Joseph von Lauff Die Heilige vom Niederrhein Ein Roman aus unseren Tagen Dieser Roman wurde in den Herbst- und Wintermonden 1932 niedergelegt. Was ich hier und von Beginn an in meinen Werken anstrebte, wofür ich viele Jahre duldete und kämpfte – die Befreiung des katholischen Glaubens von undeutschem Geist – erfüllte sich an meinem Lebensabend. Joseph von Lauff Joseph von Lauff hat die Veröffentlichung dieses Werkes nicht mehr erlebt; »treu seinem Gott, treu seinem Kaiser, treu seinem Vaterland« starb er     am 20. August 1933. Erstes Kapitel Es ist ein Land ohne Lachen, mitten im November, in niederrheinischem Schlackerwetter. Ich befinde mich in meiner engeren Heimat, die ich nach Jahren wieder aufsuchte. Alles ist so still, so närrisch um mich, so weltabgekehrt wie in den verschwiegensten buddhistischen Klöstern, wie bei den Priestern des Dalai-Lama, den Hierophanten von Tibet, die Jahre um Jahre ihre Gebetmühlen abspulen, ohne etwas Klingendes, Singendes, Greifbares auf die Beine zu stellen. Ich trete in die niederrheinische Stadt ein ... gehe durch glitschige Straßen ... etwas bergan ... zwischen verschnörkelten Giebelzeilen, die noch Jakobäa von Baden gesehen, die schöne Frau des blöden Herzogs Wilhelm von Jülich und Kleve. O Jakobäa! so schön an Leib, so anfechtbar an Sitte und Seele! – dein Schreiten war Rhythmus, dein Haar eine goldene Weizengarbe, dein Sinnen ein heißer Duft von Damaszener Rosen in schwülen Sommernächten. Deine Folger und Anhänger beteten um deinetwillen den Leichnam des Herrn vom harten Kreuze herunter, legten dir die Hände unter die Füße, rannten sich um deinetwillen die blanken Klingen durch Lungen und Herzen, während die Landstände dich beim Kaiser verklagten, über deinem gekrönten Haupt hing tagtäglich, allstündlich ein drohendes Messer ... und eines frühen Morgens: deine Hände waren gefaltet, dein marmelbleiches Gesicht zur Seite geneigt. So lagest du zwischen Kissen und Leilach, eine pupurrote Rose dicht über dem Herzen ... Ich schreite weiter bergan. Das Pflaster wird holperiger. Die Beischläge sind kleiner und unansehnlicher. Ab und zu ein Türklopfer aus leuchtendem Messing, von dem es rieselt und tröpfelt. Hin und wieder eine Kanarienrolle hinter weißen Mullgardinen, ein Mädchenkopf an einem halbgeöffneten Fenster. Ich folge willenlos, ohne mich an den Gang der Dinge zu kehren. Jetzt! Ich bin zur Stelle. Ich schaue empor. Ein mageres Haus aus holländischen Klinkersteinen, scharfabgegrenzten Etagen, die sich giebelförmig verjüngen, stellt sich vor meinen Blicken in den dunstigen Himmel. Zwei Auslagefenster flankieren den Eingang – im linken: dunkle Wollstoffe, aufgestapelt und mit angehefteten Preisen versehen, Trauerhüte, Kreppschleier, Gebetbücher und Rosenkränze aus Pockholzkügelchen ... im rechten: alle sakralen Dinge mit blanken Zinnbeschlägen, Schmelz und Firnis überzogen, berufen und dazu ausersehen, dem wegemüden Menschen die Erde leichter zu machen ... und über der Türe die Inschrift: »Kunsttischlerei und Beerdigungsinstitut ›Pietas‹ von Joris Jansen, Kavarinerstraße in Kleve.« Hier beginnt meine Geschichte. * Erst ein schmaler, eingedunkelter Flur, dann eine niedrige Tür zur rechten Hand, die zu einem Zimmer führte, dessen Fenster auf den Hofraum hinaussahen. In dem langgezogenen Feld der Supraporte standen die Worte aus dem vierten Bußpsalm geschrieben: »Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam.« Kommt benne! Ein fader, atemberaubender Hauch nach stickiger Luft, nach Krepp und abgelagerten Wollstoffen schlug einem entgegen, laulich wie Seifenschaum, dunstig wie der Ruch in einer vielbesuchten Gnadenkapelle, denn das blautapezierte Stübchen lag unmittelbar neben dem Laden, woselbst Trauer- und Kastorhüte, schwarze Tuchballen, Gebetbücher, Wachskerzen, Pleureusen und bereits geweihte Rosenkränze ausgestellt waren. Aus den angelaufenen Fenstern, über deren Scheiben die Regentränen immer emsiger sickerten, sah man über den weitläufigen Hof hin, dessen angelehntes Türlein Verbindung mit einer Straße hielt, die sich in vielfachen Windungen zur Oberstadt bemühte, von wo aus das Auge die ganze Umwelt beherrschte, das niederrheinische Land überschaute, an hundert Kirchtürme zu zählen vermochte, den Rhein sah und sich erfreuen konnte an den mastigen Bauernhöfen, den unabsehbaren Wiesen und Triften, deren Erträge die Euter füllten, die Melkeimer überschäumen ließen und die stolze Grafschaft zu einer benedeiten und wunschlosen machten. Seitlich des Hofes erhob sich ein Schuppen, eine Art von Werkstätte, aus der das Knirschen von Nägeln und das Klopfen eines Hammers ertönte: »Rattata, rattata ...!« monoton und immer dasselbe. Joris Jansen, der Inhaber des Beerdigungsinstituts ›Pietas‹ vernahm es, vernahm es im blauen Stübchen. Sein schwammiges Gesicht klärte sich auf. Aber nicht lange. Was sollte ihm der vor etlichen Stunden überwiesene Auftrag? Nichts von Belang. Nur 'ne Bestellung aus dem Altmännerhaus, wo die Ratten und Mäuse auf den leeren Tischen saßen, frech mit ihren klebrigen Schwänzen anpochten und nach Brotschnitten verlangten. Also kein Geschäft. Bloß knorzige Tannenbretter mit stumpfer Lackierung, ohne Embleme und Sargschmuck. Half ihm nichts, konnte die magere Zeit nicht beleben, brachte seinem Institut nicht die erhoffte Vergoldung, die er mit allen Masern und Fasern seines mildtätigen Herzens ersehnte. »Rattata, rattata ...!« »Jawoll, jawoll!« sagte Joris. »Bloß Wind vor der Hoftür. Nichts Reelles, nichts Greifbares. Schwamm drüber. Aber was hilft das? Vergönnen wir dem armen Phöns Pieplo die ewige Ruhe zwischen den billigen Fichtenbrettern – auch ohne Profit. Requiescant in pace !« Joris Jansen saß dicht neben einem Fensterrahmen, den er bevorzugte, um den hinteren Teil seines Anwesens besser überwachen zu können, seine Mittagsruhe zu halten, sein Schälchen mit Kaffee zu trinken und aus seiner Kalkpfeife bläuliche Rauchspiralen gegen die etwas verwaschene Decke zu wölken. So auch heute. Bei diesem Schlackerwetter, bei diesem unaufhörlichen Rieseln und Fieseln hatte er es sich bequem zwischen den Lehnen seines Korbsessels gemacht, streckte die Beine und fühlte sich, trotz der miserablen Zeitläufte, recht mollig in der stickigen Luft nach Krepp und abgelagerten Wollstoffen, dachte an seine längstverstorbene Lebensgefährtin, an seine in der Grafschaft gefeierte Tochter, die in dem benachbarten Gnadenort Heiligenbaum schon seit etlichen Jahren als wohlbestallte Lehrerin amtierte, die Kinderherzen führte und sich eines hohen Ansehens erfreute. »Rattata, rattata ...!« »Jawoll, jawoll! Man immer so weiter. Es ist gerne gegeben, auch ohne Profit, schon um der Barmherzigkeit willen, in Requiescant in pace .« Schlafe in Frieden, Phöns Pieplo!« Er nahm sein Troddelmützchen vom Kopf, zerknüllte es zwischen den Händen, sprach ein stilles Vaterunser und bedeckte sich wieder. Hierauf nahm er aufs neue die Kalkpfeife auf, die er kurz zuvor abgelegt hatte, tat etliche Schnaufer, um abermals sich mit den vielen Belangen und Ereignissen seines Lebens zu befassen und Zwiesprache zu halten. Er tat es mit einem gewissen Drusseln und Träumen, mit offenen Augen, mit stoßweisen Atemzügen. Mynheer Jansen gemahnte in seinem Äußeren an einen Schatten- und Schuppenwurz, der sein Dasein in verdämmerten, etwas feuchten und laulichen Waldparzellen verbrachte. Früher ein energischer und zupackender Mann, der sich vom schlichten und habelosen Schreinergesellen zum geachteten Meister, zum Inhaber seines jetzigen Anwesens emporgearbeitet hatte, war er jetzt kommod und lässig wie ein fünfundzwanzigpfündiger Spiegelkarpfen in den Teichen des Barons Adrian van Steengracht in dem benachbarten Moyland geworden. Sein Gesicht, nunmehr breit und schwammig, ähnlich dem eines glattrasierten, wohlgenährten Domschweizers bei irgendeinem Weihbischof in partibus infidelium , wies aber noch Merkmale auf, die einst und ehedem gierige Weiberherzen zu Wachs machen konnten. Das war lange dahin. Die Sturm- und Drangzeit lag hinter ihm. Seine Seele ging auf Selfkantpantoffeln. über seinen Ohrmuscheln kräuselte sich weißer Adlerflaum. Die weiche Luft seiner jetzigen Umwelt wirkte beruhigend, zutunlich, allverzeihend auf sein ganzes Gehabe, umkleidete ihn mit dem Mantel christlicher Nächstenliebe, salbte ihn mit Chrysam und heiligen Ölen. Als Kirchenrendant genoß er die Wertschätzung von Klerikern und Laien, als Inhaber des Beerdigungsinstituts ›Pietas‹ klopfte er Seiner Majestät dem Tod auf die Schulter, als Vater einer Tochter, die die ganze Grafschaft durch ihre Anmut und Schönheit in eine gewisse Ehrfurcht versetzte, konnte er den Kopf höher tragen als andere Menschen und selbstgefälliger mit seiner dicken Uhrkette klimpern. Ja, Joris Jansen war schon einer mit Ärmeln, wäre nur nicht sein kurzer Atem gewesen, dieses lästige Schnappen nach Luft und Ozon, dieses Hecheln eines abstrapazierten Hühnerhundes, das ihn bei jeder Gelegenheit überfiel, ihn an den dunstigen Odem seines Hauses fesselte, ihm nur selten gestattete, Gottes Natur, Gottes Herrlichkeit und Gottes Lerchengesang in sich aufzunehmen und allen fröhlichen Menschenkindern ein herzhaftes ›Proficiat‹ entgegenzuhalten. Im übrigen – er blieb, was er war: ein Mann von Qualitäten und großen Meriten. Damit basta und nicht mehr zu ändern! »Nanu...!« Joris erhob sich, trat dicht an die Nische und versuchte scharf durch die angelaufenen Scheiben zu sehen. Die nur angelehnte Hoftür öffnete sich langsam, ein aufgespanntes krapprotes Paraplui drängelte vor, bewegte sich mit einer gewissen Neigung, aber mit Anstand, sieben bis acht Fuß über dem vertümpelten Pflaster dem Haus zu, segelte dicht am Fenster vorüber, um dort für einige Augenblicke Posto zu fassen. »Herr Jeses!« rief Joris mit dem Aufgebot all seiner Lungenkräfte, »wenn ich nicht irre – der Aloys!« »Zu dienen«, antwortete eine lurksige Stimme, »und wenn es erlaubt ist...?« »Schragen Hond!« lachte Joris, »aber natürlich.« »Na denn...« und keine vierzehn bis fünfzehn Perpendikelschläge verhallten im langriemigen Uhrkasten, der sich altmodisch in der linken Stubenecke emporsteilte, als sich auch schon die Tür auftat und ein hochaufgeschossener, breitschultriger Mann das dumpfige Zimmer beehrte, den fuchsigen Zylinder von seinem glattrasierten Eierkopf nahm, mit der Linken die etwas angefeuchteten Sardellen zurechtstrählte, den Hut über einen Holzpflock stülpte und mit süßlichem Lächeln den Herrn des Hauses begrüßte. Den triefenden Schirm hatte er draußen gelassen. »Also Joris, ich darf ...?« »'ne Frage! aber 'ne ganz kuriose, denn wenn mein Freund Aloys Ferkulum nicht darf, wer sollte dann überhaupt dürfen?« »Serviteur ...!« Der seltsame Gast warf zwei schlenkerige Finger an die Schläfe und salutierte mit Anstand. »Joris, ich weiß es zu schätzen und wenn ich meine müden Pedale ...« »Ich bitte darum. Macht's Euch kommod. Vielleicht ein Schälchen mit Kaffee gefällig, geschmuggelt und von der obersten Sorte?« »Prrr!« kam es fröstelnd zurück, und der Herr mit dem spiegelglatten Eierkopf auf den hochgestellten mächtigen Schultern machte eine abwehrende Geste. »Joris, Ihr solltet mich kennen. Kaffee hat mir der Dokter schon seit Jahren verboten. Leider, leider! Aber es läßt sich nicht ändern. Niemals ...!« Nochmals die abwehrende Geste, aber energisch und dringlich. Gleich darauf saß Mynheer Ferkulum an einem derben Holztisch seinem Freund gegenüber, mit stillem Gesicht, dabei scheinbar zufrieden, ein gesichertes Dach über seinem blanken Schädel zu haben. Der behäbige Schatten- und Schuppenwurz sah ihn wohlwollend an, tippte ihm sacht auf den Ärmel. »Aloys, womit kann ich denn dienen?« »Im allgemeinen mit gar nichts, im Speziellen jedoch ... Joris, du kennst ja mein Lebenslaxier.« »Ja – so! Nous avons, vous avez ...? « »Ganz richtig. Das meine ich nämlich! Ist doch 'ne properere und annehmbarere Sache, als das giftige Gespüls aus den brasilianischen Kaffeeplantagen. Ich bin nicht kumpabel dazu, meinem Herrn und Erlöser in die Parade zu fahren. Niemals! sonst könnte ich nicht als Friseur, Barbier und Leichenbitter vor seinem Antlitz bestehen.« »Na denn ...« und der Herr des Anwesens rührte die Klingel, die unmittelbar neben seiner halbleeren Tasse stand, immer bereit, seine Wünsche dem Personal des Hauses wissen zu lassen. »Gut so.« Aloys Ferkulum nickte befriedigt. Seine Zunge schleckerte dabei wie die einer Miezekatze, wenn sie ein Tröpfchen mit Sahne erwischte. Nicht lange, und der schrille Ton zauberte einen vierzehnjährigen, rothaarigen Schlingel herbei, der mit einer schwarzgekleideten Verkäuferin die Kunden der linken Ladenseite bediente. »Herr Jansen ...?!« »Fipps, das Bewußte.« »Bonus, Mynheer. Nur wenn ich bitten darf: die grüne oder die rote Bouteille?« »Die rote natürlich.« »Bonus, Herr Jansen. Nur eins noch ...« und der geriebene Jüngling streckte Zeige- und Mittelfinger zur Decke. »Ein oder zwei Gläschen dazu?« »Bloß eines.« »Wird in Bestellung genommen«, und während der Stift absockte, das Verlangte beizubringen, ließ Aloys Ferkulum seine müden Augenlider wie die Nickhäute einer Schleiereule herunter, legte die langen, etwas feuchten Hände zusammen und sagte: »Joris, Ihr seid schon einer mit Compläsanzen, aber einer von den besten genommen. Gleichfalls Euer jugendlicher Ladenmarkör. Ein properes Kerlchen. Ehrenwort drauf und mein gehorsamstes Merci.« »Gar nichts zu danken. Anprässentiert ist auch gerne gegeben ... aber Gott's den Donner noch mal, wo habt Ihr denn in den letzten vierzehn Tagen gestochen? Man wüßte doch gerne ... man steht doch seit Jahren in Freundschaft und kann stündlich gefaßt sein, vor Gott und seinen Thronen erscheinen zu müssen, wenn ich auch hoffe ...« »Natürlich, natürlich!« winkte Ferkulum ab, »und wo ich gestochen hab'? Später darüber. Ich muß erst meine Besänftigung haben, denn das Wetter da draußen kann selbst 'nem Totenansager das Vaterunser im Maulwerk gefrieren lassen ... und Ihr? wenn 'ne Frage erlaubt ist: mit allen Klamotten wohl noch in bester Verfassung?« »Ne, ne, ne«, sagte Jansen, »das hapert bei mir doch so 'n bißchen an allen Ecken und Bekömmlichkeiten. Besonders das hier, das hier unter den Kamisolknöppen«, und er schnappte nach Luft wie ein Ertrinkender »das schafft mir Molesten, die besonders an benauten Tagen so ausgiebig wie Hirtzensprünge werden. Ne, ne ... aber ich kann mir nicht helfen: der barmherzige Herrgott läßt mich nur äußerst spärlich den mir zugemessenen Atem beziehen, und da sollte ich annehmen ...« »Dann macht es wie ich. Es soll ein Gläschen Branntewein ... Probiert es. Zum Exempel mit diesem ...« Aloys machte den Gänsehals lang. Die Lichter in dem Eierkopf stielten sich vor. Der Stift erschien mit der roten Bouteille, plazierte Flasche und Gläschen in sachlicher Weise, schenkte ein, ohne mit einem Tröpfchen zu kleckern, würdig und dienstbeflissen, als sei ihm geboten, dem Erzengel Gabriel eine extraordinäre Stärkung zu reichen. »Merci.« »Gerne geschehen.« »Ab nach Kassel«, gebot sein Chef und Gebieter. »Bonus, Mynheer«, und der luse rothaarige Beistand von der linken Ladenabteilung verließ die Szene mit der Gemessenheit eines Großen in Israel. »So«, meinte Jansen, »nu aber heraus mit der Sprache. Man möchte doch gerne ...« »Einen Momang noch. Bevor ich Rechenschaft stehe – erst dieses.« Der umständliche Herr machte Schweinsäugelchen, betrachtete das Schnapsgläschen mit gierigen Blicken, nahm es auf, wie man ein Heiligtum aufnimmt, näherte es den heimlich schmatzenden Lippen und sagte: »Joris, paßt Achtung! Nous avon, vous avez – und nu is se weck. Ich meine die deliziöse Anisette mit 'nem Schuß Rum mang die Rippen.« Das Glas kippte über. »Ah! und nu, wo ich meine erste Besänftigung habe, gerne zu Diensten.« Er schlenkerte seine hölzernen Ständer wie Waschhölzer übereinander. Joris, um es einfach zu sagen: ich hab' in Nymwegen bei meiner verheirateten Tochter gestochen. Ich mußte 'nen anderen Odem einholen, mich so 'n bißchen rekolljieren, denn hier in Klev' und Umgebung war ja doch nichts zu schaffen. Alles blieb unter dem Kapuzineraffen, im Urzustand aller Begriffe und Möglichkeiten. Die Schellfischköppe und Kabeljaugesichter haben's noch gut. In Holland wird unter ›ons Wilhelmintje‹ noch Hurra geschrien, haben sie noch was zu brechen, zu beißen, wird einem nicht der letzte Kohlstrunk von der Rabatte, nicht die letzte Ziege von der mageren Raufe gesteuert. Natürlich, auch bei uns wird Hurra und Vivat geschrieen, aber ganz anders, auf 'ne republikanische Art. Wir sehen wohl die gebratenen Gansvögel und Tauben fliegen, dicht an unserm Schnabel vorbei, aber keinem von dem Geflügelvolk fällt's ein, in unserm hungrigen Maulwerk Quartier zu beziehen. Das weiß ganz andere Mäuler zu finden. Gottverdorie noch eins!« und Ferkulum schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, daß Kaffeetasse, Bouteille und Gläschen Anstalten machten, von der Tafel zu stolpern – »nicht ums Verrecken. Besonders in Klev' nicht ... bei mir nicht ...« »Bitte, Aloys, geruhsam, geruhsam, sonst wird meine Atempfeife wieder wie 'ne verstopfte Ziehharmonika.« »Exküsiert, exküsiert! Ich meine ja bloß ... aber das mit Kleve, mit mir ... Steuern zahlen, ohne kein Dittchen auf die Beine zu stellen?! Was ist da zu machen? Joris«, und seine Stimme wurde wie das Säuseln in einer Trauerweide, »da ist gar nichts zu machen, denn wenn ich so mein Dasein und meine Geschäfte betrachte: keine Ansage mehr, kein Toter mehr ... nichts zu begraben. Die Menschen wollen nach dem hundsmiserablen Kriege nicht abgehen, nicht die ewige Anschauung gewinnen, kurz, in dieser Beziehung kein Dittchen auf mein Konto buchen. Außerdem, wo bleibt mein Honnör als Inhaber eines einst renommierten Salons? Jeder Mannskerl rasiert sich auf seine eigene Kappe oder trägt 'nen Bart wie die Besenbinder in der Gocher Gemarkung. Na, so 'ne Kulören! und die Weibsbilder erst! Haben den Bubikopp über ... lassen wieder die Kuhschwänze wachsen ... finden Zeit in Masse, sich Rindspomade zu brauen, die verfilzten Haare zu kräuseln ... Himmel und Erde!« und die glitschige Hand hob sich aufs neue, um mit Glanz und Gloria niederzufallen. »Bitte, Aloys, geruhsam, geruhsam! Bei mir ist genau die nämliche Schose. Nichts zu erzwingen. Das Geschäft geht auf Krücken, ist wie 'n Familienvater von armseligen Sakristeimäusen geworden. Ganz richtig. Niemand will sterben, sich's kommod machen zwischen den langen Brettern. Wachskerzen werden kaum noch benötigt. Seit Wochen keinen Trauerhut mehr in Bestellung genommen. Mein linkes Ladenlokal feiert mein rechtes desgleichen. Das ganze Personal steht wie 'n Ölgötze hinter der Theke ... und mein Magazinier, Herr Baumann, sagte mir schon: Geht's so weiter, Herr Jansen, spielen unsere Sargnägel den neunten November, werden zu Revoluzern, Herr Jansen. Ja, ja, es steht schon schlimm in der Welt. Sie will aus Fugen und Diebeln ...« »Halt!« unterbrach ihn sein Gegenüber. »Das stimmt doch so recht nicht, dem kann ich für Eure Person nicht so ohne weiteres beipflichten, denn ich hörte soeben ... da drüben ... aus der Werkstätte 'raus: rattata, rattata ...« Joris lächelte mit dem Lächeln eines insichgekehrten und geruhsamen Mannes: »Die alte Geschichte von dem blinden Huhn und dem eingeholten Körnchen, 'n powerer Auftrag von den barmherzigen Schwestern, wo die abständigen Knasterbärte bei wohnen. Will's gern auf Euer Konto verbuchen. Profit – allerhöchstens zehn Märker.« »Ist aber doch immer ein Auftrag.« »Allerdings – ja.« »Und bleibt auch was hängen?« »Auch dieses.« »So ist doch 'ne Art von Anfang gemacht, 'n Aufstieg mit 'nem feinen Silberstreifen dazwischen, wie 'n Gewisser behauptet.« »Gewiß, und ich will auch nicht klagen. Bloß Ihr habt mir mit Eurem Geseire und den weiblichen Bubiköppen meinen bekömmlichen Gusto verdorben.« »Bonus, wie dein rothaariger Jüngling aufstellt. Indessen, ich wollte nur dartun, warum ich vierzehn Tage hintereinander im benachbarten Ausland gestochen, und da ging das nicht anders: ich mußte doch den innersten und tiefsten Stunk meiner Seele offenbaren, um das begreiflich zu machen.« »Verstehe. Seien wir friedlich. Hoffen wir auf bessere Zeiten. Gott hat ehrliche Kostgänger noch niemals in 'ner richtigen Predullig gelassen.« »Meint Ihr, auch hinsichtlich baldiger Sterbe- und Ansagegebühren?« »Jawoll.« »Auch von wegen der Bubiköppe und sonstwie?« »Warum nicht?« »Und wir kämen mit unserem Geschäft mal wieder in den zusprechenden Schwung und in die diesbezügliche Schwänke?« Jansen wurde aeolsharfenweich und lau. »Aloys«, sagte er mit getragener Stimme, »der Katechismus behauptet: Gott ist allmächtig.« »Gut so! obgleich ich den Standpunkt vertrete: Lieber die Hand auf die Mösch als 'ne fette Duw auf dem Rathaus in Kleve. Indessen – hoffen wir, Joris, und darauf trinken wir einen, denn jede anständige Hoffnung muß 'ne gewisse Portion Mistus einholen, um offö für ihren erfreulichen Zustand zu bleiben. Joris, das ist doch auch Eure Ansicht?« »Ist sie.« »Na denn ...« und Aloys Ferkulum, der alle seine aufgezählten Miseren, den flauen Betrieb seines Salons, das Selbstrasieren der Mannskerle, das eingetretene Manko hinsichtlich seines Nebenamtes als Totenansager, die schrumpfende Mode der Bubiköpfe und sonstige Kalamitäten in diesem Tale der Tränen und der Anfechtungen energisch beiseite drängelte, nahm in getragener Weihe die neben ihm stehende Schnapsbouteille, beglich nach Pflicht und Gewissen den Pegelstand seines Gläschens und sagte: »Joris, paßt Achtung. Ohne lange Fisimatenten zu machen – meine zweite Besänftigung. Unter drei kann ich's heute nicht dartun, denn die Drei rechnet zu den himmlischen Zahlen: drei Vaterunser, drei Seligkeiten, drei Götter in einer Person ... und außerdem: unsere spezielle Hoffnung. Auf daß sie offö bleibe und wir sie glücklich durchs Kindbett lavieren – Joris, es gilt: nous avons vous avez – und nu is se weck. Ich meine natürlich die deliziöse Anisette mit 'nein Schuß Rum mang die Rippen ...« und abermals kippte er mit verzückten Augen sein ›Lebenselixier‹ hinter die Binde: »Joris, auf dein Wohlergehen, auf das deines Hauses, auf das deiner einzigen Tochter, dieser Edelrübe, dieser Muttergottesmedaille in purer Vergoldung.« Er erhob sich, reckte sich auf wie ein grindiger Marabu auf etwas ramponierten Ständern. »Joris, ich kann mir nicht helfen: ich estimiere sie als die Perle der Grafschaft, glücklich in ihrem neuen Wirkungskreis, wo sie nunmehr die unnöselen Kinder belernt, ein Wohlgefallen vor Gott und seinen ewigen Wohltaten. Amen.« Der bedächtige Schuppenwurz winkte lächelnd ab. »Aloys, nicht so. Ihr irrt. Sie befindet sich noch immer in Heiligenbaum.« »Wie ... was ... wo ... und warum?!« Ferkulum stierte ihn an, als wäre bei ihm eine Überführung im Anzug, sackte stocksteif auf seinen Sessel zurück: »Es hieß doch vor einigen Wochen, sie käme anderswo unter.« »So hieß es. Sie sollte als erste Lehrerin nach Düsseldorf hin. Nicht zu machen, mein Bester. Sie dankte ergebenst für Obst und Südfrüchte, um in der Nähe ihres Erzeugers zu bleiben.« »Und das so aus freien Stücken heraus?« »Aus freien Stücken und mir zur Bekömmnis, denn wie lange noch, und einer wird kommen und sagen: Joris Jansen, du hast das deine geleistet, bist Geselle und Meister gewesen, hast die Toten einkleiden lassen und ihnen 'ne opulente Bewährung verstattet. Nach bemessenen Kostenanschlägen natürlich, denn einer will's knapp und einfach, 'n andrer in aller Pompösität, mit 'nem Zinkdeckel drüber ... aber du bist immer honorig gewesen, immer honorig, ganz egal, ob's Nickelbeschläge waren oder solche mit echter Silberplatierung, und dabei alles von äußerster Realität – drum drücke dich man sacht in die Kissen, denn Gott hat es wollen. Du bist berufen, von seiner Tafel zu essen. Aloys, das kann doch tagtäglich passieren! Wir sind bloß ein schwächliches Federlein vor dem Hauch des Allerhöchsten, und weil wir es sind, hat Henriette beschlossen, in meiner Nähe zu bleiben, um ihren alten Papa nicht in der Predullig zu lassen, wenn der Herr gebiet: Joris, ich warte.« »Lieb von ihr«, bestätigte Ferkulum mit einer gewissen Bewegung und Herzenseinfalt. »Nur lieb von ihr?« fragte Jansen mit schiefen Mundecken. Er legte die Kalkpfeife ab, brachte sein rotseidenes Sacktuch zum Vorschein, knüllte es hastig zusammen und drückte es sich schmerzlich gegen die Augen. Hierauf steckte er es wieder an Ort, um mit Unterstreichung jedes einzelnen Wortes zu sagen: »Nur lieb von ihr, Aloys?! Edel war's, großartig war's. So was ist noch nicht auf die Beine gekommen, noch niemals gesehen. Allerhand Achtung, ihren braven und anständigen Papa so zu betreuen. Gott hat es wollen!« Er schnappte ab. Seine Stimme segelte geruhsamerem Fahrwasser zu, gefiel sich darin, über eine sanfte und ölige Fläche zu gleiten. »Aloys, und wenn ich so alles bedenke: was sollte auch meine Henriette in Düsseldorf machen? Ihre reine Seele würde in diesem Sündenbabel, in dieser Stadt der Malermeister und Komödienspieler reineweg verkümmern, wie 'n Himmelschlüsselchen in 'nem Restaurationsgarten einfach vor die Hunde gehen, während der Ort, wo sie sich nunmehr befindet ... Oh!« und der biedere Herr mit dem weißen Adlerflaum über den Ohrmuscheln sah seinem Freunde tief in die Augen, »Heiligenbaum ist eine selige Stätte, eine Stätte der Verehrung und Anbetung, ein Hort der Betrübten und Wegemüden, ein Jerusalem ernster Betrachtungen und Beschaulichkeiten. Lasset uns beten! Das paßt zu ihr wie die Osterglocke zum Ostersonntagmorgen, wie der Medaillenstab in deinen Händen, Aloys, wenn du ausziehst, 'nen Toten anzumelden und unter die Leute zu bringen.« »So richtig«, konstatierte der Angerufene mit dem blanken Spiegelkopf, »ganz meiner Meinung. Das imponiert und böte Gelegenheit ... Joris, darf ich noch mal: nous avons, vous avez ...? « Er machte die Bewegung des Kippens. »Jetzt nicht, in diesem Momang nicht. Ich bin noch nicht fertig ...« Joris Jansen schnappte nach Luft, holte tief Atem, als müßte er einen ganzen Vorrat von diesem köstlichen Stoff in sich aufnehmen, um seine Betrachtungen zu einem glücklichen Ende zu führen. Schließlich war er so weit. »Oh Henriette! trotz deiner Schönheit des Leibes, trotz der Aufmunterung in deiner körperlichen Gestaltung, trotzdem die Mannskerle um dich herumhoppeln wie die Löffelmänner um 'ne delikate Kleeparzelle – mit 'nem Heiligenschein könntest du in der Gnadenkapelle niederknien, drei Engel zur Rechten, drei Engel zur Linken ... O Henriette!« und seine Stimme wurde so zart und bekömmlich wie die Marienplätzchen von Kevelaer, »du hast keine Anfechtungen, du kennst keine Gelüste des Fleisches, du sündigst nicht in Gedanken, Worten und Werken, deine Sinne sind nur auf deinen Herrn und Heiland gerichtet, deine irdische Sehnsucht...« Er wurde unterbrochen. »Joris, wenn es erlaubt ist ...« »Was soll's denn?« »Alles recht schön. Aber das mit der irdischen Liebe ...« »Wieso?« »Es heißt doch, Henriette besäße so zutunliche Augen.« »Stimmt.« »Und könnte damit barbarischen gucken.« »Kann es nicht leugnen. Aber was weiter?« »Und da sagen die Leute ...« »Was sagen die Leute?« »Sie hätte auch schon so 'n bißchen von der irdischen Liebe erfahren.« »Wa ... wa ... wa ... was?!« »Joris, verstehe mich richtig. Ich meine das als nobles 'Lebenslaxier' mit 'nem richtiggehenden Jungfernkranz drüber, um später in 'ne reguläre und annehmbare Kopulation zu treten. Oder willst du deine eingeborene Tochter auf 'nem unfruchtbaren Boden belassen? Das wäre doch äußerst.« »I Gott bewahre! Ich denke nicht dran. Wenn der richtige ansocken täte, ihr unter die Augen träte und sagte: Ich bitte Mamsell ... Warum nicht? Ich habe gar nichts dagegen, denn auch 'nem Frauenzimmer, das sich als heilig benimmt, darf man 'ne eheliche Betätigung nicht absprechen, wenn der himmlische Vater solches in seiner Weisheit und seinen Barmherzigkeiten als richtig befindet.« »Na, dann wäre die Sache ja so halber gedeichselt.« »Aloys, ne. Unsereins müßte doch vorher irgendwas wissen, sich mit Namen und Stand befassen, bevor ein Familienvater die Hände aufhebt und dartut: Ich segne euch Kinder! sonst könnte er sich schlankweg in die Nesseln setzen und den gestrigen Tag nicht mehr finden.« »Ganz meine Ansicht. Wenn's sich aber um 'nen Präliminierten handelt, um einen, der etwas prästiert in der Grafschaft?!« »Zum Beispiel?« »Um den hiesigen Lehrer Heribert Kästner.« Jansen stülpte die linke Ohrmuschel vor. »Um wen?« fragte er lurig. »Um Heribert Kästner.« »Das müßte ich wissen. Bloß pures Gerede, sonst könnte ich meine Tochter nicht mehr verstehen, nicht mehr mit ihr an dem nämlichen Mittagstisch sitzen, denn wir haben uns allzeit wechselseitige Vertrauensseligkeit und 'ne Art von Verständnis in die Hände geschworen. Meine Henriette ist durchsichtig wie 'ne Florfliege ... und dann so 'ne plötzliche Verdunkelung des Tatbestandes! Aloys, ne, ich kann es nicht in Bezahlung nehmen.« »Oder hast du was gegen den Mann?« »Gott bewahre! Kein Tiftelchen, nicht so viel wie das Schwarze vom Daumennagel bedeutet. Heribert Kästner hat seine Verdienste – seine großen Verdienste als Mensch, als Knabenbetreuer und sonstwie ... aber desungeachtet: immer ein bißchen Hü mit die bockigen Pferde.« »Warum das?« »Aus Interessengemeinschaft.« »Wie soll ich das nehmen?« »Aloys,« und der sanfte Mynheer legte gottergeben die Hände zusammen, »es gibt zweierlei Käse: solchen von bekömmlicher Abstammung, aber auch solchen mit 'nem kamigen Beisatz behaftet. »Höhö!« lachte Ferkulum und fuhr sich erheitert über den ölglatten Schädel. »Aloys, höre mich an. Der erste Käse ist Heribert Kästner als Mensch, als Knabenbelerner und sonstwie. Der zweite Käs ist gleichfalls Heribert Kästner; den gibt er ab im Hinblick auf seine vorgesetzte Behörde. Wir leben nicht mehr in den Zeiten von Anno dazumal, wo noch das schwarz-weiß-rote Tuch mit Glanz und Gloria bei allen Festivitäten seine Estimierung empfing, ohne in die Gosse gezogen zu werden. Das ist jetzt anders geworden ... und da der Herr Lehrer sich noch mittenmang den obigen Kulören befindet, sich weiter als Sturkopp herausmustert, habe ich um seinetwegen die größten Bedenken. Ich stelle ausdrücklich fest: er ist als Untergebener 'ne schwierige Nummer, steht mit den Herrn Kaplänen man auf schwächlichen, meistens sogar auf konträrigen Füßen ... und wer mit den Stellvertretern Gottes auf Erden nicht an dem nämlichen Strang arbeitet, dem kann es immer passieren ... kurz, der kamige Käs könnte ihm eines Tages Übel aufstoßen, er würde brot- und stellenlos werden und meine Henriette stände wie 'n Waisenkind an der verschlossenen Tür ihrer Väter.« Er fuhr sich schwer über die Augen. »Aloys, so ist das und nichts dran zu ändern.« »Wenn sie ihn aber nu absolut will?« »Wer sagt das?« »So heißt es.« »Ja, heißt es!« »Und trotzdem: gegen 'ne unverbrüchliche Liebe können zehn tüchtige Percherons nicht anoperieren.« Der Schuppenwurz tastete sich aus seiner duldsamen Reserve heraus, wurde energisch. »Aloys, bloß keine Bange.« »Das läßt sich leicht aufstellen.« »Ich sage Euch, Aloys, bloß keine Bange«, hielt ihm der Alte nochmals entgegen. Seine sonst so geruhsame Hand polterte auf den Tisch: »Ich bin auch noch da. Ich, Joris Jansen von der Kavarmerstraße in Kleve hab' auch noch 'n Wörtchen zu reden, und wenn Not an den Mann kommt, Henriette unbewußt bleibt, mir, ihrem väterlichen Erzeuger, mit Unterstellungen begegnet, die ich für nicht diskutabel taxiere, oder sonst was ausklamüsiert, was ich in den bittersten Abgrund verweise ... Himmel und Herrgott! schon morgen – ich mache mich auf, fahre in 'nem Schäschen nach Heiligenbaum zu, um meine Tochter direktemang vor 'nem Entweder-Oder zu stellen. Natürlich, Heribert Kästner ist gut, aber meine Tochter hat mehr in die Suppe zu brocken, kann um ihretwegen doppelte und dreifache Ansprüche machen ...« Sein Kopf wandte sich jählings. »Was los?!« Die Ladenschelle bellte wie 'n furioser Dorfspitz in die richterlichen Auslassungen Jansens hinein, als hätte eine höhere Macht ihnen ein ›Bis hier und nicht weiter‹ geboten. Der Inhaber des Beerdigungsinstituts erhob sich, sah sich seinem rothaarigen Stift gegenüber. »Mynheer ...!« »Was soll's denn?« »Der Herr Kaplan von Warbeyen hat 'ne Bestellung zu machen.« »'ne solide oder bloß eine, die mit 'nem Klingelbeutel herumgeht?« »'ne solide, Herr Jansen. Ich glaube, er kommt mit 'nem Auftrag.« Jansens Gesicht klärte sich auf. »Na, endlich! Soll mir angenehm sein.« Der Stift warf die Tür sperrangelweit auf: »Hochwürden!« Joris trat dem hohen Besuch in aller Ehrerbietung entgegen. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In alle Ewigkeit, Amen.« Hinter dem Herrn Kaplan von Warbeyen schloß sich wieder die Türe, über deren Supraporte die Worte aus dem vierten Bußpsalm geschrieben standen: » Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam. « Zweites Kapitel Heinrich Verschüren, der junge, straffe, elegante Kaplan vom nahegelegenen Warbeyen, sah sich um. Er war interessiert. Sein Wort ›In alle Ewigkeit, Amen‹ wisperte noch durch das dumpfige Stübchen, als er Rundschau hielt, die Umwelt betrachtete, die Schildereien an den verblaßten Tapeten musterte, zu verschiedenen Malen beipflichtend nickte und Jansen ihm sagte: »Nein, diese Ehre ... und das bei diesem Hundewetter, Hochwürden!« Heinrich Verschüren lächelte gütig. »Keine Komplimente, Herr Jansen. Wo Pflichten sind, die karitative Tätigkeit Opfer verlangt und die christliche Nächstenliebe gebietet, darf ein Diener der Kirche die Widerwärtigkeiten des Tages nicht scheuen.« »Sehr nobel, Hochwürden.« »Nein, nur christlich-katholisch, Herr Jansen. Denken wir an Johannes den Täufer, an unsern Herrn und Seligmacher. Ersterer zerriß seine nackten Sohlen an den brennenden Steinen der Wüste, trug die Schur des Kameles, predigte den verstockten Menschenkindern unter dem verzehrenden Hauche des Samums, führte sie der Anschauung Gottes entgegen, um letzten Endes sein Dulderhaupt auf einer silbernen Schale zu wissen ... und unser Erlöser?! Die Straßen Jerusalems sahen sein blutiges Schreiten, die Ölgärten und der Berg des Ärgernisses vernahmen hoch von Golgatha seine unermeßlichen Qualen, im Beisein der verfinsterten Sonne nahm ihm der himmlische Vater das letzte Wort von den Lippen – und da sollte ein schlichter Priester, ein gebrechliches Werkzeug in der Hand des Ewigen ... Nein, meine Herren, und hätte es Kieselsteine geregnet, der Gang über die versumpfte Straße von Warbeyen nach hier mußte geschehen um der Barmherzigkeit willen.« »Ah!« »Ja, Herr Jansen, ich habe eine ernste, eine sakrale Bestellung zu machen.« »Soll mir angenehm sein. Ich bitte, Hochwürden,« und während er einen Sessel zurecht schob, der Kaplan die Schöße seiner Soutane sorgfältig auf seinen Knien ordnete, ein Regentröpfchen von seinen Beinkleidern knipste, ließ Aloys Ferkulum ein verlegenes Grunzeln vernehmen. Er verbeugte sich umständlich und machte Anstalten, sich zu empfehlen: »Joris, dann darf ich wohl gehen. Hochwürden, ich habe die Ehre und will weiter nicht stören.« »Stören? Wieso denn?« »Hochwürden, von wegen der sakralen Bestellung. Außerdem: Sie könnten mit meinem Freunde Dinge verhandeln, die sich unter 'nem gewissen Siegel befinden. Also – ich darf wohl ...?« Der Herr mit dem Gänsehals und den langen Ständern machte nun wirklich Anstalten, Abschied zu nehmen. Der Kaplan hielt ihn energisch zurück. »Herr Ferkulum, unter keiner Bedingung. Sie bleiben. Was ich hier vorzubringen habe, können auch Sie ruhig vernehmen. Möglich – Sie sind dabei sogar in gewisser Hinsicht beteiligt. Hm! Sie werden später darüber verständigt«, und zum Herrn des Hauses gewendet, sagte der junge Kleriker mit dem warmen Ton herzinnigen Bedauerns: »Ja, Herr Jansen, ich komme mit 'ner ernsten und wahrhaft betrübsamen Sache. Sie läßt sich nicht aufschieben, nicht länger verzögern, gebietet vielmehr sofortiges Handeln.« »Und das ist an meine Adresse gerichtet?« »Ja, an Ihre Adresse.« »Dann bitte. Hochwürden. Ich stehe immer zu Diensten.« »Herr Jansen, der Herr über Leben und Sterben hat in seiner unerforschlichen Weisheit beschlossen, ein von Ihnen und mir hochbewertetes Menschendasein von der Koppel zu nehmen – ganz plötzlich, ohne eine dringliche Mahnung.« »Na – endlich!« Der Kaplan hob den feingeschnittenen tonsurierten Kopf mit sichtlichem Unbehagen. »Wie soll ich das nehmen, Herr Jansen?« »Gott, Hochwürden, ich meine bloß so! Wir, die wir uns fast immer mit unvorhergesehenen Trauerfällen befassen, nehmen solche Vorkommnisse vielfach auf die mindere Schulter, machen kein groß Wesen darüber. Was kann man auch ändern? Gar nichts, Hochwürden. Man muß sich mit den Darbietungen der Vorsehung bescheiden, ob so oder so. Was dem einen sein Leben, ist dem andern sein Sterben. Ich halt's mit dem zweiten Kasus und dank' unserm Schöpfer für gütigen Beistand, denn bei Lichte besehen, das Geschäft ist bis jetzt unter aller Kanaille, sozusagen vom forschen Oldenburger auf 'nen abgehalfterten Steinesel gekommen, und unsereins kann's in diesen Schmachtlappenzeiten nur mit stiller Andacht begrüßen, wenn's im Betrieb wieder etwas ankurbelt, um nicht totaliter von der Steuerbehörde übergeschluckt zu werden, denn offen gestanden: wir arbeiten mit Leerlauf. Geht's so weiter, fressen uns die Zöllner die letzten Haare vom Koppe, schließen den Laden und schreiben mit Kreide daneben: Wegen Langlebigkeit Matthäi am letzten. Drum nichts für ungut, Hochwürden.« »Nein, nein, ich nehme nichts übel, finde den Mut nicht, den Stein von der Straße zu heben, um ihn auf meine unwilligen Brüder zu werfen. Es liegt schon ein tiefer Sinn in diesem Mißbehagen, in diesem Aufbegehren gegen Geschäftsflauheit und dem unerbittlichen Anziehen der Steuer- und Enteignungsschraube ...« »Höhö!« unterbrach ihn Ferkulum, »letzten Endes zapfen die Kerls Blut statt Milch aus dem Kuhtitt, bloß aus dem Grunde heraus, dem Hornvieh den Rest zu geben und noch 'nen kleinen Profit aus dem abgelederten Fell zu gewinnen.« »Bitte, lassen wir das. Es stört nur die Weihe und Andacht dieses Hauses.« »Exküsiert, Herr Kaplan.« »Ich bitte, Herr Ferkulum. Auch dieses Ihr Wort ist ein verzeihliches Wort, dem an der Stirne das allvergebende absolvo te' geschrieben steht. Nur – man soll das Kind nicht gleich mit dem Badewasser verschütten.« »Recht werden Sie haben.« Der junge Kleriker stellte die schmalen Finger seiner weißen und wohl gepflegten Hände steil gegeneinander. In den Augen des Priesters mit dem Antoniuskopf begann es zu leuchten, in den Tiefen mit dem rätselhaften Glitzern von Florentiner Steinen zu spielen. Die zusammengestellten Spitzen tupften sacht gegeneinander. »Der Friede sei unter uns, meine Herren. Das Profane des Tages schließen wir aus. So schlimm die Zeiten auch sind – in dieser Stunde lassen wir alle Anfechtungen und Hemmungen des Tages, gedenken wir nur eines lieben dahingegangenen Mannes. Ein stilles Vaterunser für ihn.« Er legte die schleierweißen Hände zusammen, senkte das Haupt mit unnachahmlicher Grazie. »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Als er geendet, seine wohltuende Stimme sich in dem warmen Duft nach Firnis, Kreppschleiern und frischgehobelten Brettern verloren hatte, fragte ihn Jansen: »Aber Herr Kaplan, wen hat der Herrgott denn eigentlich zu sich gebeten, ihn würdig erachtet, den Staub der Erde hinter sich zu lassen und des ewigen Lichtes teilhaftig zu werden? Ich meine Hochwürden ...« »Gott sei's geklagt! Unser geliebter Meister und Lehrer aus Warbeyen ist von uns gegangen.« Jansen und Ferkulum sahen sich an, als rieselte es ihnen mit Eispartikelchen über den Rücken. »Was ...?! Ildephons Schlickum...?« »Ildephons Schlickum«, bestätigte der geistliche Herr und seine Blicke ergingen sich so innig und suchend in nebelhafte Fernen, als müßte ihnen dort ein lieber Schatten begegnen, gesonnen, im weißen Pilgerkleid die Pforte des Paradieses zu gewinnen. »Es ist nicht mehr zu ändern. Die Vorsehung hat es so wollen. Sie fragt nicht lange. Nur der Wille des Ewigen regiert und lenkt die irdischen Geschicke. Sein Name sei gebenedeit in alle Ewigkeiten.« »Amen«, respondierte Herr Jansen und brachte sein Sacktuch wieder zum Vorschein, »aber wie ist das nur möglich gewesen, Hochwürden, diese Edelraute von 'nem zutunlichen Menschen so unversehens von 'ner bekömmlichen Magisterrabatte zu schneiden und war doch kumpabel genug, noch etliche Jährchen das Seine auf den Tisch des Hauses und den der Gemeindevertretung zu legen?« »Ganz plötzlich. Zu Beginn der Woche dachte noch niemand an eine solche Wendung der Dinge. Vorgestern Nacht hingegen, so um die elfte Stunde herum, sandte der Herr seinen Engel mit den dunklen Fittichen. Ildephons Schlickum fühlte sein Stündlein nahen. Ich konnte ihm noch die letzte Zehrung zubringen, ihn mit dem Chrysam und den heiligen Ölen benedizieren. Quaesumus, Domine, pro tua, pietate, miserere animae famuli tui ... und keine fünfzehn Herzschläge vergingen ...« Heinrich Verschüren hielt inne. Dann machte er das Zeichen des heiligen Kreuzes: »Und das irdische Licht verlosch, um dem überirdischen Raum zu geben.« » Per Dominum Jesum Christum «, lispelte Joris, »und nu sind Sie da, Herr Kaplan...« »Ja, und nun bin ich da... Ich verstehe, Herr Jansen. Da der nunmehr Verewigte als Junggesell seine Tage dahinlebte, weder Verwandte noch Verpflichtungen hatte, aber über einen recht ansehnlichen Sparpfennig verfügte, solchen in seinem geraden und aufrechten Sinn, laut Testament, der alleinseligmachenden Kirche vermachte, sieht sich auch diese verpflichtet, ihm den letzten Gang so solenn wie möglich zu gestalten.« »Begreiflich, Hochwürden.« »Kurz, die Beisetzung geschieht auf Kosten der Kirche ... und da Ihr Institut außer Wettbewerb steht, ist es der Wille des Vorstandes, mit Ihnen in Verhandlung zu treten.« »Per sofort, Herr Kaplan. Voranschlag, Kosten und so. Nur einen Momang noch. In meinem Betrieb geht alles so prompt wie's Buttern bei der Gocher Margarinefabrik. Bloß einen Momang noch.« Aufs neue lärmte die Klingel durch die flauen und laulichen Räume des Anwesens. Der Stift der linken Ladenseite erschien wie hergeblasen. »Mynheer ...!« »Fipps, Herr Baumann soll kommen.« »Ist gerade beschäftigt. Trinkt sein Schälchen im benachbarten Kaffee.« »Tuttswitt! Herkommen soll er, oder ich will mich nicht Joris Jansen benennen.« »Bonus!« Der Stift flitzte ab mit der Eilfertigkeit eines jagenden Frettchens. Der Kaplan geruhte zu lächeln. »Ich muß offen gestehen, in diesem Hause geht alles am Schnürchen. Zucht und Ordnung. Schon das Gehabe dieses jugendlichen Sendlings gibt mir Gewähr. Wie aus der Pistole geschossen. Wo das umsichtige Auge des Herrn waltet, werden alle Unebenheiten behoben, waltet Umsicht und Zuvorkommenheit.« »Verzeihung, Hochwürden«, warf Ferkulum ein, »wenn ich auf stunds 'ne gegenteilige Ansicht vertrete.« »Wieso?« fragte Jansen. »Joris, seid Ihr denn rein aus der rechten Benehme! Ihr seht doch: der geistliche Herr hat bereits 'nen bitteren Gang hinter sich, fühlt sich abstrapaziert, kommt mit 'ner großen Bestellung und sitzt da ohne ›Trocken und Naß‹ zu empfangen ... und Ihr, Ihr fragt nicht mal: Herr Kaplan, von wegen dieser Umstände vielleicht 'ne kleine Rekolljierung gefällig?« Über das markante Gesicht des jungen Klerikers geisterte ein joviales Verstehen. »Nicht so, Herr Ferkulum.« »Aber ich bitte Ihnen, Hochwürden! 'ner überlieferten Mode soll man in die Parade nicht fahren, denn jedes annehmbare Geschäft, jede Übereinkömmnis mit Voranschlag, Bezahlung und so will vorher ihre diesbezügliche Besänftigung haben, sonst geht alles in Schlappantoffeln und nicht in regulären Schuhen mit Brandleder und sonstigen Zutaten ... und wenn Joris nicht will oder wegen seiner Odembeschwernis nicht offö ist, zu können, dann wollen wir beide...« Er deutete schmunzelnd auf den verlockenden Inhalt der vor ihm und in Reichweite stehenden Schnapsbouteille: »Nous avons, vous avez...« »Ich danke, aber lassen Sie sich nicht stören, wenn Sie in Ihrer verzeihlichen Schwäche...« Aloys hielt ihm die gespreizte Handfläche vor Augen, gleichsam in Abwehr. »Nicht in die Düte, Hochwürden, wenn Sie nicht... Ich kann mich beherrschen.« »Auch besser für Sie, besser für Leib und Seele, zutunlicher für eine gesegnete Zukunft. Allzuviel schadet. Quos Deus perdere vult, prius dementat .« »Bitte...?« »Soll heißen: alle, die Gott verderben will, schlägt er zuvor mit Blindheit, führt sie letzten Endes auf Wege, die keine Rückkehr verstatten.« »Mich nicht, Herr Kaplan. Er und ich, wir haben immer 'ne gute Freundschaft zusammen gehalten. Verlassen uns nicht. Ziehen immer an dem nämlichen Strämel. Ein Schnäpschen in Ehren... Das werden auch Sie noch erfahren. Vielleicht später, zu 'ner kommoderen Stunde...« Er machte die Bewegung des Kippens. »Et es gut för kalde Füt, Herr Kaplan, und hat noch keiner leiblichen Menschenseele geschadet.« Ein weißer Zeigefinger bewegte sich wohlwollend, wenn auch etwas verwarnend auf und nieder, um dann stehenzubleiben. » Quosque tandem Catilina ...!« »Wie – bitte...?!« Aloys verstummte, hörte auf eilige Schritte, die draußen laut wurden, auf ein hastiges Klopfen und fummelte still vor sich hin: »Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, die letzten weißen Astern trag herbei... Kommt benne!« und Severin Baumann, der erste Kommis, Magazinier und Betreuer der rechten Ladenhälfte, also der Teil des Betriebes, woselbst fertige Särge in allen Größen und Formen, Kandelaber, Immortellen- und Perlenkränze zum Verkauf ausgestellt waren, meldete sich gehorsamst zur Stelle. Seine Erscheinung wirkte wie eine sanfte Erlösung, erinnerte an die kurz zuvor zitierten, ›duftenden Reseden‹, an die ›weißen Astern‹, wenn auch nur bildlich gesprochen, andeutungsweise, gleichsam durch einen seinen dahinziehenden Nebel gesehen. In Herrn Severin Baumann paarte sich getragene Wehleidigkeit mit unerbittlicher Herbe und Strenge, je nachdem es die Stunde von ihm und seinen Pflichten erheischte. Er hatte nur den geregelten Gang des Instituts und seinen Aufstieg im Auge. Ging der Betrieb, jubelte er mit den Lerchen über den Roggen- und Weizenschlägen, war Flaute, konnte er stundenlang an einem frischgefirnißten Sargdeckel herumnasen, ohne jegliches Interesse für Aufgang und Niedergang, für die Tagesgazetten, für das unerquickliche Gezanke in den Staats- und städtischen Parlamenten. Mochte brennen, was brennen wollte, alles drunter und drüber gehen – ihm war's egal, so völlig egal wie es irgendeinem Stein in einem verlorenen Chausseegraben egal war. Als untersetzter, stumpiger, aber lebhafter und energischer Herr mit glattrasiertem Gesicht, winziger Kartoffelnase, kurzverschnittenem Haar und neckischen Falten in der hinteren Kopfschwarte, ein Mann, der seine strammen Beinchen immer zu weit durch die knappbemessenen Hosen steckte, stets die Zipfel eines weißen Taschentuches mit breitem Trauerrand über der linken Brusttasche zeigte, ging er mit reiner Weste durch die Tage der Konkurse und Pfändungen, der Tränen und Widerwärtigkeiten – die Stütze seines etwas abständigen Chefs und das erste Faktotum, die Leuchte des Beerdigungsinstituts ›Pietas‹ in der Kavarinerstraße zu Kleve ... und dieses erste Faktotum, diese erfreuliche Leuchte – Herr Severin Baumann schlug seine Hacken zusammen und schnalzte bei drei tadellosen Verbeugungen. »Hochwürden, Herr Chef, Herr Ferkulum ... ich scheine hier benötigt zu werden.« »Allerdings – ja,« sagte Jansen. »Bitte, nehmen Sie Platz. Der Herr Kaplan hat 'ne Bestellung zu machen.« »'ne pompöse«, half Aloys nach, »wenn auch ein lieber Bekannter so 'n bißchen voreilig sich auf die letzten Socken machte. Ich kann's von ihm verstehen, denn hier mang die Herren Obergerichtsvollzieher ist doch wenig zu machen, wenn's auch schwer fällt, den letzten Strich unter das irdische Konto zu setzen, dem Summa summarum nichts mehr anhängen zu können. Ja, Herr Baumann, wir haben schon 'nen lieben Solokollegen hergeben müssen.« »Ich hörte bereits draußen davon. Kirche und Gemeinde Warbeyen verlieren immens, und ich spreche Ihnen, Hochwürden, meine verbindlichste Teilnahme aus.« »Danke, Herr Baumann. Ihr Chef ist bereits im Bilde. Mit Ihnen habe ich lediglich die Kostenfrage und die Details der Beisetzung zu besprechen. Sie kannten doch Herm Ildephons Schlickum?« »Wie mein Hauptbuch, Hochwürden, zumal ich vielfach Gelegenheit hatte, mit ihm 'ne Partie ›Napoleon‹ oder ›Schafskopf‹ zu spielen. Ich gehe nicht irre, wenn ich seine Länge auf einen Meter und fünfundsiebenzig taxiere.« »Das erleichtert die Sache.« »Kein Zweifel. Danach richten sich Anschlag und Kosten.« »Gut so.« »Noch eine Frage, Hochwürden.« »Ich bitte.« »Wann segnete Herr Schlickum das Zeitliche?« »In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag.« »So so!« und Herr Baumann zählte an den Fingern herunter: »Freitag, Samstag, Sonntag, Montag ... Dann würde die Beisetzung am nächsten Dienstag erfolgen?« »So ist es gedacht.« »Dann haben wir Zeit, jegliches ohne überhasten vorzubereiten. Und wo findet die Aufbahrung statt?« »Im Schulzimmer der oberen Mädchenklasse. Wir haben mit großem Zuspruch zu rechnen, denn Herr Schlickum erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.« »Ich weiß es ... und Sie Herr Kaplan, wünschen 'nen Kostenanschlag; natürlich bloß unverbindlich und in großen Zügen gegeben?« »Jawohl ... und zur Orientierung diene Ihnen: alle Auslagen gehen zu Lasten der Kirche.« »So so! ich verstehe. Also 'ne Art von Ehrenbestattung. Schön und höchlichst zu preisen ... und um nochmals zu fragen: Wie denkt sich der Herr Kassenrendant diese Ehrenbestattung? Mehr bürgerlich-einfach oder etwas reichlich bemessen, sagen wir mit 'nem gewissen Z(?)weck von Verbrämung?« »Die Kirche ist dankbar.« »Dann etwas reichlich bemessen ...« und Herr Severin Baumann entnahm seiner Brusttasche Schreibblock mit Stift, feuchtete den letzteren an und setzte ihn scharf auf das weiße Papier, um sich kurze Notizen zu machen. »Also Hochwürden, zuerst das Nötigste: den Sarg oder die letzte Behausung. Wir haben diese überreichlich auf Lager, vornehmlich jetzt, wo jedermann dem seligen Methusalem nacheifert, ihn zu übertrumpfen sucht.« Er lächelte über seinen eigenen Witz, um dann weiter zu sprechen: »Wir verfügen über solche von Palisander und seinstem Mahagoni, reichlich verkröpft und auf schwerversilberten Liebhaberfüßen.« Er winkte ab. »Bei diesen Zeiten: ich würde nicht zuraten. Das kann sich selbst die Kirche nicht leisten. Höchstens ein Margarinemagnat oder 'n Gewerkschaftssekretär von den ganz schlauen. Indessen wir führen auch solche aus dem Holz der Tyroler Arve oder aus dem der Spessarteiche. Ganz prächtige Ware! Mit dem nötigen Zinnschmuck versehen, wirken solche Särge wie das friedliche Häuschen zu Bethanien, fordern ordentlich auf, sich mit ihnen eng zu befreunden ... und wenn meine unmaßgebliche Ansicht Bewertung finden sollte – ich kann nur empfehlen, Hochwürden.« »Einverstanden, Herr Baumann. Wählen wir also deutsche kernige Eiche. Das wird den wackeren Ildephons Schlickum noch auf seinem letzten Gang bis tief in die reine Seele erfreuen.« »Ist vermerkt, Herr Kaplan. Kandelaber, Wachskerzen, Kruzifixus und sonstige sakrale Dinge stellt wohl die Kirche?« »Stellt sie, Herr Baumann.« »Steht, Herr Kaplan. Aber dann noch ... Einkleidung des Verewigten, innere Ausstattung des trauten Gemaches, Saaldekorierung: wie Flore, Trauerbordierung und silbernen Fransen – wie soll ich das halten?« »Wird ganz dem Ermessen der Firma anheimgestellt.« »Ist gebucht, Herr Kaplan.« »Damit wäre die Angelegenheit im großen und ganzen geregelt, nur – wie hoch werden sich im allgemeinen die Kosten belaufen, alles in allem gerechnet, ohne mit Apothekergewichten zu wägen.?« Der erste Kommis und Betreuer der rechten Ladenhälfte brachte Schreibblock und Krayon wieder an Ort und zuckte die Schultern: »Bedaure, Hochwürden. Kann es auch cum grano salis nicht sagen. Müßte zuvor eine kleine Berechnung anstellen, um vor meinem Gewissen bestehen zu können.« »Und wie lange würde sich diese zu tätigende Aufstellung hinziehen?« »'ne kleine halbe Stunde vielleicht. Möglich, ich kann es noch eher erzwingen.« »So lang kann ich warten.« »Soll mir angenehm sein. Dann aber bitte, Hochwürben, mich im Magazin beehren zu wollen, damit Sie in der Lage sind, sich ein ungefähres Bild von Palisander, Mahagoni, deutscher Spessarteiche und Tyroler Arve zu machen. Nur zur Belehrung, Hochwürden.« »Ich komme, Herr Baumann.« Dieser erhob sich, dankte und schwand wie ein Schatten, den eine gespenstische Hand von einer gekalkten Mauer fortgewischt hatte. Herr Joris Jansen sprach ein stilles Gebet. Aloys Ferkulum knipste befriedigt mit Daumen und Mittelfinger. Sonst Schweigen – das imponierende solenne Schweigen nach einer getätigten Handlung, die sich selbst in ihrer ganzen Größe und Hoheit bewunderte. So richtig, denn die getätigte Handlung schloß eine gewisse Weihe und Würde in sich, wies auf den Gottesacker, auf die Stätte der Abgeschiedenen, wo es zwischen Kreuzen, Blumen und Gräsern flüsterte: » Tu es pilvis et ad pulverem reverteris. « Sie bewegte auch Heinrich Verschüren. Er tippte aufs neue die zusammengestellten Fingerspitzen sacht gegeneinander. So konnte er besser sinnen und seinen Betrachtungen nachgehen. Er dachte an manches. Das Haus in der Kavarinerstraße war ihm kein unbekanntes Haus, der Inhaber kein unbeschriebenes Blatt. Sein verstorbener Vater und Joris Jansen hatten sich schon in jungen Jahren gefunden, auch gemeinsam auf derben Sohlen einen großen Teil der deutschen Heimat durchwandert, waren sogar über Nürnberg und München hinaus bis zu der Wunderstadt mit dem Stephansdom gekommen – jener als fixer Stellmacher, Jansen als talentierter Tischler- und Schreinergeselle. Dem ersteren blühte kein Glück, dem letzteren fiel es in großem Ausmaß zwischen die Hobelspäne. So wuchs denn der junge Heinrich Verschüren, der jetzige Kaplan von Warbeyen, in knappen Verhältnissen zu Lobberich auf, obgleich dieser Feuerkopf mit den asketischen Anwandlungen bei den Sternen weilte, nach dem Höchsten suchte und forschte. Sein Ringen war ein vergebliches Ringen, bis eine mildtätige Seele ihm den Besuch des Lehrerseminars zu Kornelimünster verstattete. Hier stieß er mit einem Landsmann der Grafschaft, mit Heribert Kästner zusammen, auch einer von denen, die mit heißen Sinnen Ehren und Sterne erstrebten, in hohem Enthusiasmus die Welt und ihre Anschauungen, ihre Werke und Nichtigkeiten aus den rostigen Angeln zu heben gedachten ... kurz, zwei Stürmer und Dränger, die etwas zu bieten und zu sagen hatten, fanden sich in lauterer Freundschaft, wenn auch ihre vaterländischen und politischen Anschauungen sich zeitweilig schroff gegenüberstanden, sich wechselseitig bekämpften. Fort damit! Die lautere Freundschaft blieb Sieger, schweißte die beiden immer enger zusammen. Ihr stilles Kämmerlein hörte manche gemeinsam verfaßte Ode, weltliche und geistliche Lieder zum Preise der allerseligsten Jungfrau, manch stolze Ballade. Kein Wanken und Weichen. Ihre beruflichen und sittlichen Pflichten gipfelten auf freundlichen Höhen, von denen Ölbäume rauschten. In Kornelimünster begann beider Namen zu klingen, so daß sich eines Tages der geistliche Herr und Direktor der Anstalt bewogen fühlte, an sie mit der bündigen Frage heranzutreten, ob sie nicht Neigung und Liebe verspürten, sich dem priesterlichen Stande zu widmen. Heribert Kästner lehnte ab: er dächte nicht dran; der von ihm gewählte Beruf sei ihm lieb und teuer geworden; er müsse sich unter allen Umständen die ungebundene Freiheit des Leibes und die seines Willens bewahren. »Gut so. Ich kann es verstehen ... und Sie, Freund Pylades?« Heinrich Verschüren griff zu. »Endlich!« rief er mit leuchtenden Augen. »Gott möge es fügen!« »Er wird es,« lächelte der Leiter der Anstalt, um drei Tage später sich an die bischöfliche Behörde in Münster zu wenden: »Hast du guten Samen, so streue ihn auf fruchtbares Erdreich im Namen des Ewigen. Ich habe guten Samen, hochwürdigster Herr, und möchte ihn auf eine Ackerkrume bringen, wo er dreißigfältigen Ansatz gewährleistet. Er ist ein Edelkorn sonder Milben und Schimmelpilzen und sehr zu empfehlen. Selbiges Edelkorn steht zur Zeit unter meiner Pflege und Obhut, ist eines schlichten Stellmachers Sohn, benennt sich Heinrich Verschüren und verspricht ein Wegebereiter im Weinberge des Herrn zu werden. Aus solchen Jünglingen werden Generalvikare geschnipfelt. – Halten zu Gnaden, hochwürdigster Herr, ich wollte nur in aller Demut darauf aufmerksam machen ...« und siehe: die bischöfliche Behörde hatte ein Einsehen, ermöglichte dem Empfohlenen das Abiturientenexamen, um ihm vier Jahre später den bleifarbigen Taler auf den Hinterkopf zirkeln zu lassen. Das Geschick tat ein übriges. Die Freunde fanden sich wieder, gewannen abermals Ärmel- und Tuchfühlung. Heribert Kästner amtierte als wohlbestellter Lehrer an der ersten Knabenschule in Kleve, Heinrich Verschüren als Kaplan im benachbarten Warbeyen, bestimmt, die Verheißung des biederen Seminardirektors wahrzumachen und den violetten Kragen eines Vicarius capitoli zu tragen. Leider, die wechselseitigen guten Beziehungen von einst und ehedem schienen im Laufe der Monde gefährdet, abzublassen, langsam aber stetig zu zerbröckeln. Die früheren Gegensätze vertieften sich, wenn auch im Stillen ... und es geschah nichts, dieser Entfremdung ein energisches Paroli entgegenzusetzen... und dennoch: Blut ist dicker als Wasser, und wenn auch kein verwandtschaftliches Blut durch ihre Adern kreiste – das Blut alter Beziehungen, das Blut der Seelengemeinschaft hielt sie zusammen, kettete sie fest aneinander, ohne den schönen harmonischen Klang aus früheren Tagen wieder in ein volles, allbefreiendes und warmes Tönen zu bringen. Gegensätze und doch keine Gegensätze! Wechselseitiges Verstehen und doch ein Voneinandergleiten aus Gründen, die niemand zu klären vermochte – selbst sie nicht. Seltsam! Diese Charakterköpfe durchlebten ihr eigenes Leben, ohne sich endgültig lassen zu können, erstrebten die Anschauung eines preziösen Lichtes von einem hohen Berge herunter, ohne dieser Anschauung teilhaftig zu werden: denn siehe: ein feiner Nebel hüllte es ein, rückte seinen Glanz in unermeßliche Fernen, die sich kaum noch erreichen ließen. Ach, dieses verlorene Leuchten, dieses Sehnen und Suchen, dieses Pilgern mit gebreiteten Armen, ohne den warmen Puls der Herzen wahrhaft finden zu können! Herr, ich rufe zu dir. Herr, du hörst mich wohl, ohne mich hören zu wollen, Herr, was soll ich beginnen vor deinem Angesicht, auf daß ich genese? Herr, sei mir gnädig und führe mich auf eine sonnige Weide, denn dein ist die Stärke, die Güte, sind die Barmherzigkeiten, die herrlichen Werke, nur dazu da, deinen Geschöpfen, o Herr, die lindernden Hände aufzulegen, sie wieder herzenseinig und eines Sinnens zu machen... sicut erat in principio, et nunc et semper, et in saecula saeculorum, Amen. Die Stille hielt an. Der geistliche Herr hob kaum merklich den Kopf. Ein zartes Scheinen umbüschelte ihn. Das Wetter klärte sich auf. Der Regen ließ nach, sickerte nicht mehr so emsig an den angelaufenen Scheiben herunter. Jenseits der Werkstätte und des Magazins hub es an in lichteren Farben zu spielen. Eine aufkommende Helle ließ das sonst so ernste Zimmer weniger düster erscheinen. In den Schildereien glimmerte es mit zarten Reflexen. Der Perpendikel in der alten Kastenuhr begann offener und freier zu plaudern. Selbst Joris Jansen, der sich dem bangen Schweigen geraume Zeit nicht zu entziehen vermocht hatte, erwischte einen bekömmlichen Atemzug und sagte: »Herr Kaplan, wenn auch mortuus est – der Verewigte ist doch nicht so gänzlich vereinsamt.« »Wie meinen Sie das?« »Ich sehe – er bezieht noch 'nen erquicklichen Abend.« »Brav so«, pflichtete Ferkulum zu. »Joris denkt doch an alles, ganz tutt mäm schos, ob es die Lebendigen oder die Toten angeht.« »Ich denke noch mehr, an ganz andere Dinge, zum Exempel daran, wer das Glück haben könnte, in die angenehme Position von Ildephons Schlickum zu treten. Die schulpflichtigen Kinder von Warbeyen müssen doch baldigst wieder auf den diesbezüglichen Turnus geraten, um mit den Nachbargemeinden konkurrenzfähig zu bleiben, zumal die heutige Jugend mehr einer festen Hand und des Riedstockes bedarf als zu früheren Zeiten.« Der Kaplan merkte auf. »Ganz logisch gedacht, Herr Jansen. Auch kann ich schon eine gewisse Andeutung machen.« »Und die wäre, Hochwürden?« »Bevor ich Sie in Anspruch nahm, suchte ich den zuständigen Schulrat auf, erkundigte mich auch bei dem hiesigen Landrat, um mir gewisse Fingerzeige einzuholen, denn die Kirche hat ein zweifelloses Anrecht und Interesse daran, sich mit den weltlichen Leitern der Schulen auseinanderzusetzen, mit ihnen harmonisch zu arbeiten, sonst werden in den jetzigen Zeiten des Niederganges nur Ackerparzellen befruchtet, auf denen lediglich die Disteln der Zuchtlosigkeit und die Stechäpfel der Gottesverleugnung zum unermeßlichen Schaden aller Gutgesinnten gedeihen.« »Sehr richtig ... und wen darf die Gemeinde erhoffen? Ich meine nur so, ohne mich in andermanns Sachen drängen zu wollen.« »Herr Jansen, Sie kennen ihn ebensogut, wie Sie mit Herrn Severin Baumann bekannt sind. Auch Sie, Herr Ferkulum,sind, wenn ich nicht irre, schon häufiger mit ihm zusammen gekommen, sowohl bei Gelegenheiten freudiger Natur wie bei solchen, die gerne eine heimliche Träne zerdrückt hätten.« »Und der wäre, Hochwürden ...?!« Vier Augen wurden zu Hummeraugen, vier Ohrmuscheln stülpten sich vor, um besser hören zu können. »Na – und, Herr Kaplan?« Heinrich Verschüren hob die Hand, gleichsam im Hinblick darauf, seinem Wort eine gewisse Bedeutung zu geben: »Wenn alle Zeichen nicht trügen: der hiesige Lehrer Heribert Kästner.« »Potztausend – was Sie nicht sagen!« Jansen fuhr mit dem Kopf in die Höhe wie ein Schwadronsgaul, dem die Trompete in die Ohren hineintutet: »Attacke! Marsch, marsch!« »Was – Heribert Kästner ...?!« »Ich glaube meine Nachricht verbürgen zu können.« »So, so! und was halten Sie selbst von dem Manne?« Die Blicke des kurzatmigen Herrn hingen erregt an den Lippen seines großzügigen Kunden. »Eine heikle Frage, Herr Jansen, aber ich bleibe der Klärung halber die Antwort nicht schuldig, gehe ihr nicht aus dem Wege. Sie ist mit kurzen Worten erledigt. Ich kenne Sie und Sie kennen mich. Sie weisen Ihren Bruder in Christo nicht ab. Ich auch nicht, es sei denn, daß wichtige Gründe für eine Abweisung sprechen. Meines Erachtens nach liegen solche nicht vor, haben niemals vorgelegen, werden auch niemals in die Erscheinung treten. Vielmehr – auf ihn passen die mit heiligen Chrysam gesalbten Worte: Beatus vir, qui timet Dominum; in mandatis eius volet nimis. Glückselig der Mann, der den Herrn, seinen Erlöser, fürchtet, er wird große Lust bezeigen an seinen Geboten. Das ist Heribert Kästner, so und nicht anders, zudem ein Kopf mit eigenartigen Einfällen und hohen Gedanken. Schon im Seminar zu Kornelimünster waren wir Freunde, sind es bis heute geblieben, und wenn auch die sozialen Errungenschaften der Jetztzeit von ihm anders bewertet werden, als ich sie bewerte, er dem monarchischen Prinzip beipflichtet, ich der stolzen Verfassung von Weimar täglich, stündlich ein Lorbeerkränzlein flechte, ihrer in meinem Brevier allmorgens gedenke, auch unsere Weltanschauungen sich nicht immer desselben Hammers und derselben Zimmermannsnägel bedienen – ich leugne meinen Bruder in Christo nicht ab, bereite ihm gern die Pfade, räume ihm, falls er straucheln sollte, jeden Stein, jede Unbequemlichkeit aus dem Wege, selbst dann, wenn er lieber die Melodie eines preußischen Militärmarsches daherpfeift als mit mir in den Psalm einzustimmen, der da anmutet, als von himmlischen Sängern und Harfenisten vorgetragen: Confitibur tibi, Domine, in toto corde meo, in consilio justorum et congregatione. O Herr, ich will dich preisen aus tiefster Seele, im Rate und in der Versammlung der Gerechten. Das, meine Herren steht mir zu, sonst – ich würde mich in meinem priesterlichen Gewissen bedrängt fühlen. Sine ira, et studio – ich wäge mit ehrlichen und reinen Gewichten.« »Bravo!« Aloys Ferkulum hub an, zustimmend in die Hände zu klatschen. »Nobel, Herr Kaplan!« Jansen wollte etwas vorbringen, mußte aber erst einen widerspenstigen Schnaufer einfangen, um zu Worte zu kommen. Endlich war er so weit. »Wie ... was?!« rief er aus. »Und glauben Sie, er käme durch sein neues Lehrertum in eine gehobene Stellung?« »Kein Zweifel. Es stellt eine Beförderung dar, ist ein Sprungbrett für später.« »Zacker zucker noch mal! fliegen denn diesem Menschenkind die gesottenen Enteneier, die gebackenen Krammetsvögel so propter und prätorius und ohne eigenes Zutun direktemang ins Mundwerk?! Das wäre doch, um auf die Akazienbäume zu klettern!« »Höhö!« lachte Ferkulum, »er hat seine Bedeutung ... und was ich vor 'ner halben Stunde schon sagte, tu ich in diesem Momang mit 'nem besonderen Strich unterfertigen.« »Wieso das?« »Die Sache ist für mich offenkundig geworden. Die beiden Leutchen kommen ganz sicher zusammen, vornehmlich, wo er jetzt 'ne Art von Sprungbrett besitzt, um sich in seinem Magisteramt großartig zu betätigen.« »Ausgeschlossen«, wies Jansen die aufgestellte Behauptung seines Freundes energisch zurück. »Joris, das will ich auf die Gabel nehmen und dreifach beschwören.« »Bitte geruhsam, Herr Ferkulum«, warf der junge Kleriker ein: »Man soll mit Eiden nicht leichtfertig umgehen.« »Tu ich auch nicht.« »Ich will nicht indiskret werden, aber es würde mich doch als Seelsorger interessieren, was Sie mit diesen ernsten Worten bezwecken.« »Ganz einfach, Hochwürden. Es handelt sich hier um den besagten Herrn Lehrer und Hendrinecke Jansen ... und wenn sie auch ihre Belernung aufgeben müßte, sie wird sich doch als vernünftiges Frauenzimmer immerhin sagen: Besser in die ehelichen Posen hinein, als in Heiligenbaum toujours als Lehrerin einspännig schlafen zu müssen.« Heinrich Verschüren verfärbte sich. »Ob ich mir's dachte!« Der Hausherr fuhr auf. »Was dachten Sie, bitte?!« »Offengestanden: auch mir ist gestern Abend etwas darüber zu Ohren gekommen.« »Auch Ihnen ...?!« »Ja, aber nicht auf direktem Wege, Herr Jansen. Durch Zufall ist mir eine kleine dichterische, nicht untalentierte Arbeit in die Hände gefallen, die es in mancher Beziehung trefflich verstand, Geist und Seele zu fesseln. Manches in ihr redete mit leuchtenden Zungen. Als Verfasser zeichnete Heribert Kästner.« »Was – der ...?!« »Kein Zweifel ... und er versteht es, zu schildern, Seelenkonflikte zu knüpfen, sie glücklich wieder auseinanderzuzwirnen. Nur – diese Novelle hat ein gewisses Bedenken. Die Heldin in ihr, ihr Verehrer und Anbeter ...« Joris Jansen erhob sich. Seine Augen perlmutterten mit dem toten Glanz von Schellfischaugen. »Sind Kästner und meine Tochter Henriette, Hochwürden?!« »So nehme ich an. Hier dieses ...« Der Soutane entnahm er ein schmales Werkchen, legte es ab und sagte mit kindlicher Einfalt: »Audiatur et altera pars. Ich bitte, sich orientieren zu wollen.« »Höhö!« rief Aloys dazwischen, »was ich nicht sagte!« »Himmel und Herrgott!« und der erregte Herr riß sein Käppchen vom weißen Adlerflaum, kniffelte es mit Troddeln und Glasperlen zusammen und pfefferte es gegen den altmodischen Uhrkasten, als wenn dieser harmlose Stundenansager ihm das gebrannteste Herzeleid angetan hätte, »der Deubel hole das niederträchtige ›Was ich nicht sagte‹!« Der geistliche Herr griff vermittelnd ein. »Linder, linder, Herr Jansen! Lassen wir das. Es bringt nur Erregung. Herr Ferkulum und ich denken nicht dran, Ihnen Ihre Kreise zu stören ... und wenn zwei Herzen für einander bestimmt sind, das bleibt doch immerhin eine gütige Fügung des Himmels. Ich kenne Heribert Kästner ... ich hebe den Stein nicht wider ihn auf ... benediziere ihn vielmehr als Mensch und als Freund unserer gemeinsamen Studien. Jedenfalls« – und seine Stimme wurde ernst und bestimmt – »ich wasche meine Hände in Unschuld, zumal ich bestrebt war, einen geruhsamen Frieden über diese Schwelle zu tragen.« Der Alte warf den Kopf in den Nacken. »Waschen Sie nur, waschen Sie nur! Aber hier stehe ich als Erzeuger einer bisher unbescholtenen Jungfrau und habe auch was zu sagen. Ja, ich habe auch was zu sagen, denn wie kann so 'n einfacher Lehrer, und wäre er der nobelsten einer, meine eingeborene Tochter mit so 'ner impertinenten Druckerschwärze behaften?! Wie kann Henriette hinter meinem väterlichen Rücken und ohne mein Jawort so 'ne heimliche Liebschaft betreiben?! Das ist ja nächst dem leibhaftigen Satan! Das priestern ja die Spatzen von ihren Drecknestern 'runter und beschmeißen ihr weibliches Honnör, ihre totale ehrenhafte Aufmachung mit ihrem leiblichen Unrat. Mein Gott und mein Heiland!« Er griff durch die Luft. Die Worte zerfaserten ihm zwischen den schmalen Lippen. Mit einem wehen Laut sackte er in die Lehnen zurück, verkrampfte die Hände und schnappte nach Atem. Ein pfeifendes Geräusch stieg hinter seiner Halsbinde auf, verlor sich im Rucksen der Standuhr, die sich anschickte, die Stunde zu melden. Vier einzelne Schläge. »Herr Jeses, auch das noch! Schon viere. Nu muß Baumann erscheinen ... und wenn Baumann erscheint ...« Er rang die Hände. »Christus, dieses Hiobskapitel!« Und Baumann erschien, wurzelte aber stumpf und dumpf am Eingang und wußte nicht, was er mit diesem Wandel der Dinge anfangen sollte. Der Kaplan trat näher heran, legte dem Verzweifelten die Hand auf die Schulter. »Herr Jansen, bleiben Sie der alte, vernünftige und bedachtsame Jansen. Was bezweckt dieses Gehabe? Wo soll es hinausführen? Warten wir ab. Möglich, es ist alles nur ein müßiges Reden, wenn nicht: Heribert Kästner ist ein Mann von hohen Qualitäten ...« »Herr Kaplan, ich will höher hinaus ... ich muß in meiner Position gewisse Ansprüche machen ... ich kann mich nicht so ohne weiteres mit dem ersten besten einverstanden erklären. Ich muß drauf bestehen, meine väterliche Handhabung in Estimierung zu wissen, oder kreuzmillionen nochmal ...« Er begann wieder aufzubegehren. »Ich ersuche nochmals um Ruhe, Herr Jansen. Ihre Tochter ist aus den Kinderschuhen heraus, ist mündig genug, ihre Entschlüsse nach bestem Ermessen zu betätigen.« »Natürlich, aber das verdammte Geseire um sie, das Gerede um sie, das Beschmeißen mit dem leiblichen Unrat ...« »Reicht nicht bis an den Saum ihres Kleides. Sie irren. Sie reiten auf fahlem Pferde, Herr Jansen. Niemand denkt daran, ihr übel zu wollen. Im Gegenteil: ihre Lichtgestalt wird von allen bewertet. Außerdem, wenn Sie Zweifel hegen, ich werde selbst mit ihr sprechen. Seien Sie froh im Herrn. Große Dinge stehen noch aus. Sie wird erhöht und erhoben, zumal sie bestimmt ist, für die vorgesehenen Passionsspiele die Maria Magdalena zu verkörpern.« Der Alte fuhr sich schwer über die Augen. »Was heißt das, Hochwürden?« »Ich sagte schon eben: sie wird erhöht und erhoben. Nicht lange mehr, und sie schreitet durch eine Fülle von Lichtgarben. Das Drama ist fertig. Ich selber ... Fast alle bedeutsamen Rollen sind in den zuständigen Händen. Kurz vor Quasimodogeniti beginnen die Proben. Und Fräulein Henriette ...! In der Pfingstwoche wird der Herr sie begnaden, auf der Freilichtbühne bei Heiligenbaum als Maria von Magdala ihre große Kunst zu entfalten ...« und er sprach mit Bedeutung: »als Büßende, als Geläuterte, als Triumphierende am Fuße des Kreuzes von Golgatha.« »Ja – aber ...?!« »Nichts mehr von 'aber'! Legen Sie alles getrost in meine Hände, Herr Jansen. Ich bin der gute Hirt und führe meine Schäflein auf gute Weide und der Name Henriette Jansen wird sein wie eine Schwinge der Seligen, die mit lindem Säuseln alle Herzen begnadigt ... et nos, qui vivimus, benedicimus Domino von nun an, bis in alle Ewigkeit, Amen.« Der Alte hob langsam die Arme, um sie ebenso langsam wieder fallen zu lassen. Seine Blicke erschlossen sich, nahmen einen seltsamen Glanz an – wie in Erstaunen. »Wenn es denn so ist ...?!« »So ist es.« Jansen erhob sich, tastete bewegt nach der Hand seines Samaritans und sagte mit einer Stimme, die sich in einem florigen Schleier bewegte: »Ich danke, Hochwürden, für getätigten Zuspruch.« Sein Blick fiel auf seinen ersten Kommis. »Herr Baumann, alles im Lot?« »Alles – Anschlag und so. Kein Tiftelchen fehlt dran. Nur bitte ich die Herren, mich nicht im Magazin, sondern im Laden beehren zu wollen. Ich hab's schon so fertig gebracht und ist schon kommoder. Also bitte, um es einfach zu sagen.« In bestem Einvernehmen verließen Jansen und der geistliche Herr das schon etwas eingedunkelte Zimmer, um dem Rufe Baumanns zu folgen. Aloys Ferkulum verhielt sich noch unter dem Vorwand, sein linkes Sitzfleisch habe mal wieder das niederträchtige Ameisenkribbeln bezogen, er käme gleich nach und würde unter keinen Umständen fehlen, in Wirklichkeit aber, um sich die dritte Besänftigung aus der Bouteille zu holen. »Ne, diese geistliche Leuchte aus Warbeyen!« sagte er beim Einschenken vergnügt vor sich hin. »Was die nicht alles aufstellt von Klev' bis ins Gelderland zu! Jetzt nimmt sie sogar die heilige Passion beim Kanthaken, läßt Hendrinnecke Komödienspielerin werden, bloß aus christkatholischer Nächstenliebe heraus. Höhö! gar nicht so ohne, aber wo bleiben ich bei diesen Barmherzigkeiten?! bei diesem Mirakel mit allerhand Zutaten?!