Artur Landsberger Raffke \amp; Cie. Die neue Gesellschaft Roman Erstes Kapitel. Frau Käte lag in einem Morgenkleid aus rosafarbenem Chinakrepp auf der Veranda ihrer Tiergartenvilla und las. Vor der Chaiselongue stand ein kleiner runder Tisch, auf dessen mattgrau seidenem Perser eine lila Schachtel mit Zigaretten lag. Zwischen Tisch und Chaiselongue saß Lori, die deutsche Schäferhündin aus dem Stamm Tuaillons, spitzte die Ohren und ließ kein Auge von der Tür, die in den Garten führte. Plötzlich sprang Lori auf, öffnete sich die Tür und stürzte die kleine Treppe hinunter in den Garten. Käte sah von ihrem Buch auf und lächelte, als sie im Kies die Tritte ihres Mannes hörte. Sie setzte sich auf und rief freudig: »Hallo!« »Liebling!« klang es zurück. Die Schritte wurden lauter und schneller. Lori kläffte vor Freude hell auf; und wenige Augenblicke später stand Paul vor seiner Frau. Er küßte ihr erst die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, beugte sich dann über sie und schloß sie in die Arme. Käte sprang auf, klingelte, gab Anordnungen; und ein paar Minuten später meldete der Diener: »Es ist angerichtet.« »Viel ist es nicht,« sagte Käte, »aber da wir uns nun doch bald an das neue Leben gewöhnen müssen...« »Wird es dir schwer fallen?« fragte Paul. Sie sah ihn groß an und schüttelte den Kopf: »Nein!« sagte sie. – »Je mehr ich mich hineindenke, um so leichter erscheint es mir. Wir werden die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen los und viel mehr als bisher uns und den Kindern leben.« »Du findest bei allem noch immer was Gutes heraus,« sagte Paul. »Ich kann nun 'mal darin kein Unglück sehen, daß wir unsere Tiergartenvilla mit einer Dreizimmerwohnung vertauschen und Pferde und Auto aufgeben müssen. Für die Kinder ist es vielleicht viel besser, sie wachsen nicht in dem Luxus auf.« Paul nahm ihre Hand und drückte sie. »Du machst es einem leicht,« sagte er. »Habe ich nicht recht? Bleiben wir nicht, wer wir sind, auch wenn man uns aus unseren Verhältnissen herausnimmt und uns in andere setzt?« »Freilich! Darin liegt der Wertmesser des Menschen. Das ist die Belastungsprobe! Wer die besteht, der hat nichts zu fürchten.« »Ich weiß noch, wenn ich als Kind von der englischen Gouvernante im Fuhrwerk zur Schule gebracht wurde, wie ich da die Kinder beneidet habe, die sich ohne Aufsicht auf dem Schulwege balgten und jagten!« »Und wie gern hätte ich oft als Kind mit den Jungen unseres Portiers getauscht,« stimmte Paul bei. »Und wenn wir später als erwachsene Menschen dann anders denken,« erwiderte Käte, »so ist damit noch lange nicht gesagt, daß wir damals als Kinder in einem Irrtum befangen waren, nun aber das Leben richtig werten.« »An sich gewiß nicht! Denn man wird in den Portierwohnungen wahrscheinlich mehr zufriedenen Menschen begegnen als in den Millionärswohnungen, die darüber liegen.« »Siehst du! Und wenn unsere Jungen einmal erwachsene Menschen sind und wir ihnen sagen können: Eure Eltern, Großeltern und Urgroßeltern waren einmal die größten deutschen Übersee-Exporteure und besaßen Millionen. Dann aber kam der Weltkrieg und ruinierte uns. Euer Vater stand vor der Wahl zwischen einem Konkurs, durch den er unzählige Familien ins Unglück gestürzt, das große mütterliche Vermögen sich und euch aber gerettet hätte, und zwischen einem Vergleich, durch den er den Konkurs abwandte und sich seinen Namen makellos erhielt, dafür aber das ganze Vermögen opferte und noch einmal von vorn anfing, wie sein Urahn vor über hundert Jahren – und er wählte das letzte, und darum müßt nun auch ihr euch euer Leben erst erkämpfen – ich glaube, daß uns unsere Jungen dann verstehen, stolz sein und uns dankbar sein werden. Wirklich, wenn irgendeiner, so kannst du mit stolzem Bewußtsein von neuem an die Arbeit gehen.« »Tue ich!« beteuerte er. »Und die Unannehmlichkeiten, die es hier noch gibt, die sollen uns nicht verstimmen.« »Du meinst doch nicht die Übergabe des Hauses?« »Ja! alles das.« »Verstimmen soll uns das? Stehen wir nicht über den Dingen? Ich bin so heiter, Paul, und werde auch das von der heiteren Seite nehmen.« Der Diener meldete: »Herr und Frau Raffke.« Paul und Käte sahen sich an. »Mitten in der Nacht!« sagte Paul. – »Was heißt denn das?« – Er sah nach der Uhr. – »Ein Viertel nach zehn. Ja, Käte, verstehst du das?« Käte zog die Schultern hoch: »Das kann am Ende ganz heiter werden. Ich habe nichts dagegen. Von mir aus können sie in den Salon.« »Also gut!« sagte Paul und gab dem Diener ein Zeichen. Der verschwand, ging zur Diele und meldete: »Die Herrschaften lassen bitten.« »Is Besuch da?« fragte Frau Raffke. »Nein, die Herrschaften sind allein.« »Schade!« »Weshalb schade? Was meinst du, Cäcilie?« sagte Raffke und mühte sich aus dem Pelz. Cäcilie, der der Diener eben den Seal abgenommen hatte, brachte vor dem Spiegel die Frisur in Ordnung und sagte: »Nu, ich mein' nur! Es kann ja jeder hören. Wir haben ja keine Geheimnisse.« »Wo sind se denn?« fragte Raffke den Diener. »Die Herrschaften waren noch beim Abendessen.« »Was heißt beim Abendessen? um viertel elf? das ist doch keine Zeit,« sagte Cäcilie. »Wieso, keine Zeit?« fragte Raffke. »Nu, ich mein' nur. Für ohne Theater is es zu spät; und für nach'm Theater is es zu früh.« »Deine Sorgen! – Wo also?« fragte er den Diener und setzte sich auf eine Tür hin in Bewegung. »Nein! nein!« rief der Diener. – »Wenn Sie bitte hier ...« und er wies auf die Treppe, die in die oberen Räume führte. – Käte und Paul waren vom Tisch aufgestanden und in den Salon gegangen. Die Tür öffnete sich und Herr und Frau Raffke traten ins Zimmer. Cäcilie in großer Abendtoilette; er im Frack. »Wir kommen hoffentlich nicht ungelegen,« sagte Cäcilie und gab Käte die Hand. »Durchaus nicht,« erwiderte Paul und forderte Raffkes auf, sich zu setzen. Die ließen sich umständlich in die schweren Sessel nieder; Cäcilie wußte nicht recht, wo sie das komplizierte Seidenkleid, das hier und da in Unordnung geriet, zuerst zurechtstutzen sollte; und Raffke, ihr Gatte, zog die Enden des Selbstbinders fest, Öffnete den untersten Knopf der weißen Weste und zog über den Knien die Hosen in die Höh'. All' diese Bewegungen verrieten den Neuling, schienen angelernt und wirkten unnatürlich, sodaß Paul und Käte erstaunt aufsahen und dachten: Was haben sie bloß! und gar nicht merkten, daß sie selbst, indem sie sich setzten, ganz unbewußt ähnliches oder dasselbe taten. So! Nun waren sie so weit, Cäcilie sah sich im Salon um und sagte: »Schön hatten Sie's hier!« Paul stutzte und Käte erwiderte lächelnd: »Wir werden uns in unserem neuen Heim ebenso wohl fühlen.« »Gott ja!« sagte Cäcilie, – »man gewöhnt sich an alles.« Käte widersprach: »Sagen Sie das nicht, Frau Raffke. – Sehen Sie, bei einem da dauert's Generationen, um mit dem Luxus, der von außen plötzlich an ihn herantritt, zu verwachsen. Und bei andern, wie bei uns, da bedarf's gar keiner Gewohnheit, um uns äußerlich mit weniger zu bescheiden. Das Wesentliche nämlich, worauf es ankommt, das nehmen wir mit.« »Nun, darüber sind ja wohl genaue Abmachungen getroffen,« erwiderte Raffke »Worüber?« fragte Käte. »Über das, was hier bleibt und was in dem Kaufpreis von achtmalhunderttausend Mark mit einbegriffen ist.« Käte lachte. »Ich meinte das anders,« sagte sie. »Ich meinte das Bewußtsein und die Gesinnung.« »So, so!« erwiderte Raffke verwirrt, »natürlich, das dürfen Sie mitnehmen.« »War sonst noch etwas, worüber Unklarheit besteht?« fragte Paul, der nun endlich den Grund dieses späten Überfalls kennen lernen wollte. »Für uns nicht!« erwiderte Cäcilie. »Ich wenigstens fühle mich hier schon wie zu Hause.« »Ach!« entfuhr es Käte, und Paul dachte: Na, das kann ja nett werden. Am Ende übernachten sie gleich hier. »Sie waren im Theater?« fragte Käte, um das Gespräch auf etwas anderes zu bringen. Cäcilie wies auf ihre Toilette. »Sehen Sie das nicht?« »Doch! doch!« erwiderte sie und unterdrückte ein Lachen. »Ich wunderte mich nur, daß Sie dann schon so früh – vermutlich sind Sie nicht bis zum Schluß geblieben?« »Nein! Ich finde, man braucht sein Geld nicht bis zur letzten Minute abzusitzen. Im übrigen: ein Stück haben die gegeben! – Ich kann Ihnen sagen! – Fallen Sie ja nicht darauf hinein. Wie hieß es?« fragte sie ihren Mann. Der zog die Schultern hoch: »Irgend was mit Sonate war's.« »Vermutlich die Gespenstersonate von Strindberg?« sagte Käte. »Möglich!« erwiderte Cäcilie. »Wir glaubten natürlich, es wär' was mit Musik.« »Bewußte Irreführung ist das!« schalt Raffke. Cäcilie beruhigte ihn und sagte: »Nur gut, daß Geld bei uns keine Rolle spielt! Sonst müßte man sich wahrhaftig über die fünfzehn Mark ärgern.« Raffke stimmte seiner Frau zu und meinte: »Für dasselbe Geld hätte man die schönste Operette haben können.« »Sie lieben die Operette?« fragte Käte, und Frau Raffke, die die Ironie nicht merkte, rief: »Ich bitt' Sie! Wer liebt die nicht? Wenn Sie später 'mal zu uns hierher zu Besuch kommen – wir haben zweihundertsechsunddreißig Platten auf unserem Grammophon – Sie werden staunen! Da sitz' ich doch lieber zu Haus bei meinem Grammophon, statt mir so einen Blödsinn wie heute abend anzuhören.« Cäcilie erhitzte sich und warf die beringten Hände in die Luft. – »Ach, überhaupt Musik! Ich weiß nicht, ob Sie auch so dafür inklinieren. Ich sage immer zu meinem Mann: große Reisen und teure Kleider und feiner Verkehr, das ist ja alles ganz nett – aber über so eine gefühlvolle Operette, darüber geht nichts!« Paul wurde die Sache zu dumm. »Das ist ja wohl kaum der Grund, dem wir Ihren Besuch verdanken,« sagte er nicht übermäßig freundlich. – »Vermutlich hängt er mit der Übernahme der Villa zusammen.« »Selbstredend!« erwiderte Raffke. »Als wir aus dem Theater kamen, meinte meine Frau: Eigentlich könnten wir noch ein Stündchen in unsere Villa. Und da wir vor dem Theater gegessen haben, so ...« »Ich habe natürlich nichts dagegen,« erwiderte Paul, »daß Sie die Villa aufsuchen, wenn es Sie hierher zieht. Nur darf ich erinnern, daß Sie erst vom ersten April ab Eigentümer sind. Heute haben wir den fünften März. Und dann scheint mir auch die Zeit der Besichtigung nicht gerade glücklich gewählt.« »Paul!« begütigte Käte, entsetzt über die Art, in der ihr Mann Raffkes an die Luft beförderte. Raffkes empfanden gar nichts. Sie blieben, ohne eine Miene zu verziehen, sitzen und Raffke sagte: »Ich weiß! – Wir wollen Sie auch nicht etwa zu einer früheren Räumung veranlassen.« »So hat Ihr Besuch also einen anderen Grund?« fragte Paul. »Wie gesagt, einen besonderen Zweck hat er nicht,« erwiderte Raffke, und Cäcilie ergänzte: »Gegessen haben wir! Und wie!« »Das interessiert mich nicht,« fiel ihr Paul ins Wort, und Käte, die das an ihrem Mann nicht kannte, fragte: »Sie sind wohl sehr vermögend?« Cäcilie blähte sich auf und wurde so breit, daß Paul glaubte, die schlanken Lehnen des Louis XVI. müßten jeden Augenblick auseinanderplatzen. Dann sagte sie mit einem schmalzigen Lächeln auf dem Gesicht: »Sehr!« Raffke rekelte sich in seinem Sessel, schob Kravatte und Weste zurecht und setzte ein Bein vor. »Man sieht es Ihnen an,« sagte Käte. Cacilie riß die Augen auf und strahlte. »Nicht wahr?« sagte sie und zog die Perlkette, die straff um den feisten Hals lag, nach vorn. »Sie haben eine Lederhandlung?« fragte Käte. »Wir haben alles!« erwiderte Cacilie stolz. »Leder, Pelze, Decken und Konserven en gros.« »Das ist ja das reine Warenhaus,« meinte Paul. »Nicht wahr?« rief sie freudig. »Sie müssen es ansehn.« »Ich kann es mir vorstellen.« »Das können Sie nicht! Vor drei Jahren bestand die Firma Leo Raffke aus zwei Verkaufsräumen und einem kleinen Kontor. Jetzt hat die Firma Raffke \amp; Cie. acht Kontors und vierundzwanzig Verkaufsräume! Einer immer größer als der andere.« »Denken Sie an!« Cäcilie erhitzte sich: »Vor zwei Jahren, da wußten wir noch nichts von Leder, Pelzen, Decken und Konserven.« Raffke räusperte sich. »So! so!« sagte Paul – »wovon wußten Sie denn da?« »Da hatten wir ein Buttergeschäft,« platzte sie heraus. »Cäcilie!« rief Raffke wütend und sprang auf. – »Wir haben uns doch in die Hand gelobt, nie wieder ...« Cäcilie erschrak und senkte den Kopf. »Was ist?« fragte Käte. »Es scheint, sie stoßen sich an ihrer Vergangenheit, dem Buttergeschäft,« erläuterte Paul. »Ist das eine Schande?« fragte Käte. »Wir hatten es ja von meinem Schwiegervater übernommen,« entschuldigte sich Cäcilie ohne aufzusehen, und verbarg ihre Hände, die trotz der vielen Ringe noch stark an die Vergangenheit erinnerten. Paul ließ nicht locker. Ihn interessierte die Psychologie der neuen Gesellschaft. »Nun, das kann jedem passieren,« sagte er. Cäciliens Kopf, der tief über der breiten Brust hing, hob sich ein wenig. »In so ungewöhnlichen Zeiten ist mancher achtbare Kaufmann in Konkurs gegangen.« Raffke sah ihn erstaunt an; Cäciliens Kopf hob sich höher. »Wie meinen Sie das?« fragte Raffke. »Ich nehme an, daß Ihr Buttergeschäft den Zeitverhältnissen zum Opfer gefallen ist und Sie sich dann mit mehr Erfolg einer neuen Branche zugewandt haben.« »I Gott bewahre!« riefen beide. Cäcilie saß jetzt wieder kerzengerade. »Sie meinen, wir wären in Konkurs gegangen?« »Ja, das dachte ich.« »Im Gegenteil! Wir haben so viel verdient, daß wir das Geschäft – übrigens sehr preiswert – verkauft und uns einer vornehmeren Branche zugewandt haben.« »Ja!« bestätigte Cäcilie, und ihr Kopf saß jetzt wieder straff auf dem feisten Nacken. »Liegt die Vornehmheit in der Branche?« fragte Paul. Und da Raffkes ihn verständnislos ansahen, fuhr er fort: »Ich denke doch, sie liegt im Menschen.« »Na, ich meine doch,« erwiderte Raffke, »daß beispielsweise ein Bankdirektor vornehmer ist als ein Aufschnitthändler.« »In dieser Allgemeinheit durchaus nicht.« »Aber doch gesellschaftlich.« »Das ja.« »Nu, darauf kommt es doch an!« sagte Cäcilie. »Sie haben also den Wunsch, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen?« fragte Paul, und beide erwiderten gleichzeitig: »Ja!« und Cäcilie fügte noch hinzu: »Deshalb sind wir ja hier.« »Wie?« fragten Käte und Paul. »Na, Sie gehörten doch auch dazu ...« »Wozu?« fragten Paul und Käte, obschon sie wußten, was Cäcilie meinte. Aber es reizte sie, zu sehen, wie weit ihre Taktlosigkeit, in der nicht einmal kränkende Absicht lag, ging. »Nu, ich mein' nur,« erwiderte sie. »Man hört und sieht doch allerlei. Und nachdem Sie nun doch 'mal unsere Vergangenheit kennen, brauchen wir Ihnen ja auch kein Theater mehr vorzumachen.« – Und damit gab sie ihre gezwungene Haltung auf, zog nicht mehr alle paar Minuten ihr Seidenkleid zurecht und ließ ihre roten, fleischigen Hände ungeniert auf dem Schoß liegen. »Ich dachte gar nicht, daß es heute abend noch so nett werden würde,« sagte Käte belustigt. »Findest du nicht, Paul? ein echter Thackeray.« »Sie sprechen von einem Maler?« fragte lernbegierig Cäcilie und besah sich die Wände. »Ungefähr,« erwiderte Paul. »Schöne Sachen haben Sie da!« »Gefallen sie Ihnen?« »Welches ist der echte Thackeray?« fragte Cäcilie und wies auf ein Porträt, das man Lippi zuschrieb und das einen alten Mann mit unverkennbar orientalischem Typ darstellte. – »Vermutlich das?« »Ungefähr,« erwiderte Paul, und Raffke sagte: »Ich glaube, du kennst dich bald aus.« Cäcilie strahlte. »Und die andern?« fragte sie, und wies auf eine Reihe alter Porträts, die an den beiden Längswänden des Salons hingen. »Das sind Familienbilder,« erwiderte Käte, »die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von mir und meinem Mann, und das da« – sie wies auf ein Porträt in Lebensgröße – »ist der Großvater meines Urgroßvaters aus dem Jahre siebzehnhundertsieben.« »Sieh' bloß, Leo!« rief sie erregt – »Was es alles gibt! Aber das ist doch nicht zweihundert Jahre alt? Das sieht ja aus wie neu. Das ist erst später angefertigt, nicht wahr? Vermutlich nach einer Photographie?« Käte lächelte. »Das ist über zweihundert Jahre alt,« erwiderte sie, – »nur in der Zwischenzeit wiederholt gefirnißt. Wenn Sie nahe herangehen, sehen Sie auch das Alter.« Cäcilie stand auf, trat an die Wand, stieg auf einen Stuhl und besah sich das Bild. »Wahrhaftigen Gott!« rief sie – »lauter Sprünge! – Na, für das Alter hat er sich trotzdem gut erhalten, Ihr Urgroßvater! – Gott, Leo, wenn man doch auch so was hätte!« Raffke hatte ein Notizbuch herausgezogen, in dem er eifrig blätterte. »Leider sind diese Porträts bei dem Kaufpreis von achtmalhunderttausend Mark nicht einbegriffen,« stellte er fest. »Schlemihl!« erwiderte Cäcilie; und Käte, die nach einer stummen Verständigung mit Paul gerade im Begriff war, Getränke und Zigarren kommen zu lassen, ließ den Arm, den sie eben zur Klingel hob, fallen und dachte: Nein! sie sind zu unmöglich! »Vielleicht läßt sich das nachträglich noch machen,« meinte Cäcilie und wandte sich an Paul. Der schüttelte den Kopf. »Biete!« rief Cäcilie ihrem Mann zu, und der sagte: »Tausend!« Paul und Käte mußten lachen. Raffke bot: »Zweitausend!« Und da Pauls und Kätes Ausdruck auch daraufhin nicht ernster wurde, so sagte Cäcilie, die noch immer auf dem Stuhle stand: »Unsinn! keine Ahnung hast du!« –Sie stellte ihre Lorgnette wieder auf das Bild ein, besah und befühlte es, pustete darauf und sagte: »Fünftausend!« »Cäcilie!« rief Raffke vorwurfsvoll. »Laß mich!« wehrte sie ab. »Ich will das Bild haben. Ich seh' nicht ein: es sieht mir genau so ähnlich wie Ihnen!« sagte sie zu Käte. »Also, wie ist's? Fünftausend Mark sind kein Pappenstiel!« Käte führte das Spitzentuch vor den Mund, um nicht laut aufzulachen. Paul, der sich mehr in der Gewalt hatte, sagte: »Und wenn Sie für die Villa den doppelten Kaufpreis zahlen – das Bild, wie überhaupt jedes dieser Familienbilder, bekommen Sie nicht.« »Denn nicht!« rief sie verärgert, stieg von dem Stuhl herunter und brabbelte vor sich hin: »Koulant is das nicht!« »Wie? bitte!« fragte Paul. »Nu, ich mein' nur, ich begreif' das nicht.« »Das glaub' ich gern!« sagte Käte. »Wenn Sie den Mann noch gekannt hätten! aber das ist doch unmöglich!« »Er ist seit zweihundert Jahren tot,« erwiderte Paul. Cäcilie sah Paul und Käte mitleidig an, schüttelte den Kopf und sagte: »Schade!« »Was ist schade?« fragte Käte. »Nu, ich mein' nur,« sagte sie. »Aber vielleicht, daß die Zeiten auch für Sie noch einmal besser werden.« Paul wollte aufbrausen. Käte, die es sah, hielt ihn zurück. »Herr, vergib ihnen,« sagte sie, »denn sie wissen nicht, was sie tun.« Da mußte auch Paul lachen. Und während sich Raffkes verständnislos ansahen, rief er Käte zu: »Du hast recht! Laß was zu trinken kommen. Nehmen Sie eine Hamburger oder eine Import?« fragte er Raffke. Der griff in die Tasche, zog ein Zigarrenetui heraus und sagte: »Danke! Ich bin versehen, ich möchte nicht gern, daß Sie ...« »Herr!« rief Paul bestimmt und hielt ihm zwei Kisten Zigarren unter die Nase. »Da Sie in die Gesellschaft wollen, so merken Sie sich: wenn man wo zu Besuch ist, raucht man nicht seine eigenen Zigarren.« »Merk' dir's, Leo!« sagte Cäcilie, und Leo machte ein verdutztes Gesicht und nahm vor Schreck gleich aus beiden Kisten. »Sie nehmen es meinem Manne doch nicht übel?« fragte Käte. – »Nur, weil Sie vorhin doch selbst sagten, Sie seien hauptsächlich aus diesem Grund heute abend zu uns gekommen.« »Durchaus nicht!« erwiderte Raffke. »So! Dann legen Sie eine Zigarre gefälligst wieder zurück,« befahl Paul. Und Leo folgte und legte die Hamburger Zigarre zu den Importen. Der Diener schob einen Tisch herein, auf dem Liköre, Pilsener Bier, Saft, Obst, Ingwer, Kuchen und Konfitüren standen. Cäcilie staunte. »Sieh bloß, Leo!« rief sie – »wie entzückend!« Und Leo nickte und erwiderte: »Merk's dir!« Als Cäcilie sich das zwölfte Praliné in den Mund schob, schlug Raffke das Gewissen, und er sagte: »Ich hoffe, Sie geben uns bald Gelegenheit, uns zu revanchieren.« »Wieder falsch!« rief Paul. »Gott, so laß doch!« suchte Käte zu vermitteln. »Im übrigen: es kommt nicht in Frage, denn wir werden für die nächsten Jahre auf jeden gesellschaftlichen Verkehr verzichten.« »Ich will mich natürlich nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen,« sagte Cäcilie. »Gnädige Frau,« erwiderte Paul, »das bedeutet entschieden einen Fortschritt.« »Trotzdem ...« fuhr Cäcilie fort. »Nein!« rief Paul, »nicht ›trotzdem‹, denn damit verderben Sie wieder alles. – Wenn ich Ihnen bei dem Sprung ins neue Leben auch gern behilflich bin, so wollen wir doch nicht vergessen, daß es in erster Linie geschäftliche Dinge sind, die uns zusammenführen. Und was den Sprung in die Gesellschaft betrifft, den mit Ihnen jetzt hunderttausend andere machen, so glaube ich, daß Sie sich nicht viel hinaufzumühen brauchen. Die Gesellschaft wird Ihnen entgegenkommen.« »Hörst du's, Leo!« rief sie erregt. »Die Gesellschaft wird mir entgegenkommen. – Wenn Sie doch recht behielten!« »Und schließlich kommt es dahin, daß Sie sich besser in der neuen Gesellschaft zurechtfinden als wir.« »Sie schmeicheln,« wehrte Cäcilie verlegen und kokett. »Nein, nein! Sie werden sehen, daß ich recht habe.« »Sie meinen, daß wir moderner sind. Das ist schon möglich.« »Wandlungsfähiger! Schon, weil Sie nichts aufzugeben haben. Oder« – und dabei dachte er an das Buttergeschäft – »wenigstens nichts, dessen Aufgabe Ihnen schwer fiele.« Cäcilie verstand ihn zwar nicht ganz, sagte aber: »Das ist sehr möglich. – Trotzdem, wenn Sie uns gesellschaftlich ein wenig zur Hand gehen wollten. Denken Sie – darf ich es sagen, Leo?« »Wie? was?« fragte Raffke. Cäcilie zierte sich, wurde rot, senkte den Kopf, spreizte die dicken Finger und sagte: »Gott, Leo, du weißt doch!« »Ach so! natürlich! Du meinst ...« »Ja!« sagte sie und sah ihn kokett von unten herauf an. – »Unsere Hoffnung.« Eine Pause entstand. Dann sagte Käte: »Ihre Hoffnung? was ist das?« »Gott! es sagt sich so schwer, nicht wahr?« – und sie bedeckte beschämt den Leib mit ihren roten Händen. »Sie werden Mutter?« fragte Käte ohne jede Verlegenheit. Cäcilie senkte den Kopf noch tiefer und hauchte: »Ja!« »Darauf habe ich nur eine Antwort,« erwiderte Käte, »ich gratuliere!« »Danke!« sagte Cäcilie. Auch Raffke verbeugte sich, meinte aber: »Übrigens ist es noch nicht so weit.« Und Cäcilie ergänzte: »Erst in zwei Monaten. Wir nehmen natürlich eine Amme. Das heißt: wenn wir eine prima bekommen. Wissen Sie keine?« Käte, die so plötzlich Vertrauensperson ihr völlig fremder Menschen wurde, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Ich wüßte schon eine!.« sagte sie. »Leo! das wäre doch glänzend!« rief Cäcilie. »Du weißt ja noch gar nichts!« gab Raffke zur Antwort. »Ich bitt' dich, die Amme von Röhrens! Was brauch' ich da weiter viel zu wissen?« »Das heißt,« berichtigte Käte, »unsere Amme ist es nicht. – Aber wir haben seit sieben Jahren einen Hausverwalter, dessen Frau bereits zweimal bei uns Mutter wurde und infolge ihrer besonderen Konstitution außer ihrem Kinde, mit Wunsch und Willen des Arztes, noch ein fremdes aufgezogen hat.« »Leo!« rief Cäcilie und lachte laut auf, »hast du so was erlebt! Prachtvoll! Nein, was es alles gibt!« »Diese Frau, für deren Gesundheit und Charakter ich mich übrigens verbürge, sieht wieder ihrer Niederkunft entgegen. Genau unterrichtet über den Zeitpunkt bin ich natürlich nicht. Aber es könnte doch sein ...« »Und Sie meinen, die würde ...?« fragte Raffke. Käte zog die Schultern hoch. »Möglich,« sagte sie. »Vorausgesetzt, daß es zeitlich übereinstimmt. Am besten, Sie fragen sie selbst.« Paul trat dicht an Käte heran. »Was tust du nur?« fragte er leise. »Ich kenne dich ja gar nicht wieder.« »Laß mir das Vergnügen!« bat sie. »Am Ende verhelfen wir Linkes zu einer Stellung.« Das leuchtete Paul ein. »Also?« fragte Käte, »soll ich sie rufen?« Sie ging ans Fenster und schob den Store zurück. »Es ist noch Licht bei ihnen,« sagte sie. Paul telephonierte hinunter. »Was kostet die Frau?« fragte Cäcilie. »Wird sie im ganzen berechnet? oder wöchentlich?« – Und da Käte keine Antwort gab, so fragte sie weiter: »Oder von Fall zu Fall?« »Das wird sie uns alles sagen,« erwiderte Käte. Franz und Emma Linke traten in den Salon, sagten »guten Abend« und blieben in der Tür stehen. Cäcilie sah ihren Mann an und verzog den Mund. Raffke schüttelte den Kopf. »Das ist unser Hausmeisterpaar,« sagte Käte. »Herr Linke hat außerdem den Weinkeller unter sich.« »Richtig! Weinkeller!« rief Cäcilie. »Das muß man ja auch haben.« »Merk' dir's!« sagte Raffke. »Verstehen Sie 'was davon?« fragte Cäcilie. »Ich glaub' schon,« erwiderte Linke und sah mit sicherem und offenem Blick Paul und Käte an. »Er kennt sich aus!« bestätigte Paul. »Und ist dabei umsichtig und gewissenhaft.« »Der ist natürlich auch nicht übernommen,« sagte Cäcilie vorwurfsvoll. »Ist Ihr Mann auch so'n Schlemihl?« fragte sie Käte. Die Köpfe des Ehepaares Linke wandten sich entsetzt zu Käte. Die tat, als überhörte sie's und sagte: »So viel ich weiß, haben Sie noch keinen neuen Posten, Linke?« Der war noch so verdutzt, daß er gar nicht hörte, was Frau Käte sagte. Seine Frau, die sich schneller wieder in der Gewalt hatte, stieß ihn an: »So red' doch!« – Und auf sein dummes Gesicht hin wiederholte sie: »Die gnädige Frau fragt, ob wir schon einen neuen Posten haben.« Linke sagte: »Ach so – nein! – noch nicht! – wir hoffen noch immer ...« »Was hoffen Sie?« fragte Frau Käte. »Wir würden, wenn wir könnten, gern bei dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau bleiben. Auch mit weniger...« »Linke!« sagte jetzt Paul bestimmt, »was ist das für ein bodenloser Leichtsinn! Wie oft habe ich Ihnen gesagt: es fällt mir nicht leicht, mich von Ihnen zu trennen, aber es muß sein; darum sehen Sie sich rechtzeitig nach was anderm um! Stimmt's?« Linke nickte mit dem Kopf und erwiderte: »Ja!« »Ich hab' ihn ja auch immer zurückgehalten,« sagte Emma, »weil ich mir doch gar nicht hab' denken können, daß das nun hier alles wirklich soll ein Ende haben.« Cäcilie reckte sich in ihrem Louis XVI. empor: »Das hat's auch nicht!« rief sie stolz und wies mit der roten Hand auf sich: »Hier! Wir setzen's fort! – Genau wie's war. Vielleicht noch großartiger. Ich hab' schon zu meinem Mann gesagt: im nächsten Jahr, da wird das ganze auf neu umgearbeitet, außen und innen. Wir lassen es uns was kosten, was Leo? Das muß alles prima sein!« »Was? – Sie!« rief das Ehepaar Linke und sah erstaunt Cäcilie und Raffke an, wandte sich dann an Paul und Käte, und ihre Blicke sagten: »Das stimmt doch nicht?« »Doch! doch!« erwiderte Käte, »Herr und Frau Raffke« – Cäcilie bewegte sich leicht nach vorn, Raffke faltete die Hände über dem Bauch – »bewohnen vom ersten April ab die Villa.« »Aber nicht etwa als Mieter!« rief Cäcilie – »Wir haben sie für...« »Der Kaufpreis interessiert Linkes nicht,« unterbrach sie Paul. »Nein! nein!« wehrte Linke ab. Dann schüttelte er den Kopf und sagte traurig: »Also doch! – Wir wollten's nicht glauben.« Cäcilie zog ein Kuvert hervor, in dem Plan und Vertrag der Villa lagen, hielt es hoch und sagte: »Da! schwarz auf weiß. Wollen Sie's sehen?« »Danke!« sagte Linke ohne hinzusehen, wandte sich an Paul und fragte: »Und Sie wollen uns nicht...? Es braucht ja nicht zu sein wie hier. Dann richtet man sich eben ein. Gehen tut alles. Was, Emma, wenn man nur will.« Emma stimmte zu. »Unter den augenblicklichen Verhältnissen, mein lieber Linke,« sagte Paul, »ist es nicht möglich! Aber, nicht wahr, Sie lassen ja von sich hören?« »Gewiß! gewiß!« versicherte Linke, »wenn ich darf.« »Ich wünsche es! Sie wissen ja, welch' Interesse meine Frau für Ihre Kinder hat; na, und ich natürlich auch. Aber vorläufig heißt's nun arbeiten! Für mich – und auch für Sie! Verstanden?« Linke nickte mit dem Kopf und Emma sagte: »Ja, da werden wir uns nu wohl beeilen müssen, Franz!« »So red' doch!« rief Cäcilie und gab ihrem Mann einen Stoß. »Tja!« sagte der. – »Sie haben also noch nichts? Na, dann wär's am Ende ganz praktisch, Sie blieben, wo Sie sind.« Linkes sahen ihn an. »Ich mein' auch,« sagte Käte. – »Es wäre für beide Teile gut.« – Sie wandte sich an Cäcilie. – »....Sie haben zuverlässige Menschen und in Linke vor allem jemanden, der mit allem Bescheid weiß – nicht nur mit den Weinen; auch sonst wird er Ihnen in allen gesellschaftlichen Fragen eine Stütze sein; wenngleich er etwas grad' heraus ist! Aber daran gewöhnt man sich! Na, und Sie,« wandte sie sich an Linkes, »blieben, wo Sie sind und würden sich pekuniär vielleicht sogar verbessern.« »Das Doppelte!« rief Cäcilie. »Wie meinen Sie das?« fragte Käte. »Von dem, was Sie bisher hatten.« »Nun sehen Sie 'mal an!« sagte Käte. Linke wandte sich an seine Frau. »Was meinst du, Emma?« »Wenn die gnädige Frau glaubt...« »Ja, Emma! Ich rate Ihnen dazu.« »Also?« fragte Raffke und holte sein Buch hervor. »Ja, Franz, denn is es wohl recht,« sagte Emma. Linke nickte. »Kostenpunkt?« fragte Raffke, steckte die Bleistiftspitze in den Mund und beugte sich über sein Notizbuch. Linkes sahen sich an. »Herr Raffke meint die Höhe des Gehaltes,« erläuterte Paul. »Wir hatten bisher hundertfünfundzwanzig Mark,« sagte Linke. »Das hieße also für uns zweihundert,« sagte Cäcilie. »Wenn ich recht verstand,« erwiderte Paul, »so sagten Sie vorhin das Doppelte.« »Aber das ist ja mehr als genug,« versicherte Linke. »Hatte ich falsch gehört?« fragte Paul und sah Cäcilie fest an. »Was meinst du, Leo?« wandte sie sich an ihren Mann. Und der erwiderte, obgleich er genau gehört hatte: »Du mußt doch wissen, was du gesagt hast.« Cäcilie setzte die Lorgnette an und sagte: »Kommen Sie doch 'mal ein bißchen näher heran!« »Ich?« fragte Emma. »Ja, Sie!« Emma trat unbefangen vor Frau Raffke hin. Die musterte sie derart ungeniert, daß Emma, die sonst nicht schüchtern war, beschämt zur Erde sah. Dann nahm sie sie bei der Hand, zog sie zu sich heran und flüsterte ihr ins Ohr. »Wann?« »In acht Wochen.« »Glänzend!« rief Cäcilie erfreut. »Denk' dir, Leo, es paßt.« »Nu also!« Paul nahm Käte unter den Arm und wandte sich zur Tür. – »Sie machen das wohl besser untereinander aus!« sagte er, verbeugte sich und ging mit Käte aus dem Zimmer. Es dauerte kaum eine Viertelstunde, da war der Vertrag zwischen Linkes und Raffkes perfekt. Als Raffkes aus dem Hause traten, sagte Cäcilie zu ihrem Manne: »Sehr feine Leute, diese Röhrens!« »Wieso?« fragte Leo. »Nu, ich mein' nur. Hast du nicht gemerkt, wie diskret sie sich zurückgezogen haben?« »Selbstredend,« erwiderte Raffke, nahm seine Frau unter den Arm und sagte: »Merk' dir's!« Zweites Kapitel Also, nicht so viel liegen!« wiederholte der alte Hausarzt ein um das andere Mal. – »Sie haben es doch wahrhaftig bequem! Drei Stufen, und Sie sind in Ihrem Garten, und kein Mensch sieht Sie.« »Der Garten ist noch nicht restauriert,« erwiderte Cäcilie, die auf der Chaiselongue lag. »Was heißt das?« »Nu, er sieht noch nicht prima aus. Der neue Gärtner tritt erst am ersten Mai seine Stellung an.« »Hier handelt es sich nicht um Äußerlichkeiten, sondern um die Gesundheit; und zwar nicht nur um Ihre,« betonte der Arzt nicht gerade freundlich. »Eben darum.« »Ich versteh' Sie nicht.« »Nu, ich mein' nur.« »Was meinen Sie?« »Des Jungen wegen.« »Was für eines Jungen?« »Leo meint zwar, ich soll mir das nicht zu fest in den Kopf setzen, um nachher nicht enttäuscht zu sein, wenn es ein Mädchen wird. Aber nicht wahr, das fühlt man doch?« »Keine Spur!« »Ich weiß aber, daß es ein Junge ist.« »Dann wissen Sie mehr als wir. Im übrigen, ich verstehe noch immer nicht, was hat das mit dem Garten zu tun?« »Wissen Sie das nicht?« fragte Cäcilie erstaunt. »Nein.« »Daß das abfärbt?« – Und da das Gesicht des Arztes nicht klüger wurde, so fuhr sie fort: »Daß das Kind alles annimmt, und daß man darum alles Häßliche von ihm fernhalten und es immer nur mit Schönem umgeben soll?« »So! so! – aber im Vertrauen: derartige Dinge sind Unsinn!« »Dann haben wir das ganze Geld ja zum Fenster herausgeworfen! Wie gräßlich! Schade um die Zeit!« »Was haben Sie getan?« Cäcilie stand auf und öffnete eine Tür; mit der Klinke in der Hand blieb sie stehen. »Da, sehen Sie hinein, Herr Sanitätsrat!« Der Arzt stand auf und sah in ein geräumiges Zimmer, in dessen Mitte ein Ruhebett stand. An den Wänden rechts und links hing dicht aneinander gedrängt Porträt an Porträt. Auf der einen Seite nur männliche, auf der andern nur weibliche. Es waren zum größten Teil schlechte Kopien alter Meister. Aber auch moderne Bildnisse, denen man die Neuheit nur zu sehr ansah, hingen massenhaft herum. Auch Öldrucke fehlten nicht, und die Zwischenräume füllten Gravuren, Photographien, ja selbst einfache Drucke, die aus illustrierten Zeitungen ausgeschnitten waren. Der Arzt staunte; er hielt es für die Galerie eines Parvenu und hoffnungslosen Dilettanten. »Nach welchem Prinzip,« fragte er, »ist diese Sammlung entstanden?« »Nach dem Prinzip der Schönheit!« erwiderte Cäcilie stolz. »Und zu welchem Zweck?« fragte er nicht eben artig. »Ja, begreifen Sie denn noch immer nicht?« rief Cäcilie erstaunt. Der Arzt schüttelte den Kopf. »Für unser Kind! Den Vormittag über liege ich auf der einen Seite, den männlichen Bildnissen gegenüber, nachmittags auf der andern. Denn es ist ja nicht ausgeschlossen, daß ich mich irre und daß es doch ein Mädchen wird.« »Und Sie meinen...?« fragte der Arzt, der ganz verdutzt war und Augen und Ohren nicht traute. »Daß all' diese Schönheit auf mein Kind abfärbt! Und wann glauben Sie?« fragte Cäcilie. »Bald! sehr bald! Aber ich wiederhole Ihnen, machen Sie sich, statt hier auf dem Ruhebett zu liegen, Bewegung! Sonst steh' ich für nichts ein.« Cäcilie versprach's, und der Sanitätsrat ging. Er sah noch schnell beim Vorübergehen zu Linkes hinein, rief Emma, die gerade am Herd stand, zu: »Na, Frau Linke, wie schaut's aus?« »Jlänzend! Morgen können Se mir jratulieren!« »Na, dann werd' ich doch mal lieber...« »Nich nötig!« rief Emma. »Noch mindestens vierzehn Tage!« stellte er fest. Emma schüttelte den Kopf. »N' Taler für jeden Tag früher, Herr Doktor?« »Da würden Sie nicht reich bei werden, liebe Frau!« Emma wischte sich an der Schürze schnell die Hand ab und streckte sie ihm hin. »Abgemacht?« Der Sanitätsrat lachte und schlug ein. »Na, also! Auf alle Fälle! Sie wissen ja, wenn's auch nachts ist. Dazu bin ich da!« »Schönen Dank, Herr Doktor.« Sie brachte ihn bis zur Tür und ging dann an den Herd zurück. – Cäcilie nahm einen der vielen Adonisse von der Wand und ging damit in den Garten. Das ungewohnte Gehen fiel ihr schwer. Nach zehn Minuten kehrte sie in das Haus zurück, ging in den Gemälderaum und legte sich auf das Ruhebett, den Rücken, obgleich es Vormittag war, den männlichen Bildnissen zugewandt; der Sanitätsrat hatte sie doch beunruhigt. Emma saß währenddessen mit ihrem Manne und den beiden Kleinen um den blitzblank gescheuerten Tisch und aß zu Mittag. »Scharf ist das Gulasch!« wiederholte Franz, als Emma ihm das zweite Mal den Teller füllte. Und der vierjährige Paul, der ein Patenkind Röhrens war, zog den Löffel aus dem Mund und sagte: »Mutta! das sagt Vata bloß, daß de ihm was zu trinken jibst.« »Richtig!« rief Franz, »der Junge kennt mich.« »Heut' solls nicht drauf ankommen,« erwiderte Emma. »Was ist heut'?« fragte Franz. »Heut' liegt noch 'was in der Luft.« – Dabei stand sie auf, holte ein Glas und eine Flasche Bier und stellte sie vor Franz auf den Tisch. »Das jibt's ja janich; was Vata?« sagte Paul. »In der Luft, da fliegt doch höchstens 'was.« »Na, ja,« sagte Emma, »da hast du recht. Es fliegt auch was, mit langen Beinen und 'nem roten Schnabel; na Paul, nu rate 'mal!« »Is wahr?« rief Linke strahlend. »Was'n, Vata?« »Dummer Junge! Wer hat denn lange Beine und 'n roten Schnabel?« »Jroßvata!« rief Paul freudig. »Nein! Aber 'n Klapperstorch!« »Schon wieda?« fragte Paul und sah auf sein Schwesterchen; »Pauline kann ja noch nicht 'mal laufen.« »Dott! dott!« widersprach Schwester Pauline, die auf einem hohen Kinderstuhl saß. Sie strampelte und wollte gerade von dem Stuhl herunterstürzen, um Paul zu widerlegen, als Emma ihr in den Arm fiel und sie gerade noch im letzten Augenblicke auffing. Aber eine Erschütterung hatte es doch gegeben. Sie fühlte heftige Schmerzen, Franz nahm sie unter den Arm, half ihr und brachte sie zu Bett. Man hatte ein helles, sonniges Zimmer in Cäciliens Nähe für sie hergerichtet. Cäcilie, die noch immer in der Bildergalerie lag, warf sich unruhig von einer Seite auf die andere. Kehrte sie den männlichen Porträts den Rücken, so war sie überzeugt, es wurde ein Junge und wechselte schnell ihre Lage. Und lag sie mit dem Rücken zu den weiblichen Porträts, so schwor sie auf ein Mädchen, ließ jede Vorsicht außer acht und wandte sich ruckartig um. So auch jetzt wieder. »Oh!!