Alma Johanna Koenig Sahara Nordafrikanische Novellen und Essays     Der Himmel ist hoch – in seraphischem Blau über Palmenwipfel gespannt. – Das Meer ist noch blauer, es ist so blau wie der heiligen Jungfrau Gewand. – Der weiße Schattenriß der Moscheen hebt grell sich vom Horizont, und Paläste, umwuchert von Bougainvilleen, sind blendend weiß übersonnt. Ich denke: Daheim, bei euch wird es kalt, und ihr treibt eure Herden ein. Der Nebel liegt feucht überm Föhrenwald, und der Abend bricht früh herein. Ihr stapelt das Brennholz die Südwand entlang und richtet das Brunnenhaus her ... Mir wird nach dem Winter daheim so bang wie euch nach Palmen und Meer!     Algier und die Frauen Wer jemals – und sei es auch nur für kurze Stunden – den Boden Algiers betreten hat, dem ist die mittägliche Einfahrt in den Hafen für immer unvergeßlich geblieben. Man kommt vom Norden her, im Februar oder März, wenn daheim der Schnee, zu schwarz zertretenem Brei geworden, auf durchhasteten Gassen liegt. Man hat die stürmische Oberfahrt hinter sich. Aber jetzt auf einmal, als gerate man in einen magischen Zauberkreis, wird es warm und hell, und die Luft wird leicht und die Sonne strahlt über dem glitzernden Wasser. Und plötzlich, wie Boten des Festlandes, des anderen Weltteiles da drüben, sind Möwen da, Hunderttausende von langflügeligen, kreisenden Vögeln, und durch ihr Schweben sieht man wie durch einen Silberschleier zwischen wildblauem Himmel und wildblauem Meer diese halbbogige Stadt – »Alger la ville blanche!« Sie hat Cap-Matifou und Deux-Moulins vorgeschoben, als strecke sie dem Gast ihre weißen Arme entgegen. Sie ist so strahlend weiß, diese Stadt, daß wir geblendet blinzeln müssen. Aber dafür sind der Hafen, der Kai um so bunter an Farben. – Da sind die Mäste und Kamine von Tausenden von Schiffen, Südamerikadampfer, Holland-Indien-Dampfer, Millionärsjachten, Fischerboote, Segelboote, da sind Tausende von klatschenden Wimpeln und flatternden Flaggen. Sirenen brüllen dumpf wie Stiere, Lotsensprachrohre dröhnen, Krane knirschen, Ketten rasseln. Und droben am Kai drängen sich sommerlich bunte Frauen. Lastträger mit rotem Fez und gelben Turbantuchfetzen geben Farbflecken, weiße Tücher winken Willkomm, Kinderstimmen jauchzen, arabische Händler breiten tschechische Bettvorleger aus, um sie dem Fremden – sowie er nur den Fuß an Land setzt – als Sudanteppiche zu verkaufen. Und Palmen, von denen der Nordländer träumt, und Bougainvilleen, die ihre Blüten wie ausgehängten Bischofspurpur um alles Gemäuer ranken. Und weißbeburnuste Araber, so stolz wandelnd, als kämen sie geradewegs aus Tausendundeiner Nacht, und weißverhüllte Araberinnen mit rätseldunklen Augen über dem Schleier. Das ist der Empfang, den Algier dem Fremden bereitet und den man nie vergißt. Man sollte nur für diesen einen Tag an Land gehen und des Abends wieder abreisen, wenn alle diese hunderttausend himmelanklimmenden Lichter entfacht sind und Algier dazuliegen scheint, wie ein zweites überstirntes, irdisches Firmament. Aber nichts Schönes hat Bestand. Dieser algerische Frühling, der alle Mimosenbäume so unvorstellbar dicht blühen macht, als hätte ein Milliardenzug von Kanarienvögelchen sich aufgeplustert auf allen Wipfelzweigen niedergelassen, ist bald vorbei. Dann kommt mit dem Mai die Sommerglut, die selbst den grauen, dolchstacheligen Kaktus blühen läßt, als schlüge die Hitze in gelben Flammen aus ihm hervor. Die Dürre kommt, Kakteen, Palmen, Straßen, Häuser, ganz Algier unter ihrer fußhohen, grauen Staubschicht, wie ein zweites Pompeji, verschüttend. Man glaubt sich Tag und Nacht in feucht dunstende Umschläge eingewickelt. Matt von Schweiß und ewig unstillbarem Durst – vielleicht auch von Fieber – kriecht man umher und fährt sonntags per Auto vier Stunden weit, um in einen Wald zu kommen, wo die armen Bäume, die wie zugemachte Regenschirme aussehen, meterweit voneinander abstehen und der rote, staubige Boden zwischen ihnen hartgebacken von der Sonne ist, wie Zement. Dann, nach kurzer Ruhepause, zur Zeit des berauschenden Duftes der Jasminblüte, die alle emphytischen Dünste der Stadt übertäubt, setzen die Herbstregen ein. Regenbäche, Regenstürze, Regenkaskaden – Regenspringbrunnen, aus Lachen zum Himmel emporspritzend! Man muß sich Algier wie ein halbrundes Amphitheater vorstellen. Die Stadt hat am Meeresufer nur wenig flachen Raum. Wenn sie sich ausbreiten will, so kann dies nur geschehen, indem sie den Berg emporklimmt, so wie ihr Mittelkern, die alte arabische Kasbah. Man denke sich nun zwischen den Häuserblöcken Stufengassen wie zwischen den Sitzreihen des antiken Zirkus. Auf dem ganzen Berggelände wird unaufhörlich gehackt, gehämmert, gesprengt, um das Gestein terrassenförmig abzutragen und der gewaltig sich dehnenden Stadt neue Bauplätze für sechs- und achtstöckige Häuser zu schaffen. Überall leuchten das neu aufgerissene rote Gestein, die neu aufgegrabene rote Erde wie frische, dem Bergland geschlagene Wunden. Setzen nun diese zähen, tollen Regengüsse ein, so wandeln sie die Parallelstraßen in Teiche, die Bauplätze in Moore, die schluchtengen Treppengäßchen in Niagarafälle. Es ist begreiflich, daß aller Unrat, aller Abfall, den es in der Kasbah droben gibt – und es gibt dessen genug – alle aufgequollenen Rattenleichen und mit ihnen Pest und Cholera vom Regen in das alte Europäerviertel hinabgespült werden, in die Rue d'Isly, den Korso von Algier, die sich binnen einer halben Stunde in den Tanganjikasee verwandelt, mit strudelnden Trichtern über den Kanalgittern. Wenn das alles überstanden ist, dann kommen die Winterabende in Räumen mit gekachelten Fußböden, einfachen Fenstern und offenen Kaminen, deren Feuer die ihm zugekehrte Seite des davor Hockenden röstet, während es die ihm abgekehrte dem Frost überläßt. Und das ganze Jahr hindurch sieht man, wie Tiere unvorstellbar gefoltert werden, wie der Araber vom Europäer schamlos im großen ausgebeutet wird und ihn dafür schamlos im kleinen ausbeutet. Man sieht die lebenslange Tortur der arabischen Frauen und auch die Enge, in der die Europäerin in Algier lebt, und beginnt diese Stadt, die man anfangs so abgöttisch geliebt hat, mit enttäuschten Augen anzusehen.   Wir Europäer haben uns daran gewöhnt, dem Worte »Harem« einen Begriff des Langvergangenen und Verschollenen beizumessen, etwa wie den Worten »Inquisition« oder »Hexenprozeß«. Wir denken an Kemal Pascha, der die Türen des türkischen Harems gesprengt, der Türkin den Schleier genommen hat und ihr dafür das Wahlrecht gab. Aber wir denken nicht daran, daß es ungeheure Landstrecken gibt, in denen die Frau bis heute eine leibeigene Sache, eine Hörige, eine Sklavin ihres Ehemannes geblieben ist. Als die Franzosen 1834 ihre Eroberung von Nordalgerien als gefestigt ansehen konnten, haben sie den großen Pakt geschlossen, den besiegten Völkern ihre Gesetze und ihre Religion unangetastet zu belassen. Demgemäß besteht heute noch in der Kabylie das respektierte Gesetz zu Recht, das dem kabylischen Ehemann jede Gewalt über die einmal gekaufte Frau zuerkennt, außer der des Todes. Die Kabylin ist, wenn sie heranblüht, unvorstellbar schön. Einmal verheiratet, ist sie nur mehr das Lasttier des kabylischen Mannes, dessen Reichtum mit der Zahl der Frauen wächst. Unzählige Male habe ich Kabylinnen zerlumpt, mit Kindern und Kopf- und Rückenlasten beladen, im Staub wie Packkamele schwanken sehen, während der Eheherr in neuer Ghandoura auf seinem Eselchen flott voraustrabte. Je weiter der Reisende in den Süden vordringt, desto strenger wird die Haremsklausur, desto dichter die Verschleierung der Frauen. Die algerische Araberin trägt einen dünnen, batistenen Gesichtsschleier, und der weiße Haik, der große, über den Kopf gezogene Umhang, läßt die Tätowierung der Stirn über den Augenbrauen noch frei. In Blida darf die Frau nur ein Auge unverhüllt lassen. In Mzab darf nur die alte Frau auf die Gasse, und auch die zieht den Haik wie einen Augenschirm ins Gesicht. Ich verstand nie, wie diese völlig vermummten, armen Alten es zuwege brachten, mit ihren schweren Kopflasten die steilen Stufengassen hinabzusteigen und sich noch dazu beim Nahen jedes männlichen Wesens mit dem Gesicht der Wand zuzukehren. Es ist für mich von hohem Interesse gewesen, festzustellen, daß der Einfluß der Palmenhaustemperatur Algiers und das Beispiel der arabischen Umgebung auf die so lebendige Französin unverkennbar abgefärbt haben. Der Franzose hat bei seiner Eroberung Algiers – wie schon erwähnt – keineswegs die arabischen Frauen befreit, ja, statt dessen scheint es beinahe, als sperre er nun auch die eigene Frau in den Harem. Die wirkliche Dame, die reiche, elegante Französin, die in Algier lebt, sieht man niemals zu Fuß gehen. Sie macht ihre Einkäufe per Auto – kein Land der Welt hat so herrliche Autostraßen und so fürstliche Eigenwagen wie diese vorwärtsstürmende Stadt, dieses reiche Ernteland. – Man stelzt gerade nur in den Laden, und der Boy trägt die Pakete nach, wenn man wieder ins Auto steigt. Auf den algerischen Märkten, die von einem unvorstellbaren Reichtum an Gemüse, Blumen, Früchten überquellen, wie unser armer Norden sie nicht kennt, besorgen schier ausnahmslos die bürgerlichen Ehemänner den Morgeneinkauf. Einen winzigen Araberjungen mit Basttasche hinter sich, feilscht der algerische Franzose selbst von Stand zu Stand, um den Aufenthalt seiner Frau auf der Straße unnötig zu machen. Braucht solch eine Gattin und Mutter von vier oder fünf Kindern einen Knäuel Stopfwolle, dann wartet sie unfehlbar die abendliche Heimkunft des Ehemannes ab, um in den bis neun und halb zehn Uhr offenen Läden einzukaufen. Oder aber man sieht sie in Rudeln das Geschäftsviertel durchstreifen, mit Schwiegermutter, Mutter, Großmutter, Tanten, Basen, allen Kindern und der arabischen Ajah, genau wie die anständige Araberin – die verschleierte Mouquère – nur in Trupps auftritt. Es wäre völlig unstatthaft, völlig untunlich, daß zwei Damen sich zu einem abendlichen Kinobesuch besprächen, völlig unstatthaft, wenn sie die Oper zu Algier gemeinsam besuchen wollten ohne einen männlichen Begleiter. Und noch unstatthafter wäre es, wenn der Begleiter nicht Ehemann, Vater oder Bruder einer der Damen wäre. Wenn eine algerische Französin bei zufälliger Abwesenheit ihres Gatten einen Herrn empfangen muß, so hat sie dies nur bei weit offenstehenden Türen zu tun. Wie man mir mit völliger Selbstverständlichkeit erklärte: um sich der Zeugenschaft des Dienstpersonals für die unbezweifelbare Harmlosigkeit dieses Besuches zu versichern. Daß es in solcher Stadt unmöglich ist, fünf Minuten still und unbehelligt auf einer Gartenbank zu sitzen, ergibt sich aus dem Gesagten. Auch werden einzelne Damen in keinem Kaffeehaus bedient, außer im großen Café Tantonville, neben der Oper, wo hauptsächlich Amerikanerinnen verkehren. Algier ist ein einziger großer Harem für die Frauen und wie jeder Harem ein einziges großes Paradies für die Männer. Denn es gibt kaum einen Wunsch der europäischen Frau nach Geltung, Freiheit, Beruf, Kameradschaft, der hier nicht von der herrschenden Sitte unterdrückt, und keinen Wunsch des europäischen oder arabischen Mannes, dem von der herrschenden Sittenlosigkeit nicht verständnisvoll nachgegeben würde.   Ungleich anderen Städten, wie etwa Konstantinopel, als es noch Byzanz war, hat Algier niemals kulturelle Bedeutung besessen. Früh schon haben in seinem Hafen punische Handelsschiffe geankert. Früh schon nannte man das alte Icosien die Kornkammer Roms. Dann aber, mit Einbruch der Eroberungszüge des mohammedanischen Glaubens, ward es Piratenstadt und Sklavenmarkt und blieb es durch Jahrhunderte. Cervantes, der große Dichter des Don Quijote, wurde als Sklave nach Algier verkauft und berichtet von seinen hier durch den Dey, den türkischen Zwingherrn der Provinz, auferlegten Martern. Diese Deys, von ihren Colluglis und Janitscharen begleitet, von ihren Vezieren und Negersklaven und Henkern umringt, haben ein furchtbares Regiment in Algier gehalten, und viele Jahrhunderte lang war jedes Schiff, das bei Unwetter im felsigen Hafen strandete, ihre Beute, und jedes Handelsschiff, das im Hafen Anker warf, mußte eine hohe Steuer an den Dey abführen und ihm kostbare Geschenke senden. Man dächte also, ein so reicher Potentat müsse viel für den baulichen Schmuck seiner Residenz aufgewendet haben. Weit gefehlt. Es gibt nur zwei schöne, alte Moscheen aus dem 12. und 13. Jahrhundert in Algier, von denen die Djemaa al Djedidd, architektonisch bezaubernd, knapp am Hafen liegt. Aber ihr Inneres, die Wandkacheln, die Ampeln, die Becken für rituelle Hand- und Fußwaschungen sind häßlich und ärmlich und können sich in nichts mit der Überfülle maurischer Bauten messen. Auch in dem noch erhaltenen Winterpalais des Dey sieht man keinerlei Niederschlag eingeborener Kunst. Die Wand- und Bodenkacheln stammen aus Delft, die Spiegel aus Venedig, die Teppiche aus Persien. Nur die Holzschnitzereien, welche die Kabylen auch heutzutage noch vollendet schön herzustellen wissen, und die Sahara-Wandbehänge sind Erzeugnisse des Landes. Hier kann man den authentischen Harem des Dey sehen, eine Reihe von polsterübersäten, fensterlosen, lichtlosen Bienenzellen, und im Empfangssaal auch die Attrappe eines Wandschrankes. In Wahrheit ist es eine erstickend enge, kistenartige Wandnische, in welche die Favoritin des Dey, die zu seiner Unterhaltung anwesend war, eingesperrt wurde, sobald er Männerbesuch empfing. Als einmal in Anwesenheit des französischen Gesandten ein armes Mädchen in diesem Versteck niesen mußte, stach der Dey wiederholt seinen Dolch durch das Holzgitter und sagte zu dem entsetzten Franzosen, als der Sterbeseufzer erklang: »Jetzt wird uns die Hündin nicht mehr stören.« Wenn liebe Gäste von daheim nach Algier kamen und ich ihnen den Cicerone durch die tunnelengen, feuchten, morastigen Straßen der Kasbah machte, sah ich stets von neuem ihre ungläubigen Europäeraugen in Entsetzen sich weiten, wenn ich, ein Haustor inmitten der Straße aufschließend, ihnen »le cimetière des princesses« zeigte. Denn allen Gesetzen der Hygiene zum Hohn birgt die nie du Divan noch heute einen von dichtbewohnten, schönen arabischen Häusern eingehegten Friedhof. Hier breitet ein wunderbarer uralter Feigenbaum schier liegend seinen Schatten über zwei kachelbedeckte Gräber, in denen die Schwestern ruhen, – algerische Prinzessinnen, die den gleichen türkischen Prinzen geliebt und ihre Lust mit dem Tode bezahlt haben. Und in dem ehemaligen Sommerpalast des Dey, droben in der gesünderen Höhenlage des Viertels Kara Mustapha, kann man das alabasterne Brunnenbecken sehen, das noch heute den Namen führt: »La fontaine des princes perdus.« Es liegt im Frauengarten des Harems, der von unübersteiglichen Mauern geschützt war. Nur an dieser einen Stelle gestattete die Bergformation einen gefährlichen Einblick in den verbotenen Garten, in ein todbringendes Paradies. Der körnig glitzernde Alabaster dieses schönen Brunnenbeckens ist sonderbar gefleckt. Um den ganzen breiten Rand laufen die rostroten, häßlichen, zackigen Flecken, die von vergossenem Blute herrühren sollen. Immer, wenn solch ein junger, heißer Späher von den Colluglis abgefangen und vor den Dey geschleppt ward, hieß der Tyrann ihn, angesichts der Frauen, sein junges Antlitz über den Brunnenrand neigen, um dem Henker das Zuschlagen zu erleichtern. Einstmals hatten zwölf junge Türken, die Blüte des Erobereradels in Algier, zugleich die Mauer erklommen, als ein Eunuch sie verriet. Der Dey sah das Becken rings sich hellrot färben und die Fontäne rötliches Wasser gen Himmel schleudern, als klage dies heiße Blut ihn vor Allah an. Elfmal zischte das Krummschwert nieder. Dem letzten Prinzen schenkte der Dey das Leben. Aber der Henker brannte ihm die Augen aus, weil sie gesehen hatten, was »haram« war – heilig und unverletzlich.   Es ist verständlich, daß noch heutzutage die Bewachung der Frau um so strenger ist, je reichere Mittel dem Manne zur Verfügung stehen. Armut und der Zwang, einer Verdienstmöglichkeit nachzugehen, deren Früchte wohl meist auch nur dem Mann zugute kommen, bieten für die Araberin die alleinige Möglichkeit, den Zwang zu lockern. Aber sowie er nur im mindesten gelockert wird, mißbraucht die Araberin, der ja selbst der Koran die Seele abspricht, die Freiheit, um vor allem das Verbotenste einzuheimsen – körperliche Lust. Es ist ein erbärmlicher circulus vitiosus: weil der Mann der Weibertreue nur so lange sicher ist, als er die Frau hinter Schloß und Riegel hält, sperrt er sie in den Kerker, und weil er sie im Kerker hält, bricht sie die erzwungene Ehe, sobald Schloß und Riegel fallen. Der gewöhnlichste Beruf, den die unbemittelte Araberin ergreift, ist der der Teppichknüpferin oder Bedienerin. Kleine Mädchen, die noch nicht den Gesichtsschleier tragen – also acht- bis elfjährige –, arbeiten als Knüpferinnen am arabischen Teppichwebstuhl zehn bis zwölf Stunden täglich, ehe man sie mit vierzehn Jahren in die Ehe verkauft. Die alternden Frauen, die Fünfundzwanzigjährigen also, schlaff von Geburten, schon zahnlos, schon runzelig, schon häßlich und hoffnungslos, werden »Fatmah«, wie der Gattungsname für die Bedienerinnen lautet. Sie kommen morgens, um die ewig beschmutzten Kacheln, »le carlage«, zu waschen und die grobe Arbeit zu tun. Sie legen ohne Scheu auch vor den europäischen Herren den Gesichtsschleier ab. Nahrungsmittel stehlen sie wie die Raben, auch Leintücher, die sich als Haik allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Vor allem aber Zigaretten! Fast niemals nehmen sie Bargeld oder Schmuck. »La Fatmah indiscrète« scheint nur selten in der Gerichtssaalrubrik auf. Wenn meine jeweilige Fatmah die Geldsumme erarbeitet hatte, die sie gerade brauchte, oder wenn sie auf dem Arbeitsweg von einer anderen Europäerin am Haik gefaßt und angeheuert wurde, ließ sie mich einfach im Stich, und ich mußte eben selbst mein »carlage« waschen. Allerdings verblieb mir die Möglichkeit, auf die Gasse hinabzustürzen und nun meinerseits irgendwo eine Fatmah am Haik zu zupfen, die sogleich fröhlich bereit gewesen wäre, eine andere Dame ihrem Schicksal zu überlassen. Endlich fand ich ein Juwel. Eine Fatmah, die durch Monate pünktlich kam, sich nicht fortlocken ließ und sogar mit dem sanften Lächeln eines Irrenwärters nachgab, wenn ich meine Küchentischplatte täglich blank gerieben haben wollte. Aber dann kam der Ramadan, der Fastenmonat, währenddessen die Muselmanen Tag um Tag bis Sonnenuntergang nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen dürfen, kurz sich unangenehmster Abstinenz auf allen Gebieten unterziehen. Am Morgen des Fastenendes kam meine gute alte Fatmah zu mir, grinste runzelig und zahnlos und zeigte mir, wie schön sie sich für das Ramadanende gemacht habe. Ihre Hände waren bis zu den Ellbogen, ihre Füße bis zu den Gelenken mit Henna gefärbt; sie sah aus, als habe sie in Tomatensauce gebadet. Ihre Haare waren in ein stocksteifes Fridericuszöpfchen geflochten, und ums ganze Ohr gehängt trug sie halbkiloschwere silberne Ohrringe, mit der Hand von Mohammeds Tochter »Fatimah« geschmückt, dem Zeichen, das ihre Schönheit vor bösem Blick schützen sollte. Nachmittags wollten wir uns das festliche Ende des Ramadans ansehen. Der Zuzug war unbeschreiblich. Die Soldatenkaserne hatte alle Senegalneger des 19. Tirailleur-Regiments korporativ entsandt, alle Eseltreiber der Umgegend waren nach Algier gepilgert, aber auch vornehme Araber in blütenweißen Burnussen durchmaßen in Trupps voll unbewegter Würde das Gewühl. Das Freudenviertel wimmelte wie ein mutwillig aufgebrochener Ameisenhaufen. Die Häuser schienen vor Weibern zu bersten und spien ihren Inhalt auf die Straße. Überall lehnten, hockten, saßen, standen Weiber, alle hennagefärbt, alle im Staat, und alle hatten weißrosa Europäerinnenmasken auf ihre braunen Gesichter geschminkt, um den Herren Eseltreibern zu gefallen. Sie gefielen ihnen höchlichst! Niemals noch hatte ich einen Markt gesehen, auf dem sich Angebot und Nachfrage so die Waage hielten. Ja, selbst die ältesten Landsturmjahrgänge des Eros schienen einberufen, denn ich traute meinen Augen kaum, da saß meine Fatmah – meine gute alte Perle – und schäkerte. Zwei Tage lang war in ganz Algier keine einzige Bedienerin aufzutreiben. Am dritten Morgen erschien meine Fatmah wieder, züchtig und verschleiert, als sei niemals Ramadan gewesen.   Einmal hatte auch ich in Algier Gelegenheit mitzuerleben, daß der Harem noch heute über seine Insassen den Tod verhängen kann: Mein Mann und ich hatten einen arabischen Vornehmen kennengelernt. Er war Hadschi – Mekkapilger – und ungeheuer reich. Er besaß Herden um Herden dickvließiger Schafe, viele Hunderte der edlen Dattelpalmen zu Deglet Nours und ungeheure Waldungen im Djurdjura. Er war umgeben von Dienern, die ich nicht Sklaven nennen darf, weil ja die Sklaverei offiziell in Algerien abgeschafft ist. – Er hatte Paris gesehen, fuhr alljährlich nach Vichy und zeigte sich in seinem herrlichen Hispano-Suissa stets allein mit seinem Söhnchen, das mit zwei Jahren schon einen Fez trug, während sein Harem – acht bis zehn weiß vermummte Weibsgespenster – in einem klappernden Citroën-Taxi nachkarriolten. Er besaß eine traumhaft gelegene Villa mit entsetzlichen modernen Warenhausmöbeln und wundervollen Teppichen. Aber am stolzesten war er auf seinen europäischen Frack, und es bedeutete für ihn eine schwere Kränkung, daß die Französinnen zu Vichy ihn im Burnus so viel auffälliger bevorzugten. Manchmal waren wir bei ihm zu den traditionellen elf Gastgerichten der Diffa geladen, und eines Tages ward ich in den Harem geführt, während die Herren diskret vorgaben, meine Abwesenheit nicht zu bemerken. Ich kam in das einzige, echt arabische Zimmer des Hauses, mit Kacheln, die bläulich wie klares Wasser schimmerten, mit Kupfergefäßen, die jedem Museum zur Zierde gereicht hätten, und marokkanischen Sitzpolstern von seltener Schönheit. Die Tochter des Hadschi empfing mich, die vierzehn Jahre alt, also völlig erwachsen war, und fast akzentlos französisch sprach. Sie war hakennasig und häßlich wie ihr Vater, mit schwermütigen, alten Augen und unvorstellbar kleinen, schmalen, edlen Händen und Füßen wie er. Sie bereitete mich entschuldigend darauf vor, daß ihre Mutter nur arabisch verstünde. »Mutter ist nicht ganz wohl«, sagte sie, während diese eintrat. Es war die schönste Araberin, die ich jemals gesehen habe. Sie stammte aus Laghouat in den Saharabergen, wo ein herrlicher Menschenschlag haust, und sie trug stolz den reichen Seidenturban der Laghouatia. Sie hatte eine Haut so glatt und so mattbraun wie das Brustfellchen kleiner Raubtiere. Die in Ringen hinters Ohr gesteckten Zöpfe schimmerten wie schwarzer Lack. Ihre sanften, schweren Tieraugen schwammen in feucht-bläulichem Schmelz. Ihre Lippen waren süß und rot und ihre beringten, müßigen Hände voller Grübchen. Ich sprach die gebotenen arabischen Grußworte, von ihrem Lächeln völlig bezaubert – bezaubert von der satten Schönheit dieser Frau, die nach arabischer Rechnung schon alt, schon zumindest achtundzwanzig Jahre alt war. Da berührte meine Hand die ihre, und ich erschrak bis ins Herz. Die Hand war glühend heiß. »Nicht ganz wohl, sagst du?« wandte ich mich entsetzt an die Tochter. »Deine Mutter ist ja krank. Sie hat hohes Fieber!« »Ja«, sagte die Tochter und die mißvergnügten, schmalen Lippen zuckten. »Mutter ist sehr krank.« »Warum bleibt sie nicht im Bett? Was sagt denn der Arzt?« stürmte ich. Und ich erfuhr, daß diese schöne Frau »in späten Jahren« noch ein Söhnchen erhofft hatte – eine Freude, die zunichte geworden war. Eine alte Frau hätte sie gepflegt. Ärztliche Hilfe zu suchen sei einer Dame aus so vornehmem Harem unmöglich. »Wir haben alle Mittel angewandt, die wir kannten«, sagte das Mädchen. Und all die Zeit hindurch, da ich die brennenden Hände hielt, lächelte der sanfte, heiße Mund, sahen mich ihre Augen an, die stummen, klagenden Augen der leidenden Kreatur. »Dein Vater muß sofort einen Arzt holen«, sagte ich. Die häßliche Tochter lächelte. »Das geht nicht, es verstößt gegen unsere Sitten. Du, eine Europäerin, eine ›Roumia‹, kannst das nicht ändern. So wenig wie du ändern kannst, daß« – der bleiche Mundwinkel verzog sich schief – »daß Vater mich an einen sechzigjährigen Kaid verheiraten wird, dessen Enkel älter sind als ich, weil er vom gleichen Rang ist, wie unser Blut. Wir sollten nicht eure Sprache und eure Bücher kennenlernen, denn für uns Junge ist Ergebung noch viel, viel schwerer als für Mutter und ihre Generation. Ich lief in die Männergemächer hinüber und bestürmte den Hausherrn. »Weißt du denn nicht, daß deine Frau todkrank ist?« Er seufzte mit Bedauern. »Weißt du, daß du ein Verbrechen an ihr begehst, wenn du nicht sofort einen Arzt rufen läßt?« »Ça, tu sais, c'est impossible«, antwortete er leise. »Gut. Ich werde dir also die Adresse einer Ärztin geben.« Ein Araber sagt einem Europäer niemals ein schroffes Nein ins Gesicht. »Ji, ji«, nickte er, »ich danke dir, Madame.« Zwei Tage später rief ich die Ärztin an. Sie wußte von gar nichts. Ich telephonierte dem Araber und sagte ihm, was ich von ihm und seinen Gesetzen dächte. »Ji, ji, Madame«, antwortete er seufzend und hing ab. Und das war alles. Und dann bekam ich seine prunkvolle Visitenkarte mit mühsamer, französischer Schrift bemalt. Und er teilte mir, »der verehrten Freundin seines Hauses« mit, daß seine Frau gestorben und seine Tochter Saadia mit dem wohledlen Kaid Sidi Abderrahman vermählt sei.   Zum Schluß noch eine kleine Geschichte, die ich im Mzab gehört habe, gerade dort, wo die Bewachung der Frau am allertyrannischesten ist. Sie ist ein bißchen gepfeffert, genau so wie es die arabischen Speisen sind, aber ich will sie nicht allzu sehr abschwächen, denn sonst wäre sie keine arabische Geschichte mehr. Ein siebzigjähriger, sehr reicher Mann – M'hemmed mit Namen – hatte Habibah, ein dreizehnjähriges Mädchen, geheiratet. Er sperrte sie ein und bewachte sie mit Hilfe einer alten Dienerin. Am liebsten hätte er sie in die Erde verscharrt, wie Hunde es mit Knochen tun, die sie selbst nicht fressen und doch keinem anderen Hunde gönnen. Habibah, die junge Frau, hatte vorerst Freude an Schmuck und Gewändern, dann aber begann sie sich mehr zu langweilen, als es jungen Frauen zuträglich ist. M'hemmeds Haus lag an einer hohen Mauer, an die der Garten Scherifs stieß, eines schönen jungen Arabers, und Habibah sah ihn vom holzvergitterten Fenster aus oft und oft vorübergehen, natürlich ohne selbst von ihm gesehen zu werden. Und eines Tages entwarf sie ihren strategischen Plan. Zur Stunde, da der junge Mann vorüberkommen sollte, sandte Habibah die Alte um ein Gewand ins Nebenzimmer, beschmierte rasch den Kachelbelag vor dem Gitterfenster mit Bienenwachs und trat selbst mit ihren bunten, kleinen Schuhen fest in Wüstensand, den sie in einem Tuch bereitgehalten hatte. Die Alte hörte des jungen Scherif Hufschlag drunten, stürzte ins Zimmer zurück und kam gerade zurecht, um Habibah ein lang flatterndes rotes Tuch ans Gitter binden zu sehen. Der Drache eilte herzu, um fluchend das Tuch abzunehmen, glitt auf dem Bienenwachs aus und brach das Bein. Habibahs sandknirschende Schuhe rutschten nicht, und der bei ihrem Ruf erstaunt aufblickende Scherif sah den rot wehenden Wimpel, sah einen Brief durchs Gitterfenster gleiten und herabflattern. Er las: »L'hamdoulillah! Das Wohlergehen über den, der dies liest und der die Süßigkeit meiner Augen ist. Ich bin Habibah, des M'hemmed Weib vor dem Kadi, aber nicht vor Gott. Komm morgen früh, ehe die Sonne aufgeht. Steige neben dem Brustbeerbaum über die Mauer. Sei ruhig, denn es gibt keinen Hund. Geh in unser Gartenhäuschen und nimm zwei weiße Tauben mit Federn an den Füßen mit, wie wir sie haben. Halte jede in einer Hand, bis M'hemmed die Tür öffnen wird, um hineinzusehen. Sei ruhig, denn das Gartenhaus hat kein Licht. Laß sogleich, sowie M'hemmed die Tür öffnet, die Tauben fliegen und warte auf die, deren Blicke heiß auf Dir liegen.« Am nächsten Morgen, lang bevor es tagte, wachte Habibah auf und rüttelte M'hemmed wach. »Mir ist Fatimah, die Tochter des Propheten, erschienen und hat mir einen Sohn verheißen, wenn ich ins Gartenhäuschen gehe und bete. Ich will in unser Gartenhäuschen gehen und beten!« Die Alte warnte sofort von ihrem Krankenlager her und rief: »Das sind Teufeleien! Laß sie nicht gehen! Du kennst die Frauen nicht! Sie geht zu Scherif!« Aber Habibah weinte und schrie: »Ich will ins Gartenhäuschen gehen und beten! Ich will einen schönen Sohn haben!« Bis M'hemmed, der Alte, die Augen rieb und sagte: »Laß doch das Kind gewähren. Ich selbst will aufstehen und mit ihr gehen.« Es war noch sehr früh, kalt und fast dunkel. Und als M'hemmed den kahlen Schädel ins Gartenhaus steckte, flogen ihm zwei seiner weißen Tauben entgegen. Da dachte er: »Wäre ein Mann da drinnen, so wären die Tauben ja früher schon entflohen.« Er ließ Habibah in das Gartenhäuschen treten. Und ihr Traum wurde wahr: sie gebar dem alten M'hemmed einen Sohn, zum Zeichen dafür, daß kein Schleier und keine Wächter und kein Harem nützen, wenn eine Frau nicht aus eigenem Herzen einem Mann treu sein will, einfach weil sie ihn liebt. Fanfare in Algier Den ganzen Tag ist es heiß gewesen – höllisch, untragbar heiß. Wenn ich im Schatten grauer, staubbedeckter Palmen dahinschlich, so meinte ich vor Durst zu vergehen. Wenn ich auf einen der breiten, unbeschatteten Plätze hinaustrat, sprach ich heimlich ein Stoßgebet und blinzelte aus meinen grünen Brillengläsern mißtrauisch zu dieser furchtbaren Sonne empor, die wie ein großer, goldener Vogel Rock, auf Beute lauernd, über mir schwebte. Man sagt mir, daß es nur darum so schlimm sei, weil just seit dem Tag unserer Ankunft – seit jenem Tag, an dem der »Timgad« rauschend in die halbmondförmige Bai von Algier einfuhr – der Schirokko herrscht. Ich muß lächeln, wenn ich denke, was ich für Begriffe mitgebracht hatte. Wirklich, ich dachte, der Schirokko sei ein Wind, der wehe, und weiß doch jetzt, daß er nichts anderes ist als der lastende Steindeckel auf dem weißen Sarkophag dieser Stadt. Wenn er drei Tage geherrscht hat, dann – hinter ihm – kommt der Erlöser: Regen. Aber es kann auch sechs Tage dauern oder neun. Neun Tage ohne Luft, neun Nächte ohne Schlaf auf der Matratze des Bettes, in einem Zimmer, in dem Insekten surren. Und ich habe mir Algier wie einen Traum aus Tausendundeiner Nacht gedacht, weiß gebettet zwischen dem Blau und Grün des Meeres und der Gärten, mit flachen Dächern, überkuppelt von Moscheen. Aber es ist nichts als eine Großstadt, unter der der Teufel just seinen Kessel heizt, mit Straßen von achtstöckigen Häusern und Hunderten von Autogaragen. Man sagt mir, daß ich sie zu früh besucht hätte, diese Stadt, die, wie eine Frau bei der Toilette überrascht, noch nicht Zeit gefunden habe, ihren Schmuck anzulegen. – Man sagt mir, daß im November diese lehmfarbenen Wüsten sich zu bunten Gärten wandeln werden; man sagt, daß Algier eine wundervolle Stadt sei, und ich glaube es, des Abends, nur des Abends, wenn ich am Hafen entlanggehe und die Lichter fremder Schiffe draußen im Meer wie an einem zweiten, nur dichter bestirnten Himmel glänzen. Denn nun erst kommen die wenigen Stunden, in denen man nicht die Strafen eines Bagnosklaven abzubüßen vermeint, wenn man die weiten Straßenzüge durchwandert. Während des glühenden Tages siedender Geschäftigkeit voll, scheinen sie nun sonderbar verlassen, und die wenigen uns Begegnenden hüllen sich in Mäntel, als fröstle es sie bei diesem kühlen Hauch vom Meere her, den wir als Belebung empfinden. Einzig in den Kaffeehäusern, diesen Kaffeehäusern ohne Zeitung, ohne Musik, ohne Rendezvous, sitzen gelangweilte Ehepaare vor ihrer »Napolitaine«, einem sengend kalten Eis, das den Gaumen für Minuten unempfindlich läßt, wie Lokalanästhesie. Männer, an den Bartisch gelehnt, leeren giftfarbige, eisgekühlte Drinks, Gin, Whisky, Anisette. Keine Frau, die zu irgend einer Stunde allein in einem Kaffeehaus säße. Keine Frau, die abends allein über die Straße ginge, ohne hiedurch ihren Beruf zu dokumentieren. Und so viele Araberinnen ich auch des Tages gesehen, in ihre Leinentücher eingehüllt, ruhig in der Trambahn neben europäischen Männern sitzend, arm zumeist, barfuß, die staubigen Schuhe in der Hand, blaue Kastenzeichen am Unterarm und an der niederen Stirn – zu dieser Stunde sind sie völlig aus dem Straßenbild verschwunden. Wundervoll ist die Nacht, durch die wir gehen unter Palmen, die trocken rauschen, unter flimmernden Sternen. Diesmal, wahrhaftig, ist es ein Traum aus Tausendundeiner Nacht, es ist die kupferne Stadt, die wir durchschreiten, die verwunschene Stadt, in der man keinem Lebenden begegnet. Aber gerade, da ich dies denke, sind wir um die Ecke gebogen, und ein riesiger Platz liegt vor uns, überstrahlt von hohen Lichtern, und dahinter, schimmernd weiß gegen die Nacht gezeichnet, eine Moschee. Es ist, als träfen wir hier das lebenpulsende Herz dieser schlafenden Stadt, da ist Gewoge und Gewühl, Drängen von Menschen, jählings sind sie da, viele, viele Menschen, zu einem weiten Kreis gereiht, dessen Mittelpunkt wir noch nicht erspähen können. Wir fragen, und mit der freien Höflichkeit dieses Volkes wird uns Bescheid. Es gibt Musik zu hören auf diesem Platz, und deshalb sind sie hier, alle diese kleinen Bürger im Strohhut und weißen Beinkleid, die Geschäftsfrauen in ihren Fähnchen, die Lippen allzu rot geschminkt, um zu verbergen, wie bleichsüchtig, blaß sie sind, und vielleicht auch, wie bitter der Zug um die Mundwinkel. Und Arbeiterinnen sind gekommen, sie sitzen auf Holzsesseln, ihr Kind auf dem Schoß, das abwechselnd schläft und greint. Eines dieser armen, dünnbeinigen, durchscheinenden Geschöpfe, die so sehr leiden unter dieser Sonne und deren Name der Öffentlichkeit nur bekannt wird, wenn »L'Algerie« ihn in ihren Spalten nennt unter »Decès du ... Maurice Girard 9 mois, Geraldine Marti 3 ans ...