Carl Jentsch Weder Kommunismus noch Kapitalismus Ein Vorschlag zur Lösung der europäischen Frage 1893   Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grunow   Das Recht der Übersetzung bleibt vorbehalten Vorwort Die Grenzboten schickten mir vorigen Sommer das Buch des Züricher Professors Julius Wolf zu, das der Freiherr von Stumm seitdem wiederholt im Reichstage empfohlen hat. Das Buch reizte mich zu einer Kritik, und da diese nicht an Einzelheiten kleben blieb, sondern aufs Ganze ging, so erweiterte sie sich zu einer Kritik der ganzen heutigen sozialpolitischen Diagnose und Therapeutik, sodaß sie den Leser berechtigte, am Schlusse positive Vorschläge zu fordern. So wuchs der Stoff über das Maß dessen hinaus, was eine Zeitschrift im Laufe eines halben Jahres verdauen kann und drängte zur Buchausgabe. In das dreizehnte Kapitel sind einige ältere Grenzbotenaufsätze mit aufgenommen worden. Für uns Deutsche ist die brennende Frage der Zeit nicht, ob die Sozialdemokratie, sondern wann das Elend siegen werde; das »ob« steht außer Frage, wofern nicht binnen kurzem neue Lebensbedingungen geschaffen werden. Ohne Zweifel sind alle bedeutenden Publizisten derselben Meinung, und wenn diese Meinung nur selten und schüchtern ausgesprochen wird, so liegt das daran, daß es die Verleger der großen Zeitungen aus naheliegenden Gründen nicht gestatten. Zu meinem im fünfzehnten Kapitel entwickelten Vorschlage bin ich nicht von der hohen Politik aus, sondern auf einem privatwirtschaftlichen Wege gelangt, auf den jeder Bewohner Schlesiens ganz von selber geraten muß, wenn er nicht ein Brett vor den Augen hat. Als Knabe hörte ich öfter von Gutsbesitzern, die für ihre Söhne im Posenschen billiges Land erworben hätten. Nachdem das Großherzogtum so ziemlich besetzt war, wandten sich unsre jüngern Landwirte nach Galizien, endlich nach Russisch-Polen, wo es jederzeit Güter um billigen Preis teils zu kaufen teils zu pachten gab. Plötzlich trat die bekannte Wendung der russischen Politik ein. Der Abzugskanal wurde verstopft, die deutschen Pächter wurden teils ausgewiesen, teils wurde ihnen das Verbleiben bis zum Ablauf der Pachtzeit nur unter erschwerenden Bedingungen gestattet, die einen großen Teil der Frucht ihres Fleißes zu nichte machten. Ich fragte mich nun: was soll fortan aus den überzähligen Gutsbesitzersöhnen werden? Sollen sie die Zahl der unverwendbaren Referendarien vermehren, oder sollen sie mit ihrem an kräftige Kost gewöhnten Magen Schulmeister mit sechs- bis achthundert Mark Gehalt werden, oder den brodelnden Kessel des Tagelöhner- und Fabrikarbeiterproletariats vollends zum Überlaufen bringen? Und ich meine, jeder Schlesier hat schon oft im stillen dieselbe Frage aufgeworfen. Dazu haben wir die oberschlesische Industrie vor Augen, die, in einen Sack gesperrt, erstickt. Seit etwa zehn Jahren verfolge ich die Spuren solcher, auch außerhalb Schlesiens, deren Gedanken sich in derselben Richtung bewegen. Nur schüchtern tauchen solche Gedanken auf, und es ist ja auch sehr schwierig, sie öffentlich auszusprechen, ohne ihr Ziel zu gefährden. Sie hätten so im verborgnen verbreitet und der Verwirklichung entgegengeführt werden müssen, wie in der Zeit von 1806 bis 1813 der Gedanke der Erhebung des preußischen Volks. Aber mittlerweile ist es spät geworden. Wenn schon Moltke dafür hielt, daß die europäischen Völker die Last des bewaffneten Friedens nicht mehr lange würden tragen können, so rückt die Gefahr in unheimliche Nähe, daß die Katastrophe an der unrichtigen Stelle ausbricht. Irgend einer muß also endlich einmal mit der Sprache heraus, wie in dem Märchen vom unsichtbaren Königskleide das Kind, und so habe ich denn die entgegenstehenden Bedenken überwunden. In Beziehung auf das vierte Kapitel wird man vielleicht meine Zuständigkeit anfechten, da ich England nicht aus eigner Anschauung kenne. Aber was heißt denn das: England aus eigner Anschauung kennen? Kennt einer England, wenn er einen Sommer über bei einem Landsquire zum Besuch gewesen ist? Kennt einer Deutschland, wenn er ein Jahr auf einem schlesischen Rittergute oder in einem Berliner Hotel oder in einer Pension im Rheingau verlebt hat? Wie viele Engländer und Deutsche kennen denn ihr eignes Vaterland? Was weiß denn ein Bewohner der Tiergarten- oder der Wilhelmsstraße von Berlin-Ost, und ein Holsteiner von den bäuerlichen Verhältnissen Hessens und Thüringens, wenn ers nicht etwa in Büchern gelesen hat? Und was für tollen Urteilen über Schlesien bin ich in Baden begegnet! »Woher sind Sie?« fragte mich dort ein recht dürftiges Schulmeisterlein. Aus Schlesien, »Aus Schlesien? Ein aaarmes Land!« Na, dachte ich, dir wäre ein bißchen schlesische Armut zu gönnen. Laut aber sagte ich: Na ja, wenn sie ein Land mit etlichen Dutzend Millionären und vielleicht hunderttausend reichen Bauern arm nennen wollen. – Zuverlässige Angaben über die wirtschaftliche Entwicklung Englands liegen in solcher Fülle vor, daß sich darauf ganz sichere Urteile gründen lassen. Ein übrigens sehr wohlwollender Beurteiler meiner »geschichtsphilosophischen Gedanken« meint, ich hegte eine Abneigung gegen England. Das ist nicht der Fall. Die weltbekannten guten Eigenschaften des englischen Volkscharakters, deren Kehrseite die schlechten bilden, sind mir gerade ungemein sympathisch. Aber es kam in jenem wie in diesem Buche nicht darauf an, Völkerpsychologie zu treiben oder die Lichtseiten des englischen Lebens zu schildern, sondern die Deutschen vor dem Betreten eines Weges zu warnen, der ins Verderben führen müßte, selbst wenn es nicht schon zu spät dazu und für ein zweites Kolonialreich nach englischem Muster kein Raum mehr wäre auf Erden. Man braucht nur folgende Thatsachen nebeneinander zu stellen, um zu erkennen, daß die englischen Verhältnisse ungesund, unnatürlich und auf die Dauer unhaltbar sind. Großbritannien mit Irland hat auf 1000 Hektar 349 Hektar unproduktiven Boden (Deutschland 53) und nur 188 Hektar Ackerland (Deutschland 484, Preußen 503); es erzeugt nur etwa ein Fünftel der für den heimischen Bedarf notwendigen Brotfrüchte. Bei so enormem Übergewicht der Nachfrage über das Angebot müßte doch die englische Landwirtschaft eine Goldgrube sein. Statt dessen werden die Pächter bankrott, der Körnerbau nimmt von Jahr zu Jahr ab, und erst kürzlich ist, wie die Zeitungen melden, in der Grafschaft Norfolk ein 4000 Acres (1600 Hektar) großes Gut außer Kultur gesetzt worden. Die Pächter, die sich bis vor zehn Jahren in die Bewirtschaftung teilten, sind einer nach dem andern bankrott geworden. Dann versuchte es der Besitzer selbst zu bewirtschaften; da er aber nicht durchkam, so hat er das Inventar verkauft und läßt das Land brach liegen. Da mit dieser Arbeit so wenig, wie etwa mit einer Kriminalstatistik oder einem Krankheitsbilde in einer medizinischen Wochenschrift, ein Kulturgemälde entworfen werden soll, so wird man mir hoffentlich nicht den Vorwurf machen, daß ich einzelne Stände oder gar unser ganzes Volk verleumdet hätte. Wenn der Arzt eine Krankheit beschreibt und die Heilmittel angiebt, so hat er nicht zugleich die Schönheit des Körpers zu beschreiben, in dem die Krankheit wütet. Aber je schöner und edler der erkrankte Leib ist, desto energischer müssen alle, denen an seiner Erhaltung liegt, die Krankheit bekämpfen; und von je edlern Absichten sich die meisten Angehörigen der höhern Stände beseelt wissen, desto dringender müssen sie sich aufgefordert fühlen, aus einer Lage hinauszustreben, die sie fortwährend zwingt, wider Willen Verkehrtes zu thun. Neiße , im März 1893 Der Verfasser Erstes Kapitel Ein neuer Vorkämpfer des Kapitalismus Wenn es im Hause an Geld zu fehlen anfängt, so pflegen Mann und Frau zunächst übler Laune zu werden und einander gegenseitig mit Vorwürfen zu überhäufen. Zuweilen sind die Vorwürfe nach der einen oder der andern oder nach beiden Seiten hin begründet, zuweilen rührt auch die Not von äußern Verhältnissen her, für die keins von beiden kann. Sämtliche europäische Völker, nur Frankreich vielleicht ausgenommen, gehen augenscheinlich ihrem Bankerott entgegen. Daher ist zur Zeit jedes Glied jedes Volkshaushalts mit Erbitterung gegen alle andern Glieder erfüllt, und mit der steigenden Not wird diese Erbitterung steigen. Was in diesem Falle die Schuld anlangt, so liegt sie teils an Fehlern, die von den herrschenden Klassen als Wirtschaftsleitern begangen worden sind und noch täglich begangen werden, teils an natürlichen Verhältnissen, für deren Entstehung die herrschenden Klassen nichts können, die aber, sobald sie erkannt werden, nicht mehr unabänderlich sind. Daß man sie sowie die begangnen Fehler erkenne, ist die selbstverständliche Voraussetzung der Besserung. Nicht wenige denkende Männer haben beides erkannt und sind daran, diese Erkenntnis zu verbreiten. Wenn nun ein Mann aufsteht, der mit einem großartigen wissenschaftlichen Rüstzeuge und in packender populärer Sprache den Scheinbeweis führt, daß unsre Verarmung nur ein Schreckgespenst der Einbildungskraft sei, daß wir Heutigen reicher seien als alle unsre Vorfahren, und daß keine Fehler gemacht worden seien, so thut er damit etwas im höchsten Grade verderbliches; sollte er Erfolg haben, so würde er ein Werkzeug des Gottes gewesen sein, der da verblendet, die er verderben will. Professor Julius Wolf in Zürich hat dieses Verhängnisvolle unternommen in dem ersten Bande seines bei Cotta in Stuttgart erscheinenden Systems der Sozialpolitik , den er betitelt: Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung ; kritische Würdigung beider als Grundlegung einer Sozialpolitik. Aus dem Buche spricht ein liebenswürdiger, edler und dabei klarer Geist; aber ins Studirzimmer eingeschlossen und dem wirklichen Leben fremd, hat dieser Geist die Bücher und Zahlentabellen, aus denen er sein Wissen und sein Urteil schöpft, nicht richtig zu deuten vermocht. Mit seinen ethischen, historischen und politischen Anschauungen stimmen wir in den meisten Punkten überein, aber diese Übereinstimmung läßt uns das Gefährliche des Buches nur um so viel gefährlicher erscheinen. Vielleicht wird sich aus dem zweiten Bande ergeben, daß seine Sozialpolitik ganz die unsre ist; allein wenn die Politiker, der Einladung des Verfassers folgend, auf die Voraussetzung der Vortrefflichkeit des herrschenden Wirtschaftssystems bauen, dann bauen sie auf Sand. So sehr wir den guten Gedanken des Buches die weiteste Verbreitung wünschen, so dringend müssen wir wünschen, daß die Herrschenden das süße Opiat seiner Reichtumsstatistik, das sie mit Wollust schlürfen werden, nicht ohne Gegengift einnehmen. Ein solches gedenken wir zu bereiten, dabei jedoch unserm eignen Gedankengange zu folgen, indem wir nur einzelne Stellen des Buches von Wolf kritisieren. (Die Überschriften seiner fünf Abschnitte lauten: 1. Eine Geschichte der sozialen Moral, gleichzeitig Geschichte der sozialen Grundrechte. 2. Das soziale Recht; moderner Standpunkt. 3. Kritik des Sozialismus. 4. Kritik der »kapitalistischen« Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. 5. Gerechtigkeit.) Der Verfasser ist »jedem Streit über Begriffe aus dem Wege gegangen.« Streiten wollen auch wir nicht, aber so weit muß doch der Begriff berücksichtigt werden, daß man sich mit dem Leser über die Bedeutung der zu gebrauchenden Wörter verständigt, sonst schreibt man ins Blaue hinein. Nachdem der Verfasser die Nationalökonomie (er meint eigentlich die Nationalökonomik) richtig definirt hat, erklärt er die Sozialpolitik für einen »Abschnitt« der praktischen Nationalökonomie, nämlich für den, der sich mit der Güterverteilung zu beschäftigen habe. Diese Begriffserklärung ist offenbar viel zu eng. Zwar aus dem konfusen Geschwätz über Sozialpolitik, das seit einigen Jahren in Parlamenten, amtlichen Kundgebungen, Zeitungen, Vereinssitzungen, Volksversammlungen, Schullehrerkonferenzen und weiß Gott wo noch verführt wird, ist kein Aufschluß über den Sinn des Wortes zu erlangen. Aber nachdem Schäffle sein großes Werk über den Bau der Gesellschaft geschrieben, und nachdem sich eine ganze Schule von Soziologen gebildet hat, darf man wohl die Soziologie als die Lehre von dem Bau, den Lebensbedingungen und Lebensverrichtungen der Gesellschaft bezeichnen. Die Sozialpolitik würde dann die Wissenschaft vom dem sein, was der Staat zu thun hat, um den Gesellschaftsbau lebendig und in guter Gesundheit zu erhalten. Denn nicht um einen toten, sondern um einen organischen Bau, um einen beseelten Leib handelt es sich, und daher ist in dieser Wissenschaft zuerst nach der Gliederung des Gesellschaftsbaues oder Gesellschaftskörpers, oder vielmehr nach der Gliederung dieses Körpers, bei uns Deutschen des deutschen Gesellschaftskörpers, zu fragen, der ja ganz anders gebaut ist als der englische, italienische und russische; am ähnlichsten ist er dem französischen. Nun können die Glieder dieses Körpers zwar keinen Augenblick ohne Güter sein, aber die erste Frage lautet doch nicht, wie viel und welche Güter sie haben, sondern was sie selbst sind, z. B. ob sie Freibauern oder Pächter, Fabrikarbeiter oder Handwerksmeister und Gesellen sind, und in welchem Verhältnis der Über- und Unterordnung oder Beiordnung sie zu einander stehen oder stehen sollen. Eine der brennendsten sozialen Fragen unsrer Zeit z. B. – die beliebte Einzahl: »die soziale Frage« ist ein gräßlicher Unsinn – lautet: Ist ein freier Stand besitzloser Arbeiter möglich? Woher für Arbeiter, die keinen eignen Acker haben, das Brot genommen werden soll, ist keine soziale, sondern eine wirtschaftliche Frage. Freilich interessirt sie den Sozialpolitiker in hohem Grade; denn wenn es dem Arbeiter an Brot fehlt, so verfällt dieses Glied des Gesellschaftskörpers leiblichem und geistigem Siechtum, und zugleich tritt zwischen ihm und den übrigen Gliedern eine feindselige Spannung ein. Sozialwissenschaft und Volkswirtschaftslehre sind vielfach mit einander verflochten, aber die erste ist nicht ein Teil der zweiten; eher dürfte man die zweite der ersten unterordnen und sagen, die Volkswirtschaft habe zu untersuchen, wie die Glieder des Gesellschaftskörpers mit den notwendigen Gütern zu versorgen seien. Ferner: hätte sich Wolf die Begriffe Sozialismus und Kapitalismus klar gemacht, so würde er sich nicht durch den Krieg der Sozialisten gegen das »Kapital« und den der Kapitalisten gegen die Sozialdemokraten haben verleiten lassen, beide als Gegensätze zu behandeln und für den zweiten gegen den ersten einzutreten. Der Gegensatz des Sozialismus ist nicht der Kapitalismus, sondern der Individualismus, und wer den Kapitalismus bekämpft, ist darum noch kein Kommunist. Darin sind heutzutage wohl so ziemlich alle Denker einig, ja auch Wolf selbst äußert sich gelegentlich so, daß sich Sozialismus und Individualismus nicht zu einander verhalten wie Gott und Teufel, wobei die Parteigänger jedes der beiden Systeme das ihrige für göttlich und das des Gegners für teuflisch erklären, sondern daß sie polare Gegensätze und einer so unentbehrlich wie der andre sind, sodaß in jedem einzelnen Falle nur um die Abgrenzung ihrer Berechtigung gestritten werden kann. Die Alleinherrschaft des Individualismus würde zunächst zur Vernichtung des Staats führen. In der That war in dem individualistischen England der Staat zeitweilig nahe daran, zu verschwinden, während dem preußischen Staatswesen das vorherrschende Staatsgefühl immer einen kräftigen sozialistischen Zug aufgedrückt hat. Der Kapitalismus nun findet seine Rechnung allerdings am besten bei schwacher Staatsgewalt und nach Sprengung aller sozialen Verbände; aber er weiß sich doch auch in die Verhältnisse zu schicken, eine starke Regierung sehr gut für seine Zwecke zu benutzen und der Organisation der Besitzlosen und der kleinen Besitzer seine eignen Organisationen gegenüberzustellen. Andrerseits ist nichts thörichter, als in dem Kampf gegen den Kapitalismus einen Angriff auf das Privatvermögen zu sehen. Im Gegenteil ist es gerade der Kapitalismus, d. h. die grundsätzliche und planmäßige Förderung der Übermacht des Großkapitals, der das Privateigentum von neun Zehnteln der Volksgenossen bedroht und zum Teil schon verschlungen hat. Im Mittelalter gab es Privateigentum, aber keinen Kapitalismus; dasselbe gilt noch heute von solchen orientalischen Ländern, die sich, wie Bulgarien, einen kräftigen Bauernstand bewahrt, und wo sich solche Kulturpflanzen wie die Großindustrie, das Staatsschuldenwesen, der Börsenschwindel und der Wucher noch nicht eingenistet haben. Wenn demnach Wolf mit seinem Buche dahin abzielt, »den Sozialismus als Volksbethörer lahm zu legen,« so ist es kein geringerer als der Staat, auf den sein tötliches Geschoß gerichtet ist; denn ein unsozialer Staat ist ein Unding. Was er meint, ist nun freilich nicht jener Sozialismus, den wir meinen, und den er selber für notwendig hält, sondern die Sozialdemokratie. Aber auch in diesem Sinne bleibt seine Absicht noch höchst bedenklich. Die Thätigkeit der Sozialdemokratie ist für unsre deutsche Gesellschaft und für unser Staatswesen nicht allein heilsam, sondern vor der Hand sogar noch notwendig. Sie übt an den herrschenden Zuständen eine Kritik, die zwar in vieler Beziehung der Berichtigung bedarf, die aber doch besser ist als gar keine, und ohne jene Partei würden wir keine haben. Zugleich strebt sie, die Lage der untern Klassen zu verbessern, und hat mit diesem Streben bereits einigen Erfolg gehabt, denn ohne sie würde u. a. das, was man heute Sozialpolitik nennt, gar nicht vorhanden sein. In dieser negativen und positiven Thätigkeit steckt nichts von Bethörung, sondern sie beruht auf Wahrheit und wirkt in dem teilweise erkrankten Gesellschaftskörper als Heilmittel. Als Bethörung kann man höchstens die Zukunftsträume der Sozialdemokratie bezeichnen; allein diese sind teils harmloser Natur, teils unter den obwaltenden Umständen, d. h. beim Abgange anderweitiger Ideale, fast unentbehrliche Illusionen. Da Wolf auf die Grundlage klarer Begriffe verzichtet hat, darf man sich nicht wundern, daß ihm die ganze Anlage seines Baues windschief geraten ist, nicht allein in der falschen Gegenüberstellung von Sozialismus und Kapitalismus, sondern auch noch in andrer Beziehung. Die volkswirtschaftlichen und die im engern Sinne sozialpolitischen Abschnitte seines Buches greifen schlecht in einander ein, und seine Sozialpolitik läuft zudem auf eine Rechtsphilosophie hinaus, eine Rechtsphilosophie, mit der wir für unsre Person so ziemlich übereinstimmen, die wir aber für sehr unwirksam halten. Er geht von einer geschichtsphilosophischen Betrachtung aus, die ganz in unserm Sinne gehalten ist, und sagt sehr schön: »Für uns hier stellen wir nur das eine fest: daß, wie immer der Menschheitszweck gefaßt wird, er sicherlich nur erreicht werden kann auf dem Wege über eine befriedigende materielle Existenz des Einzelnen.« Demnach stehe die Sozialpolitik »mitten auf der Brücke, die von den Bedingungen [Lebensbedingungen?] des Menschen zu seiner Aufgabe hinüberführt.« Nach folgendem Plane habe sie zu verfahren: »Sie hat festzustellen, was Rechtens ist, und auf dieser Basis, mit Beachtung der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Mittel, ein Programm von Forderungen zu entwickeln.« Mit diesem Ideal habe sie die Wirklichkeit zu vergleichen, daraus zu erkennen, was verbesserungsbedürftig sei, endlich die Mittel und Wege zur Besserung anzugeben. Wir sind nun der Ansicht, daß auf Forderungen des Rechts deswegen keine Sozialpolitik gegründet werden kann, weil darüber, was Rechtens sei, die Menschen bis ans Ende der Welt streiten werden. Weder die volkswirtschaftlichen noch die im engern Sinne sozialpolitischen Fragen lassen sich juristisch lösen. Wie in aller Welt soll denn ermittelt werden, ein wie großer Teil, sei es des eignen Arbeitsertrages, sei es vom Volkseinkommen, dem Einzelnen von Rechtswegen gebühre, wenn unter Recht nicht ein positives Vertragsrecht, sondern das ideale Recht, das Recht an sich verstanden wird? Wie will man, nicht auf dem Boden eines historischen, sondern dieses idealen Rechts die Rechtsansprüche der Klassen und Berufsstände gegen einander abgrenzen? Eines ist so unmöglich wie das andre. Auch wir haben z. B. die Empfindung, daß eigentlich jeder arbeitende oder wenigstens arbeitswillige Mensch Anspruch habe auf ein Stück heimischen Bodens; aber wer dieser Empfindung in einem Gesetzvorschlage Ausdruck verleihen wollte, der würde sich damit doch nur lächerlich machen. Nicht aus solchen Empfindungen ist die kurbrandenburgische und preußische Bauernpolitik geflossen, sondern aus der Einsicht, daß der König für sein Heer »Kerls« und Pferde braucht, für die Staatsverwaltung aber Steuern, und daß alle drei Bedürfnisse nicht von Latifundien mit proletarischer Arbeiterschaft, sondern nur von Bauerhöfen bestritten werden können. Immer sind es nur solche, wenn man will gemeine, Erwägungen, nicht Ideale und Empfindungen, auf die der Gesetzgeber baut. So wohlthätig demnach auch ein lebhaftes und feines Rechtsgefühl auf die Volkswirtschaft wie auf die Sozialpolitik einwirken mag, und wie hoch wir demgemäß auch das Verdienst aller Staatsmänner und Richter, aller Geistlichen und Lehrer, aller Schriftsteller und Volksredner anschlagen, die den Rechtssinn wecken, schärfen und verfeinern, so fragen wir doch bei volkswirtschaftlichen und sozialen Dingen nicht darnach, was das Recht fordere, sondern was notwendig, was wünschenswert, was möglich und erreichbar sei, denn darüber kann unter Verständigen eine Einigung erzielt werden. Und wenn in der Kritik des uns vorliegenden Buches mehr als einmal auf schreiende Ungerechtigkeiten hingewiesen werden wird, so geschieht es nicht, um den sittlichen Unwillen zu erregen oder zum Emporstreben aus dieser schlechten Wirklichkeit in einen Idealzustand verwirklichter Gerechtigkeit anzuspornen, sondern zu zwei ganz andern Zwecken. Erstens sind diese Ungerechtigkeiten von einem hochzivilisirten Volke im neunzehnten Jahrhundert verübt worden, und indem wir sie hervorheben, wollen wir den Wahn zerstören, als ob heute und in Europa »so etwas nicht mehr vorkommen könne,« als ob unser Geschlecht durch seine Humanität und seinen Gerechtigkeitssinn allein schon vor dem Rückfall in eine Barbarei geschützt wäre, die Staat und Gesellschaft mit dem Untergange bedroht. Zweitens aber ist es von höchster Wichtigkeit, festzustellen, daß gewisse volkswirtschaftliche und soziale Übel keineswegs durch natürliche Ursachen erzeugt, sondern durch menschliche Bosheit verschuldet worden sind, daher geheilt und für die Zukunft vermieden werden können. Von diesem Standpunkte aus können wir der übrigens sehr anziehenden Geschichte der sozialen Moral und der sozialen Grundrechte, die Wolf im ersten Abschnitte liefert, nur eine rein akademische, also für unsern praktischen Zweck untergeordnete Bedeutung beimessen. Doch dürfen wir sie, schon wegen der vielen Berührungspunkte mit unsern eignen bei verschiednen Gelegenheiten kundgegebnen Ansichten, auch nicht gänzlich übergehen. Indem Wolf die Frage nach dem Fortschritt der Moral im allgemeinen aufwirft, kommt er zu dem Ergebnis, daß die exoterische Sittlichkeit zweifellos fortgeschritten, die esoterische aber zurückgeblieben sei; doch will er auch an dem Fortschritt dieser nicht verzweifeln und glaubt, daß sie durch jene gefördert werde. Unter exoterischer Sittlichkeit versteht er nämlich »die zur Schau getragne und äußerlich geübte, unter esoterischer die innerlich empfundne, dem Drange des Herzens entquellende.« Mit den von Wolf wahrgenommenen Thatsachen hat es seine Richtigkeit, nur ist der Ausdruck exoterische Sittlichkeit nicht ganz zutreffend; die Sittlichkeit sitzt immer inwendig. Was er mit jenem Ausdruck meint, ist einerseits die Legalität, andrerseits die öffentliche Meinung über Sittlichkeitsfragen. Jene wächst selbstverständlich mit der bei enger Zusammendrängung der Menschen notwendigen Zwangsgewalt des Staates, der gegenüber die Willkür des Einzelnen niemals so ohnmächtig gewesen ist wie heute. Ihrem sittlichen Werte nach steht die Legalität auf einer Stufe mit der Sittsamkeit großstädtischer Hunde, die durch bescheidne Zurückhaltung und vorsichtige Anpassung an eine gefahrvolle Umgebung das harte Schicksal, bald auf den Schwanz, bald auf die Pfoten getreten, bald durchgeprügelt, bald hinausgeworfen zu werden, klug zu mildern verstehen. Wie weit sie einen günstigen Einfluß auf die wirkliche, die innerliche Sittlichkeit übt, weiß Gott allein; gewisse ungünstige Einflüsse verraten sich auch dem menschlichen Beobachter. Daß die erzwungne Legalität mit den animalischen Lebensgeistern zugleich auch den Schwung der Seele niederdrücke, ist schon oft beklagt worden, von den stärkern Geistern aber pflegen die Rohern im Widerstande gegen das Joch einer erzwungnen »Herdenmoral« Verbrecher zu werden, die Feinern überzuschnappen und sich an den Wahngebilden eines erträumten Übermenschentums zu erlaben. Bei leidlicher Freiheit bleibt das Menschentier ein ziemlich harmloses Geschöpf, in den Käfig gesperrt, wird es leicht zur rasenden Bestie. Was aber die öffentliche Meinung anlangt, so ist es nicht ganz überflüssig, sich darauf zu besinnen, seit wann, wie und wodurch ihr Urteil so scharf geworden ist. Das Verdienst dafür gebührt der Reformation, die ihre Berechtigung zunächst aus der sittlichen Verderbnis des Papsttums ableitete. Daraus entsprang einerseits für die neue Kirche die Ehrenpflicht, am Leben ihrer Mitglieder bessere Früchte nachzuweisen, andrerseits für die alte die Notwendigkeit, sich äußerlich mehr als bisher zusammenzunehmen, zugleich aber die notgedrungne und bald zur Gewohnheit werdende Taktik aller Konfessionen und Sekten, an einander Kritik und über einander Sittenpolizei zu üben und jede Blöße des Gegners der Öffentlichkeit zu denunziren. Diese Gewohnheit und Taktik ist dann auf die politischen Parteien übergegangen, und nachdem sich der Klatschsucht Presse und Telegraph, der Verfolgungssucht die großartigsten Staatsveranstaltungen zur Verfügung gestellt haben, ist es höchst lustig oder für Leute von anderm Geschmack erbärmlich anzusehen, wie ein jeder Sünder auf die Sünder der andern Parteien aufpaßt und ihnen das Publikum, die Polizei und den Staatsanwalt auf den Hals hetzt. Für die Echtheit der sittlichen Entrüstung, die solchergestalt jahraus jahrein die Öffentlichkeit durchtobt, giebt es einen ziemlich sichern Prüfstein: verdammt einer solche Sünden, zu denen er selbst keine Versuchung hat, so meint ers aufrichtig. Darum ist die Entrüstung der Reichen über die Diebereien, das Vagabundentum und die Unbotmäßigkeit der Armen so ehrlich wie deren Entrüstung über die Härte und die ungerechten Gewinne der Reichen und über die vermeintlichen Ungerechtigkeiten parteiischer Richter. Zu sinnlichen Genüssen fühlen sich die meisten Menschen in allen Klassen gleich stark versucht, daher ist, wo es sich nicht gerade um wirkliche Verbrechen und Schandthaten handelt, die Entrüstung über Ausschreitungen der Genußsucht in neun von zehn Fällen erheuchelt und mit ein wenig Neid versetzt, mögen die sich Entrüstenden Protestanten oder Katholiken, Konservative, Deutschfreisinnige oder Sozialdemokraten sein. Die Geschichte der sozialen Moral teilt Wolf auf zweierlei Weise ein. Einmal läßt er drei Zeiten der Unterdrückung von drei Zeiten der Humanität abgelöst werden. Die der Humanität sind die römische Kaiserzeit, die Renaissance und die im vorigen Jahrhundert beginnende Periode – eine geistreiche und nicht unbegründete Auffassung. Sodann aber teilt er die ganze Zeit der sozialen Entwicklung in drei sehr ungleich lange Perioden. Die erste umfaßt das ganze Altertum, das Mittelalter und die neuere Zeit bis ins vorige Jahrhundert hinein. In dieser ganzen Zeit galt nach ihm das Recht des Stärkern. Die zweite »Epoche« soll sich erstrecken »von der Gewährung des Rechts auf Freiheit bis zur Erkenntnis von der Unfähigkeit des Rechts auf politische Freiheit, der wirtschaftlichen Vergewaltigung Schranken zu ziehen.« Die dritte ist die »in unsern Tagen begonnene Epoche der Verwirklichung des Rechts auf Freiheit auch nach der wirtschaftlichen Seite hin und der Realisirung des Rechts auf Existenz und auf den vollen Arbeitsertrag.« Demnach würde der zweite Abschnitt für Frankreich 1789, für Preußen 1807 anfangen. Für England läßt er die zweite 1848 schließen; wir werden sehen, daß sie da eigentlich noch nicht einmal begonnen hatte. Schon jetzt aber mag angemerkt werden, daß es um die praktische Verwirklichung der »Menschenrechte,« die von den Theoretikern seit anderthalbhundert Jahren so pomphaft verkündigt worden sind, recht kläglich bestellt ist, ja daß wir sogar in der Theorie noch nicht über die antike Anschauung hinaus sind. Diese charakterisirt Wolf ganz richtig dahin, daß sie keine allgemeinen Menschenrechte, sondern nur Rechte der freien Volksgenossen kannte, während dem Sklaven und dem Ausländer, wenn überhaupt ein Recht, nur das Recht von Schützlingen und Gästen eingeräumt wurde. Nun hat der schottische Geistliche Townsend in seinem Buche »Die Armengesetze, beurteilt von einem Menschenfreunde« folgendes geschrieben: »Die Armen wissen wenig von den Beweggründen, die die höhern Klassen zur Thätigkeit reizen: Stolz, Ehrgefühl und Ehrgeiz. Im allgemeinen ist es der Hunger allein, der sie zur Thätigkeit stacheln kann. Aber unsre Gesetze wollen sie nicht hungern lassen. Freilich sprechen sie zugleich aus, daß sie zur Arbeit gezwungen werden sollen. Noch ist gesetzlicher Zwang zur Arbeit mit zu viel Mühe, Gewaltsamkeit und Aufsehen verbunden, während der Hunger nicht nur einen friedlichen, schweigsamen und unaufhörlichen Druck ausübt, sondern auch als natürlichster Antrieb zur Arbeit am wirksamsten die kräftigste Anstrengung hervorruft.« Wolf findet, daß solche Äußerungen englischer Moralisten eine starke Ähnlichkeit mit des Aristoteles Sklaventheorie haben: »Hier wie dort die Behauptung: die Natur will und die Gesellschaft braucht zweierlei Menschen: Bevorrechtete und Gemißbrauchte.« Wir werden sehen, daß Wolf selbst über diesen Satz nicht hinauskommt. So viel über das Sklavenrecht. Was aber das Fremdenrecht anlangt, so fällt es keiner der europäischen Nationen, die sich jetzt um den schwarzen Erdteil balgen, auch nur im Traume ein, den Negern, die sie teils unterjocht, teils mit Feuer und Schwert aus ihren Dörfern vertrieben haben, Gleichberechtigung zu gewähren; die Sklaverei wird mit einem großen Aufwande sittlicher und christlicher Entrüstung nur bekämpft, damit man die Farbigen ärger ausnutzen könne, als sie von ihren einheimischen Herren ausgenutzt werden. Das einzige, worum die Schwarzen gebessert werden würden, wenn die vollständige Unterwerfung Afrikas gelänge, würde die Beseitigung der Metzeleien bei Sklavenjagden und bei den Opferfesten einzelner Negerhäuptlinge sein. Einander haben die europäischen Völker Gleichberechtigung zugestanden, nachdem sie sich in blutigen Kriegen vergebens abgemüht haben, einander zu unterjochen. Daß es eben nur die Furcht vor neuen Niederlagen und nicht die Idee der allgemeinen gleichen Menschenrechte ist, was augenblicklich die Großmächte bestimmt, die Mordwaffen vor der Hand nur zu schärfen, anstatt sie zu gebrauchen, sehen wir an dem wilden Haß, mit dem überall in Europa, wo innerhalb desselben Staates verschiedne Nationen beisammen wohnen, die Minderheiten von den Mehrheiten unterdrückt werden. Auch in diesem Gebiete ist es nur die heuchlerische Phrase, was uns vor den Alten auszeichnet, nebst der Technik, die sich selbst die Mittel ihrer Verbreitung schafft und mit den Waffen, die wir selbst führen, auch unsre Feinde ausrüstet. Wolf zitirt folgenden Ausspruch aus »Lucrezia Borgia« von Gregorovius: »Wenn wir einen Menschen, wie ihn unsre Zivilisation erzogen hat, mitten in jene Renaissance versetzten, so würde die tägliche Barbarei, welche an den damals Lebenden eindruckslos vorüberging, sein Nervensystem zu Grunde richten und vielleicht seinen Geist verwirren.« Wolf fügt hinzu: »Ist hier bloß an die Schwachnervigkeit oder an die Charakterüberlegenheit unsrer Zeit gegen die der Renaissance gedacht? Wir glauben, es ist beides anzunehmen. Die erste wird unter Umständen vorerst der Beschönigung statt der Ausmerzung des Übels Vorschub leisten; aber die Ausmerzung wird doch ihr letztes Ergebnis sein. Von dieser Ausmerzung aber und den auf sie gerichteten Bestrebungen wird ein günstiger Einfluß auch auf den Charakter ausgehn.« Welches Glück, daß Gregorovius mit seiner zart besaiteten Seele niemals in die Arbeiterstadt von Manchester oder in gewisse russische Dörfer verschlagen Wir meinen nicht die Potemkinschen Dörfer, die Rudolf Virchows vom russischen Weihrauch benebelte eitle Seele gesehen hat, sondern echt russische Dörfer, wie sie neuerdings auf Grund amtlicher Untersuchungen von russischen Professoren beschrieben worden sind. worden ist! Er würde den Verstand verloren haben, und wir würden um seine schönen Werke gekommen sein. Die Fabrikanten von Manchester und die russischen Beamten haben stärkere Nerven; ihnen verdirbt der Anblick nicht einmal den Appetit an einer ihrer opulenten Mahlzeiten; übrigens verstehen es beide meisterhaft, das kompromittirendste vor den Augen unberufner zu verbergen. Ein solcher Herr in Manchester, dem Engels von den Zuständen der Arbeiterstadt zu sprechen anfing, sagte: And yet there is a great deal of money made here: good morning, Sir! Vielleicht wäre sogar schon in den Schlaflöchern der Burschen mancher Berliner Bäcker und Wurstmacher die Probe für unsre zarten Nerven zu hart; Sanitätskommissionen wenigstens pflegen sich vor solchen Proben zu hüten; sie beschränken sich auf die Besichtigung der Läden, wo selbstverständlich die peinlichste Sauberkeit herrscht und freundliche Gesichter strahlen. Die Besserung des Charakters durch die Nerven könnte wohl nach dem von Wolf entwickelten Programm vor sich gehen, aber wenn er meint, das sei im großen und ganzen wirklich schon geschehen, so täuscht er sich. Er spricht in demselben Zusammenhange auch von der in sozialer Beziehung allerdings sehr wichtigen Empfindung des Mitleids und offenbart hier, während er andern Unwissenheit vorwirft, selbst bedenkliche Lücken. »Wenn man etwas mehr Geschichte kennte – sagt er –, dann würde man wissen, daß das Mitleid – nicht als Tugendbegriff, sondern als Tugendempfindung einer großen Zahl – eine kaum zweihundertjährige Geschichte hat.« Nicht zweihundert, sondern zweitausend und einige hundert Jahre ist die Mitleidsreligion Buddhas alt. Vor zweihundert Jahren schrieb man 1693, und damals lebte in Europa das mitleidloseste Geschlecht, das jemals die Sonne beschienen hat. Hundert Jahre früher war man auch schon hart gewesen, scheint aber doch nicht so aller zarteren Regungen bar gewesen zu sein. Shakespeare schrieb doch nicht zu seinem Privatvergnügen, sondern für ein sehr gemischtes Publikum; selbst ein Kind des Volkes, kannte er, wie das Menschenherz überhaupt, auch die Empfindungsweise seines Volkes aus dem Grunde. In seinen Stücken spielt nun das Mitleid eine ganz bedeutende Rolle. Wolf zitirt ein paar Seiten weiterhin zu einem andern Zweck eine Stelle aus König Johann; es ist sonderbar, daß ihm nicht die rührende Szene eingefallen ist, wo der kleine Arthur seinen Kerkermeister Hubert durch Mitleid bewegt, von der anbefohlenen Blendung abzustehen. An der ehernen Brust der Folterknechte des siebzehnten Jahrhunderts, an der Roheit englischer Fabrikanten und Fabrikaufseher des neunzehnten Jahrhunderts, an der Kälte der »klassischen« Nationalökonomen sind alle Klagen und Bitten gemarterter Kinder wirkungslos abgeprallt. Shakespeares Königsdramen dagegen enthalten eine Menge Stellen, die beweisen, daß schon die bloße Tötung eines Kindes im Jähzorn oder aus politischen Gründen damals noch als etwas Ungeheuerliches empfunden wurde; von Mißhandlungen und Grausamkeiten ist mit Ausnahme jener beabsichtigten, aber nicht ausgeführten Blendung überhaupt keine Rede. Man erinnere sich an die Urteile und Klagen über die am jungen Rutland und am Sohn der Königin Margaretha begangnen Mordthaten im dritten Teile Heinrichs des Sechsten und in Richard dem Dritten; »das wildste Tier kennt doch des Mitleids Regung,« spricht Anna in der so widerlich burlesk endenden Szene am Sarge ihres jugendlichen Gatten zu Gloster; und dann des zarten Monologs des wilden Tyrrel über die in seinem Auftrag vollzogne Ermordung der schlafenden Söhne des Königs Eduard. Den Alten spricht Wolf das Mitleid rundweg ab, was in Anbetracht des berühmten aristotelischen Wortes, die Tragödie habe Furcht und Mitleid zu erregen, ein starkes Stück ist von einem deutschen Professor. Vielleicht behandeln wir den höchst interessanten Gegenstand einmal besonders. Für heute mag die Bemerkung genügen, daß man die Wahrheit in dieser Sache leichter ermitteln wird, wenn man nicht fragt, ob die Alten mitleidig, sondern ob sie grausam waren. Die Grundstimmung der griechischen Volksseele wird zur Genüge durch die Thatsache charakterisirt, daß das athenische Volk einen Mann, der einen Widder lebendig geschunden hatte, zum Tode verurteilte, weil es meinte, ein Mensch, der solcher Grausamkeit gegen ein Tier fähig sei, könne ähnliches wohl auch einmal an Menschen verüben; und es hat dabei, nebenbei bemerkt, mit seiner gesunden Empfindung jenen einzig richtigen Grundsatz der Strafrechtspflege aufgedeckt, für den unser heutiges verkünsteltes Geschlecht beinahe blind zu sein scheint. Die Alten waren hart, wo harte Maßregeln zur Erreichung eines politischen oder sonstigen wichtigen Zweckes notwendig schienen, aber sie empfanden gegen nutzlose Grausamkeiten einen starken sittlichen und gegen Verstümmelungen und Verkrüppelungen des Menschenleibes einen sehr entschiednen ästhetischen Widerwillen, sie waren also zwar nicht sentimental, aber auch nicht grausam. Eine Bestätigung seiner Auffassung sieht Wolf in folgendem Ausspruche des Aristoteles: »Von Natur kräftigere Menschen lassen weinerliche Menschen nicht an sich heran. Dagegen erfreuen sich Weiber und weibische Männer an dem Mitgeseufze andrer und lieben sie als Freunde und mitleidige Menschen.« Aber das ist ja ganz genau auch die Seelenstimmung jedes tüchtigen Mannes von heute, namentlich jedes protestantischen Deutschen; wo er Unrecht thun und Unrecht leiden sieht, da setzt er sich nicht hin, um mit dem Leibenden zu seufzen und zu flennen, sondern er haut auf den Übelthäter ein, und ist er zu schwach zum Einhauen, so schimpft und agitirt er wenigstens. Auch das Neue Testament ist nicht sentimental. Man lese nur die trockne, kurzgefaßte Leidensgeschichte! Nur die nackten Thatsachen; kein Wort, das etwaiges Mitgefühl des Zuschauers oder Erzählers verriete oder darauf berechnet wäre, das Mitleid des Lesers zu erregen; keine Spur von solchen nervenpeinigenden Einzelheiten, wie sie Brentano aus Legenden gesammelt und sich dann von der ekstatischen Nonne Katharina Emmerich hat diktiren lassen. Von der Rolle, die das Mitleid in der englischen Arbeiterbewegung gespielt hat, wird später die Rede sein. Wolfs Auffassung der geschichtlichen Veränderungen stimmt insofern mit unsrer eignen überein, als auch er es für verkehrt erklärt, alle Erscheinungen aus einem einzigen »Prinzip« abzuleiten, und daher auch selbstverständlich die einseitige materialistische Geschichtserklärung der Sozialdemokraten entschieden verwirft. Ob es nun gerade drei Kräfte sind, die die Menschheit vorwärts bringen oder vielleicht nur im Kreise herumtreiben, darüber würde sich freilich streiten lassen, wenn hier der Ort dazu wäre. Wolf schreibt nämlich: »Die Kulturmenschheit wurde vorzüglich durch drei einträchtig neben einander wirkende Kräfte vorwärts gebracht: durch Ansprüche jener, die sich eine halbe Geltung infolge ihnen günstiger Wirtschaftsverhältnisse bereits errungen hatten und eine ganze wollten; durch die Selbstkritik der herrschenden Klassen; und durch die zwischen beiden vermittelnde ethische Einsicht. Diese Faktoren, die das Rad der Menschheit vorwärts drehen, sind auch heute wirksam.« Zweites Kapitel Die Fragestellung Nachdem Wolf im ersten Abschnitt festgestellt zu haben glaubt, »wie im Lauf der Menschheitsentwicklung ein soziales Grundrecht nach dem andern aufgetaucht ist, und wie in diesen Humanitätsrechten die Geschichte der sozialen Moral als exoterischer Moral sich wiederspiegelt,« soll der zweite »der Frage nach dem eigentlichen Inhalt dieser Rechte und insbesondre der beiden ökonomischen von ihnen gewidmet sein.« Als politische Grundrechte bezeichnet er das Recht auf Freiheit und das auf Gleichheit. Die beiden Namen seien freilich »trotz des sonoren Klanges« unzweckmäßig gewählt; nachdem sie ihre revolutionäre Aufgabe erfüllt hätten, habe die Wissenschaft festzustellen, daß unter Freiheit und Gleichheit Selbstbestimmung und Mitbestimmung verstanden werden. »Beide zusammen sind in der That das volle Recht, insofern jede Beschränkung im Selbstbestimmungsrechte wett gemacht wird durch Zuweisung eines Rechts auf Mitbestimmung über andre.« Da wir unsrerseits nicht nach dem Ideal fragen wollen, sondern nach dem unter den gegebnen Umständen notwendigen und möglichen, so können wir die sogenannten politischen Grundrechte erst erörtern, nachdem wir die wirtschaftliche Lage dargestellt haben werden. Von den beiden wirtschaftlichen Grundrechten ist nach Wolf, und wir stimmen ihm darin bei, das Recht auf Existenz sowohl seiner Begründung als seinem Inhalt nach unsicher, während das Recht auf den vollen Arbeitsertrag wenigstens klar begründet werden kann, wenn auch in vielen Fällen nicht zu ermitteln ist, worin der volle Arbeitsertrag besteht. In vielen, nicht in allen Fällen, sagen wir; und diese Korrektur, die wir an Wolfs allgemein gehaltner These anbringen, ist, wie wir sehen werden, von entscheidender Bedeutung. Eben der noch unbestimmte Inhalt der beiden wirtschaftlichen Grundrechte, heißt es weiter, sei der Gegenstand des sozialen Streites, und die Verwirklichung dieses Inhalts sein Ziel. Indem man aber nach jenem Inhalt forsche, sehe man sich wieder »auf das Grundproblem der sozialen Ethik zurückgeworfen: was ist der Zweck des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sowie der Lebenszweck des einzelnen?« Über dieses Grundproblem liegen nun, wie weiter ausgeführt wird, zwei »große Auffassungen« mit einander im Streit, die aristokratische, die einigen wenigen die Masse opfern will, und die demokratische, die alle einzelnen für gleichberechtigt hält. Wolf führt eine Anzahl berühmter Vertreter beider Richtungen an und geht näher auf Nietzsche ein, bei dem der Gegensatz in ungeheuerlicher Verzerrung als ein Kampf der angeblichen Sklavenmoral gegen die Herrenmoral erscheint. Daß von unsern beiden großen Dichtern Goethe der aristokratischen und Schiller der demokratischen Auffassung zuneigte, ist bekannt. Ein Streit darüber zwischen Treitschke und Schmoller, über den Wolf berichtet, berührt unsern Gegenstand unmittelbar. Als der sogenannte Kathedersozialismus hervortrat, bekämpfte ihn Treitschke in der Schrift »Der Sozialismus und seine Gönner.« Treitschkes aristokratische Moral ist freilich von der Nietzsches himmelweit verschieden, da er die Unterordnung der vielen unter die wenigen fordert, nicht um der Selbstsucht der Herren zu fröhnen, sondern weil das Wohl des Ganzen sie fordre. Den großen Talenten müsse auf Kosten des Lebensgenusses der Masse eine höhere Stellung und reichlicher Lebensgenuß gesichert werden, damit sie ihre Aufgabe als Kulturerzeuger erfüllen könnten. »Oft und bis zum Überdruß hat man nachgewiesen, daß ohne die Anhäufung großer Reichtümer weder die Großindustrie noch die Blüte der Kunst gedeihen kann. Die Persönlichkeit eines gereiften großen Volkes kommt nicht zur Durchbildung ohne starke soziale Gegensätze.« Darauf hat Schmoller geantwortet, daß selbst die höchsten Blüten geistigen Lebens zu ihrer Entfaltung großer Reichtümer nicht bedürften. In der aurea mediocritas gediehen sie am besten. »Die größten deutschen Dichter haben sich vor hundert Jahren in Weimar, die genialsten deutschen Maler und Architekten unsrer Zeit haben sich in dem armen Baiern, in München versammelt, als dort sicher noch kein Privatmann eine Million besaß.« Wolf schließt sich dieser Ansicht, die selbstverständlich auch die unsre ist, aus vollem Herzen an. »Nein, es leidet keinen Zweifel: auf dem Boden mittlern Wohlstandes kann nicht nur die mittlere Volkskraft reifen, sondern auch den Ausnahmeerscheinungen, den großen Künstlern und Denkern wird er der günstigste sein. Existenzbedingung jener, die den Fortschritt »leisten,« ist nicht Opferung der andern ... Der Weg, der zum Glücksziel führt, d. h. zur Bedachtnahme auf alle oder möglichst viele [wie ungeschickt ausgedrückt!], muß das Kulturziel nicht verfehlen.« Er schließt mit einigen Versen aus den »Schutzflehenden« des Euripides, in denen ausgeführt wird, daß weder die Reichen noch die Armen etwas taugen, Zucht und Ordnung nur beim Mittelstande zu finden sei, unterläßt es aber merkwürdigerweise, aus seinen richtigen Vordersätzen die allein zulässige Folgerung zu ziehen, daß die Begünstigung des Kapitalismus und somit auch der Zweck, zu dem er sein Buch geschrieben hat, verwerflich sei. Aus der von Wolf beleuchteten Polemik Treitschkes wollen wir doch noch einen Satz hervorheben als ein Beispiel jener zahlreichen Fälle, wo hervorragende Männer offenbaren, wie wenig sie von wirtschaftlichen Verhältnissen verstehn. Treitschke spricht von den »jedes menschliche Gefühl empörenden Kontrasten der Großstadt,« durch die man sich aber in der aristokratischen Lebensansicht nicht irre machen lassen dürfe, und Wolf greift folgenden Satz heraus: »Dort auf den Tribünen des Rennplatzes drängt sich lachend die geputzte Menge, drunten wird ein edles Rennpferd durch eine Flasche Wein gestärkt, und einige Schritte davon bettelt eine arme Frau um Brot für ihre Kinder.« Otto Effertz führt denselben Satz an und fragt, was es wohl der armen Frau nutzen könnte, wenn der Gaul den Champagner nicht kriegte? Was sie braucht, ist nicht Wein, sondern Brot, und da der Roggen an Rebgeländen so wenig gedeiht wie der Wein auf Roggenacker, so stehen einander die beiden nicht im Wege, und der Gaul fügt der armen Frau kein Unrecht zu. Es ist demnach gar keine Herrenmoral nötig, um die Grundlosigkeit der Gewissensbisse einzusehn, die der Weingenuß empfindsamen und mitleidigen Seelen im Hinblick auf das menschliche Elend erregt. Klugheit und feine Empfindung mögen also wohl fordern, daß der Reiche den anstößigen Kontrast vermeide und entweder sich und seinen Gaul nur an solchen Orten mit Wein erquicke, wo keine hungernden Witwen und Waisen herumstehn, oder gleichzeitig diese Armen mit einem Almosen erfreue. Aber geholfen werden kann diesen Armen weder durch Almosen, noch durch den Verzicht der Reichen auf den Weingenuß, sondern nur durch Vergrößerung der Flächen, auf denen Roggen gebaut wird. Nicht daher rührt ihre Not, daß zu viel Wein, sondern daß zu wenig Roggen im Lande ist; denn entspräche der Roggenvorrat dem Bedarf, dann würde das Brot so billig sein, daß sich auch die Armen genug davon kaufen könnten, und Allerärmste, d. h. solche, die keine Arbeit finden und daher gar kein Geld haben, würde es nicht geben. So wenig also die Armen ihr Brot zu opfern brauchen, damit sich die großen Geister und die Rennpferde im Wein Lebensmut antrinken können, so wenig brauchen die Reichen auf den Wein zu verzichten, damit die Armen Brot bekommen. Um nun zu dem Gedankengange Wolfs zurückzukehren, so stellt er, um der unliebsamen Folgerung auszuweichen, zu der er sich gedrängt sah, die angestellte Untersuchung des Grundproblems der sozialen Ethik als ergebnislos und daher eigentlich überflüssig dar. »Ein absolutes Maß, eine Lösung in ethischen Dingen giebt es eben nicht. Und noch eine Steigerung mag die Willkür darin finden [soll wohl heißen: und noch mehr wird der Spielraum, den die Willkür des persönlichen Geschmacks bei der Entscheidung solcher Fragen beansprucht, dadurch vergrößert], daß, wenn selbst der Streit über das Ziel , damit immer noch nicht jener [?] über das Recht beigelegt wäre. Eine gewisse Verteilung der Einkommen kann uns dem Ziel der Entwicklung näher bringen als eine andre. Stellt diese Verteilung das Recht schon dar? Hat X, weil er mit einem Einkommen von einem gewissen Betrage den ihm von Gesellschaftswegen gestellten Aufgaben am besten entsprechen würde, darum ein Recht auf dieses Einkommen? Heute muß er sich sein »Recht« auf dem Markte in Konkurrenz mit andern gegenüber einer vielleicht mißleiteten oder unverständigen Menge von Käufern zu erkämpfen suchen. Um Extreme herauszugreifen, denke man an den Börsianermillionär gegenüber einem in seiner Dachkammer verhungernden Jünger einer »wenig praktischen« Wissenschaft. Ist die Leistung des letztern nicht vielleicht von Gesellschafts wegen bessern Rechts als die Leistung jenes? Das Gesetz schützt trotzdem den Millionär, das Recht ist mit ihm, und ebenso [?] reicht das Recht des verhungernden Musensohns nicht weiter als die Wand seiner Mansarde.« Wolf verzichtet also darauf, den Inhalt des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag aus dem Ziele der Kulturentwicklung zu ermitteln. Er begnügt sich damit, festzustellen, daß jenes Recht allgemein anerkannt werde, und findet, daß sich der Streit eigentlich nur darum drehe, ob es schon verwirklicht sei oder nicht. Die Sozialisten behaupteten, dem Arbeiter allein gebühre der ganze Arbeitsertrag, ein beträchtlicher Teil davon aber werde ihm vom Unternehmer vorenthalten, der demnach ein Räuber sei. Die Anhänger des bestehenden hingegen seien der Ansicht, »daß die Entlohnung In dieser jetzt so beliebten Zusammensetzung, hat uns ein Freund zu dieser Stelle bemerkt, liegt eine unfreiwillige bittere Ironie. Ent lohnen kann nämlich vernünftigerweise nichts andres bedeuten, als einen seines Lohnes berauben. Vergl. entblättern, entlauben, entleiben, entmannen, entkernen, entseelen, entvölkern u. s. w. Denen, die das Wort gebildet haben, hat wohl dunkel vorgeschwebt: jemand seinen Lohn auszahlen und ihn damit entlassen . Das läßt sich aber eben nicht in einen Begriff zusammenquetschen. des Arbeiters von heute seiner Leistung ungefähr entspreche, daß also die Privateigentumsordnung von heute dem Rechte nicht entgegen sei, und Reformen nur karitativ, als Akte der Nächstenliebe über das nackte Recht hinaus gedacht werden können.« Wolf hätte, nachdem er einmal die aristokratische und die demokratische Moral in die Betrachtung hineingezogen hat, ausdrücklich darauf hinweisen müssen, daß die erste heut »vom Manchestertum und von der Feudalität« (in diese beiden Klassen teilt er die Anhänger der kapitalistischen Wirtschaft ein), die zweite von den Sozialdemokraten vertreten wird. Zwischen diesen beiden Parteien der Interessirten, deren Meinung klar sei, stehe die vermittelnde Partei der Uninteressirten, die die Klarheit vermissen lasse. Diese meine, »die gegenwärtige Wirtschaftsordnung führe die Möglichkeit einer Vergewaltigung des Arbeiters durch den Unternehmer mit sich, und diese Vergewaltigung sei heute bis zu gewissem [einem gewissen] Grade eine Thatsache. Inwieweit? Darauf wird uns eine höchst unsichre Antwort oder gar keine gegeben. Dagegen wird ausgeführt, jener Vergewaltigung und Vergewaltigungsmöglichkeit müsse ein Ende gemacht oder wenigstens müßten die Folgen der Vergewaltigung abgewendet werden, ersteres mehr im Wege privater Organisation der Arbeiter, letzteres mit Bevorzugung staatlichen Eingreifens in die »natürliche« Gestaltung der Dinge.« Der Kathedersozialismus oder Staatssozialismus, unter welchen beiden Benennungen die Männer der vermittelnden Richtung zusammengefaßt zu werden pflegen, unterscheidet sich also zunächst dadurch vom Sozialismus, daß er die Beraubung des Arbeiters durch den Unternehmer unter der Herrschaft des kapitalistischen Wirtschaftssystems nicht für notwendig und unvermeidlich, sondern nur für möglich und stellenweise wirklich erklärt. Außerdem begründet er auch noch die Abhängigkeit des Arbeiters vom Unternehmer ein wenig anders als die Sozialisten. Der Arbeiter, so pflegen Professor Brentano und seine Gesinnungsgenossen auszuführen, habe nichts als seinen Arbeitslohn, um sein Leben zu fristen. Er befinde sich daher beim Verkauf seiner Arbeitskraft stets in der Lage des Falliten, der um jeden Preis, also auch um einen Spottpreis losschlagen müsse. Demnach könne ihm geholfen werden, wenn er, z. B. durch gewerkschaftliche Organisation, in den Stand gesetzt werde, eine Zeitlang auf Arbeitslohn zu verzichten; denn dann sei er stark genug, den Lohn zu erzwingen, der dem Werte seiner Leistung entspreche. Die Sozialisten dagegen erklären die Ohnmacht der Arbeiter nicht aus dem Mangel an Unterhaltsmitteln, sondern daraus, daß sie nicht im Besitz der Produktionsmittel sind und unter der Herrschaft des Kapitalismus angeblich niemals in ihren Besitz gelangen können. Vom Boden dieser Begründung aus gelangen sie dann auch zu viel weitergehenden Forderungen als die Kathedersozialisten. Denn, sagen sie, wenn die Arbeiter auch auf dem Wege der Koalition einen höhern Lohn zu erzwingen imstande sind, so ist dieser höhere Lohn immer noch nicht der volle Arbeitsertrag; diesen vermag der Arbeiter nicht zu erlangen, so lange es eine von den Arbeitern gesonderte Unternehmerklasse giebt, die unter den Bezeichnungen: Grundrente, Kapitalzins und Unternehmergewinn einen Teil des den Arbeitern gebührenden Arbeitsertrages für sich vorwegnimmt; das Unternehmertum muß also abgeschafft werden. So läuft denn Wolfs Untersuchung auf die Beantwortung der Frage hinaus, ob die Sozialisten oder die Anhänger des Kapitalismus oder die Kathedersozialisten mit ihren Behauptungen Recht haben. Für uns ergiebt sich eine ganz andre Frage oder vielmehr Gruppe von Fragen als Hauptgegenstand der Untersuchung. Was zunächst die gerühmte Klarheit der beiden Interessentengruppen anlangt, so ist sie keineswegs eine Frucht mühsamer Geistesarbeit, sondern auf dieselbe leichte Weise gewonnen, wie in allen Wissenschaften die Doktrinäre, die sich um die ungeheure Mannichfaltigkeit der Welt nicht kümmern, durch Folgerungen aus einem »Prinzip« ihre reinlichen, folgerichtigen und durchsichtigen Systeme aufzubauen verstehen. Eben in dieser Einfachheit und Reinlichkeit, die durch das Absehen von der verwirrenden Mannichfaltigkeit des Lebens auf Kosten der Wahrheit gewonnen wird, liegt der gemeinsame Grundfehler beider Systeme, und eben dadurch werden die vermittelnden Kathedersozialisten unklar, daß sie der Wahrheit näher kommen. Aber freilich, die allerfalscheste Annahme der beiden folgerichtigen Systeme haben auch sie sich zu eigen gemacht und so ihre Untersuchungen auf dieselbe unhaltbare Grundlage gestellt wie jene beiden. Alle drei, samt Wolf, nehmen ganz unbefangen an, die gesamte Bevölkerung der Kulturstaaten bestehe aus den beiden Klassen der Unternehmer und der Arbeiter, und alle sozialen und volkswirtschaftlichen Streitigkeiten drehten sich um die Aufgabe, den Arbeitsertrag zwischen diese beiden Klassen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit zu verteilen; sie alle übersehen die drei Thatsachen, daß erstens jene Scheidung keineswegs allgemein ist, daß demnach zweitens in vielen Fällen gar keine Verteilung notwendig ist, sondern dem Arbeiter sein voller Arbeitsertrag schon jetzt unmittelbar zufließt, und daß drittens in den Fällen, wo eine Verteilung stattfindet, die Ermittelung des gerechten Anteils bald leicht, bald schwierig, bald unmöglich ist. Wolf selbst entnimmt einem Buche des Sozialisten Kautsky folgendes Beispiel: »Als bei den Indianern noch Bogen und Pfeile allein gebraucht wurden, kannte jeder Krieger seine Pfeile und hatte keine Schwierigkeit, die von ihm getöteten Büffel positiv zu erkennen. Diese waren ganz sein individuelles Eigentum. Fanden sich aber Pfeile von verschiednen Männern in demselben toten Büffel, so wurden die Eigentumsansprüche je nach deren Lage entschieden. Wenn jeder Pfeil eine tötliche Wunde verursachte, so wurde der Büffel geteilt.« Hier war also das Recht auf den vollen Arbeitsertrag verwirklicht, und dasselbe geschieht ja noch bis auf den heutigen Tag überall bei Jagd und Fischfang. Aber nicht bloß der Jäger und der Fischer, sondern auch der unverschuldete Kleinbauer, der seinen Acker mit Weib und Kindern selbst bestellt und keiner Lohnarbeiter bedarf, erleidet keinen Abzug. Ihm allein gehört die ganze Ernte, gehört die Milch seiner Kühe, der Erlös aus verkauftem Vieh, das Fleisch seiner Schweine. Der größere Bauer, der sich Knechte, Mägde und Tagelöhner hält, muß allerdings schon mit diesen teilen, oder vom sozialdemokratischen Gesichtspunkte aus betrachtet: sie müssen ihren Arbeitsertrag mit ihm teilen; allein die Schwierigkeit, die aus dieser Arbeitsgemeinschaft herausgediftelt werden könnte, ist rein theoretischer Natur und hat gar keine praktische Bedeutung. Denn der Bauerknecht hält sich für genügend belohnt, wenn er satt und gut zu essen hat, und wenn sein Geldlohn für die ortsübliche Kleidung, das ortsübliche Sonntagsvergnügen und einen Sparpfennig hinreicht. Zwischen ihm und dem Bauer besteht also kein Streit über die gerechte Teilung. Bei den Arbeitern der Rittergüter, auf die wir später zu sprechen kommen, verhält sich die Sache allerdings schon anders. Weil die »klassische Ökonomie« wie der »klassische Sozialismus« in England entstanden ist, wo es keinen Bauernstand mehr giebt, so haben die Herren Gelehrten diesen Stand, der in Deutschland noch vor fünfzig Jahren zwei Drittel der Bevölkerung ausmachte, und der noch heute in Frankreich und Deutschland den Kern des Volkes bildet, der Reinlichkeit und Einfachheit ihrer Systeme zuliebe übersehen und aus einer Frage, die nur einen Teil der städtischen und industriellen Bevölkerung angeht, eine allgemeine Frage gemacht. Nur einen Teil! Auch der kleine Handwerker wird nicht davon berührt. Sodann giebt es Fälle der Arbeitsteilung, die immer auch Arbeitsgemeinschaft ist, wo von Scheidung in Unternehmer und Arbeiter keine Rede sein kann, und die Teilung des Arbeitsertrages auf dem Wege des Vertrags erfolgt, ohne daß der eine sich in Gefahr begiebt, vom andern vergewaltigt oder übervorteilt zu werden. So wenn sich Verleger, Schriftsteller und Buchdrucker zur Herausgabe eines Buches, Maurermeister, Zimmermeister und Schieferdeckermeister zum Bau eines Hauses vereinigen. In vielen Gegenden Deutschlands sind auch die Maurer und Zimmerleute noch keine reinen »Arbeiter,« die dem Meister als Unternehmer auf Gnade und Ungnade ausgeliefert wären. In kleinern Städten wenigstens beschäftigen die Meister vielfach Leute von den umliegenden Dörfern. Diese Leute sind meistens Söhne von Ackerstellenbesitzern. Sie haben das Maurer- und Zimmerhandwerk gelernt, um sich damit ihr Brot zu verdienen, bis sie selbst in den Besitz einer Stelle gelangen, wobei sie aber fortfahren, bei den Eltern zu wohnen und ihnen in der Ackerarbeit und im Hause zu helfen. Glückt es ihnen nicht, kleine Gutsbesitzer zu werden, so müssen sie allerdings zeitlebens beim Handwerk bleiben, bringen es aber dann meistens bis zum Polir. Übernehmen sie die väterliche Stelle, oder heiraten sie in eine Stelle ein, oder kaufen sie mit ihren Ersparnissen eine, und ist ihr Gütchen nicht groß genug, sie vollständig zu beschäftigen und – was immer die Folge davon ist – anständig zu ernähren, so betreiben sie die Maurerei oder Zimmerei als Nebenberuf weiter. Solche Leute stehen keineswegs in Gefahr, gleich zu verhungern oder zu verlumpen, wenn sie ein ihnen zu niedrig scheinendes Lohnangebot des Maurer- oder Zimmermeisters zurückweisen. Der Meister andrerseits aber ist auch nicht in der Lage, sich durch Lohndruck um alle diese zuverlässigen Leute zu bringen und mit hergelaufenem Volk zu arbeiten. Beide bedürfen einander gegenseitig, beide können sichs aber auch überlegen, ehe sie einen Vertrag abschließen. Sie stehen also wirtschaftlich so ziemlich auf gleichem Fuße, und nur als Betriebsleiter ist der Meister der Vorgesetzte, wenn man will, der Herr der Gesellen. Unter solchen Umständen fällt die Verteilung des Arbeitsertrages von selbst gerecht aus. Unternehmer war der kleinstädtische Maurer- und Zimmermeister bis vor etwa fünfzig Jahren überhaupt nicht. Damals kannte man nur in den größern Städten Mietkasernen; in den kleinern baute man nur Häuser, um sie selbst zu bewohnen. Der Bauherr bezahlte den Maurer- und Zimmermeister für den Entwurf und für die Materialien, falls er sie nicht selbst lieferte, für die Bauleitung aber bekamen sie unmittelbar gar nichts, sondern wurden in der Weise bezahlt, daß ihnen jeder Gesell von seinem Tagelohn einen Silbergroschen abtrat; so viel Gesellen der Meister beschäftigte, so viel Silbergroschen hatte er täglich. Die Möglichkeit eines unverhältnismäßigen Gewinns war also ausgeschlossen, und den Lohn der Gesellen zu drücken, daran hatte der Meister gar kein Interesse; nicht er, sondern der Bauherr zahlte ihn, zwischen Meister und Gesellen aber waltete die vollständigste Interessenharmonie. Hätten die Gesellen auf eigne Faust einen Bau übernehmen und einen aus ihrer Mitte als Betriebsleiter anstellen wollen, so würde der mit weniger als einem Silbergroschen von jedem Kameraden gewiß auch nicht zufrieden gewesen sein. Heute freilich sind in den größern Städten die Maurer- und Zimmermeister weit mehr Bauunternehmer als Handwerksmeister, und die Gesellen sind reine Arbeiter nach modernem Begriff, aber in den kleinern Orten finden sich, wie gesagt, noch Reste des ursprünglichen Verhältnisses, und wenn man dieses der Berechnung zu Grunde legte, so würde sich wohl auch der Lohn finden lassen, den der Maurer und Zimmermann der Großstadt zu fordern hat. Möglicherweise würde sich ergeben, daß er von seinem wirklichen Lohne nicht sehr abweicht. Erst bei verwickelter Arbeitsteilung wird die Berechnung schwierig; sie wird unmöglich, wenn Personen, die weit entfernt von einander wohnen und einander gar nicht kennen, wenn gar die Rohproduktionen und Industrien verschiedner Länder zur Herstellung einer Ware zusammenwirken. Wenn eine elsässische Kattunfabrik englisches Garn verarbeitet und ihre Ware nach Schwaben verkauft, so ist es schon sehr schwierig, die beteiligten Personen alle anzuführen, ohne eine zu vergessen. In den fünfzig Pfennigen für eine Elle dieses Kattuns, die in einem Stuttgarter Kramladen verkauft wird, stecken die Bodenrenten, Kapitalzinsen, Geschäftsgewinne und Arbeitslöhne einer unübersehbaren Menge von Personen. Es sind u. a.: der amerikanische oder indische Baumwollenpflanzer, sein Aufseher und sein Arbeiter; die beim Transport der Baumwolle nach England auf der Bahn und auf dem Schiff beschäftigten Leute; die Aktionäre der Eisenbahnen; der Besitzer der Spinnfabrik, der Aufseher, der Krämpler, der Spinner u. s. w.; die Bauhandwerker, die an der Herstellung des Fabrikgebäudes beteiligt gewesen sind, die Maschinenbauer, aus deren Anstalt die Maschinen der Spinnerei hervorgegangen sind, das beim Transport nach dem Elsaß beschäftigte Personal, dort wieder Besitzer und Arbeiter der Webefabrik und die Leute, die das Gebäude und die Maschinen hergestellt haben, dann das Personal der Färberei und Druckerei, die Musterzeichner u. s. w., dann wieder die beim Transport nach Stuttgart beschäftigten, dann die amerikanischen, englischen und rheinischen Bergleute und Eisenarbeiter, die die Kohle und das Eisen für die Lokomotiven und Maschinen aus dem Schoße der Erde herausgeschafft und verarbeitet haben, sowie die beteiligten Gruben-, Hütten- Fabrikbesitzer und Aktionäre, endlich der Schnittwarenkaufmann, sein Personal, der Hauswirt, dem er Miete zahlt, und zu allerletzt die Leute, denen das Papier verdankt wird, worein er das Zeugläppchen hüllt, und das Schnürchen, womit er das Paketchen bindet. Dazu kommt noch, daß, während ein Kunstwerk und ein Erzeugnis des Kunsthandwerks, aber auch noch ein Schlüssel, ein Stiefel ganz das Werk eines einzelnen bestimmt zu bezeichnenden Mannes sind, der nur die Zuthat und das Werkzeug von andern fertig geliefert erhalten hat, eine Elle Kattun gar kein individuelles Erzeugnis ist. Maschinengarn und Maschinengewebe werden von vielen Arbeitern gemeinsam oder vielmehr unter ihrer Aufsicht von den Maschinen in Masse hergestellt, und von keinem Gewinde Garn, von keiner Elle Kattun wissen die Arbeiter anzugeben, welcher von ihnen bei der Herstellung besonders beteiligt gewesen sei. Schon das Durchdenken der Aufgabe, den rechtmäßigen Anteil aller Beteiligten an jenen fünfzig Pfennigen zu berechnen, könnte einen verrückt machen; an ihre Lösung ist nicht zu denken. Bei solchen Waren giebt es schlechterdings keinen andern Weg, auf dem die Ansprüche der Beteiligten an den Erlös verwirklicht werden könnten, als den jetzt üblichen, nämlich daß die Rohstoffe, Halbfabrikate und Ganzfabrikat auf den Markt geworfen werden, wo das Spiel von Angebot und Nachfrage ihren Preis regelt, daß der letzte Verkäufer aus seinem Erlös dem Verkäufer des letzten Produktionsabschnittes die Auslagen erstattet und den Geschäftsgewinn zuteilt, der des letzten Produktionsabschnitts dem des vorletzten den gleichen Dienst erweist, dieser dem vorhergehenden bis zurück zu den Urproduzenten, und daß die Unternehmer jedes Produktionsabschnittes ihren Arbeitern den Lohn zuteilen, wiederum nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wie weit die Zuteilung der Gerechtigkeit entspricht, bleibt dem Zufall überlassen, nur so viel ist klar, daß jeder Unternehmer die Macht hat, ungerecht zu sein, sobald das Angebot an »Händen« seinen Bedarf übersteigt. Gerade diese Industrien nun, in denen nicht allein die Möglichkeit der gerechten Verteilung, sondern schon die Möglichkeit der Berechnung aufhört, sind die Brutstätten jener Übel, an die man bei der Redensart »soziale Frage« zunächst zu denken pflegt, und es ist kaum eine Übertreibung, wenn man sagt, daß die Sozialdemokratie eine Frucht der Textilindustrie sei. Demnach hat die Frage, ob der Arbeiter seinen vollen Arbeitsertrag erhalte, oder ob ihm der Unternehmer einen Teil davon vorenthalte, so allgemein gestellt gar keinen Sinn. Denn es giebt Arbeiter, die ihren Arbeitsertrag mit keinem Unternehmer zu teilen und niemandem etwas davon abzugeben haben als dem Staate und der Gemeinde. Es giebt ferner Arbeiter, die mit Arbeitsgenossen, aber nicht mit Unternehmern teilen. Es giebt ferner Unternehmer und Arbeiter, die gegenseitig mit einander zufrieden sind, und zwischen denen gar kein Streit entsteht, weil die Abrechnung einfach und klar ist. Bei den Arbeitern endlich, wo die Frage wirklich entsteht, ist sie – unlösbar. Diese Lage der Dinge bestimmt uns, eine Reihenfolge ganz andrer Fragen zu stellen. Wir fragen: 1. Macht es der Kulturfortschritt notwendig, daß die einfachen Verhältnisse, in denen ein jeder seinen Arbeitsertrag überschauen und sein Recht daran sichern kann, gänzlich verschwinden, und ein unlösbarer Wirrwarr an die Stelle tritt? Und nachdem wir gefunden haben, daß dies keineswegs nötig sei, fragen wir weiter: 2. Wie läßt sich verhüten, daß immer mehr Menschen in den Wirrwarr hineingezogen werden, und durch welche Mittel könnte wohl die Zahl derer, die sichern Grund und Boden unter den Füßen haben und sich eines festumschriebnen Kreises von Besitzrechten erfreuen, wieder vermehrt werden? So lange aber eine große Anzahl unsrer Mitbürger mit ihrer Existenz dem Zufall preisgegeben bleibt, fragen wir wie die Kathedersozialisten: 3. Was kann und soll der Staat thun, um die unter diesen Umstanden mögliche Ausbeutung der Schwachen durch die Starken zu verhindern? Der Staat hat schlechterdings nicht notwendig, mit seinen Maßregeln zu warten, bis die Gelehrten entschieden haben werden, wie weit das Recht auf den vollen Arbeitsertrag gehe, und ob es für die Weber und Strumpfwirker bereits verwirklicht sei oder nicht. Sondern wie sich der König von Preußen, ohne Rücksicht auf die Ansprüche der Junker, durch den Bauernschutz die erforderliche Menge »Kerls,« Pferde und Steuern gesichert hat, so kann und soll das Vaterland heute noch ohne Rücksicht auf das Geschrei und Toben der Großindustriellen durch wirksamen Arbeiterschutz dafür sorgen, daß ihm seine Söhne in den Fabriken nicht verkümmern. Drittes Kapitel Wie weit wird Marx durch den bisherigen Gang der wirtschaftlichen Entwicklung gerechtfertigt? Das theoretische System des modernen Sozialismus – mit diesem Satze beginnt der dritte Abschnitt von Wolfs Buch –, ist das von Karl Marx in seinem Buch »Das Kapital« niedergelegte. Hier wird von Marx der Nachweis angetreten, daß der Kapitalist Ausbeuter ist, dem Arbeiter das gesamte Produkt der Volkswirtschaft gebührt, wenn es aber nicht an ihn gelangt, dies an der Einrichtung des Kapitals als Privatkapitals statt als Gesellschaftskapitals liegt. Und es wird ferner gezeigt, wie die vielen kleinen und mittlern Kapitalien allmählich aufgesogen werden, bis die Konzentration des Kapitals so weit gediehen ist, daß der Umschlag unvermeidlich ist und »die Expropriateure von den Expropriirten expropriirt werden,« nach dem Spruche des Propheten Jesaja, dessen Buch, nebenbei bemerkt, sich beinahe so gut wie das »Kapital« zur Arbeiterbibel eignen würde: »Wehe dir, du Räuber, deiner Zeit wirst du selbst den Räubern zur Beute fallen.« Die Werttheorie des großen Sozialistenpapstes, die sich in einer schwierigen Algebra verliert, mag wahr sein oder nicht, darauf kommt wenig an; aber die beiden angeführten Kernpunkte bleiben das wesentliche und wirkungskräftige seiner Lehre. Wir brauchen sie nicht so ausführlich darzulegen, wie es Wolf thut Dem übrigens seine sozialistischen Kritiker, wie Bernstein in Nr. 16 und 17 der »Neuen Zeit,« vorwerfen, er habe den Inhalt der Sozialistenbibel nicht allein ungenau dargestellt, sondern stellenweise auch gröblich mißverstanden und sogar gefälscht. weil sie ja allgemein bekannt sind. Nun ist es zwar kein Fehler der Methode, wenn sich Wolf mit seiner Widerlegung auf Marx beschränkt, weil in dessen Widerlegung, falls sie gelingt, die der andern Sozialisten schon mit vollzogen ist, und weil ohne ihn, wie Wolf ganz richtig ausführt, die deutsche Sozialdemokratie nicht geworden wäre, was sie ist. Aber die Wahrheit hätte doch wohl gefordert, wenigstens zu erwähnen, daß auch Rodbertus, der freilich auf ganz andern Wegen dazu gelangte, der Hauptsache nach denselben Gedankenfaden ausgesponnen hat wie Marx. Er ist nicht so bekannt geworden wie dieser, ja bis zu seinem Tode so gut wie unbekannt geblieben, weil er für einen Leserkreis schrieb, der nicht wie der von Marx an der Verbreitung, sondern an der Unterdrückung dieser Lehren ein Interesse hatte. Und die Wahrheit gebietet außerdem anzuführen, daß die konservativen Parteien Deutschlands und Österreichs seit 30 Jahren ihre Politik auf dieselben beiden Sätze oder wenigstens auf den zweiten gründen. Denn während sie allerdings die Leiden der untersten Klasse meist zu verhüllen suchen, klagen sie unausgesetzt über die Zerreibung des Mittelstandes, über die Aufsaugung des Handwerkerstandes durch die Großindustrie, sowie des Kleinhandels durch Versandgeschäfte und Konsumvereine und über die erdrückenden Fesseln der Schuldknechtschaft, in die das städtische Kapital den ländlichen Grundbesitz geschlagen habe. Von der Voraussetzung dieses Zustands sind alle Gesetzvorschläge der Konservativen ausgegangen, deren Tendenz im Antisemitismus, dieser »Sozialdemokratie der dummen Kerls« (die ethische Seite der Judenfeindschaft lassen wir aus dem Spiele), ihre schärfste Spitze hervorgetrieben hat. Gelingt der Nachweis, daß die vielbeklagte Aufsaugung der mittlern Vermögen durch das Großkapital eine leere Einbildung sei, dann ist nicht allein die Sozialdemokratie, sondern auch die Politik der konservativen Parteien in Deutschland und Österreich entweder eine große Narrheit oder ein frecher Humbug und abscheulicher Volksbetrug. Da jedoch die Möglichkeit, daß so große Massen gebildeter Männer sich entweder durch leere Einbildungen äffen oder Betrügerbanden bilden sollten, vollkommen ausgeschlossen, andrerseits aber auch Professor Wolf über den Verdacht der Narrheit und des Betrugs erhaben ist, so steht es, wie bei allen solchen großen Gegensätzen, von vornherein fest, daß beide Parteien Recht haben müssen, und es kommt nur darauf an, den Punkt anzugeben, bis zu dem eine jede Recht hat. Dieser Punkt läßt sich im vorliegenden Falle mit wunderbarer Genauigkeit angeben, er ist für England wenigstens das Jahr 1850. Marx hat die Wahrnehmung gemacht, daß mit der Auflösung der Feudalwirtschaft in England die Lage der untern Klassen immer schlechter wurde, während sich in den obern kolossale Reichtümer anhäuften. In den vierziger Jahren, wo er mit seinem Freunde Engels die Verhältnisse des Inselreichs zu studiren begann, war der Gegensatz zwischen Proletarierelend und Nabobismus für jeden Menschenfreund wie für jeden englischen Patrioten schlechthin unerträglich geworden, und die Konzentration des englischen Nationalvermögens in einigen hundert Familien schien unmittelbar bevorzustehen. Als strenger Hegelianer, der Marx war, sagte er sich nun: England ist das fortgeschrittenste Land der Welt, demnach der Typus für alle andern Länder. Sie alle werden denselben Prozeß durchmachen, und dieser Prozeß wird sich bis zu jener äußersten Möglichkeit durchsetzen, wo er nicht mehr weiter kann und in sein Gegenteil umschlagen muß. Aber es kam anders. Lange bevor sein auf diese Wahrnehmungen gegründetes Hauptwerk vollendet war, und wenige Jahre, nachdem Engels sein kleines Buch über die Lage der arbeitenden Klassen in England veröffentlicht hatte, trat eine Besserung ein, die auch von Engels in der soeben erschienenen neuen Auflage des genannten Buches anerkannt wird. Der zunehmende englische Nationalreichtum kam fortan aus Ursachen, die wir später noch erörtern werden, auch den mittlern und untern Klassen zu gute; anstatt vollends aufgerieben zu werden, feierte der Mittelstand seine Auferstehung, oder besser gesagt, zu einigem Ersatz für den untergegangnen alten Mittelstand bildete sich ein neuer. Dieser Periode entnimmt nun Wolf seinen statistischen Nachweis und zieht daraus den ganz richtigen Schluß: Also hat Marx Unrecht! Nämlich mit der Verallgemeinerung seiner Wahrnehmungen; aber daß es Wolf unterläßt, anzugeben, wie weit diese Wahrnehmungen richtig waren, und aus diesen richtigen Wahrnehmungen die Folgerung zu ziehen, darin hat er selbst wieder Unrecht. Und sein Unrecht ist größer als das des Gegners, den er bekämpft, weil er, so viel an ihm ist, den Nutzen zu nichte macht, den der Gegner trotz seiner Irrtümer gestiftet hat. Wenn nämlich die ökonomische Geschichte Englands in den drei Jahrhunderten von 1550 bis 1850 auch nicht in dem Sinne typisch ist, daß die Dinge überall auf Erden und unter allen Umständen so verlaufen müssen, bleibt sie doch vorbildlich in dem Sinne, daß unter gewissen Umständen dasselbe Unheil unabwendbar ist, und diese Umstände, die wir später angeben werden, bestehen nicht allein abgeschwächt in England fort, sondern sie bedrohen auch die Völker des europäischen Festlands, ja sogar schon die Amerikaner. Es ist demnach von der größten Wichtigkeit, daß man die ökonomische Geschichte Englands in den bezeichneten drei Jahrhunderten und die Ursachen der in dieser Periode stetig ärger werdenden Besitzverschiebung genau kenne, denn nur bei solcher genauen Kenntnis dürfen die übrigen Völker, dürfen vor allen wir Deutschen ähnlichem Unheil vorzubeugen hoffen. Indem nun Wolf diese hochwichtige Periode der englischen Geschichte nur sehr kurz und oberflächlich abfertigt und weder von der Größe des Unheils einen Begriff giebt noch seine Ursachen aufdeckt, machte er sich zum Mitschuldigen jenes Teils der »deutschen Wissenschaft,« die diesen ungeheuer wichtigen Abschnitt der Menschheitsgeschichte dem deutschen Publikum bisher einfach unterschlagen hat. Also, um es kurz zusammenzufassen: Marx hat mit seiner Darstellung der englischen Zustände Recht für die Zeit von 1550 bis 1850. Wolf hat Recht für die Zeit von 1850 bis 1890, und solche Sozialisten, die, wie Schippel, nachzuweisen suchen, daß es auch in diesem letzten Zeitabschnitt noch stetig schlimmer geworden sei, geben wir ihm preis. Aber Wolf hat Unrecht, indem er seine Augen der Bedeutung jener unheilvollen dreihundert Jahre verschließt und es unterläßt, seine Leser darüber zu belehren. Wir wollen diese seine Versäumnis gut machen, vorher aber seine Statistik des heutigen englischen Volksvermögens, seines Wachstums und seiner Verteilung ein wenig kritisiren. Er übertreibt nämlich ganz bedeutend die um die Mitte unsers Jahrhunderts unstreitig eingetretene Besserung. Nur an einigen der von ihm mitgeteilten Zahlenreihen wollen wir das klar machen. Das britische Nationalvermögen wird von verschiednen Statistikern folgendermaßen angegeben:   Jahr       für England allein 1600 auf 100 Mill Pfd..St. " 1720   370 " " 1750   500 " " 1800   1500 " Großbritannien 1800   1750 " für Großbritannien und Irland 1812   2700 " " 1845   4000 " " 1885   10000 " Im allgemeinen ist nun über das Wachstum aller Volksvermögen zu bemerken, daß es bei allen gesunden Völkern nicht allein mit dem Wachstum der Bevölkerung gleichen Schritt halten, sondern diesem voraneilen muß. Das Stammvermögen jedes Menschen besteht aus ihm selber, seiner eignen Leibes- und Geisteskraft und dem Stück Erde, das er mittelbar oder unmittelbar bearbeitet; aus der Wechselwirkung von Menschenkraft und Zeugungskraft des Erdbodens gehen alle materiellen Güter hervor. Mit jedem neugebornen Menschen tritt also eine neue güterschaffende Kraft ins Dasein, deren Leistungen mindestens dem Bedarf dieses Menschen entsprechen. Da aber die Produktivität durch die Arbeitsteilung gesteigert wird, so ist es klar, daß zwei verständig zusammenwirkende Menschen nicht doppelt so viel als einer, sondern vielleicht viermal so viel schaffen müssen. Wenn demnach die Bevölkerung in arithmetischer Progression wächst, so wird die Gütermasse etwa in geometrischer steigen, womit selbstverständlich das Verhältnis beider Zunahmen zu einander nicht genau, sondern nur ungefähr angegeben werden soll. Die Anwendung der Maschine, die nach der vorgeführten Tabelle das englische Volksvermögen in 30 Jahren (von 1750 bis 1800) verdreifacht haben soll, ist nur ein besondrer Fall der Wirksamkeit dieses Gesetzes, da ja mit der Arbeitsteilung die Verbesserung der Werkzeuge Hand in Hand geht, denn nur in dem Maße, als sich zuerst einzelne Personen und dann ganze Berufsstände ausschließlich der Herstellung von Werkzeugen widmen, können diese immer vollkommner werden. Wie man sieht, ist das hier aufgestellte Gesetz die Umkehrung des malthusischen. Es wird sich später zeigen, wie bei zunehmender Volksdichtigkeit seine Giltigkeit von dem malthusischen immer mehr gehemmt und schließlich überwunden wird. An sich also, abgesehen von dem malthusischen Gesetze und andern Umständen, würden die oben angeführten Ziffern gar nichts überraschendes haben, sondern nur eben das natürliche Wachstum des Reichtums bei einem gesunden Volke darstellen; ja das Wachstum würde sogar in den 45 Jahren von 1800 bis 1845, verglichen mit dem von 1750 bis 1800 viel zu schwach und in der Zeit von da bis heute noch nicht genügend erscheinen, da nach dem aufgestellten Gesetze, nachdem einmal die Verdreifachung binnen 50 Jahren erreicht worden war, die nächsten halben Jahrhunderte bei stetig wachsender Bevölkerung, wenn auch nicht die Verneunfachung u. s. w., so doch wenigstens die Vervierfachung und Verfünffachung hätten bringen müssen. Auch erscheint die letzte Zahl in der Reihe, trotz ihrer ungeheuern Größe, für das reichste Volk der Welt immer noch klein genug. Denn 10 000 Millionen Pfund ergeben bei beinahe 40 Millionen Einwohnern nur wenig über 250 Pfund oder 5 000 Mark auf den Kopf und 25 000 Mark auf die Familie. 25 000 Mark ist bei uns ein kleines Bauerngut von 50 Morgen wert. Gäbe es also keine reichen Leute im Inselstaate und wäre das Volksvermögen gleichmäßig verteilt, so würden die Briten ein Volk von lauter Kleinbauern sein. Aber, was das schlimmste ist, jene Zahlen trügen. Zunächst hat Wolf selbst schon bemerkt, daß seit 1600 der Geldwert stark gesunken sei, daß vor 300 Jahren ein Pfund weit mehr wert gewesen sei als jetzt, die Zunahme, in Geld ausgedrückt, demnach viel geringer sei, als sie den Zahlen nach scheint. Dann aber ist es die Frage, wie weit man den Zahlen trauen darf. Da wir das statistische Rohmaterial nicht kennen, aus dem Wolfs Gewährsmann Giffen (der Präsident der statistischen Gesellschaft) die Vermögen für die Jahre 1845 bis 1885 berechnet hat, so hegen wir starke Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit. Roscher hat es für nötig gehalten, das Selbstverständliche In der dem neuen Steuergesetzentwurf beigegebnen Berechnung des preußischen Volksvermögens ist das beobachtet worden. ausdrücklich zu betonen, daß bei Berechnung eines Volksvermögens nicht etwa der Wert der Landgüter und daneben auch noch der Wert der darauf ruhenden Hypotheken, als Kapitalvermögen der Rentner, angesetzt werden dürfe, weil das ja einen und denselben Gegenstand doppelt zählen hieße. Wenn auf einem Gute, das 100 000 Thaler wert ist, 50 000 Thaler Hypotheken ruhen, so sind nicht 150 000 Thaler Vermögen vorhanden, sondern nur 100 000, da der Wert der Hypothek einzig und allein in ihrem Pfandobjekt besteht. Entweder also müssen bei der Berechnung des Volksvermögens vom Grundstückwert alle Schulden oder vom Vermögen der Rentner alle Hypotheken abgezogen werden. Bei der großen Unwissenheit selbst hochgestellter Männer in volkswirtschaftlichen Dingen, bei der Neigung der Staatsmänner, die Lage des Volkes möglichst glänzend darzustellen, einer Neigung, der die Hilfsarbeiter zu schmeicheln verstehen, und bei der Unmöglichkeit, die Bestandteile der eingeschätzten Rentnervermögen zu ermitteln, ist es sehr unwahrscheinlich, daß bei Giffens Berechnungen solche Doppelzählungen gänzlich vermieden worden sein sollten. Hypothekarische Verschuldung kennt zwar das englische Recht nicht; allein wenn die Einkünfte eines Landlords wegen persönlicher Schulden sequestrirt sind, so findet ganz dieselbe Besitzteilung statt wie beim deutschen mit Hypotheken belasteten Grundbesitz. Sodann möchten wir darauf wetten, daß die größtenteils im Lande untergebrachte englische Staatsschuld als Vermögen gerechnet worden ist. Die Schuldscheine befinden sich doch im Besitz von Kapitalisten und bilden einen Teil von deren Vermögen. Aber wie nicht alles Volksvermögen Privatvermögen, so ist auch nicht alles Privatvermögen Volksvermögen. Nur so weit die Staatsschuld durch Domänen, Eisenbahnen u. dergl. Besitzstücke gedeckt ist, kann sie als Vermögen gerechnet, darf aber wieder nicht doppelt angeschlagen werden, einmal im Pfandobjekt und einmal im Vermögen der Kapitalisten, die die Schuldtitel besitzen. Entweder also ist z. B. der Wert der Bahn und ihres rollenden und sonstigen Materials oder die Summe ihrer Aktien zu rechnen, nicht beides. Das gilt natürlich auch für die Privatbahnen; Staatsbahnen giebt es ja wohl in England überhaupt nicht. Die ungedeckte Staatsschuld dagegen ist in keinem Sinne Vermögen, sondern sie verleiht nur jedem Inhaber von Staatsschuldscheinen das Anrecht auf einen Anteil am jährlichen Steuerertrage, führt also nur einen Teil des Volkseinkommens aus den Taschen der einen Steuerzahler in die der andern über, ohne das Volksvermögen zu vermehren. Die Staatsschuldscheine des eignen Staats gehören also zwar zum Vermögen der Rentner, dürfen aber bei Berechnung des Volksvermögens nicht mitgezählt werden. Wohl aber die Schuldverschreibungen fremder Staaten, die ja einen Anspruch auf das Vermögen andrer Völker verleihen und einen Teil ihres Arbeitsertrages ins Land bringen. Aber selbst wenn die Berechner des englischen Nationalvermögens in allen diesen Dingen die sorgfältigste Unterscheidung geübt hätten, würden die angeführten Zahlen noch täuschen, weil doch die Häuser, Fabriken und Maschinen ganz gewiß zum vollen Taxwert angesetzt sind. Aber dieser Taxwert überschreitet stets den wirklichen Wert. Denken wir an die Millionenbauern der Berliner Vororte und nehmen wir an, einem solchen sei sein Grundstück, das bei landwirtschaftlicher Nutzung 30 000 Mark wert war, mit drei Millionen Mark bezahlt worden; für 80 Morgen Baugrund wäre das ja wohl in Berlin eher zu wenig als zu viel. Dieser Mann erscheint also von jetzt ab in der Steuerrolle als Besitzer von drei Millionen, und wer das Nationalvermögen berechnet, der wird nach diesem Kauf drei Millionen mehr anzusetzen finden als vorher. Ist aber dadurch, daß eine Spekulantengesellschaft dem Bauer jene Geldsumme bezahlt hat, das Volksvermögen wirklich um drei Millionen größer geworden? Auch nicht um einen Stecknadelknopf! Im Gegenteil! Dem Volke entgehen Feldfrüchte und Erzeugnisse der Viehzucht im Werte von jährlich mindestens 3 000 Mark. So viel oder so wenig Gebrauchsgüter und Annehmlichkeiten ein Mensch oder ein Volk alljährlich hat, so reich oder so arm ist er oder es, hat der alte Adam Smith gesagt, und dabei bleibt es; jeder andre Begriff von Vermögen oder Reichtum ist unsinnig. Eine Vermehrung der Gebrauchsgüter tritt erst ein, wenn der neue Baugrund mit Häusern bedeckt wird. Allein die Zinsen des Grundstückswerts, die von den Bewohnern dieser Häuser aufgebracht werden müssen, bleiben ein stehender Abzug am Einkommen dieser Bewohner zu Gunsten der Spekulanten und des Millionenbauers, ein Abzug, der einen volkswirtschaftlichen Nachteil bildet, und der in alle Ewigkeit weder zu einer Vermehrung des Volksvermögens führen noch selbst eine solche werden kann. Die Wohnungen, die auf dem neuen Baugrunde errichtet werden, hätten im Laufe der Zeit mit zunehmender Bevölkerung so wie so entstehen müssen, hätten aber, wenn die Leutchen auf dem Lande geblieben wären, keine Erhöhung des Bodenpreises zur Folge gehabt und nicht den falschen Schein einer Vergrößerung des Nationalvermögens über den Gebäudewert hinaus erzeugt. Ja der wirkliche Wert der neuen Häuser würde sogar größer gewesen sein, als der der Berliner Mietkasernen, selbst wenn diese besser sein sollten als gutsherrliche Tagelöhnerhäuser, weil Arbeiterwohnungen auf dem Lande immer gesünder sind als großstädtische, nicht an sich, sondern infolge des Umstandes, daß ihre Bewohner von März bis zum Oktober den ganzen Tag im Freien zubringen. Bedenkt man nun, daß einige englische Landlords den größten Teil ihrer ungeheuern Einkünfte aus der Hausmiete der Londoner Lumpenviertel ziehen, so mag man darnach den Wert dieses Teiles der großen Privatvermögen fürs Volksvermögen ermessen. Außerdem aber ist der Gebäudewert in Wirklichkeit stets geringer als der gleich hoch geschätzte Wert eines Ackergrundstücks. Die Nutzungswerte von Acker, Weide und Forst sind die einzigen unzerstörbaren oder nur durch ein Naturereignis zerstörbaren Werte, die einzigen, die bei zunehmender Bevölkerung niemals sinken, nur steigen können, die einzigen daher auch, die niemals ihren Tauschwert verlieren können. Schon bei den unterirdischen Bodenschätzen ist das nicht mehr ganz der Fall. Möchten die Kohlenlager Englands auch unerschöpflich sein, mit jeder Klafter, die der Stollen tiefer ins Erdinnere hinabsinkt oder sich unterm Meere fortwühlt, nähert er sich der Grenze, wo die Möglichkeit der Ausbeutung aufhört, und ist diese Grenze erreicht, so sind alle mineralischen Schätze, die jenseits von ihr liegen, für das Volksvermögen nicht mehr vorhanden. Was die Häuser anlangt, so sinkt namentlich bei den leichten modernen Bauten ihr Wert von Jahr zu Jahr und wird nach einigen Jahrzehnten der Abnutzung gleich Null. Eine Maschine, die heute 1 000 Mark gilt, ist morgen nur noch als altes Eisen verkäuflich, wenn über Nacht eine neue bessere Maschine erfunden wird, die dem Fabrikanten die Fortbenutzung der alten unmöglich macht. Eine Fabrik muß auf den Abbruch verkauft werden, sobald der Industriezweig eingeht, für den sie errichtet war. Weit überzeugender als diese Kapitalstatistik, deren wirklicher Wert nach dem Gesagten schlechterdings nicht zu ermitteln ist, würde die von Wolf gelieferte Konsumstatistik wirken – denn eben in der Masse der verfügbaren Verbrauchsgüter besteht der wirkliche Reichtum des Volkes –, wenn sie genaue und erfreuliche Auskunft gäbe über die in den letzten Jahren verbrauchte Masse von Brot und Fleisch. Sie giebt aber nur Auskunft über die enorme Steigerung des Verbrauchs seit 1850, die als Folge der allgemein anerkannten Besserung der Lage des Volks seit jener Zeit selbstverständlich ist, und über die Menge der eingeführten Güter. Bei den exotischen, wie Kaffee und Thee, fällt diese nun zwar mit der Menge der verbrauchten zusammen, nicht aber bei den Brotfrüchten und Viehprodukten. Bei den erstern bedeutet die gewaltige Zunahme der Einfuhr noch keine entsprechende Vermehrung des Verbrauchs, weil man ja weiß, daß der Körnerbau in England stetig zurückgeht. Der Viehbestand allerdings wächst, wenn auch nicht stärker als die Bevölkerung, und daher kann mit Sicherheit geschlossen werden, daß der Konsum in gleichem Maße gestiegen ist, wie die Einfuhr. Aus Wolfs Material wollen wir nur die für einen einzigen Artikel angegebnen Zahlen beleuchten, die als typisch angesehen werden können, sowohl für das Wachstum des englischen Wohlstands, wie für den Grad des gegenwärtig herrschenden. »Im Jahre 1841, – schreibt er – hat Großbritannien rund 27 000 Pfund ausländischen Speck und Schinken verbraucht, 1889: 4 200 000 Zentner. Sollte die Differenz etwa von dem Häuflein Reichster, Allerreichster ihrem Konsum zugelegt worden sein? Oder soll, wenn eingeräumt wird, daß an das Volk von dem zunehmenden Schinken- und Speckverbrauch etwas abfiel, die Zunahme dieses etwa ein Symptom maßlos wachsenden Elends sein?« Falls irgend ein verrannter Sozialdemokrat allem Augenschein zuwider behauptet, daß in England das Elend auch seit 1849 noch maßlos gewachsen sei, so mag er der vernichtenden Statistik Wolfs preisgegeben sein. Aber wenn dieser vielleicht glaubt, mit seiner Schinkenstatistik bewiesen zu haben, daß es überhaupt kein Massenelend in England mehr gebe, so irrt er sich. Wieviel einheimische Schweine die Engländer im Jahre 1889 gehabt haben, wissen wir nicht, aber 1890 waren ihrer nach der vom vorigen Landwirtschaftsminister Gardner veröffentlichten Statistik 2 700 000. Und da doch immer höchstens die kleinere Hälfte der vorhandenen Schweine in einem Jahre geschlachtet werden kann, so wird die in jenem Jahre verfügbare Menge des einheimischen Specks und Schinkens mit 1 800 000 Zentnern eher zu hoch als zu niedrig bemessen sein, sodaß also die Engländer in jenem Jahre 6 000 000 Zentner der angegebnen Fleischsorten verspeist haben. Der Engländer ist nun, wenn ers dazu hat, ein sehr starker Esser, und in anständigen Häusern darf auf keinem Frühstückstische der Schinken fehlen, der übrigens dabei nicht in Gestalt jener papierdünnen Scheibchen erscheint, wie sie der deutsche Schulmeister oder Registrator zu seinem Butterbemmchen genießt. Setzen wir den jährlichen Schinkenbedarf einer solchen Familie auf drei Zentner an, so werden wir damit wahrscheinlich ein gutes Stück hinter der Wahrheit zurückbleiben. Der Speck sodann ist die Butter des kleinen Mannes und ersetzt ihm auch das Rindfleisch; mit Schweinefett oder Speck werden alle Speisen, namentlich die Kartoffeln, angemacht. Gönnen wir der Familie einen Zentner jährlich, das heißt wenig über ein Viertelpfund am Tage, so schwimmt sie noch keineswegs im Fett. Nehmen wir nun der einfachen Rechnung wegen an, jene 6 000 000 Zentner enthielten zu gleichen Teilen Speck und Schinken, und die Verbraucher beider Arten von Schweinernem gehörten verschiednen Bevölkerungsklassen an (während doch ganz gewiß in den wohlhabenden Häusern auch viel Speck verbraucht wird), so wären eine Million Familien mäßig mit Schinken und drei Millionen Familien mäßig mit Speck versorgt, über zwei Millionen Familien aber (1891 zählte man 6 146 901 Familien) bekämen nicht ein Spitzchen davon; Butter natürlich haben solche erst recht nicht. In Wirklichkeit wird die Zahl derer, die diese Nahrungsmittel ganz entbehren müssen oder nur ausnahmsweise in winzigen Mengen zu kosten bekommen, weit größer sein, da ja, wie gesagt, in den guten Häusern auch Speck verbraucht wird, die Wohlhabenden sehr starke Portionen verzehren, und die Dienerschaft vornehmer Häuser mit den Nahrungsmitteln zu wüsten pflegt. Bei Prüfung der übrigen Zahlen würden wir zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen. Um nur die allerwichtigsten zu nennen: an Weizen und Weizenmehl wurden in den Jahren 1885 bis 1889 nach Wolf jährlich 215,54 Pfund auf den Kopf eingeführt gegen 35,12 Pfund im Jahre 1844. Weizen ist bekanntlich das Brotkorn der Engländer; Roggen wird, soviel wir wissen, weder angebaut noch verbraucht. Die englische Landwirtschaft deckte aber schon vor vier Jahren kaum ein Viertel des Bedarfs, und dabei nimmt der Körnerbau beständig ab. Im Jahre 1889 erntete man (nach Hübners statistischen Tabellen) in Großbritannien und Irland 27 600 000 Hektoliter Weizen, gegen 104 700 000 Hektoliter Brotgetreide (73 700 000 Roggen und 31 000 000 Weizen) in Deutschland. 