Alma Johanna Koenig Die Geschichte von Half dem Weibe 1924 Erschienen im Rikola-Verlag Wien Leipzig München 1. bis 6. Tausend Copyright 1924 by Rikola-Verlag A.-G., Wien Printed in Germany     Wilhelm Grohs zugeeignet   Wie die Weißröcke nach Eisland kamen Als die Mönche zum ersten Male am Odhinsstrande landeten, war es das vierunddreißigste Jahr nach Eislands Besiedelung durch die »Landnahmemänner«. Damals stand keine Halle und keine Erdhütte, in der nicht Glums Lied von Hjörleif Zwölfkraft erscholl; denn ein Trollbär war großen Viehraubes willen lange in Acht gelegen, und Hjörleif hatte ihm, waffenlos, im Ringkampf das Rückgrat gebrochen. Als die Weißröcke kamen, da wußte Keiner, wer da den Fuß ans Land setzte. Hätte man es aber gewußt, so hätte man sie mit ihren eigenen Rudern erschlagen. Es hatten wohl alle von dem weißen Gott gehört und davon, daß Harald Hårfagr auch große Jarle gezwungen hatte, sich mit dem Wasser waschen zu lassen. Aber als die Mönche, denen der Sturm die Segel genommen hatte, krank und schwankend aus dem gebrechlichen Schiffe stiegen, da gab man ihnen Speise und Trank nach alten Gastgeboten. Und den Anführer, der auf die Knie fiel und schrie: »Ich danke dir, Herr, daß ich dies Land dir erobern darf!« den achteten sie für einen armen Irren. Die Männer baten, im Lande bleiben zu dürfen und bauten aus Erde und aus dem Holze ihres Schiffes ein Haus. Oben auf den Giebel nagelten sie einen Doppelstab, den viele zuerst für Thorrs Hammerzeichen hielten, doch war es das Kreuz, davor sie knieten. Sie nährten sich kümmerlich von Fischen, die sie fingen, gutes Roßfleisch wiesen sie schaudernd zurück und sagten, es gälte für unrein dort, woher sie kämen. Es begann damit, daß sie die Kinder lockten. Einer war unter ihnen, Floke mit Namen, der zeigte ihnen, wie man aus Gras Käfige für Heupferdchen macht und lehrte sie Lieder, die sie gern mit ihm sangen. Er erzählte ihnen, daß der weiße Gott sie über alles liebe, und gab ihnen kleine Zauberplatten, darin die Kinder sich selbst sehen konnten. Die Mütter glaubten, es seien dies gute Männer, die ihre Lieblinge so liebten. Sie brachten den Weißröcken Schafkäse, Rauchfisch und Honig; und Olaus, der der Mönche Anführer war, erzählte ihnen von der weißen Jungfrau, die ohne Manneskraft ihren Sohn geboren hatte. Da gingen die Weiber schleunig fort; als sie gegangen waren, hörte man erst ihr helles, hohes Gelächter. Die Männer hatten zuerst die Stirne gerunzelt, doch als sie sahen, daß die jungen Weißröcke, die so stark die Holzaxt führten, niemals von andrem zu ihren Frauen sprachen als von ihrem weißen Gott, da schmunzelten auch sie in ihren Bart. Und sie hörten gerne zu, wenn die Weiber die Mären nacherzählten, solange man von ihnen nicht forderte, daß sie sie glauben sollten. Asbjörn hieß ein Mann, der war Viertelsgode, angesehen und reich, obgleich unjung an Jahren. Sein Weib hieß Rannveig, und sie litten sehr darunter, daß ihnen Leibesfrucht versagt blieb. Eines Abends ging Rannveig hinaus, nach Hegranäs, wo die Mönche wohnten; sie klopfte Olaus heraus und fragte ihn, ob der weiße Gott sie fruchtbar machen könne. Sagte Olaus sogleich, es sei nichts, was nicht in Christi Macht läge. Sprach Rannveig: »Und kann dein Gott, was Frigga nicht vermochte, so will Asbjörn dir zehn Milchkühe geben und sieben Unzen guten Goldes!« Es hatte einer der Mönche ein Holzbild gemacht von der, die ihren Gott geboren hatte. Dem hing Rannveig ihr ganzes goldenes Geschmeide um, als sie hinwegging, und trug nichts mit sich fort als ein Kreuzlein von Bein, das Olaus ihr gegeben hatte. Wo des Weibes Fuß hintritt, dahin tritt auch bald des Mannes Fuß. Als ihre Zeit um war, genas Rannveig eines Knaben. Da kam Gode Asbjörn zu den Weißröcken nach Hegranäs. Er stand da und sah das Kreuz an, das allerorten aufgerichtet war, und das Holzbild, behängt mit seines Weibes ganzem Mahlschatz, aber er sagte nicht ja noch nein, wie es sein Brauch war, und deutete in den Hof. Dort standen zwei magere Färsen und eine alte Kuh. Da ließ Olaus den Goden hart an, und es nützte Asbjörn nichts, wie sehr er sich auch wehrte um sein gutes Gold und um seine milchenden Kühe, er mußte beides herbeibringen. Sagte Olaus, der Mönch: »Nun sollst du aber nicht glauben, ledig zu sein! Denn auch getauft muß der Knabe werden, den Christi Gnade dir gegeben hat!« Da stieg der Zorn in Asbjörn auf, der dem Mönch schon lange wenig gewogen war, und er zog sein Schwert. Olaus aber sprang schnell genug zur Seite für einen Kuttenmann und schrie: »Wage es, ein Haar auf meinem Haupte zu krümmen, und König Harald ist über dir mit tausend Schwertmannen!« Und zum erstenmal zeigte es sich, daß er nicht Olaus »das weiße Lamm« war, wie die Weiber ihn spottend genannt hatten, sondern Olaus »der weiße Wolf«, wie nachmals die ihn hießen, die seine Zähne und Klauen zu fühlen bekamen. Als aber der Mönch gesehen hatte, daß Harald Hårfagrs Name noch immer ein Schrecken der Landnahmemänner war, die einst um seinetwillen Norwegr verlassen hatten, da zwang er Asbjörn kraft dieses Namens einen Eid ab, daß sein Kind getauft werden solle nach neuem Glauben. Von diesem Tage an ließ Asbjörn sich niemals wieder zu Hegranäs sehen und schlich zur Zauntüre fort, wenn Olaus beim Hoftor eintrat. Er hatte aber wenig gute Stunden von Rannveig, die ihm immer mit der Taufe in den Ohren lag. Endlich faßte Olaus den Goden doch, und das geschah, als dieser mit vielen guten Männern zum Odhinsstrand hinaus gelaufen war; denn ein Wal, von der Art, die man Langreyt nennt, war gestrandet. Es herrschte großes Hasten und Geschrei, die Männer kamen mit Messern und Äxten von allen Seiten herbeigerannt, und die Weiber trugen Körbe und Bottiche. Gode Asbjörn hatte sich oben in den Kopf des Wals eine Mulde gehauen, darin stand er nun und wies die Männer an, die mit Äxten den Walspeck abzogen. Da kam Olaus mit seinen Mönchen herbei, an den Asbjörn just am wenigsten dachte, und rief vor allem Volke: »Gode! Wann also soll endlich dein Kind getauft werden, wie du geschworen hast?« Gode Asbjörn, der in Eifer war, denn die Männer hatten sich um den Speck gestritten, schrie nun wider den Bedränger: »Wohl hab' ich dir die Taufe zugeschworen, doch war es der Niemalstag, an den ich dabei dachte!« Und die Männer, die sich mit dem Speck abmühten, lachten schallend zu dieser Rede. Da sprang Olaus vor und schrie: »Lacht ihr über mich? So sollt ihr sehen, wer größere Macht hegt, Jesus oder eure falschen Götzen!« Und er warf sich auf die Kniee, wie sie alle nach Knechtsart tun, denn sie können nicht stehend zu ihrem Gott reden wie freie Männer, und er betete laut: »Herr, hilf mir, die Tat zu vollbringen zu deiner Ehre!