Karl Hillebrand Aus dem Jahrhundert der Revolution. Zeiten, Völker und Menschen   1902               Nune fit Catonis illud certius, nec temporis unius nec hominis esse constitutionem reipublicae. Cicero (de rep. II.21)   Seinem lieben Adolph Hildebrand in herzlicher Freundschaft zugeeignet vom Verfasser. Vorbemerkung Den freundlichen Gönnern, welche in dieser neuen Folge gesammelter Essays viele Aufsätze – darunter wohl auch manche, die sie bei der ersten Veröffentlichung gerade am meisten angesprochen – vermissen sollten, sei zur Erklärung gesagt, daß der Verfasser in diesen Band nur solche Arbeiten aufgenommen wissen wollte, welche die Lebens- und Sinnesweise der Menschen vor und nach der französischen Revolution mittelbar oder unmittelbar zu beleuchten geeignet schienen. Der in Vorbereitung befindliche VI. Band soll dann unter dem Titel ›Zeitgenossen und Zeitgenössisches‹, Charakteristiken bedeutender Menschen, (Sainte-Beuve's, Guizot's, Settembrini's u. A.), sowie Studien über die staatlichen und gesellschaftlichen Zustände verschiedener Länder, z. B. Belgien's und Sicilien's, oder auch über gewisse Tageserscheinungen, als Halbbildung, Presse u. s. w., bringen. K.H. I. Montesquieu. Dieser Essay wurde durch ein neues Werk (Histoire de Monesquieu, d'après des documents nouveaux et inédits par Louis Vian; préface d'Ed. Laboulaye. Paris 1878 ) veranlaßt, das der Essayist an einer anderen Stelle einer eingehenden Rezension unterzogen, und dessen Verdienste er gegenüber einer ungerecht abfälligen Kritik besonders hervorgehoben hatte. Jedenfalls bietet es die erste vollständige Sammlung so vieler zerstreuter Notizen über Montesquieu's Leben und Wirken. Nur die Pensées diversesV seines Autors hätte Herr Vian vielleicht besser benutzen können. Ein langjähriger Aufenthalt in Montesquieu's Heimath und wiederholte Besuche in La Brède haben bei dem Schreiber diese Eindrücke hinterlassen, die vielleicht dem Verständnisse der Persönlichkeit nicht unnütz waren; und hier handelt sich's ja um die Persönlichkeit, nicht um die Werke des Mannes, von dem die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts ausgegangen – wovon man ausgeht, dem dreht man ja wohl auch den Rücken zu – und zu welchem die erste Hälfte des unseren so reuig zurückgekehrt ist. Wie fast alle Provinzen Altfrankreichs, mehr als die meisten, hatte die Guyenne im vorigen Jahrhundert noch ihre Sonderexistenz gewahrt. Das Land war erst spät an das Königreich gekommen, und die Spuren der langjährigen englischen Herrschaft hatten sich vor zweihundert Jahren, als Montesquieu geboren ward, haben sich heute noch nicht ganz verwischt. Obschon ihm die weise Politik der französischen Monarchie jeden Rest staatlicher Unabhängigkeit genommen hatte, war es doch in jeder andern Beziehung ein Reich für sich: seine Statthalterei glich einem Hofe, namentlich wenn der königliche Gouverneur, wie in Montesquieu's Jugend, ein natürlicher Sohn Jakob's II. war; es hatte seinen eigenen Adel, sein Parlament, das erste des Königreiches nach dem hauptstädtischen, seine Akademie, die älteste nach denen von Paris und Caen; seine literarische Überlieferung, wie später seine eigene rednerische Schule: ja im häuslichen Verkehr hatte man noch bis in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts seine eigene Sprache; und – Paris war weit. Das Leben war ein heiteres in diesem gesegneten Lande: die Nähe des Weltmeers, zu dem der breite Strom bequem hinunterführte, wahrte die weite Aussicht, wirkte abgeschlossenem Provinzialismus entgegen, erinnerte den Bordelesen an das, was der Pariser so gerne vergißt, daß es auch außer Frankreich noch Land und Leute giebt. Ein alter, verbreiteter Wohlstand, gegründet auf den unmittelbaren Umgang des Menschen mit der Natur, d. h. auf Reichthum des Bodens und überseeischen Handel; ein mildes und doch belebtes Klima; eine anmuthige mannigfaltige Landschaft; eine reiche Auswahl edelster und kräftigster Bodenerzeugnisse; ein leichter Verkehr zu Wasser und auf ebenen oder doch mäßig steigenden Landstraßen – all' das erlaubte Fülle des Lebensgenusses, indem es zugleich erkünstelte Bedürfnisse wie künstliche Befriedigung derselben entbehrlich machte. Das Temperament des Gascogners ist lebhaft, ohne leidenschaftlich zu sein; sein Verstand klarer als tief; sein Witz hat mehr Körper und Farbe als der des Nordfranzosen; die ihm angeborne Leichtigkeit des Sichaneignens und Wiedererzeugens, die man Talent nennt, verleitet ihn nicht so oft zur Trägheit oder Nachlässigkeit als den Südländer, weil ihm der französische Amour-propre die Wage hält, welcher nicht gerne sieht, daß eine Leistung unter dem Können bleibe. Die Gascogne rühmt sich keines Metaphysikers noch eines jener Dichter, welche die zartesten und tiefstliegenden Saiten des Herzens berühren: aber der liebenswürdigste Lebensweise und Geistesepikuräer, Michel de Montaigne, ist ein Kind der Garonne, und der Gelegenheits-Dichter, der Redner, der Publizisten zählt Bordeaux mehr als irgend eine Stadt Frankreichs. Der größte dieser Publizisten, Montesquieu, gehörte, wie Montaigne und dessen Freund La Boëtie, dem Parlamente von Bordeaux an. Die französischen Parlamente waren thatsächlich das Correctiv des Absolutismus in Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts; und wenn Montesquieu von der Monarchie spricht, unter der das Gesetz herrscht, im Gegensatze zum Despotismus, wo nur die Laune des Staatsoberhauptes gilt, so hat er stets die französischen Parlamente im Sinne. Der Gerichtsadel ( la noblesse de robe ) ergänzte sich seit dem Mittelalter meist aus dem reichgewordenen Bürgerstand, aus dem er hervorgegangen, und der Waffenadel sah – und sieht – nicht ohne Hochmuth auf die Robins herab, selbst wenn sie wie die Pasquier, die Molé schon im 16. Jahrhundert die Robe mit Ruhm getragen. Auch Montesquieu's Adel reichte ins 16. Jahrhundert zurück, und seine zwei Großväter wie sein Onkel waren sogar Präsidenten à mortier – und das Parlament von Bordeaux hatte nur zwei Présidents à mortier , So genannt von der mörserförmigen Mütze, welche sie trugen und noch tragen. einen Premier président und neun Räthe, ohne die »stehenden« Mitglieder zu rechnen. Montesquieu selber ward Rath mit fünfundzwanzig, Präsident mit siebenundzwanzig Jahren: denn die Stellen waren erblich. Er hatte, wie die meisten seiner Standesgenossen, einen sehr ausgesprochenen Adelsstolz, aber wie die meisten seiner Standesgenossen auch ein sehr lebhaftes Gefühl dessen, was er seiner Würde schuldig war. Nicht nur äußerlich trug er dafür Sorge, daß sein Name nicht aussterbe oder die, welche ihn tragen würden, nicht in unangemessene Dürftigkeit sänken; auch in der eigenen Erziehung, wie in der seines Sohnes, in der Unbescholtenheit des Lebens, der Erfüllung seiner Pflichten als Richter und als Großgrundbesitzer, in dem Verkehr mit den vornehmsten Geistern des Alterthums, in der Gewohnheit höheren Interessen zu leben, bethätigte er das » noblesse oblige «. Und wenn die Individualitäten von Montesquieu's Schlage nicht gerade nach Dutzenden zählen, der Typus wenigstens lebt noch heute in Hunderten von Exemplaren in Frankreich. Die französische Magistratur ist jetzt eben in einer tiefen Umwandlung begriffen. Von allen Fehlern und Versündigungen, welche das zweite Kaiserreich begangen, ist wohl nicht die geringste die, diese Umwandlung herbeigeführt zu haben. Man erkennt darin ganz den unhistorischen Geist des dritten Napoleon, so ungleich seinem Oheim, der recht im Gegentheil Alles gethan, um der französischen Magistratur, nachdem er sie jeder politischen Macht entkleidet, das gesellschaftliche Ansehen zu sichern, das nur die Tradition giebt. Mit diesem Ansehen hatte sich auch die Unabhängigkeit auf den Richterstand der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vererbt. Jene Tradition ist aber abgebrochen worden durch die willkürliche Versetzung der Richter von einer Gegend in die andere und durch das massenhafte Eindringen bedürftiger und somit gefügiger Neulinge, welche persönlicher Ehrgeiz, nicht Standesehrgeiz treibt: was ist ihnen der Stand, in dem sie selber als Fremdlinge angesehen werden? Die rohe Hand der seit dem Sturze der konservativen Republikaner (1879) an's Ruder gekommenen demokratischen Republikaner hat denn das Zerstörungswerk in wenig Monaten rücksichtsloser »Epuration« mächtig gefördert. Die kommende Generation wird den altfranzösischen Richterstand nur noch von Hörensagen kennen. Noch vor dreißig Jahren, wie zur Zeit Montesquieu's, gehörten die Richter einer Provinz fast ausschließlich dieser Provinz an; wie damals, wenn auch nicht mehr erkauft, noch ererbt, sondern erdient, blieben die Stellen in gewissen Familien; nur wer in solche Familien hineinheirathete oder aus angesehenem Bürgerhause ansehnliches Vermögen als Bürgschaft seiner Unabhängigkeit mitbrachte, füllte die nach und nach entstehenden Lücken. Heute rekrutiert sich der Richterstand fast wie die Verwaltung, aus Kreaturen der Regierung. Die alte Überlieferung von Selbständigkeit, klassischer Bildung, innerer Würde verliert sich immer mehr, und die äußere Würde, welche der Stand noch immer um sich hängen zu müssen glaubt, ist ein schlechter Ersatz dafür. Was früher unbewußt angenommene, von den Voreltern überkommene Haltung war, wird mehr und mehr bewußte Heuchelei. In dem Richter hatte sich so zu sagen das französische Wesen getheilt: die kindliche Heiterkeit hatte ihr Theil gesondert vom männlichen Ernste. Hier strengste, würdevolle Haltung, dort anmuthiges Sichgehenlassen. Fast kein Magistrat – so nennen die Franzosen nicht die Stadtbehörde, sondern die Gerichtsbeamten – der nicht sein Madrigal zu machen, beim Nachtisch ein Liedchen zu singen, im Salon einer Schönen mit Witz und Keckheit den Hof zu machen gewußt. Sobald er aber den rothen Talar (die robe ) angelegt, machte der Privatmensch dem öffentlichen, der Einzelne der Obrigkeit Platz. So ist's nun freilich auch heute noch; namentlich gilt das libertin comme un robin in unseren Tagen wohl noch mehr als in denen Montesquieu's; aber man fühlt jetzt den Widerspruch, man schämt sich desselben, man sucht ihn zu verbergen, wo man in früheren Zeiten ganz unbefangen, fast ungewollt, vor der Öffentlichkeit das Standesgefühl und die Standeswürde herauskehrte, daheim und unter Freunden nur Mensch, ganz Mensch war im Sinne des menschlichen Jahrhunderts. So berührt uns denn auch jener Widerspruch nie verletzend: wir finden ganz natürlich, daß Präsident Hénault Mme. du Deffand's Geist und Liebe genieße, daß Präsident de Brosses seiner unverwüstlichen guten Laune in Venedig und Florenz den Zügel schießen lasse, wie Präsident de Montesquieu seine gutmüthige, aber keineswegs unverfängliche Satire in den Lettres persanes über die französische Gesellschaft und ihre Sitte ausgießt; nie kommt es uns in den Sinn, darum ihre richterliche Unbestechlichkeit, Kaltblütigkeit, Besonnenheit, Menschen-, Geschäfts- und Gesetzeskenntnis in Zweifel zu ziehen. Montesquieu war zweiunddreißig Jahre alt und seit sechs Jahren verheirathet, seit fünfen Präsident, als er, natürlich anonym und in Holland, jedoch unter Mitwissen aller Bekannten, seine Lettres persanes veröffentlichte (1721). Sein Leben war bis dahin ganz das normale Dasein eines jungen Mannes aus dem Gerichtsadel der Provinz gewesen; erst einige Jahre nach der Veröffentlichung seiner Erstlingsschrift gestaltete sich dieses Leben als ein größeres, weiteres, ward der Schauplatz desselben verlegt. Obschon er seine Gymnasialbildung im Norden in der berühmten Oratorieranstalt von Juilly bei Meaux, erhalten hatte, wo er nahezu elf Jahre verweilt (1700 bis 1711), so lebte er sich doch wieder in der Heimath ein, deren Aussprache er nie ablegen sollte, weil er, wie d'Argenson meinte, »es so zu sagen unter seiner Würde fand, sich darin zu korrigieren«. »Montesquiou« – so nannte er sich stets selber – studierte seine Rechte in Bordeaux, das er bis an sein Ende »Bourdeaux« schrieb, machte dort den Damen den Hof, verheirathete sich »standesgemäß«, ohne indessen jene leichtere Beschäftigung aufzugeben, dichtete schlechte Sonette, machte naturwissenschaftliche Forschungen und Mittheilungen, die zur Voraussetzung berechtigen, daß Newtons Entdeckungen noch nicht bis an die Ufer der Garonne gedrungen waren, las die alten Römer und wachte über seine Weinberge, sprach Recht und hielt schöne Mercurialen (Inauguralreden), deren eine bis zum Ausbruch der großen Revolution alljährlich niedergedruckt wurde; vor allem aber bemühte er sich um die Akademie von Bordeaux, die zeitlebens sein Schoßkind blieb. Er stiftete Preise, die sie zu vertheilen hatte, verwandte sich für ihre Interessen, wo dieselben bedroht waren, schrieb zahlreiche Aufsätze für sie, bald historischen, bald juristischen Inhalts, oft auch naturwissenschaftliche Abhandlungen, oder was der Provinzialdilettant für naturwissenschaftlich hielt. Fortan aber, und bald nach dem großen Erfolg der Lettres persanes , den er in den Pariser Salons in vollen Zügen genossen und noch durch seinen, eben auch nicht sehr tugendhaften, Temple de Gnide vermehrt hatte, duldete es ihn nicht länger in der Hauptstadt der Guyenne, und trotz seiner schönen Freundinnen und seiner Familie, die er wohl liebte, wie er selbst sagte, aber indem »er sich in den Kleinigkeiten des täglichen Lebens freihielt« » J'ai aimé ma famille pour faire ce qui allait au bien dans les choses essentielles; mais je me suis affranchi des menus détails. « ) trotz so vieler gelehrter und witziger Freunde, trotz seiner geliebten Akademie sogar, siedelte er nach Paris über, wo er fortan den Winter zubrachte, während er im Sommer in seinem Schlosse bei Bordeaux verweilte. Die Beweggründe waren verschiedener Art: er war des Richteramtes müde, das ihm viele Zeit raubte und ihm nicht gestattete, an dem schon in's Auge gefaßten Hauptwerke seines Lebens zu arbeiten; er hatte sich in der Hauptstadt einem Kreise ausgezeichneter Männer angeschlossen, welche im Hotel des Präsidenten Hénault jene unter dem Namen des Club de l'entresol bekannte Gesellschaft gebildet hatte, die später der Académie des sciences morales et politiques zum Muster diente; er war wieder einmal verliebt und diesmal ernstlicher denn gewöhnlich; seine nicht eben spröde Geliebte aber bewohnte das Hotel Soubise und war keine andere als die schöne Enkelin des großen Condé, die vielberufene Mlle. de Clermont, für welche er den Temple de Gnide gedichtet hatte; endlich, last not least , man hatte ihn nicht in die Académie française aufnehmen wollen, weil er nicht Paris bewohnte, und Montesquieu war zu sehr Franzose, als daß er hätte ruhig schlafen können, ohne diese höchste Auszeichnung zu erlangen. So verkaufte er denn seine Stelle, richtete sich in einem Zwischenstück der rue St. Dominique, nicht weit von Mme. du Deffand's St. Joseph – dem heutigen Kriegsministerium – ein und ward mit siebenunddreißig Jahren Pariser (1726). Doch nur zum Theil; denn die Hälfte seines Daseins gehörte von nun an seiner geliebten la Brède, wo er geboren und aufgewachsen, deren Namen er bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre getragen, wohin er seinen größten Schatz, seine Büchersammlung, geflüchtet, deren Garten er in den ersten englischen Park Frankreichs umwandelte, deren Ertragsgüter er auszudehnen, vor allem aber durch verbesserte Bewirthschaftung ergiebiger zu machen nicht müde ward. Und wer das mittelaltrige Schloß gesehen hat – es stammt aus dem 13. Jahrhundert – mit seinem breiten Graben, seinem massiven Thurm, seinem herrlichen luftigen Büchersaal, seinem dichten Gehölz, seinen üppigen Wiesen, seinen lachenden Durchblicken, kann's ihm nicht verdenken, wenn er am liebsten dort verweilte unter seinen Büchern und seinen Bauern; selber fast ein Bauer, wie ihn einst zwei neugierige Engländer dort antrafen, im Kittel, einen Rebpfahl auf dem Rücken, die Schlafmütze auf dem Kopfe. Drei Tage lang hielt er sie bei sich, drei Tage lang gefesselt durch seine unversiegbare, lebendige, ideenreiche Unterhaltung, in der sich der Bauer gar bald als der feinste Geistesaristokrat entpuppte. War schon diese Existenz eines reichen Landedelmannes im vorigen Jahrhundert etwas Seltenes in Frankreich, so war's noch mehr das Reisen eines französischen Aristokraten, und gar das Reisen, nicht um sich zu amüsiren wie der Präsident de Brosses, sondern um etwas von den Fremden zu lernen. Montesquieu verließ im Frühjahr 1728 Paris, wo er den Winter zugebracht, und reiste mit Lord Waldegrave, dem britischen Gesandten, der sich auf seinen neuen Posten nach Wien begab, in kleinen Tagereisen durch Deutschland, nach Österreich und Ungarn. Von dort ging's, diesmal in Begleitung Lord Chesterfield's, nach Venedig und Florenz, wo ihm, wie er meinte, zuerst die Augen über das wahre Wesen der Kunst aufgingen. Der Ort wäre wohl dazu angethan gewesen; ob aber Montesquieu nicht, wie sein College de Brosses vor ihm und Wolfgang Goethe nach ihm, etwas ganz anderes in Florenz bewunderte, als was wir dort genießen, erscheint zweifelhaft. Auch ist es erfreulich zu erfahren, daß Montesquieu sich am Arno nicht auf Kunststudien beschränkt, sondern der schönen Marchesa Ferroni, die damals den Scepter der florentinischen Gesellschaft hielt, Für Florenzkenner sei hinzugefügt, daß die Ferroni damals den Palazzo Spini am Ponte S. Trinità bewohnten, wo jetzt Vieusseux bekanntes Lesekabinet und der Circolo filologico untergebracht sind. Doch hatten sie noch einen Palast jenseits des Arno, in Via de'Serragli. eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmete. Mehr noch fesselte ihn Rom. Montesquieu hatte stets eine geheime wahlverwandtschaftliche Vorliebe für die Vaterstadt der Rechtswissenschaft und das Muster des Aristokratenstaates gehabt. In Rom selbst war es, wo der Plan zu seinen Considérations sur la grandeur et la décadence des Romains in ihm reifte. »Ehe er Rom verließ, verabschiedete er sich vom heiligen Vater. Benedict XIII. sagte ihm: »Lieber Präsident, Sie sollen ein Andenken an meine Freundschaft mit sich nehmen. Ich erlasse Ihnen und Ihrer ganzen Familie auf lebenslang das Fasten.« Montesquieu dankt dem Papste und verläßt ihn. Am folgenden Tage bringt man ihm die Dispensbulle und die Rechnung der Dateriakosten. Der stets sparsame Gascogner gab dem Überbringer das Patent zurück und fügte hinzu: »Der Papst ist ein braver Mann; sein Wort genügt mir und ich hoffe auch dem lieben Gott.« Von Italien wandte sich Montesquieu über Turin, den Rhein entlang durch Holland nach England, wo er bei Lord Chesterfield abstieg und im Ganzen anderthalb Jahre verweilte. Bald kannte er die ganze Aristokratie – auch Lord Marlborough's Schwiegersohn, der ihm einen höchst unzarten Studentenstreich spielte (er übergoß ihm den Kopf mit einem Eimer kalten Wassers), ohne daß der Präsident es übel genommen hätte, – und viele schöne Damen, bei denen er sein Englisch versuchte, das dem gutmüthigen Franzosen noch mehr Gelächter zugezogen zu haben scheint, als der brutale Scherz, ein echt englischer practical joke , mit dem ihn sein edler Wirth bewillkommnet hatte. Auch am Hofe wurde der Autor der Lettres persanes empfangen, die Royal Society machte ihn zum Ehrenmitgliede, wie früher die Akademie von Cortona, auf den Ruf seiner Abhandlungen für die Académie de Bordeaux hin. Er sah noch Swift und Pope, ging viel mit dem allmächtigen Walpole um, besuchte das Parlament recht fleißig und trotz aller seiner Bewunderung für das Regierungssystem Englands, sah er sehr wohl, »daß die Minister an nichts dachten, als über ihre Feinde zu siegen, und daß sie ihr Land verkaufen würden, um zu diesem Ziele zu gelangen.« Immerhin war der Aufenthalt in England entscheidend für Montesquieu, wie er es für Buffon gewesen war, wie er's für Voltaire werden sollte. Keiner aber hat das Wesen Englands besser erfaßt, als Montesquieu, der mütterlicherseits englisches Blut in den Adern hatte und in einem einst englisch verwalteten Lande geboren und erzogen war. Eben weil er das Wesen des englischen Staates so richtig aufgefaßt, ist Montesquieu's Lehre in Frankreich, trotz so vieler Schüler, nie über die Epidermis eingedrungen. Man nahm die Theorie der Trennung der drei Gewalten an, das unverantwortliche Königthum, die parlamentarische Gesetzgebung, die zwei Kammern sogar, aber man vergaß oder man wollte nicht hören, daß Alles das nur lebensfähig sei, wo eine bevorrechtete Aristokratie besteht: »Schafft in einer Monarchie die Vorrechte der Herren, des Klerus, des Adels und der Städte ab, und Ihr werdet entweder einen Volksstaat oder eine Despotie haben.« Letzteres hat man denn auch reichlich gehabt in Frankreich, ersteres versucht man gerade jetzt; die Liberalen und die Doktrinäre aber, die eine englische Verfassung ohne englische Verhältnisse geträumt, haben die Wahrheit des Montesquieu'schen Satzes schmerzlich genug erfahren müssen. Nach drei Jahren Abwesenheit (1731) kehrte Montesquieu in seine geliebte la Brède zurück. Fragte man ihn, wie er's da draußen gehalten habe, so antwortete er: »Wie die Leute selber: in Frankreich schließe ich mit Jedermann Freundschaft; in England mit Niemand; in Italien mache ich Allen Komplimente und in Deutschland trinke ich mit Jedermann.« Wenn man ihn aber fragte, wo er am liebsten sein möchte, so erwiderte er: »Deutschland sei zum Reisen gemacht, Italien zum Aufenthalt, England zum Denken und Frankreich zum Leben.« Die übrigen vierundzwanzig Jahre Montesquieu's bis zu seinem Tode (1755) waren ausgefüllt durch geselligen Verkehr, in dem er ein Meister war, Bewirthschaftung seiner Güter, was er auch nicht übel verstanden zu haben scheint, und Abfassung seiner zwei unsterblichen Werke, der »Betrachtungen über die Größe und den Verfall der Römer« und des »Geistes der Gesetze«. Montesquieu war in die Freundschaft vernarrt ( je suis amoureux de l'amitié, sagt er) und er liebte die Unterhaltung, wie sie nur liebt, wer darin glänzt oder darin Nahrung findet. Er that beides. In zahlreicher Gesellschaft war er wie alle andern, wenn man Lord Chesterfield Glauben schenken darf; aber »im gewählten Kreise war niemand liebenswürdiger, geistreicher, gab sich niemand mehr« ( personne n'etait ... plus tout à tous). Er belebte sich ungemein, die Witzworte sprudelten aus seinem Munde und sein Witz war nie verletzend wie der Voltaire's. Die Damen fanden großes Gefallen an seinem Gespräch und, obwohl sie in jenen Tagen schon etwas Derbes vertrugen, war Montesquieu's Scherz nie gemein. Seine Harmlosigkeit machte, daß er niemandem im Wege war, wenn er glänzte; aber er wußte auch sich zurückzuziehen, andere gelten zu lassen; verstand zu hören und hörte gern. »Der Mann,« sagte die Herzogin von Chaulnes mit jener unsagbaren Nuance des hohen Hofadels gegen den Gerichtsadel, »der Mann kam in Gesellschaft, um sein Buch zu machen: er behielt alles, was sich darauf bezog.« Als jene Engländer ihn in seiner Einsamkeit von la Brède aufsuchten, wurde er nicht müde, sie über ihre Reisen, namentlich über den Orient auszufragen, und so sein Leben über; von Allem suchte er zu lernen; selbst aus schlechten Romanen und schlechten Gedichten, obwohl der alte Fuchs, der sich viel und nicht glücklich im Dichten versucht hatte, eine große Verachtung für die Verse herauszuhängen liebte. Selten war ein Mensch durch Naturanlage und Verhältnisse mehr zum edelsten Epikuräismus befähigt als der Präsident; und er war ein bewährter Epikuräer. Er kannte sich selbst und bildete sein Genußtalent zur Virtuosität aus. Arbeit und Mildthätigkeit aber waren ihm so hohe Genüsse als geistreiche Unterhaltung, anregende Lektüre und seine Tafel. »Meine Maschine ist so glücklich zusammengesetzt,« sagt er selber, »daß ich von allen Gegenständen lebhaft genug ergriffen werde um sie zu genießen, nicht lebhaft genug um darunter zu leiden.« Und wie jedem echten Genußkünstler waren ihm die einfachsten, ersten Gaben der Natur auch die Gegenstände des lebhaftesten Genusses. Der Heitere nahm stets, wie die Alten, die Gegenwart, das Seiende als das Selbstverständliche, zu Genießende, verdarb sich nie das Leben mit Wünschen nach dem Unerreichbaren, mit Gram ums Unabänderliche. »Ich erwarte den Morgen mit einer inneren Freude, das Licht zu sehen; ich sehe das Licht mit einer Art Entzücken und bin den ganzen übrigen Tag zufrieden.« Auch gemeinnützige Thätigkeit war ihm ein Genuß; aber ehrgeizig war er nicht und es lag ihm ferne sich für einen Helden der Bürgertugend auszugeben. »Ich bin ein guter Bürger, schreibt er einmal, aber in welchem Lande ich auch geboren wäre, wäre ich's ebenso gewesen. Ich bin ein guter Bürger, weil ich immer zufrieden mit dem Zustande gewesen bin, in dem ich mich befand.« Doch war diese Zufriedenheit nicht nur eine passive Tugend; sie war auch Verdienst, Ergebnis weiser Selbstbeschränkung und wahrer Bescheidenheit. »Ich danke dem Himmel dafür, daß er, der mich in allem mittelmäßig angelegt hat, meiner Seele ein wenig Mäßigung hat verleihen wollen.« Je rends grace au ciel de ce qu'ayant mis en moi de la médiocrité en tout, il a bien voulu mettre de la modération dans mon âme Man hat von Montesquieu gesagt: er habe einen englischen Charakter und einen französischen Geist gehabt. Solche bestimmte Rubriken in psychologischen Dingen sind immer und nothwendig ungenau. In Montesquieu insbesondere waren »die Elemente so gemischt«, um mit Shakespeare zu reden, daß es schwer ist, sie auseinanderzuhalten. Doch herrscht der Franzose, speziell der Gascogner, durchaus vor in seinem Wesen; das Englische an ihm ist mehr das Zufällige, Äußere: die Lebensstellung, allerdings auch die Lebensführung, welche indeß mehr dem in England herrschenden Stande, als England angehört; die Sympathie freilich auch mit englischen Ideen. Allein er ist ganz Franzose in der Sorgfalt, mit der er die Form bearbeitet, die er diesen Ideen giebt, in der Lust am Generalisiren oft nach unzureichenden Thatsachen: in der Lebendigkeit des Temperaments, in der Schlagfertigkeit des Witzes, in der unentwurzelbaren Achtung vor der Sitte, – einer Achtung, die dem Engländer stets etwas Überwindung kostet, dem Franzosen aber leicht ist wie eine zweite Natur. Montesquieu verheirathet sich, wie's die Sitte will, stirbt im Schoße der Religion, wie's die Sitte will, unterwirft sich der weltlichen wie der geistlichen Autorität ohne Zaudern und Murren, wo's nöthig ist um eine äußerliche Ehre, die zur Stellung gehört, zu erhalten: und das alles hindert ihn nicht, sich über Ehe und Kirche, weltliche und geistliche Obrigkeit lustig zu machen, »wo es sich geziemt,« d. h. wo es am Platze ist: denn der Takt verläßt ihn nie. Montesquieu hat eine Abhandlung über Konsideration und Reputation geschrieben, die leider verloren scheint, von der aber viele und ausgedehnte Citationen in einem Blatte der Zeit, welches eine Rezension der Schrift gab, erhalten sind. Darin sagt er ganz offen: »Ein Ding, das uns mehr als alle Laster die Konsideration entzieht, ist die Lächerlichkeit. Eine gewisse linkische Weise entehrt eine Frau weit mehr als eine Galanterie.« Das spricht der Franzose; der Philosoph fügt hinzu: »Da die Laster fast allgemein sind, ist man übereingekommen, das Kriegsrecht gegen sie zu wahren ( de se faire bonne guerre ); aber da jede Lächerlichkeit persönlich ist, giebt man ihr kein Quartier.« Wie sehr es ihm aber um die Konsideration zu thun ist, gesteht er eben so unumwunden: »Ein Mann aus gebildeten Kreisen (so übersetze ich das honnête homme Altfrankreichs), der in der Gesellschaft angesehen ist, ist im glücklichsten Zustande, in dem man sein kann. Die Konsideration trägt viel mehr zu unserem Glücke bei, als Geburt, Reichthum, Ämter, Würden ...« Wer ihrer theilhaftig ist, »genießt alle Augenblicke die Rücksichten derer, die ihn umgeben: er begegnet in der geringsten Bewegung einem Zeichen der allgemeinen Achtung, seine Seele ist aufs wohlthuendste ( délicieusement ) in jener Befriedigung erhalten, welche die Befriedigungen fühlbarer macht und in jenem Vergnügen, das die Vergnügen selbst erheitert.« Auch versäumt er, als echter Franzose, nicht so leicht etwas, das ihm jene »wohlthuende« Empfindung verschaffen könnte; was thut er nicht, um in die Akademie zu kommen! Wie bemüht er sich, seine Baronie zu einem Marquisate erheben zu lassen! Aber er ist konsequenter als die meisten seiner Landsleute: er rühmt die Gleichheit nicht; er preist die Auszeichnungen. Dabei hat seine Eitelkeit nichts Verletzendes für andere. Montesquieu war nicht neidisch, wie z. B. Voltaire, dem der hochgeborene »konsiderirte«, Montesquieu und sein Ruhm zeitlebens ein Dorn im Auge war; der die Lettres persanes »leichte Waare, ein ärmlich Buch« ( c'est du frétin, c'est un piètre livre ) nannte; die »Größe und den Verfall« wie den »Geist der Gesetze« hämisch kritisierte, ohne sie nur recht gelesen zu haben. »Voltaire hat zu viel Geist, um mich zu verstehen, meinte Montesquieu. Alle Bücher, die er liest, macht er sich selber; worauf er billigt oder mißbilligt, was er gemacht hat.« In der Privatunterhaltung entschlüpfte es ihm allerdings zu sagen: »Voltaire ist vielleicht der Mensch, der die meisten Lügen in der kürzest möglichen Zeit sagt.« Doch griff er nie Voltaire's Werke an, wie er sich überhaupt auf Kritik nicht einließ. Das hätte ihn in mißliebige Zänkereien hineingezogen, und er liebte zu sehr seine Ruhe, war zu vornehm, um wie der beweglich bissige Emporkömmling an solchem Witzspiel mit scharfer Waffe sein Gefallen zu finden. Montesquieu ließ stets den Knopf am Fleurett. Die Gutmüthigkeit und der Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, waren zwei hervorstechende Züge im Wesen des Präsidenten. »Ich verlange ja nichts von dieser Welt, sagte er, als daß sie sich ruhig um ihre Achse drehe.« Freilich, wenn man ihn nicht in Ruhe ließ, wußte er zu antworten, so namentlich, wenn man ihn in seiner geliebten La Brède belästigte, wie's wohl zu Zeiten kommen mochte, wenn unbequeme Nachbarn, oder übereifrige Regierungsbeamten ihm etwas vorschreiben wollten. So klagte der Intendant dem Generalcontrolleur – wir würden sagen der Oberpräsident dem Minister – der Sieur de Montesquieu pflanze Weinstücke, wo es nicht erlaubt sei und vertheidige sein Recht durch impertinente Denkschriften: »Da es Herrn von Montesquieu nicht an Witz fehlt, geniert er sich nicht, Paradoxe aufzutischen, und schmeichelt sich, es werde ihm ein Leichtes sein, mit ein paar glänzenden Argumenten die albernsten Dinge zu beweisen. Ich bitte Sie, mir zu erlauben, nicht auf seine Denkschrift zu antworten und nicht in die Schranken gegen ihn zu treten: Er hat nichts zu thun, als Gelegenheiten auszuspüren, um seinen Witz zu üben. Ich habe ernstere Dinge, die mich beschäftigen.« Montesquieu gewann auch diesen Prozeß wie fast alle und als echter Gascogner verkaufte er seinen guten englischen Freunden alljährlich das Gewächs, das er so vermehrt hatte. Denn Montesquieu war ein so trefflicher Hauswirth, als er ein thätiger und einsichtiger Landwirth war. Am Ende seines Lebens hatte er seine Einkünfte nahezu verdoppelt. Seine Ordnung war sprüchwörtlich, und er schenkte nicht so leicht einen Heller, auf den er ein Recht hatte. Dabei war er – auch darin ein echter Franzose – die Mäßigkeit selber: frühstückte mit einem Glas Wein und einem Stückchen trocknen Brots und soll auch seine Kutschenpferde nicht viel fetter gehalten haben als Harpagon die seinen hielt, wenn man anders Molière Glauben schenken darf. Seine Kleidung war beinahe ärmlich. Auch konnte er nie Ausdrücke finden, die stark genug waren, seinen Gefühlen über das Laster der Verschwendung Ausdruck zu geben; und wenn die in Amerika reichgewordenen Bordelesen an dem Strand der Garonne ihre Schätze aushängten, meinte er, »sie hängten ihre Dummheit aus«. Allein man würde weit fehl gehen, wenn man glaubte Montesquieu sei geizig gewesen. Herr Vian erzählt uns vier vollständig beglaubigte Anekdoten über seine Liberalität, deren eine bewunderungswürdiger ist als die andere: vor allem war er gegen seine Bauern die Güte selbst, verlangte nur geringe Pacht und, obschon er in der Theorie und in der Unterhaltung die größte Strenge gegen die Wilddiebe predigte, drückte er in der Praxis gar oft ein Auge zu. So war er auch unbarmherzig in Worten gegen die Projektenmacher; aber er unterstützte mit klingender Münze den armen Erfinder eines Chronometers, der ihm in den Wurf kam. Als er einst erfuhr, die Bauern auf einem seiner entfernten Güter litten an Hungersnoth, weil der Krieg die Getreideeinfuhr gehindert, reiste der alte Herr mitten im Winter hin, versammelte die vier Pfarrer der Ortschaften, übergab ihnen alles Getreide in seinen Lagern zur Vertheilung – für mehr als 6000 Livres – und nachdem sie ihm das Geheimnis versprochen, machte er sich wieder davon. Im allgemeinen liebte er nicht bedankt zu werden. Es giebt eine Geschichte aus seinem Leben, die auch dramatisch behandelt worden ist, wie er einem armen Jungen, von dem er zufällig erfahren, sein Vater schmachte als Sklave in Tetuan, diesem seinen Vater losgekauft, ohne daß der Freigelassene noch sein Knabe je den Namen des Wohlthäters hätte erfahren können; und Herr Vian, der gern seine christlichen Gefühle an den Tag legt, meint, St. Vincenz von Paula wäre gewiß zartfühlender gewesen, hätte sich dem Danke nicht entzogen. Auch der keineswegs christliche Sainte-Beuve macht seine Vorbehalte gegen diese Art von Wohlthätigkeit. »Ehren wir, achten wir die natürliche und verständige Freigebigkeit; aber erkennen wir doch an, daß dieser Güte und dieser Mildthätigkeit eine gewisse Flamme fehlt, wie diesem ganzen Geist und dieser Gesellschaftskunst des 18. Jahrhunderts eine Blüthe der Phantasie und Poesie fehlt. Nie sieht man in der Ferne das Blau des Himmels noch den Schimmer der Sterne.« So unbestreitbar die zweite Hälfte dieses Satzes, so zweifelhaft ist die erste Hälfte: es sind die zartesten Seelen, welche in der Furcht, ihrer Bewegungen nicht Meister sein zu können, sich zu verbergen suchen, wenn die Thräne quillt, oder sie mit einem Scherz weglachen, und wenn Montesquieu mit seiner Unempfindlichkeit renommierte: »Ich war der Freund aller Geister und der Feind aller Herzen,« so geschah es offenbar nur, um sich gegen die Weinerlichkeit seiner Zeit zu wehren: denn das 18. Jahrhundert war vielleicht nur deshalb so unkünstlerisch, weil seine Empfindsamkeit eine zu wirkliche war, das Subjekt zu sehr beherrschte, um ihm zu erlauben, sie künstlerisch zu objektieren. Erst Goethen war es gegeben, dieser Empfindsamkeit Herr zu werden, und ihm ist es denn auch gelungen, sie dichterisch darzustellen. Das 18. Jahrhundert war ein wenig wie Montesquieu; gar strenge in der Theorie, in der Praxis gerne nachsichtig: in der Form war alles Konvention; im Wesen war oft das Menschliche allein giltig. Es ging mit fast allem wie mit Montesquieu's Heirath. Die Gesetze erklärten die gemischten Ehen für Konkubinate, die daraus entsprossenen Kinder für Bastarde, verwiesen die Leichen der so Verheiratheten auf den Schindanger; in Wirklichkeit heirathete ein Präsident des Parlaments von Bordeaux, der mit Anwendung solcher Gesetze betraut war, eine Protestantin und die es blieb. Heute würde Montesquieu in Bordeaux keinen Priester finden, der ihn traute Verspräche er die Kinder katholisch zu erziehen, so würde sich einer vielleicht herablassen, die Ehe zu segnen, auch dann nicht einmal in der Kirche, sondern höchstens in der Sakristei. und begnügte er sich mit der Civilehe, so würde Mme. de Montesquieu nicht in der Gesellschaft empfangen werden. Ich will nicht sagen, daß es nicht besser wäre, gesetzliche Freiheit zu haben als gesellschaftliche: ich will nur daran erinnern, daß die letztere größer war im 18. Jahrhundert als heute. Von jenem gilt wirklich das Wort von den »schlechten Gesetzen, welche der Mißbrauch korrigiert«. Man denke an die Akademie: und was einer dem ersten Gelehrten Frankreichs, Herrn Littré, vor zehn Jahren zugestoßen ist, als es dem Bischof Dupanloup und Herrn Guizot gelang, ihn von der erlauchten Versammlung fern zu halten, weil er ein Freidenker sei. Wie anders Kardinal Fleury mit Montesquieu! Der hatte auch seinen Dupanloup, den Vater Tournemine, der die Lettres persane denunzierte, welche gerade das Anrecht des Präsidenten auf die akademische Ehre ausmachten. Und in Wahrheit, die beiden Perser Montesquieu's waren nicht glimpflich mit den Mönchen und dem »Zauberer von Rom, der glauben machen will, drei mache eins,« umgesprungen. Fleury, der als regierender Minister sein Veto zu geben hatte, erhob keinen Einspruch, wie er ja auch Voltaire's »Mahomet« gegen die Eiferer in Schutz genommen hatte. Es genügte, daß Montesquieu an den verfänglichen Stellen des dem Kardinal bestimmten Exemplars unverfängliche Kartons einschieben ließ. Der Minister wußte wohl um den Sachverhalt, aber er drückte ein Auge zu, damit nicht gesagt werden könne, der größte Schriftsteller der Zeit sei von der Akademie ausgeschlossen worden. Man weiß, daß Voltaire selber eine Zierde jener Akademie war, von der heute H. Taine ausgeschlossen wird, weil er ein Feind des Christenthums ist. Ist seit dem Tode M. Dupanloup's doch aufgenommen worden. Montesquieu rächte sich auf seine Weise am Denunzianten, der seine Aufnahme verzögert. Vater Tournemine hielt gar viel auf seine Berühmtheit: so oft nun Montesquieu in der Folge seinen Namen aussprechen hörte, rief er stets: »Vater Tournemine! Was ist das, Vater Tournemine? Ich habe nie von ihm reden gehört!« Dieser Widerspruch des Gesetzestextes und der Praxis geht durch's ganze Jahrhundert, und Montesquieu's Leben bietet der Beweise die Fülle. Freilich gehörte er zu den Privilegierten, aber der symbolische Akt, der seinen Eintritt in's Leben wie den anderer Privilegierten begleitete, schien nicht umsonst vollzogen: wie Montaigne und Buffon wurde auch Montesquieu von einem armen Bettler aus der Taufe gehoben, »damit sein Pathe ihn sein ganzes Leben über daran erinnere, daß die Armen seine Brüder sind.« Jedenfalls vergaß Montesquieu nie, daß seine Privilegien ihn zu Gegenleistungen verpflichteten. Zu Hülfe kamen ihm seine Privilegien immerhin selbst da, wo er sie nicht direkt anrufen konnte. Auch Nichtbevorrechtete, wie Voltaire, Diderot, Beaumarchais, wußten über die Gesetze, insbesondere über die Censur, zu triumphieren, aber nur um den Preis langer Kämpfe. Montesquieu überwand sie wie spielend. Überwunden wurden sie immer: wie hätten wir sonst jene einzige Literatur des 18. Jahrhunderts, der wir unsere Freiheit danken. Wohl mußten alle Werke Montesquieu's, auch die, welche Kirche und Staat angriffen, anonym und im Auslande veröffentlicht werden; auch wurde ihre Einfuhr in Frankreich verboten, aber die Anonymität war so durchsichtig, daß der Verfasser auf seine nicht unterzeichneten Schriften hin in die Akademie gewählt wurde: ein Pfäfflein hatte die Güte, nach Amsterdam zu reisen und den Druck der Lettres persanes zu besorgen; ein befreundeter Jesuit sah dem Präsidenten die Druckbogen durch; und die Grenze war so lässig überwacht, daß in einem Jahre (1721) nicht weniger als acht Auflagen von dem Buche in Frankreich abgesetzt wurden. Nicht ganz so leicht ging's mit dem doch so viel gemäßigteren »Geist der Gesetze«. Zwar verweigerte die Censur diesmal die Einführung in Frankreich nicht, aber sie vermochte Montesquieu, der sich übrigens nicht lange bitten ließ, einige anstößige Stellen – es waren im ganzen vierzehn – durch Kartons zu ersetzen; allein die Obrigkeit verbot es nachträglich (1749), doch nur für kurze Zeit. Kaum hatte Malesherbes die Direktion des Buchhandels im Ministerium übernommen (1750), so hob er auch die Hindernisse der Zirkulation. Ähnlich ging's in Rom, wo man das Werk auf den Index setzen wollte, trotz aller Kartons, trotz des französischen Gesandten, trotz des heiligen Vaters selber – es war der gutmüthige Lambertini, der acht Jahre vorher die Widmung des »Mahomet« so gnädig aufgenommen. Ein Eiferer hat schon gleich nach dem Erscheinen des Werkes es der Versammlung der französischen Geistlichkeit, welche alle fünf Jahre tagte, denunziert; diese aber hatte abgelehnt, sich damit abzugeben. Die Sorbonne war weiter gegangen: sie hatte eine vollständige Censur aller ketzerischen Stellen entworfen; doch blieb's bei dem Entwurfe, da Montesquieu sie auf eine verbesserte, zweite Auflage vertröstete. In Rom dauerten die Unterhandlungen vier Jahre lang und, obschon der einflußreiche Kardinal Passionei – derselbe, von dem C. Justi uns in seinem »Winkelmann« ein so herrliches Porträt gegeben und der auch früher als Mittelsmann zwischen dem Papste und Voltaire gedient – sich eifrig bei den Berichterstattern der Kongregation verwandt, wurde die erste Auflage, sowie die italienische Übersetzung des Buches doch 1752 auf den Index gestellt, wie gewöhnlich donec corrigantur , und überdies wurde, wohl auf Benedict's XIV. Veranlassung, das Dekret geheim gehalten, d. h. unwirksam gemacht. Man sieht, selbst in Rom waren schon vor Ganganelli » avec le ciel des accommodements «. Freilich hatte Montesquieu in diesen vier Jahren, in Rom wie in Paris, eine Gewandtheit, eine Beredtsamkeit, eine Thätigkeit entwickelt, die jedem Diplomaten, Advokaten und Geschäftsmanne Ehre gemacht hätten. Seine Denkschriften, seine Korrekturen, seine Privatbriefe waren kleine Meisterwerke an Feinheit, und die Hauptschrift, zu der diese Vertheidigung seines Buches Anlaß gab, die Défense de l'esprit des Lois , ist vielleicht das vollendetste Kunstwerk Montesquieu's geblieben. Bezeichnender Weise hatte der »Geist der Gesetze« anfangs und vornehmlich bei den Freunden wenig Erfolg; Präsident Hénault meinte, das Buch sei nur ein Entwurf; Silhouette rieth, es zu verbrennen; selbst Crebillon und Fontenelle riethen vom Druck ab; Helvetius und Saurin warfen ihm vor, zu nachsichtig für die kirchlichen und adeligen Vorurtheile zu sein. »Unser Freund Montesquieu, sagte Helvetius mit komischem Mitleiden, wird seinen Namen eines Weisen und Gesetzgebers einbüßen und nur noch ein Magistrat, ein Edelmann, und ein Mann von Witz sein. Das betrübt mich, für ihn wie für die Menschheit, der er besser hätte dienen können.« Auch Mme. du Deffand sagte in ihrer pikanten Weise, »der Geist der Gesetze« sei »Geist über die Gesetze«. Die satirischen Verse über diesen »Fall« des berühmten Verfassers der lettres persanes regneten; die Priester vor Allem die Jansenisten, die das den Jesuiten gezollte Lob nicht schlucken konnten, nannten das Buch einen »Skandal«, ein Kind der Verfassung Unigentius . Vor Allem war es die Theorie vom Einflüsse des Klimas und Bodens, die unser Herder hernach so beredt weiter entwickelt, welche den Witz der Satiriker und die Einwände der Kritiker hervorrief. Montesquieu nahm sich den Erfolg nicht zu Herzen. »Ich höre ein Paar Bremsen um mich summen; aber wenn die Bienen nur ein wenig Honig darin finden, so genügt es mir.« Ein Mann wie Montesquieu rechnet eben, so angenehm ihm auch die Anerkennung der Zeitgenossen sein würde, nur auf die Anerkennung der Nachgeborenen: denn er weiß, daß, wenn die Nachwelt nichts Mittelmäßiges hinübernimmt, die Mitwelt oft auch das Wertloseste bewundert, sobald es ihrer Laune oder ihrem Tagesgeschmack entspricht. Die Anerkennung kam vom Ausland, das man ja eine zeitgenössische Nachwelt genannt hat. »Das Buch wird in Frankreich eine Umwälzung in den Geistern hervorbringen,« sagte man in Turin, und in Potsdam schrieb der große König seine Glossen dazu, die Montesquieu errathen zu können glaubte Herr Vian hat einen anderen Kommentar Friedrichs II., den zu den Considérations sur la grandeur et la décadence des Romains – d. h. die Randbemerkungen Friedrichs II. auf seinem Exemplar – entdeckt und verspricht sie zu veröffentlichen. Was er jetzt im Anhang seines Buches davon giebt, ist vom allerhöchsten Interesse und wir möchten den glücklichen Entdecker dringend bitten, doch ja nicht mit der Herausgabe zu zögern. In der Schweiz und in England war die Bewunderung eine ungetheilte. Hume bot sich an, das Werk zu übersetzen. Chesterfield las es dreimal hintereinander; eine Engländerin meinte, als sie hörte, das Buch werde in Frankreich heftig getadelt: »Warum hat er's nicht hier geschrieben? Man würde ihm ein Standbild errichtet haben.« Bald besann man sich auch in Montesquieu's Vaterland eines Bessern und als er bald darauf (1755) ein Sechsundsechziger in Paris starb, bezeichnender Weise umgeben von toleranten Priestern und zwei aufgeklärten Freundinnen, der Herzogin von Aiguillon und Mme. Dupré de Saint-Maur, von der er einst gerühmt hatte: »sie ist gleich gut zur Geliebten, zur Frau und zur Freundin,« und die ihm jetzt die Augen zudrückte – als Montesquieu das Zeitliche segnete, war der »Geist der Gesetze« in ganz Frankreich wie im Auslande als das bedeutendste Werk anerkannt, das die Literatur des 18. Jahrhunderts bis dahin hervorgebracht. So ganz ungerecht waren die ersten Urtheile der Zeitgenossen darum doch nicht. Ich versage mir hier und heute von den Ideen Montequieu's und ihrem Einflüsse auf die Geschichte zu reden; doch dürfte ein Wort über den schriftstellerischen Werth des »Geistes der Gesetze« doch am Platze sein, da es die Persönlichkeit des Mannes vervollständigt. Montesquieu bietet in der That das seltene Beispiel eines mächtigen Geistes, der aus Schüchternheit des Temperaments, aus Rücksichtnahme auf alles Bestehende, aus übertriebener Sorgfalt für die Form, den Gedanken, die ihm am meisten am Herzen lagen, dauernden Eintrag gethan hat. Wie neu, wie muthig, wie zeitgemäß diese Gedanken, selbst in dieser etwas lähmenden Gestalt sein mochten, beweist ihre Wirkung, eine Wirkung, die noch heute dauert, noch lange dauern wird. Immerhin darf gesagt werden, daß der Stil des »Geistes der Gesetze« gewaltig abfällt gegen den der Lettres persanes ; die Komposition gegen die der Grandeur et décadence . Die Leichtigkeit, der Fluß, die Ungezwungenheit, welche die Briefe Usbec's und Rica's auszeichnen, haben einer gewissen, sententiösen Concision Platz gemacht, die oft an Dunkelheit grenzt, und die antithetische Schaukel des Satzbaues wird manchmal recht ermüdend. Selbst Chesterfield mußte gestehen, »daß sich sein Freund nicht klar genug ausgedrückt; nur meinte er, es wäre eine Folge der mangelnden Freiheit; in England würde er verständlicher geschrieben haben.« Keineswegs. Montesquieu war immer von einer peinlichen Ängstlichkeit im Stil gewesen. Viele Stellen seiner Lettres persanes waren vier-, fünfmal ausgestrichen und selbst seine Liebesbriefe waren über und über korrigiert, ehe sie abgeschrieben wurden. Während er aber in seiner Jugend alle diese Sorgfalt darauf verwandte, um seinen Gedanken den anspruchslosesten und zugleich getreuesten, bestimmtesten und faßbarsten Ausdruck zu geben, so bemühte er sich später hauptsächlich kurz zu sein und durch seine Tiefe zu imponieren. Jeder Satz sollte das Ergebnis einer ganzen Gedankenentwickelung wie in einer Nuß bieten. Hier war denn doch seine ausschließlich römische Bildung sehr fühlbar, mehr als gut war: schon Saint-Beuve hat angemerkt, daß Montesquieu »nie das erste, einfache, natürliche, naive Alterthum recht gekannt: sein Alterthum ist die zweite, überlegtere, bearbeitetere, lateinischere Epoche.« Ich denke mir, Sallust muß sein Mann gewesen sein, was die Form anlangt, wie Cicero, was den Inhalt betrifft. Die mühsame Arbeit nun des Nußknackens, die Montesquieu seinen Lesern zumuthete, suchte er ihnen wieder auf andre Weise zu erleichtern, indem er ihnen häufige Ruhepunkte gewährte. Die Kapitel, ja die Bücher des »Geistes der Gesetze« sind meist sehr klein und laden dadurch zum Pausieren und Nachdenken ein: doch wird der Zweck auch damit nicht ganz erreicht. Wie man auf den Stil Montesquieu's in seinem Hauptwerke Kant's Wort anwenden kann, daß »er viel kürzer sein würde, wenn er nicht so kurz wäre,« so kann man mit unserem Philosophen auch von der Komposition des »Geistes der Gesetze« sagen: »Manches Buch wäre viel deutlicher geworden, wenn es nicht so gar deutlich hätte werden sollen.« Nicht daß Montesquieu »die Artikulation oder den Gliederbau des Systems durch seine hellen Farben verklebt und unkenntlich gemacht« hätte, wie Kant es gewissen Schriftstellern vorwirft: nein, das Skelett selbst ist nicht organisch. Vom 12. Buche an ist die Ordnung nur noch eine lose Aneinanderreihung: von einer systematischen Gliederung ist nichts mehr zu spüren, und am Ende haben wir gar einfache Anhänge, die in keinerlei Zusammenhang mit dem philosophischen Gedankengange des Werkes stehen. Man wird mir zutrauen, daß diese Ausstellungen mich nicht verhindern, auch die Form des »Geistes der Gesetze« nach Gebühr zu würdigen, vor allem die unerreichte Eleganz des Ausdrucks, die wiegende Harmonie des Satzbaues, die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Tones, die reizende Ironie, welche stets dem drohenden Pathos Einhalt gebietet, Wie z. B. im herrlichen Kapitel über die Schande der Sklaverei. »Ceux dont il s'agit sont noirs depuis les pieds jusqu'à la t'ete, et ils ont le nez si écrasé qu'il est presque impossible de les plaindre.« – »On ne peut se mettre dans l'esprit que Dieu, qui est un être très-sage, ait mis une âme, surtout une âme bonne, dans un corps tout noir.« – »Une preuve que les nègres n'ont pas le sens commun, c'est qu'ils font plus de cas d'un collier de verre que de l'or qui, chez les nations policées est d'une si grande conséquence.« die überraschenden und erhellenden Durchblicke, die der große Meister der Sprache so oft im dunkelsten Dickicht seiner gewundenen Gänge zu eröffnen weiß: ich habe nur andeuten wollen, was zu den ungünstigen Urtheilen der Lands- und Zeitgenossen Veranlassung gegeben haben mag; denn nur auf eine Studie der Zeit und des Landes an einem ihrer charakteristischsten Vertreter kam es mir heute an, nicht auf eine literarische, noch weniger auf eine philosophisch-politische Prüfung der Werke Montesquieu's. II. England im achtzehnten Jahrhundert. »Es lebt heute wohl Niemand, der sich nicht Glück dazu wünschte, daß es sein Loos nicht ist, im achtzehnten Jahrhundert zu leben. Ist es doch, unter allgemeiner Zustimmung, zu einem Gegenstand des Spottes und Hohnes geworden. Selbst seine Kleidung und Sitten haben Etwas an sich, das unwiderstehlich zum Lächeln reizt. Seine Literatur steht – mit wenigen edlen Ausnahmen – vernachlässigt auf unseren Bücherbänken. Seine Dichtung hat alle Macht verloren über uns. Seine Wissenschaft ist verurtheilt ( exploded ); sein Geschmack verdammt; seine kirchlichen Schöpfungen in die Winde zerstreut; seine religiösen Gedanken überlebt und auf raschem Wege zu vollständiger, vielleicht nicht einmal ganz verdienter Verachtung. G. H. Curteis: Dissent in its relations to the Church of England. Eight lectures preached before the University of Oxford in the year 1871. p.289. Es bedurfte all' des Überlegenheitsbewußtseins, welches das geistliche Gewand seinem Träger zu geben pflegt, um solche Worte über das menschlichste und fruchtbarste aller Jahrhunderte vor den Vertretern der englischen Wissenschaft in der alma mater der englischen Bildung auszusprechen. Im Grunde aber ist es doch nur die priesterliche Übertreibung eines Gefühls, das im heutigen England ziemlich allgemein ist. Ich weiß nicht, ob Herr Curteis, wohl noch ein junger Mann, als er jene kecken Worte sprach und erst beim Altkatholizismus angekommen – es war im Jahre 1871 – Rom seitdem um ein Beträchtliches näher gerückt ist; auch kömmt es auf's Persönliche hier gar nicht an. Ein solches Urtheil über das achtzehnte Jahrhundert, an solchem Ort vor solchem Publikum ausgesprochen, hat nur insofern ein Interesse, als es eine Seite der Reaktion gegen jenes Jahrhundert grell beleuchtet, welche der aufmerksame Beobachter als einen charakteristischen Zug der ganzen geistigen Bewegung Englands seit dreißig bis vierzig Jahren zu erkennen keine Mühe haben wird. Neben der großen Geringschätzung, welche die Radikalen Mill'scher Schule für eine Zeit an den Tag legen, wo England noch in den Banden der Aristokratie schmachtete, noch thöricht und ungerecht genug war, europäische Politik zu treiben und sich noch mit Philosophie abgab, hat sich auch der Widerwille einer Art Romantik gegen »die lange Herrschaft der Prosa« geregt, wie Leute, welche Poesie in einem Chorhemd mehr zu erblicken vermögen, die Zeit Fielding's und Goldsmith's zu nennen wagen. Nichts gleicht in der That unserer Romantik von 1800 mehr als die sonderbare Bewegung der Geister in gewissen Kreisen Englands seit 1840 etwa. Es ist dieselbe Absichtlichkeit, derselbe Mangel an Unmittelbarkeit, dasselbe Gefallen an sogenannt poetischen Äußerlichkeiten, und, bei weniger historischem Sinn für Vergangenheit, dieselbe ganz unhistorische Sucht, die Gegenwart zurückzwängen zu wollen: Alles freilich in englischer Fassung und Weise. Die feste Geschlossenheit einer alten Gesellschaft voll starrer Konventionen erlaubt den englischen Romantikern die tollen Freiheiten nicht, die sich unsere Romantiker mit der Sitte nahmen; ein nationaler Staat und eine nationale Kirche stellen sich dem Spielen mit Staats- und Religionsfragen, in dem sich unsere christlich-germanischen Apostel gefielen, hindernd entgegen; die ungesunde, von der Blässe des Gedankens angekränkelte Sinnlichkeit unserer lüsternen Pedanten entwickelt sich nicht in der kräftigen Atmosphäre englischer Jugenderziehung und englischer Öffentlichkeit. Dagegen fehlt den englischen Romantikern auch die wunderbare Bieg- und Schmiegsamkeit unserer Romantiker, ihre philosophische Durchbildung, die Ironie namentlich, die ein Friedrich Schlegel ja fast als den Kern der neuen Lehre hinzustellen pflegte. Der Engländer ist zu sehr aus einem Stück, zu ernstgewissenhaft auch und steifwürdevoll, dabei viel zu realistisch gestimmt, als daß er's zu jener Virtuosität der Anempfindung brächte, seine Bestrebungen philosophisch durchgeistigte oder sich gar zu einer Schwärmerei verleiten ließe, welche das ganze gesellschaftliche Gebäude bedrohen könnte. Die Schwärmerei, die ja natürlich in England ebensowenig fehlen kann, als in irgend einem anderen Volke, wirft sich bei ihm immer auf's Religiöse und bleibt beinahe ausschließlich in den der höheren Bildung fremden Kreisen des Volkes. Jene modischen Romantiker aber sind gerade die Auserwählten der Bildung. Die ganze Bewegung ging ja von Oxford aus; und sie findet besonderen Anklang in den höchsten Sphären. In der Kirche begann sie unter dem Namen des Tractarianismus, der dann sich im Puseyismus und endlich im Ritualismus bestimmter als eine katholisirende Reaktion gestaltete. Sie ist ebenso gegen die Herrnhuter Schwärmerei als gegen die kirchliche Indifferenz des vorigen Jahrhunderts gerichtet. Sie sucht Befriedigung für das künstlerisch-sinnliche Bedürfnis und sucht es im Äußerlichsten: Priestergewändern, Kerzen, Gesang u.s.w. Die Wenigen, bei denen es tiefer geht, thun denn auch den Schritt des Schiller'schen Mortimer: sie werfen sich, wie Dr. Newman selber, in den Schoß Roms. Neben dieser kirchlichen Richtung aber ist auch eine heidnische im Gang, welche ebensosehr wie jene gegen den Geist des achtzehnten Jahrhunderts gerichtet ist und welche, obgleich scheinbar im Gegensatze zur religiösen Reaktion, oder jedenfalls gleichgültig gegen dieselbe, im Grunde doch auf demselben Bedürfnis nach sinnlichreicheren Lebensformen beruht und auch wie diese sich beim Äußerlichsten begnügt. Ihr Ideal ist die italienische Renaissance und deren anscheinende Gleichgültigkeit gegen Stoff und Inhalt, deren Schwelgen in Formen und Farben. So hat sich eine Poesie, eine Malerei, eine Aesthetik und eine Geschichtsschreibung herausgebildet, welche ebenso hohl und äußerlich ist, als jene kirchliche Bewegung und doch in dem Lande allmächtiger Fashion eine ebenso weite Herrschaft erlangt hat, als diese. Indessen thäte man sehr Unrecht, die kulturhistorische Thätigkeit und Bedeutung des heutigen England hier zu suchen. Diese liegt durchaus in der Darwin'schen Lehre, wie sie von ausgezeichneten Männern – ich nenne vor Allem Huxley, W. Bagehot und, obschon er selbst es sich nicht bewußt sein mag, L. Stephen – tiefer begründet, weiter entwickelt und auf andere Gebiete angewandt worden. Diese Männer sind es, welche bestimmend auf den europäischen Gedanken einwirkten, wie einst Bacon und Newton, Voltaire und Rousseau, Herder und Kant. Der ganze Chorhemdschwindel hat nur eine örtliche und vorübergehende Bedeutung: der Positivismus aber, der eine Zeitlang grassirt hat, ist schon fast überwunden. Beide werden darum doch mittelbare Spuren hinterlassen. Es tritt nämlich die merkwürdige Erscheinung ein, welche auch die deutsche Romantik im Gefolge gehabt hat, daß selbst die klaren Köpfe rationalistischer Bildung und Neigung sich diesem Einflusse nicht ganz entziehen können, davon aber doch nur das Berechtigte annehmen und, es vertiefend und klärend zugleich, anwenden. So entsteht eine historische Literatur – historisch im weitesten Sinne des Wortes – welche viele Ähnlichkeit mit unserer historischen Schule aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts hat und einen ähnlichen Reichthum wie diese zu entfalten verspricht. Der Positivismus seinerseits, von dem ein großer Theil der jetzt im reifen Mannesalter stehenden Generation Englands ausgegangen ist, wollte nur das tatsächliche Allgemeine in der Geschichte gelten lassen, dies aber wissenschaftlich behandelt wissen, d.h. unter Gesetze gebracht sehen; während er doch wieder die Philosophie der Geschichte, als einen Zweig der Metaphysik, verwarf. Das ward dann auch eine Zeitlang so getrieben und Buckle's Werk schien bestimmt, das Muster aller Geschichtsschreibung zu werden. Es dauerte aber nicht lange, so fühlte man, daß eine solche Geschichtsbehandlung womöglich noch blassere, wesenlosere Abstraktion ergab, als die aprioristischen Konstruktionen der berufenen Geschichtsphilosophie; und man suchte das Band zwischen der Geschichte als Wissenschaft und der Geschichte als Leben da, wo es allein zu finden ist, in der Persönlichkeit. Jenes in der Neuromantik zum Ausdruck kommende Bedürfnis der Phantasie, mitzureden und mitzuhandeln gesellte sich dazu; und wir danken diesem Bestreben auf der Grundlage wissenschaftlicher Factenforschung den Einfluß der geschichtlichen Persönlichkeit der Anschauung concret faßbar zu machen, eine Reihe ganz ausgezeichneter historischer, namentlich literarhistorischer Werke, deren einige gerade das vielgeschmähte achtzehnte Jahrhundert zu ihrem Gegenstande machen. History of English Thought in the eighteenth Century, by Leslie Stephen. – A History of England in the eighteenth Century by William Eduard Hartpole Lecky. – The English Church in the Eighteenth Century by Charles J. Abbey and John H. Overton. – Religion in England under Queen Ann and the Georges, 1702-1800, by John Stoughton D. D. – English Men of Letters, edited by John Morley: 1) Daniel Defoe by W. Minto. 2) S. Johnson by L. Stephen. 3) Hume by Prof. Huxley. 4) Goldsmith by W. Black. 5) Gibbon by J. C. Morison. 6) Burke by J. Morley. 7) R. Burns by Principal Shairpe. Der Verfasser hat alle diese Schriften im Halle'schen »Deutschen Literaturblatt« einzeln und kritisch rezensirt. Ich möchte heute, an der Hand so trefflicher Führer, wenn auch manchmal im Gegensatz zu ihren Schlußfolgerungen, zeigen, wie die staatliche, religiöse und literarische Entwickelung Englands nie lebendiger, und folglich nie fruchtbarer war, als gerade während jenes Jahrhunderts anscheinenden Schlummers, wie vornehmlich die politische, poetische und kirchliche Blüte der achtziger und neunziger Jahre unendlich reicher und ursprünglicher war, als die gewollte Renaissance, welche in neueren Tagen vermeint, den Staat durch eine »kaiserliche« Politik, die Kirche durch einen prunkenden Gottesdienst, die Poesie und Kunst durch einen schwülstigsinnlichen Stil verjüngt zu haben. I. Wer die englische Verfassungsgeschichte von 1688 bis 1786 etwa im Einzelnen betrachtet, wird vielleicht versucht sein, sich unwillig, ja fast mit Ekel abzuwenden, wie's unser guter Schlosser gethan. Die schlimmsten Ränke gewissenloser Aristokraten, ein gehässiger Kampf um Macht und Geld, eine Gesinnungslosigkeit, welche es den Staatsmännern erlaubt, ohne Anstand ihre Farbe zu wechseln, so oft es ihr Interesse erheischt; Bestechung überall und crasseste Selbstsucht der Regierenden bei anscheinender Lethargie der Regierten: dies ist das Schauspiel, das sich dem Betrachtenden darbietet, ohne daß das Mikroskop, durch das er die Dinge betrachtet, nur besonders stark zu sein brauchte. Selbst die Protagonisten dieses Schauspiels haben des Menschlichen fast mehr als die irgend einer anderen Zeit und eines anderen Volkes. Ein Wilhelm III. mag ein großer Politiker gewesen sein; dem Menschen gegenüber kann man sich eines leisen Fröstelns nicht erwehren; und die Weise, wie er sich des Thrones bemächtigte, wie er in Irland verfuhr, gehen selbst über die weiteren Schranken politischer Moral hinaus. Seine Nachfolgerin ist eine schwache, und wie alle Schwachen eigensinnige, dabei launische und beschränkte Person, die echte Tochter Jakob's II. Keiner der drei George flößt Einem Interesse oder auch nur Achtung für seine Persönlichkeit ein; der einzige Mann der ganzen Familie, ist Königin Caroline, wie sie die einzige Persönlichkeit ist, die uns menschlich anspricht, und sie starb früh. Ein Godolphin, ein Marlborough, ein Bolingbroke, ein R. Walpole sind wenig achtbare Charaktere und, mit Ausnahme des Letzteren, sehr mittelmäßige Staatsmänner, trotz aller ihrer sonstigen Begabung. Erst mit dem älteren Pitt und Burke kommt etwas mehr Schwung und sittlicher Ernst in die Staatsleitung, aber nur um den Preis höchst unenglischer, theatralischer »Pose«, von der die Vorgänger ganz frei waren. Nie waren die Männer, welche den Großen als Dolmetscher mit der Nation dienten, geistig begabter; aber vom moralischen Standpunkt, welche verbitterte Gehässigkeit bei Swift, welche Würdelosigkeit bei Defoe, der den Sold jeder Partei ohne Erröthen einstreicht; welche Heftigkeit und Persönlichkeit bei Junius, welche Gemeinheit bei Wilkes. Selbst Burke ist von einer Gereiztheit und Leidenschaftlichkeit, welche es uns äußerst schwer macht, uns mit dem großen Seher persönlich zu befreunden. Wenden wir aber die Blicke weg vom Einzelnen und sehen nur die allgemeine Entwickelung der Dinge und die Ergebnisse derselben, so ändert sich der Eindruck gänzlich. Selten in der Geschichte tritt die Macht der bewegenden allgemeinen Gedanken, Gefühle und Interessen, sowie der Druck des schon durch viele Nebenflüsse angeschwellten Hauptstromes der geschichtlichen Vergangenheit auffallender zu Tage als in diesem Jahrhundert des englischen Staatslebens. Es ist als ob die Persönlichkeit wirklich alle ihre Bedeutung verloren hätte, wie die Positivisten glauben; oder daß sie doch nur da sei, die allgemeine Strömung zu fördern, nie sie zu hemmen oder gar in ein anderes Bett zu leiten. Alles entwickelt sich mit der Gesetzlichkeit eines Naturvorganges. Die Einzelnen verschwinden dem Auge des Überschauenden, wie in der Aufeinanderfolge der Jahreszeiten ein warmer Wintertag oder eine kalte Sommernacht dem Rückwärtsblickenden verschwinden vor der stetigen Erwärmung und Abkühlung der Temperatur. Die öffentliche und private Moral verfeinert und veredelt sich zusehends in diesem Jahrhundert, wo die Immoralität sich im öffentlichen wie im privaten Leben breit macht. Das wirkt die 1688 eroberte Öffentlichkeit der Controle und Unabhängigkeit der Gerichte. Die Krone, deren Wille noch durchaus maßgebend ist unter Wilhelm III., muß unter Georg III., trotz aller Hartnäckigkeit und Herrschsucht ihres Trägers, sich unbedingt dem Willen des Parlaments fügen. Das ist die natürliche, wenn auch späte Folge der Einrichtung des Vertragskönigthums an Stelle des Königthums göttlicher Einsetzung als Ausflusses der Souveränität. Ebenso wird die Aristokratie, die noch am Anfang der Periode die entscheidende Macht ist – sie, nicht der Mittelstand, setzt Wilhelm zum König ein – immer ohnmächtiger. Sie stützt sich gegen die Staatskirche auf die Dissidenten, gegen den Kleinadel ( Gentry ) der von den Hannoveranern Nichts wissen will, auf den Handel: Beide wachsen ihm über den Kopf und am Ende des Jahrhunderts sind die Rollen fast vertauscht und die Beschützten sind die Beschützer geworden: es ist der Handel und der Dissent, welche die whiggistische Aristokratie gegen König Georg III. vertheidigen, als er sich im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern an die Spitze der Gentry und der Staatskirche stellt. Das ist die Folge der »feigen« Friedenspolitik der beiden ersten George und ihrer Minister, welche es dem Handel erlaubt hat, Reichthum und durch Reichthum Macht zu erwerben. Die Staatskirche ist noch so populär und so lebensvoll unter Königin Anna, daß es ihr fast gelingt, der thatsächlichen Duldung des Dissents ein Ende zu machen; aber die Toleranzakte selber bleibt eine unantastbare Errungenschaft; sie wirkt im Stillen und am Ende des Jahrhunderts ist die Sache der Dissidenten moralisch, wenn nicht faktisch gewonnen; ja, der Dissent ist, als »evangelische Bewegung« in die Staatskirche selber gedrungen. Das Unterhaus spielt so lange das gefügige, aber unwiderstehliche Werkzeug der Krone, daß es seiner Bedeutung immer mehr inne wird und am Ende der Krone seine Bedingungen aufzwingt; und es konnte nicht anders sein; sobald es durch die bill of right der Krone unmöglich gemacht war, Geld ohne Zustimmung des Unterhauses zu erheben, mußte die, wenn auch späte Folge davon sein, daß die Krone in der Wahl ihrer verantwortlichen Räthe vom Unterhaus abhängig wurde. Dies war keineswegs der Fall im Anfange des Jahrhunderts. »Es erregte noch nicht die geringste Überraschung, wenn die Königin Einen oder alle ihre Minister trotz einer parlamentarischen Mehrheit entließ.« (Minto, Defoe .) Der erste und wichtigste Schritt zu einer thatsächlichen, nicht geschriebenen, Änderung der Verfassung war die Bildung eines rein whiggistischen Kabinets bei Georgs I. Thronbesteigung, und die unumschränkte Herrschaft des Premiers in diesem Kabinet. Bis dahin war jeder Minister nur für sein Departement und nur dem Könige verantwortlich. Von nun ab war das Kabinet homogen und hing vom Premier ab, dessen Willen der König sich fügen mußte, wenn er nicht ein ganzes Ministerium wechseln wollte, was er wiederum nur thun konnte, wenn er sich gänzlich in die Arme eines anderen parlamentarischen Chefs warf, der ihm einen gleichen vollständigen Generalstab und zugleich mit demselben das stärkere parlamentarische Heer entgegenbrachte. Was Wunder, wenn Georg II. gegen Ende seiner langen Regierung sich dazu verstehen mußte, sich einen Parlamentschef – den älteren Pitt – aufzwingen zu lassen, der ihm persönlich unausstehlich war und der sich soweit vergessen hatte, sein hannöversches Haus laut und grob zu insultieren. Ob eine ähnliche unserer Tage im preußischen Staatsministerium vollzogene Revolution wohl je zu ähnlichen Extremen führen wird? Auch jener nie vergessene ausländische Ursprung der königlichen Familie trug unmittelbar zur Beschränkung der Kronrechte bei. Der König wußte, oder sein Minister wußte für ihn, daß der Theil der Nation, welcher so recht die englische Überlieferung vertrat, ihm nicht gewogen war und bis tief in's Jahrhundert hinein Sympathien für das alte einheimische oder doch längst einheimisch gewordene Königshaus hegte. Nirgends hat das Mißtrauen gegen die Fremden eine größere Rolle gespielt als in England. Wir sehen italienische Minister wie Mazarin und Alberoni in Frankreich und Spanien, ausländische Könige, wie Philipp V. in Madrid, Bernadotte in Stockholm, so viele hohe Beamte in Rußland, Dänemark, Oesterreich, aus dem Auslande geholt: das Volk murrte wohl ein wenig in Toscana gegen die Lothringer, in Preußen gegen die Franzosen, aber der kosmopolitische Geist des Jahrhunderts war zu mächtig auf dem Festlande, als daß die Opposition über ein Murren hinausgegangen wäre. In England verdächtigte man den großen Holländer, der Englands Freiheit und Größe begründete, den trefflichen Deutschen, der in unsern Tagen einen so heilsamen Einfluß auf das englische Leben ausgeübt, genau ebenso wie Squire Western gegen die »verfluchten« Hannoveraner tobte, wenn seine Schwester Politik sprach. Und es waren nicht allein die Squire Western, der ganze Stand zu dem er gehörte, die Gentry, welche so recht Altengland darstellte, die Staatskirche, ja das niedere Volk theilten dieses Vorurtheil, das Defoe in seinem trueborn Englishman , mit mehr gesundem Menschenverstand als Witz und Poesie, satirisierte und so ganz besonders lächerlich bei einem Volke fand, das, zusammengesetzt aus britischen, römischen, angelsächsischen, dänischen und normannischen Bestandtheilen, fast in allen Völkern Europas Vettern sehen mußte. Wie dem auch sei, die Hannoveraner mußten so gut wie Wilhelm III. mit diesem Mißtrauen rechnen und bei dem Parlamente Schutz suchen. Auf's Oberhaus konnten sie zählen; dort war die whiggistische Aristokratie in der Mehrheit; das hatte sie noch kurz vorher bewiesen, als sie die Sache der Toleranz siegreich gegen das Unterhaus vertheidigt hatte, das die Dissidenten durch Untersagung gelegentlicher Theilnahme am anglikanischen Gottesdienste von allen öffentlichen Ämtern ausschließen wollte. Das Unterhaus also galt's zu gewinnen. Es wurden neue Wahlen angeordnet, bei denen die Regierung alle Hebel in Bewegung setzte und, Dank der Organisationslosigkeit der Tories, den Sieg davon trug: gebot doch die Krone allein über siebenzig boroughs , die großen Whigfamilien über die doppelte Anzahl, ward doch das Geld, wurden doch die Versprechungen nicht gespart; und die Krone verfügte damals noch über eine große Anzahl von Stellen, die sie heute nicht mehr zu vergeben hat. So kamen, angesichts der jacobitischen Schilderhebung von 1715, der sich der halb jacobitisch, aber auch ganz protestantisch gesinnte Theil der Nation nicht anzuschließen wagte, Wahlen zu Stande, wie die unter Louis Philipp und Napoleon III. Sobald man aber die gewünschte Mehrheit hatte, setzte man, freudigst unterstützt von den Gewählten, die Westminster sehr angenehm fanden und die Kosten einer Neuwahl fürchteten, den Septennial Act durch, welcher dem Könige und seinen Ministern sieben Jahre Zeit gab sich fester einzuwurzeln, neue Interessen zu schaffen, alte an sich zu fesseln. Dieses Gesetz, welches Anfangs als ein Akt der Reaktion betrachtet und noch lange so dargestellt wurde, erwies sich als ein der parlamentarischen Obmacht außerordentlich günstiges. Natürlich stieg der Preis der Sitze, je länger man der Ehre sie einzunehmen sicher war; und es war dem reichen Kaufmannsstand ein Leichtes, verschuldete Junker aus dem Felde zu schlagen, wo es nur auf Geld ankam. Die Junker selber verschmähten die königlichen Jahresgehalte nicht so leicht, wenn sie ihren Sitz auf sieben Jahre gesichert sahen. Das Unterhaus schützte denn auch die Krone, bis alle Gefahr vorüber, der letzte Angriff der Jacobiten (1745) abgeschlagen war; allein es war nur natürlich, daß der Schützling an Ansehen einbüßte, was der Beschützer gewann. Und auch bei den Gegnern verlor der König, der sich zu einem Parteiwerkzeug hergab, von seinem Ansehen, während die Thatsache, daß die Krone ausdrücklich ihres göttlichen Rechtes entkleidet wurde, dieselbe sogar im Ansehen der Menge schwächen mußte. Allein auch die Aristokratie konnte ihre Macht nur einbüßen, je mehr sie sich dem Landadel und der Kirche entfremdete. Ihr gesellschaftlicher Einfluß blieb groß und ist bis heute groß geblieben, wie auch das gesellschaftliche Ansehen der Krone fast ungemindert geblieben ist. Ja selbst auf die Politik blieb die Einwirkung beider mittelbar noch sehr merklich; nur der Aristokratie war es zu danken, wenn Männer wie der ältere Pitt, wie Burke, wie Canning, wie Macaulay in's Parlament kamen, Schriftsteller wie Addison, Hume, Gibbon einträgliche Staatsämter erhielten. Aber Einfluß ist nicht Herrschaft: diese entging dem hohen Adel immer mehr, oder er mußte sie doch theilen. Das vielgerühmte Gleichgewicht der drei Faktoren bestand eigentlich nur eine ganz kurze Zeit. Beim Beginne des Jahrhunderts war die Krone noch ausschlaggebend, obschon sie ihre Existenz der Aristokratie verdankte; bis in die sechziger Jahre war die Mehrheit beider Häuser ganz in den Händen der großen Whigfamilien; aber schon am Ende des Jahrhunderts hatte das Gewicht des Unterhauses die beiden anderen Schalen in die Luft geschnellt. Und das Unterhaus war nicht mehr, was es früher war. Seine Mehrheit bestand noch immer aus Männern der Gentry; aber der große Aufschwung des Handels und der Industrie hatte das flüssige Kapital bedeutend vermehrt und die Besitzer dieses Kapitals traten immer mehr in den Vordergrund. Selbst wenn sie, wie die meist wohlhabenden Dissidenten, nicht in's Parlament dringen konnten, weil die Testacte ihnen den Eintritt verwehrte, so war ihr Interesse doch maßgebend, und die Plutokratie theilte sich mehr und mehr in die Herrschaft mit der Aristokratie. Es ist, bei allen Mißständen, doch immer der große Vorzug eines lauten, öffentlichen Lebens, daß, wo es besteht, die Wahlversammlung, welches auch immer das Wahlgesetz sei, stets die Nation in ihrer Gesammtheit vertritt; ja, man könnte fast sagen, dies laute öffentliche Leben sei die nothwendige Lebensluft jeder Repräsentativverfassung. Walpole hatte die große Tugend der Unempfindlichkeit gegen persönliche Angriffe. Während die Preßprozesse, und in Folge derselben die härtesten Strafen für Preßvergehen, unter den torystischen wie unter den whiggistischen Ministerien der Königin Anna, noch regelmäßig auf der Tagesordnung standen, so hörte man von keinerlei gerichtlichen Verfolgungen der Art unter den beiden ersten Georgen. Je sittlich achtbarer aber, je geistig überlegener, je materiell mächtiger die ausgeschlossenen Gesellschaftsklassen waren, desto größer das Gewicht ihrer Stimme. Eine öffentliche Meinung, welche nur die Meinung der besitzlosen Literaten in Will's Kaffeehaus gewesen wäre, hätte vielleicht Mühe gehabt, sich Gehör zu verschaffen; eine öffentliche Meinung, von der man wußte, sie vertrete den Fleiß, die Ordnungsliebe, die Sparsamkeit, und in Folge dessen den eigentlichen Reichthum des Landes, konnte man nicht ungestraft ignorieren. Die Interessen von Liverpool und Manchester waren, schon ehe diese Städte Abgeordnete wählen durften, so gut und besser in der englischen Politik gewahrt, als nach den beiden großen Wahlreformen unseres Jahrhunderts. Niemand aber von allen englischen Staatsmännern hatte ein schärferes Ohr für diese unvertretene Meinung als Robert Walpole, der, mit allen seinen Fehlern und Tugenden der echte Typus des aristokratischen Staatsmannes war. Es ist der Vortheil der Oligarchien, wie sie Rom, Venedig, England in ihren besten Zeiten gekannt, daß sie nicht wie Demokratien und Despotien überlegener, ja genialer Staatsmänner bedürfen, daß sie auch mit dem Talent, ja nöthigenfalls der Mittelmäßigkeit, ganz gut fahren. Sie haben Das mit den bureaukratischen Regierungen gemein, welche ebenfalls halbe Jahrhunderte lang – wer denkt dabei nicht an die preußische Entwicklung von 1815 bis 1862? – genialer Männer entrathen können, ohne daß der Staat darüber versumpfe oder auf Klippen gerathe. Auch im oligarchischen wie im bureaukratischen Gemeinwesen findet der staatsmännische Genius Mittel und Gelegenheit, seine wohlthuende Kraft zu entfalten, von Zeit zu Zeit das Ganze mit einem plötzlichen Ruck vorwärts zu bringen, so Anstöße zu geben, die dann halbe Jahrhunderte fortwirken in geebneten Betten. Der Corpsgeist und die Überlieferung machen sich dann als Collectivtugend und Collectivweisheit geltend, und leisten manchmal mehr, wenn auch geräuschlos und glanzlos, als große Despoten und Volksmänner, deren Schöpfungen oft ihren Schöpfer nicht überdauern, weil jener stätigwirkende Organismus nicht da ist, sie zu wahren und auszuarbeiten. Nie hat England größere Fortschritte gemacht als in dem halben Jahrhundert von 1714 – 1760. Das Land ward reich, die Bevölkerung nahm rasch zu, auch das geistige Leben stand, wie wir sehen werden, nicht still; selbst sittlich war der Fortschritt groß, trotz der persönlichen Unsittlichkeit Walpole's und seiner Werkzeuge. Zum größten Theile allerdings war dieser Fortschritt dem wachsenden Einflusse des fleißigen und tüchtigen Mittelstandes zu danken. Indes auch dem leitenden Minister und seinen Leuten kam ein Verdienst dabei zu. War doch jene Controle der Öffentlichkeit, welche die Immoralität immerhin in gewissen Grenzen hielt, die direkte Folge von Walpole's »Dickhäutigkeit«, welche, wie Thiers' »alter Regenschirm«, Alles über sich ergehen ließ; vor Allem aber, Walpole war ein Feind alles cant . War Niemand dem großen deutschen Landjunker unseres Jahrhunderts unähnlicher in Bezug auf moralische Laxheit wie, leider! auch in jener Gleichgiltigkeit gegen das Kläffen der Presse, als der englische Landjunker des vorigen Jahrhunderts, so glich er ihm doch ungemein in dieser Verachtung des Scheins, der Komödie, der konventionellen Lüge, auch der anscheinend unschuldigsten. Die pompöse Tugend nennt das freilich Cynismus, damals wie heute; aber diesem Cynismus, der es verschmähte, der Tugend jene Huldigung darzubringen, die, so sagt man, in der Heuchelei besteht, dankte es England doch, daß die Wahrheit und mit ihr eine höhere Sittlichkeit in's politische Leben drang. Auch hatte Walpole als Staatsmann große negative Tugenden. »Es ist der Fehler vieler Geschichtsschreiber,« bemerkt Lecky sehr fein, »und das Unglück vieler Staatsmänner, daß diese oft beinahe ausschließlich nach den Maßregeln beurtheilt werden, die sie durchgesetzt haben, und gar nicht nach den Übeln, die sie abgewandt.