Oskar Höcker Lebendig begraben (Ps. 85,10.)   Eine wahre Geschichte aus dem Jahre 1857. 1. Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen gehet. (Ps. 128,1.)   Im südwestliches Theile des Badener Landes liegt, unweit der Ausmündung des engen Wehrathals, das Dörfchen Dossenbach . Die kleine Häusergruppe bietet nichts Anziehendes, macht sogar einen ärmlichen Eindruck: um so romantischer ist das Panorama rings um den Ort. Schroffe Porphyrkegel steigen im Osten auf, während sich im Westen die Muschelkalkhügel des Dinkelbergs erheben; der Norden zeigt das tiefe Blauschwarz des Schwarzwalds mit seinen Schluchten und Thälern, der Süden dagegen eröffnet einen Ausblick in das Land der Berge und Matten, der herrlichen Schweiz. Ernst grüßen aus nebelgrauer Ferne die Riesen des Berner Oberlands herüber, hin und wieder grelle Blitze entsendend, wenn ein voller Sonnenstrahl die ewige Schneedecke streift, welche die Gipfel der Felsen umgiebt. Immer und immer wieder wendet sich der Blick diesem, die Größe und Allmacht Gottes verkündenden Bilde zu, von dem sich zu trennen Jedermann schwer fallen dürfte, in dessen Brust ein warmes, für die Schönheiten der Natur empfängliches Herz schlägt. In demselben Falle schien sich ein junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren zu befinden, der an einem Sonntagnachmittag des Frühlings 1857 auf einem der Hügel des Dinkelbergs sich niedergelassen hatte und unverwandt nach den schneeigen Häuptern des Berner Oberlands blickte. Seine Kleidung verrieth den Bauersmann; ein weiter Hemdkragen bedeckte den obern Theil der rothen Weste, an welche sich eine lange, schwarze Jacke schloß; kurze, gefältete Pumphosen von derselben Farbe, weiße Strümpfe, Schuhe mit rothen Bändern und endlich ein breitrandiger, niedriger Filzhut vollendeten den schmucken Anzug des im Anschauen der Landschaft versunkenen Bauernburschen. Sein Gesicht war nicht schön zu nennen, denn es trug mehr oder weniger die groben Züge seiner Abstammung; aus den tiefblauen Augen aber sprühte ein edles Jugendfeuer, sprach ein biederes, treuherziges Wesen, sowie eine unbegrenzte Verehrung und Dankbarkeit gegen Gott, den Schöpfer aller Dinge. Andreas , wie unser neuer Bekannter heißt, mochte länger als eine Stunde auf dem moosigen Gesteine gelegen haben, als sich plötzlich von der nahe vorbeiziehenden Straße her ein lustiger Singsang vernehmen ließ und bald nachher mehrere Burschen auftauchten, welche, die Arme kreuzweise um des Andern Nacken geschlungen, eine feste Kette bildeten und regelrecht daher marschirt kamen. Eben stimmten sie ein neues Lied an: »s Bäumli blüeiht und 's Brünnli springt. Potz Tausig los, wie 's Vögeli singt! Me het si Freud und frohe Mueth, Und 's Pfifli, nei, wie schmeckt's so guet!« Die letzte Strophe war kaum gesungen, als sie auch schon den Worten die That folgen ließen und ein Jeder aus der Jacke einen kurzen Pfeifenstummel hervorzog, dessen Inhalt schnell in Brand gesetzt wurde. Diese kurze Unterbrechung im Weitermarschiren trug die Schuld, daß die fidelen Bursche den seitwärts lagernden Andreas bemerkten. »Da schau hin,« rief der Aelteste dem Mittleren zu, »dort sitzt der Bruder Pfarrer und heckt eben eine neue Predigt aus.« »Ist mir gleichgiltig,« lautete die Antwort, »meinetwegen mag er thun, was er will, – sobald er nur mich mit seinem Gesalbader in Ruhe läßt.« »Leider sprichst Du die Wahrheit, Ruppert ,« ergriff jetzt der geschmähte Andreas das Wort. »Du hassest mich in Deinem Herzen, weil ich Deinem Lebenswandel entgegen bin; ach, und dennoch habe ich Dich so herzlich lieb, wie nur ein Bruder den andern lieben kann.« »Paßt auf,« höhnte Ruppert, »jetzt wird er gleich eine Stelle aus der Bibel aufschlagen und beginnen: ›Und es stehet geschrieben –‹... hahaha!« Die Kameraden stimmten in das Lachen ein, während die Augen von Andreas sich mit Thränen füllten, die das Panorama, welches vor ihm lag, tief verschleierten. »Laß das Kopfhängen sein,« redete ihn der Jüngste an, welcher gleichzeitig der Gutmüthigste der drei Burschen war. »Mach's wie wir und sei lustig und guter Dinge; das Trübsalblasen führt ja doch zu nichts.« »Ich lasse weder den Kopf hängen, Christof, noch blase ich Trübsal,« widersprach Andreas, »sondern freue mich meines Lebens so sehr, wie Du, ja, vielleicht noch ein gut Theil mehr.« »Wenn dem so ist,« hub der Aelteste an, »warum machst Da Dich alsdann so rar and sonderst Dich von den Burschen im Dorfe ab?« »Weil er sich auf seine Frömmigkeit etwas einbildet,« fiel Ruppert höhnisch ein, »weil der Hochmuthsteufel in ihn gefahren ist und ihn stolz gemacht hat.« »Das lügst Du!« rief der Bruder in gerechtem Zorn, »Du weißt am Besten, wie gern ich in Gesellschaft von Freunden und Kameraden bin und mich freuen würde, den Sonntag mit ihnen zu verbringen; allein meine Mittel sind zu beschränkt, so daß ich nicht daran denken darf, im Wirthshaus Bier und Wein zu trinken, wie Alle es thun. Meine Pflicht erheischt es, für meine arme, alte Mutter zu sorgen und ich danke Gott für diese Gnade, welche er mir noch recht lange gewähren möge.« Diese Rede stimmte die Burschen, mit Ausnahme Ruppert's, ernst; der rohe Bruder aber fuhr fort, über Andreas seine Glossen zu machen und ruhte nicht eher, als bis die beiden Kameraden in sein höhnisches Lachen von Neuem einstimmten. »Na, wie steht's,« fragte endlich Christof, »willst Du mit uns nach dem Wirthshaus kommen, Andreas, wenn wir Dich einladen, unser Gast zu sein? Oder willst Du nach wie vor hier auf dem Steine liegen bleiben und in die Luft gucken?« »Ich danke Dir für Deine Einladung,« versetzte Andreas freundlich, »allein ich vermag mich von der herrlichen Aussicht nicht zu trennen; darum zieht Eures Wegs und seid fröhlich.« »Hahaha,« lachte Ruppert und fügte mit einer spöttischen Handbewegung hinzu: »Adieu, Ihro Ehrwürden, Herr Pfarrer.« Unter allgemeinem Halloh schlangen die Drei ihre Arme wieder um die Nacken und im Weitergehen ertönte es von ihren Lippen: »'ne G'sang in Ehre, Wer will's verwehre? E freie frohe Mueth, E g'sund und fröhlich Bluet Goht über Geld und Guet.« Andreas blickte ihnen mit einem schmerzlichen Lächeln nach, bis der nächste Hügel sie seinem Gesichtskreis entzog, dann wandte er die tiefblauen Augen wieder der grauen Ferne zu, wo die Gletscher in ihrer hohen Majestät thronten. So saß er lange, lange da, bis die Sonne sich zur Rüste anschickte und die Gipfel der Bergriesen in ihr Feuermeer tauchte, auf diese Weise gleichsam den Abendsegen über die gesammte Natur aussprechend. Und Andreas empfand den religiösen Hauch, der durch Gottes Schöpfung ging, und faltete seine Hände zu einem kurzen, aber innigen Gebete, dabei unausgesetzt nach den fernen Bergen blickend, von denen er sich nicht zu trennen vermochte, bis endlich die Schatten des Thals die steilen Höhen erklommen und das paradiesische Bild in tiefe Dämmerung hüllten. Da erhob sich der Jüngling und schritt dem Dörfchen zu. Am Eingange desselben stand das Wirthshaus, aus dessen Innerm lärmende Stimmen ertönten. Andreas unterschied aufs Deutlichste die Stimme seines Bruders, welche jetzt jene Heiserkeit angenommen hatte, wie sie der übertriebene Genuß geistiger Getränke mit sich zu bringen pflegt. Andreas zuckte schmerzlich zusammen, seufzte tief auf und schritt langsam weiter, bis er endlich die armselige Hütte erreicht hatte, welche sein Heim barg. In der Kammer, denn Stube konnte man den engen Raum unmöglich nennen, herrschte bereits vollkommene Dunkelheit, dennoch ging der Jüngling mit einer Sicherheit, als ob es lichter Tag sei, nach der entgegengesetzten Eck, woselbst er einer unsichtbaren Person in herzlichstem Tone »guten Abend« bot. »Schon da, Andreas?« erwiederte eine weibliche, etwas zitternde Stimme, »hab' gedacht, daß Du heut' einmal lustig sein und zu Tanz gehen würdest, o es thät Dir wirklich Noth, armer Schelm, da Du ja nur einmal im Monat einen freien Sonntagnachmittag hast.« »Ei Mutter,« entgegnete Andreas, »ich habe heute mehr Genuß gehabt, als wenn ich auf dem Tanzboden gewesen wäre.« »Kann mir's schon denken, Du warst wieder auf Deinem alten Plätzchen, am Dinkelberg, und hast da hinausgeschaut nach den fernen Bergen. Ach ja, ich möchte sie wol auch sehen, allein meine Augen sind mit den Jahren blöde geworden und erkennen kaum mehr, was zwei Schritte vor ihnen liegt.« Diesen Worten folgte ein Seufzer und dann das Geknister eines angezündeten Schwefelholzes; wenige Sekunden später wurde die Kammer von einer ärmlichen Oellampe nothdürftig erhellt. Bei ihrem Scheine erwies sich jetzt, daß Andreas nicht zu viel gesagt, wenn er von seiner »armen« Mutter gesprochen hatte; die Greisin mit den welken Zügen, der schlaffen Haut und dem humpelnden Gang war allerdings der Unterstützung mehr als bedürftig. Noch vor wenigen Jahren hatte sie sich einer blühenden Gesundheit erfreut, und mit ihrem bescheidenen Loose zufrieden, wohlgemuth in die Welt geblickt; plötzlich und unverhofft aber war der Trost ihres Herzens, der Vater ihrer beiden Söhne, durch den unerbittlichen Tod ihr entrissen worden. Er war nur ein einfacher Mann gewesen, so schlicht wie sie, allein in seinem Herzen hatte der Engel der Liebe gethront, jener Genius, der häufiger in der Hütte der Armuth, als in den Palästen der Reichen zu finden ist, und unter seinem Schutz und Schirm waren die beiden Herzen der Ehegatten in eines zusammengeschmolzen und keines vermochte ohne das Andere zu leben. Da kam der Tod und drückte Andreas' Vater die müden Augen zu und seine treue Resi weinte und jammerte und umschlang noch den leblosen Körper, als er bereits im Sarge lag; sie konnte sich nicht von ihm trennen, sie war gewiß, daß sie in wenigen Tagen an seiner Seite schlummern werde. Allein der Tod kommt nicht, wenn ohnmächtige Menschen ihn rufen, und auch das Herz bricht, trotz aller Liebe, nicht so leicht, als man denkt. Die arme Wittwe blieb am Leben, ihr Lebensmuth aber war dahin und mit ihm all' ihre Kraft; binnen kurzer Zeit reifte sie zur Greisin, der schmerzliche Kampf in ihrem Herzen färbte das dunkle Haar ihres Hauptes schneeweiß, ihre schlanke Gestalt krümmte sich unter dem Schicksalsschlage, – allein ihr liebevolles, nach dem abgeschiedenen Gatten so heiß verlangendes Herz brach nicht, wie sie es geträumt und ersehnt hatte. Der dunkle ernste Epheu, welcher den kleinen Hügel des verstorbenen Gatten schmückte, breitete seine Ranken, gleich schützenden Armen, über das Grab aus, und als er es endlich dicht überdeckte, erstand für die arme Wittwe ein treues Spiegelbild des Dahingeschiedenen, und zwar in dem ältesten Sohne, Andreas, der gleich dem Epheu aus einem schwächlichen Knaben zu einem kräftigen Jüngling sich rasch entfaltete und nunmehr in seinem ganzen Wesen dem seligen Vater so glich, daß oft die arme Resi wähnte, sie sei wieder jung geworden und die Zeit zurückgekehrt, wo sie eine glückselige Braut gewesen war; trotz der Täuschung lebte sie dennoch wieder auf, denn alle ihre Liebe hauchte sie jetzt gegen Andreas aus, und vielleicht würde in ihrem Herzen ein stilles, wenn schon von leiser Wehmut begleitetes Glück eingezogen sein, hätte ihr um ein paar Jahre jüngerer Sohn dem Bruder geglichen; dem war aber nicht so, Ruppert vielmehr einem unbegrenzten Leichtsinn verfallen, der, aus einer niedern Genußsucht entspringend, ihn möglicher Weise auf den Weg des Lasters führen konnte. Beide Brüder verrichteten Taglöhnerarbeit aus dem Anwesen eines begüterten Bauers. Andreas jedoch war der Einzige, welcher seinen Lohn am Samstag der Mutter brachte, während Ruppert an diesem sowie an dem darauffolgenden Tage selten zu sehen war und meist erst am Montag wieder zum Vorschein kam; dann aber stets mit leerem Beutel, denn den sauer verdienten Lohn hatte er in wilder Lustigkeit verpraßt. Alle Ermahnungen fruchteten bei ihm nichts, und als Andreas dennoch mit seinen brüderlichen Bekehrungsversuchen fortfuhr, wandelte sich die ehemalige Liebe Ruppert's gegen ihn in Haß und offene Feindschaft um. Zuguterletzt wußte es der schlaue Ruppert durchzusetzen, daß die Mutter aus eigenem Antriebe an ihn die dringliche Bitte stellte, sich anderweit eine Schlafstelle zu suchen, damit endlich der fortwährende Zank und Hader in dem kleinen Häuschen aufhören und der Frieden zurückkehren möchte, der ehemals darin gewaltet. Mit großer Freude willigte der leichtsinnige Bursche ein; war er ja doch nunmehr sein eigener Herr, der über sein Kommen und Gehen keiner Menschenseele Rechenschaft zu geben hatte. Die traurigen Folgen dieser Selbstständigkeit zeigten sich leider nur zu bald; Ruppert, nach Genuß und Vergnügen trachtend, wurde arbeitsscheu und ließ sich infolge dessen in seinem Dienst so Manches zu schulden kommen, das sein Herr, der Flurenbauer , streng rügte. In der letzten Zeit war es sogar zu verschiedenen Malen geschehen, daß Ruppert einen ganzen Arbeitstag versäumt und verschlafen hatte, – eine unausbleibliche Folge seiner Nachtschwärmerei. Der rechtliche Andreas litt angesichts dieses nicht zu entschuldigenden Leichtsinns um so mehr, als er die schlimmen Streiche Ruppert's der Mutter verschweigen mußte, denn die alte Frau kränkelte mehr und mehr, und Pflicht und Vorsicht erheischten es, sie in jeder Weise zu schonen. Unter solchen Umständen begrüßte es Andreas freudig, daß der Zeitpunkt erschienen war, wo der leichtsinnige Bruder sich zum Militär stellen mußte. Es unterlag keinem Zweifel, daß Ruppert für tauglich befunden würde, denn er war ein kräftiger, hochgewachsener Bursche. »Noch vor einem Jahre bangte mir vor dem Augenblicke der Trennung,« äußerte Andreas am Abend vor Ruppert's Abmarsch zur Mutter, welche still vor sich hinweinte, »denn ich konnte mir nicht denken, daß ich ohne des Bruders Gesellschaft bestehen könnte. Jetzt aber sehe ich die Trennung von Ruppert als dessen Rettungsanker an und bin gewiß, daß er als ein tüchtiger, braver Mann vom Militär zurückkehren wird, darum weine nicht, Mutter.« Andreas hatte sich insofern nicht verrechnet, als Ruppert für den Militärdienst als tauglich erklärt wurde; an Eines aber hatte der gute Andreas nicht gedacht, nämlich an die Möglichkeit, daß ein Angeworbener sich auch freilosen könne und dem Ruppert – widerfuhr dieses Glück. An einem Samstag kehrte er mit noch zwei andern Burschen, welche gleichfalls vom Militärdienst befreit worden waren, nach dem heimatlichen Dorfe wieder zurück, und alle Drei zogen jubelnd und jauchzend durch die stille Dorfgasse dem Wirthshause zu, wo sie sich bei Wein und Bier gütlich thaten. Mutter und Bruder warteten umsonst auf Ruppert; er hielt es nicht der Mühe Werth, sein Glück den Beiden zu verkünden. »Sie werden es schon so erfahren,« äußerte er zu den Zechgenossen, »und obwol ich gern das sauertöpfische Gesicht des Andreas gesehen hätte, der sich natürlich schwer darüber ärgert, daß ich nicht Soldat werden muß, so will ich mir doch das Wiedersehen ersparen, – die Mutter spricht mir zu viel aus der Bibel und von Tod und ewiger Verdammniß; bei mir aber gilt das alte Wort: ›Lustig gelebt und selig gestorben, heißt dem Teufel die Rechnung verdorben!‹« Die Widerlegung dieses Wahrworts:   »Doch dem Teufel zur Freude folgt eben Seliges Sterben schwer lustigem Leben!« ... kannte der leichtsinnige Bursche freilich nicht, und so zog er denn mit seinen Kumpanen auch am Sonntage hin und her, singend, lärmend und rauchend, von der Gasse in's Wirthshaus und von diesem wieder in's Freie. Und auf diesem unsteten Wanderzuge haben wir seine Bekanntschaft gemacht und bei dieser Gelegenheit gleichzeitig das erste Wiedersehen der beiden Brüder beschrieben. Vielleicht findet jetzt der Leser den tief schmerzlichen Blick des armen Andreas, als er den drei singenden Burschen nachsah, erklärlich. 2. Herr, wie oft muß ich meinem Bruder, der da sündiget, vergeben? (Matth. 18, 21.)   Es war eine Woche später. Ein freundlicher Sonntagmorgen schaute zu den Fenstern der geräumigen Bauernstube herein, woselbst der stattliche Hausherr behaglich auf einem alten Lederstuhle saß und mit dem im Glase funkelnden Markgräfler liebäugelte. Ja, ja, der Flurenbauer wußte zu leben, das bewies das Frühstück, welches vor ihm auf dem Tische stand, und der gute alte Wein zur Genüge. Er konnte dies auch, denn er erfreute sich einer Wohlhabenheit, die nahezu an Reichthum streifte, und Jedermann würde ihm sein behagliches Leben gegönnt haben, hätte der Flurenbauer nicht dem selbstsüchtigen Satze gehuldigt: »Selber essen macht fett.« So aber gönnte er, seine respektable Person einzig ausgenommen, Niemandem einen guten Bissen, noch einen guten Trunk, zeigte sich vielmehr als ein Geizhals von der allerschlimmsten Sorte. Er führte eben wieder mit behaglichem Lächeln den perlenden Markgräfler zum Munde, als die Sonntagsglocken zu läuten begannen und die Christenmenschen nach dem kleinen Gotteshause riefen, um dort dem Schöpfer für seine Barmherzigkeit und ewige Liebe zu danken. Der Flurenbauer hörte die feierlichen Töne und es wäre wol am Platze gewesen, daß er sich den Kirchengängern angeschlossen hätte, denn verdankte er nicht einzig und allein der Güte des Herrn seinen Wohlstand? Hatte Er nicht seine befruchtenden Sonnenstrahlen über die zahlreichen Rebhügel des Flurenbauer hingegossen und ihm den köstlichen Trank erstehen lassen, der des Menschen Herz erfreut? Und dennoch zeigte sich der Großbauer, gegenüber der mahnenden Aufforderung der Glockentöne, taub, ließ den gesegneten Wein in die Kehle hinab gleiten, schnalzte mit der Zunge und äußerte zu einer in der Stube beschäftigten Magd: »Wo ist der Andreas? Er soll hereinkommen.« »Ei, Herr,« entgegnete die Dirne, »Ihr wißt doch, daß der Andreas stets einer der Ersten ist, die zur Kirche gehen, – er ist schon seit fünf Minuten fort.« Der Bauer brummte einige unverständliche Worte und zog die Stirne in Falten; er führte von Neuem das Glas zum Munde und der Markgräfler schien sein erregtes Gemüth zu beruhigen, denn er sagte in humoristischem Tone: »Wenn der Pfarrer Andreas nach Haus kommt, so sag' ihm, daß ich ihn sprechen will.« Die Magd lachte und ging ihres Wegs. Die kleine Dorfkirche stand unweit des stattlichen Hofs, den der Flurenbauer sein eigen nannte, und so konnte er die frommen Orgeltöne vernehmen, die aus dem Gotteshause zu ihm herüberdrangen. Und dennoch vernahm er sie nicht, da er mit weltlichen Gedanken beschäftigt war. Ja, er lächelte sogar auf höchst verschmitzte Weise, und es war ihm anzusehen, daß er über ein vortheilhaftes Geschäftchen nachdachte, gerade, als die Gemeinde in stiller Andacht sang: »Erfüll' mich, Herr, mit Lust und Kraft, Dem Nächsten beizustehen, Betrübter Herzen Trost zu sein, Mich mit den Fröhlichen zu freu'n, Mit Weinenden zu klagen, Und dem, der mir sein Herz vertraut. Die Rechtlichkeit, auf die er baut, Nicht treulos zu versagen.« ... Der Gottesdienst war zu Ende und, in der Seele neu gestärkt, schritten die Kirchengänger ihrem Daheim wieder zu. An der Seite seiner alten Mutter ging Andreas, sie fürsorgend nach der kleinen Hütte begleitend. Wie gerne wäre er bei ihr geblieben, wie gerne hätte er im gegenseitigen Gedankenaustausch den Inhalt der vernommenen Predigt noch einmal an sich vorüber ziehen lassen, allein er durfte nicht länger säumen, sondern mußte in den Dienst seines weltlichen Herrn zurückkehren. Wol ruhte heute die Arbeit auf den Feldern, dagegen galt es, das Vieh in den Ställen zu besorgen, welches Geschäft an Sonntagen abwechselnd die Knechte und Arbeiter des Hofes traf. Heute hatte Andreas die Verpflichtung und als ein getreuer Untergebener eilte er auf seinen Posten. Noch war er mit Wassertragen beschäftigt, als eine der Mägde ihm zurief: »Andreas, eil' Dich, der Herr verlangt nach Dir.« »Ja, Du mein Himmel, ich muß doch erst die Thiere versorgen,« lautete seine Antwort. »Ich will die Arbeit übernehmen,« entgegnete die gutmüthige Magd, »geh' lieber gleich zum Herrn, denn er scheint mir heute nicht besonders guter Laune zu sein.