrer sowie der h. Jungfrau, welches nicht die Zeitordnung beobachtet, mit der h. Jungfrau endet und mit den Hauptaposteln Petrus und Paulus beginnt. Das Martyrologium Ado's wurde aber bald in den Hintergrund gedrängt durch ein anderes, das mit seiner Benutzung noch vor der Mitte der siebziger Jahre Denn Karl der Kahle wird von dem Verfasser bloss als König bezeichnet. verfasst war, eine noch grössere Vollständigkeit in den Namen der Heiligen zeigte, und andrerseits die Weitläufigkeit ausführlicher Märtyrergeschichten vermied; so war es für den kirchlichen Gebrauch zugleich praktischer angelegt. Es ist dies das Martyrologium jenes Mönchs von St. Germain in Paris, Usuardus , dessen wir früher bei der Translation des Georgius und Aurelius gedachten. S. oben S. 355 f. Das Martyrologium findet sich auch bei Migne, Patrol. lat. T. 123, p. 453 ff u. T. 124, » ex recensione Sollertii et ad edition. Benedictin. collatum. « Seine Arbeit, zu welcher ihn laut der Vorrede Karl der Kahle aufgefordert, wurde allmählich in den Kirchen des ganzen Abendlandes eingeführt und von Rom selbst adoptirt, so dass sie, wenn sie auch Zusätze von andern erfuhr, das Grundbuch für alle Zukunft wurde. Ado aber hat als Erzbischof im Interesse seiner Kirche noch die Passio des Bischofs von Vienne, Desiderius – die 387 er als Gegner der Brunhilde erlitt – auf Grund der Acta desselben, und das Leben des heil. Theuderius , der bei Vienne im sechsten Jahrhundert Klöster gründete, verfasst.   Vierundzwanzigstes Kapitel. Nationalgeschichte: Nennius, Erchanbert. Die vierte Hauptgattung der Historiographie in dieser Periode, die Nationalgeschichte ist auch nur durch zwei Werke vertreten, von welchen eins allein von einer gewissen Bedeutung, selbst für die Geschichte der Nationalliteraturen des Mittelalters, und von noch grösserem Rufe ist. Es ist die unter dem Autornamen des Nennius bekannte Historia Britonum Nennii historia Britonum, ad fid. codic. mss. recens. J. Stevenson. London 1838. Abdruck davon in: Nennius und Gildas, herausgeg. v. San-Marte. Berlin 1844. – Ferner in: Monum. historica Britannica . Ed. Petrie. T. I. London 1848. p. 47 ff. – – Schöll, De ecclesiasticae Britonum Scotorumque historiae fontibus . Berlin 1851. , welche, wie sich aus dem Inhalt selbst ergibt, im Jahre 822 verfasst ist. S. Schöll S. 35. Dies Buch, das uns nur in einer mehrmals interpolirten Gestalt überliefert ist, enthält in Handschriften späterer Zeit Von denen die älteste aus dem Ende des 12. Jahrh. ist; in einigen Mss. ist auch nur der zweite Prolog gegeben. zwei offenbar von Abschreibern hinzugefügte Prologe, von welchen der zweite ein Excerpt des ersten ist. In ihnen nennt sich als Verfasser des Werks Nennius, ein Geistlicher, Schüler des heil. Elbod (welcher letztere 809 als Bischof von Venedotia in Wales starb). Der Autor bittet hier in der schwülstig blumigen Sprache, die seiner Nation eigen, gar demüthig um Nachsicht für seinen Stil, indem er zugleich die Quellen, aus denen er seine Geschichte compilirt habe, und das Motiv, das ihn zur Abfassung derselben bewog, anzeigt. So wenig durch diese fingirten Prologe die Autorschaft des Nennius beglaubigt wird, wie denn das Werk in andern Handschriften Andern, namentlich auch dem älteren Historiker der 388 Britten, Gildas S. über ihn Bd. I, S. 536 ff. beigelegt wird, so enthalten doch die Angaben über die Quellen und das Motiv der Abfassung wahres und treffendes; der Verfasser des ersten Prologs hatte das Werk offenbar gründlich studirt. Wie er den Autor, der ohne Zweifel ein Waliser war, in dem Prolog sagen lässt, hat denselben nur eine »innere Herzenswunde« bewogen die Geschichte zu schreiben, der Kummer, »den einst berühmten und ausgezeichneten Namen seines Volkes von der Vergessenheit zernagt in Dunst aufgehen« zu sehen. Attamen internum vulnus circum praecordia volvens aegre ferebam, si propriae gentis nomen, quondam famosum et insigne, oblivione corrosum fumatim evanesceret. Prol. I, §. 1. Es ist also derselbe patriotische Grund, der auch einen andern, noch berühmteren walisischen Autor des Mittelalters, den Gottfried von Monmouth zur Abfassung der Geschichte seines Volkes bestimmte und zwar, um dasselbe weltgeschichtlich gross erscheinen zu lassen, in einer ganz phantastischen Gestalt auf Kosten aller historischen Wahrheit. Das Werk, so wie es vorliegt, beginnt mit einer kurzen allgemeinen Chronologie nach den Weltaltern, die manches eigenthümliche enthält, aber dem Werk ursprünglich nicht angehörte. Diese Chronologie enthält auch Widersprüche. Eigenthümlich ist, dass statt bis zur Geburt Christi, vielmehr zu seiner Passion (§. 5) oder auch (§. 6) bis zu Johannes dem Täufer gerechnet wird. Es folgt dann (§. 7) eine kurze Beschreibung von Britannien, welche offenbar den eigentlichen Anfang bildet. An sie schliesst sich (§. 10) die Erzählung von dem Ursprung des brittischen Volkes, der nach dem Vorgang der Trojanersage der Franken Vielleicht auf eine Anmerkung des Ethicus hin. S. Bd. I, S. 575, Anm. 1. auch von den Trojanern hergeleitet wird, die im Gefolge des Urenkels des Aeneas, Brutus nach Britannien kamen, das nach diesem selbst seinen Namen erhalten hat. Obgleich dies §. 10 ausdrücklich gesagt wird, so heisst es doch §. 7: Britannia insula a quodam Bruto consule romano vocatur. Es ist dies bezeichnend für die Art der Abfassung des Buchs, denn als Interpolation kann diese Stelle, womit das Buch erst in der That begann, nicht angesehen werden. Brutus hatte seinen Vater Silvius, den Sohn des Ascanius, durch 389 Zufall im Spiel mit einem Pfeilschuss getödtet, und war deshalb aus Italien verbannt worden, und erst nach manchen Abenteuern schliesslich nach England gelangt. – Der Verfasser gedenkt dann auch (§. 