« schrie sie laut, griff nach der Klingel, läutete und rief dem Mädchen, das eintrat, erregt zu: »Schnell! schnell! Ich muß ins Bett! Telephonieren Sie an Frau Helbing und meinen Mann und den Sanitätsrat. Sagen Sie, es geht los!« – Es war etwa um die gleiche Zeit, als Cäcilie und Emma in ihren Betten lagen. Es war bei beiden nicht leicht, und Frau Helbing lief wohl ein dutzend Mal von einer zur andern. Emma litt sehr, und als der Knabe zur Welt kam , war sie apathisch, sah und fragte nichts. Franz durfte nicht bei ihr sein. Sie wollte nicht, daß er sah, wie sie sich quälte. Er saß in Angst und aufgeregt in der Küche und sah und horchte zur Tür, obschon zwei Zimmer dazwischen lagen. Alle Augenblicke sah er zur Uhr; wie Stunden krochen die Minuten. Kaum war bei Emma alles glücklich vorüber, da war Frau Helbing mit ihren Gedanken auch schon bei Cäcilie, Und ohne an Franz zu denken, stürzte sie die Treppe hinauf in Cäciliens Zimmer. »Endlich! Ich halt's nicht mehr aus!« rief die Zofe und lief davon. Frau Helbing trat eilig an das Bett heran und beugte sich über Cäcilie: »Ulala!« sagte sie. – »Na, denn man zu!« Erst wurde Leo, der am Bettrand stand, ohnmächtig, dann Cäcilie, – und dann kam das Kind zur Welt, das ein Mädchen war . Frau Helbing eilte mit der Neugeborenen in Emmas Zimmer, in dem alles aufs beste für den Empfang der Sprößlinge vorbereitet war. Franz war in seiner Unruhe ein Zimmer näher zu Emma vorgerückt. Als Frau Helbing jetzt mit der kleinen Raffke, die in feinen Battist gewickelt war, im Eilschritt durch das Zimmer kam, sprang Franz auf, stürzte auf sie zu und rief: »Was ist es?« »Ein Mädchen!« erwiderte Frau Helbing und war im nächsten Augenblick auch schon aus dem Zimmer. Neben Emmas Bett stand die Wage. Sie legte die beiden jüngsten Weltbewohner hinauf und schrieb auf einen Zettel, der daneben lag: Junge neun Pfund, Mädchen siebeneinhalb. Dann rief sie Franz und die Zofe, gab ihnen Anweisungen hinsichtlich der beiden Mütter, beugte sich über Emmas Bett und sagte: »Nun, wie geht's?« Emma schlug die Augen auf, lächelte und sagte: »Gut!« »Also!« erwiderte Frau Helbing, packte in großer Hast ihre Sachen zusammen und lief zu Cäcilie. Leo und die Zofe mühten sich um sie. Sie lag schachmatt, aber bei vollem Bewußtsein. »Alles in Ordnung?« fragte Frau Helbing, überzeugte sich selbst, ordnete in Hast dies und jenes an und stürzte aus dem Zimmer. Draußen empfing sie der Diener. »Es ist schon dreimal für sie antelephoniert worden. Neiß oder Neißer oder so ähnlich. Es wäre die höchste Zeit!« »Ich weiß! ich weiß!« rief Frau Helbing und stürzte atemlos die Treppe hinunter. Leo lief ihr nach. »Wo ist das Kind?« rief er aufgeregt. »Drin, bei Frau Linke!« gab sie zur Antwort. »Ich gratuliere, gnädiger Herr!« sagte der Diener und verbeugte sich. »Danke! danke!« erwiderte Leo. »Ich weiß ja noch gar nicht,« und lief über den Korridor in Emmas Zimmer. »Wo? wo?« fragte er und hatte vor Neugier und Aufregung einen ganz roten Kopf. »Hier!« erwiderte Franz mit einer Stimme, die recht dünn klang, und wies auf einen Wickeltisch, auf dem die beiden Neugeborenen friedlich nebeneinander lagen. Leo stürzte an den Tisch. »Wa...?« rief er, »Zwillinge?« Emma, die es hörte, erschrak. »I Gott bewahre!« entgegnete Franz. »Eins davon gehört uns.« »Welches?« fragte Leo. Und Franz wies ziemlich resigniert auf das siebeneinhalb Pfund schwere Mädchen und sagte: »Das sind wir.« »Bravo!« rief Leo, »dann gehört der Junge also uns! Ein strammer Kerl!« »Neun Pfund!« sagte das Mädchen, das daneben stand. »Schade!« dachte Emma in ihrem Bett, rief mit schwacher Stimme »Franz!«, nahm seine Hand und sagte: »Macht nichts! Wir sind ja noch jung!« Franz nickte und sagte: »Jewiß! Hauptsache, daß es 'n ordentlicher Mensch wird.« Leo ging triumphierend durch das ganze Haus. Der Diener stand bis zum Abend am Telephon Und meldete allen Bekannten, daß Günther, neun Pfund schwer, angelangt sei. Dasselbe berichteten am nächsten Morgen in Sperrschrift sämtliche Blätter. Auch Cäcilie erholte sich nach ein paar Stunden. Sie schmunzelte, als Leo ihr sagte: Ein Junge! Und als er mit besonderer Wichtigkeit hinzufügte: Neun Pfund schwer! – strahlte sie und dachte: prima. Drittes Kapitel Günther entwickelte sich alle Tage mehr zu jener Gattung von Wunderkind, dem man in den Häusern der oberen Zehntausend auf Schritt und Tritt begegnet und dessen hervorragende Eigenschaften man mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmen kann. Allein die Affenliebe von Eltern und Tanten verleiht die Gabe, in Häßlichkeit verborgene Schönheit, in Widerspenstigkeit den Ausdruck starken Willens und in unbekümmertem und ohne Rücksicht auf Zeit und Ort geübtem Nässen die Äußerung einer schönen Seele zu erblicken. Der Gast hingegen, dem man dies Wunder vorsetzt, wendet sich mit Grausen – es sei denn, daß Rücksichten und gesellschaftlicher Takt ihn zwingen, zu loben und zu bleiben. Cäcilie empfing jetzt viel Rekonvaleszenzbesuche. Und Günther wurde bald jeden Nachmittag von halb fünf bis halb sieben zum Tee gereicht. Alle bestaunten ihn, und bei vielen hinterließ er einen schwer verwischbaren Eindruck. Cäcilie fand, schon als er sechs Wochen alt war, daß er einem alten spanischen Granden aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, dessen Porträt in der Gemäldegalerie dem Ruhebett unmittelbar gegenüber hing, unverkennbar ähnlich sah. Und als er nach weiteren vier Wochen das erste Mal unartikulierte Laute von sich gab, die anders klangen als das gewöhnliche Geplärre und einem abgerissenen Lallen glichen, rief Cäcilie begeistert: »Hast du gehört, Leo, was er gesagt hat?« Leo und Emma sahen sich erstaunt an. Da lallte der spanische Grande von neuem. »Hört ihr's nicht? Tarantella! ruft er ganz deutlich!« – Und sie fiel Leo um den Hals und rief: »Ich bin ja so stolz! Es ist ein Wunderkind!« Emma schüttelte den Kopf und dachte: »Ist das eine verrückte Mutter!« Einen Tanz gab es, als eines Morgens eine Probierdame von Gerson in Begleitung eines Laufjungen erschien, der auf seinem Rücken keuchend einen Berg von Kartons schleppte. Emma wurde nach vorn gerufen. Die Kartons wurden geöffnet. »Wat soll das?« fragte Emma drohend, stemmte die Fäuste in die Hüften und sah in die Kartons, die offen ringsum auf der Erde standen. »Echte Spreewälder Kostüme!« sagte Cäcilie. »Wollen die Jnädige auf'n Maskenball jehn?« »Aber nein, Emma, die sind für Sie!« »Für mich? – Das war' jelacht!« »Das gehört sich so!« suchte Cäcilie sie zu belehren. »Für wen?« »Nu, überhaupt.« »Für Sie! Das mag sein. Für mich nich! Warum haben Se sich da nich jleich so 'ne wendische Unschuld jenommen? Da hätten Sie das teure Kostüm gespart.« »Aber Emma, bedenken Sie, Sie schonen Ihre Sachen!« »Ausjeschlossen!« widersprach Emma. »Und denn überhaupt, im Tiergarten, mang die echten Spreewälderinnen! Ich wer' mich blamieren! Fällt mir nich ein!« Jetzt mischte sich auch die Probierdame in die Unterhaltung. »Das Kostüm ist doch so kleidsam!« sagte sie. »Ich glaube, daß es Sie vorzüglich kleiden würde.« »Sehn Se 'mal an! Was Se nich sagen!« erwiderte Emma. – »Na, wie wär's denn, wenn Sie mal 'n paar Monate darin rumliefen? – Wenn's doch so kleidsam is! Der Jnädigen kommt's nich drauf an. Selbstredend troddele ich nebenher. Für alle Fälle! Und in Anspruch werden Se von dem Kind weiter nich jenommen.« »Das ist eine Idee!« rief Cäcilie. – »Sie mit Ihrer Figur und dem Gesicht würden überall Aufsehen machen! Jeder würde fragen, wem der Junge gehört!« »Jawoll!« bestätigte Emma. – »Das ist de beste Reklame für Sie und den Jungen – und für de Konserven.« Cäcilie sah sie erstaunt an. »Na ja!« fuhr Emma fort. »Wenn es denn heißt: Das is der Junge von der Konservenfabrik Raffke \amp; Cie., was meinen Sie, wie so'n lebendiges Plakat zieht!« Cäcilien leuchtete das ein. »Und was Sie da alles für Bekanntschaften machen!« reizte Emma die Probiermamsell. Die protestierte und rief entsetzt: »Gnäd'ge Frau!« »Sagen Se das nich!« widersprach Emma. »Ich ... bin ...,« rief die Probierdame atemlos. »Ich weiß!« beruhigte sie Emma. »Sie sind! Aber das macht nichts. – Ich bin ja bei Ihnen. Und in so'm Fall, wo Ihnen jemand zu nahe tritt, da nehm' ich 'n mir schon beiseite und bring' ihm bei, daß Se man nur 'ne Atrappe sind.« »Mein Gott, das ist doch unmöglich!« rief die Probierdame. »I Gott bewahre! Bei unserer Jnädigen is nichts unmöglich – von wo sind Sie?« »Von Gerson.« »Sehn Se 'mal an! Na, mit dem Mann wird sich doch reden lassen. Oder glauben Se, der macht Bankrott, wenn Sie zwei Monate lang bei Raffkes Amme spielen?« »Ich werde das schon erledigen,« sagte Cäcilie, »schlimmsten Falls zahlt man drauf.« »Da hören Se's, Fräulein! – Bei uns is es so fein, da wird immer draufgezahlt.« »Und Ihre Ansprüche?« fragte Cäcilie. »Gott, ich weiß ja gar nicht – ich war ja noch nie – was hätte man denn da zu tun?« »Nichts!« erwiderte Emma. »Ich weiß ja auch gar nicht mit so was Bescheid.« »Sie haben nichts weiter zu tun, als hübsch auszusehen und alle Augen auf sich zu lenken.« »Auf den Jungen!« rief Cäcilie. »Vasteht sich! Das is natürlich der Zweck der Übung. Der Junge! – Na, und dann die Konserven!« »Und wann wäre das?« »Ich denke, daß es vorläufig genügt, wenn Sie meinen Sohn auf den Spaziergängen begleiten,« sagte Cäcilie. »Ob Sie nachher dann ganz zu uns kommen, nicht wahr, das müßte man dann erst sehen.« »Jewiß!« stimmte Emma bei. »Das heißt, morgens von zehn bis zwölf und nachmittags von ... ach so, zu den Tees, da müßte sich das Fräulein denn wohl auch schon bemühen. Sie macht doch 'ne janz andre Figur als ich.« »Selbstredend!« erwiderte Cäcilie. »Was haben Sie in Ihrer jetzigen Stellung?« »Neunzig Mark.« »Schön. Ich will mit meinem Mann sprechen. Ich denke, wir geben Ihnen das Doppelte.« »Das heißt hundertfünfundzwanzig Mark,« sagte Emma. Die Probierdame machte ein verständnisloses Gesicht und Cäcilie bestätigte: »So etwa!« »Sehn Se!« rief Emma. »Ich kenn' mich aus!« »Sie heißen?« fragte Cäcilie. »Fiffi Lehmann.« »Wie reizend!« rief Cäcilie. »Fiffi! – Sie wohnen bei Ihren Ehern?« »I Gott bewahre!« erwiderte Emma. – »Wie wird se denn, wenn se Fiffi heißt.« »Bei Bekannten!« sagte Fräulein Lehmann. »Bei Bekannten wohnt sich's ja auch ganz nett,« meinte Emma, nahm eins der Spreewälder Kostüme heraus und sagte: »Ja, Fräulein Fiffi, dann werd'n Se wohl 'mal in so 'ne Garnitur steigen müssen.« Fiffi zog Rock und Bluse aus, und Emma half ihr in eins der Kleider. »Nu, was sagen Se?« fragte Emma. »Prächtig! prächtig!« rief Cäcilie. – »So 'ne Amme soll uns noch'mal jemand nachmachen!« Fiffi sah in den Spiegel und gefiel sich. »Kann ich denn dazu die Lackschuhe und die seidenen Strümpfe tragen?« »Erst recht! erst recht!« rief Emma. »Nu machen Se man gar keine Faxen weiter und kommen Se! Sehn Se bloß, wie die Sonne scheint! Jetzt fahr'n wir jleich mit dem Jungen in de Siegesallee!« »Und Gerson?« fragte Fiffi unschlüssig. »Das erledigt die Jnädige. – Also denn!« Sie nahm Fräulein Lehmann unter den Arm und ging mit ihr hinaus. – »Na, der Junge wird Augen machen!« sagte sie. Eine Viertelstunde später fuhr Fiffi den jungen Günther durch die Siegesallee. Emma ging triumphierend daneben. Fiffi fiel jedem, der vorüber kam, auf. Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach. Mehr als einmal hätte Emma nur ein paar Schritte zurückzubleiben brauchen – und Günther hätte seine erste Straßenbekanntschaft gemacht. – Fiffi machte auch auf Leo einen ausgezeichneten Eindruck. Zwar schien ihm als Kaufmann Zweck und Notwendigkeit dieser Neuerwerbung nicht einwandsfrei erwiesen. Doch irgend etwas in ihm sträubte sich dagegen, diesen Zuwachs seines Hauspersonals zahlenmäßig zu werten. Es war dasselbe Gefühl, das ihn bei der Lösung der Etikettenfrage leitete. Denn Fiffi ließ sich schwer in das Hauspersonal einreihen. Sie behauptete, höhere Töchterschulbildung zu besitzen und zur Erweiterung ihrer französischen Kenntnisse längere Zeit in Paris gewesen zu sein. Beiden Raffkes fehlte die Fähigkeit zur Nachprüfung. Französische Seifen und Parfüms und ein Dorinlappen, mit dem sie sich alle halbe Stunde leidenschaftlich die Nägel polierte, waren keine stichhaltigen Beweise. Und daß sie zu Cäcilie nie anders als Madame, statt danke merci und zu Günther, wenn sie gutgelaunt war, Chéri sagte – nun ja, all' das sprach für die Richtigkeit ihrer Angaben; schließlich aber waren das Dinge, die man sich auch ohne Spezialstudien in Paris aneignen konnte. Jedenfalls: Dienstpersonal im üblichen Sinne war Fiffi nicht. Man konnte sie nicht an die Leutetafel setzen; und sie in ihrem Spreewälderkostüm mit dem Charakter einer Gouvernante oder Hausdame zu den herrschaftlichen Mahlzeiten heranzuziehen, war gleichfalls unmöglich. Auch Franz, der sonst stets Rat wußte, fand keine andere Lösung als: selbständige Haushaltung. – Fiffi bekam im Seitenflügel der Villa ihre eigenen Räume, aß auf ihrem Zimmer, und ihre Lebensführung glich der eines kostbaren Vollbluts. Sie wurde von der Dienerschaft abgewartet und verwöhnt. Früh am Morgen wurde sie von der Zofe frisiert und machte Toilette. Dann wurde sie von Emma abgeholt, vor Günthers Wagen gespannt und zwei Stunden im Freien bewegt. Nachmittags, wenn Besuch kam, fanden Besichtigungen satt, die sie von Gerson her gewöhnt war. Und dann erschien bei gutem Wetter Emma noch einmal, um sie zu einem zweiten Spaziergang zu holen. Von sieben ab aber war sie sich selbst überlassen und war freie Herrin ihrer Zeit. Fiffi bedeutete für Emma eine Entlastung. Die Beziehungen zwischen ihr und Emma waren mithin normale. Auf die bei den Spazierfahrten immer wiederkehrende Frage, die man, mehr um mit Fiffi anzuknüpfen als aus Interesse für den Jungen, stellte: »Wer ist denn dies reizende Kind?« antwortete Fiffi: »Günther Raffke,« und Emma fügte regelmäßig hinzu: »In Firma Raffke \amp; Cie., Konserven engros.« Und es dauerte gar nicht lange, da war »das Konservenkind« das populärste aller Tiergartenkinder. Günther selbst verhielt sich allen Liebesbezeugungen und Auszeichnungen gegenüber passiv. Er empfand es höchst störend, wenn Unbekannte sich zu ihm hinabbeugten, mit ihren Händen auf seiner Decke entlang fuhren, die Mäuler spitzten und ihm die dümmsten Koselaute ins Gesicht pruschten. Er riß die blauen Augen weit auf und dachte: »Seid ihr verrückt? oder was wollt ihr?« Daß man ihm die kurze Zeit, die er wach lag, keine Ruhe gönnte, verdroß ihn, zumal er von dem dummen Zeug, das man ihm erzählte, kein Wort verstand. Nur, was das ewig wiederkehrende: »Na, so lach' doch mal!« zu bedeuten hatte, wußte er. Denn als zwei Tanten ihn eines Tages stundenlang mit diesem »na, so lach' doch mal« gepeinigt hatten, und er für diese Quälereien nur einen verächtlichen Blick übrig hatte, sah er plötzlich in einem Spiegel, wie Fiffi sich mit einem runden Gegenstand das Gesicht betupfte und ganz weiß auf den Backen wurde. Das fand er komisch und mußte lachen. Im selben Augenblick riefen die Tanten strahlend: »Na also!« Von da ab wußte er, was dies ewige »na, so lach' doch mal!« zu bedeuten hatte. Und Günthers erster Schritt, den er bewußt tat, war die Opposition. Denn von dieser Stunde ab waren alle Versuche, ihn auf diese Weise zum Lachen zu bringen, vergeblich. Außer Emma langweilten ihn alle. Kam sie aber in seine Nähe, so streckte er die kleinen Arme nach ihr aus. Fiffi erkannte er am Geruch. Und wenn er dann mit dem Naschen instinktiv »seinen Hochzieher« machte, wie Emma sich ausdrückte, der sich so ähnlich, wie Hif – hif – hif,« anhörte, dann war es für Cäcilie ganz deutlich, daß er Fiffi rief. Und, um dies Wunder zu zeigen, mußte sich Fiffi, so oft Besuch kam – an manchen Tagen mehr als ein dutzendmal – über seine Wiege beugen. Hatte er 'mal eine unruhige Nacht und war er daher tagsüber besonders ruhebedürftig, so wußte er schon im voraus, daß die bösen Menschen ihn heut' doppelt quälen würden. In solchen Fällen sehnte Günther das Ende des Tages herbei und streckte Emma, wenn sie des Abends zum Waschen kam, mit doppelter Bereitwilligkeit die kleinen Ärmchen entgegen. Cäcilie begriff er gar nicht. – Daß sie ihm mit ihrem Munde unaufhörlich im Gesicht herumfuhr, ließ er sich gefallen, weil er dachte, das gehöre zu den Dingen, die, wie das Bürsten, Waschen und Kämmen, sein müssen. Daß sie aber, so oft er einen Laut von sich gab, wobei er sich gar nichts dachte, in Begeisterung geriet, vor Freude aufschrie, ihn in die Höhe riß und an sich drückte, verstand er nicht. So lag er denn nie ruhiger, als wenn Cäcilie vor ihm stand. »Du kannst mir glauben,« sagte sie zu Leo, »der Junge denkt.« Leo, der ihm alle Tage neue Spielsachen aufs Bett baute, mochte er gar nicht. Leo hatte die Angewohnheit, ihm mit zwei Fingern auf den Bauch zu stuken und dabei zu sagen: »Wie macht die Kuh? – Muh! Muh!« So kam es, daß Günther, der gar nicht wußte, was eine Kuh war, die Begriffe verwechselte, Leo für eine Kuh hielt und, wenn er gerade bei Laune war, »muh, muh!« sagte, sobald Leo sich über sein Bettchen beugte. Da daraufhin aber regelmäßig ein Jubel losbrach, der ihm weh tat, so gab er auch das bald auf. Am wenigsten konnte es Günther leiden, wenn er des Nachmittags nach vorn gebracht und von Arm zu Arm gereicht wurde. Daß es sich dabei um Cäciliens Teegesellschaften handelte, wußte er natürlich nicht. Aber etwas anderes hatte er bemerkt: Einmal, als es ihn dabei überkam, war so eine Tante, die ihn gerade im Arm hielt und »kille kille« mit ihm machte – was er, da er kitzlich war, auf den Tod nicht leiden konnte – aufgesprungen, hatte entsetzt aufgeschrien und ihn Fiffi wieder in den Arm gelegt. Und danach war er nicht weitergereicht, sondern in sein Zimmer getragen worden. Das wiederholte sich ein zweites und ein drittes Mal. Und schließlich empfand er so etwas wie einen Zusammenhang zwischen dem »Überkommen«, dem Aufschrei, der Rückkehr in Fiffis Arme, dem Hinausgetragenwerden und der Rückkehr in sein Bett, in dem er endlich Ruhe hatte. Und so entwickelte sich in ihm der Wille. Er dachte schon von dem Augenblick an, in dem man ihn nach vorn trug, an nichts anderes. Und oft machte sich seine Willensäußerung schon fühlbar, wenn Cäcilie ihn vor den entzückten Augen ihrer Gäste der Amme Fiffi aus dem Arm nahm. Die Vorstellung mußte dann vorzeitig abgebrochen werden. Cäcilie war außer sich. Sie wandte sich besorgt an den Sanitätsrat und war sofort für Hinzuziehung eines Spezialisten. Aber der Arzt sah in Günthers Verhalten keinen Grund zur Besorgnis. – Günther wurde nicht mehr herumgereicht und bereitete damit Cäcilie die erste Enttäuschung. – Während so Günther schon in seinem ersten Lebensjahre viel auszustehen hatte, lebte Frida bei Linkes ein ruhiges Leben. Sie wurde von Emma pünktlich und gewissenhaft besorgt, in die Luft gefahren, von Paul geschaukelt, durch die Stube gefahren und von keinem Menschen sonst belästigt. Kein Zweifel, daß Frida von den beiden Kindern das glücklichere war. Viertes Kapitel Die nächsten Lebensjahre verliefen für Günther und Frida ohne besondere Erschütterungen. Als sie sechs Jahre alt waren, schulten die Eltern sie ein. Günther kam in das Königliche Wilhelmsgymnasium, Frida in die zweiunddreißigste Gemeindeschule. Während Frida in der schulfreien Zeit mit ihren Geschwistern im Tiergarten herumspielte und sich ihre Freundinnen nach eigenem Geschmack wählte, promenierte Günther an der Seite Fiffis, die sich gegen hohes Gehalt zur typischen Gouvernante entwickelt hatte, im Garten der Raffkeschen Tiergartenvilla und pflegte Umgang mit Kindern, die Cäcilie hierzu für geeignet erklärte. Günthers Geschmack traf sie dabei selten. Sie traf die Auswahl nach der sozialen Stellung und Vermögenslage der Eltern, Dinge, für die Günther keinerlei Verständnis hatte. Ebensowenig reagierte er auf Musik, was wohl die Folge der zahllosen mechanischen Musikinstrumente war, mit denen man ihn in den ersten Jahren seines Lebens gepeinigt hatte. Er stand daher seiner Violine durchaus feindlich gegenüber. Zweimal in der Woche erschien ein glattrasierter Maestro mit einer Riesenmähne, der auf den Namen Santo Bre hörte, und der ihn, für fünf Mark die Stunde, in die Geheimnisse der Violinkunst einzuweihen suchte. Indes vergebens! »Barbar!« schalt er Günther und klopfte ihm mit dem Violinbogen auf die Finger. »Es ist eine Sünde, dir das heilige Instrument in die Hand zu geben. Steine sollten sie klopfen, diese seelenlosen Hände!« So sprach der Glattrasierte zu Günther – und er sprach die Wahrheit. Wenn aber Cäcilie während des Unterrichts hereinkam, um sich nach den Fortschritten ihres Lieblings zu erkundigen, dann warf er den Kopf zurück, daß die Künstlermähne in hellem Aufruhr in die Hohe fuhr, rieb die Fingerspitzen aneinander und rief: »Oh! eminent! eminent! Joseph Joachim redivivus! Musikalisch bis in die Fingerspitzen!« Er nahm ihm die Violine ab und reichte Cäcilie Günthers Hand. – »Da! Fühlen Sie selbst!« Cäcilie ließ Günthers Finger durch ihre Hand gleiten, schloß die Augen, zuckte leicht zusammen und sagte: »Sie haben recht!« Und Günther schwieg. Aus Furcht, die doppelte Zeit üben zu müssen. »Wann wird er so weit sein?« fragte Cäcilie. »Sie meinen?« erwiderte der Maestro. »Nun, um öffentlich ...« »0h! ich will Ehre mit ihm einlegen!« unterbrach er sie. – »Alle Wunderkinder haben nachher enttäuscht, weil man sie zu früh herausbrachte. Aber über ihn wach' ich!« und er legte gütig wie ein Vater die Hand auf Günther. »Was meinen Sie, wenn man ihm statt zwei, dreimal in der Woche ...« »Nein!« brüllte Günther. »Ja!!« überschrie ihn der Maestro, »dann ginge es schneller.« Und von dem Tage an hatte Günther dreimal wöchentlich Unterricht – zu fünf Mark die Stunde. In anderer Weise trat dies Mehr nicht in die Erscheinung. Cäcilie und Leo aber stritten sich, ob dies Künstlertum ihm von väterlicher oder mütterlicher Seite überkommen war. – Der jeweilige Ordinarius gab ihm Nachhilfestunden. Das Fach spielte dabei keine Rolle. Entscheidend waren die Konserven, die Qualität des Leders und der Decken, die man dank dieser Verbindung zum Engrospreis von Herrn Raffke bezog – zu zahlen vergaß und, wenn der eigene Bedarf gedeckt war, an gute Bekannte weiter verkaufte. Auf Zensur und Versetzung übte das jedenfalls seine Wirkung. Nur Günthers Kenntnisse wurden dadurch nicht erweitert. Da war der französische Unterricht, den Fiffi erteilte, denn doch eine andere Sache. Fiffi war, bevor sie die seidenen Froufrous mit dem Spreewälderkostüm vertauschte, tatsächlich mehrmals mit ihrem Chef zum Einkauf und so in Paris gewesen. Von jeder dieser kleinen Reisen brachte sie ein paar Brocken Französisch mit nach Haus, die sie als eisernen Bestand in ihren Sprachschatz aufnahm. Das ging bei Raffkes Anspruchslosigkeit gegenüber allem, was Günther anging, eine Zeitlang. Wenn es klopfte und er auf Fiffis Wink hin »Entrez« rief oder »s'il vous plait« sagte, wenn er bei Tisch etwas forderte, so sahen sich Leo und Cäcilie gerührt an. So etwas genügte für ein paar Wochen, dann flaute die Wirkung ab, und Raffkes erwarteten neue Überraschungen. Aber Fiffis Vorrat reichte nicht lange, und als er verbraucht und der Versuch, die alten Beziehungen zu ihrem Chef wieder aufzunehmen, gescheitert war, offenbarte sie sich Cäciliens Bruder, der nicht nur Referendar und ein netter Kerl war, sondern auch Humor hatte und schon längst zu Fiffi neigte. Referendar Alfred besaß Langenscheidts Sprachlehre in vierundzwanzig Lieferungen, die seit vielen Jahren unbenutzt in seinem Schranke stand. Und da er klug genug war, zu erklären, daß er sie nicht aus dem Hause gäbe, so blieb Fiffi nichts anderes übrig, als sich zu ihm zu bemühen. Er brachte ihr während ihres Besuchs in angenehmer Art immer nur so viel bei, wie bei Raffkes bescheidenen Ansprüchen für eine Woche nötig war. Und in dem Maße, in dem mit dem Alter Günthers Aufnahmefähigkeit zunahm, nahmen auch die Beziehungen zwischen Fiffi und dem Referendar einen immer innigeren Charakter an. Denn bald reichte der wöchentliche Besuch für das, was Günther an französischer Sprache konsumierte, nicht mehr aus. Fiffi war gewissenhaft, zog die Konsequenzen und kam häufiger. Daß Günther auf dem Gymnasium trotz dieser privaten Vorstudien gerade im Französischen hinter den Leistungen der Klasse zurückblieb, war für Raffkes ein Rätsel, zu dessen Lösung Fiffi auf Befehl Cäcilies den Lehrer, der den französischen Unterricht erteilte, aufsuchte. Fiffi wußte, es ging um ihr Prestige. Sie ließ alle Künste springen. Und obgleich der Oberlehrer Sasse so gar nicht das war, was Fiffi liebte, so war das Resultat doch ein ständiger »Gedankenaustausch« zwischen beiden, der ausgezeichnete Erfolge brachte. Denn zu Michaelis ging Günther, statt mit einer Admonition im Französischen, mit dem Prädikat »gut« in die Quinta über. Fiffi erhielt Gehaltserhöhung. »Woran lag es nur?« fragte Cäcilie. »Sehr einfach,« erwiderte Fiffi, »Professor Sasse hatte seine Studien in Bordeaux betrieben, ich in Paris.« »Ja – und?« Fiffi war erst um die Antwort verlegen. Dann aber meinte sie: »Wir haben uns auf der mittleren Linie geeinigt.« »Dann ist ja alles gut,« sagte Cäcilie. Das eigentliche Regime im Hause führte Linke. Nach außen freilich trat das nicht in die Erscheinung. Denn Linkes wahrten die Distanz, die sie Röhrens gegenüber als etwas Natürliches empfunden hatten, auch ihrer neuen Herrschaft gegenüber. Nur, daß ihrer Ehrerbietung die Ehrfurcht fehlte und sie nicht frei von Ironie war. Das trat am deutlichsten zutage, als Raffkes ihr erstes Diner im neuen Stil gaben, und Franz nicht nur bei der Zusammenstellung des Menüs, der Auswahl der Weine und Zigarren half, sondern auch bei der Tischordnung und allen anderen Fragen des gesellschaftlichen Taktes das entscheidende Wort sprach. Immerhin muß anerkannt werden, daß Raffkes gelehrige Schüler waren und sich schon in wenigen Jahren ohne grobe Verstöße sicher auf dem Parkett der neuen Gesellschaft bewegten. Zwar war das nicht übermäßig glatt, und man konnte auch ruhig einmal ausrutschen, ohne darum gleich Gefahr zu laufen, daß man ausgeschlossen wurde. Jedenfalls wurden die Fälle, in denen sie Linkes Rat bedurften, immer seltener. – Eines Tages trat Cäciliens Bruder, der längst Assessor geworden, dabei aber doch ein netter Kerl geblieben war, vor Fiffi hin und bekannte, daß er mit einer Nichte seines Schwagers Leo verheiratet werden solle. Und er bekannte: da er finanziell von Leo abhängig, an ein gutes Leben gewöhnt und zudem nicht schuldenfrei sei, so bliebe ihm keine Wahl. Fiffi war weltklug und sah das ein. Auch auf die übliche Szene verzichtete sie. Die Langenscheidtsche Sprachlehre in vierundzwanzig Lieferungen, die trotz des jahrelangen Verkehrs der beiden jungen Leute kein Buchhändler für antiquarisch angesprochen hätte, wanderte in den Schrank zurück. Der Unterricht, und was mit ihm zusammenhing, hörte auf. Eine Woche später verlobte sich Fiffi mit dem Oberlehrer am Königlichen Wilhelmsgymnasium – Professor Sasse. Da der damals gerade Günthers Ordinarius war, so nutzte Cäcilie die Konjunktur und feierte die Verlobung in ihrem Hause. Die Rückwirkung zeigte sich zu Weihnachten. Günther erhielt eine Prämie, die nach der Zensur nicht eben überzeugend war. Um diese Zeit etwa fing auch Günther an, nachzudenken und sich über seine Handlungen und die seiner Mitmenschen Rechenschaft zu geben. Fünftes Kapitel. Das mit dem Familienrat hatte Cäcilie aus dem Roman einer illustrierten Zeitung. Irgendein Fürst mit hochtönendem Namen hatte da die männlichen Mitglieder seines Geschlechtes zusammenberufen, um über Maßnahmen gegen seinen Sohn, der entartet war und freiheitlichen Anschauungen huldigte, zu beraten. Das hatte auf Cäcilie gewaltigen Eindruck gemacht. »Gewiß, so was ist ja ganz schön!« hatte Leo gesagt, als Cäcilie ihn mit diesem neuen Spleen plagte. »Aber wo nehmen wir schon die Mitglieder dieses Familienrates her?« »Für Geld kriegt man alles,« erwiderte Cäcilie. »Auch einen Familienrat. Einfach ein Inserat.« »Etwa so: Zwecks Gründung standesgemäßer Institution sucht erste Familie Damen und Herren von altem Adel gegen hohen Salair.« »Das ist unmöglich!« »Wenn du glaubst, daß du es besser machst – bitte!« – Und sie schob ihm Papier und Bleistift hin. »Der Witz eines Familienrats,« erklärte Leo, »besteht darin, daß er sich aus Mitgliedern der Familie zusammensetzt. Geh' deine Familie durch! In meiner ist niemand, der sich dazu eignet.« »Alfred.« »Er ist Assessor – allerdings, das ginge!« »Und seine junge Frau geht auch. Beate ist so fein wie wir.« »Gehören denn Frauen auch in den Familienrat?« »Einen Augenblick!« rief Cäcilie. »Ich will 'mal nachsehen.« Sie suchte die illustrierte Zeitung, fand sie, blätterte, las. Dann verzog sie das Gesicht. »Hiernach nicht. Aber was geht das uns an? Wir machen's eben. Na, und dann Fiffi und ihr Mann! Prima!!« »Die gehören doch auch nicht zur Familie.« »Wenn schon. Das weiß kein Mensch. Sie sieht gut aus und er ist Professor.« »Und ihre Vergangenheit?« »Sie hat keine.« »Soo?« »Die haben wir ihr angedichtet.« »Sooo?« »Du meinst doch die Amme?« »Ich meine überhaupt.« »Lächerlich! Wer weiß das?« »Du hast recht! Was geht's uns an? Wir wissen von nichts. – Also das wären wir beide, Alfred und Frau und Professors.« »Ist das genug?« Cäcilie blätterte wieder in dem Roman und verzog wieder das Gesicht. »Hier sind's neun!« Leo ging den Verkehr durch und Cäcilie lehnte alle ab. »Es ist schon schlimm genug, daß man solche Leute zum Umgang hat,« sagte sie, »Sie aber auch noch in den Familienrat zu nehmen, wäre lächerlich. – Da fällt mir ein, du hast doch da das Theater finanziert. Zum mindesten könnte man doch den Direktor ...« »Gewiß! Er ist zwar in erster Linie Komiker. Immerhin: er hat als Künstler Renommée.« »Und sieht gut aus.« Sie setzte sich an den Schreibtisch, nahm einen der Geschäftsbogen, tauchte die Feder ein und schrieb. Dann reichte sie Leo den Brief: »Da lies!« Leo Raffke                           Finanzierungen jeder Art Privat Telegrammadresse: Finanzgenie. Sehr verehrter Herr Direktor! In einer höchst persönlichen Angelegenheit möchte ich mich Ihres Rats bedienen und bitte um sofortigen telephonischen Anruf. Mit bestem Gruß Cäcilie Raffke i. F. Raffke \amp; Cie. Leder–Decken–Konserven en gros »Laß das mit der Maschine abschreiben, das macht sich besser als mit der Hand.« »Und über was soll dieser Familienrat beraten?« fragte er. Cäcilie erschrak. »Du hast recht! Daran habe ich nicht gedacht! Worüber soll er?« »Vielleicht über Günthers Zukunft?« »Ausgezeichnet! Da können wir dann auch den Maestro hinzuziehen.« »Wie du meinst.« »Natürlich! Der behauptet ja, Günthers Zukunft liege auf der Musik.« »Das ist doch kein Beruf: Musik!« »Eben darum! Das ist ja gerade das Vornehme. Unser Sohn braucht keinen Beruf. Das ist der Luxus, den wir uns erlauben können.« »Und mein Geschäft?« »Es ist nicht jeder ein Finanzgenie. Bei ihm ist das Genie eben auf die Musik geschlagen.« »Dann wird nichts anderes übrig bleiben, als aus Raffke \amp; Cie. eine Aktiengesellschaft zu machen. Günther wird natürlich Vorsitzender des Aufsichtsrats.« »Ohne eine Ahnung von geschäftlichen Dingen zu haben?« »Grade! Um so weniger Schwierigkeiten wird er den Direktoren in den Weg legen.« »Na, vorläufig scheint mir 'mal wichtiger, daß er Michaelis nach Unter-Sekunda kommt.« – Acht Tage später trat der Familienrat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Cäcilie führte den Vorsitz. Es war genau alles wie in dem Roman der illustrierten Zeitung. In der Mitte des Herrenzimmers stand der große, runde Tisch, auf dem ein Riesenperser lag. Um den Tisch herum waren acht Ledersessel aufgestellt. Alle gleich groß. Nur einer ragte hervor. Seine Lehne war doppelt so hoch, sein Sitz beinahe noch 'mal so breit wie die der andern. Und auf dem Sessel saß, thronte Cäcilie. Da allen Teilnehmern ein pünktliches Erscheinen ans Herz gelegt war, so kamen sie beinahe gleichzeitig. Zwei Diener nahmen ihnen die Sachen ab und öffneten die Tür zum Herrenzimmer. Cäcilie empfing sie mit feierlicher Miene, und Leo, der links von ihr saß, wies jedem seinen Platz an. Zeit zur Unterhaltung oder Fragen zu stellen, blieb ihnen nicht. Leo stellte sie einander vor. Alfred, der Assessor, der noch immer ein netter Kerl war, und Fiffi, die als Frau des Oberlehrers Professor Sasse zwar ein bißchen versimpelt aussah, im übrigen aber noch immer ein wenig hautgout war, taten, als hätten sie sich nie gesehen. Trotzdem benutzte Fiffi die erste Gelegenheit, um Alfred durch eine mokante Geste ihr abfälliges Urteil über seine Frau, die auf den Namen Beate hörte, zu erkennen zu geben. Beate saß dem Maestro gegenüber. Und der Maestro, der gewohnt war zu siegen, fand nichts Ungewöhnliches dabei, daß Beates schwarze Augen von ihm Besitz ergriffen und ihn nicht mehr losließen. Der kleine runde Direktor der Residenzbühne, der mitten in den Proben zu einer Operette steckte, war nur gekommen, weil er – Geld brauchte. Der Oberlehrer Professor Sasse, der mit einer der großen Raffkeschen Abfütterungen gerechnet hatte, war nicht wenig erstaunt, statt an eine gedeckte Tafel an einen Tisch genötigt zu werden, dessen Aussehen ihn mehr an eine seiner Lehrerkonferenzen als an ein Symposion erinnerte. Weiter kam keiner in seinen Betrachtungen, denn jetzt reckte sich Cäcilie in ihrem Sessel in die Höhe, schlug die große Ledermappe auf, klopfte mit einem Bleistift von einem viertel Meter Länge auf den Tisch und begann: »Wir wollen zusammenhalten!« Das verstand keiner, und jedem drängte sich die Frage auf: Gegen wen? Cäcilie gab die Erklärung und fuhr fort: »Wenn auch nicht durch Bande des Blutes miteinander verbunden, so hält uns doch das gemeinsame Interesse für die Zukunft eines wertvollen Menschenlebens zusammen. Die Liebe zu unserem Sohne läßt es uns wünschenswert erscheinen, in allen für seine Zukunft wichtigen Fragen Ihr Urteil zu hören. Es ist daher unser Wunsch, diesen Familienrat, der heute zum ersten Male tagt, zu einer ständigen Institution« – dies Wort, auf das sie stolz war, bereitete ihr Schwierigkeiten – »zu machen.« »Das könnte mir fehlen!« dachte der Professor. Als er aber draußen Gläser klirren hörte, sagte er sich: »Wer weiß!« Und der Geschmack des 93er Haut Brion, den es stets bei Raffkes zu trinken gab, legte sich ihm auf die Zunge. Der Maestro dachte: »Mir kann's recht sein.« Denn sein Entschluß, fünf Mark für die Stunde zu liquidieren, stand längst fest. »Das trifft sich ja ausgezeichnet!« dachte der Direktor. »Manus manum lavat!« Und er rieb sich die Hände. Beate dachte an die so geschaffene ständige Verbindung mit dem Maestro, blinzelte ihm verständnisvoll zu und lachte. In Fiffi, die vom ersten Tage der Ehe an Vergleiche zwischen dem Oberlehrer, ihrem Gatten, und Alfred, dem Assessor, gezogen hatte, siegte die Erinnerung über die Gegenwart. Und auch in Alfred hatte Langenscheidts Sprachlehre in vierundzwanzig Lieferungen, die vorn an in seiner Bibliothek stand, die Erinnerung an Fiffi wachgehalten. Von der toten Sprachlehre zur lebendigen Wirklichkeit zurückzukehren, schien ihm, je mehr er zu Fiffi hinäugte, um so erstrebenswerter. So konnte Cäcilie denn auf allen Gesichtern Bereitwilligkeit feststellen. Und wenn sie deren Ursache auch fälschlicher Weise als Interesse für Günther deutete, so erwirkte sie doch, was sie wollte: den einmütigen Beschluß, daß die Gesellschaft sich als Raffkescher Familienrat konstituierte. Einmal monatlich, schlug Cäcilie vor, mit anschließendem Souper. Und die Gesellschaft beschloß dem Antrage gemäß. Nachdem so die Gründung erfolgt war, trat man in den geschäftlichen Teil der Tagesordnung, auf der als einziger Punkt: »Günthers Zukunft« stand. »Um was es sich dabei handelt,« begann Cäcilie, »wird euch allen, die ihr Gelegenheit hattet, unsere Verhältnisse und den Aufschwung der Firma Raffke \amp; Cie., kennen zu lernen, ohne weiteres klar sein. Mit dem Engroshandel von Leder, Fellen, Konserven und Finanzierungen großen Stils ist das Riesenvermögen verdient, das wir nun der deutschen Kultur nutzbar machen wollen.« Alle dachten an eine große Stiftung und berichteten ihr Urteil über Raffkes – soweit sie eins hatten. Besonders der Oberlehrer Professor Sasse schob wieder seine Brust heraus und rief: »Bravo!