« Andreas dankte dem Mädchen und wandte seine Schritte dem Herrenhause zu. »Na, ist der Herr Pfarrer Andreas endlich da?« redete ihn der Flurenbauer an, dem der genossene Markgräfler ein wenig zu Kopfe gestiegen zu sein schien, wie sein rothglühendes Gesicht genugsam bezeugte. »Hab's nicht gerne, wenn der Knecht den Herrn warten läßt.« »Ist meinerseits gewiß nicht mit Absicht geschehen,« entgegnete Andreas, »befand ich mich ja doch in der Kirche.« »Ei was,« polterte der Bauer, »Herrendienst geht vor Gottesdienst.« »Der Ansicht bin ich nicht,« widersprach Andreas ruhig, aber fest. »Gott ist der größte und erste unter allen Herren, und wer ihm nicht dient, wird gegen die weltlichen Herren erst recht lässig sein.« »Potz Schnickschnack und kein Ende,« rief der Flurenbauer und auf seiner niederen Stirne zeigte sich ein ganzes Heer von Falten. Er erhob sich schwerfällig von dem Lederstuhle und schritt, die Hände in den Taschen, dem Fenster zu, eine Weile schweigend durch die Scheiben auf die Gasse blickend. Andreas, unschlüssig, ob er gehen oder bleiben sollte, sagte endlich: »Ihr habt mich rufen lassen. Was ist's, was Ihr von mir verlangt?« »Du wirst wol warten können, Bürschle, bis ich von selbst anfange,« gab der Flurenbauer grob zurück. »Seht mir doch den vorwitzigen Gelbschnabel!« Nach diesen Worten wandte er sich von Neuem dem Fenster zu, um abermals eine geraume Weile still zu schweigen. Andreas sah ein, daß er dem launischen Bauer gegenüber nichts auszurichten vermöge, und ließ sich daher auf der Ofenbank nieder, das Weitere in Geduld erwartend. Nachdem der Flurenbauer längere Zeit vor dem Fenster gestanden, abwechselnd an dessen Scheiben getrommelt und dann wieder gepfiffen hatte, wandte er sich urplötzlich um und rief dem sofort sich erhebenden Andreas in barschem Tone zu: »Dein Bruder ist ein schöner Lump, mit dem ich kurzes Federlesen machen werde. Seit acht Tagen ist er nun schon wieder aus Freiburg zurück, trotz alledem aber hat er sich nur auf Stunden bei der Arbeit blicken lassen. Denkt der Musjöh etwa, ich soll ihm für sein Faulenzen den hohen Lohn geben? Weiter fehlte mir nichts, namentlich jetzt, wo die Zeiten und der Verdienst schlecht sind und man kaum das liebe Salz auf's Brot hat.« Andreas entgegnete nichts, warf aber einen vielsagenden Blick auf die leeren Weinflaschen, sowie die Frühstücksüberreste, welche noch auf dem Tische standen. Der Flurenbauer bemerkte dies und rief zornig die Magd herbei, sie scheltend, daß sie Alles umherstehen lasse und nichts aufräume. Nachdem die Magd die Stube wieder verlassen, ergriff der Flurenbauer von Neuem das Wort: »Ich vermag Deinen Lüdrian von Bruder nicht zu Gesicht zu bekommen, da er sich bald hier, bald dort herumtreibt; deshalb sag' Du ihm, daß, falls er nicht von morgen an zur Arbeit zurückkehrt und fleißig die Hände rührt, er aus meinem Dienst entlassen ist. Es herrscht, Gottlob, kein Mangel an Arbeitern, und er ist nicht schwer zu ersetzen. So, das war's, was ich Dir zu sagen hatte; kannst jetzt wieder an Deine Geschäfte in den Stall gehen.« »Ich würde meinen leichtsinnigen Bruder gerne warnen,« entgegnete Andreas, »wenn ich es vermöchte, allein ich bekomme ihn ebenso wenig zu sehen, als Ihr, und so müßt Ihr ihm schon selbst mittheilen, was Ihr mir aufgetragen.« Nach diesen Worten schritt Andreas der Thüre zu, der Bauer aber rief ihm nach: »Dein Bruder ist ein Lump und Du bist ein hochnäsiger Bursch, dem ich am allerliebsten auch den Laufpaß gäbe, wenn –« »Wenn Ihr mich nicht so gut brauchen könntet,« vollendete Andreas lächelnd, »sagt's nur grad' heraus.« Der Bauer ballte die Faust und der Knecht ging seinen Geschäften nach. Mit der Arbeit wollte es indessen heute bei Andreas nicht recht vorwärts gehen, wie es stets zu geschehen pflegt, wenn der Mensch zerstreut ist und an andere Sachen denkt. Immer und immer wieder trat das Bild des leichtsinnigen Bruders ihm vor die Seele und er fragte sich in stiller Verzweiflung: »Was soll aus Ruppert nur werden?« Traurig und verstimmt trat er spät am Abend den Nachhauseweg an. Schon hatte er den Fuß auf die Schwelle der armseligen Hütte gesetzt, als von dem Ende der Gasse her ein wüster Lärm ertönte. Schnell wandte Andreas seine Schritte dieser Richtung zu, da er unter den streitenden und zankenden Stimmen jene Ruppert's herausgefunden hatte. Vor dem Wirthshause angelangt, sah der arme Andreas den berauschten Bruder auf dem Erdboden liegen, die Fäuste drohend gegen den mit einigen Bauern vor der Thüre stehenden Wirth ausgestreckt. »Wart' nur, Du dicker Wanst« schrie Ruppert mit heiserer Stimme, »Du sollst mich nicht straflos beschimpft haben, – ich werde mich schon an Dir rächen!« »Das magst Du thun,« versetzte der Wirth verächtlich, »besser und ehrenhafter aber wär's, wenn Du Deine Zeche bezahltest.« »Was ist denn eigentlich vorgefallen?« ergriff jetzt Andreas das Wort. »Ihr vollführt ja einen Lärm, als ob das ganze Dorf in Flammen stünde.« »Ist der Pfarrer auch da?« höhnte Ruppert, sich mühsam vom Boden emporarbeitend. »Nun wird gleich die Predigt losgehen.« »Halt' Dein Maul,« rief einer der Bauern dem leichtsinnigen Burschen zu. »Du hast wahrlich keinen Grund, Deinen Bruder zu schmähen. Er ist ein rechtschaffener, arbeitsamer Bursche, und Du dagegen ein grauslicher Lump, der dem lieben Herrgott seine Zeit stiehlt.« »Was?« schrie Ruppert gereizt, »Ihr fangt schon wieder an? Verspürt Ihr etwa Lust, auf Eure dummen Gesichter einen Denkzettel zu bekommen? Und das wird gleich geschehen!« Damit taumelte er, die Fäuste hoch erhoben, auf die vor der Thüre stehende Gruppe zu, kam aber einige Schritte von seinem Ziele ab und traf, statt die Köpfe der Bauern, die Wand des Wirthshauses, zum großen Ergötzen der Anwesenden. Andreas hatte Mühe, die Schadenfreude der Bauern zu zügeln, auch erfuhr er erst nach wiederholtem Fragen die Entstehung des Streits. »Der Ruppert,« berichtete der Wirth, »hat einen Schoppen nach dem andern getrunken und ist dann händelsüchtig geworden, so daß schließlich nichts übrig blieb, als ihn an die Luft zu setzen. Nun hat sich aber herausgestellt, daß er nicht einmal die Zeche zahlen kann. Wenn Einer nichts verdient, so soll er hübsch daheim bleiben und Wasser trinken, und nicht ehrliche Gastwirthe um ihr bischen Verdienst bringen. Pfui der Schande!« »Jawol, pfui,« stimmten die Bauern mit ein, »das ist der reinste Betrug!« »Freunde und Nachbarn,« sagte Andreas beschwichtigend, »setzt um meinetwillen den Streit nicht fort.« »Du hast gut reden, Andreas,« entgegnete der Wirth, »da Du nicht der geschädigte Theil bist; ich aber frage, wie komme ich zu meinem Gelde?« »Ei, so gieb Dich doch zufrieden,« rief Andreas ärgerlich. »Die Summe wird denn doch wahrlich nicht so groß sein, daß ich sie Dir nicht ersetzen könnte.« »Was? Du willst anstatt Deines Bruders zahlen?« fragte der Wirth in außerordentlich freundlichem Thone. »Nun, das ist schön von Dir. Ja, ja, ich hab's immer gesagt, der Andreas ist ein ehrlicher, kreuzbraver Bursche.« »Das ist er auch,« riefen die Bauern, »und der Ruppert verdient ihn gar nicht zum Bruder.« Andreas dankte weder für das schmeichelhafte Lob, noch entgegnete er etwas; wol aber zog er seinen kleinen, ledernen Geldbeutel hervor und befriedigte den Wirth, worauf er den wankenden Ruppert unter dem Arm faßte und mit ihm die Dorfgasse hinab schritt. Als sie aus dir Gehörweite der Bauern waren, begann Andreas in ruhigem, aber bestimmten Tone: »Das muß anders mit Dir werden, Ruppert, ein solches leichtsinniges Leben darfst Du unmöglich länger weiter führen.« »Hähä,« lachte Ruppert näselnd, »gelt, ich soll arbeiten, bis ich meine Knochen nicht mehr spüre, damit ich nur Dir und der Mutter Geld geben kann?« »Es stünde schlimm um uns, wenn wir auf Deine Hilfe nur irgendwie rechnen müßten,« versetzte Andreas, »dagegen könntest Da leicht in die Lage gerathen, unser Mitleid in Anspruch nehmen zu müssen. Denn hörst Du nicht auf meine Warnung und setzest Du Dein lüderliches Leben fort, so wird kein Bauer Dich mehr in Dienst nehmen und Du stehst dann als Bettler da.« »Haha,« lachte Ruppert, »noch ist es nicht so weit, Bruder Pfarrer, und wenn ich nur ein paar Tage in der Woche arbeite, so habe ich genug für meine Kehle und meinen Magen.« »Je nun,« entgegnete Andreas achselzuckend, »wem nicht zu rathen, dem ist nicht zu helfen. Soviel aber kann ich Dir sagen, daß der Flurenbauer Dir sofort den Laufpaß geben wird, wenn Du nicht von morgen an regelmäßig Deine Arbeit besorgst; das hat er mir heute mitgetheilt, damit Du es durch mich erfahren sollst, und Du weißt recht gut, daß der alte Eisenkopf der Mann ist, die Drohung auszuführen. So, hier ist Dein Zuhause, ich kann Dich somit jetzt verlassen, zumal Du keine Treppe zu steigen hast. Ueberlege Dir reiflich, was ich Dir gesagt habe, gehe in Dich, und damit gute Nacht.« Andreas ließ den Arm des Bruders, den er bisher geführt, frei und war im nächsten Augenblicke in der Finsterniß verschwunden. Der unverbesserliche Ruppert aber unterließ nicht, ihm nach kurzem Besinnen die Antwort laut dröhnend nachzuschicken, indem er zu singen begann: »Z' Friburg auf der Post, Tausigsappermost! Trinkt ma nit a guete Wi? Goht er nit wie Baumöl i? D'rum muß getrunke si Vi-e-l Wi!« 3 Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. (Ps. 118, 27.)   Es giebt Menschen, an deren leichtsinnigem Wesen alle Ermahnungen, gute Lehren und Warnungen ebenso erfolglos abprallen, wie Pfeile an einem Panzer. Alle Strenge und alle Güte ist bei diesen verblendeten Menschenkindern vergebens, sie lachen jeglicher guten Lehre, bis endlich das Schicksal kommt und mit seiner eisernen, Alles bezwingenden Faust sie niederdrückt und ihren Starrsinn entweder zähmt, oder sie zum sichern Untergang geleitet. Diese Lebenserfahrung spielt sich alle Tage an so und so vielen Beispielen ab, und somit läßt Gott dem Leichtsinnigen genugsam Warnung zugehen, allein nur Wenige hören darauf, die Mehrzahl fordert vielmehr das strafende Schicksal heraus und rennt in sein sicheres Verderben. So war es von Anbeginn der Welt und wird es leider auch so bleiben, bis der jüngste Tag erscheint, an dem wir Alle Rechenschaft zu geben haben. Genußsucht! ... Dise Leidenschaft hat schon Viele von dem rechten Wege abgeführt; sie bildet die sichere Leiter zum Verderben und die Sprossen setzen sich aus den verschiedenartigsten Verbrechen zusammen. Zuerst ist es die Lüge, deren sich der Genußsüchtige schuldig macht; dann kommt die Unehrlichkeit, dann der Diebstahl, ja selbst der Raubmord, denn der Genußsüchtige räumt schließlich jedes Hemmniß ans dem Wege, nur um seiner Weltlust fröhnen zu können. Fragt doch den Dieb oder den Mörder, der vor den Schranken des Gerichtshofes steht und über welchen das Schuldig ausgesprochen wird, nach den Anfängen seiner verbrecherischen Laufbahn – und unter zehn Fällen werdet ihr neunmal dieselbe Antwort bekommen: »Ich war träge und wollte nicht arbeiten, sondern nur genießen. Ich lernte in meiner Jugend nichts und konnte mich deshalb als Mann auch nicht recht ernähren. Da mein Herz sich aber nach Genüssen und Vergnügungen sehnte, so verschaffte ich mir beide mit Hilfe unerlaubter Mittel, d. h. ich raubte meinem Nächsten sein Eigenthum.« Da hätten wir denn wieder einmal moralisirt, fest überzeugt, daß so manches junge Herz, in welchem der Krebsschaden der Gesellschaft leise wuchert, diese warnenden Worte lesen wird; werden sie aber auch als befruchtende Saatkörnlein auf guten Boden fallen? Man möge uns die Antwort erlassen, denn es giebt viele Rupperte, und wir wissen, daß alle guten Lehren diesem leichtsinnigen Burschen nichts genützt hätten, da er zu den Verblendeten gehörte, welche das Schicksal herausfordern. Bot er ja doch dem Flurenbauer Trotz, indem er seiner Aufforderung keinerlei Folge leistete und sich erst zwei Tage später zur Arbeit einfand. Selbstverständlich erhielt er sofort seinen Abschied, da der Flurenbauer in eigensinnigster Weise an dem, was er drohend in Aussicht gestellt, festhielt. Wer nun aber denkt, daß Ruppert darob in Verzweiflung und Zerknirschung gerieth – wie dies bei einem einsichtsvolleren Menschen jedenfalls geschehen wäre – der befindet sich in großem Irrthume. Der unverbesserliche Bursche lachte vielmehr seinem bisherigen Brodherrn in's Gesicht und ging mit den Worten: »Höfe und Bauern, die Arbeiter brauchen, giebt's in Hüll' und Füll'!« seines Wegs. Er fand denn auch in dem nur wenige Stunden entfernten Enkendorf einen Dienst, und zwar bei einem Großbauer, der als freundlicher, wohlwollender Herr bekannt war und seinen Untergebenen einen reichlichen Lohn gab. Andreas athmete erleichtert auf und sandte im Verein mit der Mutter innige Segenswünsche für Ruppert zum Himmel empor. Sie schienen erhört worden zu sein, denn alle Erkundigungen, welche Andreas über des Bruders Wohlverhalten insgeheim einzog, lauteten günstig; Ruppert erwies sich als fleißiger Arbeiter, war zur gehörigen Zeit auf seinem Platze und hielt bis zur Abendfeierstunde daselbst aus. Dem Wirthshause stattete er zwar in seinen Freistunden regelmäßig Besuche ab, doch war es bis jetzt noch nicht vorgekommen, daß er daselbst Streit oder Händel angefangen hatte. Unter solchen Umständen durfte Andreas allerdings der Zukunft leichteren Herzens entgegen sehen und schon stand er im Begriffe, sich Ruppert mit der alten brüderlichen Liebe zu nähern, als bei diesem der Leichtsinn von Neuem hervorbrach und die Sucht nach Genuß und Vergnügen sich wieder geltend machte. Mit einer nicht zu beschreibenden Wehmuth nahm der arme Andreas die Berichte von des Bruders Umwandlung entgegen. Ruppert's Dienstherr hatte dem unverbesserlichen Burschen zu wiederholten Malen Verwarnungen zukommen lassen; als es sich aber herausstellte, daß alle guten und bösen Worte bei ihm vergeblich seien, gab er dem lüderlichen Knechte den Laufpaß. Es kann nicht in unserer Absicht liegen, den widerlichen Lebenslauf eines so entarteten Menschen, wie Ruppert es war, des Näheren zu beschreiben. Wir wollen nur kurz erwähnen, daß der schlimme Ruf, welcher dem Namen Ruppert's alsbald vorausging, ihn binnen kurzer Zeit erwerbsunfähig machte. Weder ein Bauer, noch sonst ein Arbeitsgeber wollte von ihm etwas wissen, und so fiel er denn – wie Andreas richtig prophezeit – dem Mitleid von Mutter und Bruder anheim. Andreas hatte nunmehr für zwei Personen zu sorgen, für die Mutter und den lüderlichen Bruder. Der Flurenbauer zahlte keinen hohen Lohn und hatte sich Andreas schon vorher einschränken müssen, um als ehrlicher Mann anständig zu bestehen, so wurde es ihm jetzt geradezu unmöglich. Wer Nahrungssorgen kennt, wird auch die stille Verzweiflung begreiflich finden, die sich des armen Burschen bemächtigte, als er, trotz des besten Willens und aller Sparsamkeit, keinen Ausweg sah. Zu dieser nagenden Sorge gesellte sich eine nicht minder große, die darin bestand, daß der Gesundheitszustand seiner alten Mutter, infolge des vielen Kummers um ihren jüngsten Sohn, zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gab. Andreas aber liebte die alte Frau mit der ganzen Wärme seines kindlichen Herzens, und kein Abend verging, wo er nicht an Gott die innige Bitte richtete, die ihm so theure alte Frau noch lange zu erhalten. Sie war sichtlich wieder aufgelebt, als sie von Ruppert's Besserung erfahren hatte; um so mächtiger wirkte nunmehr der Rückschlag auf sie ein. Es versteht sich von selbst, daß der zartfühlende Andreas seine Sorgen vor ihr geheim hielt, allein dem liebenden Mutterherzen entgingen die Schatten nicht, welche sich zeitweilig auf des Sohnes Stirne zeigten, auch vernahm es die halb unterdrückten Seufzer, die sich während der stillen Nacht der geängsteten Brust des armen Andreas entrangen. All' diese Wahrnehmungen konnten unmöglich günstig auf ihren geschwächten Gesundheitszustand einwirken, und so siechte sie tagtäglich mehr dahin. Wie gerne würde sie ihre Hände wund gearbeitet haben, um dem geliebten Sohne einen Theil seiner Sorgen abnehmen zu können, allein Gott hatte ihr diese Möglichkeit geraubt, da er ihr den edelsten Sinn, das Sehvermögen, bis auf ein Minimum entzogen. So herrschten denn Trübsal, Kummer und Trauer in der kleinen Hütte, und wenn sich ja einmal eine singende Stimme in dem engen Raume vernehmen ließ, so war es jene Ruppert's, der, als arbeitsloser Mensch, wieder im elterlichen Hause wohnte. Unser Bruder Leichtsinn war in der That tief gesunken, denn er hatte jegliche Scham und alles Ehrgefühl verloren und kümmerte sich nicht im Geringsten um das Leid und die Sorge von Mutter und Bruder. Während des ganzen Tags schwärmte er umher und kehrte zumeist erst in später Abendstunde heim, nachdem er vergebens vor dem Wirthshause auf irgend einen mildthätigen Bekannten gelauert, in der Hoffnung, daß derselbe ihm einen Trunk spendiren werde. Der Monat Mai hatte inzwischen seine volle Pracht entfaltet und in Zweig, Ast, Strauch und Baum regte sich ohne Unterlaß die schöpferische Kraft des Lenzes, bis endlich die gesammte Natur in ihrem reichen Blüthenschmucke dastand und jener Festtag aufgegangen war, wo tausende und abertausende von Blumenglocken, leicht vom Winde bewegt, den Frühling einläuten und der fromme Chor der jauchzenden Vögel sich zu einer Hymne an die Gottheit vereint. Dies Alles fühlte auch Andreas in seinem Herzen, als er an einem Sonntage wiederum von einem der Hügel des Dinkelbergs in die gesegneten Thäler und nach den himmelanstrebenden Bergen hinschaute, deren schneeumsäumte Spitzen, gleich ehrwürdigen Greisen, auf die in der Vollkraft und Frische der Jugend prangenden Wiesen und Felder blickten, die tief unter ihnen in dem erwärmenden Strahl der Sonne erglänzten. Ja gewiß, Gottes Schöpfung ist wunderbar und ein jedes empfindende Herz fühlt sich bei ihrem Anblicke erhoben und gestärkt; wenn aber in der menschlichen Brust Sorge und Kummer nisten, wenn das Auge von Thränen des Schmerzes umflort ist und ein drückender Alp auf der Seele liegt, – dann stimmt uns ein friedliches Landschaftsbild, mag es noch so verklärt sein durch den Schmelz der wonnigen Jahreszeit, nur noch trüber und ernster, denn wir gewahren den Abstand zwischen ihm und unserm Innern. So erging es denn auch unserm Andreas, und als die Sonne mit goldenem Schein im Westen niederging und erröthend ihren Abschiedskuß auf die Gipfel der Bergriesen drückte, als die gefiederten Sänger des Waldes und Feldes ihr Abendlied anstimmten und der Wind aus dem Thale ferne Glockentöne zu dem Dinkelberg heraustrug, – da floß die Seele des armen Burschen vor Schmerz über und Thräne um Thräne entrang sich seinen treuen blauen Augen. Rasch wischte er jedoch diese Spuren seiner Traurigkeit hinweg, da er dicht neben sich Schritte vernahm und ein fremder Gesell zu ihm herantrat. »Guten Abend, Kamerad,« erklang es von den Lippen des Neuangekommenen, »wollt Ihr wol so gut sein und mich ein wenig zurecht weisen? Ich bin fremd in dieser Gegend und, wie es scheint, von dem rechten Wege abgekommen.« »Wo wollt Ihr hin?« gab Andreas fragend zurück. »Nach der Schweiz,« lautete die Antwort, »und zwar nach dem Hauenstein , wo gegenwärtig der große Eisenbahntunnel gebaut wird. Ich will mir dort als Arbeiter ein Stück Geld verdienen.« »Da habt Ihr noch eine schöne Strecke Wegs vor Euch,« entgegnete Andreas, »ehe Ihr das Ziel Eurer Wanderung erreicht.« »Wie weit mag's noch sein?« »Je nun, zwölf gute Wegstunden; vorausgesetzt, daß Ihr tüchtig ausschreitet.« »Der Tausend!« rief der Fremde, unangenehm überrascht, »da werde ich für heute das Weiterwandern aufstecken müssen, denn der Abend bricht herein und ein Obdach ist meinen müden Gliedern nöthig. Ist hier in der Nähe eine Ortschaft, wo man gegen ein Billiges ein gutes Unterkommen findet?