27,6 Millionen Hektoliter sind ungefähr 40 Millionen Zentner oder rund hundert Pfund auf den Kopf, sodaß also im genannten Jahre etwas über 300 Pfund auf den Kopf kamen. Das genügt aber einem Volke von starken Essern bei weitem nicht. In Deutschland, wo bei gleichen Einkünften weniger gegessen zu werden pflegt, und doch auch noch ein paar Millionen Menschen beständig Hunger leiden, wird, wie wir aus einer Statistik in Nr. 724 der »Schlesischen Zeitung« ersehen, der Bedarf an Brotkorn auf 186 Kilogramm für den Kopf geschätzt. Wolfs Konsumstatistik beweist also für die Gegenwart, daß mindestens ein Drittel des englischen Volks bittre Not leidet, während die lächerlich kleinen Zahlen der vierziger Jahre eine deutliche Vorstellung erwecken von dem entsetzlichen Elend, worin damals mehr als zwei Drittel geschmachtet haben müssen. Unsre Berechnung dürfte sogar noch viel zu günstig ausgefallen sein, da Wolfs Einfuhrziffern nicht für England, sondern für Großbritannien, wo nicht gar – wir sind wegen der Schinken in Zweifel – für die Vereinigten Königreiche gelten. Was die Einkommenstatistik anlangt, so ist Wolf einsichtsvoll genug, offen zu bekennen, daß die den Steuerrollen entnommenen Zahlen auf die Lage der gewöhnlich sogenannten Arbeiterklasse überhaupt kein Licht werfen, sondern nur die Befestigung und das Wachstum eines Mittelstandes beweisen, der, erlauben wir uns hinzuzufügen, denn doch noch lange nicht ansehnlich genug ist, zu imponiren. Die Zahl der Einkommensteuerpflichtigen, das heißt der Personen, die 150 Pfund = 3 000 Mark und darüber einnehmen, ist nämlich in den Jahren 1843 bis 1880 von 106 637 auf 320 162 gestiegen. Es gehörten also, wenn man jeden Steuerpflichtigen als Haupt einer fünfköpfigen Familie rechnet, im Jahre 1880 nur etwa 1 600 000 Menschen jener Einkommenklasse an, in der das menschenwürdige Leben erst anfängt. Also kaum ein Zwanzigstel des reichsten Volkes der Erde besteht aus Menschen, die andern neunzehn Zwanzigstel sind Bettler, Lumpen und Sklaven. Denn es giebt zwar genug Gegenden auf Erden, wo man auch mit weniger als 3 000 Mark als Mensch leben kann, aber England gehört nicht dazu. Was dann noch über die stetig wachsenden Nämlich die bis 1890 stetig wachsenden; die letzten beiden Jahre, mit denen die neueste Periode einer großen, ganz Europa bedrückenden Depression beginnt, hat Wolf in seine Berechnung nicht einbezogen. Sparkasseneinlagen und das Vermögen der zahlreichen Genossenschaften und Gewerkvereine gesagt wird, kann an unserm Ergebnisse nichts mehr ändern. Dieses Ergebnis, das später noch weiter begründet werden wird, lautet: seit 1850 hat sich ein neuer Mittelstand gebildet, dem auch die oberste Schicht der Arbeiter angehört; eine weitere Schicht hat sich aus dem schmutzigen Elend zu einigermaßen menschenwürdigen Zuständen emporgerungen; aber die unterste Schicht, die mehr als den dritten Teil des Volks ausmachen dürfte, ringt noch vergebens oder verkommt, ohne zu ringen. Die Statistik der Almosenempfänger, Arbeitslosen und Verbrecher, sowie die Statistik der Volksvermehrung und der Sterblichkeit werden wir in einem andern Zusammenhange erörtern. Viertes Kapitel Aus der Geschichte der englischen Arbeit Wenn alle die Monographien über Landwirtschaft und Gewerbe in Deutschland, die einzelne Zeiten, Gegenden und Produktionszweige behandeln, zusammengestellt würden, so hätten wir in einem solchen Sammelwerke wahrscheinlich eine ziemlich vollständige Geschichte der deutschen Arbeit oder, um genauer auszudrücken, was wir meinen, der deutschen Produktion. Die Engländer besitzen ein Werk, das sich zwar in der Vollständigkeit mit dieser deutschen Wirtschaftsbibliothek nicht messen kann, aber dafür die Entwicklung und die Veränderungen in der englischen Produktion übersichtlich im Zusammenhange und in einem Gusse darstellt: Six Centuries of Work and Wages. The History of English Labor. By James E. Thorold Rogers, M. P. Auch Wolf hat natürlich dieses Werk benutzt, und er berichtet über einen kleinen Teil seiner Ergebnisse: über die von Rogers ermittelte Auf- und Abwärtsbewegung der Arbeitslöhne; aber die Hauptsache teilt er nicht mit: die von Rogers mit größter Ausführlichkeit dargelegten Ursachen dieser Veränderungen. Schon der falsche Name, mit dem er das Werk einführt, als eine Geschichte des englischen Arbeiters, während es doch eine Geschichte der Arbeit ist, raubt den dürftigen Angaben, die er daraus entnimmt, allen Wert. Denn dieser falsche Name erweckt wieder die verkehrte Vorstellung, als ob das Wort »Arbeiter« einen unwandelbaren, für alle Zeiten feststehenden Begriff bezeichnete, den des besitzlosen Lohnarbeiters, wie wir ihn heute vor uns sehen, und als ob die Produktion zu allen Zeiten in der Weise vor sich gegangen wäre, daß ein kapitalistischer Unternehmer den Grund und Boden, die Werkzeuge und die Leitung, eine Herde von besitzlosen Arbeitern aber die Arbeit lieferte. Es ist aber gerade das Verdienst des englischen Gelehrten, klar gemacht zu haben, wie grundverschieden die im Mittelalter an der Produktion beteiligten Berufsstände und Klassen von unsern heutigen waren. Das haben auch Marx und Engels bemerkt und hervorgehoben. Und gerade aus dem Umstande, daß die Gliederung und Schichtung der Gesellschaft seit dem sechzehnten Jahrhundert eine grundstürzende Umwandlung erlitten hat, ziehen sie die Folgerung, daß auch die heutige Schichtung und Gliederung nicht für die Ewigkeit feststehen könne, sondern einer neuen Umbildung entgegenwachse, von der sie sich ja vielleicht eine falsche Vorstellung machen. Jedenfalls stehen die genannten Sozialisten über Wolf, und Wolfs Werk bedeutet einen Rückschritt gegen das »Kapital« von Marx, da er die Gesamtheit der sozialen Fragen auf die dürftige Frage der Gewinnverteilung zurückführt, deren Lösung noch dazu von jener unberücksichtigt gelassenen Gliederung der Gesellschaft abhängt. Rogers legt zunächst von seinen Quellen Rechenschaft ab. Über die Zustände am Ende des elften Jahrhunderts giebt das Domesday Book Aufschluß. Diese berühmte Landbeschreibung des Königreichs, in der nur die vier nördlichen Grafschaften und ein Teil von Lancashire fehlen, enthält ein Verzeichnis der Grundbesitzer und Pächter, giebt die Veränderungen an, die die Eroberung Englands durch die Normannen zur Folge hatte, und beschreibt die wirtschaftliche Lage Englands »unter der Regierung Wilhelms« [doch jedenfalls des Eroberers]. Für die folgenden zwei Jahrhunderte sind wenig Urkunden vorhanden. Von der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts an aber werden sie so häufig, daß sich aus ihnen ein anschauliches Bild von den wirtschaftlichen Zuständen des Landes gewinnen laßt. Die Wirtschaftsbücher und Gutsrechnungen der Herrenhäuser (manors) sind die wichtigsten dieser Urkunden. Die ihnen entnommenen Einzelheiten können wir hier natürlich nicht ausführlich wiedergeben, denn dazu müßten wir ein Viertel des ganzen Werkes übersetzen; wir beschränken uns auf die Hauptergebnisse. Der Grundherr – der König, ein Ritter, ein Kloster, ein College – bewirtschaftete einen Teil des Gutes selbst oder ließ ihn durch einen Verwalter bewirtschaften, das übrige war an Pächter und Hörige (serfs) ausgeteilt. Der Hörige hatte, falls er nicht zum Hofgesinde gehörte, sein Häuschen und mindestens zwölf Acres Ackerland (ein Acre enthält 40,467 Are oder einen und dreifünftel preußische Morgen) und das Recht, die Gemeindeweide mit zu benutzen. Die den Pächtern und Hörigen obliegenden Frohnarbeiten waren so bemessen, daß ihnen hinlänglich Zeit übrig blieb zur Bestellung ihrer eignen Äcker. So hatten z. B. die Leibeignen von Cuxham Manor, das dem Merton College in Oxford gehörte, jeder einen halben Acre des Herrenlandes zu bestellen und in der Ernte mit einem von ihm bezahlten Manne drei Tage zu helfen, außerdem an jedem Tage, ausgenommen an Sonntagen, zur Stelle zu sein, wenn ihn der Amtmann holen ließ. An Naturalien hatte er ein bestimmtes Maß Getreide, am 12. November drei Hennen, zu Weihnachten einen Hahn, zwei Hennen und für zwei Penny Brot abzuliefern; an Geldzinsen einen halben Penny am 12. November und einen Penny, so oft er braute. Jeder Hörige braute sich also sein Bier selbst. Die Ablösung der Frohnden durch Geldzinsen lag im beiderseitigen Interesse und wurde mit der Zeit immer häufiger. Frohnarbeit wird immer unlustig, also schlecht geleistet; der Herr ließ sich also lieber mit einem Geldzins abfinden und mietete Lohnarbeiter. Diese Lohnarbeiter waren im allgemeinen keine andern als eben die Zinspflichtigen, die frühern Hörigen, der Zins, den sie entrichtet hatten, floß also in Gestalt von Arbeitslohn in ihre Tasche zurück. Der Unterschied gegen früher war nur, daß der Herr bessere Arbeit bekam, und daß sie nicht gezwungen waren, auf des Amtmanns Gebot ihre eigne Arbeit manchmal zu einer Zeit im Stich zu lassen, wo es ihnen gerade am wenigsten paßte. Um seinerseits nicht gerade bei der dringendsten Arbeit im Stich gelassen zu werden, zahlte der Herr in der Ernte doppelten und dreifachen Tagelohn. Wurde Kost geliefert – sie war stets ausreichend und nach damaligen Verhältnissen gut –, so wurde auf sie die Hälfte des Tagelohns gerechnet. Der Mann verdiente also in achtstündiger Arbeitszeit – länger als acht Stunden dauerte damals das Tagewerk weder in der Stadt noch auf dem Lande – das Doppelte seiner Kost. Lohnarbeiter, die keinen Grundbesitz, sei es als freies Eigentum oder zu Lehn oder in Pacht gehabt hätten, gab es im allgemeinen nicht. Ein landloser Mensch und ein Dieb galten als ein und dasselbe. Die Zahl solcher muß aber äußerst gering gewesen sein, weil Felddiebstähle fast gar nicht erwähnt werden, obwohl in den Wirtschaftsbüchern unter den Ausgaben auch alle Verluste, z. B. durch Viehseuchen und andres Unglück, sorgfältig verzeichnet stehen. Rogers sieht in diesem Umstande zugleich einen Beweis dafür, daß sämtliche Gemeindemitglieder, weil als Besitzer gleichmäßig an der Abwehr und Verhinderung von Feldfreveln interessirt, eifrig Polizei übten, wie sie ja auch durch die Teilnahme an den Gerichtssitzungen im Manorhouse in der Übung der Selbstverwaltung blieben. Auch politisirte jeder Bauer, da ja die Leute durch das Parlament, durch die Geldbewilligungen für Kriegszwecke und den Kriegsdienst an den Staatsangelegenheiten unmittelbar beteiligt waren. Polizei und Richteramt waren leicht zu üben, weil die Gemeinden klein, nach heutigen Begriffen winzig waren – sie bestanden meistens nur aus ein paar Dutzend Haushaltungen – daher jeder jeden und sein ganzes Thun und Treiben kannte. Beim spätern Übergange der Gerichtsbarkeit vom Manorhouse auf die Grafschaftsgerichte, meint Rogers, habe die berühmte altenglische Jury ihren Sinn und ihre Berechtigung verloren; die Geschwornen jener ältern Zeit hätten bloß zu bezeugen gehabt, was jeder wußte, die jetzige Jury dagegen solle Thatbestände ermitteln, von denen keines ihrer Mitglieder etwas weiß. Die Hörigen, um auf diese zurückzukommen, waren folgenden Freiheitsbeschränkungen unterworfen. Sie durften nicht in das Gebiet einer andern Gutsherrschaft übersiedeln. Sie durften nicht im königlichen Heere Kriegsdienste leisten. Sie durften ihre Töchter nicht ohne Erlaubnis des Herrn verheiraten; für die Erlaubnis wurde gewöhnlich etwas bezahlt. Sie durften ohne Erlaubnis ihres Herrn weder selbst die Weihen empfangen oder ins Kloster gehen noch ihre Söhne in die Schule schicken und geistlich werden lassen; geschah es dennoch, so hatten sie eine Buße zu zahlen. Die Häufigkeit solcher Bußen, die sich in die Wirtschaftsrechnungen eingetragen finden, beweist, wie groß die Zahl der Söhne von Hörigen war, die sich der geistlichen Laufbahn widmeten. Der Herr konnte den Hörigen weder von seinem Grundstück vertreiben, noch ihm ohne gerichtliches Urteil sein Vieh oder sonstiges Eigentum wegnehmen; zwar verbot es kein Gesetz, wohl aber ein Gewohnheitsrecht, das zu verletzen nicht leicht jemand wagte. Ebenso war den freien kleinen Gutsbesitzern oder Pächtern (freeholders, copyholders, tenants) ihr Grundbesitz gesichert. Den Pächtern wurde das Betriebskapital: Vieh und Werkzeuge, vom Herrn geliefert; Verluste durch Viehseuchen u. dergl. wurden nach bestimmten Grundsätzen zwischen beiden verrechnet. Weil das Land sehr billig war – der Morgen vier bis fünf Schilling, nach heutigem Gelde etwa fünfzig Mark –, so war das Betriebskapital gewöhnlich dreimal so viel wert als der Acker. Während sich der Betrieb der Landwirtschaft – Rogers beschreibt ihn genau – vom dreizehnten Jahrhundert bis in den Anfang des neunzehnten hinein nicht wesentlich ändert, Man übte im dreizehnten Jahrhundert schon das Drainiren und Mergeln; die letztere Kunst ging später auf Jahrhunderte verloren. verschlechtert sich die Lage dieser kleinen Bauern vom sechzehnten Jahrhundert ab beständig. Die Polizei und Gerichtsbarkeit ging an die Grafschaftsgerichte über, die sehr streng verfuhren, und denen die kleinen Leute ohnmächtig und rein passiv gegenüberstanden; die alten Gewohnheitsrechte wurden vergessen, die Gemeindetrift und der Gemeindewald eingezäunt und für Privateigentum des Herrn erklärt. Schließlich wurde der Bauer ein stumpfsinniger Dulder. Was die Lebensweise der Landleute: Freibauern, Pächter und Leibeigne im dreizehnten Jahrhundert anlangt, so war bei ihnen, ausgenommen in Mißwachsjahren, von Not keine Rede. So viel Lebensmittel, als sie brauchten, lieferte ihnen ihr Acker und ihr Vieh, und hätte einer ja einmal nicht genug gehabt, so waren Brot, Fleisch und alle Arten von Fett spottbillig. Jeder Hörige hatte nicht allein sein Schwein im Stalle, sondern auch sein Huhn im Topfe; Geflügel aller Art: Enten, Gänse und Hühner, waren gemein, und Eier fast wertlos. Mit Kapaunenfett schmierte man die Wagenräder; das geschah nicht etwa ausnahmsweise einmal aus Übermut, sondern es war etwas gewöhnliches. Heute, meint Rogers, könnte man ebenso gut Hasenfett zu Wagenschmiere gebrauchen. Nur der Taubenschlag war ein Privilegium des Grundherrn, und die Herren pflegten so viel Tauben zu halten, daß sich die Bauern über den Schaden beklagten, den diese anrichteten; dagegen kommen keine Beschwerden über Wildschaden vor. Die Kost war also zwar reichlich und gut, aber im Winter nicht gesund, weil sie da großenteils aus gesalznem und geräuchertem Fleische bestand, das Salz sehr schlecht war, und jene Hackfrüchte und nahrhaften Wurzelgewächse unbekannt waren, deren Anbau erst im siebzehnten Jahrhundert von den Niederlanden aus über Europa verbreitet wurde. Diese unzweckmäßige Winterkost, Vor der Nutzbarmachung der Hackfrüchte konnte in einem nördlichen Klima auch von einer rationellen Rindviehzucht keine Rede sein; fehlte doch das jetzige gesunde Winterfutter. zusammen mit der grenzenlosen Unsauberkeit, die überall herrschte, und gegen die man keinen Ekel empfand, erzeugten den Skorbut und Aussatz; beide Übel waren endemisch. Hieraus, sowie aus dem Mangel aller Bequemlichkeiten und namentlich guter Heizvorrichtungen – eines Kamins, der doch auch recht elend wärmt, erfreuten sich nur die reichsten und vornehmsten – erklärt sich die große Sterblichkeit und die geringe Bevölkerungszunahme während des Mittelalters. Ein kleines Kind mußte schon eine gute Natur haben, wenn es die sechs Wintermonate in der mit Unrat und Rauch erfüllten ungedielten einzigen Stube der Elternhütte überdauern sollte. Die Ärmlichkeit des Hausrats, den Mangel an Bequemlichkeiten und den Schmutz empfand niemand als ein Übel, weil man ja nichts besseres kannte; saßen doch auch die Höflinge im Königsschlosse auf Strohbündeln, und froren doch auch die Ritter im Winter wie die Hunde, sodaß keine wesentliche Verschiedenheit der Lebensführung vorhanden war, die durch Vergleichung Neid und Unzufriedenheit hätte erzeugen können. Nur Güter, die man kennt, aber nicht haben kann, machen lüstern und unzufrieden; ignoti nulla cupido. Die Härten des Winters allerdings mögen wohl empfunden worden sein, wie wir aus den Klagen unsrer Minnesinger schließen können, aber doch eben von den Menschen aller Stände. Und Frühling und Sommer entschädigten reichlich. Denn jedermann genoß im Landleben die schöne freie Natur und hatte jeden Feierabend und Sonntag Zeit, seines Lebens froh zu werden. Allerdings nur am Sonntag. Denn blauen Montag gab es nicht, und von Festen wurden höchstens fünf außer den Sonntagen gefeiert. Hie und da scheint sogar nur ein einziges Wochentagsfest, jedenfalls doch Weihnachten, gefeiert worden zu sein. Die Vorstellung, als ob die Leute in der katholischen Zeit an drei von den sechs Wochentagen gefeiert hätten, trifft wenigstens für England nicht zu; das ganze Jahr hindurch wurde gleichmäßig, wenn auch nicht übermäßig gearbeitet. Überstunden und Sonntagsarbeit wurden sowohl den ländlichen wie den gewerblichen Arbeitern sehr hoch bezahlt. Sonntagsarbeit im größern Umfang ist nur aus der Zeit Heinrichs des Achten bekannt; dieser in allen Dingen sehr ungeduldige Herr hatte es auch mit seinen Bauten sehr eilig. Übrigens waren die Könige die besten Kunden; sie bezahlten die höchsten Arbeitslöhne, und wenn sie Arbeiter von auswärts heranzogen, so gewährten sie ihnen eine anständige Reiseentschädigung. Rogers berechnet, daß ein kleiner Bauer mit zwanzig Acres, also etwas über dreißig Morgen Acker (seine Wiese war im Gemeindeland einbegriffen) jährlich zwanzig Schilling sparen konnte, die damals so viel galten, wie heute zweihundertvierzig Schilling oder Mark. Das Ersparte konnte er zum Teil auf Vergrößerung seines Gütchens verwenden. Seine Söhne konnten mit einem kleinen Kapital in die Stadt ziehen und es im Handel oder Gewerbe zu etwas bringen, oder Soldaten werden und sich in den Ritterstand emporschwingen, oder in den Kirchendienst eintreten und hohe Würden erlangen. Waren doch die königlichen Räte, die Kanzler Geistliche; Grostête, die Zierde der Universität Oxford in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts und später Bischof von Lincoln, vom Volke verehrt als Gelehrter, als Heiliger und als Wahrer der Volksrechte gegen die Anmaßungen Roms, war der Sohn eines Leibeignen. Die eifrigern unter den Pfarrern pflegten die talentvollern aus den Dorfjungen herauszusuchen und für die Schule vorzubereiten. Kastenmäßige Abschließung war dem englischen Leben fremd. Der Leibeigne stieg zum Zinsbauer, der Zinsbauer zum Freibauer empor, der Ritter sank zum Bauer herab; in der Yeomanry, dem Stande der größern Freibauern, fanden sich später beide zusammen. Rogers erklärt es für thöricht, wenn man jeden, der die Lichtseiten des Mittelalters anerkennt, als Reaktionär und Lobredner der »guten alten Zeit« verschreie. Niemand kenne besser als er den Unterschied von heute und damals und die Lichtseiten des heutigen Zustandes, und er entwirft selbst eine glänzende Schilderung davon; aber – fügt er hinzu: nicht an ihren Erfolgen, sondern an ihren Mißerfolgen, nicht an ihren Leistungen, sondern an ihren Versäumnissen werde unsre Zeit dereinst gemessen werden. »In unsern Großstädten ist eine Masse von Armen angehäuft, die an Zahl der ganzen Bevölkerung von England und Wales im dreizehnten Jahrhundert gleichkommt, eine Masse von Armen, die verlassener leben, deren Wohnungen schmutziger sind, deren Existenz unsichrer ist, deren Aussichten hoffnungsloser sind als die des ärmsten Leibeignen und des gemeinsten städtischen Handwerksknechts im Mittelalter. Der Arm des Gesetzes ist stark genug, sie in Unterthänigkeit zu erhalten, und die Gesellschaft hat von ihrer Verzweiflung nichts zu fürchten«; aber, schließt er seine Betrachtung, er lasse sich das Recht nicht nehmen, auf ihre Lage hinzuweisen. Werfen wir noch einen Blick auf die Gewerbe. Jedes Dorf hatte seinen Müller – er war Pächter des Gutsherrn –, aber mehrere Dörfer zusammen hatten gewöhnlich nur einen Schmied, einen Wagenbauer, einen Zimmermann oder auch zwei Zimmerleute, einen für die grobe, die eigentliche Zimmerarbeit, und einen für die feinere, die Tischlerei. Wie überall, so sind auch in England alle Gewerke aus dem Gutshofe, namentlich aus dem Klosterhofe hervorgegangen, und die genannten Handwerker, denen sich allenfalls noch ein Maurer und ein Dachdecker zugesellten, waren ursprünglich Hofknechte. In den Städten waren die Gewerke natürlich zahlreicher; allein die gesamte städtische Bevölkerung machte im dreizehnten Jahrhundert nur ein Zwölftel der ländlichen aus; die damalige Einwohnerzahl von England und Wales wird von Rogers auf drittehalb Millionen geschätzt. Es gab nur wenige und nach heutigem Maßstabe kleine Städte. Nur London mit seinen fünfunddreißigtausend Einwohnern war nach heutigem Begriff eine Mittelstadt. Die Wohnung war in der Stadt so klein, schlecht und schmutzig, der Hausrat so armselig wie auf dem Lande, aber jeder Bürger hatte am Hause seinen Garten und außerhalb der Mauern sein Feld. Das Geld, das der Bürger etwa beim Handel erübrigte, verwendete er nicht auf schöne Ausstattung seiner Häuslichkeit, von der er keinen Begriff hatte, sondern auf milde Stiftungen, Kirchenbauten, Verschönerung seiner Kathedrale. Kapitalistische Handwerker, das heißt Handwerker, die aus eignen Mitteln Materialien angeschafft und die daraus mit Hilfe von Lohnarbeitern hergestellten Industrieerzeugnisse zum Verkauf ausgestellt oder in den Handel gebracht hätten, gab es nicht. Der Meister war so gut wie sein Gesell nur Arbeiter auf Tage- oder Stücklohn; bloß, daß er eben Meister und Arbeitsleiter war und höhern Lohn empfing, unterschied ihn vom Gesellen. Der Bauer wie der Bürger schaffte die Materialien, die er im Laufe des Jahres zu verbrauchen gedachte, z. B. Eisen, selbst an, und wollte er z. B. eine Schaufel, eine Pflugschar haben, so maß er von seinem Vorrat dem Schmied das nötige zu. Wer ein silbernes oder goldnes Gefäß oder einen Schmuck wollte, der kaufte Gold oder Silber, wog es dem Goldschmied zu und ließ sich dann das fertige Stück vorwiegen. Wer bauen wollte, mietete einen Steinbruch, wenn er keinen eignen hatte, und bestellte dann Arbeiter, die ihm die Steine brachen, ließ sie mit seinem eignen Gespann anfahren, und so hielt er es auch mit den übrigen Materialien. Selbst den Bauplan lieferte er zuweilen selbst. Der Handwerker erhielt immer nur Arbeitslohn, erzielte also nie einen Unternehmer-, Handels- oder Spekulationsgewinn. Mittelspersonen wurden überhaupt im Verkehr grundsätzlich ausgeschlossen; Käufer und Verkäufer, Besteller und Anfertiger traten wenn irgend möglich unmittelbar in Verbindung mit einander. Rogers glaubt, daß die Mittelspersonen, die sich heute überall einschieben, alle Gegenstände des Bedarfs außerordentlich verteuern, namentlich aber die Gebäude; er rechnet aus, daß wir Heutigen dreimal so teuer bauen als die Leute des dreizehnten Jahrhunderts. Der einzige Vorteil der heutigen Bauweise bestehe in der fabelhaften Schnelligkeit, die jedoch meistens durch Verminderung der Festigkeit und Dauerbarkeit erkauft werde. Wer auswärts arbeitete, wurde gewöhnlich beköstigt. Aus dem Kontrakt eines Abts von St. Edmundsburg mit einem Baumeister aus dem fünfzehnten Jahrhundert geht hervor, daß der Mann Kost und Wohnung für sich und seinen Gehilfen zugesichert erhielt; außerdem wurde jedem jährlich ein Anzug geliefert und beiden zusammen ein Lohn von zehn Pfund, nach heutigem Gelde gegen zweitausendfünfhundert Mark ausgezahlt. Der Baumeister speiste am Tische der Ritter, der Gehilfe an dem der Yeomen. Die Kost wurde jetzt nur noch zu einem Viertel oder Fünftel des Lohnes, in Klöstern häufig für nichts gerechnet und einfach zugegeben. Gewebe und Kleider wurden auf dem Lande noch vielfach im Hause von den Frauen angefertigt; gesponnen wurde selbstverständlich in jedem Hause. Und die Männer des Hauses wußten soweit mit Zimmer- und Schmiedewerkzeug umzugehn, daß sie nicht zu jeder Kleinigkeit einen Handwerker brauchten. Andrerseits war der Handwerker nicht ausschließlich auf sein Gewerbe angewiesen; er hatte sein bischen Acker und Vieh und wußte etwaige arbeitsfreie Tage und Wochen nützlich auszufüllen. Dieser Zustand, bei dessen Schilderung wir nur an wenigen Stellen über das vierzehnte Jahrhundert hinausgegriffen haben, erlitt in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts eine starke Erschütterung, die nach einigen Schwankungen endgiltig zu Gunsten der untern Klassen ausschlug. Zu einer Lockerung des sozialen Baues wirkten mehrere Ursachen zusammen. Eine Hungersnot Allgemeine Hungersnöte waren selten und immer nur die Folgen nasser Sommer. Örtlichem Mangel wurde, wie Rogers bemerkt, leicht und rasch abgeholfen, weil die Kommunikation besser war als im achtzehnten Jahrhundert. Es fehlte weder an guten Straßen noch an billigem Zugvieh; gereist wurde viel und schnell. verursacht durch die nassen Sommer von 1315 und 1316, trieb viele von ihrer Scholle, wo sie keine Nahrung mehr fanden, und so entstand das vordem unbekannte Übel eines Vagabundentums. Zu diesen Banden gesellten sich andre Banden entlassener Soldaten, denn die beständigen Kriege in Frankreich hatten ein Heer von Berufssoldaten geschaffen, übrigens die besten im damaligen Europa; namentlich den französischen Ritterheeren waren sie weit überlegen. Dann kam im Jahre 1348 der Schwarze Tod. Aus den merkwürdigen Einzelheiten, die Rogers über diese furchtbare Seuche mitteilt, heben wir nur die eine hervor, daß das Christ Church Kloster in Canterbury beinahe verschont blieb, weil es mit einer Quellwasserleitung versehn war. Bei der schon erwähnten allgemein herrschenden Unreinlichkeit bot jede menschliche Wohnung allen Seuchen den vortrefflichsten Nährboden dar; vor jedem Bauernhause türmte und flutete eine höllische Mischung, für die der Name Düngerhaufe eine viel zu schmeichelhafte Bezeichnung sein würde, und verpestete Stuben, Viehstall und Wasser, ohne den Äckern und Wiesen viel zu nützen. Die von der Seuche angerichteten Verheerungen sind zwar von den Chronisten übertrieben worden, England hat nur etwa ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Aber dieser Verlust reichte doch schon hin, die Bestellung der Äcker in dem bisherigen Umfange unmöglich zu machen oder wenigstens sehr zu erschweren. Es fehlte nicht allein an Knechten, sondern auch an Pächtern; in manchen Dörfern blieb die Mühle längere Zeit leer stehn. Eine allgemeine Lohnsteigerung bei gleichbleibendem Preise der landwirtschaftlichen Produkte war die selbstverständliche Wirkung dieses Mangels an Händen. Der König verbot die Zahlung höherer Löhne in einer Proklamation, die durch den Primas an die Sheriffs verteilt wurde. Eine Anzahl von Lohnarbeitern wurde ins Gefängnis geworfen; andre flohen in die Wälder und vergrößerten die Banden. Aber der Arbeitslohn ging nicht herunter; im Gegenteil, je weniger der Arbeiter wurden, desto mehr stieg er. Sobald das Parlament, das nach Ausbruch der Pest seine Sitzungen abgebrochen hatte, wieder zusammentrat, erließ es das berühmte Arbeiterstatut, das mit der Proklamation des Königs zusammen zweihundert Jahre lang Gesetzeskraft behalten hat und erst von Elisabeth aufgehoben worden ist. Seine acht Bestimmungen lauten: »1. Keine Person unter sechzig Jahren, die weder von Kaufmannschaft oder Handwerk lebt, noch eignen Grundbesitz hat, darf sich weigern, landwirtschaftliche Arbeiten zu dem im Jahre 1347 üblichen Lohne zu verrichten. Den ersten Anspruch auf die Arbeit der Leibeignen hat ihr Herr, und die sich weigern, werden eingekerkert. 2. Mit Gefängnis werden alle bestraft, die vor der vertragsmäßigen Zeit aus der Arbeit laufen. 3. Höhere als die bezeichneten Löhne zu gewähren, ist nicht erlaubt. 4. Gutsherren, die mehr zahlen, haben das dreifache des gesetzlichen Lohns als Strafe zu erlegen. 5. Die Handwerker, namentlich die Sattler, Gerber, Schuhmacher, Schmiede, Hufschmiede, Zimmerleute, Maurer, Ziegelmacher, Anstreicher und Kärrner, unterliegen denselben Bestimmungen. [Nach dem bereits gesagten handelt es sich hier nicht um den Lohn, den etwa der Meister dem Gesellen zu zahlen gehabt hätte, sondern um das, was beide von dem Kunden zu fordern haben.] 6. Nahrungsmittel müssen zu angemessenen (reasonable) Preisen verkauft werden. 7. Arbeitsfähigen Personen Almosen zu geben ist streng verboten. 8. Was über den gesetzlichen Lohn gezahlt worden ist, kann für den dem Könige neuerdings bewilligten Zehnten und Fünfzehnten konfiszirt werden.« Das Statut blieb ein Schlag ins Wasser. Alljährlich wiederholten sich die Klagen, daß es nichts nütze. Die Amtleute erfanden eine Art doppelter Buchführung zur Umgehung des Gesetzes: sie schrieben den wirklich gezahlten Lohn ein, strichen dann die Zahl durch und setzten die des vorgeschriebnen Lohns darunter. Nach mehrfachen Schwankungen trat ein Beharrungszustand ein: der Lohn der Männer war endgiltig um fünfzig, der der Frauen und Knaben um hundert Prozent gestiegen; gleichzeitig wurde, wie das bei so günstiger Lage der Arbeiter selbstverständlich ist, die Frauen- und Knabenarbeit seltner. Frauen waren von jeher immer nur für bestimmte ihnen angemessene Arbeiten, z. B. zum Schafescheren, verwendet worden. Mit dem Arbeitslohn stieg natürlich der Preis aller Werkzeuge und Materialien, namentlich Eisen ward unerschwinglich teuer. Dabei behielten die Lebensmittel, wie gesagt, den alten Preis, und Land wurde spottbillig, weil die größern Grundbesitzer, außer stande, ihre ganze Ackerfläche zu bewirtschaften, zu Verkäufen von Parzellen stets bereit waren. Während sich Grundherrn und größere Pächter nicht halten konnten, standen sich die kleinen Landwirte, die keine oder nur wenig gedungne Arbeiter brauchten, so ausgezeichnet wie diese; ihre Zahl mehrte sich; ihre Gütchen vergrößerten sich; die Yeomanry erstarkte. Kleinbauern, Lohnarbeiter (die wir uns auch damals nicht landlos denken dürfen) und Handarbeiter waren die Herren der Situation. Manche große Lords verzichteten auf die Bebauung oder Verpachtung ihrer Äcker und verlegten sich ausschließlich auf Schafzucht. Wolle war schon immer der Hauptausfuhrartikel Englands gewesen. Schon längst hatten (was Rogers nicht erwähnt) die italienischen Tuchweber, namentlich die Arte della lana zu Florenz, ihren Bedarf an Wolle von den englischen Klöstern bezogen. Dann waren die niederländischen Fabrikanten hinzugetreten. Die Steuern wurden dem König in Gestalt von Wolle entrichtet oder wenigstens, wo die Lieferung in natura nicht anging, nach Säcken Wolle berechnet. Kein Wunder, daß sich manche englische Lords in ihrer Bedrängnis, die mit der Blütezeit der Wollweberei zusammenfiel, ausschließlich auf die Schafzucht verlegten. Der Prozeß der allmählichen Verdrängung des Ackerbaus durch die Weidewirtschaft, der später so unheilvoll wirken sollte, nahm also schon damals seinen Anfang, und es freut uns, aus Rogers zu erfahren, daß es doch nicht reine Bosheit und Habsucht, sondern eine wirkliche Notlage der großen Gutsbesitzer war, woraus er ersprang, und daß anfänglich niemandes Rechte dadurch gekränkt wurden. Aber allerdings wurde an solche Kränkung gedacht. Rogers nimmt an, daß die Juristen den Herren geraten haben mögen, das Bauerland, das ja ursprünglich ihr Eigentum gewesen sei, einfach einzuziehen und die Bauern, wenn überhaupt, nur als Leibeigne darauf zu lassen, statt des Pachtzinses und Arbeitslohnes wieder die Frohnarbeiten einzuführen, gerade so wie es zwei Jahrhunderte später die deutschen und die baltischen Junker gethan haben. Daß dergleichen im Gange gewesen sein muß, beweisen die Forderungen im Aufstande von 1381. Nicht eine der von den Chronisten angegebnen Ursachen, nicht eine neu ausgeschriebne Kopfsteuer oder die Entehrung der Tochter Wat Tylers durch einen Edelmann, sondern die drohende Wiedereinführung der Leibeigenschaft hat nach Rogers Ansicht diese gewaltige Volksbewegung erregt, in der sich übrigens der vielgeschmähte Richard der Zweite, damals fünfzehn Jahre alt, als Held und kluger Staatsmann benahm. Mit augenscheinlicher Lebensgefahr ritt er allein in die Aufrührerhaufen hinein, beschwichtigte sie, versprach alles, was sie wollten, mit dem Vorbehalt, nichts davon zu halten, und sagte zu seiner Mutter, die ihn bei der Rückkehr am Abend beglückwünschte: »Heute morgen hätte ich meine Krone beinahe verloren, ich habe sie aber in Wirklichkeit erst erworben.« Die Forderung der Bauern lautete: »Wir wollen, daß ihr uns frei macht für immer: unsre Personen, unsre Erben und unser Land, und daß wir fürderhin nicht mehr leibeigen (bond) genannt noch dafür gehalten werden.« Keine Spur deutet auf kommunistische Schlaraffenträume, wie sie Shakespeare seinen Cade, den Aufrührer in einem Volksaufstande des fünfzehnten Jahrhunderts, ausspinnen läßt (in der zweiten Szene des vierten Aufzugs des zweiten Teils von Heinrich dem Sechsten). Der König stellte den durch die Anführer vertretnen Gemeinden die verlangten Freibriefe aus, worauf die Heerhaufen der Bauern von London abzogen. Zwei Monate später, im September, versammelte sich das Parlament und erklärte die erpreßten Freibriefe für null und nichtig. Die noch herumschweifenden Haufen wurden geschlagen und etwa 1 500 der Aufrührer gehenkt. Wenn der König auch, seinem Charakter gemäß, von ganzem Herzen dabei war, seine Rache zu befriedigen, so widerstrebte er doch im Einvernehmen mit seinen weisern Räten, wie aus spätern Regierungsakten hervorgeht, der Knechtung der kleinen Pächter, er war volksfreundlicher als die Gemeinen, die zwar noch nicht, wie vier Jahrhunderte später, ein Spott auf ihren Namen und eine bloße Vertretung der Reichen waren, in denen doch aber der größere Grundbesitz immerhin überwog. Aber während das Arbeiterstatut nach wie vor unwirksam blieb, blieben die für ungiltig erklärten Freibriefe in Kraft. Die kleinen Leute blieben Herren der Situation. Die Löhne gingen nicht herunter, und weit entfernt davon, daß die Leibeigenschaft wieder eingeführt worden wäre, schwanden ihre letzten Reste vollends, und der allmähliche Ersatz der Roboten durch Geldzins nahm seinen ruhigen Fortgang. Für den Lohnarbeiter brach die goldne Zeit an; sein Lohn war, wie Rogers nachweist, doppelt so hoch wie um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, einer Zeit, die für die Arbeiter die beste war in der Periode von 1550 bis 1850. Das natürliche Gesetz von Angebot und Nachfrage, das Verhältnis: viel Land, wenig Menschen vereitelte alle guten oder bösen Absichten der Herren und alle Bemühungen der Gesetzgeber. Auch litt der Volkswohlstand nicht unter dem sogenannten Rosenkriege; von dieser tollen Selbstzerfleischung des hohen Adels wurden Bauer- und Bürgerstand nur wenig berührt. Rogers sieht in diesem Gange der Dinge eine Bestätigung der Wahrheit, die dem Denkenden ohnehin von vornherein feststeht, daß Volksaufstände zur Verbesserung der Lage nur dann Erfolg haben, wenn es dem Volke schon gut geht; verhungertes Gesindel geht bei einem etwaigen Aufstandsversuche elend zu Grunde. Dies ist, wie beiläufig bemerkt werden mag, die Ursache, weshalb das moderne England noch keine soziale Revolution erlebt hat und wahrscheinlich auch Deutschland keine erleben wird. Italien ist außerdem noch durch einen Umstand geschützt, der in den Jahren des Chartismus auch für die englische Regierung ein Glück war, nämlich daß seine Notleidenden meist Analphabeten, also der Möglichkeit gegenseitiger Verständigung beraubt sind. Wie war es in England 1381 möglich, daß sich die Bauern verständigen konnten? Der Aufruhr verbreitete sich nämlich von Kent aus über das ganze Land. Nach Rogers waren Wiklifs »arme Priester« die Boten und Mittelsmänner der Bauern und die Organisatoren des Aufstandes. Dies veranlaßt uns, nach seiner Darstellung noch die kirchlichen Verhältnisse des mittelalterlichen Englands flüchtig zu skizziren. Die Engländer sind immer ein sehr frommes Volk gewesen, aber sie haben Rom gegenüber ihre nationale Selbständigkeit gewahrt, und seit den Tagen, wo der elende Johann ohne Land seine Krone dem päpstlichen Legaten Pandolf übergeben hatte, um des Papstes Beistand wider sein eignes Volk zu erkaufen, war die höhere Geistlichkeit von Haß gegen Rom erfüllt; denn England ist das einzige Land, wo – abgerechnet die letzten Jahrhunderte, müssen wir ergänzend hinzufügen – stets alle Stände einig gewesen sind im Widerstande gegen schlechte Könige, während andrerseits die guten und weisen unter seinen Königen das niedere Volk gegen Bedrückungen sowohl durch die eignen Großen wie durch das Ausland beschützt haben. In der ersten Hälfte des Mittelalters erfüllte der Klerus vollauf die ihm obliegenden Aufgaben; seine Leistungen entsprachen seinen Rechten und Einkünften. Außer dem Klerus gab es niemand, der geistige Arbeit geliefert hätte. Die höhern Beamten des Königs und der Lords, die gelehrten Richter, die Lehrer, die Ärzte, die Baumeister waren Kleriker. Die ungenannten Schöpfer der herrlichen Kirchen und Abteien, an denen England so reich ist, dieser »steinernen Gedichte«, sind sämtlich Kleriker gewesen; auch der Architekt des Tower war einer. Die große Pest verschlechterte den Volkscharakter im allgemeinen und den des Klerus ganz besonders; dieser wurde faul, übermütig und lasterhaft. Dazu kamen die Anmaßungen Roms und seine Gelderpressungen. Die diesen Umständen entsprechende romfeindliche Stimmung des Volks bot den Reformbestrebungen Wiklifs den günstigsten Boden. Er konnte sich ihnen bis zum Aufstande von 138l, der die Großen gegen ihn aufbrachte, in ganz gesicherter Stellung hingeben, denn die Universität Oxford, an der er lehrte, erfreute sich einer durch päpstliche und königliche Freibriefe verbürgten Unabhängigkeit und unbeschränkten Lehrfreiheit; »kein Bischof oder Erzbischof, erklärte ihr Kanzler zu Wiklifs Zeit, hat in Glaubenssachen irgend welche Autorität über sie.« Die Forschung war an ihr also frei, freier vielleicht als beispielsweise heutzutage an der Berliner Universität. Wiklif gründete nun einen Orden »armer Priester,« die, zusammen mit den Lollarden, einer weitverbreiteten Brüderschaft, deren Geschichte noch unklar ist, dem Volke einen christlichen Sozialismus predigten, der sich, wie später das Puritanertum, vorzugsweise aufs Alte Testament stützte. Diese Männer waren fanatisch, schlau und kühn. Sie hatten um so leichtere Arbeit, als die Künste des Lesens und Schreibens im Volke ziemlich verbreitet waren, wie die Wirtschaftsbücher und die Handwerkerrechnungen beweisen. Denn auch darin hatte der Klerus seine Schuldigkeit gethan. Die Schulgründungen von 1547, meint Rogers, waren nicht etwa die Frucht eines neuen durch die Reformation entzündeten Volksbildungseifers, sondern nur ein Ersatz für die unbedachtsam zerstörten Klosterschulen. In jenen einheimischen Volkspredigern und volkstümlichen Brüderschaften des vierzehnten Jahrhunderts, nicht im kalvinischen Genf, sieht Rogers die eigentliche Wurzel des Puritanertums. Und er meint bei dieser Gelegenheit, nur dadurch, daß eine religiöse Bewegung in der sittlichen und sozialen Hebung der Massen Erfolg habe, könne sie sich als neue Religion legitimiren; sonst sei sie nur ein neuer Aberglaube. Ehe wir von der guten Zeit Altenglands Abschied nehmen, mag noch bemerkt werden, daß auch die Steuerlast gerecht verteilt war. Die Commons fühlten sich so wenig bedrückt, daß sie dem Könige zuweilen mehr anboten, als dieser sich zu nehmen entschließen konnte. Als die einmaligen Bewilligungen durch eine dauernde Einkommensteuer ersetzt wurden, gestaltete man diese progressiv. Die Gemeinen schlugen 1450 für die Einkommen unter 20 Pfund 2½ Prozent, für die von 20 bis 200 Pfund 5 und für die über 200 Pfund 10 Prozent vor, und die Lords erklärten diese Einschätzungsweise für angemessen (reasonable) . Rogers meint, der damalige Adel sei zwar nicht viel weniger habgierig als der hohe Klerus gewesen, habe aber doch in Beziehung auf Billigkeit gegen das Volk und gemeinnützigen Sinn immer noch hoch über den obern Zehntausend von heute gestanden. Das gilt auch für Deutschland. Die jetzt in Preußen eingeführte Progression der Einkommensteuer bis zu 4 Prozent haben hochadliche Herren in der »Post« und der »Schlesischen Zeitung« als ein Zugeständnis an den Sozialismus beklagt, obwohl die Progression dort, wo sie erst recht anfangen sollte, schon Halt macht: vor jenen Einkommen, von deren ungeheurer Größe man sich im fünfzehnten Jahrhundert gar keinen Begriff hätte machen können; auch diese Kolossaleinkommen werden, einen hundertprozentigen Kommunalsteuerzuschlag dazu gerechnet, nur mit 8 Prozent besteuert. Bei den hohen Arbeitslöhnen des fünfzehnten Jahrhunderts waren die Landlords stets geneigt, Land zu verkaufen – die Festlegung des Grundbesitzes durch entails war damals noch nicht durchgeführt –, und wenn sie verpachteten, so waren ihnen vermögende Pächter, denen sie kein Inventar – stock oder capital nennt es der Engländer – zu liefern brauchten, die willkommensten. An beidem fehlte es nicht, da die kleinen Pächter in der Lage waren, Geld zu sparen und Vorräte zu sammeln, sodaß sie sich nach einer Reihe guter Wirtschaftsjahre entweder ankaufen oder eine größere inventarlose Pacht übernehmen konnten. So entwickelten sich aus den Kleinpächtern des fünfzehnten Jahrhunderts einerseits die Yeomen oder Freeholders, die bis in den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein das Rückgrat des englischen Volks gebildet haben, andrerseits die kapitalistischen Pächter. Die gute Zeit währte bis zum Tode Heinrichs des Siebenten, der zwar habgierig und geizig war, aber die Volkskraft verständig schonte. Nur über die stellenweise vorkommende Verdrängung des Ackerbaus durch die Weidewirtschaft und die dadurch verursachte Verödung mancher kleinern Ortschaften begann man zu klagen. Aus dem angegebnen Grunde begann zugleich die Vagabundenplage zum zweitenmal, und diesmal als dauerndes unausrottbares Übel; sie wurde noch verstärkt durch die Auflösung der Gefolgschaften der Lords nach Beendigung des Rosenkriegs. Mit Heinrich dem Achten bestieg jener böse Geist den Thron, der das englische Volk bis auf den heutigen Tag gepeinigt hat. Der Charakter dieses Königs Blaubart ist bekannt. Die verderblichste seiner bösen Eigenschaften war das Ungestüm, womit er jede seiner Despotenlaunen augenblicklich ins Werk setzte. So baute er z. B. unaufhörlich: er baute, nur um niederzureißen und aufs neue zu bauen. Seine Kasse war ein Danaidenfaß; die ungeheuersten zusammengeraubten Summen verschwanden spurlos, man begriff nicht, wohin sie kamen. Die Gold- und Silberschätze der Kathedralen und Klöster, der Schrein des Heiligen Thomas Becket, das Delphi der Engländer, waren nur Tropfen auf einen heißen Stein. Da griff er, um sich zu helfen, zu einer Münzverschlechterung, die das englische Geld entwertete und die Warenpreise in die Höhe trieb. Dies allein, erklärt Rogers, und nicht der Silber- und Goldstrom der neuen Welt, der damals England noch gar nicht erreicht hatte, sei die Ursache der allgemeinen Preissteigerung im sechzehnten Jahrhundert gewesen, wenigstens für England. Die Klöster hatten, so verachtet und zum Teil verhaßt die Mönche auch waren, in sozialer Beziehung ihre Obliegenheiten bis zu Ende erfüllt: sie hatten durch reichliches Almosen die Armenpflege besorgt, so weit eine solche nötig war – Massenelend gab es ja bis dahin nicht, sondern nur individuelles Unglück und augenblickliche Notlagen, z. B. auf der Wanderschaft –, und sie hatten auf ihren Gütern, die ein Drittel des angebauten Landes umfaßten, zahlreichen Bauernfamilien eine sichre und auskömmliche Existenz gewährt. Heinrich machte die Klosteraufhebung, die er übrigens auch ohne den Bruch mit Rom durchgeführt haben würde, dem Volke dadurch schmackhaft, daß er versprach, von dem Ertrage der Klostergüter die gesamten Kosten des Kriegswesens zu bestreiten. Ebenso wurde später, als man die Grundstücke der Gilden einzog – unter dem kalvinischen Vorwande, ihr Ertrag werde zu abergläubischen Zwecken verwandt –, die Bevölkerung mit dem Versprechen beschwichtigt, den Raub zur Dotation der Schulen zu verwenden. Das Gildenvermögen hatte allerdings stiftungsgemäß auch allerlei kirchliche Zwecke zu erfüllen, hauptsächlich aber diente es dazu, den Gildenmeistern und ihren Familien über augenblickliche Notlagen hinwegzuhelfen. Nur in London, wo der Versuch der Konfiskation einen Volksaufstand erregt haben würde, blieb das Gildenvermögen verschont, ist aber bei der spätern kapitalistischen Entwicklung der Nation seinem ursprünglichen Zwecke gänzlich entfremdet worden. Die jetzigen Gildenmitglieder sind reiche Herrn, deren keiner das Handwerk betreibt, von dem die Gilde den Namen hat, und die Zinsen des Gildenkapitals verprassen sie in schwelgerischen Brudermahlen, bei denen die kostbarsten Weine in Strömen fließen; ein Teil der Einkünfte scheint allerdings zu gemeinnützigen Zwecken verwendet zu werden. Von jenen Versprechungen nun wurde keine einzige gehalten. Das bewegliche Stiftsvermögen floß in den Privatschatz des Königs, der Grund und Boden aber wurde nicht Krongut, sondern ein Raub der Seymours und Somersets, der Dudleys und Cecils und der übrigen Landdiebe (Ausdruck von Rogers), die den Knaben Eduard den Sechsten leiteten und das Land vom papistischen Aberglauben reinigten. Über die Klosterpächter brach nämlich das Verhängnis nicht sofort herein, sondern erst unter Eduard dem Sechsten, weil die Pachtverträge respektirt wurden und die Mönche, die Auflösung vorhersehend, auf lange Fristen, teilweise auf dreißig bis vierzig Jahre verpachtet hatten. Die Pächter, deren Pachtzeit abgelaufen war, wurden von den neuen Herren entlassen, und diese verpachteten an Schafmeister; ein Gut, das vorher hundert Bauernfamilien ernährt hatte, nährte fortan nur die eine Schafmeisterfamilie, etliche Knechte und zehn- oder zwanzigtausend Schafe. Was die Landlords und Großpächter zweihundert Jahre lang erstrebt und durch das Arbeiterstatut vergebens zu erreichen versucht hatten, war nun ohne ein solches Statut mit einem Schlage erreicht. Die Waren, namentlich Lebensmittel, waren durch die Geldentwertung um das fünffache verteuert worden. Der Arbeitslohn ist, wie Rogers meint, unter allen Einkommensarten die, die fallenden Preisen am schnellsten, steigenden am langsamsten folgt. In diesem Falle aber war an eine entsprechende Steigerung gar nicht zu denken, weil durch die Ausdehnung der Weidewirtschaft die Nachfrage nach ländlichen Arbeitern sank, und gleichzeitig durch die Vertreibung der Klosterpächter das Angebot von Händen gewaltig stieg. Ein Drittel der ländlichen Familien Englands lag besitzlos und beschäftigungslos auf der Landstraße und war gezwungen, um jeden Preis Arbeit anzunehmen, wenn welche zu bekommen war. Rogers hat fast für jedes Jahrzehnt bis in unsre Zeit hinein die Löhne der ländlichen und gewerblichen Arbeiter nach ihrem wirklichen Werte berechnet. Wir heben aus seinen Angaben nur einige wenige hervor, um die Verschlechterung deutlich zu machen. Er berechnet u. a. S. 389-398, wie viel Wochen ein Arbeiter zu verschiednen Zeiten zu arbeiten hatte, um den für seinen Haushalt hinreichenden Vorrat von Weizen, Hafer und Malz (jedermann bereitete sich sein Bier selbst) zu verdienen. Und er findet, daß im Jahre 1495 der ländliche Arbeiter fünfzehn, der Handwerker zehn Wochen dazu brauchte. Im Jahre 1564 brauchte der ländliche Arbeiter vierzig, der gewerbliche Arbeiter zweiunddreißig Wochen dazu. Im Jahre 1593 hätte die ländliche Arbeit eines ganzen Jahres nicht hingereicht, jene Menge zu verdienen, während der Handwerker sie sich noch mit einer vierzig Wochen langen Arbeit verschaffen konnte. Die Löhne werden durchs siebzehnte Jahrhundert hindurch immer elender, 1682 ist auch die Arbeitszeit schon auf vierzehn Stunden gestiegen, wobei allerdings Pausen von zusammen zweieinhalb Stunden gewährt werden. In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts steigen die Löhne noch einmal, wenn auch bei weitem nicht so hoch wie im fünfzehnten Jahrhundert; dann fallen sie wieder, und in der Zeit von 1800 bis 1820 erreicht das Arbeiterelend seinen höchsten Stand. Natürlich wimmelte das Land von Vagabunden und Bettlern, die schlechthin hilflos waren, da die Klosteralmosen aufgehört hatten und sämtliche Versuche einer anderweitigen Organisation der Armenpflege scheiterten. Die Räte Eduards des Zweiten erließen das berüchtigte Gesetz, wonach jeder arbeitslos betroffne dem Denunzianten als Sklave zugesprochen werden sollte; der Herr durfte ihn an die Kette legen und peitschen; desertirte er, so wurde er gebrandmarkt und zu lebenslänglicher Sklaverei verurteilt, lief er nochmals fort, zum Tode verurteilt. Zwar behielt dieses Gesetz, wie Rogers mitteilt, nur zwei Jahre Geltung, aber der Geist, der aus ihm spricht, behielt die Herrschaft, und die harte Behandlung der Armen in England entspricht ihm bis heute. Übrigens haben Elisabeth und Jakob der Erste eine Reihe ähnlicher Gesetze erlassen. Was das ganze Altertum und Mittelalter hindurch als ein schweres Unglück gegolten hatte, das den Menschen zu einem Gegenstande des Mitleids und der Ehrfurcht machte – ganz abgesehen von dem Heiligenscheine, mit dem der katholische Glaube den Bettler umgab –, galt fortan als Schande und Verbrechen. The poor und the Wretch wurden stehende Bezeichnung für die neue Klasse der besitzlosen Lohnarbeiter – der durch Raub besitzlos gemachten, wie man sich immer gegenwärtig halten muß –, und diese Klasse wurde eingeteilt in the labouring Poor und the idle Poor. Und wenn auch der »müssige« Arme insofern noch übler dran war, als er mit Schandpfahl, Peitsche und Kerker als Verbrecher behandelt und jedermann die Vollmacht gegeben wurde, einen solchen einzufangen und als seinen Sklaven an die Kette zu legen, so war doch der arbeitende Arme nicht minder ein Gegenstand der Verachtung für den »respektabeln« Besitzenden geworden. Die Einheit des Volkes war zerrissen; die Scheidung in zwei Klassen, deren untere der obern viel ferner stand, als dem alten Römer oder dem heutigen Araber seine Sklaven stehn, in zwei Welten, die nichts von einander wissen, war vollzogen. Von Bedeutung war es dabei, daß die Landlords schon vom fünfzehnten Jahrhundert an aufgehört hatten, wenigstens einen Teil ihres Besitzes durch Amtleute selbst zu bewirtschaften, wie das bei uns in Deutschland die Großgrundbesitzer bis auf den heutigen Tag noch thun, und zwar mit dem größten Teil ihres Besitzes, ja meistens mit dem ganzen. Der letzte Fall von Selbstbewirtschaftung, den Rogers gefunden hat, ist 1433-34 vorgekommen. Der Landlord löst sich seit jener Zeit völlig ab von seinem Grundbesitz. Seine Beziehung zu diesem beschränkt sich darauf, daß er einige Monate des Jahres hindurch ein dort gelegnes Schloß bewohnt, und daß er einen Beamten anstellt, der die Pachtzinsen eintreibt. Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts faßte die Königin Elisabeth das Ergebnis dessen, was sie auf einer Rundfahrt durch ihr Land wahrgenommen hatte, in den Worten zusammen: pauper ubique jacet; der Pauperismus, dieses Scheusal der modernen Welt, war da. Das Lehrlingsgesetz und die Armengesetze sollten Abhilfe schaffen. Das Lehrlingsgesetz verordnet eine siebenjährige Lehrzeit, d. h. es macht den Lehrling, der doch die leichtern Handwerke in einem, die schwierigern in drei bis vier Jahren zu erlernen pflegt, drei bis sechs Jahre zu einem Sklaven, der dem Lehrherrn gegen notdürftigen Unterhalt umsonst arbeiten muß, sodaß es den unternehmenden Meistern leicht wurde, sich durch Halten mehrerer Lehrlinge zu Fabrikanten emporzuschwingen. Nach Ablauf der sieben Jahre wurde der Lehrling an die Luft gesetzt und fiel aus der Klasse der labouring in die der idle poor herunter, da ja dank den Lehrlingsgesetzen kein Meister mehr bezahlte Gesellen brauchte. Dieser Zustand bildete sich allerdings erst später aus, nach Brentano in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Armengesetze, die mit dem von 1601 ihren Abschluß fanden und bis 1835 galten, bestimmten, daß die Grafschaftsräte in ihren Vierteljahrssitzungen den dem Lebensmittelpreise angemessenen Lohn für die verschiednen Arbeiterklassen festsetzen sollten, der nicht überschritten werden dürfe; aus dem Ertrage einer den Steuerzahlern auferlegten Armentaxe sollten einerseits die arbeitsunfähigen Armen erhalten, andrerseits die Tagelöhne solcher Arbeiter, die aus irgend einem Grunde den gesetzlichen Lohnsatz nicht erreichten, ergänzt werden. Als der Verfasser dieser Schrift das Armengesetz der Elisabeth zum erstenmale kennen lernte, war er entzückt von der Humanität und Weisheit, die ihm daraus zu sprechen schienen. Bei näherer Betrachtung aber kühlte sich diese Begeisterung bedeutend ab. Rogers hebt die Heuchelei hervor, mit der alle einschlagenden Gesetze jener Zeit in der Einleitung das Elend der Armen beklagen und dann Bestimmungen treffen, die dieses Elend unheilbar machen. Das Armengesetz der Elisabeth giebt die Lohnfestsetzung den Friedensrichtern, also den Grundbesitzern und Großpächtern in die Hand, d. h. denselben Personen, in deren Interesse es lag, den Arbeitslohn niederzuhalten. Wenn sie ihn dem Lebensmittelpreise angemessen zu bestimmen hatten, so war damit gemeint, daß er zum notdürftigen Lebensunterhalt gerade hinreichen sollte. Damit war also ein wirkliches eisernes Lohngesetz gegeben; es war fortan unmöglich, daß irgendwo in England der Lohn das Existenzminimum überschritt, da ja der einzige Umstand, der eine Erhöhung darüber hinaus hätte erzwingen können, der Mangel an Arbeitern, durch die oben angegebnen Maßregeln beseitigt war. Die Kenntnis dieser Unmöglichkeit, sich aus der Bettelarmut herauszuarbeiten, zusammen mit der Gewißheit, daß ihnen durch Staatszwang das Existenzminimum gewährleistet sei, vernichtete in den englischen Arbeitern alle wirtschaftlichen Tugenden. Sparsamkeit, Mäßigkeit, Fürsorge für die Zukunft, für die Kinder hatten unter diesen Umständen keinen Sinn mehr. Und zu diesen beiden Übeln kam ein drittes. Wäre das Armengesetz dem Buchstaben nach beobachtet worden, so würde die poor rate , wie man die Armensteuer nennt, nach Rogers Ansicht das ganze Volkseinkommen verschlungen haben, weil eben bei der im sechzehnten Jahrhundert zur Herrschaft gelangten Wirtschaft das Land gar nicht imstande war, der gesamten Bevölkerung den ausreichenden Unterhalt zu gewähren. Immerhin wirkte es auch bei seiner unvollständigen Durchführung noch unheilvoll genug auf die Mittelklassen. Die poor rate betrug im Jahre 1785 über zwei Millionen Pfund, 1802 mehr als das doppelte und 1813 sogar 8 640 842 Pfund, also über 170 Millionen Mark! Indem die Lords mehr und mehr die Gewohnheit annahmen, auf ihren Besitzungen alle Hütten niederzureißen oder niederzubrennen, wälzten sie die Armenlast auf die sogenannten offnen Kirchspiele ab, d. h. auf solche, die aus Gemeinden kleinerer Besitzer bestanden, in deren Häusern und Gehöften die vertriebnen Armen Unterschlupf finden konnten, und die sich selbst mit einem Gesetz über den Unterstützungswohnsitz (parochial settlement) , das die Armen gleich wilden Tieren hin und her zu jagen benutzt wurde, nicht gehörig zu wehren vermochten. Wie es scheint, ist es vorzugsweise die drückende Armensteuer zusammen mit den fortschreitenden enclosures gewesen (im vorigen Jahrhundert sind 2 000 000, im laufenden 3 000 000 Acres Gemeindeland eingezäunt, d. h. von den Lords den Gemeinden einfach gestohlen worden), was die Yeomanry so heruntergebracht hat, daß sie heute beinahe verschwunden ist. Mit zunehmender Industrie häufte sich das herumgehetzte Proletariat mehr und mehr in den Großstädten an, und hier beginnt nun ein neues Unrecht. Der Grund und Boden der Großstädte, namentlich Londons, gehört einigen Lords, die aus den überfüllten Häusern der Lumpenviertel höhere Mieten herausschlagen als aus den Palästen der feinsten Stadtteile. Denn hier wohnen ja auf jedem Acre hundertmal mehr Menschen als in den vornehmen Gegenden, die Instandhaltung der jämmerlichen Baracken kostet fast nichts, und die Mieten sind unverschämt hoch. Was diese Elenden mit Kohlenladen, Lumpensammeln, Streichhölzchenverkauf, Stehlen und Huren mühselig zusammenkratzen, davon nimmt der Landlord den größten Teil hinweg als Miete für die Schmutzlöcher, in denen sie hausen. Und können sie dann nicht mehr, verfallen sie der Armenpflege, dann haben die Steuerzahler des Stadtviertels, selbst arme oder wenig bemittelte Leute, die Kosten zu zahlen. Der Vorfahr des Landlord hat den Vätern dieser Unglücklichen ihr Land gestohlen, er selbst preßt ihnen als Grundstückbesitzer den letzten Schweiß- und Blutstropfen aus, und nachdem er so geholfen hat, sie vor der Zeit arbeitsunfähig zu machen, bürdet er andern unbemittelten Leuten, die ebenfalls Opfer seiner Raubgier sind, die Kosten für ihren Unterhalt auf. Das englische Unterstützungswohnsitzgesetz war, nebenbei bemerkt, ein »Potosi« für die Advokaten; die Gemeinden steigerten einander gegenseitig, um geschickte Advokaten zu gewinnen, die sie von einem Teile der Armenlast zu befreien vermochten. Auch die Richter wurden schlecht, wie Rogers hervorhebt; unter den Plantagenets hatten sie ihr Amt zum Segen des Vaterlands verwaltet, zum Schutze des Rechts der Bürger und zur Erweiterung der Freiheit, unter den Tudors und Stuarts »waren sie beharrliche und bösartige Feinde jedes Rechts und jeder Freiheit.« Um das Maß voll zu machen, wurde schließlich auch noch jede Vereinigung von Arbeitern zur Erlangung besserer Arbeitsbedingungen als »Verschwörung« bestraft (nach Gesetzen Eduards des Sechsten und Karls des Zweiten). »Ich behaupte – bemerkt Rogers bei dieser Gelegenheit (wir ziehn seine Strafrede auf S. 398 ff. stark zusammen) –, daß in der Zeit von 1563 bis 1824 in Form von Gesetzen, deren Ausführung in der Hand von Interessenten lag, eine Verschwörung zusammengebraut worden ist zu dem Zweck, den englischen Arbeiter um seinen Lohn zu betrügen, ihn jeder Hoffnung zu berauben und ihn in unheilbare Armut hinabzustoßen. Länger als zwei und ein halbes Jahrhundert hindurch haben es sich in England die Gesetzgebung und die Verwaltung zur Aufgabe gemacht, den Arbeiter auf die tiefste Daseinsstufe hinunterzupeinigen, jede Regung eines organisierten Widerstands niederzutreten und Strafe auf Strafe zu häufen, so oft er sich seiner Menschenrechte erinnerte. Unter Verschwörung verstand das Gesetz ursprünglich die Verabredung eines Verbrechens. Durch die erwähnten Gesetze aber wurde dieser Begriff auf die Vereinigungen von Arbeitern ausgedehnt, die sich zu arbeiten weigerten, wenn ihnen nicht ein bestimmter Lohn bewilligt würde, Doch kommt, wie jetzt erst bekannt wird, das Wort conspiracy schon am Ende des dreizehnten Jahrhunderts in einem zu Norwich gefällten richterlichen Urteil vor, zur Bezeichnung einer Verabredung der dortigen Lichtzieher, das Pfund Lichter nicht unter einem bestimmten Preise zu verkaufen. Saturday Review vom 14. Januar 1893, S. 44. und am Ende des vorigen Jahrhunderts, in einem Jahre furchtbarer Teuerung, wo selbst Obrigkeiten die von den Quarter Sessions festgesetzten Löhne grausam niedrig fanden, wurde dieses Koalitionsverbot durch eine Parlamentsakte noch verschärft. Dieses von den Brotherren und Juristen zur Verhinderung jeder Lohnerhöhung erfundne »Verbrechen« der »Verschwörung« steht ganz und gar auf einer Stufe mit der Anklage wegen Hexerei. Daß Gewaltthaten zu keinem auch noch so löblichen Zwecke gestattet werden dürfen, ist ein ebenso allgemein anerkannter Rechtsgrundsatz, wie daß der eingebildete oder vorgebliche Versuch, andern durch Zauber zu schaden, strafbar sei. Aber das gemeine Recht reicht stets hin, Gewaltthätige und Betrüger unschädlich zu machen. Ein Gewerkverein dagegen, der seinen Zweck, die Lohnerhöhung, ohne Gewaltthaten verfolgt, unterscheidet sich in nichts von Kapitalistenvereinigungen, wie es z. B. Aktiengesellschaften sind. Wenn mehrere Personen ihre Kapitalien, ihre Arbeitskraft und ihre Erfahrung zu einem kaufmännischen Unternehmen vereinigen und den höchsten möglichen Gewinn herauszuschlagen verstehn, so heißt man sie willkommen und spendet ihnen Beifall. Ist der Gewinn sehr groß, dann werden die Unternehmer als königliche Kaufleute, Pioniere der Industrie, Erzeuger nationalen Reichtums, Wohlthäter des Landes und Bürgen des Fortschritts gepriesen. Sieht man aber nach, wie es diese Herrn anfangen, ihren Zweck zu erreichen, so findet man: durch nichts andres, als daß sie möglichst billig einkaufen und möglichst teuer verkaufen. Ganz dasselbe versuchen die Mitglieder eines Gewerkvereins zu thun. Sie haben nur eine Ware: ihre Muskelkraft und ihre technische Fertigkeit. Gleich jedem Geschäftsmann suchen sie aus dieser Ware so viel als möglich herauszuschlagen, jedenfalls mehr als den Selbstkostenpreis, d. h. den Lebensunterhalt der lebendigen Maschine. Sie wissen genau, daß sie ein schlechtes Geschäft machen, wenn sie gezwungen sind, dem ersten besten Abnehmer zu verkaufen, und deshalb treten sie in eine Vereinigung, die sie in den Stand setzt, ihre Ware eine Zeit lang zurückzuhalten, gerade so wie jeder Geschäftsmann die bessern Chancen abwartet. Diese ihre Vereinigung kann, richtig geleitet, nicht anders als zu ihrem und zum allgemeinen Besten ausschlagen; erfordert sie doch, wenn sie gelingen soll, die Übung aller wirtschaftlichen Tugenden: Geduld, Entsagung, Ausdauer, Umsicht, Disziplin, genaue Einsicht in die Verhältnisse des Marktes. Dabei ist nicht einmal ein Verlust der Unternehmer zu fürchten. Es ist nicht wahr, daß niedriger Arbeitslohn unter allen Umständen hohen Geschäftsgewinn bedeute und jede Erhöhung des Arbeitslohns den Geschäftsgewinn notwendig vermindre; die Anteile des Arbeiters und des Unternehmers können zu gleicher Zeit beide hoch und beide niedrig sein. Anstatt auf Herabdrückung des Arbeitslohns bedacht zu sein, sollten die Unternehmer lieber daran denken, in wie vielen Fällen die Produktion durch unnütze Mittelspersonen [z. B. die »Schwitzmeister«] verteuert wird. Verüben die Gewerkvereinsmitglieder Gewaltthaten, so sind sie strafbar. Aber indem sie während eines Streiks von fern herangezogne Konkurrenten am Arbeiten verhindern, thun sie doch nichts andres, als was die Börsenmakler thun, wenn sie Winkelmaklern das Handwerk legen, und noch nichts so schlimmes, als was Kaufleute und Fabrikanten thun, wenn sie einen Ring schließen, um alle Konkurrenten zu ruiniren. Zwischen den von Sheffielder Schleifern gegen Streikbrecher verübten Gewaltthaten und den Mitteln, mit denen Eisenbahndirektoren in den Kommissionszimmern des Unterhauses die Pläne von Konkurrenten zu Falle bringen, besteht schlechterdings kein andrer Unterschied, als daß jene bestraft werden, und diese nicht, und außerdem, daß jene, ungeübt in den Künsten bösartiger Schlauheit, rohere Mittel anwenden.« Nachdem schon unter der Republik und unter Cromwell, der sich auf die Bauernschaft stützte, eine kleine vorübergehende Besserung eingetreten war, hob sich die Lage der Arbeiter in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in merklichem Grade. Mehrere Ursachen wirkten zusammen. Die steigenden Handelsgewinne bereicherten die Kaufleute so gewaltig mit ausländischem Gelde, daß von diesem Überfluß der obern Klassen einiges doch auch nach unten durchsickerte; die Industrie zahlte eine Zeit lang höhere Löhne als die Landwirtschaft, und diese machte erstaunliche Fortschritte. Die englischen Pächter und Landlords wurden mit allen jenen Verbesserungen bekannt, deren Erfinder und Schöpfer die Niederländer waren, und die Landwirtschaft wurde eine Sache der Liebhaberei. Wahrscheinlich, meint Rogers, ergriffen die Landlords gern die Gelegenheit, auch einmal etwas nützliches zu thun. Reichtum erwerben und Reichtum schaffen ist zweierlei; gar oft kommt es vor, daß einer, der großen Privatbesitz aufhäuft, Volksvermögen nicht schafft, sondern zerstört. Auch Rentenziehen ist bloßer Vermögenserwerb; aber indem die Landlords ihre Pächter zu landwirtschaftlichen Verbesserungen anregten, halfen sie Vermögen schaffen. Die zahlreichen enclosures jener Zeit kamen durch Verwandlung von Wald, Weide und Unland in Acker der nationalen Produktion zu gute. Allerdings würde das ebenfalls und ohne Schädigung der Mittel- und Unterklassen geschehen sein, wenn das Gemeindeland unter die Bauern verteilt worden wäre, denen es eigentlich gehörte, und wenn man diese angeleitet hätte, es rationeller auszunutzen. Mit der Verbesserung der Landwirtschaft ging rasche Volksvermehrung Hand in Hand. Aber man darf nicht glauben, daß diese etwa die Ursache des Volkselends gewesen sei. In der Zeit, wo Elisabeth den neugeschaffnen Pauperismus als vollendete Thatsache wahrnahm, zählte England nicht mehr Einwohner, als es um 1300 gezählt hatte, nämlich zweiundeinhalb Millionen. Volksvermehrung kann so lange kein Elend erzeugen, als noch Land urbar zu machen ist, und dessen war in England noch die Fülle vorhanden. Unter der Königin Anna zählte es fünfundeinhalb Millionen, aber ein getreideausführendes Land blieb es bis 1765. Die Produktivität überflügelte den Bevölkerungszuwachs, indem einerseits die umfriedeten Gemeindeweiden unter den Pflug genommen, andrerseits neue Verbesserungen des Ackerbaus und der Viehzucht eingeführt wurden; aber durch die oben aufgezählten Maßregeln der herrschenden Klassen war dafür gesorgt, daß das arbeitende Volk von dem Mitgenuß des wachsenden Reichtums ausgeschlossen blieb. Ja die steigende Produktivität der Landwirtschaft wurde sogar nach Ablauf jener Zeit einer vorübergehenden Besserung eine neue Quelle des Unglücks für das Volk. Sie weckte die Habsucht der Landlords, die nun die ohnehin steigende Landrente noch durch künstliche Mittel, durch Einfuhrverbote und Ausfuhrprämien zu steigern bemüht waren. Es bildete sich der abscheuliche Grundsatz aus, daß teure Jahre gute Jahre und Hungersnöte ein gutes Mittel zur Erhöhung des »Nationalreichtums« seien – ein Grundsatz, der seit etwa fünfzig Jahren auch bei uns in Deutschland Eingang gefunden hat. In den vierziger Jahren, als in Schlesien die Weber verhungerten und die übrigen Kleinhandwerker nicht satt zu essen hatten, ließ ein Großbauer in Zirlau bei Freiburg in Schlesien jedem seiner Kinder einen goldnen Löffel machen »zum Andenken an die goldne Zeit,« und die heutige Agrarierpolitik beruht durchaus auf diesem Grundsatze. Als etwas völlig neues ist er im vorigen Jahrhundert in die Weltgeschichte eingetreten. Das ganze Altertum und Mittelalter hindurch hat die reichliche Versorgung des Volks mit billigem Brot für die erste Pflicht der Regierungen und jede künstliche Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel für den Gipfel wucherischer Verruchtheit gegolten. Die Pachten wurden nun um die Wette erhöht und nahmen hie und da den Charakter von rack rents , Folterrenten, an, wie der Engländer die auf der Folter der Versteigerung an den Meistbietenden erpreßten unnatürlich hohen Renten nennt. Die Pächter aber (es ist Rogers, der das sagt) waren so dumm, ihre Arbeiter um die Wette zu schinden und dadurch hohe Renten herauszuschlagen, zu keinem andern Zweck, als um dem liederlichen hohen Adel die Mittel zu seinen unerhörten Ausschweifungen zu liefern. Den Lohn ihrer Dummheit (es ist wiederum Rogers, der spricht) erntet die Pächterschaft jetzt durch ihren allgemeinen Bankrott. Diese Politik, zusammen mit Mißwachs und den Kosten der napoleonischen Kriege, erzeugte das unerhörte Elend der Jahre 1780 bis 1820. Das siebzehnte Jahrhundert war die dramatische Zeit der großen Dichter und Denker, der großen Freiheitskämpfe, der großen originellen Charaktere; im achtzehnten wurde die Macht der Krone endgiltig gebrochen und das Dissentertum von der Tyrannei der Staatskirche befreit. Aber ach! nur um die Freiheit der besitzenden Minderheit hat es sich in diesen Freiheitskämpfen gehandelt. Und nur die Personen des politischen Dramas erscheinen auf der Schaubühne der Geschichte: die Kriegshelden, die Unternehmer der »glorreichen« Revolution, die großen Staatsmänner und Redner. Von dem arbeitenden und leidenden Volke, das diesen Helden das Leben und die Durchführung ihrer Rolle möglich machte, ist nichts zu sehen, es verschwindet vollständig. Es bildet kein Element der Politik mehr, so wenig wie das Lastvieh; nur durch das Studium der Lohnlisten kann sich der Forscher einen Begriff von ihm verschaffen. Dies also war, um es zusammenzufassen, der Gang der Dinge gewesen. Durch eine Münzverschlechterung wurden die Lebensmittel verteuert. Die Arbeitslöhne konnten nicht mit den Warenpreisen steigen, weil durch die Weidewirtschaft der Bedarf an Arbeitern vermindert und gleichzeitig durch den großen Landraub bei der Klosteraufhebung und die Vertreibung der Klosterpächter das Angebot von Arbeit plötzlich enorm vermehrt wurde. Eine neue, in der Welt bis dahin unbekannte Art von Geschöpfen entstand: landlose Landarbeiter, die doch keine Sklaven waren, deren Unterhalt also keinem bestimmten Herrn als Pflicht oblag. Durch das Armengesetz sodann wurde den Arbeitern jede Möglichkeit abgeschnitten, jemals ihr Einkommen über das Existenzminimum hinaus zu vermehren, und durch die grausame und schimpfliche Behandlung der Arbeitslosen, sowie durch das Gesetz über den Unterstützungswohnsitz dem Unglück auch noch das Brandmal der Schande aufgedrückt, der ganze Arbeiterstand aufs tiefste entwürdigt und völlig entsittlicht. Gegen das Jahr 1700 empfahl der schottische Patriot Fletcher von Saltoun, ein glühender Republikaner, die förmliche gesetzliche Wiedereinführung der Sklaverei als einziges Heilmittel der allgemeinen Verwilderung, und da »das Volk« ja so wie so zu keinem andern Zweck da sei, als für die Herren zu arbeiten. Dieser Fletcher ist offenbar weit humaner gewesen als die Humanitätsschwätzer, die im achtzehnten Jahrhundert nach ihm kamen. Die Einführung der Privatsklaverei an Stelle der thatsächlich herrschenden Staatssklaverei würde die Lage des Volks wirklich ganz wesentlich gebessert haben. Denn erstens gestaltet sich das persönliche Verhältnis eines Privatbesitzers zu seinen Sklaven, mögen es nun zweibeinige oder vierbeinige sein, immer einigermaßen menschlich; durch Gewohnheit bildet sich eine gewisse Anhänglichkeit aus. Zweitens liegt es im Interesse des Privatbesitzers, wenn er sein Arbeitsvieh auf dem eignen Hofe züchtet, für kräftigen, gesunden Nachwuchs zu sorgen, wenn er es aber kauft, es nicht zu schnell abzunutzen. Und weiter: da die Arbeiter doch noch so weit Menschen blieben, daß sie sich nicht immer wie Schlachtschafe benahmen – in der Zeit der Besserung von 1700 bis 1750, wo einige Arbeiterklassen beinahe satt zu essen hatten, kamen hie und da kleine Aufstände vor –, so wurde jede Verabredung von Arbeitern zur Erlangung besserer Lohnbedingungen als »Verschwörung« bestraft. Wurde durch den Raub der Gemeindeländereien, die sogenannten enclosures , nicht allein die Bauernschaft um einen Teil ihres rechtmäßigen Besitzes gebracht, sondern auch den etwa noch ansässigen Feldarbeitern die Möglichkeit genommen, sich Gänse oder ein Schwein zu halten – man verbot es ihnen wohl auch ausdrücklich –, so begnügten sich damit die Landlords noch nicht, sondern brannten die Arbeiterhütten und die Hütten kleiner Pächter, wo sich noch solche fanden, einfach nieder und machten so den letzten Rest der ärmern Bevölkerung vollends vogelfrei. Noch Karl der Erste, noch Cromwell hatten die Ausstattung der Arbeiterhäuser mit vier Acres Land zu erzwingen gesucht. Heute ist der Arbeiter schon froh, wenn man seine Hütte nicht niederbrennt, noch froher, wenn man ihm ein Gärtchen läßt; Ausstattung mit ein paar Morgen Land duldet man nicht mehr, das würde ihn, wie nach Dr. Hunter die Pächter sagen, zu unabhängig machen. Das so zusammengeraubte kolossale Vermögen vergrößerten die Landlords einerseits durch Erpressung hoher Mieten für ihre städtischen Grundstücke, andrerseits durch eine Zollpolitik, die auf die Erzeugung von Hungersnöten berechnet war, und wälzten die Armenlast auf den Mittelstand und die Armen ab: »Der Reiche raubte dem armen Lazarus vollends die Brosamen, die dieser an den Tischen der etwas weniger Armen aufgelesen hatte.« Mit den Landlords wetteiferten die Großhändler, die sich durch eine ähnliche Zollpolitik und durch Monopole bereicherten, und die Fabrikanten, von denen wir später noch reden werden. Alle großen englischen Vermögen, meint Rogers, seien durch Raub, und zwar durch unverhüllten Raub aufgehäuft worden. Das Parlament wurde seit der »glorreichen Revolution« – so wird die von 1689 mit Vorliebe genannt – ausschließlich eine Vertretung der genannten drei Klassen, und die beiden Cliquen der Whigs und Tories waren eine so räuberisch wie die andre. Rogers findet einen patriotischen Trost darin, mit der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch leidlich kräftigen, wenn auch nicht mehr sehr zahlreichen Bauernschaft seines Vaterlandes die französische zu vergleichen, deren Elend er nach den bekannten Quellen ausführlich schildert. Leider ist seitdem jene englische Bauernschaft vollends verschwunden, während die französische heute neben der deutschen die tüchtigste Bauernschaft Europas ist. Die Bauern einiger deutschen Provinzen: Holsteins, Oldenburgs, eines Teils von Westfalen, Schlesiens, Oberbaierns sind tüchtiger als die französischen, aber die französischen dürften im Verhältnis zur Volkszahl zahlreicher sein, und ihre schwächsten scheinen es nicht so armselig zu treiben, wie die westdeutschen Zwergbauern und die mecklenburgischen und pommerschen Kätner. Die Revolution von 1789 verdient als Erneuerin des französischen Bauernstandes wirklich den Namen einer glorreichen Revolution; der »Schrecken,« der ja erst kam, nachdem die großen Reformgesetze schon fertig waren, wäre, wie Taine sattsam klar gemacht hat, gar nicht nötig gewesen. Von der Hebung der Lage der industriellen Arbeiter in unserm Jahrhundert sprechen wir später. Die ländlichen haben von der Besserung bisher noch wenig gespürt. Die Scheußlichkeit der auch von Roscher beschriebnen Gangs in einigen östlichen Grafschaften ist noch nicht ganz abgestellt. Am scheußlichsten sind die Kindergangs. Der Pächter akkordirt mit dem Gangmaster; dieser macht Jagd auf Kinder und führt den Trupp, den er zusammengebracht hat, nachdem die Arbeit bei dem einen Pächter besorgt ist, zu einem andern. Der Gangmaster, ein versoffener Schurke, mißhandelt die Kinder nicht, sondern sucht sie vielmehr, da er auf freiwillige Kundschaft angewiesen ist, zu locken, besonders dadurch, daß er die frechste Schamlosigkeit im Umgange von Knaben und Mädchen nicht allein gestattet, sondern begünstigt. Des Nachts werden sie, Knaben und Mädchen unter einander, in schmutzige, luftlose Schuppen gesperrt, des Tages zur Arbeit getrieben, die sie sehr hurtig verrichten, und notdürftig gefüttert. Um das Jahr 1860 lenkte ein Geistlicher, namens Girdlestone, die Aufmerksamkeit des Publikums auf das ländliche Arbeiterelend; aber die Pächter drohten, ihn in die Pferdeschwemme zu werfen, wenn er nicht das Maul halte, und er schwieg schon darum, weil er einsah, daß er die Lage der Unglücklichen nur verschlimmert hätte. Einige Jahre später wagte ein wackrer Bauer, Joseph Arch, den »heroischen Versuch,« die stumpfsinnigen Landarbeiter aufzurütteln, zur Erkenntnis ihrer Lage zu bringen und sie zu organisiren; Rogers war der erste Mann von Ansehen, der seine Bemühungen durch einen Vortrag in einer Arbeiterversammlung aufmunterte. Seitdem Rogers sein Werk herausgegeben hat, hat die Bewegung Fortschritte gemacht und sogar den vorigen Landwirtschaftsminister zu Gesetzentwürfen über Schaffung kleiner Bauernstellen und Seßhaftmachung von Arbeitern veranlaßt. Wie weit jene Bewegung und diese Gesetzentwürfe Erfolg haben werden, läßt sich nicht voraussehen. Versuche der Organisation dieses heruntergekommenen Standes stoßen auf schier unüberwindliche Hindernisse: bei der Mittel- und Hilflosigkeit, dem Stumpfsinn und der Unwissenheit der ländlichen Arbeiter fehlen alle Voraussetzungen einer Organisation. Natürlich sind sie auch mit allen Lastern behaftet, die die Sklaverei erzeugt; sie sind vor allem falsch, verlogen und von tiefem Mißtrauen erfüllt. Sucht sich ihnen ein Mann der obern Klassen wohlwollend zu nähern, so glauben sie ihm einfach nicht und argwöhnen, hinter der Freundlichkeit verberge sich ein feindseliger Anschlag. Nur an Mißhandlungen gewöhnt, erwarten sie nichts andres als solche. Durch die arkadischen Bilder von reizenden, in Jelängerjelieber versteckten, von Gärtchen umgebenen Arbeitercottages, meint Rogers, dürfe man sich nicht bestechen lassen. Dergleichen schaffe wohl hie und da ein »wohlwollender Despot« auf seinem Herrensitz; aber dieser mache doch nur einen unbedeutenden Teil seiner Gütermasse aus; seine Pächter dächten gar nicht an so etwas, und deren Arbeitern sei der Landlord so unbekannt, wie ein ausländischer Potentat. Dr. Hunter, den Marx (Kapital Bd. 1 S. 713) zitirt, sagt in einem Bericht: Sobald der Clearingprozeß ( Clearing of Estates , wie man die »Säuberung« der großen Herrschaften von Proletarierwohnungen nennt) vollendet ist, bleibt nur noch ein Schau-Dorf ( show-village ) übrig, wo außer Gärtnern, Wildhütern und solchen Leuten niemand wohnen darf; das sind persönliche Bediente, und sie erfreuen sich als solche guter Behandlung vom gnädigen Herrn. In der Parlamentssitzung von 1811-12 wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, wonach Arbeiter, die neu erfundne Maschinen zerstörten, mit dem Tode bestraft werden sollten. Lord Byron bekämpfte den Entwurf, der übrigens nicht durchging, in einer feurigen Rede und äußerte u. a., falls der Entwurf angenommen würde, schlage er noch den Zusatz vor, daß zu Geschwornen zwölf Henker ernannt würden, und daß ein Richter von der Art Jeffreys (der die »blutigen Assisen« unter Jakob dem Zweiten geleitet hat) präsidire. Man kann es Lord Byron nicht verargen, daß er nach dem Süden ging, dort Menschen zu suchen, und braucht sich nicht darüber zu wundern, daß die besten unter den Engländern von den Regierungen im allgemeinen und von ihrer eignen im besondern einen sehr geringen Begriff haben. Die Völker, meint Rogers, seien niemals ganz so dumm wie ihre Regierungen, und außer der Regierung sei niemand imstande, ein Volk zu Grunde zu richten. Die vorübergehende Besserung in der Lage der Arbeiter in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war, wie schon bemerkt wurde, zum Teil der Bereicherung des Landes durch überseeische Schätze und dem Fortschritt der Industrie zu danken. Die Industrie steigerte die Nachfrage nach Arbeit und demnach wenigstens anfänglich auch den Lohn. Bis heute noch sind die landwirtschaftlichen Löhne in den Industriegegenden am höchsten. Unter den überseeischen Geschäften des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts nun darf man sich nicht etwa harmlose und ehrbare Kaufmannsgeschäfte vorstellen. Sie trugen durchaus den Charakter des phönizischen Handels in jener ältesten Periode, wo Seehandel und Seeraub ein Ding waren. Die Art und Weise, wie die Spanier ihre amerikanischen Besitzungen ausgebeutet haben, ist bekannt. Die falsche Wertschätzung der Edelmetalle verleitete sie, vor allem Gold und Silber zusammenzurauben. Immerhin verleiht ein großer Barschatz, den man zu benutzen versteht, einer Nation so gut ein Übergewicht, wie dem einzelnen Unternehmer. Mag es nun Faulheit oder Beschränktheit, oder Bigotterie, oder Romantik, oder Gutmütigkeit gewesen sein, was den Spaniern hinderlich war, kurz, sie verstanden ihren Schatz weder zu benutzen noch zu behalten und wurden samt den Portugiesen von den Holländern und Engländern aus der Herrschaft über das Weltmeer verdrängt und sogar eines Teiles ihrer überseeischen Besitzungen beraubt. Die Gewaltthätigkeit, Rücksichtslosigkeit und Gewissenlosigkeit der Niederländer wird auch von ihrem glühenden Verehrer Treitschke zugestanden. Karl Marx hat einige Züge zusammengetragen, die ihre Art, Kapital anzuhäufen, bezeichnen. Die europäischen Völker waren bis ins vorige Jahrhundert hinein an stark gewürzte Speisen gewöhnt, was sich aus der Einförmigkeit ihrer damaligen Kost einigermaßen erklärt. Die Holländer pflegten nun, um die Preise hoch zu halten, jährlich einen Teil ihrer Gewürzernte zu verbrennen. Die Bevölkerung der Provinz Banjuvangi auf Java wurde binnen sechzig Jahren (1750 bis 1811) von 80 000 auf 8000 heruntergebracht, dafür aber der Bedarf an Sklaven durch Menschenjagden auf Celebes gedeckt, die mit empörender Grausamkeit betrieben wurden. Um sich Malakkas zu bemächtigen, bestachen sie den portugiesischen Gouverneur dieser Stadt. Er ließ sie 1641 herein; sie aber ermordeten ihn meuchlings, um die ausbedungne Summe von 21 000 Pfund zu sparen. Die Niederländer hatten auf solche Weise schon ein gewaltiges Kapital »erarbeitet und erspart,« d. h. die Großstaaten Europas zu ihren Schuldnern gemacht und deren Unterthanen in die Notwendigkeit versetzt, für die Mynheers zu arbeiten, als sie durch Cromwells Navigationsakte von den britischen Häfen ausgeschlossen und dann von den Engländern im Seekriege überwunden wurden. Seitdem zehren sie hauptsächlich von ihren durch Raub aufgehäuften gewaltigen Kapitalien, die ihr mittlerweile solid gewordner Handel und Plantagenbau nur eben zu erhalten vermag. Wie es gegenwärtig um den holländischen Volkswohlstand bestellt ist, haben uns diesen Winter die Unruhen der Arbeiter und der Arbeitslosen offenbart. Die Engländer haben dann die Ausbeutung der farbigen Menschen im großartigsten Stile betrieben. Was sich zu Sklavendiensten nicht gebrauchen ließ, das wurde wie Raubwild ausgerottet. Die Puritaner Neuenglands setzten Preise auf jeden Skalp; im Jahre 1744 z. B. für einen männlichen Skalp 100 Pfund, für einen Weiber- oder Kinderskalp 50 Pfund. Das Privilegium des Sklavenhandels zur Versorgung nicht bloß ihrer eignen, sondern auch der spanischen Kolonien entrangen sie den Spaniern oder vielmehr den Genuesern, denen es die spanischen Könige als ihren Bankiers überlassen hatten, im Utrechter Frieden durch den Assientozusatz. Die Saturday Review fragte bei Gelegenheit der Kolumbusfeier, ob die in Genua versammelten Herren wohl dieses Gegenstandes gedacht haben möchten, der ein paar hundert Jahre lang für die Seemächte der interessanteste gewesen sei unter allen kolonialen Angelegenheiten? Wahrscheinlich nicht, »denn man spricht nicht vom Strick im Hause des Gehenkten, wie man ja auch in Liverpool von der Flüssigkeit (Negerblut) nicht sprechen darf, womit der Mörtel für seine Häuser angemacht ist.« Liverpool beschäftigte 1730 nur 15, 1792 schon 132 Sklavenschiffe. Ein Dr. Aikin pries in einer 1795 erschienenen Schrift den Sklavenhandel, der »den Unternehmungsgeist bis zur Leidenschaft steigere, famose Seeleute bilde und enormes Geld einbringe.« Wie die Engländer das indische Volk ausgebeutet, und daß sie noch in unserm Jahrhundert den Kaiser von China durch einen Krieg gezwungen haben, sein Volk durch Opium vergiften zu lassen, ist allgemein bekannt. Macaulay tröstet sich über die bittre Wahrheit, daß die englischen Eroberer Indiens und die Leute der Ostindischen Kompagnien eigentlich große Schurken gewesen seien, mit dem Gedanken, die verdrängten muhammedanischen Fürsten wären noch größere Halunken gewesen, und Hartpole Lecky beschreibt, wie die mit ungeheuern Reichtümern aus Indien zurückkehrenden Nabobs jeden Rest von Scham vernichtet, das Parlament und die ganze Nation käuflich gemacht und der Alleinherrschaft des Geldes die offne Anerkennung erzwungen haben. Noch heute ist die englische Verwaltung Indiens und die gelegentliche Kriegführung gegen rebellische Fürsten und Stämme nicht ganz zweifelsohne; der Maharadscha Dhulip Singh, den die Russen eine Zeit lang als Werkzeug gebraucht haben, beschwerte sich vor ein paar Jahren u. a. darüber, daß Ihrer britischen Majestät Diener seinem Vater nebst andern Kleinodien auch den Kohinur gestohlen hätten. Auch ihre eignen Kolonisten, d. h. die wirklich arbeitenden unter ihnen, die Bauern Neuenglands, behandelten sie bis zum Unabhängigkeitskriege, der ja eben hierdurch veranlaßt wurde, als reine Ausbeutungsobjekte. Nur englische Industrieerzeugnisse durften sie gebrauchen, und nur aus englischen Schiffen durften sie sie empfangen; sogar sich ihre Pflüge selbst zu machen, war ihnen verboten. Den Iren haben die Engländer nicht allein ihr ganzes Land geraubt, sondern auch jede Industrie, mit der sie sich zu helfen suchten, im Keime erstickt und den Heringsfang an ihrer eignen Küste verwehrt. Bis auf den heutigen Tag arbeiten sogar die nach Amerika ausgewanderten Irländer noch für die englischen Landräuber, indem sie ihren Verwandten daheim den Pachtzins schicken; freilich immer öfter auch das Geld zur Überfahrt nach Amerika. Aber die Entvölkerung der grünen Insel kümmert die in England residirenden Besitzer nicht; solange nur noch Schäfer vorhanden sind, kommen sie zu ihrem Gelde. Rentirt doch die Weidewirtschaft desto besser, je höher in der alten Welt die Fleischpreise steigen. Und zugleich haben die Landlords durch die Entvölkerung Irlands den Fabrikanten einen großen Dienst erwiesen, denselben Dienst, wie drei Jahrhunderte früher durch Vertreibung der Klosterpächter, denn viele Irländer flüchteten im vorigen und zu Anfang dieses Jahrhunderts Arbeit suchend zur bösen Stiefschwester. Der Irländer, schrieb Carlyle zur Zeit des Chartismus, »ist das schlimmste Übel, mit dem unser Land zu kämpfen hat. Mit seinen Lumpen und seinem verwilderten Lachen ist er bei der Hand, jede Arbeit zu thun, die weiter nichts als starke Arme und einen starken Rücken erfordert – für so viel Geld, als er zu Kartoffeln braucht. Als Würze genügt ihm ein wenig Salz; er schläft ganz vergnügt im ersten besten Schweinestall und trägt einen Anzug aus Fetzen, den aus- und anzuziehen eine äußerst schwierige Operation ist, die daher nur an Festtagen vorgenommen wird. Der sächsische Mann, der um solchen Lohn nicht arbeiten kann, wird brotlos; der unzivilisirte Irländer vertreibt den Sachsen, nicht durch seine Überlegenheit, sondern durch das Gegenteil davon.« Carlyle übersieht dabei nur dreierlei. Erstens, daß es »der sächsische Mann« ist, der den Irländer soweit heruntergebracht hat; noch unter Elisabeth haben unverdächtige englische Beobachter den Iren das Zeugnis gegeben, daß sie ein fleißiges, wirtschaftliches, gesittetes Volk seien. Zweitens daß ein Teil des englischen Volkes schon vor der irischen Einwanderung zu irischer Bedürfnislosigkeit hinabgedrückt worden war. Und drittens, daß es noch ein schlimmeres Übel für England giebt als den Irländer, nämlich jene Industrie, die nicht einmal einen starken Rücken und starke Arme erfordert. Aber verschlimmert haben freilich die Irländer das Übel. Nachdem sich die herrschenden Klassen auf die beschriebne Weise ein billiges Arbeiterproletariat und Geld zur Anschaffung von Maschinen verschafft hatten, konnte es an dem dritten Mittel der Bereicherung nicht mehr fehlen: einer großartigen Exportindustrie, die durch billige Löhne in den Stand gesetzt war, alle ausländischen Konkurrenten zu unterbieten und zu vernichten. Anfänglich waren es Handwerksmeister, die mit Kirchspielarmen und »Lehrlingen« die Tuch-, Kattun-, Seiden- und Bandweberei, das Messer- und Nagelschmieden betrieben. Dann schwangen sich die erfolgreichern unter ihnen zu Fabrikanten empor, und als nun die mechanische Spinnerei und Weberei, zuerst mit Wasser-, dann mit Dampfkraft betrieben, die menschliche Muskelkraft außer Kurs setzte, da jagten sie die Männer vor die Thür und bedienten sich zuerst der billigern Weiber, dann der noch billigern Kinder. Wir werden uns hüten, hier nach Engels, Marx, Brentano, Held, Schulze-Gävernitz die Verbrechen zu schildern, die in englischen Werkstätten und Fabriken an Millionen wehrloser Kinder verübt worden sind! Das werden andre Leute in Zeitungen und Zeitschriften thun. Sie werden gezwungen werden, es zu thun. Wenn der englische Reichtum, der nicht auf der sichern Grundlage des vaterländischen Bodens und freudiger, freiwilliger Arbeit ruht, sondern teils im Auslands zusammengeraubt, teils der ärmern heimischen Bevölkerung abgepreßt ist, und dessen Ertrag nicht in den Früchten des Bodens, sondern in Zinsen, d. h. in dem Anspruch auf die Arbeit andrer Nationen besteht, wenn dieser Reichtum wie eine Seifenblase zerplatzt sein wird, weil es die ausländischen Schuldner gleich den Argentiniern und Portugiesen satt haben, für England zu arbeiten, und weil bei der gleichmäßigen industriellen Entwicklung aller Völker das letzte Stündlein der englischen Exportindustrie geschlagen hat, dann wird das deutsche Volk, die Gefahr gleichen Verderbens fürchtend, mit seinen Professoren, Nationalökonomen und Publizisten ins Gericht gehen. Es wird sie fragen: Wo bleibt nun diese deutsche Wissenschaft, die die Wahrheit, nur die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit sucht? Warum habt ihr uns über die Natur und die Bedingungen des Reichtums getäuscht? Warum habt ihr uns verschwiegen, daß dieser vielgerühmte Nationalreichtum, wie Destut de Tracy schon vor hundert Jahren erkannt hat, weiter nichts ist als Volkselend, durch Volkselend erkauft und geschaffen? Warum habt ihr uns vorgelogen, die Engländer, die ökonomischen Muster der modernen Welt, hätten ihren Reichtum durch Arbeit und Sparsamkeit Sparsam ist überhaupt kein Engländer, weder der vornehme noch der gemeine; wüsten und vergeuden ist ihm Natur, wie Karl Hillebrand, ein entschiedner Freund der Engländer, in seinen Briefen aus England sehr schön beschrieben hat (»Aus und über England,« S. 270). erworben? Warum erzählt ihr uns immer wieder von den grausamen Spaniern, den Greueln der Inquisition und der Bartholomäusnacht, die doch gar kein praktisches Interesse für uns haben, und warum verliert ihr kein Wort über die englischen Fabrikgreuel, ohne die die englische Kapitalbildung gar nicht verstanden werden kann, die also so notwendig in die Nationalökonomie gehören, wie die Eigenschaften des Dampfes in die Maschinenlehre? Und ist es vielleicht reiner Zufall, daß Pierer, Meyer und Blockhaus alle drei unter dem Worte Rogers zwar ein paar obskure Dichter und Schriftsteller dieses Namens behandeln, daß aber keiner von den dreien den großen noch lebenden Volkswirt und Historiker kennt, dem wir die beste Ausgabe von Adam Smiths berühmtem Werke und höchst wertvolle Anmerkungen dazu, sowie die großartige Geschichte der englischen Arbeit verdanken? So wird das deutsche Volk über kurz oder lang fragen und sich Antwort erzwingen, und in den Familienblättern, Schaubuden und Panoptikums werden die alten spanischen Folterkammern den englischen Platz machen. Wir haben hier nur den Kniff aufzudecken und dadurch unschädlich zu machen, mit dem Wolf die Aufmerksamkeit von diesen Dingen abzulenken sucht. S. 141 schreibt er: »Wir haben oben bemerkt, daß Marx, wenn es gilt, sich und seinem Leser Klarheit über den sozialen Thatbestand der Zeit zu verschaffen, mit Vorliebe Detailschilderungen, Berichte aus Enqueten, vereinzelte Äußerungen von Behörden und Privaten hierfür wählt. Wir haben auch schon erklärt, diese Art der Erhebung als nur lokal und temporär verwendbar vorerst beiseite lassen zu wollen.« Nur lokal verwendbar, freilich! Aber was für ein Lokal! Der ganze englische Industriebezirk! Nur temporär! Freilich! Aber was für eine Zeit! Die Zeit, da England die indische und die deutsche Weberei totgemacht und eine Baumwollenindustrie geschaffen hat, die im Jahre 1860 beinahe die Hälfte (5/13) des englischen Exports zu liefern vermochte! »Vorerst« will er diese Schilderungen beiseite lassen, er geht aber auch später nicht darauf ein, sondern spricht nur von der ungeheuern Vermehrung der Spindeln und dergleichen Fortschritten, als ob es dem echten Volkswirt und Sozialpolitiker um Spindeln und nicht vielmehr um Menschen zu thun wäre! Andre Nationalökonomen behaupten kecklich, Marx – vielleicht ist es schon zu lange her, daß sie ihn gelesen haben – Marx habe seine Schilderungen den Zeiten des Niedergangs und industrieller Krisen entnommen. Sie wollen also glauben machen, es handle sich da um die Nöte etwa der Baumwollenkrisis der sechziger Jahre, während doch von den Mißhandlungen die Rede ist, die angewendet wurden, um die »Blüte« der englischen Textilindustrie hervorzutreiben, und von einer Zeit, in der die Fabrikanten ungeheure Reichtümer aufhäuften! Die Sache ist in kurzem die, daß diese Herren nicht rasch genug vorwärts gekommen sein würden, wenn sie gewartet hätten, bis sich der englische Arbeiter auf die geistlose, entwürdigende Arbeit des Fädchenanknüpfens, die gar keine Arbeit, sondern nur qualvolle Anstrengung ist, eingerichtet haben würde. Sie setzten ihn einfach vor die Thür und nahmen sein fügsames Weib und dann sein noch fügsameres Kind. Der entmannte Mann saß daheim, Strümpfe flickend und Kartoffeln kochend, während sein Weib die Kartoffeln und Strümpfe verdiente, und später führte er sein Kind in die Fabrik oder trug es allmorgendlich oder – zur Nachtschicht – allabendlich dahin. Zur Essenszeit wandelte er mit dem Speisenapf hin und fütterte, vor ihm knieend, den armen Wurm, dem eine Essenspause nicht vergönnt wurde. Zum Schlafen wurden ihm manchmal kaum vier Stunden gelassen, und war er nicht rechtzeitig zur Stelle, so holte ihn der Aufseher aus seinem Bett oder aus seinen Lumpen und peitschte ihn wach. »Ich sah, sagte der Tory Oastler, ein Vorkämpfer für den Kinderschutz, meine jungen und hilflosen Nachbarn schrittweise zu Grunde gehn, unter der Peitsche und dem Frohndienst eines Fabrikungeheuers. Ich hörte ihr Stöhnen, sah ihre Thränen und wußte, daß sie sich auf mich verließen. Ich wurde von weinenden Müttern besucht, die mir die blutenden Wunden ihrer Kinder zeigten und mich fragten: »Ist das gerecht, Herr? Ist es nicht genug, daß diese armen Dinger durch die Arbeit getötet werden, womit sie uns das Brot verdienen? Müssen sie dazu noch so geschlagen und getreten werden?« Ich sah erwachsene Männer, deren einziger Beruf es war, ihre Kleinen lange vor Sonnenuntergang in die Fabrik zu tragen und lange nach Sonnenaufgang nach Hause zu holen. Ich hörte die Flüche dieser Väter; sie waren laut und stark.« Oastler war von dem frommen Fabrikanten John Wood auf das Kinderelend aufmerksam gemacht worden. Dieser teilte ihn: mit, daß er selbst die Kinder dreizehn Stunden arbeiten lasse; weiter könne er nicht heruntergehn, weil seine Konkurrenten vierzehn bis fünfzehn Stunden arbeiten ließen. Er beschwor ihn, eine Bewegung für Kinderschutz in Gang zu bringen, und verpflichtete ihn auf die Bibel, »jenes Buch, worin ich täglich meine Verdammung lese.« Wie kommt es, daß man bei den Besprechungen des Werks von Schulze-Gävernitz in den Zeitungen gerade solche Stellen, wie die eben angeführte, die doch die interessantesten sind, beiseite gelassen hat? Als die »Spindelmühlen« noch mit Wasser getrieben wurden, lagen die Fabriken an den Flußläufen, und es wurden namentlich Armenhauskinder hingeschickt. Es bildete sich, sagt Fielden, den Marx zitirt, die Gewohnheit, »Lehrlinge« aus den Kirchspielsarmenhäusern von London, Birmingham und sonstwo zu beziehn. Tausende dieser hilflosen kleinen Kreaturen im Alter von sieben bis dreizehn Jahren wurden so nach dem Norden spedirt. Dort wurden Aufseher bestellt, deren Bezahlung in dem Verhältnis zu der Arbeitsmenge stand, die sie aus diesen Kindern herauszupressen vermochten. Die Kinder wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement; die Peitsche hielt sie noch bei der Arbeit, wenn sie schon bis auf die Knochen ausgehungert waren. Die schönen romantischen Thäler von Derbyshire, Nottinghamshire, Lancashire, abgesperrt für die Augen der Öffentlichkeit, wurden grausige Folterkammern. Die Gewinne der Fabrikanten wuchsen ins Ungeheure. Selbst der hochgeschätzte Statistiker Eden, dessen Zuverlässigkeit von niemand, auch von Wolf nicht, angezweifelt wird, kann sich der Bemerkung nicht enthalten, es sei doch der Erwägung wert, ob eine Manufaktur, die die Hütten und die Arbeitshäuser plündere, um die von da zusammengeschleppten Kinder Nächte hindurch abzurackern und durch Zusammensperren von Knaben und Mädchen in den Schlafstuben die Sittlichkeit zu untergraben, ob eine solche Manufaktur das nationale Glück vermehre. Im Unterhause wurde ein Fall angeführt, wo nach dem Bankerott eines Fabrikanten seine Fabrikkinder mit dem übrigen Inventar angezeigt und an den Meistbietenden verkauft wurden, und unter den Kaufverträgen der Kirchspiele mit Fabrikanten auch einer, wo sich der Fabrikant der Pfarre gegenüber verpflichtete, auf je 20 vollsinnige Kinder ein schwachsinniges mit in Kauf zu nehmen. Sir Robert Peel, der die erste Kinderschutzbill von 1802 durchsetzte, hatte bei einem Besuch seiner eignen Fabrik gegen 1000 Kinder darin gefunden, deren Aussehn ihn erschreckte. Diese erste Bill bezog sich nur auf die aus den Armenhäusern bezognen Kinder. Bald nach ihrem Erlaß aber machte die Anwendung der Dampfkraft die Anlage von Fabriken in den Großstädten möglich, wo man nicht mehr auf die Armenhauskinder angewiesen war, da sich Eltern genug unmittelbar in der Nähe fanden, die bereit waren, ihre Kinder in der Form des »freien Arbeitsvertrags« zu verschachern. Das machte neue Gesetze notwendig. Endlich sah man sich gezwungen, auch die in der Hausindustrie verwendeten Kinder, die nicht weniger gemißhandelt wurden, zu bedenken. Die Children Employment commission von 1866 schlug die Ausdehnung der Fabrikgesetze auf mehrere Industriezweige vor, die zusammen 1 400 000 Frauen, jugendliche Arbeiter und Kinder beschäftigten. Diese paar aus der reichen Fülle des verfügbaren Materials herausgegriffenen Angaben werden genügen, von der Bedeutung der Kinderarbeit für die englische Industrie einen Begriff zu geben und zugleich auch von der Wahrheitsliebe jener Vertreter der Wissenschaft, die beim unstudirten Publikum den Glauben verbreiten, als handelte es sich beim englischen Arbeiterelend um vereinzelte Fälle von Hunger in Jahren von Mißernten und Handelskrisen. Wolf giebt (S. 534 bis 536) nur eine kurze farblose Skizze der englischen Kapitalbildung nach Marx, ohne alle charakteristischen Einzelheiten, und bleibt auf die Frage, die er selbst auswirft, ob dieses Bild typisch sei, die Antwort schuldig. Für die Roheit, in die das Volk bei solcher Behandlung versank, zeugen unter vielem andern die Anekdoten über Weiberhandel, die sich im Jahrgang 1783 des Gothaschen Genealogischen Kalenders finden. In Oxford brachte ein Arbeiter seine Frau am Strick auf den Markt geführt und verkaufte sie um 5 Shilling. Ein Neuvermählter in Nothingham verkaufte sein Weib um einen Shilling. Ein andrer Mann verkaufte Weib und Esel zusammen um 13 Shilling und zwei Kannen Bier. Für die zu Markte getriebenen Frauen mußte der Zoll bezahlt werden »wie für jedes andre Kauftier.« Ein Kirchspiel versteigerte eine Witwe, um sie nicht unterhalten zu müssen, und erteilte den Zuschlag auf das Gebot von 2 Shillingen. Der Kauf wurde in die Zollbücher eingetragen und auch der Wert des Stricks nicht vergessen. Eine Besserung ist dann tatsächlich eingetreten; darin hat Wolf Recht, und das setzt die theoretischen Sozialisten in Verlegenheit. Die Geschichte und die Ursachen der Besserung findet man in Brentanos Buch über die Gewerkvereine und in dem großen Werke von Schulze-Gävernitz. Engels macht im Vorwort zu der kürzlich bei Dietz in Stuttgart erschienenen neuen Ausgabe seines Buchs über die Lage der arbeitenden Klassen in England den Versuch, die Wandlung ohne Preisgebung seines Standpunkts zu erklären. Wir müssen uns hier auf Andeutungen beschränken. Das Gesundheitsamt von Manchester hatte schon 1796 darüber Beschwerde geführt, daß die Fabrikkinder die Einwohner der Umgegend durch ansteckende Krankheiten gefährdeten. Die Verkuppelung und Verkümmerung der arbeitenden Bevölkerung, die durch eine Reihe von Enqueten offenkundig ward, erschien doch in mehrfacher Beziehung eine nationale Gefahr, u. a. auch, weil die Bemannung der Flotte Schwierigkeiten zu machen anfing. Das Gewissen regte sich, wie wir gesehen haben, sogar in einzelnen Fabrikanten, und die Meuchelmorde und Brandstiftungen der Chartisten rüttelten das Nachdenken auf. Und während so allmählich eine Kinderschutzgesetzgebung zustande kam, wurde die Kinderarbeit gerade in der Industrie, die durch sie emporgetrieben worden war, zu allererst überflüssig. So viel tausend Kinder auch vor der Reife verbraucht worden waren, einige blieben übrig, und ein Geschlecht gedrillter Spinner wuchs heran, die, von Jugend auf in dieser einseitigen Beschäftigung des Hinstarrens auf wirbelnde Spindeln geübt, nun doch als Männer weit mehr leisteten, als ein Kind zu leisten vermag; jeder dieser Männer war imstande, mehrere Dutzend Spindeln zu überwachen; auch fielen sie nicht so oft aus Ermüdung oder Unaufmerksamkeit in die Räder, was bei der Kinderarbeit immer unangenehm gewesen war, nicht der zerfleischten lebendigen Werkzeuge, sondern der Störung und des Zeitverlustes wegen. Da nun ein solcher Mann ein Dutzend Kinder ersetzte, kam er auch bei besserm Lohne billiger zu stehen, als diese Kinder, und da es sich zeigte, daß die Zahl der Spindeln, die er zu überwachen vermochte, mit seiner Gesundheit und Kraft, diese aber mit dem Lohne stieg, so erwies sich zuletzt die teuerste »Hand« als die billigste, sodaß gegenwärtig die Spinner von Lancashire die am höchsten bezahlten, gebildetsten und respektabelsten, sozusagen die Aristokratie unter den englischen Arbeitern sind. Mittlerweile hatten die Arbeiter auch in dem fünfzigjährigen Kampfe um die Koalitionsfreiheit gesiegt, sich in den Gewerkvereinen ein Mittel des Widerstandes gegen Lohndruck, in den Genossenschaften ein Mittel zur Erhöhung ihrer Lebensführung durch billige und gute Lebensmittel und Wohnungen geschaffen. Das Gelingen der Koalitionsbewegung wurde durch eine Reihe von Umständen begünstigt. Gerade in ihre entscheidende Wendung fiel der Kampf der Fabrikanten um freie Korneinfuhr, die eine Lebensfrage für die Industrie war, denn Arbeiter mögen noch so geduldig und genügsam sein, verhungert und tot sind sie zu nichts mehr nütze. So waren die Fabrikanten genötigt, die Arbeiterschaft als Bundesgenossen gegen die Agrarier zu verwenden, ihnen das Wahlrecht zu erkämpfen und dafür das Koalitionsrecht zu bewilligen. Dabei ergab sich noch der Nebenerfolg für die Arbeiter, daß in der Hitze des Kampfes beide Parteien, Fabrikanten und Agrarier, um die Wette die Verbrechen aufdeckten, die einerseits an den ländlichen, andrerseits an den gewerblichen Arbeitern verübt wurden. Ähnliches haben wir in neuerer Zeit in Deutschland erlebt, wo den Arbeitern auch manchmal aus den Interessenkonflikten ihrer Brotherrn Nutzen erwächst. Ja nach der Beendigung des Bergarbeiterausstandes im Saarrevier hat sich sogar die Polizei einmal gezwungen gesehen, die Arbeiter gegen die von den Grubendirektoren verbreiteten Darstellungen in Schutz zu nehmen. Die Polizei war nämlich beschuldigt worden, daß sie die Arbeitswilligen nicht gehörig vor den Gewaltthätigkeiten der Aufständischen geschützt habe. Da sah sich nun die »Rheinisch-Westfälische Zeitung,« das Organ der Großindustriellen, veranlaßt – freilich erst nachdem ihre falschen Darstellungen die beabsichtigte Wirkung gethan hatten – eine »von maßgebender Seite« kommende Zuschrift aufzunehmen, in der u. a. gesagt wird, bei jeder Kirmeß kämen mehr Körperverletzungen vor als beim ganzen Ausstande vorgekommen seien, und jeder Ortskundige habe sich gewundert, »daß, nachdem 25 000 Mann die Arbeit niedergelegt hatten, so wenig ernstliche Ruhestörungen eingetreten« seien. Weiterhin heißt es: »Unzweifelhaft ist es, daß wohl die große Mehrzahl der angeblich Arbeitswilligen die Furcht vor den Ausständischen nur vorschützte, um es weder mit diesen, noch mit der Verwaltung zu verderben. Uns sind Dutzende von Fällen bekannt, daß anfahrende Bergleute ruhig und unangegriffen weite Wege durch streikende Ortschaften täglich zur Grube zurückgelegt haben.« Es versteht sich von selbst, daß die »gute« Presse sich nicht beeilt hat, diese Berichtigung zu verbreiten. . Auch lohnten sich, wie Engels meint, die kleinen Diebstähle am Arbeitslohn und an der Lebenskraft der Arbeiter nicht mehr, als die Baumwollenindustrie zu so gewaltiger Größe angewachsen war, daß sie Millionen indischer Webstühle fast mit einem Schlage zum Stillstand bringen konnte. (Fortan war hierdurch in Indien eine neue Gold- oder vielmehr Silberquelle erschlossen: die Indier wurden gezwungen, Baumwolle zu bauen, diese nach England zu verkaufen und dafür dann den englischen Kattun zu kaufen; den Einkaufspreis der Baumwolle und den Verkaufspreis des Kattuns machte natürlich der Engländer.) Es kam jetzt mehr darauf an, das immer glänzender werdende Geschäft in ruhigem Gange zu erhalten und Störungen durch Streiks und Arbeiterunruhen zu vermeiden. Die Organisation der Arbeiter, die friedliche Unterhandlung mit den Gewerkvereinen, das Schiedsgericht, was alles man früher verabscheut hatte, erschienen nun sogar willkommen. Und, was wohl zu beachten ist, einzig und allein Engels hat es angedeutet, aber nicht mit dem gehörigen Nachdruck hervorgehoben: mit der Entwicklung der Eisenbahnen und der Dampfschiffahrt, auf die dann die Periode der eisernen Hallen- und Brückenbauten folgte, trat die Eisenindustrie in den Vordergrund, die schlechterdings nicht mit Kindern arbeiten kann, sondern starke, gesunde, intelligente und tüchtig vorgebildete Männer erfordert. Unter allen Gewerkvereinen ist denn auch der der Maschinenbauer am frühsten fertig, am stärksten und leistungsfähigsten geworden. Auch die Grubenarbeit steckt ganz anders, seitdem man statt abgemergelter, stets schläfriger Kinder in kurzen Schichten kräftige, gut bezahlte Männer und Maschinen verwendet. Trotz alledem würde, wenn in irgend einem festländischen Staate ähnliche Zustände eingerissen gewesen wären, die Rettung eines Teiles der Arbeiterschaft auf dem Wege der Selbsthilfe nicht möglich gewesen sein. Bei dem fast in allen Staaten Europas herrschenden Bevormundungssystem, wo Volksversammlungen unter freiem Himmel verhindert werden, in jeder geschlossenen Versammlung einige Polizisten anwesend sind, die die Verhandlungen überwachen, unterbrechen und sobald ein ihrer Einsicht nach staatsgefährliches Wort fällt, die Versammlung schließen, wo die Agitatoren und Redakteure oppositioneller Volksparteien aus den Gerichtssälen, Gefängnissen und Geldstrafen gar nicht herauskommen, bei solcher Einschnürung und Bevormundung wäre die Gründung großer, mächtiger, leistungsfähiger Gewerkvereine nicht möglich gewesen. Recht deutlich ist uns das wieder geworden, als nach Ausbruch des Grubenausstandes im Saarrevier die Kameraden im Ruhrrevier Miene machten, sich dem Ausstande anzuschließen. Da wurde die Aufruhrakte verlesen, die erbetne polizeiliche Genehmigung zu Versammlungen rundweg versagt, und durch das Schließen der Wirtshäuser um 7 Uhr jede Besprechung der Bergleute unmöglich gemacht. Draußen herrschten gerade 20 Grad Kälte, aber wenn sich die Leute auch trotzdem im Freien hätten versammeln wollen, so würden sie ja sofort auseinander getrieben worden sein. Männer, die zum Ausstande aufgefordert hatten, wurden geschlossen durch die Straßen gefühlt und eingesperrt. Durch die Ablegung aller Vertrauensmänner ist den Bergleuten für die Zukunft jede Möglichkeit selbständiger Organisation abgeschnitten. Dem englischen Volke war auch im tiefsten Elend noch das eine Gut der Versammlungs- und Redefreiheit und der Freiheit von büreaukratischer Bevormundung, von Polizeiaufsicht, von unserm quälerischen, zeitraubenden Meldungs- und Anmelde-, Listen- und Zeugniswesen geblieben. Die Arbeiter konnten mit roher Gewalt unterdrückt, sie konnten, wenn sie ein Gericht freigesprochen hatte, als Verurteilte behandelt werden, aber von allen gegen sie verübten Gewaltthaten konnte sich keine in den Schein des Rechts kleiden. Döllinger erzählt in seinem Buche »Kirche und Kirchen,« wie der Widerstand des englischen Volks gegen jene Beraubung und Knechtung, der es seine Großen unter dem Vorwande einer Kirchenreformation unterwarfen, durch festländische Söldner und zahllose Hinrichtungen unterdrückt wurde, und wie dieses Volk dann unter der Gewaltherrschaft seiner Könige und unter dem Druck von Ausnahmegerichtshöfen, mit dem Geschichtsschreiber Macgregor zu reden, »bis zu jenem niedrigsten Punkte politischer und bürgerlicher Degradation hinabsank, zu dem überhaupt die moralische und physische Energie der angelsächsischen Rasse hinabzudrücken möglich ist.« Dann fährt er fort: »Ein Umstand von höchstem Gewicht bewahrte das englische Volk vor dem Versinken in die Zustände des protestantischen Kontinents [als ob der katholische Teil des Kontinents freier gewesen wäre!]; es erhielt sich fortwährend im ungehemmten Besitz und Gebrauch seines alten germanischen Rechts. Nie konnte römisches Recht in England eindringen, nie konnte eine Klasse römischer Juristen und in den Anschauungen römischer Jurisprudenz erzogner Beamten sich bilden. England wurde nie ein büreaukratisch verwaltetes und bevormundetes Land, das kontinentale Beamtentum mit seinen stets wachsenden Ämtern und Stellen fand dort keine Heimat, und ungeachtet der infolge der Reformation geschaffnen Ausnahmegerichte, des Inquisitionsgerichts und der Sternkammer, bewahrte sich doch England im ganzen und großen die germanische Unabhängigkeit der Rechtspflege von der Staatsgewalt.« Der edle Toynbee, dessen menschenfreundliches Wirken Schulze-Gävernitz in seinem Buche darstellt, sah die Sache von einer andern Seite an und meinte, die Demokratie habe England gerettet. Also: die Besserung ist Thatsache; aus dem Pauperismus hat sich etwa ein Siebentel der englischen Arbeiterschaft zu einem menschenwürdigen Dasein emporgearbeitet, und diese Arbeiteraristokratie kann der Mittelklasse beigezählt werden. Gleichzeitig ist auch das englische Unternehmertum nützlicher, produktiver geworden, indem es sich nicht mehr so ausschließlich auf Baumwollenlumpen, sondern mehr auf Maschinen, Eisenbahnbauten, Elektrizitätswerke, Ausbeutung von Bergwerken u. dergl. verlegt. Leider trägt die Besserung keine Bürgschaft der Dauer in sich. Das Einkommen der Fabrikarbeiter hängt von der Zahlungsfähigkeit der Industrie ab. Die englische Industrie ist Exportindustrie, und die Exportindustrie liegt hoffnungslos darnieder; ihre Zeit ist vorbei, ein für allemal. Verloren ist jedes Volk, das nicht von seinem eignen Grund und Boden zu leben vermag. Vorbei ist die Zeit der Raubwirtschaft, da sich niemand mehr findet, der sich berauben ließe. Nordamerikas große Republik ist aus der Abnehmerin die furchtbarste Konkurrentin Englands geworden. Das gilt ganz besonders für die volkswirtschaftlich wichtigste und nützlichste aller englischen Industrien, die Eisenindustrie, wie man allwöchentlich aus dem Handelsteil der großen Zeitungen ersehen kann. Englische Fabrikanten sind nach Indien übergesiedelt, in das Land der billigsten »Hände,« und schon ist in Manchester indisches Garn billiger verkauft worden als das von Lancashire. Der Bericht, der auf dem Jahreskongreß der vereinigten Handelskammern am 20. September erstattet wurde, lautete trostlos, und der amtliche Handelsausweis für Oktober lautet noch trostloser. In den ersten zehn Monaten des abgelaufenen Jahres ist die Einfuhr um 30, die Ausfuhr um 390 Millionen Mark hinter dem vorigen Jahre zurückgeblieben. Der Umsatz im Londoner Clearing House ist 1892 um 7½ Milliarden Mark (366 000 000 Pfund Sterling) hinter dem von 1891 zurückgeblieben und geringer gewesen als vor zwanzig Jahren. Die Weber von Lancashire, die wir oben als die Blüte der englischen Arbeiteraristokratie bezeichnet haben, wehren sich mit einem Ausstande gegen die drohende Lohnherabsetzung, und ab und zu meldet eine Zeitung, daß die Not im Ausstandsgebiet schrecklich sei. Übrigens behaupten englische Berichterstatter deutscher Zeitungen, Schulze-Gävernitz befinde sich im Irrtum, wenn er Einkommen von 3-4000 Mark, die er bei einigen Vorarbeitern in Oldham gefunden hat, für typisch ansieht. Eben da wir dieses schreiben, kommt uns ein Auszug aus einem Artikel der Times zu Gesicht, worin die Gründung einer Arbeiterbörse angekündigt wird. Diese soll zwischen dem Unternehmer und dem einzelnen Arbeiter vermitteln und die »Freiheit des Kontraktes« wieder herstellen. Wohl gemerkt! Nur der Arbeiter soll vereinzelt werden; die Unternehmer bleiben in Verbänden vereinigt, die da festsetzen, wie viel höchstens an Arbeitslohn gezahlt werden darf. So gedenken sie sich »von dem unerträglichen Druck zu befreien, den die Gewerkvereine auf die Unternehmer ausüben.« Die Börse wird ihren Hauptsitz in London und Büreaus in den Provinzen haben; ihre Aufgabe wird sein, »den Bedarf und das Angebot von Arbeitskräften festzustellen, Arbeiter suchende Fabrikanten mit dem nötigen Material zu versehen und Arbeitsuchenden, ohne Rücksicht darauf, ob sie Mitglieder der Gewerkvereine sind oder nicht, Beschäftigung nachzuweisen.