13 ff.) ausführlich der Herkunft der Schotten, die nach Irland aus Spanien eingewandert sein sollen, wohin ihre Vorfahren aus Aegypten gekommen waren! So will er von sehr kundigen Männern dieses Volkes gehört haben. – Nachdem dann (§. 17 f.) der Autor noch einen andern Stammbaum der Britten aus alten Büchern derselben mitgetheilt, wonach sie von Britto, einem Enkel des Alanus, eines Abkömmlings des Japhet, abstammen Hisitio (Sohn des Alanus) habuit filios quatuor: Francus, Romanus, Britto, Alemannus (al. Albanus). – – Ab Hisitione autem ortae sunt quatuor gentes, Franci, Latini, Alemanni (al. Albani) et Britti. , gibt er in sehr abgerissener und fehlerhafter Weise Nachricht von der römischen Herrschaft seit Caesar in Brittanien (§. 19–31). Darauf folgt die interessanteste Partie des Buches, die sagenhafte Geschichte des Königs Guorthigirn, der von den Picten und Scoten bedrängt und in Furcht vor den Römern die Sachsen unter Hors und Hengist aufnimmt. Hier ergeht sich der Verfasser in ausführlicherer Erzählung, indem er berichtet, wie der brittische König in die Tochter des Hengist, die bei einem von diesem gegebenen Gastmahle aufwartet, sich verliebt und sie um den Preis der Landschaft Kent zur Ehe erkauft (§. 37 f.). Von ihm wird insbesondere noch erzählt, wie er mit der eigenen Tochter einen Sohn erzeugte und dieser dem heil. Germanus Von dessen Wundern schon §. 32–35 erzählt wird – eine Partie die weder mit dem Vorausgehenden noch mit dem Folgenden in äusserer oder innerer Verbindung steht, und daher mir auch interpolirt scheint, und um so eher, als die dort erzählte Geschichte, wie der Heilige vergeblich den Tyrannen Benli zu sprechen sich bemüht, und dann die Burg desselben durch Feuer vom Himmel zerstört wird, sich in ihren Hauptzügen §. 47 wiederholt, wo ganz ähnliches in Bezug auf Vortigirn von dem Heiligen erzählt wird. übergeben ward (§. 39), sowie ganz ausführlich die Sage von einem merkwürdigen Burgbau (§. 40 ff.). Nach der Weisung seiner Magier will der König nämlich am Ende seines Reichs diese Burg als letzte Zuflucht bauen, aber der Grund weicht, und sie stürzt ein; die Magier verkünden nun, dass nur durch Besprengung mit 390 dem Blut eines vaterlosen Kindes der Bau sich erhalten werde; ein solches Kind, ein Knabe, wird gefunden, aber er erweist sich als ein besserer Kenner des Verborgenen als die Magier, er zeigt, dass ein Sumpf unter dem Baugrund ist: dort finden sich auch zwei Drachen, von denen der eine roth, der andre weiss ist, sie bekämpfen sich und der weisse vertreibt den rothen; jener bedeutet aber die Sachsen, dieser die Britten. Doch sollen in späterer Zeit die letzteren wieder die andern über das Meer verjagen (§. 42). Man sieht leicht, dass Gottfried von Monmouth hier seine Prophezeiung des Merlin im siebenten Buche geschöpft hat, wie er denn im sechsten die Erzählung des Nennius zum Theil selbst wörtlich aufgenommen. Im weiteren Verlauf der Geschichte des Guorthigirn wird dann auch wieder der Legende des h. Germanus gedacht und darauf die des heil. Patricius eingeschaltet (§. 50 ff.), der selbst mit Moses verglichen wird (§. 55). – Zum Schluss gedenkt dann noch der Verfasser ganz kurz (§. 56) der späteren Kämpfe der Britten mit den Sachsen, in welchen Arthur als Feldherr Der hier nicht als König erscheint; es heisst vielmehr: Tunc Arthur pugnabat contra illos (sc. Saxones) in illis diebus cum regibus Brittonum, sed ipse dux erat bellorum . Indem die im Druck hervorgehobenen Worte im Gegensatz zu den regibus Brittonum durch das sed stehn, wird ausdrücklich angezeigt, dass Arthur kein König war. sich auszeichnete; es sind nicht weniger als zwölf Treffen, das letzte auf dem Berge Badon, worin er allein 960 Feinde an dem einen Tage niederwarf. Duodecimum fuit bellum in monte Badonis, in quo corruerunt in uno die nongenti sexaginta viri de uno impetu Arthur; et nemo prostravit eos nisi ipse solus, et in omnibus bellis victor exstitit. Die also besiegten Sachsen aber riefen aus Germanien Hülfstruppen und Könige, die über sie herrschten bis zur Zeit des Ida, welcher der erste König von Bernicia war. – Hiermit endete das Werk, dem spätere Abschreiber Genealogien der Dynastien der sächsischen Reiche hinzugefügt haben, welche alle ihre Abstammung auf Wodan zurückführen. Andre spätere Anhänge sind ein Büchlein von den Wundern Britanniens und ein Namensverzeichniss seiner Städte. Die Hauptquellen, aus denen der Autor schöpfte, sind ausser brittischen und irischen Traditionen Hieronymus' Weltchronik mit der Fortsetzung des Prosper, Beda's 391 Kirchengeschichte, Orosius und ein »Buch vom heil. Germanus«, das so von dem Verfasser selbst (§. 47) citirt wird. Nur durch seinen sagenhaften nationalen Inhalt, der auch in formalen Zügen sich kundgibt So in der Rolle, welche die Dreizahl in Zahlenangaben spielt. S. San-Marte S. 16. , ist das Buch wichtig, ein Inhalt der in Gottfrieds von Monmouth Werk aufgenommen, auch von literarhistorischer Bedeutung wurde. Auch in der Behandlung des Stoffes verläugnet sich der keltische Nationalcharakter nicht. Der geringe Sinn für die Wahrheit, den schon Gildas als ein Nationallaster seines Volkes bezeichnete, und eine Prahlsucht, um die ganz in den Hintergrund gedrängte Nation wenigstens in der Vergangenheit gewaltig erscheinen zu lassen, zeigen, dass der Verfasser über sein Volk, wie es damals war, sich nicht erhob, das bei starker Sinnlichkeit mehr von der Phantasie und dem Gefühl, als von dem Verstand geleitet erscheint.   Das andre Werk dieser Gattung der Historiographie ist ein äusserst unbedeutendes und werthloses. Es ist eine 826 verfasste Nationalgeschichte der Franken, welche nach einer handschriftlichen Notiz einem Erchanbert Erchanberti Breviarium in: Ussermann, Prodromus Germaniae sacrae , Sangall. 