Hermann Masius Norddeutsche Landschaft Eine Auswahl aus den »Naturstudien« Eine Düneninsel. Ich meine nicht den Wüstensand, Den Tummelplatz des wilden Hirschen, Die Körner mein' ich, die am Strand Des Meeres unter mir erknirschen, Freiligrath . Wir hatten Hamburg verlassen. Der vielstimmige, vielsprachige Lärm des Handels verklang, und im Fluge führte uns das Eisenroß durch stille Auen und noch stillere Heiden der schleswigschen Küste zu. Hier, in Husum, endigte die Bahn. Aber ehe es mir möglich ward, das kleine Städtchen zur durchstreifen, das als Geburtsort Theodor Storms mit hellerer Schrift in meinem Gedächtnis verzeichnet stand, rief schon vom Hafen her die Glocke des Dampfschiffes zu neuer Fahrt. Denn »nach Sylt!« lautete die Parole. Seit Jahren war diese entlegenste der friesischen Inseln ein Ziel meiner Wünsche gewesen, zum Teil eben deswegen, weil sie wirklich eine der Grenzmarken ist, auf welcher deutsches Wesen und deutsche Weise herrscht, und nun sollte die langgehegte Hoffnung sich endlich erfüllen. Noch einige Minuten – das Schaufelrad begann zu schwingen, und langsam schwammen wir dahin. Wir hatten zunächst vollkommen Zeit, uns jenen schwelgenden Vorahnungen zu überlassen, mit denen der Mensch des Binnenlandes zum ersten Male einen Hafen oder ein Seeschiff zu betreten pflegt, indem unser Dampfer nur dem Saume der Küste folgte, so daß man allerdings auch hätte meinen können, auf einem Teiche zu fahren, wenn nicht der Wellenschlag bereits in jenen mächtigen und schweren Hebungen erfolgt wäre, welche dem Meere eigentümlich sind. Aber allmählich rückte die »faste Wall« (das Festland) in weitere Ferne, und bald schweifte Auge und Seele in ungehemmter Freiheit über das große Bild. Und doch war, was wir sahen, noch lange nicht das eigentliche Meer, sondern nur ein vielgewundener, breiter Sund. Denn ringsum in Nord und West tauchte jetzt, wie eine Reihe von Wasserburgen, der Archipel der Halligen auf. Wer hätte nicht schon von diesen Eilanden gehört, die als letzte Reste einer untergegangenen Küste auf einer Strecke von mehreren Meilen hin das jetzige Westgestade von Schleswig begleiten? Anscheinend kaum einen bis zwei Fuß über die Fläche erhoben, bilden sie einförmig lange, nackte Linien und verschwinden schon bei geringer Entfernung im Dunste des immer bewegten Elements; nur das einsame Haus des Halligbauern ragt auf seiner Werft noch lange hervor wie ein schwimmendes Wrack. In der Tat ein seltsam märchenhafter Anblick! Da mitten aus der Flut steigt, mitten auf der Flut schwebt die Wohnstätte des Menschen: du siehst das Strohdach, siehst die Fenster, siehst darüber den weißen Bogen, und mit dem Fernglase erkennst du auch wohl ein paar weidende Schafe oder einen Knaben, der jetzt wahrscheinlich ebenso gleichmütig dein Schiff betrachtet, als du verwundert seine Insel. Aber indem noch zwischen »Trug und Wahrheit« dein Auge zweifelt, versinkt alles wie eine Fata Morgana, um plötzlich etwa nach halbstündiger Kreuzfahrt wieder zu erscheinen oder von einer neuen Hallig verdeckt zu werden. So geht es an zehn, fünfzehn Eilanden vorbei, oft so dicht, daß du glaubst, hinüberrufen zu können; ja einmal tauchte eines derselben bis zum Greifen nahe neben dem Schiffe auf. Von rosenroter Heide ganz überdeckt, glich es einem Blumenkissen, das, von keinem Fuß betreten, seine stillen Blüten aus der wogenden Flut emportrieb. Auch war sie wirklich die einzige ganz unbewohnte Insel, während jede der anderen ein oder mehrere Häuser trug. Hat man sich endlich überzeugen müssen, daß es nicht bloße Nebelbilder sind, welche die Sinne täuschen, und hat man nicht bloß gesehen, sondern auch beobachtet: dann erst beginnt man zu staunen. Man fragt bewundernd, woher dem Menschen der Mut kam, auf dieser Spanne Land ein Dasein zu gründen? wie er vermochte, sein Geschlecht Jahrhunderte hindurch fortzuerhalten auf einem Boden, wo ihm alles fehlt, was sonst die Erde gewährt? wie es möglich, eine Heimat zu lieben und mit allen Fasern des Herzens an ihr zu haften, die den Menschen überall nur mit Gefahr und Not umgibt? Denn hier lohnt kein Acker die Mühe des Sämanns; hier spendet kein Baum die wärmende Flamme; hier ist mitten im Wasser kein Brunnen, kein Quell. Sand und Heide, höchstens auf toniger Erde ein spärlicher Graswuchs: das ist die Hallig. Und nicht einmal das Fundament eines Hauses bietet der trügerische Grund. Erst wenn der arme Insulaner mit schwerer Mühe Rasen, Steine, Balken und Lehm, zum Teil vom Festlande her, herbeigeholt und die Werft aufgetürmt hat, kann er daran denken, sich selbst den Herd und seinen Tieren ein Obdach zu bauen. Vielleicht, daß er daneben auch ein erhöhtes Plätzchen für sein Heu beschafft, das er wörtlich mit Stricken festbinden und mit Blöcken belasten muß, damit Sturm und Flut ihm nicht diese einzige Ernte entreißen. Das Wasser aber, welches die Erde versagt, kann nur der Himmel geben. Darum sind allenthalben Zisternen gegraben, den Regen zu sammeln, und aus ihnen trinkt der Halligbauer und seine Herde. Es ist ein karger Ersatz für das notwendigste der Bedürfnisse, und doch darf selbst auf ihn nicht mit Sicherheit gerechnet werden; vielmehr versiegt er nicht selten in der Dürre des Hochsommers, oder er wird auch für die Tiere ungenießbar, wenn herbstliche Hochfluten sich über die Insel wälzen und mit Schlamm und Salz die Gruben füllen. Und dann muß der Mann von der Hallig hinübersegeln nach der Küste oder nach einer der größeren Inseln, um Wasser zu kaufen , wie er da sonst Brot, Feuerung und das wenige kauft, was seine Genügsamkeit bedarf. In Wahrheit, wer müßte nicht ein solches entsagendes Leben bewundern? Aber denkt man nun weiter über die nächste Notdurft des Tages hinaus, denkt man an Gesittung und Bildung, an Kirche und Schule: so erschrickt man. Hier sollte man meinen, unter ewigen Entbehrungen, Sorgen und Gefahren, könne der Mensch nicht anders als verrohen oder verkümmern. Und doch wäre ein solches Urteil ein falsches. Dort, jenes Haus, auf der einen Seite fest vermauert, auf der andern eine Flucht größerer Fenster zeigend, ist die Kirche; daneben der taubenschlagähnliche Holzbau bedeutet den Turm, von dem auch hier eine Glocke den Sonntag begrüßt, und beiden gegenüber wohnt der Pfarrer. Er ist der eigentliche Herr der Insel. Denn er ist eben nicht bloß Prediger, sondern auch Lehrer, Seelsorger, Richter, unter Umständen selbst Arzt; seinem Ausspruche folgen wie dem Worte eines Patriarchen die Alten, und zu ihm segeln von den anderen Halligen her die Kinder, um sich unterrichten zu lassen. Unter solcher Pflege gedeiht denn eine sittliche Tüchtigkeit, welche Achtung gebietet, ein bei aller Abgeschlossenheit offener, freier Geist, ein Sinn der Ordnung und des Maßes, der jedem Elend wehrt. Freilich wider die Uebermacht der Elemente vermag die Menschenkraft den ungleichen Kampf immer nur bis zu einem gewissen Punkte fortzusetzen, um ihr dann zu erliegen; und wie einzelne der Halligen schon von früheren Sturmfluten spurlos hinabgerissen wurden, so drohet dasselbe Schicksal auch allen noch übrigen. Niemand hat die Schrecken dieser Katastrophe mit größerer Wahrheit geschildert, als J. Ch. Biernatzki, der vor mehreren Jahrzehnten hier selbst Pfarrer war. Die Bilder, welche er vor dem Leser aufrollt, sind wahrhaft furchtbar, und unter ihrem Eindrucke wendet man sich mit Grausen von diesen halbverschollenen Schauplätzen eines ohnmächtigen Ringens, und möchte mit dem Römer ausrufen: misera gens! Armes Volk! Die Schilderung des Plinius gilt zwar zunächst von dem alten friesischen Stamme der Chauken zwischen Ems und Elbe; aber sie paßt Zug für Zug auch auf die Halligen und deren Bewohner. Er sagt im Anfange des 16. Buches seiner Naturgeschichte höchst bezeichnend: »Der Ozean wird dort endlos in gewaltiger Strömung hin- und hergetrieben, und zwar in regelmäßigen Gezeiten, je zweimal täglich und nächtlich. So verwischt er den ewigen Widerstreit der Natur: es wird zweifelhaft, ob dieser Teil des Landes Erde oder Meer ist. Dort bewohnt ein armes Volk hohe Hügel (Warften, Werften) oder künstliche Deiche, die man bis zu der, wie die Erfahrung lehrt, höchsten Flut aufgeschichtet hat. Mit den darauf errichteten Hütten gleichen sie Seefahrern, sobald das Gewässer die Umgebung bedeckt, Schiffbrüchigen aber gleichen sie, wenn die Wasser zurückgeflutet sind, und sie machen um ihre Hütten Jagd auf die mit dem Meere zurückfliehenden Fische. Diese Menschen können sich kein Vieh halten, können sich nicht mit Milch nähren wie ihre Nachbarn, sie können nicht einmal mit den Tieren der Wildnis kämpfen, da alles Gewächs fernab ist. Aus Schilf und Sumpfbinsen flechten sie Taue, und den mit den Händen geformten Schmutz (Torf, oder vielmehr diejenige Art des Torfes, welche »Darg« genannt wird) lassen sie mehr vom Winde als von der Sonne trocknen, und so wärmen sie mit Erde die Speisen und den von nordischer Kälte frierenden Magen; als Getränk haben sie nur Regenwasser, das sie in Gruben am Hauseingang aufbewahren.« Aber schon ist inzwischen auch die letzte der Halligen am abendlichen Horizonte verschwunden. Das Meer ist freier und bewegter geworden. Der Dampfer schwankt, und während die Wellen schäumend am Bugsprit emporbrausen, wirbeln die Funken in ganzen Garben durch die Rauchsäule des Schornsteins. Dazu regt sich die tagüber so unscheinbare Tätigkeit der Schiffsmannschaft immer lebendiger: der Kapitän späht unermüdlich von der Brüstung herab, das schmale Fahrwasser nicht zu verlieren; der Lotse geht »peilend« mit der Meßstange am Bord auf und ab; wieder ein anderer ruft durchs Sprachrohr dem Maschinisten drunten die nötigen Weisungen zu. Das alles betrachtet der Laie mit einem Gefühle der Teilnahme und der Dankbarkeit; denn er muß sich sagen, daß solch ein Schiff doch noch etwas weit Unsichreres ist, als eine Hallig. Zwar jetzt schwimmt es mit seiner Menschenfracht ruhig und ungefährdet durch die Wellen; aber wie, wenn im Dunkel die Straße verloren würde? wenn die Brise zum Sturm wüchse und das gebrechliche Haus an die Küste würfe oder auch nur meilenweit hinaus in die tobende See? Und Vorstellungen dieser Art drängen sich dem Neuling um so unabweisbarer auf, je mehr die herabsinkende Nacht ihm das einzige nimmt, was er noch hatte: den freien Umblick. Doch da mit einem Male blitzt landverkündend ein Licht auf! Aller Augen richten sich dahin; es ist kein Zweifel: wir sehen die Flamme des Leuchtturms. »Wenn der Himmel sein Gestirn verhüllt hat, dann steckt die Erde ihre Sterne an!« rief mir eine liebe Frauenstimme zu, und in der Tat sprach dies Wort auch meine Empfindung aus. Es mag vielleicht kaum einen zweiten Anblick geben, der so beschwichtigend und ermutigend wirkte, als das Licht, welches dem nächtlichen Wanderer die Nähe des Menschen verheißt; aber hier, auf dem pfadlosen, nachtverhüllten Meere – wie viel tiefer ist dieser Eindruck doch hier! Ich wenigstens gestehe, daß ich bei dem ersten Schimmer der Leuchtturmlaterne nicht minder als so oft bei der Pracht des Sonnenaufgangs es fühlte, warum unsere Dichter das Licht das »heilige« nennen, und unwillkürlich gedachte ich jenes Preisgesangs, den in der griechischen Tragödie der Chor der Thebaner anstimmt, als über die vom Feinde befreite Stadt das Morgenrot des neuen Tages heraufzieht. Gewiß es ist ein heiliges, heilbringendes Element das Licht! Erst seit 1855, erzählte der Kapitän, sei der Leuchtturm aufgerichtet, und während vordem in jedem Winter fünf bis sechs Schiffe allein an den Küsten der nahen Insel zerschellt worden, seien jetzt bereits ebensoviel Jahre hingegangen, ohne daß ein einziges gescheitert. Allerdings wird dieses Feuerzeichen nun auch fünf, sechs Meilen weit gesehen, und wenn das Uhrwerk, welches dasselbe in beständig kreisender Bewegung erhält, jezuweilen eine Verdunkelung bewirkt, so geschieht es nur, um den mit der Erscheinung vertrauen Seemann desto sicherer zu orientieren und im nächsten Augenblicke sonnenartig die ganze Stärke des Lichts in die Finsternis hinauszustrahlen. Der Hügel aber, auf dem die Meereswarte steht, ist das Grabmal eines allen Friesenkönigs. Tief im Innern haben ihn seine Getreuen versenkt, nachdem er im siegreichen Kampfe gefallen, und da sitzt er nun in seiner Rüstung, auf dem goldenen Wagen, und die Brandung singt ihm das alte Schlachtenlied; über ihm aber von der kristallenen Krone des Pharus flammt das Fanal, als wache noch immer der treue Hüter seines Volkes. Es mochte noch eine Stunde verflossen sein, bis das Schiff Anker warf. Kleine Boote nahmen uns auf, und in der nächsten Minute hatten wir terra firma Festen Boden unter den Füßen: wir standen auf Sylt. Aber wohin zu so später Stunde uns wenden? wo die ruhebedürftigen Glieder betten? Das war nun eine »wohlaufzuwerfende«, doch kaum zu lösende Frage, als, auch diese Sorge zu verscheuchen, ein paar Wagen heranrollten und uns noch einmal »durch Nacht und Wind« davontrugen. Aus dem schwarzen Heidegrund stieg der Duft von Millionen unsichtbarer Blüten, und durch die Stille hallte mir der Hufschlag unserer Pferde. Um Mitternacht in »Westerland« angelangt, fanden wir das kleine Dorf völlig in Aufruhr; denn alles hatte auf das Dampfschiff, alles auf Gäste gewartet. Das scheinbare Rätsel war mir jedoch schon unterwegs gelöst worden, da ich erfuhr, daß man den – mutmaßlich glücklichen oder doch industriösen – Gedanken gefaßt, ein Seebad zu begründen. Jedenfalls kam uns jetzt die wachsame Sorge der Sylter trefflich zustatten, indem wir nicht bloß Erquickung, sondern, was mehr wert war, ein Obdach fanden. Ich für meinen Teil ward von dem rührigen Wirte der »Dünenhalle« einem freundlichen Manne zugewiesen, der sich mir als Kapitän bezeichnete und mich alsbald in sein schmuckes Häuschen führte, wo unterm Ticken der urväterlichen Wanduhr der Schlaf mich ungesucht überkam. Nach wenigen köstlichen Stunden deckte der Tag mir die neue Wohnstätte auf; aber fast schien es, als wolle nun erst der Traum sein Spiel beginnen. Denn wie war hier doch alles anders als daheim im Binnenlande, wo in der Straßen langer Zeile sich die Häuser drängen, wo der rasselnde Verkehr seinen Lärm und Staub hinauf bis in die Mansarde schickt, wo um das Dorf sich rings mit strenger Grenze Acker an Acker reiht und selbst der Bach den freien Lauf in gerade Linien schnüren lassen muß! Doch ich will zunächst versuchen, den äußeren Umriß der Insel zu zeichnen. Sylt liegt genau unter dem 55sten Grade nördlicher Breite und dem 26sten östlicher Länge, um ein Merkliches höher als die übrigen »Uthlande«. Mit diesem Namen, der soviel bedeutet als »Außenlande«, bezeichnet man den ganzen Gürtel der friesischen Gestadeinseln, die Halligen mit eingerechnet. In langem Zuge erstreckt es sich vier und eine halbe Meile hin, während sich nur in der Mitte dieser Linie, nach Osten zu, ein ausgedehnteres Vorland von etwa zwei Stunden Breite ansetzt. Die Form der Insel erhält dadurch etwas Arabeskenartiges, wenn auch lange nicht in dem Maße, wie etwa das polypenähnlich gestaltete Rügen, das allenthalben Land ins Meer schickt und Meer ins Land zieht. Wo nach dem Festlande zu im ruhigen »Wattenwasser« der »Schlick« sich niederschlägt, da allein gedeihet Gras und Korn. Aber dieses Marschland nimmt wohl kaum den sechsten Teil der anderthalb Quadratmeilen haltenden Insel ein. Alles übrige ist Sand, den wechselnd beide Arten der Heide (Erica vulgaris und Erica tetralix) überziehen. Auf diesem sauberen, dicht ineinandergestrickten Teppich stehen nun malerisch zerstreut die Häuser und Gehöfte, und schon in der Vereinzelung derselben spricht sich der abgeschlossene insularische Charakter aus. Jedes Haus ist selbst gleichsam wieder eine Insel, oder, wenn man will, ein Schiff, das hier friedlich geankert. Alle sind klein, alle in ihrem Strohdach fast hüttenartig anzusehen, aber alle zeigen die Freude ihrer Bewohner an buntem Zierat, und die zahlreichen Fenster blinken so lockend, daß man glauben möchte, irgendein Riesenkind habe diese Häuschen dahingestellt und sei, des Spielzeugs müde, auf eine Weile davongegangen. Daß die glatte Pflanzendecke des Bodens derartige Anschauungen und Stimmungen begünstigt, ward schon angedeutet. Aber man vergegenwärtige sich das Bild recht lebendig! Unsere Wohnungen stehen eben in Straßen beisammen und das einzelne Haus prägt selten noch eine Individualität aus, sondern verliert sich unterschiedslos in der Masse der übrigen. Selbst wo es allein steht, verdecken es Nebengebäude, Gärten und Bäume, beeinträchtigen Feld und Fahrweg und alle die mannigfaltigen Zeichen des Anbaus den Blick. Dort aber steigt das Haus einzeln und unverdeckt aus dem gleichförmigen, gleichfarbigem Heidegrunde, den fast nie eine Kultur berührt hat. Kaum mag man die Linie eines Fußpfades erkennen, noch seltener von Aeckern eine Spur, und die kleinen Gärtchen gar sind so klein, daß man sie beinahe übersieht. Wir verglichen vorher diese Häuschen den Schiffen. Wirklich haben sie nun im Innern durchaus eine Schiffsarchitektur, ja sie werden auch fast ausschließlich von Schiffern oder Fischern bewohnt. Es sind meist alte graue Kapitäne, welche hier, nachdem sie drei, vier Jahrzehnte das Meer gepflügt, auf ihrer Heimatinsel den festen Grund gesucht haben. Aber damit das Bild des geliebten Fahrzeuges ihnen nie verschwinde, stellt das ganze Haus gleichsam nun ein Verdeck samt seiner Kajüte dar, und im Hofe ragt noch immer der Mast, das sturmgewohnte Herz zu erfreuen. Sie haben eben in jedem Sinne des Wortes »ihr Schiffchen ins Trockene gebracht«. – Wie ferner jedes Schiff seinen Namen vorn an der Brust trägt, so ist hier mitten aus dem Strohdach, an der Vorderseite des Hauses, ein Giebel herausgebaut, der den Namen seines Besitzers oder Erbauers in eisernen Lettern zeigt. Th. M. D. stand über dem meinigen: Theide Michel Decker. So hieß mein wackerer Wirt, ein Mann im Anfang der Sechzig, mit seinen, wohlwollenden Zügen, welche Tüchtigkeit und Bescheidenheit, aber nichts von jener Rauheit verrieten, die wir uns gewöhnlich von dem Charakter des Seemanns untrennbar denken. Er hatte alle Meere befahren, auf alle Erdteile den Fuß gesetzt, hatte die Prachtstädte der alten und neuen Welt gesehen; aber als ich ihn nach der Nachbarinsel Föhr fragte, gestand er, noch niemals dagewesen zu sein. So ist es: immer ins Weite strebt der Mensch, das Nahe bleibt ihm fremd oder gleichgültig. Uebrigens konnte der Kapitän als ein Mustertypus seiner Art gelten, und obgleich ich nur zwei Nächte unter seinem Dache geweilt, hat er durch seine Liebenswürdigkeit und Uneigennützigkeit mir den Aufenthalt unvergeßlich gemacht. Allein nicht von den Menschen – ich wollte von ihren Häusern sprechen. Sobald du die kleine, niemals verschlossene Tür geöffnet, betrittst du eine Art Flur, die in ihren braungebeizten Dielen oder in ihrer bunten Kieselpflasterung sogleich gemütlich anspricht. Rechts, links, geradeaus tun sich andere Türen auf; aber vor jeder liegt ein kleiner weicher Teppich, um ja alles zu entfernen, was sich ungebührlich an deine Sohle geheftet haben könnte. Denn Reinlichkeit ist die Kardinaltugend des Friesen, zumal des Sylters, wie auch seine alte, absterbende Sprache einen überraschenden Reichtum von Worten zur Bezeichnung des Reinigens und Säuberns aufweist. Man zählt nicht weniger als sechzehn sogenannte Synonyme für den einen Begriff. Als ich nun aber dem freundlichen Wirte immer und immer wieder meine Verwunderung über eine solche, im Binnenlande unbekannte Nettigkeit aussprach, bemerkte er lächelnd: das schreibe sich vom Schiffe her. Dort im engen, menschenüberfüllten Gebäu sei ein Leben und Wohlsein nicht möglich ohne die strengste Reinhaltung. Ueberdies hätten die Sylter ganz Art und Weise jener Holländer angenommen, die sich vorzeiten auf der Insel angesiedelt. Ob die letztere Behauptung des Kapitäns begründet ist, vermag ich weder zu bejahen, noch zu verneinen; aber holländisch ist diese Sauberkeit gewiß, nur ohne den den Holländern angedichteten Pedantismus. Da war nirgends ein Stäubchen zu entdecken, alles glänzte und blitzte, selbst der kleine Stall war gefegt und mit Sand ausgestreut, so daß man ohne Bedenken darin hätte speisen können. – Was uns aber, die wir immer mehr an kasernenartige Häuser und hohe, hohle Zimmer gewöhnt werden, in den Sylter Wohnungen besonders auffällt, ist die sparsame und äußerst geschickte Benutzung des Raumes. Das Haus meines Kapitäns konnte als Beispiel dienen; denn in demselben wohnte außer mir noch ein Gast, und doch hatte ein jeder von uns Stube und Kammer, ja mir waren deren selbst zwei zugewiesen. Es mag das Gefühl des Behaglichen, welches man nun einmal hier überall empfindet, vielleicht auch dadurch noch gesteigert werden, daß man nirgends etwas von Kalk oder Maueranstrich oder gar von unserer anspruchsvollen Papiertapete sieht. Vielmehr sind die Wände durchgehends mit kleinen porzellanartigen Kacheln (sogenannten »Klinkern«) von meist bunter Farbe bekleidet. Auf solche Weise bildet sich eine Mosaik, die glänzt, ohne zu prahlen, die immer sauber ist, ohne empfindlich zu sein, und die ganz im Gegensatz zum Stein und zur Tapete etwas Trauliches, ich möchte sagen, Erwärmendes hat, sei es auch nur, weil sie an die aus gleichem Material erbauten Oefen unserer Zimmer erinnert. Wo nicht Klinkern die Wand verkleiden, ist es Holz. Und kann man dies Holzwerk auch nicht gerade Getäfel nennen, so ist der Eindruck desselben doch ebenfalls ein sehr reinlicher und heimischer, wie ja das Holz als der weichere und organische Stoff uns immer mehr anmutet als der kalte, harte, leblose Stein. Selbst die Decke der Stuben ist mit Holz belegt und glänzend weiß gefirnißt, zuweilen sogar nach Kajütenart gewölbt. Kurz, man erkennt in dem allen jene Gemächlichkeit, die eben von dem »Gemache« verlangt wird, aber man erkennt auch sogleich das Haus des Seemanns. Dazu stimmen endlich nicht minder die See- und Landkarten an den Wänden, und im Fenster das aufgezogene Fernrohr. Das einzige, was neben ihnen wohl noch einen Platz erhalten hat, ist ein Vogelbauer oder ein paar bunte Blumen. Denn Farben liebt der Sylter, gleich dem Niederländer, um so mehr, je einfarbig grauer um ihn her die Landschaft ist. Ebendarum bemalt er auch außen die Fenster lustig grün und rot, verhängt er sie innen mit den weißesten Gardinen. Uebrigens versteht sich nun in einer solchen Wohnung die höchste Bequemlichkeit von selbst. Alle Räume, vom Wohnzimmer bis zum Stalle, liegen in einem Zusammenhang, und wenn die Wand mit Holzwerk ausgelegt ist, kann man sicher sein, daß sie einen Schrank verdecke, der dem Blicke so manches entzieht, was bei uns plunderartig herumliegt, oder sich prunkend zur Schau stellt. Aus einem solchen Verstecke zog jetzt auch der Kapitän ein Fernrohr, und nun gingen wir dem Strande zu. Ueberall dieselben Häuser, überall Bewohner von derselben Herzlichkeit und meist auch desselben Standes. Selten nur verriet irgendein Zeichen den Handwerker. Was aber vorzüglich befremdete, war, daß man fast nie jüngeren Männern begegnete. Die, hieß es, seien draußen auf der See. Dort bleiben sie, wie die Väter und Vorväter, dreißig, vierzig Jahre, und dann kehren sie müde, aber mit reichen Ersparnissen zurück ins Elternhaus, oder – sie finden im Meeresgrunde ihr Grab. Manch einen Alten sahen wir, der so vereinsamt war und seine Söhne im Ozean liegen hatte! Waren doch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts aus einer Bevölkerung von noch nicht dreitausend Seelen über sechshundert im Meere umgekommen, und zählte doch ein sorgfältiger Beobachter im Jahre 1850 allein einhundertundsiebzig Witwen. An dieses Seemannsverhängnis erinnerte auch sogleich unfern des Dorfes der Friedhof für gestrandete Leichen. Eine rohe Mauer von Heiderasen umschloß die Gräber; ich zählte ihrer sieben. Aber niemand vermochte zu sagen, wer die Schläfer seien, die unter ihnen ruhten: kein Stein bezeichnete auch nur Jahr oder Tag der Bestattung. Und dennoch ergriff gewiß noch jeden die schlichte Stätte; denn wenn es nicht die Liebe war, so war es doch ein Sinn schönster Menschlichkeit, der sie geschaffen. Vor wenigen Jahren hatte man sich begnügt, die Leiche da, wo die Welle sie ausgeworfen, zu verscharren. Aber da das immer vordringende Meer oft schon in einigen Tagen die leichte Gruft wieder zerstörte und selbst längst moderndes Gebein wieder hervorwühlte, so entschloß man sich, hier an sicherer Stelle die Toten zu bergen und den »Heimatlosen eine Heimat« zu geben. Die Sicherheit aber gewähren die Dünen , welche sich wenige hundert Schritt hinter dem Kirchhof erheben: ohne Zweifel das eigentümlichste, was die Insel bietet. Wie ein Gebirge steigen sie an, und schon ihre mannigfach gebrochenen Linien üben einen Reiz, der um so bedeutsamer wirkt, je mehr man alle Maßstäbe des Festlandes verloren hat, und je höher die Dünen im Gegensatz nicht bloß zu der flachen Insel, sondern vor allem zu der unendlichen Ebene des Meeres erscheinen. Daher gewähren sie, von dort aus gesehen, auch den imposanteren Anblick. Bald wölben sie sich zu Kuppen, bald ziehen lange Mauern hin, bald wieder schieben sich Zacken und Kegel empor, immer aber entwickeln sich malerische Formen, und wechselnd spielen die Sonnenlichter auf den hellen, fast blendenden Massen. Vom Lande her betrachtet, löst sich jedoch das mannigfaltige Bild in einfachere Züge auf. Man unterscheidet eine Doppelreihe innerer und äußerer Dünen und sieht überrascht, wie auch dieser tote Boden noch eine lebendige Vegetation nährt. Da steht die Sandsegge (Carex arenaria) , der Strandhafer (Elymus arenarius) , der Strandroggen (Arundo arenaria) mit harten Halmen, mehr rohr- als grasartig und von seltsam bläulicher Färbung. Es ist die echte Farbe des Meeres, welche sie tragen, aber in der Starrheit ihrer saftlosen Faser charakterisieren sie sich zugleich als Sand- und Wüstengewächse. Mag nie ein Tropfen sie netzen, sie welken dennoch nicht. Schon der Odem des Meeres genügt, sie zu erhalten, und – wunderbar genug – gedeihen wenigstens die beiden letztgenannten Pflanzen nur so lange, als der fliegende Sand sie umspielt; ja man möchte sagen, sie gedeihen um so frischer, je dichter derselbe um ihre Halme und Blätter sich anhäuft. Denn gerade die wiederholten Ueberwehungen reizen den Lebenstrieb immer von neuem, so daß die Pflanze noch Schößlinge entwickelt, während ihre Wurzel bis zu einer Tiefe von zwanzig Fuß in die feuchteren Schichten hinabsteigt. Dabei liefern sie jedes Jahr ein Futter für die Herde, ein Dach für das Haus, oder wenigstens ein Lager für die Hütte des Armen. Aber das ist lange nicht das Wesentlichste; vielmehr ergibt sich die wahrhaft unersetzliche Bedeutung der Dünenpflanzen erst dann, wenn man Wesen und Natur der Dünen selbst genauer kennengelernt hat. Eine amerikanische Sage erzählt, daß der große Geist die Erde aus einem Sandkorn schuf, welches er einst beim Fischen aus dem Ozean heraufgeholt. Den Sinn dieses Mythus versteht man vielleicht nirgends eher, als an einem Dünengestade, da die Dünen wirklich nichts anderes als Bildungen des Meeres sind. Ungleich jenen Marschanschwemmungen am Ausgange der Ströme, deren üppige Ernte ganze Länder nährt, ist es Sand und nur Sand, aus dem die Düne sich baut. Ihre Entstehung aber läßt sich auch bei stiller See beobachten. Denn wie die Zunge eines Raubtieres wühlt und spielt jede Welle am Grunde; sie löst und hebt den leichten Sand der Tiefe empor, trägt ihn fort, wirft ihn andern Wellen zu, bis die letzte am Ufer zerstäubend ihre Beute fallen läßt. Freilich sind es nur ein paar winzige Punkte, die sich niederschlagen; aber indem Millionen Wellen Millionen Körnchen häufen, dehnen sich diese zu Lagern, schwellen sie zu Hügeln und Bergen. Und je wilder das Meer, um so höher türmt es die Sandmauer, welche am Ende selbst von der Sturmflut nicht mehr überstiegen werden kann. So setzt sich auch hier die Leidenschaft die eigenen Schranken, und dem Uebel gesellt sich von selbst auch seine Abwehr. Denn die Dünen sind wirklich ein Schutzwall des Landes. Hinter ihnen liegen die Wohnstätten und Fluren wie hinter Bollwerken, und wo die Natur sie nicht schuf, da muß der Mensch, ihrem Beispiele folgend, kostbare Deiche anlegen, welche er wie einen äußersten Posten mit allem Heroismus der Geduld und des Mutes gegen den rastlos anstürmenden Feind zu verteidigen hat. Man denke an das stolze Trotzwort der Holländer: Deus mare, Batavus litora fecit (Gott machte das Meer, der Holländer die Gestade). – Deiche sind jedenfalls schon in sehr früher Zeit errichtet worden; in Ostfriesland wird als erster Erbauer der »Seeburgen« König Agdil aus dem zweiten Jahrhundert genannt. Aber selbst der Bundesgenosse kann zum Widersacher werden, und der Schutz, welchen die Düne gegen das Meer gewährt, kann unter Umständen wenig bedeuten gegen das Verderben, welches sie selbst bringt. Die Dünen gleichen dem Gebirge auch darin, daß sie von Längen- und Quertälern durchzogen sind. In ihnen bricht sich die Kraft des Windes, auch verhält sich da wohl zuweilen ein Rest Wassers, um den sofort das Pflanzenleben sich anzusiedeln versucht. In der Regel aber übt in diesen Tälern der Sand die unbestrittene Herrschaft, mögen sie nun kraterähnlich sich einsenken, oder in langen hohlen Gassen hinstrecken; und den Wanderer, der sich zwischen ihnen verloren hat, überkommt ein Gefühl, schwer und beklemmend, als irre er in den Laufgräben des Todes. Fängt sich gar die Glut der Mittagssonne in diesen Kesseln, dann mag man sich jener Stelle des Danteschen Inferno erinnern, da die Sünder in tiefem, leben- und schattenlosem Sande irren, indes vom Himmel Feuerflocken niederfallen, »wie Schnee bei stiller Luft auf einer Alpe fällt.« Nur eins überrascht und erfreut das Auge: das sind die zierlichen Linien, welche der Flügel des Windes allenthalben über diese Wüste gezogen hat. Sie zeichnen sich so regelmäßig und sauber hin, daß man sich fast scheut, die Spur eines Fußes in das seltsame Gewebe zu drücken, obgleich schon, die nächste Stunde sie verwischt haben kann. Denn unaufhörlich spielen die unruhigen Elemente, welche ihn erzeugt haben, mit dem Sande der Dünen. Jeder Lufthauch setzt ihn in Bewegung, und erhebt sich der Wind stärker, dann entwickelt sich ein Schauspiel, das an den Samum der Sahara erinnern kann. Die Dünenhalme schlagen scharf zusammen, daß sie klingen; mit dem Brausen des Sturmes vereint, peitschen sie den Sand auf; und nun wird jedes tote Korn lebendig. Sie rennen, rieseln, wirbeln über die Fläche, erfüllen verdunkelnd die Atmosphäre, bilden mächtige Tromben und Wolken, die windgejagt landeinwärts treiben, um sich da in einem erstickenden Regen, in einem Sandgestöber (»Saanstaf«), wie die Insulaner sagen, zu entladen. Auf diese Weise entstehen und wachsen , auf diese Weise aber wandern nun auch die Dünen. Und so haben sie nicht bloß an der jütischen Küste, sondern den ganzen Strand der Nordsee entlang, bis nach Südfrankreich Die französischen Dünen liegen in den südwestlichen Departements les Landes und la Gironde ; sie bedecken einen Raum von nicht weniger als 150 Quadratmeilen, von denen der größere Teil erst seit Necker (d. h. seit 1789) und in nicht ausreichender Weise bepflanzt ist. Ein kleinerer Teil von 40 Quadratmeilen liegt auch heute noch wild, daher les landes sauvages . Eine nomadische Hirtenbevölkerung, die auf 8 bis 10 Fuß hohen Stelzen durch die Sandmassen schreitet, belebt mit ihren Schafherden diese Wüste, ohne daß dieselbe wohl je für den Ackerbau gewonnen werden mag. Und doch waren die Landes zur Zeit der Araber dicht bewaldet und von Aeckern durchschnitten. Es scheint, daß es vornehmlich die Franken waren, welche die alten Verteidiger Aquitaniens nur dadurch bezwingen zu können glaubten, daß sie die Wälder, in denen sich jene bargen, niederhieben und niederbrannten. Der Name Düne (französ. dune ; ital., span. duna ) wird übrigens von Grimm auf donen, danen = anschwellen, sich erheben, zurückgeführt und in eine gewisse Parallele mit dem griechischen thin, this gesetzt. Daß er in den Städtenamen Augustodunum, Lugdunum usw. anklinge, ist öfter behauptet worden, doch nicht ohne Widerspruch. Düne ist das »nordische tûn, das in Skandinavien auch zu Städtenamen verwandt wird«. hinab, weite Strecken fruchtbaren Landes überdeckt. Der Hergang war dabei stets derselbe: das Meer zernagte die Küste, löste sie auf und schob dann wie eine ungeheure Sandwelle das bewegliche Gebirge vor sich her. – Es liegt fast etwas Dämonisches in dieser Erscheinung. Die Springflut, die Schneelawine kommen plötzlich, und im Donner der Vernichtung begraben sie Mensch und Land. Aber hier schleicht leise der Sand herbei; unsichtbar und unhörbar, bei Tag und bei Nacht tut er seine Zwergenarbeit, bis endlich die Brunnen versiegen und die Schwelle des Hauses versinkt, um nach Jahrzehnten und aber Jahrzehnten völlig verschüttet zu sein. Mit Erbitterung kämpft der Mensch dagegen an. Gerade auf den deutschen Küsten und Inseln ist es vorgekommen, daß man wenigstens die Kirchen einem solchen Untergange zu entreißen suchte. Man wollte die heilige Stätte nicht lassen, und als die Pforten längst versperrt, stieg man noch durch das Fenster ins Gotteshaus, und der Geistliche predigte, statt von einer Kanzel, von einem Sandhügel. Aber der fromme Eifer vermochte das Verderben immer nur aufzuhalten, nicht abzuhalten, und zuletzt blieb nichts, als den geweihten Bau abzubrechen und vielleicht für ein neues Jahrhundert an geschützterer Stelle wieder aufzurichten. Auch auf Sylt hat der Sand sein fahles Tuch über ehedem selbst bewaldete Striche gebreitet, und vielleicht würde dereinst die ganze Insel gleich so vielen anderen verschwinden, wenn nicht im Wattenmeer unter dem Schutze des Windes immer wieder ergiebiger Boden sich anschwemmte. Aber nicht bloß Ersatz, auch eine Hilfe bietet sich, und das ist nun die vorhergenannte Strandvegetation. So dürr alle jene merkwürdigen Pflanzen sind, so fest und tief graben sie sich in den Boden. Eine stärkere Pfahlwurzel hinabtreibend und von ihr aus oft zwanzig, dreißig Fuß weit ein vielverschlungenes Fasernetz entsendend, durchdringen und überspinnen sie ganze Hügel und binden Sandkorn an Sandkorn. Die Natur wirkt eben immer das Größte mit den kleinsten Mitteln. Was keine Kraft und Kunst der Menschen vermocht hat, das tun ein paar Dünenwurzeln und Halme. Indem sie selbst während des Winters dauern, leisten sie mit unzerreißbarer Zähe auch den stärksten Stürmen Widerstand; sie beugen sich elastisch, und im Wirbel sich um sich selber schwingend, erfüllen sie die Luft mit jenem schrillen Klingen, aber sie sammeln zugleich um sich her neuen Sand und tragen so nicht nur zur Befestigung, sondern auch zur Erhöhung der Dünen bei. Es ist nicht selten, daß dem Fremden gegenüber der Küstenbauer mit stolzer Zuversicht auf den Wall der Dünen zeigt und sie den »goldenen Reif« seines Landes nennt, wie schon der alte Friese seine Heimat einem Mantel verglich, dessen zottiger Stoff (das innenliegende unfruchtbarere Geestland) mit schmaler Samtverbrämung geschmückt sei; doch hier erst können diese Bezeichnungen verstanden werden. Denn nur da, wo der Pflanzenwuchs die Düne überkleidet, wo sie »gedämpft« ist, hat sie aufgehört toter Sand zu sein. Sie ist da vielmehr ein lebendiges Glied im Organismus der menschenerhaltenden Erde geworden, und statt den Anwohner feindlich zu bedrohen, bietet sie ihm den sichersten Schutz gegen Versandung wie gegen Überschwemmung. Eben deshalb bemüht man sich auch, jene Vegetation auf alle Sandgestade, denen sie fehlt, zu übertragen, und die Gesetze nehmen derartige Pflanzungen in besondere Obhut. Schon Christian III. bedrohete (1539) diejenigen, welche an den Westküsten Jütlands Sandrohr oder Sandhafer abmähen würden, mit einer Buße von vierzig Mark. Hier wird demnach wirklich der Seestrand gepflügt, wenn auch nur mit Handpflügen; es wird wirklich in den Meersand gesäet, so daß die alten römischen Redensarten litus arare, arenae mandare semina Den Meeressand pflügen, in den Sand säen. usw. längst ihre spottende Spitze verloren haben. Allerdings bleibt es immer eine mühselige, alle Geduld herausfordernde Arbeit; nicht selten mißlingen wiederholte Versuche, zumal ohnehin selbst die feuchteste Düne keine völlige Besamung gestattet. Dies liegt zum Teil in der eigentümlichen Gestaltung derselben. Denn da die Dünen nur von der Landseite aus sacht ansteigen, hingegen dem Meere zu durchweg steil abfallen, so kann auch nur dort eine Vegetation sich des Bodens bemächtigen, während an der Steilseite Wind und Wasser mit stets erneutem Angriff wühlen und die Düne gleichsam über ihren eigenen Kamm hinwegzustürzen suchen. Im Laufe der Jahrhunderte erreichen sie es auch wohl; aber da, wie bemerkt, in derselben Zeit das Meer an den abgewendeten ruhigeren Ufern neue Bildungen ansetzt, so halten sich die widerstrebenden Kräfte gewissermaßen im Gleichgewicht, und wenn man sagen konnte, daß die Dünen wandern, Man hat zu ermitteln versucht, wie groß die jährliche Geschwindigkeit der fortwandernden Dünen sei. Die genaueste Bestimmung hierfür gewährt die Tatsache, daß die um 1650 gegen 200 Ruten ostwärts verlegte Kirche von Ording in Eiderstädt im Jahre 1777 schon wieder am Fuße der Dünen lag. Dies würde ein jährliches Vordringen von etwa anderthalb Ruten ergeben. Beobachtungen auf Sylt und in den Niederlanden kommen damit überein. so kann man, wenigstens auf Sylt, mit gleichem Rechte sagen, daß auch das fruchtbare Marschland oder mit anderen Worten, daß die ganze Insel wandere . Wo es dagegen gelingt, den Dünensand völlig zu dämpfen, und wo die Seewinde nicht ihre volle Stärke üben, da machen jene ersten, den Sand bindenden und bereitenden Grashalme wohl später einem reicheren, kräftigeren Pflanzenwuchse Platz: es gedeihen strauchartige Birken, Wachholder, Stecheichen, und nicht selten erhebt sich über diese wiederum ein Wald von Nadelholz, in dessen Schutz aufs neue die Aecker und Wiesen grünen. Die Dünen von Sylt gehören noch keineswegs zu den höchsten – denn an der afrikanischen Küste sollen sie sich bis zu sechshundert Fuß erheben – aber einzelne messen sicherlich gegen hundert und achtzig Fuß, und der ganze lange Doppelzug bleicher Hügel erscheint hier großartig genug, um mit einer Kette von Gebirgsgipfeln verglichen zu werden. An das Hochgebirge erinnert nun auch vor allem die Todesstille rings umher. Nirgends ein Laut, nirgends eine Bewegung. Denn wie dort das wandernde Eis der Gletscher alles Leben erstarren macht, so erstickt es hier der wandernde Sand. Nur zuweilen schwebt ein Schatten über die Fläche, und du erkennst die Möve, die in graziös kühnem Fluge die Küsten umirrt, oder hoch im Aether sich wiegend den Seeadler; nur zuweilen raschelt neben dir ein Wiesel durch die dürren Halme, umsummt dich eine Biene. Und dennoch ruht sichs so süß in dieser Oede. Die Sonne blinkt und flimmert so träumerisch, die Kühle des Elements umatmet dich so berauschend, die dumpfen Wellenschläge verrollen so feierlich, daß es über dich kommt wie ein Zauber und alles irdisch Schwere von dir abfällt. In der Tat, wenn du ein Leid zu vergessen hast, gehe hierher an den einsamen Inselstrand! Aber du willst nicht träumen und hast nichts zu vergessen, junger Leser! Wohlan, stelle dich mit mir auf jenen äußersten Vorsprung der Dünen und mit einem Blicke umfasse das wundersame Bild. Hinter dir die braune Heide, unter dir das graue Gras, vor dir die weiße Tenne des Sandes und darüber hinaus, soweit dein Auge reicht: das Meer, der wallende, wogende Ozean! Ja, das ist er selber, der uralte Erderschütterer! Unergründlich, unermeßlich liegt er da, still und bewegt, tausendgestaltig und doch gestaltlos. Im fernen Dufte, wolkenansteigend verliert sich seine Grenze, aber dir zu Füßen entrollt schmeichelnd die Welle all ihre Perlen. Wir steigen zum Strande hinab, denn es ist Ebbe. Der verhüllte Grund hat sich weithin aufgedeckt, dann und wann liegt ein Boot auf dem Trockenen, auch wohl ein gestrandeter Fisch, und kreischend ist das Volk der Vögel herbeigekommen, seine Beute zu suchen. Sie sind eilig, sehr eilig, denn bald wird die Flut zurückkehren. Dann schwellen die Wasser von neuem, und wie aus unsichtbaren Urnen quillt und rieselt und rauscht es allenthalben heran, und nach zwei, drei Stunden ist wieder Meer, was eben noch Land war, als habe der Ozean seinen Raub nur einmal losgelassen, damit er ihn desto fester wieder fassen könne. Das ist das tägliche Spiel des Riesen. Aber welch eine Szene, wenn er nun zum wirklichen Angriff sich rüstet! Nachdem stundenlang zuvor ein Getöse, als erdröhne der ganze Luftkreis, den Kampf verkündigt hat, der sich in der Wasserwüste bereitet, kommt heulend der Sturm. Er schüttelt die Dünen, daß sie zittern und stäuben. Ihre Gipfel scheinen zu rauchen; zugleich rollt, wie eine Riesenwalze, die erste Flutwelle heran. Hochaufrauschend schwingt sie sich zehn, zwanzig Fuß an den Bergen hinauf, um krachend zu zerschmettern. Aber schon folgt ihr höher und höher klimmend die zweite, die dritte, das ganze Meer steigt aus seinen Tiefen, bis zuletzt die Küste in einen Wall siedender Katarakten verwandelt ist, bis Himmel und Erde in Schaum, Sand und Nebel verschwinden, und nur der Donner der Brandung und des Sturmes dies Chaos erfüllt. Ist freilich solch ein Aufruhr der Elemente von unvergleichlicher Erhabenheit, so bietet doch auch die stillste Flut noch immer ein majestätisches Schauspiel. Wie fesselt nicht das Auge schon die einzelne Woge, wenn sie weit draußen, mitten auf dem wallenden Getümmel, sich emporhebt, wenn sie nun schwellend und drohend einherzieht, und dann plötzlich in ein schäumendes Nichts zusammenbricht, oder klingend und zischend ihre Ströme ans Ufer schleudert! Dabei wirft sie aus dem Meeresschoß so manches Spielzeug, das den Neuling reizen mag, eine glänzende Muschel, ein Stück Bernstein. Ist es das nicht, so ist es eine Qualle, ein Klumpen Tang, ein bunter Kiesel. Du beschaust erfreut deinen Fund und nimmst ihn mit dir, oder du schließest auch einmal alle deine Sinne, nur um lebenatmend die Luft zu schlürfen, die ewig neugeboren über diesen Wassern schwebt. So waren wir, aller Zeit vergessend, am Strande dahingeschritten, als wir auf einmal den Leuchtturm in nächster Nähe vor uns sahen. Wie hätten wir den Tag besser schließen können als mit einer Besteigung desselben? Auf einer engen Treppe wanden wir uns in der 130 Fuß hohen Granitsäule hinan. Aber in dem Augenblicke, da ich die Glashaube erreichte, in deren Doppelring die Flamme brennt, faßte es mich wie Schwindel, denn ich fühlte deutlich, daß unter mir der eiserne Boden zitterte. Vergebens versuchte ich mich zu überreden, es sei Täuschung gewesen, denn der Wächter bestätigte die Erscheinung. Doch da er gerade auf diese Art der Struktur die Dauer des Baues zu gründen schien, so kehrte auch mir das alte Gefühl der Sicherheit zurück, und ich trat hinaus auf die Galerie, um mit einem letzten Blick mir das unvergeßliche Bild in die Seele zu prägen. Es war Abend geworden. Ueber der Heide webte traumhafte Dämmerung, und die Dünen streckten sich hager und gespenstisch ins Meer, das im letzten Purpur schwamm. Bald verglühte auch dieser, die Nacht sank herab; aber aus der Tiefe scholl noch immer, wie ein Chor der Ewigkeit, das erhabene Brausen. Das Moor O schaurig ists übers Moor zu gehn, Wenn es wimmelt vom Heiderauche, Sich wie Phantome die Dünste drehn Und die Ranke häkelt am Strauche, Unter jedem Tritte ein Quellchen springt, Wenn aus der Spalte es zischt und singt, O schaurig ists übers Moor zu gehn, Wenn das Röhricht knistert im Hauche! A. von Droste-Hülshoff. Es ist eine allgemein geläufige Anschauung, derzufolge wir das Festland als eine Stufenreihe von Ebene, Hügel und Gebirge auffassen. Die Natur selbst gibt diese Betrachtungsweise unmittelbar an die Hand, und wie die betreffenden Erdformen verschieden sind in ihren physischen Eigentümlichkeiten, so sind sie es nicht weniger in ihrer Einwirkung auf Empfinden und Leben des Menschen. Jedoch werden wir bei genauerer Erwägung uns der Wahrnehmung nicht verschließen, daß mit der eigentlich historischen Bedeutung die ästhetische hier keineswegs in gleichem, sondern in einem fast entgegengesetzten Verhältnisse steht. Denn wie kühn auch die Gipfel des Gebirges sich türmen, wie lieblich das Tal auch locke: sie scheinen den Menschen nur zu dulden, oder doch sein Dasein mit engerer Grenze zu umschränken. Erst wo das Auge ungehemmt über die Ebene schweift, weitet sich mit dem Sinne die Seele, und alle Fernen überfliegend erwacht jene Sehnsucht, die noch immer die Mutter der Taten war. Da ist nirgends Ziel noch Grenze gesetzt; der alte Haß der Elemente scheint versöhnt; friedlich und freundlich hat die Erdgöttin selbst dem strebenden Geschlechte die Bahnen erschlossen. So ist die Ebene – die einfachste und ärmste aller Landschaftsformen – die Stätte des reichsten und mannigfaltigsten Lebens, so ist sie die Bühne der Geschichte geworden. Indessen ist sie dies nicht überall. Oft und über weite Räume hin zeigt sie statt des Segens bewohnter Fluren nur den Anblick der Wildnis, sei es daß eine unbezwinglich wuchernde Naturkraft, sei es daß lebensunfähige Erstarrung den Boden gefesselt hält und dem Menschen die Heimat versagt. Man kennt die großartigen Schilderungen, welche die Forscher unseres Jahrhunderts, vor allen Humboldt, von den Urwäldern, Steppen und Wüsten der außereuropäischen Welt entworfen haben; aber auch die weniger beachteten Moore gehören in jenes Bereich der ungebändigten Gelände, und auch sie verdienen wohl ein gewisses Interesse, wäre es selbst nur deshalb, weil sie uns räumlich näher liegen. Denn von der Gascogne bis Lappland und in den Norden Asiens hinauf zieht sich, nur hier und da auf längere Strecken von Bergen, Dünen und Marschen unterbrochen, der sumpfige Gürtel, und nicht minder als an jenen flachen Gestaden finden sich Moore tief im Innern unseres Kontinents, auf dem Rücken der Gebirge und Hochebenen. Als die eigentlich klassischen Länder dieses Typus sind jedoch Irland und Holland berufen. Während in dem ersteren ein Siebentel der gesamten Fläche von Sümpfen eingenommen wird, sagt von dem letzteren Hugo Grotius, der sonst sein Vaterland mit freudigem Stolze preist, die Natur habe es seinen Bewohnern als eine unfertige Skizze hinterlassen, die weder Wasser noch Land sei. Und mit gleichem Rechte darf nun dieses Wort auch auf die angrenzenden deutschen Küsten übertragen werden, auf welche ich jetzt vornehmlich den Blick zu lenken wünschte. Hier am Saume der großen deutschen Tiefebene treten uns die Moore in gewaltiger Ausdehnung entgegen und gestatten der Phantasie, Gegenwart und Vergangenheit unseres Planeten ahnend zu verknüpfen, indem sie uns die erdbildende Kraft der Organismen unmittelbar vor Augen stellen. Hier insbesondere eröffnet sich uns zugleich ein annäherndes Verständnis für die großen Prozesse, in denen einst aus den Trümmern untergegangener Urforste die Lager der Steinkohle entstanden. Denn zuvörderst steht ein Teil der Moore selbst über versunkenem Waldwuchs. Alte Annalisten überliefern, daß einst wüstes Dickicht das Land um die Rheinmündungen umgab und gleicherweise lag auch Jütland im Dunkel seiner Forsten verloren. Jetzt ist jede Spur davon verschwunden; was nicht das Meer hinabgerissen oder der Flugsand überweht hat, bedeckt das Moor; ja, in den jütischen Mooren erkennt sich deutlich, daß ganze Reihen von Baumgeschlechtern dort begraben worden: Espen und Birken lagern im Grunde, über ihnen Föhren und Eichen, bis zuletzt die Buche gefolgt ist. Dennoch wird man die Beispiele der eigentlichen Waldmoore, mindestens solcher, in denen der Zerstörung noch immer neue Verjüngung folgt, nicht sowohl an den deutschen Küsten, als vielmehr in den Sumpfwäldern Polens und Litauens und vor allem in den vielgenannten »Teufelssümpfen« zu suchen haben, welche in langem Zuge die amerikanischen Südstaaten umgeben. Dort scheinen die Riesenstämme mitten aus dem Wasser herauszuwachsen: Cypressen und Zedern treten zu hohen Säulengängen zusammen und breiten, überwuchert von Ranken virginischen Efeus und wilden Weins, dichte Nacht um sich her, indessen Alligatoren, Schildkröten und Schlangen die Tiefe bevölkern. Wir wiederholen: die deutschen Küsten bieten nichts, was solchen Bildern auch nur annähernd gliche, und der Waldwuchs gehört so wenig mit Notwendigkeit zum Charakter ihrer Moore, daß in den meisten nur die unterste Schicht mit einzelnen verwitterten Baumresten durchschossen ist, in noch anderen sich diese Zeugen einer entwickelteren Vegetation überhaupt nicht finden. Dagegen haben nun einen um so wesentlicheren Anteil an der Bildung derselben die Gräser, Moose und Heiden ; es ist, wie so oft im Haushalt der Natur, die Macht des Kleinen, welche hier das Große schafft. Möglich, daß selbst der Name, mit welchem man in Oberdeutschland diese Bodengestaltung benennt, darauf deutet: denn man spricht dort wohl von einem Moos , einem Ried , einem Filz , während der ursprünglich niederdeutsche Ausdruck Moor in seiner Verwandtschaft mit »Morast« und »Meer« allgemein auf eine Mischform von Land und Wasser hinzuweisen scheint. Und dieser Begriff wird zunächst festzuhalten sein. Wo das Moor auch auftrete: immer ist es ein Stück Urnatur, ein sumpfiges Gemisch, in dem die Elemente gleichsam noch nicht geschieden. Das Land ist noch nicht der feste Grund, den der Mensch betritt, bewohnt; das Wasser ist noch nicht die klare freie Welle, die rauschend ihre Straße zieht; und wie die Tierwelt dieser Striche, so ist auch die Pflanzenwelt eine amphibiotische, und nicht das bloß – sie ist, wenigstens soweit es die Moose angeht, im wörtlichen Sinne eine lebendtote, indem sie nach unten immer absterbend, nach oben immer neue Triebe schickt, so daß der zarte Faden dieser Stengel gleichsam ohne zu altern Geschlecht mit Geschlecht verknüpft. Fragt man nun aber, wie man sich Ursprung und Wachstum der Moore zu denken habe, so sind je nach den Arten derselben verschiedene Antworten möglich. Doch wird in allen Fällen als erste Bedingung des Moores ein stehendes, seichtes Gewässer angenommen werden müssen, da nur dieses (infolge der mangelhaften Erneuerung des Sauerstoffs) den eigentümlichen Zwischenzustand zwischen vollem Leben und vollem Vergang möglich macht, den wir als Vermoderung bezeichnen, und der zu den charakteristischen Phasen der Moorgewächse gehört. Eine derartige Ansammlung und Stockung des Wassers aber setzt wiederum eine bestimmte Gestalt und Beschaffenheit des Bodens voraus. Es bedarf muldenartiger Vertiefungen , fester, undurchdringlicher Erdbecken , wo Moore sich bilden sollen. In den Senkungen der Ebenen, zwischen den Hügelzügen der Dünen, auf den Jochen und den Tälern der Gebirge rieseln die Wasser unsichtbarer Quellen und atmosphärischer Niederschläge zusammen und bilden, in undurchdringlicher Mulde zurückgehalten, seeartige Flächen. Aber nun nimmt auch sofort die Sumpfbildung ihren Anfang, sei es daß dieselbe von der überschwemmten Pflanzendecke des Grundes aus erfolge, sei es daß auf der Oberfläche des Wassers ein neues organisches Leben sich ansiedle und absterbend in die Tiefe sinke, um dort mit anderen absterbenden Organismen sich zu mischen und Schicht auf Schicht zu häufen. Im ersteren Falle wächst das Moor von unten auf : es ist ein Unterwassermoor ; im anderen Falle findet der umgekehrte Weg der Bildung statt, es wächst gleichsam von oben nach unten: wir haben ein Ueberwassermoor vor uns. Noch entsteht freilich zuvörderst kein Moor im strengeren Sinne; wohl aber füllt sich je