« Andreas nannte sein Heimatsdorf, das hinter einem der Hügel versteckt lag. »Wenn es Euch recht ist,« äußerte er, aufstehend, zu dem Wandersmann, »so will ich Euch nach Dossenbach geleiten und Euch das Wirthshaus zeigen.« »Ich nehme Euer Anerbieten mit Dank an.« Und gleich darauf schritten die Beiden fürbaß. Unterwegs theilte der Fremde, der sich Nadler nannte, Andreas mit, daß er aus der Pfalz gebürtig sei und daselbst als Maurergeselle eine recht einträgliche Stelle gehabt habe. »Trotzalledem aber gab ich sie auf, als ein Freund mir von Hauenstein aus schrieb, daß daselbst tüchtige Arbeiter gesucht seien und einen Lohn erhielten, wie er weit und breit nicht bezahlt werde. »Nehmt nur einmal an,« fuhr der Erzähler nach kurzer Pause weiter fort, »ich komme als gewöhnlicher Erdarbeiter im Hauenstein tagtäglich auf zehn Franken. Wenn ich nun ein halbes Jahr bei dem Tunnelbau thätig bin, kann ich mir recht gut über tausend Franken ersparen;– ein solches Kapital reicht hin, mich dann in der Heimat selbstständig zu machen.« Durch Andreas' Hirn flog es wie ein Blitz und in seinem Herzen war es, als ob ein neuer, sonniger Tag an seinem Lebenshorizont aufziehe. »Ob man wol bei dem Tunnelbau noch mehr der Arbeitskräfte bedarf?« fragte er mit zurückgehaltenem Athem den neben ihm Herschreitenden. »Das will ich meinen,« gab der Bruder Pfälzer zurück. »In alle Länder sind Ausschreibungen ergangen, und trotzdem aus Deutschland, Frankreich, Italien, ja, selbst aus England, schaarenweise Arbeiter nach dem Hauenstein strömten, sind ihrer dennoch immer noch nicht genug.« »Man muß freilich Fachmann sein, um bei dem Tunnelbau ankommen zu können,« schalt Andreas forschend ein. »I bewahre,« lautete Nadler's Antwort, »da seht mich nur an: verstehe ich etwas vom Bergwesen? Wer im Hauenstein Beschäftigung haben will, bedarf nur eines Paars kräftiger Arme and eines gesunden, robusten Körpers.« Andreas bat den Pfälzer, ihm etwas Näheres über die Erdarbeiten, sowie den ganzen Tunnelbau mitzutheilen, was der Kamerad dann auch sehr gern that. »Ihr scheint mir nicht abgeneigt, es auch im Hauenstein zu versuchen,« äußerte Nadler lächelnd, als er und Andreas eben die Thüre des Wirthshauses erreichten. Der Gefragte nickte und fügte, die Hand seines neuen Bekannten zum Abschiede ergreifend, hinzu: »Wollt Ihr mir einen Gefallen erweisen?« »Wenn's in meiner Macht steht, herzlich gern.« »Theilt mir in einem Briefe mit, ob die Verhältnisse in Hauenstein wirklich so gut sind, als man sie Euch geschildert; ferner, ob man noch mehr Arbeitskräfte braucht und ob man einen Burschen, wie ich bin, annehmen werde, wenn er sich meldet.« »Ich will Euch das Alles in ausführlichster Weise beantworten,« versprach der Bruder Pfälzer, »nur müßt Ihr mir Eure Adresse angeben.« Andreas kam dieser Aufforderung sofort nach, worauf er mit seinem Begleiter in die Wirthsstube trat, um sich zu überzeugen, ob Nadler daselbst für die Nacht ein Unterkommen finden könne; er hatte den ehrlichen Gesellen lieb gewonnen und war fest entschlossen, ihn, trotz des beschränkten Raumes, in seine Hütte aufzunehmen, falls der Wirth ihm ein Obdach versagte. Nadler wurde indessen sehr gut aufgenommen, zumal er durch Andreas eingeführt worden war, vor welchem der dicke Wirth großen Respect hatte. Der lustige Pfälzer lud Andreas ein, mit ihm einen Schoppen Markgräfler zu trinken und auf eine glückliche Zukunft anzustoßen. Obwol unser Freund sonst geflissentlich das Wirthshaus mied, konnte er doch heute nicht umhin, seinen Grundsätzen untreu zu werden, und da der Pfälzer immer mehr des Interessanten und Spannenden über den großen unterirdischen Bau im Hauenstein erzählte, so war es ziemlich spät geworden, als endlich Andreas aufbrach und sich von seinem neuen Bekannten verabschiedete. »Ich wünsche und hoffe,« sagte der Letztere, »daß wir uns heute nicht zum letzten Mal gesehen haben, und somit rufe ich Euch zu: auf ein fröhliches Wiedersehen!« Als Andreas die finstere Dorfgasse betreten, huschte dicht an ihm eine Gestalt vorüber. Er zügelte seine Schritte und rief: »Wer da?« »Wer da?« erklang es höhnend zurück, »man wird wol doch auch so spät am Abend nach Hause gehen dürfen, als der Herr Pfarrer Andreas, zumal man nüchterner ist, als dieser hohe Herr, der sich im alten Markgräfler gütlich gethan.« Andreas hatte sofort die Stimme seines Bruders erkannt; er ärgerte sich insgeheim, daß der Zufall ihn gerade vor dem Wirthshause mit Ruppert zusammengeführt, der offenbar vor dem Fenster gestanden und gelauscht hatte. »Ja, ja,« fuhr der Bruder Leichtsinn höhnisch weiter fort, »am Tage und vor den Menschen spielt man den Tugendprediger, in der Nacht aber huldigt man dem Weine, gerade so, wie es auch gewisse andere Leute gethan haben, über die man den Stab brach und Zeter und Mordio schrie. O, über Euch heuchlerisches Gezücht!« »Ich verspüre keine Lust, Deine Lästerrede zu widerlegen,« versetzte Andreas, »nur soviel will ich Dir sagen, daß Gott den Wein wachsen ließ, auf daß er des Menschen Herz erfreue, und wer das edle Gewächs mäßig genießt, braucht sich weder vor Gott, noch der Welt im Geringsten zu geniren, namentlich aber, wenn er den Tag in strenger Arbeit verbracht.« »Das ist wieder einmal so eine verwünschte Anspielung,« rief Ruppert mit einer Stimme, der man die innere Wuth anhörte. »Bei Gott! ich wäre froh, wenn ich Dich Tugendprediger gar nicht mehr sähe!« »Dazu kann Rath werden,« gab Andreas sehr ernst zurück und beeilte seine Schritte, während Ruppert eine Weile stehen blieb, um über die räthselhaften Worte nachzusinnen. 4. »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.« (Ps. 121, l.)   Der Bruder Pfälzer hielt Wort und sandte schon nach acht Tagen Andreas einen Brief zu, in welchem er ausführlich die bei dem Tunnelbau herrschenden Verhältnisse schilderte; auch theilte er dem Freunde mit, daß er wegen seiner bereits mit einem der Werkführer gesprochen und von demselben die feste Zusage erhalten habe, Andreas könne auf eine Anstellung im Hauenstein rechnen, zumal er ein kräftiger, arbeitsamer Bursche sei. Der Brief schloß mit der dringenden Mahnung, daß Andreas ja bald sein Bündel schnüren und kommen möge. Andreas las zu verschiedenen Malen das Schreiben. Obgleich er fest entschlossen war, die günstige Gelegenheit, in kurzer Zeit sich einen Sparpfennig zurückzulegen, zu benützen, so fühlte er dennoch eine gewisse Bangigkeit in der Brust, die er während des ganzen Tages nicht los werden konnte und die ihn auch beschlich, als er Abends der Mutter sein Vorhaben entdeckte. Die alte Frau bebte zusammen und vermochte erst nach längerer Zeit zu entgegnen: »O, Andreas, thue das nicht, sondern bleibe hier, bei mir, zumal ich ohne Dich kaum zu leben vermag!« »Wir werden ja nicht lange von einander getrennt sein,« begann der Sohn von Neuem, »und dann sind wir aller Sorgen baar, ich bringe ein hübsches Sümmchen mit nach Hause und wir kaufen uns ein kleines Anwesen, nach dem wir uns ja schon längst gesehnt haben.« »Das ist Alles recht schön und gut,« seufzte die arme Resi, »allein wer kann voraussagen, daß Du gesund und heil zurückkehren wirst? Erst neulich vernahm ich von der alten Madai deren Tochtersohn auch bei dem Tunnelbau im Hauenstein angestellt ist, daß jene unterirdischen Arbeiten nicht nur mühselig, sondern auch gefährlich seien, und daß beim Durchgraben und Sprengen der großen Bergmassen schon gar manches Menschenleben geopfert worden sei.« »Das mag wol sein,« äußerte Andreas, und jene Bangigkeit, die ihn schon während des ganzen Tages gequält, bemächtigte sich abermals seiner Brust. »Stehen wir aber nicht überall in Gottes Hand, Mutter, mögen wir nun im freien Felde oder in einem finstern Schacht arbeiten, und kann Er uns nicht ebenso hier wie dort abrufen, wenn er es einmal in seinem Willen beschlossen hat?« »Gewiß, Andreas, gewiß,« seufzte die alte Frau, »und dennoch schrecke ich zurück, wenn ich Dich mir in den dunkeln und feuchten unterirdischen Gängen denken muß, in welche selbst am Tage kein freundlicher Sonnenstrahl eindringt.« »Ich werde ja nicht fortwährend im Innern des Berges beschäftigt sein,« tröstete der gute Sohn. »Die Arbeiter lösen sich vielmehr ab, und ein Theil des Tages wird sogar unter freiem Himmel und in der frischen Luft zugebracht. Nach dem Briefe meines neuen Bekannten kann es auch geschehen, daß ich beim Fuhrwerk angestellt werde, da eine ziemlich große Menge von Pferden und Wagen vorhanden sind, um den Schutt und die Steine fortzuschaffen.« »Sei mir nicht böse, Herzens-Andreas,« kopfschüttelte traurig die alte Frau, »allein es ist mir, als ob eine innere Stimme mir warnend zuriefe, Dich nicht ziehen zu lassen. Und obwol ich des Wortes eingedenk bin: befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen, – so vermag ich doch eine gewisse Angst und Beklommenheit nicht zu unterdrücken. Wäre es nicht das Beste, wenn Du den Flurenbauer zu überreden suchtest, Deinen Lohn angemessen zu erhöhen? Und er wird gewiß auf Deine Forderung eingehen, denn Du arbeitest für Zwei.« »Du kennst den alten Geizhals nicht, Mutter,« widersprach Andreas. »Nach seiner Meinung zahlt er mir schon viel zu viel, und meine Forderung würde ihn nur in Zorn und Wuth versetzen. Trotz alledem will ich den Versuch bei ihm machen,« fügte Andreas schnell hinzu, da er in dem ernsten Gesicht der Matrone einen stillen Vorwurf zu lesen glaubte. »Ich danke Dir, mein Andreas!« rief die alte Resi erleichtert aus und legte segnend ihre Hände auf des Sohnes Haupt. Als am nächsten Morgen Andreas den Flurenbauern in dessen Wohnstube aufsuchte, fand er denselben in großer Behaglichkeit bei seinem Frühstück und der gewohnten Flasche Markgräfler sitzen. Kaum hatte der alte Geizhals aber in dem Eingetretenen seinen Knecht Andreas erkannt, als er hastig das Tischtuch über die Speisen breitete und die Weinflasche unter den Tisch schob. »Laßt Euch nicht stören,« äußerte, dies bemerkend, Andreas lächelnd, »eßt und trinkt nach Wohlgefallen, ich werde mich gewiß nicht zu Gaste laden.« Der Flurenbauer sah den jungen Burschen verblüfft an, dann aber platzte er zornig heraus: »Ha, das wollt' ich mir auch verbeten haben! Was ist das überhaupt für eine Unverschämtheit, andern Leuten in die Wohnung einzudringen, – kann man nicht warten, bis der Herr in den Hof hinaus kommt?« »Da das Letztere bei Euch sehr ungewiß ist,« entgegnete Andreas bescheiden, »mein Anliegen an Euch aber keinen Aufschub leidet, so nahm ich mir die Freiheit, Euch in Eurer Wohnung aufzusuchen, und bitte Euch deshalb freundlich um Entschuldigung.« »Du hast ein Anliegen?« fragte der Bauer mit gerunzelter Stirne, um den Bittsteller gleich von Anfang an zurückzuschrecken. »Allerdings,« kopfnickte Andreas, »seht, ich habe Euch bisher um einen geringen Lohn treue Dienste geleistet; nachdem ich aber erfahren, daß anderwärts die Knechte um Vieles besser bezahlt werden und trotzdem nicht die Hälfte von dem arbeiten müssen, wie ich bisher gezwungen war, bin ich zu dem Entschluß gelangt, Euch um eine entsprechende Erhöhung des Lohnes anzugehen.« »So?... I!... Sieh' mal an!« rief der Flurenbauer in kurzen Absätzen mit verhaltenem Grimme aus. »Mehr Lohn verlangst Du? Du warst doch mit demselben zufrieden, als ich Dich von der Straße weg als Knechtlein in meinen Hof aufnahm! Ist das etwa der Dank für meine Gutherzigkeit?... Mehr Lohn! das kann Dein Ernst nicht sein.« »Doch, Flurenbauer,« entgegnete Andreas, welchen die feste Aussicht, im Hauenstein eine lohnende Anstellung zu erhalten, Sicherheit und Ruhe verlieh. »Ihr vergeßt, daß meine Fähigkeit zur Arbeit und meine Tüchtigkeit im Dienste gewachsen sind, und meine Leistungen somit unmöglich noch mit jenen verglichen werden können, wo ich noch ein schwacher Bursche war.« »Und wenn ich Dir nun nicht mehr gebe, als bisher, he?« fragte der Bauer aufbegehrend. »Dann verlasse ich einfach Euern Dienst,« antwortete Andreas achselzuckend. Der alte Geizhals schlug mit der geballten Faust dröhnend auf den Tisch und holte hierauf die unter demselben stehende Weinflasche hervor, da er sich außerordentlich trocken im Halse fühlte. In Wahrheit that er dies nur, um Zeit zu einer Antwort zu gewinnen, denn er sah es den entschlossenen Mienen von Andreas an, daß derselbe im Ernst gesprochen. »Ei, meiner Seel',« rief der Flurenbauer endlich aus, »die Dienstleute werden heutzutage immer begehrlicher. Mehr Lohn! Gott steh' mir bei, was verlangst Du denn da eigentlich?« »Was anderwärts ein Knecht erhält,« erwiderte Andreas. »Ich will in Zukunft hundert Gulden Jahreslohn, – nicht mehr und nicht weniger.« »Hahaha!« lachte der Bauer wild auf, »bist Du verrückt? Um diese Summe bekomme ich ja drei Knechte, statt einen . Ich bin freilich nicht unzufrieden mit Dir und so sollst Du denn auch zwölf Gulden Zulage haben, ich denke, daß –« »Spart Euch alle Mühe,« fiel Andreas, ungehalten über des Bauers Geiz, lebhaft ein, »ich lasse nicht mit mir handeln. Entweder Ihr zahlt mir, was anderwärts ein tüchtiger Knecht erhält, oder ich verlasse Euern Dienst.« »Fällt mir nicht ein,« ertönte es von des Flurenbauers Lippen eigensinnig zurück. »Solche Waare, wie Du bist, findet sich noch aller Orten und hat nicht aufgeschlagen.« »Ich will aber keine Waare mehr sein,« versetzte Andreas, »und damit Gott befohlen.« »Halt!« donnerte der Flurenbauer, als der entschlossene Bursche bereits an der Thüre angelangt war. »Fünfundsiebenzig Gulden Jahreslohn will ich Dir meinetwegen zugestehen.« Andreas schüttelte den Kopf und wandte sich abermals zum Gehen. »Achtzig!« schrie es vom Frühstückstische her, und »Fünfundachtzig!« erklang es abermals, da Andreas bereits Miene machte, die Thüre hinter sich zu schließen. »Willst Du nicht?« »Nein!« »So geh' zum Teufel!« brüllte nun aus Leibeskräften der erzürnte Flurenbauer und stieß die Weinflasche so derb auf den Tisch, daß sie zerbrach und der edle Markgräfler in einer Menge kleiner Bäche nach allen Richtungen hin vom Tische hinabfloß. Die Würfel waren nunmehr für Andreas gefallen. Der Gang zum Bauer war ihm schwer angekommen, aber noch unendlich schwerer fiel es ihm, die Mutter von dem Endergebniß in Kenntniß zu setzen und ihr seine baldige Abreise zu melden. In der That kam denn auch die alte Frau der Verzweiflung sehr nahe und weinte sich die trüben Augen womöglich ganz blind. Andreas aber wußte sie mit Hinweis auf Gottes Barmherzigkeit und Güte schließlich doch soweit zu beruhigen, daß ihr Schmerz gelinder und sanfter wurde. »Wie bald ist ein halbes oder ganzes Jahr vorüber,« tröstete der gute Sohn, »und dann, liebe Mutter, haben wir ein Sümmchen beisammen, das uns zu einer kleinen Wirthschaft verhelfen wird. Denke Dir nur die Freude, wenn Du Hühner, Gänse und Enten halten kannst, und der lockende Ton Deiner Stimme die Thierchen dann jeden Morgen, Mittag und Abend zusammenruft, um ihnen ihre Nahrung zu geben. Du hast Dich schon lange darnach gesehnt, darum lasse es Dir während der kurzen Spanne Zeit unserer Trennung nicht bange werden.« Die Mutter drückte schweigend des Sohnes Hand, dann sagte sie: »Wenn sich nur Ruppert während Deiner Abwesenheit gut aufführt und mir nicht Angst und Aerger bereitet.« »Noch hoffe ich von ihm, daß er die Pflichten eines Sohnes nicht gänzlich vergessen wird,« erwiderte Andreas, »auch werde ich mit ihm noch ein Wörtchen sprechen. Sollte er Dir dennoch Kummer verursachen, so wende Dich nur an den Gemeinde-Vorstand, der Dir seine Hilfe nicht versagen wird.« Andreas that, wie er der Mutter versprochen, und hielt Ruppert eine ermahnende Rede; indessen schien dieselbe keinen besondern Eindruck auf den leichtsinnigen Burschen zu machen, vielmehr blickte er sehr höhnisch auf den Bruder und als derselbe geendet, entgegnete er: »Danke für die schöne Predigt, Herr Pfarrer. Leider ist mir mein Gedächtniß abhanden gekommen, und somit werd' ich von dem herrlichen Gesalbader wenig behalten; auch hoffe ich, daß es die letzte Rede gewesen, welche mir der Herr Tugendprediger da gehalten hat, zumal ich meine ganze Kraft aufbieten werde, Seine Ehrwürden nicht wieder zu sehen.« »Dieser Wunsch kann Dir möglicher Weise sehr leicht in Erfüllung gehen,« gab Andreas schmerzlich bewegt zurück. »Der Tod wird mir jetzt jeden Tag seine Grausen zeigen, wenn ich in den dunkeln Felsenschacht hinabsteige, aus dem schon so Mancher nicht wiedergekehrt ist. Sollte auch mich ein solches Schicksal treffen, dann vergiß nicht, Ruppert, daß Du eine alte Mutter hast, für die zu sorgen Deine heiligste Pflicht sein muß. Lebe wohl, Bruder, ich scheide in Frieden von Dir.« Andreas bot ihm die versöhnende Hand, allein der verstockte Ruppert wandte sich ab und ging pfeifend seines Wegs. Andreas sah ihm nach und ein tiefes Weh bewegte sein Herz, und abermals lastete jener unerklärliche Alp auf seiner Brust und schlimme Ahnungen dämmerten in seiner Seele. Früh am nächsten Morgen sagte er dem heimatlichen Dörfchen Lebewohl. »Ich kann Dir nichts mitgeben, Andreas,« schluchzte die Mutter an seinem Halse, »als meinen Segen und dieses kleine Buch. Möge es Dein treuer Begleiter sein und Dir Trost gewähren, sobald Du dessen bedarfst.« Andreas schlug das Titelblatt auf und ersah daraus, daß die Mutter ihm das neue Testament und die Psalmen geschenkt. Er küßte das schmucklose Buch, steckte es zu sich und versetzte mit vor Thränen erstickter Stimme: »Möge es mir vergönnt sein, recht oft in diesem biblischen Schatze zu lesen und meine Seele an den goldenen Worten des Herrn zu erquicken, welche es enthält.« Nochmals sanken sich Mutter und Sohn in die Arme, dann riß sich der letztere gewaltsam los und stürzte, sein kleines Bündel am Stock tragend, zu dem Häuschen hinaus. Er hatte, da es noch früh am Tage, gehofft, unbemerkt Dossenbach verlassen zu können, allein an vielen Hausthüren standen Bekannte und Jugendgenossen, welche seine Absicht errathen hatten und es sich nicht nehmen ließen, ihm noch einmal die Hand zum Abschiede zu drücken und ein treuherziges »Gott sei mit Dir!« ihm zuzurufen. Aus dieser Aufmerksamkeit mußte Andreas ersehen, wie lieb ihn die Bessern im Dorfe hatten, und seine Augen wurden von Neuem wieder feucht und er vermochte nur stumm zu danken. Ach, wie oft wandte sich unser lieber Wanderer im Weitergehen nach dem heimatlichen Dörfchen um, in dem er die glücklichen Jahre der Kindheit verlebt, in welchem noch jetzt die treue, alte Mutter athmete, und auf dessen bescheidenem Friedhofe die Gebeine seines Vaters ruhten, der so früh von hinnen gegangen war. Ein immer größerer Raum legte sich zwischen ihn und die mit Schindeln gedeckten Häuser, bis sie endlich verschwanden und nur das blaue Schieferdach des Kirchthurms sichtbar blieb; ach, und als jetzt die Glocke zur Frühmesse zu läuten begann, da war es ihm wie ein letzter Gruß aus der Heimat und weinend bedeckte er seine Augen, während er schmerzlich ausrief: »Ich werde das liebe, alte Dorf nie wiedersehen!« Bald nachher verschwand auch das Kreuz des Kirchthurms hinter einem Hügel, und nachdem Andreas noch einmal seinen Thränen und seiner Wehmuth freien Lauf gelassen, wanderte er rüstig vorwärts, die südliche Straße einschlagend, welche auf eine der Höhen des obern Schwarzwaldes führt. Die Aussicht vom Dinkelberg war sicherlich schön gewesen, und dennoch, wie stand sie gegen jene so weit zurück, welche sich unserm Freunde darbot, als er das Bergplateau erreicht. Nicht nur, daß die lange Reihe der Alpenkette in weit größerer Nähe vor ihm lag, sondern er vermochte auch die Höhen und Thäler des Jura zu erblicken, den Weißenstein und die Hasenmatt. Eine der nordöstlich von der Letztern gelegenen Einsenkungen fesselte aber besonders seinen Blick, denn dort befand sich der untere Hauenstein, sein Wanderziel und seine neue Heimat. Lange, lange weidete unser Freund sein Auge an dem Paradiese, das gleich einem Kanaan vor ihm lag, dann aber griff seine Hand unwillkürlich nach dem kleinen, schmucklosen Buche, das ihm die Mutter mit auf den Weg gegeben und dessen Inhalt er als fleißiger Kirchgänger genau kannte, und er schlug den 121. Psalmen auf, in welchem es heißt: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt, Hilfe von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird Deinen Fuß nicht gleiten lassen, denn er behütet Dich und ist der Schatten über Deiner rechten Hand, auf daß Dich des Tags die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel; er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.