« Und Walpole verhinderte nicht nur viel Übel. Getreu dem Grundsatze quieta non movere ließ er die Dinge sich ruhig entwickeln, ohne durch vorzeitige Reformen in diese Entwickelung einzugreifen oder sie durch Repression zu hemmen. Er unterdrückte Niemand und Nichts, und, mit Ausnahme eines Krieges, den er im Handelsinteresse Englands zuließ, wußte er dem Lande den Frieden zu erhalten, ohne dessen europäische Stellung zu vermindern. Als seine und seiner Nachfolger, der Pelhams, Regierung ein Ende nahm, war das Land mutatis mutandis ungefähr in der Lage, in welcher es sich 1874 befand, als die liberale Regierung Gladstones der konservativen Lord Beaconfields Platz machte; ganz Europa und ganz England selber sprachen von dem Niedergange der englischen Größe u.s.w.; aber bei alledem hatte die Welt das Gefühl, wenn nicht das Bewußtsein, daß sich in dieser Zeit der Zurückhaltung Kräfte angesammelt hatten, die ein ungeheures Gewicht in die Wagschale werfen würden, wenn sich England je entschließen sollte, aus dieser Zurückhaltung herauszutreten. Die heutigen Engländer demokratischer Schule lassen sich hier leicht durch sittliche Bedenken oder Parteirücksichten beirren. Weil Walpole's innere Regierung eine unmoralische und eine aristokratische war, weil es ihr namentlich an allem Schwung fehlte, meinen sie auch seine äußere Politik verurtheilen zu müssen, welche doch so recht eigentlich ihre eigene ist. Ist doch die unter ihnen herrschende Reaktion gegen Wilhelm's III. europäische Politik, wie gegen seinen panegyristischen Geschichtsschreiber Macaulay so groß, daß ein Schriftsteller von J. Morley's Bedeutung den spanischen Erbfolgekrieg den »unsinnigsten aller englischen Kriege« zu nennen nicht ansteht und ein Geschichtsschreiber wie Lecky, wenn auch mit mehr Mäßigung derselben Meinung huldigt. Ja, Ersterer bezeichnet sogar kurzweg die Jahre, in die der andere große Kampf Großbritanniens gegen Frankreich fällt, als Jahre einer »verruchten Mißregierung (odious misgovernment) .« Danach sollte man meinen, sie müßten den Inhalt wenigstens, wo nicht die Form, der Walpole'schen Friedenspolitik billigen; aber Morley, sowohl als Lecky, ja sogar der ungleich weniger im modernen Parteistandpunkte befangene L. Stephen lassen sich von dem Gerede der Zeitgenossen, namentlich Friedrichs des Großen, Josephs II., Katharinas II., bestimmen, welche Englands Ende schon gekommen sahen, und schildern den Zustand ihres Vaterlandes bei der Thronbesteigung Georgs III., d. h. im Augenblick, wo die Früchte der fünfzigjährigen Whigregierung zu Tage traten, als einen traurigen und wenig beneidenswerthen. Wieviel richtiger sieht nicht unser Hettner, der doch der politischen Geschichtsschreibung wie dem politischen Leben so viel ferner steht, als jene Engländer! Ihm erlaubt eben die deutsche historisch-philosophische Weltanschauung, die Dinge in den richtigen Sehwinkel zu stellen. Noch einmal, um jenen fünfzig Jahren englischer Geschichte gerecht zu werden, muß man die Ergebnisse derselben nicht aus den Augen verlieren und sich in Betrachtung der Dinge und Menschen während dieser Zeit immer auf dem Standpunkte der Vogelperspective halten. Wohl war das Unterhaus, mittelst dessen Walpole und die Pelham's regierten, käuflich und tyrannisch zugleich. Die Regierung verfügte noch über zahlreiche Stellen, die ihr erlaubten, wie unter Louis Philipp das Haus mit ihren Kreaturen zu füllen; sie stand nicht an, gegnerische Stimmen zu kaufen, wo es nur anging. Das Haus wachte eifersüchtig über seine Vorrechte; suchte die Preßfreiheit zu beschränken, wo es konnte – hat es doch den Stempel erst vor fünfzehn Jahren abgeschafft! – und zeigte sich ihr gegenüber unendlich empfindlicher als die Regierung. Es sträubte sich, wie Napoleons III. gesetzgebender Körper, ungue et rostro gegen die Veröffentlichung seiner Debatten und Abstimmungen, die es am Ende doch zugeben mußte, was dem Bestechungsverfahren den ersten empfindlichen Stoß versetzte. Es mißbrauchte das Recht der Wahlprüfung fast ebenso sehr als 1878 die republikanische Kammer in Versailles, um die konservative Minderheit auszuschließen. Gewiß war die Parteiregierung, so oft sie selbst in der äußeren Politik das Parteiinteresse über das Landesinteresse stellte, höchst gefährlich; gewiß war die übertriebene Bedeutung, welche die Beredsamkeit in Anspruch nahm, nicht immer zum Besten des Staates: im Ganzen genommen war der Gewinn für das Land ein beträchtlicher. Es war eben eine Durchgangsperiode, in der sich die endgültige Verfassung Englands aus dem aristokratischen Gemeinwesen herausbildete, wie unsere Zeit für Deutschland die Periode ist, in welcher sich eine neue Verfassung aus dem bureaukratischen Regime herausbildet; und es steht zu hoffen, daß wir soviel von diesem bureaukratischen Charakter hinüberretten werden, als die Engländer von ihrem aristokratischen hinübergerettet haben in den modernen Freiheitsstaat. Die heutigen Engländer sind freilich sehr vergeßlicher Natur: sie können nicht begreifen, daß kaum hundert Jahre sie von einem politischen Zustande trennen, der mit dem heutigen Deutschlands gar viel Ähnlichkeit hat: Obmacht der Krone und des herrschenden Standes, hier des Beamtenstandes, dort des hohen Adels; Auseinandersetzung mit der römischen Kirche als der Feindin des nationalen Staates; mühsame Emanzipation und Lehrzeit der Presse u.s.w., daß wir beschäftigt sind in einem Worte den politischen Vorsprung Englands nachzuholen, wie England beschäftigt ist, den administrativen Vorsprung Deutschlands einzuholen. Die verstocktesten Patrioten Großbritanniens werden zugeben, daß in sittlicher Hinsicht unser öffentliches Leben nicht auf der Stufe der Walpole'schen Zeit steht und dem heutigen England in Nichts untergeordnet ist. Welches die Verfassung sein wird, die sich aus unseren gesellschaftlichen und historischen Verhältnissen entwickeln wird, kann niemand voraussagen: aber bis jetzt war unsere staatliche Entwickelung so normal und gesund, daß wahrlich an der Zukunft nicht zu zweifeln oder gar zu verzweifeln ist. II. Die englische Nation, sahen wir, erlangte während des 18. Jahrhunderts ihren noch von Niemandem auf dem Festlande eingeholten Vorsprung im politischen Leben. Das Schauspiel dieser Entwickelung machte einen gewaltigen Eindruck auf die fremden Zeitgenossen und Montesquieu brachte dies seltene Naturerzeugnis von einem gemischten Staate, von dem schon die Alten geträumt, in eine Theorie, stellte es der Welt nicht nur als nachahmungswerth, sondern auch als nachahmbar dar. Man weiß von welcher Tragweite diese seine That war; aber es scheint uns nur natürlich, daß die besten Köpfe Englands, insoweit sie dem Kampf um die Macht ferne standen, die Dinge anders anschauten. Sie sahen die korrupte, selbstische und anscheinend thatenlose Parteiregierung ihres Vaterlandes in der Nähe und verglichen sie mit dem Festlande, wodurch sie dann fast zu kontinental wurden, als die fremden Bewunderer Englands englisch wurden. Nicht nur Hume und Gibbon, fast alle bedeutenden Denker Englands waren überzeugte Anhänger des »aufgeklärten Absolutismus«, der gerade jetzt überall in Europa Wunder verrichtete; ja, Hume meinte, derselbe würde auch das Loos Englands sein, wenn die demokratische Evolution vollendet sein würde, »der leichteste Tod, die wahre Euthanasie der britischen Verfassung«. Und es konnte nicht wohl anders sein, wenn sie, die am lauten Treiben und Kämpfen des öffentlichen Lebens kein Gefallen fanden, das Festland aus der Ferne betrachteten und Fürsten wie Friedrich II. und Peter Leopold, Minister wie Aranda und Turgot, am Werke sahen, welche nie an sich, sondern immer nur an den Staat dachten, sich mit demselben identifizierten, das Beispiel der Sparsamkeit, des Fleißes und der Selbstaufopferung gaben; wenn sie überall rationelle Gesetzbücher eingeführt, die Rechtspflege vereinfacht, verwohlfeilt und namentlich gemildert, große öffentliche Bauten, Straßen und Kanäle im allgemeinen Interesse ausgeführt, überall Staatsschulen und Krankenhäuser eingerichtet und überwacht sahen; wenn sie damit die verwahrlosten Schulen, die damals gerade sehr darniederliegenden Universitäten, den Zustand der öffentlichen Sicherheit und der Gefängnisse, die schwerfällige oder leichtsinnige Laienjustiz, Man werfe nur einen Blick in die Romane des vorigen Jahrhunderts, in »Joseph Andrews« z. B. oder »Amelia«, um sich einen Begriff von der Wirtschaft zu machen, welche die vornehmen Herrn Friedensrichter mit den ihnen anvertrauten Pflichten trieben. die Eheverhältnisse und die Heereseinrichtungen in ihrem eigenen Lande verglichen. Was war natürlicher, als daß sie über dem Anblicke dieses administrativen Vorsprungs des Festlandes, dessen politischen Rückstand vergaßen, zumal sie aus der Ferne kaum die Schattenseiten jenes beneideten Regimes entdeckten, während die des heimischen Regimes, namentlich das mit dem Parlamentarismus fast unzertrennliche Bestechungswesen, ihnen nur allzusehr in die Augen sprangen. Selbst alte Parlamentarier, wie Horace Walpole, wurden »aus warmen Anhängern der Freiheit ergebene Freunde der Regierungen,« nicht weil sie »eine gute Stelle oder eine Gratifikation« bekommen, als welche »in England die Beweggründe solcher Bekehrungen zu sein pflegen,« sondern aus Bewunderung für »die beiden menschlichen, tugendhaften und ausgezeichneten Minister« Ludwigs XVI., Turgot und Malesherbes. Auch verlangten diese englischen Bewunderer des »aufgeklärten Absolutismus« so wenig wie ein Voltaire oder Diderot, eine Willkürherrschaft, sondern nur die absolute Monarchie, als welche ebenso gut Regierung nach Gesetzen ist, wie das parlamentarische Königthum oder die Republik; denn sie wußten sehr wohl, was ihre Landsleute von heute durchaus nicht begreifen wollen, daß ein deutscher bezahlter Beamter ganz ebenso gesetzlich handelt und handeln muß, als ein englischer »Magistrate«. Montesquieu selber theilt bekanntlich die Regierungen ein in republikanische, monarchische und despotische und nennt »monarchisch« nicht nur die gemischte englische Staatsverfassung, sondern auch die absolute, d. h. bureaukratische, und setzt den Unterschied eben darin, daß diese von den Gesetzen, jene, die despotische, von der Laune geleitet wird. Wo die englischen Freunde des Absolutismus Unrecht hatten, war, wenn sie dieses festländische Regime für England anempfohlen, wie ihre Nachkommen Unrecht haben, uns zur Annahme ihres Insular-Regimes zu rathen, ehe wir die Vorbedingungen dazu erlangt haben. Es wäre wirklich an der Zeit, man hörte endlich auf, den englischen Parlamentstaat oder den deutschen Beamtenstaat als Universalrock anzupreisen, der auf jeden Rücken passe, soviel sie auch von einander entlehnen können. Die Isle of Man wird von einem Club von Gentlemen regiert, der sich beim Tode oder Austritt eines Mitgliedes selbst ergänzt durch Zuziehung neuer Gentlemen im Wege der Kugelung. Man sagt, diese Verfassung bewähre sich ganz vortrefflich und man könnte auch zur Noth eine ganz plausible allgemeine Theorie dieser Regierungsform aufstellen. Ich denke aber doch, es wird Niemandem so leicht einfallen, dieselbe in Italien oder Rußland einführen zu wollen. Und wieviel komplizierter, einziger in ihrer Art, wieviel weniger allgemein gültig ist doch die britische Verfassung, die man uns allenthalben zur Nachahmung empfiehlt und wonach, wenn man den Schülern Montesquieu's folgen darf, »eine Regierung als ein großes Ballet betrachtet werden sollte, in welchem, wie in einem anderen Ballet, Alles von der Disposition der Figuren abhänge.« (Delolme, citirt von L. Stephen.) Diese Betrachtungsweise, welche bei Montesquieu nur erst im Keime vorhanden war, wurde immer allgemeiner im vorigen Jahrhundert und, selbst wenn diese konstitutionelle Mechanik auch König, Königin, Läufer, Springer und Thurm wegließ, um nur Bauern gelten zu lassen, wie in Rousseau's »gesellschaftlichem Vertrage«, ihrem Wesen nach blieb sie immer dieselbe; und sie hat ihre Wirkung bis tief in unser Jahrhundert erstreckt. Was sind Mr. Hare's und J. St. Mill's Kombinationen für Vertretung der Minderheiten anders als die Enkel jener Verfassungen mit direktem und indirektem Wahlrecht, Vertretung der Kapazitäten, jährlichen Parlamenten, Theilung der Gewalten, obsolutem Veto, suspensivem Veto u.s.w.? Alle betrachteten und betrachten die Menschen wie mathematische Einer, anstatt sie als lebendige Organismen aufzufassen. Die praktischen Politiker Englands, deren Thätigkeit die Theoretiker der Staatsrechtslehre so in Systeme faßten, waren darum nicht minder große Politiker; ließen sich auch in keinerlei Weise auf jene Konstitutionsausklügelei ein; und der konservative Geist der englischen Verfassung bei all' ihrer Elastizität, der gerade politische Sinn des englischen Volkes, seine Vorurtheile auch, seine matter-of-fact Gewohnheiten, ja jene »Stockdummheit«, welche den Radikalen Englands so unerträglich ist, machten, daß die Theorien der Verfassungskünstler nie eindrangen, wie in dem abstraktionslustigen Frankreich und dem spekulativen Deutschland. Bald auch sollte dem unklaren Widerstreben, das sich im Schoße der Nation gegen die mechanisch-rationalistische Staatsrechtslehre und ihre praktischen Forderungen regte, ein großer Sprecher erstehen, der das Wort für den dunklen Drang zu finden wußte. Burke gehörte durch seine Geburt der Lessing'schen Generation an – er war 1729 geboren –; durch den Gedanken, den er vertrat, war er ein Genosse Herder's; mehr als ein Genosse, er war für England und die politischen Theorien genau, was Herder für Deutschland und die literarischen Theorien: der Verkünder des historischen Prinzips, das die Weltanschauung in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts beherrschen sollte, der Herold, der das Zeichen zum Angriff gegen den Rationalismus und Mechanismus des vorigen Jahrhunderts gab. So hoch sich auch ein Montesquieu, ein Lessing über die platten Rationalisten ihrer Zeit erhoben, so vielfach sie auch Kraft ihres Genies das sahen, was die folgende Generation als den Kern aller Dinge darstellen sollte: sie wurzelten immerhin im Boden des Rationalismus; die Verständigkeit des common sense hatte in ihnen ihren höchsten Ausdruck gefunden, hatte sich in ihnen bis zum Genie gesteigert; war so über sich selbst hinausgegangen. Burke und Herder dagegen machen Front gegen dieselbe. Man vergleiche Lessing's und Herder's Untersuchungen über die Fabel, Hume's Essay über die »Politik als Wissenschaft« und Burke's »Reflections«, so fühlt man sofort, daß hier zweierlei Sprachen geredet werden. Und Burke wie Herder sprachen den Grundgedanken ihrer Lehren schon in ihren ersten Jugendschriften aus. Man hat oft Burke als einen Politiker dargestellt, der seine Partei verrathen, oder doch mindestens, als er schon über die Lebensmitte hinaus war, seine Überzeugungen plötzlich gewechselt habe. Namentlich hat sich unser Schlosser, mit der, vielen »Tüchtigen« eigentümlichen Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, wiederholt an Burke schnöde versündigt. Herr Morley und vor ihm Herr L. Stephen haben auf's schlagendste nachgewiesen, wie Burke sich im Grunde nie untreu wurde; Herr Morley hat noch überdies den Beweis geliefert, daß Burke's persönliche Rechtschaffenheit, Unbestechlichkeit und Herzensgüte über allen Zweifel erhaben sind – und Herr Morley ist doch auch ein politischer Moralist wie Schlosser, wenn schon ein höflicherer und, was mehr ist, er gehört als Radikaler zu den geschwornen Feinden der Burke'schen Anschauungsweise. Burke's erste Schrift erschien zehn Jahre vor Herder's »Fragmenten« freilich ohne den allgemeinen und erobernden Eindruck zu machen, den die Erstlingsschrift unseres Täufers machte. Es war eine Parodie Bolingbroke's und seiner Manier. Den Ruf dieses »britischen Alcibiades«, den man gewagt hat, mit Mirabeau zu vergleichen und in welchem selbst Herr Lecky noch einen großen Staatsmann sehen will, war noch unangetastet, als der jugendliche Burke ihn auf diese Weise persiflierte. »Wer, geboren in den letzten vierzig Jahren ... hat Bolingbroke gelesen?« mochte er einunddreißig Jahre selbst ausrufen. Im Jahre 1756, als Burke seine Vindication of Natural Society schrieb, wandte er sich noch an eine Generation, die nicht höher schwur, als bei Bolingbroke. Und welches war der Grundgedanke dieser kühnen Schrift, wenn nicht der, daß nicht ein bewußter vernunftgemäßer Vertrag, sondern Verjährung den »sichersten ( most solid ) aller Rechtsansprüche nicht nur auf's Eigenthum, sondern auf das, was das Eigenthum sichert, den Staat, ausmacht?« Daß die Welt zerfallen würde »wenn die Übung aller moralischen Pflichten und die Grundlagen der Gesellschaft darauf beruhten, daß ihre Gründe jedem Einzelnen klar und nachweisbar gemacht würden?« Daß die Verfassung »ein Kleid ist, welches sich dem Körper anpaßt«, nicht ein Mantel, der für alle Schultern gerecht ist? Und Burke war, wie Herder, ganz von diesem einen Gedanken beseelt und ausgefüllt; seine ganze Lebensthätigkeit war eine Auseinandersetzung, Entwickelung, Variation dieses Gedankens. Seneca hatte einen gewaltigen Respekt vor einem Manne, der nur ein Buch zu lesen pflegte; wieviel größer ist die Macht eines Mannes, der nur einen Gedanken hegt! Das Geheimnis von Burke's gewaltiger Wirksamkeit, bei so vielen Nachtheilen der Stellung, der Bildung und des Temperaments, liegt hier. Immer und immer wieder kam er darauf zurück, daß von der Geschichte mehr politische Weisheit zu lernen sei, als von der philosophischen Spekulation; »gelernt, wohlverstanden als Gewohnheit, nicht als Vorschrift, als eine Übung, den Geist zu stärken, nicht als ein Repertorium von Fällen und Antecedentien für einen Advokaten.« Immer und überall erhebt er sich gegen die allgemeine Abstraktion für die concrete Besonderheit, für individuelles organisches Leben. Seine Bekämpfung der demokratischen Vaterlandslosigkeit, hundert Jahre, ehe sie sich in der französischen Commune und der deutschen Sozialdemokratie ganz nackt und schamlos zeigte, war wie eine Vorahnung der Wichtigkeit, der übertriebenen Wichtigkeit, welche unser Jahrhundert dem Nationalitätsprinzip geben sollte. Ähnlich seine Auffassung der Aristokratie als der Trägerin der politischen Tradition gegenüber der ephemeren Existenz einzelner Politiker, wie er selber einer war. Damit wiederum hängt seine Bewunderung für den englischen Landjunker zusammen, der so recht eigentlich den Kern der Nation als historischer Einheit ausmachte und mit dem er persönlich ebenso wenig gemein hatte als mit der Aristokratie, wie es denn überhaupt bedeutenden Menschen oft begegnet, daß sie das am höchsten schätzen, was ihnen selbst abgeht. Die wahre Aristokratie, und gar die wahren Landjunker wissen wenig, was sie im Staate bedeuten: es bedarf erst der Eintagsfliege eines irischen Literaten, um ihnen ihre Bedeutung zum Bewußtsein und in eine Theorie zu bringen. Dazu gehört freilich Burke's wunderbare Fähigkeit zu generalisieren, ohne die Thatsachen aus den Augen zu verlieren, und »seine Weite des Blickes bei seiner Lebendigkeit der Sympathie« (L. Stephen). Gerade dadurch nun überlebt am Ende doch die süße Frucht, »die mit dem Sommer stirbt« und mit der er sich vergleicht, alle »die vielhundertjährigen Eichen, unter deren Schatten sie gereift.« Auch die anscheinende Inkonsequenz in seiner politischen Laufbahn erklärt sich aus dieser historischen Grundansicht vom natürlichen Wachsthum, dem organischen Werden eines gesunden Gemeinwesens. Er war nur ein Gegner des Umsturzes, der diesen Werdeprozeß unterbrach, um die Schöpfungen des willkürlichen Verstandes an dessen Stelle zu setzen; nicht der Reformen, die ihn erleichterten und förderten. »Wenn der Grund alter Einrichtungen dahingegangen, so ist es absurd, Nichts als ihre Last zu bewahren. Das heißt abergläubisch eine Leiche balsamieren, welche nicht eine Unze der Körner werth ist, die man daran wendet, sie zu erhalten.« Daher denn auch seine liberalen Reformvorschläge, welche Abstellungen von Mißbräuchen bezweckten, den Einfluß und die Bestechungsmacht der Krone auf's Parlament beschränkten und im Grunde mehr zur Unabhängigkeit des Unterhauses und zur Wahrhaftigkeit des politischen Lebens beitrugen, als die beiden großen Wahlreformen unseres Jahrhunderts. Daher auch seine lebhafte Parteinahme für die Nordamerikaner. Der Unabhängigkeitskrieg war in der That, nach J. Morley's tiefer Bemerkung, ein zweiter englischer Bürgerkrieg und in diesem Bürgerkrieg stand Burke auf der Seite derer, die nicht – oder doch noch nicht – allgemeine Menschenrechte, sondern die geschriebenen und verbrieften Rechte britischer Unterthanen anriefen; und er stand hier fast ganz allein gegen die Nation, die leidenschaftlich den Krieg wollte. Erst als die französische Revolution ausbrach, begann er den Zusammenhang beider Bewegungen einzusehen. Und er zögerte nicht einen Augenblick. Vom ersten Tage an denunzierte er die Revolution als ein Werk des Verstandeshochmuths, der sich unterfange, die Geschichte von Neuem zu beginnen, in Wirklichkeit aber sich in die Dienste der rohesten Leidenschaft begeben hatte. Als noch ganz Europa für die hohen Gedanken der Revolution schwärmte, noch ehe die Bastille gestürmt war, sah dieser Prophet des Konservatismus die Quellen der Bewegung und die Extreme, zu denen sie führen mußte, mit derselben unerbittlichen Klarheit, mit welcher sie in unseren Tagen ein Tocqueville, ein Sybel, ein Taine, Dank den tiefsten und eindringendsten Forschungen, erkannt haben. Burke war keineswegs der Aristokratendiener, als den man ihn darstellt; aber er hielt die Freiheit für unmöglich ohne Aristokratie; das wenigstens sah selbst ein Mirabeau noch vor seinem Tode ein, daß die neue Verfassung Frankreichs einen Richelieu hätte entzücken müssen, da ihre gleiche Oberfläche die Ausübung der absoluten Gewalt so sehr erleichterte. Und obschon Burke keineswegs die Verachtung für die »großen bösen Männer« von Richelieu's Art hegte, welche unsere Demokraten an den Tag legen, so war er doch der Überzeugung, daß eine ruhige organische Entwickelung solchen genialen Chirurgen vorzuziehen sei. Und er bestritt nicht nur die politische Befähigung der Advokatenversammlung von 1789 schon mit den thatsächlichen und logischen Beweisen, denen Taine erst in unsern Tagen einige Geltung hat verschaffen können; er zog auch die Nothwendigkeit selber einer gewaltsamen Revolution in Frage. Er hatte kurz vorher Frankreich bereist und sich überzeugt, daß die große Umwälzung nicht durch unerträgliche Leiden hervorgerufen sei. Ähnliche Bemerkungen finden wir in Dr. Rigby's jüngst veröffentlichten Reisebriefen aus Frankreich im Jahre 1789, Der einzig zuverlässige Beobachter indessen bleibt immer Young. Das mag nun freilich eine recht oberflächliche Beobachtung gewesen sein; aber weil eine Umwälzung und eine schleunige Besserung der Umstände nothwendig war, so ergiebt sich noch nicht, daß die Greuel von 1789 oder gar die von 1792, 1793, 1794 unerläßlich waren, um einen besseren Zustand herbeizuführen. Sicherlich ist die Anschauung, welche meint, die Bewegung rechts oder links eines Generals oder eines Staatsmannes könnte den ganzen Strom der Geschichte in andre Betten leiten (eine Anschauung, die selbst ein Lecky manchmal zu theilen scheint) eine äußerst mechanische, die selbst der indirekteste Schüler Hegel's nicht wird gelten lassen wollen; aber auch im andern Extrem kann man zu weit gehen. Wohl war die große Revolution nothwendig, das muß zugegeben werden, und keine Menschenkunst hätte sie aufhalten können; aber mußte sie wirklich so greuelhaft sein? Mußte wirklich all' dies Blut vergossen werden, um die neuen Zustände zu schaffen? Das Beispiel von P. Leopold's Wirksamkeit in Toscana dürfte das Gegentheil beweisen. Warum Männer wie Turgot und Malesherbes nicht Dasselbe hätten vollbringen sollen, wenn sie der schwache König nicht hätte fallen lassen, ist durchaus nicht abzusehen. Daher denn auch die Entrüstung der großen Katharina über diese Greuel keineswegs so inkonsequent ist, als sie Herr Morley darstellt. Wohl hatte sie Voltaire und Diderot persönlich geehrt und geschätzt, ihre Ideale zu den Ihrigen gemacht; aber würden nicht auch Voltaire und Diderot ihre Entrüstung getheilt haben, wenn sie ihre Ideale auf solche Weise verwirklicht gesehen hätten? Und Burke sah weiter als sie: er sah was dem Ideale selber mangelte und wie es nothwendig zu jenem Triumphe – nicht etwa der Interessen und Gefühle der Armen an Gut und Geist, die überall die ungeheure Mehrheit des Volkes sind, – sondern der Mittelmäßigkeit der Bildung, der Gesellschaft, des Geistes und des Charakters führen mußte, dem wir heute beiwohnen und der der ganzen Natur eines Voltaire hätte widerstreben müssen. Burke's leidenschaftliche Erbitterung, die über alles Ziel hinausschoß und ihn sich soweit vergessen ließ, daß er zu den geschmack- und maßlosesten Insulten griff, muß uns über die ersten Beweggründe seiner Haltung so wenig täuschen, als Herder's verbitterte und gehässige Stimmungen uns an seinem edlen Streben irre machen. » Tu te fâches, donc tu as tort ,« sagt das französische Sprüchwort und Burke selbst meint irgendwo: »die schwächsten Räsonnements machen mir die größte Angst, weil sie die stärkste Leidenschaft verrathen.« Auch er »räsonnirte« am Ende nur noch sehr schwach und tobte wie ein Wahnwitziger. Darum war der Krieg, den er führte, doch in der ganzen Richtung des Menschen von Anfang an gegeben. Jene sheer stupitidy , welche die Radikalen J. St. Mill'schen Bekenntnisses im englischen Torysmus sehen, erblickte er in der Unfähigkeit seiner Zeitgenossen, die Leere und Unfruchtbarkeit des rationellen Staatsprinzipes einzusehen: nichts aber ist häufiger als Menschen von gemäßigten Ansichten in blinden Zorn gerathen zu sehen, wenn sie gewisse Wahrheiten, die ihnen sonnenklar vor der Seele stehen, ehrlichen und sonst gescheidten Leuten durchaus nicht begreiflich machen können. Wenn man sich nun erinnert, welche Wichtigkeit selbst die größten Denker jener Zeit den äußerlichsten Regierungsformen beilegten, so kann man sich auch vorstellen, welche Anstrengung es erforderte, Burke's Gedanken, nicht nur den Interessen und Gefühlen – die waren zum größten Theil auf seiner Seite – sondern auch dem Verständnisse der Zeit nahe zu bringen. Nicht nur Männer wie Paine predigten auch in England, alle Könige und Priester seien Betrüger, Loyalismus müsse so gut verschwinden, wie Aberglaube, Demokratie und Naturreligion in Rousseau's Sinne seien die einzigen Wahrheiten; auch Priestley sprach in ähnlichem Sinne; auch Bentham ignorierte noch vollständig die historische Methode in der Politik und war »fast den überlieferten Religionen und Einrichtungen so feindlich als Rousseau, wenn schon er seine Abneigung in einem sehr verschiedenen Dialekt aussprach.« (L. Stephen.) Meinte doch selbst ein Hume, Gesetze und Einrichtungen waren »ganz unabhängig von den Launen und dem Temperament der Menschen,« wo Burke behauptete, »Gesetze reichten nicht weit; wie man auch die Regierung einrichte, der bei Weitem größte Theil derselben hänge von der Weise ab, wie die Gewalt ausgeübt werde. Aber die Klugheit und Ehrlichkeit der Staatsdiener, auf welchen aller Nutzen und alle Macht der Gesetze beruhe, würde im (künstlich hergestellten) Gemeinwesen nichts besseres sein als ein Plan auf Papier, nicht eine lebendige, wirkende, entscheidende Verfassung.« Fox und Sheridan, möchte ich, John Morley's Worte variierend, sagen, bewunderten die konstituierende Nationalversammlung auf Grund rationeller Staatsrechtslehre; Burke verurtheilte sie auf Grund historischer Staatsrechtslehre. Und diese Lehre hatte er lange vor 1790 gepredigt. Er war nur konsequent, wenn er jetzt die Eingriffe des Volkes in die geschichtliche Entwickelung ebenso streng beurtheilte als früher die Eingriffe der Könige in dieselbe. Wohl hatte er selbst früher behauptet, man müsse einen Schleier über alle Ursprünge der Regierungen werfen, und damit die innerste Nothwendigkeit alles Staatslebens ausgesprochen, während er jetzt den Schleier von dem in Geburtswehen liegenden Frankreich unbarmherzig abriß. Aber jene Forderung bezog sich nur auf die Vergangenheit, nicht auf die Gegenwart. Erst nach Verjährung sollten Staatseinrichtungen dieses Benefiz haben, daß man ihren Ursprung nicht in Frage ziehe; so lange noch was zu hindern, so lange noch möglich war, das Alte zu erhalten und friedlich noch umzugestalten, durfte, mußte er gegen die gewaltsame Operation protestieren, die sich unterfing, die Macht zu erschüttern, »Die in verjährt geheiligtem Besitz, In der Gewohnheit fest gegründet ruht, Die an der Völker frommen Kinderglauben Mit tausend zähen Wurzeln sich befestigt.« So sehr er übrigens auch der Leidenschaft erlaubte, seiner Herr zu werden, Burke blieb doch immer ein echter Britte im Geltenlassen des Tatsächlichen. Wohl verfiel er selbst einmal aus Leidenschaft in das Extrem, das er bekämpfte, und wurde selber so mechanisch, als es nur ein Mably oder Sieyès sein konnte, wenn er die ganze Revolution als ein planmäßig angelegtes Werk, als das »Ergebnis eines Komplottes« ansah; aber in seiner Theorie ging er doch nie bis zu der Absurdität, zu welcher französische Logik einen Joseph de Maistre brachte, wenn er als letzte Instanz der geheimnisvoll wirkenden geschichtlichen Mächte das Papstthum angesehen wissen wollte! So untergeordnet Burke als Schriftsteller auch einem Montesquieu und Hume gegenüber erscheint, in der Einsicht in das wahre Wesen der britischen Verfassung ist er doch Beiden überlegen. Er ist auch hier wieder das Verhältnis Herder's zu Lessing. Burke war so wenig Staatsmann als Herder Dichter und, wie Lessing »mit Röhren und Pumpen« am Ende doch größere positive Leistungen hervorbrachte, als Herder mit all' seiner Inspiration, so blieb auch Burke als thätiger Politiker weit hinter dem zurück, was seine Zeitgenossen von ihm erwarteten. Obschon durchaus rednerisch angelegt wie Herder, war er doch kein großer Redner, nicht einmal ein großer Schriftsteller – Herr Morley wird mir die Ketzerei verzeihen, aber Burke's Stil ist kaum noch genießbar, trotz (oder wegen?) all' seines Feuers –, er war ein politischer Pamphletär von Genie und da das Pamphlet damals war, was heute ein Leitartikel ist, ein politischer Journalist ersten Ranges, wie Herder ein literarischer Journalist ersten Ranges war; immerhin ein Journalist, der die Hand in den Geschäften gehabt hatte, nicht wie die Unsern nur über Politik reden konnte, sondern Politik gemacht hatte. Dies ist seine Überlegenheit, nicht die Buchgelehrsamkeit, wie sein neuester Biograph es gern möchte. In der That, meint Herr Morley, Burke's Beispiel beweise, daß Bücher eine bessere Vorbereitung für den Staatsmann seien, als frühe Praxis; meiner Ansicht nach beweist es gerade das Gegentheil. Seine Überlegenheit als Denker über einen Pitt oder Fox mag Burke mit aus den Büchern geschöpft haben; seine staatsmännische Unfähigkeit wurde nicht dadurch gemindert. Diese Unfähigkeit lag eben nicht nur in seinem ersten Bildungsgang, noch in seinem reizbaren Temperament allein, sondern auch in seiner Geistesanlage selber: er war ein Prophet, ein Anreger und als solcher hat er Großes gewirkt; zum praktischen Staatsmann fehlte ihm so gut wie Alles. Seine Wirksamkeit war darum doch nicht nur auf die Gedankenwelt beschränkt. Nicht alle seine Vorschläge zur Reform des Unterhauses und der Krongüterverwaltung setzte er durch; es gelang ihm nicht, den nordamerikanischen Krieg zu verhindern; W. Hastings, den er so unerschrocken verklagte, wurde freigesprochen: aber die Verhältnisse der Krone zum Parlament, Englands zu Nordamerika, des Mutterlandes zu Indien gestalteten sich doch, wie er es gewünscht und weil er es so gewünscht, alle seine Kraft an die Verwirklichung dieses seines Wunsches gesetzt hatte. Ich will hier nicht langer bei Burke verweilen, trotz seiner bedeutenden Stellung in der Geschichte der englischen Weltanschauung, noch die Parallele mit Herder allzuweit ausspinnen; sonst könnte ich der Vergleichungspunkte noch viele hervorheben, in seinem Mangel an Humor, in seinen moralisch-ästhetischen Urtheilen – er spricht von »Tom Jones« etwa wie Herder von »Gott und der Bajadere« – in seiner Stellung gegen die Atheisten und Freidenker –, wie er denn auch sehr viel zu dem modernen Vorurtheil beigetragen hat, daß politischer und religiöser Konservatismus zusammengehen müssen, während doch aller höhere Konservatismus wenigstens so viel Skepsis voraussetzt, als zur Toleranz nöthig ist, – und in vielen anderen Eigenthümlichkeiten. Es muß genügen, wenigstens angedeutet zu haben, daß die Reaktion des Werdeprinzips gegen das Macheprinzip in staatlichen Fragen von Burke ausgeht, wie es in literarischen von Herder ausgeht. Beide aber sollten ihren Rückschlag auf's gegenseitige Gebiet ausüben. Die Reaktion der Savigny'schen und Raumer'schen Schule geht ebenso auf Herder zurück, wie Burns und W. Scott auf Burke zurückdeuten. III. Ob die Johnsons und Goldsmiths, die Garrick's und Reynold's, die allabendlich mit Burke im Kaffeehaus saßen, ihren Freund wirklich ganz verstanden? Wohl hat Goldsmith schöne anerkennende Worte von dem »guten Edmund« gesprochen, whose genius was such, We scarcely can praise it or blame it too much ; aber er fügt doch noch hinzu, daß dieser große Genius, too deep for his hearers, still went on refining And thought of convincing, while they thought of dining Es ist wahrscheinlich, daß selbst der stramme Konservative, Johnson, der das Scepter in jenen Versammlungen hielt, seinen Freund, den Deuteragonisten in diesen Unterhaltungstournieren »zu tief« fand, wenn er das innerste Wesen alles Konservatismus aneinandersetzte. Es war doch eine andere Welt, in der sie sich Alle bewegten: die Welt Hobbes' und Locke's, Pope's und Addison's. Der Einzige der Gesellschaft, der auf dem Grunde dieser rationalistischen Weltanschauung, Kunstwerke ersten Ranges hervorgebracht und damit, thatsächlich, wenn nicht theoretisch, die Lehre Burke's von der Allmacht der organisch wirkenden Kräfte dargelegt, Fielding war schon nicht mehr in London, als Burke herüberkam und starb fern in Lissabon, zwei Jahre ehe die Erstlingsschrift des Propheten erschien. Wohl war Johnson durchaus konservativ gestimmt, aber er war's aus ganz anderen Gründen als Burke; wohl hatte Goldsmith ein gewisses poetisches Naturgefühl, das schon die literarische Reaktion ankündigt, aber das menschlich-psychologische, ja soziale Interesse steht doch immer im Vordergrund, so im »Traveller« wie im »Vicar of Wakefield«. Alle diese Leute waren ja Erzstädter und Literaten vom Handwerk, im Gegensatz zu dem vornehmen Dilettantenthum der Bolingbroke's und Shaftesbury's der Addison'schen Zeit. »Nur ein Esel ( blockhead ) kann schreiben, wenn er nicht bezahlt wird«, meinte der gute Johnson. Und auch die Leser waren meist Städter: das Publikum der vorhergehenden Zeit bestand aus Aristokraten und Gelehrten; jetzt begann der wohlhabende Kaufmann, der Advokat, der Arzt, begannen sogar die Frauen des Mittelstandes zu lesen; und die Rückwirkung ließ nicht auf sich warten: noch heute bildet der general reader Englands jenen wunderbaren Resonanzboden, dem Nichts auf dem Festlande gleichkommt, der auch der leisesten Berührung antwortet, oft gellend, oft dumpf und stumpf, oft entstellend, aber immer antwortet. Bis dahin war das Landleben das tonangebende der englischen Gesellschaft gewesen; es war, was es heute zwar noch in der Regel, aber nicht mehr ausschließlich ist, die eigentliche Existenz des Gentleman. Bereits unter Anna hatte sich dagegen die sogenannte »Stadt« als herrschende Gesellschaft gebildet; schon Addison sprach von town and country ganz wie Molière und Labruyère von la cour et la ville . Die »Stadt« aber, im Gegensatz zu den Landjunkern und dem Hofe, meinte die literarischen und finanziellen Kreise der Hauptstadt, die sich für die Nation hielten und denen »Tempelbar der Mittelpunkt der Welt war«. (Stephen.) So viel Goldsmith auch von dem schönen »verlassenen Dorfe« und seinen Reizen erzählen mag, ganz wohl fühlte er sich doch nur im Londoner Kaffeehaus. Johnson gar sah keinen anderen Unterschied zwischen der romantischen Natur von Wales und der friedlichen Landschaft Englands, als daß »statt kahler und unfruchtbarer Hügel hier grüne und fruchtbare« seien; und er zog sein Leben über die Reize von Fleetstreet denen von Greenwich Park vor. Wohl starb in der großen Masse der Nation die alte Lust am Landleben nie aus, aber es war die Freude der Jäger und Landwirthe, nicht die der gefühlvollen Naturschwärmer, wie auch die nie aussterbende Liebe zur Vergangenheit stets aus einem antiquarischen und moralischen, nie aus einem künstlerischen Interesse entsprang, weshalb doch beide Gefühle nicht wenig dazu beitrugen, die nüchterne Verständigkeit des 18. Jahrhunderts in England merklich zu mäßigen. Auch ging England in der landschaftlichen Gartenkunst wie in der Fürsorge für Erhaltung alter Monumente dem Festlande um ein Menschenalter voraus. Der starkausgeprägte Sinn der Engländer für Individualität trug ebenfalls zu dieser Milderung bei, indem er sie vor den äußersten Excessen kahler Allgemeinheit bewahrte. Die Kunst der Charakteristik und das Gefallen daran blieb selbst in jener Periode literarischer Abstraktionen das Erbgut der englischen Dichter und Romanschriftsteller. Dieser Sinn für psychologische und künstlerische Charakteristik, nicht die Eitelkeit der Vornehmen, wie Lecky annimmt, erklärt auch die Blüthe des Porträts, welche in England den Verfall der heimischen wie der festländischen Kunst so lange überlebte. Und, wie das Porträt so die Schauspielkunst. Garrick wußte zu individualisieren wie Reynolds und durch diese Individualisation brachte er Shakespeare wieder zu Ehren, den eine Zeit, die nur an Darstellung der Leidenschaften in abstracto Gefallen fand, nicht hatte verstehen können. Auch Reynolds und Garrick gehörten zu jenem historisch gewordenen Unterhaltungsclub, an dessen Spitze Dr. Johnson saß. Die Ausländer, die Johnson im »Rasselas« in den Biographien der Dichter, im Shakespearekommentar suchen, haben Mühe, die hervorragende Stellung zu begreifen, welche »der Doctor« in der englischen Literaturgeschichte einnahm und noch immer einnimmt. Seine Bedeutung lag offenbar ganz in der Persönlichkeit und die Persönlichkeit ist uns in dem wunderbaren Buche seines Eckermann-Boswell so lebendig erhalten, daß wir den Mann vor uns zu sehen glauben. Selbst die Werke eines Rousseau, welche die Welt berauschten, könnten uns keinen Begriff von Rousseau's Wirkung geben, hätten wir nicht die »Bekenntnisse«, die uns die Genialität des Menschen nahe bringen; wie viel mehr ist's bei Johnson's blasser schriftstellerischer Produktion nothwendig, den Menschen kennen zu lernen, um zu begreifen, wie und warum ein Richardson, ein Goldsmith, ein Burke, ein Reynolds zu ihm hinaufsahen. Johnson war eben nicht nur ein selten guter, ein selten wahrhaftiger und selten gescheidter Mann; er war auch einer der größten Gesprächskünstler seiner Zeit, die im Gespräche oder im Briefe, das ein geschriebenes Gespräch ist, lebte und dachte, wie Unsre in der Zeitung. Aber wie ganz anders war dies englische Gespräch als das französische; wie viel derber, humoristischer, thatsächlicher; und wer hätte es an Derbheit, Humor und Thatsächlichkeit mit Johnson aufgenommen? Es waren in eminentem Sinne Männerunterhaltungen, diese Kaffeehausgespräche, wo die Herren Stunden lang angenagelt saßen um ihren Stammgasttisch; während die französische Unterhaltung im Salon und in dem unausgesprochenen Wettkampf um Frauengunst unter immer wechselnden Rollen und bei immer wechselnden Sitzen, leicht und urban über die Sachen und Personen wegglitt. Wohl war es dieselbe heitere Moral, welche »die Tugend in allen ihren natürlichen und verführerischen Reizen sah und sich ihr unbefangen, zutraulich und liebevoll nahte, sie ihres düsteren Gewandes entkleidete, womit sie viele Theologen und Philosophen sie behängt, um Nichts zu Tage treten zu lassen als ihre Milde, Menschlichkeit, Wohlthätigkeit, Leutseligkeit, ja, in passenden Augenblicken auch Spiel, Scherz und Ausgelassenheit« (Hume); aber selbst diese sittliche Heiterkeit gab sich doch hauptsächlich nur in Männerkreisen freien Lauf. Die Frauen, welche noch unter Königin Anna einen so großen Einfluß auf Staat, Literatur und Gesellschaft übten, und, wenn man Defoe glauben darf, »keine Muße hatten zu leben, wenig Zeit zu essen und schlafen, und gar keine ihre Gebete zu sagen«, so sehr »waren alle Regierungs-, Staats- und Kriegssachen die Provinz der Damen geworden«, – die Frauen waren verbannt aus jenen Zusammenkünften der sechziger Jahre und in den Salons, wo sie zu finden waren, füllte das leidenschaftliche Hazardspielen alle ihre Stunden aus. Johnson graute ein wenig vor den politischen Weibern, und gar dem unparteiischen billigen Goldsmith war die pétroleuse zuwider, die in jeder Frauennatur zu schlummern scheint und geweckt wird, sobald sie in politischen und religiösen Kämpfen Partei ergreift. Auch ist die Engländerin wohl weniger für die Gesellschaft geschaffen als die Französin: ist sie frei, so überschreitet sie leicht die Grenze, wo die Freiheit unschön und unweiblich wird, eine Grenze, welche die Französin selten überspringt. Als der moralisch sehr strenge Burke Madame du Barry neben Ludwig XV. in der Kirche sah, fand er, daß »das Laster selber die Hälfte seines Übels verliere, indem es alle seine Rohheit verliere«. Hat die Engländerin geistige Interessen, so verleugnet sie gern die Natur, strebt geschlechtslos zu sein und wird oft reizlos; denn was der Unterhaltung einer Frau Reiz verleiht, ist ja weniger der Inhalt dessen, was sie sagt, als daß es den Stempel ihres Geschlechtes trägt. In England lebt die gesellschaftliche Weiblichkeit eigentlich nur in den jungen Mädchen: und junge Mädchen waren eben im »Türkenkopf« nicht an ihrer Stelle. Hier aber gab sich das Bedürfnis, allgemeine Gedanken und Urtheile mitzutheilen, freien Lauf und ward das Gespräch bis zu einer wahren Gymnastik getrieben. Es waren Tourniere, in welchen Jeder nicht nur zu glänzen, sondern auch zu siegen wünschte und Johnson stand nicht an, »wenn seine Pistole versagte, Einen mit dem Kolben niederzuschlagen«, wie Goldsmith sagte. Aber er verlangte würdige Gegner: »Erst wenn man einem Mann im Gespräch auf den Leib rückt«, sagt er selber, »kann man entdecken, was sein wahrer Werth ist.« Alles Monologisieren vom Katheder, der Kanzel, der Advokatenbank oder dem Deputiertensitze sei leicht und unfruchtbar; erst der Dialog bringe alle Kräfte heraus; und er schätzte Burke namentlich deshalb so sehr, weil er das Talent hatte, ihn dermaßen anzuregen, daß er alle seine Kräfte aufbieten mußte, um ihm ebenbürtig zu begegnen. Denn, nächst Johnson selber, »für den man nur die Klingel zu ziehen hatte«, um sich ein Verdienst um die Gesellschaft zu erwerben, war Burke der gewandteste. Doch fehlte es ihm an Witz. Goldsmith hätte Den wohl gehabt, nur kam er meist zu spät zum Vorschein, es war der esprit de l'escalier des armen Teufels, der aus seiner langen Armuth und niederen Lage die Schwäche mitgebracht hatte, sich leicht von den Selbstgewissen verblüffen zu lassen, wogegen sein Landsmann Burke ein sehr seltenes Talent hatte, seine demüthigen Lebensanfänge ganz zu vergessen. Es war ein echt englischer Kreis, der sich da zusammenfand, obschon die Irländer darin eine so große Rolle spielten und obschon wir ihn vornehmlich durch den Schotten Boswell kennen; und es ist interessant, zu beobachten, wie sehr es England in diesem Jahrhundert gelang, die fremden Kräfte zu assimilieren und die fremden Einflüsse zu verarbeiten, weit mehr als früher und seitdem. Selbst Hume, welcher mit ganzer Seele an seiner schottischen Heimath hing, dort den größten Theil seines Lebens zubrachte, England haßte, wie man nur die Fremdherrschaft haßt, war nicht nur durch die Sprache, sondern auch in der Methode, in der Lebensanschauung ein echter Engländer. Und ähnlich, wenn schon in anderem Sinne, der große Ire Swift. Auch Swift's Landsmann, Goldsmith, war intellektuell, wenn nicht von Charakter, ganz Engländer und seine literarische Thätigkeit stand noch durchaus unterm Einfluß der Reaktion Addison's gegen den neuenglischen Seicentismus der Dryden'schen Zeit. Wohl kannte er das Festland trefflich, aber er wurde nie wie Gibbon zu »einem kontinentalen Europäer, statt eines insularen Engländers« (Morison). So auch Adam Smith und mehr noch die späteren Schotten, wie Robertson und Dugald Steward, Erskine und Blair, dann Burns, W. Scott, Jeffrey; sie mochten sehr unenglisch in Anlage und Charakter sein; sie lebten darum doch das ganze englische Geistesleben mit, als ob sie selber Engländer wären. Man pflegt in England diese Jahre der englischen Literaturgeschichte als eine Pause anzusehen: Nichts scheint mir unberechtigter. Jedenfalls füllt Goldsmith befriedigend genug die kurze Spanne Zeit zwischen Fielding und Sterne, zwischen Pope und Cowper aus, um nur den Roman und das Gedicht zu erwähnen; und auch in der Komödie hat die vorhergehende und folgende Zeit Nichts hervorgebracht, das den Good natured man und She stoops to Conquest überträfe. Essayism aber und literarische Kritik, Philosophie und Geschichtsschreibung waren nie blühender als zwischen 1750 und 1780. Dazu bereitete sich in jener Zeit schon der Umschwung vor, der gegen Ende des Jahrhunderts eintreten sollte. Ja, schon in Richardson, der die von Defoe geschaffene Form des Romans weiter entwickelte, sind die Ansätze zu jener Bewegung. Die Schilderung der unmittelbaren Gegenwart in persönlicher Erzählung oder Briefform, die psychologische Entwickelung der Charaktere, die sein großer Gegner Fielding dann zur Vollendung führte; die Empfindsamkeit, welche Rousseau auf dem Festlande in die Mode brachte, finden sich sämmtlich schon in Richardson. Größeres that Fielding durch seinen genialen Realismus, um der poetischen Produktion wieder den Boden zu geben, den sie fast unter den Füßen verloren hatte; Sterne durch seine kecke Befreiung der subjektiven Laune – Nietzsche nennt ihn mit Recht den freiesten aller Schriftsteller. Ja, Johnson selber trug auf seine Weise zur Reaktion der achtziger und neunziger Jahre bei. So sehr er auch Shaftesbury's Antipathie gegen die Schwärmer und Enthusiasten theilte, welche der ganzen ersten Hälfte des Jahrhunderts den Ton gab, so wenig konnte er sich mit des »Virtuoso« Optimismus und Kosmopolitismus befreunden. Obwohl ganz ein Mann der common sense Schule, ja in einem Sinne ihr letzter und höchster Ausdruck war er doch kein Freund der Deisten, die ihm an seine englische Kirche rührten; in einer Zeit, wo alle Talente, selbst die eines Burke, sich in den Dienst der Whigs begeben hatten, war er ein Stocktory; denn obschon er ein Verstandesmensch war, der einen Shakespeare nach abstrakten Regeln beurtheilte, so wollte er im Staat doch nur die Praxis und die Tradition gelten lassen und die britische Verfassung war ihm eine Musterverfassung, weil sie lebte und geworden war, nicht weil sie alle theoretischen Bedingungen des » fancyful « Montesquieu erfüllte. Während Alle für Frankreich schwärmten, alle nationalen Schranken verwarfen, wollte er nur Engländer sein und empfand es fast als eine Impertinenz, wenn die Schotten auch eine Nation sein wollten. Vor Allem, während es Mode war, Alles zum Besten in der Besten der Welten zu finden, war er es, der gegen diesen Glückseligkeitstaumel reagierte; und zwar was charakteristisch ist, nicht durch plumpe Satire wie Mandeville in der Bienenfabel, noch durch seinen Spott wie Voltaire, im »Candide«, sondern mit einer Art Melancholie, die tief in seinem Wesen lag, und indem er der Welt die dunkle Seite der Natur wie der Gesellschaft zeigte. Die Young'schen »Nachtgedanken« sind fast gleichzeitig mit Johnson's »Rasselas« Wie Percy's, Lowth's, Wood's Bemühungen sich wiederum an Young's »Originalkomposition« anschlossen, ist ein in Deutschland oft behandeltes, in England sonderbarer Weise sehr vernachlässigtes Thema; wie Macpherson's und Chatterton's Fälschungen aus jenem dunkeln Drange nach Wiederanknüpfung der historischen Fäden entsprangen; wie endlich die langsam reifende dichterische Reaktion aus den Tiefen der Volksseele siegreich jubelnd hervorbrach in R. Burns' Liedern, das ist uns, Allen eine wohlbekannte, ja vertraute Geschichte; denn sie ist der begleitende Pedalton unserer eigenen Geistesgeschichte. Der Gedanke, der bei uns wissenschaftlich und dichterisch entwickelt und bis in seine äußersten Konsequenzen verfolgt ward; der Gedanke, welcher unserer ganzen modernen Nationalbildung und Weltanschauung zu Grunde liegt, der Gedanke, der durch uns auf mehr denn ein halbes Jahrhundert hinaus der herrschende in der höheren Geistessphäre Europas geworden ist – wir erkennen ihn wieder bei unseren germanischen Vettern, und die Form, die er dort annimmt, stört uns nicht, hindert uns nicht, ihn als den Bundesgenossen in dem Kampfe gegen den Mechanismus der vorhergehenden Zeit anzuerkennen, den zu stürzen so recht eigentlich unsere literarische Sendung war. Weniger bekannt ist bei uns die Bewegung, welche sich gleichzeitig im Schoße der englischen Kirche vollzog und der halb Entschlafenen neues Leben und neue Kraft gab, die auflösend wirkenden Elemente ausschied. Sehr schön führt Herr L. Stephen aus, wie jene ganze schöne Literatur des 18. Jahrhunderts eigentlich nur der symbolische und sinnliche ( emotional ) Ausdruck der Gedankenbewegung dieses Jahrhunderts ist, wenn sie auch gleichzeitig, wie's wohl nicht anders sein kann, den permanenten Charakter des englischen Geistes darstellt. Alle, noch immer in der englischen Nation so unvermittelt nebeneinander lebenden Gegensätze muthigster Wahrhaftigkeit und direktester Heuchelei, cynischen Egoismus und edelster Generosität, toller Verschwendung und harter Habsucht, roher Grausamkeit und lebhaften Mitleids, leben vor uns in den literarischen Denkmalen jener Zeit und doch spiegeln sich darin fortwährend Gefühle, Typen und Sitten, welche längst aufgehört haben zu existieren; vor allem aber jene Gedankenwelt, gegen welche die oben geschilderte Reaktion sich wandte und welche wir mit dem Namen des theologischen Rationalismus zu bezeichnen pflegen. Damit ist denn auch der Grundmangel jener Literatur charakterisiert: eine so kalte und mechanische Weltanschauung wie der Deismus, von dem die ganze philosophische Bewegung ausging, konnte der Phantasie nur mageren Boden bieten. Wie viel reicher noch als die leblose Gottheit dieser Zeit war selbst die strenge biblische Welt Milton's, und gar die gestaltenreiche Romantik von Spenser's und Shakespeare's Zeit, als Fee Abunde noch die Welt regierte! IV. Wohlthätiger, wenn nicht vertiefender und verinnerlichender, war der Einfluß der großen, von Hobbes und Locke ausgehenden, philosophisch-kritischen Bewegung und der Newton'schen Naturphilosophie auf das religiöse Leben, und die politische Windstille der Walpole'schen Zeit war dieser philosophisch-theologischen Thätigkeit sehr günstig. Newton selber freilich hatte keine Ahnung von der Tragweite seiner Entdeckungen für die religiösen Fragen und »beugte seinen mächtigen Geist immer weiter zu jener Thätigkeit des Räthsellösens, die er Prophetendeutung nannte« (L. Stephen); aber Hobbes wußte sehr wohl was er that. Man unterschätzt oft Hobbes' Einfluß. Freilich hatte er nur wenig Schüler und seine Staatsrechtslehre wurde tatsächlich für immer beseitigt durch die Revolution von 1688. Allein, – Herr L. Stephen thut wohl daran, es uns in's Gedächtnis zu rufen – ein Schriftsteller, der eine Reaktion hervorruft und zahlreiche Widersacher zählt, thut ebensoviel für die Ideenerzeugung als der, welcher seine eigenen Gedanken verbreitet. Und dann: die Folgerungen, welche Hobbes aus seinen Prämissen zog, mögen von den folgenden Geschlechtern mit Entrüstung verworfen worden sein, die Prämissen selber bilden doch die Unterströmung der ganzen Gedankenbewegung des vorigen Jahrhunderts. Wenn er behauptet, daß die Bibel nach der Methode historischer Kritik geprüft werden müsse, so ließ sich Bayle das wohl gesagt sein. Was er in Bezug auf die Verschiedenheit der Moral je nach Ort und Zeit sagte, ward das Credo Voltaire's, wenn er auch nicht so weit ging wie Hobbes, die positiven Gesetze jeden Landes mit den Moralgesetzen zu identifizieren. Rousseau's Theorie der Souveränetät und des Gesellschaftsvertrages ist im Grund die von Hobbes', nur daß der Souverän ein verschiedener ist. Wenn Locke die eingeborenen Ideen von Sittlichkeit leugnet, steht er nicht auf Hobbes' Schultern? Praktisch freilich in Bezug auf's Leben war Locke's Thätigkeit eine Reaktion gegen die Hobbes'. Er ward der Kirchenvater des Konstitutionalismus, wie jener der des Absolutismus gewesen war; er ward der Stifter der Nützlichkeitsmoral, die im ganzen vorigen Jahrhundert herrschte, obschon erst Bentham sie in ein vollständiges System brachte; er ward vor Allem der Prophet der kirchlichen Toleranz, welche der schönste Zug in der Zeitphysiognomie ist. Auch die Locke'sche Philosophie war ein echtes Kind Englands und seines gesunden Sinnes für's Thatsächliche, seiner Abgeneigtheit gegen Systeme, seiner Ehrfurcht für gegebene Einrichtungen und Vorurtheile, seiner Neigung zu Kompromissen mit dem Bestehenden: daher denn auch der Erzengländer Johnson, obschon im gegnerischen politischen Lager, in seinem Mißtrauen gegen spekulative und skeptische Philosophie ganz Lockianer war. Daß Locke's Philosophie in ihren Consequenzen doch zu Hume's Skeptizismus führen mußte, darf uns nicht irre machen. Er wollte stehen bleiben, die Offenbarung nicht antasten, Gott und Unsterblichkeit nicht in Frage ziehen; aber der spekulative Schotte – die Schotten, die den Deutschen in sehr Vielem ähneln, scheinen auch den Sinn für Spekulation mit den Deutschen zu theilen – Hume blieb nicht stehen. Wohl erklärte er, »unsere heiligste Religion beruhe auf dem Glauben, nicht auf der Vernunft, und es sei der sicherste Weg sie zu gefährden, wenn man sie einer Untersuchung unterwürfe, die sie nicht vertrüge«; das hinderte ihn aber nicht, die philosophischen Grundlagen der Religion vor's Gericht der Vernunft zu ziehen und ihnen den Prozeß zu machen. Er vollendete erst den von Locke begonnenen Sieg über die Weltanschauung des 17. Jahrhunderts und ward der Vorläufer, der heute, bewußt oder unbewußt, von allen wahren Denkern zur Voraussetzung genommenen Lehre Kant's. Ebenso mächtig als auf die philosophische Entwickelung war der Einfluß Locke's auf Staat und Kirche. Nicht nur die Praktiker des Whiggismus, auch die Theoretiker desselben, die R. Walpole so gut, wie die Montesquieu, gingen von ihm aus; und seine Vertheidigung der kirchlichen Toleranz trug sofort die schönsten Früchte. Noch ein Mal war unter Königin Anna der hochkirchliche Fanatismus gegen Wilhelms III., von Locke philosophisch exponirten, Tolerantismus ausgebrochen; dann aber trat Dieser unbestritten in seine Rechte. Wahrend Bossuet aus der unendlichen Verschiedenheit der religiösen Meinungen auf die Nothwendigkeit der Einheit und die Unterdrückung der Ketzerei, folglich blinde Unterwerfung unter die Autorität und Verfolgung der Andersglaubenden schloß, leitete Locke aus dieser Verschiedenheit die Nothwendigkeit der Duldung und der Verstandsrechte, d. h. des Rationalismus ab. Denn Locke's »Vernünftigkeit des Christenthums« war so recht eigentlich der Ausgangspunkt des ganzen theologischen Rationalismus, der unter dem Namen des englischen Deismus in der Geschichte bekannt ist. Der Deismus war aber im Grunde Nichts als eine Art Naturreligion, wie später Rousseau's Gesellschaftsvertrag, der ganz ähnlich konstruiert war, ein sogenannter Naturstaat sein sollte. Und dieser Deismus ward trotz so talentvoller und gelehrter Gegner wie Butler und Bentley, bald nicht nur das Credo aller intelligenten Dissidenten, die sich unterm Namen der Unitarier gegen die Lehre von der Dreieinigkeit erhoben, er ward auch die Überzeugung aller gebildeten Anglikaner selber, da er ja nicht wie in Frankreich, wo er sich dem Katholizismus gegenüber fand und wo ihm die französische Logik nicht erlaubte, halbwegs stille zu stehen, in eine Bekämpfung, des Christenthums selber ausartete. Von der Mystik freilich, wie von der Symbolik des Christenthums blieb wenig übrig: das Ganze war ein gar prosaisches Moralsystem und die höchst nüchterne Metaphysik vom allgütigen Uhrmacher; der Gottesdienst magerte immer mehr zur leeren Form ab; die Predigten waren einfache Essays über Moral, wie Addison sie hatte in den Spectator schreiben können; ja am Ende, unter Sterne's genialfrecher Hand, werden sie zu kleinen humoristischen Vorträgen über alles Mögliche außer Christus und der Erlösung. Dabei zieht man denn doch immer noch seinen Hut ab vorm Christentume, wenn man zufällig daran vorüberstreift, selbst wenn man Hume heißt. Erst Gibbon griff es unehrerbietig und von vorne an; aber Gibbon war eigentlich kaum mehr ein Engländer zu nennen, in Bezug auf seine philosophische Weltanschauung wenigstens, die er sich ganz auf dem Festlande gebildet. Am Ende des Jahrhunderts aber hatte jener Rationalismus so weit um sich gegriffen, daß ein Paine und Priestley seine Sprache auch zum Volke redeten, weil »der Glaube, welcher die Gebildeten schon lange nicht mehr befriedigte, auch den Instinkten des rohen common-sense nicht mehr genügte«. (L. Stephen.) Selbst die konservativen Theologen, welche gleichzeitig, gegen Freidenker und Orthodoxe Front machten, predigten eine Moral, die auf Nichts als Empfindsamkeit oder einfache Klugheit hinauslief. Sie hatten zwar noch die theologische Sprache beibehalten, aber gebrauchten dieselbe in so unbestimmter Weise, daß man Alles darunter verstehen konnte, was man wollte. Sie sprachen von Harmonie, Einheit der besten der Welten u. s. w., fanden Gott in der Natur, aber ohne seine Persönlichkeit zu betonen. Wohl habe sich Gott einmal auch greifbar den Menschen gezeigt, das sei aber schon lange her und in einem fernen Wunderlande; seitdem unterbreche der hohe Herr die Naturordnung nicht mehr; kurz Gottvater ward zu einer Art »übernatürlichen Oberrichters, dessen Wahrsprüche in einer außernatürlichen Welt ausgeführt wurden, der aber (für diese natürliche Welt) ein konstitutioneller Monarch war, einen Gesellschaftsvertrag unterzeichnet, und sich von der thätigen Regierung zurückgezogen hatte.« Auch war die Polemik zwischen ihnen und den Deisten, wenn man die des pugilistischen Warburton ausnimmt, eine sehr laue, wie's nicht wohl anders sein konnte, da Diese ja im Grunde nicht die Religion, Jene nicht die Toleranz vernichten wollten. Nichts glich in der That weniger der heutigen englischen Kirche, als die des vorigen Jahrhunderts. Während heute die noch immer sehr zahlreiche broad-church kaum zum Worte kommt, zwischen der aristokratischkatholizisierenden high-church und der puritanisch-demokratischen low-church , so war sie damals fast alleinherrschend, ausschlaggebend und was Alles sagt, in der Mode: denn die heutige low-church und high-church sind eigentlich erst die Ergebnisse der Wesleyanischen Bewegung des vorigen Jahrhunderts, der Tractarianischen unseres Jahrhunderts. Die englische Kirche war dem englischen Charakter und Geist, sowie den historischen Verhältnissen Englands wunderbar angemessen. Sie hatte den Vortheil, eine nationale Kirche zu sein; sie war des einzigen gefährlichen Gegners ledig, und erstreckte ihre Toleranz nicht bis auf diesen, der ja, »nie als eine einfache Religion angesehen werden kann« (ich glaube Herr Lecky ist der einzige lebende englische Schriftsteller, der sich zu dieser unbefangenen Beurtheilung des Katholizismus aufzuschwingen vermag); sie hatte sich überdies der vernunftwidrigsten Dogmen des Katholizismus entledigt; sie war ein Kompromiß zwischen zwei Extremen; sie hatte eine monarchisch-aristokratische Verfassung, sie war durch die Priesterehe innig mit der Gesellschaft verbunden und hatte doch, als auf der Nachfolge beruhend, die den Engländern so liebe historische Überlieferung nicht aufgegeben. Zu gleicher Zeit aber war ihr politischer Einfluß, den die Laien mit mißtrauischer Eifersucht betrachteten, immer schwächer geworden, war selbst im Oberhaus bedeutend herabgemindert worden. Dazu kam, daß seit William III. und seinem Burnet die hohen Kirchenstellen immer mehr an Latitudinarier vergeben wurden. Es war eine Epoche, die der Blütezeit unseres Hermesianismus nicht unähnlich war, mit dem großen Vortheil, daß der Chef dieser Kirche eben doch das Staatsoberhaupt war. Überhaupt erinnert jene Zeit in kirchlichen Dingen viel an die gute Zeit unseres Friedrich Wilhelms III., ehe noch die künstliche Wiederbelebung des kirchlichen Interesses begonnen hatte, – der künstlichen sage ich, denn selbst damals war in jenem lauen Kirchenthum der Engländer doch immer mehr Wahrheit als in unserem kirchlichen Leben, während im Gegentheil das religiöse Leben selbst heute noch bei uns wahrer und tiefer sein dürfte als in England. Zwar schlug Williams III. Versuch einer evangelischen Union fehl, wie ja auch der preußische thatsächlich nicht gelungen ist: aber es war doch ein Waffenstillstand zwischen Kirche und Dissent. Nach jenem kurzen Kampfe unter Königin Anna hatte die von den Bischöfen vertretene Toleranz den Sieg. Die Synode (oder Convocation), in welcher der noch immer etwas intolerante niedere Clerus ausschlaggebend war, bestand seit 1717 thatsächlich nicht mehr, denn sie wurde nicht mehr einberufen, und bald ahmten auch die Untergebenen ihren Vorgesetzten nach, von denen sie fortan ohne Berufung abhingen. Um die Mitte des Jahrhunderts war innerhalb der Kirche der Indifferentismus so groß geworden, daß Hume sagen konnte, »die Nation habe sich in religiösen Dingen in die kühlste Gleichgiltigkeit festgesetzt, die man bei irgend einer Nation der Welt finden könnte,« Das war nun freilich nur halb wahr, und dem vornehmen Geiste, der auf den Gipfeln der Kultur wohnte, entging die Bewegung, die tief unten im Thal unter den arbeitenden Ameisen der Menschheit schon begonnen hatte. Auf die Staatskirche beschränkt ist dagegen sein Urteil ganz gerechtfertigt. Schon um die Mitte der vierziger Jahre regte sich die Reaktion des religiösen Gefühls. Der Pietismus, der fünfzig Jahre vorher unser religiöses Leben wieder auf ein Jahrhundert hin, verjüngt hatte, lebte auch in England auf. Schade nur – und von der größten Tragweite – daß die große philosophische Bewegung Englands von Bacon auf Hume, nicht wie die unsere von Kant bis Feuerbach, nach , sondern vor der religiösen Wiedergeburt eintrat, das neue religiöse Leben also nicht philosophisch geläutert und durchgeistigt wurde, sondern die größere Hälfte der Nation der modernen Kultur entfremdete, ja ihr feindlich entgegenstellte. Die Dissidenten waren nur noch wenig zahlreich am Anfang des Jahrhunderts, etwa 1 zu 22 gegen die Angehörigen der Staatskirche. Die Independenten oder Congregationalisten, welche gern die Landeskirche in eine Masse kleiner, vom Staate unabhängiger Freistaaten aufgelöst hätten, streng calvinistisch in ihren Dogmen, namentlich in dem der Prädestination, waren, nach großer Machtentfaltung, fast der Reaktion erlegen: der politische Sinn der Engländer sträubte sich gegen eine Kirche, welche nur eine unsichtbare geistige Gemeinschaft der über die Welt zerstreuten Erwählten sein sollte. Die Wiedertäufer, welche die Religion innerlich zu reinigen bestrebt waren und das Admissionsritual vernunftgemäßer einrichten wollten, hatten sich, wie die Quäker, welche allen äußeren Ritus aufgegeben wissen wollten, versteinert; sie lebten noch fort und verloren wenige Anhänger, aber sie gewannen auch keine neuen. Nur die neue Sekte der Unitarier, so recht ein Erzeugnis des vorigen Jahrhunderts, gelangte zu großer Blüte, war aber ihrer Natur nach ein Bekenntnis Gebildeter, konnte nie eine Volksreligion werden, selbst im Jahrhundert der Aufklärung nicht: denn sie verlangte die volle Freiheit der Kirche, wollte alle Verpflichtungen aufheben, welche die Lehren der Geistlichen irgendwie binden könnten: Religion aber, Volksreligion, will Gebundensein, meint Gebundensein. Anders der Wesleyanismus, der sich anfangs durchaus nicht als Dissent gab, sondern nur die anglikanische Religion durch's Gefühl, durch die innerliche Wiedergeburt erneuern wollte, wie unser Pietismus dem Luthertum neues Leben einzuhauchen gesucht hatte. Er bildete aber Gesellschaften und Vereine der Laien im Schoße der Kirche, verlangte sichtliche Bekehrung, persönliche Empfängnis der Offenbarung bei jedem Einzelnen, ja führte schon Herrnhuter Einrichtungen ein; Wesley stand ja mit den Brüdern in persönlicher Beziehung. Dabei wollte er doch noch immer in der Landeskirche verharren, was freilich auf die Dauer nicht gehen konnte; doch mußte er sozusagen bei den Schultern hinausgedrängt werden. Noch lange nachdem er und sein Apostel Whitefield ihre Wirksamkeit aus den Kirchen, aus denen sie vertrieben worden, auf's freie Feld verlegt, erklärten sie sich für treue Anhänger der Landesreligion. Erst gegen 1785, bestimmter 1795, ward die bis dahin »evangelische« Bewegung zur Methodistensekte, als welche sie jetzt in England allein eine Million (nach Anderen 2,400,000), in Amerika zwei Millionen Mitglieder zählt. Nichtsdestoweniger trat sie von da an in ihr abnehmendes Stadium, denn, »obschon mächtige religiöse Bewegungen immer von den Ständen ausgehen, die der philosophischen Bildung unzugänglich sind, so sind sie doch zur Unfruchtbarkeit verdammt, wenn sie kein philosophisches Element zu assimilieren verstehen« (L. Stephen). Diese Unfruchtbarkeit darf aber nur von dem Methodismus als Sekte verstanden werden; der Wesleyamsmus als historische That war von höchster Fruchtbarkeit. Er that auf dem Gebiete der Religion, was unser Sturm und Drang auf dem der Literatur that: Wesley war ein religiöser Rousseau, welcher dem herrschenden Konventionalismus gegenüber das Gefühl wieder in seine Rechte einsetzte, ein Werther, der das innere Leben allein für werthvoll hielt und seine Jünger oft zu krankhaftem Selbstgrübeln verleitete, aber auch der echt germanischen Lutheridee in England wieder Eingang verschaffte: daß, was ein Mensch ist, wichtiger ist, als was er thut oder denkt. Er zuerst gab der Idee der »Sünde«, als Ausflusses einer unbegnadeten Natur, wieder neues Leben. Freilich hatte die »evangelische« Bewegung, wie man den Wesleyanismus zu nennen pflegte, keinen unmittelbaren Einfluß auf die englische Kultur. Die vornehmen Klassen ignorierten ihn; die Gebildeten spotteten seiner; mittelbar aber wirkte er doch, reinigend und beengend zugleich auf die Moralität, ähnlich dem Puritanismus; belebend und verinnerlichend auf die Poesie; anregend, ja provozierend auf das religiöse Interesse. Er gab der Staatskirche neues Leben, indem er sie zum Widerstande herausforderte, ihr ihre eigenen Schwächen entdeckte. Solche vom Gefühl ausgehende Bewegungen wirken eben in letzter Instanz immer reaktionär, wie sich ja das auch im deutschen Pietismus gezeigt hat, während umgekehrt rationalistische Bewegungen immer in fortschrittlichem Sinne wirken müssen; der Tractarianismus, der Puseyismus, der Ritualismus dieses Jahrhunderts, welche ohne den Wesley'schen Anstoß nimmermehr in's Leben getreten wären, sind durchaus reaktionärer Natur.     So hat denn dies vielverleumdete 18. Jahrhundert, das auf dem Festlande so schöne Blüten und so herrliche Früchte getrieben, auch in England tiefe und im Ganzen wohlthuende Spuren hinterlassen. Es hat befreiend im Staate, belebend in der Literatur, verinnerlichend in der Religion gewirkt. Das sollten die Radikalen, die Neuheiden und die Hochkirchler dankbar einsehen, anstatt hochmüthig auf ihre Großväter herabzublicken. Ein Jahrhundert, in dem England zweimal, am Beginn und am Ende, die europäische Unabhängigkeit gegen die Pläne der Universalmonarchie verteidigt und seine innere Verfassung ausgebaut und vollendet hat, in welchem es vom »Gulliver« bis zum »Halloween« eine Reihe von Meisterwerken hinterlassen, wie sie kein anderes Volk der Welt besitzt; in welchem es die vollständigste kirchliche Duldung durchgeführt, die je existiert hat, ohne in religiösen Marasmus zu verfallen – ein solches Jahrhundert darf sich selbst in der reichen englischen Geschichte mit jedem andern messen. III. Fr. Albergati, ein vornehmer Dilettant des 18. Jahrhunderts. [Fußnote: Der Name Francesco Albergati's, der bei Lebzeiten neben dem Goldoni's als der eines Ebenbürtigen, ja Überlegenen ausgesprochen, dessen Lustspiele in fast alle Kultursprachen übersetzt wurden, ist heute im Auslande so gut wie unbekannt, in Italien fast verschollen. Klein hat zwar in seiner (»Geschichte des Dramas« betitelten) Ezcerptensammlung auch Albergati's eingehende Erwähnung gethan und nach seiner Gewohnheit zwei Komödien desselben analysiert; aber wo hätte das deutsche Publikum jetzt Zeit und Muße, um jenes langathmige Werk zu lesen; wenn es aber daraus Auskunft über das Leben des Bologneser Patriziers und Theaterliebhabers schöpfen wollte, so würde diese eben so unzuverlässig, so ganz aus der Luft gegriffen sein, daß es besser wäre, der Leser bliebe in seiner vorhergehenden Unwissenheit. Anders mit Herrn Mafi's Monographie über Albergati und seine Zeit; einem in jeder Hinsicht empfehlenswerthen Buche ( la vita, i tempi, gli amici di Francesco Albergati, commediografo del secolo XVIII. Bologna 1878.) Es ist hier nicht der Ort, die großen Verdienste dieses Buches ausführlich zu besprechen; aber wir können den Leser versichern, daß er auch nach der Lektüre von Goldoni's, Gozzi's und Alsieri's Memoiren noch unendlich viel Neues über das Italien des vorigen Jahrhunderts dann finden wird. Fast Alles, was wir im Texte geben, ist aus Masi's Werk geschöpft; nur vervollständigen wir seine Notizen durch einige Citationen aus Cesarotti's Briefwechsel und Casanova's Denkwürdigkeiten. Goldoni`s Autobiographie bietet merkwürdiger Weise sehr wenig über seine Verhältnisse zum vornehmen Freunde und Nebenbuhler. Masi's Buch eröffnet uns einen klaren und höchst interessanten Einblick in die Literatur- und Kulturgeschichte des vorigen Jahrhunderts und beruht auf den gediegensten Studien erster Hand, was man eben von Klein nicht immer sagen kann, der sich bekanntlich meist damit begnügt, Theaterstücke, die sonst Niemand gelesen zu haben pflegt, zu analysieren; und es muß in der That weit gekommen sein mit der Angewöhnung unserer Zeit, Werke über die Literaturerzeugnisse, anstatt diese selber zu lesen, wenn so einfache Arbeit als ein Verdienst angestaunt wird. Herr Masi bringt glücklicher Weise auch Kritik, Wahl, Kenntnis der Umgebung hinzu und er ist weder geschmacklos, noch schwerfällig, was doch auch nicht zu verschmähen ist und in italienischen Büchern dieser Art nur selten gefunden wird.] Marchese Francesco Albergati ward geboren im Jahre 1728 und zwar als Einer der Vierzig die fünfzig waren, um mit Casanova zu reden, d. h. aus einer der hochadligen Familien Bolognas, welche damals noch alle Ehrenämter der Stadt unter der Oberhoheit des Papstes und der Oberaufsicht seines Legaten bekleideten. Er selber war fünfundzwanzig Jahre alt, als er zum ersten Male Gonfaloniere der Stadt wurde, ein Amt, das, wie das gleichnamige in Florenz, alle zwei Monate seinen Titular wechselte und, wie alle andern Stadtämter ausschließlich mit Optimaten besetzt wurde. Der Kirchenstaat hatte nämlich die gesammte republikanische Verfassung, sowie Namen, Abzeichen, Ceremonien u. s. w. bestehen lassen, genau in der Form, in der sie zur Zeit der Annexion noch bestanden; nur hatte er sie aller und jeder Macht entkleidet. »Wir haben viele Leute, schrieb Albergati im Modetone des Jahrhunderts an einen echten Abbé des Jahrhunderts, wir haben viele Leute, die uns barmherzig die Last des Regierens leicht machen. Zuerst, in der Entfernung von 300 Meilen, giebt's in Rom einen weißgekleideten Priester, der als Souverän unserer Stadt der Erste ist, welcher dem Gonfaloniere die öffentlichen Sorgen abnimmt. Dann sendet uns der weißgekleidete Priester alle sechs oder neun Jahre einen rothgekleideten Priester, der viele schwarzgekleidete Priester unter sich hat, welche einen Weltlichen unter sich haben, ausgezeichnet durch eine schöne Medaille, die ihm vom Hals herabhängt; der hat fünfzig oder sechzig Personen unter sich, welche trotz eines furchtbaren Apparats von bewaffneter Grausamkeit die höflichsten und wohlwollendsten Leute der Welt sind und immer suchen ihren Nächsten zu umarmen und ihn unter Dach und Fach zu bringen gegen die Unbilden der Jahreszeiten und zwar an einem ganz sicheren Orte, wo er keine Miete zu zahlen hat. Da nun der Gonfaloniere so unterstützt wird vom weißen Priester, dem roten Priester, den schwarzen Priestern, dem Weltlichen mit der Medaille, den fünfzig bis sechzig höflichen und wohlwollenden Leuten, so theilen sich diese, je nach ihren verschiedenen Befugnissen, in die verschiedenen Theile der öffentlichen Verwaltung.« Der rote Priester in Albergati's Jugendzeit war kein Geringerer als der alte Alberoni, der das Regieren nicht lassen konnte, und nachdem er Spanien reformiert und tyrannisiert hatte, nun die grassa Bologna zu reformieren und tyrannisieren suchte; das war aber nicht so leicht, und er mußte sich und seinem Herrn, dem wohlwollendenden Benedict XIV. bald gestehen, daß »die Lage der Päpste der Art ist, daß Alle sich ihnen widersetzen, wenn sie Gutes thun wollen, Alle ihnen helfen, wenn sie Übel zu thun suchen;« und daß in diesem besonderen Falle Se. Heiligkeit »weder den Mut noch die Beständigkeit hatte, die ein solches Unternehmen erforderte.