« Es erhob sich aber auf des baumlosen Eislands Strande eine uralte Esche, die Odhin heilig und ein Wahrzeichen der Seefahrer war, zu der sprang Olaus, als er so gebetet hatte. Er riß aus dem Kuttenärmel eine Axt hervor und hieb mit aller Wucht in den heiligen Stamm, der bis obenhin schwarz war von dem Herzblut junger Hengste. Als die Männer dies sahen, kam Erstarrung über sie, und sie konnten den Frevel nicht fassen. Sie sahen zum Himmel empor, als warteten sie darauf, daß er sich schwärze und aus blitzdurchzuckten Wolken Idisen ihre Speere herabschleuderten. Aber es stand kein Sturm auf, es kam kein Wetter. Die elf Mönche taten, wie Olaus getan hatte, sie holten die Äxte aus dem Kuttenärmel, und sie sangen, während sie im Takt auf den Baum einhieben, daß die weißen Splitter stoben und die Vögel schreiend und kreischend aus dem rauschenden Wipfel aufflatterten. Da sprang Hjörleif Zwölfkraft vor und er hätte Olaus mit der Walrippe, die er just in Händen hielt, erschlagen. Aber im gleichen Augenblick begann sich der Wipfel zu neigen, und alles sprang zur Seite, denn der Baum fiel mit Krachen und Dröhnen. Und der weiße Wolf stieg auf den abgehauenen Strunk und schrie: »Hier steh ich noch! Und es hat Asa-Thorrs Blitz mich nicht versehrt, Odhins Speer mich nicht getroffen. Ich aber sage euch: kniet nieder und nehmet die Taufe von meiner Hand, daß auch euch der weiße Gott schütze, der tausendmal stärker ist als eure falschen Götter!« Da kniete ein Weib nieder, und es war Rannveig, und Olaus taufte sie als Erste und das Kind an ihrer Brust. Der kümmerliche Knabe schrie wie ein Frischling, als Olaus ihn begoß. Und noch einige Weiber nahmen das Wasser nach ihr, jedoch kein einziger Mann.   Hjörleif Zwölfkraft bringt den Thorrstein auf seinen Platz zurück Seit jenem Tage wußten sich die Weißröcke nicht zu lassen, und wenig war mehr in ihrem Betragen von der Demut zu sehen, mit der sie um Aufnahme gebeten hatten. Sie begannen die gefällte Esche zu behauen und zuzurichten und endlich erhöhten sie auf jenem Hügel, auf dem der heilige Baum sich erhoben hatte, zwischen Lavablöcken ein riesiges Kreuz, das man vom Meere her wahrnahm wie vordem den grünen Wipfel. Und in einer Nacht gingen sie nach Helgafell und rückten und schoben selbzwölft so lange, bis sie endlich Thorrs Opferstein, den die Zeit so tief im Heideboden verankert hatte, wie ein Langschiff im Hafen, von seinem heiligen Platz bewegten und den Thorrsberg hinabrollten. Einen Tag lang lag der Fels drunten im Gestrüpp, das er durch seinen Fall geknickt hatte. Und die Mönche jubelten und sangen und nannten laut Odhin und Thorr machtlose Götzen. Aber am zweiten Tag stand der Opferstein wieder an seinem alten Platz, und seine Mulde war angefüllt mit dem frischen Blut eines Opferhengstes. Da liefen alle Männer herbei, um dies zu schauen, und Gode Asbjörn wiegte sich von einem Fuß auf den andern, die Hände am Rücken, wie er zu tun pflegte, wenn eine Thingsache nicht klar war. Lange stand er so und besah sich die tiefe Spur von eines einzigen Mannes Tritten und die Heidesträucher, die eine ungeheure Last geknickt hatte, als der Mann sie die Berglehne aufwärts rollte. Asbjörn wußte wohl, wie der Mann hieß, der allein Zwölfmännerwerk vermochte. Er wiegte sich hin und her in seinen Marderfellschuhen und sah blinzelnd zum Himmel auf.   König Harald sendet Botschaft Zur Frühherbstzeit landete ein Schiff am Odhinsstrand. Das führte stolz Harald Hårfagrs blaues Banner. Viele Mönche waren an Bord und viele Schwertträger. Olaus ließ den Viertelsgoden Asbjörn zu sich laden, doch der schickte einen Knecht mit der Botschaft, er sei vom Pferd gefallen und läge mit seinem kranken Bein zu Bett. Der Weißwolf aber wußte so gut wie alle andern, daß Gode Asbjörn auf seinem Hengste Birrökr so sicher wie auf seinem Thingstuhl saß. Da ritten Boten Harald Hårfagrs von Hof zu Hof und forderten Gehör für ihre Worte. Fern sei es ihrem König und Herrn, zum neuen Glauben zu zwingen, wer ihn verschmähe. Doch habe ihm Ragnhilt von Jütland, sein Gemahl, einen Sohn geboren, Eirik mit Namen, und nach seinem Willen des Reiches künftiger Erbe. Und es sei von der Königin begehrt und vom König beschworen worden, am Tage der Geburt, daß nun alle Knaben die Taufe empfangen müßten, Ragnhilt zur Ehre. Und als dies gesagt war, machten die Boten wenig Federlesens. Sie faßten die Knaben bei den langen Locken, rissen sie aus den Armen entsetzter Mütter und hielten sie dem Weißrock, der sie begleitete, aufs bäumende Pferd. Der hatte schon seine lederne Gürtelflasche bereit und begoß den schreienden, zappelnden Balg, daß er troff; und sie schonten nicht der Kleinen, die auf allen Vieren krochen und nicht jener, die in der Wiege schliefen. Und Kormak des Lahmen Erstgeborener starb darnach unter bösen Krämpfen. Es gab Männer, die die Arbeit ließen, um daheim zu bleiben und die Boten übel zu empfangen, wenn sie kämen, und Glum der Skalde erschlug den Mönch, der seinen Knaben Hliot getauft hatte. Da kamen die Haraldsmannen und trieben ihm sein Vieh fort und steckten Scheune und Speicher in Brand, daß sie auf Gnupr hätten Hungers sterben müssen, wenn die Nachbarn ihnen nicht geholfen hätten. Nachher wagte niemand mehr, das Schwert gegen die Weißröcke zu erheben, doch führten sie große Klage vor Asbjörn. Der Gode aber sprach nichts dazu, und es schien den Männern, als freute er sich darüber, daß auch Andern Übels von den Weißröcken widerfahren sei.   Odhins Bund mit Half von Hördaland Es hatte Hjörleif Zwölfkraft ein Weib genommen, Gjöld, des Landnahmemannes Ingolf Tochter, die ein schönes Weib war. Als Gjöld nun gesegneten Leibes ward, erfüllte beide Entsetzen und keine Freude. Denn man muß wissen, daß Hjörleifs Sippe, von Half dem Hördaländer her, das verliehen war, was man »die Gaben« nennt. Als Odhin noch auf Erden ging, hatte er mit Half, dem König von Hördaland, einen Bund geschlossen. Half gelobte dem Gott, solange er lebe, nie sein Schwert in ungerechtem Kampf zu erheben, nie einen Mann im Rücken zu verwunden, Riesen zu bekämpfen und üble Trolle und nach seinem Tode einzugehen als Einherier, um für Odhin zu fechten am Tage von Ragnarökr . Der Gott setzte dagegen das Gelübde, daß durch zwölf Geschlechter Halfs Stamm kein Weib entwachsen werde, kein ruhmloser Mann und keiner, der ungewarnten Todes oder Strohtodes sterbe. Des Dreizehnten Ruhm aber werde alle überstrahlen. Und Odhin grub Siegrunen in Sippeknaufs Klinge, da ward das Schwert furchtbar wie der Blitz. Half zog aus und tat große Taten daheim und überm Meer, ehe er mitten im Siege starb, ein Lachen auf den Lippen. Und so wie er gewannen die, die seines Blutes waren, großen Ruhm und waren schöner und stärker als alle andern Männer. Hjörleif aber wußte, daß er der zwölfte in der Helden Reihe war, und er hatte Gjöld an Stirn und Brust und am gesegneten Leibe mit dem Roßblut gezeichnet, als er auf dem neuaufgerichteten Steine opferte. Aber das Wasser der Weißröcke wusch die Gaben ab für alle Zeiten. Und deshalb verzweifelten sie, wie sie des Knaben Geburt und Kindheit vor den weißen Wölfen schützen sollten, die den Hof umlungerten, da Gjölds Stunde immer näher heranrückte. Denn wohl wußten die Mönche, daß das halbe Land nachfolgen würde wie die Herde dem Hammel, wenn der Letztgeborene von Halfs Geschlecht mit dem Wasser begossen ward.   