« Und Araber sind hier überall, zerlumpt wie das Elend selbst, häßlich und schmutzig, von fast negerhaftem Typus. Und andere in fleckenlos weißer Tracht, grün-bräunlichen Gesichtes, mit den zarten Frauenhänden der Abkömmlinge alter Geschlechter. Und kleine Stiefelputzerjungen, die mitten im Gedränge mit schwarzen Augen nach Kunden ausspähen, ihre Kästchen am Riemen schlenkernd, und die »Chass-D'Af«, wie man sie nennt, französische Soldaten mit Fez und breiter, blutroter Leibbinde. Und nun ist es neun Uhr, und die Musik beginnt sogleich. Man hat uns freundlich einen Platz eingeräumt, und jetzt sehe ich die Spielleute, die solche Menge anlockten und die auf diesen von Palmen umsäumten, von der Moschee begrenzten Platz gehören wie das Ungeheuer zum Märchen. Sie scheinen mir riesenhaft und hundertfach häßlich. Ihre Gesichter sind wie aus der Nacht herausgerissen, die uns umgibt, schwärzer als schwarz, mit weißspielenden Augenwinkeln. Sie tragen roten Fez, von dem oben ein Röllchen absteht wie der Stiel eines purpurnen Apfels. Ihre niedern, runden Stirnen sind mit den tiefen Schnittnarben ihrer Kastenzeichen bedeckt, und wenn sie lächeln, so mahnen ihre weißen Zähne an den Biß. Sie sind mit Trommeln umgürtet, neun, zehn Trommeln. Und die elfte, »la grosse caisse«, trägt einer, der größer ist als alle andern. Und Hörner haben sie, goldblank gewundene Hörner, sie halten sie in den Händen, die aussehen, als wären sie nur schlecht geschminkt, denn sie werden heller an den Fingerspitzen. Sie reißen die Instrumente mit einem einzigen Ruck an den Mund, die Brust fast gesprengt vom Übermaß des Atems, und nun, hinter dem jähen Aufblitzen der Hörner, hallt auch der Donnerschlag der Trommeln. »Es ist keine Musik, es ist eine Fanfare«, sagt mein Nachbar, ein Uhrmacher, dessen Augen rot sind vom vielen Schauen durchs scharfe Glas. Und die Fanfare dröhnt über den weiten Platz, zerteilt, zerschlagen von dem vibrierenden Takt der Trommeln. Keine Kapelle der ganzen Welt hat den Rhythmus so im Blut wie diese riesigen Teufel, die mit der Präzision von Salven den Trommelschlag ertönen lassen. Der Rhythmus, einförmig und wild, stolz und kriegerisch zugleich, scheint den Schlag meiner Pulse in seinen Takt zu zwingen. Es ist, als würde die blitzende Windung der Hörner zu einem Strom von Feuer, ausgeatmet von fremdzauberischer Gewalt, zu Flammen, die in einem Regen niedersprühen. – Und wie ein Pochen an das Tor der Nacht, hinter dem alle Schrecken lauern, dröhnen und rufen die Trommeln... Ach, wie schade – ich habe plötzlich den Kapellmeister erspäht, diesen kleinen, blassen Franzosen, der in ihrer Mitte steht wie der Dompteur unter gezähmten Bestien und hin- und hergewendet ihnen das Zeichen gibt, diesen hochbrüstigen, dunklen Riesen, deren jeder ihn wie einen Sperling zu erdrücken vermöchte. Aber sie gehorchen zahm und stehen habtacht. Sie sind ja nichts anderes als das Musikkorps des 13. Senegaljäger-Regiments, das jeden Donnerstagabend von neun bis zehn auf der Place du Gouvernement konzertiert, zwischen den Palmen und der großen Moschee – eine Fanfare fremder Instrumente in dieser fremden Stadt Algier. M'hemmed und sein Maki Ich lernte sie beide in einem kleinen algerischen Terrassencafé kennen, das eine berauschende Fernsicht über Meer, Himmel und die sichelförmige Bai von Algier bot. Des Abends, sobald die aus fünf Mann bestehende Kapelle ihr Konzert begann, wäre dieses Lokal just nicht der passendste Aufenthaltsort gewesen. Nachmittags aber arbeitete ich unter dem Schutze der Leere und des alten österreichischen Kellners beinahe ungestört. Das Meer vor mir schimmerte wie Lasur, der Himmel hatte die rosa und blau verschwimmenden Farben eines Vergißmeinnichtbeetes, der Hafen toste vom arbeitsamen Leben, und die Dampfpfeifen der weithin wandernden Schiffe brüllten. Der alte Kellner, seit 32 Jahren an dieses Panorama gewöhnt, sah mit geblendet blinzelndem Blick darüber hin. »Schön, das Meer heute«, sagte er zu mir. »Schöne Stadt, Algier. Aber bei uns zu Hause müssen sie jetzt Schnee haben!« Und dann sprachen wir von unserer Heimat, deren Schönheit der Österreicher – genau wie die ersten Menschen jene des Paradieses – erst erkennt, wenn er aus ihr vertrieben ist. Dann schlurfte der alte Mann seufzend zu seinem Sessel im Hintergrund und schlief ein. Und ich konnte wetten, daß im Augenblick darauf eine dienstwillige Bürste an ein bereites Kistchen klopfen und eine dünne Stimme nicht fragen, sondern fordern würde: »Schuhputzen, Madame?« Und das war M'hemmed. M'hemmed gehörte der Gilde der Stiefelputzerjungen an, die vom Morgen bis Mitternacht die französischen Straßen von Algier durchstreifen, wie ein Rudel buntscheckiger und hungriger Hyänenhunde. Die Stiefelputzerjungen von Algier sind sozusagen kleine Beamte mit der Marke der Schuhcremefirma auf dem Kistchen unter ihrem linken Arm. Sie tragen auf den kahlgeschorenen Kinderschädeln einen mit bunten Fetzen umwundenen Fez, und die internationale Uniform der Arbeit bekleidet sie, die blaue Leinenbluse, zu der sich hier weite Pumphosen gesellen. Sie traben nacktfüßig in Trupps, und während sie in kehligem Arabisch miteinander schwatzen, heben sie niemals den Blick vom Pflaster, weil sie nicht nach Gesichtern, sondern nach Füßen ausspähen. Hat sich ihr Sperberblick eine neue Beute ausersehen, verstummen sie mitten im Wort. Ein rasender Wettlauf der Konkurrenz beginnt, quer durch diesen phantastischen Straßenverkehr einer aufblühenden Stadt, in der jeder zweite Einwohner Auto oder Motorrad oder Lastwagen sein eigen zu nennen scheint. Bis der Sieger, atemlos, kniend, an sein Kistchen pocht und hervorkeucht: »Schuhputzen, mein Herr?« Auch mein stiller Winkel war vor ihren Spürnasen nicht sicher. Ich wagte mich ohnedies niemals mit geputzten Schuhen auf die Straße, aus Angst, mich einer Gewerbestörung schuldig zu machen. Aber an jenem Tag, an dem ich M'hemmed kennenlernte, hatte ich bereits meinen Obolus entrichtet und meinte, meinen Arbeitsfrieden verdient zu haben, als zu meinen Füßen aufs neue dies: »Schuhputzen, Madame?« erscholl. Ohne hinzusehen, war ich im Begriffe, das arabische »Allah wird dir geben!« zu murmeln, diese einzig wirksame, fromme Vertröstung, die allzu lästige Straßengeister noch stets gebannt hatte. Da fühlte ich, daß eine Hand in heftigem Ungestüm der Bitte an meinem Kleidsaum riß. Dies war denn doch zu kühn, und ich fuhr auf mit strengen Worten auf der Zunge. Aber mit hellem Staunen sah ich sogleich, daß es keine braune Knabenhand war, die an meinen Kleidfalten zerrte, sondern eine haarige und langfingrige – so schmal und schwarz und dürr wie eine Johannisbrotschote. In einem Nu verschwand die Hand und der dazugehörige lange schwarze Arm in des Knaben Blusenausschnitt. »Was hast du denn da?« fragte ich, da des Kindes Busen so sonderbare Wellen schlug. Der Junge grinste selig über den Erfolg des anscheinend oft geübten Tricks. »Einen Maki, Madame, willst du sehen?« Aus der Bluse kam ein schier fuchsspitzes Schnäuzchen hervor – kluge Augen, die wie Halbkugeln dunkelnden Bernsteins sich wölbten – das ganze bezaubernde Gesichtchen eines Halbaffen. »Er heißt Kiki«, erklärte der Junge, und ich sah eine bei Arabern nicht ganz alltägliche Liebe zu dem Tier in seinem Blick. – »Und wie heißt denn du?« – »M'hemmed. Schuhputzen, Madame?« Der Maki hatte sich auf den Tisch geschwungen und untersuchte mit nettesten Gebärden der Neugier die leere Schale, Papier und Füllfeder. »Na gut. Hast du wenigstens weiße Creme?« Die Fezquaste flog bei M'hemmeds stummem »Nein«. Ich ließ also seufzend meine armen Schuhe mit dieser entsetzlichen, zähen, roten Paste bestreichen, in die M'hemmed leidenschaftlich spuckte. Und, als dürfe ich nicht entlaufen, hielt die ganze Zeit die heiße, lange, schwarze Affenhand meinen linken Zeigefinger umklammert. Es war eine sonderbar menschliche Hand, obgleich sie schwarz war und an jeder ihrer Fingerspitzen eine wie aus Knetgummi angeklebte Verbreiterung haftete. M'hemmed arbeitete so eifrig, daß auf der gewölbten Kinderstirn senkrechte Falten standen und seine Zunge sich im Mundwinkel zeigte. Er war so klein und mager und schlecht genährt, daß man ihm drüben in Europa nicht mehr als fünf Jahre gegeben haben würde. Aber er zählte deren neun und hatte sicherlich mehr erlebt als ein europäischer Bursche mit neunzehn. »«Was bekommst du?« »Zehn Sous.« Zum Lohne dafür, daß er nicht aufgeschlagen hatte, obgleich ich gefragt, also mich als Fremde deklariert hatte, bekam er zwanzig. Er sah den Franken mit einem verliebten Staunen an, das er aber als gewiegter Geschäftsmann sogleich unterdrückte, nahm stumm den Maki auf und stopfte ihn hastig in den Busen, daß nur mehr der waagrecht in Schwarz und Weiß gestreifte Tierschweif, schlangenhaft beweglich, sich hervorringelte. »Mit was fütterst du ihn?« fragte ich nicht allzu mutig, denn, mein Gott, womit mochte wohl dies Kind selbst seinen Hunger stillen? Und doch, dies Affenhändchen war so fiebrig heiß gewesen, die Kugelaugen hatten so kranken Glanz... Da vernahm ich, daß das Tier kaum feste Nahrung zu sich nahm. Geradeheraus gesagt, der gute Maki war ein Trunkenbold wie nur je irgend einer. Ein Matrose hatte das Halbaffenbaby aus Madagaskar mitgenommen und droben in der Kasbah bei irgend einem Mädchen zurückgelassen. Er war es, der »Kiki« an den Alkohol gewöhnt hatte, dem er selbst wohlgeneigt war, weil es ihn belustigte, den Maki seinen bacchischen Unfug treiben zu sehen... »Er tanzt immer abends, wenn er genug getrunken hat«, berichtete M'hemmed. »Ja, zum Teufel, wer gibt ihm denn jetzt noch zu trinken?« brach ich los. M'hemmed war zu keiner Antwort zu bewegen. Nur eines begriff ich, daß M'hemmed und sein Maki gemeinsam jemanden zu fürchten hatten. Da droben, in der Kasbah. »Na, dann wird dein Maki bald ausgetanzt haben!« sagte ich. Ich hatte während all dieser Jahre hier in Algier wie fast überall im Süden so viele Akte der Tierquälerei hilflos mit ansehen müssen, daß ich einfach mit weißglühender Wut auf diesen neuen Fall reagierte. Ich wandte mich ab und meiner Arbeit zu, und als ich gefaßter wieder aufblickte, hatte sich M'hemmed mit seinem Maki fortgestohlen. Den ganzen Rest des Tages über quälte ich mich mit Vorwürfen, diese beiden fortgelassen zu haben, ohne die Adresse zu erfragen, ohne Wiederkunft zu fordern. Ich dachte, daß ich keine Ruhe mehr finden könne, wenn M'hemmed und sein Maki nicht wiederkämen. Doch sie kamen wieder. M'hemmed lachte mit blinkenden Araberzähnen schon von weitem, als ich ihm winkte. Er stürzte sich in den wild strudelnden Verkehr der Straße, die uns trennte, wie Leander in den Hellespont. Araber lassen sich nicht gern beim Essen zusehen. So hockte er abgekehrt auf seinem Kistchen, und ich sah nur die von Henna und Stiefelschmiere roten Hände Brocken in seinen Mund stopfen. Bei »Kiki« hatte ich weniger Glück. Es zeigte sich, daß des Halbaffen Magen von Alkohol gleichsam verbrannt war. Es gab Tage, an denen er selbst die geliebten Bananen wieder von sich gab. Sein kluges Gesicht hatte einen greisenhaft müden Ausdruck, der mir weh tat, und man fühlte die Rippen unter dem Fell. M'hemmed erzählte nie von sich, immer nur von »Kiki«, seiner Schlauheit im Kundenverkehr, seinen Streichen, der beklagenswerten List, mit der das Tier sich in den Genuß von Spirituosen zu setzen wußte. Er stahl Alkohol, wenn er ihn nicht bekam. Einem Arbeiter hatte er den Wein vom Bartisch weg ausgetrunken. »Kiki« saß arm und kläglich in der von Tag zu Tag heißeren Sonne, die ich so schlecht ertrug, und zitterte und fror beständig. Eine ganze Zeit dauerte unsere sonderbare Kameradschaft. Dann aber erkrankte ich für lange Wochen. Es schien, als solle ich nie wieder dies wildblaue Meer überqueren, über das ich Tag und Nacht in rastlosen Fieberträumen der Heimat zusteuerte. Als ich an meines Mannes Arm zum erstenmal wieder die sonnenflimmernde Straße betrat, schien fester Boden immer noch wie das Traumschiff unter meinen Füßen zu schwanken. Schließlich landeten wir glücklich auf jenem offenen Eiland, das der dichteste Verkehr Algiers umbrandet, dem Café de l'Opera. Mein Mann bestellte ein ortsübliches Apéritif und setzte den edelsteingrünen Anis an den Mund, um mir zuzutrinken. Im gleichen Augenblick schrie eine Dame gellend hinter mir auf. Und als ich mich wandte, sah ich gerade noch ein langgestrecktes, schwarzes Etwas, einen haarigen Blitz durch die Luft sausen und auf unserem Tischchen landen. Eine lange, schwarze Hand riß meinem Mann den Trank vom Munde fort, ein spitzes Schnäuzchen bohrte sich schlürfend ins Glas. »Kiki«, rief ich, und versuchte, den Affen zu ergreifen, aber im Nu war er schlangenhaft unter meinen Händen fortgeschwunden. Im nächsten Augenblick erhob sich in diesem eleganten Café der wüsteste Tumult. Die Dame, der der Maki das Eisgetränk aufs dünne Kleid vergossen hatte, schrie noch immer. Kellner suchten des hopsenden Tieres habhaft zu werden. Einer hatte ihn unter seiner übergeworfenen Schürze zu fangen versucht und riß fluchend die blutig gebissene Hand zurück. Flaschen rollten, Gläser splitterten. Damen flüchteten ins Haus, Herren beteiligten sich an der Jagd. Fernersitzende fragten, man schrie, man lachte. Und die Kapelle spielte unentwegt weiter. So groß war der Lärm, daß ich beinahe das hohe Kinderweinen überhört hätte, die gurgelnden Flüche und den Hall der Schläge, die auf M'hemmed niederprasselten. Denn dies also war der Mann, den M'hemmed und sein Maki zu fürchten hatten, und ich kannte ihn lange. Lange schon war mir das böse Gesicht, der negroide Unterkiefer dieses Straßenhändlers aufgefallen, der den Fremden seine holzgeschnitzten Kistchen zum Kauf anbot. Er roch von weitem nach Fusel, und ich hatte gelernt, daß es nichts Vermeidenswerteres gibt, als den Mohammedaner, der das Verbot des Propheten zu brechen gewohnt ist. Jetzt hielt er M'hemmed am linken Arm gefaßt und rüttelte ihn so brutal, daß das Kistchen, zu Boden gefallen, alle seine Bürstchen übers Pflaster gestreut hatte und die Blechschachteln weithin kreiselten. Den andern Arm hielt das Kind vors Gesicht, um die Schläge abzuwehren. Als der Araber meines Mannes gesegnete Fäuste vor sich sah, duckte er sich und sagte, er sei ja nur wegen des vergeudeten Anis von Monsieur so ärgerlich gewesen. Mein Taschentuch sah unbeschreiblich aus, mit schwarzer und roter Schuhcreme gefleckt und getränkt von M'hemmeds Tränen. Nie habe ich ein Kind verzweifelter wimmern hören als M'hemmed, der den Sprüngen seines Maki nach die Arme ausstreckte. Endlich rettete sich das Tier aufs Büfett und dort, wo man es der bedrohten Weinflaschen wegen nicht zu behelligen wagte, tanzte es zwischen klirrendem Glas einen unbeschreiblichen Tanz: ein Mittelding zwischen Csardas und Cancan. Und da, endlich kam mir der rettende Einfall; unbegreiflich, daß er mir nicht längst gekommen war! Wenn irgend ein Mann helfen konnte, so war es Professor Brandes in Dresden. Ich hatte diesen berühmten Tierpfleger seine Orangs und Gorillas mit franzisceischer Liebe betreuen sehen, und ich wußte, er vermochte uns beizustehen; M'hemmed, mir und dem Maki. Ich fragte M'hemmeds Vater nach dem Preis des Affen. Der Araber, der ein Geschäft witterte, begann einen wüsten Handel. Und dann grinste er, und alle Kellner und das ganze Café de l'Opera, als ich meinen stocksteif betrunkenen Affen endlich in das Auto hob. Nur M'hemmeds Augen sahen mich starr an, als habe er in mir den letzten Freund verloren. Mir war gar nicht recht wohl zu Mute. Und es kamen böse Tage. Ein Brief von Dresden nach Algier dauert lang, und der Direktor eines Zoos hat mehr zu tun, als sich um den trunkenen Halbaffen eines kleinen arabischen Stiefelputzers zu bekümmern. Würde die Antwort kommen? Würde sie rechtzeitig eintreffen? Nun, sie kam per Luftpost, wie hatte ich nur zweifeln mögen! Vier lange Seiten in der Handschrift des Gelehrten. Eine genau ausgearbeitete Entziehungskur, darin alle möglichen Fälle der Wirkung auf den zerstörten Organismus vorausgesehen waren. Ich vergaß mein eigenes Befinden über der täglich sich vermindernden Dosierung von Rum auf Bananenscheiben und Schnaps auf Milchbrot. Jeden Morgen Schlag sieben Uhr stand M'hemmed großäugig und nacktfüßig, das Kistchen unter dem Arm, vor der Tür, und Kiki zwitscherte wie eine Schwalbe, sobald er ihn sah« »Er bekommt ja einen Bauch!« sagte M'hemmed eines Tages, strahlend entzückt. Und dann kam das Schönste, knapp bevor ich Algier verließ, um in die Heimat zurückzukehren. Das Haus, in dem wir wohnten, gehörte einem Zuckerbäcker, der durch die Geschichte mit dem betrunkenen Maki auf M'hemmed aufmerksam geworden war. Ein algerischer Konditorladen braucht arabische Austräger, die freilich stets ein vertrauenswürdigeres Alter besitzen als M'hemmed. Aber es kam doch so, daß M'hemmed die Kasbah und sein Kistchen verließ, um einen neuen Beruf anzutreten. Und als mein Schiff aus der sichelförmigen Bai von Algier ausfuhr, da sah ich dort auf der immer ferneren Landungsbrücke, halb schon verdeckt von einem Schleier kreisender Möwenfittiche, unter denen, die mir nachwinkten, auch den Zuckerbäckerjungen M'hemmed und seinen Maki. Die gleichmütige Natur Das Haus lag in einer stillen Seitenstraße der Hauptader von Algier, und es war weithin kenntlich. Die Glyzinen, die ihm den Namen gaben, hingen in heller Last über die Mauer hinaus, sie bedeckten beinahe die schwarze Tafel, die ich suchte. »La villa aux Glycines« A. Maurier, Familienpension. Landsleute hatten uns hieher empfohlen, es wurde als Glücksfall dargestellt, wenn wir in dem stets überfüllten Heim Aufnahme fänden. Nun stand ich in dem Gartenhof, in dem sich eine einsame Dattelpalme erhob, und das Lob dünkte mich denn doch ein wenig zu reichlich bemessen. Das Haus schien aus der Zeit der französischen Eroberung zu stammen. Es war sonderbar winklig und willkürlich angelegt – wie ohne jeden Plan erbaut. Eine ebenso kunstlos angefügte eiserne Außentreppe schob sich in trägen, grauen Windungen einer Pythonschlange bis zu dem Balkon des ersten Stockwerkes empor, an dem allen Zimmern ihr wohl bemessener Anteil zustand. Zwei arabische Diener und ein junger Bursche in weißer Kellnerjacke schwatzten im Hintergrund, ohne sich durch mich stören zu lassen. Nur eine samtohrige, braungefleckte Jagdhündin kam still herbei und machte auf die höflichste Weise die Honneurs. Als ich das freundliche Tier streichelte, tönte plötzlich von irgendwoher ein Pfiff. Die Hündin schrak zusammen und kroch zur Seite. Der Mann, der nun erschien, war mir vom ersten Augenblick an zuwider. Es wehte solch tückische Ehrbarkeit um ihn, solch verschlagene Beschränktheit. Kleine rotunterlaufene Augen, ein zerpflückter Spitzbart, braune, widerliche Zahnstummeln, Glatze, Embonpoint: er sah aus wie einer der beiden Alten, die Susanna im Bade belauschten. »Sie wollen mieten?« fragte er und sah dabei zur Seite. »Meine Frau ist jetzt nicht zu Hause. Das macht alles meine Frau. Übrigens« – und zum erstenmal traf mich sein Blick – »werden Sie mehr zahlen müssen, als Ihre Freunde bezahlt haben, das geht nicht so weiter ...« Ehe ich zu antworten vermochte, tönte scharf dreimal wiederholt eine Hupe vor dem Hause. Der Kellner schoß herbei, die Araber öffneten grinsend das Tor. Die schweigsame Jagdhündin war wieder da, und mit ihr erschien jetzt ein noch ganz junger Hund, ein schwarzer Köter, der schrecklich bellte. »Da kommt ohnehin meine Frau«, murmelte Herr Maurier und trollte sich zur Seite, genau wie sich vorhin die Hündin getrollt hatte. Das kleine Auto fuhr mit präzisem Schwung in den Hof ein. Eine Frau saß am Volant, die hochrote Baskenmütze schief auf dem geringelten Haar, ein Lächeln um den hochroten Mund. Sie schien mir sehr reizvoll, als sie aus dem Wagen sprang, in dem ärmellosen, weißen, kurzen Kleide, das ihre schönen Beine zeigte. Nach den ersten Worten, die ihre Verspätung entschuldigten, deutete sie mit dem runden energischen Kinn nach dem Hause und fragte: »Sie haben sich doch auf keinen Preis mit ihm eingelassen? Sie zahlen natürlich dasselbe wie Ihre Landsleute. Ich freue mich, daß Sie kommen! Ich mag euch Österreicher so gern.« Madame rief auf arabisch den Dienern ein paar freundlich-bestimmte Worte zu, die die sofortige Garagierung des Autos zur Folge hatten. Die Zimmer mit der Aussicht auf blühende Agaven und blaues Meer gefielen mir. Sie waren groß und bequem und peinlich sauber. Ein kleiner Empireschreibtisch reinsten Stiles erregte mein Entzücken. »Das freut mich, ich habe ihn heraufgestellt, weil ich hörte, daß Sie schreiben«, lächelte Madame. Jetzt, da ich sie nahe sah, erkannte ich, daß sie nicht mehr ganz jung war, sie schminkte sich stark. Aber während es so viele Frauen gibt, die die Schminke wie eine Uniform des Gesichtes tragen, verstärkte hier die Kunst nur die Pikanterie der unregelmäßigen Züge. Die Augen waren groß, feucht, dunkel, ich meinte, niemals noch so ungeduldige Augen gesehen zu haben. Ich kann es nicht anders sagen. Die Augen behielten, so liebenswürdig und herzlich Madame auch sprach, einen Ausdruck, als müsse sie jetzt und jetzt auf den Boden stampfen und sagen: »Weiter, weiter! Das kann doch, um Gottes willen, nicht alles sein?« »Es wohnen lauter nette Leute hier, Sie werden sehen. Auch meine Studenten sind »bien sérieux« (ernste Jungen). Es gibt keine Dummheiten in meinem Hause. Und die Küche ist gut. Herr Maurier kocht selbst, das kann er. Ich denke, Sie werden zufrieden sein.« – Ich mietete also, und die Koffer kamen. Als ich dabei war, den Empireschreibtisch einzuräumen, der so aussah, als müsse das Geheimfach mit den Briefen und Locken plötzlich unter meinen Händen aufspringen, kamen die samtohrige Jagdhündin Missou und ihr unehelicher Sohn Moricaud, um mir beim Auspacken zu helfen. Zumindest bei der Keksschachtel gelang ihnen das vortrefflich. Aber eben als Moricaud mir in Rückenlage vertrauensvoll das Brüstchen zum Kratzen darbot, eben als Missou mir eine gefleckte, dankbare Pfote reichte, – – huiiit, kam wieder dieser Pfiff, und sie trabten davon, daß ihre Ohren wackelten. Jeden Morgen wiederholte sich nun dies Spiel. Sobald das ältliche, spitze Stubenmädchen das Frühstück brachte, waren sie da, Moricaud winselnd, Missou in sanftem Schweigen. Sie schlapperten Kaffee und Brocken aus dem ihnen geweihten Schwammschüsselchen, um zu enttraben, wenn der Pfiff kam. Mein Mann war wütend, daß ich diesem Harpagon – oder wie er ihn gut waldviertlerisch nannte: »diesem Knopferldrucker«, das Hundsfutter ersparen half. »Haben die in so einem Haus nicht Abfälle genug? Was braucht denn der auf die Jagd zu gehen, der Kracher, der notige, wenn er nicht einmal seine Hundsviecher füttert?« Denn Herr Maurier ging auf die Jagd. Jeden Sonntagmorgen erlebten wir den Auszug Tartarins von Tarascon nach mystischen Jagdgefilden. Er trug Mütze, Ledergamaschen, Jagdtasche und Doppelflinte, und hatte Missou an der Leine. Bei diesen Fahrten zur Bahn chauffierte niemals Madame, sondern nur der Kellner Jean. Obgleich der Aushilfskoch schauerliche Puddings gebar, die wie arme Sünder am Tage des Weltgerichtes zitterten, atmete doch das ganze Haus an solchen Sonntagen auf. Die arabischen Diener strahlten. Die sechs französischen Studenten, die an der algerischen Universität studierten, brachten Madame Rosen, und sie saß wie ein guter Kamerad mitten unter ihnen. Nach Tisch sangen sie alle französische Lieder, der Professor der Chemie und seine Frau sangen mit. Die alte Gräfin begann von der Sahara zu erzählen, und selbst der »Herr mit der Leber« brachte Marius-Anekdoten im Marseiller Dialekt so gut, daß Madame nicht aufhören konnte zu lachen. Ich mochte ihr Lachen gern. Sie lachte so unbändig wie ein junges Mädchen, bis ihre schönen Augen in Tränen schwammen und sie sie hilflos mit dem geballten Taschentüchlein zu betupfen begann, noch mehr lachend, weil die Wimpernschminke sich aufzulösen drohte. All die Zeit kreiste der Kellner Jean um die Tische. »Der erzählt morgen dem Alten alles«, flüsterte mir einer der Studenten zu. »Heute noch!« gab ich zurück. Nach dem Essen kamen die sechs an unsern Tisch und weihten uns wispernd in eine Verschwörung ein. Sie wollten alle Herrn Maurier einen Streich spielen, ob mein Mann ihnen dabei helfen wolle. Oh, der wollte gern. Sie steckten wie die Schulbuben die Köpfe zusammen. Aber es fiel ihnen nichts ein. Nein, das war alles nichts. Ich begann zu lachen. Warum ich denn lachte, fragten sie. »Weil ich wohl etwas wüßte«, sagte ich, »aber das kann man nicht machen, es ist zu bösartig.« Um so besser, meinten sie, sie drängten mich. Und wie ich so Moricaud, der rundgefressen auf meinem Schoß schlief, streichelte, sagte ich ihnen meinen Plan. Vom Balkon aus sah ich die sieben Zigarettenenden im Dunkel glühen. Sie kicherten drunten, und ich machte: »st!« Ich sah das Kellnerjackett im Dunkel schimmern. Dann begann Moricaud einen Freudengesang und Tanz: Herr Maurier und Missou kamen. Den Rückweg von der Bahn legte Herr Maurier stets zu Fuß zurück. Er schloß sehr leise das Tor auf, da blendeten ihn sieben Taschenlampen, und alle sieben Verschwörer fragten, von Lachen erstickt, nach seiner Jagdbeute. Da sah ich sein Gesicht im Schein der Lampen. Es war ein armes ertapptes, verzerrtes Altmännergesicht, und mir tat furchtbar leid, was ich angestellt hatte. Aber schon hörte ich Herrn Maurier gefaßt sagen: »Sieben Hasen, meine Herren. Mir waren sie zu schwer. Man bringt sie morgen, und Sie bekommen alle Ihren Hasenbraten. Gute Nacht!« Er pfiff den Hunden und ging, sie in dem Zwinger einzuschließen. Die Verschwörer kannten keine Reue. Wir alle wußten, daß Madame – der algerischen Sitte zum Trotz – selbst ihre Einkäufe besorgte. Um sechs Uhr schon raste diese tüchtige Frau im Auto nach dem Markt, um halb acht Uhr mit gefüllten Körben im Fond zurückzukehren. Es schien den Herren sonnenklar, daß morgen des Alten Jagdschande offenbar werde. Welchen Grund sollte Madame haben, ihm die kleine Lehre zu ersparen? Umsonst, daß ich einwandte, Wild müsse »abliegen«. Sie begannen zu wetten. Und mein Mann verlor. Zu Mittag hatte er schon triumphiert, aber abends kam das Hasenragout, ein Gedicht von einem Hasenragout. Der verwettete Wein wurde im Hinterzimmer serviert, und als Madame den Wuschelkopf zur Tür hereinsteckte, ließen wir sie alle hochleben, ohne daß sie zu bemerken schien, warum. Sie hatte ein reizendes Kleid an, und als der Physikprofessor es lobte, sagte sie: »Lassen Sie doch uns Pariserinnen unser bißchen Schick, wir haben ja doch nichts andres!« Da stand der Alte plötzlich an der Tür. »Qu'est ce que tu me chantes de Paris?« fragte er grob. »Was schwatzt du da von Paris? Aus Coutances ist sie, meine Herren! Achtundzwanzigtausend Einwohner und eine Kathedrale!« Es entstand eisiges Schweigen. Wir alle wußten, daß diese Frau, die er soeben beschämte, ihm selbst heute die Beschämung erspart hatte. Da sprang der Professor auf und brachte ein Hoch voll französischer Ritterlichkeit aus auf Coutances, seine Kathedrale und seine entzückenden Frauen. Am nächsten Morgen, bei unserm Frühstück – sonderbar! – keine Missou, kein Moricaud. Am zweiten Morgen fehlten die Hunde wieder. Ich füllte das Schüsselchen, rief, lockte, lief zur Treppe – da stand unten der Kellner und grinste. Beim Mittag fragte mich die alte Gräfin, ob auch uns das Winseln der Hunde so belästige. Sie hätte kaum geschlafen. Ich nahm den Araberboy Salem zur Seite, um ihn auszufragen. »Es geht den Hunden nicht gut«, sagte er scheu. Außer mir, erkannte ich des Alten Rache. Ich rannte hinunter und pochte an Madames Tür. Die öffnete sich sofort, und Madame im Schlafrock stand auf der Schwelle. Mir war nicht nach psychologischen Studien zumute. Ich hatte Moricauds hungriges Weinen noch im Ohr und hätte den Alten zerreißen mögen. Und doch blieb mir der Atem aus, als ich dies Zimmer betrat. Es war ein nettes, freundliches Schlafzimmer mit einem riesigen französischen, weißen Bett mit Baldachin und Volants und Spitzen. Aber dies alltägliche Zimmer war erfüllt mit Puppen. Nicht seidene Hampelmänner, wie die gräßliche Mode von damals sie auf die Sofas setzte, sondern richtige Puppen mit Schlafaugen, jede so groß wie ein Kind und wie Buben und Mädchen gekleidet. Und in dem weiten Bett lag ein Puppenbaby im Wickelpolster mit Saugflasche. Ich war so verwirrt, daß ich kaum sprechen konnte. Aber Madame sprach freundlich und herzlich wie immer: »Sie kommen wegen der Hunde. Liebe, ich kann da nichts tun. Mein Mann und ich haben jeder zuviel Respekt für die kleinen Eigenheiten des andern. Aber wenn Monsieur votre mari vom Balkon der Gräfin aufs Dach steigt, kann er das Futter direkt in den Zwinger hinunterwerfen. Ich habe Salem das Paket schon herrichten lassen.« Mein Mann sagte, als er herunterkam, die armen Tiere hätten sich wie Wölfe darauf gestürzt. »Das war sein Dank für unsere Hasen«, meinte er. Die Studenten kamen empört an unsern Tisch. »Jetzt müssen Sie etwas Neues ausfindig machen!« baten sie mich. »Das werde ich nicht tun, meine Herren. Schon diesmal haben wie immer die Unschuldigen büßen müssen. Ach, und überhaupt: wenn die Menschen soviel Kraft und Mühe aufbringen wollten, einander Gutes zu tun, wie sie aufbringen, einander zu schaden, dann wäre die Welt ein Paradies.« Ein paar Wochen dieses algerischen Winters vergingen nun. »Sie werden sehen, was ich ihnen für einen hübschen, blonden Nachbarn ausgewählt habe«, lachte Madame. »Einen Amerikaner.« Am nächsten Morgen weckten uns die wilden Klänge eines Rag-time. »Halb sieben! Ist der Kerl verrückt geworden? Na, dem werd' ich's zeigen!« Mein Mann sauste im Pyjama auf den Balkon. Ein Augenblick verging. Dann eine junge heitere Stimme in atemlosen Stößen: »Morning, Sir!« Dann die Stimme meines Mannes, die besänftigt den gleichen Gruß sprach. Kichernde Rückkehr ins Bett. »Fabelhafte Muskeln hat der Bub! Turnt da halbnackert auf dem Balkon. Man müßte wirklich wieder einmal zu boxen anfangen.« Beim Mittagessen sah ich Tobby zum erstenmal. Er kam und entschuldigte sich wegen des Grammophons. Er sei das so gewöhnt, bei Musik zu turnen. Er habe im Augenblick ganz vergessen, daß nebenan Leute schliefen. Das glaubte ich ihm aufs Wort. Er sah nicht aus, als ob er, wenn er etwas wünschte, lange nachdächte, ob es auch andern angenehm sei. Jetzt war er froh, Englisch sprechen zu können, und so setzte er sich zu uns. Madame hatte recht, er war sehr schön. Sein Haar zeigte auf dem Scheitel von der Sonne fast silbrig gebleichte Strähnen, sonst aber war er strahlend blond. Seine Augen waren blau. Wenn er beim Zuhören die sehr dichten Wimpern gesenkt hatte und sie bei einer Entgegnung wieder aufschlug, war es, als zöge man plötzlich einen Stahl aus der Scheide. Es wunderte mich, daß seine Wimpern so dicht waren, denn wenn er nachdachte, hatte er die Gewohnheit, daran zu zupfen, ja sie sich in Büschelchen auszureißen. Er war so unerzogen, so aller Sympathien sicher wie Moricaud. Es war ein Vergnügen, ihn anzusehen. Wie er die starken Schultern zuckte, die halb so breiten Hüften beim Hinlehnen bog, wie er mit der schwarzen Füllfeder beim Zuhören gegen die Lippen klopfte, wie er einen Moskitostich auf der rosigbraunen Wange wies – das alles war so frisch, so unbekümmert und jung. Madame blinzelte mich an, so stolz, als habe sie ihn geboren. Sie verstand nicht, daß er auf Algier schalt wie ein Rohrspatz. Was sollte man in dieser Stadt anfangen, wenn man hier vierzehn Tage auf jemand warten mußte? Er fragte es, und die blauen Augen blitzten böse. Überhaupt war dies zwanzigjährige Bubengesicht nicht ganz so gut, wie man es wohl hätte wünschen mögen. Es lag so mancherlei um den schönen Mund. Aber, am Ende – wer kann vom Lorbeerbaum auch noch Äpfel verlangen? Ich erwiderte, ich sei nun schon recht lange in Algier und noch immer nicht müde, Landschaft und Eingeborene kennenzulernen, dort, wo sie sich nicht auf »Fremdensaison« zugestutzt zeigten. »Nehmen Sie mich mit!