« Der gutmütige Lambertini scheint dem Kardinal seine »lombardische Aufrichtigkeit« nicht übel genommen zu haben; aber er that auch nichts Rechtes um ihn Lügen zu strafen. Vierzig Jahre später fanden sich schon ein Papst und ein Legat, die den nötigen Mut hatten: aber die Reform Pius' VI. und Buoncompagni's beschränkte sich darauf, eines schönen Morgens ein Edikt zu erlassen, wonach alle Finanzangelegenheiten der Stadt, ohne irgend eine Erwähnung des Senates und der städtischen Obrigkeiten, von dem Legaten im Namen Seiner Heiligkeit geordnet werden sollten (1780). Damit war die Komödie der Autonomie zu Ende. Finis Bononiae Man sieht, die Pariser Niveleurs von 1789 hatten selbst im Kirchenstaate würdige Vorgänger. Albergati hatte jene Komödie nie recht ernst genommen oder war doch des Treibens bald müde geworden. Er hatte Durst nach höheren Interessen und da die politischen Zustände Italiens nicht der Art waren, daß er diese Interessen im Staatsleben hätte finden können, so suchte er sie im literarischen. Auch war seiner stark ausgeprägten Eitelkeit nicht damit gedient, an den kollectiven Ehren und Auszeichnungen Theil zu nehmen, die ihm als Patrizier zukamen, wie es denn immer im hohen Adel Leute gegeben hat, die sich, nicht so sehr aus wirklichem geistigen Antheile, noch aus Unabhängigkeitssinn oder Vorurteilslosigkeit, als weil sie ungern ihr Persönliches hinter dem Stande zurücktreten sehen, von ihren Standesgenossen abgesondert haben, um sich individuelle Auszeichnungen zu erwerben. Es scheint eben ein Naturgesetz zu sein, daß Der, welcher seine Stellung in der Welt durch persönliches Verdienst erobert, Den beneidet, welcher seine Stellung von den Vätern ererbt, während Der, welcher seinen Rang der Geburt allein verdankt, auf das persönliche Verdienst einen, in weltlichem Sinne unverhältnismäßigen, Werth legt. Albergati ging darin so weit man nur gehen konnte, ohne doch die Geburtsstellung zu verlieren: das Ideal des hochgeborenen Dilettanten scheint der Emporkömmling Voltaire gewesen zu sein, wie auch aus den schwerfälligen Scherzen seiner Briefe die Bestrebung hervorlugt, dem größten Briefschreiber seiner und aller Zeiten nachzueifern, während Voltaire wieder, wenn man Casanova's Bericht trauen darf, eine höchst übertriebene Meinung von dem Bologneser Patrizier hatte, eine Meinung, die der venetianische Abenteurer sich angelegen sein ließ zu berichtigen; indem er von ihm nur als von »seiner Nichtigkeit« – son rien – sprach. Der populäre Marquis, der mit allen Literaten auf gleichem Fuße verkehrte, scheint eben doch dem eleganten Eindringling gegenüber so recht den Marquis herausgehängt zu haben. Übrigens fühlte Albergati mehr als der Alte von Ferney in seinen literarischen Beziehungen das halbbewußte Satellitenbedürfnis, von anderen Gestirnen etwas Glanz zu borgen. Überall machte er sich an bedeutende Schriftsteller heran, heute an Voltaire selber, morgen an Alfieri, bald an Goldoni, bald an Gozzi, obschon er in seiner literarischen Tendenz ganz für den Ersteren Partei ergriffen hatte; er umgab sich mit allen freigeistigen Abbés und literarischen Journalisten, die ihm in den Wurf kamen und ihm einen Namen machen konnten; unterhielt einen halböffentlichen Briefwechsel nach der Sitte des Jahrhunderts mit allen Halbberühmtheiten; konkurrierte für alle akademischen Preise; übersetzte fremde Tragödien, schrieb selber Komödien; errichtete ein Liebhabertheater, worauf er selbst immer die Hauptrollen spielte, machte sich einen großen Ruf als Schauspieler, übte Gastfreundschaft an Allen, die nur den geringsten literarischen Namen hatten; machte aus seinem Gute Zola eine Art Ferney; brachte es dahin, daß er, wie Voltaire von Friedrich von Preußen, so von Stanislaus von Polen zum Kammerherrn, ja sogar zum Generaladjutanten in partibus ernannt wurde, was ihm Alles viel schmeichelhafter dünkte, als seine ererbte Marquisstellung. Man sieht deutlich an ihm, wie schon vor der großen Revolution der demokratische Individualismus, der sich in unserem Jahrhundert zu entfalten begonnen, sich in der alten Ordnung keimend regt. Auch in dieser Hinsicht pflegt man der französischen Revolution eine viel größere Bedeutung beizulegen, als ihr zukommt. Diese war, näher besehen, eigentlich nur eine Scene im großen Drama der Umwälzung, welche allüberall gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts begann und gegen die Mitte unsers Jahrhunderts tatsächlich vollendet worden ist. Denn in Wirklichkeit hat diese Bewegung nicht nur lange vor 1789 angefangen, die alte Ordnung hat auch noch lange nach der Revolution fortgedauert; sie ist seitdem auch zerstört worden in Ländern wie England, wo die französische Revolution gar nicht hingedrungen ist. Man lese in K. Maria von Weber's Biographie, wie es am sächsischen Hofe in den Zwanziger Jahren zuging, in den »Memoiren einer Idealistin« die Schilderungen des Treibens in Kassel in den Dreißiger Jahren, in Stendhal's »( Chartreuse de Parme « die Darstellung der italienischen Zustände unter der Restauration, so vieler anderer Länder und Länderchen nicht zu gedenken, wo noch die ganze vorrevolutionäre Zeit bis in unsere Jugend hinein lebte. Was diese alte Zeit in Europa zerstört hat, was ihre letzten Reste noch zerstören wird, bis wir bei nordamerikanischen Zuständen angelangt sind, ist die Entfesselung des Individualismus durch die Mobilisirung des Kapitals und die rationalistische Philosophie, von der die französische Revolution nur eine Wirkung und ein Zwischenfall war und der die Verkehrserleichterung, welche seit einem Menschenalter eingetreten ist, so unerwarteten Vorschub geleistet. Schon zu Albergati's Zeit begannen Einzelne aus den höchsten Ständen es müde zu werden, das örtliche Ansehen mit dem hohen Preise ihrer persönlichen Freiheit zu bezahlen. Dieser Trieb aber hat sich ununterbrochen weiterentwickelt seit der Regentschaft bis zu der Mitte unseres Jahrhunderts und hätte es gethan auch ohne die Revolution. Man verzichtete eben lieber auf Macht und Einfluß, als daß man sie mit lästigen Pflichten und schwerer Verantwortlichkeit erkaufte: doch hinderte die Schwierigkeit der Bewegung bis gegen 1850 noch immer die volle Verwirklichung dieses Individualismus. Man mußte noch ein home haben, an das man gefesselt war, ein bürgerliches oder ein fürstliches, ein ländliches oder ein städtisches, ein home immer, das Einem tausenderlei Rücksichten und Verbindlichkeiten auferlegte: es war dem Reichen noch nicht möglich, sein eigener Herr zu sein, wie heutzutage, jeder Laune nachzugehen, sein ganzes Vermögen in Papieren zu haben, und heute in Rom, morgen in Paris, übermorgen in einem Schweizer Hotel, nie auf seiner eigenen Scholle, an seinem eigenen Herde zu wohnen, ohne Bande und Verpflichtungen gegen irgend Jemand. Und wir haben das Ende dieser atomistischen Bewegung noch lange nicht gesehen, ja, sie hat selbst in Amerika, wo der Einzelne schon ganz losgelöst erscheint und nur seine persönlichen Wünsche als Gebote anerkennt, ihren Zielpunkt noch nicht erreicht. Man nenne die Triebfeder Egoismus, Scheu vor Verantwortlichkeit, Impietät oder aber Unabhängigkeitssinn, Freiheitsbedürfnis, Vorurtheilslosigkeit, – sie ist zu stark in der Menschennatur, als daß man sie zerstören könnte. Nicht die Kleinstaaten, nicht die Gesetze – quid leges sine moribus? –, nicht einmal die Tugenden unserer Väter haben die alten Zustände aufrecht erhalten, sondern die verhältnismäßige Unbedeutendheit des flüssigen Vermögens gegenüber dem Grundbesitz und der Schwierigkeit der Lokomotion. Ähnlich ist es mit den örtlichen Festen und den überlieferten Vergnügungen. Man hat ja auch versucht, den Carneval künstlich zu erhalten, sogar in Paris den Boeuf Gras galvanisch in's Leben zurückzurufen, aber sie siechen hin und werden verschwinden mit den Jahrmärkten, den Messen, dem Lord Mayor's show und den unendlichen Ceremonien aus Albergati's Zeit: verschwinden, um nicht wiederzukommen. Denn der Bürger, der sich jeden Sonnabend eine kürzere, jeden Sommer eine längere Reise gönnen kann, braucht die Zerstreuung und Abwechslung nicht mehr mühselig daheim zu organisieren; jeder Laden eines Kleinstädters giebt ja dem Bauer heute größere Auswahl und bessere Gelegenheit sich zu versorgen, als ehedem der bunteste Jahrmarkt. Doch zurück zu unserem Albergati und seinen Freunden, die wohl mit ihren Wünschen und Bestrebungen schon unserem Jahrhundert angehören mochten, mit allen ihren Verbindungen aber noch ganz in der alten Zeit wurzelten, und vielleicht wäre das Freiheitsbedürfnis gerade bei unserem Bolognesen nicht so ausgesprochen gewesen, hätte in seinem Falle der Vertreter der Familientradition nicht seine Autorität so rücksichtslos geübt. Albergati war nämlich neunzehn Jahre alt, als ihm sein Herr Vater eine kleine reiche Patrizierin zur Gemahlin gab: invito invitam . »Die Gewißheit, so die Freiheit zu erlangen, welche mir durch eine strenge Erziehung benommen war, bestimmte mich, nachzugeben und eine Braut, die mir gleichgültig, ein Band, das mir aufs Äußerste verhaßt war, anzunehmen«, so schreibt er an eine spätere Geliebte, den schönen Blaustrumpf Bettina Caminer. »Anderthalb Jahre blieben wir Verlobte; und in der Zeit hatte ich Gelegenheit, sie mir geneigt und auch wieder abgeneigt zu machen, so daß wir zum Altar gingen mit den Thränen in den Augen und mit gegenseitigem Abscheu im Herzen. Als Frau ist sie zwei Jahre in meinem Hause gewesen; wirklich zusammengelebt haben wir nicht einmal einen Monat. Ihr Betragen konnte nicht schlimmer sein; ich bin nicht sehr geduldig; lösen konnte ich das Verhältnis nicht, weil meine Eltern mich im Zaume hielten.« Endlich machten die Eltern der Frau selber den Ehescheidungsprozeß anhängig, über dem Albergati's Vater starb. So fühlte er sich frei nach Rom zu eilen und selbst seine Sache bei dem heiligen Vater zu vertheidigen; denn die Gegenpartei suchte ihm das Recht der Wiederverheiratung abzusprechen, welches sie der Frau zuerkannt wissen wollte. Der Papst, eben jener gute, joviale Lambertini, der so trefflich Zötchen zu erzählen und anzuhören wußte, dabei aber selber das musterhafteste Leben führte – der Papst war bald für den jungen Mann gewonnen und entschied in dessen Sinne: die Geschiedene kam in's Kloster. »Ich habe noch nicht dran gedacht Mönch zu werden«, schließt Albergati seinen Bericht und Benedikt XIV. schrieb mit nicht viel mehr Empfindsamkeit für die arme kleine Marquisin: »Gräfin Laura Mariscotto, eine Bologneser Dame von viel Geist, die hier in Rom vor langen Jahren starb, pflegte zu sagen, jede Frau solle einen Mann nehmen, nur um sich nicht in die Unmöglichkeit zu versetzen, des schönen Looses theilhaftig zu werden, Wittwe zu bleiben. Wenn man von den Männern dasselbe sagen könnte, was die Dame von den Frauen gesagt, so möchten wir dasselbe Wort auf Ihre Person anwenden, welche im Wittwerstande, in dem sie sich befindet, jene Ruhe genießt, die Sie, nach dem, was Sie uns schreiben, nicht genossen hatten, so lange Sie eine Frau hatten. Bleiben Sie Uns gewogen und grüßen Sie die Marchesa Ihre Mutter in Unserem Namen, womit Wir Ihnen Beiden Unseren Apostolischen Segen geben«. Eifriger als je warf Albergati sich jetzt auf's Theater, veranstaltete große Aufführungen, in denen er selber auftrat und zu denen er die Adligen nicht einlud, was dieselben natürlich sehr übel empfanden; übersetzte Tragödien und Komödien und begann bald auch selber welche zu schreiben, die so mittelmäßig sie auch sein mögen, uns historisch höchst interessante Aufschlüsse über das Italien des Cicisbeismus geben. Der Verkehr mit Casanova, der natürlich auch nach Bologna verschlagen wurde und dort wie überall in wenig ehrenvolle Händel verwickelt wurde, datiert von dieser Epoche. Auch fallen in diese freie Wittwerzeit – um mit dem Papste zu reden – die meisten der literarischen Verbindungen Albergati's und sein interessanter, zum größten Theile inedierter Briefwechsel mit Voltaire, Goldoni, Baretti. Dieser ausgezeichnete Mann von seltener Unabhängigkeit des Geistes und Charakters schrieb ihm stets englisch. Auch Albergati hatte diese Sprache erlernt und sein Freund, Abbé Taruffi, wollte ihn gar zu Klopstock und Geßner bekehren. Es war in jener Zeit ein reges, munteres Treiben unter den Literaten Bolognas, obschon die alte Universität gerade damals recht heruntergekommen war; dagegen blühten die Akademien, die Zusammenkünfte beim Buchhändler, im Kaffeehause, beim Apotheker – auch die Crusca ist bekanntlich aus einer Apotheke hervorgegangen. Man ließ Satiren, Sonette, burleske Gedichte umgehen, erzählte sich wohl auch anstößige Geschichtchen, führte literarische Fehden und lachte der steifen Konversation der Adligen, wo die Damen, nach Josephs II. böser Bemerkung, mit ihren geistlichen Räthen Karten spielten. Von jenen literarischen Fehden ist die zwischen Goldoni und Gozzi die bekannteste geblieben und sie verdiente es. Albergati nahm lebhaften Antheil an Goldoni's Reform des Theaters, die auch schon Maffei in einer besonderen Schrift anempfohlen hatte, und erst, als er in Venedig persönlich mit dem impönitenten Reaktionär, der die überlieferten Masken gegen alle Reformatoren vertheidigte, zusammentraf, ward er etwas lauer. Doch sind seine Lustspiele sämmtlich Goldoni, wenn nicht gar Chiari und Diderot nachgeahmt. Auch seine Novelletten und seine lettere capricciose, welche er im Verein mit einem wunderlichen Heiligen, dem Abbé Zacchiroli, herausgab, sind Nachahmungen. Die Originalität war eben nicht Albergati's Sache und die Zeit, wie jede Zeit, ließ sich eine Weile von der äußerlichen Ähnlichkeit täuschen. Die sichtende Nachwelt hat das Alles unbarmherzig als Spreu den Winden der Vergessenheit preisgegeben. Obgleich Albergati geschworen hatte, sich nicht ein zweites Mal in den Ehekäfig einfangen zu lassen, so sollte er doch noch verschiedene Male auf dem Punkte sein, in's Netz zu gehen, ja noch zweimal in aller Form Rechtens »das gefahrvolle Schiff« besteigen, das er so fürchtete; sein fast eheliches Verhältnis zur schönen Gräfin Orinzia gar nicht zu rechnen, das jahrelang und ganz öffentlich dauerte, wie es damals in Italien Sitte war, ohne daß Jemand, am wenigsten der Gatte, den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Solche Verhältnisse waren dermaßen allgemein und acceptiert, daß die Untreue, welche im konventionellen Ehestand so leicht verziehen wurde, in dieser zweiten Neigungsverbindung streng verpönt war. Auch wurde die Sache, und nicht nur in Bologna viel besprochen, als die Gräfin Albergati's müde ward und ihm seinen Abschied gab. »Ich habe immer geglaubt, tröstete ihn einer seiner galanten geistlichen Freunde, Abbé Cesarotti, die einzige menschliche Glückseligkeit bestehe in der Liebe und ich bin doch immer nur durch sie unglücklich geworden.« Albergati selber verschwor alle Liebe und rächte sich, indem er die Geschichte dramasierte und als l'amor infinito e l'amor vero« auf die Bühne brachte zur großen Freude seiner Parasiten, aber auch seiner wahren und unabhängigen Freunde, wie des trefflichen Baretti, des Redakteurs der von der venetianischen Regierung verfehmten » Frusta letterarie «, und Goldoni's, der ihm indeß einen baldigen Rückfall weissagte. Doch zog er sich auf einige Zeit nach Verona zurück, um dem Gerede in Bologna aus dem Wege zu gehen. Auch diesen Schritt billigten die Freunde höchlich und ein Anderer seiner Hofabbés, derjenige dem er seine polnischen Titel und Würden dankte, schrieb ihm aus Warschau in italopolnischem Französisch: »En quelque endroit que vous portiez vos pas, il est constant que vous y trouverez toujours une patrie et des admirateurs. Sans compter la naissance qui est toujours un grand aventage, les agréments de l`esprit vous suivront partout et la noblesse de vos manières intéressera tous les coeurs sensibles au vrai mérite ... En respirant i`air natal de Catulle et de Fracastor, votre imagination électrisée brulera d`un nouveau feu poétique; Vitruve et Paul fortifieront votre goût pour les beaux-arts; Nepos, Pline et Maffei et tant d`autres illustres Veronais anciens et modernes porteront le flambeau de l`érudition et de l`élégance dans les récés de votre génie. « Goldoni hatte sich nicht getäuscht: bald brannte Albergati's Herz wieder einmal lichterloh, diesmal für die reizende Venetianerin Bettina Caminer, der er, nach seiner Gewohnheit, mit seinem Herzen auch seine Hand anbot, obschon sie aus kleinbürgerlicher Familie war und er durch eine solche Mißheirath seine Adelsprivilegien eingebüßt hätte. Denn der italienische Adel glich in seiner Ausschließlichkeit mehr dem deutschen, als dem englischen und selbst dem französischen, bei dem die Verheirathung mit Bürgerlichen gar nichts Ungewöhnliches war: man denke nur an die Choiseul's, Montmorency's, die Bouillon's sogar, die gar nicht anstanden, sich mit den Töchtern von Emporkömmlingen – freilich von reichgewordenen Emporkömmlingen – zu verbinden. Übrigens besann sich Albergati noch zur rechten Zeit, aber nur um in die Netze einer Tänzerin zu fallen, über die er in Händel mit dem päpstlichen Vicelegaten Monsignor Buoncompagni gerieth, welcher der Schönen ebenfalls den Hof machte; es bedurfte hoher Fürsprache, um ihn aus dem unangenehmen Handel zu ziehen. Eine dritte Dame, deren Bekanntschaft er ebenfalls in Venedig machte, wohin er seit 1760 gezogen war, wußte ihn dauernder zu fesseln. Auch sie war eine Bürgerliche, und es brauchte Muth, ihr seinen Namen zu geben: doch zögerte er nicht und Catlina Boccabadati ward seine Frau – nicht ohne ihn dem Hohne seiner Standesgenossen auszusetzen. Albergati suchte ihre Vorurtheile lächerlich zu machen, indem er sie zum Gegenstande einer Komödie nahm, und brachte sie dadurch nur noch mehr in Harnisch. Doch gelang es ihm – die Großen hatten inzwischen auch den letzten Rest ihrer Herrschaft eingebüßt – seinem ältesten Sohne den bestrittenen Marquistitel zu erhalten, indem er sich direkt an Pius VI. wandte und sein Gesuch vom König Stanislaus unterstützen ließ. Die anfangs glückliche Ehe endete äußerst tragisch. Die Frau, die ein heimliches Liebesverhältnis hatte, glaubte sich verrathen und machte ihrem Leben selbst ein Ende. Albergati ward durch seine adligen Feinde des Mordes beschuldigt und auf höchst unsanfte Weise in den Kerker geworfen (1786). Doch lebte er glücklicher Weise im Italien des vorigen Jahrhunderts, nicht im heutigen, in dem er nicht unter zwei Jahren Untersuchungshaft davon gekommen wäre. In zwei Monaten war der ganze Prozeß fertig und er wurde glänzend freigesprochen. Auch die vielbesprochene Folter des 18. Jahrhunderts war nicht angewandt worden: sie war in Bologna wie in dem inquisitorialen Venedig schon vor Beccaria abgeschafft worden; daß auch in Frankreich dazu die Revolution überflüssig war, beweist Malesherbes' Abolitionsedikt. Kaum waren drei Jahre seit jener Tragödie in Zola verflossen, so war der sechzigjährige Marchese schon wieder auf Freiersfüßen: diesmal war's wirklich eine Tänzerin, der das Glück zu Theil wurde, nachdem sie eine Zierde der Bühne des Schlosses Zola gewesen, dessen Herrscherin zu werden. Aber diesmal war Papst Braschi nicht so nachsichtig. Möglich, daß die französische Revolution, in der er die Folge der Nichtbeachtung alter Sitte sehen mußte, ihn mißstimmt hatte; jedenfalls schrieb er sehr bestimmt an den Senat von Bologna: »si quando contingat aliquem ex Ordine Vestro adeo se dejicere ut uxorem scenicam ... sibi adjungere non pudeat«, denselben sofort aus ihrem Kreise auszustoßen. Allein schon klopfte die Revolution, die man ferne zu halten hoffte, an die Thüre. Bald hatte Bologna aufgehört päpstlich zu sein. Albergati begrüßte die Umwälzung mit Unwillen. Ihm, wie Cesarotti, wie Alfieri, wie allen vornehmen Freisinnigen Italiens, die sich mit der trügerischen Hoffnung genährt, der Menschheitsfrühling sei im Anzug ohne Frühlingsstürme, erschien sie wie ein höchst beklagenswerthes Ereignis, das die Befreiung, die sie angestrebt, auf lange hin hemmen, Bildung und Aufklärung des Jahrhunderts vielleicht ersticken würde. Die Ungerechtigkeit, welche ein notwendiger Zug solcher fast elementarer Ereignisse ist, empörte diese Freunde des Rechts. Sie verstanden die Dinge nicht. »Was soll das heißen? Man begreift's nicht,« schrieb Albergati an einen seiner Freunde. »Sehen wir nicht von gleichem oder fast gleichem Schicksal ergriffen einen König von Schweden, der sich so hohen Geistes, so großen Muthes, so reiner Vaterlandsliebe rühmen konnte ... und die zwei gekrönten Häupter eines stumpfsinnigen Claudius und einer ... Messalina.« Das Wort über Marie Antoinette ist mehr als ungerecht; das über Ludwig XVI. übertrieben, wie auch das Lob des leichten, oberflächlichen Gustav: etwas Wahres ist immerhin darin; man muß nur des Marquis Superlativ auf den einfachen Positiv herunterschrauben. Schon 1790 schrieb der Jahrs zuvor so hoffnungsvolle Cesarotti: »Mein Abscheu vor diesen raisonnierenden Masanielli kann nicht weiter gehen und ich tröste mich nur in der Hoffnung, ja der Gewißheit, daß das unförmliche Gebäude ihnen nothwendig auf den Kopf fallen muß und ihre Namen der Execration der Jahrhunderte geweiht sein werden«. Auch Alfieri schrieb aus Paris an Albergati – letztere Briefe sind ungedruckt – am 16. Juni 1792, also vier Tage vor dem ersten Tuileriensturm, er verliere die Geduld beim Anblicke der »Tyrannei, welche sich ein stupides Volk unter dem Namen der Freiheit gefallen ließe ... Wenn ich, der ich die Freiheit anbete, seit ich auf der Welt bin, jetzt nicht etwa den Grundsätzen, aber der Verwirklichung dieser Grundsätze durch diese ungeheuerliche Regierung feindlich geworden bin, einer Regierung, welche Übel aller Regierungen in sich vereinigt, so muß wohl hier entweder gar keine Freiheit oder ich ein Ochse geworden sein. Glauben Sie von Beiden was Ihnen wohl dünkt.« Noch hielt man sich für halbwegs sicher in Italien. Alfieri selbst hoffte, das Übel werde sich nicht bis über die Alpen ausdehnen. Das italienische Volk war nicht erregt. Ein Aufstandsversuch einiger Schwärmer fand gar keinen Anklang und sie büßten ihren Befreiungsversuch mit dem Tode, ohne daß sich eine Stimme für sie erhoben hätte. Immerhin war die Fahne des einigen und freien Italiens zum ersten Male erhoben worden. Siehe über diese wenig gekannte Episode, welche von größter Wichtigkeit für die Geschichte Italiens in unserem Jahrhundert ist: A. Aglebert , I primi martiri della libertà italiana e l`origine della bandiera tricolore, o Congiura di L. Zamboni e G. B. de Rolandis in Bolonga, tratta da documenti autentici. Bologna, Mattiuzzi, 1880. Als die Heere Frankreichs das benachbarte Savoyen überschwemmten (22. September 1792), meinte der Senat von Bologna Vorbereitungsmaßregeln zur Verteidigung treffen zu müssen und wies dem Gonfalonier 120 (sage hundert und zwanzig) Lire an zu diesem patriotischen Zwecke. Der hohe Magistratsherr verwandte die Summe auf's Angemessenste, indem er jedem der drei angesehensten Klöster der Stadt je 30 Lire übermchte, um die Hilfe Gottes zu erflehen. Aber immer näher brauste der Sturm. Als man sich am sichersten glaubte, das Heer des Direktoriums vernichtet schien, nahte sich der junge Bonaparte. Siegreich warf er die piemontesischen, siegreich die österreichischen Heere vor sich nieder: am 19. Juni 1796 erschien er in Bologna, setzte alle politischen Gefangnen in Freiheit und am nächsten Morgen kündigte er dem Kardinallegaten das Ende seiner Regierung an. Bald war die cispadanische Republik eingerichtet, um nach wenigen Monaten eine Provinz der cisalpinischen zu werden; dann nach kurzem Triumph der Reaktion in Folge der Schlacht bei Novi, ward die Republik von Neuem hergestellt. Albergati hielt sich von Allem fern; nur als man auch das Theater republikanisieren wollte, fand der alte Theatermonomane den Muth, gegen einen Vandalismus zu protestieren, der Molière und Racine proscribierte, weil sie Könige und Marquis auf die Bühne gebracht. Als Bonaparte Frankreich und der Welt die Ordnung zurückgeben zu wollen schien, wußte Albergati nicht besser als alle Andern dem Zauber des großen Wiederherstellers zu widerstehen und nahm das Amt eines Büchercensors und Theaterinspektors an. Ein einziger Akt der Unabhängigkeit in diesen heiklen Befugnissen genügte, um ihm die Ungnade der neuen Regierung und den Verlust seines Amtes zuzuziehen, wohl auch seine Begeisterung für den »korsischen Helden« etwas abzukühlen. Seinen Eifer für's Theater vermochte weder Enttäuschung, Krankheit noch Alter abzukühlen; noch in seinem fünfundsiebenzigsten Jahre gab er eine Reihe von Vorstellungen aus seinem Schlosse, worin nicht nur Frau, Kinder und Diener, sondern er selbst auftrat. Kurze Zeit darauf starb er, noch ehe Bonaparte die Kaiserkrone auf sein Haupt gesetzt (März 1804). IV. Katharina II. und Grimm. I. Schade, daß die Briefe der Kaiserin nicht in zwei oder drei handlichen Bänden erschienen sind. [Fußnote: Pisma Imperatrizi Ekaterini II k Grimmou (1774 bis 1796) und Pisma Grimmou k Imperatrizi Ekaterine, isdannia J. Grota. (Briefe der Kaiserin Katharina II. an Grimm (1774–1796) und Briefe Grimm's an Katharina II. herausgegeben von J. Grot . – St. Petersburg, 1878 und 1880. Zwei Großoctavbände von 734 und 439 Seiten. Herr Grot hat vor zwei Jahren im 23. Bande der großen Sammlung der K. Russischen historischen Gesellschaft 273 Briefe Katharina's II. an Grimm veröffentlicht und bietet uns jetzt als ziemlich werthlose Vervollständigung dieser werthvollen Korrespondenz 45 Briefe Grimm's an die Kaiserin. »Welch' unberechenbare Massen von Grimm's Blättern mögen noch in der Petersburger Bibliothek schlummern, welche darauf warten erweckt und fallen gelassen zu werden, fragte sich Carlyle schon vor bald fünfzig Jahren; und in der That, das ist das Einzige, was wir mit diesen endlosen Episteln des redseligen Schwätzers thun können, während wir die Antworten seiner kaiserlichen Korrespondentin mit stets wachsendem Interesse lesen. Der Briefwechsel erstreckt sich über zweiundzwanzig Jahre (1774 bis 1796); die Briefe Grimm's sind fast ausschließlich aus der Zeit vom Juli 1780 bis August 1781 und vom August 1790 bis Mai 1791. Die ganze Korrespondenz ist zum größten Theile in französischer Sprache geschrieben, die nur ausnahmsweise mit der deutschen, der Muttersprache beider Korrespondenzen, abwechselt. Vorrede, wie Anmerkungen und Register sind leider in russischer Sprache abgefaßt, was den Gebrauch des Buches für Ausländer sehr erschwert. Der zweite Band bringt statt der Anmerkungen eine fortlaufende russische Übersetzung unterm Text. Es soll daraus dem Herausgeber kein Vorwurf gemacht werden. Eine kaiserl. russische Gesellschaft, welche die Briefe einer russischen Kaiserin veröffentlicht, muß wohl die Landessprache gebrauchen, selbst wenn der Text kein einziges russisches Wort enthält; und einmal muß doch der Anfang gemacht werden mit der strengen Einführung dieser Landessprache. Auch eine Ausgabe der Werke Friedrichs II. mit deutschen Anmerkungen wäre vor hundert Jahren den Ausländern ein wenig unbequem gewesen. Vielleicht kommt die Zeit, wo die Gelehrten Europas auch das Russische werden verstehen müssen, wie sie heute das Deutsche zu lesen gezwungen sind; einstweilen aber ist's recht lästig, wenn man alle diese 1200 Großoctavseiten durchblättern muß um zu finden, was man sucht, und wenn man in den Anmerkungen gar keine Hilfe findet. Jedenfalls hätte der Herausgeber das Namenregister wenigstens mit lateinischen Buchstaben drucken lassen können, da ja doch im Texte alle Eigennamen mit solchen Lettern gedruckt sind, Franzosen und Engländer, sowie Russen selber, sind den gelehrten Herausgebern der »Politischen Correspondenz Friedrich's des Großen« gewiß sehr dankbar, daß sie das Register – wie übrigens selbst den Text der deutschen Briefe – in lateinischen Lettern haben drucken lassen. Wie dem auch sei, Herr Grot wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich ihm nicht dasselbe Lob wie Herrn Dr. Reinhold Koser spenden kann, dessen anspruchslose Anmerkungen nicht nur einen gewaltigen Schatz sichersten Wissens verrathen, sondern auch die Benutzung der werthvollen Sammlung so außerordentlich erleichtern: ich weiß eben nicht, was in Herrn Grot's Anmerkungen steht. Übrigens sind gar viele wenig bekannte Namen und Anspielungen da, bei welchen überhaupt keine Anmerkung gegeben ist. Der Text ist sehr korrekt, sowohl in den deutschen Stellen als im Französischen. Eine kleine Pedanterie muß uns der Herausgeber schon zu Gute halten: er druckt konsequent Guiméné anstatt Guéménée , wie der Name der in Rede stehenden Linie der Rohan's lautet.] Sie bilden ein Buch zum Blättern, Aufnehmen und Nachschlagen, nicht zum Durchlesen, trotz, vielleicht auch wegen, der bunten Fülle von Geist, Witz, Weisheit und merkwürdigen Facten, die es enthält. Es ermüdet in fortgesetzter Lektüre und doch will es ganz gelesen sein. Der erste Eindruck ist kein angenehmer: je weiter man aber liest, desto lebhafter drängt sich Einem die gewaltige Persönlichkeit der großen Frau auf. Entwickelt sie sich selber immer weiter fort von Jahr zu Jahr? Läßt sie sich mehr und mehr gehen? Giebt sie sich selber immer unbefangener? Muß man sich an ihren Ton gewöhnen? Es ist schwer zu antworten. Sicher ist, die ersten fünfzig Briefe haben etwas Forcirtes, das nicht angenehm berührt: die Sprache erscheint absichtlich derb; die Schreiberin hascht etwas gar zu sehr nach Witz; eine gewisse unweibliche Trockenheit des Herzens wird geradezu herausgehängt und durch Alles spielt die liebe Eitelkeit mehr als gut ist durch. Dieser Eindruck macht dem ganz entgegengesetzten Platz, wenn man sich in das merkwürdige Buch hineinliest, das uns jedenfalls die bedeutende Frau besser als alle Frühererschienenen vor die Augen führt. Hier ist's die etwas spätgereifte, selbstgewisse, in ihrer Bedeutung anerkannte, in ihrer Thätigkeit erfolgreiche Fürstin, die sich uns in der ganzen Fülle ihrer reichen Natur zeigt, aber abgeklärt, mit gedämpfter Sinnlichkeit, allgegenwärtig mit ihrem Geiste, wo nur irgend etwas des Interesses Werthes sich in Europa regte. Die vor etwa zwanzig Jahren von Herzen veröffentlichten Memoiren dagegen zeigten sie uns in ihrer Jugendzeit vom 14. bis 30. Jahre, in abhängiger Stellung, eingepuppten Geistes, ohne höhere Interessen politischer oder literarischer Art, ganz beherrscht von dem Gefühle des unleidlichen Druckes, des Hasses gegen den unwürdigen, rohen Gemahl, des Bedürfnisses nach Betäubung und Genuß. Sie zeigten uns die halb-asiatische Welt, in welche die kleine lutherische Prinzessin plötzlich versetzt worden, in greifbaren Umrissen; sie zeigten uns diese Prinzessin selber noch im moralischen Chaos, aus dem sich ihr Geist und ihr Charakter herauszuringen hatten und siegreich herausrangen. [Fußnote: Ich halte nämlich diese Memoiren weder für durchaus unächt wie Bernhardi, noch für durchaus ächt wie Sybel und Rambaud. Gegen erstere Annahme spricht der Umstand, daß da Dinge berichtet werden, welche nur die Großfürstin selber wissen konnte, die aber dermaßen das Gepräge der Wahrheit tragen, so mit allen Andern zusammenpassen, daß man sie nicht für erfunden halten kann; gegen die letztere Annahme gilt zwar nicht durchaus Bernhardi's Erwägung, daß »nach manchen Nebenumständen« – er denkt wohl an die Erwähnung von Beniowsky's Flucht aus Sibirien – »Katharina diese Denkwürdigkeiten nicht vor dem Jahre 1780 geschrieben haben könnte. Sie wären demnach ein Werk der Zeit, in der sich ihr Geist zur vollen Reife entfaltet hatte. Da müßten sie doch jedenfalls das Werk einer eminent gescheidten Frau sein. Das sind sie nun aber ganz und gar nicht. Sie sind vielmehr das Produkt eines sehr dürftigen Geistes, dessen Schwingen weder sehr hoch noch sehr weit tragen.« Dies ist viel zu viel gesagt. In den Denkwürdigkeiten zeigt sich hin und wieder ein großes Darstellungs- und Erzählungstalent, freilich keine tiefen Gedanken, Urtheile, Witzworte, aber oft ein außerordentliches Leben, viel Humor und Leichtigkeit, manchmal scheint die Leidenschaft selbst die Feder geführt zu haben. Das kann sie nur in ihrer wilden Zeit geschrieben haben, da Liebe und Haß noch frisch waren. Jedenfalls würde die fünfzigjährige Katharina ihre Geschichte nicht so geschrieben haben; denn sie liebte damals die Dinge von oben zu besehen und zu beurtheilen, allgemeine Sentenzen aufzustellen, die Ereignisse unter weite Gesichtspunkte zu bringen; das politische Interesse herrschte durchaus vor, der Groll gegen den Gemahl war längst verraucht und sie war durchaus keine nachtragende Natur. Mehr fällt deshalb Bernhardi's Einwurf in's Gewicht, daß man nicht wohl begreifen könne, »was eine so kluge Frau, die doch sonst Maß zu halten weiß, bewogen haben sollte, gerade in Beziehung auf die Geburt ihres Sohnes so rücksichtslos wahrhaft zu sein, ohne zu bedenken, welche Gefahren sie dadurch heraufbeschwören könnte;« und dasselbe läßt sich von vielen anderen Angaben sagen. Auch würde das beste Gedächtnis nicht ausgereicht haben, um sich nach dreißig Jahren so genau aller Umstände und Daten zu erinnern; das schlechteste nicht, um gewisse Anachronismen zu begehen, die hier mitunterlaufen. Dazu kommt endlich, daß die Kaiserin in vorliegender langer Korrespondenz mit Grimm, in welcher sie ihrem Vertrauten alles mittheilt, was sie thut und schreibt – Komödien und Gesetzesentwürfe, ihre »Geschichte Rußlands« und ihr Wörterbuch von 200 Sprachen – nie von diesen Denkwürdigkeiten spricht, außer einmal und dann um die Sache auf's Entschiedenste zu verneinen: »Ich weiß nicht, schreibt sie am 22. Juni 1799, was Didot mit meinen Memoiren meint; aber sicher ist, daß ich keine geschrieben habe und daß, wenn es eine Sünde ist, es nicht gethan zu haben, ich mich zu derselben bekennen muß.« Dagegen scheint mir unzweifelhaft, daß die junge Großfürstin ein äußerst lückenhaftes Tagebuch hielt, Rückblicke auf das in der Woche oder dem Monat Geschehene und daß eine nicht sehr intelligente, noch wohlwollende Hand die Aufzeichnungen ihrer Sturm- und Drangperiode aneinandergereiht, böswillig und ungeschickt vervollständigt und überarbeitet hat, wobei dann jene groben Irrthümer entstanden sind, deren Katharina sich gewiß nicht schuldig gemacht hätte. Es ist dies der Vorgang, durch den die meisten sogenannten Fälschungen entstanden sind, und so lange wir nicht erfahren, wie die Memoiren in Herzens Hände gekommen, müssen wir annehmen, daß der berühmte Agitator das Opfer eines solchen Halbbetrugs war. Wie dem auch sei, die uns heute gebotenen Briefe sind von unzweifelhafter Ächtheit und vervollständigen auf's Willkommenste die schon früher herausgegebenen und nicht weniger authentischen an Fr. von Bielke. Auch ihres Geheimsecretär's (Krapowitsky) Tagebuchblätter lassen die Kaiserin ganz reden, als ob sie unbehorcht wäre, wenn wir anders Herrn Rambaud's Analyse des merkwürdigen Buches (in der Revue politique et littéraire vom 16. Oct. 1880) glauben dürfen. Die politische Korrespondenz der Kaiserin mit Joseph II., wie sie das »Russische Archiv« und Arneth mitttheilen, dient zwar auch dazu, den Charakter Katharinen's aufzuklären, doch nur, wenn man sie mit diesen vertraulichen Ergüssen vergleicht und durch dieselben kontrolliert. Die Denkwürdigkeiten Ségur's, der so lange an ihrem Hofe beglaubigt war und auch in diesen Briefen einen großen Platz einnimmt, die Aufzeichnungen Fürst de Ligne's, dem Katharina so wohlwollte, daß sie ihn sogar zum russischen Feldmarschall ernannte, und die Auszüge aus den Berichten der französischen und englischen Botschafter (La Cour de Russie il y a cent ans. Berlin, Schneider 1858) bringen uns die Eindrücke und Beobachtungen von bedeutenden Menschen, die ihr nahe kamen, und es muß gesagt werden, daß ihre eignen Briefe die Auffassung dieser Beobachter fast durchgängig bestätigen; denn eine Heuchlerin war Katharina sicherlich nicht; das geht aus jeder Zeile dieses höchst interessanten Buches hervor. Ich habe schon gesagt, daß der zweite Band, der Grimm's Briefe an die Kaiserin enthält, weit weniger interessant ist. Immerhin wird man mit Belehrung und Antheil die Briefe lesen, welche die Auflösung des 18, Jahrhunderts durch die Revolution äußerst drastisch schildern. Man sieht die ganze Welt vor sich auseinanderstäuben, und auch Grimm selber in sein Nichts zurücksinken. Von höchstem Interesse sind die Fragmente aus Prinz Heinrich's von Preußen Briefen an Grimm (S. 373-403). Man sieht daraus, wie sehr Friedrtch's des Großen Bruder, – dessen knappes, lebhaftes Französisch, beiläufig gefügt, sich sehr wohlthuend abhebt von Grimm's fahler Phraseologie – den Krieg gegen Frankreich mißbilligte und wie jämmerlich ihm überhaupt die europäische Politik im Allgemeinen, die Herzberg's insbesondere, erschien. (Das Wort sarmante p. 382, welches dem Herausgeber nicht recht erklärlich scheint, bezieht sich einfach auf die Mischung des Polenthums mit dem Deutschthum, seit 1772.)] Unser Briefwechsel beginnt 1774, d. h. als die Kaiserin bereits fünfundvierzig Lebens- und zwölf Regierungsjahre zählte. Der sechs Jahre ältere Grimm war damals schon längst nicht mehr der arme Teufel, den Rousseau als Secretär des Grafen Friesen gekannt. Schon seit Jahren war er, noch ehe er eine amtliche diplomatische Stellung einnahm, »der Ministerresident und Chargé d´affaires der (europäischen) Mächte bei der französischen Meinung und dem franzosischen Geiste, und zugleich der Dolmetscher und Secretär des französischen Geistes bei den Mächten«. So Sainte-Beuve und er fügt hinzu, was wir nicht so ganz unterschreiben können: »Er füllte diese doppelte Mission sehr würdevoll aus.« Rousseau und Duclos, freilich seine Busenfeinde, urtheilen anders; aber auch unser Mozart hat wenig Gutes von ihm zu berichten; selbst seine Geliebte, Mme. d'Epinay, hatte ihn am Ende durchschaut; ja sogar sein eigener Secretär, der ihn höchlich bewunderte, meinte, »er habe damals schon viel von jener Natürlichkeit und Einfachheit verloren, welche ihm der liebe Gott ertheilt« und habe sich, »sobald er Titel und Bündchen gehabt, nicht mehr vor der Eingebildetheit ( infatuation ) zu hüten gewußt.« Katharinen war der Mann sehr nützlich: er war ihr Agent in Westeuropa, kaufte Bilder und Statuen, Bibliotheken und Medaillen für sie ein, zahlte die Pensionen aus, die sie gar manchen armen Teufeln verabreichte, und legte ihr über seine Geschäfte Bericht ab. Einige dieser Berichte, welche ganz anderer Natur sind als die Correspondance littéraire , die er ihr wie seinen anderen Abonnenten schickte, haben wir hier vor uns. Sie enthalten Nichts als verbrämte Rechnungsablagen, in den letzten Jahren auch wohl obligate Heulereien über die Revolution und »die Höhle der 1200 Advokatenkönige«, Mirabeau's »Jargon« und Condorcet's »Hollengeist«, vor Allem aber die fadesten, überschwänglichsten, eintönigsten Lobeserhebungen der Kaiserin, der Minerva des Nordens etc. Und diese Speichelleckerei ist nicht nur unwürdig und langweilig, sie ist auch geschmacklos im höchsten Grad. Selbst Katharinen, die eine aufrichtige Freundschaft für ihn hegte, wurden manchmal seine Höflingsschwächen und mehr noch diese seine Schmeicheleien lästig: sie lachte über ihren Souffredouleur – es war dies sein Spitzname, denn wer mit ihr in Berührung kam, erhielt einen Spitznamen – »der in jeden Schafskopf (pécore) von deutscher Fürstin verliebt sei«; ja bereits zwölf Jahre vorher schreibt sie ihm einmal: »Ich weiß schon lange, daß Sie nie glücklicher sind, als wenn Sie bei, nahe, neben, vor oder hinter einer deutschen Hoheit sind und Gott weiß, wo Sie sie alle ausgraben«. Er aber schwelgt in ihrer Gunst wie eine Katze in der Sonne: »wenn er sich von ihr reißen will, ist's ihm als risse er sich vom Dasein los«; er bittet sie »ihn unter ihren Hunden zu behalten«. Ihre Korrespondenz wird für ihn »das einzige Gut, der einzige Schmuck seines Lebens, die Angel seines Glückes, so wesentlich zu seiner Existenz als das Athemholen«. Empfängt er einen Brief von ihr, so will er zu seiner »unsterblichen Herrin hineilen, ihre Kniee küssen und sie mit Thränen der Freude und des Dankes benetzen«, oder seine Augen »verwandeln sich in zwei strömende Quellen und er zerschmilzt in Thränen, er küßt tausendmal die geheiligten Buchstaben, gezeichnet von jener hehren Hand, auf der er ersterben möchte vor Rührung und Dank«. Bekommt er keinen Brief, so lebt er von dem Letzten, so lange er kann: »Lorsque je fus à sec, je me dis: du armes Blümlein, du mußt nun verwelken, denn deine himmlische Gärtnerin hat Deiner vergessen«. Nicht er allein, alle seine Freunde haben die »Katharinensucht. oder, nach Anderen, die Nord-Minervenkrankheit, er als ihr Leibmedikus hat einen harten Stand« ... Und so fort 400 Seiten lang; es ist zum Übelwerden. Das sind nicht mehr die konventionellen Formen des Jahrhunderts, das ist bewußte Augendienerei, bei der der Fuchs seinen Vortheil wohl wahrzunehmen weiß – sucht er der »unsterblichen Herrin« ja sogar die Diamanten seiner Geliebten, der d'Epinay, aufzuschwatzen. Manchmal muß sie sich denn auch seine Schmeicheleien rund verbitten. So als er ihr ein Büchlein »Katharina in ihren Thaten« widmet: »Hören Sie mal, Souffredouleur, es ist nicht erlaubt die Leute so unmäßig (à toute outrance) zu loben ohne für einen argen Schmeichler zu gelten und es sieht ganz danach aus. So wäre ich denn in meinen alten Tagen noch das Muster der Könige geworden! O, mein Gott! was für ein schlechtes Muster, wenn man all das Übel glauben darf, das man von ihr gesagt hat und noch sagt. Wissen Sie wohl, daß nicht die Lobeserhebungen mir wohlgethan haben; aber wenn man Übles von mir sagte, dann sprach ich zu mir selbst mit edler Zuversicht und indem ich mich über die Schwätzer lustig machte: Rächen wir uns! Strafen wir sie Lügen! Aber eine Kyrielle von Lobeserhebungen wie die da, wozu ist das wohl gut? Das ist lang und langweilig und weiter Nichts«. Als er gar die Augendienerei so weit treibt, ihr den Panegyricus als Lektüre für den Enkel (Alexander I.) anzurathen, bricht sie los: »Ah, diesmal, Souffredouleur, erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß ich wirklich keinen gesunden Menschenverstand mehr hätte haben müssen, wenn ich M. Alexander ein Buch gegeben hätte, worin nur von mir und in faden Lobeserhebungen meiner Person die Rede ist. Was hätte er von mir gedacht? Er, der die Bescheidenheit in Person ist?« – Grimm fragt sich einmal wohlgefällig in einem seiner Briefe, was wohl die Nachwelt dazu sagen würde, wenn sie diese vertrauliche Korrespondenz zwischen der mächtigen Kaiserin und dem kleinen Literaten zu sehen bekäme. Die Antwort dürfte wohl die einstimmige Rückfrage sein, wie eine gescheidte Frau diese »allerunterthänigsten Vorträge des thönernen Gefäßes ihrer Schöpfung«, die wahrlich das übrigens recht schlechte Papier nicht werth sind, auf welchem sie gedruckt stehen, nur hat durchlesen können; wenn sie dieselben anders durchlas, woran ich zweifeln möchte. Er bediente sie prompt und genau: da wird sie die ewigen Bücklinge des Faktotums resigniert mit in Kauf genommen haben. Wohl blieben ihm, wie man oft gesagt hat, alle Freunde, außer Rousseau und Duclos, ihr Leben lang treu: der leidenschaftliche Diderot, an den, als »den deutschesten Franzosen, der französischste Deutsche« sich eng angeschlossen hatte – das Wort ist von Sainte-Beuve –, Saint-Lambert, d'Holbach, Helvetius, vor Allem aber Mme. d'Epinay. Es soll auch nicht geleugnet werden, daß Rousseau's Anschuldigungen in den Thatsachen ganz unbegründet sind – aegri somnia vana –, im Wesen mochte der arme Wahnsinnige doch Recht haben: Grimm macht den Eindruck eines vollendeten Komödianten, den die seinen Franzosen nicht leicht durchschauten – Verschiedenheit der Nationalität ist, wie Geschlechtsverschiedenheit, ein trefflicher Schirm für Komödianten: man schreibt das Zweideutige der Fremdheit zu, während es doch ganz dem Menschlichen angehört. Er selbst sprach sich »ein deutsches Herz und einen französischen Geist« zu. Das klingt ja recht schön, man sollte meinen, es heiße Etwas, es heißt aber doch Nichts. Grimm war ganz ein Mann solider deutscher Bildung, was ihm eine große relative Überlegenheit über die französischen »Philosophen« gab; er hatte sich die französische Form ganz angeeignet, was in Deutschland imponierte; war gewandt und eitel – er schminkte sich sogar weiß – aber die Gewandtheit war größer als die Eitelkeit: nie opferte er einen reellen Vortheil für eine Genugthuung der Eigenliebe. Kühl bis an's Herz hinan wußte er auch seine Freundschaften zu wählen. Er war sicher im Verkehr, wie ein guter Geschäftsmann; dienstfertig dabei; doch konnte er auch das Gegentheil sein. Die Franzosen bewunderten die Objektivität seiner Kritik; und in der That ward es ihm, als einem Fremden, leichter als ihnen, sich über den litterarischen Parteien zu halten und er war Einer der Menschen, die es verstehen, sich nie Feinde zu machen; hatte er aber einmal Einen, so schonte er ihn auch nicht. Ich kenne nichts Hämischeres als seine Analyse der »Confessions« in der »Gazette littéraire« von 1787, wie überhaupt seinen Ton, so oft er von Rousseau spricht. Wahr, Rousseau hatte ihn grausam mitgenommen, aber Rousseau war seit neun Jahren todt; der Wahnsinn und die Krankheit sprachen unverkennbar aus jeder Zeile seiner Anklage. Grimm dagegen war bei ganz kaltem Blute, hatte überhaupt eine wohl äquilibrirte Natur und, wenn er auch nicht der unfehlbare Kritiker war, den die Franzosen heute aus ihm machen, so war er doch hinlänglich mit der antiken Literatur genährt, um das wirklich Schöne sofort zu erkennen und zu würdigen. Wie konnte er die Stimmung finden, um eines der größten Meisterwerke aller Zeiten, den ersten Band der Confessions , nur vom moralischen und persönlichen Standpunkte aus gehässig zu persifflieren, ohne auch nur ein Wort der Anerkennung für das Anerkennenswerthe? Ja selbst das Porträt Mme. d'Epinays, mit der er so lange Jahre verbunden gewesen (( Gaz. litt. 1783) verräth nicht den Geliebten, der seine Freundin verloren; der hätte geschwiegen oder andere Worte gefunden. Doch lassen wir die Confessions und die Gazette littèaires und kommen wir zu unserem Briefwechsel zurück, worin freilich wenig von jenem »Geschmack« Grimm's zu finden ist, wenn auch hier und da ein witziges Wort mit unterläuft, wie wenn er sagt »in einem gewissen Alter müsse man in seinem Kopfe lesen, und wenn man nichts darin fände, den Laden schließen und vegetieren«. Aber solche Gedanken sind selten; der gescheidte Mann hebt sie offenbar für die Correspondance littéraire auf, wo er sie bezahlt bekommt. Grimm hatte schon längst seine literarischen Berichte an alle deutschen Höfe und auch an Katharina geschickt, als er 1773 im Gefolge der großen Landgräfin nach St. Petersburg ging, um dort der Kaiserin persönlich vorgestellt zu werden. Auch Merck befand sich in der Gesellschaft; und sonderbar! soviel mir bekannt, erwähnt der Kriegsrath nie den Herrn Hofrath und vice versa . Auch scheint Merck weder Grimm noch der Kaiserin je ein Wort von seinen Freunden Goethe und Herder gesagt zu habend. Vielleicht wird in dem mir leider unzugänglichen »Briefwechsel der großen Landgräfin« (herausgeg, v. Walther, Wien 1877) Näheres über diese Reise mitgetheilt. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen gerade nur gesehen und flüchtig durchblättert, und verweise die Glücklichen darauf, welchen deutsche Bibliotheken erreichbar sind. Auch enthält ein früherer Band der Sammlung der k. russ. hist. Gesellschaft die Denkschrift, welche Grimm über den Ursprung seines Verhältnisses zur Kaiserin geschrieben, sowie Briefe Katharinens an Frau von Bielte in Hamburg. Da mir dieser Band ebenfalls nicht zur Hand ist, so entnehme ich zwei charakteristische Citate aus demselben dem Aufsatz A. Rambaud's über die Korrespondenten Katharinas (in der »Revue des Deux Mondes« vom l5. Januar 1877), indem ich jedoch bemerke, daß jene Denkschrift etwa dreißig Jahre nach der Petersburger Reise geschrieben worden sein muß, was Herr Rambaud anzumerken vergessen hat, obschon es Vieles erklärt. Merkwürdig, die Kaiserin kennt unser deutsches Unterrichtswesen aus dem Grunde, bewundert und beneidet die Organisation unserer Volksschulen, Gymnasien und Universitäten; sie spricht auch oft von deutscher Literatur, sie ist ganz entzückt von der Weise, wie man die deutsche Sprache handhabt – »wer hätte je geglaubt, daß diese harte Sprache solcher Annehmlichkeit fähig wäre?« – aber es sind immer die Nicolai und Thümmel, die sie bewundert – stellt sie doch Ersteren neben Fielding und Voltaire! – höchstens finden auch noch Zimmermann, Mme. de la Roche und Lavater Gnade vor ihren Augen. Wieland's »Abderiten« erwähnt sie einmal; Lessing nennt sie nie, freut sich aber so über die Schläge, welche Pastor Götz (Goetze) erhält, daß sie ihn wohl gelesen haben muß, ohne seinen Namen zu beachten; aber, obschon die Korrespondenz bis zum Jahre 1796 reicht, ist nie von Herder, der doch in ihren Staaten seine »Fragmente« geschrieben, geschweige denn von Goethe und Schiller die Rede; vielleicht weil die »Allgemeine deutsche Bibliothek«, die sie mit aufmerksamster Bewunderung las, ihre Hauptquelle war und Nicolai bekanntlich darin die junge Schule sehr von oben herab behandelte, obschon Merck darin den »Werther« höchlich gepriesen hatte. Und dabei spricht sie mit großem Bedauern von Friedrich II., weil er diese entstehende deutsche Literatur nicht kenne oder verachte. Als seine Schrift über dieselbe herauskam, sagte sie: »Was wollen sie? Er hat einmal den Bug (il a pris son pli) ; er sieht wenig Leute, und wenn er welche sieht, spricht er und die Andern horchen; Niemand hat ein Interesse daran, ihm zu widersprechen und man fürchtet ihn. Das sind Quellen genug, die dazu beitragen, daß er gar Manches nicht erfährt. Dazu das Alter. Im Jahre 1740 waren wir jung und wir sind's nicht mehr.« Ja, sie meint die Franzosen – sie nennt sie seit Voltaire's Tod nur »die armen Leute« – wären ganz aus dem Feld geschlagen durch Sebaldus Nothanker, Wilhelmine, Spitzbart u. s. w. »Die armen Leute (diese Citation ist deutsch im Text) haben nicht ein einzig Büchlein anfzuweisen, was diesen beikommt, seit mein Meister todt ist. Elende Versspinner und weise Quäckler mit Tausendkünstlern, die nichts aus dem Grunde studiert haben, und dennoch ihre diverse Kindereien für's non plus ultra ausgeben, der haben sie die Menge!« Auch Grimm, an dem Duclos (nach Mme. d'Epinay's Memoiren) schon 1754 kein anderes Talent fand, als daß er »die monstruösen Schönheiten der deutschen Literatur« in Frankreich zur Geltung brachte, hatte einen hohen Begriff von seinen Landsleuten: er meinte, es sei »nicht zu leugnen, daß der erlauchte Herr Verfasser (Friedrich II.) seiner Materie nicht gewachsen sei und von der deutschen Sprache ohngefähr wie ein Blinder von der Farbe urtheile«, – aber auch er spricht weder von den »kritischen Wäldern« noch von der »Dramaturgie«, weder von »Götz« noch von den »Räubern«. Der eigentliche Briefwechsel beginnt sofort nach jener Reise und zwar mit einer Anspielung auf den Tod der großen Landgräfin, der kurz nach ihrer Rückkehr nach Darmstadt erfolgt war (März 1774). »Diese Landgräfin war eine einzige Person, schreibt die Kaiserin im ersten Brief. Wie sie zu sterben gewußt hat! Wenn die Reihe an mich kommt, werde ich ihr nachzuahmen suchen und, wie sie, alle Weiner von meinem Bette jagen.« Man weiß, daß Friedrich ebenso von der Freundin Moser's dachte und ihr eine Marmorurne mit der Inschrift: » Sexu femina, ingenio vir « setzen ließ; die Großen des Geistes aber, Goethe und Wieland, Herder und Merck, blieben in ihrer Bewunderung nicht hinter den Großen der That zurück. – Der Briefwechsel zwischen Grimm und der Kaiserin ward noch lebhafter und namentlich vertrauter, nach einem zweiten Aufenthalte des Literaten in Rußland (Sept. 1776 – Aug. 1777) und danach mit kurzen Unterbrechungen bis zum Tode der Kaiserin (Oct. 1796). Die längsten dieser Unterbrechungen währten nur 4-5 Monate und waren verursacht, einmal durch die historisch so wichtige Reise Josephs II. an den Hof der Kaiserin, das andere Mal durch den Tod ihres Günstlings Lanskoi, der sie auf Monate hin niederschlug und betäubte. Grimm erhielt von Katharinen einen Jahrgehalt von 2000 Rubel und, nachdem er in der Revolution Vieles eingebüßt und im Sommer 1791 Frankreich hatte verlassen müssen, machte sie ihm verschiedene Freundschaftsgeschenke, die sich auf etwa 50-60,000 Rubel belaufen zu haben scheinen. Kurz vor ihrem Tode ernannte sie ihn noch zum russischen Ministerresidenten in Hamburg. Geadelt war er schon geraume Zeit und seine hohen Orden zählte er gar nicht mehr. Man weiß, daß er 1807 als ein Vierundachtzigjähriger in Gotha starb. Diese lange Unterhaltung zweier Deutschen in einer fremden Sprache ist so recht ein Stück des 18. Jahrhunderts. Nie war der Kosmopolitismus in geistigen Dingen größer als in der Zeit Horace Walpole's und Gibbon's, Gllliani's und Diderot's, während doch im Staatlichen die nationalen Individualitäten sich immer bestimmter ausbildeten. Freilich waren Katharina und Grimm auch durch ihr Leben im Auslande der Heimath mehr als andere Humanitarier der Zeit entfremdet worden: Grimm lebte von seinem 24. bis fast zu seinem 70. Jahre in Paris und Italien; Katharina gar kam vierzehnjährig nach Rußland und sah ihr Vaterland nie wieder. Ihr Deutsch ist darum doch, wenn auch weniger korrekt als das Grimm's, weit deutscher als seins. Es erinnert, wie auch ihre Gedanken, oft an Frau Rath. Sie braucht es selten und nur in Parenthesen, aber bei allen altfränkischen Wendungen, grammatischen Fehlern und Vulgaritäten des Ausdrucks ist ein sehr richtiges Sprachgefühl darin und zwar ein bewußtes Sprachgefühl: » Cela vous fera manquer le débotter à Petersburg , schreibt sie ihm einmal, car ce débotter sera sur les cofins de 1775 ; und im übrigen tausendmal wie niemals; der Herr wird thun was ihm beliebt und kann schaffen wie er's versteht. Voila de l'allemand comme on pourrait en produire à Vienne; j'ai un goût décidé pour ce mot »schaffen«: il me semble qu'en droite ligne il tient à la création; j'ai toujours trouvé cette création unu jolie chose. « Oder: »Nun habe ich die ... und werde sie schon durchhecheln als Flachs durch den Kamm. Ist dieses nicht wahrlich eine so schön ausgesonnene Vergleichung als selbst der ehrwürdige Homerus sie hätte dermalen aussinnen können?« Die »Prüfungen« des Herrn Pastor Wagner waren nicht verloren, mit denen das Prinzeßchen in ihrer Jugend gequält worden: ihr Deutsch hat von dieser lutherischen Erziehung etwas Biblisches behalten, das Einem sehr Wohl thut und gegen ihre volksthümliche Derbheit fällt Grimm's Gottschedische Prosa gar sehr ab. Ähnlich im Französischen welches Beider wahres Werkzeug ist. Seine Sprache ist feiner, geschliffener, macht sich auch nie eines wirklichen Schnitzers schuldig, wie Katharine, die sich vorkommenden Falles wohl einen groben Germanism erlaubt (wie z. B. ce qui me manque « – was mir fehlt – statt ce que j'ai) ; auch hütet er sich, wie's in seiner Stellung allerdings natürlich war, vor dem familiären Ton der Kaiserin, die stets mit einem kleinen Fluche bei der Hand ist, und sich manchmal gar zu sehr gehen läßt; aber hier ist im Grunde die Sprache empfundener als bei dem Schriftsteller vom Handwerk; manchmal fast rabelaisisch in ihrer Willkür: » Laissez les galvauder: ils galvauderont comme galvaudeux de profession et en sortira galvauderie parfaite ,« sagt sie einmal von gewissen deutschen Herren. Man sieht, sie spricht nur die Wahrheit, wenn sie sagt, sie verstehe nur die Altfranzosen, M. Régnier oder Molière. »Ich bin eine Gauloise des Nordens,« sagte sie einmal zu Fürst Ligne. »Ich begreife nur das alte Französisch. Ich verstehe das Neue gar nicht. Ich habe Eure Gelehrten in iste (die Encyclopädisten) versucht, habe Einige herkommen lassen; ich schrieb ihnen auch gelegentlich. Sie haben mich zu Tode gelangweilt, und haben mich nie verstanden. Es gab eben nur meinen guten Beschützer Voltaire ... Wissen Sie, daß es Voltaire war, der mich in die Mode gebracht hat?« Ganz anders ist denn auch ihr Briefwechsel mit Voltaire: da nimmt sie sich zusammen; wir wissen, daß sie die Briefe an den Patriarchen von Ferney oft dreimal aufsetzte. Da wollte sie sich nichts vergeben; sie sah in ihm einen Potentaten; in Grimm sah sie nur ihre »Sache«, das »Nichts ihrer Majestät«, wie er selber sich demüthig nannte. »Hier sind zwei Ihrer Briefe vor mir, schreibt sie einmal, Nr. 14 und 15, die auf Antwort warten. Freilich sind da auch zwei vom König von Preußen, drei vom König von Schweden, zwei von Voltaire, dreimal soviele von Gott weiß wem, alle älteren Datums, und vor Ihren angekommen; aber da sie mich nicht amüsieren, weil ich sie schreiben muß, und ich mit Ihnen plaudere, nicht schreibe (merken sie sich das, das ist neu), so ziehe ich vor, mich zu amüsieren, und meine Hand, meine Feder und meinen Kopf gehen zu lassen, wohin's ihnen beliebt.« »Faselen wir ein wenig, da wir doch einmal von Ammen gesprochen,« schreibt sie ein andermal. »Wissen Sie, warum ich den Besuch der Könige fürchte? Weil sie gewöhnlich langweilige, abgeschmackte Personen sind und man sich steif und gerade halten muß mit ihnen. Auch berühmte Leute halten meine Natürlichkeit im Respekt; ich will witzig sein comme quatre/ ; und oft brauche ich diesen Witz comme quatre/; sie anzuhören und da ich zu schwätzen liebe langweilt mich's zu schweigen.« Mit Grimm ließ sie sich eben ganz gehen. Der sachliche Inhalt dieser Briefe, namentlich der Grimmschen ist freilich etwas mager oder vielmehr, er ist zerstückelt und zuviel an sich Unwichtiges nimmt einen zu breiten Platz darin ein. Der Ton ist meist heiter und humoristisch; aber man sieht, er ist nicht dazu gemacht, lebendig gedruckt zu werden, wie sie denn auch ihren Korrespondenten hundertmal bittet, alle diese Briefe mit ihrem Klatsch und Geplauder sofort zu verbrennen, damit sie ja nie veröffentlicht würden. Sie schont die Leute nicht, mit denen sie in Berührung kommt; namentlich kommen Mama (Marie Theresie) und Brüder Ge und Gu (George III. und Gustav III.) sehr übel weg; die Politik nimmt fast ebensoviel Raum ein als die Genealogie Sir Thomas Anderson's, ihres Hundes, und seiner zahlreichen Nachkommenschaft; viel auch die Beschreibung der Reisen oder Feste, der Landgüter, die Rechenschaft über ihre Beschäftigungen vor Allem und ihre Lektüre. Gegen Ende freilich wird die Politik, die im Grunde doch ihr oberstes Interesse war, immer wieder zum Hauptgegenstand der Unterhaltung. Ein fortlaufender Kommentar über die Verhältnisse der inneren Politik, sowie über die Personen wäre durchaus nothwendig, um das werthvolle Buch in ein größeres Publikum einzuführen: doch könnte man mit geschickten Scheeren, wenigen Anmerkungen und einer eingehenden ganz thatsächlich gehaltenen Einleitung aus dem schwerfälligen Bande ein Büchlein machen, das es mit den interessantesten Briefsammlungen des vorigen Jahrhunderts aufnehmen dürfte. II. Nicht Katharinens Politik, wohl aber ihre Persönlichkeit tritt uns aus ihren Briefen an Grimm sehr deutlich entgegen und manche Seiten derselben, die bis jetzt im Schatten geblieben, werden hier zum ersten Male voll beleuchtet. Das Menschliche an ihr soll denn auch der Vorwurf dieser kleinen Studie sein. Da ich aber wohl weiß, wie schwer es ist, den Staatsmann vom Menschen zu trennen, vor allem bei Katharinen, wo Dieser ganz in Jenem aufging, so werde ich diese Trennung auch nicht einmal versuchen. Katharina war in der That jeder Zoll ein Staatsmann und zwar ein großer Staatsmann, wie andere Frauen vor und nach ihr, denn die Staatskunst ist eine der wenigen männlichen Künste, worin die Frauen ihrer Naturanlage nach vortheilhaft mit uns konkurrieren können. Den Politiker darf man also bei ihr nie vergessen, wenn man der Person gerecht werden will: Aber den Inhalt ihrer Politik darf ich doch wohl als bekannt voraussetzen. Was sie darin geleistet, hat Sybel in seiner trefflichen Charakteristik der Kaiserin (Kl. hist. Schriften Bd. I. 3. Auflage, Stuttgart 1880) so bestimmt hervorgehoben, er hat in wenig Worten die thatsächlichen Erfolge ihrer inneren und äußeren Politik in so schlagender Weise zusammengestellt, er hat so klar dargelegt wie noch heute sich keine brennende Frage in Deutschland erhebt, »wo wir nicht den Spuren von Katharinas Politik begegnen«, – daß ein langer Panegyrikus sie viel weniger gelobt haben könnte. Allein um Lob handelte sich's ja auch dort so wenig wie hier. Man wünscht eine solche Persönlichkeit nach allen ihren Seiten zu kennen, und man kennt sie nicht, wenn man vergißt, welche Rolle die Politik in ihrem Leben spielte: denn bei ihr beherrschte und bestimmte das Staatsinteresse alles Andere oder ging doch allem Anderen voran – darin gehört sie ganz zu jener edlen Fürstengeneration des 18. Jahrhunderts, die ihren Vortheil und Ruhm allein im wohl- oder übelverstandenen Interesse ihrer Unterthanen sehen wollten. Ward aber Katharinens Politik von Privatgefühlen nie beeinflußt, so gingen diese doch oft, gleicher Weise unbeeinflußt von der politischen Thätigkeit neben dieser her, bis es, da eine völlige Parallele doch nicht möglich ist, zu einem Zusammenstoße kam, wo dann immer das Staatsinteresse den Ausschlag gab. Wie die bedeutendsten Zeitgenossen, wie unser Merck z. B., über die Kaiserin urtheilte, wie Diderot, Marmontel, wie Voltaire, das wissen wir. Dieser hatte, zum großen Skandal von Mme. de Choiseul, die nicht begreifen konnte, wie man ein »monstre« bewundern konnte, welches so lieblose Gesinnungen gegen den Eheherrn gehegt uud an den Tag gelegt hatte, – Voltaire hatte von ihr gesagt (1767): »Es giebt eine Frau, die sich einen großen Ruf erworben hat. Das ist die Semiramis des Nordens, welche 50,000 Mann marschieren läßt, um in Polen die Toleranz und Gewissensfreiheit herzustellen. Es ist das ein einziges Ereignis in der Weltgeschichte und ich stehe Ihnen dafür, das wird weit gehen. Ich darf mich vor Ihnen wohl rühmen, daß ich ein wenig in ihrer Gnade stehe: ich bin ihr Ritter gegen und wider Alle. Ich weiß wohl, man wirft ihr einige Kleinigkeiten gegen ihren Mann vor; aber das sind Familienangelegenheiten, in die ich mich nicht mische; übrigens ist es auch recht gut, wenn man ein Übel wieder gut zu machen hat; das legt es Einem nahe, große Anstrengungen zu machen, um sich die Achtung und Bewunderung des Publikums zu erzwingen; und sicher hätte ihr gräulicher Mann nicht eines der großen Dinge verrichtet, welche meine Katharina alle Tage ausführt.« Voltaire hat hier in seiner seinen tiefen Weise, die Alles sagt, ohne daß sie nur an die Dinge zu rühren scheint, auch die Schwächen »seiner« Katharina, wie gewisse Triebfedern ihrer großen Handlungen angedeutet. Nicht zufällig hat er die zweischneidige Vergleichung mit der asiatischen Königin eingeführt, und wieviel die Ruhmsucht, Katharinas stärkste Leidenschaft, zu ihrer großartigen Thätigkeit beitrug, ist nicht vergessen. Auch die Erwähnung des »gräulichen Mannes« ist nicht zwecklos: Peter III. erklärt eine ganze Seite von Katharinen. An die Mitschuld der Kaiserin bei seinem Morde glaubt Voltaire sowenig wie irgend ein Zeitgenosse, der sie persönlich kannte, – selbst Rulhière nicht – und alle ernsthaften Historiker unserer Zeit sprechen sich im selben Sinne aus. Nur die Fernerstehenden, wie der klatschesfrohe H. Walpole, glaubten ohne Prüfung, wie sie später an Alexanders Mitschuld beim Morde seines Vaters glaubten. Die Denkwürdigkeiten der Fürstin Daschkoff, die ja die Hauptrolle in der Palastrevolution spielte, durch welche Peter gestürzt und Katharina auf den Thron erhoben wurde, sprechen sie ganz frei von aller Mitwissenschaft, und die Fürstin Daschkoff schrieb ihre Memoiren, als sie längst die Gnade ihrer Herrin verscherzt hatte. Dagegen geben diese Aufzeichnungen der Jugendfreundin, geben Katharinens eigene Tagebuchnotizen, von denen ich oben sprach und welche drei Jahre vor der Zeit aufhören, wo die der Fürstin beginnen, ein Bild Peters, welches das ganze Verhalten Katharinens gegen ihn erklärt und entschuldigt, wenn auch nicht durchaus rechtfertigt. Ich meine nicht nur seine Thronenthebung; die war eine Art legitimer Selbstvertheidigung, denn er ging damit um, sich ihrer zu entledigen und eine seiner Geliebten zu heirathen, und man durfte sich wohl eines Schlimmeren als der Verstoßung von ihm gewärtigen; ich spreche von ihrem ersten Unrecht gegen ihn. Man denke sich das vierzehnjährige Prinzeßchen, obschon belle et grande pour son âge et toute taite , wie Friedrich II. an Kaiserin Elisabeth schrieb, Polit. Corresp. (II. 459. vgl. 495.) Friedrich hatte sie als Braut vorgeschlagen, nachdem er seine eigene Schwester in weiser Selbstbeschränkung verweigert hatte. S. ebend. II. 268. Übrigens scheint Elisabeth, die dem Andenken ihres frühverstorbenen Bräutigams Karl von Holstein, trotz ihrer vielen Liebesintriguen, eine romantische Verehrung bewahrt hatte, sich für dessen Familie und insbesondere seine Nichte, die kleine Sophie Friederike, die einst Katharina II. sein sollte, interessiert zu haben. – immerhin ein Kind, das in den strengsten sittlichen und religiösen Grundsätzen und den bescheidensten, fast bürgerlichen Verhältnissen herangewachsen, nun mitten in diesen halbasiatischen Hof versetzt wird, wo sich ein verschwenderischer Luxus, wüsteste Sitten, Intriguen aller Art breit machen; eine launische, jeder Wollust fröhnende Herrscherin, feile Diener, zerrüttete Familienverhältnisse rings um sie her; die Ehescheidung so alltäglich, daß die Frau univira noch seltener war als zur Zeit Cäsar's; das Liebhaberwesen im vollsten Flor; dazu nun einen vor der Zeit verderbten Bräutigam, kaum dem Knabenalter entwachsen, der seiner kleinen Braut alle seine Liebesabenteuer anvertraut, dann, nachdem er sie anderthalb Jahr später, noch immer als ein Kind, geheirathet, seine vielfachen Verhältnisse offen fortsetzt, selten aus der Trunkenheit herauskommt, die Pfeife nicht aus dem Munde läßt, seine Meute Jagdhunde im Schlafzimmer hält, seine junge Frau roh anfährt, sobald sie ihm eine Vorstellung macht, halbe Tage auf der Wachtstube zubringt oder mit Puppen spielt. »Ich bedaure die arme Königin von Dänemark,« schrieb sie viele Jahre später an Fr. von Bielke, »daß man so wenig aus ihr macht. Es giebt nichts Schlimmeres als ein Kind zum Manne zu haben. Ich weiß, was die Elle davon werth ist und ich gehöre zu den Frauen, die glauben, daß es immer die Schuld des Mannes ist, wenn er nicht geliebt wird; denn wahrhaftig, ich hätte Meinen sehr geliebt, wenn er nur die Güte gehabt hätte, es zu wollen.« Ein Wunder, wie die lebhafte junge Frau, gereizt durch ein unerträgliches Spioniersystem, selbst der Korrespondenz mit ihrer Familie beraubt, zu tödtlicher Langweile oder ewigem Taumel verdammt, jeder Versuchung ausgesetzt, umgeben von dienstfertigen Werkzeugen und Verführern, fast von der Kaiserin dazu gedrängt auf eine oder die andere Weise für einen Nachfolger zu sorgen, nur so lange ihre Treue wahrte. Wie sie als 23 jährige Frau, nach neun Jahren an jenem Hofe, endlich der Versuchung unterlag, hat sie höchst naiv in ihrem Tagebuche (Mem. 331 und 332) erzählt: »Ich gefiel, und folglich war der halbe Weg zur Verführung zurückgelegt; und es ist in solchem Falle im Wesen der menschlichen Natur, daß die andere Hälfte unfehlbar folgt: denn Verführen und Verführtwerden liegen gar nahe beieinander und, trotz der schönsten moralischen Maximen, die man seinem Kopfe eingeprägt, mischt sich doch immer das Gefühl (la sensibilité) hinein; sobald aber das zum Vorschein kommt, ist man schon unendlich viel weiter als man glaubt und ich weiß bis jetzt noch nicht, wie man es verhindern kann zum Vorschein zu kommen. Vielleicht könnte uns die Flucht dagegen helfen; aber es giebt Fälle, Lagen, Umstände, wo die Flucht unmöglich ist; denn wie soll man fliehen, ausweichen, den Rücken wenden, an einem Hofe? Das selbst würde Gerede machen. Wenn man aber nicht flieht, giebt's nichts Schwereres als Dem zu entgehen, was Einem im Grunde gefällt. Alles was man zum Gegentheil sagen mag ist nur prüdes Geschwätz, welches nicht vom menschlichen Herzen abgenommen ist; und Niemand hält sein Herz in der Hand und drückt es zu oder läßt es los, indem er je nach Gutdünken die Faust ballt oder öffnet.« Allerdings, nachdem sie einmal in diese Bahn eingelenkt, blieb sie nicht halben Weges stehen; die Befriedigung der Sinnlichkeit wurde zur Gewohnheit; und sie ward am Ende nicht viel wählerischer als Männer in dieser Beziehung zu sein pflegen: denn da der Unterschied in der Anschauung solcher Verhältnisse nicht in der verschiedenen Natur beider Geschlechter, sondern nur in der Erziehung und Gesellschaft begründet ist, so handeln bekanntlich die Frauen, welche einmal die inneren und äußeren Schranken, die ihr Geschlecht umzäunen, niedergerissen haben, genau wie die Männer, wovon die Geschichte ja der Beispiele genug aufweist. Auch ihre Unterhaltung war ganz die eines Mannes: als Diderot; der immer vergaß, mit wem er zu thun hatte und ihr immer in der Lebhaftigkeit der Unterhaltung »die Kniee blau und schwarz schlug«, einmal selber vor seiner Derbheit erschrak, rief sie ihm zu: » Allons, entre hommes tout est permis. « Und die Frauengesellschaft floh sie wie die Pest. »Ich weiß nicht, ist es Gewohnheit oder Neigung, sagte sie einmal, aber ich kann mich nur mit Männern unterhalten. Es giebt nur zwei Frauen in der Welt, mit denen ich eine halbe Stunde hintereinander reden könnte.« Was noch wunderbarer ist, als der lange Widerstand ihrer ersten Erziehung gegen die sittliche Fäulnis, mit der sie so früh in Berührung kam, ist, daß das geistige Interesse, das in ihrer Kindheit nicht geweckt worden, in solcher Umgebung erwachen konnte. Denn die russische Gesellschaft hatte damals noch nicht einmal den Firnis abendländischer Geistesbildung, den sie heute trägt. Nur das Kostüm und die Sprache waren französisch: alles Andere war noch halb-barbarisch. Im Grunde ganz leer, scheinen die Leute Alle an einer chronischen Langweile zu laborieren. Sie ist der große Feind, den sie von früh bis spät bekämpfen, gegen den sie überall Hilfe suchen: im Wein, im Spiel, in der Wollust; denn was anderswo Befriedigung überströmender Sinnlichkeit ist, wird hier zum Ausfüllen der ewigen inneren Leere gebraucht; und das Rennen und Jagen nach Geld und Gunst und Macht hat keinen anderen Zweck als den, sich die Mittel zu jenem betäubenden Genuß zu verschaffen. Dabei eine naive Geringschätzung der Standesunterschiede, der konventionellen Bande und der gesellschaftlichen Vorurtheile, die uns anfangs fast angenehm berührt, bis wir dahinter kommen, daß es nicht so sehr das Gefühl des rein Menschlichen, als Leichtsinn und Frivolität sind, welche dieser Mißachtung zu Grunde liegen. Diderot ist ganz im Recht, wenn er von Fürst Galitzin, demselben der auch Grimm's Beziehungen mit der Kaiserin vermittelt, sagt, was noch heute von fast allen vornehmen Russen gilt: »er glaube an die Gleichheit der Stände aus Instinkt, was mehr werth sei als aus Nachdenken daran zu glauben;« nur hätte er hinzufügen dürfen, daß der Instinkt geleitet sein will, wenn er nicht ausarten soll. In dem wüsten Rausch dieses wirbelnden Lebens, mitten in dieser zum System ausgebildeten Gedankenlosigkeit und Scheinkultur, in diesem Gefängnis ohne Einsamkeit, erwacht Katharinens Interesse für das Höhere, Bessere. Das erste Jahr ihrer Ehe hatte sie nur Romane gelesen; die fingen aber an sie zu langweilen. Da fielen ihr zufällig Mme. de Sévigne's Briefe in die Hände. Die Lektüre sprach sie an und sie hatte die Bände bald verschlungen. Dann sah sie sich nach ähnlichem um und verfiel auf Voltaire. Von da an brachte sie mehr Wahl in ihr Lesen: Montesquieu, Tacitus, Platon wurden gelesen und wiedergelesen: doch ihr Meister und Lehrer, ihr Orakel blieb Voltaire. Man sieht, sie war schon weit entfernt von der Zeit, wo es sie soviel Überwindung kostete, ihren Glauben aufzugeben um die griechische Religion anzunehmen. Vgl. darüber die äußerst interessante und inhaltsreich kleine Schrift von F. Siebigk »Katharina der Zweiten Brautreise nach Rußland« (Dessau, 1873), S. 57. Dieselbe ist zum größten Theil auf Studien in dem Anhalt-Zerbstischen Hausarchive begründet und giebt viele Inedita vom höchsten Interesse. »Der Religionswechsel«,hatte damals (1744) der preußische Gesandte an Friedrich geschrieben, »macht freilich der Prinzessin große Angst und ihre Thränen fließen in Strömen, wenn sie allein ist mit Leuten, die ihr nicht verdächtig sind. Indeß, fügte er klug hinzu, der Ehrgeiz gewinnt am Ende doch die Oberhand.« – Sie sprach davon späterhin freilich sehr lose. Als ihre künftige Schwiegertochter erwartet wird, meint sie: »Sobald wir sie haben, machen wir uns an die Bekehrung. Um sie zu überzeugen wird's wohl vierzehn Tage brauchen, denke ich; wie viel es brauchen wird, ihr beizubringen, das Glaubensbekenntnis deutlich und richtig auf russisch zu lesen, weiß ich nicht.« So leicht hatte sie's doch nicht genommen, dreißig Jahre vorher, als sie fast direkt aus dem Katechismus Pastor Wagners, der strengen Zucht ihres Herrn Papas und der Aufsicht von Mlle. Cardel »in Greifenheims Hause auf dem Marienkirchhof« zu Stettin, herausgekommen war. Welchen Eindruck dieses Kinderleben hinterlassen, sieht man aus vielen vorliegender Briefe an Grimm. Der alte Fürst war »Lutheraner, wie man's in den Zeiten der Reform war«, sagte Friedrich II.; .seine Lehren und sein Beispiel hatten sich tief eingeprägt in Katharinens jungen Sinn und es erforderte nicht wenig Anstrengung ihr und dem Vater die Überzeugung beizubringen, daß eigentlich das lutherische und griechische Glaubensbekenntnis ein und dasselbe wären, sich nur in Äußerlichkeiten unterschieden. »Der Vater war etwas halsstarrig,« schrieb Friedrich II. an die große Landgräfin. »Ich hatte viel Mühe seine Scrupel zu besiegen; auf alle meine Vorstellungen antwortete er: Meine Tochter nicht griechisch werden. Aber ein Pfarrer, den ich zu gewinnen wußte, war gefällig genug, ihn zu überreden, daß der griechische Ritus dem Lutheranischen gleich wäre und er wiederholte nun unausgesetzt: Lutherisch-griechisch, griechisch-lutherisch, das geht an.« Leichteren Stand als mit Vater und Tochter hatte man mit der jugendlichen Mutter: »Der schmeichelhafte Gedanke, schrieb der preußische Gesandte aus Petersburg, einst sagen zu können »die Kaiserin« wie man sagt »mein Bruder«, benimmt ihr jedes Bedenken und hilft ihr die Tochter zu beruhigen.« Daß die Aussicht auf die Kaiserkrone nicht auch ein großes Überredungsmittel gewesen, will ich nicht sagen. »Elle se plait aux grandeurs qui l'environnent, schrieb ihre Mutter an Friedrich II., und in einem Briefe an ihren Mann meinte sie »Figgen« – die kleine Braut trug noch ihren protestantischen Namen Friederike, – »Figgen southeniert die fatige besser als ich, doch sindt wir beyde Gottlob wohl, der regiere und führe uns Ferner.« Und Katharina selber in ihren Memoiren (p. 17), wo sie von ihrem Bräutigam, dem Großfürsten Thronfolger spricht: »Er war mir beinahe gleichgültig; aber die Krone von Rußland war es mir nicht« ... Wie dem auch sei, die Bekehrung war gründlich und die kleine Lutheranerin ward die impönitenteste Heidin, die je auf einem Thron gesessen: selbst ihr Idol Voltaire konnte nicht unehrerbietiger von dem »Flegel« (rustre) Luther, nicht dreister über das heilige Oel der griechischen Kirche scherzen, als seine hohe Schülerin. Letzteres sollte alle möglichen Übel durch seine Wunderkraft heilen, sie schickt es aber dem leidenden Grimm doch nicht: »Je ne suis pas en état de vous faire parvenir le présent d'huiles saintes fricassées en ma présence, car elles sont devenues puantes, sauf le respect qui leur est du«. Die Briefe Katharinens sind alle französisch geschrieben; meine Zitationen daraus sind übersetzt; nur wo mir die Übersetzung unmöglich gewesen ist, gebe ich den französischen Text. Katharinens eigenes Deutsch, das man überdies sofort herauserkennen wird, ist immer in Sperrschrift gedruckt. Man sieht, die Bekehrung war nicht so sehr das Werk des Archimandriten Theodorsky als der Herren »Philosophen« in Paris, vor Allem des Erzfeindes Voltaire. Der war schon seit ihrem 16. Jahre ihr einziger Lehrer und Tröster. Sie, die nicht leicht empfindsam wird, strömt über, wenn sie von dem Manne spricht, dem sie ihr geistiges Leben verdankt, ohne ihn je persönlich gesehen zu haben. Als sie von seinem Tod und von der Verweigerung des Begräbnisses hört, ruft sie aus: »Man wagt einen solchen Mann nicht zu begraben, den ersten der Nation!