Hjörleif begegnet den Spinnerinnen Eines Tages nun, da Hjörleif über die Heide ritt, sann er so hart darüber nach, wie er seines Sohnes Geburt zu verbergen vermöchte, daß er den Weg verlor und sich jählings aufs Moor geraten sah. Seines Rosses Hufe sanken tief ein, und zitternd und schnaubend arbeitete sich das Tier auf einen Streifen festen Landes zurück. Da ward Hjörleif von einem Weibe angerufen: »Was willst du hier, Zwölfmännerstarker? Hast du von meiner Schönheit gehört und kommst als Freier?« Als Hjörleif nur einen Blick auf sie geworfen hatte, da lachte er, daß es hallte. Nicht darum nur, weil die, die ihn angerufen hatte, rinnäugig war und zittrig und alt und er sie als die närrische Magd der Spinnerinnen vom Moor erkannte. Sondern auch, weil alle Sorge von ihm abfiel, denn nun wußte er, daß Gjöld in der Spinnerhütte gebären würde, zu der nur dieser eine, schmale, unkenntliche Weg führte, über das Bebemoor hin, unter dem Hel auf Opfer lauert.   Wie Hjörleifs Kind geboren ward Gjöld war ein stolzes und kühnes Weib, aber als sie vernahm, daß sie zu den Spinnerinnen übers Moor solle, erbleichte sie. »Sollen Krötenfinger Hjörleifs Sohn ans Licht heben?« fragte sie. Doch als sie in seinen Augen sah, daß er keinen Rat wußte, ging sie still, das kleine Linnenzeug zu holen und ihren Mantel. Sie ritten schweigend, und Gjöld war es wohl hundertmal, als müsse sie auf dem Wege umkehren, auf dem die bebenden Rosse ängstlich Huf um Huf setzten. Einmal, als Gjöld schon am Zügel zog, ihr Pferd zu wenden, sah Hjörleif sich um und sprach: »Du tust es für ihn!« Und Gjöld ritt weiter. Als sie zur Hütte kamen, die erbärmlich genug aussah, standen alle drei Spinnerinnen vor der Schwelle, Mutter, Tochter und Magd. Hängelippig war die Mutter, plattfüßig die Tochter, triefäugig und krumm die alte Magd. Gjöld mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie über die Schwelle schritt. Es war warm drinnen in der Stube, und es roch gut nach Wacholderbränden. Das Feuer und der heiße Trank taten ihr wohl. Gjöld sank auf das weiche Fellager, und ihr war, als würde sie krank von der Alten Geschwätz und der Tochter törichtem Gekicher. Schwer war der Abschied für Hjörleif, und Gjölds Arme wollten sich nicht von seinem Nacken lösen. Als er gegangen war, weinte Gjöld. Da trat Mutter Hängelippe zu ihrem Lager und strich ihr über die Stirn und Brust und abwärts über ihre Glieder. Die Wehen setzten so jäh und schmerzlich ein, daß Gjöld nichts wußte als ihren Leib und Hilfe hinnahm, ohne dess' zu achten, wer sie brachte. Endlich hörte sie in den Händen der drei, die sich um sie mühten, ihr Kind wimmern, und sie raffte alle Kraft zusammen, um sich ein wenig aufzurichten und es zu sehen. Die Frauen schrieen erschreckt auf und betteten sie wieder; Gjöld aber ließ es lächelnd geschehen, denn sie hatte mit einem Blick gesehen, daß es ein schönes Kind war, ein starkes Kind und ein Erbe von Hjörleifs Geschlecht. Ermattung überkam sie, sie hörte sich von den Frauen liebreich gescholten und sah, wie die Jüngste immer neue Wacholderzweige ins Feuer warf. Gjöld meinte zu ersticken in dem weißen Rauch, sie griff an ihre Kehle, ihr schwindelte, sie rang nach Atem. Plötzlich sah sie den Qualm sich teilen und schöpfte Luft. Zugleich erfaßte sie, daß die Spinnerinnen sich verwandelt hatten. Ohne jedes Staunen, als habe sie es geahnt, sah sie die Drei hoch und glänzend über ihr Kind gebeugt, das ruhig schlief. Und die älteste der Spinnerinnen, die sie im Magdkleide gekannt hatte, stand nun groß und ragend im Licht, sie warf den Faden ihrer goldenen Spindel über das Kind und sprach mit voller und klarer Stimme: »Es waren die Gaben bei deinem Geschlecht von Half her, den Odhin geliebt hat!« Sprach die zweite Spinnerin und sie hatte keine Hängelippe mehr: »Es sind die Gaben nun dir gesponnen, denn der dreizehnte Sproß aus Halfs Stamm bist du!« Sprach die jüngste Spinnerin, die schöner war, als Gjöld je ein Weib geschaut hatte: »Was du jetzt bist, wirst du wieder sein. Was du scheinen wirst, wirst du nicht bleiben! Kraft webe ich dir, Ruhm webe ich dir, doch das Ende ist Schmerz und Nacht!« – – Da sah Gjöld ihr Kind nicht mehr, und sie wußte nicht, ob es der weißschwelende Wacholderrauch hüllte oder die Fäden, die sich dicht über ihm gekreuzt hatten. Angst überkam sie, und sie schrie. Da beugte sich ein scheußliches, hängelippiges Antlitz über sie, und eine alte Stimme fragte: »Willst du nicht deinem Töchterlein, deinem hübschen, kleinen Mädchen die Brust geben?« Gjöld starrte die Mutter Spinnerin an, riß mit all ihrer Kraft ihr Kind an sich und zerrte die sorgsam gewickelten, frischen Laken auseinander. Und sie sah, daß das Kind so groß und stark und schön war, wie sie es vorhin mit eigenen Augen geschaut hatte. Aber es war ein Mädchen.   Wie die Weißröcke um ihre Freude kamen Hjörleif sah nicht nach seinem Weibe, er sah immer wieder auf sein Kind, und es war, als könne er nicht glauben, daß ihm der Bund gebrochen worden sei. Er ließ den Spinnerinnen reichen Lohn und nahm Gjöld und das Kind mit sich heim ohne Wort. Er ritt weit voraus und ließ Gjöld nachtraben. Die ganze Zeit, die sie so mit dem Kinde hinter ihm herritt, schwieg auch sie, aber es schien keineswegs, als sei sie traurig oder niedergeschlagen. Und dies war es, was zu Hjörleifs Gram noch Erbitterung fügte. Als sie aus dem Moorbereich kamen, da lag ein Lavablock am Weg, kaum geringer an Umfang als der Thorrstein. Hjörleif sprang vom Roß und begann zögernd, den Block zu rücken, und als er ihn zu heben vermochte, da atmete er auf, denn er hatte gefürchtet, daß auch von ihm die Gaben genommen seien. Da legte Gjöld die Hand auf seinen Arm und redete zum erstenmal. »Es ist nicht an dem, Hjörleif, daß ich schlecht geboren hätte!« Und als sie ihm erzählte, was schon von der Geburt berichtet worden ist, da schwieg Hjörleif lange. Endlich zog er sein Schwert Sippeknauf, und damit waren seit Halfs Tagen alle neugeborenen Knaben gemessen worden, und sie hatten alle solches Maß, daß die Runenschrift, die über Sippeknaufs Klinge lief, ihnen just vom Scheitel bis zu den Zehlein reichte. Hjörleif sah jedoch mit Staunen, daß das Mädchen, das Gjöld geboren hatte, um eine halbe Spanne hinauswuchs über die Schrift der Runen. Sagte Hjörleif: »Gjöld, was immer auch kommen möge: ich zeugte dies Kind, und du gebarst es!« Und er küßte es zum erstenmal. Und Gjöld sprach: »Vielleicht ist es ein hoher Eidam, den sie uns zubringt. Denn ward ihr nicht Ruhm verheißen? Und wie könnte einem Weibe Ruhm verheißen sein?« Aber dies fragte sie listig und lachte stolz wie zu einem Scherz. Als sie heimkamen nach Engihlid , Hjörleifs Hof, da hielten Reiter vor dem Tor, und Olaus selbst war mit ihnen. Von weitem schon rief er sie an: »So früh schon mit den Pferden aus, Hjörleif? Wie schlank du geworden bist, Gjöld! Zeige doch, was trägst du da Schönes unterm Mantel?« Gjöld sah ihn an wie einen schlechten Knecht und schlug den Mantel auseinander über dem Kinde, das ruhig schlief. Wie ein Geier aufs Aas stieß Olaus zu und hakte schon die Lederflasche vom Gurt. Lachte Gjöld ihm ins Gesicht: »Ihr habt niemals ein schöneres und stärkeres Mädchen gesehen als dies, Herr Mönch!« »Wähnst du, mich zu täuschen?