« Beate, die längst nicht mehr zuhörte, erschrak, zog erst die Beine, dann den Stuhl zurück. »Denn,« fuhr Cäcilie mit erhobener Stimme fort, »Günther wird nicht, wie das in anderen Familien üblich ist, in die Firma eintreten. Sein Leben wird der Kunst gewidmet sein!« Jetzt schob auch der Maestro, der Beate gegenüber saß, seinen Stuhl zurück und dachte: »Allmächtiger!« Schon wies die Hand Cäciliens auf ihn. »Da!« rief sie. »Fragt den Maestro! Einen gottbegnadeten Künstler hat uns der Himmel in unserem einzigen Sohne beschert.« Der Maestro wurde unruhig, räusperte sich, fuhr sich erst mit der rechten, dann mit der linken Hand durchs Haar, fühlte, wie aller Augen auf ihm ruhten, setzte sich in den Sessel zurück, stützte den rechten Daumen auf den Tisch, nickte mit dem Kopf und sagte: »Gewiß!« Das war für Cäcilie eine Erlösung. Und der Maestro, zu dem noch immer alle aufsahen und der sich bewußt war, daß es mit diesem »Gewiß« nicht getan war, fuhr fort: »Ich bin kein Freund von Wunderkindern. Die Erfahrung lehrt, daß sie in den seltensten Fällen die Hoffnungen, zu denen sie in früher Jugend berechtigen, erfüllen. Sie versagen meist schon in einem Alter, in dem die Entwicklung des normalen Künstlers längst noch nicht abgeschlossen ist. Daher sind mir Schüler wie Günther lieber, die langsam, aber für das Auge des Künstlers sichtbar vorwärts schreiten. Darum glaube ich an Günther, und darum billige ich den Entschluß der Familie.« Man sah sich an. Hatte man doch eine Hymne auf Günthers ungewöhnliches Talent erwartet. Denn das allein rechtfertigte Cäciliens Entschluß. Statt dessen erfolgte eine nüchterne, unverbindliche Erklärung, die nichts besagte. Das rief den Oberlehrer Sasse auf den Plan. »Ich bitte ums Wort!« rief er. Cäcilie nickte. Der Professor stand. »Zur materiellen Prüfung des Falles fehlt mir das musikalische Verständnis. Indes: was der Maestro sagte, überzeugt mich nicht. Die Quintessenz seiner Rede ist: Wunderkinder erwecken Hoffnungen. Erfüllen sie sich nicht, so enttäuschen sie. Günther ist kein Wunderkind, erweckt daher auch keine Hoffnungen und kann daher auch nicht enttäuschen. Nirgends ist der Dilettantismus unerträglicher als in der Kunst. Wenn ich daher um meine Meinung gefragt werde und damit ein Teil Verantwortung auf mich nehme, dann muß mir, soll ich dem Antrage zustimmen, auch die Überzeugung beigebracht werden, daß Günthers Anlagen den Entschluß rechtfertigen.« Alle nickten. Nur der Maestro zog die Stirn in Falten und rückte unruhig auf seinem Sessel umher. Der Direktor bat ums Wort. »Ich stimme dem bei,« sagte er, »und meine, Günther soll uns was vorspielen, damit wir uns überzeugen ...« »Nein!« rief der Maestro und klopfte mit dem Daumen auf den Tisch. »Warum nicht?« fragte der Direktor. »Weil ich ein Feind von Schaustellungen jeder Art bin, ehe das Studium abgeschlossen ist.« »Freilich. Sie als Günthers Lehrer und Violinkünstler können natürlich besser als ich beurteilen ...« Aber Leo, der eine feine Nase hatte, kamen Bedenken. Und er bat den Maestro, sich doch mit ein paar Worten zu äußern, wie er sich Günthers Laufbahn eigentlich denke. »Sehr einfach!« sagte der. »Ich werde mir alle Mühe geben, ihn so weit zu fördern, daß er – er ist jetzt dreizehn – sagen wir 'mal in zehn, zwölf Jahren zum ersten Male ...« »In zehn, zwölf Jahren!« wiederholte Cäcilie. – Und bis dahin?« »Bis dahin wird er die Unterrichtsstunden freilich verdoppeln müssen.« »Und in welcher Art,« fragte Leo, »gedenken Sie ihn dann an die Öffentlichkeit zu bringen?« »Das muß sehr sorgsam vorbereitet werden. Die Kritik gewinnen, ist die Vorbedingung jeder Kariere.« »Großer Gott!« rief Cäcilie, »wie gewinnt man die?« »Indem man geschickt Beziehungen knüpft.« »Und Sie wissen eine Möglichkeit, sie zu schaffen?« fragte Leo. »Nun,« erwiderte er: »Die Mittel dazu wären ja wohl hier vorhanden.« Cäcilie lächelte überlegen und sagte: »Ich denke auch.« »Aber, ich sagte schon, damit allein ist es nicht getan. Es erfordert vor allem größte Delikatesse.« »Was meinen Sie damit?« fragte Leo, und der Maestro erwiderte: »Takt.« Leo schüttelte den Kopf und dachte: schon faul! Auch der Gesichtsausdruck der andern verriet nicht übergroßes Vertrauen. Und Cäcilie, die sich von allen Seiten beobachtet sah, setzte in diesem Augenblick alle Hoffnung auf Linke und sagte: »Ich denke, es wird schon gehen.« Leo bemerkte: »Aber wie?« und sie erwiderte: »Das ist es eben.« Da stand Alfred, der Assessor, auf: »Das ist ja alles ganz schön und grün und ehrenwert,« begann er salopp und hielt die Hände in den Hosentaschen, »daß man Millionärssöhne, statt sie zum Geldverdienen anzuhalten, sozusagen in eine höhere Sphäre lenkt Immerhin: es ist ein Experiment, und wenn es mißglückt, dann ist so'n Mensch in der Anlage verpfuscht und wird nie im Leben mehr 'n brauchbarer Staatsbürger. Und was die Hauptsache ist, man muß ihm eine persönliche Note schaffen. Höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit. Je ausgeprägter sie ist, um so weniger Lust wird die Kritik haben, sich an ihr zu reiben, um so stärker wird die Wirkung sein, die er, auch ohne den Kratzkasten in Bewegung zu setzen, auf die Massen ausübt.« »Das wäre sehr wünschenswert,« stimmte der Maestro zu, dessen Politik dahin ging, den Aufstieg Günthers zum Künstler möglichst unter Ausschluß jeder musikalischen Äußerung sich vollziehen zu lassen. »Von alledem verstehe ich kein Wort,« dachte Cäcilie, war aber zufrieden, daß der Maestro Alfreds Meinung war und sagte daher: »Nu also!« Alfred fuhr fort: »Meine Idee ist die, im Hinblick auf die Zukunft des Künstlers ein Blatt zu gründen.« »Ein Blatt?« sagten die einen, und den andern stand dieselbe Frage in den Gesichtern. »Ja! Zunächst ist damit 'mal die sehr beachtenswerte Anregung des Maestro berücksichtigt, nämlich die taktvolle Anbahnung von Beziehungen zu der Kritik! Diese Leute zieht man zur Mitarbeit heran und zahlt ihnen hohe Honorare.« »Eine Musikzeitschrift?« fragte der Maestro. »I Gott bewahre!« erwiderte der Assessor. »Das wäre so ungeschickt wie möglich, da es durchsichtig wäre.« »Ganz meine Ansicht!« stimmte der Direktor bei. »Es muß eine Theaterzeitschrift sein, die die Musik scheinbar nur nebensächlich behandelt. Ich bin bereit, die Leitung zu übernehmen.« Der Oberlehrer Sasse schüttelte den Kopf. »So nicht!« sagte er mit Pathos. »Die Idee an sich ist vorzüglich. Aber Theater und Musik sind zu eng miteinander verwandt und nicht seriös genug. Den seriösen Hintergrund kann nur die Pädagogik bilden. Ich kann dem Familienrat die erfreuliche Mitteilung machen, daß ich über tiefgründige Vorarbeiten auf diesem Gebiete verfüge. Ich beantrage, mir die Leitung des Blattes zu übertragen, dem zu Liebe ich bei sicherer Fundierung des Unternehmens sogar meinen Lehrerberuf zu opfern bereit bin.« »Nein!« erwiderte der Assessor. »Das alles können nur Spezialgebiete des Unternehmens sein. Einem Blatte gibt nur die Politik eine starke Note. Nicht etwa Parteipolitik, durch die wir uns von vornherein Gegner schaffen würden, wahrend es unser Ziel sein muß, die kapitalkräftige und daher Ton und Stimmung angebende Gesellschaft ohne Unterschied der Parteirichtung zu gewinnen. Die politische Richtung ist also gegeben. Die Kreise, die wir politisch bekämpfen, spielen in der musikalischen Welt keinerlei Rolle, sind antikapitalistisch, können uns also nichts anhaben. Wie gesagt, ich fühle mich prädestiniert, ein solches Blatt ins Leben zu rufen, es zu leiten und ihm die Resonnanz zu schaffen, die eine unauffällige Anknüpfung der für Günthers Zukunft notwendigen Beziehungen sichert ... Herr Raffke wird als Eigentümer seines Blattes eine Rolle in der Öffentlichkeit und in der Gesellschaft spielen, wie er sie durch Millionen-Stiftungen nie erreichen würde. Und Günther, als der Sohn des Verlegers, wird beliebt, umworben, gesucht, bestaunt und gefürchtet sein, noch ehe er öffentlich den ersten Geigenstrich getan hat.« Leo sah von dem Augenblick an, an dem das Wort Zeitung fiel, tausenderlei geschäftliche Möglichkeiten. An Günther dachte er dabei so wenig wie Alfred, der Direktor und der Professor an ihn dachten, als er jetzt sagte: »Das leuchtet mir ein!« und die drei stimmten zu und riefen: »Uns auch!« Eine halbe Stunde später konstituierten sich Verlag und Redaktion. Leo Raffke war Geldmann und Verleger. Assessor Alfred Herausgeber und Chef der Redaktion. Professor Sasse übernahm Kunst, Wissenschaft und Pädagogik, der Direktor das Theater, der Maestro die Musik, Raffke Handel und Börse. Das Blatt sollte zunächst einmal wöchentlich erscheinen und hieß, auf eine Anregung hin, die Cäcilie gab. »Die Neue Gesellschaft«. Sechstes Kapitel. Trotz dieses Beschlusses des Familienrats blieb das Verhältnis zwischen Günther und seiner Violine ein gespanntes. Günther fühlte – und zwar um so deutlicher, je mehr er übte – daß an eine Verständigung nicht zu denken war. Er mochte es anstellen, wie er wollte – das Instrument blieb widerspenstig, ging seine eigenen Wege und gab Töne von sich, die zum Entsetzen des Maestro stets die falschen waren. Eines Tages riß ihm die Geduld. Er quälte sich wieder einmal mit seiner Violine, während seine Mitschüler den freien Nachmittag zu einer Ruderpartie benutzten. Cäcilie saß dabei, mit geschlossenen Augen, und träumte in die Zukunft. Drüben im Leutehaus schloß irgendwer lärmend die Fenster. Cäcilie fuhr aus ihren Träumen auf, hob den Kopf, öffnete die Augen und rief: »Unerhört!« Günther benutzte, wie jede, so auch diese Gelegenheit, um das Spiel zu unterbrechen. Er trat auf den Balkon und sah, wie drüben hinter dem Fenster seine Milchschwester Frida Linke höhnisch zu ihm hinauflachte. »Von wo kommt der Lärm?« fragte Cäcilie. »Drüben von Linkes! Ich glaube, es gilt mir.« »Skandalös!« sagte Cäcilie. »Diese Leute werden nachgerade unerträglich und vergessen immer mehr, daß sie Domestiken sind!« Frida griente immer höhnischer zu Günther hinauf. »Da werde ich doch einmal selbst ...« rief Günther zornig, legte die Violine fort, behielt den Bogen in der Hand und stürmte in den Garten. Frida war, als sie Günther kommen sah, vom Fenster weggetreten. Sie griff nach dem ersten besten Knüppel, der ihr in die Hände fiel, lief ihm über den Korridor entgegen und stieß in dem schmalen Hausflur mit ihm zusammen. Für ihre vierzehn Jahre waren sie beide gut entwickelt. Günther durchaus noch jungenhaft, unbekümmert, mit dem offenen Blick in den blauen Augen. Frida, wenn auch noch mädchenhaft, so doch bewußt im Blick und in der Bewegung, und nahe der Schwelle, die von dem unbewußten Glück der Kindheit mitten in die Unnatur des großen Welttheaters führt. »Ergib dich oder ich schieße!« rief sie ihm entgegen und legte den Stock ihres Vaters wie ein Gewehr an die Schulter. Aber Günther war nicht zum Scherzen zumute. »Warum lachst du mich aus?« fragte er bitter. »Erst liefere den Degen ab!« gebot Frida und setzte ihm zuliebe eine ernste Miene auf. Günther betrachtete seinen Violinbogen und empfand nun selbst die Komik der Situation. »Sagst du es darum?« fragte er beschämt. »Ja!« erwiderte Frida. Günther reichte ihr den Bogen. »Was soll der Unsinn?« fragte er. »Warum hast du die Fenster zugeschmissen und mich ausgelacht?« »Soll ich etwa weinen, weil du mit deinem miserablen Spiel die Luft verpestet?« Günther fuhr entsetzt zurück. »Glaubst du, das hält ein Mensch auf die Dauer aus? – Vater wird fuchswild von deiner Musik, und wir haben nachher unter seiner Wut zu leiden.« »Also so furchtbar findet Ihr mein Spiel?« fragte Günther verlegen. »Noch furchtbarer! Vater sagt, du machtest von Tag zu Tag Fortschritte im Falschspielen.« »Und ...« fragte Günther zögernd, »woher weiß denn das dein Papa?« »Weil er Gehör hat und nicht so verboten unmusikalisch ist wie die gnädige Frau Cäcilie und ihr Herr Sohn, namens Günther!« »So? – und weißt du, was jetzt geschieht?« »Nun?« »Jetzt kommst du mit mir hinauf zu meiner Mama und sagst ihr wörtlich das, was du mir da eben gesagt hast« »Ich werd' mich schwer hüten.« »Du wirst es!« sagte er bestimmt. »Damit sie uns alle an die Luft setzt! – Ich denke nicht daran. Erst müssen wir wissen, ob Vater bei Röhrens wieder ankommt« »Ich will aber, daß du es tust!« verlangte Günther. Frida schüttelte den Kopf und sagte: »Nein!« »Feig bist du! Weißt du das?« »Schlau bin ich!« erwiderte Frida, »das ist alles!« »Also dann sag' mir, wie ich es anstelle, daß du es tust!« Frida dachte nach. »Ach so, du meinst, daß du mir etwas schenkst.« »Auch das.« »Hm! Nun, das Geeignetste wäre wohl, du schenktest mir deine Violine.« »Gut!« – Er reichte ihr die Hand hin und sagte: »Abgemacht!« Frida schüttelte den Kopf. »Bei eurem Geld, was nützt das? – Morgen kauft deine Mutter dir eine neue.« Günther machte ein ernstes Gesicht und meinte: »Da hast du recht. Das glaub' ich auch. Also wünsch' dir was andres.« »Hast du Geld?« »Etwas.« »Kauf' mir so einen Spitzenschal, wie deine Mutter hat.« »Gut! – Aber nun komm!« »Erst den Schal!« »Nein! Im voraus zahlt man nicht.« »Gib mir dein Wort!« Günther gab's, und beide gingen schnellen Schrittes über den Hof in die Villa. Er öffnete die Tür, die in den Salon führte. »Bitte!« sagte er und ließ Frida eintreten. Dann trat er selbst ein und schloß hinter sich die Tür. »Nanu?« fragte Cäcilie erstaunt und sah hoheitsvoll Frida an, die mit dem Stock ihres Vaters vor ihr stand. »Du hast dich wohl verlaufen?« »Nein!« erwiderte Günther. »Ich habe sie gebeten.« »War sie widerspenstig?« fragte Cäcilie. »Sie hat mir die Augen geöffnet. Das heißt: ich wußte es längst.« »Was hat sie? Was wußtest du?« »So sag's!« wandte sich Günther an Frida. »Also?« Frida trat einen Schritt vor. Dann nahm sie keck den Kopf zurück und sagte: »Es ist von wegen dem Violinspiel.« »Was ist damit?« »Es ist unerträglich.« Cäcilie sah sie groß an. »Wa...?« rief sie. »Es wird alle Tage ärger.« »Wa...?« wiederholte Cäcilie. »Es ist schon nicht mehr zu ertragen, so falsch spielt er.« »Wer?« fragte Cäcilie ganz entsetzt. »Na, Günther!« »Du bist wohl toll?« Und auf die drohende Haltung hin, die Cäcilie jetzt einnahm, fuhr Frida fort: »Nein! Aber Vater sagt, man kann's dabei werden. Das heißt – lenkte sie ein – »wenn die Fenster geschlossen sind, ist es nicht halb so schlimm.« »Du bist eine dumme Jöhre, die ihre vorlaute Nase in Dinge steckt, die ihr nicht zukommen! Ich werde deinem Vater sagen, daß er dich bestraft. Und nun hinaus mit dir! Vorwärts!« »Vater denkt genau wie ich!« »Da hörst du's!« sagte Günther. »Ich bitt' dich, was verstehen denn die Leute davon!« »O bitte sehr,« widersprach Frida, »wir sind eine sehr musikalische Familie. Mein Bruder Paul spielt die erste Geige im Orchester des Kaufmännischen Vereins, und Pauline und ich haben seit unserem achten Jahre Klavierunterricht bei Fräulein Stremme.« »Für unser Geld!« rief Cäcilie. »So zieht man sich die Opposition groß. Aber ich werde deinem Papa den Brotkorb höher hängen. Ihr solltet lieber etwas Praktisches lernen, statt solchen Luxus zu treiben, der euch nicht zukommt.« »Vater sagt, Musik ist für alle da, die Talent haben. Die andern sollen die Finger davon lassen.« »Soll sich das etwa auf ihn beziehen?« fragte Cäcilie und wies auf Günther. »Ich glaub' schon, denn Vater sagt immer, wer's sich anzieht, den geht's an.« »Eine nette Erziehung scheinst du zu genießen.« »Ja, das ist wahr,« erwiderte Frida, »damit hapert's. Vater sagt immer, wenn ich nur Zeit hätte, euch zu erziehen.« »In deinem Alter sollte man überhaupt wissen, was sich schickt.« »Das weiß ich auch!« »So? Du meinst also, daß es für die Tochter eines Domestiken paßt, sich in herrschaftliche Angelegenheiten zu mischen?« »Wenn ich gefragt werde, ja!« »Wer hat dich denn gefragt?« »Ich!« rief Günther. »Und ich bin froh, daß ich's getan habe. Denn nun hat die Quälerei endlich ein Ende.« »Was soll das heißen?« fragte Cäcilie. »Daß ich nie wieder die Violine in die Hand nehmen werde.« »Günther!« schrie Cäcilie entsetzt. »Schade um die schöne Zeit, die ich damit vergeudet habe.« »Was für eine Sprache!« rief Cäcilie. »Ich habe mich lange genug lächerlich gemacht ...« »Du weißt ja nicht, was du sprichst.« »Doch! Mir ist ordentlich leicht in dem Gefühl, davon befreit zu sein.« »Das ist ja furchtbar! Was soll denn aus dir werden?« »Das weiß ich nicht. Das wissen von uns Unter-Sekundanern die meisten noch nicht. Jedenfalls nichts, was mit Musik zu tun hat.« »Du lehnst dich auf!« »Was ich sage, richtet sich doch nicht gegen dich.« »So! Nun, dann will ich dir sagen, daß es sich nicht nur gegen mich und deinen Vater richtet, sondern gegen alle, die es gut mit dir meinen.« »Und was wollen die?« »Daß du dank dem Reichtum deines Vaters, statt sich in seinem Büro abzurackern, einmal auf den Höhen der Menschheit wandelst und Künstler wirst.« »Allmächtiger!« pruschte Frida heraus. »Was hast du schon wieder hineinzureden?« schalt Cäcilie. »Um Künstler zu werden, dazu gehört doch eine Begabung.« »Was weißt denn du?« »Sie hat ganz recht!« trat ihr Günther bei. »Gewiß!« sagte Cäcilie, »für gewöhnliche Menschen trifft das zu, aber nicht für dich. Da geht's auch so! Verlaß' dich auf uns! Wir haben für alles gesorgt. Und statt dich von Domestikenkindern beschwatzen zu lassen, folge uns: Wir wissen, was wir tun!« »Ich will mich nicht auf andre verlassen. Und wenn ich einen Beruf ergreife, will ich auch etwas leisten. Und in der Musik, das weiß ich, da wird nie etwas Gescheidtes aus mir.« »Also nun hab' ich genug!« sagte Cäcilie schroff. »Das ist der Dank dafür, daß man von früh bis spät an nichts anderes als an dich und deine Zukunft denkt. Sechs Jahre lang geht's, und plötzlich, weil eine hergelaufene Jöhre dich aufhetzt ...« »Nein! nein!« unterbrach sie Günther. »Das ist nicht seit heute erst. Das weiß ich seit Jahren und merke es von Tag zu Tag deutlicher.« »Unsinn! Das redest du dir ein. Das weiß man selbst nicht. Das können nur andre beurteilen.« »Da haben Sie recht!« entfuhr es Frida. »Hinaus mit dir!« schrie Cäcilie. »Das wirst du teuer bezahlen! Den Sohn gegen die Mutter zu hetzen! Warte! – Und du« – wandte sie sich an Günther – »gehst hinauf und übst, nach der Uhr bis sechs, nicht eine Minute früher hörst du auf.« »Bleib!« rief Günther und hielt Frida, die eben zur Tür hinaus wollte, fest. »I was!« erwiderte die und suchte sich loszumachen. »Du läßt dich ja doch beschwatzen.« »Nein! – Hier« – und er brach den Violinbogen mitten durch und warf ihn Cäcilie vor die Füße – »nicht eine Note mehr! Und wenn du mich aus dem Hause jagst!« »Bravo!« rief Frida und zog Günther mit sich aus der Tür hinaus. »Du hast ja Courage!« Cäcilie sank auf den Sessel und schloß die Augen. Erst war ihr Ausdruck ernst; dann aber lächelte sie und sagte laut: »Eine Herrennatur!« Siebentes Kapitel Die erste Nummer der »Neuen Gesellschaft« erschien in einer Auflage von zweimalhunderttausend Exemplaren. Große Anschläge an den Litfaßsäulen: bereiteten das Publikum seit Tagen auf das Erscheinen dieses neuen »unabhängigen, nationalen« Wochenblattes vor. Die Geschäftsautomobile von Raffke \amp; Cie., die sonst Konserven, Felle und Decken beförderten, rasten mit Riesenplakaten durch die Straßen, erlitten künstlich Pannen, störten absichtlich den Verkehr und verursachten an den lebhaften Plätzen und Straßenkreuzungen Menschenansammlungen. Händler mit bunten Mützen und Schärpen standen mit Riesenstößen von Zeitungen an den Rändern der Bürgersteige und riefen laut »Die Neue Gesellschaft« aus. Radler in allen Farben fuhren in langen Reihen durch die Straßen und lenkten durch fortgesetztes Läuten das Publikum auf die bunten Farben, die sie kerzengerade in den Armen hielten und auf denen in großen Lettern die Worte standen: »Lest die Neue Gesellschaft!« Auf jeder elektrischen Bahn vorn und hinten und auf jedem Omnibus stand ein Dienstmann, der auf Brust und Rücken ein Plakat mit dem Namen des neuen Blattes trug. Übertrieben auffällig und elegant gekleidete Damen und Herren gingen, die »Neue Gesellschaft« lesend, durch die belebtesten Straßen, saßen in die Lektüre vertieft in den Untergrundbahnen und Stadtbahnzügen oder unterhielten sich auch laut über die neueste Sensation, die, wenn man näher zuhörte, nichts anderes als die erste Nummer der »Neuen Gesellschaft« war. Auf den Tiergarten-Bänken, auf allen belebten Plätzen, im Lustgarten, durch den zur Mittagszeit die Börsianer stürmen, saßen reizvoll gekleidete junge Mädchen mit übereinandergeschlagenen Beinen und lasen die »Neue Gesellschaft«. An allen Kinotheatern der Stadt prangte breit über dem Eingang ein Plakat, auf dem stand: »Abonnenten der Neuen Gesellschaft zahlen die Hälfte!« In den besseren Restaurants lagen Probenummern auf den Tischen, auf den Rennen verteilten halbwüchsige Burschen, die man in ihrem Dreß für Stalljockeis hielt, auf allen Plätzen ohne Entgelt in geschlossenen Kuverts »Die letzten Tipps der Neuen Gesellschaft«. In den Theatern überreichten weißgekleidete, junge Damen Gratis-Ansichtskarten mit den Bildern der Hauptdarsteller. Auf der für die Adresse bestimmten Seite standen die Bezugsbedingungen der »Neuen Gesellschaft«. In den zehn größten Sälen Berlins sprachen für hohes Honorar bei freiem Eintritt bekannte Publizisten und Dichter über das Thema: »Was will die Neue Gesellschaft?!«–Die gesamte Regie lag in Leos Händen. Das ganze Personal der Firma Raffke \amp; Cie. war aufgeboten. Alles stand an dem Erscheinungstage in dem Dienst der Propaganda. Die Tippverteiler auf der Grunewaldbahn spielten die Lehrlinge, die koketten jungen Mädchen mit den übergeschlagenen Beinen gaben die Bürodamen, die eleganten Herren waren die Geschäftsreisenden und Verkäufer. Kurz: jeder wirkte für sein Teil mit, daß es am Abend des Erscheinungstages keinen Menschen in Berlin gab, der nicht von der Existenz der »Neuen Gesellschaft« wußte. Zweimal mußte ein Nachdruck erfolgen und auf der zweiten Nummer stand: Auflage 350000 Exemplare. Aber auch sonst hatte man sich diese erste Nummer etwas kosten lassen. Den Leitartikel, der eine Art Programm war, hatte ein Gelehrter mit klangvollem Namen geschrieben. Unter der Devise freiester Entfaltung der Individualität schien das Blatt den Kampf für Menschenrechte und persönliche Freiheit führen zu wollen. Aber wer lesen konnte, fühlte schon bei der Lektüre dieses Erfüllungsartikels, daß sich die Freiheit, die man meinte, nicht auf die Allgemeinheit, sondern auf einige wenige bezog, daß es die kapitalistische Macht war, für deren freie Entfaltung man kämpfte. Schon die nächsten Nummern bekannten sich ganz offen zu dieser Herrenmoral, ließen aber dem Leitartikel in der nächsten Woche regelmäßig einen Aufsatz aus scheinbar gegnerischem Lager folgen. Man konnte die beiden Weltauffassungen, die sich hier anscheinend gegenüberstanden, in die Worte fassen: »Schutz den Reichen« und »Schutz den Armen«. So wurde der Schein der Unparteilichkeit gewahrt, zumal Licht und Schatten gleichmäßig verteilt schienen. Und alle diese, auch im Stil merklich voneinander verschiedenen Artikel, Repliken, Dupliken stammten aus der Feder Alfreds, des Assessors, der nicht nur ein Talent, sondern auch ein großer Filou war. Für ihn war dies Blatt nur Mittel zum Zweck. Er sagte sich, daß der Weg zum Reichtum nicht unbedingt über Felle und Konserven führe. Es gab auch andere Möglichkeiten, um ein reicher Mann zu werden. Wege, die bequemer waren und sozial emporführten, während dem Handel seines Schwagers Leo, wenn er auch in großem Stil betrieben wurde, doch immer etwas Jobberhaftes anhaftete. Es waren nicht nur Informationen, die er sich von den Industriegewaltigen holte. Er war sehr bald ihr Vertrauensmann, ohne daß eine Abrede oder gar eine kontraktliche Bindung erfolgt wäre. Es fand sich immer ein Vorwand für einwandfreie Erkenntlichkeit. Ja, Alfred verstand sein Geschäft und sammelte Beziehungen, Einfluß und Reichtum, ohne Leo, seinen Verleger, dadurch zu schädigen. In anderer Form nutzte der Oberlehrer Professor Sasse seine Macht. Er war ganz Idealist, überzeugter Verfechter des Humanismus, und machte sein Ressort zu einem Sammelpunkt, von dem aus alle Gesinnungsgenossen gegen die Reformbestrebungen des alten Gymnasiums fochten. Den Einwendungen des Assessors gegenüber, doch auch die andere Richtung zu Worte kommen zu lassen, zeigte er sich taub und kämpfte sich in einen solchen Haß hinein, daß sich der deutschen Lehrerschaft eine große Erregung bemächtigte. Die hatte erstmal zur Folge, daß Anhänger und Gegner sich um das Blatt rissen; die einen aus Liebe, die andern aus Haß; dann aber sich zu einer Organisation zusammenschlössen, deren alleiniger Zweck es war, die Bestrebungen, die »Die Neue Gesellschaft« auf pädagogischem Gebiete vertrat, zu bekämpfen. Der Professor verrannte sich, durch die Opposition gereizt, immer mehr in seine Idee, die ihn bald Tag und Nacht verfolgte und nicht mehr los ließ. Er wurde Monomane und vernachlässigte schließlich im selben Maße seinen Beruf, den Unterricht am Gymnasium, wie Fiffi, seine Frau. Das hatte zur Folge, daß Schulbehörde und Frau sich gegen ihn auflehnten, indem beide für die Pflichten, die er vernachlässigte, Ersatz suchten und fanden. Daneben betätigte sich Fiffi aber noch auf andere Weise. Sie schrieb Modeberichte für die »Neue Gesellschaft«, erschien bei Premieren, Rennen, Concurs hippiques in den prachtvollsten Kleidern und galt bald bei den Damen beider Welten für tonangebend in allen Toilettefragen. Jede Frau, die auf sich gab, las Fiffis wöchentliche Modeschau in der »Neuen Gesellschaft«. Fiffi aber wurde nach ihrem Scheidungsprozeß, den sie wegen Vernachlässigung der ehelichen Pflichten von seiten ihres Gatten anstrengte und gewann, die mondänste Frau Berlins. Und da sie die wirksamste wandelnde Reklame für die »Neue Gesellschaft« war, die nirgends fehlte und überall auffiel, so war am Ende auch weiter nichts dabei, wenn Leo gut auf sie zu sprechen war und den sehr hohen Etat ihres Lebensunterhaltes bestritt. Und der Maestro? Auch dieser kleine Violinlehrer aus dem Neapolitanischen, den eine liebestolle Gräfin einst auf ihrer italienischen Reise in einer Straße Salernos aufgelesen und aus einer Laune heraus mit nach Berlin genommen hatte, wo sie ihn dann, seiner überdrüssig, Leuten aufgehalst hatte, die auf ihren Namen flogen – auch dieser Maestro machte durch dieses Blatt sein Glück. Jedenfalls: »Die Neue Gesellschaft« war ein Blatt, das in allen Teilen gut unterhielt und in gleicher Weise Verleger, Mitarbeiter, Leser, Inserenten und – Cäcilie befriedigte. Sie sah darin nichts anderes als ein Werkzeug für Günthers Ruhm, für den es den Boden vorbereiten und den es zur gegebenen Zeit verkünden sollte. – Der Maestro saß, die Hände über der Brust gefaltet, die Zigarre im Mund, zurückgelehnt in seinem Klubsessel und nahm den Vortrag eines bekannten Berliner Musik Verlegers entgegen, der ihn veranlassen wollte, das Vorwort für seinen Verlagskatalog zu schreiben. »Ich wüßte niemanden,« schloß der Verleger, »der würdiger wäre, ein abschließendes Urteil über meine Verlagstätigkeit zu geben, als Sie.« Der Maestro nahm das wie etwas Selbstverständliches hin. »Sie wissen,« sagte er, »wie sehr ich mit Arbeiten überhäuft bin. Die Erfüllung Ihrer Bitte setzt natürlich ein gründliches Studium Ihrer sämtlichen Verlagswerke voraus, denn ich kann nicht über Dinge urteilen, die ich nicht kenne. Eine Fülle anderer Arbeit muß dadurch liegen bleiben.« »Es versteht sich, daß ich das bei der Honorierung berücksichtige.« »Bitte,« wehrte der Maestro ab, »wenn ich die Arbeit übernehme, so tue ich es ausschließlich im Interesse der Kunst, in deren Dienst ich nun einmal mein Leben gestellt habe. Geld dafür zu nehmen, lehne ich ab.« Der Verleger glaubte falsch zu hören. Er sah ganz ängstlich zu dem Maestro auf und sagte: »Ja ... dann ... verreißen Sie am Ende gar die eine oder andere meiner Opern und Operetten?« »Ich schreibe, wie mein künstlerisches Gewissen es von mir verlangt.« »In diesem Falle würde ich es vorziehen, falls etwa das eine oder andere Werk Ihren Beifall nicht findet ...« »Das ist wohl möglich.« ».... das betreffende Werk dann lieber nicht mit in den Katalog aufzunehmen.« »Darüber wäre zu reden. Jedenfalls, die Arbeit bliebe dieselbe.« »Und bis wann darf ich auf das Manuskript rechnen? Das gesamte Material geht noch heute an Sie ab.« »Ich teile es Ihnen mit.« Der Diener legte einen ganzen Stoß von Besuchskarten auf den Tisch und meldete, daß der Warteraum voll von Menschen sei. »Sie sehen,« sagte der Maestro und stand auf. Der Verleger verabschiedete sich. »Übrigens,« sagte der Maestro, als der Besucher gerade die Hand auf die Klinke legte, so nebenbei: »Sie wissen, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jungen Künstlern vorwärts zu helfen. Das geht natürlich auf Kosten meiner Berufsarbeit. Wer mir den Ausfall ersetzen hilft, tut den Künstlern Gutes.« »Aber natürlich!« rief der Verleger freudig und erriet sofort den Zusammenhang. »Wenn ich Ihnen für diese Zwecke zehntausend Mark überweisen darf?« »Es ist meine Pflicht, sie anzunehmen,« erwiderte der Maestro. Eine kurze Verbeugung beiderseits, dann ging der Verleger hinaus. Der Maestro aber rief seine Stenotypistin und diktierte ihr, noch bevor er das Material hatte, einen Artikel für den Verlagskatalog, der nichts und alles sagte, jeden Direktor aber, der ihn in die Hand bekam, überzeugte, daß die hier angekündigten Werke ihn auf lange Zeit hinaus aller Repertoiresorgen enthoben. Für die Einfügung der Namen der Opern und Operetten ließ er Raum offen und befahl der Stenotypistin, das Diktat abzuschreiben und ihm in vierzehn Tagen wieder vorzulegen. Er unterzeichnete aus Utilitätsgründen, wie er dem Verlage später schrieb, nicht mit seinem Namen, sondern mit Severus. Und die Zukunft lehrte, daß sich die »Neue Gesellschaft« der Werke dieses Verlegers mit ganz besonderer Liebe annahm. Als der Maestro seinen Artikel fertig hatte und eben die erste Dame aus dem Warteraum zu sich bitten ließ, platzte, unangemeldet wie gewöhnlich, Frau Cäcilie in sein Bureau. »Also, bester Maestro,« begann sie und schmiß sich in den Klubsessel, der seinem Schreibtisch gegenüberstand. – »Sie müssen mir helfen! Denken Sie, Günther revoltiert. Er weigert sich, Künstler zu werden! Er hat seinen Violinbogen in Stücke gebrochen und mir vor die Füße geworfen.« Der Maestro sah Cäcilie an, als wenn sie ihm die gleichgültigste Geschichte von der Welt erzählte. »Aufgehetzt haben sie ihn mir,« fuhr sie fort. »Und wissen Sie, wer? Die kleine Linke, die Tochter meines Hausmeisters. Sie hat ihm eingeredet, er verstände nichts von Musik und mache sich lächerlich!« »Ich kenne sie! Sie ist ein Wildfang! Aber Musik hat sie in den Knochen, diese kleine Satanita!« »Sie wollen damit doch nicht etwa sagen, daß diese Portiersjöhre etwa beurteilen kann ...« »Gewiß kann sie das! Sie hat Gehör. Vox populi vox dei, wie der Lateiner sagt.« »Das verstehe ich nicht.« »Macht nichts. Jedenfalls: sie hat nicht unrecht.« »Maestro!« schrie Cäcilie und warf die Arme hoch. – Und das Bürofräulein nebenan sah von der Maschine auf, schüttelte den Kopf und dachte: »Schon wieder eine!« »Wenn ich Sie bisher mit dieser Eröffnung verschont habe,« fuhr der Maestro, der sich jetzt sicher im Sattel glaubte, »so geschah es mit Rücksicht auf die mütterliche Eitelkeit, die ich nicht kränken wollte.« »Maestro!« wiederholte Cäcilie, und das Bürofräulein nebenan dachte: »Entsetzlich!« »Heut' aber,« sagte der Maestro, »wo die Existenz der ›Neuen Gesellschaft‹ nicht mehr davon abhängt, kann ich es wagen ...« »Ja, was hat denn die Existenz der ›Neuen Gesellschaft‹ mit der künstlerischen Begabung meines Sohnes zu tun?« fragte Cäcilie erstaunt. »Hatte! Heut' nicht mehr!« verbesserte der Maestro, besann sich aber sofort und sagte: »Das heißt, verstehen Sie mich nicht falsch! Ich meine, heute, wo die Macht der ›Neuen Gesellschaft‹ die künstlerische Zukunft Ihres Sohnes gewährleistet, brauchen wir uns nicht gerade auf ein Kunstgebiet festzulegen, für das er so gar keine Begabung mitbringt.« »Was heißt das?« »Daß es nicht durchaus die Violine sein muß. Daß es auch etwas anderes sein kann. So weit ich mich erinnere, war Ihr Wunsch doch der, daß Günther den freien, unabhängigen, nur von ideellen Gesichtspunkten vorgeschriebenen Weg eines freien Künstlers gehen soll. Welche Art Kunst er aber ausübte, darüber wurde, soviel ich mich erinnere, ein bindender Entschluß nicht gefaßt.« »Sie meinen also, er könnte ...« »Einen anderen künstlerischen Beruf wählen!« ergänzte der Maestro. »Sehr richtig! und zwar einen, bei dem ihm nicht, wie bei dem Violinspiel, jeder auf die Finger sehen kann. Ich denke zum Beispiel, wie wäre es, wenn er Komponist oder Dichter würde?« »Himmlisch! Aber wie macht man das?« Der Maestro kniff die Augen zusammen. »Es ließe sich wohl machen,« sagte er. »Am Ende beides?« Er sah sie verschmitzt an. »Auch das!« »Maestro!« schrie Cäcilie und schmiß vor Glück die Arme in die Höh'. Und das Bürofräulein nebenan sprang auf, warf den Kopf zurück und sagte empört: »Jetzt küßt er sie!« – »Natürlich, ein gewisser Apparat gehört schon dazu!« ergänzte der Maestro, »ich wollte nur sagen: es kostet Geld.« »Fordern Sie!« rief Cäcilie. »Sie wissen, für den Ruhm meines Sohnes ist mir nichts zu teuer!« »Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen und Ihnen dann berichten, gnädige Frau.« Cäcilie erhob sich. »Wenn ich Sie nicht hätte, Maestro!« sagte sie und gab ihm die Hand. Der Maestro verbeugte sich höflich und erwiderte: »Ganz auf meiner Seite!« Achtes Kapitel Von dem Maestro aus ging Cäcilie in das Büro ihres Gatten. »Ich muß mit dir reden,« sagte sie. »Bitte,« erwiderte Leo, »setz dich!« – Und da sein Gewissen nicht das beste war, so beugte er sich über den Schreibtisch und rechnete in den Büchern. Das heißt: er tat so. In Wirklichkeit schoß ihm allerlei durch den Kopf, und er dachte: »wenn es nur erst heraus wäre.« Aber Cäcilie sprach sehr schnell das erlösende Wort »Es handelt sich um Günther und Frida,« sagte sie. Leo lachte. »Warum lachst du?« fragte sie. »Über die Zusammenstellung. Was hat unser Günther mit Linkes Frida zu schaffen?« »Mehr als du denkst.« Leo fuhr auf. »Allmächtiger!« »Unsinn!« erwiderte Cäcilie. »Wie kannst du nur denken, bei den Kindern! Aber schon, daß sie überhaupt miteinander zusammenkommen, ist gesellschaftlich einfach unmöglich. Linkes sind kein Verkehr für Raffkes.« »Du lieber Gott, bei Kindern, da nimmt man's nicht so genau. Die bringt nachher das Leben schon auseinander.« »Unsinn! Du wirst sie auseinanderbringen,« – Und nun erzählte sie, mit allerlei kleinen Zutaten, den Vorfall, den sie nach der Verständigung mit dem Maestro schon etwas milder beurteilte. Leo hörte alles mit an und sagte: »Nun also, was willst du, daß ich tue?« »Daß du den Linke an die Luft setzt« Leo fuhr zusammen. »Ist das dein Ernst?« »Nein.« »Wozu sagst du's dann?« »Um dich zu veranlassen, daß du ihm wenigstens den Kopf zurechtsetzt und ihm klar machst, wer er eigentlich ist.« Leo überlegte. »Ich will es tun,« sagte er nach einer Weile. »Aber ich stelle eine Bedingung.« »Nämlich?« »Daß du dabei bist, wenn ich es ihm sage.« Cäcilie erschrak. Aber Leo fuhr fort: »Und falls er Einwendungen macht ...« »Die macht er bestimmt.« »Eben darum.« »Also, was soll ich dann tun?« »Nichts weiter, als mir recht geben.« Cäcilie verzog den Mund. »Nu?« fragte Leo. »Ich mein' nur,« erwiderte Cäcilie. »Eigentlich ist das deine Sache. Aber ich will es trotzdem tun.« Leo drückte auf den Knopf der Klingel. »Was tust du?« fragte Cäcilie zitternd. »Ich lasse deinem Wunsche gemäß Linke kommen.« »Jetzt?« »Ja! warum nicht?« »So Hals über Kopf war das auch nicht nötig.« Im selben Augenblick klopfte es auch schon, Leo rief »Herein!«, die Tür ging auf und Franz Linke trat ins Zimmer. Cäcilie wich einen Schritt zurück. »Hören Sie, Linke,« begann Leo, »wir müssen einmal außerdienstlich ein paar Worte miteinander reden.« Linke sah erstaunt erst Leo, dann Cäcilie an. Und da die verlegen zur Seite sah, so sagte er: »Gnädige Frau haben demnach wieder einen faux pas gemacht?« Da faßte sich Cäcilie ein Herz, riß ihre ganze Energie zusammen, spannte alle Nerven an, sagte sich: jetzt oder nie! – wandte sich zu Linke und sagte: »Ich nicht. Aber ein anderer!« »So! so!« meinte Linke mit einem vorwurfsvollen Blick zu Leo und nickte mit dem Kopfe. »Na, hoffentlich ist es nicht zu arg.« »O doch!