« Und zwei Monate später: »Seit Voltaire todt ist, kommt es mir vor, als habe die gute Laune ihre Ehre verloren. Er war die Gottheit der Heiterkeit ( agrément ). Verschaffen Sie mir doch gleich ein recht vollständiges Exemplar seiner Werke, um meine natürliche Anlage zum Lachen zu erneuern nnd zu stärken; denn, wenn Sie mir sie nicht bald schicken, bekommen Sie von mir nur noch Elegien.« Und wiederum zwei Monate später: »Schon lange reflektiere ich in meinen Handlungen auf zwei Dinge nicht mehr: den Dank der Menschen und die Geschichte. Ich thue das Gute um's Gute zu thun, nichts weiter; und das hat mich wieder aus der Muthlosigkeit und Gleichgiltigkeit für alle Dinge dieser Welt aufgerichtet, die mich bei der Nachricht von Voltaire's Tod überkommen hatten. Denn er ist mein Lehrer; er oder vielmehr seine Werke haben meinen Geist und Kopf gebildet. Ich glaube es Ihnen schon oft gesagt zu haben, ich bin seine Schülerin; als ich noch jünger war, wünschte ich ihm zu gefallen; hatte ich Etwas gethan, so mußte es, um mir zu gefallen, werth sein, ihm mitgetheilt zu werden; und sogleich erfuhr er es. Er war so daran gewöhnt, daß er mich zankte, wenn ich ihm keine Nachricht gab und er sie von anderswoher erfuhr.« »Geben Sie mir hundert Exemplare der Werke meines Meisters, damit ich sie überall niederlege. Sie sollen zum Beispiel dienen; man soll sie studieren, auswendig lernen, ich will, daß die Geister sich daran nähren ... Die Werke sollen chronologisch geordnet werden, nach den Jahren, in denen sie geschrieben. Ich bin eine Pedantin, die den Geistesgang des Autors in seinen Werken verfolgen will.« Sie will sich eine casa santa , wie die von Loreto vom Hause in Ferney machen lassen. »Hören Sie doch, wenn wirklich die Kraft, Tiefe und Anmuth (die Grimm gerühmt hatte) in meinen Briefen und meiner Ausdrucksweise ist, so danke ich alles Voltaire: denn lange lasen, studierten und lasen wir wieder Alles, was aus seiner Feder kam und ich darf sagen, ich habe ein so feines Gefühl dafür erlangt, daß ich mich nie über Das getäuscht habe, was von ihm war oder nicht; die Klaue des Löwen hat eine Weise anzupacken ( empoignure die noch kein Mensch bis jetzt nachgeahmt hat.« III. Diese Begeisterung für die Philosophen, die übrigens im Grade sehr verschieden war, die Gastfreundfchaft, die sie Diderot und Grimm angedeihen ließ, das Anerbieten, das sie bei ihrem Regierungsantritt schon d'Alembert machte, die in Frankreich bedrohte Encyklopädie in ihren Staaten weiter zu veröffentlichen, ihre Übersetzung des in Frankreich verbotenen »Belisar« von Marmontel – Alles Das mag zum Theil Berechnung gewesen sein, aber doch nur zum Theil. Wir wissen, sie war nicht ohne Eitelkeit. Wie sie gar sehr zu hören liebte, daß ihr Profil dem Alexanders des Großen glich, so war es ihr wohlthuend, von den Gebietern der öffentlichen Meinung als die große Herrscherin des Ostens, die Vorkämpferin der Civilisation gepriesen zu werden und sie hatte eine gute Dosis von Selbstbewußtsein. Alle die ihr nahe kamen und uns von ihr berichtet haben, Ségur, de Ligne, der englische Geschäftsträger Gunning, bezeichnen die Ruhmsucht als ihre herrschende Leidenschaft und das Hauptmotiv ihrer Handlungen. Sie selbst giebt die Intonation an, in welcher sie gelobt zu werden wünscht. Als Grimm den Frieden von Teschen und den Ruhm der Friedensstifter in den Himmel erhebt, schreibt sie ihm: »In meinem Leben habe ich in den gepriesensten Thatsachen wenig Ruhmreiches gesehen. Jeder preist oder preist nicht, je nach seinen Interessen. Das ist meine Sache nicht. Der Ruhm, der mir zusagt, ist oft der, welchen man am Wenigsten preist: das ist der, welcher nicht nur das Gute in der Gegenwart hervorbringt, sondern das Wohl zukünftiger Geschlechter, unzähliger Menschen unzählige Güter; er ist oft nur das Ergebnis eines Wortes, das gesät, einer Zeile, die hinzu gefügt worden; die werden die Gelehrten suchen mit der Laterne in der Hand, und werden mit der Nase drauf stoßen und Nichts davon begreifen, wenn es ihnen an dem Genie dazu fehlt! Ach, lieber Herr, ein Scheffel solchen Nachruhmes wiegt alle Rühmchen auf, von denen sie mir soviel vorreden.« Das war der einzige Idealismus dieser großen Realistin. Sie machte sich zwar gerne über die Idealisten lustig, namentlich über Diderot: »Sie vergessen«, will sie ihm, nach Ségur, gesagt haben, »in allen ihren Reformplänen den Unterschied unserer Lagen: Sie arbeiten nur auf dem Papier, das Alles duldet; es legt ihrer Phantasie und ihrer Feder keinerlei Hindernisse in den Weg; aber eine arme Kaiserin wie ich, arbeitet auf dem Menschenfell; das ist ganz anders reizbar und kitzlich.« Allein sie glaubte an den Fortschritt und sie glaubte, wie das ganze Jahrhundert, an die unbeschränkte Wirksamkeit der Gesetzgebung. Sie Alle – der große Geschichtsschreiber Ludwigs XIV. nicht weniger als die hohe Verfasserin der Geschichte Rußlands – hatten ja nur ein sehr beschränktes Verständnis, und folglich auch eine nur sehr beschränkte Achtung für das geschichtliche Werden: Rußland krankt noch heute an den beiden Experimenten – Peters und Katharinens – eine Kultur ohne die Vorarbeit der Jahrhunderte begründen zu wollen. Grimm freilich will das nicht Wort haben. Er meinte (in einem Briefe an Mad. Necker, den Herr O. d'Haussonville unter vielen Andern aus dem Nachlasse seiner Ururgroßmutter in der Revue des Deux Mondes am 1. März 1880 mitgetheilt hat) – Grimm meinte, der Zweck von Katharinens ganzer Staatskunst sei gewesen, Rußland für die Selbstregierung zu erziehen, »die Grundlagen des Despotismus zu untergraben und ihren Völkern mit der Zeit das Gefühl der Freiheit zu geben« – und er vergleicht natürlich ihr Regierungssystem mit dem Necker's, obschon Katharina diese politische Incapacität von vornherein durchschaut und ihrem Freund denuntiirt hatte; der konnte es aber nun einmal nicht lassen, seinen reichen Gönnern angenehme Dinge zu sagen. Wie dem auch sei, Katharinens Zweck mag die Vorbereitung der staatlichen Freiheit und Ordnung gewesen sein: ihre Mittel waren, wie bei Joseph II., dessen Bruder Leopold und allen Anderen der Zeit, Gesetze, Decrete, Regulative, mittelst deren die politische Kultur erzwungen werden sollte. Daher ihre »Legislomanie«, wie sie es nannte; daher ihr fester Glaube an die Zukunft Rußlands Dank dieser ihrer »Legislomanie«: die russische Literatur wird einst alle anderen überflügeln und »der russische Staat kann nicht zerstört werden; denn wir lieben und suchen und finden und stellen die Ordnung her; sie schlägt Wurzeln und Niemand wird sie wieder vernichten.« »Ich liebe die noch nicht urbar gemachten Länder; glauben Sie mir, es sind die besten. Ich hab's Ihnen tausendmal gesagt; ich tauge nur in Rußland was; merken Sie sich das. Anderswo sieht man die Sancta Natura nicht mehr; Alles ist so entstellt und manierirt.« In der That war die Rastlose unausgesetzt mit den Angelegenheiten des ihr anvertrauten Reiches beschäftigt; bald auf Reisen, bald im Kabinet, heute mit Plänen der auswärtigen Politik, morgen mit Reformen aller Art, und wenn sie Muße findet, so wird auch diese noch aus ihr Adoptivvaterland verwendet, indem sie eine ausführliche Geschichte Rußlands, nach eingehenden Studien im Reichsarchiv, plant, vorbereitet und niederschreibt. »Wie soll ich mich langweilen,« schreibt sie einmal, »ich bin ja fortwährend beschäftigt.« »Ich arbeite wie ein Pferd,« schreibt sie ein anderes Mal, »und meine Secretäre, vier an der Zahl, reichen nicht mehr hin; ich muß noch einige dazu nehmen. Ich bin ganz Schreiberei geworden und meine Gedanken lösen sich in Tinte auf. Mein Lebetag habe ich nicht soviel geschrieben. (Die Worte in Sperrschrift sind deutsch im Text.) Im Anfange des Krieges wollte ich Nichts sehen und hören als Krieg und jetzt muß ich alles das nachholen, was ich habe liegen lassen, um wieder vor dem Frühjahre das courente zu gewinnen; das ist ein sehr scharfer Lauf.« Selbst die Krankheit unterbricht ihre Thätigkeit nicht. »Nichtsdestoweniger,« schreibt sie nach einem kurzen Bericht über ihr Unwohlsein, »veröffentliche ich diesen Monat wieder drei Regulativen, wovon eine schon ausgefertigt, die andere eben abgeschrieben wird, die dritte durch das Fegefeuer meiner Secretäre geht und so bekommen die Dinge nach und nach eine Gestalt; und dann spricht man nicht mehr davon viel; wenn es einmal in Gang gekommen ist, so scheint es einem Jeden, es kann nicht anders sein; und es ist nicht anders und da es keinen drückt, so fühlet es keiner auch nicht.« Als man ihr bei ihrem zwanzigsten Regierungsjahre von einer Feier spricht, sagt sie: »Die Feste langweilen mich ... und ich liebe es gar nicht, mich selbst zu feiern. Wenn ich irgend eine gute Regulative gegeben habe, so ist das mein Fest und ich genieße es.« Wir lächeln über diese Regulativenwuth der »Universalnormalschulmeisterin«, wie Grimm sie nennt; aber einerseits ist sie selbst die Erste, welche über ihre »Legislomanie« scherzt; andrerseits sollte man doch nicht vergessen, welche Gesinnung solcher naiven Weltverbesserungssucht zu Grunde lag. Auch handelt es sich ja hier keineswegs nur um pedantische Kleinigkeitskrämerei, ist es ja kein Bureaugeist, der aus ihrer Arbeit athmet. Hatte sie doch in ihrer »Instruktion für das Gesetzbuch« »Montesquieu geplündert«, wie sie behauptete, und sie bildete sich nicht wenig darauf ein, daß er in Frankreich verboten worden sein sollte. Sie hat immer leitende Ideen, faßt die Dinge unter allgemeine Gesichtspunkte, verliert nie den Zusammenhang aus dem Auge, was sie selber auch zum Gegentheil sagen mag. »Die Legislomanie geht hinkenden Fußes ( clopin-clopant ); doch finde ich hie und da noch Gedanken, aber kein Ganzes; dieses Ganze, worin alles Einzelne von selbst seinen Platz einnahm, das Eine mit der Spitze nach oben, das Andere mit der Spitze nach unten, so daß Alles klappte und wunderbar schön in denselben Rahmen ging, ohne je darüber hinauszureichen, das ist gänzlich verloren und davon ist seit sehr geraumer Zeit keine Spur. « Kein Wunder, wenn die Philosophen die Weltbeglückerin bewunderten. Nimmt man ihre persönliche Liebenswürdigkeit, ihr vollständiges Sichgehenlassen, ihren nie versiegenden Witz, ihre Aufmerksamkeiten für die Fürsten des Geistes, ihre hohe Stellung in Betracht, so ist's wohl kaum zu verwundern, daß sie die Eroberung aller Freidenker und Menschheitsapostel machte. Selbst ihre äußere Politik ward als die einer Iphigenie betrachtet, welche die Civilisation nach Tauris brachte. Wir sind so gewöhnt von dem »Verbrechen« der Theilung Polens, von der »Eroberungssucht« Rußlands in der Türkei reden zu hören, daß wir ganz vergessen, wie die Zeitgenossen die Sachen anschauten: Voltaire, Diderot, d'Alembert und tutti quanti , König Stanislaus selber, wie wir aus seinen Briefen an Mme. Geoffrin ersehen, sahen in Polen und der Türkei nur zwei Brutstätten des religiösen Fanatismus und willkürlicher Adelsherrschaft, Heerde der Fäulnis und des wirthschaftlichen Verfalles: in ihren Augen war Katharina die Vorkämpferin der Toleranz, der Aufklärung, der Ordnung und Gerechtigkeit. Die Polen waren jener Zeit ebenso verkommene Barbaren als die Türken. Das Nationalitätsgefühl unseres Jahrhunderts war ja noch nicht erwacht und der Katholizismus hatte noch nicht jene Macht über die Gemüther zurückerobert, welche Polen in der Meinung der Welt seitdem so sehr zu Gute gekommen ist. Auch war das Ende Polens in den Augen aller Zeitgenossen ein selbstverschuldetes. »Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, die polnische Nation zu annullieren; sie arbeitet selber daran,« schreibt Katharina im Januar 1789 an Grimm. »Ihre tolle Nullität wird sie von einer Extravaganz zur andern führen und der Augenblick wird kommen, wo sie sich gar dumm und reuig fühlen wird. Sie sind in Wahrheit ein großer Politikus,« fährt sie in ihrer franken, neckischen Weise fort; »Sie durchlaufen ganz Europa in zwei Seiten; da es aber nur geschieht, um mir zu sagen, daß ich nur zu thun habe, was in meinem Interesse ist, so bin ich Ihnen sehr verbunden und ich versichere Sie, ich werde es nicht daran fehlen lassen.« Wie wohlthuend diese ächt friedericianische Offenheit – die tugendhaften Journalisten unseres Jahrhunderts nennen es Cynismus – absticht gegen den politischen Cant, der seit der Revolution Mode ward! Ein anderes Mal (September 1795), im Augenblicke der dritten Theilung Polens, sucht sie ihrem Korrespondenten an der Hand der Geschichte zu beweisen, daß sie »keinen Zoll von Polen« in Besitz genommen, daß der ganze russische Antheil schon früher Rußland gehört, und sie schließt: »Übrigens, wenn diese Nation auch selbst ihren Namen verloren hätte, so könnte sie, will mich dünken, es wohl verdient haben; denn sie hat selber alle Verträge gebrochen, welche ihr Dasein sicherten, sie hat nie Vernunft anhören wollen, und jedes Band der Gemeinsamkeit verloren, da nie zwei Individuen über irgend etwas einig waren. Feil, verderbt, leichtsinnig, wortreich, Unterdrücker und Projektenmacher, ließen sie ihre Privatwirtschaft von den Juden besorgen, die ihre Unterthanen aussaugten und ihnen selbst sehr wenig gaben: so sind die Polen leibhaftig ( voilà en un mot les Polonais tout crachés ). Mich wollen sie zur Königin von Polen. Vorher baten sie mich um meinen Enkel, den König von Preußen um seinen Sohn, den Wiener Hof um einen Erzherzog, Alles zugleich; den Kurfürsten von Sachsen um seine Tochter, den König von Spanien um einen Infanten, das Haus Bourbon um einen Prinzen und zu Hause machten sie das Gesetz, um einen Piasten zu haben. Alles Das geht ganz gut zusammen in einem polnischen Kopfe, obschon kein Menschenverstand drin ist.« Nicht minder billigte die »öffentliche Meinung« des vorigen Jahrhunderts die türkische Politik Katharinens. Noch war das Andenken der großen Eroberungszüge der Ottomanen lebendig; noch sprach man mit Bewunderung von Sobieski und Prinz Eugen; noch war das europäische Interesse nicht entdeckt, welches erforderte, daß das glücklichst gelegene Land der Welt unter türkischer Mißregierung stehe. Laut predigte Voltaire die Verjagung der Türken und die Unterwerfung der Polen, – die Beiden werden in einem Athem genannt, wenn von den Feinden der Civilisation gesprochen wird. »Seien Sie sicher,« schreibt er der Kaiserin schon 1769, »daß Niemand einen größeren Namen als Sie in der Geschichte haben wird; aber die Türken müssen Sie schlagen, um's Himmelswillen, trotz des päpstlichen Nuntius in Polen, der so gut mit ihnen steht: De tous les préjugés destructice brillante Qui du vrai, dans tout genre, embrassez le parti, Soyez à la fois triomphante Et du Saint-Père et du Mufti. Wie kann man Leute in Europa dulden, welche die Verse nicht lieben, nicht in die Komödie gehen und kein Französisch verstehen?« Offen konnte Katharina die Bedeutung der Namen gestehen, die sie unter Hunderten für ihre Enkel wählte, die Namen Alexanders, des Civilisators von Asien, und Constantins, des Gründers der christlichen Herrschaft in Byzanz. » Voyez-un peu ce que c'est que les phrophéties prévoyantes et les commèreries des grandmères « schreibt sie bei der Geburt des Ersteren (December 1777) in einem Briefe, den ich lieber nicht übersetze. » Ne voila-t-il pas une preuve de perspicacité? Aber mein Gott, was wird aus dem Jungen werden? Je me console avec Bayle et le père de Tristram Shandy, qui était d'avis qu'un nom influait sur la chose: morgué, celui-ci est illustre; il y a eu des matadors qui le portaient, pourvu que les as ne soient pas passés à cette bande là. « Und zwei Jahre später, als der Zweite kam: »Man hat mich gefragt, wer Pathe sein solle, und ich habe gesagt: ich weiß nur meinen besten Freund, Abdul Ahmed, der es sein könnte; aber da kein Christenkind von einem Türken getauft werden kann, erweisen wir ihm wenigstens die Ehre, ihn Constantin zu nennen. Sofort schrie Alles: Constantin! Und so ist er Constantin, gros comme le poing , und so wäre ich mit Alexander zur Rechten, Constantin zur Linken ... Aber Der ( sti-ci ),« fügt sie schelmisch hinzu, »ist zärter als der Ältere und sobald ihn die kalte Luft nur berührt, verbirgt er seinen Kopf in den Windeln; – will warm sein morgué – wir wissen, was wir wissen, aber – still – kein Dreifuß. – Ja, das heißt man wohl mit der Thür in's Haus gefallen! « Wir wissen aus der Korrespondenz der Kaiserin mit Joseph II. – hier wird er immer bei seinem Reisenamen Falkenstein genannt – wie nahe schon drei Jahre später diese Träume ihrer Erfüllung waren. Man hört oft sagen, Katharina habe nach Ausbruch der großen französischen Revolution ihre Ideale abgeschworen und sich leidenschaftlich gegen die Nation gewandt, die sie so lange vergöttert und gegen die Schüler, welche die Lehren ihrer Meister angewendet. Ja, noch kürzlich hat Herr Rambaud behauptet, sie habe die Büste Voltaire's aus ihrem Zimmer entfernen lassen. Nichts könnte ungerechter und unbegründeter sein. Den Einen, dessen Ideen man zu verwirklichen suchte, Rousseau, hatte sie von Anfang an gehaßt und keineswegs aus Freundschaft für seinen Gegner Grimm; Rousseau's Art von Idealismus war ihr zuwider; auch haßte sie die Rhetorik und war geneigt, selbst das Beste zu verkennen, wo es sich mit Phrase umgab, wie nur zu oft bei Rousseau; alle Abstraktion war ihr ein Greuel und gar die abstrakte Gleichmacherei Rousseau's, sein Krieg gegen die Kultur schienen dieser Heldengötzendienerin und Vorkämpferin der Kultur gotteslästerliche Ketzerei gegen die Religion des Jahrhunderts. So meint sie denn auch schon 1790 mit vollem Rechte, dies sei eine Bewegung gegen den Geist Voltaire's und der »Philosophen«: »Was werden denn die Franzosen mit ihren besten Autoren anfangen? Fast Alle, Voltaire voran, sind Royalisten, Alle predigen Ordnung und Ruhe und das Gegentheil der 1200 köpfigen Hydra (der Nationalversammlung). Wird man sie in's Feuer werfen? Wo nicht, werden sie Maximen daraus schöpfen, die gegen ihr System laufen, wenn sie Eines haben.« Und drei Jahre später: »Die französischen Philosophen, welche die französische Revolution vorbereitet haben sollen, haben sich vielleicht nur in Einem getäuscht, darin, daß sie glaubten, Leuten zu predigen, bei denen sie ein gutes Herz und guten Willen voraussetzten.« Und wiederum: »Also scheint es wirklich am Ende des 18. Jahrhunderts ein Verdienst zu werden, wenn man die Leute mordet; und dann kommt man und sagt uns, Voltaire habe das gepredigt. So wagt man die Leute zu verleumden. Ich glaube, Voltaire zöge vor, zu bleiben, wo man ihn beerdigt hat, als sich in Gesellschaft Mirabeau's in Ste. Geneviève (Pantheon) zu befinden. Aber wird man denn endlich allen diesen Abscheulichkeiten ein Ziel setzen? Es ist sonderbar, daß alle Höfe in der Sache der Absicht und Leitung des Königs und der Königin von Frankreich folgen, die sich in ihrer ganzen Aufführung so schlecht aufgeführt haben ( qui dans toute leur conduite n'ont montré qu'inconduite); ich weiß wohl, woher es kommt; aber da, da, Ursache und Motive mißfallen mir.« Von Anfang an, schon 1787, hatte sie mit dem unfehlbaren Blick des großen Staatsmannes gesehen, daß Ludwig XVI. der Hauptschuldige war, wie denn heute für Niemanden, der die Geschichte wirklich kennt und unbefangen urtheilt, ein Zweifel mehr ist, daß ein Mann von Wilhelms III. Natur auf dem Throne Frankreichs die Dynastie und mit ihr die Einheit der nationalen Geschichte, die Verjährung der höchsten Gewalt, kurz, alles Das gerettet hätte, was eine freie und gesunde staatliche Entwickelung in Frankreich würde möglich gemacht haben. »Man kann im Allgemeinen nicht sagen, daß man Ludwig XVI. schmeichle,« schreibt Katharina im November 1787: »Man hat alles Mögliche gethan, um ihn zu überreden, sich unter Curatel zu stellen, und ihn zu überzeugen, daß er Nichts vom Geschäft versteht; und doch ist er fleißig, gut, hat gesunden Verstand, will das Rechte. Sehen wir, was der oder die Vormünder thun; der Anfang taugt gar Nichts; wenn man zurückgegangen ist, um besser zu springen, mag's hingehen, aber wenn man zurückgegangen ist und springt nicht ... oh, dann Adieu das Ansehen, das man seit zwei Jahrhunderten erworben und wer wird Denen glauben, die weder Willen, noch Kraft, noch Nerv haben? Nu, das wird denn doch nicht so armselig sein, daß, wenn sie einen Backenstreich vorlieb genommen, sie auch die andere herreichen; das ist zwar evangelisch, aber auch nicht königlich. Zu viel Demuth ist ungesund vor den Staat. « Schon nach den Octobertagen sagte sie dem Könige vor Krapowitzky das Schicksal Karls I. voraus. Als er gute Miene zum bösen Spiel machte, warf sie ihm in einem Briefe an Zubof vor, daß er »zwei Willen habe, einen öffentlichen und einen geheimen.« Und als er sich »discreditirt, erniedrigt, verächtlich und lächerlich macht«, indem er »die extravagante Verfassung (von 1790) unterzeichnet und sich beeifert, Eide zu leisten, die er keine Lust hat zu halten und die ihm Niemand abverlangt«, da ruft sie erzürnt mit dem Dichter: »Renoncer aux Dieu que l'on croit dans son coeur C'est le crime d'un lâche et non pas une erreur. « Auch Grimm urtheilt ähnlich, wenn schon mit der Behutsamkeit im Ausdruck, die ihm allen Fürstlichkeiten gegenüber zur zweiten Natur geworden: »Ein einziger Franzose hätte dies Wunder (der Rettung Frankreichs) zwanzig Mal, hundert Mal, im Handumdrehen, verrichten können; aber er will es nicht. Der Franzose ist der König.« Die Worte sind 1790 geschrieben. Es ist nicht die einzige Stelle der Art. Die Briefe Grimm's seit Beginn der Revolution sind voller Politik und bekommen dadurch ein Interesse, das den früheren ganz abgeht; wäre es auch nur, daß sie uns lebhaft die geistige und moralische Verwirrung zeigen, in welche jener »Philosophenkreis«, der, ohne es zu wollen, soviel dazu gethan, die große Umwälzung herbeizuführen, durch das Ereignis versetzt wurde. Grimm ist fast der einzige Überlebende; aber man fühlt sehr wohl, Voltaire und Diderot, d'Holbach und Helvetius, d'Alembert, ja selbst Rousseau hätten ebenso gedacht, wenn sie dem Untergange ihrer Welt beigewohnt hätten. Doch kommt bei ihm der Deutsche hinzu, der sich trösten kann, daß er nicht ist »wie Dieser Einer«. »Eins ist unzweifelhaft, schreibt er Ende 1790, die Wälschen sind noch immer Wälsche; Voltaire würde sie wiederfinden, wie er sie gelassen hat, wie sie seit 2000 Jahren gewesen; sie haben durch den Gebrauch, den sie von der Freiheit gemacht, bewiesen, daß sie dazu gemacht sind, wie die Kuh zum Seiltanzen und auf ihre jetzige Extravaganz kann nur der strengste Despotismus folgen« ... »Für das Ansehen der Kirche habe ich keine Angst, sagte ihm der scharfblickende Nuntius Caprara; wir sind vielleicht zu alt, Sie und ich, um sie aus ihrer Asche wiedererstehen zu sehen; aber sie wird wiedererstehen: Ihre Jacobiner haben dies Wunder unfehlbar ( immanquable ) gemacht; und wenn sie fähig gewesen wären, diese Revolution mit Mäßigung und Klugheit zu führen, sie hätten ein großes Glück für die Menschheit daraus machen können.« Daran knüpft Grimm nun sofort seine Klagen über den Verfall der Nation, ja selbst der Sprache, meint das Russische würde fortan die Hofsprache werden u.s.w., ergeht sich in Emigrantenphrasen über die Nacht vom 4. August, deren Größe dem Verstande dieses Menschen ja immer ein Räthsel bleiben mußte. Dagegen sind seine Bemerkungen wieder äußerst treffend, sobald er sich auf Beobachtung, und Raisonnement beschränkt. Niemand springt über seinen Schatten: den Werth der Begeisterung im Leben der Nationen zu begreifen, müßte man eben nicht Grimm sein. Die Kaiserin war von vornherein mißtrauischer gewesen, als ihr Korrespondent: der schwärmte für den reichen Necker und den vornehmen Herzog de Castries, bei denen er zu Mittag zu speisen pflegte; sie hat weder in Necker's noch in irgend eines Franzosen Staatsmannschaft Zutrauen. » Die Leute sind windig und Köpfchen ist schwindlig. Dès que chez vous j'entends parler de parlement, je détourne mon entendement. Tenez, voilà deux rimes, l'une allemande et l'autre française. « Sie hatte, wie wir aus Krapowitzky's Aufzeichnungen wissen, für den amerikanischen Unabhängigkeitskampf geschwärmt, wenn ihr auch die Meister-Hämmerlein-Figur des tugendhaften Franklin leiblich und geistig nicht behagte; aber nicht einen Augenblick läßt sie sich von der europäischen Begeisterung des Jahres 1789 und des Bastillensturmes fortreißen; sie ward auch nicht eine Stunde dem Glauben des aufgeklärten Despotismus – ihrer Religion, der Religion des Jahrhunderts – ungetreu. Vom ersten Tage an rief sie in Prosa, was Schiller in seine reichen Verse kleidete: »Wenn sich die Völker selbst befreien, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihen. – – Weh' Denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelsfackel leihen! Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden und äschert Städt' und Länder ein.« Alles für das Volk, Nichts durch das Volk, war ihre Devise, wie die fast aller »Philosophen«. »Der Wille der Menge, schrieb Grimm 1790 an's Ende seiner Gazetta littéraire und die Interessen der Menge treffen nur selten zusammen.« »Ich muß gestehen,« schrieb ihm die Kaiserin im Herbst 1789, »ich liebe die Großkreuze nicht, die Nachtwächter werden, noch die Justiz ohne Justiz, noch die barbarischen Laternenhinrichtungen. Ich vermag auch nicht an das große Talent der Schuhflicker für Regierung und Gesetzgebung zu glauben. Lassen Sie nur einen Brief von tausend Personen schreiben, lassen Sie sie jeden Ausdruck wiederkäuen, und Sie sollen sehen, was draus wird.« Und am Anfange des folgenden Jahres blickt sie zurück auf das »große Jahr« und fühlt sich überwältigt » par l'immensité des choses , der Wiedergeburten und Mißgeburten dieser Zeiten, wo man sich nicht mehr in der Welt erwärmt für Alles, das unrecht, mißbillig, grausam, gewaltig, und abscheulich vor diesem hieß, und wo die dümmsten Klötze gedenken, die ersten Stellen eigenmächtig einzunehmen. Hier kann man mit Recht auf gut Holländisch sagen: Ja wol, myn herr, als die käs nicht wär « Sie fürchtete, Frankreich werde sich nicht wieder erholen: » Quelle chute! Les ronces vont croîte sur les grands chemins; Sully se réjouissait de ce que son cher Henry IV les avait fait disparaître; jamais je n'ai tant lu et relu la Henriade et tous les mémoires de ce temps lá que pendant cet hiver. Il faudra que l'assemblée nationale fasse jeter au feu tous les meilleurs auteurs français et tout ce qui a répandu leur langue en Europe; car tout cela dépose contre l'abominable grabuge qu'ils font. » Das Ende dieses vielgerühmten Jahrhunderts beweist, daß es um keinen Heller besser ist als seine Vorgänger.« »Diese schöne Bescheerung,« rief sie bei der Hinrichtung Ludwigs XVI., »war dem 18. Jahrhundert aufgespart, welches sich rühmte, das mildeste, aufgeklärteste der Jahrhunderte zu sein und welches so furchtbare Seelen in der berühmtesten Stadt, die man je gekannt, geboren hat. – – Erinnern Sie sich der Zeit, wo Sie mir sagten, Sie könnten von den Menschen nur Gutes sagen und ich Ihnen antwortete: Aber in welchem Kreise haben Sie denn gelebt?« Bei alledem hielt sie den Republikaner Laharpe, der ihres Enkels Erzieher war, gegen den ganzen Hof bis 1794. Allein ihr Urtheil wird immer befangner. Ihre Entrüstung verblendet sie immer mehr; die Weitsichtige wird nach und nach ganz kurzsichtig: die lokale Bedeutung der Revolution beurtheilt sie noch so ziemlich richtig; – »Wissen Sie, was Sie in Frankreich sehen? sagte sie schon achtzig Jahre vor Fürst Bismarck ( conf. Buschii II. 310 ). Es sind die Gallier, welche die Franken verjagen« –; aber die allgemeine Bedeutung der Revolution entgeht ihr, ja sie glaubt an eine Rückkehr zum alten Régime: »Sie werden die Franken zurückkommen sehen,« meint sie. Schon im April 1791 hatte sie geglaubt, das Schlimmste wäre vorbei; und einen Monat später: »Nach Allem, was ich von Frankreich sehe und höre, halte ich es für geisteskrank; aber ihr leichter Sinn wird sie rascher über die Krankheit hinausbringen als andere Völker, welche die Epidemie bekommen; diese Krankheit scheint sie alle zweihundert Jahre zu befallen. Lesen Sie ihre Geschichte; wie lange dauerte sie die vorigen Male?« Dann wieder, am Anfang der unseligen Campagne von 1792, sieht sie wohl das Schicksal der Oesterreicher und Preußen richtig voraus: aber sie glaubt, die Emigranten würden jubelnd empfangen werden wenn nur, – »ja wenn sie nur die vier oder fünf kleinen Ingredienzien hätten, die ja so leicht aufzutreiben sind: Muth, Festigkeit, Großherzigkeit, Klugheit und das nöthige Urtheil, um Alles richtig zu gebrauchen.« Sie hält große Stücke auf den Grafen von Artois, meint, Franz II. habe das Herz auf dem rechten Fleck! Sie arbeitet eine Note aus über die Nothwendigkeit einer Restauration in Frankreich, worin sie das ganze alte Wesen mit Ausnahme einiger Mißbräuche wiederherzustellen vorschlägt! In anderen Augenblicken sieht sie heller, sagt schon in klaren Worten Bonaparte, den Retter, voraus. So im Februar 1794, als noch die Schreckensherrschaft wüthete: »Wenn Frankreich da heraus kommt, wird es kräftiger sein als je; folgsam und sanft wie ein Lamm; aber es braucht einen überlegenen Mann, geschickt, muthig, der seine Zeitgenossen, ja das ganze Jahrhundert überrage. Ist er geboren? Ist er's nicht? Wird er kommen? Davon hängt Alles ab.« Und im folgenden Jahre: »Was die Contrerevolution anlangt, so verlassen Sie sich auf die Franzosen selber; sie werden das Geschäft besser besorgen, als alle Coalisierten zusammen... Alles in Allem betrachtet, sind die Leute doch keine Klötze, sie lassen sich wie Lämmer führen, und nie ist ein Volk ruhiger, als wenn es, wie dieses, müde aus dem Trubel kommt.« Merkwürdiger Weise scheint sie den »Retter« nicht zu erkennen, als er auftritt: der Briefwechsel geht bis zum Oktober 1796: die Frühlingssiege von Millesimo und Montenotte, die Sommersiege von Lodi und Castiglione werden nicht einmal erwähnt. IV. Katharina war nicht nachsichtiger gegen die Feinde der Revolution als gegen deren Freunde. Keiner kommt gut weg; am wenigsten natürlich Friedrich Wilhelm II. und seine Minister. Schon bei seiner Thronbesteigung schrieb sie: » Je viens de lire dans la Gazette de Berlin F.W. der Bewunderte. Voudriez-vous bien avoîr la bonté de me dire en qoui? J'ai vû les commencements de cet autre (Friedr. II) Sti-là évitait flatterie et forfanterie; sais-tu pourquoi? Parceque nous étions pétris de jugement. A bon entendeur salut,« fügt sie mit feiner Abfertigung der ungeheuerlichen »Flagornerieen« Grimm's hinzu. Die Unzufriedenheit mit frère Gu konnte nach dem Frieden von Basel, der ja an allen Höfen als ein Abfall von der guten Sache empfunden worden, nur steigen. » Le roi de Prusse a négocié sous Varsovie, « schrieb sie im April 1795, » tout comme à Bâle ; aus dem einen ist Dr... herausgekommen; aus dem anderen ist dasselbe zu erwarten. « Viel härtere Worte noch entfallen ihr, wenn sie an die Zeiten Friedrichs denkt. Das waren andere Menschen. » La société a changé; ce n'est pas celle de l'année 1740, brillante, spirituelle, annonçant le héros par tous les bouts! Mme. de Sévigné könnte es nicht schöner sagen. Sie bewunderte nicht Alles an Friedrich, den sie oft auf ihrem Wege fand und sie vergaß zuweilen, daß sie dem alten Herodes, wie sie ihn zu nennen pflegte, Alles dankte; aber sie hatte ein lebhaftes Gefühl für große Persönlichkeit. Gegen die Schwachen und Unwahren ist sie unerbittlich. Was man ihr auch vorwerfen mag, sie wußte stets, was sie wollte, und sie war keine Heuchlerin. Dessen war sie sich bewußt und daher ihre Strenge, wo sie Kopflosigkeit und Unentschlossenheit oder Lüge zu sehen glaubte. Unbarmherzig und unablässig geißelt sie die kleinen deutschen Fürsten. »Aber was ist's denn mit diesen Don Quixoten Germaniens,« ruft sie z. B., als sie Custine's Einzug in Mainz erfährt. »Das ruiniert sich mit Truppenhalten, schreit sich heiser sie einzuexerzieren; und wenn sich's drum handelt, sie zu brauchen, so machen sich Ihre Durchlauchten und Erlauchten aus dem Staube mit oder ohne Truppen. Bringen Sie doch ein wenig Ordnung da hinein, da Sie gerade in Ihrem Centrum sind«, fügt sie mit einem kleinen Seitenhieb auf Grimm's Fürstendienerei hinzu; »und sagen Sie ihnen doch, daß man im Kriege, wenn man nicht schlägt, geschlagen ist.« » Was soll man mit die Leute machen, « sagt sie ein andermal, » stolz im Glücke, Advokaten im Unglücke, schnacken, wenn zu thun Zeit ist: halbe Worte und halbe Werke machen nicht Dinge, die ganz gethan sein müßten, sonsten würde in der Welt kein halb und kein ganz sein; nicht ganz ist Gänsegang, diese watscheln, ich liebe die Gänse nicht gebraten, nicht geräuchert, der Geschmack ist nicht angenehm. « Noch härter ist sie mit der Unwahrheit: » Das ist ein König, « sagt sie von Gustav III., » der glaubt, daß er durch Lügen und Betrügen viel Ehre erwerben wird; nichts, mein Herr, wird daraus werden; er wird zur Schande und der Spott der Nachwelt werden: mit Lügen und Trügen macht man sich keinen Ruhm und Ehre.« »Was aber anbelangt die ehrwürdige liebe Frau Betschwester, « sagt sie, noch immer in ihrem ungeschlachten Deutsch, von Maria Theresia, die immer über das Loos Polens weinte, so kann ich von ihr anders nichts sagen, als daß sie große Anfechtungen der Hab- und Herrschsucht leidet. Das Heulen ist ein Beweis der Reue, aber da sie immer behält und ganz vergißt, daß nicht mehr thun die beste Buße ist, so muß doch wohl was Verstocktes in ihrer Brust ruhen; ich befürchte, daß es des alten Adams Erbsünde sein müsse, die so eine verruchte Comédie spiele. Aber was fordert man mehr von einer Frau? « setzt sie mit bitterer Anspielung auf ihren eigenen Ruf hinzu. » Wenn sie ihrem Mann getreu ist, so hat sie ja alle Tugenden und im Übrigen Nichts zu schaffen. Von Herrn Janus (Jofeph II.) kann man wohl, ohne zu fehlen, muthmaßen, daß, wenn er nicht zum großen Mann wird, so wird er sehr böse werden, und seine Bedürfnisse an Leib, Seele und Verstand auf Andere rechnen. Was soll das Gewissensgericht ausrichten, da wo in Worten und Geschäften beständige Bocksprünge hervorkommen? « Doch urtheilt sie nicht immer so hart über die »Habsucht-Habsburg«. So sagt sie 1790 von Marie Antoinette: »Sie hat ganz die Art von Muth ihrer Mutter und die Unerschrockenheit der Familie; denn Joseph II. verdarb seine Sachen, wenn ich so sagen darf, eben durch diese Unerschrockenheit.« Und wiederum von Joseph: »Ich kann noch immer meine Verwunderung nicht überwinden: gemacht, geboren und erzogen für seine Würde, voll Geist, Anlagen und Kenntnissen, wie er es angefangen hat, schlecht und erfolglos zu regieren.« Im Ganzen jedoch ist ihr Urtheil über die Menschen richtiger im Allgemeinen als im Einzelnen und hier wieder sieht sie, wie's zu gehen pflegt, schärfer, wo sie haßt, als wo sie liebt. Das Charakteristische bei allen ihren Urtheilen ist der gesunde Menschenverstand, die vollständige Phrasenlosigkeit und Wahrhaftigkeit, der herrliche Realismus. Inmitten jener Zeit, wo schon mit Rousseau die falsche Empfindsamkeit und die Rhetorik ihre fast hundertjährige Herrschaft antraten, bleibt sie immer durchaus positiv, fragt die Dinge nach ihrem wahren Werth und Wesen, täuscht sich auch wohl manchmal, aber nimmt wenigstens nie Worte für Dinge oder Gedanken. Nicht einen Augenblick läßt sie sich vom modischen Cagliostroschwindel anstecken. Sie durchschaut den Charlatan am ersten Tage. Nie will sie von den Freimaurern, Rosenkränzern u.s.w. das Entfernteste wissen. Nie auch klagt sie über die Umstände, den Mangel an Helfern u. s. w. » Chaque pays fournit toujours le gens nécessaires pour les choses und da Alles in der Welt menschlich ist, so können denn Menschen auch damit fertig werden. « » Selon moi, aucun pays n'a disette d'hommes; ne s'agit pas de chercher, s'agit d'employer ce qu'on a sous sa patte ... N'y a pas disette d'hommes; y a multitude, mais faut faire aller: tout ira s'il y a cet autre faisant-aller. Comment fait ton cocher, souffre douleur, quand tu es emboité dans ton carosse? « Als von den Notabeln die Rede ist, lacht sie über Necker's drei langweilige Bände: er sollte einfach den Leuten sagen, wie sie selber ihren berühmten Vertrauensmännern: »Hier sind meine Prinzipien; sagt mir Eure Beschwerden. Wo drückt Euch der Schuh? Gut: Machen wir's besser. Ich habe kein System; ich wünsche das allgemeine Wohl und das hat meines zur Folge. Allons, arbeitet, macht Entwürfe. Seht woran Ihr seid.« »Ihr Herr Calonne und alle Ihre Herren mögen bleiben wo sie sind; der weiß zehnmal mehr als ich und handelt zehnmal schlimmer als ich und meine Beamten, die wir keine schönen Phrasen haben.« Auch die größte Tugend des Jahrhunderts, die Toleranz, fehlt Katharinen nicht. Sie selbst nennt sich wohlgefällig, obschon mit höchst zweifelhafter Berechtigung eine »republikanische Seele.« Eher hätte sie sagen dürfen, was Wenige von sich sagen können, daß sie wirklich allem Parteigeist fremd war: »Wo nur Der vergöttert oder geehrt wird, hat man nur die Tugend, welche gerade Mode ist; die anderen bleiben im Dunkeln und werden nicht mehr kultiviert: das ist gewiß das Mittel Leute zu haben, wie man sie will; nicht aber das Mittel die große Art zu haben.« Eine so absolute Despotin sie auch war und so ungerne sie »die Schuhflicker an der Regierung« sah, so entschieden wollte sie die Freiheit der Bewegung und der Gedanken für Alle: »Ich fürchte die Monopole auf hundert Meilen; ich liebe nicht Alles zu regeln, noch weniger zu behindern. Ich bin wie Basile im »Barbier von Sevilla«, ich habe meine kleinen Maximen, an die ich mich halte und die ich,« fügt sie weise hinzu, »in der Anwendung nur mit Variationen brauche.« Und wie in der Politik, so sind ihre Urtheile in Fragen der Literatur, der Erziehung, der Psychologie und Moral, keineswegs immer unbestreitbare, aber stets eigene, oft auch tiefe. »Der ist ein Franzose, schreibt sie an Fr. von Bielke über Gustav III., und zwar bis zur Nagelspitze, ahmt in Allem den Franzosen nach. Nun bin ich aber beinahe das gerade Gegenpart; in meinem Leben habe ich das Nachahmen nicht ausstehen können und, um es gerade herauszusagen, ich bin ein ebenso großer Sonderling (aussi franc original) als es nur der eingefleischteste Engländer sein kann.« Keine Berühmtheit imponiert ihr: »Wissen Sie wohl, daß der Roman comique von Scarron gar nicht unterhaltend ist; ich habe ihn lesen wollen, um zu sehen was es ist; aber mich dünkt, er taugt Nichts.« Ebenso strenge urtheilt sie über Beaumarchais' »Figaro«, den es Mode war, in den Himmel zu heben. Die ganze französische Literatur der siebziger Jahre scheint ihr äußerst mittelmäßig: »Gott weiß, alle die jungen Leute wollen mehr wie sie können und ich liebe die Köpfe, die da ohne Wollen von selbsten laufen, ohne sich aufzuziehen . Quand on devient vieux, je croix qu'on devient trop difficile et que c'est lá mon cas.« « Das mag wohl sein; doch beurtheilt sie auch ihre eigenen Altersgenossen höchst unbefangen: »In diesem Jahrhundert haben sich auch Kerle gefunden, die ohne Genie zu haben wie Voltaire schreiben wollten. Sie glaubten, dazu reiche es hin, elegante Phrasen zu drechseln oder auch dreist und keck über Alles in den Tag hineinzureden. Wenn ich das sehe, sage ich: Lieber Gott! Das ist's nicht, Das ist's nicht. Schreibt nicht stark, wenn Ihr keine starke Seele habt, schreibt nicht kühn, wenn Ihr weder Genie noch Anmuth habt.« Fielding und Sterne sind ihre Lieblingsautoren, wie man's von ihr erwarten darf. Ihre Kunsturtheile sind weniger unabhängig: in der Malerei läßt sie sich ganz von Diderot leiten, in der Musik von Grimm. Sie kauft Bilder über Bilder, läßt Paësiello nach Petersburg kommen, um seine Opern zu dirigieren, Falconet um Peter's Statue auszuführen; Der 17. Band vorliegender Sammlung der k. russ. hist. Gesellschaft enthält ihre Korrespondenz mit Falconet. sie bewundert Angelica Kaufmann und Houdon, Mengs und Pigalle, das versteht sich von selbst; zieht gegen Gluck los, der seine Opern in Paris »brüllen« läßt –, ob Grimm das so durchaus gebilligt hätte, bezweifle ich – kurz, sie folgt dem Strom. Wie ihre literarischen Urtheile, so ist ihr Stil stets originell, manchmal etwas sehr nachlässig, oft unkorrekt, nicht immer klar, sie mißbraucht das Recht der Anakoluthie auf's keckste, auch ist sie zuweilen derber als nöthig; aber welche Natürlichkeit, welches Leben! So ist z. B. ihr Brief über Cagliostro's Abenteuer in Rußland (9. Juli 1781) ein Muster der raschen, leichten Erzählung, das an Sévigné'sche Anekdoten erinnert, wenn auch sonst die Feinheit, Classicität, und das Malerische von Mme. de Sévigné nicht gerade Das ist, was Katharinas Briefe auszeichnet. Dagegen sind ihre Portraits meist sehr gelungen; ich erinnere nur an die Panin's und Orlofs, als sie den fast gleichzeitigen Tod der Beiden erfährt (20. April 1783). Vor Allem aber ist sie glücklich im Ausdruck allgemeiner Ergebnisse ihrer Lebenserfahrung und ihres Nachdenkens, im Hinwerfen bedeutender Anspielungen auf solche Ergebnisse. »Nein, mein Bruder G. schafft nicht, sagt sie von Gustavs III. Reformbestrebungen; er bringt kein Leben hervor; aus dem Miste entstehen die schönsten Blumen, wenn der Samen da ist ... (Ich überspringe eine Stelle, da die Kaiserin weniger zartfühlend in ihren Vergleichen ist, als unsere heikle Leserwelt.) Freilich ist auch da Geburt und Schöpfung, aber wie so viele Geburten und Schöpfungen gehet's vor sich, ohne daß man daran denkt.« Ein andermal spricht sie von Ahnungen und Prophezeiungen: »Die, welche genialen Menschen wie durch höhere Eingebung zu Theil werden, sind gewöhnlich das Ergebnis sehr tiefer, längst gemachter Kombinationen; es sind Schlußfolgerungen, welche das Genie aus oder nach früheren Forschungen des Geistes, des Verstandes, der Erfahrung zieht.« »Gott segne die mittelmäßigen Paßgänger, sagt sie von den ihr so verhaßten Menschen, die sich für und gegen Nichts erwärmen können. » Ihre Seele ist ruhig zwischen und unter allen Herrlichkeiten dieser Welt; ja sie sind glücklich; sie gehen sehr indifferent, so ganz gelassen herum; gut ist gut und schlecht ist schlecht, immer einerlei und Alles nehmen sie vorlieb und lassen sich's gefallen, Alles ist gesehen und gethan in wenig Zeit, denn an Nichts verliert man sie « (die Zeit). Und über die Stolzen: »Ich weiß wie schwer es ist, dem Menschen Vernunft beizubringen, wenn der Himmel ihn mit Stolz straft oder beschenkt ( punit ou munit ); dann sind alle seine Organe geschlossen für Alles, das man ihm sagen könnte; was er sieht, imaginiert, meint und Alles was die anderen denken und sagen, und wär's das Beste in der Welt, ist nur eine Beleidigung gegen seinen Stolz; ein Stolzer ist berauscht von seinem Stolz; ich habe deren gesehen, ich male sie nach der Natur.« Vielleicht auch ein wenig nach dem Spiegel? Wie das ganze Jahrhundert hatte sie natürlich auch eine Schwäche für Pädagogie; sie erkundigt sich immer sehr eifrig nach dem Dessauer Philantropin, liest selbstverständlich Basedow, Pestalozzi, »Emile« und »Emilie« – Grimm's Busenfeind und Busenfreundin – vor Allem aber ist's die Erziehung ihrer eigenen Enkel, die sie beschäftigt und, was man auch von den Ergebnissen dieser ihrer Erziehung denken mag, die Grundsätze, nach denen sie dieselbe leitete, waren ausgezeichnet. Wenn die kaiserlichen Zöglinge, Alexander und Constantin, nicht die Hoffnungen ihrer Großmutter und Erzieherin rechtfertigten, so war's eben, weil die Natur stärker ist als die Erziehung. Die konnte zwar viel zu Wege bringen; den Charakter konnte sie nicht ändern. »Herrn Alexander überlassen sie nur sich selber. Warum soll er durchaus denken und wissen, wie man gedacht hat oder was man gewußt hat vor ihm? Lernen ist nicht schwer: aber meiner Ansicht nach müssen der Kopf und die Kopfesfähigkeit eines Kindes entwickelt werden, ehe man es mit dem Plunder der Vergangenheit betäubt; und aus diesem Plunder muß man auch dann noch wohl erwägen, was man ihm bietet. Mein Gott, was die Natur nicht thut, kann kein Lernen nicht thun, aber lernen erstickt oft Mutterwitz. Et rien de pire que les gens frottés d'esprit et de science selon feue Mm. Geoffrin. « Und über die Herrnhuter Erziehung: »Die Leute engen die Geister ein und haben außerdem auch die hohe Kunst, die Frauen furchtbar häßlich zu machen; nun ist es aber eines meiner Paradoxe, daß die Häßlichkeit des menschlichen Körpers, – weiblich oder männlich, einerlei – ein Erziehungsfehler ist und daß, wenn die Erziehung wirklich gut ist, Schönheit der Seele und Schönheit des Körpers Hand in Hand gehen, aus einander folgen.« Schön wurden denn auch die Enkel, zumal der, den sie nicht mehr erziehen konnte, der kleine Nicolaus, der wenig Monate vor ihrem Tode auf die Welt kam. Sie zeigt seine Geburt sofort an: »Er hat eine Baßstimme, mit der er furchtbar schreit: er ist eine Arschine weniger zwei Verschoks lang und seine Hände sind beinahe so groß als meine; mein Lebtag hab' ich keinen solchen Ritter gesehen. Wenn er fortfährt wie er anfängt, werden seine Brüder Zwerge neben diesem Kolosse sein.« »Ritter Nicolaus,« kann sie zehn Tage später melden, »ißt schon seinen Brei seit drei Tagen, weil er immer essen will. Ich glaube nie hat ein achttägiges Kind ein solches Mahl gehalten. Es ist unerhört. Alle Bonnen sind überwältigt... Er mißt Euch alle Leute von Oben bis Unten und hält und trägt seinen Kopf wie ich.« Wie groß der Platz war, welchen die Enkel, namentlich Alexander, im Leben der Kaiserin einnahmen, geht aus jedem dieser Briefe hervor. Immer hat sie etwas Neues zu berichten, von den Einfällen, den kleinen Charakterzügen, den Anlagen des Knaben. Sie scheint so recht, was man in Norddeutschland ein Kinderlieb nennt, gewesen zu sein. »Vorgestern, am 9. Februar, schrieb sie im Jahre 1794, waren es fünfzig Jahre seit ich mit meiner Mutter in Moskau ankam; es war auch ein Donnerstag, und folglich hatte ich meine fünfzig Jahre hier in Rußland zugebracht, und von diesen fünfzig Jahren herrsche ich zweiunddreißig, Gott sei Dank!« Und nun beginnt sie alle die Generationen aufzuzählen, die an ihr vorübergegangen sind, sowie die wenigen lebenden Ruinen, die sie als blühende Männer und Frauen empfangen hatten. »Das sind große Beweise des Alters, auch diese Erzählung verräth das Alter, nicht wahr, aber was ist zu machen, und trotz alledem liebe ich leidenschaftlich und wie ein fünfjähriges Kind zu sehen, wie man Blindekuh und alle möglichen Kinderspiele spielt. Die jungen Leute, sowie meine Enkel und Enkelinnen sagen, ich müßte dabei sein, sonst wären sie nicht lustig nach ihrer Art; und sie wären ausgelassener und freier, wenn ich dabei wäre, als ohne mich. Ich bin also ihr Lustigmacher.« Auch eine gewisse Zärtlichkeit war der derben Matrone nicht fremd, sie liebte härter zu scheinen, als sie wirklich war, nur in der Politik verstand sie keinen Spaß. »Ich kann gut sein,« sagt sie einmal, »ich bin gewöhnlich sanft, aber mein Handwerk nöthigt mich, was ich will, gehörig zu wollen; und das ist ungefähr all mein Werth, nichts weiter; genug über mich selber.« Sie, die bekanntlich kein Todesurtheil unter ihrer Regierung vollstrecken ließ, kann gar hart werden, wenn es sich um einen Staatsverbrecher handelt; so über Pugatschef: »Den biedern Spitzbuben hätten wir; er hat offenbar nicht viel Urtheil, da er sich schmeichelt, er könne seine Gnade erhalten; vielleicht auch kann der Mensch nur leben, so lange er hofft und sich schmeichelt.« Ihr Stolz ließ sie auch oft herber erscheinen, als sie es im Grunde war; schon als junges Mädchen gesteht sie, »ich würde mich für erniedrigt gehalten haben, wenn man mir eine Freundschaft bezeugt hätte, die ich für Mitleiden hätte halten können«. Und doch, se il mondo sapesse, il cuor ch' ella ebbe, assai la loda e più la loderebbe. In der That finden wir hier kaum einen Brief, wo sie nicht Grimm mit Wohlthaten beauftragt, und zwar immer mit der dringenden Bitte, »daß es ja nicht in die Zeitungen komme;« oft auch, daß die Betheiligten nicht erführen, von welcher Seite ihnen geholfen würde. Es ist bekannt, daß sie Diderot otium cum dignitate sicherte; und er war nicht der einzige der »Philosophen«, den sie unterstützte. Wie früher aber die Philosophen, so hatten später die Emigranten von ihrer verschwenderischen Großmuth zu sagen. Selbst die deutschen Schriftsteller, unter Anderen Sofie de la Roche, fanden an ihr einen Retter in der Noth. Und sie bezahlte nicht nur mit ihrer Börse, sondern auch mit ihrer Person. Rührend ist die werkthätige Güte, die sie der armen mißhandelten Auguste von Braunschweig angedeihen ließ, und nie ermüdete sie, dieselbe gegen ihren brutalen Gemahl in Schutz zu nehmen. Hatte sie doch selber Ähnliches in ihrer Jugend erfahren. Es ist wahr, sie spricht oft von ihren früheren Geliebten mit einer Gleichgültigkeit, die uns verletzt, obschon sie eben nicht die einzige Frau ist, welche solche Meisterschaft im Vergessen gewisser Intimitäten übt: man denke an Charlotte von Stein, George Sand, Daniel Stern, die jene Virtuosität so weit trieben, ihre ehemaligen Geliebten vor der Welt an den Pranger zu stellen. Was anfangs als das Ungeheuerste des Lebens erschien, wird ihnen, nachdem das Weihevoll-Fruchtbare überwunden ist, eine zum Verhältnis gehörige Nebensache, ohne alle ideale Bedeutung, und damit geht denn auch ganz natürlich jene achtungsvolle Scheu verloren, welche die Männer doch immer für den Gegenstand einer früheren Liebe zu bewahren pflegen. Indeß ist Katharinens Bewegung beim Tode Orloff's eine tiefe, obschon ihr Verhältnis zu ihm seit zehn Jahren aufgelöst und er seit drei Jahren geisteskrank hinsiechte. Auch Potemkin's Tod erschütterte sie gewaltig. Es war freilich mehr der Freund, der Mitarbeiter, den sie in ihm beweinte, als den Geliebten, denn schon lange hatte ein Andrer ihr ganzes Herz gewonnen. Es war dies der junge General Lanskoi – sie nannte ihn immer nur das Kind – und diese Herbstliebe der alternden Herrscherin scheint denn auch nächst der Liebe zu ihren Enkeln, das innigste Gefühl gewesen zu sein, das je Macht über sie gewann. Sein unerwarteter Tod war ein Schlag, den die Fünfundfünfzigjährige nicht wieder überwand. – »Als ich diesen Brief anfing,« schreibt sie am 2. Juli 1784, »war ich im Glück und der Freude und meine Tage vergingen so schnell, daß ich nicht wußte, was aus ihnen wurde. Dem ist nicht mehr so, tiefer Schmerz erfüllt mich, es ist aus mit meinem Glück, ich wäre beinahe selbst an dem unersetzlichen Verluste gestorben, den ich vor acht Tagen erlitten habe. Mein bester Freund ist nicht mehr, ich hoffte er würde die Stütze meines Alters werden, er gab sich Mühe, er gewann täglich, er hatte alle meine Neigungen angenommen, es war ein Jüngling, den ich erzog, der dankbar war, sanft und redlich, der all meinen Kummer theilte, wenn ich welchen hatte, und der sich über meine Freuden freute; in einem Wort schluchzend muß ich sagen, General Lanskoi lebt nicht mehr. Ein böses Fieber hat ihn in fünf Tagen in's Grab gebracht und mein Zimmer, sonst so angenehm für mich, ist eine leere Höhle geworden, in der ich Mühe habe, mich herumzuschleppen wie ein Schatten ... Doch bin ich seit gestern wieder aus dem Bette, aber schwach und so schmerzlich angegriffen, daß ich kein menschliches Gesicht sehen kann, ohne daß Schluchzen mich am Reden verhindert. Ich kann weder schlafen noch essen, das Lesen langweilt mich und das Schreiben geht über meine Kräfte. Ich weiß nicht, was aus mir werden soll, aber ich weiß, daß ich in meinem Leben niemals so unglücklich gewesen bin, als seit mein bester, lieber Freund mich so verlassen hat ... Ich kann nicht weiter.« Nach einer Pause von zwei Monaten erzählt sie Grimm, Wie » à force de sensibilité j'étais devenue un être insensible à tout excepté à la seule douleur«, und wie ihre Freunde sie aus diesem Zustande herausgerissen, doch fügt sie stolz hinzu, daß sie »trotz dieses schrecklichen Zustandes« nicht die unbedeutendste ihrer Pflichten vernachlässigt habe. »Gestern war ich zum ersten Mal in der Messe und habe folglich zum ersten Mal Leute gesehen, und die Leute haben mich gesehen; aber es war eine solche Anstrengung, daß ich mich beim Zurückkommen in mein Zimmer so schwach fühlte, daß jede Andre in Ohnmacht gefallen wäre, etwas, was mir nie passiert ist.« Einige Wochen später, »alles greift mich an und ich habe nie gerne Mitleiden erregt, offenbar ist ein solcher Zustand nicht tödtlich, denn ich bin am Leben und bin nur sechs Tage zu Bette gewesen ... Gestern waren es drei Monate seit der unglücklichen Katastrophe, die mich zu einem einsilbigen Wesen gemacht ... Wenn Sie genau meinen Zustand wissen wollen, so will ich Ihnen sagen, daß ich noch immer untröstlich bin; die einzige Besserung ist die, daß ich mich wieder daran gewöhnt habe, Menschengesichter zu sehen, aber mein Herz blutet noch immer, wie im ersten Augenblick. Ich thue meine Pflicht und suche sie gut zu thun, aber mein Schmerz ist so, wie ich nie einen in meinem Leben gefühlt habe.« Ähnliche Stellen finden sich in allen Briefen der folgenden Jahre.. »Voriges Jahr um diesen Tag,« schreibt sie in ihrem altfränkischen Deutsch, »waren wir todtkrank und fast ohne Hoffnung. Nach vierzehn Tagen zwischen Leben und Tod kommen uns Freunde zu Hilfe; diese halfen, aber ich konnte die Hilfe nicht leiden, kein Mensch war im Stande zu reden, zu denken nach unsrem Sinn; dieser war traurig und man wollte ihn wieder lustig haben, nach der Gewohnheit, das war nicht das, Schritt für Schritt sollte man gehen und bei jedem Schritt war eine Bataille auszuhalten, eine zu geben, eine zu gewinnen, eine zu verlieren. Die Zeit blieb nicht stehen, sie verstrich, sie war lang und alles war zähe und langwierig; der Fürst aber (Potemkin) war sehr schlau, er schlich herum wie eine Katze, wenn ein Umstand nicht anging, so drehte er sich herum und hatte immer einen andren Anschlag fertig. Endlich wurde es etwas lustiger, dieses gefiel dem Herrn, er suchte es noch lustiger zu machen und so weckte er uns aus dem todten Schlaf auf.« Ich will wahrlich aus der großen Kaiserin keinen weiblichen Werther machen, aber daß neben dem Ehrgeiz und der Ruhmsucht, welche die obersten Triebfedern ihres Lebens waren, auch ein hohes Pflichtgefühl ihre Schritte leitete, daß sie bei aller Sinnlichkeit und nicht abzusprechender Rohheit einer tiefen Empfindung fähig war, ist sicherlich nicht zu leugnen; daß an Wahrheitsliebe und Unabhängigkeit des Geistes ihr wenige Staatsmänner gleich kommen, das lehrt ein jeder dieser gewiß nicht für die Nachwelt berechneten Briefe. V. Siebzehnhundert neun und achtzig. I. Einer der reizendsten Romane Voltaire's – man möchte ihn den Abschied des greisen Kämpen von seinem Jahrhundert nennen – erzählt uns, wie die Vernunft, welche sich wahrend des Mittelalters in einen Brunnen geflüchtet, sich »obschon sie nicht für besonders weich gilt«, doch vom Mitleid für die Menschen rühren ließ und mit ihrer dreisteren Tochter, der Wahrheit, die Welt zu besuchen entschloß. Sie wurden zwar recht übel aufgenommen, allein schon ihre Erscheinung genügte, die Menschheit zu erhellen und überall den Samen der Erkenntnis aufgehen zu lassen. In der That fanden sie sogar in Rom einen Papst, der seinen Marc Aurel las und sie auf's Herzlichste versicherte, daß, wenn er hätte ahnen können, die Damen wären auf der Erde, er ihnen den ersten Besuch gemacht hätte. Nachdem sie Clemens XIV. verlassen, »besuchten sie ganz Italien und waren überrascht, anstatt des Macchiavellismus, einen Wetteifer unter allen Fürsten und Republiken von Parma bis Turin zu finden, wer seine Unterthanen besser, reicher, glücklicher zu machen vermöchte«. Deutschland, welches einst in sein eigenes Blut gebadet war, um genau zu wissen, »ob das Ding in, cum, sub oder nicht sei«, sahen die hehren Frauen drei feindliche Religionen in seinem Schoße aufnehmen, »und die Religionen selber schienen erstaunt, so friedlich bei einander zu leben.« Die beiden Damen, welche auch bei Maria Theresia eingeführt und von ihr charmiert waren, »verliebten sich vollends in den Kaiser, ihren Sohn.« Selbst in Schweden fanden sie nicht wenig zu bewundern. Beim Anblick Polens freilich hatten sie große Lust, sich wieder in den Brunnen zu flüchten: aber die Wunder, welche die Semiramis des Nordens im nahen Rußland verrichtete, Alles, was in England geschah, dessen »Glück nicht wie das der anderen Nationen gemacht war«, söhnte sie wieder mit Europa aus. Frankreich fanden sie im Jubel über die Thronbesteigung des tugendhaften Fürsten, von dem die Nation den Anfang einer besseren Zeit erwartete. Alle Mißbräuche sollen abgeschafft, die Kirche vom Staat getrennt, die Marterwerkzeuge verbrannt, die Gesetze reformiert werden. Überall lebt ein neuer Geist, ein Geist des Wohlwollens, des Fortschritts, der Aufklärung. Vernunft und Wahrheit finden das unendlich viel schöner, als die Räthsel, die sich Salomo und die Königin von Saba unter vier Augen aufgaben. »Ich sehe,« sagte die Mutter, daß man sich in Europa seit zehn bis zwölf Jahren auf die Künste und die notwendigen Tugenden verlegt hat, welche die Bitternisse des Lebens mildern ... Man hat es gewagt, von den Gesetzen Gerechtigkeit gegen Gesetze zu verlangen, welche die Tugend verdammten, und zuweilen ist diese Gerechtigkeit erlangt worden, ja, man hat das Wort Duldung auszusprechen gewagt. So lass' uns denn, meine liebe Tochter, diese schönen Tage genießen; bleiben wir hier, wenn sie dauern, und wenn die Stürme wieder ausbrechen, lass' uns in unseren Brunnen zurückkehren.« Es dauerte keine zehn bis zwölf Jahre, so mußten sie Hals über Kopf in ihr Versteck flüchten. Der aber, der sie daraus heraufbeschworen, war so glücklich, die furchtbaren Stürme nicht zu erleben, die seine Saat zu zerstören drohten. Die Überzeugung von der Nothwendigkeit der großen französischen Revolution ist eine weitverbreitete und tiefgewurzelte nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. Der Optimismus eines Voltaire und Schiller, die schon vor 1789 den neuen Tag angebrochen glaubten, ist vergessen oder wird belächelt. Wer bis jetzt die Nothwendigkeit oder gar die Nützlichkeit des großen Umsturzes bestritt, pflegte, wie die Bonald und J. de Maistre zur Zeit der Reaktion, ein Wortführer der Umkehr zu sein, ein Eiferer für die Wiederherstellung der Autorität in Staat, Kirche und Wissenschaft. Heute tritt ein Mann unseres Jahrhunderts auf, ein Philosoph der positiven Schule und offener Feind der gegebenen Religion, ein Anhänger der modernen Staatseinrichtungen, und erklärt nach eingehendem unparteiischem Prüfen der Thatsachen die große Revolution für eine Gruppe von historischen Thatsachen, in der die schlimmen Leidenschaften, die thörichten Gedanken und die unzweckmäßigen Handlungen bei weitem den Edelmuth, die Tiefe und die Verständigkeit überwiegen. Hatten bis jetzt moderne Menschen die große Revolution getadelt, so war's der Convent, dessen Schreckensherrschaft, dessen Gesetzgebung sie schwarz malten, um 1789 und die Constituante in ein recht helles Licht setzen zu können. Ja, der Glaube an die »Prinzipien von 1789« ist ein so unschütterter gewesen, daß es fast als Frevel galt oder gilt, an ihrer Heiligkeit auch nur zweifeln. Hier aber steht ein Mann auf, der nicht verdächtig ist, sich aber auch nicht genügen läßt an tausendmal wiederholten Worten, und erklärt: ich habe Alles selbst untersuchen wollen; ich habe nicht die Geschichtsschreiber gefragt, sondern die unbefangenen Augenzeugen und ich bin zur Überzeugung gekommen, daß das Hauptunheil schon 1789 angerichtet worden. Wer nicht in Frankreich gelebt hat, wer den Götzendienst nicht kennt, der dort mit der Revolution von 1789 getrieben wird, wer nicht weiß, wie mächtig, wie einstimmig, wie unduldsam die öffentliche Meinung und das öffentliche Vorurtheil in jenem Lande zu sein pflegen, kann sich keinen rechten Begriff davon machen, welchen Muth es erforderte, mit einer solchen, wenn auch nur impliciten, Erklärung vor's Publikum zu treten. Es brauchte in der That die fleckenlose Unbescholtenheit eines Taine, H. Taine. Les origines de la France comtemporaine. La Révolution (Paris 1878) Erster Band. sein aller militanten Politik fern stehendes Leben, seinen Ruf wissenschaftlicher Gediegenheit und Gewissenhaftigkeit; es brauchte vor Allem seine Reputation als eines unabhängigen Denkers und unabhängigen Menschen, um sich eine solche Ketzerei erlauben zu können. Selbst so grenzt die Kühnheit noch an's Unglaubliche, aber Taine, der als zweiundzwanzigjähriger, unbemittelter und unbekannter Jüngling den Muth gehabt, sich nicht vor der Gewalt zu beugen, der als angehender Schriftsteller es gewagt, dem Oberpriester der Staatsphilosophie den Handschuh hinzuwerfen, hat auch als reifer Mann den Muth gefunden, der Popularität den Rücken zu kehren und sich gegen die siegreiche Demokratie so zu zeigen wie einst gegen den siegreichen Staatsstreich. Und zur Ehre Frankreichs sei's gesagt: er ist nicht der Einzige seiner vielgeschmähten Generation, einer Generation von Kritikern, wie man wohl verächtlich sagt, um anzudeuten, daß sie zur positiven Leistung wie zum positiven Handeln unfähig sei. Es ist der Augenblick, wo die Demokratie der Mittelmäßigkeit triumphiert, den auch Renan, der gläubige Freund des Fortschrittes, gewählt hat, um in der Vorrede zu seinen neuen »Mélanges« und in seinem »Caliban« auszusprechen, was er von dem Sieger hält; Siehe Frankreich und die Franzosen (Band I von Zeiten, Völker und Menschen, Anhang) eine Studie über diverse Arbeiten Renans. es ist der Augenblick, wo ein Maxime du Camp, der aus der republikanischen Partei hervorgegangen, das Schreckbild der Commune in all' seiner nackten Greulichkeit zeichnet; wo ein J. J. Weiß, der fünfzehn Jahre lang gegen die persönliche Regierung des Kaiserthums gekämpft, alle in höherem Sinne konservativen Männer seines Landes beschwört, sich nicht mehr um die Staatsform zu zanken, sondern innerhalb der gegebenen Form den Feind zu bekämpfen, der den letzten Rest von Altfrankreich zu zerstören droht. Und zum erstenmale sind die Gegner der Demokratie Feinde der Kirche. Die Generation von 1860 – so nennen wir die von 1825 bis 1835 geborenen Franzosen – mag viele Fehler haben: sie ist nicht enthusiastisch, sie ist nicht sentimental, sie ist nicht poetisch; aber sie hat eine große Tugend, welche ihre Vorgänger und Nachfolger nicht haben: sie ist wahrhaftig. Sie haßt die hohlen Worte, sie fragt sie nach ihrem Sinn; sie prüft die Überlieferungen; sie will Gedanken und Thatsachen, klingende Münze; sie begnügt sich nicht mit Formeln und Assignaten und kann sich nicht für unbestimmte Ideale erwärmen und begeistern. Sie ist weder legitimistisch noch orleanistisch, noch republikanisch; was sie wünscht für ihr Land, ist eine gute Regierung, welches auch ihre Etikette sei. Sie ist vorurtheilsfrei genug, sich von der Wirklichkeit überzeugen zu lassen; und dieselben Männer, welche der Anblick der republikanischen Unfähigkeit nach dem 4. September zu dem Kaiserreich bekehrt hatte, dem sie achtzehn Jahre lang feindlich gegenübergestanden – ich nenne nur Edgar Raoul Duval, den Enkel J. B. Say's – sind jetzt die Ersten, die Thatsache der demokratischen Republik anzuerkennen und ihr Bestes zu thun, um diese Thatsache so unschädlich zu machen, als sie es sein kann. Als Maxime du Camp gegen Mitte der sechziger Jahre seine Studien über Paris – die Post und die Verkehrsmittel, die Hospitäler und die Gefängnisse, die Prostitution und die Wohlthätigkeit – begann, theilte er alle landläufigen Vorurtheile gegen Regierung und Polizei, welche die Folge der leidigen festländischen Gewohnheit ist, alle Behörden nur vom politischen Standpunkte aus anzusehen. Es genügte ihm in die Wirklichkeit einzudringen, das Walten der Polizei auf Schritt und Tritt zu verfolgen, überall hin wo sie in Berührung tritt mit dem Elend und dem Verbrechen, um sofort alle diese Vorurtheile abzuschwören und, was mehr ist, auch öffentlich seine Meinung auszusprechen über die wohlthuende, unermüdliche, aufopferungsvolle, oft heldenmütige Thätigkeit des geschmähtesten und nützlichsten aller Staatsverwaltungszweige. Es ward ihm die Gelegenheit geboten, die inneren Triebfedern der Konspirations- und Aufrührerwelt anzuschauen und das war ihm genug, um sich unwillig abzuwenden von den »Kämpfern für Recht und Freiheit«, welche zwei Throne gestürzt und mit dem »was die Einbildung Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen« ganze Generationen ihrer Landsleute berauscht und für die Erkenntnis »der Sachen und des Wesens« unfähig gemacht hat. Er hatte aber auch den Muth laut zu sagen, mit welchen Elementen die Freiheitshelden der fortschrittlichen Opposition zu paktieren sich herbeiließen, um zur Herrschaft zu gelangen, und selbst die erfindungsreiche Phantasie des demokratischen Argwohns konnte dem ganz unabhängigen Manne, dem die Machthaber nec beneficio nec injuria cogniti waren, keine niederen Motive andichten. Ähnlich aber ist's mit der ganzen Gruppe von Leuten gegangen, welche ich die Schule Sainte Beuve's nennen möchte: Alles Leute, welche durch Geburt, Erziehung, Umgang dem demokratischen Lager angehörten und sich durch keinerlei menschliches Interesse, allein durch die Kenntnisnahme der Wirklichkeit und aus Wahrheitsliebe, zur Sache, nicht des Kaisers oder der Republik, sondern der Regierung bekehrten, d. h. der das Bestehende gegen die systematischen Umstürzler schützenden Macht. Das wenigstens wird dem Geschlechte von 1860 angerechnet werden in der Geschichte; und, ist die Folge seines Beispiels eine allgemeine Abwendung der Nation vom Phrasenkultus und blinder Leidenschaftlichkeit zur Prüfung und Billigkeit, so werden gerade diese der Politik so fernstehenden Leute auch unter den Wohlthätern der Nation eine Stelle finden. Doch es ist Zeit, diese Parenthese zu schließen und zu unserem Verfasser der »Ursprünge des neuen Frankreichs« zurückzukehren. Vom künstlerischen Standpunkte wäre wohl auch gegen diesen zweiten Band des bedeutenden Werkes Manches einzuwenden. Taine betäubt uns oft unter der Last seiner Beweise, die monoton niederfallen wie der Hammer auf den Nagel. Die allzugroße Anhäufung von Thatsachen schwächt den Eindruck, indem sie gegen das Greuelhafte wie gegen das Absurde abstumpft. Der Schriftsteller ermüdet uns durch das ewige Präsens, wo sich's doch um die Vergangenheit handelt und wo man ordentlich lechzt nach einem ehrlichen Perfektum und Imperfektum, an dem man sich ausruhen könne. Auch wird der Stil abstrakter, als er sonst wohl gewesen und als es die Natur von Taine's Talent mit sich bringt; oder, wenn er sich noch auf eine Metapher einläßt, wird sie Seiten lang ausgesponnen, wie in dem Schlußbilde, das uns das Entstehen, Wachsthum und den Ausbruch des Säuferwahnsinns bei einem Arbeiter der Vorstädte darstellt, um an diesem Gleichnisse den Zustand der französischen Volksseele in den Revolutionsjahren zu erläutern, oder, in dem Vergleiche Frankreichs mit einem Schiffe, in dem sich die Mannschaft empört und wo ein paar Advokaten sich der Autorität bemächtigt, aber den Kapitän und Steuermann nicht abgesetzt haben, während unterm Deck über die beste Methode der Schifffahrt disputirt wird. Das geht so fort bis in die Taue, Segel, Ballast, Leck u.s.w. Dagegen aber welche Fortschritte in anderer Hinsicht! Nie ist das Quellenstudium Taine's eingehender, schärfer und doch ausgedehnter gewesen, nie war seine Beweisführung zwingender, nie hat er eine größere Fülle von tiefen und neuen Gedanken über ein Werk ausgegossen, und was mehr zu bewundern ist bei einem Manne der Studierstube, der nie an der Geschichte theilgenommen, seine Urtheile sind von einem praktischen Sinne, einem gesunden Menschenverstand, welche man nur äußerst selten bei abstrakten Denkern findet; denn man darf nicht vergessen, daß Taine seines Zeichens Philosoph ist, daß sein Hauptwerk ( de l'intelligence ) eine rein philosophische Arbeit in Herbart-Bain'schem Stile ist, daß seine literarisch vollendetste Schrift die Geschichte der französischen Philosophie im 19. Jahrhundert behandelt, daß selbst alle seine literarischen Arbeiten im philosophischen Geiste durchdacht sind. Was er hier über die Erfordernisse einer guten Gesetzgebung und Verwaltung, was er über die Nützlichkeit einer unbevorrechteten Aristokratie und moralischer Körperschaften für den Staat sagt, scheint von einem praktischen Politiker geschrieben, nicht von einem französischen Ex-Professor. Dazu die schöne Milde und Gerechtigkeit, die aus jeder Zeile spricht. Taine ist bekanntlich die Lieblingszielscheibe des katholischen Zelotismus in Frankreich. Er gehört in erster Reihe zu den von Msgr. Dupanloup's fanatischer Unduldsamkeit denuntiierten Feinden aller Sittlichkeit. Wie ruhig und mit welcher historischen Erhabenheit über alles Persönliche und Parteiliche spricht hier der Geschichtschreiber über die katholische Kirche und über die rohe und stupide Ungerechtigkeit der Revolution gegen diese Kirche. Das sind denn doch Alles so große Vorzüge, daß man schon über einige Fehler wegsehen mag. Ich habe anderswo Profile (Bd. IV. von Zeiten, Völker und Menschen S. 220-236). meine Bedenken gegen Taine's Behandlungsweise der Geschichte auseinander gesetzt und will hier nicht darauf zurückkommen. Hat man sich aber einmal mit der Methode ausgesöhnt, wonach die Aufgabe des Geschichtschreibers nicht die epische Erzählung, sondern die wissenschaftliche Classification der Thatsachen ist, so läßt sich eben weiter nichts einwenden. Taine, den sein angeborenes Talent zum Künstler bestimmt zu haben schien, leistet in dieser Art von Geschichtswissenschaft geradezu Vollendetes. Wohl hat man ihm vorgeworfen, sein Werk halte nicht, was der Titel versprochen; aber das scheint mir denn doch nur ein Wortgefecht. Taine hat eine Geschichte der Regierung Neufrankreichs versprochen. Dieselbe soll drei Theile haben: das alte Wesen, die Umwälzung und den Wiederaufbau durch Bonaparte. Vor uns haben wir die erste Hälfte des zweiten Theiles, welche 1789–1792 behandelt. Um die Anfänge des neuen Frankreich zu zeigen, mußte der Verfasser doch wohl Altfrankreich und in ihm nicht nur die Keime der Zukunft, sondern auch die zerstörenden Prinzipien darlegen. Ebenso gehört die Zerstörung selber zu den Anfängen Neufrankreichs. Die Zerstörung aber schildert er uns hier; und ein Hauptverdienst seines Buches ist es gerade, darzuthun, wie außerordentlich wenig Positives, Schöpferisches 1789 geleistet hat. Doch giebt er zu, daß die Constituante »durch mehrere Gesetze, namentlich solche, welche das Privatleben betreffen, durch die Einrichtung des Civilstandes, das Strafgesetzbuch und das Landgesetzbuch ( code rural ), durch die ersten Anfänge und das Versprechen eines einheitlichen Privatrechtes, durch Aufstellung einzelner einfacher Regeln in Steuerprocedur- und Verwaltungsfragen, gute Keime gesät hat.« Mehr hat sie eben nicht gethan. Denn die politischen Theorien, wie sie in den »Cahiers« niedergelegt worden, sind entweder ganz negativer Natur gewesen oder aber sie huldigten den abstraktesten oder sterilsten Staatstheorien. Selbst die von vonherein überstimmten gemäßigten Konstitutionellen von Malouet's Schule und Lehre, welche später von Mme. de Staël, Benj. Constant und Royer-Collard ausgebildet wurde, hatten doch nur eine sehr äußerliche Auffassung des staatlichen Problems; ihre Conceptionen wurden 1814 und 1830 zum Theil verwirklicht; vermochten aber keinen Boden zu fassen; sie sind spurlos an Frankreich vorübergegangen, während Bonaparte's Schöpfungen auf der tabula rasa der Constituante noch heute die Grundlage Neufrankreichs bilden. Übrigens hat Taine auch den ephemeren Schöpfungen der Nationalversammlung eine eingehende Darstellung gewidmet: seine Schuld ist es nicht, wenn glücklicher Weise von alledem so gut wie gar nichts übrig geblieben ist: seine betreffenden Untersuchungen lassen darüber keinen Zweifel. Welches sind nun die Ergebnisse dieser seiner Untersuchungen? Vor allem doch wohl die Bestätigung dessen, was ich Anfangs dieses Aufsatzes angedeutet, was ich schon so oft, bei Besprechung des aufgeklärten Despotismus des vorigen Jahrhunderts ausgeführt habe, nämlich, daß zu keiner Zeit der Weltgeschichte mehr guter Wille und mehr Einsicht in den regierenden Kreisen vorhanden gewesen als zu der Zeit Peter Leopolds und Josephs II., Friedrichs des Großen und Katharinas, Gustavs III. und Struensee's, Aranda's und Tanucci's, bis hinunter zu unseren Fürsten von Dessau und Lippe-Detmold, mit ihren unerschrockenen und unermüdlichen Ministern, Und oft waren die Kleinsten die Größten: wer weiß, was ein Du Tillot und ein Moser geleistet hätten, wenn sie in Wien und Paris statt in Parma und Hessen-Darmstadt gewirkt. Daß übrigens auch in Frankreich ein solcher Geist der Neuerung herrschte, beweisen die Namen Turgots und Malesherbes'; und es wird Taine nicht schwer, darzuthun, wie versöhnlich entgegenkommend der Adel, ja selbst die Geistlichkeit waren, ehe sie durch die tolle Volkswuth zur Verzweiflung getrieben wurden. Ich finde freilich, daß Taine nicht streng genug gegen Ludwig XVI. ist, der Turgot und Malesherbes so schnöde fallen ließ, Mirabeau's Hand nicht entschlossen zu erfassen wußte, heute sich in Necker's Arme warf, morgen in die Calonne's, der vor Allem im rechten Augenblick nicht zu widerstehen vermochte, und so endlich von Schwäche zu Schwäche bis zum Verrath getrieben wurde: denn verrathen hat er sein Vaterland, das kann nicht wegentschuldigt werden; und diesen Verrath hätte er sich ersparen können, wenn er nicht so feige gewesen wäre, sich den Rebellen zu unterwerfen. Es soll hier sicherlich die Enthauptung Ludwigs XVI. nicht entschuldigt werden, aber vergessen darf man nicht, daß er wie Karl I. die Ordnung der Dinge angenommen hatte, gegen die er dann konspirierte, daß er wie Karl I. eine doppelte Rolle spielte. Das entschuldigt keineswegs die Revolution. Fast alles unwiderbringliche Unheil war schon angestellt vor den Oktobertagen, geschweige denn vor der Eidleistung des Königs auf die unmögliche Verfassung, welche die Nationalversammlung entworfen hatte. Die Frage also, ob Frankreich nicht ohne Umsturz alles Bestehenden auf dem Wege friedlicher Gesetzgebung zur Herstellung besserer und vernunftgemäßerer Zustände hätte kommen können, bleibt dadurch unbeantwortet, ja unberührt; und somit auch die andere Frage, ob die durch die Revolution vielleicht um ein halbes Jahrhundert beschleunigte Herstellung moderner Zustände nicht allzutheuer erkauft worden ist durch fünfundzwanzig Jahre abwechselnder Anarchie und Tyrannei, Mord und Krieg, Zerrüttung, aller Vermögensverhältnisse, Mitfüßentreten aller Gerechtigkeit und Lähmung aller administrativen Freiheit. Indeß so unabweislich diese Fragen sind, so müßig sind sie, und Taine ist Historiker genug, sie nicht aufzuwerfen. Genug, das neue Frankreich, wie es im Anfange dieses Jahrhunderts hergestellt worden, war nur möglich nach radikaler Zerstörung des alten Frankreich, wie es vor 1789 existiert, und er hat uns zu erzählen, wie diese Zerstörung vor sich gegangen. Er hat dieses Bild gezeichnet, sagt er uns selbst, »ohne sich um die gegenwärtigen Streitigkeiten zu kümmern. Ich habe geschrieben, als ob ich die Revolutionen von Florenz oder Athen zum Gegenstande genommen hätte. Hier gebe ich Geschichte, nichts mehr, und, um Alles zu sagen, ich hatte einen zu hohen Begriff von meinem historischen Handwerk, um daneben und versteckt ein anderes zu treiben«. II. »Für die Zeitgenossen, schreibt Tocqueville, war die Einnahme der Bastille der Sieg der Revolution. Für uns ist es die erste tatsächliche Offenbarung der Dictatur von Paris: eine Dictatur, welche die Mutter aller zukünftigen Revolutionen ist.