« Die Rücksicht wird nicht lange zu nehmen sein, denn selbstverständlich werden, wenn der Plan gelingt, Nichtmitglieder vorgezogen werden und die Gewerkvereine an Auszehrung sterben; ohne gesetzliches Koalitionsverbot wird ihnen der Garaus gemacht werden. Gelingt der Plan nicht, so vermag die englische Industrie ihre Konkurrenten nicht zu unterbieten und verliert den Weltmarkt in beschleunigtem Tempo. Es handelt sich also jetzt in England um die Entscheidung, ob die Arbeiter in die alte Knechtschaft zurücksinken oder als freie Männer im Elend verkommen sollen. Das wäre der Anfang vom Ende. Zum Schluß müssen wir uns doch auch den englischen Mittelstand noch ein wenig näher besehen. Wir haben schon in der Kritik von Wolfs Einkommen- und Konsumstatistik bemerkt, daß er uns nicht zu imponiren vermöge; bei einer Prüfung der Bestandteile dieses Mittelstandes schrumpft seine Bedeutung noch mehr zusammen. Den Hauptbestandteil jedes gediegnen Mittelstandes bildet die Bauernschaft. Der Bauer ist der freieste und unabhängigste Mann im Lande, seine Lebensweise und Beschäftigung sind die natürlichsten, gesündesten und beglückendsten, für Leib und Seele, Gemüt und Sittlichkeit zuträglichsten, und seine Existenz ist die einzige unbedingt sichere; nur ein Erdbeben kann sie vernichten. Wie steht es nun in England – nicht um die Bauern, sondern zunächst um die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe? Die über 300 Acres abgerechnet, hatte Großbritannien (England, Wales und Schottland) im Jahre 1886 ungefähr 540 000 Betriebe, auch noch die unter 5 Acres abgerechnet, 390 752. Seitdem hat ihre Zahl noch weiter abgenommen. Das deutsche Reich hatte nach der Erhebung von 1882/83 2 189 522 kleine und bäuerliche Betriebe, und bäuerliche im engern Sinne des Wortes, d. h. solche zwischen 5 und 100 Hektaren, 1 208 115. Nun reicht zwar jene englische Klasse zwischen 5 und 300 Acres tiefer hinunter und weiter hinauf, als die deutsche Klasse zwischen 5 und 100 Hektaren, demnach ist die Zahl der dieser entsprechenden Bauern in England noch kleiner als 390 000; aber da die amtlichen Angaben, die wir dem Handwörterbuch der Staatswissenschaften von Konrad und Lexis entnehmen, die Zahlen, die wir eigentlich brauchen, nicht enthalten, so lassen wir es bei den oben angegebnen bewenden. Die Einwohnerzahl Großbritanniens beträgt rund zwei Drittel (genauer elf Sechzehntel) von der des deutschen Reichs, sodaß wir, um das Verhältnis herauszubekommen, die für Deutschland angegebnen Zahlen auf 1 400 000 und 900 000 herabsetzen müssen. Wir sehen dann, daß Deutschland sowohl an landwirtschaftlichen Betrieben überhaupt wie an solchen vom Umfang einer eigentlichen Bauernwirtschaft absolut viermal, im Verhältnis ungefähr dreimal so viel hat als Großbritannien. Noch ungünstiger würde die Rechnung für England ausfallen, wenn wir die Zahl der deutschen Rittergüter anzugeben vermöchten, deren Besitzer, wenn sie nicht Güterkomplexe, sondern nur ein einziges Gut haben, zum Mittelstande gerechnet werden müssen. In Großbritannien giebt es nur 19 346 Betriebe über 300 Acres. Frankreich, das nur zwei Millionen Einwohner mehr zählt als Großbritannien, besitzt sogar 5 672 000 landwirtschaftliche Betriebe, darunter 1 558 000 über 5 Hektar. In Österreich liegen die Verhältnisse ähnlich wie im deutschen Reich, in Italien sind zwar die Ackerwirte auch meistens Pächter, aber wenigstens ist ihre Zahl sehr groß. In keinem Lande Europas ist also die Bauernschaft so schwach wie in England, und diese schwache Bauernschaft ist – gar keine Bauernschaft, sondern nur eine Pächterschaft. Freibauern sind zwar noch vorhanden, wie viel wird leider nirgends angegeben, sondern nur immer darüber geklagt, daß sie im Aussterben begriffen seien. Eine in den höhern Kreisen Englands bekannte Dame, Fräulein Luise Rebentisch , hat uns den Gefallen erwiesen, bei einigen ihr bekannten Männern, einem Parlamentsmitgliede, einem im Sozialfach wohl bewanderten Geistlichen, einem auch mit den ländlichen Verhältnissen bekannten Bürgermeister (Mayor) und einem Landsquire anzufragen, ob es noch Bauerndörfer in England gebe. Der eine weiß nur, daß es in Northumberland noch Bauern giebt, die aber mehr und mehr verarmen. Der zweite kennt zwei Bauerndörfer, eins in Yorkshire und eins auf der Isle of Thanes. Der dritte meint, so etwas, wie unsre deutschen Bauerndörfer gebe es in England überhaupt nicht. Der vierte endlich erklärt nur den Unterschied zwischen Freeholders und Copyholders, ohne sich darüber zu äußern, wie viel es noch Freeholders geben mag. Aber die eigentlichen Träger der englischen Landwirtschaft sind die Pächter, und diese leiden unter einer furchtbaren Krisis; sie, vermögen den Pachtzins nicht mehr zu erschwingen, ihre Zahl vermindert sich. An Existenzsicherheit, Gediegenheit und Schönheit des Daseins am nächsten steht dem Bauer der Handwerker, der sein eignes Haus hat, und der für eine feste Kundschaft am Orte arbeitet. Der ist nun in England so gut wie ausgestorben. Wo noch handwerksmäßig gearbeitet wird, da arbeiten elende Lehrlinge, Gesellen, heruntergekommene Meister, Mädchen und Frauen unter der Fuchtel eines Schwitzmeisters. Für den Mittelstand bleiben also, außer den mit dem wirtschaftlichen Tode ringenden Pächtern und den Beamten, die wirtschaftlich nicht in Betracht kommen: eben jene Schwitzmeister, die kleinern Fabrikanten, die kleinern Kaufleute, meist nur noch in Gestalt von Beamten großer Konsumvereine, die zahlreichen Angestellten der Großhändler, Rheder, Großindustriellen, Banken und Aktiengesellschaften, d. h. also größtenteils Personen, deren Existenz mit dem Auslandshandel steht und fällt, die Litteraten und endlich die Arbeiteraristokratie, England hat also zwar Personen, die ihrem Einkommen nach zum Mittelstande gerechnet werden müssen, aber es hat keinen wirklichen auf natürlichen Grundlagen ruhenden, festgewurzelten, in gesunden Verhältnissen lebenden Mittelstand. Was ist das Ergebnis seiner wirtschaftlichen Entwicklung, oder vielmehr jener langen Reihe von Verbrechen, zu denen leidenschaftliche Habsucht getrieben, und die bei ihm die natürliche Entwicklung ersetzt haben. Fünftes Kapitel Ein Blick auf die Wirtschaftsgeschichte und die sozialen Zustände Deutschlands Die bäuerlichen Zustände Deutschlands entsprachen im Mittelalter, bei großer Mannigfaltigkeit im einzelnen, im allgemeinen den englischen. Nur scheint die Bevölkerung rascher gewachsen zu sein; die städtischen Gewerbe und der Handel entfalteten sich früher und reicher als in England. Doch war an Anhäufungen der Bevölkerung in Industriezentren nicht zu denken; so weltberühmte Städte wie Mainz, Nürnberg und Frankfurt blieben der Einwohnerzahl nach Kleinstädte. Jeder Bevölkerungszuwachs wurde durch innere Kolonisation – Rodung des Urwalds – oder durch Kolonisation in den slawischen Marken östlich von Elbe und Inn versorgt, sodaß soziale Fragen im heutigen Sinne nicht entstehen konnten. Um das Jahr 1500 trat auch in unsrer Heimat jene Verschlechterung in der Lage der untern Klassen ein, in deren Anerkennung alle Forscher übereinstimmen, während ihre Erklärungsversuche auseinandergehen. Die Überschwemmung mit amerikanischem Edelmetall läßt Rogers auch für Deutschland nicht als Erklärungsgrund gelten. Hier, meint er, sei der »Thorschluß im Osten« schuld gewesen. Seitdem die Türken die Handelswege nach der Levante versperrt hätten, seien die italienischen und deutschen Bürgerschaften verarmt, hätten sie die Ritter in Mitleidenschaft gezogen, und beide hätten sich an den untern Klassen schadlos zu halten gesucht. Das Volk, dem die wahre Ursache unbekannt geblieben sei, habe denen geglaubt, die alle Not aus den von den Päpsten verübten Erpressungen erklärten, und darum hätte es den Reformatoren zugejauchzt (wie heute unsre Handwerker und Kleinbauern den Antisemiten nachlaufen). Wir können der Sache hier nicht nachspüren, genug: die kleinen Leute in den Städten wie die Bauern fingen an, über einen ehedem unbekannten Druck zu klagen, die Gährung machte sich in den bekannten Kommunisten- und Bauernaufständen Luft, und nach deren Unterdrückung benutzten die Herren ihre Übermacht, die Bauern nach Anweisung der Lehrer des römischen Rechts zu knechten. Doch nahm die Sache keine so verhängnisvolle Wendung wie in England. Die Bauern wurden zwar zu Leibeignen gemacht und teilweise ihrer Grundstücke beraubt, aber nicht von der Scholle verjagt, und nirgends wurde der Körnerbau durch Weidewirtschaft verdrängt. Niedergebeugt, aber ungebrochen, überstand die deutsche Bauernschaft diese böse Zeit und erfreute sich dann nach Aufhebung der Leibeigenschaft und nach Einführung der modernen Verbesserungen des Ackerbaus einer Blüte, die beispiellos dasteht in der Geschichte des Bauernstandes aller Völker und Zeiten. Dabei blieb die Verteilung der Bevölkerung über das Land, das Verhältnis zwischen Stadt und Land, zwischen Gewerbe und Ackerbau bis in die Mitte unsers Jahrhunderts gesund. Von den Gewerben spürte zuerst die Weberei die Saugkraft des schmarotzenden Polypen England. Zu einer Zeit, wo die englische Arbeiterschaft das ärgste schon hinter sich hatte, in den dreißiger Jahren, vernichtete der englische Kattun die deutsche Leineweberei, und diese zog einen Teil des Handelsstandes, sowie einige kleinere Gewerbe in Mitleidenschaft. Bald wurde Deutschland in den Strudel des Weltverkehrs hinein gerissen. Es folgten nach einander die Eisenbahnen, die Geburt der deutschen Großindustrie, die Freizügigkeit, die Bildung eines Standes besitz- und heimatloser Lohnarbeiter. Seitdem haben auch wir eine Arbeiterfrage, doch glücklicherweise nicht in so schrecklichen Formen wie England, auch ist dem größern Teile des Volks die gesunde und natürliche Grundlage des wirtschaftlichen Daseins bis auf den heutigen Tag noch unversehrt geblieben. Aber die Zeit ist kritisch, und soll unsre Sozial- und Wirtschaftspolitik das Richtige treffen, so müssen wir uns vor allem die Frage beantworten: Geht es im Augenblick mit uns auf- oder abwärts? Aufwärts, versichert Professor Wolf kecken Mutes. Natürlich ist es wieder die Konsum-, Einkommen- und Vermögensstatistik, womit er seine rosige Ansicht zu rechtfertigen versucht. Nur zwei der deutschen Staaten zieht er in Betracht: Sachsen und Preußen. Für das Königreich Sachsen benutzt er die vielbesprochne Arbeit Böhmerts im Jahrgang 1890 der Zeitschrift des königlich sächsischen statistischen Büreaus. Böhmert behauptet, daß in der Zeit von 1836 bis 1890 der Fleischverbrauch ganz außerordentlich gestiegen sei, und rechnet aus, daß 1886 auf den Kopf 17,8 Pfund Schweinefleisch und 14,3 Pfund Rindfleisch, 1890 aber 41,2 Pfund Schweinefleisch und 28 Pfund Rindfleisch gekommen seien. Die letzten beiden Zahlen sind ebenso wahrscheinlich, wie die ersten beiden unwahrscheinlich. Vom Rindfleisch wollen wir nicht reden, obwohl in Schlesien in den dreißiger Jahren das Pfund davon anderthalb bis zwei Silbergroschen, Kalbfleisch das Pfund neun Pfennige kostete; das Rindfleisch mag mehr in die Mode gekommen sein, namentlich seitdem die Schafzucht abgenommen hat und das Hammelfleisch rar geworden ist. Aber daß 1836, wo die Landbevölkerung noch überwog, wo auch in der Stadt noch fast jeder Bürger sein Schweinchen mästete, der Durchschnittssachse nicht halb so viel Schweinefleisch gegessen haben sollte als jetzt, können mir nicht recht glauben; vielleicht ist es nicht der Fleischverbrauch, der zugenommen hat, sondern die Zahl der statistischen Aufnahmen, früher werden eben mehr Schweine ungezählt verspeist worden sein als heute. Ein Paradepferd Wolfs und Böhmerts wie aller Optimisten ist ferner das Sparkassenwesen. Ja doch! Die Sparkassenkapitalien wachsen in allen Staaten ins Riesige oder sind wenigstens bis zum vorigen Jahre gewachsen, denn seit einem Jahre ist die Not so groß geworden, daß sogar sie hie und da abzunehmen anfangen. Sogar sie, sagen wir, weil sie für die Millionen der vom Grund und Boden losgelösten höhern und niedern Proletarier als einzige Form des Besitzes übrig geblieben sind. Seitdem Deutschland vollständig verteilt und all sein Grund und Boden in festem Privat- und Staatsbesitz ist, kann jeder Bevölkerungszuwachs nur das Proletariat vermehren, und diesem ist als einzige Form des Erwerbs eines kleinen Kapitals ein durch die Sparkasse vermittelter Hypothekenanspruch an den vaterländischen Boden übrig geblieben. Durch Zerschlagung großen Besitzes könnte wohl noch kleiner für den Nachwuchs geschaffen werden, aber weit entfernt davon, wächst vielmehr überall in Deutschland der Großgrundbesitz auf Kosten des kleinen. Ob die Thätigkeit der Ansiedlungskommission in Posen und Westpreußen und die Zerlegung von Rittergütern in Rentengüter in einigen andern preußischen Provinzen ausreichen wird, dieser aufsaugenden Kraft des großen Besitzes das Gleichgewicht zu halten oder sie gar zu überwinden, muß die Zukunft lehren. Wem das Material zu Gebote stünde, der würde ermitteln können, wie das Wachstum des windigen Sparkassenkapitalbesitzes im geraden Verhältnis steht zur Abnahme des soliden Grundbesitzes. Selbst wenn die Zahl der Haus- und Ackerbesitzer nicht absolut abnähme, würde sie schon im Verhältnis zu der ja stetig wachsenden Gesamtbevölkerung abnehmen. Aber in Sachsen wenigstens scheint sie sogar absolut abzunehmen. In der erwähnten Statistik wird u. a. angegeben, in welchem Verhältnis die verschiednen Berufsstände oder Erwerbsarten an dem sächsischen Volkseinkommen 1879 und 1890 teilgenommen haben. Es nahmen daran teil die Einkünfte aus:     1879 1890 Grundbesitz mit rund 20,9 Prozent 16,3 Prozent Renten " 10,7 " 11,6 " Gehalten und Löhnen " 34,9 " 41,3 " Handel und Gewerbe " 33,5 " 30,8 " Wolf ist entzückt von dieser Verschiebung. »Der verhältnismäßige Anteil – sagt er –, der aus dem Volkseinkommen den arbeitenden Klassen (im weitern Sinne, d. h. denen, die im Dienste andrer stehen) zufließt, hat also weit mehr zugenommen, als Renten- und Unternehmergewinn. Die besitzenden und Zwischenhandelsgewinn beziehenden Klassen empfingen 1879 aus dem gesamten Volkseinkommen 65,1 Prozent, 1890 58,7 Prozent.« Dieses Ergebnis schön zu finden, ist wahrlich der Gipfel der Verschrobenheit oder Einsichtslosigkeit. Was besagt es denn? Die Gesamtheit der freien Männer, der Mitglieder der wohlfundirten Stände: Grundbesitzer, Handwerker, Fabrikanten und Kaufleute nimmt ab oder wenigstens nicht zu, unter den Besitzenden sind es allein die Rentner, d. h. die Unproduktiven, von der Produktion andrer lebenden, deren Einkommenanteil wächst, die Zahl der Beamten aber, die ebenfalls nicht produziren, sondern nur verzehren, und deren Einkommenanteil nur auf Kosten der produktiven Stände vergrößert werden kann, sowie die der Lohnarbeiter nimmt zu. 1880 war der Einkommenanteil der abhängigen Besitzlosen beinahe auf die Hälfte gestiegen, in zwanzig Jahren wird er die Hälfte übersteigen. Damit ist aber natürlich nicht gesagt, daß die Zahl der Besitzlosen weniger als die Hälfte der Bevölkerung betrüge. Deren Zahl ist vielmehr schon jetzt weit größer. Das Steigen des Einkommenanteils dieser Klasse beweist nicht etwa eine Verbesserung ihrer Lage, sondern eine Zunahme ihrer Mitgliederzahl. Daß diese Unmasse von Besitzlosen gar nicht leben könnte ohne eine hochentwickelte Industrie, die viel Geld ins Land bringt, daß also das Geldkapital und das Geldeinkommen dieses Landes enorm steigen müssen, versteht sich ja von selbst, und die Sparkassenkapitalien bilden den Anteil, der von diesem papiernen Kapital auf die untere Mittelklasse und die obern Proletarier fällt. Aber es ist eben nur papiernes Kapital; einige weitere Stöße vom Weltmarkt, wie die Mac Kinley-Bill, und das Papier – ist Papier. Ein Land, wo der Ertrag des Grundbesitzes noch nicht einmal den fünften Teil des Gesamteinkommens bildet – in Frankreich macht dieser Teil die größere Hälfte aus –, schwebt mit seiner Volkswirtschaft in der Luft. Nur darum ist die Lage des Königreichs Sachsen noch nicht so gefährlich wie die Englands, weil es doch noch einen freien Bauernstand hat, und weil es nur einen kleinen Teil eines großen Reiches ausmacht, über das sich seine Besitzlosen dereinst beim Hereinbruch der Katastrophe verbreiten können. Auf die sächsische Einkommenstatistik im einzelnen brauchen wir um so weniger einzugehen, als uns ja die preußische, die die größere Hälfte Deutschlands und fast alle in Deutschland vorkommenden wirtschaftlichen Verschiedenheiten umfaßt, ein weit zuverlässigeres Bild der deutschen Entwicklung darbietet. Hier hat sich nun Wolf dadurch, daß er das Ergebnis der diesjährigen Einschätzung nicht abgewartet hat, eine ganz vergebliche Arbeit gemacht. Doch wollen wir ein Wort über das Mittelchen sagen, mit dem er über die ungünstigen Ergebnisse früherer Einschätzungen hinwegzukommen sucht, und das er wohl der letzten gegenüber ebenfalls anzuwenden versuchen wird. Was selbst entschieden antisozialistische Statistiker besonders bedenklich finden, ist das, daß die Zahl der größten Vermögen am stärksten wächst, selbstverständlich nicht absolut – absolut sind ja die Zahlen in den obersten Klassen am kleinsten –, sondern relativ, um den höchsten Prozentsatz. Wolf sagt nun, diese Darstellung der Sachlage beruhe auf falscher Fragstellung. Man müsse nicht fragen: »Welchen Schichten wachsen die (verhältnismäßig) meisten zu?« sondern: »Aus welchen Schichten steigen die meisten auf?« Und da finde man nun, daß immer aus der untersten Schicht in die nächst höhere die größte Zahl aufsteige, daß sich also die Lage der untersten Klasse am bemerkbarsten bessere. Noch deutlicher trete die Besserung der Lage der untern Klassen hervor, wenn man nach dem Anteile des Einkommenzuwachses frage, der auf die verschiednen Klassen falle. Da finde man für Preußen folgendes. In der Zeit von 1876 bis 1888 habe sich das Nationaleinkommen um 1475 Millionen Mark vermehrt. Davon fielen auf die   Mark Mill. Proz. dürftigen Einkommen bis 525 326,0 = 22,1 kleinen Einkommen 526 bis 2000 450,6 = 30,5 mäßigen Einkommen 2001 bis 6000 266,9 = 18,1 mittleren Einkommen 6001 bis 20 000 246,6 = 16,7 großen Einkommen 20 001 bis 100 000 131,4 = 8,8 sehr großen Einkommen über 100 000 53,8 = 3,7 Darauf ist zu erwidern, daß, da der Geldwert beständig sinkt, sich die untersten Einkommen beständig erhöhen müssen, ohne daß diese Erhebung in eine höhere Steuerklasse eine Verbesserung der Lage bedeutete, so wenig wie ein Tagelöhner des neunzehnten Jahrhunderts, der 1 Mark empfängt, zehn- oder fünfmal mehr hat, als einer im dreizehnten, dessen Tagelohn nach heutigem Gelde zehn oder zwanzig Pfennige betrug. Ferner, daß der größte Teil sowohl des Einkommens wie des Einkommenzuwachses auf die Personen der zweiten Klasse fallen muß, da diese bei der steigenden Unmöglichkeit, mit weniger als fünfhundertundfünfzig Mark auszukommen, notwendigerweise die zahlreichste sein muß. Aber, wie gesagt, die Statistik, die Wolf zu Grunde legt, ist ja veraltet. Um zu erkennen, was das Ergebnis der neuen Einschätzung lehrt, halten wir uns an eine Berechnung des »Sozialpolitischen Zentralblatts.« Ohne alle Berechnung, um dies vorauszuschicken, weiß bereits alle Welt, daß die Deklarationspflicht die großartigste Bochumerei aufgedeckt hat, und daß die großen Einkommen viel größer sind, als man bisher angenommen oder vorgegeben hatte, während sich das Bild der Vermögenslage der untersten Klassen nicht wesentlich geändert hat. Wir dürfen sogar, ohne weder die Einschätzungsbehörden noch die Millionäre einer Pflichtverletzung anzuklagen, die Einkünfte der letztern noch weit höher ansetzen, als sie in den neuen Steuerrollen erscheinen. Denn während einem Fabrikarbeiter oder Weichensteller sein Einkommen auf Heller und Pfennig nachgerechnet werden kann, vermag ein sehr reicher Mann sein Einkommen, das aus den verschiedenartigsten Quellen fließt, beim besten Willen selbst nicht genau anzugeben: die Erträge seiner Rittergüter, seiner Bergwerke, die Dividenden seiner Aktien, die Kursgewinne und Verluste an seinen Wertpapieren schwanken auf und ab, den Reinertrag aus dem Bruttoertrage auszusondern ist eine schwierige Arbeit, und weder sein Gewissen noch das Gesetz verpflichten ihn, mit seinen Angaben über das sich aus einer Wahrscheinlichkeitsrechnung ergebende Minimum hinauszugehen. Ein Millionär in Frankfurt a.M., der in der Baringkrisis viel verloren hat aber trotzdem Millionär geblieben ist, hat als Durchschnitt seines Einkommens in den letzten drei Jahren – nach den Regeln der Buchführung vollkommen korrekt – Null herausgerechnet; er braucht also weder Einkommensteuer zu zahlen, noch liefert er einen Beitrag zur Einkommenstatistik, obwohl er im richtigen Sinne des Worts ganz gewiß Einkommen bezogen hat. Also nun zur Berechnung! Von den 29 895 224 Seelen des preußischen Staates bleiben 20 945 227 von der neuen Einkommensteuer befreit, weil die Zensiten dieser Klasse weniger als 900 Mark jährlich einnehmen. Wie groß die Zahl dieser Zensiten ist, wird leider nicht angegeben; eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, in der die Blätter verschiedner Parteien übereinstimmen, ergiebt etwas über 5½ Millionen. Da das Durchschnittseinkommen dieser Klasse auf 500 Mark angenommen werden kann, so beziehen jene 20 945 227 Seelen ungefähr 2850 Millionen Mark Einkommen. Das Einkommen der übrigen, unter denen sich 2,44 Millionen Zensiten befinden, wird amtlich auf 5724 Millionen Mark angegeben. Demnach beziehen die mehr als zwei Drittel der untern Stufe noch nicht ein Drittel des Gesamteinkommens der Nation. Von den 2,44 Millionen der Oberstufe beziehen die allermeisten zwischen 900 und 3000 Mark, nur 316 889 erfreuen sich eines größern Einkommens, aber diese 316 889, etwa ein Siebenundzwanzigstel der Gesamtzahl, erhalten ungefähr die Hälfte jener 5724 Millionen Mark. Demnach haben sich in das erste Drittel des Volkseinkommens über 5½ Millionen Zensiten mit ihren Angehörigen, in das zweite Drittel 2,1 Millionen, in das dritte Drittel etwas über 300 000 Zensiten mit ihren Angehörigen zu teilen. Von je 27 Mark des Volkseinkommens erhält der durchschnittliche Arme 1 Mark, der durchschnittliche Mann des untern Mittelstandes 8 Mark, der durchschnittliche Wohlhabende und Reiche 18 Mark. Allein aus dieser Einteilung gewinnt man noch lange keinen Begriff von den vorhandnen Vermögensunterschieden und sozialen Gegensätzen. Diese werden erst klar, wenn man erwägt, daß es wahrscheinlich mehr als eine Million Familien giebt, die sich mit weniger als 400 Mark Jahreseinkommen behelfen müssen, (nach einer von Wolf aufgenommenen Statistik machen die Einkommen unter 550 Mark in Ostpreußen 58 Prozent aus), daß diesen Armen gegen 10 000 Markmillionäre gegenüberstehen, und darunter 12 Familien, deren Jahreseinkommen 1½ bis 7 Millionen Mark beträgt – nach der Selbsteinschätzung, in Wirklichkeit wohl noch etwas darüber. Als erstes Ergebnis finden wir also, daß unser Jahrhundert nicht allein in dem »reichen« England, sondern auch in dem »armen« Preußen wieder Vermögensunterschiede aufzuweisen hat, wie sie seit dem Untergange des römischen Reichs in der Welt nicht mehr dagewesen waren, oder vielmehr überhaupt noch nicht; als größte aus dem Altertum bekannte Vermögen führt Wolf die des Cnejus Lentulus und des Narziß, eines Freigelassenen Neros, mit je 90 Millionen Franken an. In welcher Lage befinden sich nun die beinahe 21 Millionen Menschen der untersten Steuer- oder vielmehr steuerfreien Stufe? Denken wir uns als Typus eine Familie, die 800 Mark, also 300 Mark mehr als das Durchschnittseinkommen hat. Die Ernährung eines preußischen Zuchthäuslers kostet täglich 31 Pfennige. Berücksichtigen wir nun einerseits, daß die Tagelöhnerfrau für dasselbe Geld weniger und schlechtere Waren bekommt, als die unter den vorteilhaftesten Bedingungen einkaufende Zuchthausverwaltung, andrerseits, daß Kinder unter zehn Jahren nicht so viel essen wie Erwachsene, so werden wir annehmen dürfen, daß bei drei Kindern unter 14 Jahren – manche Arbeiterfamilie hat deren sechs und mehr - 500 Mark für Kost nicht zu viel sind. Das stimmt auch mit der bekannten von Wolf angeführten Erfahrung, daß beim Durchschnittsarbeiter Mitteleuropas die Ausgabe für Speist und Trank 60 bis 65 Prozent der Gesamtausgabe zu betragen pflegt. Für weniger als 100 Mark jährlich ist in den dichter bevölkerten Ortschaften keine Wohnung zu bekommen, und Feuerung, Licht, Kleidung und Wäsche für fünf Personen, dazu die unvermeidlichen laufenden und außerordentlichen Nebenausgaben mit 200 Mark zu bestreiten, dazu gehört doch wohl schon ein hauswirtschaftliches Genie. Mit 800 Mark Einkommen befindet sich also eine Familie auf dem Existenzminimum. Es ist ja nun richtig, daß Millionen noch nicht einmal dieses Minimum erreichen. Das erscheint zwar als ein Widerspruch, ist aber doch eben Thatsache. Die Leute leben, aber ihr Leben ist kein menschliches Leben mehr, ist, die Zuthat zum Leben angesehen, nicht einmal Zuchthäuslerleben. Wenn nun reichlich zwei Drittel des preußischen Volks teils hart an der Grenze der Daseinsmöglichkeit, teils auf dieser Grenze herumkriechen, so erscheint die Behauptung, der Wohlstand des Volks oder gar der untersten Schicht dieses Volks nehme zu, geradezu lächerlich. Gleichviel, wie groß das Einkommen der untern zwei Drittel in irgend einer frühern Zeit gewesen sein mag, weniger als das zum Leben unumgänglich Nötige können sie nicht gehabt haben, und mehr haben sie heute auch nicht. Wenn uns demnach ein Statistiker vorrechnet, wie viel Millionen Menschen, die vor fünfzig Jahren unter 500 Mark jährlich eingenommen haben, jetzt ein paar Mark darüber einnehmen, und daraus folgert, daß die arbeitenden Klassen von der untersten allmählich auf höhere Stufen emporstiegen und so das ganze Volk sich hebe, so ist dieser vermeintliche Triumph des Optimismus eitel. Überhaupt muß man sich nicht in toten Ziffern verlieren, sondern ins Leben hineinschauen. Man sehe sich die Leutchen Sonntags an, wo sie, nach der neuesten Mode herausgeputzt, aus ihren Werkstätten und Wohnungshöhlen hervorkommen, prüfe die krummbeinigen blassen Kinder, die abgehärmten und verzwickten Gesichter der Frauen, die engbrüstigen, krummen, verkümmerten Männer, man merke sich die frischen Gesichter und derben Gestalten der Lehrjungen und Dienstmädchen vom Lande und sehe nach zehn, zwanzig Jahren nach, was in der Stadt, in der Fabrik aus ihnen geworden ist, da erfährt man mehr, als aus Einkommensteuerlisten. Man wandle zu Fuß den herrlichen Weg von Gablonz durch Tannwald zum Elbfall hinauf, und beim Anblick der reizenden Villen und der über die Maßen elend aussehenden Fabrikbevölkerung wird man ausrufen: Wahrhaftig, die englische Wirtschaftsgeschichte, wie sie leibt und lebt! Gegenden im deutschen Reiche herauszufinden, wo ähnliche Beobachtungen gemacht werden können, wie in den industriellen Teilen Böhmens, überlassen wir dem Leser. Nun wird uns der Leser vielleicht mit Wolf zwei Einwände machen. Erstens, daß es den Armen doch nicht so schlecht gehen könne, da sie ja ein Heidengeld auf Schnaps, Bier und Tabak vergeudeten. Nun, wenn einmal das Leben nicht mehr menschlich ist, so kommt es nicht darauf an, ob es noch um einige Grad unmenschlicher wird, und das ist allerdings überall der Fall, wo ein Teil des Einkommens dem Notwendigen entzogen und auf jene Stimulantien verwendet wird. Leider aber sind diese selbst eine Notwendigkeit. Wer das nicht glaubt, der probire es einmal, ein Jahr lang von Kartoffeln, Zichorienbrühe und Schwarzmehlsuppe zu leben; wenn er sich dann noch ohne den Gebrauch von Erregungsmitteln thatendurstig und arbeitslustig fühlt, so wollen wir unsrerseits ihm glauben, daß Schnaps und Tabak auch bei der heutigen Art der Volksernährung überflüssig seien. Wie mögen sich wohl übrigens, um das nebenbei zu fragen, die Mäßigkeitsapostel unsre Reichsfinanzen und namentlich den Militäretat denken für den Fall, daß sie mit ihren Bestrebungen Erfolg haben? Wo das Elend einmal eingerissen ist, da kommt das Volk aus dem Zirkel nicht mehr heraus, daß es Schnaps trinkt, weil es ihm schlecht geht, und daß es ihm um so schlechter geht, je mehr es Schnaps trinkt. Begründeter ist die andre Einwendung, daß in den Proletarierfamilien Weib und Kinder gewöhnlich mitverdienen, daß also eine solche Familie unter Umständen zweitausend und mehr Mark jährlich einnehmen kann, wenn auch der Vater nur achthundert Mark verdient. Das bedeutet allerdings in tausenden von Fällen eine weit günstigere Lage, als die vorhin ermittelte; doch darf man die damit gegebne Veränderung des Gesamtbildes nicht überschätzen. Ehe die Kinder mit verdienen, sind sie vorher zwölf bis vierzehn Jahre hindurch bloße Verzehrer, und der Beitrag zu den Kosten des Haushalts, den sie später liefern, reicht oft nur eben hin, die in der vorhergehenden Periode gemachten Schulden abzuzahlen und den durch Verpfändung oder Verkauf zusammengeschwundnen Hausrat wieder zu ergänzen. Dann wird der Fall, daß die heranwachsenden Söhne und Töchter in der Familie bleiben und ihren Verdienst in die gemeinsame Kasse legen, immer seltner. Man mag das beklagen, aber unter den bekannten gegenwärtigen Verhältnissen wird es sich kaum andern lassen. Der Broterwerb der Frau sodann ist in den meisten Fällen das Gegenteil eines wirtschaftlichen Vorteils. Wir kennen Frauen des ärmern Standes, die mit einem Wirtschaftsgelde von acht- bis neunhundert Mark einen Haushalt von sechs bis sieben Personen, die sämtlich über zehn Jahre alt sind, sehr anständig bestreiten. Da wird das Brotkorn auf dem Markte eingekauft und in eine Landmühle zum Mahlen geschickt; aus dem Mehl wird ein Brot hergestellt, das billiger und nahrhafter ist als Bäckerbrot. Die Kleien werden im Herbst, mit Schwarzmehl oder Kartoffeln gemischt, dazu verwendet, Gänse zu mästen, und von diesen allernützlichsten Tierchen bleibt auch kein Blutströpfchen, kein Knöchelchen und kein Federchen unbenutzt. Jede geschlachtete Gans wird auf eine halbe, unter Umständen auf eine ganze Woche eingeteilt. Andres Fleisch wird in großen Stücken billig von Landfleischern gekauft, was allerdings heute, wo fast alle größern Städte mit einem Schlachthof und strenger Fleischpolizei beglückt sind, nur noch mit listiger Hintergehung der Polizei durchzuführen ist. Die Pflege und Einteilung dieser Fleischstücke, das Aufspüren günstiger Gelegenheitskäufe von Fleisch und andern Waren, das Einlegen und Dörren von Obst und Gemüse im Sommer und Herbst, das Einsammeln von allerlei Thee u. s. w. erfordern viel Zeit. Dazu kommt dann noch die sorgsame Behandlung der Wäsche, das öftere Mustern von Wäsche, Kleidern und andern Sachen, das Ausbessern und Ergänzen nebst vielen andern Arbeiten, die der Wandel der Zeiten nötig macht, und die sich gar nicht voraussehen lassen. Eine solche Frau hat alle 365 Tage des Jahres vollauf zu thun und kaum je eine Stunde für Brotverdienst übrig, dafür richtet sie auch mit achthundert Mark soviel aus, wie eine Frau, die in die Fabrik geht, kaum mit sechzehnhundert Mark ausrichten würde. Daß die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form – mit der altmodischen Arbeit in Landwirtschaft und Hausindustrie verhält sichs vielfach anders – zusammen mit den langen Arbeitszeiten vieler Männer das »Eheideal« des sozialdemokratischen Zukunftsstaats nicht etwa bloß rechtfertigt, sondern längst verwirklicht hat, und daß jenes »Ideal« weiter nichts ist, als eine von der alltäglichen Wirklichkeit abgezogne Vorstellung, mag nur nebenbei angemerkt werden. Wo die Frau aufgehört hat, einen ordentlichen Haushalt zu führen und die Kinder zu pflegen, wo Mann und Weib einander nur auf ein paar Nachtstunden zu sehen oder vielmehr nicht zu sehen bekommen, da ist ihr Zusammenleben keine Ehe mehr im Sinne der alten und neuen Kulturvölker, sondern nur noch ein polizeilich gestattetes Konkubinat. Standesamt und Kirche können daran nichts ändern; sie können zwar auf den Inhalt, wo er vorhanden ist, den gesetzlichen Stempel drücken, aber den fehlenden Inhalt schaffen oder ersetzen, das können sie nicht. Trotz alledem ist das Gesamtbild der wirtschaftlichen Lage jener 95 Hundertstel des preußischen Volks, die weniger als dreitausend Mark jährlich einnehmen, in Wirklichkeit nicht so düster, wie es nach den obigen Betrachtungen erscheint. Nur werden Forscher, die ihren Blick mehr auf die Ziffern als auf die Menschen gerichtet halten, niemals herausbekommen; wo der Fehler des übertriebnen Pessimismus steckt. Zwar, wenn der Beobachter Unglück hat, kann es ihm leicht begegnen, daß gleich der erste Versuch seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Er kann sich z. B., um die Lage des behäbigen Mittelstandes zu prüfen, der nach Wolf im erfreulichsten Wachstum begriffen sein soll, in eine »Ressource« einführen lassen, und wenn er dann der Vergangenheit der Herren nachspürt, die er da angetroffen hat, und die allesamt den günstigsten Eindruck machen, so kann er etwa folgendes entdecken. Nummer eins hat sich dreimal mit seinen Gläubigern »gesetzt« und lebt von den Renten der Kapitalien, die er bei seinem Bankerott um die Ecke gebracht hat. Nummer zwei hat als Laufbursche angefangen, nichts ordentliches gelernt, bald diesen, bald jenen kleinen Schacher unternommen, hier eine Kneipe, dort eine Eisbahn gepachtet – denn daß Staat oder Gemeinde eine Pfütze Wasser oder eine Eisbahn der Jugend zur freien Benutzung überlassen sollten, anstatt eine Einnahmequelle daraus zu machen, das geht ja in unsrer so überaus wirtschaftlichen Zeit gar nicht mehr –. Nummer drei ist ein ehemaliger Beamter, der seine Stellung zu Geschäften mißbraucht hat, von denen man nur im Geheimen munkeln darf, wenn man sich nicht eine Beleidigungsklage zuziehen will, Nummer vier ist ein ehrbar gewordner Bordellwirt, Nummer fünf ein sehr ehrbarer Handwerker und Kravattenfabrikant u. s. w. Kurzum: lauter Schmarotzer, deren keiner sein Vermögen durch produktive Arbeit erworben hat. Oder stürzt sich der Beobachter auf einen Damenflor und horcht dann die Umgegend aus, so vernimmt er wohl, daß die Müllers, deren weibliches Oberhaupt durch eine wahrhaft fürstliche Erscheinung blendet, daheim nichts zu brechen und zu beißen haben, daß von den kostbaren Anzügen der Fräulein Schulze nicht ein Faden bezahlt, daß bei Meyers der Gerichtsvollzieher täglicher Gast ist u. s. w. Aber wir haben stellenweise wirklich noch einen soliden Handwerkerstand. Zwar, daß ein Handwerker ohne Anfangskapital lediglich durch seiner Hände Arbeit wohlhabend würde, kommt kaum noch vor. Wir haben mit Schustern und Tischlern die sorgfältigsten Berechnungen angestellt und herausbekommen, daß sie es, allein oder mit einem Gehilfen und einem Lehrling arbeitend, auch bei größter Tüchtigkeit nicht höher als auf neunhundert Mark jährlich bringen, also, wenn sie ein Häuflein Kinder haben, kein Vermögen ansammeln können. Aber daß Handwerker, namentlich Bauhandwerker, und solche, die einen Laden anlegen, mit einem kleinen ererbten oder erheirateten Betriebskapital ihr Geschäft weit genug vergrößern, um ein Vermögen von zwanzig- bis dreißigtausend Thalern ansammeln zu können, kommt überall noch vor. Auch die kleinern Kaufleute sind bei uns noch nicht, wie in England, von den großen Konsumvereinen erdrückt worden, und wir sehen auch da noch durch rechtmäßigen Erwerb Vermögen von zwanzig- bis hunderttausend Thalern entstehen. Sofern der Handel einem wirklichen Bedürfnis dient, d. h. notwendige Waren, deren die Konsumenten auf andre Weise nicht habhaft werden könnten, ihnen zugänglich macht und diesen Waren solchergestalt erst Gebrauchswert verleiht, ist er zu den produktiven Berufsarten zu rechnen. Endlich aber und vor allem haben wir Deutschen einen tüchtigen Stand von Groß- und Kleinbauern und von kleinen Rittergutsbesitzern. In einigen Gegenden freilich ist durch fortgesetzte Erbteilung, unter welchem Namen unsre Staatsmänner das Übel der Übervölkerung feige verstecken, der Bauernstand teils auf die Zwergwirtschaft heruntergekommen, teils überschuldet; aber anderwärts, wo ein Zusammenwirken günstiger Umstände die Einwirkung jenes Übels vorderhand noch gehemmt hat, steht er ungebrochen und glänzend da. Auf Grund der Angaben eines Fachmanns und auf eigne Anschauung gestützt, haben wir im Jahrgang 1890 der Grenzboten (4. Vierteljahr, S. 630) die wahrhaft idealen und doch ganz wirklichen Zustände einer Gemeinde in dem bessern Teile Oberschlesiens geschildert, die als typisch für viele andre Gemeinden gelten kann. Heute möchten wir die Blicke der Leser noch auf den fruchtbarsten Landstrich Niederschlesiens lenken. Die »Rustikalen« oder »Gutsbesitzer« der dortigen großen Dörfer sind meistens insofern keine Bauern mehr, als sie eine höhere Bildung genossen haben, nicht mehr mit eigner Hand den Pflug führen und durchaus herrenmäßig leben. Aber die Grundlage ihres Daseins ist gesund geblieben, ihre Ansprüche gehen nicht über ihre Mittel hinaus, sie haben auch die Fühlung mit dem gemeinen Volke, zunächst mit ihren Arbeitern, nicht verloren. Wir hatten kürzlich Gelegenheit, einen unsrer Bekannten auszufragen, der einer von ihnen geworden ist. Von Haus aus Landwirt, aber städtisch gebildet und jahrzehntelang in einer ansehnlichen Stadt ansässig, wo er sich als Stadtrat vielfache Verdienste um das Gemeinwesen erworben hatte, fand er sich vor einem Jahre veranlaßt, für einen Sohn in jener Gegend ein Gut zu erwerben, das er, bis der junge Mann eingerichtet sein wird, selbst bewirtschaftet. Es ist 230 Morgen groß und mit 90 000 Mark bezahlt wurden. Mit dem Ertrage ist der neue Besitzer vollkommen zufrieden, und über seine Arbeiter hat er nicht die geringste Klage. Nicht allein in seinem, sondern auch im Namen seiner Nachbarn versichert er: die Arbeiter sind mit uns, und wir sind mit ihnen zufrieden. Allerdings ist die Behandlung ganz anders als auf manchen Rittergütern, wo sich das Gesinde glücklich schätzen würde, wenn es das Futter der Jagdhunde als Mahlzeit und den Schweinestall als Wohnung angewiesen bekäme. Das Gesinde jener Herrenbauern ißt zwar nicht, wie bei wirklichen Bauern, mit der Herrschaft am Tische, aber es genießt dieselbe Kost wie sie. Bei dem oben erwähnten Freunde ist die Einrichtung getroffen, daß das Gesinde in einem Zimmer zwischen der Küche und dem Speisezimmer der Herrschaft seine Mahlzeiten einnimmt, sodaß es jede Schüssel sieht, die auf deren Tisch getragen wird. Ähnliche Einrichtungen hat man, um dem Mißtrauen der Leute vorzubeugen, in der Gegend allgemein getroffen. Die Leute bekommen zu Mittag täglich Suppe und Braten – gekochtes Fleisch mögen sie nicht –, an Feiertagen auch abends Fleisch und zu Mittag zwei Fleischspeisen. Zwischen diesem Gesinde und dem Gesinde auf manchen Rittergütern besteht also ein himmelweiter Unterschied. Nur in der Erntezeit beginnt auch dort ein Stück sozialer Frage aufzutauchen. Zwar für den Erwähnten und viele seiner Nachbarn ist sie gelöst; sie haben mit der Verwaltung der benachbarten Eisenbahn einen Vertrag abgeschlossen, wonach diese ihnen ihre Arbeiter während der Erntezeit überläßt. Im allgemeinen aber ist die Frage, woher die größern Gutsbesitzer die bei der heutigen Wirtschaftsweise notwendigen Erntearbeiter nehmen, oder, falls solche vorhanden sind, wohin sie nach der Ernte verschwinden sollen, noch ungelöst und wahrscheinlich unlösbar. Die mittelalterliche Wirtschaftsweise kannte diese Schwierigkeit nicht. So große Bauern wie heute gab es nicht; der Dominialherr aber bewirtschaftete nur einen kleinen Teil seiner Besitzung selbst, und mit dessen Besorgung konnten seine Hörigen und Zinsbauern, deren Zeit und Arbeitskraft von ihrem eignen Gütchen nicht vollständig aufgebraucht wurde, auch in der Ernte bequem fertig werden. Überdies vollzog sich die Arbeit nicht so wie heute in kurzen heißen »Campagnen,« sondern sie erstreckte sich mit größerer Gleichmäßigkeit über das ganze Jahr. Was wäre also der Kern unsers Mittelstandes. Aber auch in der Einkommenklasse derer mit weniger als 900 Mark findet sich noch eine Menge ganz gediegner Existenzen. Denn es stecken darin alle jene Kleinbauern und Ackerhäusler, deren Einkommen in barem Gelde gerechnet freilich nicht mehr als 600 bis 900 Mark beträgt, in Wirklichkeit aber weit mehr wert ist. Sie leben auf eigner Scholle und werden nicht aus einer Mietwohnung in die andre gejagt. Ihre Wohnung wird vielleicht zu einem Mietwert von 10 Thalern angeschlagen, ist aber in Wirklichkeit mehr wert, als eine großstädtische von 200 Thalern. Sie können die Arbeit nicht verlieren und nicht durch eine Handelskrisis ins Bettelproletariat hinabgestoßen werden. Ihre Nahrung ist gemein und ärmlich, aber gesund, kräftig und ungefälscht. Ihre Kinder gedeihen ohne besondre Fürsorge in frischer Luft, und in Zeiten der Not, wie nach Mißernten, wird die Familie von gutherzigen Nachbarn durchgeschleppt. Personen andrer Berufsstände werden hie und da einer solchen bei aller Armut sichern, würdigen und beglückenden Existenz teilhaftig. Wir kennen ein Bahnwärterehepaar, das acht Kinder groß gezogen hat und sich eines wirklichen ungetrübten Glücks erfreut. Der Schlüssel des Geheimnisses liegt in den paar Morgen Acker, die die Bahnverwaltung den Leuten zu dem bloß nominellen Pachtzins von 5 Mark für den Morgen überläßt. Um zu erfahren, ob eine Jahreseinnahme von 500 bis 800 Mark ein Zuchthäuslerleben oder etwas besseres bedeute, muß man eben fragen, in welcher Berufsart es erworben wird. Wir sehen: bei aller Armut haben wir Deutschen weit mehr Wohlstand und Glück im Lande, als die Sozialdemokraten und – manche ihrer eifrigsten Gegner ahnen und zu begreifen vermögen. Als Nation weit ärmer als England, sind wir als Volk viel reicher, und unser Reichtum ruht auf einer weit gesündern Grundlage. Noch über vier Fünftel unsrer Nahrungsmittel erzeugen wir auf unserm heimischen Boden, die Engländer nur noch wenig über ein Fünftel. Unmittelbar im vaterländischen Boden wurzelt die große Mehrheit unsers Volks mit ihrer Arbeit und ihrer Existenz, die Wurzeln des englischen Lebens schwimmen im Wasser, schmarotzern in Indien, in Chile, in Deutschland, in der Türkei, in aller Welt; bekommen es die ausgebeuteten Völker und Kolonisten satt, so genügt ein Ruck, diese Wurzeln zu zerreißen, und das englische Volk ist zum Tode des Verschmachtens verurteilt. Eben weil wir als Nation ärmer sind, sind wir als Volk reicher, und wollen wir die gesunden Grundlagen unsers Volkslebens, wo sie noch vorhanden sind, erhalten, wo sie schon zerstört sind, wiederherstellen, so müssen wir vor allem darauf verzichten, noch weiter nach englischem Muster reich werden zu wollen. Das wird uns noch deutlicher werden, wenn wir nun auf die Spitze der Gesellschaftspyramide einen Blick werfen. Sechstes Kapitel Die Spitze Wolf versäumt in seinem Buche natürlich auch nicht, nach heutigem Brauch das angebliche Wachstum des Volkswohlstandes durch Zeichnungen zu veranschaulichen. Zuerst legt er die verschiednen Einkommenschichten wie Balken eines Baukastens übereinander und läßt den untersten Balken kürzer, die darauf liegenden länger werden. Dann stellt er in zwei Reihen von Pyramiden oder vielmehr Kegeln dar, wie sich die Sozialdemokraten die Entwicklung vorstellen, und wie sie seiner Ansicht nach in Wirklichkeit aussieht. Die Kegelmäntel sind nicht zusammengerollte Ebnen, sondern eingebogne Flächen, sodaß der Umriß der Anfangsfigur nicht ein ebnes, sondern ein auf zwei Seiten sphärisches Dreieck zeigt; auf der geraden Grundlinie steigen zwei nach innen gekrümmte Linien auf, die sich oben in der Spitze treffen. In der sozialdemokratischen Figurenreihe wird nun die Grundlinie immer breiter, die Seitenlinien nähern sich ihr, sodaß der untre Teil der Figur Tellerform annimmt; gleichzeitig schwillt die Spitze zum Turmknopf an, der verbindende Hals wird dünner und dünner, bis er eines schönen Tages reißt und der dicke Millionärklumpen ohne Stütze über dem breiten Teller des Elends schwebt. In der andern Figurenreihe schwillt der untre Teil an, sodaß die Biegung nach innen in die Biegung nach außen umschlägt und wir zuletzt eine Kuppel vor uns haben, aus der ein schlanker Kegel als Turmspitze ohne Knopf hervorschießt. Den Wert und die Wahrheit dieser Zeichnungen zu prüfen, können wir den Lesern überlassen. Nur ein einziges Sätzchen der Erläuterung, die Wolf seinen Zeichnungen nachschickt, wollen wir heute kritisiren. Die Gesellschaft, so deutet er seine Figuren, »ist von einer fortschrittlichen Bewegung ergriffen. Mächtig regt es sich vor allem unten, und die Armut macht der Dürftigkeit, die Dürftigkeit der Hablichkeit [hübsches Wort] Platz. Immer solider, in sich gefestigter wird der Gesellschaftsbau. Auch die mittlern Schichten gewinnen an Stärke, und wenn gleichzeitig die Spitze in die Höhe wächst, so verschlägt das nichts.« Verschlägt das nichts? Wirklich nichts? Wollen sehen! Der Satz der Mechanik, daß die Erhöhung der Spitze den Druck vermehrt, den sie auf die tragenden Unterschichten ausübt, gilt doch wohl auch hier. Um diesen Druck zu veranschaulichen, müßten wir nun allerdings nicht einen einfachen Turmhelm zeichnen, sondern ein sehr verwickeltes System neben einander stehender, in einander eingreifender und einander überdachender Turmhelme. Eine Fabrik, deren Besitzer hohe Einnahmen erzielt und seine Arbeiter schlecht bezahlt, ist ein flacher Elendsteller, aus dessen Mitte die Spitze ohne vermittelnde Böschungslinien unmittelbar emporsteigt. Ob ihre Wucht, der Druck, den sie ausübt, durch ihre Höhe oder durch eine knopfartige Verdichtung am obern Ende ausgedrückt wird, bleibt sich gleich. Haben wir es mit einer Aktienfabrik zu thun, die hohe Dividenden abwirft, so trägt der Teller mehrere Spitzen. Der Druck des Gewichts eines Rentners, dessen Arnheim Aktien verschiedner Fabriken, Bergwerke und Eisenbahnen birgt, verteilt sich auf mehrere Teller. Ein Geldfürst endlich, der sein Vermögen der modernen Staatsschuldenpolitik verdankt, drückt auf das ganze Volk oder auf mehrere Völker. Um uns nun die Art dieses einem Saugpumpenwerk dienenden Drucks klar zu machen, müssen wir vor allem bedenken, daß der heutige Reichtum seiner Natur nach von dem Reichtum auf andern, z. B. den mittelalterlichen Kulturstufen grundverschieden ist. Im frühen Mittelalter gab es nur eine Klasse von Reichen, die großen Grundherren. Deren Reichtum war nun aber so unlöslich mit dem Wohlbefinden des Bauernstandes verknüpft, daß einerseits der Grundherr desto reicher war, je mehr und wohlhabendere Bauern er hatte, andrerseits es dem Bauern gleichgiltig sein konnte, ob er einem kleinern oder einem größern Herrn frohnte oder zinste, die höhere Spitze also nicht schwerer drückte als die niedrigere, demnach das der Mechanik entnommne Bild hier versagt. Obwohl Religion und Politik nicht ohne Einfluß auf dieses Verhältnis waren, können sie doch unberücksichtigt bleiben, weil die Natur der damaligen Volkswirtschaft zur Erklärung ausreicht. Die einzigen Einnahmequellen des großen Herrn von damals bildeten die Erträgnisse der Grundstücke, die er selbst durch Amtleute bewirtschaften ließ, und die Naturallieferungen und Geldzinsen seiner Bauern. Um viel an solchen Lieferungen und Zinsen einzunehmen, mußte er viele leistungsfähige Bauern haben. Um eine große Ackerfläche selbst bewirtschaften zu können, mußte er eine entsprechende Menge Arbeiter haben. Das waren aber nicht Lohnarbeiter, um die er sich nicht weiter zu kümmern brauchte, wenn sie ihr Tagewerk geleistet hatten, sondern es waren seine Hörigen, die er jahraus jahrein, mochte er viel oder wenig Beschäftigung für sie haben, mochte er viel oder wenig einnehmen, nähren, kleiden, beherbergen mußte. Die Sitte gebot es ihm, und Fälle, daß sich ein Herr der herkömmlichen Pflicht zu entziehen versucht hätte, sind nicht bekannt. Übrigens zwang die Lage zur Beobachtung der Sitte. Hätte ein Herr seine Leibeignen grundsätzlich schlecht behandeln oder ihnen gar den nötigen Unterhalt versagen wollen, so würden sie ihm entlaufen sein und in den Wäldern, wo Platz genug und keine Spur von Polizei war, Räuberbanden gebildet haben. Oder sie würden, was sie denn wirklich oft genug thaten, ohne durch schlechte Behandlung veranlaßt zu sein, sich in eine der keimenden Städte geflüchtet haben, wo »die Luft frei machte.« Demnach stand der Reichtum des Herrn im geraden Verhältnis zu der Zahl und dem Wohlstande der Bauern und Leibeignen seines Gebiets. Ein andres Mittel zur Vermehrung seines Reichtums, als Ansässigmachung von Bauernfamilien, gab es gar nicht, und diesem Umstande ist neben dem eignen Triebe der freien deutschen Bauernschaft die Germanisirung der Osthälfte des heutigen Deutschlands (zu dem ethnographisch doch auch immer noch Cisleithanien gehört) zu danken. Wollte ein Slawenfürst, ein Bischof, ein Klosterabt reicher werden, so berief er deutsche Bauern und wies ihnen gegen Zins Hufen an. Reich werben hieß damals Menschen pflanzen, und zwar nicht Proletarier, sondern Bauernfamilien. Auf ganz andre Weise vollzieht sich heute der Prozeß der Reichtumsbildung. Menschen zu pflanzen, glückliche Menschen, hat heute nicht nötig, wer reich werden will. Im besten Falle ist ihm das Glück der ärmern und abhängigen Klasse gleichgiltig, in vielen Fällen kann er sein Ziel nur dann erreichen, wenn sie im Elend schmachtet. Allerdings, viel Menschen müssen auch heute vorhanden sein, wenn einige wenige reich werden sollen. Allein der, der den Reichtum sammelt, hat keine Veranlassung, daran zu denken. Er hat wohl eine dunkle Ahnung davon, daß Menschen im allgemeinen vorhanden sein müssen, allein eine besondre Gruppe von Menschen, die er als die seinigen betrachten und für die er sorgen müßte, braucht er nicht. Er weiß es gar nicht, welche bestimmten einzelnen Menschen ihn durch ihre Arbeit reich machen, und Millionen arbeiten, ohne den zu kennen, den sie bereichern. Wenigstens gilt das von dem Vermögen, das durch Spekulation, durch Geldgeschäfte im großen, durch Aktienunternehmungen erworben wird. Der einzelne Fabrik- oder Grubenbesitzer allerdings hat eine wenigstens der Zahl nach begrenzte Gruppe bestimmter Arbeiter. Allein zu einem persönlichen Verhältnis und zur Interessensolidarität kommt es auch hier meistens nicht, aus zwei Gründen. Erstens weil in vielen Fabriken die Arbeit so leicht – wenn auch keineswegs angenehm – und so leicht zu erlernen ist, daß ein beständiger Wechsel nichts schadet; und da die Reservearmee der arbeitsuchenden Arbeitlosen stets bereit steht, so wird jeder Abgang aus der Fabrik gewissermaßen durch Selbstfüllung sofort wieder ersetzt, wie das Wasser eines Beckens, dessen Zuflußrohr mehr Wasser hält, als das Abflußrohr. Wer Besitzer braucht also zwar eine bestimmte Anzahl von »Händen,« aber nicht die und die bestimmten Personen. Sodann, weil sich der Fabrikbesitzer, als ein vornehmer Mann, die Arbeiter meistens vom Leibe hält. Nur seine Beamten kommen mit ihnen persönlich in Berührung, und auch diese sind oft schon so vornehme Herren, daß der Verkehr streng amtlich bleibt. Ist doch die geistige Kluft, die heute zwischen einem Manne der höhern Klassen und einem gewöhnlichen Fabrikarbeiter liegt, viel größer, als sie zwischen einem mittelalterlichen Grafen und seinen hörigen Knechten war. Sich um das Wohl der Arbeiter zu kümmern, wenn nicht etwa der Staat oder eine Revolution drängt, hat der Brotherr um so weniger Veranlassung, als seine Arbeiter um so billiger und williger sind, je schlechter es der Arbeiterschaft im allgemeinen geht; an die Stelle der Interessenharmonie ist ein klaffender Gegensatz der Interessen getreten. Nur in solchen Industrien, die, wie die meisten Zweige des Maschinenbaues, körperlich kräftige, intelligente, vorgebildete und eingeübte Arbeiter erfordern, bildet sich eine Interessengemeinschaft. Hier liegt es im Interesse des Fabrikanten, sich die tüchtigen unter seinen Arbeitern und diese tüchtig zu erhalten, was sie nicht sein könnten, wenn sie elend wären. Hier entwickelt sich denn auch stets ein Verhältnis, das mit seinen Vorteilen und Nachteilen für die Arbeiter der Feudalität gleicht wie ein Ei dem andern. Ähnliches kommt auch in der Textilindustrie, wo die Natur des Betriebs weniger dazu drängt, desto häufiger vor, je mehr die teils rein menschlichem Wohlwollen teils politischen Berechnungen entspringenden Humanitätsbestrebungen der jüngsten Zeit an Kraft und Ausbreitung gewinnen. Aber im allgemeinen, wie gesagt, bleiben nicht allein die Prinzipale, sondern auch die Betriebsbeamten den Arbeitern fremd. Dabei tritt überall in der Industrie das Bestreben hervor, durch Verbesserung der Maschinerie die Zahl der Arbeiter zu vermindern. Einen Fall, der uns besonders merkwürdig erscheint, wollen wir erwähnen. Von den Arbeiterschutzvorschriften der Gewerbenovelle werden auch die Zuckerfabriken namentlich insofern betroffen, als bei den bisherigen Einrichtungen für die Reinlichkeit und für die Sittsamkeit der Arbeiterinnen sehr schlecht gesorgt war. Ein Mann nun, der in engen geschäftlichen Beziehungen zu den Zuckerfabriken eines größern Bezirks steht, sagte uns vor einiger Zeit, es falle den Herren gar nicht ein, sich durch Änderungen zu Gunsten der Frauen und Mädchen in Unkosten zu stürzen; sie würden sich Maschinen anschaffen, die die Arbeiterinnen ersetzten. Was aus diesen wird, nachdem sie die Arbeit verloren haben, darnach fragt natürlich kein Mensch im ganzen Reiche. Den Geldmännern vollends ist es ganz gleichgiltig, ob ein Land von glücklichen Menschen bewohnt ist oder zur Wüste wird. Das Menschengewimmel der Großstadt allerdings brauchen sie zu ihrem Vergnügen, aber ob der Wert ihrer Coupons von Deutschen, Asiaten oder Amerikanern verwirklicht wird, das kümmert sie nicht. Viele mögen im Leben noch gar nicht daran gedacht haben, daß dazu Menschen nötig sind; manchem mag erst bei dem portugiesischen, dem russischen und dem Baringkrach eine Ahnung des Zusammenhangs aufgegangen sein. Sogar die Landwirtschaft sucht die Menschen überflüssig zu machen, indem der Großgrundbesitzer einerseits mehr und mehr Maschinen anwendet, andrerseits nicht mehr für sich und seine Leute, sondern für den Markt, womöglich für den Auslandsmarkt produzirt. Die Naturalwirtschaft ist eine menschenfreundliche, die moderne Industrie und der Kapitalismus sind menschenfeindliche Wirtschaftsformen. Das zeigt sich aber nicht bloß bei der Erzeugung, sondern auch im Genuß der Güter. Als die Bevölkerung noch zu neun Zehnteln aus Bauern bestand, konnte nur ein kleiner Teil der Früchte zu Geld gemacht werden. Was der Herr an Naturalien von seinen Bauern empfing, mußte er selbst mit seinem Haus- und Hofgesinde und mit seinen Gästen aufzehren, und ab und zu, bei festlichen Gelegenheiten, halfen ihm dieselben Bauern dabei, die es gebracht hatten. Herr, Bauer und Gesinde genossen dieselben Nahrungsmittel: Fleisch von Schlachtvieh, Geflügel, Eier, Brot, Milch, Bier, in Weingegenden Wein, und nur das Wild, dazu in den nichtweinbauenden Gegenden der Wein, unterschieden den Herrentisch vom Gesindetisch. Bei Festen konnte nicht mit kostbaren Delikatessen und teuern Weinsorten geprunkt werden, die es gar nicht gab, sondern nur mit der Menge und Größe der Ochsen, Hammel, Wildschweine, Hirsche, die gebraten, mit der Menge und Größe der Wein- und Bierfässer, die angeschrotet wurden, und mit der Menge Volks, die zur Vertilgung dieser Lebensmittelmassen nötig war. Da strömte außer den Gefolgschaften der Gäste und den Bauern des Festgebers auch noch das fahrende Volk der Sänger, Musikanten, Gaukler und Bettler zusammen, und tage- oder gar wochenlang wurde auf Waldwiesen geschmaust und gezecht, gesungen, gefiedelt und gesprungen. Das mag nicht sehr moralisch, nicht sehr erhaben, mitunter vielleicht auch nicht einmal sehr ästhetisch gewesen sein, aber von einer sozialen Scheidewand war es das Gegenteil. Der mittelalterliche Große handelte nicht ganz nach dem Gebote Christi: Willst du ein Gastmahl geben, so lade nicht deine Freunde und Standesgenossen dazu ein, sondern die Bettler und Krüppel – aber, indem er unparteiisch beide Menschenrassen bedachte, wenigstens halb. Noch im vorigen Jahrhundert kamen selbst bei dem verrufnen Adel Frankreichs solche patriarchalisch-gemütliche Verhältnisse vor, wie sie der ältere Mirabeau beschreibt. Von einem Gute in der Normandie z. B. erzählt er: »Der Herr hat fünfundzwanzig bis dreißig kleine Halbpächter, mit denen er den Ertrag teilt. Er besucht sie fleißig, plaudert mit ihnen über Wirtschaftsangelegenheiten, beehrt die Hochzeiten und Kindtaufen mit seiner Gegenwart und trinkt mit den Gästen. Sonntags giebts ein Tänzchen im Schloßhofe, an dem sich die Damen des Schlosses beteiligen.« Dergleichen kommt heutzutage wohl nirgends mehr vor. Der Gutsbesitzer, der sich noch ein wenig als Grandseigneur alten Stils fühlt, der wohlwollende Fabrikant giebt bei Jubiläen oder andern dergleichen außerordentlichen Gelegenheiten seinen Leuten ein Fest, das er auf einige Minuten oder auf ein Stündchen mit seiner Gegenwart beehrt, aber seine Feste sind nicht mehr ihre, und ihre Feste sind nicht mehr die seinigen. Die Gemeinsamkeit hat der schärfsten Trennung Platz gemacht. Schon die Kost beider Gesellschaftsklassen ist so himmelweit verschieden, daß der Reiche keine Ahnung davon hat, wie Kartoffeln, mit amerikanischem Fett angemacht, Zichorienbrühe und Fusel, halb verfaultes Abfallfleisch schmecken, während sich wieder der Arme von dem Geschmack der Speisen keine Vorstellung machen kann, aus denen ein Diner oder Souper, das Gedeck zu vierzig Mark, besteht. Auch in dieser Beziehung paßt der Ausspruch Disraelis: zwei verschiedne Welten, die einander nicht kennen. In die Prachtgemächer gar, die der Festfeier des Reichen dienen, wird dem Armen kein Einblick gestattet, außer in Zeiten, wo sie nicht festlich aussehn, und wo er als Lohnarbeiter mit ihrer Herstellung oder Ausbesserung beschäftigt ist. Den reichen Prasser läßt Christus in die Hölle stürzen, weil Lazarus, der auf seiner Schwelle lag, und dem die Hunde die Schwäre leckten, die begehrten Brosamen nicht bekam, die vom Tische fielen. Wo käme der Lazarus von heute auch nur so weit, den Tisch des Reichen zu sehen! Man denke sich das Unmögliche, daß sich Lazarus an den Eingang des Speisesaales in einem Palais des Berliner Tiergartenviertels geschlichen, sich dort malerisch hingelagert hätte und von den Hunden die Schwäre lecken ließe! Der Polizeibeamte, in dessen Bereich dieses Unglück geschähe, würde in Ohnmacht fallen; ihm würde seine Karriere Zeitlebens verdorben. Der Lazarus von heute gehört in die Höhlen des Proletarierviertels, um die man sich nur kümmert, wenn Cholerafurcht die zarten Seelen der vornehmen Herren und Damen beunruhigt. Dann erhält Lazarus den gemessenen Befehl, sich eine reinlichere Wohnung oder überhaupt eine Wohnung zu verschaffen, bei Strafe von hundert Mark oder im Unvermögensfall zehn Tagen Gefängnis für jede Übertretung. Um die Schönheit der Landschaft nicht beeinträchtigen zu lassen und Raum für die Fuchsjagd zu gewinnen, haben die englischen Lords quadratmeilengroße Parks angelegt, in deren Umzäunung kein Armer seine Hütte bauen darf, und auch in unsern festländischen Großstädten bedeutet die Ausdehnung der vornehmen Stadtviertel eine immer unheimlichere Zusammendrängung der Armen in ihre Höllen. Also auch im Genuß ist die Solidarität zwischen Kapital und Arbeit zerrissen. Feiern die Vertreter der einen Klasse ein Fest, so genügt das Erscheinen eines Vertreters der andern, die Feststimmung zu verderben. Die besondre Art des Lebensgenusses und Prunks der Reichen nun verleiht der Industrie einen beständigen Antrieb, der eine förmliche Revolution oder eine Reihe von Revolutionen zur Folge hat. Das eigentliche Bedürfnis der Reichen wird mit einem so kleinen Teile ihres Einkommens gedeckt, daß Geld genug übrig bleibt zur Befriedigung jeder Laune. Legion ist die Zahl der Geräte, Zieraten, Behänge, Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten, die zur Ausstattung eines vornehmen Hauses gehören. Die unerschöpfliche Kaufkraft des Besitzers bringt es mit sich, daß er sich mit der einmaligen Ausstattung nicht begnügt, sondern zur Ausfüllung der Langenweile beständig wechselt. Am raschesten aber geht der Wechsel der Frauengewänder und des Frauenputzes vor sich. Sehen wir einmal nach, was dieser Aufwand des Kapitals für die Arbeit bedeutet! Eine Dame einer gewissen Rang- und Vermögensstufe wird heutzutage jährlich etwa zehn Kleider verbrauchen. Vor einigen hundert Jahren mag eine Frau derselben Stufe fünf Wechselkleider besessen haben, deren jedes zehn Jahre lang reichte. Jene verbraucht demnach in zehn Jahren zwanzigmal so viel Stoff, als diese verbraucht hat. Ihr Einkommen mag fünfmal so groß, der Kleiderstoff vielleicht viermal so billig sein. Dann haben beide Frauen denselben Aufwand gemacht, aber die Handwerker, die die Stoffe anfertigen, hatten im zweiten Falle viermal mehr; sie konnten sich zur Arbeit Zeit nehmen und dabei besser leben. Damit ist jedoch der Unterschied keineswegs erschöpft. In der frühern Zeit verwendeten neun Zehntel aller Menschen den größten Teil ihrer Arbeit auf die Erzeugung der Dinge, die sie selbst brauchten, und die zu allen Zeiten jeder am nötigsten braucht: Nahrung, Kleidung und Wohnung. Der Bauer bestellte den Acker, sein Weib besorgte die Kühe, spann, webte und nähte, und verfiel seine Hütte, so zog er mit seinen Söhnen in den Gemeindewald, holte sich ein paar Stämme herein und besserte den Schaden aus. In den heutigen Industriestaaten ist kaum ein Viertel der Menschen in der Lage, auch nur das geringste von dem, was sie brauchen, selbst herzustellen. Der Hungrige kann nicht Brot oder Fleisch erzeugen, wem es an Stiefeln fehlt, der hat kein eignes Kalb, ihm das Fell abzuziehen, der Obdachlose darf sich keine Hütte bauen; nicht einmal einen Fleck hat er, auf dem er sie bauen könnte. Ja, wenn er in einer warmen Sommernacht einen vier Quadratschuh großen Rasenfleck dazu benutzt, seine müden Glieder darauf zu strecken, begeht er eine »Strafthat.« Wenn er in Berlin, wo zur Zeit 40.000 Wohnungen leer stehen, deren keine er bezahlen kann, auf einem freien Platze aus zusammengebettelten Brettern eine Hütte bauen wollte, so würde er damit eine ganze Reihe von »Strafthaten« begehen. Gleich einem von Dantes Verdammten im Feuerregen muß er laufen, immer laufen, um nicht durch Verweilen an einem ihm nicht gehörigen Orte der Strafe zu verfallen. Für die Menschen ohne Grund- und andern Besitz, und diese machen heute die Mehrzahl aus, giebt es nur ein Mittel, sich das zum Leben erforderliche zu verschaffen, sie müssen es sich kaufen, vorher aber das Geld dazu mit einer Arbeit verdienen, die nicht zur Befriedigung ihrer eignen Bedürfnisse dient. Und weil zur Befriedigung der Bedürfnisse der Reichen ein sehr kleiner Teil der vorhandnen Arbeiter hinreicht, die Armen aber nicht genug Geld haben, alles Notwendige zu kaufen, demnach für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse bei weitem nicht so viel Arbeiter thätig sein können, als eigentlich sollten, so bietet einem großen Teile des Volks nur noch der Luxus der Reichen Gelegenheit zur Arbeit. Einiges von diesem Luxus gelangt ja nun auch in den Besitz des Mittelstandes, wenn es auch oft nur auf Borg genommen wird, und ein schäbiger Abraum davon verschönert sogar die Außenseite des höhern Proletarierdaseins. So sehen wir denn täglich neue Luxusindustrien hervorsprießen, denen sich noch zwei andre Gattungen völlig unnötiger Industrien beigesellen: nämlich solche, die schlechterdings keinen andern Zweck haben, als einen Fabrikanten zu bereichern, wie die Anfertigung einer angeblich neuen und daher patentirten Art von Hosenträgern oder von Bartsalbe oder von Schönheitsseife, und solche, die der Reklame aller übrigen zum Teil überflüssigen Fabrikate dienen, wie die Anfertigung von illustrirten Katalogen oder von üppigen Frauenbildern, die eine neue Cigarrensorte vorstellen sollen, oder von kokett einladenden und fingerzeigenden Mädchen- und Kinderfiguren in den Ecken der Schaufenster. Und weil die Kaufkraft der Reichen alle notwendigen Dinge, vor allem den Erdboden, in solchem Umfange mit Beschlag belegt, daß dem Armen nicht einmal eine Pesthöhle als Wohnstätte umsonst zur Verfügung steht, so ist er gezwungen, um jeden Preis Geld zu verdienen und seine Arbeitskraft in einer jener Luxusindustrien um einen Spottpreis zu verkaufen. Er muß zehn bis zwölf Stunden des Tags oder der Nacht arbeiten, nicht um für sich und die Seinen Nahrung, Kleidung und Wohnung zu schaffen, sondern um einen Plunder herzustellen, den fast niemand mehr umsonst mag; ob dann das Geld, das er damit verdient, dazu hinreicht, ihm zu verschaffen, was er braucht, darum kümmert sich niemand. Oder er muß Dinge, die an sich schön und wertvoll sind, und an denen er, wenn man ihm Zeit ließe und ihn ordentlich bezahlte, mit Lust und Liebe arbeiten würde, in solchen Massen herstellen, daß ihm die Arbeit zur Pein und er selber schwindsüchtig, blind und bucklig dabei wird. Wie der von Troia zurückkehrende Agamemnon in des Aischylos gleichnamigem Drama vom Wagen steigen will, bemerkt er, daß Klytaimnestra den Weg zum Palastthor mit Teppichen hat belegen lassen. Er will den Purpur nicht betreten: Wolle mir nicht zärteln weiberhaft, Noch nach Barbarengrußes Weise knechtisch mir Staubhingesunkne Huldigung entgegenblähn, Noch mache gar mit deinem Purpur meinen Weg Verhaßt; die Götter nur ist so zu ehren recht! Daß ich, ein Mensch, auf bunten Prachtgewanden soll Hinschreiten, mir ists Grund zu mehr als eitler Furcht. Aber das listige Weib setzt ihm so zu mit schmeichlerischen Bitten, daß er schließlich nachgiebt. Doch mag er den Purpur nicht anders als barfuß betreten: Wohlan, du willst es! Bindet mir die Sohle ab Zu diesem Gange, meines Fußes Dienerin, Daß mich nicht fernher eines Gottes neidscher Blick, Wenn ich in ihr auf Purpur trete, treffe; denn Ich habe Scheu, Vergeuder reichen Guts zu sein, Dies Prachtgeweb zertretend, silberschwer erkauft. Von dieser natürlichen und gesunden Auffassung des Altertums ist in diesem wie in andern Stücken bei uns keine Spur mehr vorhanden. Kein vornehmer Mann scheut sich mehr, Prachtgewebe zu zertreten, keine vornehme Dame fürchtet den Neid der Götter und den Haß der Menschen – vor dem letzten schützen ja die Kanonen –, wenn sie kostbare Spitzen, Seidenstoffe, Handschuhe verwüstet, worein überwachte, kranke, darbende Arbeiterinnen ihre Thränen gewebt, genäht und gestickt haben. Keinem Herrn und keiner Dame fällt es ein, wie viel Elend aus der Welt geschafft und wie viel Glück damit gestiftet werden könnte, wenn die reichen Leute nur die Hälfte dieser Stoffe verbrauchten und dafür den doppelten Preis zahlten. So kommt es, daß der Arme nicht arbeiten kann und darf, um sich das Brot und Fleisch, das er braucht, das Hemd und die Stiefel und die Wohnung, die ihm fehlen, zu schaffen, sondern daß er arbeiten muß, um Zucker für England, Spiritus für Spanien, Spitzen und Teppiche für vornehme Herrschaften herzustellen, daneben auch Spielereien für jedermann in solchem Überfluß, daß sie niemand mehr mag, vor allem Wohnungen für gehoffte, aber in Wirklichkeit gar nicht vorhandne Mieter. Das ist der Widersinn, den der Reichtum mit seiner Mutter, der Industrie zeugt, von der einen Seite. Er hat aber noch andre Seiten, von denen wir wenigstens eine hervorheben wollen. Es wurde schon erwähnt, daß zwischen Reichen und Armen keine Gemeinschaft des Genusses mehr vorkomme. Das gilt jedoch nur im allgemeinen; in einzelnen Fällen finden sich Reich und Arm schon noch im Genuß zusammen. So z. B. vergnügen sich reiche Herren nicht selten mit – armen Mädchen. Aber, das ist das merkwürdige, diese Mädchen dürfen nicht die Arbeiterinnen des Herrn sein, oder wenn sie es ausnahmsweise einmal sind, so werden sie nicht in ihrer Eigenschaft als seine Arbeiterinnen zum gemeinsamen Genuß zugelassen. Kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, ein Hamburger Kaufmann habe einer Berliner Kellnerin 15 000 Mark geschickt, »als Anerkennung für aufmerksame Bedienung.« Diesmal soll es sich um ein anständiges Mädchen und wirklich bloß um aufmerksame Bedienung gehandelt haben. In andern Fällen, die nicht in die Zeitung zu kommen pflegen, handelt es sich um etwas andres; und abgesehn von solchen Geschenken, werden Unsummen mit solchen Mädchen verpraßt, Summen, von denen noch dazu der größte Teil jenen Blutsaugern in den Rachen fällt, die als Wirte anrüchiger Lokale mit doppelter und dreifacher Kreide rechnen. Nichts hindert einen reichen Mann oder seinen flotten Sohn, in einem Jahre solchen Schmarotzern 100 000 Mark in den Rachen zu werfen. Dagegen würde es mit Schwierigkeiten verbunden sein, wenn er als Fabrikant seinen 500 Fabrikarbeiterinnen jeder 200 Mark jährlich zulegen wollte. Seine Kollegen würden das für höchst unkollegialisch erklären und alle modernen Kunstgriffe der Konkurrenz aufbieten, ihn zu vernichten. Wie viel besser wäre es, die unstandesgemäßen Personen, mit denen er sich in den Blumensälen, bei Ronacher oder sonstwo vergnügt, waren seine persönlichen Sklavinnen, dann hätte er wenigstens die Verpflichtung, sie lebenslänglich zu ernähren! Zum Schluß dürfen wir noch einen andern Unterschied des heutigen Reichtums von dem mittelalterlichen nicht unerwähnt lassen. Der mittelalterliche Grundherr genoß seine Einkünfte nicht ohne Gegenleistung. Wir meinen damit nicht, daß seine Gutswirtschaft die Musterwirtschaft für die Bauern war, und daß nicht selten der Wirtschaftsbetrieb des ganzen Dorfes unter seiner Aufsicht stand, daß er also Betriebsleiter war; das sind ja die heutigen Reichen zum Teil – nur sehr zum Teil – ebenfalls. Sondern, daß er die Obrigkeit der Bauern war. Mit seinen Reisigen schützte er sie vor feindlichen Überfällen, und sein Vogt besorgte, unter Beiziehung der Bauern, die Rechtspflege. Verwaltung und Regierung kosteten den gemeinen Mann nichts; die Kosten waren in dem enthalten, was er dem gnädigen Herrn leistete. Der heutige Reichtum verpflichtet zu keinen solchen Gegenleistungen. In einzelnen Fällen werden sie freiwillig gewährt, indem der reiche Mann Ehrenämter der Selbstverwaltung bekleidet oder – was mitunter ein Dienst von recht zweifelhaftem Wert ist – indem er im Parlamente sitzt oder für eine Partei agitirt. Aber sehr viele Reichen leisten fürs Gemeinwesen rein gar nichts. Jedenfalls wird der bei weitem größte Teil der Staatsverwaltung, ebenso wie die Landesverteidigung, von besonders dafür bestimmten Personen besorgt, deren Besoldung das Volk noch neben dem Reichtum der Reichen durch seine Arbeit aufbringen muß. Nun ist es ja vielleicht gerade kein Unglück, daß die Herren Rothschild, Bleichröder, Stumm, Fürst Pleß u. s. w. nicht unsre geborne, von Gott gesetzte Obrigkeit sind (obwohl schon ein starker monarchischer Wille dazu gehört, zu verhüten, daß die Staatsbeamten, deren allerhöchste für den Landtag in der dritten Klasse wählen, zu Werkzeugen der reichen Schlächtermeister der zweiten und der Magnaten und Finanzfürsten der ersten Klasse herabsinken), allein jedenfalls wird durch diesen Umstand der Wert des modernen Reichtums für Volk und Staat noch zweifelhafter oder, wie andre lieber sagen werden, sein Unwert noch unzweifelhafter. Sollte Professor Wolf unsre Ausführungen zufällig lesen, so würde er es sich vielleicht doch noch überlegen, ob er in den spätem Auflagen seines Buches den Satz stehen lassen soll: »Und wenn gleichzeitig die Spitze in die Höhe wächst, so verschlägt das nichts.« Siebentes Kapitel Sterblichkeit, Pauperismus, Arbeitslosigkeit, Verbrechen Sterblichkeit, Pauperismus, Arbeitslosigkeit – diese drei Schattenseiten des Lebens bieten den Sozialisten eine Fülle von Agitationsstoff dar, und es ist daher selbstverständlich, daß sich Wolf nach Kräften bemüht, sie unter den leuchtenden Farben seines optimistischen Kulturbildes verschwinden zu lassen. Leichtes Spiel hat er im ersten Punkte. Die Bevölkerung aller Staaten Europas mit Ausnahme Frankreichs, das in neuester Zeit fast stationär geworden ist, hat seit etwa 150 Jahren in einem weit stärkern Grade zugenommen, als im Altertum und namentlich als im Mittelalter; und diese stärkere Bevölkerungszunahme beruht teils auf einer Vermehrung der Geburten, teils auf Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters durch Verminderung der Sterblichkeit. Es versteht sich, daß diese beiden »Faktoren« in verschiednen Zeiten und Ländern ungleich groß sind, hie und da der eine sogar gänzlich verschwindet. Die Frage nun, ob diese stärkere Volksvermehrung als ein Beweis für zunehmende Volkswohlfahrt anzusehen sei, wollen wir nach unsrer eignen Einsicht beantworten, ohne für jeden einzelnen Punkt die Autoritäten anzuführen, die etwa früher schon dieselbe Meinung ausgesprochen haben. Bei einer der Parlamentsenquêten, die in England zur Begründung der Arbeiterschutzvorschläge angestellt wurden, machte ein Arzt die Bemerkung, aus der Abnahme der Sterblichkeit dürfe man keineswegs auf Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen schließen; die akuten Krankheiten eines kräftigen Geschlechts hätten eben den schleichenden, langsamer tötenden eines schwächlichen und ausgemergelten Platz gemacht. Wenn man sich erinnert, wie alt häufig schwächliche, immer kränkelnde Personen bei geordneter Lebensweise werden, und wie viele kräftige vollblütige Männer vom Schlage oder von Entzündungskrankheiten vorzeitig weggerafft werden oder bei halsbrechenden Wagnissen umkommen, so wird man sich nicht darüber wundern, daß im Mittelalter, wo Unmäßigkeit im Essen und Trinken allgemein war, und noch dazu das Blut durch eine unvernünftige Menge von Gewürzen erhitzt wurde, und wo bei dem gänzlichen Mangel an Komfort und bequemen Verkehrsmitteln die Mehrzahl der Männer wenigstens zeitweise auf gefahrvollen Reisen, Pilgerschaften und Kriegszügen begriffen war, daß da die Menschen durchschnittlich jünger starben, als ein schlesischer oder sächsischer Leineweber, der nicht aus seiner Bude herauskommt, und dessen Organismus sich den kärglichsten Existenzbedingungen angepaßt hat. In dieser Anpassung vorzugsweise liegt das Geheimnis der überraschend langen Lebensdauer vieler Proletarier. Das gilt sowohl von der Ernährung wie von der Luft und den übrigen Daseinsbedingungen. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, gleich der Ratte ohne Sonnenlicht zu leben und Kloakenduft zu atmen. Wenn aber große Arbeitermassen in kloakenähnliche Räume eingesperrt werden, so bleiben schließlich eine Anzahl übrig, die die neue Spezies homo cloacinus fortpflanzen. Man hat in jüngster Zeit öfter davon gesprochen, daß die Weber das Hungern als Kunst betrieben. Allein über diese Stufe sind sie längst hinaus: ihnen ist spärliche Ernährung bereits zur andern Natur geworden. Wolf selbst führt als klassischen Zeugen dieser Thatsache Rechenberg an, der 1870 eine Abhandlung über »die Ernährung der Handweber in der Amtshauptmannschaft Zittau« geschrieben hat. Darin heißt es: »Die Männer sind schwächlich, zuweilen so sehr [ob nicht »meistens« oder »ganz allgemein« richtiger wäre als »zuweilen?«], daß sie zu einer mehr Muskelkraft erfordernden Arbeit, z. B. zu Tagelöhnerarbeit auf dem Felde nicht fähig sind. Immerhin reichen die Kräfte des Webers zu seiner im Sommer dreizehn- bis fünfzehnstündigen, im Winter vierzehn- bis sechzehnstündigen Arbeit aus; die kinderlose Familie verdient durch solche Arbeit im Jahre 397 Mark.« Seitdem, bemerkt Wolf dazu, allerdings weniger, infolge der Webernot. Daß die Leute bei dieser Einnahme überhaupt noch leben können, verdanken sie der Umsicht, mit der sie »in Übereinstimmung mit den Regeln der Wissenschaft« aus den billigsten Nahrungsmitteln ihre Kost so zusammensetzen, daß der Körper genau das zur Erhaltung des Lebens notwendige erhält, freilich auch nicht ein Quentchen darüber. Dabei wird noch zu beachten sein, daß diese Leute wahrscheinlich ihre eignen ererbten Häuschen bewohnen, also weder Geld auf teure Mietwohnungen brauchen, noch in arbeitsloser Zeit auf das Straßenpflaster geworfen werden können. Wolf scheint diese Erfindung oder Entdeckung der billigsten Lebensweise für ein Glück anzusehen. Er schließt die Anmerkung, in der er sie mitteilt, mit dem Satze: »Was aber jene Beschränkung auf sogenannte Kartoffel-, tatsächlich Kartoffel- und Mehlkost wirtschaftlich bedeuten will, geht aus folgenden Daten deutlich hervor.« Und nun folgt eine Tabelle, aus der man ersieht, daß ein Stück Rindfleisch zwanzigmal (Rindslende fünfunddreißigmal) so teuer ist als eine Kartoffelmasse von demselben Nährwert. In England haben Männer wie Adam Smith, Buckle, John Stuart Mill klar erkannt, daß ein Volk verloren ist, wenn es sich, gleich den Irländern und Indern, unter fortdauerndem Druck dazu bequemt hat, von den denkbar billigsten Nahrungsmitteln zu leben. Ein solches Volk verliert seine Energie, büßt jede Möglichkeit ein, seine Lage zu verbessern, und in einer wirtschaftlichen Krisis findet es keine tiefere Stufe der Lebenshaltung mehr unter sich, auf die es Vorübergehend hinabsteigen könnte: es muß verhungern. Drum ist es eine höchst bedenkliche Erscheinung, wenn man Mais und Lupinen als Volksnahrungsmittel empfiehlt, wenn die Pferdeschlächtereien zahlreich und sogar schon Hundeschlächtereien errichtet werden. Die Pest auf eine mit der Nahrungsmittelchemie verbündete Nationalökonomie, die uns lehren will, wie wir mit 400 Mark Familieneinkommen anständig leben können! Mögen diese Weber immerhin zufrieden, mögen sie sehr achtungswerte Staatsbürger und fromme Christen sein! Der ist des deutschen Volkes grimmigster Feind, der ihm eine Entwicklungsbahn empfiehlt, auf der es ein Volk von Schwächlingen werden soll, das weder den Pflug, noch den Schmiedehammer, noch die Muskete, noch das Schwert des Geistes zu führen vermöchte und nur eben noch dazu taugen würde, einem Nachbarvolke als Fabriksklaven zu dienen! Wäre ein mittelalterlicher Mensch auf einen heutigen Weberwochenlohn heruntergebracht worden, so würde er ihn am Sonntage aufgezehrt haben und dann vor Ablauf der Woche verhungert sein. Die Leute lebten damals für gewöhnlich in Fülle, nach einer Mißernte aber starben die Ärmern den Hungertod sans phrase . Heute sterben die Menschen, wie Rogers sagt, zollweise, nach und nach Hungers. Eine Hauptursache der hohen Sterblichkeit im Mittelalter haben wir schon erwähnt: die unglaubliche Unsauberkeit bei dem gänzlichen Fehlen irgendwelcher Gesundheits- und Reinlichkeitspolizei. Was das bedeutet, hat uns letzten Sommer Hamburg gelehrt. Nach den amtlichen Berichten kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Elbe, die bei so niedrigem Wasserstande die ihr zugeführten Abfall- und Auswurfstoffe nicht fortzuschwemmen vermochte, der eigentliche Seuchenherd gewesen ist. Sie hat, wie Augen- und Nasenzeugen berichten, bis oberhalb der Schöpfstelle der Wasserwerke »geblüht« und gestunken, und das Gift ist nicht allein durch die Luft, sondern auch durch das Trinkwasser verbreitet worden, selbstverständlich zunächst durch die zunächst gelegnen Stadtteile, und da das die ärmsten sind, wo die Wohnungen am ungesundesten sind und die Widerstandskraft der Bewohner gegen Ansteckung am schwächsten ist, so ergab sich das übrige von selbst. Der Bazillus und die deutsche Wissenschaft in Ehren – allein es trifft sich immer so, daß unter gesundheitswidrigen Verhältnissen Seuchen entstehen, auch wenn gar keine Bazilleneinfuhr nachgewiesen werden kann, daß dagegen solchen Menschen, die unter günstigen Verhältnissen leben, alle Bazillen Bengalens nichts anhaben können, mögen sie auch zu wissenschaftlichen Zwecken kübelweise eingeführt werden. Bedenkt man nun, daß es in allen mittelalterlichen Städten jahraus jahrein ungefähr so duftete wie in den Hamburger Proletariervierteln diesen Sommer, so wird man sich nicht wundern, zu vernehmen, daß in ihnen die Zahl der Sterbefälle regelmäßig größer war als die der Geburten, und daß sich ihre Bevölkerung nur durch steten Zufluß vom Lande erhalten und vermehren konnte. Auf dem Lande schadet die Unreinlichkeit weniger, weil die giftigen Stoffe mehr Platz haben, sich durch Ausbreitung zu verdünnen; ganz unschädlich ist sie natürlich auch dort nicht. Was endlich die Heilkunde anlangt, so war der mittelalterliche Arzt gewöhnlich ein Doktor Eisenbart, der die Leiden des Kranken zwar für den Augenblick vermehrte, sie aber dafür durch ein kräftiges Tränklein, einen forschen Schnitt oder einen reichlichen Aderlaß bedeutend abkürzte. Mit der Verminderung der Sterblichkeit ging vom sechzehnten Jahrhundert ab, hie und da allerdings durch verheerende Kriege zeitweilig unterbrochen, die Vermehrung der Geburten Hand in Hand. Ihre planmäßige Förderung gehörte mit zu jenem System der innern Politik, das unter dem Namen Merkantilsystem bekannt ist. Nicht mehr in dem Sinne, wie die auf Ackerbau gegründete Feudalwirtschaft, sondern vorzugsweise zu dem Zweck, Geld in den Staatsschatz zu schaffen, wurde die »Population« befördert. Wo, wie in Preußen, zugleich auch das Bedürfnis nach einem tüchtigen stehenden Heere bestand und die Industrie zu unentwickelt war, um viel Geld ins Land bringen zu können, traf diese Politik in ihrer wohlthätigen Wirkung auf den Bauernstand mit der alten Naturalwirtschaft zusammen. Man hieß alles willkommen, was Mensch war, mochte es im Inlande oder im Auslande, ehelich oder unehelich geboren sein. Am besten wird die Anschauung der damaligen Herrscher charakterisirt durch einen Ausspruch Friedrichs des Großen, den Ludwig Elster in seiner umfassenden Arbeit über das Bevölkerungswesen (Handbuch der Staatswissenschaften, Band 2, S. 474) anführt. Im Jahre 1741 schrieb der König an Voltaire: Je les (les hommes) regarde comme une horde de cerfs dans le pare d'un grand seigneur, et qui n'ont d'autre fonction que de peupler et remplir l'enclos . Da sich in neuerer Zeit der Zweck der Volksvermehrung unter der anständigern Fürsorge für die Volkssittlichkeit zu verbergen pflegt, so kann nicht mehr, wie im vorigen Jahrhundert, die uneheliche Vermehrung begünstigt werden. Gerade in dem mit der Industrie so innig verbundnen Pauperismus nun erwuchs jener Politik ein mächtiger Bundesgenosse. Bekanntlich pflegt die Kinderzahl der Familien im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Vermögen zu stehen. Die drei Hauptursachen dieser Erscheinung sind nicht schwer zu entdecken und längst und vielfach ausgesprochen worden. Erstens wird durch reichliche gute Kost und scharfe alkoholhaltige Getränke die Zeugungskraft geschwächt, die bekanntlich nicht ganz dasselbe ist wie die Fähigkeit zur Befriedigung des Geschlechtstriebes. Was die starken Getränke anlangt, so nehmen viele reiche Leute, die durchaus nicht für unmäßig gelten, davon mehr zu sich, als schnapstrinkende Proletarier. Ein Mensch, der nur eine Mehlsuppe im Magen hat, torkelt schon von einem Gläschen Branntwein; ein starker wohlgenährter Herr kann bei einem Diner bequem zwei Liter kräftigen Wein trinken, ohne etwas im Kopfe zu spüren. Auch anhaltende geistige Beschäftigung, also einseitige Entwicklung des Gehirns, ist der Entwicklung des Zeugungssystems meistens nicht günstig. Zweitens heiraten die Proletarier in der Zeit, wo der Zeugungstrieb am stärksten ist, zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Jahre, und zwar näher dem zwanzigsten als dem dreißigsten, die Männer der höhern Stände dagegen erst, wenn die von der Natur für diesen Zweck bestimmte Blütezeit vorüber ist, nach dem dreißigsten Jahre. Endlich sind die Proletarier im großen und ganzen noch nicht auf den Gedanken verfallen, die Kinderzahl absichtlich zu beschränken. Wie weit diese Absicht Mitursache der durchschnittlich geringern Kinderzahl der Besitzenden ist, läßt sich natürlich nicht ermitteln. Thatsache ist, daß sie auch außerhalb Frankreichs vorkommt, und daß sogar schon viele deutsche Bauern die schmutzigen Künste der Franzosen erlernt haben. Nachträglich habe ich Hans Ferdys Schrift: »Die Mittel zur Verhütung der Conception« gelesen. Darin heißt es S. 7: »Die Zahl der deutschen Ärzte, welche Ehefrauen den regelmäßigen Gebrauch anticonceptioneller Mittel verordnen, zählt bereits nach Tausenden.« In England und Holland bestehen »gemeinnützige« Gesellschaften, die den Frauen des Volkes in dieser neuen ekelhaften Wissenschaft planmäßigen Unterricht erteilen lassen. Wäre der Prozeß gegen den Breslauer Arzt Schwand und seine dreißig Mitangeklagten nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt worden, so könnte man aus dieser Stichprobe Schlüsse ziehen erstens auf die Häufigkeit der procuratio abortus , zweitens auf die Häufigkeit der Fälle, wo nicht bloß niedere sondern auch höhere Dienstboten, wie Gouvernanten, von ihren Brotherren oder deren Söhnen geschwängert werden. Unter den Proletariern also, nur darauf kommt es uns hier an, herrscht das Gegenteil dieser »Vorsicht,« daher bedeutet jede Vermehrung des Proletariats und die entsprechende Verminderung des Standes der Besitzenden zugleich eine Verstärkung der Tendenz zur Volksvermehrung. Zwar wird der proletarische Zuwachs durch die ungeheure Kindersterblichkeit der untern Klassen einigermaßen gehemmt, aber der Überschuß bleibt trotzdem bedeutend. Schon in diesem Sinne hat Engels Recht, wenn er meint, ohne die Maschinen, die ja die Entstehung oder wenigstens Vermehrung des englischen Proletariats so sehr begünstigt haben, würde dieses in so großen Massen gar nicht vorhanden sein. Dazu kommt dann noch, daß erst die heutige Verkehrstechnik die Ernährung ungeheurer zusammengehäufter Menschenmassen möglich gemacht hat. Daraus, daß sie möglich ist, folgt natürlich nicht, daß sie auch gut sein müsse. Unter Pauperismus soll hier nur die Erscheinung verstanden werden, daß eine unverhältnismäßig große Anzahl von Menschen von Almosen lebt. Wolf kann sich nun darauf berufen, daß in England und Wales die Zahl der Paupers, d. h. der Personen, deren Unterstützungsbedürfnis amtlich anerkannt ist, in den Jahren 1855 bis 1889 von 4,7 auf 2,8 Prozent der Bevölkerung zurückgegangen ist. Zum Teil mag diese Besserung auf Rechnung der bei andrer Gelegenheit beschriebnen Vermehrung des Volkswohlstandes in den fünfziger und sechziger Jahren kommen. Der Hauptgrund aber ist die barbarische und schimpfliche Behandlung der Unglücklichen in den Armenhäusern, in die sie gesperrt werden, und durch die sich die Obrigkeit ihre Aufgabe ungemein erleichtert. Wer noch einen Funken von Ehr- und Freiheitsgefühl im Leibe hat, der kommt lieber hilflos auf einem Kehrichthaufen um oder stürzt sich in die Themse, als daß er ins Armenhaus ginge. Das am 26. Januar veröffentlichte Blaubuch des Ministeriums des Innern giebt für 1891 die Zahl der Todesfälle durch Verhungern in London auf dreißig an. Fälle, wo bei konstatirtem Nahrungsmangel der Tod schließlich durch eine andre Ursache herbeigeführt oder beschleunigt wurde, sind in dieser Zahl nicht einbegriffen. Sollte es überhaupt möglich sein, in der Fünfmillionenstadt bei allen Proletariertodesfällen die Ursache festzustellen? Als dem Papste Gregor I. einmal gemeldet wurde, es sei ein Mensch in Rom Hungers gestorben, schloß er sich vor Scham und Schmerz ein, wollte sich nicht mehr sehen lassen, und ließ sich erst am dritten Tage bewegen, wieder unter die Leute zu gehen. Welches Glück, daß an die Stelle christlicher Milde wieder die antike Härte getreten und das Herz unsrer zartfelligen Herren und Damen mit Nilpferdhaut überzogen ist! Was würde aus den Staatsgeschäften und Hofbällen werden, wenn sie ein so dummes Gewissen hätten wie Gregor der Große! Im Arbeitshause werden Mann und Weib, Eltern und Kinder von einander getrennt, die empörendsten Mißhandlungen sind an der Tagesordnung, und die »Arbeit« an der Tretmühle regt selbst in dem Stumpfsinnigsten noch einen Rest von Widerstand auf, weil sie gar keine Arbeit ist, sondern nur eine Muskelanstrengung zu dem einzigen Zweck, den Armen zu quälen. Wie raffinirt die dem Götzen Mammon dienende englische Obrigkeit den Unglücklichen das Leben zu einer Hülle zu machen, alles, was der Natur widerstrebt, auf sie zu Haufen, alles, was sie begehrt, ihnen zu rauben versteht, mag man aus dem Umstande schließen, daß im Arbeitshause zu Herne, das in einer der schönsten Gegenden Kents liegt, alle Fenster in den Hof gehen, sodaß keiner der Insassen von Gottes schöner Natur etwas zu sehen bekommt. Der Berichterstatter, der das, nach Engels, in einer illustrirten Zeitschrift erzählt, bemerkt dazu: »Wenn Gott den Menschen für Verbrechen so bestraft, wie der Mensch den Menschen für die Armut straft, dann wehe den Söhnen Adams!« Döllinger handelt in dem von uns öfter erwähnten Buche auch von der englischen Armenpflege und sagt u. a.: »Hier wird mit einem Aufwande von sechs Millionen Pfund soviel erreicht, daß die Armen lieber in den härtesten Entbehrungen und im greulichsten Schmutze leben, als daß sie das Armenhaus aufsuchen.« Wolf bringt, ohne die frühere Behandlung der Insassen der Armenhäuser zu schildern, einige Zeugnisse bei, nach denen sich die Behandlung in neuerer Zeit gebessert haben soll. Vielleicht sind die Behörden gegen die körperlichen Mißhandlungen eingeschritten, aber das Entehrende der Einrichtungen ist geblieben, wie man aus den Angaben eines Buches über die sozialen Zustände Londons ersieht, das ein Namensvetter des Generals der Heilsarmee, der Statistiker Booth, voriges Jahr herausgegeben hat. Es ist nur natürlich, daß das Widerstreben gegen solche Behandlung in dem Maße zunimmt, als die englische Arbeiterschaft durch Schulbildung, Agitation, Organisation und Teilnahme am öffentlichen Leben das Bewußtsein ihrer Menschenwürde wiedergewinnt. Zudem haben die seit vierzig Jahren blühenden Gewerkvereine und Genossenschaften den organisirten Teil der Arbeiter der Gefahr überhoben, bei vorübergehender Arbeitslosigkeit oder dauernder Arbeitsunfähigkeit der Armenpflege zu verfallen. Der »Reservearmee der Arbeitslosen,« die in der Beweisführung wie in der Agitation der Sozialdemokraten eine so bedeutende Rolle spielt, bestreitet Wolf einfach das Dasein. Er sucht statistisch nachzuweisen, daß, was in einigen Berufszweigen an Arbeitsgelegenheit verloren geht, durch das Aufblühen neuer Berufszweige reichlich ersetzt werde; er meist auf die Vagabundenheere früherer Zeiten hin, mit denen verglichen die heutigen unbedeutend seien; er meint, solches Gesindel, wie es in den Großstädten zu allen Zeiten zusammenströme, spiele in der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage eines Volks keine Rolle, und er schreibt schließlich: »Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei wiederholt, daß wir gegen die Thatsache des Pauperismus und zeitweiliger Arbeitslosigkeit vieler sowie dauernder Arbeitslosigkeit einer gewissen Zahl nichts weniger als blind sind. Was wir leugnen, nicht sehen können, ist bloß das, daß jene Gesellen, die arbeitsuchend von Herberge zu Herberge ziehen, diese »armen Reisenden, die elementare Kraft bedeuten sollen, die über Sein oder Nichtsein, und zwar im Sinne dieses letztern, entscheidet, unsre Gesellschaft aus den Angeln hebt.« Nicht das Vagabundentum wird unsre Gesellschaft aus den Angeln heben, sondern die Not wird es thun, von der die wachsende Zahl der Arbeitslosen ein Symptom ist. Wenn Wolf deutsche Zeitungen liest, so wird er mittlerweile erfahren haben, daß außer jenen »armen Reisenden« doch auch noch andre Leute in Betracht kommen. So z. B. die mehr als 8.000 Kandidaten des höhern Lehramts und die 1.827 Assessoren (nebst 2 973 Referendaren), die in Preußen der Anstellung harren, die studirten Proletarier, die bereits auf Anstellung verzichtet haben und sich als Zeitungsreporter oder sonstwie durchzuschlagen suchen, die »jungen Gelehrten aus guter Familie,« die sich »studienhalber« in Berlin aufhalten und eine Hauslehrerstelle »gegen Mittag- und Abendessen« suchen. Er wird außerdem von den Notstandsarbeiten gelesen haben, die manche Städte, wie Lübeck und Halle, unternehmen, nur um der drohenden Arbeitslosigkeit vorzubeugen. Daß es nicht bloß arbeitsscheues Gesindel ist, das von Herberge zu Herberge »walzt,« kann er u. a. aus dem Bericht über den 21. Bundestag der deutschen Barbierinnungen ersehen, wo mitgeteilt wird, daß 5616 Barbiergehilfen keine Stelle erhalten können. Man denke sich die entsprechenden Zahlen in den übrigen Gewerben zusammengezählt! Seitdem dies geschrieben ist, haben wir die holländischen Arbeiterunruhen, die Versammlungen der Arbeitslosen in England und Deutschland und die Notstandsdebatte im deutschen Reichstage erlebt. Nur eine Ziffer wollen wir anführen. Zu den wenigen Ortsobrigkeiten, die sich der Pflicht, für ihre Arbeitslosen zu sorgen, nicht entzogen haben, gehört die des Berliner Vororts Rixdorf. Der dortige Gemeindevorstand hat Umfrage gehalten und 2500 arbeitslose Ortseinwohner ermittelt. Er wird vielleicht den Aufruf des Landesverbands der sächsischen Naturalverpflegungsstationen vom vorigen Sommer gelesen haben, der zur Gründung weitrer solcher Stationen mahnt unter dem Hinweis darauf, daß »Nachrichten aus allen Teilen Deutschlands ein stetiges Anwachsen der Zahlen wandernder erwerbsloser Arbeiter melden.« Selbstverständlich bezeugt dieser Aufruf wie alle solche Kundgebungen zwar inniges Mitleid mit dem unter der Vagabundenplage leidenden armen Publikum, aber nicht mit dem »Strolche.« Daß diese Strolche Menschen sind, daß ihr Schicksal das schrecklichste ist, das man sich denken kann, daß also sie es vor allem sind, die Mitleid verdienen, daran denkt ja eine »gut bürgerliche Gesellschaft« von heute nicht mehr. In Wirklichkeit giebt es in alten und mittlern Zeiten nichts, was sich dem Elend der heutigen »Strolche,« die mindestens zur Hälfte im Anfang ihrer Wanderschaft ganz ehrliche arbeitsuchende Handwerksburschen gewesen sind, vergleichen ließe. Die beiden Übel, die zu allen Zeiten als die größten nach der Schuld gegolten haben: Hunger und Obdachlosigkeit, und die in frühern Zeiten den Betroffnen zu einem Gegenstande des Mitleids und der Ehrfurcht machten – dem Zeus gehörte im Altertum der mittellose Fremdling, und Christum sah das Mittelalter nach Matth. 25, 35 im Bettler –, diese beiden größten Übel zu Verbrechen zu stempeln, den ihnen Verfallnen als Auswurf der Menschheit, als Ungeziefer zu behandeln und ihn gleich einem wilden Tiere zu hetzen, sodaß er hungrig, halb erfroren und mit wundgelaufnen Füßen auch noch das verkörperte böse Gewissen sein muß, das vor jedem Stück grünen, blauen und roten Tuches erschrickt und jedem gut gekleideten Menschen scheu aus dem Wege geht, dieser Kulturfortschritt ist unsrer humanen Zeit vorbehalten geblieben. Vor fünfzig Jahren war der »arme Reisende« noch nicht zum Ungeziefer herabgewürdigt. Die vornehmen Leute hielten sich ihn wohl auch damals schon vom Leibe, aber der biedere Handwerker, der Kleinbürger hielt sein Näpfchen mit Pfennigen für ihn bereit, die Bauersfrau schnitt ihm einen Ranft Brot ab, und ein freundliches »Gsegns Gott« und »Vergelts Gott« begleitete Spendung und Annahme der Gabe. Diesem schrecklichen Schicksal können sich nur solche Wanderburschen entziehen, die entschlossen mit der Gesellschaft, die sie verstoßen hat, brechen, ihr offen den Krieg erklären und in die Armee der großstädtischen Verbrecher einspringen. Hier können sie, wenn ihnen das Glück günstig ist, und wenn sie Frechheit mit Geschick verbinden, einige Jahre ein vom Bestienstandpunkte aus genußreiches Leben führen, und fallen sie schließlich der Obrigkeit in die Hände, so leben sie im Zuchthause immer noch angenehmer, als »auf der Walze,« im Asyl, in der Arbeiterkolonie, im Korrektionshause. Indem die bürgerliche Gesellschaft das lustige Vagantenleben des Mittelalters, das in dem Räuberleben einiger südlichen Länder noch einige Spätlinge treibt, vollständig zerstörte und das Los des Beschäftigungslosen so schrecklich machte, hat sie es ja wirklich erreicht, daß mit verschwindenden Ausnahmen jeder Mittellose jede Arbeit, die er nur irgend zu leisten vermag, unter jeder Bedingung übernimmt, die man ihm stellt. Diesem Umstande allein verdanken alle jene Industrien ihr Dasein, die entweder nur durch überlange Arbeitszeiten bestehen können, oder die eine ganz außerordentlich widerwärtige Beschäftigung, zum Teil in unerträglicher Temperatur, erfordern, und von denen manche, wie die Fabrikation der Anilinfarben, den Arbeiter binnen wenigen Jahren so gründlich vergiften, daß er zeitlebens siech bleibt. Die Sache steht also derart, daß wir mindestens zehnmal so viel Arbeitslose in Deutschland haben würden, als wir haben, wenn im deutschen Volke der germanische Geist jener alten Römerbezwinger noch lebendig wäre, die sich eher an den Mauern eines Gefängnisses den Kopf eingerannt, als in ein solches Joch gefügt haben würden. Die Ziffern der sächsischen Statistik, mit denen Wolf zeigt, wie herrlich der Industriefortschritt für das Unterkommen der steigenden Bevölkerung sorge, beweisen das aufs schönste. Die Zahl der in dem gesündesten aller Gewerbe, im landwirtschaftlichen, beschäftigten Personen nimmt ab, während die chemischen, die polygraphischen, die Papierindustrien und ähnliche immer größere Mengen von Arbeitern aufnehmen. Um den starken Zuwachs der Arbeiter »in künstlerischen Betrieben für gewerbliche Zwecke« (von 1849 bis 1875 über 400 Prozent) erfreulich zu finden, müßte man erst genauer wissen, was alles unter dieser Bezeichnung zusammengefaßt wird. Erfreulich ist in dieser Zusammenstellung, die wir nicht vollständig mitteilen können, nur das Wachstum der Verkehrsgewerbe, der Metallverarbeitung und der Baugewerbe. Das starke Wachstum der Veranstaltungen »für Beherbergung und Erquickung« erinnert uns daran, wie viel tausend Menschen, zum Teil starke gesunde Männer, dem Schicksal, zu den Beruflosen gerechnet zu werden, dadurch entgehen, daß sie ein »Geschäft« betreiben, das keine Arbeit ist: als überzählige Kneipwirte, als Krämer, Hausirer, Drehorgelspieler, Plakatausträger, Winkeladvokaten, Faktotums und sonstige Schmarotzer. Was die Erfolge der sehr löblichen Vereine und Anstalten, die sich um den Arbeitsnachweis bemühen, unter Umständen wert sind, dafür hat der Berliner Zentralverein für Arbeitsnachweis in seiner Oktoberübersicht ein lehrreiches Beispiel gegeben. Er rühmt sich, in den ersten drei Vierteljahren des laufenden Geschäftsjahres ausgezeichnete Erfolge gehabt zu haben, was um so erfreulicher sei, als bekanntlich (dieses »bekanntlich« mögen sich die Schönfärber zu Herzen nehmen) der Arbeitsmarkt sehr darniederliege. Das »sehr günstige« Ergebnis besteht nun darin, daß von 9000 arbeitslosen Personen 6000 untergebracht wurden. Wo und wie? erfährt man aus dem Vorwärts, dessen Kritik unangefochten geblieben ist. So z. B. wurden einige hundert zu einem Bahnbau nach Mecklenburg geschickt. Davon befanden sich acht Tage später drei Viertel wieder auf der Fußwanderung nach Berlin, und die Mecklenburger spotteten oder räsonnirten darüber, daß man ihnen Goldarbeiter, Uhrmacher und Advokatenschreiber geschickt habe, die sich freilich nicht zum Erdekarren eigneten. Daß es thatsächlich unmöglich ist, allen Arbeitsuchenden Arbeit zu verschaffen, beweisen die Arbeiterkolonien. Diese von den Behörden unterstützten und geförderten Anstalten verfügen natürlich über ganz andre Mittel, das Angebot der Nachfrage anzupassen, sich Aufträge zu verschaffen und ihre Erzeugnisse zu verwerten, als der einzelne arme Arbeiter. Wenn nun auch die Pfleglinge dieser Anstalten als heruntergekommne oder von Haus aus wenig taugliche Menschen nicht für voll genommen werden können, und man von ihnen nicht erwarten wird, daß sie genug verdienen werden, eine Familie zu ernähren, so sollte man doch meinen, sie müßten unter der eisernen Disziplin dieser Anstalten wenigstens ihren eignen Lebensunterhalt vollständig verdienen. Das ist aber nicht der Fall; diese Anstalten brauchen, so viel wir wissen, sämtlich Zuschüsse aus den Provinzialhilfskassen oder von Wohlthätern. Es ist also wenig Bedarf für die Erzeugnisse dieser Anstalten, und die darin angelegte Arbeit ernährt den Arbeiter nicht. Man hebt den Sozialdemokraten gegenüber immer den sittlichen Wert der Arbeit hervor, wir selbst haben es wiederholt gethan, und niemand kann diesen Wert höher schätzen, als wir es thun. Allein mit dem wirtschaftlichen Werte der Arbeit schwindet auch ihr sittlicher Wert; wer etwas schlechthin Überflüssiges thut – und in die beiden Klassen des Überflüssigen und des Schädlichen gehören die Arbeiten vieler modernen Industrien, die Scheinbeschäftigungen der Schmarotzer und solche sogenannte Notstandsarbeiten, die wirklich nur zu dem Zwecke ausgeführt werden, die Leute nicht unbeschäftigt zu lassen –, der hat nicht das Bewußtsein, eine sittliche Forderung zu erfüllen. Spielen ist noch sittlicher als solche »Arbeit,« weil es, mit Maß betrieben, dem vernünftigen Zwecke der Erholung dient. Der geniale Kunsthistoriker Ruskin, über dessen volkswirtschaftliche Ansichten Schulze-Gävernitz berichtet, sagt vollkommen richtig, die Güter hätten der Erhaltung des menschlichen Lebens nach seiner physischen, intellektuellen und ästhetischen Seite zu dienen, daher sei jede Hervorbringung unwirtschaftlich, die nicht das Leben nach einer dieser drei Seiten hin fördere. Die Hauptfrage sei daher nicht, wie viel Arbeit ein Volk leiste, sondern wie viel Leben es durch seine Arbeit möglich mache. Wenn aber Ruskin meint, wir Heutigen seien in der Wirtschaftlichkeit fortgeschritten, weil wir nicht mehr so viel Arbeit an Edelsteine und andern unnützen Schmuck verschwendeten wie unsre Vorfahren, dagegen weit mehr Arbeit auf die Beschaffung so notwendiger Dinge wie Luft, Licht und Reinlichkeit verwendeten, so hat er nur halb Recht. Wir verwenden, das ist wahr, weit mehr Arbeit auf Reinlichkeit, auch auf Luft und Licht – für die obern Klassen; ist doch, mit Hamerling zu reden, der Fortschritt in der Reinlichkeit der einzige unzweifelhaft wertvolle unter allen Kulturfortschritten. Aber wir haben auch vollauf genug Zeit und Arbeitskraft für diese Zwecke, und wir hätten Arbeitskraft genug, auch den Allerärmsten diese und andre wertvolle Güter zu spenden, wenn es nicht das Getriebe unsrer heutigen Wirtschaft geradezu verböte und die Verschwendung ungeheurer Massen von Arbeitskraft an Überflüssiges erzwänge, zum Teil nur um den Schein zu erzeugen, als sei Arbeitsgelegenheit genug vorhanden. Von dieser Scheinarbeit haben wir nur noch einen Schritt zur Tretmühle des englischen Arbeitshauses, nach dem schon so mancher »konservative« Strafrichter und Gefängnisinspektor hinüberschielt. Als ein Ereignis, das »allgemeine Heiterkeit« erregt habe, wurde neulich in vielen Blättern erzählt, wie in Moabit eine Frauensperson, die wegen Obdachlosigkeit angeklagt worden war, ob ihrer Freisprechung in ein Jammergeschrei ausgebrochen sei und mit aller Gewalt ins Gefängnis zurückgewollt habe. Wie viele Obdachlose im Herbst »Strafthaten« begehen – neuerdings sind Majestätsbeleidigungen beliebt –, nur um Unterkunft im Gefängnis zu bekommen, ist ja bekannt. Die berühmte »lex Heinze« schlägt für diesen Fall körperliche Züchtigung vor, um den Leuten die Sehnsucht nach dem Gefängnisse zu vertreiben. So gelangen wir allmählich zu der englischen Praxis, jedem Armen, der nicht unter jeder ihm zugemuteten Bedingung arbeitet, oder der schlechterdings keine Arbeit bekommt, das Leben zur Hölle zu machen und dadurch den Schein zu erwecken, als sei er ein Verbrecher, der sehr wohl arbeiten könnte, aber nur nicht wolle. Die statistischen Angaben, die zur Beleuchtung des Grades der Arbeitslosigkeit hie und da beigebracht werden, sind wertlos. Es giebt keine Statistik der Arbeitslosen, und obwohl man sich jetzt von verschiednen Seiten um eine solche bemüht, werden wir doch noch lange vergebens darauf warten. Denn sobald einmal offenkundig geworden ist, daß – sagen wir eine Million – Einwohner des Staates keine Gelegenheit mehr haben, sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verschaffen, erwächst daraus für den Staat die furchtbare Aufgabe, diese Schwierigkeit zu lösen. Davor fürchten sich aber alle Staatsmänner so sehr, daß sie den Thatsachen gegenüber Augen und Ohren verschließen und von einem statistischen Nachweise nichts wissen wollen. In England ist man in dieser Hinsicht nicht ganz so feig. Freilich drängen sich dort auch den Augen die Thatsachen mehr auf. An den Thoren der Docks sah es zur Zeit des großen Streiks noch genau so aus, wie es Engels vor fünfzig Jahren beschrieben hat: jeden Morgen harrten Tausende dort in banger Erwartung; beim Öffnen und schon vorher entwickelte sich der Kampf ums Dasein im buchstäblichen Sinne des Wortes und in seiner abschreckendsten Gestalt, jeder suchte sich nach vorn vorzudrängen; war die gerade erforderliche Menge abgezählt – natürlich waren nur die stärksten und rücksichtslosesten so glücklich, dranzukommen –, so hatten diese auf einige Stunden Arbeit und für diesen Tag Brot; die Thore aber wurden geschlossen, und die übrigen mußten traurig oder ingrimmig von dannen ziehn. Die erste Forderung der Dockarbeiter beim Streik war bekanntlich auf gleichmäßige Verteilung der Arbeit gerichtet. Aber da nun einmal das Angebot von Arbeit größer ist als die Nachfrage, so hat auch die Gewerkvereinsbildung die Schwierigkeit nicht zu lösen vermocht, und vor etwa anderthalb Jahren meinte daher die konservative Saturday Review , da es offenbar unmöglich sei, allen armen Bewohnern Londons Arbeit zu verschaffen, so solle man die Zahl der Arbeitslosen ermitteln und diesen Armengeld zahlen; das sei noch nicht so schlimm wie ewige Arbeiterunruhen. Auch die Abnahme der Verbrechen endlich pflegen Optimisten als einen schlagenden Beweis für das Wachstum des Wohlstands in den untern Schichten anzuführen; in England und Wales kamen nach Wolf 1855 nicht weniger als 79 überführte Verbrecher, 1889 nur 37 auf je 100000 Einwohner. Über diesen letzten Punkt können wir uns kurz fassen. Wie alle Welt weiß, hören die Konservativen nicht auf, über die zunehmende Kriminalität zu jammern, und um dem Übel zu steuern, empfehlen sie die Wiedereinführung der Prügelstrafe und andre Strafverschärfungen. Mit diesen Herren mögen sich die Bewundrer der heutigen Gesellschaftsordnung auseinandersetzen, und wenn ihre Verhandlungen die Sache ins Reine gebracht haben werden, können wir dann den Faden weiterspinnen. Für jetzt nur die Bemerkung, daß es unter allen Arten von Verbrechen nur eine einzige giebt, die als zuverlässiger Maßstab für die ab- und zunehmende Not der Armen verwendet werden kann: das sind die gewöhnlichen kleinen Diebstähle. Dieser Maßstab hat sich bis in die jüngste Zeit bewährt: wie in allen frühern Zeiten, so ist auch im Jahre 1891 die Zahl dieser Diebstahle mit den Kornpreisen gestiegen. Im allgemeinen ist die Kriminalstatistik zur Beurteilung des Volkswohlstandes wie der negativen Sittlichkeit schon deswegen unbrauchbar, weil die Zahl der Anklagen und Verurteilungen weit mehr von der Zahl und dem Eifer der Polizisten, von den Gesetzen, ihrer Interpretation und ihrer Anwendung als von der Beschaffenheit und den Zuständen des Volkes abhängt. Wir haben vor dreißig und vierzig Jahren aus eigner Anschauung blühende Dörfer gekannt, in denen sehr vieles von dem unanstößiger Brauch war, was heute, in einzelnen großen Städten wenigstens, als Vergehen gegen das Eigentum, als Sittlichkeitsvergehen, grober Unfug, Majestätsbeleidigung u. s. w. bestraft zu werden pflegt. Wären die Bauern jener Dörfer damals – wie es heute dort aussieht, wissen wir nicht – mit diesem strengen Maßstabe gemessen worden, so würden sie, anstatt dem Vaterlande Prachtweizen, Prachtkühe und Prachtjungen zu liefern und den Steuersäckel zu füllen, das ganze Jahr hinter Schloß und Riegel gesessen haben, und mit den ihnen unbekannten Schutzleuten würde auch noch der Widerstand gegen die Staatsgewalt bei ihnen eingezogen sein. Was nun England anlangt, das Wolf zunächst im Auge hat, so ist dessen Statistik nicht zuverlässiger als die unsre, wie man z. B. aus den beinahe spaßhaften Schwankungen der Angaben über den Umfang der Trunksucht sehen kann. Vor etwa fünfzehn Jahren machte eine Statistik die Runde um die Welt, nach der in England auf je eine Seele, die Weiber und Kinder einbegriffen, anderthalb Trunkenbolde kämen. Vor zwei Jahren wurde dann die Welt mit einer Statistik des Alkoholverbrauchs überrascht, aus der sie mit Staunen ersah, daß in keinem Lande der Welt eine so geringe Menge dieses Gifts auf den Schlund komme wie in England. Vorigen Sommer erfuhren wir dann wieder aus einer Artikelreihe des Daily Telegraph und aus einem Vortrage, den eine Nichte Gladstones, Lady Cavendish, auf dem Kirchenkongreß zu Folkestone gehalten hat, daß das weibliche Geschlecht, auch das der höhern Stande, der Trunksucht in früher unerhörtem Maße fröhne. Worauf dann wieder verschiedne Zeitungen meinten, die Sache sei doch wohl nicht so arg, man sehe in London weit weniger Betrunkne im Gerinne liegen wie vor einigen Jahren, dank der strengern Bestrafung solches öffentlichen Ärgernisses, aber eben diese größere Strenge habe eine größere Anzahl von Verurteilungen zur Folge, und diese erzeuge den Schein einer Zunahme der Trunksucht. Von der größern Strenge des Gesetzes werden doch wohl die Damen, die nach der Versicherung der Lady Cavendish nach der Mahlzeit mit den Herren im Rauchzimmer rauchen und kneipen, nicht betroffen. Die Abnahme der Straffälle in England ist nun allerdings eine Thatsache. Wahrscheinlich gebührt das Hauptverdienst darum jener Verbesserung des Armenwesens und der Strafrechtspflege, deren einen Urheber, Barwick Lloyd Baker, uns Franz von Holtzendorff in seinem reizenden Büchlein »Ein englischer Landsquire« so lebendig vor Augen führt. Es könnte gerade in unsern Tagen nichts schaden, wenn denkende Männer von Einfluß dieses im Jahre 1877 erschienene winzig kleine aber gehaltvolle Buch, das die leider täglich mehr schwindende Lichtseite des englischen Lebens schildert, noch einmal durchläsen. Wir wollen hier nur zwei Anekdoten daraus mitteilen, die den Geist ahnen lassen, der jene Reform beseelt hat. Ein Lord S. wurde von Wilddieben überfallen. Nachdem er sich ihrer glücklich erwehrt hatte, traf er am Saume des Waldes einen Konstabler auf der Lauer, der höchst verdrießlich darüber war, daß die Kerls den Lord lebendig hatten entwischen lassen. Er habe um das Komplott gewußt, gestand er dem Lord ganz offen, sich aber weislich gehütet, ihn zu warnen. Denn wäre der Bedrohte tot geschlagen worden, so hätte er, der Konstabler, dann die Mörder festgenommen und wäre belohnt worden. Hätte er aber den Lord vor der Gefahr gewarnt, so würden seine Vorgesetzten darin keinen Beweis seines Diensteifers erkannt haben. »Der berufsmäßige Polizist, fügte Sir Baker dieser kleinen Erzählung bei, wird nicht bloß in Frankreich, sondern auch in England angeklagt, die armen Teufel aus dem Standpunkte des Sports zu betrachten. Wie es die Pflicht des Jagdhüters ist, seinem Grundherrn im Herbst so viel Fasanen als möglich vorzustellen, damit diese geschossen werden können, so ist es die Pflicht eines regelmäßigen Berufspolizisten, seiner Würdigkeit, dem Richter, die möglichst große Anzahl von Angeklagten vorzuführen, damit diese verurteilt werden können.