1790. T. I, p. XXXIX ff. – Auszüglich mit dem letzten Abschnitt in: Monum. German. histor., Script. II, p. 327 f. – – S. über die Handschr. Hänel in den Berichten d. k. sächs. Ges. d. Wiss. 1865. S. 1 ff., insbesondere S. 12. beigelegt wird. Sie ist bis zum Jahr 720 durchaus auf Grund der Gesta Francorum S. darüber Bd. I, S. 573. , von ein paar Zusätzen abgesehen, geschrieben; danach gibt sie nur wenige und dürftige Nachrichten, in welchen selbst die wichtigsten Ereignisse nicht erwähnt werden: nur der Absetzung der merowingischen Dynastie wird ausführlicher nach der sagenhaften Ueberlieferung gedacht. 392   Fünfundzwanzigstes Kapitel. Geographie: Dicuil, Bernard. Zum Schluss habe ich noch als Anhang zur Historiographie zweier geographischen Schriften dieses Zeitalters zu gedenken. Die ältere ist das Buch De mensura orbis terrae des Iren Dicuil * Dicuili liber de mensura orbis terrae a G. Parthey recognitus. Berlin 1870. (Praef.) – Letronne, Recherches géographiques et critiques sur le livre De mensura orbis terrae comp. par Dicuil, suivies du texte restitué. Paris 1814. – – Dümmler, N. A. S. 256 ff. , welches, wie der Autor selbst am Ende sagt, i. J. 825 verfasst ist. Dass das Buch nach Karls des Grossen Zeit geschrieben, zeigt auch schon c. 7, §. 35 eine Stelle, welche auch aus andern Rücksichten erwähnenswerth ist: Sed idem Julius (Solinus) nuntiando de Germania insulisque eius unum de elephantibus, mentiens falso loquitur, dicens elephantem numquam iacere, dum ille sicut bos certissime iacet, ut populi communiter regni Francorum elephantem in tempore imperatoris Karoli viderunt. Sed forsitan ideo hoc de elephante ficte aestimando scriptum est, eo quod genua et suffragines sui, nisi quando iacet, non palam apparent. Aus dieser Stelle ergibt sich meines Erachtens auch sicher, dass Dicuil schon zu Karls Zeit in Frankreich, wenigstens nach 802, wo der Elephant dorthin kam, weilte, denn er spricht offenbar aus eigener Anschauung. Dicuil schrieb es, allem Anschein nach, im höheren Alter. S. darüber Letronne p. 22 ff. In seiner Heimath gebildet, war auch er nach dem Frankenreiche gezogen, um dort als Lehrer zu wirken: als Grammatiker und namentlich als Metriker gibt er sich auch in dieser Schrift zu erkennen. S. den Eingang und c. 5, ed. Parthey p. 20. Als Magister bekunden ihn offenbar die Hexameter, welche er einem für Anfänger bestimmten metrischen und grammatischen Schulbuch des Priscian, das er in ihnen selbst als solches bezeichnet, hinzufügte. S. diese zu den Partitiones duodecim versuum Aeneidos principalium hinzugefügten Verse bei Keil, Grammatici lat. Tom. III , p. 390. Ausserdem verfasste er in den Jahren 814 bis 816 ein noch ungedrucktes astronomisches Werk, eine Art Computus, das aber auch in das Gebiet der Metrik hinüberstreift, 393 aus Prosa und Versen gemischt Wie Dümmler sagt a. a. O. S. 256. – Unter den dort von Dümmler auszugsweise mitgetheilten Versen befinden sich auch, was unbemerkt geblieben, rythmische von eigenthümlicher Bildung, Langzeilen aus zwei iambischen Dimetern gebildet, also sechzehnsilbige Verse mit einer Cäsur nach der achten mit vorherrschend iambischen Rythmus, die Langzeilen erscheinen als Reimpaare, zuweilen auch mit Binnenreim, welcher dann die beiden Hemistichen verbindet, z. B.:         Ac duodena vitia, quae sunt in prosa turpia,         In metro cum peritia absque ulla stultitia,         Sed cum vere invenerit quod debet reprehendere,         More fraterno corrigat, ut me possit defendere. Auch hier sind die rythmischen Verse in scherzhafter Absicht angewandt. Vgl. oben S. 322 . , dessen Bücher er einzeln nach ihrer Vollendung dem Kaiser Ludwig in jenem Zeitraum als jährliche Lehnsgabe darbrachte. Also, wie der Hibernicus exul Karl d. Gr. Gedichte, s. oben S. 57 . Hiernach möchte man fast vermuthen, dass Dicuil an der Hofschule eine Stellung eingenommen. Das geographische Buch Dicuils ist eine, grossen Theils wörtliche Compilation aus verschiedenen Werken des Alterthums, aber mit einigen interessanten Zusätzen, die der Verfasser Reisenden seiner Zeit verdankte. Die Grundlage bildet eine wohl gleich betitelte Schrift, der Bericht der von Kaiser Theodosius zur Ausmessung des Reichs abgeordneten Missi Wovon wir sonst keine Nachricht haben, es ist wohl Theodosius I. zu verstehen. S. Parthey, Praef. XII f. ; dazu hat der Verfasser dann Auszüge aus »einer unter dem Consulat des Julius Caesar und Marcus Antonius verfassten Cosmographie« S. c. 8, ed. Parthey p. 28. , sowie aus Solin Plinius, Isidors Etymologien und der Periegesis des Priscian hinzugefügt: die Zusätze aus diesen Autoren wie die oben erwähnten aus mündlicher Ueberlieferung sind meist erdbeschreibender Natur. Zuerst wird nur, der Anlage des Buchs entsprechend, von den Massen, der Länge und Breite der Hauptländer der Erde, bei einzelnen auch ihrer Provinzen gehandelt, indem bei der Massbestimmung auch die Begrenzung in grossen Zügen gegeben wird. Es folgt dann ein Abschnitt über die fünf Hauptflüsse und einige andre; die ersteren sind der Nil – bei dem der Autor am längsten verweilt – der Euphrat, Tigris, Ganges 394 und die Donau: bei ihnen beschränkt sich der Verfasser nicht auf die blossen Massangaben, sondern gedenkt auch ihrer Inseln und des Landes, dem sie angehören, namentlich auch seiner merkwürdigen wilden Thiere Aber auch andrer, wie des Phönix, der nach Isidor und Solin ausführlicher behandelt wird. ed. Parthey p. 59 f. ; hier schöpft er vornehmlich aus Solin, aber beim Nil macht er auch von der Erzählung eines irischen Mönches (c. 6) Mittheilung, der von Jerusalem nach Aegypten