länger, je mehr das Wasser mit einem dunkeln Schlamme, in dessen Falten nun diejenigen Pflanzen zu keimen beginnen, welche den eigentlichen Typus des Moores bedingen. Dies sind, wie bemerkt, die Gräser und in einem noch höheren Grade die Moose und Heiden. Wo erstere vorherrschend auftreten, da spricht man von Wiesenmooren , und sie finden sich fast nur in der Ebene, zumal an den Ufern und auf den Wasserscheiden langsam strömender Flüsse, während diejenigen Moore, deren Erzeuger und Nährer vorherrschend Moose und Heiden sind, sowohl dem Gebirge als der Ebene angehören und Hochmoore genannt werden. Merkwürdige Beispiele der ersteren kennt man im Gebiete des Steinhuder Meeres und an anderen Punkten Westfalens und Hannovers. Dort, wo das Meer zum Teil noch im Wachstum begriffen ist, sinkt und steigt es je nach dem unterirdischen Wasserstände, der wieder durch das Steigen und Sinken der benachbarten Flüsse bedingt ist. Es schwimmt sonach im eigentlichen Sinne des Wortes. Dennoch ist es fest und mächtig genug, um bebauet zu werden: es trägt Gärten und Felder, Wiesen und Gehölze, selbst einzelne Häuser, und nur bei außergewöhnlichen Hochfluten geschieht es, daß das Wasser in die letzteren dringt oder daß ganze Erdstrecken mit allem, was darauf steht, losgerissen und selbst fortgetrieben werden. Indessen so interessant die derartigen Moorbildungen sind, so stehen sie doch an Ausdehnung wie an Bedeutung den Hoch mooren nach, so daß es gerechtfertigt sein dürfte, wenn sich unsere Betrachtung ausschließlich den letzteren zuwendet. Wohl hat man zu allen Zeiten die Vegetation der Moose bewundert, die in ihren Zwerggebilden die großen gegliederten Formen des Pflanzenreichs gleichsam spielend wiederholt; allein gerade die hier in Rede kommenden Arten des Torfmooses blieben vielleicht um so weniger beachtet, je weniger ihnen Schmuck der Farbe und Gestalt zukommt. Kaum mag etwas reizloser sein, als diese schlüpfrigen Knäuel dünner, schlaffer Stengel und Blättchen, die unsere Sümpfe mit einem trüben Grün überziehen, das nur im Sonnenlicht fahlrötlich schimmert und zuletzt farblos verbleicht. Aber abgesehen davon, daß einzelne Arten (Sphagnum acutifolium, Sph.cymbifolium) sich allerdings nicht selten in feuriges Purpur oder in leuchtendes Gelb kleiden, gestaltet sich nun der innere Bau und das Leben dieser Gewächse desto beachtenswerter. Denn in den zarten, anscheinend so kraftlos herabhängenden Verzweigungen derselben arbeitet unaufhörlich eine Reihe eigentümlicher schlauchartiger Gefäße, die gleich Pumpwerkzeugen begierig die Feuchtigkeit der Luft und des Bodens saugen und, im Vereine mit dem schlammigen Hautgewebe des Stengels, das Wasser gleichsam binden, so daß die Moospolster auf solche Weise in der Tat zu vegetabilischen Quellen werden und eben daher die kaum zu erschöpfende Zeugungskraft empfangen. Mit jedem Winter zusammensinkend, treiben dieselben in jedem Frühling höher und massenhafter empor, indem sich unmittelbar an die modernden Spitzen die frischen Sprossen heften. Der üppigste Wuchs aber findet sich meist in der Mitte des Moores. Hier in der größten Tiefe des Beckens, wo die Bildung desselben begonnen, wuchert das Moos oft in mehr als fußhohen Jahresschichten, und steigt selbst hügelartig auf, so daß die ursprüngliche Fläche dieser Moore sich allmählich in eine Wölbung verwandelt. Den Beweis dafür gibt fast jedes der ebendeshalb sogenannten Hochmoore. In den Teufelssümpfen Carolinas erhebt sich die durch Gase und Wasser aufgeblähte Masse gegen die Mitte hin über 12 Fuß, und im Kanton Neuenburg ist das Moor von les Ponts derart angeschwollen, daß zwei Dörfer, welche auf den Kalkfelsen der gegenüberliegenden Seiten erbaut wurden, einander seit Jahrhunderten durch den Buckel des Moores verdeckt sind. Ja, die seltsame Sumpfbinse hebt und senkt sich zuweilen je nach den Einflüssen der Witterung, daher denn die am Saume solcher Moore gelegenen Ortschaften wechselnd einander bald wahrnehmen, bald aus dem Gesichtskreise entschwinden. Eben diese Wölbung endlich, wie sie den eigentlichen Ausgangs- und Höhepunkt des Moores bezeichnet, wird nun wohl zugleich die Ursache seiner Erweiterung. Denn wenn zwar die Wasser in den Haargefäßen der Moose ununterbrochen emporgehoben werden, so vermag doch der triefende Schwamm die Ueberfülle nicht festzuhalten; sie entweicht vielmehr allgemach nach den tiefer liegenden Rändern, um hier neue Kolke zu bilden, aus denen neue Sümpfe und Moore sich erzeugen. So breiten die Moore sich aus, und so wachsen sie empor, solange nicht ein fester Erdriegel Schranken setzt oder die Zufuhr des feuchten Elements aufhört. Und selbst da, wo die Wasser sich endlich einen Ausgang bahnen – und wie mancher Bach nimmt hier seinen Ursprung! – wachsen die Moore noch fort, indem die Moose schon durch die atmosphärischen Niederschläge hinlänglich genährt werden. Aber zugleich bereiten sie nun in ihrem filzartig verworrenen Gewebe abermals den Keimen höherer Gewächse eine Stätte: die unverwüstliche Heide kommt, die eigentliche Charakterpflanze der Hochmoore; Ried- und Wollgräser gesellen sich hinzu und stellen sich zu kleinen inselartigen Kuppen zusammen; um sie her setzt sich vom Winde zusammengetrieben der Sand der Dünen und der Staub der Aecker; es treten die ersten festen Punkte in der gährenden Masse hervor, und nicht lange, so streckt hier ein Strauch, ein Birken- oder Erlenbusch die Wurzel in den neuerstehenden Boden. Wo endlich das Moor überhaupt aufhört zu wachsen, mag sich allmählich ein dichter zusammenhängender Teppich darüberspannen, aber unter dem Tritt des Fußes erzitternd verrät er noch immer die verborgenen Wasser. Handelte es sich darum, an einzelnen Beispielen die räumlichen Dimensionen dieser Bildung zu veranschaulichen, so dürfte die Angabe genügen, daß die Moore des linken Emsufers – das berüchtigte Bourtanger Moor und der Twist – eine Fläche von 25 Quadratmeilen einnehmen, eine größere als manches Herzogtum; und doch sind diese nur ein Glied jener Kette von Sümpfen, die sich vom äußersten Westen des norddeutschen Tieflandes bis in die Fluren Westfalens und in die vielberufene Lüneburger Heide fortzieht; doch finden sich Hochmoore auch auf dem Kamme des Erzgebirges und der Sudeten, auf dem Schwarzwalde und in den Alpen, in Höhen von drei-, vier-, fünf- und siebentausend Fuß. Denn so hoch (7000 Fuß) liegen die Moore der Oetztaler Ferner. Nicht minder wechselnd ist aber auch die Tiefe derselben. Es gibt Moore, welche noch nicht zehn Fuß messen; die meisten der unseren haben vielleicht eine doppelte Mächtigkeit, während in noch anderen der Bohrer fünfzig und sechzig Fuß eindrang, ohne die eigentliche Sohle zu finden. Man überzeugt sich, daß diese Bildungen nur ein Werk von Jahrhunderten sein können. Aber in geheimnisvolle Stille hüllt die Natur ihre Tätigkeit, und nur allmählich mag der Wissenschaft gelingen, mit Sicherheit die Stadien des Prozesses festzustellen, indem hier, wie in einem Schattenbilde des Lebens, Organisches und Unorganisches ineinandergreift. Oft findet man noch tief unter der Oberfläche die Pflanzen unversehrt, so daß bloß das lockere Gefüge und das dunklere Braun die begonnene Vermoderung verkündigt, bis dann das Grabscheit auf einen flüssigen Schlamm und weiterhin auf eine schwarze formlose Masse stößt, die kaum noch in einzelnen Resten ihren Ursprung erkennen läßt und zusammengetrocknet als ein erdiger Staub erscheint. Aber eben in ihm nun tritt uns ein neues Produkt, eine wirkliche Neubildung entgegen, die der Steinkohle verwandt, »zwischen Organischem und Unorganischem die Mitte haltend, in gleichem Maße das Interesse des Geologen und des Botanikers in Anspruch nimmt«. Unsere Sprache nennt dieses Erzeugnis mit einem bei fast allen europäischen Völkern ähnlich wiederkehrenden Worte »Torf«. Wenn derselbe gegenwärtig in der Reihe der Brennmaterialien eine der wichtigsten Stellen einnimmt, so war doch auch früheren Zeiten, denen der Wald noch in unerschöpfter Fülle zuwuchs, ein Gebrauch desselben nicht unbekannt. Schon in den Tagen der Ottonen und wohl noch vordem grub man an der Nordseeküste den von der Flut bloßgelegten Torf, um aus der Asche ein dürftiges Salz zu gewinnen, und hierauf gehen in einer dramatischen Stelle der Frithjofsage die Worte des Helden, wenn er vor König Ring erscheinend, sagt: Das einst mich trug, mein Seeroß, es liegt gelähmt am Land; Selbst bin ich alt geworden und brenne Salz am Strand. Ja, bereits im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt berichtet Plinius von diesem Stoffe. In der Schilderung, welche der gelehrte Römer von den Urbewohnern der friesischen Gestade gibt, ruft er staunend aus: »Welch ein elendes Volk, das sich an einen Boden klammert, um den unaufhörlich die Elemente streiten! Mit dem Wasser des Regens löscht der Chauke seinen Durst; mit schlammiger Erde, die er im Winter dörrt, nährt er das Feuer, seine froststarrenden Glieder zu erwärmen.« Allein von diesen frühesten vereinzelten Anfängen war noch weit bis zu einer eigentlichen nationalökonomischen Ausbeutung des Torfs. Die ersten Schriften darüber sollen dem fünfzehnten Jahrhundert angehören, und bis dahin blieben die Moore denn auch meist sich selbst überlassen. Es waren Sumpfwüsten, in die hier und da ein unsicherer Pfad sich verlor, durch die hier und da ein künstlicher Damm zu bewohnten Stätten führte: leere Blätter im Buche der Kultur und der Geschichte. Ganz zutreffend freilich wäre ein solcher Ausdruck dennoch nicht. Denn wie in den Mooren die Natur ununterbrochen Leben aus Leben zeugt, so entbehren sie auch jenes Hintergrundes historischer Erinnerung nicht gänzlich, der uns selbst die ödeste Stätte zu einem Gegenstände der Teilnahme macht. Ist doch derselbe Boden, über den sich jetzt die dunkle Decke breitet, nicht immer dem Strahl der Sonne entrückt gewesen. Hat hier doch einst auf grasreicher Trift der Nomade die Herde geweidet, im Dickicht des Waldes der Jäger das Wild verfolgt, oder auf stiller Bucht das Fahrzeug des Fischers seine vergänglichen Gleise gezogen. Indessen nicht diese Ahnungen und Dämmerbilder einer unvordenklichen Zeit sind es, die ich meine. Denn die geschichtliche Bedeutung der Moore beruht nicht sowohl auf dem, was sie unter sich begruben, sondern auf dem, was sie selbst sind ; und hier darf man nun wohl sagen, daß sie kaum weniger als die Gebirge den in und hinter ihnen wohnenden Geschlechtern zu einem Bollwerk der Freiheit gedient haben. Eben jenen Chauken und Friesen, deren Wohnsitze uns Plinius so treu beschrieb, galten den Römern als die edelsten und tapfersten unter den deutschen Stämmen, und die Friesen haben ihren stolzen Wahlspruch »lieber tot, als Sklav!« durch Jahrhunderte bewährt; aber sie konnten es nur, weil die Natur mit ihrem Mute im Bunde stand. Ihre ganze Geschichte, ihre republikanischen Gemeinden, ihre Kämpfe gegen die bischöfliche Gewalt und gegen den Ehrgeiz der Häuptlinge, ihr altes eifersüchtig bewachtes Recht, wonach nirgends auf friesischem Boden weder Burg noch Mauer sein und kein Haus bis zum Dache über zwölf Fuß messen sollte – dies alles begreift sich erst aus der Beschaffenheit dieses Landes, das, soweit es nicht ans Meer stieß, inselartig im Moore lag und seine alten Kirchen meist auf künstlichen Erdaufwürfen errichtete. Es ist mehr als einmal vorgekommen, dass feindlich eingedrungene Reiterscharen plötzlich vor sich und hinter sich die Dämme durchstochen fanden und, von den rings ansteigenden Wassern festgebannt, der Rache der Bewohner verfielen. Mußte doch selbst ein deutscher König – der 1248 in Aachen gekrönte Wilhelm von Holland – im Moor von Medelyl ein frühes ruhmloses Ende nehmen. Wir erinnern uns ferner an England und den großen Alfred. Auch dort dehnten sich vor alters weite Moore, so dass Cäsar sagt, was der Brite eine Stadt oder eine Feste nenne, sei meist nichts anderes als eine in Waldsümpfen gelegene Verschanzung. Der römischen Kriegskunst zwar vermochte eine solche Verteidigung auf die Dauer nicht zu widerstehen; aber als hier acht Jahrhunderte später ein ungleich längerer und mörderischerer Völkerkampf entbrannte, da waren es die Sumpfinseln von Somerset, in denen Alfred eine letzte Zuflucht fand, und von denen aus er – der Verlorene, Totgeglaubte – in einer Reihe ruhmwürdiger Schlachten das Land seiner Väter zurückeroberte. Und um noch eines anderen, nichtgermanischen Stammes zu gedenken, wie lange haben einst die Esten ihren Drängern getrotzt! In der Mitte wüster Wälder, von Mooren umgeben, erhoben sich die »Maalin«, die Bauernburgen, in denen sie die Kämpfe um ihre nationale Unabhängigkeit bestanden. Die größte derselben, die Soontagana, im Awaftimoor, wurde im Dezember 1216 nach blutiger, den Deutschen verderblicher Gegenwehr erstürmt; aber noch heute steht der alte Erb- und Steinbau, den Esten ein Ort frommer Scheu und tragischer Erinnerung. – So bildet das Moor gleichsam eine natürliche Festung. Wenn nicht das Eis seine Massen bindet und überbrückt, ist es nur auf schmalen, oft fußhoch überschwemmten Pfaden zugänglich, und wehe dem Wanderer, der die trügerische Straße verliert! Wohl mag er mit dem Springstock von Mooshügel zu Mooshügel setzend, sich retten; aber ein Fehltritt kann verderblich werden. Wo dann nicht augenblickliche Hilfe kommt, zieht der schwarze Schlund langsam und unentrinnbar sein Opfer hinab. Daher war es auch eine vor alters verhängte Todesstrafe, Verurteilte ins Moor zu versenken: man ließ sie, wie jene Zeiten sagten, »den Guabbeltrank trinken«. Es wird erzählt, daß Harald Blauzahn von Dänemark auf diese Weise die norwegische Königin Gunhild umbrachte, die er mit verräterischer Tücke nach Jütland geladen. Sie war gekommen und verschwunden, fast ohne daß eine Spur geblieben oder die Sage auf eine solche zu deuten gewagt hätte. Da tat nach Menschenaltern die Tiefe selber ihren Schoß auf, um spät, aber unwidersprechlich Harald des Mordes zu zeihen. Unversehrt hatte sie den königlichen Leichnam bewahrt: er war zur Mumie geworden und sogar der Pfahl und die Bande, mit welchen man die Unglückliche gefesselt, waren völlig erhalten. Diese Erzählung aber stellt zugleich einen früher nur angedeuteten Zug aus dem Bilde des Moores in neues Licht. Wie das Moor an den Gletscher erinnert, sofern es gleich diesem ein Wasserspeicher ist und wohl einen See, einen Fluß nährt, so teilt es mit demselben auch die Eigenschaft, die in seinem Schoße begrabenen Körper vor wirklicher Auflösung zu schützen. Moor und Gletscher wehren der Fäulnis. Daher sind gerade die ersteren zu kulturhistorisch wichtigen Fundgruben geworden, aus denen oft überraschende Zeugnisse längstvergangener Zeiten zutage treten. Wir wollen auf den Bericht über Gunhilds Ermordung und Auffindung kein weiteres Gewicht legen, zumal ihm eine verlässige Beglaubigung fehlt; aber was soll man sagen, daß selbst jene Holzbrücken, jene pontez longi Lange Brücken. wieder aufgegraben wurden, auf denen im Jahre 15 nach Christi Geburt der Unterfeldherr der Germanicus seine Legionen durch die Sümpfe der Niederweser zurückführte? Nicht höher als vier Fuß hoch hat das Moor den Balkenbau überwachsen, aber die lockere Hülle genügte, um durch achtzehn Jahrhunderte hindurch ihn in alter Tüchtigkeit zu erhalten. Worauf diese »antiseptische« Kraft des Moores sich begründe, ist zur Zeit noch eine Streitfrage. Hat diejenige Meinung vielleicht geringere Wahrscheinlichkeit, welche die Erscheinung aus den harzreichen Stoffen erklärt, mit denen Heidekräuter und verwandte Gewächse das Moor erfüllen, so ist dagegen um so gewisser, daß derartige Bestandteile den Wert des Torfes für den menschlichen Haushalt sehr wesentlich erhöhen. Bloßer Moostorf gibt bei lichter Flamme eine spärliche Wärme, während derjenige Torf, der aus den Resten holziger Pflanzen besteht, starke Hitzgrade entwickelt und daher um so brauchbarer ist. Allerdings aber bedarf er eben darum einer durchgreifenderen Bearbeitung. Es kann hier nicht darauf ankommen, im einzelnen das harte Gewerbe des Torfgräbers zu schildern. Wohl aber wird, wer es liebt den Anfängen menschlichen Tuns und Schaffens nachzugehen, auch mit Teilnahme den irren Schritten folgen, auf denen zuerst die Kultur entwildernd in das Moor gedrungen. Nicht als ob den einsamen Sumpfbewohner und seine verfallende Hütte irgendwelcher idyllische Reiz umwebte. Denn meist war es die Not, wo nicht gar das Verbrechen, das dort ein karges Brot und eine Zuflucht suchte. Allein, wer möchte wiederum leugnen, daß es in jedem Falle der mutigsten, entsagendsten Ausdauer bedurfte, um in die unwirtbare Wildnis hinabzusteigen und in ihr zu leben? Wenn der Auswanderer unsrer Gebirge jenseit des Ozeans landet, so wartet seiner Hoffnungen sicher manche Enttäuschung; aber seiner Arbeit wartet doch auch ein Acker, seiner Herden ein Weideland; über seinem Lager rauscht der Wald, und wiegt kein Strom ihm den Nachen, so fehlt ihm doch nicht der tränkende Quell. Hier? – Hier ist nichts von alledem. Mitten in der weiten Oede steht der Mensch, das Grabscheit in der Hand, die schwankende Scholle unter den Füßen, und heftet an den einen Punkt sein Leben. Die schwarze Erde soll ihm Feld und Flur, Haus und Herd werden; aber auch diese Erde muß sein Arm erst aus den Wassern heben, die sie mit tausend Adern durchziehen. Vom Rande einer jener Sandblößen, jener »Tangen«, die – vielleicht ein Rest früherer Dünen – zungenartig ins Moor verlaufen, beginnt der Ansiedler das Werk. Er setzt prüfend da und dort den Spaten ein. Nun zieht er eine Furche, erweitert die Furche zum Graben, dringt durch Sumpf und Stumpf, bis er die Flußrinne des Moores erreicht. Damit hat er die erste, aber auch die notwendigste Arbeit getan. Denn dieser Graben ist der Pfad, der ihn mit der Welt der Lebenden verbindet. Erst nachdem er auf solche Weise dem ringsherquellenden Wasser einen Abzug eröffnet hat, ist ihm auch der Grund und Boden gesichert, auf dem er seine Wohnstatt errichtet. Freilich welch eine Wohnstatt! Der »Moorker« hat weder Balken noch Stein; dafür setzt er die Torfquadern in mauerdicken Schichten aufeinander; Reisig und Röhricht müssen ihm das Dach decken, und damit auch ein Strahl des Tages in die Höhle schlüpfe, ist irgendwo eine Oeffnung freigelassen. Drinnen, auf einem Haufen Sandes glimmt von früh bis zum Abend ein Torffeuer; draußen aber reift ihm ein Streifen niedrigen Krautes das unschätzbare Korn, aus dem er sein schwarzes Brot bäckt und sein tägliches Mahl bereitet. Allein nicht dies kleine Buchweizenfeld – der eigentliche Acker des Torfgräbers ist die Wüste ringsum. Dort in den laufgräbenartigen Gängen, in den Gruben und Schachten, die er gewühlt, findet er eine Ernte, die keiner Saat bedurfte, und da steht er nun selbst, der Mann im erdfarbenen Kittel, den Fuß mit Stroh umwunden, um nicht zu versinken, und schneidet und schaufelt die modrige Masse aus, da formt er sie in mühevoll roher Arbeit, läßt sie von Wind und Sonne trocknen, bis er sie endlich zu jenen Kegeln und Pyramiden aufgetürmt, die gleich den Lagerzelten eines seltsamen Steppenvolkes in weite Ferne dunkeln. Aber wie oft lähmt ihm das Fieber die Glieder! wie oft zerstören die Herbstregen sein Werk! Und nun erst der Winter! Wenn dichte Schneemassen das Moor sperren und mit der Arbeit zugleich der dürftige Verkehr mit der übrigen Welt aufgehört hat, dann sitzt der Torfgräber eingeschlossen in seine raucherfüllten Wände, und abgerechnet die seltnen Stunden, da er an einem Spinnrad schafft, starrt er dumpfbrütend in die Herdflamme, oder er sucht dann und wann eine andere ferne Hütte auf, um von den Sagen der Moore, von den gespenstischen Schrecken zu erzählen, mit denen seine Furcht die Einsamkeit bevölkert. Denn ein geistiges Leben gibt es hier nicht, und mehr als irgendwo sonst hat Unwissenheit und Aberglaube den Sitz unter diesen versprengten Vorkämpfern einer späteren Moorkultur aufgeschlagen. Freilich, wer sie darum anklagen wollte, der würde vergessen, daß eben hier die Natur selbst noch gleich einem Chaos liegt. Soweit das Auge reicht, dehnt sich leblos und lautlos die düstre Fläche. Da singt kein Vogel, grünt kein Baum. Hohl wie um Alpenfirnen braust der Wind, und selbst der Himmel entrollt seltener sein leuchtendes Blau. Kommt mit ihren Nebeln die Nacht, dann regt sich wohl die Brut der Sümpfe; aber sie regt sich wie im Traum: ein Unkenruf – ein Eulenschrei – vom Schilf her der Klagelaut eines Moorhuhns – dann wieder ödes Schweigen. Wohl möchte man fragen, ob die Dichter und das Volk unrecht haben, wenn sie hierher ein Reich der Unholde und Dämonen verlegen. Und doch, würde man antworten müssen, ist es nicht bloß der Nimbus des Grauens, der das Moor umgibt. Denn auch hier kommt der Frühling, Leben und Farben zu wecken. Oft freilich starrt im Moor noch das Eis, wenn draußen längst die Blüten um Strauch und Baum schimmern. Aber unter dem Strahl der ansteigenden Sonne sprießt nur um so eiliger das junge Grün, und bald zeigt, an den Boden geschmiegt, manch feines Kraut die rosigen Sträuße, und wo die Wasserbecken sich sammeln, prangt ein Nixengarten von Iris und Seerosen, und zwischen den Halmen der Rohre spielt seltnes Geflügel: ein stummes märchenhaftes Weben und Sprossen allenthalben. Und nun sieh dieses schwarze Moor, wenn der Morgen es vergoldet! Sieh es, wenn im heraufziehenden Wetter Blitz um Blitz aus seinen Wassern zurückflammt! Sieh es im Purpur des Abends unendlich ergossen! Fürwahr, das ist nicht mehr die düstre schreckenerfüllte Wüste, sie ist Leben und Licht, und herzbewegend verkündigt auch sie, daß die Erde überall des Herrn ist. Aber auch hier hat der Ewige sie dem Menschen zu einem Leben gegeben, und er hat sie ihm gegeben, nicht daß er, ein Verbannter, das immer gleiche Joch der Tage trage, sondern daß er mit Menschen menschlich lebe und seiner Kräfte froh die Aufgabe des Daseins erfülle. – Gestehen wir es: die ersten Versuche, auf den unsichern Grund des Moores den Fuß zu setzen, hatten kaum ein anderes Interesse als das eines Abenteuers. Wie ein Schatten taucht die Gestalt des Torfgräbers über der nackten Wildnis auf, und oft mag der Arme ärmer, als er gekommen, in die Welt, die er verlassen, zurückkehren. Aber da tritt nun in seine Fußftapfen ein anderes Geschlecht, das sich nicht begnügt, den toten Boden in tausend Schollen zu zerstücken, ihn mit Karst und Pflug für ein neues Leben bereitet. Jener war nur der Pfadfinder; der eigentliche Besitzergreifer ist, der nach ihm kommt: der Ackerbauer , und erst mit ihm beginnt hier die Epoche einer dauernden Kultur. Es ist bekannt, daß Holland, dieses Land der Deiche, Kanäle und Schleusen, das im vollen Sinne des Wortes eine Schöpfung seiner Bewohner genannt werden kann, auch für eine derartige Bewältigung der Moore das erste und glänzendste Beispiel gegeben hat. Die Sümpfe der Vendée, die Brüche des östlichen und mittleren Deutschland sind teilweise selbst durch herbeigerufene Holländer entwässert worden, ebenso hat gegen den Ausgang des 17. Jahrhunderts an den nordwestlichen Küsten unseres Vaterlandes das Werk der Urbarmachung begonnen. Hier zwar, wo die Moore in übermächtiger Massenhaftigkeit auftreten, vermag auch vereinte Kraft nur schrittweis vorzudringen, und große Gebiete werden, als Schatzkammern des Torfs, dem Ackerbau für immer verschlossen bleiben müssen; allein nichtsdestoweniger zieht dieser Jahr um Jahr neues Land aus den Gewässern hervor. Um es fürerst tragfähig zu machen, genügt es, die Pflanzendecke desselben in Brand zu stecken. Denn die Asche der Pflanzen liefert ein kräftiges Mittel der Befruchtung, und schon der römische Landmann wußte das. Die Moorbrande aber geben nun freilich ein Bild, wie es ähnlich sich vielleicht nur in den Steppen wiederholen mag. Wenn die ersten Sonnentage des Vorsommers gekommen sind, dann schreitet auf hohem Holzschuh der Moorbauer über den trockengelegten Grund, den er vorsorglich bereits in kleine Felder geteilt und mit Wasserzügen umgeben hat. Der Windrichtung entgegengehend, schwingt er an langer Stange das mit Kohlen gefüllte Becken, und ringsher Feuer säend, steht er alsbald mitten in den dampfenden Wirbeln; er hat zu schüren, zu löschen, in jedem Augenblick das Element zu bemeistern. Denn es gilt vor allem, den Brand langsam und gleichmäßig zu verbreiten und die Pflanzen mehr verkohlen als verbrennen zu lassen, da nur im ersteren Falle ein günstiger Erfolg erwartet werden kann. Meistens ist es ein kleineres Feld, das auf diese Weise in Angriff genommen wird: in der weiten Fläche ein verschwindender Punkt. Aber wie hier, so regen sich allenthalben fleißige Hände; schon zuckt da und dort ein anderes Feuer auf, Punkt reiht sich an Punkt, und bald wölkt sich, Erde und Himmel verhüllend, der schweflige Qualm. Dies ist der Höhenrauch , seit einem Jahrhundert ein Gegenstand mehr noch der Fabel als der Forschung. An den Stellen seines Ursprungs erhebt er sich, wie sorgsame Beobachtungen ergeben haben, bis 10 000 Fuß in die Atmosphäre; und wohl wird dies begreiflich, wenn man bedenkt, daß allein in und um Ostfriesland eine Fläche von 4O 000 Morgen den Moorrauch versendet. Aber ungleich überraschender ist seine weite Ausbreitung. Denn unaufgehalten von dem Damme, welchen unsere Mittelgebirge ihm entgegensehen, führen ihn die Winde wohl bis zu den letzten deutschen Grenzen, an den Fuß der Karpathen und Alpen. Da, wo er sich lagert, spinnt Dämmerung über Wald und Feld, und die Sonne blickt bleich und strahlenlos durch den unheimlichen Dunst, der alles bedrückt, was atmet und lebt. Draußen aber, im Moor, streut nun der Ansiedler das Korn, das fürerst sein ein und alles ist, ins graue, oft noch heiße Aschenfeld. Es leuchtet ein, daß auch diese Art der Bebauung nicht genügen kann, da die Kraft des unbefruchteten Bodens sich schnell erschöpft. Was ihn fruchtbar machte, war einzig und allein die Heide, und wie schnell ist diese Decke bis auf die letzte Faser verschwunden! Dann bleibt nur das tote Moor, das an sich vielleicht noch unfähiger ist, ein Leben zu erzeugen, als der hier und da unter und neben ihm gelagerte Sand. Daher sieht sich der Moorbauer, ähnlich dem Tabakspflanzer Virginiens, meist schon nach einem halben Jahrzehnt genötigt, sein Feld aufzugeben. Unaufhörlich muß er neue Strecken in Brand setzen, und hätte er nicht den Torf und seine Herde, er würde kaum zu bestehen vermögen. Ja, oft vermag er es wirklich nicht. Wenn am Ende die dürftige Narbe abstirbt, von der das genügsame Schaf sich nährt, dann verfällt er mit Weib und Kind einem Elende, das zu schildern die Feder sich sträubt. Aber auch abgesehen von solchen entsetzlichen Katastrophen, ist jedenfalls die eigentliche Bändigung des Moores nicht sein Werk: dazu bedarf es eines neuen, größeren Aufgebots der Kräfte. Aber wie auf den Torfgräber der Moorbauer folgte, so folgt nun wohl dem Moorbauer der »Fehntjer«, der Kolonist der »Fehn«. Denn mit diesem altfriesischen Worte, das ursprünglich soviel als Sumpf bedeutet und auch in dem Namen Finnlands wiederkehrt, werden endlich jene großen Anlagen der holländischen und niederdeutschen Küstenmoore bezeichnet, die in der Tat beweisen, daß hier die Natur einen Segen der Fruchtbarkeit verborgen hat, der nur der hebenden Hand wartet, um mit reichem Gewinn zu lohnen. – Zwar sind, wie bemerkt, auch die Moore der Vendée längst für den Anbau gewonnen. Gleich einzelnen weißen Marksteinen schimmern da die Meierhöfe aus der einförmigen, labyrinthisch vom Wasser durchschnittenen Ebene, und es ist ein anziehendes Schauspiel, wenn am Morgen eines Sommersonntags aus all diesen Oasen die kleinen Kähne hervorschlüpfen, alle dem fernen Turm des Kirchdorfs zustrebend. Sie führen die Frauen und Mädchen zur Messe, während die Burschen, die bequeme Fahrt verschmähend, den hohen Springstock in der Hand, über Moor und Feld und Gräben demselben Ziel entgegeneilen. Allein wie freundlich immer, das deutsche Fehn ist nicht bloß ein freundlicheres, sondern ein achtunggebietenderes Bild. Hier ist das Moor in der Tat überwunden. Die schwarze Erde ist bis zum Grunde abgebrannt, abgeschwemmt, abgetragen; die Wasser, in breitem Bett gesammelt, ergießen sich in den Fluß oder ins Meer, und nachdem so in einer Arbeit von Menschenaltern gleichsam die Urgestalt der Erde wieder aufgedeckt worden, hat eine wirkliche Neuschöpfung begonnen. Allerdings finden sich solcher Fehne auf deutschem Boden verhältnismäßig erst wenige. Unser Boot gleitet vielleicht stundenlang zwischen engen, dunkeln Ufern dahin, ohne daß ein Laut oder eine Gestalt des Lebens die stygische Fahrt unterbräche. Da plötzlich – wir täuschen uns nicht! – taucht drüben mitten im Blachfeld ein Mast empor, ein Mast mit Wimpel und Segel, bald ein zweiter, ein dritter – noch ein Augenblick – noch eine Wendung, und vor uns dehnt sich eine breite Wasserstraße mit Fahrzeugen aller Art bedeckt. Es ist der Kanal der Fehn, die sogenannte »Wieke«. Als habe uns ein Zauberschlag in eine neue Welt versetzt, ziehen in wechselnden Bildern Schleusenwerke und Schöpfmühlen, Zugbrücken und Kais, üppige Felder und Wiesen und Herden dem Auge vorüber. Bald erheben sich große Stapelplätze, wo Berge Torfs lagern; aus nahen Werften dröhnt Gehämmer, über hohen Schloten wirbelt der Dampf, und durch die Luft streichen – befreundete Boten – Flüge von Tauben und Schwalben. Aber jetzt teilt sich der Kanal. Rechts und links, gleich dem Geäder eines Blattes, springen im scharfen Linien die »Inwieken«, die Seitenkanäle aus, und hier bauet sie selber, die Moorstadt sich auf: schmucke, ja vornehme Häuser, von blühendem Weißdorn umgeben, von Linden überschattet, im Wasser der »Vart« (des Hauptkanals) sich spiegelnd. In ihnen wohnt das älteste Geschlecht, das längst den vollen Segen von der Arbeit der Väter und Vorväter geerntet hat. Hinter ihnen, weiter hinaus, folgen die bescheidneren Wohnungen derer, die einst die Diener jener waren: holländisch saubere Ziegelbauten, mit weiten Toren und geräumigem Gehöft. Draußen endlich die Hütten der jüngsten Ansiedler, der Arbeiter, klein und eng; aber auch vor ihrer Schwelle liegt im Wasser ein Torfkahn, und hier wie dort rühriges Leben, emsiger Fleiß. – Das ist das Fehn, und so erzählt es gleichsam selbst seine Geschichte. Aber es zeigt dem erstaunten Blicke nur Bilder in aufsteigender Linie: »auf den Fehnen gibt es keine Armen«; auch der Kätner, wenn er mit seinem Schiffchen an den Häuserfronten der »Herren« vorüberfährt, braucht ihnen den Wohlstand nicht zu neiden, sondern darf hoffend in diesem Spiegel die Zukunft des eigenen Besitztums ahnen. Ja, selbst wenn das Moor seine Hoffnung täuschte, würde ihm doch noch allezeit das Tor zum Meere offenstehn. Denn das ist nun das eigentümliche der Fehne und darin liegt eine Bürgschaft ihrer dauernden Blüte, daß derselbe Kanal, dem diese einsam im Moore versteckten Stätten ihr Entstehen und Bestehen verdanken, sie auch unmittelbar am großen Weltverkehre teilnehmen läßt. Wer das Torfschiff zu lenken versteht, der lernt bald auch das Steuer des Kauffahrers regieren und pflügt vielleicht Jahrzehnte lang die See, um erst altersmüde heimzukehren und ruhig zu genießen, was er draußen in Gefahr und Kampf gewann. Daher werden Fehne zugleich zu Pflanzschulen eines tüchtigen Schiffsvolkes, und jede Art seemännischer Industrie und Bildung findet auf ihnen Pflege. Bereits überläßt auf einzelnen derselben je länger, je mehr die jüngere kräftigere Bevölkerung den Anbau der Scholle anderen, schwächeren Händen, so daß Fehne dieser Art gleichsam nur die Filiale großer Seestädte sind und der eigentliche Lebensquell derselben zuweilen jenseits des Ozeans gesucht werden muß. In anderen und entlegeneren Gründungen dagegen ist und bleibt der Ackerbau das gesegnete Fundament ihres Gedeihens. Wir wiederholen: es gibt solcher Fehne auf deutschem Boden nicht eben viele. Man zählt deren im Oldenburgischen 5, im Arembergischen 1, in Ostfriesland 20, während im Gebiete von Bremen, dessen Erzbischöfe schon in sehr früher Zeit die Ränder des Moores zu kolonisieren suchten, der Name »Fehn« überhaupt nicht gebräuchlich ist und die betreffenden Anlagen schon zufolge der sie durchziehenden Landstraßen einen abweichenden Charakter tragen. Ueberdies aber ist einzuräumen, daß der Verlauf der Kulturentwicklung in den Mooren keineswegs überall der gegebenen Darstellung entspricht. Einige Moorkolonien, die unglücklichsten von allen, blieben auf der ersten der vorher gezeichneten Stufen stehen; andere, und ihrer sind die meisten, gehören jener zweiten Klasse der eigentlichen Moordörfer an, welche sich fast mehr auf den Besitz der Schafherden als auf den Ackerbau stützen. Dagegen sind einige der bedeutendsten Fehne sogleich von Anfang an als solche angelegt. Unter ihnen ist Papenburg an der Ems für das älteste und größte bekannt. Ein weitblickender, opferfähiger Mann, Dietrich von Veelen, hat es ins Leben gerufen. Als er im Jahre 1675 den Gedanken der Anlage faßte, fand er außer der verfallenen Sumpfburg jenes Namens nichts als einige elende, mitten im Moor verlorne Hütten vor, und da niemand Lust trug, sich an dem hoffnungslosen Unternehmen zu beteiligen, vermochte er nur erst durch Versprechungen großer Freiheiten holländische Kolonisten herbeizuziehen. Von dem Augenblicke an begann das Moor zu verschwinden. Jetzt, nachdem fast zwei Jahrhunderte vergangen, erhebt sich an der Stelle jener Torfhütten auf einem Umfange von zwei Stunden eine Stadt, die 780 Häuser und 3 Kirchen zählt, die eine Navigationsschule und eine Handelsflotte von mehr als 180 größeren und kleineren Schiffen besitzt und sich immer steigenden Wachstums erfreut. Ja, man hat berechnet, daß die Gemeinde von Papenburg in ihren noch unbearbeiteten Moorfeldern – den Kubikfuß des schwarzen Schlamms zu einem Pfennig angenommen – noch ein Vermögen von mehreren Millionen Talern unter der Erde stehen habe. Am See. Sieh drunten auf dem See im Abendrot Die Taucherente hin und wieder schlüpfend; Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot, Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend; Seltsames Spiel! A. v. Droste-Hülshoff. 1. Nächst der Luft ist keins der vier Elemente, welche nach des Dichters Ausdruck »die Welt bauen«, so überallhin verbreitet als das Wasser . Ueber 6½ Millionen Quadratmeilen mißt die Fläche, welche der Ozean bedeckt, und einst ruhte auch die jetzt bewohnte Feste unter der Flut. Wann sie zuerst ihre Berge und Ebenen und damit eine ganz neue Schöpfung zum Lichte emporhob, welche Revolutionen damals den Planeten erschütterten, wird schwerlich je die Forschung zu enthüllen vermögen. Aber noch gebiert sich ununterbrochen im Schoße des Meeres eine Welt von Wesen. Es lebt in seinen Wellen ein Reich der Tiere und Pflanzen, das zwar nicht an Vollkommenheit und Schönheit, wohl aber an Fülle und Mannigfaltigkeit jenes der Kontinente weit zu übertreffen scheint. Unsere Wälder bergen, wie Charles Darwin behauptet, nicht so viele Tiere als die niedrige Waldregion des Ozeans, wo Tanggesträuche und Fucuszweige ihr zartes Laub entfalten, und selbst da, wo in bergetiefe Nacht kaum ein Schimmer des Lichts hinabdringt, regt sich 's allenthalben lebendig. Darum geschah es in richtiger, tiefbegründeter Ahnung, wenn griechische Philosophen das Wasser »den Ursitz und die Mutter des Lebens« nannten, oder wenn Inder und Aegypter betend an heiligen Strömen knieten und in ihnen die sichtbare Gottheit selbst verehrten. Ohne Wasser würde in der Tat nichts Lebendes bestehen. Wäre es möglich, daß mit einem Male seine Schleusen spurlos versiegten, dann müßte alles hinsterben, was atmet und sproßt, und die Erde würde nur das Medusenantlitz einer Wüste zeigen. Aber »gleich einer sorgsamen Mutter«, die ohne zu ermüden jedem Bedürfnisse helfend entgegeneilt, wandelt das Wasser in ewigem Kreislauf seine Bahnen, allenthalben seine Wohltaten verteilend. Unter unsern Füßen, im Innern der Erde, ungesehen und ungehört, sprudelt es bald in zahllosen Gängen und Adern, bald sammelt es sich zu mächtigen Becken und Seen, zu »versiegelten Brunnen der Tiefe«, wie die Bibel so treffend sagt. Oder es tritt heraus ans Licht und zieht als segenbringender Strom durch die Länder und Städte der Menschen, freudebrausend dem großen Weltmeere entgegen, oder es öffnet auf dem Hochgebirge den Quell, die Gemse und das dürstende Moos zu tränken. So reicht das Meer mit seinen Wasserfäden durch und über alles Land bis hinauf zu den hängenden Gärten der Alpen, zu den ewigen Schneefirnen dort oben. Ueberall umgibt und beherrscht uns des Wassers Fülle, wenn es auch nicht überall von den Augen wahrgenommen wird. Denn so weit dieses Element verbreitet ist, ebenso verschiedengestaltig ist es auch. Ein wunderbarer Proteus verflüchtigt es sich unter dem Hauche der Wärme in Nebel und Dampf und webt dann jene blauduftigen Säume um die Ferne, oder es steigt empor und bildet die ewig wechselnden Dekorationen des Himmels, während es sich unter dem Drucke der Kälte zu Schnee ballt oder in Hagel und Eis verfestigt. Man kann nicht leugnen, daß jede dieser Gestaltungen ein eigentümlicher poetischer Reiz begleitet. Sind Wolken und Nebel phantastisch und sehnsuchterweckend, so hat der Schnee in seiner fleckenlosen Weiße, in seinem leisen, traumhaften Niederschweben und in seinem ebenso wunderbaren Verschwinden etwas Friedevolles und Märchenhaftes. Grausig dagegen wirkt der Hagel , wenn er aus plötzlich verhängtem Gewölk seine Geißel auf die Aehrenfelder herabschmettert und in seinem Geleite der Sturm verheerend über die Wälder stürzt: es sind die gespenstigen »Schleuderer des Luftheeres«, die erbfeindlichen Mächte des Chaos, die dem Menschen grollend entgegenwettern. Das Eis endlich blickt uns erstarrend an; aber es hat zugleich etwas Geheimnisvolles, wenn wir über die berstende, krachende Fläche gleitend uns vorstellen, daß der Geist unter uns nur in einem Zauberschlafe liegt, aus dem er plötzlich und mit unentfliehbarem Grimm erwachen könnte. Indessen bedeuten alle diese Wandelformen doch nur wenig gegen das Wasser selbst, gegen das fließende, freie, lebendige Element. Seine reizende Durchsichtigkeit, sein klarer Spiegel, der melodische Rhythmus seiner Bewegung, das leuchtende Grün und Blau der Wellen üben eine stille Macht über jeden Sinn, und fast möchte man behaupten, daß selbst der schönsten Landschaft die Seele fehle, wenn nicht das feuchte Element ihre Schönheit zurückstrahlt. Αριστον μέν γδωρ Sprich: áriston men hydor . (Wasser ist das Beste) ist wahrlich nicht bloß für den Arzt oder Landbauer gesagt. Es gibt kein großartigeres Epos als das erdumgürtende, himmelspiegelnde Meer und keinen kühnern Dithyramben als den Katarakt, ber brausend und dampfend in den Abgrund stürzt. Aber man hat gar nicht nötig, so gewissermaßen zu den äußersten Spitzen aufzusteigen, um das Wasser in seiner Schönheit zu sehen. Schon sein erster Ursprung ist ein Bild von außerordentlicher Lieblichkeit. Der Quell, der Bote der Berge, wie unzählige Male haben ihn die Dichter besungen! Da hängen in den Wipfeln die Nebel, der Schatten tropft kühle Perlen, von jedem Blatt und Halm trieft es, und nun sickert und wühlt und schlüpft es in die Erde hinein und rinnt zusammen und wird lebendig. Kein Auge sieht das Wunder, Berggeister stellen sich hütend um seine Wiege; aber dort, wo der Felsen sich spaltet, haben sie einen Pfühl von Sand und Moos hingelegt, und mitten inne geht das Quellchen auf. Unermüdlich brodelt es hervor. Es spielt Ball mit den kristallenen Körnchen, und so leise lullt es in sich hinein, daß auch das Ohr des trinkenden Mäuschens nichts vernehmen mag. Aber hat das Elfenkind erst einmal das Licht geschaut, so eilt es von dannen. Espen und Weiden kommen und breiten die grünen Arme darüber, als wollten sie das flüchtig festhalten mit ihm zu tändeln, oder sie beugen sich horchend in das Gemurmel, das so märchenhaft durch die Stille klingt. Und nun hinaus aus dem Wald! hinab ins Tal! Welch ein ganz anderer, neureizender Anblick ist dort der Fluß , die schweifende, blitzende Silberlinie durchs Gelände schwingend! Friedliche Herden spiegeln sich in seinen Wassern, wogende Aehren antworten seinem Rauschen, ein Gebüsch, ein Hain drängt sich heran und stellt auf sanften Hügelkuppen seine Vorposten auf, indes ganz nahe ans Ufer schon die Erle sich schleicht und neugierig scheu den Fuß ins lockende Bad taucht. Aber jenseits in geschütztem Busen versteckt sich eine Mühle, ein stilles Dörfchen, oder mit Turm und Mauern erhebt sich geräuschvoll die Stadt. Gewiß, es sind schöne Bilder, diese Bilder des Wasserlebens. Und selbst der Dorfbrunnen noch, das kunstlos gehöhlte Rohr, aus dem die gefangene Najade sich ergießt, ist schön und hat etwas von dem schmeichelnden, sinnbeschwichtigenden Reize des Elements in sich. Tieck sagt irgendwo, daß gerade die rauschenden Brunnen in Rom ihm das Herz so sehnsüchtig geschwellt, und Eichendorff schafft seine eigentümlichsten Szenen, wo er die einsamen Schlösser schildert, deren verfallene Fontänen durch die Mondnacht murmeln. In der Tat, das Wasser ist ein geistiges Element, es spricht uns wahlverwandt an, und gewiß war es kein leeres Spiel unserer Sprache, daß sie vom See auch der Seele den Namen lieh. Schon im Gotischen saivs und saivala. Eine eigentümliche, besonders schöne Gestaltung nimmt das Wasser in dem ebengenannten See an. Quell, Bach, Fluß eilen unaufhaltsam vorüber, ein Bild des unaufhaltsam eilenden Lebens. Daher hat das Gefühl, welches sie in uns erwecken, so mannigfach es sich auch sonst färben möge, immer den Grundton der Sehnsucht: die ziehende Welle zieht auch uns mit fort; wir versenken uns in sie, bis sich, ihr gleich, Auge und Sinn ziellos in unbekannte Fernen verlieren. Lenau sang: Die Seele sieht in ihrem Leid Sich selbst vorüberfließen. Diesem entgegengesetzt wirkt der See. Er ist ein »stehendes« Wasser, in breite, große Becken gesammelt. Er entbehrt der gleitenden mäandrischen Linien, die schon Homer am Skamander rühmt, und nur vom Sturm erregt, rauscht sein Gewässer. Dafür aber gibt er jeden Ton des Lichts, jede Stimmung der Luft in reinem Spiegel wieder. Frisch und heiter am Morgen, weich und sehnend bei Abend, gespenstisch im Nebel, feierlich, wenn der Sternenkranz über ihm strahlt, zieht seine glatte, unbewegte Welle in der Tat den Himmel auf die Erde. Dazu tritt der Ring des Ufers hier wirksamer als bei irgendeinem Wasser hervor. Die wechselvolle Umrahmung schließt den See zu einem Ganzen, zu einem fertigen Bilde ab, und wie sie der Welle Schranken setzt, so hält sie auch das Gefühl des Betrachters in beruhigter Grenze. Die sonnigen und doch versteckten Buchten geben den Eindruck des Heimlichen und Heimischen, die sanfte Woge ladet zur Rast; friedeatmend breitet ein Idyll sich aus. Und doch wiederholen keineswegs alle Seen dieses Bild. Dazu greift die Szenerie der Ufer und selbst die Farbe des Wassers hier zu bedeutsam ein. Der dunkelumschattete Bergsee wird schon immer einen tiefern, romantischeren Charakter haben als der Landsee, dessen hellen Spiegel breite Wiesensäume sonntäglich freundlich, aber einförmig umschließen. Wieder anders gestaltet sich der Eindruck auf kahler Hochebene. Man denke an den Mummelsee auf dem Schwarzwalde. Vgl. J. Kerner, das »Wildbad«. S. 27 Dort in einer weiten, stillen Moorfläche, in der kaum ein Gesträuch der Krummholzkiefer sich fristet, nur von fahlen Seggen umgeben schlägt das finstere Wasser seine Wellen. Kein Fisch wird sichtbar, selten ertönt das Geschrei der Wildente oder der Ruf des Auerhahns in der beängstigenden Stille, und über den Himmel ziehen schwer und langsam die Wolken. Hier fühlt man sogleich, daß man im Banne düsterer Sage steht: die Geister grausiger Balladen tauchen aus der Tiefe. Aehnlich stimmen Seen in den Kesseln erloschener Krater, wie etwa der Lachersee am Rhein. Die Oede der vulkanischen Umgebung, in der die tiefen Wasser unbewegt stehen, wirkt melancholisch, aber zugleich feierlich und großartig, indem sie an die gewaltigen Naturkämpfe erinnert, die hier einst getobt. Wie wunderbar reizend erscheint gegen diese der grüne, bis zum Grunde durchsichtige Alpensee: ein Feenmärchen im Schoße der Waldberge beschlossen! Und nun gar die herrlich offenen Spiegel Italiens, Schottlands und der Schweiz, die großen Kristalle, um die eine gleichsam in der Natur verkörpert Phantasie den ganzen Reichtum ihrer kühnsten und prächtigsten Schöpfungen hergestellt 2. Der See, an den die nachfolgenden Skizzen sich knüpfen, darf neben so stolzen Namen nicht stehen. Es ist ein kleiner, unscheinbarer Landsee. Im nördlichen Teile der Altmark, etwa fünf Stunden westwärts der Elbe gelegen, bildet er eines der Wasserbecken, welche von Norden herab über die große europäische Tiefebene verstreut sind und die das weichende Meer einst hier zurückließ. Erdfälle mochten den Kessel des Sees erweitern (wie denn ein solcher noch im Ausgang« des 17. Jahrhunderts stattfand), so daß das Oval desselben in der Längenrichtung sich reichlich drei Viertelstunden ausdehnt, während seine Breite eine halbe Stunde und darüber messen mag. Gleich den meisten andern Seen schreibt der Volksglaube auch diesem unergründlich« Tiefen zu, durch die das Wasser mit dem Meere in Verbindung stehe. In ihnen birgt sich die Nixe des Sees, deren launisches Spiel jene Strudel und Wirbel in den Spiegel zeichnet, die der Fischer mit geheimem Grausen vermeidet, denn dort reißt die Hexe ihr jährliches Opfer hinab. Rings um unsern See zieht sich ein sandiges, hier und da in sachten Höhen ansteigendes Ufer. Auf einer derselben liegt das Städtchen, welches vom See den Namen führt. Gärten verdecken es, nur die Kirche und unmittelbar unter ihr das Getrümmer eines Benediktinerklosters treten dicht an den Rand der Uferbrüstung heran. Die übrigen Höhen sind teils mit Kiefergebüsch bewachsen, teils blicken sie nackt und weiß in den Spiegel. Nach den andern Richtungen hin verflacht das Ufer völlig und bekleidet sich dafür zum Teil mit dichterem Waldwuchs. Wo dieser fehlt, strecken sich Aecker eines Dörfchens, während dieses selbst hinter Laubgruppen und den ins Wasser tretenden Buschweiden verborgen bleibt. Dies ist die einfache, ja dürftige Szenierung. Aber wie hebt die sterile Landschaft nun der in ihrem Schöße flutende See? Novalis hat das Wasser »das Auge der Landschaft« genannt, Bezeichnend heißt im Hebräischen ajin das Auge und der Brunnen . Auch möge man sich hierbei des Glaubens an weissagende Quellen und Brunnen erinnern, den Griechen, Orientalen und Germanen miteinander teilen. und ebenso nennt der heutige Palästinenser seinen See von Tiberias; auch der kleine norddeutsche Landsee noch beweist das Treffende dieser Bezeichnung, denn auch er ist der beseelende Spiegel, der lebensvolle Fokus seiner Umgebung. Ich erinnere mich lebhaft – wenn anders erlaubt ist auf solche Empfindungen zurückzugehen – des Eindrucks, den dieser See auf mich machte, da ich ihn, allerdings zu ungewöhnlicher Stunde, zum ersten Male sah. Es war eine Milde Dezembernacht, die Luft wolkentrüb und schwer, kein Stern blickte; aber ein bleicher Schein rann durch die alles erfüllende Dämmerung: es mochte der Mond sein, der vielleicht eben über den Horizont stieg. Ein Waldweg hatte mich plötzlich an das Ufer des Sees gestellt. Aber welch ein Anblick! Ueber mir, unter mir, vor mir dehnte sich das graue Nichts, und vergebens versuchte das Auge es zu gestalten und zu durchdringen. Einsame Stille lag umher; über der öden Leere zitterte immer seltsamer jenes fahle Licht, als verlösche die letzte der Sonnen und rolle nun auch die Erde in die uralte Nacht hinaus. Da rang der Mond sich durch die Trübe, der Zauber schwand, und, ein endloses Nebelmeer, wallte der See zu meinen Füßen. Wie ganz anders erschien diese Szene im Sonnenlicht und in der beruhigten Stimmung des Tages! Im glänzendsten Azur, scheinbar unbewegt, liegt der See wie ein blitzender Saphir, rings vom Ufersande sauber, fast blendend umsäumt. Der nordische Dämmerschauer ist hinweggenommen, ein offener Himmel blickt heiter über Nähe und Ferne und vertieft sein lichtes Blau in der Spiegelfläche, während die Föhren ihre dunklen Häupter in hellen, weichen Massen abzeichnen. Alles atmet Leben und Frische, obschon die Ufer in winterlicher Erstarrung stehen. Es ist die Zeit, in welcher der See das reichste, rührigste Tierleben auf seinen Wassern versammelt. Die Sommergäste sind fortgezogen, die Möve, die Schwalbe, der Reiher, der Strandläufer haben den milden Süden aufgesucht; nur der Steißfuß (Podiceps) ist geblieben, aber zu ihm gesellen sich von Norden kommend die verwandten Arten der Taucher (Mergus) , die Wildgans, zahllose Entenvölker und manch anderes seltneres Geflügel. Dort über jenen Tiefen rudert still geschäftig ein vereinzeltes Paar; es ist der Steißvogel ( Podiceps cristatus ). Der Kopf nickt in lächerlichem Takt, und deutlich zeigt sich der dreist vordrängende Pfriemenschnabel, deutlich die schwarze Haube, sonderbar gehörnt, als habe der Vogel nach Schreiberart eine Feder hinters Ohr gesteckt, und der noch sonderbarere, scharf abgestutzte Halskragen. Ein dumpfes Kork! Kork! läßt sich hören. Der nie gesättigte Taucher ruft dem Weibchen zu, und nun stoßen sie in die Tiefe, fünf bis zehn Klafter hinab. Vergebens erwartet man das Emporsteigen des meisterlosen Fischers, endlich – du zählst indes vielleicht einige Hundert – hebt er sich drüben in weiter Entfernung wieder aus den Wassern, um bald von neuem zu verschwinden. Ehedem verachtet, ist dieser scheue, schnelle Vogel, dieser »Wasserhase«, wie ihn die Mexikaner nicht unpassend nennen, jetzt ein vielgesuchtes Ziel für die Flinte des Jägers. Sein kostbares, blendendweißes Seidengefieder (der Schmuck so mancher Dame) reizt zur Nachstellung. Aber nur selten belohnt sich die dabei aufgewandte List und Ausdauer. Denn gelingt es auch, dem Vorsichtigen zu nahen und zu feuern, so taucht er beim ersten Blick des Pulvers hinab, und mit fabelhafter Geschwindigkeit, ehe der Schuß ihn erreicht, hat er die sichere Tiefe gewonnen, oder er eilt lautpfeifenden Flügelschlags über die Wasserfläche, weit aus dem Bereiche des Feuergewehrs hinweg. Selbst getroffen schüttelt er den bleiernen Hagel noch oft genug wie spielend ab von der harten Haut und dem elastischen Federwamms, welches ihn dicht umhüllt. Indessen lenkt ein ununterbrochenes Getümmel den Blick auf die großen Einbuchtungen des Sees. Tausende von Wasservögeln bedecken dort in unabsehlicher Linie den Spiegel. Da sind die Scharen der Stockente ( Anas boschas) , der Knöckente ( A. querquedula ), der Pfeifente ( A. penelope ), die Gruppen der Kriekente ( A. crecca ), dazwischen die sonderbar gehaubte Kolbente ( A. rufina ), der Gropper mit den leuchtenden Perlenaugen ( A. leucophthalmos ), das zierliche weißgestirnte Wasserhuhn ( Fulica atra ) und im grünglänzenden Federbusch der stattliche Säger ( Mergus merganser ). Und in welchem Tumult von Tönen wetteifert diese Welt! Welch ein Stöhnen und Schnattern, Schreien und Pfeifen, Plärren und Schnarren. Doch halten sich alle in scheuer Ferne; nur das Bläßhuhn spielt zutraulich in den nahen Rohren und Binsen. Wird es erschreckt, so stößt es einen scharfen, fast bellenden Schrei aus. Es will sich aufschwingen; aber unfähig zum vollausgespannten Fluge läuft es mit raschen Füßen in langem, rauschendem Zuge dahin, gleichsam als galoppiere ein Reiterchen über den Spiegel, und fällt endlich fern vom Ufer, schwer ins Wasser. Plötzlich kracht ein Schuß. Wie durch Zauberschlag sind alle die vielstimmigen Kehlen verstummt; aber noch ist der Knall nicht verhallt, und unter wahrhaft betäubendem Donner erhebt sich