« bat er. Er ward sehr vergnügt, und ich auch. Wir starteten am nächsten Tag, und ich zeigte ihm die andern Straßen der Kasbah, in denen die Araber wirklich wohnen, schlafen und arbeiten, und um die Durchreisende sich selten kümmern, die Straßen der Kupferschmiede, der Töpfer, der Schreiber, der Burnussticker, in denen man vor den dunkeln Häusern die alten Handwerke üben sieht. Jedes zweite seiner Worte war »Miß Gladys«. Dies würde er ihr zeigen, wenn sie mit ihrem Vater käme, hier ihr eine Hand der Fatmeh kaufen, nachher »have a drink« mit ihr im Café »Tantonville«. »Miß Gladys« und »have a drink« schienen seine gebrauchswichtigsten Vokabeln. Er wollte mir unbedingt seinen Whisky mit Soda aufschwatzen, als wir zur ersten französischen Bar kamen. Er selbst kippte deren drei, anscheinend ohne sie zu verspüren, ja er nahm sich sogar noch eine Flasche nach Hause mit und machte sich ein bißchen lustig über die Glyzinenvilla, wo man nur Tischwein erhalten konnte. »Wie gefällt Ihnen übrigens Madame Maurier?« – »Fine old lady«, warf er hin, indem er einem Trupp von beladenen Eselchen auswich. »Was? Madame Maurier ist nicht älter als fünf-, sechsunddreißig«, sagte ich. »Brr! Wenn ich einmal so alt werde, dann schieße ich mich nieder«, verkündete Tobby. »Das werden Sie gar nicht mehr nötig haben«, antwortete ich rasch, »wenn Sie so weiter trinken, sehen Sie schon mit neunundzwanzig die weißen Mäuse!« Er wandte sich mit einem Ruck – in den arabischen Gäßchen können selten zwei nebeneinander gehen, so lief er eben voraus. Er lachte strahlend übers ganze Gesicht. »Genau dasselbe hat mir Miß Gladys gesagt. Ich habe das gern, wenn Frauen mir meine Fehler sagen. O ich denke, Sie werden sich fein mit ihr vertragen. »Wissen Sie, jetzt sind es nur mehr elf Tage.« Ich fragte, warum er denn nicht mit nach Biskra gefahren sei? Das sei eben der – hier kam ein schlecht verschluckter Fluch – Tante wegen nicht gegangen, der Schwester von Miß Gladys' Vater, bei der sie dort wohnten. Miß Gladys sollte sich nämlich mit einem angeheirateten Vetter verloben, aber das tat sie nicht, verdammt, nein! »Ist Miß Gladys hübsch?« fragte ich. »Das ist doch ganz egal. Sie ist das beste Mädchen auf der Welt. Sie ist großartig.« – Kein Mädel von neunzehn in Amerika wäre noch so wie sie gewesen. – »Wissen Sie ..., wir werden heiraten.« »Jetzt!« staunte ich. »No!« schnauzte er mich an. »In vier Jahren. Warum lachen Sie?« »Ich lache gar nicht.« »Doch, doch! Go on! Warum haben Sie gelacht?« »O Tobby! Weil es keinen Mann von zwanzig gibt, der vier Jahre lang einem Mädel treu bleibt!« »Sagen Sie das nicht! Warum sagen Sie das? Ich bleibe treu. Ich bin nicht wie die andern Burschen! Sie werden sehen!« Tobby hatte sich eingebildet, er wolle die Mederssah, die arabische Schule, sehen, die ich vorhin erwähnt hatte, und so kletterten wir jetzt nochmals diesen entsetzlichen Berg empor. Eine halbblinde, runzelige Araberin saß mitten im Wege und bettelte. Ich war bestrebt, beim Geben des Almosens nicht die zuhaschende Hand zu berühren, die vielleicht soeben die trachomkranken Augen gerieben hatte. Da schob die Alte den Haik aus der Stirn und starrte grinsend zu Tobby auf. »Dein Sohn, Madame?« fragte sie auf Französisch. »Ja, natürlich!« lachte ich laut. »Bismillah.« (»Dann bist du glücklich.«) »Haben Sie gehört? Selbst die Araberinnen bewundern Sie!« sagte ich, etwas atemlos von diesen schrecklichen Stufen. Wenn man eine Weile fortgesehen hatte, schien dieses braunrosige Gesicht noch schöner als früher. »Ja«, machte er. Er rauchte jetzt eine kurze Pfeife, die seinen Mund ein bißchen nach links hinabzog. »Freut es Sie kein bißchen, wenn Frauen Sie gern sehen?« »O Teufel!« fluchte er, aber es konnte auch dem Weg gelten. Er hätte mir eigentlich ein wenig beim Erklettern der wackeligen Stufen helfen können, aber Miß Gladys würde sie wohl leichter erstiegen haben. Die Mederssah lag vor uns, ein moderner Bau, ohne jede Schönheit, genau wie ich sie Tobby beschrieben hatte. Aber wo wir jetzt standen, sahen wir das Meer und die Sichel des frühen Mondes und den Himmel, über dem rosige Abendwolken lagen, und weit draußen die Lichter von Cap Matifou. Und Tobby sagte natürlich, daß Miß Gladys das sehen müsse. Als wir heimkehrten, stand Herr Maurier im Hofe, fast als habe er uns erwartet. Mich grüßte er kaum, aber er sprach ein wenig Englisch und fragte Tobby, ob er nicht einen Führer wünsche, um Dinge zu sehen – hihi –, die ihm eine Dame in der Kasbah nicht gut zeigen könne. Wenn der Herr heute abend ein arabisches Tanzhaus zu besuchen wünsche ... Ich war weitergegangen, aber Tobby holte mich sogleich ein. »Sie denken doch nicht, daß ich mit diesem schmierigen Kerl gehe?« Und er schüttelte mir auf dem Balkon vor seiner Tür sehr nett, wie einem Kameraden, die Hand. Täuschte ich mich, oder verschwand da wirklich Madame am Ende des Balkons? Tobby hatte sich mit den zwei Studenten angefreundet, die englisch sprachen, und nach dem Abendessen brachen die drei in bester Laune auf. »Sie sind doch mit Monsieur Tobby befreundet«, sagte mir Madame. »Meinen Sie, daß diese beiden der richtige Umgang für ihn sind? Sagen Sie ihm doch, Ihrem Amerikaner, daß er nicht soviel trinken soll, er hat Batterien von Flaschen unter seinem Bett stehen!« »So weit reichen leider meine Machtbefugnisse nicht. Aber vielleicht kann Herr Maurier da helfen. Ich glaube, ich hörte die Herren von einem Abendausflug in die Kasbah sprechen.« Madame lächelte. Ich lächelte auch. Madame hatte ein neues rotes Kleid an und rote Korallenohrgehänge – ein wenig zu lebhaft für ihre Jahre. Was würde sie wohl sagen, wenn Miß Gladys mit ihrem Vater drüben auf Nummer 17 einzog? Tobby war glänzend gelaunt, seit er mit den Studenten allabendlich in die »Alhambra« ging und trank und tanzte. Ich erwachte jedesmal, weil er beim Heimkommen solchen Lärm machte. Das heißt, ich erwartete es, von diesem Lärm aus dem besten Schlaf geschreckt zu werden, und konnte gar nicht einschlafen. »Jetzt sind es nur mehr acht Tage«, zählte er strahlend, als wir eines Morgens im Jardin d'Essay spazierengingen. »Ich habe schon gemietet. Morgen ziehen die ekelhaften Leute von Nummer siebzehn aus.« »Miß Gladys wird sich weniger freuen als Sie!« »Warum?« staunte er. »Weil Sie miserabel aussehen. Schmal und blaß und verkatert.« Er zerriß ein herabgefallenes Bambusblatt. Es war braun und völlig trocken und sah wie edelstes Furnierholz aus. »Ich kann so schlecht warten«, schmollte er. »Wenn ich Ihre Mutter wäre, dann würde ich Sie erst einmal ordentlich durchklopfen.« Sein Gesicht war so böse, daß es beinahe nicht mehr schön war. »Meine Mutter hatte niemals viel Zeit mit mir verloren ... Ich möchte wissen, ob ich da hinauf kann!« Und im nächsten Moment sahen drei Gartenarbeiter, mit Hüten rund wie Regenschirme, und ich zu, wie Tobby an einer Kokospalme hinaufturnte. Abends zwinkerte er mir zu und rümpfte wie ein ungehorsamer Bub grimassierend die Nase, als er mit seinen Kumpanen loszog. Ich las lange. Ein paarmal schien es mir, als schliche jemand draußen auf dem Gang umher. Mein Mann ging einmal sogar hinaus. Aber es war wohl nichts. Gegen drei Uhr – das Stück Himmel zwischen den offenen Balkontüren schimmerte schon grau – hörte ich Gelächter im Hof. Das war Tobby. Er bemühte sich, die Außentreppe hinauf zu gelangen. »Der ist wieder stockbesoffen«, sagte mein Mann, der natürlich erwacht war. »Er wird sich noch auf der Treppe den Hals brechen. Es ist eine Schande mit dem Buben!« Im Nebenzimmer rumpelte es, und dann gab's Scherben. »Ich geh hinüber! Ich muß ihm helfen«, sagte mein Mann und zog eilig die Pantoffeln an. Er war eben bei der Balkontür, als wir beide Tobbys Stimme hörten. »Sie?« rief Tobby. »Gehn Sie aus meinem Zimmer!« Und dann eine Frauenstimme, die ich kannte, eine verrückte Stimme, die flehte ... »Donnerwetter«, murmelte mein Mann. Ich zog die Decke über den Kopf. Plötzlich rüttelte mein Mann meinen Arm. »Wenn das nur gut ausgeht«, murmelte er. »Der Alte steht unten und schaut herauf ...« Als das ältliche spitze Stubenmädchen das Frühstück brachte, lag da ein Strauß von Teerosen auf dem Tablett. »Für Madame. Madame Maurier hat sie vom Markt mitgebracht, weil sie so hübsch waren.« »Habe nur ich Blumen bekommen?« »O nein, auch die Frau Gräfin und die Dame von Nummer siebzehn, die heute wegfährt.« »Soso.« Drunten lief Madame auf hohen Stöckelschuhen umher, rief »Abd-el-Kader!«, rief: »Salem!« und sang und lachte. Tobby und ich hatten heute nach Maison Carré fahren sollen, um den berühmten arabischen Wochenmarkt zu sehen. Kein Tobby. Zu Mittag, als ich zum erstenmal seit neun Tagen allein von einem recht wenig unterhaltlichen Spaziergang heimkam – kein Tobby. Am Abend saß er da. Eine von Mädchenhändlern verschleppte Jungfrau kann nicht hartnäckiger die Lider niederschlagen – Lider mit dichten, goldbraunen, aufwärts gebogenen Wimpern. Mein Mann rief ein nettes Wort hinüber. Tobby antwortete kaum. Die Linke in der Hosentasche, schaukelte er ungezogen auf den Hinterbeinen des Stuhles und wartete auf den nächsten Gang. Madame kam in den Speisesaal; heute war ihr Kleidchen geradezu neckisch: ärmellos, tief dekolletiert, nur mehr knielang. Grausam, diese Natur, die die Kraft zu begehren soviel länger wirken läßt als die Kraft zu gefallen, dachte ich. Madame kam zu Tobbys Tisch, sie machte das sehr geschickt. Dann sagte sie laut etwas von dem herrlichen Wetter heute. Das sei kein herrliches Wetter, sagte Tobby, ohne aufzusehen, schaukelnd. In Amerika sei herrliches Wetter. Hier sei ekliges Wetter. Madame flötete weiter. Wo Monsieur Tobby denn den ganzen Tag geblieben sei? Jetzt hob Tobby den Blick. »In Maison Carré«, sagte er frech. – So, so, dachte ich. »Natürlich ohne Überzieher, im offenen Autobus«, schmollte Madame. »Man muß wirklich auf Sie aufpassen wie auf ein Baby ...« »O Teufel!« machte Tobby und sprang auf. Der Sessel fiel. Er ließ seine Süßspeise stehen, den Sessel liegen, seinen Hut hängen und ging fort. Ausgezeichnet! Mit mir fortzugehen, würde Tobby keine Gelegenheit mehr haben. Fünf Minuten später kam Salem mit einem Telegramm für Tobby herein, und mein Mann hieß ihn, es auf Tobbys Zimmer zu bringen. Am andern Tag gab es herrliches Wetter, diesmal konnte es auch »bei uns in Amerika« nicht schöner sein. Aber ich hatte beschlossen, daheim zu bleiben und meine lang vernachlässigte Arbeit zu vollenden. Ich hatte kaum zu schreiben begonnen, da klopfte es an den Holzladen der Balkontür. »Kann ich Sie sprechen?« fragte Tobby sehr still. »Ich arbeite«, sagte ich nicht sehr freundlich. »Oh, bitte, bitte, kommen Sie mit mir!« »Wohin denn, um Himmels willen?« »Oh, kommen Sie, kommen Sie! Fort. Irgendwohin – aus diesem Haus heraus!« murmelte er. Ich nahm schweigend Hut und Mantel. Tobby ging neben mir, ohne aufzusehen. Auch als Herr Maurier von der Garage her uns grüßte, dankte er nicht. Er hatte etwas von einem Besessenen. Und er sah hohlwangig, elend und gar nicht mehr strahlend aus, ich empfand einen Zorn, als habe er mir etwas gestohlen. Er pfiff einem Taxi, und wir fuhren den ganzen Weg zum Jardin d'Essay, ohne ein Wort zu sprechen. Er saß da und ließ seine Fingergelenke knacken. Und machte mich damit maßlos nervös. Endlich hielten wir vor dem »oberen Tor« und betraten die Treppe, die zum Park hinabführt. Vor uns lag das ganze Blumenparterre mit den Teichen, in denen die Frösche so nett knarrten, in denen Papyrusstauden und Lotusblüten wuchsen. Die Palmen waren so schön, das Meer, das wie ein Bühnenrundprospekt, mit weißen Segeln gefleckt, dahinter lag, war so blau, die Natur so herrlich und die Menschen so unglücklich. Ich entsann mich dessen, daß ein Freund mir Puschkin zitiert hatte, der von der ewig gleichmütigen Natur spricht: »Rawnaduschnaja natura ...« Tobby tat, auf der Treppenterrasse neben mir stehend, einen zitternden Atemzug und sagte, ohne mich anzusehen und ohne das gewohnte »Miß« vor ihren Namen zu setzen: »Gladys kommt morgen.« – »Na, Sie scheinen ja darüber nicht allzu erfreut zu sein!« bemerkte ich. Er hörte mich gar nicht. Er hatte die braune Hand vor die Stirn gelegt und schüttelte den Kopf. »An allem ist nur diese verdammte alte Hexe schuld!« knirschte er. »Hören Sie«, sagte ich, und dann sagte ich noch einiges andere. Ich ließ ihn unumwunden wissen, daß ich die Gesetzgeber nicht verstünde, die Trunkenheit als Milderungsgrund für Verbrecher ansähen. »Wenn ich Richter wäre«, sagte ich, »dann würde ich den Kutscher, der im Rausch sein Pferd lahmprügelt, doppelt strafen – erstens für Tierquälerei und zweitens für Verlust des eigenen Besinnungsvermögens!« Er sah mich an, und ich glaube, er war nahe am Weinen. »Was soll ich jetzt tun?« sagte er. »Ich will ja die Alte nicht kränken! ... Aber sie denkt, das wird jetzt so weitergehn! O Teufel! ... Und ich habe ja für Gladys und den Vater schon Nummer siebzehn gemietet. Verstehen Sie doch ..., ich kann Gladys nicht herbringen...« Die langen Wimpern sanken über die Augen, der junge Mund murmelte: »Zwischen mir und Gladys ..., Sie verstehen! ...« »Ich weiß«, sagte ich. Und die Lider flogen auf, und die blauen Augen blitzten. »Gladys ..., oh ..., sie ist das feinste Mädel der Welt, Sie können sich nicht denken, wie glücklich wir waren.« Jetzt war er schön wie je. »Ich kann es mir denken«, sagte ich. »Und Sie werden wieder ganz genau so glücklich sein und alles vergessen. Nur wenn Sie den Rat einer ... einer alten Freundin hören wollen, dann, bitte, beichten Sie Miß Gladys niemals und nichts. Denn eine Frau verzeiht, aber sie vergißt nicht ...« »Oh«, sagte er, sie hat mich zwar versprechen lassen, aber fragen würde sie nie. Sie ist das feinste Mädel der Welt ...« »Ja«, sagte ich. »Mit neunzehn zweifelt man auch noch nicht, weder an sich noch an andern ...« Und dann ging ich mit ihm, und wir bestellten die Zimmer im »Oriental« für Gladys, ihren Vater und Tobby ... Und als wir heimkehrten, ging Tobby zu Herrn Maurier in die Küche und kündigte und verlangte die Rechnung. »Ja, aber die Angabe für Nummer siebzehn verfällt«, sagte Herr Maurier schnell. »Well!« sagte Tobby. »Und empfehlen Sie mich, bitte, Madame.« Wir gingen hinauf. Ich hörte nebenan das Grammophon seinen Rag-time donnern, als Tobby packte. Es klopfte. »Entrez!« sagte ich. Ich lag im Dunkeln. Das spitze Stubenmädchen bat, ich solle zu Madame hinunterkommen. Ach, was würde es nun geben? Ich trat in dieses weiße Schlafzimmer mit den gespenstischen Puppen. Die Frau fuhr von dem rüschenbedeckten Bett auf, auf dem sie geschluchzt hatte. Ihr Haar hing in Strähnen, sie versuchte mit dem zusammengeknüllten Taschentuch ihre Augen zu betupfen, aber sie verschmierte die Schwärze noch mehr, es sah kläglich aus. »Was sagt er? Was hat er Ihnen gesagt?« schluchzte sie, auf dem Bette kniend, und umkrallte meinen Arm. »Er kann doch nicht deshalb fortziehen? Ja, was habe ich ihm denn getan? Er kann mich doch nicht so zurücklassen? Mein Gott! Ich habe ihm doch gesagt, wie ich gelebt habe! Andre Frauen, was treiben die, und die Männer hängen an ihnen! Und ich ... Mein Gott, er kann mich doch nicht so verlassen, was hab' ich ihm denn getan? Er kann doch nicht so fortgehen! Missou hat er Adieu gesagt und ihr Kuchen gegeben, Missou! Und ich? Was hat er Ihnen über mich gesagt? Er kann nichts andres gesagt haben, als daß ich ihn gern habe, mein Gott, ist das ein Verbrechen? Was hab' ich denn getan? Sie können mir ruhig alles erzählen, ich habe schon so viel ertragen. Sie wissen ja nicht ..., es weiß ja kein Mensch ...« Und die Frau mit dem verzerrten Gesicht, über das Tränen und schwarze Schminke rannen, packte die große Babypuppe und schmetterte sie auf die Kachelfliesen, aber sie zerbrach nicht, nur die Perücke fiel ab, und man sah in dem hohlen Porzellanschädel das klappernde Bleigewicht hinter den Glasaugen ... Ich blieb zwei Stunden bei Madame, und dann gelang es mir, sie das Schlafmittel nehmen zu lassen. Ich saß bei ihr, bis es wirkte, und ich wußte, jetzt würde Tobby davongehen, und sie würde ihn nie wiedersehen. Ich schlich die innere Treppe zu meinem Zimmer hinauf. Als ich die Tür öffnete, erschrak ich. Da stand ein Mann im Dunkeln. »Ich bin es, Maurier«, sagte er. »Was wollen Sie, was lauern Sie mir auf?« herrschte ich ihn an, während ich das Licht aufdrehte. Als es licht ward, verflog mein Zorn vor seinem Gesicht, diesem fahlen, verzerrten, armseligen Gesicht von damals, als sich sieben Herren einen Scherz mit ihm gemacht hatten. Er sprach ganz leise. »Sie will von mir fort«, sagte er. – »Zwölf Jahre sind wir verheiratet, und jetzt sagt sie, daß sie fort will. – Sie ist sehr aufgeregt, und ich darf nichts sagen, weil ich sie nervös mache. Sie sagt, mein Gesicht macht sie so nervös. – Und da wollte ich Sie bitten ..., ich weiß ja nicht ..., wenn Sie ihr vielleicht sagen wollten ...« »Madame hat ein Schlafmittel genommen und wird nicht vor morgen früh erwachen«, unterbrach ich. »Das macht nichts. Aber wenn Sie ihm sagen wollten ..., wenn der junge Mann sich vielleicht schämt, weil er kein Geld hat ..., das macht doch nichts! Ich sage gar nichts dagegen, daß er hier wohnt, so lange sie wollen ... Ich weiß ja nicht! Oder ..., oder ...«, sagte er, und der Adamsapfel unter dem grauen zerpflückten Bart stieg und senkte sich, »wenn sie wirklich gehen will ..., dann gehe lieber ich. Ich kann überall in Marokko als Küchenchef unterkommen. – Bitte, sagen Sie ihr, daß seit acht Jahren ohnehin alles auf ihren Namen umgeschrieben ist, das müssen Sie ihr sagen, das hat sie nämlich nicht gewußt! Alles – jeder Sou, wozu hätte ich sonst gespart und gearbeitet ... Das Geld und die Villa und das Haus in Laghouat. – Es wäre dann genau so, als ob ich heute wirklich gestorben wäre ..., ja, bitte sagen Sie ihr das. Und die Hunde kann sie schließlich auch behalten ..., die hat sie immer lieb gehabt, wenn sie mich auch gehaßt und meinen Tod gewollt hat ...« »Das dürfen Sie doch nicht sagen, Herr Maurier«, sagte ich ... »Doch. Seit heute weiß ich es. – Ein Koch bekommt eben mit der Zeit eine zu feine Zunge, da spürt man beim ersten Schluck alles ...« »Monsieur Maurier!« rief ich entsetzt. »Doch, doch. Aber das macht ja gar nichts. Es hat ja immer schon alles ihr gehört. Bitte, vergessen Sie nicht, es ihr zu sagen. Und auch wegen der Hunde. Gute Nacht, Madame.« Ich knipste das Licht aus, als er fort ging. Wo ich stand, konnte ich den Sternenhimmel sehn – es war, als hätte der strahlendste Stern sich in den Wipfeln der Palme verfangen. Ich sah die Lichter der Stadt, den Hafen und das gleichmütige Meer. Drunten fuhr Tobbys Taxi vor. Moricaud tanzte, bellte und sprang. Es klopfte an die Balkontür, sechs Schritte von mir, Tobby rief. Er rief mich dreimal mit einer erlösten und glücklichen Stimme. Ich stand da und rührte mich nicht. Cherchel Wenige Wegstunden nur, die das Auto in stürmender Fahrt durchmißt, trennen das weiße, sonnenflimmernde Algier von Cherchel, in dessen kühlen Villen die Franzosen den Frühling verbringen, ehe sie auf überfüllten Schiffen die Überfahrt antreten: »pour la France!« Zur Zeit des Augustus hat es Tagereisen bedurft, um von Icosium – der Kornkammer des Reiches – nach Cäsarea zu gelangen, Tagereisen in schaukelnder Sänfte zurückgelegt, auf eben dieser uralten Straße, auf der wir einherrasen, wie man nur in Algerien zu rasen pflegt, ohne Hupendruck, ohne Aufenthalt – weiter – weiter ... Der Weg führt längs des Ufers hin, und die Luft ist frisch und kalt. Rote Felsen, wie von den Flammen unterirdischer Krater angestrahlt, heben sich aus dem Meer, das um sie kocht, in weißen Schaumkämmen. Gegen den blaßgrau, wie Schiefer gefärbten Himmel zeichnen sich in schwarzen Konturen die lang und schmal gebogenen, wippenden Flügel der Möwen ab. die unaufhörlich kreisen. Kleine Inselchen, ziegelrot auch sie, liegen draußen, umbrodelt von wiederkehrender Flut, und lauter noch als das Rattern des Motors ist das ewige Atemholen des Meeres. Dann wieder biegt die Straße ins Land, und wir sausen durch Platanenalleen, deren Stämme in großen gelben und grauen Flecken leuchten. »La Chenouba« heißt dieser Zug der Hügel, deren Flanken rötlich herschimmern, vom Marmor uralt gebrauchter Brüche. Unablässig, bald rechts, bald links, begleiten die Kuppen den Weg. Und dann erheben sich mächtige Pfeiler vor uns, den Weg überkreuzend, Torbogen an Torbogen, mit kaum verwittertem Gesims, gebaut, als wär's zum Nutzen von tausend Geschlechtern. Es ist der römische Aquädukt, der einst das Wasser von diesen Hügeln herleitete nach Häusern und Thermen, Brunnen und Fontänen der großen Stadt Cäsarea. Und unter diesem Triumphbogen römischer Baukunst, größer fast als die des Titus und Trajan, stürmt unsere Fahrt weiter. Nun sind die Berge so, daß nur der Pinsel eines Kubisten sie wiederzugeben vermöchte. Die Halbkreise der kobaltfarben bewaldeten Kuppen werden von geometrischen Figuren geschnitten, von Fünfecken roter, nackter Brüche, von erdig braunen Rechtecken des zwergbaumähnlichen Weines, von karminroten Streifen reifer Tomatenfelder, die das Grau trockener Palmwedel einfriedet. Unwahrscheinlich dazwischen gekleckst, leuchtet das Kremserweiß würfelförmiger Villen, das Sepiabraun unbeschreiblicher Hütten, in denen Araber unterkriechen. Und zwischendurch windet sich langsam das scheckige Band der Platanenallee. Plötzlich verlangsamt der Wagen seinen Gang. Zum erstenmal zeigt die Autostraße, die bisher in makelloser Glätte dahingelaufen ist, Schäden, die ein kleines Heer von Wegarbeitern schon zu verbessern bereit ist. Auf einen Haufen groben Schotters geflüchtet, lassen sie uns vorüberziehen. Es sind Araber in europäischen Lumpen, Italiener, Erben der Wegbauerkunst ihrer Ahnen, in ihren riesigen, am Rande ausgefransten Strohhüten. Und Frauen, deren Tracht ich sogleich nach einem Steinbild im »Jardin d'Essay« wiedererkenne. Es sind »Ouled Nails«, die vom Süden herkommen, um, wenn sie Reichtum zu erwerben suchen, ihre berühmten Stammestänze vor Fremden in der Kasbah zu tanzen, um, wenn sie arm und ehrlich bleiben wollen, Steine zu klopfen auf den Straßen der französischen Kolonien. Sie tragen keinen Schleier, nur den weißen, hohen, gewundenen Turban, unter dem an beiden Wangen schwere, schwarze Flechten vorquellen, deren Enden, rund zurückgesteckt, sich unter dem Kopfputz verlieren. Sie haben blaue Zeichen auf Stirn und Wangenknochen tätowiert und sind trotzdem schöner als alle Frauen, die ich in Algier gesehen habe. Groß, aufrecht auf dem Haufen grauer Steine, der die Summe ihrer Arbeit darstellt, standen sie da, die braunen, muskulösen Arme in die Hüfte gestützt, und ließen die Fremden an sich vorüberziehen ohne einen einzigen Blick der Neugier. Und dann, als ich es am wenigsten erwartete, waren wir plötzlich da. Cherchel – »la place romaine«. Ich bin hieher gekommen, weil ich seit Tagen an sie denken muß, die hier gelebt hat, die hier gewandelt ist unter Bäumen gleich diesen, deren Schatten auf uns fällt, und die so gigantisch ragen, als hätten sie wahrhaftig die verlorene Zeit noch geschaut, als hätten sie sie gesehen, von der ich seit Tagen träume, die bleiche, kleine Prinzessin vom Nil. Sie hatte von ihrer Mutter deren eigenen Namen empfangen: Kleopatra, und den eines zweiten, minder glänzenden Gestirns: des Mondes. Ich träume, daß Kleopatra Selene sehr schön gewesen sein muß mit ihrer fliehenden, kleinen Stirn, mit ihren Haaren, schwarz und kompakt, wie der Basalt ihrer Heimat, und mit dem traurigen Mund, den Kinder großer Liebesbündnisse haben. Sicherlich hat sie bitteres Heimweh gekannt, diese Ägypterin, die von der sittenstrengen Oktavia, der Schwester des Augustus, erzogen, von der großen Zauberin Kleopatra geboren worden war. Gewiß hat sie sich an ihres Gatten Arm festgeklammert mit ihren zerbrechlichen Prinzessinnenfingern. Denn er kannte dies völlige Entwurzeltsein wie sie. Er kannte dieses bange Entbehren blutsverwandter Liebe, und die Demütigung, dem Triumphzug großer Feinde vorangegangen zu sein, hat er gekostet, wie sie sie gekostet hat. Sein Vater, König Iuba, hat über ein weites Reich geherrscht, das dunkle Sagen als Erbe göttlicher Urahnen bezeichneten und das er seinem jungen Sohne zu bewahren hoffte. Aber römische Macht zerbrach sein Königtum. Der Vater tötete sich am Abend der vernichtenden Schlacht. Der Knabe jedoch ward nach Rom geführt. Er ging im Triumphzug, erlernte römische Sitte, ward mit der langzinkigen Krone eines neu erfundenen Reiches »Mauretania« gekrönt, mit der Hand der heimatlosen Ägypterin beschenkt durch Augustus. Im Museum zu Cherchel, in dem, verstümmelt begraben und strahlend auferstanden, nun die römischen Götter wohnen, stehe ich lange vor der Büste König Iubas II., dieses Fürsten von dreiundzwanzig Jahren. Ein bartloses, weiches Gesicht, neben dessen Dunkelheit das Antlitz der Ägypterin geschimmert haben mag, wie die Mondsichel die Nacht durchschimmert. Er hat Rom nie mehr vergessen können, dieser Zögling des Augustus, der zweimal heimatlos geworden war. Er hat Bildner aus Griechenland berufen, Baumeister und Philosophen aus Rom. Und er hat auf afrikanischer Erde, aus afrikanischem, rötlichem Marmor und aus weißem, nicht minder glitzerkörnig als der von Carrara, eine Stadt auferbauen lassen, ein Spiegelbild Roms, mit Theatern und Zirkus, Tempeln und Foren und den herrlichen Thermen, in denen man all die Götter schlafend fand, die nun das Museum füllen. Götter, völlig denen nachgebildet, zu denen er auf dem Kapitol zu beten gelernt hatte. Diese beiden Kinder, bange in ihrer einsamen Majestät, aneinandergedrängt auf ihrem von römischen Kurzschwertern bewachten und bedrohten Thron, haben all das geschaffen, diese ganze herrliche Stadt Cäsarea, zwischen dem Meer, das ewig ist, wie die ewige Sehnsucht, und den roten Hügeln, die Erde sind, wie wir alle. Hochzeit ohne Braut »Drei Dinge im Leben sind unvergeßlich«, sagte mir einmal ein eisgrauer französischer Offizier. – »Der erste Kuß der Frau, die man geliebt hat, das erste Trommelfeuer und die Sonnenuntergänge in der Sahara.« Er sagte nicht »der erste Sonnenuntergang« – dieser alte »saharien«. Anders als Todesdrohung und Liebesverheißung, maß er diesem alltäglichen Schauspiel eines sich entflammenden Himmels über sich verdunkelndem Land unvergängliches Gedenken bei. Wir waren in Beni-Isguen gewesen, Julia Wagner-Jauregg und ich, und kehrten nach Ghardaia heim. Wir hatten uns im Gewirr der Stufengassen ein wenig verirrt und waren zum Schluß beinahe gelaufen. Und mit uns strebte in so hastigem Drängen, daß es schier an Flucht gemahnte, ein Strom von Menschen und belasteten Tieren dem Stadttor zu. Wir hatten mit dem letzten Ruf des Muezzins das aus riesigen Palmbohlen gefügte Tor sich schließen sehen, das Tor der »heiligen Stadt« der Mozabiten, in der nach Sonnenuntergang kein Europäer und kein Araber verweilen darf. Nun, da wir auf das gastlichere Ghardaia zu hielten, war es, als ritten wir geradeswegs in den Sonnenuntergang hinein. Um uns her war nichts als Steinwüste, hie und da mit Büscheln von Kamelkraut übertüpfelt. Über uns brannte der Himmel in Schwefelgelb, Orange, Hochrot und Bischofsviolett, um im Aschgrau des streifigen Horizonts zu verlodern. »Schuf, schuf!« wies unser arabischer Begleiter. Ich legte die Hand über die Augen, geblendet vom kalkigen Weiß des »Marabout«, des Heiligengrabes, dahin er deutete. Da sah ich einen Mann in vollem Laufe die Weihestätte umkreisen. Er trug einen roten Burnus, wie ich ihn als Zeichen der Stammesherrschaft anzusehen gelernt hatte. Während er, wie vom Scheitan verfolgt, rannte, sprach er mit sich selbst, schrie er atemlos und singend lange Sätze in die leere Luft. Und was mein Staunen vermehrte, war, daß zwei ältere schwarzbärtige Männer im Sande hockten und dem Treiben des Besessenen wohlwollend zusahen. In der Sahara sind dem Neuling zwei Dinge vor allem ratsam: sich niemals über Wasser, Lager, Nahrung zu beklagen und nicht allzuviel Fragen zu stellen. Ich wandte mich also vorsichtig nach Julia um, zu sehen, wie eine wirkliche »saharienne« sich zu so sonderbarem Geschehen einstelle, und hörte sie seelenruhig die Rätselworte sagen: »Ich habe gar nicht gewußt, daß Achmed heiratet?« Im gleichen Moment kam der junge Mann im roten Burnus hinter dem Grab hervorgeschossen. Er stürmte auf seine Begleiter zu, die aufspringend ihn in die Mitte nahmen, und nun rannten alle drei nach dem Stadttor hin. Mit der Plötzlichkeit eines räuberischen Überfalls brachen nun sechs, acht, zehn Männer über sie herein. Ich hörte Schreie, ich sah wildes Gemenge. Es war ganz deutlich, daß der Überfall dem Jüngling im roten Burnus galt, den seine Begleiter mit ihren Leibern deckten. Er selbst hob keine Hand zur Verteidigung. Stolpernd, schwankend, gestoßen, gezerrt, gemahnte der schlanke Mann im roten Mantel, der schweigend Unbill erlitt, ganz sonderbar an alte Darstellungen von Christi Leidensgang. Aber so plötzlich, wie dies Bild der Schmerzen sich dargeboten hatte, löste es sich in Heiterkeit. Atemlos vor Lachen, in ihre blühweißen Burnusse verknäult, wälzte sich die ganze Schar im Sande. Julias »kch – kch – kch« machte ihren weißen Kamelhengst niederknien, und ohne jede Hilfe sprang sie aus dem Sattel. Sie kam zu meinem Kamel herüber, um ihm den Fuß aufs Knie zu setzen, damit es sich nicht erhöbe, ehe ich stocksteif aus der »Rachla« krabbelte. Unser arabischer Begleiter war längst vorausgerannt, um auch seinerseits ein wenig am roten Mantel zu zerren. Und jetzt erfuhr ich auch, welcher Zeremonie wir beiwohnten. Die Pflicht des arabischen Bräutigams erheischt, am Frühabend der Hochzeit das Heiligengrab zu umschreiten, die Suren absingend, Fruchtbarkeit erflehend. Er weiß, wie weit das Rot seines Ehrenmantels leuchtet. Er ist also bestrebt, die Gebetsdauer möglichst abzukürzen. Denn jedem Manne, der ihn auf dem Rückweg zur Stadt begegnet, ist es erlaubt, den Bräutigam zu schlagen, zu stoßen, womöglich ihn des Burnusses zu berauben, ohne den jener nicht zur Braut eingehen darf. Und da dem Armen Gegenwehr nicht vergönnt ist, so sind ihm zwei Begleiter beigegeben, deren Ehrenpflicht sein Schutz ist. Und in dem Augenblick, da es den Freunden gelungen war, den Reglosen durch das Stadttor zu ziehen, sah ich Dulden in Triumph sich wandeln. Auf allen Dächern standen Frauen. Ihre weißen Schleier schimmerten im rasch einfallenden Dämmern. Und von allen Dächern scholl das »J-i-i-i-i«, der messerscharfe, pfeifenschrille, für Europäer unerlernbare Jubelton der arabischen Frauen. An diesem einzigen Tage taten sich dem Bräutigam alle Pforten auf. Die Begleiter, blieben zurück, und stumm trat er in jedes Haus, wo weibliche Anverwandte wohnten. Und wohin er kam, trat eine Frau im Festschmuck auf ihn zu und steckte unter Segenswünschen eine Goldmünze oder ein Schmuckstück in jenen Teil seines Turbantuches, den der Araber lose um das Kinn geschlungen trägt, um ihn bei Sonnenbrand oder Sandwehen bis zu den Augen aufzuziehen. Als es Nacht geworden war, gingen Julia und ich ins Haus des Brautvaters. Je höher wir uns die enge Treppe hinauftasteten, desto lauter ward der Lärm. Wir betraten ein Zimmer, in dem die Karbidlampen prasselnd und sprühend wie Wunderkerzen am heimatlichen Christbaum brannten. Der ganze fensterlose Raum war Kopf an Kopf mit Frauen angefüllt. Sie sangen im Takt etwas, das klang wie »Juja-jijala«, und dabei warfen sie die hennaroten Hände im lockeren Handgelenk taktmäßig vor- und rückwärts, worauf sie die Ellenbogen an den Leib rissen. Die wilden Farben ihrer Turbantücher und Gewänder loderten wie vorhin der Abendhimmel. Die riesigen, um die ganze Ohrmuschel gehängten Ohrringe klirrten, alle diese Münzketten, alle diese schweren Armreifen, die von dicken, zollangen, silbernen Nägeln starrten. Alle waren unverschleiert. Manche waren jung und hatten die herrlichen, erschreckten, feuchtdunklen Augen von Gazellen. Manche waren von vielen Geburten gedunsen, gelb und krank. Manche hatten uralte Mumiengesichter, von Furchen wie von Abertausenden von Messerkerben gezeichnet. »Zeig mir die Braut!« bat ich Julia. Sie lächelte nachsichtig. »Du denkst doch nicht, daß du bei einer arabischen Hochzeit die Braut zu sehen bekommst?« »O doch!« sagte ich. »Ich habe eine gesehen. Sie durfte nicht essen, nicht sprechen, sie saß da unter all dem kiloschweren Silberschmuck ... damals in Algier.« »Na ja ... in El Djezair!« sagte Julia mit soviel Nichtachtung, wie nur ein Saharabewohner sie in diesen Stadtnamen legt. »Hier ist es der Bräutigam, der drei Tage fastet, drei Tage lang nicht spricht. Das erste Wort richtet er an den Schwiegervater, wenn er ihm das Brauthemd aus der Tür reicht. Dann sagt er: »Es ist gut ...