« rief Cäcilie. »Es ist sogar sehr arg! Aber diesmal ist es keiner von uns. Uns braucht niemand mehr zu sagen, was sich schickt. Es wäre aber gut, wenn Sie dafür sorgten, daß auch innerhalb Ihrer Familie Verstöße gegen den gesellschaftlichen Takt möglichst unterblieben.« »Was meinen Sie damit?« fragte Linke bestimmt. »Daß Ihre Frida sich Dinge erlaubt, die ihr als Tochter eines ...« – Leo räusperte sich, Cäcilie besann sich, verstand, schluckte das Wort Domestiken, das sie so gern anwandte, herunter und sagte statt dessen: »herrschaftlichen Angestellten nicht zukommen.« »Was hat sie sich erlaubt?« fragte Linke. »Den jungen Herrn Günther gegen uns aufzuhetzen.« Linke tat, als verstände er nicht, und fragte: »Wen?« »Wissen Sie nicht, wer Herr Günther ist?« erwiderte Cäcilie nicht gerade freundlich. »Natürlich kenne ich Günther. Wie sollte ich das Milchkind meiner Frau nicht kennen?« Cäcilie zuckte zusammen. »Auch das liegt weit zurück,« sagte sie. »Und doch erinnert man sich gern ...« »Wir nicht,« unterbrach ihn Cäcilie. »Es ist das eins jener notwendigen Übel, die man in Kauf nehmen muß.« »Falsch!« sagte Linke. Und dies »falsch« erinnerte Leo und Cäcilie an die ersten Jahre ihres Aufstiegs, wo sie es bei jeder Gelegenheit von Linke zu hören bekamen. Und wie damals, fragten beide wie aus einem Munde: »Wieso?« »Weil gute Familien« – und wie eine Ohrfeige traf der Nachdruck, den er auf das Wort »gute« legte, Cäcilie – »der Frau, die einst Mutterpflichten an einem ihrer Kinder erfüllte, Anhänglichkeit und Dankbarkeit bewahren.« »Wie lange?« fragte Cäcilie. »So lange sie leben.« »Das hätte man wissen sollen, was man sich damit auf den Hals lädt.« »Wieder falsch!« sagte Linke. Leo und Cäcilie sahen ihn an. »Denn von den guten Familien wird das nicht als Zwang empfunden. Es ist vielmehr ein ganz natürliches Gefühl, das freilich bei diesen Familien, in denen die Pietät eine große Rolle spielt, im Blute liegt.« »Leo!« rief Cäcilie außer sich. »Was ist dir?« fragte er besorgt. »Es ist entsetzlich! Man lernt nie aus.« Leo nickte mit dem Kopf und sagte: »Das scheint mir auch.« Linke machte eine Bewegung teilnahmsvollen Bedauerns. Aber Cäcilie gab sich noch nicht geschlagen. »Ich sehe das ein,« sagte sie. »Ja, ich fühle sogar, daß darin etwas Wahres liegt. Im übrigen ist Ihrer Frau auch niemand zu nahe getreten. Die Tatsache aber, daß sie Günthers Amme war, gibt Ihrer Tochter nicht das Recht, meinen Sohn aufzuhetzen.« »Ganz gewiß nicht,« bestätigte Linke. »Also!« rief Cäcilie und wandte sich triumphierend an Leo. »Wer hat nu recht?« Leo nickte und sagte: »Du!« »Was gedenken Sie also mit ihr zu tun?« fragte sie Linke. »Ehe ich sie strafe, muß ich wissen, was sie getan hat.« »Das werden Sie! Wenngleich Ihnen mein Wort genügen sollte.« »Gnädige Frau vergessen, daß es sich um meine Tochter handelt.« »Gottlob!« erwiderte Cäcilie. »Wenn es mein Kind wäre, wäre es anders erzogen.« »Gnädige Frau haben auch weiter keine Beschäftigung und außerdem Lehrer und Gouvernanten zur Verfügung.« »Keine Beschäftigung! Hast du gehört, Leo? – Als wenn ein Haus auszumachen und gesellschaftlich eine Rolle zu spielen, keine Beschäftigung wäre! Eine andere freilich als die eines Domestiken.« Linke wandte sich ab. »Haben der gnädige Herr noch Befehle?« fragte er Leo. Der wies auf seine Frau und sagte: »Ich nicht.« »Jawohl ich! Also, damit Sie's wissen, Ihre Tochter hat sich über das Violinspiel unseres Sohnes lustig gemacht.« Linke verzog keine Miene. »Aber damit nicht genug, hat sie auf den armen Jungen so lange eingeredet, bis er mir den Bogen vor die Füße geworfen und erklärt hat, nie wieder die Violine anrühren zu wollen.« »Nicht möglich!« sagte Linke und strahlte über das ganze Gesicht. »Wie finden Sie das?« »Wenn ich offen sein soll, dann muß ich sagen: das ist ein Glück für alle!« erklärte Linke. »Sie finden das am Ende noch richtig?« fragte Cäcilie entsetzt. »Im Interesse Günthers durchaus!« »Das kommt ihr nicht zu!« brüllte Cäcilie. »An sich gewiß nicht! Aber gut gemeint hat sie's, und wenn sie sich vielleicht auch in der Form vergriffen hat – sie ist ein halbes Kind – die gute Absicht bleibt darum bestehen. Jedenfalls, ich kann sie darum nicht tadeln. Vor allem aber glaube ich, daß in diesem Falle das musikalische Temperament meiner Tochter schuld hat. Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf, aber da einmal die Rede davon ist: wir leiden alle unter Günthers Spiel. Von mir angefangen, bis hinab zum jüngsten Stalljungen.« »Ich werde das ganze Personal an die Luft setzen!« brüllte Cäcilie. »Damit wäre den Herrschaften nicht gedient,« erwiderte Linke in aller Ruhe. »Was heißt das?« fragte sie wütend. »Weil die Herrschaften ohne Personal auf der großen Besitzung kaum auskommen dürften. Gnädige Frau müßten also neue Dienerschaft engagieren. Ich glaube mich aber verbürgen zu können, daß es den Herrschaften mit der neuen Dienerschaft genau so ergehen würde.« »Was sagst du, Leo?« Leo zog die Schultern hoch und erwiderte: »Ich glaub' schon, er hat recht« »Eine nette Abhängigkeit!« rief Cäcilie. »Ja,« sagte Leo, »in unserer Gartenhauswohnung konntest du den ganzen Tag über das Grammophon spielen lassen, ohne daß dir jemand was gesagt hätte.« »Leo!« rief Cäcilie. »Beherrsch' dich!« Und Leo, der die Unarten seiner Frau angenommen hatte, machte eine typische Handbewegung und sagte: »Nu, ich mein' nur.« »Falsch! falsch! Herr Raffke!« rief Linke und wies auf Leos Hände, die mit gespreizten Fingern am Ärmelausschnitt der Weste lagen. »Das geht nicht! Sie fallen ja zurück! Seit Jahren hatten Sie das abgestreift.« »Wenn schon,« erwiderte Leo und glich nun ganz wieder dem kleinen Detaillisten, der er vor zwanzig Jahren war. »Ich sag's ja!« jammerte Cäcilie, und Leo rutschte unruhig auf seinem Stuhl umher und verbarg die Hände unter dem Tisch. Damit hatte Linke Oberwasser, und Cäcilie gab die Partie verloren. An eine Kündigung dachte sie nicht mehr. Es zeigte sich wieder einmal: Linke war unentbehrlich. Sie zog daraus die Konsequenz und lenkte ein: »Wie gut, daß Sie achtgeben, Linke,« sagte sie freundlich. Leo, der dem Stimmungswechsel nicht so schnell zu folgen vermochte, sah sie erstaunt an. »Ich möchte mir noch einen weiteren Hinweis erlauben,« war Linkes Antwort. »Ich bitte sehr,« rief Cäcilie. »Nicht wahr, Leo, wie gut, daß wir ihn haben.« Leo, der selbst bei Cäcilie bessere Übergänge gewohnt war, sah sie schief an und sagte: »Ganz wie du meinst, Cäcilie.« »Ich nehme an,« fuhr Linke fort, »Ihnen liegt daran, daß Günther, der ja nun immerhin Sekundaner ist, also allmählich den Anspruch hat, als junger Herr zu gelten ...« »Siehst du!« unterbrach ihn Cäcilie, »das ist ja das, was ich immer sage.« »Eben, und darum muß er sich beizeiten Autorität verschaffen ...« Cäcilie nickte lebhaft mit dem Kopfe. »... und darf sich vor den Leuten nicht lächerlich machen.« »Sie meinen also, daß Günther sich mit seinem Violinspiel lächerlich macht?« fragte Leo. »Das meine ich allerdings,« erwiderte Linke. »Noblesse oblige!« Cäcilie nickte. Leo war ehrlicher und fragte: »Was heißt das?« Linke gab die Erklärung. Cäcilie sah Leo an und schüttelte den Kopf, als wenn sie sagen wollte: »Das wußtest du nicht?« In Wirklichkeit sah sie in diesem Wahlspruch, von dem sie hier zum ersten Male hörte, einen Talisman, dank dem man auch an gefährlichen Klippen des gesellschaftlichen Lebens, ohne anzustoßen, vorübersteuerte. Sie ging auf Linke zu und erklärte breit und feierlich: »Ich weiß, was ich meiner Noblesse schuldig bin! Mein Sohn wird sich nicht lächerlich machen. Mein Wort darauf, daß er sein Lebtag lang keine Violine mehr in die Hand bekommt.« Nach einer Weile sagte er: [Druckfehler in der Scanvorlage. Zeile fehlt im Buch. Re] Das wirkte auf Linke wie eine Erlösung. »In diesem Falle hätte meine Tochter Frida durch ihr vorlautes Wesen demnach für alle Teile nur Gutes gestiftet.« »An sich schon,« erwiderte Cäcilie. »Aber immerhin ...« »Wie meinen gnädige Frau?« »Nu, ich mein' nur, an sich, da gehört es sich wohl überhaupt nicht. Ihre Frida, nicht wahr, und unser Günther, das ist doch keine Zusammenstellung.« Linke verbeugte sich. »Ich verstehe, gnädige Frau haben recht. Ich werde für eine Änderung Sorge tragen.« Cäcilie blähte sich. »Nu, Leo, was sagst du?« war die Frage, die ihr aus den Augen sprang. Und der Triumph machte sie übermütig. Sie reckte den Kopf stolz in die Höhe, so daß der feiste Nacken kaum noch Falten grub, spitzte den Mund und sagte; »Überhaupt, Frida!« »Hat sie etwa sonst noch ...?« fragte Linke. »Sie ist so dreist.« Linke nahm sie in Schutz. »Das hat sie von mir,« sagte er. »Aber sie meint es nicht so.« »Was haben Sie mit ihr vor?« Linke verstand nicht. »Nun, es interessiert mich natürlich zu wissen, was aus der Milchschwester meines Sohnes wird.« »Recht so!« sagte Linke und dachte: die Frau macht sich. Leo, dem die Störung in seiner Arbeit zu lange dauerte, meinte: »Darüber braucht man sich doch wohl heut' noch nicht den Kopf zu zerbrechen.« »Gnädige Frau haben nicht unrecht,« erwiderte Linke. »In ein paar Wochen ist sie mit der Schule fertig. Ihrer Begabung nach gehörte sie auf die Handelsschule.« »Nu also!« sagte Leo. – »Dann wissen Sie's ja!« »So einfach ist das nicht. Das kostet Geld!« »Umsonst ist der Tod,« erwiderte Leo. »Ich kann mir das bei meinem Gehalt nicht leisten.« »Nanu?« rief Leo. »Ich glaube kaum, daß es in ganz Berlin noch einen Hausmeister gibt, der Ihr Gehalt bezieht.« »Möglich,« gab Linke zu. »Aber der gnädige Herr vergessen, daß ich Funktionen verrichte, die im allgemeinen nicht zu den Pflichten eines Hausmeisters gehören. Ich gebe zu, es gibt welche, die nicht den zehnten Teil beziehen. Jeder aber hält sich die Dienerschaft, die er bezahlen kann.« Cäcilie nickte zustimmend. »Sie haben ganz recht, Linke!« »Was heißt das?« fragte Leo ärgerlich. »Sehr einfach!« erwiderte Cäcilie. »Wie oft soll ich's dir sagen: Noblesse oblige!« Linke bewegte leicht den Kopf und meinte: »Der gnädigen Frau sagt das der Instinkt.« »Wer sagt's mir?« fragte sie ängstlich. »Ich will damit sagen, daß man glauben könnte, der gnädigen Frau sei die Vornehmheit angeboren.« »Was sagst du, Leo?« rief sie erfreut. »Ich seh' voraus, die Handelsschule für Ihre Tochter muß ich zahlen.« »Zu gütig!« erwiderte Linke und verbeugte sich. »Ich nehme das Anerbieten mit großem Danke an.« Cäcilie streckte ihm, ohne sich zu ihm umzusehen, die Hand hin; Linke verbeugte sich tief; dann ging er hinaus. »Ein feiner Mann!« sagte Cäcilie, als er draußen war. »Hast du sonst noch was?« fragte Leo ungeduldig. »Ja! Ich hab' also nun dafür gesorgt, daß diese Frida, die im Grunde nichts anderes als ein besseres Portierskind ist, nicht mehr mit Günther in Berührung kommt. Sorg' du nun für anständigen Ersatz.« »Was heißt das? Wie soll ich das machen?« »Deine Sache!« »Meine Sache sind Finanzierungen, Konserven, Leder und Felle en gros. Ich besorg' den finanziellen Aufstieg, für den sozialen sorg' gefälligst du!« »Ich hab' mir gedacht, jetzt, wo doch die Violine wegfällt und er mehr Zeit ...« »Ein Segen,« unterbrach Leo. »Nun wird er endlich was von seiner Jugend haben.« »Wie meinst du das?« fragte Cäcilie. »Daß er, wie ich vor dreißig Jahren, mit anderen Jungen die freien Nachmittage draußen im Freien verbringt.« »Leo!« rief Cäcilie vorwurfsvoll. »Wie kannst du dich mit Günther vergleichen!?« »Erlaub' mal ...« wollte Leo widersprechen, aber Cäcilie wehrte ab. »Nein! Das erlaub' ich nicht. An deiner Vergangenheit solltest du nicht rühren, so wenig, wie ich an meiner. Und wenn du als Junge dich im Freien herumgetrieben hast, wovon ich bis zu dieser Stunde übrigens keine Ahnung hatte, so ist das der beste Beweis dafür, daß sich derartiges für Günther nicht gehört. Dazu haben wir ja unsern teuren Garten, damit der Junge nicht auf die Straße braucht.« »Wie du meinst,« erwiderte Leo und machte sich auf dem Schreibtisch zu schaffen. »Ich denke nur, daß frische Luft und Bewegung ihm gut tun würden.« Cäcilie lachte überlegen. »Sehr richtig! Und für diese Bewegung werde ich sorgen. Günther wird tanzen lernen.« »Warum nicht reiten?« »Hätt' ich gesagt, reiten, hättest du gefragt: Warum nicht tanzen. Ich will's dir sagen: Weil er zum Tanzen Menschen braucht. Und für einen Jungen, der gut aussieht, ist es viel leichter, in einen feinen Tanzstundenzirkel zu kommen, als für Erwachsene in feine Gesellschaft« »Davon versteh' ich nichts.« »Ich merk's. Aber ich will dir einen Tipp geben. Röhrens.« Leos Gesicht wurde nicht schlauer. »Was ist mit ihnen?« fragte er. »Du weißt, daß sie längst wieder obenauf sind.« »Willst du dir einen neuen Korb holen?« »Mit Günther ist das was anderes.« »Versuch's!« Cäcilie schüttelte den Kopf. »Etwa ich?« fragte Leo. »I Gott bewahre!« – sie sah zur Tür, machte eine Kopfbewegung und sagte: »Er!« »Linke?« Cäcilie nickte. »Er kennt die Leute und versteht mit ihnen umzugehen.« »Dafür verlangt er doch wieder ein Extrahonorar.« »Selbstredend!« erwiderte Cäcilie. Linke wurde noch einmal gerufen. Cäcilie trug ihm ihr Begehren vor. Er hörte es an und verzog keine Miene. Als sie geendet hatte und Linke noch unbeweglich stand, fragte Leo: »Kostenpunkt?« Linke wandte sich ab und sagte: »Pfui!« »Was ist?« fragten beide. Linke wandte sich zur Tür. »Ich bitt' Sie, bleiben Sie!« bat Cäcilie. »Dann bitte ich die gnädige Frau, nicht zuzulassen, daß man mich kränkt.« Leo und Cäcilie standen hilflos. »Es wird mir ein Vergnügen sein, den Verkehr zwischen Ihrem Herrn Sohn und den Röhrenschen Kindern zu vermitteln.« »Oh!« sagte Cäcilie. »Mich dafür bezahlen zu lassen, wäre geschmacklos.« Cäcilie sperrte den Mund weit auf. Leo schlug mit der Hand auf den Tisch und rief: »Da kenn' sich nu einer aus!« »Die gnädige Frau versteht mich,« erwiderte Linke. Cäcilie hatte keine Ahnung. Sie sah unsicher zur Erde, bewegte leicht den Kopf und sagte nicht eben laut: »Noblesse oblige.« Neuntes Kapitel. Linke ging in seine Wohnung, drückte seiner verblüfften Tochter Frida, deren Gewissen nicht das reinste war, schmunzelnd fünfzig Pfennige in die Hand, riß sämtliche Fenster weit auf und legte nicht nur äußerlich die Würde seines Hausmeisters ab, indem er den dunkelgrünen Frack mit seinem schwarzen Rock vertauschte, sondern stellte sich auch innerlich wieder so ein, wie er von Natur aus war: schlicht, unbestechlich und geradeaus. Er war erstaunt, wie schwer das war. Die Würde, die er sich auf Rat seines früheren Dienstherrn angelegt hatte, um sich seine Aufgabe, die Veredelung Raffkes, zu erleichtern, war ihm Gewohnheit geworden. Anfangs eine Last, die ihn drückte, wie ein Kragen, der eng und hoch ist, empfand er bald nicht mehr das Unbehagen, trug seine Würde vielmehr wie einen Schmuck, den man alle Tage anlegt und der einem fehlen würde, sollte man ihn einmal missen. – Das waren die Empfindungen Linkes, als er jetzt auf dem Wege zu seinem früheren Dienstherrn war. – Röhren, aus dem der finanzielle Zusammenbruch seinerzeit keinen anderen Menschen zu machen vermochte, war auch jetzt, wo er sich durch eigene Arbeit wieder emporgerungen hatte, derselbe geblieben. Linke wurde wie ein alter Bekannter empfangen. Es war nicht das erstemal, daß er kam. Zu den Geburtstagen der Kinder erschien er stets des Morgens als erster Gratulant und brachte irgendein kleines Geschenk mit, das er selbst verfertigt und das stets irgendeine persönliche Note hatte. Er saß dabei, wenn die Familie frühstückte, und erzählte, von den Kindern getrieben, tragikomische Szenen aus dem Hause Raffke, bis ihm Frau Röhren über den Mund fuhr und sagte: »Pfui, Linke! Das schickt sich nicht.« Linke entschuldigte sich und sagte: »Ich weiß! Aber ...« und er wies auf die Kinder, die sich vor Lachen die kleinen Bäuche hielten. So war Linke bei Röhrens ein Stück Familieninventar, das man nur bei feierlichen Gelegenheiten hervorholte. Möglich, daß es ein Zufall war, Tatsache war jedenfalls, daß an dem Tage, an dem Linke zu Röhrens ging, um Günthers Teilnahme an einem Tanzkursus zu erwirken, die jüngste Tochter, Suse, Geburtstag hatte. Und ebenso fest steht, daß sein Geschenk in Gestalt eines Puppenbades, das er in den letzten Nächten mit Hilfe seines Sohnes Paul gezimmert hatte, sehr viel großartiger war als die Gabe, die er sonst brachte. Auch war er heute durchaus nicht zu bewegen, komische Geschichten zu erzählen, und begründete, als die Kinder immer stürmischer in ihn drangen, seine Weigerung, indem er sagte: »Es kommt jetzt nichts mehr vor. Es geht genau so zu, wie in anderen herrschaftlichen Häusern.« Worauf die zehnjährige Suse erwiderte: »Gott, wie langweilig!« Und Linke hielt den Moment für geeignet, um seine Bitte vorzutragen. »Ja, ich möchte mir aus diesem Grunde sogar die Frage erlauben, ob es nicht möglich wäre, daß der junge Raffke an den Tanzkursen teilnimmt.« »Was für ein Gedanke!« wehrte Frau Röhren ab. »Wenn Sie mir Ihr Kind bringen, gern. Aber aus dem Hause?« – sie schüttelte den Kopf und sagte: »Nein!« »Ja!« erwiderte Röhren. »Meine Frau hat ganz recht. Tausendmal lieber sollen unsere Kinder miteinander verkehren – dagegen habe ich nichts! Aber mit den Leuten will ich nichts zu tun haben.« »Der Junge ist ganz anders,« sagte Linke. »Wenn auch,« erwiderte Röhren. »Aber das ganze Milieu! Denken Sie, die Stunden sind abwechselnd bei den einzelnen Teilnehmern. Ich müßte meine Kinder also auch in ihr Haus schicken.« »Himmlisch!« rief Suse. »Da lachen wir uns tot.« Und die andern Kinder stimmten mit ein und riefen: »Bitte, bitte, Papa, tu uns den Gefallen!« Aber Papa und Mama Röhren blieben unerbittlich. Bis Suse ihre Tasse hinstellte, den Kopf triumphierend hob und rief: »Nicht wahr, Papa, jeder, der Geburtstag hat, darf sich was wünschen?« »So ist es bei uns Brauch,« bestätigte Röhren. »Dann wünsche ich mir, daß der junge Raffke an unserer Tanzstunde teilnimmt.« Röhren kam in Verlegenheit. »Unvernünftige Wünsche braucht der Papa aber nicht zu erfüllen,« sagte Frau Röhren. »Was hat der junge Raffke verbrochen?« fragte Suse, und ihr Bruder fügte hinzu: »Sind wir zu schade für ihn?« »Nein!« erwiderte Röhren. »Ihr seid nichts Besseres als er. Jeder Mensch macht sich seinen Wert selbst durch das, was er leistet.« »Ist er so schlecht in der Schule?« fragte Suse. »Der beste Schüler,« erwiderte Linke, und die Kinder riefen: »Also!« Röhren dachte noch einen Augenblick nach, dann sagte er: »Gut, Suse! Dein Wunsch wird erfüllt Aber wenn der Junge etwa Unarten hat und einer von euch gewöhnt sie sich an, für den hat die Tanzstunde ein Ende. Wollt ihr's auf die Gefahr hin?« Alle riefen: »Ja!« und Suse meinte strahlend: »Wir werden ihm seine Unarten schon abgewöhnen.« Röhren nahm Linke beiseite. »Sind Sie etwa offiziell beauftragt?« fragte er ihn. »Ja« Röhren schüttelte den Kopf und dachte: »Ein sonderbarer Heiliger, dieser Raffke!« Dann wandte er sich wieder an Linke und sagte: »Also bestellen Sie, meine Frau und ich hätten nichts dagegen. Nur könnten die Stunden bei Raffkes nicht stattfinden, da darüber bereits verfügt sei.« Linke nickte verständnisvoll, verabschiedete sich und machte sich mit der frohen Botschaft auf den Heimweg. * »Sie haben schon wieder keinen Takt!« rief Tanzlehrer Quaritsch dem jungen Günther zu, der mit Suse Röhren am Arm seinen ersten Walzer tanzte. Günther wurde rot und unruhig und verlor nun jeden Kontakt mit der Musik. »Noch immer nicht!« wiederholte Quaritsch in gereiztem Tone. »Nicht die Spur von Gehör!« – Günther drehte sich alles vor den Augen. Er fühlte, wie er jede Gewalt über seine Beine verlor. »So lassen Sie ihn doch stehen, Fräulein Röhren!« rief der Tanzmeister. Aber Suse, die fühlte, wie Günther am ganzen Körper zitterte, ließ ihn nicht los, sondern flüsterte ihm zu: »Ich führe Sie!« »Nein! nein!« erwiderte Günther. »Sie sollen nicht!« und blieb stehen. Die jungen Mädchen und jungen Leute lachten. Günther ließ Suse los und verschwand mit puterrotem Kopf in einem der hinteren Zimmer. Suse sah ihm nach. Ein junger Mann trat an sie heran, verbeugte sich und fragte: »Darf ich?« Suse sah ihn an, überlegte einen Augenblick, überzeugte sich, daß Günther nicht zurückkam, sagte »ja« und tanzte. Frau Röhren, die das alles von weitem mit angesehen hatte, folgte Günther. Der war bis in das Arbeitszimmer des Herrn Röhren geflüchtet. Auf einem der tiefen Ledersessel saß er bedrückt, das Herz schwer, und hatte am liebsten laut aufgeschrien. Für Frau Röhren genügte ein Blick; dann wußte sie, was in dem jungen Manne vorging. Sich vor Menschen lächerlich zu machen, in deren Gegenwart man zum ersten Male im Leben den Wunsch hatte, zu wirken und etwas zu bedeuten, gehörte zu dem Bittersten, was ein junges Herz leiden konnte. Frau Röhren trat an Günther heran. »Aber, lieber Günther,« sagte sie in weichem Tone und legte ihre Hand auf seine Schulter. »So etwas nimmt man sich doch nicht zu Herzen! Was liegt daran, ob Sie gut tanzen oder nicht. Wenn Sie nur sonst ein tüchtiger Mensch werden.« Frau Röhrens Teilnahme tat Günther wohl. Er sah sie mit großen Augen an, nickte und sagte: »Nicht wahr?« Und Frau Röhren lächelte und erwiderte: »Ganz gewiß.« »Aber was – was soll aus mir werden?« fragte er zaghaft. »Wissen Sie's nicht? Nun, Sie haben noch Zeit! Das kommt schon noch. In Ihrem. Alter, da ändert man alle paar Wochen seine Entschlüsse.« »Aber ich hatte noch niemals einen.« »Gibt es denn gar nichts, wofür Sie besonderes Interesse haben?« Günther dachte nach: »Ich glaube nicht,« sagte er, und nach einer Weile fügte er hinzu: »Oder doch! – Ja!« »Nun?« fragte Frau Röhren. Günther sah sie treuherzig an und sagte: »Für die Menschen.« »Nun also,« erwiderte Frau Röhren. »Da gibt es dann doch eine ganze Menge von Berufen, in denen man sich mit ihnen beschäftigen, sie studieren und ihnen helfen kann.« »Das möchte ich schon.« »Als Arzt oder als Anwalt?« »Da ist es dann doch immer die Sache, um die es geht, und nicht der Mensch.« »Aber nur so werden Sie ihn kennen lernen. Nur in Verbindung mit seinen Taten. Es sei denn« – sie sah ihn an – »daß Sie ein Dichter sind.« Günther errötete und blickte zur Erde. »Aha!« sagte Frau Röhren. »Nun, in Ihrem Alter täuscht die eben erwachte Phantasie einem wohl leicht vor, daß man ein Dichter ist. Immerhin, man kann nicht wissen. Wenn Sie erst ein paar Jahre älter sind und noch immer den Glauben an sich haben und nicht wissen, wem Sie sich erschließen sollen, so kommen Sie zu mir.« »Darf ich das?« fragte er strahlend. »Gewiß! Nur weiß ich nicht, ob nicht Ihre Eltern vielleicht die Nächsten wären.« »Nein! nein!« widersprach Günther. »Die dürfen nichts wissen, die würden gleich einen Dichter aus mir machen, ohne daß ich etwas dazu tue.« Frau Röhren verstand das nicht. »Ja, wie sollte denn das geschehen?« »Sie haben es schon einmal versucht. Sie wollten einen Künstler aus mir machen. Ich mußte Violine spielen, stundenlang, Tag für Tag. Bis ich es nicht mehr ertrug und ihnen das Instrument vor die Füße warf.« Frau Röhren lächelte. »Das war tapfer!« sagte sie. »Machen Sie erst einmal Ihr Examen. Alles andere findet sich dann schon. Und statt auf dem Zimmer zu sitzen und Verse zu machen, da wandern Sie lieber mit Ihren Kameraden. Sie haben doch Freunde?« »Nein!« »Wie kommt das? Ist in Ihrer Klasse keiner, dem Sie sich anschließen könnten?« »Viele! Aber die gefallen meiner Mutter nicht.« »Kennt sie sie denn?« »Nein. Aber sie erkundigt sich nach allem Möglichen. Und etwas ist immer, woran es scheitert.« »Und es gibt keinen, der ihren Anforderungen genügt?« »Schon! Aber die gefallen mir nicht. Oder sie sind von oben herab und wollen von mir nichts wissen.« »Ich verstehe,« sagte Frau Röhren und schüttelte den Kopf. »Da tun Sie mir freilich leid. Sie haben also niemanden in Ihrem Alter?« Günther mußte verneinen. Dann sagte er: »Höchstens Frida, die Tochter unseres Hausmeisters.« »Und dagegen hat Ihre Mutter nichts einzuwenden?« fragte Frau Röhren erstaunt. »O ja! Aber Frida, die weiß schon.« »Schade, daß meine Jungen nicht in Ihrem Alter sind.« »Dürften die dann mit mir verkehren?« »Aber gewiß! Weshalb denn nicht?« »Und weshalb darf die Tanzstunde nicht bei uns sein?« Frau Röhren war einen Augenblick verlegen. Dann sagte sie: »Sehen Sie, die Eltern von den andern Teilnehmern, die kennen sich und verkehren miteinander.« »Sie kennen meine Eltern doch auch.« »Gewiß; aber die andern kennen sie nicht.« »Dann brauchen die doch nur ...« Er hielt plötzlich inne. »Was meinen Sie?« fragte Frau Röhren. »Seien Sie ganz offen; ich bin es auch.« »Ich wollte sagen, wenn meine Eltern zu Ihnen kämen, dann könnten sie doch die andern bei Ihnen kennen lernen.« »Das ginge,« erwiderte Frau Röhren. Eine Pause entstand. Dann fragte sie: »Liegt Ihnen daran?« Günther nickte. »Ich wünschte es mir.« »Aus welchem Gefühl heraus?« »Um nicht der einzige zu sein ...« Frau Röhren nahm seine Hand. »Ich verstehe!« sagte sie. Suse kam, vom Tanzen echauffiert, ins Zimmer. Sie blieb in der Tür stehen. »Was ist?« fragte Frau Röhren. »Damenwahl.« »Und du suchst Günther?« Beide erröteten. »Nun?« wiederholte Frau Röhren die Frage. Ein leises »Ja« war die Antwort. Günther stand auf und verbeugte sich. Suse legte ihren Arm in seinen. »Vielen Dank!« sagte er, als sie aus dem Zimmer gingen. »Lassen Sie mich den Takt angeben, Günther.« Er errötete und flüsterte: »Ja.« Frau Röhren sah ihnen nach. Sie kannte ihr Kind. Es fühlt wie ich, dachte sie, und hat Mitleid mit dem armen Jungen. Dann ließ sie sich durch den Diener mit den Eltern der Tanzstundenkinder, die alle in dem Alter von dreizehn bis sechzehn Jahren standen, verbinden. Sie teilte ihnen mit, daß die nächste Tanzstunde bei Raffkes stattfinden werde. Das überraschte alle und erfreute keinen. Aber es widersprach niemand. Denn sie verkehrten alle mit Röhrens und besaßen Takt. »Gut, Herr Raffke!« rief der Tanzmeister Quaritsch. »Ausgezeichnet sogar.« Suse fühlte, wie Günther sicher wurde. Sie überließ ihm die Führung. Der Musik folgend und federleicht glitt er nun, wo er seine Schüchternheit überwunden hatte, über das Parkett. »Wie gut das geht,« sagte Suse. »Und das nächste Mal ist die Tanzstunde bei uns,« erwiderte Günther. Suse blieb mitten im Takt stehen und sah ihn an. »Wer hat das bestimmt?« fragte sie erstaunt. »Ihre Mama!« Als die Stunde zu Ende war und der Salon bei Röhrens sich leerte, fiel Suse ihrer Mutter um den Hals, küßte sie und sagte: »Gute Mama!« Von diesem Tage an fühlte sich Günther, wenn er unter Menschen war, nicht mehr so unsicher. * »Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes,« sagte Frida zu Günther. »Wenn dir daran liegt, so zu tanzen, daß alle Mädel toll nach dir sind, dann mußt du mit mir nach Halensee hinauskommen, da lernst du's.« »Das kann ich nicht,« erwiderte Günther. »Hast du Furcht?« »Wovor, meinst du, sollte ich Furcht haben?« »Daß deine Mutter dahinter kommt? Oder deine Lehrer?« »Ich stehe vor dem Examen.« »Du wirst immer vor etwas stehen, was dich davon zurückhält, das Leben zu genießen und dein eigener Herr zu sein.« »Wie kommst du darauf?« »Das ist bei euch so. Die ewigen Rücksichten hemmen euch in allem, was ihr tut und was Freude macht – Na, wenn ich du wär'!« »Was tätest du?« »Ich ließ mich nicht tyrannisieren. Ich würde mein Leben genießen, auch wenn es den andern nicht paßt. Du bist schwermütig. Du mußt unter frohe Menschen gehen. Austoben! Austoben, mein Junge! Komm nur mit nach Halensee. Wir finden schon einen Grund, wenn sie dich nachher fragen, wo du warst. Du wirst sehen, wie das befreit und erleichtert.« Sie nahm ihn bei der Hand, und er stieg mit ihr auf die Elektrische, ohne daß er eigentlich einen Entschluß gefaßt hatte. Jede Woche verbrachte Günther von nun an mit Frida einen Abend. Und dieser Verkehr äußerte sich nicht nur darin, daß er bald der beste und beliebteste Tänzer war; er legte auch seine Schüchternheit ab, lernte urteilen, stellte Vergleiche an, gab sich Rechenschaft über jede Wahrnehmung, die er machte, traute nicht mehr den Worten, die jemand sprach, suchte hinter ihren wahren Wert zu kommen. Er forschte bei den kleinen Mädchen da draußen, die lächelnd mit ihm tanzten, was sie am Alltag trieben. Er sah hinter dem Schimmer von Glück, das sie sich hier für ein paar Stunden vorzutäuschen suchten, den großen Jammer, der sich, gleich schwer bei Bewußten und Unbewußten, nur in der Art unterschied, in der sie ihn trugen. Er stellte Vergleiche an mit zu Hause, wo man von alledem nichts wußte und wo doch der Gegensatz sich wie eine Provokation, laut und absichtlich, überall äußerte ... Er erkannte die Ungerechtigkeit und empfand sie als Sünde. Er suchte die Verantwortlichen und fand sich schuldig. Und sonderbar: wenn er bei Röhrens war, empfand er von alledem nichts. Hier schien alles unabsichtlich, daher natürlich und selbstverständlich. Es sich anders vorzustellen, war ihm undenkbar. Nie kam ihm der Gedanke, den armen Mädchen, für die er so tiefes Mitgefühl hatte, Suse Röhren gegenüberzustellen. Aus diesem Zwiespalt der Gefühle, die der Instinkt ihm wies, wußte er keinen Ausweg. Dazu reichte der Intellekt seiner jungen Jahre, der Besitz an Erfahrungen nicht. Schon möglich, daß Frida, die ihm in allem so weit voraus war, auch das wußte. Aber von Röhrens sprach er mit ihr nie und ging auch allen Fragen aus dem Wege, die sich darauf bezogen. – Frida entging das nicht. Da Günther jetzt nicht nur Tanz-, Reit- und Fechtstunden hatte, sondern auch mit den jungen Leuten verkehrte, die er bei Röhrens kennen lernte, so ließ ihm Cäcilie völlige Bewegungsfreiheit. Nun, wo es ihr gelungen war, ihn in Kreise hineinzuschieben, die selbst ihr bis heute verschlossen blieben, kam ihr gar nicht der Gedanke, daß ihr Sohn die Tochter ihres Domestiken noch beachten könnte. Und als Linke eines Morgens Cäcilie bat, seine Tochter Frida, die nun dank der Güte des Herrn Raffke perfekt in Stenographie und Schreibmaschine, französischer und englischer Korrespondenz sei, doch in dem Verlage der »Neuen Gesellschaft« unterzubringen, hatte sie keinerlei Bedenken, rief bei ihrem Bruder, dem Assessor, an und empfahl Frida mit warmen Worten. »Warum gerade bei mir?« fragte Alfred. »Dein Mann hat doch weit eher eine Verwendung.« »Sieh sie dir an!« erwiderte Cäcilie. Und der Assessor meinte: »Ach so! Natürlich! Schick sie nur her.« – Als Frida eine halbe Stunde später in sein Privatkontor trat, stand er, sehr gegen seine Gewohnheit, auf, verbeugte sich leicht, streckte ihr die Hand hin und sagte: »Na, wir sind ja alte Bekannte.« Frida sah ihn groß an. »Ich kenne den Herrn Assessor schon – wenigstens vom Sehen. Aber daß der Herr Assessor mich kennt ...« »Selbstredend!« unterbrach er sie. »So etwas übersieht man nicht. Also, wo wollen Sie arbeiten?« Frida verstand ihn nicht. »Bei mir oder bei Herrn Raffke? Oder bei dem Maestro?« »Wo ich am meisten Geld verdiene,« antwortete Frida. »So! so!« sagte der Assessor und schien etwas gekränkt. »Die Person spielt demnach keine Rolle? Auf gute Behandlung legen Sie keinen Wert?« »Gewiß!« »Nun also! Sie gefallen mir! Das geschieht nicht oft, daß eine von den Damen mir gefällt« »Aber Sie wissen ja noch gar nicht ...« »Selbstredend weiß ich. Das hab' ich im Gefühl. Dafür habe ich Blick und Erfahrung. Also engagiert! Anfangsgehalt hundertfünfundzwanzig Mark. Ihre Arbeitszeit richtet sich nach meiner. Das ist hier nicht wie im Aufschnittjeschäft: um achte jeht de Rolljalousie hoch und um sieben abends rollt sie wieder nach unten. Hier wird mit'm Jehirn jearbeitet – na, und wenn Zeit und Laune danach sind, allenfalls mit'm Jemüt. Was meinen Sie dazu?« »Ich ziehe das Gehirn vor, Herr Assessor!« »So?« fragte er erstaunt. »Darf man wissen warum?« »Weil es sich bei Leuten Ihres Standes und Ihrer Bildung nicht so schnell verbraucht wie das Herz. »Sieh einer an! Haben Sie schon Erfahrung?« »Nein!« »Ehrenwort?« »Ehrenwort!« »Und die ganze Zeit über in der Handelsschule? Wie war's denn da mit der Versuchung?« »Wer sie nicht sucht, geht ihr aus dem Wege.« »Und Sie meinen ... wenn Sie bei mir arbeiten ... daß Sie ihr dann auch ... aus dem Wege gehen?« »Falls ich es nötig habe, gewiß!« »Na, und was ist mit Ihnen sonst los? Sie korrespondieren französisch und englisch?« »Perfekt.« Der Assessor drückte auf einen Knopf. Ein Herr im Cutaway erschien. »Herr Doktor Linden, mein Privatsekretär – Fräulein Linke,« stellte der Assessor vor. »Der Herr Doktor ist Ihr unmittelbarer Vorgesetzter. Das heißt,« wandte er sich wieder zu Doktor Linden, »das Fräulein ist für meine persönlichen Dienste, wird also nicht mit Redaktionsarbeit beschäftigt.« Doktor Linden verbeugte sich: »Sehr wohl, Herr Assessor.« »Fräulein Scheffer räumt ihr Zimmer und rückt in den Saal.« »Demnach soll Fräulein Linke ...« »In Fräulein Scheffers Zimmer!« ergänzte der Assessor. »Ihre Kombinationsgabe ist bewundernswert.« Doktor Linden errötete. »Herrn Raffke brauchen Sie die Dame nicht vorzustellen – nicht wahr,« wandte er sich an Frida, »er kennt Sie?« »Ich bin sein Patenkind.« Doktor Linden sperrte den Mund auf. »Sie wissen also Bescheid,« sagte der Assessor. Doktor Linden verbeugte sich nach beiden Seiten, riß die Tür auf, ließ Frida vorangehen und verschwand. Der Herr Assessor saß noch ein paar Minuten in Gedanken, ehe er wieder an die Arbeit ging. »Gewandt wie eine Weltdame, Typ wie meine Schwester, gescheit wie ich: Wenn ich der in meiner Familie begegne, halte ich sie für ...« Er hielt in seinem Gedankengang inne, dachte an seinen Schwager Leo und stellte sich Emma, Günthers Amme, vor. Dann schüttelte er den Kopf, lachte laut auf und sagte: »Nein! Das ist ausgeschlossen.« Zehntes Kapitel Mit den Worten »Ich hab's!« stürzte Cäcilie, einen Bogen in der Hand, ohne sich anzumelden oder auch nur anzuklopfen, in die Redaktionsstube des Maestro. Der sprang auf, riß den Arm hoch und rief: »Ich schwöre! Bei der Liebe zur Kunst, es ist Verleumdung! Alles, was man gegen mich sagt, ist Lüge!« »Wie? Was?« fragte Cäcilie erstaunt und sah verdutzt zu der zum Schwur erhobenen Hand des Maestro empor. »Was es auch ist!« rief jetzt Cäcilie... »Kommen Sie zu sich! Woran leiden Sie? Sie machen mich ängstlich.« Langsam glitt die Schwurhand des Meisters herab. Cäcilie trat nahe an ihn heran. »Maestro!« wiederholte sie sanft, nahm seine Hand und redete ihm zu: »Sie sind im Fieber.« »Möglich!« sagte er. »Sogar wahrscheinlich.« Und mit einem scheuen Blick auf das Papier in ihrer Hand fragte er: »Anonym?« »I Gott bewahre! Von meinem Sohn. Verse!« »Verse?« wiederholte der Maestro und schöpfte Atem. »Und ich dachte...« »Was dachten Sie?« »Oh, was denkt man nicht alles! Die Phantasie geht mit einem durch. Dafür ist man Künstler.« »Ich bin so glücklich!« »Ich auch!« »Er hat keine Ahnung davon, daß ich es habe. Es steckte in seinem Hausrock. Ganz zerknittert Beinahe hätte ich es fortgeworfen. Denken Sie, Maestro!« »Oh!!« »Wollen Sie hören?« »Ich muß wohl ...« »Wie?« fragte sie kurz. »Ich meine, besser wäre wohl, ich lese die Verse selbst, ich lese sie Ihnen, der Welt! Vorausgesetzt, daß sie es verdienen.« »Das will ich meinen!« sagte Cäcilie und reichte ihm das Papier. Der Maestro strich sich das Haar aus der Stirn, trat ein paar Schritte zurück, schloß erst die Augen, öffnete sie wieder und las: »Weich liegst du in seidenen Kissen, Es fließt das lockige Haar Dir über Stirn und Wange Und über dein Augenpaar. Unter dem Spitzenhemdchen, Mit dem Duft deines Körpers getränkt, Schimmern die weißen Brüste, An die ich mich jubelnd gehängt. Und meine Hände tasten Zärtlich an dir empor. Stille, heilige Stunde, In der ich an dich mich verlor.« »Alter?« »Wessen?« »Günthers!« »Achtzehn!« »Alle Achtung!« »Sie meinen also ...?« »Unbedingt!« »Wo rangieren Sie ihn ein?« »Was heißt das?« »Goethe? Schiller? Heine? Rideamus? – Ich meine, welche Schule?« »Höhere Töchter ... ä... ä,« verbesserte er schnell. »In die Schule der Frühreifen.« »Ist das die Renaissance?« fragte Cäcilie zaghaft. »Ungefähr! – Das heißt, etwas später oder früher. Wie man es nimmt.« »Am Ende ist es gar eigene Schule?« »Wie, bitte?« »Nu, ich mein' nur, daß man ihn vielleicht als eine neue Epoche, als Gründer einer neuen Schule anspricht; ginge das nicht?« »Gewiß! Warum nicht? Das ginge schon.« »Maestro!« rief Cäcilie begeistert. Das Schreibmaschinenfräulein nebenan horchte auf. »Am Ende, daß man das ganze Zeitalter nach ihm ...« »Das käme drauf an, wie er sich weiter entwickelt.« »O wenn doch!