« schrie Olaus und riß die Tücher auf. Er warf einen Blick auf das Kind, das zappelnd und schreiend sich reckte, und die Miene war sauer genug, die er zog. »Wenig erwartet kommt uns dies, daß ein Held wie Hjörleif, Weiber im Weibe zeugte. Doch da Gott es so fügt, wollen wir deinem Kinde die Ehre tun und es Maria taufen nach der Jungfrau, die das Heil der Welt gebar.« Sprach Hjörleif dawider: »Hoho, Herr Mönch! Nur nach Speeren ging König Haralds Gebot, bei Spindeln entscheidet frei der Wille. Mein Wille aber ist, daß ihr nun reitet und euch nicht wieder blicken lasset zu Engihlid.« Da sah Olaus, daß seine Hoffnung dahin war. Gjöld aber nahm ihr Kind aus seinem Arm und rief: »Gebe Heimdall, der Gott der Wege, euch gut Geleit nach Hegranäs, Herr Mönch!« und sie lachte schallend den Gästen nach, da sie vom Hofe ritten.   Wie Albrun aufwuchs Albrun ward das Kind genannt, und es schien, als sei sie wahrlich ein Albenkind. Groß war sie und stark, aber häßlich wie Hel und niemals war sie daheim zu finden. Sie schlich sich mit Grim, Ketils kleinem Sohn, bis zu dem starken Gehöft, das die Weißröcke erbaut hatten, und schoß den Kühen Dornpfeile ins volle Euter, daß sie toll vor Schmerz aufs Bebemoor hinausrasten. Sie saß mit Grim droben am Hausgiebel, und kam einer der Mönche, die nun wie weiße Raupen durchs Land wimmelten, vorbei, so warfen sie ihm Steine auf den geschorenen Schädel. Damals gab es schon manche Männer im Land, die, des ewigen Streites müde, scheinbar sich fügten und ihre Knaben taufen ließen, obgleich sie sie später im Glauben an die Götter aufzogen. Als aber Olaus einst ins Weihwasserbecken griff, Thorkilds Sohn zu begießen, da zog er schleunig seine Hand zurück, denn es war voll von rotem Roßblut. Einer der Schwertmänner erfaßte Grim, den Übeltäter, noch an seinem langen Haar, da er davon schleichen wollte. Da sprang das Kind Albrun hinzu und fuhr ihm in die Augen, daß er ablassen mußte. Die Langröcke ritten nach Engihlid und führten zornig Klage. Aber Gjöld lachte über ihr ganzes Gesicht, da sie Albruns neuen Streich vernahm, und Hjörleif sagte still, wie es seine Art war: »Spindeln stehen der Mutter zu!« Damit ging er aus der Halle, und die Kuttenmänner mußten knirschend abziehen. Doch es wäre dies unwahr zu sagen, daß er das Kind wahrlich nur der Mutter überließ. Denn niemals ward ein Knabe besser geschult im Waffenwerk als Albrun, die ein Weib war. Sie war Grim, Ketils Sohn, in allem voraus und stärker selbst als ältere Knaben; zwischen ihr aber und Atli, dem Sohn, den der weiße Gott dem Goden Asbjörn gegeben hatte, war Feindschaft von Anbeginn und über alle Maßen. Je weiter die Duldung ging, die gegen die Weißröcke geübt wurde, desto frecher wurden sie und desto unleidlicher. Es war jedoch Olaus, gerecht besehen, kein schlechter Mann, in Verträgen verläßlich und gütig gegen Kranke und Knechte, solange es nicht wider seinen Gott ging. Einen der Mönche liebten die Kinder sehr und sie folgten Floke in großen Schwärmen. Unter den vielen Mönchen aber, die später nach Eisland kamen, waren tückische und schlechte Männer. Der Ärgsten einer, von dem man wußte, daß er es immer mit Lappenmägden gehalten hatte, der wagte es und tat Asny, Gjölds Schwester, die schon verlobt war, Schande an. Da kam Hjörleif Zwölfkraft zu dem Goden Asbjörn und verlangte, er solle mit ihm nach Hegranäs reiten, daß er nach Recht den Schurken richte. Asbjörn aber sagte nicht nein und nicht ja und wand sich wie ein Wurm und wollte die Verantwortung nicht tragen. Sagte Hjörleif: »Kann ich nicht Recht finden, so find' ich wohl Gewalt!« und er ließ sein Schwert Sippeknauf von Hof zu Hof gehen. Schwertbote war Glum der Skalde, und was er sprach, war so, daß kein Mann am Langfeuer zurückblieb. Als sie nach Engihlid kamen, da stand Albrun an der Türe und sah nach ihnen aus, und sie hielt ein schartiges, altes Schwert in Händen. Lachte Glum: »Was willst du mit diesem Bratspieß, Albrun?« »Wahr sprichst du, denn dieser Spieß wird vor Abend noch manchen guten Braten für Würmer bereiten!« gab sie zur Antwort. Hjörleif kam heraus und schalt, sie müsse daheim bleiben. Sagte Gjöld: »Nichts Schlechtes find' ich dabei, daß Albrun sieht, wie Mönche sterben. Und vielleicht kann es dir von Nutzen sein, wenn bei dir sind, die dich lieben, denn ich habe schwer geträumt heute Nacht!« So stieg Albrun mit den Männern zu Roß und ritt nach Hegranäs, zu sehen, wie Mönche sterben.   Wie Hjörleif Odhins Boten hörte Als die Männer an Höh vorbeiritten, wo Ketil wohnte, kam Grim ihnen nachgerannt und wollte nicht daheim bleiben, da es Albrun gestattet war, zum Kampf zu reiten. So stieg Grim hinter Albrun aufs Pferd, und die beiden lachten selig, als sie über die sonnige Heide ritten. Da hielt Hjörleif jählings sein Roß an und hob lauschend die buschigen Brauen. »Hört ihr nicht, wie der Wolf heult?« fragte er. Lachte Albrun: »Vater! Wie magst du nur glauben, daß Wölfe heulen am hellen Sommermorgen?« Glum aber winkte ihr heftig zu schweigen, er erbleichte, und sein Blick hing starr an dem Freund, der nun, die Hand am Ohr, flüsterte: »Hört ihr jetzt?« Alle schwiegen. Da richtete Hjörleif sich im Sattel auf und sprach gelassen: »So galt es mir und kommt früher, als ich gedacht hatte.« Er rief Albrun zu sich heran und bat sie, die Mutter zu grüßen, denn da ihm Odhins Botschaft geworden, wisse er, daß sein Sitz zu Walhall schon bereitet und sein Becher gefüllt sei. Er erwählte Glum zu des Kindes Pfleger an Vatersstatt und reichte allen wie zum Abschied nach frohem Festmahl die Rechte. Als Hjörleif so sein Haus bestellt hatte, schnallte er den Helm fester und ritt vor allen andern Männern ein in Hegranäs.   Hjörleif Zwölfkraft stürmt Hegranäs Dieser Kampf war der erste nach Jahren, die die Rosse feist und die Schwerter stumpf gemacht hatten. Aber man kann darum nicht sagen, daß er minder heiß gewesen sei. Als Olaus die Männer kommen sah, da waffnete er seine Weißröcke und Schwertmannen, und als Hjörleif des Schandmönches Auslieferung verlangte, antworteten ihm Pfeile und Speere. Bald waren alle Wolken schwarz von jagenden Idisen, deren jede ihren Erschlagenen im Sattel hatte, aber auch unter Haralds Kreuzbanner fielen sie wie gemäht. Wo Hjörleif Schrecken in der Feinde Reihen trug, da wehte ihm zur Seite Albruns gelbes Haar, denn als Schildknecht schritt sie ihm zur Linken. Und während Sippeknauf seine Arbeit tat, jauchzte Albrun: »Noch diesen, Vater! Noch den!