« Sein Gänsehals hob den blanken Eierkopf steil in die Höhe. Ein großer Gedanke schien bei ihm jung und flügge geworden. »Ich hab's schon. Nur keine Bange.« Gierig nahm er das Gläschen: »Aloys, es gilt: nous avons, vous avez – und nu is se weck. Ich meine natürlich die deliziöse Anisette mit 'nem Schuß Rum mang die Rippen. Profiziat!« Die Sache war aufs beste geregelt. Dann ging er. Der Voranschlag war inzwischen im Laden für sachlich und richtig befunden worden. Herr Baumann hatte bereits einen blitzsauberen Diener gemacht und dem Kaplan gerührt für getätigten Zuspruch gedankt, als Ferkulum eintrat. Er fand die Herren in tiefer Bewunderung vor einem Sarge aus kerndeutscher Spessarteiche. Er war schlicht und einfach gehalten, aber von gefälliger Form und mit einem zutunlichen Lack überfirnißt. Steif und straff lag ein Palmzweig aus getriebenem Zinn auf dem gekröpften Aufsatz, traurig und doch nicht unerfreulich anzusehen. » Phoenix spinosa «, erläuterte Baumann. Sacht und liebkosend glitt er dabei mit der Rechten über die sinnige Verzierung. »Also – der, Herr Kaplan?!« fragte Ferkulum. »Ja, der. Ich gab den Ausschlag. Und Ihre Ansicht darüber?« »Nicht besser zu machen. Propere Wahl und tiefes Verständnis.« »Ich danke ... und nun zu Ihnen, mein Bester. Ich deutete vorhin schon an ... und möchte Sie hiermit ersuchen, schon morgen als Leichenansager in Warbeyen und Umgebung fungieren, auch bei der Beisetzung den Medaillenstab führen zu wollen. Durch diese Maßnahme möchte ich Herrn Schlickum eine besondere Ehrung erweisen.« »Sehr obligiert, Herr Kaplan. Selbstverständlich mit allen Schikanen. Dafür aber«, und Aloys lächelte verlegen wie ein Künstler von einem Schmierentheater, »eine Gegenbitte, Hochwürden.« »Und diese wäre ...?« Heinrich Verschüren sah ihm starr in die Augen. »Kurz gesagt, Herr Kaplan: in der Passion möchte ich den Pontius Pilatus hinlegen.« Jansen prallte zurück. »Was – Ihr ...?!« rief er heiser. Aloys schob energisch seine rechte Hand zwischen Schemisettchen und Weste. Unter seinen mageren Brauen begann es zu funken. »Joris, warum nicht?! Ich bin der, der ich bin, und hab' schon ganz andere Dinge geleistet.« Der Kaplan schabte sein scharfrasiertes Kinn und musterte den selbstgefälligen Petenten von oben bis unten. »Also den Pontius Pilatus, den Abgesandten des Kaisers?« »Jawoll.« »Ich sehe ...« und der junge Herr geruhte, einige Schritte rückwärts zu treten. »Ja, ich sehe ... gar nicht so ohne ... Römerkopf ... scharfes Profil ... die nötige Ruhe ...« Er hielt ihm die Hand hin. »Einverstanden, Herr Ferkulum. Sie fehlten uns gerade. Ja, Sie sollen den Landpfleger spielen.« Drittes Kapitel Eine bange und wenig geruhsame Nacht ging für Joris Jansen dahin, obgleich die Sterne lieblich heraufzogen und der Orion mit seinem lichten Schwertgehänge seine schönsten Glitzerfunken verstreute. Das ewige Grübeln und Sinnieren machte den sonst so bedachtsamen Mann, diesen vorbildlichen Inhaber und Chef eines Beerdigungsinstitutes wirbelsinnig, warf ihn aus Licht, Luft und guter Gewohnheit und ließ ihm die durchwachten und durchquälten Stunden zu verlorenen werden. Am Abend noch hatte er die Herren in einer gehobenen Stimmung verabschiedet, dann aber, als die Schatten des Tages dunkler und diesiger wurden, die beiden Ladenhälften sich schlossen, Fipps die letzte Schaufensterbirne abdrehte und das Personal mit Einschluß des Herrn Severin Baumann eine bekömmliche Schlafenszeit wünschte, hatte das alte Suchen und Aufstöbern sich wieder an ihn geworfen. Gewiß, mit dem heutigen Tage schien sich der flaue Betrieb etwas beleben zu wollen, zumal der Sterbefall in Warbeyen einen nicht unbedeutenden Gewinn abwarf, den Baumann mit rund 175 Taler zu buchen gedachte. Auch der geistliche Herr war ihm mit Liebe entgegengekommen, hatte die Tochter in seinen Augen erhöht und erhoben, ihm zugesagt, ihr bei den geplanten Passionsspielen das Kränzlein des Ruhmes um die Schläfen zu winden, sie als Maria von Magdala am Kreuze erschauern, die Wunden des Heilands mit heißen Lippen küssen zu lassen – um der Liebe und der Barmherzigkeit willen, zur Erbauung des Gnadenortes Heiligenbaum und der niederrheinischen Menschenkinder. Alles recht schön und gar nichts dagegen einzuwenden, denn letzten Endes konnte er getrost ein Plus auf sein geschäftliches und seelisches Konto vermerken – aber da war ihm plötzlich so 'ne dumme Geschichte zwischen die Finger geraten, die seinen inneren und äußeren Menschen aufs neue erschütterte: die ihm zugebrachte Novelle von Heribert Kästner. Gierig griff er nach dem schmalen, zierlich gebundenen Werkchen. Er las in seinem Schlafzimmer auf der ersten Etage. Der eingekachelte Ofen brachte eine genügliche Wärme. Neben ihm erhob sich eine Beige von Buchenscheiten. Zwischen ihnen schilpte unverdrossen ein Heimchen. Jedem andern Sterblichen wäre dieses Schilpen und Schaben lästig geworden. Jansen ließ sich nicht stören. Bald darauf stellten sich fünf bis sechs weitere Kollegen von derselben Fakultät ein, konzertierten mit und vollführten ein ohrbetäubendes Lärmen. Jansen las weiter. Die Bilder unter dem Himmelreich wechselten, drehten sich mit Glimmern und Glitzern um den geruhsamen Polstern, wanderten dem Niedergang zu oder waren im Aufstieg begriffen. Jansen las mit Stielaugen und qualvollen Atemzügen das letzte Kapitel. Jetzt war er fertig geworden. Kein Tiftelchen fehlte. »Himmel und Herrgott ...!« Er klappte das Buch zu, schob es verächtlich beiseite. »Kreuzgewitter und kein seliges Ende! Der Kaplan befindet sich schon in seinem Recht. Er hat richtig gesehen. Meine Henriette ist mit Druckerschwärze behaftet ... hat sich an den Bewußten geworfen ... ist in Liebe verfallen ... ohne mein Zutun, ohne mich zu bitten, das Jawort zu geben ... ohne alles und jedes ... Und da müssen der Kaplan und Ferkulum kommen ... O Henriette ...!« Er erhob sich und warf die Anne zur Decke. »O Henriette, wie konntest du nur ...?! wo ich, dein eingeborener Vater ... Ich wollte um deinetwillen höher hinaus, immer höher hinaus, und nu muß ich sehen ...« Sein Atem röchelte, sein Sinn wurde krötig, seine Stimme nahm einen häßlichen Ton an: »Oder du ... bist du vielleicht das nackte Weib auf dem rosinfarbigen Tier mit 'nem goldenen Ring zwischen den Naslöchern ...?! das Weib da, das strohblonde Weib, das entblößte, das die Schriftgelehrten als babylonische ... ja, wie sagen sie doch ...?!« Er verschluckte das furchtbare Wort, holte stöhnend die Luft ein, taumelte vor, neben die Holzbeige, drückte seine Stirn gegen die Wand, um nicht niederzubrechen. »Nein – du, das kann der Himmel nicht wollen!« Er schluchzte. Heiße Tränen sickerten von der angeweinten Tapete herunter. Dann wurde er stiller, entkleidete sich, zog die weiße Zipfelmütze über und legte sich bewegt zwischen die Kissen. Aber auch hier die Unrast, das Bitten und Betteln eines bedrängten Mannes, der sich in seinen eigenen Nöten und wirren Seltsamkeiten verzehrte: »Nein, dieser Undank! diese abwegige Kindesliebe! Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlergehe und du noch lange lebest auf Erden. Aber gar nichts, reineweg gar nichts! Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Er drehte das Licht ab. Der gestirnte Himmel sah lind in die Stube, verklärte alles mit seinem milden Leuchten. Aber das Vaterunser ging weiter, gesellte sich dem Schaben und Schilpen der emsigen Musikanten zwischen den Buchenscheiten und wollte kein Ende finden. »O meine Tochter ...!« Der Schlaf war eine rare Sache geworden, und erst als Luzifer in matten Nebelschleiern aufblenkerte, der erste Hahn in der Nachbarschaft krähte, die erste Henne, die ihm zupaß kam, betrat, diese sich plusterte, ihr Federkleid wieder straff um die Taille legte und tat, als wäre gar nichts geschehen, hatte der Ärmste ein dumpfes und tiefes Träumen gefunden. Aber auch Luzifer, der Morgenstern löste sich auf, zersträhnte in dem immer stärkerwerdenden Scheinen, das jenseits des Rheines seine Flügel spannte, als breitete ein Sendbote des Ewigen seine goldenen Schwingen über Gerechte und Ungerechte. Die weite Niederung erschauerte unter lichten Tautropfen und Sonnensplitterchen. Kein Wölkchen unter dem Himmelreich. Was noch gestern grau in grau die Herzen bedrängte, mit dichten Regenfäden die stumpfe Umwelt absuchte, war jetzt so sauber und blank gescheuert wie die Kasserollen und der kupferne Teekessel in der Achterkajüte eines Steamers von Matthias Stinnes und Söhne. Allerhand Achtung! ein festlicher Glanz prägte dem Niederrhein eine heitere Note auf, denn heute war Sonntag, ein feiner, scharfgeschliffener Novembersonntag – der erste des Monats. »Herr Jansen, es geht schon auf neune.« »Wie – was ...?!« »Es geht schon auf neune, Herr Jansen. Sollen die Stachelbrötchens und der piekfeine Kaffee ...?!« »Gleich, gleich! Man ins achtere Stübchen damit.« »Well, Mynheer.« Der Alte erhob sich benaut aus den Federn, machte aufs peinlichste Toilette, kleidete sich in tiefes Schwarz, vielfach unterbrochen durch die stoßweisen Miseren des Lufthungers, die ihn heute noch mehr bedrängten als an sonstigen Tagen. Trotz des sonnigen Wetters, er konnte seines Daseins nicht froh werden. Nicht ums Verrecken. Das graue Elend legte ihm bei jedem Atemholen die Hand auf die Schulter. Aber sein Entschluß stand unweigerlich fest. Die verzwickte Affäre mit Henriette und dem aufdringlichen Novellenschreiber mußte geklärt werden. Noch heute. Also auf nach Heiligenbaum! selbst auf die Gefahr hin, mit seinem Herzblatt endgültig brechen zu müssen. »Auch egal.« Mit diesem strammen Vermerk nahm er Stiege für Stiege, begab er sich in die Ladenetage. Gleich darauf saß er vor einem animierenden Frühstück. Jüllecke Otten, die Betreuerin seines Anwesens, hatte alles aufs beste gerichtet. Nichts fehlte. Jegliches stand in paßlicher Reichweite: das Kaffeegeschirr mit den übrigen Zutaten, rahmzarte Butter, Stachelbrötchen, frisch aus der Ofenröhre genommen, Schwartenmagen in Scheiben und Edamer Fettkäse. Beköstigung mit Luft war für Jansen nur äußerst spärlich bemessen, solche für 'ne ausgiebige Verdauung jedoch in reichlichem Maße. In dieser Beziehung konnte er es selbst mit seinem langriemigen Freunde Aloys Ferkulum aufnehmen, dem es ein leichtes war, bei jedem solennen Totenessen ein Pfund geräucherter Mettwurst und 'ne doppelte Portion Schweinerippchen hinterzuschlucken, ohne sich dabei in etwa zu übernehmen. So langte er auch, trotz seines niederträchtigen Ärgers, tapfer zu, verdrückte vier delikate Wecken hintereinander und war gerade dabei, das fünfte zu schmieren und mit einer däftigen Scheibe Käs zu belegen, als er den würdigen Kopf mit dem weißen Adlerflaum und dem Pontakgesicht in die Höhe warf, um wie ein aufgescheuchtes Postpferd ins Ungewisse zu laustern. Na ja! aus dem Magazin vernahm er deutliches Hämmern, das sich zeitweilig verhielt, um gleich darauf wieder in die Erscheinung zu treten. »Rattata ... rattata ... rattata ...!« »Christus! und das bei 'nem hellichten Sonntag ...!« Er legte Messer und Stachelbrötchen ab, öffnete das Fenster und rief über den Hofraum: »Herr Baumann, vielleicht ...?!« »Zu dienen, Mynheer!« »Dann bitte, auf zwei Minuten, Herr Baumann!« »Per sofort!« und die Perle aller Magaziniers und Handelsbeflissenen in der Grafschaft stand alsbald vor seinem Chef und Gönner, den Zipfel des weißen Taschentuches mit Trauerrand über der linken Brusttasche, den leichten Tapezierhammer, mit dem er gearbeitet hatte, noch zwischen Rock und Weste geschoben. »Herr Baumann, heute ist Sonntag... und da das Gekloppe!« Der Gemaßregelte ließ die Augendeckel herunter. » Sacer locus «, sagte er wie aus einem dichten Bahrtuch heraus. »Der Kirchhof geht vor. Desgleichen die Toten. Die können nicht warten, Herr Jansen.« »Das schon, aber der Sarg ist doch fertig, dito innen montiert, und da sollte ich meinen ...« »Richtig, Herr Jansen. Bloß die Trauerdekorierung ist noch an die Latten zu nageln ... und das besorge ich jetzt, denn morgen haben wir voll zu tun, um dem Hause Joris Jansen die alte Nobilität zu belassen. Die Toten wollen auch ihren Ehrentag haben, dito wir und das Beerdigungsinstitut ›Pietas‹ in der Kavarinerstraße zu Kleve. Die Firma muß sagen können: Nunquam retrorsum oder per aspera ad astra , wie ich das noch von der Rektoratschule her kenne.« Der alte Herr wurde gerührt. Er tastete nach der Hand seines ersten Kommis. »Ich danke Ihnen, Herr Baumann. Solche Leute sind wie die Jungfrauen, die noch richtiges Rübsenöl auf ihren Lampen vorzeigen können, ohne erröten und sagen zu müssen: Herr, unsere Dochte besitzen keinen Verzehr nicht. Ne, Herr Baumann, Sie rechnen nicht zu den törichten Jungfern, und dafür meinen gehorsamsten Ausdruck... und da kann es immer passieren ... drum hören Sie mal ...« Der Chef holte tief Atem. »Sie wissen, Herr Baumann, ich habe keinen eingeborenen Sohn nicht, befinde mich also bloß in weiblicher Erbfolge. Schön! indessen meine Tochter ist auf Ladengeschäfte gar nicht gebaut, erst recht nicht auf 'nen Betrieb in 'nem Sargmagazin mit der nötigen Trauergarnierung, kommt somit gar nicht in Frage, und da hab' ich mir so ausspekuliert: wie wär's denn, wenn es später mal heißen würde – in zwei Jahren vielleicht: Beerdigungsinstitut ›Pietas‹, in Firma Joris Jansen und Severin Baumann?« »Aber Mynheer ...?!« Der also Angeredete machte zuerst Anstalten, mit 'nem Freuden-Saltomortale über Kaffegeschirr, Edamer Käse und Schwartenmagen zu voltigieren, beherrschte sich aber und machte ein verzücktes Medaillengesicht, als wäre ihm die Muttergottes von Kevelaer mit den gnadenreichen Worten erschienen: »Herr Baumann, gehen Sie getröstet nach Hause. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's nicht wieder genommen. Sehen Sie nach. In Ihrer Schatulle befinden sich fünfundzwanzigtausend Taler, aber echte königlich preußische Taler, nicht solche, die ihr Dasein den Revoluzern und der Weimarer Verfassung verdanken.« Der alte Herr schmunzelte gütig. Sein Adlerflaum über den Ohrmuscheln nahm einen leuchtenden Schmelz an. Für etliche Augenblicke hatte er seine Tochter, die infame Novelle und Heiligenbaum beiseite geschoben. »Na, mein Lieber, wie wär' das?« »Herr Jansen ...!« Der untersetzte Stumpen mit den strammen Beinchen, dem zu kurzen Hosenzeug und dem lauteren Pflichtgefühl unter dem Sonntagsschemisettchen ruckte energisch zusammen, gab sich als Mann, streckte zwei Finger pielgerade aufrecht, als sei er gesonnen, sie durch das weißgekalkte Plafond zu stoßen. »O du mein Göttchen! Zu pompös, um's glauben zu können. Aber wenn's Wahrheit werden sollte ... Herr Jansen, ich nehm's auf die Gabel. Ich schwör's zu Gott dem Allmächtigen: nunquam retrorsum! Niemals zurück! Immer aufs Ganze. Immer vorwärts für meinen gütigen Chef, für mich und die Firma.« »Soll denn ein Wort sein. Wir sprechen noch später darüber. Für heute langt's nicht mehr. Da muß unsereins seine totale Besinnung haben. Also zu 'ner gelegeneren Stunde. Sonst alles im Lot. Ich hab's eilig, Herr Baumann. Aber verfluchtig ...!« Joris würgte an seiner Halsbinde herum. Die Luftröhre wollte so recht nicht. Ein heiseres Pfeifen stieg auf wie in der Tastatur und der Windlade einer Flûte de travers . »Bitte, mein Schäschen.« Der beglückte Magazinier und Teilhaber in spe versetzte sich wieder auf realen Boden. »Bei diesem Wetter auch ...! Ganz richtig gedacht. So 'n kleines Pläsiertürchen, das bringt Ozon hinter die Westenknöpfe.« »Das weniger. Ich möchte auf Heiligenbaum zu.« »Ah! ich verstehe, um der verehrten Mamsell Tochter 'ne bekömmliche Sonntagsvisite ...« »Visite ...?!« unterbrach ihn der Chef, »'ne Visite?! – jawoll, aber 'ne Visite mit Maifischgräten dazwischen.« »Oh ...!« Herr Baumann machte ein langes Medaillengesicht. » Capisco ! selbst in den besten Familien ... und bei Lichte besehen: Fräulein Henriette hat schon so 'n bißchen reichlich von der himmlischen Atmosphäre genossen. Aber das gibt sich, Herr Jansen.« »Wollen's hoffen ... und nu heran mit dem Schäschen.« »Wird gemacht«, und Severin schwamm seines Weges so selig dahin, als habe ihm ein Federlein aus der vergoldeten Schwinge des Erzengels Gabriel eine besondere Schwungkraft gegeben. »Oh!« sprach er im Abgehen, »in zwei Jahren vielleicht ... Himmel und Herrgott! dann heißt das: Neumodisches Beerdigungsinstitut ›Pietas‹, in Firma Joris Jansen und Severin Baumann, Kavarinerstraße 15 in Kleve.« Der Herr Prinzipal sah ihm mit feuchten Augen nach. »Nicht anders zu machen. Der ist verschwiegen wie 'n Sargnagel, treu wie 'n Sargnagel, denn wo der einmal sitzt, da bleibt er sitzen für ewiglich. Stütze und Stab in einer Person.« Er wischte sich eine Träne herunter, um dabei eine Strophe von Gideon von der Heide zu summeln: »Einen goldnen Wanderstab Ich in meinem Herzen hab'. Von dem Himmel ist er her, Zu dem Himmel zeiget er – Amen.« Eine halbe Stunde später ratterte er in seinem Schäschen, das er allzeit bei seinen sakralen Geschäftstouren in der Umgegend anforderte, die schnurgerade Landstraße entlang, die von halbnackten Buchen und Eichen begleitet, über breithingelagerte Gehöfte und stille Ortschaften fort nach Heiligenbaum führte. Um diese Zeit stand die unermeßliche Niederung so halder verwaist. Kein Leben mehr auf Feldern und Fluren. Die Halm- und Hackfrüchte waren längst eingebracht worden. Auf den umbrochenen Ackerparzellen lag die Ruhe des Schweigens, zitterte ein kaum wahrnehmbares Sehnen nach ferner Frühlings – und Auferstehungsfreude. Ab und zu segelte ein dunkler Vogel unter dem stahlblauen Himmel, drehten sich safrangelbe Blätter von den Ästen herunter. Irgendwo, jenseits der sanften Hügellehne, die sich nach Holland verlief, wurde eine verlorene Geige gestrichen, glaubte man die heiligen Worte zu hören: » In illo tempore dixit Jesus ... « Das langsame Schäschen brachte eine gewisse Bewegung in die totenstille Landschaft, knarzte fein säuberlich und kommod seinem Bestimmungsort entgegen. Der alte Herr liebte ein genügliches Fahren. Jedes Auto war ihm zuwider, schon der ungemütlichen jüdischen Eile wegen, schon aus dem Grunde heraus, nicht genötigt zu sein, den atemnehmenden Benzinduft überschlucken zu müssen. So begnügte er sich mit dem schlichten Gefährt von dem Fuhrunternehmer Henn Kogeleboom, hatte für die Zeit seines Lebens mit diesem ein Abkommen getroffen, ihm bei Anruf ein Vehikel zur Verfügung zu stellen. Beide Parte fühlten sich wohl dabei, lebten sich wechselseitig ein, ohne jemals Molesten und sonstige Unzuträglichkeiten in den Kauf zu nehmen. Sie dachten nicht dran. Ließen eher Gottes Wasser über Gottes Priesterkoppel laufen, um letzten Endes etwaige Kosten gemeinsam zu tragen. Henn, Fuhrunternehmer und Kutscher in einer Person, ein kleiner abgescherbelter Mann mit lederfarbigem geriffeltem Gesicht, Mauseohren und die seidene Schirmmütze tief in den Nacken gerückt, führte auch heute die Zügel. »Hia da hüp!« In der rechten Backentasche barg er allzeit ein sauciertes Priemchen, freute sich daran, um alle drei bis vier Minuten das überschüssige Naß mit der Fixigkeit eines raschen Pfeiles über das Spritzleder des Schäschens zu pfuitzen. »Henn, auf ein Wörtchen.« »Bitte, Mynheer.« »Wie lange wird's dauern bis Heiligenbaum zu? Ich hab' 'ne besondere Eilfertigkeit unter die Weste.« »Na, wie lange wird's dauern, Herr Jansen?! Wenn ich mein Schimmelpferdchen und die Wegstrecke in Berücksichtigung ziehe – so eine zwei bis drei Stündchen kann's dauern, ohne 'n unbewußtes Malheur in Rechnung zu nehmen. Hia da Hüp ...!« »Schön, denn man zu«, und der kurzatmige Herr, der meistens Gute und Friedfertige, der von den Tränen seiner Mitmenschen, von den Ruhestätten der Abgeschiedenen Kost und Logis bezog, auch bei rührigen Zeiten einen annehmbaren Profit einheimsen konnte, drückte sich ins Polster zurück, versuchte zu dösen, um bei diesem Drusseln und Dösen seinen gerechten Unwillen doch nicht ganz versickern und versintern zu lassen. Der Zweck seiner Mission blieb bestehen. Verlor kein Tiftelchen an Inhalt und Strenge. Immer klaren Wein in die Buddel, selbst auf die Gefahr hin, seiner Henriette die väterliche Huld und Zutunlichkeit entziehen zu müssen. Entweder so oder auf 'ne andere Weise – aber so ging das nicht weiter. Er tastete nach der Brusttasche, wo selbst er die ominöse Novelle beigesteckt hatte. »Hier sitzt das und will seine Betätigung haben. Henn, avanti! « »Hia da hüp!« und abermals sandte das faucierte Priemchen einen haarscharfen Pfeil über das Spritzleder des gemächlich dahinknarzenden Schäschens. Die Gegend wurde noch vereinsamter und weltabgekehrter. Die vereinzelten Gehöfte traten noch weiter zurück, duckten sich tiefer am Boden. Die Dohlenvögel flogen langsamer unter dem Himmelreich, die überständigen Blätter wagten es kaum, sich von den Bäumen zu schaukeln. In dieser Gegend konnten schon Geschichten passieren, schöne, aber auch traurige und verweinte Geschichten. Nur eine kundige Hand mußte da sein, sie in ihrer ganzen Größe und Reichhaltigkeit niederzuschreiben. Man fühlte, hier war heilige Erde, heilige niederrheinische Erde ... und wer Ohren hatte zu hören, der hörte: Irgendwo, jenseits der sanften Hügellehne, die sich bis nach Holland erstreckte, ließ sich der Ton einer sachtgestrichenen Geige vernehmen, glaubte man die verheißungsvollen Worte zu hören: »In illo tempore dixit Jesus ...« * Schon eine kleine Viertelstunde wartete er. Er durchmaß das Zimmer nach Länge und Breite, betrachtete die Schildereien an den Wänden, gute Stiche aus dem Kunstverein zur Verbreitung religiöser Bilder in Düsseldorf, solche von den Nazarenern Overbeck und Veith, von Deger und Ittenbach, heute vielfach belächelt, selbst von den Tempelhütern und Leviten der Kirche in die Rumpelkammer verwiesen, denn auch der Klerus liebäugelte bereits mit den schöpferischen Proleten der Straße, mit den lästerlichen Kunstanschauungen der russisch-jüdischen Tscheka. Wollt euch nicht irren! Vaterland hin, Vaterland her! War der Herr nicht schon Kosmopolit, Eigenbrötler und Gärteig? ein Revoluzer, gesonnen, alles überragende, jede allzu stolzliche Ähre aus der Gemeinschaft des alleinseligmachenden Feldes zu tilgen? Die Zeit wollte es so. Dem war Rechnung zu tragen ... und dennoch, was erzählten die köstlichen Stiche nicht alles?! In kindlicher Einfalt, in liebevoller Hingebung an Gott und seine himmlischen Chöre, berichteten sie von den Geschehnissen der Heiligen, aus dem Leben der Jünger, dem Erdenwallen der allerseligsten Jungfrau im Bann blühender Wiesen, durchklingelt von dem silbernen Geplauder eines hüpfenden Bächleins und erfüllten die Seele mit dem Geläut einer Abendglocke, dem Leuchten und Schimmern eines fromm verlebten Tages ... und das sollte dahin sein? Der einsame Mann wandte sich der Fensternische zu und sah auf die Straße hinaus. Draußen war's still, fast weltabgekehrt. Nur weiter zur Linken, dort, wo die gekappten Kastanien in brühwarmen Sommertagen einen zutunlichen Schatten verbreiteten – von der Gnadenkapelle her erhob sich ein melodisches Singen und Sagen, ein Rufen und Aufbegehren, das sich mit jeder rinnenden Sekunde merklich verstärkte, ein Zeichen dafür: bald mußten Pedal- und Manualregister alles aufbieten, um dem getätigten Hochamt einen feierlichen Abschluß zu geben. Jetzt jubelten sie auf – alle die tönenden Pfeifen und Zungen: Posaunen, Akkordion, Concertino, Gloria! und darüber hin zitterte die vox angelica wie eine silberne Taube. Bald mußte sie kommen. Heribert Kästner trat rücklings. Er warf sich in einen bequemen Sessel seitlich des Schreibtisches, an dem Henriette Jansen zu arbeiten pflegte oder sich stillen Erbauungsstunden und Betrachtungen hingab. Hier in diesem schlichten und doch wohnlichen Raum lebte sie ihr eigenes, selbstloses und dennoch glückliches Leben. Nichts fehlte ihr, nichts mangelte ihr. Die Anfechtungen drangen nicht in diesen verschwiegenen Winkel, wagten es nicht, ihr preziöses Magdtum auch nur mit Fingerspitzen zu suchen. Sie war ein stilles und versonnenes Licht, aber ein heißes und verschwiegenes Licht, das sich in sich selber verzehrte. Sie war verschwiegenes Leuchten und verhaltenes Flackern, das sie bis in die innerste Seele bewegte. In einer solchen Stunde hatte sie vor kurzem ihre große Liebe gefunden – in einer Stunde des Flackerns, des Sehnens und Suchens, in einer Stunde, in der der Wille des Weibes sich auflehnte gegen die Neigung des Weibes und sich dennoch umschauern ließ durch das geheimnisvolle Klingen und Singen: »Der du von dem Himmel bist ...« und so schritt sie über die braunen Schollen von Heiligenbaum, durch das geheimnisvolle Land voller Mysterien und zuckenden Kerzenflämmchen, glücklich in ihrem Beruf, in ihrem Werden und Wachsen – vor sich die Freiheit, die offene Welt, der eherne Wille, sich das eigene Dasein zu zimmern, nicht nur das des duldsamen Weibes, sondern auch das der schaffenden Gefährtin des Mannes ... und hinter sich, weit zurück in Schwaden und Nebeln die halbvergessene Jugend, die lauliche und gütige Elternliebe in der Kavarinerstraße zu Kleve, das Husten und Hüsteln allda, das grelle Licht der Birnen in den entsetzlichen Auslagefenstern, der warme Duft nach weichen Floren und dunklen Wollstoffen, die verweinten Augen, die Schreibereien zwischen Firma und Friedhofsverwaltung ... O Gott! und dann der akkurate Herr Baumann mit seinen straffgescheitelten Bügelfalten, seiner Duzfreundschaft mit den Verstorbenen, den klaren Auseinandersetzungen und Kalkulationen bei Privatbegräbnissen und solchen von Bruderschaften und sonstigen Korporationen, seine vorbildliche Treue, selbst bis zum schauerlichen Rande des Grabes... Oh, sie erinnerte sich! In der Kavarinerstraße ging alles wie auf Selfkantpantoffeln. Nichts drängelte sich aus den vorgeschriebenen Diebeln und Fugen. Am Morgen öffneten sich lautlos die Läden, um sich ums Abendwerden wieder lautlos zu schließen, es sei denn, einer sprach noch in letzter Stunde mit verweinten Augen vor, um eine traurige Bestellung zu machen. Das Hämmern, das zeitweilig den weitläufigen Hof mit seinem kurzen ›Rattata‹ übertönte, war kein fröhliches Hämmern. Es war vielmehr mit Werg und Hanf umwickelt und erstickte in seiner eigenen Hülle. Ach, und wie oft klang es ihr zu: Dicke, warme, dunkle Wollstoffe wurden den Etagen entnommen, behutsam auf die Theke gestapelt. Dann hörte sie deutlich mit der emsigen Elle hantieren, die Zahlen herbeten: »Stück Numero dreizehn. Drei Meter fünfzig ... etwas reichlich bemessen.« »Bitte, Fräulein, die appretierten Flore und Kreppe, Fach Numero achtzehn. Können gleich abschneiden. Zehn Meter genügen.« Ein zuversichtliches Klingeln. »Tag zusammen. Ich hab' 'ne Bestellung zu machen.« »'ne große oder 'ne kleine Bestellung?« »'ne große Bestellung, denn der Postmeister Appels will's nobel haben mit hohen Füßen und echten Beschlägen.« »Dann bitte: Laden hierneben. Am besten, sich an Herrn Baumann zu wenden.« »Merci...« und immer so weiter. Wohin man hörte: überall ein laulichwarmes Schlurfen und Gleiten, ein gedämpftes Hämmern, ein Vorbeitragen von fertigen und halbfertigen Sargbrettern, von Trauerkostümen, von ausgebesserten Jettrosetten, das kaum wahrnehmbare Vorüberhuschen von Kakerlaken und einmal bis zweimal in der Woche die gediegene, wenn auch etwas stark angerostete Stimme Ferkulums: »Joris, dein Schnaps ist wieder über alles Bemessen. Er ist gut för die Piere und fördert die ewige Seligkeit. Ich danke dir vielmals.« Henriette tat einen tiefen Atemzug und streckte die Arme. Fort damit... Licht, Luft, Freiheit und gute Gewohnheit! Und sie fand Freiheit und gute Gewohnheit und war wie eine, die in Licht- und Strahlengarben ertrinken wollte, so herrisch und vollbewußt schritt sie durch ihren selbstgewählten Berufskreis, den sie sich mit lauteren Kämpfen in der ganzen Reinheit ihres stolzen Frauentums errungen hatte, durch die weiten Niederungen, wo es nach frischgebackenen Wecken und Broten duftete und sie beim Rufen der Abendglocke bemerkte: siehe, neben dir schreitet die allerseligste Jungfrau und läßt ihr goldenes Haar über die Weizen- und Roggengassen dahinknistern, als gälte es, Heiligenbaum mit einem köstlichen Gewebe von Filigran zu umspannen. Gnadenreiche ...! gnadenreich unter den Töchtern des Landes. Hier war sie gesundet, hatte sich das Weib in ihr in seiner ganzen Schöne und Herbheit entfaltet, erschien ihr Gesicht wie eine kostbare Gemme, ihr dunkles Haargeflecht wie das einer burgundischen Prinzessin ... und hier ... noch im verflossenen Sommer ... bei den drei einsamen Pappeln ... wo die Pilger Rast zu machen pflegen, bevor sie sich anschicken, mit dem letzten Aufflackern ihrer niedergeworfenen Kräfte und in abgetretenen Schuhen ihre Seelen- und Leibesgebresten an das willfährige Ohr der Gottesmutter zu tragen – hier um die Zeiten der Tages- und Nachtgleiche glaubte sie in der Dämmerung Gesichte zu haben. Und sie hatte Gesichte. Ein markanter, scharfgemeißelter Kopf stand über dem ihren, der Kopf eines römischen Legaten, ein Stahlhelmerkopf mit verschnittenem Blondhaar und Balduraugen, die wie das helle Blau der Kornblumen leuchteten. Ein hohes heiliges Licht büschelte in der Dämmerung. Und in diesem hohen und heiligen Licht eine Stimme: »Henriette, darf ich Gewährung erhoffen?« »Ja, meine Liebe, die hast du. Nur gib mir Bedenkzeit. Du weißt ja – ich muß mich erst finden. Meine Seele zerflattert sonst unter der Fülle des Tages. O Heribert – du!« Das scharfe Stahlhelmgesicht beugte sich tiefer. Zwei mächtige Arme umgriffen die Majestät und Hoheit des Weibes. Zwei Menschenkinder erschauerten dicht nebeneinander, waren wie eins und kaum noch zu trennen. Zwei braune Lippen legten sich auf zwei rosige, die wie pralle Weinbeeren schienen ... und hoch über ihnen dämmerte und tirilierte noch eine verspätete Lerche ob den einsamen Feldern. – Heribert Kästner schlug die Beine übereinander, flocht die Hände enger zusammen. Er war lange nicht mehr in diesem trauten Zimmer gewesen, wo es ihm jedesmal, wenn er über die reinen, keuschen und lichtweißen Dielen trat, wie das silberne Säuseln von Olivenbäumen aus dem Gärtchen entgegenwehte. Zweimal hatte er für einen erkrankten Kollegen in seiner Vaterstadt Lobberich einspringen müssen, einmal für einen solchen im benachbarten Kranenburg an der holländischen Grenze. Bei seiner Heimkehr an die Knabenschule in Kleve hatte er alle Hände voll zu tun, das inzwischen aufgelaufene Material zu sichten, es seiner Bestimmung zuzuführen und den etwas eingeschläferten nationalen Geist der ihm anvertrauten Jungen wieder lebhafter in Brand und Lohe zu blasen, und wer an gewissen Tagen am Schulhof vorbeimußte, hörte aufs neue den lange entbehrten schnittigen Geigenstrich, den ehernen Gleichschritt der Stimme, der wie der eisenbeschlagene Schuh der jungen Wehrwölfe daherklirrte: »Laßt fahren nur, laßt fahren. Hoch steht es an der Zeit! Noch leben die grünen Husaren, Noch lebt die glorreiche Zeit. Noch lebt sie, die alte Wehre, Noch lebt es das alte Geschlecht; Dem König des Himmels die Ehre, Dem König der Erde sein Recht.« Heribert Kästner hob den durchgeistigten Kopf scharf gegen die Tür an, als wenn die Ersehnte jeden Augenblick eintreten müßte. Aus der Gnadenkapelle drang ein letztes Klingen und Jubeln, wie aus dem Paradiese genommen und die vox angelica schwebte abermals als ein silberweißes Täubchen hernieder, füßelte auf den gegenüberliegenden Dachfirst, um dort sacht zu verstummen. Das scharfumrissene Gesicht leuchtete auf. Es leuchtete wie es in Flandern geleuchtet hatte, an den furchtbaren Schleusen von Ypern, es flammte, wie es noch kürzlich in einer Versammlung von schwarzen Fasanen, vor einer sturen, unbarmherzigen Phalanx von Pazifisten und Erfüllungsstrategen aufgeflammt war, als es galt, den gefallenen Helden das zu geben, was die gefallenen Helden verdienten, wenigstens ihnen nicht die ruhmreichen Farben zu nehmen, unter deren Flackem und Zucken sie marschierten, stürmten und fielen ... und dennoch war es ein anderes Leuchten und Scheinen. Damals ein zuversichtliches, herrisches Leuchten auf Leben und Sterben scharf bis aufs Messer ... und heute ein solches von unsagbarer Liebe und Sehnsucht, dem man es ansah, wie der Anblick eines solchen Wesens die Sinne froh machte und sie geleitete in den schönen Wahn einer lieben und trauten Verstörung. Ja, so ein Gesicht, so ein selbstherrliches Aufbegehren mit Balduraugen, die Treue verheißen, Schirm und Schutz und den ewiggleichen, zuversichtlichen und klirrenden Schritt unter den Füßen. »Da bin ich ...!« »O du ...! und zwei Menschenkinder erschauerten dicht nebeneinander, stumm in wechselseitigem Geben und Nehmen, trunken vor inniger Gemeinsamkeit der spendenden Opferschale. Sie ließen nicht ab, sich in die Augen zu sehen, Wange auf Wange und Lippe auf Lippe zu schmiegen. Dabei plauderten ihre Ohrgehänge wie niedliche Glöckchen dazwischen. »Heribert, du bist lange geblieben. Hier und bei euch hat sich inzwischen manches geändert.« »Ja, ich bin lange geblieben. Aber du weißt ja, meine Tage waren bemessen ...« und nun erzählte er ihr von Vater und Mutter in Lobberich, von seinem erkrankten Kollegen allda und in der alten Stadt Kranenburg an der holländischen Grenze, um dabei sacht und glücklich über ihre Flechtenkrone zu schmeicheln. Er erzählte mit dem freundlichen Lächeln und Plaudern eines Wiesenbächleins, das in Frühlingstagen unter Akelei und Männertreu versonnen seines Weges dahinplätscherte. »So!« sagte sie herzlich, »und kommst nun zurück in der Fülle des Glückes?« »In der Fülle des Glückes? Wenn du meinst: ich fühlte nun wieder dein Herz an das meinige pochen, ja, dann kam ich zurück in der Fülle des Glückes.« »Das auch. Wer da gibt es doch andere Dinge, die einem die Sinne erfreuen. Du wurdest erhöht und erhoben.« Er ließ von ihr ab und nahm ihre Hände. »Das weißt du, und ich wollte doch selber ...« »Ja, vom Küster der Gnadenkapelle. Er wurde telephonisch verständigt.« »Von wem telephonisch verständigt?« fragte er unwillig. »Von Heinrich Verschüren.« »Wie, von Heinrich Verschüren? Seit wann denn?« »Seit gestern.« Er warf Kopf und Nacken auf. Unter den düsteren Brauen standen kreisrunde Pünktchen. »Wie kann dieser denn wissen ...? Sub sigillo des Schulrates wurde lediglich mir ... und ich wollte der erste sein, dir dies zu vermitteln, dir eine kleine Freude ans Herz zu legen – und nun die Horcher und Austräger an allen Türen und Toren.« Er sah nachdenklich ins Leere. »Nein, so was! Immer wieder dieser Heinrich Verschüren!« »Aber was schadet's?! Es ist doch eine frohe und freudige Nachricht.« »Wenn auch! Aber ich liebe es nicht, meine Angelegenheiten durch andermanns Mund weitertragen zu lassen.« »Auch nicht durch den Mund Heinrich Verschürens?« »Nein, auch durch den nicht.« Sie löste sich von ihm. »Wie soll ich das nehmen? Ihr seid doch immer die besten Freunde gewesen.« »Nicht immer ... aber Jahre hindurch nahmen wir den nämlichen Schritt auf, strebten nach Schönheit und Wahrheit, schwuren uns in Kornelimünster ewige Treue und waren wie die, die Gott suchen, um in der Anschauung Gottes das Heil zu gewinnen. Noch bis vor Kurzem. Dann begann es heimlich zu bröckeln. Die Zeit änderte vieles, und hier in Kleve gewann ich den Eindruck: du und er – wir beide gleiten immer mehr auseinander. Aber warum das? Ich weise es ab, die Religion auf die Politik zu verpflanzen. Fort damit! Ich habe satt und genug von allen, die gestern ›Hosianna!‹ daherpsalmodierten, um heute fanatischer und sturer ›Kreuziget ihn!‹ über die betörte und tobende Menge zu schreien ... denn alle diese Menschen freuen sich der dunklen Machenschaften, die jetzt ihre starren Finger auf jedes legen, was einst unsere Heimat fröhlich und froh machte und sich nicht scheuen, in einem Land ohne Ehre zu leben, ohne in ihrer Vaterlandslosigkeit und Felonie vor wilder Scham zu erröten, auch nicht den Mut mehr aufbringen können, ihre Sonderinteressen dem Großen und Ganzen unterzuordnen, das eigene moralische Bettlergelumpe vom Leibe zu reißen. Und Heinrich Verschüren ...?! Auch er nicht ...« »Du irrst dich. Seine Seele ist wie die eines Kindes.« »Wem sagst du das? Ich kenne doch Heinrich Verschüren. Aber nicht nur die Reinheit und Keuschheit des Herzens allein – wir haben noch für ein anderes Gut in die Schranken zu treten, und wer dieses nicht aufbringt, ist für mich eine tönende Schelle.« »Heribert, wo führst du mich hin?!« »Höre mich an. Vor etlichen Monden ... ich suchte ihn in Warbeyen auf ... es war bereits spät unter dem Himmel. Zwei Leuchter mit brennenden Kerzen erhoben sich auf einer gespreiteten Tafel. Wir saßen dicht gegenüber. Nichts Böses stand zwischen uns. Im Gegenteil: die Gläser klingelten friedfertig gegeneinander. Plötzlich rief Heinrich Verschüren: Wir alle befinden uns in diesen Zeiten in bitterem Kampf. Priester und Laien haben furchtbar zu ringen. Unser Bollwerk steht zwar, gekrönt vom Turm aller Türme. Wir haben die Tagwacht und die Nachtwacht zu halten ... und die Frage ergeht: Heribert, wie stehst du zu den Heils- und Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche? – Ich bin ihr immer ein treuer Diener gewesen. – Heribert, das tut's nicht allein. Der Satan geht um. Er sucht Unfried in die heißerkämpfte Verfassung zu tragen. – Halt! sagte ich, darüber schweigen die Akten. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig. Ich diene meinem Herrn und Heiland, wie ich ihn immer betreute, ich stehe zu einem freien und geeinigten Reich, wie ich zu ihm immer gestanden. Aber wie kommst du darauf, mir solche Fragen zu stellen? Bist du mein Richter, oder dünkst du dich höher denn ich? – Er lachte, und sein Mund sagte bitter: Ich bin ein Gesalbter des Ewigen. Mir wurde gegeben zu binden, zu lösen, die Sünden hinwegzunehmen und daher: die Pflicht liegt mir ob, Volk und Verfassung zu einen, die Errungenschaften der Novembertage zu stählen, alles, was faul und wurmstichig daherstrauchelt zu den Toten zu werfen – zum Heile der Kirche und des ringenden Vaterlandes ... und wie ich diese Kerze zerbreche und lösche, so zerbreche und lösche ich jeden aus dem Buche froher Gemeinschaft, der mir Widerpart ansagt. Ich kann nicht anders, und er nahm Leuchter und Licht, löschte es aus und warf den geschändeten Wachsstock über die Dielen. – Jählings trat mir das Wort auf die Lippen: Hic niger est – hunc tu, Romane, caveto! oder auf deutsch gesagt: Dieser ist schwarz; vor diesem Römer muß man sich hüten ... Ich verschluckte das harte Wort, sagte ihm jedoch stracks vor die Stirne: Heinrich, Heinrich, so denkt kein wahrhaft gläubiger und katholischer Priester! Er müßte sich schämen vor Gott und seinem heiligen Lehramt, vor der blutrünstigen Wolke, die noch heutigen Tages über der Quelle im Odenwald steht, wo sie Siegfried erschlugen. Das kannst du nicht denken und wollen, denn tätest du es: dein Geist und deine Anschauungen wären nicht im armen Deutschland zu Hause, hätten hier keine bleibende Stätte mehr, sondern wohnten, sehnten und sorgten sich jenseits der Berge. Finde dich wieder ... Lasse nicht diesen Dorn im Leibe, sondern reiße ihn vorzeitig aus. Sei duldsam, auf daß dieser Dorn nicht zum Pfahl werde. Er könnte dir das Leben vergällen. Ich selbst – ich will diese Stunde vergessen ... und du, wenn du kannst – tue dasselbe. Ich reichte ihm die Hand mit einer gewissen Bedeutung. – Er tat das gleiche und meinte: So möge denn das Kettlein nicht brechen. Vielleicht macht der Herr eine Einrenkung möglich.« »Mein Gott!« rief Henriette, »wie kann so eine Entgleisung nur unter Freunden geschehen?!« »Lassen wir das! Was ist uns denn letzten Endes Heinrich Verschüren?! Um seinetwillen bin ich nicht hier, sondern um deinen Namen zu stammeln, um mich von dir und deiner Lebensfreudigkeit umschmeicheln zu lassen. Ich bin wissend geworden und doch nicht wissend geworden. Mir blüht eine kostbare Rose entgegen, atmet mich an, winkt mir ihre lieblichsten Düfte zu, und ich weiß immer noch nicht: darf ich sie in meinen Garten verpflanzen. Ich bin wie ein Falke, der um seine Falkin rüttelt und wirbt, ohne niederzustoßen und ihre Liebe zu nehmen. Jetzt tu' ich's, denn ich hab' es satt und genug, noch länger durch ein Durstland mit einer versiegelten Quelle zu pilgern, ohne diesen Born zu zerbrechen und seines lauteren Wassers teilhaftig zu werden. Henriette ...!« Und der Falke war bei seiner Falkin, bevor sie es noch zu hindern vermochte. Er riß sie an sich und bettete ihr Haupt an die hämmernde Brust, als sollte sie alles hören, was in ihrem Inneren vorging: qualvolle Nächte, bitteres Sehnen, Kampf nach dem Höchsten und der verzehrende Wille, sie als seine stolze Gefährtin zu wissen. Sein Antlitz stand dicht über dem ihren. Sie hatte die Kraft nicht mehr, sich in dieser Umstrickung zu rühren. »Satt und genug«, stöhnte er auf. »Entweder so oder so. Was soll das heimliche noch? Was gilt mir in dieser Stunde Heinrich Verschüren? Ich bin nicht Herr über sein Tun und Lassen, über seine Einstellung Volk und Staat gegenüber. Diese Stunde für mich. Ich halte sie fest. Ich pflanze sie auf als Planta genista . Leuchtender Ginster. Ein flammendes Symbol und Zeichen. Allen soll es verkünden: Henriette Jansen und Heribert Kästner...« »Heribert...!« Sie warf sich stürmisch in seine Arme herum. Ihre Augen flackern unstet in die seinen hinüber, wie verschlagene Vögel, betört von einem scharfen Fanal, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollen in jäher Verstörung. »Mein Gott! das kommt so unvermittelt, so jählings...« »Das sagst du schon immer... und jetzt, wo selbst der Himmel mir zuspricht, mir verstattet, nach einer sorglosen Zukunft zu greifen, wo die goldenen Äpfel mir in die Hände hineinreifen wollen, ist bei dir wieder das Zaudern und Zagen ... und sollte selbst Heinrich Verschüren gegen mich aufstehen – ich habe es über, mich noch länger als Treibholz verschleißen zu lassen...« »Du – du ...! Noch einmal: Gib mir Bedenkzeit! Siehst du denn nicht: ich bin mit mir noch selbst nicht im Reinen. Jahre um Jahre rang ich um meine persönliche Freiheit, um die Kraft, mich auf die eigenen Füße zu stellen ... und wenn auch eine verzehrende Liebe über mich herfiel –»ich denke mir immer: du, Vertreterin eines stolzen Berufes, du stehst auf der Tenne und bist gesonnen, dir statt Hederich und Spreuicht die besten Roggen- und Weizenkörner von der Diele herunter zu schaufeln... Was steht höher: Pflicht oder Liebe?!« »Also da will's hinaus?! – Und mir – mir flammt der brennende Ginster entgegen. Er lodert mir zu: Sei kein Narre! Er weist mir die Pfade. Jetzt aber vorwärts! Sind deine Roggen- und Weizenkörner denn ganz besondere Körner? Springen sie dir denn als goldenes Himmelsmanna von der Schaufel herunter! Gut, ich werte sie ein. Aber denke an mich. Bin ich denn ein Nichts, ein mistiger Strohhalm, ein leichtfertiges Federspiel in den Händen eines selbstherrlichen Weibes? nicht wert und würdig, dir Leib und Seele zu nehmen, in treuer Gemeinschaft mir das Heil zu erkämpfen und des großen Mysteriums der Liebe teilhaftig zu werden?« »Heribert, alles! aber du weißt nicht, was in meinem Inneren vorgeht. Hier drinnen: bald jubelt es auf, bald schreckt es zusammen, als sähe ich die Totenfrau kommen. Ich greife durch Grau, dann wieder durch eine Fülle von Sternen. Bald will ich in deine Arme hinein, bald an meinem eigenen Frösteln erstarren. Sieh mich doch an – du. Das steht mir doch zwischen den Schläfen geschrieben. Ich bin nicht mein eigenes Ich mehr. Das geht schon so Wochen und Tage...« Sie schlang die Arme so plötzlich um seinen Nacken, preßte ihren Mund so gierig auf seine zuckenden Lippen, daß er sich kaum ihrer verzückten Hingebung zu erwehren vermochte: »Rette mich...! Hilf mir...! Aber ich flehe dich an: Warte noch ab. Um Weihnachten ... im kommenden Frühjahr – da wird alles milder und reiner ... Auferstehung ...!« »Henriette...!« Seine Stimme klagte, als wäre nichts mehr zu retten, als zerscherbelte ihm alles zwischen den Händen. »Ich wartete satt und genug, und wenn ich bis Ostern wartete, mir käme immer dieselbe Antwort entgegen.« Er hielt sie bei den Schultern ... drängte sie von sich ... stierte ihr tief in die Augen, als stiege ihm dort ein Gesicht auf. »Henriette«, mahlte er rauh zwischen den Zähnen, »ich kann mir nicht helfen. Es muffelt brandig dahier. Hier muß was geschehen sein.« Sie prallte zurück, als knallte eine scharfe Peitsche über sie hin. »Was soll denn geschehen sein?« »Das zu beantworten, muß ich schon dir überlassen.« »Mir?!« schrie sie auf. »Wo ich dich liebe?! Nur gib mir Bedenkzeit ... stoße mich nicht ganz in die Irre ... es gibt Tage, die mir die Sinne verstören ...« und sie weinte und schluchzte, und die beiden seligen und doch unseligen Menschen hörten und sahen es nicht, daß ein müdes Schäschen vorratterte, Herr Joris Jansen sich langsam und etwas verklammt unter dem Spritzleder herausarbeitete und zu dem vermickerten Henn Kogeleboom sagte: »Henn, Ihr verköstigt Euch mit Pferd und Geschirr im ›Fröhlichen Landmann‹. Laßt Euch nichts abgehen; denn wer mit Joris Jansen 'ne Tour macht, nimmt auch schieren Hafer hinter Ganaschen und Maulwerk. In 'ner knappen halben Stunde kann ich retour sein. Also adjüs denn.« »Adjüs denn, Herr Jansen, und gute Verrichtung.« »Merci...« Das Kogeleboomsche Schäschen klapperte vergnügt dem ›Fröhlichen Landmann‹ entgegen. In illo tempore... Ja, in illo tempore... trat Herr Joris Jansen, der Chef und Inhaber der löblichen Firma in Kleve, über die Hausschwelle seiner Tochter in Heiligenbaum. Etwas Richterliches war ihm zwischen Samtweste und Schemisettchen gefahren. Er fühlte sich ordentlich. Er hatte seit gestern abend noch nicht an Entschlossenheit und Schwungkraft verloren. Leider, trotz seiner geschäftlichen Regsamkeit, er hatte viele Tage seines Daseins verdrusselt und wider Willen und Wollen Dinge groß werden lassen, die er besser als fette Brummer an die erste beste Stubentapete geklatscht hätte. Er ärgerte sich zwar über die Zuträger, die zweifelsohne ihm und seiner Tochter etwas ankleben wollten... aber letzten Endes, er war wissend geworden ... hatte dem Kaplan und seinem Freunde Aloys zu danken, trat in den Vorflur, befreite sich hier von Paletot und Halströster, schob seinen Hut über einen Holzpflock, krauste seinen Adlerflaum aufrecht und begab sich, ohne viel Komplimente aufzustellen, in das Wohn- und Studierzimmer seiner einzigen Tochter. »Tag!« Mit diesem kargen Gruß warf er sich schwer und widerborstig aufs Sofa. Der pure Zorn war ihm geradezu an den Halszapf gefahren. »Aber nanu...!« das hätte er schwerlich erwartet: Hahn und Henne in der nämlichen Falle. Er lachte hell auf, und der sonst so gutmütige Mann hatte glühende Flocken und Schlacken vor Augen. Die Hände krampfhaft über die Krücke seines Stockes gelegt, pfiff er scharf durch die Zähne: »Ich sehe, ich bin hier ungelegen gekommen, das heißt: ungelegen für euch, aber gelegen für mich, denn zwei Minuten später wäre ich vielleicht ein armer Schwalbenfänger geworden, hätte meine Tochter verloren, um sie in der Hand eines mir nicht genehmen Mannes zu wissen.« »Herr Jansen, ich möchte bemerken ...« »Ich bitte, Herr Kästner, was geht hier vor ohne mein Zutun? Das ist ja gottsträflicher als ein dreimaldurchdestilliertes Satansgewitter. Ich dachte zuerst: es ist nur bloß leeres Geschwätze, Hochwürden und Ferkulum haben daneben gefuhrwerkt. Und ich kapitales Untier von Ratten- und Schermausfänger ...« und der schwere, asthmatische Herr mit dem Diplomatengesicht und dem weißen Adlerflaum an den Schläfen, erhob sich, trat schwerfällig auf seine Tochter zu und fragte mit blutunterlaufenen Augen: »Gib Antwort. Herr Kästner ist mir keine Rechenschaft schuldig. Aber du schuldest sie mir. Henriette, was soll das? Sonst machte ich Nägel mit Köpp, und nu willst du solche verfertigen? Aber ich sage dir hiermit: ich allein schmied sie weiter. Auch in dieser Geschichte.« »Vater! das ist meine Affäre!« »Was, deine Affäre?« »Ja, meine Affäre. Mein ureigenes Recht. Mein überkommenes menschliches Recht über meinen Leib und meine Seele verfügen zu dürfen.« Sie erstarrte in ihrer eigenen Hoheit. Joris Jansen prallte zurück. Er suchte nach Luft. Endlich haspelte er einen dünnen Faden herunter. »Wo ich der alleinige Herr meines Hauses ... wo Mutter schon lange von mir gegangen... wo ich selber nicht weiß ...?« »Vater auch da nicht. Außerdem, warum diese jähe Bedrängnis? Die Angelegenheit ist noch lange nicht spruchreif geworden. Die Liebe braucht stille Entfaltung. Bis heute sind noch keine bindenden Worte gefallen, bis heute bin ich noch keinem verpflichtet...« »Was, keinem verpflichtet?! und da müssen andere kommen, um mir in den Ohren zu liegen: Henriette Jansen und der neumodische Lehrer aus Kleve, die schmeißen ihre Runkelrüben zusammen ... und ich, Joris Jansen, habe ihnen nur Maulaffen entgegenzuhalten – ich Joris Jansen von der Kavarinerstraße in Kleve.« Er wandte sich jählings. »Herr Kästner, wie ist das?« Der trat zwischen Vater und Tochter. »Ja, Herr Jansen, ich kann es nicht leugnen. Seit langem bewerbe ich mich um die Hand Ihrer Tochter. So auch heute.« »Dann verstehe ich nicht. Ein Mann wie Sie ist doch kumpabel, die richtige Tür zu finden.« In den Schläfen des Gemaßregelten begann es zu hämmern. »Nicht so, Herr Jansen. In diesem Falle: die Tochter geht vor. Sie bat um Bedenkzeit, ersuchte um Ausstand, vertröstete mich ... und bevor ich ihr Jawort nicht hatte, fehlte mir auch das Recht, bei dem Vater vorzusprechen und ihn um die Hand seiner Tochter zu bitten. Das zur Klärung der Sache.« Joris erbebte. Seine Mundecken zuckten. In dem ganzen Mann war ein anderer Adam gefahren. Er hielt die Hand hin: »Herr Kästner, pardoniert meiner Zunge. So richtig. Nun weiß man doch gleich, mit wem man's zu tun hat, und ich wäre der Letzte gewesen... Aber hier, und er legte die Novelle auf die Schreibtischkommode, »wie konnten Sie nur...? Wie konnten Sie in diesem Schriftsatz meine Tochter nur so in die Öffentlichkeit bringen, daß alle stielnäsig und langhörig wurden und sie nicht mal wußten, ob wir beide, Sie und ich, miteinander konform gehen.« »Herr Jansen...!« »Lassen wir das. Dafür ist jetzt keine Zeit da. Aber später vielleicht. Für heute nur dies noch. Ja, Herr Kästner, ich wäre der Letzte gewesen ... und ich kann Sie verstehen, denn Henriette hat was in die Suppe zu brocken. Auch Sie... Gewiß, Sie haben Ihre Verdienste als Mensch, als Lehrer und sonstwie ... Indessen meine einzige Tochter...« und der frische Hafer begann wieder zu stechen, die wahnwitzige Liebe um sie stellte sich hoch... Er tat einen hastigen Atemzug, um unter heftigen Stößen zu sagen: »Aber alles, was recht ist: Henriette ist auch nicht so ohne. Sie gilt mehr als die anderen Töchter des Landes. Sie ist zu Hohem berufen.« »Aber Vater...!« »So ist das. Das weiß ich ... das sagt mir mein eigener Gusto ... das sagt mir die Welt... das pfeifen die Spatzen von den Jauchefässern herunter... damit liegt mir der Kaplan stets in den Ohren...« »Wer?« fragte Heribert Kästner mit aufgerissenen Augen. »Hochwürden, der Kaplan von Warbeyen.« Ein verhaltener Aufschrei: »Also wieder Heinrich Verschüren!« »Jawoll. Eben derselbe ... und er hat sie wert und würdig befunden zu den kommenden Passionsspielen um die heilige Pfingstzeit...« »Sie doch nicht in den Dienst dieser Bühne zu stellen?« »Und ob, mein lieber Herr Kästner. Sie wird die Maria von Magdala spielen.« Er blähte sich auf. »Jawoll, sie allein wird sie spielen.« »Immer wieder dieser Heinrich Verschüren!« Er warf sich herum: »Henriette, weißt du darum?« »Ich weiß es.« »Und er, der Kaplan – war er in dieser Angelegenheit bei dir?« »Ja«, sagte sie fest und bestimmt, »schon zu widerholten Malen. Aber erst gestern ist das Projekt spruchreif geworden.« »Und das ohne mein Wissen?« Sie lachte kurz auf: »Was soll das? Bin ich nicht frei? und was ich meinem Vater schon sagte, das gilt auch für dich: Heribert, was ich zu tun gedenke und nicht zu tun gedenke, das ist lediglich meine Affäre.« Er wurde bleich wie die Wand ... bot ihr die Rechte ... und schritt der Tür zu. »Henriette, wir sehen uns in Warbeyen wieder. Noch hoffe ich, wenn es auch schwer fällt zu hoffen. Aber deine Bedenkzeit nehme ich mit mir!« Viertes Kapitel Wer hat Aloys Ferkulum gesehen?! Viele haben ihn gesehen, die meisten, fast alle in Warbeyen und der nächsten Umgebung, Männlein und Weiblein, Jungen und Zopfige, Friedfertige und Unfriedfertige, und wer es verpaßt hatte, konnte an seine Brust schlagen und sagen: »Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa! denn du hast dir selber im Wege gestanden, bist ein Buch ohne Inhalt, eine mißfarbige Schelle unter all den silbertönigen Schellen am Altare des Herrn«, denn Herr Aloys Ferkulum war eine Sehenswürdigkeit, ein Erleben für sich, ein Trauermarsch von Ludwig van Beethoven, ein pompefunebreartiges Einherschreiten bei gedämpften Trommelschlägen. O dieser Ferkulum, dieser Balbierer mit den glitschigen Fingern, dieser Leichenbitter von Kleve, dieser Kostgänger des Herrn, der in der gefeierten Grafschaft seinesgleichen nicht hatte. Oh, er verstand es schon, seinen Medaillenstab zu führen, die Gemüter zu erschüttern, die Lauen und Wankelmütigen bei den geworfenen Schollen zu bekehren, ihre abtrünnigen Herzen wieder umzuformen und gläubig zu machen. Schon am Tage der Totenansage imponierte er mächtig. Seine Stimme war mit Floren und düsterem Krepp umwickelt, schleppte eine lange Pleureuse hinter sich her, als er bei reich und arm, bei fetten Niederungsbauern und ausgepowerten Katenstellen anpochte, die schweren Augenlider fallen ließ und sagte: »Mynheer Ildephons Schlickum ist tot. Ihr seid invitiert. Begräbnis am Dienstag, morgens um neune. Gott sei seiner abgeschiedenen Seele barmherzig. Er geleite sie zu den Thronen und Mächten, zu den himmlischen Königreichen und Fürstentümern, in die goldenen Räume aller Zeiten und Ewigkeiten.« Bei der eigentlichen Beisetzungsfeier jedoch war er ohne Wettbewerb. Niemand vorher hatte so seine Würde behauptet, keiner in dieser vorbildlichen Weise seines Amtes gewaltet. Er riß buchstäblich die Leidtragenden hin, so daß sie kaum noch wußten, ob sie sich als Männchen oder Weibchen ansprechen sollten, zwang sie in die Knie, in das unwirtliche Gras des Gottesackers, ließ sie erschauern, wie die Weiden an den Bächen Babylons erschauerten, als die exilierten Juden unter ihren hängenden Zweigen saßen und Sions gedachten. Selbst der Kaplan Heinrich Verschüren beglückwünschte sich zu dem trefflichen Einfall, Herrn Ferkulum als Ansager und Leichenbitter verpflichtet und alle Arrangements in seine Hände gelegt zu haben. Ja, er estimierte sogar dessen Vorschlag, den geplanten Trauerkaffee im 'Blauen Schiffchen' zu Warbeyen in einem solennen Trauerzitronenpunsch mit den nötigen Zutaten umzuwandeln, weil Aloys es verstanden hatte, ihm mit durchschlagenden Gründen aufzuwarten und ihm plausibel zu machen: »Erstens haben wir mit 'nem äußerst frischen Novembermorgen zu rechnen. Zweitens: in Anbetracht dessen, daß wir uns im 'Blauen Schiffchen' fast nur mit Mannsleuten einzurichten haben, die Kirche, laut Testament des Herrn Schlickum, ausschließlich den Hauptprofit aus der Nachlassenschaft bezieht, wäre so 'n einfacher Bohnenkaffee nebst Korinthenwecken und Geldernscher Knipplätzen doch nur äußerst mager bemessen, und drittens, wenn Herr Ildephons Schlickum erführe, welche Ehre wir ihm mit Zitronenpunsch erwiesen – denn dieses königliche Getränk liebte er immer bei besonderen Festivitäten – ich glaube, die arme Seele ginge getrösteter und freier durch das dunkle Tor, das zwar Einlaß gewährt, aber niemals 'nen Retourgang verstattet. Das meine Meinung, Hochwürden.« Der junge Kleriker geruhte zu lächeln. »Und dieser Ihr Vorschlag erfolgte sine ira est studio? « fragte er nach einiger Weile. »Wie meinen, Herr Kaplan?« »Ich meine: Sie verfahren hier völlig unparteiisch und aus lauteren Beweggründen, oder aber ...« »Nee, nee, Herr Kaplan! Gewiß nicht – ich gehe keinem anpräsentierten Zitronenpunsch aus dem Wege, aber Hand aufs Herz: ich denke hier bloß an den frischen Novembermorgen an den Gusto und die Bekömmnis der Mannsleute, an das Honnör der Kirche und der Kirchengemeinde und nicht zum Letzten an die freudige Seele des Verewigten, wenn ich auch nicht abstreiten will ...« »Gut. Ihr Vorschlag wird hiermit gebilligt.« »Merci für getätigten Zuspruch.« »Nur ein Bedenken, Herr Ferkulum!« »Wie – bitte?!« »Wird der Inhaber vom 'Blauen Schiffchen' auch die Fähigkeit aufbringen, das komplizierte Getränk würdig und sachlich herzurichten?« »Nur keine Bange, Hochwürden. Ich garantiere dafür, und was Jan Derksen nicht kann, ich für meine Person bringe den delikaten Zimt schon auf das diesbezügliche Sprungbrett, sonst lasse ich mich bei meinen Solokollegen nicht mehr Aloys mit die elegante Zunge benennen. Ist ein Wort, Herr Kaplan.« »Also wäre die Sache geregelt?« »Völlig geregelt, Hochwürden,« und der brave Treuhänder tat einen Atemzug, als wäre ihm ein zehnpfündiger Wackerstein von der Seele gefallen: »Denn also bis Dienstag!« * So war der Dienstagmorgen gekommen. Herr Severin Baumann hatte jegliches mit dem ihm unterstellten Personal und der Lichjungfer aufs beste gerichtet. Das Schulzimmer der oberen Mädchenklasse in Warbeyen war zu einem Sacer locus im ureigensten Sinne des Wortes umgewandelt. Tiefernstes Trauergepränge bedeckte die nüchternen Wände, von denen in glücklicheren Tagen die Bildnisse der preußischen Könige mit ihren Paladinen herabgegrüßt und den Ruhm und die Glorie eines wohlgeordneten Staates gewährleistet hatten, nunmehr von Revoluzern geschändet, zerschlagen oder in die Rumpelkammer verwiesen. Herr Baumann übte Barmherzigkeit, verhüllte die kahlen Stellen mit Krepp- und Florstoffen, zog Silberbordüren darüber hin und machte so für einige Stunden die brutale und vaterlandslose Arbeit schmutziger Gesinnung wieder zunichte. Kübel mit blühendem Oleander umstanden den Sarg aus kerndeutscher Eiche. Sieben Wachskerzen flämmerten über ihn hin: eine zu Häupten, je drei an den Seiten, alle auf getriebenen Messingleuchtern, die die Kirche in selbstloser Weise zugestellt hatte. »Trumm ... trumm ... trumm ... trumm ...!« Unter dem dumpfen Gepoch einer Trommel, die sich neben die Türe der Mädchenschule aufgepflanzt hatte, fuhr der Leichenwagen vor. Allmählich stellten sich die Leidtragenden ein: Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, Freunde und Bekannte des Verewigten, Skat- und Solokollegen, auch solche, die unter der umsichtigen Fühlung des Herrn Ildephons Schlickum Lebensfirnis und die aufmunternde Wirkung von ungebrannter Holzasche eingeheimst hatten, aber alle sichtlich bewegt und bekümmerten Herzens, denn jedem war der nunmehr Hingestreckte ein gewissenhafter Magister und vorsorglicher Mentor gewesen. Herr Jansen gesellte sich zu ihnen. Auch Severin Baumann und die erste Ladenmamsell. Sie waren gekleidet, als würde ein begüterter Erbonkel zu Grabe getragen. Verschiedene Lehrer aus den nächsten Bezirken gaben sich gleichfalls die Ehre. Unter ihnen gewahrte man die hohe und ernste Gestalt Henriettens aus Heiligenbaum. Bald darauf erschien auch Heribert Kästner. Auf seinem markanten Stahlhelmergesicht lagen noch die Runen verhärmter und tiefverbitterter Stunden. Der Ehren- und Pflichtgang war ihm so herb und sauer geworden wie der blutige Dornenweg seines Herrn und Erlösers. Mit aller Energie hatte er Leib und Seele zusammengerissen, um nicht fahnenflüchtig zu werden. »Pfui Teufel noch mal! Halte deinen Willen unter Zügel und Kandare. Lass' dich nicht unterkriegen. Wolle nicht an der Laune eines Weibes verbluten. Wirf Visier und Panier auf. Biete dem Klerus und allen Laien die Stirne. Aber hüte dich, auch ein befangenes Herz zu verwerfen, ihm Unrecht zu tun, es nicht verstehen zu wollen. Ein Fluch liegt darauf. Ein Nichtverstehenwollen macht schuldig. Wäge mit ehrlichen Gewichten und nicht mit Skrupelgewichten. Folge nicht denen, die Recht in Unrecht verkehren, die ihren angestammten Herrn verrieten, die heute Hosianna rufen und morgen steiniget ihn. Versetze dich in die Seele des Weibes. Sie ist schwer zu ergründen. Aber urteile erst, wenn du ein richtiges Urteil gefunden. Nicht eher, nicht früher. Gehe deinen geraden vorgezeichneten Weg. Der Finger Gottes weist dir das Ende. Dann mag kommen, was wolle. Ehre das edle Weib. Es ist ein kostbares Gefäß aus der Hand des Ewigen. Schätze die, die gleichen Sinnes wie du sind. Liebe die Heimat. Du mußt! sonst bist du nicht würdig deines himmlischen Vaters und deines irdischen Königs, den sie wie einen Schacher verkauften und außer Landes verbannten. Also denke daran und wirf Visier und Panier auf. Sei Richtmann, niemals Parteimann, deinem Herzen und deinem Verstand gegenüber – unentwegt, unter Hintansetzung des eigenen Ichs bis zur Stunde des Todes.« Er fuhr sich schwer über die Stirne. Er dachte an dieses und jenes, an seinen neuen Wirkungskreis, an das herbe und barsche Begegnen in Heiligenbaum, und er fand sich kaum unter den vielen Menschen zurecht, die auf ihn einsprachen, ihn lebhaft begrüßten. Bald darauf stand er wieder einsam, wie eingerammt, gleichsam im Erschauen eines Gesichtes, dem er nicht zu entrinnen vermochte. Als Henriette, die sich mit der ersten Ladenmamsell ihres Vaters unterhielt, um mehr oder weniger ihr klopfendes Herz zu beruhigen, seiner ansichtig wurde, zuckte sie auf. Ihr Antlitz war wie die Spreite eines Sterbetuches geworden. Ihre Blicke weiteten sich. Um ihre Mundecken spielte ein wehes Suchen und Lächeln, die Furcht vor den Dingen, die da kommen würden. Gleich darauf war sie unauffällig an seine Seite getreten ... drängte sich an ihn ... tastete nach seiner Hand, um heimlich zu stammeln: »Heribert – du! Bleibe stark und besonnen. Sei nicht so gänzlich verzweifelt. Es wird sich ein Ausweg schon finden. Ich weiß es. Ich gehe nicht irre. Nur – gib mir Bedenkzeit, um der Barmherzigkeit willen.« »Das hast du mir schon einmal gesagt.« Das Wort fiel ihm hart von den Lippen. Ihre Stimme wurde fahrig und heiser. Ihr voller und geschmeidiger Leib straffte sich wie eine stählerne Rute. Ihre Hand schraubte fester: »Ja – du, das hab' ich schon einmal gesagt. Aber verstehe mich doch. Ich verspreche dir heilig, nur dem Rufe meines Herzens zu folgen. Ich weiß auch: bei dir ist die Ruhe, der Friede in Gott und alles das, was ein liebendes Weib erhofft, wenn die Sterne heraufziehen und die großen Mysterien die Augen aufschlagen. Nur – du, ich muß mich erst finden, mir Rechenschaft geben: bist du auch würdig ... bist du berufen, sein späteres Leben ...« Ihr Wort kroch am Boden, war nur ein Wimmern und Flehen: »Heribert, nur um deinetwillen – ich bitte dich nochmals ...« Er fühlte ihre Zweifel und Ängste, die Wunde in ihr, deren blutige Tropfen er zu sehen vermeinte. Willenlos erwiderte er den Druck ihrer Rechten, die Liebkosung ihres zermarterten Körpers. »Du – Henriette, ich warte; nur denke daran: es gibt Dinge, die einem das Gesicht in den Nacken drehen.« Er verstummte. Der erste Anruf des Trauergeläutes kam von der nahen Kirche herunter. Sie atmete auf und hatte sich wiedergefunden. »Du Lieber ...« Das Gefolge setzte sich ernst in Bewegung, trat in den geweihten Raum, wo Ildephons Schlickum zwischen den Brettern ruhte, umstanden von Oleanderbäumen und leise singenden Kerzen, deren Gesinge an das nadelfeine Hindämmern von Rotkehlchen zwischen Ebereschenbeeren gemahnte. Das regelmäßige Tropfen des überschüssigen Wachses auf die Leuchterteller machte die fühlbare Stille noch fühlbarer ... und diese fühlbare Stille wurde erst zu einer grauen und wirklichen Stille, als Ferkulum eintrat, seinen Medaillenstab feierlich gegen den Aufgebahrten senkte, ihn wieder emporhob und sich selber wie ein stummes geheimnisvolles Etwas neben den offenen Eingang postierte. In seinen gestauchten Beinkleidern, dem etwas abgewetzten, aber peinlichst aufgebügelten Gottes-Bratenrock, dem kegelförmigen Trauerzylinder mit zwei flattierenden Schleifen, erschien er wie der Pate des Todes. Aloys Ferkulum verstand es schon, an die Herzen zu pochen, einen Ruch nach Jettperlen und Immortellenkränzen um sich zu breiten, die Stationen des letzten Ganges auf Erden erschütternd und dennoch erbaulich zu machen. Das bleiche, herbe und undurchdringliche Gesicht mit den schmalen zusammengekniffenen Lippen war eine einzige unermeßliche Sehnsucht, besonders in der jetzigen Stunde, so daß Herr Baumann nicht umhin konnte, sein Lieblingslied, das auch Aloys kannte, der ersten Ladenmamsell getragen, wenn auch heimlicherweise in das rechte Mauseöhrchen zu summeln: »Franziska, Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden, Die letzten roten Astern trag' herbei; Und lass' uns wieder von der Liebe reden Wie einst im Mai, Wie einst im Mai ...« Er empfing einen vertraulichen Klaps. Aloys sah es und warf der schuldlosen Franziska einen verwarnenden Blick zu. Dann ruckte er hoch: »Pst! meine Herrschaften. Hochwürden!« Er salutierte. Er salutierte so würdig, wie ein Offizier vom ersten Regiment Garde unter dem großen König mit seinem Sponton salutierte. Der Medaillenstab senkte sich bis zu den Dielen. Unter dieser Ovation, der lautlosen Runde, dem verlorenen Knistern der tropfenden Kerzen, dem zweiten Anruf der Glocken, deren Klänge mit den gemessenen Schwingen von großen ehernen Vögeln über die Niederung schaukelten, erschien Heinrich Verschüren, der an Stelle des beurlaubten Dechanten die heilige Handlung vorzunehmen hatte. Er tat es mit Würde, mit dem zuversichtlichen Anstand eines insichgefesteten Priesters. Im weißen Röckling, mit Stola, das Barett zwischen den durchgeistigten Händen trat er an das Fußende der Bahre, verneigte sich und hub an, das Vaterunser zu sprechen. Zwei Ministranten standen ihm zur Rechten und Linken. Sie führten Weihwasser und Rauchgefäß. Seitlich davon hielt der greise Küster Stäwe op gen Oort den aus Silber getriebenen Korpus Christi steil in die Höhe. Der Pate des Todes trat näher. Er räusperte sich. Es war so, als müßte er dem gesprochenen Vaterunser erst die ihm zustehende Bedeutung zumessen, jedes Wort inniger mit dem totenstillen Sarge verquicken, es für ewiglich mit dem kalten Herzen des Abgeschiedenen einen und fesseln. Seine Augen perlmutterten. Mit ihm las er jede Silbe von den Lippen des Betenden. »In nomine patris et filii ...« Der Weihrauch wölkte sich durch die Zweige der Oleanderbäume, durch das fahle Dunsten und Scheinen der Kerzenflämmchen. Das geweihte Wasser spendete heilige Tropfen. »Oremus ...« Der Kaplan wandte sich jählings. Er warf den Kopf in den Nacken. Aller Augen waren auf ihn und seine weißen Hände gerichtet. »Mein Gott und mein Heiland ...!« Was ging hier vor?! Warum dieses Fragen und Sinnen?! Er und Heribert Kästner schienen von ein und derselben Mutter geboren ... waren wie Brüder: die gleichen ehernen Stirnen ... die markanten Stahlhelmergesichter ... die Balduraugen, die nicht bangten und zagten ... »Oremus! In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum.« Er atmete tief. »Requiem aeternam dona ei, Domine, et lux perpetua luceat ei. Sicut erat in principio, et nunc et semper, et in seaculorum. Amen!« Eine Bewegung entstand. Der Medaillenstab umschrieb einen Halbkreis. Auf sein Geheiß hub der Männergesangverein ›Frohsinn‹, dem der Abberufene dreiundzwanzig Jahre ein unermüdlicher Dirigent und Mentor gewesen, dreistimmig an: »Ich glaub' an Gott in aller Not, Ich hoff' auf seine Güte; Ich liebe Gott bis in den Tod Mit freudigem Gemüte. Jesu, dir leb' ich! Jesu, dir sterb' ich! Dein bin ich tot und lebendig! Am letzten End' ...« Unter diesen klagenden Weisen verließen Hochwürden, die Ministranten und alle Leidtragenden den düsteren Prunkraum, begaben sich ins Freie. Ildephons Schlickum folgte, wurde sacht und behutsam auf den Leichenwagen geschoben, mit Immortellen- und Buchsbaumkränzen umbettet. Alle Häupter entblößten sich, senkten sich tiefer. Severin Baumann verkörperte die getragene Hoheit, streckte sich auf den kurzen, aber straffen Beinchen, als wenn er sagen wollte: »Das klappt wie am Schnürchen«, um dann der ersten Ladenmamsell sacht am Ärmel zu zupfen und heimlich zu flüstern: »Fränzchen, Es glüht und funkelt heut' auf allen Gräbern, Ein Tag im Jahre ist den Toten frei. Komm' an mein Herz, daß ich dich wieder habe Wie einst im Mai, Wie einst im Mai ...« »Herr Severin, nicht so! Man könnte uns hören.« »Trumm ... trumm ... trumm ... trumm ...« Aloys Ferkulum meldete seiner Hochwürden, daß alles parat sei, begab sich an die Spitze des Zuges und ließ seinen Medaillenstab spielen. Unter seiner Führung ging es an schmalen Häusern und breithingelageiten Gehöften vorbei, an wohlbestandenen Glasgärten, deren Obstbäume noch hier und da überständige Paradiesäpfel zeigten. Er schritt wie der graue Zauberer Merlin seines Weges, wie ein ägyptischer Priester, dem die hohe Ehre zuteil wurde, Ramses II., den Pharao Mose, in die königliche Gruft zu geleiten, ihn in das große Totenbuch zu verweisen – für ewiglich. Aber erst beim Passieren der Wirtschaft ›Zum blauen Schiffchen‹ entfaltete er seine ganze Würde und schlichte Größe. Sein Medaillenstab beschrieb einen Kreis, wandte sich dann jählings zur Rechten, machte zu dreien Malen die Geste des Anpochens, ähnlich wie der Eichenheister Mose es tat, als er auf dessen Geheiß zu dreien Malen den nackten, kahlen, trotzigen Felsbrocken in der durstigen Wüste berührte, um seinem schmachtenden Volk die Wohltat des erquickenden Wassers zu verstatten. Allein dem düsteren Manne im Gehrock und Trauerzylinder war der zu schlagende Lebensquell vollständig schnuppe. Er hatte mit dem Gesetzgeber und Wüstenwanderer des Alten Testamentes gar nichts gemeinsam. Erst recht nicht mit seinen jüdischen Leuten. Mochten sie zusehen, wie sie mit dem Eichenheister und dem strohtrockenen Felsbrocken zurechtkamen ... er für seine Person dachte nur an eine pompöse Suppenterrine, zehn Liter Inhalt umfassend, an javanischen Arrak, Tee, Zucker, kochgares Wasser und Zitronenscheiben, kurz an Punsch, den er gleich nach getätigter Amtshandlung, unter Zuhilfenahme dieser Ingredienzien aus besagter pompöser Suppenterrine zu zaubern gedachte. Quod Deus bene vertat , oder ins Deutsche übersetzt: Was Gott zum Besten lenken und fügen möge! »Oremus ...!« Der Medaillenstab holte nach links aus, ein Zeichen dafür: jetzt geht's scharf um die Ecke. Jedereins bewunderte die vorbildliche Ruhe, die reichen Finessen dieses klevischen Barbiers und Leichenbitters. Er führte mit Umsicht, mit einer gewissen Verklärung. Er wurde nicht müde, seinen schwanken Zylinder mit den beiden Puffottern pielgeradeaufrecht auf dem blanken Eierkopfschädel zu tragen, ihn nicht um Haaresbrreite aus der Balance geraten zu lassen. Er führte durch heimliche Heckenwege, über ein ödes Brachfeld und dann wieder in gediegener Schleife an niederen Katstellen vorbei, bis er des Gottesackers ansichtig wurde. Nein, dieser Ferkulum! Beim Anblick des Friedhofes wuchs sein innerer und äußerer Mensch zu gigantischer Tragik empor. Seine Augen gespensterten, sein Medaillenstab schien lebendig geworden. Das Gatter stand offen. Durch dieses hindurch geleitete er Hirt und Herde bis an die Stätte, die für Ildephons Schlickum bereit stand. Zwanzig Schritte eilte er vor, pflanzte sich an der geworfenen Gruft auf und salutierte. Nicht lange mehr – und der Korpus Christi ragte hoch in den Novemberhimmel hinein. »Oremus ...!« In einer kleinen halben Stunde war alles vorüber. – Inzwischen war Jan Derksen nicht müßig gewesen. »Du guter und getreuer Knecht, gehe ein in die Freude deines Herrn«, mit diesen Worten war er dem Trauerzuge im Geiste gefolgt, als dieser das ›Blaue Schiffchen‹ passierte; dann hatte er alles aufs Beste in seiner Wirtschaft gerichtet, die Tische in Hufeisenform zusammengerückt, die Tafel gespreitet, die Dielen mit blütenweißem Rheinsand bestreut und den Kanonenofen mit 'ner gehörigen Portion Brechkoks versorgt, während Frau Derksen und ihre däftige Magd aus dem benachbarten Griethausen, ein Wesen wie aus den fetten Jahren Ägyptens genommen, sich mühten, Messer und Gabel zu legen, Teller und Gläser schnurgerade auszurichten und dem Ganzen noch eine besondere Weihe durch Fichtenzweiglein und weiße Papierröschen zu geben. Friede und Weihe im ›Blauen Schiffchen‹ zu Warbeyen! Die räumige Wirtsstube erinnerte an die Kombüse eines niederländischen Ostindienfahrers, so gediegen war alles, so proper gehalten, so von den seinen Gerüchen nach Genever, Winnenthaler Korn, Ruhrperle und Holländer Zigarren durchdüftelt. Das markante Gesicht Leos XIII., des weisen, gerechten und omnipotenten Stellvertreters Christi auf Erden, des großen Papstes mit dem scharfmodellierten Schnepfenstecher zwischen den gütigen Augen, grüßte freundlich von den taubenblauen Tapeten herunter, flankiert von den Photographien des Ehepaars Derksen im Sonntagsstaat und in opulenter Aufmachung. Unter dem Schirm und Schutz dieses Gerechtesten unter allen Gerechten, dieses unentwegten Freundes des einsamen Kaisers fühlten sich beide so wohl wie die Pfingstfüchse am ersten heiligen Pfingsttag, konnten getrost das Weitere abwarten bis zur Stunde ihres gottwohlgefälligen Ablebens, das Wort auf den Lippen: »Beati omnes, qui timent Dominum, qui ambulant in viis eius. Glückselig alle, die den Herrn fürchteten, die da wandeln auf seinen Wegen.