« Wir tasteten die nachtdunkle Treppe hinab, und ich dachte an sie, an das kleine Mädchen – fast noch ein Kind –, das auf dem Brautbett kniet, ganz allein des Herrn wartend, der sie nicht kennt und den sie nie zuvor gesehen hat. – Er wird eintreten, den Schesch abnehmen und ihn ihr mit all den darin eingebundenen Schmuckstücken als Brautgabe in den Schoß werfen. Er hat soundso viel Dattelpalmen oder soundso viel Schafe an ihren Vater abgetreten, an ihren Vater, dessen Ehre dafür verpfändet ist, daß sein Schwiegersohn, wenn er später die Tür öffnet, »es ist gut« sagen wird. Und sie wird in der Gefangenschaft dieser Lehmmauern leben, Kinder gebären und sterben ... Arme kleine Fatmah ... Aus dem Hause von Achmeds Vater tönt Reita und Trommel. Hier wird das wahre Hochzeitsfest gefeiert, das der Männer. Man hat am Spieß gebratenes Lamm gegessen und Kuskus – alle die elf Speisen der festgesetzten Reihenfolge – und jetzt trägt man uralte, handgehämmerte Kupferplatten herbei, darauf Berge von Erdnüssen sich häufen, zwischen denen Schälchen des traditionellen Menthetees stecken. Und mitten zwischen diesen Burnus an Burnus hockenden Männern tanzt eine Ouled Nail – eine Unverschleierte – den Bauchtanz. Da ist keiner, dessen wilde Augen nicht an ihr hingen. – Die längsgefalteten Zwanzigfrancsscheine, die rings in ihrem Turban stecken, wehen nicht, die Münzenketten auf ihrer Brust klirren nicht, ihre Füße regen sich nicht, während sie tanzt. Nur ihre Leibmitte kreist unter seidenen Gewändern. Im Hintergrund, reglos, stumm, allein, den Kopf vom schweren Turban herabgezogen, sitzt der Bräutigam im roten Burnus und seine Augen flammen. Messauda Messauda ist fünfzehn Jahre alt. Sie hat einen so leichten Schritt, daß die breiten Silberstreifen an ihren Füßen und die drei Reihen der Goldmünzen auf ihrer Brust kaum klirren, wenn sie vorübergeht. Sie hat die Augen der Zwergantilope und auch deren zarten Hals, ihre Haut ist so streichelsanft und braun wie deren Fellchen. Die Augen sind ein klein wenig schräg gestellt, nicht japanisch, nein – eher tierhaft. Die Zähne, wenn sie das rasche Lächeln entblößt, so rasch, als habe Messauda eben die Herrschaft über den kindlichen Ernst der Miene verloren – sind blinkend feucht, wie Perlmutter. Dies alles kann ich betrachten, und nicht nur ich, die ich Frau bin – jeder Mann, der durch das Viertel geht, vermag ihr Antlitz zu sehen. Denn Messauda ist unverschleiert. Sie ist nur eine kleine Blume im Garten der Freude, ein Nichts ist sie, weniger als nichts, eine kleine Tänzerin im »Café Maure« zu Ghardaia. Hinter Djelfa, dieser scheußlichen Durchgangsstation, die im Sommer flach und verbrannt daliegt wie ein vergessener Kuchen in der Pfanne und in der man Winters friert, wie man nie in Finnlands wohlgeheizten Stuben frieren könnte, hinter Djelfa liegen die »monts des Ouled Nails«. Seit Jahrhunderten blühen hier die schönsten Frauen Nordafrikas. – Seit Jahrhunderten gehen sie unverschleiert in der Musik ihres Goldschmucks durch das Land und tanzen in den verräucherten Cafés; – und wenn die Goldmünzen, Reihe an Reihe, ihre zarte Brust decken, dann kehren sie heim, bringen sie als Brautgut den Männern zu und heiraten – Knaben gebärend, faule, verachtete, grinsende Kuppler wie ihre Väter. Mädchen gebärend, bezaubernd und lasterhaft wie sie selbst. Mit Messauda war es anders ergangen. Messauda war einem französischen Leutnant begegnet, als sie noch nicht dreizehn Jahre alt war. Dreizehn Jahre einer Nailia – das will sagen: eile, sonst kommt ein anderer. Der Leutnant nahm Messauda in sein Haus und lehrte sie, was sie nie hätte lernen sollen: die Zärtlichkeit eines Abendländers. Nennt ein Sachar, ein Kameltreiber, der ins Café Maure kommt, eine Nailia »mon amour?« – Nennt er sie »ma petite chose à moi?« Was kann es nützen, wenn eine kleine, gazellenäugige Messauda einen kleinen Leutnant lieb hat, mit der ganzen Kraft ihres Herzens? Was kann es nützen, wenn sie anderthalb Jahre aneinander hangen? Die jungen Offiziere müssen wandern, um Frankreichs Kolonien kennenzulernen, und zu lange schon, zwei ganze Jahre, war der kleine Leutnant in Garnison verblieben. Marokko ist ein gesuchtes Kommando. Die andern Leutnants beneideten ihn. Man hat dort doppelten Sold, es ist immer etwas los, man bekommt Gelegenheit, den neuen Säbel aus der Scheide zu reißen. Und es gibt der süßen kleinen Messaudas genug – auch drüben in Marokko. Messauda weinte. Ihre großen, ein klein wenig schiefstehenden Tieraugen schwammen in Tränen. Solange vorhielt, was der kleine Leutnant in ihr weißes Seidentuch gewickelt hatte, hörte sie nicht auf das, was Mutter und Schwester sprachen. – Die Ouled Nails sind stolz auf ihr Gewerbe, Aspasia mag auf das gleiche nicht stolzer gewesen sein. Seit wann ward es erhört, daß eine Nailia sich um einen »Roumi« die Augen rotweinte? – Seit wann ward es erhört, daß eine Nailia nicht Brokatkleider trug und Armreifen, von denen Silberstifte starrend abstanden wie von einem Morgenstern die Nägel? – Sie redeten und redeten, und endlich murmelte Messauda müde, »ji, ji«. Ihre ältere Schwester, die eine Entenschnabelnase hat, wie die Araber sie lieben, und funkelnde Augen, und Hände, die bis zum Gelenk von Henna paradiesapfelrot gefärbt sind, nahm Messauda ins »Quartier« mit. – Sie schenkte Messauda ihr eigenes Brokatkleid, nicht das schönste, das rotgeflammte, sondern ein weißes mit zartblauem Muster. Und sie löste zwei von ihren elf Münzenschnüren und hing sie Messauda um. – Wenn man genauer hinsah, so nahm man Münzen aller Art wahr – nicht nur 100-Francs-Stücke, auch alte türkische Piaster, chinesische Münzen, von Legionären aus Tonking gebracht, englische Sovereigns, Dollars mit dem Indianerbildnis, ein Zwanzigmarkstück mit dem Antlitz Wilhelms II. und, darunter gemengt, weiße Kaurimuschelchen, der einstige Reichtum der sudanesischen Tuareg. Messaudas Haar – kompakt und glänzend blauschwarz – ward an den Schläfen in zwei Zöpfe geflochten, die, hinter den Turban zurückgesteckt, wie ebenholzene Ohrringe wirkten. Über Haar und Turban legte die Schwester das dünne weiße Schleiertuch des kleinen Leutnants, es auf der Brust mit kreisrunder Spange zusammenheftend. Und nun sah Messauda aus wie eine jener zarten und sehnsüchtigen Prinzessinnen Dulacs, wenn sie nachts zu ihrem Liebsten gehen. Die Schwester hatte mit dem Wirt des Cafés gesprochen und die Erlaubnis erbeten, die Novize einzuführen. Man hatte mir Platz auf der einzigen Bank gemacht. Alle Männer hockten, das Knie an des Nachbars Knie, mit gekreuzten Beinen auf den Bodenmatten. Eine einzige Masse weiter Burnusse. – In der Mitte hockten die Musiker. Ein Alter mit einem Gesicht, das aussah, als habe er eben die Hälfte seines grauen Bartes verschluckt, der verbissen eine auf seinen Knien liegende Fiedel mit armlangem Bogen strich. Ein Neger, der eine lange, sich trichterartig erweiternde Sudanflöte blies, deren eingeschnittene Muster mit Henna rot gefärbt waren. Und ein junger Bursch, der, orgiastisch sich wiegend, auf einer bodenlosen, mit Kalbfell bespannten Tonflasche trommelte, mit schlägelharten Fingern, deren Nägel von Henna rot waren, und schwarz von Schmutz. Der Wirt, ein sauertöpfischer Alter, mit einem Bart, so grünlichgelb, als wäre er aus Crin d'Afrique, und einem Auge, über das der Star einen grauen Schleier gelegt hatte, stieg langbeinig über die Hockenden hin, packte eine rauchende Nailia am Arm, riß ihr mit der Linken die Zigarette aus dem Mundwinkel und stieß sie in den leeren Raum. Über ihr hübsches Gesicht mit den herrlichen hohlgemalten Augen hielt sie mit beiden Händen das gedrehte Seidentuch hoch, dagegen sie die Stirne lehnte, und der Bauchtanz begann. Die Araber lieben ihn, und winzige Mädchen in ihren Lumpen tanzen ihn schon, rührend unbewußt, auf den Hausschwellen. – Mir scheint er abscheulich. Unter den vielen Falten zittert und hüpft, turnt und kreist der Bauch in unerwünschtem Eigenleben. Ich atmete befreit auf, da der Wirt in seiner kurzen schmutzigen Ghandoura wie in einem Nachthemd über die Gäste stieg und die Tänzerin ohne viel Federlesens, wie eine abgelaufene mechanische Figur, ins Dunkel zurückschob. Dann kam Messauda. – Die Karbidlampen, die prustend, sprühend an den Pfeilern hingen, leuchteten so hell, daß ich sehen konnte, wie blaß sie war. Sie hielt das Tuch nicht an die Stirne, wie der Brauch es vorschreibt – hatte sie die uralten Tanzregeln vergessen? Sie bewegte die Hände im Takt, aus dem glaszarten Gelenk, es war, als schwämmen Blumen in sachtfließendem, nächtlichem Wasser. Ihre Füße, unverbildet und so charakteristisch lebensvoll wie unsere Hände, hafteten auch nicht am Boden fest, wie der Tanz es fordert, sie regten sich in zagen Schrittchen vor- und rückwärts. Du tanzest ja, wie die Frauen der Roumi tanzen, kleine Messauda, und das kann den Sachars nicht gefallen! – Du tanzest ja, wie du für ihn getanzt hast, für den kleinen Franzosen, den du als ersten geliebt hast – – Und während die Zwanzig-Francs-Note, die der Wirt der Länge nach gefaltet in deinen Turban gesteckt hat, um die Gäste zu Geschenken anzuregen, über deiner Stirne wippt, sehe ich deine Augen angstvoll und stumpf zugleich irren, wie die Augen von Tieren in Menagerien, die wissen, daß ihr Käfig kein Entkommen zuläßt. Araber sind zu höflich und zu stolz, um Mißfallen zu bezeugen. Ich weiß nicht, ob meine Anwesenheit dies macht und die Kenntnis davon, daß ich denn doch einige Worte arabisch verstehe, – es wird kein Lachen laut, kein Witz, kein rohes Wort. Nur der Wirt kommt und stößt Messauda in den Winkel. Und dann springt Messaudas ältere Schwester in die Bresche. Es ist, als hätte Zugluft eine Flamme neu angefacht, so setzt die Musik ein. Der Alte fiedelt so erbittert, als gelte es, den zwischen seinen Knien festgeklemmten Nacken eines Feindes durchzusägen. Der Trommler hebt die Tonflasche zum Ohr, gegen die seine knochigen Finger prasseln. Der Neger steht auf und tänzelt ihr mit seiner dudelnden, näselnden, schnarchenden, eintönig werbenden Flöte entgegen. Denn hier ist der Bauchtanz in seiner Glorie. Die Füße verharren wie angeleimt am schmutzigen Boden, über die Schultern geht kaum ein Beben und die Münzen klirren nie. Nur der Bauch wandert unter Kleiderfalten, wie der Vollmond hinter Wolken. Er wirbelt, er kreist, er zuckt, er springt, wie eine Katze, die man vor dem Ersäufen in einen Sack bindet. Über die Gesichter der Männer zucken Glück und Bewunderung. Sie wiegen sich, ohne es zu wissen, sie leben nur in den Augen. Ihre braunen Hände verharren auf halbem Wege mit dem dampfenden Glas voll »Nana« – dem Tee aus Menthe –, das ihre Finger verbrennt, ohne daß sie es fühlen. Nun kehrt sich die Tänzerin auf schiebend gedrehten Füßen, das gewundene Tuch am Hinterkopf haltend, um zu zeigen, daß ihre ganze Mitte in diesem kreisenden Sterngang begriffen ist, dreht sich zurück auf Fersen, die nie den Boden verlassen und bewegt sich mit unmerklichem Schritt dem hüpfenden Neger zu, dessen weiße Augenbälle aus dem Kopf zu treten scheinen. Und indem er sich auf ein Knie niederläßt, flötet er diesen wirbelnden, schwindelerregenden Bauch an. Die Nailia beugt sich im Knie, er berührt ihren Leib fast mit dem Trichter der Sudanflöte. – Wie eine riesige, schillernde Seifenblase scheint die Tänzerin an seinem Rohre zu hängen. Ich stehe auf und versuche hinauszugelangen. Ich muß immer wieder um Raum bitten, ehe die sonst so ritterlichen Männer zu hören, zu verstehen vermögen. Draußen steht ein Mozabit neben Messauda. Er ist fleckenlos rein und reich gekleidet, wie fast alle Mozabiten. Und er hat wie alle ein wachsbleiches Gesicht. Schaudernd habe ich das Gefühl, seine Hand müsse kalt sein wie die eines Verstorbenen. Arme kleine Messauda, wenn Revuedirektoren jemals nach dem Mzab reisten und im rauchigen Café auf wackligen Ehrenbänken säßen, dann wärest du morgen reich und berühmt, und dein süßes Gesicht, dein bezauberndes Gesicht prangte in allen Journalen. Es ist gewiß nicht immer leicht, ein Star zu sein. Ach nein. Aber es ist ein allzu schweres Los, als Nailia im Café Maure zu tanzen, den feuchten Blick in die Ferne gerichtet, aus der keine Hilfe kommt. Habibah, Stern der Tänzerinnen Wenn zu Ghardaia die kleinen Mädchen vor der Hausschwelle tanzen – diese kleinen Mädchen, deren hennarote Beinchen schon in weiten Faltenhosen stecken und deren hennagefärbtes Wuschelhaar schon mit braunem Band zu peitschenartigen Zöpfchen gewunden ist –, dann klatschen die arabischen Großmütter im Tordunkel den Takt dazu und murmeln: »Mögest du schön werden wie Habibah!« Und wenn zu Ghardaia die arabische Braut auf dem Ruhebette kniet und den unbekannten Gatten erwartet, der in einer Stunde ihr Brauthemd durch die Türspalte hinausreichen wird, dann wünschen die Frauen: »Mögest du geliebt werden wie Habibah!« Und wenn freitags am Morgen auf diesem unvergeßlichen Marktplatz zu Ghardaia die Händler ihre Häufchen von arabischem Pfeffer oder von Schuhsohlen, die aus alten Pneus geschnitten sind, vor sich zum Verkauf auslegen, dann seufzen sie und murmeln: »Wenn man so reich wäre wie Habibah!« * Ghardaia ist der Mittelstern im traumhaften Siebengestirn mozabitischer Oasenstädte. Wenn ein Araber in Algier oder Constantine einem Mozabiten begegnet, so blickt er verächtlich zur Seite und rührt heimlich an seinem Ring, der das Glückszeichen, die »Hand der Fatmah«, trägt. Aber in ihrem Lande sind die Mozabiten die Herren, diese stumm gleitenden, wachsgesichtigen Männer. Im Mzab ist der Araber geduldet und verachtet. Ghardaia ist dem Fremden freundlich gesinnt. In dem Hause des mozabitischen Kaid, des Fürsten von Ghardaia, wurden mir die elf Gerichte der Gastfreundschaft geboten. Der Wirt saß bleich und stumm und schwarzbärtig da, wie Harun-al-Raschid im Wachsfigurenkabinett. Als Abd-el-Kader, der Hotelier, auch ihm von dem dargebotenen Wein einschenken wollte, hielt er die Hand über das Glas und sprach würdig: »Das Gesetz des Propheten hat es verboten.« Ich staunte sehr. Am Freitagabend hatte dieser selbe Mann sich mit vier Anisflaschen in den Speisesaal von Abd-el-Kaders »Hôtel du Sahara« zurückgezogen und mich des Morgens mit trunkenem Lärmen aus dem Schlaf geweckt. Abd-el-Kader wußte, was ich dachte. Er sah mich mit seinen gelben Augen an und murmelte: »Was wollen Sie, c'est comme ça!« * Habibah war nicht in einem dieser Mozabitenhäuser geboren worden, die wie Kerker aussehen und deren lebenslänglich Gefangene die Frauen sind. Sie wuchs draußen am Rande der Wüste auf, wo der Abhub der Stadt liegt: die Senkgruben, die Schlachthäuser und die Häuser der Ouled Nails, der Tänzerinnen. Ihr Vater war Handlanger des »Muschi«, des Händlers, der in seinem finsteren Laden von der Unschlittkerze bis zum Frauenkopftuch, von der Männerhose bis zum Kristallzucker alles feilhielt, dessen Ghardaia bedurfte. Ihre Mutter hatte in der Lehmhütte, in der man nicht aufrecht zu stehen vermochte, neun Kinder geboren, deren ältestes Habibah war. Man sagt, daß Habibah schon mit vier Jahren den Bauchtanz in allen seinen Phasen tanzte, in ihren kleinen gepluderten Hosen, »die Hand der Fatmah« an einem Schnürsenkel auf ihrem sehr schmutzigen Jäckchen. Selbst der Sidi Kapitän lächelte, wenn er ihr begegnete. Sie spielte ihre Kinderspiele zwischen Häusern, vor denen die Ouled Nails in ihren bunten Brokatkleidern saßen und auf Besuch warteten. Sie klimperte mit den goldenen Münzenschnüren, die jene um den Hals trugen und die zugleich Sparanlage und Empfehlungsbrief waren. Sie stand dabei, wenn eine Nailia einen wachsgesichtigen Mozabiten empfing, und mit hergebrachtem Zeremoniell die »Nana«, den Menthetee, vorkostete, den sie von hoch oben her in hellem, plätscherndem Strahl die abgeschlagenen Tassen füllen ließ. So wuchs Habibah auf. Und dann kam Monsieur Jean wieder einmal nach Ghardaia. Monsieur Jean war der Reisende einer Lyoner Seidenfirma, der jedes Jahr aus seinem Musterkoffer Algerien und Tunesien belieferte. Er wohnte stets bei Abd-el-Kader und kannte den Weg vom »Hôtel du Sahara« bis zum »Quartier des Ouled Nails« wohl. Habibah gefiel ihm. Sie sah aus wie ein junger Schakal, so braun, so mager, so scheu, so goldäugig und so bissig. – Mein Gott, warum hätte er sie einem arabischen Kameltreiber oder einem Mozabiten überlassen sollen? Monsieur Jean hatte dem Muschi einen Posten von Seidenkopftüchern verkauft. Er wartete, bis Habibahs Vater nicht im Laden anwesend war, und dann kaufte er für eigene Rechnung ein Paar fliegenbeschmutzte Tuaregschuhe, die da hingen. Seine Frau zu Hause sammelte dergleichen Kram. Monsieur Jean schien zu übersehen, daß er um fünf Francs zu viel bezahlte, und warf hin, der Muschi möge die Kleine mit den Schuhen ins Hotel schicken. Am dritten Tage begann Habibah Monsieur Jean zu langweilen. Er war zufrieden, als dieser windschiefe, ratternde Autobus ankam, mit den Kisten, Postsäcken, Bündeln, Benzintanks, Schafen, Hühnern und spuckenden Arabern auf dem Dach, der ihn nordwärts nach Djelfa bringen sollte, wo die »Wüstenbahn« beginnt. Aber als in Djelfa die Dachlasten mit viel Geschrei vom Autobus abgeladen wurden, verlangte der arabische Wagenführer fluchend doppeltes Fahrgeld von Monsieur Jean. Denn von da droben herabgestoßen, sprang Habibah wie eine Katze auf ihre Füße und schlug den Haik von dem unsicher lächelnden Gesicht zurück. Wenn ein Autobus in einer Wüstenstation anlangt, so wartet eine Schar von Müßiggängern auf ihn, von Neugierigen, von Bettlern, von Händlern, von Burschen, die ehrliche oder unsaubere Dienste anbieten. Alle diese Männer begannen nun zu lachen und einander saftige Spaße zuzurufen, die Monsieur Jean nur allzu gut verstand. Da ward Monsieur Jean brutal wie einer von ihnen. Er gab der kleinen, mageren Habibah einen Fußtritt vor den Leib, daß sie zusammenbrach. Und dann pfiff der Zug, und Monsieur Jean rannte um den Autobus herum, hinter seinem Musterkoffer her, den ein Bursche geschultert hatte. Monsieur Jean fuhr fort; fort mit diesem sonderbaren, keuchenden Zug, der immer nordwärts eilt. Die Wüste liegt so flach und so steinig da, wie eine ungeheure Straße, die der Schotterwalze harrt. Graugrüne Tuffe niederen Kamelkrautes und anisettgrüne Büschel einer Wolfsmilchart bilden die Vegetation, bis der Zug endlich an reglosen Salzseen vorüber die Mandarinenhaine erreicht, zwischen deren Fruchtzweigen er lang hinrattert wie zwischen goldenen Mauern. Kein Gewährsmann hat mir zu sagen vermocht, wie Habibah diesen langen Weg nach Algier zurücklegte. Vielleicht ist sie tagelang mit nackten Füßen, die Blut röter färbte als Henna, über scharfkantigen Stein gewandert. Vielleicht hat sie einen jungen Schaffner mit ihrer einzigen Münze bestochen – vielleicht ist sie von einem jener Stämme mitgenommen worden, die nach jahrtausendaltem Brauch der Viehweide nachziehen, wobei Frauen und Kinder in großen Körben auf Kamelrücken schaukeln.   An einem Abend ging ein Franzose eilig den Kai entlang. Es war, wie an manchen herbstlichen Regentagen in Algier, frostig feucht, und ein kalter Wind, ein letzter Hauch des Mistrals von Marseille, wehte vom Meer her, das er scharf durchpflügt haben mochte, denn er brachte den Geruch von Tang und Tiefe mit. Das Schiff, auf dem der französische Weinagent die Überfahrt zu wagen beabsichtigte, war nicht gut, das Wetter wenig frohe Fahrt verheißend, aber die dringende Geschäftsdepesche, die ihn nach Paris berief, war eingelangt, als der große Dampfer nach Marseille schon unterwegs war. Es blieb ihm nichts übrig, als mit einem geringeren Schiff Port Vendres zu erreichen. Der Weinagent schritt unter den Arkaden hin, um sich vor dem Rieselregen zu schützen, der nicht nur seinen Mantel, nein, auch seine Knochen zu durchdringen schien. Er hatte just noch Zeit für ein Apéritif in einem der Hafencafés und genoß dessen belebenden Feuergeschmack in Gedanken voraus, als er jäh stockend seinen Schritt hemmte. Wie von Regenwassern angeschwemmt, sah er ein Bündel nasser Fetzen auf der untersten Stufe einer Stiegengasse liegen. Er trat hinzu, vorerst an Mord denkend. Aber auf seinen Anruf hin hob sich langsam und stöhnend der Kopf unter dem nassen Haik. Eine Frau sah ihn aus völlig irren, hohlen Augen an und machte gierig die Gebärde der Araber, wenn sie mit den Fingern Speise in den Mund stopfen. Der Weinagent zog die Börse und reichte ihr fünf Francs. Sie griff nicht danach, vielleicht verstand sie gar nicht. Sie sah ihn an, scheu und frech wie ein Schakal. Sie faßte seinen Ärmel, riß daran und machte wieder die Gebärde des Essens. Der Weinhändler sah nach der Uhr, es war wenig Zeit, aber wenn er das Apéritif darangab, würde es langen. Er steckte die fünf Francs wieder ein und winkte ihr: »Komm! Komm!« Er half ihr auf, sie konnte kaum auf den Füßen stehen, die mit Schmutz bedeckt waren. Der Haik rutschte von dem wildverfilzten Haar, in ihren großen, hohlen Augen begann Hoffnung aufzuflammen, und plötzlich zog ein Lächeln ihre fahlen, trockenen Lippen von überraschend weißen Zähnen. Er ging schnell, und sie trottete hinter ihm her zu des Mannes linker Hand, wie alle Araberinnen. Aus dieser Distanz, den Kopf schief vorhaltend, sprach sie auf ihn ein, und er verstand kein Wort, sprach in gutturalen Tönen, mit wilden, kreisenden Gesten, wobei ihre Augen und Zähne glitzerten. Sie erreichten das Caférestaurant. Musik spielte die »Weiße Dame«. Dach und Glaswände schützten die Tische, die im Freien standen und an denen behaglich wohlerzogene Bürger speisten. Unter dem Kreuzfeuer der Blicke ward dem Agenten übel zumute, der da mit seiner verwahrlosten Begleiterin nach einem Platz suchte. Endlich fand er einen Tisch und rief die Kellner an, die plötzlich von Taubheit befallen schienen. Die Mouquère stand da, schob den Bauch, den sie nicht hatte, vor und verfolgte Bissen um Bissen vom Teller einer Dame bis zu deren Lippen, wobei sie mechanisch den Mund öffnete und zugleich mit jener schluckte. Der Oberkellner kam und bedeutete mit der ganzen Höflichkeit seiner Nation, daß die Küche seines Etablissements arabische Speisen leider nicht führe, und daß Monsieur ganz nahe, Rue Tirman, besser bedient sein werde. Der Weinagent erhob sich und verließ das Caférestaurant. Auf der Straße bekam er einen Wutanfall. »Ich habe nicht die geringste Lust, deinetwegen mein Schiff zu versäumen und mit den Chefs Krach zu haben!« schrie er, obgleich er wußte, daß dieses kleine, braune Tier ihn gar nicht verstand. »Kannst du nicht allein deinen Kuskus fressen oder zum Teufel gehen?« Habibah sah ihn an, ihr Arm fuhr schützend hoch, als erwarte sie Schläge. Alle Hoffnung in ihrem Blick war erloschen. Sie fiel in sich zusammen und wurde ganz klein, ganz mager. Ihre Lippen zitterten. »Also komm«, machte er wütend, und sie lief wieder links neben ihm her. Er begann bereits darüber nachzudenken, daß am Ende kein Chef von ihm verlangen konnte, bei solchem Hundewetter auf einer elenden Nußschale bis nach Port Vendres seekrank zu liegen. Am Ende war es gar nicht so übel, wenn er morgen mit dem »Timgad« fahren konnte. Trotzdem hetzte er im arabischen Restaurant die Kellner, zahlte ihren Kuskus im voraus und das kleine Brot, in das sie schon mit wildem Hunger biß. Als das Gericht von geriebener Gerste, Gemüse und Hammelfleisch aufgetragen war, sprang er auf und war im Begriff fortzustürzen. Sonderbar. – So gierig die Kleine zu schlingen begonnen hatte, jetzt, da sie sah, daß er gehen wollte, hielt sie inne. Sie stützte den nackten Arm auf den Tisch, hielt die Hand vors Gesicht und begann zu schluchzen. Es muß hier gesagt werden, daß der Weinagent kein schöner Mann war. Er war klein, dicklich, ein fünfzigjähriger Junggeselle; auch seine Mittel waren bemessen, und es geschah zum erstenmal in seinem Leben, daß eine Frau verzweifelt weinte, weil er von ihr ging. Der Weinagent schämte sich beinahe. Er klopfte ihr auf die hagere Schulter, und als das nicht half, rückte er ihr den Teller hin. Sie schüttelte den Kopf, sie weinte, sie schneuzte sich in den Haik, und der Agent begann ihre Tränen mit seinem Taschentuch zu trocknen, das, an der Schwärze des Haik gemessen, vollkommen sauber schien. Am Ende ergriff er den Löffel und fütterte sie. Ein paar Araber im Winkel sahen zu, aber das kümmerte ihn wenig. Er begann zu bemerken, daß Habibah bezaubernd zu lachen vermochte. Als er wieder auf seine Uhr sah, stellte er fest, daß das Schiff schon vor zehn Minuten den Hafen verlassen hatte. Daraufhin wurde er sonderbarerweise glänzend gelaunt. Er bestellte auch für sich Kuskus und »Petit lait«, die traditionelle Buttermilch, die der abstinente Araber dazu trinkt. Und als sie beide satt waren, kaufte er bei einem Händler der gleichen Straße eine arabische Frauenhose, die so wundervoll weit war, daß man elf Meter gelben Stoffs dazu gebraucht hatte, ein rosa Jäckchen, einen warmen schafwollenen Haik und französisch hochgestöckeltc Halbschuhe, die der Traum jeder Mouquère sind. Die Kleine trommelte ihm mit beiden braunen Fäusten auf den Arm und biß sich auf die Lippen vor Entzücken. Endlich führte er sie in ein Bad in der Rue Bab-el-Oued. Er sah zu, wie sie aus den Fetzen tauchte wie eine schmale, schimmernde Klinge. Auf dem warmen Wasser schwammen Seife und Schmutz wie Algen auf stehenden Teichen. Aber schon da sie kreischend unter der heimtückisch entfesselten Dusche sich bäumte, sah er, wie schön dieser muskelharte, knabenhüftige Körper war. Nach der mit Habibah verbrachten Nacht stellte der Weinagent zwei Dinge fest: zum ersten, daß er auch die Abfahrt des »Timgad« verabsäumt habe, zum zweiten, daß er niemals gewußt hatte, was Hingabe bedeutet – vor Habibah. Er wohnte zehn Tage lang mit ihr in einem billigen Hotel, in dem ihn erst wütende, dann besorgte Telegramme seiner Chefs erreichten. Die flache Schale seines Herzens faßte kaum sein Glück; es lief über an allen Rändern. Habibah lachte, Habibah sang, Habibah begann französisch zu sprechen. Sie hatte schon gelernt, sich sauber zu halten und ihr wunderbares, knisterndes Haar zu bürsten. Sie hatte die Zärtlichkeit eines jungen Hundes, die Liebesbereitschaft einer Sklavin und die Erfahrung einer »Nailia«. Am elften Tage ging der Weinagent allein fort, um eine eingelangte Geldsendung auf der Hauptpost zu beheben. Als er zurückkehrte, überreichte ihm Habibah, zwitschernd, mit strahlendem Stolz einen Zwanzig-Francs-Schein. Es gab der Gäste mehr in diesem kleinen Hotel, und warum hätte Habibah ihren Herrn um den Verdienst von zwanzig Francs bringen sollen? Der Weinagent war ihrer lächelnden Unschuld gegenüber so toll vor Zorn, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Er schlug Habibah. Zum ersten Male im Leben schlug er eine Frau und wurde bange eines Gefühls inne, das er nie zuvor gekannt hatte. Er fuhr mit ihr ins Bon-Marché und kaufte Kleider, Hut und Mantel. Keine Änderung war nötig. Es war, als hätten tote Dinge nur darauf gewartet, an ihrem Körper Sinn und Farbe zu gewinnen. Sie sah mit schimmernden, nachdenklichen Augen diese fremde »Roumia« im Spiegel an, die ihr mit wildroten Lippen entgegenlachte. * In Paris sperrte sie der Weinagent ein, sobald er fort mußte, und hing den Schlüssel an seine Uhrkette. Er war rasend vor Eifersucht, rasend vor Liebe. Sobald er um die Ecke gebogen war, schloß ein junger Maler vom Atelier gegenüber die Wohnung mit einem Nachschlüssel auf, und Habibah stand hinter der Tür und lachte. Der Maler malte ihren Akt, und alle seine Freunde malten sie, und alle fanden es beinahe so selbstverständlich wie Habibah. Aber die Schläge von Algier hatte sie nicht vergessen, und sie verwahrte ihre Ersparnisse hinter dem Öldruck der Madonna, die über des Weinagenten Bett hing. Eines Tages kehrte der Alte zu früh heim, fand seine Wohnung offen und leer, begann zu fluchen und erfuhr von der Concièrge alles. Er drang ins Atelier ein, nach Habibah brüllend, und als sich ihm ein junger Bildhauer entgegenstellte – der Habibah übrigens an diesem Tage zum erstenmal gesehen hatte, also der einzig Unschuldige des Kreises war –, schlug er ihn mit einem Stuhle nieder. Die Zeitungen brachten Sensationsberichte über den Mordprozeß und reproduzierten das Aktbild der schönen Habibah. Damit begann ihr Ruhm. Vierzehn Tage später tanzte sie in den »Folies-Bergères«. Weder der Weinagent, der im Kerker saß, noch Monsieur Jean, der seidene Kopftücher verkaufte, würden sie erkannt haben. Jetzt, da sie gut genährt war, gepflegt, massiert, depiliert – war ihr Körper vollkommen. Sie war nicht mehr scheu und nicht mehr gierig, sie hatte ein Lachen satten Triumphes – »Habibah, l'as des danseuses de Ghardaia« –, das die Männer da drunten so nach ihr hungern machte, wie sie einst nach Kuskus gehungert hatte. Über ihrem brillantenen Diadem starrte in künstlicher Wildheit ihr Haarbusch, in den Henna rötliche Reflexe legte. An ihren Ohren hing die brillanten-blitzende Hand der Fatmah, und um ihre Lenden liefen Brillantenschnüre, deren Fransen beim Tanz gegen ihre zarten Knie schlugen. Habibah hatte mit merkwürdiger Raschheit gelernt, daß für Männer im Frack der Bauchtanz anders getanzt werden müsse als für blaßgesichtige Mozabiten; genau so wie der »arabische Tanz«, den das sechzig Mann starke Orchester spielte, anders klang als die Musik von Sudanflöte und Negertrommel daheim, fern – in Ghardaia. Habibah begann toll zu verdienen. Als ihr Impresario die »petite biquette« auszunützen gedachte, drang sie bei ihm ein und versetzte den dicken Mann mit ihrem Revolver in solche Todesangst, daß er bezahlte, soviel sie wollte. Habibah war die einzige Vedette, die im Taxi vorfuhr, und ihre Kolleginnen behaupteten allen Ernstes, daß sie ihre Kleider und Pelze aus zweiter Hand kaufe. Habibah hatte nur eine Leidenschaft – die wertbeständigste von allen. Sie kostete einem alten Bankier sein Vermögen und einem jungen englischen Aristokraten sein Leben. Die haselnußgroßen Feuersteine, die ihre Nacktheit deckten, wurden allabendlich von vier Detektiven bewacht, denn sie waren echt. * Eines Abends lungerte Abd-el-Kader vor dem Schalter des Postamtes von Ghardaia umher. Abd-el-Kader langweilte sich zum Sterben in diesen glutheißen, fremdenlosen Sommertagen. Er war im Krieg Dolmetsch gewesen, kannte Paris und London gut, hatte eine französische Gouvernante geheiratet, und sie war ihm durchgegangen, weil er trank. Als ihm der Postbeamte einen dicken eingeschriebenen Brief zuwarf, umdrängten ihn alle die Mozabiten, Araber, Kameltreiber, Neger und Betteljungen, die aus Langweile, so wie er, den Schalter zu umlagern pflegten. Aber Abd-el-Kader hatte beim Aufreißen des Umschlages eine Geldnote bläulich schimmern sehen, steckte den Brief in die Brusttasche und ging. Acht Tage später stand er vor der Kasse der Folies-Bergères in Paris und fand eine Sitzanweisung vorbereitet. Nach der Vorstellung kam er in Habibahs Garderobe. »Das hast du gut gemacht!« sagte er arabisch, und die vier Detektive und die beiden adretten Garderobieren sahen mißtrauisch auf diesen braunen Mann im Fez und abgetragenen Sportanzug – mit dem nicht ganz sauberen Kragen. »Du scheinst sie gut geschoren zu haben, die Roumi! Kein Mozabit würde einen Sourdi für dein bißchen Gewackel ausgeben!« Er kniff ein Auge zu und schätzte mit geübtem Blick diese weißglitzernde Juwelenpracht an ihrem braunen Körper. Habibah stieß ihn schäkernd mit der Handfläche vor die Brust, wie die Ouled Nails es ihren Verehrern tun. Und sie lachte schallend mit zurückgeworfenem Kopf, wie Ouled Nails lachen. Dann sprach sie, während man sie für die Straße frisierte, auf ihn ein in gutturalem, wildem Wortschwall, mit wildkreisenden Gesten, mit tanzenden Augen. Abd-el-Kader saß rittlings auf dem hellen Louis-Quinze-Sesselchen und trank kopfnickend einen »Anis gras« nach dem andern. Als sie fertig war, ließ Habibah die Detektive mit dem Lederköfferchen voraustreten und warf die Türe hinter sich mit einem Fußtritt ins Schloß, diese Garderobentür, auf der über dem Starzeichen die Hand der Fatmah in Gold gemalt war. Am nächsten Abend waren die Folies-Bergères über Habibahs Verschwinden in Aufruhr, alle Zeitungen – ganz Paris! Die einen (darunter die vier Detektive und die zwei Garderobieren) dachten an Mord. Die andern lachten über einen Reklametrick. Ein Juwelier meldete sich, dem Habibah am frühen Morgen ihren gesamten Schmuck verkauft hatte, diese berühmten »pierres blanches de Habibah«. Sie hatte vorgebracht, daß sie in Zukunft nur Smaragde zu tragen wünsche, und der Juwelier hatte ihr in der Hoffnung auf dies große Geschäft sogar einen ausgezeichneten Preis zugebilligt. Endlich fand man bei der Polizeisuche in ihrer mehr als bescheidenen Wohnung die Lösung des Rätsels groß und ungelenk auf eine Nummer des »Matin« gekritzelt: »Ich habe Euch satt – ich mach mich davon!« Mit einer – im Französischen nicht ganz höflichen – Bitte um Frieden schloß das Ganze.   »Ja, das hat sie ihnen noch zum Abschied geschrieben!