« Doch auch Zeitgenossen gab es, die die Thatsache richtig beurtheilten. »Für jeden Unparteiischen, meint schon Malouet, datiert die Schreckensherrschaft vom 14. Juli 1789.« Die Anarchie beginnt im vorhergehenden Winter: die Einnahme der Bastille bezeichnet nur ihren Sieg. Von dem Augenblicke an besteht keine Regierung mehr und, wie Taine sagt, »so schlecht eine Regierung sein mag, es giebt etwas Schlimmeres und das ist die Abwesenheit aller Regierung.« Die zwei bestimmenden Ursachen aber, welche die Anarchie hervorbrachten, war die Hungersnoth einerseits, die Aussicht auf Hilfe andererseits. Bis dahin herrschte im darbenden Volke die Resignation gegenüber dem unüberwindlichen Schicksal der Nothwendigkeit. Hie und da wohl einmal ein Auflauf, aber stets vereinzelt und rasch unterdrückt. Die Masse des Volkes ergiebt sich in ihr Geschick: »Wenn eine Mauer gar zu hoch ist, denkt man nicht einmal daran, sie zu erklettern.« Jetzt aber, 1787, 1788, wird Abschaffung des Mißstandes versprochen, überall sogar der Anfang gemacht: es ist also doch möglich zu reagieren! Sofort beginnt man tatsächlich zu reagieren, ohne Plan, ohne irgend eine Kenntnis der allgemeinen Lebensbedingungen einer Nation. Von März bis Juli 1789 giebt's nicht weniger als 300 Aufstände in Frankreich; in den vierzehn Tagen der Wahlperiode nicht weniger als 40-50; denn die Politik mischt sich hinein und erregt die schon erregten Gemüther noch mehr. »Man zieht aus um Brot zu haben; mit Mord und Brand hört man auf.« Und der Aufstand wird ein sozialer, denn »er wendet sich gegen alle die, welche bei der bestehenden Ordnung der Dinge einen Vortheil oder etwas zu befehlen haben.« Am schlimmsten ist's natürlich in Paris, wo die Regierung schon »um die Arbeiter zu beschäftigen« unnütze Erdarbeiten muß ausführen lassen. Allein die Arbeiter sind nur darum so gefährlich hier, weil sie Werkzeuge in der Hand der gewissenlosen und eitlen, halbstudierten Abenteurer sind, die in der großen Stadt ihr Lager, im Palais Royal ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben und dem armen enterbten Volk glänzende Beute versprechen, wie einst die Condottieri ihren Landsknechten: »Vierzig tausend Paläste und Schlösser, ruft Camille Desmoulins, zwei Fünftel der Güter Frankreichs werden der Preis der Tapferkeit sein«. Und schon beginnen die Greuelthaten blinder Leidenschaft gegen unschuldige Unvorsichtige, die nicht einstimmen in den Ausbruch der Wuth und der Gier. Das Bündnis des Janhagels mit den Intriguanten ist geschlossen und bei der Ohnmacht der Behörden unwiderstehlich: denn auch die Armee ist ganz unzuverlässig; schon Anfang September haben sich in Paris 16,000 Deserteure von Versailles der Pöbelmasse angeschlossen; und die Milde, die Menschlichkeit, die Rücksichtnahme der Offiziere gegen die Aufrührer macht das Übel nur noch größer. Die tollsten Erfindungen der Volksvertheidiger von 1870, die furchtbarsten Vandalismen von 1871 haben schon ihre Antezedentien in jenem Jahre der »edlen Volkserhebung«. Die Einnahme der Bastille endigt mit dem Mord de Launay's, dessen Kopf unter Jauchzen und Scherzen auf der Pike herumgetragen, dreimal vor der Statue Heinrichs IV. geneigt wird, um »seinen Herrn zu begrüßen«. Es ist das Vorspiel zu der, acht Tage darauf folgenden Ermordung Foulon's und Berthier's, zweier Männer des Fortschrittes und der Aufklärung, die ihre Zeit, ihre Arbeit, ihr Vermögen der Verbesserung der Volkszustände gewidmet hatten. Auch ihre Köpfe kommen auf die Pike, während die Gassenjungen ihrerseits einigen Katzen die Köpfe abschlagen und auf Stangen stecken, mit denen sie in den Straßen herumstolzieren. Von da ab wird die Anarchie der normale Zustand der Hauptstadt und der Provinzen; Plünderungen, Brandstiftungen, Mordthaten werden das tägliche Brod. »Überall derselbe Instinkt der Zerstörung, eine Art neidischer Wuth gegen die, welche besitzen, befehlen oder genießen.« Man muß im Einzelnen alle diese Greuel und Thorheiten nachlesen, um sich einen annähernden Begriff von dem zu machen, dessen der Mensch fähig ist, sobald das Thier in ihm nicht mehr durch die hundert unsichtbaren Bande des Staates gefesselt ist. Das gesittete Frankreich des 18. Jahrhunderts gleicht einem Schwarm wüthender Huronen; und das Schlimmste ist, hinter diesen Wilden steht, sie hetzend und treibend, die Klasse der Advokaten, Prokuratoren, Journalisten, welche die Proscription der »Aristokraten« systematisch betreibt. Fremde Beobachter, welche nicht im Strome fortgerissen waren, hatten das schon lange kommen sehen. Sie scheinen zu glauben, meint Horace Walpole bereits 1776, »sie könnten die Welt nach einem neuen Plane ummodeln; sie halten dafür, daß weder Grausamkeiten noch Ungerechtigkeiten bei einem solchen Experiment in Betracht zu ziehen seien.« Man sehe sich diese Helden aber einmal in der Nähe an. »C. Desmoulins ist neunundzwanzig, Loustalot siebenundzwanzig Jahre alt und ihr ganzer Ballast von Wissen besteht aus Gymnasialreminiscenzen, Erinnerungen aus den juristischen Vorlesungen, Gemeinplätzen, die sie bei Raynal und Genossen zusammengelesen. Brissot gar und Marat, emphatische Menschheitsfreunde, haben Frankreich und die Fremde nur durch das Guckfensterchen ihrer Dachstube gesehen, durch die Brillen ihrer Utopien ... Keine politische Idee in den unerfahrenen oder hohlen Köpfen; keinerlei Kompetenz; keinerlei praktische Erfahrung...« »Die gründliche Kenntnis der Geschichte mangelte ihnen gänzlich,« sagte Renan schon vor fünfundzwanzig Jahren; »eine gewisse geschmacklose Emphase verwirrte ihnen das Gehirn und versetzte sie in jenen dem französischen Geiste eigentümlichen Zustand des Rausches, worin man oft große Dinge verrichtet, der aber jede Voraussicht der Zukunft und jede etwas weite politische Anschauung unmöglich macht.« Was aber waren diese Leiter der öffentlichen Meinung ihrer gesellschaftlichen Stellung nach bei Ausbruch der Revolution? »Desmoulins, ein Advokat ohne Klienten, in einem möblirten Zimmer, von schreienden Schulden lebend ... Loustalot, noch unbekannter, eben in Paris gelandet, um Carriere zu machen ... Danton, ebenfalls ein Advokat zweiten Ranges, dessen Haushalt sich mit dem Louisd'or fristet, den ihm wöchentlich sein Schwiegervater, der Kaffeewirth schenkt ... Brisson, ein wandernder Zigeuner ... Marat, ein ausgepfiffener Schriftsteller u.s.w.« »Es ist offenbar, daß inmitten einer aufgelösten Gesellschaft und unter einem Scheinbilde von Regierung eine neue Barbareninvasion sich vollzieht, welche mit dem Schrecken zu Ende bringen wird, was sie mit der Gewaltsamkeit begonnen und welche, wie die der Normannen im 10. und 11. Jahrhundert, durch Eroberung die Expropriation eines ganzen Standes zur Folge hat.« Zum ersten Male – denn A. Schmidt's Tableaux, die ausgeführter im Einzelnen sein mögen, sind nur wenige Episoden – zum ersten Male wird uns hier bei Taine der wahre Zustand des Landes während jener furchtbaren Jahre gezeigt, und zwar, anstatt der schönen Redeturniere in Versailles oder der Pariser dramatischen Scenen, das tägliche Leben der Provinz mit seinen aufreibenden Aufregungen; und das Alles mit einer ruhigen Objektivität, als ganz natürliche Folgen der staatlichen Auflösung und ohne Entrüstung gegen die Menschennatur. Es ist aber gerade dieses kalt wissenschaftliche Verfahren, welches die revolutionäre Legende am gründlichsten und unbarmherzigsten zerstört. Renan's verächtliche Worte über die geistigen Mittelmäßigkeiten und die neidische Halbbildung aller Revolutionshelden, mit Ausnahme Mirabeau's, mochten als Ausbrüche des Künstler- und Gelehrtenhochmuthes beseitigt werden; Taine's Thatsachen kann man nicht so ohne Weiteres ignorieren. Wenn irgend Etwas dazu angethan ist, die falschen, idealisierten Schöpfungen Lamartine's, Michelet's, Louis Blanc's von Grund aus zu vernichten, so ist's diese kaltblütige Dissection. Und welch ein Verdienst wäre es nicht, könnte man diese Gespenster endlich vernichten, die noch in den Seelen der Communards von 1871, ja sogar im nicht unbegabten Kopfe eines Gambetta spukten, als er während des Krieges das Massenaufgebot von 1792 parodierte, welches im Schnee des Jura endete. Denn wie »der Convent welcher durch sein Wüthen den Zeitgenossen so viel augenblicklichen Schaden zugefügt und der Nachwelt durch sein Beispiel einen so dauernden«, so hat die Revolution auch »die Politik des Unmöglichen, die Theorie der Tollwuth ( de la folie furieuse ), den Kultus des blinden Wagens geschaffen.« (Worte Tocqueville's.) Nach der Straße und ihren Greueln, die Nationalversammlung und ihre Unfähigkeit. Es fehlte ihr, man kann sagen, Alles was nöthig ist zur Gesetzgebung: die Freiheit, denn sie ward von einer kleinen organisierten Pöbelarmee von 750 Mann eingeschüchtert und terrorisiert; kaum Ein Mitglied wagt gegen eine Maßregel zu stimmen, geschweige denn zu reden, welche von den Tribünen gefordert wird: die Ruhe, denn die Gesetzgeber sind fortwährend in der leidenschaftlichsten Aufregung und die Sitzungen sind mit nichts als mit hohlem »Geschwätz und Geschrei« ausgefüllt; die Kenntnisse und die Erfahrung, denn die Leute sind alle improvisierte Politiker, die nie eine Provinz, eine Stadt, ein Dorf, ja nicht einmal ein Gut verwaltet, deren ganze Wissenschaft aus Rousseau's Contrat social geschöpft ist; das Temperament endlich, denn die Empfindsamkeit hat alle moralische Scham gelöst: »es sind nervöse Weiber« oder wie Mirabeau im Vertrauen zu Sieyès sagt, »Affen mit Papageienkehlen«. Und man sage nicht, Frankreich habe damals keine kompetenteren Leute gehabt: es habe seine besten Kräfte nach Versailles geschickt. Das gerade Gegentheil ist wahr. Taine zählt die 600–700 Leute auf, die wohl eine vernünftige Gesetzgebung hätten zu Stande bringen können, die aber systematisch ausgeschlossen wurden: »die Intendanten und Militärkommandanten aller Provinzen; die Prälaten, welche große Diöcesen verwalteten, die Gerichtsbeamten, welche außer ihrer richterlichen Gewalt administrative Befugnisse hatten.« Malouet ist der einzige von allen solchen in der Versammlung und »aus der Überlegenheit dieses, des besten Kopfes der Versammlung, kann man schließen, welche Dienste seine Collegen geleistet hätten.« Die ungeheure Mehrheit besteht aus unbekannten Advokaten und subalternen Legisten; es sind keine hundertfünfzig bürgerliche Gutsbesitzer darunter. Man muß hören, wie der amerikanische Gesandte, der Republikaner Morris, diese Leute beurtheilt, was Malouet, Mirabeau, Mallet-Dupan, die drei bedeutendsten Intelligenzen der ganzen Revolution, von ihnen halten, um zu begreifen, welche unbewußte Fälschung die Revolutionshistoriker der Juliregierungszeit mit dieser Versammlung getrieben, welche an ihre ungeheure Aufgabe herangeht, wie der Junker, den man fragte, ob er Geige spielen könne: »Ich weiß nicht, ich hab's nie versucht; aber wir wollen einmal sehen.« Dazu beraubt die Versammlung sich noch muthwillig aller Mittel, die mangelnde Erfahrung zu erwerben: um dem Prinzipe der Theilung der Gewalten treu zu bleiben, wird es allen Mitgliedern der gesetzgebenden Gewalt untersagt, an der ausübenden Gewalt theilzunehmen; d. h. die Minister müssen außerhalb der Versammlung geholt werden; damit sind Dieser alle Mittel benommen, sich die Auskunft über die Dinge zu verschaffen, »welche die unmittelbare Behandlung der Geschäfte giebt«, ist sie ohne Gegengewicht allen Verführungen der Theorie hingegeben, durch ihren eigenen Beschluß zu einer »Académie de legislation« reduziert. Zweierlei waren die Aufgaben der Nationalversammlung: Abschaffung des Privilegs, für das die bevorzugten Stände keine entsprechenden Dienste mehr leisteten, und Einführung der Controle, weil die Centralregierung das allgemeine Interesse willkürlich und unverantwortlich verwaltete. »Es galt, alle Franzosen gleich vor der Besteuerung zu machen und die Börse des Besteuerten ihren Vertretern in die Hand zu geben.« Dagegen war weder im Adel noch in der Geistlichkeit die allergeringste Opposition. Das aber genügte den Konstituierenden nicht: sie wollten ein neues Staatsgebäude aufführen, ohne Rücksicht auf irgend welche bestehende Zustände, Gewohnheiten, Rechte und Interessen, mehr als das, ohne Rücksicht auf die Menschen, wie sie sind. Sie thun, als ob alle Menschen Abstraktionen wären: Wesen, »die das Bedürfnis nach Glück und die Fähigkeit zu denken haben,« wie man im vorigen Jahrhundert zu sagen pflegte, kurz Menschen des Contrat social , nicht Franzosen verschiedener Stände des 18. Jahrhunderts. Wohl hatte die Anarchie des ersten Jahres schon tabula rasa gemacht; jedoch nur äußerlich, nicht innerlich: die Nationalversammlung aber geht mit den Menschen um, als wären es seelenlose Ziffern von absolut gleichem Werth. Von der Solidarität der Generationen, von der Unberechtigtheit einer Generation, ans Wesen des Staates selber zu rühren, haben diese Gesetzgeber nicht die leiseste Ahnung; es fällt ihnen nie ein, zu bedenken, daß jede Generation doch im Grunde Nutznießerin, nicht Eigenthümerin ist, daß sie die Erbschaft des Jahrhunderts den Erben der Vergangenheit zu überliefern hat; daß »die weiseste Verfassung illegitim ist, wo sie den Staat zerstört, die roheste legitim, wo sie den Staat erhält.« Man bemerke, welch ungeheuren Fortschritt, nicht seit Montesquieu – der verstand das Wesen des Staates besser als irgend ein Denker des Alterthums oder der neueren Zeit – wohl aber seit Benjamin Constant, diese Anschauungsweise Taine's dokumentiert, eine Anschauungsweise, die erst Tocqueville wieder in Frankreich eingeführt hat: denn nicht allein Jacobiner und Girondisten, auch die Konstitutionellen von Royer-Collard's Doktrine, die Absolutisten von Bonald's Schule, waren unbewußt Jünger Rousseau's; denn sie gingen sämmtlich a priori zu Werke, glaubten sämmtlich an die absolute Freiheit des Gesetzgebers wie des Menschen. Auch die schöne Weise, in der Taine die natürliche und nothwendige Entstehung gesellschaftlicher Aristokratien, welche die Nationalversammlung so gänzlich verkannt, auseinandersetzt, ist ein Zeichen der Zeit für Frankreich. Sie erinnert lebhaft an Herman Grimm's gelungenste Seiten im ersten Bande seines Michel Angelo. In Frankreich, wo selbst ein Laboulaye den demokratischen Vorurtheilen schmeicheln zu müssen glaubt, indem er über solche naturhistorische Notwendigkeiten hinweggeht, ist eine solche Ausführung etwas ganz Neues; und diese Neuheit bekommt fast etwas Tragisches dadurch, daß sie in dem Augenblick auftritt, wo Frankreich – ich fürchte für lange – diese natürliche Aristokratie von der Staatsführung ausschließt: denn das jetzige Ministerium Dufaure-L. Say-Waddington, welches durchaus jener Aristokratie angehört, ist nicht der Ausdruck der jetzigen Volksvertretung, sondern ihre Negation, wie sich nach Dufaure's Tode und des Marschalls Abtreten sofort zeigen wird. Geschrieben 1878; seitdem durch die Ereignisse bestätigt. Aber wo komme ich hin? Schnell zurück in die Vergangenheit. War die Aristokratie von 1789 auch fähig, ihren großen Beruf zu erfüllen? Taine meint entschieden, sie sei desselben nicht unwürdig gewesen. »Parlamentarier (Gerichtspersonen), hoher Adel, Bischöfe, Finanziers waren es, bei welchen und durch welche die Philosophie des 18. Jahrhunderts sich verbreitet hatte; nie war eine Aristokratie freisinniger, menschlicher, bekehrter zu nützlichen Reformen.« »Nicht nur hatten Viele unter ihnen Edelmuth, Alle Ehrgefühl; sie sind auch milde, mitleidig; alle Gewaltthätigkeit widerstrebt ihnen.« Und die nützlichen Reformen hatten bereits begonnen; ernstlich war namentich die des Klerus, der Steuern, der Gerichtsverwaltung in die Hand genommen worden: aber die Nation, d. h. die Advokaten und der Pöbel, welche sich der Herrschaft bemächtigt, wollten keine Reform, unterbrachen die begonnene, weil sie den Umsturz wollten. Im Grunde handelte sich 's um eine Verrückung des Reichthums. Auch dieses Verhältnis hätte man ruhig und friedlich durch Ablösung regeln können, wie in Preußen im Jahre 1808, in Rußland im Jahre 1861; aber das wollen eben die Führer nicht: sie entfesseln den Bauernkrieg, weil dabei auch für sie etwas abfällt, die sicherlich den Acker des Edelmanns, der Abtei nicht bebauen. Die Nationalversammlung schaffte alle Gefälle, Zinsen, Frohnden, Zehnten u.s.w. mit einem Dekrete ohne jede Entschädigung ab und nahm so jährliche Einkünfte im Betrage von 123 Millionen auf einen Schlag aus der Tasche der Eigenthümer. Auch das und der Edelmuth, mit dem der Adel selber diese Opfer hinnimmt, entwaffnen den Haß der Revolutionäre nicht. »Ein gehässiges Vorurtheil hat sich gegen den Adel erhoben und wächst von Tag zu Tag. Verletzte Eitelkeit, getäuschter Ehrgeiz, Neid haben es vorbereitet. Die abstrakte Idee der Gleichheit bildet den harten und trockenen Kern.« »Die Versammlung behandelte die Adligen wie Ludwig XIV. die Protestanten ... Hunderttausend Franzosen wurden am Ende des 17. Jahrhunderts, hundertzwanzigtausend am Ende des 18. verjagt; so vollendet die unduldsame Demokratie das Werk der unduldsamen Monarchie. Die moralische Aristokratie ist im Namen der Einförmigkeit, die gesellschaftliche Aristokratie im Namen der Gleichheit abgemäht worden. Zum zweiten Male und mit derselben Wirkung schneidet ein absolutes Prinzip in das lebendige Fleisch der Gesellschaft ein.« Und nicht allein die Interessen und die Rechte, auch die Gefühle werden im Namen dieser abstrakten Prinzipien verletzt: man denke an die bürgerliche Verfassung der Geistlichkeit; mit roher Hand greift man die geistliche Autorität an, das Einzige, was noch von der Religion übrig geblieben, denn die Gleichgültigkeit gegen das Dogma ist allgemein, und treibt so wieder alle frommen Seelen unter's geistige Joch, die unabhängige nationale Geistlichkeit unter das Szepter von Rom. Im Jahre 1789 wurden nur etwa 20 Prozent der geistlichen Pfründen durch die kirchliche Autorität besetzt; heute sind sie's alle, und viele Laienstellen überdies. Wie mit dem Zerstören geht's mit dem Schaffen: es ist die abstrakteste Theorie, welche es unternimmt, den neuen Staat aufzurichten. Jedes Band zwischen Exekutive und Legislative wird zerschnitten; kein Gegengewicht eines Oberhauses zugelassen; das Königthum, wie überhaupt die Centralgewalt geradezu entwaffnet; die Versammlung selbst, welche alle Regierung in die Hand nimmt, ohnmächtig gemacht den Lokalverwaltungen gegenüber; alle Verantwortlichkeit der Verwalter wie der Richter aufgehoben durch die kollektive Verfassung sämmtlicher Behörden. Der Argwohn gegen jede Gewalt ist so tief und so allgemein, daß man die Konstitution von 1790 die systematische Untergrabung aller Gewalt, die Organisation der Anarchie nennen konnte. Es bleiben am Ende nur 40,000 souveräne Körperschaften in Frankreich und diese sind in den Händen einer ganz unfähigen, oft auch unredlichen Minderheit. Zu welchen Tollheiten diese Souveräne, denen das allgemeine nationale Interesse nothwendig entgehen muß, sich hinreißen lassen können, muß man bei Taine nachlesen. Sie hindern den Verkehr der Reisenden, die alle als verdächtig festgehalten werden, der Waaren namentlich der Nahrungsmittel, die man zurückhalten will, weil man die Hungersnoth fürchtet, die man dadurch erst recht herbeiführt. Kurz, die Wohlthaten der Decentralisation und der Selbstverwaltung, nach denen die französischen Liberalen seit zwanzig Jahren theoretisch schmachten – denn sie praktisch einzuführen hüten sie sich doch immer – war auf's Vollständigste verwirklicht; und hätte diese Verwirklichung nicht eine so furchtbare Tragik in ihrem Gefolge und in ihrem Geleite gehabt, das Schauspiel, das sie bietet, wäre das komischste der Weltgeschichte. Diese 1,200,000 Verwalter, diese vier Millionen Wähler und Nationalgardisten, die vom 1. Januar bis 31. Dezember mit »Bürgerpflichten« überhäuft sind, die sie nicht verstehen und die sie keine Muße haben zu erfüllen, ohne ihren Unterhalt und den ihrer Familie zu opfern, treiben's toll genug und man ist immer zwischen Mitleid, Entrüstung und Lachlust getheilt, wenn man sieht, wie sie zu Werke gehen. Auch dauert's nicht lange, so geben sie's aus und lassen alle die Gewalt, die sie den erfahrenen Männern der höheren Stände nicht anvertrauen wollen, den Händen der Fanatiker und Enthusiasten oder denen der Abenteurer, die wohl zusammen noch eine sehr kleine Minderheit ausmachen, aber eine Minderheit, die vor keinem Äußersten zurückschreckt. Doch dies gehört schon in die dritte und letzte Abtheilung (»von der angewandten Verfassung«) des ausgezeichneten Buches, das wir analysieren und das man in hunderttausenden von Exemplaren in den Mittelständen aller Nationen verbreiten sollte. Kaum ist der neue Staat, wie man glaubt, begründet, so beginnt nicht etwa die Ernüchterung, sondern geht der Rausch erst recht los: immer wilder, ausgelassener. Ganz Frankreich, jung und alt, vornehm und gering, Mann und Frau, tanzt ganz eigentlich um die Freiheitsbäume, fällt sich in die Arme, weinend, lachend, sich küssend; überall Operndekorationen, »unschuldige Kinder«, die deklamieren, »weißgekleidete Jungfrauen«, die singen, »ehrwürdige Greise«, die Reden halten; aber schon die große Verbrüderungsfeier endet fast überall mit Schlägen, Scheibenzerbrechen und Mißhandlung der »Aristokraten«. »Das ist die Frucht der Empfindsamkeit und der Philosophie des 18. Jahrhunderts, meint Taine. Die Menschen haben geglaubt, um eine vollkommene Gesellschaft einzurichten, um die Freiheit, die Gerechtigkeit und das Glück dauernd auf Erden herzustellen, genüge eine Regung des Herzens, ein Akt des Willens. Sie haben diese Regung empfunden, diesen Akt vollzogen; sie sind entzückt, hingerissen, über sich selbst hinausgehoben. Jetzt müssen sie wohl durch den Gegenstoß in sich selbst zurücksinken. Ihre Anstrengung hat Alles hervorgebracht, was sie hervorbringen konnte, d. h. eine Sündfluth von Betheuerungen und Phrasen, einen unwirklichen Wortvertrag, eine Prunk- und Epidermbrüderlichkeit, eine aufrichtig gemeinte Mummerei, ein Überkochen von Gefühlen, die sich sofort verdunsten, kurz einen heiteren Fasching, der einen Tag dauert.« Man legt aber darum die Maske auch während der Fasten noch nicht ab. In den zwei folgenden Jahren bietet Frankreich das sonderbarste Schauspiel: »Alles ist Menschenliebe in den Worten und Symmetrie in den Gesetzen; alles ist Gewaltthat in den Handlungen und Unordnung in den Dingen«. Jede Munizipalität, jede Nationalgarde will Herr sein, sich keiner Kontrolle unterwerfen: das ist ihre Weise, die Freiheit zu verstehen. Ihr Gegner ist die Centralgewalt, die gilt's zu entwaffnen. Und es gelingt nur zu gut. Die Nationalversammlung, die Minister, der König sind ohnmächtig gegen die lokalen Gewalten. Die Truppen selber gehorchen nur noch diesen. In den Städten und Dörfern aber ist eine unausgesetzte Auflehnung der Einzelnen gegen diese selbstgewählten Munizipalbehörden. Alle alten Leidenschaften lodern wieder auf. Überall im Süden beginnt der Religionskrieg des 16. Jahrhunderts von Neuem zwischen Hugenotten und Katholiken. Der Bauernkrieg – Taine zählt nicht weniger als sechs Jacqueries von 1789 bis 1792 – ist in Permanenz. Niemand zahlt mehr die alten ungleichen Steuern, aber niemand will auch die neuen gleichen Steuern zahlen; die öffentliche Sicherheit verschwindet überall, weil die Polizei, die Gendarmerie entwaffnet sind und die Verbrecher die gute Gelegenheit benutzen; aller Verkehr stockt und mit dem Stocken alles Verkehrs wird die Hungersnoth immer drohender. »Sonderbares und lehrreiches Schauspiel, in dem man beinah den Grund des Menschen steht! Wie auf einem Flosse ohne Lebensmittel ist er in den Naturzustand zurückgesunken, das dünne Gewebe von Gewohnheiten und vernünftigen Ideen, in das die Civilisation ihn gewickelt, ist zerrissen und flattert in Fetzen um ihn, die nackten Arme des Wilden kommen zum Vorschein und er bewegt sie.« Wie man den Staat um das Seine gebracht, so bringt man auch den Einzelnen darum. Das Gut aller Edelleute wird Gemeingut, ihr Leben wird vogelfrei; überall Mißhandlungen und Mord von Weib und Kind. Plünderung und Brand von Haus und Hof der »Aristokraten«. Alle Eigenthumsverhältnisse werden mit bäuerlicher Zähigkeit angegriffen, zerrüttet, umgestürzt. Und hier liegt vielleicht die wahre innerste Natur der großen Bewegung. »Was auch die großen Namen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sein mögen, mit denen die Revolution sich schmückt, sie ist in ihrem Wesen eine Verrückung des Eigenthums . Darin besteht ihre erste Triebfeder, ihre dauernde Macht, ihr wahrer Halt, ihre historische Bedeutung. Einst, im Alterthum, hatte man dergleichen gesehen, Schuldentilgung, Güterkonfiskation, Theilung der Gemeinde- und Staatsgüter, aber die Sache beschränkte sich auf eine Stadt, auf ein kleines Gebiet. Zum ersten Male wurde sie nun in einem modernen Großstaat vollzogen.« Und die Beraubten lassen diese Gewaltthat im Ganzen ruhig über sich ergehen, widersetzen sich kaum. Die Muthigsten suchen sich nicht gegen die neue Ordnung – die erkennen Alle an –, wohl aber gegen die brutale Unordnung, die ihre Folge ist, zur Wehr zu setzen: sie werden niedergeworfen, unbarmherzig mit Füßen getreten. Wie billig, wie mild, wie entgegenkommend der Adel war, hat Taine hier unwiderleglich dargelegt; aber je milder, nachgiebiger, desto härter werden die Edelleute behandelt, denn die Milde ermuthigt die Heftigkeit der Begierde. Selbst die nach dem ersten Bauernaufstande Ausgewanderten kommen nach Verkündigung der Konstitution, die sie in ihrem Vermögen zu Grunde richtete, in der Gesellschaft und im Staate ohnmächtig machte, zu Tausenden zurück. Neue Verfolgungen treiben sie auf's Neue in die Verbannung. Am schlimmsten ging's dem trefflichen Offizierstande, der fast ausschließlich aus dem zahlreichen unbemittelten Adel des Landes bestand und der ein Opfer der organisierten Meuterei ward. Umsonst halten sich die Vertriebenen von der Armee Coburg's fern: die Spoliationsgesetze der Versammlung treffen alle Ausgewanderten in gleicher Weise: und Adelige, Offiziere, unbeeidete Priester haben fortan nur die Wahl, wie gehetztes Wild im Vaterlande oder wie darbende Bettler in der Fremde zu leben. Wer von Bürgerlichen nur etwas Vermögen, Bildung, Besinnung besitzt, hält sich verborgen und Frankreich ist der wüthenden Meute preisgegeben. »Etwas Furchtbares ist in der Vorbereitung (1792): die siebente Jacquerie ist im Anzug, diesmal allgemein und endgiltig; erst roh, dann gesetzlich und systematisch unternommen und ausgeführt im Namen abstrakter Prinzipien durch Führer, die ihrer Werkzeuge würdig sind. Nie ist etwas Gleiches in der Geschichte vorgekommen. Zum ersten Mal sieht man toll gewordene Wilde ( brutes ) im Großen und lange Zeit unter der Führung von tollgewordenen Pinseln ( sots ) arbeiten.« Die Schreckensherrschaft steht vor der Thür. Die Koalition des Doctors und des Procureurs, des Apothekers und Schullehrers triumphiert in jedem Landstädtchen und jedem Dorfe, denn der Edelmann und der Priester sind landesflüchtig, der Bürger ist eingeschüchtert und hält sich mäuschenstill, wie seitdem immer in jeder ähnlichen Katastrophe; der Bauer ist gesättigt und bringt sein Schäfchen in's Trockene. In der That war die Revolution ihrer dauernden Bedeutung nach zugleich eine Verrückung des Eigenthums und die gänzliche Gleichstellung aller Franzosen; für den Augenblick war sie vornehmlich eine Verrückung der Herrschaft von einer Klasse zur andern. Es liegt in der Natur der menschlichen Gesellschaft, daß die Herrschaft einer Klasse, wie die welche 1792 triumphierte, nur vorübergehend sein kann, daß sie zum Regieren wie zum Gesetzgeben gleich unfähig ist. Auch damals, wie so oft seitdem, wußte sie nur zu zerstören und das Terrain zu ebnen, nicht aber Etwas zu begründen. Selbst was sie anstrebt, müssen Andre verwirklichen. Kaum hat sich wieder eine höhere Klasse auf dem geebneten Boden erhoben, so überträgt sie einem Manne die Herrschaft und beauftragt ihn mit der gesetzlichen Regelung und Ordnung der neuen Verhältnisse. Der nun benutzt das brauchbare Material, das in jenen Revolutionairs steckt, und diese gesättigten Stürmer steigen dann ihrerseits in die »Aristokratie« hinauf. Umsonst suchte ein ähnliches Personal, wie das, welches von 1791 bis 1799 Frankreich beherrschte, sich 1830, 1848, 1871 wiederum der Herrschaft zu bemächtigen: es wurde stets sofort nach der ersten Überrumpelung beseitigt: erst 1878 sollte es ihm gelingen, Dank den Fehlern der regierungsfähigen Klassen, Dank der kurzsichtigen Toleranz des Kleinbürger- und Bauernstandes, das Ruder in die Hand zu bekommen. Ob es sie so lange behalten wird, als seine Vorgänger und Vorbilder vom Ende des vorigen Jahrhunderts, werden wir ja bald sehen. III. Es ist seit etwa zwanzig Jahren Mode geworden, zu behaupten, Napoleon habe eigentlich sehr wenig Verdienst bei der großen gesetzgeberischen Wiederherstellung des französischen Staates; die konstituierende Versammlung von 1789, die gesetzgebende von 1791, der Konvent von 1798, ja sogar die Versammlungen des Direktoriums hätten Alles vorbereitet; er habe ihren Schöpfungen nur seinen Namen gegeben; selbst an den Berathungen des Staatsrathes, aus denen die endgiltige Gestalt jener umfassenden Gesetzgebung hervorgegangen, habe er selten und stets nur passiven Antheil genommen. Es ist grob, aber nicht übertrieben, wenn man erklärt, daß diese Behauptungen bei den Einen sich auf bewußte Lüge, bei den Anderen auf gehorsames Wiederholen und Weitertragen der Parteilosungsworte zurückführen läßt. [Fußnote: Napoléon I., ses institutions civiles et administratives par Amédée Edmond-Blanc. Paris. E.Plon \& Cie. 1880. (Ein Band von 332 Seiten.) Herr Edmond-Blanc ist dem Geschichtsschreiber der »Entstehung des neuen Frankreich« um einige Jahre zuvorgekommen. Taine's Werk ist auf drei Theile berechnet, deren erster das » Ancien Régime «, der zweite die »Revolution«, der dritte das »Konsulat und Kaiserreich« behandeln sollen. Bis jetzt ist er nur bis zur Hälfte des zweiten Theiles gelangt und hier haben wir's bereits mit einem Werke über den Gegenstand des dritten Theiles zu thun. Bekanntlich plante schon Tocqueville ein Werk über die napoleonischen Schöpfungen, über dem ihn der Tod ereilte. Die wenigen Bruchstücke, welche wir davon besitzen, können unser Bedauern nur steigern, daß es ihm nicht vergönnt gewesen, den großen Plan auszuführen. Es ist in mehr als einem Sinne Schade, daß gerade Herr Edmond-Blanc es unternommen hat nachzuholen, was Tocqueville unvollendet gelassen, und daß es ihm geglückt ist, Taine zuvorzukommen. Einmal ist Herr Edmond-Blanc doch nicht Tocqueville, noch auch Taine. Ihm fehlt nicht nur die Autorität des Namens, welche ihm sofort Gehör verschafft hätte, es fehlt ihm auch der philosophische Blick der beiden berühmten Forscher; und er hat weder die künstlerisch vollendete Form der Komposition wie des Stiles, die Niemand dem älteren Vorgänger bestreiten wird, noch die glänzende, anregende und packende Darstellungsgabe des jüngeren. Vor Allem aber Herr Edmond-Blanc ist Bonapartist, leidenschaftlicher Bonapartist und diese eine Eigenschaft disqualifiziert ihn – um englisch zu reden – zum Geschichtsschreiber der bürgerlichen Thätigkeit Napoleons. Hätte er es wenigstens über sich bringen können, seine Fahne in die Tasche zu stecken, so hätte er der Sache der Wahrheit einen größeren Dienst geleistet, als er es jetzt that, wo er die Wahrhaftigkeit so weit getrieben hat, sich als Parteimann zu entmasken: Denn wer hat jetzt nicht die fatale Frage auf den Lippen: » vous êtes orfêvre, M. Josse? « Scherz bei Seite. Dies Buch würde unendlich mehr wirken, wenn man den Verfasser nicht in Verdacht haben müßte, die Thatsachen nach dem Interesse der Partei zu beugen. Ich beeile mich hinzuzufügen, daß dieser so nahe liegende Argwohn ganz unbegründet ist. Ich habe wenigstens hier keine Angabe gefunden, die nicht auf Dokumenten und unumstößlichen Daten beruhte. Der Verfasser führt stets seine Quellen an und er übt nie die perfide Kunst, die Thatsachen im Interesse seiner Vorurtheile auszuwählen, das Widersprechende zu verschweigen, das Vereinzelte so zu gruppieren, daß es zu einem unverhältnismäßig wichtigen Ganzen wird. Dabei schreibt er klar und sehr korrekt, seine Einteilung ist übersichtlich und ganz nach der Natur des Stoffes gegliedert; eine tüchtige, juristische und historische Vorbildung spricht aus jeder Zeile; und, wie gesagt, wenn es der Herr Verfasser über sich vermocht hätte, alle die unnützen Exordien, Perorationen, Glossen und Parenthesen der Napoleonsbewunderung wegzulassen, welche doch nur von Außen angeklebt erscheinen, so könnte seine sachlich unwiderlegliche Darstellung der Thatsachen eine viel tiefere und heilsamere Wirkung auf die öffentliche Meinung in Frankreich haben: denn die Stunde der Reaktion gegen die oberflächliche und geradezu fälschende Darstellungsweise der republikanischen Geschichtsschule hat schon seit einigen Jahren geschlagen. Wer Lust und Muße gehabt hat, des Referenten Schriften zu verfolgen, der weiß, wie er schon zur Zeit des universellen Triumphes der antibonapartistischen Richtung wieder und wieder einen tüchtigen Schriftsteller herbeigewünscht, der sich gegen jene Geschichtsfälschung erhöbe, wieder und wieder betont hat, wie unfruchtbar an positiven Schöpfungen die Revolution, wie unendlich fruchtbar dagegen Napoleon's gesetzgeberische Thätigkeit war, wie ganz Frankreich noch bis heute auf seinen Einrichtungen ruht, kurz wie die Größe des gesetzgebenden Ersten Konsul nur übertroffen wird von der Tollheit des kaiserlichen Politikers. »Sechs Grundsteine,« schrieb ich u. A. 1872 (Frankreich und die Franzosen. S. 64 der vierten Auflage), »legte der große Architekt des modernen Frankreich, um darauf das Gebäude der cäsarischen Demokratie aufzurichten und drei Revolutionen, drei Dynastien, zwei Republiken, drei Invasionen sind seitdem über das Haus gekommen, ohne jene Grundsteine auch nur im mindesten zu erschüttern. Ein neues Schild, ein neuer Anstrich, ja ein Fenster hier, einen Balkon dort mochten die wechselnden Hausmeister sich und den Insassen wohl gönnen; an den Mauern hat noch keiner zu rütteln gewagt.« Dieses Sachverhältnis aber überzeugend darzustellen, muß man, ich wiederhole es, über jeden leisesten Verdacht der Parteilichkeit und des Vorurtheils erhaben sein, Herr Eomund-Blanc aber ist ein Enthusiast; er bewundert leider die unerträgliche, vielleicht nur für die Übergangsperiode berechnete politische Verfassung, welche der Erste Konsul und Kaiser Frankreich gab, ganz ebenso sehr als die bürgerliche, welche er organisierte; und es sollte mich nicht wundern, wenn er auch die wahnsinnige äußere Politik des Mannes bewunderte, die zu besprechen hier glücklicherweise keine Gelegenheit war.] Ich will heute nicht von dem Zustande sprechen, in dem der Erste Konsul Frankreich am 18. Brumaire fand: bankerott und ohne allen Kredit, außer Stande die Beamten und selbst das Heer zu zahlen; ohne Justiz und Polizei, d. h. ohne Sicherheit der Person oder des Eigenthums, allüberall vogelfrei den Wegelagerern preisgegeben; ohne Verwaltung, jedes Dorf von der Oligarchie der kleinen Ortstyrannen ausgebeutet; die Häfen versandet, die Kanäle und Flüsse unschiffbar, die Heerstraßen vollständig zerstört und unfahrbar; die Kirchen und Schulen geschlossen; die Krankenhäuser ohne Einkünfte und Verwaltung. Nur die Berichte der Staatsräthe, welche 1800 und 1801 in die Provinzen geschickt wurden, können einen Begriff von der Verwahrlosung machen, in welche das Land gerathen war. Wie aber Bonaparte kraft des Genies und des Willens die Ordnung und den Wohlstand wiederherstellte, gehört ebenfalls in ein anderes Kapitel. Hier und heute wollen wir uns nur fragen: was fand er an Gesetzen, Dekreten, Regulativen aus der Hinterlassenschaft der Republik vor, das er einfach aus dem papiernen Zustande zum wirklichen Leben gebracht hätte? Denn auf dem Papier stand gar Vieles, wie das berühmte »Buch der Nationalwohlthätigkeit«, worin der Konvent jedem Greise und jeder Wittwe einen jährlichen Kredit von 120 Francs eröffnete, der freilich nie ausgezahlt wurde. Dagegen ward allerdings den Armen und Kranken versprochen, daß »das erste Nationalfest jedes Jahres der Ehre des Unglücks gewidmet sein«, und daß jede Landgemeinde die vom Arzte bezeichneten Heilpflanzen anbauen und den Kranken unentgeltlich liefern sollte, das Ganze begleitet von » cérémonies civiques en présence du peuple «. Einstweilen faulten die Betten in den Spitälern, starben die Kranken Hungers, unterlagen in den Kleinkinderbewahranstalten hier neun Zwanzigstel, dort gar 95 Procent aus Mangel an Pflege. Die sogenannte Gemeindeverfassung von 1789 war einfach die gesetzliche Anarchie. Alle Verwaltungsbehörden gingen aus den Wahlen hervor und die Staatsregierung hatte keinen Vertreter bei ihnen, welcher das allgemeine Interesse gegen das besondere hätte vertheidigen können. Nur die Abschaffung der Provinzen und die Eintheilung derselben in Départements und Arondissements war ein, allerdings bedeutendes Werk der Revolution. Die Folgen blieben nicht aus. Allüberall waren die örtlichen Obrigkeiten im Kampf gegen den Staat, verweigerten der Nationalversammlung wie den Ministern den Gehorsam, schalteten und walteten ganz nach Belieben, verschleuderten das Gemeindevermögen, theilten sich mit den Gevattern in die Vortheile und den Einfluß, welche die Ämter gaben, waren aber ohnmächtig ihren Herren, den Wählern, gegenüber, wenn diese in die Straße hinabstiegen. Nirgends eine Verantwortlichkeit, da alle Obrigkeit kollegialisch war. Der Konvent schaffte zwar den Kreis, und tatsächlich auch die Gemeinde, ab, an deren Stelle er den Kanton setzte, dessen räumliche Ausdehnung es meist nicht einmal erlaubte, daß die gewählten Kollektivbehörden sich regelmäßig versammelten. Er schuf auch wieder von der Centralgewalt ernannte Beamte, welche unter dem Namen von Regierungskommissären den Ortsversammlungen gegenüberstanden: aber er ließ sie ohne alle Waffen und alle Mittel der Einwirkung. Die Befugnisse beider Behörden waren ungeschieden. Wohl hatte der Konvent einen Polizeiminister geschaffen, aber faktisch erstreckte sich dessen Einfluß nicht auf die Provinz. Die örtliche Polizei existierte eigentlich nicht; wo ein Schatten davon war, hing sie allein von der Wahlversammlung ab. Bonaparte griff auf eine Einrichtung des alten Regime, die Intendanten, zurück, indem er die Präfekten einführte, unter denen, ebenfalls von der Regierung ernannte Unterpräfekten und Maires, die Centralgewalt vertraten und die thätige Verwaltung leiteten, während neben ihnen die Munizipal-, Kreis- und Departementalräthe, welche die Bevölkerung vertraten, aber nicht mehr gewählt, sondern (und zwar bis 1832) aus den Notabeln genommen wurden, die lokalen Interessen vertraten, die Steuern auftheilten. Die Präfekturräthe, Kollegien von Beamten der Centralregierung, erhielten die Berathung und Entscheidung der strittigen Fragen und Konflikte. Endlich ward auch die Polizei unter die Oberleitung der Centralgewalt, des Polizeiministers, gestellt. Über Allem stand die größte Schöpfung Napoleon's der Staatsrath, welcher zugleich eine obere Instanz für die Entscheidungen der Präfekturräthe und der eigentliche gesetzgebende Körper war; denn die amtlich mit diesem Namen bezeichnete Repräsentativversammlung hatte, unterm Kaiserreich wenigstens, nichts Anderes zu thun als die vom Staatsrathe ausgearbeiteten Gesetze zu votieren. Was man auch von diesem ganzen administrativen Mechanismus halten mag, der sich als das hauptsächlichste Hindernis einer freien konstitutionellen Entwicklung Frankreichs erwiesen hat, – Eines ist sicher, er hat der Zeit getrotzt und besteht noch heute unversehrt. Noch schlimmer als mit der Verwaltung stand's mit den Finanzen unter der ersten Republik. Die Geschichte der Assignate ist in Aller Gedächtnis. Drei Bankerotte in zwei Jahren waren die Folgen der Finanzpolitik der Konstituante und des Konvents. Als der Erste Konsul am 20. Brumaire Gaudin (den späteren Herzog von Gaëta) in's Finanzministerium schickte, fand derselbe 167,000 Franken vor, die man Tags zuvor geborgt hatte. Mit großer Mühe erlangte die neue Regierung vom Pariser Handel ein Anleihen von 12 Millionen um 12 ¾ Prozent, womit sie über die ersten Tage knapp genug hinauskam. Die Lieferanten und selbst die Generale übervortheilten den Staat auf's Keckste und gingen straflos aus; es brauchte alle Energie Bonaparte's, um dem Unwesen zu steuern. Dazu hatte die Nationalversammlung alle Einnahmequellen abgeschnitten: sie hatte sämmtliche indirekten Steuern abgeschafft und die direkten kamen seit 1789 nicht mehr ein: von 300 Millionen ausgeschriebener Steuern hatte die Regierung im Jahre 1792 nur 4 Millionen einkassiert. Vierzehn Tage nach dem 18. Brumaire waren auch schon die Steuerämter eingerichtet, wie sie noch heute bestehen und in weniger als einem Jahre waren die Steuerlisten festgestellt, die Rückstände von 1799 eingetrieben. Im nächsten Jahre schon begann die große Arbeit des Katasters. Zugleich wurden die indirekten Steuern unter dem neuen Namen der droits réunis wiederhergestellt und auch sie, wie die Einnahmestellen, verantwortlichen Einzelbeamten übertragen. Auch diese Organisation besteht noch heute in derselben Form, wenn auch unter anderm Namen. Register, Forst- und Postverwaltung wurden schon vorher nach demselben Prinzip reorganisiert. Später folgte die Einrichtung des Tabakmonopoles, welches sich so fruchtbar erweisen sollte und das denn auch allein hingereicht hat, die Rechnung für den tollen Streich von 1870 zu zahlen. (Maxime Ducamp hat in seinem Buche über »Paris« nachgewiesen, daß der Tabak in den sechzig Jahren von 1811 bis 1871 dem Staatsschatz genau 5 Milliarden weniger einige 100,000 Franken eingetragen hat.) Es verstand sich von selbst, daß die Finanzbeamten nicht länger vom souveränen Volk gewählt waren, wie es die Nationalversammlung eingeführt, sondern von der Centralregierung ernannt und auf's Strengste überwacht wurden. Obschon Manches gegen das Napoleonische System des Konto-Kurrents einzuwenden ist, welches thatsächlich dem Generaleinnehmer Zinsen für Kapitalien zahlt, die dem Staate selber angehören, und aus dem Staatsschatz eine Art Bankgeschäft macht, so ist dasselbe doch bis heute unverändert beibehalten worden. Von unzweifelhaftem und unbezweifeltem Vortheil ist für Frankreich die Rechnungskammer gewesen, welche Napoleon einrichtete und die noch heute als oberste Kontrollbehörde arbeitet; sie ist für die Finanzverwaltung dasselbe wie der Staatsrath für die eigentliche Verwaltung, der Kassationshof für die Justiz: die oberste Instanz zugleich und die die Jurisprudenz feststellende Behörde. Auch die Bank von Frankreich, welche der Erste Konsul zwei Monate nach dem Staatsstreiche gründete, hat sich als ein lebensvolles und fruchtbares Institut erwiesen; ebenso sind die von ihm eingerichteten Handelskammern, Kunst- und Gewerberäthe, wie die Versammlungen der Sachverständigen noch heute in voller Thätigkeit. Die dritte Republik hat, wie früher die legitime Restauration, dem Code Napoléon seinen Namen genommen, was nicht schwer war. Ihre Schriftsteller haben zu beweisen versucht, daß derselbe im Grunde nicht das Werk Napoleons gewesen: das war freilich etwas schwerer und ist denn auch keineswegs gelungen. Wohl hatte die Nationalversammlung auch in dieser Beziehung goldene Berge versprochen, aber auch, wie auf allen anderen Gebieten, gar wenig gehalten. Ihre beiden Nachfolgerinnen, die gesetzgebende Versammlung und der Konvent, thaten nicht viel mehr. Alles was dieselben an privatrechtlicher Gesetzgebung leisteten, beschränkt sich auf zwei Dekrete, von 1792 über den Civilstand und die Scheidung, und auf vier Gesetze von 1791, 1793 und 1794 über das Erbrecht. Von diesen sechs Gesetzen ist nur das erste, welches die Civilehe einführte und das Civilstandsregister den Geistlichen abnahm, um es bürgerlichen Beamten zu übergeben, in Kraft geblieben. Die Ehescheidung wurde schon von Napoleon stark beschränkt, unter der Restauration ganz aufgehoben; der revolutionäre Schritt, welcher dem Erblasser alle und jede freie Verfügung über seine Habe benahm, ward durch das noch heute geltende Recht des Code Napoléon ersetzt. Dieser, d. h. das französische Privatrecht, sowie das Handelsgesetzbuch, der Civilvrozeß, das Strafgesetzbuch und der Kriminalprozeß waren das Werk der Staatsräthe und Napoleons selber. Nur der Parteigeist kann sein Verdienst hierbei zu schmälern suchen. Zuvörderst wußte er nicht nur alle die großen Juristen wie Merlin de Douai, Tronchet, Portalis, Cambacérès zu finden und ohne Ansehen der Partei unter den Terroristen wie unter den Männern des alten Regimes zu wählen; sondern, so jung an Jahren, so unvertraut mit den Gegenständen er auch war, leitete er doch persönlich den größten Theil der Berathungen. Wie er alle Monate einmal dem Finanzrath präsidirte und wenn er nicht in Paris war, brieflich die Finanzangelegenheiten leitete – sein Schatzminister Mollien erzählt, daß er selbst im Jahre 1811, wo er den Kaiser doch täglich sah, 120 Briefe von ihm erhielt; – so war er auch, so oft er nur konnte, im Staatsrathe gegenwärtig, und wie er in der Finanzfrage, namentlich in der Berathung über die Bank von Frankreich, alle Finanzmänner durch die Fülle und Klarheit seiner Ideen in Erstaunen gesetzt hatte, so in den Rechtsfragen die Juristen. Die Berathung des Code civil allein nahm 102 Sitzungen in Anspruch, von denen der erste Konsul 59 selber präsidierte; sie begannen gewöhnlich um 12 Uhr und dauerten, wenn er zugegen war, meist bis sieben, oft bis neun Uhr Abends und er nahm an allen Diskussionen thätigen Antheil. Die Sitzungsprotokolle lassen darüber nicht den geringsten Zweifel, noch weniger darüber, daß seine Ansicht fast immer den Ausschlag gab. Noch schlimmer als mit dem Rechte stand es mit der Justiz unter der ersten Republik. Die Nationalversammlung hatte die alten Parlamente abgeschafft und an ihrer Stelle ein Gericht per Kreis mit auf sechs Jahre vom Volke gewählten Richtern eingesetzt. Eine höhere Instanz gab es nicht: man konnte nur von einem Tribunal an ein anderes vom gleichem Range appellieren. Die Staatsanwaltschaft war von der Centralregierung ernannt, aber unabsetzbar. In jedem Departement (Regierungsbezirk) ein Kriminalgericht mit zwei Geschworenenkollegen, einem für die Anklage, dem anderen für den Urteilsspruch. Nichts von alledem hat glücklicher Weise die Revolution überlebt: glücklicher Weise, denn jene gewählten Richter waren wie die Geschworenen willenlose Werkzeuge der aura popularis : die Justiz bestand so gut wie nicht in den zehn Jahren. Nur die in der Versammlung von 1789 geschaffenen Friedensrichter und der Kassationshof wurden von Bonaparte beibehalten und bestehen noch; nur daß die Friedensrichter und die Kassationsräthe natürlich seit dem Konsulat auf Lebenszeit von der Exekutive ernannt, nicht wie die letzteren während der Revolution auf vier Jahre von den Departements gewählt wurden: ein eigenthümliches Verfahren um eine Behörde herzustellen, der die Einheit der Jurisprudenz und die Aufrechthaltung ihrer Tradition anvertraut ist! Schon in den ersten Monaten des Konsulats ward in ihren Hauptlinien die noch heute herrschende richterliche Hierarchie gezeichnet, sowie das Civil- und Strafverfahren geordnet, wie es noch heute eingehalten wird, ohne daß in den achtzig Jahren auch nur ein Jota geändert worden wäre. Das nicht verächtliche Unterrichtswesen der alten Monarchie war 1789 völlig aufgelöst, dagegen ein allgemeines Unterrichtssystem versprochen worden, das »allen Bürgern gemeinsam für die allen Menschen unentbehrlichen Unterrichtsgegenstände unentgeldlich ertheilt und dessen Anstalten in verschiedenen Graden und im Verhältnis zu den Eintheilungen des Königreichs angelegt werden« sollten. Natürlich geschah Nichts von alledem. Mehr that der Konvent, welcher die drei noch heute blühenden Anstalten, der polytechnischen Schule, des Gewerbekonservatoriums und des Gymnasiallehrerseminars schuf. Letzteres freilich bestand nur sieben Monate und wurde erst sieben Jahre später vom ersten Konsul wiederhergestellt. Auch schuf der Konvent die Akademie der politischen und moralischen Wissenschaften und vereinigte sie unter dem Namen des Institut de France mit den anderen Akademien; allein auch diese Anstalt wurde von Bonaparte reorganisiert. Endlich erließ der Konvent (1795) ein allgemeines Gesetz über das Unterrichtswesen, welches in Volksunterricht, mittleren Unterricht und Fachschulen eingetheilt wurde. Als aber fünf Jahre später Bonaparte die Regierung in die Hand nahm, fand er so gut wie keine Schulen vor: Paris mit seiner halben Million Einwohner zählte keine 1000 Schulkinder; die vier Mittelschulen (Gymnasien) der Provence hatten zusammen 200 Schüler. Alles stand eigentlich noch auf dem geduldigen Papier. Ich habe anderswo (s. Frankreich und die Franzosen S. 64–105 der vierten Auflage) den Organismus der » Université de France «, wie Napoleon sie geschaffen und wie sie noch heute besteht, dargestellt; und will hier nur noch einmal betonen, daß ich diese Schöpfung Napoleons keineswegs unbedingt bewundere, so wenig wie seine Organisation der Verwaltung; ja, daß ich sie in gar mancher Beziehung für unheilvoll halte. Worauf es hier ankommt, ist aber nicht mein Urtheil, sondern die Thatsache, daß sie sich als lebensfähig erwiesen, daß sie noch besteht, daß Napoleon also die Traditionen wie die Verhältnisse, den Charakter wie die Sitten seiner Nation richtig beurtheilte, als er sie in's Leben rief. Dasselbe mag von der Ehrenlegion und dem neuen Adel gesagt sein, welche er einführte und die noch heute zu den Einrichtungen gehören, welche weit entfernt ein Scheinleben zu fristen, sich zu nationalen Organismen ausgebildet haben, obschon bei diesen wie bei der Universität es dem Kaiser nicht gegeben war, seine Pläne ganz zu verwirklichen. Eine That Bonaparte's aber sollte heute von allen Unbefangenen ganz vorbehaltslos bewundert und als sein fehlerfreiestes, größtes Werk anerkannt werden: das Konkordat mit Rom, welches so recht sein eigenstes, persönlichstes Werk war. Er schloß es bekanntlich 1801 ab und es lebt noch heute. Es trug den augenblicklichen Verhältnissen Rechnung, knüpfte an die großen Überlieferungen Altfrankreichs an und ordnete die Dinge so, daß noch heute weder Rom noch die französische Republik daran zu rütteln Lust oder Grund haben. Es würde mich zu weit führen, wollte ich die furchtbare Anarchie beschreiben, welche die Nationalversammlung auf dem kirchlichen Gebiete angerichtet oder gar Brandes' Ausführungen widerlegen, der sich bekanntlich unendliche Mühe gegeben hat, nachzuweisen, daß die ganze religiöse Wiederherstellung Bonaparte's eine künstliche und willkürliche war. Nichts wäre leichter als an Hunderten von wohlbestätigten Thatsachen nachzuweisen, wie der erste Konsul nur der Stimmung der ganzen Nation Genugthuung gab, indem er die Kirchen wieder öffnete, ohne der Oberhoheit des Staats gegenüber der Kurie, der modernen bürgerlichen Gesetzgebung gegenüber den theokratischen Ideen auch nur das Geringste zu vergeben: allein es bedürfte dies einer Ausführung, welche die Grenzen unserer heutigen Aufgabe weit überschreiten würde. Selbst einer der unversöhnlichsten Gegner Napoleons III. und ein überzeugter Bewunderer der parlamentarischen Monarchie, ein Chef jener »Doctrine«, welche sich ganz besonders gegen die kaiserliche Politik richtete und von den Konstitutionellen von 1789, insbesondere von Malouet ausging, der Schwiegersohn Mme. de Staëls, der Minister Louis Philipp's, der Freund Guizot's, der Herzog von Broglie in einem Wort, sagte in einer Schrift, welche von dem Neffen des großen Kaisers widerrechtlich mit Beschlag belegt wurde – sie war damals nur lithographiert für den Freundeskreis –: »Er – Napoleon Bonaparte – habe die französische Gesellschaft so zu sagen aus dem Moraste gezogen, habe in ihren Trümmern aufgeräumt, um sie auf den ewigen Grundlagen der Natur, der Billigkeit und der Vernunft wieder aufzubauen«, denn »er habe die Familie, das Eigenthum, die Gerechtigkeit, die Verwaltung, die Finanzen, ja die Civilisation selber wiederhergestellt und überall die Spur einer unermüdlichen Thätigkeit und eines unvergleichlichen Genies hinterlassen.« » Nous avons changé tout cela « seit Herrn Lanfrey und Genossen. Es ist Zeit, daß die Welt wieder einlenke und zur Wahrheit zurückkomme. »Wir sind fertig mit dem Roman der Revolution«, sagte Napoleon einst im Staatsrate, »es ist Zeit, ihre Geschichte zu beginnen.« Das sollte auch der Nachwelt gesagt sein. VI. Henry Costa de Beauregard. I. Wer sich einmal recht lebendig den Abstand zwischen der Denk-, Handlungs- und Gefühlsweise des vorrevolutionären und des heutigen Adels vergegenwärtigen möchte, dem sei das Buch Herrn Costa de Beauregard's empfohlen, in welchem derselbe die Lebensgeschichte, oder genauer zu reden, die wichtigste Episode aus der Lebensgeschichte seines Urgroßvaters erzählt. Un homme d'autrefois, souvenirs recueillis par son arrière-petit-fils, le Marquis Costa de Beauregard. (Paris. 1878). Die dreibändigen »Mémoires historiques sur la Maison de Savoie« (Turin 1816), welche merkwürdiger Weise hier gar nicht erwähnt werden, sind wohl ein Werk des »Mannes von ehedem«; der Standpunkt des Verfassers ist jedenfalls derselbe. Allerdings ist diese vergleichende Belehrung auch der einzige Vortheil, den man aus dem Umstande ziehen kann, daß der Urenkel, anstatt uns die Briefe und Denkwürdigkeiten seines Ahnen einfach mitzutheilen, geglaubt hat, er müsse sie mit einem fortlaufenden Kommentar begleiten – und was schlimmer ist, denn den Kommentar kann man am Ende überschlagen – er brauche uns die interessantesten Stücke nur im Auszuge mitzutheilen, d. h. er dürfe seine Prosa an Stelle der Worte des Marquis Henry setzen. Uns ist aber das keineswegs gleichgültig; denn es besteht zwischen dem Stile des Vorfahren und des Nachkommen derselbe Unterschied wie zwischen ihrer Denkart. So einfach, natürlich belebt, witzig angehaucht und tief erregt die Sprache des Ersteren ist, so gesucht, so modern, so aus Balzac und allen neueren Stilverderbern Frankreichs zusammengelesen ist die Sprache des Zweiten. Dies macht den der neuen Mode ungewohnten Leser namentlich da besonders ungeduldig, wo der Herausgeber, nachdem er einen Brief aus dem Jahre 1793 oder 1794 wörtlich angeführt, denselben amplifizierend in's Französische von 1878 übersetzt, welcher scheinbar unschuldige Zeitvertreib immerhin den Platz wegnimmt, der besser mit so vielen, hier weggelassenen Stellen aus jenen Briefen und Tagebuchblättern ausgefüllt wäre, die der Herausgeber dann abzukürzen gezwungen ist, wie er z. B. den inedierten Originalbericht seines Ahnen über den Waffenstillstand von Cherasco, d. h. über Napoleon Bonaparte's erstes Auftreten als Diplomat nur im Auszuge gegeben hat. Unser Zeitgenosse ist – so sagte ich – eben so entfernt von der einfach unbefangenen Gesinnung seines Helden, als von seiner Sprache. In der That dient jener seinem König und folgt ihm, wenn nicht wie Joinville seinem heiligen Herrn als ein ergebener aber brummender Sancho Pansa, so doch wie der getreue Johannes, der alle Übel kommen sieht, sie verhindern möchte, sein Leben und sein Liebstes opfert, oft verkannt, am Ende aber doch als treu erfunden wird, ein tief- und weitsehender, hochgebildeter Mann, der es seinem Kopfe nie erlaubt, seinem Herzen dreinzureden und ihn an seiner Pflicht irre zu machen; dessen Pflicht aber einfach die ist, auszuharren bei seinem Könige, selbst da, wo sein Verstand nicht alles billigen kann. Der Urenkel dagegen glaubt königlicher als sein König sein zu müssen. »O savoyische Fürsten,« ruft er, »was würde heute Euer alter Diener von Euch sagen? In seiner fernen Verbannung folgte er Euch mit seinem Herzen und seinen Hoffnungen; er würde Euch verleugnen in der Stunde wo ihr Sieger seid und allmächtig. Ihr habt die Wiege Eurer Kindheit zurückgestoßen; Ihr habt die Männer verkannt, deren Blut Tropfen um Tropfen den Rubin Eurer Königskrone gebildet, Männer, die nichts über Euch kannten als ihr Gewissen und Gott. Sie haben sich von Euch gewandt, als sie sahen, daß Euer Schlachtroß gen Rom blickte.« Verzeihung, Herr Marquis! Ihr Ahne würde seinen Herrn nicht verleugnet haben: er würde seufzend, aber entschlossen den Gräbern von Hautecombe den Rücken gewandt haben; er würde, kopfschüttelnd vielleicht, aber ohne Zaudern, sein Rößlein südwärts gewandt haben, sobald Viktor Emanuel das seine gen Sanct Peter gewandt. Da liegt ja gerade der Unterschied zwischen dem Edelmann der Überlieferung, welche die große Revolution zerstört, und dem Edelmann der Theorie, dem man hinterher ein monarchisch-religiöses System hergerichtet, worin Alles zu finden ist, außer der einfach treuen Hingabe an den Monarchen und an Gott. Der Marquis Henry war der nächste Freund Joseph de Maistres; aber er ließ sich durch keines jener Sophismen des Systematikers von Thron und Altar bestechen, denen der Urenkel, so wenig wie die große Mehrheit des Adels im »wahren Frankreich, dem katholischen Frankreich«, dem er ja jetzt angehört, zu widerstehen gewußt hat. Unberechenbar aber ist das Übel, das die große Revolution so angerichtet hat, indem sie den intelligentesten und besten Theil des Adels in jenen Geist engherziger Reaktion warf, welcher der Aristokratie des vorigen Jahrhunderts so fremd war und heute die in erster Linie zur Staatslenkung berufenen Kreise tatsächlich fast ganz unfähig zu diesem ihrem Berufe macht. Über jene große Revolution nun enthält der vorliegende Band höchst wichtige und lehrreiche Auskunft, namentlich über das Auftreten derselben als Propaganda und über die Behandlung, welche der Provinzadel erfuhr. Diese Auskunft bestätigt wieder einmal vollauf alles von Taine über diesen Punkt Beigebrachte, wie ja auch die vor Kurzem veröffentlichte, noch interessantere Korrespondenz des Grafen Fersen Alles bestätigt, was der jüngste Geschichtsschreiber der Revolution über die Versailler und Pariser Zustände jener Zeit gesagt hat. Im Grunde nämlich greift der Marquis Costa de Beauregard nur die zehn Jahre von 1790-1800 heraus, während er die erste Lebenshälfte, sowie die vierundzwanzig letzten Jahre seines Helden in wenig Seiten abthut. Immerhin bleibt sein Werk ein unschätzbarer Beitrag zur Geschichte der großen Revolution und der Auflösung Piemonts. Noch höher ist das psychologische Interesse des Buches, das uns den Mann, den wir aus Joseph de Maistre's Briefwechsel nur sehr oberflächlich kannten, menschlich so nahe bringt. II. Der Marquis Henry Costa de Beauregard ward im Jahre 1752 als der erste Sohn des Marquis Alexis Costa de Beauregard auf dessen Schlosse Villard in Savoyen geboren. Die Familie lebte fern vom Turiner Hofe, wo ihr alter Adel und die geleisteten Dienste ihr eine glänzende Stellung gesichert haben würden; allein Unabhängigkeitssinn sowohl als das Bedürfnis, die etwas zerrütteten Vermögensverhältnisse durch Sparsamkeit wiederherzustellen, hielten den Marquis in seiner Alpeneinsamkeit zurück. Doch der Geist des Jahrhunderts drang bis in diese Einsamkeit, wo man ihm indeß im Ganzen feindlich gegenüberstand. Das Leben auf Schloß Villard war ein schlichtes patriarchalisches; es war kein rohes Nimrodleben. Alte Verwandte und adlige Freunde, ein Abbé, ein Rechtsbeistand gehörten mit zur Familie und ihre nicht immer ganz übereinstimmenden Ansichten regten zu lebhaften Debatten an. Man las viel, wenn auch nur, um über die Gottlosigkeit des Jahrhunderts zu klagen – heute macht man es sich bequemer in jenen Kreisen, man klagt über die Gottlosigkeit Voltaire's, und Renan's, ohne sie zu lesen. Eine zahlreiche und gewählte Bücherei, eine treffliche Gemäldesammlung, deren Stamm ein Vorfahre von seiner Gesandtschaft in den Niederlanden heimgebracht, wirkten bildend auf die heitere Kinderschaft, die sich im unzugänglichen Bergschloß herumtummelte. Als der siebenjährige Henry einmal ein paar Tage in Chambéry zubringt, schreibt er heimwehgerührt an seine Schwester: »Man lebt nur in Villard, hier vegetiert man.« Die fast unkindliche Frühreife, die aus diesen Worten spricht, klingt aus allen Jugendbriefen des Knaben wieder: »Sage Herrn Girod,« schreibt er zwölfjährig aus Beauregard, einem der Familie gehörigen Schlosse am Genfer See, »sage ihm, Domenichino sei ein Rindvieh gewesen, ehe er ein Engel geworden;« und zwei Jahre später aus Moulins auf seiner Pariser Reise: »Ich bin ausnehmend zufrieden mit dem Mausoleum des Herzogs von Montmoreney. Man sieht ihm an, daß der Künstler seine Antike vortrefflich besaß; im Kopfe der Charitas habe ich die Züge und Charaktere der Venus von Medicis wiedererkannt; ich bin fast geneigt zu glauben, daß sie zu gut sind.« Und aus Paris, über den ersten Kunstkritiker der Zeit, dem er in der Werkstätte von Greuze vorgestellt wurde: »Herr Diderot hat von meinen Bildern mit viel Geist gesprochen, aber mit wenig Urtheil, wie es bei Leuten seiner Art der Fall zu sein pflegt«. Die Suffisance würde unerträglich sein, wenn die besonderen Umstände sie nicht erklärten und milderten. Der Knabe hatte früh ganz ungemeine Anlagen für Zeichnen und Malen an den Tag gelegt und schon mit vierzehn Jahren sein Talent so trefflich ausgebildet, daß er in Paris nicht nur in allen kunstliebenden Salons, sondern auch in allen Ateliers als ein Wunderkind, dann als ein gefährlicher Rival aufgenommen war. Glaubte doch Greuze selbst, nachdem er den Knaben bewundert, eifersüchtig auf ihn werden zu müssen. Er hatte den gefeierten Meister bei Gravelot kennen gelernt, »dem Kupferstecher, du weißt, der mit seinen herrlichen Kompositionen die garstigen Werke Voltaire's bereichert hat«, schrieb der kleine Altkluge an seine Mutter. Es hatte sich nämlich die Gelegenheit geboten, den Knaben mit einem noch jugendlichen Onkel, der an den Hof reiste, nach Versailles und Paris zu schicken, und die Eindrücke, welche Stadt und Hof auf ihn machen und die er in seinen täglichen Briefen niederlegt, sind in ihrer Art ebenso charakteristisch, als diejenigen, welche wir von dem edel-einfachen Landleben auf Schloß Villard empfangen, wo der Grund zu der manchmal etwas engen, stets aber hohen Weltanschauung, zu der eigenthümlichen sittlichen Schönheit gelegt wurde, die den Mann auszeichnen sollten. Nach wenig Monaten der Abwesenheit, in welchen der naseweise Junge fast zum Manne und zum Künstler gereift war, kehrte er zu seiner angebeteten Mutter, seinen Geschwistern, den alten Hausfreunden und Lehensleuten in Villard zurück. Wie scharf der Jüngling sah, wie echt sein Kunstsinn, wie entschuldbar sein anscheinend übertriebenes Selbstgefühl den französischen Berühmtheiten der Zeit gegenüber – von Boucher's Bildern schrieb er als von »Unrath, der jetzt an der Mode sei, aber die Malerei entehre« – das erhellt aus dem Umstande, daß er die Palette an den Nagel hängte, sobald er die wirklich große Kunst gesehen. Er war siebzehn Jahre alt, als er mit seinem Vater Italien bereiste, wo er wie trunken von Palast zu Palast, von Kirche zu Kirche ging. Als er heimkam, schrieb er auf die letzte Seite seines Albums: »Hier mache ich einen Punkt. Ich bin böse auf Titian und wüthend auf Raphael. Sie sind zu sehr über den Menschen, als daß Jemand nach ihnen noch einen Pinsel zu halten wage.« Es ist mehr wahres Kunstgefühl in diesen Worten und dieser Handlung des von ganz Paris bewunderten jungen Dilettanten, als in manchem angestaunten Werke unserer Künstler vom Fach. Und Henry hielt Wort: er gab die Malerei auf. Daß ihm aber nicht die Namen, sondern die Leistungen imponierten, dafür haben wir einen Beweis darin, daß er den damals kaum genannten Sodoma fast eben so hoch schätzte als Raphael, und eines seiner, wie man sagt, vollendetsten Werke aus einem Fleischerladen, wo es als Tisch diente rettete, indem er es mit seinen Ersparnissen für Villard ankaufte. Nach der Gewohnheit seines Standes trat Henry mit achtzehn Jahren in's Heer, wo er bald die Aufmerksamkeit der Oberoffiziere auf sich zog; aber das Garnisonleben widerte ihn an und als die Familie ihm vorschlug sich zu verheirathen, zögerte er nicht einen Augenblick, obschon die ihm bestimmte Braut, seine Base, die er aber kaum kannte, weder schön noch jung war und selber etwas Angst hatte, der »junge Gelbschnabel, der zu hübsch war, um nicht von den Frauen verhätschelt zu sein«, werde nicht allzueifrig werben. Die Angelegenheit war bald im Reinen und es dauerte nicht lange, so führte Henry seine Gemahlin in feierlichem Zuge unter Glockengeläute, Flintenknallen, umgeben von allen Pfarrern und Landleuten der Gegend, nach Villard. Hier half er seiner Ehehälfte vom Maulthier; sie machte dem versammelten Landvolk eine Reverenz und klopfte dann dreimal mit dem Fächer an das geschlossene Thor der Veste. »Plötzlich öffneten sich beide Flügel und der alte Marquis Alexis erschien im großen Hofkostüm, begleitet von seiner Frau, seinen Kindern und allen seinen Dienern. Zwei Jäger trugen ein silbernes Becken und einen goldenen Napf. Der Marquis ging vor bis in die Mitte der Terrasse, ließ einen Becher füllen, entblößte sein Haupt und brachte das Hoch des Königs aus, dann das seiner Schwiegertochter, endlich das aller versammelten Freunde. Dreimal leerte der Marquis sein Glas unterm Hochrufen der Menge und das Fest begann. Acht Tage lang war offene Tafel in Villard, auf dem Schlosse selber und unter den hohen Bäumen der Terrasse. Den achten Tag war das Fest der Armen: Jeder erhielt ein Kleid und einen kleinen Thaler. An diesem Tage aber bedienten Henry und seine Frau selber die Gäste, wie es alte Sitte des Hauses war, wenn der Erstgeborene heirathete.« Wenig Liebesheirathen sind wohl je so gut ausgefallen, als diese Konvenienzehe. Vierunddreißig Jahre lebten die Gatten in einer ungetrübten Einigkeit, voll gegenseitiger zärtlicher Liebe, Achtung, ja Bewunderung: die Innigkeit des Verhältnisses leuchtet aus jeder Zeile der herrlichen Briefe, die uns hier mitgetheilt werden, ohne daß man sagen könnte, welcher von den beiden Gatten mit mehr Wärme und Treue am Andern hange. Die edelsten Tugenden vereinten sich bei beiden mit liebenswürdigem Naturell, lebhaftem Geiste und gediegener Bildung, und bildeten zusammen eine stets strömende Quelle inneren Reichthums, der keinen Überdruß aufkommen ließ; vier muntere vielversprechende Knaben die ihnen erwuchsen, die Sorge um Beauregard, das sie kurz nach der Heirath bezogen, und das nicht nur wohnlich eingerichtet, sondern auch als Ertragsgut zu verwalten und zu verbessern war, füllten das Leben genugsam aus, um keine Leere aufkommen zu lassen. Ein einziger der reizenden Briefe, den Henry seiner Gattin schrieb, als sie einmal auf einen Monat das Paradies am Genfer See verlassen, mag ein Bild des Lebens in Beauregard geben. Ich übersetze das vous durch Du; unser Sie , wie's Schiller z. B. Wallenstein der Herzogin gegenüber in den Mund legt, giebt das französische vous zwischen Gatten nicht wieder: es ist zu steif und es ist eben nicht mehr deutsch; auch das alte Sie der Kinder gegen die Eltern hat eine andere Schattierung, Das französische vous ist mit der größten Zärtlichkeit verträglich. Es war in vornehmen Familien so allgemein und natürlich als das englische you , und hat sich in solchen meist noch heute erhalten; das tu klang allzusehr nach dem Alkoven. Es ist ganz irrig zu glauben, es gehöre eine Art von sozialer Selbstbeobachtung dazu, vor den Leuten, vor allem vor den Kindern, das in der Intimität gebrauchte Du nicht anzuwenden; es ist dies den daran Gewöhnten ebenso natürlich, als sich in Gesellschaft der Kosenamen gegen seine Frau zu enthalten, was doch unter gesitteten Menschen als eine Pflicht des Anstandes und des Schamgefühls gilt. »Ich habe, meine Beste, eben beim Heimkommen alle meine Jungen wohlauf gefunden; die armen Kleinen haben mich auf's Reizendste empfangen. Sie waren mir, soweit sie nur mit ihren Beinchen laufen konnten, entgegengekommen und ihre Jubelrufe, sobald sie meiner ansichtig wurden, sind mir sehr zu Herzen gegangen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr Du ihnen fehlst. Wir werden uns gar schwer daran gewöhnen, Dich nicht zu sehen, denn Du bist doch recht eigentlich die Seele des Völkchens. Vorgestern, um das Unglück vollzumachen, stürzte der große Tisch in der Mitte des Speisesaales mit furchtbarem Krachen zusammen, alles Porzellan des Hauses, das man darauf gestellt hatte, mit sich reißend, so daß kein Stückchen davon übrig blieb. Eugen, der bei diesem Unglück zugegen war, fing an bitter über meinen Ruin zu weinen, den er als die nothwendige Folge ansah. Ich lief herbei in Schrecken über das Geräusch, über das Schreien namentlich, das sich hineinmischte, und konnte mich des Lachens über Eugens Verzweiflung nicht erwehren, welche sich seinen Brüdern mitgetheilt hatte. Ich nahm sie alle Vier auf meine Knie und erzählte ihnen die Geschichte Hiob's, dessen Angelegenheiten nicht besser gingen als meine, und der noch überdies die Krätze hatte und eine böse Frau, um ihm die Ohren voll zu schreien. Im Übrigen, mein Schatz ( ma mie ), haben wir uns den Tag so eingetheilt: ich stehe sehr früh auf und schreibe bis meine lieben Kleinen aufstehen. Ich frühstücke mit ihnen, worauf ich hingehe wo zu thun ist. Wir essen zu Mittag und zu Abend und gehen zu Bette zur selben Zeit und zwar sehr früh; denn ich richte mich nach ihnen. Nach dem Mittagessen haben wir lange Unterhaltungen mit einander, ein wenig Lesen; oft essen wir Kirschen zum Nachmittag, indem wir uns allerhand unterhaltende Geschichten erzählen; bei Sonnenuntergang gehen wir plaudernd zum See hinunter, sicher, unser Nachtessen bei der Heimkehr bereit zu finden.« Der älteste, Eugen, zeigte große Anlagen und war fast noch frühreifer, als der Vater es gewesen. »Kaum lallte Eugen ein paar Worte,« sagte Joseph de Maistre, der berühmte Hausfreund von Beauregard, »so lieferte ihm ein rascher Geist schon glückliche Ausdrücke, welche eine kräftige Intelligenz voraussagten.« Wer in der That würde glauben, ein sechsjähriger Knabe habe seiner Mutter schreiben können: »Was mich glauben macht, daß ich etwas taugen werde, ist, daß ich die verschiedenartigsten Handwerke treibe. Bald Schäfer, bald Fischer, bald Märchenleser, bald Flötenspieler, bald Zeichner schlechter Köpfe nach Camille (dem jüngsten Bruder), und am Ende von alledem der Katechismus jeden Morgen.« Nichts aber an diesem Ton war gemacht: der Geist des Knaben war natürlich, wie sein Gemüth. »Wenn die Jungen,« schreibt der Vater einmal, »eine Anwandlung von Empfindsamkeit haben, was Gott sei Dank selten vorkommt, so gehört ihnen diese Empfindsamkeit ganz eigentümlich an, wie ihr gesunder Menschenverstand und die Lebhaftigkeit, die sie manchmal in ihrer kleinen närrischen Phantasie haben. Ihre Antworten sind erstaunlich. Früh Morgens fand Simon neulich eine Börse am Ufer des Sees. Siehst Du da, sagte ich zu Eugen, den Vortheil früh aufzustehen!« – »›Aber, Papa,‹« antwortete er, »›der, der die Börse verloren hat, war ja noch früher aufgestanden.‹« Liebte der Vater die Empfindsamkeit nicht, so suchte er früh das Mitgefühl zu wecken und zu entwickeln. »Gestern bin ich mit meinen vier Jungen nach Tougues gegangen, um der Müllerin einen Besuch zu machen, die ganz allein in ihrer Mühle einer Prinzessin genesen ist. Jeder trug seine Gabe; als der wenigst Unbeholfene ging ich voran mit einem Topf Fleischbrühe. Eugen folgte mit einer Flasche Wein für den Braten der Wöchnerin; dann kam Victor mit einem großen Laib Brot, den er auf seinem Kopfe äquilibrierte, endlich Camille mit einem Stück Zucker.« In dieser Umgebung, oft besucht von Joseph de Maistre und dem witzigen Onkel Murinais, angebetet von allen Nachbarn, Bauersleuten, Pächtern und Dienern, vor Allem aber vom treuen Comte und der guten Chagnot, verlebten die Gatten die glücklichsten Jahre ihres Lebens. Als der Älteste heranwuchs, zog man im Winter nach Genf, um seine Erziehung zu beendigen und in der That besaß der Junge mit dreizehn Jahren eine so ausgedehnte als feste Bildung und bestand sein Militärexamen, das keineswegs leicht war, in Turin auf's Glänzendste. Ende 1789, noch nicht vierzehn Jahre alt, war er Unterlieutenant. Es dauerte keine zwei Jahre, so sollte er Vaterhaus und Mutter verlassen, um sie nie wiederzusehen. Der Krieg aber, der den Knaben rief, zerstörte das ganze Gebäude des Glückes, das sich der Marquis auf den Grund der alten Ordnung auferbaut: denn diese Ordnung selber wankte und stürzte, und wenig half es dem Edeln, nicht »zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt« zu sein. III. Der savoyische Adel hatte die französische Revolution mit lebhaftem Interesse verfolgt, wie er der französischen Literaturbewegung des vorigen Jahrhunderts eine theilnahmvolle Aufmerksamkeit zu schenken nicht aufgehört hatte. Die Lage der französisch redenden Länder, welche nicht zum Königreich gehörten, war eine eigenthümliche: man fühlte sich, da die moderne Nationalitätsdoktrin noch nicht erfunden war, staatlich ganz getrennt, während man in jeder andern Hinsicht sich als Franzose fühlte. In keiner Provinz war dies mehr der Fall als in Savoyen, welches nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch seine ausgesprochen geographische Lage und seine Religion nach Frankreich hinneigen zu müssen schien. Nirgends aber, selbst nicht in der Schweiz trat die scheinbar willkürliche Macht des Staates klarer zu Tage als hier: für den Savoyarden war der französische König der Erbfeind. Als der kleine Henry die Statue Ludwigs XIV. auf der Place des Victoires erblickte, war er »empört zu sehen, wie der hochmüthige Sieger alle Nationen Europas mit Füßen tritt und unser armes gefesseltes Savoyen ihm fast die Schuhe putzt.