« sagte sie aus vollem Herzen. »Zunächst 'mal ist zu erwägen, in welcher Form man das Poem am zweckmäßigsten ausnutzt. Am besten erscheint mir, man schreibt eine Operette um es herum. Ob man das Gedicht in seiner Totalität dazu verwenden kann, erscheint mir allerdings fraglich. Immerhin: die eine oder andere Idee daraus ließe sich verwerten. Ein mir nahe stehender Verlag hat eine ganze Reihe von Textdichtungen liegen, die er mit sämtlichen Rechten erworben hat. Aus ihrer Gesamtheit ließe sich, falls Sie die Herstellungskosten tragen, schon etwas machen.« »Selbstverständlich zahle ich!« sagte Cäcilie. »Für Günthers Ruhm scheue ich keine Kosten.« »Freilich, zum Couplet eignet sich das Poem nicht. Aber es läßt sich ändern. Hauptsache ist eine wirkungsvolle Musik. Ich werde mich noch heute mit Holl in Verbindung setzen. Der hat immer ein reich assortiertes Lager. In vierzehn Tagen ist die Operette fix und fertig. In sechs Wochen kann die Premiere sein. Was meinen Sie, wie das zieht: ein Textdichter von achtzehn Jahren.« »Wunderbar!« rief Cäcilie ... »Und Günther? Soll ich ihn Ihnen schicken?« Der Maestro dachte nach. »Besser, wir stellen ihn vor eine fertige Sache. Vielleicht, daß Sie seine Anzüge noch weiter auf derartiges Material hin untersuchen. Notwendig an sich ist es natürlich nicht. Aber Sie kennen ihn; er ist übertrieben penibel. Je umfangreicher seine Zutaten sind, umso weniger Bedenken wird er haben, das Werk mit seinem Namen zu decken. Sie verstehn: er gehört zu den sonderbaren Käuzen, die als Voraussetzung für Erfolg und Berühmtheit Leistungen fordern. Eine ganz veraltete Methode, an die heute eigentlich nur noch die kleinen Leute glauben.« »Ja!« stimmte Cäcilie bei. »Ich wundere mich oft darüber, wie es möglich ist, daß ein Junge aus unserem Milieu derartig rückständige Ansichten hat. Wie gut, daß Sie ihn verstehen! Sie werden schon einen Menschen, der in die Zeit paßt, aus ihm machen. Ich sage ihm also nichts und Sie bereiten alles vor.« Der Maestro versprach's. Cäcilie verabschiedete sich und ging. * Eines Nachmittags ließ Cäcilie ihren Sohn, der Oberprimaner war und mitten in der Examensarbeit steckte, nach vorn rufen. Im Salon saßen der Maestro und ein fremder Herr; dem Äußern nach ein Verkäufer in der Abteilung Decken en gros der Firma Raffke \amp; Cie. Der Maestro begrüßte Günther und stellte vor: »Herr Viktor Grün, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Textdichter und Dramaturg des Verlages ›Symphonie‹ – Herr Raffke junior, ein zwar noch unbeschriebenes, aber verheißungsvolles Blatt.« »Nach der mir vorgelegten Probe: kostbares Bütten,« erwiderte Grün. Günther, vor dem angesichts des Maestro immer die Erinnerung an die qualvolle Zeit der Violine aufstieg, erwiderte den Gruß nicht ohne Mißtrauen, das sich noch steigerte, als Cäcilie sagte: »Setz' dich, Günther, die Herren kommen deinetwegen.« »Ja, mein lieber, junger Freund,« begann der Maestro. »Und zwar ist der Grund ein für alle Teile gleich angenehmer.« Günther sah ihn ängstlich an. »Ich bin gänzlich unmusikalisch!« wehrte er, Schlimmes ahnend, ab. »Doch wohl nicht,« widersprach Viktor Grün und machte dabei die Bewegung eines Konfektionärs, der mit vollendeter Grazie einen Stoff entfaltet. »Doch! doch!« versicherte Günther. Viktor Grün wiederholte seine unverständliche Geste. »Wenn so aus dem Vollen heraus die Verse strömen,« sagte er. Günther sperrte vor Staunen Mund und Augen auf. »Was für Verse?« fragte er hastig. Viktor Grün deklamierte: »Weich liegst du in seidenen Kissen, Es fließt das lockige Haar Dir über Stirn und Wange Und über dein Augenpaar.« Günther kannte die Verse nicht. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Von mir sind sie nicht.« Der Maestro und Cäcilie sahen sich an. Viktor Grün griente verschmitzt. »Ich gebe Ihnen mein Wort,« versicherte Cäcilie, »daß ich die Verse ...« Viktor Grün winkte ab. »Ich bitt' Sie, gnädige Frau, völlig belanglos. Hauptsache bleibt der Succés.« »Nun,« vermittelte der Maestro, »Sie geben doch zu, Herr Günther, daß Sie in Ihren schwachen, oder besser: in Ihren starken Stunden hin und wieder ein Poem machen?« »In meinem Alter macht man Gedichte, ohne sich 'was Besonderes dabei zu denken.« »Bravo!« rief der Maestro. »So schafft der Dichter! Lediglich aus dem Gefühl und ohne Mittlung des Verstandes. Und so schließen wenige Verse eines echten Poeten oft eine ganze Welt in sich. Sie geben dem, der sich in sie versenkt, Stoff und Anregung für eine ganze Dichtung.« »Sie haben sie mir gegeben,« versicherte Viktor Grün mit falschem Pathos. »Ich habe in zehn Jahren siebenunddreißig Operettentexte gemeinsam mit anderen Dichtern von Rang verfaßt. Keiner meiner Mitarbeiter hat mich angeregt, wie Sie, Herr Raffke. Ich bin stolz, bei dieser Operette, die alles Schöne und Große und Edle, was sie enthält, Ihnen verdankt, meinen Namen bescheiden neben den Ihrigen setzen zu dürfen. Wenn es mir gelang, die Stimmung, die ich aus Ihrem Poem schöpfte, in dies Werk zu übertragen, dann sind wir des Erfolges sicher.« »Das gleiche wird der Komponist Ihnen sagen,« erwiderte der Maestro. »Er hat um Ihre Verse herum die Musik geschrieben, und so entstand diese Operette« – dabei entfaltete er ein umfangreiches Manuskript – »die, wenn auch nicht dem Wortlaut, so doch dem Geiste nach, Ihr Werk ist.« Günther glaubte zu träumen. Er nahm mechanisch das Manuskript, das der Maestro ihm reichte, und las auf der ersten Seite: »Die fesche Samoanerin, Operette in einem Vorspiel und drei Akten von Günther Raffke und Viktor Grün, Musik von Oscar Holl.« Günther faßte sich an den Kopf. »Träum' ich?« fragte er sich und blätterte in dem Manuskript. Es waren hundertdreiundzwanzig mit Maschinenschrift beschriebene Seiten, in die viel hinein verbessert war. »Ich kann Ihnen auch die erfreuliche Mitteilung machen,« sagte der Maestro, »daß der Direktor der Residenzbühne die Operette bereits erworben hat und sie als nächste Novität in erster Besetzung herausbringen wird.« Günther sah jetzt abwechselnd Viktor Grün und den Maestro an. »Und Gedichte von mir, sagen Sie, sind die Anregung zu dieser Operette?« Wie aus einem Munde sagten beide: »Ja!« Und Cäcilie nickte ihm zu und rief: »Nun, Günther, was sagst du? Bist du nicht stolz?« »Ich begreife noch immer nicht,« erwiderte er zögernd, »meine Gedichte, die sind doch verschlossen. An die kann doch niemand heran.« Eine peinliche Pause entstand. Dann sagte Cäcilie: »I Gott bewahre!« »Doch! doch!« versicherte Günther mit aller Bestimmtheit. »Ich kann es euch zeigen. In meinem Schreibtisch liegen sie, unter dem Prometheus.« »Prometheus?« fragte der Maestro. »Ja! Unter einem Stück, das ich in den großen Ferien geschrieben habe.« Cäcilie sperrte den Mund weit auf. »Maestro!« rief sie. »Haben Sie gehört, er hat ein Stück geschrieben!« Der Maestro nickte mit dem Kopf. »Ich wußte es ja längst,« rief Cäcilie, »daß du ein Dichter bist!« »Ich bin natürlich bereit, auch daraus eine Operette zu machen,« erbot sich Viktor Grün. »Es ist eine fünfaktige Tragödie,« erklärte Günther. Viktor Grün schüttelte überlegen den Kopf und sagte: »Wenn schon, das macht mir gar nichts.« »Kennen Sie sie denn?« fragte Günther. »Unter uns, Herr Raffke, ob die fünfaktige Tragödie eines Primaners nun »Prometheus« oder »Hero und Leander« heißt, was macht das aus? Es kommt im Grunde ja doch auf dasselbe heraus. Gewinnen tun solche Dinge stets, wenn ein bühnenkundiger Mann sie umarbeitet – Sie sehen es ja an den Gedichten: Hätten Sie je geglaubt« – und er hielt jetzt das Manuskript, das Günther ihm zurückgegeben hatte, in der Hand – »daß das daraus werden könnte?« Günther sagte aus voller Überzeugung: »Nein! – Aber wie Sie an meine Gedichte herangekommen sind, die Frage, bitte ich Sie mir zu beantworten.« Der Maestro und Viktor Grün wiesen auf Cäcilie. »Durch Ihre Frau Mutter,« erwiderten beide. Cäcilie war sich bewußt, daß der Ruhm ihres Sohnes auf dem Spiele stand. Denn wenn Günther erfuhr, daß lediglich das eine Gedicht, das sie in seinem Rock gefunden hatte, die Unterlage für die dreiaktige Operette war, dann protestierte er gegen die Autorschaft. Also war es ihre Pflicht als Mutter, zu einer Notlüge zu greifen. »Ja, Günther,« sagte sie beinahe bittend, »ich habe sie, während du in der Schule warst – du hattest wohl vergessen, den Schreibtisch zu schließen – abgeschrieben.« »Wie konntest du wissen ...?« »Gott, eine Mutter, die ahnt. – Und dann, du weißt ja, ich hatte schon immer das Gefühl.« »Wenn es so ist,« erwiderte Günther, »dann habe ich ja allen Grund, mich zu freuen.« Der Maestro trat an Günther heran: »Ich will dem Urteil des Publikums und der Kritik nicht vorgreifen,« sagte er. »Aber als Ihr ehemaliger Lehrer glaube ich doch, Ihnen sagen zu dürfen, daß ich stolz auf Sie bin.« »Und wirklich aufgeführt wird es?« fragte Günther. »In vier Wochen ist die Premiere.« »Und Sie geben mir Ihr Wort, daß Sie auf Grund meiner Gedichte ...?« wandte sich Günther an Viktor Grün. »Mein Ehrenwort, daß ich von selbst nie auf die Idee gekommen wäre!« »Dann kann ich also mit gutem Gewissen meinen Namen darauf setzen?« – Und er wies auf das Manuskript, das vor ihm auf dem Tisch lag. »Das kannst du,« sagte Cäcilie. »Aber lesen muß ich es, um mich davon zu überzeugen.« »Ich bitt' Sie, Günther, jetzt, wo Sie mitten im Examen stecken,« wehrte der Maestro ab. »Ich mein' auch, dazu hast du noch immer Zeit,« stimmte Cäcilie ihm bei. »Jetzt, wo du den Kopf so schon voll hast, verwirrt es dich bloß.« »Ja, ja!« sagte Günther. »Gewiß, das ist wahr.« »Es ging besser, als ich dachte,« flüsterte Cäcilie dem Maestro zu, als er sich von ihr verabschiedete. Das Examen lag eines Tages hinter ihm. Er hatte es bestanden. Mit Auszeichnung und unter Befreiung vom Mündlichen. Nun erst brachte »Die Neue Gesellschaft« eine Notiz, die in die anderen Blätter überging: Ein achtzehnjähriger Bühnendichter. Der Text zu der neuen Hollschen Operette, die an der Residenzbühne ihre Uraufführung erlebt, stammt von Viktor Grün und dem achtzehnjährigen Sohne des bekannten Großindustriellen Leo Raffke.« Das übte eine starke Wirkung weit über die Bühnenkreise hinaus. Cäcilie, für die Holl und Mozart verwandte Begriffe waren, genau wie der Unterschied zwischen Heinz Tovote und Friedrich Schiller für sie lediglich zeitlicher Natur war, lebte sich schnell in die Rolle der Dichtermutter hinein. »Wir müssen uns jetzt doppelt zusammennehmen,« sagte sie zu Leo, »denn wir gehen mit unserem Sohne in die Nachwelt über.« »Was tun wir?« fragte Leo ängstlich. »Hast du nie etwas von Goethes Mutter und der Frau von Stein gehört?« »Nein,« versicherte Leo. »Schlimm genug.« »Wer ist das?« »Nun,« erwiderte Cäcilie, »wie soll ich dir das erklären? Das hat man im Gefühl. Ich wenigstens hab's und ich weiß daher auch, was ich meinem Nachruhm schuldig bin.« »Um so besser!« sagte Leo. »Dann erledige du das! Möglichst auch für mich mit. Ich hab' für derartige Dinge weder Zeit noch Sinn.« Cäcilie zog verächtlich die Schultern in die Höhe: »Eine nette Rolle wirst du 'mal in der Geschichte spielen.« »Dann kann ich mir auch nicht helfen,« erwiderte Leo. »Ich kann aus meiner Haut nicht heraus und bleibe bei meinen Fellen.« – Frau Röhren beurteilte den Fall schon anders. Sie las des Morgens beim Frühstück die Notiz und sagte: »Sonderbar! Wenn es ein Gedichtbuch wäre oder ein Stück. Ich glaub' schon, daß in ihm etwas steckt. Aber den Text zu einer Operette? Unbegreiflich! Dazu gehört doch vor allem Geschäftssinn und Routine.« »Na, die dürfte er ja von seinem Vater her haben,« meinte Röhren. Und seine Frau erwiderte: »Ich glaube, daß er seinem Vater sehr wenig ähnlich ist.« »Das glaube ich auch,« sagte Suse. Röhrens sahen sich an. »Kennst du Herrn Raffke denn?« fragte der Vater. »Nein, aber ich kenne Günther.« »Spricht er dir viel von seinem Vater?« Suse schüttelte den Kopf: »Nie.« »Nun also, dann weißt du doch nicht, wie er ist.« »Er spräche gewiß von ihm, wenn er anders wäre.« »Wie meinst du das – anders?« »So wie Günther – oder wie du.« Frau Röhren fuhr ihr zärtlich über das weiche Haar, lächelte gütig und sagte: »Ganz recht, mein Kind. Du hast es im Gefühl.« Aber dem alten Röhren behagte das nicht. Er sah Suse scharf an und sagte: »Nein! Vater und Sohn, das läßt sich nicht trennen.« Suse beugte sich über den Tisch und wurde rot. Alle Welt beglückwünschte schon auf die Notiz hin Günther. Für die sehr jungen Mädchen aus den Röhrenschen Kreisen, in denen er bisher doch immer eine Art Außenseiter gewesen war, bekam er plötzlich eine starke persönliche Note, die fast ins Mystische ging. Die Bühne hatte an sich schon für sie etwas reizvoll Geheimnisvolles. Und nun gar die Residenzbühne, die ihnen verschlossen war und auf der man jetzt ein Stück von ihm vorbereitete! Kein Wunder, wenn der Zauber des Geheimnisvollen sich jetzt auf ihn übertrug, und daß ihre jungen Herzen keusch erbebten, wenn sie tanzend in seinen Armen hingen. Aber auch für die jungen Leute war er nun ein anderer. Keiner schnitt ihn mehr. Der Qualitätsunterschied der Familie war für sie mehr als ausgeglichen. War doch die Möglichkeit gegeben, daß die Welt der Bühne, das Land der Sehnsucht, das alle männliche Jugend mit der Seele sucht, sich ihnen erschließen würde. So wurden sie seine Freunde, die bewundernd zu ihm aufsahen. Am meisten aber strahlte Frida. Als Günther sein Examen machte, waren die Proben schon in vollem Gange. Frida hatte das durch telephonische Anfrage in Erfahrung gebracht und war an einem der nächsten Vormittage unbemerkt in den dunklen Zuschauerraum geschlüpft. Hier saß sie von nun an jeden Tag, ließ keinen Blick von der Bühne und kannte bald jede Szene, jede Melodie, jeden Tanz. Es achtete niemand auf sie, und wer sie sah, hielt sie für irgendeine der vielen Angestellten, die zum Theater gehörten. »So!« sagte Frida, als Günther sein Examen bestanden hatte. »Und nun reden wir 'mal von was anderem als ewig von Horaz und dem dummen Homer. Ich habe mir das nun lange genug mit Rücksicht auf dein Examen mit angehört. Jetzt haben die toten Dichter abgewirtschaftet! Es lebe das Leben!« Und dabei wies sie auf ihn. »Ihr macht mich noch alle ganz verrückt!« wehrte Günther ab. »Erst muß man doch abwarten, was wird, ehe man feiert.« »Na, soviel kann ich dir sagen,« erwiderte Frida, »wenn du, statt mit der Faust dazwischen zu fahren, noch lange abwartest, dann wird aus der Feier ein Begräbnis.« »Was bedeutet das?« »Daß deine Operette abstinkt, wenn die amerikanische Miß die fesche Samoanerin spielt.« »Was ist das für'n Ausdruck?« rief Günther entsetzt. »Kind!« spottete Frida. »Das kennst du nicht? Das ist das dritte Wort des Direktors, wenn ein Sänger oder eine Sängerin den Mund auftut.« »Ja, woher weißt du denn das?« »Weil ich keine Probe versäumt habe.« »Du?« fragte er ganz erstaunt. »Du kannst beruhigt sein. Die beiden ersten Akte stehen. Im dritten hapert's noch. Aber die amerikanische Miß, die hätte Probiermamsell oder Stenotypistin bei deinem Onkel, dem schönen Alfred, werden sollen. Da paßt sie hin. Aber nicht zur feschen Samoanerin, dazu braucht's Temperament, wie ich eins habe. Da! paß' auf!« – Und Frida schürzte sich behend den Rock hoch und tanzte dem erstaunten Günther zwischen der Garage und dem Palmenhaus der Raffkeschen Villa eine Art Czardas vor, der nicht von schlechten Eltern war. Günther sperrte Mund und Augen auf. »Woher kannst du das?« fragte er. »Weil ich drei Wochen lang mit angesehen habe, wie der Tanzmeister sich mit der Rex abgequält hat. So! Und nun geh' ins Theater und besetz' die Rolle um, wenn du Schneid hast.« »Ja, wieso warst du denn ...? – Ich denke, du arbeitest in der Redaktion der ›Neuen Gesellschaft‹?« »Man kann doch auch 'mal aussetzen und krank sein.« – Elftes Kapitel. Der nächsten Probe wohnte Günther bei. Frida saß wie immer im Hintergrund auf einer der letzten Parkettreihen. »Lieber Herr Raffke,« sagte der Direktor, nachdem er Günther den Hauptdarstellern vorgestellt hatte, »am besten, Sie setzen sich ganz ruhig ins Parkett und sehen sich die drei Akte einmal hintereinander an, um zu sehen, ob auch alles so ist, wie Sie es sich beim Schreiben gedacht haben. Aber ich sage Ihnen gleich: das Stück steht, einschneidende Änderungen sind ausgeschlossen.« Günther setzte sich ruhig hin und sah sich die drei Akte einmal hintereinander an. Frida war ein paar Bänke weiter nach vorn gerückt. Viktor Grün erschien Und begrüßte Günther. »Na, Kollege, lassen Sie sich auch 'mal sehen? Was sagen Sie zu dem Finale? Endlos, was? Aber glauben Sie, dieser Holl opfert einen Takt? Eher streicht er uns den halben Dialog.« »So! so!« erwiderte Günther. »Übrigens, wie gefällt Ihnen die Rex? Hübsche Person! Aber keine Stimme und ohne Charme. Amerikanisch steif. Man versteht kein Wort, wenn sie singt. Passen Sie auf, wie sie beim Duett im zweiten Akt abstinkt! Das wäre ein Schlager bei richtiger Besetzung! Aber der Direktor hat's gut, auf sie zu stehen. Er wird sein Wunder mit ihr erleben. Ich kenne die Kritik.« Frida kicherte beifällig. Viktor Grün wandte sich um. »Da ist ja wieder die reizende Puppe,« sagte er laut und nickte ihr zu. »Kennen Sie sie?« Jetzt sah sie auch Günther. »Frida!« sagte er freudig und gab ihr die Hand. Viktor Grün stellte sich vor. »Auch vom Bau, mein Fräulein?« fragte er freundlich. »Ja!« rief sie kühn. »Das heißt, ich studier' noch.« Grün umfaßte sie mit einem Blick. Dann schnalzte er mit der Zunge und sagte: »Große Zukunft – wer ist Ihr Lehrer?« »Viktor Grün,« gab sie zur Antwort. Er sah sie groß an und fragte sich: Wo steckt da der Witz. Er fand ihn nicht, wollte aber nicht unhöflich scheinen, lachte daher und rief: »Ausgezeichnet!« Das verstand nun wieder Frida nicht. Und da sie weniger konventionell war, so fragte sie: »Wissen Sie denn, wieso Sie mein Lehrer sind?« Er schüttelte den Kopf. »Weil ich Sie seit drei Wochen von hier aus beobachtete.« »Nicht möglich!« »Sie können sich ja davon überzeugen.« »Auf welche Art?« »Indem Sie mich auf die Bühne stellen.« »Als was?« »Als was Sie wollen. So gart wie die mach ich's auch,« und dabei wies sie auf die Hauptdarstellerin, Miß Rex, die eben an der Seite des Direktors an Günther herantrat und sich ihm vorstellen ließ. »Mister Raffke,« sagte sie und gab ihm die Hand. »Das Textbook for die fesche Samoanerin ist das beste von alle Textbücher, wo ich habe gesehen in die letzten zehn Jahre. Ich bin glücklich zu singen die Rolle von das Haupt in die Samoanerin. Hoffentlich ich bin nach Ihrem Gesmack.« »Danke sehr!« erwiderte Günther und verbeugte sich. – Der zweite Akt mit dem großen Auftritt von Fräulein Rex war mitten im Gange. Die schöne Samoanerin tanzte. Der Ballettmeister rang verzweifelt die Hände. »Tempo! Tempo!« rief er und gab mit den Füßen den Takt an. »Eins! zwei! drei! Eins! zwei! drei!« zählte er schnell hintereinander. Dann brach er ab und rief zur Musik herunter: »Schluß!« Und zu Fräulein Rex gewandt, sagte er: »Sie tanzen nicht, sondern watscheln wie eine Ente!« »Direktor!« schrie Miß Rex und drohte mit einem hysterischen Anfall. Sie riß in kurzen Zwischenräumen den Mund auf und schnappte nach Luft. »Was fällt Ihnen ein, Tanzmeister!« brüllte der Direktor. »Ich bitt' mir aus, daß Sie Miß Rex wie eine Dame behandeln.« »I was!« rief jetzt vom Dirigentenpult her der Komponist. »Der Tanzmeister hat recht! Sie schmeißt uns die ganze Operette. Singen kann sie nicht, tanzen kann sie nicht!« »Umbesetzen!« brüllte jetzt Viktor Grün, der noch immer neben Frida stand. »Ausgeschlossen!« erwiderte der Direktor. »Miß Rex ist für die Rolle engagiert und bringt für 50 000 Mark Toiletten mit.« »Dann stecken Sie eine andere in die Toiletten!« brüllte der Komponist. »No, no, no, no!« japste Miß Rex und führte ihr Spitzentuch vor den Mund. »Jo, jo, jo, jo!« erwiderte Viktor Grün. »Wir finden ja keinen Ersatz mehr,« vermittelte ihr Partner, der froh war, wie stark seine Leistung von der der Miß Rex abstach. Da griff Frida beherzt nach der Hand Viktor Grüns und sagte leise: »Ich! – Bitte versuchen Sie's!« Grün schwankte einen Augenblick. Dann rief er: »Das Fräulein hier ist bereit, den Versuch zu machen.« Alle wandten sich ihr zu. »Wer sind Sie?« fragte der Direktor von der Bühne herab. Aber Frida lief, statt zu antworten, die kleine Treppe zur Bühne hinauf, trat an die Rampe und rief dem Komponisten zu: »Den Tanz!« Der Komponist hob den Taktstock, die Musik setzte ein, und Frida tanzte mit einer Hingabe und einem Feuer, daß der Tanzmeister die Arme hochschmiß und vor Vergnügen abwechselnd von einem Bein auf das andere sprang. Als der Tanz zu Ende war, brachen alle in lauten Beifall aus. Nur Miß Rex war verschwunden – und kehrte nicht wieder. Frida spielte die Rolle weiter und riß alle mit sich fort. »Nun?« fragte Viktor Grün nach Schluß des zweiten Aktes den Direktor. »Hab! ich'n Blick? Was sagen Sie zu meiner Schule?« »Lieber Grün,« erwiderte der Direktor. »Mein Kompliment!« Dann ließ er Frida in sein Büro kommen, sagte ihr eine Menge Freundlichkeiten und machte mit ihr einen Vertrag. »Unter welchem Namen wollen Sie auftreten?« fragte er sie. »Frida Linke, das klingt nicht weiter anreizend.« »Allmächtiger!« rief jetzt Frida und dachte zum ersten Male an ihren Vater. »Das ist ja unmöglich.« Sie gingen eine Reihe von Namen durch. Auch Viktor Grün und den Komponisten zogen sie zu Rate und einigten sich schließlich auf Viccy Ury. Dann besiegelte eine Flasche Irroy, die der Direktor zum besten gab, den Pakt. Günther saß inzwischen träumend vor dem geschlossenen Vorhang. Als Viktor Grün nach dem dritten Akt auf ihn zuging und zu ihm sagte: »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Ihre kleine Freundin hebt das ganze Stück,« da sah er ihn groß an, stand auf und sagte: »Sie haben mich belogen.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß diese Operette nichts, aber auch nichts,« wiederholte er lebhaft, »mit irgendeinem meiner Gedichte zu tun hat.« Auch Frida und der Direktor standen jetzt neben ihm. »Erlauben Sie 'mal,« widersprach Viktor Grün. »Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich zu dem Couplet ›Muschi, kleine Muschi!‹ durch Ihr Gedicht angeregt worden bin.« »Durch welches?« fragte Günther. Viktor Grün dachte nach: »Wie hieß es nur, dies reizende Gedicht? – Richtig, jetzt entsinn' ich mich!« – Und er deklamierte: »Weich liegst du in seidenen Kissen, Es fließt das lockige Haar Dir über Stirn und Wange Und über dein Augenpaar.« Frida stutzte. – Günther schüttelte verständnislos den Kopf. Und als Viktor Grün den zweiten Vers suchte, über die erste Strophe aber nicht hinauskam, da deklamierte Frida weiter: »Unter dem Spitzenhemdchen, Mit dem Duft deines Körpers getränkt, Schimmern die weißen Brüste, An die ich mich jubelnd gehängt. Und meine Hände tasten Zärtlich an dir empor – Stille, heilige Stunde, In der ich an dich mich verlor.« »Sie kennen es?« fragte Viktor Grün. Frida lachte. »So also gehst du mit meinen Versen um!« wandte sie sich an Günther. »Und gibst sie als deine aus.« »Ich verstehe gar nicht,« erwiderte Günther. »Ich habe diese Verse niemals gesehen.« »Aber Sie. haben sie nach Angabe Ihrer Frau Mutter doch mit sich herumgetragen!« sagte Viktor Grün. Günther wußte von nichts. »Ihre Frau Mutter hat sie in der Tasche eines Ihrer Röcke gefunden und sie uns glückstrahlend überantwortet.« »Da hab' ich sie heimlich hineingesteckt!« bekannte Frida. »Du?« fragte Günther erstaunt. »Warum hast du das getan?« Da fiel ihm Frida ganz ungeniert um den Hals und rief: »Weil ich dich lieb habe, Günther!« Der Direktor und Grün verzogen den Mund und sahen sich an. Günther ließ den Kopf sinken und sagte leise: »Dann ist die Operette also von dir!« Zwölftes Kapitel. Als Günther am Nachmittag desselben Tages seiner Mutter auf das bestimmteste erklärte: »Ich mache den Schwindel nicht mit,« war Cäcilie, die ihre große Hoffnung zusammenbrechen sah, einer Ohnmacht nahe, berief noch für den Abend des gleichen Tages den Familienrat und zählte in bewegten Worten die moralischen und materiellen Schäden auf, die ein Rücktritt Günthers zur Folge haben würde. »Nicht nur er, dessen Zukunft ich in eure Hände legte, würde der Lächerlichkeit verfallen, wir alle, die ›Neue Gesellschaft‹, die sich so laut für ihn eingesetzt hat, träfe das gleiche Schicksal. Ein Skandal ohne Beispiel wäre die Folge. »Darüber, daß ein Rücktritt Günthers, sowie Überhaupt alles, was geeignet ist, einen von uns bloßzustellen, koste es was es wolle, vermieden werden muß, darüber sind wir uns wohl alle einig,« sagte Leo. »Wie wäre es,« sagte Alfred, der Assessor, »wenn man einen Arzt zu Rate zöge.« Alle sahen auf. »Was sollte der tun?« fragte der Oberlehrer. »Nun,« erwiderte Alfred, »ohne Frage befindet sich Günther zur Zeit in einem Zustand seelischer Erregung. Das Examen, die bevorstehende Premiere, die Vorgänge bei der heutigen Probe, das alles sind Dinge, die auf ein an sich schon sensibles Gemüt nachteilig wirken müssen. Ich meine daher, daß für Günther nach den Erregungen der letzten Zeit ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in einem erstklassigen Sanatorium gut sein würde.« Alle verstanden. Nur der Oberlehrer äußerte Bedenken. Er sprach von der Durchsichtigkeit des Zwecks, von der Gewissenlosigkeit des Arztes, der sich dazu hergäbe, von Freiheitsberaubung und Verdrehung des Rechts, das in diesem Falle auf Seiten Günthers sei. »Ich muß sagen,« erklärte Leo, »daß auch mir der Gedanke, Günther, der ein Bild strotzender Gesundheit ist, in ein Sanatorium zu sperren, nicht sympathisch ist.« »Ich lehne jede Teilnahme an einem solchen Schritt ab,« erklärte der Oberlehrer. »Der Geist des Familienrats verlangt Einmütigkeit,« forderte Cäcilie. »Um sie nicht zu stören, erkläre ich meinen Austritt!« »Worunter hoffentlich nicht die freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns leiden,« warf Leo ein. Professor Sasse überlegte. Im Nebenzimmer deckten die Diener die Tafel zum Abendessen. Auf den trockenen Gaumen des Oberlehrers zauberte das Klirren der Gläser den Geschmack des 93-er Ducru Brauaire. Der herbe Zug um die Mundwinkel verschwand. Die Lippen bewegten sich. »Aber gewiß!« sagte er. »Ich gehe solange ins Bibliothekzimmer.« Aber Alfred, der Assessor, widersprach. »Entweder, Herr Professor, Sie erkennen den mit Dreiviertel-Mehrheit gefaßten Beschluß des Familienrats an und erklären sich mit uns solidarisch, oder Ihre Ideen kontrastieren so stark mit den unsrigen, daß Sie eine Gemeinsamkeit in dieser Form mit Ihrem Gewissen nicht vereinbaren können. Das hätte dann natürlich auch Folgen auf Ihre Tätigkeit in der Redaktion der ›Neuen Gesellschaft‹, für deren Solidarität ich mich verantwortlich fühle.« Der Oberlehrer erschrak; er zog die Stirn in Falten, rückte den Kneifer gerade und sagte mit Pathos, das echt war Und die Bewegtheit seines Gemüts zeigte: »Meine Lebensaufgabe, den Humanismus gegen die Reformatoren, die das Gymnasium verschandeln wollen ...« »Gut!« brach der Assessor die Rede ab. »Wir kennen den Tenor, Sie haben lediglich zu entscheiden, ob Sie die Fortführung Ihres Kampfes und Fortsetzung Ihrer Tätigkeit in der ›Neuen Gesellschaft‹ Ihrem Eigensinn opfern wollen oder nicht.« Die Brust des Professors hob und senkte sich. Er führte die Hand an die Stirn. Jeder Nerv spannte sich. Die Artikel seiner Gegner zogen mit riesenhaften Lettern an seinem geistigen Auge vorüber. Dazwischen das Klirren der Gläser, das in seinem Fieber zu vollen Akkorden anschwoll. – »Nein!« rief er. »Nein! Ich kann das Glück Hunderttausender nicht einem Einzelschicksal opfern. Ich unterwerfe mich! Beschließen Sie! Ich bleibe und unterwerfe mich!« »Gut!« sagte Leo. »Aber ein Schritt, wie er hier vorgeschlagen wird, kann nur im alleräußersten Fall in Frage kommen. So etwas haftet einem Menschen doch an! Denkt doch, mit achtzehn Jahren in einem Sanatorium. Schließlich kommt er noch in den Ruf, anormal zu sein.« »Das ist für einen Dichter die beste Empfehlung,« erwiderte der Maestro. »Dann ist es ja die höchste Zeit, daß man etwas dafür tut,« sagte Cäcilie. Schließlich aber setzten sich doch Leos Bedenken durch. Es sollte, ehe man zum Äußersten griff, ein letzter Versuch gemacht werden, Günther umzustimmen. Die nächste Frage lautete: wer war am ehesten dazu geeignet? Der Vater, die Mutter, Fiffi, der Maestro – jeder nannte einen andern, bis der Direktor aufstand und erklärte: »Das kann nur Frida Linke.« Alle sahen auf und glaubten, falsch verstanden zu haben. »Wie kommen Sie denn auf die?« fragte Cäcilie. »Im übrigen ist sie krank!« erklärte der Assessor. »Und fehlt schon drei Wochen.« Da enthüllte der Direktor die Wandlung Frida Linkes in Viccy Ury, die auf alle, besonders aber auf den Assessor, starken Eindruck machte. Cäcilie übernahm es, mit ihr zu reden. Damit war die Tagesordnung erschöpft; der Schmaus begann. – Dreizehntes Kapitel Bevor Cäcilie aber zu Worte kam, redete Franz Linke mit seiner Tochter. »Also, was hast du mir zu sagen?« fragte er sie, als sie spät nachmittags hastig und abgespannt nach Hause kam. »Ich bin nicht mehr in der ›Neuen Gesellschaft‹!« »Was soll das heißen?« »Ich komme da nicht vorwärts.« »Wie kannst du das wissen; wo du kaum vier Wochen da bist?« »Ich weiß es.« »Wenn du tüchtig bist und was leistest –« »Darauf kommt es nicht an. Der Assessor sagt, tüchtige Mädchen gäbe es wie Sand am Meer. Aber so hübsche wie mich fände man selten.« »Was hat das mit deiner Arbeit zu tun?« »Nichts. Aber mit meiner Karriere.« »Inwiefern?« »Danach mußt du den Assessor fragen.« »Stellt er dir etwa nach?« »Er bemüht sich.« »Nimmt er sich etwa Zärtlichkeiten heraus?« »So plump ist er nicht. Er macht es anders. Er hat seine Technik. Es fällt jede drauf 'rein. Das heißt: ich nicht. Ich bin zu hell. – Und vor allem: ich weiß, was ich will.« »Sprich nicht in Rätseln! Sag' mir, was du vorhast.« »Für's erste geh' ich 'mal zur Bühne.« »Das tust du nicht!« »Ich bin schon! Bei der Residenzbühne. Ich spiele eine der Hauptrollen in Günthers Operette und bekomme dreihundertfünfzig Mark Gage.« Linke erschrak. »Als wenn das ginge! Von heut' auf morgen! Und selbst wenn: das ist kein Beruf. Vor allem nicht für dich! Du bist schon nicht die festeste.« Frida zeigte ihm den Vertrag. »Und das machst du, ohne mich zu fragen?« rief er, als er ihn gelesen hatte. »Ich wußte, daß du es mir nicht erlauben würdest.« »Weißt du nicht, was für ein leichtsinniges Leben da herrscht? Überhaupt, die ganze Atmosphäre. Hältst du das vielleicht für anständig und für solide?« »Für unsereins schon.« »Was soll das heißen?« »Nun, wenn ich zum Beispiel die Tochter von Raffkes oder von irgend so'm andern Millionär wäre, möglich, daß es sich dann vielleicht nicht schicken würde. – Aber so!« »Bist du was Schlechteres? Kommt's auf die Millionen an?« fragte er wütend. »Ich glaub' schon.« »Dann bist du im Irrtum! Deine Ehre ist genau so viel wert wie die jedes Tiergartenmädchens, deren Vater Millionär ist« »Das mach' mal Frau Raffke klar.« »Die ist mir nicht maßgebend. Aber Frau Röhren, zu der geh' und die frag'!« »Möglich, daß sie dir recht gibt. Sagen läßt sich sowas leicht und hört sich auch schön an. Aber in Wirklichkeit, da ist es meist anders.« »Wie bist du überhaupt dazu gekommen?« fragte Linke, der noch immer den Vertrag in der Hand hielt. »Das weiß ich selbst nicht. Das war wohl Instinkt. Und du wirst zugeben, daß es eine Dummheit wäre, wenn ich das Talent nicht ausnutzte. Glaub' nur, Vater, du wirst noch deine Freude an mir haben,« sagte sie geheimnisvoll. »Hast du etwa noch eine Überraschung?« »Ja. Das heißt: nicht heut' und nicht morgen. Aber in ein paar Jahren.« »Was meinst du?« »Günther.« »Was ist mit ihm?« »Hättest du etwas dagegen, wenn er und ich ...« sie brach ab und sah ihn an. »Was bedeutet das? Wie denkst du dir das?« »Sehr einfach: ich mach' ihn in mich verliebt. Das heißt: ich bin schon mitten dabei.« »Und dann?« »Das ist doch klar! Dann werde ich seine Frau.« »Das bildest du dir doch nicht etwa im Ernst ein?« »Doch! doch!« fuhr sie in Linkes Tonfall fort. »Ich bin genau so viel wert wie jedes Tiergartenmädchen, deren Vater Millionen hat.« Linke war im ersten Augenblick platt. Frida traf ihn mit seiner eigenen Argumentation. Dann bekam er einen roten Kopf und fuhr auf: »Du bist nicht bei Sinnen! In dir, da verdrehen sich alle Begriffe. Du bist wie aus einer andern Welt. Als wenn du gar nicht zu uns gehörtest! Aber das bitt' ich mir aus, den Günther, den läßt du aus dem Spiele! Der geht dich nichts an.« In diesem Augenblick klopfte es an die Tür und Cäcilie trat, ehe Linke noch »herein« sagte, ins Zimmer. »O wie gut, daß Sie da sind, Frida! Ich muß mit Ihnen reden,« rief sie außer Atem. »Da haben wir's!« dachte Linke und sagte: »Ich kann mir schon denken, gnädige Frau! Ich rede gerade deswegen mit meiner Tochter. Ich bin außer mir: aber man kann seine Augen eben nicht überall haben.« »Also setzen wir uns!« sagte Cäcilie, nahm Frida bei der Hand und zog sie mit sich zur Chaiselongue. »Und Sie, Linke, bleiben hier. Es ist ganz gut, wenn Sie Bescheid wissen.« »Ich weiß leider schon!« sagte er ernst. »Um so besser! – Ja, ja, man hat es nicht leicht. Je größer die Kinder, um so größer die Sorgen!« – Dann wandte sie sich an Linke: »Das heißt, Sie können sich nicht beklagen.« »Gewiß nicht!« erwiderte Linke. »Bis auf die jüngste« – und er wies auf Frida – »habe ich nur Freude mit meinen Kindern.« »Was heißt das?« fragte Cäcilie. »Grade auf Frida können Sie stolz sein. Denken Sie, die Karriere! Von der Schreibmaschine weg, mitten in die Kunst hinein! Wozu andere Jahre brauchen. Der Direktor sagt zwar, man könne sich noch kein abschließendes Urteil bilden, weil ihr die Rolle zweifellos besonders liegt. Er meinte sogar: Mein Sohn habe sie ihr direkt auf den Leib geschrieben.« Linke sah sie groß an. »Man nennt das so in der Bühnensprache,« fuhr sie fort. »Na, jedenfalls, was von uns geschehen kann, geschieht! Die ›Neue Gesellschaft‹ wird sich ganz besonders für Ihre Tochter einsetzen. Der Maestro schreibt selbst die Kritik. Hauptsache ist aber fürs erste 'mal der Erfolg. Und vor allem: daß uns der Autor nicht das Konzept verdirbt« »Was bedeutet denn das?« fragte Frida. »Daß mein Sohn Günther künstlerische Bedenken hat, der Operette seinen Namen zu geben.« »Quatsch!« platzte Frida heraus. Gleich darauf erschrak sie, und Linke warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Aber Cäcilie fand nichts dabei. »Man muß mit ihm reden,« fuhr Frida fort. »Das tue ich seit vierundzwanzig Stunden ununterbrochen. Mir tut schon der Hals weh. Ich habe ihm alles Mögliche versprochen, wenn er nachgibt. Aber er will nicht. ›Und wenn du mir das Blaue vom Himmel herunterholst‹, hat er geantwortet, ›ich tue es doch!‹« Frida überlegte einen Augenblick. Dann sah sie Cäcilie groß an und sagte: »Und was bekäme ich?« »Wenn es Ihnen gelänge? Frida! Das wäre ein Glück für uns alle! Glauben Sie, daß Sie es fertig bringen? Ich will ganz offen sein: darum habe ich mich nämlich hier herunter bemüht, um Sie darum zu bitten.« »Ich wäre auch zu Ihnen heraufgekommen, wenn Sie mich hätten rufen lassen.« »Das ist wieder 'mal durchaus nicht die richtige Form,« tadelte Linke. »Hier weiß man 'mal wieder gar nicht, wer eigentlich die Gnädige ist« »Gott ja!« wehrte Cäcilie ab. »Ich weiß ja, ich vergeh' mir was. Aber es steht doch so viel auf dem Spiele. Also« – wandte sie sich wieder an Frida – »wollen Sie's tun?« »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig, gnädige Frau!« »Ach so! Ja! Natürlich! Also, was fordern Sie?« »Was ist es Ihnen wert?« »Frida!« sagte Linke vorwurfsvoll. »Laß nur, Vater! Wir verstehen uns schon. Und es hört ja niemand. Also?« wandte sie sich wieder an Cäcilie. »Verlangen Sie!« erwiderte die. Frida, die schon seit ein paar Minuten Cäcilie sehr genau beobachtet hatte, trat jetzt einen Schritt auf sie zu und wies mit der schlanken Hand auf eine wertvolle Smaragdbrosche, die Cäcilie sonst nur des Abends trug – und auch dann nur, wenn »die Gäste sich lohnten«. Heute aber hatte sie die Brosche – wie man eine Fahne heraussteckt – als äußeres Zeichen der Freude über das bestandene Examen angelegt. Cäcilie glaubte, sie treffe der Schlag. Sie legte, wie zum Schutze, die fleischige Hand auf die Stelle, wo die Brosche steckte, und rief im selben Augenblick, in dem Linke vorwurfsvoll sagte: »Aber Frida! Was nimmst du dir heraus!« entsetzt: »Nein! nein! Um nichts in der Welt geb' ich die Brosche 'raus! Die nicht! Jede andre! Da!