« grinste Abd-el-Kader, als er mir im Speisesaal des »Hôtel du Sahara« die Geschichte erzählte. Die Anisflasche, halb schon ihres giftgrünen Inhalts entleert, stand vor ihm, und ich versuchte sie unauffällig ein wenig fortzurücken. »Mais non – mais non – va! Das ist mein letztes Glas Anisett heute, Madame! – Aber so wie wir hier ankamen, hat Habibah Frauentracht angelegt und ist nie mehr unverschleiert ausgegangen. Ich habe für sie das Haus in der Straße der Goldschmiede gekauft und habe ihr gesagt: Habibah – von dir keine Prozente! Du hast Vertrauen zu Abd-el-Kader gehabt, nicht so viel wie eine Laus bleibt ihm zwischen den Fingern. Und ich habe auch das zweite Haus für sie gekauft, dem alten Muschi über den Kopf weg, und jetzt muß dieser Hund auf dem Marktplatz in der Sonne sitzen und roten Pfeffer feilhalten dafür, daß er, ohne ihrem Vater auch nur einen Sourdi zu gönnen, Habibah um einen Douro verschachert hat wie einen gebundenen Hammel. Der neue Muschi, bei dem Sie einkaufen, ist Habibahs Vater. Sie hat ihm das Haus und den Laden geschenkt und läßt ihre Brüder in Algier studieren. O Habibah? Habibah vergißt nichts – nichts Gutes und nichts Böses.« Und dann erfuhr ich die Geschichte von Monsieur Jean: Monsieur Jean, der eines Abends mit dem Autobus wiederkam und zwei neue Musterkoffer mit sich führte. Er hatte laut im Speisesaal erzählt, daß er seine ganzen Ersparnisse darangegeben habe, um das Geschäft diesmal auf eigene Rechnung machen zu können und nicht immer für die Taschen der anderen, und dann hatte er Abd-el-Kader nach Neuigkeiten gefragt und damit das »Quartier« gemeint. Monsieur Jean war in die Straße der Goldschmiede geführt worden in ein schönes, neues, reiches Haus. Eine Frau hatte ihm die drei Schälchen »Nana« vorgekostet und er fand »alles, was ein Mann sucht und erwartet«. Aber als Monsieur Jean sich eine Zigarette anzündete, da war die Frau aufgestanden und hatte sonderbar lächelnd gefragt, ob Monsieur heute oder damals zufriedener gewesen sei. »Wann denn?« fragte Monsieur Jean erstaunt. »Ich hab' dich noch nie vorher gesehen!« Aber noch während er sprach, begann er zu stocken, denn hinter diesem schönen Gesicht voll grausamer Lüsternheit sah er das verwahrloste, verweinte Antlitz eines Kindes heraufdämmern. »Kennst du mich jetzt?« hatte Habibah gefragt. »Du hast mich um einen Douro gekauft wie einen rotgezeichneten Hammel, und selbst der Nailia im Café Maure bezahlt man zwanzig Franken für ihren ersten Tanz. Jetzt ist die Reihe an mir, und dein Revolver ist nicht mehr in deiner Hüftentasche. Wenn ich jetzt anlege und ziele ... Siehst du – so! Dann kann ich dich mitten ins Herz treffen!« Und einen endlosen Augenblick lang hatte Monsieur Jean in die Mündung der Pistole wie in das schwarze Nichts nach dem Tode geblickt. Aber dann hatte Habibah die Achseln gezuckt und gesagt, daß Monsieur Jeans Tod die Unannehmlichkeiten mit Sidi Kapitän nicht wert sei. Und statt dessen hatte Monsieur Jean bloß zugesehen, wie Habibahs Vater seine schönen Koffer mit Benzin begoß und sie an allen vier Ecken anzündete, daß sie bis zu Ende brannten – bis zu Ende ... Nach dieser Geschichte sagte ich kopfschüttelnd: »Jetzt lebe ich fünf Jahre in Algerien, aber ich werde niemals die arabische Mentalität verstehen!« »Habibah ist keine bent arab!« antwortete Abd-el-Kader rasch. »Sie ist im Quartier geboren.« »Ich möchte sie sehen!« sagte ich. »Guter Abd-el-Kader! Ich kann nicht fortfahren, ohne Habibah gesehen zu haben!« Abd-el-Kader rückte den Fez aus dem schwarzwelligen Haar, kniff die gelben Augen ein und lächelte: »Sie haben Kuskus in ihrem Hause gegessen. Mehr können sie nicht verlangen. Kein Mozabit zeigt sein Weib einer Roumia!« Und als ich ihn starr vor Staunen ansah, zuckte er die Achseln, als verstehe es sich von selbst, daß niemand anderer als der Kaid von Ghardaia Habibah geheiratet habe. »Er hat mit seiner ersten Frau ›die Karte gebrochen‹, wie wir sagen, er hat sie verstoßen und die Tänzerin Habibah rechtmäßig in sein Haus genommen. Was wollen Sie, ça c'est mozabite!« »Aber er trinkt doch!« sagte ich und bereute sofort, daß ich es gesagt hatte. »Das tut er«, antwortete Abd-el-Kader langsam. »Aber sagen Sie mir – was sollen wir, die wir keine Wüstenräuber mehr sind und auch keine Roumi, was sollen wir schließlich Besseres tun, als Anisett trinken?«   Am nächsten Abend stand der Vollmond über Ghardaia. Der obeliskenartige Gebetsturm schien wie ein schwarzer Keil in diesen ungewöhnlich nahen, glitzerndklaren Nachthimmel einzudringen. Wer zur Nachtzeit den Marktplatz von Ghardaia betreten will, muß erst die Ketten aushaken, die jeden Zugang abschließen. Denn es ist schon geschehen, daß Kamele in wirrer Tollheit aus bösen Träumen aufschreckten. Dann rasten sie die engen Straßen hinab und zertrampelten, was ihnen begegnete. Jetzt lagen diese unheimlichen Haustiere da, wie schwarzkonturierte Bergzüge im Dunkel. Ihre Treiber hatten rotglosende Feuer aus Dung und Palmenrippen angefacht, aus denen glimmende Rauchfäden aufstiegen –, mit einem unvergeßlichen Geruch. Über diesen blaudämmerigen Platz, mitten durch die nächtlich traumhafte Stille, kam uns plötzlich ein Zug entgegen. Zwei Negerinnen – wie aus dem Stoffe der Nacht geschnittene Silhouetten – hielten Fackeln hoch, von denen prasselnd und sprühend Funkenbänder nachwehten. Ihnen folgte langsam, mit dem leisen Klingeln schwergoldener Fußreifen bei jedem Schritt, eine hochgewachsene Frau in glitzernd weißer Seide. Niemals vor- noch nachher habe ich eine Frau im Haik mit solcher Gelöstheit und solcher Müdigkeit zugleich schreiten sehen. Abd-el-Kader, der das Gesicht nach Koranvorschrift abgewandt hielt, gab mir ein Zeichen. »Jetzt haben Sie Habibah gesehen«, murmelte er, »jeden Freitag, wenn er bei mir seinen Anis trinkt, verläßt sie das Haus, um ihre Mutter zu besuchen.« Ich sah ihr nach – Habibah, Fürstin von Ghardaia – bis sie, zögernd schreitend, fern und glitzernd weiß in dem Dunkel des Laubenganges verschwand. Der Straßenräuber Metlili ist ein bezauberndes Städtchen. Es liegt, in eine Talmulde eingeschmiegt, inmitten der sonderbaren Bergzüge der Chebka, die wie abgesägte Kegelstümpfe wirken. Wenn man, müde vom Kamelritt, fern den smaragdnen Schimmer seiner Palmenhaine gewahrt und den gelben, obeliskenartigen Gebetturm der Moschee, dann begreift man alle Märchen von verzauberten Saharastädten. Chebka: das heißt auf arabisch Netz. Das ungeheure Hochplateau der algerischen Steinwüste ist von einem Netzwerk ausgetrockneter Flußbetten durchzogen und betupft mit Büscheln niederer Kräuter. Der scharfkantigen, rötlichen Steinbrocken gibt es hier so viele, als hätten die Engel der Legenden sie aus allen fruchtbaren Feldern der Welt fortgetragen, um sie hier auszuschütten. Und der Himmel ist so blau, als strahle er noch im Widerschein ihrer seraphischen Gewänder. Ich kam nach Metlili, weil mich der Kaid zu einem »Meschwoui« geladen hatte, einem ganz am Spieß gebratenen Lamm. Der Meschwoui ist das Festmahl der Wüste, und die Honoratioren waren dazu gebeten. Der frühere Kaid, mit dem gütigsten Altmännergesicht, das ich jemals sah – der Kadi, dessen linkes Auge an die blinden Metallspiegel gemahnte, die man in Gräbern findet –, Abd-el-Kader, der weltmännische Hotelier aus Ghardaia, der im einzigen Auto der Gegend gekommen war, und Leutnant Kaddour, dessen erlesenes Pferd ich bestaunt hatte. Der Leutnant trug unter dem hausgewobenen Burnus den Uniformrock und den Orden der Ehrenlegion. Er war ein Riese, von wundervollem Ebenmaß, hochbrüstig, schlank, mit einem schwarzen Piratenbart, sonderbar harten, ernsten, hellgrünen Augen und einem plötzlichen, überraschend traurigen Lächeln. Die Karbidlampen sprühten und spuckten an den Pfeilern, und wie auf Rembrandts Nachtwache liefen Lichter und Schlagschatten über die bärtigen Gesichter. Dann trugen zwei Männer an einer langen Stange auf den Schultern den Meschwoui herein, dies wie aus glänzender Bronze gegossene Lamm mit glasig glotzenden, toten Augen. – Ich griff mit den Händen zu, wie alle andern, und habe nie Köstlicheres geschmeckt als dies streng nach Kräutern duftende, junge Fleisch, das wie Honig auf den Lippen zerging. Leutnant Kaddour sprach fließend Französisch mit hartem, gutturalem Laut. Er war zweimal in Paris und auch sieben Monate in London gewesen, bei einer »exposition« mit einer ausgesuchten Truppe seiner Spahis, um »denen da oben zu zeigen, wie man hier reitet«. Fünfzehn Jahre war er Soldat gewesen. Aber nun war er in die Chebka heimgekehrt, um aus achtzig Meter tiefen Brunnen auf ewig knirschenden Radrollen das Wasser für die Dattelbäume seiner Palmenhaine aufzuholen und ihre Kronen im Frühjahr zu befruchten, die heiligen Suren des Korans absingend wie Vater und Vatersvater vor ihm. Sein Lächeln zwischen Schmerz und Stille befremdete mich. Und nachher erzählte mir Abd-el-Kader die Geschichte – die nicht Karl May erfunden hat, und die auch nicht vor hundert Jahren sich begab, sondern im September 1928, in diesem denkwürdigen Herbst, in dem Allah die Chebka mit strömendem Regen segnete und die Kamele sich Fetthöcker auf der Weide fraßen. Leutnant Kaddour, der Zweiundvierzigjährige, hat einen Bruder, der siebzehn Jahre jünger ist als er. Baschir ist groß wie er. Auch seine Augen sind grün wie die eines Bocks oder eines Leoparden. Er ist der schönste Bursch der Chebka, ein vollendeter Reiter; der gleiche unfehlbare Schütze wie Kaddour, der schon seine Knabenfinger um das Gewehr gelegt hat. Auch die gleiche Uniform trägt er wie dieser. Der Dienst, fern in Syrien, ist hart, und das Heimweh nach der Chebka unerträglich für Baschir. Vielleicht auch die Sehnsucht nach Aissah, seinem jungen Weibe, aber davon wird nicht gesprochen. Keiner weiß, wie er es anfängt, aber plötzlich ist er wieder daheim. Er hat einen syrischen Vollbluthengst mitgebracht, der grau ist wie Eisenlack – also noch ganz jung – und so zarte Fesseln hat wie eine Tänzerin. Baschir arbeitet in der Palmerie und lebt friedlich in seinem Haus, dem letzten von Metlili. Da kommen Meharisten (eine Art Elite-Gendarmerie in der Wüstenweite, auf ausgesuchten Rennkamelen) und wollen den Deserteur fangen. Aber den finden sie nicht mehr. Baschir hat sich in die Chebka geflüchtet, die ihm wie eine Mutter vertraut ist. Er klettert wie der Mufflon der Berge, er ist der beste Jäger im Umkreis, von seinem Ausguck späht er rechts und links, soweit der Falke blickt; jeden sieht er, der herankommt. Hungert ihn? Des Nachts kommen nacktfüßige Buben und bringen ihm Brotfladen, bringen Mehl zum Kuskus, und das Wichtigste: Tabak. Was also fehlte Baschir? Aissah fehlt ihm. Er wagt es, obgleich die Meharisten um Metlili kreisen, und steigt in die Stadt hinab, des Nachts; die weißzottigen Hunde bellen nicht, die kennen ihn. Er pocht mit seinem Klopfzeichen. Kein Freudenschrei, das Haus bleibt verschlossen. Baschirs bester Freund belehrt ihn: Aissah ist fort. Der Kadi hat die Ehe mit dem Deserteur geschieden, und Aissah ist nach Ghardaia gezogen. Sie tanzt jetzt »im Viertel«, sie ist schlechter als die schlechteste der Ouled Nails, denn sie ist nicht wie jene »mit der Sünde in der Haut« zur Welt gekommen! Baschir sattelt seinen jungen Hengst, auf dessen muskelüberspielten Schenkeln schon leise die hellen Kreisflecke des Apfelschimmels hervorzutreten beginnen. Er lädt seine Gewehre und seinen Armeerevolver. In Ghardaia, im »Bordj« droben, das voller Soldaten steckt, sitzt der Kommandant selber. Jedes Kind in Ghardaia kennt Baschir, den Deserteur, auf dessen Ergreifung tausend Franken gesetzt sind. Aber trotzdem reitet er nachts zur Stadt herein, deren Tore wie immer geschlossen worden sind. Er hat den Pförtnern – vier Mozabiten – statt seinen Namen anzusagen die beiden Gewehrläufe durchs Guckloch fast bis in die von Staunen offenen Mäuler geschoben, und sie haben ihn wahrhaftig eingelassen. Das »Viertel«, der Auswurf der Stadt, liegt gleich an der Mauer, neben den Schlachthäusern. Baschir reitet durch die Straßen, daß seines Pferdchens Hufschlag wie ein Sack voll Nüsse knattert. Er springt ab, dringt durch stets offene Türen, hinter denen die Flöte näselt und lockt, bricht in Zimmer um Zimmer, die sich wie Waben im Stock aufeinanderreihen. Er reißt trunkene Weiber auf, um ihr Gesicht zu sehen, er stört Khifraucher und Pärchen, er leuchtet in alle Winkel und schleudert fort, was sich ihm in den Weg stellt. Gezeter, Geschrei, Drohen. Als er sie nicht findet, die feig hinter all die rauschenden Weiberröcke Verkrochene, verachtet er sein Weib mehr als um Treubruch und Verrat: weil sie nun nicht kommt, sich von ihm töten zu lassen! Er besäuft sich, zum erstenmal im Leben – auch als Soldat hat er den Koran geehrt. Sinnlos volltrunken schläft er irgendwo ein. Und trotzdem – trotz alledem findet sich niemand zu Ghardaia (und darauf ist Abd-el-Kader stolz), niemand unter Mozabiten, Arabern, Negern und Hetären, der die tausend Franken verdienen und Baschir hätte verraten wollen. Er reitet unangefochten durch die morgenlichte Stadt, und als Soldaten ihn erkennen, springt sein Pferd aus unfaßbarer Höhe von der Mauer hinab in den rettenden Sand und entführt ihn, schneller als die Kugeln zu fliegen scheinen, in die Chebka. Aber nun läßt der Kommandant verlautbaren, wer mit Baschir Gemeinschaft hält, ihm Lebensmittel oder Unterstand bietet, wird hart bestraft werden ... Acht Tage später treibt ein Hirt die Herde dickvließiger Schafe durch die Chebka. Baschir bittet: »Ich will Meschwoui essen. Gib mir ein Lamm!« Das darf der Hirt nicht. Auch gehören die Lämmer nicht ihm. »Willst nicht?« Baschir zieht den Revolver mit der Linken, mit der Rechten packt er in die Wolle, hebt das zeternde Lamm aufs Pferd. Ganz Metlili sieht das Feuer, an dem sein Meschwoui im eigenen Fett brät. Das gefällt Baschir. Er beginnt sich daran zu gewöhnen, alles zu nehmen, was er braucht, immer aber bittet er vorher darum. Burnusse, Decken, kleine Eselchen (gleich mit ihrer ganzen Ladung von Holz), Schafe, Schuhe, Decken, Mehl, Munition raubt er – niemals Geld. Was soll Geld in der Chebka? Endlich raubt er auch Liebe. Da ist ein vierzehnjähriges Kind, Tochter eines wohlhabenden Mannes zu Metlili, ganz kurz erst trägt sie den Schleier und die silbernen Ohrgehänge. Sie treffen sich beim »redenden Felsen«, in dem man die Kriegstrommeln und grellen Flöten hört, wenn man das Ohr daranlegt. Baschir legt sein Ohr an der Kleinen Herz, und es schlägt stärker und wilder als alle Trommeln. Ab und zu kommt ein Detachement die Straße herauf, mit dem Auftrag, »ein Ende zu machen, was Teufel!« Schwitzend kriechen sie durch die Berge, stochern mit den Bajonetten in alle Höhlen, und Baschir liegt drei Schritte von ihnen im Schatten und gähnt. Aber eines Tages sieht er andere Reiter die Straße herkommen: einen Burschen zu Pferd, den Baschir kennt, eine verschleierte Frau, gleich einem weißen Bündel tief auf den Sattel geneigt, schwankend, als müsse sie nun und nun vom Eselchen fallen. Baschirs Apfelschimmel prasselt in einem Steinhagel den Abhang hinab. Der Bursch hält erschrocken vor dem Gewehr. Gestern noch ist Baschir in El Abbiodh gesehen worden. »Wohin führst du sie?« »Nach Ghardaia, zum Markt.« »Du lügst, es ist nicht Freitag! Du führst sie hinab, um sie zu verheiraten. Weißt du nicht, du – daß sie mein ist?« Ein Schuß fällt, und Baschir sieht das arme kleine Mädchen zu Boden sinken. »Jetzt mag sie heiraten, wer Lust hat!« sagt er mit rauher Stimme. Und er ist fort, man hört nur den Hufschlag seines Pferdes und das Rollen der Steine. Um diese Zeit erhält Leutnant Kaddour einen wundervoll gemalten arabischen Brief, über dem links oben der Segensspruch Allahs steht. Darin befiehlt ihn der Kommandant selbst nach Ghardaia. Kaddour kennt und ehrt den Hauptmann. Er hat unter ihm gedient, vor zehn Jahren, in Marokko, damals, als der Marschall Liautey das Land von Räuberbanden säuberte. Der kleine Kapitän tritt vor den Riesen, der im Salut stramm steht, den Rücken der offenen Hand gegen Stirne und Turban gelegt. Und er rührt an das blutrote Band der Ehrenlegion. »Kaddour«, sagt er arabisch, »du warst ein braver Soldat, und Frankreich hat dir seinen schönsten Orden verliehen. Warum lassest du es zu, daß dein Bruder als Deserteur lebt und als Straßenräuber?« Kaddour senkt die salutierende Hand und führt den Zeigefinger an den Mund. Er sagt langsam: »Wenn du meinst, Sidi Kapitän, daß er sterben muß, dann werde ich es sein, der ihn tötet!« Leutnant Kaddour reitet an der Spitze von hundert Meharisten zurück. Sein roter Burnus leuchtet weit in der Herbstsonne. Baschir steht droben, geborgen, man hört ihn lachen: »Welch großer Mann muß Baschir sein, wenn der Sidi Kapitän einen Leutnant nach ihm schickt und hundert Kamelreiter!« Da hebt Kaddour die Hand und läßt das Turbantuch vom Gesicht fallen. Baschir erkennt, daß es sein Bruder ist. »Das ist das Ende«, ruft er droben. Und dann, als sie nahe genug sind, legen sie aufeinander an, die beiden Brüder, die gerühmtesten Schützen der Chebka. Die Schüsse sind wie ein Schlag. Aber Allah ist groß, und es geschieht, daß beide ihr Ziel verfehlen, jeder von ihnen zum erstenmal im Leben. Doch die Meharisten trifft Baschir besser. Vier sind tot, drei bindet man verwundet auf dem Mehari fest. Ihn selbst schützt Vorsprung und Fels, ihn schützt die Chebka. Das Ende kommt, als der Kopfpreis aufs Dreifache erhöht wird. 3000 Franken! Baschirs bester Freund, der, dessen Namen kein Mann mehr ausspricht, lädt den Vogelfreien ins Haus zum Kuskus. Es hat zehn Tage geregnet. Baschir ist in der eisigkalten Höhle gelegen, ohne Feuer, ohne Tabak. Er steigt hinab, wärmt sich, ißt, raucht – sehr verändert. Dankbar, wie ein immer mit Steinen verjagter Araberhund, den doch einer streichelt. Er ist sehr allein, und nachts sieht er immer Kaddour im roten Burnus, der auf ihn anlegt. Dann mahnt der Freund zur Vorsicht, zum Scheiden. Und als Baschir, ein Dankwort auf den Lippen, fröstelnd in den Regen tritt, schießt ihn sein Freund in den Rücken. Der Einschuß ist schwarz vom Pulver. Der Kommandant sieht wortlos Baschirs Gewehr, das der Mörder ihm bringt, hört wortlos den Bericht. Er greift in die Lade, zieht, ohne hinzusehen, das bereitgelegte Paket von dreißig Hunderterscheinen hervor und wirft es auf den Tisch. Es schlittert über die Fläche und fällt dem Mann vor die Füße. Der bietet zögernd die Hand, aber der kleine Kapitän schreibt schon wieder, das eine Auge übers Papier geneigt – das andere hat ihn Marokko gekostet. Am Nachmittag, ganz allein, reitet Sidi Kapitän die Straße nach Metlili. Er sieht zu den Bergen der Chebka auf, in denen nur mehr die Weihe nisten. Vor Kaddours Haus steigt er ab, inmitten flüchtender Hühner, Zicklein, Kinder und Frauen. Er bindet seinen Braunen neben einem herrlichen Apfelschimmel an, der unruhig schnaubt und schnobert und scharrt und unwillig den Kopf wirft, da der Offizier seinen nervigen Hals klopft. Es ist so, wie der Kapitän es erwartet hat. Kaddour ist dabei, sich zur Blutrache zu rüsten. Drin auf dem Tisch, von dem sich Kaddour langsam erhebt, sind Metallteile, fettige Putzlappen und Drahtbürstchen verstreut – ein Gewehr, zwei Revolver, die fünfzehnjährige Übung zerlegt hat. Heute nacht sollen sie Arbeit erhalten und den töten, der Baschir getötet hat. Drei Stunden spricht der kleine Kapitän zu dem gebückten Mann und sucht ihm das abendländische Gesetz begreiflich zu machen, das manchmal den Mörder eines guten Mannes schützen und manchmal den Mord an einem Verräter strafen muß… Endlich reitet er und besitzt Kaddours Wort. Und Kaddour tritt gebückten Hauptes aus dem Haus, um das Wasser in die Kanäle seiner Palmenhaine zu leiten, das er aus achtzig Meter tiefem Brunnen aufwindet, auf ewig knirschenden Radrollen… Sahara Ein junger Kapitän, Edmond Villers mit Namen, war zum Postenchef von Tamanrasset im Hoggar ernannt worden. Bei dem Abschiedssouper, das seine Kameraden ihm zu Ehren veranstalteten, brachte sein Major einen Trinkspruch aus, in dem er erklärte: es sei wohl kaum einer unter den Anwesenden, der Villers nicht beneide. Es gebe zwei Arten von Neid: jenen widerlichen, der dem Begünstigten sein Glück nicht gönne, und da dieses Gefühl unter Kameraden ganz unmöglich sei, wolle er es erst nicht länger beleuchten. Der andere aber, der gute, der erlaubte Neid, sei vom Ehrgeiz gar nicht so sehr verschieden. Der wolle dem Bevorzugten nichts rauben, nur selbst ein wenig an seinem Glück teilhaben – »und wie schön wäre es wohl, meine Herren, wenn unsre ganze Tafelrunde mit hinunterzöge? Palmen! Sahara! Schöne braune Mädchen! Und nicht zu vergessen: man wird ja ein Krösus bei diesen schamlos hohen Kolonialzulagen!« Dann dankte Kapitän Villers. Man hatte ihm einen Strauß aus Rosen des Tafelschmuckes zwischen die Knöpfe der Uniform gesteckt, und er sah prachtvoll aus, wie er so stramm dastand, den Kelch in der erhobenen Rechten. Villers Großmutter war Spanierin gewesen, von ihr hatte er den südlich-matten Teint, die heißen Augen, das Haar, auf dem ein blauer Schimmer lag. Er war ein schöner Mann, breit in den Schultern, toreroschlank in den Hüften. Die Frauen liebten ihn alle, weil sie fühlten, wie wichtig sie ihm waren. Einen Kreuzfahrer der Liebe nannte er sich, denn, wenn er sich dem Süden »voll Verlockung und Gefahr« zugeschworen habe, so geschehe es um seiner Dame willen: »Ma blonde, m'amie.« Für sie entrolle er die Fahne, und wenn es ihm – wer weiß – bestimmt sei, im Wüstensande zu sterben, dann falle er für Frankreich und für seine Braut Hélène de Forlan. Von all den Händedrücken, die Villers nach dieser Rede empfing, war keiner fester als der seines künftigen Schwagers, Leutnant Jacques de Forlan. »Jacquot«, wie alle ihn nannten, war ja an all dem schuld, ach, und er war so glücklich. In diesem Frühling war er nach drei Jahren des Dienstes beim »groupe mobile« im Hoggar nach Paris gekommen, um die sechs fetten Urlaubsmonate mit Maman und Nénène zu verbringen. Er war es gewesen, der damals im Theater Villers Mrs. Lawrence vorgestellt hatte, weil die Amerikanerin sich in den bildschönen Kapitän unten im Parkett vergafft zu haben schien. Und dieser Kapitän hatte unbegreiflicherweise nur Augen und Ohren für die blonde Gesellschafterin gehabt – für die arme kleine Hélène de Forlan. Jacquot hatte als Vertrauter Hélènes Liebe wachsen gesehen, die unbändige, verzückte, verschreckte Liebe des Aschenbrödels für den lächelnden Prinzen. Das alles begriff Jacquot sehr wohl. Aber daß dieser Prachtkerl, dieser Villers, die kleine Nénène heiraten wollte, mit deren Lederpuppe man als Bub gespielt hatte, das war so nett von ihm, daß man ihm sein ganzes Leben lang nicht genug danken konnte. Dies wiederholte Jacquot der Schwester auch stets, wenn sie bleich vor fassungsloser Eifersucht zusah, wie ihr heimlich Verlobter auf Mrs. Lawrence's Festen mit allen Frauen flirtete. »Er will aber doch nur dich, er gehört doch nur dir!« tröstete Jacquot. Und eines Abends war Villers in das Nachtlokal gekommen, wo Jacquot auf seinem Barstuhl pflichtschuldigst »Paris auf Urlaub« genoß. »Schau dir das an!« hatte Villers gesagt, den schönen, roten Mund in Ekel verzogen und mit einer Handbewegung alles fortwischend. »Den Saal voll Frauen, die mit Negern, und voll Männern, die mit straußfedernbeschürzten Mulattinnen tanzen, die Betrunkenen, die Jazz. Wird dir nicht übel? Ich für mein Teil hab' es satt, die Schulden, das Gehetztsein, die Weiber, das ganze Tamtam. Bis daher habe ich alles. Die Nénène, weißt du, das ist ein anständiges Mädchen.« Und plötzlich, mit zusammengekniffenen Augen Jacquot ins Gesicht starrend, hatte er gefragt: »Du hast gesagt, daß du da drunten glücklich bist. Hand aufs Herz, ist das wahr gewesen?« – »Ja«, hatte Jacquot gesagt, voll Sehnsucht, das einmal richtig klarmachen zu können, wie es war, wenn man mit seinen Kamelreitern aufbrach…, die Weite…, das Einssein mit der Landschaft auf dem »Mehari«, dem Kamel…, das Aufsichgestelltsein als Mann, Offizier und Mensch. »Das hast du mir schon alles fünfzigmal erzählt. Du, was meinst du? Wenn Roffo wirklich so krank ist, wie du sagst…? Ich werde um Tamanrasset einkommen!« »Nein, Edmond! Das ist doch nichts für dich!« »So? Warum? Meinst du, nur du bist zum Saharien geboren? Und dann ..., ich habe mir gedacht, du schickst als Leutnant deiner Mutter von drunten jeden Monat solche Beträge. Wenn ich hinuntergehe ..., ich bitte dich, was kann ich denn für mich in solch einem Nest brauchen? Dann zahle ich meine Schulden und heirate Nénène. Vielleicht lasse ich sie schon nach zwei bis drei Monaten nachkommen!« Und Villers hatte Jacquot gedrängt, den Onkel im Kriegsministerium zu bearbeiten, und Jacquot (man kann soviel leichter für jemand andern bitten) hatte zum erstenmal seinen Onkel um etwas angegangen und war angebrüllt worden. Aber dann war der arme Kapitän Roffo in Vichy gestorben, und Villers hatte Tamanrasset doch bekommen. Jacquot verzichtete selbstredend auf seine letzten zweieinhalb Urlaubswochen, um mit Villers gemeinsam hinunterzufahren. Als sie in Algier aus dem Schiff stiegen, war es Jacquot zumute wie einer jungen Mutter, die den ersten Weihnachtsbaum für ihr Kindchen schmückt. »Jetzt betrittst du afrikanischen Boden«, sagte er. Am nächsten Morgen ging ihr Zug. Während der Fahrt zog Villers nähere Erkundigungen ein. Jacquot hätte niemals daran gedacht, jemandem zu erzählen, daß der Telegraphist trank und der Feldwebel seine Frau schlug. Aber Villers hatte eine so besondere Art, zu sagen: »So! Du willst also deinen Vorgesetzten uninformiert lassen?« ..., daß Jacquot weiter von allen diesen verlorenen Schicksalen erzählte. »Na, das wird ja jetzt unten alles anders werden«, sagte Villers, sich auf seiner Bank ausstreckend. Und als Jacquot murmelte, das sei eben so in der Sahara, äffte er nach: »Sahara! Sahara! ... Ich werde euch zeigen, daß man auch in der Sahara als Offizier und Mann ein exemplarisches Leben führen kann!« Jacquot betrachtete lange die schönen, regelmäßigen Züge des Schlummernden. Sie fuhren durch die Region der Salzseen zwischen Algier und Djelfa. Die weiten, glimmernden Flächen spiegelten blendend das weiße Licht. Und Jacquot dachte über Tamanrasset nach, über den Militärarzt, der während der letzten Malariaepidemie die Arbeit von vier Männern verrichtet hatte und dem in seinem Lehmziegelbau zwei halbwüchsige Negerinnen haushielten. Über den Telegraphisten, dessen Dienst keine Ablösung kannte, und der sich jeden Abend nach der »Popote«, der Offiziersmesse, noch zur Kantine trollte, um sich seine Flaschen nach Hause zu holen. Er dachte an dessen Frau, Geneviève, die ohne Dank noch Entgelt die Assistentin und Krankenschwester des Doktors geworden war, und die sich mit jedem weißen Mann einließ, der nach Tamanrasset kam. Er dachte an die zwanzigjährige Yvonne, die Frau des Feldwebels, die der Messe vorstand wie ein Mann, und vierzehn faule, diebische »Bouzous«, Negerboys, in Schach hielt. In der totenstillen, sternklaren Nacht hatte man sie manchmal schreien hören: »Schlage mich nicht ganz tot, François, ich liebe dich! ...« Die beiden Offiziere erreichten spät abends Djelfa, den Ort, wo die Eisenbahnlinie endet und die Sahara beginnt. Villers war übelster Laune, Jacquot hatte von Algier aus telegraphisch Zimmer bestellt, aber Villers meinte, nie ein niederträchtigeres Logis gesehen zu haben. Die Zimmer hatten weder Verbindungstüren noch Fenster. Ihre Leere hallte wie die von Kirchenschiffen, und der Schein der einsamen Kerze vermochte nicht, die Höhe der Decke zu erreichen. Der offene Säulengang, auf den die Zimmertür als einziger Licht- und Luftquell mündete, lief rings um den weiten Hof, der stockdunkel und voll unbehaglicher Belebtheit war. Alle Augenblicke klumpten sich im offenen Türrahmen wispernde, kichernde Schatten zusammen. Villers hatte das höchst unangenehme Gefühl, auf einer erleuchteten Bühne für diese Herrschaften zu agieren. Dazu bekam Jacquot natürlich das Patentschloß nicht auf, das Villers an seinem Koffer »für diese Diebskerle« hatte anbringen lassen. Es blieb also nichts übrig, als im Taghemd schlafen zu gehen. Trotz Jacquots Versicherung, daß niemand den Sidi Kapitän bestehlen würde, versperrte Villers hinter ihm die Tür und war just im Begriffe einzuschlummern, als sich draußen im Hof ein Höllenlärm erhob. Die Tritte von Pferdehufen prasselten, man schrie und pfiff und lachte und befahl, Hunde schlugen jaulend an, man lief Türen schlagend hin und her. Villers sprang aus dem Bett, ergriff seine Reitpeitsche und war fest entschlossen, wenn Jacquot nicht bald etwas dagegen unternahm, selbst Ordnung zu schaffen. Er sperrte die Tür auf, die krachend an die Wand flog, sah beim Fackelschein in braune und schwarze Gesichter und schrie: »Verdammte Bicots! Ich werde euch lehren, mich zu wecken ...«, aber er schlug nicht zu. »Entschuldige die Störung, Sidi«, sagte in tadellosem Französisch ein weißbärtiger Araber. »Ich suche Leutnant de Forlan.« In diesem Augenblick stürzte Jacquot aus dem Nebenzimmer und flog mit einem Freudenschrei dem Alten an den Hals. Der kleine Leutnant verschwand beinahe in den weißen Burnusfalten. »Meine Reiter haben dich auf der Station erspäht«, sagte der Alte. »Sie haben mir gemeldet, daß der Freund nahe ist. Ich bin hiehergeeilt, um dir die Diffa zu geben. Ich wohne bei meinem Tochtersohn Hadsch Mahbrouk, den du kennst, draußen in der Palmerie.« Dann ward Villers vorgestellt und ließ seine Reitpeitsche irgendwohin ins Dunkle fallen. Er erfuhr, daß der Alte Basch-Agha von Laghouat sei. Soviel verstand er bereits, um zu wissen, daß er demnach einem von Frankreich eingesetzten Distriktsfürsten gegenüberstand, einem »Scheik«, wie Film und Roman das nannten. Es blieb nichts übrig, als sich nochmals anzukleiden und den herrlichen Apfelschimmel mit Lehnensattel zu besteigen, den ein Neger hielt. Villers fand alles scheußlich, das arabische Haus, die elf traditionellen Gerichte des Ehrenmahles, deren rote Pfefferwürze ihm die Kehle verbrannte, das Gespräch, das, obwohl ihm zu Ehren französisch geführt, sich um Dinge drehte, die nur Jacquot angingen. »Mein Freund, die Kamelfüllen sind noch nicht gekauft. Mein Sohn Scherif hat dich ja erst Ende Dezember zurückerwartet. Er war wohl der Sache wegen in den »Blauen Bergen«, aber du weißt: Zeige dem Targui Eile beim Handel, und du zahlst zwölffachen Preis ... Und ..., mein Sohn, ich habe eine Gabe für dich, ein Ding, wovon ich wußte, daß deine Augen es wünschen und nur dein bescheidener Mund es nie begehrt hat!« Der Basch-Agha klatschte in die Hände, und Villers sah einen Negerjungen einen gräßlich jaulenden Köter hereinzerren ..., ein Vieh, wie Villers noch keines gesehen hatte, mit Giraffenbeinen und dünnem Barsoihals. Er begriff nicht, was Jacquot um dieses Tieres willen angab, ihm waren der alte Bicot, der stinkende Neger, der nervöse, braunblaue Hund alle gleich zuwider. »Ein Sloughi! Edmond! Un sloughi de pure souche! Man sagt: Der Araber gibt lieber seine rechte Hand als seinen Hengst, und lieber seinen Hengst als seinen Sloughi!« Der Alte lachte. »Wahr, wahr! Er ist ein Schriftgelehrter und kennt alle unsre Sprüche.« Villers glaubte seine gute Chance gekommen. »Oh, Basch-Agha, auch ich besitze einen Koran und lese oft die heiligen Worte!« lächelte er strahlend. Jacquots Fuß traf unsanft sein Schienbein. Zugleich sah Villers, wie das Lächeln des Alten erlosch und seine Stirn sich runzelte. Jacquot begann hastig über Futter und Aufzucht des jungen Hundes zu sprechen. »M'hemmed geht mit dir«, sagte der Alte, einfach auf den Neger weisend. »Drif frißt von keiner andern Hand. Im Februar werden wir mit ihm Gazellen jagen! Dein Freund kommt mit?« fragte der Alte mit vollendeter arabischer Höflichkeit, und Villers lächelte: »Mit Vergnügen, Basch-Agha.« »Dein Vorgänger, der arme Kapitän Roffo, war oft mein Gast. Ich betreibe noch die Falkenjagd auf Gazellen zu Pferde und mit Sloughis als Letzter von uns allen. Für gute Pferde brauchst du nicht zu sorgen, Sidi, ich ziehe sie selbst. Hoffentlich bist du so ein guter Schütze wie Leutnant Forlan und so ein guter Saharien. Nun, jedenfalls du wirst hier viel von ihm zu lernen haben.« Am Morgen endlich schlief Villers ein. Aber da ratterte »la machine« in den Hof, der zerbeulte Citroën, der sie nach Ghardaia bringen sollte. * Villers kam in der besten Saison nach Tamanrasset, Ende November. Es hatte seit drei Jahren zum erstenmal geregnet, und die dankbare Sahara gab, was sie vermochte, ungewohnte Mengen von graugrünem Drinn, dem Weidefutter der Kamele, und sie tat sogar noch ein übriges, indem sie die Dornbäume mit dem Grün winziger Blättchen überperlte. Jetzt also kannte Villers die Sahara, und jetzt hatte er seinen ersten Targui gesehen. Ihr Auto hatte irgendwo eine Panne gehabt, die zehnte am Tage. Sie waren ausgestiegen und hatten eine Zigarette geraucht, während der Chauffeur auf dem Rücken unter dem Wagen lag und die drei arabischen Mitfahrer unbekannten Berufes, hockend oder zu ihm gebeugt, in kehligem Gegurgel ihre leidenschaftlich interessierte Teilnahme aussprachen. Plötzlich begann Drif, der Sloughi, rasend zu bellen – mit dröhnendem Nachhall wie ein Gong. »Na endlich!