« Jan Derksen hatte sich mittlerweile hinter die Theke begeben. Unter der emsigen Assistenz der weiblichen Hilfskraft, Klartje geheißen, richtete er jegliches zu, um Herrn Ferkulum die spätere Herrichtung der Punschbowle leichter zu machen. Er arbeitete vor. »Klartje, die große Suppenterrine mit dem silbernen Vorlegelöffel!« Suppenterrine und Vorlegelöffel lagen alsbald auf der blankgescheuerten Theke. »Klartje, den Teeaufguß und 'ne Portion Zucker!« Klartje brachte das Verlangte mit sachlicher Eilfertigkeit. »So! und nu die Zitronen, aber die von die oberste Sorte! Das kochgare Wasser für später. Aber ich glaube, bald müssen sie kommen.« Die Zitronen erschienen auf einer rahmweißen Porzellanassiette: zwölf buttergelbe Früchte mit Ausmaßen von Gänseeiern, die zu den Raritäten gehörten. »Schön so! und nu: das Geistige besorge ich selber.« Er griff hinter sich und langte zwei Originalbouteillen mit Arrak von der Anrichte herunter, entstöpselte sie und stellte sie sachlich neben die Porzellanassiette – eine bekömmliche Augenschau, die ihm wohlig Über die Magengrube fingerte und seinen Gaumen wässerig machte, als Klartje, die durch den linken Fensterrahmen die Straße abgesucht hatte, ihn anrief: »Herr Derksen ...!« »Was gibt's denn, mein Ferkelchen?« »Ich glaube, Herr Ferkulum kommt schon.« »Dann geh' ihm entgegen und invitier' ihn ins ›Blaue Schiffchen‹, mein Liebling.« Er sah sich um. Seine bessere Hälfte hatte sich in die Küche begeben, um nach dem siedenden Wasser zu sehen. »Na denn...!« Er verabfolgte seiner tapferen Assistentin einen wohlwollenden Klaps auf die doppelte Breitbordseite, die wie stramme Sandsäcke waren. »Avanti!« Klartje wackelte ab. Gleich darauf geleitete sie den Paten des Todes in das Wirtschaftslokal. Aber keine Spur mehr von einem Leichenbitter und Totenansager. Dieses Amt hatte Ferkulum draußen gelassen, in die kahlen Stoppelfelder verwiesen, ihm den Laufpaß mit auf den Weg gegeben. Sein breites schwammiges Gesicht war eine einzige Hallelujafreude, schnupperte wie das eines Igels, der ein Nest mit sieben zwitschernden halbnackten Mäuschen witterte und es sich im Voraus zu Gemüte führte. Er streckte seinem Hospes die glitschige Rechte entgegen. »Tag Derksen! Ich seh' schon: noch immer beiwege. Gut so! Toujours en vedette . Hier meinen Stecken und Stab. Er hat für heute das Seine geleistet. Bitte, plaziert ihn. Ich selber ...« und mit unnachahmlicher Grazie streifte er den Trauerzylinder über das erste beste Pflockholz, stülpte umständlich seine Ärmel eine Handbreit über und begab sich hinter die Theke. Als er die sachlichen Vorbereitungen sah, wurde seine Hallelujafreude noch einmal so freudig. »Ah!« Er schnüffelte an den delikaten Zitronen herum, beroch die abgelegten Pfropfen, die offenen Bouteillenhälse, begutachtete Zucker und Teeaufguß und sah: es war gut so. Er salutierte. »Nicht besser zu machen, Herr Derksen. Gratulor und meinen gehorsamsten Ausdruck.« Sein Gänsehals beugte sich vor, mit ihm der Eierkopf und die abstehenden Löffel. »Hm!« machte Ferkulum und stierte mit emporgezogenen Brauen in die weitbauchige Suppenterrine. »Dürfte genügen.« Er nahm die beiden Bouteillen in Augenschein, wobei er nicht umhin konnte, sacht mit der Zunge über die Oberlippe zu schlecken. »Sellner ... Düsseldorf ...! Meine Hochachtung, Derksen.« Hierauf langte er sich das ihm zur Hand liegende Kartoffelmesserchen und begann die einzelnen Zitronen zu schälen, mit der Kunstfertigkeit eines Silhouettenschneiders, gepaart mit der tiefgründigen Andacht eines Feueranbeters von der Parsenkolonie am Kaspischen Meeresgestade. Die erste ... die zweite ... die dritte ...! Keine Schale mißlang ihm. Sie trennte sich haarnadelfein, unverletzt und kringelnd und ringelnd vom Mutterleibe herunter und hatte letzten Endes noch die innige Freude, sich als goldgelber Rosenkranz über Schemisettchen und Weste des Silhouetteurs zu schlängeln, denn Herr Ferkulum besaß die löbliche Angewohnheit, sich jede einzelne als Trophäe um Hals und Nacken zu zirkeln, ein Zeichen dafür: »Achtung die Herrschaften! Ich allein bin kumpabel, so 'ne Leistung auf den Tisch des Hauses zu legen. Von Rechts wegen und mit allen Schikanen.« »Erledigt!« und fingerfertig zerlegte Aloys die entkleideten Südfrüchte in niedliche Scheiben, versenkte sie in die Tiefe der dickleibigen Porzellanamphore, übergoß sie mit Tee, tat eine abgemessene Portion Zucker hinzu, ließ das Gemengsel einige Minuten lang ziehen und begann aufs neue zu schnüffeln. »Pompös!« Er war restlos zufrieden und konnte sich nicht genug daran tun, immer wieder die zuckenden Naslöcher der Bauernterrine zu nähern, den köstlichen Hauch von Zitronen, Tee und Zucker sachkundig einzuziehen, als der Besitzer ›Zum Blauen Schiffchen‹ ihn anrief: »Aloys, sie kommen!« »Dann bitte den Kochpott.« Derksen gab den Befehl mit Stentorstimme an die rechte Adresse: »Klartje avanti !« Und Klartje verschwand wie ein rasches, wenn auch molliges Wiesel, um gleich darauf mit dem siedenden Wasserkessel hinter die Theke zu witschen. Ferkulum hatte inzwischen eine Arrakbouteille ergriffen, brachte sie halbquer über die geheimnsvolle Phiole und sagte: »So Klartje, gieß' zu, aber bedachtsam«, und während diese der Weisung gewissenhaft nachkam, ließ Ferkulum den eigentlichen Geist der Bowle in Dampf und Gischt hineinsprudeln. »Gluck, gluck, gluck!« machte die Arrakbouteille. »Nu die zweite heran! Klartje, paßt Achtung!« und abermals begannen die Elemente Arrak und Wasser zu gluckern, sich in harmonischer Ehegemeinschaft zu einen, levantische Düfte verschwenderisch durch die Wirtsstube des 'Blauen Schiffchens' zu wölken, und während es wölkte und strudelte, siehe: das Trauergefolge stellte sich ein, einzeln und zu zweien gereiht, legte ab und sah erstaunt auf die mysteriöse Szene, auf das feierliche Walten und Schalten hinter der Anrichte. Derksen sprang zu, begrüßte die Gäste, wobei er den imponierenden Vorgang des Punschbrauens sachlich erklärte. Aloys Ferkulum ließ sich nicht stören. Von delikaten Dämpfen und Dünsten umnebelt, ergriff er den silbernen Vorlegelöffel. Bald war's Zeit, dem werdenden Edeltrank die letzte Ölung zu geben, ihm noch das zu verleihen, was er benötigte, um als fertig angesprochen zu werden. Der emsige Mann begeisterte sich an seiner eigenen Arbeit, wurde erregt wider Willen. Sein Kopf erinnerte an den eines kalkuttischen Bronzeputers, war rot überlaufen, dazu safrangelb und bläulich getempert. Er hielt jede Phase des Werdeganges unter scharfer Kontrolle. Jetzt schleierte sich ein mildes Lächeln um die Mundecken. »Noch nicht, aber nu!« Der Löffel sank in die Tiefe, hub leise an zu rühren, wunderliche Kreise zu ziehen. Ferkulum mischte mit der Umsicht eines kundigen Niederrheiners, eines selbstherrlichen Kenners und Könners, der Jahrzehnte hindurch aus dem gefeierten Barkeepers-Guide How to mix drinks' , erschienen zu New-York Anno Domini achtzehnhundertzweiundsechzig, seine Weisheit eingeholt hatte. »Ah...!« Ein Arom, als stammte es aus den Würz- und Rosengärten von Saron entströmte der Suppenterrine, ließ die Sinne der Geladenen aufmerken und ihre Herzen höher schlagen. »Fertig!« Aloys legte den Löffel ab und sah strahlend über Theke und Tafeltuch. »Herr Derksen ...!« »Wie – bitte?« »Herr Derksen, das weitere überlasse ich Ihrem und Klartjes Ermessen. Ich meine das mits Einschenken und 's Anpräsentieren.« Hierauf mischte sich der Mixer unter die Gäste, und zwar mit dem Gehabe eines Mannes, der das Seine getan hatte, ohne Wettbewerb, ohne seinesgleichen gefunden zu haben. Hochwürden ...! Sein Eintritt löste eine gewisse Weihe und Feier aus. Alle Herzen schlugen ihm freudig entgegen. Die hohe Gestalt imponierte. Das abweisende und doch einnehmende Gesicht wußte die Schäflein zu nehmen. Die durchgeistigte Hand lenkte mit Umsicht. Sie führte die ihr anvertrauten Seelen auf fette Weide oder auf steinichten Acker, je nachdem er sie zu belohnen oder zu strafen gedachte. Er erschien in schlichter Soutane. Röckling und Stola hatte er in der Sakristei abgelegt. Daher auch die kleine Verspätung. Sein Auge ging von einem zum andern. Er begrüßte Jansen und Tochter, letztere mit besonderem Wohlwollen. Er fand gütige Worte für die Herren Lehrer der benachbarten Ortschaften, für die schmucke Ladenmamsell und den kreuzbraven Magazinier Severin Baumann. Seinem Jugendgenossen von der Präparandenansialt Heribert Kästner gab er innigst die Rechte: »Willkommen in Warbeyen und frohes Schaffen dahier.« Sein Blick fiel zur Linken. »Ah! sieh' da – auch Sie, meine Herren! Sehr lieb von Ihnen, daß Sie meiner Einladung Folge gaben.« Er trat auf zwei stattliche Männer zu, die sich etwas abseits gehalten hatten – auf Dores van Laak und Matthieu Thönissen, zupackende Gutsbesitzer mit schwergoldenen Ketten auf den gerundeten Bäuchen, gehaltvolle Mitglieder des Kreisausschusses, die aber das Dasein auszukosten verstanden und es sich nach getaner Arbeit kommoder machten als die fetten Königspinguine und Lummen unter dem dunstigen Scheinen der Mitternachtssonne: »Meine Herren, daß Sie sich bei Ihrer regen Tätigkeit, bei dieser greifbaren Misere der Landwirtschaft diese Stunde abrangen, ist mir eine ganz besondere Freude. Ich danke Ihnen im Namen des Herrn Ildephons Schlickum.« Dores van Laak trat vor und sagte, gleichzeitig im Namen seines Freundes Matthieu Thönissen: »Absolutemang gar nichts zu danken. Im konträrigen Gegenteil – wir machen uns 'n kleines Pläsiervergnügen daraus, das Andenken des Abberufenen mit 'nem kleinen Gläschen Punsch zu begießen.« »Hm!« machte Heinrich Verschüren. »Und wo bleiben ich, Herr Kaplan?« Vor ihm wuchs die lurksige Gestalt des Leichenbitters aus dem mit Sand bestreuten Riemenboden, jetzt mit dem fidelen Gesicht eines Pyrotechnikers, der ein amüsantes Feuerwerk abzubrennen gedachte. »Ich bin auch noch im Lande, Hochwürden.« »Servus, Servus, Herr Ferkulum. Last not least. Wenn auch der letzte, so doch nicht zuletzt. Nein, mein Lieber, ich bin Ihnen recht innig verpflichtet, als Priester verpflichtet und als stellvertretender Gastgeber hiesiger Kirchengemeinde verpflichtet. Ihre Assistenz bei der Beisetzungsfeier zeigte Würde mit Umsicht ... und wenn meine Sinne mich nicht täuschen ... ich sehe, ich rieche ...« »Höhö!« lachte Aloys. »Alles allright! Ich meine, die Suppenterrine ist voll delikater Punschatmosphäre.« »So dürfen wir wohl ...?« »Gewiß, Herr Kaplan«, und Ferkulum drehte den Eierkopf über die Schulter. »Derksen, beginne! Hochwürden möchten nu endlich etwas Positives besitzen. Nous avons, vous avez ... « »Wird gemacht!« gab der Inhaber des 'Blauen Schiffchens' zurück. Er stand bereits mit gezücktem Vorlegelöffel hinter der Bowle. Derweilen er einschenkte, seine Frau und Klartje Butter, Korinthenwecken und Geldernsche Knipplätze zutrugen, die gefüllten Gläser beisetzten, placierten sich die Herrschaften an der sauber gespreiteten Hufeisentafel. Heinrich Verschüren präsidierte. Er hatte Henriette an seine Rechte gebeten. Links von ihm saß Dores van Laak, ihm schräg gegenüber Jansen, Matthieu Thönissen, Heribert und etliche Lehrer. Herr Baumann nebst Ladenmamsell und Aloys Ferkulum schlossen die Reihen mit dem wohligen Gefühl: eine weise Fürsorge sei ihnen günstig gewesen und habe jegliches aufs schönste eingerichtet. Erst ein stilles Gebet, ein verhaltenes Flüstern, das so recht nicht aus sich herauswollte, geisterte unter den Menschen herum, die sich hier zusammengefunden hatten. Trotz des animierten Punsches, dessen Qualität allgemein anerkannt wurde, blieb die Unterhaltung in äußerst bescheidenen Grenzen. Beim zweiten Gläschen taute sie auf, belebte sich, um immer zutunlicher und anregender zu werden. Nur Joris Jansen konnte den richtigen Anschluß nicht finden. Die in Heiligenbaum durchkostete und durchlittene Stunde hatte ihn völlig aus dem Senkel geworfen, ihm das genommen, was er bitter benötigte, sich leidlich mit seinem Lufthunger abzufinden. Er verstand seine Umgebung nicht mehr, sich selbst nicht mehr und alles das nicht mehr, was ihn mit Fieberhänden betastete. Selbst seine Tochter kannte er nicht mehr aus. Seit seinem letzten Begegnen mit ihr mußte er sich eingestehen: immer mehr entgleitet sie der väterlichen Obhut, begibt sich auf Pfade, die mit den seinen keine Gemeinschaft aufwiesen, gewillt auf Gedeih und Verderb ihr eigenes geheimnisvolles Dasein zu führen. Stumm und insichgekehrt saß sie neben Hochwürden. Aus dem dunklen Kleid mit dem florigen Halsschmuck wuchs ihr bleiches Gesicht wie eine schöne Medaille. Schwer war ihr dieser Gang angekommen, noch schwerer das Verweilen an der gespreiteten Tafel im 'Blauen Schiffchen'. Ihre samtbraunen Augen mit den eingesprenkelten Goldsplitterchen schienen zu sprechen: »Was soll ich unter euch? Ihr versteht mich ja doch nicht ... und wer da glaubt, mich Lügen zu strafen, mein Herz in seinen Zweifeln und Anfechtungen, in seinem Wandel und Wechsel ergründet zu haben, der jagt seinem eigenen Schatten nach, ohne seiner habhaft zu werden. Ich selber – ich verstehe mich selbst kaum, weiß nicht, was die seltsamen Kräfte bezwecken, die mich tagtäglich, stündlich mit ihren weißen Fingerspitzen berühren. Ich weiß nur: meine Sehnsucht ist eine große und unendliche Sehnsucht, unermeßlich wie ein blühendes Weizenfeld, das unter dem Hauch einer sachten Rheinbrise dahinwellt, einer schönen wunschlosen Ferne entgegen, ohne diese Ferne jemals erreichen zu können. Meine Lippen sind wie blutende Wunden. Wem biete ich sie? Wer kann sich satt und genug daran trinken? Rote Rosen, blutende Wunden ...! Nur dem biete ich sie, dem ich mich selber erschließe, dem ich entgegenschauere wie der blühende Baum dem Frühlingssturm entgegenschauert, selbst auf die Gefahr hin, unter dieser Umarmung mein Leben zu opfern. Ja, meine Lippen sind wie blutende Wunden ... O! – wer nimmt mir das tropfende Blut von den Lippen?!« Ihre Gedanken versandeten. Sie warf einen scheuen Blick auf Heribert Kästner. Dessen Gesicht war abgekehrt und von einer eisigen Strenge. Aloys Ferkulum fing diesen Blick auf. Er stieß Herrn Baumann mit 'nem gekniffenen Äugelchen in die unteren Rippen: »Herr Kommis, diese Göttermadonna, an der könnte unsereins wieder jung werden und so 'ne kleine Dezimalsünde riskieren. Deo gratias! « Die erste Ladenmamsell kicherte los. Der Präside hob verwarnend die Hand. »Aber Fräulein Franziska ...!« Er klingte ans Glas. »Pst!« rief Ferkulum mit dem dummen Gesicht eines Dorfköters, der soeben einem Handwerksburschen an die abgewetzten Hosen gefahren. »Pst, meine Herrschaften! Hochwürden will sprechen.« Und Hochwürden erhob sich. Sein scharfgemeißelter Kopf mit der freien Stirn, dem dunklen, etwas welligen Haar stand hoch über der Tafel. »Meine Geliebten! Was sterblich an ihm war, nahm die Allmutter Erde zurück, was ewiges Leben empfing, zog über den Weltenkreis hinaus zu den Thronen und Mächten, zu den Engeln und Erzengeln, um gemeinsam mit ihnen, unter Harfen und Psaltern, dem Unerforschlichen, dem Unüberwindlichen, dem Sternenbeweger und dem Hirten der Ewigkeiten zu lobsingen. Du bist bei uns, o Herr, dein heiliger Name ist angerufen über uns: verlasse uns nicht, o Herr, unser Gott! In deinem Beisein gedenken wir des Beigesetzten, gedenken wir der unerschütterlichen Treue seinem Heiland und Schöpfer gegenüber. Nehmt sein Leben und Sterben – alles in allem: es ist köstlich gewesen. Herr Ildephons Schlickum verdient es, gepriesen zu werden. Also preisen wir ihn ... und ich hoffe zum Alleserbarmer, sein Nachfahre im Amt, mein Freund Heribert Kästner wird so spurgerecht in die vorgezeichneten Fußstapfen treten, daß Kirche, Staat und Gemeinde sich freudig die Hände reichen und sagen werden: In ihm und seinem vorbildlichen Wirken haben wir Ildephons Schlickum wiedergefunden.« »Bravo! Darauf trinken wir einen. Klartje, ich bitte um Nachfüllung.« »Herr Ferkulum, bitte. Das dürfte Zeit haben bis nach meiner Rede.« »Allerdings – ja. Exküsiert, Herr Kaplan.« Heinrich Verschüren sprach weiter. Sein unentwegtes Haupt mit der scharfen Tonsur stand zuversichtlich im Räume. Seine Rechte hob und senkte sich wieder. Seine Worte formten sich scharf und bestimmt zwischen den Lippen. Die weißen Zähne kamen zeitweilig wie lichte Perlenschnüre zum Vorschein. Sie modelten. Jede Silbe kam gleichsam von einer präzisen Präge herunter. »Geliebte! Gleichwie der Hirsch nach der Wasserquelle, so verlangt unsere Seele nach dir, o mein Herr und Gebieter. Wann werden wir erscheinen vor deinem Angesicht? Wann wird für uns aufgehen das ewige Licht? O freudenreicher Tag, an dem wir hören werden das Wort: Gehet ein in die Herrlichkeit unseres Herrn! – Ildephons Schlickum hat diese Worte vernommen. Er weilt bei den überirdischen Thronen, und nach menschlichem Ermessen mit dem Recht eines Auserwählten, denn seine Lebensnorm, seine politische und kirchliche Einstellung war von jeher die eines Gerechten in Israel. Als unentwegter Anhänger der neuen Verfassung, wies er Krieg- und Kriegsgeschrei weit von sich ab, war er Friedensucher von lauterstem Wasser, hielt er unsern Gegnern, den Belgiern, die mit mehr oder minderem Recht unsere Gegend besetzten, die Wange hin, willens, im Namen der Duldsamkeit auch den zweiten Backenstreich in Empfang zu nehmen, was ihn aber keineswegs hinderte, als Streiter der heiligen Caritas in den vordersten Reihen zu kämpfen – im Namen Gottes und zum Heile der Bedrückten im hiesigen Kirchenspiel. Das war groß und hehr von dem Manne!« »Bravo!« Der Sprecher lächelte mit unendlicher Güte. »Folget ihm nach, und eure Taten werden gewertet im Himmelreich. Und weiter ... Noch im verflossenen Sommer suchte er Oberammergau auf, um an den weihevollen Bauernspielen sein abständiges und müdes Herz zu erquicken. Restlos glücklich kehrte er heimwärts, voll Begeisterung, voll seligen Dranges ... und als ich ihm dartat, ich sei selber gesonnen, auch für Heiligenbaum eine ähnliche Stätte zu schaffen, griff er nicht nur meine Idee auf, sondern ermunterte und beschwor er mich, das Drama zu schreiben. Ich tat es. Die Passion, die Leidensgeschichte des Herrn ist fertig.« Seine Hand schlug gedämpft auf den Tisch. »Ist fertig ...! Kein Tiftelchen mehr fehlt. Münster wurde verständigt ... das Imprimatur gegeben. Der hochwürdigste Herr erteilte es unter den paulinischen Worten: der Geist Christi wohne in euch, ströme über und über, indem ihr in aller Weisheit euch selber belehret, euch aufmuntert durch Psalmen, Gesänge und geistliche Lieder. So das bischöfliche Ordinariat, so der hochwürdigste Herr in seiner allesumfassenden Liebe und Werktätigkeit ... und ich hoffe zu Gott: um die heilige Pfingstzeit wird die Passion, die Leidensgeschichte des Herrn, die Freilichtbühne bei Heiligenbaum zu einer glanzvollen machen. Tausend werden kommen, tausende und abertausende ihr Scherflein beitragen, der gefeierten Caritas ein Kränzlein zu winden, und alle – sie werden am Eingang der Bühne mit den Oberammergauer Worten begrüßt: Alle seien gebenedeit, Welche die Liebe hier Um den Heiland vereint, Trauernd ihm nachzugeh'n Auf dem Wege des Leidens Bis zur Stätte der Grabesruh.« Seine Stimme schwoll an: »Ich für meine Person trete zurück, obgleich ich Anreger und Verfasser des Dramas. Ein Toter geht vor. Er spornte mich an, er leitete mich, er führte mich. Er beflügelte meine Gedanken, befruchtete sie, half mir, die eingeholte Ernte in die hergerichtete Scheuer zu tragen ... und das wertet mehr denn alles Geschreibsel.« Seine Blicke nahmen einen verklärten Glanz an. »Herr Ildephons Schlickum, ich grüße dich, ich lasse dich nicht, denn bei deinem Gedenken sind wir in Gottesnähe, fühlen wir den Odem des ewigen Vaters. Du bist unter uns, genau wie am Tage, da du die Sonne noch sähest. Du bleibst für uns ehrfurchtgebietend ... und drum, meine Geliebten im Herrn, ehren wir ihn in seinen Taten und Werken, als Mensch und als Geist in holder Verklärung. Ich bitte darum: ehren wir ihn, ehren wir ihn, indem wir uns von unseren Sitzen erheben, im Namen des Allbarmherzigen.« Alle erhoben sich, sprachen ein kurzes Gebet und setzten sich wieder. Nur der Sprecher blieb stehen. Aloys fiel ein: »Herr Kaplan, nu können wir wohl ...! Klartje, ich ersuche um 'nen kleinen Zuschuß.« »Herr Ferkulum, ich sagte bereits ...« »Ja – so! Exküsiert, Herr Kaplan. Bis später denn, Klartje.« »Ja, meine Geliebten« – und jedereins fühlte, der junge Kleriker war ganz bei der Sache, seine Darlegung ein einziges Leuchten – »ja, um die Pfingstzeit können wir bestimmt mit der Eröffnung der Passionsspiele rechnen. Tochter Sions, freue dich, freue dich, Heiligenbaum! denn dein Heiland wird eintriumphieren in Jerusalem, wird predigen im Angesichte von Golgatha und des Berges des Ärgernisses, wird mit seinen Jüngern das Abendmahl teilen, gefangen werden, gekrönt und gegeißelt, wird sein Kreuz tragen durch die Straßen von Jerusalem, wird sich schleppen zur Höhe der Schädelstätte, unter sich das steinichte Land, die mageren Ölbäume, die Fernen des Reiches und die vergoldeten Kuppeln des Tempels ... und das Holz wird gerichtet mit dem zermarterten Korpus ... Heil Jesus von Nazareth, König der Juden ...!« und das Wort des Sprechers wurde lind wie das Säuseln der Palmen im Tale Josaphat: »Herr, in deine Hände empfehle ich meinen Geist! und siehe: er neigte das Haupt – der Erlöser, und starb im Angesicht der verfinsterten Sonne, zum Heile der Menschen, im Namen des Vaters, der da ist in den Himmeln. – Geliebte, seht diese Bilder! Die Passion ist vollendet ... aber sie wird um die kommenden Pfingsten aufs neue erstehen, in die Knie zwingend, ebenso machtvoll wie damals, als die Gräber sich öffneten, der Vorhang mitten entzwei riß und das gerichtete Marterholz mit ergreifenden Worten verkündete: Ich werde den Weltkreis beherrschen, seine Menschen führen bis an das Ende der Tage ... und viele unter uns, viele von hier, aus Heiligenbaum und den benachbarten Ortschaften fanden sich bereit, ihr Können in den Dienst der großen Sache zu stellen, Herz, Liebe und Arbeit in die Opferschale des Herrn zu legen, so unter anderen die preisliche Jungfrau Henriette Jansen, gebürtig zu Kleve, eine Kraft, gefaßt in Perlen und köstlichen Steinen. Sie verpflichtete sich in selbstloser Weise, die Maria von Magdala zu inaugurieren – und wenn alles nicht täuscht, so wird auch mein Freund und Jugendgespiel, wird Heribert Kästner seine Kunst und Begabung, sein hohes Erfassen frohen und gläubigen Herzens darbringen, um das geplante Werk mit der Palme zu krönen. Ich denke dabei: er wird den Prologus verfassen und den Lieblingsjünger Jesu verkörpern. – Heribert, Heribert, tu' mir die Freude! du wirst doch?!« Eine weiße Hand streckte sich aus. »Heribert – du ...?!« »Nein!« Hart wie Kieselstein fiel dieses ›nein‹ von harten Lippen herunter, und die Blicke zweier Männer bohrten sich wechselseitig tief in die Augen. Fünftes Kapitel »Was – nein ...?!« Eine gelle, erregte und warnende Stimme ging über die Tafel, war wie eine verzweifelte Frage, ein dringendes Flehen und doch ein unerbittliches Drohen. Sie entsetzte sich vor innigem Mitleid, um durch dieses Mitleid tiefe Wunden zu schlagen. Sie hüllte sich in das Kleid des Erstaunens, um vorläufig noch das zu vertarnen, was alle befürchteten, was kommen sollte und mußte, ohne die Mittel zu haben, das unheilvolle Gespenst wieder in seine Gruft zu verweisen ... und es war ein Gespenst unter die Menschen getreten, ein Untier, das sich breit und schwer von der Decke herniedersenkte mit den häutigen Segeln von grauen Fledermausschwingen. Heinrich Verschüren stand noch immer erhobenen Hauptes. Sein Antlitz war bleich wie die konsekrierte Hostie im Tabernakel geworden. Die Knöchel der geballten Hände preßten sich gegen die Tischkante. »Heribert – du ...?!« sagte er endlich. Jede Silbe war schartig, bebte vor tiefer Erregung. »Das mir, deinem Freunde?! Das mir, deinem Jugendgenossen, du und ich, die wir beide Freud und Leid in Kornelimünster durchkosteten, bis die Geschicke uns trennten ...?! du – ich ersuche um Antwort, kläre mich auf.« Keine Antwort erfolgte. »Heribert, ich ersuche dich nochmals.« »Du kennst meine Ansicht.« »Ich weiß von gar nichts.« »Dann besinne dich, Heinrich.« Der Kaplan stierte ihn an. Seine Ganaschen mahlten scharf gegeneinander. Er suchte nach Worten, ohne die Worte finden zu können. Sein Geist irrte ab. Henriette saß wie verlähmt, und diese Verlähmung ging heimlich auf die andern über, verstörte sie alle. Jan Derksen, der just dabei war, die etwas abgekühlte Bowle über eine Spiritusflamme zu schieben, kümmerte sich nicht weiter um die Suppenterrine, stemmte die Arme ein und rief mit halblauter und verärgerter Stimme: »Das ist ja unerhört, Seiner Hochwürden solche Spargitzen zu machen! und so was will unsere Kinder fromm und gottesfürchtig belernen?!« »Jawoll unerhört!« hieb Aloys Ferkulum in die nämliche Kerbe. »Das ist ja nächst dem leibhaften Satan! Bei sowas geht ja der solideste Punschpott zum Teufel! Klamauke! Unerhörte Klamauke! Bloß keinen Dünkel, Herr Lehrer ...« und Aloys, dem schon der Zitronenpunsch etwas unter dem blanken Sardellenschädel aufbegehrte, schlug auf den Tisch. »Nee, bloß keinen Dünkel, Herr Lehrer! Das paßt nicht ins ›Blaue Schiffchen‹, das kann mein Freund Jan Derksen absolut nicht vertragen. Jedem das Seine. So hab' ich's immer gehalten ... und wenn 'ne honette Mamsell, wie Fräulein Jansen solche bewerkstelligt, mit Frohsinn dabei ist, 'ne heilige Maria Magdalena zu mimen, ich selber den Pontius Pilatus vertrete, wie sollte da so'n simpler Magister nicht die Kurasch aufbringen können, den Lieblingsapostel in Heiligenbaum herunterzuarbeiten?! Nee, Herr Lehrer, das wär' doch gelacht und den Ratzen auf die kleberigen Schwänze getreten. Höhö! aber nichts für ungut, Herr Lehrer.« Der also Gemaßregelte warf ihm einen lässigen Wink zu. »Danke für getätigte Weisheit. Nur möchte ich Ihnen, Herr Ferkulum, ergebenst anheimstellen und Sie dahin beraten: Bleiben Sie bei Ihrem Metier, bei Medaillenstab und Barbierbecken, aber lassen Sie den römischen Landpfleger Pontius Pilatus gefälligst in Ruhe.« Kopf und Gänsehals geisterten hoch. »Herr, das mir, mir dem eingeschworenen Komödienspieler! Das mir, wo der Kaplan, der Erfinder der Freilichtbühne von Heiligenbaum, mich bereits wert und würdig befunden ... Das schlägt dem Faß den Boden aus, das haut den Sauerkrautpott mit Strunk und Stiel auseinander. Schwerebrett noch einmal! Herr, da soll ja ein dreifach durchdestilliertes Himmelgewitter ...« Joris Jansen, der mit bangem Gesicht und stoßweisem Atem dem Vorgang gefolgt war, griff ein, völlig verlähmt und ganz durcheinander. »Aloys, nicht so! Aloys, Ihr habt Kontenance zu halten, wenn es nicht heißen soll: im ›'Blauen Schiffchen‹ sind die Nobilitäten aneinander geraten, besonders heute, wo wir eine heilige Feier begehen, wir innigst dabei sind, dem Verstorbenen ein stilles Gläschen zu weihen. Und Sie, Herr Lehrer, warum dieses ›Nein‹, dieses Zertreten eines berechtigten Wunsches? Das Wort der Kirche ist heilig. Ihr Ruf verpflichtet, und wer kumpabel ist, diesem Rufe nachzukommen, hat sich nicht wie 'ne dämliche Kegelkugel über 'ne Rollerbahn trudeln zu lassen.« »Darf er auch nicht.« »Na also. Hat vielmehr die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, forsch in die Hände zu spucken und mit 'nem extra ordinären Treffer alle neune zu schieben.« »Ganz meine Ansicht.« Der Chef des Trauerinstitutes machte kreisrunde Augen. »Dann verstehe ich nicht ...« »Was nicht, Herr Jansen?« »Daß Sie so schlankgeradeweg dem Herrn Kaplan seine äußerste Freude verbiestern, ihm nicht die Hand dazu bieten, die geplante Trauerkomödie in Heiligenbaum so groß und so hoffnungsfreudig wie nur möglich auf den Tisch des Hauses zu legen; denn bei Lichte besehen und soviel ich das in Beurteilung habe: es ist doch 'ne Sache, in diesen abständigen Zeiten Geld unter die Leute zu bringen, den Hilfsbedürftigen beizuspringen und der Welt unter die Nase zu reiben: die Niederrheiner sind auch nicht so ohne, besitzen 'ne gehörige Portion Grips mang die Rippen, können ebensogut wie die Bauersleute und Handwerker im Bayerland dem lieben Gott durch ihre Kunstfertigkeit aufwarten, um ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen. Drum ist es mir rein unverständlich, Herr Lehrer, wie Sie es fertig bringen konnten, dem Herrn Kaplan auf liebevolle Anforderung mit 'nem klaren schockierenden ›Nein‹ unter die gütigen Augen zu treten.« »Ich habe meine Gründe, Herr Jansen, und diese Gründe gebieten mir, meinen eingenommenen Standpunkt bis auf den letzten Rest zu vertreten.« »Da bln ich aber begierig, Herr Lehrer.« »Höhö!« lachte Ferkulum. »Ich aber auch. Joris, Ihr besitzt schon den richtigen Kasus. Das war 'n Manneswort, 'n däftiges und ausklamüsiertes. Dran kann jedereins sich 'n Beispiel dran nehmen. Ich zum Exempel ... und wenn Herr Heribert Kästner in seiner Sturheit verbleibt«, – und der Erregte schlug sich derb auf das blaugestärkte Schemisett – »ich bin dito der Mann, und wenn der oberste Spielgenosse sein Amen zu gibt – ich dichte den Prologus, den der Herr Lehrer verabscheut, nehme außer dem Pontius Pilatus noch den Lieblingsapostel auf meine eigene Kappe. Das ist Mannestat, wenn sich der Herr Kaplan in der äußersten Predullig befindet. Das tu' ich, Herr Lehrer, so wahr ich mich Aloys Ferkulum benenne, wohnhaft zu Kleve, in Nähe der Stechbahn.« »Viel Glück bei der Sache.« »Herr, ich bitte mir aus: keinen Tusch.« Ferkulums Augen kniffen sich ein, glitzerten wie die eines bösartigen Kanins. »Sonst könnte es immer passieren ...« Er schwieg, denn er fühlte, bis hier und nicht weiter. Heribert hatte sich gefaßt und herrisch erhoben. Sein Blick streifte für eine Augenblicksspanne die hohe Gestalt der Geliebten. Ihr Haupt war gesenkt, die Hände krampfhaft verflochten. Kein Lebenszeichen an ihr, auch nicht das geringste. Sie verharrte in ihrer früheren Stellung, als wäre der Tod sacht an ihre Seite getreten, als streichelte er ihr Stirn und Schläfen mit linden, wenn auch kalten Händen. Die Stimme Heinrich Verschürens erhob sich aufs neue. »Heribert ...!« Jählings brach sie ab, um mit verhaltenen Lauten weiterzusprechen: » Beati omnes, qui timent Dominum. . Ja, glücklich der Mann, der den Herrn fürchtet. Der Herr wird ihn segnen und seine Taten wägen wie rechtens und billig. Sein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock an den Wänden seines Hauses. Seine Kinder wie Ölbaumpflanzen um seinen Tisch herum. Ihm wird nichts mangeln, weder an leiblichen noch an geistigen Früchten. Siehe, also wird der Mann gebenedeiet, der den Herrn fürchtet. Herr, gib Frieden – diesem Hause, uns allen.« Er raffte sich auf. Unter atembedrückender Spannung trat er seinem Jugendfreunde entgegen. Beide Männer standen sich hoch und hehr gegenüber. Keine Fiber zuckte in den undurchdringlichen und festen Gesichtern. Nichts gab Kunde davon, was beider Herzen bewegte, was sie früher durchlebt hatten, Hohes und Gutes, Frohes und Schmerzliches, Gleiches und Gegensätzliches, Sehnen und Suchen – und was sie bis zur jetzigen Stunde durchlebten und noch zu durchleben gedachten, im Hinblick darauf, sich ein offenes, freies Ich zu erkämpfen oder am Schicksal verbluten zu müssen. Der Kaplan hob die Hand, um sie wieder sinken zu lassen, da er sah: sein Widerpart stand wie ein eingerammter Pfahl in eisigem Schleusenwasser. Aber er lächelte ein gütiges Lächeln und sagte, was er vorhin schon sagte: » Beati omnes, qui timent Dominum. . Herr, gib Frieden, gib Einkehr. Auch dir, auch mir, auf daß wir sagen können: Da wir den Herrn fürchteten, legte er unsere Hände zusammen, fügte er jegliches zu einem löblichen und ersprießlichen Ende. Heribert«, und seine Stimme nahm einen warmen und vertraulichen Ton an, »erinnere dich, bitte, schaue zurück, gehe mit mir nach Kornelimünster in das stille und verwunschene Reich unserer Jugend. Ich will dich führen und leiten, dir dartun, wie es damals gewesen. Ach du! wir waren Kameraden und Schülerlein, frei und fröhlich in Gott, gläubig im Herrn, nur darauf bedacht, uns wechselseitig der Tage zu freuen, sie zu Tagen des Fleißes und einer ersprießlichen Arbeit zu machen, so unserm Schöpfer zu dienen, im gegenseitigen Vertrauen auch hilfreich zu sein, um für später Schulter an Schulter das Leben zu meistern, es unter die Füße zu zwingen, den Kampf zu beginnen, ihn ruhmreich zu einem glücklichen Ende zu führen. Ja – du, Kameraden und Schülerlein, frei und fröhlich in Gott, gläubig im Herrn, beseligt von ein und demselben Herzschlag! War es nicht so, oder bist du anderer Ansicht?« Heribert Kästner fuhr sich schwer über die Augen. »Ja, Heinrich, so war es.« »Bis die Fügung uns trennte«, fuhr der junge Kleriker fort. »Du bliebst – ich jedoch hatte mich dem Schermesser zu beugen, hatte die Soutane zu tragen, mich dem unmittelbaren Dienste der Kirche zu weihen ... und trotzdem, wenn auch unsere Weltanschauungen zuweilen auseinander flackerten, wir blieben doch in Lebensgemeinschaft, in Seelenverwandtschaft ...« In seinen Blicken begann es zu lichtern, aufzubegehren. »Und nun muß ich sehen ... vor Wochen bereits, in der jetzigen Stunde ... Wie kommst du darauf? Wo nimmst du den Mut her, mir mit diesem kategorischen Imperativ unter die Augen zu treten?« »Heinrich, mäßige dich.« »Du – deine Vermahnung ist jetzt nicht am Platze, denn warum diese plötzliche Animosität gegen mich, einem Werk gegenüber, dessen Lösungen ich mit heißer Seele erstrebe? Warum diese Verneinung in höchster Potenz, wo es genügt hätte, mir deine Bedenken und Gründe unter vier Augen auseinanderzusetzen? Da du aber scheinbar mit Absicht die Öffentlichkeit suchtest – gut, so soll auch meine Antwort die Öffentlichkeit finden.« »Halt – du ...!« Auf der hohen Stirn seines Gegners zuckte es hell, brannte es mit der Zornesader eines noch fernen Gewitters. »Was fällt dir ein, mich hier vor Schrein und Schranke zu fordern, mich hier zu behandeln, als säßen mir noch die Eierschalen am Bürzel? Ja – du, Freundschaftsblut ist dicker als Wasser, aber auch ein solches Blut kann sich ändern. Ja – ich bin irre geworden, irre geworden an so vielem in Deutschland, irre geworden an Treue und Glauben, an Worten und Werken, an hohen Sprüchen und Heilswahrheiten. Zucht und Ordnung, Treue zu Kaiser und Reich sind von jeher die Türhüter des deutschen Hauses gewesen. Niemals Pazifismus, Hinterhältigkeiten und Sonderinteressen. Das ist anders geworden. Selbst die Berufenen, die Priester und Gesalbten versagen, führen das Volk in die Irre. Heute nennt ihr das Hakenkreuz die Pest Gottes, gesetzt, den Baaldienst in Kirchen und Provinzen zu tragen, morgen schon sitzt ihr mit ebenderselben Pest Gottes am Verhandlungstisch, um letzten Endes die großen Errungenschaften dieser Bewegung doch zu verleugnen. Wo bleiben da die Heilswahrheiten, die Segnungen des Herrn, unseres Gottes, unseres Lehrers und Meisters?! Lächle nicht, du hast kein Recht hier zu lächeln, mit diesem Lächeln mir den Mund zu verschließen. Es ist ein furchtbarer Ernst, der mich zwingt, dir hier mit freier Stirn entgegenzutreten, ein Ernst aus schreiender Seele, geeignet, einem den Kopf in den Nacken zu drehen. Störe mich nicht, denn ich bin noch nicht fertig. Ja – du, ich bin irre geworden, auch an dir irre geworden ... denn ich beobachte dich schon seit Wochen und Monden, und so wahr mir Gott helfe – es will mir fast scheinen, als marschiertest du mit fliegenden Fahnen ...« »Was – ich?! und dazu noch: an mir irre geworden ...?!« »Du sagst es«, und Heribert Kästner trat näher, so nahe, daß beider Herzen wechselseitig ihr Klopfen hörten. Zwei hohe Stirnen, zwei eherne Gesichter standen sich hart gegenüber. Vier Balduraugen flammten sich an wie geschliffene Klingen, und jede Klinge suchte bis in die innerste Niere zu stoßen. »Ja – du, an dir bin ich irre geworden. Du siehst die Gefahren, die Hinterhältigkeiten gewisser Finsterlinge, du siehst ihr heuchlerisches Treiben und Lassen und findest den Mut nicht, dem allen ein energisches Paroli entgegenzusetzen. Möglich, du kannst nicht mehr anders, hast deine Weisung, einem unentrinnbaren Befehl Folge zu geben. Ihn niederzuzwingen, würde den Interessen gewisser Parteien und Gruppen nicht passen, denn dein Mund spricht so und deine Seele spricht anders. Früher – nein, aber jetzt: du trägst eine Maske.« »Das mir ...?!« Der Kaplan fuhr steil in die Höhe. Kalt und eisig rieselte es ihm von den Schläfen herunter. Er hatte einen Fluch zwischen den Lippen. Das harte Wort sollte fallen. Henriette sah es. Mit verhaltenem Schrei trat sie zwischen die beiden. »Hochwürden, ich flehe Sie an ... und Heribert – du ...« Sie legte ihm den Arm um die Schulter. »Heribert, gib nach. Störe nicht den Frieden des Hauses.« Er streifte sie ab. »Den Frieden des Hauses ...?« sagte er bitter. »Ich störte niemals den Frieden des Hauses, und wo es geschah, bin ich nicht schuldig gewesen. Geh jetzt, sei stät, sorge dich nicht. Du weißt nicht, um was es sich handelt. Aber wenn du es vorziehst – so bleibe, höre und urteile später. Ich habe vor, mein eigenes Ich vor meine These zu stellen. Das Weib hat zu schweigen, wo Männer im Kampf steht oder gewillt sind, unsauberen Machenschaften die Köpfe von den Schultern zu mähen, die Wahrheit zu suchen und Auge in Auge und Stirn gegen Stirn sich offen die Hände zu reichen. Ohne Not wird keine alte Freundschaft zertrümmert, ohne unüberbrückbare Gegensätze werden nicht stolze Jugendideale gescherbelt. Und das mit der Maske ... Ich warte auf Antwort.« Heinrich Verschüren sah ihm starr in die Augen. Seine Rechte hob sich, um wie ein totes Stück Holz wieder abwärts zu fallen. Von der Decke schien es sich mit Floren eines Bahrtuches auf die Menschen niederzusenken. Alle sahen entsetzt auf die beiden. Der Kaplan stieß einen heiseren Laut aus. Er dachte nicht dran, sich Stirn gegen Stirn und Auge in Auge wechselseitig die Hände zu reichen. In dieser Stunde – Kampf wollte er haben, Kampf bis aufs Messer. »Ja – das mit der Maske ...! Ich warne in feierlichster Weise: ich lege Protest ein.« Seine Stimme war schartig. Er wandte sich jählings. Sein leuchtendes Baldurauge, jetzt mit häßlichen Pünktchen durchgeistert, irrte von einem zum andern. Seine Hand streckte sich aus. Sie war direkt auf Heribert Kästner gerichtet – diese Hand, kalt und abweisend wie die eines erbarmungslosen Urteilsprechers. Seine Worte fielen ihm von einer unerbittlichen Präge herunter. »Seht euch den Mann an! Seht aber genau zu, daß ihr seiner so leicht nicht vergesset. Mit ihm war ich in Kornelimünster zusammen. Die Präparandenanstalt schweißte uns fest zusammen, so fest und innig wie nur ein tapferer Meister zu schweißen vermochte. Nichts konnte und sollte uns trennen. Kamerad und Schülerlein, frei und fröhlich in Gott, gläubig im Herrn, so hofften wir durchs Leben zu gehen, bis es heißen würde: Noch heute wirst du sein im heiligen Sion, durch Jesum Christum, unseren Erlöser und Seligmacher. Drum lasset uns beten: Quaesumus, Domine, pro tua pieate, miserere animae famuli tui, et a contagiis mortalitatis exutam in aeternae salvationis partem restitue. Per Dominum nostrum Jesum Christum. Ja, Geliebte, so war es beschlossen. So wollten wir gemeinsam ackern und säen, so die Ernte einbringen, so eines christkatholischen Todes dahinsterben. Und heute?! Ihr hörtet. Drum urteilt auch selber. Ich nicht, aber die Vorsehung legt euch Urteil und Gericht auf die Zunge. Wo führt das alles hinaus? Was bezweckt sein ›Nein‹, seine schroffe Haltung mir gegenüber?!« Seine gesenkte Hand hob sich aufs neue. Abermals war sie auf Heribert Kästner gerichtet – die kalte, weiße Hand mit den unbarmherzigen Fingern. »Ja – seht euch den Mann an. Was er sonst noch dartat, war leeres Geklingel, ein Rosenkranz von schönen Worten und sonstigen Anhängseln, nur dazu da, den leuchtenden Kern zu verwischen. Und dieser leuchtende Kern ... Fort damit! Er will ihn nicht sehen, nichts von ihm wissen. Er steht abseits von uns, geht seine eigenen Wege, weist der Barmherzigkeit achtlos den Rücken ...« und seine Stimme nahm einen glanzvollen, wenn auch verwarnenden Ton an: »Ein Letztes! Höre auf mich! Sei mit mir wieder Kamerad und Schülerlein, frei und fröhlich in Gott, gläubig im Herrn, sonst blutet mein Herz, muß ich zu der Überzeugung gelangen: dein weltlicher Sinn ist den heiligen Bräuchen der Kirche zuwider, will die Passion, das Freilichtspiel von Heiligenbaum boykottieren ... Ja, – du, so ist es, und wohnte mir die Strenge Sixtus' V. inne, seines Bauernnamens Felix Peretti ...« Er kam nicht weiter. »Wieder die Maske, die scheußliche Maske ...!« Heribert prallte zurück, rüttelte sich aber gleich darauf wieder zusammen wie ein Adler mit klingendem Gefieder, den eine hinterhältige Kugel verfehlte. »Achtung vor Sixtus V.«, klirrte es hell durch die Stube und Gänge des ›Blauen Schiffchens‹, »Reverenz vor diesem Gestrengen, seines Bauernnamens Felix Peretti. Der wog nicht mit falschen Gewichten, übte nicht die häßliche Praktik, heilig zu scheinen und dabei doppelzüngig zu werden. Dessen Wort war allzeit ein offenes, kerngesundes Ja, sein Nein sonder Ausflüchten und Angeln. Nein – du, verkehre mir das Gesagte nicht im Munde, schiebe mir nicht zu, woran meine Seele nicht dachte ... und wäre Felix Peretti von den Toten erstanden, stände jetzt hier – er würde mir auf die Schulter klopfen und sagen: Primo: das war häßlich von deinem Freunde, diesem Diener des Herrn. Secundo: Ich möchte ihm meine Verachtung bekunden und den Stein wider ihn heben. Tertio: Und du – recht wirst du haben, denn ich habe deine Seele durchleuchtet. Solches würde Felix Peretti bekunden ... und ich, ausgerechnet ich, der ich meinen Glauben und seine Symbole bis in das innerste Mark meiner Knochen vertrete, ich sollte der Mann sein, das Spiel und die Mysterien der Passion boykottieren zu wollen?! Ausgerechnet ich, der ich diese Spiele verehre, wie ich das Allerheiligste im Tabernakel verehre?! Mich braucht in dieser Hinsicht keiner betreuen. Auch du nicht. Mir sagt schon der gesunde Menschenverstand: solche Spiele, lauter und wahrhaft aus dem Suchen und Sehnen des Volkes geschaffen, sind ernste Mirakel, erheben die Seelen, geben ihnen Frieden und Freude. Aber du ... Lasse dich auslachen, Mann. Verkehre mir nicht das Wort auf der Zunge. Suche nicht die alte Praktik zu üben und falsche Münze unter die Leute zu tragen. Denn wisse: alles zu seiner Zeit und unter einem anderen Winkel gesehen, wie du ihn dir gesetzt und gestallt hast. Fühlst du denn nicht, hörst du denn nicht, siehst du denn nicht? Deutschland verblutet. Sein Herz ist mit Leid und Weh übersättigt bis zum Zerspringen. Palliativmittel helfen nicht mehr ... und wenn ich jetzt deinen Plänen nicht beipflichte, so heißt das nicht, die Passion als solche boykottieren zu wollen ... nicht ums Verrecken, und ich muß mir in dieser Beziehung deine Unterstellung ernstlich und auf Tod und Leben verbitten ...« »Herr...!« »Lasse mich aussprechen – du! Ich sehe mit offenen und ehrlichen Augen, ich gehe nicht fehl und kann mich nicht irren. Die Spiele sind heilig, aber solche Spiele gehören in blumige Tage, in beschauliche Tage, die da bitten und beten: Hebt das Auge, das Gemüte ... Sie vertragen nicht die starren Fäuste und die ehernen Stirnen ... und solche haben wir so bitter nötig wie die Dreschflegel die harten Tennen, um endlich die ersehnten Körner springen zu lassen. Statt dieser Spiele wollen wir andere Spiele, Spiele, die einen klirrenden Schritt unter den Schuhen haben, nach Waffen und Wehren greifen, Spiele, regiert von ehernen Männern mit reinen Seelen und gepanzerten Stirnen, um das blutleere Reich aus den Saugnäpfen der Vampyre und Nachtschatten, aus der Umklammerung unserer äußeren und inneren Feinde zu hauen. Solcher Spiele bedarf unsere Jugend, um ihnen den furchtbaren Ernst unserer Lage und Tage zwischen die Schläfen zu hämmern, bedürfen wir alle – alle, die wir noch willens sind, dem Vaterland offen und ehrlich in die Augen zu sehen, ohne sich schämen zu müssen ... und diese Spiele: Sankt Michael führe sie, regiere sie mit blankem Schwert und ragender Lanze. Dies meine Ansicht, so wahr mir Gott helfe!« »Eine blasphemische Ansicht!« Heinrich Verschüren blieb starr wie eine steinerne Säule. Nichts verriet, was in seinem Inneren vorging, um gleich darauf mit erkünstelter Ruhe zu sagen: »So muß ich mich leider entschließen, der gedachten Feier für den Verstorbenen ein vorzeitiges Ende zu setzen. Die vorgebrachten Argumente seines Folgers im Amt nötigen mich, dieses gastliche Haus zu verlassen.« Er warf einen kurzen Blick auf das Pflockholz. »Herr Derksen ...!« »Hochwürden ...!« »Ich bitte ...« »Ja, so ...« und Derksen sprang zu, brachte Stock und Hut und half dem Scheidenden in die Übersoutane. Mit einem kaum wahrnehmbaren Neigen des Kopfes verließ dieser das Zimmer. Heribert Kästner blieb auf der Walstatt, unbeweglich, fest gewillt, seine Überzeugung bis auf den letzten Hauch zu durchkämpfen. Sein Gesicht wies keine Verwunderung auf. Nur über der Nasenwurzel wuchs eine Rune steil in die Höhe. Er horchte auf die abgehenden Schritte, bis sie draußen verhallten. »Ich hatt' einen Kameraden«, sagte er stumpf vor sich hin. »Möglich, wir sind für immer auseinander gerissen.« Er wandte sich und sah in eine tiefe Verstörung. Eine lähmende Stille kreiste ihn ein. Er sah Henriette drüben in einer Fensternische stehen, die feuchten Blicke ernst und schmerzlich auf ihn gerichtet. Er wollte schon gehen, als er gewahrte: ein verhaltenes Murren begann sich aus der tiefen Verstörung zu ringen. »Herr Lehrer ...« Joris Jansen war dicht an seine Seite getreten. Er schüttelte den Kopf, um mit bewegter Stimme zu sagen: »Exküsiert schon, Herr Lehrer, aber ich kann mich in besagter Sache so richtig nicht stellen. Möglich, Ihr Niedergelegtes kann vor Gott und den Menschen bestehen, indessen auch möglich, Sie sind dem Herrn Kaplan etwas überbrüstig gekommen. Aber das weiß ich: ob so oder so, über kurz oder lang gibt's 'nen mächtigen Stunk und Stank zwischen Lehrer und Heerohme ... und es wäre doch schade für Ihre noblen Worte, die Sie soeben, wenn, auch etwas allzu borstig, dargetan haben.« »Ach was mit die nobelen Worte!« warf Ferkulum mit pompöser Geste dazwischen. »Was soll das besagen, so'n Mirakulum direktemang von der Liste zu streichen? Da könnte ja jeder erscheinen, um unsere Heiligtümer einfach verschwinden zu lassen. Gibt's nicht. Dafür bin ich gesetzt, denn ich habe den Pontius Pilatus zu spielen.« »Spielen Sie lieber den Pfleger in einer vaterländischen Jugendbewegung«, hielt ihm Heribert Kästner entgegen. »Das lohnt sich zur Jetztzeit. Das andre versandet. Helfen wir der haltlosen Jugend. Besinnen wir uns auf unser eigenes Ich, schärfen wir denen nicht die Bolzen, die unter dem Mäntelchen: ›die Kirche leidet Not‹, uns zu Katholiken zweiter Klasse degradieren, um für sich gewisse Sonderinteressen und finstere Machenschaften herauszuschälen. Seht vorerst der drohenden Gefahr ins Gesicht. Lernt sie erkennen. Dann ist schon vieles gewonnen. Das andere findet sich später. Dann wird der deutsche Heliand kommen, und Sankt Michael wird reden und mit der Schärfe des Schwertes ...« »Bravo!« Irgendwo fiel eine energische Faust auf den Tisch. »Ich pflichte dem bei und unterfertige, was der Herr Lehrer gesagt hat!« Dores van Laak hatte gerufen. »Auch ich! Ich vertrete dieselbige Nummer«, und Matthieu Thönissen stellte sich entschlossen auf die Seite seines Kollegen und Bundesgenossen. »Was – auch Sie, meine Herren?!« Derksen fuhr auf wie 'n alter Jäger, dem beim Kesseltreiben ein lahmes Weib über den Weg trottet. »Auch Sie, Mynheers, wo Sie selber bemerkten, daß der Herr Kaplan mein Lokal unter heftigster Protestierung verließ?!« »Das Große und Ganze geht vor«, hielt ihm Matthieu Thönissen ruhig entgegen. Derksen warf sich herum: »Ach was, das kann jeder aufstellen – und Sie, Herr Lehrer, Sie bringen mein ›Blaues Schiffchen‹ in 'ne totale Verlähmung und könnten doch wissen: wenn von so'ner Seite der Wind weht, geht die strammste Takelage, die properste Kalfaterung koppheister wie bei Hochwasserzeiten. Christus, mein Schiffchen ...!« »Mann Gottes ...!« Heribert packte den Verzweifelten fest bei den Schultern. »Herr Derksen, ich bitte, nur nicht gleich mit dem Kopf in die Binsen. Das hat immer noch Zeit. Hochwürden wird sich bekriegen. Er begriff scheinbar nicht, wohin ich hinaus will, und begriff er's, dann kann ich dem Mann nicht mehr helfen. Ich fresse mein Wort nicht. Es steht, wo's steht und wankt nicht um Haaresbreite. Ja, meine Herren ...« und mein Aufruf galt allen: »Ich bleibe bei dem, was ich dartat. Ich wehre mich lediglich gegen keimenden Hochmut, gegen Hinterhältigkeiten und Machenschaften, die zur Zeit noch dabei sind, gleich Ratten und Schermäusen das Land zu unterwühlen. Ich lasse mir das Wort nicht unsauber machen, nicht auf der Zunge verkehren ... und deshalb, ich rekapituliere zum andern: die geplanten Mysterienspiele sind mir heilige Spiele. Ich weise sie keineswegs ab. Nur, die Stunde fordert jetzt andere Dinge. Christus regieret! Er steht zwischen uns und will uns gebieten: die vorhandenen Kräfte sind auszunutzen, alle sind auf eine Karte zu setzen. Der Not ist zu steuern, dem ertrinkenden Reich ist die Planke zu reichen, dem Volk sind die drückenden Lasten von Leib und Seele zu nehmen. Das will er und seine Hand weist auf das Grab des unbekannten Soldaten. Und ihr: führet eure Jungmannschaften heran, führet euch selber heran und höret, was der unbekannte Soldat euch verkündet ... und was er verkündet, das bringen euch weder Rom noch seine Helfershelfer und Freunde. Folgt seinen Worten – und folgt ihr: es wird ein Auferstehen und Blühen wie in unseren glorreichsten und gesundesten Tagen; denn ein Auserwählter kommt und will: Deutschland darf sich nicht in sich selber verbluten, nicht dem Geschick finsterer Machenschaften verfallen. Ist dieser Wille, dieser hohe Chrisiuswille erst im Volke verankert, es wird singen und feiern: O Deutschland, hoch in Ehren ... und ist solches geschehen, dann ist Raum und Zeit, wieder auf blumigen Auen religiöse Spiele zu spielen, an ihnen Herz und Gemüt zu erbauen. Aber erst eiserne Stirnen, dann lächelnde Stirnen. So und nicht anders, sonst bleiben wir, was wir sind: Bettelkinder an der Hand des größten und ärmsten Bettelweibes unter allen Nationen und Völkern. Genug jetzt. Meine Zeit ist gekommen.« Das saß. Totenstille ringsum. Die Anwesenden versammelten sich zu einzelnen Gruppen, steckten die Köpfe zusammen und begannen heimlich zu flüstern. Hier und da ein befreiendes Aufatmen, ein verhaltenes ›Bravo‹, das sich weiterpflanzte und offenkundig verstärkte. Der Sprecher hörte darauf wie mit abwesenden Sinnen. Schon wollte er gehen, als er fühlte: eine liebevolle Hand hatte sich heimlich in die seine geschmeichelt. Henriettens Schulter ruhte dicht an der seinen. »Heribert, was soll nun weiterhin werden?« »Das überlasse ich ganz deinem Ermessen. Meine Richtlinien liegen mir klar vor Augen, sind wie an der Maßschnur gezogen. Ich irre nicht ab.« »Das haben mir deine heutigen Worte bekundet.« »Um so erfreulicher.« »Und das mit den Spielen?« »Sie wurden durch mich nicht in die Debatte gezogen. Das bleibt persönliche Ansicht.« »Und wenn ich gesonnen bin, die mir zugedachte Rolle zu übernehmen?« »Dein Wille geschehe. Die Seele des Weibes ist eine unerforschliche Seele. Man soll ihre Kreise nicht stören. Man könnte das Licht verweisen und Schatten beschwören. Nur, ich flehe dich an«, und er gab ihre Hand frei, umspannte aber ihren weichen und warmen Arm mit nerviger Faust, »gib meinen Gedanken Ruhe und Stetigkeit. Stoße sie nicht gegen den kalten Stein. Sie könnten dort tiefe Wunden empfangen und zu tropfen beginnen, und solche Tropfen sind bleiern, fallen langsam aber sicher in die Schale des Unglücks.« Sie schmiegte sich an ihn. »Heribert, nicht so!« Ihr Atem ging hoch. Ihre Nähe, ihre Erregung verstörten ihm die Sinne. »Du, es ist ein Hangen und Bangen, ein Hoffen und doch ein Tasten ins Leere ...« sagte er bitter. Ihre Stimme nahm einen innigen Ton an. »Nein, es ist kein Tasten ins Leere. Gedulde dich nur. Mache unsere Herzen nicht schwerer. Ich stehe und falle mit dir. Lasse mir Zeit ... Auch ich will Erlösung ...« Ihre hervorgepreßten Worte schrumpfelten ein. Das Drängen um sie war stärker geworden. Sie ließ von ihm ab. Einer trat vor. »Herr Lehrer...« Es war Joris Jansen, der ihm die Hand auf die Schulter legte. Sein Atem ging leichter, sein Adlerflaum über den Ohrmuscheln blühte weißer denn je. »Auf ein Wort, junger Mann. Man lernt immer was zu. Immer denselben Vogel pfeifen zu hören, gibt auf die Dauer immer dasselbe Geflöte. Man muß beide Parte vernehmen, Herr Lehrer, sonst bleibt unsereins allzeit der nämliche Kanarienvogel. Ich hörte, und was ich gehört hab' ... ich unterfertige nicht jedes einzelne Wörtchen, aber eins muß ich sagen: Sie imponieren mir mächtig, Herr Heribert Kästner. Das mußte ich öffentlich dartun, Herr Lehrer ... und nu muß ich fahren.« Er wandte sich: »Henriette, mein Schäschen steht draußen.« »Leider – ich kann nicht! Die Pflicht ruft. Ich habe der hiesigen Kollegin noch eine schuldige Visite abzutragen.« »Denn nicht! und Ferkulum – Ihr ...?!« »Joris, mit Wonne. Indessen, die ganze Geschichte ist mir so'n bißchen auf den Magen geschlagen. Da hat mich Derksen invitiert, mit ihm und van Laak noch so'n kleines Solopartiechen zu kloppen.« »Herr Baumann – und Sie?« Der erste Kommis glänzte durch Abwesenheit. Er hatte sich bereits in Gemeinschaft mit Fränzchen Jobelius so ganz heimlich auf die Strümpfe gemacht, um trotz des frischen Novembertages mit der tapferen Ladenmamsell noch so'n bißchen in der weiten Gegend herumzubotanisieren. Der alte Herr schüttelte den Kopf und sah sich ratlos um. »Na, so was! Da muß ich ja ganz soloalleine ...« »Herr Jansen, wenn Sie mit mir fürlieb nehmen wollen – ich stehe Ihnen gern zur Verfügung. Unser Weg ist ein und derselbe.« »Herr Lehrer, wird mit Dank akzeptiert ...« und während die Beiden Anstalten machten, sich still zu empfehlen, wurde die Umgebung immer lauter und zutunlicher. Grüße wurden getauscht, Hände gewechselt, hier und da herzliche Bravorufe vernommen. »Ganz richtig, Herr Lehrer!« »Jansen hat recht: man muß beide Parte vernehmen, dann erst wird 'n Schuh aus dem Leder.« »Bald kommen, Herr Kästner! und hoch soll er leben!« »Jawoll und nochmals: hoch soll er leben!« Selbst Ferkulum geruhte, seinem schiefen Mundwerk eine freundliche Note abzugewinnen. Er tippte seinem Nachbar sacht auf die Schulter: »Jetzt muß ich doch dartun: Gar nicht so ohne. Draus konnte unsereins sich doch vieles entnehmen. Da war manches schiere Haferkorn zwischen.« »Und ob!« konstatierte Dores van Laak. »So 'ne Kraft haben wir nötig. Die pustet manchen Kerzenblak aus und allerhand Stunk von der Kanzel herunter.« »Höhö!« lachte Aloys, »aber nu ans Geschäft.« Alsbald saßen die drei bei frischen Punschgläsern, um dem feierlichen Beerdigungsgang mit 'ner duftigen Solopartie einen ebenso feierlichen Abschluß zu geben. Aber diese Solopartie hatte so extraordinär lange Beine wie 'n Schatten ums Abendwerden. Sie hatte weder Anfang und Ende. Erst nach Erledigung der zweiten dampfenden Suppenterrine trennte man sich. »Addio!« Wie eine numidische Lanze wandelte Ferkulum, ohne von den Dünsten des genossenen Alkohols belästigt zu werden, auf der Landstraße dem nicht fernen Kleve entgegen. In seiner Größe und Breite erinnerte er an Saul, den israelitischen König. Nur trug dieser Krone und Zepter, Ferkulum 'nen schlichten Trauerzylinder und 'nen dunklen Stab mit blanker Medaille. Saul pilgerte unter jüdischen Sternen und Bildern, Ferkulum bloß unter einem lichterklaren, niederrheinischen Himmelreich, aber er war ebenso stolz wie der israelitische König, denn Saul hatte bloß die Ammoniter und die Amalekiter geschlagen, er aber seine Kumpane um fünf bleihaltige republikanische Märker erleichtert. Hut ab! das wollte was sagen, denn Derksen und van Laak waren im Solo so fix wie die geriebensten Karnickelrammler auf der Kevelaerer Heide. Der Hundsstern hing tief über der Niederung. Er stichelte scharf und silbrig von seiner Warte herunter. Ferkulum schwenkte ihm seinen Medaillenstab wacker entgegen. »Heil dir, mein Freund! die Rede war gar nicht so ohne, aber Gottverdorie nochmal! der Pfleger Pontius Pilatus ist mir doch tausendmal lieber!« Er stakelte weiter. Von Ferne grUßten die Lichter von Kleve herüber. Sechstes Kapitel Wider Erwarten – der November blieb klar und heiter. Nur wenige graue Tage schoben sich ein. Es wollte nicht wintern. Erst um die Wende des Monats begann es zu frösteln, mit nadelfeinen Eiskristallen zu spielen. Die letzten Eichen- und Buchenblätter raschelten so unwirsch von den Zweigen herunter, daß es den Löffelmännern unbehaglich in den Waldschneisen wurde und sie verängstigt in die jungen Fichtenschonungen überwechselten. Der kleine stachelbewehrte Gesell aus dem pfiffigen Geschlecht der Landstörzer, der Igel, der die laulichen und heiteren Novembertage benutzt hatte, sein Bäuchlein so straff wie nur möglich anzumästen, machte jetzt Anstalten, die Arbeiten ums tägliche Brot einzustellen und Quartier zu beziehen. Er tat es mit Umsicht, spießte Laub und Moosplacken auf sein Stachelgewand, bereitete sein Bett unter einem verfilzten Brombeergestrüpp, um mit hörbarem Schnarchen den Schlaf eines Gerechten, eines listigen Biedermannes zu träumen. Mit seinem Einlullen pendelten die ersten Schneeflocken nieder, schleierten Land und Leute ein, priesen in jedem Glitzersternchen die Allmacht des Ewigen mit einer tieferen Größe und Einfalt, als es die wundersamen Bilder und Posaunenstöße aus der Offenbarung vermochten. Der weiße Niederrhein schauerte mit innigem Behagen dem Sinter-Klaas-Abend entgegen. Um diese Zeit erhob sich ein jämmerliches Schreien und Klagen im Herzogtum Kleve, in den benachbarten Grafschaften. Kein Flecken, kein städtisches Anwesen, kein Bauerngehöft blieb von diesem Jammern und Klagen verschont. Es waren Lamentationen von der obersten Ordnung, verzweifelte Rufe, die die ganze Gegend erfüllten. Aber diese Lamentationen und Klagegesänge wirkten besänftigend, ja wohlig auf die Herzen der Menschenkinder. Statt traurigen Hangens und Bangens – allüberall frohe Gesichter und freudiges Zupacken. Wer Augen hatte zu sehen, der sah, und wer Ohren hatte zu hören, der hörte. Alle, mit Kleie, Kartoffeln und Rübenschnitzeln herangefütterten Säue – Hals mußten sie geben, verfielen dem unbarmherzigen Messer, um abgebrüht und feinsäuberlich geschabt vor jeder Haustür von einer rahmweißen Leiter zu bammeln. Das wollte der Niederrhein so, das war sein ureigenstes Recht, seine höchste Bekömmnis ... und die Vögel des Himmels erschienen, wie Kohl- und Blaumeisen, fackelten nicht lange und holten sich dreist und gottesfürchtig ihr zugemessenes Deputat von den abgemetzelten Tierchen herunter. O selige Zeiten! Fast in jedem Anwesen stand Mutter vor einem siedenden Waschkessel, einen geschälten Christusdorn in der Rechten, das fürsorgliche Frauenauge aufmerksam auf das brodelnde Wasser gerichtet, worinnen Leber-, Grütz- und Blutwürste auf und nieder gondelten und es sich in dem pritzelnden und wallenden Geiser äußerst wohl sein ließen. O diese Glücklichen! und wenn eine von ihnen zu übermütig wurde, es wagte, allzu dickbauchig an der Oberfläche zu segeln – ohne Besinnen stach der Christusdorn zu, bohrte sich unbarmherzig bis in die innerste Seele. »Pst!« machte die Pelle, und mit leisem Seufzen tauchte die gemaßregelte Leber-, Grütz- oder Blutwurst wieder in die brodelnde Tiefe. Ach! und Mutter lächelte dazu ihr fröhlichstes Lächeln, immer auf Posten, den Christusdorn sachlich walten zu lassen. Ja, die Lamentationen und Jeremiasrufe hatten schon ihre tiefe Bedeutung in der niederrheinischen Umwelt, bei alt und jung, bei Männlein und Weiblein; nur die hinterbliebenen Ferkel bekamen das Gruseln, wenn die Schmerzenslaute ihrer Kollegen an die Schweinekofen pochten und sagten: »übers Jahr kommt ihr an die Reihe, werdet gemetzelt, verwurstet, in die Lake, den Rauchfang oder den niederträchtigen Kessel verwiesen. Der allwaltende Ferkelgeist sei euren Seelen barmherzig.« Die kapitalste Sau, die fetteste, milchweißeste Yorkshire Sau, die Sau aller Säue, die man gut und gern auf dreihundert und fünfundfünzig Pfund klevischen Gewichtes ansprechen konnte, dieses Unikum nun präsentierte sich auf dem van Laakschen Hofe an mächtiger Leiter unmittelbar neben der grüngestrichenen Tür des Herrenhauses. Viele aus der Umgebung strömten zu, diese Rarität auf sich wirken zu lassen. Herr Dores van Laak gab sich die Ehre, den Mentor zu spielen. Er sagte: »Amalia hieß sie, hat zweimal fünfzehn Ferkel geworfen, wurde ihrer Bonität wegen auf der letzten Viehausstellung präliminiert mit der ersten Medaille. Ich selber wurde vom Herrn Landrat und dem Preiskollegium in höchste Bewunderung genommen. Meine eigene Züchtung. Ich ...!« und Herr van Laak schlug sich so überzeugungsgetreu auf die rotgepunktete Samtweste, daß es einen herzhaften Ton gab. Hierauf trat er ins Haus, ließ sich nieder und genehmigte sich zum zweiten Frühstück die größte Leberwurst aus Amaliens Hinterlassenschaft. – Seit dem verhängnisvollen Tage im ›Blauen Schiffchen‹ hatte sich vieles begeben. Zwischen den beiden liebenden Herzen war es still und einsam geworden. Nur dann und wann flatterte ein Gruß herüber, ein stilles Gedenken. Mit ihrem Vater kam Henriette kaum noch zusammen. Die gemeinsam verlebten Stunden in Warbeyen hatten Dornen gezeitigt, die die Herzen verletzten und die Füße schwer machten. Was sollte sie auch noch in der Kavarinerstraße in Kleve? Das elterliche Anwesen war ihr nie eine trauliche Stätte gewesen. Der ewige Duft nach warmem Krepp und laulichen Tuchstoffen, der aufdringliche Ruch nach Firnis und frischgehobelten Tannenbrettern, das monotone Klopfen und Hämmern – alles das fiel ihr schon in der frühesten Jugend schwer auf die Seele, veranlaßte sie, das Lehramt zu ergreifen und sich auf die eigenen Füße zu stellen ... und vornehmlich jetzt, wo sie qualvoll litt und duldete, wo jegliches sie mit schmerzhaften Nadelspitzen berührte, ihre Gedanken wie gehetzte Tiere waren, jeder vor dem andern bangte – nein, da konnte sie sich nicht entschließen, über die Schwelle des elterlichen Hauses zu treten. Das väterliche Auge würde sie nur noch verstörter und trauriger machen. Später vielleicht, wenn sie das gefunden hatte, was sie mit heißer Seele erstrebte: die innere Klärung und die Ruhe im Herrn. Dann, ja dann ... aber darüber konnten noch Wochen um Wochen vergehen, noch manche Sternlein aufgehen und wieder verschwinden, weit hinter den Wäldern von Heiligenbaum, wo noch immer die einsame Geige gestrichen wurde und heimlich erzählte: »In illo tempore dixit Jesus...« Heribert Kästner amtierte bereits etliche Tage nach dem Beerdigungsgang in seinem neuen Berufskreis, bezog bald darauf die Wohnung des Verewigten, nahm seine Mahlzeiten im ›Blauen Schiffchen‹ ein und ließ sich im übrigen von einer braven Aufwartefrau betreuen, die alles aufbot, das kleine Anwesen in Ordnung zu halten und behaglich zu machen. Die ihm anvertraute Jugend führte er liebevoll, aber mit festen und zupackenden Händen. Die alte glorreiche Zeit hämmerte er ihr zielbewußt zwischen die Schläfen, zeigte ihnen die stolze, von Revoluzern geschändete Fahne, das Fahnentuch, unter dem ihre Väter siegten und starben, um sie wert und würdig dieser Väter zu machen. Mit dem Dechanten Jakob Ezechiel Schlüpers aus Warbeyen, einem noch immer emsigen Pfleger und Heger im Weinberge des Herrn, der noch mit Kopf und Kragen in die Zeit hineinwuchs, wo Männer wie Schorlemer und Mallinckrodt die Geschicke des Zentrums in vaterländischem Sinne hüteten, stand er in freundschaftlichem Wechselverkehr, und wenn dessen Schuh auch des öfteren zu derb und knarzend durch die Reihen seiner ihm anvertrauten Böcke und Schäflein einherrumpelte – Herr Jakob Ezechiel Schlüpers und Heribert Kästner hatten Wohlgefallen aneinander und verstanden sich trefflich. Heinrich Verschüren ging seine eigenen Wege. Die Jugendfreunde sahen sich selten, vermieden es, ihre Pfade zu kreuzen; nur wo der Dienst es erforderte, beobachteten sie als kluge Männer die üblichen Formen, eckten nicht an, befleißigten sich der strengsten Reserve, hielten ihren inneren und äußeren Menschen unter straffer Zucht und Kandare. Heribert hoffte noch immer. Wo er Gold wußte, konnte er letzten Endes nicht ausgebrannte Schlacken und ödes Gestein schürfen ... nur – die Maske mußte herunter. Mußte herunter! sonst wäre ja alles Lug und Trug für ihn, wäre das Wort der Evangelisten eine stumpfe Verheißung, ein leeres Klingen in der Wüste gewesen. Also er hoffte, wenn er auch fühlte: die bitteren Runen der durchlittenen Wochen graben sich immer tiefer in Stirne und Schläfen, machen deine Nächte zu qualvollen Nächten. Und dennoch: Kopf in den Nacken, Sinn und Auge klar zum Gefecht! Kein Hangen und Bangen! Kein Zögern und Zagen! und immer den gestabten Schwur zwischen den Rippen. Und also geschah es. Ein unentwegter Kapitän, den Sturmriemen untergezogen, navigierte er mit blanken Augen durch unruhige See, durch diesige Böen, zielbewußt und gewiß, den ersehnten Hafen, wenn auch unter Einbuße von Hißtauen und Segelwerk, endlich zu gewinnen. Dann aber: Jo triumphe! Ferkulum war alles egal. Die trüben Erlebnisse im ›Blauen Schiffchen‹ hatte er abgeschüttelt, wie ein übergossener Pudel sich des unerwünschten Spülichtwassers entledigt. Er war wieder Hans in allen Hecken und Hägen, sielte sich in seinem Pontiuspilatustum, als ständen und fielen mit ihm die geplanten Passionsspiele im benachbarten Heiligenbaum. Er fühlte sich ordentlich, klapperte die nächste Umgebung ab, redete von großen kommenden Dingen, fiel in die kleinen Gehöfte ein, von denen er wußte, ein kapitales Schwein hatte hier Hals geben müssen, sprach auch hier so begeistert von den hohen Theatermysterien, daß die Bauernweiber unter ihrem Brusttuch erschauerten und sich eine besondere Ehre draus machten, den prädestinierten römischen Landpfleger durch reichliche Zufuhr von Leber- und Grützwürsten für die kommenden Spiele zu stärken und bei guten Leibeskräften zu halten. Auch seinen Freund Joris suchte er auf, fand ihn aber etwas unwirsch und stets mit Journal und Hauptbuch beschäftigt. »Na, denn nicht und auf 'ne gelegene Stunde«, sagte er lang zwischen den Raffzähnen und ging seines Weges. – So war der fünfte Dezember gekommen, der Tag also, dessen Dämmerstunde das Fest des heiligen Nikolaus einweihte und stille Wünsche erfüllte. Joris saß in seinem hinteren Stübchen. Journal und Hauptbuch, mit denen er sich auch heute befaßt, hatte er abgelegt und war nunmehr dabei, sein zweites Frühstück, bestehend aus Tee und etlichen gerösteten Schnittchen, zu sich zu nehmen. Schwebend pendelten bitterkalte Schneesternchen an den Scheiben vorüber, schwebten hierhin und dorthin, um sich knisternd über den Binnenhof und die Fenstersimse zu spreiten. Eine schneeblaue Helle durchgeisterte das einfache Zimmer, das der blank gewichste Kanonenofen mit seinen Paradiesapfelbäckchen wohlig durchkachelte. Ein Ruch nach Lavendelwasser und Melissengeist, bekömmlich für Atemnot und Brustbeklemmung, milderte den aufdringlichen Duft nach Krepp und dunklen Tuchstoffen. Es war schon genüglich zwischen diesen vier Pfählen; nur die infame Frostwelt unter dem Himmel, das feine Gestiebe zwischen den Fensterritzen ...! Pfui Teufel ...! Draußen marschierte eine blauschwarze Krähe mit grindigem Schnabel über das weiße Sterbelaken. Sie war vom nahen Schloßberg eingefallen und suchte nach Küchenresten, die den Mülleimer verpaßt hatten. Plötzlich streckte sie Kopf und Kragen. Ein Geräusch aus der Werkstätte ließ sie aufhorchen. »Rattata, rattata, rattata ...!« und immer so weiter. »Kraha!« sagte der Schwarzkittel, schwang sich hoch und ruderte gemächlich seinem Standort entgegen. »Rattata, rattata ...!« Auch Joris lausterte auf, aber pläsierlich. Er schob sein Troddelmützchen tief in den Nacken: »Also Betrieb! Wollen mal hören.« Die ihm zur Hand stehende Klingel ertönte. Der Stift von der linken Ladenhälfte sprang zu. »Mynheer ...?!« »Abtragen, Fipps! und dann noch: ist Herr Naumann erreichbar?« »Aber gewiß.« »Dann bitte ...« und Fipps sockte mit seinem Auftrag, mit Tablett und den Überbleibseln des Frühstückes so eilfertig ab, daß es seinem Chef fast schwindelig vor Augen wurde. Aber er war trotzdem zufrieden. »Ordnung und Zucht bauen Häuser«, sagte er vergnügt vor sich hin, »Unzucht und Lässigkeit reißen sie nieder. Gut so!« Er langte aufs neue nach Hauptbuch und Journal, suchte dieses und jenes und vertiefte sich emsigen Geistes in das verschmitzte Gewirr von Zahlenkolonnen und Aufrechnungen, so daß er fast das respektvolle Anklopfen seines ersten Kommis überhörte. »Kommt benne!« »Ah, guten Morgen, Herr Chef! Darf ich gehorsamst nachfragen, wie geruht und wie sonst das Befinden?« Herr Baumann schurfelte verbindlich die Hände gegeneinander. »Ich danke der Nachfrage. So leidlich.« »Oh, oh! Nur leidlich, Herr Jansen?« »Ich bin auch hiermit zufrieden.« Der stumpige, aber doch lebhafte Herr machte ein Gesicht, als spiegele sich in ihm eine dreifach gestaffelte Hochachtung wider. »Nein, Herr Chef, diese Seele von stillem Genüge!« »Man wird bescheiden. Was neues, Herr Baumann? Ich hörte soeben ...« »Zu dienen. Heute bereits drei recht annehmbare Särge in Bestellung genommen.« »So so! und die Veranlassung ... ich meine die Gründe ...« »Trichinen, Herr Jansen.« »So! Also Trichinen?! und sonst noch was?« »Daß ich nicht wüßte. Allerdings ja ... Fräulein Fränzchen hat noch vor Abend zwei Trauerhüte herzurichten. Anlieferung heute bis sieben.« »Sind Schleier dabei?« »Pompöse, Herr Jansen.« »Merci! aber a popo – Fräulein Fränzchen ...! Wie lange schon steht Mamsell Jobelius in Kondition bei hiesiger Firma? »Dreiviertel Jahre.« »Und zufrieden mit ihr ...? Umgangsformen, Qualitäten und so? Sie als erster Kommis könnten das wissen.« »Weiß ich, Herr Chef.« »Also zufrieden ...?« Der dienstbeflissene Angestellte mit dem straffen, etwas zu kurz geratenen Beinwerks und den soliden Kulleraugen tippte Daumen und Mittelfinger so preziös und spitz gegeneinander, als könne er nicht umhin, etwas Delikates zu sagen, der ersten Ladenmamsell ein so zuckersüßes Zeugnis auszustellen, dem selbst die verwöhntesten Immen nicht aus dem Wege gehen konnten. »Aber äußerst, Herr Chef. Unter Garantie: primissima Klasse.« »Sehr angenehm zu hören ... und glauben auch Sie: sie könnte mal 'ne tüchtige Geschäftsfrau abgeben, gewissermaßen 'nen Reliefpfeiler für 'n angesehenes Haus wie das meine?« »Und ob!« »Dann verstehe ich nicht ... zwei so annehmbare und solide Leutchen ... und wenn ich mich in Ihren Hosen befände, Herr Baumann ...« Joris schnappte nach Luft und rückte sein Troddelmützchen wieder auf die frühere Stelle. »Nein, dann verstehe ich nicht ...« »Herr Jansen ...« Der erste Kommis und Magazinier des Beerdigungsinstituts ›Pietas‹ geruhte verlegen zu lächeln, sich etwas befangen in den kurzen Hüften zu wiegen. »Herr Jansen, alles mit Ausmaß, mit 'ner gewissen Reserve. Immer nicht gleich ins rosenrote Himmelreich, nicht per sofort aufs totale Ganze, Herr Chef; denn offen gestanden: ich habe zehn-, Mamsell Jobelius rund fünftausend Märker auf der Kreissparkasse stehen, immerhin 'n ganz annehmbares Pöstchen. Indessen jedoch, mit so was läßt sich 'n nobler Betrieb nicht so ohne weiteres eröffnen, lassen sich Unkosten, Kind und Kegel nicht in Balance bringen.« Er räusperte sich. »Da müssen schon, um es mit 'nem kleinen Wörtchen zu sagen, diesbezügliche Glücksumstände 'ne Art von Sprungbrett abgeben. Erst 'ne solide Grundlage, dann Geschäft, Kirche und Standesamt.« Er machte 'ne abwehrende Geste. »Herr Chef, sonst unter keiner Bedingung.« Joris schmunzelte. »Properer Kaufmann. Gesunde Ansichten. Freut mich. Schön so! Wenn alle so wären! Ja, und da bin ich nu auf meinen eigenen Turnus gekommen.« »Wie bitte, Herr Jansen?« In dem Schuppenwurzgesicht des alten Herrn blühte es auf. Man sah es ihm an, er war bewegt bis in die innersten Nieren. »Herr Baumann«, sagte er mit feierlicher und erhobener Stimme, durch die sich etliche spinnenwebzarte Weihrauchwölkchen hinschleierten, »ich habe mit Ihnen ein wohldurchdachtes, ernstes, wenn auch ersprießliches Wörtchen zu reden. Es geht auf weite Sicht und dürfte für beide Parte 'ne kommode Zusammenarbeit geben.« »Soll mir angenehm sein.« »Dann nehmen Sie Platz.« Severin Baumann folgte dem Anruf, aber bescheiden und mit 'nem Devotionsstrich darunter. Alsbald saßen die beiden sich dicht gegenüber. Joris schlug die Beine mühsam übereinander, zupfte an seinem Adlerflaum herum, legte die Hände zusammen, um dann etwas hüstelnd zu sagen: »Junger Mann, wir sprachen schon einmal über die Sache, aber bloß so propter und prätorius, ohne weitere Bindung. Sie erinnern sich doch?