« Schreiber dieses erinnert sich noch, alte Edelleute aus der Freigrafschaft gekannt zu haben, und sie ist doch seit genau zwei Jahrhunderten französische Provinz, welche ganz ähnlich von dem Eroberer sprachen und die spanisch-habsburgische Zeit noch nicht vergessen hatten. Die Theilnahme Henry's an den großen Ereignissen im Nachbarlande war eine aufrichtige und während sein Freund Joseph de Maistre sich von Anfang an feindlich dagegen stellte, begrüßte der Marquis sie als die Morgenröthe eines neuen, schöneren Tages. Nicht als ob er eine besonders vertrauensselige Natur gewesen; aber ihm ward es schwer zu glauben, daß die gewaltige Begebenheit, welche die Anstrengungen und Bestrebungen des ganzen Jahrhunderts herrlich hinauszuführen versprach, auch nicht Einen, oder doch nur Einen Mann hervorbringen sollte, der ihrer würdig wäre, dieser Eine aber durch seine Vergangenheit und durch die Unzuverlässigkeit seines Königs außer Stand gesetzt werden würde, die Ereignisse zu leiten. J. de Maistre sah nichts als Verderbtheit und Unfähigkeit, seinem vorurtheilsvollen Geiste war Mirabeau nicht mehr als Camille Desmoulins. Der Ton seiner Briefe ist durchaus pessimistisch von Anbeginn an. Auch in Bezug auf die Form ist man etwas enttäuscht; vertrauliches Sichgehenlassen scheint eben nicht in der Natur des Mannes gelegen zu sein; seine Sprache ist gezwungen und anspruchsvoll: er glaubt sich selbst vorm Publikum und seine Selbstbewunderung guckt überall zwischen den Zeilen hervor. Wie ganz anders die Briefe seines Freundes. Der hatte kein System über Papst und Monarchie, Revolution und Unglauben; sein Herz aber schlug für alles Schöne und Gute, er war unbefangen gläubig, wie er unbefangen treu war. Ein richtiges Urtheil über Menschen und Dinge, eine wahre Bescheidenheit gepaart mit genügendem Selbstvertrauen und dabei eine natürliche Anmuth im Ausdruck erobern ihm noch heute alle Herzen, wie im Leben die anspruchslose Anmuth seines Auftretens ihm überall Freunde gewann. Doch würde man sich sehr irren, wenn man ihn für banal hielte: er war im Gegentheil sehr zurückhaltend, ruhig vornehm und verbarg seine Verachtung der Schmeichler und Höflinge keineswegs. Auch darf man nicht glauben, man habe es hier etwa nur mit einem ehrlichen und anstelligen Landedelmann zu thun: der Marquis war ein sehr feiner Kopf und nicht ohne Witz; er schrieb seine Sprache mit einer äußerst seltenen Eleganz, hatte ein scharfes Auge für die Schattierungen der Dinge und besaß eine tiefe Weltanschauung, im Grunde eine tiefere, als dem logischen System seines berühmten Freundes zu Grunde lag. Man kann sich denken, daß seine Begeisterung für die große Revolution sich bald abkühlte, wie bei so vielen hochherzigen Männern jener Zeit. Hatte doch selbst der Tyrannenfeind Alfieri seit 1792 nur noch Worte des Unwillens für die »neunhundert Könige« in Paris, während der Befreier Korsikas, dem der Dichter seinen »Timoleon« gewidmet, Pasquale Paoli, und den die Nationalversammlung so hoch gefeiert, schon 1790 einsah, daß sich die Freiheit nicht an einem Tage gründen lasse, und daß sie nur allzubald wieder verschwinden würde ( Arrighi, Vie de Paschal de Paoli. Vol. II. Appendix ). Nur natürlich war's, daß bei einem loyalen Vasallen, wie Costa, die Begeisterung in's Gegentheil umschlug, als die Revolution sich auch der Geister in Savoyen bemächtigte und gar als die Propaganda drohte, sein Vaterland der sardinischen Krone zu entreißen. Er zögerte nicht einen Augenblick, seinen Erstgebornen an die Fronte zu schicken und den vierzehnjährigen Lieutenant selber hinzubegleiten. Das war nicht leicht. Der Marquis war Kammerherr honoris causa , und die Kammerherren durften nicht im Heere dienen: endlich gelang es ihm doch, seinen Schlüssel gegen den Degen des Freiwilligen einzutauschen, und am 18. Mai 1792 stand der Hauptmann Marquis Henry Costa de Beauregard mit seinem jungen Lieutenant im Felde. Im ersten Augenblicke sah der künftige Generalstabschef alle Fehler der Führer und die Aussichtslosigkeit des Kampfes, so lange man sie gewähren ließ. Aber er hielt aus: »Sei starken Herzens, meine Liebe! Ich bin ruhig trotz alledem und mein Gewissen ist in Frieden. Pflege und schütze die Schwachen der Familien, ich will die Starken führen.« Bald darauf ergoß sich der Strom der Revolutionsheere über Savoyen und die königliche Armee zog sich in die Berge zurück. »Unsere Liebe zum König hat uns gezwungen, Generalen zu folgen, die feige ihren Posten verlassen haben; wir sind geflohen vor einem Feinde, der sich nicht einmal herabgelassen, uns zu schlagen und sich begnügt hat, uns zu plündern.« Mit Zähneknirschen marschierten die Truppen unter strömendem Regen, auf unwegsamen Straßen in wilder Unordnung zurück. Die Entbehrungen, welche dem zarten Knaben auferlegt wurden, waren furchtbar: und es war erst der Anfang. Bald kamen Verwundungen, dann Krankheiten hinzu: ohne die treue Seele Comte's, der seinem Herrn in den Krieg gefolgt, wäre Eugen, der überall voran war im Gefecht wie auf dem Marsche, schon jetzt unterlegen. So brachte man den Winter in den Alpen zu: »Wenn man mir nur einen groben Pelz schaffen könnte, damit mein Kleiner nicht erfriert! Das Übrige ist uns einerlei,« schrieb der Vater. Savoyen war verloren; Henry's Güter, seine Familie, sein alter Vater blieben in der Hand der Sieger, die alle savoyischen Offiziere, welche die Sache ihres Königs nicht verließen, zu Emigrierten erklärten, und man weiß was das bedeutete. Henry schwankte nicht einen Augenblick: »Es gehört zur Moral aller Zeiten und aller Länder, daß man in Kriegszeiten die Fahne nicht verläßt, der man in Friedenszeiten gefolgt ist.« Und an seine Frau, die noch in Genf weilte: »Oh meine Liebste, fliehe, wenn Du's noch kannst; es handelt sich um Ruin oder Tod. Für uns, meine Einzige, ist alles fertig; aber ich bleibe; spoliatis arma supersunt . Lassen wir wenigstens dem Kinde, zu dessen Adjutanten ich mich gemacht, die Ehre unseres Hauses unversehrt.« Auch Maistre drang in die Marquise, nach Lausanne zu flüchten. Es kam sie hart an, unter fremde Menschen zu gehen: »Ich will Niemanden sehen,« schrieb sie an ihren Gemahl; »ein Menschengesicht, zu dem ich nicht von Dir reden könnte, thut mir weh. Ich bin böse auf die, die Dich nicht lieb haben, d. h. auf die, die Dich nie gesehen haben. Ach, aber ich gehe morgen, um die zweite Station meines Golgatha zu erklimmen.« Lausanne war überfüllt von Emigranten. Ganz ohne Mittel, richtete sich die Marquise ein, so gut sie konnte, gegenüber dem savoyischen Ufer des Sees, auf dem ihr Beauregard stand. »Du fragst mich, wie meine Wohnung ist,« schrieb sie. »Ach, ich weiß es kaum; ich kenne sie nicht. Seit einem Monat habe ich sie nicht angesehen. Chagnot, glaube ich, hat ein Dachstübchen, wo sie schläft, wo sie kocht. Ich bewohne sammt den Kindern ein Zimmer mit Backsteinfußboden, verschossenen Vorhängen, drei Strohstühlen, einem alten weißen Ofen mit Blumen und dem kleinen Tisch, auf dem ich Dir schreibe. Eine alte Schweizerin sieht mich aus ihrem Rahmen an; ich will sie gegen die Wand kehren; ihr Blick und ihr Lächeln thun mir wehe; sie weiß nichts von der Verzweiflung Deiner Frau. – Da unter meinem Fenster habe ich einen Rosenstock, der zufällig da gewachsen ist unter den Nesseln, wie Dein Bild unter meinen Thränen, mein geliebter Mann ... Die Kinder sind voller Andacht bei einem Töpfer, der seine lackierten Töpfe neben mir macht. Manchmal gehe ich mit ihnen hin und bewundere, und Stunden lang sehe ich zu, ohne zu wissen, was ich sehe; aber ich kann nicht mehr so leben, heiß mich zu Dir kommen ...« Wohl nährte man sich mit thörichten Hoffnungen in diesem Exil: bald war's der Friede, der vor der Thür stand, bald ein großer Sieg, den Europa über die Revolution erfochten; aber die Tage vergingen und die Wochen, die Monate und die Jahre und keine der Hoffnungen verwirklichte sich. Immer neue Zuzügler des Elends kamen in die nahe Zufluchtsstätte. »Gestern sind Mme. d'Argouges und Mme. de Talmont hierher verschlagen worden, in Holzschuhen, ohne Wäsche, ohne Diener, in einem Karren auf Fässern gehockt: es war ein Elend zu sehen; ich mußte weinen. Ich habe sie gleich besucht und heute verschaffe ich ihnen einen Beichtvater. Die Mutter namentlich ist unendlich groß in ihrem Unglück. Mme. de Talmont hat mich gebeten, ihr Arbeit zu verschaffen; sie brennen kleine Talgendchen, die sie selbst mit mehr Muth als ich angreifen und hantieren.« Auch die Marquise selber, deren Briefe nur die Sehnsucht nach dem Gatten athmen, die Leere ohne ihn schildern, hatte materiell zu leiden, zu entbehren. Die gute Chagnot arbeitete für sie und brachte ihr ihren sauern Erwerb. Die Kinder wuchsen auf ohne Unterricht, weil sie zu niedergebeugt war, sie selber zu unterrichten und das Schulgeld fehlte. Ihr Mann tröstete sie, bitter genug, über diese bittere Nothwendigkeit: »Die armen Kleinen, sie sind im Alter, wo man alle Falten annimmt; sie werden sich noch dran gewöhnen, keine vornehmen Herren zu sein. Laß sie sorglos und munter, laß sie Esel bleiben, was liegt dran? Wenn man sich mit der Gabe des Eselthums nur nicht herausnimmt, sich in große Dinge zu mischen, so macht man mit dem Eselssattel schon ganz gut seinen Weg in der Welt.« Die Anspielung geht auf die österreichischen Generale, welche das brave piemontesische Heer von Rückzug zu Rückzug führten, die besten Gelegenheiten versäumten aus Leichtsinn, Trägheit, Mangel an Einsicht, vielleicht auch auf höhere Weisung. Jedenfalls brachte der österreichische Obergeneral, M. de Vins, heitere Tage mit seiner Geliebten in Turin zu, während der Marquis mit seinem Knaben im Bivouac schlief, seine Gemahlin mit ihren Kindern in der Verbannung darbte, oft ohne Brot für den nächsten Tag, der alte Vater, die Verwandten im Gefängnisse von Chambéry der Guillotine entgegenschmachteten, die Stammschlösser in Rauch aufgingen, – diese Schlösser, von denen stets nur milde Thaten, edle Beispiele, reine Gefühle und hohe Gedanken ausgegangen waren. Denn das waren keine Adligen, welche den Adel im Besitz und im blauen Blute allein sahen; als Henry erfuhr, daß man die Familienwappen und Familienpergamente in Villard verbrannt, schrieb er: »Thöricht die, welche glauben mit uns fertig zu sein, weil sie unsere Wappenbilder zerbrachen und unsere Archive den Winden preisgegeben. So lange sie uns das Herz nicht ausgerissen, können sie's nicht verhindern, für Tugend und Größe zu schlagen, noch die Wahrheit der Lüge, die Ehre allem Übrigen vorzuziehen; so lange sie uns die Zunge nicht ausgerissen, können sie uns nicht hindern, unsern Kindern zu wiederholen, daß der Adel nur in dem erhöhten Gefühle der Pflicht besteht, in dem Muthe, sie zu erfüllen, und im unerschütterlichen Festhalten an den Familienüberlieferungen. Auf dem Gipfel des kleinen Saint Bernard und in der Lappländer Hütte, von der ich Dir schreibe, sind diese Gefühle ebenso am Platze, als in den Tuilerien, und der ist der Adlige, dessen Leben und Tod ihnen am gemäßesten ist.« Und als er erzählte, wie auf einen Ruf ihrer Obersten alle beurlaubten Soldaten auf Schleichwegen, über die Berge, durch ausgetretene Flüsse, durch die feindlichen Vorposten durch, an der Stelle erschienen, die ihnen angewiesen: »Ich sagte mir, als ich alles das erfuhr, daß, wenn der König mir glauben wollte, er gewissen hohen Herren meiner Bekanntschaft ihre Sterne und Bänder abnehmen würde, um sie auf diese Kittel zu heften, unter denen wohl die adeligsten Herzen schlagen, die ich kenne.« Während dessen tanzte man in Turin und organisierten die Prinzen Komödie über Komödie in der Hauptstadt: da kam wie ein Donnerschlag die Nachricht von Ludwigs XVI. Tod. Jetzt eilte alles zur Armee, voran Seine k. Hoheit der Herzog von Montferrat, mit fünfzig Personen Dienerschaft, von denen zwei ausschließlich, um den allerhöchsten Kaffee zu bereiten. Die Bauern standen auf für ihren König; man ließ sie im Stich; zu Hunderten wurden sie von den Volksbefreiern niedergemetzelt, während M. de Vins strategische Operationen plante, die nie zur Ausführung kamen. Endlich Ende August 1793, nachdem die beste Gelegenheit verloren war, ging's vorwärts. Der erkrankte Marquis folgte, bis ihn endlich das Fieber Halt zu machen zwang, während sein Sohn in vorderster Reihe heldenmüthig kämpfte, und der treue Comte hin und wieder ging zwischen dem Schlachtfelde und dem Krankenbette, um den Vater zu versichern, der Sohn sei noch nicht getroffen. Dieser kecke Widerstand aber der Nachhut, in der er diente, rettete die Armee, die diesmal ihre Winterquartiere in Asti bezog, wo Vater und Sohn sich etwas ausruhen und wieder zu Kräften kommen konnten. Ein gleichalteriger Vetter, der ebenfalls im Heere diente, stieß zu dem jungen Lieutenant, dem die für einen Augenblick der Angst um ihn befreite Mutter aus Lausanne schrieb: »Wie glücklich bin ich über all das Gute, das ich von Dir höre ... Ich bin stolz in Gedanken, daß die 70 Livres und 10 Sous, die der König Dir monatlich zahlt, Vater und Sohn ernähren. Du mußt glücklich über dies kleine Vermögen sein. Gott wird Dir's wiedergeben, mein Kind, und ich auch; denn der Tag wird kommen, wo ich Dich wieder in meine Arme und an mein Herz schließe. Ich weiß, Du bist sehr mit Deinem Dienst beschäftigt; wenn ich etwas davon verstände, spräche ich gern mit Dir von Deinem Korporal und Deinem Sergeanten. Aber ich behalte mir's vor für die Zeit, wo Deine Brüder auch Soldaten sein werden. Victor stirbt schon vor Ungeduld nach all den Vergnügen, von denen Du ihm erzählst. Sylvain kann ja Pfeifer sein und dann folge ich der Kompagnie, um Euch die Gamaschen zu flicken, Euch Sonntag den Zopf zu flechten und die Rechnungen zu machen. Nicht wahr, das wird schön sein?« Aber lange wußte sie die trüben Ahnungen nicht so wegzuscherzen. »Victor«, schrieb sie bald darauf von ihrem zweiten Sohne, diesmal an den Gatten, »Victor brennt zu Euch zu gehen: sobald das Brevet da ist, wird sein Glück vollkommen sein: dann die Kugel und alles aus! .. Und Eugen! Armes Kind, das ich nicht wiedersehen werde! Warum muß ich mich so gedrückt fühlen?« Um dieselbe Stunde, am 27. April, streckte eine Kugel den sechzehnjährigen Jüngling in den Schnee. Der Vater bringt ihn hinter einen Felsen, vertraut den Verwundeten zwei vorübergehenden Soldaten an und eilt zurück in's Feuer: »Das Opfer Abrahams war verdienstlicher als meines; denn er hoffte nicht wie ich, daß ihm ein Schuß die Qual ersparen würde, seinen Sohn sterben zu sehen.« Der Sieg in diesem kleinen Gefechte ward im amtlichen Berichte dem Muthe des Marquis Costa de Beauregard zugeschrieben. Der Knabe wurde nach Turin gebracht unter der Obhut des treuen Comte, der ihn nie verließ: den Vater hielt die Pflicht im Lager zurück, wo er den Tod des innig geliebten Sohnes erfuhr, für den allein er noch gelebt hatte. Weder er noch die Marauise erholten sich je von dem Schlage: Maistre arbeitete an einer Rede in Bossuets Manier über den Tod Eugens; das Werk gilt noch heute als ein Meisterstück des Genres: »Er hat mir etwas davon vorgelesen,« schrieb die Marquise; »ich finde, er hat den Zauber seiner Kindheit nicht genug hervortreten lassen; die Politik ist zu sehr die Grundlage seiner Arbeit. Ich glaube, Maistre hat nicht Gemüth genug.« Oh Mutterherz, welcher Kritiker hätte besser herausgefunden, was da fehlte! IV. Henry klagte nicht: »Besser ein Loch, als ein Flecken in unserm Wappen,« sagte er; er war gebrochen und schwieg. General Colli jedoch, der am Tage von Saccarella, an dem die tödtliche Kugel Eugen getroffen, das Oberkommando des Armeekorps übernommen hatte, wußte was der Hauptmann Costa werth war. Er stellte dem König vor, wie er seit zwei Jahren, obschon durchaus mittellos, unentgeltlich diene, seinen Erstgeborenen der guten Sache zum Opfer gebracht und jetzt eben seinen zweiten Sohn an seine Seite gerufen, um den Degen, der seinem älteren Bruder entsunken war, in die Hand zu nehmen. Der König ertheilte ihm sofort Majorrang und Gage; Colli nahm ihn zu seinem Generalstabschef und behielt ihn auch in dieser Eigenschaft bei sich, als er zwei Jahre später den Befehl über die ganze Armee erhielt. Es war Costa, welcher in dieser Eigenschaft nach Mondovi (sprich Mondovi) den Waffenstillstand von Cherasco mit Bonaparte abschloß (1796), und als nach Novi bessere Tage für Piemont kommen zu wollen schienen, Mitglied der Regentschaft ward. Seine Beförderung machte den Marquis nicht zum Höfling, noch verblendete ihn seine Treue gegen König und Königshaus über die Fehler seines Herrn. Seine Briefe aus Turin im Winter von 1795 bis 1796 sind eine lange Anklageschrift gegen die Leiter des Staates und gegen die österreichischen Freunde, die er mit dem ganzen Haß des Savoyers haßte, einem Haß, der auch in den Zeiten des scheinbar innigsten Bündnisses noch fortglimmte. Nannte doch J. de Maistre das Haus Oesterreich nicht anders als »den schlimmsten Feind der Menschheit und seiner eigenen Verbündeten insbesondere «. S. Brief vom 15. August 1794 an Vignet (Lettres et opuscules inédits. I 27.) Eine wohlbegründete Anklage: das unwürdige Spiel, das Österreich mit Piemont spielte, ist hier unbarmherzig aufgedeckt und auch in dieser Beziehung sind die Mittheilungen ans Marquis Henry's Nachlaß von großer Wichtigkeit für die Geschichte. Kein Wunder, wenn er sich weigerte, nach Wien zu gehen, um über einen neuen Feldzugsplan zu verhandeln! Wußte er doch, daß sein König schon im Voraus verrathen war. Und was hätte der neue Feldzugsplan genutzt, gegen den Mann, der jetzt eben auf die Bühne der Weltgeschichte trat als Oberbefehlshaber der französischen Armee d'Italie? »Salicetti (damals Civilkommissär der Republik in Genua), unzufrieden mit der Zauberei und den Klagen Scherer's, hat, so scheint's, an das Direktorium geschrieben, daß man für das italienische Unternehmen keine alten Leute brauchen könne, sondern nur junge, kühne Generale. Er meint, ein entschlossener Wille, verbunden mit Jacobinermoral müsse genügen, um alle Hindernisse zu überwältigen. So kündet man denn der Armee einen neuen Oberbefehlshaber an. Er heißt Bonaparte, ist korsikanischen Ursprungs wie Salicetti; und war Artillerieoffizier unterm alten Regime, folglich Gentleman; aber er ist wenig gekannt im Heer, wo er nur als Artillerist bei der Einnahme von Toulon verwandt worden. Man hält ihn nicht für einen Jacobiner; er ist ein Mann von Erziehung und Lebensart. Man sagt, er sei genial, voll großer Ideen.« Keine vier Wochen waren vergangen, so existierte die piemontesische Armee nur noch dem Namen nach und Costa schrieb seiner Frau: »Ich habe eine furchtbare Nacht zugebracht. Ich habe auf Befehl des Königs einen Waffenstillstand mit General Bonaparte unterzeichnet unter den demüthigsten und gefährlichsten Bedingungen. Wir mußten uns dem Rechte des Stärkeren beugen ... Suche mir, meine Beste, ein anderes Handwerk. Das meine ist zu greulich, wenn man's so schlecht treibt.« Die Beschreibung des Hauses, in dem der General um Mitternacht die piemontesischen Unterhändler empfing, der Umgebung Bonaparte's, Bonaparte's selber, ist höchst lebendig: jedes Wort, das berichtet wird, verräth schon den zukünftigen Herrscher Europas, so sicher bei dieser seiner ersten Unterhandlung mit einem besiegten Feinde, als achtzehn Jahre später, da er selber als Besiegter mit Europa unterhandelte. Als ihm Costa's Kollege vorstellte, gewisse Zugeständnisse, die er forderte, könnten ihm wenig nützen, antwortete er schon ganz in seiner harten Weise: »Als mir die Republik den Oberbefehl einer Armee anvertraute, glaubte sie, ich hätte Einsicht genug, um zu beurtheilen, was in ihrem Interesse ist, ohne daß ich nöthig hätte, meinen Feind um Rath zu fragen.« Und als die beiden Piemontesen noch immer zögerten: »Meine Herren, ich theile Ihnen mit, daß der allgemeine Angriff auf zwei Uhr anberaumt ist; und wenn Coni nicht vor Tagesanbruch in meinen Händen ist, wird dieser Angriff um keinen Augenblick verzögert. Es kann mir vorkommen Schlachten zu verlieren; aber nie wird man mich Minuten verlieren sehen aus Vertrauen oder Trägheit.« Nach der Unterzeichnung kam die Rede auf die Hilfe, welche die französische Armee aus den revolutionären Umtrieben in Feindes Land ziehen könnte. »Mit Ihrem Talent und den Ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, sagte der Marquis, werden Sie doch so treulose Waffen verachten?« ... »Das Kriegsrecht, antwortete Bonaparte, ermächtigt vielleicht nicht, seinem Feinde alles erdenkliche Übel zuzufügen; aber es schreibt vor, kein Mittel zu vernachlässigen um ihn niederzuwerfen und zu knebeln.« »General, sagte Henry zu ihm, als er ihn beim Morgengrauen verließ, warum kann man Sie nicht lieben, wie man gezwungen ist, Sie zu bewundern und zu achten!« Dem Waffenstillstand folgte der Frieden. Savoyen war verloren und, was schlimmer war, die Edeln, die für ihren König gefochten, für ihn Gut und Blut geopfert, waren dem Feinde ausgeliefert. Es war nicht die Zeit, wo man die Bewohner eroberter Provinzen »optieren« ließ: jeder Savoyarde in des Königs Dienst mußte Piemont binnen vierzehn Tagen verlassen, wenn er nicht in französische Dienste treten wollte. Mit blutendem Herzen wanderte der Marquis Costa in die Verbannung. »Ich weiß nicht, ob der König, als er sich von mir trennte, das Herzweh empfunden hat, das ich empfand, da ich mich von meinen guten treuen Dienern trennen mußte, die ausgewandert waren, um mir zu folgen. Ich habe mit der Trennung nicht warten wollen, bis ich sie nicht mehr zahlen konnte. Das ist die Wirkung des Elends.« Comte folgte auch ohne Zahlung. Nach vier Jahren sahen sich die um zwanzig Jahre gealterten Gatten in Lausanne wieder. Es war ein herzzerreißendes Wiedersehen. Doch es kamen bessere Tage; wohl war die Entbehrung groß: der Marquis gab Zeichnenstunden, um nur knapp das tägliche Brot für die Kinder zu finden; bald aber riß sie die unerwartete Erbschaft eines bayrischen Onkels wenigstens aus dem Elend, wenn nicht aus der Armuth. Aber es duldete Henry nicht, dem Schloß, in dem er die schönsten glücklichsten Jahre seines Lebens zugebracht, gegenüber zu wohnen, ohne es wiederzusehen, und obschon er sein Leben dabei auf's Spiel setzte, fuhr er eine Nacht hinüber in Begleitung Maistres und seines unzertrennlichen Comte. Alles war zerstört, nichts erkennbar mehr in den Räumen, wo er mit seinen Knaben gespielt, sie unterrichtet hatte. Überwältigt von dem Eindruck, blieb er unbeweglich sitzen auf den Trümmern seines Glückes, als eine jähe Stimme ihn aus seinen Träumen weckte: »Ich bin hier Herr«, rief's, »ich bin hier Herr; fort mit Euch! Qu'un sang impur abreuve nos sillons! Es war Jacques, ein armer Simpel, den der Marquis einst aus Barmherzigkeit aufgenommen und ernährt hatte, und der seit der Emigration der einzige Herr von Beauregard war, in dessen öden Mauern er die Marseillaise sang. Geschichtlich, wenn nicht psychologisch am wichtigsten sind die, freilich sehr bruchstückartigen, Mittheilungen über die vier kommenden Jahre – wie das verstümmelte Königreich, eingezwängt zwischen die französische, die ligurische und die cisalpinische Republik, aufgewühlt durch republikanische Propagandisten, erst zur Allianz mit dem Feinde gezwungen wird, wie man es geschickt, nach hundert Reizungen, denen es widersteht, in's Unrecht zu versetzen weiß, um ihm neue Zugeständnisse abzuzwingen, wie man erst die Citadelle von Turin besetzt, um den König gegen die Unruhestifter zu schützen, dann sich der Stadt bemächtigt, den König zur Abdankung nöthigt; wie mit Suwaroff's Siegen ein vielverheißender Sonnenstrahl auf's arme Land fällt, Marquis Henry in die Regentschaft, der König aus der Verbannung zurückgerufen wird – Alles damit, noch ehe ein Jahr vergangen, der Sieger von Marengo der Existenz Piemonts gründlich ein Ende mache. Hier geht uns nur das Individuelle an. Für eine Geschichtsstudie würde der Raum fehlen, selbst wenn hier die Stelle dafür wäre. Das Individuelle aber tritt in den Mittheilungen über diese vier Jahre ganz in den Hintergrund. S. über diese ganze Episode Augusto Franchetti's viel zu wenig gekannte » Storia d'Italia del 1789 al 1799 «, ein Werk von umfassendster Gelehrsamkeit und sicherster Kritik. Nach Marengo hört der Briefwechsel natürlich ganz auf, da der Marquis sich nicht mehr von seiner Familie trennte, die noch immer in Lausanne weilte. So hart es ihn ankam, er mußte seiner Frau, seiner Kinder halber, das Anerbieten seines Schwagers annehmen, der, da er nicht emigriert war, seine Güter im Dauphiné behalten hatte. Dort verlebte die Familie die langen Jahre des Konsulats und des Kaiserreichs. Dort traf Henry der härteste Schlag (1811): »Meine arme Frau hat heute ihr trauriges und heiliges Dasein nach einem Martyrthum von achtundzwanzig Tagen beschlossen ... An diesem traurigen Tage endet eine nie gestörte Verbindung, die vierunddreißig Jahre gedauert hat, und mit ihr endet alles Glück meines Lebens.« »Meine Gesundheit ist zerrüttet,« schreibt er bald darauf, »die Lampe in der alten Laterne ist dem Verlöschen nahe.« Ihr flackerndes Licht sollte bald ausgebrannt haben. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der Greis in tiefer Geistesnacht, gepflegt von seinem treuen Comte. Der Marquis starb den 24. Mai 1824: im Tode lebte sein edler Geist noch einmal auf und er endete in einer That der Milde. VII. Madame de Rémusat und Napoleon Bonaparte I. Jedermann hat die Denkwürdigkeiten von Mad. de Rémusat gelesen, sei's bruchstückweise in der »Revue des Deux Mondes«, welche viele Kapitel daraus im Laufe des vergangenen Jahres gegeben hat, sei's im Zusammenhang der drei Bände, welche diesen Winter in Paris erschienen sind und zum Theil schon die siebente Auflage erlebt haben. Und wer sie nicht gelesen hat, wird sie lesen wollen, sollte sie lesen. Nur wäre wirklich sehr zu rathen, sie nicht in's Deutsche zu übersetzen. Man leistet dadurch allein der Trägheit und der Halbkenntnis Vorschub. Wer sich für dergleichen interessiert, wer daran Geschmack findet und es zu genießen versteht, der weiß ja doch auch genug französisch, um ein solches Buch in der Ursprache zu lesen; und selbst wenn seine Kenntnis der Sprache unvollständig ist, kann die Lektüre der drei Bände, die er so leicht nicht aus der Hand lassen wird, seine Kenntnis nur erweitern und vertiefen. Wem aber die Verhältnisse, um die es sich handelt, ganz unbekannt, wem die Personen und die Art von Beobachtungen, welche ihm hier geboten werden, ganz gleichgültig sind, der wird sicherlich durch eine deutsche Übersetzung weder eine nur annähernde Kenntnis von den Dingen, noch auch irgend welches Interesse für dieselben gewinnen. Hier fällt Form und Wesen so durchaus zusammen, daß das Wesen so zu sagen verschwindet, sobald die Form verändert wird. Schon aus diesem Grunde sollen hier keine Auszüge aus dem fesselnden Werke gegeben werden. Auch liebe ich es nicht, den Lesern den Appetit zu verderben, indem ich ihnen die leckersten Bissen im Voraus gebe. Eine so delikate Mahlzeit muß man im Ganzen einnehmen, wenn man all' den Genuß und zugleich alle die sehr kräftige Nahrung daraus ziehen will, die sie enthält. Ich möchte mir nur erlauben, einige Anmerkungen über die Verfasserin und den Helden des interessanten Buches, sowie über die Umstände zu machen, unter denen es geschrieben worden, um den Leser etwas zu warnen und ihm einige Thatsachen in's Gedächtnis zu rufen, die man gut daran thut sich gegenwärtig zu behalten, wenn man sich nicht der Gefahr aussetzen will, allzusehr nach der Seite des Erzählers zu neigen. Mémoires de Madame Rémusat. 1802-1808. Publiés avec une préface et des notes par son petit-fils, Paul de Rémusat , Sénateur. Paris 1880. 3 vol. in 8. Andererseits möchte ich auch die Aufmerksamkeit der Historiker auf die für die ernste und wissenschaftliche Geschichtsforschung wirklich wichtige Seite dieser angenehm-pikanten Bände lenken. Freilich sind's noch nicht die Memoiren Herzog Pasquier's oder Talleyrand's, auf die man uns so lange warten läßt und die vielleicht zuerst ein volles Licht auf die Geschichte des Konsulats und Kaiserthums werfen werden. Immerhin ist's eine kleine Quelle, die gar frisch und klar fließt, um deren Dasein man wußte, und welche die Familie liebenswürdig und vernünftig genug gewesen ist, uns offen zu legen, ohne uns noch lange dürsten zu lassen. Chateaubriand und Thiers hatten schon von diesen Denkwürdigkeiten gesprochen und der Letztere hatte sie in seinem Kapitel über die Hinrichtung des Herzogs von Enghien bereits eingehend benutzt. In der That bringt der erste Band Mad. de Rémusat's viele neue und sichere Einzelheiten über dies tragische und verhängnisvolle Ereignis, welches die Laufbahn Napoleons sozusagen in zwei Hälften theilt. Ich erinnere nur an die Theilnahme Caulaincourt's – die unfreiwillige Theilnahme meinetwegen, Theilnahme immerhin –, welche bis vor Kurzem noch geleugnet worden und über die fortan kein Zweifel mehr herrschen kann. Über die Vorgeschichte der Krönung bietet der zweite Band, über die der Scheidung der dritte viel Neues und Merkwürdiges. Ebenso über die Verheirathung Stephaniens mit dem Erbprinzen von Baden, die Liebesabenteuer Napoleons, wenn man seine Verhältnisse zu Frauen mit dem feinen Worte bezeichnen darf; die Intriguen der Minister und Marschälle, der Verwandten namentlich, um von ihm, der nur gegen seine Familie schwach zu sein wußte, Gunst und Geld, Ehren und Vortheile zu erlangen – Einfluß erlangte ja nie Jemand auf ihn. Und das Ganze, das mit der Tragödie in den Laufgräben von Vincennes beginnt, endet mit der unwürdigen Komödie von Bayonne. Vieles wird auch in ein anderes Licht gestellt, als das, unter welchem wir es bisher sahen: so erscheinen uns z. B. die Charaktere Louis Bonaparte's und der Königin Hortense von einer ganz neuen Seite und es wird uns von den Eltern Napoleons III. ein, vielleicht nicht durchaus zuverlässiges, aber doch, so scheint mir, im Ganzen viel getreueres Bild gegeben als das, welches uns früher vorschwebte; wie denn überhaupt der bald versteckte, bald offene Krieg zwischen den Beauharnais' und Bonaparte 's hier zum ersten Male recht in den Vordergrund gestellt wird. Freilich darf man nicht vergessen, daß die Erzählerin mit dem Herzen ganz auf der Seite der Beauharnais' stand, wenn sie's auch nicht ausdrücklich Wort haben will. Die zahlreichen Charakterzüge Napoleons gar, welche sich in hier aufbewahrten Worten oder Handlungen verrathen, sind so treffend und bezeichnend, daß sie nicht wenig dazu beitragen, das Bildnis des gewaltigen Mannes, der zehn Jahre lang die Welt bezaubert, zehn andere sie in banger Furcht gehalten hat, lebhafter als zuvor der Nachwelt vor die Sinne zu bringen. Indeß kann man doch dem Geschichtsforscher nicht genug Vorsicht und Zurückhaltung im Gebrauche von Denkwürdigkeiten anempfehlen, namentlich von Frauendenkwürdigkeiten, zumal wenn sie, wie die vorliegenden, hintennach geschrieben worden sind, unter Umständen, welche so ganz verschieden von denen waren, unter welchen die erzählten Thatsachen vor sich gegangen. Die Denkwürdigkeiten von Frauen haben allerdings den Vortheil über die der Männer, daß sie besser den Gesammteindruck der Menschen und Dinge geben; denn die Frauen halten sich nicht gerne beim Analysieren auf, d. h. beim Auflösen und Tödten des Lebendigen, und sie sehen deshalb meist auch viel richtiger als wir in Charakteren und Verhältnissen. Dagegen ließe sich wetten, daß die Wahrheit in ihren Aufzeichnungen weniger gewissenhaft respektiert wird, und daß das Einzelne manchmal vernachlässigt oder unbewußt gefälscht ist, wenn nur die Wahrheit der Gesammtwirkung gewahrt bleibt. Sicher ist, daß sie selten die eigentlichen Handelnden der Geschichte sind, selbst in Frankreich, wo sie doch mehr als anderswo im Vordergrunde stehen; ich meine, die verantwortlichen Spieler, die im Grunde doch die Einzigen sind, welche die Dinge wirklich wissen, eben weil sie für das, was geschieht, zahlen oder bezahlt werden. Man lese z. B. die Memoiren Graf Beugnot's, die vor etwa zehn Jahren veröffentlicht wurden. Wie man bei allem Witz, aller Schadenfreude und unterhaltenden Heiterkeit doch sofort sieht, daß man's hier mit einem Geschäftsmanne zu thun hat, der gewohnt ist, den genauen Werth der Worte und der Handlungen zu schätzen. Wenn der Geschäftsmann eine gute Dosis Skeptizismus hat, wie M. Beugnot, um so besser – für den Geschichtsforscher wohlverstanden; der Skeptizismus war ja damals schon in der guten Gesellschaft etwas in Verruf gekommen. Er war ganz an der Tagesordnung gewesen zu einer Zeit, wo man mit unendlich mehr Idealismus handelte, als seit der Revolution. Bei Mad. de Rémusat jedenfalls, um auf sie zurückzukommen, ist die charakteristische Eigenschaft sicherlich nicht der Skeptizismus, – noch auch im Grunde der Esprit. Man mißverstehe mich nicht. Mad. de Rémusat war eine sehr gescheidte Frau und die den Geist verstand und ihn genoß, wenn sie ihm begegnete. Sie hat sogar zuweilen recht treffende Worte – so zu ihrem Sohne: »Die Frauenköpfe bleiben lange jung; und in denen der Mütter ist immer eine Seite, die genau das Alter ihrer Kinder hat;« – aber oft sind diese Worte auch etwas gesucht und gekünstelt, wie wenn sie von Napoleon sagt: »Einziger Mittelpunkt eines ungeheuren Kreises, hätte er gewünscht, dieser Kreis enthielte soviel Strahlen, als er Unterthanen hatte, damit sie sich nur in ihm berührten;« oder wenn sie denselben Gedanken in einem fast ebenso ausgeklügelten Bilde von der Kette des Despotismus ausdrückt, welche die Menschen einzeln binde, ohne ihnen irgend eine Beziehung untereinander zu lassen. Solche Gedanken haben schon etwas Männlich-abstraktes. Mad. de Rémusat kann wohl auch weiblich konkret und malitiös sein, wie wenn sie bei Pauline Bonaparte hinwirft: »Die Fürstin Borghese, die nur an ihre Vergnügungen dachte, wenn sie nicht mit ihren Medizinen beschäftigt war, mischte sich in nichts.« Aber solche leichtstreifende, attische Worte sind doch bei ihr eine Seltenheit. Der eigentliche Witz, der französische Esprit, geht ihr etwas ab. Ihr Mann mag ihn gehabt haben, und zwar von der sehr leichten Sorte, welche sich so oft bei den Franzosen seiner Klasse mit dem gediegensten Verstande des Musterverwalters verbindet. Im Sohne Charles erst vereinigten sich beide Arten der Intelligenz, die des Vaters und die der Mutter, und waren wie verschmolzen. Goethe spricht in einer bekannten Stelle, bei Gelegenheit Voltaire's, von den Nationen, die lange gelebt und am Ende in einer typischen Individualität zum Ausdruck gelangen, welche sie in ihrer Gesammtheit verkörpert. Noch besser könnte man das auf gewisse Gesellschaftsklassen anwenden. Mad. de Rémusat war aus einer alten famille de robe , wie die Franzosen den Gerichtsadel nannten; ihr Mann auch, obgleich von weniger altem Stamme; und schon in Vater und Mutter, noch mehr freilich im Sohne, der den Namen Rémusat am meisten zu Ehren gebracht, dem Schwiegerenkel Lafayette's, dem Freunde Thiers' und Dufaure's, ist ein unbeschreiblicher Parfüm alter, verfeinerter Rasse, etwas von Harlay und auch von Montesquieu, aber beide gedämpft: ein Harlay, der, obschon er den Nacken nicht beugt, doch den siegreichen Guise nicht in lauten Worten zur Rede stellt; ein Montesquieu, der anstatt sich in den schlüpfrigen Zweideutigkeiten des Temple de Gnide zu gefallen, ein Lied in Béranger's Manier trällert. Dieser alte Parlamentsadel, der durch das Sieb der Revolution gegangen und von der stählernen Hand Napoleons geknetet worden war, – die Pasquier und Molé, die Portalis und d'Aguesseau – bildete das feinste und zugleich das gediegenste, das festeste und doch geschmeidigste Element in der neugegossenen Aristokratie, welche Frankreich von 1830 bis 1848, und sogar schon ein wenig unter der Restauration regierte. Man verspricht uns die Denkwürdigkeiten Charles de Rémusats, seinen Briefwechsel mit der Mutter; das wird für die Feinschmecker ein wahres Fest sein. Wir bekommen schon einen Vorgeschmack davon in den Auszügen daraus, welche die Vorrede und die Anmerkungen des Enkels der Memoristin, Paul de Rémusat, bieten, sowie in der ganz von dessen Vater geschriebenen Einleitung zum dritten Bande. Man wird – in den Briefen und Noten, wenn nicht in der für Charles de Rémusat etwas schwachen Vorrede, – sofort die Überlegenheit des Sohnes über die Mutter herausfühlen, was niemanden Wunder nehmen kann, der sich auch nur der tiefen philosophischen Bildung des Ersteren erinnert; aber die Art von Reiz, ja von Zauber, den diese Mutter haben mußte, tritt doch noch anschaulicher aus dem Texte hervor, und hier handelt sich's ja um sie, nicht um den Sohn. Ich sagte, sie sei eine sehr kluge Dame gewesen; ich hätte hinzufügen sollen, daß auch »Jovis Schoßkind« ihr nicht fehlte, und daß dies nicht der letzte Grund der Anziehungskraft ist, welche die liebenswürdige Frau ausübt. Ihr Sohn sagte von ihr, »ihr Kopf sei vernünftiger gewesen, als sie selbst« – ein witziges Wort, und auch ein tiefes. In der That ist ihr Verstand ein sehr heller, sicherer, aber sie ließ sich, scheint's, im Leben leicht von ihren Antipathien und Sympathien fortreißen; erst hintennach korrigierte ihr Urtheil ihre ersten Gefühle. Wir aber haben hier dies Urtheil von hintennach, noch immer ein wenig beeinflußt von ihren Gefühlen – wäre sie sonst eine Frau und eine so anziehende Frau? – aber sie giebt sie in einer so anspruchslos-einfachen, echt französischen Sprache, mit so viel Geschmack, mit so viel gesundem Menschenverstand und solcher Natürlichkeit, daß man sofort sieht, der Verstand behält doch immer die Zügel in der Hand. Auch ihre literarischen Urtheile, die ihr etwas romantisierender Sohn nicht immer theilt, sind doch oft stichhaltiger als seine. So was sie bei Gelegenheit Mad. de Staël's von der »Ruhe« sagt, welche eine der Bedingungen des Talentes sei: wie sehr hat das unser Jahrhundert vergessen und wie Unrecht hat der Sohn, darüber zu lächeln. Ist es doch gerade Mad. de Staël gewesen, welche diesen Fluch des Talentes, die Unruhe, in die moderne Literatur eingeführt hat. Was die Franzosen unter Romantik verstehen, ist ja eher, was wir in der Sturm- und Drangperiode das Recht der Originalgenies nannten, d. h. die Freiheit von jeder Regel und konventionellen Form. Und Charles de Rémusat gehörte zu der »Generation von 1830«. Seine Mutter recht im Gegentheil verlangte, wie alle ihre Zeitgenossen, eine strengklassische Form, wenn auch der Inhalt dieser Literatur des Kaiserthums schon im deutschen Sinne romantisch angehaucht war: eine Romantik, die etwas an die Wanduhrskulptur der Ritterfräulein und Edelknechte erinnerte. So mag auch Mad. de Rémusat sich die Verdienste dieses Neuklassizismus etwas übertrieben haben; allein wer springt aus seiner Haut, und wer kommt über den Dunstkreis hinaus, den man seine Zeit nennt? Und selten war Jemand in eminenterem Sinne das Kind ihrer Zeit, als Mad. de Rémusat; man sieht's auf jeder Seite ihrer Aufzeichnungen. Wenn sie länger gelebt hätte, würde sie sich an den » Méditations « Lamartines berauscht haben, die gerade in den Tagen ihres so vorzeitigen Todes erschienen: sie war erst einundvierzig Jahre alt, als sie 1821 weggerafft ward – kurz nach dem Tode des Gewaltigen, der diese ihre Aufzeichnungen ausfüllt. Es war eine seltsame Generation von Frauen, jener Schwarm schöner Empfindsamen, welche unterm Konsulat und Kaiserreich in ihren Zwanzig waren. Wenig Leidenschaft; leichtsinnig – dies geht nicht auf Mad. de Rémusat, die immer eine Mustergattin war, noch auch selbst auf Mad. Récamier, die bei all ihrem Spielen mit dem Feuer sich doch nie verbrannt zu haben scheint – leichtsinnig und sinnlich ohne große Wärme; noch halb betäubt von dem Revolutionstrubel; wie verwundert, die »Gesellschaft« wiederaufleben zu sehn, von der sie nur als von etwas Vergangenem gehört, und beeilt, ihr Theil daran zu erhaschen; eine Rasse von Mad. de Warens, aber mit einem Anflug von Begeisterung und Ostentation, welche Rousseau's guter »Mama« ganz unbekannt waren. Auch der Einfluß Rousseau's auf das folgende Geschlecht ist bei ihnen schon, ich möchte sagen, gesiebt durch eine Zwischengeneration. Das kräftige Naturgefühl Jean Jacques' – das Naturgefühl des Bauern, des Hirten, dem der Genius eine Stimme leiht – hat sich schon bis zum blassen Abglanz von Chateaubriand's Mondschein verflüchtigt. Man halte nur einmal Mad. d'Houdetot's kindliche Offenheit und die Unbefangenheit ihrer Gefühle neben die romantischen Schwärmereien von Mad. de Duras und Mad. de Krüdener. Mad. de Krüdener gehörte freilich der Geburt nach zu jener Zwischengeneration, der auch Mad. de Staël und Mad. de Souza angehörten; aber sie war eine Ausländerin und erst nach Frankreich gekommen, als schon Chateaubriand's Stern aufgegangen war; geistig und auf dem neuen Boden war sie 1800 erst zwanzig Jahre alt. Manch' Neues über sie hat jetzt eben P. L. Jacob's, des Bibliophile's Büchlein (Mme. de Krudener. Paris 1880) gebracht. Die Religion lebt wieder auf, aber für's erste noch ohne Fanatismus; denn es war einer uns näheren Zeit vorbehalten, eine unschöne und unschön machende Leidenschaft in ein Gefühl zu mischen, das nur Milde und Sanftmuth erzeugen sollte; Mad. de Rémusats Zeit kannte die Petroleusen des Katholizismus noch nicht. Diese Frühlingsepoche der modernen Religiosität hatte auch, in Frankreich wenigstens, nichts Heuchlerisches noch Prüdes und vertrug sich sehr gut mit einer großen Freiheit des Thuns und Redens, – man war ja dem Direktorium noch so nahe, – und ich finde, daß Herr Paul de Rémusat sehr unrecht gehabt hat, die etwas derben Stellen aus den Denkwürdigkeiten seiner Großmutter auszumerzen. Das gehört zur Farbe der Zeit und es wäre niemandem eingefallen, diese reizende, so hingebende, so zärtliche junge Mutter weniger rein und unschuldig zu finden, weil sie sich nicht, wie unsere ängstlichen Tugendhaften, gescheut hätte, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Auch können diese etwas kräftigen Worte bei Mad. de Rémusat nichts von der verschämten Sinnlichkeit, noch von der rohen Trivialität gehabt haben, durch welche sie erst in dem Munde einer Frau verletzend werden. Mad. de Rémusat macht den Eindruck einer durchaus reinen Frau, nicht nur rein im Handeln, sondern auch in der Phantasie. Sie erinnert ein wenig an Mad. de Choiseul, die »Unverführbare«, wie Mad. du Deffand die aufblickende Gattin des aufgeklärten Ministers zu nennen pflegte; aber es ist eine Mad. de Choiseul, die ihr Liebesbedürfnis nicht so ausschließlich auf den Gatten konzentriert, das beste Theil dem Sohne zuwendet und – eine Mad. de Choiseul, die, wie gesagt, ihren Chateaubriand gelesen hat. Dabei hatte sie etwas, wonicht von der grande dame , so doch von der feinsten Welt. Deshalb auch legte der erste Konsul soviel Wert darauf, sie für seinen entstehenden Hof zu gewinnen und nachdem er sie gewonnen, sie demselben zu erhalten. Selber ein Emporkömmling und von sehr schlechter Lebensart, wußte er, mehr aus Politik als aus Instinkt und Sympathie, die Gegenwart einer vollkommen wohlerzogenen Frau in dieser Umgebung von rohen Soldaten, geadelten Advokaten und abenteuernden Kreolen oder Korsen wohl zu schätzen. Mad. de Rémusat gehörte nicht allein einer adligen Familie an, wie Josephine, sondern, was mehr war, einer reinlichen; und mitten in dieser Gesellschaft der Beauharnais' und Bonaparte's, wo nur von Geld, Liebesintriguen niedrer Art, ja von Blutschande die Rede ist, bewahrt sie immer ihr keusches und bescheidenes Wesen, während sie doch bald jene Leichtigkeit und Sicherheit erlangt, die ihr anfangs etwas gefehlt zu haben scheinen, die aber eine Frau von vornehmer Anlage, zumal wenn sie eine Mutter wie Mad. de Vergennes gehabt, schnell findet. Man muß in diesen »Denkwürdigkeiten« die Auftritte von Mortefontaine und, nach der Errichtung des Kaiserthums, die Szenen in Saint-Cloud lesen, um sich einen Begriff von dem Ton zu machen, der in dieser Familie und an diesem Hofe herrschte. Noch schlimmer freilich als der Ton waren die Sitten und die Gesinnung. Alle niedersten Leidenschaften traten da mit einem krassen Cynismus auf, der einen manchmal geradezu anwidert. Alles dreht sich um Befriedigung der gemeinsten Genußsucht und der erbärmlichsten Eitelkeit. Man glaubt unter Spielern und Freudenmädchen zu sein, und man täuscht sich kaum, wenn man es glaubt. Josephine selbst – noch die Beste in der ganzen Gesellschaft – ist die echte Courtisane: immer mit Putz beschäftigt, immer in Schulden, in vollständiger Unkenntnis des Geldwerthes, gutmüthig, anmuthig, ohne Sinnlichkeit, aber eifersüchtig aus Eigenliebe, immer im Rausche der Feste, die Gedankenlosigkeit selber. Mad. de Rémusat hat uns die frischesten Gemälde von diesem Hofe hinterlassen, sowohl aus dem Konsulat in Saint-Cloud und der Malmaison, wo noch die naive Rohheit zu Tage trat, als aus der Kaiserzeit in Fontaineblau, wo das steifste Ceremoniell alle Bewegungen hemmte. Ohne soweit wie der Sohn zu gehen, der das letzte Kapitel neben St. Simon stellt, kann man doch sagen, daß die Schilderung dieser gähnenden Langeweile eine der gelungensten des fesselnden Buches ist. Alle Höfe sind langweilig; aber die Spioniererei, die Ängstlichkeit, die ewige Befangenheit dieses Hofes übersteigt denn doch Alles, was man von dergleichen gehört und gesehen hat. Der Herrscher weiß sich so wenig zu mäßigen, daß Jeder immer vor einem Losbruch zittert; dabei will er, befiehlt er, daß man sich amüsieren soll; allein da er die Frauenherrschaft fürchtete, ließ er keinen freien Verkehr zu: ein großer Luxus, Konzerte, Theater, Diners drängten sich; aber kein Gespräch, kein Witz, keine wahre Eleganz kamen auf; selbst Liebesintriguen waren selten, oder es waren einfache sinnliche Launen, die den Tag ihrer Geburt und Befriedigung nicht überlebten. Alles war mürrisch, verdrießlich oder gemein an diesem Hofe, wo die Gesellschaft den Tag über schwieg und gähnte, alle Abende aber im Theater einschlief. Auch geistig stach Mad. de Rémusat gar sehr ab von diesem Kreis in Saint-Cloud und der Malmaison. Mit Ausnahme Napoleons hatte eigentlich Niemand in dieser Gesellschaft gelesen. Josephine »öffnete nie ein Buch«; ja Napoleon selber las eigentlich nur halb. »Kaum hatte er ein Buch aufgeschlagen, so wollte er auch schon urtheilen.« Kein Wunder, wenn Mad. de Rémusat in dieser Umgebung beinahe den Eindruck einer kleinen Pedantin machte; und Bonaparte ließ sie's zuweilen fühlen. Sie hatte nämlich von ihrer bedeutenden Mutter einen besonders sorgfältigen Jugendunterricht erhalten. Ihre Bagage an Gelehrsamkeit war darum doch noch gar leicht, verglichen mit dem, was unsere Mädchen heutzutage lernen. Freilich hatte sie die wenigen Bücher, die sie kannte, auch gelesen; heute sollen die jungen Frauen soviel Bücher über die Bücher zu lesen haben, daß sie nicht mehr dazu kommen, die Bücher selbst zu lesen. Mad. de Rémusat hatte die eigentümliche Bildung der Französinnen des 18. Jahrhunderts: weniger gegründet auf den Schulunterricht, als auf die Lektüre wirklich guter Autoren, genährt durch den Umgang unterrichteter Männer, und undenkbar ohne ein eingeborenes lebhaftes Interesse an geistigen Dingen und an bedeutenden Menschen, eine Bildung, deren oft erreichter Zweck nicht das Wissen, sondern das Begreifen war. Diese Art von Frauenbildung – die einzige, die wirklich Werth hat, wenn sie in der Jugend durch eine tüchtige Zucht des Denkens, anstatt durch todtes Lernen vorbereitet wird – diese Art von Bildung war fast untergegangen seit dem Absterben der Generation von Mad. d'Epinay und Madlle. de Lespinasse. Man mußte bereits, beim Versiegen der lebendigen Bildungsquelle, welche in der gesellschaftlichen Überlieferung floß, etwas nachhelfen mit methodischem Unterricht und Lehrbüchern. Die während der Revolution in die Gesellschaft eingetretenen Frauen hatten, wenn sie nicht zügellos genußsüchtig waren, schon etwas vom Blaustrumpf und der politischen Frau, bei aller ihrer weiblichen Liebesfahigkeit; man denke nur an Mad. de Staël und Mad. Roland. Als Mad. de Rémusat im Jahre 1802 an den Hof des ersten Konsuls kam, war noch der freie Ton Mad. Tallien's oder der laute Sophie Gay's der vorherrschende. Sie fühlte sich von Anfang an dieser Welt überlegen, nicht nur an Erziehung und Geburt, sondern auch an Kenntnissen; und wie sie sich ein Vergnügen daraus zu machen scheint, den Stiefsohn Bonaparte's, kurz Eugène Beauharnais, die Marquise de Talhouet und die Baronin von Andlau, Mad. Talhouët und Mad. Dandlau zu nennen, während sie vor dem Namen Rémusat nie die Partikel vergißt, – so ist sie offenbar sehr glücklich, wenn sie Jemanden und namentlich den ersten Konsul selber, der, wenn man ihr glauben darf, in diesem Punkte besonders schwach war, auf irgend einem grammatischen oder orthographischen Fehler erwischen kann. Alles das giebt ihr in der That einen leichten Anflug des Preziösen, das Talleyrand in dem Porträt, das er von ihr gezeichnet, nicht wiedergegeben hat. Dies Porträt ist übrigens so künstlich, so gewunden und gedreht, so voll schöner kleiner Antithesen, es riecht so nach Moschus, daß, wenn man es gelesen hat, Einem gar kein lebendiges Bild der Person vor den Augen steht. Ganz anders das Bildnis, das der Sohn gezeichnet hat und das ein kleines Meisterstück in seiner Art ist, wie alle, die er mit seiner leichten und doch so sichern Feder zeichnet – man lese nur das von Maret (Herzog von Bassano). Wie genau das alles ist und doch wie billig, wie wohlwollend. Und wie es geschrieben ist! Dagegen fällt die Mutter etwas ab, namentlich, wenn sie sich in ihren qui' s und que 's nicht zurechtfinden kann (z. B. » Tant de gens répétèrent que cette descente était possible qu'il se pourrait qu'il pensât que sa fortune lui devait un pareil succès «). Ihr Sohn ist eben ein Schriftsteller von Handwerk; sie ist eine ungedruckte Schriftstellerin, daher sie denn auch in ihren, oft in den Anmerkungen angeführten Briefen, noch weit anmuthiger erscheint, als in ihren Denkwürdigkeiten, in diesen aber die Stellen einfacher Erzählung und Schilderung des Selbsterlebten so viel frischer und gefälliger sind, als die, worin sie über die Menschen und Dinge raisonniert oder Ereignisse erzählt, deren Zeugin sie nicht war. Dies auch der Grund, warum die Theile des Buches, wo sie, um die Lücken auszufüllen, über die Feldzüge von 1805, 1806 und 1807 berichtet; während welcher sie den Kaiser persönlich aus den Augen verlor, manchmal etwas lang herauskommen. Im Ganzen jedoch ist ihr Stil äußerst natürlich, einfach, fest und von der echtesten Tradition, d. h. ohne gewollte Nachahmung oder Erlernung, nicht von dem Mad. de Sévigné's oder Mad. du Deffand's abgesehen, sondern ererbt. Ihre Porträts sind voller Leben und die Kürzesten sind die Besten; so die Fouché's, Savary's, der Marschälle, vor Allem aber der Damen und, wie's zu gehen pflegt, sind die mechantesten auch die gelungensten: Mad. de Talleyrand und Mad. Murat namentlich waren der jungen Hofdame sehr antipathisch. Soweit die kleine Frau des Hasses fähig ist, haßt sie die Feindinnen der Kaiserin und ihrer Tochter, sowie die Freundinnen Talleyrand's, dem sie – in allen Ehren – sehr zugethan war, fast ebenso sehr als ihre eigenen Nachfolgerinnen in der Gunst des Herrn. Haß und Eifersucht aber sind gute Brillen, selbst wenn sie so gemildert und abgeschwächt sind wie bei unserer Memoiristin. Ich habe davor gewarnt, der liebenswürdigen Frau gar zu blindlings zuzustimmen, wenn man ihre Denkwürdigkeiten liest. Obschon sie behauptet, sie gäbe sich alle erdenkliche Mühe um Etwas zu finden, das sie loben könne ( je suis à chercher des occasions de louer ), so fühlt man doch den Groll gegen den Einstbewunderten auf jeder Seite durch. Herr und Frau von Rémusat theilten die Begeisterung ganz Frankreichs, ja der Welt für den Helden von Marengo, als sie 1802 an den Hof des ersten Konsuls kamen. Bei der jungen Frau war's wohl auch ein noch zarteres Gefühl, und Er benutzte das, wie er Alles zu benutzen pflegte. Sie war kaum zweiundzwanzig Jahre alt, obgleich schon seit sechs Jahren verheirathet, und sie war eine der Ersten unter den Frauen der alten Gesellschaft, die sich anschlossen. Der erste Konsul bezeigte ihr viel Vertrauen, und der Kaiser bewahrte ihr seine Achtung, wenn schon mit etwas mehr Zurückhaltung; hatte er doch jetzt andere große Damen an seinem Hofe aufzuweisen und Namen, neben denen die der Vergennes und Rémusat fast bürgerlich klangen. Nach der Scheidung folgte Mad. de Rémusat Josephinen in ihre Zurückgezogenheit, und Napoleon machte keinen Versuch sie zurückzuhalten. Obgleich ihr Mann einige seiner Ämter behielt, so entsagte er doch demjenigen, welches ihn der Person des Kaisers besonders nahe brachte: und es scheint nicht, als ob es besonderen Drängens bedurft hätte, um die Entlassung zu erlangen. Von dem Augenblicke fingen Beide – Mann und Frau – an, sich etwas jener kleinen schmollenden Opposition der Pariser Salons anzuschließen, die sich nach dem Mißerfolge des spanischen Krieges zu bilden begann. Sie hatten sich überdies immer näher mit Talleyrand verbunden und Talleyrand war in Ungnade. Ein Diner, das er bei ihnen in Fouché's Gesellschaft einnahm, Bei Gelegenheit der der Wittwe Lavoisier's, Mad. de Rumford, angedrohten Ausweisung und um sich über die Mittel zu berathen, wie dieselbe abzuwenden wäre. Herr P. de Rémusat wird mir verzeihen, wenn ich ihm bei der Gelegenheit bemerke, daß Rumford kein Deutscher war, wie er meint, sondern ein Amerikaner, der in bayrischen Diensten gewesen, und dessen Laufbahn bezeichnend genug für das vorige Jahrhundert ist, um wenigstens eine Kenntnisnahme zu verdienen. – Ich habe früher wohl meine Zweifel an Talleyrand's Opposition gegen die spanische Einmischung geäußert, Der 3. Band von Mad. de Rémusat's Memoiren beweist, daß er sich, wenigstens seinen Freunden gegenüber, von Anfang an entschieden gegen dieselbe ausgesprochen hat. erweckte den ganzen Argwohn des Herrn, der immer mißtrauischer geworden war, und es kam beinahe zu einer Katastrophe. Im Jahre 1814 nahm M. de Rémusat eine Präfektur an, und er zeigte während der Hundert Tage eine Festigkeit im Sinne der bourbonischen Legalität, welche man ihm kaum zugetraut hätte, da man ja immer geneigt ist, für Leichtigkeit des Charakters zu halten, was oft nur Leichtigkeit des Temperaments ist. In dem Höfling war denn doch noch etwas vom Zeuge des alten Parlamentariers. Mad. de Rémusat, in welcher der halberstickte Samen ihrer royalistischen Erziehung plötzlich wieder aufgegangen war, und welche die Rückkehr der Bourbonen mit der ganzen Begeisterung der Restaurations-Romantik von 1814 begrüßt hatte, zitterte wohl ein wenig während der Hundert Tage. So lange sie Hofdame bei Josephinen gewesen, hatte sie ein Tagebuch gehalten. Nun glaubte sie alle Augenblicke eine Haussuchung seitens des frühern Herrn befürchten zu müssen, der, so sagte man, mit all dem Groll zurückgekehrt war, dessen sie ihn fähig wußte sie verlor den Kopf und verbrannte ihr Manuskript. Sie begann 1818 es aus dem Gedächtnis wiederherzustellen; aber es waren zehn Jahre vergangen, seit sie den Hof des Kaisers verlassen, sechzehn, seit sie ihn zum ersten Male betreten hatte; die Bourbonen waren die Herren und obschon man in Mad. de Rémusat's Kreisen ein liberaleres Königthum gewünscht hätte, so hatte man sich doch angeschlossen und man glaubte noch an die Legitimität. Die Bewunderung für Bonaparte dagegen hatte längst einem höchst verschiedenen Gefühle Raum gegeben und, vor allem, sie hatte sich daran gewöhnt, den Kaiser nur noch mit den Augen Talleyrand's anzusehen, mit dem sie und ihr Mann sich, wie gesagt, schon vor, mehr noch freilich nach der gemeinsamen Ungnade sehr befreundet hatten, wenn man das etwas starke Wort Ungnade für die kühle Stimmung gebrauchen darf, welche den Rémusats gegenüber an die Stelle der alten Gunst getreten war. Dem vornehmen Genüßling behagte es in den natürlich-reinlichen Verhältnissen dieses Hauses, wie ein Feinschmecker sich nach einer Pariser Dinersaison die schlichte Hausmannskost in der Provinz wohl schmecken läßt; und die junge Frau fühlte sich geschmeichelt, daß der erste Mann Frankreichs nach dem Kaiser ihren kleinen Haushalt und ihre Unterhaltung denen aller Grüßen und Berühmtheiten vorzog. Ohne blind für ihren Freund zu sein, ohne sogar seine bodenlose Korruption in Abrede zu stellen, sucht Mad. de Rémusat doch dieselbe auf alle Weise zu erklären und entschuldigen; ja sie giebt uns allerhand Aufklärungen über seine Jugend und was er ungerecht zu leiden gehabt, um unser Mitgefühl für den armen, durch die Unbill Verhärteten zu erwecken. Was nun gar das Politische anlangt, so schwört sie nicht höher als bei ihm; und auch seine Urtheile über Menschen nimmt sie fast ohne Prüfung an. Viele der Anekdoten, welche in den Denkwürdigkeiten berichtet werden, hatte sie von ihm gehört und man weiß, mit welcher Virtuosität er dergleichen zu erfinden und auszuschmücken, oder vielmehr zurechtzuschneiden wußte, so daß Er immer das glückliche Wort darin hat. Allerdings sind diese Anekdoten darum nicht weniger unterhaltend, weil sie zweiter Hand sind; und die meisten gehören zu der besten Art der Anekdoten, d. h. zu den charakteristischen. Abgesehen indeß von diesen Geschichten und von Talleyrand's Einfluß, ist es schon an und für sich etwas Anderes, Napoleon mit den Gefühlen von 1818 und mittelst abgeschwächter Erinnerungen geschildert zu sehen, als es gewesen wäre, ihn in voller Sonne von einem Maler konterfeit zu schauen, der selbst unterm Zauber war, wie Mad. de Rémusat im Jahre 1802. Diese Bewunderung gehört ja mit zum Bilde, wenn es vollständig und wahr sein soll. Man sieht Napoleon nicht wie er nach dem Frieden von Amiens war, wenn man nicht die Begeisterung der ganzen Welt und den Hoffnungsrausch mit- und nachempfindet, welchen der Überwinder der Anarchie und der Gesetzgeber der modernen Gesellschaft erregt hatte. Damit soll durchaus nicht gesagt sein, daß der Bonaparte, wie sie ihn 1818 im Lichte der späteren Ereignisse sah, nicht richtiger sei, als das Bild, das sie sich 1802 von ihm gemacht hatte; aber dieses posthume Porträt können wir uns Alle selber machen; jenes erste der Frühlingstage muß durchaus von einem Augenzeugen entworfen sein. Und was für ein Zeuge war Mad. de Rémusat: welche Feinheit, welcher Verstand, und bei all ihrer ersten Eingenommenheit, ihrem späteren Unmuth, welch weiblicher Blick! Man muß nur einmal die Briefe und Bemerkungen Sismondis über die Hundert Tage lesen, die Villari vor kurzem in der » Revue historique « veröffentlicht hat, um zu sehen, wie sehr ein Mann von Talent, ein Gelehrter, ein Liberaler von Gesinnung an wirklicher Einsicht einer einfachen Weltdame nachsteht, die keine politischen »Grundsätze« zu haben geruht. Der ernste Historiker hat gar Nichts von den Ereignissen gelernt, weder von 1808, noch von 1812, noch von 1814, er begnügt sich bei allen on-dit's , hört auf alle écoute-s'il-pleut , hat gar keine Anschauung von den Wirklichkeiten dieser Welt, glaubt mit ganzem Herzen an des Kaisers neuerwachten Liberalismus – und alles das mit einer naiven Vertrauensseligkeit, die an die Einfalt rührt. Etwas freilich von dem Zauber, dem der ehrliche Genfer 1815 nicht zu widerstehen vermochte, und den auch Mad. de Rémusat mit besserm Grunde gegen 1802 und 1803 erfahren hatte, ehe sich noch die unerträglichen Unarten und Laster entwickelt hatten, welche später die großartige Erscheinung des Wundermannes verunstalteten, verräth sich gerade in ihrer weiblichen Bitterkeit und sie selber fühlt's, wenn sie mit Hermionen ausruft: Ah, je l'ai trop aimé, pour ne le point haïr . Daß Charles de Rémusat den schönen Vers falsch citiert haben sollte (I, 32), scheint mir kaum glaublich. Es wird wohl ein Versehen seines Sohnes Paul sein, der seines Zeichens ein Naturforscher, nicht ein Literat ist; und den die Härten dieser Korrektion Racine's (er schreibt: Va, je t'ai trop aimé, pour ne point te haïr ) nicht so sehr verletzen konnten, als sie den Vater sicherlich verletzt hätten. Aber das erste Bild, was sich ihr und der Menschheit ausdrängte, ist dadurch doch etwas verzerrt; und deshalb gerade muß man – den Verlust des früheren Manuskriptes so lebhaft bedauern, welches unterm Eindruck jedes Tages geschrieben war. Indeß auch in der Gestalt, in der wir sie haben, bieten diese Denkwürdigkeiten Allen, welche die großen sagenhaften Gestalten der Geschichte gerne etwas in der Nähe sehen, einen höchst anregenden Genuß. Worin, fragt man sich wohl bei solchen Gelegenheiten, besteht eigentlich der Reiz dieser Art von Lektüre und warum scheinen die Franzosen allein das Geheimnis dieser Kunst zu besitzen? Die Italiener und Deutschen haben sicherlich höchst interessante Autobiographien, die sogar oft als literarische Denkmäler und an geistigem und sittlichem Gewicht weit bedeutender als die der Franzosen sind; aber die Einen geben meist nur die persönlichen Abenteuer des Erzählers, die Andern berichten oft nichts als die inneren Ereignisse, die Seelenvorgänge, und bringen höchstens ein paar Kapitel Literaturgeschichte. Die Franzosen dagegen zeigen uns in ihren Denkwürdigkeiten die Mächtigen, von denen das Geschick von Millionen abhängt, und die in der Geschichte eine tiefe Spur hinterlassen haben, in ihrem Privatleben oder am Werke, aber so, wie sie sich in der Nähe besehen ausnehmen. Vielleicht werden auch die Deutschen, die Italiener in Zukunft ihre Memoiristen haben, die fesselnder sind als die Historiker, nun sie Nationen geworden sind und Männer besessen haben oder besitzen, welche diesen ganzen Nationen und ihrer ganzen Zeit ihren Stempel aufgedrückt. Und doch; selbst bei den Engländern, die seit so langer Zeit schon ein so großes öffentliches Leben, einen so großen Mittelpunkt und Herd des Nationallebens haben, warum sind ihre Pepys' und Evelyn's, ihre Greville's sogar, wenn auch höchst unterhaltend, doch in ihrer Art so verschieden von den Retz' und St. Simon's, als es nur die Goldoni und Alfieri, die Jung-Stilling, und Kügelgen sein können? Man behauptet, die Sprache eigne sich weniger dazu und daß sie es ist, welcher die französischen Memoiren all ihren Reiz verdanken; aber das heißt mit Worten spielen: was ist denn die Sprache anders als der Charakter selbst und der Geist einer Nation, wie er in bestimmten Zeichen festgehalten ist? Die Frauen, höre ich sagen, spielen gar keine oder nur eine unbedeutende Rolle in den englischen Memoiren, weil sie keine oder doch nur eine unbedeutende Rolle im Staatsleben Englands spielen; und das Interesse erlahmt, wenn keine Frau da ist, die den Kampf der Leidenschaften unter den Männern erleuchtet, erwärmt, belebt und doch zugleich mäßigt. In Frankreich, wie Mad. de Rémusat selber sein bemerkt, »giebt ja die Sitte den Frauen immer Wichtigkeit und Freiheit, so daß es ihnen stets erlaubt ist, die Rangverhältnisse auszugleichen«, worin ein großes Geheimnis des französischen Salons liegt; auch bin ich sehr geneigt zu glauben, daß dies viel dazu beiträgt, jene Überlegenheit der Memoirenliteratur zu erklären; allein ganz erklärt es dieselbe doch nicht. Die Engländer, wirft man weiter ein, sind fast immer daheim, was sie im Parlamente sind; sie nehmen keine Attitüden an; sie sind keine Schauspieler, und, wo so wenig Komödie ist, hat man auch wenig Freude dran hinter die Koulissen zu dringen. Auch das mag wahr sein, obschon es nicht so absolut zu nehmen ist, so wenig wie Chateaubriand's bekannte Erklärung aus der Eitelkeit der Franzosen, die ihm nicht erlaube, wie's dem Historiker gezieme, sich selbst aus dem Spiele zu lassen, aus der Oberflächlichkeit ( légèreté ), die ihn beim Einzelnen festhalte und es ihm schwer mache, sich zum Gesammtüberblicke zu erheben und aus seiner leidenschaftlichen Parteisucht, die er in diesem Genre besser befriedigen könne, als in der Geschichte. Das sind Alles Nebenursachen. Die Hauptursache des größeren Interesses, welches die französischen Denkwürdigkeiten bieten, selbst wenn sie keine literarischen Musterwerke sind, wird doch immer die bleiben, daß Hof und Stadt, Literatur und Welt, Gesellschaft und Staat sich nirgends so, wie in Frankreich, durch eine lange nationale Geschichte gegenseitig durchdrungen haben und daß diese Verschmelzung eine in ihrer Art so vollständige Welt hervorgebracht, aus dem Bewohner dieser Welt ein in seinem Sinne so vollkommenes geselliges Wesen gemacht hat, so frei und doch so mäßig, so lebhaft und so taktvoll, so scharf und zugleich so wohlwollend, so kunstreich und doch so anscheinend natürlich, daß es nicht leicht ist, sich seinem Zauber zu entziehen. Es muß uns nicht irre machen, daß diese Welt, trotz ihres Anscheins leichter Natürlichkeit, im Grunde etwas Gemachtes ist. »Die Kultur, das Leben , vergessen wir's nicht, ist eine erlernte und erfundene Sache, vervollkommnet im Schweiße des Angesichts von vielen Generationen und Dank einer Reihe von genialen Männern, denen wiederum eine unendliche Zahl von Männern von Geschmack folgten und nachhalfen.« So Saint-Beuve im Jahre 1849, als dem französischen »Leben«, d. h. der französischen Gesellschaftstradition schwere Gefahren drohten: Worte, die eigentlich nur in Frankreich ganz wahr sind. Was aber sind die französischen Memoiren, als dieses über den Tod hinaus fortgesetzte Leben in der Geselligkeit und in der Unterhaltung, in eleganten Formen und zärtlichen Verhältnissen? Wird dem immer so sein? Man ist versucht daran zu zweifeln, Angesichts der Dinge, deren Zeugen wir seit einigen Jahren sind. Allein gerade weil Grund da ist, daran zu zweifeln, müssen wir uns keine Gelegenheit entgehen lassen, um durch jedes Fenster, das sich uns nur öffnen will, hineinzusehen, um noch einen Blick zu erhaschen auf eine verschwindende Welt. Und das Schauspiel, das Mad. de Rémusat uns aufdeckt, hat überdies noch den besondern Vortheil, daß wir sehen, wie schon einmal die französische Gesellschaftstradition sich aus schlimmerer Überfluthung der Mittelmäßigkeit und Heftigkeit, der Gewalt und Rohheit, siegreich wieder herausgearbeitet hat. Auch die jetzige Herrschaft der Handlungsreisenden, Schullehrer und Bader oder vielmehr ihrer Organe und Vertreter, wird die wahre französische Bildung, so wenig wie die echt französische Gesellschaft nicht auf die Dauer zu unterdrücken im Stande sein. Ist doch diese Bildung und Gesellschaft keineswegs ein Privileg der monarchischen und klerikalen Parteien; ist sie doch nirgends lebendiger, nirgends seiner vertreten, als in den Kreisen der konservativen Republikaner, die sich wahrlich das Szepter der französischen Gesellschaft nicht werden entringen lassen, wie sie sich schon das Steuer des französischen Staates haben entreißen lassen. Aber, verirren wir uns nicht. Kommen wir zu unserer anmuthigen und klugen Führenin zurück, und nun wir sie selber uns angesehen haben, sehen wir uns auch ein wenig den Mann an, der alle ihre Bände mit seiner gewaltigen Persönlichkeit erfüllt, und der uns hier doch in Manchem als ein Andrer erscheint, denn der Bonaparte, den wir bis jetzt zu kennen geglaubt. II. Nichts ist merkwürdiger und belehrender als in der Geschichte der Meinungen die unausgesetzten Wechselfälle zu verfolgen, welchen gewisse Namen unterworfen sind, nachdem die Träger dieser Namen längst verschwunden sind. Und man sage nur nicht, es komme ein Augenblick, wo die Nachwelt ein endgültiges Urtheil falle. Das mag wahr sein, was die unbetheiligten Zuschauer der Menschen-Komödie und -Tragödie anlangt – unbetheiligt, meine ich, nicht theilnahmlos; Die brauchen übrigens nicht einmal die Zukunft abzuwarten, um ihr Urtheil zu fällen. Für das jedoch, was man die Meinung zu nennen pflegt, hört die Fluth und Ebbe nie auf, weil die Meinung nicht das Ergebnis kühler Beobachtung, unparteiischer Vergleichung und Schätzung der Thatsachen, heiteren Nachdenkens über diese Thatsachen ist, sondern das Erzeugnis der Leidenschaften und der Interessen, und es keinen historischen Namen giebt, so alt er auch sein mag, und wäre es der Cäsar's oder Mahomet's, der nicht unmittelbar unsre Leidenschaften und Interessen berührte. Cromwell z. B. ist heute außerordentlich beliebt in England und – was gewiß den Geschichtsschreiber nicht wundern wird – er ist es vornehmlich bei den Radikalen, den Feinden der Religion und des Despotismus, die, so sollte man meinen, ihn verabscheuen sollten und welche in der That, in diesem Augenblick englischer Eingenommenheit für die französische Tagesmeinung, ganz besonders streng gegen den französischen Cromwell sind, gegen Napoleon Bonaparte, der ihnen, wie den heutigen Franzosen, ein einfacher selbstsüchtiger Tyrann ist, während ihr Cromwell ihnen als »der größte Monarch der englischen Geschichte« erscheint. Im Grunde nämlich hat man eine Art revolutionärer Sympathie für den homo novus , der die zwei alten Bäume des Königthums und der Kirche fällte und – die Zeit nicht hatte, neue zu pflanzen oder auf den Stumpf der alten zu pfropfen. Napoleon hatte die Zeit dazu. Dies und die Thatsache des Überlebens seiner Familie, sowie auch die Ereignisse der dreißig letzten Jahre haben seinen Namen zu einem äußerst unpopulären in denselben gesellschaftlichen Regionen Englands gemacht, wo man den Cromwell's nicht genug preisen kann, in denselben Sphären Frankreichs, wo man den Napoleons selber vor vierzig Jahren in den Himmel erhob, zur Zeit als der Minister des Innern im Kabinet Thiers, Charles de Rémusat, in einer berühmt gebliebenen Rede die »Rückbringung der Asche« befürwortete und den großen Kaiser den »legitimen Herrscher« Frankreichs nannte. Noch siebzehn Jahre später, als er unter Napoleon III. die Vorrede schrieb, die dem dritten Bande dieser Denkwürdigkeiten vorangeht und die mir dem Inhalt wie der Form nach das Schwächste zu sein scheint, was der ausgezeichnete Mann je geschrieben, noch unterm zweiten Kaiserreich glaubte Graf Rémusat, das Urtheil seiner Mutter über den großen Kaiser werde nie volksthümlich werden; nur in den Kreisen, wo man denke, werde die Wahrheit durchdringen; für die Masse der französischen Nation werde der Name immer seinen alten Klang behalten. Was würde er heute sagen, wenn er Zeuge wäre, wie auch nicht eine achtunggebietende Stimme in Frankreich Einrede zu erheben wagt, wenn der Mann des 18. Brumaire als der Urheber alles Unglücks bezeichnet wird, welches das Vaterland seit achtzig Jahren befallen hat? Darf man behaupten, wie es Herr Paul de Rémusat thut, der jene Worte seines Vaters ganz vergessen zu haben scheint, darf man sagen, »daß die Gerechtigkeit des heutigen Frankreich der wahren Gerechtigkeit näher ist«, als die von 1840? Mir scheint, daß beide Extreme gleich viel oder gleich wenig werth sind; und es will mich dünken, daß keines von beiden Urtheilen, weder das von damals, noch das von heute, gerechter sei als das von 1800, da die Welt in Bonaparte einen modernen Titus, – delicias generis humani –, den Gründer einer neuen Ära in der Geschichte Europas sah. Wie oft haben sich die Franzosen seit 1800 nicht am Ende der Revolution geglaubt. Und wieviel zuversichtlicher noch, als sie es heute glauben! Wer die Januartage von 1870 nicht miterlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie weit das Zutrauen in die Festigkeit der menschlichen Dinge gehen kann. Und war es nicht ebenso nach 1830, als Augustin Thierry selber ausrief: »Alles ist erneuert, ohne daß die Überlieferung abgebrochen wäre ... Wir haben das Ziel vor Augen, das die Vorsehung in einer sechshundertjährigen Arbeit verfolgt hat.« Und wenn der größte Historiker des Jahrhunderts nach 1830 hat glauben können, Alles sei fertig, wie hätte 1818, als das geschichtliche Herrscherhaus nach einer fünfundzwanzigjährigen Zwischenzeit wieder auf den Thron des heiligen Ludwig gestiegen war, eine erregbare und hingerissene Frau nicht die Zeit, wo sie lebte, glücklich, hundert Mal glücklich preisen sollen, »da alle Erfahrungen erschöpft waren und nur Unsinnige noch über den Weg zweifeln konnten, der zum Heile führte«. In keinem Augenblicke des Jahrhunderts jedoch war Frankreich berechtigter, sich im Hafen zu dünken als an der Schwelle des Jahrhunderts selber; zuvörderst, weil's das erste Mal war und man die Trüglichkeit solcher Hoffnungen noch nicht erfahren hatte; dann auch wegen der positiven und beispiellosen Ergebnisse, die man schon erlangt hatte; endlich und namentlich, weil die absolute Einstimmigkeit der Nation selber die neue Gewalt aufgerichtet hatte. Es ist heute die Mode, den 18. Brumaire wie den 2. Dezember zu beurtheilen, und den 2. Dezember als einen unerwarteten Überfall und eine Frankreich angethane Gewaltthat darzustellen. Ich habe keinen Beruf und gewiß auch keine Lust, die Apologie des 2. Dezember zu schreiben, aber es wird mir, an anderer Stätte, nicht schwer werden, durch Zeugen, welche sicher der Parteilichkeit für den Prinz-Präsidenten nicht verdächtig sind, zu erhärten, daß, wenn der Staatsstreich von 1851 von Einigen gefürchtet und von Vielen als eine traurige, aber unausweichliche Nothwendigkeit angesehen wurde, er von der ungeheuren Mehrheit der Franzosen gewünscht, von Allen erwartet war. Alles das war freilich in noch viel höherem Grade am 18. Brumaire der Fall; und der 18. Brumaire hatte den zweifachen Vortheil über den 2. Dezember, daß er von einem blendenden, unwiderstehlich verführerischen Manne ausgeführt wurde, und daß seine Gegner den Frondeurs von 1852 an Moralität, Intelligenz und sogar an Zahl weit nachstanden. Nun sind es aber diese Frondeurs, die am Ende die »Meinung« über den 2. Dezember bestimmt haben, wie auch sie es sind, welche die Geschichte desselben geschrieben haben. Die Leute Louis Philipp's und Cavaignac's, wie sie auch sein mochten, wogen ganz anders schwer als die Überlebenden des Konvents und des Direktoriums, die sich etwa dem neuen Machthaber nicht unterwarfen. Auch muß man nicht vergessen, daß, so unerträglich die Lage von 1851 war, sie sich doch nicht mit der von 1799 vergleichen läßt. Wie dem auch sein mag, sie war unentwirrbar, und der gordische Knoten wurde zerhauen. Es wird den nachwachsenden Geschlechtern, welche die Dinge nicht mit eignen Augen gesehen haben, gar schwer, sich einen Begriff von solcherlei Lagen zu machen, und die Besiegten verfehlen nie, sie ihnen so darzustellen, wie sie selber sie sehen, d. h. durch den Schleier des Ärgers und der Leidenschaft. Daher sind denn auch alle Revolutionen Frankreichs seit achtzig Jahren von diesen neuen Generationen gemacht worden; oder, um ganz genau zu sein, die der Gewalt Entsetzten haben sich nacheinander des Pariser Pöbels als materiellen Werkzeuges, der feurigen und strebsamen Jugend der neuen Geschlechter als moralischen Werkzeuges bedient, um umzustoßen, was sich an ihrer Stelle eingerichtet hatte. Dieses moralische Werkzeug aber heißt man »Meinung«. Pflicht des Geschichtsschreibers ist, sich nicht von der »Meinung« hinreißen zu lassen und die Dinge selber in's Auge zu fassen, sie soviel als möglich jedoch im Lichte des Tages zu schauen, wo sie vorgegangen sind. Der Geschichtsschreiber, der im 18. Brumaire das Attentat eines Usurpators auf die Nation und ihre Rechte sähe, würde schon dadurch beweisen, daß ihm die erste Erfordernis zum Geschichtsschreiben abginge. Der Geschichtsschreiber kann wohl – er soll sogar – politische Überzeugungen haben: er mag die Revolution, den Despotismus, den Eroberungsgeist verabscheuen; aber er hat nicht das Recht, diese seine Gefühle Generationen zu leihen, denen sie unbekannt waren. Thatsache ist – Tocqueville sah es wohl und war doch sicherlich kein Cäsarianer – Thatsache ist, daß das Frankreich von 1799 nach Ordnung lechzte und sie um jeden Preis wieder hergestellt wissen wollte, selbst um den Preis der Ungesetzlichkeit. Es war ein allgemeines, ein leidenschaftliches, ruere in servitium . »Mein ganzer Antheil am Ausführungskomplott«, konnte General Bonaparte nach dem 18. Brumaire sagen, »beschränkt sich darauf, zu einer bestimmten Stunde die Masse meiner Besucher zu versammeln und mich an ihrer Spitze der Gewalt zu bemächtigen.« »Man kann Alles übertreiben,« fügte noch sechzig Jahre später ein berühmter Gegner des Cäsarismus, ein glänzender Vertreter des hohen Adels Altfrankreichs und ein beredter Vertheidiger der parlamentarischen Freiheit, »man kann Alles übertreiben,« sagte der Herzog von Broglie, »außer den Diensten, welche der neue Cäsar uns leistete, auf dessen Stimme, unter dessen mächtiger Hand, Alles wie durch Zauber wiederauferstanden ist.