« sagte Jacquot, als habe er lange schon auf etwas gewartet, und warf nervös die Zigarette fort. Villers folgte seinem Blick. Die Sonne war im Niedergehen, und der Himmel brannte in Streifen von Schwefelgelb, Orange, Ziegelrot und Amethystpurpur. Auf einer Anhöhe, von diesem wild brennenden Hintergrund sich scharf abzeichnend, hielt ein Kamelreiter. Das Reittier war perlweiß und unvergleichlich größer und stolzer als alle Kamele, die Villers bis nun gesehen hatte. Der Mann auf seinem Rücken trug einen dunklen Mantel und hochroten Gurt. Er hielt einen weißleuchtenden Langschild am linken Arm. Wie ein Visier barg ein schwarzer Schleier sein Gesicht. Seine Lanzenspitze leuchtete. Plötzlich stieß der Mann einen Schrei aus, ein »Hou, hou!« von so gellender Wildheit, daß es Villers kalt überlief. Und Jacquot riß sein Pfeifchen aus der Brusttasche und antwortete mit einem Signalpfiff. In diesem Augenblick krachten die ersten Schüsse. Mit einem herzkrampfenden Gefühl von Verrat und Gefahr sah Villers den Reiter in einem Tempo, dessen er niemals ein Kamel für fähig gehalten haben würde, den Hügel hinabrasen. Fünf, zehn, zwanzig, fünfzig Kamelreiter folgten. Sie wirbelten Gewehre in der Luft und fingen sie unter ohrenbetäubendem Jauchzen wieder auf, in das sich das schneidende Hou, hou! mengte. Villers entsann sich, gehört zu haben, daß die Tuareg ihre Raubüberfälle mit diesem Ruf begleiteten. Er roch Pulver, Schweiß, Kameldunst. Er sah in einem schwarzen Schleierschlitz, wie von allem Menschlichen losgelöst, zwei übergroße, wilde Augen grausam lächelnd auf sich gerichtet. Er sah die Lanzenspitze nach seinem Haupte zielen, duckte sich mit einem Laut, der als Schrei vermeint war, aber wie in Alpträumen nur als ein Röcheln laut ward. Um Fingerbreite zischte der Tod an ihm vorbei. Drei, sechs, zwölf Lanzen schienen kein anderes Ziel als seine Brust zu suchen. Und vielleicht würde Villers doch noch eine Dummheit begangen haben. Da aber rief Jacquot grell, hoch, hallend in fremder Sprache einen Befehl. Und Mann für Mann dieser heranjagenden Kamelreiter hielt mitten im Ritt an, sprang, ohne erst sein Tier knien zu lassen, aus dem Sattel herab und präsentierte. »Mein Kapitän«, meldete Jacquot, »sechzig Schaamba-Schützen vom groupe mobile, Sektion Hoggar, unter Befehl des Leutnants Forlan!« Villers atmete auf und begriff, daß all dies nur ein kleiner Reiterscherz gewesen war, eine »Fantasia«. Um das Auto herum standen die Araber und sahen grinsend zu wie bei einem Feuerwerk. Er sah, daß es keinem Menschen eingefallen war, die Sache ernst zu nehmen außer ihm allein. Und Jacquot wußte nicht, daß der Augenblick, auf den er sich seit Tagen am stolzesten gefreut hatte, Villers zu seinem Feinde machte. Der Hauptmann winkte: »Abtreten.« »Und dies, mein Kapitän, ist Auquhal, der Sohn des Königs Akhamuk, mit sechzehn edlen Tuareg-Hoggar. Sie kommen aus den Bergen, um Getreide vom Depot zu holen.« Der Targui sprang mit unnachahmlicher Grazie und Leichtigkeit von der Turmhöhe seines Mehari herab und kam auf Villers zu. Er überragte ihn um Haupteslänge und schien noch größer durch den Tagelmust, den diademartigen, schwarzen Schleierbund, der mit blauen und roten Bändern schön umflochten war, deren lose Enden im Büschel über die rechte Schulter fielen. Auf der Stirn quollen seine Locken vor, leicht und glänzend wie Frauenhaare. Der Schleier stieg bis zur Nasenwurzel empor, bis zu den langen, gebogenen Wimpern. Man dachte sich das Gesicht, das der Schleier verbarg, schön und jung und kühn. Der Targui streckte langsam seinen Arm aus, der von der Sonne schwarz gebrannt war – mit viel hellerer Haut an der Unterseite – und auf den das Blau des Mantels abgefärbt hatte, wie die Tuareg das lieben. Er höhlte eine überraschend schmale, schlanke, müßige Hand vor. »Tabac francais?« fragte er hinter seinem Schleier, und die herrlichen Augen lachten dabei. Villers gab mit Händen, die noch zitterten, alle Zigaretten her, die er bei sich hatte, und ärgerte sich, als der Targui sie nahm, ohne zu danken. Beim Auto herrschte ein erregtes Palaver. Jacquot kam eilig und erklärte, es könne noch Stunden dauern, bis die Panne behoben werde. Ob Villers nicht, statt zu warten, ein Mehari besteigen und die letzte Strecke reiten wolle? Mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, nickte Villers. Diesmal mochte der Saharien ruhig sein, er würde sich nicht zum zweitenmal fangen lassen. Jacquot gab gute Ratschläge, während er den Fuß auf das Knie des liegenden Tieres gesetzt hielt, um es am Aufstehen zu hindern, bei Villers richtig im Lehnensattel säße. Der Neuling hatte trotzdem das Gefühl, als explodiere eine Bombe unter ihm, als das losgelassene Vollblut in drei Rucken hochging. Nach dem grausamen Gerüttel der ersten Minuten aber sagte ihm sein Reiterinstinkt, daß es hier nur gelte, sich dem kreisenden Wiegen des Paßganges hinzugeben. »Na also, das geht ja!« rief Jacquot ihm zu, der selbst so behaglich wie ein Engländer in seinem Fauteuil droben zu lümmeln schien. Und dann sah Villers Tamanrasset vor sich liegen. Grau, gerade, flach, aus Lehmziegeln gebaut; die Dächer schimmerten, vom letzten Licht mitleidsvoll übergoldet. Die Schatten wirkten tintenblau, fast violett. Kein grüner Wipfel, kein einziger Farbfleck. Nur über dem Dach des »Bordj«, der Befestigung, hing schlaff wie ein ausgebeuteltes Staubtuch eine Fahne von der Stange herab: die Trikolore, die ihn grüßen sollte. * Villers präsidierte zum erstenmal bei der »Popote«. Er hatte allerhand überstehen müssen, ehe er so weit hielt. Ganz Tamanrasset war bei seinem trompetenschmetternden Einzug auf den Beinen gewesen. Die gesamte Straßenjugend vor allem, in allen Farbstufen, vom Käseweiß der Mozabiten bis zum fettglänzenden Ebenholzschwarz der Negersklaven. Aber welcher Farbe sie auch angehörten, zerlumpt und schmutzig waren die Kinder alle, und manchen saßen die Fliegen wie schwarze Traubenbüschel in den entzündeten Augenwinkeln. Von allen Dächern gellte zum Willkomm das »Ji-Ji-Jiii« der verschleierten Araberinnen, trommelfellzerreißender als Schiffssirenen. Die Postenmannschaft – schwarze Tirailleure – präsentierte. Die Schaamba des unvermeidlichen Jacquot formierten mit ihren Kamelen ein Gefechtskarree und gaben in Deckung hinter ihren Tieren Salven ab. Der Militärarzt, der Majorsrang hatte, überreichte Villers mit allen Zeichen unverständlicher Feierlichkeit den riesigen Eisenschlüssel zum »Depot«, wie zu einem Heiligtum unbekannter Götter. Später erst verstand der Kapitän, daß es sich um das Lagerhaus für Weizen und Mehl handle. Dann war noch der Schrecken zu überstehen, als Villers seine Wohnung sah. Er hatte auf dieser dreieinhalb Wochen langen Reise gemeint, alle Gedanken an Europas Wohnkultur aufgegeben zu haben. Aber was der unvermeidliche Jacquot einem da als trautes Heim vorstellte, das ging denn doch über die Hutschnur. Zwei langgestreckte Löcher, in deren völliger Kellerdunkelheit man gegen den Mittelpfeiler anrannte – die Deckenstütze, die aus dem roh zugehauenen Stamm einer Palme bestand. Man erzählte Villers, daß das unendlich langsame Wachstum dieser Palmenart ihr Holz so zäh werden lasse, daß es selbst den Termiten des Hoggar zu widerstehen vermochte. Villers riß den Lappen von der Fensterluke – da aber brachen zugleich mit dem brillantenen Licht die Fliegen in so kompakten Schwärmen herein, daß sie ein Surren verursachten wie ein Ventilator. Es gab kein Bad. Nur zwei breite Tonamphoren voll heißen Wassers, in deren jede man mit einem Bein stieg, um sich von einem Negerboy abreiben zu lassen. Es gab auch keine Tür. Jeden Augenblick kündigte jemand draußen durch Händeklatschen seine Gegenwart an und hob zugleich auch schon den zerfetzten Vorhang. So war auch M'hemmed, der Mozabit, zu ihm gekommen, und Villers erzählte bei der »Popote«, wie der bleichgesichtige Mann, ohne sich durch seinen Zorn beirren zu lassen, dem Sidi-Kapitän angetragen habe, zu beschaffen, was sein Herz begehre: Targuias, Araberinnen, Ouled Nails, Kamele, Pferde, Champagner, Geld. »Endlich habe ich ihn hinausgeworfen«, erzählte Villers. Er saß unter der Karbidhängelampe, die mit puffenden, knisternden Geräuschen brannte. Er sah wundervoll aus in der weißen Paradeuniform, und er wußte es. Auch die dunklen Augen der Frau ihm gegenüber sagten es ihm. Woher dieser Kerl bloß die Frechheit zu solchem Anerbieten nahm? Gab es denn überhaupt die Möglichkeit, daß irgend ein Offizier mit solch einem schmierigen Individuum gemeinsame Sache machte und Geld bei ihm auftrieb? Und schon, daß man annahm, er würde sich je mit farbigen Weibern einlassen, sei eine Beleidigung des weißen Mannes! Es entstand eine unbehagliche Pause, und Jacquot, der dem Militärarzt gegenüber saß, wurde rot. Aber, als er seine Bemerkung an den Mann gebracht hatte, begann Villers, seinen ganzen Zauber spielen zu lassen. Er erzählte dem Telegraphisten mit den stumpfen Trinkeraugen, daß er – wie sonderbar! – einmal in Grenoble just dem Häuschen gegenüber gewohnt habe, das dessen Eltern gehörte, und er beschrieb, von Ausrufen des Telegraphisten unterstützt, die Veranda und das Gärtchen mit den Rosen so genau, als sei er wirklich dort gewesen. Er zeigte das tiefste Interesse an des Doktors phrenologischen Messungen der Tuaregstämme. Und als Yvonne hochrot aus der Küche kam, da sagte er ihr, so eine Hammelkeule hätte er nur einmal im Ritz in Paris zu essen bekommen. Geneviève bereitete im Halbdunkel drüben auf ihrem Spiritusgaskocher den abendlichen Menthetee, die »Nana«. Jacquot kam zu ihr, seine braunen Augen strahlten. Er wies mit den emporzuckenden Augenbrauen nach dem schönen Mann unter der sprühenden Karbidlampe. »Ist er nicht nett?« fragte er. Geneviève sah ihn an. Sie hatte die fahlgraue Haut, das müde, frühgealterte Gesicht der Frauen, die unter unbarmherziger Tropensonne viel gearbeitet haben. Ihre Zähne begannen zu leiden. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, es war, als zählten sie gar nicht. Nichts an Geneviève zählte als die süße, tiefe, volle Altstimme und die Hände, biegsame, langfingrige, angerauchte, nie gepflegte Hände, deren seidigem Adel nichts etwas anzuhaben vermochte. Geneviève lächelte mit geschlossenen Lippen. »Gefällt er Ihnen nicht?« fragte Jacquot entsetzt, erstaunt, gekränkt. Immer noch sah sie ihn an. Sie waren gleich groß. Man sagt nicht in der Sahara: »Ich liebe dich immer noch. Ich bin in diesen sechs Monaten gestorben vor Sehnsucht.« Man sagt: »Kleiner, dummer Jacquot! Hübsch, daß Sie wieder da sind. Zwei Stück Zucker, nicht wahr? Sie sehen, ich weiß es noch.« »Danke. Wissen Sie, Geneviève, ich erwarte mir so viel für ›ihn‹ von Villers. Er hat heute kaum eine einzige Flasche getrunken.« »Er«, das war der Telegraphist, der bis zu den weißen Mäusen trank. Geneviève zuckte die vollen Schultern unter der nachlässig geknöpften Negerbluse. »Er holt's später nach.« »Nun, kleiner Jacquot, waren die Frauen schön in Paris?« Hundertmal hatte sie überlegt, wie sie das – ganz hingeworfen – fragen würde, aber jetzt hatte sie es doch gesagt, als habe sie Watte in der Kehle. Ihr Herz begann wild zu klopfen. Aber er antwortete rasch und ganz ohne Hinterhalt. »O ja, schon! ... Aber schau'n Sie, ich wollte natürlich soviel als möglich mit Maman sein, wenn Nénène nicht frei war, und soviel als möglich mit Nénène wenn sie frei war. Ich habe Ihnen ja damals geschrieben, als meine Schwester sich verlobte. Wissen Sie, ich bin ein so schrecklich schlechter Briefschreiber ...« Geneviève nickte. Alle Männer, die sie kannte, waren es. »Sehen Sie, Geneviève – Paris – und – ›Urlaub genießen‹ und – ›Nachtleben‹ ..., das ist ja alles sehr schön ...« Er lehnte den schon frisch geschorenen Kopf an die teerbestrichene Mauer und lächelte: »Aber heute abend ..., als ich über den Platz gegangen bin und die Sterne gesehen habe – in Paris sieht man sie ja nie vor all den Lichtreklamen, es ist, als gäbe es da überhaupt keine ... Ach, und das Lagerfeuer von den drei Arabern, die von Tit herübergekommen sind – und den Brandgeruch von diesem – na! – wie heißt denn das Kraut? Ich hab's wahrhaftig vergessen, Geneviève, das, womit sie feuern?...« »Harmel«, sagte Genevièves tiefe, zärtliche Stimme. »Harmel! Natürlich! Wissen Sie, daß ich von diesem Geruch geträumt habe ...? Ach, Kinder, ist das schön, wieder bei euch zu sein!« »Ja!« sagte Geneviève langsam. »Sie haben's gut. Sie lieben die Sahara. Unsereiner braucht schon irgend ein Steckenpferd, damit er es aushält.« Villers hatte sich drüben losgemacht. Jetzt kam er, um einmal nachzusehen, was dieses Äugelchenmachen bei Tisch eigentlich bedeutet habe. Man würde sie anscheinend dem unvermeidlichen Jacquot ausspannen müssen. »Störe ich?« lächelte Villers. »Nicht im geringsten«, erklärte sie höflich. »Ich habe Leutnant de Forlan eben gesagt, daß man, um die Sahara zu ertragen, das braucht, was die Engländer einen Spleen nennen. (Sie sprach das Wort französisch aus: »un splêne«.) Haben Sie schon einen, Kapitän?« »Vielleicht?« antwortete Villers gedämpft und heiß und dachte dabei: »Ungepflegte Haare.« Er befahl dem Bouzou: »Einen schwarzen Kaffee, extrastark! Mach schnell!« »Aber Edmond! Du darfst doch in der Sahara abends keinen Kaffee trinken!« war Jacquot unvorsichtig genug, zu rufen. »Keinen Schwarzen, Salem! Der Sidikapitän trinkt eine Nana!« »Herr Leutnant!« Villers Stimme klang hoch und schneidend. »Ich verzichte auf Ihre Ratschläge. Sollte ich jemals in Zukunft für sie Verwendung haben, so werde ich Ihnen befehlen, sich zu äußern.« Über Jacquots kleines, sommersprossiges Gesicht flogen Röte und Blässe. Es waren vier Bouzous und die beiden arabischen Ordonnanzen im Raum. Und das oberste Gesetz der Sahara sagt, daß kein weißer Mann eines Weißen Angesicht vor Eingeborenen beschämen darf. Denn vom Mzab bis in den Sudan, von Tanger bis Tozeur läuft als Gerücht durch die Sahara, was der eine Sidi dem andern Sidi gesagt hat, und Eingeborene vergessen nie. Villers aber hatte das vergessen. Wie immer und überall, wo man ihn brauchte, war plötzlich der dicke Doktor da, und er klopfte Villers auf die Schulter. »Wissen Sie, Kommandant, in der Sahara gibt es nur einen wirklichen Herrscher, und das ist unsre Leber! Und als zukünftiger Vertrauter und Arzt der ihren verordne ich Ihnen heute abend nach all dem vielen Wein und Nikotin zunächst – eine Nana.« Villers begriff natürlich. Er neigte den schönen Kopf, er lächelte strahlend: »Wenn Madame die Liebenswürdigkeit haben wollte, sie mir zu kredenzen?« »Na, Jacquot?« sagte der Doktor und sah über die Brille hinweg den Leutnant fast zärtlich an. »Fünfeinhalb Monate habe ich auf meine Schachpartie warten müssen.« »Gern, Doktor«, antwortet Jacquot, und der Bouzou sprang schon ums Schachbrett. »Sie nehmen die Weißen«, sagte der dicke Doktor, mit Jongleurgeschwindigkeit seine Figuren aufstellend. Da wurde der Vorhang mit solcher Hast geteilt, daß die Bambusstäbe und Glaskugeln rasselten. Jacquots Ordonnanz Ousman stand auf der Schwelle, stramm, den flachen Handrücken salutierend an den Turban gelegt. Mit einem Satz war Jacquot bei ihm. Frage und Antwort wechselten rasch in gutturalen, arabischen Sätzen. Alle Anwesenden folgten dem Gespräch, außer Villers. »Es ist gut!« sagte Jacquot tief atmend, und der Araber machte salutierend kehrt. »Kinder«, jauchzte der Leutnant, »wenn das kein Glück ist!« »Sie müssen sofort seine Apotheke nachsehen«, mahnte der Doktor Geneviève, und Geneviève – süßen, heißen Liebestriumph in ihrer Stimme – sagte: »Das ist schon geschehen, sowie Jacquot Ihnen seine Rückkehr telegraphiert hat.« »Danke, Geneviève! Den Schlüssel, Edmond! Schnell!« »Welchen Schlüssel? Möchtest du deinen Vorgesetzten vielleicht informieren, was hier vorgeht?« – »Ein Rezzou! Mensch! Also bitte den Schlüssel zum Depot, meine Leute müssen doch ihre Ration fassen.« Villers griff in seine Taschen. »Ich habe ihn zu Hause gelassen«, sagte er verlegen. »Macht nichts! Ich hole ihn schon«, lachte Jacquot und lief. »Darf ich Ihnen, als rangälterer Kamerad, raten, den Depotschlüssel niemals von sich zu lassen? Sie müssen sich doch klarmachen, daß Brand oder Beraubung des Depots gleichbedeutend mit dem Hungertod vieler werden könnte«, sagte leise und scharf der Doktor. »Ja, aber wohin will er denn, was ist denn geschehen?« »Er will einen Rezzou niederschlagen«, erklärte der Doktor so deutlich, als spräche er zu einem armen Irren. »Die Tuareg-Azdjer haben einen Einfall gewagt und das ganze Vieh eines Nomadenstammes fortgetrieben. Drei Tuareg-Hoggar sind tot, und der arme Kerl, der kam, um das alles zu melden, hat auch eine Kugel abbekommen, muß jetzt operiert werden. Kommen Sie, Geneviève.« »Sofort«, sagte sie. Ihre Blicke hingen an der Tür. Da war Jacquot im weißen Burnus, mit dem weißen Turbantuch auf dem Kopf, dessen herabhängendes Mittelstück über das Gesicht gezogen wird. Er sah größer aus als sonst und viel vorteilhafter. »Hier der Schlüssel, oder soll ich ihn dem Doktor geben?« »Nein, nein«, sagte Villers hastig und griff danach. »Haltet die Daumen, daß ich die Kerle erwische, bevor sie die Berge erreichen; wir müssen reiten wie die Teufel.« »L'hamdoulillah!« murmelte Geneviève. Die Sahariens benützen die arabischen Formeln gern, sie klingen weniger sentimental als »Mit Gottes Hilfe!« Jacquot legte den Handrücken salutierend an den Turban. Und er war fort. Die Vorhangstäbchen klingelten wild schwankend. »Ja, ja«, sagte der Doktor und sah das Schachbrett an. »Kann man hier je eine Freude haben?« Geneviève ging hinter ihm zur Tür. Ihr Gesicht sah grau und alt aus. »Ich bin um ein Uhr bei Ihnen«, raunte sie. Villers hörte es deutlich. Ein Lächeln zuckte um seinen Mund. Der Bouzou räumte klappernd die Schachfiguren fort. * Villers arbeitete mit ehrgeiziger Hingabe. »Die Postlinie wird ein eigenes Lastkamel für ihn einstellen müssen, wenn das so weitergeht«, fluchte der Feldwebel. Der Telegraphist stöhnte über den Stapel von Depeschen. Wenn der Doktor um sechs Uhr morgens in sein Krankenhaus hinüberging, klapperte Villers' Schreibmaschine schon drüben im Bordj. Und abends sah er noch lang das blinkende Licht seiner Karbidlampe, den einsamsten unter all den blinkenden Sternen. – »Überreste von Europaenergien« – murmelte der Arzt. Villers ließ sich abends meist wegen Überarbeitung entschuldigen. Kam er aber in die Popote, so vermied er es sorgfältig, an die Frauen der Station das Wort zu richten. Die Sahara kennt keine Geheimnisse. Jedermann wußte, daß Villers fünf Tage nach seiner Ankunft Geneviève im Spital gestellt hatte. »Ich will jetzt endlich wissen, warum du mich seither warten läßt? Glaubst du, daß man mit mir spielen kann?« Geneviève hatte vollkommen ruhig geantwortet: »Sie interessieren mich nicht weiter, Kapitän.« »So, ich interessiere dich nicht? Jacquot interessiert dich mehr, was? Seit er zurückgekehrt ist? Triumphator Jacquot! Saharasieger Jacquot! Ich werde dir schon zeigen, wer ...« »Sie werden mich sofort loslassen oder ich zerbreche das Reagenzglas! Es sind Typhusbazillen darin«, hatte Geneviève gesagt, ohne die Stimme zu erheben. Dann hatte Villers angefangen, Yvonne auf Tod und Leben den Hof zu machen. Aber auch deren Antwort kannte die Sahara, die keine Geheimnisse hat. »Glauben Sie, daß ich mich umsonst hier mit zwanzig Jahren vergrabe? Mutter hat ein feines Bäckereigeschäft in Paris, Rue Tabor. Aber dort würde François tausend Frauen haben, und hier hat er nur mich allein. Manchmal erbost ihn das, und er ist rüde zu mir. Aber keine andere Frau ist so glücklich wie ich. Und wenn Sie noch zehnmal fescher wären, für mich gibt es nur einen Mann auf der Welt, und das ist François ...« Damals, als Jacquot wiedergekehrt war (er hatte nur winzige Tagesmärsche machen können, da er das zurückeroberte Vieh und drei Verwundete mit sich führte), als er blondbärtig, zerfetzt und braungebrannt ins Bordj gestürmt war, hatte ihn Villers wegen seiner »unsoldatischen Montur« getadelt. Jetzt begann der Kapitän selber dessen müde zu werden, sich bei flackerndem Karbidlicht das Kinn zu zerschneiden, und als die Hitze stieg, lernte er die bequeme sudanesische Negerbluse schätzen, nahm die weite Tuareghose an und die Sandalen, die, breitflächig wie Schneeschuhe des Nordens, vor dem Einsinken im Sand schützen. Der Doktor beobachtete diese Zeichen. Und eines Nachts, als er um halb zwei Uhr vom Bordj her noch immer die Töne des Grammophons vernahm, goß er das Benzin aus seinem Feuerzeug in den Sand und sagte laut zu sich selbst: »Jetzt gehe ich hinüber.« Er überquerte vorsichtig diesen Platz, der seinen Augen leer und stockdunkel erschien. Alte Erfahrung sagte ihm aber, daß hier und dort unter seinem Fuß eine schläfrige, burnuserstickte Stimme ihn warnen würde: »Achtung, Sidi! Wir sind da, Sidi!« So ging der dicke Doktor, als gelte es einen Tanz zwischen Eiern, bis der Lichtschein aus dem Bordj die Stufen erhellte, auf denen während des Tages Araber und Tuareg zu hocken und die Richtsprüche des Sidi-Kommandanten zu erwarten pflegten. Hier blieb der Doktor stehen. Ein Krachen und Splittern ward vernehmbar, zugleich verstummte das Grammophon. Der Doktor klatschte in die Hände. Ein saftiger, neu erlernter arabischer Fluch erscholl ... »Wer ist da, zum Teufel? Kann man nicht einmal mitten in der Nacht seine Ruhe haben?« Sandalen schlurften, der Vorhang ward zur Seite gerissen ... »Sie sind es, Doktor?« staunte Villers, als sei der Empfang einem ganz anderen zugedacht gewesen. »Verzeihen Sie, ich hörte Sie eben noch Grammophon spielen. Mein Benzin ist mir ausgegangen.« »Aber natürlich, kommen Sie nur herein!« sagte Villers. »Sie müssen wirklich den rauhen Empfang entschuldigen! Aber ich werde hier zu allen Stunden überfallen und zucke zusammen, sowie ich nur das Händeklatschen höre. Man ist ja wirklich einsam genug in dieser gottverdammten Sahara, aber allein ist man keine fünf Minuten. Na, ich habe schon die Maße für die Tür nach Algier geschickt, aber wir leben ja hier auf dem Mond – das dauert ja alles Jahre.« »Eine Tür?« brummte der dicke Doktor. »Soviel ich weiß, ist in der Sahara schon allerhand geraubt, aber nie etwas gestohlen worden.« Er saß als Gast auf der kaum halbmeterhohen, lehmgemauerten Ehrenbank, die die ganze Länge der Saalwand einnahm. Neben ihm in der Ecke war aus zwei Decken und einem Kissen ein Nachtlager hergerichtet worden. Also schlief Villers auch im Amtsraum, verließ ihn überhaupt nicht mehr. Der dicke Doktor kannte das Symptom, auch er hatte einmal monatelang auf der Bank in seinem Wartezimmer geschlafen, wenn man das schlafen nennen konnte. Villers schenkte mit zitternden Händen ein Glas ein, aber die Flasche, die da stand, war noch voll gewesen. Nein, Trinken, das war Villers Gefahr nicht, der Alkohol »griff« nicht bei ihm, machte ihn nicht vergessen. »Ja, eine richtige Tür, die man hinter sich absperren kann, und an die jeder klopfen muß. Sie glauben nicht, wie ich mich danach sehne«, fuhr Villers fort. »Manchmal gehe ich ins Depot hinüber, nur um einmal eine Tür hinter mir ins Schloß fallen zu hören ... Wo haben Sie Ihr Briquet? Ich fülle es sofort.« Der Doktor sah, wie Villers versuchte, mit dem Fuße die Scherben der Grammophonplatte unter den Schreibtisch zu schieben, in denen das verräterische Licht sich spiegelte wie im Wasser. Das herabgeschleuderte Grammophon lag umgestürzt auf dem Boden, ebenso der einzige Fauteuil des Raumes, den der Postentischler noch für Kapitän Roffo aus Kistendeckeln verfertigt hatte und auf dessen Rücklehne »Margarine« zu lesen war. Auf dem Schreibtisch zwischen Büchern, Zigarettenschachteln, Akten, Briefen stand hilflos lächelnd das Bild der blonden Nénène. Der Doktor sah zu, wie das Benzin aus dem Kanister zu Boden tropfte. »Geben Sie acht – sonst haben wir hier noch eine Explosion«, sagte er ruhig und stand auf. »Ein bißchen nervös, was? Armer Kerl!« Und er fühlte den Puls dieser Hand, die sein Feuerzeug hielt. »Was fällt Ihnen ein?« sagte Villers. Seine Stimme schwankte. »Ich bin völlig in Ordnung.« Aber als habe diese Geste der Anteilnahme ihm den letzten Halt genommen, brach er zusammen. Er stolperte zu seinem Lager und begann, darüber hingeworfen, hemmungslos zu schluchzen. Der dicke Doktor saß ganz still. Seine roten Hände mit den geschwollenen Adern hingen zwischen seinen Knien, er hielt den kahlen Kopf gesenkt und wartete auf die Beichte, die jetzt kommen würde. Sie kam. Es war nicht die erste, die der Doktor in sechzehn Jahren des Saharadienstes vernommen hatte, aber niemals hatte er eine haßerfülltere gehört. Villers erstickte vor Haß. Er schrie es dem Doktor ins Gesicht, daß er Tamanrasset hasse, den Hoggar hasse, diese ganze gottverfluchte Sahara! Habe er das nötig gehabt? In Paris stationiert, angenehmer Dienst, Gesellschaften, Bälle, Frauen. O Gott! Wenn er nur an die Lichtreklame denke; so werde er verrückt. Er hasse diesen Schreibtisch und diesen Kistensessel, in dem er sitze und salomonische Urteile fälle, er hasse dies Depot, in dem er, wie ein Müllerknecht bestaubt, schmierigen Kerlen ihre Ration zumessen müsse. Als ob es ihn etwas angehe, ob sie hier alle zusammen verreckten. Und hier solle er zwei Jahre leben? Noch sechshundertundfünfundsiebzig Tage – er habe es ausgerechnet. Wenn er das nur dächte, bräche ihm kalter Schweiß aus! Hier? Hier? Zwei Jahre auf dieser Teufelsinsel? Der dicke Doktor hatte mit keiner Wimper gezuckt. Jetzt sagte er langsam: Villers spreche, als sei er irgendwo im Territoire du Niger stationiert, wo es alle acht Tagreisen einmal einen Weißen gäbe. Es lebten doch schließlich auch noch andere Leute in Tamanrasset. »O ja«, höhnte Villers. Es gäbe hier die Gralsburg weißer Kultur, den Inbegriff der Lustbarkeiten, die Popote! Die liebe Popote! Ob der Doktor glaube, daß es erstrebenswert sei, ihm zuzusehen, wie er mit den schwarzen Zahnstummeln sein zähes Lammskotelett kaue? Oder finde er die Gesellschaft eines Trinkers so angenehm, eines Rüpels von Feldwebel und zweier Dienstmägde? Es errege ihm Übelkeiten, das Wort »Rezzou« zu hören oder »phrenologische Messungen« oder überhaupt bloß » Sahara, Sahara, Sahara «! »Schlafen Sie schlecht?« fragte der dicke Doktor, der ihn mit leisen Fingern in der Lebergegend abtastete. »Schlecht? Überhaupt nicht! Drüben im Quartier, das mir euer geliebter Jacquot eingerichtet hat, habe ich einmal einen Skorpion im Bett und einmal einen in der Waschschüssel gefunden. Seither glaube ich mich von diesen Bestien überkrochen, gestochen, sowie ich die Augen schließe.« Der Doktor zog langsam das rote, abgeschabte Etui aus der Tasche, das er immer bei sich trug. »Was haben Sie eigentlich gegen Jacquot?« fragte er leichthin und ohne Villers anzusehen. »Er ist doch so ein netter Kerl.« Das war es. Da kam es. Jacquot! Ein netter Kerl! Ph! Ein gerissenes Subjekt, ein ... na, er wolle lieber nicht reden! Aber das tränke er, Villers, ihm noch einmal ein, daß er ihn hierher verlockt und geschleppt habe ... »Waaas?« fragte der dicke Doktor. Es hatte vielleicht ein bißchen zornig geklungen, denn Villers wich sofort aus. Nein, nein, er meine bloß ..., keine Angst, er sei weit entfernt davon, des Doktors Jacquot anzugreifen, Genevièves Jacquot! Den Jacquot aller Tuareg, der ganzen Sahara! Aber der Doktor müsse zugeben, das Zusammentreffen all der Zufälle sei erstaunlich! Mrs. Lawrence, geschiedene Amerikanerin, schwer reich, immer noch schön, lasse sich ihn, Villers, vorstellen, vielleicht könne er die Partie machen – wer schiebe sogleich seine Schwester vor? Jacquot. Wer sei der Vertraute, der Liebesbote, der Cupido? Jacquot! Er, Villers, habe kein Geld zum Heiraten, wer preise ihm die Reize dieses Tamanrasset in glühenden Farben an, wozu man wirklich ein Schuft sein müsse oder ein Idiot? Jacquot, Jacquot. Wer habe den Onkel vom Ministerium sozusagen in der Westentasche? Der unvermeidliche Jacquot. Und nun sei er, Villers, in der Falle, nun helfe nichts mehr. Wenn er diese zwei Jahre im Zuchthaus Sahara abgesessen haben werde, was winke ihm am andern Ende des Tunnels? Da hier, das Bild: die Braut Nénène, das Bräutchen mit den sentimentalen Kilometerbriefen, mit den tränenvollen Kalbsaugen, zu blutlos, zu raffiniert, um sich einem Mann ohne den Ring am Finger hinzugeben, und Jacquot stünde da! Jacquot mit gezücktem Segen! Und indessen sehe er, Villers, zehnmal des Nachts seine Zähne im Taschenspiegel an, ob das Saharawasser sie schon färbe – seine Haare, ob sein Scheitel sich schon lichte, er schlafe nicht, er liege da, und hasse die ganze Nacht, hasse, hasse diesen Jacquot ... »Na, heute Nacht werden Sie schlafen«, sagte der Doktor und holte die Spritze aus dem Etui. »Glauben Sie, ich lasse mich von Ihren schmutzigen Fingern anrühren? Glauben Sie, ich lasse mich von euch vergiften?« brüllte Villers. Aber der dicke Doktor hatte sechzehnjährige Praxis in solchen Fällen, und drei Minuten später bekam Villers seine Dosis doch. Sie wirkte beinahe sofort. Der Doktor löste ihm den gestickten Lendengurt, zog den Leblosen ächzend und schnaufend aus und brachte ihn zu Bett. Ein herrliches Stück Mann! Ein amberblasser Körper voll Muskeln, der vollendete Körper eines Fechters, Reiters, Schwimmers. Was hatte Basch-Agha-Djelloul gesagt? »In der Sahara ist das schlechteste Packkamel wertvoller als das schönste Syrierpferd.« Der Doktor breitete sorgsam die Decke über den Schläfer. Dann sah er auf die Uhr. Es war halb vier. Er tappte müde über den Platz, immer in Sorge, nicht auf die Liegenden zu treten. Die unbegreiflichen Sterne standen ganz nah über seinem Haupte. Manchmal glitzerten sie so stark, daß es schien, als schauderten sie in ihrer kalten Einsamkeit. Der Doktor, der nach ihnen sah, stieß sich hart an dem Mahlstein, den seine Negerweiber vor der Schwelle liegengelassen hatten. * Und dann fand Kapitän Villers sein Saharasteckenpferd. Nénène war es, die ihm dazu verhalf. Sie sandte dem Bräutigam mit jeder Post Pakete von Büchern, für die sie jeden ersparten Centime ausgab und die er niemals zu Ende las. Bis ihm eines Tages das Werk eines Professors in die Hand kam, das er durchblätterte, weil ihn der Name des Verfassers amüsierte, der Guenon: Affenweibchen, hieß. Die darin verfochtene These hätte Villers nicht sehr klar wiederzugeben vermocht. Aber ihm blieb die Idee eines sterbenden, eines im Selbstmord verblutenden Europas und der künftigen Sendung eines naiven, farbigen Volkes, dessen Herrscher Könige und Priester zugleich sein würden. Es war das erste Werk dieser Art, das Kapitän Villers zu Ende las, und es wirkte mit derselben Plötzlichkeit wie seine erste Morphiuminjektion. Er kam jetzt regelmäßig in die Popote, um seine Doktrinen darzulegen. Er wußte, welch ein Volk zu diesem Priesterkönigtum bestimmt sei: die Tuareg. Sie vor der rapid fortschreitenden Vernegerung, die der dicke Doktor durch seine phrenologischen Messungen belegte, zu retten, war Sache eines groß denkenden Mannes, und dieser Mann war er, Villers. Er würde mit dem Brauche aufräumen, der in diesem Reiche des Matriarchats herrschte, daß auch die von sudanesischen Raubsklavinnen einst geborenen Kinder als rechte Tuareg gelten sollten. Er würde ihre noble Größe zwischen Raub und Ruhe wiederherstellen, er würde ... Jacquot lachte. »Ach, Edmond! Du phantasierst von den Tuareg und bist ja noch kein einziges Mal in den blauen Bergen gewesen! Ich muß übermorgen hinauf, um die Kamele des groupe mobile zu übernehmen, die ich auf die Sudanweiden geschickt habe. Wie wär's, wenn du mitkämest? Du kannst eines von meinen Mehara reiten!