« Ziehen wir daraus eine kleine Nutzanwendung durch Verallgemeinerung und sagen wir: dem Polizisten, dem Ankläger und dem Strafrichter von Beruf liegt nichts an der Verminderung und Verhütung von Verbrechen, kann gar nichts daran liegen; ist doch deren Vermehrung für ihren Stand Lebensfrage. Bei einer andern Gelegenheit erzählt Baker eine Anekdote aus der Zeit der Hexenprozesse. Ein ausgezeichneter und verständiger Richter unter Jakob dem Zweiten, Sir John Powel, fragte ein armes altes Weiblein, das man der höllischen Kunst des Fliegens beschuldigte: Können Sie fliegen? Jawohl, Mylord, antwortete die Angeklagte. Nun, dann fliegen Sie nur nach Hause; ich kenne kein Gesetz, das das Fliegen verböte. Holtzendorff bemerkte dazu: »Wie viel Weisheit liegt in dieser kleinen Anekdote. Sie ist wirklich wert, erhalten zu werden zum Nutzen mancher gelehrten Herren und manches Staatsgerichtshofes. Wenn z. B. bei uns ein Hochverratsprozeß spielt und der Angeklagte befragt wird: Sie wollen also den Staat über den Haufen rennen und Gebietsstücke gewaltsam losreißen? so könnte man einem Geständigen zuweilen auch wie der alte Powel sagen: Nun, stürzen Sie nur den Staat und reißen Sie ein Stück ab. Vor der Hand gehen Sie nach Hause.« Das Ergebnis unsrer Untersuchung ist: in der Frage der Arbeitslosigkeit haben die Sozialisten gegen die Lobredner der heutigen Gesellschaft Recht; was die andern drei Punkte anlangt, so mag immerhin die Sterblichkeit und die Zahl der aus öffentlichen Kassen unterstützten Armen, vielleicht auch die Zahl der Verbrechen stetig abnehmen, aber zu Gunsten des heute herrschenden Kapitalismus und Industrialismus läßt sich daraus nichts folgern.   Von mancherlei Werte der Arbeit Wie es eigentlich mit dem Werte der Arbeit stehe, darüber giebt weder die oben erwähnte Erklärung Ruskins erschöpfende Auskunft noch die beliebte Bezeichnung »sittlicher Wert,« die noch vieldeutiger ist als das Wort Sittlichkeit selbst. Vom Gesichtspunkte der Pflicht aus sind alle Arten von Arbeit gleichwertig: nach christlichem Glauben gilt das Tagewerk der treuen Magd und des Tagelöhners, der im Schweiße seines Angesichts seiner Familie das Brot verdient, so viel vor Gott, wie das Schaffen des genialen Künstlers und die Thaten des großen Staatsmanns. Wird ein Unterschied der Verdienstlichkeit angenommen, was zwar das protestantische Dogma verbietet, die natürliche Empfindung aber fordert, so ist beim Arbeiten ähnlich wie beim Wohlthun (das Scherflein der Wittwe Markus 12, 43) das Verdienst um so höher anzuschlagen, je schwerer die Leistung fällt, also je unangenehmer und anstrengender sie an sich oder für den Leistenden ist, je weniger Lohn und irdischen Ruhm sie ihm einbringt. Vom Gesichtspunkte des gesellschaftlichen Nutzens aus eine Stufenleiter der Werte zu entwerfen, ist nicht allein schwierig, sondern unmöglich, weil wir bei sehr vielen Thätigkeiten nicht wissen, ob ihre guten oder ihre schlimmen Wirkungen überwiegen. Der Mann des öffentlichen Lebens wird die staatsmännische, der Fromme die geistliche, der Pädagog die Lehrthätigkeit am höchsten zu stellen geneigt sein, aber die gebildete Welt ist heute noch nicht einig darüber, ob Cromwell und Napoleon I., Gregor VII. und Luther, Sokrates und Giordano Bruno den Tod oder die Krone der Unsterblichkeit verdient haben. Je bescheidner in einem dieser Thätigkeitsgebiete die Stellung eines Menschen ist, desto zweifelloser pflegt der Nutzen zu sein, den er stiftet, aber ihn darum höher zu stellen als die großen Lichter, das geht doch nun auch wiederum nicht an. Kaum einer der großen Philosophen ist der Anklage entgangen, daß er viel Schaden angerichtet habe. Ein Lateinlehrer dürfte kaum je als gemeingefährlich verschrien werden; dafür bestreiten ihm viele, daß er irgendwelchen Nutzen stifte. Dem Dorfschulmeister endlich bestreitet niemand, daß er etwas unbedingt notwendiges und daher auch nützliches leiste, denn unter den heutigen Umständen muß jedermann lesen, schreiben und rechnen können; in andrer Beziehung aber übt er möglicherweise einen schlimmen Einfluß auf seine Schüler aus. Nur zweierlei steht fest: daß es Personen giebt, die unbedingt schädliche Arbeit leisten, wie die Verfasser verleumderischer Schmähschriften oder unsittlicher Romane und Schauspiele, und daß es zwei Berufsarten giebt, deren Angehörige nur nützliches schaffen, ohne irgend jemanden zu schädigen. Diese zwei Berufsarten sind die Landwirtschaft samt Gärtnerei – aber nur die Landwirtschaft alten Stils – und die höhere Kunst, namentlich die Tonkunst, und zwar wiederum nur die alten Stils, denn Wagnersches Gewimmer macht nervenkrank. Wer Weizen sät, eine Milchkuh groß zieht, Schweine mästet, einen Obstbaum pflanzt, der hat das zweifellose und unanfechtbare Bewußtsein, etwas sehr nützliches gethan zu haben, und es ist gar keine Möglichkeit vorhanden, daß aus seiner Arbeit irgend jemandem ein Nachteil erwüchse. Eine gesunde Tondichtung bereitet unzähligen Menschen Erquickung, wirkt nicht selten auch reinigend und erhebend, und auch hier wiederum ist jede Möglichkeit ausgeschlossen, daß daraus irgendwelcher Schaden entspringen könnte. Bei der Arbeit des Handwerkers überwiegt wenigstens der Nutzen ganz entschieden. Vom Gesichtspunkte der Menschennatur aus endlich stehen wiederum die landwirtschaftliche und die künstlerische Thätigkeit am höchsten, diesmal jedoch die des bildenden Künstlers, weil nur in diesen beiden den beiden Anforderungen der Menschennatur Genüge geleistet wird, daß sich Geist und Körper gleichmäßig entfalten und daß der Mensch schaffend dem Schöpfer ähnlich werde. Die Handwerke stehen also um so höher, je naher sie der Kunst kommen. Auch der niedre Handwerker kann einigermaßen Künstler sein. Wie ich aus Posts »Musterstätten« entnehme, erzählt Schäfer (»Die Unvereinbarkeit des sozialistischen Zukunftsstaates mit der menschlichen Natur«) folgende artige Anekdote. Ein ihm bekannter Schuster pflegte an jedem bei ihm bestellten Paar Stiefel so herumzukünsteln, als wenn es zur Weltausstellung geschickt werden sollte. Dabei verdiente er nicht viel, denn er bekam für seine sorgfältige Arbeit nur unbedeutend mehr, als seine Kollegen für Schleuderarbeit. Als ihn Schäfer einst fragte, warum er nicht lieber Durchschnittsware liefre und damit seinen Verdienst erhöhe, da zeigte ihm der Meister lächelnd einen Stiefel und sagte: »ist das Vergnügen an einer solchen gediegnen Arbeit nicht mehr wert, als ein bißchen Wohlleben?« Nicht selten wird heute über den Vorrang der geistigen Arbeit gestritten. Mit dem Worte »geistig« ist jedoch nichts ausgerichtet; der schuftige Spekulant bildet sich auch ein, geistige Arbeit zu liefern. Wolf und viele andre klagen die Sozialisten an, daß sie nur die Arbeit der schwieligen Hand hochschätzten, die geistige gering achteten. Die Apostel des Handfertigkeitsunterrichts, des Turnens, des Militarismus, der Jugendspiele hingegen klagen das gegenwärtige Geschlecht der Thorheit und Verkrüppelung an, weil es sich nur auf das Bücher- und Schreibwesen verlege und alle körperlichen Künste und Fertigkeiten, als nicht vornehm genug, verachte und vernachlässige. Den richtigen Weg aus dieser Wirrsal zeigt die von den Alten aufgestellte Unterscheidung der Arbeiten in opera liberalia und servilia; die katholischen Moraltheologen benützen sie, um die Frage zu beantworten, welche Arbeiten am Sonntage erlaubt seien; verboten sind nur die »knechtischen.« Bekanntlich giebt es keine geistige Thätigkeit ohne jegliche Mitwirkung des Leibes – mindestens das Gehirn wird in Anspruch genommen – und keine körperliche, die den Geist völlig ausschlösse; ein klein wenig Aufmerksamkeit ist sogar in der Tretmühle und beim Kurbeldrehen noch erforderlich. Die katholischen Theologen irren nun mit den Alten bloß darin, daß sie geneigt sind, der geistigsten aller Thätigkeiten, der philosophischen Spekulation, bei der doch so oft nur leeres Stroh gedroschen wird, die Palme höchster Liberalität zu reichen. Vielmehr steht aus den oben angegebnen Gründen das Schaffen des Künstlers am höchsten. Die gelehrte Forschung ist an sich nur Handlangerarbeit; will der Forscher eines höhern Preises teilhaftig werden, so muß er zugleich Künstler sein. Das ist z. B. der Fall, wenn der Geschichtsforscher Charakterbilder gestaltet, oder wenn der Naturforscher die Ergebnisse seiner Forschung in der Heilkunst anwendet. Am niedrigsten steht offenbar die Fabrikarbeit mit Maschinen, wo der »Arbeiter« nichts zu thun hat, als die arbeitende Maschine zu bedienen. Das ist aber gar keine Arbeit mehr; es ist eine Rackerei, eine Schinderei, vielfach schlimmer als die der Droschkengaul zu erdulden hat, aber es ist keine menschliche Arbeit. Nicht der Mensch schafft, sondern die Maschine thut es; der Mensch hat niemals die Befriedigung, ein fertiges Stück vor sich hinstellen zu können, wie der Schuster alten Stils den Stiefel – der neue Maschinenschuster kanns auch nicht mehr –, und sagen zu dürfen: das ist nun mein Werk, dem ich das Gepräge meiner Individualität aufgedrückt habe! Er darf gar keine Individualität haben, darf nicht Persönlichkeit sein; er ist nur Hand, allenfalls noch Auge, manchmal, aber nicht immer, Muskelmann; der Hauptsache nach ist er Maschinenteil. Schleiermacher ist der erste gewesen, der diese Art »Arbeit« für des Menschen unwürdig erklärt hat, Roscher und Robert von Mohl haben ihm beigestimmt, und es giebt keinen wirklich gebildeten Mann, der nicht ebenfalls beistimmte. Damit ist über unser heutiges Maschinenwesen das Urteil gesprochen: es ist durch und durch unsittlich. Sittlich gerechtfertigt ist die Anwendung der Maschine nur, wenn es sich um Kraftleistungen handelt, denen die Muskelkraft des Menschen nicht gewachsen ist, und bei denen zudem der Mensch nicht Arbeit im oben bezeichneten Sinn, sondern reinen Sklavendienst verrichtet, also beim Heben von Lasten und beim Transport von Waren und Personen. Hier dient die Maschine dem Menschen, erleichtert ihm eine Plackerei oder befreit ihn davon. Dagegen ist es unsittlich, die Maschine im Gewerbe derart anzuwenden, daß sie dem Menschen seine , die zur Vollendung seiner Menschennatur notwendige Arbeit raubt, und ihn zu ihrem Diener herabwürdigt. Demnach handelt jeder unsittlich, der den Maschinenbetrieb auf dem bisherigen Wege fortentwickeln will, anstatt in andre Bahnen einzulenken und die zerstörte Menschenarbeit wiederherzustellen. Wer die Fortentwicklung der Maschinenindustrie auf dem bisherigen Wege für unvermeidlich hält, der ist eben Pessimist; er hat sich in den Gedanken gefunden, daß die Mehrzahl der Menschen, eine stetig wachsende Mehrzahl, zu einem Sklavenleben verurteilt bleibe, das schon der Arbeitsqualität nach tief unter dem muhammedanischen und altheidnischen Sklavenleben steht, und worin die Menschennatur selbst untergeht. Schon aus diesem Grunde steht die Thätigkeit des modernen Unternehmers durchaus nicht so hoch wie Wolf sie stellt; der gesellschaftliche Schaden, den sie anrichtet, überwiegt den Nutzen, den sie stiftet. Der Unternehmer sowie der von ihm beschäftigte Arbeiter haben meistens nicht einmal das Bewußtsein, etwas volkswirtschaftlich Notwendiges zu thun; klagen doch alle Industrien über mangelnden Absatz, d. h. also: klagen sie sich doch selbst an, rein Überflüssiges zu schaffen! Der einzelne Unternehmer mag ein sehr sittlicher, ein edler Mensch sein, der nur fürs Gemeinwohl zu arbeiten glaubt, und seine Unternehmung mag in diesem Zustande der Verkrüppelung, dem die heutige Menschheit verfallen ist, wirklich notwendig sein – an sich ist das Unternehmertum, das die Menschenarbeit mehr und mehr durch Maschinenarbeit zu verdrängen strebt, tief unsittlich. Das kapitalistische Unternehmertum scheint zu fühlen, daß auch diese Frage über kurz oder lang auf die Tagesordnung werde gesetzt werden müssen, und daraus erkläre ich mir den leidenschaftlichen Angriff einer großen mittelparteilichen Zeitung auf die harmlose und liebenswürdige Utopie des englischen Dichters William Morris. Die sozialdemokratische Wochenschrift »Die Neue Zeit« hat einen Teil davon abgedruckt unter dem Titel: »Kunde von Nirgendwo; einige Kapitel aus einem utopischen Roman.« (Daß der sozialdemokratische Redakteur die Erzählung ausdrücklich als Utopie bezeichnet, ist wohl zu beachten.) Dieser Teil kann als eine Verherrlichung der menschlichen Arbeit, der echt menschlichen Arbeit bezeichnet werden. Es kommen eine Menge höchst glücklicher Gedanken darin vor. So wird u. a. beschrieben, wie die Menschen im Maschinenzeitalter, weil sie sich der Maschinen selbst zu den kleinsten Verrichtungen bedienten, ganz von ihnen abhängig geworden seien und beim Übergang ins neue Zeitalter erst wieder hätten arbeiten lernen, erst wieder hätten lernen müssen, wie man seine Hände und seinen eignen Verstand gebraucht; weil sie alle Gebrauchsgegenstände aus Fabriken bezogen hätten, so hätten sie Dinge verlernt, die ehedem jedes Kind gewußt und gekonnt hatte, z. B. wie man Brot bäckt und wie man Fett und Alkalien zu Seife mischt. Unter den großen Toten würde namentlich Goethe seine Freude gehabt haben an dieser Geißelung moderner Unnatur. Nun sucht die oben erwähnte Zeitung diese Utopie als ein Gewebe von Albernheiten zu verschreien und den Abdruck in der »Neuen Zeit« als einen Beweis dafür hinzustellen, wie weit die Sozialdemokratie bereits heruntergekommen sei. »Was hier an seniler und stumpfsinniger Träumerei geboten wird,« sagt der Verfasser u. a., »das übersteigt alles dagewesene.« Und am Schluß heißt es: »Das Tollste aber ist, daß die Maschinen beseitigt sind und an die Stelle derselben wieder die Handarbeit getreten ist ... Nichts davon ist originell, alles nur senil abgeschwächte Wiederholung Fourierscher Wahnsinnsphantasien.« Ich finde Morris im Gegenteil originell und jugendfrisch; von Fourierschen Phalanstèren und Limonadenmeeren kommt nichts vor in seiner Erzählung, wenn auch selbstverständlich Fouriersche Ideen darin walten; sind doch notwendig alle Utopien untereinander verwandt. Der Verfasser jenes Leitartikels offenbart darin dreierlei. Erstens, daß er kein Herz im Leibe hat, Alban Stolz, der bekannte katholische Volksschriftsteller – auch evangelische Geistliche schätzen seinen »Kalender für Zeit und Ewigkeit« und seine Erklärung des Vaterunsers sehr hoch – hat die Liberalen für die grausamsten aller Menschen erklärt, weil sie den Armen zuerst durch die Fabriksklaverei den irdischen Himmel eines naturgemäßen Daseins, und dann durch die »Aufklärung« auch noch die Aussicht auf den jenseitigen Himmel geraubt, das Volk also in eine hoffnungslose Hölle gestoßen haben. Nun, nachdem der Sozialismus dem Volke die Hoffnung wiedergegeben hat, die Hoffnung auf ein irdisches Paradies, das die Arbeiter zwar wohl nicht selbst mehr zu erleben hoffen, über das sie sich aber ihrer Kinder wegen freuen, speien die Herren Liberalen Gift und Galle, und bemühen sich aufs eifrigste, auch dieses armselige Stückchen Lebensglück den Armen durch Hohn und Spott zu verekeln und es ihnen zu rauben. Wenn heute der Prophet Jesaja erschiene und sein Lied vom messianischen Reich anstimmte: »dann wird der Wolf beim Lamme wohnen, der Pardel sich zum Böckchen lagern; Rind, Löw und Schaf weiden zusammen, ein kleiner Knabe hütet sie« – so würde auch das natürlich nur seniler Wahnsinn und Volksaufhetzung sein. Zweitens offenbart der Verfasser, daß ihm jede Spur von Gerechtigkeitssinn fehlt. Denn nachdem man den Sozialdemokraten solange vorgeworfen hat, sie erstrebten nichts als ein müßiges Schlaraffenleben, so müßte es doch jetzt lobend anerkannt werden, wenn sie eine Utopie veröffentlichen, in der alles arbeitet, mit Lust und Freude arbeitet, mit Vergnügen, nicht »nur zum Vergnügen,« wie der Leitartikler fälscht. Wenn die heutigen Arbeiter, die die wirkliche echt menschliche Arbeit gar nicht mehr kennen, sondern nur noch die oben beschriebne Plackerei, wirklich dem Schlaraffenideal huldigten, so wäre das nicht zu verwundern; aber Marx und Engels sind daran nicht schuld; beide haben ausdrücklich hervorgehoben, daß echt menschliche Arbeit beglücke – gehören sie doch selbst zu den fleißigsten aller Menschen – und daß nur die Art von Arbeit, zu der unser Industrialismus zwingt, die Hölle sei. Drittens bekundet der Verfasser, daß er nicht weiß, was Arbeit ist. Wenn man vom sittlichen Wert der Arbeit spricht, so faßt man diesen Ausdruck gewöhnlich in einem engern und so zu sagen subalternen Sinne; man meint damit, daß die Arbeit vor bösen Gedanken und liederlichen Streichen behüte und allerlei Tugenden, wie die Mäßigkeit, Ordnungsliebe, Geduld, Ausdauer, Aufopferungsfähigkeit fördere. Das alles ist richtig; man wird jedoch leicht bemerken, daß diese Wirkung bei den verschiednen Arten von Arbeit sowohl der Art wie dem Grade nach verschieden ist, indem die einen Thätigkeiten mehr diese, die andern mehr andre sittliche Eigenschaften fördern. Auch in dieser Beziehung steht die moderne Fabrikarbeit am allertiefsten; sind doch in England und auch anderwärts viele Fabriken und Bergwerke zu Schulen aller Laster geworden, so daß sich die Humanitätsbestrebungen, die Kirchen und die Zwangsgewalt des Staates haben verbünden müssen, um einigermaßen Ordnung zu schaffen. Viele moderne Berufsarten zerstören das Familienleben und verwüsten demnach ein sehr wichtiges Gebiet des sittlichen Lebens. Eine ganz mechanische Verrichtung endlich, wie das Drehen einer Kurbel, das kaum noch Aufmerksamkeit erfordert, läßt den Gedanken völlig freien Spielraum, und diese werden den Umständen nach vorherrschend schlecht oder wenigstens bedenklicher Art sein: entweder wird der zur arbeitenden Hand gehörige Kopf von sinnlichen Genüssen träumen oder davon, wie er sich wohl bei einer Revolution an seinem Brotherrn und an seinem Aufseher rächen könnte. Achtes Kapitel Die Entstehung der großen Privatvermögen In den vorhergehenden Kapiteln haben wir die Entwicklung der englischen und der deutschen Arbeit und ihre Ergebnisse skizzirt. Aus dieser Skizze hat sich ein Gesetz ergeben: dem ärmern Volke, also der Masse des Volkes, geht es wohl, so lange reichlich freier Grund und Boden vorhanden ist, oder anders ausgedrückt, so lange es dem Boden an Händen fehlt; kehrt sich das Verhältnis um, fehlt es den Händen an Boden, gleichviel ob infolge wirklicher Übervölkerung oder weil dem Volke durch Gewaltthat, die sich meist in Gesetze verkleidet, sein Land gesperrt wird, so ist das Volk elend. Außerdem haben wir eine für die Beurteilung der heutigen Lage wichtige Thatsache gefunden. Im Mittelalter entsprangen die Leiden der nordeuropäischen Völker der unvollkommen beherrschten Natur in einem kalten Klima. Sofern diese Völker solche Bequemlichkeiten entbehrten, die dem Menschen nicht an sich, sondern nur durch Gewohnheit oder Verwöhnung Bedürfnis sind, wurde solche Entbehrung gar nicht als Leiden empfunden. Was aber so empfunden wurde, z. B. die Winterkälte, für deren Abwehr man trotz großen Holzreichtums sehr unvollkommen gerüstet war, daraus entsprang kein sozialer Gegensatz, weil die Reichen diese Unbequemlichkeiten so gut zu tragen hatten wie die Armen, und weil die Zahl der Bequemlichkeiten und Genüsse, die die einen vor den andern voraus hatten, äußerst gering war. Die Lage des heutigen Armen ist weit schlimmer als die des mittelalterlichen, seine Wohnung ist oft schlechter, als die schmutzige Hütte eines leibeignen Knechtes war, oder er irrt obdachlos und ohne die Aussicht, am Abend im Kloster ein freundliches Obdach In den Asylen wimmelt das Strohlager gewöhnlich von Ungeziefer, Für die Wanderburschen ist das um so schlimmer, als sie keinen Ort haben, wo sie sich reinigen können. Die fahrenden Schüler des 15. und 16. Jahrhunderts setzten sich, im Sommer wenigstens, der Reihe nach an den ersten besten Fluß, zogen sich aus, wuschen ihre »Hemdlin,« und hatten dann wieder auf einige Zeit Ruh. zu finden, auf der Landstraße oder zwischen städtischen Palästen umher und muß dabei einen Luxus, eine Bequemlichkeit und einen Lebensgenuß der Reichen sehen, die das äußere Glück aller frühern Geschlechter überbieten und von dem eines spätern kaum werden überboten werden. Wird doch zu Gunsten des Reichen die Natur so vollkommen gebändigt und ausgenutzt, daß für ihn der Winter, der grimmigste Feind der Armen, die genußreichste aller Jahreszeiten ist, die saison κατ εξοκην. Große Volksnöte endlich, wie Seuchen und Teuerungen, erschienen im allgemeinen so deutlich als Wirkungen der Natur oder, wie man es damals auffaßte, als Strafen Gottes, daß die Einrichtungen von Staat und Gesellschaft nicht dafür verantwortlich gemacht wurden, nur allenfalls gegen die Juden schöpfte das Volk Verdacht; auch gingen mit ihnen selbst ihre Leiden rasch vorüber, während nicht selten gute Wirkungen, wie Steigerung des Arbeitslohns, zurückblieben. Daher gerieten die Massen niemals dauernd in eine gefährliche Stimmung wie heute, wo die schwächern Seelen unter den Armen schlapp und stumpf werden und ohne Gegenwehr in den Sumpf versinken, die kräftigern ohne Ausnahme von grimmigem Haß gegen die bestehende Ordnung und gegen die Reichen erfüllt sind; sondern wie bei Kindern, die zwar weinen, wenn sie Schläge bekommen, aber gleich darauf wieder lachen, war auch bei ihnen mit dem Ende der Plage sofort die fröhliche, lebenslustige und thatkräftige Stimmung wieder da. Die Frage nun, ob das moderne Elend mit dem modernen Reichtum nicht allein im Kontrast, sondern auch im ursächlichen Zusammenhange steht, ob unsre Armen eben darum so arm sind, weil unsre Reichen so reich sind, ist eigentlich in jenen Kapiteln schon mittelbar beantwortet worden, sie muß aber doch noch besonders beleuchtet werden, weil auch in diesem Punkte die Versäumnis klarer Unterscheidung den Streit darüber unfruchtbar und endlos gemacht hat. An sich ist der Satz, daß der Reichtum der einen die Armut der andern sei, falsch. Denn da die Produktivität der Arbeit durch Arbeitsteilung erhöht wird, Differenzirung der sozialen Lage und der Vermögen aber eine unabwendbare Folge der Arbeitsteilung ist, so läßt es sich recht gut denken und kommt in Wirklichkeit oft genug vor, daß solche Differenzirung alle ohne Ausnahme bis zum ärmsten hinab bereichert. Obwohl der niederschlesische Bauernknecht nicht den zehnten Teil so reich ist wie sein Bauer und nicht den hundertsten Teil so reich wie der gnädige Herr im Dorfe, so ist er doch viel reicher und lebt nicht allein menschlicher, sondern auch sinnlich angenehmer, als der Häuptling einer Indianerhorde, deren Mitglieder sämtlich gleich arm sind. Aber die Anhäufung großer Privatreichtümer ist unter gewöhnlichen Umständen ohne einen Stand von Notleidenden nicht möglich, und sollen sie entstehen, so muß vorher ein Teil des Volks elend gemacht werden, Der Beweis dieser Behauptung bildet eigentlich den Kern des »Kapitals« von Marx. Dieser scharfsinnige Grübler hat den Gegnern des Sozialismus den großen Gefallen erwiesen, dem Elende der Philosophie, das er an Proudhon verspottet, Das Elend der Philosophie . Antwort auf Proudhons »Philosophie des Elends« von Karl Marx . Deutsch von E. Bernstein und K. Kautsky. Mit Vorwort und Noten von Friedrich Engels. Zweite Auflage. Stuttgart, J. H. W. Dietz, 1892. – Die erste Auflage ist 1847 erschienen. Das Buch enthält nicht, was der Titel vermuten läßt, sondern nur die Kritik einiger Sätze des genannten Werkes von Proudhon. Angehängt sind eine Kritik des von John Bray, Proudhon und Rodbertus empfohlnen Arbeitsgeldes, das Marx für utopisch erklärt, und eine im Jahre 1849 zu Brüssel gehaltne Rede über den Freihandel, worin die englische Antikornzollliga erbärmlich schlecht wegkommt. selbst zu verfallen. Vielleicht darf er mit seinem Meister Hegel sagen: Nur einer hat mich verstanden, und dieser eine hat mich mißverstanden. Die beiden Hauptwahrheiten, die er entwickelt, sind eigentlich Gemeinplätze. Die eine sagt, daß der Arbeiter nicht den vollen Wert seiner Arbeitsleistung empfängt, sondern dem Brotherrn einen Teil abtreten muß. Das ist selbstverständlich. Kein Mensch würde ein solcher Narr sein, ein Rittergut zu bewirtschaften, wenn er den Leuten, die die Arbeit leisten, dem Inspektor, den Knechten, Mägden und Tagelöhnern, den gesamten Ertrag überlassen müßte; für einen Rittergutsbesitzer, der selbst nichts leistet, auch nicht in der Leitung und Beaufsichtigung, und solche giebts ja, würde nicht einmal ein Bissen Brot abfallen. Die praktisch wichtige Frage ist also nicht, ob der Arbeiter einen Abzug erleide, sondern ob dieser Abzug ungebührlich groß sei. Die zweite Wahrheit ist bei Lichte besehen keine andre, als die von Angebot und Nachfrage, oder genauer, daß das Gesetz von Angebot und Nachfrage auch für die beiden Waren: Arbeit und Boden gilt. Da außer diesen beiden Gesetzen noch andre Umstände in unbestimmbarer Menge und in beständigem Wechsel einerseits auf den Arbeitslohn, andrerseits auf den Preis des fertigen Produkts und den Profit des Fabrikanten einwirken, so ist der von Marx unternommne Versuch, das Verhältnis dieser drei Größen in einer allgemein giltigen mathematischen Formel auszudrücken, von vornherein aussichtslos und gewinnt auch dadurch nicht an Aussicht auf Erfolg, daß die Sache an einem andern Zipfel angegriffen wird. Marx stellt nämlich in den Mittelpunkt seiner Untersuchung die Begriffe des Werts und des Mehrwerts, d. h. des Wertteils, den der Arbeiter dem Fabrikat zum Vorteil des Fabrikanten zusetzt, indem er z. B. nicht bloß die sechs Stunden, in denen er seinen Lohn verdient, sondern zwölf oder mehr Stunden arbeitet. Wir bestreiten durchaus nicht, daß Marx durch seine theoretischen Untersuchungen die ökonomische Wissenschaft gefördert und u. a. auch Adam Smith in mehreren Punkten berichtigt habe. Aber Smith hat außer der größern Vollständigkeit vor Marx voraus, daß man ihn leicht versteht, und daß daher jeder unbefangne Leser auch die Schnitzer, die er macht, leicht bemerkt. Daher kann das Werk Smiths heute noch als Grundlage fürs volkswirtschaftliche Studium empfohlen werden, während das »Kapital« dazu schlechterdings nicht geeignet ist. Aus Smiths Werke kann auch der heutige Staatsmann das hauptsächlichste von dem, was uns in volkswirtschaftlicher Beziehung not thut, erfahren; dagegen müßten wir die zur Beseitigung wirtschaftlicher Notstände erforderlichen Maßregeln bis zum jüngsten Tage verschieben, wenn wir damit warten wollten, bis die Gelehrten Marxens Lehre vom Mehrwert ins Reine gebracht haben werden. Dennoch hat sich Marx auch um die Praxis verdient gemacht, und zwar indem er seine Theorie durch eine sehr reichliche Beispielsammlung illustrirt. Wir haben einiges davon zur Veranschaulichung des Prozesses der Kapitalansammlung benutzt, und für unsre gegenwärtige Untersuchung finden wir eine ganz vortreffliche Grundlage in dem, was er am Schlusse des ersten Buches aus dem 1833 erschienenen Werke England and America von Wakefield anführt. Roscher nennt diesen Nationalökonomen »den geistvollen Theoretiker der Kolonisationsfrage.« Dagegen sagt Marx: »Die wenigen Lichtblicke Wakefields über (?) das Wesen der Kolonien selbst sind vollständig antizipirt durch Mirabeau père , die Physiokraten, und noch viel früher durch englische Ökonomen.« Aber er schreibt ihm ein andres Verdienst zu, und das ist in der That bedeutend: nämlich als Vertreter des Kapitalismus dessen Wesen erkannt und – ausgeplaudert zu haben. In den Kolonien hat Wakefield die Entdeckung gemacht, daß Geld und Maschinen an sich für den Eigentümer noch kein Kapital sind, sondern erst durch Arbeiter solches werden. Herr Peel, so erzählt er, nahm Produktionsmittel im Werte von 50000 Pfund aus England mit an den Swan River in Neuholland; er war allerdings auch noch so vorsichtig, außerdem 3000 Menschen der arbeitenden Klasse, Männer, Weiber und Kinder, mitzunehmen. Aber als die Karawane am Bestimmungsort angelangt war, liefen ihm die Leute sämtlich fort; nicht einmal einen Burschen, der ihm sein Bett gemacht und aus dem Flusse Wasser geholt hätte, vermochte er zu halten; damit war sein ganzes Kapital entwertet – kein Kapital mehr. Ähnlich, meint Wakefield, sind die Verhältnisse in den Kolonien überall. Das vorhandne Kapital ist als Eigentum vieler kleinen Besitzer zersplittert, und wer durch Sammlung kleiner Kapitalien Großkapital anhäufen, reich werden will, der kann die für diesen Prozeß notwendigen Arbeiter nicht bekommen oder wenigstens nicht festhalten. Denn weil es an Arbeitern fehlt, steht der Arbeitslohn natürlich hoch; so spart der Mann rasch eine kleine Summe, und kaum hat er sie, so läuft er davon, um von dem spottbilligen Lande ein Stück zu kaufen. So kommt es, klagt Wakefield, daß das amerikanische Volk größtenteils aus wohlhabenden, unternehmenden, gebildeten Bauern besteht, die außer der Landwirtschaft auch noch eine Menge Nebengewerbe betreiben, um sich mit dem Nötigen möglichst selbst zu versorgen und von der Industrie unabhängig zu bleiben, während das englische Volk größtenteils aus Arbeitern besteht und der Arbeiter a miserable wretch ist. »In welchem Lande – ruft Wakefield entrüstet aus – außer in Nordamerika und einigen neuen Kolonien übersteigen wohl die Löhne der ländlichen Arbeiter wesentlich das Existenzminimum? Werden doch in England die Ackerpferde, die ja wertvolle Besitzstücke sind, viel besser genährt als die Bebauer des Landes!« Um dieser traurigen Verfassung der Kolonien, wo Kapital nichts nützt und niemand rasch reich werden kann, gründlich abzuhelfen, macht er folgenden Vorschlag. Die Regierung soll das noch nicht okkupirte Land mit Beschlag belegen und einen künstlichen, von Angebot und Nachfrage unabhängigen Preis dafür machen, der die Arbeiter zwingt, längere Zeit zu arbeiten, ehe sie die zum Ankauf von Land erforderliche Summe zusammensparen. Mit den Verkaufsgeldern soll ein Fonds gegründet werden, aus dem die Kosten für Übersiedlung besitzloser Arbeiter aus England zu bestreiten wären. So soll durch Landverteuerung und gleichzeitige Vermehrung der Hände der Kapitalist in den Stand gesetzt werden, sein totes Kapital lebendig zu machen. Mit andern Worten: es soll Volkselend erzeugt werden, damit Privatreichtümer entstehen können, deren Gesamtheit dann mit dem schönen Worte »Nationalreichtum« bezeichnet zu werden pflegt. Da hätten wir also den von einem Vertreter des Kapitalismus geführten klaren und unwiderleglichen Beweis dafür, daß der Nationalreichtum im modernen Sinne gleichbedeutend ist mit Volkselend, ohne dieses gar nicht entstehen kann! Marx bemerkt hierzu noch, daß die englische Regierung den schlauen Rat eine Zeitlang befolgt habe, ohne andern Erfolg jedoch, als daß dadurch die englische Auswandrung von den englischen Kolonien in die Vereinigten Staaten abgelenkt worden sei. In diesen haben dann, wie bekannt, die Schutzzollpolitik, die Landverschenkungen an die Eisenbahngesellschaften und der fortwährende Zufluß besitzloser Auswandrer zusammengewirkt, das kapitalistische Ideal einigermaßen zu verwirklichen. Doch ist immerhin des fruchtbaren und auch an Mineralschätzen reichen Bodens noch so viel vorhanden, daß Kolossalreichtümer aufgehäuft werden konnten, ohne die Arbeiter bis zum englischen Elend herabzudrücken. Dazu kommt, daß trotz aller Erbärmlichkeit der politischen Verhältnisse die Demokratie doch noch kein leerer Schein und die Masse nicht ganz ohne Einfluß auf die Gesetzgebung ist. Demnach ist in den letzten Jahren die Einwandrung europäischer »Paupers« wesentlich erschwert worden, und man geht sogar, um den stetigen Fall der Arbeitslöhne zu hemmen, mit dem Plane um, die Einwandrung Mittelloser vorläufig auf fünf Jahre oder auch nur, unter dem Vorwande der Weltausstellung, auf ein Jahr ganz zu verbieten. Man denke! In einem Reiche, wo sieben Einwohner auf den Quadratkilometer kommen! während zu derselben Zeit bei uns, die wir einundneunzig Einwohner auf den Quadratkilometer haben, die mecklenburgischen und pommerschen Junker die Auswandrung erschweren oder womöglich verhindern möchten! Um vollkommen klare Einsicht zu erlangen, müssen wir uns den Prozeß, der uns beschäftigt, im einzelnen vergegenwärtigen. Denken wir uns einen von lauter Kleinbauern bewohnten Gau, deren jeder zwanzig Morgen besitzt, dazu Anteil an der Gemeindetrift und am Gemeindewald hat; in der Mitte des Gaues eine Stadt, die das Landvolk mit gewerblichen und Handelsartikeln versorgt. Die zwanzig Morgen reichen hin, einerseits die Arbeitskraft der Bauernfamilie vollständig zu beschäftigen, andrerseits sie und eine städtische Familie mit Nahrung und Kleiderstoffen zu versorgen. Die Bauernfamilie genießt demnach aus der eignen Wirtschaft reichliche, gesunde und hinlänglich mannichfaltige Nahrung, denn außer dem Nötigsten fehlen weder Hühner, Tauben und Eier, noch Kraut und Rüben, ferner aus dem Gemeindebesitz das Material für Wohnung und Stauung, endlich aus dem Erlös ihres halben Arbeitsprodukts mannichfache Würze der Kost, Kleidung und Hausrat (wovon übrigens einiges aus eignen Rohstoffen daheim angefertigt wird) und das Geld für Steuern und außergewöhnliche Fälle; eine Kleinigkeit wird erspart werden können. Sämtliche Familien erfreuen sich also der Freiheit, Selbständigkeit und genügenden Behagens. Denken wir uns nun die Besitzverhältnisse im Gau – vielleicht infolge verschiedner Tüchtigkeit und Umsicht der Besitzer – in der Weise verschoben, daß immer auf einen Bauer von hundertundzehn Morgen sechs Häusler von je fünf Morgen kommen. Weder kann der Bauer seinen Acker mit seiner Familie allein bewirtschaften, noch reicht eine Ackerhäuslerstelle zur Ernährung der Familie und zur Verwendung ihrer Arbeitskraft aus. Die Häuslerfamilien werden demnach auf dem Bauergute tagelöhnern, und ihre Söhne und Töchter werden als Gesinde darauf dienen. Denken wir uns ihre Leistungen nach Ackerflächen eingeteilt, so wird vielleicht die Arbeitsleistung jeder einzelnen Familie so groß sein wie vorher. Nämlich jede Häuslerfamilie wird außer ihrem eignen Felde noch fünfzehn Morgen des Bauerackers bestellen und abernten, und der Bauer wird die übrigen zwanzig Morgen besorgen. Es ist aber klar, daß der Häusler nicht den ganzen Ertrag der fünfzehn Morgen in Geld oder in Früchten mit nach Hause nehmen darf, sodaß er soviel Einkommen hätte, als gehörten ihm noch alle zwanzig Morgen; da würde ihm der Bauer lieber die fünfzehn Morgen gleich schenken; sondern er muß dem Bauer einen Teil seines Arbeitsertrages abtreten. Von dem Mehr nun, das seinem eignen Arbeitsprodukt die Abzüge von den Arbeitserträgen der sechs Tagelöhnerfamilien hinzufügen, kann sich der Bauer sein Haus größer und schöner bauen, es schöner ausstatten, einen Kutschwagen, allen Familiengliedern bessere Kleider, seinen Weibsleuten einigen Schmuck anschaffen, ab und zu ein Glas Wein trinken und einen Sohn studiren lassen. Die sechs Tagelöhnerfamilien sind in zwei Stücken schlechter dran als früher; sie sind nicht mehr alle 365 Tage im Jahre freie Leute, und ihr Einkommen hat sich um einige Prozente vermindert. In der Kost braucht diese Verminderung noch nicht zum Ausdruck zu kommen, beim Bauer alten Schlages haben Tagelöhner und Gesinde reichlich und gut zu essen; aber im übrigen wird man sich einschränken müssen, und namentlich der Sparpfennig wird kleiner ausfallen. Vorausgesetzt nämlich, daß das Ehepaar tüchtig und ohne eigne Verschuldung (z. B. durch Erbteilung) um Dreiviertel des angestammten Besitzes gekommen ist. Dann wird es diese Versetzung in eine tiefere soziale Klasse auch schmerzlich empfinden. Für einen schlechten Wirt dagegen oder einen dummen Menschen ist die Verringerung des Besitzes sogar ein Vorteil; denn als selbständiger Wirt würde er in Schulden geraten und seine Familie ins Elend stürzen, während er unter der Leitung des Bauern vielleicht ganz gut arbeitet und seine Familie versorgt ist. Denken wir uns endlich eine dritte Stufe erreicht: einige Bauerngüter und einige Ackerhäuslerstellen sind zu einem Rittergute verschmolzen – daß auf diese Weise für gewöhnlich keine Rittergüter entstehen, wissen wir natürlich –, die frühern Besitzer sind besitzlose Tagelöhner geworden und finden ihren Lebensunterhalt beim Rittergutsbesitzer. Einige mögen ja auch dem Bauer frohnden, aber wir nehmen lieber den gnädigen Herrn vor. Denn der durchschnittliche Bauer denkt zu christlich, fühlt sich seinem Mitarbeiter zu menschlich nahe und hat sich noch zu wenig in die Rolle des kaufmännischen Unternehmers eingelebt, um seine Übermacht über den besitzlosen Arbeiter völlig auszunutzen. Der durchschnittliche Rittergutsbesitzer von heute thut das; er gewährt dem Arbeiter nicht einen Pfennig Lohn und nicht ein trocknes Stück Brot mehr, als er nach der Lage des Arbeitsmarktes gewähren muß. Es ist nun klar, daß der Besitzlose die angebotne Arbeit unter jeder Bedingung annehmen muß. Der Ackerhäusler hat sein Haus, seine Kartoffeln im Keller, seine Kuh und seine Speckseite in der Kammer; er kommt nicht gleich um, wenn er einmal ein paar Monate keine ihm zusagende Arbeit findet; der besitzlose Einlieger gerät gewöhnlich schon nach wenigen Wochen der Arbeitslosigkeit in die äußerste Not. Er kommt also durchschnittlich billiger zu stehen als der Ackerhäusler, oder was dasselbe ist, der Rittergutsbesitzer schlägt aus seinen Tagelöhnern mehr heraus als der Bauer aus den seinigen. Der hohe Ertrag also, den das Gut dem Rittergutsbesitzer abwirft, ihm selbst oder seiner anspruchsvollen Frau oder dem Herrn Sohne, der das Geld verkneipt, verspielt u. s. w., oder seinen Gläubigern, dieser hohe Ertrag also ist lediglich dem Umstande zu verdanken, daß es besitzlose, also elende Menschen im Lande giebt. Trotzdem ist ein Rittergut, auf dem bloß Landwirtschaft betrieben wird, noch kein Platz, auf dem man schnell reich wird. Nach heutigem Maßstabe reich kann man überhaupt nicht drauf werden. Der Unterschied zwischen heute und dem Mittelalter besteht nur darin, daß die Besitzlosigkeit der ländlichen Arbeiter zusammen mit den höhern Lebensmittelpreisen, die wiederum die Not der industriellen Bevölkerung bedeuten, den potentiellen Reichtum des Landgutes aktuell gemacht haben. Der mittelalterliche Graf konnte zehn Quadratmeilen besitzen und doch bei bester Wirtschaft vielleicht nicht soviel Geld herausschlagen, als zum Bau eines schönen Schlosses oder auch nur zu einer Reise nach Italien erforderlich war; heute wirft manchmal schon eine Zehntelquadratmeile soviel ab. Man kann sich nicht mit Landwirtschaft ein Rittergut erarbeiten, sondern muß es schon haben, um das, was es abwirft, genießen zu können. Aber sobald der Gutsbesitzer zugleich Großindustrieller wird, kann er rasch reich werden. Ein Beispiel aus der Wirklichkeit: Vor ungefähr fünfzig Jahren kaufte ein – sagen wir Geschäftsmann mit sehr mäßigen Mitteln ein kleines Dominium. Hier gründete er eine Spiritus- und Preßhefenfabrik. Da er die Konjunkturen auszunutzen verstand – namentlich die bedeutenden Exportprämien, also Unterstützungen aus dem Staatssäckel, spielten dabei eine bedeutende Rolle –, so sammelte er schnell ein bedeutendes Vermögen, das er teils in anderweitigen Industrien, teils in dazu gekauften Landgütern anlegte. Aus ihnen bildete später sein Sohn einen Fideikommiß und kaufte außerdem in einer andern Gegend noch eine Magnatenherrschaft, sodaß er seinen beiden Kindern zwei große Herrschaften hinterlassen konnte. Es ist klar, daß dieses große Vermögen nicht hätte begründet werden können, wenn es nicht besitzlose Arbeiter gegeben hätte, denn Leute, die Grund und Boden zu eigen haben, arbeiten nicht in einer Spiritusfabrik. Denken wir uns in der Nachbarschaft eines heutigen Rittergutes mit oder ohne Industrie durch ein Wunder etliche tausend Morgen Land frei werden, so geht es dem Besitzer wie Herrn Peel: alles läuft ihm fort und siedelt sich an; ihm bleibt weder ein Knecht, noch ein Tagelöhner, noch ein Brennereiarbeiter. So entstehen heute Magnatenherrschaften. In ältern Zeiten sind sie bekanntlich durch Eroberung, durch Konfiskationen, Bauernlegen u. s. w. entstanden. (Vereinzelte Fälle von Bauernlegen kommen noch heute vor. Die »Berliner Morgenzeitung« hat im Laufe des vorigen und des gegenwärtigen Jahres zwei aus Pommern mitgeteilt, mit Nennung der Namen und Anführung aller Einzelheiten, ohne widerlegt oder verklagt zu werden, den letzten in ihrer diesjährigen Nummer 5.) Mit diesem Beispiele haben wir bereits in die zweite Klasse der großen Vermögen übergegriffen, die industriellen, bei denen wir uns nach dem, was wir über England gesagt haben, kurz fassen können. Alle Fabrikarbeit ist mehr oder weniger unangenehm, und fänden alle Menschen als Bauern oder Handwerker ihr Fortkommen, so hätte niemals eine Fabrik entstehen können. Nur die furchtbarste Not hat die englischen Handweber so weit bringen können, daß sie sich endlich zur Arbeit in den Spinn- und Webfabriken bequemt haben, und die sächsischen und schlesischen Handweber leisten der Nötigung zur Preisgebung ihrer Selbständigkeit bis auf den heutigen Tag heroischen Widerstand. Schon sehr heruntergekommen muß eine Bevölkerung sein, wenn eine Zuckerfabrik, eine Cellulosefabrik, eine Anilinfarbenfabrik, eine Galmei-, oder Arsenik-, oder Quecksilbergrube Arbeiter findet. Wo nicht schreckliche Not herrscht, kann niemand eine solche Industrie begründen, also auch nicht reich darin werden. Schon in ein Kohlen- oder Eisenbergwerk wird sich niemand ohne Not begraben. Im Mittelalter stand es anders um die Sache; da waren die Bergleute die Besitzer der Grube und durften durch ihre Arbeit wohlhabend oder gar reich zu werden hoffen; da verlockte also die Habsucht den Bauer, den Pflug und das himmlische Licht mit der Arbeit in schauerlicher Nacht zu vertauschen. Aber keine Regel ohne Ausnahmen! Es kommen Fälle vor, wo ein Mann, der Erfinder- und Unternehmergenie verbindet, durch Schaffung eines neuen oder Pflege eines jungen Industriezweiges Reichtümer erwirbt, ohne des Elends zu bedürfen oder Elend zu erzeugen, ja vielleicht Tausenden zu bessern Arbeitsbedingungen verhilft, als sie bisher genossen. Das kommt jedoch nur bei Industrien vor, die hochbezahlte Artikel von hohem Gebrauchswert herstellen und zugleich starke, gesunde und intelligente Arbeiter erfordern. Die bekanntesten Vertreter dieser Art von Reichtumsbildung sind Borsig, Krupp und Edison. Heute können es beim Lokomotivenbau weder Unternehmer noch Arbeiter mehr so weit bringen, wie es Borsig und seine Leute gebracht haben, denn vor vierzig Jahren kostete eine Lokomotive 20000 Thaler, heut nur noch die Hälfte. Die Erzeugnisse der Herren Krupp, Armstrong und Bange sind, nebenbei bemerkt, trotz ihrer stark fühlbaren Körperlichkeit mysteriöser Natur. Wenn nämlich den Beteuerungen aller europäischen Regierungen, daß die Kriegsrüstungen nur die Erhaltung des Friedens zum Zweck haben, zu glauben ist, dann besteht ihr Gebrauchswert darin, durch ihr schreckliches Aussehen und Gekrach ihrem wirklichen Gebrauch vorzubeugen. Übrigens erscheinen auch jene Industrien, in denen die Arbeit unangenehm und der Lohn niedrig ist, zuweilen als ein Glück für die Bevölkerung, wenn nämlich die Lage der Landarbeiter sehr elend oder vielleicht sogar überhaupt keine Arbeit zu haben ist; sie erretten dann viele vom Hungertode und erhöhen durch die Konkurrenz den ländlichen Arbeitslohn. Im Großhandel sind zu verschiednen Zeiten auf sehr verschiedne Weise große Vermögen entstanden. Dem gemeinen, mit Mord und Brand verbundnen Raub ist erst in unsrer Zeit durch die völkerrechtliche Abschaffung der Kaperei ein Ende gemacht worden. Im Altertum und Mittelalter kamen Handelsgewinne von 10000 Prozenten vor, ohne daß irgend jemand das Recht gehabt hätte, sich über Ausbeutung zu beklagen. Wenn dem Kaufmann im Altertume Bernstein, im Mittelalter Gewürz mit dem Hundertfachen des Einkaufspreises bezahlt wurden, so handelte es sich um Waren, die niemand unbedingt brauchte, und die man ohne die Findigkeit, Ausdauer und Kühnheit einzelner Seefahrer nicht hätte bekommen können. Beim heutigen Importhandel, namentlich dem mit Rhederei verbundnen, steht die Sache so, daß ihn niemand betreiben kann, der nicht schon reich ist, und wenn ein solcher Kaufmann seinem Kapital mehr als die landesüblichen Zinsen abgewinnt, so hat er das durch die hervorragende geistige Thätigkeit, die zur Leitung eines solchen Geschäfts nötig ist, und durch die Wohlthat, die er seinem Volke erweist, reichlich verdient. Die Thätigkeit des Exporteurs ist in Ländern, die größtenteils Industrieerzeugnisse ausführen, aufs engste mit der des Fabrikanten verbunden; sind doch häufig beide ein und dieselbe Person. Hier nun beruht der Gewinn um so mehr auf dem Volkselend, je weniger es sich um Luxuswaren handelt, zu deren Anfertigung individuelle Kunstfertigkeit und Kunstgeschmack erforderlich sind, oder um die oben erwähnten Erzeugnisse der höhern Metalltechnik, sondern um Artikel des Massenverbrauchs, die bloß Räder und Hände erfordern. Wir haben bei andrer Gelegenheit bereits den Umstand hervorgehoben, daß die »Blüte« der englischen Baumwollenindustrie, die einen so bedeutenden Teil des englischen Reichtums geschaffen hat, nicht allein das Elend des englischen, sondern noch das mehrerer andern Völker zur Voraussetzung hatte. Zuerst mußten durch billige Fabrikhände die englischen Handweber ausgehungert und zum Eintritt in die Fabrik gezwungen, gleichzeitig die Irländer und die Bewohner der Kolonien durch Gewaltmaßregeln an der Konkurrenz gehindert, dann alle Länder mit billigem Kattun überschwemmt und ihre Handweber ums Brot gebracht werden. Dr. Bowring, nicht etwa ein Sozialist, sondern ein Führer der Manchesterleute, den Marx (Elend der Philosophie, S. 180 ff.) zitirt, führte 1838 in einer Parlamentsrede Einzelheiten aus einem Bericht des Generalgouverneurs von Ostindien an. Eine sehr große Zahl von Webern des Distrikts von Dakka, heißt es darin, sei im Elend umgekommen. Wer ob seiner Schönheit und Festigkeit in der ganzen Welt berühmte Musselin von Dakka sei verschwunden; in der ganzen Geschichte der Industrie dürften kaum ähnliche Leiden zu finden sein, wie die der indischen Handweber. Wahrscheinlich ist es derselbe Bericht, worin der Satz vorkommt, den wir einer andern Schrift entnehmen: »Die Knochen der (verhungerten) Baumwollenweber bleichen in den Ebnen Indiens.« Im soliden Inlandshandel, der nach Adam Smith unendlich wichtiger und segensreicher ist als aller Auslandshandel, werden keine großen Reichtümer erworben. Vielleicht macht der Getreidehandel, der jedoch Inlands- und Auslandshandel zugleich ist, eine Ausnahme, seitdem er börsenmäßig betrieben wird, aber eben der Spielcharakter, der ihm dadurch aufgedrückt wird, scheint es mit sich zu bringen, daß die darin gewonnenen großen Summen schnell wieder zerrinnen. Was das reine Geldgeschäft anlangt, so sagt Wolf: S. 537. Es ist der Anfangssatz einer sehr guten Skizze: »Aus der Geschichte der Groß-, insbesondre der Kolossalvermögen.« Leider hat der Verfasser in seiner Übersicht der Endergebnisse gerade den wichtigsten Punkt: den ursächlichen Zusammenhang zwischen Kolossalreichtum und Volkselend übergangen, obwohl ihn schon gleich sein oben angeführter erster Satz gewissermaßen mit der Nase darauf gestoßen hatte. »Die am frühesten auftretende Form des Erwerbs von Großvermögen ist die durch Auswucherung von Stammesgenossen.« Mit Beziehung auf die großen Vermögen, die heute an der Börse gewonnen werden, gesteht er zu: »Auch die eigentliche Konjunktur, d. h. das divinatorische Erkennen einer herannahenden günstigen Preisstellung, ist die reguläre Quelle mindestens der Kolossalvermögen an der Börse nicht gewesen, sondern es war entweder eine Aktion, die den Thatbestand des Wuchers nach moderner Auffassung in sich trägt, oder die Berichtigung des Kurses mit den Mitteln, sie durchzusetzen.« Da nun aber der Wucher nichts andres ist, als die Ausnutzung der Not des Nächsten zu eignem Vorteil, so folgt aus dieser Charakteristik dieser Art von Vermögensbildung, daß sie die Not voraussetzt; hat der Spekulant für seine Zwecke die Notlage erst zu schaffen – um so schlimmer für diese Vermögen! In die schwierige Frage, ob die Haute Finance, deren wahres Wesen in der deutschen Gründerei von 1871 bis 1873 und im französischen Panamaskandal auch dem Blindesten offenbar geworden sein muß, eine für Volk und Staat notwendige Funktion ausübe, um deren willen man sich die von ihr untrennbaren Auswüchse gefallen lassen müsse, gehen wir hier nicht ein. »Die städtische Grundrente, sagt Wolf, ist die in gewissem Sinne höchststehende Varietät des Konjekturaleinkommens, weil sie die Gefahr der Niete weit mehr ausschließt als jede andre Konjunktur.« Als Beispiele für die durch steigende städtische Grundrente erworbnen oder sozusagen von selbst gewordnen Kolossalvermögen führt er die Astors an und den Herzog von Westminster, von dem es heißt, »daß er demnächst auf ein Jahreseinkommen von 25 Millionen Franken werde rechnen können. Das ihm gehörige Land, im Herzen Londons, wird heute den Hauseigentümern zu horrenden, aber den Verhältnissen angemessenen Preisen vermietet.« Von allen Arten Wucher, das unterläßt Wolf zu sagen, ist dieser wohl der schlimmste. Viele tausend Familien zwingen, den dritten Teil ihres kärglichen, ungewissen und sauer, zum Teil durch körperlich und sittlich schmutzigen Erwerb verdienten Einkommens für eine Wohnung zu zahlen, die oft gar keine menschliche Wohnung mehr ist, was kann es niederträchtigeres geben? Aber, wird ein solcher Herr sagen, wer zwingt sie denn? Ich doch nicht! Sie gebens ja freiwillig, sie reißen sich drum. Ja freilich, nachdem man das Volk in eine Lage versetzt hat, wo es »freiwillig« die unglaublichsten Entbehrungen erdulden muß. Vortrefflich hat Luther den Wucherer charakterisirt, indem er ihn dem Cacus, diesem Bösewicht, vergleicht, der die geraubten Rinder rücklings in seine Höhle zieht; »also will der Wucherer auch die Welt äffen, als nütze er und gebe der Welt Ochsen, so er sie doch zu sich allein reißt und frißt.« Sollte diese Charakteristik nicht auf die ganze Haute Finance, auf die Vorschußvereine und viele andre »gemeinnützige und wohlthätige« Geldanstalten passen? In einzelnen Fällen setzen Natur und Glück einen Menschen in den Stand, rasch reich zu werden ohne die mindeste Schädigung andrer und auf eine Weise, die nicht Elend, sondern Reichtum voraussetzt. Wer ein großes Weingut im Rheingau ererbt hat, dem schüttet die Natur Reichtümer in den Schoß. Denn die echte Blume des Johannesberges läßt sich nicht künstlich erzeugen, und wenn es viele reiche Leute giebt, die sie genießen wollen, so treibt ihr konkurrirendes Angebot den Preis des nur in beschränkter Menge vorhandnen edlen Getränks in die Höhe. Jede große Sängerin ist nur in einem Exemplar vorhanden, weder teilbar noch künstlich zu vervielfältigen, und die reichen Leute verschiedner Städte, die sie hören wollen, überbieten einander natürlich; verkauft sie ihre Stimme den Meistbietenden, so begeht sie an keinem ein Unrecht, und von Not ist überhaupt keine Rede. Insofern allerdings stehen die hohen Einnahmen berühmter Künstler und Künstlerinnen mit der Not einigermaßen im Zusammenhange, als die großen Vermögen der Personen, die für Gemälde und Eintrittskarten Phantasiepreise bezahlen, zum Teil aus der Not des Volks geflossen sind. Übrigens gehören die ansehnlichen Vermögen, die einige berühmte Maler, Schriftsteller und Opernsängerinnen gesammelt haben, nach heutigem Maßstäbe noch nicht zu den großen. Wir sehen, um den Zusammenhang zwischen Volkselend und Nationalreichtum zu erfassen, bedarf es weder der Hegelschen Philosophie noch der höhern Mathematik, sondern nur eines Blickes ins Leben. Will man die Rechenkunst zu Hilfe nehmen, so genügt es, sich das Volksvermögen, oder lieber noch das Volkseinkommen, unter die Volksgenossen auf verschiedne Weise verteilt zu denken. Stellt man sich zuerst vor, daß alle gleich viel haben, und läßt man dann größere Einkommen durch Abzüge an den Einkommen der übrigen entstehen, so ist es doch klar, daß, je mehr ich die Reichtümer einzelner will anschwellen lassen, die Zahl derer, denen abgezogen wird, und die Abzüge selbst desto größer machen muß. Daß die durch solche Verteilung verminderten Einkommen an sich zum Leben zu klein, ihre Inhaber also elend seien, ist nicht unbedingt notwendig. Der Nationalreichtum kann so groß sein, daß nur Einschränkung des freien Erwerbs, noch nicht positives Elend zur Bildung von Kolossaleinkommen erfordert wird. Das ist jedoch nur möglich, wo, wie in Nordamerika, die Natur den größern und die menschliche Arbeit den kleinern Teil des Einkommens liefert. Wo dagegen, wie in England und bei uns, die menschliche Arbeit allein den Reichtum liefern muß – durch Schaffung von Industrieartikeln für die Ausfuhr –, da können die Privatreichtümer nur aus dem Volkselend gezogen werden. Man sieht also: die Landfrage bleibt die Kernfrage. Zwar kann ein Volk infolge seiner Untüchtigkeit auch bei reichlichem Landbesitz elend bleiben, wie wir am russischen sehen, aber fehlt es einem Volke an Land, so hilft ihm alle Tüchtigkeit nichts, es kann dem Elend nicht entrinnen, und mag es auch durch Knechtung und Aussaugung andrer Völker großen Nationalreichtum aufhäufen. Adam Smith, der alle Lebensverhältnisse, so weit sie zu seiner Zeit bestanden, mit gesundem Blick durchschaute, und was er erkannt hatte, mit unbestechlicher Wahrheitsliebe kund that, äußert sich darüber u. a. folgendermaßen: Zwar ist England reicher als Nordamerika, aber trotzdem befindet sich das Volk in Nordamerika wohler als in England, weil dort das Land billig und der Arbeitslohn hoch ist. Und die Sache von einer andern Seite fassend, sagt er: Nicht die reichsten Völker befinden sich am wohlsten, sondern die reicher werdenden, die fortschreitenden; ein fortschreitendes Volk lebt glücklich, ein stagnirendes fühlt sich gedrückt, eins, das wirtschaftlich zurückkommt, befindet sich elend. Wirkliche Fortschritte im Wohlstand kann aber ein Volk nur bei hinreichendem Boden machen. Rogers drückt die Sache so aus: Am glücklichsten lebt ein Volk, wenn der Boden keine Grundrente abwirft. Über das Sinken der Grundrente klagen, heißt über die Verminderung der Reibung im Räderwerk der Gesellschaft klagen. Gegen die Natur kämpfen, ist stets Wahnsinn, Landrente ist aber nur in dem Sinne Natur, wie Schmutz, Krankheit und Elend Natur sind. Die höchste Rente liefern die Unwissenheit und das Laster, und der (englische) Großgrundbesitzer, der diese Übel befördert und ausbeutet, ist der unverschämteste aller Heuchler. Dieselbe Auffassung finden wir bei dem Italiener Loria. »So lange sich freier Boden vorfindet, ist das Einkommen mit der Arbeit verbunden, und wird es unter die Arbeiter nach der Menge der von jedem verrichteten Arbeit geteilt; wenn der freie Boden aufhört, wird es von der Arbeit getrennt, der Arbeiter muß sich mit dem Lohne begnügen, und das Einkommen fällt dem Nichtarbeiter zu.« Die theoretische Nationalökonomie Italiens in neuester Zeit von Dr. Hermann von Schullern-Schrattenhofen (Leipzig, Duncker und Humblot, 1891) S. 140 Marx endlich, der trotz seines Hegeltums bei der Beurteilung praktischer Verhältnisse gewöhnlich den Nagel auf den Kopf trifft, meint: »Grundrente entsteht, wenn sich der kleine Souverän in einen gewöhnlichen Wucherer verwandelt« (Elend der Philosophie S. 146). Neuntes Kapitel Erfordert der Kulturfortschritt Massenelend? Das Elend ausrotten wollen, wäre utopisch. Aber das Massenelend ausrotten wollen, ist nicht utopisch, weil dieses Übel keineswegs mit Notwendigkeit aus der Natur der Erde und des Menschengeschlechts hervorgeht, sondern außer dem übervölkerten China nur die modernen Kulturstaaten drückt. Wir sind, von vielen verschiednen Seiten in die Frage eindringend, überall auf die Übervölkerung – natürliche oder künstlich erzeugte – als die eigentliche Ursache der Massennot gestoßen und haben damit keine neue Weisheit entdeckt, denn vom Anbeginn der Kultur bis ans Ende des Mittelalters haben alle Völker und Regierungen gar wohl gemußt, daß Massenelend unvermeidlich ist, wenn man einem Lande mehr Einwohner zu tragen zumutet, als es bequem ernähren kann, und haben jedesmal dem Beginn des Übels durch Kolonisation gesteuert; nicht durch solche Spielerei, wie wir sie heute unter dem Namen Kolonisation betreiben, sondern durch wirkliche Verpflanzung eines Viertels oder Drittels der Bewohnerschaft in ein fremdes Land. Bei uns ist schon der Gedanke an wirkliche Kolonisation, das heißt an das einzige mögliche Mittel, unser Massenelend zu beseitigen, verpönt, und die förmliche Aufforderung dazu würde mit den härtesten Strafen geahndet werden. Das ist ganz natürlich. Denn, wie wir gesehen haben, die Anhäufung großer Vermögen hat das Massenelend zur Voraussetzung, und daher dürfen die reichen Leute, die ja selbstverständlich den größten Einfluß im Staate haben, jenen Gedanken in der öffentlichen Meinung nicht aufkommen lassen. Selbstverständlich suchen sie die Wahrheit so gut wie möglich zu verstecken, und am geeignetsten scheinen ihnen für diesen Zweck solche allgemeinen Redensarten, wie daß der Kulturfortschritt Opfer erfordre, und daß man für die Segnungen der Kultur ihre Übel mit in Kauf nehmen müsse. Das Truggewebe dieser Redensarten gedenken wir im nachfolgenden zu zerreißen. Es hieße Holz in den Wald tragen, wollten wir die in unsern Betrachtungen schon mehrfach erwähnte Thatsache ausführlich erörtern, daß die höchsten Blüten der Geistes-, Gemüts- und Herzenskultur aus einer mittlern Lebenslage erwachsen sind, die gleich weit entfernt war von großem Reichtum wie von bettelhaftem Elend. Diese Kultur, die allein den Namen Kultur verdient, hat weder den Geheimen Kommerzienräten noch den Fabrik- und Grubenarbeitern etwas zu verdanken; sie ist Jahrtausende vor beiden dagewesen, und man sieht nicht, daß sie in unsrer Zeit durch diese neuen Mächte irgendwie gefördert würde. Es ist richtig, daß die größten Gedanken und Entschlüsse, die erhabensten Charaktere aus tiefstem Weh geboren werden, aber dem stinkenden Elend des Proletariats ist noch keine Kulturblüte entsprossen. Nicht dieses war es, was die tiefen Kontraste von Verzweiflung und Himmelsseligkeit in Beethovens Tondichtungen erzeugt hat, sondern Liebesleidenschaft und Taubheit, zwei allgemein menschliche und individuelle Übel, nicht Klassenleiden. Selbst die zwei großen Religionen, deren Ziel die Erlösung des Menschengeschlechts vom Übel ist, haben Zustände wie unsre modernen nicht zur Voraussetzung. Aus der Buddhalegende erfahren mir wohl, daß Gautamas Herz durch den Anblick von Krüppeln, Blinden und Leichen erschüttert worden sei, aber wir lesen nicht, daß er einer Versammlung von Arbeitslosen beigewohnt hätte. Und die vier Evangelien sind, abgesehen von ihrem tragischen Schluß, ein Idyll, das in nichts an die häßlichen Bilder unsrer großstädtischen Lumpenviertel oder an eine Fabrik oder an die sklavenmäßige Arbeit auf einem modernen Dominium erinnert, und das von den großen christlichen Malern, wenn auch verklärt, so doch nicht unwahr dargestellt worden ist. Tagelang sehen wir da das arme Volk hinter Christus herziehen, und bald an einem Bergabhange, bald am Meeresstrande bequem gelagert, seinen Worten lauschen. Ab und zu wird ein wenig gearbeitet, z. B. das Fischernetz ausgeworfen, und die gar nicht arbeiten wollen oder können, betteln einfach. Christus und seine Apostel selbst leben, in der amtlichen Sprache unsrer Zeit ausgedrückt, vom Bettel; und nirgends eine Spur von gemütlichkeitstörender Polizei! Der Kulturzustand also, aus dem das Christentum geboren ward, ist jener Zustand der »Verlotterung und Unkultur,« über den die reisenden Engländer und Deutschen so erbost sind, wenn sie in südlichen Ländern hie und da »Gesindel« finden, das »müssig herumlungert,« singt, springt und lacht, d, h, sich auf eine wenig kostspielige Weise seines Lebens freut, da es doch von Rechts wegen Tag und Nacht in Fabriken eingesperrt und zu »produktiver« Thätigkeit gezwungen werden müßte. Blicken wir aber auf eine wirklich produktive Arbeit, die aus echter Kultur hervorgegangen ist und echte Kultur geschaffen hat, auf eine Kulturthat, die in mancher Beziehung als die größte der beiden christlichen Jahrtausende bezeichnet werden kann, die Eroberung der östlichen Länder durch den schwereren deutschen Pflug, wie Lothar Bucher es ausgedrückt hat, so ist sie ohne Großkapital vollbracht worden – das ganze Kapital bestand in der körperlichen und der durch keine büreaukratische Bevormundung gehinderten oder gebrochnen geistig-sittlichen Kraft deutscher Bauern –, und Elend hat sie schon gar nicht erzeugt, sondern nichts als Glück und Wohlstand. Der Begriff Kultur muß daher, um mit den sozialen Zuständen unsrer Zeit irgendwie in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden zu können, auf den technischen Fortschritt beschränkt werden. Und das ist es wohl auch nur, was unsre Gegner meinen, wenn sie behaupten, das Massenelend sei nur der Schatten des Kulturfortschritts und von ihm unzertrennlich. Mit der eigentlichen und höchsten Kultur ist der technische Fortschritt insofern verknüpft, als jene fordert, daß alles dem Menschengeschlecht mögliche Wissen und Können im Laufe der Zeit wirklich werde, und daß es alle Gesellschaftsgestaltungen hervortreibe, deren es fähig ist; für beide Leistungen ist der technische Fortschritt nicht zu entbehren. Die Behauptung nun, daß dieser proletarische Zustände erfordre, hat einen mehrfachen Sinn. Zuweilen meint man damit, daß der technische Fortschritt des Großkapitals bedürfe, und da Großkapital ohne Massenarmut nicht entstehen kann, so wäre damit die Unentbehrlichkeit dieser allerdings erwiesen. Die Bedeutung des Geldkapitals nun für die Gütererzeugung hat Thorold Rogers in einigen kurzen Sätzen so überzeugend dargestellt, daß wir nichts bessers thun können, als seine Ausführungen hier wiedergeben. Sie finden sich in seiner Ausgabe von Smiths Wealth of Nations, und zwar in einer Anmerkung, die ins fünfte Kapitel des zweiten Buches (von den verschiednen Kapitalanlagen) einführen soll. Für das Verständnis des Gegenstandes, sagt er, ist es außerordentlich wichtig, sich genau klar zu machen, worin eigentlich die Wirksamkeit des kapitalistischen Unternehmers besteht. Viele Nationalökonomen haben sich durch den Umstand irre führen lassen, daß die Arbeit eine Zeit lang durch den vom Unternehmer vorgestreckten Lohn im Gange erhalten zu werden pflegt, haben die Lehre vom Betriebskapital (labour fund) ungebührlich aufgebauscht und die Bedeutung dieses Kapitals für die Lohnarbeiter übertrieben. In Wirklichkeit ist aber der kapitalbesitzende Unternehmer weiter nichts als ein Repräsentant der Arbeitsteilung ( Representative ist kein ganz glücklicher Ausdruck; wie aus dem folgenden hervorgeht, ist Vermittler, Diener, Organ gemeint). Die Arbeit eines Arztes und eines Zimmermanns haben das gemein, daß sie beide Dienste sind, die in der Erwartung angeboten werden, man werde sie verlangen und vergelten. Die Vergeltung entspringt in beiden Fällen derselben Ursache, nämlich der Bereitwilligkeit des Publikums, in dem einen Falle von behauenem Holz, im andern von der Heilkunst Gebrauch zu machen. Dabei ist der Umstand ganz nebensächlich, daß dem Zimmermann ein Kapitalist die Arbeit vermittelt und zuteilt, dem Arzte nicht. Wenn es die Ärzte für vorteilhaft hielten, könnten sie mit einem Kapitalisten das Abkommen treffen, daß dieser ihnen festen Gehalt zahlte, dafür die ihnen zustehenden Gebühren einzöge, und sie so gegen die aus vorübergehender Arbeitslosigkeit entstehenden Verlegenheiten sicherstellte. Bei Anstellung von Armen- und Vereinsärzten geschieht das thatsächlich. Der kapitalistische Unternehmer ist demnach weiter nichts als ein Vermittler. Er ist für den Arbeiter von großem Wert, indem er die Arbeit so lange fortsetzt, als Nachfrage dafür vorhanden ist, und dem Markte für das betreffende Erzeugnis eine gewisse Festigkeit verleiht, ähnlich wie der Getreidehändler sowohl die Landwirte wie die Brotesser vor Stockungen und übermäßigen Preisschwankungen bewahrt. Aber auf diese Funktion beschränkt sich der Dienst, den er dem Arbeiter leistet. Wenn dieser ihn loswerden, wenn er sich das zur Fortsetzung seiner Arbeit notwendige Geld auf einem andern Wege beschaffen kann, so ist es vielleicht vorteilhaft für ihn, sich ohne Unternehmer zu behelfen. Das versuchen die Produktivgenossenschaften; diese werden wahrscheinlich Erfolg haben, wenn sie einmal jene Mißgriffe vermeiden lernen, die aus der Unterschätzung der Dienste entspringen, die der Kapitalist bei der Leitung eines großen Unternehmens zu leisten pflegt. Wie der Unternehmer dem Produzenten – denn der Arbeiter ist der eigentliche Produzent – dadurch dient, daß er die Produktion in gleichmäßigem Gange erhält und übermäßige Schwankungen im Arbeitslohn verhütet, so dient er dem Konsumenten, indem er in dessen Versorgung mit Waren Stetigkeit bringt und, außer im Falle der Ringbildung, durch die Konkurrenz gezwungen wird, seine Ware zum niedrigsten Marktpreise anzubieten. Kurz: die Dienste, die der Kapitalist dem Arbeiter wie dem Konsumenten leistet, sind nur zeitweilig und vermittelnder Art. Abgesehen davon, daß er dem Arbeiter Vorschuß leistet, thut er weiter nichts, als daß er ihm sein Erzeugnis bezahlt; und sofern er dem Konsumenten nicht kreditirt, thut er für diesen weiter nichts, als daß er ihm die Mühe längern Suchens nach der fraglichen Ware erspart. Die Art und Weise, wie man gewöhnlich von der wohlthätigen Wirksamkeit des Kapitalisten und seines Betriebskapitals spricht, ist alberne Übertreibung (absurdly exaggerated). Der Mann, der die Arbeit im Gange erhält, ist nicht der Kapitalist, sondern der Konsument. Der Kapitalist ist nur eine Bequemlichkeit für den Arbeiter wie für den Konsumenten. Diese Unterscheidung ist von höchster Wichtigkeit. Das Kapital des Kapitalisten dient dem Arbeiter nur vorübergehend. (So verstehe ich den Satz: there is no fund, except temporarily, between the capitalist and the labourer .) Beide empfangen Arbeitslohn, der eine für die Produktion, der andre für deren Verteilung (dieser hat außerdem auch oft noch für die Leitung welchen zu beanspruchen), und beiden wird ihr Lohn vom Konsumenten bezahlt. Die Lage des Arbeiters kann dabei allerdings von der des Konsumenten sehr verschieden sein. Jener kann mehr fordern, als dieser zu zahlen vermag, und so einen ökonomischen Selbstmord begehen, Es kann aber auch vorkommen, daß der Arbeiter in der Lage ist, einen höhern Lohn zu erpressen, als der Konsument eigentlich zu zahlen schuldig wäre; in diesem Falle wird dieser vielleicht seinen Bedarf einschränken. Der kapitalistische Unternehmer verliert in keinem der beiden Fälle. So der Engländer. Fügen wir ergänzend hinzu, daß es sehr häufig nicht der Arbeiter, sondern der Unternehmer ist, der auf dem Wege entweder der Ringbildung und Monopolisirung oder der Steuer- und Zollgesetzgebung den Preis ungebührlich in die Höhe treibt, wie wir dies in den letzten Jahren an Brot, Fleisch, Zucker und Kohlen erlebt haben, wo die Arbeiter der betreffenden Produktionszweige an den Preiserhöhungen ganz unschuldig waren und gar nichts davon hatten. Die hier ermittelte Bedeutung des Geldkapitals gilt nun für alle Fälle, gleichviel ob die Produktion zugleich auch noch den technischen Fortschritt fördert oder nicht. Wenn Großes geschaffen werden soll, müssen allerdings viele Kleine ihre Arbeit und ihre Arbeitsmittel vereinigen. Daß aber der Leiter des Unternehmens vor dessen Beginn schon reich sei, d. h. die Macht habe, Arbeiter und Arbeitsmittel selbst zu kaufen, ist ebenso wenig notwendig, als daß er dabei reich werde oder seinen Reichtum verdopple und verzehnfache. Nicht daran ist das Panamaunternehmen gescheitert, daß Lesseps für seine Person nicht die Mittel dazu hatte, sondern daß er beim Beginn schon zu alt war und weder die Schwierigkeiten und die Kosten richtig abzuschätzen, noch die richtige Verwendung der ungeheuern von lauter kleinen Leuten gelieferten Geldmittel zu sichern vermochte. Der verstorbne Kardinal Lavigerie pflegte sich zu rühmen, daß er bei 15000 Franks Einkommen 1200 000 Franks jährlich ausgebe, ohne Schulden zu machen. Diese Summen wurden größtenteils produktiv angelegt namentlich in der Urbarmachung der an die Sahara grenzenden Landstriche Algeriens. Wir haben da also eine großartige Vereinigung von Arbeitsmitteln zu produktiven Zwecken, ohne daß ein Kapitalist vorhanden wäre oder dabei entstünde. Wir könnten eine ganze Reihe solcher wohlthätigen Gründungen anführen, wie die Franckestiftung und das Rauhe Haus, haben aber gerade das »Werk« Lavigeries genannt, weil es im materiellsten Sinne des Wortes produktiv ist. Ist also der Unternehmer als Kapitalist zwar sehr wohl zu ersetzen, so kann er dagegen als Organisator und Oberleiter des Betriebes allerdings nicht ersetzt werden. Aber da es eben, wie wir gesehen haben, nicht nötig ist, daß er entweder von vornherein Kapitalist sei oder durch das Unternehmen Kapitalist werde, so braucht auch keine misera contribuens plebs geschaffen zu werden, die ihn durch ihre Entbehrungen zum reichen Manne macht. Man wird nun vielleicht einwenden: mag sein, daß der Theorie nach alle Leistungen der modernen Großindustrie auch ohne Großkapitalisten denkbar wären – thatsächlich ist das Streben rühriger Privatleute nach Reichtum der Sporn gewesen, der sie ins Dasein zu rufen getrieben hat, und ohne diesen Sporn würden sie nicht vorhanden sein. Wir sind so kühn, diese Behauptung für falsch zu erklären. Man muß unterscheiden zwischen Unternehmungen, die einen wirklichen Kulturwert haben, und solchen, die keinen oder nur einen scheinbaren haben. Unter den ersten nehmen Maschinenbauanstalten, Eisenbahnen, Schiffbau und Elektrotechnik den obersten Rang ein. Bei allen diesen Industriezweigen walten nun zwei merkwürdige Umstände ob: erstens der schon erwogne, daß sie trotz aller Kapitalskonzentration dennoch Arbeiterelend weder zur Voraussetzung haben noch erzeugen, zweitens: daß sie wegen ihrer einleuchtenden Nützlichkeit, die auf einer gewissen Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung zur Notwendigkeit wird, von der Gesamtheit betrieben werden würden, auch wenn kein Privatkapitalist vorhanden wäre, der sich an ein solches Unternehmen wagen könnte. Wo persönliche Gewinnsucht die Entwicklung dieser Industriezweige über das augenblickliche Bedürfnis hinaus beschleunigt hat, ist der Gesamtheit durch gewaltsame Umwälzung der Arbeits- und Vermögensverhältnisse mehr Unheil als Segen daraus erwachsen. Und gerade die berühmtesten und verdientesten Privatunternehmer sind auf nichts weniger als aufs Geldmachen ausgegangen. Ein Borsig, ein Krupp, ein Werner Siemens haben freilich auch im Vermögen vorwärts kommen wollen. Allein die Sehnsucht nach Reichtum ist nicht die Triebfeder ihres Schaffens gewesen, und sie selbst haben sich, als sie anfingen, gewiß nicht träumen lassen, wie reich sie mit der Zeit werden würden. Was sie trieb, war lediglich jener Schaffensdrang, der überall entsteht, wo Genialität mit Tüchtigkeit des Charakters zusammentrifft. Gesellt sich diesen beiden auch noch die Gunst der Zeitumstände hinzu, so wachsen die Unternehmungen unter den Händen des Unternehmers von selbst solange, bis der von der Nachfrage abhängige Sättigungsgrad erreicht ist. Der Reichtum bildende Unternehmergewinn fällt dabei als reines Accidens ab. Die Erben eines solchen Schöpfergenies pflegen dann freilich das Unternehmen nach rein kapitalistischen Grundsätzen weiter zu betreiben. Die andre Klasse der Unternehmungen ist es, die Arbeiterelend zur Voraussetzung hat und erzeugt, derer nämlich, die keinen Kulturwert haben. Diese Klasse nun zerfällt in zwei Abteilungen. Gewisse Zweige der modernen Industrie schaffen Dinge, die zwar an sich notwendig sind, die man aber auch ohne sie haben könnte und gehabt hat; sie stellen sie nur in ungeheuern Massen und spottbillig her, und eben dieser Massenhaftigkeit und Billigkeit kommt kein Kulturwert zu oder gar ein negativer. Hauptvertreterin dieser Abteilung ist die Textilindustrie. Gewebe braucht man, aber man hat sie vor Erfindung der heutigen Spinn- und Webmaschinen in ausreichender Menge, Güte und Schönheit gehabt. Der Kulturwert der heutigen Massenproduktion ist nicht allein gleich Null, sondern negativ. Die Überproduktion macht den raschen Modewechsel zur Notwendigkeit; dieser trägt sehr wesentlich bei zur Notwendigkeit einer beständigen Steigerung der Einkommen, zum Wettrennen aller Berufsstände um Einkommenerhöhung und ist schuld an dem wirtschaftlichen Untergange vieler Beamten, Geschäftsleute und Handwerker; er befördert die kommunistischen Ideen durch Zerstörung der Volkstrachten und äußere Uniformirung der Stände und der Völker; hierdurch ist er zugleich der Tod der Ästhetik; macht er doch aus den Frauen und Mädchen unsers Volks jene mitleidswürdigen Fratzen, die man Damen nennt. Ein »Kostüm« mag der Pariser Mondaine oder Demimondaine, der es ursprünglich auf den Leib geschnitten war, sehr »chic« gesessen haben, aber die ehrwürdige Matrone aus dem Volke, die von schwerer Arbeit einen schwerfälligen Gang, eine ungeschickte Haltung und einen krummen Rücken bekommen hat, das ehrliche deutsche Gänschen, die verkümmerte Zwergin, der man am Gesicht abliest, wie unglücklich sie sich fühlt, die arme bucklige oder lahme Nähterin verunstaltet und verunehrt es. Dazu hat die Modenarrheit im Bündnis mit der europäischen Textilindustrie eine Menge schöner orientalischer Stoffe, wie die zarten indischen Musseline und die türkischen Umschlagetücher verdrängt, mit letztern zugleich eine Körperhülle, die schon in Schnitt und Faltenwurf sehr viel schöner war als glatt anliegende Überröcke oder der Mangel jeden Überwurfs. Der Kulturwert der modernen Textilindustrie beschränkt sich darauf, daß wir ihr die Kostümkarrikaturen der Fliegenden Blätter verdanken. Aber so unterhaltend die auch sein mögen, mit einigen Millionen verhungerter Handweber, geräderter und zu Tode geprügelter Fabrikkinder sind sie zu teuer erkauft. Der andre Zweig dieser Klasse umfaßt Industrien, deren Produkte auch nicht einmal an sich notwendig sind. Als Beispiele dafür können wir die Fabrikation der Cellulose und der Anilinfarben nennen. Die Arbeit in diesen Fabriken ist sehr ungesund und wird noch dazu schlecht bezahlt; ohne bettelarme elende Arbeiter, die sich zu jeder Bedingung verstehen müssen, könnten demnach diese Fabriken nicht bestehen. Und zu was sollten ihre Produkte nötig sein? Der einzige Nutzen des billigen und schlechten Holzstoffpapiers besteht darin, daß Zeitungen, deren Inhalt an Schlechtigkeit mit dem Papier wetteifert, durch ihre fabelhafte Billigkeit eine ungeheure Verbreitung erlangen und bessere Blätter verdrängen; an schönen und guten Farben aber ist auch ohne die Anilinindustrie kein Mangel. Der einzige Daseinszweck beider Stoffe ist die Bereicherung einiger Unternehmer, und das ist kein Kulturzweck. Endlich weist man auf die ungeheure Verschiedenheit der geistigen Begabung hin, der die Verschiedenheit der Vermögenslagen entsprechen müsse. Die Verwirrung der Vorstellungen von diesem Zusammenhange zwischen Geisteskraft und Reichtum, zwischen Geistesschwäche und Armut ist so groß, daß man nicht recht weiß, an welchem Zipfel man den Knäuel beim Aufknüpfen anfassen soll. Nehmen wir den ersten besten. Der höchsten geistigen Kraft, der Schöpferkraft des Erfinders, des Entdeckers, des Künstlers, des Weltweisen fällt niemals der größte Vermögensanteil zu; weder Kolumbus, noch Kopernikus, noch Kepler, noch Newton, noch Lavoisier, noch Kant, noch Schiller, noch Alexander von Humboldt, noch Professur Weber in Göttingen, der Erfinder des elektrischen Telegraphen, haben zu den reichen Leuten ihrer Zeit gehört, und Stephenson und Watt sind wenigstens nicht sehr reich gestorben. Nicht einmal die größten Staatsmänner pflegen die reichsten Leute ihrer Zeit und ihres Volkes zu sein, obwohl sich bei ihnen die Forderung, das Schicksal oder die Gesellschaftsverfassung müsse dem größten Talent oder Genie den größten Reichtum zuteilen, noch am ehesten begründen ließe, weil ja der leitende Staatsmann der mächtigste Mann im Staate ist, und Geld sowohl als Machtmittel wie als Frucht der Macht von dieser unzertrennlich erscheint. Niemand hält jedoch den Kardinal Mazarin deswegen, weil er unermeßlich reich gestorben ist, für größer als Richelieu, und dieser hatte unbeschadet seiner Erfolge und seines Ruhmes ärmer bleiben können, als er geblieben ist. Nicht die höchste geistige Begabung und Thätigkeit, sondern erst die zweithöchste, die des Unternehmers, pflegt zum Reichtum zu führen, und wenn wir diese wiederum nach der innern Schwierigkeit und dem Kulturwert ihrer Leistungen abstufen, so steht der dadurch erworbne Reichtum oft genug nicht im geraden, sondern im umgekehrten Verhältnis zu den verschiednen Stufen. Viele Papiermüller sind reich geworden, nur gerade der eine nicht, dem die epochemachende Erfindung des Leimens zu verdanken ist, M. F. Illig. Durch einen Prozeß der Edisongesellschaft, die aus ihrem Glühlampenpatent ungeheure Einkünfte zieht, erfährt man jetzt, daß ein Deutscher, Namens Heinrich Göbel, nach der Anweisung seines Lehrers, des Professors Mönnighausen in Hannover, schon vom Jahre 1855 ab genau solche Glühlichtlampen wie die Edisonschen in Newyork gewerbsmäßig hergestellt hat, ohne dadurch reich zu werden. Ein neuer Beweis dafür, daß Edison weit weniger ein genialer Erfinder, als dem englischen und Yankeecharakter gemäß ein geriebner Ausnützer deutscher Erfindungen ist. In einzelnen Fällen wird das Verdienst schöpferischer Gründung, genialer Verbesserung und Leitung mit angemessenem Reichtum belohnt, im allgemeinen aber kommt der Spekulant rascher vorwärts und bringts weiter, als der verdienstvollste Fabrikant, Es heißt den Charakter der Arbeit wie der Nationen gründlich verkennen, wenn Wolf schreibt: »Wie bei den Kulturnationen eine unter Umständen nicht geringe Anzahl Arbeiter ›mit schwachem Gelingen‹ zu verzeichnen sind, giebt es auch da ganze Nationen, die dieses Prädikat verdienen. Bereits dem Südeuropäer fehlt die kolossale Arbeitsenergie des Engländers, eine nicht mehr physische Eigenschaft, die dessen exekutive Arbeit als die in Wahrheit höchststehende charakterisirt.« Es ist einfach nicht wahr, daß der englische Handarbeiter, denn dessen Leistung ist mit der exekutiven Arbeit gemeint, die höchste Arbeitsenergie bethätige; er besitzt nur die Fähigkeit, einseitiger als die Angehörigen aller andern Nationen zu arbeiten, reiner Automat zu werden, und diese Eigenschaft scheint ihm nicht von Haus aus eigen, sondern mit Hunger und Peitsche angedrillt zu sein, denn nach dem Zeugnisse der Shakespearischen Schauspiele muß der Engländer früherer Zeit ein so vollsinniger und vielseitiger Mensch gewesen sein wie der Deutsche; hat er sich doch auch gegen die Art Arbeitsenergie, die man ihm beim Übergang zum Maschinenbetrieb andrillte, mit Mord und Brand gewehrt. Was aber die schöpferische und die dispositive Arbeit der Engländer anlangt, so zeichnet sich die erste vor der der übrigen Völker dadurch aus, daß sie fast ausschließlich auf Dinge verwendet wird, die Geld bringen, und ihrer dispositiven wird der Erfolg, das heißt wiederum der Geldverdienst, weit mehr durch die Energie gewissenloser Ausbeutung als durch die Energie eigentlicher Arbeit gesichert. Eben darum hat der vornehme Engländer Erfolg, weil er sich nicht zum Arbeitstier und zum Sklaven der Pflicht macht, sondern den Blick und die Zeit frei hält, umherzuspähen auf dem Erdenrund, wo irgend ein Gewinn zu ergattern sei, und weil ihm keinerlei Gewissensbedenken noch pedantische Gewohnheiten den Entschluß, im rechten Augenblick zuzugreifen, verzögern noch die brutale Ausführung behindern. Holtzendorff erzählt in dem schon erwähnten Schriftchen, er habe seinem Squire den scherzhaften Wunsch ausgesprochen, die Engländer möchten uns ein Stämmchen Squiresöhne ablassen, daß wir sie in unsern Schulen erziehen und mit diesem lebenskräftigen Element unser durch büreaukratischen Mechanismus träge gewordnes Blut auffrischen könnten; der Squire aber habe geantwortet, das würde uns nichts nützen, denn in deutschen Schulen hielten es englische Jungen nicht aus, sie würden alle fortlaufen. Auch dem Produkte nach kann die englische Arbeit nicht als höchststehende bezeichnet werden. In Ackerbau und Viehzucht, es ist wahr, sind die Engländer den übrigen Nationen eine Zeitlang vorangegangen; aber da sich ihre Reichen auf andre Weise mehr zu »verdienen« wußten, so haben sie diesen wichtigsten aller Produktionszweige mehr und mehr eingeschränkt und sind bis hinter die Weisheit des Euripides zurückgegangen, der im Orestes einen der Ältesten von Argos mit den Worten loben läßt: Die Stadt besucht er selten und des Marktes Rund, Sein Feld bestellend, was allein das Land erhält. Ein Engländer, es ist wahr, hat uns die verbesserte Dampfmaschine gegeben, aber nachdem der Franzose Papin die Maschine selbst hergestellt und den Dampf als bewegende Kraft in die Welt eingeführt hatte, war die Verbesserung nur eine Frage der Zeit, und hätte sie Watt nicht erfunden, so würde ein andrer, vielleicht ein Deutscher oder ein Amerikaner, darauf verfallen sein. Die Industrieprodukte Englands aber sind Erzeugnisse nicht der höchststehenden, sondern der am niedrigsten stehenden Arbeit, rein mechanischer Arbeit, an denen Geist, Phantasie, Kunstfertigkeit und guter Geschmack keinen Anteil haben, und indem dieses Volk mit den ungeheuern Massen seiner rohen Maschinenware die geschickte Hand, die künstlerische Phantasie und den guten Geschmack außer Thätigkeit setzte, hat es die echte und wahre Kultur zurückgeschraubt. Nicht die Menschheit mit neuen Kulturgütern zu beschenken, sondern zur Erzielung eines höhern Geldgewinnes einen Teil der alten Kulturgüter zu verdrängen, war Ziel und Erfolg der englischen Arbeit. Die hervorragende Stellung der Engländer in der Weltwirtschaft besteht nicht darin, daß sie mehr Güter lieferten als andre Völker, sondern daß sie andern Völkern mehr Güter auspressen; sie sind weit mehr Schmarotzer als Produzenten. Wer die Arbeit nach dieser Art Erfolg abschätzt, der muß die der Juden noch höher stellen, weil sie mit einem noch geringern Aufwande von wirklich produktiver Thätigkeit und noch größerer Energie im Erraffen noch höhern Geldgewinn erzielen. Es giebt auch Juden, die im Gewerbe, in Kunst, Wissenschaft und Litteratur produktiv thätig, sind, und ich selbst bin mit einigen befreundet. Solche sind natürlich nicht gemeint, sondern nur die in jener spekulativen Weise thätigen, die als spezifisch jüdisch gilt. In Wirklichkeit steht natürlich die englische höher, weil sie immerhin noch nützlicher ist. Aber was den Erfolg in dem angedeuteten Sinne anlangt, so hat uns der auf den Punkt gebracht, daß jetzt nicht mehr deutsche und russische Kanonen, nicht deutscher und französischer Geist, auch nicht der deutsche Pflug und der italienische Spaten, sondern englisches, amerikanisches und jüdisches Geld um die Weltherrschaft ringen. Auf den Umstand, daß das Einkommen der verschiednen Arbeitenden im allgemeinen weder ihren verschiednen Begabungen noch ihren verschiednen Leistungen entspricht, gedenken wir nicht etwa eine Anklage gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu gründen. Im Gegenteil, die vollkommne Gerechtigkeit darf auf Erden nie und nirgends verwirklicht sein. In dem Augenblick, wo sie es wäre, und wo jedem der volle Lohn seiner Thaten, wozu auch der volle Arbeitsertrag gehört, mit naturgesetzlicher Notwendigkeit von selbst zufiele, gäbe es keine Möglichkeit mehr für den Menschen, seine sittliche Natur zu entfalten und zu bethätigen. Sondern wir haben diese Inkongruenz nur hervorgehoben, um die Folgerung abzuweisen, daß um der natürlichen Ungleichheit willen die Menschen von geringer Begabung und geringer Leistungsfähigkeit sich das allerelendeste und zum Teil ein geradezu unmenschliches und untermenschliches Dasein gefallen lassen müßten. Was dazu erforderlich wäre, um auch dem wenig Tüchtigen ein trauliches Nest und ausreichende Kost zu verschaffen, brauchte nicht dem wahren Verdienst entzogen zu werden, das in keiner zukünftigen Gesellschaftsordnung schlechter wegkommen wird, als es heute wegkommt, sondern nur solchen Menschen, die weit über Gebühr bezahlt werden; leistet doch selbst der ungeschickteste Erdarbeiter oder ländliche Tagelöhner für das Gemeinwohl weit mehr, als der geschickteste Couponabschneider oder Bankerotteur. Und dann: ist es denn von vornherein ausgemacht, daß alle Menschen niedern Standes nur für die niedrigsten Verrichtungen befähigt sind? Wer sich in Volksschulen umgesehen hat, der weiß, daß es dumme und ungeschickte Jungen vornehmen Standes und talentvolle Tagelöhnerkinder giebt; dennoch werden, das steht im voraus fest, jene die höchsten und bestbezahlten gesellschaftlichen Stellungen einnehmen, und diese die untersten und schlechtest bezahlten, denn sich aus niedrigem Stande durch Talent emporzuschwingen, ist zwar zu allen Zeiten möglich gewesen, ist Sklaven und Hörigen gelungen; in unsrer Zeit der Freiheit und Gleichberechtigung aber, unter welchen schönen Namen sich die Alleinherrschaft des Geldes verbirgt, nahezu unmöglich geworden. Es ist unverantwortlich, wenn Wolf in seinem sehr ernsthaften und gelehrten Werke folgenden Äußerungen Kleinpauls eine gewisse Beweiskraft beimißt: »Alle Hutmacher wissen, daß die kleinsten Köpfe den Arbeitern und Handlangern angehören, die Maurer im besondern haben den Kopf so klein, daß man in Paris von einem kleinköpfigen Individuum sprichwörtlich sagt: il a une tête de maçon . Daher auch die Hutmacher in den Arbeiterquartieren nur kleine Hüte auf Lager haben (52-53 cm). Umgekehrt die Huthändler im Schulenquartier brauchen große Hüte (58-60 cm).« Hat nicht Kant einen ungewöhnlich kleinen Schädel gehabt? Und sind denn die Pariser Maurer eine geschlossene Kaste? Und würde sich nicht manches Proletariers Schädel stärker entwickelt haben, wenn er, anstatt mit zwölf Jahren auf Handlangerarbeit zu gehen, auf Schulen gegangen wäre? Zufällig habe ich in früherer Zeit mehrfach mit Bauhandwerkern zu thun gehabt und ein paar Maurerpoliere kennen gelernt, die in Fällen, wo der Regierungsbaumeister mit seinem Latein zu Ende war, noch ganz vortrefflich Rat wußten. Auf Befragen haben mir Hutmacher versichert, daß sie zwischen dem vornehmen und dem geringen Stande keinen Unterschied fanden, in beiden kämen große wie kleine Köpfe vor. Mit Wolf bezweifeln auch wir die Richtigkeit der Ansicht Ratzels, daß »der Begriff Naturvölker nichts Anthropologisches, nichts Anatomisch-Physiologisches in sich habe, sondern ein rein ethnographischer, ein Kulturbegriff« sei, und »daß Völker von jeder Rasse, von jedem Grade natürlicher Ausstattung entweder noch nicht zur Kultur fortgeschritten oder in der Kultur zurückgegangen sein können.« Aber wenn wir dieser Auffassung gemäß glauben, daß unser Volk, das deutsche, zu höhern Leistungen als alle übrigen, ja zu den höchsten befähigt sei, dann ist es doch die ärgste Versündigung an der Natur, daß zwei Drittel dieses edeln, hochbegabten Volks in der Armut der Wilden schmachten, denn fünfhundert bis sechshundert Mark Familieneinkommen gewähren in Deutschland noch gar nicht einmal den Grad von Lebensgenuß, dessen sich der Wilde erfreut. Oder gehen vielleicht dem Deutschen dadurch, daß er in einer Tagelöhnerfamilie geboren wird, die anatomisch-physiologischen Eigenschaften seiner Rasse verloren? In den meisten Gegenden Deutschlands sind die Kinder der Armen, wenn ihre Eltern nicht schon zur Zeit der Erzeugung verkümmert waren, gewöhnlich bildhübsch und von edler Körperbildung, und ich bin überzeugt, daß sie, wenn sie in der Wiege mit vornehmen Kindern vertauscht würden, ein jedes seinen Platz so gut ausfüllen würden, wie die gebornen Prinzessinnen und Grafen, Professoren und Kommerzienrätinnen, während die Hochgebornen in der proletarischen Umgebung mit der Zeit so häßlich werden würden wie geborne Proletarier. Unedlere Körperbildung habe ich u. a. in einer Gegend der Lausitz bemerkt, wo die Leute wendischer Abstammung sind; auch im Königreich Sachsen soll dieser Unterschied auffällig sein; ähnliche Wahrnehmungen werden die Anthropologen in andern Gegenden Deutschlands gemacht haben. Wenn aus der natürlichen Ungleichheit der Rassen eine Folgerung für die Gestaltung der Gesellschaft gezogen werden soll, so kann es doch nur die sein, die vormals die Griechen, später unsre eignen Vorfahren und überhaupt alle herrschenden Völker gezogen haben, daß wir Deutschen zur schöpferischen und dispositiven Arbeit berufen, die unterworfnen oder zu unterwerfenden Barbaren aber zur exekutiven vorherbestimmt seien, demnach also unsre Sklaven sein müßten, im Herrschervolke selbst aber so ungeheuerliche Ungleichheiten der Berufsarbeit und des Einkommens nicht geduldet werden dürften. Noch unhaltbarer ist der Hinweis eines andern Gegners der Sozialdemokratie auf die Verschiedenheit der Tiergeschlechter. Ein solcher Unterschied, daß die eine Gattung von Geschöpfen zum Genuß, die andre zum Leiden und Entbehren in beständiger Dienstbarkeit bestimmt wäre, findet sich überhaupt nicht in der Natur. Nicht in den verschiednen Graden des Glückes und des Genusses, sondern in der verschiednen Organisation liegt aller Unterschied, und jedes mit Bewußtsein begabte Geschöpf genießt, von Fällen individuellen Unglücks abgesehen, das Glück, wozu es seine Organisation befähigt; demnach ist der Elefant nicht glücklicher als die Maus, und diese nicht glücklicher als die Mücke. Sollte dieses Naturgesetz für die Menschheit gelten, so müßten, persönliches Unglück abgerechnet, alle Menschen das gleiche Glück genießen. Oder soll der Unterschied der geistig-sittlichen Anlagen und Charaktere, der sich bei unserm Geschlecht innerhalb einer im ganzen gleichen leiblichen Organisation gebildet hat, eine Verschiedenheit in der Ausstattung mit Glücksgütern begründen, so könnte die Verteilung doch nur folgendermaßen gedacht werden. Die Kalibans, wie vor einiger Zeit die Arbeiter einmal in einem konservativen Blatte genannt wurden, jene Kerls, die nach Ansicht der Herrschenden nur zu gemeiner Arbeit taugen und für andre als sinnliche Genüsse nicht empfänglich sind, müßten mit den Mitteln ausgestattet werden, sich in einer Fülle sinnlicher Genüsse zu wälzen, demnach ein sehr bedeutendes Einkommen beziehen. Jene erhabnen Geistmenschen dagegen, die, wie sie versichern, kein andres Bedürfnis kennen als die Wahrheit zu ergründen und sich fürs Vaterland zu opfern, bedürften außer einem sehr anstrengenden und schwierigen Amte nichts als eine weißgetünchte Dachstube, eine Bibliothek, notdürftige Kleidung und ihre tägliche Portion Wasser und Brot. Die in der Mitte stehenden geistig-leiblichen, die ästhetischen Menschen, dürften etwas reichlichern Sinnengenuß und außerdem eine schöne Wohnung in schöner Gegend, Musikinstrumente und Eintrittskarten zu allen Konzerten, Theateraufführungen, Kunstsammlungen beanspruchen. »Nicht humaner als die Natur« will Wolf sein; die Natur aber ist so human, jedem Wesen gerade den Lebensgenuß zu gewähren, dessen es fähig ist. Bebels Meinung, bei gleich günstigen Lebensbedingungen würden sich in allen Menschen annähernd gleiche Anlagen in reichster Fülle entwickeln, halte auch ich für phantastisch, schon aus dem Grunde, weil sich in vielen Fällen die scheinbar ungünstigsten Bedingungen als die günstigsten erweisen, und der große Charakter, oft auch das große Talent sich nur im Widerstande gegen Hindernisse entfaltet. Aber die heutigen Einkommenunterschiede und die Einkommenlosigkeit von vielen Tausenden mit dem Gefolge ihrer schrecklichen Leiden auf die Unterschiede der natürlichen Anlagen gründen wollen, das heißt sich zur aristotelischen Sklaventheorie bekennen und diese noch verschlechtern. Endlich könnte man die Notwendigkeit des Massenelends noch damit begründen wollen, daß es den Armen zum Heroismus des Leidens und der Selbsthilfe, den Reichen zur Übung der Barmherzigkeit Gelegenheit darbiete. Allein für beides genügen schon die zahlreichen Fälle des persönlichen Elends, an denen es niemals fehlt, und im Vergleich zu der ungeheuern Zahl von Menschen, die im Massenelend sittlich verkümmern und verderben, kommen die einzelnen Heldencharakter, die es erzeugt, kaum in Betracht. Also wir sehen, weder durch die Gesetze der Natur noch durch die Ansprüche der Kultur läßt sich das Massenelend rechtfertigen. Nur ein Fall ist denkbar, wo es als notwendig erkannt werden müßte, nämlich wenn Karl Marx mit seiner Auffassung der sozialen und volkswirtschaftlichen Entwicklung das Richtige getroffen hätte. Wäre wirklich der Umschlag der kapitalistischen in die kommunistische Produktionsweise das nächste Ziel der Entwicklung, so wäre allerdings das Massenelend unumgänglich notwendig, einmal als die unvermeidliche Wirkung der Vermögenskonzentration, die zum Umschlage führen soll, und andrerseits als das unentbehrliche Mittel zur Vereinigung der Proletarier aller Länder, die die neue Ordnung aufrichten sollen. Behaupten, daß innerhalb der bestehenden Ordnung die Massenarmut unheilbar sei, das heißt, jene Ordnung verurteilen und sich zu Marx bekennen. Zehntes Kapitel Rückwärts zum Ständestaat oder vorwärts zum Sozialistenstaat! Wenn die Gegner der Sozialdemokratie auf die Sklaventheorie des Aristoteles zusteuern, so nehmen wir ihnen das so wenig übel, daß wir vielmehr ihre Verständigkeit und Ehrlichkeit loben. Diese Theorie ist in der Natur der menschlichen Gesellschaft begründet, und stärker als je machen sich heute diese Gründe geltend. Denn erstens ist es unbestreitbar, daß es einige Nationen giebt, die zum Herrschen berufen, und andre, die zum Dienen bestimmt sind, und wenn wir wirkliche Kolonien in Afrika bekommen sollten oder die mecklenburgischen Junker ihren patriotischen Plan verwirklichten und chinesische Kulis einführten, so würden selbst die Freisinnigen keine solchen Narren sein, den uns untergebnen schwarzen und gelben Menschen die Rechte von Reichsbürgern verleihen zu wollen. Zweitens giebt es auch innerhalb der Herrschernationen einzelne Individuen, die in der Abhängigkeit ganz brauchbare Arbeitswerkzeuge abgeben, denen aber die Befähigung zur Selbständigkeit fehlt, sodaß sie, mag man ihnen auch alle äußern Bedingungen der Freiheit sichern, immer wieder in Abhängigkeit versinken. Diese würden sich für ihre Person wohler fühlen und nützlichere Glieder des Gemeinwesens werden, wenn man ihren Verstand nicht über ihre sittliche Energie hinaus entwickelte und sie in dem engen Kreise verworrener Vorstellungen, der ihrer Verwendbarkeit völlig angemessen ist, ungestört ließe, anstatt sie durch Schulunterricht, durch Zeitunglesen und durch Verleihung von politischen Rechten zu Versuchen anzuspornen und zu nötigen, die im voraus zur Erfolglosigkeit verurteilt sind. Im Gefängnisse zu L. lernte ich vor dreißig Jahren einen Mann kennen, der so ehrlich war, daß ihm, wie weiland Herr und Frau Putiphar dem guten Joseph, der Aufseher und seine Frau das ganze Haus anvertrauten, U. a. schickten sie ihn auf den Wochenmarkt einkaufen, und zwar allein und ohne Aufsicht, und nie hat er einen Pfennig veruntreut. Dabei war er stets willig, sehr anstellig und zu allem geschickt; ohne die Uhrmacherei gelernt zu haben, hat er eine Wanduhr zusammengebosselt und dem Gefängnisse geschenkt. Wurde er entlassen, so zehrte er die im Gefängnisse verdienten paar Groschen auf und beging dann einen kleinen Diebstahl, um wieder verhaftet zu werden. Das einemal meldete er sich unverhaftet. »Frau Inspektern,« sagte er, »mein Geld ist alle; bitte schön, lassen Sie mich wieder ein!« Haben Sie gestohlen? »Nee –, na, wenn es nu einmal sein muß –«. Damit rennt er fort, nimmt – es ist gerade Wochenmarkt – vom ersten besten Wagen eine Peitsche herunter und knallt damit ganz langsam durch die Menge hindurchschreitend bis zum Gefängnisse. »Jetzt hab ich gestohlen,« sagt er freudestrahlend, »jetzt müssen Sie mich einlassen!« Welche Grausamkeit und welche Unvernunft, solchen Menschen den Herrn zu nehmen, ohne den sie nicht leben können, und sie ins Gefängnis zu sperren, als ob die für alle reichen und »staatserhaltenden« Herren allernützlichste Naturanlage eines solchen Armen, sein Abhängigkeitsbedürfnis, ein Verbrechen wäre! Die »Berliner Morgenzeitung« brachte neulich ein Feuilleton von Küchenmeister-Kaberlin: »Der Industrieort Plötzensee.« Darin wird beschrieben, wie willig und fleißig die Leute dort arbeiten, in wie wunderbar kurzer Zeit Laufburschen und Hausknechte jedes beliebige Handwerk lernen, für das man gerade Hände braucht – eine vernichtende Kritik unsers Lehrlingswesens, wie der Inspektor Bieding richtig bemerkt – wie leicht die Ordnung aufrecht zu erhalten ist, und mit welchem Wohlwollen der Inspektor seine Schützlinge behandelt, die seiner Versicherung nach sämtlich »gute Jungen« sind. Bei einigen dieser Leute ist nun gewiß die Unselbständigkeit des Charakters und der Mangel eines festen Abhängigkeitsverhältnisses schuld, daß sie – im juristischen Sinne des Worts wenigstens – Verbrecher geworden sind. Bei andern war es die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, auf ehrlichem Wege fortzukommen, was sie hineingebracht hat, bei noch andern ein Konflikt mit den Behörden u. s. w. Den einen wäre mit einem Herrn geholfen, den andern mit einem sozialen Zustande, wo nicht Grund und Boden, sondern Hände fehlen, wie denn aus vielen der – z. B. nach Australien – deportierten Verbrecher ganz von selber ehrliche Leute geworden sind. Welch ein Zustand! Hätte nicht die Sozialdemokratie das Ehrgefühl so sehr geschärft, die Arbeitslosen würden im Winter massenhaft Schaufenster einschlagen und Majestätsbeleidigungen begehen, um Aufnahme ins Gefängnis zu finden; bedroht man doch diese neue Art von »Verbrechen« schon mit Lattenarrest! Dem Geiste des Christentums widersprechen Sklaverei und Hörigkeit an sich noch nicht. Er fordert nur, daß die Abhängigen menschlich behandelt werden, und daß man ihre Persönlichkeit soweit achte, als sie eine haben. Sind Schwachköpfe der oben beschriebnen Art nicht in dem Sinne Persönlichkeiten, daß sie ihr Schicksal selbst aus eigner Kraft, zu gestalten vermöchten, so vermögen sie wenigstens zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und können für ihre Handlungen selbst verantwortlich gemacht werden, können sich selbst die Gattin wählen und was dergleichen actus humani mehr sind, die ihnen das heidnische Altertum, in der Theorie wenigstens, nicht zugestand. Nicht gegen die Sklaventheorie des Aristoteles an sich erhebe ich Protest, sondern nur gegen die Anwendung, die man in alter Zeit von ihr gemacht hat und neuerdings wieder macht. Während die Griechen und Römer geneigt waren, alle Ausländer für Arbeitswerkzeuge anzusehen, die ihnen die Götter geschenkt hätten, bilden sich unsre heutigen Kapitalisten ein und wollen sie die Welt glauben machen, ihnen allein habe die Natur das zur Betriebsleitung erforderliche Talent verliehen, und der Arme sei ihnen als Werkzeug geschenkt, wobei sie noch beständig darüber klagen, wie unbequem zu gebrauchen, wie unfügsam und widerspenstig, wie anspruchsvoll und kostspielig dieses Werkzeug sei, und wie gern man es durch eine Maschine ersetzen möchte. Noch ein dritter Grund läßt sich gegen die Forderung der Freiheit für alle anführen. Gerade die Verhältnisse mannichfach abgestufter Abhängigkeit sind unerschöpfliche Quellen der schönsten sittlichen und gemütlichen Regungen und Beziehungen und der edelsten Thaten: Dienstmannen- und Dienstbotentreue, väterliche und mütterliche Fürsorge der Herrschaften, gegenseitige Anhänglichkeit, mitfühlende Teilnahme der einen an den Leiden und Freuden der andern, spendende Liebe auf der einen und dankbare Liebe auf der andern Seite, und sonst noch so manches Wertvolle fließt daraus hervor. Von dem allen läßt die Verwandlung des Dienstverhältnisses in einen Vertrag zwischen Gleichberechtigten nichts übrig, sie löst den Inhalt des menschlichen Gemütslebens in lauter Paragraphen und Rechenexempel auf. Die Plakate der Herren Landräte an den Straßenecken, die an die »Arbeitgeber und Arbeitnehmer« gerichtet sind, besiegeln den Untergang des Zeitalters der Poesie, d. h. des Zeitalters der Menschen, und den Anbruch der neuen Zeit, die den Menschen in allen Stücken dem Gesetz der nach Zahl, Maß und Gewicht geordneten Körperwelt unterwirft, Antonio und Porzia, die hilfreichen Freunde, machen dem Juden Shylock Platz, Herakles und Siegfried, diese Vorbilder aller Dienstmannen, dem Dienstmann Nr. 33, der für jeden Gang 50 Pfennige zu liquidieren hat. Jetzt fehlt nur noch, daß die Verliebten untereinander den Preis für die zu gewährenden Liebkosungen, und die Mütter mit einem den Kindern zu bestellenden Rechtsanwalt den Preis für die Nachtwachen am Bette ihres kranken Kindes kontraktlich vereinbaren; das erste geschieht ja wohl schon einigermaßen. Der amerikanische Sozialist Gronlund hat vollkommen richtig bemerkt, daß das europäische Trinkgelderwesen für die Verwirklichung des Sozialistenstaates ein nicht zu unterschätzendes Hindernis bilde, Ein Mensch, der gewöhnt ist, Trinkgelder zu nehmen, fühlt sich als Untergebener der Spendenden; das Gefühl der Gleichberechtigung kann in ihm nicht aufkommen. Es kann also gar keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn Professor Iherings Feldzug gegen das Trinkgelderunwesen – jedes Wesen erscheint von der andern Seite gesehen als Unwesen – Erfolg gehabt hätte, damit der Sozialdemokratie die Wege geebnet worden wären. Und auch hier ist es doch sehr die Frage, ob damit das Leben wesentlich verbessert oder verschönert worden wäre. Sind alle Ansprüche und Leistungen der Gasthaus- und Kaffeehauskellner vertragsmäßig bestimmt, so fällt damit die Fürsorge weg, deren sich heutzutage Stammgäste zu erfreuen pflegen. Weder wird ihnen ein freundliches Gesicht zum Willkommen, noch finden sie täglich ihre Zeitung auf ihrem Platze, noch erfahren sie interessante Neuigkeiten, denn zu solchen Dingen können die Kellner nicht verpflichtet werden. Beim jetzigen Zustande findet der freundliche und freigebige Gast einen freundlichen und dienstfertigen Kellner und umgekehrt. Ist erst einmal die strenge Gleichberechtigungs- und Vertragstheorie durchgeführt, dann ist es für den Kellner gleichgültig, ob er ein netter Mensch oder ein Klotz, und für den Gast, ob er freigebig oder schäbig ist; Tugenden nützen und Charakterfehler schaden nichts mehr. Die Schattenseiten des Trinkgelderwesens sollen damit nicht geleugnet werden; nur auf die grundsätzliche Bedeutung der Sache kam es uns hier an. Auch um jene zarten Kulturblüten, die wir echt aristokratische Gesinnung und wahrhaft vornehmen Umgangston nennen, wäre es geschehen, wenn die Gleichberechtigung Aller und die Zurückführung aller Lebensverhältnisse auf Verträge möglich wäre. Beim Nivellement wird immer mehr Hohes erniedrigt als Niedriges gehoben; die geistige Roheit des Amerikanertums ist bekannt. Viertens drängen mancherlei Verhältnisse zur Wiederherstellung der Leibeigenschaft. Den Grubenarbeitern ist im letzten Ausstände durch die auf Seite 107 erwähnten Maßregeln das Koalitionsrecht thatsächlich entzogen, sie selbst sind dadurch aus »freien Arbeitern« in Dienstboten oder Hörige verwandelt worden, Ein konservatives Blatt bezeichnete das Verhalten der Ausständigen im Saarrevier als »freche Auflehnung gegen jede Autorität«; dieser Auffassung nach stehen die Grubenverwaltungen den Arbeitern nicht als Kontrahenten gegenüber, sondern als Autoritäten, d. h. als Herren oder Obrigkeiten. Wenn es wahr ist, was die Mehrzahl der Unternehmer behauptet, daß sich die Koalitionsfreiheit mit dem großindustriellen Betriebe nicht verträgt, dann bleibt eben nichts übrig, als die Gesetze den Forderungen der Industrie anzubequemen und die Leute auch der Form nach zu Hörigen ihrer Brotherren zu machen, was sie ja dem Wesen nach ohnehin sind. Die immer stürmischer werdenden Klagen und Forderungen der Rittergutsbesitzer in den östlichen Provinzen sind bekannt. Die Herren verlangen: Bestrafung des Kontraktbruchs, Beschränkung der Freizügigkeit und der Auswanderung, Verteuerung des Reisens auf der Eisenbahn und Verminderung des Schulunterrichts auf dem Lande, d. h. die thatsächliche Leibeigenschaft; die förmliche verlangen sie wohlweislich nicht, weil die ihnen sehr große Lasten auflegen würde. Es wirkt erfrischend und erlösend in dem widerlichen politischen Lügennetz, in das wir verstrickt sind, wenn ein Mann einmal den Mut hat, so offen mit der Sprache herauszurücken, wie der Graf von Königsmark, der nach dem »Naugarder Kreisblatt« in der »Pommerschen ökonomischen Gesellschaft,« wie üblich, über »die Zuchtlosigkeit und den Kontraktbruch« der Arbeiter geklagt und dann geäußert hat: aus Gefängnis mache sich der Arbeiter nichts, da er ja im Gefängnis besser lebe als zu Hause; selbst aus einer Zuchthausstrafe machten sich die Arbeiter nichts, da sie dadurch dem Militärdienst entgingen; nur noch die Prügelstrafe könne helfen, denn »Ehrgefühl haben die Leute ja doch nicht.