« Herr Baumann machte eine tiefe Verbeugung. »Gewiß, Herr Chef, und das danke ich Ihnen.« »So ungefähr vor drei bis vier Wochen?« »Ganz richtig.« »Darüber hat mancher Pleite gemacht und ist wie 'n regulärer Krammetsvogel mang die Dohnen geraten.« »Leider, Herr Jansen.« »Aber ich nicht.« »Nee, wahrhaftig in Gott nicht! das wäre noch schöner, 'ne Firma wie wir sind!« »Meine ich auch. Der Spoykanal schluckt die Firma Jansen nicht über. Auch mich noch nicht. Aber man muß für die Zukunft Vorkehrung treffen, mit 'nem maroden Kadaver rechnen und klar navigieren, um dem Institut seine Nobilität zu erhalten. 'ne junge Kraft muß heran, damit die alte nicht gänzlich verknöchert, der Chef nicht über Journal und Hauptbuch die Atempfeife verliert und in seine Sterbekissen hineinbetet: Was soll nu aus dem Betrieb in der Kavarinerstraße für späterhin werden?« »Aber ich bitte, keine Rührsamkeit nicht.« Herr Severin kam rein aus dem Häuschen. Er hielt seinem Gönner mit gespreizten Fingern die trostlosen Handflächen entgegen. »Nein, so nicht, Herr Jansen! So was geht einem direkt auf die Nerven.« In diesem Augenblick kam es von der Werkstätte herüber: »Rattata ... rattata ... rattata ...!« Um die Mundecken des Alten spielte ein gütiges Lächeln. »Da hören Sie bloß! Immer properen Wein in die Buddel. Mit kamigem Burdo kann man vor Gott und der Firma nicht bestehen. Immer das ›Memento‹ vor Augen, sonst ist man vor seiner Nachlassenschaft und seinen Besitztiteln 'ne Nulpe gewesen ... und drum muß ich Ihnen dartun, Herr Baumann« – und unter seinen Augenbrauen flämmerte es mit seligen Goldpünktchen – »ich bin mit mir im reinen, Herr Baumann, völlig im reinen, und habe mich kurz resolviert, Sie als Kompagnon in meine Firma zu bitten.« »Ah!« »Mit gleichen Rechten und Pflichten, unter gleicher Beziehung von Gewinn und Verlust, sonder Einschränkung und nur unter dem Vorbehalt, nach meinem Ableben, was unser Herr und Erlöser noch so 'n bißchen hinziehen möge, meine Tochter Henriette als stille Teilhaberin im Geschäft belassen zu wollen. Einverstanden, Herr Baumann?« »Oh ...!« Der Verzückte sprang auf, als regnete es mit echten Dukaten über ihn her, willens, sich wie 'n knorziger Brummkreisel um die eigene Achse zu drehen, aber nicht einmal, sondern zehnmal, hundertmal, kurz, so oft es sein Chef von ihm verlangen würde. Aber dieser drückte ihn sanft auf die Binsen zurück. »Einen Momang noch. Erst meine Gründe. Sie wissen: meine Tochter, obgleich sie das Ihre gelernt hat, gut und gern wie 'ne Königin ist, in Heiligenbaum 'ne Estimierung bezieht, als hätte sie schon jetzt 'ne Anwartschaft drauf, selig gesprochen zu werden, ist mir in letzter Zeit so 'n bißchen von der Seite geglitten. Hoffentlich gibt sich das wieder. Aber was sich niemals nicht gibt ... 'nen Gusto fürs Geschäft hat sie niemals besessen. Komödienspielen – gewiß, die Kinder belernen – auch dieses, mit ihren Mitmenschen hilfreich und wohlwollend sein – ganz selbstverständlich, aber 'nem Beerdigungsinstitut vorzustehen, um aus ihm ihr Brot zu beziehen – nicht zu machen, Herr Baumann. Ja, sie täte lieber 'nen meilenlangen Kalvarienberg mit spitzen Steinen barfuß und mit 'nem freudenreichen Rosenkranz besteigen, als 'ne Trauergarnitur anzufertigen oder 'nen Sargnagel in die bloßen Finger zu nehmen ... und so was kann der Betrieb nicht gebrauchen. Aber Sie, Herr Baumann ... Ich sage zuerst: ich schätze mein Betriebskapital so propter und prätorius auf sechzigtausend Goldmark, abgesehen von Haus, Hof, Inventar und sonstigen Aktivitäten. Sie besitzen zehn-, Mamsell Jobelius fünftausend Märker, macht fünfzehntausend zusammen ... und wenn ich Ihre kaufmännischen Qualitäten als Kommis und Magazinier mit fünfundvierzigtausend taxiere ...« »Aber ich bitte, Herr Jansen!« »Fünfundvierzigtausend taxiere, stehen wir mit unseren Betriebskapitalien pari, Herr Baumann. Also schlagen Sie ein. Das Geschäft ist gemacht. Übermorgen gehen wir zum Herrn Justizrat Kalleweit, um den notariellen Aktus zu unterfertigen. Also«, und Joris erhob sich schwer aus den Lehnen, »am ersten Januar steht über der Haustür: Beerdigungsinstitut ›Pietas‹, in Firma Joris Jansen und Severin Baumann. Gratuliere! Soll denn ein Wort sein ...« »Herr Jansen ...!« »Bitte, keine Erregung.« »Herr Jansen, ich kann nicht mehr anders, ich muß ...« und der verzückte Wurzel- und Purzelkommis wippte so nachhaltig in seinen Korksohlenschuhen, als gedächte er auf- und davonzufliegen. »Herr Jansen, ich kann's nicht mehr halten. Ich muß mich befreien. Herr Jansen ... o Sie gütiger Chef, Sie Patriarch der Barmherzigkeiten! Um Ihretwegen ließ ich mich zu Mus und Mienchen verarbeiten ... könnte mit Maus und Mäuserich die Preußenkasse anpumpen, um das marode Zentrum wieder flott auf die Beine zu stellen ... fräße ich Feuer und lebendige Karnickel herunter, ohne Besehn, ohne mit 'nem kleinen Finger zu zucken ... Herr Jansen ...!« und Baumann nahm sein schwarzumrändertes Nastuch, tupfte sich damit gegen die Stirne, brachte es wieder an Ort, trudelte aus dem Paradies feiner Exaltionen in 'nem feierlichen Gerichtssaal hinein, trat mit dem ernstesten Gesicht von der Welt vor Schranken und Schrein, bestellt mit Bibel und Kruzifirus, legte die Linke auf die Herzgrube und stielte die Rechte zur Decke ... »Herr Jansen, was ich früher schon sagte, das sage ich nochmals: Ich nehm's auf die Gabel! Jetzt, wo alles perfekt ist, ich schwör's doppelt und dreifach zu Gott dem Allmächtigen: Herr Jansen, nunquam retorsum! Niemals zurück! Immer aufs Ganze. Immer vorwärts für meinen gütigen Kompagnon, für mich und die Firma, so wahr mir Gott helfe, Amen.« Die Rührung übermannte ihn. Die Stimme zerrieselte wie Ascheflöckchen. Er tastete feuchten Auges nach der Hand seines Gönners. »Herr Jansen ...« Dieser wehrte bescheiden ab. »Nu lassen Sie bloß. Ich beziehe auch meinen Profit. Jedem das Seine. Meine Devise. Keine Fisimatenten. Übermorgen wird der notarielle Aktus getätigt ... und nu, mein lieber Herr Baumann: für heute 'raus aus 'm Betrieb. Das Nötige werde ich selber besorgen. Ihre hitzige Freude muß Abkühlung haben. Das können Sie draußen besorgen. Also bis morgen.« »Aber Herr Jansen ...!« »Bis morgen, Herr Baumann.« Der alte Herr hatte alle Mühe, den kummerbewegten und dennoch glückstrahlenden Kompagnon aus dem Zimmer zu drängeln. Mehr tot als lebendig taumelte der Übertrunkene durch den fröstelnden Hausflur. Das bekriegte ihn wieder. Er las die Inschrift über der Supraporte: » Miserere mei, Deus, sekundum magnam misericordiam tuam .« Das brachte ihn völlig zu Sinnen. Trotzdem fühlte er sich als Aladin mit der Wunderlampe. Ja, er hatte ein Märchen erlebt, ein Märchen aus den tausend Nächten und der einen Nacht, aber dieses Märchen war für ihn Wahrheit und Erleben geworden, Erleben und Wahrheit mit blanken Zähnen und gesunden Backen wie Borsdorfer Apfel ... aber bloß Ruhe. Fränzchen Jobelius sollte dieses Märchen erst ums Schummern, gewissermaßen als Sinter-Klaas-Präsent, aus seinem Munde erfahren. So schob er denn auch eilfertig an der linken Ladenhälfte vorüber, wickelte sich in Paletot und Tröster, um mit dampfendem Atem den Schloßberg und freies Land zu gewinnen. Er fühlte es selber: Mittagsbrot brauchte er nicht, bloß frische, harte, bekömmliche Luft um die Naslöcher ... und so stand er denn in 'ner knappen Viertelstunde auf dominierender, schneeverwehter Höhe, unter sich Stadt und Weite, über sich das lichtaufgeklärte Himmelreich und das Geschrei von ab- und zufliegenden Dohlenvögeln. Ah! wie das guttat, so in seinem allbefreienden Glücksrausch einsam auf stiller Warte zu stehen, die unermeßliche Heimat, die schlummmernde Erde um sich zu wissen, rein und keusch wie ein aufgebahrtes Nönnchen von der ewigen Anbetung! Er umfaßte die Niederung von Emmerich bis zu den Türmen des Sankt-Viktor-Domes in Xanten. Dazwischen Flecken und Dörfer, eingefrorene Altwasser, den köstlichen Frieden von niederen Katstellen mit den seinen Rauchspiralen über den Dächern. Alles und jedes prickelte ihm zu, mit dem unendlichzarten und bekömmlichen Prickeln von Sekt- und Selterwasserbläschen. Jetzt erst kam er in den richtigen Genuß des ihm Gewordenen. Er breitete die Arme. Er jauchzte sich frei von dem Übermaße der über ihn gefallenen Besitztitel, Anwartschaften und Verheißungen. Vor 'ner knappen Stunde noch ein Kommis und Magazinier mit zweitausend Mark Salär nebst üblichen Zutaten, um sich jetzt bereits Kompagnon nennen zu können, Kompagnon vom Beerdigungsinstitut ›Pietas‹, in Firma Joris Jansen und Severin Baumann ... und das übrige noch, Fränzchen Jobelius noch, Fränzchen mit dem blonden Bubikopf, dem anschmiegenden Wesen, dem neckischen Angleichen mit den schwellenden Atemzügen und den sonstigen extraordinären Wohlhabenheiten! Nein, dieses Fränzchen, dieses Mamsellchen mit der netten, zutunlichen Art, ohne sich dabei auch nur das geringste Körnchen aus ihrem jungfräulichen Futterkörbchen picken zu lassen. Das imponierte ... und hätte Severin in diesem Augenblick zwischen schroffen Alpenwänden und blühenden Alpenrosen gestanden, zweifelsohne, er hätte wie 'n Tazzelwurm oder 'n fettes Murmeltierchen scharf durch die weite Öde gepfiffen. Da es ihm aber an schroffen Alpenwänden und blühenden Alpenrosen mangelte, ließ er Tazzelwurm und Murmeltier sein und begnügte sich mit dem einzigwahren christlichen Jubelruf: »Christus, mein Heiland!« Noch immer taumelselig, verließ er den Schloßberg, eilte durch vereinsamte Gassen, dann scharf um die Ecke zum Tore hinaus, bis er sich auf der breiten Chaussee befand, die über Warbeyen nach Emmerich führte. Auch hier alles weiß, wie mit Kandis überzuckert. Die ganze Landschaft ein allerliebstes Schneewittchen: die Nähe weiß, die Fernen weiß, die Ebereschenbäumchen; die die Straße begleiteten, mit lichtem Engelshaar durchglitzert. »Wie schön!« sagte Baumann, »schöner als 'ne Fensterauslage um Weihnachten. Aber nur vorwärts! Immer mehr bekömmliche Luft um die Naslöcher! Das bringt einem wieder 'nen regulären Kopf unter die Mütze.« Er rollte aufs neue den silbrigen Weg auf. Irgendwo hörte er einen verwunschenen Schlitten dahingleiten. Ein Glöckchen ertönte. Erst näher, dann immer ferner und ferner. Ein weltfernes Klingeln und Wispern! Es war so, als führe eine abgeschiedene Seele seinem weißen Frieden und den ewigen Tischen entgegen. Der einsame Pilger wurde nachdenklich. »Ja, so geht das im menschlichen Leben!« sagte er kleinlaut. »Heute Teilhaber, 'nen notariellen Aktus in Händen, 'n molliges Kind an der Weste, und morgen bereits ...« Er wurde unterbrochen. Aus einem bestandenen Seitenweg schleifte ein schon bejahrter Mann auf die Straße. Es war Joë Mendel, der mosaische Händler aus der Nachbarschaft, der mit seinem schweren Wachstuchpacken die Gegend absuchte, um noch vor Abend allerlei Zeug, wie bedruckte Taschentücher, Garnrollen, Nähnadeldöschen und sonstige Kinkerlitzchen unter die Leute zu bringen. Joë erstarrte. »Gott meiner Väter! wohl auch auf die Walze, Herr Baumann? Vielleicht 'ne neue Bewährung un so?« »Nee Joë, ich will mir bloß so 'n bißchen die Füße vertreten.« »Gott, wer das könnte! Mir die Füße spazierenderweise zu vertreten, hab' ich niemals gekonnt. Bloß als die kaiserlichen Zeiten mit ihrem Profit noch waren – ja, da! Aber heutigen Tages ...« und über Joë's gütiges, mit Sommersprossen austapeziertes Nazarenergesicht, lief ein wehes Lächeln, dem vereinzelte Trauerflörchen beigegeben waren. »Nein, Herr Baumann, ich kann mir nicht die Füße vertreten, denn wo jetzt die Herren Volksvertreter sich allzeit in die Wolle liegen, bloß um die Diäten zu verzehren un die Landsmannschaften uns immer tiefer in die Pleite hineinreden, sind meine Geschäfte mieser als die meiner Väter geworden, da sie bei die ägyptischen Herrschaften bei's Pyramidenaufsetzen bloß Zwiebelschnittchen un Knoblauch einnehmen durften. Da haben Sie's besser, Herr Baumann. Aber seien Sie weise. Machen Sie sich das Füßevertreten durch 'n kleines Pläsiervergnügen noch größer ...« »Joë, wieso denn?« »Gehen Sie zu Herrn Dores van Laak hin. Er domiziliert hier ganz in die Nähe. Bewundern Sie seine kaptale Sau vor die Haustür. Es macht ihm Freude, Herr Baumann. Noch gestern invitierte er mich. Für Lena, seine erste Melkmamsell, erstand er sechs Hemden mit brüstlichen Einsätzen, dazu 'n halbdutzend Strümpfe von die nobelste Wolle, wie sie angefertigt werden von die indianischen Heidenvölker. Da sah ich das Ferkel. Ich meine die abgeschlachtete Dame. Nein, diese Kapazität von 'ner eigenhändigen Züchtung! Diese Bonität un Delikatesse von oben bis unten! Mir lief das Wasser zwischen die Zähne zusammen. Ich wässerte. Das sah Herr von Laak. Joë, wie wär's denn ...? fragte er lieblich. Nu, ich hab' sein Angebot nicht wie'n Stück treferes Fleisch über die Schulter geworfen, hab' zwei frische Saudischen verzehrt und bin dann weitergegangen mits Wachstuchpäckchen und die delikate schweinerne Bekömmnis. Ich habe die Ehre, Herr Baumann.« »Joë, gute Geschäfte!« »Merci!« und Joë Mendel trieb weiter, über die breite Chaussee fort, in die weiße Gegend hinein, um seine Schnürsenkel, Taschentücher, Nadelbüchsen und ›brüstlichen‹ Einsätze Jan und Allemann vor Augen zu führen. Der Herr Kommis schwenkte zur Rechten. »Auf nach Dores van Laak!« Und nicht lange mehr, da sah er sich bereits im Bann und Frieden des Gutshofes, dem man schon von weitem anmerkte: hier wurden Nägel mit Köpp gemacht und bloß Metzen mit schierem Hafer in die Futterkrippen geschüttet. Dores, der den Einmarsch des Ankömmlings bereits von seinem Wohnzimmer aus beobachtet hatte, trat ihm fidel im Hausflur entgegen. Er streckte die Hand aus. »Rare Gäste, willkommene Gäste! Wohl so 'ne kleine Schweinevisite, Herr Baumann?« »Offen gestanden: jawohl, Herr van Laak. Man möchte doch gerne ...« »Kann's verstehn. Alles ist verrückt auf das Ferkel.« Er lachte, zeigte mit dem Daumen über die Schulter auf die zunächstgelegene Türe und lachte zum andern, aber breiter und schmalziger: »Da sitzt schon 'n guter Bekannter von Ihnen, Herr Baumann. Machte auch den Schweinevisitler, aber leider 'nen Posttag zu spät ...« »Oh ...!« »Leider, Herr Baumann, denn Amalie ist alle, hat sich verflüchtigt, sich in ihre Teile zerlegt, befindet sich im Pökelfaß, in der Räucherkammer, wurde verwurstet, aber mit äußerster Schonung, mit Respektierlichkeit gegen 'ne präliminierte Yorkshire Sau, die so was reichlich verdiente.« »Herr van Laak, dann kann ich wohl gehen?« »Gehen? Wieder so einfach retour? Ohne Naß und Trocken genossen zu haben? Da drehte sich ja das Gesicht vom van Laakschen Hof direktemang in den Nacken. Nee, mein Lieber, das gibt's nicht. Auch ohne Leiter und in ihre Teile zerlegt, kann Amalie noch aufwarten. Es ist schon in Bestellung gegeben. Gekochtes und Gebratenes mit 'nem Kranz von geschmorten Rabauen ums Ganze. Auch 'ne Ruhrperle fehlt nicht. Also bitte, Herr Baumann! Abgelegt und immer 'rin in die Falle: Um zwei Uhr soll der Branntewein Zu frischer Wurst nicht schädlich sein.« Dores warf energisch die Tür auf. Der Invitierte konnte nicht anders – er mußte das Zimmer beehren. Er tat es mit 'nem gewissen Respekt, denn die van Laaksche Aufmachung mit Klubsesseln, lackierten Tapeten, Plüschmöbeln, Schränken mit prima Büchern und so, war bei den übrigen Grundbesitzern noch nicht Mode geworden. Ein gespreiteter Eßtisch, auf dem etliche Teller im Verein mit Ruhrperle- und Geneverbouteillen standen, deutete auf eine reichliche Atzung. »Höhö!« lachte Ferkulum und trat dem Kommis seines Freundes und Gönners großartig entgegen. »Ob ich's nicht ahnte! Die Herren von der Fakultät ›Pietas‹ wissen den Momentus zu erfassen. Wo 'n Schornstein raucht ... na und so weiter.« »I wo!« wies ihn Baumann energisch in die Schranken zurück. »Ich wollte mir bloß das Unikum von Ferkel besehen.« »Kann jeder behaupten ... aber auch möglich, Ihr seid Eurem Prinzipal so 'n bißchen aus der schlechten Laune gegangen.« »Warum denn?« »Das sieht doch 'n Blinder. Joris ist seit den letzten Tagen und Wochen ungenießbar geworden. Er nöselt so vor sich herum, befaßt sich mit Stunk und Redensarten, selbst mir gegenüber, denn als ich ihn um die gewöhnliche Anisette ersuchte, sagte er so von oben herab und so langnäsig hin, er besäße mein Lebenslaxier nicht mehr auf Vorrat. Das ist doch äußerst, Herr Baumann!« »Gewiß, aber das hat sich geändert.« »Geändert? Seit wann denn geändert?« »Seit heute. Vor zwei Stunden vielleicht, können auch mehr sein. Da war der Herr Chef wie 'n großer Spendierer. Groß sage ich Ihnen.« »Das sollte mich wundern.« »Ist aber so.« »Wieso denn?« »Das werden Sie am ersten Januar hören.« »Nicht früher?« »Nee, nicht um 'ne Bouteille Schampagner. Aber Hand aufs Herz: ich hab' die große Nummer gezogen.« Mynheer Ferkulum funkte ihn an. Er dachte nicht dran, sich unter den knorzigen Stumpen placieren zu lassen. »Ich dito desgleichen!« konstatierte Aloys, schlug sich mit der Hand auf die Brust und sagte mit erhobener Stimme: »Hier sitzt das, nämlich die Rolle. Bin fix und fertig damit. Gestern war Leseprobe. Pompös! meinte Hochwürden. Besonders der Schlußsatz. Herr van Laak hat schon so 'ne kleine Vorkost empfangen, und wenn die Leber- und Grützwürste noch Zeit haben ... »Noch fünf bis sechs Minuten«, lachte der Gutsherr. »Genügt mir! Dann möchte ich dartun ...« »Wir hören.« »Gut so!« Der langriemige Mensch nahm Haltung an ... trat hinter einen Stuhl ... umgriff dessen Rückenlehne ... bohrte die Augen tief in die Dielen ... ließ sie gleich darauf an unsichtbaren Fäden emporklettern ... gebot ihnen Halt, um sie bleifarbig ins Leere zu schicken. »Meine Herren! Letzter Monolog des Landpflegers aus dem Passions- und Mirakelspiel Heinrich Verschürens, zeitigen Kaplans aus Warbeyen im Herzogtum Kleve.« Seine Sprache umdüsterte sich: »Hofraum des römischen Pflegers. Rechts Estrade mit dem göttlichen Dulder. Viel Volk, Pharisäer und Priester, Soldaten, Statisten, ein krähender Hahn. Links der Thronsitz des Pontius Pilatus. Er selber mit Wage und geschältem Weidenstab ... und Pilatus bin ich. Na denn: Was muß ich sehn, was Fürchterliches hören?! Jerusalem löst sich aus Rand und Band. Es geht ein Schrei von Dan bis Berseba, Die Wüste weint und ihre Steine bluten. Seht ihr denn nicht und hört noch immer nicht?! Der Jordan selbst schreckt in sich selbst zurück, Er fließt zu Berg, anstatt zu Tal zu strömen Und seine Weiden flüstern Trauerpsalmen. Ha, seht doch, seht! Die Ferne schleiert ein, Das weite Land hüllt sich in Trauerkleider, Das Tote Meer ist toter denn zuvor. So sperrt Natur sich wider böses Tun. Gebt Jesum frei, den Mann von Nazareth, Nicht Fehl noch Sünde finde ich an ihm. Sein Herz ist lauter wie der helle Tag! Gebt Jesum frei, laßt ihn des Weges ziehn. Ich biete gern den Barrabas dagegen. Ihr wollt nicht?! Nein! Ihr speit nur Blut und Wut, Ihr Pharisäer und ihr Priester – ihr! Und ihr bedenkt nicht: Blut bleibt immer Blut, Kehrt nicht zurück, wenn einmal es dahin, Und klagt euch an, wenn schuldlos es vergossen. Ihr Juden, ihr, so hart wie Kieselstein, Ich seh's euch an, ihr wollt das Opfer haben. Blut wollt ihr sehn und Kreuz und Golgatha! Nach dem Gesetz – ich kann's euch nicht verwehren. So nehmt ihn denn, der Gottes Sohn sich nennt. Schlagt ihn ans Kreuz, laßt seine Wunden fließen. Ich, aber ich – ich will: Bringt Wasser mir. Die Schale her mit lauterm Brunnenquell, Auf daß in Unschuld ich die Hände wasche. Ich bin nicht schuld am Tode des Gerechten. Jedoch sein Blut, es komme über euch Und eure Kinder ... und von Golgatha Wird's bald ertönen mit Posaunenstößen: Verflucht seid ihr für jetzt und alle Zeiten. Aus!« »Bravo!« Baumann erstaunte: »Grandios!« Auch der Hausherr gab zu: »Allerhand Achtung! Prächtig gesetzt und ebenso prächtig wiedergegeben. Im großen und ganzen 'ne würdige Leistung.« »Ich!« sagte Ferkulum und ließ sich an Tisch und Tafeltuch nieder. Er atmete schwer, denn er hatte ganz im Banne seiner Rolle gestanden. Aber jetzt ... er warf den Kopf über die Schulter und beobachtete, wie die Tür sich feierlich in ihren Angeln bewegte. Lena erschien, frisch und weiß wie 'ne zutunliche Dorkinghenne, und brachte eine Porzellanassiette zu, so geberisch mit Amaliens würstlichem Nachlaß überkrustet, der selbst 'nem reichen Prasser 'ne Art von Bewunderung abgenötigt hätte. »As't üh belieft, Mynheers, und 'nen bekömmlichen Zugriff!« »Merci, mein Hühnchen.« Herr van Laak entließ sie in Gnaden. »Herr Baumann, ich bitte. Genötigt wird nicht. Jedereins sorgt auf dem van Laakschen Hof für sich selber.« »Zuviel der Güte«, lächelte der erste Kommis und faltete die Serviette breit auseinander. Ferkulum, der bisher mit Kopf und Kragen in den Mysterien gestanden hatte, marschierte jetzt mit voller Montur wieder in das alltägliche Leben zurück, machte den Mundschenk, erhob die gläserne Wanze, wie er das Schnapsgläschen nannte, prostete den Gastgeber an und sagte: »Auf Ihr Spezielles, Mynheer. Nous avons, vous avez ... und nu is se weck! Ich meine die Ruhrperle ... und jetzt heran mit die Würste und die übrigen Zutaten!« Amaliens Nachlaß fand begeisterten Zuspruch. Grütz-, Leber- und Blutwürste schwanden dahin wie Schnee vor der Märzensonne. »Deliziös!« konstatierte Ferkulum. »Wenn ich Sie wäre, Herr van Laak, ich würde Amalie ein Postamentchen errichten. Möge sie in ihren Kindern und Kindeskindern noch lange bestehen, um in ihnen so delikate Würste weiter zu züchten. Drauf trinken wir einen ...« Viertelstündchen um Viertelstündchen zerfaserte. Zigarren und Kaffee wurden anpräsentiert, und wieder trappelte ein Viertelstündchen hinter dem anderen her. Die bläulichen Schatten da draußen machten schon Kankerbeine und lange Gesichter. Herr Baumann sah nach der Uhr. »Himmel und Herrgott! nu aber hopp hopp. Mein Prinzipal wartet auf mich.« Er stellte sich straff und strack auf sein Untergestell: »Herr van Laak ich muß mich gehorsamst empfehlen, aber ich hoffe zu Gott, mich bald nach Neujahr revanchieren zu können.« »Halte mich gleichfalls empfohlen!« rief ihm Aloys zu. »Herzlich willkommen. Gehen Sie mit?« »Nee, noch zu früh. Ich muß Amalie und Herrn van Laak noch die Ehre erweisen.« »Na denn«, sagte Baumann und war bald auf dem Heimweg. Der Wind hatte sich aufgetan. Ein feiner Puderschnee pfiff ihm scharf um die Schläfen. Aber sein Herz pupperte, war so freudig gestimmt, wie nur ein Menschenherz am Sinter-Klaas-Abend sein konnte. Nein, diese Erwartung! »Sinter Klaas, Sinter Klaas ...!« Die Wintersonne hing bereits wie eine blutrünstige Schusterkugel tief in der Niederung. Die Weiten nahmen eine violblaue Färbung an. Langsamen Fluges schwaderten etliche Krähenvögel dem dunstigen Westen entgegen. »Sinter Klaas, Sinter Klaas ...!« Als der Beseligte in die Kavarinerstraße einbog, gewahrte er Fipps, der mit einem großen Hutkarton auf dem Rücken, in die Dämmerung hineinsegelte. Einzelne Schaufenster in der Nachbarschaft hatten bereits Licht aufgemacht. Die seines Chefs hielten noch die Augen verschlossen. Gleich darauf betrat Baumann den Hausflur, legte dort ab, um auf Zehenspitzen durch ein Nebentürchen in den Laden zu schleichen, woselbst Mamsell Jobelius sich hinter der Theke noch damit beschäftigte, Flörchen und Trauerschleier sachlich in diverse Schachteln zu verstauen. Da stand sie nun ahnungslos in ihrer ganzen Reinheit und Unschuld, mutterseelenallein und nur von einer mageren Dämmerhelle umgeben. »Jetzt oder nie«, sagte Herr Baumann. Ein Ritter ohne Furcht und Tadel, trat er hinter die appetitliche Jungfer, umgriff sie und brückte ihr ein heimliches Küßchen auf das knusperige Näckchen. Da wandte sie sich. »Über Sie aber auch! Herr Baumann, wie können Sie nur, wo Sie bis jetzt nicht die Kurasch aufbringen konnten ...« »Jetzt bring' ich sie auf«, rief er glücklich, zog sie in eine verschwiegene Ecke, wo er ein kommodes Stühlchen erwischte, kurzen Prozeß machte und Fränzchen auf seine straffen Knie placierte. »Aber Herr Baumann ...!« Er hielt ihr den Mund zu: »Bloß Ruhe! Die Sache ist richtig. »Was ist richtig, Herr Baumann?« »Das mit der Firma. Am ersten Januar heißt das: Joris Jansen und Severin Baumann.« »Um Gott nicht!« »Jawoll – ja! und drei Wochen später können wir unsere Plüschpantoffeln unter ein und dieselbe Bettstelle setzen.« Er packte sie fester: »Mein Sinter-Klaas-Präsent, Fränzchen!« »Ach – du ...!« Sie drängte sich an ihn. »Darf ich jetzt, Liebste?« »Warum nicht? Bediene dich nur.« Das tat auch Herr Baumann und nahm sie so mundgerecht, daß seine Küsse auf ihren festen Lippen wie pralle überreife Weinbeeren platzten. »Ach – du ...!« Das Ladenlokal in der Kavarinerstraße, dito die Stadt, dito das totale Herzogtum Kleve hatte schon vieles gesehen, aber so 'ne liebliche und deliziöse Affäre noch niemals, denn Herr Severin Baumann und Fränzchen Jobelius verstanden es schon, preislich zu küssen. Siebentes Kapitel Drei Wochen später ... und in allen Kirchen wurde gesungen: »Als ich bei meinen Schafen wacht'. Ein Engel gute Botschaft bracht'. Des bin ich froh! O, o, o! Benedicamus Domino! « und überall der schwere Duft des Weihrauchs, das glitzernde Engelshaar zwischen den Fichtenzweigen, goldene Flämmchen allorten, die vor den Predellen auf hohen Leuchtern standen und mit den kleinen Engelein im Himmelreich sangen: »Jesus Christ wurde geboren, aus Maria der Jungfrau, der Mittlerin und Fürsprecherin, der Gebenedeiten und Gnadenreichen, der Alleserbarmerin ... und kam nicht mit Troß und Hofmarschällen, nicht mit Kreuzen und Sternen, nicht im Glanze seiner Reiche und Fürstentümer, sondern er kam als nacktes Knäblein, auf Geheiß des großen Sternenvogtes über den Welten, um späterhin das Wort Gottes zu verkünden, am Kreuze zu sterben, den sündigen Menschen die Sünde zu nehmen und ihnen die Erlösung ans Herz zu legen« ... und dazwischen Orgeltöne und seraphische Stimmen: »Finsternis weichet, Es strahlet hienieden Lieblich und prächtig Vom Himmel ein Licht. Engel erscheinen ...« Nicht weiter, um Gottes willen nicht weiter! Erschienen in Wahrheit die Engel, um den Frieden unter die verbitterten, mißleiteten und verzweifelten Menschenkinder zu tragen? Nein, sie erschienen nicht ... und so tapfer Heribert Kästner im Orgelgestühl der Kirche von Warbeyen auch sitzen mochte, alle Register aufbrausen machte, den Kalkanten anspornte, die Bälge fester zu treten, die Äolsharfen anstimmen und die Vox humana , aufjauchzen ließ, als wäre der gefeierteste Sangesmeister bei der Arbeit gewesen, auch ihm gelang es nicht, die Engel heraufzubeschwören, sie innigst zu bitten, dem niedergeworfenen Volk die ersehnte, einzigwahre, himmelhohe Weihnachtsfreude an die zermarterten Herzen zu legen. Die Engel Gottes versagten, wandten sich ab, konnten und wollten nicht helfen, denn zuviel der Tränen waren schon um Deutschland geflossen, zuviel hatten bereits die staatserhaltenen Parteien mit den Umstürzlern und Revoluzern geliebäugelt, sich diesen aus Sonderinteressen in die Hände gegeben, zuviel an politischem Falschgeld unter die Leute getragen. Nein, die Engel konnten nicht retten, erlösen. Da mußte der Herr schon selber ... da mußte er schon seinen ersten Sachwalter schicken, der wußte, wie er die Geistes- und Handarbeiter zu führen hatte, die da willens waren zu schaffen, der wußte, wie er die schwarzen und roten Bonzen klein kriegen konnte, da mußte er schon seinen strahlensten Cherub, den Erzengel Michael, senden, in leuchtender Wehr und mit blitzenden Waffen. Der mußte sein scharfes Schwert breit legen, es zucken lassen von Mitternacht bis Mittag, von Morgen bis Abend: »Gebt Ruhe, ihr Schreier, ihr Pazifisten und Frömmler, ihr Dunkelmänner und Aasjäger, ihr Schieber, die ihr das Heil sucht jenseits der Alpen – gebt Ruhe! oder ich schlage mit der Schärfe des Schwertes und lasse meine Lanze schatten wie die eines Giganten. So nur ist Deutschland zu retten, werden die Lauen und Hinterhältigen abgetan, die Dulder und Aufrechten erhöht und erhoben.« Vox humana und Äolsstimmen verhallten. Heribert verließ das Orgelgestühl, suchte sein Heim auf, um an Henriette zu schreiben. Aber was sollte er schreiben? Ihr letzter Brief hatte ihn angemutet, als wäre jedes Sätzlein, jeder Gedanke, jedes Wörtlein der Zuneigung wie mit spitzen Nadelkristallen hingesetzt worden – lieblich und gut, voller Verehrung und Hingebung, aber doch immerhin mit haarfeinen Nadelkriställchen geschrieben. Sein Empfinden bäumte sich auf. An wen waren ihre Zeilen gerichtet? Wem flocht sie ein Kränzlein? Der irdischen oder der himmlischen Liebe? Wem galt ihre innerste Neigung? Sie erschien ihm wie eine schöne, abweisende, junge Novize, begehrenswert und anzuschauen, als wäre sie aus dem Paradiese Gottes in einen kleinen Klostergarten getreten, oder aber erhob sich eine zwingende Kraft neben ihr – für ihn nur ein Schatten, für sie jedoch eine verzehrende Flamme, der sie nicht mehr zu entrinnen vermochte?! Er lächelte bitter. Herr, mache mich wissend, auf daß ich nicht durch Finsternis schreite und Halt und Himmel verliere! ... und er schrieb nicht, wollte noch warten, sich Rechenschaft geben über dieses und jenes. Letzten Endes mußte der Schleier doch auseinander, und dann: hell würde es werden wie am ersten Tage des Lichtes ... und so langte er denn nach dem Manuskript seines neuen Trutz- und Kampfromanes, willens, das achte Kapitel unter dem Knistern der Weihnachtskerzen fertigzustellen. Und also geschah es. Bis tief in den heiligen Abend hinein saß er im traulichen Schein seiner Arbeitslampe und fand für etliche Stunden das, was er suchte: Vergessen und Frieden. Und weiter ... Einige Tage später riefen die Glocken der Stiftskirche die Mitternachtsstunde von ihrer steilen Warte herunter. Als sie verhallten, krachten die Feuerwerkskörper an allen Ecken und Kanten, klingelten die Punschgläser gegeneinander, zischelten blaue und silberlichte Raketen in die Nacht voller Sterne. »Prosit Neujahr, meine Damen und Herren!« »Prosit Neujahr sonder Verdriet!« Aber es war nicht mehr das ›Prosit Neujahr‹ von einst und ehedem. Eine starre, unbarmherzige und bleierne Faust lag auf allem und jedem. Zuviel gemordete Existenzen deckten den Boden, zuviel Rauchfahnen waren von den arbeitsfrohen Schloten genommen. Nicht Sälde und Segen mehr! Die Pflugmesser warfen leeres Gestein statt ersprießliche Ernten aus den umbrochenen Schollen. Überall Leerlauf. Den Aufrechten im Lande war die Macht aus den Händen gewunden, ihr Wollen nicht mehr imstande, das Steuer auf die richtige Seite zu zwingen. Gottes Hand und Gottes Fluch ruhte auf Deutschland ... und wer das kartesische Teufelchen auszufragen gedachte, bekam keine Antwort. Es hielt sich in Abwehrstellung und weigerte sich, aufwärts zu steigen. Nur die Hellhörigen hörten es wispern: » Durante causa dura effectus . So lange die Ursache dauert, solange die Wirkung.« Dazu machte es ein Gesicht wie 'n Rendant von der Viehsterbekasse, wenn die Bauern vorsprachen und dartaten: »Mynheer, wir haben die Maul- und Klauenseuche bezogen. Also Butter bei die Fisch. Die Assekuranzpolice ist richtig.« Aber die Kasse war nicht richtig. Sie hatte die Schwindsucht. Nein – das ›Prosit Neujahr‹ war zwar gut gemeint, aber schwächlich, blieb vielen in der Kehle hängen oder tastete sich mit klammen Fingern durch einen Nebel, der nicht aufhören wollte, kurz, die Silvesterstimmung war so miserabel wie möglich, wurde nicht sprudelfrisch und stierte in die Punschterrine mit schiefen Mundecken und hängenden Ohren. Nur andern Tages, am Neujahrsmorgen ... in der Kavarinerstraße blieben die Leute vor dem Anwesen Jansens stehen, steckten die Köpfe zusammen, gestikulierten mit Armen und Beinen und waren baß erstaunt über das, was sie zu sehen bekamen. Die Frontseite des Hauses blühte mit frischem Tannengrün von oben bis unten, schmunzelte aus allen Luken und Knopflöchern, als wären die fetten ägyptischen Jahre unverhofft über Giebel, Dachpfannen und Sparren gekommen. »Christus!« sagten die Menschen, stießen sich an, als wäre ihnen Unerhörtes vor die Sinne getreten. »Nein, dieser Jansen ...!« Die Angestellten und Handwerksleute der Firma waren in den letzten Tagen nicht müßig gewesen, hatten vielmehr in die Hände gespuckt und nicht lange gefackelt. Bretter wurden zugeschnitten, gehobelt und sorglich verdiebelt. Die Hämmer verloren ihr monotones ›Rattata, rattata‹, schafften freier und froher. Die Späne kräuselten sich munter von den Hobelbänken herunter ... und eija! die sonst so verdrießlichen Sargnägel bejaten das Leben, drangen klingend in Masern und Fasern und hielten das neue Firmenschild, das sich über die ganze Frontseite des Hauses hinziehen sollte, rechtschaffen zusammen. Selbst der erste Lackierer- und Malermeister des Betriebes, Pitt van de Lucht, lackierte und pinselte so sonnenheiter drauf los, als wäre er bei einem weinfrohen majuskel- und minuskelkundigen Mönchlein des Klosters Sankt Gallen in die Lehre gegangen. Eija, und die Bubiköpfe und die Zopfigen erst! Unter der Aufsicht des duftigen Bräutchens schafften sie emsig, flochten sie Stechpalm- und Fichtengrünkränze, wirkten Ebereschenbeeren hinein. Rüschchen und Schleifchen ... und während die Sternchen vor Kälte unter dem Himmelreich knisterten, die Menschen bei den warmen Kanonenöfen saßen, der zwölften Stunde in der Silvesternacht entgegenharrten, mehr oder weniger bekümmert in die heißen Punschgläser hineinäugelten, lichteten die Angestellten des Beerdigungsinstutits alles aufs Beste, brachten das neue Firmenschild an Ort und Stelle, zogen Girlanden und Kränze, ließen bei klarem Mondlicht und zum guten Beschluß von der obersten Bodenluke ein funkelnagelneues Fahnentuch auf die Straße herniederbammeln. Fertig! und saßen alsbald um 'ne mächtige Bowle zusammen, gemeinsam mit den Herren Jansen und Baumann, völlig berechtigt, ein von Herzen kommendes ›Prosit Neujahr sonder Verdriet‹ zu verlautbaren,denn das kartesische Teufelchen war hier total aus dem Häuschen und hatte unverhohlen sein kräftigstes Amen gesprochen. Das bewies auch der kommende Morgen. Dem Hause Joris Jansen war Heil widerfahren. Nach dem Hochamt suchten die Menschen die Kavarinerstraße auf und standen und staunten. Die einen sagten: »Der Tod ernährt seinen Mann. Wer aus der Pierekull sein täglich Brot holt, ist gemacht für sein Leben«, die anderen wieder: »Nee, nee! Alles was recht ist: wer Grips im Koppe besitzt und rechtzeitig seine Kartoffeln zusammenschmeißt, hat den Profit von ...« aber alle machten die Hälse lang, bewunderten die goldenen Buchstaben auf dem schwarzlackierten Hintergrund mit dem umsilberten Rahmen und lasen mit Kulpsaugen: »›Pietas‹, in Firma Joris Jansen und Severin Baumann«. »Christus, hat der Mensch 'nen Dusel!« »Jawoll, aber Herr Baumann verdient es.« »Tut er, indessen jedoch, Herr Joris weiß auch seine Leute zu finden.« »Ganz richtig. Bravo, Herr Jansen!« Der Seniorchef stand hinter den Fensterscheiben, schnappte nach Atem, schürfelte aber zufrieden die Hände gegeneinander. Sein Kompagnon hatte sich unter die Leute gemischt, erklärte dieses und jenes, und während er noch dabei war, die näheren Umstände auseinanderzuzwirnen, auch durchblicken ließ, von jetzt an die Beerdigungskosten zehn Prozent unter Taxe anzusetzen, kam Aloys Ferkulum die Straße herauf, in Sonntagsmontur, auf breiten Sohlen und den Zylinder etwas auf die Seite geschoben. Sein glattrasiertes Eierkopfgesicht erinnerte an das eines Januskopfes. Die linke Hälfte war wie die eines Mannes, der mit dem ganzen Brimborium nichts richtiges anfangen konnte, die rechte wie die eines unpäßlichen Sauerampfers mit zwickenden Hühneraugen. Ohne tieferes Interesse segelte er an den erstaunten Menschen vorbei, würdigte Giebel und Aufmachung kaum eines Blickes, trat teilnahmlos in den Hausflur und stand bald darauf seinem Freund gegenüber. Herablassend warf er Zeige- und Mittelfinger gegen den Hutrand. »Serviteur! Prosit Neujahr, alter Genosse und Kupferstecher! Indessen: nu hat Baumann doch die große Nummer gezogen, wie er's mir und Dores van Laak bei's Wurstessen anprophezeite.« »Freut mich, solches aus Eurem Munde zu hören; denn allerhand Hochachtung: Baumann ist auch 'ne Nummer für sich.« »Gewiß, gewiß! Davon kann unsereins nichts abdividieren. Will ich auch gar nicht. Das wäre ja sonst dem gnietschigen Zebedäus gepfiffen, wenn man auch wahlhaben muß: in Klev' gibt's noch andere Nummern, noch größere Nummern, zum Beispiel ... aber man kann sich selbst doch nicht anpräsentieren, nicht sagen: Euer und mein Betrieb stehen in gewisser Beziehung zueinander, passen wie Pott und Deckel zusammen. Nee, das kann man nicht dartun, das muß einer fühlen ... und offen gestanden: ich hab' mir so 'n bißchen ausklamüsiert ...« »Justement meine Ansicht«, unterbrach ihn der Seniorchef. »Hab' auch dran gedacht, aber absolut nicht zu machen. Die Firma benötigte 'ne junge Kraft mit fixen Beinen und flotter Modernität, sonst befindet sie sich über kurz oder lang wieder in derselben Predullig. Sonder Komplimente – so bin ich denn auf Baumann verfallen.« Ferkulums Gesicht klärte sich auf. Der unpäßliche Sauerampfer mit den zwickenden Hühneraugen schälte sich von der rechten Hälfte herunter und begann süßlich zu lächeln. »Joris, nehm's in Empfang. Aber darauf trinken wir einen. »Soll denn ein Wort sein.« Der Stift wurde zitiert. »Fipps, 'ne Anisette, aber 'ne Anisette mit 'nem gehörigen Langkork.« »Bonus, Mynheer.« »Fipps, noch ein Wort!« rief ihm Ferkulum nach. »Zur Feier des Tags – ich bitte mir aus: 'ne gläserne Wanze mit doppeltem Inhalt.« »Wird gemacht«, und der listige Schlingel, dem Herr Jansen fünf Mark an Monatssalär zugelegt hatte, flitzte ab mit der Dienstfertigkeit eines Angestellten, dem es heilige Pflicht war, der neuen Firma, Herrn Ferkulum und sich selber die Ehre zu machen. Mit vielsagendem Seufzen klinkte die Tür ein. * In illo tempore ... in jener Zeit ging in judäischen Landen ein Stern auf, der den Weltenkreis in helle Bewunderung versetzte. Er zog von Morgen herauf und wandte sich langsam mit der Majestät eines ägyptischen Pharaonen gen Westen. Sein Mantel war purpurn, seine Schleppe ein Gleißen und Glitzern von Myriaden Perlen und Sternchen, die sich letzten Endes zu einem Nebelschleier von Diamanten verwebten und ins Ewige knisterten, sein Haupt eine leuchtende Flamme, schön wie ein Licht, dem Himmel und Erlösung innewohnten. Unter ihm aber begann es zu trappeln, mit Silberschellchen zu klingeln, mit seidenen Troddeln und Schnüren auf und nieder zu tänzeln. Sand ballte sich auf. Eine endlose Trombe wandelte mit dem Stern aller Sterne ... und in dieser endlosen Trombe gespensterten gigantische Schatten von Menschen, von Herren und Knechten, von Kamelen und hohen Dromedaren. Drei schneeweiße Tiere schaukelten vor, ließen sich vom Schein des Phänomens übersilbern. Ihre Schabracken und Schabrunken brannten in allen Farben des Ostens. In den umkrusteten Sätteln wiegten sich edle Königsgestalten, wiegten sich Melcher, Balzer und Kasper, die Weifen aus Mohrland. Mit klingendem Troß trieben sie weiter über salzige Öden, über fette Weiden und Triften, immer das Glänzen und Glitzern vor Augen, immer die Herzen voller Liebe und Sehnsucht bis sie ins mosaische Land und nach Bethlehem kamen. Und Melcher fragte einen Bethlehemiten: »Wohnt hier der König der Juden?« Der wußte es nicht, lächelte nur mit dem Lächeln seines Volkes, um sich verlegen um die nächste Ecke zu drucken. Eine Lichtgestalt aber, ein Cherub des Herrn mit goldenem Stirnreif und steilgerichteten schneehellen Schwingen erhob sich an der Tür eines verfallenen Stalles. Der antwortete ihm. Seine Stimme war die Stimme der Ewigkeit, des Unendlichen: »Ja, du Weiser aus Mohrland, du hast richtig gefragt. Eija Weihnacht! hier wohnt er, hier wurde der Messias geboren. Tretet nur ein und sein Licht wird Euch leuchten.« Also der Engel. Sie aber traten über die holperige Schwelle und fanden das, was sie suchten: zwischen Ochslein und Eselchen das Heil der Welt in einer mageren Krippe, auf Heu und Stroh und mit fadenscheinigem Linnen umwickelt ... und sie knieten nieder, beteten an, opferten Gold, Weihrauch und Myrrhen, um alsbald wieder dorthin zu pilgern, von wannen sie kamen. Ja, in illo tempore erschienen sie auch am Niederrhein, in Kleve, in allen Ortschaften des früher so gesegneten Herzogtumes. Auch hier besuchten sie die Krippe in der hohen Stiftskirche, in sonstigen Kirchen und Gnadenkapellen, opferten genau so wie in Bethlehem Gold, Weihrauch und Myrrhen, um alsbald wieder auf ihren schneeweißen Tieren über salzige Öden, fette Weiden und Triften dorthin zu klingeln, von wannen sie kamen. Mit ihnen verschwand auch der heilige Stern mit seinem Glitzern und Leuchten. Was aber die Hauptsache war ... mit dem Abschied von Melcher, Balzer und Kasper, war die Zeit nicht mehr fern, wo Herr Baumann und Fränzchen Jobelius sich für berechtigt hielten, ihre Plüschpantoffeln unter ein und dasselbe Bett zu stellen und nach des Tages Lasten und Mühseligkeiten glücklich zu sagen: »Nu sind wir drin! Wir brauchen keine Beleuchtung mehr. Aus mit der Glühbirne«, und eine bereitwillige Hand knipste das Licht ab, denn vierzehn Tage nach dem Dreikönigentag schnappte das Kirchbuch ein, ein Zeichen dafür: die eheliche Gemeinschaft war hiermit getätigt. »Kopuliert!« sagte Ferkulum. Seine Augen wurden zu blanken Speziestalern. Die Hochzeiterei selber war primissima Klasse. Die beiden Kompagnons wollten alles vom obersten Ende, schon aus Ärger darüber, daß Henriette und Heinrich Verschüren aus irgendwelchen Gründen dem Hochzeitsessen nicht beiwohnen konnten. In der Restauration von Becker-Thun verlief die Feier in glänzender Weise. Der Seniorchef war Würde und Weihe und ließ es sich schmecken, dito sein Kompagnon. Herr Ferkulum war eine Nummer für sich, ein Mann, der in allen Sätteln Bescheid wußte, gleichviel, ob es galt, Saucischen mit Sauerkraut, 'nen gepökelten Gänsebeinbollen oder 'ne Portion Hamburger Spickaal über den Haufen zu reiten. Als aber gesottene Schweinskarbonaden in Sülze anpräsentiert wurden, ihm seine Nachbarin, Frau Margarinefabrikantin Peternella Kleinwater, geborene Pistoris, des Längeren auseinandersetzte, der frommen Legende nach wäre dieser Gang das Lieblingsgericht des Landpflegers Pontius Pilatus gewesen, konnte Aloys nicht umhin, vor Angriff des Schmauses, Gabel und Messer seitlich des Tellers aufzupflanzen, etliche markante Stellen aus seiner Rolle über Schweinskarbonade und Sülze zu sprechen und sich dann erst an die Arbeit zu machen. Arbeit und Sprechweise fanden rauschenden Beifall. Letztere mehr als erstere, denn Ferkulums Leistungen als Eßkünstler waren den meisten bekannt, die als Komödienspieler aber fast allen mehr oder weniger Hinterwäldnergeschichten und böhmische Dörfer. Kurz, die Tafelrunde erschauerte vor Ehrfurcht und tiefem Erstaunen. Das junge Ehepaar prostete ihm zu, dito Herr Jansen, desgleichen Frau Margarinefabrikantin Peternella Kleinwater, geborene Pistoris, auch Herr Dores van Laak: »Jawoll! Hab's schon einmal gehört, aber man kann's immer aufs frische vernehmen: Es geht ein Schrei von Dan bis Berseba, Die Wüste weint und ihre Steine bluten ...!« »Kann's bezeugen!« rief Baumann. »Herr Ferkulum, mein ganz Spezielles!« und der junge Kompagnon trank sich so in die Begeisterung hinein, daß Fränzchen unruhig wurde und ihren Angetrauten dringlichst ersuchte, sich um seinet- und ihretwillen etwas menagieren zu wollen. »Männchen, sei stät, sonst verhagelt uns noch die beste Petersilie und die feinste Erbsenrabatte.« Aber ›Männchen‹ ließ sich nicht mehr halten. Die Begeisterung ging mit ihm durch. Er trank auf das Wohl seines ehrwürdigen, gottesfürchtigen und selbstlosen Seniorchefs, auf das Blühen und Gedeihen des Hauses, auf den Komödienspieler Aloys Ferkulum, auf Dores van Laak, auf dessen eingepökelte, geräucherte, präliminierte Porkshire-Sau, auf Jan und Allemann, auf Kirche und Staat, um zum guten Beschluß seine Franziska in den dreimal durchdestillierten rosenroten Himmel zu heben, zwei Finger zu strecken und mit heiliger, wenn auch etwas lallender Stimme zu sagen. » Nunquam retrorsum! Niemals zurück! Immer aufs Ganze! Immerzu Wind in den Segeln, Wind für mein angetrautes Weib, für meine gebuckelte Schildjungfrau, für dieses Ehrenbukett mit den Rehzwillingen, die unter Rosen weiden. Das schwör' ich, so wahr mir Gott helfe! Herz, meine Welt ...!« Und er umfaßte sein Herz, seine Welt und pflasterte ihr unter dem frenetischen Jubel der Geladenen 'nen saftigen, wenn auch schiefen Kuß auf das linke, neckische Ohrmüschelchen. »Bravo!« Alles war Fett und leuchtende Flamme. »Aber Männchen ...!« »Nichts damit ›Männchen‹! Du bist meine Freude, mein Jelängerjelieber ... und was ich getan hab', das kann ich mir leisten.« »Kannst du!« rief Ferkulum, und er hielt eine lange und gediegene Rede auf Fränzchen, was Baumann aufs neue veranlaßte, noch 'ne Langkork auf die bereits genossenen Langkorken zu setzen ... und immer so weiter, bis die Hühner in die Ställe einwechselten, zusammenrückten, Kopf und Kamm unter die Federn schoben und kaakelnd ihre Stangen beschmissen. Da war's alle mit Baumann. Der Geist war noch willig, aber die Beine wollten nicht mehr. Unter Assistenz von Fipps und Dores van Laak wurde er nach den heimischen Penaten geleitet, dortselbst zwischen Kissen und Decken verstaut, um dann zu versacken mit dem geheimnisvollen Gluckern eines bleiernen Entvogels. Die Sterne flinzelten freundlich unter dem Himmelreich und gingen dann unter – Herr Baumann sägte, aber er sägte mit Anstand. Und nochmals kreisten die goldenen Bilder um den ewigen Polstern, allverzeihend und gütig, um ebenso allverzeihend und gütig im Grauen des Tages abzublassen – erst da ... erst am zweiten Morgen nach getätigter Hochzeit saß er frisch und frei beim Kaffee, bei delikaten Korinthenbrötchen und rahmweißer Molkereibutter. Er konnte nicht klagen, es schmeckte ihm trefflich. Sein Herz und seine Welt hatte sich schamhaft aber dennoch verklärt an seine Seite geschoben. Ihre Hand streichelte sacht über die seine. Vieles ging ihr durch den Sinn. Sie dachte daran ... Im verflossenen Herbst hatte sie in Krefeld die Oper besucht: Lohengrin. Eine Stelle des Gralritters heftete ihr an wie Kletten an Wollstoffen. Es waren selige Worte. Auch heute kamen sie ihr sacht in die Sinne. Sie mochte wollen oder nicht, sie mußten ihr von der Seele herunter. Indem sie weiter streichelte, sagte sie innig: »Nun sei bedankt, mein lieber Schwan, denn jetzt weiß ich doch endlich, daß ich ein richtiggehendes und reguläres Lohengrinchen besitze.« Ihre Herzkirschen legten sich fest auf die seinen. Er erwiderte den Kuß mit genußlichem Wohlbehagen. »Und nu«, rief er glücklich, »jetzt aber 'ran an die Arbeit!« – Mildere Lüfte schmeichelten über Dämme und Deiche. Noch war winterliche Zeit, aber zwischen Borke und Bast begann es sich schon heimlich zu regen. Die hainebuchenen Wallhecken hatten bereits ihre Fuchsperücken abgelegt, standen blank und kahl an den Wegen, wenn auch reich übersprenkelt mit noch scheinbar toten Knospen und Knöspchen. Die Hand des Schöpfers streichelte lind über sie hin, und siehe: die Starre löste sich auf, die Myriaden von Chrysaliden, die alle Zweiglein bedeckten, bräunten sich sichtlich, ließen sich von einem feinen und duftigen Lack überziehen. Auch in den Wipfeln des Reichswaldes war ein Dunsten und Dampfen, ein Drängen nach Licht und Auferstehen, ein Brausen und Schüttern, als wollte der Herr jeden Wurzelstock auf seine Festigkeit prüfen, was sich als morsch und faulicht erwies, aus dem heiligen Tempel des Forstes verbannen. Die ersten Stare fielen ein. Die Wiesenbächlein gluckerten froher und emsiger, und als die ersten allzu vorzeitigen Schneeglöckchen und Himmelschlüsselchen zwischen offenen Triften und Schneewehen herumzuspazieren begannen, ja den Mut aufbrachten, die Flanken der Außen und Binnendeiche anzugehen, wehte im Angesicht von Heiligenbaum eine Soutane von der mit Schluchten und Steilhängen durchrissenen Hügellehne herunter. Eine weiße Hand streckte sich aus. »So ist's gedacht, so wird's ausgeführt und so soll es bleiben!« Es war eine zuversichtliche und herrische Stimme die also daherredete. Unter dieser Hand und dieser zuversichtlichen Stimme lag der Gnadenort, dem schon seit Jahren viele armselige und zermarterte Menschenherzen zuströmten, um sich alles Weh und alles Leid von der Gnadenmutter nehmen zu lassen, sich Trost und Erbauung zu holen. Das war vor vielen Jahrzehnten geschehen ... da stand auf einsamer Heide ein Schäfer bei seinen Schafen und Böcken, ein Mann wie aus dem Buche der Könige oder dem der Richter genommen. Des schmales, sonnenverbranntes, mit Runen durchfurchtes Gesicht war ein hartes, aber gutes Gesicht, das Auge ein Auge wie es die Berufenen und Gottseligen haben. Das Herz ein Herz so tief und gläubig, wie es nur Märtyrer und Blutzeugen aufweisen können. Es vermochte Ströme abzuleiten und Berge zu versetzen. Der nun stand im Schatten einer halbabgestorbenen und verwetterten Buche. Wo die Gabelung ansetzte, wies der mächtige Stamm einen klaffenden Spalt auf. In dem wipfeldürren Baum spektakelten zwei Hähervögel. Ihre blauweißen Deckfederchen spiegelten sich in der brühwarmen Sonne. Das weite Heideland hallte wider von dem ohrbetäubenden Lärmen. Das störte den Alten, denn er dachte gerade daran, wie der Herr seine Schafe und Lämmer hirtete, sie betreute, daß keins verloren ging oder sich verfing mit den Dornen des wilden Rosenstrauches. »Prr!« machte der Alte; dabei hob er den Schaufelstab steil in die Höhe. »Pfui Deubel, ihr Luders!« Aber die sonst so scheuen und flüchtigen Vögel hörten weder auf Stab noch Anruf, lamentierten weiter, um sich jählings tiefer zu senken, aufzubäumen und stumm wie die Fische in die unergründliche Spalte zu äugeln. »Jesus ...!« Der Einsame trat näher heran, machte Augen wie die, die etwas Hohes erschauen. »Jesus ...!« rief er zum andern. Da sah er – der düsteren Tiefe entwuchs eine Menschengestalt aus Moder und Holzmulm: die himmlische Frau, den göttlichen Knaben im Arm, hoch und her, wie von einem überirdischen Messer geschnitzelt. »Maria ...!« Der Alte warf die Arme gen Himmel. Er wähnte eine blanke Polensense zu sehen. Die blitzte und mähte ihn wie 'ne Weizengarbe von der Ackerparzelle herunter. So glaubte er ... aber eine holdselige Stimme war bei ihm, die sagte: »Zweitausend Schuhe von hier sollen mir Land und Leute eine Kapelle errichten, auf daß das Mirakel offenbar werde. Gehe hin und folge der Weisung.« Ein Wunder! Kleriker und Laien beflügelte ein heiliger Eifer. Binnen weniger Jahre wurden Kirche und Kapelle errichtet, das Bild überführt, mit Brokatgewändern bekleidet, ihm Krönlein und Zepter gegeben ... und Tausende kamen, opferten Lichter und wächserne Herzen, Immortellenkränze und klingende Münzen. Ihre Gebete und Lamentationen erfüllten das Herzogtum Kleve und die benachbarten Grafschaften, beseligten die kranken Gemüter, boten ihnen die Speisen des Lebens: »Heilige Jungfrau, bitte für uns! Versöhne uns mit deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne. Mutter der Barmherzigkeiten, sei bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes ...!« bis ein Mindergläubiger und Zweifler kam und den Bildstock heimlicherweise wieder an seine frühere Stätte verpflanzte. Allein, ein neues Mirakel geschah: der Arm des Frevlers verlähmte, wurde zu Zunder, bröckelte stückweise ab, während der Bildstock ohne menschliches Zutun aufs neue in die Kapelle gelangte und sieben Tage und Nächte hindurch in allen Farben des Regenbogens erstrahlte. Das ging über ein doppeltes Wunder ... und viele kamen und siedelten um Muttergottes und Kirchlein, gründeten Hof und Herd, Warten und Wege, Pfarrhaus und Schulen, Pflegestätten des Geistes und solche des Leibes, als da waren ›Zum güldenen Schwanen‹ und ›Zum fröhlichen Landmann‹, Waffel- und Lebkuchenbuden, Läden für Devotionalien und andere Läden, Straßen und Gäschen, trauliche Winkel und Eckchen ... und da solches geschehen, nannten sie die geweihte Stätte Heiligenbaum, wobei eine weißgekleidete Jungfrau, gleichsam wie Mirjam, die Jüdin, eine Pauke ergriff und vortanzete – und siehe: alle ihre Gefährtinnen folgten ihr in silbernen Kleidern mit Pauken am Reigen. Seit diesem Tage war Heiligenbaum geweiht und gepriesen, dem gefeierten Wallfahrtsort Kevelaer ebenbürtig, ein Ort der Erbauung, eine Zufluchtsstätte der Betrübten, ein Schild der Wankelmütigen und Lauen, ein Heiligtum auf niederrheinischer Erde, an dem sich selbst die Thronen und Fürstentümer des Himmelreiches erfreuten ... und wenn in brütenden Hundstagen die Prozessionen sich über staubige Landstraßen, durch schnittreife Kornfelder dahinschleppten, die Kirchenfahnen schlapp von den Stangen herunterbammelten, die Kehle verdorrte, die Medaillenstäbe ihr zuversichtliches Blenkern verloren, der tranige Schuh nicht mehr wollte – wenn dann aber die ersten Glocken von Heiligenbaum herübertönten, einen herzinnigen ›Willekumm‹ durch die kochgaren Lüfte dahersandten, dann, ja dann ... Christus, mein Heiland! Wie neugeboren wurden Umwelt und Menschen. Die Kirchenfahnen strafften sich hoch, ihre Tücher blähten sich unter dem Hauch einer köstlichen Brise, die Medaillen blitzten gleich leuchtenden Sternen, die Nacken stählten sich, die hängenden Köpfe warfen sich strack in die Höhe, die müden abstrapazierten Schuhe wurden zu taktfesten marschierenden Schuhen, die ausgedörrten Kehlen zu lichterklaren jubelnden Stimmen: »Maria, wir dich grüßen, O Maria, hilf! Wir fallen dir zu Füßen, O Maria, hilf! O Maria, hilf uns all' Hier in diesem Jammertal!« Wie das jauchzte und fieberte, mit den Lerchen über dem Irdischen schwebte, gehoben an Leib und Seele gegen die gebenedeite Gnadenstätte antriumphierte! Und immer wieder die verzehrende Inbrunst, das Rufen und Schreien, das Singen und Sagen. Großer Gott, heiliger Gott, bald müssen die Mirakel geschehen! Und die Mirakel geschahen, denn nur wenige Orte des Weltenkreises, selbst Neapel nicht mit dem Blutfläschchen des heiligen Januarius, selbst Santiago de Compostela nicht, hatten eine größere Mittlerin und Fürsprecherin, unter den Thronen aufzuweisen denn das schlichte Heiligenbaum ... und nun sollte sich ihm noch eine besondere Gnade erschließen. Himmel und Seligkeit! aus den Händen des jungen Kaplans Heinrich Verschüren sollte es noch in diesem Jahre die Freilichtbühne mit der großen Leidensgeschichte des Herrn empfangen, sollte mit Oberammergau in Wettbewerb treten, Land und Leute erbauen, unter einem frischgewundenen Ehrenkränzlein erschauern. Der ganze Niederrhein stand unter dem Zeichen des Harrens und Hoffens. Der Kaplan von Warbeyen wußte seine Schäflein zu nehmen, sie dorthin zu führen, wo er sie hinhaben wollte. Die mildtätigen Spenden sprangen ihm zu, als wäre ihm eigens zu diesem Zweck eine besonders ergiebige Präge geworden. Seine Werbungsepisteln erinnerten an spiegelblankgeschliffene Steine, wobei er durchblicken ließ, jegliches Opfer mit Zins und Zinseszins zurückzuerstatten, um zu guter Letzt noch ein erfreuliches Plus auf die hohe Kante zu legen, das er zur Ehrung des im Dienste der hohen allbeglückenden Weimarer Verfassung dahingegangenen Matthias Erzberger zu verwenden gedachte; denn dieser Matthias – o Gott, welche himmlische Leuchte ...! Das Drama lag vor. Die Rollen waren verteilt, die ersten Leseproben im ›Fröhlichen Landmann‹ getätigt. Zu diesem Behufe sprach er häufig in Heiligenbaum vor, wirkte und lehrte, ermahnte und feuerte an, und siehe: alle fügten sich willig und waren des Lobes voll über die Anordnung des Stoffes und die ergreifende Sprache der Dichtung. Selbst der kunstbeflissene Lehrer Stephan tom Heuvel aus dem benachbarten Appeldorn stellte sie weit über die des ehrwürdigen Herrn Daisenberger, dem ehemaligen geistlichen Rat in Oberammergau ... und als Henriette Jansen gleich bei der ersten Leseprobe so innig und sinnfällig sich mit der großen Aufgabe zu verkörpern wußte, hatten alle Anwesenden bis auf den geringsten Komparsen den Eindruck einer hochbedeutsamen Sache und den eines unvergeßlichen Erlebens. Spontaner Beifall überschüttete sie. Stephan tom Heuvel, als Lieblingsjünger, war Feuer und Flamme. Alle umschatten sie, wußten ihr nicht genug des Lieben und Anerkennenden zu sagen. Selbst Hochwürden trat näher. Seine Lippen bebten. Um seine Mundecken kräuselte sich ein feierliches Lächeln. Die zunächst Stehenden wichen scheu und ehrerbietig zur Seite, denn jedereins fühlte: Hochwürden hatte ein gütiges und vertrauliches Wörtchen zu reden. »Fräulein Henriette ...« Seine Arme hoben sich bis in Schulterhöhe, näherten sich dem hohen Menschenkind, und siehe: nur mit dem Hauch einer seinen Berührung legten sich die reinen und weißen Hände des Priesters um ihr Medaillengesicht. »Meisterin!« sagte er leise und sah ihr tief in die Augen, die den seinen in schlichter Einfalt, aber mit innigem Leuchten begegneten. »Gebenedeite, von der Muse geküßte, wie danke ich Ihnen?! Nun ist mir jedes Bangen und Fürchten genommen. Mögen sich uns auch Kräfte entgegenstellen, die den irdischen Tand höher bewerten, als das Heiligtum der ewigen Wahrheiten, der Mysterien, die noch keiner zu ergründen vermochte – Christus regieret, Christus bleibt Sieger und segnet uns alle. Meine Seele ist heiter, wird heiter bleiben, denn eine Stimme flüstert mir zu: das große Versöhnungsopfer auf Golgatha wird sich glorreich behaupten.« Seine reinen Hände lösten sich von ihren bleichen Schläfen, verschränkten sich leise. »Mit Gott denn!« »Ich danke Ihnen, Hochwürden.« Sie lächelte, und dieses Lächeln war das einer Heiligen. – Solches war vor Wochen geschehen. Alle standen unter dem Bann dieses Erlebens, die von nun an Henriette Jansen nur noch die Heilige vom Niederrhein nannten. Und heute ...! Himmel und Erde feierten, Frühlingsahnen, Frühlingsverheißung! Über das niederrheinische Land spannte sich ein Himmelreich von unendlicher Klarheit. Man glaubte bereits, den ersten Lerchenjubel zu hören, und war doch nur die Stimme des eigenen sehnenden Herzens. Von der Hügellehne, die von der Grafschaft Mörs herüberkam, in weitem Halbkreis Heiligenbaum umzirkte, die violblauen Wälder von Moyland durchquerte, um sacht und sanft auf holländischem Gebiet zu verebben, wehte eine schwarze Soutane. Eine weiße Hand streckte sich ausdeutete hierhin und dorthin. Es war eine weiße, zuversichtliche Hand, die wußte, warum sie sich streckte. Und eine herrische und doch einschmeichelnde Stimme ertönte: »Hier ist die Stätte! Auf ihr wird die Freilichtbühne errichtet. Von hier aus soll das große Versöhnungsfest auf Golgatha anheben, seine taubenweißen, mit Blut bespritzten Schwingen regen, seine Mysterien zu allen tragen, die den Herrn lieben, ihm dienen und heilig gewillt sind, unter seinem Schutz und Schirm, unter dem Anrufen seines gebenedeiten Namens zu sterben. So ist es gedacht, so wird's ausgeführt und so soll es bleiben!« Also Heinrich Verschüren. Er stand auf der nämlichen Stelle, wo der greise Schäfer mit den gelben Raffzähnen und dem zerrissenen Antlitz gestanden hatte, als ihm die Stimme wurde: »Zweitausend Schuhe von hier sollen mir Land und Leute eine Kapelle errichten, auf daß das Mirakel offenbar werde.« Er schien in den Himmel zu wachsen. Ein Leuchten umgab ihn. Er war nicht allein auf der einsamen Höhe, in Nähe der verlorenen, mit Knüppelholz bestandenen Schlucht, nicht allein bei den einzelnen Buchen und Erlenstrünken, die die Hügellehne bedeckten. Neben ihm erhoben sich Henriette Jansen und Philippine Malthus, die hübsche Frau eines jungen Katenbesitzers, würdig befunden, die Maria Salomea zu spielen, dann etliche Vorarbeiter, Schreiner und Waldroder, alle gesonnen, ihre Kräfte in den Dienst der Kirche und des geplanten Werkes zu stellen. An der Hand eines Grund- und Aufrisses erläuterte er dem führenden Zimmermeister den Aufbau des sorgfältig vorbereiteten Planes. Und wieder begann die weiße Hand auf etliche markante Punkte zu deuten, gewisse Flächen zu umreißen, scharfe Linien und sanfte Bogen zu ziehen. »Hier sind Freilichtbühne und Vorbühne gedacht, tiefer dem Hange zu die Sitze des Zuschauerraumes, zur Linken das Haus des Herodes, zur Rechten das des Pilatus. Die Schlucht hinauf windet sich der Kalvarienberg, und hier, wo wir stehen, sind die Kreuze zu richten. Die Straßen von Jerusalem laufen seitwärts der Schlucht hin. Hier wird gerodet, jene Baumgruppen bleiben bestehen. Die weiteren Aufschlüsse ergeben sich aus Grundriß und Aufriß. Sein Auge ruhte fragend auf dem führenden Leiter. »Meister, sind Sie im Bilde?« »Völlig, Hochwürden.« »Und wann können Sie mit der Arbeit beginnen?« »Meine Leute sind fix und parat, und wenn ich die Planens besitze – schon morgen.« »Sehr schön! Hier nehmen Sie, Kerskes.« »Na denn ... unter Garantie: morgen kann's losgehen.« »Dann sind Sie auch gewiß in der Lage, den ungefähren Termin zu bestimmen, wo Maler und Dekorateure eingreifen können?« »Warum nicht, Hochwürden? Unsereins hat immer seinen Anschlag im Koppe. Der paßt wie 'n Proppen aufs Krükske ... und wenn die Faulenzer keine Streike entrieren – meine Leute und ich können's bis Ende März ganz kommode beschaffen, ganz bestimmt aber«, und über das pfiffige Gesicht des Altmeisters, dem etwas Hasenstripper- und Wildererblut zwischen den Rippen herumkitzelte, kräuselte sich ein geriebenes Schmunzeln – »aber ganz seker, Mynheer, wenn die ulkigen Vögel mit die langen Gesichter erscheinen.« »Genügt mir! und damit Gott befohlen für heute und morgen ein ersprießliches Schaffen, das Wort auf den Lippen: Magnificat anima mea Dominum . Hoch preiset meine Seele den Herrn! denn ihr tut Herrendienst im Namen des Herrn, und das wird hochbewertet im Himmelreich. Mit Gott denn!« »Adjüs auch, Hochwürden!« Und unter Führung des Alten mit dem graumelierten Quäkerbart und den listigen Äugelchen, die wie die eines gewitzten Dackels erschienen, trottete die Gesellschaft wieder auf Heiligenbaum zu. Beim Abgehen setzten sie ihre Pfeifen in Brand. Durch die noch kahlen Lohhecken kräuselten sich bläuliche Wölkchen, um sacht zu zerfließen. Der junge Kleriker wandte sich den beiden Marien zu: »Für heute genug, meine Damen. Nun können auch wir an den Heimweg denken, das Weitere der Gunst der Tage und dem lieben Gott überlassen ...« und seine Soutane begann leise zu rauschen. Aber Henriette Jansen wurzelte an. Noch vermochte sie es nicht, sich von der heiligen Stätte zu trennen. So ruhig auch ihr Antlitz sich anließ, die Konturen ihres geschmeidigen Leibes bekundeten eine tiefe Erregung. Die fast durchsichtigen Nasenflügel zuckten über den halbgeöffneten Lippen. Um ihre Mundecken legte sich ein herzzerreißendes Lächeln. Ihre Augen erschlossen sich maßlos, suchten das Land ab, das unter einem zarten Nebelschleier sich hinzog. Heiligenbaum grüßte herüber. Eine Glocke schlug an, verzitterte unter einem wehen Klingen und Singen. Sie umgriff ihre Brüste. »Herr«, hauchte sie leise, »hier zerfleischte eine römische Lanze dein Herz ... hier tropfte dein Blut ... Wasser und Blut ...« »Was soll das?!« rief Heinrich Verschüren. »Fräulein Henriette, kommen Sie mit uns. Ihre Seele will Ruhe.« Sie winkte ab. Es war so, als hätte sie ein Gesicht, als wenn sie Hohes erschaute, und aus diesem Erschauen wurden die Worte geboren: »O Rabbi, hört mich! Laßt mich sprechen, Herr! Mein wildes Leid will sich in Schmerz verzehren; Denn wisset, Meister, hier zu Magdala, Ich scheue mich den schuldbeladnen Leib Dem keuschen Blick des Hermon preiszugeben. Denn hier am See, ich sündigte und buhlte, Viel häßlicher denn all die Weiber buhlen, Die fern in Rom den Lupanar bewohnen. Am Wolfsfest, trunkenen Mänaden gleich, Sich nackt und frech der blöden Menge zeigen. So buhlte ich, den Tollkirschkranz im Haar, Bei Harfenklang und festlichen Gelagen ... Doch hier am See, wo rosig blüht der Flachs, Die Lilie weiß wie eine Engelsschwinge – Da, Meister, sah ich dich, Ich hörte dich, Ich nahm das Wort dir von den heil'gen Lippen ... Und sieh, o Herr, wie ein Leprosenkleid, So fiel der Schmutz mir vom entweihten Leibe, Und wiederum – ich atmete im Licht. Und Rabbi – du, tritt ein in Simons Haus, Auf daß ich dir die müden Füße salbe, Stoß' mich nicht von dir, weise mich nicht ab. In deinem Schatten lass' mich fürder wandeln. In deinem Schatten mich des Tods erfreu'n. Vergib mir, spreche ledig mich der Schuld. Du kannst es, Rabbi, denn du bist Gottes Sohn.« »Wie schön!« und Heinrich Verschüren versetzte sich in die Rolle des Heilands, legte ihr die Hände auf und brachte die Antwort: »Maria – du, daheim zu Magdala, Du hast in deinem Leben viel geliebt, Und dir, mein Kind, muß viel vergeben werden.« Dann sagte er wie in Verklärung: »Das wird und muß die Herzen erheben, denn solches wurde von den Lippen eines Seraphs gesprochen. Nun aber kommt.« Bewegten Sinnes ließen sie die Hügellehne und gingen dem Binnenland zu. Eine halbe Stunde später benutzte Heinrich Verschüren das Personenauto, das zwischen Xanten und Kleve verkehrte. Er war zufrieden mit den Ergebnissen des heutigen Tages. Achtes Kapitel Der Generalvikar des Bistums Münster, Josephus Tibus, ein sorgfältig gekleideter, feingliedriger Herr mit dem spitzen Gesicht eines Silberreihers, dem die scharfausrasierte Tonsur wie eine bleiche Oblate auf dem Hinterkopf ruhte, war gerade dabei, dem Verweser des Bistums die letzten Schriftstücke des heutigen Tages vorzulegen und die erledigten in eine dunkle Ledermappe zu bergen. »Was sonst noch, mein Lieber?« »Ein Schreiben an die niederrheinischen Pfarrer, das Zentrum betreffend.« »Ja so! Ich bekenne mich streng zu den Ermahnungen des heiligen Vaters. Da gibt es kein Drehen und Deuteln. Gut, es mag sich in einer gewissen Schlüsselstellung behaupten, seine unveräußerlichen Rechte verfechten, aber ich will nicht, daß unverbesserliche Drahtzieher politisches Falschgeld verausgaben. Der niedere Klerus reitet vielfach auf fahlem Pferde, hört nicht die verwarnenden Signale des Tages oder will sie nicht hören. Dem ist Einhalt zu bieten. Die christkatholische Kirche ist ein Bethaus des Herrn und keine Arena für parteiliche Kämpfe und häßliche Ansagen. Übet Toleranz und würdigt auch die Meinung des Gegners. So nur stehen wir im Dienst aufrichtiger Werktätigkeit. Herr Tibus, wie ist das?« Das gütige, samtbraune Auge des Bischofs erhob sich: »Also ich denke, in diesem Sinne wurde der Schriftsatz ediert und niedergeschrieben.« »Bis auf den i-Punkt.« »Dann her damit«, und mit fester Hand setzte der hochwürdigste Herr seinen Namen darunter. »Das wäre wohl alles?« »Noch eins. Ein Bittgesuch des Kaplans von Warbeyen aus dem Herzogtum Kleve.« »Sein Name?« »Heinrich Verschüren.« »Heinrich Verschüren?! Den sollte ich kennen. Jedenfalls, mir liegt so ein Klang in den Ohren.« Der feine Kopf mit der scharfrasierten Tonsur verneigte sich leichthin: »Gewiß, hochwürdigster Herr; diesseits wurde ihm bereits das Imprimatur für sein Passionsspiel gegeben.« »Ganz richtig. Ich erinnere mich. Heinrich Verschüren! Und seine Dichtung ... ich las sie nur flüchtig. Herr Generalvikar, was ist Ihre Ansicht darüber?« »Eine talentvolle Arbeit. Dramatisch gedacht und dramatisch wiedergegeben. Kein Zweifel: ein großer Gewinn für die katholische Weltanschauung. Ich sprach mit dem Regens darüber.« »Und was sagte der Regens?« »Seine und meine Ansicht deckten sich völlig.« »Ja, ja – der Regens! Selbst ein poeta laureatus bis in die kleine Fingerspitze hinein. Seine neueste Kantate hat Sinn und Gemüt, ist mit seraphischem Wohllaut geschrieben. Jetzt – ich befinde mich völlig im Bilde. Der junge Kaplan steht mir greifbar vor Augen. Gute Konduite. Subtiler Katechet und präziser Ausleger der Kirchenväter. Das empfiehlt ihn aufs beste. Aber wenn ich nicht fehlgehe – der Herr Regens sagte mir auch: ein Heißsporn, ein schwieriger Untergebener, ein kleiner Dränger und Stürmer – dieser Heinrich Verschüren.« Das Silberreihergesicht mit den etwas engstehenden Augen geruhte zu schmunzeln. Mit unnachahmlicher Grazie bündelte er die Finger der rechten Hand spitz gegeneinander. »Aber eine Kapazität, hochwürdigster Herr, eine nicht zu unterschätzende Kraft mit unbegrenzten Möglichkeiten. Ich kann sie nur dringend empfehlen. Aus solchen Kaplänen werden brauchbare Generalvikare geschnipselt, wie selten zu finden.« »So, so!« lachte der Bischof und legte die Feder beiseite. »Mein lieber Josephus, haben Sie doch, bitte, die Freundlichkeit, das Fenster ein bißchen zu öffnen.« Die weiße Oblate nahm einen bläulichen Ton an. Der feingliedrige Herr geriet etwas außer Fassung. Sein Gesicht wurde ernst. »Aber hochwürdigster Herr, wie soll ich das nehmen?« »Nu, nu!« meinte der Bischof. »Etwas ruhiger und besonnener von der Kanzel herunter. Nicht gleich mit dem Schopf in den Strudel des Fegfeuers. Drum nichts für ungut, mein Bester. Ich meinte nur so. 'ne alte, rechtschaffene Bischofsmütze darf sich auch wohl dann und wann so 'n kleines Spezialwitzchen erlauben.« » Mea culpa ! Hochwürdigster Herr, ich verstehe.« Herr Josephus Tibus war wieder eitel Sonne und Freude. Nein – diesem Gütigen, diesem Menschenfreund konnte keiner gram sein. Er legte die Hand auf die Herzgrube. »Verzeihet! Benedictus es, Domine, in firmamento coeli .« » Deo gratias ! Und nun zum Gesuch Ihres Gönners. Sein Inhalt ...?« »Ist dieser. Schon geraume Zeit kränkelt der Dechant im Gnadenort Heiligenbaum. Er ist der Erholung bedürftig und erhofft einen Urlaub für die bayrischen Berge kurz nach Ostern bis gegen die Pfingstzeit. Die Ärzte haben ihm den Allgäu als zutunlich empfohlen. Um seine Stellvertretung nun hat sich der Kaplan Heinrich Verschüren beworben.« »Warum gerade dieser?« »Er ist mit Land und Leuten vertraut, kennt die Eigenart des kirchlichen Betriebes, weiß die Pilgerzüge zu regeln, etwaige Unebenheiten und Härten aus dem Wege zu räumen. Außerdem: um diese Zeit werden die Proben getätigt, die Szenenbilder geschaffen, und da wäre es im Sinne des Werkes äußerst förderlich, die leitende Hand des Dramaturgen und Dichters in unmittelbarer Nähe der Freilichtbühne zu wissen. Auf diese Weise ist beiden Teilen geholfen.« Der Bischof nickte. »Verstehe. Der richtige Ausweg. Das Bittgesuch wird hiermit genehmigt. Das Weitere überlasse ich Ihrem Ermessen. Und nun: bis morgen, Herr Tibus.« Der Generalvikar neigte sich tief und schwand wie ein Schatten. Ein langer Atemzug. »So!« und der hochwürdigste Herr entnahm einer Silberkassette eine lange Zigarre, kerbte sie ein, um dabei mit sichtlichem Wohlbehagen zu sprechen: »Allein und Herr dieser Stunde! ... und der liebe Gott wird 'nem alten und rechtschaffenen Haupt auch wohl dieses kleine Spezialpläsierchen verstatten. Ut Deus bene vertat , hier diese Zigarre, ich werde sie rauchen«, und siehe: ein fröhliches Räuchlein kletterte friedlich zur Decke. Drei Tage später hing die Kaplanei von Warbeyen voller Geigen und Baßviolen. Die huben an, gesinnungstüchtig zu brummen und hellauf zu fiedeln. Auch zwitschernde naseweise Quinterchen waren dazwischen. Heinrich Verschüren saß vor seinem Zylinderbüro. Ein erbrochenes Schreiben mit dem Siegel der bischöflichen Behörde lag vor ihm. Er hatte es erst überflogen, dann mit heißem Atem gelesen. Das langte noch nicht. Er mußte es nochmals durchkosten. So las er denn mit gehobener Freude: »Bischöfliches Ordinariat. Münster, am Tage der heiligen J. Nr. 3480 Margarita von Cortona. Pax vobiscum ! Der hochwürdigste Herr Bischof hat Ihr Ansuchen wohlwollend erwogen und ihm Rechnung getragen. Hinsichtlich, Ihrer Stellvertretung in Heiligenbaum werden Sie rechtzeitig verständigt. Das Bischösiiche Ordinariat segnet Ihr Passionsspiel und wünscht ihm ein hohes Gelingen. Kämpfen Sie weiter in Christo. Josephus Tibus, Generalvikar und Komtur des Sankt Gregorius-Ordens.« Na also! Und Heinrich Verschüren rieb sich so seelenfreudig die Hände zusammen, als wäre seine Obstkammer noch zentnerweise mit den delikatesten Paradiesäpfeln bestellt, und waren doch alle geworden, wie die Mäuse beim großen Mäusesterben alle werden, wenn etliche Hochwasserzeiten über sie hereinbrechen. Tat nichts! Zwei Tage später stand in allen niederrheinischen Kreis- und Volksgazetten zu lesen: »Dem Niederrhein wird Heil widerfahren! Allen Getreuen, Freunden und Gönnern zur Kenntnis! Das Bischöfliche Ordinariat hat entschieden, das Imprimatur wurde gegeben. Viele bedeutsame Kräfte stellten sich bereits selbstlos in den Dienst der hohen und heiligen Sache. Die engere und weitere Umwelt harrt schon klopfenden Herzens auf die weihevollen Tage um Pfingsten. Die Mysterien werden den Gnadenort doppelt und dreifach benedizieren. Alles Nähere bringen die später auszugebenden Prospekte. Aber schon jetzt sei gesagt: Die Opferschale ist groß, und was sie erübrigt, wird denen gegeben, die da mühselig und beladen sind, auf daß Licht werde, wo Finsternis war, auf daß Lächeln ist, wo Tränen die Augen verdunkeln Heinrich Verschüren Kaplan.