segelnd, diesen Fluss befuhr, die sieben »Scheunen« welche Josef in den Jahren der Fruchtbarkeit baute – die Pyramiden – bewunderte, und durch einen Kanal bis zum rothen Meere schiffte. – Hierauf ist ein längerer Abschnitt den Inseln des Meeres gewidmet; auch da wird über Thule – Island – und die Faröerinseln der Mittheilungen irischer Kleriker gedacht, die sie besuchten. C. 7. ed. Parthey p. 42 ff. – Die Nachrichten über Thule waren Dicuil vor 30 Jahren geworden, von Klerikern, die sich ein Halbjahr dort aufgehalten. Dann wird von den Dimensionen des Tyrrhenischen, d. h. hier des ganzen mittelländischen Meeres, und von dessen Inseln gehandelt. Den Schluss bildet eine Nachricht von den sechs höchsten Bergen; es sind der Olymp, der Athos, Atlas, Pelion, die Alpen und die Pyrenäen – welchen Abschnitt und das Buch selbst der Verfasser mit 41 Hexametern beendet. Die kurze Inhaltsanalyse zeigt schon, wie mangelhaft die ganze Anlage dieser rohen Compilation ist, die auch im einzelnen sehr ungeordnet erscheint. Bemerkenswerth aber ist, dass der Verfasser nicht ohne alle Kritik verfährt: er gibt seinem Zweifel an »unglaublichen« Angaben des Solinus Ausdruck, ja er unterdrückt wohl sogar deshalb eine desselben, und berichtigt eine andre. S. oben S. 392 Anm. 2 u. vgl. ferner ed. Parthey p. 55 unten u. p. 56, sowie p. 80 f.   Die andre Schrift ist ein kurzes Itinerarium In: Descriptiones Terrae sanctae ex saec. VIII, IX etc. nach Hand- und Druckschriften herausg. v. T. Tobler. Leipzig 1874. p. 85 ff. u. 393 ff. eines fränkischen Mönches, der aber vielleicht einem Kloster Italiens angehörte Im Eingang sagt er von den Brüdern die ihn begleiten: ex quibus unus erat ex monasterio beati Innocentii Beneventani, alter Hispanus , und fügt dann hinzu: Francia vero est nativitatis meae locus ; hiernach möchte man glauben, dass er nicht einem Kloster Franciens angehörte, das er wohl sonst hier genannt hätte. Nach einer Bemerkung in c. 9 scheint seine Heimath die Champagne gewesen zu sein. , Bernardus , über eine Reise von Rom nach 395 Jerusalem. Dieser Reisebericht enthält manches interessante und ist schon als einer der ältesten von dem heiligen Lande von Wichtigkeit. Bernard machte die Fahrt in Begleitung eines Beneventer und eines spanischen Mönches. Nachdem sie von Papst Nicolaus Es kann nur Nicolaus I. gemeint sein, der von 858–867 Papst war, hiermit ist schon die Zeit der Reise im allgemeinen bestimmt. Die Erwähnung des Theodosius als Patriarchen von Jerusalem (c. 10) zeigt aber, dass sie nicht vor 864 unternommen sein kann, da derselbe erst in diesem Jahre Patriarch wurde (s. Tobler p. 396). – Des Itinerars gedenkt auch Wilhelm von Malmesbury, De reb. gest. regum Anglor. l. IV, c. 2, u. setzt die Reise ungenau in d. J. 870, welche Angabe auch ein paar Handschriften haben, indem Wilhelm wohl diesen folgt. die Erlaubniss und den Segen erhalten, zogen sie zunächst zu dem Berge Garganus und besuchten seine wunderbare Kirche, die kurz beschrieben wird Vgl. oben S. 358 . ; von dort begaben sie sich nach dem damals saracenischen Bari. Hier verschafften sie sich von dem »Suldan dieser Stadt« Pässe in aller Form Quarum textus epistolarum notitiam vultus nostri vel intineris exponebat . c. 3. für die Reise in das Kalifenreich; wie wenig sie ihnen nützten, sollten sie freilich bald erfahren. In Tarent, wo gerade 9000 gefangene Beneventer Christen nach Afrika eingeschifft werden, finden sie auf einem dieser Fahrzeuge die Gelegenheit zur Ueberfahrt nach Alexandrien. Hier (c. 6) gedenkt der Verfasser des Raubs des Leibs des h. Marcus durch die Venezianer. Auf dem Nil fahren die Pilger dann nach Kairo; dort aber werden sie trotz ihrer Pässe ins Gefängniss geworfen, bis sie endlich, nachdem jeder 13 Denare gezahlt – die sie auch schon in Alexandrien hatten entrichten müssen – neue, nun gültige Pässe erhalten, welche aber in den Städten, die sie passirten, zu visiren waren, was wieder Kosten machte. Postquam vero inferius nominatas civitates ingressi sumus, non prius permissi sumus exire quam chartam aut sigilli impressionem acciperemus, quod uno vel duobus denariis impetrabamus. c. 7. Man sieht, die Polizei des Kalifenreichs gab der modernen nichts nach. 396 Von Kairo wenden sie sich wieder nach Norden und über Damiette und das an Christen reiche Thanis reisen sie nach Farama, von wo sie dann die Wüste durchwandern. Ueber Gaza, Ramleh, Emmaus gelangen sie nach Jerusalem. Hier gedenkt denn der Verfasser kurz der heiligen Stätten und der auf ihnen gegründeten Kirchen, ausführlicher der des heil. Grabes, welche den Mittelpunkt der Welt in sich schliesst (c. 10). Auch rühmt er das Hospital für Pilger lateinischer Zunge, welches, dank der Freigebigkeit Karls des Grossen, nicht bloss reichen Grundbesitz, sondern auch eine Bibliothek besitzt. Natürlich werden von dem Verfasser auch die heiligen Orte der näheren und ferneren Umgegend besucht, wie Gethsemane und das Thal Josaphat, der Oelberg, Bethanien, Bethlehem und dabei manche einzelne interessante Bemerkungen gemacht. Z. B. c. 12: In ipso etiam loco est ecclesia in quo Dominus traditus est; habet ibi quatuor mensas rotundas coenae ipsius . Dies ist beachtenswerth im Hinblick auf die Tafelrunde. Von der Rückreise Bernards wird nur dreier Stationen gedacht, des Mons Aureus und seiner Crypta bei Rom, Roms selbst, wo der Verfasser von seinen Reisegefährten sich verabschiedet, und der Kirche des heil. Michael ad duas tumbas , von der ein Naturwunder erzählt wird Welche Kirche hier gemeint sein kann, darüber fehlt jede Andeutung. ; hier endet der Reisebericht. Es folgen dann noch einige einzelne Notizen, die offenbar später hinzugefügt sind. Ob sie aber von dem Verfasser selbst herrühren, bleibt um so mehr fraglich, als sie sich nicht in allen Handschriften finden.     