« Wer noch Beweise von dieser Stimmung Frankreichs zu haben braucht, dem liefern die Memoiren von Mad. de Rémusat, die doch bei der Beleuchtung der verhängnisvollen Ereignisse von 1814 und 1815 und im Geiste ausgesprochener Feindseligkeit, nicht zu sagen Gehässigkeit, geschrieben sind, solche Belege zu Hunderten. »Wir fürchteten durchaus nicht die Herrschaft eines Einzigen; wir eilten ihr entgegen« – so lautet das unbefangene Geständnis, das hier in's Unendliche variiert wird. Übrigens schienen auch die Ergebnisse Frankreich damals weit mehr zu rechtfertigen, sich einen Herrn gegeben zu haben, als in unseren Tagen die Erfolge von Sebastopol und Solferino. Keine drei Jahre waren vergangen seit dem 18. Brumaire und der Frieden war in ganz Europa wie im Innern des Landes hergestellt. Und welcher Frieden! Die Grenzen der Republik waren bis an die Alpen und den Rhein von Basel zum Meere hinausgeschoben. Die Geschicke Deutschlands und Italiens lagen in der Hand Frankreichs. England selbst war gezwungen worden, die französischen Kolonien herauszugeben und die Herrschaft seiner alten Feinde in Antwerpen, Mainz und Chambèry anzuerkennen. Im Innern vollkommenste Sicherheit des Verkehrs; die Religion wieder hergestellt, ohne irgend ein gefährliches oder demüthigendes Zugeständnis an's Papstthum; der Besitz der Nationalgüter ihren Erwerbern gesichert, oder mit andern Worten, das Agrargesetz und die neue Eigenthumsordnung verwirklicht; die Finanzen geordnet; das Vertrauen überall im Aufblühen; und mehr als das die sechs Pfeiler des neuen Frankreich theils schon aufgestellt, theils im Begriff aufgestellt zu werden, jene Pfeiler, die es noch heute halten und ihm erlaubt haben, fast ungestraft sechs Revolutionen und drei Invasionen über sich ergehen zu lassen: die Justiz, die Verwaltung, die Kirchenverfassung, die Universität, die Heeresordnung und das Finanzsystem. Die Gesetzbücher auch, welche die Charte dieses neuen Organismus sein sollten und ebenfalls unversehrt geblieben sind, waren schon mehr als skizziert, waren zum Theil schon vollendet. Soviel für die Interessen. Die Phantasie war nicht minder befriedigt. Von den beiden einzigen Ornamenten des neuen Gebäudes, die noch heute daran haften, war das Eine, die Ehrenlegion, bereits entworfen, das Andere,– die Reorganisation des »Institut de France«, schon in Angriff genommen. Die Übersteigung des St. Bernhard und Marengo hatten den phantastischen Ruhm des Siegers von Arcole und den Pyramiden auf den Gipfel gebracht. Ein neuer Hof bildete sich um den jungen Helden und war im Begriffe – so schmeichelte man sich – die alte Überlieferung französischer Eleganz wieder in's Leben zu rufen. Er selbst war im Glanze seiner dreißig Jahre. Ein römisches Kaiserprofil; eine Stirn und Augen, aus denen der Genius leuchtete – der schon so große Genius des Gesetzgebers, und zugleich der höchste wie der überwältigendste Genius der Menschen, der des Feldherrn; eine Rede, die unwiderstehlich war, wenn sie schmeichelte; unwiderstehlicher noch, wenn sie befahl. Leiblich wie geistig stand er in seiner » beauté du diable «. Sein Lächeln war bezaubernd: »es entwaffnete und verjüngte seine ganze Erscheinung – und es war schwer, sich nicht davon berücken zu lassen.« Nichts an ihm erinnerte an die langsam reifenden Früchte des Nordens. Alles war südlich, selbst die Frühreife seines Genies und das Verführerische seiner Jugend. Denn die Schönheit des Südländers ist im Flaum der Jugend wie die des Nordländers, die physische sowohl als die geistige, in der Reife des Mannesalters. Alexander hätte ein Bäuchlein bekommen, wenn er gelebt hätte; Bonaparte wäre Alexander geblieben, wenn er nach dem Frieden von Amiens gestorben wäre. Denn »in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten«. Was wäre es erst moralisch, wenn Bonaparte vor dem Friedensbruch und vor der Hinrichtung des Herzogs von Enghien weggerafft wäre? Würde er der Nachwelt nicht als ein Washington voll Anmuth, ein Hoche von Genie erscheinen? Mehr noch, als der Einzige, welcher fähig gewesen wäre, die Größe und die Ruhe Frankreichs zugleich mit dem Frieden Europas zu erhalten? Ich höre wohl auch die andere Frage: warum ist er nicht geblieben, was er 1802 war? Die Republik – oder wenn er die Erblichkeit angenommen hätte, die moderne Monarchie – zählt heute achtzig Jahre Dauer, d. h. sie hätte die Verjährung für sich, als welche die einzige unangefochtene oder doch die wenigst bestrittene Quelle und Sanktion einer Regierung ist. Ich gestehe, daß ich solche Fragen nicht recht begreife, die doch immer wieder auf die alte Forderung hinauslaufen, daß die Apfelbäume Orangen und die Orangenbäume Äpfel tragen sollen. Nicht, als ob ich zweifelte, daß es – psychologisch gesprochen – ganz gut möglich gewesen wäre, im Jahre 1802 innezuhalten. Ich glaube selbst, daß Richelieu und Cromwell, daß auch unser nationaler Staatsmann, noch vor Luneville und den Säkularisationen innegehalten hätten, wenn sie an Bonaparte's Stelle gewesen wären; aber Bonaparte konnte es nicht, denn er war Bonaparte. »Warum ging Alexander nach Asien?« fragt sich Herder und antwortet sich: »weil er Alexander, Philipps Sohn, war.« Das größte Interesse des ersten Bandes dieser Memoiren Mad. de Rémusat's ist ja gerade, daß sie uns, ohne es zu wollen, im Bonaparte von 1802 schon den Napoleon von 1812 zeigt, während selbst ihr Sohn noch von der Zeit spricht – nach dem 18. Brumaire, man vergesse es nicht – wo der erste Konsul »vorwurfsfrei« gewesen sei. Nur die Leute, die sich einbilden, es stehe uns frei, unsern Charakter zu ändern, können annehmen, er hätte die absolute Gewalt anders zu gebrauchen vermocht, als er sie gebraucht hat. Das Übel war keineswegs in der absoluten Gewalt, sondern im Menschen. Der Absolutismus kann gut oder schlecht sein, wie die Republik oder die parlamentarische Monarchie, die Demokratie oder die Aristokratie, je nachdem er mit Talent, Uneigennützigkeit und Mäßigung oder mit Unfähigkeit, Selbstsucht und Gewaltsamkeit ausgeübt wird. Ich weiß, daß viele meiner liberalen Freunde diese Ansicht nicht theilen; aber ich hoffe, sie sind wirklich liberal, d. h. tolerant genug, um mich diese Ansicht aussprechen zu lassen, ohne mich deshalb als einen Abtrünnigen zu behandeln; diese Ansicht aber ist, daß, da der Absolutismus Napoleon nicht gehindert hat, die größten gesetzgeberischen Thaten zu verrichten, die überhaupt in der Geschichte von einem Einzelnen verrichtet wurden, dieser selbe Absolutismus ihn nicht gehindert haben würde, ebenso dauerhafte Dinge in der Politik auszuführen, wenn die Natur ihm den Charakter und das Temperament eines Cäsar oder eines Friedrich des Großen gegeben hätte, anstatt des Charakters und des Temperaments, die wir kennen. Gewiß giebt es Untugenden, welche die Ausübung der unumschränkten Gewalt beinahe immer über Gebühr entwickelt, welches auch die Natur dessen sei, der sie ausübt, und wo auch immer er sie ausübe, im Kloster oder auf dem Throne: eifersüchtiges Mißtrauen und Polizeigeist; Ungeduld gegen jeden Widerspruch, käme er auch von dem Ergebensten, wie gegen jedes Hindernis, wäre es auch das selbstgegebene Gesetz; ungemessenes Vertrauen in die eigene Unfehlbarkeit; oft auch reizbare Empfindlichkeit gegen Kritik, wie breite Zugänglichkeit für Schmeichelei – und Napoleon hatte sie Alle, diese erworbenen Untugenden, im höchsten Grade; aber sie sind alle sehr wohl verträglich mit der Weisheit und dem Maße in den Plänen und Unternehmungen. Nie träumten Ludwig XI. noch Cromwell ein Weltreich; obgleich die argwöhnischsten und despotischsten aller Menschen, blieben sie doch immer Politiker, d. h. sie wollten stets nur das Mögliche. Das Eigenthümliche bei Napoleon von Anfang an ist, daß er das Unmögliche oder doch wenigstens das Riesenhafte plante. Nirgends sieht man das so deutlich, als in diesen Seiten Mad. de Rémusat's. Für den Geschichtsschreiber wird Nichts die dreißig Bände der Korrespondenz ersetzen; sie allein auch können uns einen Begriff von der Ausdehnung, der Mannigfaltigkeit, der Tiefe und Schärfe dieses Geistes geben (wie die vorm Jahr begonnene herrliche Sammlung der politischen Briefe Friedrichs des Großen uns besser als alle seine Werke und Thaten selbst die einzige Raschheit, Bestimmtheit, Wahrhaftigkeit – ich kann in dem Punkt nur mit Treitschke übereinstimmen – unseres größten Herrschergenies offenbart). Diese Weite und Gewalt des Napoleonischen Genius tritt vielleicht nicht genugsam hervor in den Denkwürdigkeiten, von welchen wir reden, oder doch nur gegen den Willen der Verfasserin, wann sie ihn redend einführt, wie sie's namentlich im ersten Bande häufig thut – die Entfernung, in der er sich als Kaiser von ihr hielt, hat zur Folge, daß der zweite Band uns weniger solcher, bald tiefen, bald witzigen Worte giebt, denn auch der Witz mangelt dem Vielbegabten nicht – aber für den Psychologen, der die geheimen Triebfedern aufdecken möchte, welche diese unvergleichliche Maschine in Bewegung setzte, kenne ich nichts Lehrreicheres als vorliegende Denkwürdigkeiten. Diese Unterhaltungen – ich sollte sagen, diese Monologe, denn er ließ seine Unterredner nicht oft zum Worte kommen –, diese Gespräche auf der Malmaison, in Saint Cloud, in Gent, in Boulogne namentlich, sind so sicher sein, als wenn sie vor hundert Zeugen geführt und augenblicklich stenographiert worden wären, so unverkennbar tragen sie das Gepräge des Mannes. Mad. de Rémusat beurtheilt ihn nicht ganz billig, nicht allein aus den schon angeführten Gründen, sondern auch weil eine solche Idealistin diesen eingefleischten Realisten eben doch nicht ganz verstehen konnte; aber jene Worte, jene Gedanken, die nur er hatte haben können, hatten ihr einen solchen Eindruck gemacht, hatten sich dermaßen in ihrem Gedächtnisse eingewurzelt, daß sie dieselben noch vierzehn Jahre später fast buchstäblich wiederzugeben vermochte, um so sicherer, da sie sich dieselben ein erstes Mal hatte in's Gedächtnis rufen müssen, um sie, kurz nachdem sie dieselben vernommen hatte, niederzuschreiben. Was am meisten in diesen Reden auffällt, ist die abenteuerliche Phantasie des Mannes und das Bewußtsein seiner persönlichen Überlegenheit. »In Ägypten«, sagt er einmal, »fühlte ich mich frei vom Zügel einer unbequemen Civilisation; ich träumte alles Erdenkliche und sah die Mittel, alles Geträumte auszuführen. Ich schuf eine Religion; sah mich auf dem Wege nach Asien, den Turban auf dem Kopfe und in der Hand einen neuen Alkoran, den ich nach meinem Gutdünken redigiert hätte ... Jene Zeit, die ich in Ägypten zubrachte, war die schönste meines Lebens; denn es war die idealste.« Übrigens behinderte ihn, so will mir scheinen, »der Zügel einer unbequemen Civilisation« äußerst wenig. Schon anfangs 1804 träumte er von einem »französischen Kaiserreich, als dem Mutterland anderer Souveränetäten... Ich will, daß jeder der Könige Europas gezwungen sei, in Paris einen großen Palast für seinen Gebrauch zu bauen; und, bei der Krönung des Königs der Franzosen, sollen diese Könige nach Paris kommen und diese bedeutende Feierlichkeit durch ihre Gegenwart schmücken, mit ihren Huldigungen begrüßen.« Man darf freilich nicht vergessen, daß die Demuth der deutschen Fürsten, welche erst kurz zuvor nach Paris geströmt waren, um Gebietsvergrößerungen bei ihm zu erbetteln, ihm solche Träume des Ehrgeizes ziemlich natürlich eingeben mußten, Träume, die doch selbst ein Ludwig XIV. nie genährt, und die weder durch politischen Verstand noch durch ein kühles Temperament im Gleichgewicht gehalten wurden. Recht im Gegentheil stachelte dieses die ausschweifende Phantasie stets vorwärts, statt sie zu zügeln; war jener von der Sorte, welche nicht mit der Wirklichkeit rechnet. Napoleon war kein staatsmännisches Genie, das immer das Organische achtet, nach dem Organischen strebt; er war ein mathematisches, das nur das Mechanische anerkennt, nur mechanisch konstruiert. Er selber nannte die Mathematik in einem berühmten Dokumente »die erste aller Wissenschaften«; in einem Sinne mit Recht und er begriff nur den einen Sinn. Die Mathematik aber hat keine Grenzen, wie die Logik keine hat; daher auch seine Phantasie keine kennt. Denn selbst seine Phantasie ist eine mechanische, wie die Fourier's, wie die so vieler ausschließlich mathematisch gebildeten Köpfe; sie träumt immer das Ungeheure, d. h. die Multiplikation des vom Verstände Begriffnen, nie eine anschauliche Schöpfung. Man lese hier sein Erziehungsprogramm für die kaiserliche Familie, eine Art Musterschule für zukünftige Könige: alle Prinzen sollten in einem großen Paläste wohnen, in einer Entfernung von wenigstens zehn Meilen von der Residenz des Kaisers; wer auf einen fremden Thron stieg, sollte seine Kinder in diese Schule des Mutterlandes schicken u. s. w. Ganz Europa nämlich gedachte er in zwanzig bis dreißig Königreiche von je zwei bis fünf Millionen Einwohnern zu zerstückeln, die aber von Frankreich abhängen sollten. Kein Wunder, daß dieser Mann das Höchste verwirklicht hat, was die Mechanik hervorbringen kann: denn eine gewaltige Maschine hat er aus dem Material, das er vorfand, aufgerichtet; die arbeitet noch heute; einen lebendigen Staat hat er nicht geschaffen, noch weniger hat er die europäische Staatengesellschaft neugeordnet: kaum lag er darnieder, so trat die Geschichte wieder in ihre Rechte und die Dinge wurden wiederhergestellt, wie sie vor seinem Erscheinen gewesen: die europäischen Nationen sind eben keine willenlosen Steine, die man nach Belieben zusammenfügt, wie es die Franzosen waren, als sie aus der großen Walkmühle der Revolution herauskamen. Zu dem mechanischen Verstande kam die unbesiegbare Leidenschaft. Allen großen Männern, die die Geschichte kennt, überlegen durch die Ausdehnung seines Genies, war er Allen untergeordnet durch diese Unfähigkeit sich selbst zu beherrschen. So verließ er die altfranzösische Politik, welche darin bestand, Italien und Deutschland schwach und ungeeint zu erhalten, und nur den Einfluß darin auszuüben, indem er beide Länder direkt zu beherrschen suchte, eine Tendenz, die schon in Campoformio und Luneville hervortritt und deren äußerste Folgerungen – zum Heile beider Völker – eine heftige Reaktion hervorriefen, durch diese aber die Vernichtung selbst des Einflusses. Und wie er seine Phantasie nicht zu zügeln verstand, so vermochte er seinen Egoismus nicht zu mäßigen. Nie wußte er sich selber im Interesse des Landes zu vergessen, das er zu regieren hatte. Dies Land – nicht allein Italien, Spanien, Deutschland, sondern Frankreich selber, das er später im sentimentalen Tone von St. Helena »so sehr geliebt zu haben« behauptete – blieb immer nur ein Mittel für seine persönlichen Zwecke. Treitschke nennt ihn den »Heimathlosen,« den Mann, der mit zwanzig Jahren die Befreiung Korsikas vom französischen Joche geträumt hatte und sich am Ende an die Spitze der Unterdrücker seines Geburtslandes stellte. Das hinderte ihn nicht, den ausgeprägtesten Nationalcharakter zu tragen: Bonaparte war nicht nur im maßlosen Nepotismus Italiener, er war's in all seinem Thun und Denken; nur stellte er seinen italienischen Kopf und Charakter nicht in Italiens Dienste, auch nicht in Frankreichs, sondern in die seiner eigenen Person. Er bekannte sich zu einer großen Bewunderung Friedrichs II. »Ich glaube, das war Einer von Denen, die ihr Handwerk in jedem Sinne am besten verstanden. Die Damen, sagte er, indem er sich gegen sie wandte, werden nicht meiner Meinung sein und behaupten, er wäre trocken und egoistisch ( personnel ) gewesen: aber, im Grunde, ist denn ein Staatsmann dazu da, um empfindsam zu sein? Ist er nicht eine ganz excentrische Person, immer allein auf einer Seite gegenüber der ganzen Welt auf der andern? ... kann er die Bande des Bluts, die Neigungen, die kindischen Rücksichten der Gesellschaft in Betracht ziehen?« Man sieht sofort, daß er den springenden Punkt in Friedrichs Charakter, der alle anscheinende Herzenshärte wieder gut macht, nicht einmal geahnt hat; so sehr war er in sich selber befangen. Friedrich nannte sich vom Tage seiner Thronbesteigung an den ersten Domestiken des Staats und er handelte bis zu seinem letzten Athemzuge nach diesem Grundsatz. Das erste Wort des Jünglings an die Staatsbeamten ging dahin, daß sie keinen Unterschied zwischen König und Staat machen dürften und, wenn beide Interessen je kollidieren sollten, sie das Staatsinteresse vor dem Interesse des Königs zu wahren hätten. Und welcher Deutsche erinnert sich nicht des herrlichen Briefes, den er siebzehn Jahre später als reifer Mann am Vorabende von Roßbach an seinen Minister schrieb, um ihn, im Falle seiner Gefangennehmung, auf sein Haupt verantwortlich dafür zu machen, daß keine Provinz noch Lösegeld für ihn geboten würde, und daß, falls er in die Hände der Feinde fiele, seine Person für Nichts geachtet, der Krieg für's Vaterland fortgeführt würde, »als ob er nicht auf der Welt gewesen sei«? Und auf seinem Sterbebette, nach sechsundzwanzig Jahren einer glorreichen Regierung, empfahl er nicht als oberste Regel seinem Nachfolger und allen seinen Verwandten »immer ihren persönlichen Vortheil dem Wohle des Landes und dem Vortheile des Staates zu opfern«? Wir wissen aber, daß das keine Worte waren. Für Bonaparte dagegen war der Staat nie etwas anderes als er selber. Sagt er es doch brutal genug seinem Bruder Joseph, als der noch in Neapel regierte: Frankreich geht vor dem Lande, das Du regierest; die Armee vor Frankreich, ich vor der Armee. Das ist wenigstens der durchsichtige Sinn seiner egoistischen Worte. Im Grunde beherrschte sein Ich doch Alles, selbst in der Zeit, wo er Wertherisch schwärmte – ist denn die Wertherkrankheit überhaupt etwas Anderes als eine Variante des Egoismus? »Ich hatte mir in dem Weichbilde der Militärschule«, sagte er, wo er von seiner ersten Jugend spricht, »einen kleinen Winkel ausgesucht, wo ich mich hinsetzte, um nach Belieben zu träumen; denn ich habe immer gern geträumt. Wenn meine Kameraden mir den Alleinbesitz dieses Winkels streitig machen zu wollen Miene machten, vertheidigte ich ihn aus Leibeskräften. Ich hatte schon damals den Instinkt, daß mein Wille dem aller Anderen vorgehen und das, was mir gefiel, auch mir gehören müsse. Ich war nicht sehr beliebt in der Schule. Man braucht Zeit, um sich Liebe zu erwerben, und, selbst als ich Nichts zu thun hatte, habe ich immer dunkel gefühlt, daß ich keine Zeit zu verlieren hatte.« Wer fühlt nicht sofort heraus, daß solche nackigte Worte nicht erfunden sind, daß die Unschuld des Genies daraus spricht? Hatte Kant gelehrt, man solle jeden Mitmenschen stets als Zweck ansehen, so predigte Napoleon durch die That, daß man sie nur als Mittel brauchen dürfe. Nie ist die Menschenbenutzung im eigenen Interesse zu einer größeren Virtuosität gebracht worden. Seine wunderbare Menschenkenntnis, oder vielmehr seine richtige Schätzung der Kräfte eines Jeden, kam ihm dabei gar sehr zu statten: er stellte Jeden an den Platz, wo er ihm die größten Dienste leisten konnte; aber es fiel ihm nie ein, seinen Mitarbeitern Dankbarkeit, oder auch nur Gerechtigkeit zu bezeigen. Vom ersten Tage an empfahl er den Journalisten: »Denkt daran, in den Siegesberichten nur von mir zu reden, immer von mir , merkt Euch das.« Es fehlte Napoleon durchaus nicht an einer gewissen Empfindsamkeit; er konnte weinen »wie ein bleichwangiger Werther«, wenn er seine Frau, ja auch nur seinen »treuen« Talleyrand auf einige Zeit verlassen mußte; das hinderte ihn aber nicht, Diesen wegzuschicken, sich von Jener scheiden zu lassen, sobald es seine Interessen erheischten. » Il s'habituait, il ne s'attachait pas « sagte Lamartine von ihm. Alles war Berechnung bei dem Menschen, selbst die Leidenschaft, die er erheuchelte. Man erinnert sich der Anekdote Alfred de Vigny's, der einst als dienstthuender Page in Fontainebleau der unfreiwillige Zeuge eines bald schmeichelnd-zutraulichen, bald heftig-lauten Auftrittes zwischen dem Cäsar und Pius VII. war. Der italienische Priester ließ sich nicht täuschen: commediante , murmelte er, als Napoleon die erste Saite berührte, tragediante , als er die zweite zu spielen versuchte. In diesen Denkwürdigkeiten von Mad. de Rémusat sind zahlreiche Szenen der Art verzeichnet und zwar schon vor 1803 und vor der lärmendsten Zorneskomödie, die er je gespielt, der beim Bruche des Friedens von Amiens. Mad. de Rémusat zeigt ihn uns heiter, ja munter, unbefangen, zutraulich mit ihr und den Gliedern seiner Familie, und wie er ganz plötzlich sein Gesicht in zornige Falten legt, als er in den Empfangssaal tritt, um Lord Withworth zu apostrophieren. Ähnliches erzählt uns – oder vielmehr seinem Kaiser – Metternich in seinen Depeschen aus den Jahren 1808 und 1809. Übrigens gesteht es Napoleon selbst mit dem ihm gewöhnlichen Cynismus, in seiner Lage könne man sich den Luxus nicht erlauben, sich unentgeltlich zu erhitzen: alle seine Zornausbrüche, wie alle seine Rührungen haben einen politischen Zweck, selbst gegenüber den Seinen. Eine Lüge kostete ihn gar Nichts, und es ist kaum zu verwundern, daß er die Macht und den Werth der Wahrheit nie begriff. Er lebte nicht nur in einer Umgebung, wo Jedermann log – seine Frau, seine Schwestern, seine Brüder, seine Waffengefährten – er glaubte auch ganz naiv, es sei eine Pflicht und Nothwendigkeit, immer zu lügen. Ich führe anderswo die Worte Napoleons zu Mad. de Rémusat an: »Herr von Metternich ist auf dem besten Wege ein Staatsmann zu werden: er lügt schon ganz hübsch«; und zeige dort zugleich, wie Talleyrand, der selber sich gewiß nicht vor einer kleinen Lüge scheute, viel gesündere Begriffe von der Lügenkunst hatte, wenn er meinte, der Staatsmann solle nicht lügen, sondern nur betrügen. Napoleon that Beides vom ersten Tage an und wußte stets die Maske anzunehmen, die gerade erforderlich war. Man weiß, wie er in Ägypten barfuß in die Moscheen ging und sein Haupt zu den mahomedanischen Gebeten im Takte wiegte; dasselbe that er in Gent und Antwerpen, wo katholische Gesinnungen wohl angebracht waren: »Dies Volk ist fromm«, sagte er, »und unterm Einfluß der Priester; morgen müssen wir eine lange Sitzung in der Kirche haben.« Allein diese Macht des Komödianten über sich selber erstreckte sich nicht auf seine Wünsche und Begierden: die besiegte er nie. Seine vollständige Nervenlosigkeit, die ihm seinen Gleichmuth in der Lüge so sehr erleichterte wie in der Schlacht – er schlief fest und gesund am Vorabende des 18. Brumaire wie sechzehn Jahre später in der Nacht vor Waterloo – sein physisches Temperament lähmte nie seinen Ehrgeiz, wie es ihn nie verhinderte, seiner knabenhaften Empfindlichkeit gegen die Nadelstiche der Opposition, der Presse, der Salons nachzugeben. Er hätte sicher nicht wie Friedrich II. das verleumderische Plakat tiefer hängen lassen, damit man es bequemer lesen könne; er hätte es ungestüm abgerissen; so reizte ihn jeder Angriff, selbst der lächerlichste. Er verstand ebensowenig, wie ein gewisser großer Zeitgenosse – der freilich Nerven hat – daß er »seiner eigenen Würde vergab, wenn er sich zu gereizt über die Spöttereien jener fliegenden Blätter zeigte, deren Angriffe er hundertmal besser gethan hätte zu verachten...« Bei dieser Stimmung nun, nie einen Augenblick wahren Sichgehenlassens. Um den Eifer seiner Diener wachzuhalten, glaubt er sie immer mit seiner Ungnade bedrohen zu müssen. Er macht es sich zum Prinzip, seine Umgebung immer in der Unruhe zu halten, und zwar geflissentlich, ohne irgend einen anscheinenden Grund, aus System. Es ist keine Spur von Munterkeit, von Humor in dieser immer angespannten Natur. Dazu muß man eben aus sich herauszugehen, sich zu vergessen wissen. Der Egoismus macht ernst und traurig. Als Jüngling grübelte er in sich herum, als Mann überfluthete er Alles mit seinem Ich. » L'inamusable « nannte ihn Talleyrand, – natürlich ohne zu sagen, daß das Wort eigentlich von Mad. de Maintenon für Ludwig XIV. geschaffen worden. Solche einsam-hohen Egoisten gleichen sich Alle. Napoleon aber ging weiter als Ludwig XIV., der stets die Konvenienzen wahrte; Napoleon vermochte es nicht einmal über sich, seinen eigenen Gesetzen zu gehorchen; es wäre ihm wie eine »Abdankung« vorgekommen; geschweige denn Gesetze zu ertragen, die er nicht gemacht. »Ich liebe durchaus das unbestimmte und gleichmachende Wort Konvenienz nicht,« pflegte er zu sagen, »das Ihr bei jeder Gelegenheit vorbringt. Es ist eine Erfindung der Dummköpfe, um sich den gescheidten Leuten ein wenig nahe zu bringen, eine Art gesellschaftlichen Knebels, der dem Starken unbequem ist, und nur dem Mittelmäßigen was nützt.« Das ist allerdings wahr bis zu einem gewissen Grade, aber auch nur bis zu einem gewissen Grade, und Bonaparte selber verachtete schon die Konvenienz nicht so sehr, wenn sie nur Andere behinderte. Thatsache ist, daß der große Mann immer ein wenig Parvenü blieb. Seine Sparsamkeit sollte man ihm in dieser Beziehung nicht aufmutzen; auch Purpurgeborene können die Verschwendung hassen; und Napoleon wäre der große Verwalter nicht gewesen, der er war, hätte er die haushälterische Tugend nicht etwas weit getrieben: aber Mad. de Rémusat sagt uns, was Varnhagen, was Metternich, was alle Zeitgenossen bestätigen, daß es seiner Haltung, seiner Sprache, seinem Anzug an Würde gefehlt, daß er weder in einen Saal zu treten, noch hinaus zu gehen, noch sich zu setzen, noch seinen Hut zu halten verstanden. An alledem wäre nicht viel gelegen, wenn er in seinem Soldatenzelte geblieben wäre oder sich nur nichts auf seine noblen Manieren eingebildet hätte. »Der gute Geschmack ist Ihr persönlicher Feind,« will Talleyrand ihm gesagt haben. »Wenn Sie sich seiner mit Kanonenschüssen entledigen könnten, er existierte schon lange nicht mehr.« Das sind einmal wieder so echte Worte des ancien régime und vollendeten Tons, die, wenn sie nicht gesagt worden sind, wenigstens gesagt worden zu sein verdienen. Napoleon aber fehlte es an mehr als an Geschmack, es fehlte ihm an Adel der Gesinnung: gefiel er sich doch darin die Besiegten zu demüthigen, selbst die Frauen seiner Gegner zu beleidigen, die Schwachen zu beschimpfen. Und wenn die ritterlichen Gefühle ihm durchaus abgingen, so wußte er sie nicht einmal durch die Manieren des Weltmannes oder den Freimuth und die Natürlichkeit des Troupiers zu ersetzen. Seinen Titel wie seine Macht genoß er als echter Emporkömmling. »Eines Tages beim Frühstück, während er Talma vorgelassen, was häufig vorkam, führte man den kleinen Napoleon herein (den älteren Bruder Napoleons III. und den Präsumtiverben seines Thrones). Der Kaiser nimmt ihn auf seinen Schoß, aber anstatt ihn zu liebkosen, macht er sich ein Vergnügen daraus ihn zu schlagen, obschon nur ganz leicht; dabei wandte er sich zu Talma und fragte: »Sagen Sie mir, was ich eben thue, Talma?« Talma, wie man sich wohl vorstellen kann, war ein wenig verlegen. »Sie sehen es nicht?« fing der Kaiser wieder an, »ich gebe einem König die Ruthe.« Es ist wohl möglich, daß Mad. de Rémusat die Farben etwas grell aufträgt, wenn sie von der Rohheit seiner Scherze, der Brutalität seiner Manieren, namentlich den Frauen gegenüber, redet: erfunden sind die Anekdoten gewiß nicht, in denen sich zeigt, wie dies verwöhnte Kind des Glücks – und der Egoismus ist die Untugend par excellence der verwöhnten Kinder – auch nicht den leichtesten Zwang ertragen konnte, sich selber Alles, Anderen Nichts erlaubte, alles Herkommen, alle Sitte, alle Rücksichten mit Füßen trat. Ein Zug unter Tausenden genügt, die ganze Natur des Mannes zu offenbaren. Auf den Maskenbällen der Tuilerien, in seinen Domino gehüllt, »machte er sich dreist an alle Frauen mit wenig anständigen Worten; wenn er aber selber angeredet wurde und die Anredende nicht gleich erkannte, riß er ihr sofort die Maske herunter und gab sich selber durch diese Ungezogenheit seiner Macht zu erkennen.« Bisweilen hatte er doch wohl das Gefühl, wie sehr sein Egoismus auf der Welt lastete. »Der wirklich Glückliche«, sagte er dann, »ist der, welcher sich vor mir im Winkel einer Provinz verbirgt; und, wenn ich sterbe, wird die Welt ein großes »»Uff«« ausstoßen.« Ouf ist der französische Ausruf, wenn man sich von einer großen Last befreit fühlt. Wie hätte dieser Charakter in einem bestimmten Augenblicke inne halten können? Insbesondere, wenn rings um ihn niederste Ränke und niederster Ehrgeiz, schamlosester Knechtsinn und Schmeichelei sich breit machten? Man wirft solchen Männern leicht ihre Menschenverachtung vor: ich finde, man ist darin ungerecht. Nicht als ob die Menschen überhaupt solche Verachtung verdienten – es giebt so viel Gute als Schlechte und der numerus ist Beides, gut und schlecht –; aber die Mächtigen bekommen die Menschen eben doch nur von der schlechten Seite zu sehen und müßten blind sein, wenn sie nachsichtig sein wollten in ihrem Urtheil. Kamen nun zu dem Schauspiel dieser Feigheit und Eitelkeit Ereignisse wie die Höllenmaschine, die Verschwörungen Pichegru's und Georges'; bedenkt man, daß er durch den Tod des Herzogs von Enghien die Schiffe hinter sich verbrannt, so wird es klar, daß er nur vorwärts konnte, immer vorwärts in seinem schwindelnden Laufe. Prophetisch hat ihn ja schon Schiller so geschildert: »Bahnlos liegt's hinter mir und eine Mauer Aus meinen eigenen Werken baut sich auf, Die mir die Umkehr thürmend hemmt.« Ich habe schon gesagt, daß die Denkwürdigkeiten Mad. de Rémusat's werthvolle Einzelheiten über das letztgenannte traurige Ereignis bringen, das man allgemein als den entscheidenden Wendepunkt in Napoleons Laufbahn betrachtet. Ich muß indeß gestehen, daß es mir schwer wird mich der Meinung der Verfasserin anzuschließen, die sich hier, wie so oft, unwillkürlich zum Organe Talleyrand's machte und in alledem nur Berechnung sah, »keinerlei Heftigkeit, keine blinde Rache, sondern nur das Resultat einer ganz macchiavellistischen Politik, die den Weg um jeden Preis ebnen wollte.« Talleyrand urtheilte wohl nur so scharf über die That, um den Verdacht der Mitschuld von sich abzuwälzen. Das mochte ihm der Mitwelt gegenüber gelingen; die Nachwelt weiß zu wohl, daß er am Eifrigsten zur That gerathen und gedrängt. Siehe darüber einen Brief Troplongs (im 3. Bande von Sainte-Beuve's Korrespondenz S. 335), sowie das von Troplong citierte und schon oben von uns im Texte angeführte Werk Nougarédes (Recherches sur le procès et la condamnation du Duc d'Enghien). Ich neige viel eher zu Thiers' Ansicht, welche die von Mad. de Rémusat beigebrachten Thatsachen keineswegs erschüttern, welche die vor zehn Jahren veröffentlichte Sammlung amtlicher Dokumente im Gegentheil zu bestätigen scheint. Nicht etwa, daß ich, wie Thiers, Alles für »reinen Zufall« hielte; aber es lag auch wohl kein bewußt vorbedachter Plan vor, wie man vorgehen wolle. Die Umstände trieben dazu: und der Despot hatte längst »die Herrschaft über sich selbst« verloren, um mit Thiers zu reden. Die Jacobiner begannen über die royalistischen Bewegungen unruhig zu werden und fürchteten, Bonaparte oder Moreau möchten die Rolle Monks spielen: es ward nöthig, ihnen ein Pfand zu geben. Der erste Konsul selbst fürchtete einen Restaurationsversuch, der sich mit der kaum zum Schweigen gebrachten Opposition der Salons und des Tribunats verbände; er war gereizt gegen die Royalisten, vornehmlich gegen Moreau. Er glaubt Beweise in der Hand zu haben, daß der Herzog von Enghien an der Grenze einen Handstreich aus Paris plant, und gegen alles Völkerrecht läßt er ihn auf fremdem Gebiet verhaften, gegen alle Prozedur läßt er ihn in einer Nacht verklagen, verurtheilen, hinrichten, ohne sich nur zu fragen, ob er eine ungesetzliche That begehe oder nicht. Die großen Männer des Handelns sind eben sehr frauenhaft in dieser Abwesenheit, ich will nicht sagen des Rechtsgefühls, aber doch des Sinnes für Gesetzlichkeit. Man ist moralisch von der Schuld eines Individuums überzeugt: wozu die Förmlichkeiten und der Buchstabe des Gesetzes? Wozu »die gewöhnlichen Formen der Justiz, diese heiligen Formen erfunden (?) von der Erfahrung der Jahrhunderte?« (Thiers). Man thut den Schritt und ist überzeugt, im Rechte gewesen zu sein. Es war indessen nicht nur das Verbrechen vom 21. März, noch der 18. Brumaire, noch auch der 13. Vendémiaire, die ihm ein Innehalten auf der Bahn des Despotismus und der Eroberung unmöglich machten. Andere Männer haben den gewaltsamen Ursprung ihrer Macht in Vergessenheit zu bringen gewußt: nein, die selbstgeschaffene Lage im Innern, wie die Stellung, die er nach Außen eingenommen, zwangen ihn zum Immerweitergehen. Nachdem er einmal das Konsulat auf Lebenszeit genommen hatte, konnte das Kaiserthum nicht lange auf sich warten lassen; und sobald er die unterm Konsulat noch ziemlich unbeschränkte Preßfreiheit unterdrückt, das Tribunat amputiert hatte, war auch jener gesetzliche Kanal verstopft, den Macchiavelli immer offen zu halten rieth, »damit die anschwellenden Säfte sich entladen könnten.« Es blieb nur der absolute, argwöhnische Polizeidespotismus mit seiner Totenstille übrig. Sobald man einmal über die natürlichen und historischen Grenzen Frankreichs hinausgegangen war, dasselbe drohender als das Frankreich Ludwigs XIV. selber gemacht, Vasallenstaaten in Italien gegründet, die inneren Angelegenheiten Deutschlands zu ordnen sich herausgenommen –, mußte man täglich dem widernatürlichen Gebäude einen neuen Stützpfeiler hinzufügen, bis es zu dem ungeheuerlichen Bau anwuchs, von dem wir wissen, und den Europa in einer letzten Anstrengung niederreißen mußte . Denn Europa erträgt wohl gerne die zeitweilige Hegemonie einer Nation; es ist sogar in der Natur der Dinge, daß es immer einen primus inter pares gebe; aber Europa wird es nie ertragen – es hat selbst in den schlimmsten Zeiten des Mittelalters, als die Idee der Einheit noch in den Gemüthern lebte, nie ertragen –, daß eine Nation direkt über alle Anderen herrsche. Es kann es nicht dulden, weil die Civilisation, welche sein Leben selber ist, gerade auf der freien Konkurrenz und Mitarbeiterschaft der verschiedenen Nationen beruht. VIII. Metternich. Die begonnene Veröffentlichung der nachgelassenen Papiere Metternich's hat die Aufmerksamkeit des europäischen Publikums wieder auf die etwas verschollene Persönlichkeit des Mannes gerichtet, der vier Jahrzehnte hindurch die österreichische Politik geleitet und einen scheinbar tiefgreifenden Einfluß auf ganz Europa ausgeübt hat. Aus Metternich's nachgelassenen Papieren . Herausgegeben von dem Sohne des Staatskanzlers, Fürsten Richard Metternich-Winneburg . Geordnet und zusammengestellt von Alfons von Klinkowström . Autorisierte deutsche Originalausgabe. Wien, Wilhelm Braumüller. 1880. Erster Theil. Zwei Bande in 8. Die gewaltigen Ereignisse und die bedeutenden Männer der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts haben sehr natürlich die verhältnismäßig kleinen Menschen und Dinge der zwanziger, dreißiger, vierziger Jahre in Schatten gestellt. Nun werden wir aber auf einmal wieder in die Anfänge des Jahrhunderts versetzt, wo es Menschen und Dingen wahrlich nicht an Größe der Verhältnisse mangelt, wenn auch behauptet werden dürfte, daß sie an dauernder geschichtlicher Bedeutung denen unserer Zeit nicht gleich kommen. In der That führen uns die beiden Bände, welche uns bis jetzt geboten worden, einen der hervorragendsten Handelnden jener Zeit selbstredend vor und erinnern uns auf's Eindrücklichste daran, daß der alte Hof- und Staatskanzler, der unserm Geschlechte meist nur jene lange Zeit dumpfen Schweigens verkörpert, auch einmal jung war: keck, regsam, anregend, und daß er eine Hauptrolle im bewegtesten aller geschichtlichen Dramen spielte. Hierin liegt das Interesse des Buches, nicht etwa in unerwarteten Enthüllungen. Die autobiographischen Bruchstücke, sowie die anderen schriftstellerischen Versuche des Fürsten zeigen allerdings die Doppelnatur des Mannes in grellerem Lichte, als sie uns bisher erschien; das lag aber keineswegs in der Absicht des Verfassers. Es ist seine Eitelkeit, die ihm den Streich gespielt hat, ihn selber zu verrathen, wie das ja wohl zu Zeiten kommen mag. Im Übrigen sind diese Denkwürdigkeiten, wenn man sie so nennen darf, ganz allgemein gehalten und bieten außer solchen indirekten psychologischen Streiflichtern wenig Interesse, sei es anekdotisches, sei es geschichtliches. Über alles wirklich Wichtige, der Aufklärung Bedürftige an den Ereignissen gleitet der Memoirist rasch weg. Wir bekommen Urtheile – schmeichelhafte Selbsturtheile namentlich – Auseinandersetzungen von »Grundsätzen«; was aber die Begebenheiten anlangt, so erfahren wir so gut wie nichts Neues. Höchstens wird die uns schon durch Hardenbergs Denkwürdigkeiten so nahe gebrachte Vorgeschichte des Potsdamer Vertrages durch diese Aufzeichnungen in einem ganz unbedeutenden Punkte vervollständigt. Das Buch zerfällt nämlich in zwei, glücklicher Weise ungleiche, Hälften, deren kleinere der darstellende, die andere der handelnde Staatsmann ausfüllt. Zuvörderst bringt es eine »autobiographische Denkschrift« aus dem Jahre 1844, vervollständigt durch einen »Leitfaden zur Erklärung meiner Denk- und Handlungsweise« aus dem Jahre 1852, und mit Einschaltung einer »Geschichte der Allianzen von 1813 und 1814 « aus dem Jahre 1829. Der Ton, in dem darin von dem Kaiser Franz, wie von einem der Vergangenheit Angehörigen gesprochen wird, läßt mich übrigens vermuthen, daß dieser Aufsatz doch erst nach 1835 geschrieben, jedenfalls überarbeitet wurde. Dazu kömmt eine französisch geschriebene Charakteristik Napoleons vom Jahre 1820 und eine deutsche Kaiser Alexanders vom Jahre 1829; dazwischen Anmerkungen des Herausgebers, die füglich unter dem Text hätten gegeben werden können, während die darin enthaltenen höchst interessanten Citationen aus unedierten Briefen ihren Platz im zweiten Theile hätten finden müssen. Dieser zweite, weit umfangreichere und viel anregendere Theil bringt nämlich Briefe, Aufsätze, Berichte, Erlasse, Vorträge u.s.w. aus den Jahren 1793–1815 , meist in französischer Sprache. Sie sind es, die eigentlich das Hauptinteresse des Buches ausmachen. Übrigens sind auch die hier mitgetheilten originalen Schriftstücke aus Metternich's amtlicher Thätigkeit nur zum kleineren Theile ungedruckt, darunter freilich manches Wichtige aus der Pariser Gesandtschaftszeit (1806–1809) und aus der ersten Zeit seines Ministeriums (1809–1812); leider auch dieses äußerst lückenhaft. Indeß sind diese hier zum ersten Male veröffentlichten Depeschen, selbst wo sie dem Geschichtsforscher nichts Neues bringen, für den Psychologen doch oft merkwürdig, für den gewöhnlichen Leser immer unterhaltend und anziehend. Freilich sind die meisten der hier gegebenen Berichte und Erlasse schon in Oncken's inhaltsreicher »Geschichte Österreichs und Preußens im Befreiungskriege«, theils auszugsweise, theils in extenso veröffentlicht worden, während viele andere, oft ungleich wichtigere, die wir aus diesem ausgezeichneten Werke kennen, in »Metternich's nachgelassenen Papieren« fehlen. Ja, gerade die Schriftstücke, durch deren Veröffentlichung Oncken die Metternich'sche Politik im Jahre 1812 in ein ganz neues und im Ganzen günstiges Licht gestellt hat, suchen wir hier vergebens. Manches auch, wie z. B. die berühmte, neunstündige Unterredung Napoleons und Metternich's im Marcolini'schen Palais zu Dresden, während des Waffenstillstandes von 1813, kennen wir im Wesentlichen schon seit mehr als zwanzig Jahren aus Thiers, dem Metternich eine Aufzeichnung derselben mitgetheilt. [Fußnote: Diese ist seitdem (1873) genauer von Helfert in seiner »Marie Louise« veröffentlicht worden. Ich enthalte mich absichtlich dieser Stelle aller gelehrten Detailkritik: doch möge dies eine Pröbchen von Metternich's Zuverlässigkeit in einer Anmerkung eine Stelle finden. Der Staatskanzler schrieb 1857 nach Lesung des 15. Bandes von Thiers' » Consulat et Empire « eine Notiz über sein Verhältnis zum französischen Staatsmanne ganz im Tone eines sehr vornehmen Herrn, der sich wohl ein oder zwei Mal herabgelassen, den kleinen Ex-Journalisten zu empfangen, aber nicht weiter mit ihm in Beziehung getreten. Thiels habe ihm 1850 in Brüssel zwölf Fragen gestellt, die er beantwortet habe; doch sei ihre Unterredung auf die Jahre 1809–1810 beschränkt gewesen, (S. diese Notiz in den »Nachgelassenen Papieren« I., 254 und 255.) Nun ist aber jene berühmte Dresdener Unterhaltung vom Jahre 1813 erst im 16. Bande des » Consu1at et Empire « enthalten, der zugleich mit dem 15. im Jahre 1857 erschienen war. Darin nun (S. 59) erklärte Thiers auf's Bestimmteste, Metternich habe ihm seine Aufzeichnung jener Unterredung mitgetheilt. Dies hat nun Metternich, der damals noch lebte und gerade jene Notiz schrieb, nicht öffentlich dementiert; und Thiers' Version stimmt, einige Kleinigkeiten abgerechnet, mit der von Helfert publizierten Denkschrift von 1820, sowie mit der in den vorliegenden »Nachgelassenen Papieren« veröffentlichten Aufzeichnung von 1829 so überein, daß, da außer Metternich Niemand den Inhalt jenes Zwiegespräches kennen konnte, der Staatskanzler in jener Notiz von 1857 einfach – nicht die Wahrheit gesagt haben kann. Daß Thiers auch nach 1850 andere Mittheilungen von Metternich erhalten, geht aus der Anmerkung des Herausgebers (Bd. I, S. 268) über die Mission Ottenfels' nach Basel hervor. Dies Beispiel möge genügen, um gewisse Härten unseres Urtheils über den alternden Staatskanzler zu erklären und zu rechtfertigen. Wen es interessiert, die Widersprüche, Gedächtnisfehler, absichtlichen und unabsichtlichen Entstellungen und Auslassungen des Memoiristen einzeln aufgedeckt zu sehen, den verweisen wir auf den vortrefflichen Aufsatz der »Historischen Zeitschrift« (N. F. Bd. VIII, S. 227-277), in welchem Paul Bailleu unser Urtheil durch seine unwiderleglichen Nachweisungen vollständig bestätigt hat. Diese vernichtende Kritik des ausgezeichneten Forschers ist in ihrer Ruhe und Thatsächlichkeit viel strenger als Alles, was uns die Entrüstung über soviel Unwahrheit eingegeben hatte.] Wir sind überdies schon lange durch d'Haussonville, der Talleyrand's handschriftliche Memoiren und Briefschaften einzusehen Gelegenheit hatte und den Th. von Bernhardi bereits trefflich verwerthet hat, sowie durch Villemain, dem Graf Narbonne ausführliche Mittheilungen über seine Wiener Gesandtschaft gemacht, dann wieder neuerdings durch Hardenberg-Ranke, Gentz-Klinkowström und J. A. von Helfert, welche tief – wenn auch nicht so tief als Oncken – in die österreichischen Staatsarchive gegriffen haben – wir sind, sage ich, durch verschiedene bedeutende Publikationen der letzten zwanzig Jahre über Vieles schon weit eingehender unterrichtet, als durch das, was uns die neuen Bände bieten, welche beispielsweise selbst die Geschichte des Vertrages vom 3. Januar 1815, ja dies Bündnis selber ganz mit Stillschweigen übergehen. A. Beer's durchaus auf handschriftlichem Material beruhende Biographie des Staatskanzlers (im 5. Bande des »Neuen Plutarch«) ist somit keineswegs durch diese neue Veröffentlichung antiquiert; und ich verweise ein für alle Mal auf diese, wie auf A. Springer's, freilich weit ältere, Charakteristik Metternich's, obschon ich nicht alle Urtheile der beiden Historiker, namentlich nicht, wie sich zeigen wird, die Springer's, zu den meinigen machen kann. Was das Persönliche anlangt, worüber der Verfasser wie der Herausgeber der »Nachgelassenen Papiere« gleich karg und zurückhaltend sind, müssen Talleyrand's, Marmonts', Humboldt's und anderer Zeitgenossen gelegentliche Äußerungen, müssen vor Allem Gentz' Tagebücher, Hormayr's Lebensbilder und Varnhagen's Denkwürdigkeiten zu Rathe gezogen werden, wenn man ein richtiges Bild von der Gestalt des Staatskanzlers gewinnen will. Trotz alledem ist die neue Publikation eine sehr werthvolle. Zu einer Geschichte der Zeit könnte sie nur unter sorgfältiger Vergleichung mit anderen Quellen benutzt werden. Für die Charakteristik des Mannes ist sie gerade deshalb unschätzbar, weil sie ihn 900 Seiten lang ganz allein reden läßt. Und zwar bekommen wir ihn, obschon das ganze Buch bis jetzt nur die Zeit bis zum Jahre 1815 behandelt, in den verschiedensten Lebensaltern zu hören, bald als zwanzigjährigen Jüngling, bald als jugendlichen Mann im Drang der Geschäfte und wie aus dem Schlachtgetümmel heraus, bald als bedächtigen selbstgefälligen Greis, der seine Lebensgeschichte zurecht legt und sich selber so malt, wie er gerne von der Nachwelt gesehen sein möchte. Ein thörichtes und eitles Beginnen, mögen wir schon jetzt sagen: thöricht, weil der Metternich, wie er war, viel interessanter ist als der Metternich, der er sein will; eitel, weil es ihm bei aller Mühe eben doch nicht gelingt, sich anders darzustellen als er war. Bietet uns nun die erste Hälfte des Buches die Gelegenheit, den alten Schriftsteller kennen zu lernen, so giebt uns die zweite die Mittel an die Hand, mit dem jungen Diplomaten Bekanntschaft zu machen, und Jedermann wird mir wohl auf's Wort glauben, wenn ich behaupte, daß der Diplomat in Metternich bedeutender war als der Schriftsteller, der Jüngling anziehender als der Greis. Da indeß der Fürst Staatskanzler nach Dilettantenart einen so großen Werth auf sein schriftstellerisches Talent gelegt, so sei denn auch dem Autor eine kurze Betrachtung gewidmet, ehe wir vom Staatsmanne reden, um so mehr als der Autor auch vielfach, ohne es zu wollen allerdings, den Staatsmann erklärt, vor Allem aber den Menschen verräth, der sich so unsäglich viel Mühe gegeben, sich vor der Nachwelt zu drapieren. Auch bietet der umfangreichste seiner schriftstellerischen Versuche – die »autobiographische Denkschrift« – den natürlichsten Anlaß und Anhalt, um die politische Thätigkeit des Mannes bis in sein zweiundvierzigstes Jahr in wenig Strichen zu kennzeichnen. Die bewegte Geschichte jener Zeit hat man ja eben erst in Treitschke's unerreichter Schilderung gelesen; das geheime Spiel der Jahre 1812 und 1813 insbesondere hat uns Oncken jetzt eigentlich zum ersten Male ganz entrollt. Hat uns aber Jener durch sein eigenes lebhaftes Parteiergreifen mitten in die heiße Atmosphäre der aufeinanderplatzenden Leidenschaften hineingeführt und uns, sozusagen, gezwungen, dieselben nachzuempfinden, so hat Dieser mit seltener Kaltblütigkeit gewußt, sich und uns außerhalb der Schußweite auf den Punkt zu stellen, wo wir die Bewegungen beider Schlachtlinien gleichermaßen verfolgen können, ohne uns selbst von dem berauschenden Kampfesfieber anstecken zu lassen, oder, um genauer zu reden, er hat, als ein gewissenhafter, unermüdlicher und scharfblickender Untersuchungsrichter alle Aussagen und Zeugnisse aufgenommen, gesichtet und zusammengestellt und uns überlassen, daraus Anklageschriften, Verteidigungsreden, Urteilsbegründungen – vielleicht auch, wenn wir das Geschick und die Gabe dazu besitzen, literarische Kunstwerke – aufzubauen. Ich darf wohl annehmen, daß diese Eindrücke bei dem Leser noch unverwischt sind, und es diesmal unterlassen, den »finstern Zeitgrund« zu malen, auf dem sich die Gestalt des österreichischen Staatsmannes abhebt. I. Niemand hat die erste und oberste Tugend des Staatsmannes, ganz in dem Staate aufzugehen, dem er dient, in höherem Maße besessen als Fürst Metternich. Der Schriftsteller ist dabei freilich etwas zu kurz gekommen. Der junge Graf Clemens, 1773 in Koblenz geboren, in Straßburg und Mainz gebildet, schrieb seine deutsche Muttersprache so gut wie das Französische, ehe er sich an der Donau niederließ: die rhetorischen Proben, die uns davon geboten werden, zeigen ihn zwar keineswegs als einen bedeutenden Stilisten – und wer wollte auch von einem zwanzigjährigen Jüngling Stil verlangen, wenn dieser Jüngling nicht gerade Goethe heißt? –, aber seine Sprache ist deutsch im Ausdruck, in der Wendung, im Tonfall, wie man's von einem Rheinländer erwarten darf. Fünfzehn Jahre lang fast ausschließlich auf den Gebrauch des Französischen angewiesen, dann von seinem sechsunddreißigsten Jahre in Oesterreich lebend, scheint er nach und nach das deutsche Sprachgefühl ganz verloren zu haben. Oesterreich begann ja damals erst wieder am geistigen Leben Deutschlands Theil zu nehmen. Der Staatskanzler scheint aber wenig mit den Männern verkehrt zu haben, die sich rühmen durften, diese geistige Wiedervereinigung angebahnt zu haben. Sein Deutsch ist nicht das Grillparzer's, oder Halm's, es ist das Deutsch der k. k. Bureaux. Maßregeln werden »über seinen Vorschlag« getroffen; gewisse Dinge sind in vollstem »Ausmaße« vorhanden; er unterhält sich mit den Leuten über die »Tagesbelange«; er erlaubt sich auf gewisse Dinge »einzurathen«; er spricht von dem »vor Kurzem bestandenen Herzogthum Warschau«; ja, er erwähnt eines »besonders bei der Vertheidigung eines Platzes sich ausgezeichneten« jungen Mannes; und was der Austriacismen mehr sind. Noch auffälliger aber und verletzender ist der französierende Ton seiner deutschen Schriften: sie klingen Alle wie übersetzt. Des Französischen freilich ist der Staatskanzler ganz Herr. Man vergleiche sein französisch geschriebenes Porträt Napoleons mit der Charakteristik, die er in deutscher Sprache von Kaiser Alexander entworfen und worin das einzige Treffende ein Wort Napoleons ist, das der Porträtist zum Thema seiner Variationen macht. Jene Studie über den Charakter Napoleons datiert freilich schon vom Jahre 1820, als der Schriftsteller noch den Ereignissen und Personen näher stand, sein »System« und der pedantische Ton, in welchem er es vorzutragen liebte, sich noch nicht so ausgebildet hatte, während die Charakteristik Alexanders erst 1829 geschrieben wurde, als der alternde Fürst schon die Gewohnheit angenommen hatte, sich als die fleischgewordene Staatsweisheit anzusehen. Der Hauptgrund der Überlegenheit der einen Schrift über die andere bleibt aber doch die vollständigere Beherrschung des Werkzeuges. Nicht als ob Metternich's Französisch die Vorzüge eines besonders persönlichen und festen Stiles aufwiese: aber es ist einfach, korrekt, anspruchslos und – es lebt. Das Französische war nämlich, wenn ich so sagen darf, die Sprache, in der er handelte, das Deutsche diejenige, in der er über seine Handlungen philosophierte. Metternich's Handeln aber taugte mehr als seine Philosophie. Seine Depeschen – und sie sind fast alle französisch – sind aus dem Drange des Augenblicks heraus geschrieben: sie sind Thaten; sie wollen uns das eben Gethane, Gehörte wiedergeben, das zu Thuende, das zu Sagende andeuten: sie wollen nicht darüber reden. Metternich rühmt sich mit großem Selbstgefühl, und mit höhnendem Seitenblicke auf die Geschichtsprofessoren, daß er »Geschichte gemacht«, folglich auch dazu berufen sei, sie zu schreiben. Nichts kann gerechtfertigter sein: nur muß man nicht vergessen, wenn man Geschichte schreibt, in welchem Muthe man sie gemacht hat. Nie wird ein Gelehrter, der seine Studierstube nicht verlassen, die Dinge sehen und zeigen, wie Cäsar und Friedrich sie gesehen und gezeigt. Die hatten aber Alles noch gegenwärtig, lebten es noch einmal durch. Der Metternich aber, der die Geschichte schreibt, lebt in einer ganz anderen Atmosphäre, sieht die Dinge durch ganz andere Brillen, befindet sich in einer ganz anderen Stimmung, als der Metternich, welcher die Geschichte gemacht hat. Dem ist noch weniger so in dem erwähnten, wirklich sehr gelungenen, obschon allzubreiten Porträt Napoleons. Wie gesagt, waren, als er es schrieb, kaum fünf Jahre verflossen seit dem letzten Zusammenstoß mit dem Gewaltigen; vornehmlich aber, sobald Metternich die französische Sprache in den Mund nahm, war's, als bestiege er sein Schlachtroß, das ihn von selbst wiehernd in die Reihen der Kämpfenden zurücktrüge. Wie blaß und abstrakt ist dagegen die ganze Autobiographie! Wie unbestimmt und allgemein der Ausdruck! Wie ganz das Gegentheil von der Sprache wirklich bedeutender Menschen, Napoleons z.B., der hier so oft mitspricht und dessen Worte uns immer die Sachen selbst oder das Werden der Gedanken sehen lassen, als ob plötzlich der Alles umschleiernde Flor der Dinge weggerissen würde. Und welche Wiederholungen, welche Gemeinplätze, welche Clichés! Erröthet er doch nicht einmal, »neben einem Vulkan zu schlafen, ohne an den Erguß der Lava zu denken!« Oh, Durchlaucht, wenn Sie sich Das bei den schönen Französinnen erlaubt, die Sie in den Tuilerien umschwärmt, Sie hätten's auf immer mit ihnen verdorben! Und wie der einzelne Ausdruck, so die ganze Darstellung: keine Lage tritt drastisch hervor, keine Figur hebt sich im Relief ab von dem grauen eintönigen Hintergrunde seiner Erzählung. Kommen Unterredungen vor, so sind sie ganz konventionell gehalten. Nie hat Kaiser Franz, nie hat Erzherzogin Marie Louise in so artig gesetzten Worten mit dem Minister gesprochen, der Eine um ihm das Ministerium anzubieten, die Andere, um sich wie eine zweite Iphigenie für das Wohl des Vaterlandes aufzuopfern. Wie ganz anders klingt es doch in den Depeschen, wenn er von Paris aus noch am selben Abende seine Unterhaltungen mit Napoleon oder Champagny auf's Papier bringt! So sprechen die Menschen. Das leibt und lebt; aber das »Franzerl«, das da redet wie ein Leitartikel des »Beobachters«, das hat nie gelebt. So findet er auch manchmal glückliche Worte in seinen französischen Depeschen; seine Selbstbekenntnisse berühren Einen wie ein unausgesetzter Strom lauen Wassers. Und bieten die gleichzeitigen Briefe und Berichte dem Geschichtsforscher nicht viel Neues, so gewähren sie doch dem großen Publikum gewiß eine anregende Lektüre, die ihn für die Langeweile der »autobiographischen Denkschriften« entschädigt. Will man sich z. B. ein Bild machen, wie der junge Herr Graf, »von angenehmen Äußern, sehr höflich und durchaus nirgends vorlaut« (Ritter Lang) in Rastatt auftrat, so lese man seine reizenden, natürlich französisch geschriebenen Briefe an seine junge Frau, eine Enkelin Kaunitzens: man meint den jungen Herrn aus der Koblenzer Emigrantengesellschaft vor sich zu sehen, im extemporierten Theater, am markgräflichen Hofe, am plebejischen Tische der Bevollmächtigten des Direktoriums. Von alledem findet man keine Spur in der »Denkschrift«. Auch das bischen Attachéklatsch über die Dresdener Zeit (1801-1803), das uns der alte Herr aufwärmt, giebt uns gar keinen Einblick in die Verhältnisse am kursächsischen Hofe und noch weniger ein Bild des jungen, harmlos-heiteren Lebemannes, der dort seine Sporen verdiente und sein Adoptivvaterland Oesterreich mit Anmuth, Bescheidenheit, vollendeten Formen und offenen Augen vertrat. Dasselbe gilt von der kurzen Schilderung des Berliner Aufenthaltes. In den ausgezeichneten Depeschen aus jener denkwürdigen Zeit, wo er den Auftrag hatte, Preußen zum Anschluß an die dritte Koalition zu überreden, ist eine Wärme der Leidenschaft, oft Ausbrüche des Hasses und der Verachtung gegen den Erbfeind Preußen und seine würdigen Vertreter, die Haugwitz, Lombard, Lucchesini, zuweilen aber auch ein natürlicher Adel der Sprache, von denen in dem Rückblick auf sein Leben kein Echo nachklingt. In noch höherem Maße darf dies von den lebensvollen Berichten aus Paris vom Jahre 1808 gesagt werden, als die Wolke über Oesterreich sich in jedem Augenblick zu entladen drohte, sowie von denen aus dem Jahre 1810, als sie sich entladen hatte und ein trügerischer Sonnenschein über dem jungen Bündnis beider Kaiserreiche lachte. Ja, diese Berichte, in denen er den Gewaltigen so oft redend einführt, sind noch viel anregender als sein Porträt Napoleons, welches doch die beste, weil die jugendlichste seiner schriftstellerischen Arbeiten ist. Wohl fällt der Berichterstatter etwas ab gegen den mächtigen Unterredner, den man aus jedem seiner selbstgeschmiedeten Sätze leibhaft reden hört. Nur in dem Einen ist Metternich dem großen Manne überlegen: er ist kein Emporkömmling. In jener Charakteristik schon kann er, gerade wie Varnhagen und vor ihm Mad. de Rémusat und alle Freunde Talleyrand's, nicht genug betonen, wie schlecht erzogen, wie linkisch, wie vernachlässigt in seinem Anzug, wie prätentiös in seinem Auftreten der Soldatenkaiser war. Nur steht die wiederholte Betonung solcher Schwächen einer Dame besser als einem Staatsmanns, auch ist die Französin eine ganz andere Meisterin des Porträtierens als der Deutsche. Dagegen darf es uns nicht wundern, daß der Staatskanzler in der psychologischen Analyse des Napoleonischen Charakters der Dame den Rang abläuft. Frauen durchschauen wohl den Menschen meist rascher und sicherer als wir; methodisch von ihren Eindrücken Rechenschaft abzulegen wird ihnen schwer. Doch fehlt der Schilderung Metternich's auch das charakteristische Kennzeichen der Geister seines Schlages nicht: er sucht das Große der Persönlichkeit gern herabzumindern; übergeht Napoleons gesetzgeberisches Genie – das wohl noch größer war als sein militärisches – ganz mit Stillschweigen; ist immer bestrebt, seine Erfolge durch die Kleinheit der Zeitgenossen, die Unfähigkeit der Gegner, die Gunst der Umstände zu erklären. Nichts von alledem finden wir in seinen Pariser Berichten. Die sind ganz objektiv gehalten. Der Kaiser steht vor uns, in Fleisch und Blut. Man könnte bei jedem Worte schwören, daß er es gesprochen; man könnte die Bewegungen der Hand errathen, mit denen er es begleitet. Und in Alledem ist eine Frische und ein Leben, die der Autor dieser Depeschen nie wiedergefunden. Fast sollte man glauben, der alte Fürst habe selber dunkel gefühlt, daß sein Farbentopf nur noch Grau enthielt; denn er wünschte, daß das Manuskript der Autobiographie »für immerwährende Zeiten, insofern dieser Begriff auf menschliche Fürsorge anwendbar sei, in seinem Hausarchive verbleibe«. Doch gestattete er, daß es »nach Zeit und Umständen benützt werde, um lückenhafte Geschichtswerke zu vervollständigen oder lügenhafte zu berichtigen«. Ich weiß nicht, ob man dem Andenken des Staatskanzlers einen Dienst geleistet, indem man einer Auswahl seiner Depeschen das Machwerk beigab: es gewinnt jedenfalls nicht bei der Vergleichung. Fürst Metternich war einundsiebzig Jahre alt, als er es im Jahre 1844 unternahm, seine Lebensgeschichte oder vielmehr die Geschichte seiner öffentlichen Thätigkeit zu erzählen; er war fast ein Achtziger, als er den »Leitfaden zur Erklärung seiner Denk- und Handlungsweise« niederschrieb. Nichts natürlicher, als daß er in der Darstellung nicht den frischen Ton fand, den seine jugendliche Thätigkeit geathmet hatte. Natürlich auch, daß er dieser seiner Thätigteit einen bewußten Plan unterschob, den sie in Wirklichkeit wohl kaum zu befolgen die Ruhe und Freiheit gehabt; daß er sich selber Grundsätze beilegte, an die er als dreißigjähriger Jünglingmann wohl nie gedacht. Ebenso natürlich ist es endlich, daß ihm sein Gedächtnis trotz aller gedruckten und ungedruckten Hilfsmittel kleine Streiche spielte, die zwar nicht an die kaum glaublichen Irrthümer und Widersprüche Odilon Barrot's in seiner eigenen Lebensgeschichte heranreichen, aber doch genügen würden, die »autobiographische Denkschrift« für das Fabrikat eines späteren Jahrhunderts zu erklären, wenn der Fürst zu Dino Compagni's Zeiten gelebt, anstatt in unseren. Es sind aber auch Reticenzen in diesen Aufzeichnungen, die nicht allein dem schlechten Gedächtnis zugeschrieben werden können, und die darauf hindeuten, daß man ein Interesse hatte, Manches zu verschweigen. Es geht ein Ton der Selbstzufriedenheit, vor allem aber eine moralisierende Lehrhaftigkeit durch diese ganze Selbstschau, die schon nicht mehr zu verstehen sind, wenn man nicht etwas bewußte Heuchelei annimmt. Dies unausgesetzte Pochen auf die »Grundsätze «, dies ewige Betheuern, daß man allem und jedem »Ehrgeiz unzugänglich« ist, dies fortwährende Sichberufen auf das »stets rege Pflichtbewußtsein«, diese wiederholte Versicherung, daß weder »Eigenliebe noch Hang zur Rechthaberei« ihn leite, sondern »das geschichtliche Element und die Pflege der Wahrheit, die in seinem Gefühle vorherrschten« (welche Sprache!), dies eintönige Tugendgerede wird am Ende doch nicht nur langweilig – das versteht sich von selbst; die ganze Denkschrift ist langweilig, wenn es erlaubt ist, mit einem so vornehmen Autor so unhöflich zu sein – es wird auch verdächtig. »Gewissen und Gewissen um das dritte Wort! Mit wem reden wir denn?« möchte man Appiani's ungeduldige Worte gegen Marinelli parodierend ausrufen. Ist's derselbe Politiker, den Stadion einen »abgründlich leichtsinnigen Lebemann« genannt? derselbe ministre-papillon (Nostitz), der in Paris und Wien so viel schöne Blumen umflatterte, daß er, wie sein Vertrauter, Gentz, klagt, die Geschäfte seines Amtes darüber vergaß? Ist's derselbe Mann, den Varnhagen in Prag (1813) »als einen Freidenker in religiösen Dingen gekannt«? Derselbe Staatsmann, der sich Monate lang die Frage offen hielt, ob er für »Europa« oder für Napoleon eintreten würde? Man braucht eben Goethe's Wort, daß die Handelnden immer gewissenlos sind, nicht buchstäblich zu nehmen; sicher ist doch, daß sie nicht so gewissenhaft sein können, als sich der alte Metternich gerne machen wollte. Und wie unütz ist dieser Pharisäerton! Warum sollte er denn keinen Ehrgeiz haben? Ist denn ein ganzer Staatsmann überhaupt nur denkbar ohne Ehrgeiz? Und wer hätte es ihm denn zum Verbrechen gemacht, wenn er vor allem sein Österreich bedacht und nach vier verhängnisvollen Kriegen den fünften erst dann aufnehmen gewollt, als er seiner Sache sicher war? Wer hätte es ihm verargt, wenn der Freidenker als Leiter einer katholischen Großmacht die katholischen Interessen verfochten? Wer hätte es ihm verdacht, wenn er manchmal seine Zeit zwischen der liebenswürdigen Herzogin von Sagan und den Geschäften seines Herrn getheilt? Und wenn er der Nachwelt offen gestanden hätte, was sie erst durch die Indiskretion seines Vertrauten erfahren, daß die Eifersucht auf den schönen Fürst Windischgrätz ihm mehr schlaflose Nächte verursacht als der Keil, den Talleyrand's Intriguen in die Allianz »Europas« trieben, die Nachwelt würde ihn nicht gelobt haben, aber sie hätte gelächelt und verziehen. Ja warum sollte er auch nicht einmal herzhaft lügen, wenn's das Interesse seines Landes erheischte? Das Schlimme ist ja nicht eine Unwahrheit zu sagen, sondern Unwahr zu sein. Auch der wahrhaftigste Mensch kann manchmal in der Lage sein, zu einer Lüge greifen zu müssen. Und, wenn wir den Zeitgenossen Glauben schenken dürfen, so ließ es schon der Graf ebensowenig daran fehlen als später der Fürst. »Herr von Metternich ist auf dem besten Wege, ein Staatsmann zu werden: er lügt schon ganz hübsch«, sagte Napoleon zu Mme. de Rémusat von dem Dreißiger. Und Macaulay berichtet ein Menschenalter später, als jemand bei Lady Holland den Staatskanzler mit Mazarin verglichen habe, – den er, beiläufig gesagt, tief verachtete – da habe der alte Talleyrand lebhaft protestiert: »Dagegen wäre viel einzuwenden: vor allem, der Kardinal täuschte wohl, aber log nie. Herr von Metternich lügt immer und täuscht niemanden.« Als der Staatskanzler diese seine Autobiographie schrieb, hatte er's noch weiter gebracht: er log nicht mehr, er glaubte, was er so oft gelogen hatte. Wie sticht dieser Ton ab, nicht nur gegen die großartige Wahrhaftigkeit eines Rousseau und Goethe – wie die Geschichte nie so wahr ist als die Poesie, so kann auch der »Geschichtemacher« nicht so wahr sein als der Dichter –; aber auch gegen Hardenberg's oder Palmerston's schlichte Weise fällt dieser Tugendprunk ab, wie Theatertiraden gegen natürliche Erzählung unter Freunden. Sollte man dem alten Herrn glauben, so war der gewandte lebenslustige junge Weltmann, den der alte Kaunitz für einen »perfekten Kavalier, einen guten aimablen Menschen von niedlichster Verve« erklärte, schon mit zwanzig Jahren ein prinzipienfester Weiser, der »von der moralischen Gesunkenheit Frankreichs« im achtzehnten Jahrhundert durchdrungen war, der von der Revolution, die alle Moral zerrüttete, die größten Gefahren für Europa befürchtete und sich's zur Lebensaufgabe machte, diese Quelle des Übels zu bekämpfen, um die Gefahren von seinem erwählten Vaterlande, diesem Paradies der Unschuld, dem Wien Kutschera's und Trautmannsdorf's! abzuwenden. Hat er doch »von seiner frühesten Jugend bis in das sechsunddreißigste Jahr eines mühevollen Ministeriums nicht Eine Stunde sich selbst gelebt«. Ließ ihn doch nur die Pflicht in der dornenvollen Laufbahn beharren, die ihm so zuwider war. Schon als Zweiundzwanzigjähriger »jedem Vorurtheil unzugänglich und in jedem Dinge nur die Wahrheit suchend« schreckte er vor der Staatsthätigkeit zurück und »hätte vorgezogen. im Privatleben zu bleiben und seine Zeit der Pflege der Wissenschaften – besonders der exakten und Naturwissenschaften – zu widmen.« »Die diplomatische Laufbahn konnte allerdings seinem Ehrgeize schmeicheln, aber diesem Gefühle war er sein ganzes Leben lang nicht zugänglich.« »Er fürchtete zwar nicht in die falschen Bahnen zu gerathen, auf welche so viele Menschen durch erhitzte Einbildungskraft und vorzüglich durch ihre Eigenliebe hingerissen werden, weil er sich gerade von diesen Fehlern frei fühlte; aber er erkannte andererseits die vielen und gefährlichen Klippen seiner neuen Stellung (1806 als Botschafter in Paris) und glaubte daher, vorerst allen seinen Ehrgeiz darauf beschränken zu sollen, wenigstens das Böse dort zu verhindern, wo er die Unmöglichkeit sah, das Gute zu bewirken.« »Frei vom Stachel des Ehrgeizes, wie er sein ganzes Leben war, empfand er nur das Gewicht der Fessel,« welche ihm 1809 die Übernahme des Ministeriums auferlegte, und nur das Vertrauen auf die »starke und reine Seele« Kaiser Franz' gab ihm den Muth dazu; denn er hatte »nur die zwei Punkte, auf die sich zu stützen ihm möglich schien: sein Gewissen und die unerschütterliche Charakterstärke des Kaisers Franz«, der ja natürlich auch immer nur »strenge der Stimme seines Gewissens folgte.« Das Interesse Oesterreichs und des Hauses Habsburg existierte ja nicht für diese beiden reinen und starken Seelen. Wie hatte doch Joseph II. seinen florentinischen Neffen verkannt, als er meinte, »edle moralische Motive machten auf ihn nicht den geringsten Eindruck« und »nur ein Mittel: Furcht greife bei ihm an.« Auch an seiner Religiosität zweifelte der skeptische Onkel. Nicht so der Diener. Nur weil die »vorgebliche erste Ehe« Napoleons mit Josephine ein Konkubinat war, konnte er's über sich bringen, seinem frommen Herrn den Rath zu ertheilen, dem Kaiser der Franzosen die Hand seiner Tochter zu geben. Übrigens ist nirgends verzeichnet, daß Metternich dem Kaiser Franz von seiner vierten Ehe (1816) mit einer geschiedenen Dame abgerathen hätte. Wahrscheinlich war auch die Ehe der Kronprinzessin von Württemberg nur eine »vorgebliche« gewesen, da der Kronprinz ja Protestant war und der Papst die Scheidung guthieß. »Wäre es anders gewesen, die Sache hätte gar nicht zur Sprache kommen können.« Wie sagt doch Goethe: »Zu zeigen, was moralisch sei, Erlauben wir uns frank und frei Ein Falsum zu begehen.« Möglich, obschon unwahrscheinlich, ist es, daß Metternich im Jahre 1809 Nichts von der kirchlichen Ehe Josephinens gewußt, die am 1. Dezember 1804, am Vorabende der Krönung, von Kardinal Fesch in Gegenwart zweier Zeugen vollzogen worden war; unmöglich ist es, daß er sie 1844 ignoriert habe, als er die Worte schrieb: Angenommen selbst, Metternich hätte 1844 noch nicht gewußt, was alle Welt wußte, was Thiers Jahrs darauf (1845) im 5. Bande seines » Consulat et Empire « umständlich erzählte, so hätte er doch 1852, als er seine gerade an dieser Stelle abgebrochene Lebensgeschichte wieder aufnahm, es wissen und diese letzten Seiten, an die er anknüpfte, korrigieren müssen. Neue Details über die kirchliche Ehe Napoleons haben vor Kurzem Mme. de Rémusat's Memoiren gebracht. »Diese Frage (die Ehetrennung) bestand für die Kirche nicht und folglich auch nicht für den Kaiser. Napoleon hatte ... eine bürgerliche Ehe geschlossen; es war also keine in den Augen der Kirche gültige Ehe. Wäre es anders gewesen, die Sache hätte gar nicht zur Sprache kommen können.« Denn Franz war skrupulöser als sein Schwiegersohn: er hätte um die Welt kein Ehebett bestiegen, über das der Pfarrer nicht den Segen gesprochen; er ließ sich auch nie scheiden, sondern wartete immer geduldig, bis seine Frauen eines natürlichen Todes starben, um wieder zu heirathen, »Bevor die Schuh' verbraucht, Womit er seiner Gattin Leiche folgte.« Aber wir erkennen Dich ja gar nicht wieder, höre ich meine Freunde sagen. Du, immer so bestrebt billig gegen Jeden zu sein, Du, der stets Alles, auch das Schlimme, zu erklären und verstehen sucht, anstatt es zu verdammen, der auch dann, wenn er verdammt, es immer in den mäßigsten Worten zu thun pflegt; der stets von allen liberalen und nationalen Parteischranken so frei zu sein behauptet – wie kommst Du zu dieser Bitterkeit? Sei's noch um Franz, dem kindlichen Thierquäler, »dem die Erhaltung seiner eigenen Person allein unendlich wichtig schien«, um noch einmal Josephs II. Worte zu gebrauchen; aber Metternich ein bedeutender und auch ein wohlwollender Mann, der im Grunde doch nur stets das Beste seines Herrn und seines Landes gewollt, es auf seine Weise verfolgt hat? Wohl, und so stand er auch vor meinen Augen, trotz der konventionellen Tugendssprache seiner amtlichen Auslassungen, als loyaler Gegner eines nationalen Deutschlands und eines freien, öffentlichen Staatslebens – bis zum Erscheinen dieser Publikation. Hier ist's aber nicht mehr die allgemein angenommene Sprache einer Zeit und eines Standes, die so wenig Heuchelei impliciert, als die gesellschaftliche, deren wir uns Alle bedienen, wenn wir »des Nachbars alte Katze« besorglich nach ihrem Befinden befragen. Hier handelt sich's auch nicht mehr um das Erreichen eines besonderen positiven Zweckes oder das Verhindern eines besonderen positiven Übels durch eine gelegentliche Unwahrheit. Hier ist's die reine Scheinheiligkeit, das durch Nichts herausgeforderte, durch die Eitelkeit allein eingegebene Bemühen, sich selbst mit absoluter Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit in das günstigste Licht zu setzen. Es ist nicht der überzeugte Feind alles dessen, was wir hochschätzen gelernt, es ist der Heuchler, gleich ob er im Wohlfahrtsausschusse sitzt, oder im Palais am Bauplatze, der Einen ungeduldig macht; und je nachsichtiger man für die Schwächen der Menschen ist, wenn sie nur den Kern der Wahrheit nicht berühren, desto strenger hat man das Recht und die Pflicht zu sein, wo sich unterm Scheine der Tugend die baare Unwahrheit breit macht. II. Es ist ein Glück für Metternich, daß er wohl nicht nach seinen Memoiren, sondern nach seinen Depeschen beurtheilt werden wird: denn hier wird jedem Unbefangenen erst klar, wie muthig und gewandt und unermüdlich er in jenen heißen Jahren das ihm anvertraute Interesse Oesterreichs verfochten hat, wie er, je nach den Umständen sich mit oder gegen Napoleon verbündend, redlich daran gearbeitet, die Einheit Deutschlands, wie die Unabhängigkeit Italiens zu verhindern, wie scharfsinnig er sofort erkannt, daß Preußen ein viel gefährlicherer Feind für Oesterreich war als Frankreich. Er mag sich in dieser seiner österreichischen Politik zuweilen geirrt haben – namentlich in der orientalischen Frage –; jedenfalls aber hatte er das Recht, ja die Pflicht, egoistisch-österreichische Politik zu treiben, wie Talleyrand französische trieb; und wollte Gott, die preußischen Diplomaten waren 1814 so gewandt, so beharrlich, und so erfolgreich gewesen in ihrer Sache als er in der seinen. Was unerträglich ist, ist nur die Heuchelei, mit der er stets das Interesse Oesterreichs mit dem absoluten sittlichen Rechte identifiziert; denn »die wahre Kraft liegt ja im Recht allein« und »das sogenannte Metternich'sche System war ja kein System, sondern eine Weltordnung«, wie er selber bescheiden sagt. Wie wohlthuend sticht dagegen der Cynismus eines J. de Maistre ab, der doch gewiß ein begründeteres Recht auf das Lob der Folgerichtigkeit und Prinzipienfestigkeit hatte als Metternich, wenn er meint: »Jedes Kabinet sei von einem gewissen besonderen Geiste beherrscht, der durchaus Nichts mit der Moral und irgend einer menschlichen Empfindung zu thun habe. Wenn ein Kabinet in einem Zeitpunkte gerechter als ein anderes erscheint, so ist es, weil bekannte oder unbekannte Umstände es am Handeln verhindern. Es ist gerecht, wie der Eunuch keusch ist.« Niemand aber hat mehr als der Staatskanzler dazu beigetragen, jenen pharisäischen Ton, der von 1814 bis 1860 auf dem Festlande geherrscht, in die Diplomatie einzuführen. Übrigens schlug er selbst diesen Ton erst an, nachdem er unter den Einfluß Talleyrand's gerathen war, der bekanntlich den politischen cant am Weitesten getrieben hat. So unverschämt freilich wie der alte Sünder der Rue St. Florentin war der Schüler doch nicht, »Nie«, meinte der entkuttete und beweibte Bischof von Autun, der Ludwig XVI., dem Direktorium, dem Konsulat, dem Kaiserthum gedient hatte, jetzt der Legitimität diente und endlich der Dynastie Orléans dienen sollte, der eigentliche Eingeber der Säkularisationen und jetzt der Vertheidiger des legitimen Königs von Sachsen, dessen Dukaten all die Weil in seinen Taschen klimperten, »nie dürfe man absehen von der wahren Kraft, welche allein in der Tugend bestehe. In den Verhältnissen der Völker zu einander aber sei die erste Tugend die Gerechtigkeit...« Nur »aus wahrem Interesse« für Preußen wolle er diesem »die scheinbaren Vortheile« ersparen, die, »errungen durch die Ungerechtigkeit und gefährlich für Europa, ihm selbst früher oder später verhängnisvoll werden würden.« Der Gute! Das heißt nämlich auf deutsch, Preußen dürfe Sachsen nicht bekommen, weil Frankreichs Interesse es erheischte, daß die deutschen Mittelstaaten fortbestünden. Gegen eine solche Sprache ist die Metternich's fast schlicht, wenn auch nicht wahrhaftig, zu nennen. Der mißbilligt die Einverleibung Sachsens durchaus nicht etwa, »weil sie Preußen vergrößert«, sondern weil es das Zustandekommen eines einigen Deutschlands erschweren würde, wenn »eine der Mächte, die dazu berufen seien, das gemeinsame Vaterland zu beschützen«, sich einen der wichtigsten Staaten aneignete. Beide Schriftstücke sind vom Dezember 1814, als Hardenbergs unzeitiges Vertrauen und Humboldt's prätentiöse Ungeschicklichkeit Preußen um die Frucht seiner Siege betrogen, und diese Sprache ward von da ab, während eines halben Jahrhunderts, die allgemeine der europäischen Staatsmänner mit Ausnahme Palmerston's: Ludwig XVIII. und Georg IV., der Tugendhafte, Louis Philipp und sein Guizot, Ancilon und sein gekrönter Schüler, Lamartine und Napoleon III., Alle hatten solche salbungsvolle Sprache im Munde, seit der größte Diplomat des Jahrhunderts, Dank diesem Gemisch von Unverschämtheit und Lüge, seinem besiegten Vaterland den Eintritt in die Gesellschaft der Sieger erzwungen hatte. Metternich allerdings will diese seine »Grundsätze« keineswegs erst von Talleyrand gelernt haben. Seine ganze Autobiographie ist ja mit der bewußten Absicht geschrieben, die Einheit und Konsequenz seines ganzen Lebens nachzuweisen, und wie er nie auch nur »einen Fingerbreit von Gottes Wegen« abgeirrt. Es giebt zwar Leute, die da meinen, das Verdienst der Immobilität sei nicht so groß, ja sie sei auch in solcher Strenge kaum möglich: » Le monde n'est qu'une branloire perenne, toutes choses y branlent sans cesse ... La oonstance même n'est autre chose qu'un branle languissant « ... Aber das sind nur leichtsinnige Zweifler ohne sittlichen Ernst wie Montaigne, die das behaupten, die sogar so verdorben sind, daß sie die Wahrheit über die Konsequenz stellen und naiv gestehen: » tant y a que je me contredis bien a l'adventure; mais la vérité, je ne la contredis pas .« Der Staatskanzler war der entgegengesetzten Meinung: auf die Wahrheit kam's ihm nicht sonderlich an, wenn nur die Konsequenz bewiesen war. Will er doch schon als siebenzehnjähriger Jüngling diese seine Lebensüberzeugung von der Macht des Rechtes und der Jugend, als die beiden unumstößlichen Grundpfeiler aller guten Politik, gewonnen haben. Er war nämlich mit fünfzehn Jahren (1788) samt seinem anderthalb Jahre jüngeren Bruder auf die Universität Straßburg geschickt worden, wo er bis zum Jahre 1790 verblieb, um dann die Hochschule in Mainz zu beziehen. Dort hatte er einen Revolutionsmann zum Erzieher und war Zeuge einer gewaltsamen Volksszene gewesen. »Die Lehren des Jacobiners und der Apell an die Volksleidenschaften flößten ihm einen Ekel ein, den Alter und Erfahrung nur in ihm verstärkten.