« Und als Andreas die fromme Verheißung gelesen und seine Augen abermals die paradiesische Schöpfung des Herrn streiften, die in ihrer Frühlingspracht vor ihm lag, da schwand der drückende Alp von seiner Brust, tiefes Gottvertrauen erfüllte seine Seele, anbetend sank er nieder und sein Herz flehte zu Gott, daß er ihn die heißgeliebte Mutter wiedersehen lassen möge. Von dem stillen Dörfchen war schon längst nichts mehr zu sehen, doch wandte sich Andreas der Richtung zu, freundliche Grüße dorthin entsendend, dann aber beflügelte er seine Schritte und stieg den Berg hinab nach den Thälern der Schweiz. 5. Es ist das Licht süße, und den Augen lieblich, die Sonne zu sehen. (Pred. 11, 7.)   Es dunkelte bereits, als Andreas die ersten Häuser des Dorfes Hauenstein erreichte und sich nach dem Wirthshause zurecht fragte, woselbst allabendlich der Bruder Pfälzer, laut seines Briefes, anzutreffen war. Eine Menge von Gästen, denen man die Arbeiter sofort ansah, füllten die Wirthsstube; Nadler befand sich indessen nicht unter ihnen und Andreas erfuhr von dem Aufwärter, daß noch eine volle Stunde vergehen könne, ehe der Kamerad anlange. »Ist heute ein schwerer Tag gewesen,« erläuterte der hinzugetretene Wirth, »im nördlichen Tunnelbau, bei Läufelfingen, hat man wieder einmal mit dem Wasser zu thun gehabt, das dort partout nicht herauszubringen ist. Die ganze Mannschaft der südlichen Hälfte, des sogenannten Trimbacher Tunnels, in welchem der Nadler arbeitet, mußte aufgeboten werden, um nur einigermaßen die Wassersfluthen bewältigen zu können. Das ist denn auch der Grund, weshalb der Nadler heute später Feierabend hat, als gewöhnlich.« »Nach Euerm Bericht zu schließen,« entgegnete Andreas nicht in eben sehr gehobener Stimmung, »scheinen sich dem Tunnelbau große Hindernisse entgegen zu stellen.« »Das will ich meinen,« kopfnickte der Wirth, »tauchen ja doch schon hin und wieder Zweifel auf, ob das Werk überhaupt zu Ende geführt werden könne. So viel steht fest, daß es noch mancherlei Unglück geben wird, ehe die erste Lokomotive durch den Tunnel fährt. Ihr wollt Euch wol bei dem Tunnelbau anstellen lassen?« Andreas bejahte. »Na, dann seid nur immer hübsch vorsichtig, denn so lange man sich in einem der drei Schachte befindet, ist man in steter Lebensgefahr. Darum bezahlen auch die Herren Unternehmer so viel, hahaha! würden sonst schwerlich die nöthigen Arbeitskräfte finden, denn wer möchte sich auch umsonst und wider nichts einer steten Gefahr aussetzen? Na, wie ist's, kann man Euch mit einem Schoppen Wein aufwarten?« »Gewiß,« erwiederte Andreas, »ich bitte Euch außerdem noch um einen kleinen Imbiß, denn ich bin heute lange gewandert und komme aus dem Badener Land, vom Dinkelberge her.« »Vom Dinkelberg?« wiederholte der Wirth mit großer Freundlichkeit. »Ei, so seid Ihr wol gar der Musjöh Andreas, von dem uns der Bruder Nadler so viel erzählt hat und dessen Güte und biedern Sinn er nicht genug rühmen kann? Na, das ist schön, daß Ihr zu uns hierher gekommen seid. Der Nadler hat bereits wegen Eurer mit dem Werkführer gesprochen und Ihr könnt sofort eintreten. Aber, potz Tausend und kein Ende, schwatze ich da,« unterbrach sich der gutmüthige Wirth, »statt daß ich Euch zu einem Trunk und Imbiß verhelfe. Soll aber jetzt gleich geschehen, setzt Euch nur dort an den hintersten Tisch mit den umgelegten Stühlen, das ist der Stammplatz vom Bruder Pfälzer und seinen Kumpanen.« Andreas folgte der Einladung. Als er sich auf einem der Holzschemel niederließ und die müden Glieder streckte, fühlte er sich außerordentlich behaglich. Das freundliche Entgegenkommen des Wirths hatte die Schatten zerstreut, welche infolge seiner Mittheilung von den Gefahren und Hemmnissen des Tunnelbaus in dem Herzen Andreas' aufgestiegen waren, und nachdem er sich am Wein und einem einfachen Abendbrode gelabt, bat er den Wirth, sich an seine Seite zu setzen und ihm über den Tunnelbau im Hauenstein etwas Näheres mitzutheilen. »Darüber ist nicht viel zu sagen,« lachte der gutmüthige Schweizer, »auch werdet Ihr es schon morgen durch eigene Anschauung erfahren.« Andreas ließ mit seinen Bitten nicht nach und so erzählte denn der »Meister Stümpfele« – wie der Wirth allenthalben hieß – folgendermaßen: »Wie ich Euch schon gesagt habe, ist der Hauensteinberg, durch dessen Inneres der neue Schienenweg führen soll, ein verteufelt heimtückischer Kamerad, mit einem Wasserreichthum, der alle Begriffe übersteigt. Trotzalledem hat man sich aber nicht zurückschrecken lassen und den Durchbruch von Süden und Norden her begonnen. In der ersteren Richtung, also bei dem Dorfe Trimbach, das dicht am Fuße des Hauensteins liegt, ist die Arbeit eine leichtere, weshalb man denn auch schon weiter als 5500 Fuß in den Berg hineingedrungen ist und den Tunnel bereits zum Theil ausgewölbt hat.« »Verzeiht, daß ich Euch unterbreche,« schalt Andreas neugierig ein, »was geschieht eigentlich mit dem ausgegrabenen Gestein und Schutt?« »Ei, davon ist der Wall für die Eisenbahn aufgeworfen worden, welcher in einem ziemlich jähen Gefäll zur Aare hinunter geht. Der gefährlichste Theil des Tunnels ist jedenfalls der nördliche, denn das Gewässer ist, wie schon gesagt, dort kaum zu bewältigen und herauszubringen. Der beste Beweis hierfür ist die Thatsache, daß der mittlere der drei Schächte, welche von der Berghöhe in den Tunnel etliche hundert Fuß tief gegraben worden sind, noch immer Wasser enthält, trotzdem er bereits eine Tiefe von 270 Fuß erreicht hat. Das Bergwasser dringt eben von oben beständig nach.« »Unter solchen Umständen und bei der gewaltigen Ausdehnung des Tunnels muß doch die Luft im Innern bisweilen äußerst schwül sein?« bemerkte Andreas. »Das will ich meinen,« bestätigte der Wirth, »und zwar der Art, daß die Mehrzahl der Arbeiter den Oberleib ganz entblößen muß.« »Können da nicht auch Erstickungsfälle vorkommen?« fragte Andreas nicht ohne Beben. »Kaum, denn beim ersten, 560 Fuß tiefen Schacht, arbeitet ein sogenannter Ventilator, der von dem aus dem Tunnel strömenden Wasser getrieben wird und frische Luft in die innere Tiefe pumpt.« »Und wo befindet sich dieser Schacht?« erkundigte sich Andreas weiter. »Er öffnet sich oben hinter unserm Dorfe in einem Kessel des Gebirgs,« gab der mittheilsame Wirth zur Antwort, »und ist volle zwölf Fuß breit. Uebrigens dient er nicht nur zur Erfrischung der Luft, sondern auch zur Herunterschaffung der Gewölbsteine und dergleichen Dinge.« Das Interesse von Andreas war mehr als rege geworden und so ließ er denn mit Fragen nicht ab, zumal das beängstigende Gefühl in seiner Brust wiederkehrte, sondern begann von Neuem: »Ein solcher breiter und tiefer Schacht kann aber auch, nach meiner Meinung, leicht einstürzen, wenn er nicht ausgemauert ist, was in diesem Falle ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte, besonders da man mit dem Tunnelbau bald fertig zu sein wünscht.« »Je nun,« entgegnete der Meister Stümpfele, die borstigen Brauen gewaltig in die Höhe ziehend und sich hinter den Ohren krauend, »ganz durchmauert ist der Schacht freilich nicht, sondern nur 140 Fuß tief; dann fängt in einer Ausdehnung von etwa 320 Fuß eine Bewandung von Bohlen und Sperrbalken an.« »Und wie ist's mit dem Ende des Schachtes?« »Mit dem Ende?« wiederholte lachend der Wirth. »Am untern Theile, also gegen den Tunnel zu, geht er 86 Fuß wieder durch Felsen.« »Aber wozu dies?« fragte Andreas kopfschüttelnd. »Ich sehe da keinerlei Zweck.« »Doch, Freundchen, doch, denn dort steht eine Schmiede, um das lädirte Werkzeug schnell wieder herzustellen, und außerdem befindet sich noch daselbst ein Raum, wo die Arbeiter rasten und ihre Kleider trocknen können.« »Und auf welche Art und Weise wird denn eigentlich der Durchbruch bewerkstelligt?« fragte der unermüdliche Andreas. »Das vermag ich Euch beim besten Willen nicht zu sagen,« lachte der Meister Stümpfele, »zudem kommt dort der Bruder Pfälzer, der Euch den besten Aufschluß geben kann. Hollah!« fügte er mit lauter Stimme und den rechten Arm erhebend hinzu, »hier ist der Andreas vom Dinkelberg! Hahaha, na, jetzt wird's fidel werden!« Nadler, der mit einer Anzahl von Kameraden eingetreten war, hatte kaum diesen Ruf vernommen, als er auch schon wie toll auf Andreas zustürzte, ihn umhalste und in seinem treuherzigen Dialekt »Grüß Gott, auf der Höhe!« zurief. Andreas hatte den Freund im ersten Augenblick nicht wieder erkannt, da er sich noch in seinen Arbeitskleidern befand, die nicht sehr zierlich waren und aus einem mit Wachstuch bedeckten Filzhute, einem dichten, bis auf die Kniee reichenden wollenen Hemde und hohen Wasserstiefeln bestand. »Ja, ja,« lachte der Bruder Pfälzer, »wir sehen nicht eben stadtmäßig aus in unserm Grubengewand, allein es ist sehr zweckmäßig, denn es schützt uns oben und unten gegen die Nässe, und die Stiefeln lassen auch den Koth nicht durch, in welchem wir oft stundenlang fußhoch zu stehen haben. Doch jetzt weg mit aller Schacht- und Tunneltrübsal, sind wir ja doch wieder einmal mit Gottes Hilfe dem tristen Gefängniß entronnen und befinden uns bei dem Meister Stümpfele, in dessen herrlichem Weinkeller ich, nebenbei gesagt, viel lieber arbeiten möchte. Da schaut her, Jungens,« wandte er sich zu den Kameraden, auf Andreas deutend, »hier steht mein lieber Freund vom Dinkelberge, der Andreas, der liebe, gute Kerle, an den ich nicht nur bei Tage, sondern auch bei Nacht gedacht habe, wo er mir im Traum erschienen ist, und zwar in einem ganz verwünschten Traume, der mir den Schweiß auf die Stirne trieb, und bald bewirkt hätte, daß ich gar nicht mehr zu dem verwünschten Tunnel gegangen wäre.« Andreas sah den Freund fragend an, doch dieser rief abwehrend: »Ein andermal, lieber Junge, sollst's schon noch erfahren, 's ist ja noch nicht aller Tage Abend, obwol man hier in Hauenstein sich auf nichts fest verlassen darf. Für jetzt aber weg mit allen Grillen und Aengsten und lustig den Wein geschlürft. Vorher aber will ich mich noch meiner amtlichen Uniform entledigen und civilisirte Kleider anziehen. Bleib nur ganz ruhig sitzen, Andreas, ich bin gleich wieder zurück, denn ich wohne hier beim Meister Stümpfele.« Damit tänzelte der lustige Pfälzer zur Thüre hinaus, was sich in seinem Anzüge besonders graziös ausnahm und die Lachlust sämmtlicher Gäste hervorrief. Es war ein fröhlicher Abend, den die Freunde mit einander verbrachten; um so ernster gestaltete sich dagegen der andere Tag, wo Andreas zum ersten Male in die gähnende Tiefe des Hauensteins hinabfuhr. Wir wissen, daß unser Freund das Herz auf dem rechten Fleck und persönlichen Muth hatte, dennoch beschlich ihn ein ängstliches Gefühl, als er im Bergesinnern arbeitete, und die sechs Stunden, welche er daselbst verbringen mußte, kamen ihm gleich einer Ewigkeit vor. Die einzige Stütze in seiner Trostlosigkeit war Nadler, welcher dicht neben ihm arbeitete und der, trotz der schaurigen Umgebung, seinen Humor nicht verloren hatte. »Nur immer lustig und guter Dinge,« rief er dem seufzenden Andreas zu, »so lange ich Dein Nachbar bin, brauchst Du Dich vor einem Einsturz des Berges nicht zu fürchten, denn weißt Du,« fügte er lachend hinzu, »Unkraut verdirbt nicht.« Der fröhliche Sinn des Pfälzers wirkte äußerst wohlthätig auf Andreas, wenn schon das bange Gefühl in seiner Brust verblieb. Um so freudiger jauchzte seine Seele auf, sobald die Ablösung herannahte und er aus dem Dunkel des Berges wieder zum Tageslicht emporstieg und seine Schritte dem kleinen Bauernhause zuwenden konnte, das auf dem höchsten Gipfel des Hauensteins stand und seine Fronte dem Gebirge zugekehrt hatte. Hier war das Zuhause unseres Freundes, und eine kleine Kammer, die er von dem Hauswirthe gemietet, seine Wohn- und Schlafstätte. Wol war der Raum äußerst beschränkt und das Mobiliar ungemein ärmlich, dennoch verweilte Andreas gern darin und verbrachte gar manche seiner Feierstunden an dem Fenster, von welchem aus er einen herrlichen Ueberblick in das Aarethal mit seinen Dörfchen und Städtchen, Burgen und Schlössern hatte. Vor Allem aber war es der Sonntag mit seiner Ruhe und seinem Frieden, der das ängstlich klopfende Herz Andreas' beruhigte, und wie konnte es auch anders sein, da er an diesem Tage dem Berggefängnisse fern bleiben und sich erlaben durfte an der freien, herrlichen Gottesluft. Jetzt erst fühlte unser Freund so recht die Wohlthat, ein Sonntagskleid anziehen zu können, da auch er während der Woche jene Grubenkleidung trug, in welcher ihm der lustige Pfälzer zuerst entgegen getreten war. Wenn dann Andreas seine Glieder durch ein Bad erfrischt und den Sonntagsstaat angelegt hatte, wenn die Sonne freundlich zu dem Fenster seines kleinen Kämmerchens herein schien und die liebliche Landschaft in ihr Lichtmeer tauchte, – dann bedurfte es für Andreas wahrlich nicht erst des festlichen Glockengeläutes, das von dem westlich gelegenen Pfarrdorfe Isenthal kam, denn in seinem Herzen war der Sonntag längst angebrochen und fromme Dankgefühle gegen Gott, der ihn während einer ganzen Woche so getreulich beschützt, durchströmten seine Brust. Es währte nicht lange, so klopfte es in der Regel dann an seine Thüre und der Bruder Pfälzer trat ein, um an der Seite des Freundes nach Isenthal in die Kirche zu gehen und Gottes Wort zu hören. Der kurze Spaziergang war ganz darnach angethan, das fromme Gemüth von Andreas noch mehr zu erheben; zwischen reichbewaldeten Berghalden blickte er in das Aarethal hinunter, durch dessen Mitte sich bereits der schwarze Schienenweg schlängelte, sich mehr und mehr dem finstern Tunnel nähernd, in dessen Bereich sich unser Freund so namenlos unglücklich fühlte. Am Sonntage aber gedachte er seiner nicht, sein treues, blaues Auge labte sich nur an der im Sonnenstrahl blitzenden Aare, an den grünen Hügeln und Bergen und der Pracht der Alpen, deren Gipfel noch in die Morgennebel getaucht waren, wenn Andreas der kleinen Kirche von Isenthal zuschritt, welche hoch oben am Berge stand. Wenn dann die Predigt vorüber war, gingen die Freunde wieder nach Hauenstein zurück; der fidele Pfälzer stattete dem Weinkeller des Meister Stümpfele einen kleinen Besuch ab, während Andreas in seiner Kammer den Tisch vor das Fenster rückte, Papier und Schreibzeug herbeibrachte und sich dann niedersetzte, um seiner guten, alten Mutter einen langen Brief des Trostes zu schreiben. Sie bedurfte dessen, denn sie war sehr besorgt um Andreas und vermochte gleichfalls des bangen Gefühls nicht Herr zu werden, das bald mehr, bald weniger ihre Brust beschlich. Und wenn der Brief geschrieben und das einfache Mittagsmahl verzehrt war, ging's von Neuem hinaus in die frische, freie Gottesnatur, auf diese oder jene nachbarliche Felsenhöhe, welche die Freunde gemeinsam erklommen, nach der Ruine Neu-Wartburg oder der Frohburg, um sich dann stundenlang auf dem Plateau niederzulassen und die Blicke zu weiden an der sich ausdehnenden Landschaft, deren östliches Ende von den Höhen des Bodensee's, deren südwestliches dagegen von jener des Montblanc gebildet wurde. Den Abend verbrachten die Freunde gleichfalls mitsammen, zumal sie sich mehr und mehr von ihren übrigen Arbeitsgenossen zurückzogen, deren Mehrzahl roh und ungesittet war und in wilden Gelagen den mühsam errungenen Wochenlohn am Sonntag verpraßte. Daß diese Leute keine besonders fleißigen Arbeiter waren, kann man sich denken, und somit fiel es Andreas und dem Bruder Pfälzer nicht schwer, sich in kürzester Zeit zu Aufsehern emporzuschwingen. Dies erregte jedoch den Neid der Andern und hatte namentlich Andreas darunter zu leiden, da sein frommes Gemüth dem rohen Sinne seiner Untergebenen mehrfach Veranlassung zu Spott und Hohn gab, wie wir gleich sehen werden. Als Andreas nämlich das erste Mal als Aufseher mit seiner Mannschaft in die finstere Tiefe ging, äußerte er zu den Arbeitern: »In jedem Bergwerk, Ihr Männer, befindet sich eine Kapelle. In diese treten, ehe sie zur Grube fahren, die Bergleute ein und rufen den Schutz Gottes an. Laßt uns diesem Beispiele folgen und sprechen wir, ehe wir an unsere Arbeit gehen, gleichfalls ein kurzes Gebet.« Ein höhnisches Gelächter bildete die Antwort und Andreas faltete allein die Hände. Gleich nachdem die Mannschaft ihren Arbeitsraum betreten hatte, ereigneten sich zwei Unglücksfälle; von dem Gewölbgerüst fiel ein Grundstein herab, welcher einem der Arbeiter den Arm und dem andern ein Bein zerschmetterte. Dieser schlimme Zufall trug insofern gute Früchte, als Andreas am nächsten Tage, wo er wiederum mit seinen Untergebenen an die Arbeit ging und die Hände faltete, nicht mehr verhöhnt wurde; zwar folgte nur ein kleiner Bruchtheil seinem Beispiele, doch blieben die Andern ruhig stehen und ihre Mienen zeigten einen tiefen Ernst. Als Andreas diesen schönen Erfolg sah, nahm er sich vor, auf die rohen Gemüther der Arbeiter immer mehr einzuwirken mit Hilfe des Talismans, den ihm die Mutter gegeben und welchen er beständig bei sich trug. Und Gott segnete seine edle Absicht und ließ ihn so manches verhärtete Gemüth retten, ehe eine Katastrophe eintrat, welche das nächste Kapitel behandeln wird. 6. »Herr, Vater, Gott! Sei Du mit mir!« (Gebet von Em. Geibel.)   Mit dem Bruder Pfälzer war seit den letzten Tagen eine eigenthümliche Veränderung vor sich gegangen; die sonst so schelmisch blickenden Augen zeigten eine Art von Melancholie und seine bisher so glatte Stirne Falten der Sorge und des Trübsinns. Dem treuen Freunde entging diese Umwandlung nicht und er bat, ihm doch das Herzeleid mitzutheilen. Allein Nadler gebrauchte allerlei Ausreden, ja, wollte sogar eine Veränderung in seinem äußern Wesen nicht wahr haben. Andreas ließ indessen nicht nach, sondern trieb den Freund in die Enge und so sagte endlich derselbe zu ihm: »Es ist heute der 27. Mai, der Tag, an welchem ich vor vierundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt habe. Ich bin sonst ein lustiger Kamerad und weiß, daß der liebe Herrgott mir meinen Frohsinn nicht übel nehmen wird, – stammt ja doch alle ehrbare Heiterkeit von ihm. An meinem Geburtstage jedoch halte ich immer ernste Zwiesprache mit meinem Herzen und denke über die Fehler nach, die ich mir im vergangenen Jahre zu schulden habe kommen lassen; ich gelobe dann stets dem Herrn, meine ganze moralische Kraft aufzubieten, ein immer besserer Mensch zu werden. Und somit darf ich mir auch heute gegen meinen Freund keine Lüge zu Schulden kommen lassen. Ja, lieber Andreas, Du hast Dich nicht getäuscht, meine Seele ist ernst gestimmt und ein eigenes banges Gefühl zieht durch meine Brust, denn ich habe vor wenigen Nächten denselben Traum wieder gehabt, dessen ich an jenem Abend gegen Dich erwähnte, als Du hier anlangtest.« Nadler schwieg, den Blick traurig auf den Boden geheftet, und Andreas fragte mit bebender Stimme: »Willst Du mir den Traum nicht mittheilen? Mag er auch noch so schwer und bang gewesen sein, ich bitte Dich, laß mich nicht im Unklaren.« »Nun gut, Andreas,« versetzte der Freund nach kurzem Besinnen, »Du sollst Alles wissen. Jetzt aber laß uns wieder an die Arbeit gehen und warten, bis der Feierabend naht.