das ganze gefiederte Heer. Weithin schäumt und wogt der See. Im wildesten Aufruhr, kreischend und schnatternd, schwingen sich die schwarzen Geschwader durch die Luft und umkreisen zu ganzen Wolken die Mitte des Sees, um sich zuletzt ungefährdet wieder niederzulassen oder, wenn der Abend dämmert, auf die benachbarten Brüche, Gräben und Sümpfe abzustreichen. Dann legt sich Stille über den See; nur der einsame Haubentaucher schwimmt noch umher, und ein krank zurückgebliebenes Huhn sucht am Ufer ein schützendes Gebüsch. Es ist die Zeit, wo der Fuchs heranschleicht und den Seerand auf- und abzieht; er wird den gelähmten Vogel belauern oder, mißlingt die Jagd, an einem von der Welle ausgeworfenen Hecht sich für diesmal genügen lassen. Aber diese Uebergangszeit ist nicht geeignet, den See in seinen Reizen erscheinen zu lassen. Der Himmel zeigt selten ein wolkenloses Blau; meist hüllt er sich in Regen und Dunst, und das öde Grau nimmt sich in dem tiefen, weiten Spiegel nur um so öder und wüster aus: ein Eindruck, der durch die gänzliche Erstorbenheit der Landschaft noch erhöht wird. Nur der wirkliche Winter leiht dem See eine eigentümliche Poesie. Wenn der alte Magus aus Norden in seiner flimmernden Schneekappe herabsteigt und Wälder und Felder mit Flocken bedeckt und den Strom im Laufe ergreift, daß er steht: dann gibt der See ein anziehendes Bild. Es ist Januar. Der Schnee fällt. Aber es ist nicht mehr das traute Wintermärchen der Weihnachtstage, es sind nicht die kleinen stillen Sternchen, die so wunderbar leise wie verzauberte Frühlingsblüten herunterschweben; finstere, stürzende Schauer begraben alles Leben. Wohin das Auge sieht, wirbeln die Flocken in windgepeitschten Wolken: ein chaotischer Hexentanz, den die Wintergnomen höhnend über der toten Erde aufführen. Die Vorsprünge der Uferhöhen verschwinden allmählich, sie sind in abenteuerliche Koppen oder in lange Rücken verwandelt, und die Tiefen zwischen ihnen liegen verschüttet. Da und dort kugelt sich der Wind in dem weichen Lager und baut sich Bogen und Nischen, oder er zieht lange Wellenfurchen über die Fläche. Die Kiefern stehen gebeugt. Sie haben sich schauernd in den weißen Mantel gehüllt und schicken sich zum Schlaf an, in den alles umher schon versunken. Der See allein ist noch unbezwungen. Hoch wogen seine Wasser auf, als fühle er schon den tötenden Odem, dem seine Kraft erliegen muß; kein Ufer, nichts als die Wolkennacht des Himmels spiegelt in der aufgeregten Flut: so liegt sie da mitten in der weißen Oede wie ein ungeheurer schwarzer Schlund. Endlich wird das Schneetreiben schwächer, und der Wind läßt müde seine Flügel sinken. Alles ist weiß. Der Fuß knirscht im Schnee; an den Bäumen hängen lange Eiszotten; die Ferne, drüben die Seeufer liegen wie gehaucht, nur ihr Umriß dämmert aus dem Horizont herüber. Erstarrende Kälte fesselt nun auch das letzte Zucken des Lebens. Aber der See will keine Bande. Am Rande zwar, in den Wassern des Röhrichts beginnen schon die Wintergeister ihr kristallenes Netz zu spinnen, einzelne Eisstrahlen schießen zwischen Halm und Sträuchern an; doch die große Wassermasse liegt noch frei und schlägt dunkle, zornige Wellen. Sie kämpft mit dem Reste ihrer Kraft gegen den immer stärker andringenden Feind. Das ist ein wunderbares, imposantes Schauspiel. Aus allen seinen Tiefen, zumal der Mitte zu, wo im Grunde laue Ströme quellen, haucht der See die innere Wärme aus, und nun steigt in Wirbeln und Säulen der weiße Dampf aus den Schlünden wie aus ebenso vielen Schloten. Senkrecht und unbewegt stehen sie über der dunklen Fläche. Es sind die Pfeiler, auf denen die Nacht ihr Nebelhaus baut. Wirft die Abendsonne ihren Purpur in die Szene und durchglüht sie die dunstenden Tromben mit gebrochenem Scheine, dann wird der Anblick zauberisch schön. Spukhaft aber und geisterartig gestaltet er sich im Dämmerlichte des Mondes, als wandelten da die alten Nebelkönige in langen Gewanden feierlich auf und ab oder rüsteten sich zum Reigen. Auf solche Abende folgen dann bitterkalte Nächte. Der See, ein Spiegel, schläft und sieht sich am Morgen bei Sonnenaufgang gefesselt: die Gnomen haben ihr Werk vollendet. Nun werden mit jedem Tage die Bande fester. Das Eis liegt eine Elle dick, am Rande grau, in der Mitte tiefschwarz: eine einzige blendende Stahldecke, nur fernerhin in leisen Duft gehüllt. Aber bald belebt sich die winterliche Bühne mit einem muntern Chor wechselnder Gestalten. Des »Kristalls Ebene« winkt dem Jüngling, der den Wasserkothurn zu beseelen weiß, und unter der beflügelten Sohle tönt der berstende Spiegel, wie der schnellende Bogen hinter dem Pfeil ertönt. (Klopstock.) In lustiger, bunter Kavalkade schwebt die Schar der Städter vorüber, indes der Dorfbube, dem nicht Klopstocks Stahl unter der Ferse blinkt, mit klappernden Holzpantoffeln hingleitet. Und überall tummelt sich's umher. Schlitten fliegen auf und ab; in malerischen Labyrinthen kreuzen die Läufer durcheinander, jetzt nah und nun fern verschwunden; ein Lastwagen rollt knirschend über die glatte Bahn, und der alte Fischer haut Löcher in den Spiegel, den hungrigen Hecht zu berücken. Das gläserne Dach ist so durchsichtig, das Wasser so tropfenhell, daß man die stumme Brut drunten klar erblickt und mit seltsamem Vergnügen ihrem zuckenden, schießenden Zuge folgt. Aber die meisten bergen sich jetzt in dem Geschling der Wasserpflanzen, die in dichtem Walde den Grund bedecken und in ihrem saftfrischen, gallertartigen Grün und in ihren reichen, verschiedengestaltigen Massen wie ein versunkener Frühling heraufblicken. Da fluten zahllose Fäden der Callitriche , leuchterartig nach allen Seiten die grünen Wassersterne hebend, dort wiegt der Wasserveiel ( Hottonia palustris ) die üppigen Federbüsche, weiter in die Tiefe breitet an dicken langen Rohrstielen das Laichkraut ( Potamogeton natans ) seine runden großen Blätter – grüne Schirmdächer, unter denen manches Fischchen schläft – und über alle ragt nun die Sumpfaloë (Stratiotes aliodes ) mit ihren scharfgezähnten Blätterschwertern, aus deren dichtem Büschel zehn bis zwanzig Fuß der schlanke Stengel emporsteigt. Es ist die Palme dieses Wintergartens, aber jetzt freilich fehlt ihr der zarte Schmuck der Blüte. Und immer grimmiger wird die Kälte. Weit hinab zerreißt der Nachtfrost das Eis, krachend und gellend. Aber damit beginnt zugleich das Werk der Zerstörung. Nach allen Richtungen berstet die starre Decke, und der Mitte zu kreuzen sich im verschlungensten Zickzack diese Sprünge und Spalten. Dort schlägt das Herz des Sees. Der schlafende Okeanide schüttelt sich; er hört in seiner Tiefe die lebenatmenden Winde, die fern aus Mittag heraufziehen und ihre Boten, dunkle Wolken, senden, und nun beginnt der alte Wettkampf der Elemente. Ist er freilich da ungleich großartiger, wo der Heerstrom in majestätischem Zorne schäumend seine Fesseln bricht, so fehlt es ihm doch auch hier nicht an Größe. Der Schnee verliert sein reines Weiß und stürzt und stäubt von Bäumen und Hügeln. Krähen und Raben kreisen über dem Walde. Der Südwind aber treibt immer neue Wolkenzüge über den Himmel, und erweichend durchströmt sein Hauch das Eis, so daß es ununterbrochen sich löst. Doch nur langsam, Block um Block, wird die alte Zauberfeste zertrümmert, und erst mit ihrer Vernichtung zeigt sich recht ihre Gewaltigkeit. In laueren Nächten, wenn Mine auf Mine springt und Bresche auf Bresche folgt, da ist die Zeit, den See zu hören und zu sehen. Die Nebel wogen über der Fläche, aber durch die Lüfte fliegt der Sturm. Wie auf ehernen Streitwagen rollt das wilde Heer heran, die Wolken jagen schwarz und in Ungetümen Knäueln durcheinanderwälzend vorüber, der Wald beugt heulend seine Gipfel. Alle Stimmen aus Höhen und Tiefen sind laut geworden und schlagen brausend zusammen. Dazwischen mischt sich das unaufhörliche Platzen und Bersten, das Krachen, Klingen und Dröhnen des Eises. Aber freilich, wer nie die Natur in solchem Aufruhr belauscht hat, dem werden Worte nicht leicht diese Szene malen. Denn diese Schlachtmusik, dieses dämonische Furioso der Elementargeister ist von der gewaltigsten Wirkung. Vom schrillsten Pfiff herab in wahrhaft schwindelnder Skala stürzt und springt der rasende Chor in die Tiefen eines Basses, dessen donnerndes Rollen erdbebenartig den ganzen Raum erschüttert, um plötzlich einmal mit einigen Bombenschlägen zu enden. Dann verschnaubt der Sturm wohl einen Augenblick und er orgelt abenteuerlich in sich hinein oder er singt seltsam wehmütige Lieder. Ihnen antwortet's aus der Tiefe wie heimliches Schluchzen; verlorenes Murmeln klingt, und das Gemüt erfassen wunderbare Schauer. Aber nur Minuten währt diese Ruhe, dann ruft Aeolus' Tuba von neuem zum Kampf. Endlich – Wochen sind vielleicht vergangen – endlich zerfällt der vom Sonnenstrahl zermürbte und vergilbte Spiegel. In der Mitte hat sich zuerst das Eis aufgelöst, und in raschem Vordringen, fast zusehends, bricht die befreite Welle Stück um Stück aus dem Bollwerk. Zuweilen greift eine lange Woge herüber und schleudert einen Eisblock ans Ufer, aber die nächste schon reißt ihn wieder hinab und zurück in den wirren Tanz der klirrenden, splitternden Schollen. In wenigen Tagen liegt der See offen und schlägt das klare Auge zum Himmel auf, an dessen blauem Bogen jetzt die weißen Lämmerwolken, des Vorfrühlings muntere Herden, heraufziehn. Nur hin und wieder liegt am Strande wohl noch ein Eisquader, trotzig in die Sonne blickend, bis auch er unter den emsig arbeitenden Strahlen zusammenschmilzt und in den Schoß des Wassers zurückkehrt. 3. Es bricht der Frühling aus allen Hecken und Winkeln unaufhaltsam hervor. Der Himmel schallt von Lerchenchören, aus dem Acker steigt der alte Erdatem heilend, nährend, verjüngend, und am Wasser sprießt und keimt es allerorten. Den umgestürzten Weidenstämmen, die dort schon Jahre lang in den See hängen, fährt es durchs morsche Mark und sie treiben neue Reiser, und aus den saftstrotzenden Ruten zupft die Sonne lange Blütenschäfchen. Auch das Röhricht steckt seine Fahnen auf; die Erdgänge und Uferhöhlen – der Winter hatte sie alle vermauert – kleiden ihre Schwellen mit Moos, und manche grüne Ranke kriecht herbei. Wenn der Himmel sich einmal verdunkelt, dann sprühen Frühlingsregen. Aber die Lerchen singen unverdrossen weiter; die Sonne blitzt in die Tropfen, die lustige Blasen auf den See werfen; die Frösche knarren behaglich, denn sie wissen nicht, daß mit den Sommerlüften auch der Storch gekommen ist, der alte Sumpfkönig aus Aegyptenland. Alles liegt in Duft, still und erwartend; ein ahnungsvoller, fast wehmütiger Hauch weht über der Erde. Wie schön stimmt zu diesem träumerischen Frieden dort das stille Dorf und hier vorn, wo das Erlengebüsch schon dichter schimmert, die alte strohgedeckte Fischerhütte! Sie ist malerisch mit Netzen staffiert, und aus dem Schornstein spinnt ein dünner Rauchfaden hinauf. Der Kahn liegt im Rohre versteckt, der alte Irin sitzt auf der Schwelle und bessert Reusen, indes er dem Enkel von der Nixe und ihren Tücken erzählt. Aber der hat die Augen auf dem See, und bald hat auch der Alte seine Mär vergessen, denn hoch über dem See schwingt sich in großen Kreisen der Wanderfalke . Jetzt hängt er regungslos mit ausgespannten Flügeln in der Höhe, wie angenagelt; aber plötzlich schießt er steilrecht herab. Es gilt einer Ente. Im Nu ist sie verschwunden, und der Falke umkreist reißenden Flugs die Fläche. Nur dann und wann steckt der geängstete Vogel den Schnabel aus dem Wasser, um Luft zu schöpfen, aber der Verfolger ruht nicht. Mit unwiderstehlicher Gewalt, als schmettere ein Stein herab, wirft er sich auf seine Beute und zuletzt, im gieren Griffe sie erhaschend, fliegt er kreischend davon, um drüben auf einem Hügel sein blutiges Mahl zu halten. Das sind Frühlingsszenen. Aber bald hat das letzte Wintergeflügel den See verlassen; die Möwen, die Reiher sind gekommen und mit ihnen der Sommer. Der See liegt im Schmuck seiner Ufer. Da sind die grünen Hügelabhänge mit den weidenden Lämmern, da sind die hellen Birken, die Weiden, die Erlen, manche Eiche, und da ist vor allem auch das Rohr , das Rohr, das uns so geheimnisvoll fremdartig, fast tropisch anblickt. Weit hinein in den See stellt es seine schlanken, immer wellenschlagenden, immer flüsternden Schafte, die Blätter so lang, scharf und fest, die Blüte in so prächtig braunen Büscheln nickend, und zwischen seinen Wurzeln schwimmt und schaukelt das Nest des Tauchers, spielt das rotäugige Wasserhuhn und die junge Fischbrut. Hinter diesem Hochwalde tritt das Schilf heran mit den samtweichen schwarzen Kolben, die Wasserdolde ( Butomus umbellatus ) hebt ihre rosigen Blütenschirme in die Luft, gelbe Lilien richten ihre Urnen auf, und das alles ist so frisch und massiv, so plastisch gestaltet, daß man ein Knabe sein möchte, begehrend und wagend die Hand nach dem Kranze der Najade auszustrecken. Aber das Schönste von allem sind doch die Seerosen , mit den breiten, fetten Blattschilden, auf denen die üppige Blüte hier goldglänzend, dort schneeweiß sich wiegt. In gefährlicher Tiefe wurzelt die Blume, unbewegt auf der Fläche ruhend und weite Gruppen bildend, über die hinaus endlich der Wasserranunculus seine weißen Sterne zu ganzen Blumeninseln häuft. Senkrecht fällt jetzt der Sonnenstrahl auf den See, der wie schmelzendes Silber wallt. Jede Welle glitzert; aber das Auge erträgt nicht die Blendung und sucht den Schatten. Ueber der Flut flimmert heißer Dunst, sonst regt sich nichts. Kaum daß noch etwa ein Fisch aufspringt oder eine Uferschwalbe über die Fläche streicht. Die Luft steht still, die Blätter hängen tot an Strauch und Baum, das Schilf läßt müde seine Schwerter funkeln, selbst die ewig bewegte Wolke der Möwen ist nicht mehr sichtbar, und auch der Rohrsperling sitzt stumm im Weidengebüsch. Aber dem Frosch ist's wohl; den breiten Teller einer Nymphäe hat er sich zur Ottomane erwählt, dort sitzt er und labt sein kaltes Herz am heißen Strahl. Man sucht einen Erlenbusch und legt sich ans Ufer. Das Wasser ist da so durchsichtig klar, die glatte Kieselstraße dehnt sich so sanft und weit hinein, die grünen Hage drunten schimmern so märchenhaft herauf, als ob uns selber die blaue Göttin lade in ihren unendlichen Schoß. (Schiller.) Die Seele verfällt widerstandslos der magischen Gewalt des Elements und, selber eine Welle, löst sie sich in den großen dunkeln Urgrund des Lebens auf. Das Wasser schlägt leise glucksend, wie im Schlaf, ans Ufer und zieht weiche Linien in den Sand oder wirft Halme, Fasern, Schnecken aus, seine Spur zu bezeichnen. Bachstelzen und Krähen kommen, einen Wurm, eine gescheiterte Muschel zu fangen; ein durstiger Schmetterling setzt sich auf ein feuchtes Steinchen, und über ihm steht mit glasigen Flügeln die Libelle, nur je zuweilen hin- und herzuckend. Man betrachtet verwundert dieses kleine Treiben, folgt hier dem zierlichen Vogelschritt, dort den Irrfahrten einer Phrygänenlarve, die im Rohrkanot das Ufer zu gewinnen sucht, oder den Mücken, die zwischen den Baumwipfeln wie an unsichtbaren Fäden schweben, auf tausend Wegen auf- und niederkreuzend. Inzwischen erwacht nach kurzer Ruhe die Wasserwelt. Ganze Herden von Fischen hüpfen auf der Oberfläche des Sees. Das ist ein Glitzern und Plätschern, ein Haschen und Huschen ohne Ende. Jetzt jagt lautschnappend der große Barsch heran – er trachtet den sorglosen nach; aber kaum naht er und im Augenblick ist alles zerstoben. Doch nicht lange, so sammeln sich neue Schwärme. Und nun sehe man das Hin- und Herschießen, das Auf- und Abtauchen, das wählige, wohlige Dahingleiten, dieses Fortrollen und dann wieder das plötzliche Stillstehen, das regungslose Versteinern dieser sonderbaren Tiergeschlechter! Nirgend zeigt sich ein arbeitendes Glied, jede Bewegung erscheint so mühelos, so zauberhaft leicht, als ob ein verborgener elektrischer Druck die schlanken Leiber jetzt vorwärtsschnelle, jetzt plötzlich banne. Das kleine Volk macht Jagd auf Mücken, Fliegen und Wasserspinnen; aber schon ist ein neuer Feind nahe und der gefährlichste von allen. Unten im Blättergewirr des Grundes, graubepanzert, lauert mit tückischen Augen der Hecht. Er steht unbeweglich. Plötzlich hat er einen Unvorsichtigen erspäht und in wildester Hast, pfeilschnell stürzt er hervor. Ein Moment und man sieht die langgestreckte, stiere, glotzende Masse, den Rachen weit geöffnet, zwei, drei Fuß über die Wasserfläche hinausspringen und dann schwer und plump in ihr Element zurückfallen. Ein laut klatschender Wellenschlag erregt den Spiegel, während der Räuber, seinen Fang im Genick gefaßt, in die Tiefe stößt, wo er den Fraß langsam und ruckweise hinabdrängt. Aber jetzt schwimmen weißumsäumte Wolken am Horizont herauf, und bald kommt's düsterdrohend gezogen. Die Uferschwalben werden lebendig. Der Taucher läßt aus dem Schilfe seinen melancholischen Ruf vernehmen: er verkündigt das Gewitter. Schon erfolgen auch einzelne Windstöße. Dann tritt abermals Stille ein, und der See glättet sich von neuem. Aber die Fläche ist jetzt tief dunkel. Den ganzen Himmel haben Wetter verhüllt; finstere Wolkentürme, riesige Gebirge mit zackigen Schneehäuptern steigen herauf und zeichnen ihre gewaltigen, immer kühner sich gestaltenden Reflexe in den See, bis die Sonne ganz versinkt. Nur auf der Klosterruine glüht ein letzter, tiefer Strahl. Da weht ein hohles Rauschen durch die Luft, ein dumpfverrollender Donner intoniert das große Drama. Und sausend springt der Wind auf, er wächst zum Sturm, zum Orkan und peitscht die Wellen, daß sie hoch aufspringen und der Schaum in weißen langen Flocken umherspritzt. Blitz um Blitz zischt in den schwarzen, tobenden Schlund, als wollten sie ihn voneinanderreißen, jede Welle brennt, und während Himmel und Wasser in einer Lohe aufschlagen, stürzt krachend der Donner die Wolkenberge hinunter, um nun in unaufhörlich wogendem, alles verschlingendem Groll über die zitternde Erde zu fahren. Und die Blitze versprühen, der Donner verhallt, und nun rauscht's unendlich ergossen. Eine einzige Wassersäule spinnt sich in Milliarden kristallener Fäden vom Himmel zur Erde und schüttet einen neuen See herab. Stunden vergehen. Endlich erschöpft sich die segnende Fülle, und der graue Schleier, der alles mit Nacht bedeckte, lichtet sich mehr und mehr. Klingend rieseln die letzten Tropfen herab, die Bäume ragen so ruhig und vollgesogen in die kühle, stille Luft, der See liegt wieder so klar, manchmal nur noch hin- und herschwankend, und doch arbeitet alles wieder der Abendröte entgegen. Welche unendliche Ruhe ringsum und dabei welche seelenzerschmelzende Sehnsucht! Die sinkende Sonne kleidet das Firmament in immer schönere Gewänder; zuletzt glüht der See wie eine himmlische Apotheose im herrlichsten Purpur, und darüberhin haucht violenduftig der Abend. Wo ist nun der eigentliche Himmel? Dort oben oder hier unten? Kähne gleiten über die Fläche, Reiher kommen langsam-stolzen Flügelschlags gezogen, aber hoch in den Wolken wirbelt noch eine Lerche, und hier vom Dorfturm und dort vom Kloster hallen die Abendglocken, und herüber und hinüber in langen, schwellenden Akkorden fluten die Klänge zusammen zu einem feiernden Chor. Da treten leise die Sterne aus dem Gedämmer; Mars der glühende kommt und Jupiter in herrlich ruhigem Strahl, bis endlich über den Föhren der Vollmond heraufsteigt und sein Licht über die geheimnisvolle Ebene ergießt. Tausend Funken webt er ins Spiel der Wellen, und über Wasser und Land hinaus bauet sich die goldene Säule, auf der er selbst wie eine Welt der Unsterblichen schwebt. Die Wolken. Oft sehn wir eine Wolke, drachenhaft. Oft Dunstgestalten gleich dem Leu, dem Bär, Der hochgetürmten Burg, dem Felsenhang, Gezacktem Berg und blauem Vorgebirg, Mit Bäumen drauf, die nicken auf die Welt, Mit Lust die Augen täuschend ... Des dunklen Abends Prachtgebilde. Shakespeare . Ein griechischer Denker hat gesagt, der Mensch sei geboren, um den Himmel und die Gestirne zu schauen, und in gleichem Sinne hat schon die Sprache jenes Volkes den Menschen Sprich: ánthropos. άνϑρωποϛ genannt, »den nach oben blickenden«. Es bedarf keines Hinweises, wie bedeutsam damit das Wesen desselben gezeichnet ist. Denn der Mensch schaut nicht bloß um sich und unter sich, wie das Tier, sondern in sich und über sich, und ehe hierfür noch sein geistiges Auge sich öffnet, erhebt sich verlangend sein leibliches Auge zum Himmel. Und in der Tat, wo in der sichtbaren Schöpfung gäbe es ein königlicheres Bild, als den Aether, der unalternd und unermessen die Erde trägt und hält? In seinen Höhen scheint alles Stoffliche hinweggenommen zu sein; von dort ergießt sich der Strom des Lichts und der Lüfte, und gleich einem ewigen Symbol der Treue begrüßt uns das eine reine Blau, das sich über dem Grün der Fluren so vielverheißend wölbt. Ja eben diese sanfte, lichtdurchdrungene Bläue berührt uns fast unmittelbar wie ein Geistiges. Denn sie vornehmlich ist es, die den Blick nach oben zieht, und indem sie vor ihm und über ihm immer weiter und immer höher sich dehnt, weitet und erhebt sich mit dem Sinne die Seele. Dennoch zeigt sich uns der Himmel, ebensowenig wie die Erde, als etwas Unwandelbares; vielmehr ist er, um nochmals das Wort eines alten Griechen zu gebrauchen, ein πολϑπόϛωποϛ, Sprich: poly-prósopos. d. h. ein »antlitzwechselnder«, und eben darin haben wir eine wesentliche Schönheit desselben zu erkennen. Das aber, was ihm die vielgestaltige Physiognomie verleiht, sind vor allem die Wolken . Achten wir derselben zwar auch in der Enge der Städte, so widmet ihnen doch ungleich anteilvollere Aufmerksamkeit der Bewohner der freien Ebene und des Gebirges und mehr wiederum als diese der Seemann. Der letztere hat auf dem hohen Meere außer ihnen kaum noch irgendetwas anderes, das seine Betrachtung anregen könnte; denn sie bilden fast das einzige veränderliche Element in der einförmig ihn umgebenden Szene. Sie verraten ihm nicht nur den Zug der Winde und den kommenden Sturm, sondern auch die Nähe des Festlandes und der Inseln; und von langer Fahrt zurückkehrend, erblickt er oft, bevor er noch die heimatliche Küste selbst wahrnimmt, deren luftiges Abbild, wie es sich als Wolkenmasse am Himmel darstellt. Das alles Grund genug, die Wolken für mehr als launenhafte Hieroglyphen des Luftraums zu halten. Allein ihre Natur ist freilich mit jenen Bemerkungen so wenig erklärt, da wohl noch immer gefragt werden darf: Was sind also die Wolken? »Kinder des Zeus und der Gäa«, antwortet der Dichter, und ist nun dieser Ausdruck auch nur ein poetischer, so beruht er doch auf der richtigen Anschauung, daß die Wolken unter Einwirkung der Atmosphäre aus den Gewässern der Erde und des Meeres entstehen. Mit anderen Worten: die Wolken sind Wasser, aber von der Wärme emporgehobenes, in Dampf verwandeltes Wasser. – Allerdings sind nicht alle Wasserdämpfe auch schon Wolken. Denn verdunstetes Wasser schwebt jederzeit in der Luft und ist zum Gedeihen des Lebens unentbehrlich. Wo immer das offene Meer seine Wellen schlägt, ist sie mit demselben erfüllt, und natürlich, daß auch das Klima der Küsten und Inseln den reichsten Teil daran hat; natürlich aber auch, daß derselbe anderseits, nach den wasserärmeren Binnenländern der Kontinente zu, sich fortschreitend vermindert: im Innern Nordamerikas und Australiens, in den sibirischen Steppen, über der Sahara ist die Luft trockener als anderwärts. Dennoch entbehrt sie auch dort jenes Elementes nicht ganz. Denn 7/10 der Atmosphäre ruhen auf dem Ozeane, und selbst über den Sand der Wüste tragen Winde die erquickende Feuchte. Könnten wir wahrnehmen, was wir nicht wahrnehmen, so würden wir, ähnlich den Perlen im gefüllten Weinglase, über Meeren und Strömen, über Seen und Flüssen Milliarden von Dampfatomen in die Atmosphäre emporsteigen sehen, die sie in sich aufnimmt und somit jene indische Sage von der Göttin Mariatale wahr macht, welche das Wasser ohne Gefäß trug. Allein dieses luftgewordene Wasser verrät sich nur der empfindlichen Quecksilbersäule unserer Barometer und anderen noch empfindlicheren Werkzeugen der Wissenschaft, nicht aber den Augen: denn es ist eben noch keine Wolke. Damit diese sich bilden könne, bedarf es vielmehr ganz bestimmter Temperaturverhältnisse. Und hier nun hat man sich daran zu erinnern, daß mit der zunehmenden Wärme der Luft auch die Verdunstung des Wassers zunimmt, und daß die Atmosphäre um so mehr Wasserdampf aufzufassen vermag, je höher ihre Temperatur ist, wenn schon jenes Maß immer nur als ein strengbegrenztes gedacht werden darf. Je tiefer dagegen die Temperatur einer Luftschicht herabsinkt, um so langsamer erfolgt die Verdunstung, um so weniger vermag die Luft an Wasserdampf aufzunehmen. Wenn daher eine warme Luftmasse sich mit einer kalten mischt und dadurch an Wärme verliert, so verliert sie zugleich die Fähigkeit, die ganze Fülle des in ihr gelösten Wasserdampfes festzuhalten: die kältere Luftströmung scheidet ihn aus und verdichtet ihn zu Bläschen, deren Hülle, gleich den Seifenblasen, aus flüssigem Wasser besteht, während die Höhlung noch immer mit bloßem Dampf erfüllt ist. So wird der bis dahin unsichtbare sichtbar: es bildet sich ein Nebel oder eine Wolke. Denn beide sind in Wirklichkeit gleichbedeutend und nur dadurch unterschieden, daß die eine in der Höhe zieht, der andere am Boden ruht. Die Wolken bestehen daher nicht mehr aus bloßem Wasserdampf, sondern auch aus bereits niedergeschlagenem, frei in der Luft schwebendem Wasser, und sie entstehen durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter Luftschichten. Oder um uns einer naheliegenden Veranschaulichung zu bedienen: die Wolken sind ein Aushauch der Wassermasse unserer Erde, der sichtbar wird unter der Berührung kälterer Luftschichten, gerade wie der Hauch unseres Mundes nur sichtbar wird, wenn er in eine merklich kältere Luft entweicht. Woher aber dieser die Wolkenbildung bedingte Wechsel der Luftschichten? Die Antwort ergibt sich aus der großartigen Zirkulation des Luftmeeres, das gleich dem Ozean in einem beständigen Rhythmus auf- und abflutender Strömungen und Gegenströmungen über uns kreist, und ebensowohl Kälte von den Polen her, als Wärme vom Aequator her mit sich führt. Aber die Antwort ergibt sich nicht allein daraus! Vielmehr erzeugen sich auch, unabhängig von jenen großen tellurischen Gesetzen, wiewohl darum nicht weniger gesetzmäßig, örtliche Luftströmungen sehr verschiedener Temperatur, wie das im Laufe der täglichen Periode überall hervortritt und am augenfälligsten da, wo Meer und Festland unmittelbar aneinander grenzen, oder wo größere Wasserflächen, wo Wälder und Gebirge den Zug der Ebene unterbrechen. Daß Punkte solcher Art zugleich immer Werkstätten der Wolkenbildung sind, bedarf der Andeutung nicht. Man kennt die Fruchtbarkeit der Wälder auch in dieser Beziehung. Unaufhörlich steigt von den Blättern ihrer Kronen, von den Moosen und Gräsern, von den Quellen und Bächen, welche sie in ihrer Tiefe nähren, Wasserdunst auf, um Nebel und Wolken zu bilden, und selbst der zarte Duft, der ihr Fernbild so reizend verschleiert, gibt Zeugnis dieser Tätigkeit. – Doch auch der Gebirge haben wir Erwähnung tun müssen. Nicht zwar, als ob der tote Stein einen belebenden Odem zu entsenden vermöchte. Aber indem sich die feuchtwarmen Luftströme der Ebenen an den hochragenden Felsenbarren stauen und hier in immer kältere Regionen emporschwellen, kühlen sie sich ab, und unvermögend, die bisher getragene Wasserlast ferner zu tragen, lassen sie an den Gipfeln einen Teil derselben in Gestalt eines Nebels, einer Wolkenhaube zurück. Die Gebirge sind demnach recht eigentlich Wind- und Wetterscheiden, sie sind nach einem indianischen Ausdrucke »Vater und Mutter des Regens«, und mit ihrer Beobachtung hat ohne Zweifel die praktische Meteorologie des Volkes begonnen. Wie in der Kapstadt der Tafelberg als atmosphärische Warte gilt, und wenn seine Spitze sich in weißen regenverkündenden Wolkenschichten verbirgt, die Eingeborenen sagen, »das Tafeltuch sei gedeckt«: The table cloth is spread . Die Erscheinung des sogenannten »Tafeltuches« wird übrigens wesentlich durch eine das Kap in der Richtung von Südost nach West (an der Bank Lagoullas) umkreisende Strömung erzeugt. Von diesem Strom eines selbst in kälterer Jahreszeit bis 70 Grad Fahrenheit erwärmten Wassers erhebt sich dann eine starke Dunstmasse, welche, sobald ein kalter Südostwind zu wehen beginnt, von diesem verdichtet wird und so fortziehend an dem Kamme des fast wagrecht abgeschnittenen, gegen 3600 Fuß hohen Tafelberges als eine leichte, geflockte Wolkenschicht, gewissermaßen als ein die Bergfläche gleichförmig bedeckendes Tuch sich anlegt. so hört der Wanderer in den Gebirgen unseres Vaterlandes und der Schweiz allerorten ähnliche Sprüche. Am Vierwaldstalter See sagt man: Hat der Pilatus einen Hut, wird das Wetter gut, Hat er einen Kragen, kannst du es wagen; Hat er einen Degen (Windbaum), gibt es Regen. Fast wörtlich gleich lautet der Spruch vom Niesen am Thuner See. Am Kyffhäuser heißt die Wetterregel: Bleibt Kaiser Friedrich ohne Hut, Bleibt das Wetter schön und gut, Ist er mit dem Hut zu seh'n, Werdet ihr bald Regen seh'n. Beiläufig gesagt, widerspricht dieser letzte Spruch dem vorhergehenden nicht. Denn wenn sich Wolken auf so niedrigen Bergen wie der Kyffhäuser lagern, so ist dies ein Zeichen der mit Wasser gesättigten tieferen Luftschichten. »Mach' hurtig!« ruft im Tell der Fischer seinem Buben zu – »Mach' hurtig, Jenni! Zieh die Naue ein! Der graue Talvogt kommt; dumpf brüllt der Firn; Der Mythenstein zieht sein Haube an, Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch. Der Sturm wird, mein' ich, da sein, eh' wir's denken.« Aehnliche Gründe endlich erklären, warum auch über den eisbedeckten Polarmeeren fast zu jeder Jahreszeit jene undurchdringlichen Nebel lagern, welche dem Schiffer nicht selten verderblicher werden als Sturm und Brandung. So wenig diese flüchtigen Bemerkungen einem wissenschaftlichen Anspruch genügen, und so vieles hier übergangen werden mußte, um den anscheinend einfachen Prozeß nicht zu verwickeln, so wird doch klar sein, daß die Wolke den entschiedenen Gegensatz zu allem Festen und Bleibenden bildet. Sie besteht vielmehr nur dadurch, daß sie entsteht und vergeht. Ward nämlich derjenige Grad der Feuchtigkeit erreicht, welchen eine Wolke zu fassen vermag, ist sie nach dem gebräuchlichen Ausdrucke »gesättigt«, dann erfolgt eine neue Verwandlung, indem das noch immer halb luftartige Wasser aus dem bisherigen Uebergangszustande völlig in seine ursprüngliche Gestalt zurückkehrt: die Nebelbläschen rinnen in wirkliche Tropfen zusammen und fallen, vermöge ihrer Schwere, als Regen herab. Die Wolke selbst aber löst sich damit auf. Unsere Zone ist reich an Regen, reicher als die meisten anderen, und ebendeshalb mag uns derselbe oft nur als Störer und Unhold erscheinen; ja schon die einzelne Wolke ist uns als Gleichnis des Neides und der Sorge geläufig. Wir reden von umwölkter Stirn, umwölkten Augen, und ein Landregen gar gilt vielfach nur als eine alle Geduld überbietende Episode. Aber kehren wir das Bild um! Welch ein Anblick, wenn statt tage- und wochenlangen Regens, wochen- und monatelang unbewölkt und ungeregt das Kristallgewölbe des Himmels steht! Wie ergreifend schildert das alte Testament die Schrecken der Dürre in dem fluchbeladenen Lande! – die Bäche versiegt, das Gras verdorrt, Roß und Stier verschmachtend, die Erde berstend unter dem glühenden Strahl der Sonne. Da aber, als Jehovas Zorn gesühnt ist, steigt Elias hinauf zum Karmel und sendet seinen Knaben aus nach dem Meere zu schauen, und sendet ihn siebenmal. Es ist nichts! lautet immer von neuem die Antwort. »Aber am siebenten Male kam der Knabe und sprach: Siehe, es gehet eine kleine Wolke auf aus dem Meere, wie eines Mannes Hand, und ehe man zusahe, war der Himmel schwarz von Wolken und Winden und kam ein großer Regen.« In Wahrheit, es bedarf keiner weiteren Worte; die Dichter haben nicht umsonst die regnende Wolke als die segnende gepriesen, denn sie spendet in jedem Tropfen Leben um Leben. Ich erinnere, um noch ein großartiges Beispiel zu nennen, an Südamerika. Hier treiben vom atlantischen Ozean die warmen Winde eine Regenmenge heran, welche alle uns gewohnten Vorstellungen übertrifft. Mit Dampf beladen ziehen dieselben landeinwärts und obgleich sie bereits an den niedrigen brasilianischen Gebirgen einen Teil ihrer Fülle zurückgelassen, entleeren sie sich doch vollständig erst dann, wenn die schneestarrende Mauer der Kordilleren ihnen den Weg vertritt. Und nun wiederholt sich, kaum auf Stunden unterbrochen, ein Schauspiel von nicht selten erschütternder Gewalt. Denn fast scheint es, als stürze unmittelbar die schwere schwarze Wucht der Wolken zur Erde, und das Ohr vernimmt betäubt nur den donnernden Katarakt einer einzigen Wasserflut. Die Ansiedler aber nennen eben diesen Wind el criador , »den Erzeuger«. Und wer wüßte auch nicht, daß jetzt die neugetränkte Steppe ein Uebermaß der Vegetation entwickelt, welches sich nur erhält, indem es sich endlos vernichtet, und daß aus diesen Wassergüssen genährt drei der größten Ströme der Welt, der Laplata, der Orinoko, der Marannon ihren Ursprung nehmen? Zugleich zeigt sich hier in überraschender Weise das, was man als die aufsaugende Kraft der Gebirge bezeichnet hat. Denn derselbe Passat, der ostwärts der Kordilleren die Llanos in einen einzigen Wasserspiegel verwandelt, tritt jenseits, aus den Westabhängen des Gebirges, als ein vollkommen trockener Wind und treibt an den Küsten von Peru und Bolivia die Dünen der Medanos, die nie mehr ein Regentropfen netzt, im wilden trügerischen Spiele vor sich her. In Europa liefert derartige Beispiele die skandinavische und pyrenäische Halbinsel. Auf jenen bilden die Kjölen den Damm, der sich dem feuchten, vom atlantischen Meere hereinwehenden Westwinde entgegensetzt, und dadurch empfängt die norwegische Westküste eine für so hohe Breiten ganz außerordentliche Regenmenge (am verrufensten ist Bergen mit einem jährlichen Niederschlag von 83 Zoll), während in Schweden innerhalb Jahresfrist kaum 20 Zoll Regen fallen. – Aehnlich sind die Verhältnisse an der nördlichen und westlichen Küste von Spanien, wo die asturischen und gallizischen Gebirge eine Art von klimatischer Scheide bilden. Hier gießt der Regen oft à cantaros (in Krügen), und bei Bilbao fallen jährlich gegen 100 Zoll; noch mehr aber in Santjago de Compostela, das daher den unschönen Volksnamen orinal de España – die »Wasservase von Spanien« führt. – Die östlichen Abhänge der Kordilleren heißen übrigens eben der im Text geschilderten Verhältnisse halber »der Regenschatten des Gebirges«. Bedürfte es noch der Erwähnung, daß auch der »weiße Regen« des Winters im Haushalte der Natur von höchster Wichtigkeit ist? Wenn dieses zarte Meteor in sanfter Wallung niedergleitet oder im wirbelnden Tanze herabfliegt, und wenn es alles überdeckt mit seinem stillen keuschen Weiß, so webt es kein Leichentuch, wie man so oft sagt, sondern den festlich strahlenden Teppich. Jubelnd begrüßt der Kindermund die stäubenden Flocken: Die Engeli hend's Bettli g'macht, Die Federli fliegen herunter – und »unbewußter Weisheit froh«, trifft er auch hier das Rechte. Denn dieser Schnee ist das Bett, in dem das Frühlingskind schläft. Unter der wärmenden Schneehülle – wie viele Hundert Riesel und Quellen! wie viele tausend und aber tausend des kriechenden Gewürms! wieviel Millionen mal Millionen keimender Samen, grünender Sprossen! Und endlich auch die Wolke an sich selbst, die Wolke ohne Schnee und Regen, ist nicht ein müßiges Spiel des Himmels, sondern wartet gleicherweise eines Dienstes im Reich der ewig schaffenden Natur. Denn sei es, daß sie die Flur vor der sengenden Glut des Sommers oder vor der erstarrenden Kälte des Winters decke, sei es, daß sie ihren weiten Mantel über das Meer werfe und einer allzureichen Verdunstung Einhalt tue, oder daß sie berührt vom Sonnenstrahl sich wieder in Dampf verwandle, um anderen Zonen zuzueilen: immer sind die Wolken die stillwirkenden, aber mächtigen Ausgleicher des Klimas, die Schirmer und Pfleger alles tierischen und pflanzlichen Lebens. Käme es auf Beispiele an, so würde ein bloßer Hinweis auf unsere Hochalpen genügen, in denen schon die reichliche Wolkenbildung das Eintreten einer wirklichen Dürre unmöglich macht und der Vegetation jene Frische des Duftes, jene Fülle der Würze und jene Kraft der Farbe gibt, durch welche dieselbe in so hohem Grade ausgezeichnet ist. Wen könnte es nach dem allen noch befremden, daß das Auge der Völker sich früh diesen wohltätigen Gebilden zugewandt und ihnen gläubig-dichtend Gestalt und Leben geliehen hat? Wenn noch heute der Araber in den ziehenden Wolken das Bild desjenigen Tieres wiederfindet, dem er alles verdankt, so sah einst schon der Inder in ihnen die Herden des Aethers . Indra, der Luftgott, weidet sie; darum heißt er gavâm gôpati , »der Kühe Hüter«; mit dem flammenden Streithammer melkt er sie, und nicht weniger als die dürstende Erde labt er sich selbst an den verjüngenden Tropfen. »Du trinkst von den Kühen, du trinkst vom Himmelstau, o Held! Der Flüsse Rauch füllt klingend dir den Kelch!« heißt es in den Liedern der Veden. Und noch reicher vielleicht gestaltete sich dieser Glaube bei den heidnischen Germanen. Denn nicht bloß, daß Thor, der blitzgewaltige, gleich Indra, die Wolkenrinder vor sich her treibt und von ihrer Milch schlürft; auch die goldhornigen Böcke, mit denen er über die Himmelshalle fährt, auch das Roß Odhins, des Sturmgotts, auch die Rosse der Walküren, von deren Mähnen der Hagel in die Wälder fällt, und die riesigen Katzen selbst, die Freias Wagen ziehen, sind nichts anderes als Wolken. Endlich die Griechen! Wie sinnig haben sie die Bühne ihres schönen Himmels gestaltet! Zeus, Hermes, Pan, Apollo, Athene – ein ganzer Chor von Wolkengöttern tritt uns hier entgegen. Auf dem Berge Lykaion, da, wo drei Quellen zugleich entspringen und ununterbrochen Wolken emporschicken, ist nach arkadischer Sage die Geburtsstätte des großen Göttervaters. Aber wie der Lykaion, so sind alle ragenden Berggipfel dem »Wolkensammler« geweiht, und er führt nach ihnen allen die heiligen Namen. Und wenn er zürnend die Aegis schwingt, daß die Sterblichen zittern, wenn Apollos goldener Pfeil den nachtgeborenen Drachen erlegt, wenn Athene waffenstrahlend aus dem Haupte des Kroniden hervorspringt, wenn Hermes aus dämmernder Höhle schleicht, die Sonnenstiere zu stehlen: so sind auch das insgesamt wieder Anschauungen, welche auf das Leben der Atmosphäre und insbesondere der Wolken zurückgeführt werden dürfen. Es ist wahr, diese mythischen Vorstellungen liegen unserem Denken fernab. Aber die poetische Schönheit derselben empfinden auch wir, eben weil sie auf dem lebendigsten Natursinn und auf der vollsten Naturwahrheit beruhen. Und fragen wir nun, nachdem wir uns die physikalische Tätigkeit der Wolken in Erinnerung gebracht, worin denn ihre ästhetische Bedeutung bestehe, so scheint es, dieselbe bedinge sich ebensowohl durch ihre Gestalt, als durch ihr« Bewegung und Färbung. Ja, wir dürfen vielleicht, noch einen Schritt zurückgehend, den eigentlichen Reiz des Geheimnisvollen betonen, der schon ihr Entstehen umspielt. Denn wenn wir auch das Gesetz der Wolkenbildung kennen, so entzieht sich doch der Vorgang selbst zumeist unseren Augen. Wir sehen die Wolke; aber wir sahen nicht ihr stilles Werden: sie ist da, plötzlich und wie durch Zauber hervorgerufen. Und gerade darin spricht sie uns mit einem Widerscheine des Geistigen an. Oder wäre der Ursprung unserer eigenen Seelenbewegung uns nicht oft genug ein ähnliches Rätsel? Ein Gedanke erwacht in uns; ein Gefühl ergreift uns, und ein unwiderstehliches »Ich muß!« ist die Wirkung; aber woher sie gekommen? wie sie entstanden? – wir wissen es kaum. Darum ist die Wolke in der Sprache der Dichter zu einem Bilde des Seelenlebens, vor allem zum Bilde des Gedankens geworden, und eine verwandte Anschauung scheint in dem skandinavischen Mythus vom erschlagenen Riesen Ymir anzuklingen, aus dessen Blut das Meer, aus dessen Hirn die Wolken entstanden. Die Wolken sind Ymirs Gedanken. Aber auch da, wo der Beginn ihrer Bildung uns unmittelbarer vor Augen tritt, in dem Nebel unserer Herbst- und Frühlingsabende findet die Phantasie den ergiebigsten Stoff. Geh' über die Wiese, geh' durch den Wald und betrachte das leise Spinnen und Weben. Es fließt um dich wie feuchte Fäden, es gährt und wallt, und jetzt hängt's schon im Geäst mit grauen Flügeln, während dort aus dem Wasser sich bleiche Schemen recken. Ueber den Hügel zieht gespenstisch eine Büßerprozession in schleppenden Gewanden, drunten im Tal wälzt sich ein Leviathan heran, und doch im Nu verschwemmt's der luft'ge Zug; unkenntlich wird's, wie Wasser ist im Wasser. (Shakespeare.) Wem brauchte das Spannende und Aufregende eines solchen Anblickes noch weiter geschildert zu werden? Es ist ein Etwas und ein Nichts zugleich, ein Gestaltlos-Gestaltetes, ein Bild wiederum des mächtig, aber verworren in sich ringenden Geistes. Allerdings kann nun dieser Luftalp auch lähmend wirken, indem er, massenhafter aufsteigend, mit dem Auge zugleich das Gemüt bindet, das dann hier nur für die Stimmungen der Verlassenheit und Entsagung einen Nachhall sucht; und daher verfolgen wir wohl um so freudiger den Wechsel, welchen der Morgen bringt, wenn im Strahl der Sonne das Nebelmeer sinkt und versiegt oder nur hier und da in leichten Schleiern aufwärts schwebt. Allein damit stehen wir bereits vor der Wolke . Darf man nun auch sagen, daß dieselbe formenbestimmter erscheine als der Nebel, so sind doch auch ihre Linien insgesamt fließend und zerrinnend, und wenn es daher schwer ist, Wolken zu zeichnen, so ist es noch schwerer, sie mit dem bloßen Worte zu charakterisieren. Inzwischen hat der Quäker Howard im Anfange unseres Jahrhunderts, zufolge langer sorgsamer Beobachtungen, eine Reihe von Wolkenformen aufgestellt, welche selbst von der Wissenschaft anerkannt worden sind, da sie in der Tat für gewisse atmosphärische Verhältnisse Maß geben und gleichsam die Urtypen aller Wolkenbildung enthalten. Ohne der Theorie Howards in ihren Einzelheiten nachzugehen, begnügen wir uns hier, im allgemeinen mit demselben eine dreifache Form zu unterscheiden: eine locker zerfaserte – den cirrus –, eine massig aufquellende – den cumulus –, und eine ruhig geschichtete – den stratus . Wolken der ersteren Art ( Federwolken , cirri ) zeigen sich bald als lockiger Flaum, bald in größeren Linien schweifartig auseinanderwehend. Da sie die äußerste Grenze der Wolkenregion bezeichnen und noch hoch über den höchsten Gipfeln der Erde ziehen, so bestehen sie wahrscheinlich nicht mehr aus flüssigen Wasserbläschen, sondern aus feinen Eisnadeln, wofür vielleicht auch ihr reines Weiß sprechen dürfte. Es gehören hierher die milchigen Gewebe, welche den kommenden Föhn verkündigen, die Wind- oder Wetterbäume, Adams- oder Abrahamsbäume, Die Engländer nennen sie Roßschweife (maretails) da nach Goethes Wort, der Himmel »wie mit Besemen gekehrt« ist: ausdruckslose unfertige Formen, und doch auch sie in ihrem linden Fließen nicht ohne Reiz. Bei ihrem Erscheinen mögen wir uns an Hebels Lied erinnert fühlen, das die Frau Sonne über die Himmelsstraße wandeln und aus Dunst- und Duftfäden die Wolken stricken läßt. Freilich sagt man, Stricken sei ein Attribut nicht bloß der Häuslichkeit, sondern auch der Langeweile, und jedenfalls sind unsere wohlbekannten »Lämmerwölkchen« ober »Schäfchen« ungleich lebendiger und anmutiger. Die faserige Flocke hat sich da bereits verdichtet, aber ihre Form ist ebenso zart als ihre Farbe, und beides im Verein mit dem lichten Blau des Himmels bringt jenen Eindruck des Lieblich-Naiven hervor, den ihr Volksname so treffend bezeichnet. Denn in der Tat ziehen sie dort oben gleich einer stillen Herde, oft in Reihen und Gruppen, denen dann wohl ein oder das andere Wölkchen verloren folgt: das Sinnbild eines unschuldig heiteren Friedens. Wahrhaft festlich aber gestaltet sich's, wenn sie den Abendhimmel mit einem Frühling von Rosen überstreuen oder wie ein Reigen von Genien um die hinabtauchende Sonne schweben. So, in ihrer leuchtenden Verklärung, lassen sie uns die großen Meister Correggio und Raffael verstehen, welche sie auf ihren Madonnenbildern in Engelschöre transfigurieren. Dieser zartesten Luftgestaltung gegenüber spricht sich die höchste Energie des Wolkenlebens in den plastischen Formen der zweiten Art, der balligen Haufwolke (cumulus) aus. Ihre Bildung mag ganz besonders von dem senkrecht aufsteigenden Wärmestrome abhängig sein; denn während sie am arktischen Himmel fast niemals gesehen werden, gehören sie zu den täglichen Erscheinungen der Tropenzone und treten bei uns am großartigsten auf in den Gewitterwolken des Hochsommers. Wer hätte nicht schon mit staunendem Auge ihre scharfen Umrisse betrachet, wie sie sich stumm über den Horizont emporschieben und in wenigen Minuten ein Gebirge türmen mit Schluchten und Gletschern, mit steilen, blendenden Zacken! Die mächtig aufstrebende, in ihrem Kerne dunklere Massengestalt trägt den Charakter des Majestätischen, Feierlichen, und wenn sie, scheinbar ihre luftige Form verlierend, gleich einer ehernen Wand über den Himmel wächst, so vermag sich ihre Wirkung zum Dämonischen zu steigern. Ich erinnere ferner an den Moment, da die Wetterwolken, terrassenartig wider einander gelagert, lauschend die schwarzen Häupter erheben, und plötzlich der Blitz zuckt und der Kampf der Elemente beginnt. Nun stürzen sie Himmel und Erde in Nacht, als solle wieder das alte Chaos hereinbrechen. Aber siegend schmettert der Gott die erdgeborenen Riesen nieder; im Lichtsturm zerreißen die wilden Massen, fliehend noch ihre Blitze verschleudernd, bis auch der letzte erloschen und der letzte Donner verrollt ist. Und jetzt im silberklaren Aether des Abends erscheint wohl die dritte der vorhergenannten Formen: die Schichtwolke (stratus) . Welch eine ganz andere Gestalt ist das! Streifen und Bänder, Dämme und Bänke, in matten halbverblichenen Farben und fast ohne einen Zug von Bewegung. In Wahrheit, weit mehr als für die überquellende Pracht des Sommers, sind sie die bezeichnende Szenerie für die in sich versinkende Stille des Spätjahres. Oft ruhen sie da ganze Nachmittage über dem Himmelsrande: ein sanft elegisches, selbst schwermutvolles Bild. In ihren einförmigen, wie zum Schlaf hingestreckten Gestalten, in ihrem gedämpften Licht atmet die Erschöpfung, die ihr Werk getan hat. Es kann daher auch nicht geleugnet werden, daß diese Wolkenform, zum mindesten wo sie eines Gegensatzes entbehrt, leicht ein Gefühl der Leere erzeugt, wie das in humoristischer Weise Immermann im »Tulifäntchen« hervorgehoben hat. Gesellen wir endlich hierzu aus der Reihe der äußerst mannigfaltig zusammengesetzten Uebergangsformen nur noch die Regenwolke (nimbus) . Eine solche entsteht zwar immer, sobald eine Wolke sich in Wasser niederschlägt; allein ihr voller Charakter tritt doch erst in jenen größeren Dunstmassen hervor, die sich oft über ganze Landbreiten hinwälzen. Diese Bewölkung übt schon infolge ihrer Schwere – denn oft hängt sie mit zerfetzten Rändern wie unmittelbar über uns herab – einen Druck auf das Gemüt; sie verschließt die Himmelsweiten und das Himmelslicht, ohne durch die Kraft der eigenen Farbe, Gestalt oder Bewegung zu spannen. Es sind bleigraue, bleischwere Schwaden. Miserable Wolken! Nirgends Stehen sie so dicht und breit, Als am Firmament, das schaut Auf das Land der edlen Deutschen! (Immermann.) Und doch welche gesunde Frische wehet aus dem Regen entgegen! welche verschiedenen Bilder, wenn er ruhig herabströmt in flüssiger Säule, oder wenn der Wind ihn peitschend schwingt! wie einlullend rieseln die Tropfen in lauer Sommernacht! wie energisch klatscht ein Aprilschauer! und endlich mitten in der farblosen Wüste emporspringend das Triumphtor des Regenbogens – wie erhaben-freundlich schließt es die Szene! Indessen hat unsere Betrachtung hiermit bereits das Gebiet der typischen Wolkenformen verlassen und ein Beispiel jener Metamorphosen gegeben, durch welche die Wolke eine neue ästhetisch wirksame Bedeutung erhält. Die Wolke ist – wir müssen wiederholen – in keinem Augenblicke dieselbe, sondern in ununterbrochener Wandelung und Wanderung begriffen; und dies gilt selbst noch von der Schichtwolke. Nun gestaltet sich diese Bewegung allerdings sehr mannigfaltig. Bald kriecht die Wolke träg am Horizonte hin, bald richtet sie sich vulkanartig auf, bald treibt sie wie scheiternd durch den Luftraum. Im allgemeinen aber wird, je schneller die Bewegung ist, der Eindruck ein um so aufregenderer, beunruhigenderer sein. Man denke an die Tage des Vorfrühlings, da der Himmel mit hastig ziehenden Haufenwolken überdeckt ist und die ganze Feste zu wandern scheint. Man denke an die Nächte des Spätherbstes mit den heulenden Chören der Stürme und den grinsenden jagenden Wolkengeschwadern. Das ist ein Himmel, das sind Wolken, wie wir sie uns zu den Wahnsinnsszenen im Lear oder zu der Mordnacht im Macbeth vorstellen; ja ihr bloßes Schattenbild, wie es sich fließend über beleuchteten Fluren und Berghängen zeichnet, ruft in uns noch verwandte Empfindungen hervor. Ist dagegen die Luftstimmung eine ruhigere, so ändert sich demgemäß auch ihr psychischer Reflex. Die stillhinschwimmende Wolke wird mehr als irgend etwas anderes Symbol und Erwecker der Sehnsucht; nur daß auch hier, je nach der rascheren oder langsameren Bewegung schwächere und stärkere Grade unterschieden werden müssen. Schon der Fluß, der Bach, wie wundersam ziehen sie uns an! in welche Träume wiegt uns das Kommen und Gehen der Wasser! Und nun erst die Wolke im weiten blauen Himmelsplan! Einer anderen Welt angehörend, wandelt sie hoch über dem Schicksal der Menschen, unhörbar, unerreichbar. Aber wie sie über deinem Haupte zieht, so zieht sie weit und weiter zu fernhinwohnenden Geschlechtern; und wie sie ihren Schatten zur Erde herabsendet und alles Harte und Schroffe in weichen Duft legt: mag sie nicht so auch um dein Leid den Schleier breiten und dich entrücken in ein Land des Friedens und der Freiheit? Darum sind die Wolken, wie die Vögel, Boten sehnender Liebe; darum ruft zu ihnen am fremden Strand, in Haft und Banden die jugendliche Königin; darum betet im schmerzlichen Kampf der Seele Iphigenie: Du hast Wolken, gnädige Retterin, Einzuhüllen unschuldig Verfolgte, Und auf Winden dem ehr'nen Geschick sie Aus den Armen, über das Meer, Ueber der Erde weiteste Strecken Und wohin es dir gut dünkt, zu tragen! (Goethe.) Wir dürften unsere Betrachtung schließen, wäre nicht in wenigen Worten noch der Farbe der Wolken zu gedenken. Denn gerade ihr kommt ein erheblicher Teil an der poetischen Wirkung derselben zu. Und wie nun der majestätischste aller Laute in diesen körperlosen Gebilden wohnt, so sind auch die majestätischsten aller Farben über sie ausgeschüttet; zugleich entfalten sie in einem Wechsel, der demjenigen der Gestalt nichts nachgibt, alle Abschattungen derselben vom Heiterlieblichen bis zum Düsterdrohenden. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß dies letztere vor allem von der schwarzen Wolke gilt; denn sie ist die Finsternis selbst. Aber schreckend wird der Eindruck, sobald mit der nächtlichen Farbe eine grelle Beleuchtung sich mischt, wie in jenen brandroten, schwefligen Tönen, welche nicht selten die Spätherbstabende durchglühen. Unter dem schwarzen Wolkendrachen verblutend die Sonne: so verkehrt sich das herrlichste Phänomen der Natur in ein furchtbarprächtiges, aber wüstes Bild des Grauens. – Im Gegensatz dazu erscheint weißes Gewölk fein und zart. Doch läßt es, wo nicht zierliche Formen sich hinzugesellen, kalt, und erst wenn ein wärmeres Farbenleben es rosig und golden durchdringt, gewinnt es volle Schönheit. Wiederum wirkt das trübabgedämpfte Weiß, zumal in größeren Massen, phantomartig, geisterhaft, und so besonders in den fahlen Haufwolken der Mondnacht, deren groteske Züge niemand beredter geschildert hat als Heine. Trifft dagegen der milde Glanz des Mondlichts unmittelbar die Wolke, quillt er gleichsam aus ihr hervor, so regt sich's sofort mit heimlichem, magischem Leben; und mag nun das freundliche Gestirn wie schlummernd auf dunkler Himmelsinsel ruhen oder sich lauschig hinter luftigen Floren verstecken und sie silbern umsäumen: es bleibt ein Anblick, in dem die ganze Romantik der Nachtwelt umschlossen liegt. Ich schweige von der Glorie des Sonnenaufgangs und -untergangs. Hier, wo die Schöpfung selbst den Vorhang des Allerheiligsten entrollt und feiernd in ihr eigenes Werk versinkt, schmilzt alle Sehnsucht und aller Glaube zusammen in ein beseligt ahnendes Schauen. Das ist Licht von Seinem Licht, ist Vorbedeutung und Vorbereitung des neuen Himmels und der neuen Erde, die Er aufrichten wird am Ende der Tage, wann Er kommt mit Kraft und Herrlichkeit, daherfahrend in den Wolken. Norddeutsche Vegetationsbilder. I. Die Wiese. »du bist kurzer, ich bin langer«, alsô strîtens ûf dem anger bloumen unde klé Walther v. d. Vogelweide Alexander von Humboldt hat in seinen »Ansichten der Natur« eine Reihe von typischen Gewächsformen aufgestellt, und damit die ersten Grundlinien einer Pflanzenphysiognomik gegeben. Gewiß war es nicht bloßer Zufall, daß der große Forscher diese Formen vorzugsweise der Tropenzone entlehnte, deren eigentümliche Natur die vorschreitende Zivilisation noch wenig zu ändern vermocht hat, und die ohnehin an Reichtum, Pracht und Großartigkeit alle übrigen ungleich übertrifft. Denn unsern alternden Erdteil, wenigstens den kalten gemäßigten Strich desselben, hat das menschliche Bedürfen allerdings bei weitem zu sehr ausgebeutet, als daß er da maßgebend sein könnte, wo es darauf ankommt, die Natur in ihrer ursprünglichen Fülle und Größe zu zeichnen. Wir Bewohner des Nordens sehen uns für eine derartige Betrachtung der Pflanzenwelt auf verhältnismäßig wenige Typen beschränkt, welche in drei Hauptformationen zusammengefaßt werden können. Es sind dies die Wiese, die Heide, der Wald, von der Pflanzenphysiognomik ebenso als Vorgrund, Mittelgrund und Hintergrund der Landschaft unterschieden, wie die Geologie bezüglich Ebene, Hügel und Berg einander entgegensetzt. Jede dieser Formationen wird hauptsächlich durch je zwei natürliche Familien charakterisiert, und zwar durch die Gräser (Gramineae) und Halbgräser (Cyperaceae) die Wiese (Hochwiese – Sumpfwiese), durch die Heidekräuter (Ericae) und Heidebeeren (Vaccinia) die Heide (Sandheide – Moorheide), durch die Zapfenträger (Coniferae) und Kätzchenträger (Amentaceae) der Wald (Nadelwald – Laubwald). Unter diesen drei, wenn man will, sechs Formen dürfte wohl die Wiese in unserem Norden die weitestverbreitete sein, obschon sie sich nicht selten bald in Sumpf-, bald in Sand- und Heideland verliert. Zu der nachfolgenden Skizze hat im besonderen die märkische Wiese das Motiv gegeben. Nicht als ob sie vor andern schön wäre. Im Gegenteil, sie entbehrt der bunten Blumenfülle, welche die Auen Thüringens belebt, und in der Ebene gelegen, darf sie sich an poetischem Reiz nicht vergleichen mit den Grashängen und Matten, welche das Dunkel der Harzwälder so freundlich und festlich unterbrechen. Aber sie lag dem Verfasser nahe, und vielleicht mag auch das bescheidenere Bild hie und da einen Leser ansprechen. Ganz abgesehen von dem wohltätigen Gefühle, welches reine Naturformen immer hervorzurufen pflegen, wirkt die Wiese an sich selbst in hohem Grade erfrischend und belebend. Sie steht in ruhiger, heiterer Mitte zwischen der in sich gesunkenen Schwermut der Heide und dem kühnen Emporstreben des Waldes: gleichsam ein einfach innigen Auslaut und Aufklang der Natur. Zunächst zieht schon die offene Weite der Wiesenfläche das Auge an. » Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich «, heißt es treffend in Schillers Elegie. Der Berg droht in stolzer Höhe; seine wilden Umrisse brechen aus dem Schoß der Erde wie von feindlichen Mächten gehoben, in seinen Waldschatten bergen sich finstere Geheimnisse, aus seinen Schluchten stürzen schäumende Wasser. Wo von solchem Anblick das Auge bedrängt und erschöpft wird, da wendet es sich gern auf das ruhig ausgebreitete, frei-erschlossene Gelände; es weidet sich an seiner Lichtfülle und gibt sich jenem Eindrucke der Stetigkeit hin, in welchem der Mensch sich gleichsam seiner selbst versichert. Nur wo die Ebene zum unabsehlichen, gestaltlosen Flachlande sich dehnt, da treten abermals andere Gefühle – das erhabene der Unendlichkeit oder das Oede der Vereinsamung – in die Seele. Denn freilich auch die Heide, die Steppe, die Wüste sind Flächen. Was den Wiesen jenen innigen Reiz verleiht, ist ungleich mehr als die Bodenbildung, die sie bekleidende Vegetation. Sie ruft großenteils jene tieferen Gefühle der Sehnsucht oder die heiteren der Lebensfrische und Lebensfreude hervor. Schon oben ist gesagt, daß die Wiese hauptsächlich durch die Gräser dargestellt wird. Es ist diese eine der bedeutendsten Pflanzenfamilien, indem sie nicht allein durch Masse und Unzahl der Individuen die meisten anderen übertrifft, sondern auch beziehungsweise den größten Artenreichtum aufzuweisen hat. Ihre Spezies machen nahezu ein Zwölftel der gesamten deutschen Flora aus. Aber zugleich und vorzugsweise gehören die Gräser zu jenen Gaben des Pflanzenreichs, welche die Erde erst zu einer »gedeihlichen Wohnstätte der Völker« machen. Denn Gräser sind alle jene mehlführenden, menschennährenden Halme, deren Aehre auf unseren Feldern reift; eine Grasart ist das Reis, das im feuchten Brodem der Sümpfe Ostindiens seine malerischen Rispen treibt; Gräser sind das Zuckerrohr, der Mais, das Sorghum, die Hirse usw. Und allenthalben über die Erde finden sich diese Pflanzengeschlechter verbreitet, gleichsam als ein mütterliches Unterpfand für jede Wohltat der Natur. Nur wo den Polen zu das Leben einen ewigen Winterschlaf schläft, da erfreut kein grünender Rasen, kein goldenes Saatengefilde mehr das Auge; mit den letzten Zwergsträuchern der Birke und Kiefer versinkt da auch der Graswuchs unter der Schneehülle, zum Zeichen, daß von der Erde selber die Grenzlinien gezogen worden, über welche der Mensch nicht ungefährdet hinausschreiten dürfe. Doch auch in der heißen Zone ist nicht die eigentliche Heimat der Gramineen. Zwar werden nach Süden hinab die Gräser immer prächtiger: auf stolzen Schaften wiegen sich im Strahl einer senkrechten Sonne die glänzenden Blätter und Blüten, luftige, zierliche Arkaden ineinander webend; aber es fehlt ihnen jenes vertraute, gesellige Auftreten, welches wir Nordländer als eine Eigentümlichkeit dieser Pflanze zu betrachten gewohnt sind, und mit ihnen mischen sich in drängendem Gewirr Myrten, Cassien, Cistrosen, Labiaten und andere den nackten Boden verhüllende Kräuter. Zu einem Teile scheint selbst noch der warme Erdstrich dieser grünenden Decke zu entbehren. Die blendenden Farben, mit denen dort die Landschaft geschmückt ist, reizen, aber zerstreuen auch, und man begreift wohl, daß ein deutsches Herz selbst im Hesperidenlande nach dem sanften Grün der heimatlichen Wiesen und ihren stillen Dörfern je zuweilen sich zurücksehnen mag. Denn die gemäßigte, die nordische Region unseres Weltteils, Mitteleuropa vor allem muß man aufsuchen, will man den Blick an duftigen, saftigen Grasflächen weiden. Hier bedecken gesellig zusammengeschart die Gräser ganze Striche und deuten im Verein mit den gesellig auftretenden Haustieren gewissermaßen sinnbildlich auf das große Gemeinleben der Völker, das unter diesem Himmel seine höchsten Blüten entfaltet. Ohne Wiese ist wenigstens in unserem Norden kaum eine Landschaft denkbar, wenn sie nicht dem Gebirge oder der Heide angehört. Dicht an das märkische Bauerngehöft hin, an die Schwelle der Tür zieht sich der grüne Teppich, der »Wiesenhof« – niederdeutsch Wischhoff –, von keinem Zaune oder Gehege gesperrt, sondern frei in Gebüsch, in Acker und Trift sich verlierend. Ganz Thüringen – was ist es anders, als eine grüne Aue, und wie saftquellend und ruhig senkt sie sich zwischen die goldwallenden Saaten und die rauschenden Waldkuppen hinein! Und soll ich über Deutschland hinausgehen, so brauche ich wohl nur Irland zu nennen, »den Smaragd des Meeres«, um jedes weiteren Beweises überhoben zu sein, daß unter unseren Graden recht eigentlich die Wiese zu suchen sei. Aber es kommt darauf an, sich näher über den eigentlichen Eindruck zu verständigen, der diese Pflanzenformation begleitet. Das Gras erscheint als eine der ersten Gestaltungen der zeugenden Naturkraft. In das Jugendalter unseres Planeten, als die Erdveste aus dem Ozean tauchte und nun auf ihr der Sonnenstrahl den neuen Trieb des Lebens weckte, in diese Zeit der Anfänge glauben wir uns den zarten, einfachen, unvollkommenen Formen gegenüber versetzt. Denn ein unvollkommenes Gebilde ist das Gras. Es steht höher als die kaum über den Boden erhobenen Geschlechter blütenloser Flechten und Moose, deren Geschäft nur scheint, anderen Gewächsen eine Stätte zu bereiten; aber dennoch ist das Gras nicht mehr als nur ein Beginn entwickelterer Gliederung. Noch hat sich hier die Pflanze nicht abgelöst von der Erde, es breitet sich keine Krone über einen fertig ausgestalteten Stamm, es tritt kein deckendes Blatt- und Zweigwerk heraus, und selbst die Blüte, die an Kraut und Blume sich so farben- und duftreich hervorzuheben pflegt, ist dürftig und schmucklos. Die Pflanze liegt gleichsam noch als Säugling an der nährenden Mutterbrust. Vielleicht ist aber eben deshalb das Gefühl, welches die Grasflur in uns weckt, ein so unschuldig inniges, kindlich rührendes. Es ist, als schwebe über ihr der goldene Traum unserer eigenen Jugend, und sicherlich wird die Schönheit einer Wiese nur von einem Kinde ganz genossen. Wiesen und Kinder, die Feldblumen und die Menschenblumen: eins mag ohne das andere nicht gedacht werden. Auf der Wiese windet das Mädchen den ersten Kranz und stimmt seine Brust zum ersten Liede. Auf der Wiese ist der Tummelplatz des Knaben. Hier darf er nicht verstohlen schleichen, wie im bangen Dunkel des Waldes, hier ist er der gebietende Herr. Er jagt Falter und Käfer, kämpft gegen Erdwespen und Mücken, beschleicht den weidenden Storch und horcht träumend der fern ins Abendrot hinaushallenden Glocke seines Dorfes. Jugendlust, Gefühl der Verjüngung, der Lebenserneuerung: darin liegt der tiefste Zauber der Wiese. Und den empfänglichen Sinn wird eine ähnliche Stimmung auch da anklingen, wo nicht jene Erinnerungen und Ahnungen ihren geheimen Anteil an derselben haben. Darum nimmt den Griechen, wenn er in die Unterwelt hinabsteigt, die blaue Asphodeloswiese auf, deren lichte Blüte ein »ewiges Wiederaufleben, eine sichere Unsterblichkeit verkündete«. Darum findet in dem treuherzigen Märchen von der bösen Stiefmutter und dem guten Kinde, das Kind, das von den Wassergeistern in den Brunnen gezogen worden, drunten eine herrliche Wiese aller Freuden voll, und gleich schön schreibt Luther an sein Hänschen von der feinen Wiese im Paradiesgarten. Ich meine jene Luthersche »Kinderschrift an sein liebes Söhnlein, Hänßchen Luther, darinnen er das Kind zur Gottesfurcht, Gebet und Studien locket«. Sie gehört zu dem Innigsten und Treuherzigsten, was überhaupt in dieser Art geschrieben sein mag. Wußten sich doch auch unsere ältesten Dichter den Himmel eben nicht schöner zu denken als die frühlingsgrüne Erde; der Ort der Seligen heißt ihnen die »grüne Gottesaue« (grôni godes wang) , die »Himmelswiese«, auf der die Seelen der Verstorbenen gleich schönen Schmetterlingen schweben. Dieser leben- und jugendhauchende Eindruck begründet sich, wie schon gesagt, in der Gestaltung der Gräser. Denn trotz ihrer überaus großen Mannigfaltigkeit tragen doch alle denselben ausgeprägten Typus, der sie zur Bildung des ruhigen, gleichen, das Auge erquickenden Wiesenteppichs vorzüglich eignet. Die ganze Pflanze ist nichts als Halm und Blatt; leicht und schlank, jedem Hauche biegsam, erheben sie sich meist gleich dicht und gleich hoch über die Ebene, der sie entsprossen sind. Auf langgezogener Spitzen nicken und wiegen, die zarten, ährenreichen Blütenrispen, deren unscheinbarer, aber kunstvoller Bau dem genaueren Betrachter eine immer neue Quelle genußvollen Forschens öffnet. Blatt an Blatt drängt sich in unabsehbarer Fülle, und über das alles ergießt sich freudig das eine, reine Grün, über dem allen schimmern die Sonnenlichter wie auf einer leisewallenden Flut. So liegt das Gras in der Tat wie ein leichtes, reizvoll jeder Form sich schmiegendes Gewand über der Erde; eine wohltuende, für unser Gefühl fast untrennbare Hülle des Elements. Unter ihr verborgen ruht das »tote Irdische«; aber über und aus ihr weht der Geist des Lebens, der unbesiegten Schöpferkraft der Natur . Wo Gräser sprossen und Wiesen sich dehnen, da ruft allenthalben den Menschen eine Heimatstimme an. Wo sie fehlen, auf dem Steinrücken der Gebirge, im Sande der Wüste, kann wohl der Eindruck des Gewaltigen die Seele ergreifen und erschüttern; aber das warme, vertraute, zuversichtliche Gefühl des Heimseins und der unvergänglichen Fülle des Lebens mag da nicht gedeihen. Ueber Trümmer, Gräber und Walstätten zieht das Gras die versöhnende, belebende Decke; »es ist Gras darüber gewachsen«, sagt mit inniger und treffender Bezeichnung der Volksmund, wenn ein Leid gestillt und vergessen ist, und aus dem Schmerze leise wieder die Freude kommt. Darum hängt sich an das Gras und die Wiese des Nordländers erste und letzte Hoffnung. Wenn nach trüben Wintertagen der Strahl der Sonne wärmer und voller herabdringt, dann ist es die Wiese, der grasumsäumte Fußpfad, der quellige Rasen, der die ersten grünen Halmspitzen zeigt und dem harrenden Menschen den Sieg des Lichts verkündigt. Hat Sommerglut die Flur versengt und fallen nun die langersehnten befruchtenden Tropfen, so grünt am ersten wieder die Trift; und wenn im Spätherbst längst alle Blumen welk und alle Bäume entblättert stehen, da ist doch die Wiese noch grün und zeigt dem gerührten Auge manche verborgene Blüte, da träumt hier der Herbst den Traum des Frühlings noch einmal nach. Ja, es scheint, als weise schon der Name des Grases selber auf solche unzerstörbare Lebenskraft der Natur. Denn Rasen und Wasen bedeutet eben nichts anderes als das Wachsende, Sprossende, Grünende. Wasen , ein jetzt fast zum Provinzialismus entwerteter Ausdruck, der noch deutlich auf die alte Wurzel ( wahsen , wachsen) zurückweist, während unser Rasen an Gras, unsere Wiese an das lateinische vireo , erinnern mag. Trift (der Ort, wohin zur Weide getrieben wird) bedeutet ebenfalls zunächst das aus der Erde hervor treibende Grün, während Anger wohl nur eine Umformung des lateinischen ager ist und ursprünglich überhaupt Ackerland, Feld bezeichnete. Aue endlich ist wasserfrische, bachumflossene Wiese (mit dem lateinischen aqua , und dem französischen eau gleichen Stammes).] Und nun dieses tauige Wiesengrün! welches andere käme ihm gleich an Frische und Milde! Die Wissenschaft lehrt, daß im Grün die Gegensätze der Farben zum ruhigen Gleichgewicht verschmelzen. Auf dem ebenen, samtnen Teppich der Wiese muß jedes Auge diesen besänftigenden und doch vollerquickenden Eindruck empfinden. Von Sonnenlicht und Erdfeuchte gesättigt, warm und goldig schimmernd, und hoch darüber die blaue Unendlichkeit des Aethers: wo gäbe es ein ruhigeres, und in dieser Ruhe doch schöneres, anregenderes Bild als die Wiese? Reizend liegt sie im Vollglanz des Sommertages, wenn sich aus dem rötlichen Widerschein, der über die Halme fliegt, die ganze Fülle schaffender Kräfte ahnt; aber ein nicht minder schöner Anblick ist es, wenn stille Wolkenschatten über die Flur schweben und ein Wechselspiel der zartesten Streiflichter entspinnen, oder wenn aus trüben Regenschleiern plötzlich die Sonne mit goldenem Arme herabgreift und nun das feuchte Grün im langen Strahl fast durchsichtig glüht. In diesen Teppich webt nun die Blumenwelt ihre reichsten Arabesken. »Kräftig auf blühender Au erglänzen die wechselnden Farben, Aber der reizende Streit löset in Anmut sich auf.« (Schiller.) Zwar solange der Vorfrühling noch keine energischeren Farben und Formen zu zeugen vermag, ist es nur das bescheidene Maßliebchen (Gänseblümchen, Bellis perennis ), dessen Gruppen freundlich aus dürftigem Rasen hervorblicken. Es liegt noch halb an der Erde, aber mitten aus dem weißen Sternchen leuchtet ein goldener Herzpunkt, ein erster Sonnenfunken, und bald folgen genügsame Kreuzblütler , hier am Rain das Hirtentäschel ( Capsella bursa pastoris ) mit seinen dreieckigen Schötchen, das Hungerblümchen ( Draba verna ) und dort in wasserreicherem Boden und vollerem Wuchs das würzige Schaumkraut ( Cardamine pratensis ): alle noch in das erste schüchterne Weiß gekleidet. Allmählich mischt sich schon warmes und bald feurigstes Gelb in das saftigere Grün. Wo auf hügeliger Strecke ein Gebüsch sich aufstellt, da grüßt uns Primula, veris , die liebliche, vielbesungene Blume. Wie ein Bündlein goldener Schlüssel taumeln am schlanken Stiel die süßduftigen, bienenumsummten Kelche. »Sie sind Titanias Hofgeleit, Ihr seht die Fleck' am goldnen Kleid.« (Shakespeare.) Auf den Niederungen kommen sonnengelb zahllose Ranunkeln (Hahnenfuß) und im höchsten Glanz der Farbe Caltha palustris (Schmalzblume, Dotterblume, Kuhblume) mit den fetten dunkeln Blättern. Ganze Goldklumpen funkeln da in der Ferne, wahre Strahlengewebe schwimmen im Grün, und dann wieder zieht Schaumkraut und Steinbrech ( Saxifraga grannulata ) lange Milchstraßen hinab. Mit der steigenden Sonne steigt die Wiesenflora immer sichtbarer gegen das Rot hin. Das Siebenfingerkraut ( Comarum palustre ) hängt seine zierlich braune Glocke aus, die rötliche Rispe des Ampfers ( Rumex ) stellt sich felderweis auf, an feuchten Stellen folgt die rote Lychnis (flos cuculi , Lichtnelke, Fleischblume) mit der zerrissenen, flatternden Blüte, folgt der Klee , die alte deutsche Volksliederblume mit dem bedeutungsvollen Dreiblatt und dem roten, honigreichen Köpfchen; aber zugleich erscheinen auch nun die starren, symmetrischen Doldenpflanzen ( Umbelliferae ), der Wiesenkümmel ( Carum carvi ), die Silge ( Selinum carvifolia ), die Pimpernell ( Pimpinella magna ), vor allen der Wiesen-Haarstrang ( Peucedanum officinale ). Seine herrlich grünen, feinzerschlitzten Blätter drängen sich zu üppigen Polstern oft von mehreren Fuß Durchmesser zusammen, aus deren zartem Gewebe stolz der nackte Stengel sich erhebt, seine aromatischen Blütchen in zahlreiche Schirme sammelnd. Doch sind die Farben der Dolden zu anspruchslos, um nicht gegen die nun ebenfalls zahlreich auftretenden Syngenesisten zu verschwinden. Die bunten Blumen dieser stärksten aller deutschen Pflanzenfamilien vereinigen sich zu schönen großen Strahlenkronen, und beleben das Grün der Wiesen hohem Maße. Leuchtend hebt die große Kamille ( Chrysanthemum leucanthemum ) ihren Stern mit gelbem Mittelfelde; neben sie stellt sich sonnenartig die Jacobaea ( Senecio J ., Jakobskraut), der Alant ( Inula salicina ); das Heer der Leontodonteen (Löwenzahn, Ringelblume) breitet sich aus und zwischen ihnen die Blume des Schotten, die Distel , deren stacheliges, seltsam zersägtes Blattwerk, oft in malerische Rosetten zusammengestellt, mit dem weichen, purpurnen Blütenkopfe eigentümlich kontrastiert. So versinkt zusehends das Grün unter der blendenden Decke der Farben, bis nun auch das Gras seine bescheidenen Blüten zu treiben beginnt. Da schießt Halm an Halm auf, luftig, leicht und immer schwankend. Mit dem graziös geschwungenen Bogen der Glyceria (Mannagras) kreuzt sich anmutig der kürzere des Schwingels ( Festuca ); Roßgras ( Holcus , Süßgras) und Windhalm ( Aspera spica venti ) lassen ihre Fahnen wehen; Agrostis , die Tanne oder die Palme dieses mikroskopischen Waldes, besetzt ganze Striche. Dazwischen zittert dann und wann ein zierliches Gräschen mit haarfeinem Quirlstengel, so schlank und so elastisch, als sei es ein Stahlfaden. » Bibbernägelken « (Zitternäglein – Briza media ) nennt der Niederdeutsche das empfindsame, zarte Pflänzchen, das bei jedem Lufthauch, bei jedem Anlauf einer Ameise, erschreckt die kleinen Herzchen seiner Aehre schüttelt. Das Kammgras ( Cynosurus ) hebt ein Zylinderbürstchen in die Höhe, Dactylis glomerata , (Knäuelgras) harte Knäuel – sie sehen fast wie ein Hasenpfötchen –, Alopecurus streckt einen glatten Fuchsschwanz; aber schon hängt am verblühten Wollgras ( Eriophorum ) die weiße Seidenflocke, und der Löwenzahn (Pfaffenröhrlein) hat längst seinen gelben Stern in jene wundersame Nebelkugel, in jenes luftige Samengespinst verwandelt, das wie ein grauer Puderkopf mitten in der jungfräulichen Blumenwelt steht und im Winde in hundert gefiederte Körnlein zerstiebt, die nun alle auf ihren Flugschirmen weit durch die Luft ziehen. Frühlingsluft, Frühlingsatem schwebt über der Flur! Aber wer kann ihn denn beschreiben, diesen milden, reinen, erfrischenden und doch fast duftlosen Duft? Ihm vergleicht sich ungesucht die keuschinnige Dichtung Hartmanns, der ja selber von der Aue war, und auch in unserem Volksliede atmet etwas wie der frische, heilsame Odem der Kräuter. Der volle Strom des Gases, der im Walde aus Wurzel und Wipfel quillt und in der dichten Blätterkuppel gleichsam hermetisch geschlossen ist, berauscht und betäubt; der Wiesenduft löst und klärt sich im Sonnenlichte, er erquickt und macht hell wie ein Quelltrunk. Dort in der grünen Dämmerung ruft der tiefe Ton der Amsel, klagt im schmelzenden Laut die Nachtigall; aber hier über dem sonnigen Plan, im lichtgetränkten Blau frohlockt die Lerche, in unermüdlicher Lust alles erfüllend mit jubelnden Wirbeln. Bienen summen, Grillen zirpen, Schmetterlinge gaukeln über die Blüten, selber wie fliegende Blumen, dort der Argus mit den schwarzen Flügelaugen, hier der schlanke Segelfalter, der prächtige Admiral. Zu dieser emsigstillen, fröhlichen Staffage stimmt der Bach, der sich in seinem weichen Lager so wohl fühlt und in hundert muntern Windungen durchs Gras schnellt. An seinem Ufer träumt der Reiher, aber im schattigen Erlicht zwitschert der Zeisig. Dort weiterhin zieht ein Grenzdamm, »eine Landwehr«, mit Hecken besetzt. Es ist der Schwarzdorn (Schlehe), ein wahres Noli me tangere Rühr-Mich-nicht-an. von Stacheln. Das kreuzt und schränkt sich durcheinander, das kriecht, sticht und starrt zu allen Seiten heraus, und doch gibt der Frühling dem alten Griesgram seinen ersten Kuß. An jedem Dorn sitzt eine grüne Kuppe, als sei er mit Perlen betropft, und während er geizig noch eine ganze Wintererbschaft von dürren Blättern und Halmen festhält, schlägt um ihn das junge Laub schon aus, und bald steht er leuchtend im Schnee von abertausend Blüten. In diesem Verhau lärmt der Schwarm der Feldsperlinge, schrillt und schnurrt der gelbbrüstige Ammer. Aber dem Dorfe zu, das hinter Eichen und Rüstern verborgen, nur mit dem Turme herübergrüßt, klingt Blöken und Geläut der Herden und die Schalmei des Hirten; aus dem Kornfelde die Wachtel lockt im Takt, und weiter drüben vom Waldsaum her orakelt der Kuckuck. Alle diese einfachen, aber hellen, lebensfrohen Stimmen, scheinen sie nicht gleichsam ein Widerklang dieser einfachen, heiteren, lebensfrischen Natur, die hier das Luftrevier geöffnet? Den fernen Brüchen zu, wo die Seggenwiese ihre trübfarbige Fläche streckt und auf schneidenden Halmen die brandigbraunen Aehren steift, da verstummen diese munteren Laute. Im hohen Grase versteckt schnarrt der Ralle (Wachtelkönig, Wiesenschnarcher), neckend neben uns herlaufend; über dir gellt der »Prärieschrei« des Kiebitzes, der in taumelndem, kopfüberstürzendem, Fluge deinen vordringenden Schritt umkreist; in der Ferne schwingt sich in langsamen Spiralen der Kranich auf, bis er, ein kühner Grotesktänzer, im Blau verschwindet und nur sein hochherabschmetternder Ruf ihn noch verkündigt. Das Seggenried bedrückt in seiner trüben, steppenartigen Oede; aber die Wiese, die farben- und lebensfrische Graswiese erhebt und weitet die Seele. Wie herrlich leuchtet über der blühenden Flur die Pracht des Sonnenaufgangs und -untergangs! In den dampfenden Morgentau sind funkelnde Regenbogen gewoben; um den Schatten, der neben uns wandelt, zieht sich ein Lichtnimbus; Erd- und Lebensatem steigt stärkend auf; und mit Lust und dankbarer Freude sieht der Mensch die weit, ach so weit aufgetane Hand Gottes. Und wieder am Abend! Wenn da der tiefere Lichtstrom über die träumenden Halme fließt und die roten Ampferrispen im Purpur zittern und alle die luftigen Aehren wie in goldenem Staube schimmern wenn dann die Sonne groß und glühend versinkt und wunderbar der weiße Nebel aufsteigt und das letzte Lerchenlied im Blau ausklingt: welch eine tiefe Wehmut, welch seliges Heimweh löst da das Gemüt! Aber es kommen die Tage des »Heuens«. Ich brauche es nicht auszumalen, das alte Jugendbild mit seinen klingenden Sensen, mit den singenden Grillen, mit dem Rauschen der Schwaden und dem süßen Duft, in den die Pflanze ihr Leben aushaucht. Dieser Ruchgrasduft, was ginge darüber, wenn es nicht die Lindenblüte ist, und welch eine Welt von Erinnerung weckt er auf! – Sind die Sonnen- und Wonnentage der »Mahd« (Heuernte) vorbei, dann folgt der letzte Nachwuchs. Die Elfen kommen in der Nacht und legen Balsam auf die Wunden, und von neuem sproßt das Gras. Violette Skabiosen , blaue Zichorien und Astern , rote Centaureen und Weidenröschen schmücken den helleren Teppich. Doch die Blüten sind seltener, und ihr Blaurot deutet schon hin auf das herbstliche Ende. Bald wehen die Winde über leere Felder; der Wald entlaubt sich; Kuckuck, Wachtel und Storch sind längst von bannen gezogen; es folgt ihnen die Lerche, und zuletzt bleiben auch die Herden aus. Alles wird still, und der Himmel hüllt sich in neblichte Schleier. Wohl grünt das Gras noch fort, oft in herrlicher Saftfrische gedeihend; und vom spärlichen Sonnenstrahl gelockt, blüht noch immer das fleißige Maßliebchen, manche Ranunkel und zierlicher Augentrost; es brechen die Zeitlosen hervor, die seltsamen blaßblauen Erdflämmchen – aber es sind nur die Irrlichter des absterbenden Blumenlebens. Die Herbstwiese ist doch nicht mehr die Wiese, nach der das Herz sich sehnt, und die der blinde Mann so gerne nur einmal möchte sehen können! II. Die Heide. Es ist so still; die Heide liegt Im warmen Mittagssonnenstrahle, Ein rosenroter Schimmer fliegt Um ihre alten Gräbermale; die Kräuter blühn, der Heideduft Steigt in die blaue Sommerluft. Th. Storm. Das ist die schöne Lüneburger Ebene, Wohin des Rufs Trompete mich von fern gelockt. A. v. Platen. Wenn an sonnigen Tagen der Wanderer vom Gipfel des Brockens herab das Auge über das dunkle herzynische Waldpanorama mit seinen Schluchten, Kuppen und Klippen gesättigt dahinschweifen läßt: so zieht im Norden, jenseits der Berge, eine lichte, weit aufgeschlossene Fläche seine Blicke an. Vom Glanz der Sommersonne übergoldet, fernhin in blaues Gedämmer verloren, breitet sie sich aus wie der Spiegel des Meeres. Es ist die große nordische Ebene . Sie erscheint hier nur als der Saum des gewaltigen Bildes; aber könnte man sie in ihrer ganzen Ausdehnung verfolgen, dann würde sich ein fast ununterbrochenes Flachland von mindestens vierhundert Meilen Länge aufdecken. Denn von der Westgrenze der Normandie beginnend, über Belgien, Norddeutschland, Dänemark sich ausbreitend, reicht diese Region bis zu den sibirischen Tundras hinauf. Einst wogte hier der Ozean, aus dem nur die Höhen Mitteldeutschlands, Skandinaviens und Englands als Berginseln hervorragten, und von einzelnen Strecken wich die Flut sogar erst bei Menschengedenken zurück. Daher ist denn auch dieses Schwemmland zu einem beträchtlichen Teile mit einem Male der Unfruchtbarkeit gezeichnet. Wo nicht Flüsse den Boden tränken und befruchten, oder Laubwälder ihr feuchtes Dunkel verbreiten, da streckt sich meist dürrer, lebensunfähiger Sand oder ein verwesendes, sumpfiges Moor, oft beide unmittelbar aneinander grenzend. Doch auch hier deckt die Natur ein Gewand über die Blöße. Die große Lebensmutter verleugnet sich doch nicht ganz und hat in diese Oede ein Pflanzenleben eigentümlichster Art gesetzt. Es sind die Heidekräuter ( Ericae ), welche uns hier entgegentreten, und die jenen Landstrichen den Namen der »Heiden« gegeben zu haben scheinen, wenn nicht etwa der umgekehrte Fall anzunehmen ist. Das Motiv zu diesem Aufsatze gab eine 1852 in die Lüneburger Heide unternommene Wanderung. Zu dieser Heide muß man im geologischen Sinne die ganze Fläche rechnen, welche die Wasserscheide zwischen der Aller, der untersten Weser und Elbe bildet und bis 350 Fuß Höhe erreicht. Sie beginnt nordwestlich von Magdeburg in der Gegend des Drömling, zieht dann zwischen Uelzen und Celle, Lüneburg und Soltau hindurch und verliert sich gegen Harzefeld und Bremervörde allmählich in die moorige Niederungen der Halbinsel zwischen den untersten Lauf der Elbe und Weser. Die merkwürdige Pflanzenfamilie kündigt sich in ihrem holzig dürren, starren Charakter sogleich als Steppengewächs an, worauf auch schon das griechische Sprich: ereike. έρείκη Von ερείκω, ich breche. Andere wollten es auf έρημος, die Wüste, zurückführen, was nicht minder bedeutungsvoll wäre, aber sprachlich unrichtig erscheint. hinweist. Sie findet sich durch alle Vegetationsgürtel des alten Kontinents vom Kap bis zur Beringsinsel und ist überall dieselbe unentwickelte, in Stamm und Zweig gleichsam steckengebliebene Erscheinung. Freilich hier mehr, dort weniger. Denn während sie unter dem Feuer der afrikanischen Sonne Hunderte zum Teil baumhoher Arten zeitigt (die Kataloge zählten schon vor Jahren über 450), eine immer farbenprächtiger als die andere, hat der Süden Europas kaum noch zehn Spezies aufzuweisen, bis in der kälteren Zone auch diese auf zwei niedrige Zwergsträucher zusammenschrumpfen. Aber – wunderbarer Haushalt der Natur! – gerade diese zwei Arten, entgegengesetzt den Eriken am Kap, die dort in ihrem eigentlichen Heimatlande nie gesellig nebeneinander auftreten, überspinnen hier, zu millionenmal Millionen von dem Geiste der Wildnis gesäet, ganze Landschaften mit ihrem härenen Teppich. Indem sie in fortschreitendem Zuge, ähnlich gewissen wandernden Tiergeschlechtern, jede andere Vegetation feindselig unterdrücken, werden sie für unseren Norden typische Gewächse im höchsten Sinne, und sind so imstande, uns, wenn auch nur abgeschwächte Bilder jener großen Naturformen, jener Steppen und Prärien zu gewähren, die, fern von Leben und Schicksal der Menschen, in den geheimnisvoll jungfräulichen Reiz der ersten Schöpfung gehüllt, gleichsam die Wunderinseln sind, nach denen unsere Phantasie verlangend steuert. * Einer der bekanntesten Teile dieser nordischen Heide ist die im Herzogtum Lüneburg belegene. Sie ist weithin berüchtigt; Platen Platen läßt seinen »romantischen Oedipus« – ein bekanntlich gegen Immermann gerichtetes Stück – auf der Lüneburger Heide spielen und Immermann dort, wo der Chor der Heidschnucken ihn huldigend umkreist, den Gedanken dieses Dramas fassen. wußte in Deutschland kein öderes, poesieloseres Stück Erde aufzufinden, als dieses. Von der Elbe durchschnitten, setzt sie sich durch Holstein bis nach Skagerhorn, der Spitze Jütlands, fort und kann in zahlreichen Sandbänken selbst noch tief unter die Nordsee hinab verfolgt werden. Die Grenze derselben gegen das Kulturland ist oft sehr scharf gezogen – ein Fluß bildet dann wohl die Scheide –, meist aber verliert sie sich allmählich. Man schreitet aus der fruchtbaren Ebene heraus, die Wiesen werden magerer, der Boden sandig gehügelt, die Dörfer liegen weit zerstreut von dürftigem Acker umgeben, die Kiefer tritt auf und verkündigt mit Birken gemischt den Uebergang zur Heide, die schon einzelne Ausläufer entgegensendet. Endlich verschwindet die menschliche Nähe und mit ihr der betretene Pfad, und nach stundenlanger Wanderung über kahle, von Riedgras und Immortellen bewachsene Höhenzüge sieht man sich mitten in der Heide. Ein wunderbar gemischtes Gefühl ergreift den Fremden, der sie zuerst betritt. Beklemmt steht er still, als sei er plötzlich auf einen verödeten, ausgestorbenen Planeten geworfen. Da sprießt kein Halm, da grünt kein Baum, da rankt sich keine Blume hinan: da ist nur Himmel und Heide. In der Tat, man mag fragen, ob das noch die Erde sei, der ein Schöpferwort zugerufen, daß sie Gras hervorbringe für das Vieh und Saat zu Nutz dem Menschen, und Wein, daß er erfreue des Menschen Herz. Allerdings weckt auch der Anblick des Meeres ein ähnliches Bangen in der Brust, und selbst starke Menschen fühlten sich davon bis zur Ohnmacht überwältigt. Aber wie erhaben und schön ist dort das ewige Kommen und Gehen der Wellen! Wie reizvoll wechselt das Spiel des Lichts und der Wolken im Widerschein des feuchten Elements! Wie freundlich und stolz beleben die windgeschwellten Segel den unendlichen Spiegel! Da muß auch ein stumpfer Sinn sich gehoben fühlen; da an der großen Straße der Völker hat noch jedem der Odem der Freiheit und der Gottesgröße durch die Seele geweht. Und hier? Ueberall dieselben langgestreckten, wüsten Rücken, überall dasselbe düstere Braun, dieselbe schwermütige Stille. Alles ist mumienhaft erstorben. Auch die Vegetation, die mit unüberwindlicher Zähigkeit das Land unterworfen, gleicht fast nur einem Pflanzengespenst, das kein Wechsel der Jahreszeit lebenerweckend berührt. Als sei plötzlich der Meeresgrund emporgehoben und die am Boden wurzelnden Tanggestrüppe unter dem ungewohnten Strahl der Sonne versengt: so stellt sich diese ununterbrochen von dem graubraunen Zweigwerk der Erika überzogene Fläche dar, das Bild eines verfallenen Gemütes, das aus sich selbst alles Leben gelöscht hat. Und dennoch ist es nicht bloß dieses Gefühl der Verlassenheit und Erstorbenheit, welches uns beherrscht. Mitten in diese unheimliche Scheu mischt sich leise ein heimlicher Reiz – und dieser Reiz heißt Natur . Ja, auch diese sonnverbrannte, ausgezehrte Heide fesselt, denn sie ist doch Natur. Uns, den reichen armen Erben der Zivilisation, ist sie allgemach fremd geworben; wir hören fast nur noch von ihr; denn was wir sehen ist nichts als eine dienstbare, entmannte Erde. Pflug und Axt sind die Gleichmacher, unter deren Schneide das Dickicht der Wälder und die tausendfältige Flora der Wiesen sinken muß, damit zinsbar Feld an Feld und Dach an Dach sich reihe. Zwar heftet sich auch an den Pfad der Kultur noch ein Gefolge freiwuchernder Pflanzen; aber wer möchte sich mit der schmutzigfahlen Sippe der Melden und Chenopodien, mit dem lichtscheuen Bilsenkraut, dem giftigen Nachtschatten, dem plattgetretenen Wegerich befreunden? Kaum daß noch Kornblume, Feldrose, Radel und anderes »Unkraut«, das wie eine neckende Koboldschar hinter dem Säemann einherläuft, da und dort ein erfreuendes Farbenspiel in die gleichen Wogen der Aehre werfen darf. – Hier aber, in der offenen Heide, ist kein Kornfeld, keine Straße, kein Dorf; die Erbe ist da noch frei vom Joche der Kultur. Eine einzige kleine Pflanze sperrt ihr den Weg, und zwingt sie, machtlos ihre Waffen zu strecken. Und so ist denn wirklich die Heide ein Stück reiner, ursprünglicher Natur, und darf man auch nicht sagen die einzige, doch sicherlich die am meisten eigentümliche Landschaft unseres Nordens, die zu Wald und Wiese die bedeutsamste Ergänzung bildet. Der Boden der Heide ist großenteils Sand, der sich entweder in gerader Fläche hinstreckt oder schwache, lang auslaufende Hügelwellen aufwirft. Ueber den unfruchtbaren Grund ist eine sparsame Humusschicht gestreut, und sie genügt dem Heidekraut, um sein filzartig zähes Wurzelnetz hineinzuweben. Dies ist Erica vulgaris , die Sandheide . Wird der Boden sumpfig, wie in den abflußreichen Niederungen, so tritt an ihre Stelle die Moorheide , Erica tetralix . Häufig finden sich beide gemischt, doch herrscht die erstere Art entschieden vor. Es ist bereits oben bemerkt worden, wie sich bei dieser Pflanze der Steppencharakter sofort in der mangelhaften Blattvegetation und in der strauchartigen Entwicklung der Stengel ausprägt: ein Charakter, der sich, nur gesteigert, in den Euphorbien und Kakteen der warmen Zone wiederfindet. Saftlos und spröde entladet der Oberstock sich in einem Uebermaß von Zweigen, die in dichtem Busch nach oben drängen und so dem Unterstock nicht Kraft genug lassen, um einesteils einen aufstrebenden Stamm zu entwickeln, oder andernteils die zahlreichen Zweige mit grünem Blätterschmuck zu umkleiden. Dieser letztere findet sich nur in der dürftigsten Andeutung. Hart und kaum unterscheidbar schiebt sich Blättchen an Blättchen, so daß das Ganze wie ein zierlich gepreßter, feingezähnter oder geschuppter Stengel aussieht, den hier nur die Farbe verleugnet. Sie kontrastiert in ihrer grünen Moosfrische sehr merkwürdig mit dem leblosem Braun der ganzen Pflanze und müßte außerordentlich belebend wirken, wenn sich nicht eben die Blätter allzu unscheinbar in dem Wulst des Krautes verlören. Desto anmutiger tritt die Fülle der Blütenglöckchen hervor, die bald lila, bald zartrot, dichte Aehren ansetzen und warme, schimmemde Abendrottinten über die Heide ausgießen. Am schönsten sind die Blüten bei Erica tetralix , wo sie zu Trauben vereint von der Spitze zahlreicher Stengel zierlich errötend herabnicken. Ueberhaupt ist diese Art weicher und mehr Sumpfpflanze. Daher heftet sie ihre Wurzel nur locker in den Boden, der Seitenzweige sind wenige, alles schießt schlanker auf. Die feingewimperten Blättchen treten wirtelförmig um den Stiel, den sie von unten bis oben besetzen, aber ihr Grün ist sumpfig-trüb und grau, so daß sie den melancholischen Ton der Landschaft besonders bedingen. So weit das Auge reicht, decken diese Kräuter die Fläche. Stellenweise, etwa im Schatten einer Krüppelbirke, drängt sich das Gestrüpp der Stechpalme (Stecheiche, Ilex aquifolium ) dazwischen, deren scharfgezacktes Blatt, starr und glänzend wie Stahl, ganz zu dem harten Habitus dieser Vegetation paßt. Die Arnika streckt ihren Blütenstern empor, ein Stiefmütterchen duckt sich ins Moos, auch die Ginster ( Genista germanica und tinctoria ) zeigen sich. In üppigem Gewirre richten sie ihr Rutenbündel empor, aber sie sind von einer drohenden Dornenbewaffnung umgeben, und ihre schwefelfarbene Blüte – dieselbe, die einst Hugo Plantagenets Helmzierde war – vermag nur wenig, die unliebliche Erscheinung zu heben. Ebenso wie sie harmoniert mit den andern Heidegestalten auch der Wacholder ( Juniperus communis ). Dieser kümmerliche Strauch, starrend von Nadeln, deren blaugrüner Schimmer den Eindruck des Metallischen fast bis zur Täuschung steigert, liegt meist igelartig zusammengerollt am Boden, indem er in zahllosen, eigensinnig durcheinander geflochtenen Zweigen gleichsam ebenso viele Füße zur Erde setzt und sich jeder Gewalt entgegenstemmt. Das Ganze erscheint wie eine feste Masse, undurchdringlich geschlossen, und nimmt gern eine runde, seltsam geschorene Perücken- und Pilzgestalt an, als habe Flora oder ein neckischer Rübezahl die Taxusfiguren eines altfränkischen Parks kopiert. Auch in dem derben Duft der Nadel und mehr noch der reif und unreif durcheinander gemischten Beeren spricht sich die strenge Natur des Strauches aus. Erhebt dieser sich zu baumartiger Höhe, dann bildet er wohl eine Pyramide, einen Turm, eine Säule; immer aber bleiben seine Formen hart und schwer; nur die Schößlinge, die troddelartig spielend herabhängen, geben ihm etwas Weiches. Der Stamm ist von zäher Lebenskraft – daher auch sein Name Der Name lautet ahd. wehhal-tra , mhd. quëckolter (von dem alten quëc , frisch, keck, lebendig, eben wie im Lateinischen juniperus von juvenis ) und bedeutet den »immergrünen, arzneilichen Lebensbaum«. – und ohne der Rinde sehr zu bedürfen, wirft er diese leicht ab, so daß er nun seine im Sturmkampf gehärteten und gleichsam zu Spiralen zusammengedrehten Holzmuskeln aufdeckt. Ohne Zweifel ist der Wacholder die bedeutendste, wenn auch nicht die herrschende Charakterpflanze der Sandheide. Um ihn her, genährt durch den verdorrten, rostfarbenen Nadelabfall, siedeln sich Vaccineen an, besonders Heidel- und Preißelbeere ( Vaccinium Myrtillus und Vacc. Vitis idaea ), die bekanntlich einen wichtigen Handelsartikel bilden. Ihr lederartiges, dem Buchs ähnliches Blatt legt sich in einen dichten Teppich zusammen, dessen Immergrün gemischt mit den blauen und scharlachrotem Beeren und der schämig versteckten weißlichen Blüte Auge und Fuß des Wanderers freundlich verweilen heißt. Durchschreitet man in der Hitze eines Spätsommers die Heide, so folgt man gern diesem Winke. Unbewegt, wie eine kristallene Glocke, steht das Himmelsgewölbe, die Sonnenstrahlen spinnen flimmernd über der Steppe, aus der da und dort einzelne Sandblößen – Rinnsale einer versiegten Lache – hervorstarren, indes der Horizont sich in fahles, dunstiges Halblicht hüllt. Keine Wolke zieht durch die Luft, kein Schatten über die Erde. Umsonst horcht das Ohr nach einem anderen Laute, als dem Geschrill der Heuschrecke, das in seinem eintönigen Gezitter ganz zu der zitternden Mittagshitze stimmt und von Schritt zu Schritt den Wanderer begleitend, gleichsam das singende Sieden der Atmosphäre darstellt. Das Gefühl der Einsamkeit ergreift die Seele. Aber es ist nicht jenes erquickende der Waldeinsamkeit, in der wir immer ein leises Wehen und Weben der Schöpfung zu hören glauben, auch nicht jenes andachtvolle, mit dem wir vor den Trümmern untergegangener Größe stehen, sondern das bange, bedrückende der Leere. Schwermut, Todesmut ist der Ausdruck dieser öden Gefilde. Vergebens auch beginnt Fata Morgana ihr Spiel. Ein Nebelgewebe zuckt über den Horizont, schattenhafte Bäume heben nickend ihre Wipfel, eine ganze Landschaft breitet sich aus, wie im Wellenschlage auf- und abschwankend. Aber bald zerfließt der unheimlich traumartige Zauber, und nun schießen rosenrote Streifen vom Himmel nieder. Dampfend steigt aus alle den Myriaden Blütenkelchen ein aromatischer Odem. Wie er die Szene, die im hellen Tageslicht dalag, gleich dem ausgebrannten Herde eines mächtigen vulkanischen Feuers, duftig zu verschleiern beginnt, so umfängt er auch sänftigend das Gemüt. Es sammelt sich zu ruhigerer Betrachtung und richtet sich achtsam auf das Kleinleben, welches sich, vorher unbemerkt, jetzt vor ihm entfaltet. Murmelndes Gesumm klingt heran. Es sind Bienen, die hier auf ihrer süßesten Weide zu Hunderttausenden schwärmen und die würzige Labe bereiten. Schon die Römer priesen den Heidhonig ( mel ericaeum ) am höchsten, und der norddeutsche »Imker«, als Halbslawe ein echter Bienenvater, unterläßt nicht, jährlich sein fleißiges Zwergvolk auf einige Wochen hierher zu bringen. Am Rande der Heide stehen die Körbe ganzer Dorfschaften, die »Immenzäune«, unbewacht: denn die Einsamkeit selber hütet sie. So folgt die Kultur dem Wanderer auch in diese Abgeschiedenheit, und dasselbe kleine Insekt wird ihr Bote, welches, jenseits des Ozeans, dem rothäutigen Indianer noch heute der Herold der Zivilisation, der sichere, aber unwillkommene Ankündiger des »weißen Mannes« ist. Mit dem träumerischen Gesurr der Bienen mischt sich von Zeit zu Zeit der tiefere Laut der Hummel, die langsam vorüberdröhnt, wie ein verhallender Orgelton. Motten schwirren auf; goldschillernde Laufkäfer schießen gierig vorbei einer armen Raupe nach; ein Trauermantel sonnt sich am Boden, wählig die Flügel auf- und zuschlagend, als blinzle er verschlafen; die Eidechse schlüpft durch das Kraut; die Feldmaus lugt mit schwarzen Augen hervor, während dort die Erdspinne auf einen Fang lauert und verwundert die Ameisenpatrouille passieren läßt, die, scheint es, ihre neue Ansiedlung vor dem Ueberfall eines feindlichen Stammes zu hüten hat. Ueberall raschelt's und wimmelt's in der unendlichen Pflanzendecke. Hundert wundersame Würmchen ohne Namen umkrabbeln, umkriechen, umwühlen das staunende Menschenkind und freuen sich in stiller Lust der Blütenwildnis. Und wahrlich, sie ist schön! Das todgraue Kraut hat sich in einen Garten verwandelt, und beschämt und mit steigender Teilnahme betrachtet jetzt das Auge, das sonst nur ungeduldig in die Ferne schweifte, die Fülle des reizenden Tandes umher. Wer könnte die Zier und Mannigfaltigkeit dieser Knospen und Blüten schildern? »Dort hängen sie wie die reinsten Perlen in den schlanken schwanken Stiel gereiht, hier wiegen sie sich wie Korallenkügelchen an einem hellgrünen Seidenfädchen; diese ist ein Miniaturbild der Hagrose, jene weiße gleicht einer Beere; hier zittert ein Alabasterglöckchen, das dieser kleinen Welt vielleicht zur Hora läutet, dort dreht sich ein Atlaspantöffelchen in der sonnengetränkten Luft, und da schwankt ein weiß und rot gefärbtes Fläschchen; diese Blüte gleicht einem Turban, und jene hat ganz die Farbe und die Form eines silbernen Trompetchens.« Ist es nicht, als sei ein Elfenhaushalt aufgetan? Würde man sich wundern, wenn die kleinen Unterirdischen, die Sommergeister, aus ihren Schlupfwinkeln herbeikämen, mit diesen Turbanen und Perlen sich schmückten, aus diesen Fläschchen Honig schlürften, auf diesen Trompetchen musizierten? Nicht minder anziehend ist die Blättergestalt dieser Zwergbäumchen; mit dem dunklen Haar der Fichte und der Pechtanne wechselt das blaßgrüne Blatt der Weide und der Olive, der Schmuck der Tamariske und der Zeder. Und nun vergesse man doch ja nicht, daß dieses Blumenleben in eine Zeit reicht, wo auf der Wiese eben nur noch ein Weidenröschen, ein Augentrost, eine Skabiose blüht und im Garten Dahlie und Aster verschüchtert herabschauen auf die sterbenden Sommerfarben. Die Heide »schämt sich« ist von der verspäteten Blüte unserer Eriken noch immer landläufiger Ausdruck. Schon Walther v. d. Vogelweide kennt ihn. – gegen den vinstern tagen han ich not, wan daz ich mich rihte nach der heide, diu sich schamt vor leide, so si den walt siht gruonen, do wirts iemer rot. Ein heiserer Schrei hoch aus den Wolken zerreißt mit einemmale diese Bilder. Wir blicken auf. Ein Adler schwimmt einsam in majestätischen Kreisen über unseren Häuptern dahin, bis er jetzt mit ausgebreiteten Flügeln im Blau steht, »bewegungslos bewegt, wie der verkörperte Luftgeist selber.« Welche unsichtbare Hand hält ihn in der schwindelnden Höhe? Und auf welche Beute späht sein Auge? Ist es ein versprengter Damhirsch, ist es Reineke oder Lampe, sein betörter Freund, der hier – bei Hüfterloh und Krekelborn – ein zahlreiches starkes Geschlecht zeugt? Doch es bleibt nicht Zeit zu sinnen, denn schon neigt sich die Sonne. Ein leichter Hauch hat den Himmel umflort, dessen milchichtes Blau nun jenen blassen Ton zeigt, der über den Tagen des Spätsommers so sehnsuchtsvoll liegt. Dann und wann sinkt müde eine Wolke dem Horizonte zu, in die fernen, dunklen Waldleisten hinein, und wo vorher der trübschwüle Dunst des Mittags kochte, ziehen jetzt langgeschwungene, verwaschene Streifen dahin. Matter schimmert der Tag, aber noch wirft er sein vollstes Licht in die zahllos ausgespannten Fäden der Wanderspinne zu unseren Füßen. Seltsames Gewebe, Braut- und Witwenschleier der Natur zugleich! In den Spiegel eines Sees hat es die Fläche umher verwandelt und darüberhin flicht der Sonnenstrahl den silbern zitternden Steg, Wir folgen der Lichtspur, hügelan, talab, an mancher einsamen Föhre, an manchem flüsternden Birkenstrauch vorbei, indes über uns das Lied der Heidelerche klingt und uns immer tiefer in sanfte Wehmut wiegt. Da hebt sich eine kahle lange Linie empor: ein Damm zum Schutz irgendeines Wassers. Wasser! Wasser in dieser Dürre! Ein murmelnder Bach, ein kühler Trank, ein frischer Rasen: welch lockendes Bild! Aber das Bett ist leer. Lautlos kriecht ein dünner Schlammfaden darin fort, dessen schwefeliges Salz jede Labung versagt. Statt des grünen Ufers wüstes Geröll, meist Feuersteine in ihrer weißen Kalkschale, dazwischen ein Echinit, ein Donnerkeil oder ein anderes seltenes Spielzeug Neptuns. Wie der Damm allmählich sich senkt, ändert die Landschaft sich zusehends. Ein dunkler, feuchter, vom starken Eisengehalt hie und da braunrot gefärbter Boden verkündigt das Moor . Noch erinnert dieser Name an das Meer , und in der Tat bildet das Wasser, wenn eben auch nicht das Meerwasser, einen Hauptbestandteil und den eigentlichen nährenden Schoß dieser Erdform. Modernde Reste von Sumpfpflanzen, durchschossen mit verwitterten Stämmen, den Trümmern eines längstbegrabenen Waldwuchses, zähes Moos, das aus dem Untergange immer neu hervortreibt und manchmal Schichten von zehn Fuß und mehr bildet, haben sich hier zu einem dunklen Gemenge, gleichsam zu einem großen, wasserhaltigen Schwamme zusammengelegt. Das ist der Torf , getrocknet das Brennmaterial des Landes, und zwar schon seit Plinius' Zeiten, der von den Bewohnern dieser Gegenden sagt, daß sie » Erde brennen «. Plin. H. N. XVI, I erzählt von den alten Chauken, was noch heute auf die Bewohner jener Küstenstriche nicht bloß, sondern auch anderer nordischer Heiden und Moore paßt: »Sie können kein Vieh halten, können sich nicht wie ihre Nachbarn mit Milch nähren, können nicht einmal mit wilden Tieren kämpfen, es fehlt ja dort alles Buschwerk. Aus Schilf und Binsen flechten sie Seile. Der Torf, den sie mit den Händen formen, wird mehr von den Winden als von der Sonne getrocknet; so kochen sie ihre Speisen und erwärmen ihre im Nordwind frierenden Leiber mit der Erde selbst. Als Getränk haben sie nur das Regenwasser, das sie vorn am Hause in Gruben auffangen.« Vorsichtig schreiten, wir weiter; denn immer liefer sinkt der Fuß in den elastischen Grund, und bald taucht nur Hügel an Hügel auf, die man springend erreichen muß, will man nicht in den Sumpf gleiten, der in tausend schwarzen, gährenden Adern durch das Moor schleicht. Dürre Binsenspeere und harte Riedgräser, mit weißer Wollflocke sonderbar behängt, blätterlose Moose, zuweilen auch wohl einmal der duftige Strauch einer Rosmarinweide ( Salix rosmarinifolia ) bilden die Decke dieses Chaos, als sei hier das Leben im Hauche nasser Kälte erstarrt, während es auf der Sandheide der Glut einer unverhüllten Sonne erlegen schien. Es ist grauenhafte Oede, die dich umgibt, nur belebt von dem dunklen Gefieder und den eintönigen Rufen der Wasservögel. Mit dem seltsam dumpfen Gestöhn der Rohrdommel und dem klagenden Laut des Regenpfeifers mischt sich das Schnarren des Wachtelkönigs, das Schrillen der Schnepfe und das Gekreisch des Kiebitzes, der ruhelos wie ein gebannter Geist seine Feste umirrt. Tiefer hinein liegen ebene, fahlschimmernde Strecken. Der Unkundige hält sie leicht für festes Land, aber es sind Schlamminseln von unergründlicher Tiefe, durch die nur wenige gefahrlose Fuhrten leiten. » Bebemoor « nennt sie der Heidbauer. Ein Tritt des Fußes läßt die Fläche weithin er zittern, aber wehe dir, wenn du nicht schnell dich wendest! Du sinkst langsam, doch rettungslos, und stumm schließt sich über deinem ungehört verhallenden Todesschrei der schwarze Abgrund. Nur Vögel haben hier sichere Zuflucht, und selbst der Fuchs vermeidet den gefürchteten Bruch, über den seine leichten Sohlen ihn nicht mehr hinwegtragen. Zuweilen sammelt sich der Sumpf in schwarze, schweigende Wasserbecken, aus denen das Antlitz der Sonne leichenhaft hervorschaut, als klage es ein Verbrechen. Dort spreizt sich in ekler Ueppigkeit der Schierling, und auf dem breiten Geblätter der Nymphäen lagern im Mondschein Unholde und Nixen. Naht ihnen der Wanderer, so schlingen sie um ihn den grausigen Reigen, winken und rufen dem entsetzt Fliehenden und ruhen nicht, bis sie ihr Opfer erreicht oder der dämmernde Strahl des Morgens sie in ihr dunkles Reich zurücktreibt. Wir wenden uns scheu und atmen erst wieder freier, nachdem wir die Höhe erstiegen haben. Und siehe da! in der Ferne kräuselt sich lustig – wir täuschen uns nicht – eine blaue Rauchsäule hinan. Es ist ein überraschender, fast heimischtrauter Anblick, wie der zarte Duft leise in den blauen Aether verrinnt, und hier – in der einsamen Heide – mag man sich wohl in die Seele des göttlichen Dulders Odysseus hineinfühlen, wenn er im Bann der Fremde sich sehnt, nur einmal den Rauch von seiner väterlichen Insel emporsteigen zu sehen. Aber was deutet dieses Zeichen uns? Ist es ein gastlicher Herd? oder nur ein stillverglimmenber Erdbrand? Das Geläut einer Blechglocke, das eintönig und dennoch nicht unmelodisch daherklingt, löst den Zweifel. Wir sind einer Heidschnuckenherde nahe. » Un peuple sauvage, nommé Heidsnucks!