« Damit sind wir sofort noch ein gutes Stück hinter die altgriechische und die mohammedanische Sklaverei zurückgeschnellt; denn nach der Rolle zu urteilen, die sie in den Dramen spielen, haben die altgrichischen Sklaven ein sehr feines Ehrgefühl gehabt und bedeutend besser als im Zuchthause gelebt; und die Mohammedaner sind bei weitem nicht so prügellustig wie die pommerschen Junker. Als vorigen Sommer der bekannte Eugen Wolf dem Sultan von Sansibar einmal klagte, er möchte gern auf die Jagd gehen, habe aber keine Leute, so sagte ihm der: »Ich werde dir Leute schicken; dir gebe ich sie gern, weil ich weiß, daß du sie nicht schlägst und mißhandelst, wie die andern Europäer thun.« Aber es ist gut, daß sich endlich einmal Männer finden, die den Mut haben, das Lügengewebe herzhaft zu zerreißen. Mit dem Lügengewebe meine ich nichts geringeres als den modernen Konstitutionalismus. Dieser ist aus den zwei ungeheuerlichen Lügen gewoben, daß der Besitzlose persönlich frei, und daß er ein vollberechtigter Staatsbürger sein könne. Man hat sich eingebildet, den Ständestaat abschaffen und den Staat von Athen und Sparta einführen zu können ohne dessen Grundlage, die Sklaverei. In ihrem Ursprunge war diese Lüge nicht allein schuldlos, sondern sie begründet sogar, weil den edelsten Regungen des Herzens entsprungen, einen Anspruch auf Ruhm für unsre Väter und Großväter. Dazu wurde der Irrtum des Verstandes, der jener edeln Regung dienen mußte, durch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit verdeckt. Die Philosophen der Humanitätsperiode stellten, in Übereinstimmung mit dem Christentum wie es der Kalvinismus verstanden hatte, an jeden Menschen die Forderung, daß er sich zur vollen Persönlichkeit entfalte. Daraus ergab sich seine Freiheit und seine Gleichberechtigung im Staate. Nun hatten zwar alle frühern Geschlechter gewußt, daß Freiheit nicht denkbar sei ohne die auf Grundbesitz gegründete ökonomische Unabhängigkeit, und daß der persönlich Abhängige unmöglich an der Gesetzgebung und Verwaltung des Staates teil nehmen und seinem Brotherrn Gesetze vorschreiben könne Als Anfang März im preußischen Abgeordnetenhause die Kosten für die durch Reichsgesetz eingeführten Bergewerbegerichte bewilligt werden sollten, erklärten die konservativen Gegner dieser Einrichtung, es sei unerträglich, daß Arbeiter über ihre Brotherren zu Gericht sitzen sollten. ; auch haben die Staatsmänner des vorigen Jahrhunderts die Weisheit Chinas bewundert, das jedem seiner Bürger den Besitz einer eignen Scholle zu sichern verstanden hat; in unsern Tagen freilich scheint die Übervölkerung doch auch im himmlischen Reiche ein zahlreiches Proletariat von Besitzlosen geschaffen zu haben. Allein die hochentwickelte Geld- und Kreditwirtschaft Europas erzeugte den Schein, als sei ökonomische Unabhängigkeit auch ohne Grundbesitz möglich: man brauchte ja nur Geld zu verdienen, um unabhängig zu werden. Daß das sogenannte bewegliche Kapital weiter nichts ist als eine Hypothek auf den vaterländischen Grund und Boden, daß diese Hypothek die Hälfte des Bodenwerts nicht übersteigen darf, wenn sie die Landwirtschaft nicht zu Grunde richten und damit das vernichten soll, was ihr Wert verleiht, daß demnach das bewegliche Vermögen so wenig nach Belieben vermehrt werden kann wie der Grundbesitz, daß vielmehr sein Wachstum durch dessen Ausdehnung begrenzt wird, dieses alles übersah man und glaubte dem Mephistopheles, der dem Kaiser und der Welt bis heute vorschwindelt, um jedermann reich zu machen, sei nichts nötig als eine Papierfabrik und eine Notendruckpresse. Auch überwog im Anfange unsers Jahrhunderts die Zahl der Grundbesitzer noch so sehr, daß sich nirgends Massen Besitzloser anhäuften, an denen der Trug hätte offenbar werden können. Aber bald drängte die ökonomische Entwicklung dazu, die Zahl dieser lebendigen Beweisstücke zu vermehren. Der Rittergutsbesitzer, dem die verbesserte Landwirtschaft reichen Geldertrag versprach, fand es vorteilhafter, seinen ganzen Acker selbst zu bewirtschaften, anstatt einen Teil davon seinen Hörigen zu überlassen, Der Umwandlunsprozeß der Hörigen Altpreußens in besitzlose Lohnarbeiter ist von Knapp sowohl in seinem großen Werke über die Bauernbefreiung in Preußen wie in seiner vortrefflichen kleinen Schrift: »Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit« beschrieben worden. Sehr wertvolle Aufschlüsse über den Gang der Dinge seit der Separation und Ablösung enthält der dritte Band des vom Verein für Sozialpolitik veröffentlichten Berichts über »die Verhältnisse der Landarbeiter.« Dieser von Dr. Weber bearbeitete dritte Band behandelt die ostelbischen Provinzen Preußens. In den »zurückgebliebensten« Landesteilen sind die ursprünglichen guten Verhältnisse stellenweise noch erhalten. Ursprünglich erhielt der sogenannte Instmann gar keinen Geldlohn. Der gnädige Herr gewährte ihm Wohnhaus, Stallung, Obstgarten, zwei Morgen Ackerland für Getreide und einen Kartoffelacker, für seine Kuh freie Weide im Sommer und Futter im Winter, den zehnten bis fünfzehnten Scheffel vom Flegeldrusch, oft noch eine gewisse Garbenzahl beim Mähen, Dünger für seinen Acker, das Gespann zur Bestellung seines Ackers, Fuhren zum Holz-, Torf-, Kohlenholen, zu Markte, zum Geistlichen und zur Hebamme. Wie stark in diesem System noch die Interessengemeinschaft zwischen Herrn und Instmann war, liegt auf der Hand. Das alles hörte auf, als die Brache wegfiel, Hackfrüchte den Körnerbau einschränkten, die Maschine den Dreschflegel verdrängte. An Stelle der Eigenwirtschaft des Instmanns trat zuerst das Deputat, an dessen Stelle dann das Geld. Zudem machten Kartoffeln und Schnaps aus dem kleinen Manne körperlich und geistig einen andern Menschen. Immer weniger ständige Arbeiter braucht das moderne große Gut, immer mehr heimatlose Kampagnearbeiter, und als solcher ist der genügsame Slawe am willkommensten. »Vor Jahrhunderten haben deutsche Bauern, sagt Weber, gerufen von den slawischen Großen, die deutsche Kultur in den Oder- und Weichselgebieten begründet; heute ruft der kapitalistische Großbetrieb des Ostens die Slawen ins Land.« So vollständig haben die menschlichen Beziehungen zwischen Herrn und Arbeitern aufgehört, so sehr sind die Arbeiter auch hier nur noch Arbeitswerkzeuge, daß, wie Dr. Weber klagt, nicht wenige der Herren die bei der Enquête vorgelegten Fragen nicht ordentlich zu beantworten vermocht haben; sie kennen einfach die Verhältnisse ihrer Arbeiter gar nicht. und bald erkannte er den ungeheuern Vorteil der Ablösung, gegen die er sich anfänglich gesträubt hatte: sein um ein Stück Gemeindeacker vergrößertes Gut brachte um so mehr Geld, als sich die Anweisung auf Geldverdienst und Freiheit, mit der man den kleinen Mann für die eingezogne Gemeindetrift abgefunden hatte, als trügerisch erwies, und er sich gezwungen sah, für den gnädigen Herrn billiger zu arbeiten, als er es im leibeignen Stande gethan hatte. So begegneten sich denn seine Wünsche und die des nach Arbeitern hungernden Großindustriellen, und diesem Zuge der Zeit entsprechend ward das große Befreiungswerk mit der Freizügigkeit und dem allgemeinen gleichen Wahlrecht gekrönt. Seitdem aber ist die Bevölkerung weit über die Möglichkeit der Versorgung durch Hypotheken auf den heimischen Grundbesitz gestiegen, und so haben wir nun jenen gasförmigen Aggregatzustand des ärmern Volks, der es jeder Industrie leicht macht, aus allen Teilen des Reichs Arbeiter nach Bedarf und Belieben anzuziehen und sie wieder abzustoßen. Längst ist der Trug enthüllt, oder sagen wir lieber, die edle Selbsttäuschung der Völker zerronnen, und jede Staatskunst ist eitel, die nicht von der Thatsache ausgeht, daß sich zwei Strömungen auf Tod und Leben bekämpfen, von denen die eine, die sich konservativ nennt, die förmliche Wiederanerkennung des tatsächlich noch vorhandnen, nur umgeschichteten Ständestaates, die andre, die sogenannte liberale, den Sozialistenstaat zum Ziele hat. Haben wir nötig, die Behauptung, daß schon jetzt die untersten Arbeiterschichten wirklich in Sklaverei leben, noch ausführlich zu beweisen? Wir haben bei andern Gelegenheiten genug Beweismaterial dafür beigebracht, doch wollen wir, der Sicherheit wegen, noch ein paar von den unzähligen beweisenden Thatsachen anführen, die jedem vor Augen liegen. Der Dienst dieser Arbeiterschicht ist schwerer und unangenehmer als der von Sklaven irgendwelcher Zeit oder irgendwelchen Volkes. Von den Arbeiten in einer märkischen Zuckerfabrik entwarf kürzlich der »Vorwärts« folgende, unwiderlegt gebliebne Schilderung, In der Schwemme (Tagelohn 1,60 Mark) stehen die Arbeiter mit nackten Füßen oft bis über die Knie im Wasser; essen kann ein jeder nur, wenn ein Kamerad währenddessen seine Arbeit mit übernimmt; die zwölfstündige Arbeit geht ohne Frühstück-, Mittag- und Vesperpause ununterbrochen fort. Nie Arbeiter in der Diffusion erhalten zwar hohe Stiefel, dafür aber stürzt ihnen eiskaltes Wasser entgegen, während die Luft, in der sie arbeiten, 30 und mehr Grad heiß ist. Lohn 1,90 Mk. Am Montejus (einer Vorrichtung zum Heben heißer Flüssigkeiten) arbeiten Knaben in einer Hitze von 30-40 Grad für 1,20 Mark u. s. w. Überstunden werden häufig gefordert. In der Anilin- und Sodafabrik zu Ludwigshafen (das Nähere im Sozialpolitischen Zentralblatt, in der Nummer vom 31. Oktober 1892) ist die Arbeit so ungesund, daß wenige sie lange über ein Jahr aushalten; von den 3430 Arbeitern waren 2383 im Betriebsjahre neu eingestellt; Leute, die über 35 Jahr alt sind, werden, als untauglich, nicht angenommen. Durchschnittlicher Jahresverdienst des erwachsenen Arbeiters 750 Mark; dabei schwankt die Dividende, die das Unternehmen abwirft, zwischen 21 und 25 Prozent, d. h. also, man braucht nur mit 1-2000 Thalern beteiligt zu sein, um im Müssiggehen soviel zu verdienen, wie die Arbeiter mit unangenehmer Arbeit und dem Opfer ihrer Gesundheit. In gesundheitsschädlichen und gefährlichen Betrieben dürfen nach den neuen Arbeiterschutzvorschriften jugendliche Arbeiter vor ½6 Uhr morgens und nach ½9 Uhr abends nicht beschäftigt werden. Obwohl nun die Eisenhütten zu dieser Kategorie gehören, hat sich doch der Bundesrat bewegen lassen, in der am 29. April 1892 für die Walz- und Hammerwerke erlassenen Verordnung diese Beschränkung fallen zu lassen. Dagegen bleiben sie der Bestimmung unterworfen, daß dem Verzeichnis der jugendlichen Arbeiter eine Tabelle beizufügen sei, worin Anfang und Ende der innerhalb jeder Arbeitsschicht gewährten Pausen angegeben ist. Diese Beschränkung in der Ausbeutung der Knaben und Jünglinge erscheint nun den Direktoren so unleidlich, daß der Generalsekretär Dr. Beumer in einer Sitzung des Vorstandes des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustriellen am 9. Dezember 1892 erklärt hat: wenn die Verordnung des Bundesrats nicht bald aufgehoben würde, so werde es mit den jugendlichen Arbeitern gehen wie mit den Frauen, d. h. man werde keine mehr beschäftigen. Über die Pferdebahnbediensteten zu Breslau hat vor einigen Jahren die »Schlesische Zeitung«, ohne widerlegt zu werden, berichtet, daß manche von ihnen regelmäßig von früh um 6 Uhr bis Nachts um 12 Uhr Dienst haben, also netto 6 von den 24 Tagesstunden »freie Männer« sind, eine Zeit, die doch noch nicht zum Ausschlafen reicht. Nach dem Bericht des badischen Fabrikinspektors Wörishoffer, des einzigen in Deutschland, der die herrschende Wirtschaft rücksichtslos aufdeckt, sind auch im Jahre 1892 noch 36 stündige Arbeitsschichten vorgekommen; Arbeiter, die ihm Übertretungen der Gewerbegesetze angezeigt haben, sind mit Entlassung bestraft worden. Der österreichische Ingenieur- und Architektenverein hat eine Reihe von Bestimmungen für Arbeiterschutz bei Hochbauten vorgeschlagen, erst vorgeschlagen! zu denen auch folgende gehört: »Hochschwangere Handlangerinnen dürfen in der Regel nur im Erdgeschoß, niemals auf Leitern, Verwendung finden.« Über die Verrichtungen des gewerblichen Lebens bei den alten Ägyptern, bei den Griechen und Römern, auch bei den sehr grausamen Assyrern sind mir durch Abbildungen ziemlich genau unterrichtet; kennt vielleicht jemand eine solche, wo hochschwangre Frauen dargestellt würden, wie sie, Gefäße mit Mörtel auf dem Kopf, eine Leiter hinaufsteigen? Der in »unzivilisirten« Sklavenländern unbekannten Kinderausbeutung ist ja nun durch Schutzgesetze in allen unsern »zivilisirten« Staaten einigermaßen ein Riegel vorgeschoben; allein der Notwendigkeit, zum Brotverdienst der Eltern beizutragen, sind dadurch die Kleinen keineswegs überhoben. Außer der fünfstündigen Arbeit in der Schule, die für die jüngern immerhin auch schon eine Leistung ist, haben sie entweder den Eltern bei irgend einer Hausindustrie zu helfen oder als Ausläufer und Hausirer, oft auch des Nachts, Geld zu verdienen. Zur Widerwärtigkeit, langen Dauer und kärglichen Bezahlung der Arbeit kommt die eiserne Disziplin der Fabrik. Nicht etwa die strenge Ordnung der Fabrik bedeutet eine Erschwerung des Dienstes. Die erscheint vielmehr, verglichen mit der Sudelei in der Hausindustrie und in vielen Handwerkstätten, als eine Wohlthat. Lehrling und Lehrling ist zweierlei, gerade so wie Fabrik und Fabrik zweierlei ist. Der Sohn des angesehenen Meisters, der bei einem andern Meister lernt, um dereinst selbst Meister zu werden, lebt weit angenehmer als der Gymnasiast, Aber der sogenannte Lehrling, der Sohn armer Leute, die den Jungen bloß aus der Kost haben wollen, der als billiger Arbeiter ausgenutzt und dann auf die Straße geworfen wird, Eben da wir dieses schreiben, erzählt uns ein Junge unsrer Bekanntschaft, daß sein Meister wegen flauen Geschäftsgangs von seinen beiden Gesellen einen entlassen habe; Lehrlinge aber hält der Mann acht! der hat ein Hundeleben, das als allgemein bekannt nicht weiter beschrieben zu werden braucht; wer wirklich noch nicht wissen sollte, wie es da zugeht, kann es aus dem Bericht des Hamburger Fabrikinspektors Dr. Steinert über das Jahr 1891 erfahren. Wenn der Schlosser- oder Tischlerlehrling aus so einer Sudelwerkstatt in die schönen hellen und reinlichen Hallen einer Maschinenbauanstalt oder Möbelfabrik kommt, wo die Arbeit mit dem Glockenschlage anfängt und aufhört, wo er keine Prügel, Ohrfeigen und Püffe bekommt, wo ein freundlicher verständiger Werkmeister die Arbeit anweist und leitet, gehörige Erholungspausen bewilligt werden und der Sonntag ganz frei ist, so glaubt er sich in den Himmel versetzt. Es sind wiederum gerade die unangenehmsten Beschäftigungen, z. B. in Spinn-, Web- und Zuckerfabriken, wo der Arbeiter weniger zu schaffen als eine unaufhörlich wirbelnde Maschine mit solcher angespannter Aufmerksamkeit und so ohne alle Unterbrechung zu bedienen hat, daß die Arbeit an sich schon zur Qual wird, daß der Mensch für die ganze Zeit, wo er eingestellt ist, aufhört, Mensch zu sein und Maschinenteil wird – solche sind es, wo die Fabrikdisziplin die an sich widerwärtige Frohnarbeit vollends unerträglich macht. Die Arbeit »mit muntern Reden zu begleiten,« daran ist da nicht zu denken. Die Fabrikordnungen, in deren Erlaß die Besitzer allerdings durch die Gewerbenovelle gewissen gesetzlichen Beschränkungen unterworfen sind, regeln das Verhalten der Arbeiter bis ins kleinste, und an den Ausgängen der Zuckerfabriken stehen beim Schichtwechsel – während der Schicht darf überhaupt keiner hinaus – besondre Aufseher, die jeden einzelnen mustern oder wohl auch untersuchen, ob er nicht etwa eine Süßigkeit eingesteckt hat, so daß also ein jeder von vornherein für einen mutmaßlichen Spitzbuben erklärt wird. Kurz, die Arbeit ist auch von dieser Seite her betrachtet Sklavenarbeit, das Gegenteil der wirklich freien Arbeit beim Bauer und beim anständigen Handwerker, wo ab und zu ein freundliches Wort, ein Scherz, ein Wechsel der Beschäftigung, eine kleine außerordentliche Unterbrechung die Arbeit würzt, die Anstrengung erträglich macht, die Spannkraft wieder herstellt; wo der Arbeitende hie und da auf ein paar Augenblicke das Werkzeug niederlegt und einem fliegenden Vogel, einem aufgeschreckten Hasen nachschaut, dabei seine Muskeln je nach Bedürfnis reckt und streckt oder ein wenig ruhen läßt. Dazu kommt die gefängnisartige Absperrung. Früher arbeitete jedermann coram publico , und es konnte beim Arbeiten nichts auffälliges passiren, was nicht an demselben Tage noch das ganze Dorf oder das ganze Städtlein erfahren hätte. Zwar arbeiteten unsre Handwerker nicht, wie die im Süden, vor der Hausthür oder in offnen Läden, aber den ganzen Tag gingen Kunden aus und ein, und Goethe erzählt bekanntlich, sein Vater habe ihn gern in die Werkstätten mitgenommen, und so habe er die verschiednen Hantirungen kennen gelernt. Heute wird alles im Laden gekauft; wie es in der Werkstatt aussieht, wo etliche Dutzend Schneider oder Schneiderinnen unter der Fuchtel eines Schwitzmeisters seufzen, davon haben die Herren und Damen, die sich nach dem Modejournal kleiden, keine Ahnung. Die Fabriken gar sind dem Unberufnen so unzugänglich wie die Gefängnisse und seit einigen Jahren auch die Kasernen und Kasernenhöfe; nur der mit obrigkeitlicher Vollmacht ausgerüstete Gewerberat wird eingelassen, nachdem man schleunigst alles entfernt oder versteckt hat, was seinen Tadel herausfordern könnte. Sogar die Gutshöfe sind nicht mehr so zugänglich wie sie es ehedem waren, und werden landwirtschaftliche Industrien auf ihnen betrieben, dann sind sie dem unberechtigten Neu- oder Wißbegierigen verschlossen. Überhaupt hat der landwirtschaftliche Großbetrieb dem Landleben seine Poesie geraubt; der einzige Vorteil, den die Tagelöhner vor Fabrikarbeitern noch voraus haben, ist, daß sie in freier Luft arbeiten. Sonst geht es auf dem Rittergute so ungemütlich zu wie in der Fabrik: rastloses Schaffen unter strenger Aufsicht, Maschinenbetrieb mit Zerfleischung und Gliederabreißung, Geldlohn ohne Naturallieferungen, kein Anspruch auf eine kleine eigne Scholle, auf dauernde Versorgung, keine Spur von gemütlichem Feierabend und fröhlichen ländlichen Festen. In einer höchst interessanten Arbeit über »das nahende Ende des landwirtschaftlichen Großbetriebes« sagt Dr. Rudolf Meyer, »Neue Zeit« 1893, S. 430. Rudolf Meyer, dieser kenntnis-, erfahrungs- und gedankenreiche Landwirt, ist zuerst von der konservativen, dann von der Zentrumspresse hinausgeworfen worden und muß jetzt seine lehrreichen Aufsätze in sozialdemokratischen Zeitschriften veröffentlichen. nachdem er die Einführung der modernen Wirtschaftsweise auf einer böhmischen Herrschaft beschrieben hat: »Nun verschwindet der Rest der Brache. Der Boden trägt jedes Jahr, ohne Ruh und ohne Rast – es geht ihm wie dem frei gewordnen Lohnarbeiter, dem die katholische Kirche hier glücklicherweise eine schöne Zahl Feiertage gerettet hat, die auf dieser Domäne, deren Herrschaft streng kirchlich ist, auch heute noch arbeitsfrei sind, außer in der Zuckerfabrik! Darin arbeitet man auch Sonntags, Tag und Nacht, in zwei zwölfstündigen Schichten, wie in Österreich überall in dieser grauenhaften Industrie, welche in zwei Kontinenten zum Fluch der Arbeiter geworden ist.« Wie die landwirtschaftlichen Arbeiter, so sind auch viele Handwerker von der eisernen Fabrikdisziplin ergriffen worden. Die Maurerwitze gehören der Vergangenheit an. Wir hatten unlängst Gelegenheit, monatelang einen Bau zu beobachten. Die Maurer von heute schaffen rasch, gleichmäßig, und ohne andre Unterbrechung als die ordnungsmäßigen Pausen. Der leiseste Versuch der Unbotmäßigkeit wird mit augenblicklicher Entlassung, d. h. mit ein paar Hungerwochen bestraft. Der Militärdienst, das weiß jedermann, ist heute weit anstrengender als vor zwanzig und gar vor vierzig Jahren, dabei, eben auch wegen der eisernen Disziplin, das gerade Gegenteil jenes lustigen freien Soldatenlebens, das der Holkische Jäger in Wallensteins Lager preist. Was der Soldat an materiellen Gütern genießt, das sind ordentliche Kleidung und Obdach, hinreichende kräftige Nahrung und eine gesunde Beschäftigung! nichts über das hinaus, was unbedingt nötig ist, ihn vollkommen dienstfähig zu erhalten. Trotzdem haben der Reichskanzler und General von Falkenstein den Arbeitern aus der Seele gesprochen, da sie die Kasernen als Ferienkolonien bezeichneten, Den Sozialdemokraten, die darüber spotten, scheint die oben angeführte Äußerung des Grafen Königsmark Recht zu geben. Wenn wirklich die pommerschen Bauernknechte den Militärdienst fürchten, so könnte zweierlei daran schuld sein, entweder körperliche Entartung in Folge schlechter Kost, oder jene Erschwerung des Dienstes, über die allgemein geklagt wird, und die seit zwanzig Jahren stetig ärger geworden zu sein scheint. Das durchschnittliche Arbeiterleben ist eben so unerfreulich, daß solche Arbeiter, denen der Dienst nicht wegen Ungeschicklichkeit oder Entwöhnung der Muskeln zu schwer fällt und die sich dadurch nicht zu arg im Fortkommen gehindert finden, ihn als eine Erholung begrüßen. Wie sehr sich die Großindustriellen als die unumschränkten Herren ihrer Arbeiter betrachten, haben sie in den letzten Jahren bei mehreren Gelegenheiten sehr unbefangen kund gegeben, z. B. indem einer ihrer mächtigsten Verbände den vorgeschlagnen Arbeiterschutzmaßregeln gegenüber erklärte: der Arbeiter handle frei bei Abschließung seines Kontrakts. Sei dieser aber einmal abgeschlossen, so sei der Arbeiter gebunden; in der Fabrik oder Grube habe der Unternehmer allein zu gebieten und niemand habe ein Recht, ihm drein zu reden, auch der Staat nicht. Wie es aber um die Freiheit des Arbeiters bei Abschließung des Kontraktes steht, darüber brauchen wir nicht weiter zu reden. Nur bei günstiger Konjunktur, d. h. wenn die Nachfrage nach Arbeit das Angebot übersteigt, hat er freie Wahl, und die Zeit der günstigen Konjunkturen ist vorläufig vorüber. Der Gedanke, irgend ein seiner Sinne mächtiger Mensch könne freiwillig die Arbeit in einer Zuckerfabrik oder Zündhölzchenfabrik wählen, ist geradezu toll; man wählt »frei« zwischen zwei solchen Beschäftigungen, wie man zwischen Zuchthaus und Selbstmord, oder zwischen Gift und Strang wählt. Und bei alledem müssen Tausende von Arbeitern noch froh sein, wenn sie solche Arbeit bekommen und behalten. Die Zahl der Entlassungen wächst jeden Winter, und in den Zeitungen liest man dann Notizen wie die: »Am letzten Frosttage bat in einem Dorfe bei Potsdam ein Handwerksbursch um Nachtquartier im Gemeindehause. Sie ward ihm verweigert. Am nächsten Morgen fand man ihn mit erfrornen Füßen auf der Landstraße. Er wurde ins Krankenhaus nach Potsdam gebracht, wo ihm beide Beine unterm Knie abgenommen wurden.« Kant und Fichte – bei Hegel sind wir dessen weniger gewiß – würden diesen Zustand niederträchtig genannt haben. Bei dem Überangebot von Händen steht es jederzeit in dem Belieben der Unternehmer, solche Arbeiter zu entlassen, die ihnen aus irgend einem Grunde, z. B. wegen ihrer politischen Gesinnung unangenehm sind. So z. B. hat im Ahlwardtprozeß der Oberstlieutenant Kühne mitgeteilt, daß in Löwes Gewehrfabrik 400 Arbeiter entlassen worden seien, weil sie am ersten Mai gefeiert hätten. Dagegen ist ja nun wohl nichts einzuwenden. Denn erstens duldet es die Fabrikordnung nicht, daß 400 Arbeiter ohne Erlaubnis einen Tag feiern, und zweitens darf nicht gestattet werden, daß die Arbeiter einer Fabrik, die für den Staat arbeitet, an einer sozialdemokratischen Demonstration teilnehmen; soweit es sich thun läßt; beschäftigt der Staat sozialdemokratische Arbeiter überhaupt nicht. Bei verschiednen Gelegenheiten haben die Vertreter der rheinisch-westfälischen Großindustrie dem Handelsminister Vorwürfe darüber gemacht, daß die fiskalischen Gruben und Werkstätten nicht noch gründlicher von sozialdemokratischen Arbeitern gesäubert würden. Damit ist aber zugleich den Arbeitern die einzige Freiheit genommen, die sie formell noch von Sklaven unterscheidet, die Freiheit, von ihren politischen Rechten zur Besserung ihrer Lage Gebrauch zu machen. Wie sollen sie denn davon Gebrauch machen, wenn sie keine eigne Partei bilden und nicht alles das thun dürfen, was zum Parteileben gehört? Sollen sie etwa den Bock zum Ziergärtner machen und die Vertretung ihrer Interessen einem Konservativen oder Nationalliberalen übergeben? Oder sollen sie ihre Sache vertrauensvoll auf Gott und den Staat stellen? Der Staat berechtigt sie nicht zu solchem Vertrauen, wie unter vielem andern folgender Erlaß beweist. »Sobald das Umräumen oder Abladen von Betriebskohle erforderlich wird, sollen von jetzt ab diese Arbeiten nach Schluß der Arbeitszeit von denjenigen Maschinenputzern ausgeführt werden, denen am Sonntage vorher freier Sonntag, unter Gewährung ihres Tagelohns, bewilligt worden war. Nach der Verfügung des Königlichen Eisenbahnbetriebsamts Brieg-Lissa vom 9. November 1877 soll nur denjenigen Maschinenputzern monatlich ein freier Sonntag oder Feiertag bewilligt werden, welche im Tagelohn arbeiten, und welche zeitweise zu Überstunden herangezogen werden müssen, ohne daß denselben die Überstunden in Rechnung gestellt werden, was überhaupt nicht geschehen darf. Breslau, den 17. November 1892. Die Betriebs-Werkstätte.« So verordnet von einer Behörde des einen der noch existirenden vier oder fünf christlichen Staaten, nachdem Moses 1500 Jahre vor Christus verordnet hat, daß der Israelit am Sabbath nicht allein selbst ruhen, sondern auch sein Vieh und seine ausländischen Sklaven ruhen lassen solle, mit dem Zusatz: »Gedenke, daß du selbst ein Knecht und Fremdling gewesen bist im Lande Ägypten!« Könnte die Verpönung der Arbeiterpartei durchgesetzt werden – am guten Willen und an der Anwendung von Zwangsmitteln hats nicht gefehlt –, so würde damit das allgemeine gleiche Wahlrecht nicht einmal mehr formell bestehen. Materiell ist es ohnehin beinahe wirkungslos; die sozialdemokratische Partei kann zwar hier und da, durch Verstärkung der übrigen Oppositionsparteien, eine Regierungsvorlage zu Falle bringen, dagegen ist sie nicht imstande, einen ihrer positiven Vorschläge auf dem Wege der Gesetzgebung durchzusetzen. Sollte sie einmal so stark zu werden drohen, daß sie dieses vermöchte, so würden sich alle übrigen Parteien mit den verbündeten Regierungen zur Abschaffung des allgemeinen gleichen Wahlrechts vereinigen. Das heißt also, man bewilligt dem Arbeiter die politischen Rechte nur unter der Voraussetzung, daß sie unwirksam bleiben; so steht es ja u. a. auch mit dem theoretisch anerkannten Rechte des armen Mannes, das Amt eines Schöffen oder Geschwornen zu bekleiden und mit manchem andern Rechte. Wie viel würdiger wäre es eines großen christlichen Reiches, die Unfähigkeit aller wirtschaftlich Abhängigen zur Ausübung staatsbürgerlicher Rechte offen anzuerkennen, dafür aber dem armen Volke die Wahl von Tribunen zuzugestehen, die an den Thüren des Saales der Gesetzgeber erscheinen müßten, um die Beschwerden des Volks vorzutragen, und denen man vielleicht das Recht einräumen dürfte, Vorschläge zur Besserung zu machen und in gewissen Fällen durch ihr Veto volksfeindliche Maßregeln zu vereiteln! Also: was die Konservativen wollen, aber einzugestehen nicht den Mut haben, das ist die Wiederherstellung des alten Ständestaates: Erhebung der Rittergutsbesitzer zu einem privilegirten Stande, dessen Güter unteilbar und unverpfändbar, und dem die Bauern als Unterthanen und die Arbeiter als Hörige zu unterwerfen wären. Allerdings würde das Ergebnis dieser Umwandlung den Herren sehr schlecht gefallen. Sie würden sich verpflichten müssen, ihren Leibeignen und deren sämtlicher Nachkommenschaft auf ewige Zeiten Wohnung und Unterhalt zu gewähren, und ihre Einkünfte würden dadurch beinahe so niedrig werden wie die ihrer Urgroßväter gewesen sind, die freilich den Ertrag des Gutes noch nicht mit Hypothekengläubigern zu teilen brauchten. Wie sich die freikonservativen und nationalliberalen Großindustriellen eine ihren Wünschen entsprechende gesetzliche Regelung ihrer Beziehungen zu den Arbeitern denken, ist mir nicht recht klar. Dieser konservativ-reaktionären Strömung staut sich die liberal-fortschrittliche entgegen, die in die Sozialdemokratie ausmündet, Ihren politischen Gehalt hat diese Richtung nicht von Karl Marx, sondern von Kant, Fichte und Hegel empfangen, Hegel definirte den Staat als die Verwirklichung der sittlichen Idee, nachdem Kant und Fichte die freie Persönlichkeit, die stets Selbstzweck sei und sich niemals als Mittel für andre dürfe gebrauchen lassen, als Wurzel und Wesen der Sittlichkeit bezeichnet hatten. Daraus ergeben sich mit Notwendigkeit folgende Forderungen, Jeder ist persönlich frei und darf nicht von einem andern abhängig sein; im Privatverkehr wie im Staatsleben stehen alle Bürger als Gleichberechtigte neben einander und die einzige Beziehung, die sie verbinden kann, ist die des freien Vertrags. Arbeiten darf jeder nur für sich und die Gesamtheit, nicht für eine Privatperson, Alle Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung kann daher nur die Form von Produktivgenossenschaften haben, mögen diese nun auf einem Privatabkommen beruhen oder Veranstaltungen des Staates sein. Nur für den Staat ist der Arbeiter verpflichtet, sich Abzüge von dem Ertrage seiner Arbeit gefallen zu lassen, nicht für einen Privatunternehmer; der Arbeitsleiter hat nur eine seinen Leistungen entsprechende Besoldung zu beanspruchen. Daß ein arbeitswilliger Mensch ohne Einkommen bliebe, kann nicht vorkommen; sobald sich der Fall ereignete, würde der Staat aufhören, die Verwirklichung der sittlichen Idee zu sein und zum Notstaate herabsinken, dem keine höhre Daseinsberechtigung zukäme als allen andern Einrichtungen, die aus der Not des Augenblicks entspringen und die man verabschiedet, sobald man sie loswerden kann. Der Unterschied zwischen diesem Vernunftstaat und dem Sozialistenstaat beschränkt sich darauf, daß es der erste auf Verwirklichung der sittlichen Idee, der zweite auf Beglückung der Menschen abgesehen hat; aber wäre es möglich, den einen von ihnen zu verwirklichen, so würde mit ihm zugleich auch der andre verwirklicht sein. Denn der Vernunftstaat würde nicht das Lebensglück von je hundert Personen dem Behagen einer einzigen Person opfern; weder Darbende noch Millionäre könnte er dulden. Der Sozialistenstaat aber würde zugleich die Sittlichkeit verwirklichen, denn es könnte ja kein Mensch den andern für sich als Mittel benutzen, also keiner unsittlich sein. Daß diese Ideen in allen Gliedern des Volks, wenn auch nicht bewußt, so doch lebendig werden, dafür sorgen täglich Schule und Presse. Das ist hinlänglich bekannt. Zur Illustration der Wirksamkeit der Schule nur eine Anekdote. Neulich fragten wir eine höchst verständige Frau, die in ihrer Jugend eine sehr tüchtige Dienstmagd gewesen und daher eine sehr tüchtige Hausfrau geworden ist, warum sie nicht auch ihre Töchter lieber in den Dienst schicke, anstatt sie Putz machen und sticken zu lassen. Zu ihrer Rechtfertigung führte sie nach andern weniger beweiskräftigen Gründen noch einen an, der sich hören läßt: die heutige Schulbildung mache die Kinder so zartfühlend, daß ihnen der Gedanke an ein Dienstverhältnis unerträglich sei. In der That mag, wie bekannt, fast kein deutsches Mädchen mehr dienen. Lieber hungern sie als Konfektionsdamen, als daß sie sich bei einer Herrschaft kräftige Kost und guten Lohn verdienten. In Schlesien hilft man sich vorläufig noch mit polnischen Mädchen; wenn diese vollends germanisirt sein werden, wird guter Rat teuer und das sozialistische Ideal in dieser Beziehung so ziemlich erreicht sein: man wird für den Hausdienst nur noch Herren und Damen bekommen, die sich kontraktlich zu einzelnen genau umschriebnen Leistungen verpflichten, aber keinen Handgriff und keinen Schritt darüber hinaus thun. Eine Beamtenfrau, die bis dahin in Schlesien und Posen gelebt hatte, deren Mann aber kürzlich nach Berlin versetzt worden ist, spricht in einer Frauenzeitung ihr Entsetzen aus über den anmaßenden Ton der Berliner Dienstboten, die mit ihrer Frau auf dem Fuße der Gleichberechtigung verkehren wollten, und fordert alle Berliner Damen auf, ihre Dienstmädchen nur aus Posen und Schlesien zu beziehen. Wie lange würde denn das nützen? Auch unter den deutschredenden Dienstmädchen katholischer Konfession giebt es noch ganz anspruchlose, die keine andre Erholung beanspruchen, als die sonntägliche Messe, wofern ihnen keine andre Zeit bewilligt wird, die Fünfuhrmesse und allenfalls am Sonntag Nachmittag der Besuch eines frommen Konventikels. Aber der aufgeklärte Dienstherr kann so etwas nicht leiden; wenn er Sonntag früh um fünf das Mädchen fortgehn hört, verdirbt ihm das die Morgenruhe, und dann kann er doch auch das arme Ding nicht den Pfaffen und dem Aberglauben überlassen. Er sucht ihr also klarzumachen, daß das, was sie als heilig verehrt, nur Hokuspokus sei. So haben denn unsre aufgeklärten Herrschaften die Dienstboten, die sie verdienen und sich selbst erzogen haben: Damen, die sich der Frau gleichberechtigt fühlen, den Hausschlüssel und verschiednes andre fordern. Und so sind denn die Steigerung der Empfindung, die Verfeinerung des Ehrgefühls, die Entwicklung der selbstbewußten Persönlichkeit so weit gediehen, daß die Furcht vor einer angedrohten oder die Scham über eine empfangne körperliche Züchtigung schon den Schüler zum Selbstmorde treibt, während es vor einigen Jahrzehnten kein bessres Mittel gab, sich eines derben Jungen Zuneigung und treue Anhänglichkeit zu erwerben, als wenn man sich einmal mit einer tüchtigen Tracht Prügel um ihn bemühte. Da außerdem die theoretische Beseitigung der Stände, die Verdrängung der Volkstrachten durch die eine gleichmäßige Mode, die allgemeine Verbreitung des Hochdeutschen und gleichartiger höflicher Umgangsformen durch Schule, Vereine, öffentliche Versammlungen zusammengewirkt haben, alle nicht augenscheinlich verlumpten Männer und Knaben zu Herren, alle Frauen und Mädchen zu Damen zu machen, so erscheint der Widerspruch des Einkommens und der sozialen Stellung des Armen gegen seine philosophisch, verfassungsmäßig und konventionell festgestellte und ihm so zu sagen anerzogne Gleichberechtigung mit dein Reichen als ebenso unsittlich wie unvernünftig, und dessen Aufhebung nur noch eine Frage der Zeit. Unter den demokratisirenden Kräften des modernen Lebens spielt die allgemeine Dienstpflicht eine eigentümliche Rolle. Die levée en masse haben die französischen Republikaner in die Weltgeschichte eingeführt. Unter Napoleons genialer Führung eroberten ihre Volksheere halb Europa, bis sie 1813 von deutschen Volksheeren zurückgeworfen wurden. Aber Friedrich Wilhelm III. hatte von seinem Standpunkte aus Recht, wenn er gegen diese »revolutionäre« Volksbewegung im innersten Herzen Abneigung empfand, und alle spätern Neuorganisationen des preußischen, des deutschen Heeres haben mehr oder weniger deutlich den Zweck verfolgt, das »Volk in Waffen« so viel wie möglich zu einer Armee von Berufssoldaten zu erziehen. Demnach sind es nicht bloß militärtechnische, sondern auch politische Gründe, aus denen Caprivi (siehe seine Entgegnung auf Eugen Richters Rede vom 10. Dezember v.J.) und alle europäischen Regierungen die »militärische Truppe« einem »Haufen heldenmütiger Vaterlandsverteidiger« vorziehen. Nur waltet hier der Unterschied ob, daß die Regierungen von Frankreich und Italien den Zweck nicht zu erreichen vermögen, den die von Preußen, nur teilweise auch die von Österreich und Rußland bisher erreicht haben, nämlich die Massenhaftigkeit des Volksheeres mit dem Charakter eines dem Staatsoberhaupt unbedingt ergebnen und auch im Kampfe gegen rebellische Unterthanen unbedingt zuverlässigen Heeres von Berufssoldaten zu verbinden. Worauf beruht nun diese unbedingte Zuverlässigkeit des preußischen Heeres? Auf der Natur seines Offizierkorps und seiner Unteroffiziere. Der preußische Offizier, das ist ihm durch Familientradition in Fleisch und Blut übergegangen, kennt nur einen Herrn und eine Autorität, den König von Preußen; alles übrige: Volk, Staat, Staatsverfassung ist ihm verhältnismäßig gleichgültig, und keine Veränderung im Staate vermag das persönliche Band zwischen ihm und dem Monarchen zu lockern. Der Unteroffizier aber sieht in den Offizieren seine natürlichen Vorgesetzten und versteht seine kleine Mannschaft zur nämlichen Gesinnung zu erziehen, wofern sie sie nicht schon von Hause mitbringt. Finge der preußische Unteroffizier einmal an zu denken: »Was du leistest, Herr Lieutenant, das kann ich auch; daß ich es nicht darf, daß ich mich nicht zu deinem Vorgesetzten emporschwingen darf, ist eine Ungerechtigkeit, die beseitigt werden muß,« so wäre damit das eiserne Band der Disziplin des preußischen Heeres zerrissen. Wie kommt es nun, daß sich der preußische Unteroffizier seinem Offizier, auch dem jüngsten Lieutenant, willig unterordnet? Nicht weil der Offizier mehr gelernt hat: das Wissen des durchschnittlichen Offiziers könnte sich der durchschnittliche Unteroffizier mit Leichtigkeit aneignen; auch nicht weil zum Offiziersrang nur hoch begabte zugelassen würden und der Unteroffiziersstand die Versorgungsanstalt für weniger begabte wäre. Sondern weil die Offiziere dem herrschenden Stande entstammen und sich zum Gebieten berufen fühlen, die Unteroffiziere dem dienenden, der die zugemutete lebenslängliche Unterordnung als eine Einrichtung der Natur und als etwas selbstverständliches hinnimmt. Deshalb sind die Märker und Pommern die idealen Offiziere und Gemeinen, weil sich beide von Kindesbeinen an als gnädiger Junker und Knecht gegenüber gestanden haben. Müssen die altpreußischen Rittergutsbesitzer einmal von ihren Herrensitzen herunter, verschwinden ihre Familien im Volke, nehmen jüdische Kommerzienräte ihre Stellen ein, in deren Sprößlingen der Bauernsohn nun und nimmermehr seine natürlichen Vorgesetzten anerkennen wird, dann bricht dieser wunderbare Bau zusammen. Und schon wenn im Unteroffizierstande die Industriearbeiter, im Offizierstande die Söhne der christlichen Bourgeoisie die Oberhand gewännen, wäre damit seine Festigkeit erschüttert, denn der städtische Arbeiter, der, wenn auch nicht geradezu Sozialdemokrat, so doch unbedingt »jebildet« ist, steht dem Fabrikbesitzersohne bedeutend kritischer gegenüber als der Bauernknecht dem Junker. Die Festigkeit der preußischen Armee beruht also darauf, daß sie, im Widerspruch zum Liberalismus und zu den Ideen von 1813, ein ständisch gegliederter Körper ist. Entgegengesetzte Strömungen und der Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit bedrohen an sich einen Staat so wenig, daß sie vielmehr ein notwendiges Element des politischen Lebens bilden. Erst wenn die dadurch erzeugten Spannungen einen gewissen Grad erreichen, sprengen sie den Staat, anstatt ihm Leben und Bewegung zu verleihen. Wenn sich ein Zehntel des Volks in einer der Idee und Verfassung des Staates widersprechenden Lage befindet, so ist das ein Antrieb zu heilsamen Veränderungen, beträgt aber die Zahl zwei Drittel, so bedeutet das entweder die Revolution oder die Verkümmerung. Auf zwei Drittel können wir im Deutschen Reiche die Zahl dieser Existenzen schätzen. Noch wählen sie bei weitem nicht alle sozialdemokratisch. Die meisten Armen unter den Katholiken hoffen durchs Zentrum Erlösung von ihren Nöten zu erlange» oder dulden wohl auch in religiöser Ergebung ohne Anspruch auf Besserung. Von den Protestanten haben solche, die in der Judenschaft die Ursache ihrer Leiden entdeckt zu haben glauben, den Konservativen, und andre, die noch immer die Pfaffen und Junker für Tyrannen und Volksverderber halten, den »Freisinnigen« die Vertretung ihrer Interessen anvertraut. Die Enttäuschung kann bei keiner der drei Gruppen ausbleiben. Und außerdem werden im Laufe der nächsten dreißig Jahre aus den drei Vierteln vier Fünftel, aus den vier Fünfteln fünf Sechstel werden. Denn da die ganze anbaufähige Fläche unsers Vaterlandes vollständig verteilt, der Hypothekenbesitz aber bereits dermaßen angeschwollen ist, daß der Hypothekengläubiger im Begriff steht, den Grundbesitzer von seinem Gute hinunterzustoßen, so kann aller weitere Volkszuwachs nur proletarisch ausfallen. Soll demnach weder ein Zusammenstoß der beiden entgegengesetzten Strömungen unserm Staatswesen, noch Verkümmerung im Elende der Herrlichkeit unseres Volks ein schlimmes Ende bereiten, so muß ein Ausweg gefunden werden. Elftes Kapitel Die bisherige Sozial- und Wirtschafts-Politik des Deutschen Reichs Also ein Ausweg muß gefunden werden. Haben ihn unsre Regierungen vielleicht schon gefunden? Bis jetzt lassen sie nichts davon merken. Von drohenden Gefahren reden sie zwar viel, aber schon, daß sie die Sozialdemokratie als die eigentliche und Hauptgefahr bezeichnen, ist wenig geeignet, Vertrauen in ihre Weisheit zu erwecken. Darin vielmehr liegt die Gefahr, daß auch nicht einmal die Sozialdemokraten deutlich erkennen, wo eigentlich der Fehler steckt, und daß uns ohne die Beseitigung dieses Fehlers der Umbau, den sie planen, nichts nützen könnte, während wir, wenn er beseitigt würde, auch ohne Umbau ganz gut fertig werden würden. Im ganzen haben die bisherigen Maßregeln der Regierungen keine andre Wirkung gehabt und können sie keine andre haben, als daß sie die Übel verschärfen und die Katastrophe beschleunigen. Da wäre zuerst die Repression. Will der Leser ganz genau wissen, wie die Repression aussieht? Es war hinter der Theresienwiese in München, wo ich einmal zusah, wie ein Fuhrknecht seine Gäule aus einer Sandgrube herauspeitschte – es kann auch ein Steinbruch gewesen sein. Eben hatten sie die Last glücklich auf die Landstraße herausgebracht, da bemerkte er, daß der Wagen zu weit links geraten sei und daß die Pferde beim nächsten Schritt den gegenüberliegenden Abhang hinabstürzen würden. Er sprang also vor und peitschte die Tiere so lange ins Gesicht hinein, bis sie den Wagen wieder in die Grube zurückgestoßen hatten. Das ist das getreue Bild der Repression. Zu weitrer Beleuchtung möge man sich noch eine jener in Preußen beliebten Szenen vergegenwärtigen, wo bei Festlichkeiten und Aufzügen durch Absperrmaßregeln ein paar tausend Leute auf einen engen Raum so zusammengedrängt werden, daß sie sich nicht rühren können und die Polizei dann plötzlich »Zurück!« oder »Auseinander!« kommandirt, auf die vordersten einhaut und sie »wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt« verhaftet. Wie individuelle Nöte, so kommen auch vereinzelte Verbrechen und Auflehnungen gegen die bestehende Ordnung überall und immer ohne besondre Verschuldung der Gesellschaft vor. Aber am organisirten Verbrechertum und an der revolutionären Gesinnung der Massen ist, wie am Massenelend, stets die Verfassung der Gesellschaft schuld. Die herrschenden Stände versetzen die dienenden in eine Lage, wo der Konflikt mit dem Gesetz unvermeidlich wird, und dann hauen sie ein. Zwischen ihnen und dem Fuhrknecht besteht nur der Unterschied, daß sich dieser bei seiner rohen und grausamen Handlungsweise weiter nichts denkt, während sich unsre herrschenden Stände auch noch dazu einbilden, sie erzögen das Volk und verwirklichten die Sittlichkeit durch ihre Repressivmaßregeln. Ja die Frommen unter ihnen, die das Neue Testament zwar in Millionen Exemplaren verteilen, selber aber nicht kennen, schmeicheln sich sogar mit dem Wahne, sie erwiesen unserm Herrgott einen Dienst damit und hätten von ihm Lohn dafür zu erwarten. Welche Früchte diese Art Volkserziehung bringt, weiß jeder, der Pferde zu erziehen hat. Denn für Tier- und Menschenerziehung gelten bis zu einem gewissen Punkte dieselben Regeln, und Herbarts Frage: »Wie kommt es, daß jeder Kettenhund, und nur der Kettenhund, bösartig ist?« wiegt ganze pädagogische Bibliotheken auf. Also kurz: wenn die Repression nicht mehr bloß einzelnen Fallen gilt, sondern die planmäßige Niederhaltung einer unzufriednen Masse zum Zwecke hat, dann macht sie mit der Zeit alle Armen, und die bilden in den modernen Staaten die Mehrzahl, zu gebornen und geschwornen Feinden des Staates. Aber das ist noch nicht das schlimmste. Weit schlimmer ist; daß sie jene Not vermehrt, aus der die Unzufriedenheit entspringt. In einem dünn bevölkerten aber dabei zivilisirten und verständig verwalteten Lande ist niemand dem andern im Wege; der Nachbar macht sich nicht als Konkurrent, sondern als hilfreicher und unentbehrlicher Freund bemerkbar, und jedem bereitet der Anblick andrer Menschen, bereitet namentlich ein Besuch aufrichtige Freude. Da es keine tausendgliedeigen Gesetze und Polizeiverordnungen giebt, kommen auch keine Verstöße dagegen vor, wirkliche Verbrechen aber sind etwas außergewöhnliches, sie abzuurteilen braucht nicht öfter als Vielleicht einmal im Vierteljahre Gericht abgehalten zu werden. Je näher die Menschen einander auf den Leib rücken, desto mehr beschränken, hindern und stören sie einander, einen desto stärkern Druck üben sie auf einander aus, der entsprechenden Gegendruck hervorruft, desto mehr werden die Nachbarn aus Freunden zu bitter gehaßten Konkurrenten, desto zahlreicher werden die Interessenkonflikte, die sich anstandshalber gern in prinzipielle Gegensätze verkleiden, bis zu guterletzt jene liebliche Stimmung zur Herrschaft gelangt, die als die Grundstimmung des modernen Menschen bezeichnet werden kann, wo jeder jeden vergiften möchte. So sehr ist die Unnatur dieses Zustandes dem modernen Menschen schon zur Natur geworden, daß er über die »Klavierseuche« klagt und witzelt, während er es vielmehr als ein wirkliches und großes Unglück beklagen müßte, daß nicht mehr jedermann in seinen vier Pfählen Klavier spielen, pfeifen und singen kann, so viel ihm beliebt und so viel es ihm die Rücksicht auf seine eignen Angehörigen verstattet. Um in diesem Raubtierhause voll Haderkatzen, worein sich das ursprüngliche Paradies verwandelt hat, Ordnung zu halten, ist nun allerdings strenges Regiment nötig. Allein da jeder Paragraph und jeder Polizist an sich schon einen neuen Anlaß und Anreiz zu Übertretungen bildet (das Gesetz ist noch dazu gekommen, damit die Sünde überhandnehme, Römer 5, 20), so wächst mit der Zahl der Paragraphen und Polizisten notwendig auch die Zahl der Übertretungen. Jede Strafe aber, heiße sie Geldbuße oder Gefängnis, wird (auch abgesehen von der Erziehung des Gelegenheitsverbrechers zum gewerbsmäßigen Verbrecher im Gefängnisse) die Ursache neuer Übertretungen, weil sie ja die wirtschaftliche Lage des Bestraften verschlechtert, ihm durch Verlust der Arbeit u. s. w. die Lebensbedingungen noch mehr erschwert und ihn noch mehr erbittert. Und außerdem kosten die Gerichts- und Polizeibeamten, die Gerichtsgebäude und Gefängnisse, die Unterhaltung der Gefangnen, die Gerichtszeugen, die Untersuchungen Geld, und dieses Geld muß von der produktiven Bevölkerung aufgebracht meiden, vermindert also ihr Einkommen und erhöht ihre Not. Um des Pfennigs willen, den der Bettler beinahe bekommen hätte, werden eine Verhaftung und eine Gerichtsverhandlung vorgenommen, die, Zeugengebühren und Gehaltsquoten der beteiligten Beamten zusammengerechnet, vielleicht über zwanzig Mark kosten. In Wien hat sich kürzlich folgendes ereignet. Eine stellenlose Dienstmagd meldet sich im Krankenhause, um sich einmal satt essen zu können, und verschwindet nach dem Mittagessen; es heißt, sie sei nach ihrer Heimat Ungarn gewandert. Die Krankenhausverwaltung liquidirt der Polizei zwanzig Kreuzer für das von dem Mädchen zu Unrecht genossne Essen, und das Ministerium des Innern will diese zwanzig Kreuzer von der ungarischen Regierung erstattet haben. Diese sucht nun die Schuldnerin zu ermitteln, und die – übrigens vergeblich gebliebnen – Nachforschungen im ganzen Bereich der Stephanskrone erfordern ungefähr 13 000 schriftliche Nachfragen und Berichte. Mit 1300 Mark werden die Kosten dieser Staatsaktion wohl noch zu niedrig angesetzt sein. Also: je mehr Menschen, desto größer die Not. Je größer die Not, desto zahlreicher das Verbrechertum und der Anhang der Revolution. Je mehr Verbrecher und Revolutionäre, desto mehr Verbote und Gefängnisse, Polizei- und Justizbeamte. Je mehr Verbote und Gefängnisse, Polizei- und Justizbeamte, desto mehr Verbrechen und Übertretungen; je mehr Verbrechen und Übertretungen, desto mehr Verurteilungen; je mehr Verurteilungen, desto größer die Not; je größer die Not, desto zahlreicher das Verbrechertum u. s. f. in infinitum . So wenig sich ein Mann am eignen Schopf aus dem Sumpfe ziehen kann, so wenig vermag sich ein Volk, bei dem das malthusische Gesetz in Wirksamkeit getreten ist und mit dem es daher rückwärts geht, aus diesem circulus vitiosus zu befreien. Jede Anstrengung, sich herauszuarbeiten, stößt es nur tiefer in den Höllentrichter hinunter. Hier giebt es kein andres Rettungsmittel als entweder Verminderung der Bevölkerung oder Sprengung des Höllentrichters, d. h. Vergrößerung des Landes. Die Sache wird noch bedeutend schlimmer, wenn der Staat, der sich allmählich in einen Höllentrichter umbildet, von Haus aus zu jenen Polizeistaaten gehört, in denen die Gesetzmacherei und die Vermehrung des Beamtentums als Grundsätze gelten und die Maßregelungs- und Bevormundungssucht zur Manie geworden ist. Darin geht nun Deutschland allen andern Ländern voran. Greifen wir aus den Tollheiten, die das Leben in dieser Hinsicht täglich bringt, ein paar beliebige heraus. In Paris pflegen die Polizeibeamten, wenn auf der Straße Stockungen eintreten, zu sagen: circulez, Messieurs! Davon hat unsre Polizei gehört und wendet nun das Rezept in ihrer Weise an. In einer kleinen Stadt z. B. wird ein Bürger, der vor seiner Hausthür mit einem Bekannten ein Geschäft verhandelt, vom Polizeiinspektor angefahren: »Sie dürfen nicht auf dem Trottoir stehen, gehen sie weg von hier!« Der Angefahrne gehorcht, bekommt trotzdem ein Strafmandat und wird vom Gericht, das er anruft, zur Zahlung verurteilt, obwohl erwiesen ist, daß er den Verkehr nicht im mindesten gehemmt hat. Vor fünfzig Jahren hatte jeder Bürger seine Bank vor der Hausthür stehen und wurde im Sommer allabendlich auf der Straße Tertulia abgehalten, wies die Spanier nennen; man brauchte nicht in die Kneipe und nicht in den Biergarten zu gehen, um Geselligkeit zu genießen. In Kaltenhardt bei Bochum wird der Vorsteher des Turnvereins wegen unbefugten Waffentragens angeklagt, weil er sich bei einem Festzuge einen altertümlichen verrosteten Säbel als Dekorationsstück beigelegt hat. Er wird zwar schließlich freigesprochen, aber erst, nachdem die Sache elf Richter und vier Staatsanwälte beschäftigt hat. In einer oberschlesischen Stadt wird ein Arbeiter angeklagt – ob auch verurteilt, erinnere ich mich nicht mehr – weil er sich im Arbeitsanzuge auf eine Bank der städtischen Anlagen gesetzt und da ein wenig ausgeruht hat. In Berlin wird ein Droschkenkutscher »wegen Verunreinigung des Straßenpflasters« verurteilt, weil er beim Füttern seines Pferdes den Hafer aus einer Hand in die andre laufen lassen und den Staub herausgeblasen hat. Diese beiden Fälle erinnern uns an eine Wahrheit, die wir neulich bei Engels lasen, die wir uns aber längst selbst aus eignen Wahrnehmungen abgeleitet hatten und auch schon weiter oben ausgesprochen haben: daß nämlich fast jede Stadtverschönerung eine Erschwerung der Lebensbedingungen der ärmern Klassen bedeutet. Diese werden dadurch immer enger zusammengedrängt, immer mehr des Lichts und der Luft beraubt; der freien Plätze, wo sie ungenirt Luft schöpfen, sich in ihrer Art erholen und vergnügen können, werden immer weniger, bis sie endlich ganz verschwinden. Auf dem Lande, wenigstens dort, wo noch keine Sommerfrischler hinkommen, können die Burschen zur Sommerszeit in jedem Teich und in jedem Bach ihren Schweiß und Schmutz abspülen. In Berlin, wo sies am nötigsten hätten, wird trotz eifriger Fürsorge der Schulbehörden noch nicht die Hälfte der Schulkinder eines wöchentlichen Bades teilhaft, weil, wie der Vossischen Zeitung ein Schulmann schreibt, die meisten den halben Nickel nicht aufbringen, der dafür zu zahlen ist. Und nun noch ein wunderschöner Fall aus der Reichshauptstadt! Ein von der Nachtschicht sehr ermüdeter Arbeiter ist in der Destille eingeschlafen. Ein Schneidermeister tritt herein, weckt ihn, und spricht die blödsinnigen Worte: »Seine Majestät werden mit Ihnen sehr unzufrieden sein.« Der Gestörte entgegnet in der Schlaftrunkenheit mit einer jener gemeinen Redensarten, wie sie der Mann aus dem Volke zur Abwehr lästiger Personen auf der Zunge bereit hat, der Schneider denunzirt den Mann wegen Majestätsbeleidigung, und anstatt daß man den Thatbestand augenblicklich feststellte und den Denunzianten mit dem wohlverdienten Fußtritt aus der Amtsstube hinausbeförderte, sperrt man den Arbeiter ein und läßt ihn mehrere Monate in Untersuchungshaft sitzen. Bei der Verhandlung ruft zwar der Vorsitzende dem Schneider zu: »Aber Mann, wie können sie denn einen Menschen in so frivoler Weife denunziren!« Aber das nützt natürlich dem Arbeiter nichts, der sein Brot verloren hat, und bei der heutigen Lage wohl auch keins mehr finden wird. Was die Leute, die sich des Brotverdienstes wegen auf der Straße herumplacken müssen, wie z. B. die Hökerinnen, hie und da von der Polizei zu erdulden haben, geht über das Tragvermögen einer durchschnittlichen christlichen Geduld weit hinaus. Die Polizei behandelt alle durch schlechte Kleidung, durch ihren Berufsstand oder der politischen Gesinnung wegen verdächtigen Personen als Einwohner eines eroberten Landes oder einer erstürmten Stadt, und dieser Behandlung entspricht natürlich die Gesinnung der so behandelten gegen den Staat. Die Herrschenden wiegen sich in der kindlichen Selbsttäuschung, daß überall da, wo noch nicht offen auf die Behörden geschimpft oder wohl gar bei patriotischen Gelegenheiten Hurra geschrien wird, unsre Staatseinrichtungen beliebt seien. Als ob irgend ein vernünftiger Mensch und Familienvater, wenn ihm nicht etwa ein Rausch die Zunge löst, so dumm und gewissenlos sein würde, seine wahre Meinung auszusprechen, wenn er weiß, daß er sich damit ins Gefängnis bringt! Seitdem die Majestätsbeleidigungs- und Beamtenbeleidigungsprozesse in Mode gekommen sind, giebts kein Mittel mehr, die Zahl der Feinde der gegenwärtigen Ordnung herauszubekommen. Sogar wenn man sich vor einem Hoch auf den Kaiser, oder auf den Papst und den Kaiser, entfernt, wird man verurteilt. Man kann dem Kaiser sehr gut sein, und doch nicht Lust haben, bei jeder unpassenden Gelegenheit ein Hoch auf ihn auszubringen, das als Zustimmung zu gewissen Regierungsmaßregeln gedeutet werden könnte, die man mißbilligt. Vielleicht wird man nächstens verurteilt, wenn man die Einladung zu einem Diner ausschlägt, wo auf den Oberrabbiner, den Papst und den Kaiser getoastet werden soll. Alle echten, alle Gordelianaturen werden vernichtet oder aus dem Lande getrieben. Ein Berliner traf vor etlichen Jahren in Nordamerika einen Landsmann mit Erdarbeit beschäftigt und fragte ihn: »Wie gehts?« »J nun, war die Antwort: man muß sich mehr rackern als daheim, aber schöner ists doch, denn hier darf ich den Präsidenten laut nen ollen Ochsen schimpfen.« Am allerschlimmsten aber ist es, wenn man sich nicht auf die Bestrafung gesetzwidriger Handlungen beschränkt, sondern eine Idee zu unterdrücken unternimmt, die breite Volksschichten ergriffen hat. Das europäische Leben, das Kulturleben im höhern Sinne, unterscheidet sich eben, wie Ranke gesagt hat, vom asiatischen dadurch, daß in Europa niemals eine Idee die entgegengesetzten Ideen zu vernichten und die Alleinherrschaft zu erringen vermag. Und gar eine Idee mit physischer Gewalt zu erdrücken oder auszurotten, ist noch nie gelungen, nicht einmal in Spanien. Denn die Inquisition hatte nicht etwa protestantische Ideen zu unterdrücken, die waren gar nicht vorhanden, sondern ganz in Übereinstimmung mit dem Willen des spanischen Volks zwei verhaßte Nationalitäten, die Moriskos und die Juden auszurotten. Es sind nicht die Sozialdemokraten, sondern ganz andre Leute, die der Schlag trifft, wenn ein Mann in langer, ungewöhnlich strenger Untersuchungshaft festgehalten, dann gleich einem Verbrecher gefesselt vorgeführt und zu Gefängnis verurteilt wird, weil er die Institution der Monarchie einer öffentlichen Kritik unterworfen hat. Weiß doch jeder Quartaner, daß die Monarchie keine notwendige Staatsform ist, und daß das großartigste Staatswesen, das die Welt kennt, und nach dessen Rechtsgrundsätzen unsre Juristen heute noch richten, in den fünfhundert Jahren seiner größten Kraftentwicklung eine Republik war. Und nicht die Sozialdemokratie ist es, deren Ansehen darunter leidet, wenn sich bei Arbeiterausflügen Gendarmen außer Atem laufen, um einen Gesetzübertreter ertappen zu können, ihr Amtseifer aber an der Klugheit und Selbstbeherrschung der höhnisch lächelnden Arbeiter zu Schanden wird. Das also wäre die Repression. Wie steht es nun mit den positiven sozialpolitischen Leistungen des Staates? Sie beschränken sich bei uns in Deutschland der Hauptsache nach auf die Zwangsversicherung und den Arbeiterschutz. Es war eine große und schöne Idee, die in der kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 ausgesprochen wurde, daß die Kräfte des Volkslebens in der Form korporativer Genossenschaften unter staatlichem Schutz und staatlicher Förderung zusammengefaßt werden sollten. Das ist in der That der Punkt, auf den es, abgesehen von der Landfrage, allein ankommt: Wiederherstellung der natürlichen Gliederung des Volks, des gesunden Organismus, der durch den Gang der wirtschaftlichen Entwicklung und von der Bureaukratie zerstört worden ist. Leider ist von dieser Idee bei ihrer Verwirklichung das Gegenteil herausgekommen: statt der Korporationen ein System von Vereinen und bureaukratischen Zwangsanstalten, an denen das Volk wenig Interesse und an deren Verwaltung es teils keinen, teils nur einen sehr untergeordneten Anteil hat. Wer noch nicht weiß, was für ein Unterschied ist zwischen Korporation und Verein, der mag sich aus Brentanos Geschichte der englischen Gewerkvereine Aufschluß holen; hier müssen wir uns auf ein paar Andeutungen beschränken. Wenn die fünfzig Schuster einer Mittelstadt eine lebenskräftige Innung haben, so wird diese für alles sorgen, was sich der einzelne Schuster oder Schustergesell nicht selbst verschaffen kann. Sie wird vor allem die Rohmaterialien im Ganzen und gegen Barzahlung, daher gut und billig einkaufen, sie wird Maschinen anschaffen, die von ärmern Mitgliedern abwechselnd leihweise benutzt werden können; sie wird durch Beschränkung der Mitgliederzahl dafür sorgen, daß es den Mitgliedern niemals an Kundschaft fehle, und daß die Preise für Schuhwaren nicht unbillig sinken. Sie wird dafür sorgen, daß den Mitgliedern alle Verbesserungen ihres Handwerks und die neuesten Muster schnell bekannt werden. Arbeitet die Innung auch für auswärtige Märkte, so wird sie stets über die Veränderungen und Schwankungen des Marktes genau unterrichtet sein, am Orte selbst wird sie vielleicht einen oder ein paar Genossenschaftsladen aufthun. Sie wird sich nicht gewissenloser Lehrlingszüchterei und Lehrlingsausbeutung schuldig machen, sondern, der Zukunft der Söhne ihrer eignen Mitglieder eingedenk, darauf halten, daß die Zahl der Lehrlinge stets kleiner bleibe als die der Gesellen. Durch festes Zusammenhalten werden ihre Mitglieder die Kunden zur Barzahlung zwingen. Solchergestalt wird dafür gesorgt sein, daß jeder ordentliche und fleißige Meister – unordentliche und faule stößt das Mittel aus und. überläßt sie ihrem Schicksal – sein Auskommen habe und für seine alten Tage einen Sparpfennig zurücklegen oder sich ein Ausgedinge sichern könne. Die Fürsorge für außerordentliche Nöte ist bei solcher Verfassung der Korporation Nebensache und Kleinigkeit. Das Mittel wird stets Geld genug in der Lade haben, einem Meister, der unversehens in Verlegenheit geraten ist, mit einem unverzinslichen Darlehen drüberweg zu helfen, für einen erkrankten Gesellen oder Lehrling, den die Meisterin nicht daheim verpflegen kann oder mag, ein Bett im Spital zu bezahlen, einem alten treuen Schusterknecht, ders nicht zur Selbständigkeit gebracht hat, eine Altersrente zu gewähren. Sollte es einem Gesellen begegnen, daß er in seinem Berufe verunglückte, etwa vom Schemel fiele und ein Bein bräche, so wird die Innung auch diesen Pechvogel nicht im Stich lassen, aber sie wird nicht für den möglichen Fall, daß sich so ein Unglück aller fünfzig Jahre einmal ereignen könnte, eine Versicherungsanstalt mit gewähltem Vorstande, Beiträgen, Jahresrechnungen und Verwaltungskosten gründen. Die Verwaltungskosten werden, obwohl ihre Thätigkeit so vieles und verschiednes umfaßt, sehr unbedeutend, und der toten Arbeit an Schreibwerk, Beratungen und Sitzungen wird sehr wenig sein. Wo die Bureaukratie zehn Beamte, zehn Ries Papier, hundert Arbeitstage und zweihundert Thaler Kosten verbraucht, genügt in der Korporation ein Gang des Bedürftigen zum Obermeister und ein Griff in die Lade. Die Korporation – das ist nur die eine Seite der Sache – leistet mit möglichst geringen Mitteln möglichst viel, unsre Vereine und Versicherungsanstalten, die freien und die des Staates zusammengenommen, leisten mit einem ungeheuern Aufwande von Geld, Schreibwerk, Belästigungen, bezahlten Beamten verhältnismäßig wenig. Die Zwangsversicherung hat das Maß polizeilicher Meldungen, Nachfragen, Berichte, die des deutschen Arbeiters und Kleinbürgers Leben versüßen, vollends zum Überlaufen gebracht. Die alten englischen Gewerkvereine, die wirkliche, aus urgermanischem Geiste geborne Korporationen sind, haben, freilich nur für eine beschränkte Zahl von Arbeitern, sehr viel mehr geleistet, als die deutsche Zwangsversicherung leistet: sie haben ihren arbeitsfähigen Mitgliedern Arbeit und Existenz gesichert, und die Fürsorge für außerordentliche Notfälle erscheint, wie es die Natur der Sache fordert, nur als Nebenleistung. Wenn diese Organisation auf ein Siebentel der englischen Arbeiterschaft beschränkt geblieben ist und bei dem Versuch weitrer Ausdehnung zusammenzubrechen droht, wenn die schleichende Krisis das Sparkapital der ältern Gewerkvereine zu verzehren und die Mitglieder ins alte Elend zurückzustoßen droht, so liegt das nicht an der Organisation, sondern die Schuld trägt die Selbstsucht der herrschenden Klassen, die, um sich zu bereichern, dem tüchtigen Volke die Wurzeln seiner natürlichen Existenz abgeschnitten und es in die unmögliche Lage versetzt haben, seinen Lebensunterhalt durch Arbeiten für die Exportindustrie verdienen zu müssen. Aus dieser unsinnigen Lage kann keine noch so treffliche Organisation eines noch so tüchtigen Volks, sondern nur die Konfiskation des Grundbesitzes erretten. In Deutschland hatte zwar der zum Nutzen der Geldleute geflissentlich verbreitete Aberglaube: die Zeit der Korporationen sei für immer vorüber, im Bunde mit der Bureaukratie den Geist genossenschaftlicher Selbsthilfe so ziemlich erstickt und das Geschick dazu vermindert; aber tot waren die Korporationen noch lange nicht, und die Bedingungen für ihre Auferstehung waren reichlicher vorhanden als in England, da wir sowohl noch ein stellenweise blühendes Handwerk wie auch kräftige Landgemeinden haben. Den wiederzubelebenden Innungen und den Landgemeinden hatten sich nur als Neues die Gewerkvereine der Fabrikarbeiter anzureihen, die sich die alten, nun auch leider verkümmernden Knappschaften zum Muster nehmen konnten. Welcher Zukunftskeim läge nicht, wenn unsre Bureaukratie so etwas zu würdigen und zu pflegen verstünde, in der Sitte bairischer Landgemeinden, dem abgebrannten Dorfgenossen so wirksam beizustehen, daß er weder der Feuerversicherung, noch eines Darlehns zum Wiederaufbau bedarf! Die Dorfgenossen bergen die etwa geretteten oder noch auf dem Felde stehenden Vorräte und sein Vieh, pflegen dieses, bestellen dem Genossen den Acker, fahren ihm die Baumaterialien an u. s. w. Daß sich so etwas von oben herab nicht machen, wohl aber anregen und pflegen läßt, durch ungeschickte bureaukratische Einmischung jedoch leicht vernichtet wird, dafür hat man in unsern höhern Kreisen wenig Verständnis. Die Zwangsversicherung bildet nun geradezu ein Hindernis für die Entfaltung solcher Keime, einmal weil sie den Schein erweckt, als könne und wolle der Staat alles allein besorgen, und da sie andrerseits mit den übrigen stets wachsenden Anforderungen des Staats zusammen Zeit, Geld und Kraft dermaßen in Anspruch nimmt, daß für selbständige organische Bildungen kein Lebenssaft mehr übrig bleibt. Geradezu verhängnisvoll aber wirkt der Umstand, daß die Zwangsversicherung den Zustand, der uns droht, den die Sozialdemokratie als Vorbedingung der Endkatastrophe herbeiwünscht, den um jeden Preis abzuwenden die wahre Staatskunst für ihre dringendste Aufgabe ansehen würde, daß sie diesen schrecklichen Zustand als schon vorhanden voraussetzt, uns gleichsam darauf festnagelt und dadurch seine Herbeiführung gewaltsam beschleunigt. Im gesunden Zustande organischer Gliederung fühlt sich der Schreinergesell dem Meister und dem Schreinermittel, der Kaufmannslehrling seinem Prinzipal und der Kaufmannschaft, der Bauernknecht seinem Hofe und seiner Gemeinde solidarisch verbunden, einander aber bleiben die drei fremd, keiner hat mit dem andern etwas zu schaffen; die Zwangsversicherung aber reißt sie alle drei aus den Organen der Gesellschaft, denen sie angehören, heraus und stellt sie als »Arbeitnehmer« ihren Prinzipalen als »Arbeitgebern« gegenüber, bekräftigt also feierlich und amtlich, was ihnen die Sozialdemokratie predigt: Welches Gewerbe ihr betreibt, das ist gleichgültig; dessen vor allem müßt ihr stets eingedenk sein, daß ihr alle drei abhängig, alle drei Lohnsklaven seid, mit allen in gleicher Lage befindlichen Personen aller Länder der Erde die ungeheure Masse des Proletariats bildet, der die eine kompakte Masse der Besitzenden, mögen sie Möbelfabrikanten, Gutsbesitzer, Zeitungsverleger oder Kanonenkönige sein, als feindliche, unter allen Umständen zu bekämpfende Macht gegenübersteht. So wird das organische Gewebe der Gesellschaft bei uns vollends zerrissen und aufgelöst, und die Atome werden dann nach dem mechanischen Maßstäbe ihres Geldeinkommens in zwei Massen geschichtet: unten kommen die drei Viertel oder fünf Sechstel zu liegen, die jährlich unter 2000 Mark einnehmen, oben drüber die wohlhabende und die reiche Minderheit, und keine innre natürliche Anziehung mehr erhält jeden Teil in seiner Lage, nur noch die Flinte, die schießt, und der Säbel, der haut, zwingt die Masse der Armen, an ihrem Ort still zu halten und denen droben, deren Druck auf ihr lastet, Frondienst zu leisten. Und ferner setzt die Zwangsversicherung voraus, daß die ärmere Minderzahl außer stande sei, für sich selbst zu sorgen und sich, sei es durch persönliche Ersparnisse, sei es durch Verbrüderung mit Standesgenossen, für die Tage der Krankheit, des Unglücks, des Alters eine Zufluchtsstätte zu gründen. Thatsächlich mögen wir beinahe so weit sein; aber schrecklich ist es und entmutigt jeden Versuch energischer Selbsthilfe, wenn der Staat schon dem frischen Burschen sagt: Nu bist für zeitlebens zur Ohnmacht verurteilt; du bist nicht in der Lage, dir selbst ein sorgenloses Alter zu schaffen; ich, der Staat, werde für das Nötigste sorgen, und wenn er ihm nun die Kette des Klebegesetzes anhängt, die er fünfzig Jahre lang mit sich herumzuschleppen hat, wenn er nicht den mühsam gesammelten Anspruch verlieren will. Namentlich bei den Bauern und ländlichen Arbeitern der Mark Brandenburg ist denn auch das Klebegesetz so verhaßt, daß seine Durchführung dadurch sehr erschwert wird. Hat doch der Bund deutscher Landwirte die Aufhebung des Markenzwanges in sein Programm aufgenommen. Großartig ist die Idee wie ihre Ausführung, ohne Frage! Aber nichts weniger als erfreulich, denn sie trägt die Keime beider unerfreulichen Gestaltungen in sich, denen, wie wir gesehen haben, die beiden entgegengesetzten Strömungen unsrer Zeit zutreiben. Den konservativen Neigungen entspricht sie dadurch, daß sie alle Lohnarbeiter zu Staatssklaven zu machen versucht; es lauert in ihr der Hintergedanke: schon die Furcht, durch Verlassen eines Dienstverhältnisses seine Ansprüche an die Versicherungsanstalten zu verlieren, werde den Lohnarbeiter gefügig machen, sich allen Bedingungen zu unterwerfen, die ihm sein Brotherr, gestützt auf die ihm zur Seite stehende Staatsgewalt, auferlegt. Dazu verstärkt die Zwangsversicherung sehr erheblich jene Polizeiaufsicht, der auch der nichtbestrafte Arbeiter in Deutschland unterworfen ist. Andrerseits bietet dieses neue staatssozialistische Segel seine ganze Fläche dem Winde dar, der uns dem Sozialismus zutreibt. Je mehr die Arbeitlosigkeit um sich greift, und gesundheitsschädliche Arbeit samt Entbehrungen aller Art das Leben des Arbeiters verkürzen, desto ungereimter wird es erscheinen, daß der Staat eine Zwangsversicherung einführt, um deren Früchte so viele kommen, teils weil sies nicht erleben, teils weil sie die Beiträge nicht zahlen können oder – nicht siech genug sind. In München betrug sonst, wie die »Münchener Post« berichtet, die Zahl der Mitglieder der Ortskrankenkasse VIII durchschnittlich 10-12000; letzten Januar ist sie infolge der herrschenden Arbeitlosigkeit auf 7000 heruntergegangen. Im Tischlergewerbe haben nach angestellter Berechnung von hundert Versicherungspflichtigen nur vier Aussicht, Reichsaltersrentner zu werden (Sozialpolitisches Zentralblatt vom 6. März 1893), Nie Kaiserliche Werft in Kiel nimmt Zimmerleute, die über vierzig Jahr alt sind, überhaupt nicht an. Warum sollten Privatunternehmer nicht denselben Grundsatz befolgen? Und wie soll dann der Mann die dreißig Jahre bis zum Eintritt seiner Rentenberechtigung hinbringen? Ein Arbeiter, so stand dieser Tage in den Zeitungen zu lesen, hatte sich in einer ungesunden Industrie die Schwindsucht zugezogen. Mit seinem Antrag auf Invalidenrente wurde er jedoch abgewiesen, weil er sich die Summe der berühmten zwei Sechstel des § 9 noch verdienen könne – mit Dütenkleben; wenn ihm nur seine Berufsgenossenschaft die erforderliche Anzahl Düten zu kleben geben möchte! Was die Krankenversicherung anlangt, so wird diese von Landleuten wie von städtischen Unternehmern als eine Anstalt für die Arzte und Apotheker bezeichnet. Der Preis der Apotheken ist durch das Gesetz schon jetzt bedeutend gesteigert worden. Ein Maurermeister erzählte mir, daß ihm die enorm hohen Kurkosten für einen seiner Leute aufgefallen seien. Da habe er denn nachgeforscht und gefunden, daß dem Manne Wein verschrieben worden sei, Wein aus der Apotheke! Hätte er gewußt, daß der Mann Wein trinken solle, so hätte er ihm aus seinem Keller welchen geschickt. In diesem Falle war die verschriebne Medizin wenigstens gesund, was nicht immer der Fall ist. Vor Jahren war ich mit einem alten Sanitätsrat befreundet. Eines Tages war ich veranlaßt, ihn zu fragen, was er dem N. N. verschrieben habe. Da fuhr mich der alte Herr an: »Was soll denn dem ausgemergelten Kerle die Medizin nutzen? Ja, wenn ich ihm täglich ein Stück Rehbraten und eine halbe Flasche Burgunder schicken könnte! Das ist die Medizin für solche Kranke!« Außer diesem habe ich – lange vor der jetzigen Bewegung für medizinlose Heilkunde – noch an zwei andern Orten zwei alte hochangesehene Ärzte kennen gelernt, die sich, gleich jenem ersten, immer erst längere Zeit drücken ließen, ehe sie ein Rezept schrieben, weil, wie sie mir im Vertrauen gestanden, das viele Rezeptschreiben gegen ihr Gewissen gehe, da das Mediziniren durchschnittlich mehr schade als nütze und anhaltendes Mediziniren unter allen Umständen und unbedingt schädlich sei. Ehedem hatte man in Frankreich das Sprichwort: »Den Armen hat Gott die Gesundheit, und den Reichen die Medizin gegeben.« Mit der Gesundheit der Armen ists im Zeitalter der Industrie vorbei, und nun hat man sie auch noch mit der Medizin beglückt. Gerade die innern Krankheiten der Industriearbeiter sind meist derart, daß Ruhe, frische Luft und kräftige Nahrung die besten Heilmittel für sie sein würden. Freilich sind diese Güter schwieriger zu beschaffen als eine Flasche Medizin, und wären sie zu beschaffen, so wäre es noch die Frage, ob und wie sie von den Leuten angewendet werden würden. Aber würde sich der verlorne oder verdorbne natürliche Instinkt nicht durch Belehrung wieder herstellen lassen? In dem Dorfe H. hatte ich ein paar Spalierweinstöcke, die samt denen meiner Nachbarn von einem achtzigjährigen Gärtner aus dem eine starke Meile entfernten Dorfe Z. besorgt wurden. Eines Tages trat der alte Mann bei mir ein und sagte: »Gestern habe ich mich überarbeitet, das soll der Mensch nicht thun; heute morgen fühlte ich mich krank, da dachte ich, du wirst heute nicht arbeiten, wirst dich mit einem Spaziergang kuriren und in H. nach den Weinstöcken sehen.« Burgunder beanspruchte der übrigens nicht; sein täglicher Schnaps thats auch. Also – um auf die Zwangsversicherung zurückzukommen – bei dieser Lage der Versicherten werden über kurz oder lang alle Leute mit Einkommen unter 2000 Mark in den Ruf einstimmen: »Staat, fange den Bau nicht mit dem Dachfirst, sondern mit dem Grunde an! Versichere uns gegen Arbeitlosigkeit! Sichere uns jahraus jahrein guten Verdienst! Reiße uns nicht durch den Militärdienst und mehrmalige Einberufungen so oft aus unsern bürgerlichen Verhältnissen heraus, oder stelle uns fest an, wie deine Beamten, deren Gehalt fortläuft, Während sie einberufen sind, auch wenn sie monatelang krank oder aus irgend einem Grunde beurlaubt sind. Für Krankheit, und, falls wirs erleben, fürs Alter wollen mir uns dann schon selbst versichern!« Bei der schnell wachsenden Massenarmut und der gräßlichen Menge von Verwundungen und Verstümmlungen durch Maschinen, und nachdem die alten natürlichen Unterstützungsverbände teils zerstört, teils den plötzlichen Menschenanhäufungen gegenüber ohnmächtig und ratlos geworden waren, hatte ja die Regierung wirklich Veranlassung, dieses gefährliche Palliativ zu erfinden, und von Tausenden wird es ohne Zweifel als Wohlthat empfunden. Aber aufrichtige Freude hat doch niemand daran als die Sozialdemokraten, die es mit richtigem Instinkt als einen Schritt zur Verwirklichung ihres Ideals begrüßen. Notwendiger als die Zwangsversicherung war der Arbeiterschutz, dessen Notwendigkeit ein trauriges Zeugnis dafür ablegt, in welcher Barbarei wir leben. Aber helfen wird er nicht; die Leiden, von denen er erlöst, werden nur andern Leiden weichen. Wenn die Abkürzung und teilweise Ausschließung der Frauen- und Kinderarbeit den Lohn der Männerarbeit entsprechend erhöhte, so wäre der Arbeiterschutz eine wirkliche Wohlthat. Er hat aber meist nur zur Folge, daß die Arbeiterinnen und die jugendlichen Arbeiter durch Maschinen ersetzt werden. Indem nun ihr Verdienst wegfällt und dabei der Verdienst der Männer nicht steigt, so wächst das Elend und namentlich die Zahl der Arbeitlosen. Das ist ja immerhin auch schon ein Vorteil, indem dadurch die Krisis verschärft und die Katastrophe beschleunigt wird; nur um so eher werden sich die Regierungen gezwungen sehen, die Personen zu zählen, für die schlechterdings keine Arbeit im Lande mehr aufzutreiben ist. Der Sozialpolitik ist eine Steuer- und Wirtschaftspolitik zur Seite getreten oder vielmehr vorangegangen, von der man sich wohlthätige soziale Wirkungen versprochen hat. An den neuen Steuergesetzen Miquels ist der wenn auch nur schüchtern hervortretende gute Wille zu loben, die obern Hunderttausend ihren Kräften gemäß zu den Staatslasten heranzuziehen und aller Bochumerei gründlich ein Ende zu machen. Die industriellen Schutzzölle mögen hie und da eine scheinbare oder vorübergehende Besserung bewirkt haben, aber ihr schließlicher Erfolg ist doch nur die Verstärkung der Überproduktion gewesen, und längst schon büßen wir den künstlichen Aufschwung mit neuen Absatzstockungen. Am verderblichsten haben in dieser Beziehung die Exportprämien gewirkt; die für Zucker z. B. haben zwar den Unternehmern Reichtümer gebracht, aber weder zum Nutzen noch zur Erbauung der Arbeiter. Die Agrarzölle endlich können nur als eine beklagenswerte Verirrung bezeichnet werden. Die Brotverteuerungspolitik ist etwas ganz modernes, früher niemals dagewesenes. Aller Regierungen aller Zeiten und Völker erste Sorge ist auf gute und reichliche Volksernährung und billiges Brot gerichtet gewesen. Erst in einer Zeit, wo der Begriff des Volks ganz geschwunden oder vielmehr auf die herrschende Kaste beschränkt und das eigentliche Volk zum allerbilligsten Arbeitsvieh hinabgedrückt worden war, konnte die englische Aristokratie auf den Gedanken verfallen, Agrarzölle einzuführen; und daß sich fünfunddreißig Jahre nach deren Abschaffung in Deutschland eine Parlamentsmehrheit für die nämliche Verirrung gefunden hat, ist geradezu unbegreiflich. Es ist richtig, daß in England die Landwirtschaft vollends zu Grunde zu gehen droht, aber nicht der Freihandel bringt sie um, sondern daß man den Bauer, der sein Getreide selbst verzehrt, von der Scholle getrieben hat und die Landwirtschaft nicht mehr zur Erzeugung der Nahrung fürs Volk, sondern gleich allen andern Gewerben nur noch zu dem Zwecke betreibt, Geld herauszuschlagen. In Deutschland sind wir trotz überhandnehmender Rentabilitätswirtschaft bisher noch nichts davon gewahr geworden, daß der Körnerbau bei niedrigen Getreidepreisen eingeschränkt und bei hohen ausgedehnt würde. Nicht unsre Landwirtschaft schwebt in Gefahr, sondern nur eine Anzahl von Gutsbesitzern. Alle Ausreden, mit denen die Agrarier ihre Rücksichtslosigkeiten zu rechtfertigen suchen, zerrinnen in nichts vor den zwei Thatsachen, daß die Agrarzölle gar keinen Zweck hätten, wenn sie die Erzeugnisse der Landwirtschaft nicht teurer machten, und daß die ganze Zeit über, wo wir den Fünfmarkzoll gehabt haben, bei allen Preisschwankungen der Roggen in Deutschland fast genau um den Zoll höher gestanden hat als aus dem Weltmärkte. Was der Getreidezoll bedeutet, das ist an der sächsisch- und schlesisch-österreichischen Grenze klar zu Tage getreten, wo die arme Grenzbevölkerung, um sich leidlich satt essen zu können, viele Monate lang ihr Mehl und Brot auf meilenlangen Wegen, bei Winterkälte Flüsse durchwatend, aus Böhmen und Österreichisch-Schlesien geholt hat, dabei wie Wild von Grenzjägern gehetzt und teilweise wegen »Bandenschmuggels« vor Gericht gezogen worden ist, bis – leider erst als die schlimmste Teuerung schon vorüber war – das Reichsgericht entschieden hat, daß die Steuerbehörden den Grenzbewohnern das gesetzlich gewährleistete Recht, Lebensmittel für den eignen Bedarf in kleinen Mengen zollfrei über die Grenze einzuführen, zu Unrecht willkürlich beschränkt haben. Einem christlichen Staate des neunzehnten Jahrhunderts blieb das Unerhörte vorbehalten, zum besten einer reichen Minderheit arme Leute als Verbrecher zu behandeln, weil sie das zum Sattessen erforderliche Brot an einem Orte kauften, wo es einen für sie erschwinglichen Preis hatte. Und alle diese gehässigen Maßregeln sind vergebens gewesen, wenn sich die Regierung nicht beizeiten entschließt, das Heilmittel anzuwenden, das wir in einem spätern Kapitel nennen werden. Landgüter, die bei wiederholter Erbteilung immer mehr mit Schulden belastet werden, bis ans Ende der Zeiten der Familie des angestammten Besitzers zu erhalten, ist rein unmöglich. Die Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse mögen durch künstliche Mittel noch so hoch geschraubt werden: aus einem Rittergute mittlerer Größe den nach heutigen Begriffen standesgemäßen Unterhalt für eine adliche Familie und außerdem noch doppelt oder dreimal so viel für die Hypothekengläubiger herauszuwirtschaften, bleibt einmal unmöglich. Verteuerung der Lebensmittel bedeutet Herabdrückung der Lebensführung der gewerblichen Arbeiter; gleichzeitig suchen die Gutsbesitzer den Lohn, d. h. die Lebenshaltung der ländlichen Arbeiter noch weiter hinabzudrücken. Beide Klassen von Arbeitern stehen aber bereits so tief, daß sie ein weitrer Druck arbeitsunfähig und nebenbei auch fürs Militär untauglich machen würde, soweit sie das nicht schon find. Ein Konsistorialrat erzählt, Zeitungsberichten zufolge, daß er einmal einen schlesischen Großgrundbesitzer besucht und dieser ihm seine schönen Ställe gezeigt habe. Als man zu den Arbeiterwohnungen gekommen sei, habe der Herr gesagt: »Hier kann ich Sie nicht hineinführen; die Arbeiter wohnen schlechter als die Schweine.« Und auf seine Bemerkung, daß müsse geändert werden, habe jener geantwortet: »Das geht nicht; das würde die Arbeiter von ganz Schlesien rebellisch machen,« Aber weiter hinunter gehts auch nicht; es läßt sich aus den Arbeitern kein Tropfen mehr herauspressen für die Rente des Gutsbesitzers und den Zins des Kapitalisten, und wenn des Kapitalisten Guthaben zu groß wird, so muß eben der Gutsbesitzer weichen, so schade es um die Familie sein mag. Die einzige der bisher ergriffnen Maßregeln, die in der Richtung nach dem wirklichen Auswege zu liegt, ist die Errichtung von Rentengütern. An die Thätigkeit der Ansiedlungskommission in Posen und Westpreußen schließt sich die der Generalkommissionen in den übrigen alten Provinzen Preußens, und namentlich in Schlesien scheint die Sache einen guten Fortgang zu nehmen. Aber das ist doch nur ein kleiner Anfang; einmal ist für die meisten Versorgungsbedürftigen das in Preußen verkäufliche Land viel zu teuer, und dann ist das für diesen Zweck verfügbare Land nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Würden ein paar Tausend Rittergüter vergantet und die Parzellirung würde nicht der Willkür der Hypothekengläubiger überlassen, sondern von den Generalkommissionen geleitet, so wäre das schon eine kräftigere, wenn auch noch keine ausreichende Hilfe. Die Kolonisation endlich ist zwar der Idee nach das richtige, allein ob unsre bisher erworbnen oder noch zu erwerbenden Kolonien mit der Zeit dem Bedürfnis entsprechen, ob sich eine davon zur Ackerbaukolonie eignen wird, darüber läßt sich noch nichts sagen; ein Indien ist keinesfalls darunter.   Anhang Vom Manchestertum Adam Smith und seine Schüler stellen folgende Grundsätze auf: Jeder einzelne versteht seinen Vorteil selbst am besten. Wenn jeder einzelne seinen eignen Nutzen sucht, so wird damit zugleich das Gemeinwohl am besten gefördert. Die individuelle Freiheit darf nicht weiter eingeschränkt werden, als es das Interesse der Gesamtheit unbedingt fordert. Die Einmischung des Staates ins Erwerbsleben schadet im allgemeinen mehr, als sie nützt. Diese Sätze bedürfen zwar einiger kleinen Korrekturen und Einschränkungen, sind aber der Hauptsache nach alle vier richtig. Wenn ich nun trotz dieser Anerkennung ein entschiedner Gegner der Manchestermänner bin, die sie zu vertreten vorgeben, so habe ich diesen scheinbaren Widerspruch mit dem soeben angewandten Worte »vorgeben« schon hinreichend begründet. Die Manchesterleute sind keine ehrlichen Anhänger und Schüler Adam Smiths, das beste von ihm unterschlagen sie. Die Vertreter der »klassischen Ökonomie« in England haben selbst den Staat gebildet in einer Zeit, wo das Volk nichts war, und haben sich in das Erwerbsleben nicht bloß eingemischt, sondern es beherrscht und geleitet. In heuchlerischer Verdrehung der Worte nannten sie den Mißbrauch ihrer Allmacht Freiheit, und wenn die Arbeiter Vereine gründeten, um sich mit gemeinschaftlichen Anstrengungen der Knechtschaft zu entziehen, so nannten sie das Freiheitsbeschränkung. Über Freiheitsbeschränkung klagten sie, wenn ihnen die Freiheit genommen werden sollte, die Fabrikkinder auszubeuten. Das sollte eine Verletzung des »freien Arbeitskontrakts« sein; als ob sechsjährige Kinder einen freien Kontrakt schließen und sich rechtsgültig in die Sklaverei verkaufen könnten! Unter Freiheit verstanden sie also die unbeschränkte Freiheit der Unterdrücker, die so weit gehen sollte, daß es den Unterdrückten nicht zu gestatten sei, sich zu mehren. Wie der Interessenkonflikt zwischen Fabrikanten und Landlords den Unterdrückten schließlich die Koalitionsfreiheit gebracht hat, wie diese aber jetzt schon wieder als »unerträgliche Tyrannei« und »Verletzung der Freiheit des Arbeitsvertrags« beklagt wird, ist bereits dargestellt worden. Unsre deutschen Manchesterdoktrinäre sind meist ehrliche Männer gewesen, Ich sage gewesen , weil es heute kaum noch praktisch ins Gewicht fallendes Manchestertum giebt. allein einerseits haben sie das Wesen der Freiheit nicht erfaßt, andrerseits sind sie von Interessenkliquen abhängig geworden. Sie haben einseitig die Freiheit der Geldleute verteidigt, dagegen für alle Bestrebungen der Handwerker und Bauern, sich von der Herrschaft des mobilen Kapitals zu befreien, nur Spott und Hohn gehabt. Es ist wahr, daß sich die Zünftler auf dem Holzwege befinden, allein statt ihnen den richtigen Weg zu zeigen, hat man mit der im Interesse des Großkapitals und der Großindustrie immer und immer wiederholten Behauptung, das Handwerk sei tot, die Handwerker entmutigt. Die Raiffeisenschen Darlehnkassen, die allein geeignet sind, das Kreditbedürfnis der Bauern zu befriedigen und die auch in den Städten sehr wohlthätig wirken würden, werden als »Pfaffentrug« begeifert, weil sie den Vorschußkassen Konkurrenz machen, die gar keine Hilfe für unbemittelte Handwerker und Bauern, sondern nur Dividenden abwerfende Bankgeschäfte sind. Was endlich den Arbeiterschutz anlangt, so verdienen die Herren den Spott, den ihnen Bebel neulich zuschleuderte, sie folgten zögernd der von den Sozialdemokraten vorangetragnen Fahne. Es ist richtig, daß der Arbeitsschutz, sobald er z. B. eine Maximalarbeitszeit für erwachsene männliche Arbeiter vorschreibt oder diesen die Sonntagsruhe sichert, einen Eingriff in die persönliche Freiheit bedeutet und daher prinzipiell verwerflich ist. Ich selbst würde sehr entschieden protestiren, wenn mir jemand die Sonntagsarbeit verbieten oder meine Wochenarbeitszeit beschränken wollte. Aber aus Gründen, die jedermann kennt, ist diese Freiheitsbeschränkung notwendig geworden. Unvernünftige Zustände erfordern unvernünftige Maßregeln, und nachdem die von den Liberalen so hoch gepriesene moderne Industrie die Freiheit der arbeitenden Klassen vernichtet hat, kann ihrer Gesamtheit ein gewisses bescheidnes Maß von Freiheit nur durch Beschränkung der Freiheit der einzelnen gesichert werden. Was ist natürlicher, als der Wunsch und das Bedürfnis, an einem Tage der Woche von der Arbeit auszuruhen! Wäre ein jeder Herr seiner Zeit und seiner Beschäftigungen, so würden es alle, bis auf einige Sonderlinge, von selber thun. Und diese Sonntagsruhe würde durchaus verständig eingerichtet sein, d. h., während man im allgemeinen der Ruhe pflegte, würde doch alles, was entweder der Familie oder der Gesamtheit unentbehrlich ist oder durch einen unvorhergesehnen Fall nötig wird, ohne Anstoß besorgt werden. Jedermann würde sich den selbstverständlichen Ausspruch Christi zur Richtschnur nehmen, daß der Mensch nicht des Sabbaths, sondern der Sabbath des Menschen wegen da, und dieser Herr ist auch über den Sabbath. Da nun aber bei der heutigen gesellschaftlichen Verwicklung der ärmere Mensch mit der Befriedigung seines Ruhebedürfnisses von vielen andern abhängt, so bleibt nichts übrig, als die Sache polizeilich zu regeln, was dann natürlich wie jede polizeiliche Regelung, unzähliche Unzuträglichkeiten und Ungereimtheiten mit sich bringt. Am wunderlichsten benehmen sich unsre Liberalen als Hüter der Freiheit auf geistigem Gebiete. Es giebt in ganz Deutschland keinen Liberalen, der nicht für den Schulzwang schwärmte. Eher könnte man einen Mohren weiß waschen, als einem deutschen Liberalen das Geständnis abringen, daß der Schulzwang eben Zwang, daher das Gegenteil von Freiheit ist. Er wird beharrlich auf dem Satze herumreiten, daß der Schulzwang notwendig und eine Wohlthat fürs Volk sei, aber schlechterdings nicht zugeben, daß es die Bankrotterklärung des Liberalismus sei, wenn man meint, das Volk nicht anders als mit Zwang beglücken zu können. In Wirklichkeit verhält sich nun die Sache so, daß der Liberalismus gar nicht nötig hätte, sich für bankerott zu erklären, wenn er Vertrauen auf seine Sache und den Mut hatte, wirklich liberal zu sein. Es ist gar keine Frage, daß in Deutschland und namentlich in Preußen der Schulzwang weit über das notwendige und das sittlich zu rechtfertigende Maß hinausgeht. Der Staat hat dafür zu sorgen, daß Lerngelegenheit für jedes Kind da sei, und daß kein Kind in viehischer Unwissenheit und Rohheit aufwachse. Aber der Staat hat weder die Pflicht noch das Recht, den Kindern ein Maß von Kenntnissen aufzunötigen, das über ihr Bedürfnis oder über die Wünsche der Eltern hinausgeht, er hat noch weniger das Recht, die Kinder zum Besuche einer bestimmten Schule zu zwingen, wenn ihm oder den Eltern eine andre Schule genehmer ist, und er hat am allerwenigsten das Recht, den Kindern einen Religionsunterricht aufzunötigen, von dem die Eltern nichts wissen wollen. Was die Überschreitung des notwendigen Maßes der Kenntnisse anlangt, so hat kürzlich die »Saturday Review« einen sehr hübschen Artikel gegen die auch in England eingerissene Volksbildungswut gebracht. Sie schildert zuerst das Elend des gebildeten Proletariats, das in England noch zahlreicher zu sein scheint als bei uns, und wendet sich dann gegen die zu weit getriebene Schulung der untern Klassen. Sie sagt: Nur ein Mensch mit leerem Kopfe kann sich bei einer ganz mechanischen Arbeit leidlich wohl fühlen; ein gebildeter Mann, der vierzig Jahre lang gezwungen ist, Tag für Tag von früh bis abends denselben Handgriff zu machen, wird darüber verrückt werden oder Höllenpein empfinden. Wenn die jetzt so sorgfältig unterrichteten Fabrikarbeiter zum Bewußtsein ihrer Lage kommen werden, dann wird das erste, wozu sie sich unwillkürlich gedrängt fühlen, sein, daß sie ihre Wohlthäter, die Volksbildner, die ihnen diese Pein bereitet haben, an den ersten besten Laternenpfahl hängen. Bei uns in Deutschland ziehen sie vorläufig andre Folgerungen aus ihrer Lage: sie erheben Anspruch auf ein ihrer wirklichen oder vermeintlichen Bildung entsprechendes Einkommen. Die Vorliebe der Liberalen für den Schulzwang hat zwei Quellen. Erstens überschätzen sie den Wert der Schulbildung und überlegen sich nicht, wie verderblich er unter gewissen Umstanden wirken muß. Zweitens fürchten sie sich, im lächerlichsten Widerspruch mit ihren schönen Redensarten von der Macht des Geistes und der Wahrheit, vor dem Katholizismus; sie hegen die abenteuerlichsten und abergläubischsten Vorstellungen von der geheimnisvollen Macht des Papsttums und der Jesuiten und fürchten, wenn der Staat Lehrfreiheit gewähre, so werde binnen kurzem ganz Deutschland katholisch sein. In Wirklichkeit ist diese Gefahr nicht allein sehr gering, sondern gar nicht vorhanden, wie ein Blick auf alle die Länder zeigt, wo der katholische Klerus eine Zeit lang frei schalten durste: die Folge davon war stets die Abkehr der Massen von der Kirche. Die Stärke des heutigen deutschen Katholizismus ist eine Wirkung der vom Liberalismus ausgegangnen Unterdrückungs- und Vernichtungsversuche. Wenn sich unsre Liberalen nicht getrauen, im Geisterkampfe mit den Jesuiten fertig zu werden, so mögen sie ihre eigne Geistesmacht ganz richtig taxiren; allein daraus folgt noch nicht, daß die Polizei und der Schulzwang zur Abwehr notwendig mären. Wie jede andre geistige Macht, so zerstört nach den im geistigen Leben waltenden Gesetzen auch der Katholizismus, wo er ohne Störung von außen lebt, sich selbst; außerdem findet er die Grenzen seiner Ausbreitung an der natürlichen Abneigung des modernen Menschen gegen manche seiner Einrichtungen. Konfessionshaß und Parteihaß haben nicht allein den ohnehin dunkeln Freiheitsbegriff noch mehr verdunkelt, sondern auch das Gerechtigkeitsgefühl getütet und den sittlichen Takt verwirrt. Denken wir an zwei Fälle, in deren einem die Behörden dem protestantischen, im andern dem katholischen Vorurteil Rechnung getragen haben auf Kosten der Gerechtigkeit und Freiheit. Denn die preußischen Behörden sind zwar ängstlich auf den Schutz des Protestantismus bedacht, nicht minder ängstlich aber auch auf die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, und so kommt es denn, daß sie in der Verwirrung aus lauter Gerechtigkeitsliebe, zuweilen auch zu Gunsten der Katholiken eine Ungerechtigkeit begehen. Ein evangelischer Theologe schreibt gegen den Trierer Jahrmarkt und wird wegen Beleidigung des Trierer Bischofs verurteilt. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß im Vaterlande Luthers und unter der Regierung eines evangelischen Kaisers, der zum Schutzherrn der evangelischen Kirche berufen ist, an dem Treiben der römischen Klerisei keine Kritik mehr geübt werden darf. Das bedeutet, daß man einen groben Volksbetrug nicht öffentlich tadeln darf, wenn sich dadurch vielleicht ein katholischer Bischof beleidigt fühlt. Das bedeutet einen unerträglichen Gewissenszwang, eine Fesselung der Wissenschaft, des Gedankens und des Worts. Ich bin weit entfernt davon, Rücksichtslosigkeiten gegen abergläubische Volksmeinungen zu empfehlen oder zu billigen. Verehrt das Volk irgendwo ein wunderthätiges Marienbild – ich möchte es ihm nicht rauben, weder durch den Büttel, noch durch Höhnen und Disputiren. Warum den armen geplagten Leuten einen Trost nehmen, der jedenfalls edler und harmloser ist, als die Schnapsflasche? Aber hier handelt es sich nicht um eine dem Volke teure und beständig von ihm verehrte Reliquie, sondern um eine sorgfältig im Schrein verschlossne und vergessne, höchst unliebsamen Angedenkens, um eine Reliquie, deren Unechtheit feststeht, und die der Bischof trotzdem als echt gepriesen, ohne alle zwingende Veranlassung zur Verehrung ausgestellt, und mit der er eine Million Wallfahrer nach seiner Stadt gelockt hat. In einer andern Stadt am Rhein bestellen sich die Katholiken einen Jesuiten, daß er ihnen einige sozialpolitische Vortrage halte, die Regierung aber verbietet es. Was bedeutet das? Entweder ein klägliches Armutszeugnis für den preußischen Staat und den Protestantismus, die sich schon bedroht fühlen, wenn ein Jesuitenpater nur den Mund aufthut, oder ein Zugeständnis an die jämmerlichste, kleinlichste Unduldsamkeit. Es bedeutet einen unerträglichen Gewissenszwang, eine Fesselung der Wissenschaft, des Gedankens und des Worts. Es bedeutet außerdem das Gegenteil von Regierungsweisheit, weil dadurch zwölf Millionen Unterthanen beleidigt und erbittert werden. Wenn den Jesuiten nicht gestattet wird, Schule zu halten, so ist das noch keine Beleidigung der Katholiken, da wir ja überhaupt keine Schulfreiheit in Preußen haben. Aber wenn einem Mitgliede einer katholischen Kongregation, dem keine Missethat nachgewiesen ist oder auch nur vorgeworfen wird, wenn dem nicht freistehen soll, was jedem Sozialdemokraten und Anarchisten freisteht, so muß das natürlich jeder Katholik als eine persönliche Beleidigung empfinden; denn die Mitglieder eines von ihrer Kirche anerkannten Ordens werden dadurch für Menschen erklärt, die schon durch ihre bloße Anwesenheit und durch ihren Atem die Luft verpesten, und wenn die Jesuiten solche Ungeheuer find, so muß die ganze katholische Kirche ein schlechtes Institut und jeder Katholik ein verdächtiger Mensch sein. Der Engherzigkeit Preußens und der Liberalen in wissenschaftlichen, konfessionellen und Schulangelegenheiten liegt ohne Zweifel die ganz achtungswerte Absicht zu Grunde, die nationale Gesinnung durch Absperrung von andern vermeintlich undeutschen oder unpreußischen Gedankenkreisen zu stärken. Leider ist diese Absicht undurchführbar. Der spezifisch preußische Gedankenkreis, worin die Jugend erzogen und das Volk festgehalten werden soll, bleibt auf das Offizierkorps und die Beamtenschaft beschränkt, und je entschiedner sich diese beiden Klassen gegen andre Gedankenkreise absperren, desto mehr entfremden sie sich die Massen. Die Massen denken und fühlen, ohne dadurch undeutsch zu werden, teils katholisch, teils freigeistig-kosmopolitisch, teils orthodox lutherisch oder reformirt, aber nicht korrekt preußisch in dem Sinne, daß ihnen das preußische Königtum und der preußische Staat über alles gingen. Anstatt der Einheit des Denkens, fördert man durch den Zwang die Verbitterung der Gegensätze. In England, wo es vielerlei Kirchen-, Sekten-, Vereins- und Privatschulen giebt, und wo sich jedermann seine Bildung in beliebigen Schulen des In- oder Auslandes holen darf, haben sich die Geister viel gleichförmiger entwickelt und ist der Nationalcharakter scharfer ausgeprägt und einseitiger als bei uns. Also, ich bin für Freiheit, wenn sie echt und ehrlich gemeint ist; wenn nicht der herrschende Stand oder die herrschende Partei die Freiheit für sich allein in Anspruch nimmt und alle übrigen Menschen dem Zwange unterwerfen will, und wenn die Einschränkungen der Freiheit, die das geordnete Zusammenleben fordert, wirklich nur nach dem Interesse der Gesamtheit, nicht nach dem Interesse oder den Neigungen und Abneigungen der Herrschenden bemessen werden. Zwölftes Kapitel Ist vom technischen Fortschritt, oder von der Religion, oder von der Humanität Hilfe zu erwarten? Wir fassen diese drei Mächte, deren erste den andern beiden innerlich fremd ist, in ein Kapitel zusammen, weil wir nach dem schon Gesagten nicht mehr viel darüber zu sagen haben. Wenn die materialistische Geschichtsauffassung Recht hätte, so märe es der technische Fortschritt, der das Massenelend erzeugt hätte, und in seinem weitern Verlaufe müßte sich die Heilung des Übels von selbst aus ihm ergeben. Wir haben aber gesehen, daß in dem typischen England schon lange vor unserm Maschinenzeitalter ein großartiger Landraub das Elend erzeugt hat, und daß die Erlösung aus der vermeintlichen grausamen Übergangsperiode, die der technische Fortschritt in den sechziger Jahren gebracht zu haben schien, eben nur scheinbar war. Mit den Wertzeugen, die unsre Technik schafft, verhalt es sich nicht anders als mit allen andern Werkzeugen: der Nutzen oder Schaden eines Schnitzmessers hängt davon ab, ob die Hand, die es führt, einem Kinde, oder einem Künstler, oder einem Tölpel, oder einem Wahnsinnigen, oder einem Verbrecher angehört; die moderne Gesellschaft macht in dieser Hinsicht den Eindruck eines rasenden Tölpels. Den Sozialisten, besonders Hertzka gegenüber, die uns vorzurechnen pflegen, was alles die Völker mit ihren fünfzig Millionen Dampfpferdekräften ausrichten könnten, wie armselig aber das wirtliche Ergebnis ihrer Arbeit sei, meist Wolf – und hier trifft er in einem entscheidenden Punkte das Richtige – auf die einfache Wahrheit hin, daß man zur Gütererzeugung nicht bloß Maschinen, sondern vor allem Grund und Boden braucht. Die Bodenfläche eines Landes läßt sich aber nicht vergrößern, und die Produktivität der Landwirtschaft vermag der technische Fortschritt nur unbedeutend zu erhöhen. Während sich der Ertrag des Acre Landes in England im Zeitraum von sechshundert Jahren zur Not verdreifacht hat, ist die Produktivität der Baumwollenindustrie binnen sechzig Jahren um 680 Prozent gestiegen; nach Wolfs Berechnung verhalt sich die eine Steigerung zur andern wie 1 zu 27. Sehr gut sagt er Seite 342: »Das Leben ist mir durch billigere Nähnadeln und billigere Stahlfedern, und selbst was weit mehr und was am meisten von allem, was die Maschine geleistet hat, in Anschlag kommt, durch billigere Wäsche und Kleider, billigere Personen- und Frachttarife nicht wesentlich leichter geworden. Wüßte die Maschine zehn Metzen Korn, wo früher eine wuchs, und fünf Stück Vieh, wo wir früher eins aufgezogen haben, aus dem Boden zu stampfen, dann allerdings stünde es anders. Aber wann, wann wird solches möglich sein?