Register. V. bedeutet Vita. Durch * wird auf die Anmerkungen der angeführten Seite verwiesen. Abbo , Mönch v. St. Germain, 353 . Abecedarien 324 . Abendmahlslehre 232 ff. 245 f. 253 . 268 *. Aberglauben 10 . 141 . 211 f. 250 *. Adalhard , Abt v. Corbie, V. 236 ff., Charakter 242 , De ord. palatii 254 . – 215 . 231  f. 240 *. 293 ff. 337 . 342 . Adam v. Bremen 341 *. Adelperga v. Benevent 37 . 39 . 53 f. Adhemar , Mönch, 363 . Ado , Erzb. v. Vienne, Leben 384 , Weltchronik 385 , Martyrolog. 385  f., Passio Desiderii 386 , V. Theuderii 387 . Aelbert , Erzb. v. York, 13 f. 26 . Agius 294 ff., V. Hathumodae 294 ff., Elegie 296  f. Agnellus , Leben 375 , Liber pontif. eccles. Kavenn. 376  ff. Agobard , Leben und Charakter 210 f., Contra ins. opin. de grandine etc. 211  ff., Contra eorum superstit. qui picturis etc. 212  f., Adversus legem Gundobaldi 213  f., De divin. sententiis 214 , Schriften gegen die Juden 215  ff., De divisione imperii 218 , Lib. apologet. pro filiis Ludovici 218  f., Schriften gegen Felix 220 , Fredegis 221 , Amalar 221 f., De correctione Antiphon. 222 . – 160 . 268 . 272 . Aimoin v. St. Germain, Leben 352 f., Transl. Vincentii 353  f., Transl. Georgii et Aurelii 355  f., De miraculis S. Germani 356  f. Aiulf, Erzb. v. Bourges, 82 . Alanus , Mönch v. Farfa, 380 . Alcuin , Leben 13 ff., Grammatik 16 f., Rhetorik 18 , Dialektik 19 , De orthogr. 19 , Disputat. Pippini 20 , astronom. Abhandl. 21 , Bibelcommentare 21 , De fide trinitat. 21 , De virtut. et vitiis 22 , De ratione animae 22 , Heiligenleben 23  ff., De patribus, reg. et sanctis Eubor. 251 ., De clade Lindisfarn. 27 , Epigramme 28 , Epistelpoesie 29  f., Elegien 30  f., Lyrik 31 , Acrosticha 32 , Räthsel, Fabel 32 , Briefe 32  ff. – V. 344  f. – 4  f. 62  f. 65  f. 72 . 80 . 87 *. 89 . 91 . 121  f. 128  f. 133 . 141  f. 143  f. 147 . 181  f. 185 . 203 . 277 . 321 . 339  f. Aldhelm 16 . 22 *. 28 . 301 . Aldrich , Abt von Ferrières, 203 . 344 . Alexander der Grosse , rythm. Ged. auf, 321 . 323  f. Alexander S. , Transl. 335 . Allegorie 182 . 184 . 197 . 274 ff. Alliteration 154 *. 280 . 292 . Altfrid , B. v. Münster, 338 , Leben des Liudger 338  ff. Alvarus , Leben 305 , V. Eulogii 300 ff., Indiculus luminos. 306  ff., Charakteristik 308  f., Confessio 309 , Briefe 309 , Gedichte 310  f. Amalarius 221 f. Amandus S. V. 278 ff. Ambrosius 21 . 207 . 229 . 237 . 252 . 378 . Anastasius , Kirchengesch. 40 . Anastasius Bibliothecar. 375 *. Angelbert 312 . Angelsachsen 3 ff. 12 . 20 . 26 . 33 . 85 . 380 . Angers . Abt v., rythm. Ged. auf, 317 . 324 . Angilbert , Leben 62 f., Ep. Ged. auf Karl 59  ff., a. Gedichte 63  f. – 6 . 23 . 30 . 65  f. Angilram , Bisch. v. Metz, 41 *. 56 . Annalen 97 ff. 329 . Annales Berliniani 364 ff. Annales Fuldenses 368 ff. Annales Laurissenses 98 . Ansegis , Abt v. Fontanelle, 377 f. Anselm S. 235 . Ansgar , Leben 341 ff., V. Willehadi 340 , Yirtutes et mirac. Willehadi 341 . Antichrist 307 . Anticlaudianus 182 *. Apollinaris S. , Ged. auf, 377 . Apollonius v. Tyrus 378 *. Aquileia , rythm. Ged. auf, 88 . 326 . – Rythm. Ged. gegen, 314  f. 322 . Arabische Poesie 307 f. Arator 71 *. 133 . Ardo gen. Smaragdus , Abt v. Aniane, 346 , Leben des Benedict v. An. 346  ff. Arichis , Herzog v. Benevent, 37 . 52 f. Arno , Erzbisch. v. Salzburg, 6 . 28 . 30 . 34 f. 89 . Arnulf 41 . Arthursage 389 f. 396 *. Astronom , Leben Ludwigs d. Fr. 361 ff. Audald , Mönch v. Conkittas, 353 . Audrad gen. Modicus , Liber revelation. 273  f., De fonte vitae 274  ff., Passio Juliani 276 . Auctor , Bisch. v. Metz, 41 . Augustinus 21 .124 f. 134 . 141 . 213 . 229 . 235 . 252 . 262 . 265 *. 286 . 378 . – Civit. dei 4 . 6 . 301 . 383 . Aurelius S. , Transl. 355 . Ausonius 184 . Avaren 79 . 86 f. 89 . Avienus 301 . Avitus 71 *. 133 . 214 .   Baugulf , Abt v. Fulda, 92 . 121 f. Basilissa S. 276 . Basilius der Grosse 90 *. Beda 19 . 21 . 128 . 183 *. 229 . 286 . 378 . – Hist. eccles. 26 . 42 . 257 . 391 . – Martyrol. 128 . 186 . 268 . 386 . – Weltchronik 40 . 45  f. 98 . 384  f. Benedict v. Aniane V. 346 ff. – 30 . 72 . 81 . 116 . 172 . 344 . Benedict v. Nursia 43 . 55 . 119 . 122 . 298 . Beonrad , Erzb. v. Sens, 24 . 30 . Bernardus , Itinerarium 394 ff. Bernhard , Herzog, 243 f. Bernold , Bisch. v. Strassburg, 170 . 177 . Bertha , Tochter Karls d. Gr., 60 . 62 . 64 . Bertha , Tochter Lothars, Aebt. v. Avenay, 194 . Bertharius , Abt v. Montecasino, Ged. auf Benedict 298 . Bibliotheken der Klöster 378 . Bildergedichte 32 . 142 f. Bilderverehrung 11 . 14 . 213 . 223 ff. 380 . Blaitmaic S. V. 153 . Bodo , Presbyter, 309 . Boëtius 19 . 128 . 155 . 198 . Bonifatius 3 f. 105 ff. 257 . 331 . 333 . 338 ff. Bruun gen. Candidus , M. v. Fulda, Leben 230 , V. Eigilis 330 ff.   Calpurnius 65 ff. Candidus s. Bruun u. Wizo. Capella , Marcianus, 265 . 286 . Cassianus 22 . Cassiodorius 134 . 136 . 384 . Christus , jüdische Sage, 217 , Typen 385 . Chrodegang v. Metz 41 . Cicero 19 . 205 *. 209 *. 231 . 302 . Claudius v. Turin , Leben 222 f., Bibelcommentare 223 , Apologeticum 223 . – 115 *. 226  f. Clemens , Grammatiker, 80 . 116 . Columban S. 312 . Columella 159 . Computus 127 . 392 . Conflictus veris et hiemis 68 ff. Consentius , Grammatiker, 183 *. Constantius , V. Germani 288 . 292 . Constructio Farfensis 379 f. Cosmographia Jul. Caes. 393 . Cyprian 272 , Pseudocyprian. Schrift 254 .   Dante 149 . Demosthenes 302 . Denis S. s. Dionysius. Desiderius S. , Passio 386 . Deutsche Predigt und Beredsamkeit 177 . 239 . 241 . Dicuil , Leben 392 , Computus 392 f., De mensura orb. terrae 393  ff. Didactische Dichtungen 73 ff. 158 . 281 ff. Dionysius Areopagita V. 348 ff. – 256 . 