« Eine wilde Völkerschaft, die Heidsnüks heißt. hatte jener Franzose an seine Regierung berichtet, als man ihm gesagt, in dieser Gegend lebten nur Heidschnucken. Er hatte vielleicht an Heiducken gedacht und jenen auch vielen Deutschen unbekannten Provinzialnamen der nordischen Steppenschafe so in komischer Weise mißverstanden. Nun, da ist es denn, das wilde Volk der Vließträger! Und allerdings hat dieser »Negerstamm unter den Schafen«, klein, schwarz an Kopf und Füßen, eine gewisse kecke Behendigkeit vor dem trägblökenden, fettschwänzigen Zuchtschafe voraus; sein frisches Auge, seine emporschnellenden, possierlichen Sprünge erinnern, um nicht zu sagen an das Reh, doch an die Ziege, wie denn auch seine Wolle ziegenartig straff ist, so daß sie einst ein Leipziger Kaufherr für Hundehaar erklärte. In munteren Gruppen bewegen sie sich um den »Master«, den Hüter der Herde. Diese Schäfer bilden fast die einzige menschliche Staffage der Heide, und es läßt sich nicht leugnen, daß das einsiedlerische Nomadenleben derselben, welches sie, wenn auch in engem Kreise, wandernd von Weide zu Weide führt, gleichsam außer der nüchternen Ordnung des übrigen Lebens sich bewegt und in vollem Einklange steht mit der einsamen Poesie dieser Natur. Aber freilich der »Master« ist kein schwarzbärtiger Juhaß, der die Bunda malerisch über die Schultern geworfen, stolz wie ein Pußtenkönig auf seinem Stabe lehnt; er ist kein Campagnole, der, den Spitzhut tief ins Bronzegesicht gedrückt, mit feurigen Augen den unbegrenzten Horizont beschaut. Er gleicht ihnen so wenig, als die deutsche Heide den Heiden Ungarns oder der ruinenbedeckten Walstatt der alten Romana gleicht. Der Campagnole schwingt in der sehnigen Faust die Lanze, aus dem Gürtel des Juhaß blitzt der Dolch, und den Gascognerhirten, wenn er auf hohen Stelzen die Sümpfe der »Landes« durchschreitet, begleitet allenthalben die sichertreffende Flinte. Dieser romantisch-ritterliche Schein, der auch wohl etwas vom Räuber haben mag, fehlt dem Heideschäfer ganz und gar. In den weißwollenen, innen rot ausgekleideten Mantelrock gehüllt, mit den blauen Augen ins Weite starrend, sitzt er auf einem Baumstumpf und – strickt . Vielleicht flicht er auch einen Korb, oder er schnitzt einen Löffel, einen Holzschuh oder ein anderes Stück seines einfach rohen Hausrats. »Er wendet sein rotwangiges, eben nicht reines Gesicht auf dich; aber er öffnet den Mund nicht, um dir zu sagen, daß er dein Hochdeutsch nicht versteht. Sprechen ist eine Kunst, die er so selten übt, daß er vor einem Fremden die Anstrengung nicht machen will. Dennoch ist er nicht ungastlich, und müht sein schwerer, roter Finger sich auch jetzt mit der Nadel, so erprobt er doch zuweilen die Faust im harten Strauß. Der Adler schwebt über seiner Herde, stürzt herab und packt ein Stück; ein Wolf, aus den polnischen Wäldern verschlagen, bricht in die Hürden und mordet die hilflosen Tiere zu zehn und mehr. In solchem Falle gilt es dann freilich auch ein Beil, ein Schlachtmesser, gelegentlich ein Feuergewehr zu gebrauchen und im Kampfgemenge etwas zu wagen.« Der Schäfer weist uns mehr mit Gebärden als mit Worten die Richtung, die wir einschlagen müssen, um auf die große Heidstraße zu gelangen. Sie führt nach Hamburg. Heutzutage wird sie allerdings nur wenig betreten; an ihre Stelle ist der eiserne Schienenweg getreten, der seinen Ring um die Heide geschlagen hat und mit Blitzesschnelle den Reisenden seinem Ziele zuträgt. Wie eine Geisterkarawane donnert der Zug am Rande der Einöde vorüber und läßt seine Dampfwirbel in wunderbaren Gebilden auf der braunen Fläche verflattern, während der Heidbauer staunenden Blicks das fabelhafte Roß verfolgt, dessen Schnaufen noch weithin durch die stille Luft klingt. Die alte Hansastraße ist bald erreicht. Aber was für eine Straße ist das? Hundert Gleise nebeneinander, in allen Richtungen zersplitternd, als habe jedes einzelne Gefährt seine irren Furchen zurückgelassen. Man überläßt sich wahllos dem Zufall, denn alle diese Spuren führen zum Ziel. Nur behalte man achtsam die hohen graubemoosten Signalstangen im Auge; die von Zeit zu Zeit auftauchend, die Wegweiser ersetzen. Davoust hatte sie zuerst einschlagen lassen, als er – mich dünkt im Jahre 1813 – eine der französischen Heersäulen durch die Heide führte. Seitab in einer Senkung verloren, liegt die Hütte eines Torfgräbers. In ihrem spitzen Rohrdach, das wie eine finsterbuschige Augenbraue tief herabhängt über das niedrige Fenster und die niedrige Tür, gleicht sie fast einem jener indianischen Grabmäler Nordamerikas. Daneben zieht sich ein Feldstreifen hin; aber die hungernden, notreifen Halme tun dem Auge nicht wohl. Es ist ein karges Stück Brot bei viel Arbeit und Schweiß, und nur der Buchweizen, ein aus lauter Gelenken aneinandergesetztes, niedriges Kraut, gedeihet und liefert dem Heidbauer in seinen Körnern ein Hauptnahrungsmittel und den Bienen in der weißrötlichen Blüte eine reiche Weide. Inzwischen ist die Sonne hinabgesunken. Halbverhüllt in Wolken, die wie Rauch um ein Opferfeuer ziehen, steht sie am Horizont, und wirft flackernde Strahlen über die Landschaft. Immer weiter wachsen sie hinaus, immer röter brennt der Abend, immer tiefer wird über uns das Blau. Nun fachert im West nur noch eine dunkle Flamme und wirft einen langen, glühenden Blick zu uns her, und nun ist auch diese verloschen; aber die Brandstreifen schlagen purpurn zum Himmel auf. Das Schauspiel, welches in solchen Augenblicken die Heide bietet, ist großartig. Die feurigen Fernlinien, auf denen dort ein Tannicht seine düstern Kandelaber emporstreckt oder ein einsamer Zugbrunnen den Arm wie drohend in die Luft hebt, der trübaufleuchtende Spiegel eines Moorkolks, die schwarzen Erdmassen, in welchen hundert Elemente zu gähren scheinen, die abenteuerlichen Wolkenformen, die Drachen und Ungetüme, die sich jetzt im Ost heraufwälzen, dazu aus der Höhe der schmetternde Trompetenton eines Kranichzuges: das alles tritt zu einer grandiosen, magischen Wirkung zusammen. Es ist, als wandle die Riesin Sage in wallendem Königsmantel, in der Hand das funkelnde Schwert, auf dem Haupte die blitzende Krone, über die Heide und rühre die Gräber an und wecke die schlafenden Hünen, daß sie aufstehn und das Nebelroß besteigen und zu Speer und Streitaxt greifen. Aber freilich, hier haben sich keine Heldengeschlechter gebettet. Der romantische Zauberduft der schottischen Heiden weht nicht über diese Ebene. Selbst jene großen Steinringe – jene Dingstätten und Mäler der alten Stammhäuptlinge – die den ganzen Norden bedecken, zeigen sich hier nur stellenweise, und die Schlachtfelder, auf denen in grauer Zeit Sachsen, Wenden, Friesen und Jüten zusammentrafen und bis zur Vernichtung kämpften, muß man weiter hinauf, auf dem schleswig-holsteinischen Landrücken suchen. Unsere Heide ist ein leeres Blatt in dem blutigen Buch der Geschichte. Immer dämonischer gestaltet sich's umher. Während das letzte Abendrot in der Dämmerung stirbt, stiehlt sich fahl und scheu der Mond herauf und zieht die Nebel aus der Moortiefe. Nun zerfließt Luft und Erde zu einem grauen, toten Schein, in den der Schatten des Wanderers sich wie ein gigantisches, ungeheuerlich schreitendes Gespenst hineinzeichnet. Alles wächst ins Schranken- und Formlose, die langen Flächen liegen wüst und weit wie die Gefilde des Hades, und die Nebel ziehen in grotesken Geschwadern schemengleich auf und ab. So wird man sich die Szene denken müssen, in welcher Shakespeare die Hexen über Macbeth den Schicksalsspruch rufen läßt; auf einer solchen Heide hütet Fafnir seinen Schatz. Aber jetzt blitzt ein Licht auf, und ehe wir's denken, stehen wir vor einem Hause, das zottige Hunde wachsam umkreisen. Wir sind » in Konstantinopel «. Denn dies ist der sonderbare, aber doch nicht witzlose Name des einsam, mitten in der Heide belegenen Wirtshauses oder »Kruges«. Ein paar stämmige, verknorrte Eichen, ein Quell, eine Handvoll fruchtbarer Erde, und die Ansiedlung war da. Das Gebäude streckt sich lang und niedrig hin, denn es ist ein echtes Bauernhaus: ein steil aufgestaffeltes Strohdach ohne Schornstein, auf der First noch ein fußhoher Kamm von Heidekraut, darüber ein zerfetztes Storchnest zutraulich herabgrüßend, während aus dem Giebel das uralte Sachsensymbol, der holzgeschnitzte Pferdekopf bedeutungsvoll herausschaut. Wir treten ein, von neugierig starrenden Augen gefaßt. Statt der Lampe »schwelt« ein Kienspan, und das braungebeizte Holzwerk der Stube nimmt sich eben nicht freundlich aus; aber das Gemach ist luftig, die Dielen sind mit weißem Sande bestreut, die Wände sauber gefegt. Der Eindruck der Reinlichkeit hat immer etwas Wohltuendes, und hier wirkt er sogar überraschend. Man fühlt sich heimisch, das einfache Mahl – Ziegenmilch, Brot und Honig – wird gern geboten und schwelgend genossen, und bald nimmt den Müden das Strohlager auf. Er sinkt, vom Ticken der Holzuhr eingewiegt, in tiefen Schlaf und träumt von räuberischen Czikosen, von braunen Zigeunern, die das Feuer schüren und das Cymbal schlagen, oder von dem einsamen Blockhause der Savannen, bis der Morgen ihn zu neuer Wanderung weckt. Das ist die Bienenheide . Sie mag dem Ackerbau wahrscheinlich für immer entzogen sein. Aber dem Rande zu, wo kein Sand den befruchtenden Regen hindurchläßt und ein Flüßchen sich nährt, da winkt manche Oase, und Buche und Eiche gruppen sich auf grünem Rasen und überdecken das freundliche Gehöft eines behäbigen Edelbauern, der dann freilich Heidebilder in hellerem Kolorit zu zeichnen weiß. III. Der Nadelwald. Natur! hier fühl' ich deine Hand Und atme deinen Hauch, Beklemmend dringt und doch bekannt Dein Herz in meines auch. Fr. Schlegel. In großem Maßstabe wiederholt die Ueberkleidung des Erdreichs durch geselliges Gras und Kraut der Wald . Hoch und weithin bedeckt er den Boden. Er sammelt zahllose Pflanzengeschlechter um sich her, birgt und erhält zahllose Tiere, und die Wolken des Himmels und die Quellen der Tiefe nähren sich aus seinem Schoße. So umschließt er eine ganze Welt. Die Natur, in der wir sonst fast überall der Arbeit des Menschen begegnen, ist hier mehr als irgendwo noch mit sich allein, und indem sie ihre Stille und alle die verborgenen Wunder öffnet, versinkt hinter uns das gewohnte Dasein mit seinen Kämpfen und Wirren. Der Wald wirkt daher ganz anders als Heide und Wiese . Könnte mann jene elegisch , diese naiv nennen, so würde er romantisch heißen dürfen. Denn der Wald hat ein Mysterium. In ungestörter Ursprünglichkeit schafft und webt die Erdenkraft blühendes und welkendes leben, Licht und Dunkel, Düfte und Farben, die kühnsten und die zartesten Gestalten mischen sich labyrinthisch durcheinander, und allenthalben raunt geheimnisvolles Flüstern. Der klare, herrschensgewohnte Sinn des Auges sucht umsonst nach einem Maß in dieser lebenstrunkenen, üppig verworrenen Fülle, während das Ohr von tausend leisen schwebenden Stimmen wie in Traum gesungen wird, und am Ende vereinigt sich alles zu einem einzigen großen und ahnungsvollen Gesamteindrucke. Wie wenig anderes in der Natur regt er die Phantasie auf. Aber der Zauber des Waldes ist ein heilender, aus seinem Liede hört der Dichter den Gesang der Himmel, und aus seinem Odem weht Frieden in die Seele. Hier quillt die träumerische, Urjugendliche Frische, In ahnungsvoller Hülle Die ganze Lebensfülle; Es rauschet wie ein Träumen Von Liedern in den Bäumen, Und mit den Wellen ziehen Verhüllte Melodien. (Lenau.) Allein wer so den Wald preist, pflegt dabei vorzugsweis an den grünen Hag zu denken, wo zwischen Eichen- und Buchenstämmen die Birke sich schaukelt, wo unter Hasel- und Brombeergesträuch Maiblume und Waldmeister duften, die Anemone weiße Sterne säet, und im Grase eine Sylvie ihr Nestchen baut. Und allerdings zeigt nur das Laubholz die volle Schönheit des Waldes. Der Nadelwald ist ihm gegenüber arm und reizlos, und ungastlich schließt er das Tor, während jener mit tausend offenen Armen winkt. – Sein höchster Mangel ist der des Laubes . Zwar fehlt es auch ihm nicht ganz; aber aus dem lieblichen Schmuck ist beinahe eine Waffe geworden, denn streng alles Leben in sich zurückziehend, umkleidet sich dieses Baumgeschlecht mit einem Gürtel dunkler, starrer Spitzen. Wer erkennt in seinen grätenartigen Nadeln noch das Blatt? Sind das jene immer bewegten, immer flüsternden Zungen des Waldes? jene zierlichen Fächer, in deren durchsichtigem Gewebe die Lichter buhlend spielen? jene luftigen Flügel, die im Frühling unsere Seele so freudig mit in den Himmel hoben, und die im Herbst so matt herabfallen und auch uns zurufen: Hinab! hinab!? Ein welkes Blatt, langsam und lautlos niedersinkend zu tausend lautlos dahingesunkenen Blättern, vom mitleidigen Strahl leise und doch vergebens umspielt – o wie rührt dieser Anblick immer von neuem das Gemüt! Im Nadelwald tritt er uns nicht entgegen, und wie wir da das Sterben der Natur nicht sehen, so sehen wir da auch nicht ihre verjüngte Lenzgestalt. Es scheint, als sei die Nadel ohne Empfindung des Lichtes und des Lebens. Der Frühling, der Winter geht an ihr vorüber, und wenn sie nach Jahren, ja nach einem Jahrzehnt vom Baume bricht, sprangen längst unzählige andere hervor. Ebenso dürftig-einfach als der Blattwuchs ist auch die Zweig- und Stammbildung und selbst die Umgebung der Bäume. Hier (im Schwarzwalde) darf man nicht die wechselvollen Gestalten und Trachten des Laubholzes suchen. Einförmig steigt die gerade Linie der Stämme empor, in regelmäßigem Winkel ein Stockwerk von Zweigen auf das andere setzend. Der ganze Umriß des Waldes ist scharf, wandartig-starr und dicht, die lockeren Linien der Laubbäume fehlen durchaus. Kein duftiges Geisblatt, kein flatternder Hopfen schlingt seine Windungen um den ehrwürdigen Trotz alterszerrissener Stämme; keinen lustigen Busch, keinen blühenden Dorn dulden die düfterschattenden Gänge; spärlich unterbrechen Blumen den Moosteppich, und auch das Lied der Vögel klingt einsam durch die Stille. Nur das weichere Abendlicht scheint zu diesen Bäumen zu stimmen; das taufrische, heiterkräftige Bild eines Morgens im Walde gibt ein Tannicht verhältnismäßig am wenigsten. Aber was dem Nadelwalde in dieser Weise abgeht, ersetzt sich in anderer, und niemand wird den dunkeln Forsten des Harzes oder des Erzgebirges charakteristische Schönheit absprechen wollen. Schon daß sie allein fortgrünen mitten in der weißen Nacht des Winters, ist ein Vorzug, welcher viele Mängel aufwiegt und diese Wälder dem Menschen gleichsam näher ans Herz pflanzt. Am wenigsten schön ist der Kieferwald (Föhre, Pinus silvestris ). Ueber sandig« Ebenen hinziehend, mit einer trübstaubigen, schwülen Atmosphäre erfüllt, ermüdet sein ödes Einerlei, das noch entschieden an die Unwirtlichkeit der Heiden erinnert. Die monotone Linie des Bodens läßt die Monotonie der Pflanzenform in ihrer ganzen Armut hervortreten. Nur am Rande, wenn Wind und Sturm die Flanken des Waldes fassen, heben sich aus der Masse einzelne malerische und oft bizarr verknorrte Bäume ab. Aber wir verlassen sie, und nachdem uns Ahorn und Buche ein munteres Geleit hinauf gegeben haben zu den Hügeln und Bergen, empfängt uns oben, auf freieren Gipfeln, die ernste Pracht der Tanne (Weißtanne, Abies pectinata ) und Fichte (Rottanne, Abies excelsa, Ricea vulgaris ). Mit diesen Bäumen deckt sich der Rücken unserer Gebirge, und hierher gehören die grünen stolzen Türme. In der Fläche würde auch der Tannenwald nicht viel wirken. Auf den Stuhl der Wolken, wo aus granitnen Pforten die Wildwasser brechen, stellen sich die Mauerstürmer und pflanzen siegendes Leben. – Ein kleines geflügeltes Samenkorn ist mit den Frühlingslüften aufwärts getrieben, endlich ist es müde in die Mooshülle der Felsen gefallen. In der warmen Feuchte keimt es, streckt suchend die Wurzelfinger umher, klammert sich an den geöffneten Spalt und saugt die Nahrung einer Erdkrume. Je tiefer, je dreister steigt es hinab. Tau und Nebel und licht kommen dem Flüchtling zu Hilfe, der Sprühregen des Gebirgs wird seine Amme: mutig und schlank wächst er hinan. Aber der Geist der Berge hat ihn gezeichnet. Dichter zieht er um sich den Nadelmantel, schwerer senken sich die Zweige, es ist über ihn gekommen, wie ein dunkles Geheimnis. So steht auf ihrem Throne die Tanne, die Fichte, als fühle sie ein Sehnen nach dem Rauschen der Haine dort unten, als horche sie vergebens in die Wolkenöde hinauf nach dem uraltgoldenen Märchen vom Frühling und seinen Blumen und Nachtigallen. Und zu Millionen drängen sie sich über die Höhen, hinab zu den Schluchten und wieder hinan, reihenweis übereinander emporsteigend: ein einziges, in immer gewaltigeren Bogen hinausgreifendes Waldmeer, dessen Wellen plötzlich erstarrten. Denn so dicht und fest stehen die Wipfel zu den Füßen des Wanderers, als könne er über sie hinschreiten, bis wo dort die Bergketten zu Tal ziehen und ferne flimmernd die Ebene sich dehnt. Nur eine Farbe sieht das Auge, aber in welchen unendlichen Abstufungen und in welcher unendlichen Ruhe! Vom Schwarz beschatteter Klüfte, durch Lichtgrün sonnebeschienener Höhen geht es fort in dunstendes Grau, in schieferiges Blau und schwimmt immer weiter, immer zarter hinaus bis zum duftigsten Gedämmer des Horizonts. Da und dort wallt die langsame Dampfsäule eines Meilers oder die wirbelnde eines Hochofens empor, wie Inseln leuchten die Bergwiesen, während die nackten Giebel der Felsen abenteuerlich-wild hinunterblicken. Draußen aber über die Ferne gleiten breite Wolkenschatten, eine Flußlinie blitzt auf, eine Ruine, ein Turm hebt die graue Spitze aus dem Schimmer. Und das alles liegt weit und verschollen hinaus. In diese Einsamkeit dringt nichts von dorther, und man denkt an Uhlands Wort: Wir sehn in die weiten Lande Und werden doch nicht gesehn. Der heiße Sonnendunst lagert sich dichter. Die Waldnacht winkt in ihre endlos dämmernden Hallen. Aber durch sie hin zieht schwermütig-einsame Stille, und das Auge blickt staunend und fragend die Pfeiler hinan, deren schwarze Zweige wie Trauerfahnen herabhangen. Die Sphinx des Waldes, das alte Naturrätsel, tritt den Menschen an: das Ahnen und Sehnen der Kreatur ergreift seine Seele. In der Tat, wenn irgend etwas in der Pflanzenwelt an die große Verwandlung und Erlösung zum Leben mahnt, welcher alles Geschaffene entgegenringt, so ist es das ragende Dunkel, die schauernde Stille dieser Wälder. Die Wasser rauschen von den Hügeln in alle Lande, das Ewige zu suchen; das Feuer richtet sich geraden Zuges zum Himmel hinauf es zu finden: so gleicherweise türmt das Gebirge das Gedräng seiner Gipfel empor, und darüber hinaus schauen die Waldhäupter, die Warten der harrenden Erde. Und wie das Gemüt in gläubigem Sinne die Hieroglyphe der Natur sich deutet, so erzählen auch dem betrachtenden Forscher diese Baumgestalten von den erschütternden Wandlungen des Erdlebens. Sie führen ihn zurück in jene unvordenklichen Zeiten, da die Feste noch unbetreten von dem Fuße des Menschen, unfähig höhere Formen zu entwickeln, sich in das Gewand nadeltragender Wälder hüllte, da ungeheure Wasserstürze die finstern Waldinseln unter Trümmern begruben und in langem Wechsel aus der Zerstörung neues Leben wuchs, um von neuem unterzugehen. Jene Lager der Steinkohle , welche unserem Gewerbefleiße unerschöpfliche Schätze geöffnet haben, sind ja nichts anderes, als die Riesengräber untergegangener Nadel- und Farnvegetationen, und Jahrtausende haben an ihnen gebaut. Daher blickt uns denn wirklich von diesen Bäumen statt des jugendfrischen Antlitzes der Gegenwart ein altersgraues der Vorzeit entgegen, und jene Waldpatriarchen im grotesk-ehrwürdigen Schmuck ellenlanger Flechtenbärte scheinen wie Häuptlinge, die ihre schwarzen, verfolgten Völker sammelten, um hier oben, in der Wildnis der Berge, eine Zuflucht zu suchen. Und freilich, Kultur und Barbarei, beide haben seit Jahrhunderten unermessene Waldstrecken niedergeworfen. Deutschland, Frankreich, Spanien waren nach den Zeugnissen der alten Römer von großartigen Waldungen bedeckt; selbst über viele jener steppenähnlichen Heiden schattete vormals prangender Baumwuchs. Und der edelste dieser Bäume, die »durftgesalbte« Zeder, durch deren Schatten einst Israels fromme Harfe klang – wer wüßte nicht, daß sie längst aufgehört hat, der Stolz des Libanon zu sein, und schon fast selber zu einer heiligen Sage geworden ist? Doch die Phantasie sucht nach anderen erfreuenderen Bildern. Sie durchbricht die melancholische Verschlossenheit umher und findet auch hier überall Leben und Wechsel. Das Auge unterscheidet den frischgrünen Schimmer junger Nadeltriebe von dem satten Dunkel der älteren, den strafferen Wuchs der Tanne, mit gehaltenem, derben Geäst und keck aufgerichteten Zapfen von dem weicheren des Schwesterbaums und dem dichten Behang seiner Zweige und Früchte. Jene baut hohe Kuppeln, diese gipfelt sich zu Pyramiden. Dazwischen tritt wie verschüchtert mit den lockerzerflirrenden Nadeln die Lärche ( Pinus larix ), und über alle den Bogen und Spitzen haucht der Odem des schlafenden Waldgeistes. Langsam und ruhig sausen die Nadeln, zuweilen lauter aufwallend und dann wieder leise ausschwingend, als verrinne droben der Strom der Lüfte. Es liegt etwas wunderbar Stillendes in diesem Getön; alle Leidenschaft löscht aus, alle Hast des Strebens ist beruhigt. Und würziger Duft quillt nieder. Voll und warm schwellt er die aufatmende Brust, und wie ein längst vergessenes, plötzlich uns entgegenklingendes Jugendlied mit einem Male die alten lieben Bilder weckt, so zieht mit diesem stillen Duft, der um die Christnachtfreuden der Kindheit wehte, wonniges Erinnern in die Seele. Aber auch zu unseren Füßen sproßt und regt sich Leben in Fülle. Dann und wann steckt ein Trupp von Pilzen die Köpfe hervor. Giftrote Fliegenschwämme stellen sich prunkend um den alten Ziegenbart , dessen wunderlich wirres Haupt mit herabgefallenen Nadeln bedeckt ist, oder ein anderer dieses Dämmergeschlechts breitet seinen mückenumsummten Teller aus. Hier zwischen Steintrümmern und Platten wuchert dichtes zähes Gebüsch der Preißel- und Heidelbeere . Fußhoch steht es, und tropfengleich hängen daran die zarten Blüten; auch die fremdgestaltige Moorbeere zeigt sich mit seinem, frischem Myrtenblatt, und dazu gesellen sich tausendfühige, tausendfingrige Flechten und Moose . Ueber Stein und Stamm und Pfad ziehen sie die lebenzeugende Decke. Hier sind es lange Fasern oder Fäden, da kriecht es raupenartig hin und dort wieder sind es Korallenzacken; bald tragen sie ein Hörnchen, eine Tasche, einen Becher und bald ein luftiges Hütchen. Unerschöpflich wechseln die Formen dieser zwerghaften Pflanzenlarven und -masken. In einer Sandblöße zeigen sich dem schärferen Auge Trichterchen, klein und regelmäßig, als habe ein Lüftchen sie mit spielendem Finger gebildet. Es sind die Festungen des Ameisenlöwen. Bis zum Kopfe im Grunde versteckt, lauert das listige Insekt auf seine Beute, und sobald eine Fliege, eine Ameise an den Rand des Kraters gerät, beginnt es einen Hagel von Sandkörnchen zu speien und setzt das Bombardement so lange fort, bis das Opfer zur Tiefe sinkt und unter den Zangen des Wegelagerers sein Leben läßt. Nicht weit davon sonnt sich eine Kreuzotter. Unwillkürlich schreckt der Fuß zurück vor der widrig unheimlichen Kreatur. Aber kaum hört sie den nahen Schritt, so löst sich die schillernde Spirale und gleitet raschelnd ins Heidekraut. Wo aus verborgenen Zellen Wasser sickert, da riecht es frisch und kühl, und auf den dunkeln Samt streut der Sauerklee sein Blätterdrei. Die liebliche Pyrola (Waldmangold) stellt sich ein, nach Schneeglockenart das weiße Blumenrad neigend, der Stern des Schirmkrauts ( Trientalis europaea ) grüßt, Adlerfarne wiegen ihre Wedel, der Huflattich entfaltet das große unbewegte Tropenblatt. Wie gern folgt man dem grünen Saume, dem unter Blöcken fortbrodelnden Wasser nach! Es führt durch trauliche Kammern und Nischen, unter eng verschränkten Bogen hin, von denen die Nadeln rieseln. Ueber uns hat das Eichhorn Haus und Scheuer, hackt von Baum zu Baum fliegend der Specht, gurrt die Wildtaube. Ein Reh springt erschreckt unter Epilobiumstauden in die Höhe. Seine zierlich aufschnellenden Läufe schlagen knackend zusammen, und ehe man's noch recht gesehen, ist es verschwunden. Inzwischen hat sich am Himmel eine dunkle Wolkenlast zusammengeballt, und Bergfink und Ammer, die Regenstimmen des Waldes, werden laut. Bald weht es feucht und wird tiefstill. Der Wald steht atemlos lauschend. Jetzt rollt ein Donner langsam in die Ferne hinaus. Ein Augenblick noch, dann stäubt es die langen Rücken heran, mit einem Male alles verhüllend und verlöschend. Brausend strömt der Guß herab, aber unter dem dichten Zweigdach steht man sicher und horcht mit Lust in die Musik des Regens, in das Rauschen und Rieseln, in das Gepoch und Geklopf des Wassers allenthalben. Und bald blickt die Sonne siegend wieder hindurch. Ueber fernen Gründen verdampft die feuchte Fülle und wandelt in Nebelgewinden um die Kuppen, dort von neuem sich zu sammeln. Denn der Wald ist der große Wasserspeicher der Länder. Ebensogut wie in den Boden ist er auch in die Luft gepflanzt. In sie greift er hinauf, und wie der Blitzableiter den Blitz, so zieht er die Wolke zu sich hinab, fängt mit den grünen Schirmen Regen und Schnee, häuft sie in seinen Kammern, und läßt sie in Quellen und Bächen oder als Nebel und Gewölk wieder in die Ebene hinausziehen, Leben und Gedeihen zu verbreiten. Der schwülen Spannung ist inzwischen erquickende Frische gefolgt. Auf den Erdbeerblättern und den Ranken der Waldwicke schimmern Tropfen. Der Harzgeruch zieht wie ein Weihrauch durch die Bäume, und mit ihm mischt sich das Gewürz der Beeren. Die Bäume schreiten abwärts, breite Gassen öffnend. Gras sproßt auf, saftige Halme nicken, weißblütiges Labkraut ( Galium ) zieht saubere Stickereien durchs Grün, ein Grasmückchen läßt sich vernehmen. Alles weist talhinunter. Da fällt hoch durch den Gurt der Wipfel ein Strahl, und gleich einem Sonnenflügel streift er bis tief vor uns zum Boden hinab. Lichtelfen ziehen die goldene Leiter auf und nieder; sie halten ihre Kerzen an die dunkeln Stämme, daß sie leuchten, hinter den Kanten des Granitblocks schießen sie blitzende Pfeile hervor, und wo dort aus dem Nadelhaufen klugspitzig ein Farnkraut schaut, zünden sie es an, und so seltsam heimlich gleißt das grüne Flämmchen, als wolle es uns zu gefeiten Schätzen winken. Hört ihr drunten das Rauschen und Murmeln? Es ist ein rühriger Bach, der eine Bretterschneide treibt. – Wie schultert das Brausen des Sturzes, das Schwingen der Räder, das Arbeiten der Säge so wundersam durch die Stille! Sauber geschnittene Bretter liegen geschichtet, daneben Stämme übereinandergerollt; frischer Holzgeruch erfüllt alles umher. Aber man sieht keinen Menschen, das graue Mittelding von Haus und Hütte scheint für sich selber zu schroten und wie zu irgendeinem Märchen zu gehören. Man fühlt sich beengt und steigt gern aus dem Druck des Tales zur Berglehne hinauf. Ein ganzes Purpurfeld zieht da empor: nichts als Fingerhut! Oben aber dröhnt die Art; dort treiben die Holzschläger ihr Wesen. Sie fällen die Fichte, die Tanne, die vielhundertjährige Eibe. Die Scheiter werden geklaftert, große Blöcke gespalten oder gesprengt; in einer Grube knistert bei kleinem Gezweig ein Feuer. Auch die Waldwand gegenüber ist bloßgelegt. Mächtige Stämme werden im Frühjahre gehauen und ihrer gerbstoffreichen Rinde beraubt; nun liegen sie in langen Rinnen, in »Holzschurren« umher, in denen sie später den Berg hinabgeschleift werden. Wie riesige Gebeine leuchten sie herüber, wirr und starr hingeworfen: auch dies ein Bild des »langhinstreckenden« Todes. Sprechen sie schon so stumm daliegend die Phantasie an, so noch ungleich mehr in ihrem Fall und Sturze selber. Wer schon einem Holzschlage zugesehen, der wird bekennen, daß es eine aufregende, ja fast eine ergreifende Szene ist. Zwei, drei Fuß über der Wurzel setzt die Säge ein. Sacht, sicher dringt sie vor, frißt immer tiefer ins Mark, und ihr schriller Ton wird dumpfer. Aber unerschüttert ragt der Baum in die Lüfte. Um seinem Wipfel spielt noch froh das Licht und manch bunter Flügel, er schaut noch prangend und freudestolz über Höhen und Täler hinweg, und hinweg auch über die Menschen, die unten ihn stürzen werden. Indes hat schon die Säge ihr Werk getan; der Stamm ist bis zu zwei Dritteilen durchschnitten. Nun werden die Keile in den Schnitt gesetzt. Die Holzhauer greifen zur Axt, und gellend hallt ihr Schlag durch den erschreckten Wald. Ein Zittern geht durch den Stamm – ein Schwanken – die Krone sinkt vor den schwindelnden Blicken oben durch die Luft, erst langsam, dann schnell, und im wachsenden Uebergewicht immer jäher, bis sie brausend, krachend, splitternd durch alle die grünen Nachbararme hindurchschlägt. Unter dem donnernden, alles verschlingenden Sturz bebt der Boden. Ein dunkles Echo rollt durch die Tiefen des Gebirgs, und dann ist's still, und keine Zweigspitze rührt sich mehr. Ist die Fichte gefällt, so quillt aus dem Stumpfe noch lange der Saft, bis endlich die Wurzel abstirbt. Aber mittlerweile deckt sich die Blöße mit Grün. Das Kreuzkraut mit seinen fliegenden Samen säet sich an, den Vögeln zur Lust; nach Jahren folgt ihm die hohe Glockenstaube des Fingerhuts; erst wenn auch diese ausgelebt haben, kommt Gras und Erdbeere und manche andere Blume herbei, und zwischen ihnen schaut ein neues Geschlecht von Waldschößlingen empor. Acht Jahre daure dieses Zwischenreich des Kreuzkrauts und des Fingerhuts, sagen die Holzschläger. Weiter ins Dickicht hinein sammeln ihre Buben die Fichtenzapfen. Die schöngeformte Frucht, die auch in dem knappen Gefüge ihrer Schilder noch den gleichsam kristallinischen Charakter des Nadelholzes spiegelt, liegt zu Bergen gehäuft, und in den harzigen Samen wühlen Heere von Ameisen. Hier ist das Sammeln derselben eine leichte Kinderarbeit, dagegen ist sie auf den Höhen, wo die Tanne herrscht, ungleich mühevoller. Denn bei diesen letzteren Bäumen drängen sich die Zapfen nach oben, kerzenartig auf die Zweige tretend, und da in der Maiwärme mit den reifen Samenkörnern auch der ganze Schuppenleib sich löst, so müssen sie im Herbst gebrochen und geschlagen werden. Das ist dann oft ein wagehalsiges Stück. Doch der Zapfensucher klettert mit der Gelenkigkeit einer Katze bis in die schwindelnde Spitze, und stehen die Tannen dichter, so schnellt er wohl zuweilen, den Wipfel im festen Schluß der Knie beugend und schwenkend – ein kecker Reiter – mit einem einzigen Satze auf die nächste Baumspitze hinüber, um sein Geschäft von neuem zu beginnen. Bergan, talab führt der dunkle Pfad. Wir überschreiten wilde Klippenfelder, wo der Falke kreist, wo der Marder lauert, im Gestrüpp die Nachtschwalbe schläft. Schnarrend, wie ein fliegendes Rad, fährt sie beim Schall der Tritte auf. – Es ist ein großartig wüstes Trümmerbild, das uns umgibt. Unter diesen steinernen Schwellen, tief im Geklüft, grollt der Wildbach; hierher schleudert das Wetter seine Blitze, hier tobt die wilde Jagd der Winde. Verwitterte Baumruinen stehen umher, Waldgespenster, die starre Arme emporheben und uns grausig-skurril anglotzen. Der Sturm schlägt die gewaltige Fichte mitten durch, daß sie knickt wie ein Halm, und hat ein solcher Windbruch (»Gotteshau« nennt ihn in frommem Sinn der Erzgebirger) einmal eine Lücke gerissen, so ist damit ein Angriffspunkt gegeben, von dem immer zerstörendere Wirkungen ausgehen. Wie kontrastiert gegen dieses Chaos die freundliche Bergwiese! In sanftgeschwungener Linie, oft muldenartig vertieft, liegt sie ruhig in dem dunkeln Tannenrahmen: ein reizender Teppich, gegen welchen keine Wiese der Ebene kommt. Kamille, Orchis, gelb und roter Klee, Ampfer, Vogelwicken, zahllose würzige Kräuter drängen sich aus dem Grase. Hier schwirrt der Bergfink um tauige Kelche, bunte Schmetterlinge schweben darüber hin, aber jetzt in der Dämmerung kommt das Reh zur Weide. Denn immer tiefer dunkelt es zwischen den hohen Stämmen, und langsam zieht das Gebirge in den Abend hinein. Schon ruft auch die Baumeule über uns hin, in den Gründen beginnt's zu murmeln, am Wege die alten Fichten ächzen, alles reckt und streckt sich phantastisch-formlos, so daß man eilender das Licht eines Gipfels sucht. Dort glühet die Sonne aus. Wie aus Graals heiliger Schale ergießt sich segnend der purpurne Strom. In das niederbrennende Rot auf den Höhen schlagen die Glocken der Täler, und nun verhallen auch sie; aber durch die Bäume wandelt mit schwarzen Augen die Nacht. IV. Der Laubwald. – Hier lebt des Lebens welche Fülle! Ein stummes Rätsel, das sich nie verraten: Die Pflanze ist sein Bild und seine Hülle, Und allwärts grünen seine stillen Taten. Die Wurzel holt aus selbstgegrabnen Schachten Das Maß des Stamms und treibt es himmelwärts. Ein rastlos Drängen, Schaffen, Schwellen, Trachten In allen Adern – Lenau . Wie der Nabelwald die Gipfel der Gebirge sucht, so tritt der Laubwald gern auf Hügel und Ebenen herab. Jeder stimmt zu der Eigentümlichkeit seines Standortes: der düsterunbewegte Baumwuchs dort ist nicht charakteristischer als der luftigheitere hier. Näher gerückt an die Grenze der menschlichen Wohnstätten grüßt der Laubwald im Spiel seiner schwankenden, tauigen Wipfel wie mit heimischerem Laut, und indem er mit der Mannigfaltigkeit seines Grüns das Land überkleidet und die Linie des Gesichtskreises wechselnd bricht, verleiht er der Niederung den ausdrucksvollsten landschaftlichen Schmuck. In welche Fernen er sich auch verliere, fesselt er immer den Blick und lockt den sehnenden Sinn als ein klingender, singender Garten der Wunder. Wirklich hat die Pflanzenwelt in ihm die ganze Fülle ihrer Kräfte und Reize offenbart und ein Bild entfaltet, das je nach Milde oder Strenge des Himmels, nach Form und Fruchtbarkeit des Bodens, nach Alter und Zusammensetzung der Vegetation sich auf das überraschendste verwandelt. Wie schön, wenn im Frühling der Hauch wärmender Lüfte die starren Bäume rührt und sie nun den Schnee von der Schulter werfen, wie ein drückendes Gewand, und wieder frei hinaufstreben in den jugendlichen Aether! Um die Birke zieht das schüchterne Laub wie ein sonniggrüner Nebel, die Buche wölbt die Kuppel, und auch um die schwarzen Zacken der Eiche schimmern golden Tausende von Knospen. Alles treibt und ringt hinauf, hinaus ans Licht. Dann wieder im Herbst. Welche unendliche Ruhe liegt da über den Wipfeln! Wie neigt sich alles zur Rüste! Zwar steht an geschützten Stellen wohl noch ein einzelner Baum im Grün, aber drinnen die hohen Laubgänge leuchten rot und gelb, als blicke farbendämmernd das Licht durch bunte Kirchenscheiben; jedes Blatt glüht aus wie eine stille Flamme – dann fällt es – das Licht verlöscht. Und selbst der winterliche Wald übt noch seinen Zauber. Oder wen hätte es nicht ahnend ergriffen, wenn er in die verödeten beeisten Hallen hinaustrat und überall das stumme bleiche Glänzen lag? Man glaubt in einem Mausoleum zu wandeln – da faßt ein Windstoß alle die glitzernden Säulen und Säulchen, daß sie durcheinander klingen und klirren, ein blitzendes Splittern geht die Wände hinab, bis wieder alles die alte Ruhe deckt. So bietet der Laubwald immer neue und immer poetische Szenen. Aber er ist nicht allein ein Schmuck, sondern auch ein Erhalter und Nährer der Erde . Für die Schönheit desselben mag es sogar dem Wilden nicht an Empfindung fehlen; die große kosmische Bedeutung des Waldes aber lernten erst die späten Zeiten einer alles brandschatzenden Kultur würdigen. Erschreckt haben sie erkannt, daß die Vernichtung der Laubwälder gleichsam den Boden unter ihren Füßen aushöhle, und daß ihre Arbeit, wie sie einst mit dem Chaos begann, fortschreitend mit dem Chaos enden müsse. Denn mit den zahllosen Fächern seiner immer bewegten Zweige und Blätter erregt der Wald, einem Wehre vergleichbar, den Luftstrom zu unaufhörlichen Kreisungen; Gase steigen in ihm auf und ab; was dem Menschen- und Tierleben Verderben bringen müßte, atmet er begierig ein und haucht es wieder aus als Luft des Lebens; Wolken und Nebel, Regen und Tau, Ströme und Quellen gebiert er in seinem Schoße, und die länderdurchschweifenden Winde sättigt er mit nährenden Elementen. Wie in den Alpen der »Bannwald« den Sturz der Lawine hemmt, so wehrt er am Meeresufer dem Zuge des Dünensandes, und während er um die Saat des Nordländers einen wärmenden Mantel hüllt, deckt er sie im Süden vor dem Strahl der sengenden Sonne. Wo die Laubwälder vertilgt sind, da nehmen die Winde jene Eigenschaften an, welche ihnen Hippokrates beilegt: sie streichen trocken über die Flächen, Vampyren gleich das Mark der Erde saugend, und statt, wie die Orphiker von ihnen sangen, Träger des Lebens zu sein, zeugen sie Siechtum und Tod. Man erinnere sich der Campagna, die seit Jahrhunderten in eine fieberbrütende Oede verwandelt liegt. Oder man durchwandere die Westküste des Baltischen Meeres und sehe, wie die Düne leisen, aber sicheren Schrittes ins Land schleicht und über ehedem fruchtbare Striche das zehrende Nessushemd wirft. Meilenweit führen die Winde den losgewühlten Staub, bis dichte Vegetation einen Damm entgegensetzt. Aber auch diese vermag, ihrer alten Vormauern beraubt, auf die Dauer nicht mehr zu widerstehen. Bald versinkt das Unterholz in der Ueberwehung, selbst die ältesten Bäume erliegen. Denn in alle Fugen und Poren, in die verborgensten Adern des Stammes und Geästes drängt sich die erstickende, versteinernde Saat, und die Menge der gebrochenen und mastgleich emporstehenden Säulen mehrt sich von Jahr zu Jahr, und immer tiefer hinein verfolgt man die Siegeszeichen der Verheerung. Und mit dem Absterben des Pflanzenlebens verschwand auch das Menschenleben von diesen Strecken. Viele Dörfer, in denen sonst Fischer und Hirten sich nährten, sind vom Sande begraben. Doch ist Deutschland wenigstens nicht waldarm zu nennen; der Süden ist sogar reich daran. Im Norden unseres Vaterlandes aber zeigt die Tiefebene noch manches frische, selbst großartige Waldbild, und über die Berge Thüringens und des Harzes spannt sich noch wie vor alters der rauschende Boden. Man wird eben nicht fragen dürfen, wo die schönere Waldlandschaft sei. Denn der Wald entwickelt hier andere Eigentümlichkeiten als dort, und wenn es gilt, ein allgemeines Charakterbild zu entwerfen, wird es erlaubt sein, den Blick wechselnd auf beide , auf Höhe und Niederung zu lenken. Was den Laubwald, zumal in der Ebene, sogleich vom Nadelwalde unterscheidet, ist das vor ihm her und in ihn hineinziehende Unterholz . Das Tannicht springt plötzlich und mauerartig hervor, aber den Laubwald melden lange zuvor die Gruppen der Sträucher und Büsche an. Schwarz- und Weißdorn zeigen den Weg, Brombeer kreuzt umher, die Hasel mit schlanken Schossen, sprödzackiger Maßholder, Buschweide, Faulbaum und Pfaffenhut mischen sich ein, und unter ihrem Gezweige blüht Ehrenpreis und Gundelrebe, summen Bienen und Hummeln. Es ist ein krauses, fröhliches Gewirr von Dorn und Blüten, Stumpf und Loden. In den Senkungen wächst hohes Riedgras, und wo ein Wässerchen sich verhält, steht Schilf und Iris. Der feuchtschwarze Boden verrät alte Fruchtbarkeit. Bei jedem Fußtritt schwankt er elastisch; aber bald führt ein fester Damm waldeinwärts. Birken drängen sich anmutig herbei und dunkelblickende Erlen; über sie hinweg schaut die alte Ulme mit wüster Hopfenperücke auf dem Haupte. Sie nicken und winken weiter, immer weiter hinein in die Waldburg selber, wo Eiche und Buche sich sammeln. Und schon sind wir mitten in ihren irren Gängen. Atem der Gesundheit strömt aus allen Röhren, der saftige Geruch ringsum verkündigt das unerschöpfte Leben der Natur, das stumm die großen Wunder tut. Fremd und bekannt weht's uns an: es ist, als habe ein Meer geheimnisvoller Kräfte sich ergossen, und mit jedem Schritte senkt sich's tiefer, stiller in die Seele. In diesen Frieden scheint der alte Haß nicht dringen zu können, der die lebendigen Geschlechter entzweit; hier umrauscht uns die nahe Gottheit selber, wir sehen, wir hören droben ihren Gang, und ihre Ferse trieft von Segen. So war schon unseren Vorfahren der Wald ein Haus der Götter, und wie der altrömische Philosoph Senec. Epist. XLI: »Zeigt sich ein dichter Hain mit alten Bäumen, die über die durchschnittliche Höhe hinausgewachsen sind und wird der Anblick des Himmels durch das verworrene Geflecht der Zweige verdeckt – so erzeugt der hohe, stolze Wuchs und das Geheimnisvolle des Raumes und die Seltsamkeit des Schattens, der im Freien so dicht und zusammenhängend ist, den Glauben an ein Göttliches.« Wer erinnert sich dabei nicht an die bekannte Stelle des Wandsbecker Boten: »Ich gehe niemals durch den Wald, daß mir nicht einfiele, wer doch wohl die Bäume wachsen lasse, und dann fühle ich so von ferne und leise etwas von einem Unsichtbaren, und ich wollte wetten, daß ich dann an Gott denke, so ehrerbietig und freudig schauert mich dabei!« Ueber den im Text berührten Waldkultus der Germanen und anderer Völker ließe sich manches anführen. Man denke nur an den heiligen Hain der Semnonen (Tacit. Germ. 39) und an die heiligen Eichen und Linden, deren es so viele gab. Gewiß waren unsere Vorfahren nicht so roh, die Bäume selbst anzubeten, sondern sie verehrten dieselben, weil sie die Götter in ihnen thronend dachten, weil wahrscheinlich bei ihnen geopfert und die Häupter der Opfertiere an ihren Zweigen aufgehängt wurden. An einen solchen Opferbaum erinnert noch die Fabel »der wolf und diu geiz« bei Grimm, Rein. Fuchs 301 ff. Die christlichen Bekehrer weihten dies: Bäume, falls sie dieselben nicht niederhieben, gewöhnlich der Jungfrau Maria, und daher mögen zum Teil noch die wundertätigen Gnadenbilder an alten Eichen, Linden und Buchen stammen. gesteht, daß er nie den Hain betrete, ohne von Schauern des Unendlichen ergriffen zu werden, so sagt «in frommer Christenlehrer Bernhard von Clairvaux. Es heißt bei Gerhard, Loci theol. Tom. I, p. 94 : »Bernhard von Clairveaux sagt von sich selbst, das Beste, was er gelernt habe, sei ihm in Wäldern und auf Feldern beim Nachdenken oder im Gebet eingefallen, er habe keine andern Lehrer gehabt als Eichen und Buchen.« Ebenso liest man in Francisci Petrarchae »Trostspiegel«(Frankfurt 1572, Blatt 141): »Der heil. St. Bernardus, der ain fürträffenlicher man an kunst vnd leere gewesen, bekennet, er hab kainen anderen Leermaister nie gehabt, denn Eychbaum und Buochen.« der Vorzeit, daß ihn die erhabensten Entzückungen in der Stille des Waldes überkommen seien, und daß er keine beredteren Lehrmeister gehabt als die Bäume seines Heimattals. Unsere Dome endlich mit den kühn aufspringenden Pfeilern und den vielgebrochenen Bogen – was sind sie anders als steinerne Waldhallen, als die Natur in ihrem herrlichsten Schmuck auf das christliche Kreuz gestellt? Und wie in alten Tempelräumen fließt's dämmernd um Wurzel und Wipfel. Allenthalben webt das Grün seine duftigen Schleier, von Licht zu Schatten, von Schatten zu Licht verschwebend, und beschwichtigt und ahnend zugleich sinkt der Blick in die Tiefen. In der Tat, wenn in allen den andern Farben der Erde immer ein verborgener Hader der Elemente gährt und glüht, so atmet hier Ruhe und Fülle. Dies Grün, »der Zeuge des ewigen schönen Lebens der Welten«, fällt wie ein linder Tau in Sinn und Seele. Es quillt und schwillt in tausend Blättern und Halmen über uns, unter uns, nah und fern, und mit ihm verschmilzt das himmlische Blau zu einer Herrlichkeit. Ueberall ruht heiter-ernstes Schweigen; nur hoch durch die Wölbung klingt rauschend der Zug der wandernden Lüfte. Zwar auch der Tannenwald rauscht. Aber dort ist es immer der eine mächtig-breite, schwermütig-dumpfe Grundton, als rolle fern ein Meer. Hier in den vielverschlungenen Bogen und Lauben, wie unendlich wechselt da das luftige Spiel! Man hört das Flattern der Espe und das Geschwirr der Büsche, das Brausen der Eiche und das Rascheln am verdorrten Reis. – Aus Wolkenklüften springt die Windsbraut! Hochherschreitend, wie im Klange der Waffen, kommt sie gezogen und stürzt sich über die Gipfel: die alten Kronen schwanken, die Aeste beugen sich knarrend, und alle die hundert und tausend Stimmen münden zusammen in ein Titanenlied. Das ist der Schlachtgesang des Waldes. Aber die Wolkenrosse stürmen vorüber. Leiser wehen die Lüfte, sie flüstern, sie säuseln, sie rieseln dir zu, nur in weiter Ferne klingt's verworren nach, und um die Glöckchen der blauen Blume spielt noch ein neckender Hauch. Wie malerisch windet sich die Linie des Fußsteigs durch's Dickicht, mit jedem Augenblicke neue Tore öffnend und schließend! Die Sträucher bilden dunkle Gänge. Sie fassen dich mit grünen Fingern, hauchen dir entgegen, hauchen dir nach, rühren dir die Schulter und du blickst um, halb erschreckt, als rufe etwas hinter dir. Da liegt eine bunte Feder. Dort fliegt ein Rotschwänzchen vom Neste auf. Hier stehen ein paar Pilze, die sich viel wissen mit ihren spitzen Mützen. Hüte dich! Es ist die Ehrenwache irgendeines Koboldkönigs; sie werden dich weglos immer tiefer ins Zauberverließ locken. Hüte dich! ruft das warnende Vögelchen. Aber du bist gefangen, ehe du's noch weißt. Die Eichen schlagen ihr Sturmdach immer zackiger zusammen, immer grandioser schwingen sich ihre dunklen Leiber hinauf, und wie um alte Turmzinnen schlingt Efeu die Ranken hinan. Die Hagebuche hat längst den schlanken Schwesterbaum verdrängt. Aus ihrem eisenharten Stamm quellen seltsame Wulste, die zwischen struppigem Zweiggewirr fratzenhaft hervorblicken. Auch der freundliche Teppich verschwindet, nur die Orobanche (Schuppenwurz, Lathraea squamaria ) streckt ihren Totenfinger aus dem Moder, und eine Ophrys zeigt ihr Hexengesichtchen. Es wird dumpfstill. Du hältst den Atem an, du lauschest und horchst. Aber du hörst nichts, als fern aus den innersten Tiefen den Ruf des Wiedehopfs, oder über dir das Knarren eines Astes, den Schrei eines Raubvogels. Alles verkündigt, daß wir aus dem heiteren Garten der Feen uns in das düstere Reich gespenstischer Unholde verirrt haben. Die Dämmerung umher ist zur Nacht geworden, der fromme Waldfriede dem Alpdruck der Furcht gewichen. Dort jener schwarze Kolk, blickt er uns nicht an wie ein starres, gebrochenes Auge? Die Nymphäen, die eine breite Straße darüber ziehen, sind es nicht die Fußstapfen finsterer Wassergeister? Die Birken hangen tief und stumm hinein; auch das immer flüsternde Schilf steht unbewegt. Das Grauen der Wildnis, ihr ewiges Gebären und ihre ewige Vernichtung zeigen sich in allen Abstufungen. Uralte Stämme liegen umher, gebrochen, zerborsten, verwittert, wie Sturm und Blitz sie niederwarfen; andere stehen rindenlos, oft bis aufs Mark verfault, empor oder hangen mit losgerissener Wurzel zwischen Leben und Tod. Oft auch brach ein Baum mitten in der Fülle der Kraft und stürzend schlug er ganze Reihen zu Boden. Aber die Verwesung selber zeugt immer neues Werden. Auf der Leiche des Gefallenen drängt sich schon wieder ein anderes Geschlecht gigantisch empor, und wo nicht Bäume den Grund bedecken, da starrt in undurchdringlicher Dichte wüstes Gestrüpp und wucherndes Buschwerk. Betäubender Dunst lagert am Boden; bricht ein matter Sonnenstrahl herab, so steigt er auf und vermehrt nur noch das Schrecken des Chaos. Hier ist nirgends ein Pfad – selbst der Holzfäller wagt diese Stätte nicht zu betreten, denn allenthalben schleichen trügerische Wasser, die sich unter einem Filze gährender Moose verbergen oder zu grundlosen Sümpfen zusammenrinnen. In ihnen brütet ekelhaftes Gewürm; aber zur Nachtzeit steigen Irrlichter auf und schweifen mit blauen Flammen ums modernde Geweih des Elens, und über die Wipfel heult der Uhu. Die altmärkischen Wälder, insbesondere aber der Urforst von Hasbruch im Oldenburgischen haben dem Verfasser die Motive für die obige Schilderung gegeben. Der letztgenannte Wald würde, auch abgesehen von der in seiner Nähe belegenen Cistercienserruine Hude, allein eine Reise lohnen. Das ist der Wald der Ebene , ein Stück deutschen Urwalds . Schon muß man weite Striche durchwandern, um zu solchen Schauplätzen einer wildwuchernden Natur zu gelangen. Denn die Kultur schwingt immer schonungsloser ihre Waffe, reißt immer neue Trümmer nieder, und will man an kleinem Beispiel die Größe ihrer Opfer ermessen, so möge man sich etwa nur einmal daran erinnern, daß der Bau eines einzigen mäßig großen Kriegsschiffes über zweitausend völlig ausgewachsener Bäume, d. h. also den Ertrag von vierzehn Acker Waldland hinwegrafft. Ehedem war das anders. Cäsar und Tacitus sprechen von Wäldern, die ganz Deutschland bedeckten, und Plinius Plinius H. N. XVI, 2 . Ich führe die emphatische Schilderung wörtlich an: »In jener nördlichen Landschaft des Herkynischen Waldes geht die gewaltige Größe der Eichen, die, von der Zeit unberührt, mit der Entstehung der Welt zugleich entstanden und fast von einer unsterblichen Art zu sein scheinen, ins Wunderbare. Um andres, was unbestätigt ist, nicht zu erwähnen – sicher ist, daß ganze Hügel durch das Geschiebe der gegeneinander wachsenden Wurzeln aufgetürmt worden sind, oder daß sich, wo die Erde nicht mitgehoben wurde, Bögen wölbten bis zu den Aesten und im Andringen gegeneinander emporkrümmten wie offene Tore, so daß sie Reitergeschwader hindurchließen.« Ueber die Ausdehnung dieses Urwaldes sagt Pomp. Mela, I, III, 3 : »Der Herkynische Wald erstreckt sich sechzig Tagereisen weit.« findet kaum Worte für die Großartigkeit der hercynischen Urforsten. Dort standen Eichen, Mitgeborene der Erdfeste selber, die unsterblich den Druck der Jahrhunderte zu überragen schienen. Unabsehbar drängten sich die Stämme, und ihre Wurzeln ineinanderklammernd hoben sie sich gleich gewaltigen Ringern selber empor, so daß die Erde berstend aufsprang und sich Tore wölbten, die weit genug waren, um ganze Reitergeschwader hindurch zu lassen. Und mit gleicher Bewunderung schildert zwei Jahrhunderte später der Dichter Claudian Claudianus Cons. Stilich. I, 288 : »So daß man durch das ungeheure Schweigen des Herkynischen Waldes sicher jagen kann und unsre Aexte die auf die alte Religion trotzenden Haine und die Eichen, groß wie die barbarische Gottheit, ungestraft fällen.