« Andreas nickte dem Bruder Pfälzer freundlich zu und wenige Minuten später hämmerten und schaufelten sie wieder in dem melancholischen Schachte ... Auf dem obersten Gipfel des Hauensteins erhebt sich die sogenannte Frohburg, und diese war das öftere Wanderziel der beiden Freunde, wenn sie nach schwerem Tageswerk hinaus pilgerten, um sich an der frischen Bergesluft zu stärken. Zu wiederholten Malen war es schon geschehen, daß Beide bis zur späten Nachtstunde auf der luftigen Höhe gesessen und ihre Augen gelabt hatten an dem prächtigen Landschaftsbilde, das im vollen Mondschein vor ihnen gelegen. Nach der Frohburg richteten sie auch heute ihre Schritte, trotzdem sie erst gegen neun Uhr dem dunkeln Schachte entstiegen waren; allein was der Bruder Pfälzer unserm Andreas mitzutheilen hatte, war derart, daß er es nur in Gottes freier Natur auszusprechen vermochte, umfächelt von dem Odem Gottes, der über die Gipfel der Berge weht. Ein wundersamer Maiabend lag über die Höhen und Thäler ausgebreitet, verklärt durch den bleichen Glanz des Mondes, der in voller Majestät darüber schwebte und die Spitzen des Pilatus und Rigi hell erleuchtete und näher zu rücken schien. Die beiden Freunde hatten auf einer der Gartenbänke der Frohburg Platz genommen, sich an dem Zauber der Mondscheinlandschaft labend und von den Bergesketten nach den Thälern blickend, wo die in ihrer Vollkraft strotzenden Bäume den überwundenen Winter neckten mit ihren tausenden von weißen Blüthen, so daß sie sich dem Auge des Beschauers wie ein Gletscher im Thale darstellten, – überzogen von dem ewigen Schnee, dem Bilde irdischer Vergänglichkeit. Rings umher herrschte heilige Stille; nur dann und wann ertönte mahnend ein fernes Dorfglöcklein, daß wieder eine Spanne Zeit zurückgelegt sei; aber leise und träumerisch klang der Ton herauf, wie im Schlafe gesprochen, als wäre er sich selbst nicht bewußt, daß er »ein wahres Wort zu seiner Zeit« der wachen Wirklichkeit verkündet. Das Silberlicht des Mondes brach sich in den Wellen der in dem Thale vorüberfluthenden Aare, aber auch auf den Kreuzen haftete es, die von dem Kirchhofe zu Trimbach herüber winkten. Und auf sie war wie festgebannt der Blick des Pfälzers gerichtet; wußte der sonst so fröhliche Geselle ja doch nur zu gut, daß an dem stillen Orte schon mehr als ein im Tunnel Verunglückter begraben lag und stand ja doch mit diesem mahnenden Zeichen der Erlösung aus dem irdischen Joche jener Traum in Verbindung, den er sich jetzt anschickte dem Freunde mitzutheilen. Er erzählte: »Ich befand mich erst wenige Tage im Hauensteiner Land, als ich des Nachts von einem Traumgebilde heimgesucht wurde, das seitdem nicht wieder aus meinem Gedächtnisse gewichen ist, das inmitten der hellsten Freude aufsteigt und bittere Wermutstropfen in mein Herz gießt. Vielleicht würde der eigentümliche Traum in meinem Gedächtniß verblaßt sein, hätte er sich nicht vor wenig' Nächten in auffallend ähnlicher Weise wiederholt. Ich habe gelobt, Dir Alles wahrheitsgemäß mitzutheilen und so magst Du denn Folgendes wissen. Mir träumte, daß ich, wie heute, von der Frohburg hinabschaute und der Mond am Firmament seine Silberbogen ausspannte. Meine Blicke waren aber weder auf ihn, noch auf das Bild der Landschaft gerichtet, das sich vor meinen Augen ausbreitete, sondern nach jenem stillen Acker, welcher das Liebste birgt, das der Mensch dem dunkeln Schoße der Erde zu übergeben gezwungen ist. Die Kreuze des Trimbacher Kirchhofs schimmerten, gleich wie heute, im Strahle des Mondlichts zu mir herüber, allein hinter ihnen tauchten weit größere auf, an denen frische Kränze hingen, und es war mir, als ob eines derselben immer höher wüchse und als ob es urplötzlich Deine Gestalt annähme und Du vor mir stündest in übermenschlicher Größe; und als ich Dich fragte, ob Du es auch wirklich seiest, beugtest Du bejahend das Haupt und sagtest: ›Wol bin ich es, mein Freund, aber nicht mehr ist meine Seele dem gebrechlichen Körper unterthan, sondern ich bin eine Lichtgestalt, die höher und höher schwebt, dem himmlischen Reiche zu, wo Gott seinen Thron aufgeschlagen hat und zu seiner Rechten Christus der Erlöser sitzt.‹ Ich schwieg eine Weile betroffen still, dann aber faßte ich mir ein Herz und fragte: ›Wie kommt es, Andreas, daß Du mich so plötzlich verlassen hast?‹ Und Du entgegnetest: ›Sieh' auf jene Kreuze, die da hinter dem Friedhofe aufgeschossen sind gleich Pilzen aus der Erde, und dann blicke nach dem dunkeln Berge, durch welchen der hochstrebende Mensch das Dampfroß führen will, und Du wirst bemerken, daß Gott sein Veto einlegte und alle Kreaturen vergehen ließ, die bei dem Werke behilflich gewesen. Zu meiner Linken und zu meiner Rechten, vor und hinter mir, schlafen die müden Kameraden den ewigen Schlaf und nur ich bin noch einmal erstanden, um Dir zu verkünden, daß der Mensch nicht hochmüthig sein soll, und daß Gott dafür sorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen.‹ Und nachdem Du dies gesagt, verschwandest Du, und ich sah nach jenen vielen Kreuzen, und gleich darauf erwachte ich. Seitdem vermag ich ein eigenthümliches banges Gefühl nicht zu unterdrücken, und es ist mir, als sollte ich wirklich erleben, was ich zweimal geträumt.« Der Erzähler schwieg still, allein auch Andreas that dasselbe. Seine Blicke waren vielsagend dem stillen Friedhofe zugewandt, dessen Kreuze mehr und mehr in das Dunkel der Nacht traten, da der Mond hinter einer der Bergketten zu verschwinden drohte. »Wir stehen Alle in Gottes Hand,« erklärte endlich Andreas mit fester Stimme, wenn schon sein Herz vernehmlich pochte. »Warum schickt er uns aber so eigenthümliche Träume?« gab der Pfälzer zu bedenken. Der Freund entgegnete nichts, und Nadler fuhr fort: »Ich habe das Gefühl, als sollten wir Beide morgen von der Arbeit fern bleiben. Es ist vielleicht die Folge eines leichten Unwohlseins, das sich meiner seit ein paar Tagen bemächtigt und dessen ich mich nicht erwehren kann; ich würde Dir daher unendlich dankbar sein, wenn Du mich morgen ein wenig pflegen wolltest, denn ich bin entschlossen, die nächsten Tage daheim zu bleiben.« »Ich will Dir offen gestehen,« ergriff jetzt Andreas das Wort, während seine Blicke sich verklärt jenem Aetherraume zuwandten, hinter welchem wir kurzsichtige Menschen den Himmel zu wähnen meinen, während es ja doch nur ein kleiner Raum des unendlichen Weltalls ist, »daß auch meine Brust unter einem bangen Gefühle leidet und es mir sehr häufig zu Muthe ist, als ob ich einem entsetzlichen Unglück entgegen ginge. Wenn ich aber jetzt in die stille Mondscheinlandschaft blicke, aus welcher Gottes Allgewalt und Güte so vernehmlich spricht, ruft eine innere Stimme mir zu: Gehe getrost den Weg, den der Herr Dich geleitet; er wird stets mit Dir sein, auch in dem finstern Bergesschacht. Und ist es sein Wille, daß Du am Leben bleibst, so wird es geschehen, wenn auch zehntausendmal die Bergesmassen auf Dich herniederstürzten; hat er aber jetzt schon Dich für sein himmlisches Reich erkohren, so wird er Dich zu finden wissen, möchtest Du an einem noch so sichern Orte weilen. Nimm meinen herzinnigen Dank für Deine treue Freundesliebe, denn nur aus dieser entsprang jener schwere Traum, und verüble es mir nicht, wenn ich morgen und die nächsten Tage nicht an Deiner Seite verweile – ist ja doch Dein Unwohlsein nur ein leichtes, das mit Gottes Hilfe schnell wieder vorübergehen wird. Allein die Zeit rückt vor und schon verkünden von nah und fern die Glocken die elfte Abendstunde. Laß uns somit für heute scheiden und möge es im Rathe des Höchsten beschlossen sein, daß wir demnächst in fröhlicherer Stimmung hier oben auf der Frohburg verweilen und in das Paradies blicken, das Gott geschaffen hat.« »Das walte Gott,« entgegnete der Bruder Pfälzer, tief aufseufzend. Dann schlang er den Arm um des Freundes Schulter und so schritten Beide nach dem tiefer gelegenen Hauenstein hinab. Als sie sich trennten, that der treue Freund, was er nie zuvor gethan: er küßte Andreas; und derselbe vermochte sich bei diesem Liebeszeichen eines leichten Schauers nicht zu erwehren; dennoch faßte er sich rasch, bot dem treuen Genossen eine herzliche gute Nacht und suchte seine stille Kammer auf. Die lauwarme Mainacht drang zu dem offenen Fenster herein, an welchem Andreas sich niederließ, um noch einmal in das vom Mondschein verklärte Landschaftsbild zu blicken. Endlich aber mußte er sich von ihm trennen und die Lagerstätte aufsuchen. Die Fensterflügel aber ließ er offen, denn es war ihm zu Muthe, als ob er die freie Gottesluft, die da ungehindert einströmte, nöthig habe. Er faltete die Hände und betete: »Herr, den ich tief im Herzen trage, sei Du mit mir. Du Gnadenhort in Glück und Plage, sei Du mit mir. Verlaß mich nicht in finst'rer Bergesnacht, Und in dem engen Schacht sei Du mit mir. O Du mein Trost, Du meine Stärke, mein Sonnenlicht Bis an das Ende meiner Tage, verlaß mich nicht!« Die Hände des so fromm bittendes Andreas blieben gefaltet, selbst nachdem der süße erquickende Schlaf seine müden Augenlieder geschlossen; allein der verklärende Strahl des Mondes haftete auf ihm, wie auf der Landschaft draußen, hatte ja doch Beide Gott, der Herr, zu seinem Ruhme erschaffen. Kaum dämmerte der Morgen des 28. Mai, als sich auch schon Andreas von seinem Lager erhob. Er brauchte zwar erst um zehn Uhr an der Einfahrt des südlichen Tunnels zu erscheinen, zu welcher Stunde die Ablösung der Arbeiter erfolgte, dennoch zog es ihn mit geradezu magischer Gewalt hinaus in's Freie, in die frische Gottesluft. »Ei, ei, schon so früh auf?« rief ihm sein Hauswirth zu, der gerade aus dem Stalle, wo er den Kühen ihr Futter vorgelegt hatte, zurückgekehrt und mit Andreas an der Hausthüre zusammengetroffen war. »Die Bäuerin ist noch nicht auf, und der Kaffee nicht fertig.« »Laßt Euer Weib ruhig schlafen,« entgegnete Andreas, »ich kann auch einmal ohne Morgentrank bestehen.« »Wo aber wollt Ihr hin?« fragte der Bauer verwundert. »Ich will, ehe ich in den Schacht einfahre, noch ein wenig in Gottes freier Natur umher streifen. Werde ich ja doch kaum heute die Sonne wieder schauen, da es heißt, daß wir den Tunnel erst gegen Abend verlassen werden.« »Na, dann versorgt Euch nur gehörig mit Proviant,« mahnte der Bauer. Andreas nickte ihm freundlich zu und schritt in den goldigen Morgen hinaus. Er hatte kaum ein paar hundert Schritt zurückgelegt, als er des Bruder Pfälzer ansichtig wurde, der in gestrecktem Lauf auf ihn zu kam. »Es ahnte mir, daß ich Dich nicht zu Hause treffen würde,« redete der Freund, dessen Gesichtszüge eine große Aufregung verkündeten, ihn an, »daher machte ich mich auch so zeitig auf den Weg.« »Und was ist Dir?« fragte Andreas. »Fühlst Du Dich unwohler oder ist sonst etwas geschehen? Ich bitte Dich, verhehle mir nichts.« »Nein, nein, noch ist Alles in Ordnung. Allein ich fürchte, daß im Laufe des heutigen Tags noch etwas da unten im Tunnel geschehen wird ; und dann, die ganze Nacht wurde ich von unsinnigen Träumen gequält, die alle Bezug auf Dich und den unglückseligen Schacht hatten. Höre daher auf meine warnende Stimme, folge meinem Beispiele und bleibe heute wenigstens der Arbeit fern.« »Du bist krank, Freund,« entgegnete Andreas, »das ersehe ich aus Deiner großen Aufregung; Deine Fantasie fiebert und zaubert Dir Bilder vor, die Dich erschrecken. Es bleibt dabei, ich fahre mit meinen Arbeitern Punkt zehn Uhr ein und Du kannst mich am Abend, wenn Du willst, am Ausgange erwarten.« Der Pfälzer ließ mit seinen Mahnungen und eindringlichen Reden nicht nach, dennoch vermochte er nichts auszurichten und schied dann endlich von Andreas mit großem Weh im Herzen. Unser Freund aber kletterte wohlgemuth Berg ab und Berg an, bis die Stunde erschien, mit deren Glockenschlage er dem freundlichen Sonnenlicht Lebewohl sagen mußte. Die Mannschaft hatte sich, mit Ausnahme Nadlers, vollständig eingefunden und alsbald hatte man den Eingang zum Tunnel erreicht. Andreas blieb vor demselben stehen, entblöste das Haupt und betete: »Der Herr behüte unsern Ein- und Ausgang und geleite uns wieder hervor aus der Erde. Das walte er in seiner reichen Gnade! Amen.« Es war nicht mehr die Minderzahl, die seinem frommen Beispiele folgte, und wahrhaft gestärkt begaben sich Alle an die Arbeit. Nur Andreas blieb noch zurück und sah prüfend den Schacht hinauf, welcher, wie wir wissen, oberhalb des Dorfes Hauenstein mündete. »Was ist denn das?« äußerte er zu ein paar vorübergehenden Schmieden. »Es riecht ja hier gewaltig nach Rauch.« »Natürlich,« lachte das Paar, »weil wir im Schachte Feuer angezündet haben, um den Luftzug im Tunnel zu befördern, dort ist es ja so dumpf, daß man schier ersticken kann.« »Ein Feuer?« wiederholte Andreas, unangenehm überrascht. »Wo habt ihr das angezündet?« »In einem eisernen Roste dort über dem hölzernen Gitter, das vor herabfallenden Steinen schützen soll.« »Wenn ich zu befehlen hätte,« versetzte Andreas, »so ließ ich auf der Stelle dieses Feuer löschen, da es ein schreckliches Unglück herbeiführen kann. Bedenkt doch nur, daß der Schacht etliche hundert Schuh lang mit Holzwänden bekleidet ist, die durch die Hitze und den Rauch Eurer Schmiedeesse so ausgetrocknet sind, daß ein einziger auffliegender Funke genügt, den ganzen Thurm in Flammen zu setzen; dann stellt Euch das furchtbare Unglück vor: mehr als hundert Arbeiter im Bergesinnern wären begraben unter dem herunterstürzenden brennenden Holzthurme und dem von seiner Gluth aufgelösten Mauerwerk.« »Du bist ein Narr,« rief der eine der Schmiede, »wie kann sich denn durch das Feuer die hölzerne Gewandung des Schlots entzünden, da es in einem eisernen Roste brennt? Außerdem ist es ganz unmöglich, daß ein auffliegender Funke die Holzwand erreicht, da diese erst achtzig Fuß oberhalb beginnt. Zudem wacht ein Arbeiter über das Feuer, welches unbedingt nöthig ist, da der Ventilator nicht mehr hinreichend frische Luft herein zu schaffen vermag. Seit wir, auf den Befehl des Oberwerkführers hin, das Feuer in dem Schacht unterhalten, hat sich die Luft merklich verbessert, folglich werdet Ihr auch hinten im Tunnel leichter athmen.« Andreas zuckte die Achseln, seufzte tief auf und entgegnete: »Möge Euer Feuer nur Keinen von uns kalt machen.« Die Schmiede lachten und Andreas suchte seinen Schacht auf. In dieser Abtheilung war der Tunnel nur zur Hälfte, das heißt tausend Fuß weit gewölbt, der andere Theil dagegen durch Holzgerüste gestützt. Ganz am Ende des Durchbruchs befand sich Andreas mit seinen Leuten an der Arbeit, die bis zur Mittagszeit ungestört ihren Fortgang nahm. 7. Und sie fuhren in den Abgrund. (Ps. 107, 26.)   Obgleich der Bruder Pfälzer bei seinem Werkführer sich krank gemeldet hatte, vermochte er dennoch nicht in seinem Zimmer zu bleiben. Ohne Aufhören dachte er an Andreas, und eine unsichtbare Macht zog ihn nach dem von grünen Hügeln umgebenen Bergkessel hin, in welchen der in die Tiefe führende Schacht mündete. Da es indessen nicht gut anging, daß Freund Nadler als Patient sich daselbst sehen ließ, so begab er sich zu den Wirthsleuten von Andreas, von deren Häuschen aus man genau den Schacht sehen konnte. Der treuherzige Pfälzer hatte den Bauersleuten seine Besorgniß wegen Andreas mitgetheilt und von ihnen die Einladung erhalten, während des ganzen Tages in dem kleinen untern Wohnstübchen zu bleiben; außerdem gab sich der freundliche Hausherr alle Mühe, seinen aufgeregten Besuch zu zerstreuen, zu welchem Zwecke er nach eingenommenem Mittagsessen zu ihm sagte: »Jetzt müßt Ihr einmal mit nach meinem Stalle kommen und meine Kühe sehen. Ich sage Euch, das sind wahre Prachtexemplare, und Ihr könnt weit und breit umherlaufen, ehe ihr solches Vieh findet.« Nadler folgte dem freundlichen Bauersmann und war mit demselben eben erst in den Stall getreten, als die Hausfrau daher gerannt kam und Beiden zurief: »Kommt doch schnell einmal mit vor die Thüre. Vielleicht täusche ich mich, allein es ist mir, als ob aus dem hölzernen Schlot des Schachts ungewöhnlich viel Rauch aufstiege.« Der Pfälzer erblaßte und mußte sich an einem Pfosten des Viehstalles halten; doch faßte er sich rasch wieder und eilte mit den Bauersleuten vor das Haus. Die Frau hatte leider nur zu wahr gesprochen, denn aus allen Fugen und Ritzen des Schlots drangen dichte Rauchwolken hervor. »Barmherziger Gott!« rief Nadler, die Hände zusammenschlagend, aus. »Dieser Qualm kann unmöglich von dem Schmiedeschornsteine herrühren! Horcht nur, wie's im Schachte drinnen knistert!« In demselben Augenblick schlug eine flammende Feuersäule zischend aus dem Schachte empor, den hölzernen Schlot gierig verzehrend. »Gnädiger Gott!« schrieen die Bauersleute, »der Hauenstein brennt! Helfet, – löschet!« Mit diesem Angstgeschrei stürzten sie nach den Nachbarhäusern hin, in deren Thüren bereits die Bewohner erschienen. Nadler blieb jedoch wie festgebannt stehen, unverwandt nach der Feuersäule starrend, welche jetzt angebrannte Bretter wie Spielkarten in die Höhe schleuderte. Der Schacht schien in der That zu einem feuerspeienden Berge geworden zu sein, – ringsum regnete und prasselte es von Steinen, Felsstücken und lodernden Balken. Und über dem riesigen Flammenstrahl stieg und wirbelte eine endlose Rauchsäule gen Himmel, welche Meilen weit bemerkt wurde. Wer weiß, wie lange Nadler noch rath- und thatlos da gestanden wäre, hätten ihn nicht einige Arbeiter, welche eben von ihren Höfen herkamen, um an ihr Geschäft zu gehen, aus seinem Banne erlöst, indem sie ihm zuriefen: »Schnell, den Hauenstein hinunter, zum Eingang des Tunnels!« Sofort schloß sich der Pfälzer den Leuten an, nur von dem einen Gedanken beseelt, den im Tunnel weilenden Andreas zu retten. Sie waren indessen nicht die Ersten, welche vor dem Eingange anlangten, vielmehr herrschte dort ein wildes Durcheinander, ein Hin- und Hereilen, Fragen, Rathen und Befehlen, und dazwischen der stete Jammerruf: »Helfet! Um Christi Barmherzigkeit willen, helfet!« Nur zu bald stellte es sich heraus, daß von hundertundzwanzig Arbeitern, die sich im Tunnel befunden, etliche sechzig zwar dem dumpfen Grabe entsprungen, zweiundfünfzig dagegen hinter den glühenden Trümmern des herabgestürzten Holzthurms und Schutts so gut wie begraben waren. »Mein Gott!« jammerten einzelne der herbeigeeilten Arbeiter, welche unter den im Schachte Verschütteten Verwandte hatten, »wie konnte dies Unglück nur geschehen?« Die Antwort auf diese Frage blieb eine Weile aus, bis endlich jene beiden Schmiede anlangten, mit denen Andreas am Vormittag gesprochen. In wilder Hast und namenloser Aufregung berichteten sie: »Es ging Alles ganz gut und der Luftzug im Schachte wurde in Folge des im Roste angezündeten Feuers immer frischer und kühler. Da rief plötzlich kurz nach zwölf Uhr der Heizer in unsere Schmiede hinunter: ›Es brennt im Schacht!‹ Wir warfen sogleich die Hämmer weg, eilten hinaus, lugten in den Schacht hinauf und sahen ihn in hellen Flammen. In wenigen Augenblicken riefen wir in den Tunnel hinein: rettet Euch! und einem Handlanger ertheilten wir den Befehl, sofort nach Nro. 18 und 19, also der hintersten Abtheilung des Tunnels zu stürzen und den Arbeitern dort zuzurufen, daß der Schacht brenne und sie sich retten sollten. Der Bursche that denn auch, wie ihm geheißen worden war, sah sich aber verhöhnt und verlacht. In Nro. 19 aßen eben vier Arbeiter ihr Mittagsbrod und sie sowol als noch ein Fünfter, der bei der Arbeit war, ließen sich nicht stören und entgegneten äußerst ruhig: es sei nicht der erste April. Nur einige Wenige folgten dem mahnenden Rufe, zumal das Feuer erst von Nro. 15 aus zu sehen war. Wenige Minuten später stürzten aus dem brennenden Schachte bereits glühende Balken und Steine in die Tiefe. Verschiedene Arbeiter wichen verzagt vor diesem Feuerregen zurück, bis sie endlich, durch die dem Feuer entronnenen Kameraden ermuthigt, den Sprung wagten und auch glücklich entkamen.« »Wie war es aber nur möglich, daß die in der hintersten Abtheilung Arbeitenden dem mahnenden Ruf des Handlangers nicht Glauben schenkten?