« Wahrscheinlich niemals, antworten mir, und es ist auch gar nicht nötig, so lange auf Erden der Boden schon bei dem jetzigen Grade der landwirtschaftlichen Produktivität zureicht, und das ist vorläufig noch der Fall. Wer heißt denn die Menschen, sich in einigen Winkeln der Erde zusammendrängen und weite Flächen ganz oder halb unbebaut lassen? In dieser Beziehung hat der technische Fortschritt, als Werkzeug menschlicher Unvernunft und Selbstsucht, höchst verderblich gewirkt. Es ist nämlich nicht wahr, oder nur in sehr beschränktem Maße wahr, daß der technische Fortschritt, wenn er auch das Leben nicht leichter und schöner macht, doch wenigstens einer größern Anzahl von Menschen das Dasein ermögliche, was auch Wolf als eine seiner Hauptleistungen rühmend hervorhebt. Die kultivirtesten Provinzen Chinas scheinen dichter bevölkert zu sein als England und Belgien, und wer weiß, ob nicht die dortige sorgfältige Spatenkultur ohne unsre Ackerbauchemie einen höhern Ertrag abwirft als unsre wissenschaftlich betriebne Landwirtschaft. Sondern was der technische Fortschritt möglich gemacht hat, das ist nur die Zusammendrängung der Menschen auf enge Räume und eine Arbeitsteilung, bei der sich ein Volk auf Industrie beschränkt, sein eignes Land unangebaut liegen läßt und seine Nahrungsmittel aus andern Ländern, aus sogenannten Agrikulturstaaten bezieht. Daraus aber, daß ein solcher Zustand möglich ist, folgt keineswegs, daß er auch wünschenswert, heilsam und vernünftig sei. Da die Bodenerzeugnisse den immer und unter allen Umständen notwendigsten, daher stets auch wertvollsten und größten Bestandteil des Volkseinkommens bilden, da zugleich die Landwirtschaft das gesündeste und beglückendste aller Gewerbe ist und den darin beschäftigten die in Geld gar nicht abzuschätzenden Güter Licht, Luft, Wasser, Naturgenuß und Bewegungsfreiheit, die dem Städter teils viel Geld kosten, teils auch nicht einmal um Geld erreichbar sind, umsonst gewährt, so folgt daraus, daß jedes Volk, mag es auch sein Nationaleinkommen auf Milliarden Pfund schätzen, arm und elend ist, das seine Nahrungsmittel nicht selbst erzeugt. Der Auslandhandel wirkt nur soweit segensreich, als er die den verschiednen Himmelsstrichen und Völkern eigentümlichen Natur- und Kunsterzeugnisse austauscht. Wenn wir Deutschen unsern Rheinwein, der nirgends als am Rhein wächst, gegen Kakao austauschen, der nur im tropischen Amerika gedeiht, so wird damit beiden Ländern eine Wohlthat erwiesen. Dagegen hat es schlechterdings keinen Sinn, wenn irgend eine europäische Nation ihr Brotgetreide, ihr Milch- und Schlachtvieh aus dem Auslande bezieht; der Handel mit den gewöhnlichen Nahrungsmitteln ist nur so weit im Gange zu erhalten, als es die Rücksicht auf wünschenswerte Verbesserungen und Züchtungsversuche, auf zweckmäßige Mischungen verschiedner Getreidesorten, und auf den Ausgleich der wechselnden Ernten erfordert. In Beziehung auf Kunsterzeugnisse verlangt die höhere Kultur, daß man Schmuck und Putz, Ziergerät und kostbare Kleiderstoffe der verschiedensten Art von Völkern beziehe, denen ihre besondre Handfertigkeit oder Geschmacksrichtung ein eigentümliches Gepräge und einen eignen Reiz verleiht; dagegen ist schlechterdings kein Grund vorhanden, warum wir gewöhnliche glatte Gewebe von Leinen, Wolle oder Baumwolle, die alle Völker der Erde gleich gut zu fertigen verstehen, aus dem Auslande beziehen oder für Ausländer herstellen sollten. Jede solche Exportindustrie ordinärer Waren macht die Arbeiter zweier Völker zu Sklaven: die des exportirenden Volks, die sich, anstatt Landwirtschaft zu treiben, in Fabriken einsperren lassen und für andre Völker spinnen und weben müssen, und die des importirenden Volks, die, um ihren Broterwerb gebracht, ihre Arbeitskraft unter ungünstigern Bedingungen in irgend einem andern Gewerbe zu verkaufen suchen müssen. Die Arbeiter solcher Exportindustrien haben deshalb auch zu allen Zeiten, schon lange vor unsrer kapitalistischen und Maschinenperiode, über Druck und Elend geklagt, und obwohl die mittelalterlichen Tuchfabrikanten auf der damaligen Entwicklungsstufe des Gewerbes noch Monopolpreise erzielen konnten, waren doch Weberrevolten an der Tagesordnung. Und bei dieser Lage der Dinge preist man auch noch die »Blüte« solcher Industrien als ein Glück und sucht sie künstlich zu fordern! Zu den verhängnisvollsten Neubildungen unsrer sprachreinigenden Zeit gehört das Wort »Wettbewerb,« weil es eine schlechte Sache durch einen edel klingenden Namen zu beschönigen sucht. Bei dem Worte Konkurrenz dachte sich jedermann das richtige: ein Konkurrent, so sagt sich ein jeder der Wahrheit gemäß, ist ein Kerl, der es auf meine Beraubung und meinen wirtschaftlichen Tod abgesehen hat. Das Wort Wettbewerb soll nun den Schein erwecken, als ob die Geschäftsleute und die mit einander in Konkurrenz geratnen Kulturvölker edle Renner oder Athleten wären, die, ohne den Mitkämpfern ein Leid zuzufügen, nur einen Lorbeerkranz oder wohl gar nur das Vorrecht erringen wollten, ihre Mitmenschen mit ihren vortrefflichen, nur aus Liebe zur Menschheit hergestellten Waren zu beglücken. Welch thörichte Heuchelei! Länderverwüstende Kriege zu dynastischen Zwecken und Raubzüge nach Mongolenart sind barbarisch, unmenschlich, tierisch. Aber barbarischer, unmenschlicher, tierischer sind die Vernichtungskriege, die die Völker, oder vielmehr die Kapitalisten der Völker heute auf wirtschaftlichem Gebiete gegen einander und zunächst immer gegen das eigne Volk führen. Denn erst nachdem das eigne Volk ins Elend hinabgedrückt ist, kann man das Ausland unterbieten. Bei den eigentümlichen Erzeugnissen der verschiednen Zonen und der verschiednen nationalen Kunstrichtungen ist von Unterbieten keine Rede. Also wenn einem Volke der Boden fehlt, kann die Technik diesem Mangel nicht abhelfen. Im Gegenteil verlockt sie es von dem allein vernünftigen Auswege der Kolonisation auf den unvernünftigen der Exportindustrie. Aber auch bei unzureichendem Boden könnte der Wohlstand größer sein, als er ist, und die Technik könnte dazu immerhin etwas beitragen. Wer oder was zwingt uns denn, unsre Produktionskraft auf Nähnadeln, Wolljacken, Spitzen, Reklamebilder und Nippsachen zu verschwenden? Warum verwenden wir sie nicht zunächst auf das nach der Nahrung notwendigste, auf den Häuserbau und die Wohnungseinrichtungen? An Raum für Wohnhäuser fehlts glücklicherweise noch nicht, an Bausteinen, Sand, Lehm und Kalk auch nicht. Sollte das Holz fehlen, so könnte ein Forstgesetz nach dem Muster des badischen Abhilfe schaffen, das dem Privatbesitzer eine willkürliche und gemeinschädliche Ausnutzung seines Waldes verwehrt, und man würde gut thun, es noch durch das Verbot der Cellulosefabrikation zu verschärfen. Wenn nur Vernunft die Produktion regeln möchte, dann könnte immerhin die Technik auch unter den jetzigen Umständen schon Segen verbreiten. Eine sehr geringe Anzahl von Menschen würde dann hinreichen, in mäßiger Arbeitszeit unser Volk mit Kleiderstoffen, Decken, Teppichen, Bettzeug, Papier u. dgl. zu versorgen, und die frei gewordnen Arbeitskräfte würden mit der Herstellung wertvollerer Güter, namentlich gesunder, geräumiger und anständiger Wohnungen beschäftigt werden. Vorläufig aber herrscht nicht die Vernunft, sondern die Selbstsucht des Kapitalisten, die, wie wir in dem Kapitel »Die Spitze« gesehen haben, den Arbeiter zwingt, statt seiner eignen Bedürfnisse teils Luxusartikel für die Reichen, teils Exportwaren zur Bereicherung der Unternehmer herzustellen. Wolf hat ganz Recht, wenn er meint, der Reichtum der modernen Volker sei durchaus nicht so groß, wie er zu sein scheine; man dürfe ihn nicht nach den Palästen, Schaufenstern und Schaustellungen der großen Städte beurteilen. Aber er vergißt hinzuzufügen, daß dieser Glanz nicht allein die Kulisse ist, die das Elend verdeckt, sondern zum Teil auch seine Ursache, indem die Armen gerade darum arm sind und elend leben, weil man sie zwingt, statt dessen, was sie selber brauchen, jenen Glanz zu schaffen. Und ganz und gar nicht hat er Recht, wenn er gegen den Sozialismus die abgenutzte Redensart von den lumpigen paar Mark ins Treffen führt, die bei gleichmäßiger Verteilung des Einkommens auf den Kopf fallen würden. Abgesehen davon, daß die Ergebnisse der neuen Einschätzung in Preußen das Durchschnittseinkommen erheblich höher erscheinen lassen, als bisher gewöhnlich angenommen wurde: besteht denn das Volkseinkommen in Geld? Steht die Sache etwa so, daß uns eine geheimnisvolle Macht jährlich eine bestimmte Geldsumme zuteilte, und daß wir nicht mehr Güter haben könnten, als um dieses Geld feil sind? Besteht nicht vielmehr das Einkommen in Gütern, und steht es uns, die wir mit allen Hilfsmitteln der modernen Technik ausgerüstet sind, nicht vollkommen frei, alle Güter herzustellen, die wir brauchen – immer vorausgesetzt, daß der zur Erzeugung unsrer Nahrung erforderliche Boden vorhanden ist? Braucht man zum Bau eines Hauses etwa Papiergeldscheine und Zwanzigmarkstücke, und nicht vielmehr einen Bauplatz, Lehm, Sand, Kalk, Steine, Arbeiter nebst Nahrung und Kleidung für sie? Und ist nicht dieses alles, vielleicht mit Ausnahme der Nahrungsmittel, reichlich vorhanden? Was hindert denn am Bauen? Etwa der Umstand, daß die Arbeiter kein Geld haben, die für sie zu erbauenden Häuser zu bezahlen, und daß sie dieses Geld nicht haben, weil sie keine Arbeit haben? Damit sind wir auf jenem Gipfel der Unvernunft angelangt, zu dem sich die moderne Gesellschaft emporgeschwungen hat und auf dem sie das Recht auf Arbeit erörtert. Es ist wohl in alten Zeiten vorgekommen, daß es an Arbeitern fehlte, daß die Bürger eines Kulturstaates keine Lust hatten, die zur Erzeugung ihrer Bedürfnisse und Bequemlichkeiten erforderliche körperliche Arbeit selbst zu verrichten, daß sie daher Sklaven eingefangen und zu dieser Arbeit gezwungen haben; aber solche Narren wie wir Heutigen, die wir nicht nach Arbeitern, sondern nach Arbeit für die Arbeiter suchen, hat es in alten Zeiten niemals gegeben. Während wir Kommissionen einsetzen, die untersuchen müssen, wie wohl den Arbeitern zu Wohnungen verhelfen werden könnte, sitzen daneben andre Kommissionen und schwitzen über der Frage, wie den Arbeitern Arbeit verschafft werden könne. Ja mein Gott, wird jeder Nichtnarr sagen, warum thun sich denn die zwei Kommissionen nicht zusammen? Die Arbeiter brauchen ja nur Arbeiterwohnungen zu bauen, so sind die Aufgaben beider Kommissionen zugleich gelöst! Warum geschieht das also nicht? Es unterbleibt aus dem Grunde, weil es der Kapitalismus nicht gestattet. Der Kapitalismus erlaubt nur solche Arbeiten, bei denen für den Kapitalisten ein Profit abfällt. Wird die Herrschaft dieser Weltmacht nicht gebrochen, dann nützt uns auch die Elektrotechnik nichts. Der jüngst verstorbne Werner Siemens hat das schöne Bild ausgemalt, wie dereinst jeder Wasserlauf seine Dynamomaschinen treiben und wie die elektrische Kraftübertragung die Triebkraft vom Flusse her ins Land, jedem Handwerker in sein Haus leiten werde; wie dadurch die Fabrik überflüssig, der Kleinbetrieb wieder hergestellt, die Industrie dezentralisirt, das verödete platte Land wieder bevölkert und belebt, die natürliche Verbindung von Landwirtschaft und Gewerbe, der unmittelbare Austausch landwirtschaftlicher und gewerblicher Erzeugnisse wieder hergestellt werden werde. Keine innere Unmöglichkeit steht der Verwirklichung dieses glücklichen Zukunftsbildes im Wege, nur die Macht des Kapitalismus; was er vermag, wird er aufbieten, durch Sperrung der Flußläufe, der Grundstücke, aller Arbeitsmittel die Wiederherstellung des gesunden natürlichen Blutlaufs im Volkskörper zu verhindern. Also, ob die Fortschritte der Technik einem Volke zum Segen oder zum Fluche gereichen, ob sie seinen Wohlstand oder sein Elend vermehren, das hängt von den Geistesmächten ab, die den Gebrauch der Werkzeuge leiten. Vernunft und Gemeinsinn sind diese Kräfte bisher nicht gewesen, und daher haben die ungeheuern Hilfsmittel der heutigen Zeit nicht einmal die durchschnittliche Beschaffenheit unsrer Gebrauchsgegenstände zu verbessern vermocht. Zwar die wenigen Reichen statten ihre Häuser mit einer unendlichen Fülle der gediegensten und geschmackvollsten Gerätschaften und Verzierungen aus, aber der Hausrat des gemeinen Mannes ist vielfach geschmackloser, roher und zum Teil sogar unhaltbarer, als der des gemeinen Mannes in der Zeit der Renaissance und im Altertum war. In der schon erwähnten Utopie von Morris kommt unter andern hübschen Gedanken auch folgender vor. Der Langschläfer, der im einundzwanzigsten Jahrhundert aufgewacht ist und von einem alten Manne über die neuen Einrichtungen und wie sie geworden sind belehrt wird, fragt seinen Mentor: »Machte denn das Volk des neunzehnten Jahrhunderts, was es machte, nicht gut?« Die Antwort lautet: »O ja, es gab eine Art von Gütern, die man damals in allen Teilen gut machte, und das waren die Maschinen, die man zur Anfertigung der Dinge brauchte. Sie waren vollendete Meisterstücke und ihrem Zweck wunderbar entsprechend, sodaß man mit Recht sagen kann, die größte That des neunzehnten Jahrhunderts sei die Anfertigung von Maschinen gewesen, die wahre Wunder der Erfindungskraft, Geschicklichkeit und Geduld waren, aber nur zur Herstellung ungeheurer Massen wertloser Gegenstände gebraucht wurden.« Diese Unterordnung des Zwecks unter das Mittel, die übrigens heutzutage auch alle andern Lebensgebiete in Verwirrung stürzt, z. B. den Polizeibeamten aus einem Diener zum Herrn der Bürger macht, würde als unbegreifliche Verkehrtheit erscheinen, wenn die Völker ihre Zwecke selbst wählten und dafür die Mittel anordneten. In unserm Falle steht die Sache jedoch so, daß die herrschenden Klassen eben nicht die Versorgung des Volks mit Gütern, sondern ihre eigne Bereicherung zum obersten Zwecke der Volkswirtschaft gemacht haben. Wenn die Selbstsucht der Herrschenden eine so entscheidende Rolle spielt, dann haben vielleicht die Frommen Recht, die die Religion als Universalheilmittel anpreisen? Wirkliche Religiosität, die selbstverständlich weder Frömmelei noch Heuchelei noch Glaubensfanatismus ist, regt alle edeln Kräfte zur Thätigkeit an und hält die Selbstsucht darnieder; sie kann also auch soziale Übel sowohl verhüten als heilen, wie sie denn auch wirklich im Bunde mit der Humanität den schlimmsten der englischen Fabrikgräueln ein Ende gemacht hat; aber es ist in diesem Falle doch fraglich, ob sie etwas ausgerichtet hätte, wenn ihr nicht der früher beschriebne Umschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse und die organisirte Selbsthilfe der Arbeiter zu Hilfe gekommen wären. Diese zu organisiren, hat allerdings wiederum sie ganz erheblich beigetragen, indem die von ihr beseelten Volksfreunde dem englischen Nationalcharakter entsprechend und im Gegensätze zur katholischen Erscheinungsform der Caritas nach dem vollkommen richtigen Grundsatze handelten: to help them to help themselves . Überhaupt hat die evangelische Geistlichkeit der katholischen Kirche gegenüber Recht, wenn sie den subjektiven und individuellen Charakter der Religion auch in sozialer Hinsicht betont, während der Papst und der katholische Klerus predigen, man brauche nur der Kirche, womit die römische Priesterschaft gemeint ist, volle Freiheit zu gönnen, d. h. ihr die Herrschaft einzuräumen, so werde sie allen Streit schlichten und alle Übel heilen. Weiß doch alle Welt, daß im Mittelalter die Päpste nicht allein die ärgsten Kampfhähne und Haderkatzen, sondern auch, was in diesem Falle noch schlimmer ist, die ersten großen Kapitalisten und Ausbeuter gewesen sind, und daß die jetzige kapitalistische Wirtschaft am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus den damaligen unter Mitwirkung der Kirche gewordnen wirtschaftlichen Zuständen hervorgegangen ist. Und heute vernehmen wir aus dem Munde des protestlustigen und ewig klagenden Papstes kein Wort des Protestes und der Anklage gegen die skandalösen, nicht etwa erst im jungen Königreich Italien gewordnen, sondern Jahrhunderte alten Agrarzustände Italiens; nur der »Beraubung des heiligen Vaters,« für die doch als für die Erlösung von einem entsetzlichen Widerspruche gegen die Idee der Kirche der Papst Gott danken müßte, gelten alle seine Proteste; bekäme er nur sein schriftwidriges Königtum zurück, so möchten die italienischen Landlords, unter denen sich, nebenbei bemerkt, auch Priester befinden, ihre armen Kolonen und Tagelöhner schinden, wie sie wollen. Was die sozialen Einrichtungen der mittelalterlichen Kirche anlangt, wie milde Stiftungen und reichbegüterte Klosterorden, so sind ihre Schattenseiten allgemein bekannt und ihre Lichtseiten von uns gelegentlich hervorgehoben worden; von den Zeitumständen und dem Geiste der sie gebrauchenden hängt es ab, ob ihr Nutzen oder ihr Schaden überwiegt. Jedenfalls lassen sich Einrichtungen, die ihrerzeit aus dem Zusammenwirken eines urwüchsigen Volksglaubens mit eigentümlichen sozialen Verhältnissen erwachsen waren, nachdem eine anders geartete Zeit sie hinweggefegt hat, nicht willkürlich mit künstlichen Mitteln wiederbeleben; doch gebieten die Erfahrungen, die man mit der Säkularisirung gemacht hat, die tote Hand da, wo sie, wie in Österreich, noch besteht, zu schonen und, falls man sich zu ihrer Beseitigung entschließt, mit mehr Umsicht und Staatsklugheit dabei zu verfahren, als es früher geschehen ist. In England ist an die Stelle der geistlichen toten Hand die aristokratische getreten, die mit weit größerm Rechte tot genannt zu werden verdient. Der einzige Staat aber, wo die Säkularisirung ganz allgemein zum Heile des Volks ausgeschlagen ist, indem sie einen zahlreichen wohlhabenden Bauernstand begründet hat, ist Frankreich. Ein empörtes Volk und seine Proletarierhaufen haben mehr politische Weisheit bewiesen, als die alten Dynastien Europas mit ihren Geheimräten. Und zwar scheint der entscheidende Schritt, die Ausstattung ländlicher Proletarier mit konfiszirtem Stiftsacker, während der Schreckensherrschaft vor sich gegangen zu sein. Wenigstens hat sich das von der Nationalversammlung am 21. Januar 1790 eingesetzte Komitee »zur Abschaffung der Armut« bis zum Sturze der Girondisten solchen Plänen gegenüber ablehnend verhalten. Es war der Antrag gestellt worden, einen Teil der Nationalgüter zu parzelliren und an arme Bauernfamilien gegen Ratenzahlung zu vergeben. Dagegen erklärte das Komitee in einem seiner Berichte: wenn man dies thäte, so würde das Staatswohl darunter leiden, »weil, wenn der Arme Grundbesitzer würde, dem Fabrikanten und dem Großgrundbesitzer die Arbeiter fehlen würden.« (»Neue Zeit« S. 602, nach Boris Minzes: Die Nationalgüterveräußerung während der französischen Revolution, Jena, Gustav Fischer.) Geradezu verderblich in sozialer Beziehung wirkt die Religion, wenn sie im Sinne reaktionärer Regierungen gepflegt oder vielmehr zum Kappzaum für das gemeine Volk mißbraucht wird. Der richtige K. K. Hofprediger reduzirt das ganze Christentum auf die paulinischen Ermahnungen zum Gehorsam gegen die obrigkeitliche Gewalt. Diese Ermahnungen haben aber mit dem Kerne des Evangeliums gar nichts zu schaffen, sondern sind lediglich aus den praktischen Bedürfnissen hervorgegangen, durch die sich der große Gemeindegründer so gut wie spätere Kirchengewaltige zu Konzessionen hat drängen lassen und zu Nutzanwendungen des Evangeliums, an die Christus nicht gedacht hat. Gerade die Männer, die das paulinische Grunddogma von der Gnadenwahl mit der größten Energie und freilich darum höchst einseitig geltend gemacht haben, die Kalvinisten, Presbyterianer und Puritaner, sind allesamt geborne und geschworne Tyrannentäter gewesen. Geradezu lächerlich ist die übertriebne Bedeutung, die heute ganz allgemein dem Worte Christi: Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, beigelegt wird. Alle vier Evangelien zeigen aufs deutlichste, wie gleichgiltig dem Herrn alle weltliche Gewalten waren und wie geringschätzig er von ihnen dachte. Die Antwort, die er den verbündeten Pharisäern und Herodianern gab, war offenbar nur eine spöttische Ablehnung der Zumutung, in die gestellte Falle zu gehen, und eine ironische Abfertigung der von ihm verachteten Herodianer: Ihr habt euch aus Rom Soldaten und Geld verschrieben; also gebührt es sich auch, daß ihr dieses Geld wieder dahin zurück schickt, woher es gekommen ist. Wenn sich ein Volk entsagend in den Willen Gottes ergiebt, in seinem Herrscher den Vertreter Gottes sieht und gehorsam die Knute küßt, so ists um seine Zukunft geschehen. Ohne Unzufriedenheit und kräftige Opposition der Bedrückten ist keine Besserung verrotteter Zustände möglich. Geduld, Mäßigkeit, Genügsamkeit, Entsagung soll der christliche Geistliche freilich predigen und soll, was die Hauptsache ist, darin mit gutem Beispiele vorangehen; aber es wäre im höchsten Grade verkehrt, in der allgemeinen Verbreitung dieser Tugenden ein Heilmittel unsrer sozialen Schäden zu sehen, vielmehr sind sie im höchsten Grade gefährlich. Die einzelne christliche Seele vermögen sie zur Engelschönheit zu verklären; werden sie von einem ganzen Volke geübt, so machen sie, wie wir in Rußland sehen, ein Gesindel stinkender Lumpen daraus. Zudem bleibt in modernen Zeiten immer ein Genuß übrig, auf den der Arme nicht verzichtet: das ist der Schnaps; und auf den zu verzichten: erlaubt die Obrigkeit gar nicht, denn in Preußen wie in Rußland sind die Finanzen und die »Landwirtschaft« darauf gegründet. Ähnliches gilt aber auch von allen übrigen weniger verwerflichen und verderblichen Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen. Was wird nicht gegen die Putzsucht der Arbeiterinnen, gegen die Genußsucht der Männer und jungen Burschen, gegen ihr Kneipenlaufen und Zigarrenrauchen geeifert! Aber mit jeder Bekehrung dieser Volksmassen zur Entsagung in der einen oder der andern Beziehung würde eine Industrie totgeschlagen, die Hunderttausende beschäftigt, und zugleich eine Steuerquelle verstopft. Nur dann ist die Bekämpfung des unverständigen Luxus und der verwerflichen Genüsse wirtschaftlich ungefährlich, wenn sie sich zu einer Bekämpfung des herrschenden Wirtschaftssystems erweitert und den Armen für jeden schlechten Genuß, den er preisgiebt, durch einen guten entschädigt, wenn sie ihm statt des Fusels Fleisch, Brot und Milch ( nicht Bier! das schadet noch mehr; eher Wein), statt der verräucherten Kneipe eine geräumige Wohnung, eine behagliche Häuslichkeit, freie Luft, Gärten, Wald und Wiese, statt der mit Anilin gefärbten Kattunlumpen derbe Tuchröcke und wasserdichte Winterstiefel wiedergiebt: alle die Güter, die ihm der moderne Fortschritt geraubt hat. Diese Wandlung allmählich herbeizuführen, wird eine Änderung des Geschmacks, zu der das Volk durch Lehre und Beispiel der Gebildeten erzogen werden muß, mehr Kraft haben als religiöse Ermahnungen, (Die volkswirtschaftliche Bedeutung des guten Geschmacks habe ich in den Grenzboten Jahrgang 1890, 2. Vierteljahr, S. 437 ff, erörtert und dann den Gegenstand noch einmal etwas ausführlicher in Prochaskas Illustrirten Monatsbänden 2. Jahrgang, Nr. 12 unter dem Titel »Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Luxus« behandelt.) Nach alledem wird zwar der einzelne Seelsorger die Geduld, die Mäßigkeit, die Genügsamkeit, die Entsagung als Individualtugenden bei seinen Kirchkindern zu pflegen haben, aber wenn sich die Geistlichkeit in corpore mit Ermahnungen an die Öffentlichkeit wendet, dann hat sie, wenn sie sowohl dem Geiste des Evangeliums wie den sozialen Bedürfnissen der Zeit genügen will, die Spitze ihrer Strafpredigten weniger nach unten als nach oben zu richten. Als Vorbild für evangelische Synodalbeschlüsse und katholische Hirtenbriefe schlage ich die Erklärung vor, die die lombardischen Prälaten 855 auf der Synode zu Pavia abgaben (Pertz, Monumenta , Band III, p. 481). Man rückte der Geistlichkeit vor, daß sie mit schuld sei an der allgemein eingerissenen Zerrüttung und Verwilderung. Die Prälaten entgegneten mit der den ältern Zeiten eignen Offenheit, sie wüßten recht gut, daß sie keine Heiligen und in mehr als einer Beziehung schuldig wären. Was aber die allgemeine Zerrüttung anlange, so könnten sie dagegen nichts thun; denn die Räuber, das seien eben die vornehmen Herren, und die kämen nicht in die Pfarrkirche, wo ihnen die Wahrheit gesagt werden würde, die hielten sich ihre eignen Burgpfaffen, die ihnen nach dem Munde reden müßten oder überhaupt nichts zu sagen und bloß Messe zu lesen hätten. Zur Kirche kämen bloß die Armen, die Opfer der Räubereien und Gewaltthaten, und denen könne man doch nichts weiter predigen als Trost und Geduld im Leiden. So die Bischöfe von Pavia vor Kaiser Ludwig II. Die Hofprediger unsrer Zeit, die sich von Seiner Majestät den Kanzeltest vorschreiben lassen müssen, sind in keinem Sinne Organe der Kirche, mag man sich diese als einen hierarchischen Bau denken, worin der Geist Gottes waltet, oder als die Gesamtheit aller derer, die aus dem Gewissen handeln; sie sind nichts als Fürstendiener. Wären sie Diener Christi, so würden sie bei der heutigen Lage der Dinge mit jenen englischen Geistlichen, deren Wirksamkeit Schulze-Gävernitz schildert (Zum sozialen Frieden II, S. 168 ff,), in jeder ihrer Predigten erklären, daß die Hölle der natürliche Ort aller Reichen sei, solange es Arme gebe, und sie würden bei diesem Thema so lange bleiben, bis die Massenarmut abgestellt wäre. Wahre Religiosität wird die Gesinnung der Reichen wie der Armen veredeln und so den sozialen Kämpfen einen Teil ihrer Wildheit und Häßlichkeit nehmen, wird auch manche der Wunden heilen, die diese Kämpfe schlagen, aber gegen die natürlichen Ursachen, aus denen sie entspringen, vermag sie nichts; weder vermag sie unserm Lande einige Quadratmeilen anzustückeln, noch ist es ihres Amtes, zu einem Eroberungskriege anzufeuern oder zur Beschränkung der Kinderzahl zu raten. Mehr vermöchte sie, wenn sie vorhanden und stark genug wäre, dort, wo nicht ein Mangel der Natur, sondern menschliche Ungerechtigkeit die Wurzel des Übels bildet. Gegen diese konnte wohl die Gesetzgebung etwas ausrichten. »Wo die Unredlichkeit,« sagen wir mit Wolf (S. 599), ihr Handwerk treibt, es treiben kann , ohne mit dem geschriebnen Recht in Widerspruch zu geraten, ist der Widerspruch durch »Schreibung« des Rechts, durch Ausfüllung der Gesetzgebungslücken herzustellen. Paart sich hiermit eine Vorbeugethätigkeit, die dem Unrecht auch die objektive Gelegenheit und die subjektive Neigung entzieht, und weiterhin eine Berichtigung der öffentlichen Meinung, sodaß sie weit strenger als bisher Übung des Unrechts auch gesellig ahndet, so bricht für das erste der Postulate Neminem laede die Zeit der Erfüllung an.« Und wenn die Kirche bei passender Gelegenheit auf solche Lücken der Gesetzgebung hinweisen und auf ihre Ausfüllung dringen wollte, so würde sie damit, scheint es uns, die Grenze ihrer Zuständigkeit keineswegs überschreiten. Mehr freilich als alle Gesetze verhelfen günstige physische Bedingungen, die der Notwendigkeit sozialer Gesetze überheben, der Gerechtigkeit zur Verwirklichung; ein Bauernstand, der keines Kredits bedarf, ist unendlich mehr wert als alle Wuchergesetze. Sich einbilden, es werde jemals möglich sein, auf dem Wege der Gesetzgebung die Gerechtigkeit und namentlich, worauf es hier zunächst ankommt, das Recht auf den vollen Arbeitsertrag zu verwirklichen, das heißt schon, den utopistischen Träumen der Sozialdemokraten huldigen. Ist es doch, wie wir gesehen haben, in einem verwickelten Gesellschaftszustande gar nicht einmal möglich, auch nur einigermaßen genau anzugeben, wie viel jedem von Rechts wegen gebührt. Es geht mit der Gerechtigkeit ungefähr so wie mit der Schönheit, Wenn sich vor einem Gesicht die kleinen Kinder fürchten, dann wird man es mit ziemlicher Sicherheit häßlich nennen dürfen; aber ob und in welchem Grade die nicht so augenfällig häßlichen Leute schön genannt werden können, darüber werden die Meinungen ewig auseinander gehen. Und so wird zwar nicht leicht jemand einen Zustand gerecht zu nennen wagen, wo der lasterhafte Müssiggänger schwelgt und der tugendhafte Arbeiter hungert, aber ob ein Maurertagelohn von 2, 3, 4 oder 5 Mark, ein Handelsgewinn von 2000, 3000, 4000 oder 5000 Mark gerecht sei, das zu entscheiden giebt es keinen Richterstuhl auf Erden, Demgemäß geben wir Wolf (S. 613) auch darin Recht, daß die frei waltende Nächstenliebe zu leisten habe, »was das Gewissen der Zeit über Gerechtigkeit und Billigkeit hinaus verlangt,« oder, wie wir lieber sagen wollen, was das Gewissen verlangt, ohne darnach zu fragen, ob der Leidende Rechtsansprüche begründen könne, und ob sich das Recht überhaupt feststellen lasse oder nicht. Nur sollte er nicht den Schein erwecken, als ob diese Verweisung des fragenden Jahrhunderts an die christliche Nächstenliebe den Abschluß einer Untersuchung bilden könne, von der man die Antwort erwartet. Denn die Aufgabe, jene Leiden zu heilen oder zu lindern, die das Zusammenwirken unfreundlicher Naturgewalten mit menschlicher Unvernunft, Leidenschaft und Bosheit zu allen Zeiten erzeugt, liegt der Caritas immerdar ob. Heute aber handelt es sich um etwas ganz andres, um einen Zustand, der immer größere Massen zu einem lebenslänglichen Elend verurteilt, woraus es kein Entrinnen und worin es kaum einen Trost giebt. Dieses neuen Übels Beseitigung ist nicht Aufgabe der christlichen Caritas, sondern der weltlichen Politik. Einstweilen befindet sich diese Caritas, die sich in modernen Kreisen lieber Humanität nennen hört, in einer Lage, die von Tag zu Tag verzweifelter wird. Voraussetzung einer vernünftigen Armenpflege ist, daß die Not ein individuelles, durch Verschuldung oder Unglück einzelner verursachtes Übel bleibe, und daß, wenn einmal größere Menschenmassen von Not heimgesucht werden, die Ursachen des Übels wie Mißwachs, Feuersbrunst, Überschwemmung, Krieg, vorübergehen. Individuelle Nöte lassen sich bewältigen und individuell behandeln, außerordentliche Leistungen aber nimmt ein christliches Gemeinwesen gern auf sich, wenn es weiß, daß sie nur vorübergehend erfordert werden. Unter solchen Umständen haben die altchristlichen Gemeinden, manche mittelalterliche Stadtgemeinden, die englischen Klöster und Pfarreien vor der Reformation, die reformirten Gemeinden Hollands und der Schweiz in ihrer besten Zeit die Aufgabe zu bewältigen vermocht. Heute aber stehen wir nicht zu bewältigenden Massen von Elenden gegenüber, bei denen an individuelle Behandlung nicht zu denken ist, sondern die Hilfe nur aufs Geratewohl gespendet oder verweigert werden kann, und solchen Ursachen, die dauernd wirken und dabei, weil ihr Wesen den meisten unbekannt ist, als unheimliche gespenstische Mächte eine lähmende Wirkung ausüben. Ich selbst habe noch Orte und sogar eine ganze Gegend kennen gelernt, wo das Ideal christlicher Armenpflege erreicht war. Es war eine Gruppe von Dörfern in einem südlichen Zipfel der Mark Brandenburg. Grundverschieden waren diese Dörfer von den auf Seite 172 erwähnten lustigen und reichen Dörfern Niederschlesiens. Sie waren arm: der Dominialherr nicht reicher als ein mittlerer niederschlesischer Bauer, der Bauer nach schlesischen Begriffen ein Gärtner oder Stellenbesitzer; viele Männer gingen im Sommer auf Maurerarbeit – bis nach Ostpreußen. Aber die eine Familie war so ordentlich wie die andre, ein Häuschen so sauber wie das andre, und für Kranke, Witwen, Waisen, Verunglückte sorgte die Gemeinde unter Leitung des Pfarrers; es gab weder Bettler noch Hilflose. Daß diese kleine Landschaft samt ihrem sechstausend Einwohner zählenden Städtchen keine Eisenbahn, keinen Adlichen, keinen mit einem Orden dekorirten und keinen Juden besaß, und daß der einzige Advokat des Kreises über schlechte Einnahme zu klagen hatte, dürfte nicht ohne Einfluß auf einen Zustand gewesen sein, der die Freude jedes Menschenfreundes und Christen war, der aber jeden Freund des modernen Fortschritts mit tiefster Verachtung vor diesen »elenden Nestern« erfüllt haben würde. Wie es heute dort aussehen mag, ob es auch anderwärts noch – vielleicht in Oberbaiern, Holstein, Oldenburg, Friesland – Gegenden giebt, wo eine geordnete und erfolgreich durchgreifende Armenpflege möglich ist, und wie weit die nach Elberfelder System arbeitende Gemeindearmenpflege einiger größern Städte ihren Zweck erreicht, weiß ich nicht. In solchen Gegenden könnte, wenn es nicht völlig unnötig wäre, das Betteln ohne Verletzung des christlichen Gewissens verboten werden. Es heute ganz allgemein zu verbieten und auch noch das Almosengeben für strafbar zu erklären, ist bei den herrschenden Zustanden eine Barbarei, die unsre Humanität unter die der Muhammedaner und der vorchristlichen Heiden herabdrückt, und die für vereinbar mit dem Christentum erklären zu wollen eine unwürdige Posse sein würde. Die Theologen mögen über den Sinn jedes Verses der Bibel streiten, Matth. 25, 41 läßt sich nicht drehn noch deuteln: wer die Hungrigen nicht speist, die Nackten nicht bekleidet, den Obdachlosen die Herberge versagt, dem ist das ewige Feuer bereitet. Die Behörden mögen im Interesse der öffentlichen Ordnung zu dieser Barbarei gezwungen sein, aber sie bleibt trotzdem eine Barbarei, und selbstverständlich kehrt sich weder der Notleidende noch der mildherzige Christ an das Verbot, selbst wo es sich um den wirklich bedenklichen Kinderbettel handelt. Daß aus den Betteljungen größtenteils Vagabunden und Verbrecher und aus den Bettelmädchen Dirnen werden, weiß natürlich jedermann. Aber, so sagt sich der Mensch, dem ein Herz im Busen schlagt, werden sie es etwa nicht, wenn ich die Gabe verweigre? Gebe ich nichts, so geben andre, und giebt niemand etwas, so fangen sie eben schon jetzt zu stehlen an. Denn Hunger thut weh, und die Prügel der Eltern, die sie fortschicken und sagen: Ihr kommt nicht wieder, ohne etwas mitzubringen, thun auch weh. In unvernünftigen Zuständen hört eben die Möglichkeit vernünftigen Handelns auf. Natürlich fühlt sich dadurch der Mann des öffentlichen Lebens der Verpflichtung, vernünftig zu handeln, nicht überhoben und fährt fort, für eine zweckmäßige Organisation der Armenpflege zu wirken, aber mehr und mehr unter dem peinigenden Drucke des Bewußtseins, daß er Sisyphusarbeit verrichtet. Je weniger sich unter diesen Umständen die kirchliche und Privatarmenpflege ihrer Aufgabe gewachsen zeigt, desto mehr sieht sich der Staat gezwungen, sie zu übernehmen und den Zivilgemeinden, Kreisen und Provinzialregierungen zu überweisen. Und diese Verstaatlichung macht das Unglück voll; will man nicht das unmenschliche englische Workhousesystem einführen, so bedeutet sie die Prämiirung der Liederlichkeit und Gemeinheit und die Bestrafung aller Tugenden. Einige Beispiele aus meiner Erfahrung mögen diese Behauptung beleuchten. 1. Ein blutarmes Tagelöhnerehepaar, beide abnorm klein, schwach und kränklich, nimmt die uralte Mutter der Frau, die ihr Häuschen um hundert Thaler verkauft hat, bei sich auf. Die Wat der beiden Leutchen war, gleich der klein Rolands, »wie Regenbogen anzuschaun, mit Farben mancherlei,« aber nie haben sie gebettelt, von niemandem eine Unterstützung beansprucht und sogar ihren Steuergroschen pünktlich bezahlt. Nun wird das Männlein krank. Auch jetzt sprechen sie noch niemanden an, sondern nehmen nur, was gutherzige Nachbarn an Lebensmitteln von selbst bringen, mit Dank an. Nach ein paar Monaten stirbt der Kranke, und nun faßt die Witwe den kühnen Entschluß, den Herrn Schulzen um das Geld für einen Sarg zu bitten. Der Gestrenge sagt: »Habt Ihr die hundert Thaler von der Mutter schon verbraucht?« Nee, die haben wir noch ganz. »Ja, dann könnt Ihr kein Geld aus der Gemeindekasse kriegen!« Hätten sie die hundert Thaler in vier Wochen verbraucht gehabt, so hätten sie nicht bloß den Sarg, sondern schon während der Krankheit des Mannes Armengeld bekommen müssen. 2. Eine arme Witwe mit drei Kindern erhält von einem Verwandten, der selbst nicht viel hat, einen kleinen monatlichen Zuschuß; aber der Bürgermeister, der davon Wind bekommt, droht mit Entziehung der städtischen Unterstützung, und der Verwandte muß nun seinen Zuschuß heimlich und auf Umwegen übermitteln. 3. Eine junge Mutter, die dient, und deren Kind von der Gemeinde in Pflege gegeben worden ist, zahlt von ihrem kargen Lohne der Pflegerin einen kleinen Zuschuß, damit sie das Kind besser pflege und ihm kräftigere Nahrung reiche. Der Ortsvorstand erfährt es und setzt das Pflegegeld um den Zuschuß der Mutter herab. 4. In der Armendeputation einer süddeutschen Stadt macht der Vorsitzende bekannt, daß eine zu Gefängnis verurteilte Dirne, weil sie syphilitisch sei, von der Stadt erst auskurirt werden müsse, ehe sie ihre Gefängnishaft antreten könne; es werde eine langwierige und kostspielige Geschichte werden. Die Stadtväter bewilligen murrend die Kosten, weil sie müssen. Hierauf beantragt ein Mitglied die Aufnahme einer rechtschaffnen Bürgerwitwe ins Krankenhaus. Ihr Sohn, ein rechtschaffner mit vielen kleinen Kindern gesegneter Handwerker, kann sie in seiner Wohnung, die zugleich Werkstatt ist, nicht behalten, und in ein besondres Zimmerchen gesperrt, muß die an allen Gliedern gelähmte Greisin jeder Handreichung und Hilfeleistung entbehren; zuweilen fällt sie hin und muß stundenlang auf der Diele liegen bleiben. Dafür sind keine Mittel vorhanden, der Antrag wird also abgelehnt. Alle Stadtväter erkennen an, daß das ein verrückter Zustand sei, allein – was ist dagegen zu machen? Wie jede andre Tugend, so treibt auch die Nächstenliebe unter neuen Verhältnissen neue Blüten und Früchte hervor von neuer, vordem unbekannter Art und Gestalt. In Wechselwirkung mit der Großindustrie hat die moderne Humanität die sogenannten Wohlfahrtseinrichtungen für Arbeiter hervorgebracht. Was sich davon auf deutschem Boden findet, haben Post und Albrecht in ihrem umfangreichen Werke: »Musterstätten persönlicher Fürsorge von Arbeitgebern für ihre Geschäftsangehörigen« (Berlin, Robert Oppenheim, 1893) ausführlich beschrieben. Wir mißbilligen aufs entschiedenste den hämischen und höhnischen Ton, in dem die Sozialdemokraten solche Einrichtungen zu besprechen pflegen, und die Geringschätzung, die sie dagegen hegen oder vielleicht bloß heucheln; viele unsrer Großindustriellen haben für ihre Bemühungen um das leibliche und geistige Wohl ihrer Arbeiter eine Bürgerkrone verdient. Allein den Weg zur Lösung der sozialen Frage vermögen wir in alledem nicht zu sehen. Einmal bleiben diese Einrichtungen, soweit sie nicht durch die Arbeitsschutzvorschriften des Staates allgemein erzwungen werden, vereinzelt. Sodann handelt es sich dabei zum Teil, wie bei den Aborten, denen Post und Albrecht ein besondres Kapitel widmen, um die Abstellung von Übelständen, die aus der unnatürlichen Anhäufung großer Menschenmassen in engen Räumen entstehen und die nach heutigen Polizeigrundsätzen schlechterdings nicht geduldet werden können, daher so oder anders auf alle Fälle abgestellt werden würden. Sodann führt Post unter diesen wohlthätigen Einrichtungen auch die Arbeiterausschüsse an und darunter auch »die Vertrauensmänner auf den königlichen Steinkohlengruben bei Saarbrücken«; bekanntlich sitzen aber diese Vertrauensmänner gegenwärtig wegen ihrer angeblich aufhetzenden Thätigkeit jetzt hinter Schloß und Riegel oder sind wenigstens abgelegt worden. Endlich wird durch diese patriarchalische Fürsorge du bon tyran die im zehnten Kapitel beschriebne reaktionäre Strömung verstärkt und dadurch die Gefahr eines Zusammenstoßes mit der entgegengesetzten nicht wenig erhöht. Denn je besser der Industriefeudale für seine Leute sorgt, desto weniger läßt er sich vom Staate dreinreden und desto entschiedner lehnt er jede Forderung der Arbeiter ab, die darauf hinzielt, diese selbständig zu machen. Daraus entstehen dann weiter noch zwei andre Gefahren. Was nämlich die guten unter den Industriefeudalen, wie Krupp und Stumm, für sich selbst an Macht erkämpfen, dessen werden auch die zahlreichen weniger guten Unternehmer teilhaftig. Und andrerseits: es giebt keine dauerhaften sozialen Güter außer den selbsterrungnen; was sich die Arbeiter an Wohlfahrtseinrichtungen nicht selbst geschaffen und erobert haben, das hat keine Aussicht auf Bestand. Was Ludlow, den Post zitirt, von den Gewerkvereinen sagt: they must not be made, they must grow, das gilt von allen solchen Organisationen; das Gemachte, das Geschenkte, das Aufgezwungne verschwindet mit dem Wohlthäter. Übrigens soll bei dieser Gelegenheit nicht verschwiegen werden, daß auch Post (Band II, Abteilung I, S. 3) den Widerspruch zwischen der gesetzlichen Freiheit und Gleichberechtigung des Arbeiters mit seiner thatsächlichen Dienstbarkeit gebührend hervorhebt. Was endlich die von Vereinen gepflegten Humanitätsbestrebungen anlangt, so sind sie aller Ehren wert, aber noch weniger als die vorerwähnten geeignet, zu helfen; gleich diesen, nehmen sie auch ganz unbefangen den unnatürlichen und gefährlichen Zustand, um dessen Aufhebung es sich handelt, als natürliche Grundlage an. Was England anlangt, so macht Rogers noch eine recht pikante Bemerkung. Er meint, es sei nicht ausgeschlossen, daß Lords, die den größten Teil ihrer Grundrente aus den Londoner Proletariervierteln ziehen, an die Spitze eines Wohlthätigkeitskomitees zur Beschaffung bessrer Wohnungen für die Armen träten, um später – die Bodenmiete steigern zu können. (A. a. O. S. 550.) Dreizehntes Kapitel Die Übervölkerung und die Not der Landwirtschaft Wir haben einen langen Umweg gemacht, um zur Erkenntnis einer Wahrheit zu gelangen, die im Altertum und im Mittelalter keinem Kinde unbekannt war und die man in den Büchern aller bedeutenden Nationalökonomen von Adam Smith bis Röscher findet: wo in einem tüchtigen Volke, in einem Volke, das die Natur zu unterwerfen und zu benutzen versteht, Elend herrscht, da ist gewöhnlich Übervölkerung daran schuld; Übervölkerung aber erzeugt unter allen Umständen Elend, und gegen dieses Elend giebt es kein andres Mittel, als Abfluß der überschüssigen Bevölkerung. Als Mitursache greift der Kapitalismus, worunter wir hier nur die Übertreibung und den Mißbrauch des Rechts des Privateigentümers verstehen, in doppelter Weise ein. Entweder die großen Besitzer vertreiben die kleinen von ihrer Scholle, drängen sie auf enge Räume zusammen, erzeugen so in einzelnen Landesteilen eine künstliche Übervölkerung, schon lange bevor die natürliche eintritt, und arbeiten durch Schaffung eines Massenproletariats dem Kapitalismus im engern Sinne, d. h. der Herrschaft der industriellen Unternehmer über die Arbeiter und der Geldverleiher über die produktiven Klassen vor. Oder die Übervölkerung ist auf natürlichem Wege eingetreten; dann benutzt der Kapitalismus die ohne sein Zuthun geschaffne Notlage der Massen für seine Zwecke. Wir mußten diesen weiten Umweg machen, um alle Ausflüchte abzuschneiden und der künstlich darniedergehaltnen Wahrheit die öffentliche Anerkennung, die ihr ehedem niemals gefehlt hat, wieder zu erringen. Sie ist nämlich jetzt in Deutschland und namentlich in Preußen verpönt, und daher nützt es gar nichts, daß sie z. B. von Roscher in seinem Lehrbuche der Nationalökonomie und auch von Wolf so schön gepredigt wird, als man sichs nur wünschen kann: in die Zeitungen, Volksversammlungen und Reichstagssitzungen, wo sie wirksam werden könnte, darf sie sich nicht wagen. Man hat sie verpönt, erstens aus Gründen der Sittlichkeit, obwohl, wie Röscher hervorhebt, Keuschheit wahrlich nicht die einzige Tugend ist, in dem allgemeinen Elend und in dem verzweifelten Ringkampf um den Bissen Brot alle edlern Regungen erstickt werden, und gerade die Übervölkerung auch die schlimmsten geschlechtlichen Verirrungen unmittelbar erzeugt. Man hat sie zweitens verpönt mit Rücksicht auf die Wehrkraft. Dieses Bedenken ist vor der Hand noch berechtigt; wir werden sehen, wie es gehoben werden könnte. Unberechtigt aber ist eine dritte, volkswirtschaftliche Erwägung, die jeden Menschen als eine zinstragende Kapitalanlage betrachtet und daher den Abgang jedes Menschen als einen Kapitalverlust bedauert. Sie ist erstens falsch; denn nach eingetretner Übervölkerung stellt jeder neu hinzutretende Mensch nur noch ein fressendes, kein produktives Kapital mehr dar. Sie ist zweitens gemein, roh und niederträchtig, indem sie zu dem Ergebnis führt, daß die Leute am Auswandern gehindert und im Elend zurückgehalten werden sollen, damit die Grundbesitzer und Fabrikanten den Zurückbleibenden keinen höhern Arbeitslohn zu zahlen haben und keinen Renten- oder Zinsverlust erleiden. Wenn man dabei die Kosten der Aufzucht veranschlagt, die doch aus dem großjährigen Arbeiter wieder herausgeschlagen werden müßten, so steht diese Viehzüchterauffassung auf einer Stufe mit der Auffassung versoffner Proletarierväter, die sich von ihren Kindern ernähren lassen, sobald diese die Händchen rühren können, und noch unter dem Standpunkte des Sklavenzüchters, denn der Sklavenzüchter hat den jungen Sklaven wirklich aufgezogen und daher ein Recht auf ihn, »das Vaterland« aber, worunter die Hochmögenden in diesem Zusammenhange sich selber verstehen, hat für den jungen Arbeiter auch gar nichts gethan, sondern die Sorge um seine Aufzucht den armen Eltern überlassen. Die unbequeme Wahrheit dein Volke zu verbergen, fiel unsern Politikern leicht, weil sie schon durch verschiedne zusammentreffende Umstände verdunkelt worden war. Zunächst wachsen unsre heutigen Politiker, während die Staatsmänner älterer Zeiten gewöhnlich Grundherren und Landwirte waren, meist auf städtischem Pflaster auf und sehen die Grundbedingung des Daseins, den Fruchtboden, nur in nebelhafter Ferne. Sodann erzeugt, wie schon bemerkt wurde, die hochentwickelte Geld- und Kreditwirtschaft den Schein, als ob sich, wenn man nur Geld und Kredit hat, alles übrige von selbst einstellte. Dazu kommt dann noch die Arbeitsteilung, die man vom einzelnen Volk auf die Menschheit ausdehnen zu können glaubt, sodaß man die Karikatur eines Fabrikvolks ohne Ackerbau nicht allein für lebensfähig hält, sondern in unbeschreiblicher Verschrobenheit sogar als Ideal anpreist. Auch die Sozialdemokraten haben mit zur Verdunkelung beigetragen, indem sie, ihrem städtischen Ursprunge gemäß, gleich den übrigen Politikern die Bedeutung des Landes meist übersahen und unter den Elendsursachen die ihnen zunächst fühlbare, die Ausbeutung des gewerblichen Arbeiters durch den kapitalistischen Unternehmer, einseitig in den Vordergrund schoben. Endlich hat man, wie auch Wolf hervorhebt (siehe das vorige Kapitel), durch die steigende Produktivität der Arbeit geblendet, den Umstand übersehen, daß diese gesteigerte Produktivität gerade die Güter, die wir am nötigsten brauchen, nur wenig oder gar nicht zu vermehren vermag, und als dann Malthus die alte Wahrheit neu auffrischte, hat er durch die ungeschickte Fassung, die er ihr gab, die Ansichten mehr verwirrt als geklärt, und die Volkswirte in Malthusianer und Optimisten gespalten, in deren Streite der springende Punkt gewöhnlich übersehen und daher die Wahrheit wenig gefördert wird. Wir haben früher diesen springenden Punkt folgendermaßen angegeben. Im Anfange der Besiedlung eines Landes steigt die Produktivität aller Arbeit, auch der landwirtschaftlichen, dank der fortschreitenden Arbeitsteilung stärker als die Bevölkerung; je mehr alles anbaufähige Land unter den Pflug genommen wird, desto mehr fängt diesem Gesetz das malthusische entgegen zu wirken an, und bei einem bestimmten Grade der Volksdichtigkeit erlangt dieses das Übergewicht. Die weitre Steigerung der Produktivität kommt dann nur noch den Industrieerzeugnissen, und zwar meist den allerwertlosesten und zum Teil geradezu schädlichen, zu gute. Wenn wir das zweite Gesetz das malthusische nennen, so geschieht es nur aus Höflichkeit gegen den berühmten Mann, denn die Fassung, die er ihm gegeben hat, ist, wie gesagt, sehr ungeschickt, um nicht zu sagen falsch. So lange die zuwachsende Bevölkerung noch Land urbar zu machen findet, hält der Mehrertrag an Nahrungsmitteln mindestens gleichen Schritt mit ihr; ist aber das Land bis an den Rand bebaut, und zwar intensiv bebaut, dann steigt die Nahrungsmittelmenge überhaupt nicht mehr, die Bevölkerung mag weiter wachsen, wie sie will. Veranschaulichen wir uns, um alle Zweifel zu zerstören, wie eine stetige Zunahme der Bevölkerung auf die Lage des einzelnen einwirkt, und sehen wir uns zunächst die berühmte Not der Landwirtschaft ein wenig an! (Als ich die nachfolgenden Betrachtungen niederschrieb, hatte ich Hansens vortreffliches Buch: »Die drei Bevölkerungsstufen,« das man zur Vergleichung heranziehen mag, noch nicht gelesen.) In den amtlichen Berichten über die Lage der Landwirtschaft in einzelnen deutschen Staaten und Provinzen findet man als Ursachen der Subhastationen verzeichnet: schlechte Preise, Verschuldung, Wucher, ungünstigen Kauf, zu kleines Betriebskapital, Erbteilung u. s. w. Daß aber der ungünstige Kauf, das zu kleine Betriebskapital und die Verschuldung in der fortgesetzten Erbteilung ihre gemeinsame Wurzel haben, wird kaum angedeutet, geschweige denn offen eingestanden. Es ist aber eines großen und hochgebildeten Volkes unwürdig, bei Beratung über die wichtigste aller Fragen den Kern der Sache zu umgehen und sich der Pflicht gründlicher Prüfung durch eine Scheindebatte über die Goldwährung zu entziehen, die nach der Behauptung der Bimetallisten an der Not der Landwirtschaft schuld sein soll. Sogar Roscher versteckt in seiner Erörterung des Gegenstandes den entscheidenden Satz in eine Anmerkung: »Die vom Verein für Sozialpolitik veranstaltete Untersuchung der bäuerlichen Zustände hat doch meistens ergeben, daß die wachsende Verschuldung der Bauern und andern Landwirte selten durch Not, auch selten durch Bauten, am häufigsten durch Eintragung zu hoher Erbteile und Kaufgelderreste bewirkt ist.« (System der Volkswirtschaft II, 485.) Von den Männern, die im Auftrage des genannten Vereins die Untersuchung unternommen haben, und deren Berichte in den Schriften des Vereins von Band XXII an veröffentlicht worden sind, haben nur zwei den Mut gehabt, offen mit der Sprache herauszurücken. Kartels, der über die Gebirgsgegenden des Kreises Merzig (Regierungsbezirk Trier) berichtet, rechnet aus, wieviel Tausend Hektare den von ihm beschriebnen Gemeinden zugelegt werden müßten, wenn sie vom Ertrage ihres Ackers sollten leben können. Und der Ministerialrat Buchberger, der die bäuerlichen Verhältnisse Badens beschreibt, bekennt offenherzig, daß dort, wo nun einmal das Land nicht zureicht, bei jeder Art Erbrecht das Elend unabwendbar einreißen müsse. Überblicken wir den Gang der Besiedlung unsers Vaterlandes. Die altdeutsche Markgenossenschaft und der Edelmann der fränkischen Zeit besaßen neben ihrem Ackerland noch so viel Wald, Sumpf und sonstiges Unland, daß zur Versorgung der Söhne, die den Hof nicht erbten, nur weitere Flächen urbar gemacht und neue Höfe angelegt zu werden brauchten. Nicht einer abergläubischen Frömmigkeit entsprangen die zahlreichen Schenkungen an Kirchen und die Neugründungen von Stiftern, sondern dem Bedürfnis rascher Besiedlung. Noch um das Jahr 1000 war der nordöstliche Winkel des heutigen Baierns, die Oberpfalz und Oberfranken, beinahe eine menschenleere Wüste; und wenn Kaiser Heinrich II. auf der Synode zu Frankfurt am 1. November 1007 einige Bischöfe fußfällig bat, in die Verkleinerung ihrer Sprengel zu willigen, damit er durch Gründung des Bistums Bamberg den Böhmen ihr Ausfallsthor, wie Giesebrecht den Landstrich nennt, verschließen könne, so war dieses nach unsern Begriffen unkönigliche und widerliche Gebühren nur ein in die Formen jener Zeit gekleideter Akt einer weisen und großen Politik. Übrigens hatten damals die fünf deutschen Stämme die Kolonisation des slawischen Ostens, d. h. der Ländermasse, die den österreichischen Staat, das Königreich Sachsen und die alten Provinzen Preußens umfaßt, schon in Angriff genommen. Den Baiern fiel dabei natürlich der südliche, den Sachsen der nördliche Flügel des gewaltigen Gebietes zu. Kein deutscher Grundherr und Bauer brauchte damals sein Anwesen unter seine Söhne zu teilen; mit Schwert und Pflug eroberten sich die überzähligen Söhne ihr Erbe, ohne das väterliche Gut mit Hypotheken zu belasten. Und das war nicht die einzige Versorgungsart. Widmete sich doch fast in jeder vornehmen Familie mindestens ein Sohn der Kirche. Viele Pfründen wurden geradezu als Sekundogenituren gestiftet. Über wieviel Pfründen ein Grundherr das Patronat besaß, soviel jüngere Söhne konnte er versorgen, und nicht bloß er, sondern jeder seiner Gutsnachfolger. Denn der Inhaber der Pfründe durfte ja nicht heiraten; durch jede Erledigung wurde sie wieder frei für ein Glied des Stammhauses, Zwar fehlte es dem geistlichen Adel nicht an unehelichen Kindern; allein diese brauchten doch nicht standesgemäß ausgestattet zu werden. In späterer Zeit versorgte man sie mit einem Geldkapital, das aus den Einkünften entnommen wurde. So jener Jaques de Croy, gegen 1500 Bischof von Cambrai, der als zärtlicher Vater in einer Krankheit sein Testament machte und darin nicht allein die Bastarde, die er schon hatte, reichlich bedachte, sondern auch noch ein ansehnliches Kapital aussetzte für die Kinder, die er noch zu zeugen gedächte, wenn Gott ihm in Gnaden die Gesundheit wiederschenkte. (Wenzelburger, Geschichte der Niederlande I, S. 359. Das nennt man Lebenskraft, Lebensmut, Lebensfreudigkeit! Damals gabs weder Pessimismus, noch brauchten die Ärzte Anweisungen »zur Verhütung der Konzeption« drucken zu lassen.) Die sittliche und die kirchlich-religiöse Seite der Sache ziehen wir hier nicht in Betracht; in ökonomischer Beziehung wirkte die Einrichtung vortrefflich. Auch Luther wollte die zur Versorgung nachgeborner Söhne und unverheirateter Töchter gegründeten Stifte erhalten wissen. Das Abkommen Kaiser Heinrichs V. mit Papst Paschalis II., wonach der Kaiser das Kirchenvermögen einziehen, der Papst das Investiturrecht erhalten, und die Geistlichkeit auf Zehnten und Almosen angewiesen werden sollte, scheiterte an dem Widerspruche des deutschen Adels, der das Kirchenvermögen als sein Vermögen ansah. Und damit waren die Auswege nicht erschöpft. Man hatte noch Italien. Bei jedem Römerzuge blieben in dem schonen Lande eine Unzahl Herren zurück, die teils mit Kirchenpfründen, teils mit den Lehnsgütern gefallener oder verjagter »Rebellen« versorgt, teils als kaiserliche Vikare angestellt wurden, deren Besoldung die reichen Städte aufzubringen hatten. Später fanden noch viele Deutsche, denen die Heimat zu enge ward, als Söldner und Söldnerhauptleute in Italien ihr schönes Brot bei einer mehr lustigen als gefährlichen Kriegsführung. Und wie viele kamen in den Kreuzzügen um oder gründeten sich auch Herrschaften im Orient, die freilich nicht lange Bestand hatten! Rechnet man dazu die anstrengende, unbequeme und oft zügellose Lebensweise, die nur wenige der ritterlichen Herren zu hohen Jahren kommen ließ, bedenkt man ferner, daß deutsche Kolonisten noch weit hinaus über das eroberte Neudeutschland droben am baltischen Meer und drunten bis in die transsilvanischen Alpen hinein Vorposten anlegten, so wird man begreifen, daß den Grundherren jener Zeit die Versorgung einer zahlreichen Nachkommenschaft kein Kopfzerbrechen verursachte. Schließlich siedelte auch noch ein Teil des Adels in die aufblühenden Städte über und erschloß sich in den angesehenen Gewerben der Kaufleute und Wechsler neue Quellen des Wohlstandes. Trotzdem war um 1500 das Land bereits in dem Grade gefüllt und verteilt, daß der Grundadel von der damals eintretenden wirtschaftlichen Krisis nicht unberührt blieb. Von einem verschuldeten Adelsgeschlecht erwarb damals die Stadt Görlitz ihre großen Fürsten. Die Säkularisation half für den Augenblick – auf Kosten der Zukunft; das römische Recht half dem Adel – auf Kosten der Bauern. Endlich wurde das ganze an Blutüberfluß leidende Volk einer Gisenbartkur unterworfen in einer Reihe furchtbarer Kriege. Ehe es sich von dem dreißigjährigen erholt hatte, folgten weitere Aderlässe in den dynastischen Kriegen des achtzehnten Jahrhunderts, in den Revolutions-, den napoleonischen und den Befreiungskriegen. Seitdem nimmt der natürliche Bevölkerungszuwachs feinen ungestörten Fortgang, und die Besitzverhältnisse der Landgüter ändern sich nach folgendem Schema. Denken wir uns einen gräflichen Besitz, der zwei Millionen Thaler wert ist, dreißigjährige Geschlechtsfolgen und je vier Kinder. Da zwei davon in andre Güter einheiraten, wird das Stammvermögen bei jeder Erbteilung halbirt. Demnach zerfällt der ursprüngliche gräfliche Besitz nach sechzig Jahren in vier Güter zu 500 000 Thalern, die wir als freiherrlich bezeichnen dürfen; nach 120 Jahren in 16 Rittergüter zu 125 000 Thalern, nach 180 Jahren in 64 Bauergüter zu reichlich 30 000 Thalern, nach 240 Jahren in 256 kleinbäuerliche Besitzungen zu 7500 Thalern, nach 300 Jahren in etwa 1000 Ackerhäuslerstellen, und nach weitern 60 Jahren in Parzellen, deren Besitzer auf Tagelöhnerarbeit angewiesen sind. In diesem Schema ist die Veränderung der Besitzverhältnisse auf den Gütern, die von vornherein kleine Rittergüter oder Bauergüter waren, schon mitenthalten. Bleiben die Güter unzerstückelt, und werden sie bei der Erbteilung mit Hypotheken belastet, so tritt über kurz oder lang ein Zeitpunkt ein, wo sie der Besitzer nicht mehr halten kann. Ein Rittergutsbesitzer, dessen Gut 120 000 Thaler wert ist, dessen wirkliches Vermögen aber nur 10 000 Thaler beträgt, hat die Wahl, ob er das Gut aufgeben, oder nicht mehr als Rittergutsbesitzer, sondern als Bauer, was er seinem Vermögen nach ist, darauf weiter leben will; d. h. ob er auf herrschaftliche Einrichtung, Kost und Kleidung, auf Equipage, auf die Anstellung eines Wirtschaftsinspektors verzichten, eigenhändig Mist laden, seine Söhne auf den Acker und hinter die Ochsen, seine Frau und Töchter in den Stall schicken will. Und da er sich zu dem zweiten niemals entschließt, so bleibt ihm nur das erste übrig. Der umgekehrte Fall kommt vor; nämlich daß der Bauer ein Gut, das 200 000 Thaler wert ist, besitzt und fortfährt wie ein Bauer zu leben. Natürlich verzehrt ein solcher Mann nicht den fünften Teil seines Einkommens und kauft alljährlich neue Acker dazu und auch zinstragende Papiere. Dem bereitet die Versorgung seiner Kinder keine Schwierigkeiten. Merkwürdigerweise haben solche Bauern gewöhnlich bloß einen Sohn, und manchmal stirbt auch der noch. Selbstverständlich verläuft die Sache in keinem einzigen Falle genau nach dem Schema, aber der Durchschnitt aller Fälle wird ungefähr das Schema ergeben. Die Ergänzung des Stammvermögens durch das Zugebrachte der Schwiegertöchter ist schon mit angeschlagen, indem wir bei vier Kindern nicht Vierteilung, sondern Zweiteilung annahmen. Meliorationen, Fortschritte der Ackerbautechnik kommen durch Vermehrung des Ertrags zwar dem Volksvermögen, aber nicht dem Vermögen des Besitzers zu gute; dieser kann schon froh sein, wenn er die Zinsen des Kapitals hereinbekommt, das er auf Drainagen, Düngversuche, neue Maschinen, teure Zuchttiere verwendet. Die Verbindung der Industrie mit der Landwirtschaft wirft dem ersten Unternehmer gewöhnlich reichen Gewinn ab, um dann den ersten oder zweiten Nachfolger desto tiefer in Not zu stürzen, nach dem bekannten Programm: Reingewinn, Überproduktion, Preisfall, Krach (Zucker!). Der steigende Bodenpreis endlich nützt nur dem, der ihn erlebt, nachdem er seine Geschwister noch zu dem alten niedrigen Preise abgefunden hat. Seinem Sohne nützt der hohe Preis nichts mehr. Denn der erbt zwar ein nominell größeres Kapital, muß aber seinen Geschwistern entsprechend größere Kapitalien herauszahlen oder verzinsen, sodaß sein Besitzanteil am Gute derselbe bleibt, als wenn die Preise nicht gestiegen wären. Im einzelnen gestaltet sich die Lage der Landwirte unter dem Einfluß verschiedner Umstände ungemein verschieden. Manchem scheinen alle guten Geister zu helfen; schöner Boden, günstiges Wetter, schuldenfreie Übernahme von einem Vater, der so gefällig war, ihn mit Geschwistern zu verschonen, eine reiche Heirat, leichte Verwertbarkeit der Produkte, glückliche Inspektorwahl und andre glückliche Umstände begründen im schönen Verein seinen Wohlstand so bombenfest, daß ihn nur unsinnige Verschwendung erschüttern könnte. Andrerseits giebt es Pechvögel. Sie stammen aus kinderreichen Familien, übernehmen das Gut mit übermäßigen Schulden, heiraten aus Liebe, werden von jeder Viehseuche heimgesucht, müssen ihren Roggen oder Weizen meilenweit auf schlechten Wegen auf den nächsten Markt oder zur nächsten Bahnstation schleppen lassen und sind mit einem halben Nutzend lebenslustiger Söhne und vier oder fünf heiratsfähigen Töchtern gesegnet. Zuweilen finden sich die günstigen wie die ungünstigen Umstände dörferweise beisammen. Es giebt Dörfer, deren Bauern sich sämtlich in der behaglichsten Lage befinden, und gleich daneben andre, deren Güter überschuldet sind.« Rosegger hat in seiner Weise die Lage eines übervölkerten Dorfes geschildert in der rührenden Skizze: »Das Gelöbnis der Gurgler Buben,« Zeitgeist, Jahrgang 1893, Nr. 9. In Toskana schützen sich die Halbpächter vor dem Versinken in das italienische Bauernelend dadurch, daß die überzähligen Söhne und Töchter, sofern sie nicht da? Glück haben in eine andre Pächterstelle einzuheiraten, durch Volkssitte zum Zölibat verurteilt werden und als Arbeitsgehilfen des Erben zeitlebens im väterlichen Hause bleiben. Ein westfälisches Gutsbesitzersprichwort lautet: Dirnen (Töchter) sind des Hofes Verderber. Vor allem führen Erbteilung und Subhastation großer Güter weit seltner zu der im Schema angenommenen Entstehung kleinerer Güter als im Gegenteil zur Latifundienbildung. Je größer ein grundherrlicher Besitz ist, desto weniger vermag der Besitzer den Ertrag zu verzehren; er kauft demnach vom Überschuß ein Landgut nach dem andern dazu, und die Kinder können ohne Teilung oder Belastung des Stammguts versorgt werden. Der Haupterbe übernimmt es sogar vergrößert, und allmählich wächst es sich zur Magnatenherrschaft aus. Was Gesetz des Kapitalismus, wonach die kleinen von den großen verschlungen werden, herrscht eben in der Landwirtschaft so gut wie in der Industrie. Wer hat, dem wird gegeben, auf daß er die Fülle habe, und wer wenig hat, dem wird auch das Wenige genommen; dieses Bibelwort ist der volkswirtschaftlichen Erfahrung entnommen. Beruht nun die »Not der Landwirtschaft,« die richtig ausgedrückt nur die Not der verschuldeten Landwirte ist, auf unabänderlichen geometrischen und arithmetischen Verhältnissen, so steht auch von vornherein fest, daß ihr durch Gesetzgebungskunststücke nicht beizukommen ist; wer die Morgenzahl nicht vermehren kann, der kann nicht helfen. Die Landwirtschaft an sich bleibt auch bei den Preisen, wie wir sie vor fünf Jahren hatten, immer noch ein gutes und einträgliches Gewerbe. Mir ist ein Gutsbesitzer bekannt, der sich mit 6000 Thalern Vermögen auf einem zu 70000 Thalern abgeschätzten Gute noch hält! Es wird wenig Kaufmannsgeschäfte und Fabriken geben, wo das möglich wäre. Und wie viel angenehmer ist die Arbeit und sind die Lebensverhältnisse eines Rittergutsbesitzers als die eines Kaufmanns oder Fabrikbesitzers! Was heißt das: zu niedrige Preise? An sich ist es gleichgiltig, ob der Zentner Roggen zwei oder zwanzig oder zweihundert Mark gilt, vorausgesetzt, daß alle Warenpreise, Löhne und Besoldungen entsprechend niedrig oder hoch stehen. Fassen wir nun die Konsumenten ins Auge, so war der Preis der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, wie wir ihn vor fünf Jahren hatten, für die Familien mit einem Einkommen von 2000 bis 5000 Mark gerade recht, für die mit einem kleineren Einkommen aber noch zu hoch, denn sie konnten zur Not so viel Kartoffeln und Brot davon beschaffen, als sie zur Sättigung brauchten, und viele darunter mußten auf Milch, Butter und Fleisch verzichten. Für Haushaltungen mit großem Einkommen sind die Preise der Lebensmittel gleichgültig. Unter den Produzenten aber konnten die wenig verschuldeten und die unverschuldeten bei jenen Preisen sehr gut bestehen, während den verschuldeten auch die hohen Preise von 1891 noch nicht hoch genug waren. In dieser Thatsache, daß die Lebensmittelpreise für einen Teil der Produzenten noch zu niedrig, für einen Teil der Konsumenten aber schon zu hoch sind, kommt eben das Mißverhältnis zwischen Boden und Bevölkerung zum Vorschein; der Boden reicht für die Bevölkerung nicht mehr aus. Die Getreideeinfuhr ist unter diesen Umständen nicht ein Unglück, sondern ein Glück, eine Notwendigkeit, Von was sollte die Bevölkerung leben, wenn wir die mehreren Millionen Doppelzentner russischen Roggen und amerikanischen Weizen nicht ins Land bekämen? Die Beschwerde der Agrarier darüber märe nur dann berechtigt, wenn sie das heimische Bedürfnis zu befriedigen vermöchten, und wenn infolge der Einfuhr ihr eignes Getreide ungenossen verfaulte und ihr Acker unbestellt bliebe. Davon ist aber doch keine Rede. Nun kann es sein, daß die Getreidezölle den bedrängten Gutsbesitzern augenblickliche Rettung gebracht und die drohende Katastrophe verschoben haben. Aber sicherlich nur verschoben. Wem die Katastrophe droht, von dem läßt sie sich durch Zölle, durch künstliche Hebung der Lebensmittelpreise auf die Dauer nicht abwenden. Die Hebung der Lebensmittelpreise hat, wie ja offen zu Tage liegt, eine entsprechende Erhöhung aller Warenpreise, Löhne und Besoldungen zur Folge, die schon nach einem Jahre jenen Vorteil ausgleicht, und die Gutsbesitzer stehen dann auf dem alten Flecke, Als der Fünfmarkzoll noch bestand, klagten die Landwirte, er sei noch nicht wirksam genug; sie würden erst zufrieden sein, wenn die Getreideeinfuhr geradezu unmöglich gemacht würde. Und dann würde von zwei Dingen eins eintreten. Entweder die Menschen stürben zu Hunderttausenden Hungers, und der hohe Brotpreis erzeugte eine solche Not, daß nicht einmal das im Lande gebaute Getreide abgesetzt werden konnte und der Preis deswegen fiele. Oder die Regierung beseitigte, um der Not zu steuern, alle Hindernisse der Einfuhr, und dann würde der plötzliche Preissturz den großartigsten Krach zur Folge haben. Sogar die Spiritussteuer mit ihrer »Liebesgabe« von vierzig Millionen jährlich wird jetzt von den Landwirten als verderblich beklagt. Sehr natürlich! Alle auf Grund falscher Diagnose verordneten Heilmittel verschlimmern die Krankheit. Weit wirksamer würde eine Seisachtheia, eine Erleichterung oder gänzliche Tilgung der Grundschulden sein; und der Argwohn ist nicht ganz unbegründet, daß manche Bimetallisten eine solche von der empfohlenen Währungsänderung erwarten. Aber natürlich würden dann die Gläubiger, die doch auch Staatsbürger und Volksgenossen sind, um eben so viel geschädigt werden. Und diese Gläubiger sind nicht etwa lauter »Geldjuden.« Legen doch auch christliche Rentner, Witwen, Kirchen und Stiftungen, wohlhabende Handwerker und – Gutsbesitzer ihr bewegliches Vermögen in Pfandbriefen und Hypotheken an. Der Staat würde also durch solches Eingreifen in den natürlichen Lauf der Dinge eine Klasse der Bürger der andern opfern; die Zahl der Opfer und die Größe des Unglücks würden dieselben bleiben. Das war vor drei Jahren geschrieben. Auf die neuerdings wieder aktuell gewordene Währungsfrage im allgemeinen kann ich hier, wo es sich nur um ihre Beziehung zur »Not der Landwirtschaft« handelt, nicht eingehen. Wenn die Agrarier auf die Vorteile hinweisen, die den österreichischen Landwirten ihr unterwertiger Gulden und den russischen ihr entwerteter Rubel beim Getreideexport gewährt, so ist darauf zu erwidern, daß dieser Vorteil schon von dem Kippern und Wippern gewürdigt worden ist, am wirksamsten aber erzielt wird von den Gründern, die Schwindelpapiere ausgeben, und von den – Falschmünzern. Anerbenrechte und Fideikommisse endlich sind durchführbar in Zeiten und Umständen, wo – man sie nicht braucht. So lange die nachgebornen Kinder bequem auf andre Weise versorgt werden können, läßt sich die gesetzliche Bestimmung, daß das Stammgut ungeteilt und unverschuldet bleiben soll, leicht durchführen. Bleibt aber für die Ausstattung der überzähligen Nachkommen nichts übrig als ein Angriff auf das Stammvermögen, so werden die Eltern durch das Verbot dieses Angriffs gezwungen, zur Sicherung des Anerben die übrigen Kinder einem proletarischen Dasein zu überantworten, während andernfalls sämtliche Kinder zwar notdürftig, aber doch anständig versorgt würden. Könnten sich nun auch die Eltern dazu entschließen, so wird doch der Staat zögern, die ohnehin gefährliche Vermehrung des Proletariats noch zu beschleunigen. In sozialer Beziehung, d. h. für das Volkswohl, ist es gleichgiltig, in welcher der drei Formen die Verminderung des Anteils der Einzelnen am vaterländischen Boden bei stetig wachsender Bevölkerung zur Erscheinung kommt: ob durch das Zusammenschrumpfen der Landgüter zu Zweigwirtschaften, oder durch drückende Verschuldung der Güter, oder durch Zersetzung der ländlichen Bevölkerung in eine kleine Gruppe von Großgrundbesitzern und eine große Schar proletarischer Pächter und Tagelöhner. Von dem ritterlichen, gräflichen und fürstlichen Grundbesitz insbesondre aber gilt noch folgendes. Nachdem der heimische Boden aufgeteilt ist, und da Kolonialland nicht mehr oder noch nicht vorhanden ist, so wird sich die Grundbesitzeraristokratie auf die Dauer schwerlich halten lassen, wenn man nicht zum englischen System übergeht, d. h. den Titel an den Besitz bindet, diesen unteilbar und unverschuldbar macht und die jüngern Söhne unter bürgerlichem Namen ihrem Schicksal überläßt. Für standesgemäße Versorgung der nicht erbenden Söhne aber reichen die Offiziers- und höhern Verwaltungsstellen, von denen doch die bürgerlichen Bewerber nicht ganz ausgeschlossen werden können, nicht hin, wozu noch kommt, daß solche »Versorgung« das natürliche Gut aus bekannten Gründen zuweilen mehr beschwert als entlastet. Während es nun allerdings in politischer Beziehung Vielleicht wünschenswert wäre, wenn die alten Familien im Besitz ihrer Güter bleiben konnten, wird die Landwirtschaft durch eine größere Zahl von Besitzwechseln nicht geschädigt, wenn nur die Güter nicht von Spekulanten ausgeschlachtet werden, sondern an ebenfalls tüchtige Landwirte bürgerlicher Abkunft übergehen. In dem Schicksale der einzelnen Gutsbesitzerfamilie liegt schon das Schicksal des Volks vorgebildet, denn das Vaterland ist das Landgut des Volks. Um uns die Einwirkung des Bevölkerungszuwachses auf alle Volksgenossen ganz klar zu machen, müssen wir auf den Urzustand zurückgehen. Im Anfange der Besiedlung eines Landes bedeutet jedes Kind einen erfreulichen Kapitalzuwachs. Nichts braucht der Ansiedler notwendiger als recht viele kräftige Arme, die ihm helfen den Urwald roden, das Neuland umpflügen, den Acker bestellen, die Ernte einheimsen. In diesem Anfange der Kultur giebt es keinen andern Vermögenszuwachs als durch körperliche Arbeit, und der mit zwölf Söhnen gesegnete Mann wird durch sie zwölfmal so reich als sein Nachbar, dem solches Glück versagt bleibt und der allein arbeiten muß. Mit jedem Sohne wächst dem Stammgute ein neues Gut zu. Das gilt sowohl von den geschichtlichen Anfängen der Kulturvölker wie von den Ackerbaukolonisten, die in unserm Jahrhundert in Nordamerika den Urwald gerodet haben; gegenwärtig befinden sich noch einige brasilianische Ansiedlungen auf dieser Stufe. Der Unterschied gegen die alte Zeit besteht darin, daß sich die im Nachfolgenden zu beschreibende Umwandlung schneller vollzieht. Da bei vollständig eingerichteter Wirtschaft die Arbeit eines Mannes auf dem Acker und einer Frau im Stalle genügen, außer ihnen selbst noch ein, zwei andre Menschenpaare zu ernähren, so werden bei wachsender Familie Kräfte frei, die für häusliche Bequemlichkeit und für die Werkzeuge der Ackerbestellung sorgen können. Der Bauer braucht nicht mehr die Ackerarbeit zu unterbrechen, wenn ihm der Pflug zerbricht, und sich einige Stunden mit der Ausbesserung des Schadens aufzuhalten, seitdem ihm ein Sohn zu Hause, der sich ausschließlich auf Schmiede- und Stellmacherarbeit verlegt, mehrere Pflüge zur Verfügung stellt. So beginnt die Arbeitsteilung, und sie beschränkt sich sehr bald nicht mehr auf das Haus, sondern führt zur Scheidung in Ackerbau, Gewerbe und Handel, zur Ansammlung der gewerblichen und handeltreibenden Bevölkerung in Städten, zum Güterumtausch zwischen Stadt und Land. Je mehr die Teilung und Vervollkommnung der verschiednen handwerksmäßig betriebnen Verrichtungen fortschreitet, je weniger Zeit demnach die Herstellung der Kleidungsstücke, Wohnungen, Werkzeuge und Gerätschaften beansprucht, desto mehr Kräfte werden für geistige Arbeit frei, die nicht allein das äußere Leben verschönert und durch Entfaltung des innern Lebens den Menschen erst völlig zum Menschen macht, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Gewerbe, die Raschheit und Bequemlichkeit des Verkehrs steigert und für die Befriedigung jedes Bedürfnisses besondre Veranstaltungen hervorruft. Sollte ein Großhändler, meint Röscher, sämtliche Briefe, die er an einem einzigen Tage fortschickt, selbst an Ort und Stelle tragen, sein Leben würde dazu nicht hinreichen. Auf dieser dritten Stufe befindet sich der Reiche am wohlsten, weil in ihm vielfache Bedürfnisse geweckt sind, die alle leicht befriedigt werden. Aber kein Gut wird den Sterblichen zu teil, das sie nicht mit einem entsprechenden Opfer bezahlen müßten. Mit dem Glück höchsten Lebensgenusses der Reichen stellen sich bei der Mehrzahl Kummer und Nahrungssorgen ein. Die Zeit, wo das zwölfte Kind noch mit derselben ungemischten Freude begrüßt wurde wie das zweite, und wo der Jüngling, sobald er mannbar geworden war, von seinen Eltern aufgefordert wurde, sich eine Gattin zu wählen, diese Zeit ist nun vorüber. Das Land ist aufgeteilt, die Städte sind gefüllt, die Beamtenklassen versorgt. Weit entfernt davon, jede neue Kraft mit Freuden zu begrüßen, wie damals, wo die Bürgerschaften und Zünfte um die Wette den umliegenden Gutsbesitzern ihre Hörigen abjagten, um sie zu freien, stolzen Bürgern zu machen, als die Schreibkunst eine seltene Kunst war, die der große Haufe ehrfurchtsvoll anstaunte und der Fürst mit Golde lohnte, sind nun alle Stellen besetzt, und jeder Stand ist bestrebt, sich gegen die übrigen abzusperren, um die vorhandnen Stellen dem eignen Nachwuchs zu sichern. Und während in den Zeiten beginnender Kultur jeder willkommen und nicht allein des Lohnes, sondern auch des Dankes gewiß ist, der zugreift, wo es etwas zu thun giebt, muß nun der Arbeitslustige sich erst vergewissern, ob er nicht vielleicht durch einen Handgriff in die Rechte eines andern eingreift. Vor einiger Zeit wurde in meinem Wohnort ein Knabe, der einem Reisenden den Koffer vom Bahnhofe nachtrug, auf die Anzeige eines Dienstmanns hin verhaftet. Ein Offizier, der zufällig Zeuge des Vorfalls war, fühlte sich dadurch so erregt, daß er sich nicht enthalten konnte, mit der Polizei deshalb in Unterhandlungen zu treten. Ein Mann, der wegen eines ähnlichen »Vergehens« zu einer Mark Strafe verurteilt wurde, rief aus: Was in aller Welt soll ich nun thun? Arbeite ich nicht, so werde ich eingesperrt, und benutze ich eine mir dargebotene Arbeitsgelegenheit, so muß ich den Verdienst als Strafgeld herauszahlen! Die Sache beschäftigte mehrere Richterkollegien, und es wurde ein ganzer Berg Akten darüber zusammengeschrieben. Auf dieser Stufe wird der Sohn nicht mehr freundlich eingeladen zu heiraten, sobald er zwanzig Jahre alt geworden ist, und schon das dritte, vierte Kind wird mit Sorgen begrüßt. Die heranwachsenden Söhne und Tochter bedeuten freilich auch wieder ein Kapital, aber diesmal nicht ein werbendes, sondern ein zehrendes. Die Eltern sind schon froh, wenn dieses aufgewendete Kapital wenigstens den Kindern Zinsen bringt. Streng genommen kann von Zinsen überhaupt nicht die Rede sein, denn von dem, was die kostspielig erzogenen Kinder später an Gehalt oder Geschäftsgewinn beziehen, müssen sie sich ja jeden Pfennig selbst verdienen. Es folgt eine vierte Stufe, der Zustand zweifelloser Übervölkerung: wo schon die Kinder scheel blicken, wenn ihnen noch ein Geschwister geboren wird; wo jede Erbteilung einen Giftstrom von Haß und Zwietracht und Prozessen, nicht selten auch Verbrechen erzeugt; wo die greisen Eltern als Auszügler von ihren Kindern mißhandelt werden; wo täglich in Aborten, in Schranken, im Bettstroh, im Wasser Kinderleichen gefunden werden; wo die Mädchen massenhaft teils einem hysterischen Altjungferntum, teils der Prostitution verfallen, die jungen Männer aber teils infolge mangelnder, teils durch ungehörige Befriedigung des Geschlechtstriebes ihren Lebensmut und ihre Frische einbüßen. Die Religion kann diesen Zustand je nach der Geschicklichkeit ihrer Diener und der Gemütsanlage des Volks entweder durch Trost und Stärkung der sittlichen Kraft erträglicher machen oder durch Gewissensqualen verschärfen: die Staatsgewalt kann, unterstützt durch die Umgangsformen und die äußerliche Selbstbeherrschung einer höhern Zivilisation, seine widerlichen Erscheinungen aus der Öffentlichkeit zurückdrängen und den Augen Fernstehender entziehen; zweckmäßige Erziehung und stramme Beschäftigung können, unterstützt durch allerlei Einrichtungen des Staates, den Ausbruch der zuletzt erwähnten Übel bei den jungen Leuten um einige Jahre verschieben. Aber ihn ändern oder beseitigen, das können diese sittlichen Mächte nicht, das dürfen sie auch gar nicht können, weil, wenn die Kraft heroischer Verzichtleistung auf Besitz und Lebensgenuß Gemeingut aller Menschen würde, ein früher und kinderloser Tod aller Erwachsenen der ganzen Menschheit und damit allerdings auch allem sozialen und sonstigen Elend ein Ende machen würde. Wir überlassen es dem Leser, nach seiner persönlichen Erfahrung und mit dem jedermann zugänglichen Zahlen- und Thatsachenmaterial zu entscheiden, auf welchen der geschilderten Stufen die einzelnen Länder Europas gegenwärtig stehen oder welchen sie sich nähern, und bemerken nur, daß es auch noch eine fünfte giebt, auf der sich die bevölkertsten Provinzen Chinas schon seit langer Zeit befinden, jene Stufe, wo sich keine seelische Empfindung, keine Gewissensregung mehr gegen unwürdige Lagen, lasterhafte Gewohnheiten und verbrecherische Thaten auflehnt; wo im hündischen Balgen um ekle Nahrung, die man auch aus dem Schmutz der Gosse herauszuklauben sich nicht scheut, alles Ehrgefühl verloren gegangen ist, wo Kindermord, Kinderaussetzung und lasterhafte Gewohnheiten Volkssitte geworden sind, und wo das Leben keinen Wert mehr hat. Je nach der größern oder geringern Fruchtbarkeit eines Landes tritt die Übervölkerung später oder früher ein. Da bei uns in Deutschland ein regelmäßiger Zuschuß ausländischen Brotgetreides von der Zeit an notwendig geworden ist, wo die industrielle Bevölkerung zu überwiegen anfing, so dürfen wir annehmen, daß der deutsche Landmann durchschnittlich sich und einen Städter zu ernähren vermag, daß demnach fünfzig Prozent landwirtschaftliche und fünfzig Prozent industrielle Bevölkerung das richtige Verhältnis bilden. Wird das Gleichgewicht nach der einen Seite hin gestört, so leidet die Kultur; wird es nach der andern Seite hin verschoben, so ist die natürliche Grundlage eines gesunden Volkslebens bedroht. Daß intensive Wirtschaft den Ertrag erhöht, ist wohl richtig, aber einmal wird diese Erhöhung fast aufgewogen durch den Verlust an Fruchtacker bei steter Vermehrung und Vergrößerung der Städte, Straßen, Bahnen, Schlachthöfe, Lagerhäuser, Gas- und Elektrizitätswerke, Fabriken und Gruben. Sodann hat die Vermehrung des Ertrags durch künstliche Düngung u. dergl. ihre Grenzen; geht man mit diesen Mitteln über ein gewisses Maß hinaus, so ist das zuviel aufgewendete nicht bloß verloren, sondern schadet dem Acker. Hervorragende Landwirte, wie Schulz-Lupitz, versichern von Zeit zu Zeit, daß Deutschland weit mehr als fünfzig Millionen Bewohner mit dem erforderlichen Brotgetreide zu versorgen vermöge. Wenn wirs sehen werden, werden wirs glauben. Einstweilen wird durch übermäßige künstliche Düngung der Getreidebau sogar geschädigt und der Körnerbau zu Gunsten der Zucker- und Spiritusindustrie eingeschränkt. (Man lese die oben erwähnten Aufsätze von Dr. Rudolf Meyer in der Neuen Zeit.) Die Vorteile der »rationellen« Viehzucht werden zum Teil durch Seuchen aufgewogen, gegen die alles Absperren aus dem einfachen Grunde nichts nützt, weil sie in allen Kulturstaaten endemisch sind. Daß ein künstlich gezüchteter und aufgemästeter Fettklumpen kein gesundes Tier sein kann und daher leicht erkranken muß, ist klar. Alpenvieh ist immer gesund, weil es naturgemäß lebt. Die Natur läßt sich nur so weit beherrschen, als man sich ihren Gesetzen fügt und anschmiegt; alles Unnatürliche rächt sie. Gar kein Vorteil ist es, daß man überall mit Pflug und Spaten bis an die Flußufer vorrückt, da ja jährliche Überschwemmungen etwa die Hälfte des Ertrags wegnehmen. Ließe man die Uferstächen wieder, wie früher, als Viehweide liegen, so wäre der Ertrag sicherer. Es ist ein weises und inhaltreiches Wort, das der Negerhäuptling Mandara in seiner merkwürdigen Unterredung mit dem Abgesandten unsers Kaisers, dem Afrikareisenden Otto Ehlers, so nebenbei fallen ließ. Er belichtete über die Reiseeindrücke, die seine Leute aus Deutschland mitgebracht hätten, und sagte u. a.: »Die Menschen laufen bei euch in großen Scharen herum, und man sieht nicht, wovon sie leben, denn alles ist Stein.« Gewiß ist es ein wunderbarer Triumph der Kultur, daß anderthalb, daß zwei, daß vier Millionen Menschen auf und zwischen Steinen leben können, Menschen, die niemals weder säen noch ernten, wie es denn schon ein Triumph der Kultur war, als zum erstenmale ein Volk den nordischen Winter ohne Hungersnot zu überstehen vermochte in einer Gegend, die weder Wild noch Fische in hinreichender Menge zur Nahrung darbot. Allein die Macht der Industrie, die jenes Wunder wirkt, hat doch auch wie alles Irdische ihre Grenzen. Sobald ein Volk mit seiner Ernährung teilweise auf das Ausland angewiesen ist, führt es kein natürliches Dasein mehr, sondern nur noch jenes künstliche, dessen Übelstände und Leiden in den vorhergehenden Kapiteln dargestellt worden sind. Im Kriege befindet es sich in der Lage einer ungenügend verproviantirten Festung. Das Malthusische Gesetz ist demnach in dem oben angegebnen Sinne als richtig anzuerkennen. Wir halten mit Roscher diese Einrichtung unsrer irdischen Welt für heilsam und notwendig, weil sie zu Anstrengungen spornt, den Kulturfortschritt fördert, und weil ohne sie das göttliche Gebot: Erfüllet die Erde! unerfüllt bleiben würde. Denn wer daheim seinen bequemen Unterhalt findet, der entschließt sich nicht leicht zur Auswanderung in unbekannte, unwirtliche Fernen, und namentlich unsre nördlichen Gegenden, die Pflegstätten des höchsten Geisteslebens, würden immer unbewohnt geblieben sein. Eben darum aber, weil das Gesetz richtig ist, muß man auch seinen Sinn beachten, und sobald der Bevölkerungszuwachs, den Gleichgewichtspunkt überschreitend, schädlich zu wirken beginnt, die Pflicht der Erweiterung des Wohnraums ins Auge fassen. Die Kolonialpolitik ist demnach einfach Erfüllung einer nationalen Pflicht und einer Pflicht der Menschlichkeit. Noch einer sehr beliebten Einwendung haben wir vorzubeugen: Übervölkerung könne unmöglich die Ursache von Armut und Elend sein, da ja die fortschreitende Entvölkerung der östlichen Provinzen des preußischen Staates beweise, daß uns nicht Übervölkerung, sondern vielmehr das Gegenteil bedrohe. Nehme doch die Einwohnerzahl der Provinz Pommern von Jahr zu Jahr ab; statt daß die Leute aus Sachsen nach Brandenburg und Schlesien übersiedeln sollten, wanderten vielmehr alljährlich Scharen schlesischer und brandenburgischer Arbeiter nach dem dichtbevölkerten und darum reichern Sachsen, weil sie dort höhere Löhne zu erwarten hatten und besser fortzukommen gedächten. Nun, diese Entvölkerung des Ostens ist weiter nichts als die Wirkung der beginnenden Übervölkerung. Auf besserm Boden können von vornherein mehr Menschen leben als auf schlechtem. Außerdem bietet er die Möglichkeit vielfacherer Verwertung durch Züchtung seiner Handelsgewächse dar, sodaß selbst ohne die hinzukommende Industrie viele Menschen dort ihr Fortkommen finden, die ihr Getreide nicht selbst bauen, sondern es von außen beziehen. Der Weinbauer würde auf Ackerbau und Viehzucht ganz verzichten, wenn er nicht Dünger brauchte. Je dichter nun die Bevölkerung des Landes wird, desto stärker machen sich die Vorteile des guten und die Nachteile des schlechten Bodens bemerklich. Auf dem schlechten wird der Druck der Not infolge der Verkleinerung der Portionen zuerst empfunden. Hier zuerst tritt die Verschuldung der Gutsbesitzer ein. Sie können nicht so hohe Löhne zahlen, wie ihre Konkurrenten in den bessern Gegenden; das entzieht ihnen die Arbeiter. In Sachsen legt der Schnitter mit jedem Sensenschnitt vielleicht viermal soviel an Stroh und Körnern in die Schwaden, wie auf oberschlesischem oder märkischem Sandboden. Zahlt ihm der sächsische Gutsbesitzer doppelt soviel Lohn wie der oberschlesische oder märkische, so hat er den Mann immer noch doppelt so billig wie jene beiden. Und wie es in solchen Lagen zu gehen pflegt, ein Unglück gebiert das andre. Weil der Gutsbesitzer im Osten schlechten Lohn zahlt, verliert er seine Leute, und um sie zu fesseln, muß er höhere Löhne zahlen, als seine Verhältnisse gestatten. Herr von Puttkamer-Plauth hat am 7. März auf einer Versammlung von Landwirten zu Freystadt in Westpreußen geäußert: Vor zwanzig Jahren habe er noch Scharwerksmädchen gefunden, die Kürassiere hätten werden können; jetzt sei das Gesinde so elend, daß es in Schubkarren aufs Feld geschafft werden möchte. Das könne nicht eher besser werden, als bis der westpreußische Landwirt die Leute so gut halten könne, wie es die Industrie im Westen thue; wenn er – Herr von Puttkamer – Arbeiter wäre, so würde er gewiß schon längst von hier (aus Westpreußen) fort sein. Seinen Boden so gut zu machen wie den mittel- und westdeutschen, ist nicht möglich, und ihn nur in dem bisherigen Stande zu erhalten, sehr kostspielig. Denn dieser Boden bekommt ja das nicht wieder, was er getragen hat; es muß durch künstlichen Dünger ersetzt werden. In den Städten häuft sich der Dünger an, sie wissen nicht, wohin damit. Der natürliche Kreislauf, durch den der Boden imstande erhalten wird, ist gestört. Wenn es nicht gelingt, die Düngstoffe regelmäßig wieder ihrem Ursprungsorte zuzuführen, sagt ein älterer Volkswirtschaftslehrer, so muß sich dereinst die Pest aus unsern Flüssen und der Hunger aus unsern Furchen erheben. Nebenbei gesagt, nichts ist thörichter als die Gegnerschaft der liberalen Großstädter und der konservativen Großgrundbesitzer; jene müßten ohne diese verhungern, da die Kleinbauern gar kein Getreide verkaufen und die größeren höchstens die Kleinstädte versorgen, die Großgrundbesitzer aber müßten ohne jene ihren Roggen und Weizen verfaulen lassen. Großstädte und Latifundien bedingen sich gegenseitig; je mehr die einen wachsen, desto nötiger werden die andern Endlich kommt hinzu, daß die geographische Lage und Gestalt des Landes im Westen die Industrie und damit den Menschenzusammenstuß begünstigt, im Osten beides hemmt. Das östlich gelegene Berlin freilich hat den toten Punkt überwunden, seitdem es, durch politische Verhältnisse begünstigt, Millionenstadt geworden ist, und wächst nun rapid weiter. Je größer das Gedränge, desto zahlreicher und mannichfaltiger die Gelegenheiten zum Erwerb, freilich auch desto größer die Gefahr, erdrückt zu werden oder über Bord zu fallen. Wo vier Millionen Menschen sitzen, sagt sich der Engländer, wenn er aus der Provinz nach London zieht, da findet man eher sein Brot als in der Einöde. Wohl; aber das Brot ist auch meistens darnach! Wie weit haben wir uns doch entfernt von jenem Zustande unsrer Vorfahren, wo die geschlossene Markgenossenschaft nichts von dem, was ihre Feldmark erzeugte, über deren Grenzen hinausließ, damit keinem der Genossen seine Nahrung entzogen oder geschmälert würde, und wo der Staatsbeamte das Ackerstück kannte, auf dem sein Brot wuchs, und den Weinstock, der ihm seinen täglichen Tischtrunk spendete! Er konnte nicht aufrechterhalten werden, dieser natürliche Zustand; in solcher Gebundenheit an den Boden hätte sich unsre höhere Kultur nicht entfalten können. Nur muß man sich nicht einbilden, daß die Menschheit jemals von ihrem Mutterboden abgelöst werden könne, und daß Daseinsunsicherheit der Mehrzahl ein Idealzustand sei. Es ist vorzugsweise die Auswanderung von Arbeitern, was den Osten des preußischen Staates entvölkert. Bei dieser merkwürdigen und hochwichtigen Erscheinung müssen wir doch noch einen Augenblick verweilen. Niedriger Lohn ist nicht das einzige, was den Arbeiter forttreibt. Die Wurzel des Übels liegt darin, daß er überhaupt geworden ist, was er jetzt ist. Noch vor fünfzig Jahren war er ein robotpflichtiger Ackerhäusler, heute ist er infolge des weiter oben beschriebnen Prozesses ein besitzloser Proletarier geworden. Was in aller Welt sollte den hindern oder abhalten, dahin zu rennen, wo man ihm einen Groschen Lohn mehr bietet? Etwa die Liebe zum Gutsherrn? Aber wir habens ja oben aus dem Munde eines pommerschen Rittergutsbesitzers vernommen, daß es der dortige Tagelöhner und Knecht auf dem Gute schlechter hat als im Zuchthause; wo sollen da Liebe und Anhänglichkeit herkommen? Nur Prügel könnten noch helfen, meint der Herr; allein nach gesetzlicher Einführung der Prügeldisziplin – ungesetzlich wird sie ja ohnehin geübt – würden die Herren keine andre Erfahrung machen als im vorigen Jahrhundert die Gutsherren der baltischen Provinzen: das Fortlaufen wurde mit grausamen Hieben bestraft, aber je mehr die Herren prügelten, desto mehr liefen die Knechte, wie man aus dem Buche: »Gutsherr und Bauer in Livland« von Transehe-Roseneck ersieht. Und wie könnte es auch anders sein! Der Mensch ist nun einmal so geartet, daß er den Prügeln nicht nachläuft, sondern vor ihnen davonläuft; nur bei Liebesleuten kommt mitunter der entgegengesetzte Geschmack vor. Der kapitalistische Großbetrieb, der nur noch die Rücksicht auf möglichst hohen Geldertrag und sonst nichts weiter vor Augen hat, macht eben die landwirtschaftliche Arbeit so widerwärtig und ungemütlich wie die Fabrik- und Grubenarbeit, macht sie zur reinen Sklavenarbeit, In wahrhaft klassischer Weise tritt die Brutalität der modernen Auffassung hervor in der Tagesordnung, die der landwirtschaftliche Zentralverein Schlesiens am 27. Februar dieses Jahres zu erledigen hatte. Na beantragt der Verein Grünberg, oder vielmehr in seinem Namen der Freiherr von Knobelsdorff eine Vorstellung bei der ohnehin, wie bekannt, mehr als sparsamen Eisenbahnverwaltung, sie solle »die Lohnsätze und [die] Arbeitszeit der Arbeiter an den Eisenbahnen und öffentlichen Strömen den örtlichen Verhältnissen angemessen regeln,« d. h. also nicht mehr Tagelohn zahlen als die Rittergutsbesitzer und von früh um vier Nach den Erfahrungen, die der Kreisphysikus Dr. Richter im Kreise Groß-Wartenberg (Regierungsbezirk Breslau, rechte Oderseite) gemacht und voriges Jahr in der »Zeitschrift für Medizinalbeamte« veröffentlicht hat, dauert dort im Hochsommer die Arbeit mitunter sogar von morgens drei bis abends neun Uhr, mit zweistündiger Mittagspause. bis abends um neun Uhr arbeiten lassen. Zur Begründung wird gesagt: »Es ist bekannt, daß die Tagelöhne an den Eisenbahnen und öffentlichen Strömen sehr viel höher sind, als die Landwirtschaft sie zu zahlen imstande ist, während die Leistungen infolge der nicht genügenden Kontrolle bei jenen Arbeitern geringer sind, als die der landwirtschaftlichen Arbeiter, sodaß als natürliche Folge davon der Landwirtschaft die Arbeiter entzogen werden.« Diesem frommen Wunsche schließt sich auch der Verein Sagan-Sprottau an; die Eisenbahnverwaltung soll Schritte thun, »damit dem unliebsamen Beispiel, das durch die wenig angestrengte Arbeit der Streckenarbeiter unsern landwirtschaftlichen Arbeitern oft gegeben wird, nach Möglichkeit gesteuert werde.« Also nur ja hinter jeden Streckenarbeiter einen Aufseher stellen! Wir machen unsern Arbeitern das Leben sauer, so bekennen diese Herren ganz naiv, da müssen auch alle »Arbeitgeber« in unsrer Nachbarschaft ihren Leuten das Leben möglichst sauer machen, damit die unsern nicht etwa auf den Gedanken kommen, an einen Ort zu flüchten, wo sie es besser haben! Keine Spur von Erinnerung mehr daran, daß diese Arbeiter Menschen sind, denen der Schöpfer so gut die Erde, ihre Früchte und ihre Herrlichkeit geschenkt hat, wie den Herren Rittergutsbesitzern! Höchst bezeichnend ist auch folgende Anekdote, die Quistorp (Evangelisch-soziale Zeitfragen I. Reihe, 10. Heft, S. 24) erzählt: Ein Gutsbesitzer sprach von seiner großen Äpfelernte, und daß er, weil sich bei dem billigen Preise das Pflücken kaum lohne, die Äpfel körbeweise den Schweinen vorwerfen lasse. Quistorp fragte, ob er nicht auch jeder Tagelöhnerfamilie einen Korb voll geschenkt habe? Der Herr aber rief: »Na, das sollte auch noch fehlen, die Leute so zu verwöhnen!« Die Äpfel läßt meiner Ansicht nach unser Herrgott für die wachsen, die sie am höchsten schätzen und denen sie am zuträglichsten sind, für die Kinder, die armen wie die reichen. Wer den Kindern die ihnen zukommenden Äpfel nimmt und sie den Schweinen vorwirft, der ist in meinen Augen ein ganz gemeiner Dieb und Räuber, mag ihm der Staat zehnmal das unbeschränkte Verfügungsrecht über seine Äpfel garantiren. Keine Spur von Erinnerung mehr daran, daß nach christlicher Auffassung der Grundherr nur Verwalter und Ausspender der irdischen Güter für seine Untergebnen ist! Der Arbeiter ist nichts als ein Arbeitswerkzeug, und zwar eins, das man nicht einmal zu kaufen braucht, sondern das, vom Hunger gepeitscht, von selbst zuläuft; er ist nichts als ein umsonst zu habendes Arbeitsvieh, aus dem man, eben weil es nicht gekauft zu werden braucht, weit rücksichtsloser als aus einem Gaul oder Ochsen so viel Arbeit als möglich herauspreßt! Schlechter Lohn, schlechte Wohnung, schlechte Behandlung und übermäßig lange Arbeit unter strenger Aufsicht, das sollte, meine ich, genügen, um den Zug nach dem Westen und vom Lande in die Stadt zu erklären. Und doch ist damit die Reihe der Ursachen, die den von der Scholle gelösten und zum Proletarier herabgewürdigten Landmann aus seiner Heimat forttreiben, bei weitem noch nicht erschöpft. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beobachte ich mit steigender Verwunderung, wie geflissentlich man in gewissen Gegenden unsers Vaterlandes bemüht ist, den Landleuten, und namentlich den ländlichen Arbeitern, die Heimat zu verleiden durch allerlei Polizeivorschriften und Maßregeln, die mehr Dienst- und Pflichteifer als Menschenkenntnis und Weisheit verraten. Ja wenn es sich um Zustände handelte, wie die im Jahrgang 1890 Nr. 13 der Grenzboten geschilderten des Vogelsberges! Aber davon ist keine Rede. Es handelt sich um ganz harmlose Dinge, um die Kirmeßfeier, den Sonntagstanz und ähnliches. Man hört denn auch oft genug die Klage, daß es »Genußsucht, Vergnügungssucht und das Verlangen nach Ungebundenheit und Zügellosigkeit« sei, was die Leute forttreibt. Ja du lieber Himmel! Sein bißchen Vergnügen will halt jeder Mensch haben, und was sich der ländliche Arbeiter, der im Sommer Wochentags von früh um vier bis abends neun Uhr schanzt, des Sonntags teils für fünfzig Pfennige, teils kostenlos erschaffen kann, ist nicht übermäßig viel. Will man, daß er dem entsage, so muß man ihm entweder die Mönchsgelübde abnehmen oder ihn an die Kette legen. Ohne Gelöbnis und unangebunden bleibt kein gesunder Mensch auf die Dauer an einem Orte, wo ihm verwehrt wird, sich auf seine Weise zu vergnügen. Auf seine Weise, das versteht sich von selbst. Mutet man den Pferdeknechten und Stallmägden zu, sich ihre freie Zeit etwa mit Goldschnittlitteratur zu vertreiben, so müssen die Herrschaften ihre Glaceehandschuhe ausziehen und selber Mist laden, Kartoffeln und Steine klauben; fein gewordne Knechte und Mägde thun das nicht mehr. Der Verfeinerungsprozeß macht so hübsche Fortschritte, daß die Eiferer für Volksbildung ihre helle Freude daran haben müssen. Der Stallmagd wird beigebracht, daß ihr hergebrachtes für die Arbeit in der Mistpfütze allein geeignetes Kostüm, bestehend aus Hemd, kurzem dünnem Kittel und sonst nichts, unanständig sei. Sie legt Beinkleider und lange Röcke an. Das ist unbequem und kostet Geld. Dadurch wird ihr der ohnehin schwere Dienst noch lästiger. Bald findet sie, daß auch die meisten ihrer Verrichtungen an sich schon unanständig seien. Im nächsten Städtchen sitzt ein Menschenfreund, der – natürlich nur aus reiner Nächstenliebe – der armen Bevölkerung der Umgegend mit einer neuen Industrie unter die Arme greift. Er läßt filiren, häkeln, Wollfäden knüpfen. Bald sitzen in den benachbarten Dörfern alle Kinder, sitzen und knüpfen, knüpfen von früh bis in die Nacht, knüpfen sich lahm, bucklig, blind und blödsinnig. Auch unsre Kuhmagd greift zur Filetnadel, die sich ja bedeutend leichter handhabt als die Mistgabel. Sie ist nun eine Dame, ein Fräulein, sie stolzirt Sonntags in Kleidern herum, die nach der neuesten Pariser Mode zugeschnitten sind, und siedelt sie in die Stadt über, so kann sie überdies jeden Sonntag zum Tanze gehen. Nach ein paar Jahren verduftet der Wohlthäter der Menschheit, nachdem er einigen tausend jungen Landleuten das Mark aus den Knochen gesogen und zu Gelde gemacht hat. Nun versuchts unsre Kuhmagd wieder mit Sichel und Düngergabel. Allein es geht nicht mehr; bei ihrer Tändelarbeit und bei kraftloser Nahrung hat sie ihre Muskelkraft und Gliedergelenkigkeit eingebüßt. So wird von unserm kräftigen Volke eine Schicht nach der andern verfeinert und verkrüppelt. Aber kehren wir noch einmal zu dem Thema von der »Genußsucht« und »Vergnügungssucht« zurück. Wenn in unsrer Zeit, wo aller Gemeinbesitz, alle öffentlichen Spenden und alle Volksbelustigungen auf öffentliche Kosten aufgehört haben und wo nichts mehr umsonst zu haben ist, wo sogar Wasser, reine Luft und Sonnenlicht Geld kosten, die zuletzt genannten beiden Güter sogar viel Geld, unerschwinglich viel schon für Leute von mittlerm Einkommen – wenn in solcher Zeit die Millionäre gegen die Genußsucht der Leute mit weniger als neunhundert Mark predigen, so ist eine ernsthafte Besprechung dieser Heuchlerposse, die nur in der Sprache des Aristophanes, Rabelais oder Luther gebührend gegeißelt werden könnte, eigentlich ein Skandal. Indeß da der Staatsanwalt die gepfefferte Tunke der alten Satire nun einmal nicht zuläßt, so bleibt uns nichts übrig, als unsre Ansicht darüber in der Wassersuppe philisterhaft ernster Erwägungen vorzutragen. Dem Manne von mittlerm oder höherm Einkommen wird, wenn er nicht krank oder ein hypochondrischer Narr ist, das ganze Leben zu einem fortwährenden Genuß. Er übt eine Berufsarbeit, die innerlich befriedigt und keinerlei leibliche Pein verursacht. Jedes seiner Familienmahle, die aus wohlschmeckenden Speisen und Getränken bestehen und wobei er sich behaglich Zeit nimmt, sich in anregenden Gesprächen ergeht und an den blühenden, freundlichen Gesichtern seiner Frau und seiner Kinder erfreut, ist ein kleines gemütliches Fest – macht 365, oder wenn alle drei Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden, dreimal 365 Feste im Jahre. Für seine Erholungszeit stehen ihm seine schön ausgestatteten Zimmer, eine Bibliothek, Musikinstrumente, ein Garten, ein Freundeskreis zur Verfügung, vom Keller und sonstigem mehr materiellen Zubehör nicht zu reden, wovon er Gebrauch machen kann, so oft es ihm beliebt. Die Nachtruhe endlich im schneeweißen bequemen Bett und das Ausschlafen sind wieder tägliche Genüsse besondrer Art. Ein solcher Mann braucht offenbar gar keine besondre Erholung, kein außerordentliches Vergnügen, wofern nicht etwa sehr anstrengende Arbeit eine längere Unterbrechung und einen Ortswechsel notwendig oder wünschenswert macht. Trotzdem soll es in diesen Kreisen zuweilen vorkommen, daß man Bälle, Diners und Soupers, Konzerte und Theateraufführungen giebt und besucht, wobei gewisser Vergnügungen, die ein Teil der Herrenwelt unter Ausschluß der Mütter und Gattinnen pflegt, gar noch nicht gedacht werden soll. Bei den meisten der Menschen, die unter neunhundert Mark jährlich einnehmen, beim sogenannten arbeitenden Volke, ist das tägliche Leben in allen Stücken das Gegenteil von genußreich, wie wir nach dem in den frühern Kapiteln gesagten, nicht noch besonders zu beschreiben brauchen; nur das eine mag hier noch angemerkt werden, daß die Arbeiter mancher Fabriken auch bei zwanzig Grad Kälte ihr Mittagsbrot im Fabrikhofe, unter offnem Himmel verzehren müssen. Die alberne Phrase, die Leute seien das ja gewöhnt, hat weder Sinn noch Berechtigung. Eine Magd, die bei zwanzig Grad Kälte auf dem Flur wäscht, fühlt den beißenden Schmerz in ihren aufgesprungenen Händen, ein Töpfer, der im eisigen Zuge arbeitet, das Reißen in Zähnen und Beinen, eine Fabrikarbeiterin das Jucken, das der Staub der Wergputzen in Augen, Nase und Kehle verursacht, ein Bäckerjunge die Pein des unbefriedigten Schlafbedürfnisses gerade so gut wie jeder andre Mensch, und wenn Unlustempfindungen, die einem Verwöhnten unerträglich vorkommen würden, dem Armen durch Gewohnheit einigermaßen erträglich werden, so wird doch dadurch die Unlust so wenig in Lust verwandelt, wie die Krankheitspein durch christliche Geduld in das Wohlgefühl der Gesundheit. Je mehr nun der Genuß, den die Menschennatur fordert, dem Armen für gewöhnlich versagt ist, desto heißer verlangt er natürlich darnach, denn das Verlangen steigt und sinkt notwendig im umgekehrten Verhältnis mit der Befriedigung. Daß die Menschennatur den Genuß verlangt, gebieterisch verlangt, daß die gänzliche Entziehung des Genusses jeden, der nicht zu stumpfsinnig dazu ist, zum Selbstmord treibt, muß man den herrschenden Klassen gehörig klar machen und den Nebeldunst heuchlerischer Redensarten, womit diese Thatsache verdunkelt zu werden pflegt, zerstreuen. Kein Mensch macht davon eine Ausnahme, auch der katholische Asket und der Puritaner nicht. Denn der Asket träumt, während er sich geißelt oder verschimmeltes Brot kaut oder schlaflos auf harter Pritsche wälzt, von der Himmelswonne, die, er sich durch seine Abtötung zu erkaufen gedenkt. Der Puritaner aber vergnügt sich auf seine Weise, die eben nicht jedermanns Weise ist, mit Bibellesen, Psalmensingen und dem Anhören stundenlanger Predigten, und wehe dem »Tyrannen« der ihm die dazu erforderliche Zeit, den »Sabbath« und den täglichen Feierabend rauben wollte! Er würde so wenig Federlesens mit ihm machen, wie er mit »abgöttischen« Königen und Obrigkeiten gemacht hat; denn in dem stolzen Bewußtsein seiner Auserwählung, worin zu schwelgen sein Hauptgenuß ist, hält er sich für berufen zum Richter über die gottlose Welt und zum Vollstrecker der göttlichen Urteile. Die Herren Unternehmer sollen nur Gott auf den Knien dafür danken, wenn der deutsche Arbeiter hie und da noch an einem Schnapsdusel Vergnügen findet, anstatt ein grübelnder Temperenzler und Puritaner zu werden, der als Soldat ganz kaltblütig erwägen würde, wohin er nach dem Willen Gottes seine Muskete zu richten habe. Die Sozialdemokraten, die Kautsky und Bebel studieren anstatt zu kneipen und zu raufen, sind erst halb so schlimm wie Puritaner; es fehlt ihnen die Energie und Sicherheit des vollendeten Fanatismus. Unsre »Ethiker« endlich, die in dicken Büchern beweisen, daß der Mensch nicht lebe, um zu genießen, sondern um seine Pflicht zu erfüllen, sind allesamt Professoren, die das oben beschriebne genußreiche Leben führen, und würden einen Heidenlärm machen, wenn der Staat ihren Gehalt auf sechshundert Mark herabsetzen und ihnen Gelegenheit geben wollte zu beweisen, daß sie auf Erden nichts suchen und nichts wollen als entsagende Pflichterfüllung. Freilich ist und bleibt die Pflichterfüllung das höchste, aber nur weil sie selber befriedigt. Die liebende Mutter will sich für ihr Kind opfern, und würde sie daran gehindert, so würde sie das für das höchste Martyrium ansehn. Und so opfert sich auch die Arbeiterfrau für ihr Kind, aber daß sie verpflichtet sein soll, sich für den Gutsbesitzer oder Fabrikherrn zu opfern, um diesen zu bereichern und ihm ein üppiges Leben zu bereiten, das leuchtet ihr nicht ein, und so sind ihre Anstrengungen und Entbehrungen nicht ein innerlich beglückendes Opfer, sondern eine aufgezwungne Pein. Je weniger Befriedigung also das tägliche Leben dem Arbeiter bietet, desto heißer sehnt er sich nach Genüssen, die außerhalb seines gewöhnlichen Tagewerks und seiner Mahlzeiten liegen. In alten und mittlern Zeiten war für solche gesorgt. Nicht bloß in Rom, sondern in allen größern Städten des römischen Reichs gab es öffentliche Amphitheater, Bäder und Gärten, von deren ungeheurer Größe, künstlerisch wertvoller Pracht und bequemer Einrichtung noch die Ruinen Zeugnis geben, und die auch dem armen Bürger und dem Sklaven offen standen. Nicht bloß Feierabende, sondern Tage wurden dort verbummelt und verjubelt. Im Mittelalter waren die Kirche (wo bekanntlich auch Theater gespielt wurde), der Zunftpalast, öffentliche Loggien die Stätten der Erholung und des Vergnügens fürs Volk – den Kranken und Altersschwachen richtete man wahre Paläste ein – und auf dem Lande war jede Waldwiese und der Platz um die Dorflinde der Tummelplatz einer Volksfreude, die sich keineswegs in den Grenzen streng abgezirkelter Anstandsvorschriften hielt; wenigstens mahnt Walther von der Vogelweide die Herren und Damen, zu singen und zu springen »âne Dörperheit.