« Man vergleiche dazu das lebendige Bild, welches Lucan. Phars. III, 400 ff. von dem alten Druidenwalde bei Massilia und von dessen Zerstörung durch Cäsar gibt. Wie sieben Jahrhunderte später der Apostel der Deutschen bei Geismar, so ergreift der Römerfeldherr mit kühner Hand zuerst die Axt, und dem Zorne der heidnischen Götter trotzend schmettert er die geweihete Eiche nieder. Von dem Walde selber aber sagt Lucan. III, 422 ff.: »Nicht versammelt sich dort das Volk zu engerem Kult, sondern es weicht den Göttern, sowohl wenn Phoebus hoch am Mittag fährt wie wenn die dunkle Nacht den Himmel bedeckt, es scheut sich selbst der Priester herzutreten und er fürchtet den Herrn des Ortes anzutreffen.« die Schauer jener Waldwüsten und die Riesengestalten der Eichen, an denen die römische Axt den Kampf begann. Wer wollte diesem Kampfe sein Recht absprechen? Wer wollte die Zeiten zurückwünschen, in welchen die Saat des deutschen Ackers fast regelmäßig dem Froste erlag und der Rhein, den noch kein Rebenufer schmückte, Monate hindurch vom Eise starrte? Und nicht dem Pfluge bloß und dem Lichte der Sonne – jene eisernen Legionen haben auch dem anderen Lichte Bahn geschaffen, vor dessen Glanze das alte Heidentum erblich. Gewiß, wir danken dieser Kultur nicht weniger als alles. Aber es gibt auch einen Vandalismus der Kultur, eine Barbarei der Zivilisation, und diese ist es, die wir verklagen. * Doch wir wenden uns gern ab von solchen Erinnerungen. Denn noch winkt auf Hügeln und Höhen mancher stattliche Wald. Wie schön baut da das grüne Lustzelt sich auf! Wie schwillt und sinkt es im Fluß der Linien und Farben! Frei wiegt sich der Blick auf den bekränzten Firsten und verliert sich in dämmernden Buchten. Ein Erlenpfad zieht gemach hinein; muntere Stimmen grüßen heraus: Grasmücke und Meise in den Büschen, im Wipfel Pirol und Häher, Finkenschlag und Drosselpfiff, und weit herüber ruft Kuckuck, der alte Waldprophet – Kuckuck! Wie schallt, wie hallt das in die Runde! Dazu blühen die Blumen so sorglos bunt; selber die Schnecke kriecht ohne Dach durch Gras und Moos. Draußen brennt die Sonne, aber laß sie brennen! hier wandelt sich's wie in kühlen Grotten. Jeder Baum ist ein Brunnen, dem aus jedem Blatt die süße Labe quillt, und wenn dir's nun frisch um Brust und Schläfe weht und dein Auge auf all dem tausendfältigen Leben haftet, das er mit seinen Armen deckt, so mag der milde Schattenspender auch dir wohl wie einer jener Patriarchenkönige erscheinen, die ihre Völker segnend und schützend um sich sammelten. Wer hätte das je im Nadelwald empfunden? Dort drücken die schroffen Wände schwül zusammen, selbst ihr Harzduft erinnert immer an Feuer, und mit den düstern, schweigenden Bäumen schweigt auch der Mensch. Aber hier, wo alles blüht und klingt und duftet, öffnet die volle Luft des Lebens wie von selber Herz und Mund und weckt das Echo mit Gesang. Bemoostes Geröll wechselt mit samtnem Rasen. Der Weg klettert auf und ab durch dunkle Nischen, an sonnigen Plätzen vorbei. Manche zierliche Eidechse schlüpft darüber hin, auch wohl einmal ein Haselmäuschen, das erschreckt zwischen Wurzeln verschwindet. Rechts und links aber, durch Stamm und Zweig, tut unergründliches Grün sich auf. Da stehn, wie zum Reigen verschlungen, die Eichen, die trotzigen Waldhünen, die Birke wiegt ihr jungfräuliches Haupt im Licht, Ahorn und Buche spreiten die Fächer, und Geißblatt rankt duftend auf. Siehst du hoch oben im Wipfel das Eichhorn? Dort lauscht's mit klugen Augen. Und nun ein Sprung – ein Pfeifen – weg ist's! – nur die Blätter rauschen, nur die Zweige schwanken noch nach. Seitwärts in den Gründen glitzern und sprudeln die Wasser in hundert Rinnen munter hinunter. Herden läuten fern heran. Immer dichter, immer reizender verwirrt sich's umher. Durchs grüne Gegitter zucken silberne Lichter: alles schillert und atmet und wallt, und doch wieder ruht alles wie verzaubert. Auch die Libelle steht bewegungslos über Farnkrautschirmen, und der Weih dort oben im Blau scheint mitten im Fluge eingeschlafen. Du streckst dich ins Moos, in die einsame Stille. Es ist so süß ganz aufzugehen ins große Schweigen der Natur. Die Blicke sinken träumend hinab in die grünen Tiefen von Kuppe zu Kuppe und ahnen draußen das freie fernliegende Gelände, und nun wieder steigen sie die schlanken Säulen hinauf von Zweig zu Zweig durchs Geschling der Wipfel bis hoch ins leuchtende Blau, und weiße Wolken ziehen darüber hin, wie Traumbilder des Himmels, und du ziehst mit ihnen sehnend und selig durch die ewigen Räume. Aber während dein Auge schlummerberauscht sich schließt, geht dir ein neues Fühlen auf. In dem Sprossen und Drängen umher meinst du die Pulse der Erde näher und lauter klopfen zu hören, und möchtest lauschend hinabneigen zu den Lebensherden der Tiefe. Jeder Baum wird dir zur Welt. Wie aus Quadern mauert sich der Stamm empor, faßt mit unzerreißbaren Ankern die Erde, aber mit der Krone rührt er strebend den Aether und läßt die Wimpel spielen. Und sprengt nun den Riesenleib die eigene Fülle – wie treiben und wirken die verborgenen Kräfte! Da schwillt der Zellen labyrinthischer Bau, Simse schwingen sich aus und Treppen, Kammern und Schreine sind aufgetan, und wie goldene Schlangen winden sich Adern und Ströme. Unsichtbare Hände keltern geschäftig in kristallenen Schalen der Elemente Mark und Saft, und tragen die Lebensspende auf und ab zu tausend Röhren. Hier sprudelt es wie ein Springbrunnen, dort sickert ein blitzender Tropfen, ein stilles Quellchen herab. Doch oben in den Giebeln hauchen die Erd- und Luftgeister ihren Odem ins zarteste Geäder. Da weben sie aus Himmelstau und Blumenduft den grünen Kranz. Zahllos sprießt Blatt um Blatt, und die Winde kommen und die Sonnenstrahlen und kosen um das liebliche Kind, und die Vögel singen ihm, und die Wolken tränken es; aber es vergeht, verweht nach kurzer Sommerlust, und nun schwebt es »als freundlich bleiche, Schimmerreiche Leiche Unter des Windes Klagen Vom Herbste zu Grabe getragen.« (Rückert.) Das sind Waldträume . Wem hätte sie nicht schon der Mittag im Schatten der Buche erzählt? Und wen hätte nicht in solchen Stimmungen immer wieder mit alter Kraft das ewige Gleichnis der Natur ergriffen, das die Sagen Die Neger von Kordofan erzählen von einem Baume, el ségerat mohána (Baum der Vollendung), der so viele Blätter hat als Menschen leben. Auf jedem Blatte steht ein Name, und wird ein Kind geboren, so wächst ein neues. Wird ein Mensch krank, so welkt sein Blatt; soll er sterben, so bricht Afrael, der Todesengel, es ab. Vgl. Lepsius, Briefe aus Aegypten, Aethiopien und der Halbinsel des Sinai, S. 214. und die Dichter deuten? »Gleich wie die Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen; Blätter verweht zur Erde der Wind nun, andere treibt dann Wieder der knospenden Wald, wann neu auflebet der Frühling: So der Menschen Geschlecht, dies wächst und jenes verschwindet.« (Homer.) Aber die volle mystische Glorie des Waldes sieht doch erst die Mitternacht. Wenn da der Mond sein Geisterlicht herabgießt und die Zweige von den Berührungen des Himmels flimmern und beben, dann wehen Ahnungen einer längst versunkenen Welt. Der Berg liegt wie ein schlafender Riese, und die Bäume stehen schwarz und groß. Nur zuweilen rauscht's in den Wipfeln auf, seltsam feierlich, wie Runensprüche. Ein Tauschen und Neigen geht von Baum zu Baum, und die alten Helden greifen träumend nach dem Schwert und ihre Nebelmäntel wehen. Durch's Dickicht schallt dumpf der Trott des fließenden Rudels und das Rufen der Hinde: denn auch die Tierwelt faßt es mit dunkler Gewalt und treibt sie irrend um. Dann sinkt alles wieder still zusammen, und die hohen Kronen ragen ruhig hinauf. Aber lausche genauer! spähe schärfer! wie dennoch alles summt und atmet, spinnt und webt! Gleich elektrischen Flämmchen knistern die Blätter; in der gespaltenen Rinde der Bäume, in der aufgelockerten Erde wühlt und gräbt verborgenes Leben; ein Igel raschelt den Abhang hinab; ein Vogel flattert auf; tausend geheime ungehörte Stimmen schlagen ans Ohr, auftauchend und verschwindend, jetzt plötzlich nah und dann weit, weit hinaus verloren. Unbestimmt-bestimmt rinnt alles zusammen in ein melodisches schimmerndes Getön. Du weißt nicht, ist es das Licht, ist es der Bach, der so wunderbar rieselt, oder singt droben auf ihrem Kahne die Nacht, die einsame Himmelsseglerin, sich selber in Schlummer. Auf feuchtem Steine sitzt der Nix und strählt den greisen Bart, im Grase glimmen grüne Funken – das Elfchen rüstet sich zum Tanz und huscht vorüber. »Vorüber jagt auf Flammenhufen Erlkönig sein goldmähnig Roß, Die Geige tönt, die Zimbeln rufen, Er reitet auf sein Geisterschloß.« (Lingg.) V. Das Kornfeld. Im Korne zwischen seinen Aehren Durchschlich es mich besonders. Kehren Die mannigfaltigsten Gesicht' Aus ihm hervor die Blumen nicht? Steht es nicht wie des Waldes Mauer Und ladet zum Verborgnen ein? Und lebt doch nur so kurze Dauer; Die Ernte kommt, es fällt der Hain Der schlanken Halme, darauf sauset Der Wind in Stoppeln, wo nichts hauset. Immermann . Es ist uns geläufig geworden, wenn wir von Natur und Naturschönheit reden, nur an reine, von Menschenhand unberührte Formen der Landschaft zu denken. Unbewußt oder bewußt liegt dieser Gewohnheit eine richtige Anschauung zugrunde. Denn wo der Mensch, sei es bildend, sei es zerstörend, eingreift in die Gestaltung der Erdfläche, da ist es überall ein Bedürfnis, das ihn treibt, ein Nutzen, den er erstrebt; und wie im Reiche der Kunst, so wird auch in dem der Natur der spröde Zweck meistens der Tod des Schönen sein. Natur und Kultur stellen Gegensätze dar. Aber allerdings keine unvereinbaren Gegensätze. Nichts beweist dies vielleicht deutlicher als der Park oder die Kunstlandschaft, die – wie der Name sagt – eben auf Grundzügen, von der Natur selbst gegeben, und im Geiste derselben gefaßt, eine gleichsam ideale Wirklichkeit schafft. Aber man darf vielleicht noch weiter gehen und behaupten, daß keine der Gestalten, in welche der erobernde Mensch den Boden zwang, jener Poesie ganz entbehre, die aus freier Natur allenthalben weht. Ja, selbst die ärmste aller Kulturformen, selbst das Kornfeld hat noch immer einigen Anteil an dem stillen tiefen Reiz des Erdlebens. Die nachfolgenden Zeilen haben es sich zur Aufgabe gestellt, in dem Bilde, welches sie von unseren Getreidefluren geben, vornehmlich auch diese Seite hervorzuheben. Und gewiß wird, wer diese von vornherein leugnen zu müssen glaubt, doch die großartige geschichtliche, man kann sagen, ethische Bedeutung der Getreidepflanzen und ihres Anbaues so weit anerkennen, um auf sie einmal den unbefriedigt darüber hineilenden Blick sinnend zurückzulenken und die Wahl eines scheinbar so trivialen Themas entschuldigt zu finden. Es ist bekannt, daß die Kornarten zu den Gräsern gehören. Mit einer seltenen Fülle nährender Kräfte hat die Natur dieses verbreitetste unter den Pflanzengeschlechtern begabt; aber sie verbirgt sich, dem Auge kaum sichtbar, zumeist in jenen glänzenden, zierlichen Stäubchen des Stärkemehls , welche in den Zellen des Samenkorns lagern und den jungen Keim bedecken. Diese unscheinbaren Pflanzen und ihre wunderbare Ausrüstung machen allein ein Leben in unseren Zonen möglich. Sie , samt der Kartoffel, vertreten hier bis über den Polargürtel hinaus das Welschkorn und den Reis, die Palme, die Banane, den Yam und alle die anderen Brotpflanzen, welche bald mit dem Fleisch der Fruchthülle, bald mit dem Mark des Stammes oder dem Mehle der Wurzeln den schwarzen und braunen Menschen nähren. Doch allerdings nicht ganz allein in jenem Mehle sammelt sich der sättigende Stoff des Getreides. Die Wissenschaft zählt hierher auch noch eine andere Substanz, den leimähnlichen, faserigen Kleber , der zwischen den Stärkekörnchen verteilt, mit ihnen und mit dem Pflanzeneiweiß das kunstvolle Gewebe der Zellen erfüllt. Dieser letztere Name erinnert sofort an das tierische Leben; und in der Tat, ein Ei , ein Pflanzen ei ist jener Same, ist auch jedes einzelne Korn. Gleich dem des Vogels im Nest ruht es im Schoß der Erde, die Sonne legt sich brütend darüber, und in der feuchten Wärme erwacht das verborgene Leben. Bald sprengt es seine Hülle, und jenem zwiespältigen Triebe folgend, der die Pflanzenwelt vom Dunkel zum Licht, vom Licht zum Dunkel zieht, drängt das Blättergebilde freudig nach oben, aber die Wurzel senkt sich erdwärts. Wie unzählige Male ist dies stille Wunder des Frühlings belauscht und besungen! Und wie erfreut es immer wieder den Sinn, wenn aus dem ersten Grün, vom Regen getränkt, vom Licht umschmeichelt, der Halm mit saftigen Röhren steigt, wenn Glied auf Glied sich baut und endlich die Aehre hervorbricht und in den Sommerlüften schwankt! »Himmlische Geister – wer sonst? – sie wandeln zwischen den Furchen Auf und ab, von Halm zu Halm, und schaffen gewaltig.« (Hebel.) So wächst sie still und emsig fort die »goldene Kraft« der Aehren, bis die Sichel die gereiften schneidet und der Herbst sie in die Scheunen sammelt. Das ist die Geschichte des Saatkorns. Wir nennen die verschiedenen Arten des Kornes mit zusammenfassendem Ausdruck Getreide . Das fast undurchsichtig gewordene Wort bezeichnet sie als das Getragene (Ahd. gitragidi , Mhd. getregede ), das Erdgezeugte , als Gabe der Erde . Und welches andere Geschenk der reichen Mutter verdient mehr die Auszeichnung eines solchen Namens? Und welch ein Um- und Ausblick käme an Weite dem gleich, der sich an die Verleihung, gleichsam an die Belehnung des Menschen mit dieser Erd- und Himmelsgabe knüpfte? Jahrhunderte, Jahrtausende tun sich auf und führen uns bis in die ersten Zeiten des Menschendaseins zurück. Heimat- und obdachlos streift der Jäger durch den Urwald, horchend und spähend beschleicht er das ruhende Wild, oder erjagt im Wettlauf das flüchtige, fordert es mit roher Waffe zum Kampf. Sein blutiges Gewerbe duldet keine Genossen: er bedarf großer Erdstrecken, damit Hirsch und Bison sich nähre, in deren Fell er sich hüllt, deren Fleisch seinen Hunger bändigt, aus deren Blut er neue Wildheit trinkt; einsam wie er gelebt, endet er einsam. Wie ganz anders erscheint neben ihm der Hirt ! Sein Geschäft ist nicht mehr der Mord: er nährt, zähmt, erzieht das Tier; schon werden die edleren Kräfte des Gemütes wach; nach oben zu den ewigen Gestirnen richtet sich sein ahnendes Auge, und in der Weite der Ebene oder im Tal des Gebirges erhebt er die Stimme zum Wechselgesang. Aber noch folgt er mit dem beweglichen Zelt der weidesuchenden Herde von Steppe zu Steppe, auch er ist noch fremd und ohne Heimat auf der Erde, und in langen Fehden vertilgt oft ein Geschlecht das andere. Erst wenn er den Jagdspeer und den Hirtenstab weggeworfen, wenn der Pflanzensegen der Erde seine irren Schritte hemmt und ihn die Kunst lehrt, säend und erntend mit unblutiger Hand sein Brot zu bauen, wenn er auf die großen Ordnungen der Natur ein stetiges Dasein gründet: dann erst im Ackerbauer ist der Mensch zum Menschen geworden und mag versuchen, die großen Aufgaben der Menschheit zu erkennen und zu lösen. Um die feste Wohnstatt breiten sich umfriedete Marken, gesellt sich mannigfaltiger Schmuck des Bodens; Hütte tritt neben Hütte, auf beschirmtem Altar brennt das Opfer, und bald erwachsen aus dauernder Gemeinschaft die Tugenden und Kräfte der Völker. Nur der ackerbauende Mensch ist zum Herrn der Erde berufen; vor ihm verschwanden und werden noch verschwinden alle die anderen wilderen Geschlechter, wie dies jener Jägerhäuptling, dessen Rede uns Crevecoun aufbewahrt hat, in der eigentümlich treffenden Weise indianischer Naturberedtsamkeit aussprach. »Seht ihr nicht,« rief er den Missisaes zu, »daß die Weißen von Körnern, wir aber von Fleisch leben? daß das Fleisch mehr als dreißig Monden braucht um heran zu wachsen und oft selten ist? daß jedes jener wunderbaren Körner, die sie in die Erde streuen, ihnen hundertfältig wiederkehrt? daß das Fleisch, wovon wir leben, vier Füße hat zur Flucht, wir aber deren nur zwei besitzen, es zu erjagen? daß die Körner da, wo sie die weißen Männer hinsäen, bleiben und wachsen? daß der Winter, der für uns die Zeit mühsamer Jagden, ihnen die Zeit der Ruhe ist? Darum haben sie so viele Kinder und leben länger als wir. Ich sage also jedem, der mich hören will: Bevor die Zedern unseres Dorfes vor Alter werden abgestorben sein und die Ahornbäume des Tales aufhören uns Zucker zu geben, wird das Geschlecht der Kornsäer das Geschlecht der Fleischesser vertilgt haben, wofern die Jäger sich nicht entschließen zu säen.« In der Tat, eindringlicher konnte kaum die praktische Seite der Wahrheit dargetan werden, daß dem Ackerbauer die Welt gehört. Auf seinem Geschäft, als auf einer unzerstörbaren äußeren Grundlage ruht zuletzt alles, was die Menschheit errungen hat in Sitte und Bildung. Was dem Ackerbau diese geistbildende, sittigende Kraft gegeben, war ohne Zweifel die hier so augenfällig hervortretende Abhängigkeit des Menschenwerkes von der über ihm waltenden Macht und die Notwendigkeit unausgesetzter, angestrengter Arbeit. Es ist wahr: auf jenen Inseln der Südsee, auf welche die Sonne mit immer gleicher Liebe blickt, führt der Mensch ein müheloseres Dasein. Der Tahitier, wenn er um seine Hütte eine Reihe von Brotbäumen gepflanzt, hat damit nach Cooks Ausspruch genug getan für sein ganzes leben, und er darf alles weitere der Natur überlassen. Er braucht nicht wie der Landmann rauherer Klimate jahraus, jahrein im sauren Schweiß dem Erdboden seine zweifelhaften Gaben abzuringen und hinterläßt doch in jenen Bäumen noch ein reiches Erbe. Aber dieses beneidete Inselvolk ist eben auch nur ein »Volk von Kindern« und wird es bleiben, solange nicht eine andere Tätigkeit die schlummernden Kräfte stachelt. Mit Recht ist deshalb von jeher das Ackergeschäft als ein ehrwürdiges, heiliges gepriesen worden, und die Dichtung aller Völker hat aus dem Wachsen und Reifen, aus Saat und Schnitt der Aehren eine Fülle der schönsten Bilder gewonnen. Fromme Gebräuche begleiteten durch lange Jahrhunderte, ja bis auf den heutigen Tag das Leben des Landmanns, Frucht wie Acker sind geweiht und unverletzlich. Gott selber hat die Hand darüber. Wer Getreide vom Felde stiehlt, der erbricht nach altskandinavischem, noch immer gängem Ausdruck, die Lade, den Schrein Gottes ; wer die Grenze frevelnd verrückt, dessen friedlose Seele geht als Irrlicht in Moor und Sümpfen um. Wer aber hat zuerst dem ärmlichen Halme das Geheimnis seiner Kräfte abgelauscht? Wer hat das erste Samenkorn gesät? In welchem Tal, auf welcher Flur wurde die erste Furche gezogen? Das sind Fragen, die gewiß ihre Berechtigung haben. Allein wie oft sie auch gestellt, und wieviel Fleiß an ihre Erforschung gesetzt worden: eine Antwort ist noch nicht gefunden. Und sie wird auch schwerlich je gefunden werden, denn die Anfänge des Ackerbaues liegen jenseits aller Geschichte. Mythen und Sagen verhüllen sie, ungleich an poetischem wie an historischem Wert, aber frommen Sinnes darin alle übereinstimmend, daß sie das brotspendende Korn als eine unmittelbare Gabe des Himmels bezeichnen. Von da herab brachte es eine milde Gottheit und lehrte mit eigenen Händen den Menschen Pflug und Sichel führen und die Kunst der Spindel. So verehren selbst die rohen Odjibwaindianer den Mais als die »Beere des großen Geistes«, und sie erzählen sinnig, es sei der erste Halmbüschel dieses Kornes in Jünglingsgestalt aus den Wolken herniedergekommen, und gleich bedeutungsvoll ist die mohammedanische Legende, nach welcher das Weizenkorn zugleich mit Adam aus dem himmlischen Paradiese zur Erde sank, aber im Falle zu seiner jetzigen Kleinheit zusammenschrumpfte, damit der Mensch Mühe habe es zu bauen. Jedenfalls wird der »leitende Instinkt« kaum irgendwo deutlicher in der Geschichte unseres Geschlechts erkannt, als in dem Auffinden des nährenden Korns, ja überhaupt aller »der Mittel, die der Mensch in den verschiedensten Weltgegenden sowie in den verschiedensten Formen zum Genusse sich angeeignet hat.« (Schubert.) Auch über das Vaterland der Getreidearten hat bis jetzt keine Forschung genügendes Licht verbreitet. Doch scheinen alle Spuren auf die große Heimat im Morgen hinzuweisen; und wäre begründet, daß ein wildes Gras, welches unter dem Namen Aigilops Diese in den Küstenländern des Mittelmeeres und der Adria sehr häufig vorkommende Grasgattung stimmt mit dem Weizen auffallend überein; nur sind bei ihr die oberen Aehrchen taub, die Früchte beiderseits vertieft und die Balgklappen mehr bauchig. Der Gärtner Esprit Faber in Ayde bei Montpellier kultivierte dieselbe während eines Zeitraums von zwölf Jahren. Dadurch wurden ihre Fruchtähren länger, die Blüten abortierten weniger, die Klappen wurden minder breit und platter: kurz, das Gras Aigilops hatte sich in Weizen umgewandelt und fiel auch nicht wieder in die frühere Form zurück. Das deutsche »Weizen« (goth. hvaiteis ) bezeichnet das weiße Korn, im Gegensatz also zu einer schon vorhandenen schwärzeres Mehl und Brot gebenden Getreideart (dem Roggen oder Hafer). an den Küsten des Mittelmeeres wächst, die Urform des Weizens sei, so dürfte man ähnliche für Roggen, Hafer, Gerste annehmen. Die erste und letzte dieser Getreidearten waren im höchsten Altertume bekannt, und die Gerste, in welcher die Rosse Agamemnons schwelgten, war dieselbe, welche heute auf unseren Feldern steht, wie die Wachtel ihren Lockruf schon aus den Weizenfeldern des römischen Landmannes erschallen ließ. Erst später wird der Hafer genannt und zwar zunächst nur als Unkraut, Daher Plinius H.N. XVIII, 17, 44 : »Die erste Verderbnis des Getreides ist der Hafer (und die Gerste entartet in Hafer!)« Es war dies der wilde sog. Gauch- ober Windhafer ( steriles avenae bei Vergil. Georg. I, 154 ). Auch bei uns deuten vielleicht Worte wie Haberkirsche, Haberpflaume u. a. auf dies üppig wuchernde Unkraut, um eine Entartung ursprünglich edler Gewächse zu bezeichnen; oder sollte dies Haber auf Aber (After) zurückzuführen sein, wie in Aberwitz, Aberglaube? am spätesten der Roggen, der jetzt für den deutschen Norden das wichtigste Getreide ist und wohl vorzugsweise »Korn« heißt. Ihn sollen die Hunnen nach Europa gebracht haben. Wie zuweilen die brandende See aus Trümmern der Schiffbrüche wertvolle Erzeugnisse der Menschenhand oder der Natur ans Ufer schwemmt, so wäre uns, der Ueberlieferung zufolge, diese edelste Gabe aus der verheerenden Flut der Völkerwanderung als Erbe nachgeblieben. Ueberblicken wir, wohin heute der Bau der Zerealien sich ausgebreitet, so öffnet sich ein weites Gebiet, und Staunen ergreift uns über die unzerstörbare Lebensfähigkeit dieser Pflanzen. Denn von den Hochtälern des Himalaya und der Kordilleren, 10 bis 13 000 Fuß über dem Meere, bis zu den Eisfjorden Finnmarkens und den Schneefeldern von Jakutsk streckt sich ihr Bereich. Hier, in einer Breite von 62 Grad, wo die Erde mehrere hundert Fuß tief ewig gefroren ist und nur ein kurzer Sommer dieselbe einige Zoll hinab aufgetaut, gedeihen noch Halmfrüchte in Menge. So verleugnet sich nirgends der mütterliche Segen der Natur. Wo Reis und Mais nicht mehr gedeihen, da sprießt der Weizen; ihm gesellt sich der Roggen, um bald ihn ganz zu ersetzen, bis endlich Gerste und Hafer an seine Stelle treten; und noch immer ist es dem Kulturtriebe des Menschen gelungen, diese Grenzen mit versuchender Hand weiter hinaufzuschieben. Ueberall umhüllt den Planeten dieselbe Atmosphäre, aus welcher in die mikroskopischen Poren der Pflanze die nährenden Gase dringen; überall in der Erde findet die Wurzel den Wasserquell, der die Organe frisch und geschmeidig erhält und ununterbrochen neue Stoffe gestaltet; überall den Kiesel, der dem dünnen Halme Festigkeit und Dauer, gleichsam das tragende Gerüst gibt, das zwar die Sense des Schnitters schartig macht, aber auch dem trockenen Halme noch eine lange Brauchbarkeit und selbst jene lieblich rührende Musik verleiht, welche der Kleinrusse seiner Strohharmonika entlockt. In Gegenden, denen diese Bedingungen des pflanzlichen Wachstums fehlen, ist auch kein Platz mehr für ein menschenwürdiges Dasein. Je größer sonach die kulturgeschichtliche Bedeutung des Kornes ist, um so geringer erscheint nun dagegen die ästhetische . Die Getreideflur hat wenig malerischen Reiz. In eintöniger, gleicher Linie scheidet sich Feld von Feld. Es ist, wie der Dichter sagt, die »... Schrift des Gesetzes, des menschenerhaltenden Gottes; In den Teppich der Flur hat sie Demeter gewirkt.« (Schiller.) Die Schrift des Gesetzes. Gewiß! Aber darf man sie schön nennen? und ist in der bunten Mosaik, in dem schachbrettartigen Getäfel, zu dem die Ackerstreifen sich zusammensetzen, etwas anderes sichtbar, als die mühende, regelnde Hand des Fleißes? Es ist die Erde in Knechtsgestalt, die wir sehen, abgerissen von ihren Schultern der stolze Mantel der Wälder, von ihrem Busen das Geschmeide der Wiesen; den freien Schwung ihrer Formen fesselt ein knappes, karges Gewand, für welches der Poet vielleicht lieber die Nacktheit der Wüste tauschen möchte. Oder sind nicht etwa gerade jene Erdstriche, aus deren reichem Segen ein großer Teil Europas seine Speicher füllt, verhältnismäßig die ärmsten an schönen Landschaften? Brot, Brot! das ist der einzige Eindruck, den der Wanderer aus diesen weitgedehnten Getreideflächen mitnimmt. Der Gedanke an die Notdurft des Lebens ist's, der ihn begleitet und festhält. Und dennoch wäre in dieser Härte ausgesprochen das Urteil ein unbegründetes. Denn auch das Kornfeld hat seine Poesie, und sie umwebt uns – wie so oft – auch ungesucht. Wir betrachten das einzelne Gewächs. Es ist geruchlos wie die meisten Gräser. Es hat keine farbige, üppige Blüte, kein schöngeschwungenes Blatt. Wieviel stolzer erhebt sich dagegen der saftschwellende Schaft des Welschkorns, um der vielgefeierten Palme ganz zu geschweigen, in deren Schatten und von deren Früchten der Mensch der Tropenzone lebt! Eine spärliche Wurzel, ein dürftiger, kahler Halm, so schwank als könne jeder Hauch ihn knicken, eine einfache Aehre: das ist das Ganze. In das Kleid der Armut haben sich von jeher die Wohltäter der Menschheit geborgen. Aber wie noch das tote, abgeschnittene Stroh uns vertraut anspricht, wenn es das Dach der Dörfer so behaglich warm und sicher überdeckt, so entzückt schon sein erster junger Blätterschimmer. Oft ehe noch die Wiese grünt, grünt das Korn. Aus der Schneehülle selbst hat es Kräfte des Gedeihens gesogen, und fröhlich blickt es in den Frühlingssonnenschein und hinauf in den Aether, durch den jetzt tausend Ströme neuen Lebens ziehen. Wer hätte in solchen Zeiten nicht mitgefühlt die große Erneuerung und Wiedergeburt der Natur? Vor diesem milden, himmelgezeugten Grün löst sich auch ein schneidender Schmerz in Wehmut und Sehnsucht, und selbst den Bösen mag ein frommes Erinnern rühren. In die grünen Sprossen aber baut die Lerche ihr Nest, und darüber schwebt ihr Lied, das unermüdliche, kinderlautige, kreisende Lerchenlied, und es singt und klingt im Morgenrot und Abendschein, unter Regenschauer und Windesrauschen, durch alle Himmel weiterzündend – ein jauchzendes Schöpfungshalleluja! Weiter, rascher wächst das Korn. Bald schießt der Halm hervor, aber auf der Spitze trägt er die Speise des Menschen. Da ist zuerst die schwanke, grannenbesetzte Aehre des Roggens, und bald folgt ihr auf kleinem Stengel die schönere Gerste mit den langen Haarstrahlen, jede Aehre ein schimmernder Schweif, das ganze Feld ein glitzerndes Gespinst. Dann auf dem saftigen, strafferen Halme die massive Aehre des Weizens, der man ihre süße Fülle wohl ansieht, und zuletzt die Haferrispe, des Herbstes zierliches Glockenspiel. Welch ein flimmerndes Gewimmel beflügelter Körnchen ist das! » .... Wer hat an sidene Fäden Do 'ne Chnöspli gehenkt und dort mit chünstligi Hände?« (Hebel.) Gewiß, auch solch ein Halmenfeld ist schön: sei es, daß es ein stiller Wald träumend in die Luft stehe, oder daß buhlend der Wind in seinen Wellen wühle. Wenn da in den Tagen der Sommersonnenwende die langen Kornwogen dunkellicht aufschlagen und die Hügel hinauf und hinab und weiter und weiter ziehen, und die ganze Fläche jetzt violett, jetzt silbergrau schimmert, dann ahnen auch wir, gleich unseren Vorfahren, im Neigen und Beugen der Halme den Segensgang der befruchtenden Naturkraft . Dann mag noch immer Frô, der schützende Gott, auf seinem Eber durch die Fluren reiten und Gedeihen geben, So sagt noch jetzt der Landmann der Wetterau, wenn die Kornähren im Winde wallen, daß der Eber im Korn gehe . oder Walpurgis, Die heilige Walpurgis hat als Beschützerin der Feldfrucht drei Aehren zum Attribut, wobei nicht zu vergessen, daß an ihrem Tage (1. Mai) die Saaten ihr höchstes Wachstum beginnen. Aehnlich verehrt man in Frankreich eine notre dame de trois épis . die heilige Aehrenhüterin, die Saaten weihen. Aber auch ohne diesen frommen Glauben – welches Auge verfolgte nicht mit Lust die reizenden Linien jenes Spiels? Und wer empfände nicht im Anblick dieses stillen Regens und Lebens dem Dichter nach, wenn er darin ein Bild erkennt der im Menschengeist wachsenden und wogenden Gedanken? Oder wer hätte nicht schon, wenn er durch das schlanke Geröhre wanderte, jener Szene gedacht, in welcher Dorothea an Hermanns Arm der neuen Heimat zueilt und mit ihm des wankenden Kornes sich freut, »Das die Durchschreitenden fast die hohen Gestalten erreichte –?« Und was flüstern nun diese schwankenden, wiegenden Halme? Was raunt in diesem Rauschen, in dem es immer wie ein verborgenes reifendes Feuer zu knistern scheint? Sie erzählen sich von dem Natursegen, der nun wieder aufgetan ist für so viel sorgende, hoffende Menschenherzen, aufgetan für alles, was da lebt. Das ist das unendlich Beruhigende , ich möchte sagen Sättigende im Anblick des Kornfeldes. Es ist die neue Erfüllung der alten Gottesverheißung: »Solange die Erde stehet, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.« Man sieht wieder mit leiblichen Augen die Hand des Himmels, der mit der Erde den Bund geschlossen; und der Staub der blühenden Aehren dampft, ein keusch Geheimnis der Natur, in blauen Wolken auf und wird zum Opfer der Scholle. Aber auch an Schmuck will es Gäa, die ewig junge, nicht fehlen lassen. Mitten in die Frucht des Schweißes wirft sie ihre Blüten. Das schlichte Werkelkleid mit buntem Saume zu zieren, drängt sich die Korn blume herbei mit der Federkrone aus Himmelsblau, kommt der lustige Rittersporn , der wilde Mohn . An der Sonnenlohe selber hat er seine flatternden Blätter angezündet, und in diesem Brande eilt nun auch das Korn zu reifen. Lange bevor noch die Weizenähre ihr bronzenes, volles Braun zeigt, wenn noch grün die Gerste steht und der Hafer »wie ein Bräutchen im Kirchstuhl« (Hebel), bleicht das Korn. Manches Wetter zog darüber, oft in breiten Flammen schlug der Blitz aus den fernhinziehenden Feldern herauf, doch gnädig verschonte der Hagel. Nun ist es todreif. Aber auch jetzt noch regt es das Gemüt lebendig an, und man fühlt nichts von dem trüben Eindruck, den eine verbrannte Trift oder ein welker Blumenflor macht. Still, segensschwer, demütig-rührend blickt uns die Aehre an. Komm und brich mich! winkt sie und beugt sich dem Menschen entgegen. Das ist die Zeit durch die Kornfelder zu wandern. Es wallt das Korn weit in die Runde Und wie ein Meer dehnt es sich aus, Doch liegt auf seinem stillen Grunde Nicht Seegewürm noch andrer Graus. Da träumen Blüten nur von Kränzen Und trinken der Gestirne Schein: O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen Saugt meine Seele gierig ein! (Keller.) Ein Gang durchs Kornfeld – Sonntagslust und Sonntagsdienst des Arbeiters, der eine schwere Woche im Schweiß des Angesichts den Boden bestellt! Freude und Sehnsucht der Alten und Kinder! Zwischen den Kornfeldern meines Dorfes wie oft bin ich da umhergeirrt! Da sehe ich auch dich, ehrwürdiger Großvater, wandeln mit den Enkeln im Gespräch oder stehenbleibend in einem langen, dankbaren Blicke alle die Fülle um dich her ermessen und mit zitternden Händen die Frucht der Aehre tasten. Ein frommes Lächeln leuchtet über dein greises Gesicht, und du bist selber ein solcher Acker voll Segen und weißt es nicht in deines Herzens Einfalt. Ein Gang durchs Kornfeld um Mittag! Welch eine eigene, fast seltsame Poesie liegt darin! Man streift auf den Rainwegen hin zwischen den hohen Aehrengassen, in denen die Glut des Tages sich verfängt. Da drinnen kocht und gährt und arbeitet es unhörbar! die Sommergeister, die Erdmännchen bereiten aus verborgenen Kräften das Manna der Welt. Schwül und glasig zittert die Luft über den weiten Flächen; aber kein Halm regt sich, keine Wolke zieht über die brennende blaue Wüste des Himmels. Alles steht unbewegt im flimmernden Zauber, und der Knabe, den Radel und Kornblume immer weiter vom Wege ab in den Halmenwald gelockt, schaut ängstlich, ob nicht aus dem schattenlosen Dickicht Frau Hollas, des Roggenweibes, Die Roggenmuhme (Kornweib) ist das niederdeutsche Getreidegespenst. Sie erscheint im fahlen Schleier, wohl auch mit eisernen Brüsten, und raubt die blumensuchenden Kinder, die sich zu weit ins Korn gewagt. Jetzt zur Hexe umgewandelt, war sie wohl ursprünglich ein gutes, holdes Wesen (Frau Holde ). Schon der Name Roggen muhme , Roggen mutter deutet auf eine Spindel und Acker schützende Göttin. fahlbeschleiertes Haupt hervordrohe. Laß stehn die Blume! Geh nicht ins Korn! Die Roggenmuhme Zieht um da vorn! Bald duckt sie nieder, Bald guckt sie wieder: Sie wird die Kinder fangen, Die nach den Blumen langen. (Kopisch.) Nirgend ein Laut. Nirgend Mensch, noch Tier: fremdes, ödes Schweigen überall. Auch die Lerche ist still geworden; nur die Grille schrillt ohne Aufhören. Wohin euer Auge blickt, Streifen an Streifen glänzen die stummen einsamen Gebreite. Aber gehet weiter! Talab, wie im Nest versteckt, lugt ein Dörfchen mit seinen Strohdächern und den breitkuppeligen Birnbäumen aus den Feldern; hügelan wartet eine Mühle auf ein wehendes Lüftchen, während jenseit auf grüner Koppe die Rinder mit gesenkten Häuptern in der Sonne stehen und die Wärme trinken. Wie gern verliert sich der Blick in solche Szenen! Wo ist der Fülle goldenes Horn so reichlich ausgeschüttet und das Mahl so voll bereitet für die bedürftigen Kinder der Erde? Oder wenn abends die Aehren im Rot des letzten Lichtes nicken und die Dorfschwalbe lautlos darüber hinstreicht, wenn dann kühlender Tau über den Feldern webt und aus den Halmen das Rebhuhn girrt, die Wachtel ruft und endlich die Nacht niedersinkt und der Himmelswagen seine Straße hinaufsteigt, oder ein Stern im silbernen Bogen durch die unendliche Tiefe schießt, wie der Traum eines Gottes: immer ergreift es, denn immer ist es die lebengebende, unalternde Natur, die uns in ihre heilige Mutterumarmung zieht. Christus durch die Aehren wandelnd! Es gibt wenig menschlich schönere Bilder im neuen Testament. Es ist eben ein rechter Parabelgang. Die köstlichen Gleichnisse vom Säemann, vom Weizenacker, von den Garben, von dem, was gesäet wird verweslich und auferstehen unverweslich, alle die alten und doch immer neuen Spiegelbilder des Menschenlebens stellen sich wie von selbst dar und bezeugen die innige, gedankenvolle Beziehung, welche zwischen dem Menschen und der ihn nährenden Erde geknüpft ist. Ja, die altchristliche Dichtung steht nicht an, den Heiland selbst der Aehre und ihrem Korne zu vergleichen, welches erst zernichtet und dann zum Brot des Lebens wird. Und in ähnlichem Sinne erkennt Calderon unter den streitenden Geschlechtern der Pflanzen die Krone der demütigen Aehre zu. Eben um dieser ersten, ja heiligen Ahnungen und Deutungen willen ist nun auch die Ernte den Völkern mehr als eine bloße weltliche Feier. Wie die Aussaat unter Anruf und Opfer geschah und fromme Bräuche beim ersten Umreißen des Bodens gepflegt wurden, so war und ist wieder die Ernte gleichsam ein religiöses Werk, ein göttliches Bundesfest. Der Schnitter ist ein Priester, und Abels Garbenerstlingen entspricht noch heute der Aehrenletzling, der » Vergoodendeelstrauß «, Auch bloß »Vergoodendeel«, d. i. Frau Goodes Anteil. Diese eigentümliche Erntefeierlichkeit findet sich z.B. in gewissen Teilen der Altmark. Verf. kennt sie von daher noch aus eigener Anschauung und darf auf die genaue Beschreibung verweisen, welche Grimm in der Mythologie davon gegeben hat. den der niederdeutsche Bauer in halbunverstandener, uralter Sitte der segnenden Korngöttin (Frau Gooda d. i. Holla) bald im Felde aufstehen läßt, bald unter heiteren Weisen opfert. Ist das Korn gemäht und eingescheuert, so ist des Jahres schönere Hälfte dahin. Ueber dem Stoppelfelde liegt schon die ganze Herbstschwermut. Die Wanderspinnen weben ihre Schleier; die Heimatvögel, lange verstummt, rüsten zur fernen Wanderschaft; vom Himmel hängt trübstilles Gewölk. Nur wenn im Spätherbst die Pflugschar von neuem die Erde spaltet, belebt sich noch einmal dieses Bild. Die Spuren der Vergänglichkeit schwinden wieder, der neuen Saat wird das Bett bereitet, hoffend strebt der Sinn hinaus, und wie der Scheidende wohl dem Bleibenden ein tröstend grünes Reis zurückläßt, so zeigt uns noch im Vorwinter das Korn ein neues Grün. Mag die Schneedecke es auch bald genug verhüllen, sie hüllt es nur, um es desto sicherer einer künftigen Frühlingssonne entgegenzuführen. Die norddeutschen Waldbäume. Nichts bedingt vielleicht mehr die Schönheit einer Landschaft, wie nichts mehr den mütterlichen Geist der Erde ausspricht, als die Vegetation. Allerdings bestimmen auch Luft und Licht, Berg und Strom wesentlich die Physiognomie der Natur, und diese Elemente können auch ohne jede Zutat höchst bedeutsam wirken: die Strandklippe, der Katarakt kann einen großartigen Eindruck hervorbringen, Steppe und Wüste mit erhabenen Schauern erfüllen; aber wie fern ist dieses Starren der Seele von dem Frieden und der Freude, welche das stille Blühen der Pflanzen, ihr erquickendes Grün, die Fülle und der Reiz ihrer Formen gewährt! Gewiß, den schönen Gesamteindruck einer Landschaft vollendet erst die lebendige Vegetation, wenngleich auch ihr bizarre und selbst unheimliche Erscheinungen nicht fehlen. Vor allem schön und charaktervoll steht das Geschlecht der Bäume da. Darum ist auch von jeher der Wald in Liedern verherrlicht worden und »Waldeinsamkeit« noch immer das Zauberwort der Romantik. Und was ließe sich auch mit diesem Naturheiligtume vergleichen? Kühn steigen die Säulen hinauf und treten zu stolzen Hallen zusammen, darüberhin schlagen die Wipfel den luftigen Bogen, und wie ein ferner Hymnus säuselt das Wehen des Windes in die Stille. Aus Moos und Blumen duftet's balsamhaft-kühl, Strahlen und Tropfen und Blätter schwanken durch das Gezweige und weben ihre Hieroglyphen in den Schleier der Dämmerung, der den Sinn geheimnisvoll umfängt und ihn mit unsichtbarer Gewalt ins Reich der Wunder trägt. So der Wald, der liebliche Irrgarten des Märchens und der Sage. Aber auch der einzelne Baum ist eine Gestalt voll Leben und Bedeutung. Der Flieder neben der Hütte, die Linde am Brunnen, die Weide über dem Grabhügel: sind sie es nicht, welche diesen Stellen ihren Reiz, ihre poetische Weihe geben? Man sehe den Baum darauf an. Da ist von der Wurzel bis zur Spitze des Blattes ein so besonderes Weben und Sprossen, ein so eigentümliches Spielen von Farben und Formen, es prägt sich in dem Ganzen ein so bestimmter Typus aus, daß es gewiß eine würdige Aufgabe wäre, die großen Gestalten der Baumwelt einmal in einer Reihe von Charakterbildern darzustellen. Einer solchen Darstellung würde der Baum nicht mehr die Leiche sein, welche der Botaniker skelettiert; er müßte ihr zu einem lebendigen Gedichte des Naturgeistes werden. Mit andern Worten, es wäre keine naturhistorische, sondern eine ästhetische, jedenfalls eine gemütvolle Betrachtung. Und auch diese wird ja ihr Recht haben. Sie wird es um so mehr haben, als in ihr zumeist der Naturgenuß beruht, und gerade in ihr ein besonderer Zug oder Vorzug der deutschen Bildung gefunden werben darf. Wir spiegeln uns selbst in der Natur; der ahnungsvolle Dämmerschein, mit welchem sie uns anspricht, läßt in ihren Krisen den Kampf menschlicher Leidenschaften, in ihren Gebilden menschliches Empfinden erblicken; Baum und Quell erzählen uralte Rätsel, der Vogel singt bedeutungsreiche Lieder, die von lautern und weisen Herzen, wie sie unser Volk seinen Sagenhelden zuschrieb, verstanden werden; nichts ist da ohne mitfühlendes Leben. Die ganze Welt schlägt in lichten Seelenflammen auf »wie ein lebendiger Brand vor Gott«. Dieser Zug zur Natur scheint in der Tal dem lyrischen, wenn man will, mystischen Wesen der Deutschen eingeboren. War doch die alte Volksreligion eben vorzugsweise ein solcher tiefsinniger Waldkultus, und die Axt des Heidenbekehrers konnte wohl den Baum niederstrecken, aber nicht den Sinn, der ihn geheiligt hatte. »Die Ehrfurcht und die Scheu vor dem Schatten ihrer Wälder, vor dem Rauschen ihrer Kronen, vor dem Gesang ihrer Vögel in den Wipfeln, vor dem Rieseln ihrer Quellen blieb in den germanischen Stämmen. Hatte man ihre Götter daraus vertrieben, so blieb ihre Geisterwelt darin wohnen. Das wilde Heer sauste durch den Forst, der getreue Eckart saß auf dem Stein, viel tausend Wasserweibchen, Zwerge und Waldmännchen bewohnten die deutsche Erde. Und auch der gute fromme Christ schlich zuweilen an die Quelle und unter den Baum, um ihren Eingebungen zu horchen.« Um so ferner lag die »sentimentale« Weise der Naturbetrachtung den plastischen Alten. Sie kannten nur den Bezug auf Heroen und Götter. Die »vernunftlose« Natur diente ihnen nur als äußerliches Mittel zum äußerlichen Zwecke; höchstens daß sie als Staffage, als Schauplatz der großen Weltgeschicke, einen flüchtigen Blick erhielt. Mag doch Sokrates nicht spazierengehen, weil er von Bäumen und Tieren nichts lernen könne! – Zwar zieht nun der antike Mythus die ganze Natur in seine Kreise: Aeolus gebietet dem Heer der Winde, in der Quellengrotte schlummern Najaden, aus dem grünen Wipfel lauscht die Dryas usw.; aber diese Belebung hat immer einen abstrakten Schein und ist jedenfalls weit verschieden von der innigen Versenkung des germanischen Gemüts in das geheimnisvolle Leben der Naturkräfte. Daher mag es sich denn auch erklären, daß die hellenische Kunst, die der unsterblichen Muster so viele aufgestellt hat, in der Landschaftsmalerei kaum einen Versuch machte, und daß diese letztere vielmehr völlig selbständig, ohne alle ältere Vorbilder »gleich einer Minerva aus Jupiters Haupte« erst im Beginn des siebzehnten Jahrhunderts mit einem Male hervortrat. Ungleich näher lag jene Vermenschlichung bei den Tieren. Die Fabel der Griechen und Römer, wie sehr sie in ihrem epigrammatisch-verständigen Zuschnitt absteht von der innigen Heimlichkeit und behaglichen Breite unseres Tiermärchens, beweist immerhin, daß auf diesem Gebiete auch das klassische Altertum wenigstens Sinn und Anlage zeigt, die unter anderen Voraussetzungen sich reicher hätten entfalten können. So wie nun fast jedes entwickeltere Tier einen bestimmt ausgeprägten Typus hat, eine wirkliche persona ist: so möchte dies annähernd wohl von den meisten Bäumen dargetan werden können. Ein jeder von ihnen charakterisiert sich wenigstens durch eine eigentümliche Physiognomie und Stimmung. Er hat ein Leben, es schläft in ihm eine Psyche. Dieses unausgesprochene Geheimnis der Pflanzenseele auszusprechen, wäre ein freilich vielleicht ebenso schwieriges als ohne Zweifel interessantes Unternehmen. Wie alle Physiognomik auf dem schwanken Boden der Subjektivität stehend, würde eine solche Darstellung kaum mißtrauisch genug gegen sich sein können. Augenblickliches Gefühl, phantastische Laune täuschen das Auge mit Formen und Farben, die dem ruhigen Blicke in Nebel zerrinnen. Individuelle Beziehungen beherrschen uns, die Anschauung wird unwillkürlich zu einer Art Manier, und statt aus der Natur heraus, gewöhnen wir uns in sie hinein zu empfinden. Ich schweige von der sprachlichen Schwierigkeit. Wem die Sprache mehr ist als eine Schablone, der weiß, wie auch der geschmeidigste Ausdruck oft zu spröde ist, den warmen Naturhauch des Gefühls voll zu bewahren, und klar zu gestalten, was in ihm dunkel treibt. Und wie vieles ist hier eben nur Gefühl! Aber ärmlicher noch muß die Sprache bei all ihrem Reichtum erscheinen, wenn es darauf ankommt, das unendliche, wechselnde Spiel der Linien und Lichter zu bezeichnen, womit die Natur uns entzückt und immer von neuem überrascht. Das ist ein Gebiet, auf dem nur die Kunst des Malers zu folgen vermag, und doch kann die in Rede stehende Darstellung sich ihm nicht entziehen. Endlich wird diese Aufgabe noch ganz besonders dadurch erschwert, daß die ursprüngliche Natur des Gegenstandes unter den mannigfaltigen Einflüssen sich verdunkelt und bricht. Anders erscheint die Eiche auf der Höhe, anders im Thal; anders die Birke am stürzenden Bach, anders am ruhigen See. Der einsam stehende Baum, die Gruppe, der Wald, der Baum bei seinesgleichen oder mit andern zusammengestellt: das alles bietet eine Skala der verschiedensten Stimmungen. Dazu nehme man die Wirkungen des Lichts, der Tages- und Jahreszeiten. Was für ein Gegensatz zwischen der sonnigen, brütenden Ruhe des Mittags und dem geisterhaften Traumleben der Mondnacht, zwischen der jugendheitern Frische des Frühlings und der elegischen Verschleierung des Herbstes! Was für ein feenhaftes Bild, wenn der Reif seine Diamanten in die schwarzen Tannenkronen hängt! wie wundersam wirkt der Nebel! welche Wehmut liegt im Abendrot, welche Sehnsucht in dem blauen Dämmerhauch der Ferne! Und dennoch wird bei alledem immer ein besonderer, eigentümlicher Eindruck zurückbleiben, und die Bedeutung, welche Märchen und Sage, Sitte und Kunst diesem oder jenem Baume gegeben haben, darf – so vielen beirrenden Einflüssen gegenüber – als ein nicht zu verwerfender Leiter gelten. Denn auch sie beruht ja vorwiegend auf der ästhetischen Anschauungsweise. Diese Weise einschlagend will ich jetzt versuchen, auf den nachfolgenden Blättern eine Skizze unserer norddeutschen Waldbäume zu geben. Eine Skizze, nichts weiter. Das Bild selbst, das gerundete, durchgeführte, gedankenbeseelte verlangt eine Meisterhand, wie Humboldts oder Vischers . Daß ich die von beiden gegebenen Andeutungen benutzen durfte, bewahrte mich vor manchem Abweg, was ich um so dankbarer anerkenne, als ich, seit Jahren des Anblickes von Berg und Hochwald beraubt, hie und da wohl genötigt war, aus der Erinnerung zu zeichnen. Die Botanik scheidet zwischen Monokotyledonen und Dikotyledonen. Dies wird auch in der ästhetischen Betrachtung nicht zu übersehen sein, sofern durch die verschiedene Lebensentwicklung ein verschiedener Charakter der Pflanze bedingt wird. Gleichgültig ist es dabei, daß die naturgeschichtliche Terminologie den Monokotyledonen überhaupt den Namen »Baum« nicht zugesteht. Hier gelten die Palmen entschieden als Bäume, und die Agave, Aloe usw. dürfen wenigstens baumartig heißen. Jene beiden Baumformationen nun stehen in einem Gegensatz wie Orient und Occident, und Vischer hat in seiner Aesthetik den monokotyledonischen Typus geradezu den orientalischen gewannt. Wirklich tragen diese Gebilde etwas so Feierlich-Erhabenes, Träumerisch-Phantastisches an sich, daß wir uns bei ihrem Anblick unwillkürlich in das Reich des Aufgangs versetzt glauben. Oder ist es nicht selbst wie ein Märchen der Scheherazade, wenn die Aloe ihre spitzen Blätter wie kolossale Pfeile aus dem Wüstensande emporschießt und auf dem ehernen Kandelaber ihres Stammes eine Myriade von Blüten entzündet? Oder wo mögen wir uns die Palme mit dem stolzen Blätterturban lieber denken, als in jenem Lande, dessen Fluren der heilige Strom tränkt, aus dessen Wüsten Sphinx und Pyramide sich erheben? – Gewaltige Formen, die bis ins Grandiose und Groteske steigen, aber auch zu kristallischer Sprödigkeit verhärten, tiefe, zuweilen düstere Farben und eine schwere, unbewegte Ruhe bezeichnen diese Pflanzenform. Alles Leben drängt sich in den kahlen Stamm und die duftberauschende Blüte. Statt der eigenen Vegetation siedelt sich oft eine Schar von Schlingpflanzen auf ihren Säulen, Armen und Zacken an und schmückt sie mit den zierlichsten, üppigsten Gewinden. So liegt auch hier der Dualismus des Orients – schwelgerische Fülle und starre Strenge – beieinander. Neben unserer Pflanzenwelt erscheint diese gleichsam als eine vegetative Architektur, und es ist außer Zweifel, daß sie der Baukunst mehr als ein Vorbild geliehen hat. Man denke an die Alhambra, an das schlanke Minaret, an die Tempelsäule mit der Blättergarbe im Kapital, an die Riesenleuchter unserer Paläste. Die edelste Gestalt dieses Typus, wo nicht des gesamten Pflanzenreiches, ist die Palme . Unter ihrem Schirmdach ward Apollo geboren, und ihre Blätter blieben so lange sein Schmuck, bis er sich den Lorbeer erkor. Ihre Blüte ist in den Liedern des Orients gepriesen, ihre Zweige kränzten den olympischen Sieger und sind auch bei uns ernster Feier geweiht. Ehre, Weisheit, Fruchtbarkeit, Frieden wählen die Palme zu ihrem Symbol. – Kaum mag es ein zweites Geschlecht unter den Bäumen geben, welches so zahlreiche und wechselnde Formen entwickelte. Die Naturgeschichte kennt über zweihundert Arten dieses lebenspendenden Gewächses, das im Süden von Europa fast stammlos am Boden liegt ( Chamaerops humilis ), Nur in Sizilien und Valencia, wo schon mehr ein afrikanisches Klima herrscht, gedeihet die Palme üppiger. Aber auch bei Bordighiera unweit Mentone stehen herrliche Bäume. in den ostindischen Urwäldern vier- bis fünfhundert Fuß lange Stränge von Baum zu Baum zieht ( Calamus draco ), und an den Küsten der neuen Welt seine Gipfel zu gigantischen Triumphtoren in den Himmel streckt. Hier zwar können nur die großen Arten in Rede kommen. Von ihnen haben Humboldt und Martius wahrhaft dichterische Bilder entworfen, auf welche der Verfasser sich um so mehr beziehen muß, je weniger ihm eigene Anschauung zu Hilfe kommt. Maßgebend ist vorzüglich der Unterschied in Form, Farbe und Stellung der Blätter; ein Unterschied, welcher sich an die Familien der Fächer- und der Fiederpalme knüpft. Jene haben gewöhnlich den stärkeren, kürzeren Stamm, aus dessen Spitze die schweren, bald saftigdunkeln, bald silberschimmernden Blätter im mächtigen Fächer aufsteigen. An ihnen ist alles pomphafte Gravität, die zur Düsterheit wird, wenn die junge Krone auf einer Lage dürrer, verbrannter Blätter ruht. Dagegen gestaltet sich die Stimmung weicher, wo die Blätter sich in horizontalen Schirmen ausbreiten und mit ihren Schatten den glühenden Boden kühlen, wie bei der Corypha umbraculifera . Aber vollendet schön ist die Fiederpalme , insbesondere die Jagua- und Kohlpalme. Grazie, Einfachheit und Erhabenheit vereinigen sich hier zu einem Wunderwerke der Natur. Oft kaum zwei Fuß stark ragt der glänzende, glatte Stamm wie eine Erzsäule zu den Wolken hinauf, und droben wiegen sich im langsamen Rhythmus die feingeschlitzten Wedel, jetzt stolz emporsteigend und dann wieder anmutig sich senkend. Das Smaragdgrün dieses majestätischen und doch so zierlichen Gewölbes, vom Licht der Sonne durchströmt, die zarten, gekräuselten Blätter, als ein leicht gewebtes Netz vom Blau des Himmels sich abhebend, die goldenen Fruchtbüschel, die vanilleduftigen Blüten, aus denen plötzlich der melodische Ruf des Glockenvogels Der Glockenvogel oder Araponja ( Chasmarhynchus ), ein alabasterweißer Vogel von der Größe unserer Amsel, dessen melodischer glockenreiner Ruf weithin durch die Stille der Tropenwälder schallt. erklingt: das alles bringt eine zauberische Wirkung hervor. Der Abendländer, der wohl oft mit getäuschter Erwartung jene Zone betrat, gesteht sich hier, wo alle Sinne gleichsam ein Fest des Genießens feiern, daß die Palme in der Tat der Baum der Märchen und Träume ist. Am schönsten aber erscheint sie vielleicht da, wo sie über dickbelaubten Ceiba-Arten, über Lorbeer- und Balsambäumen als luftiger Säulengang hervorragt, »ein Wald über dem Walde«. Aus dämmernder Nacht zu Sonnenhöhe empordringend, begrüßt sie dort den Menschen als ein Bild der Freiheit, zu welcher sein Geschlecht allmählich heranreift. Und doch liegt auch über den königlichsten Gestalten dieser Pflanzenfamilie ein träumerischer, fast schwermütiger Ernst. Besonders gilt dies von den Arten mit herabhängendem Wedel und bleicheren Farben, wie z. B. von der aschgrauen Cocos chilensis . Indessen herrscht der bezeichnete Ausdruck keineswegs vor, ja er verschwindet fast vor der wunderbaren Lebensfülle, welche diesem Gewächse wie keinem zweiten eigen ist. Denn neben der Blüte prangt hier immerfort die Frucht, und aus dem welkenden Blätterkreise steigt rastlos das frische Grün. So nimmt alles an der Palme den Ausdruck unversiegbarer Jugendkraft an. »Dies erfaßte der sinnige Grieche, da er jenen fabelhaften, unsterblichen, aus der eigenen Asche wieder erstehenden Vogel und den stets sich verjüngenden Palmbaum mit gleichem Namen belegte.