« – Sie zog hastig einen Ring vom Finger. – »Den Ring können Sie haben! Ein Prachtstück! Sehen Sie nur die Brillanten. Leo hat ihn mir um dreitausend Mark auf einer Auktion gekauft. Das heißt unter der Hand! Er ist in Wirklichkeit fünf Wert. Da, nehmen Sie!« – Und sie hielt Frida erregt und zitternd den Ring hin. Frida lächelte und sagte: »Nein!« Dabei ließ sie keinen Blick von Cäciliens Hand, die schon wieder schirmend die Brosche bedeckte. »Hier!« rief Cäcilie, und streckte Frida die linke Hand hin. »Nehmen Sie alles, was ich hier an den Fingern habe. Ziehen Sie sie ab, einen Ring nach dem andern! Jedes Stück ist ein paar Tausend Mark wert.« »Das ist ja unmöglich!« rief Linke. »Gnädige Frau! Das geht ja nicht!« »Sagen Sie's Ihrer Tochter, daß es nicht geht!« bettelte Cäcilie. »Daß ich die Brosche nicht geben kann. Ich ruinier' mich ja!« »Geh' hinaus!« befahl Linke. »Nein!« schrie Cäcilie. »Bleiben Sie!« » Ich befehle hier!« sagte Linke bestimmt und wies zur Tür. Frida überlegte einen Augenblick, dann maß sie Cäcilie noch mit einem langen Blick und ging auf die Tür zu. Cäciliens ganzer Körper war in Bewegung. »Großer Gott!« rief sie, »was tu' ich nur?« Frida legte eben die Hand auf die Klinke – langsam und behutsam. Da löste Cäcilie mit zitternden Händen die Brosche von ihrem Kleide, stürzte auf Frida zu, rief: »Da! – da! – Haben Sie – sie!« – drückte sie ihr in die Hand, heulte wie ein geschlagenes Tier laut auf und lief hinaus. Auch Frida ging jetzt schnell mit ihrer reichen Beute aus dem Zimmer. Linke starrte ihr nach und rief: »Großer Gott! Wie komme ich nur zu so einem Kinde!« Vierzehntes Kapitel Aber auch Frida richtete mit ihren Bitten nichts bei Günther aus. Alles was sie erreichte, war eine Bedenkzeit bis zum nächsten Morgen. »Dazwischen also liegt eine lange Nacht!« dachte sie. Tausend Gedanken schössen ihr durch den Kopf! Sie erwog alle Möglichkeiten. Bis zur letzten dachte sie alle durch. Diese letzte verwarf sie. – Und beschloß endlich, aufzubleiben und zu warten, bis er abends nach Haus kam. Sie wußte, er war bei Röhrens. Zwar: wenn er von Röhrens kam, war er zu ihr nicht gerade am nettesten, sagte kaum: gute Nacht, schützte Müdigkeit oder Arbeit vor, eilte hinauf in sein Zimmer, wo dann meist noch stundenlang Licht brannte – während er sonst gern noch ein Weilchen mit ihr im Garten saß, plauderte, lachte, sich von ihr erzählen, wohl auch die Hand drücken und über die Stirn fahren ließ. Ein paarmal hatte er ihre Hand sogar festgehalten, den Arm um sie gelegt und sie herzhaft auf den Mund geküßt. Aber, war das geschehen, dann ging er ihr die nächsten Tage, wo er konnte, aus dem Wege und sah, wenn sie ihm doch über den Weg lief, scheu zur Erde, als wenn er sich etwas vorzuwerfen hätte. Frida legte das falsch aus: Sie hielt es für Schamhaftigkeit und Scheu und dachte wohl auch, daß in seinem Unterbewußtsein ein wenig Zuneigung dabei im Spiele sei. – Günther wurde heute bei Röhrens laut gefeiert. Alle beglückwünschten ihn zum Examen. Vor allem fragten sie voller Interesse nach der Operette, wollten von dem Verlauf der Proben, von der Besetzung, von dem Leben hinter der Bühne und den Aussichten des Stückes hören. So lernte er zum ersten Male das Glück kennen, Mittelpunkt eines Kreises zu sein, der ihn bisher kaum beachtet und nie für voll genommen hatte. Es war gegen Ende des Abends, als er mit Suse Röhren ins Gespräch kam. »Ich freu' mich auch,« sagte sie. »Aber ich wünschte, es wäre erst vorüber.« »Meinen Sie die Operette?« fragte Günther. Sie sah ihn an und staunte. »Was wohl sonst? Meine Eltern gehen auch hin. Überhaupt, wo man hinhört, wird davon gesprochen. Wenn Sie nur nicht durchfallen, Günther.« »Es würde mir schaden, nicht wahr?« Sie sah ihn an. »Es täte mir leid. Aber Sie dürften es sich nicht zu Herzen nehmen. Es braucht ja nicht gleich beim ersten Male der große Erfolg zu sein.« »Und wenn ich überhaupt darauf verzichten würde, wenigstens diesmal, mit meinem Namen hervorzutreten?« »Aber nein! – Und dann, wo es doch jetzt jeder weiß.« »Ich könnte sagen, daß die Hauptarbeit nicht ich gemacht habe.« »Erstens würde man es nicht glauben. Und dann würde es dem Stück und vor allem Ihnen persönlich schaden.« »Glauben Sie?« »Ich bin überzeugt.« »Was würde man davon halten?« »Darf ich es sagen?« »Bitte!« »Aber Sie dürfen nicht böse sein.« »Gewiß nicht.« »Ich glaube, Sie würden sich damit lächerlich machen.« Günther fuhr zusammen. »Und Sie, Fräulein Suse, was wäre mit Ihnen?« »Es würde mir weh tun.« Andere kamen hinzu, und sie sprachen wieder von gleichgültigen Dingen. Als sich Günther verabschiedete, sagte Suse: »Das war doch vorhin nur so ein Gedanke von Ihnen?« Günther schüttelte den Kopf. »Dann versprechen Sie mir, daß Sie es nicht tun.« Und Günther, der wußte, daß er für diese Welt, die sich ihm eben erschloß, für immer erledigt war, wenn er den Weg ging, den ihn das Gewissen wies, gab Suse die Hand und versprach's. Es war Mitternacht, als er nach Hause kam. Frida stand am Fenster und erwartete ihn. Als er die Gartentür aufschloß, kam sie ihm entgegen. »Du noch auf?« fragte er. »Es ist ja Nacht.« »Und wenn du bis zum Morgen fortgeblieben wärst, schlafen kann ich doch nicht, ich hatte gewartet.« Er sah sie an. »Nun?« fragte sie lebhaft. Er nickte. »Ich hab' es mir überlegt,« sagte er, »mein Name bleibt« »Günther!« jubelte Frida laut und fiel ihm um den Hals. Er faßte sie um die Knöchel und machte sich frei. »Laß das!« sagte er scharf, ließ sie stehen und lief ins Haus. Frida stand verblüfft und sah ihm nach. »Mir zuliebe tut er es nicht!« sagte sie laut und ballte die Fäuste. Fünfzehntes Kapitel. Die Operette hatte den üblichen Erfolg, und die Jugend des Textdichters, die durch kostspielige Propaganda geschickt genutzt wurde, verhalf ihr zu jener Sensation, ohne die sich keine Operette heute mehr auf dem Spielplan hält. Cäcilie ließ sich den Ruhm ihres Sohnes etwas kosten. Fast alle illustrierten Zeitungen brachten Günthers Bild. In der »Neuen Gesellschaft« bekannte sich der Maestro als Entdecker des jungen Dichters, dem er eine große Zukunft prophezeite. Schon war die Rede von weiteren Werken. Komponisten rissen sich um die Vertonung, Theaterdirektoren um die Erstaufführung. Günther zog sich von allem zurück und ging auf ein paar Wochen in die Berge. Er hatte nur einen Wunsch, sich vor sich selbst zu rehabilitieren. Das war nur dadurch möglich, daß er ein Werk schrieb, das ausschließlich von ihm war. Er saß jeden Tag zehn Stunden in seinem Hotelzimmer und schrieb. Statt einer Operette wurde es ein soziales Drama. Er las es Frida vor. Die meinte: »Keine Rolle für mich! Und außerdem langweilig.« Er gab's dem Maestro zu lesen. Der raufte sich sein Künstlerhaar, gab ihm das Manuskript zurück und sagte: »Um Gotteswillen; das ist ja schrecklich! Leute Ihrer Sphäre mit sozialen Anwandlungen gehören ins Sanatorium, aber nicht auf die Bühne. Das sind Kinderkrankheiten, die in Ihren Kreisen neuerdings epidemisch auftreten. Wenn Sie – was ich nicht einsehen kann – durchaus den Wunsch haben, an Ihrem nächsten Stücke mitzuarbeiten – in Gottes Namen, ich will mit Viktor Grün sprechen. Aber ich sage Ihnen gleich: er wird nicht entzückt sein.« Und Viktor Grün war es in der Tat nicht. »Denken Sie, ich hab' meine Zeit gestohlen?« rief er, als der Maestro ihm Günthers Wunsch unterbreitete. »Das hält nur auf! Lassen Sie den jungen Mann seinen Ehrgeiz wo anders austoben als ausgerechnet in der Operette. Reden Sie ihm das aus! Er denkt sich am Ende, das sei eine anregende Arbeit oder gar Kunst. Sagen Sie ihm, das ist ein Handwerk wie jedes andere. Nun ja, ein gutes Gedächtnis gehört dazu, aber die Hauptsache sind doch Uhr und Schere.« Der Maestro berichtete Günther wortgetreu. Der aber bestand darauf. Und am nächsten Tage machte er sich zu Viktor Grün auf den Weg. »Also,« empfing er Günther, »statt die schöne Studentenzeit zu genießen, haben Sie sich in den Kopf gesetzt, mich hier bei der Arbeit zu stören! Nett ist das nicht von Ihnen!« Günther widersprach sehr lebhaft. Und Viktor Grün erkannte, daß dagegen nicht anzukämpfen war. »Gut!« sagte er. »Gehen wir an die Arbeit! Bitte!« und er bat ihn, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Auf dem Tische lagen illustrierte Zeitungen, eine Unmenge Textbücher, eine Uhr, eine Papierschere, eine Tube Klebstoff, leeres Papier und zahllose Bleistifte. Viktor Grün schob ihm die Schere hin. »Also fangen wir an!« sagte er. Günther nahm die Schere auf und fragte erstaunt: »Was soll ich denn damit?« »Wir müssen zunächst doch 'mal die drei Paare haben.« »Was für Paare?« »Na, die üblichen Operettenpaare, die die Handlung machen, Couplets singen und sich im dritten Akte kriegen. Sie haben aber wirklich keine Ahnung.« »Ja ... aber?« fragte Günther ganz ängstlich. »Wenn wir sie vor uns liegen haben und sie je nach Bedarf und Zeit auftreten und abtreten lassen können, so vereinfacht das enorm. Also los! Schneiden Sie irgend eine Frauensperson da aus! – So! – Nun schreiben Sie 'rauf: Erste Soubrette! – Gut! Geben Sie her! – Nu ihr Partner. Da haben Sie ja so'n Onkel.« Günther sah ihn hilflos an. »Na, worauf warten Sie denn? Der paßt doch bildschön! – So! – Schreiben Sie 'rauf: Tenor. Na, also, Sie sind ja gar nicht so unbegabt! – Und nun das zweite Paar– die zweite Soubrette. – So, und jetzt kommt ihr Bariton. Nun schnell noch die komische Alte und ihren Partner! – Famos!« – Viktor Grün legte alle sechs Figuren ausgebreitet auf den Tisch. – Dann blätterte er in den Textbüchern. – »Hier! Das wäre zum Beispiel was! ›Die schöne Galathee‹. Das kennt zwar jeder, aber umso besser: Wiedersehn macht Freude. Wir ändern natürlich den Trick. Die Mühe muß man sich schon machen. Eine Büste, wie hier, kann's nicht sein, die zum Leben erwacht. Also, was kann außer einer Büste noch erwachen? Strengen Sie Ihre Phantasie 'mal an.« Dann stand er auf. Günther saß: noch immer, die Schere in der Hand, vor dem Tisch. Nicht fähig, einen Gedanken zu fassen, sah er bald auf die Puppen, die da ausgebreitet lagen und darauf warteten, daß sie von Viktor Grüns Gnaden zum Leben erweckt, tanzen und singen und alle möglichen anderen Allotria treiben durften. Dann wieder sah er zu Viktor Grün auf, der jetzt, mit aufeinander gebissenen Lippen und hochgezogener Stirn, mit großen, schweren Schritten durch das Zimmer stampfte und laut dachte: »Also, 'was kann noch erwachen? Ein Scheintoter. Natürlich! – das läge am nächsten. Aber, wo ist da der Witz? Und Witz muß sein. Ohne den geht's nicht. – Ein Bild! – Nicht übel! Was meinen Sie? Hm. Die Ähnlichkeit ist zu groß. Büste – Bild, da hakt die Kritik ein. Die Brüder kommen auf alles. – Also – 'mal anders 'rum!« Er trat an den Tisch heran und sah sich die Puppen an. »Hm. Am besten natürlich, die erste Soubrette.« Er legte das Bild in die Mitte des Tisches, beugte sich darüber und starrte es an. »Bild – Büste – Mm ... – Prachtvoll!« rief er plötzlich. – »Natürlich! Eine Mumie! Was sagen Sie dazu? Ist die Idee nicht grandios? Eine Mumie, die zu gesund tausend Jahre geschlafen hat und nun erwacht – für einen Abend! Na, wenn das kein Schlager wird! So 'ne olle Ramsestochter, die plötzlich in die moderne Welt versetzt wird. – Also das Stück ist fertig! Nu noch ein paar Couplets. Die kramen wir heraus!« – Dabei wies er wieder auf den Berg von Textbüchern. – »Und dann den Text. Aber nur nicht zu viel. Je weniger, umso besser. Und dann immer nur als Verbindung von einem Couplet zum andern.« – Er setzte sich wieder an den Tisch, nahm Bleistift und Papier und schob die Uhr heran. »Also zehn nach acht bis viertel, halb elf, das sind hundertfünfundzwanzig Minuten, davon gehen ab: erste Pause fünf, zweite Pause fünfzehn, also zwanzig Minuten, bleiben hundertfünf. Durch drei Akte, macht pro Nase ... ich meine pro Akt: fünfunddreißig Minuten. Pro Akt zwei Couplets, macht zwanzig, Auftrittslied, Finale, bleiben für den Text pro Akt fünfzehn Minuten. Also geschehen darf nicht viel, da wir viel Witze hineinnehmen« – er zog ein dickes, vollgeschriebenes Heft aus der Tasche und blätterte darin – »ich denke mir so acht bis zehn auf den Akt, lauter gute erprobte Sachen, – so muß man pro Akt mindestens sieben bis acht Minuten auf die Lachpausen rechnen. Hm! na, schön! – Wo soll se also nu erwachen, die Mumie? – Im Museum! Während irgend so'n verrückter Engländer in ihre Betrachtung versunken ist, weil se zwei Sterne im Bädeker hat? Was meinen Sie? Der ist so begeistert, daß er sie für schweres Geld erwirbt. Am Ende während der Fahrt über den Kanal? Was meinen Sie, wenn man so tausend Jahre eingepökelt gelegen hat, und plötzlich kitzelt einem die frische Seebrise um die Nase. Die Luftveränderung! Ich sage Ihnen, das ist noch nicht mal 'n Wunder, wenn da selbst 'ne Mumie wieder zu sich kommt. Und dann das Leben da auf so'm Ozeanschiff! Ich sage Ihnen, das ist eine Idee, das gibt Stoff für ein Dutzend Operetten. Von der Idee, da mausen die Operetten dichter noch nach hundert Jahren bei uns!« Er ging ans Telephon, nahm den Hörer ab und ließ sich mit dem Direktor der Residenzbühne verbinden. »Also, Direktor, ich gratuliere! Die Operette ist so gut wie fertig! – Ich sage Ihnen, das wird ein Weltschlager. – Sie können die Proben für übermorgen ansetzen. Was noch fehlt, das bißchen Dialog, das mach' ich am besten auf den Proben. – Auf Wiedersehen abends! Prost! äh ... Adieu wollt' ich sagen.« Dann ging er an den Tisch zurück. »So! Das wäre die Operette! Das heißt, wegen der Gesangstexte, da müssen wir schon noch eine halbe Stunde drauf verwenden. Wie ist's, paßt es Ihnen morgen?« »Nein!« sagte Günther, obschon er nichts vorhatte. »Na, das tut nix,« erwiderte Viktor Grün. »Ihr Gewissen ist nun hoffentlich beruhigt und Sie überlassen das mir.« Günther stand auf, reichte Viktor Grün flüchtig die Hand und ging. In der nächsten Nummer brachte die »Neue Gesellschaft« in Sperrschrift die Notiz: »Günther Raffke, dessen Operette ›Die fesche Samoanerin‹ nach ihrem Berliner Erfolg von über vierzig Bühnen zur Aufführung erworben wurde, ist mit einer neuen Bühnenarbeit beschäftigt, die ihrer Vollendung entgegengeht.« Sechzehntes Kapitel. Günther, der inzwischen eifrig Vorlesungen hörte und seine volkswirtschaftlichen Studien ernster betrieb als wohl sonst ein Student in den ersten Semestern, hatte kaum noch einen inneren Zusammenhang mit seiner Familie. Cäcilie vergötterte ihn und sprach nur noch von ihrem Sohne als »dem berühmten Dichter«. Zwar begriff sie nicht, daß er, statt Literaturgeschichte zu treiben, Nationalökonomie studierte. Denn das stand, wie man ihr erklärt hatte, in gar keinem Zusammenhang mit der Tätigkeit, der er seinen Ruhm dankte. Aber der Maestro meinte: »Umso besser. Das gibt seiner Persönlichkeit eine seriöse Nuance.« – Und damit fand sich Cäcilie ab, obschon sie es nicht recht verstand. »Er ist eben vielseitig,« sagte sie. Leo Raffke kümmerte sich überhaupt nicht um seinen Sohn. Sein Geschäft dehnte sich immer mehr aus, er aß selten zu Hause, arbeitete bis tief in den Abend hinein, schlüpfte dann eilig in den Frack, um mit Cäcilie irgendwo zu repräsentieren, und erfuhr oft erst von der Dame, die er zu Tisch führte, neues von seinem Sohne. Meist waren es Märchen, die harmlos von Cäcilie begonnen, im Munde der Erzähler weiter wuchsen und bald so feste Gestalt annahmen, daß sie ein jeder glaubte. So auch Leo, der sich ein ganz falsches Bild von Günther machte, an dem auch die paar Stunden am Sonntag, dem einzigen Tage in der Woche, an dem sie des Mittags zusammenkamen, nichts ändern konnten. – Es waren Wochen vergangen, da erhielt Günther folgenden Brief: »Lieber Herr Günther! Wir sind seit vierzehn Tagen in unserem Landhaus in Wannsee. Wenn Sie 'mal nachmittags zu uns hinauskämen, würden wir uns freuen. Sie treffen uns immer. Schönen Gruß von uns allen, Ihre ergebene Frau Käte Röhren.« Schon an einem der nächsten Nachmittage fuhr Günther nach Wannsee. Herr und Frau Röhren empfingen ihn freundschaftlich. Sie fragten nach seinem Studium und waren voller Interesse für alles, was ihn anging. Von seiner Schriftstellerei sprachen sie wenig. »Sie haben schon wieder ein neues Stück fertig?« fragte Röhren. »So weit ist es noch nicht,« erwiderte Günther. »Die Zeitungen wissen immer mehr als man selbst. – Überhaupt: sie machen mit einem, was sie wollen.« »Ich habe mich recht gut in der Samoanerin unterhalten,« sagte Röhren. »Meiner Frau liegen solche Sachen ja weniger. Aber ich finde doch, Sie haben Sinn für das Bühnenmäßige, was für Ihr Alter geradezu erstaunlich ist.« »Das stammt alles von Viktor Grün!« sagte Günther lebhaft. »Nun, das ist doch wohl eine übertriebene Bescheidenheit von Ihnen,« warf Röhren ein. »Denn nur, um die Tantiemen mit Ihnen zu teilen, wird sich ein Mann wie Viktor Grün ja kaum mit Ihnen zusammengetan haben.« »Mir ist es selbst ein Rätsel,« erwiderte Günther. »Wahrscheinlich werden Sie ihm Ideen gegeben und seine Phantasie angeregt haben.« »Ach! Das ist alles ganz anders!« sagte Günther. »Glauben Sie denn nicht an sich?« fragte Frau Röhren. »Ich bin noch sehr jung.« »Und haben trotzdem schon viel erreicht.« Er schüttelte den Kopf. »Das ist nichts.« »Demnach befriedigt es Sie nicht?« Günther verneinte. »Dann müssen Sie besseres schaffen. Jedenfalls haben Sie allein durch die Tatsache, daß man ein Stück von Ihnen spielt, mag es nun etwas wert sein oder nicht, erreicht, daß man Sie beachtet. Heut' kann ich es Ihnen ja sagen, ohne daß es Sie zu kränken braucht: noch vor ein paar Wochen war man ungerecht gegen Sie und hatte Vorurteile. Sie haben es sicher selbst gefühlt.« »Ja,« sagte Günther. »Wenn Sie also auch Ihre Arbeit innerlich nicht befriedigt hat,« fuhr Frau Röhren fort, »so haben Sie doch schon viel damit erreicht, daß Sie all' die dummen Vorurteile zerstört haben, und daß Sie sich heute unter uns nicht mehr fremd fühlen.« »Wenn ich Ihnen nun gestehe, daß ich eigentlich ohne mein Zutun und gegen meinen Willen zu dieser sogenannten Berühmtheit gelangt bin, daß ich für diese Dinge weder Begabung, noch Interesse habe, daß ich nur mein Studium liebe und mich in dem Bewußtsein dieses falschen Ruhmes bedrückt fühle, daß dies unredliche Gefühl auch der Grund war, aus dem ich mich vor Ihnen die ganze Zeit über verborgen habe, begreifen Sie dann, daß mein Leben verpfuscht ist?« »Günther!« rief sie. »Wie können Sie so reden, mit Ihren zwanzig Jahren! Sie nehmen das Leben viel zu schwer. So, wie Sie es hinstellen, ist es gewiß nicht. Andernfalls ... Aber das sind Fragen des Gewissens, in denen kein anderer Ihnen raten kann. Das müssen Sie mit sich selbst abmachen.« »Doch kann man da raten,« sagte Röhren. »Man muß es sogar!« Dann stand er auf, trat an Günther heran, legte die Hände auf seine Schultern, sah ihm fest in die Augen und sprach: »Keine Unredlichkeit! Und wenn da drinnen auch alles zusammenbricht. Macht nichts! Wenn man nur ein reines Gewissen hat. Also, nicht wahr, bekennen ! Und dann von neuem beginnen!« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein Schwarm junger Leute, die in den Garten wollten, stürmten über die Diele. »Schließen Sie sich dem jungen Volk an!« sagte Frau Röhren. »Da kommen Sie auf andere Gedanken.« Man umringte und begrüßte ihn und zog ihn mit hinaus in den Garten. Wäre er nach der Aussprache mit Röhrens nach Hause gefahren, so hätte er seinen Entschluß, zu bekennen, trotz Cäcilie und Frida, zur Ausführung gebracht. Nun aber war er wieder mitten unter diesen Menschen, die ihm 'was galten, die auch ihn achteten und ihn in ihre Kreise aufgenommen hatten. Er war sich klar: führte er seinen Entschluß aus, so schloß sich für ihn diese Welt wieder, und keine noch so starke Leistung würde sie ihm jemals wieder erschließen. Diese Gedanken drückten auf ihn, während er äußerlich froh, sich mit diesen Menschen vergnügte. Im Laufe des Nachmittags wollte es der Zufall, daß Günther und Suse bei einer Wanderung durch den weiten Park ein paar Schritte hinter den andern zurückblieben. Sie gingen eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, nebeneinander her. Nach einer Weile fragte Günther: »Haben Sie viel erlebt, seit wir uns das letztemal gesehen haben?« Suse wandte sich zu ihm um, sah ihn an und sagte: »Warum fragen Sie das?« Er hielt ihren Blick nicht aus, sah zur Erde und erwiderte: »Nur, um etwas zu sagen.« »Ich wußte es. – Aber bitte, lassen Sie das! Wir wollen ruhig nebeneinander hergehen. Es ist nicht nötig, daß Sie mich unterhalten.« »Es ist nicht nur darum.« »Weshalb denn?« »Um auf andere Gedanken zu kommen.« »Ich glaube, Sie machen sich das Leben sehr schwer, Günther.« »Ich tue nichts dazu, es ist so.« »Sind Sie viel allein?« »Immer. – Ich habe zwar einen Kreis von Leuten. Wir sitzen abends zusammen, trinken und plaudern. Aber allein bin ich doch.« »Warum suchen Sie sich nicht andere Zerstreuung?« »Weil ich, was mich verstimmt, dann zehnfach fühle.« »Sind Sie deshalb so lange nicht gekommen?« »Ja! – Aber jetzt, wo ich mein Studium habe, da hoffe ich, wird es besser gehen.« »Ich begreife Sie nicht! Sie haben doch 'was erreicht! Möchten Sie etwa mit einem von allen denen da« – und dabei wies sie auf die jungen Leute vor ihnen – »tauschen?« »Ja!« sagte Günther. »Das möchte ich!« »Das gefällt mir nicht. – Glauben Sie denn, daß sie weniger wert sind?« »Kommt es denn darauf an?« »Nur!« »Um vorwärts zu kommen – vielleicht; obgleich auch das so allgemein nicht zutrifft. Aber es gibt im Leben ja auch noch andere Dinge, die tiefer gehen und von denen mehr abhängt als eine Professur oder ein Titel.« Suse verstand ihn. »Gewiß! – Und wonach, glauben Sie, daß solche Dinge entschieden werden?« Er quälte sich und sagte: »Ich weiß es nicht.« »Aber ich weiß es: nach dem Gefühl.« »Glauben Sie, Suse, auch das ist diszipliniert. Ganz unbewußt! Oder sind es nicht immer die gleichen Sphären, in denen die Menschen sich zusammenfinden?« »Die Herzen auch?« »Eben die Herzen! Und verirrt sich das Herz einmal, dann muß es leiden. – Darin liegt – mein Jammer: daß ich immer an Sie denken muß!« Suse sah zur Erde und schwieg. »Und das verstimmt Sie?« fragte sie nach einer Weile. »Ja!« »Sind die Gefühle, die Sie für mich haben, denn nicht gut?« »Suse!« rief er, »wie können Sie das fragen, wo Sie doch sehen, wie ich leide!« »So reden Sie!« drängte Suse und blieb stehen. Da hob Günther beide Hände: »Sie sind mir alles!« sagte er. »Günther!« gab sie zur Antwort. »Seit Monaten kämpfe ich dagegen an. Wenn Sie wüßten, was dazu gehört, einem Gefühl Gewalt anzutun, das einem mehr gilt als sein Leben. Man möchte es wie ein Heiligtum behüten – und nun soll man dagegen anrennen, soll versuchen, es einzureißen. Man muß wohl anders sein als ich, um das zu können. Mit Gewalt geht es nicht! – Und dann wieder versuche ich es heimlich. Ich rühre nicht daran. Ich taste mich fort, rette mich irgendwohin und hoffe, es wird Ruhe halten und mir nicht folgen.« – Er schüttelte den Kopf. – »Es ist dasselbe! Und wenn ich vor einem Abgrund stände und dem Tod ins Auge sähe – es wäre da! Ich würde keine Furcht empfinden. Das Gefühl wäre stärker! Es würde auch das verklären und ihm jeden Schrecken nehmen!« »Und wenn ich Sie bitte: kämpfen Sie nicht mehr dagegen an! Wenn ich Sie bitte, hüten Sie, pflegen Sie das Gefühl! Denn ich – ich habe Sie lieb.« Günther riß die Arme hoch: »Du!« rief er, und Suse warf sich ihm an den Hals. »Und nun – nun komme, was wolle!« sagte er befreit. »Der Kampf ist aus! – Nun weiß ich, daß ich mich selbst in Stücke reißen müßte, um mich von dir zu befreien. Und täte ich es, der letzte Fetzen, Suse, er wäre dein!« »So liebst du mich?« sagte sie zitternd und schmiegte sich an ihn. »Und ich, siehst du, ich habe mich aufgegeben. Ich weiß nichts mehr von mir, ich bin ganz nur in dir und will nie, nie mehr wo anders sein!« »Ich habe nicht gewußt, das es das gibt,« sagte Günther. – »Daß zwei Menschen so eins werden können.« »Nun aber wissen wir's.« Die andern waren weit fort, da lehnten Günther und Suse noch immer aneinander. Und als sie später durch den Park zurückgingen und wieder bei den andern waren, da wußte jeder, der sehen konnte, daß sie ein großes Glück in sich trugen. Siebzehntes Kapitel. Frida hatte sich inzwischen als Viccy Ury zu einer Soubrette von Ruf entwickelt. Gewiß, zu den »Stars« gehörte sie nicht. Am treffendsten beurteilte sie wohl der Direktor der Residenzbühne, der gelegentlich einer erhöhten Gagenforderung zu ihr sagte: »Mein Kind, Sie leiden, wie fast alle Soubretten, an Größenwahn. Wie fast alle Soubretten, haben Sie gute Beine und verstehen sich anzuziehen. Gesanglich, choreutisch und darstellerisch sind Sie, wie fast alle, Dilettantin. Auf Sie hinauf wird kein Komponist je eine Operette schreiben. Jedes kleine englische Chormädchen ist begabter als Sie. Seien wir wenigstens unter uns ehrlich! Mit Kunst hat der ganze Operettenschwindel nicht das mindeste zu tun. Er ist lediglich eine Konzession an die Geschmacklosigkeit des Durchschnittspublikums. Dem allein danken Sie Ihre Existenz. Andernfalls wäre Viccy Ury heute noch Frida Linke. Sie sind gescheit genug, um sich das selbst zu sagen. Sie sind für das, was Sie leisten, mit sechshundert Mark überbezahlt. Kommen Sie damit nicht aus und haben Sie keine anderen Revenuen, so vermehren Sie Ihre Einnahmequellen, indem Sie Kino spielen. Um eine weltberühmte Kinodiva zu werden, braucht eine Frau außer gutem Wuchs nur Reklame, Protektion und einen verrückten Namen. Sie sind mit dem Maestro bekannt. Gehen Sie zu ihm. Sieht der darin ein Geschäft, dann schlagen Sie in einem Vierteljahr alle Mias, Hellas, Heddas und Andras. Der Tipp ist mehr wert, als wenn ich Ihnen Ihre Gage verdreifache. Adjes!« Frida leuchtete das ein. Dem Maestro auch. Die erste Kinoserie Viccy Urys gestaltete sich, dank der Propaganda in der »Neuen Gesellschaft« und in anderen, dem Maestro zugänglichen Blättern, zu einer Sensation. Cäcilie bewunderte Frida im stillen. »Ich möcht' mich, wenn's mein Kind wär', ja bedanken,« sagte sie oft zu Leo. »Aber für das Kind eines Domestiken ist das immerhin eine Karriere.« Leo nickte dann nur und erwiderte: »Ein rassiges Weib!« Günthers glaubte sich Frida sicher. Gerade in der letzten Zeit waren sie viel zusammen. Er war es dann meist, der sie bat, theaterfreie Abende mit ihm zu verbringen. Aber auch am Tage suchte er ihre Gesellschaft und sprach es offen aus, daß ihr froher und leichter Sinn gut zu seiner schweren Art passe. Auch heute hatte Günther Frida versprochen, rechtzeitig von Wannsee fortzufahren, um nach Schluß des Theaters noch mit ihr zusammen zu treffen. Frida kannte die Gefühle, die Günther zu Röhrens zogen. Für sie war es daher ein kleiner Triumph, daß er ihr dies Versprechen gab. Der Grund, aus dem er es tat, war freilich ein anderer. Er hatte, als er hinausfuhr, den festen Vorsatz, ein Alleinsein mit Suse zu vermeiden. Er glaubte sicher, daß ihm das gelingen würde. Dennoch rechnete er damit, daß allein das Wiedersehen auf ihn stark wirken würde. Und er hoffte, diese Wirkung abzuschwächen, wenn er unmittelbar darauf mit Frida zusammenkam. Freilich: diese Hoffnung schwand mit dem Augenblick, in dem er Suse die Hand reichte. Da wußte er, daß selbst Fridas leichte und fröhliche Art nicht imstande sein würde, auch nur diesen ersten Eindruck abzuschwächen. Auch sein Vorsatz, ein Alleinsein mit ihr zu meiden, schlug schnell ins Gegenteil um. Er sehnte es sich herbei. Und da wohl auch Suses Wünsche in dieser Richtung gingen, so dauerte es nicht lange – und sie hatten sich gefunden. Als Günther dann später nach Berlin zurückfuhr, war Frida, die für ihn ja doch immer nur eine bewußte Ablenkung von seinen Gefühlen für Suse geworden war, vergessen. Er streifte noch lange in den toten Villenstraßen am Wannsee umher, bis er endlich mit dem letzten Vorortzuge gegen zwei Uhr nachts in Berlin ankam. Aber das Auto hielt kaum vor seinem Hause, da öffnete sich die Gartentür, und Frida stand mit Hut und Mantel, grad' so, wie sie vor drei Stunden aus dem Theater gekommen war, vor ihm. »Sag' mal, was denkst du dir eigentlich?« fragte sie ihn in einem Tone, der nicht gerade freundlich war. »Ach ja – richtig!« erwiderte er und besann sich. »Damit ist es nicht getan! – Wenn du dich da draußen nicht losreißen konntest, so hättest du wenigstens so viel Rücksicht auf mich nehmen und mir abtelephonieren können.« »Du hast recht – das hätte ich tun sollen.« »Laß das!« rief sie ihm zu, als er in die Tasche griff, um den Chauffeur zu lohnen. Er wandte sich erstaunt zu ihr um. »Nicht abstellen!« rief sie dem Wagenführer zu. Dann trat sie dicht an ihn heran. »So billig kommst du nicht fort! Diese Ungebühr mußt du büßen! Vorwärts! Ins Mascotte!« rief sie dem Führer zu und saß auch schon in dem Wagen, faßte Günther beim Arm und zog ihn zu sich ins Auto. »Also, Frida, davon kann keine Rede sein!« – Er beugte sich zur Wagentür. Frida riß ihn zurück. »Du bleibst!« sagte sie bestimmt. »Drei Stunden stehe ich jetzt und warte auf dich! Das sind Unmanieren! Ich kann verlangen, daß du mich wie eine Dame behandelst. Ich habe dir keinen Anlaß zum Gegenteil gegeben.« »Ich sehe das ein,« erwiderte Günther. »Ich hätte es nicht vergessen dürfen. Wie mach' ich das gut? – Wünsch' dir 'was!« sagte er plötzlich. »Nein! Ich habe nur den Wunsch, mit dir ein paar Stunden zusammen zu sein.« »Glaub' mir, ich kann nicht.« »Und warum kannst du nicht?« Ein Argwohn stieg in ihr auf. »Ich bin todmüde.« »Du wirst wieder munter werden.« »Außerdem bin ich verstimmt.« »Um so mehr Grund für mich, dich aufzuheitern.« »Es ist mitten in der Nacht.« »Sind das deine ganzen Gründe?« »Ja.« »Nun, dann mach ich mir kein Gewissen. Ob du um zwei oder um vier in deinem Bette liegst – was liegt daran?« »Das ist es nicht.« »Aha! – Ich wußte es.« Er fragte erstaunt: »Was wußtest du?« »Daß es einen anderen Grund hat. Sowohl dein Vergessen, daß wir verabredet waren, wie auch jetzt dieser, ich möchte fast sagen – Widerwillen, mit mir noch eine Stunde zusammen zu sein.« »Ich verstehe dich nicht.« »Aber ich verstehe dich. Soll ich dir den Grund sagen?« Er gab keine Antwort. Frida biß die Lippen zusammen. »Also doch!« entfuhr es ihr. »Was willst du im Mascotte?« fragte Günther. »Tanzen!« »Du hast mir erst neulich gesagt, daß eine Schauspielerin, die auf Ruf hält, da nicht hingehen kann – auch nicht in Begleitung eines Herrn.« »Ich hab' eben in falschen Vorstellungen gelebt.« »Was willst du damit sagen?« »Ich habe nicht daran gedacht, daß ich ja von da unten« – und dabei machte sie eine verächtliche Handbewegung – »herkomme.« »Frida!« rief Günther vorwurfsvoll. »Aber seit heute weiß ich's. Und vielleicht danke ich's dir nochmal, daß du es mich so deutlich hast fühlen lassen. Ich hätte mir sonst am Ende noch alles Mögliche eingebildet.« Günther patschte mit allen Vieren in das Netz, das ihm Frida legte. Traf man sein soziales Gewissen – Frida wußte es – so traf man seine empfindlichste Stelle. Sie war daher durchaus nicht erstaunt, als Günther jetzt ihre Hand nahm und aus vollem Herzen sagte: »Wie kannst du so sprechen, Frida! Du bist, was du wert bist. Und wo du herkommst und was die Leute sagen, das tut dazu nichts!« »Das redest du so daher. Aber innerlich, da denkst du ganz anders.« »Ist das meine Art?« »Bisher war sie's nicht. Aber du kommst dahin. Der Verkehr ändert die Menschen.« »Mich nicht.« Sie lächelte ungläubig. »Du hättest zum Beispiel nie den Mut, mich zu deiner Frau zu machen,« sagte sie. Günther erschrak. »Wie kommst du darauf?« fragte er. »Liegt das so aus der Welt?« »An sich nicht.« »Nun also.« Das Automobil hielt vor dem Pavillon Mascotte. Günther lehnte sich aus dem Wagen. »Zu Ewest!« rief er dem Chauffeur zu. Der Wagen wandte. Gleich darauf stiegen sie aus. Als sie die Sachen abgelegt hatten und in einer Nische saßen, sagte Frida: »Es war dir lieb, daß wir das Gespräch vorhin abbrachen.« »Nein! Der Gedanke, daß du aus meiner Vergeßlichkeit, denn weiter war es nichts ...« Frida griff nach seiner Hand. »Sieh mich an!« sagte sie und wandte sich zu ihm. »War es wirklich nichts weiter, als Vergeßlichkeit?« »Ich habe nicht an dich gedacht.« »Weil du an eine andere dachtest!« »Ja!« »Und weil ich dir im Vergleich zu ihr ein Dreck bin! – So! Das ist es!« Sie ließ seine Hand los und rückte ihren Stuhl ab. »Aber,« fuhr sie fort, »ich will dir 'was sagen. Du irrst dich doch! Die Unterschiede bestehen. Wie zwischen dir und mir, so auch zwischen euch und Röhrens. Die zwischen uns kannst du überbrücken, das heißt: wenn du ein Kerl bist und dein Edelmut mehr ist als Einbildung und Phrase. Deine Frau Mama freilich würde platzen. Nicht nur bildlich, nein faktisch, wenn du das Kind eines Domestiken zur Frau nähmst. Immerhin: ich fühle , daß es einen Weg von ihr zu mir gibt. Die Gegensätze sind überbrückbar. In vielem sind wir uns sogar ähnlich. Aber von deiner Frau Mama zu Frau Röhren führt kein Weg.« Günther machte ein nachdenkliches Gesicht. »Aber von mir zu ihr,« sagte er zaghaft. »Was wißt denn ihr! Ihr seid Kinder! Und dazu bis über die Ohren ineinander verliebt. Ich habe dir es angemerkt, ehe du selbst es wußtest.« »Und hast dich doch nicht von mir zurückgezogen?« »Weil doch nie etwas daraus werden kann.« Günther sah sie entsetzt an. »Wieso nicht?« fragte er. »Weil Röhrens niemals zugeben werden, daß ihre einzige Tochter eine Mesalliance eingeht.« Sie überzeugte sich von der Wirkung, die das auf Günther machte, und fuhr dann fort: »Denn schließlich besteht noch ein Unterschied zwischen einer Ehe und einer Tanzstunde.« »Was heißt das?« fragte Günther. »Nun, mein Vater hatte große Mühe, dich da hinein zu bringen.« »Dein Vater?« »Ja! Deine Frau Mama, die es wohl im Gefühl hatte, daß man es ihr abschlagen würde, beauftragte damals meinen Vater, zu Röhrens zu gehen und sie zu bitten, dich an dem Tanzkursus teilnehmen zu lassen.« »Unglaublich!« »Sie wollten durchaus nicht.« Günther sah zur Erde. »Wirklich, es war der reine Zufall, daß sie sich schließlich doch bereit erklärten. Der alte Röhren sträubte sich mit Händen und Füßen. ›Wenn Sie mir Ihren Sohn brächten‹, erklärte er, ›es fiele mir leichter‹.« »Hör' auf!« forderte Günther. »Du solltest mir dankbar sein, daß ich dir das sage. Ich will nicht, daß sie dich erniedrigen. Und das täten sie, wenn du um ihre Hand anhieltest. Natürlich taktvoll. Aber fühlen würdest du es doch.« »Und du glaubst, auf Suses Gefühle würden sie keine Rücksicht nehmen?« »Sie würden versuchen, es ihr auszureden. Gelänge das nicht ...« Günther hing an ihren Lippen. »Was dann?« fragte er ungeduldig. »Vermutlich würde man eins der üblichen und erprobten Mittel anwenden, durch die man verliebte Backfische von Ideen heilt, in deren Verwirklichung Eltern für ihr Kind kein Glück sehen.« »Was sind das für Mittel?« »Es gibt verschiedene. Zum Beispiel eine zeitlich unbegrenzte Vergnügungsreise. In Fällen, wo das Übel tiefer sitzt, eine Pension im Auslande. Ist Gefahr im Verzuge: Gegengift!« »Was heißt das?« »Gott, so ein verwöhntes Backfischherz brennt leicht lichterloh. Man muß nur verstehen, es geschickt und unauffällig in Feuergefahr zu bringen. Und Röhrens dürfte das bei den verzweigten Beziehungen, die sie in der ganzen Welt haben, nicht schwer fallen. Kind, das du bist! Wenn du, statt zu träumen, dich doch im Leben umsehen würdest!« »Du bist klüger als ich.« »Danke! Aber wenn du das glaubst, dann solltest du Nutzen daraus ziehen. – Übrigens würde ich an Röhrens Stelle ja ganz etwas anderes tun.« »Nämlich?« »Ich würde meine Tochter mit ihrer präsumptiven Schwiegermama ein paar Monate auf Reisen schicken.« »Mit meiner ...?« fragte Günther entsetzt. »Sehr richtig!« unterbrach ihn Frida. »Mit Frau Cäcilie! Deine Braut muß doch wissen, wo sie hineinkommt. Ich glaube, daß das schon entscheidend für sie wäre.« Günther schloß die Augen. Frida, die es sah, frohlockte innerlich.« »Sprich weiter!« drängte er. »Was soll ich noch sagen? Du mußt wissen, was du tust. Willst du sie heiraten, weil du dir daraus Vorteile für deine Karriere versprichst, so hast du recht, und möglicherweise lohnen sich die Kämpfe und Kränkungen, die du erdulden mußt, bis du ans Ziel kommst. Was das arme Mädchen dabei leidet, muß dir gleich sein.« Günther sah entsetzt zu ihr auf. »Liebst du sie aber,« fuhr Frida unbeirrt fort, »dann wirst du alles tun, um sie vor Konflikten zu bewahren, die unausbleiblich sind und denen eine Frau in ihrem Alter bestimmt nicht gewachsen ist.