«, daß ihr Lachen sich dem Todesschrei der Mönche mengte. Die ganze Zeit kniete der Mönch Floke, der ohne Schwert war, und betete laut zu dem weißen Gott um den Sieg der gerechten Sache. Also ward es offenbar, daß der Christengott selber Hjörleifs Rache an dem Schandmönch gerecht hieß, denn übel erging es den Weißröcken an jenem Tage, und Flokes Gott ließ es zu, daß Hjörleif den Schandmönch drinnen im Hofe von Hegranäs wohl zehnmal um den großen Dunghaufen herumjagte, ehe er endlich seinen Leichnam wie schlechtes Aas auf den Mist warf. Da lachte Hjörleif auf, als er Asny gerächt hatte. Es war aber der Führer der Schwertmannen ein Jarl, den gelüstete es nach des zwölfstarken Mannes Fall, er hoffte König Haralds Gunst zu erringen, wenn er ihn erschlüge, und er schwang die Axt, ihm das Haupt zu zerschmettern. Das ersah das junge Weib Albrun und hieb ihm mit ihrem schartigen Schwert so hart über den Arm, daß ihm das Beil entfiel. Da hob der Jarl seinen Schild, sie zu erschlagen. Es zeigte sich aber, wie wohl Albrun von ihrem Vater im Waffenwerk unterwiesen worden war, denn sie faßte ihr Schwert mit beiden Händen und rannte es in des Jarls Brust. Als das junge Weib Albrun seinen ersten Feind erschlagen hatte, da sprang dessen Herzblut in breitem Strahl auf ihre nackten Füße und rötete ihr Kleid. Im gleichen Augenblick begann sie zu lachen, so wild, so gellend, daß die Männer mitten im Schwertschlag sich wandten. Und alle sahen, daß sie trunken war vom Schlachtenrausch, der auf ihr lag. Alle sahen, daß sie Wehr und Gewand mit beiden Händen abriß von ihrem zuckenden Leib. Alle sahen, daß dieser trunkene Panzerbloße, der nackend vorstürmte, kein Weib mehr war. Da sprang der lachende Schlachtenrausch von ihm über auf Alle, daß sie sich rasend auf die Feinde warfen. Kein Stein von Hegranäs blieb auf dem andern. Nur Olaus und sieben seiner Mönche kamen lebend davon, die man nach Tagen halb verhungert aus ihren Verstecken zog. Als aber die Schlacht geschlagen war und die wilde Flamme auslosch in den Blicken der Männer, da trat Glum der Skalde zu dem hin, dessen Blöße Grim mit seinem eigenen Schilde deckte. Sprach Glum: »Große Zeichen haben die Götter an diesem Tage uns von ihrer Macht gegeben, da Thorrs Hammer über das Kreuz siegte. Das schönste Zeichen jedoch bist du selbst, den man Albrun Hjörleifstochter nannte. Ich aber nenne dich Half nach deines Geschlechtes Ahn, und ›das Weib‹ sollst du heißen, deiner Wandlung zum Gedächtnis.« Da gaben alle Männer ihm gute Wünsche, und Half Hjörleifsohn lief umher und rief jauchzend seines Vaters Namen. Aber Hjörleif lag, einen Speer in der Brust, inmitten eines Haufens Erschlagener. Als er seinen Sohn gesehen hatte, der schwertlos Schwertmänner fliehen machte, da war er lachenden Munds den Siegestod gestorben, um zu dem Gotte einzugehen, der niemals sein Bündnis bricht.   Wie Sippeknauf Jarl Svan schlug Es wäre aber besser gewesen, hätten die Eislandmänner nach dem großen Mönchstod auf Hegranäs auch noch Olaus und die anderen erschlagen, wie man Schlangenbrut zertritt. Aber Floke, der ihrer Kinder Freund war, warf sich auf die Kniee und bat um ihr Leben. So ließen sie von ihnen ab, denn es ist nicht Eisländers Art, das Schwert nochmals zu heben, wenn die Schlacht siegreich geschlagen ist. Davon aber kam später großes Unglück über alle, wie noch gesagt werden soll. Die Mönche lebten nun so still dahin wie einst, da sie zuerst den Fuß an Land setzten. Es ward keine Taufe mehr vollzogen, und selbst die Kinder, die an Floke so hingen, lachten, wenn er von dem Gott sprach, der am Kreuz gestorben war. Es ging auch Asbjörn der Gode umher und sagte laut, wenn des Kreuzes rechter Arm auch länger sei, der des Thorrhammers reiche doch weiter. Dies aber sagte er, weil jene, die an Thorr glauben, sein Zeichen fast ganz so malen, wie die Christen das Kreuz, nur daß beim Hammer der rechte Arm halb so lang ist wie der linke. Einzig Rannveig und Atli, ihr junger Sohn, hielten noch zum weißen Gott, und Atli suchte Half, der das Weib hieß, zu schaden, wo er konnte. Es saß aber Gjöld stattlich und stolz zu Engihlid, und sie sagte, sie könne Odhin nicht gram sein, der ihr zu Hegranäs gleichviel gegeben wie genommen habe. Zwischen Half und Grim war nun Blutsbruderschaft geschlossen, und sie liebten sich sehr. An Half sah man es recht, um wieviel weniger Schönheit dem Manne zugemessen sein muß als dem Weibe. Denn hatte Albrun häßlich geschienen, grob von Angesicht und ungeschlacht von Gliedern, so strahlten nun selbst Altweiberaugen auf, wenn Half vorüberging. Als die dritte Schneeschmelze kam, da war das Meer weithin bedeckt von Harald Hårfagrs Langschiffen, und es verbreitete sich Schrecken, da es hieß, Jarl Svan selber führe sie, des Königs alter Waffenmeister, der gerühmtesten Helden einer. Diesmal ließ Gode Asbjörn sein Schwert durchs Land gehen, und als der Bote die große Kunde nach Engihlid gebracht hatte, da nahm Half Sippeknauf mit Lachen von der Wand, das Schwert fuhr von selbst aus der Scheide und schlängelte sich wie eine blinkende Natter. »Du lachst,« sprach Gjöld zu Half, als sie dies sah, »aber morgen werden viele Mütter weinen!« In dieser Schlacht focht Half in der ersten Reihe und Grim zu seiner Linken. Als ihre Schwerter schon manchen Mann nach Hel gesandt hatten, ward Grim arg vom Durst geplagt, doch hatten weder er noch Half Wasser. Sie liefen abseits zu den Rossen, die alle in einem Rudel grasten, und suchten, ob nicht einer der Mannen seine Lederflasche gefüllt habe. Da trat ein Mann hinterm Felsen hervor, der war hoch und mächtig von Gliedern, und sein weißer Bart hing ihm bis zum Gürtel. »Niemand soll sagen dürfen, Jarl Svan habe einen guten Kämpen dürsten lassen!« sagte er und reichte Grim seine Gürtelflasche. Grim dankte nach gutem Brauch, und als er getrunken hatte, warfen er und Half sich wieder in die Schlacht, den Haraldsmannen Schaden zu tun. Kam Hliot heran, Glums Sohn, und rief: »Solange der Weißbart dort lebt, ist uns Sieg versagt; komm Half, daß wir ihn zwingen.« Sagte Half: »Schande wär's mir, den Mann zu töten, der Grim Gutes getan hat.« Es stand aber schlecht um die Eisländer, denn Svan focht wie ein Held und weiser Mann. Zweimal geriet Half im Gewühl an ihn und zweimal riß er Sippeknauf zurück, denn ihm war, als züngle das Schwert nach des Jarls Brust. Doch als zum drittenmal Svan und Half aneinandergerieten – und dies war kein Zauber, denn sie kämpften beide vor allen Mannen –, da sprach der Sehralte zu dem Jungen: »Bist du auch bei der Schüssel daheim so wählerisch, Half, daß du nur die guten Brocken haschest und die zähen den andern überlässest?« Sagte Half: »Man hat mich nicht gelehrt, Gutes mit Schwertschlag zu vergelten.« Da freute sich Jarl Svan und lachte. »Du gleichst Skeggi, dem jüngsten meiner sieben Söhne, der tot ist wie sie alle. Lange schon warten sie meiner in Walhall, und dein Schwert scheint mir scharf genug, einem müden Manne Rast zu schenken! Fällst du mich, so schlug mich kein schlechter Mann, und nur würdiger macht dich mein Tod.« Half fühlte Sippeknauf sich bäumen und zucken, aber er hielt das Schwert mit beiden Händen und schüttelte heftig den Kopf. Rief Jarl Svan: »So sieh dich vor, Feind!« Und er hieb zu mit aller Kraft, da Half es am wenigsten erwartete. Grim schrie auf, denn solche Wucht hatte der Hieb, daß der Freund Halfs Haupt schon zerspalten wähnte. Aber mitten im Schwunge, fast über Halfs Flügelhelm, glitt des Alten breite Klinge ab mit einem Klirren, als habe sie in der Luft auf Erz getroffen. Im selben Augenblick fuhr Sippeknauf in Halfs Händen auf und glitt bis zum Heft in Jarl Svans Brust. Half wußte später noch genau, daß er mit aller Kraft bemüht gewesen war, die Wehr zurückzuhalten. Aber eine größere Macht als seine stieß seinen Arm zu, und Jarl Svan starb. Während der Feinde Flucht, der Eisländer Jubel ihn umtobten, stand Half vor dem Erschlagenen still und sah finster auf das Schwert hinab, dessen Runen wie lebendig flammten.   