« Auf seinem Wege nach Mainz ging er zur Kaiserkrönung Leopolds II. nach Frankfurt und »erfaßte mit der ganzen Kraft der Eindrücke des Jugendalters nur den Gegensatz zwischen dem von den ersten Regungen des Jacobinismus besudelten Lande, welches er soeben verlassen hatte, und dem Orte, an dem die menschliche Größe sich mit einem edlen Nationalgeiste verband –« Anno 1790 in Frankfurt am Main. Von Stund' an wußte er, was seine Sendung im Leben war. »Ich fühlte, die Revolution würde der Gegner sein, den ich fürder zu bekämpfen hätte, und so verlegte ich mich darauf, den Feind zu studieren und mich in seinem Lager zu orientieren.« Alles mit siebzehn Jahren! Was ist Pico della Mirandola gegen diese Frühreife! Um nun den Feind zu studieren, ging er einerseits in die »gewählte Gesellschaft« der französischen Emigrierten, andererseits in die, keineswegs gewählte, Gesellschaft der Mainzer Klubisten, wie Hofmann und Georg Forster. Dies soll übrigens das einzige »Studium« des jungen Studiosus gewesen sein, der, so sagt man, sehr begrenzte Kenntnisse aus seinem Universitätsleben mitbrachte. »Der Dramaturg Kotzebue bewohnte gleichfalls Mainz; damals war er warmer Anhänger einer Schule, die fünfundzwanzig Jahre später ihre Dolche gegen ihn richtete!« Karl Sand war nämlich in Metternich's Augen ein Jacobiner, wie der Freiherr von Stein, Gneisenau, Scharnhorst und alle Andern, welche die deutschen Zustände vor und nach der Revolution nicht für das Ideal eines Staates hielten, »in dem sich die menschliche Größe mit einem edlen Nationalgefühl verband.« Wohl gehörte Metternich den Emigrantenkreisen an, wo solche »Grundsätze« zum guten Ton gehörten; aber die Salbung kam erst später hinzu. Wie die ganze Generation, aus der in der Literatur sich unsere Romantiker rekrutierten, so war auch Metternich damals noch nicht der abstrakte Tugendheld, der er später wurde. Alles hat zwar mehr Maß und Geschmack bei dem geborenen Edelmann; aber im Grunde ist's doch beide Male, in der Jugend wie im Alter, dieselbe Stimmung, der wir auch bei seinen beiden von ihm selber geadelten Lebensgenossen plebejischen Ursprungs, Friedrich von Gentz und Friedrich von Schlegel, begegnen. Nur hatte er die philosophische Bildung der beiden Literaten nicht; aber er war ein anstelliger junger Mann, nicht gerade eminent, aber von leichter Fassungsgabe und höchst einnehmenden Wesens. Diese seine liebenswürdige Persönlichkeit war es denn auch, die ihm alle Weiber- und Fürstenherzen eroberte: es heißt ja, man gewänne meist Beide am sichersten mit demselben Mittel. Ob das hinreichend gewesen wäre, um so hoch zu klimmen, wenn er nicht in die hohe Stellung geboren gewesen? W. von Humboldt leugnete es; und jedenfalls bedurfte es der Gunst, um mit einundzwanzig Jahren zum Gesandten des deutschen Reichs im Haag ernannt zu werden; des Glücks, um mit sechsunddreißig Jahren in die weithin sichtbare Stelle eines ersten Ministers des österreichischen Kaiserstaates einzutreten. Eine große Heirath mit der Enkelin Kaunitzens, die ihm sein Vater zu vermitteln wußte, und über die uns A. Wolf in seiner Schrift über die Fürstin Liechtenstein viel Ergötzlicheres berichtet als der Autobiograph, erleichterte ihm die Erreichung der ersten Sprosse. Aus der holländischen Gesandtschaft war nichts geworden, weil Pichegru ihm mit seiner Einnahme Nimwegens einen Strich durch die Rechnung gemacht; allein mit fünfundzwanzig Jahren war er schon Vertreter des westphälischen Grafenkollegiums auf dem Rastatter Kongreß, mit siebenundzwanzig Gesandter Oesterreichs in Dresden; mit dreißig in Berlin, trat er nun eigentlich erst recht in die Geschichte ein. Die ganze Geschichte jener Zeit wurde ja, im Gegensatz zu der unsrigen, von jungen Leuten gemacht; Napoleon, Kaiser Franz, Alexander I., Friedrich Wilhelm III. waren wenig älter als ihre Minister, Marschälle und Botschafter. In dieser Jugendzeit nun in Berlin und Paris, von 1804 bis 1809, zeigte er sich am glänzendsten, weil er nirgends so gut am Platze war als in der Stellung, die er an beiden Höfen einnahm: Metternich war ein geborener und vollendeter Diplomat. Sicher im Auftreten, geschmeidig, vornehm ohne Dünkel, mit früher Menschenkenntnis, leichtem Redaktionstalent und – was die Hauptsache ist, ausgesprochener Lust und Liebe zu seinem Handwerk, redlichem Wunsch, das Interesse seines Staates zu fördern. Auch »das Mystifizieren gehörte zu den natürlichen Anlagen des Ministers, welcher es im geselligen Verkehr oft bis zur Verzweiflung der Menschen trieb.« (Nostitz.) Obschon seine diplomatische Thätigkeit weder in Berlin noch Paris den gehofften Erfolg hatte, so that er doch gute Dienste und lernte Menschen und Verhältnisse kennen, deren Kenntnis ihm wenig Jahre darauf von größtem Nutzen sein sollte. Vor Allem war es Talleyrand, der einen bestimmenden Einfluß auf ihn ausübte. Nicht nur, daß er sich, was diplomatische Taktik anlangt, ganz in dessen Schule bildete: er ließ sich auch im Inhalte der Politik durch ihn bestimmen. Später äußerte sich Metternich allerdings sehr abfällig über diesen seinen Lehrer, den er in dieselbe bunte Kategorie der Richelieu, Mazarin, Canning, Capodistria und anderer bitterbösen Menschen wirft, für die der alte Staatskanzler stets die größte Verachtung empfunden zu haben vorgiebt. Talleyrand würde sich wahrscheinlich in dieser Gesellschaft sehr wohl befunden haben; jedenfalls verdiente er durchaus die Auszeichnung: er war der getreueste Nachfolger der großen französischen Staatsmänner des siebzehnten Jahrhunderts, um so größer, als er ihre Lehren und Beispiele nicht dem Buchstaben, sondern mit freier Deutung dem Geiste nach befolgte. So war er es, der 1814 den Weg zur französisch-österreichischen Allianz bahnte, weil er eben einsah, daß seit dem Eintritt Rußlands und Preußens in die europäische Staatengesellschaft das Schachbrett für Frankreich ganz verändert war, daß Richelieu, wenn er von den Todten auferstanden wäre, in seinem Lebensfeinde Österreich seinen natürlichen Verbündeten gegen die nationale deutsche Großmacht des Nordens gesehen hätte. Jetzt im Jahre 1808 war Talleyrand noch nicht in der Lage, an Frankreich zu denken, da es ihm vor Allem um seine eigene Person zu thun sein mußte, die in Ungnade gefallen war. Er hat immer behauptet, von der spanischen Unternehmung abgerathen zu haben – Napoleon hat es stets geleugnet –; wie dem auch sei, Talleyrand war nicht in Gunst im Jahre 1808, und er wußte Metternich zu überreden, daß allein seine weise Voraussicht und sein Muth, sie auszusprechen, ihn aus dem Ministerium des Äußern entfernt habe. Er wußte Metternich noch von viel Anderem zu überreden, vor Allem davon, daß Napoleon sich und seine Politik nie ändern würde, und daß, da es doch nicht unendlich so weiter gehen könne, sein Sturz früher oder später unvermeidlich eintreten müsse. Schon habe sich eine mächtige und zahlreiche Partei im Innern gebildet – sie bestand aus Talleyrand und Fouché, Fouché und Talleyrand –, welche nur auf die Gelegenheit warte, um sich des Usurpators zu entledigen: ein Krieg mit Österreich, in dem die Völker aufständen, wie in Spanien, werde das Signal zum Ausbruch sein: denn das französische Volk sei des ewigen Krieges müde und dürste nach Frieden, wisse aber wohl, daß es den nicht haben könne, so lange Napoleon auf dem Throne sitze. Uns klingt eine solche Sprache einfach wie die des Landesverrathes; und auch Metternich mochte sie im geheimsten Innern so beurtheilen; aber das durfte ihn nicht hindern, sie sich und seinem Herrn zu Nutze zu machen: Er glaubte nämlich Alles – wie er später auch Bernadotte glaubte, als er ihm den Aufstand des französischen Volkes voraussagte, sobald die fremden Heere über die Grenze dringen würden –, und er berichtete Alles getreulich nach Wien. Das ganze Geheimnis, warum er damals, fast so heftig wie Erzherzog Karl und Stadion, zum Kriege drängte, liegt hier. Und nirgends wird man Metternich's Talent der Aneignung fremder Gesichtspunkte in glänzenderem Lichte sehen als in den meisterhaften Depeschen des Jahres 1808. Das schlug ganz um, nachdem er Talleyrand's persönlichem Einflusse auf vier bis fünf Jahre entrückt wurde. Die Talleyrand'sche Methode behielt er bei, die Talleyrand'schen Ideen nahm er erst 1814 wieder auf. Es begann nun, von 1809–1813, die Zeit, wo er cunctando restituit rem , oder wenigstens durch ein gewandtes Temporisieren und seltenes Glück Athmenszeit für Oesterreich gewann. Um welchen Preis, sagt die Geschichte. Die Heirath der Erzherzogin mit Napoleon war ein trefflicher Schachzug und im Grunde keiner, den man ihm vorwerfen konnte, wenn man die wenig delikate Natur des Vaters und der Tochter, die er verhandelte, in Betracht zieht. Diese Heirath war aber so recht seine Sache, obschon er uns in seiner Autobiographie das Gegentheil glauben machen möchte: seine eigenen Schriftstücke aus dem Jahre 1810 sprechen lauter. Ich widerstehe nur mit Mühe der Versuchung, hier an der Hand Helfert's und am Faden von Metternich's eigenen Schriftstücken im 2. Bande der »Nachgelassenen Papiere« zu beweisen, wie der Staatskanzler in seiner Autobiographie verfährt, um die Einheit seiner Politik darzuthun und die Dinge in ihr gerades Gegentheil zu verkehren. Nur die Natur dieser Essays, die sich an das gebildete Publikum im Allgemeinen, nicht an die Fachgelehrten wenden, hält mich davon ab, in's Detail einzugehen. (Dieser Nachweis ist seitdem von P. Bailleu, a. a. O. S. 254, und von Augusto Franchetti in der Rassegna settimanale vom 16. Mai 1880 ausführlich und auf's Unwiderleglichste geführt worden.) Es war die erfolggekrönte Politik dieser seiner fünf ersten Regierungsjahre, welche er später in ein System zu bringen und durch allerhand Grundsätze zu erklären suchte. Sein wirkliches Verdienst war groß genug, um solcher nachträglicher Erklärungen nicht zu bedürfen. Er erhielt dem auf den Tod verwundeten Oesterreich seine Großmachtstellung, als es seiner besten Provinzen beraubt, vom Meer ausgeschlossen, durch furchtbare Niederlagen gebeugt, durch den Staats-Bankerott erschöpft war – Metternich braucht bezeichnender Weise immer nur den Euphemismus »Finanzmaßregel« –; ja, er wußte es größer herauszuführen, nicht nur als er es empfangen hatte, sondern als es bei Beginn des dreiundzwanzigjährigen Krieges gewesen war. Und es war nicht nur Glück. Niemand wußte Machtverhältnisse besser als er zu beurtheilen. Schon nach dem Wiener Frieden, als er die Regierung übernahm, hatte er klar gesehen, daß in der furchtbaren Lage Österreichs Nichts zu thun war als zu temporisieren, denn Eines fühlte er bestimmt, wenn er nicht gerade unterm persönlichen Zauber des Imperators war, und das war, daß die ungeheuerliche Schöpfung nicht dauern könne, daß die Katastrophe früher oder später eintreten müsse. »Wir müssen«, schrieb er am 10. August 1809, »vom Tage des Friedens an unser System auf ausschließendes Lavieren, auf Ausweichen, auf Schmeicheln beschränken. So allein fristen wir unsere Existenz vielleicht bis zum Tage der allgemeinen Erlösung ... Uns bleibt nur ein Ausweg: unsere Kraft auf bessere Zeiten aufzuheben.« Wie die Machtverhältnisse, so beurtheilte er die Menschen mit seltener Klarheit; selbst dann, wenn er sich von ihnen mehr als billig beeinflussen ließ, so lange sie nur mit ihm zu gehen schienen und wofern sie ihm nicht gerade antipathisch, folglich unverständlich waren; er ließ sich nie von seinen Gegnern einschüchtern, selbst von Alexander, selbst von Napoleon nicht. Dieser hatte ihn ganz eingenommen während seiner außerordentlichen Sendung nach Paris in Folge der Vermählung mit der Erzherzogin (Frühjahr und Sommer 1810); aber nur die Freundschaft mit Napoleon konnte damals Oesterreich retten. Dies eingesehen zu haben, war das nicht zu unterschätzende Verdienst Metternich's. »Wir können uns nicht schmeicheln, daß wir zwischen zwei Wassern schwimmen können,« schrieb er im Juli 1810 aus Paris, »eine ganz neutrale Rolle in so wichtigen Fragen (es handelte sich um den Orient) spielen zu können zwischen zwei Mächten (Rußland und Frankreich), die unseren Besitzstand und unsere Interessen bedrohen.« Die Freundschaft Napoleons war 1810 für Oesterreich so nothwendig als Jahrs zuvor die Neutralität für Preußen. Preußen konnte nach Tilsit neutral bleiben, ohne bis zur Freundschaft zu gehen, weil es machtlos war und noch machtloser schien als es war, (»Preußen ist nicht mehr in die Reihe der Mächte zu rechnen«, schrieb er sieben Monate später.) Oesterreich konnte es nicht. Die Neutralität in den Jahren 1810 und 1811 – wo der stillschweigende Bruch mit Rußland schon da war – wäre für Oesterreich gleichbedeutend mit einer Parteinahme für Rußland gewesen, und eine Parteinahme für Rußland hieß, wie die Dinge lagen, Vernichtung Oesterreichs. Metternich hatte demnach ganz Recht, auf eine Allianz mit Frankreich hinzuarbeiten, und wiederum ist nur das spätere Bemühen, die Sache in einem anderen Lichte, sich als Gegner dieses Bündnisses hinzustellen, das Tadelnswerthe, nicht seine Haltung selbst. In der That rieth er schon im Sommer 1810, trotz seiner Überzeugung, daß Oesterreich »mehr von Frankreich als von Rußland zu befürchten habe ..., mit Frankreich gemeine Sache zu machen.« Deshalb schloß er auch anderthalb Jahre später den Vertrag vom 28. November 1811, mit der Voraussicht, daß der Krieg gegen Rußland für Oesterreich »weder ein Vertheidigungs- noch ein Eroberungs-, sondern ein Erhaltungskrieg« sein würde: freilich auch mit der Hoffnung, ja unter der Bedingung, daß Etwas für Oesterreich abfallen würde, vor allem Illyrien und Salzburg; vielleicht auch »ein Theil von Schlesien; diese Kompensation jedoch nur bedingungsweise und im Falle der Zerstückelung Preußens, eine (einer?) meines Erachtens unausbleibliche(n) Folge des nächsten Krieges.« Ob Metternich meinte, die Zerstückelung Preußens oder die Kompensation Oesterreichs durch Schlesien werde eine unausbleibliche Folge sein, bleibt bei seinem Gebrauch der deutschen Sprache zweifelhaft. Wie dem auch sei, an Voraussicht fehlte es ihm nicht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob er 1814 die Rückkehr Napoleons von der Insel Elba so bestimmt vorausgesagt; kein gleichzeitiges Dokument verbürgt es, und wir wissen, daß Metternich's Versicherungen dreißig Jahre später kein unbedenkliches Vertrauen verdienen. Aber wir sehen aus seinen Berliner Depeschen von 1805, daß er Jena voraussah, daß er schon nach Tilsit die Ereignisse von 1813 vorhersagte; daß er selbst in jenem Augenblick, wo Oesterreich unwiderruflich dem Schicksale Preußens verfallen zu müssen schien, nicht verzweifelte, sondern festen Auges den Zeitpunkt erwartete, wo das ganze widernatürliche Gebäude des Eroberers zusammenstürzen, Oesterreich das entscheidende Wort zu sprechen, die entscheidende That zu thun haben würde. Selbst wo es sich um die unwägbaren Mächte der Geschichte, um die Strömungen der Volksgedanken und Volksleidenschaften, die Gewalt der öffentlichen Meinung handelte, fand er in den früheren Jahren noch oft das Richtige und sprach es aus in einer beredten und glühenden Sprache, die er später nicht wiederfand. Seine Depeschen zur Zeit der spanischen Erhebung sind nicht nur stilistische Meisterwerke, sie athmen auch Muth, Zuversicht, warme Vaterlandsliebe. War's der abkühlende Einfluß Kaiser Franz', war's das niederdrückende Gewicht der Wagramer Niederlage und des Wiener Friedens, war's der Zauber, den Napoleon im Jahre 1810 auf ihn ausübte, weil er ihn jetzt ausüben wollte, wie er zwei Jahre vorher das Gegentheil auf ihn ausüben gewollt – Metternich, der Minister, fand nie die Sprache wieder, die der Botschafter geführt, und, was schlimmer ist, er hatte die Gemüthsstimmung auf immer verloren, die er damals gehegt; ja, die Erinnerung daran scheint ihm abhanden gekommen zu sein. Er, der auf die Unwiderstehlichkeit der tiroler und spanischen Volksbewegung gerechnet, glaubte keinen Augenblick an das Aufstehen Preußens, und als es kam, war's ihm eine ungeahnte und unheimliche Überraschung. Er scheint den enthusiastischen Schwung des Stadion'schen Oesterreichs von 1809, den er kindlich genug gewesen, bis nach Paris mitzuempfinden, als eine Jugendeselei bereut zu haben. Jedenfalls ließ er sich nicht wieder auf solchen Illusionen ertappen. Als man 1813 einen Aufruf der Tiroler in Anregung brachte und Kaiser Franz seine sittliche Entrüstung über eine so revolutionäre Maßregel aussprach, äußerte sich auch Metternich höchst verächtlich über Alles, was an die »gefährlichen Grundsätze von Kalisch« erinnerte, lachte über Graf Stackelberg, der die Naivetät hatte, für Preußens Erhebung zu schwärmen, und soll in Ratiborschitz (während des Waffenstillstandes) den Zutritt Oesterreichs zur großen Allianz nur unter der Bedingung versprochen haben, daß kein Appell an die Völker geschehe:) So Bernhardi. Oncken scheint Nichts von dieser Klausel in Erfahrung gebracht zu haben. »Wir können nur auf Erhaltung der Sache der Souveräne hinsteuern.« (Amüsant, wenn auch psychologisch und historisch gleich unwichtig, ist, daß derselbe Mann als zwanzigjähriger Jüngling seine schriftstellerische Laufbahn mit einem Aufruf zur Volkserhebung und Volksbewaffnung begonnen hatte.) Der Mißerfolg des Frühjahrfeldzuges von 1813 hatte den Minister freilich in seiner skeptischen Auffassung nur bestärken können, denn er spricht noch nach Großgörschen von »der nur dem Namen nach existierenden preußischen Armee.« Der Praktiker war fortan fertig, der nur an die greifbaren Mächte glaubte, und die Evidenz selbst konnte ihn von nun an nicht mehr überzeugen, daß es außer Kabinetten und Bataillonen noch etwas im Völkerleben gäbe, das in Betracht käme. Man sieht, wenn es ein Vortheil für den Geschichtsschreiber ist, »Geschichte gemacht« zu haben, so hat's auch seine Nachtheile. Der Geschichtsprofessor ist dem Praktiker nicht nur durch seine gewissenhaftere und methodischere Benutzung der Quellen überlegen: er behält auch oft einen unbeirrten Blick für das Treibende in der Geschichte, der gar leicht verloren geht, wenn man sich zu sehr daran gewöhnt hat, die Bäume statt des Waldes in's Auge zu fassen. Wie gesagt, soll aus alledem dem Leiter der österreichischen Politik in den entscheidenden Jahren 1812 und 1813 kein Vorwurf gemacht werden. Es sollen nur die Grenzen seines Geistes angedeutet, die wahre Natur seiner Politik gekennzeichnet werden. Nichts konnte, um Metternich's Lieblingsausdruck zu gebrauchen, »korrekter« sein als diese Politik, wenn man die Lage Oesterreichs bedenkt, und Metternich machte sie mit Würde und Stolz, nicht nur dem Eroberer, sondern auch seinem eigenen Kaiser gegenüber, geltend: aber, es war österreichische, nicht deutsche Politik. »In Bezug auf ... Oesterreich hatte ja der Ausdruck »Deutscher Sinn« ... wie sich derselbe seit der Katastrophe Preußens und der nördlichen Gebiete Deutschlands in den höheren Schichten der dortigen Bevölkerung manifestierte, lediglich den Werth einer Mythe.« Gott bewahre uns, daß wir ihm das verdenken sollten. Obschon selber im Reiche geboren und erzogen, war er doch, wie's seine Pflicht war, ganz Oesterreicher geworden, und, wenn er 1805, freilich unter Hardenberges Einfluß, den Abfall des Kurfürsten von Bayern noch als einen Vaterlandsverrath empfand, so konnte im Jahre 1813, als das deutsche Reich auch rechtlich aufgehört hatte zu existieren, ganz Süddeutschland unter französischer Fahne focht, selbst Preußen dem Kaiser der Franzosen hatte Heeresfolge leisten müssen, der Begriff des deutschen Vaterlandes für einen praktischen Staatsmann an der Spitze Österreichs wirklich nur den »Werth einer Mythe« haben. Und wenn er Preußen große Erfolge mißgönnte, war er nicht vollkommen in seinem Rechte? Er war ja kein Abtrünniger wie seine Kreatur Gentz, der schon lange, ehe er in Metternich's Schule gegangen war, die Religion seiner Väter beschimpfte, ja, sich noch was darauf zu Gute that, sein Nest zu beschmutzen und dann seines Meisters antipreußische Politik – er selbst hatte nie einen politischen Gedanken, wenn er ihn nicht von Jemandem geliehen bekam – in seine rhetorisch-sophistische Sprache zu übersetzen. Wer sich einen Begriff machen will von der sittlichen Überlegenheit des Ministers, welcher die volle Verantwortlichkeit für seine Handlungen beanspruchte, von welchem Leben und Tod eines Großstaates abhing, über den feige zitternden Schreiber, dessen er sich bediente, und den er mit seiner Verantwortlichkeit deckte, der lese nur die geradezu niederträchtige Denkschrift Gentz' über den Wiener Kongreß (II, 473-514) und Metternich's Worte an seinen Kaiser, ehe er sich endgiltig gegen Frankreich erklärte (12. Juli 1813): »Kann ich auf die Festigkeit Eurer Majestät zählen, im Falle Napoleon die Friedensbasen Österreichs nicht annimmt? Sind Eure Majestät unerschütterlich bestimmt, in diesem Falle die gerechte Sache der Entscheidung den Waffen Oesterreichs und des ganzen übrigen vereinten Europa anzuvertrauen?« ... Kann ich darauf rechnen, »daß Eure Majestät ... Ihrem Worte treu bleiben und Ihre Rettung im engsten Anschließen an die Alliierten suchen werden?« ... »Darüber darf kein Dunkel in meiner Seele schweben, denn jeder meiner Schritte ... würde ohne die genaueste Bestimmtheit des Willens Eurer Majestät das Gepräge einer unverzeihlichen Zweideutigkeit tragen. Wir würden statt der Chancen des Friedens oder eines vortheilhaften Friedens nur jene der allgemeinen Animadversion und des wahrscheinlichen Unterganges der Monarchie herbeiführen, und ich würde mit dem besten Willen für das Wohl des Staates lediglich das leidigste Werkzeug der Vernichtung aller politischen Konsideration, aller moralischen Höhe und des Auflösens aller inneren und äußeren Bande der Staatsverwaltung geworden sein.« Wir wissen durch Stadion, daß eine solche Sprache nöthig, daß »es unmöglich war eine Viertelstunde lang auf Kaiser Franz zu rechnen«, der seine Minister »im Stiche zu lassen, sich nach einer verlorenen Schlacht aus dem Staube zu machen und sie dem lieben Gott zu empfehlen« pflegte. (Bei Gentz.) Das wußte Metternich und danach sprach und handelte er. Weil er aber so entschieden zu sprechen und zu handeln verstand, nachdem er drei Jahre lang zu schweigen und unthätig zu sein gewußt hatte, erzielte er denn auch die größten Erfolge, die er in seiner ganzen Laufbahn erzielt. Metternich's größter Moment waren die drei Jahre 1811 bis 1813. Alles Vorhergehende war nur Vorbereitung, alles Nachfolgende war nur der unausgesetzte Versuch, in ein System zu bringen und als Grundsätze zu formulieren, was eine besondere Lage und einzige Verhältnisse einem seinen Kopfe als Rettung aus der Noth eingegeben hatten. III. In der That bildete sich das große System, auf das sich Metternich in späteren Jahren so viel zu Gute that, erst nach 1815 aus. Dies System, wonach alles, das Oesterreich verhindern konnte, die führende Rolle in Mitteleuropa zu spielen, einfach zum »Bösen«, oder, was in der neuerfundenen Sprache gleichbedeutend war, zum »Jacobinismus« wurde, – dies System bestand bekanntlich in der einfachen Unbeweglichkeit. Die Dinge sollten genau so bleiben, wie sie 1814 und 1815 wiedergeordnet waren. Wo sich was regte, mußte es unterdrückt werden. Alles Bestehende war heilig, selbst die hohe Pforte. Wer daran rührte, war ruchlos. Der fromme Andreas Hofer selber, wenn er noch gelebt, würde als ein gottloser Jacobiner behandelt worden sein. Talleyrand hatte die Legitimität erfunden; Metternich erfand das »Recht«. »Glücklich, wer von sich sagen kann, dem ewigen Recht nicht in die Wege getreten zu sein. Dies Zeugnis versagt mir mein Gewissen nicht.« Was dieses ewige Recht eigentlich war, das bildete sich erst im Laufe des Herbstes 1814 unter dem Einflusse Talleyrand's ganz aus. Bis dahin tastete er noch herum, wußte selber noch nicht, ob das »ewige Recht« für Ludwig XVIII. oder Napoleon II. war, ja reklamierte Anfangs sogar gegen die Thronentsetzung Napoleons I., als gegen eine Verletzung des Nichtinterventionsprinzips. Wie herrlich dies die »Einheit dieses Lebens« illustriert, kann nur Der ganz ermessen, der die gesammte Polemik Metternich's aus den dreißiger Jahren gegen die »revolutionäre Neuerung des sogenannten Nichtinterventionsprinzipes « lebhaft im Gedächtnis hat. So war er im Anfange entschieden für Murat, dessen neapolitanisches Königthum Oesterreich sehr bequem und dessen Gemahlin eine von den Pariser Flammen des Staatskanzlers gewesen war; erst ganz spät brachte er heraus, daß das »ewige Recht« nicht auf Seiten des gekrönten Husaren war. Er bekämpfte (1810) die Theilung der Türkei auf's Entschiedenste, beanspruchte aber trotz des »ewigen Rechtes« das Theil Oesterreichs wenn's doch dazu kommen sollte, und zwar das »große Theil«. Sogar ein Stück des Patrimonium Petri hätte an Oesterreich kommen dürfen, ohne daß dadurch das »ewige Recht« verletzt worden wäre; und die acht Jahre von Campo Formio bis Preßburg reichen ganz hin, um das »ewige Recht« Oesterreichs auf den Besitz Venetiens zu begründen. Namentlich aber ist es die Frage der Einverleibung Sachsens in Preußen, dies »unsittliche Vorgehen«, wie Talleyrand es nannte, welche uns die Metternich'schen Begriffe vom »ewigen Recht« während des Jahres 1814 noch sehr schwankend zeigt. Anfangs hatte er, wie Castlereagh, wie Kaiser Alexander, die Sache ganz natürlich, richtig, ja selbstverständlich gefunden, sie auch Preußen förmlich zugefügt. Erst als Kaiser Franz ihm rundweg erklärt, er wolle von der Sache Nichts wissen, übernahm er die Vertheidigung des Königs von Sachsen, nur »um diese Rolle nicht Frankreich zu lassen«. Erst als Talleyrand ihm versprochen, er werde ihn unterstützen, erwachten auch die vaterländischen und legitimistischen Bedenken, und er brandmarkte die Einverleibung Sachsens in Preußen als eine Versündigung am »gemeinsamen Vaterlande « (sic!). An der Sache selbst wäre Nichts, hätte er nicht das Gegentheil versprochen gehabt und hätte er einfach erklärt, das österreichische Interesse erlaube keine Vergrößerung Preußens, die ihm ein allzugroßes Übergewicht in Norddeutschland gebe. Was konnte gerechtfertigter sein vom österreichischen Standpunkte, als daß er lieber Polen hergestellt, denn Preußen gestärkt sah, und daß er Preußens Obmacht in Norddeutschland – wie Rußlands Herrschaft in Polen – mehr fürchtete als Frankreichs Einfluß in Süddeutschland? Das hatte sich ja schon Ende 1813 in Chatillon gezeigt. Erinnerte er sich doch sehr wohl des Fürstenbundes, den er schon in seinem ersten Aktenstücke 1801 als »von Preußen zur bequemen Ausführung seiner längst gehegten Unterjochungsabsichten gestiftet«, bezeichnet hatte. Kannte er doch sehr wohl die »bei keiner Gelegenheit sich verleugnenden Absichten Preußens ... die auf nichts Anderes gerichtet waren, als das Schicksal und die Existenz eines großen Theiles Deutschlands nach Zeit und Umständen den preußischen Vergrößerungsplänen dienstbar zu machen.« Implizierte doch ein solcher Argwohn gegen Preußen in seinem Geiste, ehe derselbe das große System vom »ewigen Rechte« ausgeheckt, keinerlei moralischen Tadel: ja, er meinte schon 1803, ein rechter Staatsmann, ein Friedrich II., würde es verstanden haben, in der Lage Preußens »sich zum mächtigsten Könige des Festlandes« zu machen. Hat man solche ganz positive Ansichten von den Pflichten und Zielen der Staatenlenker, so ist es zum Mindesten geschmacklos, von den Interessen Deutschlands als »des gemeinsamen Vaterlandes« zu reden. Ein Mann wie Metternich, der sein Deutschlund und dessen Geschichte kannte, mußte es den Franzosen überlassen, die Aufrechthaltung und Beschützung der deutschen Mittelstaaten als eine Vertheidigung deutscher Freiheit hinzustellen. Wie dem auch sei, je realistisch-utilitarischer seine Politik wurde, desto idealistisch-theoretischer ward seine Sprache. Seit 1815 war er in der That seiner Sache sicher; er hatte den Grundsatz entdeckt, auf dem seine ganze Politik beruhte; und nicht nur alle die, welche sich gegen das Werk des Wiener Kongresses auflehnten, auch alle die, welche während des Kongresses gegen die Abmachungen desselben gekämpft, wurden einfach Revolutionäre. Ja, er lieh retrospektiv seinen früheren Gefühlen einen tendenziösen Charakter, den sie ihrer Zeit gar nicht gehabt. Er hatte immer Preußen mit Recht als den gefährlichsten Nebenbuhler Österreichs in Deutschland gefürchtet und gehaßt. Schon jenes erste Aktenstück (aus Dresden, 2. Nov. 1801) athmete diesen Haß mit einer jugendlichen Naivetät, die er später nicht wiederfand. Und seine Gefühle gegen Preußen waren nicht nur gerechtfertigt durch die Interessen und Traditionen Oesterreichs; die »astuciöse Politik« des Preußens der Lombard und Behme, der Haugwitz und Lucchesini, war in der That die unzuverlässigste und schwächste, die man sich denken konnte. Freilich haßte und fürchtete er die entgegengesetzte Partei ganz ebenso sehr; und das Haupt dieser Partei gar, Freiherrn von Stein, haßte er doppelt, einmal als Vertreter Preußens, dann als Idealisten, in dessen Gegenwart es ihm so unheimlich wurde, als es nur im entgegengesetzten Sinne Gretchen in Mephistopheles' Nähe werden konnte. Den revolutionären Geist jedoch, in Preußen wie in Stein, entdeckte er erst weit später. Wir haben gesehen, wie er 1808 von Spaniens Erhebung sprach. Als er vierzig Jahre später auf jene Zeit zurückblickte, sprach er nur noch von dem »revolutionären Geiste, der im Jahre 1807 den Mantel preußischen Patriotismus und später die teutonischen Farben angenommen hatte und in den Jahren 1812 und 1813 durch den Freiherrn von Stein, den General von Gneisenau« und Andere vertreten wurde, und jammerte über »die revolutionäre Saat, die seit 1808 so viele Früchte in Preußen getragen hatte und (1813) auf einem ausgedehnten Felde in die Halme schoß«. Sein ängstlicher Famulus, Gentz, das »unerschrockene Gemüth«, wie er sich selber nennt, hatte schon vorher angefangen, in Preußen, seinem Vaterlande, in Friedrich Wilhelm III., den er einst aufgefordert, er solle seinem Lande die Preßfreiheit geben, den revolutionären Geist zu wittern. Der begann schon 1813, als er zu seinem Schrecken sah, der »Befreiungskrieg könne in einen Freiheitskrieg« ausarten, seine Angst vor jeder spontanen Bewegung in ein politisches System zu bringen; nannte Stein »le véritable perturpateur du repos public de l'Allemagne et de l'Europe« ; meinte, so dürften die Dinge nicht fortgehen in Preußen, »wenn nicht eine noch schlimmere Präpotenz als die französische daraus hervorgehen sollte. Es müsse wieder geglaubt, es müsse wieder gehorcht, es müsse tausendmal weniger räsonniert, oder es könne nicht mehr regiert werden. Das Übel habe eine Riesengestalt angenommen und drohe mit radikaler Auflösung.« Das war denn doch selbst Metternich zu stark. Er fand seinen Vertreter mehr als gut war »geneigt, die Lagen in den grellsten Farben auszumalen« und spottete, Gentz »scheue sich selbst vor dem Insaugefassen gewisser Operationen, als fielen Schüsse auf dem Felde der Gedanken« – beiläufig gesagt, das einzige Wort beider Bände, das ein persönliches Gepräge hat. Nach 1815 indeß überbot der Herr noch den Diener. Die Revolution ward für ihn zum rothen Tuch. Er verlor alle Fassung, alles Unterscheidungsvermögen, wenn er darauf kam: Lombard und Haugwitz werden mit Arndt und Jahn, Gneisenau mit Robespierre zusammengeworfen. So kann Systematik und Selbstüberhebung auch den gescheidtesten Menschen verblenden. »Die preußischen Partikularisten und abstrakten Deutschthümler« von 1813 werden jetzt Jacobiner. Die Centralverwaltung der eroberten Länder (1813), die von »den Häuptern der Volkspartei«, darunter dem »leidenschaftlichen Politiker« Stein, gebildet war, »organisierte die Revolution, die ohne die späteren Anstrengungen der Verbündeten Höfe zur eigenen Rettung und der ihrer Völker, unfehlbar in Deutschland ausgebrochen wäre.« Der kluge, welterfahrene, menschenkundige Mann verlor ganz den Maßstab für die Menschen, für ihre gesellschaftliche Stellung und was sie mit sich brachte, mehr noch für die Ideen selber. Eine durch und durch aristokratische Natur wie die des Freiherrn von Stein ward ihm so zum demokratischen Gleichmacher; er meint, ein Gneisenau wolle den Robespierre, ein Graf Confaloniere den Danton spielen. Erst die kommenden Bände sollen uns über den Metternich der Friedenszeit von 1815 bis 1848 aufklären. Auf seine Stellung zur »Revolution« wirft schon ein kürzlich veröffentlichtes Dokument ein eigenthümliches Licht. Es ist dies ein Bruchstück aus Graf Confalonieri's handschriftlichen Denkwürdigkeiten, das M. Tabarrini in seiner trefflichen Biographie Gino Capponi's gegeben. Schon Gualterio hatte einen Brief von Confalonieri's Schwager, Casati, mitgetheilt, der über diesen Besuch berichtet. Bei Tabarrini ist der ausführliche Bericht über die lange Unterredung S. 155–188. Man hatte dem Begnadigten und Schwererkrankten auf ein Paar Tage die Fesseln abgenommen, die ihm schmerzliche Wunden hinterlassen hatten, als Metternich sich bei ihm zum Besuche meldete (1824). Es ist nicht eben erquicklich, hier einen im Grunde nicht harten Mann sich zum Werkzeug von Franz' Tyrannenlaunen herabwürdigen zu sehen; einen Edelmann einem Edelmanne auf's dringendste zur Selbstentehrung zureden zu hören – denn was war es anders, wenn er den Graf zur Denunziation seiner Mitverschworenen, vor allem des Prinzen Carignan (Karl Albert) auffordert? Man wendet sich gern von diesem Schauspiel ab, wenn auch die Genugthuung groß ist, sich diesen unwürdigen Verführungsversuchen gegenüber an der ritterlichen Festigkeit des Italieners zu erfrischen. Hier kommt es uns nur auf die fadenscheinigen Theorien, nicht auf die sittliche Würde des Mannes an. Von Jacobinern, Anarchisten, offenen Revolutionären, meint er, sei nichts mehr zu fürchten, wenn eine Regierung nicht schwach und schon thatsächlich gestürzt sei. »Nein die Predigten dieser Kannibalen sind es nicht mehr, die Furcht erregen können. Etwas anderes ist es mit den sogenannten reinen Liberalen, den Doktrinären, den Philanthropen, denen, die sich für den Fortschritt der Aufklärung und der allgemeinen Civilisation verbinden ... Das sind die Menschen, die Meinungen, die Propaganda, die in ruhigen Zeiten den Regierungen schaden; sie die einzigen, die jetzt zu fürchten und auszurotten sind. Ihre Meinungen sind vergoldet, sie werden angehört, sie schleichen sich langsam in die Gemüther ein, verführen, überreden, verderben selbst die Leute, die am meisten vor den revolutionären Ideen zurückschrecken würden, wenn sie unter weniger verführerischem Gewände gezeigt würden ... Eure Anhänger sind jetzt unsre einzigen Feinde ... Sie sehen, daß ich offen mit Ihnen rede ... Die Zeiten sind vorbei, wo die Politik die Kunst der Heimlichkeit und der Täuschung war; jetzt ist es die der Offenheit und der Öffentlichkeit(!) Oesterreich macht in der Welt kein Geheimnis aus seinen politischen Grundsätzen. Es ist stark genug, um sie unbedingt in seinen eigenen Staaten aufrecht zu erhalten; es wird genugsam angehört und geachtet, um ihre Annahme in den anderen Staaten durchzusetzen. Europa wird einst einsehen, daß es ihm seine Erhaltung dankt. Frankreich wird uns besser anhören, als es bis jetzt gethan. Ich wage es, mich zum Bürgen zu machen, daß in wenig Jahren Europa ruhiger sein wird, als es je zuvor war.« »In wenigen Jahren« war in der That die türkische Herrschaft in Griechenland gegen den Willen Österreichs zu Fall gebracht, war die legitime Dynastie in Frankreich gestürzt, war die Emeute permanente in Paris, loderte der helle Ausstand in Polen, in Italien, in Spanien. Man weiß, daß der Staatskanzler sich dadurch nicht belehren ließ, und vor wie nach der Julirevolution der Mann von Karlsbad und Laibach blieb. Seine »Autobiographie« zeigt, daß er noch 1844, ja selbst noch 1852, nachdem sein ganzes System, seine »Weltordnung «, zusammengesunken war, dieselben Ansichten hegte. »Ich bin selten in den Fall gekommen«, sagte er schon 1834 zu Varnhagen, »oder vielmehr in Hauptsachen gar nicht, Etwas zurückzunehmen oder mich im Unrecht zu bekennen.« Die Reaktion blieb sein politisches Ideal; und er glaubte konservativ zu sein, wo er nur ein umgekehrter Revolutionär war. Der Grundirrthum der festländischen Politiker beider entgegengesetzten Lager, die noch immer Reaktion und Konservatismus identifizieren und überdies die Kirche als nothwendigen Verbündeten der konservativen Interessen ansehen, ward so recht von Metternich und seiner Schule eingeführt. Der wahre Konservative hat einen zu festen Glauben in die erhaltenden Kräfte der Gesellschaft, um ihnen durch gewaltsame Reaktion zu Hilfe zu kommen. Ihm scheint Aberglauben und Priesterherrschaft eine größere Gefahr für den Staat und seine ruhige Entwickelung als Freiheit und Öffentlichkeit, welche ja die einzige Atmosphäre für gesundes, normales Leben sind. Für den Reaktionär ist künstlicher Stillstand, womöglich künstliches Zurückzwängen der Zustände, ist künstlich erhaltene Heimlichkeit und Dunkel und Schweigen die Summe aller Staatskunst und die Lebenslust ihrer Thätigkeit. Unbeschränkte Freiheit erschreckt den Konservativen nicht, wenn nur die Herrschaft des Gesetzes nie in Frage kommt; das Reden und Schreiben der Laien läßt er gewähren, so lange nur das Handeln den Sachverständigen allein gewahrt bleibt; der Umwandlung der Verhältnisse setzt er keinen Damm entgegen, nur deren Umstürze; wie er auch nicht die Änderung der Gesetze nach Zeit und Umständen, sondern nur die Gesetzgebung nach aprioristischen Theorien bekämpft. Der Reaktionär im Gegentheil gleicht dem Revolutionär in seiner Vorliebe für solche Theorien, für gewaltsame Herstellung gewisser Zustände, in seiner Unduldsamkeit für die Meinungen Anderer. Metternich aber war der Urtypus des Reaktionärs des 19. Jahrhunderts, und – was das Schlimmste ist – er war es nicht einmal aus Temperament wie sein Herr, der keinen Widerspruch vertragen konnte, noch aus Überzeugung wie ein Joseph de Maistre. Die Überzeugung kam erst nachher, und das Temperament war ein mildes, wohlwollendes, zur Duldung geneigtes. Die ganze tiefe Staatsweisheit, von der er so viel zu reden wußte, war ja im Grunde nur die altösterreichische Politik, wie sie vor Josephs II. Zeiten geherrscht, und zu der Kaiser Franz nach dem unglücklichen Versuch mit Stadion eigensinnig verlangte zurückzukehren. War doch fortan Kaiser Franz' Wille der durchaus entscheidende und Metternich dessen willigstes, biegsamstes Werkzeug. Zwar will Er immer Alles gethan haben, und das ich, ich, ich, adsum qui feci , ist besonders in diesen posthumen Auszeichnungen unleidlich vordringlich. Er soll aber selbst einmal in seinem Exil gesagt haben, er habe oft Europa, nie Österreich beherrscht, in andern Worten: im Innern habe er Nichts vermocht, aber in den äußern Angelegenheiten sei er allmächtig gewesen. Auch das ist nur mit Vorbehalt anzunehmen; sicher ist jedoch, daß daheim Franz, und Franz allein, vorschrieb, was zu thun war. Metternich war nur der gewandte Diener, der die Mittel und Wege fand, das Vorgeschriebene zu thun, und der zugleich das, was geschah – oder nicht geschah – in hochtönende philosophische Phrasen brachte; und als der harte, eigenwillige, verwöhnte Herrscher das Zeitliche gesegnet hatte, so führte der längst zum Polonius kristallisierte Minister das Spiel auf eigene Faust weiter, weil's ihm zur andern Natur geworden und er wirklich glaubte, hinter seiner Phraseologie stäken Gedanken. Varnhagen erzählt uns, wie er ein Jahr vor Franzens Tod den Staatskanzler in Baden besucht und wie erstaunt er über seine Toleranz war. Alles was der Minister damals sagte, klingt wie ein Kapitel aus der eben veröffentlichten Autobiographie: es sind dieselben Gemeinplätze, oft fast in denselben Worten ausgedrückt – beiläufig gesagt, ein Beweis, wie gut Varnhagen zu hören, wie getreu er zu berichten wußte –;. es ist derselbe süffisant-pedantische »Lehrton«, der nachgerade »übermächtig und sehr ermüdend« geworden war, aber auch dieselbe Billigkeit für Andersdenkende. Sein »stärkstes Anziehungsmittel, das er für die verschiedenartigsten Naturen in so reichem Maße besaß, war, daß er Geist und Sinn völlig frei ließ.« So verbreitete er »arglos Freiheit und Sicherheit« und ließ die Meinungen seiner Gäste gelten, obwohl der Strom seiner Rede sie nicht oft zu Worte kommen ließ; ja, er rühmt sich, daß Niemand so sehr den Werth des »Redenlassens« verstände als er, und kann sich sogar an Heine's Angriffen erfreuen, vorausgesetzt seine Eitelkeit kommt dabei gut weg; er kennt »in Geschäften weder Haß noch Vorliebe«, »die Personen kommen für ihn ganz außer Betracht« u. s. w., genau wie in dem »Leitfaden meiner Denk- und Handlungsweise«. Es ist viel Selbsttäuschung, hierbei im Spiel, und auch der kluge Varnhagen hat sich dadurch täuschen lassen; etwas wahres ist aber doch daran. Das feine und billige Beurtheilen der Menschen ist einer der angenehmsten Züge Metternich's, und mit dem Alter nahm diese psychologische Einsicht, wie die Gleichgültigkeit gegen die Kritik bei ihm wohl zu. Die unerbittliche Censur, die Karlsbader Beschlüsse und alles Ähnliche müssen in erster Instanz auf Kaiser Franz zurückgeführt werden, dem Metternich nur allzu willenlos diente. Doch muß man auch die Grenzen der Metternich'schen Duldsamkeit nicht aus dem Auge verlieren. Der Staatskanzler war vor Allem ein Gesellschaftsmensch, und so befolgte er ohne Mühe das oberste Gesetz alles gesellschaftlichen Verkehrs, daß man in der Gesellschaft, die man besucht oder empfängt, nur Gleiche sehe, deren Meinung man aus einfacher Wohlerzogenheit, nicht aus Grundsatz oder aus Politik, achten müsse. Dem war natürlich nicht so im amtlichen Verkehr mit Untergebenen, wo man ohne Disziplin und Hierarchie nicht fertig wird. Dem war nicht einmal so im öffentlichen Leben und gesellschaftlich Gleichen gegenüber, sobald Dieselben total verschiedne Naturen waren. Und das war fast keine Intoleranz mehr, es war Mangel an Verständnis. Alle Schattierungen von Menschen seiner Kategorie wußte er zu würdigen und ließ er gelten. Selbst mit einem Napoleon, so hoch der ihn überragte, so phantastisch der sein konnte, vermochte er sich zu verständigen, weil er dieselbe Sprache redete; mit einem Canning, einem Stein, war's ihm unmöglich, weil der Realist in solchen Idealisten eben nur Schwärmer oder Bösewichter sehen konnte. Denn so gescheidt er war, den Idealismus begriff er doch nicht. Wer aber den Idealismus nicht begreift, der versteht auch die Realität nicht ganz. Zu Thatsachen gewordene Ideen sind Realitäten, und sie selbst dann noch zu verkennen, wenn sie Thatsachen geworden sind, das nennt man eben – Beschränktheit. Ein wirklicher Staatsmann mußte in den Jahren 1815–1830 sehen, daß die Revolution als zerstörende Macht den wiedererstarkten erhaltenden Mächten nicht gewachsen war, und daß die Verfolgung ihr nur neue Kräfte geben konnte, wie sie's denn auch in Wirklichkeit that. Ein wirklicher Staatsmann mußte sehen, daß die Revolution als bewegende Macht eine unzerstörbare Thatsache war, daß er folglich mit ihr zu rechnen hatte, nicht seine Zeit und Mühe verlieren durfte, sie vereiteln zu wollen, und Metternich, der es versuchte, war um Nichts besser als die beschränkten Politiker demokratischer Schule, die sich einbilden, man könne und müsse die konservativen Mächte im Staatsleben vertilgen. Metternich's – oder um genauer zu reden, Kaiser Franz' von Metternich angewandte, in ein System gebrachte und endlich gar geglaubte – Antirevolutionspolitik hat sich bitter an ihren Erben gerächt. Dreiunddreißig schöne Friedensjahre, wie dazu gemacht, den festländischen Völkern als Lehrzeit in der Selbstverwaltung zu dienen, sind verdorben worden, und das Ergebnis war die Unreife von 1848, an deren Folgen alle noch laborieren. Es genügt eben nicht ein vollendeter Diplomat zu sein, wie Metternich es unstreitig war, um auch ein großer leitender Staatsmann zu sein. Aber waren die Friedensjahre selber nicht sein Wert und das der ihm Gleichgesinnten? Und ist dies Gut eines vierzigjährigen Friedens so gering zu schätzen? Sicherlich nicht; allein es ist keineswegs so ausgemacht, als es nach Metternich's Darstellung den Anschein hat, daß der lange Frieden ein Werk der in Wien versammelten Diplomaten war. Da ward zwar viel von Gleichgewicht gesprochen, wie ja auch viel von Tugend gesprochen ward; aber das Ganze lief doch nur auf ein Feilschen um Seelen hinaus. Ein Talleyiand brandmarkte mit all' der ritterlichen Entrüstung, die ihm so wohl anstand, die Theilung Polens; aber er widersetzte sich der Wiederherstellung desselben, wenn sie um den Preis von Preußens Stärkung erkauft werden sollte. Geographische, historische, ja selbst militärische Konsiderationen wurden durchaus nicht berücksichtigt. Bei früheren Friedensschlüssen hatte man sich gefragt, welche Provinz dem Sieger nöthig sei zu seinem Schutze, welche seinem Handel einen Abfluß eröffne, welche Vereinbarungen dem gesammten Europa zu Gute kommen möchten: in Wien fragte sich Jeder nur, wieviel Seelen, d. h. Rekruten und Steuerzahler, er erhaschen könne; ob im Süden oder Norden, ob polnischer, italienischer oder deutscher Nationalität, ob ehemalige Unterthanen oder neue Hinzukömmlinge: das war Alles Sentimentalität und Schwärmerei für die großen Realisten, die ja Alle mehr oder minder in Napoleons Schule gegangen waren. Selbst der Utrechter Frieden, in dem die Sieger ganz ebenso leichtsinnig alle errungenen Vortheile aus der Hand gaben, bewies mehr politische Weisheit; denn er nahm wenigstens die Traditionen Europas, die gewordenen, historischen Verhältnisse und Interessen zur Grundlage, während in Wien Alles nach Zufall und Laune geregelt ward. Nein, der Wiener Kongreß, den übrigens thatsächlich nicht Metternich, sondern Talleyrand leitete, hatte gar wenig Verdienst an den vierzig Friedensjahren: die waren die Folge des allgemeinen Ruhebedürfnisses, der tiefen Erschöpfung Europas, nicht der weisen Kombinationen der Wiener Diplomaten. Welcher neue staatsmännische Gedanke wurde denn in Wien verwirklicht? Ward das vielgerühmte Gleichgewicht der Mächte denn wirklich hergestellt? Will man ernstlich behaupten, das Königreich Preußen, das sicherlich soviel als die drei anderen Mächte zur Niederwerfung des gemeinsamen Feindes beigetragen, habe nach 1815 ebensoviel gewogen als irgend eine der anderen vier Mächte? Und worauf beruhte denn dies Gleichgewicht, wenn nicht auf der Zerstückelung und Abhängigkeit zweier großer Kulturvölker? Das war aber auch der Fall, wird man sagen, mit dem westphälischen Frieden, den doch soviele Historiker als das größte diplomatische Meisterwerk aller Zeiten preisen. Wohl, aber Deutschland, Italien hatten 1815 das im Jahre 1648 gänzlich verlorene Bewußtsein der Nationalität wieder gefunden, was die Sachlage gänzlich änderte. Und, sowenig ein Deutscher auch den westphälischen Frieden loben mag, zugestehen muß er doch, daß Frankreich, welches in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an der Spitze Europas gegen die habsburgischen Weltherrschaftsgelüste kämpfte, seine Aufgabe in Münster besser begriff und besser zu benutzen verstand, als Oesterreich im Beginne des 19. Jahrhunderts, da die Rollen umgekehrt waren, seine Aufgabe in Wien begriff und zu erfüllen wußte. Denn selbst wenn man zugeben wollte, daß Metternich das europäische Interesse preisgeben durfte, um nur das österreichische zu wahren, so ist noch sehr fraglich, ob er dies wirksam gethan, und ob er hier irgend einen neuen Gedanken in die Geschichte warf. Hatten nicht etwa schon Thugut und Cobenzl die italienische Politik Metternich's inauguriert? Und selbst wenn man zugesteht, daß bei den deutschen und kaiserlichen Überlieferungen Österreichs es ihm nahe lag, lieber in Deutschland und Italien als im Orient die Basis seiner Großmachtstellung zu suchen, und daß es eines staatsmännischen Genies ersten Ranges bedurft hatte, um freiwillig die neue Bahn einzuschlagen, die damals noch soviel weniger Schwierigkeiten bot, als seit dem Erwachen des Nationalitätengefühls im bunten Kaiserstaate, und die man erst in unseren Tagen gezwungen eingeschlagen hat, – so bleibt die Weise, wie man die beiden mitteleuropäischen Dependenzen Oesterreichs, Deutschland und Italien, regierte, in den Augen der Nachwelt doch immer eine höchst kurzsichtige und in letzterem Lande gar eine brutale, die, wie alle kurzsichtige und gewaltsame Regierung, den herrschenden Staat nur schwächen konnte. Und was half Fürst Metternich seine konservative Orientpolitik? Löste sich Griechenland nicht doch los? War der Einfluß Rußlands in Stambul seit dem Frieden von Adrianopel nicht größer als je zuvor? Verhinderte man das Bündnis von Hunkiar Iskelessi? Entzog man die Donaufürstenthümer dem russischen Einfluß? Und wem hat man genützt mit der blinden Russenfurcht, die Metternich und sein Gentz damals in Schwung brachten, die Mitteleuropa vierzig Jahre lang lähmte und zittern machte, und die selbst heute, nach so vielen Beweisen der aggressiven Ohnmacht dieser Großmacht, nachdem sich jede befreite Provinz der Türkei als einen geheimen Gegner des Befreiers entpuppt hat, noch nicht verschwunden ist? Und die Führerrolle in Europa, die der Staatskanzler sich gerne zuschrieb, wie lange währte sie? Keine zehn Jahre waren seit dem Kongreß verflossen, und Oesterreich war überall zum Folgen gezwungen, wo es zu führen gehofft. Weder Canning noch auch Villéle, weder Nikolaus noch auch Friedrich Wilhelm III. ließen sich in's österreichische Schlepptau nehmen; und in der That waren es Rußland oder die Westmächte, welche in allen europäischen Fragen den Ausschlag gaben, nicht Oesterreich. Das soll uns Alles nicht blind machen gegen die Verdienste Metternich's um Oesterreich und Europa in schwerer Zeit: nur wollen wir nicht vergessen, wie theuer er diese seine Verdienste sich hat zahlen lassen. Der Metternich, der zwischen 1809 und 1813 sein Oesterreich durch die drohendsten Klippen mit Vorsicht, Gewandtheit und Entschlossenheit durchgesteuert, ließ das gerettete Schiff verfaulen und zerfallen, weil er meinte, in der Verfassung, in der es den gefährlichsten Stürmen getrotzt, müsse es auch dem ruhigen Meere genügen und jede Ausbesserung bedrohe sein Dasein. Es gab eben zwei Metterniche, den vor und den nach 1815. Nicht als ob Metternich sich plötzlich mit vierzig Jahren geändert hätte – Niemand ändert sich –, aber die Lage war eine veränderte, und die Jugend war geflohen. Metternich war nun einmal keine originale Natur, er war ein Akkommodationstalent. Er ließ sich von den Dingen und den Menschen bestimmen; er bestimmte die Dinge und die Menschen nicht. Selbst wo er diese für seine Person zu gewinnen wußte, verstand er nicht, sie für seine Ideen zu gewinnen, eben weil es diesen Ideen an aller Originalität und allem positiven Gehalt gebrach. Selbst auf dem Felde der Diplomatie, wo seine eigentliche Bedeutung lag, war er größer im Vertheidigungs- als im Angriffskriege; eben weil alle Offensive etwas Schöpferisches ist und das Schöpferische ihm ganz abging. Zuletzt überredete er sich, wie wir Alle gerne thun, seine Neigungen und Fähigkeiten seien Ergebnisse des Nachdenkens und des Willens; sein Mangel an schöpferischer Kraft machte ihn glauben, daß es im Staatsleben überhaupt nicht auf schöpferische, sondern nur auf erhaltende Thätigkeit ankomme. So ließ er die Eigenschaften, die er im Drange des Augenblicks und in der Frische der Jugend entwickelt hatte, in ruhigen Zeiten und im Alter in sich schlummern, weil keine heftige Anregung von Außen sie weckte und zur Thätigkeit herausforderte. Metternich der Praktiker ward Metternich der Theoretiker. Schade nur, daß Dieser die Geschichte Jenes schrieb. IX. Nach einer Lektüre. Florenz, 1. Nov. 1880. Alle Pariser Zeitungen haben die Studie über Mme. du Deffand abgedruckt, welche Herr Caro vorigen Montag (25. Oktober) in der öffentlichen Jahressitzung der Fünf Akademien Frankreichs vorgelesen hat. Die Arbeit enthält wenig oder nichts Neues; sie ist elegant geschrieben, wie alles, was aus dieses Schriftstellers Feder fließt; aber im Grunde sind's doch nur Variationen über die tausendmal wiederholten Themen vom Egoismus, der Langeweile und der Leere Mme. du Deffand's: Herr Caro fürchtet zu sehr für paradoxal zu gelten, um sich eine Revision der überlieferten Urtheile zu erlauben. Allerdings haben die vielen Kritiker, welche den kleinen Aufsatz so laut angepriesen, eine Neuigkeit darin sehen wollen, daß der Akademiker in Mme. du Deffand das ganze untergehende 18. Jahrhundert personifiziert, um es dem 19. entgegenzustellen, welches mit Rousseau coi seguaci sui begänne. Aber hat nicht etwa schon Sainte-Veuve vor dreißig Jahren gesagt, »Mme. du Deffand repräsentiere das Jahrhundert vor Jean Jacques?« Nichts könnte richtiger sein, und ich denke nicht daran, Herrn Caro einen Vorwurf daraus zu machen, diese These entwickelt zu haben, ohne auch nur den Namen dessen zu nennen, der dieselbe aufgestellt. Nur möge es Jemandem, der weniger Angst vor Paradoxen und weniger Ehrfurcht vor angenommenen Meinungen hat, erlaubt sein, wenigstens einen Versuch zu machen, diesen Gegensatz zwischen den beiden Jahrhunderten in's wahre Licht zu stellend. Seit diese Zeilen geschrieben wurden, hat Herr Caro zwei ganze Bände unterm Titel »La fin du XVIIIe siècle, études et portraits«, Paris, Hachette , 1880 veröffentlicht, in denen obenerwähnte Studie über Mme. du Deffand ein Kapitel bildet. Legt der beregte Aufsatz selber nicht Zeugnis ab von dem Geiste des 19. Jahrhunderts, das so rücksichtsvoll für gewisse Worte ist und sich so wenig Mühe giebt, diese Worte auf ihren wahren Sinn zu prüfen? Es ist gar leicht von der Herzensdürre Mme. du Deffand's und Friedrichs II., Montesquieu's und Voltaire's zu reden, lauter Leute, die, nach dem landläufigen Urtheil, Nichts als »Geist« haben und sich einbilden, »sie könnten auf den Geist ( I'esprit ) allein ein ganzes Dasein gründen«. Ist Herr Caro so sicher, daß dies die Überzeugung jener großen Intelligenzen des vorigen Jahrhunderts war? Und wäre es nicht besser, anstatt solche alte Portraite mit einem glänzenden Pinsel aufzufrischen, die Thatsachen zu fragen, ob jene Personen wirklich so leeren Gemüthes waren, als man sie zu malen pflegt? Ich will hier keineswegs diese Prüfung unternehmen, welche zuviel Raum in Anspruch nehmen würde, noch die Studie über Mme. du Deffand, die mir Herr Caro, im Eifer, mit dem er seine These vertheidigt, verfehlt zu haben scheint, wiederzuschreiben versuchen. Ich verweise die Leser auf den ersten Band der Causeries du Lundi , wo Unser Aller Meister in wenigen Seiten die endgiltige Analyse dieses wenig begriffenen Charakters angestellt hat. Sainte-Beuve hat Denen, die nach ihm gekommen, Nichts übrig gelassen, das sie hinzufügen könnten, obschon wir seitdem fünf weitere dicke Bände (Sammlung Saint-Aulaire und Sammlung Lescure) du Deffand'schen Briefwechsels erhalten haben, worin sehr viel Ungedrucktes enthalten ist. Und der große Kritiker hat sich nicht begnügt, die Stellen dieses Briefwechsels anzuführen, die überall zu finden sind; er hat, nach seiner Gewohnheit, alle Bewegungen seines Modells spähend verfolgt, hat sozusagen an der Thüre gehorcht, um ihre Geheimnisse aus den Monologen zu erlauschen, in denen sie sich unbeobachtet glaubte, oder aus den unwillkürlichen Äußerungen des Innersten zu enträthseln, die ihr im Dialoge entschlüpfen; er hat die Hand auf ihr Herz gelegt, um seine Schläge zu vernehmen, und er hat uns die merkwürdige Frau gezeigt, wie er sie halb entdeckt, halb errathen hat: »der Liebe ( sentiment ) entbehrend und leidend, weil sie ohne Liebe nicht leben konnte.« Solche Meisterwerke macht Niemand nach, selbst wenn er mit der Gestalt der Marquise so vertraut zu sein glaubte als der Meister selber und sich getraute, ihm mehr als einen Zug aufdecken zu können, der den Scharfblick – fast hatte ich gesagt den Seherblick – bestätigt, mit dem er in der Freundin Horace Walpole's das herausgefunden hat, »was Lelia sein wird, aber Lelia ohne Phrase«. Was ich um Erlaubnis bitte, in wenig Zeilen andeuten zu dürfen, sind die allgemeinen Gedanken über's 18. und 19. Jahrhundert, welche das Lesen des angeregten akademischen Stückes in mir erweckt hat. Und wenn ich hier vom 19. Jahrhundert rede, so meine ich die siebzig bis achtzig Jahre von 1770 ungefähr bis 1850, während ich unterm Jahrhundert der Revolution die Jahre von 1730 etwa bis 1830 verstehe: denn der neue Geist, welcher sich um's Jahr 1770 der Welt bemächtigte, setzte ja nur von einer anderen Seite her das Zerstörungswerk der vorausgehenden Jahrzehnte fort. Man muß freilich nie vergessen, daß es in der Geschichte keine bestimmten Daten giebt, welche Ende und Beginn einer Epoche bestimmen. Gewöhnlich hat sogar eine neue Strömung unten längst begonnen, wenn an der Oberfläche sich die gegentheilige noch fühlbar macht. Auch gehen die Nationen nicht immer in gleichem Schritt: Eine folgt der europäischen Bewegung nur hinkenden Fußes, die Andre ist stets voraus; und doch kann man im Allgemeinen sagen, daß Europa immer in allen seinen Gliedern von den verschiedenen geistigen Strömungen des Mittelalters und der neuen Zeit ergriffen worden ist. Allen Perioden, deren Charakteristisches die Prüfung ist, scheinen Perioden folgen zu sollen, welche der Glaube kennzeichnet, und umgekehrt. Nach den Wagnissen des Humanismus, der vor keiner Frage zurückbebte, kam das Autoritätsjahrhundert; das alle fertigen Antworten ruhig hinnahm und sich, in religiösen und politischen wie in literarischen Dingen, mit den geheiligten Formen begnügte, welche ihm die »Autorität« darbot: mit dem neuen Katholizismus und der unumschränkten Monarchie ganz ebenso wie mit den drei Einheiten der klassischen Tragödie. Der Mensch hatte die Natur zu lange nach ihrem Geheimnis gefragt, ohne eine endgiltige Antwort von ihr zu erhalten, als daß er nicht das Bedürfnis empfunden hätte, sich eine Zeitlang dabei zu bescheiden, Nichts zu wissen. Es ist aber die Ehre des Menschengeistes, daß er in sich den Trieb nach Wahrheit nicht zum Schweigen bringen kann; und, während noch Bossuet's volle Stimme den Glauben an die Konvention verherrlichte, gingen schon Locke und Newton auf den von den letzten Epigonen der Renaissance, von Bacon und Galileo, eröffneten Wegen weiter. Es folgte, was man das Heldenalter der menschlichen Vernunft nennen könnte. Fast hundert Jahre lang, von Bayle bis auf Diderot, ward Alles in Frage gestellt, Religion wie Schulphilosophie, nach Allem geforscht, nach den Gesetzen der Natur wie nach denen der Gesellschaft; mit unerschütterlichem Muthe fragte man jede Erscheinung nach dem Grunde ihres Seins. Man wollte Nichts mehr anerkennen, als was dem Verstand oder den Sinnen zugänglich war. Ein unlöschbarer Durst nach Wahrheit hatte sich der Welt bemächtigt, die der Formeln und fertigen Lösungen müde war; müde auch der Deklamation, denn die Deklamation ist die eigenthümliche Form der Glaubenszeitalter. Der Widerwille gegen die Phrase, gegen die Substitution des Wortes für den Gedanken oder die Thatsache, ist der charakteristische Zug einer Zeit, in welcher das Lächeln der Geringschätzung für falsche Begeisterung und leere Beredsamkeit um Aller Lippen spielte. Allein es giebt doch immer viele Dinge im Himmel und auf der Erde, von denen sich unsre Weisheit nichts träumen läßt, und es war nur natürlich, daß im selben Augenblick, in welchem Hume und Kant der menschlichen Vernunft ihre letzte, mögliche Antwort abtrotzten, Rousseau und Herder die Stimme erhoben, um das Recht des Gefühls und der Anschauung zu vindizieren; nur überschlug sich auch diese gerechtfertigte Reaktion, wie alle Reaktionen sich überschlagen. Die Begeisterung und die Ahnung sollten fortan im engen Bündnis mit der Vernunft und den Sinnen vorwärts gehen, welche das vorhergehende Zeitalter als die allein giltigen Instrumente und Zeugen bei der großen Welterforschung brauchte und anerkannte. Nicht lange aber, so glaubte man auch ohne diese vorsichtigen Helfer zu Werke gehen zu können, und es begann ein neues Zeitalter des Glaubens; der Glaube seinerseits begnügte sich bald, wie's zu gehen pflegt, mit dem Worte: man schwor auf die Republik oder die Legitimität, auf den Katholizismus oder den Atheismus, auf die Romantik oder die Klassik; die Philosophie selber ward eine neue Scholastik, erbaute neue metaphysische Systeme, weit willkürlicher als die Malebranche's oder Leibnizens, welche doch keinen Hume und Kant hinter sich hatten. Alle neuen Mystiker – Charlatane oder Apostel – die Cagliostro und Mesmer wie die Wesley und Swedenborg, gehören dem Ende des Jahrhunderts an oder übten doch ihren Einfluß erst in den letzten Jahrzehnten desselben aus. Diese Zeit der wirren Ideen und der deklamatorischen Literatur dauerte bis nach dem Jahre 1848, dem Jahre der großen Ernüchterung. Alles Wahre im Evangelium Rousseau's und Herder's hatte sich längst verflüchtigt, und lange schon war Alles in reine Logomachie ausgeartet, als man durch den lärmenden Bankerott der sinnesleeren Formeln so unsanft aus dem Rausche gerüttelt wurde, als die Romantik auf dem Throne sich ebenso unfruchtbar zeigte, wie die Rhetorik auf der Tribüne: 1849 war der sittliche und geistige »Krach« des Jahrhunderts. Von da an wurden wir alle mißtrauischer: wir machen seitdem nur noch baare Geschäfte. Wir sind zu positiv, selbst wenn wir keine Positivisten sind, um die Dinge nicht bei ihrem Namen zu nennen. Wir fragen die großen Worte nach ihrer Bedeutung, die Republik, ob ihr Name genüge die Freiheit zu geben, oder ob sie nur eine neue Form der Diktatur ist; die Monarchie, ob sie die Kontinuität des Nationallebens verbürge, oder ob sie nur eine Etikette ist, unter der sich jede Art von Unstätigkeit birgt. Wie würden heutzutage unsere Oken und Schelling, empfangen werden, wenn sie sich statt des Mikroskopes des »inneren Auges« bedienen und das phantastische Gebäude einer materiellen Welt aufrichten wollten, die der geistigen und sittlichen Welt parallel und entsprechend wäre? Auch die Beredsamkeit geht herunter seit jener Zeit. Die zwei Männer, welche seit 1850 die größten Dinge fertig gebracht, Cavour und Bismarck, sprachen stets nur die Sprache des gesunden Menschenverstandes, redeten nie »um die Luft zu bewegen«, sondern um Gedanken und Thatsachen mitzutheilen. Berryer und Guizot sind in's Grab gestiegen, und in der Person Jules Favre's zu Ferrières ward die Phrase von der That überwunden. Wohlverstanden müssen solche Allgemeinheiten nicht zu buchstäblich genommen werden; nichts ist leichter als Ausnahmen zu finden, die ihnen zu widersprechen scheinen. Das Zeitalter der Empfindsamkeit rühmt sich des klarsten Kopfes und wahrsten Gemüthes, die je ein Dichter besessen, und neben wie nach Goethe lebte mehr als ein Mann von positivem Sinne und einfacher Rede; auch haben wir unter uns noch der Rhetoren und Träumer genug; ja in diesem Augenblick selber scheint eine der beiden westlichen Nationen von einem Tribunen, die andere von einem Apostel beherrscht zu sein; aber es scheint doch eben nur so; Tribun wie Apostel müssen ihre Politik dem vorsichtig-prosaischen Sinne ihrer Landsleute anbequemen und auf ihre hochfliegenden Pläne verzichten, noch ehe sie dieselben ganz verrathen; was aber ihre sittliche und geistliche Weltanschauung anlangt, so mag sie eine numerische Mehrheit auf Augenblicke blenden; die Minderheit der Nation, welche in Wirklichkeit die Nation ausmacht, weil sie für dieselbe denkt, weil ihr Gedanke allein fortlebt, die hat sich vollständig von jener Weltanschauung losgesagt und läßt kaltblütig und verächtlich die Worte an sich vorüberrauschen, an denen ihre Väter sich einst so gründlich berauscht. Gar das in Deutschland seit einiger Zeit wieder in die Mode gekommene Gerede vom »Idealismus« bleibt eben doch nur Gerede, und Pathos, Ethos nebst ihrem Freunde Logos haben auf das Ergon auch nicht den geringsten Einfluß. Hier haben wir nur die Hauptzüge der zwei Perioden in allgemeinsten Umrissen geben wollen, und da frägt sich denn, ob das Zeitalter der »kalten Vernünftler«, das Zeitalter Voltaire's und Lessing's, wirklich so egoistisch und unempfindsam war, wie man zu sagen beliebt, ob die Epoche der Begeisterung, die Epoche Lafayette's und Alexanders I., Karl Albert's und Friedrich Wilhelm's IV., nicht unter ihrem Prunk schöner Gefühle einen Bodensatz von Eitelkeit und Selbstsucht verhüllte, der den Menschen des wahren 18. Jahrhunderts ganz unbekannt war; es bleibt die Frage, welche Rolle die Deklamation in diesen neuen Tugenden des Glaubens und der Empfindsamkeit, der Treue und des Seelenadels, deren unsere Väter sich so sehr rühmten, gespielt hat. Nun frage ich alle Die, welche keiner politischen, religiösen, nationalen oder anderen Partei lehenspflichtig sind, alle Die, welche der Wahrheit in's Gesicht zu schauen und, haben sie dieselbe erkannt, sie auch zu bekennen wagen: wenn sie das bescheidne, alles Prunkes und alles weltlichen Genusses baare Leben, das ganz im Dienste der Wissenschaft aufgehende Dasein eines Newton und Kant mit der unruhigen Eitelkeit, dem lärmenden Ehrgeiz, dem vordringlichen Egoismus eines Milton oder eines Chateaubriand vergleichen, auf welcher Seite ist der wahre Idealismus? Denken wir einen Augenblick an die tausend Wohlthaten, welche der gute Montesquieu um sich verbreitete, während er sich dem Dank entzog, weil die Thränen und Betheuerungen ihn langweilten, und rufen wir uns dann die immer überströmenden großen Gefühle eines Lamartine in's Gedächtnis zurück, der über jedes Elend weinte und alle seine Freunde zu Grunde richtete, wo ist die wahre Güte? Und wiederum: haben die gläubige Maintenon und die hellsehende Krüdener mehr wirkliches Gefühl gehabt als Mme. de Rochefort, mehr Herzenswärme als Mme. de Sabran, mehr Selbstverleugnung als Mme. d'Epinay? Oder war es etwa die Selbstsucht, welche diese geistreichen Frauen an die Männer ihrer Wahl fesselte? Und war es die Uneigennützigkeit, welche die Favoritinnen Ludwigs XIV. und Alexanders I. beseelte, als sie ihre fürstlichen Liebhaber zum Widerruf des Edikts von Nantes oder zum Abschluß des heiligen Bundes trieben? War Mme. du Deffand selber denn wirklich so unempfindsam wie man behauptet? Sie that, die Arme, was alle Männer thun – und auch die Frauen, wenn sie einmal, wie Katharina II., George Sand uud andere, in Männeranschauungen und Männergewohnheiten gerathen sind –, sie suchte die Liebe in hundert flüchtigen Verhältnissen, ehe sie dieselbe fand; und sie hatte, wie Katharina, das Unglück, sie etwas spät zu finden; aber einmal gefunden, war ihre Liebe ganz anders tief, aufrichtig, anspruchslos als alle die großen triumphierend ausgehängten Leidenschaften der Romantikerinnen mit ihren Trauerweidenattitüden. War sie es nicht, welche sagte, »der Ton des Romans sei dem der wahren Leidenschaften gegenüber, was das Messing dem Golde?« Das ist das Wort des großen Jahrhunderts: es haßte das »Messing«. Was Mme. du Deffand selber in Horace Walpole anzog, war gerade die englische Einfachheit und das englische Temperament, welches so sehr mit dem ganzen Komödienwesen kontrastierte, dessen die französische Gesellschaft sich selbst in ihren besten Zeiten nie ganz hat entschlagen können. Weder Mme. du Deffand noch ihre Zeit fühlten weniger lebhaft als die folgende, lebten weniger für das Ideale als die vorhergehende; aber sie thaten Beides »ohne Phrase« und mit offenen Augen für's Wirkliche, manchmal sogar mit einem leichten Zurschautragen der Unempfindlichkeit und des Spottes. Aber wenn man auf die Handlungen kommt, anstatt bei den Worten stehen zu bleiben, wenn man den großen Spötter selbst überall auf der Bresche sieht, wie er den Aberglauben und die Ungerechtigkeit bekämpft, wie er nie müde wird, Himmel und Erde umkehrt, allen Gefahren trotzt, um die Opfer der Unduldsamkeit und des Despotismus, die Lally, die Sirven, die Calas, Leute, die er nicht einmal dem Namen nach gekannt, in Freiheit zu setzen, vom Galgen zu retten oder zu rehabilitieren, – wird man noch sagen können, es habe Voltairen an Wärme gefehlt? Allerdings, weder er, noch sein königlicher Freund legten sich freiwillig eine Binde um die Augen; allerdings gab er sich nicht der Selbsttäuschung hin, daß diese Welt ein Paradies und die Menschen Engel seien. Er sah klar genug und hatte hinreichende Erfahrung, um zu wissen, daß eher das Gegentheil der Fall ist; aber er fühlte lebendiger als alle die nebelhaften Optimisten der folgenden Zeit, die sich in den Leiden ihrer unverstandenen Seelen zu wiegen liebten, daß dieser Nächste mit allen seinen Lastern und Schwächen ein Wesen ist, das leidet, und er strengte sich an, dessen Schmerzen zu erleichtern, er half denen, welche sich anstrengten, diese Welt dem Paradiese der Träumer etwas ähnlicher zu machen. Allerdings hatte Friedrich II. frühe genug Zeit gehabt, seine Jugendbegeisterung zu erschöpfen und zu sehen, was in Wirklichkeit die bestmögliche der Welten werth war: aber ein ganzes Leben, welches dem Dienste seines Landes geweiht war, mit absolutem Vergessen der eigenen Person, ohne einen selbstsüchtigen Genuß, immer bei der Arbeit, ist das nicht etwa ein idealerfüllteres – fast hätte ich gesagt, ein glaubensvolleres – als das des allerchristlichsten Sonnenkönigs? Ist darin nicht etwa mehr Patriotismus als in dem des großen »Poseur«, der nie einen Augenblick anstand, »das Frankreich, das er so sehr geliebt«, dem Interesse Napoleon Bonaparte's aufzuopfern? Und Friedrich war nicht der Einzige seiner Zeit. Er ist der Typus von Hunderten von Staatsmännern des vorigen Jahrhunderts, welche nur für ihre Nation und in ihrer Nation lebten. Nun muß aber wieder und wieder gefragt werden, welches ist das wahre Kriterium ächter Begeisterung, sind's Worte oder Thaten? Sind etwa die Robespierre, welche immer das höchste Wesen und die Menschenliebe, die Brüderlichkeit und Zärtlichkeit auf den Lippen haben, menschlicher als die Peter Leopold, welche über diese großen Phrasen lachen und in dürren, bestimmten Worten ein politisches Programm entwerfen, das sie mit unendlicher Anstrengung zu verwirklichen suchen, wo jene es bei den hohen Worten bewenden lassen und dem zukünftigen Paradieseszustande tausende von gegenwärtigen Menschen schlachten? Was aber von den Staatsmännern und allgemeinen Gefühlen gilt, welche ihre Handlungen eingegeben haben, ist auch von den Frauen und den besonderen Gefühlen wahr, welche sie beseelt haben. In jedem Scherze Frau Rath's ist mehr Gefühl als in allen Ergüssen Bettina's. Ich will hier nicht einzeln jede Behauptung Herrn Caro's eingehend prüfen, obschon es leicht sein dürfte, sie alle zu widerlegen. Ich will nur den allgemeinen Gedanken seines Aufsatzes rügen, weil ich in ihm einen der Stimmführer einer ganzen Denkweise sehe, welche hoffentlich der Vergangenheit angehört. Im Grunde ist's doch ein großes Sophisma, hinter dem sich eine Art geistiger Feigheit oder Trägheit verbirgt, wenn man uns sagt, daß »die Analyse, wenn sie bis zu einem gewissen Punkte getrieben würde, korrumpiere«. Eher ist das Gegentheil wahr: nichts korrumpiert mehr als die Lüge, oder wenn man rücksichtsvoller reden will, als die freiwillige Blindheit; Nichts erhebt und läutert die Seele so sehr als der Wahrheit den Schleier abzureißen, in den sie die Menschen hüllen, und ihr in's Gesicht zu sehen. »Wenn nur der Cant aufhört, rief Carlyle schon 1834, auf jede Gefahr hin, um jeden Preis, solange Der nicht aufhört, kann nichts Neues beginnen.« Und war's nicht Einer Derer, die am Meisten von jenem Cant zu leiden hatten, welcher, obschon er selbst in seiner Jugend nicht von aller Deklamation frei gewesen, als Mann dem Lügengeist seiner Zeit den unerbittlichsten Krieg erklärte: »... now I'm going to be immoral; now I mean to show things really as they are, Not as they ought to be: for I avow That till we see what's what in fact, we're far From much improvement ...« In der That giebt es keine Atmosphäre, welche dem Ausbrüten der Eitelkeit und Selbstsucht günstiger wäre, als jene Art heiligen Seelenhaines, in dessen feuchten Schatten die schlimmen Leidenschaften, welche die freie Luft der Wahrheit zerstreut und schadlos macht, wie Unkraut und ekles Ungeziefer wuchernd wachsen. Man nehme sie durch, Einen nach dem Andern, unsere schönredenden Männer und empfindsamen Damen von 1789 bis 1850, von Saint-Just bis auf Metternich, von Mme. Roland bis auf Daniel Stern, man kratze die Oberfläche ein wenig und man wird sehen, wieviel Eitelkeit, Selbstsucht und wahre Trockenheit zu Grunde liegt. Wenn wir aber in dieser langen Periode des politischen, religiösen und empfindsamen Phrasenthums hier und da Männern begegnen, welche wirklich ihr Vaterland mehr als sich selber geliebt, Frauen, welche sich selber für Andere zu vergessen gewußt, so werden es Männer und Frauen sein, welche wie Gneisenau oder Rahel die Phrase ebenso sehr verachtet haben, als ein Voltaire und eine du Deffand. Nein die Berechtigung der Reaktion Rousseau's und Herder's, wie die Größe des 19. Jahrhunderts, liegt anderswo. Sie besteht darin, daß die Urheber dieser Reaktion darauf hingewiesen haben, darin, daß das Jahrhundert selber begriffen hat, wie in der Natur und Geschichte, im Menschen und der Gesellschaft ein Etwas ist, welches sich der Erfassung durch die Sinne und der Analyse durch den Verstand entzieht; wie diese Werkzeuge der Menschen nur die Formen der Dinge ergreifen können, wie ihnen das Wesen immer entgeht, weil dasselbe nur von der Anschauung ergriffen werden kann; wie folglich weder Spiritualismus noch Materialismus die Wirklichkeit ausdrücken, wie weder Freiheit noch Nothwendigkeit, von einander getrennt, hinreichen, die Menschengeschichte zu erklären; wie die Wirklichkeit zugleich Stoff und Form, Nothwendigkeit und Freiheit ist, und wie der Mensch sich dabei bescheiden muß, diese Wirklichkeit nie anders als im Bilde zu schauen. Dieser neue Gesichtspunkt gab der Menschheit nicht etwa mehr Begeisterung, mehr Herzenswärme, mehr Uneigennützigkeit, wohl aber ein besseres Verständnis des Staates und seines Wachsthums, der Gesetze und ihres Werdens, der Sprache und ihrer Entwicklung, der Religionen und ihrer Geschichte, der Natur und ihrer Evolutionen. Ähnlich mit der Kunst. Der »Ausdruck« trat an die Stelle der Form in Malerei und Skulptur; das Ungefähre schlich sich in die Prosa wie in den Vers, wo früher feste Linien waren; die Lyrik aber wie alle subjektiven Kunstgattungen, die Musik vor Allen, gewannen eine Vertiefung, eine Erweiterung, eine Verfeinerung, die jenes einseitigere Zeitalter der Klarheit nicht einmal geahnt hatte. Allein der Einfluß dieses ungeheuren geistigen Gewinnes auf die Politik und Moral des 19. Jahrhunderts ist fast so null gewesen, als er fruchtbar für die Wissenschaft und die Gefühlskünste war. Ja, man möchte beinahe behaupten, daß diese neue Strömung im praktischen Leben die Zweideutigkeit und Heuchelei begünstigt habe. Die schamloseste politische und religiöse Reaktion hat sich in die Theorie des historischen Prinzips gehüllt; der niederste Ehrgeiz hat sich in die Fahne der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit drapiert, und die schrankenloseste Selbstsucht hat sich mit dem aus Empfindsamkeit und Phantasterei, Ahnung und Begeisterung gewobenen Purpurmantel bedeckt, der seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts Mode war. Selbst wer der Vorliebe für diese neue Zeit nicht verdächtig ist – und selten war wohl in der Geschichte eine ärmere Zeit, wenn man auf die höchsten Thätigkeiten des Menschengeistes, die Kunst und die philosophische Spekulation, sieht –, so darf man immerhin für sie Eine Tugend beanspruchen, welche die vorhergehende Epoche nicht besaß, und welche Unsere mit den beiden größten Jahrhunderten der neuen Geschichte, denen Macchiavell's und Voltaire's, theilt. Diese Tugend ist die Wahrheitsliebe. Wir lügen nicht gegen Andre, vor Allem aber nicht gegen uns selber. Es steht den Enthusiasten frei, dies Prosa und Cynismus zu nennen. Wir ziehen es vor, mit Montesquieu prosaisch und mit Friedrich II. cynisch zu sein, als mit Victor Hugo zu dichten und mit Joseph Görres zu schwärmen.