« Günther kämpfte schwer mit sich. Eine ganze Weile saßen sie, ohne daß einer ein Wort sprach. Dann rückte er sich plötzlich zurecht, warf den Kopf zurück, nickte ein paarmal und atmete tief auf. Er wandte sich zu Frida und streckte ihr die Hand hin. Frida schlug ein. »Was ist?« fragte sie. Er sah sie lange an und sagte: »Ich danke dir.« »Das hast du nicht nötig,« gab sie zur Antwort. »Sag' mir noch eins!« bat er. »Warum hast du mir das alles gesagt?« »Kind!« sagte sie und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar, »weißt du das wirklich nicht?« Sie rückte ganz nahe an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern, sah ihm in die Augen und sagte: »Weil ich dich liebe! Und nicht will, daß du Dummheiten machst und in dein Unglück rennst.« »Sie meint es ehrlich!« sagte sich Günther, in dem die Erkenntnis der Unmöglichkeit dieser Ehe immer stärker wurde. »Das Schlimmste aber,« sagte er nach einer Weile, »das Verächtlichste, das weißt du noch gar nicht.« »Also erzähle: was hast du noch getan?« »Hineingeschwindelt habe ich mich!« Sie verstand ihn nicht. »Wie du schon sagtest: im Anfang, da wollten sie von mir nichts wissen und hielten sich zurück. Die Form, in der sie es taten, war nicht kränkend. Ein anderer hätte es vielleicht gar nicht bemerkt. Ich jedenfalls fühlte es. Und es tat weh. Am meisten, weil auch Suse es fühlte und darunter litt. Mehr vielleicht als ich. Aber das bilde ich mir am Ende nur ein. Jedenfalls, es schlug im selben Augenblick um, in dem man mich, du weißt es, ohne meinen Willen zum Dichter proklamierte. Da war ich für sie wer und sie behandelten mich wie ihresgleichen. Ich hätte protestieren sollen. Gleich zu Beginn. Gewiß! – Was mich zurückhielt, war lediglich die Furcht, mich vor ihr lächerlich zu machen.« Frida, die bisher nüchtern und berechnend auf ihn eingewirkt hatte, nun aber seine Bewegtheit sah, spielte Theater: »Aber mit der Lüge seid ihr euch doch nicht genähert?« fragte sie, obschon sie davon übern zeugt war. »Sie weiß es auch jetzt noch nicht,« gab er zur Antwort »Du bist dir doch bewußt, daß sie mit dir der Lächerlichkeit verfällt, wenn es heut' oder morgen oder später einmal bekannt wird.« »Ich hätte mich ohne diese Lüge nie in diesen Kreisen halten können. Ich wäre also nie dazu gekommen, mich ihr zu nähern. – Was red' ich da?!« rief er erregt. »Daß ich überhaupt in ihr Haus kommen durfte, ist eine Gnade! Und wem dank' ich sie?« – Er lachte laut auf. – »Den Bitten unseres Hausmeisters! Und da redete ich mir ein ...« Er schlug sich vor den Kopf. – »Frida!« rief er und stand auf: »Wenn ich in meinem Leben jemals heirate, dann keine andre als dich!« Frida sprang auf und warf sich ihm an den Hals. »Liebster!« rief sie. – »Wenn du wüßtest, wie glücklich du mich mit deinem Antrage machst.« Achtzehntes Kapitel Günther wußte, daß Suse jeden Vormittag um elf Uhr zum Unterricht in das Atelier der Malerin Grete Berger ging. Es lag in nächster Nähe der Röhrenschen Villa. Suse auf der Straße zu erwarten, war unmöglich. Das sagte ihm der Takt. Und doch war es seine Pflicht, zu handeln; auf der Stelle! Denn zögern hieße in diesem Falle: seine Schuld gegenüber Suse vergrößern. Da er sich keinen andern Rat wußte, so schrieb er ein paar Zeilen an Frau Röhren, ein paar Zeilen, denen er offen einen Brief an Suse beilegte. Er schrieb: Sehr verehrte gnädige Frau! Bitte, erregen Sie sich nicht, wenn ich mich Suses wegen an Sie wende. Mir, dem das Herz so schwer ist, ist bei einer Gelegenheit, der aus dem Wege zu gehen ich nicht die Kraft fand, der Mund übergegangen. Ich habe mich Suse erschlossen! Ich weiß heut', daß ich es nie hätte tun dürfen. Nicht nur, weil besondere Verhältnisse, die wir ja alle kennen, es mir verbieten; vielmehr aus Gründen, die in meiner Person liegen und schwerer wiegen. – Ich habe mich damit um Ihr Vertrauen gebracht. Aber Sie würden mich milder beurteilen, wenn Sie wüßten, wie hoffnungslos es in mir aussieht. Ich schicke den Brief an Suse offen. Bitte, verfügen Sie darüber. Ich will nur eins: ihr so wenig Schmerz bereiten, wie möglich. Und ich weiß, daß ich das am sichersten erreiche, wenn ich alles in Ihre mütterlichen Hände lege. In tiefer Verehrung Günther Raffke.« Und in dem Brief an Suse stand: »Suse! Ich habe Ihnen gegenüber gestern, stark beeindruckt von der ersten Begegnung nach so langer Zeit, Worte gebraucht, aus denen Sie schließen mußten, daß ich aus meiner Neigung für Sie das Recht herleite, eines Tages vor Ihre Eltern hinzutreten und sie um Ihre Hand zu bitten. Ich wünschte heute, ich hätte diese Worte nie gesprochen. Ich bedaure sie. Folgen Sie in allem dem Rate Ihrer Mutter. Vergessen Sie mich! Wir werden uns nie wiedersehen. Ich gehe an eine süddeutsche Universität und erhoffe aus der Arbeit und Leistung eine Erleichterung meines Gewissens. Meine Ruhe aber werde ich erst wiederfinden, sobald ich weiß, daß Sie Ihr Leben einem Menschen anvertraut haben, der Ihrer würdig ist. Wenn Sie dann eines Tages hören, daß man mit Anerkennung von mir spricht, bitte, sagen Sie sich, daß alles, was ich tat, in dem Gedanken an Sie geschah. Denn mein Leben kennt von heut' ab nur noch einen Zweck: mir Ihre Achtung wieder zu erringen. Von bestem Willen beseelt, wünsche ich Ihnen alles Gute! Günther.« Röhrens nahmen sich mit großer Liebe ihres Kindes an. Sie sagten kein böses Wort über Günther. »Wir wollen ihn nicht verurteilen,« sagte Frau Röhren, »denn wir kennen die Gründe nicht. Wir haben auch kein Recht, in ihn zu dringen. Aber daß es dein Glück gewesen wäre, Suse, glaube ich nicht.« Suse sagte kein Wort. Sie saß, die Augen weit aufgerissen, wie vor einem Wunder, das man zu begreifen sucht, und das einem, je mehr man darüber nachdachte, nur immer unverständlicher wurde. »Auch für ihn ist es besser,« meinte Röhren. »In ihm gärt noch alles! Nichts ist ausgereift. Er sieht und vergleicht. Unzählige einander widerstrebende Gefühle sind in ihm. Zu Hause hat er keine Seele, die Verständnis für ihn aufbringt. Kein Wunder, daß er, sobald er empfindsamen Menschen begegnet, sich angezogen fühlt. Ich bin von seinen Qualitäten überzeugt. Gewiß, sie können auch zum Schlechten ausschlagen. Aber das alles ist eben noch ganz unklar. In ein, zwei Jahren, da denkt er ganz anders. Und wir müssen froh sein, Suse, daß er von selbst so viel Einsicht aufbringt und dich und sich und uns alle nicht in Konflikte hineintreibt, die unausbleiblich wären. – Aber Kind,« wandte er sich zu Suse und legte seinen Arm um sie, »du hörst ja gar nicht zu.« »Ich kann nicht, Vater!« sagte sie und schüttelte den Kopf. »Von allem, was er schreibt und was ihr sagt, verstehe ich nichts. Ich weiß nur, daß ihr alle es gut meint. Aber wie ist es dann möglich, daß mir so schwer ist – und daß ich nicht weiter kann?« Röhrens erstaunten, wie tief die Neigung ihres Kindes war. Sie wandten alle Liebe an. Aber sie merkten bald: sie vermochten nichts auszurichten. Neunzehntes Kapitel. Günther ließ sich weder durch Cäciliens Klagegeschrei noch Fridas Tränen zurückhalten. Leo, der vermitteln sollte, lehnte ab und sagte: »Liebe Cäcilie! Denk' an unser Abkommen: Ich bring' das Geschäft in die Höhe, du den Jungen. – Hoffentlich bleibt dein Erfolg nicht hinter meinem zurück. Ärger und Rückschläge gibt's in jedem Geschäft. Das muß man in Kauf nehmen. Wenn's nachher klappt, freut man sich um so mehr.« »Der Junge ist kein Geschäft!« rief Cäcilie wütend. »Wie oft soll ich dir das sagen!« »Gewiß, in dem Sinne nicht!« stimmte Leo bei. »In gar keinem Sinne!« erwiderte Cäcilie. »Er ist ein Luxusgegenstand, aus dem man kein Kapital schlägt, sondern den man sich 'was kosten läßt.« »Dann halt' ihn an, daß er Geld ausgibt. Ich hab' nichts dagegen. Ich mein' nur ...« »Was meinst du?« »Das ist so eine Redensart, die ich mir von dir angewöhnt habe. Jedenfalls ist Nationalökonomie nicht gerade ein Beruf, den sich Verschwender wählen.« »Dann muß er umsatteln! Im übrigen, wer weiß das? Günther Raffke ist zunächst 'mal Dichter. Als solchen kennt ihn, dank meiner Regie, heut' schon jeder. Was er nebenbei aus Liebhaberei treibt, ist Nebensache. Der eine wirft sich auf den Sport, der andre auf die Weiber ...« »Er ausgerechnet auf die Nationalökonomie.« »Solange er sich nicht öffentlich damit kompromittiert, hat das nichts auf sich.« »Also dann versteh' ich nicht, weshalb du dich so erregst und alle Welt wild machst, weil er nach Tübingen will.« »Das ist verrückt!« Ausgerechnet Tübingen! Wenn's noch Madrid oder Tokio wäre. Das könnte man bei unseren Verhältnissen verstehen. Aber Tübingen!« – Sie schlug sich gegen die die Stirn. – »Verrückt! verrückt!« »Ist dir schon 'mal 'n Dichter begegnet, der normal war?« Cäcilie dachte nach. Ihr Gesicht verklärte sich. »Leo!« rief sie. »Du hast recht! Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dann ist es der! – Wie gut, daß er nicht nach Madrid will.« »Oder nach Tokio,« ergänzte Leo. »Tübingen!« rief sie begeistert »Hast du schon 'mal gehört, daß ein vernünftiger Mensch nach Tübingen geht?« »Freiwillig jedenfalls nicht.« »Am Ende ist da nicht einmal eine Universität. Leo, das wäre himmlisch.« Cäcilie gab ihren Widerstand auf, traf selbst alle Anordnungen für die Reise und war nur noch in Sorge, daß Günther bis zum Abend seine Dispositionen ändern könnte. Monate waren vergangen. Günther schrieb Raffkes alle vierzehn Tage eine Karte, auf der, dem Sinne nach, immer dasselbe stand: »Ich freue mich, zu hören, daß es euch gut geht. Ich kann das Gleiche von mir melden. Ich benötige nichts. Auch kein Geld. Also bitte, quält mich nicht! Ich verdiene durch Beiträge an Fachzeitschriften, was ich zum Leben brauche. Und ich brauche nicht viel. – Meine Studien machen Fortschritte. Ich bin zufrieden. Viele Grüße! Günther.« Cäcilie geriet über diese Karten jedesmal in Erregung. Sie tobte erst eine Weile, stürzte dann ans Telephon und berief den Familienrat. Da es mit Ausnahme von Cäcilie aber allen genehm war, daß Günther seine eigenen Wege ging, die mit den ihrigen weder zusammenliefen, noch sie kreuzten, so stimmte man dem Maestro bei, der meinte: »Ich sehe in dem Verhalten Günthers nichts anderes als eine Überspanntheit. Die Jugend gefällt sich in Extremen. Zu Haus': zwei Jahrzehnte hindurch Überfluß und Luxus; von Hause fort: der Drang zu primitivster Einfachheit. Bei Günther, der schon als Kind exaltiert war, bis zur Leidenschaft gesteigert. Mein Rat ist: austoben lassen! Er wird eines Tages schon von selbst zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren, deren ungewöhnliche Qualität wir alle ja zu schätzen wissen.« Cäcilie aber, die in den Fleischtöpfen Ägyptens eine durchaus unpassende Anspielung sah, die dem Maestro völlig fern lag, sagte spitz: »Ich bitte mir aus, Maestro, keine Reminiscenzen. Sie haben als Junge auch noch nicht gewußt, was ein Klubsessel ist.« Das verstand man nicht; aber man fand doch allgemein, daß des Maestro Vorschlag richtig war. Auch als Günther kategorisch die Aufnahme folgender Notiz in der »Neuen Gesellschaft« verlangte: »Günther Raffke legt Wert auf die Feststellung, daß seine Mitwirkung an den Operetten »Die fesche Samoanerin« und »Die Frau von tausend Jahren« in keiner Weise die Nennung seines Namens neben dem Viktor Grüns rechtfertigt.« willfahrten sie aus Utilitätsgründen, nach einer Beratung, die bis in die Nacht währte, dieser Bitte. Zwar hob Viktor Grün die von Günther beabsichtigte Wirkung durch eine Notiz, in der er sich gegen die »übertriebene Bescheidenheit« wandte, auf. Und andere Blätter machten unter der Überschrift: »Ein Autor, der sein eigenes Stück verleugnet« ihre mehr oder weniger boshaften Glossen. Die Folge war, daß Günther Raffkes Name ein paar Tage lang wieder in aller Munde war. Und neidvoll dachte manch einer: Der versteht's, Reklame für sich zu machen. Günther aber, der sich ganz in seine wissenschaftliche Arbeit vertiefte, dachte nicht weiter über die Wirkung nach. Ihm genügte die Tatsache der Erklärung in der »Neuen Gesellschaft«. * Bald darauf erlebte Cäcilie ihre große Überraschung. Sie saß mit Leo beim Tee, als der Diener eintrat und ihr ein Tablett mit einer Karte reichte. Sie nahm die Karte auf, las sie und rief laut: »Leo! Die Röhren!« Gleich darauf führte sie ängstlich die Hand zum Mund, sah verstohlen zur Tür und fragte flüsternd: »Sie wird doch nicht gehört haben?« »Wenn sie taub ist, nicht.« »Was mach' ich?« fragte sie unbeholfen und sah erst Leo, dann den Diener an. »Du bist doch angezogen. Also empfang' sie.« »Das hätte ich ahnen sollen!« rief sie und war im selben Augenblicke auch schon aus dem Zimmer. Sie lief den Korridor entlang, die Treppe hinauf, stürzte in ihr Boudoir, schloß den eingebauten Schrank auf, entnahm ihm den Schmuckkasten und behing sich mit Perlen und Brillanten. Der Diener stand noch immer mit dem Tablett vor Leo. »Soll ich die Dame fortschicken?« »Unsinn!« rief Leo. »Meine Frau wartet seit zwanzig Jahren auf der ihren Besuch. Da wollen Sie sie wegschicken! Soll sie vielleicht noch 'mal zwanzig Jahre warten? Sagen sie ihr, wir haben jeden Tag gehofft – oder nein! Führen Sie sie einfach in den Salon.« Frau Röhren war kaum eingetreten, als Cäcilie durch die Portieren rauschte. »Nanu?« verstellte sich Cäcilie. »Sehe ich recht? Frau Röhren? – Ja, warum sagt mir denn das niemand?« – Sie trat ein paar Schritte auf sie zu und fragte: »Welcher meiner Diener hat Sie eingelassen?« »Ich habe ihn mir wirklich nicht angesehen,« erwiderte Frau Röhren. »Aber wenn ich störe ...« »Nein! nein!« rief Cäcilie hastig und hätte Frau Röhren am liebsten an beiden Armen festgehalten. Aber sie nahm sich zusammen und sagte bloß: »Im Gegenteil! Ich freue mich sehr. Wenn Sie unseren Besuch auch etwas spät erwidern. – »Bitte!« – und sie forderte sie auf, Platz zu nehmen. »Sie entsinnen sich vielleicht,« erwiderte Frau Röhren, »daß wir damals jeden gesellschaftlichen Verkehr aufgeben mußten.« »Ich bitt' Sie,« wehrte Cäcilie ab. »Wer weiß von diesen Dingen heute noch? Die sind vergessen. Sie sind wieder obenauf. Darauf kommt es an. Kein Mensch fragt mehr danach, was damals war.« »O nein!« erwiderte Frau Röhren. »Sie irren. Ich schäme mich durchaus nicht, an die Zeit erinnert zu werden. Ganz im Gegenteil! Ich bin stolz auf sie. Diese Jahre gehören zu den schönsten meines Lebens, und ich möchte sie in meiner Erinnerung nicht missen.« »Geschmacksache!« erwiderte Cäcilie. »Für mich hätten derartige Prüfungen etwas Unangenehmes.« »Gewiß, ich kann es mir denken, Frau Raffke,« sagte Frau Röhren mit leiser Ironie. Es wurde ihr schwer, zur Sache zu kommen. Mehrmals machte sie einen Ansatz. Immer wieder trat störend ein Gefühl dazwischen. Bis sie sich endlich zwang und sagte: »Mein Besuch hat einen ganz bestimmten Anlaß. Er betrifft – ja, wie soll ich nur sagen? – Ihr Haus so gut wie das unsre.« Cäcilie zog den Mund breit, schüttelte den Kopf, lächelte und sagte: »Ne, beste Frau, da geben Sie sich man gar keine Mühe! Aus dem Hause hier, da bekommen Sie uns nicht mehr heraus. Hier sitzen wir. Und hier bleiben wir! – Überhaupt, wissen Sie denn, was wir in den letzten zwanzig Jahren hier hineingesteckt haben? Sie würden staunen, wenn ich es Ihnen sage.« »Sie mißverstehen mich. Um Ihr Haus ist es uns natürlich nicht zu tun. Aber in einem gewissen Zusammenhange stehen die Dinge schon!« »So! so! Da bin ich begierig.« »Ihr Sohn Günther, der, wie Sie wissen, oft Gast in unserem Hause war ...« »Ob ich weiß,« erwiderte Cäcilie. »Wie hat er Ihnen gefallen?« »Gut! – Sehr gut sogar.« »Wie mich das freut! Schade, daß mein Mann das nicht hört.« »Er hat fraglos Qualitäten.« Cäcilie nickte überlegen: »Er ist ein Dichter!« »Das meine ich nicht. Aber als Mensch! Er ist nicht wie die meisten andern. Er hat Charakter.« »Leider! – Zu viel!« Frau Röhren war entsetzt. Cäcilie, die das sah, fuhr fort: »Oder glauben Sie, das fördert heutzutage die Karriere? Glauben Sie mir: es hemmt! Auf Schritt und Tritt!« »Möglich! Aber wenn es mein Sohn wäre, mir wär's schon recht.« »Dann haben Sie keinen Ehrgeiz.« »Nein! Den hab' ich freilich nicht. Wenigstens nicht in dem Sinne. Ich bin zufrieden, wenn meine Jungen ihre Pflicht tun und glücklich sind.« »Bescheiden sind Sie, dag muß ich sagen.« »Möglich! Aber vielleicht verstehen Sie mich nun eher, wo Sie wissen, daß mir das Glück meiner Kinder über alles geht. Ich habe eine Tochter, eine einzige ...« »Suse,« sagte Cäcilie. Frau Röhren schloß unwillkürlich die Augen, und in Gedanken streichelte sie wie zur Abwehr das Haupt ihres Kindes. »Ja,« sagte sie, »Suse heißt sie. Ich habe nur die eine – und für ihr Glück, da bringe ich jedes Opfer – jedes!« »Nun also?« fragte neugierig Cäcilie. Frau Röhren zwang sich – es fiel ihr maßlos schwer – und sagte: »Mein Kind liebt Ihren Sohn.« »Wa...?« entfuhr es Cäcilien. »Nicht so, wie Mädchen ihres Alters sonst wohl lieben. Anders! Ganz anders! – Einfach so, daß sie zugrunde geht an dieser Liebe – dahinsiecht wie an einer Krankheit – innerlich auslöscht – zusammenfällt. – Sehen Sie, darum bin ich hier, um Sie zu bitten: helfen Sie mir, mein Kind retten!« – Sie nahm Cäciliens Hand und sagte mit Tränen in der Stimme: »Liebste Frau! Es stirbt mir!« Cäciliens Triumph war ungeheuer. »Sie kommen demnach, um von mir meinen Sohn zu erbitten,« sagte sie lebhaft und merkte in ihrer freudigen Erregtheit gar nicht, wie Frau Röhren litt – »Das bedeutet also den Zusammenschluß unserer Familien! Unser Günther wird Ihr Schwiegersohn! Aus Fräulein Suse Röhren wird Frau Suse Raffke. Ich finde das prachtvoll!« – Sie war so aufgeregt, so ohne jede Hemmung, daß sie die Worte, ohne sie erst verstandesgemäß zu wägen, ganz mechanisch hervorbrachte. – »Auf das Gesicht von Leo bin ich gespannt. Noch vor ein paar Minuten, als von Günther die Rede war, hat er mir vorgeworfen: ›Ich bring' das Geschäft in die Höh', du den Jungen!‹ – Ich habe, weiß Gott, in den Jungen hineingesteckt, was möglich war. Ich mein' natürlich, in seine Erziehung. Aber so das Rechte, was ich mir als Mutter dachte, wollte es doch nicht werden. Dagegen entwickelte sich das Geschäft, dank der günstigen Konjunktur, immer mehr. Na, was brauch' ich da viel zu reden? Raffke \amp; Cie. hat heute Weltruhm. Und jetzt die neue Verwandtschaft! Jetzt sind wir über den Berg! – Ich habe es ja gewußt, Günther wird es machen.« »Stehen Sie mit Ihrem Sohne denn in Verbindung?« »Welche Frage! Sie können lange suchen, bis Sie noch einmal Mutter und Sohn finden, die sich so verstehen.« »So?« sagte Frau Rohren erstaunt. »Freilich, das wußte ich nicht.« »Ich werde ihm sofort nach Tübingen telegraphieren, daß er mit dem nächsten Zuge nach Berlin kommt« »Und welchen Grund wollen Sie ihm nennen?« »Die Verlobung! Na, der wird staunen! Das hätte er mir doch nicht zugetraut.« »Was?« »Daß ich das fertig bringe.« »Sie haben demnach schon mit Ihrem Sohne darüber gesprochen?« »I Gott bewahre! Wie kommen Sie darauf? Nicht ein Sterbenswort. Ich bin überzeugt, er hat keine Ahnung. Es wird wie eine Bombe bei ihm einschlagen.« »Sind Sie denn so fest davon überzeugt, daß er die Liebe meiner Tochter erwidert?« »Liebe? – Wieso Liebe?« »Nun, auf einer andern Basis wäre ein solcher Bund doch wohl kaum möglich.« »Seien Sie unbesorgt! Der Junge ist nicht auf den Kopf gefallen. Der tut schon, was nötig ist. Nur im rein Geschäftlichen, da versagt er. Sonderbar genug, bei seinen Eltern. Das müßten Sie dann schon mit meinem Mann abmachen. »Das ist ja alles nicht das, worauf es ankommt,« sagte Frau Röhren. »Wieso?« fragte Cäcilie erstaunt »Worauf denn?« »Auf das innere Verhältnis der beiden jungen Leute zueinander.« »Richtig!« rief Cäcilie. »Ich verstehe. Es darf nach außen nicht der Eindruck erweckt werden, als wenn Sie diese Ehe aus pekuniären Gründen forciert hätten. Man könnte sonst am Ende auf den Gedanken kommen, daß Sie, wie damals, wieder parterre sind. – Ich hab' eine Idee, wie man nach außen das innige Verhältnis am besten dokumentiert. Mein Sohn fügt seinem Familiennamen den Ihrigen bei. Was sagen Sie dazu: Günther Raffke-Röhren. Klingt das nicht prachtvoll? Es wäre ja ein Jammer, wenn der Name unter den Tisch fiele. Genau wie Schaumburg– Lippe, Hatzfeld-Trachenberg, Arnim-Boitzenburg, Raffke-Röhren.« – Sie war ganz aufgeregt. – »Was sagen Sie zu meiner Idee?« Frau Röhren ertrug es nicht länger. Sie stand auf, trat dicht an Cäcilie heran und sagte: »Zwischen Ihrem Sohne und meiner Tochter hat bereits vor langer Zeit einmal eine Aussprache stattgefunden.« »Soo?« »Am Tage darauf bekam ich diese beiden Briefe.« – Sie reichte sie ihr. – »Bitte, lesen Sie!« »Das ist ja die Handschrift meines Sohnes.« »Gewiß!« Cäcilie überflog die beiden Briefe; aus denen sie nur herauslas, daß bestimmte Gründe ihn von einer Ehe mit Suse zurückhielten. »Der Junge ist verrückt!« rief sie. »Glauben Sie's mir! Wir sind uns alle darüber einig. Das hängt damit zusammen, daß er ein Dichter ist. Aber das muß sich austoben. Da darf man nicht dran rühren. Ein Rückfall wäre bedenklich.« »Ich meine,« sagte Frau Röhren bestimmt, »daß es zunächst einmal darauf ankommt, den Grund festzustellen, aus dem Ihr Sohn glaubt, unwürdig für eine Verbindung mit meiner Tochter zu sein.« »Dahinter werden wir schon kommen.« – Sie dachte nach. – »Ja, was sollte das nur sein?« »Etwas Unredliches traue ich ihm nicht zu.« »I Gott bewahre! Günther ist geschäftlich ganz unbeholfen. Fragen Sie Leo.« »Es muß demnach etwas anderes sein.« »Aber was?« »Sie können sich denken, ich habe es mir Tag und Nacht durch den Kopf gehen lassen. Schließlich habe ich mir gesagt: es kann nur eins sein.« »Nämlich?« »Eine Frau.« »Großer Gott!« schrie Cäcilie laut. »Sie glauben, er verplempert sich an Frauenzimmer?« »Nein! Das glaube ich nicht. Denn auch das entspricht nicht der Vorstellung, die ich von ihm habe. Und schließlich: das fände mit dem Augenblick einer Ehe ja wohl auch sein natürliches Ende.« »Nun also.« »Aber vielleicht, daß es eine ist. Eine bestimmte! – Er brauchte ihr nicht gleich die Ehe versprochen zu haben. Bei seinem Verantwortungsgefühl genügte am Ende schon eine Beziehung, die das Mädchen für fest und dauernd hält.« »Das soll so eine Person 'mal wagen!« rief Cäcilie empört. »Der würde ich heimleuchten.« »Ich kann mir nicht denken, daß es ein wertloser Mensch ist, dem Ihr Sohn seine Sympathien zuwendet. Vorausgesetzt, daß meine Vermutung überhaupt zutrifft. Ist das aber der Fall, dann möchte ich doch bitten, dem Mädchen mit Schonung zu begegnen.« »I was! – Übrigens, da fällt mir ein. – Natürlich! Das wird es sein!« – Sie preßte boshaft die Lippen aufeinander und ballte die Fäuste. »Haben Sie eine Vermutung?« »Ja! – Na, das Frauenzimmer kann sich freuen! – Im eigenen Hause haben wir's großgepäppelt. Es konnte gar nicht genug kosten. Bis aus dem Domestikenkinde eines Tages eine Operettendiva wurde! Aber solch' Volk verleugnet sich nicht. Es bleibt, was es ist. Selbst die Kunst veredelt da nicht.« »Sie meinen doch nicht etwa die Tochter von Franz Linke?« fragte Frau Röhren. »Doch! doch! Sie werden es erleben, die ist es!« »Darf ich wissen, worauf Sie Ihre Vermutung gründen?« Cäcilie dachte nach. »Sehr einfach! Er als Dichter fühlt sich natürlich zu ihr, die seine Gedanken kreiert, hingezogen.« »Aber Ihr Sohn hat die Autorschaft an den Operetten doch abgeleugnet.« Cäcilie schmunzelte. »Haben Sie das geglaubt?« fragte sie. »Ja, gewiß! Durchaus! Um so mehr, als diese ... nun, nennen wir's mal Arbeiten, so ganz und gar nicht zu dem Bilde passen, das mein Mann und ich mir von Ihrem Sohne gemacht haben.« »Da unterschätzen Sie ihn aber gewaltig. Das war noch gar nichts. In dem steckt noch viel mehr! Das mit dem Widerruf ist eine Marotte. Nichts weiter. Glauben Sie mir, für die Berühmtheit Günther Raffke-Röhren ist gesorgt. Wenn wir uns erst verwandtschaftlich näher sind, dann verrate ich Ihnen auch: wie.« »Ich habe doch Bedenken,« sagte Frau Röhren. »Wieso Bedenken?« »Falls Ihr Sohn diesem Fräulein Linke wirklich ein bindendes Versprechen gegeben hat, dann darf man ihn nicht zu einem Wortbruch veranlassen. Auch dann nicht, wenn er mein Kind liebt – und das geht ja wohl aus seinen Briefen unzweideutig hervor. Was aus meinem Kinde wird, daran darf ich dabei freilich nicht denken.« »Was? was?« rief Cäcilie kurz hintereinander. »Mein Sohn, ein bindendes Versprechen dieser Frida Linke? Ja, was denken Sie von uns? Was soll er ihr denn versprochen haben? Die Treue? Glauben Sie, ich werde dulden, daß die ihr Leben lang zusammenhocken? Und wer erbt dann unsere Millionen? Vielleicht Frida Linke? – Oder denken Sie gar an eine Ehe? – Frida Linke meine Schwiegertochter! Das wäre das Richtige! Ich glaube, ich versänke vor Scham unter die Erde. Tollhaus ist das! – Stellt sich heraus, daß Günther je daran gedacht hat, darauf verlassen Sie sich: entweder er sagt sich auf der Stelle los und verlobt sich mit Ihrer Tochter, oder wir stecken ihn in ein Sanatorium, so lange bis er nachgibt.« Frau Röhren war außerstande, das Gespräch mit Cäcilien fortzusetzen. »Ich möchte den Frieden Ihres Hauses nicht stören,« sagte sie kalt. »Ich habe mich überzeugt, es geht wohl doch nicht.« »Was heißt das?« rief Cäcilie entsetzt. »Daß ich Sie bitte, meinen Besuch als nicht geschehen zu betrachten.« »Ausgeschlossen! Die Sache zwischen uns ist klipp und klar! Ich habe Ihr Anerbieten akzeptiert, gern akzeptiert. Sie sind so gut gebunden wie ich.« »Ich aber erkläre Ihnen, und zwar zugleich im Namen meines Mannes: wir waren in einem Irrtum befangen. Mein Kind wird dies Haus nie betreten. – Ich bedaure, Ihnen diese Ungelegenheit gemacht zu haben.« Sie verbeugte sich kurz, ging zur Tür und verließ das Haus. Cäcilie stand, den Mund weit aufgerissen, da und starrte ihr nach. Zwanzigstes Kapitel. Frau Röhren war schon aus dem Hause, als Cäcilie an das Haustelephon stürzte und hineinrief: »Frida Linke soll sofort zu mir heraufkommen!« »Sehr wohl, gnädige Frau!« war die Antwort. »Ich werde sofort sehen, ob Fräulein Ury zu Hause ist. Ich glaube, sie ist zur Probe.« Frida Linke war nicht zur Probe. Vielmehr lag Viccy Ury in seidenem Pyjama auf der Chaiselongue, rauchte eine Zigarette und trillerte ein Schlagercouplet aus Victor Grüns letzter Operette. Als der Diener den Befehl der Gnädigen überbrachte, verzog sie das Gesicht und sagte: »Zu der Alten auf nüchternen Magen? Danke!« Der Diener lachte. »Im übrigen: wenn sie 'was von mir will, weshalb kommt sie nicht zu mir?« »Soll ich das ausrichten?« Frida setzte sich auf und sagte: »Ne! Das geht nicht. Ich muß Rücksicht auf meinen Vater nehmen.« – Sie betrachtete sich: »In dem Aufzuge? Was meinen Sie, ob das geht?« Der Diener nahm gerade eine nähere Besichtigung vor, als die Tür aufging und Cäcilie ins Zimmer stürzte. »Wo bleiben Sie?« rief sie. »Was ist das für eine Art, mich so lange warten zu lassen?« Während der Diener sich ängstlich an die Wand drückte, war Frida keinen Augenblick verlegen. Nicht einmal die Zigarette legte sie aus der Hand. »Wir beratschlagten gerade, ob ich in diesem Aufzuge ...« »Sie haben ja Hosen an!« rief Cäcilie entsetzt. »Allerdings! Sogar seidne. Akt zwei, dritte Szene der neuen Operette!« log sie. Cäcilie legte die Lorgnette an und meinte: »Sehr fesch!« »Danke!« quittierte Frida. Cäcilie wandte sich an den Diener und sagte: »Lassen Sie uns allein! – Ich bin für niemanden da. Auch am Telephon nicht.« »Sehr wohl!« erwiderte der Diener, verbeugte sich und ging. Als er draußen war, trat Cäcilie dicht vor Frida, die jetzt neben der Chaiselongue stand, hin und sagte: »Sie sind mir ja eine nette Person!« »Darf ich fragen, wieso?« »Verstellen Sie sich nicht! Ich weiß alles.« »Was meinen Sie?« »Ihre Beziehungen zu meinem Sohne.« »Ich habe mir nichts vorzuwerfen.« »Aber ich habe Ihnen vorzuwerfen, daß Sie an Größenwahn leiden! Wer sind Sie eigentlich, daß Sie sich einreden, mein Sohn wird Ihretwegen auf die Ehe mit Suse Röhren verzichten? Fällt ihm nicht ein. Morgen kommt er zurück. Übermorgen verlobt er sich. In vier Wochen ist die Hochzeit.« »Nein!« rief Frida empört und trampste mit dem Fuße auf. »Das wollen wir erst einmal sehen! Ich habe mir seinetwegen alles vom Halse gehalten. Darunter die aussichtsreichsten Sachen, bei denen eine Ehe durchaus nicht ausgeschlossen war. Nur weil ich sein Wort hatte.« Cäcilie wankte ein paar Schritte zurück. Es stimmte also! Frida hatte sich bluffen lassen und war gleich mit der ganzen Wahrheit herausgeplatzt. »Und was besagt dies Wort?« fragte Cäcilie. »Daß, wenn er einmal heiratet, er nur mich heiratet.« Cäcilie lachte laut auf. Aber man spürte, wie gequält das war. »Und das haben Sie ihm geglaubt?« rief sie höhnisch. »Regen Sie sich nicht auf!« erwiderte Frida. »Ich kenne Ihren Sohn besser, als Sie ihn kennen. Wenn einer auf ihn Einfluß hat, bin ich's. Lassen Sie ihn ruhig kommen. Er wird Suse Röhren nicht heiraten. Und wenn ich mit ihm nicht fertig werde, dann gehe ich zu Röhrens selbst. Da respektiert man ein gegebenes Wort mehr als hier.« »Ich werde dafür sorgen, daß man Sie nicht empfängt.« »Uns, Frau Raffke, hat man den Zutritt bei Röhrens noch nie verweigert,« lautete Fridas nicht mißzuverstehende Antwort. »Sie sind von Sinnen! Was ist das für ein Ton, in dem Sie mit mir sprechen?« »Ich gebe zu, ich bin gereizt. Aber wenn Sie derart aufs ganze gehen, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ich mich meiner Haut wehre, so gut ich kann.« Cäcilie sah sich vor eine vollendete Tatsache gestellt. Sie wußte, wie renitent Günther von klein an ihr gegenüber war. Sie sah auch, wie sicher Frida ihrer Sache war. Und schließlich dachte sie an die Äußerung Frau Röhrens, in der sie es ablehnte, einen Zwang auf Günther auszuüben. Alles das wirkte zusammen. Andere Taktik! sagte sie sich, schlug im Ton um und lenkte ein: »Ich sehe das ein.« Frida beruhigte sich und sagte: »Nun also.« »Schließlich ist es für Sie ja keine Kleinigkeit, auf Günther zu verzichten.« »Ich denk' nicht dran!« erwiderte Frida. »Wir müssen das in Ruhe bereden,« sagte Cacilie und nahm Frida bei der Hand. Dann setzten sie sich nebeneinander auf die Chaiselongue. »Geben Sie zu, daß das eine Mesalliance wäre?« fragte Cäcilie. »Für mich nicht.« »Aber für ihn.« »Wenn schon! – Wenn es sich herausstellt, daß wir nicht zueinander passen, gut, so lassen wir uns eben scheiden.« »Und wozu war dann das ganze?« »Sehr einfach! Ich bin Frau Raffke, und er muß für mich sorgen.« »Das könnte auch ohne Ehe geschehen.« »Aber wie! Das kennt man. Und vor allem: ich bliebe dann, was ich bin, Frida Linke.« »Sie bleiben Viccy Ury. Auch wenn Sie seine Frau würden. Sie würden doch die Kunst nicht an den Nagel hängen.« »Und ob ich das täte! An den festesten und höchsten, von dem man sie nie mehr herunterbekäme. – Oder glauben Sie, diese ganze sogenannte Soubrettenkunst ist etwas anderes als eine bessere Männerfalle? Mit der Stenotypistin Frida Linke hätte sich Günther Raffke im Bestfalle auf eine Liaison auf Tage, Wochen oder Monate eingelassen. Bei Viccy Ury, der ersten Soubrette der Residenzbühne, lag der Fall schon anders. Da war ich wer! Das gab mir, wenn ich mich nur hielt und keiner sich meines Besitzes rühmen konnte, das Recht, Ansprüche zu stellen, die man bei Frida Linke für Tollheit erklärt hätte. – Sie sehen, ich decouvriere mich Ihnen vollkommen. Ich habe nichts zu verbergen. Sie können mir nachspüren, soweit Sie wollen. Ich handle ganz zielbewußt. Ich lebe nicht ins Blaue hinein. – Aber genau, wie Sie sich einmal aus Ihren kleinen Verhältnissen herausgesehnt haben und nicht Ihr Leben lang hinter einem Ladentisch sitzen und Butter verkaufen wollten« – Cäcilie hielt sich die Ohren zu und schnappte nach Luft – »genau so liegt mir daran, nicht Zeit meines Lebens das Dasein eines ›Domestiken‹ zu führen.« »Ich bringe Ihrem Streben durchaus Verständnis entgegen. Nur, ich sehe nicht ein, warum ausgerechnet mein Sohn das Opfer sein muß.« »Gnädige Frau, das würde mir in solchem Fall vermutlich jede Mutter sagen.« »Es wäre demnach klüger, wenn Sie sich an jemanden gewandt hätten, der nicht, wie Günther, auf seine Mutter angewiesen ist.« »Wie meinen Sie das?« fragte Frida. »Das ist doch sehr einfach. In demselben Augenblick, in dem Günther Sie heiratet, sperren wir ihm die Gelder. Das steht fest! Günther ist zwar ein gesunder und kräftiger Mensch, aber sehr unpraktisch. Und ich glaube, für den Lebensunterhalt der Familie müßten schon Sie sorgen.« »Was?« rief Frida empört. »Ich soll Ihren Sohn ernähren?« »Ihren Mann!« verbesserte Cäcilie. »Das sollte mir einfallen!« »Wir würden ihn selbstredend auch enterben. Und auf das Pflichtteil zu warten, wäre eine harte Geduldsprobe.« »Sie werden Ihren Sohn nicht hungern lassen,« sagte Frida verzweifelt. »Gewiß nicht. Ich würde Ihnen voraussichtlich gestatten, daß Sie abends aus dem Leutehaus Essen für ihn holen.« »Und Sie glauben, dazu gebe ich mich her?« »Nein! Denn für so dumm halte ich Sie nicht.« »Was soll also geschehen?« »Sie werden auf meinen Sohn verzichten.« »Und was weiter?« »Das bleibt Ihnen überlassen. Ich denke mir, Sie werden die ›bessere Männerfalle‹ wieder in Tätigkeit setzen. Auf Grund der gemachten Erfahrung mit mehr Vorsicht. Und vor allem: Sie werden von hier fortziehen und mir versprechen, nie wieder mit Günther in Verbindung zu treten.« »Ja, wie käme ich denn dazu? Sie stellen da Forderungen an mich und denken nicht daran ...« »Doch! doch!« unterbrach sie Cäcilie. »Ich denk' schon dran. Wir verstehen uns ausgezeichnet. Ich weiß gottlob, was sich schickt, und lasse mich nicht lumpen. Aber vor allem muß ich wissen, daß ich mich auf Sie verlassen kann.« »In welcher Beziehung?« »Sie müssen mir helfen, daß diese Ehe zustande kommt.« »Günthers? Mit dieser Suse?« »Ja!« Und nun erzählte Cäcilie alles, was sich soeben zwischen ihr und Frau Röhren zugetragen hatte. Frida kannte die Zusammenhänge besser als irgendwer. Aber den Ausschlag gab für sie doch immer das eigene Interesse. »Ich kenne Ihren Sohn,« sagte sie bedächtig, »und weiß, daß er ehrenhaft bis zum Fanatismus ist. So viel steht fest: die Vorbedingung für das Zustandekommen dieser Ehe ist eine andere Ehe.« »Nanu?« rief Cäcilie, und Frida fuhr fort: »Nämlich meine!« »Wa ...?.« »Nur das wird Günther überzeugen. Nur dadurch wird er sich seines Wortes entbunden fühlen.« Cäcilie begann zu begreifen. »Das ist so dumm nicht, was Sie da sagen.« Frida setzte noch einen Trumpf darauf. »Natürlich dürfte das nicht die erste, beste Ehe sein,« sagte sie. »Ihr Sohn würde sonst Verdacht schöpfen und womöglich annehmen, daß man einen Zwang auf mich ausgeübt hat. Das aber würde sein Verantwortungsgefühl nur bestärken. Es müßte eine Ehe sein, die glauben läßt, daß es mein freier Wille war. Eine sehr verlockende Ehe also. Verlockender womöglich, als die mit ihm.« »Als wenn ich Leo sprechen höre!« rief Cäcilie. »An Ihnen ist ein Geschäftsgenie verloren gegangen. Schade, daß Sie nicht sein Junge sind!« »Haben Sie so eine Partie für mich?« fragte Frida. »Ich muß sie finden,« erwiderte Cacilie. »Leicht ist das nicht. Und ein Vermögen kostet das wieder. – Ich werde mit dem Maestro reden.« Einundzwanzigstes Kapitel. Der Maestro kannte eine ganze Reihe von Leuten, die von Frida Linke nichts wußten und Viccy Ury verehrten. Sie waren auch sämtlich zu Opfern bereit. Nur das der Ehe wollte keiner bringen. Linke, dessen Wunsch es längst war, daß sein Sorgenkind Frida eine verständige Ehe einging, die vor allem ihrer Soubrettenlaufbahn ein Ende setzte, unterstützte Cäcilie in ihrem Bemühen, einen Mann zu finden. Da man, bis das erledigt war, an dem Fall Röhren nicht rühren durfte, so tat Eile not. Und als der Maestro eines Tages einen jungen Mann, namens Menotti, anbrachte, der über einen wohlklingenden Tenor verfügte und nach feierlichen Beteuerungen des Maestro die Zukunft eines Caruso hatte, sagten alle Beteiligten »ja«, und aus Viccy Ury wurde, nachdem sie sich in Frida Linke zurück verwandelt hatte, in aller Eile und Stille Frida Menotti. Das heißt: bedingungslos opferte Frida weder ihren Beruf noch Günther, »Denn,« so erklärte sie, »eine Ehe stellt nicht nur Anforderungen an das Herz, sondern auch an den Magen. Wie also steht's mit der finanziellen Grundlage?« Es stellte sich heraus, daß Leo Raffke eine stattliche Mitgift zahlte. Selbst nach den Abzügen, die der Maestro machte, blieb es noch immer eine Summe, auf die hin sich manch' Rechtsanwalt in Frida verliebt hätte. Und sie erklärte: »Sehr schön – aber sehr unsicher.