Half das Weib bezwingt den Feuerriesen Nach jener Schlacht ward Half vielgerühmt von den Männern, weil er Jarl Svan erschlagen und die Königsmannen in die Flucht gejagt hatte. Er aber war sehr still und zeigte sich weder beim Frühjahrsthing noch beim Allthing, das um Mittsommer gehalten wird, weder bei Waffenspiel noch bei Pferdehatz. Er lag fast den ganzen Tag auf der Hallenbank und starrte in die Luft, während Grim schwatzte. Aber Half nahm doch nicht an Kräften ab, nein, er wurde breit und der größten Männer einer, die man sehen konnte, und es war nichts vom Weibtum mehr an ihm zu finden, als daß sein Antlitz bartlos und glatt blieb, so lange er lebte, darob er manchen Spott von Atli und Hliot zu leiden hatte. Nun gibt es im Süden von Engihlid eine Heide, Surtursheide genannt, da wird alljährlich Feuer aus zwei heiligen Steinen geschlagen, und dabei werden alte Runen gesungen, damit Surtur, der Feuerriese, kommen und das alte Gras verzehren möge, denn sonst gäbe es kein frisches Futter für die Schafherden. Verloren auf der Heide stand eine winzige Erdhütte, in der Aukko, die Finnin, allein wohnte, nachdem ihr Vater von den Wölfen zerrissen worden war. Aukko hatte, wie alljahrs ihr Vater, die Steine geschlagen und das Gras in Brand gesetzt. Nun aber faßte Surtur, da sie ihn mit heiligen Runen rief, große Liebe zu dem Mädchen, denn Aukko war nicht unschön von Angesicht und sehr schmal und zart. Dies aber lieben die Riesen. So drang er in ihre Hütte ein und versuchte, sie zu bewältigen. An jenem Abend ritten Half und Grim über Land und freuten sich, als sie fernhin die Heide so schön in Flammen sahen. Aber da hörten sie wilde Schreie, und als sie über die noch heiße Asche dahinsprengten, sahen sie bald die Hütte, deren Dach lohte, und das bedrängte Weib schrie laut darin. Half hieß Grim bei den Pferden bleiben, die bäumten, als witterten sie Wölfe. Aber das schien Grim eine Schmach, so brach er mit Half in die Hütte ein. Da war der Feuerriese. Sein Haupt hatte das Dach durchstoßen, daß seine roten Haare droben hervorflatterten. Er spie ihnen Funken und Rauch in die Augen, und Grim wars, als schmelze das Mark in seinen Knochenröhren. Half sprang zu, riß das Weib empor, das wie tot am Boden lag, und warf es Grim in die Arme. Als Grim mit seiner Last schon bis zur Türe gekommen war, hörte er ein Krachen und wandte sich. Da sah er, wie der Riese mit beiden Händen an einem großen Deckenbalken riß, ihn auf die Flüchtenden zu werfen. Half aber stemmte sich mit all seiner Kraft dagegen, um den Balken am Fallen zu verhindern. Grim kam mit dem Weibe glücklich aus der Hütte. Da scholl ein Brüllen drinnen wie von einem Stier. Das Flammenhaupt sank zurück, und die Hütte brach mit einem einzigen Krachen in sich zusammen. Aber als Grim glaubte, daß Half unter lohenden Trümmern begraben sei, da stand er vor ihm, schwarz wie ein Rauchschinken, doch sonst ganz heil, und hob stumm Aukko aufs eigene Roß. Es gab ihr Grim seinen Mantel, denn sie war fast nackend. So ritten sie eilig dahin, Grim immer in Angst vor des Riesen Verfolgung. Aukko aber war eine von den Finninnen, die Zauber und Ränke kennen, und sie band geheim einen Liebesknoten in Grims Mantel. Sprach Grim, nachdem sie lange schweigend geritten waren: »Du allein zwar hast den Riesen besiegt, und ich werde nichts als Unehre davontragen und Spott wegen meiner versengten Haare. Und doch will ich dich bitten um den Siegespreis dieser Nacht!« Sagte Half rasch und froh: »Mit Freuden will ich berichten, daß du allein Surtur gewürgt hast, und will's bezeugen vor allen Männern, daß es mein Werk nicht war!« Aber Grim schüttelte den Kopf. »Gib mir sie!« murmelte er, und mit Staunen ließ Half es geschehen, daß Grim die Finnin zu sich hinüber in den Sattel zog.   Atlis Feindschaft gegen Half wird offenbar Nun war ein großes Trinken in des Goden Asbjörn Halle, und es waren viele gute Männer dabei. Der Gode setzte den Skalden Glum zu seiner Rechten und Half zu seiner Linken. Dies aber war Atli so recht gegen sein Herz getan. Er nannte Glum stets ohne Ehrfurcht einen alten Quakfrosch und haßte Half ebenso sehr um seines Ruhmes willen wie darum, weil jener nicht hinter den Weißröcken herschlürfte wie er selbst. Als alle Männer schon fröhlich vom Met waren, begehrte einer ein Lied von Glum, und alle pochten mit der Schwertfaust auf den Tisch Beifall dazu. Glum, der weitum im Lande geehrt wird, war es gewohnt, daß man andächtig lauschte, wenn er sang. Doch während allen andern das Herz schwoll, flüsterte Atli unziemlich mit seinem Freunde Hliot, der sich nicht schämte zu lachen, während sein eigener Vater sang. Glum tat, als merke er nichts, aber er ward sehr bleich, denn daß sein ältester Sohn Hliot es mit Atli und den Weißröcken hielt, das fraß an ihm, obgleich er nie darüber sprach. Jetzt aber wandte er sich, da er sang, Hliot zu, und es ward offenbar, warum er just Odhins Lehren an Loddfafnir gewählt hatte, als er an diese Stelle kam: »Ich rate dir, Loddfafnir, den Rat nimm an! Er nützt dir, vernimmst du ihn, Er frommt dir, befolgst du ihn: wackern Mann nur erwirb dir als Freund – – –!« Da schämten sich alle für die zwei, die am Tischende tuschelten. Sprach Gode Asbjörn, der so schwach seinem späten, einzigen Kinde gegenüber war: »Wenig Ehre gewinnt im Leben, wer Skalden nicht zu ehren weiß, Atli!« Atli zuckte die Schulter: »Es ziemt uns Getauften nicht, Götzenlieder zu hören!« Da konnte Grim nicht länger an sich halten: »Schämst du dich nicht, Hliot, dein Maul zu wetzen, wenn dein Vater bessern Männern zu Gefallen singt?« Hliot ward sehr rot, aber Atli lachte höhnisch: »Sieh nur, wie witzig Grim sich gebärdet! Das macht, er kennt der Finnen Runen und Ränke alle!« Half das Weib aber legte sein Schwert in der Scheide vor sich auf den Mettisch und sprach sehr ruhig: »Dein Hohn trifft meinen Bruder Grim wenig, Atli. Denn jeder weiß, daß es die Besiegung des Feuerriesen ist, für die Aukko, die Finnin, Grim Dankbarkeit beweist.« Atli begann zu lachen. »Sonderbar ist es, daß du eine Tat Grims rühmst, deren ich ihn sich selbst niemals noch rühmen hörte, da sie nicht sein ist!« Half ward sehr böse, das sah man daran, daß seine grauen Augen schwarz wurden. Aber er sagte nur: »Gib acht, daß diese Worte dich nicht gereuen mögen!« Atli wies auf Half und schrie: »Sieh nur, Hliot, wie sich das aufspielt! Und doch wälzen sie sich zur Nachtzeit selbdritt im Bett, und Grim Sengehaar weiß nicht, wem er zuerst schön tun soll, Aukko, der Finnin, oder Albrun, der Vettel!« Und Atli bog sich weit über den Tisch vor und faßte Half an dem Fleisch unterm linken Arm, wie man Frauen beim Busen faßt. Half sprang empor, schleuderte Atli zurück und riß das Schwert aus der Scheide. Alle Männer hielten den Atem an, denn die Schmach schien ihnen groß und der Zorn gerecht. Aber ehe Half sich noch auf Atli stürzte, donnerte Glum: »Hinaus, wer den Hallenfrieden stört!