« erklang es jetzt aus der versammelten Menge. »Das will ich Euch sagen,« entgegnete ein ältlicher Mann, der unter dem Kommando von Andreas gestanden und sich noch rechtzeitig geflüchtet hatte. »Verschiedene von unserer Mannschaft hatten am Morgen ein Gespräch mit angehört, das unser Aufseher, der Andreas, mit den zwei Schmieden geführt. Das im Schachte angezündete Feuer fand seinen Beifall nicht und er sprach die Befürchtung aus, daß die Holzgewandung sehr leicht in Feuer aufgehen könne, was denn leider auch geschehen ist. Allein die Schmiede lachten ihn aus. Als nun der Handlanger mit dem Rufe: ›Rettet, rettet Euch!‹ in unsere Abtheilung stürzte, glaubte die Mehrzahl, daß es ein Schabernack sei, den Andreas mit dem Handlanger insgeheim verabredet.« »Ach Gott, ja,« ließ sich jetzt die klagende Stimme des betreffenden Handlangers vernehmen, »sie wollten es mir nicht glauben und auch dem Andreas nicht, der Alle beschwor, doch so schnell als möglich zu entfliehen. Ach, Du mein Himmel, der gute Mensch ist nicht da; er hat mich vorausgeschickt und ist selber noch tiefer in den Tunnel hineingesprungen, um die Andern zur Flucht anzutreiben und Keinen zurückzulassen.« Am Ausgange des Tunnels befand sich eine Anzahl von Arbeiterwohnungen; aus allen diesen kleinen Häusern stürzten Männer, Frauen und Kinder und alle suchten in den Reihen der dem Tode Entsprungenen die Ihrigen. Namen wurden gerufen und in verzweifelnder Angst gefragt: »Ist mein Vater da? ... Habt Ihr meinen Sohn gesehen? ... O Gott, mein Bruder wird sich doch wol gerettet haben!« Und während hier ein freudiger Aufschrei ertönte, brach dort ein lautes Jammern aus, das den im Bergesinnern verschütteten Angehörigen galt. Allein nicht lange verharrte man in müßigem Jammer; bald brach der Ruf: »Auf, auf! Zur Rettung der Brüder!« sich Bahn und Alles stürzte, mit dem nöthigen Handwerkszeug versehen, in den Tunnel hinein, den Rauch und Qualm nicht achtend, da es galt, den brennenden Trümmerwall zu durchbrechen und den armen Kameraden ein Thor zu öffnen. Allein die Mißgunst der Verhältnisse war stärker als der Wille; nur zu bald sahen sich, infolge des überhand nehmenden Rauches, die Arbeiter genöthigt, den Tunnel wieder zu verlassen und frische Luft zu schöpfen. Allein sobald sie sich erholt, eilten sie von Neuem hinein, Andere abzulösen und die Arbeit fortzusetzen. So ward mit Aufbietung aller Kräfte bis Abends acht Uhr, wo man bereits acht Fuß vorgedrungen war, ohne Aufhören gegraben und geschaufelt, und man gab sich umsomehr der Hoffnung hin, noch im Laufe der Nacht den Wall zu durchbrechen und die Eingeschlossenen zu erlösen, da es mehr als wahrscheinlich war, daß die Letztern sich gleichfalls heraus zu arbeiten suchen würden. Inzwischen waren durch die weithin sichtbare Feuer- und Rauchsäule eine Menge Leute aus den umliegenden Ortschaften zur Brandstätte geeilt, und zwar in der redlichen Absicht, dem Unglücke kräftig entgegen zu steuern, wie die mitgebrachten Feuerspritzen und andere Geräthe bewiesen. Der entsetzliche Brand hätte leicht die zunächst stehenden Häuser und somit das ganze Dorf Hauenstein ergreifen können, weshalb es denn die zur Hilfe Herbeigeeilten zunächst für geboten erachteten, die von der Feuersgefahr bedrohten Hütten zu schützen. Erst nachdem dies geschehen, begann man zu berathen, auf welche Weise das im Schachte noch immer wüthende Feuer zu dämmen sei. Einige schlugen vor, den Schacht oben luftdicht zu verschließen, damit das Feuer ersticke; Andere meinten jedoch, daß durch diese Maßregel den Eingeschlossenen die zum Athmen nothwendige Luft entzogen werde. Andere wiederum riethen, das Feuer austoben zu lassen, zumal die auflodernden Flammen im Tunnel einen frischen Luftzug erzeugen würden. Die Mehrzahl aber huldigte der Ansicht, das Feuer durch Wasser zu löschen, und obgleich Viele auf die Gefahr aufmerksam machten, daß dadurch im Tunnel ein erstickender Dampf erzeugt werde, der den Verschütteten unbedingt gefährlich und jenen im Tunnel emsig an dem Rettungswerk thätigen Arbeitern hinderlich werden müsse, so wurde der Schacht dennoch bis auf eine Oeffnung von etwa zwei Fuß gedeckt. In unmittelbarer Nähe befand sich ein Teich, von welchem aus nach dem Schachte die Rettungsmannschaft eine Kette bildete und sich gegenseitig die Eimer reichte, bis der Teich in den Schacht geleert war. Die Widersinnigkeit dieses Verfahrens sah von den Betreffenden Niemand ein, weshalb man denn auch die ganze Nacht bis zum Freitag Mittag fortfuhr, den brennenden Schacht unter Wasser zu setzen. Aber nur zu bald zeigten sich die traurigen Folgen. Bis gegen zehn Uhr am Donnerstag Abend hatten die Arbeiter am Tunneleingang rüstig fortarbeiten können. Jetzt aber entwickelte sich Stickluft und die Arbeiter sanken betäubt zu Boden. Trotzalledem ließen sie jedoch in der Rettungsarbeit nicht nach, sondern zeigten vielmehr einen Heldenmuth, wie er sich während einer Schlacht nicht tapferer und schöner bewähren kann. Sie setzten das eigene Leben ein, um Andern das Leben zu retten und brachten sich lieber selbst zum Opfer. Wir brauchen nicht erst hinzuzufügen, daß in dieser todesmuthigen Reihe der Bruder Pfälzer einer der Ersten war; sein Leben galt ihm nichts mehr, seitdem jenes des Freundes in so namenloser Gefahr schwebte. Am Freitag Morgen hatte die Stickluft derart zugenommen, daß die im Tunnel angezündeten Lichter kaum noch brennen wollten, und in dem finstern gewölbten Gange lagen schon in Menge die Arbeiter betäubt und mit dem Erstickungstode kämpfend am Boden. Wol wurden sie aufgenommen und in die frische Gottesluft gebracht, allein so Mancher athmete, noch ehe er das goldene Tageslicht erblickte, seine Seele aus. Bald lag eine große Anzahl dieser todesmuthigen Brüder bewußtlos und sterbend vor dem Eingange des Tunnels. Mit blutendem Herzen mußte auch Nadler von dem ferneren Weiterarbeiten im Tunnel abstehen, denn die vergifteten Dünste verbreiteten und verstärkten sich immer mehr. Nach längerem Hin- und Hersinnen entschloß er sich, nach Dossenbach zu eilen und in schonendster Weise der armen alten Mutter seines verunglückten Freundes die traurige Kunde mitzutheilen. Er wußte, daß er im Sinne des verschütteten Andreas handelte, welcher seine Mutter über Alles geliebt hatte. Während der Bruder Pfälzer seine Wanderung antrat und von Zeit zu Zeit sich immer wieder nach dem Hauenstein umwandte, dessen finsterer Schlund den armen Andreas und seine Kameraden verschlungen, – stellte man am Ort des Unglücks allerlei Versuche an, den Pesthauch des Tunnels zu verdrängen und gesunde Luft hinein zu bringen. Vermittelst großer Feuerspritzen wurde Salzwasser in den Tunnel getrieben, allein die giftigen Dünste rührten sich nicht von der Stelle und die Spritzenmannschaft wurde ohnmächtig. Nunmehr zündete man große Strohfeuer an, sodann nahm man zu breiten Segeln, die auf Wagen schnell vor- und rückwärts bewegt wurden, seine Zuflucht, – allein alle diese Hilfsmittel erwiesen sich als nutzlos, und es blieb zuletzt nichts übrig, als Röhren in den Tunnel zu legen und mit Luftpumpen die giftigen Dünste zu verdrängen. Rasche, schleunige Hilfe that noth und jede Stunde war kostbar, daher wurde denn auch fern und nah, in Luzern, Basel, Zürich und Aarau Tag und Nacht an den Röhren gearbeitet. Am Montag früh ging bereits die Röhrenleitung 2200 Fuß in den Tunnel hinein und am Eingang arbeitete der Ventilator, getrieben von dem aus dem Tunnel strömenden Bache, welcher sich durch den Schuttkegel inzwischen Bahn gebrochen hatte. Und in der That verbesserte sich, je weiter die Röhren vorgeschoben wurden, immer mehr und mehr die Luft. Von der entsetzlichen Erwartung, die sich auf dem Antlitz Derer malte, die theure Angehörige unter den im Tunnel Verschütteten hatten, wollen wir lieber schweigen, zumal der weitere Verlauf der traurigen Katastrophe noch genug der trübsten Bilder bietet. Nur eines Geschwisterpaars sei Erwähnung gethan, das stundenlang vor dem Tunnel auf einem Steine saß und wartete, ob der Bruder, von dessen Erstickungstode sie fest überzeugt waren, alsbald gefunden werde. Und als endlich am zweiten Juni seine Leiche mit noch drei Andern aus dem Tunnel herausgetragen wurde, führte das Geschwisterpaar, sich fest umschlungen haltend und heiße, bittere Thränen vergießend, in einer wahrhaft heiligen Stille den todten Bruder auf den Gottesacker ihres Dorfes. An demselben Vormittag erreichte die Röhrenleitung 3000 Fuß und Nachmittags endlich den Schuttkegel. Mit voller Kraft ging man an den Durchbruch desselben, obschon die Arbeit ebenso mühsam als gefahrvoll war, denn es galt einen acht Fuß hohen und vier Fuß breiten Stollen zu öffnen. Mit todesmuthigem Trotze gruben sich die Arbeitenden durch glühenden Schutt und verkohlte Balken hindurch und ein freudiger Aufschrei ertönte, als man am nächstfolgenden Morgen einen offenen Raum vor sich sah. »Gott sei gelobt!« klang es einmüthig von den Lippen der Arbeiter. »Der Wall ist durchbrochen und Hilfe und Rettung für unsere armen Verschütteten nahe. Rufen wir ihnen zu, geben wir ihnen ein Zeichen mit unsern Signalhörnern.« Es geschah; allein keine Antwort erfolgte, und in dem finstern Gefängnisse blieb Alles todtenstill, nur Verwesungsdünste stiegen auf. Die Röhren wurden weiter vorgeschoben, wobei es sich zeigte, daß man zu früh gejubelt hatte und der Schuttkegel noch nicht durchbrochen war. Der offene Raum, in den man gesehen, wurde durch heruntergestürzte Balken, die sich gegenseitig feststemmten, gebildet, und jenseits desselben mußte weiter gegraben werden. Am Abend des vierten Juni, also sieben Tage nach dem Einsturz, war endlich das schwere Ziel erreicht und der Durchbrach vollendet. In treuer, anstrengender Arbeit hatte die Rettungsmannschaft Tag und Nacht in dem Tunnel verbracht, dennoch kam ihre Hilfe zu spät und der Tod feierte einen glänzenden Sieg. Bis Freitag Mittag hatte man bereits einunddreißig Leichen aufgefunden. 8. Der Herr tödtet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus. (Sam. 2, 6.)   Der Telegraph war schneller gewesen, als der Bruder Pfälzer, und hatte die Kunde des außerordentlichen Unglücks bereits in die weitesten Fernen gebracht. Somit langte sie auch in Dossenbach früher an, als unser Freund Nadler. Ruppert hatte von der Hiobsbotschaft im Wirthshause Kenntniß erhalten, woselbst einer der Gäste das mit der Zeitung angelangte Telegramm laut vorlas. Dem Bruder Leichtsinn war gerade an diesem Tage das Glück insofern günstig gewesen, als einer der Bauernburschen ihm einen Sechsbätzner geliehen und dadurch die Mittel an die Hand gegeben hatte, sich einen vergnügten Abend zu verschaffen. Ruppert ließ es denn auch nicht fehlen, seine durstige Kehle mit dem Markgräfler zu benetzen, nach dem er sich so lange vergebens gesehnt. Die Wirkung blieb nicht aus und bald begannen die Weingeister in dem Kopfe des unverbesserlichen Burschen zu spuken. Er wurde fidel, sehr fidel sogar; er wurde ausgelassen und stieß in seinem Taumel laute Jauchzer aus ... da vernahm er das Telegramm, da brauste es in seinen Ohren: daß zweiundfünfzig Arbeiter im Hauensteintunnel verschüttet worden seien und man nur wenig Hoffnung habe, sie retten zu können. Der leichtsinnige Gesell saß eine geraume Weile wie versteinert da; die Augen stierten vor sich hin, die Nasennüstern waren weit geöffnet, der Mund halb offen und die Arme hingen schlaff herab. Die grauenvolle Kunde hatte wie ein Donnerschlag auf Ruppert gewirkt. Noch eine Minute zuvor war er glücklich in dem Gedanken gewesen, daß er die Moralpredigt von Andreas nicht zu fürchten brauche; und nun auf einmal erbebte sein Herz unter der bangen Frage: befindet sich Dein Bruder unter den Verschütteten oder nicht? Was alle Ermahnungen und Schläge des Schicksals nicht vermocht, war dieser urplötzlichen Hiobsbotschaft gelungen: in Ruppert's Brust begann sich die Reue zu regen und bittere Vorwürfe stürmten auf ihn ein. Andreas stieg im Geiste vor ihm auf und seine treuen, blauen Augen sahen ihn wehmüthig und schmerzlich an, als ob sie sagen wollten: »Jetzt bist Du vor Deinem Bruder auf alle ewigen Zeiten sicher und wirst keine Moralpredigt mehr von ihm zu hören bekommen. Du kannst nun thun, was Dir beliebt, er wird Dir nicht mehr hindernd in den Weg treten, denn er schläft den tiefen Schlaf, bei welchem kein Erwachen ist, im schaurigen Bergesinnern. Also trinke, Ruppert, und sei lustig und guter Dinge!« Die schlaff herabhängenden Hände Ruppert's ballten sich jetzt, er biß die Lippen fest zusammen, und unter den drohenden Stirnfalten ließ er zwei Augen sehen, welche eine entsetzliche Verzweiflung verkündeten. Die Gäste schielten nach ihm hin und einer der Bauern trat zu ihm heran und sagte: »Na, Ruppert, wahrscheinlich geht nun für Dich die gute Zeit an, da man mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, daß Dein Bruder Andreas, der ja stets dort war, wo gearbeitet wurde, sich unter den im Hauenstein Verschütteten befindet.« »Haltet um Gotteswillen ein!« schrie Ruppert auf und seine Augen rollten wild umher, »oder ich werde rasend!« Der Bauer fuhr bei diesem Anblick erschrocken zurück und alle Gäste thaten dasselbe. Ruppert war aufgesprungen und zog den Geldbeutel heraus, um seine Zeche zu bezahlen. »Du kannst's ja bis zum nächsten Male lassen,« äußerte der Wirth zu ihm, der sich gleichfalls hinter der Einschenke sicherer fühlte, als in des erregten Burschen Nähe. »Nein,« entgegnete Ruppert entschieden, »Ihr werdet mich nie wieder als Gast bei Euch sehen.« »Ei, und warum denn nicht?« fragte der Wirth verwundert, »was habe ich Dir denn gethan?« Ruppert wollte antworten, allein der Schmerz, den er um seinen verunglückten Bruder empfand, stieg ihm bis in die Kehle. Er warf den Sechsbätzner auf den Tisch und eilte zur Thüre hinaus. Der Mond stand voll und klar am Himmel und hauchte ringsum die Landschaft mit seinem Silberlicht an. Ruppert ließ das Dorf hinter sich und hatte bald jenen Hügel des Dinkelbergs erreicht, von welchem aus Andreas vorzugsweise so gern in das Land geschaut. Der reuige Bruder erinnerte sich jenes Sonntagnachmittags, wo der Verunglückte dort gesessen und freundliche Worte der Ermahnung an ihn gerichtet hatte. Noch lag der ganze Frühlingsschmelz über der Natur ausgebreitet, genau so, wie damals; aber das Lieblingsplätzchen des armen Andreas war leer und umsonst fächelte der leise Nachtwind Kühlung zu. Der dieser wundersam erfrischenden Gottesluft jetzt so sehr bedürftig war, verweilte in dem düstern Bergesschacht und rang vielleicht in dem nämlichen Augenblick mit dem Erstickungstod. Dies Alles und noch weit mehr fühlte Ruppert, als er auf dem Hügel des Dinkelbergs stand; seine Brust wogte, er raufte sich das Haar und stürzte mit dem Schmerzensrufe: »O mein Gott, schenke mir meinen Bruder wieder – habe ich doch bis heute nicht gewußt, daß ich ihn so unendlich liebe!« auf die Kniee. Die Thränen brachen aus seinen Augen hervor, ohne jedoch das Weh des Herzens zu lindern, und als er der Mutter gedachte, deren ganzes Glück der treusorgende Andreas war, bemächtigte sich seiner von Neuem die Verzweiflung. Ruppert verbrachte einen großen Theil der Nacht in der stillen Einsamkeit des Dinkelbergs, denn er fürchtete sich vor dem Momente, wo die Mutter aus seinem Munde die schreckliche Hiobsbotschaft vernehmen würde. Als der Morgen dämmerte, schlich er vor das Häuschen, ohne indessen den Muth zu haben, die Thüre zu öffnen. Er stürmte wieder hinaus vor das Dorf und die Sonne leuchtete bereits am Himmel, als er zum zweiten Male nach der Hütte zurückkehrte, um endlich die Mutter von dem Vorgefallenen in Kenntniß zusetzen. Schon hatte er die Hausthüre geöffnet und schon stand sein Fuß auf der schmalen Flur, allein wie von Furien getrieben flüchtete er abermals stillen Winkeln zu, wo er vor jedweder Begegnung mit irgend einem Menschen sicher war. Die kleine Glocke des Dorfkirchthurms begann ihr Mittagsgeläute und Ruppert wußte, daß um diese Zeit die Mutter sich regelmäßig nach dem Gotteshause begab, um dort in der Stille niederzuknieen und für das Wohl ihres Andreas zu beten. »Das ist der günstigste Augenblick, nach Hause zurückzukehren,« murmelte Ruppert vor sich hin, »es wird mir viel leichter werden, wenn ich sie daheim erwarten kann, und einmal ... einmal ... muß es ja doch sein!« Er führte seinen Entschluß rasch aus. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er beim Oeffnen der Stubenthüre die Mutter weinend und die Hände ringend in dem kleinen Gemache auf- und abgehen sah, während ein fremder Mann sich vergebens bemühte, sie zu trösten. »Ruppert!« rief die arme alte Frau mit vor Schmerz halberstickter Stimme aus. »Wir haben unsern Andreas verloren!« »Ich weiß es,« entgegnete der Sohn und große Tropfen rannen über seine Wangen. Die Mutter blickte ihn erstaunt an und sagte: »Du weinst?« »Und warum nicht?« gab Ruppert fragend zurück. »Ich bin nicht mehr der leichtsinnige Bursche, der Dir und – – o Gott, Gott, ich vermag seinen Namen nicht auszusprechen, – der Schmerz um ihn ist ja zu groß.« Ein neuer Thränenstrom entquoll seinen Augen, dann fuhr er fort: »Nein, Mutter, ich bin nicht mehr jener Elende, der den Seinigen nur Sorgen und Kummer verursacht. Eine einzige Viertelstunde genügte, aus mir einen ganz andern Menschen zu machen, und doch, doch fühle ich mich so namenlos elend, doch muß ich verzweifeln, da ich der Mörder meines Bruders bin!« Mit diesem Ausrufe sank er vor der alten Frau auf die Kniee, mit seinen Händen die ihrigen erfassend und seine heiße Stirne gegen sie pressend. Die wilde Verzweiflung Ruppert's brachte den Schmerz der Mutter zu einer Art von Stillstand; sie gedachte so mancher Nächte, wo der Schlaf ihre Augen geflohen und sie wiederholt Gott gebeten hatte, den leichtsinnigen Sohn auf den rechten Weg zurückzuführen. Und siehe da, endlich hatte der himmlische Vater ihr inniges Gebet doch erhört, aber mit Hilfe eines für sie entsetzlichen Verlustes. Und als sie desselben gedachte, bemächtigte sich auch ihrer von Neuem der Schmerz und eine geraume Weile vernahm man in dem kleinen Stübchen nur Schluchzen und Töne des Jammers. Der ehrliche Nadler, dessen Herz, wie wir wissen, auch in treuer Liebe für Andreas erglühte, konnte gleichfalls nicht Trost zusprechen; wie hätte er das auch vermocht, da er des Zuspruchs selbst bedürftig war? Endlich erklangen von den Lippen der alten Resi die Worte: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Amen!« Und verklärt blickte die fromme alte Frau zum Himmel empor, wenn schon ihr Herz unter der Wucht des Schmerzes erbebte. Eine derartige Ergebung in den Willen des Höchsten war Ruppert fremd und entsetzt blickte er die Mutter an. »Wie kannst Du so reden!« rief er ihr keuchend zu. »Noch wissen wir ja nicht bestimmt, ob Andreas sich unter den Verunglückten befindet.« »Ich weiß es,« entgegnete, die Hände noch immer über der Brust gefaltet, leise die alte Frau. »Der Freund unseres armen Andreas hat mir die Kunde überbracht.« Der Athem Ruppert's ward immer keuchender, seine Augen schienen die Höhlen verlassen zu wollen, und unter Aechzen entwand sich ihm die bange, an den Pfälzer gerichtete Frage: »Ist – das – wahr?« Nadler neigte stumm das Haupt. »Nun denn, so fahre Gottes Blitz auf mich nieder,« schrie Ruppert, zu Boden sinkend, »denn ich bin ein neuer Kain, der seinen Bruder gemordet hat.« »Versündige Dich nicht an dem Herrn,« flehte die Mutter, »und bürde Dir nicht unnütz eine entsetzliche Sünde auf.« »Wie?!« rief Ruppert in wilder Aufregung, »trage ich etwa keine Schuld an dem Tode meines armen, armen Bruders? War es nicht mein Leichtsinn, der ihn forttrieb aus der Heimath, jenem Teufelsberge zu, der sein fürchterliches Grab wurde? Jubelte ich etwa nicht, als er ging? Mußte Gott nicht seinen Zorn auf mich herabschleudern, und mußte er nicht zu dem Aeußersten greifen, um mein leichtsinniges Herz in seinen innersten Tiefen erbeben zu machen? Nein, nein, ich habe meinen Bruder gemordet und die einzige Gnade wird für mich darin bestehen, daß der himmlische Rächer mich alsbald den Tod finden läßt.« »Und Eure arme, alte Mutter?