259 f. 262 . Dodo 31 . 68 . Donatus 15 . 71 . 108 f. 183 . Drogo , Sohn Karls d. Kahlen, 277 . Dungalus , Leben 224 , Contra pervers. Claudii sententias 224  f. – 223 .   Eanbald I. , Erzb. v. York, 13 . Eanbald II. , Erzb. v. York, 34 . Ebbo , Erzb. v. Reims, 167 *. 173 . 256 . 360 . Eberhard , Markgraf v. Friaul, 125 . 195 . Ebroin , Bisch. v. Poitiers, 356 . Ecloga duarum sanctimonialium 293 f. Egbert , Erzb. v. York, 13 . Egilo , Erzb. v. Sens, 367 *. Eigil , Abt v. Fulda, Leben 330 ff., V. Sturmi 104  ff. – 121  f.* 144 . Einhard , Leben 92 ff., V. Caroli 94 ff. 165 . 336 , Annalen 98 , Transl. Petri und Marcell. 99  ff., (Passio 102 . 323 ), Briefe 103  f., De ador. cruce 104 . – 29 . 66 . 80 . 144 . 157 . 204  f. 329  f. 359 . 378 . Eklogen 31 . 63 ff. 293 . Elbod , Bisch. v. Venedotia, 387 . Elias , Bisch. v. Angoulème, 286 . Elipand v. Toledo 299 . Engelmodus , Panegyricus auf Radbert 232 . Enhard , Mönch v. Fulda, Annalen 368 . Epische Dichtungen 25 . 56  ff. 171  ff. Erchanbald , Kanzler, 80 . Erchanbert , Breviarium 391 . Erigena , Leben 257 ff., Uebersetzung des Dionys. Areon. 259 , des Maximus 260 , De divisione naturae 261  ff., De praedestin. 264  f., a. theol. Werke 265 , Gedichte 265  f. – 267  ff. 286 . 290 . Erich , Markgraf, Ged. auf, 87 . 326 . – 90 . Erlebald , Abt v. Reichenau, 146 . 148 f. Ermenrich 179 , V. Soli 179 , V. Hariulfi 180  f., Epist. ad Grimaldum 181  ff. Ermentarius , Transl. S. Filiberti 350 f. Ermoldus Nigellus , Leben 170 , De gestis Ludovici 171  ff., Elegien 176  ff. Esther , rythm. Ged. auf, 318 , 326 . Ethelwulf , Gedicht 85 . Eugenius v. Toledo 310 . Eulogius , Leben 300 ff., Memoriale 302 ff., Docum. martyr. 304 , Apologeticum 304  f., Briefe 305 *. – Charakter 308 , Hymnus auf 311 . – 355 *. Eusebius , Hist. eccles. 384 , s. auch Hieronymus. Eustachius S. , rythm. Ged. auf, 319 f. 327 f. Eutropius 39 f. Eutyches , Grammatiker, 202 .   Fabeln 32 . 54 . Fastrade , Gemalin Karls d. Gr., 83 . Fegefeuer , Schilderung, 150 ff. 256 . Felix , Bisch. v. Urgel, 89 . 220 ff. 224 . Festus 38 *. Filibert S. , Transl. 350 f. Flavianus , Grammatiker, 37 . Flora S. 303 f. Florentius S. 315 . Florus 384 . Florus v. Lyon , Leben 268 , De actione missar. 268 , Martyrol. 128 . 268 . 386 , De praedestin. 268  f., Gedichte 269  ff., Querela de divis. imperii 269  f., an Modoin 270  f., geistliche Gedichte 271 f. – 128 . 160 . 186 . 245 *. Fontanetum , rythm. Ged. auf, 312 f. Fortunatus 7 . 28 f. 32 . 43 . 52 . 59 . 71 *. 79 . 133 . 142 . 144 . 225 . 294 . 298 *. Franco , B. v. Lüttich, 192 . 195 . Frechulf , Leben 380 , Weltchronik 381 ff. – 130 . Fredegar 41 . 234 . 379 . Fürstenspiegel 110 . 198 . 227 . 250 .   Gallus S. , V. 164 , V. 184 . Gauduir v. Glanfeuil 351 . Gauzlin , Abt v. Glanfeuil, 352 . Georgius v. Cordoba S. , Transl. 355 f. Gerberg , Aebtissin v. Gandersheim, 297 . Gerhoh 127 *. 144 . Germanus S. , V. 287 ff., Miracula 356 f. – 389  ff. Gerold , Archidiac, 130 . Gerold , Bruder der K. Hildegard, 152 . Gervold , Abt v. Fontanelle, 379 . Gesta abbatum Fontanellens. 377 f. Gesta episcop. Autissiodor. 287 . Gesta pontific. Romanor. 346 f. – 41 . 46 . Gesta regum Francorum 255 . 385 . 391 . Gildas 33 . 388 . 391 . Gisela , Karls d. Gr. Schwester, 6 . 21 . 64 . 80 . Glonna , Kloster, rythm. Ged. auf, 315 . 327 . Goar S. , V. 190 f. Gottfried v. Monmouth 388 . Gottschalk 124 f. 138 f. 147 . 160 . 166 ff., pros. Schriften 167 , Epist. ad Ratramn. 167  f., rythm. Gedichte 169 . 325  f. – 205 . 208  f. 245 . 249  f. 257 . 264  f. Gozbald , Bisch. v. Würzburg, 180 . Gozbert , Abt v. St. Gallen, 164 . Gozbert , Diacon, 164 . Gozlin , Abt v. St. Germain, 356 . Gregor d. Gr. , V. 42 , Cura past. 134 , Dial. 55 . 150 . 201 . 257 . 298 , Homil. 21 , Moral. 252 . 307 , Ep. ad Beccared. 252 . – 46 . 110 . 229 . Gregor v. Nazianz 260 . 262 . Gregor v. Utrecht V. 107 f. 339 . Griechische Sprachkenntniss 49 . 184 . 192 . 259 . 267 . 287 . 289 Grimald , Erzcapellan, 119 . 128 . 147 ff. 157  f. 179 . 181 . 183  f. Gunther , Erzb. v. Köln, 169 *. Gundrad , Base Karls d. Gr., 6 . 22 f. 58 . Gundram , Neffe Rabans, 179 f.   Haimin , Mönch v. St. Vaast, 277 f. Haimo , Lehrer Heirics, 285 . Haito , Abt v. Reichenau, 146 , Vision. Wettini 152 . Harduin , Mönch v. Fontanelle, 379 . Hariolf , Bisch. v. Langres, V. 180 f. Hartgar , Bisch. v. Lüttich, 191 ff. Hathumod , Aebtissin v. Gandersheim, V. 295  f. – 296  ff. Hatto , Abt v. Fulda, 121 . 123 . 137 . 143 f. Havelok , Sage v., 181 *. Heiligenleben in Prosa 23 f. 42 . 104 ff. 164  f. 179  ff. 190  f. 206  ff. 229  f. 236  ff. 255 . 292 . 294  f. 302  ff. 330  ff. 338  ff. 344  ff. 356  f. Heiligenleben in Versen 24 . 153 f. 184 . 276 . 278  ff. 285  ff. Heiric , Leben 285 ff., Vita Germani 287 ff., Mirac. Germani 292 . Predigt 292 , Hymne 292 *. Heistulf , Erzb. v. Mainz, 129 . 131 . 144 . Helisachar , Kanzler, 215 . 380 f. Helmengald , Pfalzgraf, 83 . Heraklius 142 *. Hesiod 183 *. Hibernicus exul , Episches Ged. 57 f., a. Gedichte 58 . – 325 . 393 *. Hieronymus , De viris illustr. 384 , Epitaph. 237 . 239  f., Weltchronik 39 . 384 . 390 . – 133 *. 207 . 229 . 244 . 286 . – Ged. auf, 310 . Higbald , Abt v. Lindisfarne, 27 f. Hildebald , Primicerius, 64 . Hildebert , M. v. Conkittas, 353 . Hildebold , B. v. Auxerre, 285 f. Hildegard , Gemalin Karls d. Gr., 41 . 52 . 333 . Hilduin v. St. Denis 100 . 102 . 131 . 147 . 156 . 216 . 248 . 337 . 350 . – V. S. Dionysü 348  ff. Hincmar , Leben 247 ff., De praedestin. 249 , De regis persona 250  ff., De divortio Lotharii 250 *, De animae ratione 250 *, De cavendis vitiis 252  f., De ordine palatii 253  f., V. S. Remigii 255  f., Visio Bernoldi 256  f., Verse 257 *, Annalen 367  f. – 166 . 