« Das war kurz, vielversprechend und sonder Flunkern und Prahlen wiedergegeben. Gewissenhaft stand hier Buchstabe neben Buchstabe, Zeile bei Zeile, keine von ihnen sagte zu viel, keine zu wenig. Allem war Ziel und Maß gesetzt, jegliches in harmonischer Weise geregelt. Das wirkte, brachte den ganzen Niederrhein in ein heiliges Schauern, ließ ihn schon jetzt fröhliche Ostern und gesegnete Pfingsten erleben. Die Kreis- und Volkszeitungen flatterten wie übermütige Sprähenvögel von Ortschaft zu Ortschaft, ließen sich nieder, wo's ihnen paßte, flügelten weiter, wo's ihnen so recht nicht behagte. Eine davon trudelte in die Wirtschaft von Derksen, just in dem Augenblick, als Dores van Laak und Matthieu Thönissen den hinteren Stammtisch beehrten. Sie waren von der Viehund Eierbörse in Kleve gekommen und auf dem Heimweg begriffen. Im ›Blauen Schiffchen‹ genehmigten sie sich einen ›Ollen Klaren met Klöntjes‹. »Was neues?« fragte van Laak über die Schulter. Derksen sprang eilfertig zu. »Hier dieses, Mynheer«, und sein breiter Zeigefinger umriß die Stelle, die in großer Aufmachung die Überschrift zeigte: »Dem Niederrhem wird Heil widerfahren!« »Merci. Wollen mal sehen.« Er begann mit stillem Behagen zu lesen. Sein Kollege löffelte derweilen ingrimmig in seinem Gläschen herum. Matthieu Thönissen zählte nicht zu den geruhsamen Kostgängern des Herrn. Heute erst recht nicht. Eine niederträchtige Maifischgräte saß ihm zwischen den Rippen, machte ihn fuchsteufelswild, denn seine beste Milchkuh hatte sich in der verflossenen Nacht elend verkalbt, war mitsamt dem zur Welt gebrachten Jungvieh rettungslos in die Rübenschnitzel übergewechselt. »Schwerebrett und kein seliges Ende!« Seine Faust legte sich schwer auf die blankgescheuerte Tischplatte. »Matthieu – du!« »Was los denn?!« »Das mußt du hören.« »Hm!« machte der verärgerte Grundbesitzer, »dann lies man.« Dores van Laak, allzeit ein frohes Gemüt und immer bereit, 'nem guten Bekannten, wenn er nicht gerade 'nen delikaten Fasanen zur Hand hatte, wenigstens 'nen schön angebräunten Entvogel unter die Naslöcher zu setzen, präsentierte die Anzeige so löblich und warmherzig seinem Kollegen an, als wäre sie aus der Offizin wie 'ne delikate Semmel gekommen. Begeistert legte er das Zeitungsblatt ab. »Kiek einer mal an! Ich bin zwar mit Heinrich Verschüren nicht immer Speck und Schwarte zusammen, aber hier gehen wir doch so ziemlich einig nebeneinander, und wenn der Lehrer auch 'ne konträrige Ansicht vertritt, das hier Niedergelegte ist nicht so ohne weiteres von der Futterschwinge zu blasen. Oder Matthieu, vertrittst du 'ne andere Ansicht?« »Ich?! Nee!« sagte der Griesgram. »An diesem Kaplan kann sich unsereins schon manchmal so 'n kleines Exempel dran nehmen. Der weiß, was er will. Dem gehen die Gäule nicht durch. Der pflastert seine Worte so strack nebeneinander, wie wir's bei unsern besten Zuckerrübenplantagen nicht aufstellen können. Ob's aber stimmt, ob alles bei richtiger Beleuchtung sich auch als das echte Wort Gottes ergibt, das allerdings ...« Er zuckte die Schultern. »Bitte, nochmal. Den letzten Satz hab' ich so recht nicht verstanden«, und Dores las mit gesättigter Stimme: »Aber schon jetzt sei gesagt: die Opferschale ist groß, und was sie erübrigt, wird denen gegeben, die da mühselig und beladen sind, auf daß Licht werde, wo Finsternis war, auf daß Lächeln ist, wo Tränen die Augen verdunkeln.« »Halt!« rief Thönissen. »Das stimmt nicht. Da sitzt der Fuchs hinterm Haselnußstrauch und zeigt seine verdächtige Lunte.« Dann ein erbittertes Lachen. Dem Gutsbesitzer war wieder die verkalbte und eingegangene Milchkuh vor die umdüsterte Seele getreten. »Nee, mein liebes Kaplänchen, das stimmt nicht! Darunter kann ich mein ›Matthieu Thönissen‹ nicht stempeln. Nicht um 'ne Bratwurscht. Krieg' ich wegen meiner verkalbten Kuh auch nur ein kirchliches Dittchen? Sind wir Ökonomiker nicht mühselig und beladen genug, und glaubt Ihr, die große Opferschale würde spendieren? Haben wir nicht Finsternis und Tränen die Menge – und meint Ihr, 'ne kirchliche Leuchte erschiene und sagte: Hier habt Ihr 'ne Portion silberner Kugeln? Schießt damit die Luderkrähen von Hypotheken von euren Pfannen herunter. Nee! Aber statt dessen powert der Herr Geheime Wirkliche Obergerichtsvollzieher die letzte Gackeleia von der beschmissenen Stange herunter, sagt adjüs und stellt noch 'ne Nachforderung für Fahrt, Kost und Bemühung von fünfundzwanzig Mark fünfzig in Rechnung. Nee, Dores, die große Opferschale bleibt kühl und weiß schon, was sie mit dem Erübrigten anfängt. Das wandert ins Ausland für schwarze Heidenkinder und so oder dient als Fond für die eigene Hilfsbedürftigkeit.« »Das glaubst du?« »Und ob! Höre mal zu. Ich will dir was ins Ohr flüstern.« »Ich höre.« »Na denn ... 'ne alte Legende besagt: Kummt da von so ongefähr 'n frummes Nönnchen oder auch wohl so 'n grundgütiges Münchlein von langer Pilgerfahrt in 'ne steinichte Einöd. Also ein Nönnchen oder ein Münchlein ... zwischen den vier deutschen Pfählen natürlich. Sieht sich verängstigt um, ob keiner es störe. Aber niemand ist weit und breit in der Ronde. So denn in Gottes Namen! Es zieht sich propter reverentiam in ein blühendes Ginsterbüschlein zurück und läßt allda sein Wässerchen fahren ... Aus!« »Wie ›aus‹?« »Den Rest könntest du dir selber ausklamüsieren.« »Nee, Matthieu.« »Dann wisse: genau übers Jahr steht genau an derselbigen Stelle ein prächtiges Kloster, ein Kloster mit Refektorium, Schlafgelegenheiten, Scheunen und Ställen, mit Grasgarten und Wieswuchs, mit Ochs, Eseln, Knechten und Mägden und alles was sein ist. So kann die große Opferschale spendieren und tut's auch. Sie scheffelt ein, wir scheffeln aus. Sie bringt Fett und Schmalz unter die Frommen, wir munterieren uns auf an 'nem eingesalzenen Häring. Sie erntet goldenes Weizenkorn, wir nur Frucht, die bereits auf dem Halm sich schon verzweifelt mit dem preußischen Kuckuck herumbalgt ... und schließlich wachsen noch die eingekleideten Heidenkinder heran, um, wie schon einmal geschehen, uns als schwarze Mohrenjünglinge die französischen Bajonetter mang die Rippen zu setzen. Gott straf mich!« Matthieu Thönissen erhob sich: »Ja, das mit dem Nönnchen und das mit dem Münchlein ...! und ich sage dir, Dores: aus dem Opferspiel und der gegenteiligen Ansicht springt noch ein Kniest heraus, der die ganze Gegend verstänkert. Paßt Achtung, wir werden's erleben. Nu aber los denn dafür. Mutter wartet, und ich kann meine beste Kuh nicht vergessen. Adjüs Derksen!« »Guten Appetit, meine Herren.« »Merci.« Sie empfahlen sich eiligst. Derksen sah ihnen nach und horchte auf das spiegelblanke Plaudern des Bächleins, das nicht weit von seinem Anwesen vorübergluckerte. * Die Luft wurde immer milder und sachter. Die Vögel mit den langen Stechern pfuitzten die Schneisen ab, fielen in die mulmigen Erlengestelle und verstanden es trefflich, unter grünendem Stangenholz und verrotteten Blättern zu wurmen und ihre Liebesspiele zu feiern. Achtung! Noch ist Büchsenlicht. Matthieu und Dores sind da, zwei der gerissensten Grundherren zwischen Kleve und dem Emmericher Eiland. Mit den scheinbar dümmsten Gesichtern von der Welt wissen diese Kerle die exaktesten Flinten zu führen ... und siehe: hier blitzte es auf und dort blitzte es auf, ein kurzes Bellen und Bläffen – und das niederrheinische Land war um diverse Liebestragödien reicher geworden. Schon in Gottes heiliger Morgenfrühe ließ die Singdrossel ihr munteres Schlegelpfeischen ertönen, die Veilchen und Windröschen erwachten von dem munteren Jubel, bordierten die Bachränftlein, bestickten die Waldparzellen, und hoch über Heiligenbaum kreiste der erste Frühlingsfalke seinen Glorienschein über Gerechte und Ungerechte. Von der nahen Hügellehne riefen die Äxte, sangen die Zimmermannsbeile ihr scharfes Klingen weit in die Gegend hinaus, schnarchten die Sägen vom ersten Morgenblenkern bis tief in die späte Dämmerung ihre unermüdliche Arbeit herunter. Jedereins war mit heiligem Eifer voll bei der Sache, denn jedereins fühlte: der Niederrhein sieht auf dich, der Kaplan segnet Arbeit und Schweiß, die Engel des Himmelreiches spenden dir Trost und Vergebung der Sünden, denn du stehst im Dienste der Kirche, in sakraler Gottesfron, bist daher gebenedeit unter deinen Mitmenschen, und wo Eifer und Gottesfron durch Besserwisser und Quertreiber mal in 'ne Sackgasse gerieten – dafür war Herr Imanuel Kerskes, der Oberleiter und Zimmermeister, gesetzt, die Sackgasse mit 'nem Eichenheister zu öffnen und dem Eifer und der Gottesfron wieder Luft und gute Gewohnheit zu geben ... und als der gottesfürchtige Mann den ersten Schnepfenvogel, der die Heiligenbaumer Gemarkung mit seinem langgezogenen Stecher durchmurkste, regelrecht, wenn auch widerrechtlich eingebracht hatte, trat er stolz und großartig vor den Kaplan hin, salutierte und sagte: »Hochwürden, besser konnte man's nach den Planens nicht aufstellen. Mein Wort ist perfekt und läßt sich nicht lumpen. Die Freilichtbühne als solche besteht, und ich kann bloß noch dartun: nu haben die Dekorateure und die Komödiantenspieler ihr Wort zu sagen. Außerdem: meine eigene Rechnung wild möglichst doucement und milde gehalten. Das unterfertige ich pflichtschuldigst mit meinem Namen Imanuel Kerskes.« »Meister, ich danke. Gott wird's lohnen, und ich werde nicht verfehlen, Ihren Eifer, Ihre Selbstlosigkeit, Ihre Kunstfertigkeit, kurz alles das, was Sie und Ihre Leute aufboten, in preislicher Weise unter die Menschen zu tragen und in meinem Gebet zu gedenken.« »Soll mir angenehm sein.« Ganz Heiligenbaum kam in rege Bewegung. Jeder Haushalt suchte den andern an Werktätigkeit zu überbieten. Der Paramentenverein der Frauen und Jungfrauen hatte im ›Fröhlichen Landmann‹ ein Extrazimmer gemietet, um nach gediegenen Vorlagen die vorgeschriebenen Kostüme zu richten. Das stichelte und stickte, bordürte und nestelte von morgens bis abends, während die Kaffeeschälchen nicht leer wurden und Mürbeteigplätzchen die Arbeit munter dahinfließen ließen. Nein dieses Schaffen und Wirken, dieses Rührigsein und Nichtmüdewerden! Auch die Szenenproben begannen, und jedesmal, wenn der Landpfleger auftreten mußte, machte sich Aloys Ferkulum schon früh auf den Weg, setzte sich neben den Führer des Personenautos und deklamierte und memorierte gesinnungstüchtig wie aus einer Synodalposaune über die niederrheinische Landschaft: »Was muß ich seh'n, was Fürchterliches hören?! Jerusalem löst sich aus Rand und Band! Es geht ein Schrei von Dan bis Berseba, Die Wüste weint und ihre Steine bluten ...« um kurz vor Einfahrt in den Gnadenort den ›Schafför‹, wie er sagte, zu veranlassen, die Hupe des Kraftwagens in Bewegung zu setzen und drei römische Tubastöße über Land und Leute zu tuten, ein Zeichen dafür: »Im Namen meines Herrn und Kaisers Gaius Julius Cäsar Octavianus semper Augustus ziehe ich ein, um über Jesum aus Nazareth Gericht abzuhalten und dem widerspenstigen Judenvolk gegenüber meine Hände in Unschuld zu waschen.« Jedesmal, wenn Ferkulum in dieser Weise eintriumphierte, empfing ihn die Heiligenbaumer Jugend mit frenetischem Zuruf, umscharte ihn, geleitete ihn bis zur Schwelle des Sitzungslokales zum ›Fröhlichen Landmann‹, woselbst er sich nochmals wandte, den fuchsigen Zylinder schief über den Eierkopf rückte und in die düsteren Worte ausbrach: »Ich, aber ich – ich will: Bringt Wasser mir. Die Schale her mit lauterm Brunnenquell, Auf daß ich Zeugnis gebe hier vor aller Welt. Ich Pontius Pilatus, der Gerechte, Ich bin nicht schuld am Tode dieses Mannes. Jedoch sein Blut, es komme über euch Und eure Kinder ... und von Golgatha Wird's bald ertönen mit Posaunenstößen: Verflucht seid ihr für jetzt und alle Zeiten.« Dann eine mächtige Geste: »Aus!« Mit der unnachahmlichen Grandezza eines spanischen Granden des Heiligen Officiums entschwand hierauf der Landpfleger aus niederrheinischem Geblüt in den engen Flur des ›Fröhlichen Landmanns‹. Henriette Jansen jedoch stand inmitten der frommen Bewegung mit der ganzen Innigkeit eines mildtätigen und fördernden Cherubs. All ihr Sinnen war nur auf das eine Endziel gerichtet: das Passionsspiel hoch und hehr zu gestalten, hierdurch die Gläubigen in die Knie zu zwingen, die Lauen und Zweifler gläubig zu machen, ihr eigenes Ich zu verleugnen, die leidenschaftliche Glut, die ihr Innerstes verzehrte, abzudämpfen, oder, wenn nicht anders: diese Glut in den Dienst der Mysterien zu stellen, sie vom Irdischen fortzuführen und mit dem sanften Scheinen des ewigen Lichts zu umkleiden. Das nüchterne Grau des Alltags hatte ihr nichts mehr zu sagen, das leuchtende Lächeln des Tages ihr nichts mehr zu bieten. An das elterliche Haus dachte sie kaum noch, ihren Geliebten vertröstete sie auf geruhsame Zeiten, wo sie frei sein würde, die Erde wieder betreten könne mit ihren Blumen und Blüten, mit ihren Freuden und Anfechtungen. Jetzt aber – sie lebte nur noch in der großen Leidensgeschichte mit ihren Bußpsalmen und Klagegesängen. Sie fühlte mit ihr, sie duldete mit ihr, sie hörte den ehernen Schritt der römischen Söldner über das stumpfe Pflaster von Jerusalem einherklirren. Sie vernahm den harten Marsch gegen den Kalvarienberg, das trostlose Säuseln der verstaubten Ölbäume, das Seufzen und Knirschen des Kreuzes auf den steinichten Wegen, sie sah ihren Heiland, sich selber zu seinen blutigen Füßen hoch oben auf Golgatha ... und über sie schmeichelte die linde und doch energische Hand seiner Hochwürden, die mit lauterer Zuversicht sich mühte, dem großen Geschehen und Werden eine bildliche und greifbare Wahrheit zu geben. Sein Wort machte das Unmögliche möglich, sein heiliger Eifer konnte dürre Bäume wieder zu üppigem Laub und köstlichen Blüten verhelfen. In illo tempore ... Ja, in illo tempore : sie lebte und arbeitete in seinen Worten und Werken. Der Gedanke an das Jenseits, an die Allmacht des ewigen Gottes ergriff sie, vornehmlich wenn die Hügellehne bei Heiligenbaum sich leichthin umschleierte und die ersten Sternlein zu flinzeln begannen. Aber etwas Herbes, Abweisendes haftete ihr an. Ihr zartes Gesicht, das des öfteren wächsern erschien, kerbte sich an den Mundecken ein, wurde wie das der Schmerzensmutter. Die weißen Hände streckten sich zeitweilig aus, als müßte sie mit ihnen die Wundmale des Herrn berühren, sie salben, sie mit köstlichen Narben und Ölen benetzen, und dennoch: sie blieb die Mittlerin und Fürsprecherin, das hohe und hehre Weib mit der eigenartigen und herben Schönheit, wie man es nur in den Gnadenkapellen und an den verträumten Altwassern des Niederrheins findet, die Unbefleckte mit dem unbewußten Gehabe eines mildtätigen und fördernden Cherubs. Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und der Cherub gedachte der Worte. Er hob die Hand, seine Schwingen regten sich in ihrem Schwanengefieder und seine Augen leuchteten. Und siehe, da scharten sich alle um Henriette, alle, die ihre Schule besuchten und alle, die dem Winke des Lehrers gehorchten: kleine und halbwüchsige, Stumpfnäschen und Spitznäschen, dunkle und flachshaarige, zopfige und solche, deren Köpfe Vater mit 'ner Zweimillimeterschere zugestutzt hatte ... und alle lauschten auf ihre Worte, auf das melodische Singen und Sagen, das sie ihrer Geige entlockte. Ja, lasset die Kleinen zu mir kommen, denn auch sie sollen dem Herrn dienen, ihn lieben, ihr Scherflein beitragen, der großen Passion mit kindlichem Herzen das schmerzensreiche Kränzlein um die Schläfen zu legen ... und alle kamen, keiner fehlte oder ließ sich entschuldigen ... und aller Augen leuchteten ... und aller Mäulchen wurden größer und größer, denn täglich wurden Henriettens Worte inniger und zuversichtlicher, sprach die Geige mit Zungen, die denen ähnelten, die aus dem Himmelreich kamen. »O Fräulein, wie schön! Fräulein, bitte, nochmal die nämliche Stelle! Ach Fräulein ...!« Und Wort und Weise schmeichelten sich so sinnfällig in die begeisterten Mauseöhrchen hinein, die silbernen Stimmchen folgten so präzise der führenden Geige, daß man des Glaubens sein konnte, fünfundsechzig Lerchen stiegen aus einem blühenden Kornfeld steil in die Höhe. »Brav so! Schön so!« Und die junge Meisterin nahm den ersten besten Flachskopf beim Wickel, küßte ihn auf die Stirne und sagte: »Das habt ihr fein gemacht. Ihr singt so hübsch wie die Posaunenengelchen am Auferstehungstage. Das wird den Herrn Kaplan aber freuen. Zur Belohnung dafür: übermorgen haben wir 'ne Hauptprobe in der großen Gnadenkapelle. Auch eure Eltern dürfen dabei sein.« »Ach Fräulein! Ach Fräulein ...!« Und die kleine Gesellschaft, Zopfige und Hosenmätze, umdrängte sie, umjubelte sie und geleitete sie mit blühenden Gesichtern in das schlichte Haus neben der Kirche, vor dem zwei geschorene Buchsbäume standen, straff und in Paradestellung, als hätten sie tagtäglich vor Henriette Jansen ins Gewehr zu treten. Das sprach sich natürlich herum: übermorgen Hauptprobe in der neuen Gnadenkapelle. Noch an demselben Abend erschien denn auch schon eine Deputation des Paramentenvereins, bestehend aus der Präsidentin, einer stattlichen Gutsfrau, nebst zwei Beisitzerinnen. Die jüngste von ihnen trug einen weißen Karton zu. Die Präsidentin, ein goldenes Kreuz auf der wohlhabenden Bluse, hub an: »Fräulein Henriette, unsere Herzen sind freudig in Gott, und wir begrüßen sie innigst. Wir hörten, und wenn wir nicht fehlgehen, haben die Kleinen wohl unsern Herrn und Heiland bei seinem Einzug in Jerusalem durch einen weihevollen Psalm zu begrüßen?« »Ja, so ist es für die Freilichtbühne gedacht, meine Damen.« »Wie himmlisch!« Die Frau Präsidentin trat näher. Ihr goldenes Kreuz geriet dabei in eine sachte und getragene Dünung. »Nein, diese zarte Idee, den Psalm von Kinderstimmen singen zu lassen! Man staunt, kommt überhaupt nicht aus dem Staunen heraus. Trotz Ihrer bemessenen Zeit muten Sie sich noch übermenschliches zu, bringen Sie Opfer bei Opfer.« »Aber ich bitte, meine liebe Frau Berendonk ...« »Nein, nein, es muß dabei bleiben: Sie bringen Opfer bei Opfer, die fast die Grenze des Erlaubten streifen. Aber eins darf ich sagen: auch wir, die Damen vom Paramentenverein, sind nicht müßig gewesen, haben fleißig bordürt und gestichelt, erstens um der Karitas willen und zweitens, um Ihnen zu Dank und Preis eine kleine Freude zu machen.« »Mir ...?!« fuhr Henriette zurück. »Ja, Ihnen«, versetzte die Gutsfrau mit Nachdruck. Dabei machte das Kreuz einen energischen Hopser, um sich bald darauf wieder auf der sanften Dünung zu wiegen. »Diese Aufmerksamkeit war erst für später gedacht, aber was uns heute die Kinder erzählten ...« Sie wandte sich. »Ich bitte, Fräulein Luischen ...!« Und Fräulein Luischen, die jüngste Beisitzerin, machte sich sofort daran, den Karton zu öffnen, dessen Inhalt auseinanderzupellen ... und sie pellte sacht auseinander: erst ein schneeweißes Linnentüchlein, dann geflochtene Schnürlein, ein großes weißes Seidenpapier, ein dito rosiges Seidenpapier und dann kam der Inhalt, der eigentliche Kern erst zum Vorschein. »Bitte, Fräulein Luischen.« Und Fräulein Luischen bot ihn der Gutsfrau. Diese nahm ihn mit spitzen Fingern entgegen, ließ ihn niederrieseln und sich in seiner ganzen Schönheit entfalten. Hierauf hob sie den Kopf mit der Inbrunst eines fetten, trinkenden Perlhühnchens, spreitete den Stoff auseinander, um mit einer äolsharfenweichen und laulichen Stimme zu sagen: Nein, Fräulein Henriette, wir durften nicht länger warten, denn was uns die Kinder erzählten ... schon heute ... Hier Ihr Magdalenenkleid! Glaube, Hoffnung und Liebe, Bewunderung und Verehrung für Sie wurden mit dieser Nadelarbeit verknüpft, und wenn wir einen Wunsch äußern dürften, so wünschen wir dieses: Bitte, tragen Sie das Magdalenenkleid bereits an dem Tage, an dem Sie gewillt sind, den Chor der Kleinen in der Gnadenkapelle zu leiten, uns würdig halten, den Einzug in Jerusalem schon vorzeitiger als die übrigen Menschen zu verkosten. Bitte, bitte ...! es wäre für den Paramentenverein eine ganz besondere Ehre.« Feuchten Auges nahm Henriette die sinnige Darbietung aus den Händen der Frau Präsidentin, fühlte sie doch, hier strömte ihr der Dank eines übervollen Mutterherzens entgegen. »Wie lieb und gut von Ihnen«, sagte sie leise. »Wie erfreuten Sie mich. Ja, meine Damen, Ihr Wille geschehe.« »Ach Sie ...!« Die Frau Präsidentin hielt sich nicht länger. Das wohlhabende Perlhühnchen war rein auseinander. Frau Anna Berendonk zog das junge Weib bewegt an die Brust, um dabei heimlich zu schluchzen: »Ich glaube Sie werden mal selig, wenn nicht heilig gesprochen. Mit Gott denn!« Auch Fräulein Luischen sagte: »Mit Gott denn!« und als Henriette sie bis an die Hausschwelle geleitete, traten die zwei geschorenen Buchsbäume wie preußische Grenadiere ins Gewehr, präsentierten, um den Damen des Paramentenvereins das Honneur zu erweisen. – Am gegebenen Tage strahlte das Gnadenbild in einem Kränzlein von elektrischen Flämmchen. Weihe und Würde durchräucherten die Hallen der allerseligsten Mutter, der Gottesgebärerin, der Trösterin der Mühseligen und Beladenen. Heiligenbaum und Umgebung strömten zu, besonders die Mütter, die ihre Kleinen unter den begeisterten Sängerlein wußten. Ein Summeln und Sagen, ein Schieben und Drängen. Jedereins wollte sein Herzblatt aus dem Chorus herausfinden, der sich vor der Empore des Hochaltares aufgepflanzt hatte – Knaben und Mädchen, Halbwüchsige und Dreikäsehohe, Rotbäckige und solche mit vermickerten Wangen, aber alle in ihrem besten Zeug, mit Schlöppchen und Schleifchen und alle dabei, die feierlichsten und leuchtendsten Augen zu machen. Aller Blicke waren auf die Sakristei gerichtet. Noch ein Räuspern und Hüsteln, dann tiefes Schweigen in der Gnadenkapelle. Henriette Jansen war vor ihre Kleinen getreten ... im Magdalenengewand ... mit Geige und Bogen ... Hoch und hehr stand sie im Raum. In strengen Falten legte sich das blaugraue Kleid um ihre geschmeidigen Glieder, enthüllte mehr als es zu verschleiern gedachte, bedeckte die Keuschheit ihrer Seele, ohne ihr dabei den Reiz ihres jungfräulichen Leibes zu nehmen. Ihr gelöstes Haar fiel in schweren Wellen über die Schultern, über die sanfte Rückenlinie, ringelte sich in leichten Krüseln bis zu den Kniekehlen nieder. Die Damen des Paramentenvereins fanden sie jetzt wirklich und wahrhaft einer Heiligen ähnlich. Sie gaben es weiter, flüsterten es hierhin und dorthin. Eine Bewegung entstand. Der Frau Präsidentin fiel es heiß von den Lippen: »Maria von Magdala!« So und nicht anders, so hatte die Büßerin am blauen See gestanden, so den Heiland erschaut, so ihn gebeten, ihm die müden Füße mit Spezereien salben zu dürfen. Die Heilige im Magdalenengewand! Eine Glocke schlug an. Sie kündete die elfte Morgenstunde. Henriette Jansen straffte sich hoch. Unter ihren Brauen zuckte es auf. Ihr Haupt ging sacht in die Höhe. Sehendes Auge, das die Ewigkeit suchte! Und siehe: ihr rechter Ärmel schlug über ... ein weißer Arm wurde frei ... der Bogen zog einen silbernen Ton, dem eine Kadenz folgte, die mit unendlichem Wohllaut verzitterte. Und nochmals ein Strich, ein Locken und Werben, ein klingendes Zeichen – und fünfundsechzig fromme und jubelnde Kinderstimmen huben an ihren Psalter, ihr leuchtendes Hosianna zu singen. Meister Händels unsterbliche Weise aus dem Messias setzte ein, erfüllte die geweihten Räume der Gnadenkapelle, ging zu den Menschen. »Tochter Sions ...« Ja, Tochter Sions, freue dich, rüste dein Kleid, bestelle dein Haus, denn dein Heiland ist kommen. Heilige Weise! Und die hellen Kinderstimmen gingen dem Erlöser entgegen, schwangen ihm Palmenzweige zu, spreiteten Teppiche zu seinen Füßen, schwangen sich auf, um als silberlichte Tauben mit klingenden Flügeln ihm zu Häupten zu kreisen. Immer reiner, immer klarer, immer herzgewinnender rangen sich die Töne aus beseligten Kehlen, reihten sich dicht aneinander, lösten sich auf, um sich aufs neue zu finden. So klingen die Eiskristalle im Winterwald, wenn ein Hauch sie bewegt, so singt es zwischen den Sternen, wenn der Herr in laulichen Sommernächten seine Bienenschwärme austut und sie mit seinem lieblichsten Lächeln vergoldet. »Tochter Sions ...« Ja, Tochter Sions, freue dich, lasse nicht ab, deinen Messias zu preisen, lasse deine Palmen rauschen, räume ihm jeden Stein aus dem Wege, auf daß er eintriumphiere im Namen seines Herrn und Gottes, im Namen seiner Thronen und Herzogtümer, im Namen aller Erzengel und gebietenden Mächte. »Tochter Sions ...« Immer inniger und frohlockender, immer froher und freier – ein einziger Jubel mit Psaltern und Harfen ... und über den Stimmen und Stimmchen, über den klingenden Taubenschwingen, über das Hosianna der Kleinen: Henriettens führende Geige, die ob allem dahinzog mit dem tönenden Gefieder eines schraubenden Falken unter dem Himmelreich. Dann Schweigen. Ein Stummsein wie in Anbetung vor Gott. Nur hier und da ein stilles Weinen, ein verhaltenes Schluchzen. Die große Gemeinde hatte ihr großes Erleben. Eine Soutane löste sich aus der erschütterten Menge, eine wohltuende Stimme. Die sagte: »So wird die Passion ihren Heiland in Jerusalem empfangen, um anderen Tages ihr ›Steiniget ihn‹ über den Gottmenschen und Erlöser zu schreien.« Heinrich Verschüren trat vor. Er hob die Hand und senkte sie wieder. »Magdalena im Magdalenenkleide, du bist gebenedeit unter den Weibern.« Er hob die Rechte und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes gegen Henriette, die immer noch stand, als sähe sie den Herrn in Jerusalem einziehen, als winkten die Palmen aus dem Tale Josaphat herüber, als riefen die Schaufaren hoch von den Tempelstufen in Sion. »Ja, du bist gebenedeit unter den Weibern.« Dann wandte er sich. So leis er auch gesprochen hatte, die Worte wurden gehört, flüsterten weiter, traten über die Kirchenschwelle, pilgerten über die junge Saat, in der sich noch kaum ein heuriges Häschen zu legen vermochte, und raunten es den Menschen zu, allen, die es hören wollten: »Du bist gebenedeit unter den Weibern.« Auch Heribert Kästner hörte davon, und als er es hörte, als die Exaltationen sich immer dichter und verwirrender um die Geliebte spannen, die vom Niederrhein sie immer mehr betörten, sie eine Heilige, eine von Gott Gezeichnete hießen, trat ihm die Galle ins Blut, von hier auf die Zunge und machte ihn bitter. Seine Hand ballte sich ein. Wurde zur Faust. Und diese Faust legte sich mit ehernen Knöcheln auf das Manuskript seines Kampfromanes, den er in heißer Arbeit vor kurzem im großen und ganzen vollendet hatte. »Hier mein Paroli, und dieses mein Paroli springt aus diesen Seiten und Zeilen wie eine züngelnde Fackel.« Er hob die Faust und ließ sie abermals fallen. »Henriette, bist du denn blind, bist du denn völlig einem finsteren Wahn verfallen?!« Und was er lange unterlassen hatte, das tat er jetzt: er schrieb an sie, aber nur kurz, aus tiefster Bewegung heraus, nur einzelne Sätze, verstreute Worte, abgehackt, mit knappen Interjektionen und Hinweisen gespickt ... »Henriette, ich schreie nach dir. Lasse mich nicht in diesen Zweifeln und Ängsten. Ich bange um dich, heute mehr denn jemals zuvor. Ich sehe tiefer als du. Was dich umnebelt, dir Herz und Sinne mit Spiegelbildern umgaukelt – wohin soll das führen? All dieses Klingeln und Weihräuchern – zu was soll es dienen? Du stehst mitten dazwischen. Du weißt keinen Ausweg. Du hörst eine warnende Stimme: der Zweck heiligt die Mittel, ohne die Kraft aufzubringen, dieser warnenden Stimme zu folgen. Es geht durch die katholische Welt wie mit einem Ringen und Zagen, mit einem Fordern, das nur die an sich haben, die geflissentlich provozieren wollen oder zu provozieren gedenken, wenn auch mit frömmelnden Lippen und in Schafskleidern. Katholisch sein heißt dem Herrn dienen und offen und ehrlich seinen Glauben bekennen ... nicht dem national Denkenden seinen Glauben verekeln ... nicht ihm die ehrliche Kokarde von der Mütze zerren, ihn so in die zweite Klasse versetzen. Pfui Teufel! Hinter solchen Lippen und Keidern bergen sich letzten Endes Klauen und reißende Zähne. Gewisse Besuche fallen auf. Ich sehe unermeßlichen Schaden dann. Die Zeit drängt ... wandert ab ... läßt sich nicht halten. Ich kann nicht mehr warten. Ich klage nicht an, und doch muß ich klagen. Nur das Wort will mir nicht von der Zunge herunter. Die Kanzeln sollen die Liebe predigen, die Glocken von der Allmacht Gottes erzählen – nichts weiter. Ich schließe, aber ich rufe zum letzten: Henriette, höre meine warnende Stimme. Gedenke meiner, wie ich deiner gedenke. Du mußt aus dem Sinnen und Suchen, aus dem warmen Weihrauch heraus. Deine Seele schreit nach Erlösung. In meinen Armen wirst du sie finden. Komm, bevor es zu spät ist.« »Krauses Zeug«, mahlte er zwischen den Zähnen, und dennoch: er sandte dieses herbe krause Zeug ab, nach Heiligenbaum, in dringender Eile. Andern Tages kam Antwort ... von ihr ... in Gottes heiliger Morgenfrühe. Er war gerade dabei, seine Klasse aufzusuchen, mit den ihm anvertrauten Schülern einen Marsch durch den Reichswald anzutreten, sie unter freiem Himmel und sprossendem Grün preußische Geschichte zu lehren, ihnen von dem freudigen Opfertod deutscher Jugend an den Schleusen von Ypern zu erzählen, als ihr Brief ihm zugestellt wurde. Er erbrach Siegel und Schreiben. Es ähnelte seinem in Knappheit und Kürze. Nur fiel ihm auf: ihre Buchstaben waren härter und steiler geworden. Er las: »Ich weiß kaum, wie ich antworten soll. Der gerechte Unwille gebietet mir: sei stumm wie das Grab. Das Herz redet mir zu: schreibe ... und somit – ich schreibe. Was haben Kanzel und Glocken mit meinem Seelenleben zu tun ... und erst der Kaplan ...?! Du meinst: seine häufigen Besuche in Heiligenbaum fallen auf. Wem fallen sie auf und wem sollen sie schaden? Du irrst dich. Nicht ich, sondern du gehst durch Nebel, und gedenkst mir, die ich durch Licht schreite, die Pfade zu ebnen? Das alles sagt mir: Die Bitte, die ich an dich richtete: ›Gib mir Bedenkzeit‹, besteht noch, hat noch nicht an Bedeutung verloren. Ich gestehe dir offen: Herr Doktor Verschüren ist mir Hirt und Betreuer geworden. Hochwürden ist gütig zu, mir, wie er allen gütig gesinnt ist – auch dir. Er will nur das Reinste ... führt mich aus dem Strudel des Alltags ... hebt mich durch die Feier des Spiels zu höheren Sphären. Heribert, warum willst du mich abtrünnig machen? Mich aus dem Paradies meines Wirkungskreises verstoßen? Du weißt, meine Liebe gilt dir, aber ich will meinen freien Willen behaupten, denn das Weib ist gesetzt, dem Manne Gefährtin zu sein, nicht ihm knechtisch zu dienen. Du, versündige dich nicht. Die Reue wird kommen ... und zwei Menschenleben stehen am Kreuzweg, können nicht weiter, weil sie Pfad und Richtung verloren. Heribert, nur das nicht, nur das nicht! Meine Hand ist bei dir und schmeichelt dir über die zerrissene Seele, auf daß sie gesunde ...« »Gelesen, genehmigt«, sagte er ruhig, so ruhig wie das Kielwasser eines stillen Schiffes dahinschwadert. Alle Topps blieben hoch. Kein schweres Wetter erhob sich. Umständlich kniffelte er das Schreiben zusammen und legte es in ein Gefach ab. Dann fiel es ihm langsam von den Lippen herunter: »Henriette, laß anstehen. Aber was komme: ich will nicht am Weibe zerbrechen, sein Fuß soll nicht über meinen Nacken hinweggehn. Mir gleich: manch schlichter Mann mit den alten Gefreitenknöpfen am Rock seines Königs wertet mir mehr als manch hochgestochener weltlicher oder geistlicher Doktor, selbst dann, wenn ihm noch das Epitheton ornans ›magna cum laude‹ beigelegt wurde.« Er atmete auf. »Henriette, laß anstehn. Ich kenne die glorreichen deutschen Geschütze. Jedes Rohr hatte seine Devise: Ultimo ratio regis «. Möglich, diese Ultima ratio wird auch mir mal durch die arme Seele gerissen. So ober so! Gott helfe, aber ich will nicht am Weibe zerbrechen.« Jäh fuhr er auf. »Fort damit! Die Pflicht ruft. Es gibt noch andere Dinge auf Erden.« Bald darauf war er unter seine Schüler getreten. Ein freudiger Zuruf: »Morgen, Herr Lehrer!« »Morgen, ihr Jungen! Wohin geht's heute?« »In den Reichswald, Herr Lehrer!« »Was treiben wir dort?« »Preußische Geschichte und Spiele auf Sicht!« »Und was vergessen wir nicht?« »Den neunten November!« »Und was singen wir jetzt?« »Was von Theodor Fontane.« »Und wer war dieser Fontane?« »Brandenburgischer Dichter!« »Und was wollen wir singen von ihm?« »Hans Joachim von Zieten, Herr Lehrer!« »Los denn dafür!« und in Schritt und Tritt und mit schmetternden Kehlen ging es durch Warbeyen. Hei, wie sie sangen! »Hans Joachim von Zielen, Husarengeneral, Dem Feind die Stirne bieten Tät er die hundertmal. Sie haben's all' erfahren. Wie er die Pelze wusch Mit seinen Leibhusaren, Der Zieten aus dem Busch.« Als sie die Kaplanei passierten, blitzten die stahlblauen Augen des großen Königs durch die prächtigen Strophen: »Laßt schlafen mir den Alten, Er hat so manche Nacht Für uns sich wach gehalten, Er hat genug gewacht.« »Bravo, ihr Jungen! Nun habt ihr zu wachen, um dem armen Deutschland wieder eine Gasse zu bahnen!« Und unter Schritt und Klirr ging es dem frühlingsfrohen Reichswald entgegen. Neuntes Kapitel Das Geschäft ließ sich an. Der Betrieb war mit gut zu bewerten. Das Beerdigungsinstitut ›Pietas‹ hatte sozusagen 'ne neue Vergoldung erhalten, 'ne Art von 'nem genüglichen Schmunzeln, was bei einem Beerdigungsinstitut doch besonders registriert werden mußte. Nicht, daß unter der alleinigen Leitung Jansens etwas verpaßt worden wäre, sich irgendwelche Mankements oder sonstige Unliebsamkeiten herausgestellt hätten – nicht dran zu denken; denn Herr Joris Jansen war von jeher ein reger und betriebseifriger Geschäftsmann gewesen, trotz seiner Atemlosigkeit immer auf Posten, immer darauf bedacht, das von ihm ins Leben gerufene Werk auf dem Laufenden und der ihm gebührenden Höhe zu halten ... aber mit dem Eintritt Severin Baumanns war doch ein eigenartiger Schwung in die Firma gekommen, ein gewisser Awek, den selbst die Blinden sehen und dem die Schwerhörigen sich nicht zu verschließen vermochten. Die Konkurrenz horchte auf, machte bedenkliche und miese Gesichter. Die eine ließ schon die Ohren hängen, 'ne zweite war bereits koppheister gegangen, während die Firma Joris Jansen und Kompagnie blühte, edle Früchte zeitigte und immer neue Sprossen ansetzte. Alle sonstigen Unternehmungen gingen den Krebsgang, schlossen die Läden oder sahen sich genötigt, mit äußerst sparsamen Kräften die Arbeit über Wasser zu halten. Nur die Margarinefabrik Kleinwater und das Beerdigungsinstitut Jansen und Baumann florierten. Jedereins verlangte ›Hobutka‹ oder ›Blauband‹, und wer zu sterben gedachte, ließ sich nur unter Beistand der gefeierten Firma zu Grabe geleiten. Herr Baumann ribbelte die kurzen Finger vergnügt gegeneinander. Stets in tadellosem Schwarz, die etwas zu kurz geratenen Beinkleider in schnittige Bügelfalten gelegt, ein duftiges Veilchensträußchen im Knopfloch, war er vom frühen Morgen bis spät in den Abend hinein vollauf beschäftigt: bald in den Läden, bald im Magazin und in den Werkstätten – überall war Herr Baumann zu finden, kontrollierte den Aus- und Eingang, Journal und Hauptbuch, gab seine Direktiven, registrierte und ordinierte, immer freundlich und allzeit bereit, seinem Personal eine weise Ermahnung oder ein lobendes Wörtchen mit auf den Weg zu geben. So konnte es denn auch nicht fehlschlagen. Die Sägen schnarchten emsiger, das sonst so monotone ›Rattata, rattata‹ tönte freier und froher, der Firnis duftete lieblicher, die Särge nahmen einen leuchtenden Glanz an, und die Auslagefenster gaben an dunklen Stoffen, Trauerhüten, Krepp und Pleureusen alles her, was die neueste Mode nur an den Niederrhein brachte. Ja, ›Pietas‹, ›Hobutka‹ und ›Blauband‹ waren zu Namen erster Ordnung geworden, beliebt und gefeiert, woran auch die Gattinnen der beiden Inhaber, Frau Margarinefabrikantin Peternella Kleinwater, geborene Pistoris, und Fränzchen ihr vollbemessenes Teil hatten, was sie berechtigte, sich noch energischer in die an und für sich schon reichlich bestellten Blusen zu werfen und etwas stolzlich zu lächeln. ›Pietas‹, ›Hobutka‹ und ›Blauband‹ waren ein Herz und eine Seele geworden. Sie lebten in Schmand, während die anderen Firmen kaum die nötige Buttermilch aufbringen konnten, um sich mit knapper Not ein mageres Herzjesusüpplein zu kochen. Wie schon gesagt: Herr Baumann ribbelte vergnügt die kurzen Finger gegeneinander, lebte wie 'n Hämperling im köstlichsten Sommerrübsen mit etwas Kanariensamen dazwischen. Nur zuweilen, an gewissen Tagen, wo er nicht umhin konnte, mit seinem Kompagnon geschäftliche Rücksprache zu nehmen, ihn auf dem Laufenden zu halten, legte es sich ihm schwer auf die Sinne. Schon die Inschrift über der Türe des Zimmers, woselbst Herr Joris seine Tage verbrachte, bedrückte ihn sichtlich. Stets las er mit zuckenden Lippen: »Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam.« Der alte wohlwollende Herr, dem er eigentlich alles zu danken hatte, dem er sich gegenüber verpflichtet hielt bis zum letzten Ertragen, dauerte ihn. So auch heute. Er klopfte rücksichtsvoll an, um ebenso rücksichtsvoll und auf Zehenspitzen in die laulichwarme Stube zu treten. Hier setzte er das vergnügteste Gesicht von der Welt auf, obgleich er sehen mußte: der alte Herr im Adlerflaum war wieder mit Gedanken beschäftigt, die sich wie Rindsbremsen an ihn warfen und die er nicht mehr loswerden konnte. »Tag, Herr Jansen. Alles ist im besten Lot. Geschäftlich habe ich nur primissimaste Auskunft zu geben.« »Freut mich, Herr Baumann. Bitte, nehmen Sie Platz.« »Gerne, Herr Jansen. Ja, um es weiter zu sagen: Das reißt nicht ab. Das pickt einem wie die Hühner man so aus den Händen. Besonders die linke Ladenseite ist vollauf beschäftigt. Kostüme und so. Trauerhüte sind kaum noch in Bestellung zu nehmen. Noch gestern ... von Holland. Nymwegen will fünf, Arnheim acht von der neuesten Mode. Wir sind eben mitgegangen, Herr Jansen. Bei uns heißt das: Nunquam retrorsum. Das muß Sie doch freuen, Herr Chefkompagnon?« »Tut es, Herr Baumann. Tut es im äußersten Maße, und es wäre auch für mich ein ganz pläsierliches Dasein, wenn bloß so vieles nicht wäre ...« »Wo fehlt's denn? Ich meine, Sie befinden sich heute in 'ner ganz netten Verfassung.« »Ja, wenn Sie mich beehren ...! Aber sonst: immer die schweren Gedanken. Wer kommt denn? Wer sucht mich mal auf? Henriette vielleicht? Die denkt nicht daran. Die sitzt bis zum Halse in den Freilichtspielen. Die hört nur was von Hosianna und Sion. Früher dachte ich anders darüber, heute hingegen ...« Ein schmerzhafter Zug schnürte sich um seine zusammengekniffenen Lippen. Gleich darauf stieß er ein Lachen aus, ein kaum wahrnehmbares Seufzen. Es war ein altmodisches Lachen, ein hüstelndes Seufzen. Die Hände zwischen den Knien, schüttelte er langsam den Kopf: »Ja früher dachte ich anders darüber, ganz anders darüber ... und nu immer das schwere Sinnieren!« »Ach was! Sie müssen sich tatsächlich in 'ner frohen Gesellschaft befinden.« »Ich?! Ach du, Herr Jeses! Wer sollte denn vorsprechen? Frau Fränzchen, die ist von morgens bis abends in der Schneiderei und hinter der Theke beschäftigt ... und Sie als Geschäftsmann ...?« Er machte eine verzweifelte Geste. »Ausgeschlossen, Herr Baumann. Sie sorgen genug für mich und meine Besitztitel. Rackern sich ab für die Firma, haben somit die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, bei Ladenschluß in aller Kommodität die Beine zu strecken. Nee, nee, das kann selbst nicht 'n Sterbenskranker in Anspruch nehmen.« »Na, hören Sie mal. Da fällt mir was ein«, und Herr Baumann nahm sein Veilchensträußchen, beroch es, steckte es wieder an Ort und sagte: »Ich denke an Ferkulum. Der Mann hat Zeit und könnte Sie so 'n bißchen aufmuntern.« »An Ferkulum ...! Der ...!« und Joris lachte ein vergriemeltes Lachen. »Nee, Baumann, der Landpfleger ist mir nachgeradezu bis zum Halszapf gestiegen. Ich halt's nicht mehr aus. Wenn ich den Kerl nur schon höre: Es geht ein Schrei von Dan bis Berseba; Die Wüste weint und ihre Steine bluten. Ich bekomm's Vomieren. Hab's ihm auch schon zu verstehen gegeben: Aloys, laß mich mit deinem Pontius Pilatus zufrieden oder du trinkst deine Anisette von jetzt ab bei anderen Leuten ... und siehe: der Landpfleger hat sich so rar gemacht wie die Weizenähren auf dem Lipperfurtsberg bei Neu-Luisendorf. Herr Jeses! Herr Jeses ...!« Er stützte den Kopf auf die Hände, stierte zu Boden und schien die Dielen zu zählen. »Nein, mit Ferkulum ist nichts anzufangen. Der ruft bloß nach 'ner Schüssel mit Wasser.« »Aber Herr Jansen, wir sind auch noch da. Auch die andern alle, wie Matthieu und Dores van Laak und dann noch ...« Da sah ihm der Alte starr in die Augen. »Ja, die sind noch da. Aber meine Tochter, Herr Baumann? Was soll ich mit meiner Tochter anfangen? und ich dachte doch, sie wäre mir im Alter so 'ne schöne Bekömmnis gewesen, hätte mir so 'n bißchen den Lebensabend vergoldet. Da muß doch irgendwas stecken, irgendwas hinterhaken – einem so das einzige Kind aus den Fingern zu spielen ... Herr Baumann, wie ist das?« »Ja, mein lieber Herr Oberchef«, sagte der Getreueste aller Getreuen und sah bedrückt in eine verschwiegene Ecke, »das ist gewissermaßen 'ne Art von Geheimnis, 'ne tiefe Verstörung. Das läßt sich schwer in Beurteilung nehmen und kann niemand nicht wissen. Ich hab' schon mit Fränzchen darüber, gesprochen; indessen die weiß auch keinen Ausweg.« »Nicht?« fragte Joris. Seine Augen nahmen einen stumpfen und bleiernen Glanz an. Dann hob er sich schwer aus den Lehnen. »Und dennoch: einer kann's wissen.« Seine Blicke flackerten. »Und das wäre, um es gehorsamst zu fragen?« Der Alte legte seinem jungen Kompagnon die Hand auf die Schulter. »Herr Baumann, wollen Sie mir einen Gefallen erweisen?« »Aber ich bitte! Tausend für einen.« »Dann gehen Sie, wenn möglich schon morgen auf Warbeyen zu ... sprechen bei Heribert Kästner vor und sagen Sie ihm: der alte Joris läßt herzlichst ersuchen. Ich käme gern selber, aber wie sollte ich können? und es wäre mir 'ne bekömmliche Freude, wenn er doch mal nachsehen würde.« »Paßt gerade, denn morgen ist Sonntag. Noch sonst was, Herr Jansen?« »Daß ich nicht wüßte. Adjüs denn.« »Adjüs denn; und seien Sie in 'ner pläsierlichen Stimmung, denn die Firma kann es sich leisten; sie ist wie 'ne Glucke, die bloß goldene Eier bebrütet. Parol! Das kann man ins goldene Hauptbuch vermerken.« Bewegt sockte er ab; mit tadellosen Bügelfalten und 'nem duftigen Veilchensträußchen im Knopfloch. Der Alte hörte ihm nach, bis die Schritte verhallten, setzte sich wieder, zählte die Dielen und wischte sich eine heimliche Träne herunter. – Nach dem Hochamt befand sich Herr Baumann bereits auf dem Wege nach Warbeyen. Joris tat ihm leid, sein Kummer schnitt ihm tief durch die Seele, sein hinfälliges Aussehen machte ihm Sorge. Trotz seiner eigenen Wehmut – das niederrheinische Land um ihn erwachte in werdender Frühlingsfreude, ließ sich an, als müßte stündlich das Fest der Ostern eingeläutet werden. Wie lange noch – und das jubelnde Hosianna wird sich erheben, das ›Christ ist erstanden‹ Himmel und Erde benedicieren ... und jetzt schon: freundlicher bordierten die Veilchen die Bachränste, reichhaltiger schmückten die Sumpfdotterblumen die Wiesen, emsiger spazierten die Himmelschlüsselchen gegen die Deichflanken an, so daß der van Laaksche Hof und der von Matthieu Thönissen sich auf lichtgoldigen Halleluja-Teppichen sonnten, als wären sie über Nacht in die Gefilde der Seligen versetzt worden. Hoch über jungen Saaten und Triften segelte ein Storch geruhsamen Fluges dahin. Am Eingang von Warbeyen stand ein Trüpplein flachsköpfiger Jungen und Mädchen in Sonntagskleidern. Die sahen zu ihm auf und riefen ihm zu: »No es de kalde Wenter doot, Hoppheißa van der Grintje! Dröm lieven Euwer pillepoot Ons Moder well 'n Kindje!« und der Wundervogel klapperte aus seiner luftigen Höhe herunter: »Mar müskestell, mar müskestell, Hoppheißa van der Grintje! On wenn de Moder 'n Kindje well, Dann kregt ook Moder 'n Kindje!« Auch Baumann hörte es im Weiterschreiten. Er wurde bewegt. Er dachte an Fränzchen und dachte an das, was sie ihm noch gestern abend beim Zubettgehen ins Ohr geflüstert hatte. Da wurde er so verstört, aber dennoch so froh und freudig im Geiste, wie Zacharias, ein Priester der ersten Ordnung aus dem Geschlecht Abia, so verstört, aber dennoch so froh und freudig im Geiste wurde, als ihn die Nachricht beseligte: dein Weib wird eines munteren Knäbleins genesen. Als er zum Schulhof gelangte, wo bereits die Linden sich lichtgrün umschleierten, trat ihm Heribert Kästner entgegen, willens, einen Morgenspaziergang in die nächste Umgebung zu machen. Er stutzte sichtlich. »Herr Baumann ...!« Der lächelte bittersüß, etwa so, wie ein Abgesottenes von Sauerampfer für die Geschmacksnerven lächelt. »Nur keine Bange, Herr Lehrer. Ich komm' nicht von Amts und Geschäfts wegen. Keine Trauerdekorierung und so. Von Warbeyen ist kein Toter gemeldet. Indessen, ich hab' doch so 'nen kleinen Ruch nach Firnis und warmem Tuch unter der Nase.« »Mein Gott, da ist doch kein Unglück geschehen?« »Noch nicht, Herr Lehrer. Noch wird keine Totenglocke geläutet, dafür ist die Geschichte wohl noch nicht so richtig gängig geworden, aber mein geliebter Seniorchef liegt mir schwer auf den Nieren. Der Mann befindet sich rein aus seinen vier Pfählen. Die Firma blüht wie in 'ner richtigen Großstadt, wo sie tagtäglich zehn bis zwölf die letzte Ölung erteilen – und das könnte ihn doch mehr oder weniger in 'ne gehobene Stimmung versetzen. Statt dessen macht er immer downer und downer.« »Wo fehlt's denn, Herr Baumann?« »Das kann ich so präzise nicht sagen. Das hakt mit gewissen Umständen zusammen und muß Ihnen Herr Jansen schon selber erzählen.« »Also er wünscht mich zu sprechen?« »So richtig, denn er sagte mir gestern noch wörtlich: Bitte, Herr Baumann, gehen Sie, wenn möglich, schon morgen auf Warbeyen zu, sprechen Sie dort bei Herrn Heribert Kästner vor und bestellen Sie ihm: der alte Joris läßt herzlichst ersuchen. Er käme gern selber, aber wie sollte er können? Und es wäre ihm 'ne bekömmliche Freude, Sie in seinem Hause Kavarinerstraße 15 in Kleve begrüßen zu können. Das wäre, mit Respekt zu vermelden, mein Auftrag, und wenn ich noch das Meinige hinzufügen dürfte, so möchte ich dartun: Ich glaube, das ganze Elend hängt mit Fräulein Henriette zusammen. Die macht sich so rar wie 'ne törichte Jungfrau, die sich kein Öl für ihre Lampe besorgt hat.« »Henriette ...?« »Jawoll! Und ich möchte Sie bitten, gehen Sie hin, wenn angängig per sofort, sonst kann's immer passieren ...« Herr Baumann würgte an seiner Kehle herum. »Je eher, je besser, Herr Lehrer.« »Für den alten Herrn bin ich immer zu haben. Also gehen wir. Baumann«, und selbander schlugen die beiden die Chaussee ein, die nach Kleve führte. Über Warbeyen aber kreiste jetzt der große schöne Vogel mit den glorreichen deutschen Kulören, sichernd und schwebend, als wenn er sich irgendwo niederzulassen gedächte. Dabei klapperte er frühlingsfreudig aus der atlasfarbigen Höhe herunter: »Mar müskestell, mar müskestell, Hoppheißa van der Grintje! On wenn de Moder 'n Kindje well, Dann kregt ook Moder 'n Kindje!« Am Ladengeschäft in der Kavarinerstraße stießen sie auf Fränzchen. Sie hatte offensichtlich auf ihr Männchen gewartet. Erst begrüßte sie Heribert Kästner in freundlichster Weise, dann flüsterte sie ihrem Gatten hastige Worte zu. »Was ...?!« prallte dieser zurück. »Wann denn passiert?« »Heute morgen um fünfe.« »Ach nee! und 'n großes Geschäft?« »Ein sehr großes, Liebling. Außer der ganzen Traueraufmachung – zwei Damen- und drei Mädchenkostüme.« »Allerhand Achtung! Werd's dem Herrn Jansen vermelden. Addio, mein Hühnchen. Also bis gleich denn.« Das blitzsaubere Hühnchen empfahl sich, knisterte mit ihrem Frou-Frou und ließ ihr Sonntagsröckchen neckisch dahinwehen. »So, Herr Lehrer, wenn ich bitten darf.« Sie betraten den Hausflur mit dem schmucken Estrich, dessen schwarz-weiße Platten wie blanke Spiegelscheiben erschienen. Seltsamerweise ließ sich am heiligen Sonntag von der Werkstätte her ein gedämpftes Hämmern vernehmen. »Haha!« sagte sich Baumann, »Fränzchen denkt doch an alles. So 'ne Perle von Frauenzimmer!« Jetzt hielt er den Fuß an. »Einen Momang nur, Herr Lehrer. Besser schon, ich bereite ihn vor, denn er ist öfters so komisch, und man kann immer nicht wissen ...« Das Hämmern kam schärfer herüber. Als Baumann angeklopft und den Kopf durch den Türspalt gesteckt hatte, fand er Joris dabei, mit den Schellfischaugen die Wände abzusuchen. Er saß wieder in seinem Nebel von trüben Gedanken. »Wenn es erlaubt ist?« »Bitte, Herr Baumann. Aber was soll das? Wer kloppt am Tage des Herrn? Dieses ewige ›Rattata, rattata‹, ich kann's nicht mehr hören.« »Herr Seniorchef, es läßt sich nicht ändern, denn wir haben vor knapp 'ner guten Stunde 'nen grandiosen Auftrag in Bestellung genommen. Ich überschlage vierhundert bis fünfhundert Märker.« »Na, so was! Für wen denn?« »Leider! Der Herr Advokat-Anwalt Dellhees tut nicht mehr mit. Heute morgen um fünfe hat der Herr ihn gerufen. Ein schwerer Fall. Die große Familie hatte ihn nötig. Respektable Einnahmen, aber auch viele Schnitten Brot. Dran kann man ermessen, Herr Jansen.« »Gott habe ihn selig!« Joris nahm sein Troddelmützchen vom Adlerflaum und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes: » Resquiescat in pace! Gott, wie oft hab' ich mit ihm in der Ressource gesessen. Ein Mann von Verstand und großen Kompläsanzen. Immer beiwege. Aber der Rotspon, immer der schwere Burgunder ... meistens Pomard ... und so was macht dem forschesten Kavalier 'nen dicken Strich durch die feinsten Kalkulationen.« Er brachte sein Käppchen wieder an Ort, schüttelte den Kopf und fragte mit Augen, die wie Perlmutter erschienen: »Noch sonst was, Herr Baumann?« »Zu dienen. Ich komm' eben von Warbeyen retour.« »Na – und ...?!« »Ich habe ihn bei mir.« »Ach – Sie ...!« Joris erhob sich. Ein rötlicher Glanz überzog sein bleiches Gesicht. Er fühlte sein müdes Herz unter der Weste klopfen. Sein Kompagnon drehte sich um. »Ich bitte, Herr Lehrer«, und während dieser das Zimmer beehrte, zog Baumann die Tür hinter sich zu, um so schnell wie möglich zu seinem Fränzchen zu kommen ... und sie waren allein: Joris und Heribert Kästner. Erst Schweigen. Dann trat der Alte seinem Besuch taumelnd entgegen, bot ihm die Hand und zog ihn neben sich auf einen bequemen Lehnstuhl. »Wie danke ich Ihnen, mein Lieber.« »Sie wissen, ich bin gerne gekommen, Herr Jansen. Auch schon früher hätte ich mir die Ehre gegeben, wäre nur ein Anruf an mich ergangen.« Joris stieß einen wehen Laut aus. »Leider, daß es so ist, daß es nicht eher geschehen! Aber der Mensch muß erst ein Auge verlieren, um mit dem andern sehend zu werden.« Er tastete nochmals nach der Hand des neben ihm Sitzenden und drückte sie innigst. »Das ist es, Herr Lehrer, und heute muß es mir von der Seele herunter. Ich kann nicht mehr anders, sonst muß ich an Gott und den Menschen und an mir selber irre werden. Ach Sie« – und Joris riß alle Funken, die in seinem Inneren noch flämmerten, zu neuem Leben zusammen – »das ist damals geschehen, damals, als wir dem braven Ildephons Schlickum die letzte Ehre erwiesen. Damals sagte ich Ihnen einige Wörtchen, und was ich Ihnen dartat, sitzt mir noch so fest im Koppe wie der erste Nagel, den ich als Lehrling in 'nen Sargdeckel eingekloppt habe. Ich sagte: Man lernt immer was zu, junger Mann. Allzeit denselben Vogel pfeifen zu hören, gibt auf die Dauer immer dasselbe Geflöte. Man muß beide Parte vernehmen, sonst bleibt unsereins toujours der nämliche Kanarienvogel. Ich hörte, und was ich von Ihnen gehört hab'... ich unterfertigte nicht jedes einzelne Wörtchen, aber eins muß ich sagen: Sie imponieren mir mächtig, Herr Heribert Kästner ...« und Joris ballte die Hand und drückte sie schwer auf die Herzgrube, »und das tun Sie noch heute, Herr Lehrer, ja, mein Respekt ist noch größer geworden ... bloß, ich kapitaler Steinesel, ich bin zu spät auf diese Überzeugung verfallen, habe mich selber für 'nen Dummen verschlissen und stehe nu da, wie 'n Mann mit 'nem Aschensack über den Ohren. Herr Jeses noch mal ...!« Er hob die Hände, um sie wieder stumpf und dumpf auf die Knie fallen zu lassen. »Lassen Sie gut sein, Herr Jansen. Sie regen sich auf, und das kann Ihnen in Ihrem Alter nur schaden.« »Wenn auch, mein Bester! Alles hat schließlich ein Ende. Den einen kriegt's möglicherweise mit 'ner gewissen Freude zu packen, den andern mit Trauer und Tränen. Für mein Konto wird's sich wohl mit Trauer und Tränen verbuchen.« »Aber warum denn, Herr Jansen?« »Ach Sie ... ich krieg's nicht mehr rund. Es will so recht nicht mehr 'n regulärer Bandelreifen draus werden, denn wie konnte ich nur ...?! Wie konnte ich damals nur so dämliche und unnösele Gedanken jung werden lassen, Ihnen in Heiligenbaum den eigenen Schriftsatz verbiestern, bloß aus purem Hochmut heraus und meine Tochter als Komödiantin zu wissen?! Hätte ich damals freiweg gesagt: Herr Kästner, Sie sind mein Mann, Sie gefallen mir innigst, Sie brauchen nur ein Wörtchen zu sagen – möglich, ich säße jetzt nicht in so tiefer Predullig, könnte mich meiner Firma erfreuen und zusehen, wie die Abendwölkchen pläsierlich über die Kavarinerstraße fort ins weite Land hineinspazieren. Aber so ...« Er stierte aufs neue zu Boden, zählte an seinen Fingern herum, als müßte er das alte Kinderspiel spielen: das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen ... und seine Seele wanderte ab, als zöge sie in das schattenhafte und doch lichtumgoldete Reich seiner ersten Jugend. Heribert Kästner ließ ihn gewähren. Er wollte nicht stören. Aber was würde noch kommen?! Ja, was würde noch kommen? Es war so, als wäre dieser Gedanke auf den Alten übergebüschelt, wäre mit Nadelspitzen über ihn fortgestichelt; denn plötzlich regte er sich, flocht die Finger langsam zusammen, daß es in den Gelenken zu knacken anhub, und sprach verloren zwischen den Lippen: »Gut, daß Sie kamen, und das danke ich Ihnen. Ich weiß, daß Sie mit Henriette sich noch immer in 'ner gewissen Stellungnahme befinden. Drum ließ ich Sie bitten. Doch später darüber. Ich habe jetzt nur zu sagen: Mein Haus ist gesegnet und es ist doch nicht gesegnet. Herr Baumann und Frau bestellen alles so, wie es gewissenhaften Geschäftsleuten zusteht. Sie können nicht anders, denn ihr Grundsatz besagt: Nunquam retrorsum . Es geht vorwärts, immer nur vorwärts. Das ist natürlich 'ne große Freude für mich und doch keine Freude. Die Firma blüht, setzt Frucht neben Frucht, Früchte von der obersten Ordnung, aber wenn ich mir eine herunterlange, zerfällt sie mir wie'n Sodomsapfel zwischen den Fingern. – Woran liegt das, Herr Lehrer?« Heribert Kästner wandte sich ab. Der Anblick des alten Joris zerriß ihm die Seele. »Ja, woran liegt das, Herr Lehrer?!« fragte Joris mit erhobener Stimme, wobei jedes einzelne Wort unter verhaltenem Schluchzen erstickte. Er nahm sein Käppchen und knüllte es zwischen den Händen zusammen. »Ja, woran liegt das, Herr Lehrer?! Mir will die Vernunft in die Wicken ... und so 'ne Vernunft hat nichts mit 'nem wohldressierten Hühnerhund gemeinsam. Die läßt sich nicht so ohne weiteres retourpfeifen. Willst du wohl, Karo?! Der denkt nicht daran. Nicht ums Verrecken. Sondern geht ab, um nicht wiederzukommen. Christus noch mal!« Er nahm sein Troddelmützchen, um es, wie er es schon einmal getan, verzweifelt in eine Ecke zu pfeffern. »Ich halt's nicht mehr aus ... absolut nicht mehr aus! Ich mußte mit Ihnen Rücksprache nehmen, Ihnen dartun, daß ich nahe daran bin, mich in das graue Haus spedieren zu lassen. Niemand ist bei mir, keiner um mich. Hab' nicht geglaubt, daß meine einzige Tochter ... Hoch und heilig hat sie immer vor mir gestanden. Ich taxierte sie höher als alle Weiber zwischen Kleve und Xanten. So steht sie mir auch jetzt noch vor Augen, denn wo findet ihr eine, die vor meiner Henriette bestehn könnte. Ja, schon sagen die Leute: Henriette Jansen, dem alten Joris die seine, ist nahe dabei, heilig zu werden. Alles schon richtig, aber nu muß ich sehen ... Alle Geschöpfe preisen ihren Erzeuger, aber meine Tochter preist nicht ihren Erzeuger. Alle Pflanzen wenden sich dem Licht zu, aber Henriette wendet sich nicht dem väterlichen Licht zu, und es brannte ihr doch immer so froh und freudig entgegen, und tut es auch jetzt noch ... und ist doch für sie nur 'ne trübe Lampe geworden. Schon seit Wochen hindurch – ich sehe sie nicht, sie wärmt mich nicht, sie läßt mich in der Finsternis stehen. Es fröstelt um mich, es friert um mich. Sie sucht mich nicht auf, sie will mich nicht sehen, nicht wahrhaben, daß ich wie 'n durstiges Tier nach ihr schreie ... und nur die Spiele und der Kaplan ... dieser Kaplan ...« Er wuchtete sich schwer aus den Lehnen. »Dieser Kaplan! Ja, Herr Lehrer, wie ist das? Vielleicht wissen Sie was davon, denn Sie sind doch der nächste dazu. Vielleicht haben Sie Mitleid mit mir, können Sie 'nem alten Mann 'nen kleinen Fingerzeig geben, wie ich's zu halten habe, ohne schreien zu müssen: Ich habe meine Tochter verloren. Herr Kästner, ich bitte Sie innigst ... ja, ich muß Sie ersuchen ... sonst geht mir der Verstand aus dem Kasten ...« Der junge Mann drückte den Erregten sanft in den Sessel zurück. »Herr Jansen, seien Sie ruhig, nehmen Sie alles so auf, wie es die häßlichen Zeiten über uns brachten. Ich weiß es ja selbst: so geht das nicht weiter. Auch Henriette wird sich wieder finden, reuig in die väterlichen Arme zurückkehren. Vor der Hand schwankt sie noch durch Schatten, die undurchdringlich erscheinen, um gleich darauf in verfängliche Lichtgarben zu treten, die ihr ganzes Seelenleben verstören. Warten Sie ab, bis die Dinge sich klären, bis sie selber uns zuruft: Ich bin genesen von allen Nöten und Anfechtungen, denn siehe, mir leuchtet ein Licht, wie das Licht der Erkenntnis von einem hohen und heiligen Berge herunter. Auch mir geht es so. Noch kürzlich schrieb sie mir ... und wenn Sie hören wollen, Herr Jansen ...?« »Ja, ich will hören, Herr Lehrer, aber offen gestanden: ich glaube, wir zwei gehören zu denen, denen der Fuß eines Weibes über den Nacken geht, die an ihrer verzweifelten Liebe und Hundetreue ersticken.« Inzwischen hatte Heribert Kästner ihr letztes Schreiben entfaltet. Stoßweise las er ... nur einzelne Worte ... einzelne Sätze ... »Was haben Kanzel und Glocken mit meinem Seelenleben zu tun ... und erst der Kaplan ...?! Du meinst, seine häufigen Besuche in Heiligenbaum fallen auf. Wem fallen sie auf und wem sollen sie schaden? Du irrst dich. Nicht ich, sondern du gehst durch Nebel und gedenkst mir, die ich durch Licht schreite, die Pfade zu ebnen? Ich trage die Lampe, nicht du. Das alles sagt mir: die Bitte, die ich an dich richtete: ›Gib mir Bedenkzeit‹, besteht noch, hat noch nicht an Bedeutung verloren.« »Was?!« keuchte der Alte, »das schreibt sie?« »Das schreibt sie. Hören Sie weiter: Ich gestehe dir offen: Herr Doktor Verschüren ist mir Hirt und Betreuer geworden. Hochwürden ist gütig zu mir, wie er allen gütig gesinnt ist – auch dir. Er will nur das Reinste ... führt mich aus dem Strudel des Alltags ... hebt mich durch die Feier des Spiels zu höheren Sphären. Heribert, warum willst du mich aus dem Paradies meines Wirkungskreises verstoßen? Gib mir Bedenkzeit. Der Herr Kaplan ...« »Halt!« schrie der Alte. Wie ein Irrer war er in die Höhe gestoßen. Seine Augen waren blutunterlaufen. Seine Blicke flackerten. »Christus! Immer wieder der Kaplan ... und nur der Kaplan?! Herr Lehrer, das ist ja, um sich bei lebendigem Leibe zwischen die letzten Bretter zu legen ... und immer lamentiert der verfluchte Ferkulum dazwischen: Es geht ein Schrei von Dan bis Berseba; Die Wüste weint und ihre Steine bluten. So 'n Viechskerl! Überhaupt die ganzen Spiele mit ihrer Verwirrung! Was soll das?! Wie ist das?! Ich weiß nicht, Herr Lehrer ...« Er schwankte. Er hatte Feuer und Lohe vor Augen. »Herr Jansen, was ist Ihnen?« »Mir fehlt nichts, mein lieber Herr Kästner. Ich bin völlig mobil. Nur muß ich immer dran denken: ich hab' meine Tochter und Sie Ihre Henriette verloren. Im Namen des Vaters ... mir ist so ... mir ist so ...! Jesus mein Heiland ...!« Er griff um sich, ohne Halt zu gewinnen. »Verloren ...!« Heribert Kästner sprang zu, fing ihn auf und bettete seinen Kopf zwischen die Stuhlwangen. »Herr Jansen ...!« Er gab keine Antwort. Sein Antlitz war wächsern, ähnelte dem eines Toten. Nur noch ein Röcheln. Dann verhallte auch dieses. Bald darauf lag Joris Jansen in seiner Kammer gebettet. Während der ganzen Nacht sang der Totenvogel vor dem matt erleuchteten Fenster. Erst ums Dämmern stellte er sein Singen und Sagen ein, schaukelte sich unter die Sparren des Magazins, zwinkerte noch etliche Male mit seinen Gespensteraugen, um dann sein Morgenschläfchen zu halten. Zehntes Kapitel Es war schon so. Langsam und feierlich sanken die Sterbelaken über das Beerdigungsinstitut ›Pietas‹, Kavarinerstraße 15 in Kleve. Joris Jansen war nicht mehr zu retten gewesen. Sanft und selig, ohne nochmals zur Besinnung zu kommen, hatte ihn der Engel mit den düsteren Schwingen zu seinem Herrn und Heiland geleitet. Die Kavarinerstraße trauerte, Kleve trauerte, selbst die nächste Umgebung des weiten Kreises stand unter einer gewissen Wehmut und Benommenheit, denn Joris' Lebensbuch wies keine faulen Stellen auf, keine Rasuren, und die Wage des Richters meldete: »Gewogen und nicht zu leicht befunden.« Aber er mußte von hinnen. Gott hatte es wollen. Es war nichts mehr zu ändern. Wohin man hörte, überall nur dieselbe Einschätzung und das nämliche herzbewegende Mitleid. Herr Baumann und Frau waren eine einzige, bedeutsame und ergreifende Trauer. In Joris hatten sie ihren Wohltäter, ihr vierblätteriges Kleeblatt, den Begründer ihres jetzigen Glückes, ihren Freund und Mentor verloren. Der nunmehrige Alleinchef war eine junge Trauerweide ohne Halt und Stecken geworden. Dann aber kam wieder der ganze prächtige, zugreifende und energische Mann aufs neue zum Vorschein. Er marschierte zu Bürgermeister und Stadtverordneten, stellte ihnen das Geschehene lebhaft vor Augen, pries den Verstorbenen über den höchsten Kleereiter der besten Ackerparzelle und ersuchte den Magistrat, den einsamen Weg, der von der Hospitalkapelle zum Friedhof führte, auf allewige Zeiten Joris-Jansen-Straße zu nennen, was auch Beifall fand und einstimmig zur Annahme gelangte. Das war erreicht, und der Name ›Joris Jansen‹ lebte weiter in Kleve. Brav so, Herr Baumann! Auch die Gutsbesitzer van Laak und Thönissen waren nicht müßig geblieben. Gleich nach Eingang der Trauerkunde hatten sie ihre Steilfahnen auf Halbmast hissen lassen und anordiniert: »Für fünf Minuten absolute Ruhe und Trauereinkehr«, und siehe: kein Spaten stieß in den Boden, keine Futterschwinge wurde bewegt, weder Klaue noch Huf ließ sich hören, und als ein übermütiger Mistkratzer es wagte, ein langatmiges Kikeriki über den Hof zu krähen, war Dores van Laak nahe dabei, dem Ruhestörer den Kopf von der Schulter zu drehen. Selbst vom Dache des ›Blauen Schiffchens‹ in Warbeyen wehte die Flagge auf Halbmast ... und am Tage selbst ... Die halbe Stadt war auf den Beinen, denn sie wollte doch dem braven Joris die Ehre erweisen. Aloys Ferkulum erinnerte an das dumpfe, getragene Pochen von Schlägeln, an das Dröhnen eines entspannten Kalbfelles, und jedem der ihn sah, trat das schwermütige Lied vor die Seele: Es geht bei gedämpftem Trommelklang ... Er begriff noch immer nicht so recht, fühlte noch immer nicht mit allen Fasern und Masern, daß ihm ein Rad vom Wagen gelaufen, und erst, als er in einem Auslagefenster der großen Destille auf der Stechbahn eine bauchige Bouteille Anisette gewahrte, dieselbe Anisette, die ihm stets in dem laulichwarmen Stübchen in der Kavarinerstraße anpräsentiert wurde, da erst klangen ihm wieder die eigenen Worte zu: » Nous avons, vous avez – un nu is se weck! ich meine die Anisette natürlich ...« und da erst fröstelte er in die eisige Leere hinein, die der Tod seines Freundes um ihn ausgetan hatte. »Joris, mein Joris ...!« Sein Gänsehals wurde zu einem Geierhals, seine vorgestülpten Augen zu richtiggehenden Kulpsaugen, sein Eierkopf zu einem Kopf, der das Unfaßbare nicht zu fassen vermochte und für das eines Irren erklärte, bis er sich der ganzen Umwelt, dem wirklich Bestehenden, der ganzen grausigen Wahrheit nicht mehr zu entziehen vermochte. Also doch! – also sein Freund Joris Jansen tat nicht mehr mit, lag auf der Walstatt, war wirklich und wahrhaft aus der Grafschaft gegangen und bei seinen Vätern versammelt. Himmel und Elend! und am Tage selbst ... am Beisetzungstage ... Noch einmal riß sich Aloys Ferkulum zusammen. Es kam über ihn mit der Gewalt eines Großen. Mit seinem pompösen Zylinder, dem aufgebügelten Gehrock, seinem frischgefirnißten Stab mit der blitzeblanken Medaille stellte er sich an die Spitze des Zuges. » Oremus ... !« Das elektrisierte, das zauberte ihm neues Mark in die Knochen. Alles seinem Joris zu Ehren! Alles nur vom obersten Ende herunter! und von diesem heiligen Willen getragen, marschierte er vor der Geistlichkeit und mit dem mit Silberstreifen bordürten Paradewagen so würdig und doch so gespensterartig einher, als gälte es, den Gaugrafen der heiligen Feme mit Strick, Strang und Grein zu Grabe zu tragen. »Joris, dir sei die Ehre, die Macht und die Herrlichkeit!« und mit glitschiger Hand schleuderte er beim Weitermarschieren den Medaillenstab zielbewußt bis in die Höhe der zweiten Etage, um ihn ebenso zielbewußt wieder einzufangen, genau so wie es der napoleonische Tambourmajor vor vielen Jahren exekutierte, der bewunderungswürdige napoleonische Tambourmajor mit Kokarde und Bärenmütze, von dem der Dichter aus der Bolkerstraße zu Düsseldorf in seinem Buche ›Monsieur le Grand‹ so ein gar Wundersames verkündet. » Serviteur, monsieur Joris!« und ob dieser Ovation kam die große Gefolgschaft in ein erhebliches Staunen, erstaunte der Klerus, der doch sonst nur vor einem kirchlichen Wunder erstaunte, erstaunten die versilberten Eisenstäbe des Kirchhofes und alle Kreuze und Kreuzlein, die den weiten Gottesacker bewohnten. Henriette war während all dieser Zeit eine gemeißelte Statue. Ihr schönes Gesicht gab sich wie immer, blieb ohne die Runen der Verzerrung und die einer wilden Verstörung, und doch war ihr grenzenloses Leid tiefer und herzzerreißender als das aller, die um Joris trauerten und weinten. Sie ähnelte der Mutter der Schmerzen am Fuße des Kalvarienberges. Daß sie ihren Vater in den letzten Monden und Wochen vernachlässigt hatte, wußte sie, aber es war keine Sünde für sie, kam überhaupt nicht in Frage, denn Gottesdienst ging über Menschendienst, die Passion über alle Miseren und Anfechtungen dieser Erde. Später, so dachte sie, würde sie ihm alles doppelt und dreifach entgelten, ihm die Hände unter die Füße legen, ihm seinen Lebensabend mit Diamantsplitterchen und himmlischen Lichtlein besticken, um ihn, wenn Gott ihn abberief, sacht und lind in ihren Armen sterben zu lassen. Nun war ihr das Geschick zuvor gekommen, hatte sie in Starre gewandelt, obgleich ihr Herz daran dachte, sich blutleer zu tropfen. Die Pflicht hielt sie hoch. Sie fühlte sich im Dienste des Herrn, in seinem kühlenden Schatten und, wo es nottat, unter seinen Lichtperlen von unendlicher Fülle. Die Getreuen von Heiligenbaum umschatten sie wie Apostel und heilige Frauen, so Imanuel Kerskes, der Erbauer der Freilichtbühne, so Frau Paramentenpräsidentin Anna Berendonk mit ihrem Luischen. Stephan tom Heuvel, der Junglehrer von Appeldorn, ausersehen, den Lieblingsjünger des Herrn zu verkörpern, stand ihr allzeit zur Rechten, Fräulein Philippine Malthus, die geborene Maria Salomea, allzeit zur Linken, und beide ließen nicht ab, ihr die dornigen Pfade weniger dornig zu machen, während die Worte des Kaplans sie wie Psalmen anwehten, wohlig und weich, sie auf ihre hohe Mission hinwiesen und inniglich dartaten: »durch Prüfungen wirst du geläutert, durch Schmerzen erhöht und erhoben und so deines Magdalenentums erst würdig. Fiat pax in virtute tua et abundantia in turribus tuis . Es werde Friede in deiner Veste und Überfluß in deinen Türmen und Speichern.« »Gott möge es wollen, Hochwürden. Ich weiß es: er wird nicht mangeln. Ihr blühendes Wort auch zur Reife zu bringen, denn es wurde auf seinen Acker gesät und durch ihn selber befruchtet.« »So ist es, Henriette. In seinem Dienste dürfen wir schaffen und wirken. Selbst in bitterster Trauer. Um so mehr wird uns die Gnade des Ewigen, werden die Spiele geheiligt. Ich sehe es kommen: durch die Heimsuchung wird die Auferstehung der großen Passion eine glorreiche werden.« »Amen«, sagte die Büßerin im Magdalenenkleid. »Es geschehe zum Heile der Kirche und aller, die für sie leben und sterben.« Herr Baumann führte sie als nunmehrige stille Teilhaberin in den Stand des Betriebes und den ersprießlichen Aufschwung der Firma ein und gelobte ihr feierlichst, als Geschäftsmann und Kavalier ausschließlich ihre Interessen im Auge zu halten, nichts zu unterlassen oder zu tätigen, was sein Gewissen nur in etwa belaste. »Lassen Sie das«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Reines Gold ist nicht vollkarätiger zu machen. Das Herz von Severin Baumann wurde mit Apothekergewichten gewogen. Da fehlt nicht ein Quentchen ... und wirft die Firma einen kargen Gewinn ab – ich werde mich freuen. Ich kann um so reichlicher spenden. Es gibt viele Bedürftige hier und in Heiligenbaum, und kommen Zeiten, die mit dem letzten Sparpfennig rechnen – ich nehme auch das hin. Also, Herr Baumann, ich bin mit Ihnen immer zufrieden ohne linkswärts oder rechtswärts zu schauen.« Ihre Stimme zitterte. »Also, mein Lieber: Sie und die stille Teilhaberin können sich nicht besser verstehen. Was mir Irdisches zufiel, ist in Ihre Hände gegeben, als Treuhänder und werter Berater.« Herr Baumann wollte irgendetwas erwidern, brachte aber kein Wort über die Lippen. Nur seine Augen schwammen in einem hellen und glücklichen Wasser, und da wußten beide: die Firma fußt so lauter und rein da wie das Gloria in der Weihnachtsmette. Noch am späten Abend saß er mit seinem Fränzchen im Geschäft, um das Nötigste für den anderen Tag zu bereden, als Aloys vorsprach, noch immer mit Gehrock, Zylinder und Medaillenstab, aber ganz verweht und völlig gebrochen. Der Chef entsetzte sich. »Herr Ferkulum – Sie?! Womit kann ich dienen?« »Sie müssen mich schon exküsieren, Herr Baumann, aber mir fehlt die Atmosphäre.« »Was für 'ne Atmosphäre?« »Die von Joris, Herr Baumann, und da Joris mit Tod abgegangen ist, muß ich diese bei Ihnen schon suchen, denn so 'n bißchen Atmung von ihm ist wohl auf Sie übergegangen.« »Natürlich! Nehmen Sie Platz! Das werden wir gleich haben «, und zu Fränzchen gewendet: »Mein Hühnchen, du weißt ja.« Jawohl, das Hühnchen wußte Bescheid, es knisterte ab, um gleich darauf mit der stattlichen Anisette-Bouteille und etlichen Gläschen wiederzukommen, einzuschenken und mit blanken Augen aufs herzlichste anzupräsentieren. »As't üh belieft, Mynheers!« »Merci!« Und Ferkulum langte zu, nahm sein Gläschen und sagte: »Meine Herrschaften, bloß stehenden Fußes, um keine weiteren Fisimatenten zu machen. Aber ich mußte diese Atmosphäre genießen, mußte noch einmal diese weihevollen Räume betreten, um 'nen gewissen Weihepunkt in unserer Trennungsstunde zu haben. Joris, du bist von uns gegangen, hast dich empfohlen als Vertreter von bedeutsamen Kompläsanzen, ohne groß Wesen von deinem Ableben aufzustellen. Das ehrt dich, das ist so die richtige Bescheidenheit von 'nem königlichen Kaufmann mit bürgerlichen Errungenschaften und Fakultäten. Möge es dir dort oben behagen. Fühle dich wohl zur Seite des ewigen Vaters. Behaupte dich als Mann und Seniorchef des Beerdigungsinstituts ›Pietas‹, Kavarinerstraße 15 in Kleve, auf dem goldenen Thron der Barmherzigkeiten mit dem der ewigen Mächte, auf daß es dir wohlergehe im Himmelreich und wir stolz sein können auf dich hier in diesem Tale der Tränen. Herr Baumann, meine liebe Frau Baumann – stoßen wir an. Joris, es gilt ...!« Damit hatte er seine Anisette hinter die Binde gegossen. »Aus!« und er stülpte sein Gläschen auf der Tischplatte über. * Leuchtende Ostertage gingen über die niederrheinische Tiefebene. Kesselblanke Lichtwolken standen jenseits des Rheines, wanderten in aller Gemütsruhe weiter landeinwärts, brachten fruchtbare Regenschauer oder warmes Scheinen und Glänzen, je nachdem es die Frühlingstage erheischten. In den Bauerngärten standen Stachelbeer- und Johannisbeersträucher in smaragdenen Röckchen, die Obstbäume spannen grüne Seide, die silbernen Birkenstämmchen an der großen Berglehne säuselten mit ihren herzförmigen Blättchen lind gegeneinander, als müßte aus diesem Säuseln sich die Worte des heiligen Thomas von Kempen ringen, die da lauten: »Streit du, o Herr, für mich. Überwältige die unreinen Begierden in mir. Gebiete du den Winden und Stürmen, auf daß sie schweigen. Sprich zu dem Meere: Verhalte dich, Meer! zum Sturmwind: Wehe nicht länger! – und wir werden Ruhe finden im Lande, die wir nötiger haben als die täglichen Brotschnitten, als das Vaterunser auf unseren zagenden Lippen.