« Noch im Anfange unsers Jahrhunderts fehlte es trotz allem, was das Volk an Freiheitsbeschränkungen und Verlust von Gemeinbesitz schon erduldet hatte, nicht an volkstümlicher Lust. Die großen Gutswirtschaften waren noch nicht ausgebildet; jeder Landmann bewohnte noch sein eignes Häuschen. Im Winter war jede Spinnstube ein Gesellschaftssaal gemütlicher Erholung und schalkhafter Lustigkeit, im Sommer durften sich Burschen und Mädchen noch auf dem Rasen drehen. In der kleinen Stadt saßen des Abends die Nachbarn vor den Hausthüren plaudernd beisammen, Burschen und Mädchen zogen Arm in Arm singend oder die Ziehharmonika spielend durch die Straßen, der Marktplatz war Spiel- und Tummelplatz der Jugend, und draußen standen Hain und Flur und Fluß und Weiher jedermann zur Verfügung; sogar Wiesen – man denke! mit kostbarem Grase bewachsene Wiesen – gab es noch, auf denen sich die Kinder herumwälzen und Blumen pflücken durften. Zog eine mit buntem Flitterstaate herausgeputzte Kunstreiterbande durch die Straßen, oder erschien das beliebte Trio: Bär, Kamel und Affe, dann standen ein paar Stunden lang alle Werkstätten leer, und den Gipfel des improvisierten Festes bildete der Augenblick, wo ein Gassenjunge herangerufen wurde, um sich vom Affen lausen zu lassen. Und nun die Kirmeß auf dem Dorfe, das Schweinschlachten im Hause! Vier bis sechs Wochen lang zog man von Kirmeß zu Kirmeß, überall wurde gegessen, getrunken und getanzt, die armen Dorfleute, sowie arme Vettern und Gevattern aus der Stadt trugen von den Bauern Fleisch und Kuchen für ein ganzes Vierteljahr zusammen. Das alles hat aufgehört. Der Gutsarbeiter wohnt in einer stallartigen Kaserne, aus der jede Behaglichkeit und Gemütlichkeit verbannt ist. Der große Bauer ist ein studierter Herr geworden, der nicht mehr daran denkt, nach gemeinsam vollbrachtem Tagewerk sein Gesinde um sich zu versammeln und den Abend mit den Leuten zu verplaudern. Der kleine Bauer endlich ist ein vergrämter oder neidischer armer Teufel; denn die Herren vom landwirtschaftlichen Verein haben ihm, um sich seiner Stimme bei den Wahlen zu versichern, sein Elend enthüllt und ihm klar gemacht, daß er mit samt der ganzen Landwirtschaft untergehen müsse, wenn nicht die Preise für Getreide, Fleisch, Milch und Eier mindestens aufs Doppelte stiegen. Das Spinnen hat aufgehört wie das Dreschen, und die abendlichen Versammlungen von Burschen und Mädchen sind von der Ortsobrigkeit verboten worden. An Vergnügungen im Freien, wie sie sich früher überall von selbst ergaben, wo sich ein halbes oder ganzes Dutzend junger Leute in der richtigen Laune zusammenfand, ist nicht mehr zu denken. Auf der Straße oder dem freien Platze darf weder gestanden noch gesessen oder gar getanzt werden, sondern alles muß fein ehrbar einherschreiten oder sie geschäftig durcheilen. Wo etliche Leute auf einem Haufen zusammenstehen, eilt sofort ein Polizist herbei und fragt nach der schriftlichen Erlaubnis zu einer Versammlung unter freiem Himmel. Wollten Burschen und Mädchen einmal im Freien tanzen, sie müßten erst ein Komitee wählen, um die polizeiliche Erlaubnis einkommen, kurz Zurüstungen treffen, wie zu einem wirklichen Feste; und darum verschwinden die kosten- und harmlosen täglichen Vergnügungen, die der gelegene Augenblick bringt und die den Gang der Wochenarbeit nicht stören, wie sie der Süden noch kennt, und es sind nur noch die besonders veranstalteten kostspieligen übrig geblieben, bei denen die Zurüstung das Vergnügen vorwegnimmt, steifer Zwang die Gemütlichkeit zerstört, und die in schlechter Luft durchschwärmte Nacht mehreren Tagen die Arbeitslust und Arbeitskraft raubt. Alle Kirchweihfeiern eines Kreises hat landrätliche Weisheit auf ein und dieselbe Woche verlegt, sodaß die Bewohner jedes Dorfes nur an ihrer eignen und höchstens noch an der von zwei Nachbardörfern teilnehmen können, und zu Wirtshaustänzen, der einzigen unter diesen Umständen noch möglichen Form jugendlicher Lust, wird monatlich nur einmal, in manchen Kreisen sogar nur viermal oder dreimal im Jahre die Erlaubnis gegeben. In der Großstadt – und schon unsre Mittelstädte schwellen zu Großstädten an – kommt zum Verluste der freien Plätze, Wälder und Wiesen die Beschränktheit und Ungemütlichkeit der Wohnungen, wo schon jedes Bewegungsspiel der Kinder, jedes laute Lachen die Kündigung zur Folge haben kann. Dazu der Zwang, den die moderne Kleidung auflegt, die für Bewegungsspiele nicht geeignet ist und die weder zu zerreißen noch zu beschmutzen den Kindern und jungen Leuten zur heiligsten Pflicht gemacht wird. In der Zerstörung alter Volkssitten und aller daraus entspringenden Freude und Lebenslust entwickeln manche Obrigkeiten einen Eifer, als wären sie apart dazu angestellt, Sozialdemokraten zu züchten. Voriges Jahr hat ein Amtmann Fuß für den Amtsbezirk Hilchenbach (Westfalen) folgende Verfügung erlassen: »Ich verbiete hierdurch folgende vielfach noch bestehenden Gebräuche: das Verkleiden als Nikolaus am Nikolausabende, das sogenannte Würsteaufheben, das Neujahrssingen am Sylvesterabend und Neujahr, das Ansagen oder Glückwünschen am Neujahrstage, das Peitschenknallen und sonstiges Skandalverüben vor dem Hause der Verlobten am Abend des Tages, an dem dieselben das Aufgebot beantragt haben, das Seilhalten bei der Rückkehr von der Trauung, das Schießen bei Hochzeiten und alle ähnlichen Unsitten u. s. w, und ich werde jede Zuwiderhandlung gegen dieses Verbot, sofern nicht nach andern Strafbestimmungen eine höhere Strafe verwirkt ist, nach § 360 Nr. 11 des Reichsstrafgesetzbuchs als groben Unfug mit einer Geldbuße von mindestens zehn Mark oder entsprechender Haft bestrafen.« Es versteht sich, daß nach Annahme der lex Heinze auch alle Bücher und Zeitschriften werden verboten werden, in denen von solchen Sitten erzählt und das Wohlgefallen daran erweckt wird, darunter auch die reizenden Erzählungen »Aus dänischer Zeit« von Charlotte Niese, worin es von solchen »Strafthaten« der Jugend wimmelt; denn zum Wohlgefallen am Verbotenen verführen ist doch gewiß unsittlich. Der größern Hälfte unsers Volks ist nur noch eine einzige Art von Erholung und Vergnügen übrig geblieben: der stille Suff zu Hause oder in der Kneipe, und bei den bekannten Wohnungsverhältnissen – »häusliche« Verhältnisse giebts ja gar nicht mehr – wird natürlich die Kneipe vorgezogen. Und jede dieser zahllosen Wirtshausversammlungen wird notwendigerweise zum revolutionären Klub und würde dazu werden. wenn Marx und Engels, Lassalle und Schweitzer, Bebel und Liebknecht niemals gelebt hätten. Denn daß eine andre Empfindung als Ingrimm gegen die herrschenden Klassen, gegen die Polizei und den Staat die Herzen der Armen beseelen und in ihren Gesprächen zum Ausdruck kommen sollte, ist psychologisch unmöglich. Man verpflanze unsern preußischen Schul- Die rigorose Bestrafung der Schulversäumnisse gehört zu den schlimmsten Plagen armer Dörfler. Man hat das Kind zu Hause behalten, weil es bei zwanzig Grad Kälte für den stundenweiten Schulweg nichts anzuziehen hatte, oder weil eine kranke Mutter oder Großmutter zu pflegen war, oder damit die kleinen Kinder nicht, allein eingeschlossen, sich selbst und die Hütte anzündeten, und nun von einem Wochenlohn, der kaum auf Brot reicht, auch noch Strafe zahlen! Und zu welchem Zweck wird diese Strenge geübt? Damit die Tagelöhnerkinder die sozialdemokratischen Zeitungen lesen lernen! und Militärdrill nach Oberbayern, wo beides bisher noch milder gehandhabt wurde, man führe die norddeutsche Gutswirtschaft dort ein, man verpflanze unsre übellaunige Honoratiorengesellschaft hinauf, die bei jedem Luftsprung und jedem Juchzer eines fröhlichen Burschen den Bau der Gesellschaft wanken sieht, vor allem aber unsre hochweise Polizei – und binnen zwanzig Jahren werden diese kernhaften, harmlos fröhlichen und tüchtigen Menschen, die echtesten Deutschen neben den Niedersachsen teils in erbärmliche Waschlappen, teils in bösartige revolutionäre Fanatiker verwandelt sein! Aber damit noch nicht genug der obrigkeitlichen Weisheit! Nicht bloß das dürftige bißchen weltliche Lust nimmt man dem Armen, sondern auch seine religiösen Feste, Prozessionen und dergleichen, ja – die Religion selbst hat man ihm zu nehmen versucht! Denn nichts Geringeres war der Kulturkampf, als ein Versuch, die katholische Kirche in Deutschland zu zerstören, und wenn das gelungen wäre, so würden die Katholiken, wie jeder weiß, nicht gläubige evangelische Christen, sondern Atheisten geworden sein. Einstweilen sind Unzählige von ihnen erbitterte Feinde des Staates geworden, woran auch die jetzige Regierungsfreundlichkeit der diplomatischen Führer der katholischen Partei nichts ändert. Mir sind Fälle bekannt, wo Bauern ihr Gut verkauft haben und fortgezogen sind, weil der katholische Gottesdienst im Dorfe aufgehört hatte. In einem Orte der Provinz Posen, ich glaube in Kosten, sind die Leichen wochenlang unbeerdigt geblieben, weil der »Staatspfarrer« das Kirchhofthor geschlossen hatte und niemanden hineinließ, der sich nicht von ihm die Erlaubnis erbat, was zu thun die Leute sich als gläubige Katholiken weigerten. So etwas vergessen Kinder und Kindeskinder nicht! Haben doch die Protestanten die von ihren Vorvätern vor ein paar hundert Jahren in katholischen Ländern erduldeten Verfolgungen bis auf den heutigen Tag noch nicht vergessen! Und um das Maß dieser Staatsweisheit voll zu machen, hat man zuguterletzt den preußischen Unterthanen polnischer Nationalität den Gebrauch ihrer eignen Sprache verboten und zwingt man ihren Kindern einen Unterricht auf, bei dem Lehrer und Kinder einander gar nicht verstehen, der also gar kein Unterricht, sondern eine fruchtlose Quälerei ist. Die angeblichen politischen und nationalen Beweggründe zu dieser Maßregel lasse ich aus dem Spiele, Aber was ich dabei empfinde, beschreibe ich, weil ich weiß, daß meine Empfindungsweise der des Volks näher steht als die der Bureaukraten und der nationalliberalen Honoratioren. Ich bin kein Polenfreund. Mir ist alle polnische Wirtschaft so zuwider, daß ich das Polnische grundsätzlich nicht habe lernen mögen, obwohl ich dazu dringende Veranlassung hatte. Ich bin auch nicht sentimental. Hat ein Pole, Pfaff oder Laie, Verrat gesponnen, so knüpfe man ihn ohne prozessualische Weitläufigkeiten auf; und hats eine ganze Stadt gethan, so füsilire man die Bewohner und mache den Ort dem Erdboden gleich; mir wirds keine Stunde Schlaf rauben, und dem zusammengebrochen Rechtsstaate, der ohnehin nur in der Einbildung seiner Verehrer bestanden hat, werde ich keine Thräne nachweinen. Aber wenn ich denken muß, daß ein paar hunderttausend Kinder acht Jahre hindurch dieser unerhörten, sinn-, zweck- und nutzlosen Quälerei unterworfen werden, dann fühle ich, mit Mallinckrodt zu reden, das Knirschen des ganzen innern Menschen, und würde es empfinden, möchten diese Kinder deutsche, Franzosen- oder Türkenkinder sein. Die glänzenden Prüfungserfolge, die man dem Kultusminister Bosse vorgemacht hat, sind selbstverständlich eitel Spiegelfechterei gewesen; wie so etwas gemacht wird, weiß ich als alter Praktikus aus eigner Erfahrung. Schulbureaukraten scheinen auf die Maßregel hineingefallen zu sein, weil die polnischen Kinder bei dem frühern utraquistischen Unterrichte »das Klassenziel« im Deutschen natürlicherweise nicht erreichten. Als ob das notwendig, als ob das wichtig wäre! Als ob das irgend jemandem schadete außer vielleicht diesen Kindern selbst! Als ob das irgend jemanden etwas anginge als diese Kinder und ihre Eltern! Als ob man übrigens nicht mit der mangelhaftesten Orthographie ein Friedrich der Große, ein Blücher und sogar ein Pestalozzi werden und mit aller Schulgelehrsamkeit ein Schafkopf bleiben könnte! Als ob nicht vor Falls Zeiten alle deutschen Pädagogen ohne Ausnahme den für einen Narren erklärt haben würden, der vorgeschlagen hätte, irgend welchen Kindern irgend welchen Landes den ersten Unterricht in irgend einer andern als ihrer Muttersprache zu erteilen! Selbstverständlich empfinden alle diese Kinder und ihre Eltern das Knirschen des innern Menschen ob dieser in der Weltgeschichte beispiellosen Zwangsmaßregel in höherm Grade als ich, der Fernstehende. Während früher Pommern die stärkste Auswandrerziffer hatte, haben ihm seit 1885 Posen und Westpreußen – selbstverständlich! – den Rang abgelaufen. Vaterlandsliebe ist für den gemeinen Mann nur möglich in der Form der Heimatliebe. Heimatliebe aber kann nur dort entstehen, wo die Menschen erstens einen eignen festen Herd haben, wo sie zweitens eine Beschäftigung und Arbeitsweise, eine Sprache, eine Tracht, Gebräuche, Freuden und Vergnügen haben, die sie anderwärts nicht finden, und wo sie drittens diesen ihren väterlichen Sitten ungestört nachleben dürfen. Besitzt der Mensch in keiner Form mehr ein Stück seines Vaterlandes, weder unmittelbar noch vermittelst einer Hypothek, einer Staatsbesoldung, einer Rente, so hat er auch kein Vaterland mehr: das Land andrer ist nicht sein Vaterland! Findet er überall im großen weiten Reiche dieselbe Sprache, dieselbe Mode, dieselbe Sittenlosigkeit (das Wort hier nur in dem Sinne genommen, daß es keine Sitte mehr, sondern nur noch Mode und obrigkeitlich vorgeschriebenes Verhalten giebt) dieselbe Plackerei, dieselbe Polizeiaufsicht, dieselbe Freudlosigkeit, dann giebt es nichts mehr – außer etwa für die gemütvollern den landschaftlichen Charakter seines Geburtsorts – was ihn an seinen Geburtsort fesseln könnte. Er hat keine Heimat. Es läßt sich schlechterdings kein Grund denken, der ihn bestimmen könnte, den einen Ort dem andern vorzuziehen, als daß jener ein paar Groschen mehr Lohn, etwas mehr Freiheit und etwas weniger Plackerei bietet. Deshalb zieht er gewöhnlich die große Stadt vor, wo wenigstens die ersten beiden Vorteile winken. Dazu noch die Aussicht auf gewisse Genüsse, die dort leichter zu erlangen sind als in der kleinen Stadt oder auf dem Dorfe. Denn genußsüchtig ist der Arbeiter allerdings, allein diese Genußsucht begründet keinen Tadel, weil sie aus der Menschennatur hervorgeht und unaustilgbar ist. Je beharrlicher der Menschennatur versagt wird, was sie fordert, desto stärker wird die Sehnsucht darnach, bis sie zur krankhaften Gier ausartet; je mehr daher ein Mensch des Genusses beraubt ist, desto genußsüchtiger muß er in diesem Sinne des Wortes sein, wofern er kein Heiliger ist. Wenn wohlthätige Vereine und menschenfreundliche Fabrikbesitzer den Arbeitern Stätten anständiger Erholung bereiten, so ist das sehr löblich, nur muß man sich nicht einbilden, daß diese von außen dargebotenen Genüsse, auch wenn sie allgemein werden sollten, jemals das urwüchsige Vergnügen ersetzen werden, das sich der gemeine Mann ehedem nach eignem Geschmack und eigner Erfindung bereitete. Dazu kommt, daß der Arbeiter die Absicht spürt und diese ihn verstimmt. Gerade die alleredelste Absicht, die, ihn »erziehen« und bessern zu wollen, verstimmt ihn am meisten, Tenn er, der »freie Reichsbürger,« der seine Schule durchgemacht hat und täglich seine Zeitung liest, fühlt sich um so mehr beleidigt, wenn man ihn erziehen will, als er überzeugt ist, daß, wofern überhaupt von Erziehung Erwachsener die Rede sein kann, die höhern Stände der Erziehung in höherm Maße bedürfen als er. Und nun endlich der Militärdienst! Man verlacht – und zwar mit Recht – jene Utopisten, zu denen auch Bebel gehört, die sich einbilden, jeder Mensch sei zu allem befähigt, und es sei Kleinigkeit für ihn, die Beschäftigung zu wechseln. Solche Elastizität und Vielseitigkeit ist selten; und je tüchtiger ein Mensch ist, desto einseitiger ist er gewöhnlich. Nicht so weit geht die Einseitigkeit, daß sie den Übergang von einem Handwerk ins andre oder von einem Studium zum andern unmöglich machte; aber ein Berufswechsel, bei dem die ganze Lebensweise geändert werden muß, fällt immer schwer und ist immer bedenklich. Der Soldatenberuf ist nun ein eigentümlicher Beruf wie jeder andre, und es giebt wenig Menschen, denen es gegeben wäre, ein vollkommner Soldat und zugleich ein vollkommner Schulmeister oder Gelehrter oder Schneider oder Uhrmacher zu sein. Das Soldatenleben ist grundverschieden von dem Leben der genannten Berufsstände. Drei Jahre Soldatenleben meiden also sehr viele junge Männer für ihren bürgerlichen Beruf verderben oder ihnen diesen wenigstens verleiden. Dazu kommt die Erwägung, daß es schwierig für sie ist, gleich nach Ablauf ihrer Dienstzeit wieder Arbeit zu finden, und daß sich dieselbe Schwierigkeit nach jeder Einberufung wiederholt. Dazu kommt ferner, daß in der Stadt jeden Sonntag getanzt werden darf, auf dem Dorfe höchstens aller vier Wochen, dazu kommt endlich, daß der Bursch in der Stadt Leute seines Standes vor Augen hat, die es leichter haben und weit angenehmer leben, als ein ländlicher Tagelöhner: Bediente, Laufburschen, Hausknechte, die später eine Kneipe kaufen oder pachten, Inhaber einer jener zahlreichen, erst in neuerer Zeit geschaffenen Aufseher- und Aufpasserposten, deren Berufsarbeit nichts ist als ein geschäftiger Müssiggang, wenig angestrengte Schreiber und dergleichen Leute mehr. Der Bauer Strepsiades in des Aristophanes Wolken verwünscht seine vornehme städtische Frau, die ihn aus seinen ländlichen Gewohnheiten herausgerissen hat, wo er sich so wohl fühlte; »so recht im Speck und Dr–.« Weit schlimmer als diesem attischen Bauer die seine Gattin aus des Megakles Haus, haben unserm deutschen Bauer die Industrie, die »rationelle« Landwirtschaft, die »hohe« Politik, die Polizei und der Militärdienst mitgespielt. Nach alledem ist weder die Entvölkerung des Ostens noch im besondern die Flucht der ärmern Landleute vom Lande in die Großstadt ein Wunder; vielmehr muß man sich darüber wundern, daß den Rittergutsbesitzern nicht schon ihre sämtlichen Leute fortgelaufen sind. Das Zusammenströmen der Bewohner eines übervölkerten Landes in den am dichtesten bevölkerten Gegenden und Ortschaften ist daher kein Beweis gegen, sondern vielmehr für die Schäden der Übervölkerung, die auf die oben beschriebne Weise unter andern krankhaften Zuständen auch einen falschen Blutumlauf erzeugt. Bei natürlichem und gesundem Blutumlauf strömt die Auswanderung nicht aus den dünn- in die dichtbevölkerten, sondern umgekehrt aus den dicht- in die dünnbevölkerten Gegenden; noch immer hat jedes gesunde Volk Kolonisten ausgesandt. Etwas mehr Berechtigung hätte der Einwand, daß doch auch bei uns noch nicht alles Land urbar gemacht und das urbar gemachte noch nicht im höchsten Grade ausgenutzt sei. Und in der That, wenn es sich bloß um die leibliche Ernährung handelte, die könnte vielleicht selbst für hundert Millionen Bewohner noch ohne Beihilfe des Auslandes bestritten werden. Noch sind nicht alle Moore trocken gelegt, nicht alle Berge bis auf den Gipfel gepflügt; noch gestatten wir uns hie und da die Raumverschwendung natürlich geschlängelter Flußläufe mit regellos verstreutem Ufergebüsch, in dem gefiederte und ungefiederte Paare Versteckens spielen können; noch sieht man werdende Kühe und spielende Kinder das kostbare Gras zertreten; noch dulden wir den Luxus beblümter Wiesen, während steife Futtergräser zwar keine bunten Blüten tragen, dafür aber, wie die Ackerbauchemie lehrt, mehr Nährstoff enthalten; noch giebt es Wälder bei uns, und noch lassen wir mit unverzeihlichem Leichtsinn so manchen Spaziergänger ungestraft, der ein Waldblümchen pflückt, und manches arme alte Weib und manches Kind, die Pilze und Beeren herausholen und so die ökonomisch allein zulässige »bestmöglichste« Verwertung der Waldprodukte beeinträchtigen. Ja wir haben noch nicht einmal den Hirsch, das Reh und den Hasen ganz ausgerottet, die des Bauern Saat abfressen, da wir doch den Abgang des Wildfleisches sehr gut durch die dem Chinesen so teuern Rattenbraten und Ungezieferragouts ersetzen könnten; wir nutzen das Land noch nicht gartenmäßig aus. Noch gestatten wir uns den Luxus der Rindviehzucht, und sogar das Kind des Armen darf noch zuweilen eine Tasse Milch trinken, während der sparsame Chinese diesen Luxusartikel nur für den anspruchsvollen Europäer auf dem Markte feil hält, aber nicht etwa Kuhmilch, sondern – Frauenmilch! (Roschers System der Volkswirtschaft Band II, S. 101.) Wir sind, kurz gesagt, immer noch heillose Verschwender, Allein es ist nicht gut bestellt um einen Haushalt, der seine letzten Reserven angegriffen hat, und dann – wir können die Natur nicht entbehren. Wer sich niemals auf freier Bergeshöhe oder im weiten Brachfeldergehen und tummeln, das Treiben der Tiere und den Gesang der Vögel im Walde belauschen, die ungestörte Ruhe der Waldeinsamkeit genießen, dem Spiel der Wellen zusehen und es mitspielen darf, der ist kein ganzer Mensch mehr, und mit dem letzten Reste der Jagd würde der letzte Zug des ursprünglichen deutschen Volkscharakters verschwinden. Wer Lust hat, aus einem Deutschen ein Chinese zu werden, der werde es für seine Person. Dem ganzen deutschen Volke diese Entwürdigung zumuten, halte ich für das scheußlichste aller Verbrechen. Vierzehntes Kapitel Wesen und Aufgaben des Staates Ehe wir sagen, was unser Staat bei dieser Lage der Dinge zu thun hat, wollen wir uns vorher das Wesen und die Aufgaben des Staates im allgemeinen klar machen. Wir werden dabei finden, daß der Staat, wenn er jene ihm in diesem Augenblick obliegende große Aufgabe ablehnte, seinen Daseinszweck verfehlt haben würde, sodaß er dann besser thäte, je eher je lieber zu verschwinden. Was ist der Staat? Der Ausdruck »moderner Staat,« ist ein Pleonasmus, weil der Staat sowohl dem Wort als der Sache nach überhaupt etwas Neues ist. Er ist eine besondre Art von Gemeinwesen, die weder mit der Politie, civitas und respublica der Alten, noch mit dem römischen oder spätern deutschen imperium, noch mit dem in alten und mittlern Zeiten vorkommenden regnum Ähnlichkeit hat, sondern mit den orientalischen Despotien des Altertums. Dem Worte wie der Sache nach ist der Staat eine Schöpfung Richelieus und Ludwigs XIV., obwohl ihm Karl V. oder vielmehr der Kardinal Ximenes in Spanien, sowie die italienischen Stadttyrannen und die deutschen Territorialfürsten vorgearbeitet hatten. Im Staate ist das Gemeinwesen derart eingerichtet, daß die gemeinsamen Angelegenheiten eines ganzen großen Volkes der Willkür einer allmächtigen Bureaukratie ausgeliefert sind, die den Unterthau bevormundet und ihn von der Wiege bis zum Grabe nicht losläßt. Meine Ansichten über Gemeinwesen, Staat und Gesellschaft, aber natürlich nicht die über Religion und Kirche, decken sich der Hauptsache nach mit denen, die der Dominikaner Weiß in seinem voriges Jahr bei Herder in Freiburg erschienenen Buche »Soziale Frage und soziale Ordnung« entwickelt. Die Übereinstimmung meiner Ausführungen mit den seinen beruht daher nicht auf Entlehnung; nur ein paar seiner treffenden Bemerkungen, die ich einflechte, sind ihm entlehnt. Seit der französischen Revolution haben die Völker des europäischen Festlandes krampfhafte Anstrengungen gemacht, den Staat den alten und mittelalterlichen Städterepubliken ähnlich zu machen und die Unterthanen in freie Bürger zu verwandeln, aber aus Gründen, die auf der Hand liegen, vergebens: Bauern, Schuster und Schneider können sich zwar in einem Gemeinwesen von tausend, von zehntausend, auch von hunderttausend Mitgliedern selbst regieren, aber nimmermehr in einem, das zehn bis hundert Millionen umfaßt. Unsre Parlamente sind der Hauptsache nach Debattirklubs, die, obwohl sie sich Volksvertretungen nennen, nicht einmal so viel Macht haben, den »freien Staatsbürger« vor der Willkür eines Polizeibeamten, Gendarmen oder Unteroffiziers zu schützen. Nur dieses eine haben die Parlamente bewirkt, daß die Bureaukratie, d. h. die Gesamtheit der höhern Staatsbeamten, ihre Macht mit den obern Hunderttausend teilen muß. In Frankreich, Italien und Belgien sind das Staatsoberhaupt und die Minister einfach zu Agenten der Finanzfürsten herabgesunken, in Österreich ist man beinahe so weit, in Deutschland suchen die Krone und die Minister ihre Unabhängigkeit mit wechselndem Erfolg noch zu wahren, können jedoch keinen Schritt thun ohne Verständigung mit den herrschenden Klassen und ohne weitgehende Rücksicht auf ihre Wünsche. Der Regierung kommt dabei die Spaltung der Herrschenden in Großindustrielle, Magnaten, Großhändler und Geldfürsten zu statten, deren Interessen vielfach in Konflikt mit einander geraten. Der gemeine Mann, der »freie Staatsbürger,« wie heutzutage der Unterthan genannt wird, kommt nur soweit in Betracht, als er am Leben und einigermaßen arbeits- und zahlungsfähig bleiben muß, wenn die Herrschenden auf die Rechnung kommen sollen. Er kann schon froh sein, wenn die Regierung wenigstens die Grenze erkennt, bis zu der er belastet werden kann, ohne erdrückt zu werden. Im monarchischen Staate darf er auf dieses Maß von Einsicht noch eher rechnen als in der Republik, weil der Monarch an seine Dynastie und deren Zukunft denkt, die davon abhängt, wie viel Kerls, Pferde und Steuern die Unterthanen zu liefern vermögen, während die republikanischen Machthaber ihre »Dynastien« schon genügend sichern, wenn sie ein paar Millionen auf die Seite bringen. Die leidenschaftliche und nervöse Stimmung der Parlamente, ihre Planlosigkeit und Unsicherheit entspringt einerseits aus ihrer oben erwähnten Spaltung in Gruppen mit entgegengesetzten Interessen, andrerseits aus ihrem Verhältnis zum Volke, zu den Unterthanen. Sie brauchen das Volk als Stimmvieh; verleiht ihnen ja doch die Wahl durchs Volk das formelle Recht, ihre Ansprüche, die sie sonst mit Intriguen und Bestechung durchzusetzen suchen müßten, auf legitimem Wege geltend zu machen. Andrerseits schweben sie in beständiger Angst bei dem Gedanken, dieses Volk könne sich von ihnen emanzipiren und statt ihrer Parteigänger seine eignen Vertreter ins Parlament schicken. Es sind sehr ehrwürdige Traditionen, die in Preußen den Staat, das ist den König mit seiner Bureaukratie, mit einem Heiligenschein überstrahlt und ihn zu einem höhern Wesen, ja zum Gott gemacht haben. Aber es sind sehr irdische Verhältnisse, die diesem Idealbilde Macht über die Gemüter und Geltung verschaffen auch noch in einer Zeit, wo ihm die Wirklichkeit nicht mehr entspricht und nicht mehr entsprechen kann. Wie alle andern Zweige des öffentlichen Lebens, so hat die Bureaukratie auch das Lehramt an sich gerissen; sie ist nicht allein unsre Beherrscherin, sondern auch unsre Ecclesia docens. Wie der katholische Laienstand in kirchlichen Dingen, so haben wir Unterthanen in weltlichen Dingen nur zu hören; unsre Beherrscher sind zugleich unsre Lehrer, die uns unsre Begriffe machen. Diese unsre Lehrer, die Universitätsprofessoren, sind Glieder der herrschenden Körperschaft, des Staates, und sie werden sich hüten, einen andern Begriff vom Staate in Umlauf zu bringen als den, der ihnen selbst am meisten frommt. Der Ketzer gegen den orthodoxen Staatsbegriff wird nicht verbrannt, aber zum Hungertode verurteilt; eine Anstellung bekommt er nicht, seine Ansichten wagt keine Zeitung oder Zeitschrift zu veröffentlichen, seine Bücher nimmt kein Verleger an, und er ist verloren, wenn er nicht einer vom Staate unabhängigen machtvollen Körperschaft angehört, wie die katholische Kirche noch eine ist, und wie die in der Sozialdemokratie organisirte Arbeiterschaft zu werden im Begriff steht. Nach unsern Staatsrechtslehrern wäre der Staat das organisirte Volk. Das sollte er allerdings sein, aber er ist es nicht. In den romanischen Ländern und in Rußland ist der Staat weiter nichts als ein Schmarotzergewächs, das am Marke des Volks zehrt und es aussaugt. In Österreich und Deutschland strebt er demselben Ziele zu; mehr und mehr fallen Staat und Volk auseinander. Organisirt waren die Völker, war namentlich das deutsche Volk im Mittelalter. Da konnte man von einem Körper, von Organen und Organismus reden. Durch seine Innung war der Handwerker, durch seine Gilde der Kaufmann, durch seine Gemeinde der Bauer, durch seine geistliche Korporation der Geistliche in den Gesamtkörper eingefügt. Jeder befand sich an seinem Platze und diente durch seine Berufsarbeit zunächst dem engern Verbande, dem er angehörte, und hierdurch dem Ganzen. Sein persönliches Interesse fiel mit dem seiner Berufsgenossen zusammen, und es machte dabei keinen Unterschied, ob er arm oder reich war; Vermögensgegensätze wie die heutigen gab es überhaupt nicht. So war jeder als Glied dem Ganzen eingefügt. Selbst Hegel hat diese Bedeutung der Innung noch anerkannt. Heute sind wir Flugsand, nicht Glieder eines Leibes. Nicht einmal seinen Ort hat der einzelne mehr, wo er einem Gliede eingefügt werden könnte, wenn es eins gäbe. Es ist wahr, sein Name steht in der Leipziger Steuerrolle und nicht in der Berliner, aber er kann in jedem Augenblicke seine Arbeit verlieren oder von einem höhern Lohnangebot nach Berlin gelockt werden; dann wird er eben aus einer Liste in die andre übertragen. Ein Beamter hat sich eben in Straßburg eingerichtet, kaum ist er warm geworden, so wird er nach Königsberg geschleudert. Daß die Handwerker, unter denen er lebt, seine Besoldung aufbringen, und daß sie Geld verdienen müssen, wenn sie Steuern zahlen sollen, daran denkt der Beamte nicht mehr, selbst wenn er nicht königlicher, sondern städtischer Beamter ist; er kauft seine Kleider, seine Möbel, seine Zigarren im Berliner Warenhause des Beamtenvereins, und bei den Handwerkern und Kaufleuten seines Wohnorts nur dann, wenn er kein Geld hat, um bar zu bezahlen. Was bleibt den ruinirten Handwerkern und Krämern der kleinen Orte übrig? Sie müssen nach Berlin ziehen, und sehen, ob sie dort Arbeit oder Anstellung finden, wo der Staat, der alles Leben an sich zieht, seinen eigentlichen Wohnsitz hat. Schon darum hat der moderne Mensch keinen eignen Ort mehr, wo er irgend einem Gliede der Gesellschaft eingefügt sein könnte, weil er meistens kein eignes Haus besitzt. Die Zahl der Hausbesitzer wird im Verhältnis zur steigenden Einwohnerzahl täglich kleiner. In der Großstadt haben wir auf der einen Seite ein paar hunderttausend Menschen, die von den Stürmen des Waren- und Arbeitsmarktes wie Triebsand herumgewirbelt und aus einer Mietkaserne in die andre gejagt werden, auf der andern ein paar hundert Hausbesitzer, die so wenig wie jene an den Ort gebunden sind, sondern den Mietzins ihrer Häuser, wenn es ihnen so paßt, in Paris oder an der Riviera verzehren können. Höchster Anerkennung ist es wert, daß der preußische Staat durch seine Städteordnung, später durch die Kreis- und Landgemeindeordnung die in der absolutistischen Zeit teils zerstörte, teils verrottete Selbstverwaltung der Gemeinden einigermaßen wiederbelebt hat. Dagegen sind alle Anläufe zur Wiederherstellung der noch wichtigern berufsgenossenschaftlichen Gliederung teils erfolglos geblieben, teils ins Gegenteil umgeschlagen. Nicht anders ist es den Bemühungen um Befestigung des Besitzes der Mittelklassen ergangen, die, wenn sie gelungen wären, immerhin einen Damm gegen den Flugsand aufgerichtet haben würden. Als klassisches Beispiel möge die Spiritussteuer erwähnt werden, die die mittelgroßen Grundbesitzer durch Begünstigung ihrer Brennereien schützen sollte, sie aber, wie sie klagen, vollends umgebracht hat, während die gewaltigen Steuervergünstigungen fast ausschließlich den großen Brennereien oder vielmehr deren ohnehin reichen Besitzern zugute kommen und diese noch reicher machen. Es liegt im Wesen der rein mechanisch gefügten Bureaukratie, daß alles, was sie schafft, nicht organischer Natur ist, sondern auf eine rein mechanische Über- und Unterordnung hinausläuft, bei der die untergeordneten Teile nur durch Zwang an der ihnen willkürlich angewiesenen Stelle festgehalten werden. Diese rein mechanische Schichtung entspricht durchaus der sozialen oder vielmehr unsozialen Entwicklung unsrer Zeit, die alle gesellschaftlichen Organismen auflöst und die Menschen in die beiden Schichten der Armen und der Reichen zusammenschwemmt, deren eine durch den Hunger gezwungen wird, der andern zu dienen. Es wäre widernatürlich, wenn sich diese beiden parallelen Schichtungen nicht verschmelzen und gegenseitig durchdringen sollten: die Bureaukratie und die Reichen verbünden sich zur Beherrschung und Darniederhaltung der Armen. Aber die Bruchfläche der Schichtung liegt nicht etwa unterhalb der Bureaukratie, sondern geht mitten durch sie hindurch. Vorläufig allerdings läßt sich das erst in einem Zweige der Staatsverwaltung erkennen, in der Postverwaltung, wo die Behörden alle Hände voll zu thun haben, das Streben der Subalternen und Unterbeamten nach Organisation in einem Verein zu unterdrücken. Das ist ein Vierteljahr vor der Reichstagsdebatte vom 3. bis 6. März geschrieben. Der Abgeordnete von Keudell meinte da, der Staatsbeamte – jedenfalls hatte der Herr zunächst die Subaltern- und die Unterbeamten im Sinne – müsse auf einen Theil seiner staatsbürgerlichen Rechte verzichten. Noch charakteristischer war eine Äußerung des Reichspostmeisters. Man fand es unbillig, daß die Postassistenten nicht in höhere Stellen befördert werden dürfen, und Stöcker wies auf England hin, wo nicht darnach gefragt werde, was einer für Schulen besucht habe, sondern was er könne. Darauf erwiderte Herr von Stephan: »Es ist überall ein Unterschied zwischen höherer und niedrer Karrière; eine andre Organisation ist nicht möglich; vor den englischen Beamtenverhältnissen bewahre uns der Himmel!« aber es kann nicht fehlen, daß diese ganz natürliche Bewegung allmählich in die andern Verwaltungszweige übergreift. Auch hier wiederum muß anerkannt werden, daß die Hohenzollern redlich bemüht gewesen sind, dieser Entwicklung vorzubeugen und Schirmherren des gemeinen Volks wider reiche Unterdrücker zu sein, allein gegen diesen gewaltigen Zersetzungsprozeß haben sie nichts auszurichten vermocht. Wie furchtbar ist doch die dadurch geschaffene Lage! Der Freiherr von Stumm hat es offen im Reichstag ausgesprochen, daß er die Arbeiterfrage als reine Machtfrage auffasse, und er hat die Regierung aufgefordert, von ihrer Macht rücksichtslos Gebrauch zu machen. Sehr einflußreiche Preßstimmen haben ihm beigepflichtet, und keine der bürgerlichen Parteien hat dieser Auffassung mit Nachdruck widersprochen. Das heißt also: die Lohnarbeiter, die zur Zeit die kleinere Hälfte der Bevölkerung bilden und vielleicht schon nach zehn Jahren die größere bilden werden, denen sich möglicherweise auch zahlreiche Kleinbürger, Kleinbauern und Unterbeamte anschließen, diese Lohnarbeiter wollen unter den bisherigen Bedingungen nicht mehr weiter schaffen und dienen, und der Staat soll sie zwingen, es zu thun. Sein Zwangsmittel ist sein Heer. Dieses Heer besteht zur Hälfte aus Söhnen der rebellischen Klasse. Die Entscheidung hängt also davon ab, ob diese bereit sind, ihrem Eide getreu, auf ihre Brüder, Väter und Mütter zu schießen, wenn es ihnen befohlen wird. Nur eins giebt es, was dem Eide Kraft verleiht, das ist der Glaube an den lebendigen persönlichen Gott, und zwar ein Glaube, der sich auf keine Kasuistik einläßt und nicht untersucht, ob ein Eid auch dann binde, wenn man mit Berufung auf ihn zu einer Handlung gezwungen wird, der nicht allein die Empfindung, sondern auch das Gewissen widerstrebt. Und auf dieses dünnen Messers Schneide gedenkt man die Gesellschaftsordnung und den Staat zu bauen, ein Jahr nachdem der große Entrüstungssturm die »Auslieferung der Schule an die Kirche« verhütet hat, während doch der einfältigste Kirchenglaube allein jene unbedingte Eidestreue sichern kann, für die es auf freigeistigem Standpunkte gar keine Möglichkeit vernünftiger Begründung giebt! Das ist die Frucht der schrankenlosen Zentralisation! Im Altertum, im Mittelalter verlief der gesellschaftliche Lebensprozeß in kleinen Kreisen. Mochte immerhin bald hier bald dort eine kleine Revolution ausbrechen, sie bedeutete nur ein Entwicklungsfieber des einzelnen kleinen Gemeinwesens, in dem sie sich ereignete; sie wirkte wohl auch als Lebenswecker, und die von ihr geschlagnen Wunden hatten nicht mehr zu bedeuten als Hautritze, die sich ein kräftiger Knabe beim Spielen oder Turnen holt, der Volkskörper im ganzen aber wurde davon gar nicht berührt. Nachdem der Staat alle diese kleinen selbständigen Organisationen zerstört und sich alle Seelen eines Fünfzigmillionenvolks unmittelbar unterthan gemacht hat, findet sich nun das Volk in zwei Massen geteilt, die Herrschenden und die Beherrschten, die sich in Todfeindschaft gegenüberstehen. Bedenkt man nun noch die Vervollkommnung unsrer Mordwaffen und Zerstörungswerkzeuge, so muß man sagen: der Bauernkrieg des sechzehnten Jahrhunderts und die französische Revolution sind Kinderspiele gewesen gegen das, was wir erleben würden, wenn die bestehende Spannung eine gewaltsame Lösung fände. Wahrscheinlich ist es allerdings nicht, daß es zu einer solchen kommt. Eine große Zahl der Armen wird teils durch religiöse, teils durch patriotische Bedenken, teils durch die Unklarheit über die Quelle ihres Elends, teils durch Stumpfsinn und das Übermaß von Abhängigkeit vom Anschluß an die Umsturzpartei zurückgehalten. Allein der Gedanke an die Verkümmerung und an das Elend, dem die Masse unsers Volks verfallen muß, wenn die herrschenden Kreise ihre Herrschaft uneingeschränkt aufrecht erhalten, ist noch schrecklicher und widerwärtiger als der an ein ungeheures Blutbad und den Zusammenbruch der bestehenden Ordnung. Denn aus dem Chaos kann ein neues lebenskräftiges Volk wiedererstehn, nicht aber aus dem Sumpfe der Verkümmerung, Noch eine höhere Würde hat man dem Staate zugedacht, als die, das organisirte Volk zu sein: er soll die sittliche Idee verwirklichen. Zunächst nun wird wohl kein Mensch behaupten wollen, daß er diese Aufgabe außerhalb Preußens irgendwo erfüllt hätte. Alle, die Frankreich und Italien genauer kennen, loben die liebenswürdigen und achtungswerten Eigenschaften des Volks dieser Länder. Was dort Häßliches und Schmutziges geschieht, gehört dem politischen Leben an. Vom moralischen Gesichtspunkte aus gesehen, ist dort der Staat die große Eiterbeule am Volkskörper, wie er in wirtschaftlicher Beziehung ein Schmarotzer ist. In Nordamerika steht es ähnlich. Die südamerikanischen Regierungen sind Räuberbanden, die auch nicht einmal den Schein zu wahren nötig finden. Den englischen Staat haben wir im vierten Kapitel beleuchtet. Vom russischen zu sprechen ist nicht der Mühe wert. Wenn es zu einer Zeit, wo die meisten deutschen Fürsten und Regierungen ungefähr so waren, wie sie Schiller in Kabale und Liebe darstellt, in Preußen anders stand, so ist das den ausgezeichneten Eigenschaften des Hohenzollernhauses zu verdanken und dem Umstände, daß die Hohenzollern in ihrer Mark das zugleich tüchtige und fügsame Material fanden für jenen berühmten Beamtenstand, den sie sich erzogen haben. Dieser Beamtenstand war nicht das Volk, und seine guten Eigenschaften waren noch nicht die moralische Vollkommenheit, aber es ist keine Frage, daß diese Rechtschaffenheit, Arbeitsamkeit und Pflichttreue vom vorteilhaftesten Einflüsse auf den Volkscharakter gewesen sind. Nur darf man nicht erwarten, daß jemals ein Hohenzoller der Zukunft das vielgestaltige deutsche Fünfzigmillionenvolk werde modeln können, wie der große Kurfürst seine anderthalb Millionen Halbslawen gemodelt hat! Nie äußere Macht des preußischen Königs ist ins Ungeheure gestiegen, und er könnte wohl wen er wollte zerschmettern; sein Einfluß aus die Geister und Gemüter ist sehr gering. Zum Lehrsatz wurde diese erhabne Ansicht vom Staate in einer Zeit erhoben, wo der preußische Staat kaum mehr vorhanden war. Als es sich darum handelte, das deutsche Volk von der Schmach und dem Druck der französischen Fremdherrschaft zu erlösen, da fanden Fichte und die ausgezeichneten preußischen Staatsmänner, daß nur sittliche Erhebung den Schwung und die Kraft zum Befreiungswerke zu verleihen vermöchten, und sie fanden im ganzen deutschen Vaterlande keine Körperschaft, die es hätte unternehmen können, im Volke die sittlichen Eigenschaften zu pflegen, es anzuregen und zu begeistern, als die bewährte preußische Bureaukratie, geradeso wie unter den schwachen Nachkommen Karls des Großen die Reichsversammlungen außer der Hierarchie keine festgefügte und einigermaßen zuverlässige Körperschaft fanden, von der die Wiederherstellung der zerrütteten bürgerlichen Ordnung zu erwarten gewesen wäre. Nun hat auch jener gewaltige Schwung und Stoß, den sich die preußische Bureaukratie damals selbst gegeben hat, sehr günstig nachgewirkt bis in unsre Tage, aber die theoretische Verallgemeinerung jener großen sittlichen That war ein gefährlicher Irrtum. An andrer Stelle habe ich ausgeführt, daß der Staat unmöglich die Verwirklichung der sittlichen Idee sein könne, weil er ja auf Zwang, die Sittlichkeit aber auf Freiheit beruht. Noch gefährlicher wurde der Irrtum durch die Verquickung der Staatsidee mit Hegels Pantheismus, Wenn die Welt ein sich selbst fortwährend verschlingendes und wiedergebärendes Ungeheuer und die Menschenseele nur ein aufflammender Funke in seinem Lebensprozesse ist, dann ist allerdings alles Daseiende vernünftig, darum auch sittlich, und das stärkste der vorhandnen Wesen, in unsrer Zeit der Staat, ist zugleich auch das sittlichste, ja die verkörperte Vernunft und Sittlichkeit. Die Wirklichkeit darf weder durchaus vernünftig noch durchaus unvernünftig sein. Im zweiten Falle könnte sich gar keine Einzelvernunft entwickeln. Im ersten Falle fände die Einzelvernunft nichts zu thun, als sich in ihrer Umgebung müssig zu bespiegeln, während es doch ihre Aufgabe ist, sich durch Überwindung des Unvernünftigen in ihrer Umgebung durchzusetzen. Wie man leicht einsieht, entspricht diese Auffassung auch dem Darwinismus. Daraus folgt nun einerseits, daß der Staat das Recht hat, zu erzwingen, was ihm beliebt, und daß niemand das Recht hat, mit Berufung auf sein Gewissen ihm den Gehorsam zu verweigern; andrerseits folgt daraus das absolute Recht der Revolution, indem zwar der Widerspruch des einzelnen seiner Ohnmacht wegen unsittlich ist, sobald aber eine Volksmasse die alte Regierung stürzt, diese sofort den Staat bildet und, sofern sie sich nur behauptet, ihrerseits wieder die Vernunft und die Sittlichkeit verkörpert. Damit ist aber der Unterschied zwischen Sittlichem und Unsittlichem und daher die Sittlichkeit selbst aufgehoben. Sittlich heißt jetzt, was das Staatsgesetz bestehlt; das Staatsgesetz wird entweder von einem Fürsten, oder von dessen Dienern, oder von einer Parlamentsmehrheit willkürlich gemacht und geändert, sodaß heute für unsittlich gilt, was gestern noch sittlich war und umgekehrt. Der Christ glaubt gleich den alten Juden und den griechischen Heiden an die Unwandelbarkeit der sittlichen Ideen und Forderungen, und daß sie von dem persönlichen Gott den persönlichen und unsterblichen Menschenseelen eingepflanzt seien, und die Erfahrung giebt dieser Auffassung Recht. Ihre scheinbare Wandelbarkeit rührt nur daher, daß die Menschheit je nach Völkern und Zeiten bald auf diese bald auf jene sittliche Idee größeres Gewicht legt. Die alten Griechen haben den Totschlag schwer und den Ehebruch leicht, die alten Germanen den Totschlag leicht und den Ehebruch schwer genommen, aber weder diesen noch jenen ist es beigekommen, daran zu zweifeln, daß Totschlag und Ehebruch Sünden und sogar Verbrechen, d. h. solche Sünden seien, über die nicht allein Gott und das Gewissen, sondern auch die weltliche Obrigkeit zu richten hat. Nach modern pantheistischer Auffassung ist der Staat die Quelle des Rechts und der Herr der Gewissen; nach der alten gläubigen ist die Obrigkeit nur Hüterin des unabhängig von ihr von oben gegebnen Rechts, und sie hat die Pflicht, nicht die Sittlichkeit zu verwirklichen, das können nur die einzelnen Personen jede für sich, sondern ihre Gesetze und Verordnungen mit den Forderungen der Sittlichkeit in Einklang zu bringen oder wenigstens nichts anzuordnen, was dagegen verstößt. Nach jener Ansicht fallen Loyalität und Sittlichkeit in eins zusammen, und der Übertreter eines Staatsgesetzes ist ein unsittlicher Mensch, nach dieser bleiben sie gesondert, und der einzelne darf die Staatsgesetze der Kritik seines sittlichen Urteils unterwerfen. Nicht bloß der Sittlichkeit, sondern auch dem Staate gereicht jene Vermischung zum Verderben. Staatsmänner und Behörden kommen sehr oft in die Lage, zu wählen zwischen einer dem Staat oder Volke nützlichen aber ungerechten oder sonst unsittlichen Maßregel und einer gerechten, die aber dem Staate weniger nützt oder ihm sogar schadet. Zuweilen ist der Nutzen einer ungerechten Maßregel für den Staat nur Schein, wenn auch ein sehr blendender Schein. In solcher Lage erweist sich nun der eine Staatsmann als ein Aristides, der andre als ein Themistokles. Das Volk zieht gewöhnlich die Themistoklesse vor und erteilt ihnen gern Absolution für eine bedenkliche Maßregel. Dadurch wird die Sittlichkeit nicht untergraben, denn man hört nicht auf, das Böse böse zu nennen, wenn man sich auch seine Früchte schmecken läßt, aber auch der Staat wird nicht gefährdet, denn weil der Begriff des sittlich Bösen unverdunkelt bleibt, macht sich jeder ein Gewissen daraus, etwas gegen Staat und Obrigkeit zu unternehmen. Der Gewissenhafte wird ein Gesetz oder eine Maßregel des Staates, die er für ungerecht hält, laut schelten und auf ihre Änderung dringen, er wird sich lieber einsperren oder verbannen lassen, als daß er sich einem solchen Gesetze beugte oder gar zu seiner Durchführung mitwirkte, aber er wird nicht die Hand gegen die Obrigkeit erheben und sich nicht zu ihrem Sturze verschwören, eingedenk des apostolischen Wortes, daß jede Obrigkeit von Gott sei, und daß man nicht allein den guten, sondern auch den bösen Herren gehorchen müsse, eingedenk auch der Erfahrung, daß für gewöhnlich eine schlechte Obrigkeit immer noch besser sei als gar keine. Wer dagegen dem Glaubenssatze huldigt: sittlich ist, was das Staatsgesetz gebietet, unsittlich, was es verbietet, der braucht bloß mit Hilfe von Mehrheiten, die er per fas et nefas zusammenbringt, neue Gesetze zu machen (»wo wir kein Recht haben, da machen wir ein Gesetz«) und sofort wird sittlich erlaubt, was ihm beliebt. Kann er aber unter dieser Regierung die Mehrheit, die er wünscht, nicht zusammenbringen, so – stürzt er die Regierung. Was sollte ihn davon abhalten? Das Seiende ist vernünftig, der Stärkere hat Recht! Im Kulturkampf ist dieser theoretische Gegensatz der Auffassungen vom Staat praktisch geworden. Die liberalen Parteien suchten den passiven Widerstand der Katholiken gegen die Maigesetze als unmoralisch zu brandmarken, obwohl ohne Zweifel der Richter vor jedem Geistlichen, den er wegen maigesetzwidriger Amtshandlungen verurteilen mußte, Hochachtung empfunden hat und den Mann verachtet haben würde, wenn er anders gehandelt hätte. In Frankreich haben aus einem ähnlichen Anlaß hundert Richter ihre Ämter niedergelegt, weil sie zur Ausführung eines Gesetzes, das sie als materiell ungerecht erkannten, nicht mitwirken wollten. Dagegen zweifle ich nicht im geringsten daran, daß die Herren, die am lautesten über die »Vaterlandslosigkeit« und »Staatsfeindschaft« der »Römlinge« geschrieen haben, keinen Augenblick anstehen würden, eine ihnen widerwärtige Regierung und selbst die Dynastie zu stürzen, wenn das nicht unter den heutigen Umständen zu gefährlich wäre. Einstweilen hat ein großes nalionalliberales Blatt vor etwa anderthalb Jahren seine Leser wenigstens daran erinnert, daß der Monarchismus der Liberalen doch eigentlich nur ein Vernunftmonarchismus sei. Wenn einer menschlichen Veranstaltung Aufgaben gestellt werden, die wider ihre Natur sind, so erfüllt sie nicht nur diese nicht, sondern verfehlt meistens auch solche, die ihr wirklich obliegen. Unter den sittlichen Ideen giebt es eine, die in bescheidnem Umfange zu verwirklichen stets zu den Pflichten der bürgerlichen Gewalten gerechnet worden ist und gerechnet werden konnte, weil die ihr entfließenden Handlungen und Unterlassungen erzwingbar sind: die des Rechts oder der Gerechtigkeit. Wie stehts damit im modernen Staat? Wie stehts zuvörderst im Gebiete der Strafrechtspflege? Wenn heute schon eine arme Frau, die Waldbeeren pflückt, wegen Diebstahls verurteilt werden kann, und wenn die mehrfache Wiederholung kleiner Diebstähle ins Zuchthaus führt, so finden darin die Lobredner des modernen Staates eine wunderbare Erhöhung und Verfeinerung der Sittlichkeit. Denn, sagen sie, das Gebiet des Erlaubten wird immer weiter eingeschränkt; und so sind wir Heutigen denn viel besser als unsre Väter, da wir unzählige Dinge für unerlaubt halten, die jenen noch für erlaubt galten. In Wirklichkeit liegt aber nichts vor als im ersten Falle die Beschönigung einer Ungerechtigkeit, im zweiten eine grobe Fälschung des sittlichen Urteils. Es ist eine schwere Ungerechtigkeit gewesen, daß man den ursprünglichen Gemeinbesitz in den Privatbesitz weniger hat übergehen lassen, ohne der zahllosen ursprünglich Erbberechtigten, nun aber Enterbten zu gedenken. Und mit dem Pilze- und Beerenparagraphen, der die dürftigen Reste des ursprünglichen Mitbenutzungsrechts der Armen zum Diebstahl stempelt, hat man das Maß der Ungerechtigkeit voll gemacht. Was aber die kleinen Diebstähle aus Not anlangt, so mag es allerdings heute vorkommen, daß eine Mutter, die zur Stillung des Hungers ihrer Kinder ein Brot stiehlt, dabei zittert, als beginge sie das größte Verbrechen; weiß sie doch, daß wer einmal wegen Diebstahls verurteilt ist, in neun von zehn Fällen im Sumpf des Lumpenproletariats untergeht. Aber wenn es nicht bloß Furcht vor den Folgen ist, was sie erzittern macht, sondern Zartheit des Gewissens, so ist dieses zarte Gewissen ein irriges Gewissen. Die katholische Moral lehrt, daß, wer in äußerster Not von dem Vorrat eines andern so viel nimmt, als zur Erhaltung seines Lebens nötig ist, damit keinen Diebstahl begeht, und Friedrich der Große spricht in einem Briefe an d'Alembert dieselbe Ansicht aus, mit folgender ganz richtigen Begründung: »Die Bande der Gesellschaft beruhen auf der Gegenseitigkeit der Dienste. Wenn diese Gesellschaft aus mitleidlosen Seelen besteht, sind alle Verpflichtungen gelöst; man kehrt in den reinen Naturzustand zurück, wo das Recht des Stärkern entscheidet.« Für den vorliegenden Fall würde der Schlußsatz passender lauten: »wo sich jeder vom ersten besten nährt, was er findet.« (Preußische Jahrbücher, Augustheft 1892, S. 218.) Und wie stumpf müssen die Gewissen geworden sein, wenn sich ein Gerichtshof so verhält, wie in der »Neuen Zeit,« 1892-93, S. 650 erzählt wird! Es handelt sich um die Beleidigung einer Klique von Zeitungschreibern. Der eine der Beleidigten hat als Handelsredakteur faule Gründungen empfohlen, an denen er selbst beteiligt war, und hat zu diesem Zwecke notorisch falsche Angaben gemacht. Das hatte der Beleidiger »bedenkliche Börsenmanöver« genannt. Der Gerichtshof glaubte jedoch den bezeugten Thatsachen »keine Beachtung schenken zu sollen« und fragte nur, wie hoch die Gründergewinne gewesen seien, was ihm natürlich nicht beantwortet werden konnte. Auch bei Beratung der Wuchergesetznovelle zeigte es sich wiederum, daß unsre Gesetzgeber den sittlichen Maßstab verloren haben. Die einzigen, die in diesem Punkte, wie nebenbei bemerkt, auch bei Behandlung der Sonntagsruhe und der Prostitution, die christlichen Grundsätze geltend machten, waren – die Sozialdemokraten. Sie hoben hervor, daß von allen Arten des Wuchers der Lohndruck die schlimmste sei; ist es doch nach der Bibel eine himmelschreiende Sünde, den Arbeitern den verdienten Lohn zu entziehen. Daher ist die ganze aus England stammende Behandlung der Arbeit als einer um möglichst niedrigen Preis zu erstehenden Handelsware, wobei gar nicht mehr darnach gefragt wird, was der Mann für seine Leistung verdient , ein Wuchersystem. Der Fall, der den Gesetzgebern am meisten am Herzen liegt, verdient gar keine Beachtung. Wenn ein leichtsinniger junger Mann Spiel- und Trinkschulden macht und dann dem Halsabschneider ins Messer fällt, der »aus seiner Not und Unerfahrenheit Vorteil zieht,« so ist der Lump den Gauner wert, und der Gesetzgeber hat gar keine Veranlassung, sich des ersten gegen den zweiten anzunehmen. Der Gauner kann noch für sich geltend machen, daß sich kein vernünftiger Mensch in ein so unangenehmes und riskantes Geschäft einlassen wird ohne Aussicht auf hohen Gewinn. Nach christlichem, schriftmäßigem Begriff ist jeder Zins für ein Gelddarlehn Wucher, gleichviel ob zwanzig oder zwei Prozent gefordert werden, wenn es sich nicht um Produktivkredit , sondern um Hilfe in der Not handelt. Und wie stehts um die Verwirklichung des Eigentumsrechts im Zivilprozeß? Es giebt nur einen sittlich begründeten Anspruch auf Eigentum, das ist der aus der Arbeit. Alle andern Ansprüche sind aus diesem abgeleitet, andernfalls sittlich bedenklich oder geradezu unsittlich. Heute nun steht bei uns die Sache so, daß die unbegründetsten Eigentumsrechte am besten geschützt werden, während das auf Arbeit begründete Eigentum in vielen Fällen nahezu schutzlos dem Raube preisgegeben ist. Statt aller Ausführungen zitire ich nur eine Stelle aus Gieses bei Fr. Wilh. Grunow erschienenen Schrift: »Die Juden und die deutsche Kriminalstatistik.« Der Verfasser spricht S. 40 über den Bauschwindel. »Alle Welt entrüstet sich darüber, aber die Bauunternehmer und Geldgeber treiben unbehelligt, ja unter dem Schutze der bestehenden Gesetze, ihr Wesen weiter. Sie häufen Millionen auf Millionen, plündern unsern ehrenfesten Handwerkerstand aus, und wenn sich die Gerichte ja einmal mit diesen erbaulichen Dingen zu befassen haben, so geschieht das, wenn etwa ein Schlossermeister in seinem sehr begreiflichen Grimme dem Bauunternehmer die wohlverdiente Tracht Prügel zugemessen hat. Dann wird unser Meister wegen Körperverletzung verdonnert.« Vielleicht war es die Scham über diesen Mißerfolg innerhalb der Grenzen ihrer Zuständigkeit, was die Staatsbehörden und die Gesetzgeber angetrieben hat, außerhalb nur desto eifriger Lorbeeren zu suchen. Mit aller Wucht haben sich in den letzten zwanzig Jahren Gesetzgeber und Polizei darauf verlegt, das deutsche Volk keusch zu machen. Das heißt, das Wort Unkeuschheit wird nicht ausgesprochen, sei es aus einem Übermaß von Prüderie, oder damit nicht ein Spötter frage, warum der Staat nicht auch die Undankbarkeit und die Liederlichkeit bestrafe. Man nennt die Unkeuschheit Unsittlichkeit und vergrößert dadurch die ohnehin schlimme Verwirrung, indem man einen Teil, der nur in der Sittlichkeit des Weibes zentrale Bedeutung hat, fürs Ganze nimmt und die Vorstellung erweckt, als ob ein Wucherer, ein Schwindler, ein grausamer Despot ein sittlicher Mensch sei, solange er nur keine Unkeuschheitssünde begeht. Das Verhältnis der Geschlechter zu einander ist allerdings eine materia mixta und geht den Staat in mehr als einer Beziehung an. Es könnte nun gezeigt werden, daß unsre heutige deutsche Obrigkeit, während sie einerseits weit über ihre Zuständigkeit hinausgreift, andrerseits auch in diesem Punkte wichtige Pflichten vernachlässigt, die ihr wirklich obliegen. Ich beschränke mich jedoch auf die Bemerkung, daß ihr Scheinerfolg ebenso glänzend wie der wirkliche kläglich ist. Der Scheinerfolg war leicht zu erringen, denn es giebt nichts, was eine Regierungsgewalt wie die deutsche nicht aus dem Tageslicht entfernen könnte, wenn sie es entfernen will. Und so kann denn eine ältliche englische Miß alle Straßen und Gäßlein des deutschen Vaterlandes, mit alleiniger Ausnahme der Berliner Schloßbrücke, ohne Anstoß durchwandeln, während sie vor vierzig, fünfzig Jahren, wo sich auf der Straße weder Mensch noch Vieh einen Zwang anthat, aus dem Entsetzen nicht herausgekommen wäre. Zwar behaupten die Befürworter der lex Heinze, es werde immer noch viel Schändliches ausgestellt und gedruckt, allein diese Herren müssen mehr Glück oder Geschick im Finden haben als ich; mir ist außer den Schloßbrückenpuppen und allgemein bekannten Schriften unsrer Klassiker seit Jahren nichts vor die Augen gekommen, was gegen jene Bestimmungen verstieße, die jetzt verschärft werden sollen. Zwar Unsittliches im wirklichen Sinne des Worts wird genug gedruckt; vielleicht die Mehrzahl der belletristischen und publizistischen Erscheinungen ist geeignet, das sittliche Urteil zu verwirren und zu verderben, indem darin häufig das Gute als böse, das Böse als gut dargestellt oder mit allerlei Scheingründen entschuldigt wird; ist es doch sogar unserm Schiller mit seinem feinen und strengen sittlichen Takte begegnet, daß er einen Meuchelmörder verherrlicht. Aber um über solche Dinge ein Urteil zu fällen, ist die Polizei zu dumm, und sollten die Gerichte darüber urteilen, so müßten sie alle Tage Nachtsitzungen halten. Es kann also bloß das Nackte und in der Poesie das sogenannte Erotische gemeint sein. Wenn aber die Gesetzgeber dieses meinen, dann müssen sie es auch sagen und müssen so deutlich sprechen, wie die alten deutschen Volksgesetze gesprochen haben, wenn sie solche Dinge behandelten, damit der Richter, der Polizist und der Unterthan wissen, woran sie sind; jetzt weiß es keiner von den dreien. Also, der Scheinerfolg ist glänzend. Wie kläglich der wirkliche Erfolg ist, weiß alle Welt. Und dieser Mißerfolg entspricht einer alten Erfahrung. Zügellosigkeit macht zuweilen das Einschreiten der Zwangsgewalt des Staates notwendig. Allein, will dieser mehr erzwingen als den äußern Anstand, Schutz der Frauen und Kinder vor Vergewaltigung und die Erfüllung der aus geschlechtlichen Verhältnissen entspringenden Verbindlichkeiten, so vermindert er nicht die Zahl der Laster und Verbrechen, sondern zerstört bloß die Heiterkeit und Anmut, die Schönheit und Poesie des Lebens. Innerliche Besserung, Reinigung und Erhebung anzustreben, ist Sache der Kirchen, der Kunst und Wissenschaft, der Familie, der Korporationen. Nun würde man gern mit dem Spruche: in magnis voluisse sat est über den Mißerfolg hinwegsehen, die Kompetenzüberschreitung mit dem guten Zweck entschuldigen und die Reichsregierung ob der edeln Kühnheit ihres Wagnisses preisen, wenn sie nur wirklich kühn zu sein gewagt hätte. Aber bis auf den heutigen Tag hat sie das noch nicht gewagt, was sie eigentlich will oder nach ihren Gesetzen, Maßregeln und Anordnungen zu wollen scheint. Worauf sie augenscheinlich abzielt, das ist die Unterdrückung jedes außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Zu diesem Zweck müßte sie die Prostitution, den Besuch Prostituirter, die Geburt unehelicher Kinder und die Urheberschaft dieser Geburten unter Strafe stellen. Es gereicht der Heinze-Kommission zum Ruhm, daß sie in zwei Punkten die Kühnheit bewiesen hat, die Gesetzgebung und Regierung bisher haben vermissen lassen, und zwar in zwei Punkten, die ganz unzweifelhaft zur Kompetenz der weltlichen Obrigkeit gehören, so daß sie also doppeltes Lob verdient. Sie beantragt die Bestrafung solcher Männer, die ihre Gewalt als Brotherren zur Befriedigung sinnlicher Gelüste mißbrauchen, und solcher, die eine Frauensperson mit der Syphilis anstecken. Statt dessen erklärt sie das Vermieten von Wohnungen an Prostituirte für strafbar und die Richter verurteilen eine Witwe »wegen Kuppelei,« weil sie der Braut ihres mündigen selbständigen Sohnes, die an den Weihnachtsfeiertagen zum Besuch da war, das Übernachten in der gemeinsamen Familienwohnung gestattet hat! Die Heinzekommission hat mit schwacher Mehrheit einen Antrag angenommen, wonach das bloße Vermiethen von Wohnungen an Prostituirte straflos bleiben soll. Dagegen wird es auch in Zukunft als schwere Kuppelei bestraft werden, wenn die Eltern dem Kinde Gelegenheit zu intimerem Verkehr mit dem oder der Verlobten geben. Und da pflichteifrige Richter im Nichtverhindern schon die Gelegenheitsmacherei sehen werden, so dürfen Liebespaare keine fünf Minuten mehr allein gelassen werden, wenn sich die Eltern nicht der Gefahr des Zuchthauses aussetzen wollen. Demnach wird im weiten deutschen Reich kein Schäferstündchen mehr vorkommen, und wenn die Richter folgerichtig sein wollen, so müssen sie auch die ganze Liebeslyrik samt der verwandten Novellistik und Dramatik ausrotten. Die jetzt viel erörterte Frage nach der Zukunft unsrer Litteratur würde dadurch sehr vereinfacht werden. Bestraft wird also, nicht wer die zu verhindernde Handlung begeht, sondern wer den Begehenden Obdach gewährt, und zwar häufig unter Umständen, wo er es gar nicht versagen kann. Denn wenn sich die Hausbesitzer einer Großstadt verschwören wollten, keine Prostituirten mehr einzunehmen, würden sie wahrscheinlich dazu gezwungen werden. Der Hehler ist ja gewiß oft schlimmer als der Stehler, aber bestraft kann er doch nicht werden, solange der Diebstahl erlaubt wird. Vielleicht das allerärgste an der Sache ist der Umstand, daß die Behörden das einzige Mittel, wodurch die Prostitution vermindert werden könnte, verbieten . Dieses Mittel ist eine gewerkvereinsähnliche Organisation der um Lohn arbeitenden Frauen und Mädchen, wodurch sie höhere Löhne erzwingen, der Notwendigkeit eines schimpflichen Nebenerwerbs überhoben werden und die unheimliche Macht, die Brotherren und Agenten über sie ausüben, brechen könnten. Aber sobald die Frauen dergleichen unternehmen, werden ihre Vereine verboten und die Anführerinnen bestraft, weil sie sich »mit Politik« beschäftigten! Allerdings gehört die Frau ins Haus, und auch ich halte den paulinischen Satz: mulier taceat in ecclesia für richtig. Aber heute, wo die Frauen aus dem Hause hinausgestoßen und gezwungen werden, sich mit selbständigem Erwerb durchzuschlagen, haben diese beiden Sätze ihre Berechtigung verloren. Die Mädchen und Frauen in den Kampf ums Dasein hineinstoßen und ihnen die Waffen dazu versagen, ist nicht allein unritterlich, sondern gemein und niederträchtig. In den Berliner Kellnerinnenversammlungen waren es außer den Kneipwirten Studenten der Rechtswissenschaft, unsre zukünftigen Richter, die jedesmal durch Radau die polizeiliche Auflösung herbeiführten und so eine Bewegung vereitelten, die den Zweck hatte, eine Anzahl von Mädchen vom Zwange zur Prostitution zu befreien. Das Berliner Kellnerinnenwesen, eine der schlimmsten Formen moderner Sklaverei, hat Karl Schneidt in einer 1883 im »Modernen Verlag« Berlin S W erschienenen Schrift beschrieben. Eine so unmögliche Rechtsprechung würde das Rechtsgefühl im ganzen Volke noch mehr verwirren und erschüttern, als es ohnehin schon verwirrt und erschüttert ist, wenn nicht alle solche Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt würden. Damit kommt aber der Staat vom Regen in die Traufe, da hierdurch das Vertrauen in die Rechtsprechung erschüttert wird. Früher wurde die Zuverlässigkeit der Rechtsprechung dadurch verbürgt, daß der Verurteilte an zwei Instanzen appelliren konnte, deren Mitglieder nicht Mitglieder der untersten Instanz waren, und die den Fall ganz unbefangen auf Grund der Akten prüften. Dann hat man das schriftliche Verfahren und die zwei Instanzen abgeschafft, dafür aber den Richter unter die Kontrolle der Öffentlichkeit gestellt. Und jetzt schließt man die Öffentlichkeit aus, ohne die alten Bürgschaften wieder herzustellen! Handelte es sich noch um vereinzelte Fälle einer solchen ganz unkontrollirten Rechtsprechung, so würde man sie zwar immerhin schon bedenklich, aber noch nicht gefährlich finden. Kommt aber die Ausschließung so häufig vor wie seit einigen Jahren, dann muß das Vertrauen auf unparteiisches und gerechtes Verfahren schwinden. Ein unkontrollirbare Rechtsprechung ist gar keine Rechtsprechung. Mir wenigstens erscheint jedes in geheimer Sitzung zustande gekommene Urteil als ein Willkürakt, und am allerwenigsten würde ich mich dem Schweigegebote fügen, das in solchen Verhandlungen auferlegt werden kann, ausgenommen es handelt sich dabei um wirklichen Landesverrat, z. B. um die Konstruktion eines neuen Gewehrs oder um einen Festungsplan. Eine weitere Verwirrung erleidet das sittliche Urteil durch die plötzlichen Wechsel der öffentlichen Meinung oder vielmehr der Sprache der Politiker und Publizisten, die sich auf Winke von oben vollziehen. In den letzten fünfzehn Jahren haben wir einen Wechsel von tief einschneidender Bedeutung erlebt, dessen drastische Schilderung Tausenden von Lesern großes Vergnügen bereiten, andre aber tief verstimmen würde, und da letzteres meinen Hauptzweck nicht eben fördern würde, so verzichte ich lieber darauf. Nein, der Staat hat nicht die Aufgabe, die Sittlichkeit zu verwirklichen! Alle seine höhern Töchterschulen zusammengenommen vermögen nicht ein opferfreudiges Mutterherz zu bilden, wohl aber machen die unter seiner Mitwirkung entstandnen sozialen Verhältnisse aus manchen Müttern Unholdinnen, die ihre eignen Kinder zu Tode quälen oder verkaufen; und wenn es einen Vater, der sein kleines Kind am Beinchen ergriffen und ihm den Kopf an einer Tischkante zerschmettert hat, nur mit zehn Jahren Zuchthaus bestrafen läßt, anstatt die Menschheit von einem solchen Scheusal zu befreien, so bedeutet das einen starken Rückschritt gegen das entwickelte sittliche Urteil des einfachen Mannes aus dem Volke. Am unverfälschtesten bleibt das sittliche Urteil und am sichersten der sittliche Takt bei Leuten, die mit dem Staate möglichst wenig in Berührung kommen, dagegen ist es auch bei uns in Deutschland gerade das politische Leben, das das sittliche Urteil verwirrt, die häßlichsten Leidenschaften entfesselt und aufwühlt, wenn auch, Gott sei Dank, unser Beamten- und Richterstand noch frei geblieben ist von unlautern Elementen. Was bleibt uns nun vom Staate, nachdem wir den mystischen Nebel weggeblasen haben, in den ihn die Verehrung und – Politik seiner Freunde gehüllt hat? Der Staat ist gleich den alten und mittelalterlichen Gemeinwesen die Gesamtheit der Einrichtungen, die sich ein Volk oder eine Gruppe von Völkern geschaffen hat, um unabhängig von andern Völkern seine oder ihre gemeinsamen Angelegenheiten zu besorgen, zu denen selbstverständlich auch der Schutz und die Förderung alles Guten, Edeln und Schönen gehört. Eine solche Einrichtung verdient Ehrfurcht, zumal wenn in den zu ihrer Handhabung bestellten Behörden die edelsten Kräfte des Volks thätig sind und seine besten Eigenschaften sich verkörpern, aber sie ist nicht Gott, noch steht sie höher als das Volk. Dieses steht unbedingt über dem Staate, und den Prüfstein für die Güte der Staatseinrichtungen bildet die Antwort auf die Frage, ob diese, wie es recht ist und sein soll, dem Volke dienen, oder ob das Volk dem Staate dient, d. h. in diesem Falle, weil einem Abstraktum niemand dienen kann, den Behörden und den herrschenden Klassen. Was den modernen Staat von ältern Gemeinwesen unterscheidet, ist dieses, daß er alle Selbständigkeit kleinerer Bildungen in seinem Schoße zerstört, alle öffentlichen Angelegenheiten an sich gezogen, dadurch alle materiellen und geistigen Kräfte des Volks in seine Hand bekommen und so eine vordem unbekannte Macht sowohl über seine eignen Angehörigen wie dem Auslande gegenüber erlangt hat. Wenn gefragt wird, ob diese gewaltige Konzentration der Kultur wegen notwendig gewesen sei, so antwortet die Weltgeschichte darauf mit nein; haben doch kleine bäuerliche, bürgerliche; geistliche Gemeinwesen alle hohen, edeln Kulturblüten erzeugt, die mir kennen. Nur die ungeheure Wucht mechanischer Massenwirkung und die Fähigkeit, diese Massen durch die Kraft des militärischen und bureaukratischen Gehorsams mit spielender Leichtigkeit zu handhaben, zeichnet die modernen Staaten aus. Auf die akademische Frage, warum sie nun dennoch geworden seien und wozu sie dienen, brauchen wir uns um so weniger einzulassen, als wir von unserm deutschen Staate ganz genau wissen, warum und wozu er notwendig war. Nachdem sich auf dem europäischen Festlande zwei solche Riesen: Spanien und Frankreich, gebildet hatten, konnte kein Volk seine Unabhängigkeit mehr wahren, wenn es sich nicht in derselben Weise konzentrirte. Wir haben oben gesagt, daß sich im Mittelalter das deutsche Volk einer organischen Gesellschaftsverfassung erfreut habe. Um die Ordnung im Innern aufrecht zu erhalten und die Unabhängigkeit vom Auslande zu wahren, wäre nun noch eine Zentralgewalt nötig gewesen, der ein durch Reichssteuern zu erhaltendes Kriegsheer zur Verfügung gestanden hätte. Vernichtung der kleinen Lebenskreise und Konzentration aller Verwaltungszweige waren für diesen Zweck nicht nötig. An Anläufen, diesen Schlußstein der Organisation zu gewinnen, hat es nicht gefehlt. Man weiß, woran sie gescheitert sind. So sah sich denn das deutsche Volk auf einen andern langen, mühseligen und unerfreulichen Weg gewiesen. Das Territorialfürstentum bildete sich nach dem Muster des bureaukratischen Militärstaates Frankreich aus, die zwei mächtigsten Territorialstaaten verschlangen teils die kleinern Glieder, teils brachten sie sie in Abhängigkeit und gründeten zwei große Reiche, die, nachdem sie einander im Kriege zu gegenseitiger Anerkennung gezwungen haben, sich nun darauf angewiesen sehen, durch ein enges Bündnis dem deutschen Volke den zu seinem Unterhalt und seiner Kraftentfaltung erforderlichen Boden und Spielraum zu sichern. Nun zeigt sich aber, daß dieser Boden und Spielraum, wenigstens für den nordwestlichen der beiden zusammengewachsenen Brüder, nicht hinreicht, und außerdem hat die gewaltige Konzentration der Volkskräfte in der Staatsgewalt die Gefahr zweier Ungeheuern Katastrophen erzeugt, die alle Staaten und Völker des europäischen Festlandes gleichmäßig bedroht. Einmal geht durch alle Völker die Spaltung in die beiden zusammengeballten Massen der Armen und der Reichen, deren Konflikt nur dadurch aufgehalten wird, daß den Reichen die Beamten- und Militärmacht, d. h. kurz ausgedrückt, der Staat zur Verfügung steht. Und andrerseits droht der Zusammenstoß zwischen den Riesenheeren der europäischen Völker, deren bloßes Dasein schon die höchste Kriegsgefahr ist; denn wie jedes Wesen den Zweck zu erfüllen strebt, für den es da ist, so muß auch jedes Kriegsheer um so mehr nach Krieg verlangen, je größer, stärker, vollkommner ausgebildet es ist. Das Gegenteil verlangen zu wollen, wäre wider die Natur, und es macht keinen Unterschied, daß es im vorliegenden Falle nur die Seelen dieser Riesenleiber, die aus Berufssoldaten bestehenden Offizierkorps sind, denen die Sehnsucht, zu beweisen, was sie können, von Natur eingepflanzt ist. Dazu kommt die heimliche Begierde der wirtschaftlich leidenden Völker, ihre Nachbarn zu überfallen, ihnen Land oder wenigstens Geld zu rauben, oder die militärische Macht zur Erpressung handelspolitischer Zugeständnisse zu gebrauchen, und die Furcht der wirtschaftlich günstiger gestellten Völker vor solchen Absichten ihrer Nachbarn. Nehmen wir nun an, die Regierung des deutschen Reiches könnte ihren eignen Unterthanen ein für deren Bedürfnisse hinreichendes Kolonisationsgebiet erschließen, und zwar mit Hilfe der übrigen Mächte, so wäre damit nicht allein der sozialen Not bei uns, sondern auch manchen Nöten der Nachbarn abgeholfen und ihre Furcht verscheucht; die Spannung zwischen den Großmächten wäre gelöst, eine allgemeine Besserung, der Lage der untern Klassen würde die sozialistischen Bestrebungen hinfällig machen, und weder Gefahren von außen noch solche von innen würden mehr zur Unterhaltung von Riesenheeren zwingen; damit würde der Krieg, den viele als ein für die Erhaltung der Volksgesundheit notwendiges Element betrachten, erst wieder möglich . Augenblicklich ist er trotz aller Kriegssehnsucht der Berufssoldaten unmöglich, weil eine Regierung erst wahnsinnig geworden sein müßte, ehe sie einen Krieg wagte, der die Gefahr des Verlustes aller gesunden Männer in sich schließt und die Aussicht auf ein Blutbad eröffnet, in dem die ganze europäische Kultur ersäuft werden könnte; sodaß also der immer fieberhafter werdende Drang der europäischen Berufssoldaten zwar seine Befriedigung selbst unmöglich macht, aber ein Wettrüsten zur Folge hat, das nicht weniger wahnsinnig ist, als der europäische Krieg sein würde, und den Völkern statt einer allgemeinen Schlächterei den Erschöpfungstod in Aussicht stellt. Vermag das deutsche Reich die oben bezeichnete Aufgabe nicht zu lösen, dann hat es, dann hat der moderne Staat überhaupt seinen Daseinszweck verfehlt; denn da uns nur die Wahl bleibt zwischen den beiden oben bezeichneten Arten des Untergangs, so war es überflüssig, dieses so vergängliche Gebilde mit seiner kurzen Herrlichkeit aufzurichten und uns allen den Unbequemlichkeiten und Opfern zu unterziehen, die uns der nach preußischem Muster zentralisirte deutsche Staat auferlegt hat. Außerdem würden wir uns in die traurige Notwendigkeit versetzt sehen, endlich einmal den im zehnten Kapitel beschriebnen Widerspruch zu lösen und uns entweder für den Kommunismus oder für den Kapitalismus, für Gleichstellung oder Knechtung der Arbeiter zu entscheiden. Eigentliche und Hauptaufgabe des Staates ist, dem Volke die materiellen Bedingungen seiner Existenz zu sichern oder, wofern sie fehlen, zu verschaffen . Kann oder will er das nicht leisten, dann ist er fürs Volk weiter nichts als eine unnütze Last. Natürlich meinen wir damit nur den oben beschriebnen Staat; Obrigkeiten, ein Gemeinwesen, eine Gesellschaftsordnung wird es immer geben müssen. Unsre leitenden Kreise haben eine bequeme Manier erfunden, alle unbequemen Wahrheiten und Aufgaben den eignen Augen wie denen des Volks zu verschleiern: sie sprechen niemals von Menschen und Dingen, sondern immer nur von Abstrakten, und unter dem ideal angestrichnen Panier eines solchen Abstraktums sucht jeder Mächtige und Einflußreiche seine selbstsüchtigen Absichten zu erreichen. Man sagt nicht, der Herr Graf X. ist verschuldet, weil er zu viel Geschwister, und der Herr Baron I., weil er einen liederlichen Sohn hat, sondern man klagt, die Landwirtschaft sei in Not, und fordert die Regierung auf, diesem edeln, fürs Volk so wohlthätigen und unentbehrlichen Wesen zu helfen in der Hoffnung, daß von der Unterstützungssumme auch für den Herrn Grafen und den Herrn Baron ein Erkleckliches abfallen werde. Man sagt nicht, die Dividenden der Eisenwerte sind von 15 auf 5 gefallen und unser Kapital verinteressirt sich beinahe nicht viel besser, als wenn wir es auf erste Hypothek ausliehen, sondern man schreit: die Industrie ist in Gefahr, wir brauchen Zollschutz für sie. Von den Menschen, die sowohl die ländliche Grundrente wie die Dividenden durch ihre Arbeit erzeugen, ist nie und nirgends die Rede; höchstens droht man, sie würden die Arbeit verlieren, wenn jenen geheimnisvollen Frauenwesen nicht geholfen wird. Aber daß im günstigen Falle den Arbeitern ihr Anteil zugebilligt würde, wofern sie sich ihn nicht durch einen Streik erzwingen, kommt nicht vor, obwohl sie Fleisch von unserm Fleisch, Deutsche wie wir, ureingesessen, von Alters her Mitbesitzer des vaterländischen Bodens und zum Mitgenuß berechtigt sind. Und wenn die Beamtenfamilien, die die höhern Stellen im Staate in Erbpacht haben, befürchten müssen, daß am Ende auch Söhne von bisher weniger begünstigten Familien ein Ämtlein erhaschen könnten, dann schreien sie, das Deutschtum, der Protestantismus, die Freiheit, die Wissenschaft und der Kulturfortschritt seien in Gefahr. Das allerbequemste Abstraktum aber ist das Wort Staat . Alles ihnen Unbequeme können die Herrschenden beseitigen, wenn sie den Staat für gefährdet erklären, alles für sie Wünschenswerte erreichen, wenn sie behaupten, es nütze dem Staate. Wer, was, wo ist der Staat? Unter Ludwig XIV. war es ein Vergehen gegen den Staat, wenn einer vor des Sonnenkönigs geheiligter Majestät laut nieste; heute ist es ein Vergehen gegen den Staat, wenn der oben erwähnte Schlossermeister auf unsre Gesetze und unsre Richter schimpft. Der moderne Staat, das ist entweder der König samt Familie und Günstlingen, oder es ist der König samt seinen höhern Beamten, oder es sind die Herrschenden, d. h. die reichen Klassen samt den ihnen dienenden Behörden. Nun hat allerdings sowohl in Frankreich wie in Deutschland die Regierung ehrliche Anstrengungen gemacht, sämtliche Volksgenossen zu lebendigen Gliedern des Staates und diesen zum organisirten Volke zu machen, allein es ist ihnen, wie gesagt, nicht gelungen. Und bleiben die Dinge wie sie sind, dann wird die Notwendigkeit einer Entscheidung von Tag zu Tage dringender. Entweder man macht mit dem Staatsbürgertum aller Volksgenossen Ernst, und das ist auf keine andre Weise möglich, als wenn man den Armen völlige und wirkliche Gleichberechtigung mit den Reichen einräumt, ihnen ein anständiges Einkommen sichert, sie zu Genossen der Unternehmer macht und ihnen den Zugang zu allen besoldeten und Ehrenämtern öffnet – ohne Aufhebung des bestehenden Eigentumsrechts aber ist diese Wandlung nicht denkbar. Oder man hat den Mut, die Arbeiter für das zu erklären, was sie thatsächlich sind, für Hörige der Unternehmer, nimmt ihnen die politischen Rechte und das Recht der Freizügigkeit, verpflichtet aber dafür den Herrn, seinen Sklaven den lebenslänglichen Unterhalt zu gewähren. Selbstverständlich muß dann auch die Volksschule geschlossen und die allgemeine Dienstpflicht abgeschafft werden; denn unterrichtete und zeitunglesende Sklaven sind notwendig Empörer, und wenn der Staat seinen Feinden die Muskete in die Hand geben und sie im Schießen unterrichten wollte, so wäre er toll. Als die Athener im peloponnesischen Kriege Sklaven bewaffnen mußten, da wurde den Herren verboten, ihre Knechte zu schlagen; denen, die sich in der Schlacht bewähren würden, ward die Freiheit versprochen, und, wie es scheint, ist das Versprechen auch gehalten worden. Gelingt dagegen die Lösung der oben bezeichneten Aufgabe, dann sind wir aller dieser peinlichen und schrecklichen Notwendigkeiten überhoben, Es wird dann ein Prozeß eingeleitet, der dem im vorigen Kapitel beschrieben entgegengesetzt ist. Nehmen wir an, es wanderten zwei Millionen Gutsbesitzersöhne und Bauern in das Kolonialgebiet aus, denen eine Million Gewerbtreibender, Architekten, Ingenieure und Lehrer folgten, mit Familienangehörigen zehn Millionen Menschen; ferner, das Kolonialgebiet wäre so geräumig, daß auf mehrere Jahrzehnte hinaus der Abfluß unsers jährlichen Bevölkerungszuwachses dahin gesichert erschiene und die Einwohnerzahl des deutschen Reiches nicht über vierzig Millionen steigen könnte. Dann würden in unserm Vaterlande folgende Veränderungen eintreten. Der Bodenpreis fiele plötzlich so stark, daß alle verschuldeten Grundbesitzer durch das Mißverhältnis des Werts ihrer Güter zu ihren Schulden bankrott würden. Dadurch würde sehr viel verkäuflicher Boden frei, der Bodenpreis sänke noch mehr, und alle nicht ausgewanderten Tagelöhner, sowie viele dem ländlichen Leben zugeneigte Städter würden sich ankaufen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß die Bankrotten mit Hilfe des Staates ein Restgut behielten. Der neue Bauernstand, der solchergestalt in den östlichen Provinzen Preußens aufblühen würde, bedürfte der Gewerbe und zöge eine Menge Gewerbtreibender aus dem Westen und aus den großen Städten an sich. Auch diese neuangesiedelten Handwerker und Fabrikarbeiter würden Grundbesitzer, und mit Hilfe der elektrischen Kraftübertragung würde, wie bereits erwähnt wurde, der genossenschaftliche Betrieb aller Arten von Industriezweigen nicht allein in den kleinen Städten, sondern auch auf jedem Dorfe möglich. Industrie und Landwirtschaft wären so in das natürliche Verhältnis zu einander getreten, jeder Produzent hätte seinen festen Stamm von Konsumenten in unmittelbarer Nähe, die Industriellen brauchten keinen Auslandsmarkt, und die Landwirte hätten die Konkurrenz des ausländischen Getreides nicht zu fürchten; dieses würde vielmehr von unsern Kolonisten an Ort und Stelle verzehrt. Der Arbeitslohn wäre so hoch, und bei der weiten Verbreitung des genossenschaftlichen Handwerksbetriebs wäre die Zahl besitzloser Arbeiter so gering, daß die Arbeiterfrage und damit die im engern Sinne sogenannte soziale Frage verschwände. Die gesundheitsschädlichen Industrien gingen aus Mangel an Arbeitern von selbst ein. Industrielle Großbetriebe würde es zwar noch geben, aber nur in solchen Industrien, deren Erzeugnisse körperlich große Gegenstände sind, Lokomotiven können nicht im Hinterstübchen, und Seeschiffe nicht auf dem Dorfweiher gebaut werden. Wofern sich nun solche Industrien zum genossenschaftlichen Betriebe nicht eignen sollten – die Maschinen- und Schiffbau-Aktiengesellschaften scheinen gegen diese Ansicht zu sprechen –, würden wir hier die großen kapitalistischen Unternehmer behalten, deren Arbeiter notwendigerweise Hörige sind, und auch auf den großen Rittergütern würden sich solche finden. Allein diese Hörigen würden sehr gut bezahlt und behandelt werden müssen, weil sie sonst fortlaufen würden; fänden sie doch sowohl daheim als in den Kolonien billiges Land und reichliche Arbeitsgelegenheit. So würde die alte Existenzsicherheit wiedergewonnen, die alte Gliederung der Gesellschaft wieder hergestellt, in neuen Formen jedoch und bereichert um die neuen Gebilde der teils im genossenschaftlichen teils im Einzelbesitz befindlichen Großbetriebe. So brauchten sich diese Verhältnisse nicht einseitig bis ins Extrem zu entwickeln. Es wäre Raum für die Entfaltung aller Arten von Naturanlagen; der zur Abhängigkeit geborne, der zu freiem, selbständigem Wirken befähigte, der zu gemeinsamem Leben aufgelegte Genossenschaftsmensch, der Abenteurer, sie fänden jeder seinen Platz und sein Fortkommen; aller Lage wäre erträglich. Die Regierung hätte nicht mehr nötig, die Zahl der Beamtenstellen, die Schreiberei und Aufpasserei ins Maßlose zu vermehren, teils zur Versorgung der Beamtensprößlinge, teils zur Überwachung und Zügelung unzufriedner Volksmassen. Dadurch würde der Druck beseitigt, mit dem die Bureaukratie sowohl auf dem Einkommen wie auf dem Gemütsleben des Volkes lastet. Das Einkommen der hohen Staatsbeamten ist im Verhältnis zu dem der ihnen ebenbürtigen Gesellschaftsschicht viel zu gering. Unsre Minister sind nur arme Schlucker neben unsern Magnaten, Schlotbaronen und Geldprotzen, und diese Herren zu »regieren« mag jenen schwer genug fallen. Dagegen sind die Besoldungen der mittlern und Subalternbeamten, wenn auch an sich nur eben auskömmlich, doch schon zu hoch im Verhältnis zum Einkommen der entsprechenden bürgerlichen Schichten und erregen deren Neid. Vor fünfzig Jahren konnte ein tüchtiger Handwerksmeister den Gymnasiallehrer mit seinen sechshundert Thalern bemitleiden; heute, wo dieser Herr das dreifache, dazu eine absolut sichre Existenz genießt und über seinen Tod hinaus Frau und Kinder sichergestellt sieht, fühlt er sich versucht, ihn zu beneiden. Dem Lehrer gönnt man ja seine günstige Lage allenfalls noch, andern weniger beliebten Beamten weniger. Für seine Beamten erzwingt der Staat, d, h, die Gesamtheit der höhern Beamten, jederzeit die den Verhältnissen entsprechende Aufbesserung. In unsrer heutigen Lage nun, d, h, wo die Gütermasse nicht mehr wesentlich vermehrt, sondern bloß noch anders verteilt werden kann, könnte eine allgemeine Gehaltserhöhung der Beamten auf zweifache Weise wirken. Entweder die plötzlich gesteigerte Kaufkraft sämtlicher Beamten treibt alle Preise in die Höhe, mit ihnen zugleich alle Arbeitslöhne, dann erhöht sich die Kaufkraft aller Bauern, Gewerbtreibenden und Arbeiter entsprechend, die Beamten können sich mit dem erhöhten Gehalt keinen größern Güteranteil verschaffen als vorher, und finden sich nach kurzer Freude wieder auf dem alten Fleck. Oder die Warenpreise und Arbeitslöhne können der starken Konkurrenz wegen nicht in die Höhe gehen, dann hat sich die Lage der Beamten wirklich gebessert, die der produktiven Stände aber um ebenso viel verschlechtert, und der Haß gegen den Staat wächst. Keine dieser Wirkungsweisen macht sich in auffälliger Weise bemerkbar, weil niemals alle Beamtenklassen zugleich aufgebessert werden, sondern immer nur die einen nach den andern. Da die innern und äußern Gefahren geschwunden sind, braucht die Regierung nicht mehr ängstlich jede Regung der Unterthanen zu überwachen und den Schlüssel zu jeder Kasse, die Leitung jeder Körperschaft im Lande selbst in der Hand zu halten; die Bureaukratie kann entlastet, die Selbstverwaltung im weitesten Umfange wieder hergestellt, die Genossenschafts- und Körperschaftsbildung völlig frei gegeben werden. Bei Beratung der preußischen Kreisordnung und später der Landgemeindeordnung wurde geklagt, die Gemeinden der östlichen Provinzen wären nicht fähig, ihre eignen Angelegenheiten zu verwalten. Ihre Vorväter habens gekonnt, die deutschen Ansiedler, die das Land kultivirt und germanisirt haben, ohne Bureaukratie, Polizei und Militär. Daß es die heutigen Bauern hie und da nicht mehr können, ist sehr natürlich. Der Unterthan eines bureaukratischen Staates gleicht einem im finstern Stall erzognen Gaul, der nur mit Scheuklappen versehen auf die Straße kommt, vor jedem Kinde scheut, und beim Übersteigen einer Schwelle die Beine bricht, wenn ihn der Kutscher nicht führt. Der in Freiheit aufgewachsene Mensch, namentlich wenn er der hochbegabten Germanenrasse angehört, gleicht dem Araberrosse, das mit Gemsengeschicklichkeit auf Felsen herumklettert und sich mit Menschenverstand in jeder Lage zu helfen weiß. Augenblicklich ist daher der Deutsche allerdings auch für die Kolonisation einigermaßen verdorben, weil es da ganz auf eignen Füßen stehen und ohne die Gängelbänder der Paragraphen und des militärischen Kommandos in völlig neuen stets wechselnden Lagen jeden Augenblick selbständige Entschlüsse fassen heißt. Doch kehrt dort allmählich der eigne Verstand, das selbständige Urteil, die Gewandtheit im Handeln wieder. Die deutschen Bauern in Rußland haben sich sogar ein eignes Erbrecht geschaffen und ihre Gemeindeangelegenheiten so vortrefflich geordnet, daß ihre russischen Nachbarn mit neidischer Bewunderung auf sie blicken. Was unsre heutigen Bürger und Bauern scheinbar ungeschickt macht, ist ferner der Umstand, daß sie sich auf Schritt und Tritt einer verwirrenden Menge unverständlicher Gesetze gegenüberfinden, die überhaupt kein Mensch, auch kein Minister, im Kopfe zu behalten und zweifelfrei auszulegen vermag. Indem der zentralisirende Großstaat jedes einzelne Menschenkind unmittelbar an seine unbehilfliche Maschine bindet, sieht er sich genötigt, die Gesetze ins Unendliche zu vermehren. Anstatt die Hinterwinkler ihre Streitsachen für sich allein in Hinterwinkel austragen zu lassen, macht er zu jedem Hinterwinkler Streitfalle ein Gesetz für seine sämtlichen fünfzig Millionen Unterthanen, sodaß die 49 999 000 Nichthinterwinkler mit Hinterwinkelgesetzen, die Hinterwinkler aber mit allen für die 49 999 übrigen Gemeinden berechneten Gesetzen belästigt werden. Auch der Schule ewiges Ach und Weh rührt nur von der Zentralisirung, Uniformirung, Reglementirung, her und ist nur aus diesem einen Punkte zu kuriren. Man lasse doch jeden lernen, was er zu lernen Lust hat oder zu gebrauchen gedenkt, wie es in der Zeit war, wo der europäische Geist seine höchste Spann- und Schöpferkraft entfaltet hat: im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts! Noch überflüssiger ist es, wenn das Beamtentum sich und die Unterthanen mit Kirchengesetzen quält. Seitdem die Kirchengewaltigen keine Fürstentümer noch Soldaten mehr haben, braucht sich der Staat nicht mehr mit Kirchen- und Religionsangelegenheiten zu befassen und kann es den Theologen und den Eiferern der Konfessionen und Konfessionslosen überlassen, ob sie einander gegenseitig totschimpfen oder totdisputiren wollen. Nur wenn sie handgemein werden, haben Polizei und Gericht einzuschreiten, aber nicht zur Abgrenzung der Rechte verschiedner Kirchen und Glaubensmeinungen, sondern wegen Körperverletzung und öffentlicher Ruhestörung. Da kennt sich nun natürlich niemand mehr aus. Haben aber die Hinterwinkler erst einmal ihre eignen Angelegenheiten zu besorgen nach der einfachen Ordnung, die sie sich selbst schaffen, so werden sie sich schon Rat wissen. Die Zentralbehörde muß sich allmählich wieder auf die drei Funktionen zurückziehen, die ihr unzweifelhaft obliegen: die Landesverteidigung, die Ausübung der obersten Gerichtsbarkeit und die Vertretung des Volks dem Auslande gegenüber; dann können die Unterthanen aus blinden Wählern und Kannegießern wieder Bürger, lebendige Glieder eines lebendigen Leibes werden. Bei der einzigen »staatsbürgerlichen« Funktion, die der heutige Staatsbürger auszuüben hat, verfährt er notwendigerweise blind, nicht weil er zu dumm ist, die Wahlparolen zu verstehen, sondern weil es überhaupt keinen Menschen giebt, der diese Wahlparolen verstünde. Endlich: während der von allen Seiten eingeschränkte, oft sogar jeder Arbeitsgelegenheit beraubte Unterthan des absoluten Staates seinem Thätigkeitsdrange nur noch im Schimpfen, Ränkeschmieden, Wühlen, Verschwören und allenfalls in nichtiger Vereinsfexerei genügen kann, hört all dieses teils thörichte teils giftige Treiben von selbst auf, sobald jeder als freier Mann auf seiner Scholle sitzt und Ellbogenraum genug hat, seine Fähigkeiten und Kräfte im Schaffen nützlicher Dinge zu üben. Was für Kinder gilt, daß sie nichts Unnützes thun, sobald sie etwas Nützliches vorhaben, gilt auch für, die Erwachsenen.   Wir haben oben bemerkt, eine solche Wendung der Dinge würde eine Anzahl Rittergutsbesitzer von ihren Stammsitzen treiben. Gerade während mir dieses schreiben (Mitte Februar) ist der große Sturm der Agrarier gegen die Handelsverträge losgebrochen und von den Beschwerdeführenden u. a. auch darauf hingewiesen worden, daß ihnen bei einer Katastrophe schwerlich Männer von gleicher Königstreue im Besitz nachfolgen würden. Wenn die Besitznachfolger jüdische Bankiers sind, dann mag das zutreffen, wenn aber die Rittergüter parzellirt und Bauerngüter daraus gemacht werden, dann bekommt der König für jeden treuen Mann, den er verliert, zehn oder hundert ebenso treue wieder. Oder weiß jemand Beispiele dafür anzuführen, daß die Bauern weniger treue und zuverlässige Unterthanen wären als die Ritter? Ich weiß keins; nur soviel weiß ich, daß die Ritter von jeher weit unbequemer und anspruchsvoller gewesen sind als irgend eine andre Klasse von Unterthanen und sich ihre Dienste sehr hoch bezahlen lassen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir doch überhaupt die Ansprüche aller der Herren, die bei uns die Tugenden der Königstreue und Reichstreue, des Patriotismus, der nationalen Gesinnung und der »staatserhaltenden« Kraft in Erbpacht genommen haben, ein wenig prüfen. Wir haben es bei den beiden Flügeln des Kartells mit einer Kombination zweier Gegensätze zu thun, die jedoch nicht stark genug sind, um nicht vor einem noch stärkern Gegensatze zu dritten Parteien zurückzutreten und ein Bündnis beider Flügel zu hindern. Die Konservativen (die neutrale Gruppe der Freikonservativen lassen wir der Einfachheit wegen aus dem Spiele) sind Altpreußen, Freunde eines absolutistischen Königtums, das sie an der Herrschaft teilnehmen läßt, frei von aller »Deutschtümelei« und nur dadurch mit dem neuen deutschen Nationalstaat ausgesöhnt, daß Preußen sein Haupt ist. Die Nationalliberalen sind – nicht Vertreter des urwüchsigen deutschen Volkstums, das ist vielen von ihnen teils unbekannt, teils unverständlich, teils zuwider –, sondern der auf akademischem Wege gefundnen deutschen Nationalität. Sie haben in ihren Schulen den Glaubenssatz eingesogen, daß der Katholizismus ein dem deutschen Volkskörper eingeimpfter fremder Stoff sei, ein Krankheitsstoff, der ausgetrieben werden müsse, und sie lieben Preußen, nicht wie die Ritter, weil es monarchisch und feudal, sondern weil es protestantisch oder, was in ihren Augen dasselbe ist, aufgeklärt ist. Während den Rittern die feudale Seite des preußischen Königtums gefällt, sagt den geistigen Häuptern der Nationalliberalen, die Professoren, also Staatsbeamte sind, die bureaukratische zu. Mit diesem mehr idealen Gegensatze verflicht sich nun ein sehr realistischer. Die Konservativen sind teils ostelbische Großgrundbesitzer, teils Pastoren, sie haben also die Interessen des ostelbischen Großgrundbesitzes und der evangelischen Landeskirche zu vertreten. Die Führer der Nationalliberalen sind Staatsbeamte, vertreten also das Interesse der Bureaukratie gegenüber dem gesamten Nährstande, und ihnen haben sich die Großindustriellen angeschlossen, die ihnen deswegen seelenverwandt sind, weil sie als akademisch gebildete Städter die Fahne der modernen Bildung gegen den Volksglauben oder Aberglauben, und als gelehrige Schüler der modernen Nationalökonomie die Fahne des »wissenschaftlichen« und gebildeten Unternehmertums gegen die proletarischen »rohen« Massen der Handarbeiter schwingen. In den sechziger und siebziger Jahren trat mehr die ideale Seite der beiden Parteien hervor, und zwar in der Konfliktszeit bei den Konservativen, im jungen neuen Reiche, dem die Nationalliberalen die Entstehung ihrer Partei verdankten, bei diesen, heute sind sie fast nur noch Interessenvertretungen; die Königstreue bedeutet hohe Kornpreise und der »nationale Gedanke« weiter nichts als hohe Dividenden. Die wirklich und aufrichtig Idealen unter den Nationalliberalen haben sich von Anfang an in einer nicht ungefährlichen Täuschung befunden. In dem verzeihlichen Ärger darüber, daß nicht alle Deutschen ihre ungetrübte Freude über den ihren Herzenswünschen so wunderbar entsprechenden Gang der Dinge teilten, haben sie jeden, dem das spezifische Preußentum zuwider war, und dem zwar die Einigung Deutschlands, nicht aber die protestantische Spitze und die Ausschließung Österreichs gefiel, für einen Reichsfeind, Staatsfeind, Welfen, Römling und was sonst noch verschrien. Sie haben sich für berufen erachtet, das Vaterland, das Reich vor den nur in ihrer Phantasie spukenden Gefahren zu schützen, und wäre es ihren Heißspornen nachgegangen, so würden alle Katholiken, alle Polen, dann aber auch alle sozialdemokratischen Arbeiter als Heloten behandelt worden sein. Immerhin darf man das, was sie durchgesetzt haben, nicht gering anschlagen; mag doch die Zahl derer, die infolge dieses patriotischen Eifers vom Staate der Reihe nach sehr stiefväterlich behandelt worden sind, nicht weniger als drei Viertel der deutschen Staatsangehörigen betragen. Macauley nennt die Regierungen lächerlich und verächtlich, die einen Teil ihrer Unterthanen schlecht behandeln und sich dann über mangelnden Patriotismus und illoyales Verhalten beklagen, und wenn die nationalliberale Politik die Mehrzahl der Reichsdeutschen zu Landesverrätern gemacht hätte, so wäre das nicht im mindesten zu verwundern. Dieser Erfolg ist zum Glück nicht eingetreten. Das Volk Das Volk, d. h. die Masse der Ungelehrten und der Armen, haben die Nationalliberalen niemals hinter sich gehabt. Der Schein, als sei es vorübergehend der Fall gewesen, ist nur durch den Kulturkampf erzeugt worden, der die protestantischen zwei Drittel der Nation unter nationalliberaler Führung gegen das katholische mobil gemacht hat. Diese für die Herren sehr günstige Konjunktur ist schnell vorübergegangen. Auf lange Zeit hinaus hat das deutsche Volk andre Sorgen als die päpstliche Unfehlbarkeit, den Priesterzölibat und die Jesuitenmoral, und wird sich auch durch den Lärm, den der Evangelische Bund macht, von der Verfolgung seiner Lebensinteressen nicht mehr abbringen lassen. ist geduldig und Schläge gewöhnt, und gerade die Leute, auf die am meisten losgedroschen wurde, haben Religion und ein Gewissen im Leibe. Außerdem ist Vaterlandsverrat beim Volke widernatürlich, weit widernatürlicher, als er bei einem Professor sein würde. Niemand hängt mehr am Vaterlande als der Bauer, der ein körperliches Stück davon sein eigen nennt, und niemand in der Welt denkt weniger daran, ein feindliches Heer ins Land hereinzurufen. Ich wüßte auch nicht, daß irgend einmal die Bauern irgend eines Landes den Feind hereingerufen oder ihm die Wege geebnet hätten. In Italien haben Stadtbürger zuweilen ein ausländisches Heer zu Hilfe gerufen entweder gegen rivalisirende Nachbarstädte, oder gegen eine andre ausländische Macht. In Deutschland – das ist eine Wahrheit, die allgemein bekannt sein sollte, die genau zu kennen und zu beherzigen von der größten Wichtigkeit ist – in Deutschland sind es immer nur die Fürsten und ihre Räte gewesen, die das Vaterland an Ausländer verraten haben, niemals weder Bürger noch Bauern. Die Einbildung vieler Nationalliberalen, man müsse ihrer Partei angehören, um ein guter Deutscher zu sein, kommt mir persönlich unbeschreiblich komisch vor. Ich habe mein Lebtag das deutsche Land, das deutsche Volk, die deutsche Sprache geliebt, mich in die deutsche Geschichte versenkt und weiß bestimmt, daß ich mich unter Menschen eines fremden Volks auf die Dauer nicht wohl fühlen würde, aber der nationalliberalen Politik habe ich nie, auch nur einen Augenblick Geschmack abgewinnen können, obwohl ich immer mit einzelnen Angehörigen der Partei, die ja sämtlich feingebildete, liebenswürdige und achtungswerte Männer sind, persönlich befreundet gewesen bin. Der Bauer, der ansässige Stadtbürger, mag mit der Regierung und mit den Staatseinrichtungen manchmal sehr unzufrieden sein, aber ein Umsturzmann oder gar ein Landesverräter wird er niemals, er mag protestantisch oder katholisch, Deutscher oder Pole sein. Es giebt nur eine Klasse von Menschen im Vaterland, die – nicht zwar das Vaterland – aber das Reich und den Staat hassen und beider Untergang wünschen oder wenigstens gleichgiltig dagegen sind, das sind die Besitzlosen , die, die der Staat vom Mitbesitz und Mitgenuß des Vaterlandes ausschließt. Und die werden Staatsfeinde bleiben, solange sie leben. Es kann nicht anders sein; es wäre wider die Natur, wenn es anders wäre. Man verbrenne alle Sozialdemokraten lebendig, man vernichte alle ihre Bücher und Schriften, nur um so grimmiger werden alle Besitzlosen, sofern sie nicht in viehischem Stumpfsinn befangen bleiben, den Staat und die bürgerliche Gesellschaft hassen. Soviel Besitzlose, soviel Feinde zählt der Staat, das kann niemand ändern. Die Sozialdemokratie umzubringen, sagt Lagarde, den ich übrigens nur aus Rezensionen seiner Schriften kenne, giebt es nur ein einziges Mittel: daß man jeden Sozialdemokraten zum Grundbesitzer mache. Fünfzehntes Kapitel Unser Kolonialland und die große Aufgabe unsrer auswärtigen Politik Wo liegt unser Kolonialland? Wo das Kolonialland der übervölkerten Länder des europäischen Kontinents? England hat seine ungeheuern Kolonien, wohin alljährlich Tausende seiner Kinder als Ansiedler abfließen, andre Tausende zu vorübergehendem Aufenthalt wandern. Mit den dort erbeuteten Reichtümern könnten, wenn aller sonstige Erwerb stockte, die Armen des Landes immer noch als Almosenempfänger erhalten werden, und obwohl dadurch das Leben des englischen Volks weder gesund und natürlich noch glücklich würde, so wäre es doch immerhin noch ein Leben. Aber wie steht es um unsern Kontinent? Außer Deutschland sind auch Belgien und Italien übervölkert, beide in noch höherm Grade als unser Reich. Das Schicksal dieser Nachbarländer darf uns nicht gleichgiltig sein, weil die Arbeitermassen, teils Arbeit suchend, teils bettelnd und vagabundirend, über die Grenzen hin und her fluten. Zwar herrscht in Belgien der Zug nach Frankreich vor, allein es wäre nicht unmöglich, daß die Franzosen ihre Grenze für fremde Arbeiter sperrten. Daß die künstliche Verminderung des Volkszuwachses nach französischem Muster noch weiter um sich greife, als sie jetzt schon herrscht, und auch bei uns allgemeine Volksgewohnheit werde, können wir, auch abgesehen von den Rücksichten auf Sittlichkeit, Gemütsleben und Gesundheit nicht wünschen. Denn so tief die Russen in moralischer Hinsicht stehen und so elend sie sein mögen, mit ihrer ungeheuern Zahl und ausgerüstet mit den Höllenmaschinen unsers chemischen Zeitalters könnten sie nach einem oder zwei Jahrzehnten sehr wohl daran denken, einen erfolgreichen Verwüstungs-, Raub- und Eroberungszug nach dem Westen zu unternehmen, und die hinter ihnen sitzenden Mongolen würden ihnen nachschwärmen; die Zeiten Tamerlans würden wiederkehren, aber mit Dynamit. So unzugänglich das europäische Gemütsleben den Mongolen bleibt, im technischen Fortschritt können sie es, sobald sie in die Konkurrenz eintreten, mit uns aufnehmen. Gerade darin nun liegt das Heilmittel für alle unsre Nöte, daß wir diesem in den Russen- und Mongolenseelen lauernden Drange nach dem Westen zuvorkommen, indem wir den Zug unsrer Altvordern nach dem Osten wieder beleben. Gleichzeitig müssen mir Südamerika für Europa in Anspruch nehmen. Politische Vorurteile, deren Entstehungsweise für unsern Zweck gleichgiltig ist, haben die ungeheuerliche Lüge Wesentlichen Anteil an dieser Lüge hat die im vorigen Kapitel beschriebne Unterjochung und Verdunkelung der Völker durch den modernen Staat. Wenn nur Beamten, Diplomaten, Soldaten da sind, so ist der moderne Abgott »Souveränität« fertig; ob das Volk, das dieser Abgott beherrscht, auf dem er thront und aus dem er seine Nahrung zieht, ein Lumpengesindel oder ein hochgebildetes Volk tüchtiger Männer und edler Frauen ist, das kommt weiter nicht in Betracht. erzeugt, daß Rußland ein dem unsern gleichberechtigter europäischer Staat sei, dem gegenüber das Gebot der Nichtintervention aufs strengste beobachtet werden müsse, während es doch weiter nichts ist, als was die Slawenländer östlich von Elbe und Inn für unsre Vorfahren gewesen sind: unser natürliches Kolonisationsgebiet . Wie für den einzelnen, so giebt es auch für die Völker keinen andern sittlich zu rechtfertigenden Anspruch auf Eigentum, als den durch Arbeit begründeten. Die Okkupation allein reicht nicht hin. Man denke sich zwei Ansiedlerfamilien auf eine wüste Insel verschlagen. Sie teilen sich in die Bodenfläche. Nach fünfzig Jahren ergiebt sich, daß für die eine der beiden Familien ihr Anteil trotz sorgfältigsten Anbaues nicht mehr hinreicht, weil sie zu zahlreich geworden ist, für die andre aber trotz ihrer geringen Kopfzahl der ihrige auch nicht, weil sie zu träg ist und unfähig, ihr fruchtbares Ackerland gehörig zu benutzen. Wäre es vernünftig, wenn die erste ruhig und geduldig forthungern wollte, anstatt auch im zweiten Anteil das Heft in die Hand zu nehmen, dessen unfähige Bevölkerung sich zu unterwerfen und so dafür zu sorgen, daß sämtliche Bewohner der Insel, die einen als Herren, die andern als Knechte, satt zu essen haben? Die Russen haben die sarmatische Ebene besetzt, deutsche Fürstenstämme, immer wieder ein frischer auf den in der russischen Barbarei absterbenden altern gepfropft, haben ihrem Staatswesen den äußerlichen Stempel des Europäertums aufgedrückt, der in einigen Hauptstädten, am Hofe, in der Bureaukratie und im Kriegsheere sichtbar wird; aus den unterjochten deutschen Kolonisten – auch die Polen haben einigen Zuschuß geliefert – hat diese deutsche Dynastie den Bedarf an Intelligenz bestritten, der erforderlich war, diese europäische Kulisse aufrecht zu erhalten; deutsche Einwanderer haben diesem Staate zu einer einheimischen, wenn auch noch lange nicht dem einheimischen Bedürfnis genügenden Industrie verholfen, aber aus sich heraus europäische Kultur zu erzeugen, oder auch nur die dargebotne Kultur sich völlig anzueignen, ist das Volk nicht imstande gewesen, und nicht einmal den eignen Boden etwa in der Weise auszunutzen, wie es das ebenfalls nach europäischem Begriff unzivilisirte, aber durchaus tüchtige bulgarische Bauernvolk thut, sind die Russen imstande. Die Fülle der in den letzten Jahren zu uns gedrungnen unzweifelhaft zuverlässigen Nachrichten über russische Zustände ist so groß, daß wir gar nicht nötig haben, die einzelnen Autoritäten anzuführen. Nur auf die Wirtschaftsbilder aus dem nördlichen Rußland von P. Seeberg (im Jahrgang 1892, Nr. 20-22 der Wochenschrift Ausland) möchte ich verweisen, weil der Verfasser außerordentlich günstig für Rußland gestimmt ist und sich gegen solche ereifert, die es unterschätzen. Besondres Gewicht lege ich auf folgenden Satz im Leitartikel von Nr. 127 der Schlesischen Zeitung: »Immer mehr geht der russische Großgrundbesitz in die Hände spekulativer Kaufleute über, während die Bauernschaft mit ganz vereinzelten Ausnahmen sich im tiefsten Elend befindet.