« Menotti verstand nicht. »Was fange ich an,« sagte Frida, »wenn ich eines Morgens aufwache, das Bett neben mir ist leer, und auf dem Nachttisch liegt ein Zettel: Die Sonne Italiens zündet doch mehr als du. Verzeih'! Auf Nimmerwiedersehen! Enrico.« Enrico sank auf die Knie und leistete alle Schwüre der Welt. Frida, die viel Sinn für theatralische Wirkungen hatte, klatschte in die Hände und rief: »Sehr schön! Aber das wirkt lediglich auf das Herz, und darüber waren wir uns bereits einig. Jetzt handelt es sich um den Magen.« Menotti verstand. Im Gefühl des Besitzes, das die Mitgift ihm gab, sah er zu Frida auf und sagte: »Fordre!« Frida überlegte; nicht lange, dann rief sie bestimmt: »Die Hälfte!« »Das ist sehr viel.« »Gott sei Dank! Aber unter dem ist es nicht zu machen.« Und Enrico, der für beide Hälften fürchtete, sagte: »Ja.« Den Worten folgte die Tat. Und am Vormittag des nächsten Tages wurde Frida Menottis Frau. * An der Trauung nahmen auch Raffkes teil. Daran schloß sich im Splendid, einem mittleren Hotel der Friedrichstadt, das Hochzeitsmahl. Auch dessen Kosten bestritt Leo. Und da Cäciliens Devise: Noblesse oblige sich auch hier zeigte, so gab es gutes Essen und schwere Weine. Die Gesellschaft war gemischt. Von der Raffkeschen Dienerschaft fehlte niemand. Aber auch Kollegen und Kolleginnen Viccy Urys nahmen teil. Die schweren Weine und Viccys ehemalige Kollegen sorgten für die richtige Hochzeitsstimmung. Es wurde bis in den Morgen hinein gesungen, getrunken und getanzt. Auch die Gärtnersfrau, Luise Möhle, der der Raffkesche Hausarzt seit Tagen jede starke Bewegung untersagt hatte, tanzte wie ein Backfisch. Nach einer stürmischen Polka ereilte sie das Geschick. Man trug sie, ohne daß es Aufsehen machte, in eins der Hotelzimmer. Linke telephonierte, in Erinnerung an Fridas und Günthers Geburt, auf gut Glück an Frau Helbing. Die Dame übte noch immer ihren menschenfreundlichen Beruf aus. Sie kam in einem Auto herbei, verhalf einem jungen Möhle männlichen Geschlechts zum Leben und wandte sich dann auf eine Einladung Linkes hin der Hochzeitsfeier zu, die gerade den Gipfel der Lustigkeit erreichte. Außer Linke und dem neuen Gaste standen jetzt alle unter der Wirkung des Alkohols. »Und welches ist nun der glückliche Bräutigam?« fragte Frau Helbing. Linke wies auf Enrico, der fest an seine junge Frau geschmiegt, durch den Saal walzte. »Ein stattlicher Mann! Ganz Ihre Figur! Auch sonst Ihnen ähnlich. Das heißt, im Profil, da gleicht er mehr Ihrer Frau.« »Wie? – Was?« fragte Linke. Meiner Frau – Enrico?« »Ja! Nur finde ich, er hat etwas Fremdländisches.« »Ja, ja! Er ist Italiener.« »Wa... wa... was ist er?« fragte Frau Helbing. »Er stammt aus dem Neapolitanischen. Sein Vater ist Sizilianer.« Frau Helbing führte die Hand an die Stirn, als wenn sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Sein Vater? – Ja, was heißt denn das? Er ist doch ein ... eheliches ... ich meine, Ihre Frau – das ist ja nicht möglich.« »Doch! doch! Es ist so!« »Entsetzlich!« rief Frau Helbing, die dachte, daß es der Wein sei, der Linke die Zunge löste und sie so zur Mitwisserin dieses furchtbaren Geheimnisses machte. Sie ergriff teilnahmsvoll seine Hand: »Furchtbar ist das! Was müssen Sie armer Mann da durchgemacht haben!« »Ich bitt' Sie, wenn er nur sonst ein anständiger Mensch ist.« »Das ist edel! Fast zu edel ist das! – Wer hätte das damals gedacht, als ich bei Ihrer Frau war und das Kind holte.« »Freilich! – So wachsen sie heran. Da merkt man erst, wie alt man wird.« »Oder wußten Sie's damals schon?« fragte sie ganz erregt. »Was?« »Von dem Sizilianer.« Linke sah sie an. »Ich versteh' Sie nicht,« sagte er erstaunt. »Ich meine, ob Ihre Frau Ihnen damals schon das Geständnis abgelegt hatte.« »Was für'n Geständnis?« »Ja, herrschen denn bei Ihnen derartige Zustände, daß es Sie kalt läßt, ob das Kind Ihrer Frau von Ihnen oder von einem Sizilianer stammt?« »Sie sind verrückt!« »Man kann es werden, wenn man so etwas erlebt.« »Sie werfen ja alles durcheinander! Weil meine Tochter einen Italiener heiratet, darum braucht doch ihr Vater kein Italiener zu sein.« »Ihre Tochter – einen Italiener? – Warten Sie, da muß ich mich erst herausfinden. – Wer ist Ihre Tochter?« Linke wies auf Frida und sagte: »Die Braut.« »Die Braut,« wiederholte Frau Helbing. »Und der Mann, der mit ihr tanzt, wer ist das?« »Ihr Bräutigam. Das heißt: seit heute ihr Mann. Mein Schwiegersohn.« »Ja, bin ich denn?« fragte Frau Helbing ganz verwirrt. »Wie alt ist Ihre Tochter?« »Einundzwanzig.« »Am 2. Mai ist sie's geworden.« »Stimmt! Sie haben ein gutes Gedächtnis.« »Eben! Darauf verlaß' ich mich.« – Sie sah noch einmal ganz ängstlich Enrico an und fragte, indem sie auf ihn wies: »Ja, wie kommen Sie denn dann zu dem Kinde?« »Frau Helbing, jetzt fange ich an, an Ihrem Verstand zu zweifeln.« »Ich fürchte, ich werde sehr bald an Ihrem zweifeln müssen.« – Sie zog aus ihrer Tasche ein dickes Buch heraus und blätterte hastig darin herum. – »Da!« rief sie laut. »Da haben wir's! Da steht es groß und breit.« »Was ist das für ein Buch?« »Mein Kassabuch. – Hier, lesen Sie! Am 2. Mai 1916, vormittags neun Uhr, ein Kind männlichen Geschlechts dem Hausverwalter-Ehepaar Linke, Königin Augustastraße 6. – Neun Pfund. Gebühren: Mark Zehn. – Vormittags neun Uhr zwanzig, ein Kind weiblichen Geschlechts dem Kaufmann-Ehepaar Raffke, ebenda. Siebeneinhalb Pfund. Gebühren Mark fünfzig.« Linke wankte und hielt sich an Frau Helbing. Dann glitt er auf den nächsten Stuhl. »Zeigen Sie her!« stammelte er und las noch einmal die ganze Bescherung. – »Wie ist das möglich?« fragte er tonlos. Frau Helbing, an der fest aneinandergeschmiegt eben das junge Paar vorübertanzte, brach in ein Höllengelächter aus. Bei der Stimmung, die überall herrschte, fiel das nicht auf. Linke saß apathisch in seinem Sessel. »Ich kann nicht mehr!« brüllte Frau Helbing und hielt sich den Bauch. »Sie werden sich irren!« hauchte Linke. Aber Frau Helbing schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen! Ich irre mich nie! Ich sehe die ganze Parade noch vor mir, als wenn es heute wäre ... Erst Ihre Frau. Sehr schwer. Ein kapitaler Bengel! – Ich legte ihn auf den Wickeltisch und stürzte zu Frau Raffke. Verhältnismäßig leicht. Ein Mädchen. Ich wickelte es schnell ein und lief damit ins Zimmer Ihrer Frau zurück. Irgendwo stieß ich dabei mit Ihnen zusammen. Ich hielt die neugeborne Raffke im Arm. – »Was ist es?« fragten Sie. Ich erwiderte: »Ein Mädchen«, ging weiter und legte es auf den Wickeltisch, auf dem vergnügt Ihr Junge strampelte.« »Kein Zweifel, Sie haben recht!« »Ich beschwör's, wenn's sein muß.« Linke drehte sich alles im Kopfe herum. Frau Helbing verfiel wieder in krampfhaftes Lachen. »Was mach' ich nur? Was mach' ich nur?« sagte Linke ein über das andre Mal vor sich hin, ohne sich was besonderes dabei zu denken. Vor ihm drehten sich die Paare und er schloß die Augen, so oft Enrico und Frida an ihm vorübertanzten. »Sehr einfach!« erwiderte Frau Helbing. »Sie nehmen Ihre Frau unter den Arm und gehen mit ihr nach Haus. Wir rufen inzwischen bei Raffkes an und sagen, sie sollen schnell kommen, ihre Tochter feiert Hochzeit.« Linke, der tief in Gedanken saß, hörte nicht, was Frau Helbing sprach. »Nun begreife ich manches,« flüsterte er vor sich hin. – » Also Günther !« – Er dachte um und lächelte vor sich hin, und es schien, als wenn sein Ausdruck, der erst hilflos und verzweifelt war, sich aufhellte. – Eine ganze Weile saß er so in Gedanken, während Frau Helbing mit Tränen in den Augen die zwanzigjährige Komödie durchlachte. Dann verfiel Linke wieder in tiefen Ernst. »Was wird nun aus meinem Jungen?« war der Gedanke, der ihn nicht mehr verließ. Er rief seine Frau und ging mit ihr und Frau Helbing aus dem Saal. Frau Linke, die ihre Pflicht tat und nicht viel dachte, traf die Nachricht so stark, daß sie einen Nervenschock davontrug. Man trug sie in eins der Hotelzimmer und rief den Arzt »Übernehmen Sie's, Raffkes das beizubringen?« fragte Frau Helbing. »Nein!« »Sondern?« »Ich fahre nach Tübingen zu meinem Sohne.« Er ließ Frau Helbing stehen, schrieb noch ein paar Zeilen für den Arzt auf, die seine Frau betrafen, und verließ mit schnellen Schritten die Hochzeitsfeier Frida Raffkes. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Frau Helbing ging einfach auf das zuständige Polizeibüro und meldete unter Vorlegung ihres Buches den Tatbestand. Der Wachtmeister nahm ein langes Protokoll auf und begab sich, nachdem er sich vor Lachen tüchtig ausgeschüttelt hatte, am nächsten Morgen in die Raffkesche Villa. Es war sehr früh. Leo und Cäcilie lagen noch in den Betten. Der Wachtmeister aber ließ sich nicht abweisen. »Sagen Sie nur, es handelt sich wegen ihrer Tochter,« trug er dem Diener auf. »Dann werden sie vor Schreck schon aus den Betten fliegen.« Und der Diener, der glaubte, einem Familiengeheimnis auf die Spur gekommen zu sein, richtete aus: »Der Herr Wachtmeister läßt sagen, es sei sehr wichtig und handle sich um dem gnädigen Herrn seine Tochter.« »Was?« rief Cäcilie und sprang auf. »Du hast eine Tochter, von der ich nichts weiß?« »Wie weit die gnädige Frau daran beteiligt sind, hat der Herr Wachtmeister nicht gesagt.« »Raus!« brüllte Cäcilie, schlüpfte aus dem Bett in die Matinée und stand, noch ehe Leo die verklebten Augen geöffnet hatte, auch schon vor dem Wachtmeister. »Was sind das für geheimnisvolle Dinge, von denen ich nichts weiß?« fuhr sie ihn an. Der Wachtmeister lachte. Zunächst noch über die ganze Geschichte; dann aber über den Aufzug Cäciliens, der so gut in diese Komödie paßte. »Also?« wiederholte Cäcilie ihre Frage. »Nicht so hastig, Frau Raffke! Sie haben es einundzwanzig Jahre lang nicht gewußt, da wird's auf fünf Minuten länger wohl auch nicht ankommen. – Ich möchte ersuchen, daß Ihr Mann dabei ist, wenn ich den Tatbestand mitteile.« – Und dabei öffnete er den blauen Aktendeckel und griente auch schon wieder über das ganze Gesicht. »Leo!« kreischte Cäcilie in den Korridor. Und als sich ein Diener zeigte, fuhr sie ihn an: »Mein Mann soll kommen. Ganz gleich, in welchem Aufzug!« Leo glich einer zerknitterten Vogelscheuche, die Wind und Regen zerzaust hatten. – Ängstlich trippelte er den Korridor entlang, das letzte Stück im Laufschritt, da Cäcilie ihm zurief: »Tempo! Leo, Tempo!« Und als er endlich vorn war, sah sie ihn an und sagte: »Gut siehst du aus!« Leos Blick, der an Cäcilie hing, sagte dasselbe. Aber er sprach es nicht aus und dachte: man sieht es auch so. »Also, denn los!« begann der Wachtmeister. »Aber setzen Se sich lieber, sonst fallen Se womöglich noch um. Es sind zwar nur 'n paar Worte. Aber se haben's in sich.« Leo setzte sich. Cäcilie, die drohend vor ihrem Mann stand, sagte: »Ich bleibe stehen.« »Wie Se wollen. Also« – und er las: »Nach der eidesstattlichen, durch Vorlegung ihres Buches bestätigten Aussage der ärztlich geprüften Hebamme Elise Helbing, sind die am 2. Mai 1916 ehelich geborenen Kinder Günther Linke und Frida Raffke vertauscht bzw. verwechselt worden.« Es folgt die Schilderung des Vorgangs. Sodann heißt es in dem Protokoll weiter: »Die beiderseitigen Eltern haben unverzüglich die Berichtigung in den Standesamtsregistern zu beantragen und anzugeben, ob ihre am 2. Mai 1916 geborenen Kinder die ihnen von unbefugter Seite gegebenen Rufnamen weiterführen sollen. Die Kgl. Staatsanwaltschaft ist von dem Vorfall gebührend in Kenntnis gesetzt. Die Untersuchung wird ergeben, ob sich die Täter wegen fahrlässiger oder qualifizierter Kindesunterschiebung und intellektueller Urkundenfälschung zu verantworten haben werden. – Die Täter sind vorläufig auf freiem Fuß zu belassen.« »So!« sagte der Wachtmeister, klappte den blauen Aktendeckel zu und sah auf. Cäcilie war auf einen Divan geglitten, von dem aus sie sich im Spiegel beobachten konnte. Sie brachte hastig und unruhig ihr Haar in Ordnung. Leo war aufgestanden und dicht an den Wachtmeister herangetreten. »Ich geh' Ihnen mein Wort, wir sind unschuldig,« sagte er zitternd. »Darüber wird das Gericht entscheiden,« erwiderte der. »Kann es schlimm werden?« fragte Leo ängstlich. »Ich glaube kaum.« Das beruhigte Leo. »Wenn Sie wüßten, was uns der Junge gekostet hat. Bekommt man die Auslagen ersetzt?« Der Wachtmeister zog die Schultern hoch, wandte sich um und ging. – Als er draußen war, wandte sich Cäcilie zu Leo und sagte: »Was wird nun?« »Vor allem darf niemand etwas von der Geschichte erfahren.« »Selbstredend! Man macht sich ja lächerlich!« »Und auf das Geschäft wirkt's schließlich auch zurück.« »Du mußtest ja durchaus Kinder in die Welt setzen!« »Hattest du dir nicht immer einen Jungen gewünscht?« »Gewiß! Aber was haben wir nun?« »Ein Mädchen.« »Von einundzwanzig Jahren.« »Und verheiratet ist sie auch!« »Und wie! Mit einem Konzertsänger, den niemand kennt.« »Schämen muß man sich! Bei Domestiken ist sie groß geworden. So etwas bleibt haften. Den Arme-Leute-Geruch wird sie nie los.« »Eine nette Geschichte.« Cäcilie dachte nach: »Am Ende ...« Leo sah sie an. »Was meinst du?« fragte er. »Nu, ich mein' nur, am Ende läßt sich das vertuschen. Das Mädchen hat ihren Mann und heißt gottlob nicht mehr Raffke, sondern Menotti. Wir geben den beiden Zulage und dafür müssen sie sich verpflichten, jede verwandtschaftliche Annäherung zu unterlassen.« »Das ginge zu machen.« »Na, und Günther wird einfach adoptiert. Ihm wird die Wahl zwischen uns und Linkes nicht schwer fallen.« »Aber Linkes, ob die damit einverstanden sein werden?« »Ich bitt' dich! Was spielt ein Kind mehr oder weniger bei solchen Leuten für eine Rolle? Schlimmstenfalls kaufen wir ihn ihm ab.« Leo brabbelte etwas vor sich hin. »Was sagst du?« fragte Cäcilie. »Ich mein' nur, lieber war's mir schon, wir bekämen ihn so. Man hat Ausgaben genug.« »Wir werden sehen.« – Sie stand vom Divan auf. »Alle Tage neue Aufregungen! Man wird alt und häßlich dabei.« Leo wandte sich zur Tür. »Wo willst du hin?« fragte sie. »Mich anziehen. Um dann ins Geschäft. Es geht schon auf neun.« »Und was wird aus der Geschichte hier?« »Liebes Kind, das ist deine Sache. Du kennst unsere Abmachung: ›Ich bring das Geschäft in die Höhe, du den‹ ...« Er stutzte. »Du siehst, es trifft nicht mehr zu,« erwiderte Cäcilie. »Wenigstens so lange nicht, bis Ordnung in die Konfusion gebracht ist.« »Was soll ich also tun?« »Ich seh' schon, ich muß das wieder machen. – Also gut! Geh' du ins Geschäft, ich werde mit Linke sprechen.« Leo war froh und wollte sich eben aus dem Staube machen, als vom Flur her laute Stimmen zu ihnen drangen. Ehe sie noch feststellen konnten, wer am frühen Morgen so in ihrem Hause lärmte, stürmte Frida Menotti geborene Raffke, gefolgt von Enrico, dem Gatten und Tenor, ins Zimmer. Frida warf sich Leo an den Hals und rief: »Papa! Mein guter Papa!« während Enrico seine Arme um Cäcilie schlang, sie mit sizilianischer Leidenschaft an sich drückte, küßte und ein über das andre Mal: »Madre! guteste Madre!« rief. Das setzten sie eine Zeitlang fort. Dann vertauschten sie ihre Opfer. Frida wandte sich der Madre, Enrico dem Papa zu, umarmten und küßten sie, nahmen sie bei den Händen, bildeten einen Kreis und tanzten wie ausgelassene Kinder übermütig mit ihnen durch das Zimmer. Papa und Madre waren außer Atem. Frida aber gab ihrem Glück lautesten Ausdruck. »Das hätte ich ahnen sollen!« rief sie. »Aber das hole ich nach. Mama, das mußt du mir versprechen, euer Leben darf von heute ab nur noch einen Zweck kennen: alles, was ihr durch euer Versehen an mir verschuldet habt, zehnfach wieder gutzumachen!« »Das werden die lieben Eltern schon von selbst tun!« schnurrte Enrico und drückte noch immer die Hand seiner Schwiegermutter Cäcilie. »Das hast du dir gestern auf dem Standesamt nicht träumen lassen, was für eine Glanzpartie du machst!« rief Frida ihrem Enrico zu. Cäcilie sah Leo an und stöhnte: »Was soll nun werden?« Leo wandte sich an das junge Paar und sagte: »Am besten, Sie gehen erst 'mal, wie Sie es sich vorgenommen hatten, auf vier Wochen in den Harz.« »Das sollte mir einfallen!« rief Frida. »Für Linkes Tochter war der Harz als Hochzeitsreise allenfalls akzeptabel. Raffkes Tochter macht es nicht unter Ägypten.« »Egitto!« wiederholte Enrico und strahlte über das ganze Gesicht. Cäcilie faßte sich ein Herz. »Vor allem muß doch erst einmal festgestellt werden,« sagte sie, »daß die Angaben dieser Person da auch auf Wahrheit beruhen.« »Das ist ganz sicher,« erklärte Frida. »Sie war eben bei uns. Papa – ich meine jetzt den andern, also Linke – hat seinen Irrtum ja bereits zugegeben.« »Kunststück!« sagte Cäcilie. Leo hatte sich wieder bis zur Korridortür vorgepirscht. Er drückte leise die Klinke hinunter, öffnete behutsam, trat auf die Schwelle, drehte sich um, rief: »Du ordnest das wohl!« und verschwand. »Leo!« rief ihm Cäcilie mit Verzweiflung in der Stimme nach. Leo hörte es wohl; es schnitt ihm auch ins Herz, und sie tat ihm leid. Aber er wandte sich doch nicht um. Nie war er so schnell angezogen, die Treppe hinunter und aus dem Hause. »Höchste Geschwindigkeit!« rief er seinem Chauffeur zu und überließ Cäcilie ihrer neuen Familie. Die wich nicht mehr, richtete sich häuslich ein, kehrte alles von oben nach unten und lähmte durch die Selbstverständlichkeit, mit der das alles geschah, jeden Widerspruch auf seiten Cäciliens. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Linke zermarterte sich während der Fahrt nach Tübingen das Gehirn mit der Frage, wie er Günther die Nachricht beibringen sollte. Er entwarf ein Programm nach dem andern und verwarf es wieder. Schließlich entschied er sich dafür, ihn ganz allmählich auf das Ereignis hinzuführen, bis von selbst in ihm die Ahnung aufstieg. Und er war entschlossen, nötigenfalls tagelang in Tübingen zu bleiben. Seine Ersparnisse reichten aus, um ihn und seine Familie, auch ohne daß er hinzuverdiente, zu ernähren. Daß es ihm unmöglich war, bei Raffkes zu bleiben, empfand er deutlich. Wie sollte das Verhältnis von Frida zu ihm, wie das Günthers zu Raffkes sich gestalten? Diese letzte Erwägung gab den Ausschlag. Schon unterwegs setzte er ein Telegramm an Leo Raffke auf: »Infolge der veränderten Verhältnisse erbitte meine sofortige Entlassung. Gehorsamst Franz Linke.« Als er die Treppen zu Günthers Wohnung hinaufstieg, schlug ihm das Herz so stark, daß er mehrmals stehen bleiben und Atem holen mußte. Im dritten Stock hing an einer schmalen Tür ein Schild, darauf stand: »Günther Raffke«. Noch als er den Klingelzug in der Hand hielt, überlegte er. In seinem Kopf drehte sich alles. Die ersten Worte, die er sich zurechtgelegt und wohl ein Dutzend Mal laut aufgesagt hatte, waren plötzlich in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. – Als er den hellen Ton der Glocke hörte, fuhr er zusammen und war sich im ersten Augenblick nicht klar, daß er es war, der ihn verursacht hatte. Erst als er im Flur Schritte hörte und gleich darauf ein saubergekleidetes Mädchen vor ihm stand, fand er sich zurück und sagte: »Ist wohl der junge Herr zu sprechen?« »Ich bedaure,« war die freundliche, aber bestimmte Antwort. »Er ist zwar zu Haus, sitzt aber bei der Arbeit, und ich darf ihn nicht stören.« Linke überlegte. »Wenn sie ihm sagen, daß ein Freund aus Berlin ...« Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich habe strenge Instruktion. Und von Berlin will er schon gar nichts hören.« »Ich habe seinetwegen die weite Reise gemacht.« »Darf ich fragen, wer Sie sind?« »Ich heiße Linke.« »Bitte, warten Sie, ich werd's versuchen.« Sie verschwand hinter einer der Türen, die Linke nun mit seinen Augen umfaßte, als wenn sich hinter dieser Tür sein Schicksal erfüllen sollte. »Aber selbstredend!« sagte da drinnen eine helle, freundliche Männerstimme. Warm trafen die beiden Worte Linkes Herz. »Aber selbstredend!« wiederholte er. Und diese beiden Worte blieben für ihn eine Erinnerung, an der er hing, solange er lebte. Das Mädchen öffnete die Tür, lächelte und sagte: »Bitte!« Und Franz Linke trat über die Schwelle in Günthers Zimmer. Günther stand aufgerichtet im Zimmer und nickte ihm zu. Er sagte auch irgend was. Aber es ging in Linkes Aufschrei verloren. »Junge! Mein Junge!« rief Linke laut, hob beide Arme hoch und stürzte auf Günther zu. Das kam so aus dem Herzen, so viel Liebe lag in den Worten, daß Günther, statt sich zu wundern, bewegt war, seinen Arm auf Linkes Schulter legte und sagte: »Sie guter Mensch!« Linke war mit seiner Beherrschung zu Ende. Er klammerte sich an Günther fest, schluchzte laut und wiederholte ein über das andre Mal: »Mein Junge! Du, mein Junge!« Jetzt erst stutzte Günther. – »Was ist Ihnen, Linke?« fragte er freundlich, legte seinen Arm um ihn und führte ihn zum Sofa. »Kommen Sie! Hier setzen wir uns dicht nebeneinander! – So! Und nun weinen Sie sich erst einmal richtig aus. Schämen Sie sich nicht! Und dann erzählen Sie!« Linke bot seine ganze Kraft auf, nahm Günthers Hand und sagte: »Also – heraus muß es! Und viel Worte machen kann ich nicht – denn es sitzt mir in der Kehle – und jetzt, wo ich hier stehe, da erscheint es mir wie ein großes Glück. – Nur, wie es auf dich wirkt, das ist die Frage. Aber ich hab's so im Gefühl, als müßte sich da irgendwas losreißen in dir, was nicht stimmte – oder, am Ende, da trifft's dich und du fällst aus allen Himmeln. – Wie?« – Er stand auf, trat dicht vor Günther hin und sah ihm fest in die Augen: »Also, daß du's weißt, Junge!« – Seine Augen strahlten – »Du gehörst mir! Mir allein! Und hast nichts zu schaffen mit denen da! Denn du bist mein Kind! Mein Kind bist du! – Und das Mädchen, die Frida, das ist Raffkes ihrs. – So, nun weißt du's! Und wenn dich jemand fragt: von heut' ab, da heißt du Linke. Genau wie ich und wie wir alle! Mein Sohn bist du! und warst es von der ersten Stunde ab. – Du bist ein braver Kerl, Günther! – So! Nun ist es heraus!« Die dicken Tränen liefen ihm über das Gesicht, und er drückte die Hand Günthers immer fester. Günther hielt sich die Hand vor die Augen, preßte die Finger an die Schläfen – alles in ihm war in Bewegung. Erst schien es, als wenn er in sich zusammensänke, er beugte den Kopf nach vorn und ließ die Schultern herabfallen – eine ganze Zeitlang stand er so. Dann aber ging ein Ruck durch den ganzen Körper, alle Nerven spannten sich, er richtete sich auf, stand kerzengerade, hob den Kopf, sah dem alten Linke fest ins Gesicht, holte tief Atem und sagte breit: »Gott sei Dank!« Linke schlug die Hände zusammen und rief freudig: »Günther!« Und Günther wiederholte: »Gott sei Dank!« Er breitete die Arme aus, dehnte und streckte sich, ließ sich auf das Sofa fallen und stieß tief aus dem Innern das Wort hervor, das sein Herz enthüllte: »Frei!« Linke stand strahlend vor ihm. Er sagte nichts, sah ihn nur immer an. Aber auf seinem Gesicht standen stolz die Worte: »Mein Junge!« Nach einer Weile stand Günther auf, nahm Linkes beide Hände und sagte: » Ich bin so froh ! Und es wird mir nicht schwer fallen, mit meinen Gefühlen mich zu euch zu finden. – Bitte, laß' mich ein paar Stunden allein, du begreifst, daß ich sie brauche.« Linke ließ ihm den halben Tag. Als er gegen Abend wieder läutete, stand Günther schon an der Tür. »Komm' nur! Komm' nur!« rief er ihm freudig zu und zog ihn übermütig ins Zimmer. »Wenn du einen glücklichen Menschen sehen willst – hier, sieh mich an!« Und Linke sah in ein Gesicht, aus dem laut das Glück sprach. »Vater!« sagte er und drückte ihm die Hand, »Es ist das erstemal! Wie gut, daß du mir trotz allem nie ein Fremder warst.« »Also zufrieden?« fragte Linke. »Vater, wenn du nur ein klein wenig von dem fühlst, was ich fühle, dann bin ich schon froh.« »Ich freu' mich wie du!« » Nun wird alles gut !« rief Günther. »Was meinst du, daß nun wird?« fragte Linke. »O vieles! vieles! Was bisher nicht werden konnte!« »Du meinst dein Studium?« »Auch das.« »Du wirst es fortführen. Ich bin in der Lage ...« »Halt! Halt!« unterbrach ihn Günther. »Ich würde von dir nehmen, wenn ich es brauchte und keiner von euch dadurch etwas entbehren müßte. Wirklich, ich täte es! Weil ich fühle, daß ich in meinem Fach was erreiche und es euch später einmal mit mehr als nur mit Dankbarkeit vergelten könnte. Aber ich brauche es nicht! Ich verdiene mit meinen Artikeln, was ich benötige. Freilich, ich brauche nicht viel. Und habe trotzdem neben meinem Studium noch Zeit für ein wissenschaftliches Werk gefunden, in dem freilich mehr Gefühl als Wissen steckt.« Er nahm ein dickes Manuskript auf und zeigte es Linke. »Ich hoffe, ich hoffe,« sagte er, »daß ich mir damit mein Glück erringe.« Linke sah ihn fragend an. »Ist das,« sagte Günther und wies auf das Manuskript, »eine Leistung, wohlverstanden eine, die eine Zukunft verspricht, dann Vater, weißt du, was ich dann tue?« »Nun, Junge?« »Dann hol' ich mir meine Braut!« »Deine Braut?« wiederholte Linke, dachte an Frida und sah ängstlich zu ihm auf. »Ja!! – Suse Röhren.« »Junge, du bist verrückt!« »Frei bin ich!« jubelte Günther. »Und habe keine Rücksicht mehr auf Raffkes zu nehmen. Kann alles sagen, alles, was ich da mit mir herumtrage. – Hier ist das erste Geständnis! Es schlägt den wahren Ideen der ›Neuen Gesellschaft‹ ins Gesicht.« Linke beugte sich über das Manuskript und las den Titel: »Das soziale Gewissen. – Eine Studie zur Vertiefung des Nationalgefühls.« »Junge, das ist mir zu hoch!« sagte er. »Das scheint nur so. Denn alles, was da drin steht, das fühlst du, ohne es zu wissen, längst. Und Röhrens, die fühlen es auch. Jeder fühlt es, der ein Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitmenschen in sich spürt. – Nur, wer seine Person über alles stellt, Egoisten, deren Erbauungslektüre das Hauptbuch ist, pietätlose Emporkömmlinge, für die es kein Wunder gibt außer ihnen selbst, denen alles, was ihre Vernunft nicht faßt, unvernünftig erscheint, denen nichts heilig ist als ihre Person – kurz, was sich um die neue Gesellschaft schart, fühlt anders.« »Das mag ja sein. Und so weit ich imstande bin, dir zu folgen, geb' ich dir recht. Aber was hat das soziale Gewissen denn mit Suse Röhren zu tun?« Das Mädchen war auf den Zehen ins Zimmer gekommen und hatte die Post auf Günthers Schreibtisch gelegt. Dann war sie ebenso behutsam wieder hinausgegangen. Günther hatte ein Telegramm herausgegriffen, es geöffnet, gelesen und dann laut aufgelacht. »Was ist?« fragte Linke. »Hier ist die Antwort auf das, was du mich eben fragtest,« sagte er und reichte ihm die Depesche. Linke las. »Erfahren soeben, daß Linke Dich heimsucht. Fürchte nichts. Wir halten Dich und adoptieren Dich von Linkes à tout prix. Laß' Dich auf nichts mit ihm ein. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, daß wir Frida anerkennen müssen, was infolge ihrer Ehe aber kaum noch eine Wirkung hat. Der Welt gegenüber bleibst Du unser leibhaftiger, lieber Sohn, während Frida, die noch bockig Situation ausnutzt und Preis in die Höhe treibt, als adoptiert gilt. Bedenke die Unmöglichkeit für Röhrens, ihre einzige Tochter mit einem Domestikenkinde zu verehelichen. Sie dürfen nie etwas von Deiner obskuren Abstammung erfahren. Drahte sofort Dein Einverständnis, und daß wir in Dir auch ferner unseren lieben, hoffnungsvollen Sohn umarmen. Deine heimgesuchten Eltern Leo und Cäcilie Raffke.« »Und was wirst du antworten?« fragte Linke. Günther, der, während Linke las, die Antwort bereits aufgesetzt hatte, reichte ihm das Formular. Da stand: »Werde immer dankbar gedenken, was Ihr in Eurer Art Gutes an mir tatet. Da es mich aber mit allen Gefühlen dahin zieht, wo ich von Natur aus hingehöre, so muß ich Eure Vorschläge mit Dank, aber Bestimmtheit, ablehnen. Ich setze mein Studium hier fort und werde mich über gute Nachrichten von Euch stets freuen.« »Und dabei bleibt's?« fragte Linke. »Mein Wort darauf!« »Und was hat das mit Suse Röhren für eine Bewandtnis?« Günther erzählte seinem Vater den Hergang. Auch von dem Besuch Frau Röhrens, über den Cäcilie ihm ausführlich geschrieben hatte, sprach er. Von seiner Liebe und von seinem Verzicht, für den er ihm als hauptsächlichen Grund seine innere Gebundenheit nannte, seine Rücksicht auf Raffkes, die seine Entwicklung gehemmt und ein solches Maß von Nichtachtung vor sich selbst in ihm erzeugt habe, daß er sich unwürdig einer Ehe mit Suse Röhren erschienen sei. Am meisten aber habe er sich des Schwindels, der mit seinem Namen bei den beiden Operetten getrieben worden sei, geschämt. Linke folgte bewegt seinen Worten. Er verstand alles. »Ich sage dir eins, mein Sohn: wie Röhrens sich zu dir stellen werden, wenn sie erfahren, wer du bist, weiß ich nicht. Eins aber weiß ich: daß es schlimm um das Mädchen stehen muß, wenn Frau Röhren sich zu dem Schritt bei Frau Raffke entschlossen hat.« »Ich bin mir dessen bewußt,« sagte Günther. »Mir war mein Weg vorgeschrieben: zu arbeiten, etwas zu leisten und mich dann zu emanzipieren. So nur wurde vor meinem Gewissen der Weg, der mich zu Suse führte, frei. Der Arbeit und der Leistung war ich mir sicher.« – Er wies wieder auf das Manuskript. – Mir ist zumute, als wenn tausend Fesseln von mir fielen.« – Er rief das Mädchen – »Schnell! schnell! packen Sie meine Sachen! Es geht nach Berlin!« Linke sah ihn fragend an. »Oder glaubst du, daß ich nun noch warte? Jede Stunde länger wäre ein Verbrechen an Suse.« »Junge, hast du dir das alles auch überlegt?« »Da gibt's nichts mehr zu überlegen. Wenn, wie hier, die Natur Schicksal spielt, dann ist der Weg der richtige.« »Tu, was dir dein Gewissen sagt. Bis zum Abend aber mußt du dich schon gedulden. Früher können wir nicht fahren.« »Dann komm' ins Freie, Vater! Die Räume hier sind mir zu eng. Ich muß wo sein, wo ich meine Freude laut hinausschreien kann. Herrgott! bin ich glücklich!« Er nahm Linke unter den Arm. Sie stiegen in einen Wagen und ließen sich aus der Stadt hinausfahren. Dann gingen sie ein paar Stunden weit Hand in Hand. Günthers Stimmung war ein einziger Freudenrausch. Als sie heimkehrten, fanden sie schon ein Antworttelegramm von Cäcilie vor. »Lies du!« sagte Günther und reichte Linke das Formular. »Ich habe so das Gefühl, als stände etwas Taktloses darin. Ich vertrag' das jetzt nicht. Ich will mir meine Freude rein erhalten.« Linke öffnete und las. – Günther sah seines Vaters ernstes Gesicht und fragte: »Nun? Hatte ich recht? Deinem feierlichen Gesicht nach zu urteilen: ja!« »Eigentlich sollte man lachen, so komisch ist es.« »Lachen?« rief Günther. »Dann gib her!« Er nahm das Telegramm und las: »Bedauern für dich gemachte Aufwendungen. Undankbarer! Brechen alle Brücken zu dir ab. Frida nimmt deine Stelle ein. Auch in unseren Herzen. Man soll niemanden zu sich emporziehen wollen. Leben Sie wohl. Leo Raffke und Frau.« Günther lachte nicht. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Sie tun mir leid!« Eine halbe Stunde später saßen Linke Vater und Sohn im Zuge nach Berlin. Vierundzwanzigstes Kapitel. Röhrens empfingen Günther mit offenen Armen. »Wir hätten uns schließlich auch an Raffkes nicht gestoßen,« sagte Röhren. »Denn wir sehen in erster Linie auf den Menschen. Aber offen gesagt: Linkes sind mir lieber.« Suse, die arg gelitten hatte, erholte sich unter Günthers Liebe schnell. – »Bevor ich mich habilitiert habe, ist an eine Ehe nicht zu denken,« sagte Günther. »Wenn ich nur weiß, wir gehören zusammen, dann wart' ich gern!« erwiderte Suse. – Aber das Schicksal wollte es anders. Linkes Ideal war mit Röhrens Hilfe kaum verwirklicht, er saß eben als kleiner Gutsbesitzer auf seiner Klitsche, als Günther zum Doktor promovierte und durch seine Schrift: »Das soziale Gewissen« mit einem Schlage bekannt wurde. Alles, was gegen die »Neue Gesellschaft« war, wurde durch Günthers Buch aufgerüttelt. Den meisten kam jetzt erst das Schädliche und Unmoralische dieser Weltauffassung zum Bewußtsein. Von allen Seiten rief man zum Kampf auf, zu dessen großzügiger Führung eine Zahl selbstloser Patrioten ein Blatt gründete, das sie »Die Gesellschaft« nannten. Dr. rer. pol. Günther Linke wurde der verantwortliche Leiter. Er gab dem Blatt die Devise: »Das Wohl der Gesamtheit über das des einzelnen.« Unter Günthers Hieben stöhnten Verlag und Redaktion der »Neuen Gesellschaft«. – Für Alfred, den schönen Assessor, kamen schwere Zeiten. Aber auch der Maestro kam zu Schaden. »Die Gesellschaft« leuchtete rücksichtslos überall hin. Er dankte ab und rief, als er seine fetten Pfründe unfreiwillig verließ: »Dieser Undankbare! Für ihn haben wir uns zwölf Jahre lang von früh bis spät abgerackert!« * »Bestimme du den Zeitpunkt eurer Ehe,« hatte Röhren gesagt, als Günther mit seinem Vater von Tübingen aus zu ihm gekommen war und um Suses Hand gebeten hatte. Und Günthers Antwort hatte gelautet: »In derselben Stunde, in der ich einen Hausstand gründen kann. Nicht wie Suse ihn gewöhnt ist, das ist nicht nötig. Aber doch so, daß wir sorglos leben können.« Es war kaum ein Jahr vergangen, da sagte Günther: »Jetzt!« »Die Gesellschaft« hatte sich durchgesetzt. Günthers Zukunft war gesichert. * Für die Firma »Raffke \amp; Cie., Konserven, Felle und Decken en gros« zeichnete von dem Tage an, an dem »Die Gesellschaft« den Kampf gegen »Die Neue Gesellschaft« aufnahm, neben Leo Raffke als Mitinhaber Enrico Menotti. Bis dahin hatte Enrico sich als Tenor von dem Maestro lancieren lassen. Als aber Günthers Kampf einsetzte, hatte Frida gesagt: »Weißt du was, Enrico, ich kenne den Jungen. Was der sich vornimmt, setzt er durch. Sicher ist sicher. Gib den Tenor auf und geh' in die andre Branche!« Enrico, der darin keine wesentliche Veränderung seiner Lebensführung sah, erklärte sich einverstanden. Schwieriger war es, Cäcilie zu überzeugen, die fest an die Carusolaufbahn ihres Schwiegersohnes glaubte. Als sie aber hörte, daß es sich um einen Kampf mit Günther Linke handelte, willigte sie ein und sagte: »Hände weg! Ich will nicht noch einmal mit diesem Domestikenkinde zu tun haben. Noblesse oblige!« Nachwort Raffke's ringsum. Und Raffke zeichnen, heißt heute: das Bild unserer Zeit zeichnen. – Das war nicht immer so. Auch nach dem Kriege nicht! – Da war Herr Raffke zwar auch nicht gerade eine Ausnahmeerscheinung. Ihrer Gattung gab es viele, und sie erschienen uns schon von Beginn an wie alte Bekannte. Woher wir sie kannten? Aus Erzählungen von früheren Kriegen. Sie gab es immer. Wohl auch im Frieden, wo besondere Ereignisse besondere »Konjunkturen« schufen. Da traten sie an, die bisher im Verborgenen blühten und sich vor reellen Geschäften scheuten wie die Katze vor dem Wasser – ein wenig angefault und von Gewissen nicht beschwert, an feste Berufe nicht gebunden und zeitlebens darauf eingestellt, nach Konjunkturen zu schnuppern. Diese Art Gewinnler interessiert keinen Menschen. Eher schon der kleine Bürger, der sich und seine Familie durch irgendeinen kleinen Handel recht und schlecht ernährte und in guten Jahren wohl auch mal nach der Ostsee fuhr. Sein Geschäftchen wurde sozusagen von dem Kriege miterfaßt und, beinahe ohne sein Zutun, in die Höhe gerissen. War für ihn bisher das geschäftliche Ereignis die Hausfrau aus der »Bel-Etage« von gegenüber, die sechs Büchsen Konserven auf einmal kaufte, so war die nun plötzlich ein Nichts neben den staatlichen Behörden. – Bestellungen in ihm bisher nur von den Gewinnen der Staatslotterie her bekannten Ziffern erfolgten. – Die Preise spielten keine Rolle. – Die Gewinne sprengten das Begriffsvermögen seines auf einen Jahresgewinn von zweitausend Mark eingestellten Gehirns. Dieser gehobene Nebbich »nebst Gemahlin«, ehemals Barchentträger mit schiefen Absätzen, wurde zur komischen Figur – und seinerzeit in dem nun »Raffke \amp; Cie.« betitelten Roman eingefangen. – Einigermaßen ergötzlich, wie ich hoffe, aber eben harmlos wie die ganze Gattung. Ganz anders Raffke II! Eine neue Gattung, die während des Krieges gehen lernte. Einen merkwürdigen Gang, dem sich nicht nur der Körper anpaßte. Auch das Gemüt. Gemütchen! Ein à rebours Mensch! Einer gegen den Strich! Mit Borsten auf den Zähnen. Der mit Schlagsahne einseift und mit giftiger Klinge hackepetert. Ein Gibbon, dessen Arme so lang sind, wie sein Gewissen weit ist. Dessen weitaus entwickeltstes Organ die Nase ist. Mit feinster Witterung und vollkommen neuer Einstellung. Der mit dem Menschen von früher nichts mehr gemein hat als die Sprache. – Das Produkt der Nachkriegszeit. Der neue Mensch! Eine Bezeichnung, gegen die alle Menschen von gestern und vorgestern Protest erheben. Dies Lebewesen, dieser Auch-Mensch, im Vergleich zu dem der hier geschilderte ein Lamm ist, wird Ihnen als Raffke II/ Der neue Mensch – im Herbst 1924 vorgesetzt. Guten Appetit!