205 . 244 . 257 . 260 . 273  f. Historia miscella 40 . 384 . Historiographie , Hauptgattungen, 328 ff. Histrionen 63 . Hölle , Schilderung, 150 . Hofschule 5 . 18 . 20 . 34 . 116 . 119 . 258 . 261 . 346 *. 393 . Homer 183 *. Horatius 231 . 301 . Horologium 189 . Hucbald 277 . 281 . 287 . Hugbert S. , V. 229 f. Hugo , Abt v. St. Quentin, rythm. Ged. auf, 314 . 326 . Humbert , Bisch. v. Würzburg, 137 . Hymnen 55 f. 84 . 91 . 145 . 161 f. 163 f. 180 . 272 . 311 . 357 . Ildericus von Salerno , eleg. Ged. 298 . Imma , Einhards Gattin, 93 f. Ingelbert , Abt v. St. Pierre des Fosses, 352 . Irische Rythmen 324 f. Irmindrud , Gemalin Karls d. Kahlen, 266 . Irmingard , Gemalin Kaiser Lothars, 194 . Isidorus , Etymol. 18 f. 128 . 135 . 189 . 393 . – 46 . 70 . 136 . 229 . 309 . 385 Islam 299 f. 307 f.   Jeremias , Erzb. v. Sens, 225 . Jonas , Leben 225 f., De cultu imaginum 226  f., De institutione laicali 227  ff., De institut. regia 227  f., V. Hugberti 229  f. – 168 . 205 . 223 . Jordanis 39 f. 47 . 388 f. 378 *. Josephus 131 . 384 . Judith , rythm. Ged. auf, 318 .323. Judith , Kaiserin, 130 . 147 . 156 . 158 . 160 . 204 . 219  f. 243  f. 381 . Julianus S. 276 . Julianus v. Toledo 286 . Justinus 131 . Juvenalis 301 . Juvencus 71 *. 133 .   Karl der Grosse 3 ff. 14 ff. 18 . 23 . 29 f. 32 . 34 . 37  f. 41 . 48 . 57  ff. 63  f. 66  ff. 72 . 79  ff. 89 . 94  ff. 99 . 106 . 108 . 117 . 151 . 178 . 191 . 237  f. 333 . 339  f. 342 . 347 . – Planctus auf, 311  f. 327 . Karl , Karls d. Gr. Sohn, 64 . 81 . Karl der Kahle 118 . 147 . 156 . 185 . 194 . 204 f. 208  f. 226 . 233 . 246 . 248 . 250  f. 256  ff. 265  f. 273  f. 277 . 281  ff. 292 . 315 . 356 . 366  ff. 381 . 386 . Karlmann , Karls des Kahlen Sohn, 251 . Karlmann , Karls des Kahlen Enkel, 252 . Karlsage 174 . 363 . Konrad , Graf, 160 . Kreuz 142 f, Verse auf das 310 .   Landolfus Sagax 40 . Lactantius 22 . 229 . Laster 22 . 74 . 252 . 282 . Lazarus , rythm. Ged. auf, 319 . 323 . Leidrad , Erzb. v. Lyon, 76 . 210 . Leo , Sermonen 141 . Leodfrid , Herzog, 196 *. Leoninische Hexamete r 167 f. 311 *. Leovigild 355 f. Leovigild , Presbyter, 310 . Leupichis 44 . Lioba S. V. 332 ff. Liudger , B. v. Münster, Leben 338 f., Vita des Gregor v. Utrecht 107  f. Liudolf , Graf, 294 f. 297 . Liutgard , Gemalin Karls d. Gr., 80 f. Livius 207 . 302 . Lothar , Kaiser, 93 . 103 . 117 f. 123 . 130 . 140 ff. 156 . 160 . 187 . 194  f. 205 . 210 . 224 . 243 . 250 *. 313 . 315 . 336 . 361 . 371 . Lothar II. 136 . 198 . Ludwig der Deutsche 118 . 124 . 130 ff. 148 . 156 . 194 . 243 *. 273 . 343 . 356 . 361 . 368 . 372 . Ludwig der Fromme 73 . 81 . 84 . 93 f. 102 ff. 111  ff. 139  ff. 155  ff. 171  ff. 210 . 218  ff. 238 . 243 . 248 . 273 . 314 . 331 . 342  ff. 359  ff. 371 . Ludwig II. , König v. Italien und Kaiser, 273 . 313 . 316 . Ludwig der Stammler 251 . Lupus , Leben 203 f., Briefe 205 , Kaisergesch. 206 , V. Wigberti 206 , V. Maximini 208 , De tribus quaestion. 208  f. – 104 . 115 *. 122 . 168 . 185 . 245 . 285 . 314 .   Macer Floridus 158 *. Mailand , rythm. Ged. auf, 86 *. Malmesbury , Wilhelm v., 395 *. Mammes S. , V. 153 f. Marcellinus S. , Passio 102 . Transl. 99 ff. Marcus 8 . 395 . Marcward , Abt v. Prüm, 168 . 185 . 190 . 205 . 385 . Maria , Prädicate 283 . Martin S. 273 . Martyrologien 128 . 185 ff. 268 . 385 ff. Matfrid , Graf v. Orleans, 227 f. Maurus S. , Transl. 351 f. Maximinus S. , V. 208 . Meginhard , Transl. Alexandri 335 . Metrik , Kenntniss der antiken, 186 ff. 287 . 289 . – Disciplin 17 . Michael , Erzengel, De apparitione, 358 Mico v. St. Riquier 188 . Milo , Leben 277 f, V. Amandi 278 ff., De sobrietate 281  ff. Modestus , Presbyter, 331 . Modoin , Bisch. v. Autun, 78 . 82 f. 160 . 270 f. Mohamed , sagenhaftes Leben, 305 307 . Monate , Gedicht auf, 189 .   Naso , Leben 65 , Ekloge 65 ff. – 31 . 70 . 82 *. 184 . Nennius , Histor. Britonum 387 ff. Nibridius , Bisch. v. Verona, 125 . Nithard , Leben 370 , Histor. l. IV. 371 ff. – 63 . 364 . Nominoi , Herzog d. Bretagne, 315 . Normannen , Einfälle, 350 ff. 356 f. Noting , Bisch. v. Verona, 125 .   Odilard , Mönch v. St. Germain, 355 f. Odo , Abt v. Glanfeuil, Transl. S. Mauri 351 f. Origenes 262 . Origo gentis Langobard. 46 . Origo gentis romanae 39 . Orosius 39 f. 381 ff. 385 . 391 . Otfrid 122 . 129 . Otgar , Erzb. v. Mainz, 124 . 144 . Othmar S. , V. 165 . Ovidius , Metam. 67 . 71 . 159 , Trist. 82 . 116 . – 7 . 66 . 178 . 227 .   Pantaleon S. 212 . Parabel , rythm. Ged., 317 , 327 . Paradies , Schilderung, 152 . Passionen 102 . 244 . 276 . Patricius S. 390 . Paulinus v. Aquileia , Leben 89 : Lib. exhortat. 90 , De regula fidei 90 , Hymnen 91 , rythm. weltl. Ged. 81  ff. – 30 . 35 . Paulinus von Nola 11 . 133 . 225 . Paulus , Apostel, 214 . Paulus Diaconus , Leben 36 ff., Histor. romana 39  f. 45 *, Fortsetzungen ders. 40 , Gesta episc. Mettens. 47 , V. Gregors 42 , Histor. Langob. 42  ff.. Homiliensammlung 47 . ff, Erklär. d. Regel Bened. 47 , Homilien 48 , poet. Correspondenz mit Petrus 48  ff., Epitaphien 52  f., Elegie auf d. Comersee 54 , Fabeln 54 , geistl. Ged. 55  f. – 5 . 298 . 323 . Petrus , Apostel, 274 . Petrus v. Pisa 5 . 38 . 48 ff. Petrus S. , Passio 102 . Transl. 99 ff. Philipp v. Thaün 189 *. Physiologi 200 *. Pilatussage 200 *. Pippin , Karls d. Gr. Sohn, 20 . 60 . 63 . 238 , rythm. Ged. auf, 86  f. 322  f. Pippin , Karls d. Kahlen Sohn, 277 . Pippin , Ludwigs d. Fr. Sohn, 170 . 173 . 116 ff. 227 . 243 . 314 . Placidas s. Eustachius. Plinius d. ältere 393 . Pomerius 90 . Pompeius , Grammatiker, 71 . 183 *. Porphyrius , Dichter, 142 . 301 . Prädestinationslehre 124 . 167 f. 208 f. 246 f. 249 . 260 . 264  f. 267  ff. Priscianus 18 . 183 *. 184 . 