« Das genannte Blatt unterhält nämlich nicht allein sehr enge Fühlung mit Rußland, sondern ist auch dermaßen russenfreundlich, daß, als vor einigen Jahren in einem andern Blatte der Scherz gemacht wurde, der politische Leiter der Schlesischen Zeitung sei in das russische Ministerium für Volksaufklärung berufen worden, ich diesen Scherz für Ernst genommen und ein volles Jahr lang geglaubt habe, bis mich ein Bekannter unter stürmischer Heiterkeit über den Thatbestand aufklärte. Alle Welt weiß es, daß der russische Bauer in Schnapsdusel und Müssiggang zu Grunde geht, daß, wenn er wirklich arbeitet, irgend ein unproduktiver Wucherer den Ertrag seiner Arbeit einheimst, daß er auf dem fruchtbarsten Boden verhungert und diesen Boden selbst durch Raubbau zu Grunde richtet; daß man die Wälder verwüstet, die Ströme versanden und versumpfen läßt, daß die Beamtenschaft spitzbübisch, bestechlich und unfähig ist, daß die Intelligenzen des Volks großenteils verzweifelte Nihilisten oder Utopisten sind, und daß die Regierung kein andres Heilmittel gegen die permanente Verschwörung kennt, als eine brutale Repression, deren Maßregeln an Barbarei alles überbieten, was aus ältern Despotenwirtschaften bekannt ist, und noch dazu nicht selten zur Unterdrückung und Beseitigung gerade der besten angewendet werden. Vor etwa dreißig Jahren las ich in den Grenzboten einmal Berichte eines russischen Verbannten, und darin stand ein Satz, den ich später noch einmal wörtlich aus dem Munde eines andern Verbannten als dessen eigne Erfahrung vernommen habe; er meinte, trotz aller körperlichen Leiden sei doch die Zeit, die er in Sibirien verlebt habe, eigentlich die glücklichste seines Lebens gewesen, denn es sei die einzige, wo er unter lauter edeln Menschen gelebt habe. Und zum Dank für alle Dienste, die wir Deutschen dem Zarentum geleistet haben, sperrt es unsern Industrieerzeugnissen und Auswanderern seine Grenze, drangsalirt und vertreibt es die deutschen Kolonisten, verfolgt es die evangelische Religion in den einzigen Provinzen des Ungeheuern Reiches, die sich, dank ihren paar hunderttausend evangelischen Deutschen, wirklicher europäischer Kultur erfreuen, und läßt es durch seine Presse unaufhörlich gegen Deutschland hetzen. Zwar haben die Altrussen eine Anzahl Musiker, Dichter und verdiente Gelehrte aufzuweisen, allein ein wenig Musik, Poesie und Gelehrsamkeit in den höhern Ständen ist noch lange keine Volksbildung. In den Grenzboten Jahrgang 1893, erstes Vierteljahr, S. 263 wird in einem Aufsätze, mit dessen Ausführungen ich im übrigen größtenteils übereinstimme, bemerkt, es sei bei uns »natürlich besonders die jüdische Presse, die den Haß gegen Rußland schürte«; es werde da über alles geschimpft: Staat, Kirche, Beamtentum, Heerwesen, Finanzen, Sitten, Gebräuche. Von Haß gegen Rußland ist nun bei mir nicht die Rede. Wie könnte man überhaupt ein Land hassen? Es handelt sich für mich bloß darum, ob die Eigenschaften des russischen Volks, die wirtschaftlichen Zustände Rußlands und die Natur des Landes uns Deutsche berechtigen, Rußland als geeignetes Kolonialgebiet zu betrachten. Die geographischen Verhältnisse nun, die wirtschaftlichen und Sittenzustände des russischen Volks, auf die ich meine bejahende Antwort stütze, sind notorisch. Sie sind von einer Menge patriotischer Russen ausführlich dargestellt worden, und es sind besonders Übersetzungen solcher Darstellungen in den Preußischen Jahrbüchern, aus denen ich meine Ansicht geschöpft habe; in jüdischen Zeitungen habe ich nur wenig Material gefunden. Russische Novellisten wie Tolstoi und Dostojewski schildern das Volk und seine Zustände nicht anders. Auch die Schilderung des russischen Soldaten im dritten Vierteljahr des Jahrgangs 1891 der Grenzboten, S. 481 nach Feuilletons des vom Fürsten Meschtscherski herausgegebenen Grashdanin stimmt genau damit. Wenn, wie der oben erwähnte Mitarbeiter der Grenzboten erzählt, der General Totleben durch die Urteile der deutschen Presse über Rußland in leidenschaftliche Erregung versetzt wird, so ist das das natürlichste von der Welt. Ein wackrer Mann liebt eben sein Vaterland, mag es beschaffen sein, wie es will, und ungünstige Urteile darüber verletzen ihn um so tiefer, je mehr er ihnen im tiefsten Innern Recht geben muß. Dazu kommt, daß er, als Deutscher, zu jenen Männern gehört, die ihre Lebenskraft der Aufgabe widmen, aus dem russischen Volke etwas zu machen, was es seiner Natur nach nicht werden kann; wie reizbar muß ein empfindender Mensch durch solche Sisyphusarbeit werden! Das russische Volk ist unfähig, den geräumigen Boden, den es besetzt hält, zu kultiviren, wir brauchen diesen Boden und würden ihm, wenn mir ihn besäßen, binnen kurzem die reichlichsten Früchte abgewinnen. Wir leiden an Hypertrophie des Volksgehirns, haben einen Überschuß an Intelligenz, an Geistern, die zur Leitung andrer, zu nutzbringenden Unternehmungen befähigt sind, einen Überschuß, der, weil er nicht verwendet wird, daheim in sittlichen und politischen Eiter übergeht; die Russen dagegen brauchen intelligente, thatkräftige, ehrliche Leitung so notwendig wie das liebe Brot, ja erst solche Leitung würde ihnen ihr Brot sichern. Es giebt nicht zwei Völker auf der Erde, die einander gegenseitig so notwendig brauchten, so aufeinander angewiesen wären wie die Deutschen und die Russen; flössen aus Deutschland zehn Millionen Menschen nach Rußland ab, so wäre beiden Völkern geholfen: wir Deutschen hätten daheim Luft, draußen Spielraum für unsre Intelligenz, für unsre Unternehmungslust und Thatkraft, die Russen würden der Erziehung zur Arbeit und Mäßigkeit teilhaftig, und beide Völker hätten Brot in Fülle. Übrigens fällt die Grenze unsers östlichen und südöstlichen Kolonisationsgebietes keineswegs mit den Grenzen des europäischen Rußlands zusammen. Dahinter liegt das fruchtbare Südsibirien, liegen Kleinasien und Syrien, die unter römischer Herrschaft einen einzigen ungeheuern Garten bildeten Man lese die Schilderungen im fünften Bande von Mommsens römischer Geschichte. ; deutschem Fleiße würde es gelingen, diesen Ländern die Blüte zurückzugeben, die türkischer Unverstand verwüstet hat. Wollen wir warten mit dem notwendigen Entschlusse, bis der Steppensand die russische Ackerkrume verschlungen hat und ein paar Millionen unsrer deutschen Brüder verhungert sind? Wollen wir fortfahren, die natürliche Expansionskraft und das gesunde Expansionsbedürfnis unsers Volks zu unterdrücken und in Krämpfe umzusetzen, die seine Eingeweide zerreißen? Wollen wir unsre Kanonen lieber zum Niederkartätschen unsrer beschäftigungslosen Arbeiter, unsrer deutschen Brüder verwenden als dazu, ihnen ein Arbeitsfeld und uns allen unermeßliche Reichtümer zu erobern? Was hält uns ab? Etwa die Ehrfurcht vor dem Zarentum und seiner Bureaukratie? Hat sich je ein wackeres Volk durch die Ehrfurcht vor irgend welcher Majestät abhalten lassen, sich zu holen, was es braucht und worauf es einen begründeten Anspruch hat? Haben sich unsre germanischen Altvordern durch ihre Ehrfurcht, die sie wirklich hegten, vor dem römischen Reich, das diese Ehrfurcht wirklich verdiente, abhalten lassen, ihre überzählige Jugend mit gewaffneter Hand über seine Grenzen zu schicken und Äcker zu fordern, auf die Gefahr hin, daß es dadurch von innen heraus aufgelöst werden könnte, wie es im Laufe der Zeit allerdings geschehen ist? Barbaren haben sich nicht gescheut, ein hochzivilisirtes und um die Kultur hochverdientes Reich aufzulösen, und wir sollten vor der notwendigen Expansion zurückschrecken, weil wir Kulturbringer durch unsre Kolonisationsarbeit möglicherweise ein Barbarenreich auflösen, dessen Bewohner uns großenteils als Befreier begrüßen würden, zuletzt auch die Altrussen, nachdem der unverständige Fanatismus verraucht sein wird, den man in ihnen anzufachen freilich nicht verfehlen wird? Oder sollte uns der Gedanke abhalten, daß das Zarentum der »altbewährte Träger monarchischer Traditionen« ist? Wir danken für einen Monarchismus, dessen Früchte der Meuchelmord und der Nihilismus sind. Zugleich wäre dieser Entschluß das Mittel, mit der sozialen Spannung auch die politische zu lösen. Wie lange soll das Possenspiel noch dauern, mit dem sich die europäischen Völker in ihren eignen Augen herabsetzen, daß sie sich allesamt zu Tode rüsten, angeblich, um den Frieden aufrecht zu erhalten, den, wie sie ohne Ausnahme beteuern, keins von ihnen bedroht! Kriege können, so sagt man allgemein, heute nicht mehr für dynastische Interessen oder um kleine Länderfetzen, sondern nur noch für das bedrohte Lebensinteresse einer ganzen Nation geführt werden. Nun gut! Es giebt nur eine Nation in Europa, die durch ihr Lebensinteresse, nämlich durch die Unfähigkeit, ihre Bevölkerung zu ernähren, über kurz oder lang zum Kriege genötigt sein wird, das ist die deutsche, Die in gleicher Not befindlichen Völker Italiens und Belgiens sind zu schwach, an einen Eroberungskrieg denken zu können. und die einzige Seite, nach der hin sie sich ausdehnen kann, ist die Ostgrenze. Ist das einmal klar erkannt und ausgesprochen, so ist damit alle sonstige Kriegsgefahr beseitigt. Man hat wohl gesagt, Rußland habe das Bedürfnis, sich das Mittelmeer zu erschließen, allein das ist Unsinn. Das russische Volk bedarf zu seiner Existenz nur zweier Dinge: daß man ihm statt der Schnapsflasche Hacke, Pflug und Spaten in die Hand gebe, und daß man ihm statt der Knute eine verständige Leitung angedeihen lasse; beides könnten wir ihm bringen. Die Bedürfnisse, die sich das weltherrschaftslüsterne Zarentum und der verlumpte russische Adel einbilden mögen, gehen die Welt und die Völker nichts an. Also im Osten liegt freilich die Kriegsgefahr, aber nicht, weil Rußland das goldne Horn, sondern weil Deutschland den russischen Boden braucht. Ist einmal die Ausdehnung nach Osten beschlossen, so ist damit zugleich die Kriegsgefahr im Westen beseitigt. Die angebliche Revanchelust der Franzosen ist, wenn wir von einigen Pariser Pflastertretern absehen, weiter nichts als die Maske der Furcht vor den Deutschen. Die Franzosen wissen, daß die deutsche Bevölkerung in ihren Grenzen nicht mehr Platz hat, daß sie über kurz oder lang die Grenzen überströmen muß, sie fürchten einen Eroberungs- und Beutekrieg, der leicht mit gänzlicher Zertretung und Vernichtung des französischen Volks endigen könnte, und darum rüsten sie in Todesangst und tragen sie ohne Murren die überschwere Last. Daß die Franzosen wirklich und im Ernste einen Revanchekrieg wollen könnten, ist psychologisch unmöglich. Der durchschnittliche Franzose ist ein Bauer oder Kleinbürger; ein sehr fleißiger, sehr ordentlicher, sehr sparsamer Mann, der an allen seinen Familiengliedern mit ganzem Herzen hängt und namentlich seinen Jungen vergöttert. Dabei ist er sehr sinnlich und weiß sich mit dem Raffinement, wie es alten klugen Kulturvölkern eigen ist, das Leben so angenehm zu machen, als es ihm seine Mittel erlauben. Daß dieser Mann einen Krieg wünschen sollte, in dem er selbst oder sein Junge die Haut zu Markte tragen müßte, der ihn um sein Behagen bringen, sein ganzes bischen Wohlstand vernichten, seinen mühsam gesammelten Sparpfennig verzehren, sein schmuckes Häuschen in Rauch aufgehen lassen kann, werden wir nicht eher glauben, als bis wir einen alten Gourmand kennen lernen, dem eine Kanonenkugel in die Magengegend besser schmeckt als eine Pastete. Und daß er sich freiwillig solchen Gefahren und solchem Elend aussetzen sollte, um seinem Staate Elsaß-Lothringen wieder zu erobern und Rache für Sedan oder gar für Sadowa zu nehmen, ist einfach Unsinn. Das französische Volk aber ist nichts andres als eine Gesamtheit von Menschen, unter denen die oben beschriebne Menschenart die ungeheure Mehrzahl bildet. Wenn man sagt, das Volk könne wohl auch wider seine bessere Einsicht und sogar wider seine Neigung von einer Leidenschaft hingerissen werden, so ist das eine ganz falsche Vorstellung. Die leidenschaftlichen Erregungen eines Volks gehen stets aus seinen Neigungen und Interessen hervor Die sogenannten Imponderabilien erscheinen nur denen imponderabel, die die Bevölkerungsschicht, an der sie hervortreten, nicht kennen. Wer das katholische Volk Preußens kannte, der wußte bei Erlaß der Maigesetze im voraus, daß mit denen nichts ausgerichtet sei, und wer die Unvereinbarkeit der Forderungen der in Volksschulfragen einander gegenüberstehenden vier Parteien kennt, der wußte lange vor dem Grafen Zedlitz, daß ein Volksschulgesetz in Preußen unmöglich ist. und 1870 war das französische Volk ganz in seinem Recht, wenn es den Krieg wünschte, um das mächtigere Preußen nicht noch mächtiger werden zu lassen; daß dieses damals schon zu mächtig für Frankreich geworden war, konnten die Franzosen nicht eher wissen, als bis sie ihre Schlage bekommen hatten. Seit dieser letzten Friedensstörung und zum Teil durch sie haben sich die Verhältnisse von Grund aus geändert. Dem Frankreich des ancien régime, d. h. da das Volk damals eine Null war, seinen ehrgeizigen Königen und Ministern, seinem ritterlichen Adel und seiner beutegierigen Soldateska war das Nachbarvolk durch seine Zerrissenheit sowie durch die Unbehilflichkeit und Ohnmacht seines Kaisertums beinahe wehrlos preisgegeben. Als dann die revolutionären Banden, teils durch die innern Verlegenheiten des Konvents, teils durch Hunger und Raubgier getrieben – denn die edle Frucht der Revolution, der neue französische Bauernstand, war damals noch nicht gereift – teils durch die verkehrte Diplomatie der Großmächte gereizt die Grenzen überfluteten, fanden sie in Deutschland noch dieselbe Lage vor. Ihre Niederlagen von 1813 bis 15 erklärten sich hinlänglich aus der Schwächung ihrer Wehrkraft durch die vorangehende zwanzigjährige Kriegsperiode und durch die Übermacht des gegen sie verbündeten Europas. Im Jahre 1870 hatten sie die ruhmvollen Erinnerungen des Krimkriegs und des Kriegs gegen Österreich vor Augen. Und persönlich fühlte sich der französische Philister von den Gefahren und Beschwerden des Kriegs wenig betroffen, da ja das Stellvertretungssystem noch herrschte und die Armee noch mehr ein Heer von Berufssoldaten, von Söldlingen, als ein Volksheer war. Durch die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht und durch die Erfahrungen des Jahres 1870 ist nun aber die Lage, wie gesagt, so von Grund aus verändert, daß die Franzosen wahnsinnig sein müßten, wenn sie es noch einmal mit Deutschland versuchen wollten, während alle ihre frühern kriegerischen Unternehmungen einschließlich der von 1870 nichts weniger als tollköpfig, sondern vor dem Richterstuhle der Klugheit zu rechtfertigen waren. Das Revanchegeschrei widerspricht dieser Auffassung ganz und gar nicht und ist zudem das natürlichste von der Welt. Welches ehrliebende Volt wird denn nach einer Niederlage eingestehen: wir haben sie verdient? Namentlich wenn wir Deutschen alljährlich einmal von einer weithin vernehmlichen Stelle aus über die Grenze hinüberrufen: »ihr könnt nicht verzeihen und vergessen, nicht auf die Rache verzichten,« so antworten sie selbstverständlich: »natürlich nicht«; was aber nicht ausschließt, daß sie im Herzen mit Zähneklappern und Knieschlottern denken: »wenn uns nur um Gottes willen kein Anlaß zum Rachekriege gegeben würde!« Denken wir uns zwei Knaben, von denen einer ein Kampfhahn ist, und als der stärkere oder gewandtere den Kameraden oft geworfen hat. Eine Zeit lang haben sie ihre Kräfte nicht gemessen, und wie der Zänker eines Tags wieder anfängt, da zeigt sich, daß der andre mittlerweile an Kraft gewaltig zugenommen hat, und er giebt jenem einen Denkzettel, daß ihn wochenlang alle Glieder schmerzen. Wenn nun der kleine Zänker im Wachstum definitiv stehen bleibt, der andre aber augenscheinlich immer größer und stärker wird, so wird zwar jener, so oft er den gefährlichen Kameraden von einer gut gedeckten Stellung aus sieht, von weitem die Zunge herausstrecken und Nasen machen und rufen: »wart nur, ich werde es dir schon heimzahlen,« aber Ernst zu machen, und sich alle Knochen im Leibe zerschlagen zu lassen, wird er sich wohl hüten. Womit nicht gesagt sein soll, daß die Franzosen im allgemeinen Gassenjungenmanieren hätten. Gleich andern Deutschen hat auch der Verfasser des oben erwähnten Artikels im laufenden Jahrgange der Grenzboten, elftes Vierteljahr, S. 257 bei längerm Aufenthalt in Paris von Deutschenhaß nichts gespürt. Und welcher Wahnsinn wäre es, wenn sich Deutschland und Frankreich, die beiden sozial noch gesündesten Großstaaten Europas, gegenseitig zerfleischen wollten, anstatt durch sorgliche Pflege und gegenseitige Unterstützung ihrer vortrefflichen konservativen Volkskräfte an der sozialen Wiedergeburt des Erdteils gemeinsam zu arbeiten! Frankreich hat den stärksten und blühendsten Handwerkerstand der Welt, und einen Bauernstand, der an Zahl nur dem österreichischen nachsteht, an Wohlstand und Unabhängigkeit aber dem mehrerer österreichischer Kronländer überlegen ist. In keinem Lande ist die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter und daher auch, trotz aller Großmäuligkeit der Pariser Sozialisten, die Gefahr eines sozialen Umsturzes so gering wie in Frankreich. Und je größer und allgemeiner verbreitet der Wohlstand, desto größer ist natürlich auch die Abneigung gegen jede kriegerische Verwicklung, die ihn gefährden konnte; nur darbende Völker sinnen auf Eroberung. Es ist also wahrscheinlich, daß, sobald Deutschland feierlich seine Absicht erklärt, seinem Expansionsbedürfnis nach Osten hin Luft zu machen, Frankreich aufatmen und unsre Bestrebungen nach dieser Richtung hin unterstützen wird. Die Franzosen haben um so mehr Veranlassung dazu, weil ja die Verwandlung ungeheurer teils wüster teils von armseligen hungernden Bauern oder Nomaden bewohnter Länderstrecken in blühende, eine wohlhabende, gebildete Bevölkerung nährende Gefilde seinen Absatzmarkt für Luxuswaren erweitern würde. Die nächste Aufgabe unsrer Diplomatie wäre also, alle Staaten West- und Mitteleuropas zu einem gemeinsamen Unternehmen gegen Rußland zu vereinigen. Die Vorteile dieses Unternehmens sind so augenscheinlich, ja man darf sagen, seine Notwendigkeit ist so einleuchtend, daß wohl kein Volk ihm widerstreben würde; nur gewisse Gruppen der herrschenden Klassen, die bei dem jetzigen Zustande ihre Rechnung finden, würden heftig widersprechen. Und da sich die Diplomatie nur allzusehr von solchen Kreisen beeinflussen läßt, daher aus eigner Initiative sich nur schwer entschließen wird, diese Richtung einzuschlagen, so müßte ein Bund patriotischer Männer eine Volksbewegung dafür in ganz West- und Mitteleuropa organisiren . Sie würde sich rasch und gewaltig ausbreiten, denn der Verfasser dieses Buches steht mit seiner Ansicht durchaus nicht allein da, und die Zahl derer, die Rußland als unser natürliches Kolonisationsgebiet betrachten, ist schon jetzt sehr groß. An Rußland wäre dann im Namen der verbündeten Staaten Europas die Forderung zu stellen, daß es alle seine Einfuhrzölle aufhöbe, unbeschränkte Einwanderung gestattete, alle die Ansiedlung von Ausländern erschwerenden Bestimmungen aufhöbe und den Kolonisten das Recht der Selbstverwaltung einräumte. Die russische Grenze würde dann nur noch den Machtbereich des Zaren umschreiben aber für den Verkehr nicht mehr existiren. Es wäre nicht undenkbar, daß sich Rußland ohne Schwertstreich fügte. Wenn man sich erinnert, wie schwer es ihm vor fünfzehn Jahren geworden ist, mit den elendigen Türken fertig zu werden, obwohl ihm Rumänien half und eine aufrührerische türkische Provinz den Kriegsschauplatz abgab, wenn man bedenkt, daß es gegenwärtig weder Geld noch Kredit mehr hat, so muß man sich doch sagen, daß nur der Mut wahnsinniger Verzweiflung zum Widerstande gegen das verbündete Europa treiben könnte. Entschlösse es sich jedoch dazu, so würden damit die ungeheuern europäischen Kriegsrüstungen, die an sich betrachtet reine Tollheit sind, die größte Tollheit der ganzen Weltgeschichte (denn um empörte Arbeiter niederzuschießen, braucht man nicht den zehnten Teil soviel Soldaten und Kanonen), einen vernünftigen Zweck erhalten. Das deutsche Reich und Österreich würden als Bundesexekutoren ihre Landheere hineinführen, während die andern Mächte deren Operationen mit ihren Flotten zu unterstützen hätten. Schon heute fürchten die Russen, daß es einmal so kommen werde. Ein offiziöses Blatt, der Kiewljanin, hat jüngst diese Besorgnis vor dem »Drange nach dem Osten« zu beschwichtigen versucht, und seine Auslassungen, die zugleich als eine nach Westen hin gerichtete Warnung erscheinen, sind in den angesehensten russischen Zeitungen ohne Kommentar abgedruckt worden. Das Blatt räumt ein, daß die Deutschen, wenn die Einwanderung von der russischen Regierung nicht beschränkt würde, gern haufenweise nach Rußland auswandern würden, aber, sagt es, befürchten, daß dieser Drang das deutsche Reich zu einem Kriege gegen Rußland veranlassen werde, »heißt Geisterspuk treiben und nicht reale Politik. Warum sollten wir unserm Nachbar den schlimmsten Wahnsinn zutrauen? Und ein solcher wäre doch ein deutscher Angriff auf Rußland, nicht nur unter den gegenwärtig obwaltenden, sondern unter allen Umständen. Oder wer wüßte es nicht, daß man wohl eine russische Armee, aber nicht Dutzende von russischen Armeen vernichten kann, und daß mit einem jeden neuen Siege und mit einem jeden weitern Schritt ins Innere unsers Vaterlandes dem mutwilligen Angreifer neue und unberechenbare Gefahren erwachsen würden? Nein, das russische Volk ist für den Westen Europas genau so schrecklich, wie die Urgermanen es für das römische Reich waren und – man wird uns sicherlich in Ruhe lassen.« Es wäre thöricht, sich durch solche Großsprechereien schrecken zu lassen. Die Russen werden sich hüten, nach der Niederlage ihrer regulären Truppen Dutzende von neuen Armeen zu bilden! Ihre verlumpten Adlichen werden sehr froh sein, für ihre unverkäuflichen Güter zahlungsfähige Käufer und Pächter zu finden, und ihre verlumpten und verschuldeten Bauern werden von Herzen gern die Zinssklaverei, in der sie jetzt schmachten, mit einer milden Dienstbarkeit unter verständigen Wirtschaftsleitern vertauschen, von denen sie als Menschen behandelt werden würden und bei denen sie ihr Brot fänden. Der Vergleich mit den Germanen ist gut und spricht für uns. In ihm liegt das Eingeständnis, daß uns Rußland gegenübersteht wie die Barbarei der Zivilisation, und daß es nicht allein sittlich gerechtfertigt sondern Pflicht der Selbsterhaltung für die Träger der europäischen Kultur ist, dem Barbareneinfall zuvorzukommen. Nur steht in diesem Falle die Sache für die Zivilisation bedeutend günstiger als im vierten und fünften Jahrhundert nach Christus. Denn die versoffenen, schlappen Russen sind keine Germanen, und die verbündeten Staaten Deutschland und Österreich stellen eine ganz andre, innerlich unendlich gefestigtere Kriegsmacht dar als das römische Reich, das schon durch seine ungeheuer lange, auf allen Punkten dem Angriff offne Grenze in militärischer Hinsicht einem riesigen wehrlosen Weichtier glich. Nach dieser nützlichen Verwendung der Landarmeeen wäre auch den Flotten eine Aufgabe zuzuteilen, diesen kostspieligen Flotten, die vor der Hand keinen andern Zweck haben, als Salutschüsse abzufeuern, tausend Mark der Knall, und die theoretisch ja gewiß sehr interessante Frage zu lösen, wer von beiden im Wettkampf schließlich Sieger bleiben wird, das Geschütz oder der Panzer. Freilich haben die deutschen Kriegsschiffe auch die Aufgabe, die Deutschen im Auslande und namentlich den deutschen Handel zu schützen, aber, was sie darin leisten, entspricht bei weitem nicht dem Aufwande. Die Flotten also hätten sich nach Südamerika zu verfügen, und die Regierungen von Rio de Janeiro, Montevideo und Buenos Ayres zu großartigen Landabtretungen in den klimatisch günstigsten Gegenden ihrer Staaten zu zwingen. Dorthin würden vorzugsweise Italiener, doch auch Deutsche wandern; die Kolonisationsgebiete wären national abzugrenzen. Geben die Yankees die Losung aus: Amerika für die Amerikaner! so müssen wir ihnen mit der Losung: Amerika für die Europäer! zuvorkommen. Aus Europa stammt die amerikanische Kultur, und die Abenteurer, die zuerst den großen Erdteil in Besitz genommen haben, sind nicht berechtigt, spätern Nachzüglern den Riegel vorzuschieben, während sie noch so viel Raum und Boden übrig haben. Sowohl in dem europäisch-asiatischen wie im südamerikanischen Ansiedlungsgebiet hätten die heimatlichen Regierungen der Kolonisten große Landstrecken als Reserven anzukaufen, damit sowohl für die Nachkommen der Kolonisten wie für spätere Einwanderer noch auf lange Zeit hinaus billiges Land verfügbar bliebe. Wenn dieser Plan den bisherigen Anschauungen, Grundsätzen und Traditionen der preußischen Staatskunst schnurstracks zuwiderläuft, so liegt darin einerseits kein Tadel gegen diese Staatskunst, andrerseits kein Grund, den Urheber oder vielmehr nur Verkündiger dieses Planes der Überhebung zu zeihen. Ich habe im vorigen Kapitel hervorgehoben, daß die Gründung dieses deutschen Reiches, wie wir es jetzt haben, eine Notwendigkeit war fürs deutsche Volk, und denen, die dieses Notwendige vollbracht haben, bleibt ihr Ruhm ungeschmälert. Die Reichsgründung konnte nur auf der Grundlage der damaligen politischen Verhältnisse des Erdteils erfolgen, zu denen die Stellung Rußlands in dem mißtönenden europäischen »Konzert,« so falsch sie sein mochte, nun einmal thatsächlich gehörte. Von denen, die sich in jene alten Verhältnisse eingelebt und in ihnen gewirkt hatten, ist nicht zu verlangen, daß sie die völlig neue Lage begreifen. Am wenigsten ist zu verlangen, daß sie das soziale Element verstehen, das erst nach 1870 dazu getreten ist. Denn erst nach 1870 ist Deutschland ein getreideeinführendes, also übervölkertes Land geworden, erst nach 1870, und eben durch die Reichsgründung, haben die Konzentration des politischen Lebens und der Reichsverwaltung in Berlin, die Aufrüttelung von Volksmassen, die bisher ein unpolitisches Stillleben geführt hatten, durch stürmische politische Veränderungen, und die unaufhörlichen Verstärkungen der Kriegsmacht zusammengewirkt, die mehrfach beschriebne wirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen und den Knoten zu schürzen. Wer jetzt im Greisenalter steht, mag immer noch jenes dünn bevölkerte Preußen Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelms III. vor Augen haben, das mit Menschen zu füllen damals in der That als eine der wichtigsten Aufgaben der Staatskunst erschien. Von den erst seit 1870 brennend gewordnen sozialen Fragen mag der gar keine rechte Vorstellung haben, der den untern Volksklassen fernsteht und sich von deren Lage, Denkungsart, Empfindungsweise und Not vielleicht gar keinen Begriff machen kann. Er sieht nur die auffälligsten Symptome der sozialen Not: die Sozialdemokratie, die Arbeitseinstellungen, die Handelskrisen, die »Not der Landwirtschaft,« der man ratlos gegenübersteht. So kann denn auch, was man jetzt Sozialpolitik nennt, nur ein Kuriren auf Symptome sein. Man hält die Deutschen für eine »saturirte« Nation, während diese Nation im Begriff steht, vor Mangel toll zu werden, da sie zu intelligent und lebenskräftig ist, sich nach Slavenart auf die Ofenbank zu legen und den Hunger zu verschlafen. Kurz, die Situation ist so völlig neu, die Forderungen, die sie an die Regierung stellt, sind von denen der Situation vor 1870 so grundverschieden, die Verhältnisse, unter denen, und die Mittel, mit denen jene Forderungen zu erfüllen sind, weichen von dem ganzen politischen Rüstzeuge des ancien régime und der konstitutionellen Periode so gründlich ab, daß neue Männer nötig sein werden, diese neue große Aufgabe zu lösen. Wie würden sich nach der Erschließung Rußlands und Vorderasiens die Dinge dort gestalten? Die Kolonistengruppen würden Republiken bilden unter der nominellen Oberhoheit des Zarentums und der Pforte. Die über jene weiten Länder zerstreuten deutschen Gemeinwesen würden unter den Schutz des deutschen Kaisers treten. So würden der ganze europäische Osten und Vorderasien zusammen ein gewaltiges deutsches Reich bilden, einen Schutzwall der europäischen Kultur gegen russische und mongolische Horden, das wahre Reich der echten Mitte. Wer dem deutschen Volke, dessen Vorfahren das Römerreich zertrümmert und schon einmal Europa beherrscht haben, diese Leistung nicht zutraut, der soll sich schämen und den deutschen Namen ablegen. Natürlich, die Jammergestalten in den Spinnfabriken und Gifthütten, in die wir sie eingesperrt haben, können Asien nicht erobern, aber die deutschen Bauern und Handwerker der Zukunft werden es können. Künstlichen Dünger brauchen die nicht mehr zu fabriziren, da dann jeder wieder den Boden, dessen Frucht er ißt, mit seinem eignen Dünger befruchtet, und wie Düngerfabriken so werden die übrigen Verkrüppelungsanstalten verschwinden. Unbegründet würde auch die Besorgnis sein, die deutschen Kolonisten könnten den Zusammenhang mit dem Vaterlande verlieren und verrusst oder vertürkt werden; solche Gefahr droht unsern Nachkommen bei den heutigen Verkehrsmitteln weit weniger, als sie vor Zeiten dem Häuflein Kolonisten im Baltenlande und in Siebenbürgen gedroht hat, die aber trotzdem deutsche Sprache, deutschen Sinn und deutsche Sitte bis auf den heutigen Tag rein bewahrt haben. Wenn sich heutzutage die Deutschen in Österreich und Preußen leicht slawisiren, so kommt das daher, weil Leute, denen die Bureaukratie die moralischen Knochen gebrochen hat und die in allen, sogar in Sachen ihrer eignen Muttersprache, einen Beschützer und Vormund brauchen, gar keine richtigen Deutschen mehr sind. Ist erst der stolze deutsche Unabhängigkeitssinn wiedergekehrt, dann bedarf es auch keiner gewaltsamen Unterdrückung der zwischeninnewohnenden Slawen »zum Schutze des Deutschtums.« Als vor ein paar Jahren in der ganzen »nationalen« Presse über die angebliche »Bedrohung des Deutschtums« durch die zwei Millionen preußischer Polen gejammert wurde, habe ich mich im Namen meiner Landsleute aufrichtig geschämt und mich gewundert, daß nicht wenigstens die gesamte Generalität Protest gegen die Auffassung eingelegt hat, als ob auch nur die entfernteste Möglichkeit vorhanden wäre, daß zwei Millionen vom weichsten, unterwürfigsten und fügsamsten aller Slawenstämme so etwas wie eine Gefahr für das gewaltige deutsche Reich und seine achtundvierzig Millionen deutscher Bewohner bedeuten könnten. Nein, man kann Polen, Russen, Tataren ruhig in ihren eignen Sprachen reden, schreiben, drucken, beten und Schule halten lassen, es wird dem deutschen Charakter der Deutschen und der Festigkeit des deutschen Reiches so wenig schaden, wie es dem Römerreich geschadet hat, daß darin jedes Volk seinen heimischen Göttern dienen, seinen väterlichen Sitten nachleben und seine Muttersprache reden durfte. Im Gegenteil! Gerade die beständige Berührung mit Menschen andern Stammes weckt und kräftigt das Nationalgefühl. Die römische Nationalität freilich konnte auf die Dauer nicht unversehrt bleiben, weil sie, auf einen kleinen Stamm Mittelitaliens beschränkt, an Zahl viel zu schwach war, sich in der Vermischung mit so vielen andern Völkern nicht allmählich zu verlieren. Trotzdem ist die lateinische Sprache noch tausend Jahre nach dem Untergange des römischen Reiches die amtliche Sprache Europas geblieben. Das deutsche Volk aber zählt siebzig Millionen Angehörige auf dem Erdenrund! Erst wenn die zweckwidrigen gewaltsamen Germanisirungsmaßregeln eingestellt sein werden, wird jener friedliche, still aber kräftig wirkende Germanisirungsprozeß durch, die bloße Anziehungskraft unsrer überlegnen Kultur wieder beginnen, der im Mittelalter so viele Millionen Slawen in Deutsche verwandelt hat. Nachdem die Jesuiten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert ganz Böhmen deutsch gemacht hatten, hat Kaiser Josef II. mit seinem stürmischen Eifer, die kümmerlichen Reste des Tschechentums vollends auszurotten, das tschechische Nationalbewußtsein wieder aufgeweckt und stark gemacht. Wenn in Österreich die Slawen, namentlich die energischen Tschechen, seit siebenundzwanzig Jahren den Deutschen gefährlich geworden sind, so kommt das, abgesehen von der eben erwähnten Vorarbeit des Kaisers Josef, daher, daß die österreichischen Deutschen der weichste unter den deutschen Stämmen sind, daß sie, losgetrennt von den Brüdern im neuen Reich, zu schwach an Zahl sind, das Völkergemisch ihres Kaiserstaates zu beherrschen, und daß sie in Klerikale, Nurdeutsche und judenfreundliche Liberale gespalten sind. Die Wiedervereinigung Österreichs mit uns Reichsdeutschen, wodurch die deutsche Macht erst kompakt und vollendet werden wird, gehört zu den Aufgaben, die unsre Enkel zu lösen haben werden. Daß das deutsche Reich in seiner jetzigen Gestalt nicht den geographischen Abschluß der politischen Entwicklung des deutschen Volks bilden kann, lehrt ein Blick auf die Karte. Es ist nicht Deutschland, sondern nur Großpreußen: gleich dem alten Kleinpreußen höchst unglücklich gestaltet – gleicht es doch einem Manne, dem das linke Bein in der Hüfte amputirt worden ist – und um seiner Existenz willen zu übermäßigen militärischen Anstrengungen gezwungen; zudem auch in wirtschaftlicher Beziehung, selbst abgesehen von der Übervölkerung, ohne engsten Anschluß an das amputirte Glied nicht lebensfähig; nur mit diesem zusammen konnte es allenfalls ein geschlossnes Wirtschaftsgebiet bilden. Erst nach solcher Wiederherstellung kleinerer selbständiger Lebenskreise, die jedoch alle als Glieder eines gewaltigen Reiches vom Hochgefühl geschwellt und sich bewußt sind, mit Erfolg an großen würdigen Aufgaben zu arbeiten, wird der Deutsche wieder ein ζϖον πολιτικόν, lebendiges Glied eines Gemeinwesens werden, während er jetzt nur ein politischer Kannegießer und Schwätzer, oder ein konfessioneller Kampfhahn und Krakehler ist. Die Beseitigung der internationalen und der Revolutionsgefahr würde die allgemeine Abrüstung ermöglichen in der Weise, daß fortan kleine stehende Heere für etwaige auswärtige Verwendung mit Milizen, wirklichen Volksheeren nur für die Landesverteidigung verbunden würden. Weiß jemand einen andern Vorschlag zur Lösung der europäischen Frage, so rücke er heraus damit! Weiß niemand einen andern, und kommt auch der meine nicht zur Ausführung, dann bleibt nichts übrig als sich pessimistischer Verzweiflung zu ergeben. Wehe dann unsern Nachkommen, und wohl dem kinderlosen Manne! Redensarten wie: es werde schon von selber wieder besser werden, und daß die Krise gleich frühern Krisen vorübergehen werde, sind Kindereien, die man mit Entrüstung zurückweisen muß: das Land, das uns fehlt, wächst uns nicht von selber zu ! Sechzehntes Kapitel Heilmittel zweiter Ordnung – Schlußbetrachtung Zwei der auf Seite 34 aufgestellten Fragen haben wir beantwortet. Der Kulturfortschritt macht weder das Massenelend, noch die allgemeine Existenzunsicherheit, noch einen unlösbaren Wirrwarr sozialer und wirtschaftlicher Verwicklungen notwendig, und die vorgeschlagne Vergrößerung der Anbaufläche würde bei umsichtiger Leitung des großen Werkes den Erfolg haben, alle drei Übel gleichzeitig zu heben. Die dritte Frage lautete: was kann und soll der Staat thun, um die bis zur Anwendung dieses Heilmittels noch mögliche Ausbeutung der Schwachen durch die Starken zu verhindern? Wir müssen sie jetzt folgendermaßen erweitern: was können und sollen Volk und Staat thun, um vorläufig die sozialen Übel zu mildern und nach erfolgter Heilung ihre Wiederkehr zu verhüten? Wir haben der unendlichen Masse von Vorschlägen, die in dieser Hinsicht schon gemacht und in dicken Büchern begründet worden sind, kaum noch etwas hinzuzufügen, und beschränken uns deshalb auf eine kurze kritische Überschau. Einen Vermögensausgleich durch eine progressive Einkommens - oder Erbschaftssteuer herbeizuführen, wird kaum möglich sein. Es ist richtig, unsre Millionäre leisten bei weitem nicht so viel fürs Gemeinwesen, wie die Aristokraten in Althellas und Altrom geleistet haben. Bei den Alten verstand es sich von selbst, daß nur der Begüterte die öffentlichen Lasten trug, die Proletarier aber lediglich mit ihrer proles zinsten, und was man den Reichen zumutete an Ausrüstung von Kriegsschiffen, Veranstaltung öffentlicher Spiele und dergleichen, kam oft einer teilweisen Vermögenskonfiskation gleich. Auf das gesetzlich geforderte beschränkten sich die Vornehmen aber nicht einmal, sondern sie warben um die Volksgunst mit Kornspenden, mit Errichtung öffentlicher Bauten, namentlich von Theatern und Bädern, Schenkung von Gärten und öffentlichen Wandelbahnen. Diese Art der Fürsorge fürs Volk mag dem modernen Menschen unzweckmäßig und dem Puritaner unsittlich erscheinen, aber vornehmen Gemeinsinn beweist sie doch. Und wenn das Vermögen, das der Reiche an arme Bürger verschenkte, zuweilen durch Plünderung erworben war, so war es doch Ausländern geraubt, nicht den Mitbürgern abgepreßt. Großartige Stiftungen aus reinem Wohlwollen, ohne politische Nebenabsichten, auch für Unterrichtsanstalten, waren zur Kaiserzeit häufig in den Provinzen des römischen Reichs. Mommsens römische Geschichte V, 327 ff. Folgende Sätze auf S. 331 hat er bei dieser Gelegenheit den heutigen Staatsmännern ins Stammbuch gestiftet: »Die politischen Einrichtungen, die gewerblichen und kommerziellen Anregungen, die literarische und künstlerische Initiative gehören in Kleinasien durchaus den alten Freistädten oder den Attaliden. Was die römische Regierung dem Lande gegeben hat, war wesentlich der dauernde Friedenszustand und die Duldung des Wohlstandes im Innern, die Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar Arme und jedes ersparte Geldstück betrachtet als ihren unmittelbaren Zwecken von Rechtswegen verfallen – negative Tugenden keineswegs hervorragender Persönlichkeiten, aber oftmals dem gemeinen Gedeihen ersprießlicher als die Großthaten der selbstgesetzten Vormünder der Menschheit.« (Soll wohl heißen: als die Großthaten solcher, die sich selbst zu Vormündern des Volks aufgeworfen haben). Mit dem Unterschiede der Stände ist auch das Standesbewußtsein und das noblesse oblige verschwunden; die reichen Leute unsrer Zeit sind keine Aristokraten mehr, sondern nur noch – nun, sagen wir Geschäftsleute; löbliche Ausnahmen bestätigen die Regel. Weder verlorne Gesinnungen lassen sich durch Gesetze erzwingen, noch diesen Gesinnungen entsprechende Leistungen. Höhere Besteuerung und schärfere Einschätzung würden nur die Zahl der Meineidigen vermehren; die progressive Erbschaftssteuer würde man durch Vermögensübergabe bei Lebzeiten umgehen. Zudem bringt das heutige kalkulatorische Verfahren, von dem im Altertum keine Rede war, eine unerträgliche Einmischung des Staates in die innersten Haushaltungsangelegenheiten mit sich; finden sich doch jetzt schon in den Fragebogen mancher Einschätzungsbehörden so unverschämte Fragen wie die, wie viel der Kaufmann auf Almosen, auf Ausfahrten u. s. w. ausgebe.« Dieses heutige inquisitorische Verfahren ist schon der Anfang des Kommunismus, der Konfiskation des Privateigentums; denn was ich nur unter Vormundschaft und Aufsicht des Staates verwenden kann, besitze ich nicht mehr als freies Eigentum. Die Feinfühligern unter den Steuerpflichtigen erbittert es dermaßen, daß ihnen schon hierdurch der Gegenwartsstaat verleidet und der Übergang zum Kommunismus leicht gemacht wird. Ich erinnre mich noch der Entrüstung, mit der einmal ein schlichter, sehr gutartiger Landmann, Ackerstellenbesitzer, zu mir kam und rief: »Nein, stellen Sie sich vor, kommt der Schulze zu mir und fragt mich, was mir meine Äpfelbäume bringen! Nun den habe ich aber hinausgebracht!« Um die Besteuerung sozial wirksam zu machen, dazu gehört eben jener verlorne Gemeingeist, von dem mir gerade ein hübsches Beispiel einfällt. Zur Zeit Barbarossas machte eine Lombardenstadt – ich habe vergessen, welche – Rebellion und jagte ihren neugewählten Gemeinderat fort, weil diese Herren eine zu kleine Umlage ausgeschrieben und dadurch den Patriotismus der Bürger beleidigt hatten. Heutzutage messen die Wohlhabenden ihren Patriotismus nicht an den Opfern, die sie selber bringen, sondern an den Lasten, die sie dem Volke auflegen, und an dem Profit, den sie selbst dabei machen. Der Antisemitismus ist, abgesehen von den sehr schwach vertretenen ethischen Beweggründen einiger seiner Parteigänger, wirklich weiter nichts, als die Sozialdemokratie der dummen Kerle. Was dem kapitalistischen Ausbeuter das Handwerk legt, das trifft alle Leute dieser Sorte gleichmäßig, mögen sie beschnitten oder unbeschnitten sein. Das, was am Judentum bekämpft werden soll, kann bekämpft und vernichtet werden, ohne daß das Wort Jude auch nur ausgesprochen wird. Wirksame Bekämpfung der Auswüchse des Kapitalismus und Vorbeugung gegen ihre Wiederkehr ist natürlich nicht möglich ohne Mitwirkung der Gesetzgebung und Rechtsprechung . Wir haben ja gesehen, und alle Welt beklagt sich auch darüber, daß namentlich unser Eigentumsrecht sehr weit entfernt davon ist, Recht zu sein. Aber man würde irre gehen, wenn man die Besserung auf dem Wege des Strafrechts anstrebte. Sogar konservative Organe, die seit zwanzig Jahren unaufhörlich über die eingerissene Unsittlichkeit jammern, Vermehrung und Verschärfung der Strafgesetze fordern, fangen an einzusehen, daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen, daß man unmöglich auf jeden Spezialfall ein neues Strafgesetz bauen könne, daß es nicht wohlgethan sei, die Zahl der Strafgesetze ins Unendliche zu vermehren, weil damit weiter nichts erreicht werde, als die Vervielfältigung und Verfeinerung der Künste, mit denen das Strafgesetz umgangen zu werden pflegt; weil endlich dadurch die Schlechtigkeiten nicht verhindert, sondern nur in immer neue Formen getrieben werden. Sache der Zivilrechtspflege ist es, den Schlechtigkeiten ihren Nährboden zu entziehen. Eine Gemeinde schuldenfreier, und durch eine zweckmäßig eingerichtete Kreditgenossenschaft für vorübergehende Geldverlegenheiten gerüsteter Bauern ist nicht bloß besser als alle Vorschußvereine, sondern auch, wie schon einmal bemerkt würde, als alle Wuchergesetze. Wo Unwissenheit, Liederlichkeit oder Elend oder alle drei herrschen, da sind die Ausbeuter da, und kein Strafrichter kann sie vernichten; jedem abgeschlagnen Kopfe dieser Hydra wachsen zehn neue nach. An verständigen, wirtschaftlichen und wohlhabenden Menschen findet der Blutegel keine kranke Stelle, an der er anbeißen konnte. Immerhin, da wir nun einmal krank sind, kann dem Strafrichter die Mühe nicht erspart werden, den Blutsaugern zu Leibe zu rücken; nur darf man sich von seiner Wirksamkeit keinen durchschlagenden wirtschaftlichen Erfolg versprechen, aus dem oben angegebnen Grunde, und weil die schlimmsten Blutsauger viel zu mächtig sind, als daß sich der Staatsanwalt an sie heranwagen dürfte. Weit wirksamer könnte sich, auch schon vor der Radikalkur, das Zivilrecht erweisen. Tiefes braucht bloß allen Gläubigern, deren Forderungen auf unsittlichen oder sittlich bedenklichen Geschäften beruhen, seinen Beistand zu versagen. Man erkläre einfach alle Trink- und Spielschulden, unter letzteren auch die aus Differenzgeschäften, für unklagbar, ferner solche Wechselschulden, bei denen der Schuldner nachweisen kann oder beschwört, daß er nicht den vollen Betrag erhalten hat; ferner Forderungen aus einem Abzahlungsgeschäft, das die Verfallklausel enthielt. Die »Geschäftsleute« werden schreien, das Geschäft gehe zu Grunde, das Faustrecht kehre wieder, der Rechtsstaat breche zusammen, und sie werden mit dem Einsturz von Himmel und Erde drohen; allein es wird nichts zusammenbrechen als der Schwindel, der reelle Geschäftsverkehr aber nicht im mindesten geschädigt werden. Solche zivilrechtliche Behandlung der Sache wird zugleich den Vorteil haben, daß sie die Zahl der Rechtshändel vermindert, während neue Strafgesetze natürlich auch die Zahl der Prozesse vermehren. Die Klagbarkeit muß überhaupt auf solche Schuldforderungen beschränkt werden, die auf einem nach kaufmännischen Regeln abgeschlossnen Geschäft beruhen, und durch diese Regeln müssen die Grenzen, innerhalb deren rechtsverbindliche Schulden entstehen können, möglichst eng gezogen werden. Dem Bauschwindel ließe sich auf folgende Weise steuern. Wenn die Bauhandwerker nicht, wie das vormals allgemein üblich war, allwöchentlich abgelohnt werden, sondern mit der Bezahlung warten müssen bis nach Vollendung des Baues, dann gehört ihnen der Bau, nicht dem Bauherrn, der bei dieser Art des Bauens gar nicht Bauherr, sondern bloß Besteller ist; geradeso wie der bestellte Rock, solange er nicht bezahlt ist, dem Schneider gehört, und der Mann, der unbezahlte Röcke abträgt, ein gemeiner Lump und Spitzbube ist, mag er nun in der Gesellschaft Herr Graf oder Studiosus Juris oder sonstwie titulirt werden. Eine Hypothek darf auf ein Haus nicht früher eingetragen werden, als bis ein dafür haftender Einzeleigentümer oder eine Genossenschaft vorhanden und der Bau vollendet ist. Will der Besteller das Haus als Eigentum haben, so muß er es von den Handwerkern, die es gebaut haben, kaufen, aber nicht mit Hypothekengeldern , sondern mit seinem eignen Gelde. Hat er keins, so bleibt das Haus den Handwerkern, die ad hoc eine Genossenschaft bilden und es vermieten, bis sie einen Käufer finden. Auf diese Weise würden die Handwerker zugleich das Genossenschaftswesen praktisch erlernen und einsehen lernen, wie prächtig es ohne kapitalistischen Unternehmer geht, besonders ohne einen solchen, der sich das Kapital erst pumpen muß. Der Vetter des Bauschwindlers ist der Bodenwucherer . An diesem Punkte greifen die Bodenreformer die soziale Frage an. Mit ihren Auffassungen haben die meinen viel Verwandtschaft Wenigstens mit denen eines eifrigen Apostels ihrer Lehre, des Dr. Karl Schmidt , dessen beide Schriften: Brot , Leipzig, W. Friedrich, 1893, und Der kleine George (eine gemeinfaßliche Bearbeitung von des Amerikaners Henry George Werk »Fortschritt und Armut«), Dresden und Leipzig bei E. Pierson, viele vortreffliche Gedanken enthalten und vielfach an die meinigen anklingen. , trotzdem vermag ich mich ihren Bestrebungen nicht anzuschließen. Sie fassen nur eine Seite des vielseitigen und verwickelten Problems ins Auge, und ihr Heilmittel würde, wenn es anwendbar wäre, zum Kommunismus führen. Zwar wollen sie nicht alle Arbeitsmittel, sondern nur Grund und Boden verstaatlichen, allein wenn das wichtigste und größte aller Vermögensstücks dem Privateigentümer entzogen ist, was bleibt ihm da groß noch übrig? Gerade der Grundbesitz ist der wertvollste, nicht allein dem Geldwerte nach, sondern auch in sittlicher Beziehung und für die Volkswirtschaft. Der freie Eigentümer eines Grundstücks verwandelt Sand in Gold, allerdings nur, wenn er ein Bauer alten Schlages, weder Großgrundbesitzer noch kapitalistischer Pächter ist. Aber ich sehe auch gar keine Möglichkeit, den Plan der Bodenreformer durchzuführen. Sie wollen »die Grundrente expropriiren,« und zwar auf dem Wege der Besteuerung. Was das ländliche Grundeigentum anlangt, so halte ich die Aussonderung der Rente aus dem Ertrage beim kleinern Bauerngut für ganz unmöglich. Übrigens behaupten viele Landwirte, daß sie überhaupt keine Grundrente mehr erzielen, andre müssen sie ihren Hypothekengläubigern abtreten; zudem ist der preußische Staat eben jetzt daran, auf die Grundsteuer, also auf den Anteil an der Rente, den er bisher bezogen hat, zu verzichten. Den städtischen Grundrentnern möchte ich von ganzem Herzen wünschen, daß ihnen die Rente vom Staate abgenommen würde. Sind sie doch die schlimmsten aller Blutsauger, indem sie dem produktiv arbeitenden seinen ehrlichen Arbeitsverdienst rauben und den Bissen Brot aus dem Munde wegreißen. Nur wenn der Handwerker, Fabrikant oder Kaufmann zugleich Hausbesitzer ist, bleibt ihm sein voller Verdienst. Sitzt er zur Miete, so wird jede Erhöhung seines Verdienstes durch eine Mietsteigerung aufgehoben. Bringt ein intelligenter oder vom Glück begünstigter Pächter seine Gastwirtschaft in die Höhe, so hat er den Vorteil nur, so lange der Pachtkontrakt dauert. Bei dessen Ablauf steigert ihn der Hausbesitzer um ungefähr soviel, als sich der Reinertrag unter seiner Leitung erhöht hat, und mag er unter dieser Bedingung nicht wieder pachten, so findet sich ein andrer. Wie lächerlich klingt unter solchen Verhältnissen der Vorwurf, den man den Sozialdemokraten macht, in ihrem Zukunftsstaate würde der Tüchtige von seiner Tüchtigkeit keinen Vorteil haben! Arbeiten doch gerade im Gegenwartsstaate alle Tüchtigen nur für Rentner, Spekulanten und andre Schmarotzer. Und um die Ungerechtigkeit zu krönen, muß der Gewerbtreibende außer der Einkommensteuer auch noch Gewerbesteuer zahlen, während der Rentner bloß Einkommensteuer zahlt; das heißt also, wie Karl Schmidt richtig sagt, jede produktive Thätigkeit wird vom Staate bestraft, das Schmarotzertum aufgemuntert. Die Unverschämtheit dieses Schmarotzertums geht so weit, daß der Berliner Magistrat in der Begründung seiner jüngsten Vorlage wegen Freilegung der Südseite des Schlosses zu schreiben wagt: »Es wird eine Leben und Verkehr und damit eine Steigerung der Grundstückswerte dortselbst befördernde Arterie in den ganzen Osten der Stadt geführt.« Die Herren rühmen sich also auch noch ihres Bodenwuchers, dieser schändlichsten aller Wucherarten! Alles, was Rogers den Londoner Landlords Schlimmes nachsagt, gilt auch von dem Berliner Grundbesitzerklüngel, der, wie es scheint, die dortige Stadtverwaltung beherrscht. Grund und Boden billig zu machen , das ist die allererste volkswirtschaftliche und soziale Pflicht des Staates und der Gemeindevorstände. Also, wie gesagt, wenn diesen Räubern ihre Beute abgenommen werden könnte, so wäre das ja sehr schön. Allein für eine besondre städtische Grundrentensteuer wird sich in keinem deutschen Landtage eine Mehrheit finden, und würde den Grundbesitzern wirklich eine auferlegt, so wäre man noch gar nicht sicher, ob sie sie nicht auf die Mieter abwälzen würden. Erinnern wir uns der oben ausgesprochnen Thatsache, daß, wo Not herrscht, der Schmarotzer, der sie sich zu nutze macht, nicht abzuschütteln ist. Im vorliegenden Falle handelt es sich um Wohnungsnot und Bodenmangel. Beiden ist nur durch Zerstreuung der in den Großstädten und Industriebezirken zusammengedrängten Volksmassen über das Land abzuhelfen, und darum bleibt, wie schon im elften und im dreizehnten Kapitel bemerkt wurde, die innere Kolonisation das einzige dem Staate zur Verfügung stehende Mittel, das auch schon vor der radikalen Heilung wirksame Hilfe verspricht. Wie groß der Landhunger ist, beweisen die zahlreichen Anträge an die preußische Generalkommission. Nur sind, wie ebenfalls schon hervorgehoben worden ist, die diesen zur Verfügung stehenden Rittergüter viel zu teuer. Der Preis der Rittergüter würde bedeutend sinken, wenn der Staat plötzlich alle Agrarzölle und agrarischen Steuervergünstigungen aufhöbe, und wenn infolgedessen ein paar tausend Rittergüter subhastirt werden müßten. Selbstverständlich dürfte nicht der Bodenspekulant, sondern müßte die Rentenkammer zwischen den Falliten und die Käufer treten, und die Anlage der neuen Bauerngüter so umsichtig betrieben werden, wie es jetzt von der Ansiedlungskommission in Posen und Westpreußen geschieht. Die politischen Bedenken gegen eine solche Umwälzung sind im vierzehnten Kapitel zurückgewiesen worden, und die auf Seite 253 erwähnten schwinden bei der Aussicht auf die Radikalkur. Daß der Getreidebau unter der Konkurrenz des Auslandes leiden würde, ist nicht zu befürchten. Nicht am Freihandel geht die englische Landwirtschaft zu Grunde, sondern daran, daß man den natürlichen Träger der Landwirtschaft, den Bauer, der das Getreide zunächst als Nahrungsmittel für sich und seine Leute baut, vernichtet und nur noch den Landlord und den Großpächter übrig gelassen hat, zwei Menschenklassen, die das Getreide nicht als Nahrungsmittel, sondern als Handelsware bauen oder bauen lassen. Oder soll uns das Mitleid mit den Großgrundbesitzern abhalten? Dieser Tage erzählte mir eine arme Frau, wie sie einem Wanderburschen ein paar alte Stiefel geschenkt und ihm warmes Wasser gegeben habe, seine seit Wochen täglich im Straßenkot gebadeten Füße zu waschen, und wie er ihr unter Thränen gedankt habe, daß er sich wieder einmal trockner und reiner Füße erfreue. Ich sehe schlechterdings nicht ein, wie ich dazu kommen sollte, mit einem solchen Wanderburschen weniger Mitleid zu empfinden als mit einem Rittergutsbesitzer, der, von 20 000 Thalern Einkommen auf 2000 Thaler heruntergebracht, im Vergleich zu jenem immer noch wie im Himmel leben kann, wenn er vernünftig ist. Und von den 50 Millionen Deutschen denken und fühlen mindestens 40 Millionen genau so wie ich; der Christ ist sogar verpflichtet , so und nicht anders zu denken und zu fühlen. Werden solchergestalt vielleicht 300 000 Familien, etwa anderthalb Millionen Köpfe, mit Grundbesitz im dünn bevölkerten Osten der Monarchie versorgt, und ziehen sie ebenso viel Handwerker nach sich, so nimmt der Zug nach den Großstädten ab, und es fällt auch dort der Grundstückswert – freilich noch lange nicht genug. Den berechtigten Kern der Bodenreformbewegung bildet einerseits die gerechte Entrüstung über den Grundstückswucher und die auch von mir vertretne Ansicht, daß die Grundrente die eigentliche Wurzel aller sozialen Übel sei, andrerseits der Protest dagegen, daß unsre heutige, auf der römischen fußende Rechtsanschauung den Boden für eine Handelsware ansteht, die sich von andern Waren höchstens durch ihre Unbeweglichkeit unterscheide. Während ich an dem Privateigentum auch in Beziehung auf Grund und Boden festhalte, räume ich doch den Bodenreformern soviel ein, daß unbeschränktes Privateigentum an Grund und Boden nicht zugelassen werden darf, vielmehr das Obereigentum der Gesamtheit gewahrt bleiben muß. Daher darf es dem Volke niemals an Domänen und Gemeindeland fehlen zur Versorgung des Nachwuchses, darf dem einzelnen Besitzer nicht gestattet werden, Forsten niederzuschlagen und sandigen Kiefernboden der einträglichen Fuselproduktion wegen in Kartoffelland zu verwandeln, oder um irgend einer einträglichen Industrie willen den Körnerbau einzuschränken, kleine Besitzer auszukaufen, kleine Pächter oder Käthner in Proletarier zu verwandeln. Kurz, der Betrieb der Landwirtschaft, der Besitzwechsel von Grund und Boden muß der Oberaufsicht des Staates und der Gemeinden unterworfen werden. Der Arbeiterschutz muß wenigstens soweit ausgedehnt werden, daß die Arbeiterfrauen wieder Gattinnen, Mütter und Hausfrauen werden können Die Gewerbenovelle legt den Fabrikverwaltungen die Verpflichtung auf, Arbeiterinnen über sechzehn Jahre, die ein Hauswesen zu besorgen haben, auf ihren Antrag eine halbe Stunde vor bei Mittagspause zu entlassen, damit sie das Mittagessen zurecht machen können. Wie der Bericht des badischen Fabrikinspektors für 1892 erzählt, hat diese Bestimmung in seinen! Aufsichtsbezirk keinerlei Wirkung geübt. Wo das frühere Fortgehen der Arbeiterinnen stört, dürfen diese, wenn sie sich nicht die Entlassung zuziehen wollen, »gar nicht wagen, den genannten Antrag zu stellen,« Sollte es anderwärts, namentlich in Sachsen und Preußen, anders sein? , und daß die Maschinenindustrie (wozu heute auch die Landwirtschaft auf den großen Gütern gehört) aufhört, ein Schlachtfeld zu sein, auf dem alljährlich einige tausend Menschen zu Krüppeln gemacht werden. Wenn dadurch die Produktion bis zur Vernichtung einiger Exportindustrien verteuert wird, und wenn andrerseits einige hunderttausend von den zu teuer gewordnen Arbeitern durch Maschinen ersetzt und aufs Pflaster geworfen werden, so würde darin ein starker Antrieb liegen, die Radikalkur möglichst zu beschleunigen. Der Selbsthilfe der Arbeiter muß völlig freier Spielraum gelassen werden. Wenn das Schiff ein Leck hat, ist jede Hand an den Pumpen, und wenn dem Hause Einsturz droht, jeder gute Rat willkommen. Nur die Entfesselung und ungehinderte Entfaltung aller Volkskräfte kann uns aus dem Sumpfe heraus und vorwärts bringen. Wer sich selbst, wer einem Kameraden hilft, hilft damit zugleich dem ganzen Volke. Nichts verkehrter, als denen, die ihren Kopf anstrengen, Maul und Arme rühren, einen Maulkorb und Handschellen anlegen! Hätten sich alle Arten von Körperschaften und Genossenschaften zur Selbsthilfe frei entfalten können, so brauchten mir die kostspielige und gefährliche Zwangsversicherung nicht, und die Handwerker hätten sich nicht in die Einbildung verrannt, der Staat müsse ihnen mit Zwangsinnungen helfen. Jeder gelungne Streik, der die Arbeitslöhne dauernd erhöht, dadurch den Massenkonsum vermehrt und den obern Hunderttausend die Mittel für Luxus- und Phantasieausgaben kürzt, führt jenen gediegnen großen Gewerben, die die Grundlage von Staat und Gesellschaft bilden, Ströme von Lebensblut zu. Auf die religiös-sittliche Erneuerung des Volks lege ich nicht geringeres Gewicht als die konservativen, mittelparteilichen und ultramontanen Sozialpolitiker, nur verstehe ich sie ein wenig anders, als unsre modernen Moralprediger. Diese vermeinen das Volk sittlich zu erneuern, wenn sie dem gemeinen Manne jeden Spaß verderben und ihn zum unbedingten, willen- und widerstandslosen Gehorsam gegen den Polizisten, den Unteroffizier, den Brotherrn, den Geistlichen drillen. Mögen sie eine so strenge Ordnung und Zucht Ein Lieblingswort unsrer Frommen, wie denn das Zuchthaus ein Lieblingsinstitut Unsrer »Staatserhaltenden« ist. Nicht minder angesehen und beliebt ist, namentlich bei den »Liberalen,« daß Wort Zwang: Militärzwang, Schulzwang, Zwangserziehung, Sprachenzwang, Zwangsversicherung, Kassenzwang, Markenzwang, Meldezwang u. s. w. Damit hätten wir so ungefähr das Wesen des heutigen Liberalismus. Großen Kummer verursacht den Herren die » Zuchtlosigkeit« des Volks und namentlich der Arbeiterjugend. Um der letzten einigermaßen zu steuern, ist in die Gewerbegesetznovelle die Bestimmung aufgenommen worden, daß die Auszahlung des Arbeitslohns junger Arbeiter an deren Müttern oder Vormünder durch Ortsstatut verfügt werden kann. Obwohl es nun die Arbeiterjugend schwerlich zu arg treibt, wie die jeunesse dorée , so könnte ihr ja immerhin ein wenig mehr väterliche Aussicht und Anleitung nichts schaden. Aber wenn die Herren den Gymnasiasten zum Vergleich heranziehen, so vergessen sie, daß dieser an des Vaters Tasche hängt, und daß keine Gewalt der Erde einem Menschen, der sich mit eignem Verdienst durchschlägt, der also wirtschaftlich selbständig ist, diese Selbständigkeit wird rauben können, wenn der junge Mensch nicht aus Pietät freiwillig darauf verzichtet, oder eine Korporation oder der Fabrikant Vaterstelle an ihm vertritt. Will man ihm väterliche Fürsorge bis zum vierundzwanzigsten Jahre sichern , so überhebe man den Vater der Notwendigkeit, seine Kinder vom vierzehnten Jahre ab auf eignen Verdienst anzuweisen, gebe ihm ein Landgut oder Geschäft, worin er sie selbst beschäftigen kann. Übrigens verhält es sich mit der frühzeitigen Unabhängigkeit wie mit der Freiheit überhaupt: nur die Schwachen gehen darin unter, den Starken verhilft sie zur vollen Entfaltung ihrer Kraft. In London soll es viele Kinderhaushalte geben. Wenn die Mutter im Zuchthause sitzt und der Vater am delirium tremens gestorben ist, dann verdient der sechzehnjährige Sohn den Lebensunterhalt für die jüngern Geschwister, und die vierzehnjährige Schwester führt den äußerlich lumpigen, aber an sittlicher Würde gar manchen vornehmen überstrahlenden Haushalt. Vielen einzelnen mag die frühzeitige Selbständigkeit schaden, dem Volke, der Rasse ist sie förderlich. halten, wie sie wollen und können! Ich habe nichts dagegen, und wenn sie damit die Gemüter mehr rebellisch als fromm machen, so ists nicht mein Schaden. Aber dagegen muß ich protestiren, daß die Herren den Schein zu verbreiten suchen, vielleicht sich auch selbst einbilden, sie verwirklichten damit die Sittlichkeit oder gar das Christentum. Das Wesen des Christentums besteht eben in dem Bruch mit dieser pharisäischen Gesinnung und Praxis, in der Verurteilung jener selbstgerechten Heuchler, die dem Volke unerschwingliche Lasten auflegen, selbst aber nicht mit einem Finger daran rühren, die über der Reinigung von Töpfen und Schüsseln das Wesentliche im Gesetz: Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit vernachlässigen oder diese Tugenden wohl auch geradezu unterdrücken, wie im 23. Kapitel des Matthäus ausgeführt wird. Schwachheitssünden verzeiht Christus Matth. 21, 31, Lukas 7, 47, Lukas 11, 41, Lukas 15, Joh. 8, 11. Wegen des Wunders zu Kana würde der Herr nach unserm heutigen höchst sittlichen Gesetz sogar straffällig sein, hat er dadurch doch die Völlerei begünstigt. Da eine gute bürgerliche Ordnung mit geschlechtlicher und sonstiger Zügellosigkeit nicht bestehen kann, so pflegen dort, wo die materielle Grundlage eines bürgerlich geordneten Zustandes gegeben ist, Familie, Gemeinde und Körperschaften das Notwendige schon selbst zu besorgen, ohne der Einwirkung einer Zentralgewalt zu bedürfen. Ein hübsches Beispiel, wie sich dergleichen macht, erzählt B. A. Huber. Anfang der fünfziger Jahre besichtigte er in Paris die wenigen von der sozialistischen Bewegung her noch übrigen Werkstätten von Produktivgenossenschaften. Bei den Instrumentenbauern weilte er gerade während der Frühstückspause, und da die Frauen, die das Essen brachten, nicht den Eindruck von »Freundinnen« machten, so sagte er zum Werkmeister: »Die meisten von Ihnen sind, scheint es, einigermaßen verheiratet.« Bitte sehr, sagte der, ganz ordentlich verheiratet. »Ist das in Ihren Statuten vorgeschrieben?« Im Gegenteil! Wir wollten sogar die Eheschließung, wenigstens die kirchliche, ausdrücklich »erbieten; allein wir mußten doch unsern Kindern den Genossenschaftsanteil sichern, die Frauen ließen keine Ruhe, auch sieht es anständiger aus, und so hat es sich denn ganz von selbst ergeben, daß wir allesamt bürgerlich und kirchlich verheiratet sind. – Das Einschreiten der Staatsgewalt ist nur nötig, wenn infolge von Kriegen oder andern Umwälzungen Verwilderung eingerissen ist, oder wenn, wie in unsern heutigen Großstädten, alle sozialen Bande gelöst, die einzelnen nur noch Atome, und die materiellen Grundlagen der bürgerlichen Ordnung, der Grundbesitz, das eigne Haus, die Existenzsicherheit verloren gegangen sind. und die drei Männer, die der deutsche Protestant als die größten unsers Volks verehrt: Luther, Friedrich der Große und Goethe verzeihen sie erst recht; was er nicht verzeiht, das sind eben Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit. So lobenswerte Anstrengungen auch viele evangelische Geistliche, namentlich die christlich-sozialen, die Gesinnungsgenossen und Mitarbeiter der »Christlichen Welt« machen, dieses Christentum wieder zur Geltung zu bringen, im allgemeinen sind doch die Geistlichen der deutschen Landeskirchen zu sehr vom Staate abhängig, als daß sie das Notwendige mit echt christlichem Freimut sagen könnten. Die katholische Klerisei aber folgt dem Zuge des Zentrums, das aufgehört hat, Volkspartei zu sein, seitdem ihm die Sonne der kaiserlichen Gnade leuchtet; und dero Eminenzen, die neuernannten Herrn Kardinäle, sind natürlich viel zu vornehme Herren, als daß sie sich fürderhin noch des Pöbels annehmen könnten. Schöne sozialpolitische Anwendungen des in den Evangelien waltenden Geistes findet man in zwei Büchern, die lange vor Christus geschrieben worden sind, im Deuteronomium und im Propheten Jesaja. Wenn ein Volksredner die packendsten Stellen dieser beiden biblischen Bücher aneinandergereiht in einer Volksversammlung vortrüge, so würde der überwachende Polizeibeamte die Versammlung wahrscheinlich auflösen und den Mann wegen Aufreizung zum Klassenhaß denunzieren. Wer christliche Gesinnung verbreiten und das verwirrte sittliche Urteil klären will, der muß u. a. folgenden Sätzen zur öffentlichen Anerkennung verhelfen: Jeder Lohndrücker sowie jeder, der für ein nicht produktives Darlehn Zinsen nimmt, jeder Grundstückspekulant ist ein Wucherer; jeder Bauschwindler, jeder, der Gewinne an der Börse macht, ist ein Betrüger; jeder leichtsinnige Schuldenmacher, insbesondre wer Handwerker und Krämer nicht gleich und bar bezahlt, ist ein Dieb. Vor allem aber ist der Wahrheit allgemeine Anerkennung zu verschaffen, daß der Lohnarbeiter weder Arbeitstier noch Produktionsmittel ist, sondern ein Mensch, ein Kind Gottes, unser Bruder und Volksgenosse, der auf den Mitgenuß der Güter der uns von Gott zu Lehn gegebnen Erde dasselbe Anrecht hat wie wir; daß daher Arbeiter, die bessere Arbeitsbedingungen erzwingen wollen, keine Rebellen sind, sondern nur von ihrem guten Rechte Gebrauch machen, daß die »Differenzierung« der Gesellschaft bis zum Gegensatz von Millionären und Lumpenproletariern unchristlich ist, und daß jeder sündigt, der diesen Zustand verteidigt, fördert und aufrecht erhalten will. Nicht minder wichtig als die Wiederherstellung der sittlichen Begriffe und der christlichen Lebensansicht ist die allgemeine Verbreitung gesunder volkswirtschaftlicher Grundsätze und Anschauungen . Sie kann sehr gut mit jener Hand in Hand gehen, denn die Bibel ist eine Fundgrube volkswirtschaftlicher Weisheit. Bausteine einer gesunden Volkswirtschaftslehre haben Adam Smith, Karl Marx, Rodbertus und Schäffle zusammengetragen; auch bei Roscher und Schmoller findet man viel Treffliches. Die Ansicht, die ich mir nach den Genannten und aus eignen Erfahrungen gebildet habe, ausführlich vorzutragen, würde den Plan dieses Büchleins überschreiten; ich muß mich daher auf die Aneinanderreihung der Hauptsätze beschränken. Alle privat- und volkswirtschaftlichen Güter werden durch die Wechselwirkung des arbeitenden Menschen mit der Natur erzeugt: der die arbeitende Hand zweckmäßig leitende Menschengeist ist ihr Vater, die Erde ihre Mutter. Fehlt es an dem einen oder dem andern, so stockt die Produktion und das Volk verarmt. Soll der höchste Ertrag erzielt werden, so müssen Geisteskraft und Bodenfläche im richtigen Verhältnis zu einander stehen. Niemals entstehen Güter, niemals entsteht daher auch Volkseinkommen, Volksvermögen durch Sparen. Sparen bringt weder ein Weizenkorn, noch ein Kalb, noch einen Obstbaum, noch ein Hemd oder ein Haus zu wege; es giebt kein andres Mittel, diese Güter zu schaffen, als Arbeit, Arbeit, der die dafür notwendige Bodenfläche nicht fehlt. Es ist eine Ironie des Forschergeistes, der die Forscher zuweilen gleich einem Irrlicht zu necken scheint, daß John Stuart Mill, nachdem er die Theorie von der Kapitalbildung durch Sparen, durch Sparen allein , bewiesen hat oder bewiesen zu haben glaubt, ein paar Seiten darauf zeigt, wie das Nationalkapital oder Volksvermögen alljährlich durch Arbeit neu geschaffen wird. Was zuweilen durch Sparen, öfter aber, wie wir gesehen haben, auf andre Weise zustande kommt, ist das Privatvermögen oder der Vermögens besitz , nicht das Nationalkapital, sondern Eigentumsrecht auf ein Stück dieses Nationalkapitals. Wer nicht sein ganzes Einkommen verbraucht, sondern einen Teil davon entweder in einem Unternehmen oder zinstragend anlegt, der vermehrt dadurch die Güter seines Volks nicht, sondern er sichert sich nur ein Anrecht auf einen Teil der von andern erzeugten Güter. Die ihm als Lohnarbeiter dienen, oder die ihm sein Geld abborgen, sind gezwungen, ihm fortan jährlich einen Teil ihres eignen Arbeitsertrages abzutreten. Das ist vorteilhaft für ihn und seine Erben, aber es ist kein Vorteil fürs Volk. Im Gegenteil! Je größer die Sparkapitalien werden, je mehr die Arbeitenden von ihrem Arbeitsverdienst den Rentnern und Unternehmern abtreten müssen, desto weniger können sie selbst verbrauchen, desto mehr schwindet daher der Massenkonsum zusammen, desto schwieriger wird es, die gewöhnlich sogenannten Kapitalien anzulegen, den Anspruch auf Zinsen, auf den Arbeitsertrag andrer, zu verwirklichen. Je mehr gespart wird, desto mehr sinkt der Zinsfuß. Was ihn immer wieder auffrischt, das sind teils die großen Geldverluste in Schwindelunternehmungen, wobei die Kapitalansprüche von Tausenden einfach vernichtet werden und den konkurrirenden Kapitalisten Luft gemacht wird, teils die Kriegsrüstungen, die ungeheuern Ausgaben der Staaten auf unproduktive Wenn man die Ausgaben für den Wehrstand deshalb produktiv nennen will, weil er die produktive Arbeit des Nährstandes schützt, so ist dagegen nichts einzuwenden; nur darf man nicht vergessen, daß da dem Worte ein ganz andrer Sinn untergelegt wird als der ursprüngliche. Gegenstände. Da den Arbeitern nicht so viel Ertrag gelassen wird, daß sie sich Häuser bauen könnten, baut ihnen der Staat wenigstens für drei Jahre ihres Lebens Kasernen; da sie sich selbst nicht genug Brot und Fleisch erzwingen können, erzwingt ihnen der Staat wenigstens auf drei Jahre die hinreichende kräftige Nahrung; da es ihnen nicht zu derber, guter Kleidung reicht, gewährt ihnen der Staat wenigstens während der Dienstzeit und während der Übungen solche, und legt für den Kriegsfall große Vorräte solcher Kleidungsstücke ins Depot, die jahrelang unbenutzt daliegen; und da auch dies noch nicht hinreicht, die Arbeiter zu beschäftigen, so müssen die Chemiker, Physiker und Ingenieure alljährlich neue Mordinstrumente erfinden, die in ungeheuern Mengen angeschafft werden, um nächstes Jahr schon wieder zum alten Eisen geworfen zu werden, alles dieses auf Kosten der Steuerzahler, zu denen eben jene auf drei Jahre versorgten Arbeiter selbst gehören. Solchergestalt gelingt es den Großstaaten, die Produktion einigermaßen im Gange zu erhalten, durch neue Anleihen den Kapitalisten Gelegenheit zur Anlage ihrer Gelder zu verschaffen, den Zinsfuß immer wieder ein wenig aufzufrischen, und den Sparern zur Verwirklichung ihrer Kapitalansprüche zu verhelfen. Fürwahr, eine wunderbare Wirtschaft! Ich spreche hier nur von dem volkswirtschaftlichen Charakter der großen Militäraufträge; daß sie zum Schutze des Vaterlandes vor der Hand leider noch nötig sind, bestreite ich nicht. Und um so verderblicher, als die großen Aufträge der Militärverwaltungen die Arbeiter nur ruckweise beschäftigen. Vor ein paar Jahren z. B. wurden zur Anfertigung neuer Tornister und andrer Lederwaren Tausende von Sattlergesellen, auch aus dem Auslande, zusammengetrommelt. Die Fabrikanten häuften Vermögen auf, die Gesellen verdienten ja auch ein hübsches Stück Geld, aber nach Ablauf der Zeit saßen sie auf dem Pflaster und befanden sich auf der Walze. Volkswirtschaftlich richtig ist nur eine Produktion, die für den dauernden ordentlichen Bedarf des Volkes schafft und niemanden aus seinen Verhältnissen herausreißt; wie die, die auf dem regelmäßigen Austausche von Nahrungsmitteln und gewerblichen Erzeugnissen zwischen den Bauern eines kleinen Bezirks und den Handwerkern der benachbarten kleinen Stadt beruht. Weit entfernt daher, daß das »Kapital,« d. h. der Kapitalbesitz, die Produktion beförderte und befruchtete, wie die Interessenten und ihre Soldschreiber rühmen, bildet es das schlimmste Hindernis der Produktion Solange es für den Arbeiter kein andres Mittel giebt, seine und seiner Familie Zukunft einigermaßen sicher zu stellen als die Ersparung eines Geldkapitälchens, bleibt er selbstverständlich verpflichtet zu sparen, und hierdurch das Übel, an dem die Gesamtheit krankt, zu vermehren. Je verkehrter ein Gesellschaftszustand ist, desto mehr sieht sich der einzelne zu gemeinschädlichem und oft sogar zu offenbar unsittlichem Handeln gezwungen. Daher dürfen sich auch die Unternehmer, die Richter, die Polizeibeamten, die Geistlichen, durch die unangenehmen Dinge, die ich ihrem Stande nachsage, nicht persönlich beleidigt fühlen; sie können eben nicht anders handeln, als ich es beschrieben habe, Aufgabe aller gemeinnützig thätigen ist es eben, durch Änderung des allgemeinen Zustandes die den einzelnen quälende Nötigung zu zweckwidrigem, gemeinschädlichem oder gar unsittlichem Handeln zu mindern. Das Leben des Vernünftigen ist ein beständiger Kampf mit der Unvernunft, ist es um so mehr, je unvernünftiger sich die Verhältnisse gestalten. Das oben über die Auffrischung des Zinsfußes durch Kriegsrüstungen gesagte ist noch dahin zu ergänzen, daß der Krieg selbst natürlich der allerschneidigste Regenerator des »Kapitals« ist. Je mehr wirkliches Kapital, wirkliches Volksvermögen im Kriege vernichtet wird, desto größere Anleihen sind nötig, desto größer ist der Gewinn, den die Kapitalisten daraus ziehen, desto leichter und rascher bilden sich Kolossalvermögen, desto strammer müssen die Bürger, die im Kriege das Ihre verloren haben, für die Aufbringung der Zinsen der Staatsschuld, d. h. für die Kapitalisten arbeiten. Wunderbarerweise haben im Jahre 1870 ganz einfache Landwehrmänner, ohne diesen Zusammenhang zu durchschauen, mit großer Zuversicht vorausgesagt, daß die Kriegsglorie die Lage des arbeitenden Volks erschweren werde. Mit dem Sparen zum Zwecke der Kapitalanhäufung ist natürlich nicht etwa die Wirtschaftlichkeit verurteilt. Die ist etwas ganz andres und bleibt unter allen Umständen löblich und Pflicht. Ein noch dazu sehr geiziger Rittergutsbesitzer sagte mir einmal: Das ist die allerschlechteste Wirtschaft, wenn einer, um Geld zu sparen, Menschen und Vieh hungern läßt. Geld ist Anweisung auf Güter, also auf Einkommen und Vermögen. Die in einem Staate vorhandne Menge von Gold- und Silbermünzen bildet einen wenn auch nicht sehr bedeutenden Teil des Volks vermögens , aber, wie Adam Smith bewiesen hat, sie bildet keinen Teil des Volks einkommens , und niemals macht Geld auch nur den kleinsten Teil irgend eines Privateinkommens aus; dieses besteht immer nur in Gebrauchsgütern. Die Anweisung auf Güter in Gestalt von Geld und die Geldform des Kapitals verleihen den Gütern eine erstaunliche Beweglichkeit und den Geldbesitzenden eine Macht, Güter an sich zu ziehen und die ärmern Menschen sich dienstbar zu machen, die von jeher als unheimlich und höllisch angestaunt, ebenso stark gehaßt und gefürchtet wie begehrt worden ist. Diese Formen sind daher für den Reichen, der mit ihrer Hilfe sich jeden Augenblick jeden Genuß verschaffen und seinem Vermögen jede beliebige Gestalt, als Landgut, als Schiff, als Kaufmannsgeschäft, als Fabrik, als Rentenpapier geben kann, ebenso bequem wie für den Ärmern gefährlich, Ein unveräußerliches Rentengütlein sichert dem kleinen Manne jahraus jahrein die beiden wichtigsten Einkommensbestandteile: Nahrung und Obdach, Arbeitslohn ist unsicher, und ein kleines Geldkapital geht um so leichter verloren, je kleiner es ist, weil da der Inhaber in Versuchung kommt, es in der Not in Einkommen zu verwandeln, und weil er dem Schwindel gegenüber ohnmächtig ist. In unsrer Zeit, wo die Güter dermaßen mobilisirt sind, daß sie wie von der Tarantel gestochen herumfliegen, und wo außer den Staatsbeamten und den Millionären niemand mehr sein Einkommen sicher weiß, muß das Bestreben des Volkswirts vor allem darauf gerichtet sein, die Güter diesem Hexensabbath allmählich zu entziehen und die Zahl der gesicherten Existenzen zu vermehren. Vor allem aber muß der Unterschied von Produktivität und Rentabilität recht scharf ins Auge gefaßt und dein ganzen Volke klar gemacht werden, daß Güter schaffen und Geld verdienen zwei verschiedne Dinge sind, daß nicht jeder, der viel Geld verdient, produktiv thätig ist, daß häufig genug der produktivste Arbeiter am schlechtesten bezahlt und eine Thätigkeit, die nichts schafft, ja wohl gar Güter und Menschenleben zerstört, am höchsten gelohnt wird. Nur wer Güter schafft, ist produktiv zu nennen; am rentabelsten pflegt die Thätigkeit solcher zu sein, die nicht Güter schaffen, sondern die von andern geschaffnen in ihre Gewalt bringen. Diese Grundsätze müssen dem ganzen Volke in Fleisch und Blut übergehen und alle Bürger zum Widerstände gegen das verkehrte Treiben der Politiker verbünden. Vor allem muß der Vermehrung der Staatsschulden Einhalt gethan werden. Anleihen zu produktiven Zwecken, wie zu Eisenbahnbauten, sind keine Schulden. Aber wirkliche Schulden dürfen gar nicht geduldet werden, weil sie die Belastung des Volks, der Nachkommenschaft, die unter den obwaltenden Verhältnissen so schon groß genug ist, ins Unerträgliche vermehren. Nur nach einem unglücklichen Kriege sind sie zu rechtfertigen. Rechtsprechung und Verwaltung müssen auf den Volkswohlstand und auf die bürgerliche Existenz der Unterthanen mehr Rücksicht nehmen als bisher. Es darf nicht so oft wie jetzt vorkommen, daß einer Lappalie, eines rein bureaukratischen Eigensinns, Ein Ackerhäusler stirbt und hinterläßt ein Häuflein Kinder, Das Vormundschaftsgericht will den Beweis dafür hüten, daß die Frau eine Kuh mit in die Ehe gebracht hat. Um ehrlich durchzukommen, muß sie von früh bis in die Nacht mit Aufbietung aller ihrer Kräfte schaffen, aber das Gericht zwingt sie trotzdem, sich Tage und Wochen zu verlaufen, um Zeugen aufzutreiben, die ihr die zugebrachte Kuh bescheinigen, Zum Glück gelingts ihr endlich. Schließlich muß sie Kosten bezahlen, aber sie bringt ihr Geld nicht an. Denn sie wohnt zwei Stunden vom Gericht entfernt; morgens ihre Wirtschaft im Stich zu lassen, ist rein unmöglich, und nachmittags nimmt die Kasse kein Geld. Endlich holts der Gerichtsvollzieher und verdoppelt die Kosten, Was sich so ein Weib schinden muß, um eine Mark zusammenzukratzen, davon haben ja die Herren beim Studium des Kommersbuches keinen Begriff bekommen. Der alte preußische Hypothekenrichter, der den Leuten sagte, wie sie alles machen müßten, um Kosten zu sparen und sicher zu gehen, sie freilich auch, wen sie sich leichtsinnig oder dumm benahmen, väterlich anschnauzte, ist ausgestorben. Wenn die Leute nicht an ihrer Scholle hingen, wie der Blutegel au dein Fleisch, an das er sich festgesogen hat, und sich darauf zu halten die unglaublichsten Anstrengungen machten und die unglaublichsten Entbehrungen erduldeten, sie würden zu Tausenden herunterpurzeln; halten sie sich, so ists wahrlich nicht das Verdienst unsrer Behörden. In Italien freilich gehts noch weit schlimmer zu; dort werden Tausende von kleinen Wirtschaften wegen Steuerrückständen subhastirt, das heißt: der Staat frißt das Volk mit Haut und Haaren auf. eines groben und hinterher empfindlichen Polizisten wegen ein Mann oder eine Frau durch Gefängnis, Geldstrafen oder vielfache Belästigung mit Verhören u. dgl. um Arbeit und Existenz gebracht werden. Die Staatsverwaltung und die Gemeindeverwaltungen müssen aufhören, bei ihren eignen Kauf- und Verkaufsgeschäften, bei gewerblichen Unternehmungen und bei Aufträgen an Gewerbtreibende nach rein kapitalistischen Grundsätzen zu verfahren, wie das heutzutage so häufig geschieht. Wenn eine Stadt entfestigt wird, so sucht der Militärfiskus beim Verkauf der Gelände an die Stadt so viel als möglich herauszuschlagen, und treibt den Grundstückspreis eher noch in die Höhe, als daß er ihn ermäßigte. Die Klagen der Handwerker über das Submissionswesen sind bekannt, Ein hochkonservativer Glasermeister, der in der Konfliktszeit bei der Regierung als Wahlenmacher sehr gut angeschrieben stand, und von dem ich deshalb voraussetzte, daß er alle Regierungsarbeiten habe, sagte mir lachend: »I wo! Die können nur von Spitzbuben angenommen meiden; für das Mindestgebot kann einer die Sache nur machen, wenn er entweder den Staat oder seine Lieferanten betrügt.« Die Gefängnißarbeit, die kapitalistischen Unternehmern zur Verfügung gestellt wird, richtet an manchen Orten ganze Klassen von Handwerkern, z. B. die Schuhmacher, zu Grunde In der Sitzung des Schlesischen Provinziallandtages am 7. März wurde wieder einmal über die Webernot lernten. Der Abgeordnete Pfuhl, Bürgermeister in Landeshut, teilte mit: einige Fabrikanten hätten sich bemüht, die Näharbeit (was für Näharbeit, ist ans dein Berichte nicht zu ersehen) teils im Fabriksaale, teils als Hausindustrie einzubürgern, und zwar mit gutm Erfolge bei Herstellung von Militärlieferungen. Nun stelle unbegreiflicherweise das Kriegsministerium an diese Fabrikanten die Forderung, mit den Preisen für Näharbeit bis auf oder unter den Satz für Strafgefangenenarbeit herunterzugehen. (Schles. Ztg. Nr. 169.) Auch des Lohndrucks schämen sich die Staatsbehörden nicht, und Stadtmagistrate sind nicht selten die ärgsten Lohndrücker. Einen höchst charakteristischen Fall will ich darum anführen, weil dabei gar kein Profit für den Fiskus herausgekommen ist, sondern nur das Unglück verhütet werden sollte, daß die Arbeiter ohne Schaden für den Fiskus durch angestrengten Fleiß mehr als den ortsüblichen Tagelohn verdienen könnten. Auf einer Chaussee waren die Obstbäume mit den bekannten kreisförmigen Grübchen zu versehen. Ein Weib übernahm die Arbeit um einen bestimmten Preis für das Hundert, schaffte mit Aufbietung aller ihrer Kräfte täglich von früh um 4 Uhr bis in die Nacht, und freute sich unendlich, als sie nach wenigen Tagen schon dem Kreisbaumeister die Rechnung über die für ihre Verhältnisse bedeutende Summe einreichen konnte. Der aber war außer sich. »Was, Weib, da kämen Sie ja auf mehr als zwei Mark am Tage! Nein – das geht nicht!« Das arme Weib aber hatte Haare auf den Zähnen und ließ nicht locker, bis ihr der bedungne Lohn angewiesen wurde. »Na, für diesmal mags sein,« sagte der hochweise Bureaukrat, »aber in Zukunft darf so etwas nicht wieder vorkommen; es wird fortan nie mehr Stücklohn, sondern nur noch Tagelohn bewilligt.« Demnach gilt es bei unsrer Bureaukratie geradeso wie bei den englischen Musterunternehmern altern Stils als Grundsatz, daß kein Arbeiter, sei er noch so fleißig und geschickt, über das Existenzminimum hinauskommen dürfe. Mit andern Worten: jede das Durchschnittsmaß übersteigende Mehrleistung des fleißigen und geschickten Arbeiters kommt nicht ihm selbst, sondern nur seinem Brotherrn Die Leser werden bemerkt haben, daß ich niemals das Wort »Arbeitgeber« gebrauche, sondern grundsätzlich nur Unternehmer oder Brotherr schreibe. Rodbertus hat darauf hingewiesen, was für eine infame, dem Arbeiter seine Ehre stehlende Lüge das Wort »Arbeitgeber« ist. Nicht der Unternehmer giebt oder liefert dem Arbeiter die Arbeit, sondern der Arbeiter giebt oder liefert sie dein Unternehmer. Was dieser giebt, das ist nur die Gelegenheit , die Erlaubnis zur Arbeit, eine Gelegenheit, die der Vorfahr des Arbeiters, als Besitzer eines Grundstücks oder Teilhaber an der Gemeindeflur, von Natur besaß und zu deren Benutzung er keiner Erlaubnis bedurfte. Die Bezeichnung ist um so empörender, als es zum Teil Raub, Bodenraub gewesen ist, was die Nachkommen der ehemaligen Bauern in die traurige Lage versetzt hat, zur Anwendung ihrer Leibes- und Geisteskraft, also zur Ausübung eines ganz elementaren natürlichen Rechts, der Erlaubnis von Leuten zu bedürfen, die sie gar nichts angehen. Erst nach Rodbertus Tode hat man das noch verrücktere und verlogenere Wort »Arbeitnehmer« gemacht, das wie es scheint, das einfache und richtige Wort Arbeiter verdrängen soll. Ich begreife nicht, wie sich die Sozialdemokraten das gefalle« lassen und diese Bezeichnungen sogar selbst in den Mund und die Feder nehmen können! sie sollten es durchsehen, daß sie wenigstens aus der amtlichen Sprache vollständig ausgemerzt würden. zugute, woraus für ihn, wenn er Grütze im Kopfe hat, folgt, daß er ein Narr wäre, wenn er sich anstrengen wollte. Gleich allen andern Lastern wird in unsrer vortrefflichen Gesellschaftsordnung auch die Faulheit von unsern weisen Bureaukraten prämiirt. Privatunternehmer – ob auch Staatswerkstätten, weiß ich nicht – pflegen anders zu Verfahren. So z. B. einer jener auf S. 342 erwähnten Volkswohlthäter, die den Kuhmägden zur Damenwürde verhelfen. Er giebt der Maid sechs Stück »Antimakassars« mit leichter Stickerei zu verzieren, und verspricht ihr 10 Pfennige fürs Stück. Sie liefert sie ab und empfängt ihre 60 Pfennige. Wie lange, Fräulein, fragt er mit jener den jüdischen Unternehmern eignen Freundlichkeit, die für die Arbeiter immerhin noch angenehmer ist als die Grobheit der Aufseher und Beamten in den Bergwerken und in manchen Fabriken, wie lange haben Sie daran gearbeitet? »Einen Tag.« O Fräulein! das ist zu langsam! An einem Tage müssen Sie mehr fertig bringen: mindestens das Doppelte; versuchen Sies nur! Und er giebt ihr ein Dutzend solcher Läppchen mit nach Hause. Sie setzt sich früh um vier hin, näht drauf los – die Übung macht, daß es immer flinker geht – und stehe da, abends um elf ist das Dutzend fertig! Voll Freude geht sie damit am andern Morgen in die Stadt und bekommt – 60 Pfennige. »Aber, Herr Levi, es sind ja zwölf Stück.« Schon recht; mehr als 60 Pfennige kann ich nicht für den Tag zahlen. Dieses ist das Schema, wonach der Stücklohn dazu benutzt wird, den Arbeitern möglichst viel Arbeit abzupressen und sie zu Tode zu hetzen; daher der energische Widerstand der englischen Gewerbevereine gegen den Stücklohn. Wie weit entfernt von kapitalistischen Grundsätzen man vor 200 Jahren in Deutschland war, habe ich aus einem Bericht über eine im Jahre 1692 abgehaltene Visitation der damals zahlreichen milden Stiftungen der Stadt Neiße ersehen. Sämtliche Stiftungsverwalter sammelten aus Schenkungen u. dgl. bedeutende Kassenbestände an, von denen sie zusetzten, wenn die Zinsen »nicht erklecken wollten,« was in den meisten Jahren der Fall war, sodaß sie sämtlich große Restforderungen zu verzeichnen hatten. Daran, die Schuldner, meist Bauern, zu verklagen und die Zinsen zwangsweise beizutreiben, oder wohl gar ihre Güter subhastiren zu lassen, wurde nicht gedacht. Nach heutigem Begriff eine höchst liederliche Wirtschaft mit ungeheuerm Zinsverlust, die die Verwalter auf die Anklagebank bringen würde, volkswirtschaftlich aber vollkommen richtig. Denn es ist falsch und thöricht, eine Anzahl von Bauern zu ruiniren, um des formalen Rechtes von Anstalten willen, die dem Bedürfnis der Gegenwart dienen und, sofern sie nicht vielleicht ganz überflüssig sind, den Anspruch erheben können, von der Stadtgemeinde, der sie dienen, erhalten zu werden, sei es auch vielleicht nur durch freiwillige Gaben. Auf den Visitationsbericht erging eine bischöfliche Verfügung, die zwar in Zukunft besser Ordnung zu halten befahl, jedoch anordnete, daß die »Remanentien« nicht am gewöhnlichen Zinstermin mit den fälligen Zinsen zugleich einzufordern seien, sondern zu einem von jenem ein wenig entfernten Termine, und zwar zu einer Zeit, wo der Wirtschaftsvertrag von den Schuldnern am bequemsten versilbert werden könne; Eine Hauptursache des Untergangs der russischen Bauern ist die unvernünftige Gewohnheit, die Steuern zu einer Zeit einzutreiben, wo der Bauer am wenigsten Geld hat. wo aber die Rückstände »also dick sollten angewachsen sein, daß es ohne gänzlichen Ruin ihrer Wirtschaft unmöglich wäre, das Ganze auf einmal abzuführen,« solle die Schuld »in billige ratas « abgeteilt werden. Erst unsre Zeit hat das Wort justitia, pereat mundus ins Wirtschaftsleben eingeführt und zum Staatsgrundgesetz erhoben. Sehr viel wäre über die Anwendung der richtigen volkswirtschaftlichen Grundsätze auf die Landwirtschaft zu sagen. Einiges ist ja gelegentlich erwähnt worden. Hier nur eine Bemerkung. Unsre Zuckerfabrikanten rühmen sich, daß sie nicht allein viel Geld ins Land brächten, sondern auch durch die vom Rübenbau erforderte Tiefkultur und bessere Düngung den Ertrag der gesamten Bodenfläche an Nahrungsmitteln erhöhten. Geld bringen sie allerdings sehr viel ins Land, aber doch nur meist in ihre eignen Taschen. Sowohl was sie an Ausfuhrprämien, als was sie an Dividenden die letzten zwanzig Jahre über gezogen haben, ist enorm; ab und zu verrät ein Minister, wenn ihn die Agrarier gar zu sehr ärgern, im Reichs- oder Landtag die Zahlen; ich habe mir leider keine notirt. Die kleinen Landleute haben nichts davon, als daß sie vollends von der Scholle gedrängt werden, weil der Boden durch den Rübenbau viel zu kostbar geworden ist, als daß man ihnen noch ein Eckchen davon gönnen möchte, und daß sie zu der scheußlichen Arbeit in der Zuckerfabrik gezwungen werden. Und was die Tiefkultur anlangt – mag man die doch beibehalten! Die Rüben können als menschliche Nahrung und Viehfutter verwendet werden, statt daß man sie sämtlich in Zucker verwandelt. Den Hauptvorteil haben bis jetzt die Engländer gehabt, denen unsre Zuckerfabriken vor der Reform der Rübensteuer den Zucker billiger verkauft haben als uns; die aber könnten sich ganz gut in ihren Kolonien Rohrzucker fabriziren lassen. Übrigens weist Rudolf Meyer (Neue Zeit, 1892-1893, Nr. 14) nach, daß die Behauptung der Agrarier falsch ist, und daß durch die Einführung der Zuckerindustrie sowohl der Bruttoertrag an Nahrungsmitteln wie der Gehalt an Nährstoff vermindert wird.   Die übliche Polemik gegen die Sozialdemokraten ist nicht das Papier wert, worauf sie geschrieben wird. Man wirft ihnen vor, daß sie nichts Positives leisteten. Aber sie leisten mit ihren proletarischen Groschen und unter fortwährender Behinderung durch Polizei und Staatsanwalt sehr Achtungswertes in der Kritik des gegenwärtigen Gesellschaftszustandes, in der Vernichtung nationalökonomischer Irrtümer, in der Aufdeckung und Abstellung sozialer Übelstände, in der Aufstachelung der trägen und widerwilligen Gesetzgeber, in der Organisirung, Disziplinirung, Aufklärung der Massen. Man schilt sie Volksverhetzer, allein es ist geradezu ein Verdienst, wenn sie das Volk vor dem Versinken in slawischen und sklavischen Stumpfsinn bewahren und es anleiten, seine Angelegenheiten, die vom Staate und von den obern Klassen sehr schlecht besorgt werden, wieder selbst in die Hand zu nehmen. Man rückt ihnen bei jeder Gelegenheit vor, daß sie den Arbeitern das Sparen verleideten, während doch die namentlich von Eugen Richter vertretne Spartheorie der unvernünftigste aller nationalökonomischen Irrtümer und so verderblich ist, daß eine Gesellschaft, in der sie zur Herrschaft gelangte, durch allgemeine Produktionsstockung untergehen müßte, selbst wenn sie noch Grund und Boden im Überfluß hätte. Man macht ihr ihre Gottlosigkeit zum Verbrechen, die doch dort ganz selbstverständlich ist, wo man Gott zum Oberpolizisten und Mammonshüter herabgewürdigt hat. Das Christentum riß bei seinem Erscheinen in der Welt die Massen der Armen fort, weil sich Christus und die Apostel, selbst bettelarm, ganz entschieden auf die Seite der Armen gegen die Reichen stellten. Ein Christentum, das sich zum Werkzeuge der Reichen gegen die Armen macht, stößt diese notwendig ab und macht sie zu Heiden und Atheisten. Die Entsagungspredigt aus dem Munde wohlbestallter Staats- und Kirchenpfründner entlockt dem geweckten Arbeiter nur ein ironisches Lächeln. Die katholische Kirche ist dermalen in dieser Hinsicht noch ein wenig besser dran als die evangelische, weil sie entsagende Ordensleute und den Priesterzölibat hat. Es ist daher natürlich, daß evangelischer Konkurrenzneid die Ordensleute nicht gern ins Land hereinläßt. Was den Priesterzölibat anlangt, so giebt es zwar genug Pfarrer und Kapläne, die es nicht allzu genau damit nehmen, allein namentlich in heutiger Zeit, wo der Geistliche unter strenger Kontrolle der Öffentlichkeit steht, bleibt die Ehelosigkeit immerhin eine sehr empfindliche Entbehrung; das weiß der gemeine Mann, und um dieser Entbehrung willen verzeiht er dem Pfarrer seinen Braten und seinen Wein. Wenn die Geistlichen mit dem Neuen Testament Ernst machen, ihre Würden und Titel, ihre Pfründen und Staatsgehalte, ihre Stellung in der vornehmen Gesellschaft aufgeben und Apostel werden gleich den galiläischen Fischern, dann werden die Arbeitermassen auch wieder Christen werden; eher nicht. Was den »Zukunftsstaat« anlangt, so ist natürlich alles Streiten dafür wie dagegen eitel leeres Stroh dreschen, weil kein Mensch wissen kann, wie die Welt am morgigen Tage aussehen wird. Wenn sich ihn die Arbeiter so schön wie möglich ausmalen, so ist ihnen dieses tröstliche Luftschlösserbauen zu gönnen, und sie darin mit höhnischem Gelächter zu stören, ist so brutal, wie wenn man einen armen Teufel höhnt, der aufs große Los hofft, oder einen Schwindsüchtigen, der sich darauf freut, wie er nächstes Frühjahr auf dem Rasen herumhüpfen werde. Der Streit um das Wort »Staat« ist müssig, weil selbstverständlich auch jede zukünftige Gesellschaft in Gemeinwesen abgeteilt sein wird, die ihre eignen Zentralbehörden haben werden, und wenn die Sozialdemokraten ein solches Gemeinwesen nicht Staat nennen wollen, weil es, wie sie hoffen, nicht bureaukratisch zum Nutzen einer bevorzugten Klasse verwaltet werden wird, so ist diese Ablehnung der gebräuchlichen Benennung nicht ganz unbegründet. Die Verwandlung des Privatvermögens in Gemeinbesitz und die genossenschaftliche Produktion sind so wenig unmöglich, daß vielmehr alle gesellschaftliche Entwicklung vom Kommunismus ausgegangen ist und daß unsre Zeit durch Verstaatlichung vieler Gewerbszweige, durch die ungemessne Vermehrung der besoldeten Beamten, durch Einschnürung der privaten Produktion in Gesetze und Staatsaufsicht, durch Fesselung der persönlichen Freiheit im Dienste des Staats, namentlich durch die das ganze Mannesalter bindende Militärpflicht Vor zwei Jahren starb der arme Dorfschneider, der für mich arbeitete, und hinterließ der Witwe drei Söhne im Jünglingsalter, die sämtlich Schneider sind, einige junge Töchter und einen kleinen Knaben. Der älteste stand gerade beim Militär. Den zweiten hoffte die Mutter los zu bitten, aber es war nichts; als der Bruder nach Hause kam, mußte er eintreten. Der dritte hat nächstes Jahr das Alter, und die Familie ist überzeugt, daß er ebenfalls wird dienen müssen, weil die Burschen gemerkt haben, wie gut man beim Militär – geschickte Schneider brauchen kann. (Was die Militärtauglichkeit anlangt, so sind alle drei schwächlich und haben kaum das Maß.) Das heißt also: man läßt drei Jungen, die Ernährer einer armen Familie, jeden drei Jahre oder wenigstens drittehalb Jahre umsonst für den Staat arbeiten. Ist das etwa nicht Kommunismus? Und möglichst ungerechter dazu? , durch Ringbildungen und gewerbliche Kartelle, durch Aktiengesellschaften und Genossenschaftsgründungen dem Kommunismus ganz augenscheinlich wieder zustrebt. Die Sozialdemokraten thun weiter nichts, als daß sie offen aussprechen, was Staat und Bürgertum täglich thun, aber einzugestehen sich sträuben, und daß sie auf gut Hegelisch schließen, dieser Zug der Zeit müsse sich schließlich auf allen Lebensgebieten durchsetzen. Man hält den Sozialdemokraten vor, daß ihr Zukunftsstaat ein großes Zuchthaus sein werde, übersieht dabei aber, was vor der Nase liegt, nämlich, daß die Kaserne nicht viel besser, manche Fabrik weit schlimmer als das Zuchthaus, die Lage des Arbeitslosen aber so schlimm ist, daß er nicht selten die Einsperrung ins Zuchthaus als eine Erlösung anstrebt. Was die Arbeiter wollen, ist die Erlösung aus dem gegenwärtigen Zuchthause; dafür zu sorgen, daß der zukünftige Gesellschaftszustand nicht wieder ein Zuchthaus werde, wäre um so mehr eine vorzeitige Sorge, als sich die gegenwärtige Gesellschaft nicht bloß in ein großes Zuchthaus, sondern auch in ein großes Narrenhaus zu verwandeln droht; reichen doch auch die eigentlichen Zuchthäuser und Narrenhäuser schon lange nicht mehr zu. Phantastisch ist die Ansicht der Sozialdemokraten von der Gesellschaftsverfassung, die sie anstreben, nicht in wirtschaftlicher, sondern in psychologischer Beziehung. Sie machen sich eine falsche Vorstellung von der Menschennatur und von den Bedingungen des Menschendaseins. Sie meinen, alle Übel, auch die sittlichen, entsprängen nur aus schlechten gesellschaftlichen Einrichtungen, während umgekehrt sehr häufig schlechte menschliche Einrichtungen aus der unausrottbaren menschlichen Selbstsucht entspringen, und die Unterdrückten, sobald sie zur Herrschaft gelangen, es meistens noch ärger treiben als die frühern Unterdrücker. Es ist vollkommen richtig, daß jede verkehrte gesellschaftliche Einrichtung die sittlichen Übel, die schlimmen Leidenschaften, die Verbrechen und Laster vermehrt, aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß irgend eine noch so weise Gesellschaftsverfassung die Selbstsucht samt ihren Äußerungen werde ausrotten können. Selbstliebe und Nächstenliebe, Egoismus und Alturismus, sind beide gleich notwendig für die Erhaltung des Menschengeschlechts! die Austilgung jedes von beiden würde seinen Untergang zur Folge haben. Es ist deshalb zwar Pflicht des Gemeinwesens, die Zahl der Fälle, wo die selbstsüchtigen Triebe der verschiednen Personen kollidiren müssen, nach Möglichkeit zu vermindern und namentlich die Thorheit zu meiden, deren sich die heutigen Staaten schuldig machen, daß sie den Armen zumuten, nicht bloß auf die Selbstsucht, sondern sogar auf den Selbsterhaltungstrieb zu verzichten; aber es ist utopisch zu glauben, daß die Selbstsucht entweder ausgerottet oder durch eine vollkommne Interessenharmonie unschädlich gemacht werden könne. Dieser Irrtum der Sozialdemokratie ist übrigens ein notwendiges Erzeugnis der neuern deutschen Philosophie seit Hegel, die den Glauben an das Jenseits vernichtet hat. Wer als Christ an die Vollendung der Menschennatur im Jenseits glaubt, kann sich die diesseitige Unvollkommenheit menschlicher Zustände gefallen lassen, wenn er diese auch natürlicherweise soweit zu verbessern streben muß, daß aus der unvollkommnen Erde nicht die Hülle wird, und daß nicht der Glaube an die Vernunft, Liebe und Gerechtigkeit Gottes schwindet. Wer aber das Jenseits preisgiebt, der muß, wenn er nicht Pessimist werden will, Utopist werden; und da der Pessimismus die Thatkraft lähmt, die Hoffnung auf ein Utopien sie stärkt, so sind Utopisten dem Gemeinwesen weit zuträglicher als Pessimisten. Wenn übrigens die Menschen in einer kommunistischen Gesellschaft auch keine Götter und Engel sein würden, so brauchten sie doch auch nicht schlechter zu sein als in unserm gegenwärtigen Zustande, und sollte ihnen der zukünftige Zustand das Leben leichter machen, so würden sie wahrscheinlich sogar ein wenig besser sein. Vor den Worten Sozialismus und Kommunismus, hat Fürst Bismarck einmal gesagt, brauche man sich nicht zu fürchten; sei doch jedes Gemeinwesen eine sozialistische und kommunistische Einrichtung, und es komme in jedem Augenblicke nur darauf an, zu bestimmen, wie weit den Umständen nach die Gemeinschaftlichkeit durchzuführen und die individuelle Freiheit einzuschränken zweckmäßig sei. Ich für meine Person lehne das wirtschaftliche Ideal der Sozialdemokraten ab, nicht weil ich es für phantastisch und unausführbar hielte, sondern weil ich mein eignes Ideal für vollkommner halte. Das Privateigentum, namentlich das an Grund und Boden, hat so große, allgemein bekannte Vorzüge vor der kommunistischen Gesellschaftsverfassung voraus, daß es Thorheit wäre, es dieser niedern Form aufzuopfern, nachdem es einmal bekannt und in der Welt mächtig geworden ist. Die Vollkommenheit sehe ich nicht in der Einförmigkeit, sondern in der Mannichfaltigkeit. Deshalb halte ich einen Gesellschaftszustand für wünschenswert, wo alle verschiednen Formen von Eigentum und Wirtschaftsbetrieb: Privat-, Gemeinde- und Genossenschaftsbesitz, großer, mittlerer und kleiner Betrieb, genossenschaftlicher Betrieb und solcher von Privatunternehmern mit Hörigen neben einander vorkommen. Und diese Mischung würde am besten den Bedürfnissen des gegenwärtigen Geschlechts entsprechen, denn je älter die Kultur ist, desto mannichfaltiger sind die Befähigungen und Neigungen der Menschen und die Bedingungen, unter denen sie arbeiten. Die richtige Mischung kleiner, mittlerer und großer Landgüter gehört zu den wichtigsten Bedingungen der Gesundheit des Volkskörpers. Kleine Güter sind dort, wo der Anbau feinerer Gewächse die Spatenkultur fordert, deswegen nötig, weil diese Kultur nur dann mit der gehörigen Sorgfalt betrieben wird und den höchsten Ertrag erzielt, wenn der Besitzer oder Pächter selbst arbeitet, in den übrigen Gegenden aber deswegen, weil sie den größern Gütern Arbeiter stellen. Mittlere Güter sind notwendig, weil der eigentliche Bauernstand den Kern der Bevölkerung bildet. Große Güter endlich sind aus drei Ursachen nötig. Erstens aus einer politischen, weil die Großgrundbesitzer ihrer Natur nach am geeignetsten sind, dem Vaterlande in den höhern Stellen der Selbstverwaltung und im Parlamente zu dienen. Zweitens der landwirtschaftlichen Technik wegen, weil nur Großgrundbesitzer kostspielige Züchtungs-, Düngungs- und sonstige Verbesserungsversuche anstellen können. Drittens der Großstädte wegen, deren Bewohner, wie schon im 13. Kapitel bemerkt wurde, ohne die großen Landgüter verhungern würden, während die Großgrundbesitzer ohne den großstädtischen Markt ihren Betrieb einstellen müßten. Wenn in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung bei Erörterung der agrarischen Bewegung gelegentlich bemerkt worden ist, daß der Großgrundbesitz bei gleicher Anbaufläche mehr Getreide liefre als die Bauernschaft, so ist das zwar richtig, darf aber nicht so verstanden werden, als ob die Großwirtschaft produktiver wäre. Vielmehr verhält sich die Sache folgendermaßen. Wer ungeheure Flächen, die mit ein und derselben Frucht bestellt sind, mit Maschinen bestellt und aberntet, der braucht natürlich weniger Arbeiter und Gespanne als der Bauer, der kleine, mit verschiednerlei Früchten bestandne Parzellen mit der Hand bearbeitet. Jener verbraucht also nicht so viel Getreide in der Wirtschaft und hat mehr für den Verkauf übrig. Außerdem: weil der Großgrundbesitzer weniger Gespanne braucht, Kühe aber überhaupt nicht zum Ziehen verwendet, und seit Einführung der künstlichen Düngmittel auch nicht mehr nötig hat, bloß des Düngers wegen Vieh zu halten, so hält er auf gleicher Fläche weniger Vieh als der Bauernstand, liefert also weniger Fleisch, Milch und Butter. Die Menschen, die der Latifundienbesitz übrig macht, verschwinden natürlich nicht in die vierte Dimension, sondern ziehen in die Großstadt und in die Industriebezirke, wo sie sich von dem Getreide nähren, das ihnen der Großgrundbesitzer nachschickt. Tausend Morgen mögen bei großem, mittlerem und kleinem Betriebe durchschnittlich ungefähr dieselbe Anzahl Menschen ernähren, der Unterschied ist – abgesehen von der verschiednen Viehproduktion – hauptsächlich der, daß beim kleinen Betrieb die Menschen den Boden, der sie nährt, auch bewohnen , während auf dem großen Gute nur die wenigsten von den Menschen wohnen, die es nährt. Je mehr in einer Gegend der Großbetrieb vorherrscht, desto weniger Wohngebäude sieht man darin, desto dünner ist sie bevölkert. Sind demnach Großstädte und Großgrundbesitz auf einander angewiesen, und muß mit den einen gleichzeitig der andre wachsen, so erscheint bei oberflächlichem Hinschauen ihre gegenseitige Feindschaft komisch, bei tieferm Einblick aber bemerkt man eine furchtbare Tragik. Ihre Feindschaft gleicht der Abneigung der siamesischen Zwillinge gegen einander, deren Unglück es eben war, daß sie zusammengewachsen waren. Je nötiger beide Teile einander brauchen, desto mehr gehen zugleich ihre Interessen aus einander bis zum unlösbaren Konflikte. In einer rein ländlichen Bevölkerung haben die landwirtschaftlichen Produkte keinen Tauschwert; verzehrt doch jeder selbst, was er baut. Nur ungleiche Ernten benachbarter Gaue oder der Besuch eines ausländischen Händlers vermag ihnen vorübergehend einen unbedeutenden Tauschwert zu verleihen. Daher ist in diesem Zustande der Getreidepreis nicht bloß gleichgiltig, sondern er existirt gar nicht. Erst wenn die Arbeitsteilung eine industrielle Bevölkerung schafft, findet er sich ein. Dieser Preis nun steigt immer höher, je knapper der Boden und je zahlreicher die industrielle Bevölkerung wird. Aber je zahlreicher diese wird, desto billiger werden ihre eignen Produkte, desto schlechter ihr Verdienst, desto weniger kann sie für Nahrungsmittel zahlen. Andrerseits, je knapper der Boden wird, desto teurer wird er auch, desto höhere Preise muß daher der Besitzer beim Verkauf seiner Produkte erzielen, wenn er die Zinsen für den Kaufpreis seines Gutes herausschlagen will. Also: je weiter die Differenzirung der Bevölkerung in industrielle und ländliche fortschreitet, je größere Massen industrieller Arbeiter sich in den Großstädten anhäufen, während, um sie zu ernähren, die Bauernschaft vom Großgrundbesitz verschlungen werden und das platte Land entvölkert werden muß, desto niedrigere Getreidepreise muß die Stadt, und desto höhere muß das Land fordern. Geht die bisherige Entwicklung ihren Gang fort, so muß sich dieser unheilbare Interessenkonflikt stetig verschärfen. Zu heben ist er nur durch eine Katastrophe, die die Großstädte und die großen Güter gleichzeitig vernichtet und die industrielle Bevölkerung wieder über das Land zerstreut; will man der Katastrophe vorbeugen, so bahne man schleunigst die Rückbildung an. Jede Entwicklung trägt eben den Keim ihrer Auflösung in sich. Konnte eine kommunistische Gesellschaftsordnung jedem einzelnen absolute Existenzsicherheit gewähren, allem Wetten und Wagen, allem Kämpfen und Ringen, allen Tragödien und Komödien, zu denen Glückswechsel und Interessenkonflikte zusammenwirken, ein Ende machen, so würde ich das geradezu für ein Unglück halten; es wäre das Ende des echten Menschendaseins. Wie überall im Leben, sind auch hier die Extreme: allgemeine Sicherheit und allgemeine Unsicherheit, gleich verderblich. Lehne ich jede Utopie ab, so bin ich selbstverständlich auch weit entfernt davon, zu erwarten, unser zukünftiges Großdeutschland mit seinen russischen und asiatischen Kolonien werde ein Paradies sein. Wenn es möglich wäre, was ich für erstrebenswert erklärt habe, die Zentralgewalt wieder auf ihre drei ursprünglichen Aufgaben: Landesverteidigung, Rechtsprechung und Vertretung des Gemeinwesens dem Auslande gegenüber, zu beschränken und die Selbstverwaltung im weitesten Umfange wieder herzustellen nach einfachen, jedem Gemeindemitgliede verständlichen Regeln, die sie sich ihren einfachen Verhältnissen nach selbst giebt, so weiß ich doch, daß es uns genau so ergehen würde wie dem Peisthetairos in des Aristophanes Vögeln. Dieser ist dem an der Fülle der Gesetze und an Prozessen kranken Athen entflohen ins Reich der Vögel, aber auch nach Wolkenkuckucksheim kommt ihm der junge Mann, der in Gesetzen reist, nachgelaufen, und prügelt er ihn zu dem einen Thore hinaus, so kommt er zum andern wieder herein. Nicht um die Herstellung eines idealen Zustandes handelt es sich, sondern um die Heilung eines kranken. Wir leiden unter einem Recht, das ein Hohn auf alles Recht ist, unter einem Gesetzeswust, der den gesetzlichen Sinn unmöglich macht, und unter einer Volkswirtschaft, in der man erst aufhören muß, Güter zu schaffen, wenn man welche bekommen will. Daß es auf diesem Wege nicht mehr weitergeht, daß jedes neue Gesetz, jeder weitere Eingriff des Staats in die Volkswirtschaft, jede Belastung des Staats mit neuen Aufgaben, jede Vermehrung der Zahl der Beamten die Übel nur schlimmer macht und den Wirrwarr vollendet, lehrt die tägliche Erfahrung. Gehts nicht mehr vorwärts, so bleibt nichts übrig, als den Wagen zurückschieben, die Menschen wieder in einfache, natürliche Verhältnisse zu versetzen, die uns u. a. auch das Glück wiederbringen würden, daß jeder einzelne wieder Persönlichkeit, Individualität werden könnte, während jetzt die meisten dazu verurteilt sind, zeitlebens Massenteilchen oder Maschinenteile zu bleiben. Wie die Hausfrau des Sonnabends den alten Schmutz hinausfegt, damit der neue Schmutz der nächsten Woche Platz finde, so hat das Menschengeschlecht von Zeit zu Zeit in alles verwüstenden Kriegen: in der Völkerwanderung, im dreißigjährigen Kriege, in den Revolutionskriegen den alten Kulturwust weggeschafft, um für die Aufhäufung neuen Wustes Platz zu schaffen; diese Aufgabe steht uns wiederum unmittelbar bevor, und es kommt darauf an, ob wir Deutschen klug genug sind, den Prozeß für uns so unblutig, so schmerzlos und vorteilhaft wie möglich zu machen. Wie sehr oder wie wenig dann unsre Nachkommen sich beeilen werden, den alten Wirrwarr wieder herbeizuführen, ist nicht unsre Sorge; jedes Geschlecht hat nur für das zu sorgen, was ihm unmittelbar obliegt. Und eine Sorge erleidet gar keinen Aufschub: die Sorge um Brot, oder was das nämliche ist, um Land .