« An eben diesen wunderbar raschen Prozeß des Wachsens und Vergehens knüpft sich vielleicht auch jenes Märchen des Mittelalters von den Bäumen, die täglich bei Sonnenaufgang aus der Erde hervorbrechen und um die Abendzeit wieder unter ihr versinken. Held Alexander, als er die Fabellande Indiens abenteuernd durchzieht, vergißt nicht, der lieben Mutter und dem weisen Meister daheim davon zu erzählen. Selbst dann, wenn endlich die Jahrhunderte den Baum ertötet haben, ranken tausend unentwirrbare Fäden von Parasiten den Stamm hinauf und täuschen ihm noch ein duft- und farbenreiches Leben an. Kein Baum hat eine so hohe Bedeutung in dem Haushalt jener Naturvölker des warmen und heißen Erdstrichs, als die Palme. Zu den drei Wohltaten Aegyptens gehört neben dem Nil und dem Kamel die Dattel, und nach arabischem Glauben ist sie einzig unter allen Pflanzen erst am sechsten Tage der Weltschöpfung aus derselben Erde emporgesprossen, aus welcher Adam geschaffen worden: sie ist eine Schwester des Menschen. Und ebenso erscheint das Dasein zahlreicher südamerikanischer Volksstämme ausschließlich an die Arten dieses Lebensbaumes gebunden. Kein Dichter aber hat ihn, keiner beredter gepriesen als A. Grün : – Wohl ist das Land noch fern! ein schmales Band Liegt's auf des Horizontes weitem Rand; Ein blauer Strich nur steigt daraus hervor: Ragt Obelisk, Turm oder Säul' empor? Jetzt sind sie nah! Ein Baum ist's nur! Es steigt Einsam sein Riesenschaft; hoch oben zweigt Ein Dom von Laub, als sei gestellt hinauf Ein Tempel auf des Obelisken Knauf! Mauritia ist's, die Palm', im lauen Wind Des Wipfels grüne Fächer wiegend lind! Die Krone säuselt aus den luft'gen Höh'n, Wie Menschenwort, harmonisches Getön: »Willkommen Fremdling! Sprich, was tut dir not? Verlangst du Brot, sieh', meine Frucht ist Brot, Und dürstet dich, trink' meinen Palmenwein; Ich will dein Acker, Quell' und Weinberg sein! »Bist nackt du, web' ein Kleid aus meinem Bast, Und schläfert dich, ruh' unter mir, mein Gast, Mein Schatten wirkt dir Decken leicht und nett; Ich will dir Wollenherde sein und Bett! »Willst beten du, wölb' ich dir grünen Dom, Und willst du schau'n auf Land und Meeresstrom, Von meinen Höh'n siehst du's in Fried' und Sturm; Ich will dir Kirche sein und Wart' und Turm! »Sieh' hier wildfreie Söhne der Natur! Ich bin ihr Reich, ihr Haus und ihre Flur! Auf Wieg' und Brautbett senk' ich Palmenreis, Ihr Sterblied säusl' ich einst als Glocke leis. »Schwämmst du als Diogen im Fasse her, Rasch schwing' an Land den Fuß! Doch stoß' ins Meer Dein Faß zurücke mit dem andern Fuß; Denn deine Tonne selbst ist Ueberfluß.« Ich übergehe die übrigen Charakterformen und erwähne nur noch der australischen Kasuarinen und der Kakteen . Dieselben scheinen gerade hier ihre Stelle zu haben, obschon sie zu den Dikotyledonen gehören. Mächtigen Schafthalmen gleich ragen die ersteren empor: noch Reste, scheint es, einer untergegangenen Schöpfung, wie vielleicht das Inselland selbst, auf dem sie heimisch sind. Der schlanke Stamm, mit schwarzer, wie verkohlter Rinde bedeckt, treibt nur wenig gegliederte Aeste, in immer dünnere Zweige sich spaltend, bis diese endlich in langherabhängende Borstenbüschel ausgehen, die im Winde schwirren und sausen. Ihre dürre, schattenlose, seltsam zerfaserte Gestalt ist ebenso ohne Leben, als die starrkompakte der Kakteen . Diese Gewächse, die zu ihrem Gedeihen fast keines Tropfens bedürfen, sondern sich mit den bloßen Wasserdünsten der Luft begnügen, haben von den Kordilleren aus fast die ganze heiße und warme Zone bedeckt. Sie sind die »Quellen der Wüste«, welche dort, wo jeder Brunnen versiegt ist, das bürstende Tier tränken; und um das Beduinendorf bauen sie eine Mauer, die ununterbrochen in eigner Kraft emporsteigt und selbst dem Leoparden undurchdringlich ist. Das pflanzliche Grün verbleicht bei ihnen bis zum Bleigrau; die Blattbildung hört ganz auf. Dagegen entwickelt sich der saftstrotzende Stamm in einem unerschöpflichen Spiel barocker Gestalten. Bald mit vielgliedrigen, fleischigen Armen das Gestein umklammernd, bald in scharfkantigen Säulen orgelartig emporsteigend, mit Dornen bewehrt, oder mit Haaren greisenhaft behängt und plötzlich die feurige Blüte hervortreibend, so stimmt diese Pflanzensippe, die uns an die Tiergebilde des Meeresgrundes, an Polypen, Korallen, Seesterne erinnert, ganz mit der symmetrischen, grotesken Vegetation, welche bisher zu schildern versucht ward. * In den vollen Gegensatz hierzu tritt nun das Dikotyledonengeschlecht der eigentlichen Bäume . In ihren durcheinander geschlungenen Stämmen und Zweigen, in ihren tauigen, ewig schwankenden und rauschenden Laubmassen wohnt nicht jener brütende Ernst. Hier scheint vielmehr ein unruhiges, fast leidenschaftliches Leben, eine tiefsinnige Sehnsucht zu atmend Es ist, als ob eine Seele unter Wehen sich losringe aus dem Banne der Natur. Die Wurzel hält den Baum an die Scholle gefesselt, aber der Wipfelt strebt verlangend und kämpfend über ihre engen Grenzen hinaus. Und wenn die Frühlingssonne ihre lauen Ströme um ihn her ergießt, dann entfaltet er wohl sein Leben in Blättern und Blüten; aber der Herbst wirft sie wieder zur Erde, und bald steht der Baum entsagend in winterlicher Trauer. Welcher Nordländer kennt nicht die Stimmungen, mit denen dieses Aufgrünen und Absterben das Gemüt sympathisch erfüllt? Dazu mischt sich der Anteil, den die Bäume als lebende Denkmäler vergangener Zeiten, als Vermittler zwischen dem Vormals und Jetzt, unwillkürlich empfangen. Sie sind die Zeugen auch unseres eigenen Lebens, unsere Jugend ist an ihnen emporgewachsen, unsere ersten und oft unsere liebsten Gedanken, unsere innigsten Empfindungen haben sich mit ihnen verschwistert. Freilich ist nun hier sofort eine Gruppe von Bäumen auszuscheiden, welche mit den Monokotyledonen noch gewisse Aehnlichkeiten hat und zu unseren Laubbäumen den Uebergang bildet. Ich meine die Bäume des südlichen Europa , deren Natur Vischer als die plastische bezeichnet. Auch ihnen eignet Adel und Schärfe des Charakters; aber sie lösen die Starrheit der orientalischen Bildung in fließende Formen, wie sie andererseits die erhabene Ungemessenheit, die seltsamen Ausschweifungen derselben auf ein gefälligeres Maß beschränken. Das Ganze, so voll es wuchert, ist oft mehr Strauch als Baum; aus dem festgewebten, metallisch glänzenden, immergrünen Laube leuchten Blüten und Früchte, und damit auch der Schmuck der Schlingpflanzen nicht fehle, winden sich Efeugehänge und Rebenguirlanden in den Zweigen hinan. Ich erinnere an die Orange mit dem saftgrünen, massiven Laube und dem wunderbar belebenden Arom ihrer Blüte, an den schlanken Strauch des Lorbeer , an den Myrtenhain , durch dessen kühles Dunkel Granate und Oleander mit brennenden Farben blicken, an den Johannisbrotbaum , der auf den starken, eichenähnlich verknorrten Zweigen die breiten Blätterdächer über den Boden legt, an die weiche Feige mit den bald schlangenförmig auseinanderlaufenden, bald knieförmig gezackten Aesten, mit dem großen, schöngelappten Blatt und den stiellos emporstehenden Früchten. Vor allem aber tritt der Oelbaum hervor, die Weide Italiens. Die Stämme desselben spalten sich meist unmittelbar über der Wurzel, wie vom Blitze zerrissen, und recken sich regellos in weiten, kühnverkrümmten Linien aus, so daß höchst abenteuerliche Formen hervorgehen. Von diesem Torso, dem in der nordischen Baumwelt kaum etwas verglichen werden kann, hängen nun die dünnen, schwanken Zweige in dichtester Fülle herab. Aber aus dem Gewirr derselben bildet sich selten eine schön modellierte Masse, und nur die Vereinigung vieler Bäume auf einer Fläche stellt einigermaßen das Bild eines Waldes dar. Das fahlgraue Laub gibt einen trüben, matten Ton, andererseits ist es zu fest, um dem leichten Spiele des Windes zu dienen, und wo ein ungünstigeres Klima den freien Wuchs bedrückt, da mag der Baum der Minerva in der Tat als ein an sich unschönes Element in der Landschaft erscheinen. Dennoch weckt er eine gewisse Weichheit der Stimmung, und wenn die Sonne hell auf die verwitterten Kalkfelsen am Meeresufer scheint und das Auge überall geblendet sich abkehrt, dann ruht es doch mit Wohlgefallen auf diesem grauen Grün. Nicht leicht mag das Altertum eine Pflanze dankbarer gehegt haben, als die nährende und für den Süden geradezu unentbehrliche Olive. Aber außer dem Reichtum ihrer Frucht, die das wahre Fett der Erde ist, haftet an ihr die Poesie der menschlichen Kultur. Als, nach der Sage, Poseidon und Athene um die Herrschaft stritten und jener mit dem Dreizack Wasser aus dem Felsen riß, ließ Athene neben dem Quell den Oelbaum hervorwachsen. Er ist das Geschenk der klugwaltenden Göttin, der erste Markstein eines ruhig bauenden und schaffenden Lebens, und bot sich so dem Frieden und der in ihm wirksamen Ordnung von selbst zum Symbol. Sein Zweig ist köstlicher als der stolze des Lorbeers. Ihn in der Hand naht der Schutzflehende den Göttern, der Ratfragende dem Orakel; mit dem Oelzweige treten die Karthager, nachdem sie sechs Tag« und sechs Nächte aufs tapferste gekämpft, vor Scipio, ihn um ihr Leben zu bitten. So erscheint eine Gesandtschaft der Lokrer in Rom mit Oelzweigen geschmückt ( Livius lib. XXIX. ), ebenso gehen die treulosen Bergvölker dem Hannibal bei seinem Alpenübergange mit Olivenkränzen entgegen ( Polyb. lib. III. ), ebenso endlich treten die Bewohner von Theben, die verheerende Pestseuche abzuwenden, (die Olive in der Hand) vor die Altäre der Artemis. Vgl. die großartige Szene im Anfang des Sophokleischen Oedipus. Bei Vergil heißt die Olive placida, pacifera (milde, friedebringend) usw., ähnlich bei den griechischen Dichtern. – Erwähnt sei nur hier noch, daß das ehemalige Cistercienserkloster Olvia bei Danzig ebenfalls den Namen von dem Friedensbaume erhalten hat: es sollte den kriegerischen Heiden eine Stätte des Friedens und des Glaubens werden. Auch das Morgenland kennt diese Deutung. Es ist ein Olivenblatt, welches der in die Sündflut hingerissenen Welt verkündigt, daß der Himmel nicht mehr zürne. – Aber der Oelbaum würde jener gefeierte Wohltäter nicht sein, besäße er nicht zugleich unverwüstliche Dauer. Ganz im Gegensatz zu unserer Weide ist er fast felsartig hart, und vom Feuer beinahe vernichtet, treibt der Stumpf noch seine geheiligten Sprossen, »Die kein greiser, kein junger Heerfürst Je mit feindlicher Hand tilgend verheert: Denn mit dem ewigen wachen Blick Seh'n Zeus Morios Augen ihn Und helläugig Athene«. (Sophokles.) Deshalb ist es ein treffendes Bild, wenn der Dichter, die Wohlfahrt und das Gedeihen des Hauses zu bezeichnen, dasselbe mit der vielzweigigen Olive vergleicht, und will der Prophet dem gebeugten Volke den Frieden und die Fülle einer wiederkehrenden goldenen Zeit schildern, so kann er seine Hoffnung nicht besser anknüpfen, als an die gesegnete, alles überwindende Kraft dieses Baumes. (Hosea, 14; 7.) Am stattlichsten und kräftigsten erscheint die Olive vielleicht auf Korsika. Im Altertum klagt noch Seneca, daß der Pallas Geschenk auf dieser Insel nicht zu finden sei; erst von den Genuesen wurden die Korsen zum Anbau des Baumes gezwungen. Aber jetzt gewährt er bis auf die Berggipfel hinauf überall seine Frucht, und neben den alten verfallenen Zwingburgen stehen seine dichten Pflanzungen als ein dauerndes, friedevolles Denkmal der Genuesenherrschaft. * Die Olive führt von selbst zu den eigentlichen Laubbäumen, welche in diesen Blättern besonders gezeichnet werden sollen. Ehe indessen hinzu übergegangen werden kann, ist noch ein zweites Baumgeschlecht zu nennen, welches in seinem ästhetischen Charakter ebenfalls an die Monokotyledonengruppe erinnert. Es sind die Nadelhölzer . Von den Naturforschern gewöhnlich als eine nordische Form beansprucht, haben sie doch in allen Zonen ihre Vertreter, von der Libanonzeder bis zu den Wacholder- und Föhrensträuchern der skandinavischen Tundern. Sie bilden nach Okens bezeichnendem Ausdruck das »Dach der Berge«. Aus den Ebenen und Sandsteppen ziehen sie aufwärts, unter sich die Laubbäume zurücklassend. Wo das Urgebirge sich türmt und die Wildwasser aus dem Geklüfte springen, da steigt der Nadelwald hinan, ein schwarzes Heer, und pflanzt die Lanzen auf. Zu den höchsten Gipfeln noch versucht er zu klimmen, und ist alles andere Gewächs erstorben, dann kriecht zu Boden geworfen das Knieholz (Krummholz, Legföhre, Pinus pumilio ) weiter. In seinem Haar, in seinem zottigen Moosbart wühlt der Sturm, er zerrt an den langausgreifenden, dicht gegen die Erde gedrückten Armen; aber der Gnom schlingt seine Zweige nur um so fester ineinander und klammert sich mit eiserner Kraft an die Steine des Hochmoores, in den er hundert Wurzeln gegraben. Ja, auf den steilsten, nacktesten Alpenwänden haftet er noch. Die düsteren Massen des Strauchs überziehen da oft weite Strecken, einem versunkenen Walde gleich, der nur seine Kuppen aus der Tiefe emporhebt. Neben und unter ihm aber breiten Alpenrosen ihren Purpur über die Hänge. Hier verbirgt sich die Gemse; denn hierher dringt kein Verfolger, und die Lawine, wenn sie vom Gipfel stürzt, fängt sich machtlos in dem unzerreißbaren Netze dieser Baumzwerge. Faßt man den Charakter des Fichtengeschlechts zusammen, so läßt sich sagen: er habe etwas Starres, bei den entwickelteren Arten Drohend-Erhabenes und Trauerndes zugleich. Nur die Lärchentanne ( Larix ) mag als Ausnahme gelten. Zwar treibt sie auf den Jochen der Alpen und der Apenninen Stämme, die an Umfang mit der Eiche, an Höhe mit der Tanne wetteifern, und ihr Holz soll im Wasser eine kaum zerstörbare Festigkeit aufnehmen; allein dessen ungeachtet ist sie ein heiterer und in den ersten Jahrzehnten des Wachstums selbst ein zarter, weicher Baum zu nennen. Frei und luftig gehen ihre Zweige hinaus, um die sich die Nadelbüsche wie ein zierlicher Federkranz setzen; zugleich wirft sie, allein unter allen Koniferen, im Winter das Laub ab, und es ist ein äußerst freundlicher Anblick, wenn sie dem Frühling die jungen Schossen fühlfädenähnlich entgegenstreckt, mit leuchtendgrünen Blattknospen und roten Kätzchen ringsum beputzt. – Gewissermaßen einen Gegensatz zu ihr stellt der buschig-dichte, finstere Taxus ( Eibe , Taxus baccata ) dar, der alte Zauberbaum, der auch, wo er unverstümmelt wächst, nur geringe Höhe erreicht. Von anderen Bäumen überragt und beschattet, behält er einen gedrückten, fast strauchartigen Charakter, und schon über der Wurzel beginnt er sich vielästig zu teilen; aber dafür ist er zäh- und langlebiger als irgendeiner seines Geschlechte, ja er übertrifft hierin selbst die nach Jahrhunderten zählenden Eichen und Linden, und dann schwillt sein Stamm wohl zu gewaltiger Stärke. – Es hat Wahrscheinlichkeit, daß der Taxus einst in Deutschland weitverbreitet war, da seine verwitterten Reste in den Torf- und Braunkohlenlagern unserer Niederungen sehr häufig vorkommen; und daß er in England wirkliche Wälder gebildet hat, steht geschichtlich außer Zweifel. Mit Recht nennt ihn Gilpin einen »echten Eingeborenen Altenglands und die ehemalige Grundfeste britischer Macht«. Denn dort gab sein stahlhartes, elastisches Holz während des eigentlichen Mittelalters die entscheidendste Kriegswaffe: der alte Freisasse schnitzte daraus seine Armbrust, die, wie er rühmte, nur ein Engländer spannen könne, und die gefürchteten Schützen von Poitiers und Azincourt führten Pfeil und Bogen von der Eibe. Aber jetzt steht sie auch dort nur noch als Symbol der Trauer auf Friedhöfen. Daher heißt sie the mourner yew ), Die Trauer-Eibe. und hie und da trifft man öde Kirchenplätze, auf denen längst das Gotteshaus und die Grabhügel bis auf jede Spur verschwunden sind und allein ein paar uralte Taxus als immergrünende Monumente dessen blieben, was unter ihren Zweigen verstaubt. – Die Wahlverwandtschaft des Nadelholzes mit dem orientalischen Typus wird sich vielleicht am besten herausstellen, wenn der Verfasser jetzt das Bild einiger Arten gibt, an welche sich die übrigen als bloße Varietäten leicht anreihen. Die Cypresse. Die Cypresse ( Cupressus sempervivens ) gehört auch ihrer geographischen Verbreitung nach mehr dem Morgen- als dem Abendlande zu. Doch bildet sie bereits einen hervorstechenden Zug in der südeuropäischen Landschaft; unter dem Norden erscheint sie nur als heimwehkranker Flüchtling. In stolzer Linie hebt sich der Stamm empor, während Aeste, Zwerge und Nadeln im dichten Geflechte ihren schweren Sammetmantel um die hohe Gestalt hüllen. Gleich einem Obelisken unten wenig ausgebreitet und nach dem Wipfel hinauf immer schärfer sich zuspitzend, entwickelt der Baum einzelne Aestegruppen in vollen, edlen Formen, durch welche die mathematische Strenge des Wuchses angenehm unterbrochen wird und das ganze Gebilde den Reiz plastischer Schönheit erhält. Das Blatt, zur Nadel zusammengezogen und noch mit dem Dufte getränkt, der dem unvergänglichen Holze entquillt, starrt regungslos um die Zweige und vollendet in der Tiefe feines Schwarzgrün, das kein Frühling verjüngt und kein Winter zerstört, den eigentümlichen Charakter des Baumes. In der Tat möchte sich diese düstre Erhabenheit, dieses halb schläfernde, halb majestätische Schweigen kaum bei einem anderen Gewächse wiederfinden. Darum ist die Cypresse mehr noch als der Taxus der eigentliche Totenbaum geworben. Durch ein Cypressengewölbe steigt der alte Dichter zur Unterwelt hinab, und wollen wir den Sarg unserer Verstorbenen schmücken, so darf neben Lilie und Palme der Zweig des geweihten Baumes nicht fehlen. So stehen im Garten der Alhambra um einen stillen Wasserspiegel her jene halbtausendjährigen Cypressen, welche die liebeglühende Maurenkönigin zum Andenken ihrer Freude und ihrer Schuld dorthin pflanzte. Mit ihrem Schatten decken sie das Grab des Geliebten, und noch glüht in zahllosen dunklen Rosen das Blut der Maurin; aber kein flüsterndes Blatt nennt seinen Namen; schweigend hütet der Baum das holde Geheimnis. Ueberraschend ist der Kontrast, in welchem die Cypresse aus den leichtbewegten, heitergrünen Gebüschen der Akazien und aus den blassen des Oelbaumes hervortritt. »Wie die Cypress' im Garten,« sagt Theokrit, »so mit rosigem Wuchs schien Helena vor Lakedämon.« Und noch kühner vergleicht Hafis die Cypressen der schlanken Gestalt der Geliebten: Aus Erinn'rung deines Wuchses steh'n Cypressen in dem Hain. Weil Cypressen auf den Fluren deine schlanken Glieder seh'n, Bleiben sie darob erstaunend dorten eingewurzelt steh'n. Vor der Anmut deines Wuchses nimmt Cypress' den Schleier vor! Das ist denn freilich eine andere Anschauung, als die witzig verdrießliche jenes Reisenden, der nur von der bleistiftähnlichen Gestalt der Cypresse zu reden weiß und sie die »düsteren Pedanten des Pflanzenreichs« schilt. Imposant wirken die Massen dieses Baumes in langen Wänden; ebenso bilden sie, vereinzelt oder zu Gruppen (clumps) gesammelt, vor den Fronten der Paläste einen grandiosen Schmuck, der um so mehr an wirklich künstlerischer Bedeutung gewinnt, je mächtiger die Horizontallinien der Architektur sich strecken. Besonders schön erscheinen sie in der Nähe der Fontänen. Die steigende, fallende Wassergarbe, das magische Farbenspiel von Myriaden sonnendurchstrahlter Tropfen, das üppige Grün der Moose und Lilien stellt hier ein fröhliches, unerschöpftes Leben neben die schweigende Schwermut. Aber der schroffe Gegensatz löst sich in dem Rauschen des Quelle, das in seinem ewigen Rhythmus von Kommen und Gehen die Seele in sehnsuchtsvolle Träume wiegt. Doch nirgends machen diese melancholisch in sich geschmiegten Bäume vielleicht eine gleich tiefe Wirkung, als in den Vorhöfen und Umgebungen der Klöster. Hier sind sie so ganz an ihrer Stelle. Unter den schwer und feierlich aufsteigenden Wipfeln steht der Mönch. Vor ihm tut in der Pracht des Sonnenunterganges ein Paradies sich auf; er sieht es nicht. Seine Gedanken sinken in die Tiefen der eigenen Seele und brüten über verschütteten Bildern. Da ruft die Klosterglocke durch die Stille. Der Mönch verschwindet, aber über dem trauernden Baume, wie über einem riesigen Sarkophage, taucht mild der Abendstern empor. Während die Cypresse meist einsam steht, selten nur am Abhange sonniger Berge einen dunkeln Vorhang dahinziehend, sammelt sich die dichtbelaubte Cypresse der neuen Welt (Cupressus disticha) in den Ebenen von Kalifornien, Louisiana und Virginien zu weitgestreckten Wäldern. Hier, bei dem Baume der Jahrtausende (es gibt einzelne, deren Alter auf viertausend geschätzt wird), wächst die Erhabenheit zu dämonischer Gewalt. Noch hat die Axt die Urwildnisse nicht gelichtet, noch keine Kunst die mit allen Schrecken erfüllten Moore ausgetrocknet, welche unter dem Namen der Cypressensümpfe verrufen und von Sealsfield so furchtbar-lebendig geschildert sind. Riesenstämme von mehr als dreihundert Fuß Höhe und von unerhörter Stärke drängen sich aneinander, ihre Zweige zusammenflechtend und am hellsten Tage düstere Nacht verbreitend, so daß der Fuß, der hier eindringt, nur bei dem Scheine der Fackeln seine scheuen Tritte wagen darf. Wild übereinander getürmte Blöcke und Stämme ragen halbverfault aus dem bodenlosen Schlamme, in welchem Alligatoren, Schlangen und beißende Schildkröten lauern: die alleinigen Herren dieses Chaos, das im Sommer unter der Glut einer fast tropischen Sonne qualmt, während im Frühling die austretenden Ströme ihre trüben Fluten in meilenweiter Ausdehnung durch diese feindselige Vegetation ergießen. Die Pinie. An die Cypresse reiht sich die Pinie (Pinus pinea). Sie stellt den weiblichen Typus des Nadelholzes dar, und zwar in der reinsten Gestalt. Eine rötlichschimmernde, reben- und efeuumsponnene Säule, am Wipfel die Aeste schlangenartig in kühn durcheinander gewundenen Krümmungen hervorbrechend, und darüber im breiten, meist sanftgeneigten Schirme die dunkle Krone. So erscheint dieser schlanke Baum als einer der edelsten, plastisch vollendetsten, gleichsam als die poetische Signatur des Südens, und mit Recht lassen ihn die Maler auf italienischen Landschaftsbildern nie fehlen. Schon auf den Wandgemälden von Pompeji herrscht er neben der Cypresse fast ausschließlich. – Gern sucht er die sandige, felsige Küste, er spiegelt sich in dem Meere, dessen Farbe seine Nadeln schmückt, und durchschneidet es als windbeflügelter Kiel. Deshalb weiheten ihn die Griechen dem uferbenetzenden, schiffetragenden Gotte, während der Römer auch in der Pinie einen Baum der Trauer und des Todes sah. Plin. H. N. XVI, 10 : »Die Pinie ist ein Totenbaum und wird zum Zeichen eines Leichenbegräbnisses vor die Tür gestellt.« Auch war die Pinie der Eybele, der großen Lebensmutter, heilig. Bekümmert über Atys, den in eine Pinie verwandelten Gatten. saß sie unter dem Baume und klagte. Auf ihre Bitte um Wiedererweckung der Geliebten, verlieh Zeus, daß der Baum, unberührt vom Wechsel des Blühens und Welkens immer grüne. Im deutschen Mittelalter nimmt sie eine nicht weniger bedeutungsvolle Stelle ein. Hier ist sie der Baum des Verrats. Unter einer Pinie gelagert, verlockt Blanscandiz den Genelun zum Treubruch; im Pinienschatten beschließt der Paladin mit Marsilie Rolands Untergang. Vielleicht, daß sich so der Sage gewissermaßen unbewußt das Land versinnbildete, dessen verderblichem Zauber ihre Heldengeschlechter zum Opfer fallen. Die Föhre. In einem ähnlichen Verhältnisse wie die Cypresse und Pinie stehen unsere Fichte (Pinus picea) und Föhre (Kiefer, Pinus silvestris) . Sie treten jedoch ungleich mächtiger hervor und bedecken wohl ganze Länderstriche, indem die Fichten meist in den Urgebirgen, die Kiefern in den unfruchtbaren Alluvien herrschen. Auf diesem letzteren Umstand mag großenteils die öde Stimmung beruhen, welche die Föhrenwälder hervorrufen, wenngleich ein solcher Wald auch an sich immer einförmig und melancholisch bleibt. Hier singt kein Vogel, keine Quelle springt, selbst die Luft steht still und schwül, und jede Vegetation muß in dem mit Nadeln übersäeten Sande ersterben. Nur das Heidekraut strickt unermüdlich sein dürres Büßergewand über das kraftlose Erdreich. Es ist gleichsam ein einziger großer »Waldfriedhof«, zwischen dessen kahlaufragenden Säulen das Auge umsonst nach Leben sucht, bis es zuletzt müde auf der heißen Sandlinie des Pfades haftet, in dem schwarze Ameisenkarawanen hin- und herziehen und Cikaden schwirrend sich sonnen. Der Eindruck der Sterilität und der Verlassenheit überfällt in seiner ganzen Schwere den Sinn. Ganz anders erscheint dagegen die Föhre am Rande frischgrüner Wiesen oder im Gemisch mit lichtem Laubholz. Da entsteht sogleich der wohltuende Kontrast, welcher auch die unansehnlichste Erscheinung zu heben vermag. Uebrigen ist ihr Wuchs freier, der Pinie verwandt, wie denn auch der braunrötliche Panzer der Rinde und das Meergrün der Nadeln dazu stimmt. Doch biegen sich diese Stämme oft in knorrigen Linien, und andererseits nehmen die Zweigmassen statt der Schirmform häufig die quirlartig-pyramidalische an. Dabei sendet die Föhre, im Gegensatz zur tief- und weitwurzelnden Tanne, nur einzelne unsichere Klammern in die Oberfläche des Sandes, so daß sie im Sturme ächzend aufzuckt und oft ganze Reihen stürzen. – Selten haben Künstler diesen Baum dargestellt, aber er ist in hohem Grabe malerisch. Es umgibt ihn jene unfruchtbare Kahlheit, jene Sandmelancholie selbst mit einer eigenen Poesie, und Meister wie Everdingen und Blechen haben sie verstanden. Ihre Föhrenwälder sind Perlen der Landschafterei. Wie unwirtlich und trüb endlich die Kiefer erscheine: in der winterlichen Erstarrung der Natur ist sie (wie alles Nadelholz) dem Nordländer Ersatz und Hoffnung des Frühlings zugleich; sie verbürgt ihm, um mit Humboldt zu reden, »daß das innere Leben der Pflanzen gleich dem prometheischen Feuer auf unserem Planeten nie erlischt«. W. v. Humboldts »Briefe an eine Freundin« sprechen sich oft über das Leben und die Wohltaten der Natur aus. Besonders gern gedenkt Humboldt der Bäume. Ich führe, statt vieler, eine Stelle an. Im 1. Bande (S. 130) heißt es: »Ueberhaupt liegt in den Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können, über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders. Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des Raumes gefesselt. Bisweilen kann er sie gar nicht verlassen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung oder Bedürfnis immer wieder zurück, oder er bleibt auch fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.« Die Fichte. Als der edelste unter unseren Nadelbäumen darf neben, wo nicht vor der Tanne (Abies pectinata) die Fichte (Pinus picea) gelten. Der ästhetische Charakter-Unterschied zwischen Tanne und Fichte läßt sich im allgemeinen so bezeichnen, daß die Tanne den männlichen, die Fichte den weiblichen Typus darstellt. Das Gebirge ist die eigentliche Heimat beider. Hier schlagen sie ihre Wurzeln in die Spalten der Felsen und steigen in schwindelnder Linie empor, gleich turmhohen Masten. Aber während die Tanne ihr knapperes Geäst straffer an sich zieht, um es im Gipfel fast kuppelförmig auszuwölben, steht die Fichte mit weitausgreifenden, schwer herabhangenden Schirmen da, nach oben stockwerkartig verjüngt, so daß das Ganze als eine von allen Seiten geschlossene, in scharfer Spitze endende Masse erscheint. Es ist eine mächtige, man kann sagen, monumentale Gestalt, eine düsterprächtige Pyramide, und auf ihr thront der verhüllte Geist des Nordens, wie in ewiger Sehnsucht nach dem Süden verlangend. Denn in Wahrheit mischen sich in dem Bilde dieses Baumes Majestät und kühner Trotz mit einem Zuge tiefer Schwermut. Allein der wolkenanklimmende Wuchs selbst, das Sonnenlicht, das um den Wipfel spielt, der Sammetteppich zu seinen Füßen, ewig frisch erhalten von den überall rieselnden Quellen, die Waldblumen umher, die zarte Traube der Circäa, die weiße Blüte des Wintergrüns, die rosige des Vacciniums, gemischt mit dem Purpur reifender Beeren, all dieses warme, farbige Leben löst das in sich zurückgescheuchte Gemüt, so daß es befreit sich neu erhebt. Wie gerne denke ich hier deiner, einsames Erzgebirge, mit den finsterschattenden Schluchten und den sanftumblauten Höhen! Wie oft bin ich dort gewandert! und immer wieder trat in eurem Anblick das Wort des Dichters vor die Seele: Sinnende Fichte! Noch sah ich dich, so lang' ich dich betrachte, Nie anders als mit ernstem Angesichte! Endlos zieht der Wald die Rücken hinab, hinan, und endlos deckt ihn Schweigen und Oede, Kaum dann und wann ein Vogelruf oder das Murmeln eines Baches. Schon auch sinkt allmählich die Dämmerung herab. Bald webt sie dichter um dich ihre Schleier; aber dort oben auf der höchsten Firste ragen noch in Sonnenglorie die stolzen Bäume wie priesterlich segnend über Tälern und Gründen. Dann erlöschen auch diese Leuchten. Die Nacht ist da. Und sieh! da kommt aus Nebelduft der Mond und hängt silberne Strahlen in die Zweige; der Wind erwacht, mit leisem Flügel die tausend Saiten der großen Waldharfe streifend, und nun beginnt in den Wipfeln jenes melancholisch-gedämpfte Säuseln gleich fernem Wellenrauschen, und »frommer Schauder« rührt das Herz. In den Hochebenen, welche den Polarkreis einschließen, breiten ungeheure Fichtenwälder ihr Dunkel über das Land. Die riesigsten Stämme werden zu Tausenden niedergeworfen, und dennoch scheint der Wald noch so dicht, wie vordem. Der schäumende Strom trägt sie zum Fjord, zum Meere hinab, wo sie abermals bestimmt sind, ihre schlanken Gestalten emporzurichten, entkleidet von den langen Aesten und den dunkelgrünen Nadeln, aber mit einer neuen, schneeweißen Hülle von Segeln angetan. Die biegsame Faser des Krautes ist des Baumes Herr geworden, und der König des Waldes, vor kurzem noch so fest in der Erde wurzelnd, muß der weitgespannten Leinwand gehorchen, die von der zarten, blauäugigen Blume gewoben worden, welche kaum zu etwas mehr tauglich schien, als die Wiese zu schmücken und die wilden Vögel mit ihrem Samen zu nähren. * Die Betrachtung darf sich jetzt zu den Laubbäumen wenden. Es wird indessen, um Wiederholungen zu vermeiden, auch hier ausführlicher nur auf die besonders charakteristischen Gestalten einzugehen sein, indem sich daraus das Verhältnis der übrigen, mehr vermittelnden Formen leicht ergibt. Wir beginnen mit der Weide . Dieser Typus wird im Süden vornehmlich durch den Oelbaum, im Norden durch die Weide selbst, durch die Pappel und die Birke vertreten. In ihm herrscht ein freier, leichter Wuchs, zuweilen ein heiterer Schwung, oft aber auch eine elegische Weichheit, die bis zur Zerflossenheit fortgeht. Mächtige Formen, energische, glänzende Farben wird man daher bei dieser Klasse nicht suchen dürfen, wie denn einzelne der genannten Arten sich nicht selten in niedrigem, grauem Strauchwerk verlieren. Im allgemeinen läßt sich von diesem ganzen Typus sagen: die Zweige sind locker und stehen rutenförmig auseinander, die Blätter, ewig schwankend, sitzen an langen, dünnen Stielen, sind meist etwas hart und auf der Kehrseite hell gefärbt. Die Weide. Die Weide (Salix) erscheint bei uns fast nur verstümmelt: mit plumpem Stamm und geschorenem Haupt. Selber dem Beile verfallen, war sie auch ehedem der Baum des Fluches und des Urteils, an welchem gehenkt wurde. An einer Weide hatte Judas sich erdrosselt, und mit Weidenruten wurde der Heiland gegeißelt. – Ihre zähe Lebenskraft entspricht ganz ihrem Habitus. Wenn der Baum seine jugendliche Krone emporhebt, kommt die Axt und »kappt« die glatten Zweige. Aber unverwüstlich, wie die Olive, treibt er nach jeder Beraubung neue Loden. Selbst in den Narben, die das Eisen zurückließ, sammelt sich die Kraft der Vegetation: sie schwellen, ein unförmlicher Kopf entwickelt sich, phantastische Gestalten wachsen heraus. Ja, es ist eben diese Kraft, welche den immer dicker werdenden Stamm zersprengt, erst leicht ihn öffnet, dann tiefer hinab spaltet, zuletzt bis zur Wurzel aufreißt, so daß nun die Seiten sich auseinander werfen, und im Mondlicht das morschgewordene Innere leuchtet. Doch auch jetzt ist das Leben des Baumes noch nicht gebrochen. Denn während aus dem geborstenen Bauch parasitisches Gesträuch herausquillt, oder das Feuer der Hirtenknaben ihn bis auf den letzten Rest verkohlt hat, grünt auf der zerrissenen Rinde noch jeden Frühling ein üppiger Strauß von Zweigen, in dem manch munterer Vogel wohnt. Friedlich, wie zur Tränke wandelnde Herden, ziehen die Weiden den Bach entlang, stellen sich auch gern, andere Bäume meidend, als ein bescheidener Rahmen um das niedrig gelegene Dorf. Mancher malerischen Wegkrümme geben sie Schatten, und wir haben als Kinder oft unter ihnen gelagert, mit geübter Hand die vollsaftige Rinde von den Ruten gelöst und an der rohen Musik der Bastflöte uns ergötzt! Aber wie lieb sie uns auch geworden aus den Tagen fröhlicher Spiele und Lieder: solcher gestalt bleiben sie doch immer unschön und charakterlos. Nur wo sie unangetastet von Menschenhand emporwuchs, ist die Weide ein wirklich schöner Baum. Sie erscheint dann trotz der viel- und scharfrissigen Rinde und trotz der schmalen, spitzigen Blätter graziös, und die biegsamen Zweige, die rastlos ihre dunkelhellen Wellen schlagen, geben ihr sogar einen entschieden weichen Ton. Einige erheben sich dabei zu imposanter Höhe und bilden breitkuppelige Kronen. Die vollendetste Form dieses Geschlechts zeigt die Trauerweide (Salix babylonica) . Wie langherabwallendes Haar sinken die Zweige, wie niederrinnende Tropfen die Blätter hinab. Ganz in sich verhüllt, steht sie da: ein Bild weinender, weiblicher Klage, gegenüber der auch in der Trauer noch stolzen, das Gemüt auch im Schmerze noch feierlich erhebenden Cypresse. Daher werden Phaëthons Schwestern, als sie wehklagend um den Verlorenen an den Ufern des Eridanus stehen, in Trauerweiden verwandelt, aber auch da vergessen sie des geliebten Bruders nicht und weinen ihre goldenen Tränen in die Flut; daher singt Desdemona, von dem höchsten Kummer betroffen, das ergreifende Lied von der Weide; daher reicht in Scotts Braut von Lammermoor Heinrich seiner Schwester Lucie einen Weidenzweig, als diese in ähnlicher Lage sich befindet. Ebendeshalb endlich bricht der Samländer, wenn die Freude des Pfingstfestes zu Ende geht, die Lindenlaube vor seinem Hause ab und setzt an deren Stelle ein Weidenzelt. – Wir stellen den Baum gern über den Grabhügel oder an den einsamen See; sehnend blickt er in den dunkeln Spiegel, um ihn aber zieht der Schwan seine Kreise, und aus der Tiefe taucht wie eine stille Sage die Wasserrose. Die Pappel. Die (lombardische) Pappel ( Populus fastigiata ) verrät in dem vornehmen Anstande ihrer Haltung und in dem glänzenden Grün der festen Blätter sogleich die südliche Abkunft. Doch ist sie bei uns so eingebürgert, daß sie billig für deutsch gelten darf. Vielleicht ist kein Baum so verschiedenartig betrachtet worden, als dieser. Der hohe, schlanke Stamm, an den sich ringsum die aufwärtsstrebenden Zweige mit ihrem dichten, dunkeln Laube schmiegen, stellt das Leben der Pappel recht als ein Sonnenleben dar. Darum wurde sie wohl von unseren Dichtern als ein Symbol der Sehnsucht, ja erhabener Trauer gefeiert, und auch die Alten mochten ihr eine ähnliche Bedeutung gegeben haben. Gewiß ist, daß sie diesen Baum vorzüglich häufig an Straßen, öffentlichen Plätzen, Gräbern und Denkmälern anpflanzten, daß – außer der Olive – keiner öfter auf ihren Münzen und Kunstwerken erscheint. Der Hain des Akademos bei Athen war ein Pappelgang. Dennoch will uns die Pappel selten behagen. Am meisten hat sich ihrer die französische Gartenkunst bemächtigt, welcher ein Baum, der fast gar keine Individualität entwickelt, und selbst mit seinem Schatten kargt, besonders zusagen mußte. Die Pappel fügte sich leicht in das strenge, um nicht zu sagen, steife Ebenmaß dieser Gartenarchitektur, während sie doch auch, gehörig gruppiert, den Eindruck stolzer, schroffer Gravität geben konnte, welchen jene Parks trotz ihrer Rokokkospielereien nie zu verfehlen suchten. »Der Pappel stolze Geschlechter Ziehn in geordnetem Pomp vornehm und prächtig dahin!« heißt es in Schillers Spaziergang. – In ihrer ganzen Nüchternheit erscheint die Pappel auf unseren Landstraßen, deren Staub selbst ihr frisches Grün verlöscht. Welche Oede in diesen unabsehlichen Zeilen, in diesen kahlen, stangenähnlichen Wegzeigern! In der Tat: so poetisch sorglos der Fußpfad am grünen Waldesrande dahinschweift oder am Gartengelände mit seinen überhangenden Blüten und Früchten, so ermüdend prosaisch dehnt sich die geradlinichte Kunststraße mit ihren marklosen, aristokratisch hochgereckten Pappeln. Die »langen Müßiggänger« gehören weder in die romantische Waldwildnis, noch an das Feld, das der Schweiß des Landmanns bebaut; vor Kasernen und Zollhäusern wollen wir sie uns gefallen lassen. Wer fände nicht bezeichnend, daß Napoleon Vgl. Riehl »Land und Leute«: »Die Pappel ist das echte Sinnbild der von außen her aufgedrungenen Zentralisation; sie ist der uniformmäßige Baum, den man in Reihen aufmarschieren lassen kann gleich einer Paradeordnung von Soldaten.« gerade diese uniformmäßigen Bäume liebte, und ihre Anpflanzung oft persönlich befahl? Ihr langgestieltes Laub schlägt bei jedem Luftzug zusammen; aber selbst diese Bewegtheit, welcher die Pappel den Namen zu verdanken scheint, verstimmt, da sie doch sonst das Gemüt so innig anspricht. Es ist ein hartes, unmusikalisches Getön, belästigend wie ein Geschwätz, dem man sich nicht zu entziehen vermag. Und so hat auch die Fabel in der Pappel ein Bild der Geschwätzigkeit und des Dünkels gefunden; das Kinderrätsel aber sagt: Ein langer Narr, ein dürrer Mann, Hat hunderttausend Schellen an. Dennoch läßt sich, wie bereits bemerkt, nicht ableugnen, daß durch eine künstlerische Zusammenstellung auch die Pappel bedeutsam werden mag. Ihre hochaufschießende Gestalt kann, in gewisse Ferne gerückt und in Gruppen zu zwei oder drei, wahrhaft gebieterisch erscheinen, indem sie dann nur als eine einzige unbewegte, dunkle Masse vor das Auge tritt und gleichsam wie ein kühner Effektstrich das niedrigere Gebüsch oder die breitgestreckten Gebäude durchbricht. Die eigentlich deutschen Pappeln sind weniger steif; einigen derselben, wie der Schwarzpappel ( Populus nigra ) muß sogar eine gewisse Großartigkeit zuerkannt werden. Ihr Stamm erreicht gewaltige Höhe; ihre Aeste recken sich, fast selber Bäumen gleich, weit auseinander; und die tiefgefurchte, rußige Rind« kann jenen Eindruck nur steigern. Doch fehlt es, um eine wirklich plastische Form darzustellen, der Schwarzpappel ebensosehr an Maß und Schwung, als an fest zusammenhaltender Kraft. Der ganze Habitus derselben hat vielmehr etwas strunkartig Gespreiztes, und dem entsprechend bilden auch die Zweige ein Sparrwerk langherausfahrender Schossen, die wiederum nur am Ende belaubt sind, da die Pappel alles Säfteleben nach der Spitze drängt. Das Gewebe ihrer Holzfaser ist von lockerster Weichheit; die flachhinstreichende Wurzel gewährt geringen Halt, so daß der Sturm selbst die stärksten Stämme niederwirft; und die großen Blätter, an langen Stielen papierartig schlotternd, entbehren auch hier eines vollen, tiefen Tones. Ungleich anziehender, um nicht zu sagen, eleganter ist die Silberpappel (Populus alba, P. canescens) , deren Formen sich bei aller Größe maßvoller runden und zusammenschließen, und deren Farben einen sanfteren Ton haben. Man weiß, daß ein eigentümlicher Reiz dieses Baumes in der schillernden Belaubung besteht. Eine zierlich ausgeschnittene Silhouette – ähnlich dem Efeu – schwebt das Blatt der Silberpappel am leichtbeweglichen Stiel, um seine ganze Schönheit erst im Spiele des Windes zu entfalten, wenn es den weißen Flaum der Kehrseite gleichsam wie ein keusches Gewand aufschlägt und, kaum gezeigt, ihn wieder verdeckt; und eben dieses wählige Auf- und Zuschlagen, dieser Wechsel von Hell und Dunkel spricht uns an wie ein Spiel der Empfindung, gleichsam wie ein Geheimnis, das sich uns enthüllen und doch wieder verbergen möchte. Die Griechen aber erzählen sinnig: Pluto habe Leute, die schönste der Okeaniden entführt, und da sie, unvermögend sich dem unterirdischen Reiche zu gewöhnen, dahingesiecht sei, habe der Gott zum Angedenken seiner Liebe den Baum hervorwachsen lassen, in dessen Wipfeln das Licht der Sonnenwelt sich mit der Dämmerung des Hades vermähle. Der Silberpappel am nächsten steht die Espe (Zitterpappel, Populus tremula ). Derselbe schlanke Wuchs; dasselbe flitternde, zitternde Blatt, nur rundlicher gestaltet und matter in der Farbe; dieselbe wässerige, blasse Rinde. Dagegen erinnert die Verzweigung mehr an die sogenannte kanadische Pappel: aus einem geraden, doch niedrigeren Stamme entspringen in fast gleichmäßigen Zwischenräumen rechts und links die Aeste, meist spröde, parallele Linien bildend. Die Espe stellt ihr Laub wie Täfelchen auf einen langen, feinen, merkwürdig drehbaren Stiel, und dieser selbst steht nur mit einem schmalen Fuße auf dem Holze. So geschieht es, daß auch der leiseste Hauch die Blätter lüftet, und selbst bei ruhigem Wetter gewahrt man ein Gezitter von Grün und Silber, welches nie austaumelt; immer hört man dies seltsame, scheue Gelispel. Daran knüpft sich denn, wo nicht schon der Name Der Name Espe (Aspe) scheint allerdings das flüsternde Zittern der Blätter zu malen; doch bringt ihn Grimm im Wörterbuch mit Esche in Zusammenhang, wie man denn hie und da wohl die Espe auch »Beberesche« nennt. der Espe, so doch der sprichwörtliche Gebrauch, in dem wir das Espenlaub zu einem Gleichnis der Furcht machen. Die Erscheinung selbst endlich hat dem christlichen Altertume Stoff zu einer weitverbreiteten Legende gegeben. Als noch der Herr auf Erden wandelte, erzählt die Sage, beugten sich alle Bäume vor ihm, nur die Espe nicht. Darum wurde sie mit ewiger Unruhe gestraft, so daß sie bei jedem Windhauch erschrickt und zittert, wie jener Jude Ahasver, der nie rasten kann. In alle Welt zerstreut sind die Enkel und Urenkel des übermütigen Baumes, ein zaghaft Geschlecht, ewig bebend und flüsternd in der übrigen Ruhe der Wälder. Die Birke. Dem Froste und dem Strome, dem Blitze und selbst der Fäulnis trotzend, im Sumpfmoor wie im dürren Sande gedeihend, bedarf die Birke nur einer Spanne Erde, ihre Wurzel hineinzusenken. Auf den norddeutschen Grasebenen steht sie in zerstreuten Gruppen und Hainen entlang; aber in den Tieftälern von Norwegen füllt sie weite, schimmernde Waldstrecken, und da selbst, wo ewiger Schnee den Kiölengrat umhüllt, klammert sie sich an die stiefmütterliche Scholle. Dort an der letzten Marke der Vegetation beugt sie sich über das Gestein, wie der trauernde Genius der Pflanzenwelt, in der Hand die umgestürzte Fackel: das grünende Leben sinkt wieder in den Schoß zurück, dem es sich schwerkämpfend entrungen. Es ist die Zwergbirke (Betula nana) , deren Samen allein im Winter den Lemming und das weiße Rebhuhn nährt. – Vielleicht erstreckte sich ehedem das Reich der Birke weiter hinauf als heute. Auf Island wenigstens stand vor alters die hohe BetuIa alb a im dichten Walde von dem Meeresufer bis zum Fuße der Gebirge, und warf so ein wärmendes Gewand um die damals fruchtbare Insel, von dem jetzt kaum die Fetzen in Busch und Strauch zu sehen sind. Noch geht die Sage von Kohlenbrennern, die hier ihre Meiler baueten, und das Grabscheit braucht oft nur einige Stiche in die breitgelagerte Torfschicht zu tun, um auf Stämme von mehr als einem halben Fuß Stärke zu stoßen. Man darf die Birke einen weiblichen Charakter nennen, obgleich jener Dichter, eingedenk des Tributes, den einst der pädagogische Baum von ihm gefordert, sie hart und blutdürstig schilt, und Plinius sie in ähnlicher Beziehung die »furchtbare« nennt. In leichtgeschwungener, oft anmutig geschlängelter Linie steigt der runde Stamm hinauf, nach oben schwach gebogen, doch mit geschmeidiger Härte der Gewalt der Elemente widerstrebend. Grau bemooste Furchen zerreißen wohl unten die glatte, atlasartige Rinde, die aus dem Blättergrün hervorleuchtet, »als wäre dran aus heller Nacht das Mondlicht blieben hangen.« (Lenau.) Kein mächtiger Ast tritt aus dem zähen Holze, vielmehr fällt ringsum ein zierliches Reisernetz in langen Flechten herab, das sich kaskadenartig und immer lockerer aufbaut, bis die Krone wie in einem Federbüschel endet. Da ist auch nicht Raum für das kleinste Nest; so luftig steht das Zweigwerk da. Und nun dieser dämmernde Laubschein darüber hin! dieser zarte Schleier, der immer schwebend und schwirrend seinen würzigen Duft ausstreut! Ist es nicht, als schmiege sich schmachtend eine Waldnymphe hervor? Man vergleiche die sinnreiche Beschreibung im alten angelsächsischen Alphabet: Birke (Beorc) ist früchtelos, Trägt eben wohl Zweige ohne Samen, Ist in Aesten schön, Doch in der Spitze Rauscht sie, lieblich Bewachsen mit Blättern, Von der Luft bewegt. Uebrigens ist es auch an der Birke zumeist die gesenkte Gestalt und das rastlose Gezitter der langgestielten Blätter, was die träumerische, selbst schwermütige Stimmung hervorruft, die diesem Baume den Namen der Trauerbirke verschafft hat. Ebendarum ist sie bei uns, wie im Süden die Cypresse, ein Schmuck der Friedhöfe geworden, und so als ein klagendes Finis Poloniae steht sie nordwärts, dort auf dem Grabe einer untergegangenen Nation. Jetzt wird die Linde ( Lipa ) für den Baum der slawischen Nationalität ausgegeben, und die Lipa slowanska (slawische Linde) nennt sich so im Gegensatz zur deutschen Eiche. Leipzig ( Lipsk ) soll allerdings den slawischen Namen von der Linde (Lindenstadt) haben. Aber wer in unserer alten Dichtung nur etwas belesen ist, weiß, daß die Linde ein echter deutscher Baum ist und früher vollständig dieselbe Rolle in der Poesie spielt, wie später – zumal seit Klopstock – die Eiche, die früher sehr selten erwähnt wird. Für die Birke als Symbol der slawischen Melancholie sprechen die vielen Namen, die von Breza , die Birke, abgeleitet sind: Brietz, Brietzen, Preetz, Bretsch, (Brietzke,) die Briezen, Treuenbriezen usw. – Die stattlichsten Birken finden sich wohl auf den Newainseln bei Petersburg; aber auch in Kurland gibt es deren, die den Umfang und die Höhe der stärksten Buchen erreichen. . Die Dichter aber wissen ihr Säuseln zu deuten, und auch das Volk versteht es. Seit Geschlechtern klingt aus der Hütte des Litauers, allenthalben den Wanderer begleitend, jenes rührende Lied: Birke, Birke, arme Birke, Warum bist du denn so traurig? War's vielleicht der kalte Nordsturm, War's vielleicht der rauhe Frost, Der dir macht die Blätter starren? Oder hat das böse Wasser Dir der Erdenmutter Schutz Von den Wurzeln weggespült? Und der traurigen Frage antwortet in gleichem Geiste die Gegenstrophe Nicht der Frost macht mich erstarren, Nicht das Wasser mich verkümmern; Doch es kamen die Barbaren, Und sie brachen meine Aeste Und zerstampften um mich her All das schöne grüne Gras. Schade, schade, daß von Osten Auch die schöne Sonne kommt! Ein gespannte, erhöhte Stimmung gibt das Zwielicht des Mondes dem Birkenhain. Die schattenhaft zerfließende Gestalt des Baumes, das gespenstige Weiß des Stammes regen die Phantasie ahnungsvoll an. Nur im Vorfrühling, wenn der junge Blätterschimmer um ihre Zweige spielt, atmet die Birke eine sonnige, erfrischende Freundlichkeit: sie bringt den ersten, langerwarteten Gruß des wiedererwachenden Lebens. Doch hebt auch der eintretende Herbst, der das Birkenlaub in energisches Gelb umfärbt, diesen Baum wieder lebhafter hervor. Anders geartet ist die Heidebirke ( Betula pubescens ). Die freier aufstrebenden Aeste geben ihr ein munteres Ansehen, an den weichen Habitus der Hängebirke erinnert nur die leichte Biegung der Zweige, deren dünneres Laub geschwätzig auseinanderflattert. Heitere, man möchte sagen, mädchenhafte Grazie ist der Charakter des Baumes, und gerne schwingt sich der Dorfreihen um sein duftiges Maigrün. Die Heidebirke erfreut wie der Anblick eines schöngelockten, lieblichen Kindes, man denkt an lachende Blondköpfe; doch verliert sie sich auch eher als ihre ernste Schwester ins Dürftige. In einzelnen Gruppen, etwa inselartig aus dem Rasengrün hervortretend, oder in weiten Dimensionen über eine große Fläche sich gleichsam die Hand reichend, oder auch im Gegensatz zu Eiche, Tanne und dergleichen, gibt sie ein wirksames Motiv für die Landschaft: so besonders auf den holländischen Torfmooren, deren trübe Einsamkeit allein durch ihre Farben belebt wird. Als voller Wald ist indessen dieser Baum zu eintönig und zu geringfügig. Als ein Ausläufer der Weidenform kann die Erle (Eller, Alnus ) betrachtet werden. Sie zeigt bereits eine größere Entwicklung und macht gewissermaßen den Uebergang zu den Bäumen mit ausgebildeter Krone, die wir an den Schluß stellen. Die Erle erscheint, wie die Weide, nur selten in unverkümmerter Gestalt. Sie wächst rasch; aber man köpft oder fällt sie, und nun treibt um den brombeerumrankten Stumpf ein Dickicht von Loden und Ruten hinauf. Es wird ein Gebüsch, eine Gruppe von Schossen: Vor- und Unterholz, das oft weite Flächen undurchdringlich bedeckt. In dieser Weise tritt die Starrheit der Erle besonders hervor: der Stamm gerade, schlank, ohne durch markige Höhe zu imponieren, die Aeste in regelmäßigem Wechsel meist scharf und quirlartig herausspringend; das Blatt stumpf, derb, am zähen Stiele wenig bewegt. – Läßt man ihr den freien Wuchs, so mildert sich diese Härte bedeutend. Der Baum gewinnt eine energischere, saftigere Gestalt; er lehnt in gefälliger Linie über dem Flüßchen, das seine Wurzel tränkt, und Zweige und Blätter wölben sich zu schattigen Schirmen. Auch die Rinde färbt sich mit einem satteren Schwarz: in allem ist die Wahlverwandtschaft mit dem feuchten Element sichtbar ausgesprochen. Die Erle gehört zu den Bildern heiterer Ländlichkeit, wie zu der ernsten Poesie einsamer Moorflächen und Weiher. Sie richtet sich gern dicht am Rande des Baches auf, und wer möchte sie in dieser Gesellung nicht reizend finden? Das tiefgrüne Laub und der schwärzliche Stamm dienen dem hellen Wiesenteppich zur Folie und stimmen angenehm zur Kühle des Wassers, das murmelnd seine Straße zieht. Die Blätterschatten werfen ein spielendbewegtes Netz über die blinkenden Wellen, darinnen sonnt sich die Forelle, und Schwalbe und Bachstelze kommen mit zierlichen Füßchen herbei, zu baden. Am Ufer zwischen Dolden und Halmen hangen Vergißmeinnicht hinab, gelbe Iris schauen fragend herauf; die Trift entlang weiden und lagern geruhige Herden, eine Mühle klappert nahebei, und zwischen den Büschen hebt sich patriarchalisch der Turm des Dörfchens hervor. Zu diesem Idyll versteht sich der blaueste Sonnenhimmel von selbst. – Aber die Erle folgt dem Bache hinab auch in die entlegeneren Talbuchten und breitet um sie her das heimliche Dunkel, in dem das Reh sich birgt und das Rotkehlchen zwitschert. Das Wasser, das wandernde, plaudernde, ist müde geworden und sammelt sich in tiefere kristallene Becken; rechts und links aber drängen sich die Stämme im Halblichtschimmer geschwisterlich aneinander. Ein Windstoß rührt sie an, sie schwanken, flüstern, das Reh springt auf – dann ist alles wieder still. Das ist die Erle am Dorf und im Grunde. Anders, ernster wirken die Erlen im Moor. Da kommen sogleich die Sumpflagunen mit ihrem Brodem, die Wolken, die Einsamkeit hinzu und weben eine sagenhafte Poesie um die Szene. Vom Schilf her stöhnt die Rohrdommel, Unken antworten aus der Ferne, wandernde Störche ziehen eilig vorüber. Dann und wann nur fällt ein herbstlich matter Strahl auf die schwarzen Wasser, die mit hundert Armen die einförmigen Strauch- und Buschinseln umschlingen, während aus ihnen allenthalben Dunst der Vermoderung steigt und selbst das Grün des Röhrichts und der Moose sich in krankes Gelb verfärbt. – Man begreift, daß hier die ohnehin ernsten und vielfach starren Gruppen der Erlen nur dazu dienen können, den unheimlichen Eindruck des Gesamtbildes zu verstärken. Es ist ein düsteres Brüten, das über der Natur liegt und beklemmend auch in das Gemüt dringt. Aber bis zum Schaurigen steigert sich diese Stimmung, wenn der Nebel sich in die vielschossigen Bäume setzt und die Nachtluft seufzend durch die Blätter streicht, oder wenn der Mond seinen Dämmerschein über die Oede und ihre dunkeln Gestalten ergießt. Das ist die nordische, das ist die echte Erlkönigslandschaft. * Wir gelangen jetzt zu den entwickeltsten Formen unserer Laubbäume, zu Eiche, Buche, Rüster und Linde. Ohne daß man sie gerade auf einen bestimmten Typus zurückführen könnte (am ehesten dürfte die Linde als Urform aufgestellt werden), unterscheiden sie sich von den bisher geschilderten durch einen kräftigeren, ausgearbeiteteren Bau. Der Stamm kommt an Höhe den Nadelhölzern nicht gleich, aber er übertrifft sie an Mächtigkeit, indem er eine reiche, oft kühne Verästung nach allen Seiten ausschickt. Dadurch bilden sich gegliederte Partien, kompakte Massen, die ihren Abschluß in der schön modellierten Krone erhalten. In Uebereinstimmung hiermit ist das Laub saftiger, dichtgedrängt und im ganzen breitgestaltet. Man könnte, käme es auf Namen an, diese Bäume vielleicht Kronenbäume nennen, wie man die Tannen, Fichten usw. etwa Stammbäume heißen dürfte. Die Eiche. Die Eiche ist der europäische Urbaum. Die Pelasger und jene Wanderscharen, die einst an den Küsten von Griechenland eine Heimat suchten, verehrten ihn als Lebensbaum, als kostbare Gabe des großen Nährvaters. Seine Früchte sättigten sie, in seinen Stämmen fanden sie Wohnung, unter seinen Wurzeln sprang der tränkende Quell. Und selbst als längst die barbarische Rauheit menschlicher Sitte gewichen war, erhielt sich die Verehrung für den Segenspender unverkümmert fort in dem Gemüte der Völker. Bei Griechen und Römern blieb er dem Olympier geweiht, aus seinem Rauschen tönten ihnen Stimmen der Zukunft; der Deutsche aber und der Skandinavier sahen das Haus des Donnergottes in dem Eichenwipfel, und ihre Priester pflegten die heilige Mistel, die auf ihm wuchert und in des blinden Höders Hand zum Todespfeil geworden war, an dem Baldur, der jugendliche Gott des Frühlings, verblutete. In gleicher Weise widmeten Kelten und Slaven der Dryade einen geheimnisvollen Kultus. So hat diesen Baum ein ahnender Natursinn gleichsam wetteifernd mit einem Immergrün von Sagen und Gesängen umwoben. Zwar führt er in unserer deutschen Dichtung heute nur noch ein kümmerliches, um nicht zu sagen künstliches Leben; aber um so tiefer wurzelt er in Liedern und Geschichten solcher Stämme, die abgeschlossener als wir, oder entfernt von der großen Weltbühne, ihre alte Weise reiner bewahrt haben. Kein zweiter Baum glich ihm an wildkühner Schönheit; aber keiner bot sich auch dem ersten Bedürfnis zu ausgiebigerem Dienst. Das Haus des Lebenden, den Sarg des Toten, das Schiff, das den Seefahrer trug, die Lanze, die der Jäger schwang: alles gab die Eiche. Darum wurde ihre Pflege eine Pflicht, und schön sagt das angelsächsische Alphabet: Eiche ist auf dem Lande Den Menschenkindern Fleisches Behältnis (Sarg), Fährt häufig Ueber Wasserhuhnes Bad, Erforscht die See: Jeder habe Eiche, Den edlen Baum! Mark und Fülle zeigt ihr Wuchs, von der tiefausgreifenden Wurzel bis zum festen, schildgleichen Blatt und der derben, bronzenen Frucht. In dem trotzigen Zickzack ihrer Aeste und in den grandiosen Verkrümmungen ihres Stammes steht sie da als Baum der Stärke ( Quercus robur ), gleichsam als lege sie sich aus zum zerschmetternden Streich; es ist der graue Wälderkönig, den der Adler sucht und der Held zum Bilde nimmt. Wie treffend, wenn Homer die beiden Lapithensöhne als Hüter vor den Schiffen stehen läßt: »zwei hochwipflige Eichen des Berges, welche den Sturm ausharren und Regenschauer beständig!