392 f. Prosper 40 . 143 *. 229 . 390 . Prudentius 22 . 26 . 71 . 133 . 162 . 187 f. 199 . 289 . – Psychom. 75 . 152 * Prudentius v. Troyes , Leben 267 , De praedest. 267  f., Annalen 366 . – 205 . 245 *. 257 *.   Quintilianus 302 .   Raban , Leben 120 ff, Grammatische Schriften 126 , Glossen u. deutsch. Sprachinteresse 127 , De computo 127  f., Martyrolog. 128 , Bibelcommentare 129  ff, De clericor. instit. 131  ff., De universo 134  ff., De anima 136 , theol. Flugschriften 137  ff, De oblat. puerorum 138 , De reverentia filiorum 139 , Predigten 140  ff., De laud. s. crucis 142  f., Gelegenheitspoesie 144 , Inschriften ib., Secessio ib., rythm. Ged. 145 . 327 . Hymnen 145 . – 32 . 82 . 118 . 160 . 204  f. 330 . 332 . 334  f. 368 . Radbert , Leben 230 ff., De corp. et sang. Dei 232  ff., Epist. ad Frudegardum 234  f., De partu virginis 235 , De fide etc. 235 , Bibelkommentare 235  f., V. Adalhardi 236  ff, V. Walae 239  ff., Passio Rufini et Val. 244 . – 205 . 245  f. 263 . 268 *. 293 * f. Rado , Abt v. St. Vaast, 23 . 28 . Räthsel 14 . 20 . 32 . 51 . Ratchis 37 . Ratgar , Abt v. Fulda, 121 . 144 . 330 f. Ratleik 94 . 100 ff. 128 . 144 . Ratramnus , Leben 244 f., De corp. et sang. Dei 245 f., De eo quod Chr. ex virgine natus 246 , De praedest. 247 , Contra Graec oppos. 247 . – 167 . Reginbert v. Reichenau 162 . Remigius S. , V. 255 . Remigius v. Auxerre 287 . Reim im Hexam. 168 * f., in Prosa 292 *. 311 *, in Rythmen 323 . 325  ff. Richarius S. , V. 23 f. Richer 367 *. Rimbert , Leben Ansgars 341 ff. Roman des eles 182 *. Ronceval 363 . Rorigo , Graf, 352 . Rotrud , Karls d. Gr. Tochter, 6 . 21 . 37 . 64 . Rudolf v. Fulda , Charakteristik 332 , V. Liobae 332  ff., sogen. V. Babani 334  f., Transl. Alexandri 335  f., Annalen 368  f. – 179 . Rufinus 384 . Rufinus S. , Passio 244 . Rutilus 71 *. Rythmische Dichtung 86 ff. 91 . 102 . 169 . 180 *. 196 . 300 . 311  ff., Verfasser 321  f., Kategorien d. Ged. 322 , Versarten, trochäische 322  ff.. iamb. 326  ff. – 357 . 393 *.   Sallustius 207 . Samuel , Bisch. v. Worms, 121 . 127 *. 144 . Scholastica S. , Ged. auf, 56 . Schreibkunst 71 . 85 . 379 f. Schulen 9 f. 26 . 72 . 119 . 126 f. 379 . Scoten , sagenhafte Herkunft, 389 . Secundus v. Trient 46 . Sedulius , d. ältere, 71 . 133 . 143 *. Sedulius Scotus , Leben 191 ff., Gedichte 193 ff., Elegien 193  f., panegyr. Gedichte 194  f., Oden 195  f., an Robert 196 , De verbece 196 , Allegorie 197 , Certamen 197  f., De rectoribus christianis 198  ff., Gedichte darin 199 , Comment. in Eutych. 202 . – 325 . Seele , Natur der, 22 f. 136 . 182 . Servius Honoratus 183 . Severus , Sulpicius, 181 . 239 f. Sigulf , Abt v. Ferrières, 5 . 344 . Smaragdus Ardo s. Ardo. Smaragdus , Abt v. S. Mihiel, Leben 108 f., Commentar zum Donat 108  f., Diadema monach. 109  f., Via regia 110  ff., Liber comitis 112 , Comment. zur Benedict. Regel 112 , Hymne 112 . – 202 . Solinus 286 . 393 f. Speraindeo , Abt, 300 . 309 . Speratus S. 272 . Streitgedichte 68 . 197 f. Sturmi , Abt v. Fulda, V. 104 ff. Sualo S. ,V. 179 f., Hymn. auf 180 . Suetonius 95 f. 286 . Sunderolt , Erzb. v. Mainz, 336 . Symphosius 20 *.   Tacitus , Germania 336 . Tado , Erzb. v. Mailand, 193 . 196 *. Tassilo 57 . Tatto v. Reichenau 147 . 160 . Terentius 231 . Telberga , Königin, 250 *. Tetta , Aebtissin v. Winbrunn, 333 f. Thegan , Leben 358 f. V. Ludovici 359 ff. – 160 . Theodemir , Abt, 223 . 226 * f. Theodorich 155 f. 201 . Theodulf , Leben 70 ff., Charakteristik 73 , theol. Schriften 72 , didact. Dichtungen 73  ff., Paraenesis ad iud. 75  ff., moralis. beschreib. Gedichte 78  f., Epistelpoesie 79  ff., Epigramme 83 , Lyrik 84 . – 65 *. 66 . 176 . 184 . Theokrit 183 *. Theotger , Mönch, 354 f. Theuderius S . V. 387 . Thomas , Abt v. Farfa, 379 . Tiburtius S. 100 f. Translationen 99 ff. 334 ff. 350 ff. Trojanersage 58 . 388 . Tugenden 19 . 22 . 74 f. Typen 385 .   Ultan , Mönch v. Lindisfarne, 85 . Usuard , M. v. St. Germain, 355 f., Martyrol. 386 .   Valerius Maximus 286 . Valerius S. , Passio 244 . Vedastus S. , V. 23 . Vegelius 136 . 195 . Veit S. , Transl. 336 f. Verona , rythm. Ged. auf, 86 *. Victor, Aurelius 39 . 384 . Victor, Julius 19 . Vincentius , Transl. 353 f. Virgilius , Aen. 26 . 59 . 176 . 301 , Eclog. 6 . 51 . 63  ff. 275 *. 294 , Georg. 159 . 183 *. – 71 . 91 . 178 . 183 . 192 . 208 *. 227 . 231 . 345 . 377 . Visionen 149 ff. 256 . 273 f. 296 . 342 . 345 .   Wala V. 239 ff., Charakter 242 . – 215 f. 231 . 337 . Walahfrid , Leben 146 ff., Charakteristik 148 . 165 , De vision.Wettini 149  ff., Vita Blaitmaici 153 , V. Mammae 153  f., De imag. Tetrici 154  ff., Hortulus 158  f., poet. Episteln 159 , Epigramme u. Lyrik 161 , Hymnen 161  f., De eccles. rerum exord. 162  ff., Glossa ordin. 164 , Vita S. Galli 164 , Othmari 165 , Ausg. Einhards 165 . – 115 *. 122 . 127 . 144 . 167 . 179 . 184 . 207 *. 359 ff. Walcaud , Bisch. v. Lüttich, 229 . Waldo , Abt v. Maximin, 208 . Waldo , Abt v. Reichenau, 151 . Wallbraht , Graf, 335 f. Wandalbert , Leben 185 , Martyrol. 185 ff., V. Goaris 190  f. Wando , Abt v. Fontanelle, 318 . Wandregisil , Abt v. Fontanelle, 377 f. Warin , Abt v. Corvey, 232 f. Weise , Aussprüche ders., 201 f. Weltalter 382 . 385 . 388 . Weltchronik 380 ff. Weltgeschichte , Epochen 53 *. Weltreiche 382 . Weltwunder 201 . Wenilo , Erzb. v. Sens, 267 . Wettin v. Reichenau 146 f. 149 ff. 256 . Wido , Graf, 22 . Wigbert , Abt v. Farfa, 380 . Wigbert , Abt v. Fritzlar, V. 206 f. – 105 . Wilhelm , Graf v. Toulouse, 174 . 347 *. Willehad , Bisch. v. Bremen, 340 f. Willerich , Bisch. v. Bremen, 340 . Willibrord S. , V. 23 ff. – 338 . Wizo (Candidus) 5 f. 21 . 30 . Walfad , Erzb. v. Bourges, 261 . Wulfin , Grammatiker, 81 *. 271 . Wursing 338 .