« Aber nur wenige hörten darauf. Der finstere Geist der Hierarchie machte die niederrheinischen Herzen stumpf gegen das Ringen um eine nationale Bewegung, gegen die Kraft der zerquälten Hoheit des eigenen Reiches eine Gasse zu bahnen ... und wie mußte es den nationalen Katholiken die Seelen zerfleischen, als bei der Siegesfeier der alliierten Schacher und Heuchler sich von Rom der Glückwunsch einstellte: »Von Frankreich aus möge sich Gottes Gnade über die ganze Welt ergießen, was menschliche Klugheit auf der Versailler Konferenz begonnen, als Herr Emil Ludwig, geborener Cohn, aus dem Munde des Nuntius Ratti einheimsen konnte: Es ist das Luthertum, das den Weltkrieg verloren! ... mit anderen Worten: die Hierarchie hat Deutschland in die Knie gezwungen, ihm den Mund mit Kirchhofserde verstopft, es zu den Toten geworfen. Das ewige Licht leuchte ihm in nomine patris ...« Nein, im Herzogtum Kleve und den benachbarten Grafschaften kamen die Geister nicht zur Seßhaftigkeit, aber den meisten dämmerte doch der Gedanke: wir müssen aus dem gottverlassenen Irrgang heraus, um wieder den Weg zur Arbeit, zur Treue und damit den zum Aufstieg und zu den Sternen zu finden ... und wenn ein Ringen käme, das vieles in Trümmer legen würde, möge es kommen: denn an Gott und Vaterland darf das Herz nicht verzweifeln, denn es bringt Einkehr, nimmt die Schlacken und sondert die Spreuicht vom Weizen. Hört die Stimme eines unerschrockenen Mannes: »Fort mit euren gleisnerischen Zungen, mit euren pazifistischen Fahnen! Es ist das alte Trugbild vom Turmbau zu Babel! Keine Verheißungen, keine leeren Formeln und Sonderinteressen – sondern Taten wollen wir sehen, Taten für Freiheit und Ehre. Das überirdische Reich ist kein weltliches Reich. Jenes ist anders denn dieses. Kreuz und Kampf, Mühsal und Leiden will schon der Heiland, wie er denn spricht: Der Jünger ist nicht über seinen Meister. Ich bin nicht kommen den Frieden zu bringen auf Erden, sondern das Schwert. – Ein Christ sein, heißt Kämpfer sein, nicht ein Zänker und Ränkespinner, ein streitbarer Herr wider alles Falsche und Verlogene, wider Verzerrungen der heiligen Botschaft. Die Majestät des Vaterlandes ist es wohl wert, dafür den Tod zu erleiden.« Hörte Heribert Kästner die Botschaft? Ja, er vernahm sie. Hörte Heinrich Verschüren die Botschaft? Ja, er hörte sie auch. Aber er hörte sie anders. Zwei Männer standen sich hart gegenüber, zwei Männer mit strenggemeißelten Gesichtern, mit leuchtenden Blicken ... aber wie immer in Deutschland: hinter dem einen wurzelte Hödur, blind wie im nordischen Mythus, regungslos, ohne Bewegung, bis Logi mit dem verderbnisbringenden Mistelzweig zu ihm trat und ihn aufforderte, den vergifteten Zweig auf seinen Partner zu werfen ... und doch hatten vor wenigen Tagen die Osterglocken über die weite Niederung gesungen und den Jubelruf gebracht: »Christ ist erstanden!« Bald darauf kam Nachricht von Münster. Der Kaplan hatte schon lange darauf gewartet. Endlich hielt er den heißersehnten Schriftsatz zwischen den Händen. Just wie damals, so las er auch heute mit bewegter Stimme und gehobener Freude: »Bischöfliches Ordinariat.    Münster, am Tage der heiligen J. Nr. 3650 Maria Kleophä. Pax vobiscum ! Voraus sei gesagt: Ihr Vorgesetzter, Herr Jakob Ezechiel Schlüpers, Dechant von Warbeyen, wurde von diesem Schreiben verständigt. Der Herr wird ihm die Kraft verleihen, für die bemessene Zeit, auch ohne Ihr Zutun, die ihm anvertraute Herde zu hirten. Und Ihnen zur Nachricht: der hochwürdigste Herr Bischof betraut Sie mit dem heutigen Tage als Stellvertreter des erkrankten Seelsorgers von Heiligenbaum bis zur Zeit seiner Genesung und wünscht Ihnen ein gesegnetes und ersprießliches Wirken. Hinsichtlich der Passionsspiele seien wir weise. Tragen wir der Zeit Rechnung. Sie ist ärmer denn Hiob. Richten wir uns haushälterisch ein, bemessen wir die Opferschale nicht zu groß und zu reichlich, auf daß die Widersacher nicht kommen und sagen: Da seht ihr! Hüten wir unsere Zungen durch Gleißen und Prahlen, auf daß wir kein Ärgernis geben. Tragen wir durch die Spiele keinen Unfried in die Gemeinden der Andersgläubigen, verletzen wir nicht ihr Fühlen und Denken, denn auch sie sind Geschöpfe des Ewigen. Der hochwürdigste Herr will keine Heißsporne und solche, die sich eifriger geben als die Säulen der Kirche. Er wünscht ein Zusammenleben im Sinne Leo XIII., des weisen und fürsorglichen Papstes. Der Passion alles Hohe und Schöne. Wenn möglich wird das Bischöfliche Ordinariat gelegentlich einen Delegierten nach dort entsenden, um sich auch ihrerseits an der niederrheinischen Kunst zu erfreuen. Mit Gott denn! Noctam quitam et finum perfectum econceat nobis Dominus, omnipotens auf daß wir nicht dem Laizismus und dem Nationalismus verfallen. Josephus Tibus. Vicarius Episcopi Generalis Heinrich Verschalen tat einen tiefen Atemzug. Sein heißester Wunsch war erfüllt. Auch sah er: der Generalvikar wollte ihm wohl – ein Sprungbrett für später, eine stählerne Feder, seinen Ehrgeiz immer höher schnellen zu lassen. Außerdem: »Auf nach Heiligenbaum! Deo gratias . Nur keine Sorge, Herr Generalvikar. Das mit der Opferschale – das weiß ich schon besser. Die Opferschale soll spenden, soll wachsen und einheimsen wie die Schale des Grals auf der Burg des heiligen Berges. Aus ihrem Blut soll der Kirche neues Leben erblühen, Segen und Sälde.« Er lächelte. Sorgfältig kniffelte er das Schreiben wieder in die früheren Falten, bekleidete sich mit seiner Sonntagssoutane, um dem Herrn Dechanten Jakob Ezechiel Schlüpers auch seinerseits von der Bischöflichen Order Kenntnis zu geben. Dann ging er. Es war kurz vor Mittagszeit, als er den Schulhof mit seinem lichten Lindengrün passierte, um die Dechanei zu erreichen. Im links der Türe gelegenen Lehrzimmer standen alle Fenster geöffnet. Hier amtierte sein Jugendgenosse von Kornelimünster, hier waltete sein einstiger Freund, dem gegenüber er jetzt herb und bitter geworden. Er wandte den Kopf, um nicht sehen und hören zu müssen. Das erste gelang ihm, aber dem Hören konnte er sich nimmer entziehen. Er hörte. Ein nadelscharfer Geigenstrich zerriß die Stille des Schulhofes. Dann ein schnittiger Auftakt und aus begeisterten Kehlen klang Ernst Moritz Arndts zündende Weise herüber: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Der wollte keine Knechte, Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß Dem Mann in seine Rechte. Drum gab er ihm den kühnen Mut, Den Zorn der freien Rede, Daß er bestände bis aufs Blut, Bis in den Tod die Fehde.« Heribert Kästner war ganz bei der Sache. Sein Ich stand auf Kampf. »Rettet die Jugend! Führt sie und lenkt sie! Erzieht sie im Geiste des Alten, des alten Sängers von Rügen, dessen stählerne Saiten im Sturmlied daherklirrten, als Deutschland in Not war, die napoleonischen Adler zu Geiern wurden und die arme Menschheit bedrängten. Vor den Tage- und Nachtweisen, den hochgemuten Freiheits- und Zornliedern des Unerschrockenen fuhren sie auf, steuerten landeinwärts, um schließlich mit matten Flügelschlägen über die Grenze zu krächzen. Rettet die Jugend! Wir haben sie nötig, denn Wolfszeit und Windzeit wird kommen, wo wir sie einsetzen müssen. Aber nicht wie die dahingemähte Blüte in Flandern. Zu ehernen Männern sollen sie werden, die wissen, wohin Weg und Ziel führt, und nicht wollen, daß hämische Mächte dabei sind, ihnen in Kampf- und Feuersnot den Dolch des Umsturzes in die Rücken zu bohren. Rettet die Jugend!« So Heribert Kästner, während die erste Strophe über den Schulhof daherklirrte. Das jähe Hinscheiden Jansens hatte ihn aufs tiefste getroffen, Henriette in Trauer und Flor, in ihrer kirchenstillen und ebenmäßigen Ruhe ihn aufs schwerste gepeinigt. Am Grabe des Vaters war ihre linke Hand noch linder denn früher gewesen, ihr schmerzzerrissenes Magdalenengesicht hatte ihn beim Scheiden noch schwerer erschüttert denn an sonstigen Tagen ... aber mehr denn je aus seinem Innern heraus rang sich ein Drängen und Aufbegehren, ein Vorstoßen gegen etwas Feindseliges, von dem er nicht wußte, von wannen es herkommen würde. Deutsche Jugend ...! Henriette ...! O du mein Niederrhein ...! Er wähnte einsam mitten in einer dumpfen, ekelhaften Stauflut zu stehen. Er sah Flore und beschmutzte Schleier wie Krähen- und Dohlenvögel darüber hin schwadern. Ein schlammiger Tobel wälzte sich gegen ihn an. Aus ihm drangen die Stimmen falscher Deuter und Propheten ... die Lamentationen mißbrauchter Kirchengänger, Heuchler und Schreier ... das verzweifelte Beten eines irregeleiteten Weibes ... die Schmerzensrufe der eigenen zermarterten Seele: O du mein Deutschland! Aber nur vorwärts! Und wieder ein Geigenstrich. Und nochmals ein schnittiger Auftakt. Fünfundsechzig Blond- und Flachsköpfe warfen sich hoch. Fünfundsechzig leuchtende Augenpaare waren auf ihren Herrn und Meister gerichtet. »Achtung, ihr Jungs! die vierte Strophe!« und die vierte Strophe brauste und stürmte ins Freie, daß davon die zarten Lindenblättchen in ein heftiges Beben gerieten. »Ihr Jungen – hallo!« »Laßt brausen, was nur brausen kann. In hellen, lichten Flammen! Ihr Deutschen alle. Mann für Mann, Fürs Vaterland zusammen! Und hebt die Herzen himmelan Und himmelan die Hände, Und rufet alle, Mann für Mann: Die Knechtschaft hat ein Ende!« Mit dem letzten Wort hallte die Mittagsstunde vom nahen Kirchturm herüber. Heribert Kästner brachte Geigen und Bogen an Ort. Er hatte sich manches Bleierne von der Seele gespielt und gesungen. »Fertig! und auf und nach Hause, ihr Kerlchen!« »Merci, Herr Lehrer!« »Vergnügt euch und haltet Gott vor Augen!« »Tun wir, Herr Lehrer!« »Denkt auch an Ernst Moritz Arndt, der dieses Lied in bösen Zeiten gesungen. Wir brauchen es heute.« »Machen wir!« »Auch an den großen König mit den lichtblauen Augen!« »Wollen wir auch!« Eine feste, herzhafte Stimme erhob sich. Es war die eines untersetzten Jungen mit Haaren wie Buttermilch und Wangen, die frischer waren als die von Borsdorfer Äpfeln. »Herr Lehrer!« »Was soll's noch?« »Wir spielen heute in der Mergelgrube, Herr Lehrer!« »Was spielt ihr denn?« »Den alten Fritz und den bockigen Windmüller.« »Recht so! Adjüs denn!« »Adjüs denn, Herr Lehrer!« und fort war die Jugend, als sei sie von Licht, Luft und Frühlingsfreude aufgeschluckt worden. Eine Viertelstunde später verließ Heribert Kästner sein Amtszimmer, um sich in der Wirtschaft ›Zum blauen Schiffchen‹ an die bescheidene Mitttagstafel zu setzen. Der Schulhof war menschenleer, wie ausgestorben. Kein grünes Lindenblättchen legte sich auf die andere Seite, so still war es mittlerweile geworden. Nur plötzlich ... eilige Schritte bewegten sich über den Kies fort. Eine dunkle Soutane kam von dem nahen Pastorat her. Heribert Kästner erkannte den Träger. Es war Heinrich Verschüren. Wie auf stummes Geheiß hielten beide den Fuß an. Aber nicht lange. Der junge Lehrer grüßte kurz und abgerissen und wollte vorüber. Der Kaplan rief ihn an: »Darf ich für einen Augenblick bitten ...« »Na –und...?« Das markante Gesicht Kästners war für eine knappe Sekundenlänge auf den seines ehemaligen Studiengenossen und nunmehrigen Gegners gerichtet. »Was soll das, Hochwürden? Seit Monden sind Sie mir geflissentlich aus dem Wege gegangen ...« »Das wäre auch heute geschehen. Die obwaltenden Verhältnisse zwangen hierzu. Leider, daß es so kam, aber es ließ sich mit dem besten Willen nicht ändern. Wo Schatten hinfallen, darf man nach lichten Stellen nicht suchen.« »Und heute...?« »Ich habe mit Ihnen dienstlich zu sprechen.« »Dienstlich?! Mit mir?« »Ja, mit Ihnen, Herr Kästner.« »Seit wann sind Sie mein Vorgesetzter geworden?« »Verzeihung! Es ist auch so nicht gemeint, aber es handelt sich immerhin um dienstliche Angelegenheiten, die zwischen uns zur Erörterung stehen.« »Wer sandte Sie zu mir?« »Keiner. Nur seine Hochwürden der Herr Dechant gab mir den Rat, mich mit Ihnen ins Einvernehmen zu setzen.« »Dann bitte.« »Aber bemerkt sei, ich spreche im Namen der Schulbehörde. Daß ich hierbei den Dechanten erwähne, geschah lediglich auf seinen Rat hin, uns sachlich zu verständigen, alle Unebenheiten bestmöglichst aus dem Wege zu räumen.« »Ich danke Ihnen. Der Rat seiner Hochwürden wird von mir stets in Ehren gehalten, denn seine Anschauungen und die meinen gehen konform, haben sich in allen Fällen die Wage gehalten.« »Heribert ...!« Dem jungen Kleriker lag bereits der Name auf der Zunge. Er gedachte ihn vorzubringen, besann sich aber und ließ ihn kurzer Hand wieder fallen. »Nicht so! Ich meine ... keine Sentimentalitäten. Sie führen nicht weiter. Bringen nicht den erhofften Erfolg. Steilen vielmehr die errichtete Wand immer höher und höher. Das erbrachten die Geschehnisse im ›Blauen Schiffchen‹ leider so mit sich.« Um die Mundecken seines Partners zuckte es auf. »Lassen wir das. Solche Rückschlüsse und Erwägungen verschärfen die Gegensätze.« »Das will ich eben vermeiden, Herr Kästner.« »Und Sie führen diese dennoch ins Treffen? Seltsam! und ich dächte doch, Sie wären auf den Rat Seiner Hochwürden des Herrn Dechanten gekommen.« »Auf seine Bitte, Herr Lehrer. Warum sollte ich dem alten Herrn nicht diesen Gefallen erweisen? Ich verehre ihn innigst. Sein Amtieren ist einwandfrei, ja vorbildlich zu nennen. Er hirtet besser denn einer auf den Fluren von Sichem. Nur hier und da ... sein Schuh rumpelt zu derb. Durch seine Kanzelreden klingen vielfach noch die Pickelpfeifen der preußischen Musizi, wo die sanften Klänge des Saxophons mehr Berechtigung aufweisen könnten. Die Weltordnung mit ihrem Willen und Wollen hat sich eben geändert. Dem ist Rechnung zu tragen. Wir gehen vielfach einig, um in gewissen Kardinalpunkten anders zu denken. Trotzdem – Sie sehen: ich habe seiner Bitte entsprochen. Alter verpflichtet.« Heribert Kästner machte eine unwirsche Geste. »Zur Sache. Lassen wir den prächtigen Herrn bei seiner alten soliden Denkungsart. Er wandelt schon die richtigen Pfade.« »Er tastet vielmehr durch Nebel«, ereiferte sich Heinrich Verschüren. »Ich nenne es Licht, Herr Kaplan. Aber nochmals gesagt: ich bitte zur Sache. Was hat der Kleriker dem Lehrer zu sagen?« »Nur dieses: Sie werden mich für einige Zeit zu vertreten haben, Herr Kästner.« »Ich – Sie?!« »Ganz richtig.« »Und in welcher Beziehung?« »In Religion und Christenlehre.« »Und die Gründe hierfür?« »Sind kurz gesagt. Die hauptsächlichsten sind: Die Diözese Münster ist spärlich besetzt mit geistlichen Kräften. In dieser Hinsicht hapert es an allen Ecken und Kanten. Der Dechant von Heiligenbaum erkrankte, bedarf der Erholung und hofft sie im Allgäu zu finden. Das Bischöfliche Ordinariat genehmigte das Urlaubgesuch und setzte sein Sigillum darunter. Auch ich wurde verständigt.« »Auch Sie...?« »Ja, auch ich. Der Generalvikar dekretierte am Tage der heiligen Maria Kleophä: Sie haben Seine Hochwürden bis zu seiner Genesung in Heiligenbaum als Seelsorger zu vertreten. Außerdem: die geistliche Behörde bestellt Sie als Sachwalter für diese geweihte Stätte, um dortselbst im Interesse der geplanten Spiele und der Kirche zu wirken.« »Also bestellte Sie dorthin?« fragte Heribert Kästner. Um seine Mundecken kräuselte sich ein schmerzliches Lächeln. »Ich verstehe: Sie gedenken aus unmittelbarer Nähe die Proben bequemer und sachlicher leiten zu können?« »So ist es.« »Herr Kaplan«, und in den Tiefen seiner Augen begehrte es auf, als er fragte, »und sonst aus keinem anderen Grunde?« Heinrich Verschüren verfärbte sich. Aber nur für eine Augenblicksspanne. »Was soll das? Ich bitte mir aus: nur keine Hintergedanken.« »Noch liegen sie fern, Herr Kaplan. Noch zwinge ich sie ... noch halte ich sie mit ehernen Fäusten ... Aber wer garantiert mir dafür: meine Knöchel dürften eines Tages erlahmen, und da könnte es immer passieren ... Ich warne ...« »Herr, das mir?! wo Sie doch wissen sollten: ein geistliches Kleid ist ein heiliges Kleid!« Eine weiße geballte Hand stieg steil in die Höhe, um von hier aus scharf in die Lüfte zu zeigen. »Herr, das sollten Sie wissen!« »Das weiß ich und hab's auch immer so und nicht anders gehalten ... und trotzdem: ich warne. Mir könnten eines Tages die Knöchel erlahmen ... und dem möchte ich Einhalt gebieten ... Ja, Hochwürden, ich warne ... Ich will nicht, daß böse Gerüchte ...«. »Was Sie ... so wollen Sie kommen ...?« Heinrich Verschüren streckte sich vor. Er sicherte. Er suchte den weiten Platz ab, als wäre ihm ein verdächtiges Geräusch zu Ohren gekommen. Aber nichts ließ sich hören. Kein Säuseln. Nicht die Spur eines Vogels. Der Schulhof lag verlassen und einsam da wie eine Sterbekapelle zwischen toten Eifelbergen. Das Gesicht des jungen Klerikers kehrte zurück, setzte sich fest in das seines Gegners. Erst noch ein ersticktes Atmen und Keuchen, ein Ringen und Suchen. Es ebbte zurück wie von stählernen Sehnen gemeistert. Heinrich Verschüren hatte sich wieder unter Zaum und Kandare, als wäre gar nichts geschehen. Mit Daumen und Mittelfinger knipste er ein zartes Stäubchen von seiner Soutane herunter, um anzudeuten, dieses Gewand ist ebenso lauter wie das eines Seliggesprochenen. Ihm haftet nichts an, was es zu entweihen vermöchte, es sei denn: die profane Welt hätte versucht, ihm etwas Unsauberes auf die blanke Wolle zu spritzen. »Fort mit diesem Verdacht, mit diesem trügerischen Hinweis! Mein Kleid ist wie das Tuch der Patena. Die Stunde wird kommen, wo es heißt: Weise dich aus oder erwarte das Gericht dessen, der letzten Endes das Urteil spricht: Erhöht oder verworfen. Aber ich sehe, Sie stehen mir in den letzten Wochen und Monden immer entgegen. Früher Schulter an Schulter mit mir, wurden Sie mir der erbittertste Gegner.« »Sie irren.« »Meinen heiligsten Plänen rufen Sie ein unerbittliches Halt zu. Der Freilichtbühne, der Passion mit ihren Werten und Barmherzigkeiten stehen Sie schroff gegenüber und sind immer noch willens, ihnen die kalte Schulter zu zeigen.« »Auch das ist ein Irrtum.« »Weshalb denn liefen Sie Sturm gegen mich und meine projektierten Spiele, damals im ›Blauen Schiffchen‹, als wir dem alten Herrn von Warbeyen die letzte Ehre erwiesen? Damals ... Oder war es nicht so? Schoben Sie mein Wort nicht verächtlich beiseite, traten Sie nicht die heiligen Opferkerzen aus, die ich aufstecken wollte?« »Herr, ich muß mir verbitten. Sie zeigen die falsche Seite einer doppelt falschen Medaille. Die alte Maxime! Sie gingen, bevor Sie meine Gründe noch hörten. Es lag Ihnen besser. Sie wollten aber nicht hören. Jetzt Ihnen ein Privatissimum darüber zu halten, steht mir nicht an ... und nur das sei gesagt: Herr, die Passion ist mir so heilig und hehr wie die konsekrierte Hostie des Altarsakramentes. Wer daran rüttelt, der rüttelt mir meine stolzesten Tempel aus Mörtel und Fugen. Herr, und was denken Sie sich?! Ich, ausgerechnet ich, sollte mich mit dem Austreten geweihter Opferkerzen befassen, die Spiele verdammen?! Das steht nicht in meinem Katechismus geschrieben. Leuchten sollen die Opferkerzen, leuchten und flammen ... aber dann erst sollen sie leuchten und flammen, wenn wir aufatmen können, wenn die wilde Not eines einst großen und gefeierten Volkes minder geworden – und dieses Volk wird das deutsche geheißen.« Ein hartes Gesicht warf sich schroff in den Nacken. »Ausflüchte und müßige Gedanken eines Auch-Katholiken! und dabei bringen Sie noch den herostratischen Mut auf, mir als Warner entgegenzutreten?! Die Welt verkehrt sich und schickt sich an, durch die Traillen eines Narrenhauses zu stieren. Sie schreit Hurra, wo sie im Staube liegen müßte und beten. Was fällt Ihnen ein?! Nicht Sie, sondern ich habe zu warnen, vornehmlich jetzt, wo Sie berufen wurden, an meiner Stelle das Wort Gottes, das christkatholische Wort, für einige Zeit in die mir anvertrauten Kinderherzen zu streuen, dieses Wort mit dem heutigen Zeitgeist in Einklang zu bringen ... und da ich weiß, Ihre politische Einstellung mir gegenüber und Ihre Ansichten über die Weimarer Verfassung ...« »Herr«, unterbrach ihn Heribert Kästner, »was hat Ihre politische Einstellung und die der Verfassung von Weimar mit Religion und der Mission Christi zu schaffen?!« »Vieles ...! und darin liegt auch mein Bangen und Zagen Ihnen gegenüber und meine Warnung begründet.« »Fürsorglicher Mann – Sie! Samaritan Sie vom lautersten Wasser! Was mich anbetrifft und im Hinblick auf die mir gewordene interimistische Bestallung sei Ihnen dargetan: Ich lehre nach dem Willen und Wollen meines Herrn und Erlösers, nach den Werken meines Gottes, der da war, der da ist, der da ewig sein wird. Ich lehre nach der Satzung und den unverbrüchlichen Heilswahrheiten meines christkatholischen Glaubens ... und katholisch sein heißt: nach den Geboten Christi handeln und denken, Gott geben, was Gottes, dem angestammten Herrn das, was immer des angestammten Herrn gewesen, den Umstürzeln aufzukündigen, ihre aufgesogenen Lehren auszuspeien, den Sonderbündlern das gefährliche Handwerk zu legen, sie zu den Toten und Mißratenen zu werfen – heißt aber nicht: die dunklen Geschäfte gewisser Mittelsmänner, die den wahren Glauben umnebeln, mit Eifer betreiben, sie als Fremdkörper am wahren und lauteren Körper zu dulden; heißt nicht, wie noch kürzlich geschehen, den lauten Rufer im Kampf der Wagen und Gesänge, der da predigte: ›Es kommt einem schon der Kaffee hoch, wenn man Zentrum und Preußen in einem Namen nennt, denn die Prälaten hassen nichts mehr als den Glanz eines geeinigten Deutschlands‹, in Sumpf und Morast zu verdammen, um andern Tages mit dem nämlichen Rufer Arm in Arm in die Schranken zu treten, um politische Sondergeschäfte zu machen. Katholisch sein heißt Duldsamkeit üben, auf Wache stehen, die letzte Ader der Jugend zu festigen, sie von nationalem und vaterländischem Geist durchbluten zu lassen. Was ich sonst fühle und denke, brauche ich keinem unter die Nase zn binden. Aber die verfluchte Pflicht liegt mir ob, wie 'n Gamsbock den Wachtpfiff zu pfeifen, wenn ich es für nötig halte ... und liegt Gefahr im Verzuge, dann, Herr Kaplan, wird eben gepfiffen ... und seien Sie überzeugt, ich weiß schon zu pfeifen.« »Im Sinne der Junker und Fürstenlakaien, und wäre Ihre Anschauungs- und Lehrmethode an maßgebender Stelle bekannt, Sie wären schon längst von dieser Scholle herunter.« »Sie barmherzige Seele! Schon Leichenbitter für einen abgesägten Magister in optima forma ! Meinen Dank schon im Voraus. Aber es bleibt dabei: ich meine nach meiner Einstellung, nach meinem Gewissen und meinem Ermessen. So und nicht anders. Auch jetzt, wo ich die Ehre habe, Sie zu vertreten. Darauf lebe ich, darauf sterbe ich, ohne mich an Sie, Herr Kaplan, und an ihre sogenannte Botschaft zu stören.« »Sie irren. Das Wort Gottes bleibt mächtig. Sie haben sich nach dem Willen Seiner Majestät des omnipotenten Volkes und meinen Intentionen zu richten.« »Ich richte mich nach meinem Eid, dem bewährtesten Regime, das für mich noch immer mein Gewissen und den einsamen Dulder verkörpert.« »Der Mann ist eine gestolperte Größe.« »Herr, Sie sollten sich schämen ...« und Heribert Kästner hatte Blut und Lohe vor Augen. »Sie sollten vor dem bitteren und entsetzlichen Walten des Schicksals Ihren Hochmut verleugnen, sonst sind Sie nicht wert, das Kleid eines Priesters zu tragen.« Ein Schrei. »Das mir?! Das mir – dem Stellvertreter Christi auf Erden?!« »Herr Kaplan, Sie sind mir kein Fremder. Wir waren schon in Kornelimünster zusammen. Ich kenne Sie wie die innerste Falte meines eigenen Herzens. Ich weiß schon Bescheid. Ich kenne schon Ihre großen und bedeutsamen Seiten, aber auch die, die ich geringer bewerte. Und nun: Stellvertreter Christi auf Erden?! An Ehrgeiz mangelt es nicht. Sie scheinen nach den Bildern des Himmelreiches greifen zu wollen. Lassen Sie sich auslachen, Mann, und wäre die Angelegenheit mit ihren Folgeerscheinungen nicht so betrüblich und ernst, ich würde Ihnen zu Ehren 'nen regulären Purzelbaum schlagen ...« »Mensch – Sie! Das verlangt Reue und Leid. Das verlangt auf die Büßerbank, in die Knie hinein. Das verlangt die Strafe und den Zorn des Ewigen. Oder aber« und der junge Kleriker reckte sich auf, streckte die Arme gen Himmel – »erfolgt nicht Abbitte, nicht Reue und Buße, ersuchen Sie mich nicht, Ihr ›Ich armer sündiger Mensch, ich bekenne vor Gott und seinen Geschöpfen ...‹ entgegenzunehmen – Sie hören von mir. Nur keine Sorge: Sie werden am Leben verzweifeln. Ich weiß den richtigen Weg schon zu finden, an die richtige Türe zu klopfen. Ich warne. Mehr kann ich beim besten Willen nicht aufbringen. Entweder so oder so. Abbitte, oder ich werde vorstellig werden.« Heribert Kästner sah seinem Gegner still in die Augen. Er hatte Mitleid mit ihm. »Ich warte darauf«, sagte er ruhig. Bald darauf lag der Schulhof verträumt unter dem Himmelreich. Nur eine linde Brise kam herauf. Sie schmeichelte von den Altwassern und den nahen Schleusenwerken herüber. Die zarten Lindenblättchen begannen leise zu säuseln. Ein Buchfink, der sein emsiges Weibchen beim Nestbau betreute, hub an, einen fröhlichen ›Reiterherzu‹ durch die andächtige Stille zu schmettern. Ein großer Vogel schraubte über Warbeyen hin. Er trug silberweißes Licht auf den Schwingen, die sich scheinbar nicht um Haaresbreite bewegten. Dennoch ging sein Flug immer höher und höher, bis sie in dem silberweißen Licht endlich verschwanden. Elftes Kapitel »Ich warte darauf.« Das zuversichtliche Wort war gefallen, ließ sich nicht mehr zurücknehmen, hinterließ in der Seele des Kaplans eine Wunde, die weder Salben noch Spezereien zu heilen vermochten. Es saß so tief zwischen Bast und Borke, daß es nut eines geringen Anstoßes bedurfte, um sich bis in den innersten Kern des noch gefunden Splintes zu fressen. »Ja, ich warte darauf«, und Heribert biß die Zähne zusammen, strammte die geballte Hand auf den Tisch, daß die Knöchel ihn schmerzten. »Und das übrige noch ...?!« Noch einmal zog es grau und fahl Über seine Stirne. Dann blühte sie wieder. »Auch ein Opfer des hierarchischen Prinzips«, sagte er wieder ruhig geworden, »und war doch berufen, ein Stiller und Großer zu werden. Leider! Aus Hierodulen werden Hierophanten geschnipselt, aus diesen Völkerzertrümmerer. Wendet nur ein Blatt der Geschichte auf die andere Seite, und jede Seite redet darüber mit feurigen Zungen. Aber lassen wir das. Jedereins hat sich dem entgegenzustemmen, aber auch jeder, der nicht blindlings einhertappt, um sich zu guter Letzt sagen zu müssen: Auch dein Volk ist sichelreif für die klerikale Ernte geworden. Mag kommen, was wolle: ich werfe Panier auf, denn der aufrechte Mann ist nicht dazu da, als Pazifist ins Wetter zu grinsen und den bequemen Strohtod zu sterben.« Geruhsam durchmaß er sein Arbeitszimmer, trat geruhsam ans Fenster und blickte lange in das werdende Dämmern hinaus. Ein Sternchen flinzelte auf, ein zweites, ein drittes. Nicht lange mehr, und Gottes Sternenreigen schwebte über Sphärenmusik, über Gerechte und Ungerechte, über das niederrheinische Land voller Wunder und Absonderlichkeiten. Der Einsame knipste das Licht an und saß bis spät in die Nacht hinein vor dem Manuskript seines neuen Romans, den er bei einer angesehenen Zeitschrift des Westens mit großem Erfolg angebracht hatte. Anderen Tages war Sonntag. Bald nach dem Hochamt rief Jakob Ezechiel Schlüpers in der Lehrerwohnung an. Der alte Herr war rein aus der Sakristei, wie er sagte, knurrte und raunzte unentwegt vor sich hin, durchmaß die Stube nach Länge und Breite, bedachte seinen Kaplan mit etlichen herzhaften Wörtlein, die nicht zu den sanftesten zählten, um sich schließlich in eine Sophaecke zu werfen. Sein eisengraues Haar hing ihm tief um Stirne und Schläfen. Unwillig legte er die Hand auf den Tisch. »Das ist ja, Herr Lehrer, als müßte ich fragen: Hat der allmächtige Gott das Chirarga, könnte nicht dreinschlagen? Ich bin zwar kein Kapuziner und Zungendrescher ... aber in diesem Falle: der Kapuziner hat recht, und seine Frage ist eine berechtigte Frage.« »Ich verstehe so ganz nicht, Herr Dechant.« »Nicht ...?« Der Diener Gottes schrumpfelte die Lippen zusammen. Er war ein knorziges, untersetztes Männlein, bei dem zwischen Kopf und Galle keine lange Wegstrecke führte. Ging's ihm zu bunt her, wurde er krötig. Die Galle schlug ihm alsdann ins Geblüt, von hier auf die Zunge. »Hallo, mein Bester! Gestern haben Sie doch mit meinem Kaplanus, Ihrem einstigen Busenfreunde, ein kleines Rencontre gehabt, so eins mit Schweinsborsten zwischen den Zähnen?« »Ganz richtig.« »So 'ne Art von Epistel an die Gemeinde der Korinther oder die der Kolosser?« »Auch dieses.« »Und ...?« »Ich bin ihm nichts schuldig geblieben.« »Wohl, wohl! Ich weiß es. Hat's mir brühwarm aufgetischt und ist nun dabei, seinen Koffer zu packen, um für den erkrankten Konfrater in Heiligenbaum einzutriumphieren.« Seine erzürnten Äugelchen stachen wie Kardendisteln über den Tisch fort. »Viel Glück für die Reise! Aber war denn keine Einigung möglich?« »Schwerlich, Hochwürden. Sein Katechismus ist allzusehr gespickt mit den Errungenschaften des ominösen Novembers. Da kann ich nicht mitgehen.« »Auch ich nicht.« Der alte Herr lachte ein bitteres Lachen. »Christus! Kann es denn nicht friedfertig nebeneinander einhergehen? Früher ging's doch, wenn auch dann und wann mit hitzigen und übereifrigen Köpfen, Aber es waren doch immerhin ehrliche Köpfe und verständige Köpfe. Aber so ...! Wir lassen uns einen Analphabeten als Kultusminister aufbrummen. Wir dulden's. Novemberlinge, die von Tuten und Blasen keine Ahnung besitzen, rutschen die höchsten Sessel zuschanden, schlucken die fabelhaftesten Gehälter hinter Binden und Brustlätze – und wir haben gar nichts dagegen, Gläubige und Gottesleugner gehen Arm in Arm, sitzen auf der nämlichen Bierbank – und wir nehmen es engstirnig hin, wenn gesagt wird: Es geschieht im Interesse des Großen und Ganzen. Himmel und Herrgott! Es geschieht im Namen des Satans und seiner höllischen Helfershelfer, denn es ist Belials Werk und mit Strunk und Stiel zu verwerfen.« Er hob die Hand, um sie wieder unwillig fallen zu lassen. »Christus, wo führt das hin, wenn so was am grünen Holze geschieht?! Zuviel des Leides, zuviel der Unebenheiten und der Widersprüche! Unsinn und Anmaßung, Vaterlandslosigkeit und Dünkel sind auf der Reise zu Gott. Hoffentlich empfängt sie der hohe Herr nach Recht und Gebühr und pfeffert sie nebst Konsorten und Komparenten ohne groß Federlesens zu machen von den goldenen Stufen seines Tempels. Basta!« Heribert Kästner erstaunte. »Das geht zu Herzen, Hochwürden.« »Soll's auch, Herr Lehrer, denn dafor bin ich da, wie schon der alte Fritz gesagt hat, ich – als Seelenbewahrer und pastor loci dieser Gemeinde. Denn sonst: wohin fahren wir? Was soll aus uns Deutschen werden? Wo ist unseres Bleibens auf Erden und im Himmelreich? Unmündige Übereiferer, Pfründenjäger und Wichtigmacher sind bei der Arbeit, dem Sachlichen, dem gesetzten Alter auf die Köpfe zu spucken. Mit Spielen suchen sie die Welt zu betören, ihr Sand in die Augen zu streuen, anstatt ihr in die Ohren zu schreien: Wachet und betet! Alles recht schön – das mit der werktätigen Liebe durch Weihe und Bühne, aber das Hemd ist mir näher als Rock und Weste. Hand mir vom Leibe! und geht's nicht anders, dann durch Wehren und Waffen. Seid einig und Deutsche, dann ist schon vieles gewonnen. Aber in diesen Tagen der Not, die Blut auf den Lippen haben, die hungern und betteln – noch Spiele ...?! Einer ist schon darüber sinnig geworden ... Basta! Fort damit! Aber dies sollten Sie hören ...« Und der knorzige, untersetzte und krötige Dechant, das Männlein mit dem tapferen Wort zwischen den Zähnen, lachte hell auf, als spazierte ihm eine fidele Geschichte durch sein bisher wehes Gesichtsfeld. »Merken Sie auf! Der römische Landpfleger suchte mich auf!« »Was, Aloys Ferkulum?!« »Jawohl, und das gleich nach der Frühmesse. Er hatte es eilig, denn er wollte noch weiter.« »Wohin denn?« »Weiß der Kuckuck wohin! Jedenfalls er dachte daran, die mir zugedachte Botschaft noch anderweitig anzubringen. Dabei gab er sich noch großartiger wie 'n ausgetragener Ganter auf 'ner grasgrünen Gänsweid.« »Was wollte der Mann denn?« »Etwas zum Schreien, mein Bester«, und der alte Herr schlug sich fidel auf die Schenkel. »Ja, was wollte er nur? Ja so, er wollte den Donator spielen mir gegenüber, ohne Gegenleistung und nur mit dem billigen Wunsche, seiner im Gebet zu gedenken. Er sagte: die Stiftskirche in Kleve hat es nicht nötig; ebensowenig die Klöster, Bruderschaften und Stiftungen. Die beziehen Gelder in Masse. Aber die Gemeinde Warbeyen kann so was immer gebrauchen, und so habe ich mich denn im Namen des Herrn und um der Barmherzigkeit willen resolviert, fünftausend Mark preußisch Kurant in Ihre Hände zu legen, um mit diesem Fundus nach bestem Gewissen schalten zu wollen. – So der römische Landpfleger mit dem Gesicht eines hohen Sachwalters unter der Regierung des erlauchten Cäsaren Gaius Julius Cäsar Octavianus semper Augustus. – Großartig, Sie! Darf ich vielleicht im Namen des Kirchenrendanten gleich die Quittung ausstellen oder ist das Geld vielleicht erst später zu haben? – Erst später. Hochwürden. – So! Also erst später. Und wann dürfen wir die Anzahlung dieser Dotation möglicherweise erhoffen? Der Termin wäre mir wichtig. – Nach den Spielen, Hochwürden. Immenses Geld fließt uns zu. Der Herr Kaplan, wie er sagte, weiß seine Komödianten zu lohnen. Ich als Vertreter des Pontius Pilatus, rechne wenigstens mit sieben- bis achttausend Märker, und fünftausend bestimmte ich für mildtätige Zwecke. Daß ich dabei auf Warbeyen verfiel, bitte ich bewerten zu wollen. Addio! Und fort war der römische Landpfleger mit seinem Eierkopf und seinem hohen Zylinder. Vorhang herunter!« und der kleine und vive pastor loci wieherte über den Tisch fort wie ein junges Füllen auf einer spinatgrünen Feld-, Wald- und Wiesenkoppel »Da sehen Sie, wie schon jetzt unter diesen verzweifelten Zeitläuften, bei Freilichtbühnen und namenlosem Elend die niederrheinischen Werte, Belange und Einstellungen gleichsam aus einem Hohlspiegel purzeln. 0 tempera, o mores ...!« Heribert Kästner schmunzelte interessiert vor sich hin. Mit einem lauten und vehementen »Uff« erhob sich der joviale, kurzgedrungene Dechant aus der alten und gediegenen katholischen Schule, trat seinem jungen Freund dicht unter die Augen, schrumpfelte die eisengrauen Brauen gegeneinander und meinte: »Mein Prinzip ist immer gewesen, man hat beide Parte zu hören. Ich tat's auch. Seien wir weise und gerecht. Ihr zwei befindet euch noch im Stürmen und Drängen. Ihr seid, wie der Psalm 115 vermeldet, gleich den Bergen, die da Bocksprünge machen wie Widder, gleich den Hügeln, die da hüpfen wie Lämmer. Montes exultaverunt, ut arietes, colles sicut agniovium . Das ist es. Auch Sie schlugen aller Wahrscheinlichkeit nach ein bißchen allzu stark über Strang und Latierbaum, brachten meinen Kaplanus aus Leim und Verdiebelung, denn Heinrich Verschüren hat just wie Sie seine Meriten. Aber im großen und ganzen: ich halte zu Ihnen. Stehe Seite an Seite mit dem alten Prinzip und der nationalen Einstellung ... und will es bekunden. Kommen Sie mit mir. Wir machen einen gemeinsamen Sonntagsspaziergang zusammen, auf daß alle es sehen: Krumme und Gerade, Aufrechte und Nichtaufrechte, Lichtsucher und Finsterlinge, kurz die totale Gemeinde: Pastor und Magister spielen noch immer auf der nämlichen Orgel, singen noch immer gemeinsam ihr lautes Credo zusammen«, und der würdige Herr in der etwas abgenutzten Soutane schob schon seinen Arm in den seines Partners, um den projektierten Spaziergang zu machen. Sie gingen die Hauptstraße entlang, bogen dann ein und verfolgten den Weg, der durch Wiesen- und Weidendistrikte zum Emmericher Eiland führte. Drüben in der Niederung lag der van Laaksche Hof, völlig eingebettet in einem Rausch von blühenden Kirschbäumen. Ein müheselig dahinschleichendes Wasser trennte sie von dem stattlichen Anwesen. Sie waren kaum eine Viertelstunde gegangen, hatten sich an dem goldenen Weihrauch der Weidenkätzchen und dem sanften Geläut der Wasserfrösche und Unken erfreut, als sich aus dem Kirschbaumgehege ein dunkler Punkt löste, der immer näherkam und mit ausholenden Schritten jenseits des stillen Wassers heranmarschierte. »Christus!« rief der Pastor und verhielt sich, »Achtung, der Landpfleger kommt.« Und richtig, so war es. Aloys kam so großartig seines Weges daher, als durchmäße er die Strecke von Dan bis Berseba, aber durch ein Land der Frühlingsfreude, und nicht durch eines, wo die Wüste weint und die Steine bluten. Zu seinen Füßen spreitete sich ein unabsehbarer Teppich von Wiesenschaumkraut, die ersten hastigen Mehlschwalben begleiteten ihn. »Holla, Herr Landpfleger«, rief ihn der munter gelaunte Dechant an, »woher denn des Weges?« »Von meinem Freund Dores van Laak. Ich Hab' ihm bereits die Sache vermolden.« »Was für 'ne Sache?« »Die von der Dotation von fünftausend Märker oder so ähnlich.« »Und was sagte van Laak denn?« »Es wär' über alles Ermessen. Einfach eins a. Man müsse mir in Warbeyen 'ne Art von Denkmal errichten. Er würde bei nächster Gelegenheit im Gemeinderat vorstellig werden.« »Aber erst mit den Geldern heran.« »Natürlich. Je eher, je besser. Drum schickt er mich zu Matthieu Thönissen hin. Der habe sie liegen und täte sie gern auf mein Komödiantensalär hin als Vorschuß beleihen.« »So richtig.« »Meine ich auch.« »Dann gute Verrichtung.« »Merci, Hochwürden.« Und mit einem stolzen »Addio!« zog Pontius Pilatus weiter landeinwärts, dem ferngelegenen Fluchthügel zu, auf dem Matthieu Thönissen sein schönes Anwesen hatte. Jakob Ezechiel Schlüpers sah ihm offenen Mundes nach, stieß die Zwinge seines Eichenheisters tief in den lauwarmen Boden, kicherte wie ein Schwarzspecht und fragte: »Nun sagen Sie mal, mein lieber Herr Kästner, ist dieser geschwollene Mannskerl als unser regulärer Teich- und Wasserfrosch (rana esculenta) oder als nordamerikanischer Ochsenfrosch (rana catesbyana) anzusprechen, dessen Gelärm seine Landsleute mit ›more rum‹ , also mit ›Mehr Rum‹ übersetzen? Ich glaube, wir können ihn getrosten Heizens den nordamerikanischen Spektakel- und Ochsenfröschen beizählen, ohne irrezugehen. Doch sei wie ihm wolle, ich für meine Person lasse mir diesen niederrheinischen Pontius Pilatus auf meinen neuen Pfeifenkopf malen, so bin ich doch, was ich immer erhoffte, um ein munteres Erinnern reicher geworden, von dem ich singen und schmunzeln kann: In manus tuas commendo spiritum meum.« Noch an demselben Tage trat Heinrich Verschüren seine Übersiedelung an. Er hatte vor, sie ganz heimelig und unauffällig zu bewerkstelligen, denn er war kein Freund von Ovationen und Überraschungen. Aber wie sollte er staunen! Eine übereifrige und frömmelnde Seele hatte sie bereits telephonisch nach Heiligenbaum weitergegeben. Alles was Beine, Hände und gute Gesinnung aufbringen konnte, nahm sich vor, ihm einen herzinnigen Willkomm unter die Füße zu legen. In geschäftiger Eile zimmerte Imanuel Kerskes mit Gesellen und Lehrjungen eine Ehrenpforte vor dem Pastorat auf, woselbst ihm eine Wohnung bereitet. Die Frau Paramentenpräsidentin Anna Berendonk, Luischen und die übrigen noch nicht flüggen Hühnchen des Vereins sorgten für Guirlanden, Fähnchen in den päpstlichen Kulören und die sonstigen Zutaten. Herr Stephan tom Heuvel, Junglehrer im benachbarten Appeldorn, dichtete eine sinnige Begrüßung, die da lautete: »Wer so wie du nicht fehlt und irrt, Der ist ein wahrer Seelenhirt; Des Ruhm steigt in den Himmelsraum Gleichwie ein lichter Weihnachtsbaum. Drum sei von allen Guten, Frommen Dahier aufs herzlichste willkommen«, schrieb und malte sie auf einen blütenweißen Karton und bekrönte damit den Ehrenbogen in höchst sinniger Weise. Aller Augen war auf die nicht ferne Haltestelle des großen Personenautos gerichtet, von wannen er herkommen mußte. Jetzt tutete es. Bald darauf wandelte eine schlanke Soutane die Straße herauf. Eine Bewegung entstand. Vom Turme der Gnadenkapelle rief ein Glöckchen herunter, dann ein zweites. Schließlich einten sich vier Glöckchen und Glocken zu einem weihevollen und harmonischen Läuten. Mein Gott! Was war das nur? Also doch, sie hatten es wirklich erfahren, und er wollte doch kommen wie der gute Hirt, der seine Schäfchen nicht mit großem Gepränge aufsucht, sondern schlicht und einfach und mit nüchternen Sinnen, so wie es der Heiland immer gehalten, wenn er auszog, seine Lämmlein, gesunde und räudige, frohe und unfrohe an den Bachränften des Gelobten Landes oder in der Ebene Iesrael zu hirten. Er war nicht ganz bei der Sache, als er die zutunlichen Menschen mit freundlichen Worten begrüßte, ihnen versprach, sie nach den Satzungen des Herrn zu führen, den Gnadenort noch gebenedeiter zu machen, denn die Begegnung mit Heribert Kästner bedrängte ihn heftiger, als er dachte, und das um so mehr, als auch Henriette ihn willkommen hieß, in schwarzem Gewand, einer trauernden Königin ähnlich und mit Tränen in den verschleierten Augen. »Nun mögen wir frohlocken, Herr Kaplan«, sagte sie leise. »Ich ersehnte die Stunde.« Dann ein kaum wahrnehmbares Zeichen, und vierzig Mädchenstimmen sangen das herzerquickende ›Gott grüße dich‹durch den werdenden Abend. Und eine Stimme ... wie ein schneeweißes Täubchen schwebte sie auf zum vergoldeten Himmelreich, das sich über Heiligenbaum und seinen Fluren ausgetan hatte. So trat Heinrich Verschüren seinen neuen Wirkungskreis an. Herr Stephan tom Heuvel, der Junglehrer von Appeldorn, der in der Passion den Lieblingsjünger darzustellen hatte, wandte sich an die beiden Marien der Leidensgeschichte, an Maria-Salomea und Maria von Magdala und sagte: »Möge sein Wirken dahier ein gottwohlgefälliges sein, ein Ruhmesblatt für die kleine Gemeinde.« »Er wird es«, antwortete ihm die letztere mit brennenden Augen, aber ihr Medaillengesicht war wie das einer Sterbenden geworden. * Die Welt schmückte sich immer voller und schöner. Die Syringenbüsche in den Vor- und Landgärten nahmen bereits einen violetten Schimmer an. Tazetten und Stiefmütterchen machten sich breit auf den Frühlingsrabatten. An den Altwassern steckten Riedgräser und Schwertel ihre langen Wehren aus, als müßten sie das stille Geflügel behüten, das sich in dichten Gehegen häuslich eingerichtet hatte. Vom Reichswald lief ein Flüstern und Gleiten bis zur Hügellehne von Heiligenbaum, woselbst zwischen lichten Birkenstämmen und saftgrünen Baumgruppen die Freilichtbühne ihrer Vollendung entgegenharrte. Ihre ernsten und doch frohen Farben grüßten weit in die Gegend, trugen schon jetzt dazu bei, den Ruf der kommenden Spiele weit durch die Grafschaften und deren Grenzen zu tragen. Trotz der bedrohlichen und armseligen Zeitläufte, der Irrungen und Wirrungen, der angehäuften Schmach und Demütigungen – es blieb immer dasselbe. Das Volk blieb nun einmal dabei: panem et circenses. Sonst ging es nicht anders, und wenn darüber Deutschland aus allen Fugen und Gelenken knackte, gottjämmerlich versackte und für immer verquiemte. Die Hefe und etliche stinkende Blasen blieben letzten Endes doch an der Oberfläche haften, um dort mit häßlichem Gurgeln zu zerplatzen. Und Heribert Kästner wartete. Er wartete auf Nachricht von Heinrich Verschüren. »Sie hören von mir...« Das harte Wort ging ihm nach. Auch heute, an einem Samstagnachmittag, wartete er. Er befand sich in seinem weltabgeschiedenen Magistergärtlein, das ihm der selige Ildephons Schlickum als hortologisches Kleinod zugebracht hatte. Die Wege blitzeblank, der Buchsbaum ohne magere Stelle, Mistbeete, Zugänge und Gemüserabatten wie an der Meßschnur gezogen, so bot sich das trauliche Gewese dar, das den nunmehrigen Heger und Pfleger sichtlich über alle Maßen erfreute. Er war gerade mit dem Anhäufeln der Frühkartoffeln fertig geworden und ging nun dazu über, seinen türkischen Bohnen hilfreiche Hand und Stütze zu bieten. Gerade diese waren ihm ans Herz gewachsen. Die Ranken waren schon tapfer in die Höhe geschossen. Hier und da war eine zu binden, irgendein Greifärmchen um die Stangen zu wickeln. Diese standen wie die Grenadiere im Gliede. Der Sergeant Kristokat von der 3. Kompagnie des Leibregimentes in Stallupönen hätte seine Rekruten nicht besser ausrichten können, so schnurgerecht stand jede einzelne neben der andern, die Nasen gespannt, blank wie von der Knopfgabel herunter. Es brauchte nur das Kommando erfolgen: »Parademarsch! Auf der Stelle getreten. Achtung! Mit Gott für König und Vaterland – los denn dafür!« Und die Feuerbohnenstangen wären in tadelloser Richtung durch den kleinen Magistergarten gestakelt. Ja, Heribert Kästner hatte seine Freude daran, fand Trost in dieser gärtnerischen Tätigkeit, um sich wohler und freier zu fühlen. »Holla!« Der muntere Kopf Seiner Hochwürden sah über die Ligusterhecke in das emsige Schaffen. »So fleißig, Herr Lehrer?« »Man muß schon, Herr Dechant, um sich das Geschmeiß von dummen Gedanken vom Leibe zu halten.« »Sie denken doch nicht dabei an meinen etwas ungetreuen Adlatus?« »So 'n bißchen läuft schon bei der Sache mit unter.« »Unsinn! Was sollte ich denn erst sagen? Jetzt, wo ich in die Siebenzig hineinspaziere, das Frühjahr einem schon mehr oder weniger in den alten Knochen herumscharmuziert, habe ich bei meiner Seelenklientel von morgens bis spät in den Abend hinein herumzukalfatern, diesem räudigen Bock 'ne Läusefalle zu verschreiben, 'ner Betschwester ihren Mausdreck aus der Seele zu fegen, 'nem Weibstollen mit der babylonischen Hure gruseln zu machen und mir dabei die Sohlen bis zum Brandleder abzustolpern – ja, das habe ich alles zu schaffen ... und siehe: währenddessen spielt mein junger Mann den großartigen Dramaturgen in Heiligenbaum, läßt sich von Maria Kleophä und Maria Salomea bedienen, findet dabei womöglich noch Zeit und Muße, den wohlgesinnten Katholiken entgegenzueifern und Ihnen bei Ihrer vorgesetzten Behörde so 'n kleines Feuerchen unter dem Sitzfleisch abzubrennen.« »Schon möglich, Herr Dechant.« »Natürlich schon möglich. Aller Voraussicht nach sogar bald zu erwarten. Trotz seiner unbestreitbaren Vorzüge, Heinrich Verschüren ist scharf wie ein Fuchseisen, zudem beseelt von einem eisernen Willen. Den von ihm als richtig taxierten Weg verfolgt er mit einer Zähigkeit eines eigensinnigen Lemmings, selbst dann, wenn es gölte, einen hundertmeiligen Pfad über Stock und Sturzacker zu verfolgen. Aber ich bin auch noch da, ich, Jakob Ezechiel Schlüpers, pastor loci hiesiger Kirchengemeinde ... und riechen Sie Lunte – ich bitte um Nachricht. Der Kaplan führt eine geschmeidige Sohle, ich einen derben Bauernschuh, und wird dieser Triarier aufgerufen, setzt es Fetzen, zum wenigsten Krähenaugen ab. Das soll hiermit gesagt sein.« »Ich danke, Hochwürden.« »Nichts zu danken, mein Bester. Gärtnerieren Sie weiter. Ich statte derweilen Besuch ab. Diesmal als Schlichter. In der Nachbarschaft haben sich zwei in der Wolle: Männlein und Weiblein. Bloß das Weibsbild ist dem Mannskerl um das Dreifache über. Da muß mein Bakel dazwischen, sonst leidet der Herr der Schöpfung Schaden am eigenen Leibe, und unsereins darf das eigene Geschlecht nicht in der Minderheit lassen. Was von der Mannesrippe stammt, hat dem Manne untertänig zu sein, ihm zu dienen wie der Weinstock über der Tür seines Hauses, auf daß er Gescheine ansetzt und taugliche Früchte, sonst ist jegliches eitel und nichtig und nur Krawall unter den Dachsparren. Mit Gott denn, und zum Angelusläuten ein Dämmerschöppchen im ›Blauen Schiffchen‹ zusammen.« Damit war der markante Kopf des geistlichen Herrn von der Ligusterhecke verschwunden. Sein fester Schuh knarzte aber noch lange auf der geräumigen Straße. Heribert Kästner horchte ihm nach. »Ja, wenn alle so wären«, sagte er bedrückt vor sich hin, »es stände besser um vieles, besser um Treue und Glauben, besser um Deutschland.« Hierauf begann er aufs neue zu krauten, aufs neue zu häufeln. Eine Viertelstunde mochte darüber vergangen sein, da war es ihm so, als vernähme er das traurige ›Rattata, rattata‹ aus der Kavarinerstraße in Kleve. Er suchte lange die Umgegend ab, ohne den Grund des unheimlichen Pochens finden zu können. Endlich – da sah er. Der Besitzer des Nachbargartens hatte auf hoher Stange einen Starenkasten errichtet. Darüber hinaus ragten vier niedliche Windmühlenflügel, die es verstanden, bei der geringsten Brise ein kleines Hammerwerk in Bewegung zu setzen. Die beiden Starmätze ließen sich hierdurch keineswegs stören. Also hier war des Rätsels Lösung zu finden, und dennoch: dem Einsamen wurde es seltsam zumute. Ein unbestimmtes Od büschelte von der Kavarinerstraße herüber, ein gewisses Etwas, dem er sich nicht zu entziehen vermochte und das ihn mit kalten Fingerspitzen berührte. »Rattata, rattata, rattata!« während die gesprenkelten schillernden Sprähen lustig und äußerst kregel dazwischen parlierten. Er horchte hinaus, über das Bohnenfeld hin, über die Stachelbeersträucher und Erbsenrabatten. Ihm schien es, aus dem alten geräumigen Giebelhaus mit dem warmen Geruch nach dunklem Tuch, nach Firnis und Kreppschleiern wollte sich irgend etwas mit ihm in Verbindung setzen, sich mit ihm verständigen, um das letzte Fazit der verflossenen Monde endgültig zu regeln; denn das fühlte er selber: so ging das nicht weiter – entweder Trennung oder das heißersehnte Ziel zu erreichen. Er war kein Hellseher oder einer von den Blassen im Lande. Er wurzelte in Gedanken, Worten und Werken fest auf der Scholle, hatte keine seltsamen Eingebungen, hörte keine heiligen Zungen aus dem Jenseits – aber in diesem Augenblick war es ihm doch, als würde ihm von Geisterhänden irgendeine wichtige Botschaft zugetragen. Er vernahm ein klagendes Seufzen vom Gartentörchen her, dann zögernde Schritte, die immer sicherer und emsiger wurden. Jemand schien ihn zu suchen. So trat er denn auf den Kiespfad hinaus, um das mit Syringen umbuschte Grundstück besser überblicken zu können, und siehe: ein untersetzter, stumpiger, aber lebhafter und energischer Herr mit glattrasiertem Gesicht, kurzverschnittenem Haar und neckischen Runen in der hinteren Kopfschwarte, ein Mann in Halbtrauer, die strammen Beinchen etwas zu weit durch die knappbemessenen, aber mit tadellosen Bügelfalten ausgestatteten Hosen geschoben, kam feierlichst den Hauptweg herauf: Herr Baumann. Er trug eine tadellose Tazette im Knopfloch. Bei Heribert Kästner angekommen, schlug er die Hacken zusammen, salutierte straff und bündig, indem er den schwarzumbordeten Hartmann abnahm, um sich wieder ebenso straff und schnittig zu bedeckeln. »Ich gebe mir die Ehre, Herr Kästner. Ich störe doch nicht?« »Immer herzlichst willkommen. Solchen Besuch weiß ich allzeit zu schätzen.« »Ist für mich äußerst lieblich zu hören.« »Warum sind Sie denn nicht schon früher vorgesprochen, Sie und Ihre werte Gesponsin, vornehmlich jetzt, wo die Welt in Blust und Blüte steht und die Menschen ein Anrecht drauf haben, endlich mal hoffen zu dürfen?« »Leider, die Geschäfte gehn vor, und die meinen ließen keine freie Stunde ersparen. Wie die Krähenvögel fielen sie ein. Meine Dachsparren wurden schwarz von Dohlen und Raben, so dicht saßen diese Komparenten nebeneinander. Die Frühlingstage haben viel auf ihr Konto zu buchen.« »Und heute?« »Ein ganz besonderer Fall.« »Und der wäre, Herr Baumann?« Der nunmehrige Alleinchef des Beerdigungsinstituts ließ die Augendeckel herunter. »Herr Lehrer«, sagte er etwas benaut vor sich hin. »Ich sprach in Ihrer Privatwohnung vor. Leider nicht da. Hierauf im ›Blauen Schiffchen‹. Vor 'ner guten halben Stunde fortgegangen, so hieß es. Wohin? Unbekannt. Dann auf die Straße hinaus, und keine drei Minuten vergingen, da trat mir auch schon der Herr Dechant entgegen. Der wußte Bescheid. Nur tapfer ausgeschritten, Herr Baumann. Der sitzt in seinem Magistergärtlein, sieht seine türkischen Bohnen wachsen und hört, was die Starmätze pfeifen.« Seine schweren Lider hoben sich wieder. »Ich bin glücklich, Sie gefunden zu haben, denn meine Angelegenheit darf ich als dringlich bezeichnen.« Heribert Kästner zuckte zusammen, als vernähme er abermals das unselige ›Rattata, rattata‹ aus der Kavarinerstraße in Kleve. »Ich höre, Herr Baumann.« »Es handelt sich um meine stille Teilhaberin«. Gleich nach dem Mittagessen sprach sie unter dem Vorwande bei mir vor, etliche Aufklärungen über den Geschäftsgang der Firma einzuholen, obgleich ihr der Betrieb so wesensfremd, ja so gleichgültig schien wie die schöne Profitkolonne des letzten Vierteljahres, die ich ihr vorführen konnte. Es war eben ein Vorwand, wie ich schon sagte, denn plötzlich liefen ihr heiße Tränen über die Wangen, schob sie alle ihr vorgelegten Kassabücher, Journale und Rechnungsbelange verächtlich beiseite, als wären diese Aufstellungen von mir bloß so aus den Fingern gesogen. Ich weiß, sagte sie heftig. Sie machen alles schon richtig. Drum bin ich gar nicht gekommen... und ihr Gesicht wurde wie das einer Verzweifelten, der nichts mehr übrigblieb, als alles auf eine Karte zu setzen.« »Aber Herr Baumann...!« »So ist das und nichts dran zu ändern. Ich bekam's mit der Angst und wollte schon meine Frau um Beistand ersuchen. Nichts da. Nur Sie können mir helfen. Ihre Mundecken verzerrten sich. Sie erhob sich mit einem leisen Schrei, der an den eines verwundeten Tieres erinnerte. Alles erstarrte an ihr. Sie müssen mir helfen, sagte sie nochmals. Aber ihre Stimme war heiser geworden. Ich muß ihn unbedingt sprechen... und das noch heute, Herr Baumann... Aber nicht hier... drüben, auf neutralem Boden, Herr Baumann...« »Also hier?« keuchte Heribert Kästner. »Ja, Henriette Jansen ist bei mir... wartet bei Derksen... und wenn Sie befehlen... Ich glaube: in diesem verschwiegenen Garten ist alles vorhanden, was sie benötigt: Ruhe und Einsamkeit. Außerdem – ihr Wunsch ist erfüllt: auf dieser Stätte hat sie neutralen Boden gefunden.« Die Blicke des gütigen Vermittlers suchten in denen Heriberts, dessen eherne Züge immer eherner wurden. Lind und warm klangen die Worte ihm zu: »Und wenn Sie befehlen... ich meine, wenn Sie die Güte aufbringen würden...« Er räusperte sich, weil ihm der Mut fehlte, weiterzusprechen, nestelte die Tazette aus seinem Knopfloch, spielte mit ihr, um sie wieder an Ort und Stelle zu bringen und entschlossen und fester zu sagen: »Ja, mein Verehrter, wenn Sie befehlen... sich eine Aussprache ermöglichen ließe; ich glaube, die Seelenängste eines verzweifelten Weibes würden um vieles behoben. Auch die meinen, denn sie ist immer die Tochter meines abgeschiedenen Seniorchefs, dem ich Dank schulde bis zur letzten Stunde, wo sie auch mir das ›Oremus‹ singen. Und da möchte ich doch herzinniglichst bitten...« Eine Hand schob sich rasch in die seine. »Ich warte, Herr Baumann.« »Gott sei gedankt!« Ein befreienderes Seufzen war dem Magistergärtlein wohl kaum zu Ohren gelangt, ein rascheres Schreiten hatten seine Kieswege schwerlich vernommen. Selbst die beiden Starmätze, die eifrigst ab- und zuflogen, gaben ihre muntersten Noten zum besten, ohne von dem störenden Mühlengeklapper unterbrochen zu werden. Heribert war dicht in den schmalen Schatten der Springenlaube getreten, deren weitverzweigte Büsche jedes profane Auge von dieser verschwiegenen Stätte fernhielten, sie als heilig und unantastbar erklärten. Trotz seiner erzwungenen Ruhe, er fühlte das Aufbegehren seiner heißen und aufgestöberten Sinne. Er brauchte nicht lange zu warten. Bald darauf kam sie. Mit niedergeschlagenen Augen betrat sie den Garten, barhaupt, die mächtigen Flechten zu einer stolzen Krone gewunden. Ein dunkles Gewand mit Florbesatz, das sich geschmeidig um ihre Glieder legte, umkleidete sie. Alles Trauer in Trauer – und in dieser Trauer dennoch diese berückende Schönheit, dieses Weib, das selbst in seinem brütenden Schmerz die Leidenschaften des Mannes erregte. Willenlos schritt sie der dunklen Laube entgegen. Keine Erregung in ihr. Ihr Atem ging nicht stärker als sonst. Ihre junge Brust hob sich so ebenmäßig, als wenn sie zum Altarsakrament ginge. Nur ihre wächsernen Hände nestelten an einem schwarzseidenen Tüchlein, das ihr von den Schultern herabhing. Im Weiterschreiten straffte sie es über Nacken und Büste, zog es immer enger zusammen. »Henriette!« Die Kehle war ihm trocken geworden. Seine Blicke richteten sich voll leidenschaftlicher Gier auf die hohe Gestalt, die ihn mit dem seinen Wildgeruch des Sinnlichen streifte. Daß er sie herbeisehnte, wie der Schwerkranke das steigende Licht des jungen Tages, wußte er lange, daß sie aber nach all den Bitternissen und herben Entsagungen begehrenswerter und schöner geworden, nein – das wußte er nicht, das sah er erst heute. Er trat auf sie zu. Ihr Fuß wurzelte an. Ihre Augen öffneten sich, als müßten sie erst jetzt das Bild preisgeben, das in ihren Tiefen lohte und brannte. Die bleichen Hände ließen den dunklen Schleier fahren, umgriffen das Goldkreuz an ihrem Halse, um bei ihm gleichsam Schutz und Stärke zu finden. Er sah die rasche Bewegung. Das Aufreizende ihres geschmeidigen Körpers. »Henriette...!« Die verträumte Umgebung, die Nähe des geliebten Weibes, der Hauch, der ihrem jungfräulichen Leibe entströmte, wirkten erregend auf ihn, machten ihn weich wider Willen, lähmten die Kraft eines entschlossenen Mannes in ihm, die Unveräußerlichkeit eines gepanzerten Herzens... und noch bevor sie es zu hindern vermochte, hatte er sie an sich gerissen: »Du...!« Mit hellem Schrei bog sie sich rücklings. Aber er hielt sie. Brust lag an Brust. Ihre Nasenflügel öffneten sich. Ihr Atem stürmte. Die weichen Arme strafften sich. Ihr Mund keuchte: »Und weißt du denn eigentlich, warum ich gekommen bin?!« Er gab keine Antwort. Er fühlte nur sie, er sah nur sie, er wußte, daß er ohne sie nicht mehr zu leben vermochte. »Heribert, weißt du...?!« »Ich sehe nur dich, ich fühle nur dich.« Sein heißer Mund stand dicht über dem ihren. »Henriette, rette mich, hilf mir!« Seine Worte flehten, seine Augen baten, sein eigenes Blut rauschte ihm zu, als müßte ein Sommerwald in seinem eigenen Rauschen ersticken. Nie wohl wurden ihm die heißen Strophen des Hohenliedes Salomonis lichter und klarer denn in der jetzigen Stunde. Du bist wie ein elfenbeinerner Turm, der gen Damaskus schauet. Die Grübchen deines Leibes sind gesegnet mit Benzoesalbe. Du bist ein verschlossener Garten, ein versiegelter Born. Die Turteltauben lassen sich hören im Lande, die Feigenbäume haben Knospen angesetzt, und in all dieser Herrlichkeit: deine jungen Brüste stehen gegeneinander wie Granatäpfel, die Anstalten machen, sich heimlich zu fliehen. Der kleine umbuschte Magistergarten wurde zum Paradiese für ihn, zur geweihtesten Stätte im Heiligen Lande, die die Wasser des Jordans durchplätschern. In diesem Garten vergaß er alles, was sie ihm angetan hatte, obgleich eine zwingende Stimme ihn mahnte: »Bleibe dir getreu, bevor es zu spät ist.« Sie selber konnte sich der drängenden Gewalt des Mannes nicht mehr entziehen. Ihre Züge versteinten. Die Augen nahmen einen seltsamen Glanz an. Die unterdrückte Leidenschaft des Weibes in ihr tat sich auf wie der Sturm, der über die Deiche und über die Schleusenwerke dahinwollte. Und wieder die stammelnden Laute: »Die Granatäpfel winken mir zu, es ist blau von Veilchen um mich, die Turteltauben lassen sich hören im Lande...« »Ach – du...!« und wider Willen, nicht Herrin über sich selbst mehr, streckte sie sich, hob ihre Arme, umflocht ihn, drückte sie ihren heißen Mund auf seine zuckenden Lippen, als sei sie gewillt, ihm den letzten Blutstropfen aus dem Herzen zu trinken. Und dann – von diesem Taumel gefaßt, aus diesem Geben und Nehmen rangen sich Worte und verzweifelte Laute, die sich wechselseitig beleuchten, sich nicht zu einem harmonischen Klingen vereinigen wollten: »Heribert – wie bitter ist das, und doch wie süß und verzehrend. Ich greife durch Licht und dennoch durch unermeßliche Finsternis. Ich trinke die lauterste Reinheit, wenn ich auch fühle, es ist Essig und Wermut dazwischen. So geht das nicht weiter. Ich harre des Wunders, und werde doch nicht des Wunders teilhaftig. Wenn die einsame verschwiegene Lampe doch aufhellen würde! Wenn wir allein wären! Wenn ich doch sagen dürfte: Heribert, es wird dir alles gegeben. Ich hab' nichts Geheimes mehr, was du nicht hinnehmen könntest. Es wird heilig in deiner Umarmung, heilig vor Gott und seinen Blutzeugen. So aber – du...« und ihre junge Brust stürmte gegen die seine. »Warum das? Weshalb bin ich mit diesem furchtbaren Stigma behaftet, mit diesen herben Gedanken und Zwangsvorstellungen? Warum denn? Ich kann doch nicht dafür, daß eine unwiderstehliche Gewalt mich zu Gott hinzieht, zu seinen Thronen und Herrschaften, eine Gewalt, die mich zwingt, ihm mich unterzuordnen, seinem Willen als Werkzeug zu dienen, selbst auf die Gefahr hin, seinem Stellvertreter und Priester zu dienen...« »Was – du?!« »So ist es«, und bevor er es noch verhindern konnte, hatte sie sich von seinem Herzen gerissen und ihn von sich gestoßen. Hoheit umgab sie. Ihr Seidentüchlein war ihr von den Schultern geglitten. Knisternd sank es zu Boden. Sie fußte darauf, als wäre es nicht wert und würdig, aus dem Staube gehoben zu werden. Sie stand vor ihm, wachsbleich, regungslos, mit einer Ruhe im Herzen als wäre gar nichts geschehen. »Mein Gott und mein Heiland...!« Er machte Anstalten, näherzutreten, aufs neue ihren Leib zu umfangen. »Bleibe«, gebot sie, »oder was dachtest du dir...?« Heiß stammte es in ihrem Innern auf. Krampfhaft verflocht sie die Hände. »Ja, was dachtest du dir...? Nach allem, was ich dir schrieb und dir mitteilen mußte, nach allem, was du mir entgegenhieltest, nach all den Anwürfen, die mich bitterlich kränkten, da kannst du doch nicht annehmen wollen, es wäre an mir vorbeigeglitten wie Sternschnuppen in laulichen Sommernächten, ich wäre gekommen, um Reue und Leid zu erwecken und heimlich zu stammeln: Herr, vergib deiner Magd, auf daß sie wieder würdig werde der Gnade des Herrn.« Er war bleich wie eine gekalkte Mauer geworden. »Hohn oder Werktätigkeit?« fragte er heiser. »Keines von beiden; nur Liebe.« »Weib...!« fuhr er auf. Seine Rechte packte zu, umgriff ihr Handgelenk, schnürte es wie mit eisernem Schraubstock. »Verkehre mir das eigene Wort nicht im Munde. All das Ode und Leere, als das Unausgesprochene, das Trauern in Worten und Werken ist meistens auf dein Konto zu buchen. Ich bin nicht schuldlos, aber deine Schuld sündigt wider den heiligen Geist.« »Heribert...!« »Schweige! Um deinetwillen wurden mir die Tage vergällt, die Nächte zu Nächten, die ich um aller Seligkeiten willen nicht mehr zurückrufen möchte. Um deinetwillen bettelte ich wie ein Wegemüder an der Landstraße bei einem Kieselstein bettelt, ein Stück Brot zu empfangen, bis ich schließlich zur Erkenntnis gelangte: du bist dir selber ein Gespött und ein Gespött der Menschen geworden... um anderen Tages... ja, um anderen Tages...« Ein trockenes Schluchzen erschütterte ihn. »Heribert, so sei doch nicht so gänzlich verzweifelt. Du irrst dich. Du mußt doch begreifen... Ich konnte nicht anders und durfte nicht anders. Eine Stimme ist in mir, die mir gebietet, so mein Leben zu leben, wie die Vorsehung will und gebietet. Ich kann nicht dafür, daß eine unwiderstehliche Gewalt mich zu Gott und seinen Spielen hinzieht, mich zwingt, seinem heiligen Willen als Werkzeug zu dienen. Ich bin eine Magd des Herrn und habe als solche zu folgen. Sei mit mir bis die Zeit sich ausreift, wo wir die Ernte erhoffen. Bauen wir auf, statt herunterzureißen. Lieben wir unsere Feinde, wie wir unsere Freunde verehren. Bitten wir denen ab, die wir kränkten, auf daß kein Ärgernis werde. Gehen wir zu denen, denen wir die Seele zerfleischten, und sagen wir ihnen: Vergib uns unsere Schuld, denn wir sind an euch schuldig geworden... und siehe: alles, was die Harmonie des Daseins bedrohte, wird sich wieder vereinen und aufs innigste fügen.« »Das meinst du?« »Ja, Heribert, aus dem tiefsten Grund meines Herzens.« Sein ehernes Gesicht verfärbte sich, wurde fahl, um gleich darauf wieder hart und ebenmäßig zu werden. »Dann eine Frage.« »Ich bitte darum.« »An wen ist diese Mahnung gerichtet?« »An dich«, sagte sie ruhig. »Und für wen nehmen diese Worte Partei und verpflichten mich. Reu' und Leid zu erwecken?« Ihr Kreuz bog sich ein. Jede Linie ihres schönen Leibes wurde geschmeidig. »Das weißt du, wo das doch alles passiert ist. Für seine Hochwürden.« »Was?!« schrie er auf. Er gab ihr Handgelenk frei und taumelte rücklings. »Betteln bei dem?!« Das war ein Peitschenhieb, der ihm Leib und Seele durchstriemte. »Also bei dem da...?! Bei Heinrich Verschüren, der mich ans Marterholz brachte?! Weib – du! Also da will's hinaus?! Und kamst nicht um der Liebe und der Barmherzigkeit willen?! sondern nur, um mich in seinem Namen in die Knie zu zwingen?!« »Ja – du! Das Unrecht muß erst aus der Welt... will Sühne um deinetwillen, um unseretwillen, bevor es zu spät ist. Das Unheil steht wider dich auf... zertritt dich... zermalmt dich...« »Also Buße für mich?« fiel es ihm bleiern vom Munde. »Buße in Sack und Asche für mich... in die Knie mit mir, bevor es zu spät ist«, und ein gelles erschütterndes Lachen durchschnitt das Magistergärtlein mit der Schärfe eines Rasiermessers. Er streckte die Hand aus. »Ah! siehe da... Da steht das Weib, die Barmherzigkeit selber, die ich bis zum Wahnsinn liebte und auf den Händen trug, und erniedrigt sich zur Botin und Trägerin dieses Priesterbefehls! Bitten wir ab, auf daß es kein Ärgernis werde. Ein Wort, würdig des Heilands. Nur es gehört an die rechte Adresse. Wer hat abzubitten – er oder ich?! O du – du linde und barmherzige Seele! Satt und genug! Hier scheiden sich unsere Pfade. Der große Nebel setzt ein. Nur ein Letztes noch: Sagen Sie dem Mann in der schwarzen Soutane: umgekehrt ist hier Trumpf in der Karte...« Sie rang verzweifelt die Arme. »Heribert, ich rufe zum Letzten! Auf zu ihm, auf daß Friede zwischen euch werde, bevor es zu spät ist.« »Niemals! Oder nur dann, wenn ich es für erforderlich halte.« »Dann ist meine Mission hiermit zu Ende«, sagte sie tonlos. »Völlig, aber es wäre besser gewesen, wir wären uns nicht mehr begegnet.« Sie nickte und wandte sich zum Gehen. »Du!« fuhr er auf. Mit beiden Händen hatte er ihre Schultern ergriffen, sie geschüttelt mit der Verstörung eines verzweifelten Mannes. Sein Gesicht stand dicht vor dem anderen. Noch einmal berührten sich ihre Atemzüge, noch einmal pochten ihre Herzen gegeneinander. »Weißt du, wer du eigentlich bist?« fragte er mit glanzlosen Augen. »Wer bist du? Ein Engel aus den himmlischen Chören oder das Weib aus der Offenbarung Johannes? Ich kann es nicht sagen. Aber das weiß ich: so seid ihr Weiber all miteinander. Kaum, daß ihr wißt, wozu ihr auf Erden bestimmt seid, kaum, daß eure Glieder sich runden und zu Fangarmen werden, kaum, daß eure jungen Brüste sich mit Rosen besticken – saugt ihr uns das Blut aus den Adern ... quält uns ... oder zermartert uns mit Freuden, hinter denen ein langsames Sterben wartet ... Laß mich! Ich habe nichts mehr zu sagen ... außerdem: deine Zeit ist bemessen. Die Geistlichkeit wartet nicht gerne. Sie will prompte Bedienung. Da gibt's kein Paktieren. Religion und Kirche sind duldsam. Sie stammen von Gott, nicht immer ihre Vertreter und Diener. Sie schlagen ihre besonderen und eigenwilligen Psalter, und wenn zu viele solcher Priesterharfen im Staate angeschlagen werden, vernimmt er zuletzt das hohe, wenn auch traurige Lied vom ›zerstörten Jerusalem‹. Also – lasse seine Hochwürden nicht warten ...« Er trat in den Schatten zurück und lauschte auf langsame und verlorene Schritte. Auch glaubte er ein stilles Weinen zu hören. Aus dem Nachbargarten klang wiederum das monotone ›Rattata, rattata‹ über Fliederbüsche und Ligusterhecken – dasselbe Hämmern und Pochen wie im Beerdigungsinstitut des braven heimgegangenen Joris Jansen auf der Kavarinerstraße 15 in Kleve. Zwölftes Kapitel Wenn der Pfingstvogel ruft, steht die Welt in Gold, werden die Tauben hörend, die Blinden sehend, brauchen die Lahmen nicht mehr nach Kevelaer oder Heiligenbaum hin, um Wachsstöcke oder Revoluzertaler zu opfern, denn die Zauberflöte dieses Wundervogels ist stärker als alles Psalmodieren und Beten, als alles Kasteien und Fasten, als alles Klimpern und Zirpen der freudenreichen und schmerzensreichen Rosenkränze, die so viel des Wunderbaren in sich haben und solches wie Mannakörner verstreuen. Ja, die Pfingstvogel sangen. Sie sangen die glückseligen Pfingsttage ein, jubilierten ihnen entgegen, denn diese mußten bald kommen. – Die Proben zu den Passionsspielen gingen ihrem Ende entgegen. Teils wurde auf der Freilichtbühne selbst, teils an passenden Stätten in Heiligenbaum geübt, letzteres vornehmlich dann, wenn es galt, einzelne Szenen im großen und ganzen festzulegen und ihnen die gehörige Feile zu geben. Heinrich Verschüren schwebte über den Wassern wie der große Geist mit seinen majestätischen Schwingen über den Wassern schwebte, das Licht ansagte, alles befruchtete und jegliches mit glitzerndem Gold überschüttete. Unter seiner führenden Hand nahmen die Freilichtspiele Form und Gestalt an, wuchsen ins Ergreifende hinein, gewannen Blut und Leben bis in die letzten Masern und Nervenbündel. Nichts blieb ihm unerreichbar, allüberall wirkte seine schaffende Hand mit dem Zauberstabe eines Magiers und Nekromanten. Der ganze Niederrhein stand unter dem Bann der kommenden Spiele – und Heinrich Verschüren, der schlichte Kaplan aus Warbeyen, war ihr Leiter und Führer. Die Gegensätze zwischen ihm und Heribert Kästner hatten sich um vieles verschärft. Seine Drohung hielt der Kaplan noch hintan. Er wartete und konnte noch warten, und als Henriette ihn bat, den Geist des Versöhnlichen walten zu lassen, spielte ein häßliches Lächeln um seine Mundecken und seine Augen glimmerten wie harte Kiesel in einer abgebauten Sandgrube. Er vergaß nicht und konnte und wollte es nicht. Tagtäglich wärmte er die gefallenen Worte seines ehemaligen Freundes wieder auf, die da lauteten: »An Ehrgeiz mangelt es nicht. Sie scheinen nach den Bildern des Himmelreiches greifen zu wollen. Sie Stellvertreter Christi auf Erden! Lassen Sie sich auslachen, Mann, und wäre die Angelegenheit mit ihren Folgeerscheinungen nicht so betrüblich und ernst, ich würde Ihnen zu Ehren 'nen regulären Purzelbaum schlagen ...« Das saß und saß bis zur heutigen Stunde. Aber wie schon gesagt: er konnte warten und wartete. Nur keine Übereilung. Er hatte Zeit in Hülle und Fülle. Er konnte zusehen, wie sein Widersacher zur Einkehr gelangte, zu ihm trat, das Knie beugte und sein ›pater peccavi‹ herstammelte. Seine Langmut war noch nicht zu Ende, würde sie aber mit der Hundepeitsche gehetzt, dann war er auch Mannes genug, seine letzten Konsequenzen zu ziehen und den Treffelkönig auf den Tisch des Hauses zu knallen. Trotz seiner regsamen Tätigkeit als Seelsorger, als Schaffender zwischen Versatzstücken und Kulissen, als Regisseur und Dramaturg, als Schlichter und Entscheider in künstlerischen Fragen – er erübrigte Stunden genug, das Anklagematerial zu sichten, es mundgerecht herzurichten, um es gegebenen Falles auf blanker Porzellanassiette feinsäuberlich und mit allen Schikanen der vorgesetzten Behörde unter die Nase zu setzen. In dieser Beziehung war er gerissener wie ein Ferkelstecher am Landgerichte zu Kleve, schmiegsamer als ein spindelbeiniger Doktor beider Rechte an den Ufern des Tiber, verschlagener als ein Advocatus diaboli in der römischen Kurie, salbungsvoller als ein Kapuziner auf der Kanzel im großen Sankt Peter. Sätzlein, Sentenzen, kleine Abhandlungen, scharfe Einfälle und sonstige Dinge lagen bereits in Schnitzeln unter dem Pultdeckel. Er brauchte sie nur zusammenzustellen, sie feinsäuberlich aneinanderzureihen und eine prickelnde Soße darüber zu gießen – und das Elaborat war absendefertig und postreif geworden. Selbstverständlich hatten dabei über dem Ganzen die Zünglein der Weimarer Verfassung zu flämmern. »Vogel Bülow, Vogel Bülow!« Dem Rufe des Wundervogels konnte sich auch Henriette nicht entziehen. Sie horchte und hoffte. Sie hoffte noch immer darauf, Heribert Kästner würde erscheinen, um mit seinem ehemaligen Freunde Frieden zu schließen. Sie hoffte vergebens, allein die seligen Gedanken an die kommenden Spiele hielten sie aufrecht. Nur einzelne Proben standen noch aus. In einigen Tagen fand die Generalmusterung statt und dann ging die große Passion, die Leidensgeschichte des Herrn über die Bretter. Der ganze Niederrhein feierte. Heinrich Verschüren hatte es für nötig gehalten, der Kreuzigungsszene noch einen kleinen Auftakt zu geben, eine Szene, die sich zwischen dem Lieblingsjünger und Maria von Magdala abwickeln sollte. Sie war kurz und bündig gehalten, spielte sich auf dem Weg zum Kalvarienberg ab, und Henriette hatte den jungen Lehrer tom Heuvel von Appeldorn in ihr Gärtchen gebeten, willens, mit ihm die Rollen durchzuprobieren und sie in Einklang zu bringen. Es war um die vierte Nachmittagsstunde und am geruhsamen Samstag, als tom Heuvel erschien, bereits völlig gewappnet und nicht mehr genötigt, ängstlich auf die Souffleuse zu lauschen. Henriette trat ihm freundlich entgegen. »Wird's ohne Leseprobe gehen, mein Bester?« »Die Worte haften bei mir.« »Dann wird sich Hochwürden freuen. Ich glaube, er wird selber kommen. Aber ich denke: wir warten nicht länger.« »Gut, Fräulein Henriette. Also fangen wir an. Nur möchte ich wissen ... Man muß sich in etwa in Szene und Auftritt versetzen.