« Der dicke Doktor und Geneviève tauschten einen kurzen Blick, worauf ersterer sofort erklärte, gerade jetzt Impfungen bei den Tuareg vornehmen zu müssen. Aber alle Vorsicht schien unnötig. Es war, als sei in jenem neunzehnstündigen Schlaf alle Animosität Villers gegen Jacquot verraucht. Und der kleine Leutnant strahlte, weil er Edmonds »Saharaspleen« mit seiner eigenen inbrünstigen Saharaliebe verwechselte. Villers hatte niemals so tintenblaue Berge gesehen, mit vom Morgenrot so rosafarben überglühten Spitzen. Niemals hatte er mit dem Begriff der Sahara einen solchen Bergriesen vereint wie den Ilaman, den höchsten Gipfel des Hoggarmassivs, den er vor sich aufsteigen sah. Abends schlossen sich die Felsen schwärzer und senkrechter um sie als die Wände einer Gruft, über der die Geier kreisten. Und des Nachts sah der Kapitän die Gewehrtänze von Jacquots Schaamba um das Lagerfeuer zur Musik von Reita und Negertrommel. Die Nachtstille um das Zelt war so groß, daß sie wach hielt wie Lärm. Er hörte die Feneks, die kleinen, scheuen Wüstenfüchse bellen, kurz von Drifs verhaltenem Knurren beantwortet. Nah klang das Atmen Fremder. Sand rieselte im Wind, es war, als höre man die Uhr des großen Vaters Zeit verrinnen. Die Stunden im Sattel, vom Gang des Vollblutkamels wie von einer Wiege geschaukelt, reihten sich aneinander. Jacquot hielt das Schachbrett vor sich, und er und der Doktor spielten, so gut es eben ging, im Reiten, wobei Jacquot vor Glück falsch und leise vor sich hinsang. Da endlich blühte es wie ein riesiges Feld roten Klatschmohns vor ihnen auf. Das waren die Schaflederzelte der Tuareg, aus denen die Männer ausschwärmten. Araber würden gelacht haben, geschrien, geschossen, gewinkt. Diese müßigen Krieger und Sieger und Räuber von einst kannten weder Lärm noch Eile. Villers war überrascht, die königliche Würde seiner Wirte zu sehen. Sie kamen heran in ihren tiefblauen Mänteln, mit dem Tagelmust bediademt, rätselhaft verhüllt von diesem Schleier, hinter dem sie selbst die Speise zum Munde führten. Sie hatten niemals daran gedacht, die knabenschmalen, weichen Hände uralten Adelsstammes mit Arbeit zu beschmutzen. Aus ihrem kargen Bergland ausbrechend, waren sie in jahrhundertelangen Raubzügen in den Süden des üppigen Sudans eingefallen, sich Sklaven für ihre Fron zu holen, Weizen für ihre Steinmühlen und Mädchen für ihr Zelt. Immer noch hatten sie nichts als ihren Schild, ihre Lanze, ihr Schwert, in diesem Zeitalter der Tanks, der Flugzeuge, der Maschinengewehre. Sie waren dem Tode geweiht, wenn nicht ein Wunder sie rettete, und der Wundertäter wollte er sein, Kapitän Villers ... Die drei Gäste kauerten auf den Antilopenfellen im Zelte des Amenokhal. Vor ihnen hockte Akhamuk selber, ein Riese, mit ergrauten Brauen über den wilden Adleraugen. Auf seiner Brust raschelten bei jeder Bewegung die unzähligen Lederetuis seiner Amulette aneinander; hinter ihm drängten sich seine Söhne und Verwandten wie Fememasken. Akhamuk sprach Tamahequ, die Sprache seiner Ahnen, mit Jacquot, der liebenswürdig lachend abzulehnen schien, immer wieder kopfnickend, was der Targui als Zeichen der Verneinung nimmt. »Was will er eigentlich von dir?« fragte Villers. »Die Getreidequote will er erhöht haben!« lachte Jacquot. »Na und? Sie bekommen ja eigentlich wirklich wenig Korn«, warf Villers ein. In der nächsten Sekunde blitzten ihn Akhamuks wilde Augen über dem Schleier in solchem Aufglühen an, daß er beinahe erschrak. »Fällt mir nicht im Schlafe ein! Damit er weiter seine Negerhirse frißt und mir unsern Depotweizen durch M'hemmed, den Mozabiten, zurückverkauft? Und die ganze Sahara über mich zu lachen hat? Ah ça, non! Gib acht, du! Ich lege meine Hand ins Feuer, daß der alte Fuchs jedes Wort versteht, das wir sprechen.« Jacquot klopfte dem Amenokhal, der jetzt mit gesenkten Lidern dasaß, auf die Schulter und gab seiner Ordonnanz Ousman einen Wink, die bereitgehaltenen Geschenke aus Salz, Menthetee, Zucker und Komißtabak zu übergeben. Die Tuareg haben es noch nicht vergessen, daß einst die Sahara vor ihnen zitterte. Sie haben zwar gelernt, daß weiße Gäste Betteln anscheinend für höflicher halten als Raub, aber sie greifen zugleich mit der Bitte nach allen Besitztümern, die ihnen zusagen. Das Ergebnis ist nicht sehr verschieden von den Plünderungen ihrer stolzen Vergangenheit. Im Nu waren Uhr, Zigarettentasche, Feuerzeug, Taschenbussole, Brieftasche, kurz was Villers bei sich trug, in ihren Händen. Aber der dicke Doktor und Jacquot hatten ihre Art, mit diesen wilden, großen Kindern umzugehen; am Ende behielt trotz dem bewegten Bild keiner mehr, als was der kleine Leutnant ihm von Anfang an zugedacht hatte. Der Sohn des Amenokhal, Auquhal, hatte die ganze Zeit den Kapitän nicht aus den Augen gelassen. Beim Abschied stellte er eine Frage. »Was will er?« fragte Villers. Jacquot lachte. »Er sagte, es gäbe heute abend einen Ahal, und fragte, ob du hingehen wirst?« »Khif und Mahbrouka«, murmelte der dicke Doktor. »Natürlich denken sie an Khif und Mahbrouka! Aber wir werden trotzdem hingehen«, lachte Jacquot aus vollem Halse. »Was ist das, ein Ahal?« fragte Villers und blieb stehen, um seine Zigarette anzuzünden. Gleich darauf riß er mit einem Fluch seinen Fuß zurück. Eines von diesen splitterfasernackten Negerkindern, die überall herumkrochen, spuckte aus Leibeskräften auf seinen nackten Fuß in der Tuaregsandale und war eben bemüht, mit dicken Fäusten die »weiße Farbe« abzureiben. »Ja, früher einmal war so ein Ahal ein Siegesfest«, erklärte Jacquot. »Die Frauen besangen zu ihren Lauten die Siege der heimkehrenden Krieger, und die Schönste und Klügste ward der Lohn des Tapfersten. Aber jetzt, wo wir vom groupe mobile dazu auf der Welt sind, auf sie aufzupassen, und sie, gottlob, Ruhe geben müssen, ist der Ahal nur mehr – na ja – ein Zelt ohne Licht, in dem sehr viele junge Mädels und Burschen zusammen sind. – Äußerst lustig.« – »Und du gehst immer hin?« fragte Villers. Er hatte zugleich das Gefühl des Triumphes, seinen Duckmäuser von Schwager ertappt zu haben, und eine gewisse Entrüstung, daß dieser sein Schwager ihn »an solch einen Ort« führen wolle. Aber Jacquot war ein Saharien, der Wasser und Vergnügen nahm, wo er es fand. Den Vorwurf, der in der Frage lag, hatte er ganz anders verstanden. »Eigentlich ist es auch eine Gemeinheit gegen die armen Kerle! Der Targui hat ein sehr waches Respektgefühl, und wenn Weiße zum Ahal kommen, schleicht er genau so aus dem Zelt, als ob sein Vater oder Onkel einträte. Aber, da wir ja nicht so bald wieder herkommen ...« So erlebte Villers einen Ahal und lernte das Khifrauchen kennen und Mahbrouka. Für gewöhnlich lebt eine Targuia bis zur Eheschließung so frei wie nur eine Pariser Garçonne. Mahbrouka war die Tochter des Amenokhal und den französischen Offizieren gewogen. Villers vergaß, was er jemals über Männer gesagt hatte, die sich mit »Farbigen« einließen. Villers machte alle Spaße mit, die Neulinge entzücken; er ließ sich von Jacquot und den Mädchen mit Auquhals neuen Gewändern als Targui verkleiden, bedauerte tief, daß weder Spiegel noch Photoapparat zugegen waren, und wollte um jeden Preis Auquhals roten, gewebten Bortengürtel kaufen, bis er davon überzeugt ward, daß dies das Zeichen der Prinzenwürde und unverkäuflich sei. Es war ein hübscher Abend, und Villers wäre anderntags höchst vergnügt fortgeritten, obgleich sein Kopf dröhnte wie eine Negertrommel. Da aber begegnete er Dassin. Niemals hatte Villers solche Augen gesehen. Es war, als trügen alle andern Frauen wie Totenschädel leere Augenhöhlen im Gesicht. Sie stand da und äugte nach dem Fremden, fluchtbereit und zugleich vom Ungewohnten gefesselt wie eine Damasgazelle. Riesengroß dunkelnd, feucht schwimmend staunten ihn diese Tieraugen an. Die Wimpern – dicht gebogen, blauschwarz, warfen Schatten wie die der Wollust auf die zarten Wangen, das blaue Hemd schlug im Morgenwind der Berge um ihre Glieder, im Faltenwurf antiker Statuen. Das schmale, längliche, ernste Gesichtchen schien Villers bezaubernder als alles, was er bisher gesehen oder geträumt hatte. »Wer ist das?« fragte er, ohne den Blick von ihr zu wenden. Mahbrouka war so oft mit Offizieren in Tamanrasset gewesen, daß sie ein wenig Französisch verstand. Sie antwortete im »petit nègre«: »Dassin. Mein letzter Schwester Dassin. Vater sie heiraten Ag-Aissa! Ai-ai – ai! Reich Ag-Aissa! ... Komm Dassin! Komm schnell! Der Sidi dir Douro geben – Douro!« Sie winkte und lachte. »Verheiraten? Das ist ja noch ein Kind!« »Hahaha! Nicht Kind!« Mahbrouka schüttelte sich in törichtem Lachen. Sie hob die gespreizte, mit Henna gefärbte Hand und deutete: »Fünf« und »fünf« und dann noch den Daumen. »Schon groß, Dassin. Komm – komm, Douro!« Dassin tat ohne Eile ein paar Schritte, dann blieb sie stehen. Ihre vollendet geformten nackten Füße, so nervös beweglich und ausdrucksvoll wie Hände, scharrten im Sande. Der rechte häufte ein wenig blonden Sand auf die zarten Zehen des linken: Villers fühlte ein wildes Entzücken durch seinen Körper gehen. Er zog das Portemonnaie, ohne den Blick von ihr zu wenden, dann nahm er zwei Fünffrankenstücke heraus und hielt sie ihr auf der flachen Hand hin, so wie man Tiere mit Leckerbissen lockt. Sichernde Gazellen setzen so die schmalen Füße, wenden so den schmalen Hals. Dieser Gang! Diese Haltung! Wie sie den Kopf trug! Der Scheitel verlief wie ein Kreidestrich zwischen den blauschwarzen, kompakt glänzenden Lackflächen der Haare. Die Enden der schweren Zöpfe waren hinter die Ohren zurückgesteckt. Die Flechten bildeten runde schwarze Ringe. Um den Hals trug sie braune, rote, blaue Lederamulette, die in Büscheln auf die kindliche Brust herabhingen. Jetzt war sie da; sie streckte die Hand aus, eine unvorstellbar zarte, unvorstellbar schmutzige Hand. Villers kehrte die seine um und ließ die beiden Douros in ihre Finger fallen, die niemals noch Arbeit getan hatten, und als er sie streifte, sich so seidig anfühlten wie die Händchen von Neugeborenen. Dassin sah ihn an, ohne Dank, ohne Neugier, ohne Freude, ohne den geringsten seelischen Ausdruck in diesen herrlichen Tieraugen, dann wandte sie sich um und ging. Auf dem Heimritt hatte Jacquot viel mit einem Kamelfüllen zu schaffen, um dessentwillen die Mutter immer wieder zurückblieb und die Karawane aufhielt. Endlich nahm Jacquot das warme, wollige, törichte Tierchen in den Sattel und verstaute dessen dumme Lattenbeine irgendwie auf seinem Schoß. Drif winselte kläglich und eifersüchtig, und die Mutterstute trabte neben Jacquots Kamel her, unausgesetzt ein unter einem Vordach liegendes Auge hergewandt und zärtliche Rufe gurgelnd. Jacquot lachte und pfiff und war sehr zufrieden; die Truppenkamele hatten alle »ihren Buckel neugemacht«, das heißt, sich in gute Kondition gefressen, und vier Füllen, gutes Halbblut, waren geboren worden. Der dicke Doktor schlief im Reiten. Jacquot aber gab gern auf Villers vielfache Fragen Antwort. Ja, sicherlich sei Dassins frühes Heiratsalter nicht das übliche, aber man könne es auch durchaus nicht ungewöhnlich nennen. Eine Targuia sei mit elf Jahren völlig mannbar, und Ag-Aissa sei eben sehr reich. Die gewöhnliche Brautgabe eines Targui betrage zwei oder drei Kamelstuten; Ag-Aissas Brautwerber aber – sein »alter Mann«, durch den der Heiratsantrag an den Vater zu erfolgen habe – hätte sechs Vollblutstuten geboten. Man sage bereits in den roten Zelten, daß Dassin nicht umsonst den Namen ihrer Urgroßmutter trage, jener berühmten Schönheit Dassin, von der man sang, »daß sie den Sandsturm in den Herzen der Krieger erregte«. * Man kam nach Tamanrasset, und das gewohnte Leben begann von neuem. Jacquot hatte den Befehl bekommen, auf »Brunnenvisitation« auszugehen, mit seinen Schaamba die vorhandenen, verwehten Wasserplätze der Karawanenstraßen vor Einbruch der Hitzeperiode instand zu setzen. Der Doktor und er saßen bei einer Abschiedspartie, als Yvonne von der Küche hereinstürzte. »Kinder! Wißt ihr was? Villers heiratet Dassin!« »Deshalb stören sie uns in der Partie?« fragte der dicke Doktor und wandte den von der Konzentration gläsernen, starren, bösen Blick nach ihr. – In der Sahara genießen so sonderbar bunte Verbindungen den Namen der Ehe. »Unsinn«, sagte Jacquot. »Ag-Aissa hat sechs Mehara für sie geboten.« Er zog. »Das ist es ja eben! Akhamuk hat die sechs Stuten nicht angenommen!« »Unmöglich«, sagte jetzt Geneviève, die bisher still ihre endlosen Zigaretten für die Männer gestopft hatte. »M'hemmed geht bei Villers ein und aus. Er ist Villers' ›alter Mann‹. Er ist in den Bergen gewesen und hat Akhamuk sechs weiße Stuten für Dassin geboten. Mein Bouzou Selim war in den Bergen, er weiß alles. Gott, wenn ich mir den alten Akhamuk in der Popote als Schwiegervater des Herrn Kommandanten vorstelle!« Sie lehnte an der Wand und lachte. Geneviève, die Jacquots Gesicht sah, stand auf und nahm Yvonne bei beiden Händen. »Jetzt mußt du erzählen, was geschehen ist«, sagte sie hart. »Was geschehen ist?« Yvonne trocknete ihre Lachtränen. »Villers will gar nicht ›nur so‹ heiraten wie die andern. Er will sich ganz regelrecht den Tagelmust anziehen und sich auf acht Tage ins rote Hochzeitszelt sperren lassen wie ein echter Targui! Und er bietet sechs Mehara! Sechs Mehara wie Ag-Aissa, was wird Akhamuk jetzt anfangen?« Der Telegraphist war aufgewacht. »Donnerwetter!« sagte er mit nicht ganz klarer Stimme. »Sechs Mehara und die Kleider – dreiundzwanzigtausend Franken unter Brüdern. Wo nimmt er die her?« »Von M'hemmed natürlich! Auf Wechsel, die ...« Yvonne sah erst jetzt, daß Geneviève ihr hinter Jacquots Rücken verzweifelte Zeichen machte; sie brach stammelnd ab. »Wohin wollen Sie, Forlan? Sie dürfen jetzt nicht zu ihm!« rief Geneviève, sich ihm entgegenwerfend. »Nein, nein, Jacquot! Sie dürfen sich auf keinen Fall einmengen!« sagte jetzt auch der dicke Doktor. »So? Ich darf nicht? Meint ihr das, weil er mit Nénène verlobt ist? Deshalb soll ich einen Kameraden ins Unglück rennen lassen? Ja, wißt ihr denn nicht, daß Akhamuk Dassin lieber für fünf Douros an jeden von uns verkauft, als daß er es zugibt, daß über einen Franzosen, einen Weißen, im Brautzelt die Suren gesprochen werden? Nie im Leben! Akhamuk wird die sechs Kamele nehmen und ihn erschlagen wie einen Hund.« »Na, wäre da schade drum?« gähnte der Telegraphist. »Doktor, sagen Sie es ihm! Er kann ja doch nicht zu ihm gehen!« rief Geneviève. Da Jacquot sie fortschob, schrie sie auf. »Was geht mich Villers an, du gehst mich an!« und überwältigt, in einem Ausbruch alter, so lang verhohlener Leidenschaft, für den Jacquot kaum ein Ohr hatte – faltete sie die Hände vor dem Kinn. »Du willst zu ihm gehn, zu diesem Kerl, der sich bei jedem Bouzou über dich beschwert, über das Unrecht, das du ihm getan hast? – Lassen Sie mich, Doktor, jetzt muß ich sprechen oder ich ersticke! Weißt du, daß dein geliebter Freund, um den du solche Angst hast, herumgeht und erzählt, daß du ihn in den Hoggar verlockt hast, nur um deine Schwester an ihn zu verkuppeln? Hat er es Ihnen nicht auch gesagt, Doktor? Jetzt müssen Sie reden!« »Nun, nun, so kraß ist das nicht gewesen«, knurrte der Arzt. »Was? Nicht so kraß? Na, es war noch viel mehr, was er mir erzählt hat, dieser Kerl, die Tuareg sind nicht dumm! Weißt du, wie sie ihn nennen, dein Vorbild? Dein Idol! ›Tschuuk‹ haben sie ihn getauft. Du weißt, was das heißt: Die Termitenlarve, die alles zerfrißt und zerstört. Dein Villers! Dein Abgott, neben dem für dich schon überhaupt nichts mehr auf der Welt existiert!« Geneviève warf sich mit Aufschluchzen in Yvonnes Arme. Jacquot stand da, das Kinn zur Brust gesenkt, ohne Geste, ohne Wort. »Kleiner!« sagte der dicke Doktor. »Nehmen Sie ihn und sie nicht tragisch! Das ist die Sahara, die uns alle verrückt macht.« Und er wandte sich an Geneviève und schrie sie an: »Hysterische Sachen, das! So nehmen Sie sich jetzt gefälligst zusammen«, worauf wirklich ihr Schluchzen, das Yvonnes liebevolles Mitleid nur gesteigert hatte, in ein stilles Weinen überging. Er fuhr fort: »Jacquot, Sie müssen doch einsehen, daß Sie Villers, der so halb und halb verrückt zu sein scheint, jetzt nicht mit Ratschlägen kommen dürfen!« »Gewiß, danke«, sagte Jacquot, ohne den Blick zu heben. Sein Gesicht war so sonnverbrannt, daß es nicht blaß werden konnte, aber um die Augen standen tiefe Ringe. »Ich gehe jetzt mit Ihnen. Wollen Sie ein Schlafpulver?« fragte der bekümmerte dicke Doktor. »Danke, ich möchte lieber allein sein«, sagte der Leutnant. »Gute Nacht«, und ohne Geneviève in das verstörte, verweinte Gesicht zu sehen, das sich inbrünstig flehend zu ihm hob, ging er hinaus. Die Stäbchen klingelten und klirrten und klingelten. In diesem Saal, der wie eine Begräbnisstätte aussah mit seinen schwarzgeteerten Wänden, lagen zwei Gestalten über die abgegessene Tafel geworfen. Der Telegraphist, der schlief, und Geneviève, die weinte. »Liebe Yvonne«, sagte der dicke Doktor, »können Sie mir erklären, warum der da oben die Sahara geschaffen hat? Ist ihm die Wüste in unsern Herzen immer noch nicht groß genug gewesen?« * Zwei Tage später hielt Villers mit Hilfe seines Dolmetschers Gericht, als Jacquot ins Bordj kam. Der Leutnant war mit einer Genauigkeit gekleidet, als gelte es eine Parade. Er stand stumm und stramm in einem Winkel des überfüllten Raumes, während Villers etwas geniert durch seine Anwesenheit, aber keineswegs unklug oder ungerecht, seine Urteile fällte. Aber sonderbar genug, bei jedem Urteilsspruch wandten sich aller Augen dem schmalen, kleinen Leutnant zu, als wollten sie dessen Bestätigung von seinem reglosen Gesicht ablesen. Endlich gewahrte dies auch Villers, und seine Nervosität verstärkte sich. Als der letzte Fall erledigt war und die Halle sich leerte, begrüßte Villers mit überströmender Herzlichkeit den Gast. »Wirklich nett, daß man dich einmal hier sieht, alter Bursche. Was darf ich dir als Apéritif anbieten? Rauchst du nicht? Hier sind Abdullah – hier hast du golden flake ... Nicht? Bist du aber feierlich! Womit kann ich also dienen?« Er hat doch Wind bekommen und wird mir jetzt in Nénènes Namen die Hölle heiß machen, dachte Villers. Jacquot hob den Kopf, und Villers sah einen Ausdruck in seinen Augen, den er nicht kannte und der sein Unbehagen noch verstärkte. »Ich habe an Basch-Agha-Djelloul telegraphiert und soeben seine Antwort erhalten, die ganz so ausfiel, wie ich annahm«, begann Jacquot vollkommen ruhig. »Er und ich werden die Angelegenheit deiner Werbung um Dassin regeln.« »So! Und wenn ich dir sagen würde, daß ich meine Privatangelegenheiten selbst zu regeln gewohnt bin und auf deinen Basch ...« »Verzeih«, sagte Jacquot sehr still. »Aber dies ist keine Privatangelegenheit mehr. Es ist ein Angelegenheit der ganzen Sahara. Du hast M'hemmed, den Mozabiten, zu Akhamuk gesandt. Du wirst ihn sofort für heute abend herbescheiden und wirst ihm die fünftausend Franken zurückerstatten, die er dir in bar gegeben hat. Wieviel davon besitzest du noch?« »Etwas über zweitausend, aber ...« »Hier sind dreitausendfünfhundert Franken, der Rest gebührt M'hemmed für die Mühe. Dies ist das eine. Das andre ist aber, daß kein Offizier, kein Kommandant, wenn er schon in Wettbewerb mit einem Ag-Aissa tritt, soviel bieten darf wie dieser. Er darf auch keinen Makler zu seinem ›alten Mann‹ machen. Laß mich ausreden! Dein ›alter Mann‹ wird Basch-Agha-Djelloul sein, der größte Kaid der nördlichen Sahara, und er wird dir auch die Brautwachen stellen. Er hat den Autobus noch erreicht und ist unterwegs hieher, um dem Amenokhal zwölf Meharastuten für dich zu bieten.« »Zwölf Mehara – das ist ja ein Irrsinn, woher soll ich soviel Geld nehmen?« »Nicht von M'hemmed allerdings; du wirst es von Basch-Agha erhalten.« »Unsinn! Warum sollte er es mir geben? Dafür, daß ich ihn damals mit der Reitpeitsche bedroht habe?« Der Schatten eines sarkastischen Lächelns flog über Jacquots Gesicht. »Du siehst, es empfiehlt sich nicht immer, mit der Peitsche zu drohen! Djelloul hat einen Bürgen.« »Einen Bürgen?« »Mich!« Es zuckte über Villers' Gesicht. »Jacquot«, sagte er, »ich will das alles nicht! Du darfst nicht denken, daß ich ein Lump bin. Ich habe es nicht um Dassins willen getan, sondern um den Sohn zu haben, der Professor Guenons Priesterkönig werden soll ..., aber jetzt verzichte ich ...« »Nein«, sagte Jacquot, »dazu ist es zu spät. Wenn die Tuareg vor uns vom groupe mobile einmal den Respekt verloren haben, dann steht die Sahara in Flammen. Du wirst in Dassins Zelt gehen, sobald der Basch-Agha ankommt.« Villers streckte Jacquot die Hand hin. »Jacquot«, sagte er, »verzeihe mir! Du bist ein Freund, wie es wenige gibt.« Der Leutnant nahm die Hand nicht. »Du verstehst mich nicht – hast mich nie verstanden«, sagte er. »Ich bin dein Freund nicht mehr, und ich werde niemals verzeihen.« Und er schlug die Tür hinter sich ins Schloß, die Eichentür, die endlich aus Algier gekommen war. * Und dann lief durch die ganze Sahara die Nachricht von dem Kapitän, der den Tagelmust angelegt hatte und den blauen Mantel, der aus schmalen Stoffstreifen zusammengenäht war, und der die verschleierte Braut ins »Achttagezelt« getragen hatte, um das die edelsten Falkenjäger Basch-Agha-Djellouls Wache hielten. Man hatte am Spieß gebratenes Lamm gegessen und im Sand geröstetes Gazellenfleisch und Kuskus aus Weizen, l'hamdoulillah! Nicht einmal war Negerhirse aufgetragen worden, und drei Tage war Basch-Agha-Djelloul dageblieben und volle acht Tage sein Schwiegersohn Scherif, der die zwölf weißen Maharastuten gebracht hatte. »Und wo war der Kleine?« fragten die Araber. »Wo war der Lioutnant Forlan?« Worauf der Erzähler ein Auge einzukneifen pflegte. »Auf Brunnenrevision im Tin Zauaten-Gebiet – schon fast drüben im Adrar!« Am letzten Abend dieser acht Tage führte Villers seine Frau nach Tamanrasset. Er hatte die blau abfärbenden Tuaregstoffe satt. Dassin trug ein Gewand aus schwerer, weißer Seide, aus dem Nacken und Arme sanft braun leuchteten. Silberne Ohrringe mit einem Durchmesser wie jene der »Dame von Elche« waren mit Lederschnürchen an ihren Ohrmuscheln befestigt. Die massiven, halb offenen Arm- und Fußreifen, die Münzenketten und Schnüre arabischen schwarzen Ambers gaben ihrer teilnahmslos süßen Schönheit einen Rahmen von barbarischer Pracht. Ihre Wimpern waren von Khol so schwer, daß sie aneinanderklebten und wie Flügel eines Trauermantels zitternd sich hoben und senkten. Sie hielt Zeige- und Mittelfinger gespreizt auf ihre Amulettbüschel gelegt, um bösen Blick zu bannen. So ging sie in tierhafter und stolzer Anmut an den unzähligen farbigen und den beiden weißen Frauen vorbei. Sie stieg die Treppe zum Bordj hinan, immer nur eine Stufe nehmend wie antike Priesterinnen bei ihren Kultgängen, und die Falten ihres Gewandes glitzerten wie Silber. Hinter ihr schritten, wie in den Hintergrund des Nachthimmels eingelegte dunklere Silhouetten, ihre beiden Negersklavinnen, von deren Pechfackeln lange Funkenbänder flatterten, und der kleine Junge, der ihre Lieblingsziege führte. Villers sprang vom Pferde, das Basch-Agha-Djelloul ihm geschenkt hatte. Er hatte eine Kammer neben dem Saal für Dassin eingerichtet, und sein Herz ging über vor Entzücken, als Dassin in diesem Bordj seiner wartete, wo er einsamer als »masque de fer« auf seiner Insel gelebt hatte. Wenn Villers sie nur ansah, ward er toll. Dassin war alles zugleich, Tier und Teufel, Sklavin und Kind und kalte Königin, deren Augen voll erheiterter Grausamkeit glitzerten. Er stellte sich selber die Aufgabe, zu erraten, wie Dassin seiner Glut heute begegnen würde. Etwas von dem allnächtlich neuen Zauber der Scheherezade lag über diesem Kind mit dem zerbrechlichen Körper und dem vererbten Lächeln von Siegerinnen, um derentwillen Männer Kriegsfahrten unternommen und ganze Landstriche verödet zurückgelassen hatten. Bisher hatte für Villers der Gedanke, daß eine Frau ein Kind von ihm empfangen könne, genau solch eine Schreckensdrohung bedeutet wie für andre Männer seines Schlages. Aber in diesem Geschöpf ein neues Geschlecht zu wecken, ward für ihn zu einem Traum der Besessenheit. Einmal, als er, vor Dassin kniend, von diesem Traum sprach, sah er ein unverständliches Lächeln über ihre Züge gehen. Je länger er sie kannte, um so weniger schien er sie zu kennen. Niemals hatte sie einen Dank für die Geschenke, mit denen er sie überschüttete, aber auch niemals ein »Nein« für seine Bitten. Villers begann heimlich »Tamahequ« zu lernen, um sie besser zu verstehen, um ihr näher zu sein. Manchmal hätte er diesen zarten Schädel aufstemmen, aufschlagen mögen, um zu sehen, was für ein Geheimnis dahinter liege, oder ob er bloß schwarze Leere berge wie eine hohle Nuß. Nur eine Möglichkeit gab es, sie offen, heiter und auch jubelnd zu sehen, das waren die Besuche von Leuten ihres Stammes, die anfingen, bei Villers ein und aus zu gehen. Wann immer er das völlig verdunkelte Zimmer Dassins betrat, saßen da verschleierte Männer und unverschleierte Frauen, und Gelächter und Geplauder verstummten wie damals, als er in das Zelt des Ahal getreten war; er wußte nicht, ob aus Ehrfurcht oder weil er Gegenstand der Unterhaltung gewesen war. Das Haus quoll über von Gastgeschenken seines Schwagers Auquhal, Lanzen, weißen Schilden, Dolchen, Sudandecken, Schalen aus dünn gehämmertem Leder, die durchscheinend waren wie Schildkrot, aber es schien Villers trotzdem, als sei es dieser ewigen Gastmahle zuviel, zuviel dieser dampfenden Schüsseln von Weizenkuskus, dieser Berge flacher Weizenbrote. Als er jedoch einmal Dassin gegenüber eine Erwähnung machte, zitierte sie mit blitzenden Augen ein arabisches Sprichwort: »Wer die Tochter des Soldan freit, darf nicht Eseldung klauben.« Er schwieg verletzt und hing ihr am Abend eine herrliche Bernsteinkette aus Ibrahims Laden um, nicht sonderlich von Dassin bedankt. Er begann jetzt selbst schnell gesprochenes Tamabequ zu verstehen und konnte bei Gerichtssitzungen den Dolmetsch entbehren. Immer aber verheimlichte er der Targuia noch seine Kenntnisse, von einem tiefen Unbehagen gewarnt, das er sich selbst als Wunsch, sie bei guter Gelegenheit zu überraschen, auslegte. Eines Tages, als Schwägerin Mahbrouka nebenan saß, vernahm er eintretend ein Gespräch. »Hoffentlich versäumst du nichts, und sie zahlt nicht am Ende die schönen Kleider zu teuer«, sagte Mahbrouka. Worauf die alte Negerin – eine schmutzstarrende Hexe, die Villers haßte – beruhigend ihre Antwort kicherte: »Wir haben die Kräuter noch alle daheim getrocknet.« Villers Knie zitterten. Er sprang zum Schreibtisch und schlug in seinem dünnen Lexikon nach, aber die Worte schienen nichts andres als diese dunkle Drohung, die zu verstehen er nicht wagen wollte, zu beinhalten. Er grübelte lange darüber nach und war endlich entschlossen, Dassin seine Sprachkenntnisse einzugestehen und von ihr selbst die Aufklärung zu verlangen, was für Kräuter gemeint seien. Er fand sie so strahlend heiter, wie sie nur die Besuche der Ihren zu stimmen vermochten, was er eifersüchtig erkannte. Sie griff mit schmalen bösen Händen schmerzhaft zausend in sein Haar und bat: »Kapitän?!« Keine Targuia nennt den Weißen, mit dem sie lebt, anders als bei seinem Rang, und Villers' Bitten hatten sie noch nie vermocht, ihn beim Vornamen zu nennen. »Nun? – Du tust mir ja weh.« Sie lächelte und sagte im petit nègre: »Mahbrouka sagen, armer Vater, nie mehr guten Kuskus. Immer nur Beschna, Beschna! Du geben Akhamuk Weizen? Jiji? Viel?« Villers riß sie auf, um im flackernden Öllicht ihr Gesicht zu sehen, dann stieß er sie zurück, daß ihr Kopf an der Wand aufschlug. »Hat man dich dazu abgerichtet? Ja? Ich soll ihnen die Quote erhöhen? Damit er M'hemmed meinen Weizen verkauft?« brüllte er und wußte gar nicht, daß er Jacquot zitierte. Ihrer Zärtlichkeit gelang es kaum, ihn zu besänftigen. Er war außer sich über sie, über die Feinde, die ihn umstellten, über dieses ganze Gefängnis Sahara. Dassin sprach nie wieder darüber, jedoch Villers ließ den Schlüssel zum Depot jetzt ebensowenig von sich wie jenen zur eichenen Tür, die er versperrte, wenn er das Bordj verließ. Aber er verließ es nur selten. Die Sommerhitze lag über Tamanrasset und hatte alles in Staub und Feuer verwandelt. In dieser diamantenglitzernden, unbarmherzigen Hölle, die in jedem Glimmerstäubchen Reflexe weckte, in dieser unvorstellbaren Sonnenglut, ohne die Erleichterung eines Windhauches, krochen die Weißen wie kranke, blasse Schatten umher oder wie gereizte, wilde Tiere. Auf Villers' Tisch türmte sich die Post; er fluchte, wenn er sie nur sah. Nénènes dicke Briefe – stets doppelfrankiert – warf er ungelesen in den abgeschnittenen Ölkanister, der die Stelle eines Papierkorbes vertrat. Aber Nénènes Bild stand immer noch da, weil Dassin es einmal, als er unvermutet eintrat, in den Händen gehalten hatte, was er befriedigt für Eifersucht nahm. So sah Jacquot Nénènes Antlitz im termitenbenagten und geteerten Rahmen immer noch wie das Bildnis einer tränenvollen Heiligen in einer durch Brand zerstörten Kirche Wache halten, wenn der Dienst ihn ins Bordj führte. Aber er war selten in der Station. In diesem furchtbaren Sommer, der keinen Zweig Kamelfutter und keinen Tropfen Wasser übrig lassen zu wollen schien, war der groupe mobile in endlosen Gewaltmärschen unterwegs, und seine lebenswichtigen Brunnenrapporte gingen allwöchentlich an alle Stationen im Norden. Eines Morgens gegen 3 Uhr ging Jacquot über den Platz hinüber ins Bordj. Hinter ihm marschierten Ousman und ein paar Bouzous mit Getreidesäcken. Ousman klopfte an die Tür des Bordj, und Jacquot wartete am Fuße der Treppe und sah zum Himmel auf. Der Dunst lag wie ein brauender, opalener Nebel über der Stadt, und jetzt schon hatte man das Gefühl, in fortgesetzter Folter Millionen von winzigen Sandteilchen mit jedem Atemzug der gequälten Lunge zuzuführen. Jacquot hatte den Schesch über den Mund gezogen und trug zwei Burnusse in Leinen und dünner Wolle, denn die Sonne weckte beim Ritt wie glühendes Eisen Brandblasen auf jedem Stückchen bloßer Haut. Das Schloß knackte drinnen, Villers kam mit dem Schlüssel. »Rationen für vier Wochen und 32 Mann, drei neue Bocksschläuche, eine Rachla«, meldete Ousman. Villers salutierte und schlurfte noch völlig schlaftrunken in Tuareghosen, den Burnus über die nackte Brust geworfen, vor ihnen her. Im Depot prüfte Ousman fachkundig Schläuche und Sättel, ehe er die gewählten Stücke dem Bouzou aufpackte. Indes schloß Villers gähnend die Tür zur Weizenkammer auf... Ousman ließ ein verblüfftes Zungenschnalzen hören, und Jacquot trat einen raschen Schritt vor. »Was ist denn los?« fragte Villers, der ihre Gesichter sah. »Siehst du denn nicht?« fragte Jacquot durch die Zähne. Bis auf den einen Getreidehaufen war der riesige Speicher leer. Niemals hatte Villers, wenn er diesen Haufen ansah, daran gedacht, wieviel »Quoten« er wohl gäbe. Jetzt war sein erster Gedanke Tuaregraub – sein zweiter – nächtlicher Schlüsseldiebstahl durch Dassin. Schweiß stand auf seiner Stirn. »Ich schwöre dir bei allem, was du willst: ich habe die Quote nicht erhöht!« stammelte er unter Jacquots Blick. »Nein, aber ihnen drei Monate lang Festmähler gegeben«, erwiderte Jacquot sehr leise und sehr kalt. »Ousman, wieviel können wir nehmen, ohne daß die Station Hunger leidet?« Der Araber schätzte mit schnellen Augen. »Kaum für die erste Woche, mein Leutnant.« Er wandte sein verstörtes Gesicht von Villers zu Jacquot. »Und die Erntekarawanen kommen nicht vor fünf Wochen aus dem Norden.« Jacquot holte tief Atem: »Dann werden wir eben Beschna fressen«, lächelte er. »Mein Leutnant! Für dich packe ich den Weizen auf mein Mehari, das brauchen die andern ja nicht zu wissen.« »Ousman, du bist dreieinhalb Jahre bei mir und glaubst, daß ich Kuskus fresse und meine Schaamba Beschna?« »Mein Leutnant, zu trinken haben die Meharisten nichts, wenn sie auch nichts zu essen haben, werden sie wild sein wie der Teufel.« »Nimm zwei Bouzous und schaufle ein, was wir nehmen dürfen, und laß die andern heimgehen.« »Jacquot«, flüsterte Villers, und sein Gesicht zuckte. »Nimm, was du brauchst, nimm alles, was da ist! Ich habe es nicht gewußt, ich schwöre es dir, ich habe es nicht bedacht! Ich telegraphiere nach Algier.« Eine Hoffnung stieg in ihm auf. »Oder an den Basch-Agha, der muß uns doch Weizen verschaffen können?« »Vor der Ernte?« achselzuckte Jacquot. »Sowenig wie ein Bauer daheim Rauchfleisch vor dem Herbstschlachten.« Und dann, beinahe mitleidig vor diesem schweißüberperlten, fahlen, unrasierten, so gar nicht mehr schönen Gesicht, tröstete er: »Ach was, wir werden schon irgendwie durchkommen.« Er marschierte zurück, Ousman und drei Bouzous hinter sich. Der grünliche Nebel war fort. Der östliche Himmel war wie in schmerzlicher Entzündung gerötet, bald würde die Sonne hervorbrechen wie ein riesiges böses Geschwür. Villers saß in der stockdunkeln Kammer auf seiner Seite des Bettes und horchte auf die bekannten Laute des Aufbruches, das Gurgeln der Kamele draußen, denen die Kniefesseln abgenommen wurden, Drifs Gebell, die Flüche, die Laufschritte, die Befehle. Diesmal gab es keine Reita, keinen Gesang, keinen Gewehrschuß. Sie wußten es alle schon, daß sie hungern würden, weil ihr Kommandant Festmahle gegeben hatte. Im Dunkeln schlug Villers die Hände vors Gesicht. Mit Tagesanbruch saß er in des Telegraphisten winzigem Office und jagte Depeschen an alle Getreidefirmen hinaus, deren Quittungen vom Vorjahr er unter Kapitän Roffos Papieren gefunden hatte. Der Telegraphist lachte ihm ins Gesicht. In fünf Wochen kam der große »Azalay«, die Getreidekarawane vom Norden. Wollte Villers frühere Getreidesendungen, so mußten sie per Flugzeug erfolgen und – von den Kosten abgesehen – wieviel Getreide konnten die leichten, für Aufklärung oder Postdienst geschaffenen Flugzeuge wohl befördern? Die ganze Zeit saß Geneviève dabei und »stürzte« ein zerrissenes Spitalsleintuch. Wenn sie den Kopf hob, und Villers ihren völlig abwesenden Augen begegnete, hätte er zu weinen anfangen mögen. Als er zum Essen heimkam, war er so niedergeschlagen und verzweifelt, daß er das eingebundene Gesicht der alten Negerhexe gar nicht bemerkte. »Wo petite mata?