« äußerte jetzt Nadler vorwurfsvoll. »Hat sie nicht schon genug des Kummers ausgestanden? Soll sie in ihren alten Tagen auch noch der letzten Stütze beraubt werden und der Barmherzigkeit der Menschen preisgegeben sein?« Diese Worte leuchteten Ruppert ein, und zum ersten Male nach vielen Jahren schlang er in zärtlicher Sohnesliebe die Arme um den Hals der Greisin, drückte sie fest an sein Herz und sagte mit einer Zärtlichkeit, die man bisher bei ihm vergebens gesucht: »Gott ist gerecht, aber auch barmherzig. Er wird mich Dir leben lassen, gute treue Mutter, und ich werde von früh bis spät arbeiten, nur um Dir Dein Alter so leicht wie möglich zu machen. Wenn er aber dereinst Dich von hier abruft und Dich mit unserm Andreas in seinem himmlischen Reich wieder zusammenführt, dann werdet Ihr vereint bitten, daß er den Fluch von meinem Haupte nimmt und mich gleichfalls zu einem seligen Engel macht. O Gott, Gott, wenn doch dieser Augenblick schon erschienen wäre!« Dieses sehnsüchtige Gefühl seines Herzens führte Ruppert's Schmerz auf sanftere Bahnen, und obgleich die Thränen unaufhaltsam aus seinen Augen drangen, wirkten sie dennoch gleich Balsam auf sein verstörtes Gemüth. »Noch dürfen wir nicht alle Hoffnung aufgeben,« ergriff der Bruder Pfälzer abermals das Wort, »denn noch ist es möglich, daß Einzelne der Verschütteten gerettet werden und unter diesem kleinen Häuflein sich Andreas befindet. Ihr müßt nicht verneinend die Köpfe schütteln, denn Gott allein ist's, der tödtet und lebendig macht, der in die Hölle führt und wieder heraus. Zudem sind Andreas und seine Kameraden ja nur eingeschlossen und nicht verschüttet, und der Raum, in dem sie sich befinden, ist lang und auch ziemlich hoch. Somit können sie ohne Beschwerde athmen, selbst wenn man erst nach zehn Tagen zu ihnen gelangen sollte. Fließt ja doch durch diesen Theil des Tunnels auch ein Bach, der ein gesundes Trinkwasser liefert und zudem die Luft erfrischt.« »Ihr habt gut reden,« wendete Ruppert ein, »daß der Mensch aber auch im finstern Bergesinnern vom Hunger heimgesucht wird, daran dachtet Ihr nicht.« »O, beruhigt Euch,« tröstete der gutherzige Pfälzer. »Die Eingeschlossenen sind mit Nahrungsmitteln, wie Brod, Thee, Rum und Milch versehen; kein Arbeiter geht ohne dieselben in den Tunnel. Sie haben außerdem eine große Anzahl Kerzen und Oel mitgenommen; im äußersten Nothfall können sie sich mit diesem Talg und Oel das Leben fristen, wenn sie nicht vorziehen, einige der Pferde zu schlachten, welche mit ihnen eingeschlossen sind. Nein, nein, vertrauen wir Gott und lassen wir nicht die Hoffnungslosigkeit in unser Herz einziehen.« »Ich muß Gewißheit haben!« rief Ruppert. »Und deshalb will ich zum Hauenstein hin und Tag und Nacht vor dem unglückseligen Eingang sitzen und harren, bis – o mein Gott! – bis –« er vermochte in seinem Schmerze den Satz nicht zu vollenden. »Auch Eure Mutter hat den Wunsch ausgesprochen, die Stätte des Unglücks aufzusuchen,« entgegnete der Bruder Pfälzer, »und ich werde mich jetzt bemühen, im Dorfe einen Wagen aufzutreiben, der uns schnell an das traurige Reiseziel bringen soll.« Der gutherzige Nadler mußte während der ganzen Fahrt immer nur auf neue Trostgründe sinnen, um dem Schmerz und der Verzweiflung der alten Resi und Ruppert's zu steuern. Ach! und in dem treuen Freundesherzen, das so warm für Andreas schlug, sah es selbst trostlos aus und es hätte in der That der Aufmunterung dringend bedurft. Ein stiller klarer Samstagabend hatte sich herabgesenkt, als die drei Leidtragenden vor dem finstern Tunneleingange des Hauensteins anlangten. Im sanften Abendlichte prangten ringsum die üppig bewaldeten Berghalden und zwischen denselben leuchtete das schöne Schweizerland und sein strahlendes Gebirge. Vor dem Tunneleingang hatte sich eine ansehnliche Zahl von Müttern, Schwestern, Brüdern, Söhnen und Töchtern eingefunden, die Alle ein Liebes in dem entsetzlichen Bergesgrab hatten, dessen Zugang endlich geöffnet worden war. Kein einziger der starren, schmerzlichen Blicke, welche die Hinterlassenen entsandten, galt der entzückenden friedlichen Landschaft; – nicht das dort allüberall pulsirende Leben , sondern der Tod war es, dem man die gespannteste Aufmerksamkeit widmete. Sarg auf Sarg wurde auf einem Rollwagen aus dem gewölbten, hohen Tunnelthore herausgebracht, wie aus einer unterirdischen Stadt des Todes. Von einem jeden der Särge ward der Deckel gehoben, damit die Verwandten noch einmal das Antlitz ihres geliebten Todten sehen und Abschied nehmen konnten. Die Mehrzahl der Letzteren wurde denn auch erkannt und unter heißen Thränen die erkaltete Hand und Stirn zum letzten Male segnend berührt. Die zuerst aufgefundenen Leichen waren dagegen durchaus unkenntlich gewesen. Da Einige von ihnen noch ihr Werkzeug in den Händen hielten, konnte man mit Recht annehmen, daß sie sich bemüht gehabt, den Schuttkegel zu durchgraben, infolge der in den vorderen Räumen des Tunnels herrschenden Pestluft aber erstickt waren. Die arme Resi und Ruppert hatten von dem Bruder Pfälzer erfahren, daß Andreas in der hintersten Tunnelabtheilung beschäftigt gewesen war, zu welcher man erst an dem in Rede stehenden Samstagabend gelangte; somit konnten sie ruhig sein, daß der Heißgeliebte sich nicht unter jenen Einunddreißig befunden, deren irdische Ueberreste man bereits auf dem Trimbacher Kirchhofe begraben hatte. Sarg um Sarg schwankte aus dem Mauerthore und immer ängstlicher klopften die Herzen unserer drei Freunde, denn schon standen auf dem zum Friedhofe abwärts führenden Wege neunzehn der armseligen kleinen schwarzen Bretterhäuser. Immer frischer wurde das Aussehen der aufgefundenen Leichen, und bei den zuletzt an's Tageslicht gebrachten war es zweifellos, daß die Seele erst vor wenigen Stunden sich vom Körper getrennt hatte. Der zwanzigste Sarg erschien in dem schaurigen Halbdunkel des Tunneleingangs. Resi, Ruppert und der Bruder Pfälzer wagten kaum zu athmen. Jetzt wurde der Deckel in die Höhe gehoben und im nächsten Augenblicke drang der Schmerzensschrei dreier Menschen zum stillen Abendhimmel empor, denn der im Sarge Liegende war – der arme Andreas. »Um Christi Barmherzigkeit Willen, – Bruder! Schlage die Augen auf!« rief Ruppert in seiner Verzweiflung, während die Mutter und Nadler zu beiden Seiten des Sargs niederknieten und den so lange zurückgehaltenen Thränen freien Lauf ließen. Im nächsten Augenblick warf sich Ruppert auf den leblosen Körper des Bruders, küßte die über der Brust gefalteten Hände und fuhr in seinem Jammer fort: »Andreas, gelt, es ist nur ein banger, schwerer Traum und Du bist nicht todt? Wie wäre dies auch möglich. Dein Antlitz sieht ja so frisch und blühend aus. Du – Du – bist nur erschöpft, aber nicht todt, – nicht wahr? Und ich habe mich gebessert, Herzensandreas, und Du wirst fortan Deine Freude an mir haben und – und – aber, Andreas, liege nicht so starr und leblos da, sondern gieb mir ein Zeichen, sei es auch noch so unbedeutend, daß Du meine Worte vernommen und das Leben nicht aus Deinem Körper entflohen ist!« Ein Jeder von den Umstehenden hatte mit dem eigenen Weh und Schmerz im Herzen zu thun, dennoch rührte dieser entsetzliche Jammer Ruppert's Alle derart, daß ringsum ein lautes Schluchzen vernehmbar wurde. Endlich trat der Werkführer auf den unglücklichen Bruder zu, legte theilnehmend seine Hand auf dessen Schulter und sagte im Tone des Mitleids: »Fassung, lieber Freund! Stört nicht die Ruhe des Todten!« »Ader er ist nicht todt !« schrie Ruppert. »Er lebt !« »Gebt keiner falschen Hoffnung Raum,« ermahnte der Werkführer. »Ehe Euer armer Bruder im Tunnel in den Sarg gelegt wurde, ist von ärztlicher Seite Alles geschehen, um ihn in's Leben zurückzurufen – allein umsonst.« »Weil die frische Gottesluft seine Schläfe nicht umfächelte,« entgegnete Ruppert, »hier aber, wo der lebensvolle Odem ihn anhaucht, wird auch sein Geist wieder erwachen. Nicht wahr, Vater im Himmel,« begann jetzt der reuige Bruder zu beten, indem er niederkniete und die Hände erhob, »Du wirst mir meinen Andreas von Neuem schenken, zumal ich ja erst jetzt einsehen gelernt, was für ein treues, warmfühlendes Bruderherz in seiner Brust schlug! Ich will ja so gerne für ihn arbeiten, von früh bis zur sinkenden Nacht, für ihn und die Mutter, – und allen Vergnügungen und Genüssen für immer Lebewohl sagen. Nur gieb mir den Bruder zurück, Herrgott, – erbarme Dich meiner und fluche mir nicht.« Einen Augenblick verharrte Ruppert in seiner knieenden Stellung, dann sprang er auf und eilte an den Sarg, sich zu dem leblosen Körper von Andreas herabbeugend. Tiefes Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen von dem leisen Aufschluchzen weinender Mütter, Schwestern und Kinder. Da dringt urplötzlich ein gellender Freudenschrei in die Luft, ein kurzes Lachen folgt und Ruppert ruft: »Der Herrgott hat geholfen, Andreas ist nicht todt, sein Herz beginnt wieder zu schlagen!« Alle Umstehenden hielten dies für eine entsetzliche Täuschung, der sich der unglückliche Bruder in seiner Verzweiflung hingegeben; als aber unmittelbar nachher einer der anwesenden Aerzte, von dem Werkführer herbeigerufen, an den Sarg trat und nach einer genauen Untersuchung erklärte, daß Andreas allerdings noch athme und möglicher Weise in's Leben zurückgebracht werden könne, da entstand in den Reihen der versammelten Menge eine namenlose Unruhe, zum Theil von der Freude herrührend, die viele der Arbeiter über die Rettung des Andreas empfanden, zum Theil aber auch in Folge des Schmerzes, der jetzt Jene doppelt ergriffen, welche irgend ein Liebes bei der Verschüttung des Schachtes eingebüßt hatten. »Warum konnte Gott dasselbe Wunder nicht an unser'm Vater thun?« jammerte eine arme Wittwe, ihre fünf kleinen Kinder umfassend. »Der Andreas war freilich ein braver Bursch, aber er hinterließ kein Weib und keine Waisen.« Diese und andere egoistische Aeußerungen wurden nach einander laut, und dennoch muß man Denen, die sich zu solcher Lieblosigkeit hinreißen ließen, vergeben, bildete sie ja doch den besten Beweis ihrer unbegrenzten Zuneigung und Hingebung für den theuern Gatten oder Vater, den der Tod so plötzlich den Seinen entrissen hatte. Der feinfühlende Arzt ordnete an, daß der ohnmächtige Andreas aus dem Sarge genommen, auf eine mit Betten bedeckte Bahre gelegt und nach dem Dorfe Hauenstein hinauf getragen werde. »Die Nachtluft ist nicht kalt, sondern angenehm und in dieser wird er alsbald zum Bewußtsein zurückkehren,« äußerte er zu dem, nunmehr vor seligster Freude stumm gewordenen Bruder, dem Freunde und der alten Mutter. »Der arme Bursche bedarf freilich der aufopferndsten Pflege, ehe an eine Wiedergenesung gedacht werden kann, doch bin ich fest überzeugt, daß von Seiten der Seinen Alles für ihn geschehen wird.« Und der Arzt hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen; entstand zwischen der alten Resi, Nadler und Ruppert ja doch ein edler Wettstreit betreffs der Pflege des geretteten Andreas, welche ein Jedes übernehmen wollte. Namentlich war es Ruppert, der Tag und Nacht allein bei Andreas wachen wollte, bis er nach vielem Hin- und Herreden sich endlich damit zufrieden erklärte, während der Nacht an dem Lager des heißgeliebten Bruders zu verweilen, am Tage dagegen der Mutter und Nadler seinen Posten einzuräumen. Demgemäß wurde Andreas nach seiner kleinen Wohnung verbracht, woselbst Ruppert sofort seine Wache begann. Wie so unendlich groß erschien doch die Wandlung, welche urplötzlich mit dem ehemals so leichtsinnigen Ruppert vorgegangen war; mit welcher Inbrunst liebte er jetzt seinen Bruder, den er bisher gehaßt; in welch' neuem Lichte erschien ihm überhaupt die Welt und das Leben, und wie so deutlich trat ihm jetzt die Bestimmung des Menschen vor die Seele, nach dem Besten und Edelsten zu ringen und zu streben! » Arbeit ist der Segen, den Gott uns Erdenpilgern gegeben,« sagte, in tiefe Gedanken versunken, Ruppert leise vor sich hin, um den ruhig athmenden, aber noch immer schlafenden Andreas nicht zu stören, an dessen Lager er Platz genommen. »Welche Zufriedenheit zieht in der Seele ein, wenn man sich bewußt ist, seine Pflicht gethan zu haben, und wie so süß schmeckt dann die Ruhe! Ja, ja, ich war ein verblendeter Mensch, aber Gott der Allgütige hat mich errettet aus der Finsterniß, wie er es mit Andreas gethan; ach, möchte es in seiner Gnade nur auch liegen, daß er den treuen Bruder mir erhält!« Ruppert warf einen liebenden Blick auf den Schlafenden und trat an das kleine Fenster. In dem Silberglanze des Monds lag die entzückende Landschaft vor ihm und die fernen Bergesriesen grüßten ernst herüber. Ein namenloses Glück zog in Ruppert's Herzen ein und eine Dankbarkeit gegen den gütigen Geist, der dies Alles erschaffen, das vor ihm lag und so mächtig auf seine Seele wirkte. Inmitten des heitern Landschaftsbildes tauchte aber auch der an die irdische Vergänglichkeit mahnende Finger Gottes auf, denn seitwärts der Trimbacher Kirche erglänzten im Mondenscheine die weißen Kreuze, mit denen die Gräber der im Hauenstein Verunglückten geziert worden waren; auch vermochte Ruppert die Särge zu sehen, welche während der Nacht am Fuße des Berges stehen gelassen worden waren, in der schwachen Hoffnung, daß doch vielleicht Einer oder der Andere der darin Liegenden von der linden Nachtluft zum Leben wieder erweckt werden könne. Wie so leicht konnte Andreas sich unter ihnen befinden, während er in Wahrheit in seinem Kämmerchen auf seinem Lager ruhte und ruhig athmete! Und abermals faltete Ruppert die Hände zum frommen Dankgebet, ungehindert die Freudenthränen rinnen lassend, welche seine Augen füllten, als er wieder an das Lager des Bruders zurück trat und leise küssend dessen Stirn berührte. War es der heiße Bruderkuß. oder die auf seine Stirne geflossene Thräne, welche ganz plötzlich Andreas erwachen ließ? Kurzum, er schlug die Augen auf und blickte verwundert um sich, offenbar nicht wissend, wo er sich befand. Zunächst waren seine Blicke dem Fenster zugekehrt, welches von dem Lichte des Mondes voll beleuchtet ward. »Was ist das?« murmelte der noch immer seiner Sinne nicht ganz mächtige Andreas. »Der Mond? Ja, können wir ihn denn schauen in dem finstern Tunnel?« »Du befindest Dich nicht mehr in jenem schrecklichen Gefängniß, Herzensandreas.« entgegnete Ruppert mit bebender Stimme, »sondern in Deinem Kämmerlein.« »Mein Gott,« rief jetzt Andreas, »ist das nicht Ruppert's Stimme? Ach, und wie lieb und freundlich er zu mir spricht? ... Bruder, hassest Du mich denn nicht mehr?« Ruppert war überwältigt und keiner Antwort fähig; sein Herz aber sehnte sich nach dem Ausdruck unwandelbarster Bruderliebe, und so sank er denn schluchzend in die Kniee und legte das Haupt auf die am Rande des Bettes ruhende Hand von Andreas. Allmälig kehrte die Erinnerung des Letztern zurück und ein Schauder ging durch seinen Körper, denn er gedachte der furchtbaren Tage und Nächte, welche er lebend in dem Bergessarge verbracht. Ruppert, den der Arzt darauf aufmerksam gemacht, daß jede Erregung bei dem kranken Bruder zu vermeiden sei, bot seine ganze Ueberredungskraft auf, Andreas ruhiger zu stimmen, was ihm denn endlich auch gelang. Freilich vermochte er den Thränen, welche der warm fühlende Jüngling um die verunglückten Arbeitsgenossen vergoß, nicht Einhalt zu thun, zudem erleichterten sie das Herz des Patienten. Nach kurzer Zeit verfiel er wiederum in einen erquickenden Schlaf, aus dem er erst am nächsten Morgen erwachte. Es war der Trinitatis-Sonntag und die Junisonne strahlte segnend auf Berg und Thal herab. Abermals dauerte es eine geraume Weile, ehe Andreas mit seinem Bewußtsein sich zurecht fand. »Träume oder wache ich?« rief er endlich verwundert. »War es mir doch, als hätte Ruppert dort am Fenster gestanden, und jetzt sehe ich, daß es Nadler ist und ich mich also getäuscht habe.« »Du hast beide Male recht gesehen, herzlieber Andreas,« entgegnete der treue Freund, den Kranken innig küssend. »Am Tage verweilen Deine gute Mutter und ich an Deinem Lager, während der Nacht aber der Ruppert, mit dem eine ganz sonderbare Wandlung vorgegangen ist.« Hierauf theilte Nadler dem Freunde das Nöthigste mit und Andreas faltete gerührt die Hände, leise ausrufend: »Oh, mein Gott, das ist zu viel des Glücks! ... Aber,« unterbrach er sich, »Du erwähntest meine Mutter, – ist sie denn gleichfalls hier?« Nadler nickte und erwiederte: »Das kannst Du Dir ja doch denken, daß sie, die Dich über Alles liebt, nicht in ihrem Dörfchen zurückzuhalten war.« »Ach, mein Herrgott, welche Freude wird mir zu Theil!« sagte Andreas gerührt. »Warum ist die gute, alte Frau aber nicht zur Stelle? Wo weilt sie, – und wo ist Ruppert?« Ein tiefes, ernstes Geläute schlug an des Kranken Ohr, der sich, mit Nadler's unterstützender Hilfe, im Bett ein wenig aufrichtete. Er lauschte. Das Geläute nahm an Stärke mehr und mehr zu und es schien, als ob es ringsum von den Bergen käme. »Was bedeutet das?« fragte Andreas ahnungsvoll, und als er die stille Wehmuth auf dem Antlitze des Freundes sah, der, die Hände faltend, ans Fenster trat, – da bedurfte es nicht erst der Antwort, sondern Andreas wußte, daß jetzt auf dem Trimbacher Friedhofe ein großes, großes Begräbniß stattfand und alle Glocken der Umgegend ihre letzten, segnenden Grüße den abgeschiedenen Seelen sandten. Er wußte jetzt auch, warum die Mutter und Ruppert nicht anwesend waren. Sie folgten der Stimme ihres Herzens und schlossen sich dem großen Trauerzuge an, tief in ihrem Innern denkend: »Es ist Gottes Barmherzigkeit, daß unser Andreas nicht in einem der Särge liegt, sondern zu einem neuen Leben erstand und uns erhalten wurde!« In dem kleinen Stübchen, hoch oben auf dem Hauenstein, war es mäuschenstill. Ein jeder der beiden Freunde hing seinen Gedanken nach. Andreas folgte im Geiste dem langgestreckten Leichenzuge, der am Fenster stehende Nadler aber begleitete ihn mit seinen Blicken. Das Läuten der nahen und fernen Kirchenglocken dauerte fort, und jetzt mischte sich in diese ernsten Klänge ein feierlicher Grabgesang: »Nicht fern bin ich von meinem Grabe, So denken will ich jeden Tag. Die Zeit, die ich auf Erden habe. Eilt schnell dahin. Ein Blitz, ein Schlag, Ein Zufall, den kein Mensch gedacht, Hat Viele schnell in's Grab gebracht.« Endlich ward es auch draußen still und Andreas fühlte, daß der Augenblick gekommen war, wo die todten Kameraden in das kühle Grab gesenkt wurden. Er vermochte gegen die Thränen nicht länger mehr anzukämpfen und überließ sich dem Schmerze, den er um die Dahingeschiedenen, sowie um deren Hinterbliebene empfand. Aber auch der treue Pfälzer weinte wie ein Kind, und wahrlich, solche Thränen schänden den Mann nicht, denn es sind edle Perlen, im Herzen erzeugt. Als eine Stunde später sich die Stubenthüre öffnete und die Mutter und Ruppert, von ihrem ernsten Gange zurückgekehrt, in's Zimmer traten, fand eine Scene des Wiedersehens statt, die zum Mindesten so ergreifend war, als jene des Abschieds, die sich kurz zuvor auf dem Friedhofe im Thal abgespielt. Und als Andreas endlich Worte gefunden und in der zärtlichsten Weise Mutter, Bruder und Freund zum so und so vielsten Male an sein klopfendes Herz gedrückt, wandte er den Blick zum Himmel empor und betete, während die Andern leise niederknieten: »Mit welchem Dank, o Gott,         Soll Dich mein Lied erheben? Nur Deine Vaterhuld         Erhielt mir noch das Leben. Dem Tode war ich nah';         Schon sah' ich für mein Leben Mit trübem Thränenblick         Verwandt' und Freunde beben. Doch Du belebtest, Herr,         Von Neuem meine Glieder; So gabst Du nochmals mich         Den lieben Meinen wieder. Nur durch dies Leben selbst         Will ich Dir Dank beweisen, Mit meinem Geiste Dich         In diesem Leben preisen; Dir jeden Augenblick         Von meinen Tagen weih'n, Um ewig einst bei Dir         Des Lebens werth zu sein!« Und: »Amen! ... Amen! ... Amen!