« »Schön«, lächelte sie. »Zur Klärung diene. Hier dieser Kiesweg ist als Zugang zur Schädelstätte anzusprechen, öde, kahl, steinicht, und mit wenig verkrüppelten Oliven bestanden. Drüben, jenseits der Laube ist Golgatha, unmittelbar links der Palast des Herodes und der Teich der Mandelbäume zu denken. Zur Rechten bei der Gnadenkapelle ragt Zion empor, darüber hinaus der Ölberg und der Berg des Ärgernisses. Ich selber knie am Tore von Genath, durch das der Erlöser geführt wird. Sie, mein Lieber, kommen auf Ihr Stichwort von Golgatha her, wohin sie bereits die heilige Mutter mit ihren Frauen geleitet, um mich, die Wegemüde, zur Trauerstätte zu führen. Jedenfalls wir sind in Erwartung des Dulders ... Ich denke ...« »Genügt mir«, sagte tom Heuvel, klatschte wie ein Dramaturg in die Hände und verschwand hinter der Laube, woselbst er die Stätte von Kalvarien wußte, während Henriette niederkniete und mit ihrer Stirne die harten Kiesel des Weges berührte. Gleich darauf ... sie rafft sich empor ... reißt ihre Flechtenkrone auf ... strafft die gelösten Strähnen auf ihren jungen Brüsten zusammen und stiert in die Gegend ... »Wo bin ich? Meine Füße schmerzen. Himmel! Jetzt seh' ich erst, ich bin am düstern Tor, Am Tor von Genath, das zum Richtplatz führt. Sie ließen mich allein, so ganz allein. Geringer als ein Feldstein an der Straße. Wohin ich sehe – überall ist Blut, Der Ölberg dunstet fürchterlich herauf Und selbst der Berg des Ärgernisses blutet. Der Teich der Mandelbäume nebelt sich In düsterm Sud, die Pfade dunkeln ein. Mit tiefem Grau umziehen sich die Berge. Die Sonne selbst nimmt finster ihren Weg, Sie kehrt sich ab und scheut sich ihrem Gott Ins dorndurchstriemte Angesicht zu schauen. Es kehrt Natur sich wider die Natur Und wo sonst Spiel und Tanz: im Königshaus Ertönen jetzt nur schwarze Totenpsalmen. Man trennte mich von meinem Herrn und Gott, Man hieß mich geh'n; ich weiß nicht, wo ich bin. Johannes, hilf mir! Meine Seele schreit. Sie findet nicht mehr Steg und Weg ... Johannes, oh ...! Johannes. Maria Magdalena! Magdalena. Gott sei Dank! Johannes, Ihr, wo ließet Ihr die Frauen? Johannes. Wohin sie wollten: hoch auf Golgatha, Auf wüstem Feld, wo Knecht und Söldner schon Die tiefe Grube für die Kreuze schaufeln. Mir wandte sich das Herz, die Mutter stand Als wäre sie aus starrem Fels gemeißelt. Und Ihr...? Ihr wolltet doch ... Wo ist der Herr...?« Magdalena. Ich wollte – ja. Jedoch man trieb mich fort. Und wo er ist? – dort in der düstern Gasse Am Tor von Genath sah ich ihn zuletzt, Da schrie er auf, als er die Töchter sah, Die Frau'n und Töchter von Jerusalem: Anstatt um mich, weint über eure Kinder, Denn wißt, es kommt der Tag, an dem ihr ruft: Glückselig die, die gelten Leibes sind. Die nie gekoren, nie ein Kind gesäugt. Ihr Berge fallt, ihr Hügel deckt mich zu! Denn wenn schon das am grünen Holz geschieht, Was soll geschehen, wenn es dürr geworden. Herr, meine Seele! und mit wildem Schrei Brach unterm Kreuz er blutig dann zusammen. Johannes (verhüllt sein Antlitz.) Entsetzlich – du, und Magdalena, dann? Magdalena. Ich wollte helfen, ihm die Hände reichen, Mit meinem Schweißtuch ihm die Stirne trocknen. Doch wiesen mich die Knechte von ihm fort Zum Tor hinaus, der Schädelstätte zu, Und riefen Simon von Cirene an, Ihm beizusteh'n, das harte Kreuz zu tragen. Johannes. Da hört! Am Tor ist Waffenlärm und Klirr. Der Zug scheint in Bewegung sich zu setzen. Stimme eines Legionärs (vom Tor her.) Ihr Judenpack, warum denn schreit ihr nicht: Dem König heil, dem Mann von Nazareth, Den ihr gekrönt mit einer Dornenkrone?! Ihr Hunde ihr, greift an, packt zu. Warum denn laßt ihr euren König warten?! Der Weg ist frei! Auf nach Kalvarien! Johannes. So kommt, daß wir die Stätte noch erreichen, Bevor sein Fuß noch ... o mein Herr und Gott! Magdalena (breitet die Arme.) O Golgatha, o Gottessohn, o Leid! Verflucht die Stadt, die uns zu Füßen liegt. Nochmals die Stimme des Legionärs. (Sie wendet sich. ) Seht ihr denn nicht? Die Sonne finstert ein. Jehova selbst verflucht euch Judenvolk. Auf, vorwärts denn! Sonst stirbt der König euch Bevor ihr ihn noch an das Holz geheftet. Magdalena. O Tag des Zornes, Stunde des Gerichts ...! Mitdem eine Stimme aus der Tiefe des Gärtchens: Stephan-Johannes, brav habt Ihr's gemacht. Und Henriette-Magdalena – Ihr, Ein jedes Wörtlein war so scharf geprägt, Als wär's von Magdalena selbst Dereinst auf ihrem Leidensweg gesprochen. Nun fehlt mir nichts mehr an der Passion, Und frohen Mut's kann ich den Tag erwarten. Habt Dank, ihr beide ...« Und siehe: erhobenen Hauptes trat Heinrich Verschüren aus dem verschwiegenen Laubgewind, woselbst er stummer Zeuge gewesen, dankte ihnen und freute sich der Stunde und des wohlgelungenen Zusammenspiels in dem traulichen Gärtchen. »Es ist alles so leicht und sachlich gegeben«, sagte er anerkennend, »so aus der Situation heraus, so daß es mich freut, diese kleine Szene noch geschrieben zu haben, und Sie, Herr tom Heuvel – ich freue mich, daß Sie hier in der Nähe amtieren. Trotz aller Schlichtheit: so ein Lieblingsjünger hat sich mit Fleisch und Blut zu umkleiden, hat zu erschüttern ... und wahrlich ich sehe ...« »Ich weiß Ihre Worte zu schätzen. Hochwürden, aber da sind noch andere Lichter, die schöner brennen würden denn ich.« »Und so ein Licht wäre, mein Bester?« »Heribert Kästner.« »Wie kommen Sie gerade auf ihn«, fragte der Spielleiter, »und das gerade in dieser Stunde, unter den obwaltenden Umständen?« »Nichts von Belang. Ich kenne ihn kaum; aber vor einigen Tagen bin ich noch mit ihm zusammengekommen. Nicht persönlich mit ihm, aber mit den ersten Kapiteln seines großangelegten Romans, den eine bedeutsame Zeitschrift des Westens veröffentlicht. Das wetterleuchtet und blitzt darin, als spielte der Herr mit seinem Feuerwerk, und ernsthafte Autoren nehmen den Hut vor ihm ab ...« Heinrich Verschüren legte ihm rasch die Hand auf die Schulter. Jedes weitere Wort schnitt er ab. »Lassen wir das. Es würde nur stören. Seine Talente und Vorzüge sind unbestreitbar, aber wenn ein guter Acker keine Saat in unserem Sinne annehmen will, wenn er sich hartnäckig weigert, Früchte zu liefern, die unseren Interessen entsprechen, dann hat der Pflug des Zornes seine Schollen zu reißen und seine Ackerkrumen unfruchtbar und gelte zu machen. Wer unsere Kreise stört, turbiert auch den stetigen Gang der alleinseligmachenden Kirche.« »Wie meinen. Hochwürden? Ich spreche von Heribert Kästner.« »Sehr wohl, Herr tom Heuvel. Auch ich spreche von ihm. Sie scheinen noch nicht im richtigen Bilde zu sein. Zur Aufklärung diene: Glauben Sie denn, Petri Felsen und seine Tempel ständen so fest, wenn seine Hüter nicht Tag- und Nachtwache hielten, von dem göttlichen Willen beseelt und durchdrungen: Halt! Werda! Das Ganze geht vor den einzelnen Baustein. Stürzt ein einzelner Gralsritter – er mag stürzen. Der Gral bleibt bestehen.« Stephan tom Heuvel zuckte auf. »Dann bitte ich um Entschuldigung, wenn ich dieses berührte ...« »Warum denn, mein Lieber? Ich selber ... Ganz richtig. Ich verstehe Sie völlig. Auch ich glaubte in ihm einen Förderer der Passion zu finden, der Freilichtbühne durch seine Person und sein Können einen besonderen Glanz zu verleihen, hatte aber statt in Wachs in Stein zu bossieren, so daß mir der Spachtel zerbrach und die Hände erlahmten. Kurz, unter nichtigen Gründen warf er mir das geplante Werk vor die Füße – kränkte somit nicht nur den guten Willen und die gläubigen Seelen des Niederrheins, sondern im gewissen Sinne durch mich auch die Kirche – und das war die Trennung, leider Gottes die Trennung, von der ich hoffe, sie wird sich eines Tages wieder beilegen und einrenken lassen.« »Hoffen wir«, sagte tom Heuvel, »denn Heribert Kästner hat der Welt noch etwas zu sagen, und es wäre schade um ihn, wenn ihm jetzt schon Widersacher erwüchsen. Stoß zeugt Gegenstoß, fördert den Willen zur Tat – gewißlich, aber es tut nicht gut, einen jungen Baum in der Jugend zu ringeln. Er könnte verbluten. Das muß verhütet werden. Und wenn Sie können, Hochwürden ...« Er sah Henriette an, als erwüchse ihm in ihr eine Mithelferin, eine Fürsprecherin, eine Mittlerin. Die sah in den Garten hinaus, als hätte die Pfingstfreude ihre schönsten Blüten verloren. Nur noch einige verbindliche Worte wurden gewechselt. Bald darauf empfahl sich Stephan tom Heuvel. Er hatte mit der Frau Paramentenpräsidentin und ihrem Luischen noch einige dringliche Vorkehrungen zu treffen. Sein Schritt war nicht zuversichtlich, nicht siegesgewiß für die kommenden Tage. Gesenkten Hauptes ging er ungewiß und still seines Weges. Als er außer Hörweite war, sagte Henriette mit eigenartigem Tonfall: »Wie konnten Sie nur?« Dabei verschränkte sie die Hände, wie um einen gewissen Unmut niederzuzwingen. »Das war hart, Herr Kaplan.« »Hart – gegen wen?« »Gegen Heribert Kästner.« »War er zart gegen mich? Hat er mich auf Daunenkissen gebettet? Mir vielmehr nicht ein hartes Pfühl errichtet und solches noch stacheldrähtig umfriedet?« »Nicht so ...! Ich bitte darum«, sagte sie heftig. Unter ihren Brauen brannte eine unwillige Helle. »Ich kann es nicht hören, denn trotz aller Wirrnisse, ich schätze Heribert Kästner und bin ihm verpflichtet.« »Verpflichtet? Auch jetzt noch? Sie – auch jetzt noch verpflichtet?« Und seine Stimme wurde lind wie das Flüstern in sommerlichen Riedbeständen. »Sie, die da den schweren Weg auf sich nahmen, ihn anderen Sinnes zu machen, ihm die Pfade zu ebnen, ihm die Worte der Reue und Buße in die Seele zu hauchen – Sie, die immerverzeihende, die allzeit allgütige, die stetig gerechte ... und da noch verpflichtet?! O Henriette!« Und er nahm die Hand der Willenlosen und streichelte ihr sacht über die schlanken Fingergelenke: »Man könnte um Ihretwillen eine zweite Litanei neben die Lauretanische setzen, um Ihre Güte unter die Menschen zu tragen, ohne der himmlischen Mutter in ihren Gerechtsamen nahezutreten. Im Gegenteil – sie würde sich freuen. Sie segnen, denn Ihr Opfer, wenn auch ein vergebliches Opfer, ist ein großes gewesen. O Sie! Wie oft habe ich auf Kästner gewartet, von dem heiligen Wunsche beseelt, den Unfried in Frieden zu kehren, ihm das Drohende von den Schultern zu nehmen. Aber mein Warten war ein vergebliches Warten. Wie oft habe ich am Fenster gestanden, fest überzeugt: heute erscheint er. Viele Menschen kamen und gingen vorüber. Aber ein Schritt von Heribert Kästner war niemals darunter. Er hielt diesen Besuch für einen Gang nach Kanossa. Mag er es tun, aber meine Geduld ist vorüber.« »Gewiß – er wird kommen.« Ein häßliches Lachen. »Der und kommen?!« rief der Kaplan in plötzlicher Wallung. »Der schießt lieber fünfunzwanzig Luderkrähen an einem Morgen zusammen, als nur einen einzigen Schritt in meine Behausung zu setzen. Ich hab's satt und genug, die mir von ihm angetane Kränkung zwischen Zäpfchen und Magen sitzen zu haben. Schluß wird gemacht. Noch gestern Abend ... alle die Einzelheiten, alle die Schnipsel, alle die Gedankenspäne und Splitter, die ich im Laufe der Tage gesammelt und heimste, aber um der Barmherzigkeit willen nicht verarbeitete und zu Papier brachte – noch gestern abend, bis spät in die Nacht, wurden sie zu einem Ganzen verschweißt, niedergeschrieben und siegelfertig gemacht. Nicht um meinetwillen, nicht aus dem niedrigen Drange heraus, kleinlichen Anfeindungen Rechnung zu tragen, sondern um das, wofür ich stehe, kämpfe und falle, um den Triumph des Zentrums, um das Prinzip, was es nunmehr vertritt, seine politische Vorherrschaft nicht zu gefährden, ist das alles geschehen. Bis heute wartete ich. Ich wartete auf ein befreiendes, erlösendes Wort. Das Wort blieb aus ... und so kann ich nicht anders. Das fertige Schreiben geht noch heute an die Düsseldorfer Regierung. Kein Warten mehr. Handeln geboten.« »Heinrich ...!« »Wie ...?!« Ein kurzer Schrei durchgellte das verträumte Gärtchen. »Hochwürden, ich meine ...« Zwei Hände griffen vor, tasteten ins Leere. »Sie werden doch nicht ...! Sie wollen ihn doch nicht brot- und stellungslos machen.« »Henriette, die große und geweihte Sache geht vor. Daran konnte er denken. Mußte er denken, wäre er nicht mit Hochmut oder Blindheit geschlagen gewesen.« »Warten Sie noch. Geben Sie noch eine kurze Befristung, um der Barmherzigkeit willen.« »Die Zeit ist um. Ich kann nicht mehr warten. Wer allzu lange zögert, versperrt sich selber den Weg, den ihm die Vorsehung anwies, zu gehen. Zu spät ist ein entsetzliches Wörtchen. Es wird zur Hydra, zur lernäischen Schlange und bringt einen selber zur Strecke. Ich glaube, ich habe schon zu lange gewartet.« »Nein«, keuchte sie atemlos, wie aus einer tiefen Verstörung heraus. »Ich bürge für ihn. Heinrich ...!« Und sie nahm nun wirklich die Hand, die geweihte Hand, die weiße Hand, die sonst segnete und die Hostie konsekrierte, die reine und schuldlose Hand des Priesters und drückte sie an sich. »Ich bürge für ihn. Warte noch ab. Er wird kommen und sein Unrecht bekennen, so wahr ich meinen Erlöser erhoffe und seine Ankunft ersehne. Hochwürden, mir will das Herz auseinander ...« Und wieder stand Henriette Jansen hoch und hehr unter dem Himmelreich. »Ja«, sagte der Kleriker. »Na denn ... Um Ihretwillen ... bis zur Hauptprobe ... oder noch besser: die Zeit bleibt mir überlassen – sei Friede gesetzt ... dann aber ist meine Langmut zu Ende ... und nochmals gesagt: nicht ich richte und rechte. Dafür ist ein anderer gesetzt. Ich bin nur ein Werkzeug in seinen Händen. Dem Großen und Ganzen hat sich jeder zu fügen. Nicht nur in Glaubenssachen, sondern in allem, was dienlich erscheint, eben diesem Großen und Ganzen sich unterzuordnen. Wäre es anders – das göttliche Ziel ginge verloren. Und nochmals sei hiermit betont: Fällt ein Gralsritter dabei, so möge er fallen. Der Gral bleibt bestehen.« Das Gesicht des Sprechers war wie aus Stein herausgeholt. Keine Muskel zuckte darin. Dafür aber fielen weiche Glockenrufe sacht über den kleinen Garten, den schon lichte Goldfäden durchzwirnten. » Angelus Domini nuntiavit Mariae. Et concepit de Spiritu Sancto «, betete Heinrich Verschüren. Von der nahen Gnadenkapelle wurde der ›Engel des Herrn‹ geläutet. Dreizehntes Kapitel An den weiten Heiden der Böninghardt, über Heiligenbaum fort bis zum Monreberg zu war in der Woche vor Pfingsten ein regsames Treiben und Wogen. In allen Vorgehölzen und jungen Beständen knackte und krachte es, taten blanke Äxte ihre unheimliche Arbeit, rüttelten und schüttelten lichtgrüne Bäumchen ihre schwanken Kronen, um dann mit einem tiefen Seufzen sich auf die Seite und den samtweichen Waldboden zu legen. Meistens waren es schlankwüchsige, leichtschüssige Birkenstämmchen, die in silbernen Kleiderchen und herzförmigen Glöckchen Schneisen und Gestelle durchlichtert hatten, um jetzt auf Leiterwagen verfrachtet zu werden und an den Wegen als Ehrenjungfern zu stehen, die von allen Ecken und Enden zum Gnadenort und zur Freilichtbühne hinführten ... und jedesmal, wenn so eine silberne Birke ihr junges Leben dahingehen mußte, lärmten die Hähervögel, tat der Wald einen leisen und wehen Schrei, als würde ihm ein Lieblingskind vom Herzen gerissen. Es ging ihm schon hart an, seine auserkorenen Pfleglinge und Prinzeßchen lassen zu müssen. Der Zimmermeister Imanuel Kerskes führte die Oberaufsicht. Mit Umsicht, Liebe und einer von der Passionsleitung gestifteten Winnenthaler Edelbouteille ging ihm alles wie geschmiert von den Händen. Er schaffte mit diversen Arbeiterkolonnen, die er sachlich angewiesen und eingeteilt hatte. Die einen suchten die schlankesten Stämmchen aus und schlugen sie nieder, die andern verfrachteten sie und brachten sie an die zuständigen Wegestrecken. Eine dritte pflanzte sie ein und hatte vornehmlich die Straße als Via triumphalis herzurichten, die von Heiligenbaum zur Hügellehne und der Freilichtbühne führte. Frau Anna Berendonk, die unermüdliche Paramentenpräsidentin, war ihm mit Luischen, den übrigen Damen und einem ganzen Troß von kräftigen Jungfern und Dirnen unterstellt, nur dazu da, Papierfähnchen zu schnipseln, Kranze und Guirlanden zu winden und alle Gänge zum Zuschauerraum und diesen selber mit einem Rausch von bunten Farben und lustigem Tannengrün zu umkleiden. Das brannte und feierte in den Kulören aller Länder und Völker, in grün und weiß, in brennendem Rot, in zarten Abstufungen des Regenbogens. Die Zeichen der römischen Kirche flatterten hoch im Wind, an allen Orten und Enden, auch die der Weimarer Verfassung ... nur die alten glorreichen Farben, unter denen unsere Feldgrauen marschiert, gekämpft, gesiegt und Kopf und Stahlhelm in den Sand gebohrt hatten, die schwarzweißroten Farben des unbekannten toten Soldaten fehlten in dem bunten Gewirr und Geflatter und legten die Frage nahe: bist du in Deutschland oder unter einer internationalen Sonne, wo sie zur Abwechslung und zum Aufmuntern des zugeströmten Publikums die Nadowessische Totenklage anstimmen und sie mit einem Friedenspfeifchen zum großen Geist würdig beschließen ...? Aber wer genauer zusah, das seltsame Rascheln der kanadischen Pappeln gewahrte, den feinen Duft von brennenden Wachskerzen um sich spürte, der wußte: du bist auf gesegneter niederrheinischer Erde, im Lande der Wunder und Wunderlichkeiten, wo sie just dabei sind, die Leidensgeschichte des Herrn auf die Freilichtbühne zu bringen. Und heute war der Samstag vor Pfingsten. Mit ihm verknüpfte man die Generalprobe. Sie wurde von Heinrich Verschüren spielend erledigt. Unmerklich führte er Regie. Gegen vier Uhr erklomm die Darstellung mit dem Auftritt der Maria von Magdala ihren Höhepunkt, als diese zwischen dem Tor von Genath und der Schädelstätte umherirrte und zwischen Gestein und Ölbaumknüppeln zusammenbrach ... um gleich darauf als das schöne, stolze, berückende Weib in die Höhe zu fahren: »Wo bin ich? Meine Füße schmerzen. Himmel! Wohin ich sehe: überall ist Blut, Der Ölberg dunstet fürchterlich herauf Und selbst der Berg des Ärgernisses blutet ... Johannes, hilf mir ...! Laß mich nicht allein ...! Johannes ...!« Alle Herzen flogen ihr zu. Das war Henriette Jansen, wie sie die Menschen wollten, wie sie die Menschen suchten, wie sie die Menschen liebten, das niederrheinische Weib, nur feingliedriger als dieses, aber das niederrheinische Weib mit dem straffen Gliederbau, wie es die Männer ersehnten, wenn es bei scharfem Wind über die Dämme schritt, oder die Träume seiner Verehrer in warmen Sommernächten durchpilgerte. Henriette Jansen in ihrem Magdalenenkleid, mit ihrem Partner, dem jungen Stephan tom Heuvel, feierte Triumphe, wurde schon jetzt mit Beifall und Blumen überschüttet, die sie frühestens am ersten Spieltag einheimsen sollte. Erst bei ihrem Abgehen zum Kalvarienberg legte sich das Brausen und Stürmen wie vor einem fernen Gewitter. Bald darauf wurde auch die letzte Szene zu Ende gespielt und Henriette von der Frau Paramentenpräsidentin und ihren Damen in die An- und Auskleidekammer geführt, wobei viele ihr das Geleit gaben, alle von dem Wunsche beseelt, einen Blick oder einen liebevollen Gruß von ihr mit nach Hause zu nehmen. Über Freilichtbühne und Umwelt senkten sich bereits längliche Schatten. Die einfallenden Lichter nahmen einen abendlichen Ton an. Endlich hatte auch Heinrich Verschüren Ruhe und Pause gefunden. Er saß in seinem Regiezimmer bei einer Holländerzigarre, um noch etliche Tagesfragen und eingegangene Briefe zu erledigen, als bei ihm unvermittelt angeklopft wurde. Es war ihm nicht recht. Er fühlte sich ausgepreßt wie eine Zitrone, denn er hatte alles hergegeben, was die vielstündige Leitung von ihm angefordert hatte. Viel mehr konnte er auch nicht mehr aufstellen. Heftig schlug er die Beine übereinander. »Herein!« rief er unwirsch. Stephan tom Heuvel gab sich die Ehre, noch im blauen Gewand und im sandfarbigen Umwurf des Lieblingsjüngers. »Nanu, mein Lieber, Sie sollten doch wissen ...« »Sie sehen, Herr Kaplan, die Sache hat Eile, sonst wäre ich nicht als tönender Rhapsode in die Türe gefallen. Einer steht draußen und wünscht Sie dringend zu sprechen.« »Kann warten bis morgen.« »Der sieht nicht aus, als wenn er gesonnen wäre, bis morgen zu warten.« »Was, mir gegenüber?« Der Kaplan machte eine unwillige Geste. »Das wollen wir sehen.« »Hochwürden, er sagte fest und bestimmt, daß er keine Ausfluchte wünsche, und ich glaube, der Mann weiß, was er will.« »Wir befinden uns hier auf Privateigentum, auf eingetragenem Kirchenbesitz, und wenn ich nicht irre, ist der Paragraph von Hausfriedensbruch noch nicht aus dem Gesetzbuch gestrichen.« »Wenn auch! Trotzdem, er läßt sich nicht abweisen.« »Wer ist's denn, wenn Sie ihn kennen?« »Heribert Kästner«, sagte er ruhig. »Was – der ...?!« Heinrich Verschüren fuhr steil in die Höhe, wie ein Apostel, der zu seiner rebellischen Gemeinde zu sprechen gedachte. »Der Mann kommt zu spät«, sagte er hastig, »jedenfalls zu spät, um meine Entschlüsse noch ändern zu können. Will er dennoch erscheinen – gut, er mag kommen.« Da ging der junge Lehrer von Appeldorn hinaus ins Freie, um nicht wiederzukommen. Statt seiner war Kästner ins Zimmer getreten. Hut und Stock hatte er draußen gelassen. Offen und frei schritt er seinem Partner entgegen, bis sie Stirn gegen Stirn und auf Reichweite standen. »Ich störe doch nicht, Herr Kaplan?« »Nein, Sie stören mich nicht. Mehr oder weniger ist mein Tagwerk getan und die Regie ist zu Ende.« »Um so besser für Sie und die Leitung. Aber wäre die Regie auch noch nicht zu Ende gewesen, ich hätte Sie sprechen müssen, und zwar unter jeder Bedingung.« Der Geistliche zuckte die Achseln. »Sie belieben es, deutlich zu sprechen.« »So hab' ich's allzeit gehalten.« »Das ist mir noch vom Seminar in Kornelimünster bekannt, und ich weiß es zu schätzen. Nur muß ich Ihnen leider dartun, Ihr mir sonst so weiter Besuch hat seinen Zweck verfehlt, weil er eben zu spät kommt.« »Wie – zu spät ...? Ich verstehe so recht nicht. Auch wüßte ich nicht, daß ich jemals zu spät gekommen wäre in dringlichen Angelegenheiten.« »Es ist aber so.« »Ich bitte mir aus, mein Wort nicht bezweifeln zu wollen.« »Dann muß ich deutlicher werden und Ihr Gedächtnis zu schärfen versuchen.« »Herr, was fällt Ihnen ein?« »Was nottut, denn ich habe gewartet wie der durstende Acker auf Wasser, wie der Sterbende auf das Sterbesakrament. Gewartet, immer gewartet ...« »Gewartet – auf was denn?!« rief Kästner. Seine Stimme stach, flackerte hoch. »Auf das, was erforderlich war, um Sie wieder vor mir, vor Gott und den Menschen rechtlich und ehrlich zu machen – auf Reue und Buße. Gewartet unter Bitten und Flehen, unter bangen und harten Stunden ... bis gestern gewartet... bis es ein Frevel gewesen wäre, die eigene Langmut und die des Herrn noch länger auf den spanischen Reiter zu strecken ...« Und das Auge des Geistlichen wurde scharf und heiß und stieß ungezügelt in das seines Gegners: »Und heute – Sie kommen zu spät, Herr Heribert Kästner. Noch gestern abend wurde der Schriftsatz vollendet und befindet sich auf der richtigen Fährte ...« »Wohin ...?!« »Nach Düsseldorf zu. Die Regierung wurde verständigt.« Ein qualvoller Schrei durchriß das Regiezimmer. »Also doch ...?! Ein Zuträger und Denunziant mehr zwischen Himmel und Erde!« »Ich konnte nicht anders – nicht mehr meiner Person, nicht mehr der Welt gegenüber ...« Ein heiseres Lachen schlug ihm entgegen. »Brav so – Sie Geweihter des Herrn, Sie Mann in der schwarzen Soutane! Das scheint in Deutschland Mode geworden. Aber wenn Sie des Glaubens sind, ich wäre hier an Ort und Stelle erschienen, um Ihretwillen den reumütigen Schacher zu spielen – Sie irren sich bitter. Ihr rückhältiges Schreiben, ich hänge es tiefer, um es aller Welt vor Augen zu führen.« Er lachte: »Ich, Heinrich Verschüren, Kaplan zu Warbeyen, ich tue hiermit einer hohen Regierung kund und zu wissen ... Nein, nein, nein! Das tangiert mich nicht weiter. Ich kam nur, um mir aus Ihren Händen einen der besten Plätze der Freilichtbühne zu sichern ...« und seine Stimme knatterte wie ein losgerissenes Segel im Sturm, willens, sich jeden Augenblick aus Rahen und Takelage schmeißen zu lassen. »Ja, einer der besten – denn ich will doch sehen, wie Henriette Jansen den Mut aufbringen kann, in meinem Beisein die Maria Magdalena zu spielen. Also, Herr Kaplan, ist ein solcher Platz noch zu haben?« Heinrich Verschüren taumelte ein wenig, mußte sich halten. »Ja«, sagte er mit einer jähen Bestürzung; »für Sie ist einer der besten Plätze der Freilichtbühne immer zu haben ... und nun: ich denke – wir sind fertig, Herr Heribert Kästner.« »Fertig?! Jawohl. Aber nur fertig hinsichtlich meines Ansuchens, Henriette Jansen, die mir einst nahegestanden im Leben, Maria von Magdala spielen zu sehen und ihren Mut mir gegenüber bewundern zu dürfen. Aber nicht fertig als Mann gegen Mann, Stirn gegen Stirn und Auge in Auge – nicht fertig Ihnen gegenüber, Herr Heinrich Verschüren.« Er atmete tief, als er sagte: »Sie hieben mir erbarmungslos das Wort ›Zu spät‹ zwischen die Schläfen. Wenn ich nun das gleiche täte und ebenfalls das Wort ›Zu spät‹ in die Kampfzone führte – was würden Sie sagen, Herr Heinrich Verschüren?« »Ich?! Wie meinen Sie das?« »Sie Blindmoll! Sie tun ja, als wenn Sie nicht hörten und sähen. Könnte ich nicht Gleiches mit Gleichem vergelten? Und wenn ich es täte ... wenn ich gleichfalls vorstellig würde ... alles bereits bis auf den Kausalnexus festgelegt hätte... Herr, Sie, haben Sie noch immer vergessen 'nen brennenden Lichtstumpen in Ihre Laterne zu schieben? Wenn nicht – dann muß ich es besorgen: Das Kännlein ist übergelaufen, übergelaufen wie das Olkännlein der Witwe von Sarepta. Dieses aber war ein wundertätiges Krüglein, ein Krüglein der Spenden und Barmherzigkeiten. Ihres aber ist ein Gefäß der Qualen und Erniedrigungen, der Bitternisse und Tränen. Sie zerfleischten zwei Herzen, und all ihr Blutwasser, ihre Wunden und Schmerzen umgriff dieses Gefäß ... und Sie ließen es träufen ... immer nur träufen ... träufen mit der Gier einer unerbittlichen Otter, die ihr Opfer nicht hergeben wollte ... eine Schuld, die gen Himmel schreit und nicht ihresgleichen findet, weder hier, noch wo es auch sein mag.« »Halten Sie ein!« »Ich denke nicht dran und liebe es nicht, unterbrochene Opferfeste zu feiern. Hören sollen Sie, was Sie alles angestellt haben – Sie Menschenbeglücker, Sie Ormuzd und Ahriman in einer Person!« »Schweigen Sie. Hier ist geweihte Statte, Herr Kästner.« »Die Sie entweihten – Sie Stellvertreter Gottes auf Erden. Nein, das Maß ist voll und des Träufens satt und genug. Ich spanne die Bank und halte Gericht ab. Sie drängten sich zwischen mich und mein großes Geheimnis. Sie ließen mich dürsten, wo ich nach einem Trunk kühlen Wassers verlangte. Ich wähnte die Äpfel aus den Gärten der Hesperiden zu ernten und hatte nur Sodomsäpfel zwischen den Fingern. Unmerklich, aber immer tiefer und nachhaltiger fiel Ihr Schatten über mich her, umnebelte mich, fröstelte mich ein. Und dieser Schatten ist auch zwischen mich und Henriette getreten ... und Sie rührten sich nicht um Fingersbreite, diesen Schatten von uns zu nehmen. Ja, ich halte Gericht ab. Sie brachten das Weib in Not und Anfechtungen, rückten es scharf an den Abgrund, und wenn ich auch annehmen will: ihr ist noch nichts Schädigendes an der Blüte ihrer Seele geschehen – so liegt trotzdem Gefahr vor, die Reinheit des Weibes in der Reinheit des Weibes ersticken zu lassen.« »Herr – Sie ...!« »Ja – Sie, ihr das Ehrenkränzlein eines Weibes nicht besser zu machen.« »Auch das noch ...!« Und die Gestalt des Kaplans reckte sich auf wie ein Ungewisses in aufsteigender Dämmerung. Beide Arme wuchtete er schwer in die Höhe ... hielt sie zwischen Dielen und Decke ... ließ sie dort anwachsen, als hätten sie Übermenschliches in Form eines schmiedeeisernen Heiltums zu halten ... und trat mit diesem gewaltigen Heiltum seinem Widersacher drohend entgegen, um die vernichtende Formel zu sprechen und ihn durch das ›Anathema esto‹ vom Leibe der Kirche zu trennen. »Verflucht sei, wer gegen mich auftritt. Nicht Sie, sondern ich habe zu richten ... und somit: ich fordere Sie auf, mit mir vor das allsehende Auge Gottes zu treten ...« »Fordern Sie nur. Ihnen wird das richtige Urteil schon werden. Der Herr tritt wider Sie auf ... auch für die, die mein Eigentum, mein ureigener Besitz war ... und trotzdem brachten Sie noch den traurigen Mut auf, mich bei der republikanischen Regierung diffamieren zu wollen. Ich soll ins Unglück, ins Elend hinein, vor der gesamten Umwelt als Freiwild betrachtet werden. Gut, was Sie anstellten. Ich nahm Kenntnis davon. Dem wurde auch meinerseits Rechnung getragen. Hier dieses ...« Und mit rascher Hand entnahm er seiner Seitentasche ein versiegeltes Schriftstück. »Auch ich habe die letzten Wochen und Monde um Ihretwillen auf Tag- und Nachtwacht gestanden, jede Ronde verzeichnet, nichts verabsäumt, noch in den Wind geschlagen, auf daß auch Sie bei Ihrer hohen Behörde recht bald die Vigilie Ihres hohen Festtages einholen können. Hier dieses ... noch heut' geht es ab, bestimmt, an die geheime Pforte des Generalvikariates in Münster zu klopfen.« Die erhobenen Arme des Kaplans sackten bleiern zu Boden. »Um gegen mich Klage und Spruch zu erheben?!« Noch einmal versuchte der Priester Form und Fassung an sich zu reißen, seine Blicke fest und entschlossen auf seinen Gegner zu richten. Aber in diesen Blicken standen schon Lichter, die bereits abirrten oder zu erlöschen drohten. »Klage und Spruch zu erheben ...?!« »Ja – gegen Sie.« »Und mein Vergehen ...?« rief es wie aus einem diesigen Wetter. »Fragen Sie an bei Ihren strumpfigen Gängen, wenn sie auch nur die Seele berührten. Fragen Sie an bei dem Weibe, das Sie sich willig und tributpflichtig machten, das sich von mir wandte, als wäre ich mit dem Aussatz behaftet. Oder glauben Sie, meine Augen hätte eine unbedachtsame Schwalbe verschandelt, ich hätte auf den Ohren gesessen?! Und da fragen Sie noch: worin besteht mein Vergehen? Satt und genug! Nicht weiter davon. Hier dieser Schriftsatz genügt völlig, Ihr vorgesetztes Bischöfliches Ordinariat bis auf den letzten Tiftel wissend zu machen. Warten Sie ab. In wenigen Tagen wird Ihnen in Münster die Vigilie gesungen, wird bald darauf die große Missa solemnis über Sie kommen. Wie Sie dabei abschneiden, ist Sache Ihrer hohen Behörde. Entweder Ihnen klingt ein ›Te absolve‹ entgegen, oder Ihre Sinne verstören sich, wenn Sie hören: Ecce enim in inquietatibus conceptus sum, et in pecatis concepit me mater mea. Denn siehe: in Ungerechtigkeiten bin ich gezeuget und in Sünden hat mich meine Mutter empfangen. In ersterem Falle steht Ihnen das ›Jo triumphe‹ zu, in letzterem bin ich Sieger geblieben. Also warten Sie ab ... und ich ersuche Sie nochmals um eine geeignete Karte, die mir verstattet, Henriette Jansen aus nächster Nähe als Maria Magdalena zu sehen! Das will ich wenigstens von Henriette noch haben, wo ich um ihretwillen so vieles habe hingeben müssen. Leben Sie wohl ...« Er kehrte sich dem Ausgange des Regiezimmers zu, wandte sich aber, als ein kurzer Schrei ihn jählings zurückhielt. Er sah Heinrich Verschüren ... Der Kaplan stand rücklings am Pult, die Hände gefaltet, die Augen haltlos ins Leere gestoßen, als stünde er am Grab des unbekannten Soldaten, um sein eigenes Leid, seine grimmige Not zu verkörpern und Reu' und Leid zu erwecken. Sein Gesicht ähnelte dem eines Toten. »Heribert ... nicht um meinetwillen ... also du – das Schriftstück, es soll an meine vorgesetzte Behörde ...?! Tu' mit mir nur, was du willst, liefere mich aus, stelle mich dem Gericht, übergib mich dem Urteil – nur um der Barmherzigkeit willen, lasse das Weib still ihres Weges dahingeh'n, als wäre dieser Brief gar nicht geschrieben ...« Sein Kopf sank tiefer, seine Worte krochen am Boden: »Ich will nicht, daß ihr Leid über mich komme ...« Seine Kräfte erlahmten. »Ich will nicht, daß sie verkannt werde, denn sie würde Richtern gegenüberstehen, die ihre seelischen Empfindungen als Mondsteine ansprechen würden. Ich will den Gottesfrieden für sie, denn sie verdient den Gottesfrieden in reichlichstem Maße. Er drohte niederzubrechen. Heribert Kästner suchte ihn aufrecht zu halten. Es gelang ihm mit Mühe. »Ich will nicht, daß nur ein Hauch von Schuld über sie komme, denn war Schuld da, so bin ich allein schuldig gewesen. Ich will nicht ...« Seine Worte waren kaum noch zu hören. Noch einmal flackerten sie auf: »Heribert, dein Wille geschehe. Prangere mich an. Um meinetwillen schicke deinen Sendboten aus, bringe mich vor Schrein und Kruzifix – nur sie nicht. Denke daran: du sollst nicht richten und anklagen, nicht verdammen und verwerfen, bevor du nicht weißt: auch ich bin berufen zu verdammen, zu richten, denn ich bin in der Fülle meiner tiefsten Erkenntnis. So!« Wieder legte er die Hände gottergeben zusammen, »und jetzt – gehe hin und wende dich an meine vorgesetzte Behörde.« »Nein!« rief dieser bis ins tiefste erschüttert. »Jetzt – ich erkenne sie wieder: die Seele und die Stimme von einst und ehedem. Nein, Heinrich Verschüren, jetzt nicht mehr. Ich kann nicht und will nicht. Um ihretwillen nicht, um des geweihten Kleides nicht. Mein Schriftsatz ist tot für die vorgesetzte Behörde. Sieh' her ...!« Und er nahm das versiegelte Schreiben, zerriß es und warf die einzelnen Fetzen auf das grüne Tuch, des mit Büchern und Papieren bedeckten Tisches. »Erledigt für mich. Wer bis ins Mark getroffen, sinnt nicht auf Rache. Lebt wohl.« »Heribert, wenn du noch kannst, reich' mir die Hände.« »Lass' mich. Ich komme wieder. Jetzt schreien die erregten Sinne nach Ruhe.« »Dein Wille geschehe«, stammelte der Kaplan stumpf vor sich hin. Als er das Haupt empornahm, hatte Heribert Kästner bereits das Zimmer verlassen. Rüstig schritt dieser vom Flur aus über den Zuschauerraum. Die Freilichtbühne lag still und verlassen. Nur auf dem Wege nach Heiligenbaum zu wähnte er Henriette Jansen mit den heiligen Frauen schreiten zu sehen. Am Eingang stieß er auf Aloys Ferkulum. Er hatte sich gerade von Kostüm und Schminke befreit und gedachte heimwärts zu pilgern. »Das paßt ja, Herr Lehrer! Wir haben ja die nämliche Route. In 'ner kleinen halben Stunde macht das Personenauto nach Kleve.« »Soll mir angenehm sein.« »Sehr obligiert. Aber was mir besonders erfreulich erscheint: Sie haben wohl die Friedenspfeife geschmaucht und das Kriegsbeil begraben? Dann haben wir also auch die Freude, Sie am ersten Tage als Zuschauer begrüßen zu dürfen. O wie werde ich spielen!« Und Ferkulum fiel wieder über sein Komödiantentum her, wie 'ne Maus über 'ne fettriemige Speckseite in einer wohlbestellten Räucherkammer. »Um Ihretwillen, oh! ich werde den Pontius spielen wie einer der ersten Größen unter den Größen, ich werde ihn spielen – ja, um Ihretwillen werde ich ihn spielen«, und Aloys machte den glattrasierten Eierkopf lang und gespensterte mit seinen Perlmutteraugen bedeutsam durch den aufkommenden Abend, »wie der berühmte Heldenkomödiant den noch berühmteren Löwen aus dem gefeierten Stück des englischen Lords verkörperte, daß selbst die dämlichsten Zeitungsschreiber ihm Beifall klatschten mit dem tönenden Zuruf ›Gut gebrüllt, Löwe‹, ich werde ihn spielen ...« Und nun gab er noch fünf bis sechs Spezialfälle an, wie er den Landpfleger aufzufassen und darzustellen gedächte, um Heribert Kästner durch seine Wiedergabe des Pontius eine ganz besondere Ovation zu erweisen. »Auch hatte ich vor«, sprach er des längeren weiter, »meine Rolle hoch zu Pferde abzumachen, wenigstens auf dem Vollbluthengst Memphis von Dores van Laak in die Gerichtshalle einzureiten, dort abzusteigen und Spruch und Gericht zu eröffnen. Aber der Kaplan lehnte ab, denn diese Leute wissen ja alles präziser als die übrigen Menschen. So ließ ich denn den Vollbluthengst schießen und werde den Pontius ohne Kandare und Pferdeschwanz spielen. E ja ...!« Und damit hatten sie die Haltestelle erreicht, woselbst sie die Heimreise mit dem Personenauto, das jeden Augenblick von Hanten eintreffen mußte, die Heimfahrt antreten konnten. Alsbald tutete denn auch der Wagen durch den wunderseligen Frühlingsabend, durch eine Fülle sterbenden Goldes und feierlich dahinschwindenden Lichtes. Die Schwalben nahmen einen immer tieferen Flug an. Die Fernen einten sich. Himmel und Erde flossen zusammen, als spönnen sich überirdische mit irdischen Fäden zu einem einzigen Gewebe sacht auseinander. Die letzten Stimmen des Tages versandeten. Nur nach dem Rhein zu ließen sich dann und wann die seltsamen Rufe der Wiesenrallen vernehmen. Aber auch diesen war Ziel und Ende gesetzt; denn der Herr schickte seinen Kardinal Camerlengo aus. Der rief über die Gegend: Der Tag ist zu Ende; betet und gedenkt des neuen in eurem Gebete, vornehmlich des morgigen, der da kommen wird im Geleit des Heiligen Geistes mit tausend und abertausend züngelnden Flämmchen. Im Gnadenort erloschen die Lichter; auch die Fenster in den breithingelagerten Bauerngehöften und schmalen Katstellen schlossen die Augen. Nur in der Gnadenkapelle brannte die ewige Lampe wie immer. Als der Küster noch einmal nachsah, um ihr für vierundzwanzig Stunden Speise und Nahrung zu verabfolgen, fand er Heinrich Verschüren vor dem Bildstock der Allerseligsten knien. Der bat ihn, sich um ihn nicht weiter zu kümmern, sondern ihn ruhig gewähren zu lassen. Er habe noch geraume Zeit mit seinem Heiland und Seligmacher zu sprechen. Er besitze den Schlüssel und würde schon fertig. Unter seiner Hut befinde sich die Kirche in bestem Gewahrsam. Da geruhte der Küster zu schmunzeln und ging auf weichen Schuhen mit seinem Ölkännlein wieder der Sakristei zu, woselbst seine letzten Spuren verhallten. Die heilige Pfingstnacht war eine Perlenkette von göttlichen Gnadenbeweisen und Barmherzigkeiten. Als das junge Frühlicht den Hohen Chor versilberte, erhob sich Heinrich Verschüren. Er tat einen tiefen Atemzug. Etwas Befreiendes wohnte ihm inne. Sein Fuß ging nicht mehr den irdischen Hügeln, sondern den ewigen Höhen, den colles aeterni , entgegen. Vierzehntes Kapitel Der erste Pfingsttag! Er kam mit unendlicher Glorie, um in einem mit Sternen bestickten Königsmantel in den veilchenblauen Abend zu schreiten. »Wir beten an die Macht der Liebe«, jubelten ihm die Engel und Erzengel zu und alle, die den lichten Glanz seines beglückenden Erdenwallens verfolgten. Die Herzen in der Grafschaft begannen höher zu schlagen. Und wiederum Pfingstfreude und die Stimme des Wundervogels! Der zweite Morgen begnadete Heiligenbaum und alles was im Banne des Gnadenortes den Ewigen preisete und Odem und Leben hatte, ihm zu Ehren Psalter und Harfe anzustimmen. Mit ihm trat Heinrich Verschüren vor den jungen Tag und sein Werk. Über Nacht war es über ihn gekommen mit dem Brausen des Heiligen Geistes. Es war ein Brausen, das die Lauen aufrüttelte, den Baulustigen die Kelle in die Hand drückte und den Zweifelsüchtigen zurief: »Nicht länger gefeiert! Worauf wartet ihr noch? Die Stunde gebietet. Macht stolze und rechtschaffene Bahn, und ihr werdet die Palme des ewigen Lebens gewinnen.« Das pfingstliche Leuchten hatte Heinrich Verschüren allen Kleinmut, alle Bedenken und Zweifel der Seele genommen. Er fühlte sich stärker denn je zuvor, zuversichtlicher als noch vor wenigen Tagen, eigenwilliger als er insonsten gewesen, aber auch abgeklärter und vorbedachter gegen alles und jedes, bei dessen Beurteilung er sich lediglich auf die Errungenschaften der Jetztzeit eingestellt hatte. Sein Werk stand neben ihm, und unbewußt gedachte er des öfteren der aphoristischen Gedankengänge eines klugen Franzosen: »Der Held ist vorausbestimmt. Er folgt einer Sendung. Ich glaube, mir wurde eine solche Sendung gegeben. Die Untergebenen wissen nichts von der Verantwortung, die auf den Füßen lastet. Ein wirklicher Führer öffnet auch seinen Untergebenen die Augen. Die vorderste Linie ist ein geheiligter Ort. Auch sie muß der Feldherr besuchen. Tut er es nicht, so ist er kein Führer. So trete ich denn vor den jungen Tag und mein Werk und hoffe letzteres zum Segen Christi und zum Heile der Welt zu einem gedeihlichen Ende zu führen.« So der Kaplan, der Dichter und Dramaturg der großen Passion. Bereits in Gottes lichter Sonntagsfrühe stand er in seiner besten Soutane auf der höchsten Stätte der Freilichtbühne. Eine zarte Sommerbrise ließ die befransten Bänder seiner seidenen Priesterschärpe gleich zwei schwarzen Schlänglein dahinspielen. Neben ihm erhob sich sein technischer Adlatus, der Zimmermeister Imanuel Kerskes, aber ›oho‹, in dunklem Bratenrock, gestauchten Korkzieherhosen und mit einem Feiertagsgesicht, das er bereits durch etliche Winnenthaler Edelbranntschnäpse angeglüht hatte. Er fühlte sich, denn er hatte das Seine geleistet und war mit Recht stolz auf den Einfall gewesen, auf die Posaunenbläser hingewiesen zu haben, die die Aufgabe hatten, den Beginn des jeweiligen Passionsspiels durch dreimaligen Anruf der Umwelt kund und zu wissen zu geben. Noch vor Toresschluß war es ihm gelungen, diese verabsäumte Angelegenheit aufs Tapet zu setzen und sie unter Sparren und Pfannen zu bringen. Heinrich Verschüren suchte die weite Umgebung sorgfältig ab. Als er nicht fand, was er suchte, fragte er seinen technischen Beirat: »Na, Meister, wird die Sache mit den Leviten auch klappen?« »Hochwürden, wenn Imanuel Kerskes etwas anordiniert, dann paßt die Geschichte wie 'n Proppen aufs Krükske.« »Wo habe ich denn die Leute zu suchen?« »Hier im weiten Kreis um die Bühne herum. Zunächst an der Mergelgrube hoch oben steht der Ferkelstecher Franz Mengels und tutet die Gegend von Goch und Uedemerfeld an. Welm met de Klompe wartet unten am Eingang und bläst gegen den Rhein zu. Vor uns, nicht weit von der Viehsteg, hab' ich Männe Sappholt placiert. Er nimmt die Straßen nach Klev' unter Betonung. Hundert Schritt hinter uns befindet sich Nöllecke Kunders auf Posten. Seine Posaune langt bis halbwegs Hanten.« »So?! Und verstehen die Leute wenigstens zu blasen?« »Und ob, Herr Kaplan! Das sind ausklamüsierte Tenten- und Tanzmusikanten. Wenigstens zwanzig Jahre treiben sich die Kerls auf den Kirmestribünen herum, mit Bombardon und so ... und da nicht blasen können, Hochwürden?! Die können's ebenso gut wie die Posaunenengel aus der komischen Bibelschrift, die die wenigsten verstehen, und wenn sie sagen, sie hätten's verstanden, so ist's auch bloß 'ne imaginäre Verfassung ... Ich meine ...« »Schön so!« unterbrach ihn Heinrich Verschüren. »Aber wie denken Sie sich die Signale, Herr Kerskes? Sie müssen doch wenigstens einen gewissen kirchlichen Anklang aufweisen, um ihren Zweck zu erfüllen.« »Das war eben der Casus, Hochwürden, und so wandte ich mich direktemang an die richtige Stelle, an den hiesigen israelitischen Lehrer Herrn Alef Mandelholz, und fragte ihn, ob er die Güte haben wolle, mich in seinem Volkstum etwas belernen zu wollen. – Gerne, Herr Kerskes. – Dann möchte ich wissen, Herr Mandelholz, wie vor Zeiten Ihre levitischen Priesterschaften das auserwählte Volk zu ihren Tempelspielen einladen täten? – Nu, sie taten's mit die großen Posaunen. – In getragener Weise oder mit pläsierlichen Musikantenstückchen? – Keine Musikantenstückchen, Herr Kerskes! Sie werden geblasen haben in getragener Weise von Sion 'ne gemeinsame, große und einzige Note: erst Doucemang, dann stärker werdend mit die Gefühle, um schließlich mit Furioso aus der Donnerwolke wie Jehova herunterzutrompeten. – Das ist es, Hochwürden. So hab' ich's einstudiert, und sie machen's wie die Oberleviten. Besonders Welm met de Klompe. Der muß für sein Fortissimo 'ne besondere Verköstigung haben.« »Und stehen alle auf Posten?« »Alle« »Gut! Es geht jetzt auf neune. Der erste Anruf ist fällig. Die Zeit ruft. Um zehne erfolgt der zweite Appell. Eine halbe Stunde später habe ich vor meine Dichtung zu treten. Mit Gott denn!« »Mit Gott denn!« bestätigte Imanuel Kerskes. Sein Zimmermannsgesicht, angeglüht durch den Winnenthaler Edelkornbranntwein, blühte auf wie eine dunkelrote Pfingstpäonie. Er fühlte sich abermals, brachte seine Sirenenpfeife zum Vorschein und trillerte wie ein Regenpfeifer über Hecken und Hegung. Da wurden die von ihm aufgestellten Leviten lebendig. Drei Alt- und eine Baßposaune gaben alles her, was sie hergeben konnten. Der Ferkelstecher Franz Mengels an der Mergelgrube hub an. Erst Doucemang, dann Fortepiano, dann mit der Sprache Jehovas, als dieser Moses beauftragte, die zehn Gebote in das Lager des auserwählten Volkes zu tragen. Manne Sappholt und Nöllecke Kunders nahmen den majestätischen Ton auf und gaben ihn sinngemäß weiter. Jetzt war Welm met de Klompe an die Reihe gekommen. Seine Baßposaune setzte ein ... aber wie?! Himmel und Erde erschauerten. Das Doucemang ähnelte Honigseim, das Fortepiano dem ersten Wühlen eines aufkommenden Wetters im Sommerwald, das Fortissimo und Furioso dem Donnern und Brüllen des Behemoths aus der Offenbarung des heiligen Johannes auf Patmos. Besonders das Furioso! Hätte es der Stier von Uri in gleicher Stärke und Meisterschaft wie Welm met de Klompe durch die Schweizer Berge getutet, kein Stein der Veste Zwing Uri wäre auf dem andern geblieben, so gesinnungstüchtig und mit ganzer Lungengewalt unterstützte Welm die musikalische Arbeit seiner Unterleviten, daß ein Anruf zustande kam, würdig der großen Passion, die mit diesem Auftakt bald darauf einsetzen sollte. Wie ein gewaltiger, tönender, vierzüngiger Riesenvogel schlitterte der Tubaruf zwischen Himmel und Erde, senkte sich tiefer, um sacht verhallend im weiten Gelände zu sterben. Heinrich Verschüren stand mit gefalteten Händen. Frohen Auges sah er über die leuchtenden Breiten, über Felder und Wiesenkomplexe bis gegen den Rhein zu, wo weiße Segel, wie liebe Seelen, die sich auf der Reise befanden, zu Tal und zu Berg fuhren. »Meister«, wandte er sich an Imanuel Kerskes, »das habe ich niemals erwartet. Ihre Leviten sind wahre Leviten. Nun bin ich freudig in Gott und möchte in die Worte ausbrechen, die da lauten: Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren, Seine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zu hauf! Psalter und Harfen wacht auf, Lasset den Lobgesang hören ... denn der richtige Auftakt wurde gefunden. Der Tag ist uns sicher. Wir lassen uns ihn nicht mehr aus den Händen winden – den heiligen Tag nicht, an dem von dieser Stätte aus das lästerlich erfundene und doch die Menschheit erlösende Signal Jesus Nazarenus Rex Judaeorum aufragen wird. Er ist unser geworden. Aus ihm wurde die Tat geboren ... die Passion ... die niederrheinische Leidensgeschichte des Herrn. Gott segne sie, Gott heilige sie, Gott führe sie heute zu einem ersprießlichen Ende.« * Mit dem ersten Anruf war es wie ein Zucken, ein Sehnen und Suchen, ein Leuchten und hohes freudiges Erregen bis weit in die nächste Umwelt gefahren. Wie auf ein Geheiß wehten die ausgetanen Kirchenfahnen frischer im Wind, raschelten die aufgepflanzten Maibäume zuversichtlicher an Straßen und Wegscheiden, lief es mit flackernden Züngelchen über die Roggen- und Bartweizenparzellen dahin, die in anmutiger Wechselfolge mit den saftgrünen Weiden und Triften der weiten Niederung ihren ganzen Zauber entfalteten. Auf allen Straßen, Wegen und Stegen war rege Bewegung. In bunten Scharen strömte es dem Gnadenort und der Freilichtbühne entgegen, auf Leiterwagen kam es gerappelt, in Autos getutet, in Lederschäschen und Tillburys geknarzt und gehoppelt, und wer die Korngasse absuchte, sah bunte Reihen von Jünglings- und Jungfrauenvereinen, die mit Fahnen und fliegenden Bändern der Freilichtbühne entgegenpilgerten. Die große Passion streckte ihre Fangarme aus und zog alles an sich, was sich in ihrem Bannkreise bewegte. Von Weeze und Kleve, von Hanten, Rheinberg und dem benachbarten Geldern, von den Ortschaften jenseits des Rheines, von Rees, Dornick und Emmerich holte sie ihre Leutchen herein, um sie der großen Mysterien teilhaftig werden zu lassen. Selbst Holland entsandte seine frommen Schützengilden und Bruderschaften, honette Hotzenplotze mit verschnittenen Polkahaaren, die sich vielfach eine Ehre draus machten, den preußischen Zoll zu umgehen und zum Leidwesen der deutschen Wirtschaften und Ausspannungen auf deutschem Boden nichts hinterließen als niederländische Eierschalen, verwaiste Stullenpapiere, Käserinden und ausgegluckerte Geneverbouteillen, die holländischen ›Gölde‹ aber wieder feinsäuberlich jenseits der Grenze aufs neue in Sicherheit brachten. Ja, die Passion ... die Leidensgeschichte des Herrn ...! Die halbe Kavarinerstraße war auf den Beinen, vornehmlich das Haus ›Pietas‹ unter der großzügigen Leitung Severin Baumanns. Daß die gefeierte Henriette die Rolle der Maria von Magdala verkörpern würde, gab dem rührigen Chef Veranlassung, allen Angestellten der Firma, vom Betreuer des Hauptmagazins und dem ersten Buchhalter bis zum letzten Putzmamsellchen herunter durch Freifahrt und spendierte Einlaßkarten den Eröffnungstag der großen Spiele miterleben zu lassen. In festlichen Gewändern, in geschmalzten Haartollen und gekräuselten Bubiköpfen zogen Männlein und Weiblein gemeinsam von der Stätte ihrer sonst so ernsten Tätigkeit gen Heiligenbaum, um durch Pfingstfreude und lachendes Leben hindurch, den hohen, feierlichen Ernst der großen Passion zu begehen. Der umsichtige Chef, eine satte Zentifolie im Knopfloch, und Fränzchen schlossen sich an, stolz darauf, die Heldin des Tages als stille Teilhaberin in der Firma zu wissen. Ihnen gesellten sich die beiden Grundbesitzer Dores van Laak und Matthieu Thönissen, die sich ihrerseits wieder eine besondere Ehre draus machten, die Frau Margarinefabrikantin Peternella Kleinwater geborene Pistoris unter Schutz und Betreuung zu nehmen. War das eine köstliche Fahrt in den sonnigen Pfingstmontagmorgen hinein! Herr Severin Baumann sah das alles und freute sich dessen. Er freute sich der Fahrt, der Schönheit seiner engeren Heimat, des kommenden Spieles, der Triumphe Henriettens und damit indirekt auch der Ehrung seines heimgegangenen Mitkompagnons Joris Jansen, dieses vorbildlichen Mannes, dem er eine unverbrüchliche Dankbarkeit und Treue bewahrte und den er wert und würdig hielt, gelegentlich selig gesprochen zu werden. Aber bei all diesem Gliicksgefühl – ein verdrießlicher Unterton lief mit unter, dessen er so recht nicht Herr werden konnte, für ihn immer aufdringlicher wurde, vornehmlich von dem Augenblick an, wo er den breithingelagerten Hof Op gen Born passierte, unter dem Namen Burginatium vielgenannt und gepriesen, woselbst die VI. Legion (legio VI. victrix, quam oomitata fuit ala equitum) in altersgrauen Zeiten Standquartier genommen und ihren stolzen Aquilifer aufgepflanzt hatte. Hier wehte militärischer Geist, hing was in der Luft, was dem jetzigen Zeitgeist widerstrebte, was sich abkehrte von Friedensgewinsel, von pazifistischen Bestrebungen, von Selbstentmannung und dem widerwärtigen Drange, die Parteiinteressen über die Genesung des Vaterlandes zu stellen. Der harte Schritt des Legionärs war hier noch zu hören, die zuversichtliche Sprache der kurzen Schwerter, das stolze Wort civis romanus sum , die unentwegte Kundgebung eines entschlossenen Volkes ... Auch ihm kam ein Klingen davon – jetzt, wo er dabei war, sich von den Mysterien der Passion gefangen nehmen zu lassen. Wo führte das hin?! Er mußte unwillkürlich Heribert Kästners und seiner flammenden Darlegungen im ›Blauen Schiffchen‹ gedenken. Einzelne Sätze sprangen ihm zu, traten in grelle Reflexe, rangen sich ihm von der Zunge herunter: »Ich sehe mit offenen und ehrlichen Augen, ich gehe nicht fehl und kann mich nicht irren. Die Spiele sind heilig, aber solche Spiele gehören in blumige Tage. Deutschland verblutet zur Zeit. Sein Herz ist mit Leid und Weh übersättigt bis zum Zerspringen. Es verlangt andere Spiele, Spiele und Arbeit, die einen ehernen Klirr unter den Füßen haben, nach Waffen und Wehren greifen, um das blutleere Reich aus den Saugnäpfen der Vampyre und Nachtschatten, aus der Umklammerung unserer äußeren und inneren Feinde zu hauen, Spiele der Umsicht und Einkehr und der endlichen Selbstüberwindung. Das ist auch Christuswille, und Christus regieret.« Das war es! und der prächtige Chef mit der satt erblühten Zentifolie im Knopfloch fühlte ein vorwurfsvolles Mahnen unter der Herzgrube. Das bedrückte ihn. Er sah verstört in die Gegend. Bald mußte Heiligenbaum auftauchen, die geweihte Stätte mit ihrer Freilichtbühne und den fliegenden Zeichen. Und dort wollte er hin ... zu duldsamem, pazifistischem Treiben, zu Darbietungen, nur für friedsame, glückliche und blumige Zeiten berechnet ... wo doch bitter nottat, mit umdüsterter Stirn durch die Tage zu schreiten, auf Mittel und Wege zu sinnen, sich der Umklammerung der Nachtschatten, den Saugnäpfen von Vampyren und Empusen zu entziehen?! Vae victis ...! und dennoch: civis germanicus sum ...! Dem Chef des Hauses ›Pietas‹ lief es kalt über den Rücken. Die Darlegungen des jungen, unerschrockenen Sprechers im ›Blauen Schiffchen‹ fielen ihm schwer auf die Seele. Am liebsten hätte er zum Rückmarsch geblasen. Leider zu spät. Das Ziel rückte immer näher und näher. Der Zustrom auf der großen Heerstraße Kleve–Xanten wuchs sich zu nie dagewesenen Ausmaßen aus. Das sonst so stumpfe, wortkarge, geräuschlose Land vernahm den eigenen Herzschlag nicht mehr, so reichbemessen tutete, ratterte, knarzte und lärmte es ihm von allen Ecken und Kanten entgegen. Es ging in der Niederung zu wie in einem ernteschweren Bauerngehöft, das die Speicherratten heimgesucht hatten. Die ersten Liegenschaften des Gnadenortes kamen in Sicht. Die Flaggen- und Fahnenzeichen mehrten sich. Aus den kanadischen Pappelreihen der Landwehr winkte es in bunten Bändern und Schleifen herüber. Dann – immer mehr Menschen, immer größerer Zuwachs, immer mehr Feier und Andacht. Schon strömte einem ein Ruch nach geweihten Kerzen, Zichorienkaffee und Marienplätzchen entgegen. O du gnadenreiches, o du gebenedeites Stück Erde! Achtung! Was war das?! Bei der Einfahrt begann es plötzlich in der ganzen Umwelt zu schüttern, mit der Gewalt eines Donnerers zu sprechen. »Christus!« rief Fränzchen. Alle sahen sich an. »Das ist ja ...!« Natürlich war es. Der Oberlevit Welm met de Klompe brachte mit seinen Unterleviten den zweiten Anruf und tutete sein Doucemang und sein Furioso so gottesgläubig und evangelienkräftig in die zuströmenden Seelen hinein, daß alle nach den Mysterien schrien wie die durstigen Hirsche nach Wasser. Ja, überhaupt Welm met de Klompe ...! Und Heinrich Verschüren erst ...! »Dunnerkiel!« erstaunte sich Dores van Laak, »ist je so was erhört worden im Land der Uedemer Knollen und Dickwurze?! Allerhand Achtung! Dieses Kaplänchen von Warbeyen weiß schon Spektakel zu machen. Der kräht gediegener wie mein bester Crève-oeur vom obersten Mistus herunter. Wie lange noch«, und Dores schlug sich auf die strammen Schenkel, daß es knallte wie aus einem herzhaften Drilling, »und unser Vikarius trompetet sich unter Beistand Welms met de Klompe aus seinem Kaplansbarett in 'ne noble Bischofsmütze hinein. Na denn aber auch! Gratuliere, Hochwürden! Da hört bloß!« Der niederrheinische Oberlevit beschloß den zweiten Anruf mit einem prächtigen Posaunenschnörkel, der sich dreimal überschlug, um dann gesinnungstüchtig in die blühenden Roggen- und Weizenfelder zu trudeln. Unter diesem biblischen Willekomm triumphierte man ein. In den Straßen Heiligenbaums kribbelte und krabbelte es mit den Zappelgelenken eines wohlbestandenen Termitenhügels. Im ›Fröhlichen Landmann‹ stieg man ab, machte sich zurecht, um bald darauf in getragener Stimmung, im Banne des Unbewußten, des Geheimnisvollen, des Unerforschlichen, des Erdenfernen mit den Übrigen Menschen zur geweihten Hügellehne zu pilgern – gleichsam zum leuchtenden Kelch des heiligen Gral und zum Tische des hohen Altarsakramentes. Nur eine kleine halbe Stunde noch, nur noch eine Spanne von zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten – und die Lebens-, Lehr- und Leidensgeschichte des Herrn sollte sich vor den verzückten Blicken entrollen ... nur noch eine kleine halbe, langsam verrinnende Stunde ... Auf zum Kalvarienberg! Auf nach Jeruschalaim ...! Posaunen, Posaunen – hoch von Sion herunter! Heinrich Verschüren stand hehr und einsam auf Posten in Erwartung eines Triumphes, den er jetzt schon mit der Sicherheit eines zielbewußten katholischen Priesters mit weißen Händen umklammerte. Io triumphe ! Aber kein triumphus in monte Albano – nein, ein echter, gediegener, langatmiger Triumph, wie ihn ein römischer Feldherr beging, in der Toga praetexta , im Lorbeer, einen elfenbeinernen Stab mit goldenem Adler in der Rechten führend, hinter sich einen Sklaven, der ihm warnend zusprach: »Sieh hinter dich und bedenke, daß du ein Mensch bist«, um ihn so vor Hochmut zu bewahren und vor dem Neide der Götter zu hüten. Aber Heinrich Verschüren brauchte keinen Betreuer. Er war sich selber Warner und Mahner genug. Er stand hier unter dem Schutz und Schirm eines Höheren, eines Unsichtbaren, der ihn stark gemacht hatte, das Werk zu ersinnen, zu schaffen, es in die verschwiegensten Kammern des menschlichen Seelenlebens zu tragen. Dieses Bewußtsein war bei ihm. Das machte ihn des Tages und der Stunde froh. Sein Gesicht leuchtete auf ... und dennoch: zeitweilig zuckte es um seine eingekniffenen Lippen wehmütig auf. Dann war es ihm jedesmal, als wenn ihm eine kalte, starre Hand über die Herzgrube führe. »Was soll das? Fort damit! Ich brauche keinen Hahn, mich warnen zu lassen. Meine Schuld decke ich zu. Ich ersticke sie unter Rosen- und Veilchensträußen, wie ein römischer Cäsar es tat oder so mancher, der am Tiber das väterliche Erbgut des großen Apostels behütet. Wer das kleine Übel nicht mitnimmt, um das größere damit aus dem Felde zu schlagen, steht sich selber als Priester im Wege.« Seine Züge waren wieder eherne Züge geworden. »Ich will«, sagte er schartig, »sonst wäre ich ein Paragraphenkümmerling, ein Schädling am gesunden Leibe der alleinseligmachenden Kirche, ein durchlöcherter Wächter auf der Bastei von jenseits der Berge, die sie die unüberwindlichen heißen. Gewiß, ich bin auch nur ein Mensch voller Sünden, fleischlichen Begierden und Anfechtungen – aber ich diene ... Ich diene Gott und der Kirche ... und damit decke ich zu, was mich sündig umnebelte, um mich letzten Endes sündig zu machen. Das ist keine Sünde, Herr, du wirst mich verstehen und deinem unwürdigen Knecht in Gnaden verzeihen. Amen.« Und nochmals: Io triumphe! Er sah auf das buntfarbige Gewühl zu seinen Füßen, auf Bühne und Zuschauerraum, auf die vollbesetzten Tribünen und Bankreihen. Da atmeten keine Larven und Lemuren, keine Schatten und Empusen. Nur Leben, packendes Leben, der heilige Eifer, der großen Mysterien teilhaftig zu werden, wehte ihm zu. Es flüsterte und raunte, rauschte und brauste gegen ihn an. Es fummelte wie in einem wogenden Kornfeld, wie von einer uralten Kultstätte, wie aus einem unergründlichen Geheimnis heraus ... und während dieses Summelns und Rauschens, dieses Brausens und Sausens ... Imanuel Kerskes war bedeutungsvoll an seine Seite getreten. Heinrich Verschüren sah nach der Uhr. Er nickte. »Meister, tut Eure Pflicht!« Da gab der technische Beirat das letzte Zeichen mit der Trillersirene. Prompt reagierte Welm met de Klompe und seine Unterorgane darauf ... und die Fanfaren der Freilichtspiele begannen zu rufen ... Der letzte Auftakt! Dann Stille ringsum wie in einer Grabkammer eines vor tausend Jahren verstorbenen Königs. Noch ein Gongschlag zwischen den Heckengassen, in unmittelbarer Nähe des herodianischen Hauses – und Heinrich Verschüren begab sich als Spielleiter hinter die ersten Kulissen. »In Gottes Namen denn!« »Seid mir gegrüßt alle, die ihr kamt, den hohen Tag zu begehen ...« und die ersten Bilder der großen Passion rollten über die Szene, um in spannender Wechselfolge einzudunkeln, sich aufzulösen, wieder in die Erscheinung zu treten, in Strahlengarben zu leuchten und jählings mit unheimlichem Flackern in Staub und Asche zu fallen. Dumpfe Klänge, verstörte Rufe, unheimliches Schreiten durch verschwiegene Gänge, die uns Arges verhießen. Die dunklen Türen des Synedriums schließen sich lautlos. Der hohe Rat ist versammelt: so die Hohenpriester Kaiphas und Annas. Ihre Ammonshörner leuchten in einem seltsamen Licht. So die Priester und Leviten Sadok und Amon mit klingenden Schellchen. So die Pharisäer Rabinth und Archelaus Rabbi. Sie schreien und mauscheln, sie stoßen Trompetenstöße aus wie die Kraniche, wie die rosinfarbigen Flamingos, die die Großen und Kleinen Syrien bewohnen. »Schweiget!« und Kaiphas legt seinen todschwarzen Bart auseinander. Dieser Bart ist wirklich totenschwarz, sonder Glanz, wie der eines Verstorbenen. »Hört mich! Ich habe nur dieses zu sagen. Dem Zimmermannssohn aus Nazareth ist das Handwerk zu legen. Er wühlt und wiegelt das Volk auf. Er verheißt Silberbarren, Goldstaub und Ewigkeiten und spendet nur Leimbrocken und Hobelspäne. Pontius muß hinter ihm her. Was meint ihr dazu?« Und Kaiphas lachte. Aber es war ein häßliches Lachen. Und wieder das Schreien und Mauscheln, das Trompetenstoßen, wie es die Kraniche an sich haben und die rosinfarbigen Flamingos, die die Großen und Kleinen Syrten bewohnen. »Er muß!« lärmte Sadok. »Er kann gar nicht anders«, bestätigt Rabinth. »Weigert er sich, muß der Kaiser dahinter!« keift Archelaus Rabbi und salbt sein Haupt mit einem Gemisch von Spucke und Liebe. »Gut«, schmunzelt Kaiphas. Er hebt seine knöcherne Rechte und tut so, als ließe er zwei beinerne Würfel fallen. Sie fallen und entscheiden über Tod und Leben des Herrn. »Gerichtet!« Und ist ein Blutgeruch in der hohen Halle, als käme dieser Blutgeruch von dem nahen Gottesacker Hackeldama herüber. »Man schmeckt schon den Tod«, freut sich Alchelaus Rabbi. »Kaiphas, deine Würfel sind gut. Heil dir, du weißt schon Kreuze zu zimmern.« »Heil, Kaiphas!« Und der Hohepriester lächelt sein grausamstes Lächeln. Unter diesem Lächeln verlischt der siebenarmige Leuchter, schleiert das Bild ein, klingt es und ruft es aus Nebel und Dämmerungen: »Gesegnet sei der Herr unsrer Väter! Lobsinget Abraham, Isaak und Jakob, denn ihr Same wird befruchten und bevölkern alle Äcker der Erde. Sie werden uns zufallen wie versprengte Turteltauben und Wüstenhühner. Amen, Sela!« Und siehe: Palm und junge Maien werden vorübergetragen. Die Straßen Jerusalems öffnen sich dem prallen Sonnenlicht. Die Dächer beleben sich. Velarien werden gespannt. Es ist wie ein Summen von Immenschwärmen. Aus allen Teilen des Reiches strömen die Menschen in die vergoldeten Mauern, in die Stadt des ewigen Tempels. Sie kommen von Samaria und Saron, aus der Ebene von Jesreel, vom Jordan, wo die jungen Dirnen Myrrhensträußchen zwischen den harten Brüsten tragen, schön wie Rehzwillinge, die unter Rosen werden, von den steinigen Küsten des Salzmeeres, das Naphthablasen treibt, scheußliche Gebilde, die mit ekelhaftem Geruch an der Oberfläche des bleiernen und toten Wassers zerplatzen. Immer mehr strömen zu. Der Aufruhr wächst. Eine Posaune stößt vom Synedrium her. Kaiphas erscheint. Mit ihm die Pharisäer Rabinth und Archelaus Rabbi. »Was treibt ihr, was wollt ihr! Geht nach Hause und verhüllt eure Köpfe mit Asche!« Ein mächtiger Jude tritt ihm entgegen: »Nein, Rabbi, wir bleiben. Wir wollen ihn sehen. Er steht bereits vor den Toren. Er reitet ein und bringt uns im Messiasrock den verheißenen König der Juden.« »Hosianna dem Sohne Davids!« »Gepriesen sei der Gesalbte! Hosianna ihm aus der Höhe! »Waih geschrien!« Archelaus Rabbi quäkt auf. Er quäkt wie eine Kindertrompete. »Ihr Lästerlinge! Ihr seid wie treferes Fleisch. Ich werf's über die Schulter. Ich werf's in den Abtritt. Ihr stinkt wie vermoderte Fische – ihr und euer neuer Messias!« Das Volk brandet gegen ihn an. »Ruhe!« Kaiphas wächst in den Himmel. »Wartet! und über ein Kleines, ich werde ihn auf das Blutleder bringen, im Namen Jehovas und im Namen des Kaisers!« und der gewaltige Mann läßt seinen Bart dahinwehen wie ein schwarzes Segel, das eine Leiche an Bord führt. Unter atemloser Stille schreitet er den Stufen des Tempels entgegen. Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt. Ruhige Bilder lösen sich ab. Da wieder ... es beginnt aufs neue zu flackern. Durch die Tore, die gen Norden führe«, flutet es her: in fröhlichen Farben, mit Ölzweigen, mit Palmwedeln – jubelnd und singend, Männer und Frauen, in hellen Scharen, vornehmen Aussehens, Römer und Römlinge, die der Kaiser in die Provinzen entsandte, um römisches Blut unter die Juden zu tragen, Weiber, die schöner sind denn alle Weiber in jüdischen Landen. Das aufrührerische Volk stürzt ihnen entgegen, begrüßt sie. »Gepriesen sei der Gesalbte! Hosianna ihm aus der Höhe!« Helles Wiehern und Jauchzen empfängt sie. Sie kommen her vom fernen See von Magdala, wo die römischen Villen stehen und die der Großen in Israel, wo die Sinne eingeschläfert werden, nur von Theorbenklängen und Liebe träumen. Verbuhlte Gestade! Das Meer ist wie Lapislazuli, der Flachs blüht hier in rosigen Farben, die Lilien umkränzen Hügel und Berglehnen mit silbernen Kelchen, die wie Glöckchen tönen, und wie Adlerflaum grüßt die Ferne des Hermon herüber. Fremde von Magdala her! Die nun einen sich den tobenden Menschen, die den Messias erwarten. Weiber, schön wie der Tag ... aber die schönste von ihnen ... Ihr Haar ist gesponnenes Gold, lichter denn Bernstein, Heller denn die hastigen Schnuppen zwischen Himmel und Erde, und wer sie erschauet, verfällt ihren Reizen. Er vergißt Vater und Mutter, Pflicht und Gewissen, geht durch Sünde und Schande und folgt diesem Weibe. Sie schreitet in silbernen Kleidern, in klingenden Bändern. Sie geistert einher wie zwischen Oliven und Mondlicht. Ein junger Zenturio führt sie. Er ist ihr Galan, ihr Verehrer. Er befehligt die stolze Kohorte, die bei Magdala am blauen See stationiert ist. Seit Jahresfrist hat sie dort Standquartier bezogen. Das erregte Volk umschalt sie, umjauchzt sie. »Bei dem Gott unserer Väter, das ist ja ... das ist ja ...! Spieglein, Spieglein ... Maria von Magdala, was willst du in Jeruschalaim?!« Sie lacht der Menge ins Gesicht, schwingt sich auf einen Stein, breitet die schneeweißen Arme: »Was ihr wollt! Auch ich will ihn sehen. Von wannen kommt er ...?« Ein Jude schreit auf: »Ich glaube vom oberen Tor her. Einreiten wird er mit seinen Jüngern, auf einer Eselin sitzend, im Messiasgewand. Da hört nur ...! Von dort her müssen sie kommen.« »Ich höre, ich höre! und will ihn erwarten. Ich will ihn sehen mit eigenen Augen, ihn hören mit eigenen Ohren. Es heißt ja: er kann Berge versetzen, Ströme ableiten, Blinde sehend machen, Tote erwecken. Aus starren Leichentüchern zaubert er Rosen und Nelken, springendes, klingendes Leben – so heißt es. Das will ich wissen, ob der Nazarener die Wahrheit verkündet. Er will sein ein König über den Sternen, ein König der Juden. Spricht er die Wahrheit: ich will knien im Staube, ihm die Füße küssen und salben. Ich will rufen und jauchzen: Hosanna, König über den Sternen, König der Juden! Und meine Seele soll werden wie das Vließ der Lämmer, die auf Gilead weiden, reiner denn die Herzen der Turteltauben, wenn die Feigenbäume Knospen ansetzen und die Reben Gescheine. Hosanna! Hosanna!« Das Volk brüllte nach: »Hosanna! Hosanna!« Es rollte gegen die Tempelstufen an, gegen Wechselleute und Makler, gegen Seckelschneider und Händler. Und wieder kam es unter Gezeter des Weges daher – in lautem Gedränge, mit Fluchen und Würgen, mit dem drohenden Lärmen von Revoluzern, die Jesum verlästerten oder ihn benedicierten mit Psalmen und Psaltern und mit Pauken am Reigen. Als die vordersten die Pharisäer und Schriftgelehrten Rabinth und Archelaus Rabbi. Hinter ihnen taucht aufs neue das schwarze Segel der Totenbarke auf: der Bart des finsteren Kaiphas. Rabinth erspäht die Buhlerin vom Galiläischen Meer ... vernimmt die Rede ... quiekst auf wie 'ne Kellerratte: »Meimemmelochem! Was seh' ich? Was tu' ich? Sind meine Denare in den Abtritt gefallen? Das ist ja das Weib mit dem vergoldeten Nabel. Senkelt ihr Kirchhofserde ins Maul. Sie verdient es ihres Leibes willen, der eifriger buhlt als 'ne Kamelin vor 'ner Karawanserei in der Wüste. Püh!« Und Rabinth machte ein Gesicht wie das eines bissigen Kanins ... »Und die will uns den neuen Messias empfehlen und das Volk rebellionieren?! Püh! Man soll sie mit Kokkolskörner vergiften, auf daß sie bäuchlings schwimmt wie 'ne Barbe im Jordan bis ins tote Wasser bei Gomorra und Sodom.« »Bocher, verfluchter!« Und die Faust des jungen Römers stand hoch über dem Kopfe des Lästerers. Der Schlag sollte fallen, den Juden in Mus und Minchen verkehren. »Nicht so!« ruft Kaiphas, »er ist Schriftgelehrter und Hüter des siebenarmigen Leuchters. Du würdest Jehova nur treffen.« »Dann soll er Wurmsamen fressen und Regenwürmer laxieren.« »Zenturio!« bebt Kaiphas am ganzen Leibe. »Wer bist du? Was willst du? Stehst du im Dienste des Kaisers, um Israel gegen seine inneren und äußeren Widersacher zu schützen? Oder stehst du nicht im Dienste des Kaisers und bist nur mit dem Weibe erschienen, diesem Aufwiegler, diesem Widersacher unserer Gesetze und Väter, diesem Schakal und Fenek, listiger denn alle Füchse im Karmelgeklüft, die Bolzen zu fiedern? Aber ich sage dir hiermit: Wer sich erhöhet, der soll erniedrigt werden, wer nach einem Zepter greift, dem wird ein Kolbenrohr in die Rechte gegeben, und wem nach der Krone Davids gelüstet, der wird mit Dornen gekrönt. – Zenturio, wisset! Über Jeruschalaim steht ein Gewitter. Mit dem heutigen Tage beginnt es. Auf Golgatha erst verliert es sein Donnern.« »Du!« hält ihm Maria von Magdala mit Flackeraugen entgegen. »Mann – du aus dem Stamme Levi, aber was wird aus dem neuen Messias, der da steht vor den Toren, der da schon einzieht ...? Hört nur ...! Die Messiaswelle bricht schon herüber! Und er selber mitten darunter.« »Der!« wiehert Kaiphas. »Seine Tage sind fällige Tage, sind Hafte und Engerlinge. Er steht in meinem Blutbuch verzeichnet, und wo sein Name steht, beginnt's schon zu tropfen.« »Er ist 'n Kaleph!« lamentierte Archelaus Rabbi dazwischen und zerknüllt seine strohgelbe Mütze zwischen den Händen, »ein Auswurf, ein Sodomsapfel vom Salzmeer! Gehst du kapores! Es ist schlimmer als der Falschmünzer Pinnhas in der Gasse zur ›Wiedergefundenen Glasfläsch‹, denn er will selbst den Gott unserer Väter um seine Talente, um seine eigene Gottheit beschummeln. Das Blutleder her! Er muß auf dem Blutleder enden!« Kaiphas geifert mit zuckenden Lippen: »Er wird sterben am Kreuze!« Er läßt seinen Totenbart fliegen. »Sterben am Kreuze!« Das Weib von Magdala wirft sich steil in die Höhe. Ihre Preziosen und Ohrengehänge klingeln. Sie ist schön wie Melitta, furchtbar und hehr wie Astarte, stolz wie die Venus von Paphos. »Das findet sich, Kaiphas! Du könntest dich irren; denn wenn er nun größer ist als Jehova, dein Gott, mächtiger als die römischen Götter ...?! Ein neuer König der Juden, der Prophet aller Propheten, ein Menschensucher und -finder, der wahre Messias, der wirkliche Herr und Herzog über und unter den Sternen ... Kaiphas, was würdest, du sagen?!« Und ihr Leib erstarrt ... ihre Augen öffnen sich maßlos ... sind auf die oberen Tore gerichtet, wo es jubelt und laut wird, hereinbricht mit der Gewalt eines entfesselten Stroms ... wo der Nazarener erscheint ... mit seinen Jüngern einzieht, unter Brausen und Rauschen, unter Palmzweigen und gespreiteten Tüchern ... unter Lichtgarben und Sonnengeflitter ... »Der Herr, der Herr ...!« »Tochter Sion ...!« Hunderte von Kinderstimmchen stoßen vor, umdrängen ihn, umschluchzen ihn ... »Hosanna ihm aus der Höh ...!« Maria von Magdala spreitet die Arme. Vom Volke geleitet, schreitet sie dem Sendling entgegen ... dem Auserwählten ... der da kommt im Namen seines himmlischen Vaters ... der da eintriumphieret ... der da auf einer Eselin reitet ... der da das Heil auf den Lippen trägt, den Frieden der Seele und die Vergebung der Sünden ... Ihre Stimme tönt wie eine silberne Glocke. »Rabbi ...!« Der Heiland hält an. Ihre Stimme fliegt über ihn fort, rüttelt an den Zinnen des Tempels. » Jesus Nazarenus rex Judaeorum! – Höre mich! – Bist du der, für den du dich ausgibst, so ruf' meinen Namen.« »Weib du – von Magdala her!« Eine durchgeistigte Hand hebt sich auf. »Magdalenenliebe ...! Magdalenenschmerz ...! Magdalenentreue ...! O du – du hast viel geliebet und dir muß viel vergeben werden. Ich sehe: die Sünde will von dir, wird flüchtig wie ein räudiges Tier in der Wüste ... und ein neuer Stern zieht herauf.« »Herr, darf ich kommen ...?!« »Ich warte auf dich. Auch für dich steht mein Himmelreich offen.« Maria von Magdala streckte sich wie eine numidische Lanze. »Rabbi ...! König über den Sternen ...!« Da sieht sie ... Es ist, als zerriß ein Blitzstrahl die Szene ... Plötzlich taucht es vor ihr auf ... im Zuschauerraum ... ganz in der Nähe: mit dem Gesicht eines Richters und Rächers ... Blut auf den Lippen ... »Heribert – du ...?!« Mit einem gellenden Schrei, der die Weite wie mit einem blanken Messer durchsenste, bricht sie rücklings zusammen. »Rabbi ...!« Über sie raste die Menge: »Zum Tempel, zum Tempel ...!« »Der Maloch Hamoves, der Todesengel, zieht über Jeruschalaim!« krächzt Archelaus Rabbi. Staub und Getöse. Ein dumpfer Gongschlag kam hoch von der Höhe herunter. »Pause!