« Und er faßte Atli mit der Rechten und Hliot mit der Linken und schleifte sie durch die Halle zur Tür, wie man junge Hunde hinausträgt, die sich unreinlich betragen haben. Und draußen stellte er sie nicht eben sänftlich nieder und schloß die Türe. Es deuchte allen, Glum habe wohl getan, und manche sagten, er habe Atli das Leben gerettet, denn Half hätte ihn sicherlich erschlagen. Es ward ihm große Ehre darum angetan, aber Half und er verließen bald, trotz Asbjörns Bitten, das Haus und mit ihnen die besten Männer.   Half setzt Atli eine Schandstange In der nächsten Nacht schlichen sich Half und Grim heimlich zu Asbjörns Hof. Sie hoben einen Balken vom Dach des Schafstalles, den richteten sie vor dem Hause auf. Oben schnitzten sie ein Männerhaupt aus dem Pfahl, darunter schnitten sie Atlis Namen ein und Unglücksrunen und Spottrunen, soviel der Pfahl nur faßte. Sie töteten Asbjörns beste Stute, schlitzten ihr die Brust auf und stülpten sie über den Pfahl, daß sie aufgerichtet stand, das Haupt gegen das Haus gerichtet. Zum Schluß setzten sie der Stute eine weiße Kappe auf, wie die Weißröcke sie über ihre geschorenen Schädel ziehen. Und man sagt, daß nicht die Schande dieser Hohnstange, nicht des guten Rosses Verlust, nicht die offen erklärte Fehde Halfs es Atli so antaten wie das weiße Käppchen, das sie der Stute aufgesetzt hatten.   Wie Half und Glum zum Hängefels ritten Glum der Skalde kam nach Engihlid und warnte, Half möge sich vorsehen, denn Atli führe schlimme Reden. Aber Half lachte nur, und Gjöld, seine Mutter, sagte: »Atli ist der nicht, der Half zu fällen bestimmt ist!« – obgleich sie Glum ehrte und bewirtete. Sagte Glum: »Guter Rat kommt oft auch aus runzligem Balg. Und schade wäre es, ließest du dich von Hinterlist fangen!« Trotzdem ritt Half oft allein aus, denn Grim saß bei dem Weibe Aukko daheim auf Höh, wo er Haus hielt, seit sein Vater Ketil gestorben war. Viele aber sagten, hätte der noch gelebt, die Finnin wäre nimmermehr nach Höh gekommen. Wieder einmal mußte Half des Nachts über Land, nach seinen Knechten zu sehen, die auf Fischfang aus waren. Als er aber an Höh vorübergeritten war, hörte er Pferdegetrappel hinter sich, und da er sich umsah, gewahrte er Grim, der im Reiten noch sein Schwert gürtete. Half wartete, bis der Freund heran war. Sagte Grim: »Es dünkt mich nicht wohlgetan, daß du so allein reitest in der weißen Nacht.« »Jene war nicht dunkler, in der wir Atli die Schandstange setzten!« sprach Half. Aber er ließ Grim doch mitreiten, bis Gnupr, Glums Hof, hinter ihnen lag und sie zum Albensteg kamen. Dies, muß man wissen, ist ein schmaler Weg, nicht breiter, als daß ein Reiter den andern just vorbeilassen kann, wenn er sein Roß hart an den Felsen drängt. Dieser Fels aber überhängt an einer Stelle eine ganze Strecke den Weg so tief, daß man nicht reiten kann, sondern das Roß am Zügel hinter sich her führen muß. Im Winter ist mancher schon in den Abgrund gestürzt, der hier so steil abfällt, daß viele sagen, drunten in der schwarzen Tiefe sei der Eingang zu Hel. Man kann aber den Hängefelsen ersteigen und darauf umhergehen wie auf eines Hauses breitem Dachfirst. Half und Grim ritten hintereinander her, bis sie den Felsen sehen konnten. Da hielt Grim die Zügel an: »Half!« sagte er »ich sehe Speerspitzen blinken auf dem Hängefels, und wo Speere sind, werden auch Männer sein. Niemand kann es dir zur Schande deuten, wenn wir jetzt umkehren; ich denke, wir reiten nach Gnupr zurück und melden es Glum, daß er uns seine Knechte mitgebe, gegen Atli zu fechten.« Lachte Half: »Wir wissen ja noch gar nicht, was wir melden sollen!« und er ritt schnell vorwärts. Als sie an die Stelle kamen, wo der Fels über den Weg hängt – ›Halfs Stätte‹ heißt der Ort nun –, da wollte Grim, der sehr unruhig geworden war, vom Pferde steigen, um es hindurch zu führen, Half aber schrie ihm zu, sich vorzubeugen, und erfaßte beider Rosse Zügel. So rasten sie unter dem Hängefelsen hindurch, und hinter ihnen polterte ein mächtiger Steinblock herab. Hätten Half und Grim angehalten, um vom Pferde zu steigen, so wären sie sicherlich zermalmt im Abgrunde gelegen. Droben standen Atli und Hliot, – dem es wenig Ehre machte, an solchem Handel teilzunehmen, – und fünfzehn Knechte Asbjörns, die den Block herabgewälzt hatten. Staub deckte alles dicht wie Rauch, und Atli sprach hämisch: »So haben wir endlich Ruhe von Half dem Weibe und seinen großen Taten!« Als sie aber auf den Weg herabstiegen, stand da Half, Sippeknauf in Händen, und, ohne ihnen lange zum Staunen Zeit zu lassen, schlug er sie der Reihe nach, wie sie herankamen. Schrie Hliot, der die Knechte fallen sah: »Sollen wir siebzehn Männer uns von zweien beschämen lassen?« Und es zeigte sich, daß Hliot, Glums Sohn, kein Feigling war, denn er drängte vor und stieß den Speer nach Half. Der Stoß traf den Schenkel, daß ein großes Stück Fleisches herausgerissen ward. Half aber spaltete mit einem Schlage Hliots Schild an der Seite des Handriemens, und das Schwert fuhr auf den Rist von Hliots Bein, daß der Fuß völlig abgetrennt ward. Es blutete nun aber auch Grim aus mancher Wunde, der an diesem Tage viel Ehre gewann. Und als ihn die Finnenknechte mit Speeren überschütteten, sprang Half vor und faßte vier von ihnen, einen nach dem andern, und schmetterte sie in den Abgrund hinab, daß man Kollern und Ästebrechen und Fall um Fall hörte. Nun kroch einer auf allen Vieren heran und wollte Half an den Beinen niederreißen, daß sie ihn zu bewältigen vermöchten. Da kam roter Zorn über Half, und Sippeknauf schlug und schlug auf den Mann ein, obgleich er beim ersten Hieb schon sein Leben gelassen hatte. Jählings aber hub einer von Atlis Knechten zu schreien an, das war ein alter Finne, Wamönen mit Namen, der mehr verstand als Grütze essen. Er warf sein Schwert fort und gellte: »Weh uns! Odhin ist mit ihm!« Und er wies mit bebenden Händen in die Luft. Die andern konnten nichts erspähen; doch eben darum, weil sie nichts von dem gewahrten, was eines Finnen Glieder vor Furcht schlottern machte, kam Grausen über sie, daß ihr Haar die Helme hob. Sie warfen die Schwerter fort und rannten, Atli im Stiche lassend und Hliot den Hilflosen, der in seinem Blute lag. Da sahen die beiden ihren Tod vor Augen. Aber Half legte Sippeknauf vor sich auf den Weg, und Hliot hörte ihn deutlich zu dem Schwerte sprechen: »So sehr du auch zuckst, ich tu es nimmer!« Half trat waffenlos zu Atli und sprach: »Es war nicht nach Heldenart getan, daß du mir den Hinterhalt legtest, aber ich bin der letzte, der reden dürfte von rechtem Heldentum. Darum laß es ausgeglichen sein zwischen uns, wie ich es wünsche.« Als Half so sprach, kamen Zorn und Staunen über Grim, daß Half so grundlos seine eigene Ehre kränkte. Atli blähte sich sogleich. »Oho!« sprach er. »Erst zahlst du mir die Blutbuße für die erschlagenen Knechte, eh von Ausgleich die Rede sein kann!« Halfs Augen wurden schwarz, aber er fragte ruhig dagegen: »Wähnst du, daß ich meine eigenen Mörder büßen soll?« Atli wich rücklings vor Half, da er dessen Miene sah. »Warum kamst du gerade des Weges, da wir zum Spiel Steine warfen?!