« erklang es andachtsvoll von den Lippen dreier glücklicher, Gott so überaus dankbarer Menschen. Schluß. Der Herr führet Alles herrlich hinaus. (Esa. 28, 29.)   Andreas genas, wenn auch langsam, vollständig wieder, und an einem wundervollen Sommerabend stieg er an der Seite des Bruders und Freundes zur Frohburg hinauf, um nach einer Reihe schwerer Tage sein Auge und Herz wieder zu erlaben an Gottes erhabener Schöpfung. Wie an jenem Abend, wo Andreas und Nadler zum letzten Male auf der luftigen Höhe verweilt, ließen sie sich auch heute auf einer der Bänke nieder. Der zu neuem Leben erstandene Andreas athmete tief auf und schlang, innig gerührt von der Güte und Liebe Gottes, die sich an ihm und in der Landschaft so wunderbar bethätigte, die Arme um Ruppert's und Nadler's Nacken, beide herzlich an sich drückend. Unwillkürlich erinnerte er sich des Traums, den der Bruder Pfälzer ihm vor Kurzem auf derselben Stelle erzählt, und daran reihte sich die gesammte Reihe der Schreckensbilder, wie sie die Verschüttung im Schacht mit sich gebracht. Mit Willen hatte Andreas über diese Katastrophe bisher das größte Stillschweigen beobachtet, und die Seinen, in taktvoller Weise, an ihn keinerlei Fragen gestellt. Sie würden auch ohne des Arztes Ermahnen es nicht gethan haben, da sie sich selbst sagten, daß ein vorzeitiges Zurückversetzen in jene schauervolle Zeit dem geliebten Patienten unbedingt schaden müsse. Heute jedoch begann Andreas aus freien Stücken darüber zu sprechen, indem er äußerte: »Da unten lugt der kleine Kirchthurm von Trimbach zu uns herauf und es will mich bedünken, als ob er sagen wollte: ›Gelt, Andreas, dort oben auf der Frohburg ist's schöner, als hier unten im dunkeln Schoß der Erde? Werde nur nicht hochmüthig deshalb; allerdings bist Du dem Tode und Grabe, das bereits für Dich gegraben war, glücklich entgangen, – dennoch wird dereinst die Stunde schlagen, wo auch Dir der Sensenmann seinen Besuch macht. Dann kommt Dein Leichnam doch in den dunkeln Grund und ein anderer Erdenpilger sitzt vielleicht, statt Deiner, auf luftiger Höhe und sieht, sich seines Lebens freuend, auf Dein Grab herab.‹« »Verbanne solche trübe Gedanken,« bat Ruppert, »und laß uns lieber Auge und Herz an der herrlichen Landschaft laben, die sich in weitem Bogen vor unsern Blicken hinzieht.« »Ganz recht,« versetzte Andreas, »verfolge die Berge und Thäler, die Wälder und Felder, die Häuser und Thürme nur genau, dann fällt Dein Blick auch auf die vielen weißen Kreuze da unten, die so friedlich im Abendlichte schimmern. Gedenkst Du noch Deines Traumes?« wandte er sich an den Bruder Pfälzer, der ernst mit dem Kopfe nickte. »Hätte ich damals auf Deine warnende Stimme gehört, so würde ich all' der Qual und Pein entgangen sein, welcher ich bis an mein seliges Ende bebend gedenken werde.« »Rege Dich nicht auf,« entgegnete Nadler bittend, »folge dem Ruppert und verbanne jedweden Gedanken, der Dich an jene schreckliche Vergangenheit erinnert.« »Nein, nein,« rief Andreas, »laßt mich gewähren. Bis heute habe ich geschwiegen, endlich aber verlangt mein Herz nach einem Austausch mit Andern; denn glaubt mir nur, daß der Gedanke für mich furchtbar ist: Du und die abgeschiedenen Geister Deiner todten Kameraden wissen allein, was Ihr im Bergesschacht erlebt und durchgemacht habt. Es ist mir immer, als bestände zwischen mir und den Verstorbenen noch eine Art von seelischem Verkehr, der erst aufhören wird, nachdem ich Menschen, die noch in ihrer Vollkraft auf Erden wandeln, unsere Erlebnisse erzählt. Ich weiß, daß ich dann erst wirklich ruhig werde und mein Herz jenen innern Frieden wieder gewinnt, ohne welchen wir uns nicht glücklich fühlen. Darum noch einmal: laßt mich gewähren, hört mir zu und unterbrecht mich nicht.« Derartigen eindringlichen Worten vermochten Ruppert und Nadler nicht zu widerstehen und so erklärten sie sich denn stillschweigend einverstanden. Andreas weidete seine Blicke noch einmal an dem paradiesischen Landschaftsbilde, sah dann gerührt zum Himmel empor und begann endlich: »Ihr werdet erfahren haben, daß ich auf den Ruf des Handlangers hin – der Schacht brenne! – in die hinterste Tunnelabtheilung lief und zur schnellsten Flucht aufforderte. Die Mehrzahl der dort Arbeitenden glaubte jedoch meinen Worten nicht und so suchte ich mich denn allein zu retten. Und meine Flucht würde auch gelungen sein, wäre ich nicht auf dem feuchten Boden ausgeglitten. Schon im nächsten Augenblick prasselten rauchende Balken und Schutt in den Tunnel herab und das fürchterliche »Zu spät!« erklang in meinen und den Ohren Derer, die mit mir zu enteilen Willens gewesen. Der aufsteigende Rauch zwang uns gar bald, in die gähnende Tiefe des Tunnels zurückzukehren, – todtenblaß und stumm und starr vor Schrecken. Nur Jene, welche meinen Worten keinen Glauben geschenkt, ergingen sich in lauten Verwünschungen gegen das Unternehmen des Tunnelbaus und fluchten, daß sie nicht frühe genug gewarnt und hinausgerufen worden seien. Unter den Arbeitern befand sich auch ein Engländer, und dieser sprach uns Muth ein, indem er erzählte, daß er schon einmal neun Tage verschüttet gewesen sei und sein Leben mit Wasser und dem Talg der Grubenkerzen gefristet habe. ›Wir sind in diesem Falle ungleich besser daran,‹ rief er uns tröstend zu, indem er auf die Lebensmittel, welche wir bei uns führten, sowie auf die mit uns eingeschlossenen Pferde verwies, die man nöthigen Falls schlachten könne. ›Unsere in Freiheit befindlichen Kameraden werden rastlos arbeiten, um uns aus dem finstern Grabe zu erlösen, dessen bin ich gewiß. Die Hauptsache ist, daß wir jetzt die Schritte genau erwägen, welche wir zunächst zu thun haben, damit nicht, was die Einen etwa versuchen, den Uebrigen verderblich werde. Eine Ordnung muß herrschen, sonst ist Alles verloren.‹ Leider hörte aber nur ein kleiner Theil auf diese ermahnenden Worte, die Mehrzahl rief, gleich Wahnsinnigen: ›Wir müssen hinaus, und zwar heute noch!‹ – und begannen sofort zu graben, taub gegen alle unsere Warnungen. Nur zu bald erlagen sie denn auch dem Erstickungstode, da Rauch und Kohlendampf durch jede Ritze ihnen entgegen drangen. Dieser Umstand brachte die Uebrigen zur Vernunft; zudem vernahm man alsbald von außen her ein Geräusch, das von den Grabarbeiten herrührte, die zu unserer Rettung unternommen worden waren. Die sieben Pferde, welche wir bei uns hatten, wurden in die hinterste Tunnelabtheilung gebracht, und dann theilten wir uns in Rotten ein, so daß die Einen wachten, während die Andern schliefen, eine dritte Abtheilung auf Alles, was sich außerhalb hören ließ, aufmerksam lauschte, während die Mannschaft der vierten Abtheilung sich mit Denen beschäftigte, welche infolge des Schreckens, Rauchs und der schwülen Luft krank geworden waren. Ich befand mich bei der ersten Rottenabtheilung und hielt die Wacht. Unausgesetzt hörten wir draußen graben und zudem bemerkten wir zu unserer großen Freude, daß der Rauch sich minderte, ein Zeichen, daß er frei und ungehindert durch den Schacht aufstieg. Ich zog, im dankbaren Gefühle gegen Gott, meine Bibel hervor und die mit mir Wachenden baten mich, ihnen ein Kapitel vorzulesen, trotzdem sie bisher kein Verlangen nach den himmlischen Lehren und Mahnungen verspürt. Das Unglück führt die Menschen eben schnell zu Gott, der stets der letzte Rettungsanker bleibt. Ich willfahrte dem Wunsche der Kameraden; noch aber hatte ich den aufgeschlagenen Psalm nicht zu Ende gebracht, als wir Wasser in den Schacht stürzen hörten. Sofort mehrten sich Rauch und Dunst und der Engländer rief verzweifelt: ›Das ist unser aller Verderben. Schnell, tretet mit mir bis dicht an den Schuttkegel heran und schreit aus Leibeskräften: Nicht Wasser! Löschet nicht! Oeffnet!‹ Es geschah, allein sie hatten uns weder draußen noch droben vernommen und ohne Aufhören stürzten bis zum folgenden Tage dichte Wassermassen in den Schacht herab. Das Graben draußen hatte aufgehört und infolge dessen bemächtigte sich mancher unserer Leidensgenossen von Neuem die Verzweiflung; sie ließen sich nicht halten und versuchten, einen Weg durch den Schutt zu bahnen. Der Engländer wollte sie mit Gewalt an diesem unsinnigen Vorhaben hindern, allein nur zu bald fanden wir ihn mit den Andern, in der Nähe des Schuttes erstickt. Immer mehr und mehr nahm von nun an die Muthlosigkeit der Kameraden überhand; die Mehrzahl warf sich auf den feuchten Boden und wünschte den Tod herbei. Nur der Hunger nöthigte sie von Zeit zu Zeit, sich zu regen, denn das Brod war bereits bis auf die letzte Krume aufgezehrt und der Augenblick herangekommen, wo eines der Pferde geschlachtet werden mußte, ehe dieselben selbst verhungerten. Traurige, qualvolle Stunden erschienen nunmehr für uns, denn ein Kamerad nach dem andern hauchte seine Seele aus. Ach, mein Gott! Was für rohe Gesellen waren Viele von ihnen während der Tage der Freiheit und des Glücks gewesen, – wie hatten sie mich wegen meines festen Gottesglaubens verspottet! Und jetzt riefen sie mich, sterbend am Boden liegend und von schweren Gewissensbissen gefoltert, stöhnend herbei, um mit ihnen zu beten und ihr reuiges Geständniß entgegenzunehmen; ich tröstete sie mit den goldenen Worten des Evangeliums, daß im Himmel Freude sei über einen Sünder, der Buße thut, und daß Christus am Kreuze dem mit ihm leidenden Missethäter in seiner unwandelbaren Liebe zugerufen habe: ›Heute noch wirst Du bei mir im Paradiese sein!‹ Und dieser Trost erleichterte das Herz der armen Sünder und sie gingen mit einem seligen Lächeln zur ewigen Ruhe ein.« Andreas ließ in seiner Erzählung eine Pause eintreten, denn die Erinnerung an das schauerliche Erlebte preßte seine Brust zusammen und hinderte ihn am Weitersprechen. Ruppert und Nadler baten, für heute die Mittheilungen zu schließen, allein nachdem Andreas sein Herz durch einen Thränenstrom erleichtert fühlte, fuhr er von Neuem fort: »Der heilige Pfingstsonntag brach droben in der frischen, freien Gottesnatur an; wir Alle wußten dies, denn wir zogen unsere Taschenuhren sorgfältig auf und zählten die Stunden, die uns, ach, immer länger und qualvoller wurden. Während wir in dem dumpfen, finstern Gefängniß in tiefer Trauer neben einander saßen, vergoldete wahrscheinlich die Maisonne die riesigen Bergesspitzen und zündete tausende von Freudenkerzen in dem Herzen der Natur und in der Brust der Menschen an. Im Geiste hörte ich das Läuten der Kirchenglocken von nah und fern, sah ich geputzte Menschenkinder nach dem Tempel des Herrn wallfahrten, um dort das heilige Pfingsten würdig zu begehen. Und unwillkürlich dachte ich: wenn es im Willen des himmlischen Vaters läge, so könnte er uns plötzlich unter jene andächtige Schaar versetzen, indem er durch ein Erdbeben unsern Kerker öffnete, wie er ihn dereinst den Aposteln aufgethan. Allein es geschehen keine Wunder mehr und so blieben wir denn eingeschlossen in dem Bergesschacht. Die wenigen Kameraden, welche noch am Leben geblieben waren, bedurften von Neuem biblischen Trostes; ich zog daher die heilige Schrift hervor and las die Pfingstgeschichte, sodann einige der Abschiedsreden des Herrn und zuletzt die Einsetzung des Abendmahls. Meine Zuhörer fühlten sich namentlich von dem Letztem so mächtig ergriffen, daß sie sehnsüchtig ausriefen: ›Ach, könnten wir's genießen!‹ Allein das Brod und der Wein mangelten und so blieb uns nur der Trost des Gebets. Plötzlich hob sich unsere gesunkene Hoffnung wieder, denn wir vernahmen deutlich, daß die Grabarbeiten im Tunnel von Neuem begonnen hatten, ja, wir hörten sogar das Summen eines Ventilators. Es war in der That nöthig, daß er uns bald frische Lust zuführte, da die Atmosphäre in unserem Raume von Stunde zu Stunde verdorbener wurde, infolge der vielen Leichen, welche in Verwesung übergingen. »Warum aber versenktet Ihr sie nicht in Gräber?« schalt Nadler ein. »Weil wir zu solcher Arbeit bereits zu schwach und hinfällig waren, lieber Freund,« gab Andreas mit einem wehmüthigen Lächeln zur Antwort. »Immer kleiner wurde die Zahl der lebenden Kameraden, trotzdem die Hoffnung auf eine baldige Befreiung ihre Herzen beseelte; hörten wir ja doch Tag und Nacht am Schutt graben, auch war es uns, als ertönte draußen vor dem Schuttkegel ein dumpfes Rufen. Einige behaupteten sogar, Hörnersignale vernommen zu haben Einer Antwort waren wir indessen nicht fähig, denn unsere Schwäche nahm schnell zu. Der Abend des dritten Juni kam heran und ihm erreichten unsere Leiden den höchsten Grad. Schon füllte sich unser Kerker mit Stickluft an, die Hitze stieg und das Athmen ward ans schwer. In unserer Verzweiflung entkleideten wir den Oberkörper und lehnten den Kopf über den Bach. Die Frische des Wassers brachte uns denn auch Linderung, allein nur auf kurze Zeit, da die ringsumher liegenden Leichen den schrecklichen Dunst in grauenhafter Weise vermehrten. Während der Nacht auf Donnerstag entschliefen alle meine Kameraden, bis auf Zwei, mit denen ich mich auf das Gerüst flüchtete, welches am hintersten Ende des Tunnels aufgerichtet war. Zuvor jedoch suchten wir den quälenden Hunger zu stillen; wir schlachteten das einzige Pferd, welches noch am Leben geblieben war. Als wir aber das Fleisch braten wollten, erlosch das Feuer und auch unsere Kerzen wollten in der Stickluft nicht mehr brennen. Dies war der Grund, weshalb wir das Gerüst erstiegen und den Wasserkrug, Oel und einige Lampen mit uns nahmen, die wir anzündeten und aufhängten. Jedoch schnell drang die Pestluft uns nach und immer trüber und trüber flackerten die Lichter. Eine nicht zu bezwingende Müdigkeit kam über mich; die beiden noch lebenden Kameraden waren bereits fest eingeschlafen, doch wurden ihre Athemzüge mit jeder Minute schwächer. Ich hörte, wie immer näher die draußen Arbeitenden kamen und vernahm sogar ihre Stimmen. Die Rettung war also ganz nahe! Dennoch vermochte ich mich des Schlafs, von dem ich nur zu genau wußte, daß er mein letzter sein werde, nicht zu erwehren, – ich ließ den Kopf sinken, schloß die müden Augenlider und empfahl meine Seele Gott ... Als ich wieder erwachte, befand ich mich droben auf dem Hauenstein, in meiner stillen Kammer, umweht von der frischen Gottesluft und gepflegt von liebenden Herzen.« Andreas drückte abermals den Bruder und Freund in dankbarer Rührung an sich und schwieg. Aber auch Ruppert und Nadler wagten kein Wort zu sprechen, so mächtig hatte sie die Erzählung ergriffen. Stumm und insichgekehrt verließen sie endlich die Frohburg, die Schritte nach Hause zu lenkend. Vor der Thüre blieb Andreas stehen und sagte: »Es ist das letzte Mal gewesen, daß ich die entzückende Aussicht von der Frohburg genossen habe, denn ich bin fest entschlossen, morgen in die Heimath zurückzukehren und mir eine Stelle als Knecht zu suchen. Verdiene ich mir als solcher auch um Vieles weniger, so athme ich doch Gottes frische Luft und laufe keine Gefahr, lebendig begraben zu werden.« »Recht so,« rief Ruppert sichtlich erleichtert auf. »Wir wollen uns schon ehrenhaft durch's Leben bringen, Bruder, da wir von nun an zu Zweit arbeiten, für uns und für die gute, alte Mutter.« Der innige Händedruck, welcher Ruppert von Andreas zu Theil wurde, bewies ihm am Besten, wie glücklich er durch diese Worte den Bruder gemacht. »Nur Eines fällt mir unendlich schwer,« begann nach kurzer Pause Andreas abermals, »und das ist der Abschied von dem treuen, guten Nadler.« »Ja, warum sollen wir uns denn überhaupt trennen?« gab der Letztere lachend zurück. »Kann ich Euch nicht nach Dossenbach folgen und können wir uns nicht von unsern Ersparnissen ein kleines Anwesen kaufen, dasselbe gut bewirtschaften und so unsern Wohlstand allmälig bessern?« Die Augen von Andreas leuchteten in heller Freude und, sich seiner Glückseligkeit gänzlich überlassend, fiel er dem Freunde um den Hals. Es war der letzte Abend, den die jungen Leute und die Mutter Resi auf dem Hauensteine verbrachten, aber er gestaltete sich so heiter, daß Ruppert, dessen geängstigte Seele jetzt erst wieder frei aufjauchzte, sich Gewalt anthun mußte, um nicht irgend ein lustiges Lied anzustimmen. Früh am andern Morgen sagten die glücklichen Menschen dem schönen Schweizerland, das so viel Schmerz und Weh für sie geborgen, Lebewohl, aber nicht, ohne ihren Wirthsleuten ein ansehnliches Scherflein für die armen Hinterbliebenen der im Hauensteintunnel verschütteten Kameraden hinterlassen zu haben. Je näher die Wanderer dem Schwarzwald kamen, desto wohliger wurde ihnen zu Muthe, und als endlich gegen Abend die Hügel des Dinkelbergs und bald nachher auch das rothe Ziegeldach des Dossenbacher Kirchthurms auftauchte, da vermochte sich Ruppert nicht länger mehr zu halten, er warf mit einem Jauchzer den breitkrämpigen Hut in die Höhe und sang mit seiner frischen, fröhlichen Stimme: »Volli Aehri, wo me goht, Bäum' voll' Aepfel, wo me stoht! Me het si Freud und frohe Mueth, Jetzt schmeckt halt erst das Pfifli guet!« Das war eine Freude und ein Jubel, der allüberall in der stillen Dorfgasse ausbrach, als Andreas mit Mutter, Bruder und Freund seinen Einzug hielt! Jetzt konnte der treue Gesell' erst sehen, wie lieb er Allen geworden war. Und unter diesen »Allen« blieb der Flurenbauer nicht zurück, sondern lief auch herbei, als er die frohe Botschaft von Andreas' Rückkehr vernommen. Er drückte ihm die Hand und sagte: »Du hast mir schön mein Gewissen beschwert. Hatte ich doch Tag und Nacht keine Ruhe, als ich das entsetzliche Unglück erfuhr, das Dich betroffen.« »Aber warum?« fragte Andreas lächelnd. »Wäret Ihr daran doch nicht schuld.« »Hm, – doch, doch,« druckste der Flurenbauer, »wie man's nimmt. Wäre ich damals nicht so ein – – Fi – Fi – Filz gewesen, sondern hätte Deine gerechte Forderung angenommen, so würdest Du nicht verschüttet und ich in meiner Wirthschaft besser daran gewesen sein. Ich hab' übrigens schon meine Strafe dafür erhalten, indem ich während Deiner Abwesenheit bereits fünf Knechte wechseln mußte, die mich alle bestohlen haben, daß mein Geldbeutel mir so gekracht hat. Deswegen ist er aber noch lange nicht leer, und um Dir's zu beweisen und meine Freude über Deine Rückkehr kund zu thun, lade ich Dich und die Deinen heute Abend zu mir ein, – auf ein Gläsel Guten, – haha, – Du weißt's schon.« Er lachte und die Andern stimmten herzlich ein. Mutter Resi war die Einzige, welche auf die Einladung verzichten mußte, denn sie fühlte sich von der Reise zu sehr ermüdet. Andreas brachte sie daher nach Hause, richtete Alles zu ihrer Bequemlichkeit her und trat dann den Weg zu dem Flurenbauer an. Aus dem »Herrenstüble« drangen ihm fröhliche Stimmen entgegen und der goldige Markgräfler perlte und funkelte bereits in den Gläsern, die mehr als einmal harmonisch an einander klangen, wenn es galt, auf das Wohl von Andreas zu trinken ... Eine Reihe von Jahren ist vergangen. Das Dörfchen Dossenbach aber existirt noch und der Dinkelberg dazu. Mutter Resi schläft schon längst unter dem grünen, mit Blumen bedeckten Rasen den ewigen Schlaf; Andreas, Ruppert und Freund Nadler jedoch freuen sich ihres Lebens und sind behäbige Bauern geworden, denen man sofort ansieht, daß sie sich wohl befinden. Ein Jeder von ihnen bewirthschaftet sein eigenes Gütchen; Ruppert ist außerdem noch Besitzer eines herrlichen Rebberges. Sein Keller beherbergt einen edeln Wein; doch trinkt er nur Sonntags, nach dem Gottesdienste davon, und zwar sehr mäßig, umsomehr sich aber seines Lebens freuend. Wer mehr über ihn hören will, der fahre nach Dossenbach und frage nach dem »Andreas vom Dinkelberg«, – dort wird er allen gewünschten Aufschluß und ein gutes Glas Wein dazu erhalten, denn der Andreas beherbergt, durch des Bruders Güte, gleichfalls einen edeln Rebsaft im Keller, – und der Nadler dazu. »'ne Trunk in Ehre, Wer will's verwehre? Trinkt's Blüemli nit si Morgenthau? Trinkt nit der Vogt si Schöppli au? Und wer am Werktag schafft, Dem bringt der Rebesaft Am Sunntig neui Chraft.«