« Gleich darauf ... Die Andacht des Schweigens senkte sich wie ein Bahrtuch hernieder. * Das Freilichttheater stand unter dem Bann des ersten Geschehens. Heinrich Verschüren hatte sich in sein Regiezimmer zurückgezogen, in einen Sessel geworfen. Das Blut rauschte ihm bis in die Schläfen hinein. Die einzelnen Szenen fallen über ihn her mit der Gewalt von brausenden Tobeln. Sieg! Sein Werk! Ja, sein Werk und das Henriettens. Ohne sie wäre ihm das nicht möglich gewesen. Niemals! Ohne sie wäre er auf der Strecke liegengeblieben. Er fühlte: sie büschelte für ihn ein magnetisches Od aus. Nur weiter so ... und in zwei bis drei Stunden raschelte es ihm wie mit goldenen Lorbeerblättern zwischen den Fingern. Sie war ihm Wegebereiterin, Lohe und Feuersignal. Ein Rausch ging über den Mann in der dunklen Soutane. Aber ihr Schrei ... der letzte Schrei, kurz vor Schluß des gewaltigen Bildes – hatte dieser in seiner Absicht gelegen ... hatte er ihn so gedacht und niedergeschrieben ...?! Entsetzlich! Noch hing er in seiner ganzen schneidenden Schärfe über der Freilichtbühne, zwischen Himmel und Erde. Er wurde unruhig. Draußen war rege Bewegung, ein Laufen und Hasten. Er sah nach der Uhr. Noch fünf Minuten, und die neuen Szenen, die von Bethanien und die Abendmahlszene mußten ihre Mysterien entfalten. Schon belebten sich die Tribünen und die übrigen Plätze. Die Erwartung stieg mit jeder Sekunde – in allen Herzen, bei allen Frommen und Gläubigen, bei allen, die da harrten und hofften. Die die Liebe dahier Um den Heiland vereint, Trauernd ihm nachzugehen Bis zur Stätte der Grabesruh. Ihn hielt es nicht länger. Er hört verworrene Stimmen, das Laufen von hastigen Schritten, die ihm nichts Gutes verkünden. Als er das Zimmer verläßt und auf eine Seitengasse hinaustritt, stößt er auf Stephan tom Heuvel, bereits im Gewand des Lieblingsjüngers und in tiefer Verstörung. »Herr Kaplan, wir müssen beginnen.« »Wo fehlt's denn?« »Meine Partnerin läßt auf sich warten.« »Wie, noch immer nicht fertig?« »Doch, wie mir Frau Anna Berendonk und Fräulein Luischen berichten. Umgekleidet und so ... aber jetzt: Fräulein Jansen öffnet nicht und hält ihre Türe verriegelt.« »Was...?!« Heinrich Verschüren erbleicht bis tief unter die Haarwurzeln. Selbst die scharfausrasierte Tonsur nimmt einen bleifarbigen Glanz an. »So muß ich selber...« und hastig treibt es ihn auf die andere Seite der Bühne. Hier hält er den Schritt an. »Henriette!« Keine Antwort erfolgt. »Im Namen des Herrn – öffnet, bevor es zu spät ist.« Kein Laut läßt sich hören. »Henriette ...!« Nichts! Nur sein eigener Ruf steht wider ihn auf. Da stößt er das Schloß ab. Es klirrt unwirsch zu Boden. An der Tür fußt er an, als hätten ihn brutale Hände an den grauen Pfosten genagelt. Er stiert durch Dunst und Verstörung. »Der du von den Himmeln bist! Oder bist du nicht von den Himmeln?!« Am Boden Fibeln und Hafteln, Dinge der Hoffart, silberne Kleider, aber erst vom jungfräulichen Leibe gerissen ... »Ich von den Himmeln ...?!« Sie steht im Magdalenengewand. Ein Stück ihres Oberkleides hängt noch lässig um Nacken und Schultern. Aus dem düsteren Stoff blüht es mit den Reizen des Weibes. Ihr Haar ist gelöst. Mit krampfhaften Händen strafft sie es über ihren starren Busen zusammen. In diesem Rahmen steht ihr Gesicht, als wenn es etwas Furchtbares schaue. »Heribert – du?! Oder bist du nicht Heribert Kästner, der da kam, sich an meinen Qualen zu werden? Nein – jetzt sehe ich erst: du bist Heinrich Verschüren, gesonnen mir eine besondere Freude zu machen. Warum das ...?!« Er sucht ihre Hände zu fassen. Sie stößt ihn von sich. »Nein, ich bin nicht von den Himmeln gekommen.« »Aber spielen – das sollst du. Die Passion schreit nach dir.« »Warum riefst du Heribert gegen mich auf?« »Später davon. Jetzt heißt es, die Ehre des Tages und die der Barmherzigkeiten in den Schatten Gottes zu retten.« »Zu spät. Ich kann nicht mehr folgen.« Der Kaplan stellt sich auf. Ihm ist so, als müsse er die Fäuste erheben, eine Gewalttat begehen. Er hört es brechen und krachen im Gebälk seines Tempels. »Du mußt! Der Herr wird dir fluchen.« »Mag es geschehen. Ich habe genug der entsetzlichen Tage. Ich trage die Fingernägel des Grauens ... des verstörten Geistes ... des kommenden Todes. Ein verzweifeltes Menschenleben ringt im Fieber, schreit nach Erlösung. Ich kann nicht mehr. Meine Kraft ist zu Ende. Ich bin nicht wert und würdig. Das weißt du. Ihr beide, du und der andre – ihr branntet mir das Stigma zwischen die Schläfen. Ihr habt mich in den letzten Monaten nur durch Totenkammern geleitet. Das fühle ich jetzt erst, jetzt erst in dieser Stunde, von der ich nicht weiß, wie lange sie mich mit ihren Händen umklammert. – Maria von Magdala ...! Ich bin ihrer nicht wert und würdig, nicht berufen, ihr die Riemen zu lösen. Ihr wurde vergeben. Mir aber kann selbst nicht der Heiland vergeben. Nein – du ... die Schande, die Schmach! Jetzt sehe ich erst ... sie steht wider mich auf wie ein Untier. Und die entsühnte Büßerin selber – anspucken würde sie mich, wenn ich es wagen sollte, dem Messias die Füße zu salben. In meiner gepriesenen Reinheit bin ich dennoch unrein geworden. Fort von mir! Ihr Priester, ihr seid Worte aus des Ewigen Munde. Ihr sühnt und versöhnt. Ihr nehmt die Sünden hinweg. Aber wenn es euch paßt: ihr geht über Vater und Mutter, über Weiber wie über die Steine des Feldes. Ihr seid furchtbar, schlimmer als die Richter und Vollstrecker der entsetzlichen Tscheka. Auch – du ...!« Ihr Leib streckte sich. Ein dünner Blutfaden sickerte ihr von den schmalen Lippen herunter. »Herr, sei mit mir in der Stunde des Todes ...!« Ihr Kopf sank nach vorwärts; wie ein geworfenes Heiligenbild brach sie rücklings zusammen. Der Kaplan fing sie auf. » Absolve te !« rief er mit großer, wenn auch erschütterter Stimme. Stephan tom Heuvel drang ein. Mit ihm die heiligen Frauen Maria Salomea und Maria Kleophä. » In nomine patris », ich glaube, ihr ist kaum noch zu helfen.« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dem sonnigen, lichterklaren Pfingstmontag folgte ein dunstiger und wolkenverhangener Abend, ein Abend ohne Glanz und Sternenfeuer. Die Hügellehne lag grau in grau. Die einzelnen Baumgruppen ballten sich zu düsteren Massen zusammen. Das tiefe Dunkel lagerte sich dicht über die Niederung. Nur über der Gnadenkapelle in Heiligenbaum spreitete sich ein lichtblaues Scheinen wie ein ausgeschnittenes Stück aus dem umflorten Himmelsgewölbe. Mitten darinnen erhob sich ein Glitzern und Leuchten, das stetig an Helligkeit zunahm. Es war der Liebesstein der holden Frau Venus. Bis spät in die Nacht hinein war sein milchweißer Glanz zu verfolgen. Tiefer dem Rhein zu blenkerten vereinzelte Binnenwasser auf, die sich jenseits des Gnadenortes durch die weite Ebene hinzogen. Sie ähnelten Blinkfeuern, die unvermittelt in die Erscheinung traten, um ebenso jählings wieder zu schwinden. Die Verstörung des Tages ließ nicht ab. Sie lief bis spät in den Abend hinein. Die meisten Wirtshäuser und Ausspannungen der geweihten Umgebung standen verwaist. Die Gäste hatten sich anderweitig untergetan oder waren heimwärts gefahren. Nur eine Gestalt pilgerte unentwegt von einer Kneipe zur andern, genehmigte sich hier einen westfälischen Korn, dort eine Ruhrperle, weiterhin einen Genever, um an vierter Stelle sich in die Geheimnisse eines Winnenthaler Edelbranntweins zu vertiefen. Der Mann sprach nicht, stand weder Antwort noch Rede. Obgleich jeder Wirt und jeder Budikenbesitzer ihn kannte, wagte es keiner, ihn in eine nähere Unterhaltung zu ziehen. Er mußte zu den versprengten Künstlern des Freilichttheaters gehören, denn die linke Gesichtshälfte war noch nicht abgeschminkt, und an Stelle des regulären Schuhs trug er am rechten Fuß die Sandale aus rotem Saffian eines römischen Prätors. Beim Eintritt stellte er jedesmal einen goldbeknopften, weißgeschälten Stab in die Ecke, um ihn beim Fortgehen wieder pflichtschuldigst mit sich zu führen. So wanderte er ruhelos seines Weges, bestellte sein Deputat, sog es tiefdenkerisch hinter die Binde, ohne dabei Contenance und Verfassung einzubüßen, empfahl sich wortlos, um vom ›Munteren Karnickel‹ zum ›Goldenen Engel‹, von der Estaminet zum ›Weißen Schwan‹ und von diesem wiederum zum ›Munteren Karnickel‹ überzuwechseln, ohne zu schwanken, ohne nur um Haaresbreite von einer schnurgeraden Dielenritze zu weichen. Schnürschuh und Prätorsandale arbeiteten mit der Exaktheit einer Präzisionsmaschine. Wohin der einsame Mann seinen Fuß lenkte, allüberall erregte sein Erscheinen Staunen und Aufsehen. Der wilde Schmerz, der ihm Stirne und Schläfen durchfurchte, führte ihm Mitleid und Erbarmen zu. Bei jedem Schnaps, den er überkippte, wußte ein jeder: das Menschliche im Menschen war hier zu verstehen. Zuletzt wurde er im ›Fröhlichen Landmann‹ gesichtet. Dann verloren sich seine Spuren in nebelgrauen Fernen, die weder Anfang noch Ende hatten. In Heiligenbaum erloschen die Lichter, eins nach dem andern, bis schließlich alle bis auf dreie erloschen. Das eine brannte noch im Hause mit den verhangenen Fenstern, das zweite im linken Flügel des Pastorats und das letzte hinter den bunten Verglasungen des Hohen Chores in der Gnadenkapelle. Hier flüsterte das ewige Lämpchen: »Agnus Dei, qui tollis peccata mundi – miserere nobis! Ora pro nobis, sancta Dei genitrix! Ut digni efficiamur promissibus Christi. Oremus... « Es war die Stimme eines Armseelchens, das da flehte und betete ohn' Unterlaß, inbrünstiglich, mit dem einschmeichelnden Zwitschern eines Rotkehlchens zwischen herbstlichen Lohhecken. Und dann noch ein Lichtlein...! Aber mehrere Rufweiten von Heiligenbaum fort... in weltverlorener Einsamkeit... auf der Hügellehne... in der Freilichtbühne, die jetzt unter dem Himmelreich lag, als wäre nunmehr die Hand des Grauens und des Schweigens darüber gefahren. Vielleicht der Schein einer Wächterlaterne, ein rasches Licht, bestellt, das verwaiste Anwesen vor unlauteren Fingern zu sichern. Bald tauchte es bei den drei Kreuzen auf, bald auf dem Steilweg zur Kalvarienhöhe, dann für eine Zeitlang zu schwinden, um plötzlich am Hause des römischen Landpflegers aufs neue in die Erscheinung zu treten. Als es hier aufgeisterte. löste sich vom Giebel des größeren Schattens ein kleiner Schatten. Der strebte geräuschlos gen Himmel, schwankte dann ab und glitt wie ein dunkles Federspiel den unwirtlichen Heiden und Kahlschlägen der ferngelegenen Bönninghardt zu. In Heiligenbaum und den benachbarten Katstellen, die im Banne der Freilichtbühne und der unterbrochenen Passionsspiele lagen, dachte kaum einer mehr an den seltsamen Menschen, der in eifriger Folge alle Wirtschaften vom 'Munteren Karnickel' bis zum 'Fröhlichen Landmann' zu in brütendem Weltschmerz abgesucht hatte und dann wie ein graues Phantom dahinschwand, als hätte ihn eine ebenso graue Hand aus dem Dasein gestrichen – da plötzlich ein unheimliches Klagen und Seufzen, ein Wimmern und Rufen die nächtliche Stille durchgeisterte. Das Rufen und Klagen stellte sich auf, wurde zum wilden Geheul. Ein tanzender Derwisch konnte nicht ärger die Lüfte durchjaulen. Es kam von der Lehne herunter, marschierte gegen Heiligenbaum an. Es tobte und lamentierte: »Es geht ein Schrei von Dan bis Berseba, Die Wüste weint und ihre Steine bluten ...« Immer näher und näher, immer lauter und nachhaltiger. Dazwischen blitzte das Licht einer Glühbirne auf. So heulte er sich durch die Gärten und Felder, so heulte er sich in Heiligenbaum hinein. An dem schlichten Hause mit dem erleuchteten Fenster und den beiden zugeschnittenen Buchsbäumen verstummte er. Hier ließ er sich auf der Schwelle nieder und hielt die Wacht bis zum grauenden Morgen. Da drüben jedoch... Der Wind hebt an. Er raschelte zwischen den Blättern, er scheitelt die müden Zweige fast schweigend, traurig und stumm auseinander. Es ist so, als wenn die Geister der Tantaliden, die sonst so freundliche Hügellehne bei Heiligenbaum umwandeln, um bald darauf wieder in das Nichts zu entschwinden. Fünfzehntes Kapitel Erst spät am Abend fanden sich Severin und Fränzchen Baumann in ihrer Wohnung zurecht. Gleich nach der Katastrophe auf der Freilichtbühne waren sie wie die übrigen zahllosen Menschen als verstörte Hühner durch Heiligenbaum gehastet, hatten gefragt und gelaustert, ohne etwas Bestimmtes zu hören, so daß sie kaum wußten, was sie vor Not und Herzleid anfangen sollten. Was ihnen begegnete, waren kopflose Geschöpfe, die umherirrten wie verlorene Blätter im Herbstwald, wenn ein jäher Wind sich auftat und die falben Baumkronen rüttelte und schüttelte... und war doch Pfingstzeit, fröhliche Pfingstzeit, waren doch Tage mit Blumen und Blütensträußen, mit Wundern und Wunderlichkeiten, mit Würde und Weihe. Das Häuschen mit den stattlichen Buchsbäumen blieb für jedereins ein gefeites und versiegeltes Häuschen. Nur der Arzt, der Seelsorger und die Frau Paramentenpräsidentin, Anna Berendonk, nebst dem zutunlichen Luischen hatten Zutritt. Sonst niemand. Fränzchen und Severin hatten die Brust zum Zerspringen. Sie waren doch auch nicht von heute und gestern, hatten doch auch ein gewisses Anrecht darauf, berücksichtigt und nicht übergangen zu werden – aber nichts geschah. Keine Tür wurde geöffnet, keine gütige Seele erschien, um etwas Tröstliches oder Erbauliches den erregten Sinnen anzubieten. Erst ums Abendwerden wurden sie wissend. Von der Gnadenkapelle schlug die Sankt Marienglocke zu dreien Malen kurz hintereinander an, um im Verein mit Preziosa und der melodischen abgestimmten Glocke der heiligen Anna einen harmonischen Dreiklang zu läuten. Auf den Straßen blieben die Menschen stehen. Aller Augen waren auf das schlichte Anwesen gerichtet, hinter deren Mauern eine Heilige wohnte. Ob sie dort noch wohnte?! Ob sie noch Leben und Odem hatte, um mit bleichen Lippen zu flüstern: »Herr, sei mit mir in der Stunde des Todes, um mich in dein ewiges Reich zu geleiten?!« Gleich darauf tat sich die Tür auf. Ein zierliches Männchen in schwarzem Gehrock erschien auf der Schwelle. Es war der Küster von der Gnadenkapelle. Seine spärlichen Haare wehten im Nachtwind. Er sagte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Sprechet ein Vaterunser für Maria von Magdala. Soeben ist Henriette Jansen verschieden.« Die Tür schloß sich wieder. Alles ging stumm auseinander. Jedem einzelnen war das Messiaskleid näher als alle irdischen Kleider. Jedem glitten die Perlen des schmerzensreichen Rosenkranzes über die Lippen vom ersten Gesetz bis zum letzten Gebet, das da die Herzen erschüttert. Jetzt fuhren auch Herr und Frau Baumann nach Hause. Stumm und mit Tränen in den Augen sagten sie sich bald gute Nacht. Ihr war es nicht schwer, bald in ein dumpfes und unruhiges Träumen zu verfallen, denn es war ihr so, als hätte sie den stillen Kalvarienberg zehnmal auf und nieder gepilgert, ohne Rast zu machen, ohne ein einziges Mal Atem geschöpft zu haben, so schwer und tief war ihr das Geschick Henriettens in die Glieder gefahren. Er jedoch konnte den Schlaf nicht finden. Wirre Bilder gaukelten an seinen geschlossenen Augen vorüber. Es lief ihm durch seine Gedanken mit dem Gestampf und Tacken von Dieselmotoren ... und diese Gedanken sind heiß wie Feuer, auf dem ein heftiger Wind steht. Was sollte nun kommen? Wie würden sich nunmehr die Dinge im Betrieb anlassen? Und dann Heribert Kästner ...! Er wußte nun vieles, aber er wußte nicht alles. Er hatte ihn noch in den ersten Reihen des Zuschauerraumes gesehen, die Blicke starr auf die ernste und feierliche Gardine gerichtet. Dann war er spurlos verschwunden, ihm und allen wie ein Phantom aus den Händen geglitten. Er dachte an Joris, an seinen verstorbenen Seniorchef, an all seine Liebe und Güte, und nun war alles dahingegangen wie Spreu vor dem Winde. Erst gegen Morgen fand er ein kurzes Rasten und Ruhen. Gleich darauf rief ihn die Pflicht. Fränzchen schlief noch den Schlaf einer Gerechten, Tränen zwischen den geschlossenen Wimpern. Geräuschlos zog er sich an und begab sich nach unten. Bald darauf saß er in seinem Kontor und öffnete die Morgenpost. Plötzlich überschauerte es ihn. Sein Atem setzte für drei Herzschläge aus. Herr Baumann gehörte nicht zu den Zagen und Schwachen im Lande. Aber das nahm ihn doch mit. Er hielt den Brief und die Anschrift einer Toten zwischen den Händen. Er erbrach Kuvert und Siegel. Er sah die regelmäßigen und etwas steilen Schriftzüge, die von einer Frauenhand herrührten, die nicht das Leben mehr hatte. Und diese Hand war jetzt durchsichtig wie Porzellan, hielt einen Rosenkranz und ein beinernes Kruzifixlein zwischen den wachsbleichen Fingern. Er las mit stockendem Eifer, mit Tränen, die ihm des öfteren geboten, innezuhalten und das helle Wasser aus den Augen zu wischen. » Heiligenbaum, Pfingstsonntagabend. Sehr verehrter und lieber Herr Baumann! Sie waren der Freund meines Vaters, sein treuer Stern, sein selbstloser Berater. Ihre Rechte wußte nicht, was die Linke verausgabte, aber was sie verausgabte, kam stets dem Betriebe und dem Großen und Ganzen zugute. Kein Bröselchen fiel vom Tische des Herrn, das Sie nicht wahrnahmen, das Sie nicht seiner eigentlichen Bestimmung zuführten. Sie waren Diener, ohne Diener zu sein, Sie waren sein Freund, ohne die Gepflogenheiten eines Freundes in Anspruch zu nehmen. Der Mann mit dem ewigen Lufthunger und dem weichen und großen Herzen erkannte das alles und fühlte: im wohltuenden Schatten von Severin Naumann kann ein Joris Jansen geruhsam seine letzte Stunde erwarten. Aber warum sag' ich das alles, warum drängt es mich. Ihnen, mein Lieber, dieses nochmals ans Herz zu legen? Nur aus dem Grunde heraus, um Ihnen darzutun: auch ich bin immer herzenseinig mit Ihnen gegangen, genau wie mein Vater, ohne jemals in meiner Gesinnung Ihnen gegenüber schwankend zu werden. Was Ihnen zu treuen Händen gegeben wurde, haben Sie mit treuen Händen verwaltet, werden es so weiter halten, selbst dann, wenn andere Verhältnisse eintreten sollten. – Ich habe eine Bitte an Sie. Drum hören Sie, mein lieber Herr Baumann. Es ist nicht wohlgetan, mit seinem letzten Willen zu zögern. Jedes Leben ist ein zerbrechliches Ding. Man weiß nicht, wann es zerscherbelt, wann ihm ein Ziel gesetzt wird. Damit bis zum Ewaldi-Kegeln zu warten, wie sie hierzulande sagen, ist ein törichtes Beginnen, denn nicht wir zählen unsere Tage, wägen ihre Dauer ab, sondern ein anderer ist hierzu berufen, uns unvermittelt zu sagen: Das Spiel ist zu Ende. Schon seit geraumer Zeit gehe ich durch Wirrnis und Not. Immer mehr fühle ich den Boden unter meinen Füßen schwinden. Meine Sinne flüstern mir heute dieses zu, um mir anderen Tages genau das Gegenteil anzuempfehlen. Meine Hände greifen ins Leere, ins Nichts, in eine Welt voller Widersprüche. Heute möchte ich mit den Lerchen aufjubeln, schon morgen mit den Gräsern des Friedhofes, die ein warmer Sommerregen benetzte, bitterlich weinen. Ich kämpfe dagegen an, ohne das Feld behaupten zu können. Eine scheinbar mir wohlwollende Kraft steht neben mir und ist doch nicht imstande, mich des Sieges teilhaftig werden zu lassen – und diese Erkenntnis bringt mich der Verzweiflung nahe.« Herr Baumann ließ den Schriftsatz herunter. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. Es war ihm, als fühlte er die Nähe der Abgeschiedenen, die dieses niedergelegt hatte. »Mein Gott«, sagte er fahrig, »nun verstehe ich manches, ohne dennoch den Beginn und das Ende des Fadens teilhaftig zu werden.« Er schüttelte den Kopf, wartete noch einige Augenblicke, um dann zögernd weiterzulesen: »Mir fehlte eben der starke Arm, der mich hielt, nicht, daß ich dieses starken Armes ermangelte. Ich hatte ihn, er war bei mir, er bot sich mir an, mich durch eine Garbe des Lichtes zu führen, aber ein Geweihter des Herrn ... Mysterien und Dämmerungen ... Lassen wir das. Es ist nichts mehr zu ändern, denn es gebricht mir an Kraft und Mut, das Verabsäumte nachzuholen, mich umzustellen und den starken Arm zu erbitten. Auch würde er zu stolz sein, ihn mir ferner zu leihen, denn mein Herz war ihm gegenüber wie ein Kiesel geworden. Also bleibt nur das eine – dem Äußersten zu begegnen und ihm tapfer ins Auge zu sehen, denn wie bereits oben gesagt: es ist nicht wohlgetan, mit der Betätigung des letzten Willens zu zögern und sie auf eine Ungewisse Zeit zu verschieben. Man hat zu handeln, um nicht töricht zu scheinen. Meinerseits ist solches geschehen. Gleich nach dem Ableben des Vaters habe ich über meinen Nachlaß verfügt. Er besteht außer etlichen Aktien, Pfandleihen und mündelsicheren Papieren, aus meinem Mobiliar und den Besitztiteln, die mir als stille Teilhaberin des väterlichen Betriebes zustehen und zugemessen wurden. Wegen dieser sind gerade diese Zeilen an Sie gerichtet, damit Sie wissend werden und sich einrichten können. Selbstverständlich – bis zur Stunde, wo Gott mich abruft, sind sie als vertraulich und geheim zu betrachten. Später verfahren Sie damit nach bestem Ermessen. Ich hoffe auf stille und geruhsame Befriedung. Darum Ihnen zur Nachricht. Mein offenes Testament wurde von mir in Kleve auf dem dortigen Amtsgericht Numero 2 hinterlegt. Als Universalerbe bestellte ich darin den Mann, der mir nahestand, den ich verehrte und zu dem ich emporsehen konnte, als hätte ihn mir der Herr selber als Treuhänder und Lebensgefährten empfohlen. Es ist anders gekommen... aber mein Wille besteht, über Mobiliar und Wertpapiere kann Heribert Kästner sofort nach meinem Ableben verfügen. In der Firma jedoch bleibt alles beim alten. Nur – er tritt statt meiner als stiller Teilhaber ein, um nach Ihrem Willen und dem meines Vaters sich mit dem Betrieb ins Einvernehmen zu setzen. So nur fährt er am besten und so nur ist beiden Teilen in sachlichster Weise geholfen. In meinem hinterlegten Testament ist alles Nähere zu finden... und nochmals gesagt: erst nach der Stunde meines Todes sind diese Zeilen nicht mehr als vertraulich und geheim zu betrachten. – Ich weiß, mein Leben ist nur noch ein kurzbefristetes Leben. Ich trug reichlich dazu bei, es so zu gestalten, ihm seine reichen Daseinsquellen abzugraben, es nicht ins Blühen und ins Flüchtespenden hineinwachsen zu lassen. Die Schuld trage ich selber und bin Gott dafür verantwortlich. Nur ihm allein gegenüber. Erhoffe aber von ihm ein gütiges Lächeln und die verzeihende Hand eines gerechten und wohlwollenden Richters. – So, das wäre wohl alles, mein lieber Herr Baumann. Ich fühle mich freier und leichter und wähne das sanfte Wuchteln von weißen Schwingen zu hören. Leben Sie wohl. Herzliche Grüße für Sie und die Gattin. Auch einen stillen Gruß an den, dem ich vieles abzubitten habe, was ich ihm antat. In treuer Gesinnung Henriette Jansen.« * Herr Baumann kroch in sich zusammen. Er wurde ganz klein, vermickert, vereinsamt, verlähmt und in sich gekehrt wie ein verschrumpfeltes Männlein. Den langen Schriftsatz einer Verstorbenen legte er mit einem wehen Laut auf den Kontortisch. Dann schob er einen Aktendeckel darüber, um ihn jedem profanen Blick zu entziehen. So saß er fünf bange geschlagene Minuten, ohne Bewegung, ohne auch nur ein einzigesmal die Lider auf- oder niederzuschlagen. Er stierte ins Leere. Ein heiliger Franz von Assisi hätte erscheinen müssen, um ihn mit einem heiteren Psalter aus seinem dumpfen Brüten aufzustöbern. Aber der heilige Franz von Assisi dachte nicht daran. Der schlief ruhig seinen ewigen Schlaf in der Portiumkulakirche seiner Geburtsstadt im rauhen Gewand der Fratres minores . Dafür aber erschien Fipps, um die eingelaufene Korrespondenz für Laden, Magazin und Werkstätte weiterzuleiten. Unverrichteter Sache mußte der Stift wieder verschwinden. Dann kam Fränzchen. Erst bitteres Trauern und Weinen, Blumen über Blumen von schmerzhaften Lippen einer Toten gewidmet und dargebracht; dann an das nächste gedacht ... an ein energisches Zupacken ... Severin Baumann, der Chef des Beerdigungsinstituts ›Pietas‹, war wieder Herr der Situation und der Pflichtgetreue geworden. Er stand fest und stramm auf den Beinen mit der zu kurzen Hose, die aber tadellose Bügelfalten aufweisen konnte. Er wischte sich über die Augen. »Für meine stille Teilhaberin das Beste vom Besten«, sagte er mit zuckenden Lippen. »Darunter tu' ich es nicht. Alles vom alleröbersten Ende.« Er machte eine Bewegung wie ein Kleriker bei einem hohen Pontifikalamt: »Die Tochter von Joris Jansen soll es nicht geringer haben als eine Heiliggesprochene am Tage ihrer Beisetzung.« Hierauf wies er das gesamte Personal an und erteilte die nötigen Orders. Fränzchen setzte inzwischen die Fernsprecher Heiligenbaum und Warbeyen in Bewegung. Trotz der großen Trauer und Verstörung – es klappte alles wie in einem wohlgeordneten Bienenstaat, in welchem sich das schlichteste Immchen ein Trauerstörchen in das linke Flügeldeckchen eingeknüpft hatte. Geräuschlos glitten die Läden über die Auslagefenster. Die Fahne wehte auf Halbmast. Außer den Arbeitern hatte sich bereits das gesamte weibliche und männliche Personal in Trauer geworfen. Der Ruch nach Krepp und dunklen Wollstoffen duftete wärmer und stärker denn an sonstigen Tagen, galt es doch der Vielgepriesenen, die bereits am ganzen Niederrhein als sakrosankt angesprochen wurde,das Letzte mit auf den Weg zu geben. Von der Kavarinerstraße pflanzte sich die tiefe Bewegung in die benachbarten Stadtteile fort. Henriette weilte nicht mehr unter den Lebenden. Zuerst klingelte Heiligenbaum an. Die Präsidentin des Paramentenvereins, Frau Anna Berendonk, hatte die Hände voll Liebe, das Herz voller Tränen und Segen. Sie meldete: nach dem letzten Willen der Heimgegangenen findet die Beisetzung im Gnadenort statt. Aber ihre Stimme war die einer Fassungslosen. »Gut«, sagte Herr Baumann. »Dementsprechend sind die weiteren Dispositionen zu treffen.« Er wandte sich an seine geschäftige Frau: »Fränzchen, denke daran, was wir dem seligen Seniorchef schulden, was wir der schulden, der wir gegenüber die Ehre hatten, sie stille Teilhaberin nennen zu dürfen. Es ist nicht anders zu machen: Heiligenbaum muß auf die Knie und sprechen: So wird ein dahingegangenes Menschenleben von edlen Menschen bewertet.« Fränzchen klimperte mit ihren großen Ohrgehängen und meinte: »Severin, ich denke daran. An mir soll's nicht mangeln.« »So richtig, mein Hühnchen!« Gleich darauf: Warbeyen meldete sich. Die knarzige Stimme des Dechanten rief durch: »Hallo! hier Jakob Ezechiel Schlüpers. Das fehlte uns gerade. Der liebe Gott schlägt drein mit Schwert und Schwefelsud. Unsereins möchte Zeter und Mordio schreien vor eitel Entsetzen. Aber nur geruhsam, ihr verzweifelten Seelen! Die Verstorbene weiß schon, warum sie so handelt, so handeln mußte. Sobald wie möglich werden wir dasein.« Eine gute halbe Stunde später erschien Fipps mit Augen, die viel geweint hatten, mit einem schwarzen Schlips in Form eines breitgeflügelten tropischen Tagschmetterlings, der gewissermaßen den dernier cri unter den Selbstbindern darstellte. Er konnte kaum sprechen. Schließlich aber hörten die Inhaber der Firma aus seinem Stammeln heraus: Seine Hochwürden der Herr Pastor von Warbeyen wären mit Herrn Heribert Kästner erschienen, und er habe sich die Ehre genommen, sie in die Gute Stube zu führen. »Genügt mir«, sagte Herr Baumann. »Komm, Frau«, und alsbald standen die beiden ihrem Besuch gegenüber. Zu einer großen Beileids- und Trauerszene jedoch kam es nicht, nur ein kurzes Begrüßen und Schütteln der Hände, ein tiefes Seufzen der guten Frau Baumann. Eine große Beileidsszene wäre auch nicht möglich gewesen. Dafür sorgte schon der erregte pastor loci von Warbeyen. Mit kurzen Schritten, aber auf derben Bauernsohlen durchmaß er das Zimmer nach Länge und Breite. Der Mann war Feuer und Fett und wie eine Geißel des Herrn. »Schwerebrett noch einmal! Man sollte nicht fluchen, vielmehr bitterlich weinen«, mit diesen Worten rumpelte der Alte über die Dielen. »Aber hier läuft's einem schon Über Galle und Leber, verstockt einem der Atem, kriegt man Sterne und Funken vor Augen. Das Trauerspiel in Heiligenbaum hat mir Herr Kästner bereits in all seinen Einzelheiten berichtet. Herr Baumann, was Sie hinsichtlich der Beisetzung beabsichtigen, darüber erzählte Ihr junger Mann schon des längeren und breiteren. Es ist gut und löblich und macht Ihnen Ehre. Nur eine gewisse Eile ist nötig. Avanti! « »Ist schon in die Wege geleitet. In einer kleinen halben Stunde kann das Personal bereits fahren.« »Brav so!« Und Jakob Ezechiel Schlüpers hielt plötzlich den Schuh an, stützte sich auf seinen Eichenheister, ließ sein kluges graues Auge von einem zum andern wandern und sagte: »Ich sehe, hier hat man's mit denkenden Köpfen zu tun. Nicht besser zu machen. Aber ich...?! Wie habe ich mich zu verhalten? Was habe ich zu betreiben, ohne mich in die Disteln zu setzen? Vor der heiligen Eucharistie knie ich nieder. Vor einem Menschen, dem Gott innewohnt, habe ich Wertschätzung und ziehe den Hut ab. Aber was tu' ich mit einem, von dem ich weiß, was die Beweggründe seines Handelns sind, was er will und betreibt, wohin er die Seelen führet, die sich ihm anvertrauen wie die schuldlosen Lämmer und Schafe, die da auf den Myrrhenhängen des Berges Gilead werden? Soll ich dreinschlagen mit meinem Bakel und die Angelegenheit privatim ins reine bringen oder – Himmel und Herrgott! – ohne noch lange Fisimatenten zu machen, stehenden Fußes beim Bischöflichen Ordinariat in Münster vorstellig werden?« »Letzteres nicht«, hielt ihm eine feste aber wehe Stimme entgegen. Der Pastor wandte sich jählings. »Warum nicht, Herr Kästner?« »Was tot ist, wird nicht mehr ins Leben gerufen. Außerdem ...« Er verstummte vor einem verhaltenen Aufschrei. Herr Baumann trat vor. Sein Gesicht ähnelte dem Kommunionstuch in der Kapuzinerkapelle. »Meine Herren, bevor Sie entscheiden – ich fühle mich verpflichtet, Ihnen den letzten Gruß und die Botschaft einer Toten zu bringen. Wollen Sie hören?« Er entnahm einer Seitentasche den Brief Henriettens. Ein stummes Nicken erfolgte. Da las Herr Severin Baumann so ruhig und gefaßt, als hätte er zu einer Gemeinde von der Kanzel gesprochen. Er las als ein unparteiischer Mann, als einer, dem es oblag, den letzten Willen und die letzten Verzweiflungsschreie einer bereits vom Tode Gezeichneten an die zustehenden Herzen zu legen. Als er geendet, war Heribert ans Fenster getreten, hatte Seine Hochwürden sich in einen Sessel geworfen, stand Fränzchen neben einer neumodischen Glasservante und weinte das gebrannteste Elend von der Decke herunter. Der Pastor hielt's nicht mehr aus. Es wurde ihm benaut unter Kragen und Weste. Er knöpfte die Soutane auf, um sich 'ne gehörige Portion Luft aus dieser dumpfen und trostlosen Stimmung zu holen. Mit einem derben Schnauf fuhr er hoch. Der prächtige, untersetzte, siebenzigjährige Dechant von Warbeyen stand fest auf den Schuhen. Ein Prachtmensch. Einer von denen, den die Kirche bitter vonnöten hatte, ihre Herde von ihm durch Dorn und Dickicht führen zu lassen, sie auf gute Weide zu leiten, sie dort zu Hirten im Namen des himmlischen Vaters. Der Mann kannte kein Augenverdrehen, weder Hinterschlupf noch Hinterhältigkeiten, weder fromme Unterstellungen, die bereits haarscharf die Lüge streiften oder sie schon hinter sich hatten. Sein Schritt und Tritt war wie der Huf eines niederrheinischen Schwerblüters mit klingendem Kumtgeschirr, nicht wie die sondierende, schleichende, vorsichtig-tastende Einklaue eines andalusischen Maulesels. Frei und offen, tönend und knarzend trat der schlichte Pastor seinem Gott, sich selbst und aller Welt gegenüber. Sein Lebensbuch lag offen für jedermann, und seine Worte waren wie die aus irgendeiner Epistel des heiligen Paulus genommen. So schlicht und kurz von Figur, aber ebenso hoch und hehr in Gedanken und Werken wie dieser Teppichweber aus Tarsus in Cilicien, so auch der krumme, grau» und straffhaarige Seelenberater von Warbeyen im Herzogtum Kleve, dem man schon auf zehn Schritte ansah: der Mann hatte eine rauhe Schur auf der Zunge, aber Eiderdaunen im Herzen. Der nun wandte sich. »Herr Baumann, wann findet die Beisetzung statt?« »Gehorsamst zu melden: in Heiligenbaum, morgen um die fünfte Nachmittagsstunde. Die Welt soll doch wissen... und wenn auch hier und da es wie mit Wurmsamen zu rieseln beginnt – mir gleich: ich will ihr Schildhalter sein. Heilig! die verehrte Tochter meines Seniorchefs und die Trösterin der Betrübten soll wie eine Königin ruhen.« Der alte Herr fuhr sich schwer über die Augen. »So dachte ich's mir. Ihr ist vieles auf dem letzten Gange wiederzugeben, denn sie hat vieles einbüßen müssen.« Er trat ernst an Heribert Kästner heran: »Und Sie, junger Mann... in Ihrem Schreiben ist manches enthalten, das anklagt, schwer zu denken gibt und mich in herbe Seelenkonflikte hineinzwingt. Ah!« Er stieß einen verhaltenen Schrei aus: »Ich kenne Sie, und Sie kennen mich. Es ist mir des öfteren, als wären wir aus ein und demselben Eichenknorzen entsprossen. Nur ich bin der ältere und schiefere Ast, Sie der jüngere und schlankere. Aber der Eichelsame und der Stamm sind dieselben. Wahrheit um Wahrheit, Treue um Treue... und stets die Parole: aller Schleicherei, aller Partei- und Interessenwirtschaft den unerbittlichen Schuh in den Nacken. So auch will und wollte es der kluge und gerechte Leo XIII ., der weise Papst mit dem scharfen und weitblickenden Vogelgesicht. Der verlangte eine ehrliche, lautere und schnurgerade Linie im christlichen Leben, ohne Bocksprünge und die pfiffigen Hakenzüge der feigen, dummdreisten Löffelmänner. Allzeit ehrlich und schnurgeradeaus, im Sinne des Heilands, unseres Herrn und Erlösers. Der ließ keinen Eid unter den Tisch fallen und sagte dem die Treue nicht auf, dem er Treue geschworen. Ah – Sie! neben dem reinen Glauben wandelt ein furchtbarer Schatten, der diesen reinen Glauben umdüstert, ihn einnebelt, ihn zwingt, sich mit Politik und Partei zu befassen und seine großen Heilstümer, seine Kirchen und Kapellen, seine Diener und Dienerinnen maßlos zu mißbrauchen. Ein solcher Schatten geht auch durch unsere Geschichte. Gegen ihn trage ich meine Standarte, meine Fahne unentwegt vor – mir gleich, ob sie mich 'nen Standartenpastor des heiligen Belial nennen. Akzeptiert! Solche Titel kann man heutigen Tages gebrauchen. Aber das mit dem Stock – diese Frage wartet noch immer auf Antwort...« und er betrachtete interessiert seinen knorrigen Stab und Stecken vom Griff bis zur Timpe. »Zwar hieß es schon eben: nein, aber der Brief gibt Nüsse zu knacken, und da stehe ich noch immer tief im überlegen darin: soll ich selber dreinschlagen oder mich an die Bischöfliche Behörde in Münster ...« Sein durchdringendes Auge suchte das seines Partners. »Ich muß doch wissen, ob's nötig ist, irgendwo die Hand auf eine Schwäre zu legen, sie mit Balsam zu behandeln oder mit dem Messer zu öffnen. Mein Adlatus« – und der alte Herr pfiff scharf durch die Zähne – »wird darin Kenntnis besitzen.« Kästner prallte zurück. »Es fördert nicht und bringt uns nicht weiter. Bleiben Sie ganz aus dem Spiele, Hochwürden. Es würde nur Aufsehen machen, und das zu vermeiden, sind wir der Verstorbenen schuldig. Wo ein Totenglöckchen wimmert, das ist bereits des Elendes genug. Warum da noch die Feuer- und Sturmglocke läuten? Lassen Sie anstehen. Ich spreche selber mit Heinrich Verschüren ... und das noch heute, Hochwürden.« »So?! Sie sprechen selber mit ihm ...« und der starre Dechant wandte sich ab, kehrte sich dem Fenster zu und begann irgendeinen preußischen Armeemarsch gegen die Scheiben zu trommeln. Dabei murrte er grimmig in sich selber hinein: «Junger Mann, recht werden Sie haben, denn wir von dem alten Prinzip wohnen vielleicht ein bißchen zu tief in Hinterwaldslanden. Außerdem haben Sie ja selber die fürchterliche Pille hinter die Binde zu würgen. Sie müssen es wissen, was erforderlich ist und die Stunde gebietet. Ihre Hand tastet feiner als meine, Ihr Auge sieht schärfer als meines. Gut so – also noch heute.« Der Marsch war zu Ende. Er hielt mit Trommeln inne. Sein hartes Gesicht kehrte sich aufs neue den anderen zu. Er sah jeden einzelnen an. »Aber das andre ... ich meine das mit dem Schatten, der neben dem reinen christkatholischen Glauben, den Evangelien und ihren Heilswahrheiten einherwandelt, ihn verdunkelt, umnebelt ... Ich lehne es ab, mit Revoluzern, Gottesleugnern und Parteibrüdern auf ein und demselben Pickelpfeifchen zu musizieren. Fort damit! Ich bleibe der Fahnen- und Standartenpastor. Mag kommen, was wolle, denn wo diese Dunkelmänner letzten Endes ihr ›Gloria‹ singen, kann das Reich mir noch sein ' De profundis clamavi ad te, Domine' auf der Gitthit mit drei Baßstimmen stammeln. Fertig! – und nun: Sanctum et terribile nomen eius initium sepientiae timor Domini. . Heilig und schrecklich ist sein Name; die Furcht des Herrn ist der Anfang zur Weisheit. Seien wir weise, auf daß wir bestehen können am Tage der Prüfung, und dem des Gerichtes. Und Sie, Herr Baumann, machen Sie wahr, was Sie hier in dieser Stunde gelobten: Sie soll wie eine Königin ruhen.« * Eine Verklärte in Heiligenbaum. Der ganze Gnadenort hielt sie dafür, der ganze Gnadenort pilgerte zu ihr, als wäre sie bereits selig gesprochen. Viele gläubige Herzen wollten sie in Nähe des Wunderstockes oder wenigstens in den Sternenapsis der Gnadenkapelle beigesetzt wissen, um ihre Stätte tagtäglich vor Augen zu haben, so unter anderen die Präsidentin des Paramentenvereins, Frau Berendonk, nebst ihrem zutunlichen Luischen, so Maria Salomea und Maria Kleophä, aber etliche klardenkende Köpfe im Gemeinderat und Kirchenvorstand erhoben berechtigten Einspruch dagegen. In Abwesenheit des Dechanten ginge so was nicht an. Man dürfe keine Ausnahme machen, nicht ohne lange Sitzungen und Erwägungen derartig einschneidende Maßnahmen treffen. Man wisse auch nicht, wie das Bischöfliche Ordinariat sich hierzu einstellen würde, ob es geneigt wäre, noch nachträglich sein Ja und Amen zu sagen. Man müsse also mit Vorsicht und umsichtig handeln, obgleich Henriette Jansen eine solche Ehrung reichlich verdient hätte. Aber eins versprachen die Herren: der schönste Ort des an und für sich so schön gelegenen Friedhofs sollte ihr eingeräumt werden. Er befand sich auf einer kleinen Erhöhung seitlich des Kalvarienberges, die eine breitausgreifende Eiche weit überschattete. Von hier aus ließ sich das niederrheinische Land mit seinen Triften und Fluren, seinen schwer hingelagerten Bauerngehöften und weißen Windmühlen gut überblicken. Man sah die Türme des Viktordomes in Xanten, die von Rees und Appeldorn, die Hügellehne mit dem Freilichttheater, weiße gleitende Segel, die in weiter Ferne wie suchende Menschenseelen ihres Weges dahinzogen und die dunkelblauen Wälder jenseits des Rheines. Also hier sollte sie ruhen, sie, die Vielgefeierte, die Vielumworbene – das einsame, hohe Weib mit der stolzen Flechtenkrone und dem zwiespältigen Herzen, das die unermeßliche Niederung und die engere Heimat so liebte! Und alle kamen, um ihr ein letztes Liebeszeichen mit auf die letzten Pfade zu geben: Frauen und Männer, Starke und Gebrechliche, Halbwüchsige und Dreikäsehohe, Mädels und Jungen – aber alle mit einem blühenden Gruß zwischen den Händen. Die wohlgepflegten Rabatten opferten Reseden und Nelken. Die Rosenstöcke mußten ihre Erstlinge hergeben. Aus den Bauerngärten kamen Körbe und Mangen von weißen Lilien, wie sie am See von Genezareth blühen, lichter denn die Schneewehen auf dem Hermongebirge und lieblicher duftend denn alle Narben und Wohlgerüche in den Ebenen von Jesreel und denen von Saron. Die niederrheinischen Gärten gaben her, was sie nur aufbringen konnten: Rosen und Päonien, Lilien und Nelken in allen Formen und Arten, ein Farbenrausch von zartestem Rosa bis zu dem dunkelsten Rot eines fließenden Blutstromes. Blumen sprechen, und Henriette Jansen sollte sie sprechen hören und ihre Stimmen vernehmen, bis sie abgelöst würden von den Blumenstimmchen der überirdischen Ewigkeitsgärten. – Es ging bereits in den Abend hinein. Ein zartmaschiges Goldnetz hing über den Wiesen und Weiden von Heiligenbaum. Was Severin Baumann dem stracken und straffen Pastor in die Hände versprochen, hatte er getreulich gehalten. Unter seiner Leitung und der seines Personals war Henriettens Empfangszimmer in den ernsten und feierlichen Raum eines Gebethauses verwandelt. Trauer und Wehmut, Lieblichkeit und Anmut, Glaube, Hoffnung und Liebe reichten sich in diesen vier Wänden, in diesem erschütternden Gepränge von Sorgfalt und Hingebung die Hände. Fipps bewährte sich in jeder Beziehung. Mit seinen treuen Augen, die viel geweint hatten, und seinem schwarzen neumodischen Schlips in Form eines seltenen Papilis Brookeana , war er seinem Chef mit Umsicht Stütze und Hilfe gewesen, so daß ihm dieser das Zeugnis ausstellen konnte: aus ihm würde dereinstmals etwas Tüchtiges werden. Bald darauf wurde der Schrein zugebracht. In illo tempore ... Ja, man fühlte und sah es: Henriette Jansen sollte wie eine Königin ruhen. Und dann noch ... Unter gütiger Beihilfe von Frau Anna Berendonk, der fassungslosen Maria Salomea und Maria Kleophä erwies ihr die betagte Jungfer Hanneke Fengers, die schon ein Menschenleben hindurch die Abgeschiedenen betreut hatte, die letzten Liebesdienste. Hanneke Fengers, die Lichjungfer mit dem schwarzen Merinokleid, der steifen Knippmütz' und dem großen Kreuz auf dem schmalen Pelerinchen, zählte zu den Auserwählten im Lande. Sie gehörte zu denen, die, wie der treffliche niederrheinische Poet Theodor Bergmann erzählt, die gütigen Worte im Herzen trugen, die da lauten: »Min Siel vermal ek vese lieven Heer, min Liff begravt in mine Moders Graff, min Geld vermal ik min Svesterkind Marieke öhr Jöngske.« Die nun kleidete sie ein, flocht ihr die schwere Flechtenkrone, bettete sie lind und sacht in den Schrein, den Herr Baumann zugebracht hatte, legte ihr ein Myrtenkränzlein um Stirn und Schläfen, fügte ihr die weißen Hände zusammen, rückte ihr stilles Haupt sacht in die Kissen und flockte ihr mit unendlicher Liebe und Güte etliche Rauschgoldpartikelchen auf Lippen und Hände, während Frau Berendonk in Tränen zerfloß, Maria Salomea und Maria Kleophä Kleid und Schrein mit zartweißen Rosenknospen über und über bestreuten. Sieben Wachskerzen umstanden die lächelnde Frau, die kein Erdenweh und keine Erdenleiden mehr kannte. Sieben lichtweiße Flämmchen! Sie wisperten wie Heimchen zwischen Holzbeigen durch eine unendliche Stille. Die Hausschelle war abgestopft, der Perpendikel der Standuhr angehalten, der große Spiegel verhangen. Auf Zehenspitzen, auf weichen Socken kamen und gingen die Menschen, lautlos, mit verweinten Augen, mit verhaltenem Schluchzen. Es war wie das Gehen und Kommen in einer Gnadenkapelle. Um die siebente Abendstunde ebbte das Pilgern zurück. Hanneke Fengers ließ sagen: heute wäre es satt und genug; morgen früh wäre auch noch Zeit, Besuche zu machen. Die Tote müsse jetzt schlafen. Nur sie und Luischen blieben noch da. Eine halbe Stunde später wollte sich die Letztere auf den Weg machen. An der Tür stieß sie auf eine hohe Gestalt. »Ah!« sagte die Kleine, »bitte treten Sie ein. Sie werden erwartet.« Sie öffnete das Arbeitszimmer der Verstorbenen, das linker Hand des Hausflures lag und von zwei elektrischen Birnen erhellt war. »Ich bitte ergebenst. Ich werde Hanneke rufen.« Bald darauf erschien die Lichjungfer auf weichen Selfkantpantoffeln und im Schmuck der großen Klöppelhaube, deren weiße Flügel sich wie die eines Schmetterlings blähten. »Guten Abend, Mynheer«, sagte sie benaut vor sich hin. »Guten Abend, Fräulein Hanneke. Wie ist es ...?« »Alles ist aufs Feinste gerichtet, Herr Kästner.« ' »Sie wissen doch ...?« »Jawohl«, sagte die Alte. »Ich weiß um Ihr Kommen. Herr Baumann hat mir alles gut in Bestellung gegeben.« »Fräulein Hanneke«, sagte er in tiefer Bewegung, »ich beneide Sie darum, ihr noch dienen zu können.« »Ach, diese gütige Seele! Das hat mir auch der Herr Kaplan schon gesagt.« »Wann kommt er?« »Ich erwarte ihn jede Minute. Er kommt, wie er sagte, um von ihr Abschied zu nehmen.« »Gut so. Laßt Euch nicht stören. Ihr habt gewißlich noch dieses und jenes zu ordnen. Also ... nur eins noch ... Hanneke, was die Leute so sagen ... ich meine das oder jenes ...« »Herr Kästner«, und die Lichjungfer machte ein Gesicht wie eine fromme Seele vor Ablegung eines ihr zugeschobenen Eides: »Herr Kästner, man weiß nichts Genaues. Ich glaube nicht dran. Auch der Herr Kaplan nicht, überhaupt glaubt niemand daran. Gott hat sie abberufen, wie es öfters geschieht – so von der schönen und blühenden Wiesenkoppel herunter. Requiescat in pace! Sie ist heilig gestorben.« »Ja – sie ist heilig gestorben.« Die Alte wandte sich. »Also ich warte«, rief ihr der Verzweifelte nach. »Ich habe mit Hochwürden zu sprechen. Wir wollen gemeinsam ...« »Gut, gut! Ich verstehe ...« und die Tür seufzte ein mit dem Hauch eines Sterbenden. »Also – auch er kommt, um von ihr Abschied zu nehmen?! Also auch er?!« Die Worte wurden ihm lahm auf der Zunge. Er ließ sich an der Schreibkommode nieder. Hier hatte sie gedacht und geschrieben, hier manche bitteren Leiden durchkostet. Die Gedichte Eichendorffs lagen noch aufgeschlagen. Er las das rührende Lied: »Ich kam vom Berge hernieder ...« Das Zimmer war traulich und einfach gehalten. Philodendren und sonstige Blattgewächse standen in der geräumigen Fensternische, über dem geschweiften Sofa hingen die Disputa, gestochen von Joseph Keller, und die Photographien von Vater und Mutter. Der alte Herr Joris Jansen hatte das Aussehen eines behaglichen Kommerzienrates. Dicht neben ihm stand ein Häkelkörbchen auf einem zierlichen Tischlein. Er glitt behutsam über die begonnene Arbeit. Er fühlte ihre Seele, die geschmeidigen Linien ihres jungfräulichen Leibes. Die Rosenzwillinge, die an den Wassern des Jordans blühen, traten ihm in den Sinn. Er hätte aufschreien mögen und überhörte fast das zage Pochen eines ängstlichen Knöchels. Hanneke meldete: »Seine Hochwürden sind draußen.« Heribert Kästner erhob sich: »Ist mir willkommen. Ich wartete auf ihn.« Schluß Der Kaplan trat ins Zimmer. Beide Männer sahen sich scharf in die Augen, um scheinbar aneinander vorüberzusehen. Aber nur für eine Augenblicksspanne. Ich weiß nicht, woher es kam, aber man hatte den Eindruck, zwei wären hier mit einem Fläschchen eingetrockneten Bluts zusammengekommen, um festzustellen, ob es das Blut des heiligen Januarius wäre und Anstalten machen würde, auf geheimnisvolle Weise langsam ins Fließen überzugehen. Man sah es beiden an: sie gehörten nicht zu denen, von denen man sagen konnte: Medium tenuere beati. Nur die sind glücklich zu nennen, die sich auf ein beschauliches Dasein einstellen und es verstehen, den Leidenschaften ein ›Bis hierhin und nicht weiter‹ zu bieten. Heinrich Verschüren war sichtlich gealtert, die einst so scharf gemeißelten Züge verfallen. Die Blicke schienen ermüdet, die Haare tot und glanzlos. Von der Tonsur war das milchige Leuchten gewichen. Er trat dicht an den Tisch, der sich neben dem Sofa erhob, und stützte die Hand auf die Platte. Inmitten der Tafel stand ein Körbchen aus geflochtenen Porzellanstäbchen, mit halbverwelkten Karthäusernelken, die die Abgeschiedene vielleicht noch eigenhändig zugebracht hatte. Ein fader Geruch ging von den todmüden Blumen aus, der an Sterben und Verwesung erinnerte. Heinrich Verschüren, dessen Kopf zur Disputa abgeirrt war, wandte ihn wieder voll auf Heribert Kästner, dessen Herz nahe daran war, aus Form und Fessel geworfen zu werden. Dann drei oder vier schwere Atemzüge, und der Kaplan sagte mit weher und zerbrochener Stimme: »Sie ersuchten um eine Aussprache mit mir. Stimmt das, Heribert Kästner?« »Ja, durch Herrn Baumann.« »Und gerade in diesem Hause? Warum das?« »Weil ich es für nötig erachtete.« »Ich dachte es mir, obgleich ich vorhatte, heute nicht mehr zu kommen.« »Liegt da nicht ein Irrtum Ihrerseits vor? Die Lichjungfer bestellte mir eben, Sie würden erwartet, um von der Verstorbenen Abschied zu nehmen.« »Es war ein Vorwand von mir. Frau Anna Berendonk drängte mich so. Aber ich mußte allein sein. Meine Pflicht lag hinter mir. Ich hatte bereits von ihr Abschied genommen ... und nun kamen Sie, und ich habe Ihrem Wunsche Rechnung getragen.« »Das danke ich Ihnen und verzeichne es mit einer gewissen Genugtuung, denn ich hatte Ihnen in den letzten Monaten nicht vieles zu danken, Heinrich Verschüren.« »Sie belieben es, mir mit harten Worten zu dienen.« »Wählte ich andere, ich würde mich der Heuchelei schuldig machen, und dieses kann in Ihrer Absicht nicht liegen, denn das weiß ich aus früheren Zeiten: hinterhältig sind Sie niemals gewesen. Bittere Worte lagen Ihnen besser als süße, wenn sie der Wahrheit entsprachen.« »Dafür schulde ich Dank«, sagte der Kaplan und schien schwer an jeder Silbe zu schlucken, »ja, Dank, daß Sie mir das noch belassen und zubilligen.« »Ich verstehe so recht nicht.« Heinrich Verschüren hob die aufgestützte Hand und suchte das Porzellankörbchen an sich zu ziehen. Als er aber die welken Blumen berührte und den faden Duft einsog, schreckte er unwillkürlich zurück. »Dann eine Frage, Heribert Kästner.« »Ich warte darauf.« »Sie sind aus freien Stücken gekommen?« »Ja.« »Und mit der Absicht gekommen, mir den saccus benedictus , das Bußhemd überzuwerfen?« »Nein. Warum fragen Sie das?« »Weil ich annahm, Sie wären auf Order eines andern erschienen.« »Auf wessen Order?« »Auf die eines direkten Vorgesetzten, des Dechanten Jakob Ezechiel Schlüpers. Der Mann ist mir nie zugunsten gewesen.« »Nein, Hochwürden sandte mich nicht. Wohl hatte er vor, selber vorstellig zu werden.« »Vorstellig – wo?« »Beim Bischöflichen Ordinariat.« »Um was denn?« »Um irgendeine Sache zu klären, sich Rats zu holen. Er hielt es für nötig, denn die Dinge nahmen für ihn ein böses Gesicht an.« Ein kurzes Auflachen. »Ah! ich verstehe. Und Sie ...?« Zwei starre eisige Blicke waren auf Heribert Kästner gerichtet. »Ich beruhigte und bat ihn vielmehr, davon Abstand zu nehmen, und wenn Sie die Worte hören wollen, die ich ihm dieserhalb entgegenhielt – hier sind diese Worte. Vorher sei bemerkt: der Dechant von Warbeyen ist der Gerechtesten einer. Ihnen gegenüber ist er nie zu ungunst gewesen. Sie irren. Dafür ist der Mann zu lauter in seinem Handeln und Denken und klarer denn hartes Brunnenwasser. Ihm durfte ich sagen, was ich ihm darlegen mußte, um profanen Augen das grelle Licht des Tages abzusperren. Ich sagte: Alles das, Herr Pastor – es fördert nicht und bringt uns nicht weiter. Bleiben Sie ganz aus dem Spiele, Hochwürden. Es würde nur Aufsehen machen, und das zu verhindern, sind wir der Verstorbenen schuldig. Wo ein Totenglöckchen wimmert, da ist bereits des Elends genug. Warum da noch die Feuer- und Sturmglocke läuten? Lassen Sie anstehen. Ich spreche selber mit Heinrich Verschüren...« Die Augen des jungen Klerikers waren nicht mehr versintert und eisig. In der Tiefe begann es wie Holzmulm zu glimmen. Aus diesem Glimmen wuchsen Fünkchen und Funken. Die begehrten auf, als säße ein Sturmwind dahinter. »Sie ...?!« fragte er mit einer Stimme, in die jetzt heiße Zungen hineinflackerten. »Das sagten Sie ihm ...?Und er ...?! Was sagte er? Was gab der Dechant zur Antwort?! Verdammte oder begnadete er ...?« »Keines von beiden. Er sagte nur dieses: Junger Mann, recht werden Sie haben, denn wir, die Alten, wohnen zu sehr in Hinterwaldslanden. Sie müssen es wissen, was erforderlich ist, dieses Dilemma zu lösen. Ihre Hand tastet seiner als meine. Ihr Auge sieht schärfer als meines. Gut so! Also Sie gehen zu ihm? – Noch heute Hochwürden ... und Sie sehen, ich habe Wort gehalten, Heinrich Verschüren.« »Ja, ich sehe«, kam es von zuckenden Lippen, in die sich die Zähne hineinbissen und die grau waren wie Asche. Aber über dieser grauen Asche sickert ein langsamer Blutfaden. »Ja, ich sehe: du ... Sie haben Wort gehalten. Ich danke Ihnen, Heribert Kästner.« Er wollte einen Schritt vorwärts tun, auf den Erschütterten zu, aber die Schuhe versagten den Dienst. Er wollte ihm die Hände entgegenstrecken, allein die Hände krampften sich ein, blieben verlähmt. Nur der langsame Blutfaden sickerte weiter, die Augen brannten mit dem nämlichen Feuer, und er konnte noch sagen: »Zuvor ein Wort über mich. Noch spät in der verflossenen Nacht schrieb ich an die Düsseldorfer Regierung, legte Protest gegen das ein, was ich in verblendeter Erregung gegen Sie vorbrachte, habe ihr dargetan: die Klage gegen Sie ist eine nichtige Klage. Mea culpa, mea maxima culpa! und ihr freimütig und offen gestanden: ein Mensch christkatholischen Glaubens mit deutschnationaler Einstellung, der dem Gewesenen die Treue nicht aufsagt, gilt ebenso viel oder mehr vor seinem Erlöser und Heiland, als einer, der da wähnt, unter dem Parteigeist leben und unter der düsteren Fahne des Zentrums marschieren zu müssen. Die Schuld liegt bei mir ... und somit ersuche ich um Tilgung des Briefes. Ah!« und seine Stimme flackerte hoch: »Der Dechant von Warbeyen ... Also er verdammte nicht und er begnadigte nicht ...?! Wohl mir ...!« und der junge Kleriker mit dem Antinouskopf und den Balduraugen mußte sich an der Tischkante halten, um nicht taumelsinnig zu werden. Aber es fruchtete nicht. Er brach in die Knie zusammen wie von einer hinterhältigen Sense getroffen. Den Arm auf dem Tisch, die Stirn gegen die harte Kante gedrückt, hob er den Kopf langsam von dem starren Pfühl, stierte er seinen früheren Freund an, fielen ihm die Worte wie Bleistücke vom Munde herunter: »Du – ich spiele hier keine dramatische Szene. Lasse mich so, hier auf den Dielen. Meine Knie wollen nicht mehr, sind wie verlähmt. Außerdem – ich verdiene es reichlich, vor dir knien zu müssen ... und wenn du den Stolz aufbringst, mir den Schuh in den Nacken zu setzen – setze mir getrost den Fuß in den Nacken, auch das verdiene ich so reichlich, als wäre mir bereits vor Stuhl und Schrein das Urteil gesprochen. Heribert – du ...!« und sein rechter Arm fiel wie ein Holzscheit zu Boden, um sich gleich darauf wieder auf den Tisch zu legen, sich dort anzuklammern. »Hören sollst du mich. Aber höre genau zu, denn ich habe dir ein Geständnis zu machen. Der Herr hat gerichtet. Ich wurde getroffen, aber du wurdest schlimmer getroffen ... und sie ...« Vor diesem wilden Ausbruch schreckte sein Kläger zusammen: »Heinrich, lasse sie ruhen in Frieden.« »Soll sie auch. Ruhen soll sie in Frieden, denn es ist ja doch nichts mehr anders zu machen. Aber du und ich, wir leben, leben noch immer unter ihrem barmherzigen Schatten – und das ist entsetzlich, denn dieser Schatten steht wider mich auf, unbewußt, während er dich mit himmlischem Leuchten umkleidet ...« »Heinrich ...!« »So ist es, und der rauhe und doch großzügige Pastor von Warbeyen, den ich wider mich hielt – er sprach mir das Urteil wie ein Großer in Israel. Ja, ich bekenne: ich bin schuldig und dennoch nicht schuldig. Ich bin durch Sünde gegangen, aber nicht durch Sünde, die bitterer ist denn wirkliche Sünde. Ich bin ein Gesalbter, aber auch nur ein Mensch ... und das Weib machte mich hungern. Ich gehrte nach ihm, ohne seines Leibes teilhaftig zu werden. Die Scheu hielt mich ab. Die Scheu vor mir selber und die vor meinem Gelübde Gott gegenüber. – Heribert, ich bin noch nicht fertig. Ich bitte dich, höre auch dies noch. Da trat sie in mein Leben, sie, die gebenedeit war unter den Weibern, schön und still und feierlich wie ein schönes, stilles und feierliches Licht vom Berge Tabor herunter. – Ich betete das Weib an – sie, die Hohe und Schöne. Ich gönnte sie keinem. Niemand sollte sie haben. Keiner sollte sich ihrer reinen Seele und sich ihres stolzen Leibes erfreuen. Auch du nicht. Pflichtig sollte sie bleiben, heilig sollte sie werden – im Magdalenenkleid pflichtig und heilig mir gegenüber. Das war es ... Und dieses: ich schreie zu Gott: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa! Ich bekenne es vor Gott und den Menschen: Und das ist meine Sünde – meine Sünde ihr gegenüber und dir gegenüber. Ich zerpflückte die Blüte eures Glückes bis tief in den Kelch hinein, bis zur letzten Maser und Faser. Aber bei Gott und in seinem heiligen Namen« – und er wuchtete sich schwer wie ein Kranker auf seinen verlähmten Knien nach oben – »rein und unangetastet blieb sie, rein blieb ihr Leib wie eine Hostie im Tabernakel des Herrn.« »Heinrich ...!« Mit einem Schrei stürzte ein Verzweifelter vor. »Was sagst du ...?!« Da schob sich ein starrer Arm wie ein hartes Holz in die Höhe und zwei Finger der Schwurhand streckten sich vor. »Heribert, so wahr mir Gott helfe – rein wie eine Hostie im Tabernakel des Herrn ... wenn ich auch Schuld trage, eine Liebe verwüstet zu haben.« Wie gebrochen sackte der Arm wieder am Leibe herunter. »Ich habe nichts mehr zu sagen, nur dies noch«, und das Antlitz Heinrich Verschürens, fahl und grau wie Kirchhofserde, stierte starr und stumpf in das seines Gegners. »Was nun? der Tod steht zwischen uns. Der Mund, der jetzt sprechen müßte, ist für ewig versiegelt. Nur du kannst noch sprechen – und bangen Herzens – ich erflehe dein Urteil, und wenn du willst: ich will in der Wüste verdursten.« Heribert Kästner wandte sich ab. »Ich habe das Recht nicht«, sagte er leise, fast lautlos, »aber der Herr wird vergeben. Was rein geblieben, ist rein. Die Schuld ist minder, als mein Herz sie verbuchte. Der Herr wird denken wie ich, denn er sieht dich noch besser, als meine Seele dich sieht ...« »Heribert, du ...« und mit erstickter Stimme sagte der Verstörte aus tiefen Qualen heraus, »und wer wird sie morgen bestatten? Mein Amt will, daß ich ihr die letzten Weihen erteile. Aber ich kann nicht.« Kästner wandte sich jählings. »Wer denn anders als du?« »Sie wird mich im Grabe verfluchen ...« und die Seele des Priesters schrie auf wie ein gehetztes Tier zwischen Dornen. Da tastete die Hand Kästners nach der seines wiedergefundenen Freundes. »Heinrich lass' gut sein. Du mußt. Schon der Welt gegenüber und um der Barmherzigkeit willen.« Noch einmal klang es wie ein Wimmern aus einem zersprungenen Herzen. »Sie wird mich im Grabe verfluchen, denn deine Liebe ist bei ihr und behütet die Stätte.« »Heinrich, sie wird dich segnen im Grabe. – Nun komm ...« »Wohin ...?« »Zu ihr.« »Darf ich?« Da sagte der andre still vor sich hin: »Was auch geschehen – auch deine Liebe war Liebe«, und gemeinsam betraten sie die Kammer der Toten. Die meisten Kerzen waren gelöscht. Nur drei flämmerten noch, eine zu Häupten, die anderen zur Seite der Aufgebahrten. Eine friedliche Dämmerhelle durchgeisterte das mit seinen Stimmen umwisperte Zimmer. Als die beiden eintraten, hatte die Lichjungfer just die Stube verlassen und Maria Salomea und Maria Kleophä gebeten, für sie die Totenwache übernehmen zu wollen. »Ja,« sagte sie dabei im Abgehen, »ja, ja! über Turteltäubchen und Aasvögel lächelt Gottes Sonne ebenso freundlich wie über Jüngferlein und üppige Dirnen auf rosinfarbigen Tieren; aber es ist doch ein Unterschied, wohin sich ihre goldenen Strählchen verlieren. Sonne ist eben nicht überall Sonne. Hier ist sie wie die allerfeinste Glorie in der Gnadenkapelle«, und dann hatte sie den beiden noch dargetan, gegen die vierte Morgenstunde käme sie wieder, um auch noch das Letzte zu regeln und alle Kerzen auf den Stöcken aufs neue in Gang zu bringen. Mit leisem Schluchzen wollten sich jetzt auch Maria Salomea und Maria Kleophä entfernen, um ja nicht zu stören. »Ihr stört nicht«, sagte Heribert Kästner. »Bleibt nur. Ihr könnt ruhig dabei sein, wenn wir von der Abschied nehmen, die uns teuer und lieb gewesen im Leben, die bei uns sein wird bis zur Stunde, die uns allen beschieden.« Die Worte zerbröckelten ihm zwischen den trockenen Lippen. »Ach, die Liebe, die Heilige!« wimmerte Maria Kleophä und nahm ihr das weiße Tüchlein vom Antlitz. Die große Kerze am Kopfende flackerte auf. Die Verstorbene schien lebendig zu werden. Ihr schönes, wächsernes Medaillengesicht ruhte leicht zur Seite geneigt. Ihre immer noch rosigen Lippen umblühte ein Lächeln. Es war aber nicht mehr von dieser Erde, sondern schon vom Herrn gezeichnet. Die beiden Männer standen hoch neben dem Schrein, jetzt ruhig, gefaßt, ehern, wie von einem Postament herunter, in der Totenkammer errichtet. Nur Heinrich Verschüren war bleicher als die Verstorbene selber. Er tastete nach den wächsernen Händen, die ein Rosenkränzlein und ein beinernes Kreuzlein umfaßten. »Vergib mir!« Die beiden Freundinnen verhüllten ihr Antlitz. »Ach – du ...!«' Heribert Kästner beugte sich nieder. Seine Hand legte er auf ihre Stirn, seinen Mund auf den ihren. So verharrte er zehn Herzschläge hindurch. Als er sich aufhob, haftete ein Partikelchen Rauschgold auf seinem Munde, das er von ihren Lippen genommen. – Anderen Tages zur festgesetzten Zeit wurde Henriette Jansen dem Staub übergeben. Wie die Mainzer Frauen und Jungfrauen ihren Heinrich Frauenlob trugen, so wurde sie von sechs der feinsten Jünglinge aus den Jungmannschaften von Heiligenbaum und Appeldorn zu Grabe getragen. Alle Straßen waren mit Maien bestellt, alle Wege und Stege mit zerkleinertem Buchs und Kalmus in Blumenteppiche verwandelt. Vom Trauerhause mit den beiden verschnittenen immergrünen Bäumen setzte sich der Zug in Bewegung. Ein Blütenreigen von weißgekleideten Mädchen, die ihre Schülerinnen waren, bewegte sich zu beiden Seiten des Sarges. Hinter ihm schritten Heribert Kästner und Jakob Ezechiel Schlüpers. Letzterer mit schwerem Eichenheister und auf lauten Schuhen. »Es geht mir doch hart an die Nieren«, sagte er mit ungelenker Zunge, »so ein junges Weib von der Koppel geworfen zu sehen. Sie dauert mich innig. Aber was ist da zu machen? Garnichts. Gott hat es wollen. Er wird schon wissen warum und wird Euch beistehen. Nein, diese Welt! Fast fünfzig Jahre zirkelt mir das Schermesser den kreisrunden Taler auf den Haarschopf. Dreißig davon pastoriere ich bereits in Warbeyen und seinen Kappesplantagen herum. Bin vertapert bei den dortigen Böcken und Schafen. Auch mein Latein ist verbauert. Insonsten schrieb ich die Sprache Ciceros wie 'n feiner Lateiner. Jetzt ist sie wie Bohnenstroh und Häcksel geworden. Das reinste Küchenlatein. Leider! Aber eins ist nicht verbauert, mein Lieber. Mein Herz nicht. Es ist warm und drähtig geblieben – und ich fühle so recht in seiner ganzen Weite und Tiefe: Ihr habt's brav gemacht mit Heinrich Verschüren. Den bösen Funken tratet Ihr aus. Die in Münster haben das Nachsehen und können kein Feuer mehr machen. Besser für alle. Gott lohn's Euch. Es darf keine Brunst und Lohe mehr geben ...« Die letzten Worte verschluckte das Geläut von der Gnadenkapelle. Alle Glocken begannen zu singen, zu trauern. Zuerst wehten die Fahnen und Banner der Bruderschaften. Der junge Lehrer Stephan tom Heuvel aus Appeldorn führte sie an. Dann kamen die Schulen. Unmittelbar vor dem mit Blumen überschütteten Schrein bewegte sich Heinrich Verschüren, im Röckling, die Blicke am Boden, überragt vom Kruzifix, das der Küster und Kantor, von zwei Messejungen begleitet, vorantrug. Man sah es dem jungen Kaplan an: es war ein schweres Gehen und Schreiten, ein Pilgern unter den Qualen der Seele und denen des Marterholzes, das er sich selber auferlegt hatte. Ihm war so, als ließe ihm ein ungeschickter Kerzenanzünder unentwegt glühende Wachstropfen auf die Herzgrube fallen. Alle sahen mit ersticktem Schluchzen, wie Henriette Jansen mit ihrem weißen Geleit und in voller Blütenpracht wie eine Königin zum stillen Gottesacker dahinzog. In einer kleinen halben Stunde war dort alles vorüber. Der Kaplan hielt sich tapfer. Nur einen Augenblick mußte der Küster ihn halten. Als die ersten Erdschollen niederfielen, begann es in den Zweigen der großen Eiche zu säuseln. Eine kreisrunde Wolke übersegelte den Friedhof. Ein weicher, laulicher, später Maienregen fiel nieder und segnete die, die nicht mehr aufwachen sollte. Gleich darauf lächelte der Himmel wieder in seiner früheren Reinheit. Heribert Kästner ging allein seines Weges. Am Kirchhofsgatter stieß er auf Severin Baumann. »Herr Kästner, ich habe Gelegenheit. Wir sind allein, und wenn Sie mitfahren wollen. Ich bringe Sie nach Warbeyen hin.« »Innigen Dank. Aber ich habe noch mit dem Kaplan durch die Wiesen zu gehen, um mit ihm einige Worte zu sprechen. Eine Stunde und mehr kann's dauern, und wenn Sie Zeit haben und die Güte hätten, auf mich warten zu wollen ...« »Aber mein hochverehrtester Gönner«, und der Chef des Hauses ›Pietas‹ zog seinen neumodischen Zylinder so würdig und doch so devot von seinem Haupte herunter, daß sich ein Oberzeremonienmeister des Hauses Reuß, Schleitz und Lobenstein ein Exempel daran nehmen konnte, »und wenn ich bis übermorgen mit meinem Wagen hier ausharren müßte ... für einen, der Liebe für meine stille Teilhaberin im Herzen trug und alle Aussichten hatte ...« Heribert Kästner machte eine wehe Bewegung. »Ja so, ich verstehe«, sagte Herr Baumann mit einer unendlichen Zartheit, »aber eins muß ich dartun, schöner ist im Herzogtum Kleve noch keine beigesetzt worden, keine mit so vielen Tränen gesegnet. Eine Königin konnte sie deshalb beneiden.« Er wischte sich ein helles Wasser von den Wimpern herunter. »Also – ich warte an der Gnadenkapelle.« – Das Goldnetz des Abends hing feierlich über der weiten Niederung. Himmel und Erde standen in Gold. Die Wiesen und Felder rings um Heiligenbaum waren mit Myriaden lichter Pünktchen getempert. Die Häuser und Häuschen verbargen sich hinter Erlen und kanadischen Pappeln, deren Blätter sich silberig in einer leichten Brise auf und niederbewegten. Es ging ein Flimmern und Flüstern über die einsame Landschaft. Ein unabsehbarer zartvioletter Farbenrausch von Kuckucksblumen, zwischen denen der seinmaschige Speichel von Schaumzirpen glitzerte, umzirkte den Gnadenort mit den Schleiern eines überirdischen Teppichs. Es war so ... über ihn konnte es mit Engelsfüßchen einhertrippeln, konnte eine lichte Schar von Cherubim und Seraphim ihres Weges daherziehen bei Psalter und Harfen und mit abgedämpften Pauken am Reigen ... und jeden Augenblick konnten ihre Stimmen erwachen und singen und sagen: »Wunderschön Prächtige, Hohe und Mächtige, Liebreich holdselige, himmlische Frau...« so trostreich war es ringsum, so von der Nähe der Gottesmutter umgeistert, als müßte sie jeden Augenblick erscheinen, um in lichtblauem Mantel, ein Kränzlein von sieben Sternlein um Stirn und Schläfen gezirkt lächelnd durch diese Wiesen, über diesen zartvioletten Teppich von Kuckucksblumen zu pilgern. Das Goldnetz zerfaserte. Himmel und Erde schienen in eins zu zerfließen. Vereinzelte Schwalben waren noch rege, teils niedrig am Boden, teils hoch in den Lüften. Die Weiten dämmerten ein. Die Fernen dem Rhein zu nahmen einen violblauen Ton an. Die Sille war jetzt fühlbar, war eine unendliche geworden. Zwei hohe Schatten bewegten sich durch Wiesen und Weiden Heiligenbaum zu. Kurz vor Eingang des Ortes, an einem Heckengäßchen, blieben sie stehen. »Was noch erforderlich war, haben wir alles besprochen«, sagte Heribert Kästner. »Alle Zweifel wurden behoben. Oder hast du noch welche?« »Nein«, sagte der andre. »Nur noch eines bedrängt mich, frißt mir wie ein Geier am Herzen. Immer aufs neue drängt sich mir die Pein und Marter auf: Buße ist nötig. Du hast dich bei deiner vorgesetzten Behörde zu melden. Bei ihr ist die letzte Entscheidung.« Kästner fuhr auf. »Nein«, sagte er schartig, fast unwillig. »Du kennst meine Ansicht, auch die des Dechanten von Warbeyen. Oder glaubst du, wir wären nur dazu da, Spreuicht und leeres Häckselstroh zu dreschen? Oder aber muß ich dir zum drittenmal sagen: es ist des Elends genug? Das Wimmern des Sterbeglöckchens genügt. Oder soll auch die Sturm- und Feuerglocke noch läuten?! Aber du – wenn du ein übriges tun willst«, und seine Stimme wurde zutunlich und ging weich durch den Abend: Gehe in dich, sprich mit dem Dechanten. Der sieht die letzte Not und den letzten Faden in Herz und Nieren. Er deckt sie auf, er heilt sie, er nimmt sie hinweg: nunc et in hora mortis tuae. Er wird dir dasselbe sagen, was ich dir jetzt sage: Nimm Urlaub ... hebe dich auf ... gehe etliche Monde von hinnen ... in die Eifel vielleicht ... in eine einsame Pfarre ... zu einem kleinen aber sprudelfrischen Pastor in verlorene Einöd ... bis die Schwalben abziehen ... und die Schneesternchen fallen und alles zudecken, was vielleicht an Spreuicht noch übrig geblieben ... und die in Münster werden aufatmen und dartun: was nicht erforderlich ist, angeschlagen zu werden, braucht auch nicht an die große Glocke zu kommen. Manche, die fehlten, hoben sich auch von selbst wieder auf, ohne fremde Beihilfe, ohne Zutun irgendeiner lauten Posaune. – Und dann noch: Siehe dorthin ...« und seine Hand deutete über den Rhein fort: »Aus Dämmern und Düstern hebt es sich auf, einfach und dennoch mit Gottesgewalt aus Porst und Sand der Golzheimer Heide gestoßen: starr und nackt – ein Kreuz wie niemals erschauet. Es spricht zu den Völkern der Welt, denn an dieser Stätte zerriß französisches Mörderblei die Heldenbrust Schlageters. Er fiel für sein Vaterland, für seinen Herrn und König ... und er konnte noch lächeln. Dorthin gehe und bete: Ich will sein ein Diener in Gott und ein Diener im Sinne des Reiches, kein Priester der Partei und von jenseits der Berge. Erziehe die Jugend im Sinne des Helden, der fiel, um Deutschland Leben zu geben, Leben und Auferstehen unter einem sacrum imperium . Knie nieder, küsse die Heide – denn die ist heilige Erde. Wer solche Helden erzieht, verdient sich das Himmelreich und den Dank seines Volkes. Und nun gehe in Frieden. Dir wurde vergeben«. Langsam schritten die beiden Schatten einem größeren Schatten zu, der aus Häusern und Häuschen, aus Gärten und Gärtchen emporwuchs: der Gnadenkapelle von Heiligenbaum. Das matte Licht des Abendsterns löste sich sacht aus dem bläulichen Glanz des Abendhimmels. Er wurde immer lichter und freier und glitzerte über der Krone des stolzen Baumes, unter dem die ruhte, die eine Heilige war und sich vielleicht nur einmal vergaß, ihr Herz für eine Augenblicksspanne an den zu vergeben, der es nicht mehr aufnehmen durfte ... um ihr Herz gleich darauf wieder umzukleiden in die weiße Seide für den, für den sie dieses weiße seidene Kleid immer getragen hatte, wenn auch unter Bangen und Zagen, Harren und Hoffen. * Spät noch saß Heribert Kästner in seinem Arbeitszimmer zu Warbeyen. Mit Severin Baumann und Fränzchen, die während der ganzen Fahrt ihr Nastüchlein nicht von den Augen brachte, trat er die Heimreise an. Als sie zu Hause ankamen, brannte noch Licht beim braven Dechanten. Gleich darauf nahm er Abschied von seinen Bekannten und trat über die eigene Schwelle, vermied es aber, das elektrische Licht anzudrehen, weil es ihm zu grell für seine Seele erschien, begnügte sich vielmehr damit, eine Wachskerze auf einem Porzellanstock anzuzünden und Licht und Leuchter auf die grüne Platte seiner Schreibkommode zu stellen. Hier ließ er sich nieder. Dämmerhelle umgab ihn. Er stützte das wehe Haupt in die Hand und dachte an die noch weheren Stunden des Tages. Neben ihm lag noch der aufgeschlagene siebente Band von Goethes neuen Schriften, in der schönen Ausgabe von 1800, verlegt bei Johann Friedrich Unger, Berlin. Er enthielt die neuen Lieder, die Balladen und Romanzen des Dichters. Unwillkürlich legte er die linke Hand auf die aufgeschlagenen Blätter. Er suchte sich zurechtzufinden, sein Herz zusammenzureißen, das Traurige weniger traurig zu machen. So dachte er denn an Kampf und Not und an die Zukunft des Reiches. »Wir wollen kein Reich römisch-deutscher Nation, sondern ein solches mit deutschem Blut und deutschen Waffen errungen, voll des deutschen Geistes. So wie es war, bevor Quertreiber, Pazifisten und Revoluzer es elend zerschlugen. Nicht das Reich des fränkischen Karl, der der römischen Kurie pflichtig wurde und seine Hände mit dem Blut von 4500 hingemordeten freien Sachsen befleckte. Nein, das alte, deutsche, glorreiche Reich aus dem edelsten Mark des deutschen Volkes, edler Fürstengeschlechter und deutscher Errungenschaften. Sei getreu bis in den Tod!« Sein Kopf sank nach vorne. Ihm wurde seltsam zu Sinnen. Es war so, als bewegten sich die leichten Gardinen an den Fenstern, als würden sie durch einen kaum wahrnehmbaren Lufthauch gehoben, als käme es vom Flur aus über die Dielen gegangen, mit den Schritten eines Wesens, das nichts mehr Irdisches an sich hatte. Die Kerzenschnuppe kohlte zusammen, die Flamme büßte ihr emsiges Scheinen ein. »Mein Gott, was geht vor?!« Er weiß nicht mehr, wo er sich befindet, was die Stimme will, die um ihn ist, die ihn umschmeichelt, die aus den aufgeschlagenen Blättern, von der ›Braut von Korinth‹ gar Wundersames berichtet. Seine Augen sind blind, versagen den Dienst, nur Gefühl und Gehör sind so sein und preziös wie die zarten Lichtlein in der Mandorla der ewigen Mutter. Ja, er hört die Blätter deutlich sprechen und lispeln. Er vernimmt jede einzelne Silbe: »Und sie kommt und wirft sich vor ihm nieder, Ach! wie ungern seh' ich dich gequält! Aber, ach! berührst du meine Glieder, Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt. Wie der Schnee so weiß, Aber kalt wie Eis, Ist das Liebchen, das du dir erwählt.« »Henriette ...!« Er breitet die Arme. Seine Augen weiten sich maßlos. Er fühlt ihre Liebe, ihr heißes Verlangen. »Heribert – du ...!« »Liebe schließet fester sich zusammen, Tränen mischen sich in ihre Lust; Gierig saugt sie seines Mundes Flammen, Eins ist nur im andern sich bewußt. Seine Liebeswut Wärmt ihr starres Blut; Doch es schlägt kein Herz in ihrer Brust.« Aber ihre Lippen haften zusammen, lassen nicht voneinander, selbst dann nicht, als bereits die Kerze verglimmt und ein zartes Rauchwölkchen aufsteigt.