« Und wie sinnvoll, daß die englischen Könige, wenn sie den Thron besteigen, sich eine Eiche erwählen, ihren Namen zu tragen und künftigen Geschlechtern lebendig erhalten! Freilich, welcher Engländer dürfte auch vergessen, daß seine Insel gerade diesem Baume die »hölzernen Mauern« verdankt, auf denen ihre Größe und ihre Freiheit steht? daß die Eiche, wie die Dichter preisend sagen, der »Vater der Schiffe« ( the father of ships ) ist? Auch darin scheint sich die heroische Natur des Baumes anzudeuten, daß er sich fast nie zu eigentlichen Waldungen häuft. Der Eichenwald ist nicht viel mehr als eine poetische Figur. Denn die Eiche steht einsam, oder im Gemisch mit anderen Laubarten, die sie ehrwürdig-feudalistisch beherrscht. Nur in den nordischen Tiefebenen tritt sie oft zu schönen Gruppen zusammen. Das gibt dann Ruisdaelsche Bilder. Ein saftgrüner Rasen, ein blauer Himmel, ein klarer Quell. Da und dort hebt der Hirsch das stolze Geweih; er hat den Jagdruf aus der Ferne vernommen. Freundliche Blicke öffnen sich zwischen den schwarzen, grotesken Stämmen, und durch die dunkel-ernsten Laubmassen gleitet still ein goldener Strahl. In ihrer ganzen Großartigkeit erscheint die Eiche auf felsigen Gebirgshöhen. In solcher Urwaldwildnis muß man die tausendjährige sehen, und Lessing und Rubens haben sie uns gemalt. Weit über die Quaderwände hinaus, tief in die steinernen Rippen hinein schlägt die Wurzel ihre mißgestalteten Pranken, als wolle sie die Erde spalten, und aus dem Grunde treibt und wächst es hinauf, langsam, aber riesengroß, bis zu der luftigen Himmelsstraße selber. Wie ein Harnisch legt sich die tiefdurchrissene Rinde dem Recken um Leib und Glieder, zornig zucken die knorrigen Aeste, und wo der Nordwind seine Speere gegen den Eisenstamm schleudert, deckt ihn die zottige Mooshülle mit dichtem Schilde. So hat er seinen Fuß droben eingegraben, der Alte vom Berge, ein reisiger, riesiger Held, und freut sich die Wolkenschlacht mit Aeolus und seinem wilden Heer zu kämpfen. Vom Boden aber rankt Efeu und Geisblatt hinauf, und die Amsel ruft aus seinen Zweigen. Das ist die deutsche Eiche, die Sagenruine der Jahrhunderte. Sie hat Welf und Weibling, Ziska und Prokop, Friedland und die Schweden gesehen. Unter ihrem brausenden Wipfel mochte vielleicht das Dies irae verfolgter Ketzer grollend in die Nacht hinausklingen; ihr Schatten deckte wohl den räuberischen Landsknecht, wenn er dem Hufschlag des Saumtierzuges horchte. Sie steht noch, hoch und grün; aber es sind nur wenige ihresgleichen, an denen die Phantasie so sinnend die Marksteine der Geschichte zurückzählen kann, und wird dem Beile, welches unsere Zeit schonungslos gegen jede Pflanzung der Natur schwingt, nicht Einhalt getan, so werden auch sie bald fallen. – Wie ganz anders weiß das waldarme England die Zeugen seiner Vergangenheit zu ehren! Es rühmt sich seiner alten Eichen, und es hat ein Recht dazu. Da steht im Walde von Sherwood noch heute der Baum, unter welchem Johann ohne Land Audienz erteilte, und dieser Baum war vielleicht schon zu Johanns Zeiten Jahrhunderte alt. Da ist die Eiche, in welcher Robin Hood, jener freibeutende Balladenheld, der Zerlegung und Verteilung der königlichen Damhirsche präsidierte. Shambles heißt sie oder das Schlachthaus. Da ist die Parliamentsoak, in welcher er seine Versammlungen abhielt; die grüne Taleiche, in deren turmartig zerklüftetem Stamme der Wildschütz und sein ganzer lustiger Rat beieinander saß. Noch zeigt in Newforest ein Steinmal die Stelle, wo bis vor hundert Jahren jene Eiche stand, unter deren Zweigen Wilhelm der Rote von Tyrrells Händen fiel. Das Geschoß des Mörders hatte sein Ziel gefehlt, es traf den Stamm, aber abprallend durchbohrte es noch die Brust des Königs, der sterbend zusammenbrach. So erinnert hier jeder alte Baum an eine denkwürdige Szene oder Persönlichkeit. Und fragen wir, was diese Bäume schützte? Es ist der Geist der Gesetzeshoheit und der Selbstachtung. Der Geist, der die vielbewegte, stolze Geschichte Englands geschaffen hat, derselbe ist es, der über ihre Heiligtümer und Mäler wacht. Die Buche. Neben der Eiche gebührt der Buche ( Fagus silvatica ) der Preis unter unseren Waldbäumen. Sie liebt sanftgehobene Flächen und tritt gern von den Höhen des Gebirges auf die sonnigen Hügelzüge am Fuße herab. In den Tälern Thüringens und des Harzes, auf Rügen, in den holsteinischen Marschen herrscht dieser Baum, und einst war er über ganz Mitteldeutschland verbreitet, wie denn das Hessenland vor alters »Buchonia« hieß und das Wort buoch wohl geradezu für »Wald« gebraucht wurde. Aber doch ist erst der Norden das eigentliche Buchenland, und nirgends vielleicht steht dieser Baum in üppigerer Pracht als an den blauen Buchten von Kopenhagen. Unter allen Bäumen ist er der geselligste, er schießt seine Wurzeln nicht tief ins Erdreich, er muß sie mit seinen Nachbarbäumen kreuzen. »So mit verschlungenen Wurzeln und Wipfeln trotzt «in Buchenwald den Stürmen und dem Sonnenbrand. Allein, ohne anderen Schutz erliegt die Buche bald der Witterung – vielleicht! das treffendere Sinnbild eines Volkes, das lieber die Eiche zu seinem Wahrzeichen wählte, weil sie in trotziger Vereinzelung Sturm und Wetter die Stirn bietet.« In Jugendkraft, leicht und doch stolz, wie aus Stahl, steigt der Schaft hinauf. Glatt und dicht umschließt ihn die silbergraue Rinde, von keinem Moose benagt, und wo es geschieht, zu dem Samtgrün desselben freundlich kontrastierend. Fast meint man daran die Härte des Holzes zu erkennen, das in der knappen Bekleidung gleichsam nackt erscheint und in seinen Anschwellungen das Bild eines muskelstraffen Armes gibt. Es ist bedeutsam, daß nach altem deutschen Glauben diesen Baum der Blitz nicht berühren durfte. Ast und Zweig treten erst in der Höhe hervor, sie greifen scharflinicht aus – fast wie die Zweige der Tanne – und drängen ihre Fächer zu einem einzigen Gewölbe zusammen. Aber so imposant dieser Rundbau ist, so fehlen ihm doch jene Tiefen und Gliederungen, welche den Kronen anderer Bäume einen ebenso plastischen als malerischen Reiz gewähren. Das stumpfeiförmige Blatt stimmt zu dem Charakter des Ganzen. Es bildet, der Verzweigung entsprechend, meist dachartige Schichten, die spitz auslaufen, oder es fliegt flockig auseinander, ohne in Massen zu verschmelzen. Festgewebt und an den kurzen Stiel geheftet, gibt es sich nicht zum leichten tönenden Spiel des Windes. Die Buche hat, das sieht man aus allem, in ihren Formen eine gewisse architektonische Sprödigkeit, und es legt sich die Vermutung nahe, daß eben der Buchenwald jener Naturtempel war, welchen die deutsch-christliche Baukunst in ihren Domen transfigurierte. Knüpft sich doch auch an diesen Baum, der schon seiner Frucht wegen den Vorfahren wert sein durfte, das älteste Geheimnis deutscher Weissagung und Schrift. Die ersten Buchstaben waren ja nichts anderes als Stäbe der Buche , die mit gewissen Zeichen versehen zu Boden geworfen und ausgedeutet wurden (Runen). – Vischer nennt die Buche starr, der Engländer Gilpin sogar schwerfällig. Dies letztere ist jedenfalls übertreibend, und gerade das von dem englischen Aesthetiker so übel angesehene Laub macht vielleicht ihren schönsten Schmuck aus. Die Steifheit desselben wird bereits hie und da durch leise Faltungen des Saumes erweicht; dazu quillt es in der üppigsten saftigsten Fülle hervor, und von der Sonne beschienen spiegelt und spielt jedes einzelne Blatt in den anmutigsten Lichtwechseln. Und so tief saugt es dieses Licht in sich ein, daß selbst, wenn der Frost es schon berührt, das Buchenblatt vor allem anderen Laube in den feurigsten Goldtinten erglänzt. Man darf sonach wohl sagen, die Poesie der Farbe ersetze hier, wie an dem lichten Kleide des Stammes, was an der Form streng und derb erscheint. Aber auch diese Form wie gediegen, wie rein, wie geschlossen! Unter den Pfeilern des Buchenhochwaldes weht nicht mehr der wehmütig-feierliche Hauch, das dunkle Sehnen, mit welchem uns sonst der Wald ergreift. Es ist der Geist gesunder Stärke, der hier seine Schwingen rührt und die Seele freudig spannt. Zwar auch die Buche hat ihre Mystik. Sie liegt, wie schon angedeutet, in der Färbung, und gerade das vollste Tageslicht weckt sie am meisten. Wer den Thüringer Wald oder die Harztäler durchzogen hat, wird diesen Zauber kennen. Gewaltige Blöcke, von Farnkraut umwuchert, liegen zu den Füßen der ernsten Bäume, unter denen hervor kühlatmend der Quell seine Silberfäden zwischen Bäumen und Wurzeln hindurchzieht. Ueber den Wipfeln aber brennt der Mittag. Jedes Blatt wird ein Sonnentropfen, ein funkelnder Smaragd, und grüngoldenes Märchenlicht dämmert durch die Halle. Der Fingerhut steckt seine Kerzen auf, aus den Steinritzen schlüpft die Eidechse, blauflügelige Libellen wiegen sich auf den Halmen. Dazwischen schießt ein Sonnenblitz an den Stämmen nieder, über den Moosteppich gaukeln schillernde Lichtkugeln, alles ist seltsam still, wie verzaubert; aber unten, wo das Waldtor sich öffnet, winken Wiesen und Dörfer, da leuchtet ein Flüßchen auf, und befreundet grüßt melodisches Herdengeläut. Die Rüster. Die Rüster (Ulme, Ulmus ) hat einen gemischten Charakter, der schwerer zu fassen ist. Sie erinnert in der Spröde und Schärfe ihres Blattes und Stammes an die Buche, dagegen zeigt die schlaffe, wenn auch dürftigere Verzweigung eine Verwandtschaft mit der Linde; doch überwiegt im ganzen der harte, zähe Zug. Der Stamm geht meist kräftig in die Höhe, aber die Rinde ist von schneidenden Furchen durchzogen und hier und da mit Höckern und Warzen bedeckt; die Zweige, die zuweilen schon von untenauf wie wirres Haar den Wuchs umhüllen, hängen zerrissen herab. Dabei fehlt es der Krone an energischer Fülle; das Blatt ist spitzgezähnt, staubtrocken, und dünn über die Zweige gestreut; unten endlich umgibt den Stamm ein Wust von Schößlingen, so daß man sich nicht leicht versucht fühlen wird, unter einer Rüster zu ruhen, und die lieblichen Träume zu spinnen, die uns sonst im grünen Blätterschatten durch die Seele ziehen. Aller Farbenreiz ist weggewischt aus diesem abgetragenen Laube, das auch im Winde nur heiser schwirrt, und statt von den Liedern munterer Drosseln nur von dem Gekrächze der Krähen erfüllt wird. Und wie ungesellig einsam sondert sich der struppige Baum von anderen sowohl wie von seinesgleichen! Weder heimisch im Wald noch im Garten, steht er verstört an Rainen, Hecken und Wegen, oft in die eigensinnigsten Formen verknorrt. – Im Süden, wo die Rebe ihr Gewinde um die Ulme schlingt, erscheint dagegen die letztere gleichsam verjüngt, und ist so ein beliebtes Bild der lateinischen und italienischen Lyriker geworden, obgleich die vielbesungene Ulme von Hirsau zeigt, daß dieser Baum sich auch bei uns zur Schönheit entwickeln könne. In diesem Falle geht er in den Lindentypus über, den die Stielrüster (Flatterrüster, Ulmus effusa ) mit täuschender Ähnlichkeit darstellt. Solche Ulmen stehen um die Dörfer der Pfalz in dichten Reihen. Man sieht darunter die stattlichsten Bäume, und manchem hat die Sage Heiligkeit gegeben. So die Ulme bei Pfedersheim: ein geweihtes Wahrzeichen der Reformation. Als Luther von der Ebernburg herab nach Worms zog, kam ihm eine Schar Edler entgegen; unter ihnen Frundsberg. Neben dem »Rollwäglein« des Mönchs einherreitend, hub der ergraute Feldoberst an: Herr Doktor, glaubet Ihr denn in Wahrheit, daß Eure Lehre bestehen werde? Sie ist Gottes, sagte Luther, und was aus Gott ist, kann nicht erliegen. Banget Euch nicht vor dem Reichstag? frug Frundsberg weiter. Da sprach jener das glaubenskühne Trotzwort: Und wenn so viel Teufel in Worms wärm als Ziegel auf den Dächern, doch wollt' ich hinein! und auf ein schwaches Bäumchen am Wege deutend, setzte er hinzu: So wahr dies Reislein zum Baum erwächst, so werden sie meine Lehre nicht dämpfen! – Das Reis ist die Lutherulme. Noch bis vor einem Vierteljahrhundert frisch und voll, ward endlich das prächtige Gewächs durch Sturm und Alter gebrochen. Seine Tage sind gezählt; die sorgsame Ummauerung kann nur kurze Frist gewähren. Denn der Baum steht allein, frei, allen Elementen preisgegeben. Aber unvergessen wird kommenden Geschlechtern die Stelle bleiben, an welche der große Reformator seine Weissagung knüpfte. Die Linde. Wäre der Ausdruck nicht zu übernommen, so dürfte man wohl sagen, daß wie in der Apollogestalt männliche Kraft und weibliche Weichheit zu einem Ideale verschmolz: so gleicherweise die Linde ( Tilia ) dastehe, voll Würde und Anmut, in Stärke und Zartheit; der herrlichste unter allen unseren Bäumen. Ihn hatte sich Aphrodite zum Heiligtum erwählt; aber auch Lada, die Liebesgöttin der slawischen Völker, hatte ihn unter ihren Schutz gestellt. In edler Mächtigkeit mit der Eiche wetteifernd, erhebt sich der Stamm; ruhig und groß greift die Krone hinauf, und Zacken und Zweig decken ihm die Seiten. Denn wie der Strahl des Springquells sich im kristallenen Bogen wieder senkt, so rundet sich das spitzaufdringende Astdickicht gefälligen Schwunges wieder hinab und zerläßt seine Kraft in einem weiten Gehänge, das an Zartheit fast der Birke gleicht; und um diesen reizenden Bau schmiegt sich nun die Fülle der Blätter: jedes ein leichtbewegtes, grünes Herz. Kommt der Sommer, dann kommt auch die Blüte, ihre Duftfäden daran zu hängen; und so, in all dem sanften Wogen und Schweben bildet das Ganze einen einzigen Laubpalast voll Majestät und Lieblichkeit. Mag es immer nur ein absichtsloses Spiel der Sprache sein: aber der wohllautende, weiche Name gebührt der Linde, die in unserer Dichtung ähnlich steht, wie jener kummerlösende Baum des indischen Märchens, zu dem Damajanti um ihren Nalas ruft. Denn auch sie ist der Baum der Liebe und der Lieder. Unter ihrem Schatten murmeln die Brunnen, in ihren Blüten summt der emsige Päan der Biene, in ihrem Dufte atmet das Volkslied. Darum begegnet bei keinem unserer neueren Dichter die Linde öfter und bedeutungsvoller als bei Uhland, und die heitere, ich möchte sagen, mütterliche Milde des Baumes ist kaum je schöner ausgesprochen als in der bekannten weichmelodischen Strophe: Ich saß bei grüner Linde Mit meinem trauten Kinde, Wir saßen Hand in Hand; Kein Blättchen rauscht im Winde, Die Sonne schien gelinde Herab aufs stille Land. Die Linde ist bei uns kein Waldbaum, sondern aus der Wildnis ist sie an den Menschen und sein Haus getreten. Selbst in den Pomp der Königsstädte hat sie, ein frommer Gruß der Natur, ihn begleitet. Aber dort ist ihre Heimat nicht. Im Dorf, auf dem Burghof, am Quell, auf dem Hügel, wo die Schnitter rasten, im Tal, wo die Schalmeien klingen: da ist ihre Stelle. Das ist der Idyllenbaum, in dessen luftiger Kühle die Stilleben der »Luise« sich entfalten, unter dessen Zweigen die Jugend sich zum Spiel und die Alten zu ernster Rede sammeln; das ist die Linde, in deren Schatten der Dichter träumend sein Leid vergißt, in deren Rinde er die teuern Namen schreibt, aus deren Wipfel die Nachtigall ihn und seine Minne grüßt: under der linden an der heide, da unser zweier bette was: da muget ihr vinden schone beide gebrochen bluomen unde gras, vor dem walde in einem tal tandaradei! schone sanc diu nachtegal! (Walther v. d. Vogelweide.) Unter einer Linde ist der herrliche Siegfried in sein Blut gesunken, und über Deutschlands gefeiertsten Sänger wölbt sich zu Ottensen ein grünes Lindenpaar, aus dem Grabe ihr blühendes Leben treibend: Drum, wenn ich einst gestorben bin, Pflanzt eine Linde mir aufs Grab, Die Blüte duftet, es duftet das Laub, Das wehen die Winde nicht ab. Eine besondere Gruppe bilden die Bäume mit zusammengesetzten Blättern . Es sind Esche, Akazie, Kastanie, Nußbaum, denen um ihres eigengeformten Laubes willen noch Ahorn und Platane angereihet werden können. In Norddeutschland pflegt keiner dieser Bäume massenartig aufzutreten, und nur selten erreichen sie die Größe unserer Eichen, Linden und Buchen, obgleich eine gewisse wuchernde Saftigkeit sie alle charakterisiert. Es wird genügen sie in leichteren Skizzen vorzuführen. Der schönste unter ihnen möchte neben dem verwandten Ahorn ( Acer pseudoplatanus ) die Platane ( Platanus orientalis ) sein. Der Schaft der letzteren strebt in kräftigschlankem Wuchs empor, von der saubern, rostgrauen Rinde wie von Metallschildern umschlossen. Vertrocknet fällt diese in Blättern und Schuppen ab, und indem dadurch frische Schichten aufgedeckt werden, zeichnet sich der Stamm mit Feldern und Konturen, die in ihren bunten Verschlingungen eine malerische Runenschrift zu bilden scheinen. Ast und Zweig recken sich lichtverlangend ins Weite und vielleicht, daß daher der Baum den Namen empfing, denn das griechische Wort Platanos bedeutet den breithinschattenden; seinen schönsten Schmuck aber bilden die Blätter, die handgroß und phantastisch gezackt, das luftige Gewölbe schließen und an langen Stielen gleich windgeschüttelten Locken flattern. Uebrigens spricht Heiterkeit und Milde aus der hellen, offenen Gestalt. Daher waren Platane und Ahorn vormals eine Zierde der Pfalzen, »Die ahornböm hett man hievor gor wert, daz man sie zohe in der künig höf unde win zu in goß.« (Hindeutung auf eine Kultusstätte.) Uralter mächtiger Platanen gedenkt Plinius H. N.XII. 5, Pausanias IV, 34, 2; VII, 22, I. Prokesch (Denkwürdigkeiten I. S. 382) spricht von vier Platanen bei Konstantinopel (Bujukdere), deren Stamm 70 Fuß im Umfange habe. Wahrscheinlich gehören sie zu der Gruppe der sog. »sieben Brüder«, die durch Alter und Hirtenfeuer ausgehöhlt, noch immer wahrhaft majestätische Bäume sind. – Uebrigens ist das Blätterdach der Platane wenigstens bei uns nur eben locker über die Zweige geworfen und gestattet wohl hie und da der Sonne freien Durchgang. Mit Recht spricht deshalb auch Ovid von den platanis sterilem praebentibus umbram (Platanen, die nur dürftigen Schatten gewähren). und der Kultus, welcher ihnen ohne Zweifel im Heidentume zukam, scheint sich selbst auf das Mittelalter übertragen zu haben. Man netzte ihre Wurzel mit Wein; ward der Baum gefällt, so geschah es barhaupt, kniend, unter Anruf und Gelübden. Gebet beim Fällen des Ahorns: »Frau Ellhorn, gib mir was von deinem Holz, dann will ich dir auch von meinem geben, wenn es wächst im Walde.« . Bei den Völkern des klassischen Altertums aber galt er, ähnlich wie bei uns die Linde, als »Schatten- und Wonnebaum«, und bekannt ist die sinnige Erzählung Herodots von jener lydischen Platane, deren Schönheit den vorüberziehenden Perserkönig so sehr entzückte, daß er, seiner Heerfahrt einen Augenblick vergessend, unter ihr rastete, sie mit goldenen Ketten umwand und einen der sogenannten Unsterblichen ihr zum immerwährenden Hüter bestellte. Neben den Ahorn stellt sich die Esche ( Franxinus ), der sagenberühmteste Baum des Nordens. In der Völuspa heißt es: Eine Esche weiß ich steh'n, Heißt Ygdrasil, Ein Hochbaum, benetzt Mit weißem Nebel. Von da kommen die Taue, Die in die Täler fallen; Immergrün steht er Ueber Urdas Brunnen. Sie war der Weltbaum, der aus der Erde ragend das Firmament trägt, das Bild des über Land und Meer hingespannten Himmels; und nach einem ebenfalls nordischen Mythus bildeten die Söhne Börs aus einer Esche und einer Erle das erste Menschenpaar. Selbst der noch heute, auch unter Slawen verbreitete Glaube, daß die Schlange den Schatten dieses Baumes fürchte und fliehe, wird zuletzt auf altgermanische Anschauungen zurückgeführt werden können. Vgl. Froschmäusler, 2. Buch, 4. Teil, 4. Kap.: Ich bin von den Alten gelart, Der Eschenbaum hab diese art, Daß keine Schlang unter ihm bleib, Der Schatten sie auch hinweg treib, Ja, die Schlang eher in« Fewer hinleufft, Ehe sie durch seinen Schatten schleifft. Es mochte übrigens nicht sowohl die Schönheit, als vielmehr die Kraft und Höhe sein, welche der Esche die bedeutsame Stelle gab. Ebendeshalb ist sie in den altdeutschen Gedichten, mehr noch als die Eiche, ein Bild der Helden. So wird Walther von Aquitanien der sturmumtobten Esche verglichen, als er auf den Wasichenstein, von Günther und den Burgunden überfallen, dem vereinten Angriff widersteht. Damit stimmt das Lob im angelsächsischen Alphabet vollkommen überein: Esche ist überhoch, Den Menschen wert, Fest im Grund, Hält recht Stand, Wenngleich sie anfallen Viele Männer. – In ähnlicher Weise war bei Griechen und Römern dieser Baum den Gottheiten des mordenden Kampfes geweiht, Daher Eschen nymphen, Melische Nymphen (Μελία, die Esche). Ueber sie vgl. Hesiod. Theogon. v. 183 denn sein schwer zerbrechliches Holz lieh dem Speerwerfer die Waffe, und das lateinische fraxinus steht (wenn auch nicht so typisch als das altdeutsche ask ) schlechthin für Lanze. Sie treibt den tüchtigen Stamm in gradem Zuge hinauf, ähnlich der Buche, nur daß ihre von gelbgrünen Flechten überzogene Rinde einen weicheren, bröckelnden Charakter hat. In der Höhe erst laden sich die Zweige aus, die dann edelgemessene Linien bilden. Ueberhaupt erscheint der Baum »stilisiert«; er erinnert an Poussinsche und Claudesche Landschaften. Am wenigsten schön ist sein Laub, dessen Sägeform unerachtet des hangenden Blattes einen etwas spitzigen Baumschlag erzeugt, der jedoch sehr schöne Herbsttöne annimmt. Bei alten Bäumen entfaltet es großen Reichtum, und prägt sich zu jenen plastischen Formen aus, um deretwillen die Esche auf den sogenannten historischen Landschaften vorzugsweise verwendet wurde. Bei jüngeren Bäumen ist es mager, in Büschel zerrissen. Die Akazie ( Robinia pseudacacia ) gibt sich durch die mimosenartige Zartheit ihres Blätternetzes, durch das Arom der Blütentraube, sowie durch die schirmähnliche Verzweigung der etwas kahlen Aeste sogleich als Einwanderer zu erkennen. Auch wird sie von unserem Klima meist in einer gewissen Dürftigkeit, ja fast Kränklichkeit gehalten, und das scharfrissige Netz, mit welchem ihre Rinde durchfurcht ist, leiht ihr etwas Sprödes. Seine zierliche, man möchte zuweilen sagen, blumenhafte Statur eignet den Baum zu einem Schmuck öffentlicher Plätze, Brunnen und Schloßfronten; besonders gilt dies von der kleinen Kugelakazie, die an sich steifer, durch ihre satte Farbe und durch die runde Form in die Pfeilerlinien und Würfelkanten der grautönigen Architektur einen Wechsel bringt, ohne gerade zu verdecken oder zu beeinträchtigen. Auch die Roßkastanie ( Aesculus hippocastanum ) gehört ursprünglich einer milderen Zone an. Die Heimat der Roßkastanie, wie der edlen Kastanie, ist Persien, nach anderen jedoch die thessalische Stadt Castanca . Daß jene erst im Jahre 1550 nach Europa verpflanzt sei, scheint eine irrige Ansicht. Wohl aber verpflanzte sie 1576 Clusius (de l'Ecluse) aus der Türkei nach Deutschland. Die eßbare Kastanie aber wurde schon zu Cäsars Zeit in Italien eingeführt, und von hier zugleich mit der Weinrebe nach den Rheingegenden gebracht. Die meisten sogenannten »Kastaniengärten« am Rhein und Neckar sind noch römische Anlagen. Dennoch grünt sie am frühesten unter allen hier zusammengestellten Bäumen. Wenn im Strahl der Märzsonne allerhand Kräuter geschäftig hervorkommen, dann kochen und schwellen ihre großen harztriefenden Knospen, ungeduldig, die Winterhülle abzuwerfen. Nach einem ersten lauen Regen öffnet sich der grüne Fächer, dessen Stiel mit feinem kleinen Roßhufe keck auf die Zweige tritt, doch hängen die Blätter noch schlaff und schüchtern herab, wie eben ausgeschlüpfte Schmetterlinge. Aber in wenigen Tagen kommt ihnen Frische und Spannkraft, und nun strecken sie die Finger breit und seltsam umher, als wollten sie den Sonnenschein greifen. Dazwischen springt schon hier und dort ein Blütenkegel in die Höhe, und bald hat der Baum die festlichen Leuchter entzündet, Türmchen an Türmchen hebt sich kraus und weiß empor, und das Ganze flackert wie eine Frühlingsgirandole. Sind die Blüten gefallen, hat das üppig hervordrängende Laub alle Lücken gefüllt, so bleibt meist nur noch eine mächtige Blätterkugel, die in ihrer Monotonie eben nicht schön ist. Wohl aber läßt sich gerade um dieses regelmäßigen, symmetrischen Baues willen auch dieser Baum – wie die Akazie – mit Erfolg auf Promenaden, Straßen und Plätzen verwenden; und nicht deswillen allein. Auch seine vornehme Unbewegtheit, sein arabeskenartiges Blatt, seine tiefen, undurchdringlichen Schatten eignen ihn zu solchem Schmuck und machen ihn selbst in der ernsten Stille eines Klosterhofes zur ansprechenden Erscheinung. In stattlich gemächlicher Breite, mit kräftigen Aesten, entfaltet sich der Nußbaum ( Juglans regia ). Die Zweige, die sich leicht gebogen hinausschwingen, treten von unten auf voll um den Stamm und dehnen sich weit umher; oben aber gliedern sie sich zu einem ansehnlichen Wipfel, wenn nicht Frost seine Entwicklung hindert, gegen den das ursprünglich dem Süden angehörende Gewächs ( Welsch nuß!) besonders empfindlich erscheint. Die Rinde ist glatt und hellfarbig. Sie sowohl als das herbduftige, langgeschlitzte Laub stimmen zu der strotzenden Wässerigkeit dieses Baumes, der in unseren Knabenerinnerungen mit der Dorfschule und ihrem Meister unzertrennlich verwachsen zu sein pflegt. Die knappen, festen Schalen mit ihrem Milchkern, so lockend ausgehängt und so kunstvoll erbeutet: das sind heitere Punkte des Jugendlebens, und wir begreifen nicht recht, was unsere Ahnen trieb, den gesegneten Früchtespender gerade der Nacht und ihrem schwarzen Gefolge zu weihen. In Rom stand auf dem Platze der Kirche del popolo vorzeiten ein dickbelaubter Nußbaum, in dessen Aesten böse Geister hausten. Papst Paschalis II. tat den Baum in den Bann, er wurde gefällt, und die Kirche vom Volke erbaut. Der Nußbaum tritt nach dem Glauben der Väter der dem Licht- und Blitzgott geheiligten Eiche gegenüber; beide können nicht nebeneinander stehen, ohne zu Grunde zu gehen, wie ja auch Schwarz- und Weißdorn von altere her verderbliche Feindschaft gegeneinander tragen. So ist der Erbhaß zwischen Ormuzd und Ahriman auch in den Frieden der Pflanzenwelt gedrungen. Ja der Talmud, der in dem Nußbaume den Baum des Gelüstes sah, weiß zu erzählen, daß jeder Stiel desselben neun Blätter habe und auf jedem ein Teufelchen sitze. – Einen desto freundlicheren Sinn hat es, wenn die Nuß in den mittelalterlichen Allegorien als Sinnbild der Wiederschöpfung gefeiert wird, oder wenn sie, wie der Apfel, der erotischen Symbolik dient. Sie ist der Kern, aus dem das erstorbene Leben stets wieder aufsproßt; in dem grünen Ei liegt die Gewähr neuen Wachstums. Wir übergehen die Obstbäume . Schon der Name sagt, daß ihre Bedeutung nicht in ihnen selbst, sondern vielmehr in der Frucht liegt. Ihr opfern sie in der Tat Schönheit und Größe, wie ja das Nützliche nur seltener auch das Schöne ist. Einen ästhetischen Stoff können diese Bäume daher nicht bieten, und es gehört zu den Seltenheiten, wenn Maler sie als Staffage verwenden. Viel trägt zu dem nüchternen Eindruck derselben unstreitig schon der Umstand bei, daß wir sie nicht in der Freiheit der Natur erblicken. Der Poesie von Wald und Feld entrissen, stehen sie als Diener und Nährer des Menschen in der Umzäunung seiner Gärten, von seiner Kunst »gezogen« und »geschult«. Aber auch abgesehen davon ist die Gestaltung wirklich das Unscheinbarste an den Obstbäumen. Ohne kräftigen Stamm, ohne augenfällige Höhe, ohne malerisch ineinander greifende Verzweigung gleichen sie morschen Holzgestellen, und ihr trübes, graugrünes Laub ist nicht geeignet, sie zu beleben. Am unbedeutendsten ist die Kirsche . Sie tritt oft kaum aus einer gewissen strauchartigen Dürftigkeit heraus, und selbst die durchsichtige beerenähnliche Frucht, wie schön immer, scheint diesen Eindruck nur zu verstärken. Dies fühlt man auch noch im Anblick jener gewaltigen Bäume, welche in den Voralpen so häufig an Straßen und Dörfern stehen. Es sind starke Bäume, mit deren Höhe die winzige »Vogelkirsche«, aber auch die feingraue, oft seidenglänzende Rinde einen sonderbaren Kontrast bildet. Hingegen machen nun allerdings Birn- und Apfelbaum zuweilen eine Ausnahme. Der erstere namentlich erhebt sich öfter zu bedeutender Größe, seine Blätter haben einen frischen Glanz, die Zweige schließen sich zu runden Wipfeln. Zugleich ist er der einzige Fruchtbaum, der hier und da noch verwildert umhersteht. Aus den Kornfeldern ragen sie dann mächtig empor; ungleich jenem sagenhaften Birnbaum im Walserfeld, dessen Wiederaufgrünen den letzten großen Weltkampf verkündet, deuten sie den stillen Segen des Anbaues: trauliche Sammelplätze der Schnitter und der Alten, wie das Goethe in Hermann und Dorothea schön gezeichnet hat. Der Apfelbaum ist niedriger und flacht seine Zweige meist zu Schirmdächern ab; man erkennt die Vorsorge, mit welcher er die sonnenbedürftige Frucht dem reifenden Strahl entgegenhält. Er gehört an das Strohdach des Bauern, in den Grasgarten, auf die Landstraße. Den einzigen Reiz gewährt den Obstbäumen ihre Blüte. Was wäre der Mai ohne sie? Welche Ueberraschung, wenn dann zuerst der Pfirsich über Nacht aufsteht, alle Zweige schimmernd, wie ein purpurnes Wunder des Frühlings! Wie leuchtet der duftige Schnee des Kirschbaumes! Kein grüner Punkt ist zu entdecken in der grünenden Fülle. Wie rosig dämmert's um den bienendurchsummten Apfelbaum! Wie schön, wenn Windeswehen Tausende von Blättchen herabwirbeln und taumeln, niedliche Trinkschalen, aus denen taudurstige Käfer nippen! – Der Zauber der Frühlingsverjüngung tritt gerade hier besonders ergreifend entgegen, und mit den Blüten am Baum erwachen die im Gemüt. Aber bei alledem ist dieser Schmuck im Grunde doch zu hinfällig und zu winzig, um ästhetisch und physiognomisch in Betracht zu kommen: »die kleinen Kinder wollen gegen den Vater nichts heißen« (Vischer). Wer hätte denn auch schon blühende Bäume gemalt? Es müßte gelupft und spielerisch aussehen. Dasselbe gilt von den Früchten. Der dralle Ball des Apfels, die gelbe Honigglocke am Birnbaum, die saftschwellende, flaumumhüllte Aprikose, alle die Gaben Pomonas hangen doch nur wie ein Nürnberger Weihnachtstand an den Bäumen. Sie lachen und winken mit ihren roten Wangen dem Knaben, der sie erklettert, dem Wanderer, der sie herablangt, dem Fahrenden, dem sie sich bequem in den Schoß legen. Es ist der Genuß, der an ihnen reizt. Oder wer, wenn er an lauen Tagen im Baumschatten lagert und nun plötzlich die reife Frucht aus der Stille über ihm herabschlägt, wer dächte nicht eben ans Suchen und Essen? »Ueber Rosen läßt sich dichten; In die Aepfel muß man beißen.« Auch der Farbenreiz, mit dem das Obst uns ergötzt, ist nicht viel mehr als ein sinnlicher. Auf ihm beruht das schöne Bild, in welchem Sappho die errötende Braut dem Apfel vergleicht, »Der rotwangig erglänzt an dem obersten Aste des Baumes, Hoch im Wipfel dort oben – er ward beim Brechen vergessen, Nein, nicht ward er vergessen, doch war er nicht zu erreichen.« Tritt eine andere, tiefere Stimmung hinzu, so kann es nur die bewundernde und dankbare sein, in welche der Reichtum der Naturgaben den fühlenden Menschen überall versetzt. Uhlands Lied auf den Apfelbaum spricht diese Stimmung in herzlicher, gemütvoller Weise aus, ohne daß der Dichter sich etwa verleiten ließe, den Baum um der Schönheit willen zu preisen. Er ist ihm der wundermilde, gesegnete Wirt , der den Hungrigen und Durstigen labt – nichts weiter, und so wollen, dünkt mich, die Obstbäume insgesamt angesehen sein. Ihre Aufgabe ist: zu »tragen«. Wenn der Herbst kommt! Wie still und weit sind diese Welten! Dante. Der Wechsel der Jahreszeiten gehört ohne Zweifel zu den poetisch-ergreifendsten Erscheinungen der gemäßigten Zone. Was kann schöner sein als ein deutscher Frühling, wenn das neue Licht Quellen und Blumen weckt, wenn es grün um Wald und Felder schimmert, und hoch über der halb noch schlummernden Erde das Lied der Lerche frohlockt? Wem schweiften da nicht immer wieder die alten seligen Paradiesesträume ums Herz? Und nicht bloß das wiedererwachende Leben des Frühlings oder das vollentfaltete des Sommers, auch das herbstlich versinkende noch bewegt unser innerstes Empfinden. Der Herbst , in den die Sonne ihren letzten Glanz versprüht und die unsichtbare Hand schon das Ende geschrieben, steht an Duft und Pracht gewiß seinen Vorgängern nach; aber ist er nicht schöner, so ist er ahnungsvoller als sie. Seiner ernstrührenden Symbolik entzieht sich kein Gemüt, und darum gewährt es einen so eigentümlichen Reiz, den Zeichen nachzugehen, in denen sein Kommen sich ankündigt. Es ist ein leises, stilles. Wir sehen den Herbst meistens erst, wenn er schon dunklere Schatten in das Farbenbild des Jahres geworfen hat. Auf den Feldern wird das Korn gemäht und geschichtet. Zunächst noch einzeln, nur hie und da; aber die Sicherheit des Sommergefühls ist damit hinweg, denn das Reifen der Aehre bedeutet immer ein ernstes Welken der Natur. Das goldene Halmenfeld ist gleichsam der Sonnenweiser der Vegetation, an dem man wie mit Augen die Tage und Wochen der Sommerzeit ablaufen sieht. Bald regt sich's allenthalben geschäftig, rauschend fallen die Schwaden, Hunderte von Garbenhügeln steigen auf, schon ist der Feldweg bloßgelegt, der geheime, in dem die Wachtel rief, die großäugige Kamille blühte, und die Aehren so vertraut herüber hinüber nickten. Wenige Tage noch – und kahle Stoppelgebreite dehnen sich aus. Es ist eine erste Herbstmahnung, die ans Herz des Menschen ergeht. Die Natur hat wieder ihr großes Werk getan; nun sinkt sie in sich, segensmüde lächelnd, und feiernde Stille zieht über die Erde. Auch droben unter der Himmelshalle wird's still. Verstummt ist die muntre, gesangsfrohe Vogelwelt. »Der Kukuk un de Achternagel, dat sün de rechten Summervagel« (der Kuckuck und die Nachtigal, das sind die rechten Sommervögel) Vollständig lautet dieser niederdeutsche Spruch: De Lark is 'n Lork: Je duller he schriet, Je duller et schniet; Averst de Kuckuck un de Achternagel Dat sünn de rechten Summervagel. sagt ein Volksreim. Diese Sommervögel sind lange fort. Schon rüstet sich ihnen zu folgen der Storch, der alte treue Hausgenoß; bald auch wird der Wanderruf des Kranichs durch die Weite des Himmels klingen. Seht dort im letzten Blau die reisigen Geschwader, die langen ziehenden Linien! Hoch in sonneblitzenden Lüften, in Nebel und Nacht geht ihre Fahrt; aber durch Nacht und Nebel und Wolken sieht ihr ahnendes Auge jenseit der Meere das Lebensland. Diese wandernden, scheidenden Vögel – wer hätte sie denn nicht schon begleitet mit sehnenden Gedanken, und in welcher Seele hätte ihr Ruf nicht einen tieferen Nachhall geweckt! Es sind Herbstzüge, Herbststimmen, Stimmen schon wie von einer andern Erde herab, »und das Herz der Menschenbrust ist dem Kranich gleichgeartet, und ihm ist das Land bewußt, wo der Frühling seiner wartet.« (Lenau.) Wohl ist die Lerche noch da, aber sie liegt in der Ackerfurche gesanglos; zwischen den Stoppeln spiegelt still das Rebhuhn am Sonnenschein die bunten Federn, wachsam die Augen nach allen Seiten schickend. Nur der Zug der Stare lärmt und schwärmt über Wiesen und Teiche, und die Schwalben »halten Schule« auf den Dächern hin und her, herauf und hinab, bankweise, reihenweise; aber es gilt auch bei ihnen dem Abzug, und seltener wird ihr fröhliches Zwitschern gehört. Haben sie uns erst verlassen, dann ist's voller Herbst, und dann zieht statt des leichten Federspiels nur der Papierdrache durch die Luft, abenteuerlich plump wie irgendein Meermonstrum, eine fabelhafte Herbstmaske. Das tut die Jugend, die noch des Herbstes spotten darf. Inzwischen grünt im Feld noch immer Pfad und Rain. Da steht noch die Wegwarte ( Cichorium Intybus ) – einst war sie eine Dirne, die nächtlich und täglich des davongezogenen Buhlen harrte, nun ist sie verwandelt und schaut allezeit an Straßen und Stegen aus; Man findet diese sinnige etymologische Sage bei Hans Vintler (im Anfang des 15. Jahrh.). Doch bleibt bei dem allegorisierenden und wortspielenden Dichter des »Tugendbuches« Verdacht willkürlicher Erfindung nicht fern, und man wird in dem Namen der Pflanze vielmehr eine Hinweisung auf ihre wuchernde Vermehrung erkennen dürfen. Weg warte, wie Weg dorn, Wicke , Wacholder und wie noch deutlicher Quendel und Quecke erinnern an das mbd. quec (lebenskräftig) und an das gotische quijan (vivere) . Vgl. Wienbarg, Armin, S. 196. da blüht die rosige, scharfbestachelte Hauhechel ( Ononis spinosa ), die heilkräftige Dolde der Achillea (Garbe) und des Rainfarn ( Tanacetum vulgare ); hin und wieder glimmt noch eine Mohnblume oder ein Rittersporn, indes im Garten Georgine und Malve sonnenfreudig in den Herbst hineinglühen. Wo aus nachwüchsigem Klee ein Blütenkopf blickt, taumelt ein Argus um den Duft; der Siebenpunkt schaukelt sich am Halm, und lauter als selbst im Sommer zirpt die Grille. Auch im leeren Kornfeld ist's nicht leer. Es regt und bewegt sich immer noch manches Tierleben. Der arme Hase sucht ein sicheres Lager; die Feldmaus hüpft umher samt dem Erdfröschchen, dem kein Storch mehr drohet; der Freibeuter Sperling schwirrt von Breite zu Breite. Der Kreatur ist noch überall der volle Tisch gedeckt. Und daß am frischtreibenden Herzblatt der Feldblume auch schon wieder ein welkes hängt, und daß in der Nacht wohl ein früher Frost den Schmetterling erhascht – wer mag es denn sehen? Mit Glanz und Licht ist alles überschwemmt. Silbern ziehen, gleich Traumgebilden der Luftseele selber, die Herbstfäden durchs Blau, und wie Milch fließt linde Wärme um Stamm und Halm und Stein. Sie weckt auf der Wiese ein neues Grün. Blaue Skabiosen, rote Zentaureen und Epilobien blühen, die Zeitlose webt Amethysten in die samtne Trist, und in den Niederungen kommt die weiße Parnassie (Leberblume, Parnassia palustris ). Gehe dem zarten Sterne nicht vorbei. Jedes Blatt voll seinen Geäders, wie frisch aus der Knospe geschält, um den Knauf des Pistills fünf zierliche Radspeichen gestellt, und dazwischen mit betropften Wimpern der Fächer der Nektarien: nie hat Floras Finger ein lieblicheres Spiel gebildet! Dem kurzgrasigen Anger fehlt dieser Schmuck. Nur das Maßliebchen findet da noch immer Platz, es blühet still und emsig vor sich hin, wenig bekümmert um die Dämmergespenster der Pilze ringsher. Aber hier weiden Rinder in friedlichen, besonnten Gruppen. Im fernen Bruch, wo Kibitz und Schnepfen sich bergen, schattet Erlicht um den Kolk. Unbewegt liegen auf dem schwarzen Spiegel die breiten, prächtigen Mummelblätter, und aus dem Grunde steigt die stille weiße Blume. Aber es geht mit den Blumen, wie mit den Werken der Dichter: die Frühlingskinder haben Duft, die Spätlinge bloß Farbe. Der Herbst ist eine Fata Morgana des Frühlings; auch seine schönsten Blumen deuten aufs Ende, und vielleicht haben wir sie gerade darum so lieb. Es ist eben nicht mehr die Zeit der Blüten, sondern nur noch der Früchte . Auch der Sommer hat schon manches gereift an Bäumen und Sträuchen: allein es waren flüchtige Geschenke, die im raschen Zuge genossen sein wollten. Die edlere, dauernde Frucht bringt nur der Herbst. In sie legt er alles, was er an Farbe, Süße und Duft gesammelt. D» ist die goldene Birne, der Apfel mit dem lachenden Amorettengesicht, da lockt die Pflaume, mit zartblauem Hauch bestäubt, und im wärmeren Versteck die vollbusige, würzige Pfirsich. Auf der Weinbergsmauer aber, von zähen Strängen gehalten, lagert tonnenbäuchig, ein wahrer Falstaff, der sonnengeschwollene Kürbis; er hütet die Kinder der Rebe. Wer aber wollte sich mühen, nun diese poetischste aller Früchte zu zeichnen, für die selber das Wort Frucht schon zu fest und zu schwer erscheint! Jede Beere ein Tropfen, und Beere an Beere welch ein köstliches, triefendes Traubengehänge! Durch den duftigen Schleier blickt das Auge tief hinein in purpurnes und goldenes Feuer und ahnt der Sonnengeister und der Erdenkräfte starken Bund: Evoe Bacche! Und nun stellt »die Schar der Sträucher sich auf. Am Dorn leuchtet Schlehe und Mehlfäßchen, am Pfaffenrohr ( Evonymus ) dreht sich ein dreieckig rotes Hütchen, ihnen zu Füßen kriecht die Brombeere übers Feld; aber dem Walde zu weist Hagerose und Eberesche den Weg, mit brennenden Korallen besäet. Dort in den hohen Hallen gewahrt man am wenigsten vom Herbst. Alles steht noch grün, in der ganzen plastischen Sommerfülle, als seien die Bäume in ihrer dunkeln Pracht erstarrt. Ruhig wölben sich die hohen Kronen, von Wipfel zu Wipfel und fort ins Blaue zieht goldenes Strahlengespinst. Unten im Moos, zwischen Eichelnäpfchen und mancher braunen Nuß blüht Genziane und Glockenblume, und talab an sandigen Rinnsalen steigt's rosenrot und duftig auf. Da schimmert von Bienen umflogen die Heide, der bräutliche Rosmarin, und im Gekraut sonnt sich die Eidechse. Wie heimlich ist das hier, wie süßverschwiegen! Und doch weht durch alle die goldene Majestät und strotzende Fülle ein Hauch von Melancholie uns an. Die Wildnis schläft, kein munteres Band einer Vogelmelodie schlingt sich durch den Kranz des Laubes; nur der Specht hackt, nur ein Rothkelchen, eine Meise schrillt: das ist alles. Und schon schwankt am Sommerfaden ein welkes Blatt der Birke. Sie war die erste, welche den Frühling in den Wald getragen, nun rührt sie auch der Herbst zuerst an. Wie lange – und der ganze Wald brennt in seinen letzten Farben, in einem letzten Abendrot auf! Aber noch ist's Tag, voller Sonnentag! Der Himmel feiert ein Fest der Verklärung. Denn in der Tat über keine andere Jahreszeit ist dieses magische Licht ausgeschüttet, wie über den Vorherbst. Im Frühlinge ringt es noch mit den Nebeln des weichenden Winters, im Sommer wird es blendend und dunstig, aber jetzt hat es sich von allem Irdischen gelöst, seine Verschleierung selber ist Licht – es ist das lautere himmelgeborene Element. In solchem Anblick mag man ahnen, was die Mystiker dichteten von einem über diesen niederen Wolkenhimmel hinweggespannten Kristallhimmel, dessen Klarheit »hanget in das geistlich unerschaffene Licht, welches Gott selbst ist«. Die Mystiker unterscheiden einen dreifachen Himmel, einen »untersten«, die Feste, das Firmament, das geschmückt ist mit den Planeten und Sternen. Auf diesen folgt der »mittlere«, auch der »kristallene« genannt, »aus dem alles Bewegen durch die Kraft Gottes entspringt«, Ueber diesem endlich wölbt sich der »Feuerhimmel«, das coelum empyreum , der Ort der Seligen. Und welche Milde atmet nun in diesem duftgewobenen, goldgedämpften Aether! Welche endlosen Fernen tun sich auf! Wie zeichnet sich der Waldsaum und dort am Rain der gebrochene Halm so greifbar klar in die Luft! Wie rührend spielt der süße Schein um die nachgebliebenen Rispen, Aehren und Stauden! Jedes gelbe Blatt ist in Goldtinten getaucht, jeder Stein flimmert wie ein Lebendiges. Zu diesem weichen Schmelz des Lichts stimmen die zerfließenden Formen und Farben der Wolken. Oft schlummern sie in langen Lagern ganze Nachmittage am Horizont, oder sie weben blasse, goldgekantete Flöre über den Himmel. Tastend läuft der Blick an diesen Lichträndern hin oder versinkt in die Tiefe schluchtiger Stellen. Die Phantasie treibt ihr Spiel, schafft Sonnenburgen und Täler, in denen zauberische Stille und Frieden des Himmels wohnt. Dann und wann schwimmt einsam ein Wölkchen daher, zögernd bleibt es stehen, weiß nicht, wohin sein sanftes Fließen lenken; andere legen sich Fittichen gleich um die Sonnenkugel und tragen sie dem Abend zu. Und wer fände nun nicht auch in diesen Sonnenuntergängen alle die Wehmut der scheidenden Natur? Das ist nicht der stolze Opfertod, den die Sommersonne stirbt. In Jugendherrlichkeit, ein strahlendes Meteor, stürzt sich da die unbesiegte Königin in den Scheiterhaufen, aus dem die Purpurflammen himmelan lohen und hinüberglühen bis in die Glorie des neuen Tages. Jetzt löscht sie still und langsam aus. Ueber das Antlitz wirft sie den Wolkenmantel und versinkt – ein paar fächernde Streifen – eine weiße Lichtspitze – dann ist's Nacht. Aber im Osten steigt trübrot und groß aus Nebelhüllen der Mond. Mit solchen Zügen und Zeichen kommt der Herbst. Traumhafte Sehnsucht liegt über der Welt. Die unabsehbare Runde des Aethers über uns, des Horizontes um uns, die wunderbare Stille in Höhen und Tiefen zieht das Gemüt ins Unendliche. Alle Sinne sind gelöst, und keine Ferne bindet. Meilenweit sieht der Blick in die blaudämmernden Hügel, stundenweit verfolgt er den schimmernden Zug des Flusses und der Segel. Auch dem Ohre ist kein Laut verloren. Die Luft ist »hellhörig« (hellhöri), wie der Niederdeutsche so bezeichnend sagt. Ueber die leeren Ebenen schallt der knarrende Erntewagen, das Gespräch der Heimkehrenden; aus den fernzerstreuten Gehöften hört man Hundegebell und klappernde Flachsschwingen, und am Boden ruhend des Käfers Kriechen und jedes rollende Sandkorn. Aber immer rascher nahet das Ende; die Wahrzeichen und Wahrsagen des Herbstes sprechen dringender in die Seele. Bald bezieht sich der Himmel und streift tagelang die Schleier nicht ab; er gleicht »einem feuchten Auge, dem mit jedem Blick eine Träne entfallen kann«. Rührt ein Hauch die Luft, so schwankt Blatt um Blatt vom Baum; bricht ein Sonnenstrahl durch die Trübe, so deckt er nur neuen Vergang auf. Ueber Wald und Flur stehen leise Nebel, und mit ihnen entbindet sich jener feuchtdumpfe, unverkennbare Herbstgeruch, Nees v. Esenbeck, »System der Pilze und Schwämme«, sagt in einer sehr charakteristischen Stelle, auf die Carus aufmerksam macht: »Im Herbste drückt sich selbst der trockene Boden dem Liegenden feucht an, und der feuchte dringt mit steigender Kühle zu uns herauf. Man fühlt sich geschmeidiger und schlanker, auch beweglicher. Mild breitet sich die Sonne durch die dünne Umwölkung über uns aus; aber ihr enthüllter Strahl dringt ein und erwärmt in der Ruhe bis zur Qual, von der Bewegung rettet, statt daß in der Frühlingssonne Bewegung lästig wird und vom Entschlusse gefordert werden muß. – Wer kennt ferner nicht den eigentümlichen herbstlichen Geruch, wie gekohltes Wasserstoffgas, mit der Einwirkung eines Harzelektrophors auf das Geruchsorgan verbunden , und seine eindringende, mahnende, warnende Deutung im stillen, dunkeln Selbstgefühl? Das ist der Zeitraum, in welchem die letzte Regung des Frühlings verklingt. der die Auflösung des Naturlebens begleitet. Alles geht zur Neige oder rüstet zum Schlaf. Schwalbe und Lerche sind fort, die Herden verlassen die Weide, was noch übrig war von Früchten des Feldes wird eiliger geborgen. Die Aehrenleserin und der Bettelknabe mit dem Reisbündel – das sind die Letzten, die von der Fülle draußen den Teil der Armut gesammelt. Und nun bleibt nichts von allem als ein stummes Memento mori Gedenke des Todes! – als die dürre Ranke, die schwermütig im Winde wiegt, und der entblätterte, schauernde Wald. Anmerkungen als Fußnoten im Text eingepflegt. Re.