« fragte er, als Dassin nicht kam. Statt aller Antwort lief die Alte hinaus, fluchend, murmelnd und stöhnend. Villers rannte in die Kammer: »Was ist dir?« fragte er. »Bist du krank?« und als primitivste Lichtquelle ließ er sein Feuerzeug aufflammen. Mit einem dumpfen Laut flüchtete Dassin vom Lager fort, als bringe seine Berührung Tod und Verderben. »Was hast du?« fragte er und begriff auch schon. »Das Kind? Ist es wirklich das Kind? Dassin!« Ein Tränenstrom antwortete. Er faßte sie, er trug sie hinaus, er lachte, er lachte vor unbändigem Glück, und während sie, rasend über sein Lachen, ihn biß und kratzte und mit beiden bösen, schmalen Fäusten trommelnd auf ihn einschlug, lachte er über ihre schwache Gegenwehr nur in um so größerem Triumph. Endlich würde er den Sohn haben! Dassins Sohn! »Guenons Sohn!« dachte er ... Er hatte Jacquot und die Telegramme vergessen. * Dassin lag gegen die Wand gekehrt, stundenlang, tagelang, ohne Regung, ohne Wort; wenn Villers sich über sie beugte, hatte sie eine sonderbar geduckte, schiefe Kopfhaltung, wie gezähmte Leoparden, die nicht wissen, ob die herankommende Hand sie streicheln oder schlagen wird. In manchen Augenblicken las er in ihren Augen einen wilden und beinahe höhnischen Haß. Manchmal warf sie sich in seine Arme wie ein Spieler, der alles verloren hat, noch seinen letzten Jeton achtlos hinschleudert. Er begann Angst vor ihr zu empfinden, er schlief wieder im großen Saal wie einst, seit er ihr Gesicht über des Bruders schmales Sudanmesser geneigt gesehen hatte, dessen Griff Kaurimuscheln deckten und dessen Schneide scharf war wie ein Skorpionstachel. Am achten Tage ging er ins Spital hinüber. Der dicke Doktor hatte seit Jacquots Aufbruch Villers' Gesellschaft nicht gerade gesucht. Jetzt hörte er ihn an und zuckte die Schultern. »Villers, ich kann nicht sagen, daß Ihr Erscheinen bisher den reinen Segen über die Station gebracht hat. Und was da noch werden soll, wenn Dassin wirklich gravid ist, entzieht sich meiner Berechnung. Gestern war ihre alte Negerin bei mir und ist mir zu Füßen gefallen, weil sie gehört hat, weiße Ärzte hätten ein Lederamulett, das die Gravidität von den weißen Frauen fortzaubere. Ich wollte, ich hätte es, dann säße ich in vier Wochen im Häuschen meiner Schwester in Crosde-Cagnes, schneiderte nichts als Amulette und würde Milliardär! Als ich ihr so was auf Tamahequ mitteilte, ward sie vollkommen wild und sagte, wenn ich nicht helfen wolle, dann hätte ich mir die Folgen zuzuschreiben. Wissen Sie, die Bestellung dieser algerischen Eichentür war vielleicht nach alldem nicht das schlechteste, was Sie gemacht haben.« In diesem Augenblick kam der Telegraphist. Es war fünf Uhr abends, und er hatte bereits »einiges hinter sich«. Er schien äußerst gut aufgelegt zu sein: »Ich habe Sie überall gesucht«, sagte er zu Villers. »Diese Depesche wollte ich Ihnen denn doch persönlich überbringen.« Villers nahm sie. »Das geht mich ja gar nichts an«, sagte er zerstreut. »Das ist ja für Sie, Doktor.« »Doch!« kicherte der Telegraphist. »Es geht Sie ganz besonders an.« »In-Amdjell«, las der Doktor. »Angekommen – Eigenwagen. – Mme. Laurent und Mlle. de Forlan« – er sah fassungslos auf, in Villers' schreckengeweitete Augen. – »Was? Wo? In-Amdjell? Das ist doch nicht möglich!« und Villers las über des Doktors Schulter mit, schneller als dessen Lippen die Worte aussprachen... »Mlle. de Forlan, Paris – stop – beunruhigt Ergehen Kapitän Villers – weiterfahren nachts mit Mokhasni – stop – Quartierbesorgung erbeten – stop. Höchlichst mißgönne Glücksfall allen – Legrand – Leutnant.« »Das ist der Postenchef, dieser Legrand, der euch diesen Glücksfall mißgönnt«, lachte der Telegraphist, daß die Flaschen auf dem Spitalstisch klirrten, an den er sich lehnte. »Nachts von In-Amdjell im eigenen Wagen«, überlegte der dicke Doktor. »Guter Gott, die sind übermorgen früh da!« »Und auch noch mit einem Mokhasni, einem Führer! Nicht die geringste Hoffnung, daß sie sich verirren können«, schluchzte der Telegraphist vor Lachen. Da sah Villers, wie der dicke Doktor zum erstenmal die Nerven verlor. »Hinaus aus meinem Spital, Sie schadenfrohe, hysterische, alte Jungfer, Sie«, brüllte er. Dem Telegraphisten vergingen Weinseligkeit und Gelächter. Als er schon bei der Tür war, wandte er sich. »Übrigens«, zögerte er, »ich soll von meiner Frau ausrichten, daß Sie Bettzeug von ihr für die beiden Damen haben können ...« »Na also«, brummte der Doktor. Der Telegraphist ging sehr leise heim, um die Negerbübchen auf frischer Tat zu ertappen, die sich sicherlich indes damit vergnügten, an seiner Apparatur herumzufingern. »Nénène! Nénène und Mrs. Lawrence!! Also eher hätte ich erwartet, daß die Welt einstürzt!!« murmelte Villers, der fassungslos immer wieder das Telegramm überlas. »Jetzt stürzt sie auch ein! Sagen Sie – und Sie haben nichts von der ganzen Reise gewußt? Ihre Braut – ich meine Mlle. de Forlan – hat Ihnen von der ganzen Sache überhaupt nichts geschrieben? ...« »Der Brief!« fiel es Villers ein. Der letzte, dünne, einfach frankierte Brief ..., er sah ihn jetzt vor sich – der hatte ja eine algerische Marke getragen! ... »Ich Idiot!« »Sie haben keinen Brief geschrieben und auch keinen gelesen? Was?« »Mein Gott! Was soll ich jetzt tun?« »Sie müssen vor allem Dassin aus dem Bordj wegbringen. Und Ihre alte Wohnung für die Damen einrichten.« »Aber wohin mit Dassin? Gerade jetzt, wo sie verstört und krank ist? Und in ganz Tamanrasset gibt es kein zweites Haus mit einer versperrbaren Tür ...« »Das Depot«, entschied der Doktor. »Stecken Sie sie ins Depot!« und er konnte sich nicht enthalten hinzuzufügen – »Platz ist ja dort genug!« Noch spät abends gegen 10 Uhr flüchtete Villers vor der Einsamkeit seines Bordj und vor der anklagenden Leere des Depots in die Popote hinüber. Er hatte gegen Mittag Dassin und die Alte ins Depot übersiedeln lassen. Das Kind hatte teilnahmslos und niedergeschlagen keine einzige Frage getan. Als ein Bouzou dem Kapitän meldete, daß die Frauen bereit seien, ging er über den Platz hinüber. Vor dem Depot, vor dem die schwarze Schildwache präsentierte, hielten zwei Kamelreiter, Tuareg. Ein drittes Mehari von besonderer Weiße und Schönheit hielt neben ihnen. Villers' schneller Schritt klang in dem leeren Depot. In einer Ecke hatte die Alte ein Lager hergerichtet. Hier kniete Dassin und schien beschwörend die Arme nach dem Mann auszustrecken, der leise scheltend auf die alte Negerin einsprach. Der Targui wandte sich blitzschnell nach Villers, der gelernt hatte, Männer an den Augen zu erkennen. Es war Auquhal, der den »Schwager« laut und freundlich begrüßte. Er sei durch Tamanrasset geritten und hätte »sein Herz als Steigbügel für den Fuß des Bruders bieten wollen«. Er trat mit Villers aus dem Hause und sah zu, wie dieser das Depot von außen verschloß. »Bon père – ménage« – grinste er, ließ mit einem kehligen, wilden »Kch – kch« das herrliche Kamel knien und war mit einem Schwung im Sattel, wählend das Tier sich zugleich schon wieder erhob. Ein Vollblutkamel gurgelt nicht beim Aufstehen. Die drei Reiter verschwanden schon um die Ecke. In der Popote fand Villers Geneviève. Sie stand hohläugig, zerrauft, in niedergetretenen Pantoffeln, von denen der eine seinen Flaumstoff verloren hatte, auf einem Tisch und befestigte einen Kranz von roten Rosen über der Türöffnung. Sie hatte irgendwann einmal gelernt, aus Seide und Draht Blumen herzustellen und hatte ein kleines französisches Wunder an Echtheit geschaffen. »Geneviève«, begann Villers und trat an den Tisch: »Sie sind so nett – ich weiß nicht, wie ich Ihnen für all das danken soll!« »Gar nicht«, antwortete Geneviève, einen Nagel im Munde. »Sie ist Jacquots Schwester.« »Ja – aber Sie haben Ihre eigenen Wandbehänge hinübergebracht und Ihr Bettzeug und alles frisch fegen und teeren lassen ...« Geneviève hämmerte mit Macht. »Yvonne!« schrie sie nach der Küche. »Das hält ja nicht! Hast du keinen stärkeren ...?« In diesem Augenblick sah Villers sie zusammenzucken. Wie von unsichtbarer Gewalt herumgerissen, horchte sie einen Augenblick lang. Ihre Lippen zitterten halbgeöffnet, ihre geweiteten Pupillen starrten in die Ferne: »Drif!« flüsterte sie voller Entsetzen. »Was haben Sie? Geneviève!« Sie sah ihn völlig irre an, als erkenne sie ihn nicht. Sie war totenblaß. »Drif ... heult«, artikulierte sie mit äußerster Anstrengung. »Jacquot!« und sie fiel, wie eine Gliederpuppe zusammensackend, in Villers' Arme. Villers und der Doktor trugen sie ins Spital hinüber. Es dauerte lange, bevor sie erwachte. Ihr erstes Wort war: »Ist er tot? Haben Sie Nachricht?« Der Doktor begann zu fluchen. Was das für neue Geschichten seien? Eine Hysterikerin könne er als Assistentin schwer brauchen, er würde sich jetzt wohl statt ihrer eine Negerin abrichten müssen. Zusammenzufallen, weil ein Köter von den hundert Hunden von Tamanrasset draußen bellte! Oder ob sie wirklich meine, daß ihre Ohren bis nach dem Adrar reichten? Geneviève begann ohne Antwort auf und ab zu gehen. Sie weinte nicht, sie sprach nicht, sie aß nicht. Sie ging nur wie ein frisch gefangenes Raubtier auf und ab, hin und her. Der Doktor redete ihr zu, ohne daß sie zu hören schien, nur als Villers sie bat, sich niederzulegen, sagte sie: »Gehen Sie fort – Sie«, mit einer schwankenden, kleinen Stimme, die beinahe in Schluchzen umkippte. Sie ging und ging die ganze Nacht hastig, ruhelos, als könne sie mit diesen tausenden Schritten die Strecke durchmessen, die sie von dem Manne trennte, den sie liebte. Der Doktor, zusammengefallen, ergeben und alt, saß auf einer Blechkiste neben ihr, manchmal schlummernd, manchmal rauchend, unzählige Zigarettenstummel um sich herstreuend, die ganze Nacht. Gegen Morgen, als das Händeklatschen vor der Tür ihn weckte, sah er, wie sie mit einem Ruck den Türvorhang fortriß. Draußen im grauen Morgen stand Ousman. Geneviève fuhr mit der Hand an den Mund; sie fragte leise. »Ist er tot?« Der Schaamba salutierte. »Ich habe es gewußt«, hauchte Geneviève. Einen Moment meinte der Arzt, es würde nun ein furchtbarer Ausbruch kommen. Aber er kam nicht. »Was soll denn jetzt werden?« flüsterte Geneviève, als spräche sie zu sich selbst. »Wie soll ich denn ohne ihn hier weiter leben? Mein Gott! Mein Gott!« Sie schlug die Hände vors Gesicht. Aber als der Doktor den Arm um sie legen wollte, entwand sie sich. »Erzähle!« sagte sie dem Schaamba. »Erzähle, wie es war?« Der Schaamba sprach nur zu ihr gewendet seinen Bericht. Bis zum siebzehnten Tage hatte sein Leutnant die Disziplin aufrecht erhalten, bei Sonnenglut und schwerster Arbeit, an dem hundert Meter tiefen Brunnen. »Lioutnant Forlan« hatte auf seinen Weizenanteil verzichtet und aß vom Auszugstag an Beschna. Das beeindruckte alle. Auch hatten sie Glück gehabt, Drif war zweimal auf Gazellen gestoßen. Der Leutnant hatte drei geschossen, er selbst, Ousman, eine – so hatten sie auch Fleisch gehabt. Dann aber kam die Negerhirse zur Austeilung, an die die Tuareg gewöhnt sind, von der viele Araber aber Ausschläge und Darmbeschwerden bekommen. Ousmans eigener Vetter Selim bekam sie, und dann wollte es der Teufel, daß ein fremder Jäger den Brunnen aufsuchte, der erzählte, zu Tin Zauaten läge ein Detachement von Fremdenlegionären, die kämen von Djelfa und hätten frischen Weizen in Hülle und Fülle. Bis dahin hatte niemand ernstlich an Ungehorsam gedacht, sie beteten ihn ja im Grunde an, ihren »Lioutnant Forlan«. Aber als Selim sagte, er wolle den Leutnant zwingen, sie nach Tin Zauaten zu führen, verloren sie alle den Verstand. Er, Ousman, konnte nicht länger richtig mit ihnen reden. Er lief zum »Lioutnant« und begann Gewehre und Pistolen fertigzumachen. Sie hatten alles zusammen an die 170 Schuß. Aber der »Lioutnant« erlaubte ihm nicht zu schießen und ward furchtbar böse. Dann kamen die andern. Der »Lioutnant« stand da und hielt Drif fest, der, ohne einen Laut zu geben, nur aufs Zeichen wartete, um sich auf den ersten zu stürzen. Da zeigte Selim seine schwärende Haut auf Brust und Armen. Er sagte, sie wollten nicht länger Beschna fressen. Gegen ihn, den »Lioutnant«, hätten sie nichts. Aber sie wollten hier nicht verrecken, weil »Tschuuk« mit den »Verschleierten« Hochzeitsmahle gehalten habe. Da schlug der »Lioutnant« Ousmans Vetter mitten ins Gesicht. Das Ende sei gewesen, daß alle Schaamba durcheinanderschrien. Sie gaben dem »Lioutnant« Zeit bis morgen früh, und ginge er nicht freiwillig nach Tin Zauaten, dann würde man ihn eben gebunden mitführen. »Narren!« hat mein »Lioutnant« geschrien. »Und ihr denkt, daß der Kapitän von der Legion euch hegen und füttern wird, wenn ihr so mit uns ankommt? Er wird euch als Meuterer an die Wand stellen!« – »Das soll er tun«, hat Selim geschrien, »aber Beschna fressen wir nicht länger!« Und dann hat mein ›Lioutnant‹ mir befohlen, die Fahne vom Zelt zu nehmen und ihm zu bringen. ›Geh' jetzt schlafen‹, hat er gesagt, ›ich habe zu schreiben.‹ Und dann hat er mich zurückgerufen und mir das da gegeben.« Der Schaamba zog das Amulettbüschel unter dem Burnus hervor, und sie sahen, daß er Jacquots alte Armbanduhr mit ihrem Lederriemen dazwischengeschnallt hatte. »Da ging ich hinaus und wartete auf den Schuß. Ich hörte ihn und hörte Drifs Heulen.« Geneviève, die zusammengesunken dasaß, fuhr auf und fragte: »Wann ist das gewesen, um wieviel Uhr?« »Es war nachts, Madame – ich weiß nicht! Ich wollte ins Zelt. Aber Drif stand wie ein Löwe über der Leiche und ließ mich nicht ein. Nicht mich, noch den Hundejungen, der ihn sein ganzes Leben lang gefüttert hatte, noch irgend einen Mann. Und da fand mein Vetter, der Verräter, dessen Name kein Schaamba mehr nennen wird – den Hundetod, den er verdiente, durch den Hund. Denn Drif sprang lautlos zu, als er eindringen wollte, und biß ihm die Kehle durch, wie Sloughi den Gazellen auf der Jagd die Kehle durchbeißen. Da erschoß ich das Tier, das meinen Vetter getötet hatte, und wir legten es dem Lioutnant zu Füßen ins Grab, und ich deckte die Fahne über des Lioutnants Gesicht. Und so ist es geschehen. Und hier, Sidi Hakim, ist der Brief. Dein Name steht arabisch darauf geschrieben.« Der Doktor fragte, noch ehe er das Blatt nahm. »Und sind die Kerle wirklich zu den Legionären nach Tin Zauaten geritten?« »Nein, Sidi Hakim! Sie haben sich nach Vorschrift beim Nächstkommandierenden gemeldet. Und das ist unser Sergeant, der mit der andern Abteilung nach Tit gegangen ist.« »L'hamdoulillah!« sagte der dicke Doktor, und dann lasen sie die wenigen Zeilen. »Mein Freund! Ich schreibe diesen Brief im Zeltlager am Brunnen Zar-houia im Adrar deri Foras. Meine Schaamba meutern, meine Leute, mit denen ich dreieinhalb Jahre hier in der Sahara gelebt habe, meutern um eine Handvoll Kuskus. Ich kann keine Offiziere von einer andern Truppe die Nase in die ureigensten Angelegenheiten des groupe mobile stecken lassen. Ich will meine Leute nicht wegen Insubordination strafen lassen, so ist es am besten, wenn ich gehe. Veranlassen Sie, daß Drif an Basch-Agha-Djelloul zurückgestellt wird, der mir wie ein Vater war und dem ich soviel schulde. Aber er wird verstehen, daß vor allem die Fahne gilt. De Forlan, Leutnant.« Geneviève reichte dem Doktor den Brief zurück mit einer Gebärde, als ließe sie ihn fallen. »Kein Wort! Kein einziges Wort für mich«, flüsterte sie, »und er hat es doch gewußt ..., er hat doch gewußt!« Der Telegraphist kam. »Wo steckst du denn?« schrie er Geneviève an. »Ich suche dich überall. Was ist denn mit meinem Frühstück?« »Jacquot ist tot«, sagte der Doktor. * »Jacquot ist tot«, sagte Villers verstörten Gesichtes und setzte sich auf Dassins Bett. »Jacquot hat sich erschossen.« Dassin wandte ihm ihr schmalgewordenes, bleiches Gesicht zu. Sie sah aus, als sei sie krank. »Y na rouana!« sagte sie, »das ist mir gleichgültig.« »Und Nénène«, murmelte Villers, als spräche er zu sich selbst. »Wie werde ich ihr das nur sagen? Ich! Diese Tränen! Mein Gott! Wie soll ich ihr das alles erklären? Mir bleibt nichts erspart!« Es blieb ihm erspart. Er hatte nicht mit der Nachrichtenverbreitung in der Sahara gerechnet. Unterwegs traf Mrs. Lawrence's grauer Tourenwagen mit einem Lastauto zusammen, das Benzin nach Tin Zauaten gebracht hatte. Und der Führer, der französisch sprach, hatte den beiden Reisenden die Nachricht verdolmetscht: »Lioutnant Forlan mort à Zar-houia.« »Malade«, hatte er hinzugefügt, als er Nénènes Gesicht sah, und es vorgezogen, Mrs. Lawrence's Fragen nach der Art der Krankheit nicht zu verstehen. Abends um neun war der Wagen da. Villers hörte draußen das Gejohle der jeunesse dorée von Tamanrasset, früher noch als das Geräusch des Motors. Er stürzte hinaus, ein zuckendes Lächeln auf den Lippen, mit einem Herzklopfen, das ihm den Atem benahm. Das erste, was er sah, war Mrs. Lawrence, die mitten in einem Gewühl von Bouzous und Lederkoffern und Kindern und Fackelträgern und Burnussen Yvonne und dem Doktor die Hände schüttelte; in einem beigefarbenen, losen Automantel, eine beigefarbene Mütze auf dem tadellos frisierten roten Haar, eine Zigarette im Mund, und die Villers zurief, als hätten sie sich erst gestern gesehen: »Hallo, Captain! Feine Zeit, was? Der Führer da hat Williams geschworen, er könnte nicht vor morgen um fünf Uhr hier sein.« Williams, Mrs. Lawrence's Chauffeur im beigefarbenen Overall, grüßte stramm. Eine ungeheure Erleichterung kam über Villers. Ein Gefühl, als sei auch seine Seele in diesem Lande gezwungen gewesen, acht Monate lang ein fremdes Esperanto zu sprechen, und als höre er zum erstenmal seine eigene, freie, leichte Lebenssprache wieder. Er faßte diese feine, weiche, beringte Frauenhand – und spürte Paris im Parfüm, sah nach acht Monaten wieder in das kunstvoll verschönte Gesicht einer gepflegten weißen Frau, während er Mrs. Lawrence's ein wenig hohe Stimme in ihrem fließenden, fremd akzentuierten Französisch sagen hörte: »Oh! Sie haben sich einen Bart zugelegt? Das gibt's nicht, der kommt morgen weg, mein Lieber! Was sagst du, Nénène? Einen Bart!« Und erst als sie den Namen nannte, erinnerte sich Villers, daß auch Nénène auf der Welt war, daß eine Auseinandersetzung ihm bevorstand, daß der arme Jacquot tot war. Die ganze hilflose Angst kam wieder, das ganze nur für einen Augenblick weggehobene Zentnergewicht von Schuld und Schrecken sauste wieder auf ihn herab. In diesem Augenblick trat Geneviève aus ihrem Hause. Sie hatte ein altes, schwarzes Kleid angelegt, das sie größer scheinen ließ. Ihr rundes, gewöhnliches Gesicht war zu einer tragischen Maske gewandelt. Sie stand vor der kleinen, blonden Nénène, der die Reise und die Tränen alle Frische geraubt hatten. Sie sah sie an und fand die Stirn des Geliebten wieder, etwas von dem treuherzigen, gläubigen Blick dieser anständigsten Augen der Welt, die sie nie mehr sehen würde, nie wieder. Und sie sagte: »Ich bin Geneviève. Ich habe Ihren Bruder geliebt«, während sie die Arme ausbreitete, in die sich Nénène warf. Und wie der Engel auf Grabmonumenten die zusammengebrochene Trauernde führt, so schritt sie mit Nénène in ihr Lehmhaus zurück, ohne sich nach den andern umzusehen. »Hören Sie, Doktor«, sagte Mrs. Lawrence, als sei nichts geschehen. »Ich habe nicht die mindeste Lust, schon schlafen zu gehen! Trinken wir noch einen Cocktail in der Popote zusammen. Wollen Sie, Captain?« »Und wie gern!« stieß Villers hervor. Der Doktor, der das Weib mit der Pfauenstimme am liebsten erschlagen hätte, bat, man möge ihn entschuldigen. Er wolle nur noch sehen, ob Mlle. de Forlan nicht seine Hilfe nötig habe, dann wolle er nach den anstrengenden letzten vierundzwanzig Stunden sogleich zu Bett gehen. »Ich brauche eine Viertelstunde, um mich umzuziehen«, sagte Mrs. Lawrence. »Williams, Sie bringen die Kisten mit den Flaschen in die Popote.« Villers hatte ins Depot hinüberlaufen wollen, um nach Dassin zu sehen, jetzt aber überlegte er es sich anders. Er schickte den Bouzou nach heißem Wasser in die Meßküche und hatte, ehe der Neger wiederkam, seinen Bart schon ungeduldig mit der Schere aufs gröbste abgeschnitten. Beim Rasieren ertappte er sich, daß er, wie früher daheim in Paris, dazu pfiff, dachte an Jacquot, seufzte und schwieg. Als er in die Popote hinüberkam, stieß Yvonne einen kleinen Schrei der Überraschung aus. »Mein Gott, ich hätte Sie beinahe nicht erkannt!« Dann trat Mrs. Lawrence ein, in einem ganz einfachen Kleide aus mattgelber, schwerer, indischer Seide, das traumhaft zu ihrem tiefroten Haar stimmte. Den ganzen Abend suchte Yvonne das Geheimnis dieses Schnittes zu enträtseln. Den ganzen Abend sah sie zu, wie ihr François mit großen, wilden Knabenaugen an dieser lachenden, fremden, weißen Frau hing. Und als sie einmal ihren Arm um seine Schultern legte, fühlte sie diese vertrauten Schultern wegzucken. Mrs. Lawrence hatte natürlich sofort die tolle Bewunderung, die ihr hier entgegengebracht wurde, begriffen. »Quite charming, this Tamanrasset.« Und – ob Villers nicht neugierig sei, zu erfahren, wie sie beide eigentlich hergekommen seien? Sie erzählte, und Francois' Blicke hafteten unausgesetzt auf den nach neuester Mode zart korallenfarben geschminkten Frauenlippen. Als er Paris verließ, waren alle Münder und Nägel siegellackrot gewesen. Also Villers hätte nicht geschrieben, und »poor« Jacquot hätte natürlich noch weniger geschrieben, und Nénènes Mutter sei gestorben – na ja! Habe er das nicht gewußt? Und Nénène hätte nichts getan als geweint, wirklich, manchmal sei es nicht mehr auszuhalten gewesen, und eines Tages habe sie; Mistreß Lawrence, gedacht, es wäre doch eine Idee, endlich nachzusehen, woran man mit »diesen Männern« wäre, und außerdem sei eine Saharafahrt drüben in USA keine schlechte Reklame für den neuen Tourenwagen, den Acht-Zylinder-Lawrence-Tenatti. So seien sie losgefahren und hätten in sechzehn Tagen die Strecke Algier–Tamanrasset gemacht; keine schlechte Zeit, was? Mitten im Sommer, für zwei Frauen? Und Mistreß Lawrence lachte und strich ihr Seidenkleid an den schmalen Hüften herunter. Villers saß rauchend und lächelnd und wandte keinen Blick von ihrem Gesicht. Als er sie so im Dunkel über den Platz hinüberbegleitete, sagte sie: »Nett, daß man da ist. Nicht?« Und dann küßte er sie, bis sie, ihn sanft abdrängend, ins Haus huschte. Villers ging am Haus des Telegraphisten vorbei und sah in Genevièves Fenster Licht. Er zögerte und hatte einen Augenblick das Gefühl, eintreten zu müssen, aber es erfüllte ihn ein so tiefes Unbehagen, daß er sich nicht zu überwinden vermochte. Er kam zum Depot und hörte den Gleichschritt der Wache. »Wer da?« fragte der Soldat. »Kapitän Villers!« Er zog den Schlüssel hervor. Der Feuersgefahr, ebenso wie möglicher Fragen der Gäste wegen, hatte er der Alten verboten, die Karbidlampe mitzunehmen. Das Haus lag also im Dunkeln. Dassin schlief wohl schon lange. Er drehte den riesigen Schlüssel schwer im Schloß und zog den eisenbeschlagenen Torflügel auf. In diesem Augenblick erhielt er einen mit solcher Wucht geführten Stoß vor die Brust, daß er taumelte und schier zu Falle kam. Die dunkle Gestalt der alten Negerin stürzte aus der Tür und an ihm vorbei. Er hörte ihren schweren keuchenden Atem und schrie: »Halte – là!« Da war der Schatten schon von der Nacht verschluckt. Der Soldat auf Wache riß das Gewehr von der Schulter und schoß der Fliehenden nach. Villers hörte einen unterdrückten Schrei, aber zugleich noch hastigere Tritte eiliger Füße auf hartgetretenem Grund. Ein Pfiff gellte, ein kehliges, wildes »Kch, kch!« als sollten Kamele sich erheben. Ein zweiter Schuß krachte. »Schnell, schnell ihnen nach!« befahl Villers dem Soldaten, und in das dunkle offene Haus hinein schrie er voll Angst: »Dassin! Dassin!« – Stille. »Y a plus rien, parti!« meldete der Senegalneger gelassen, seinen Gleichschritt wieder aufnehmend. Villers hatte nichts als sein Taschenfeuerzeug. Die kleine hüpfende Benzinflamme brannte hilflos in dem riesigen, leeren Raum. Schatten regten sich an allen Wänden. Ihn überfiel Angst wie nie im Leben. »Dassin!« brüllte er. Da weckte das Flämmchen in einem Silberreifen glitzernden Schein. Er stürzte zu, wagte nicht zu glauben, was er sah ... Sie lag auf den Decken, die er dem armen Kind mitzunehmen gestattet hatte, kalt und starr, in all ihrem Schmuck. Sie war offensichtlich von der Alten erdrosselt worden – mit Auquhals schönem, rotem Wollgurt, dem Zeichen der Prinzenwürde, das er so bewundert hatte. Er nahm sie in die Arme und schüttelte sie, er rief ihren Namen. Grauen über Grauen, in diesem grabesstillen Haus mit dieser stummen Toten zu sein, mit diesem entfremdeten, kalten, schweren Körper, mit der Anklage, die dieses Haus raunte. Er lief – er konnte nicht mehr – er lief und schrie: »Doktor, Doktor!« Mrs. Lawrence hatte seine Stimme erkannt, aber sie wußte, daß eine Frau, die eben ihre Nachtcreme auflegt, keinen hübschen Anblick bietet, und daß es selbst bei einem Feuerlärm nichts nützen kann, halbnackt aus dem Hause zu stürzen! Als sie also in grünen Slippers und in einem grüngestreiften Männerschlafrock herauskam, ihre riesige elektrische Reiselampe in der Hand, war, obgleich ganz Tamanrasset geschlafen hatte, anscheinend zumindest die männliche Bevölkerung so vollzählig versammelt wie bei einem Generalalarm. »Li – morte – Targuia!« sagte jemand. »Li morte sa Dassin!« Und das braune Gesicht grinste, als gelte es einen Spaß. Als der Schein der Lampe auf Williams fiel, Williams aus USA, rief sie, und es war kaum zu überhören, wenn Mrs. Lawrence rief: »Williams, was ist da los? Verstehen Sie, was diese Männer schreien?« »Es ist jemand ermordet worden«, meldete Williams. »Eine Eingeborne, scheint's.« Und der grinsende, graulippige Mund des Arabers wiederholte. »Li étranglé, Capitain Villers sa Dassin!« In diesem Augenblick sah Mrs. Lawrence einen Zug über den Platz schreiten. Bouzous, die etwas Eingehülltes trugen. Zwei Fackelhalter, der dicke Doktor und Villers, der ging, als sähe er nichts und niemand, der beinahe über die Stufen des Spitals gefallen wäre, hätte ihn nicht der Doktor aufgehalten. Sie trat nachdenklich in ihr Zimmer zurück. Das Bett für Nénène, nebenan aufgeschlichtet, blieb leer. Nénène kümmerte sich für eine Gesellschafterin auffällig wenig um ihre Herrin, aber Mrs. Lawrence schien darüber nicht allzu böse zu sein. Sie stand vor dem leeren, netten Bett und lächelte. Dann löschte sie die amerikanische Reiselampe und schlief, als einzige Weiße der Station. Die Lichter in den Lehmhäusern brannten lange. Im Hause des Telegraphisten weinte Nénène ihrem toten Traume nach, während Geneviève ihren Bericht durch die Nacht spann, dem Namen des Feindes, des Verräters, ihren Fluch zum Schatten gebend und den Namen ihres toten Geliebten mit all den Liebesworten schmückend, die das Leben ihr zu sagen nicht vergönnt hatte. Und drüben im Meßhaus, in dem großen, weißen Ehebett schluchzte Yvonne ihre hilflose, lärmende, robuste Verzweiflung aus. François, ihr François ging auf und ab und machte Pläne für jenen Tag nach eineinhalb Jahren, an dem er von hier fortkommen würde, fort, nach Paris! Vielleicht kann man Chauffeur werden – dieser Williams hat ihm den Wagen gezeigt. »Donnerwetter, und die Autos gehören alle ihr –, alle diese vier Millionen Lawrence-Tenattis, die sie im Jahre erzeugen ..., oder wieviel der Williams gesagt hat ..., da kann man leicht gelbe Seidenkleider haben, während andre in Sand und Dreck ersticken. Aber daran ist sie schuld, nur sie, Yvonne! Ihre Idee war das mit der Sahara, nur um ihn einzusperren, nur damit er keine Frau anschauen kann, aber sie wird schon sehen, wenn er wieder nach Frankreich kommt ...« Und mit heißen Tränen erlebte Yvonne die Versöhnung, die vielleicht schon die Trennung von morgen ist. Im Spital, gebeugt, ausgegeben, ausgelaugt, hört der Doktor die wilden Selbstvorwürfe Villers' an. »Wenn man doch helfen könnte«, denkt er. »Nur dieses einzige Mal auf Erden, nur dieser blonden, weinenden Nénène ein bißchen helfen. Für sich verlangt man ja lange nichts mehr. Wenn es einem nur einmal in diesem vergeudeten, nutzlosen, alten Leben gelänge, diesem Wesen zu helfen! Wenn es doch so etwas wie einen Gott gäbe, den man kniend um dieses Eine, Einzige bitten dürfte: »Laß mich Nénène helfen, großer Gott ..., Gott ..., Gott ...« Und zwischen zwei sprühenden Fackeln liegt eine Tote da, mit einem bleichen, sonderbar vergrämten Gesichtsausdruck, dem eines geschlagenen Proletarierkindes – Dassin, die gestorben ist, weil keine Targuia eines weißen Mannes Kind gebären darf, Dassin, die Königstochter, für die einst zwölf Mehara bezahlt wurden, die größte Brautgabe der Sahara ... * Am nächsten Morgen, als Villers im Bordj saß, blieb der Saal leer. Keiner kam, der seinen Richtspruch suchte. Erst zu Mittag pochte es an seine Tür. Er rief seine Erlaubnis, einzutreten. Da war es Nénène, die kam. Sie kam langsam durch den Saal heran, ohne aufzublicken. Als sie vor seinem Schreibtisch stand, legte sie stumm und sachte etwas vor ihn hin. Es war sein Ring. Und ebenso stumm und sachte nahm sie ihr Bild an sich. »Nénène«, murmelte er. »Nénène!« Sie machte eine Bewegung der Abwehr und ging langsam und ohne ein Wort gesprochen zu haben. Kapitän Villers ließ sich in seinen Kistensessel fallen und zog seinen Browning aus der Lade. In diesem Moment trat Mrs. Lawrence durch die Tür, die Nénène offengelassen hatte. Sie war in einem Nu bei Villers, nahm ihm die Pistole fort und sah, daß dieselbe noch gesichert war. »An der Zeit, daß ich kam«, sagte sie, als die Waffe in ihrem Täschchen verschwand. Dann hörte sie stumm rauchend zehn Minuten lang dem Mann zu, der vor ihr stand und die bösesten Dinge gegen sich selbst vorbrachte. »Stop«, sagte sie schließlich und zog ihre Puderdose hervor. »Sie sind ein Idiot! Das alles hier ist doch nichts für Sie.« Sie stieß mit ihrem weißen Schuh nach dem zum Papierkorb ernannten Ölkanister. »Warum sehen Sie nicht einfach zu, daß Sie von hier fortkommen?« »Aber ich habe ja noch siebzehn Monate abzudienen!« schrie er außer sich. »Keine Möglichkeit, sich vor der Zeit versetzen zu lassen! Siebzehn Monate!« Mrs. Lawrence malte aufmerksam ihre Lippen nach. »Warum quittieren Sie nicht?« fragte sie sachlich. »Quittieren?« Es traf Villers wie ein Schlag. Niemals hatte er im Ernst daran gedacht. Es wäre Flucht, es wäre Feigheit, aber ..., mein Gott ..., man könnte wieder atmen ... »Ja, aber wovon soll ich denn leben?« dachte er laut. Mrs. Lawrence blickte auf und lächelte. Sonderbar, sie sah aus wie ein junges Mädchen. Und sie sagte: »Ist die Lawrence-Tenatti-Autoerzeugung Ihnen nicht genug?« Da wußte er auf einmal ihren Vornamen. »Gladys«, murmelte er und küßte sie. Aber mitten im Kuß sagte er: »Es geht doch nicht! Jacquot ist hier eine Bürgschaft für mich eingegangen. Ich kann nicht so fort. Ich muß abzahlen.« »Bist du dumm! Wieviel?« fragte Gladys Lawrence und zog das Scheckbuch. Und sie schrieb den Empfänger, wie Villers buchstabierte, »Basch-Agha Djelloul Laghouat«. Villers küßte ihre Hand. Er schämte sich ein bißchen, aber er fühlte sich unsäglich geborgen im Blätterschatten dieses Scheckbuches. »So, und jetzt schreib' das Gesuch, honey.« »Welches Gesuch?« »Dein Enthebungsgesuch natürlich, du. Aber ehe du schreibst ..., ich möchte nicht, daß es Irrtümer zwischen uns gibt! Meinen Mann will ich für mich allein, bei mir gibt es keine Flirts nebenbei. Du wirst auch genug zu tun finden drüben. Je schneller wir daheim sind in Chicago, um so besser.« Ein recht unangenehmes Kältegefühl lief Villers' Rückgrat hinab. Aber im nächsten Augenblick lächelte er. Paris war wohl eine Messe wert. »Wie sollte ich je vergessen, was ich dir danke«, flüsterte er heiß. Ihr langer, gepflegter Nagel schnippte Nénènes goldenen Ring zur Seite. »Übrigens, Nénène und ich haben vorhin unser Verhältnis gelöst. Nicht zu ihrem Schaden, muß ich sagen. Ich kann schließlich nicht ewig Rücksicht auf eine Gesellschafterin nehmen, die immer nur weint und den eigenen Interessen nachgeht. Sie will mit dem Doktor und ihrer neuen Freundin Geneviève das Grab ihres Bruders besuchen. Der Doktor ist Feuer und Flamme für die Kleine. Williams hat vom Telegraphisten gehört, daß er ein Häuschen in Cros-de-Cagnes und mehr Geld, als man glaubt, hat.« Sie lachte: »Wer weiß ...« »Nénène und der alte Doktor? Unmöglich!« »Unmöglich, warum? Weil sie dich geliebt hat? Vielleicht gerade darum. Übrigens kann es uns nicht mehr interessieren! Schreib', darling ...« Villers schrieb ... Vierzehn Tage später, als der graue amerikanische Tourenwagen nach Norden fuhr, begegnete ihm eine Karawane. Scharf vom immerblauen Himmel sich abhebend, in grotesker Kontur, stapften die beladenen Packkamele in endloser Reihe vorbei, geführt von braunen Männern mit fliegendem Schesch, die einzig gottgewollte Staffage dieser Landschaft. »Williams! Fragen Sie, was das für ein Zug ist!« befahl der Herr im weißen Zivil, der im Fond saß. Und der Chauffeur, die Hand an der Mütze, meldete: »Der Azalay, Captain, die Karawane, die das Getreide vom Norden nach dem Hoggar bringt.«