« höhnte er. »Es soll dich diese Nacht noch teuer zu stehen kommen!« Und dann rannte er davon wie vorher seine Finnenknechte, ohne sich nach Hliot, seinem Freunde, auch nur umzusehen. Da ging Half zu Hliot und fragte: »Warum hast du Atli nicht nachgerufen, daß er dich mitnehme?« Sprach Hliot durch die zusammengebissenen Zähne: »Stich mit Sippeknauf zu, nicht mit der Zunge.« Half hob den Wunden hoch und trug ihn unterm Hängefels hindurch, und Hliot sagte später, es sei ihm seit Muttertagen nicht mehr so sanft geschehen. Dann holte Half seinen Hengst Igran herbei, setzte Hliot auf sein eigenes Roß, band ihn fest und gab ihm die Zügel in die Hand. »Reite heim zu deinem Vater. Glichest du ihm mehr, es wäre besser für ihn und dich.« Er gab Igran einen leichten Schlag, daß das Roß zu traben begann. Hliot saß steif im Sattel und verbiß den großen Schmerz. »Bist du daheim, so laß Igran ledig gehen, er kennt den Weg nach Engihlid. Aber achte, daß Atli nicht auch ihn noch zur Buße fordert, für die Stute, die wir auf die Schandstange setzten!« rief Half ihm nach.   Half kämpft seinen grössten Kampf Als Hliot verschwunden war, verbanden sie ihre Wunden und Grim sagte: »Dies war der ärgste Kampf seit Hegranäs.« Sagte Half: »Der ist es, der nun beginnen wird!« Staunte Grim: »Es ist doch niemand zugegen außer uns!« Da sah Half ihn zornig an und sagte: »Meinst du? Der Finne wußte es anders!« Er gebot Grim, sich zur Seite zu setzen und nicht Fuß noch Finger zu rühren, was immer auch geschehe. Er solle jedoch, wenn Half falle, Zeugnis ablegen vor jedermann, daß kein geringer Gegner ihn erschlagen habe. Da erschrak Grim, denn er liebte Half. Der aber antwortete ihm nicht mehr und deutete ihm, sich zu setzen. Also setzte sich Grim in Angst fernhin und sah, wie Half Gewand und Gewaffen abtat und nackt im fahlen Mondlicht stand. Der Himmel aber hing niedrig wie vor nahem Wetter, obgleich es zeitig im Frühjahr war. Half nahm Sippeknauf und zog um sich einen Kreis. Dann zerrte er einen der Erschlagenen herbei, tauchte die Eidfinger in seine Herzwunde wie in eine Schale und spritzte das Blut gen Himmel erst, dann zur Erde, dann nach allen vier Winden. Und Grim sah seine Lippen Worte murmeln, die er nicht verstand. Lange harrte Half, doch nichts regte sich. Er ward zornig und wiederholte sein Flüstern. Plötzlich brach er ab und lachte, er stieß des Knechtes Leichnam verächtlich mit dem Fuße fort und ritzte mit dem Schwert seine eigne Brust. Er brachte, da das Blut hervorquoll, von neuem das Sprengopfer dar, sprach von neuem den starken Zauber. Im gleichen Augenblick ging krachend über ihnen das Gewitter los. Der Blitz flammte, daß Grim die Hände vors Antlitz schlug. Des Donners Rollen war dicht über ihnen, ein ungeheures Dröhnen erschütterte die Luft. Grim fühlte die Erde unter seinem Fuß wie bei Ausbrüchen des Heklaberges zittern, es rauschte und krachte, und wie mit tausend Stimmen brüllte es drunten im Abgrund. Als Grim blinzelnd die Augen aufzutun wagte, da sah er, daß der Hängefels hinweggefegt und dicht hinter Half, der heil und unberührt stand, in den Abgrund hinabgerollt war. Der befreite Weg war von Steinblöcken besät, von Erde verschüttet, von entwurzeltem Gesträuch bedeckt. Über diese Zerstörung schritt sicher ein großes, wolkengraues Roß heran, und Grim erkannte, daß, die gewappnet darauf saß, ein Weib war, hoch und stolz, unterm schwanenbeflügelten Helm ein Antlitz, das blendete. Sie sprach: »Ich grüße dich, Half! Sigrdryfa bin ich, die dir Sieg verleiht!« Grim aber, dem die Kniee bebten, sah, wie Half aus voller Brust aufatmete. »Du also bist es, die gibt, was wenig Freude bringt! Zudringlich schelt ich dich, Sigrdryfa! Sobald Gefahr gering ist, lassest du mich, warum nimmst du mir den Sieg, der dir kostbar däucht?« Sprach die Idise: »Meiner Schwestern eine schützte Hjörleif, deinen Vater, und vielen Helden geschah vorher wie euch. Niemals noch hörte ich solch trotzige Klage!« »Ein Alb bist du mir, Freudenkränkerin, Stolzzerstörerin, Mannesmutbrecherin! Als Surtur den Balken nach mir warf, hätte ich ihn wohl allein getragen, aber der Sieg war nicht mehr mein, da deine Schulter sich mit dagegen stemmte! – Wider meinen Willen lenktest du Sippeknauf! Als Jarl Svan nach mir schlug, da glitt sein Schwert ab an deinem Schild, ich aber, der ich ihn schonen wollte, mußte ihn töten!« »Seine Zeit war um! Ihm war der Tod durch dich gesponnen!« »Ich aber will nicht nachleben, was ein anderer mir vorausspann! Ich will nicht gefesselt sein vom Faden, den die drei Alten drehen! Steig' ab, Sigrdryfa, und nimm dein Schwert!« »Was willst du mir?« sprach staunend die Idise. »Ich will in dir selbst all' meine Feinde neu bezwingen!« sagte Half, und Grims Herz stand still. Da lachte die Idise: »Du Tor! – Kein Mann zwingt Sigrdryfa, solang ihr Gürtel ganz ist!« »Ich will ihn zersprengen!« sagte Half. »Du Tor! Kein Mann sprengt Sigrdryfas Gürtel, der ihre Kraft nicht bezwang!« Da sprach Half nicht mehr, sondern er hob das Schwert mit beiden Händen und hieb auf sie ein. Aber Sippeknauf glitt ab, und die Gewalt des Schlages brachte Half fast zu Fall. »Nicht gegen uns Schwestern grub All-födhr Odhin die Runen ein!« lachte die Idise, und es war das ein Klang wie das Ziehen weißer Wildschwäne in den Lüften. Sie sprang vom Roß, das ohne Zuruf stand, und hing ihr Schwert an den Sattel. Und am Rande des Abgrunds hin sah Grim ein Ringen, wie nie vorher noch nachher im Leben. Half schlang die nackten Arme um die Idise, die sich wie zum Spiel gegen ihn wehrte. Aber das Lachen verging ihr bald. Half preßte sie, und sein Blut befleckte ihre Brünne. Die Adern traten an seiner Stirne vor, sein Antlitz flammte. Nie noch hatte Grim so seines Leibes nackte Kraft erkannt. Plötzlich barst knackend ihre Brünne, und ihre Brust wogte gegen seine. Half taumelte, und Grim schrie auf. Aber sogleich schüttelte Half ihre Umklammerung ab. Er fing ihre beiden Hände mit der Linken, und seine Rechte zerrte mit aller Kraft an ihrem Gurt. Sie biß ihn in die linke Schulter. Die Narbe verblaßte nicht, solange er lebte. Da kam Raserei über ihn, wie einst auf Hegranäs, da seines ersten Erschlagenen Blut das Weib zum Manne wandelte. Er preßte den Gürtel mit solcher Kraft, daß er ihn sprengte. Als dies aber geschah, stieß sie einen Schrei aus, voll der Angst, denn nun war die Stärke von ihr genommen, und sie war nur mehr, wie andere Weiber sind: unterworfen dem Manne und dem Tode preisgegeben. Da war des Lachens Reihe an Half. Er wand ihr den langen Gürtel unter den Armen um den Leib. Dann hob er sie und hielt sie mit gestrecktem Arm über den Abgrund hinaus und fragte sie, ob sie ihm eignen wolle. Und Sigrdryfa, bleich in ihrem gelösten, wilden Haar, rief: »Nein!«, obgleich sie nun vor dem Abgrund unter ihr schauderte, da sie nichts mehr als ein Weib war. Half fragte sie zum zweiten Male. Da sagte sie: »Odhins Zorn liegt auf dir, wenn du mich erkennst!« Er aber lachte wie im Metrausch. Es brach das Blut an der Walküre Leib hervor, denn der beschlagene Gurt war tief ins brünnenlose Fleisch gedrungen. Mit schwankender Stimme fragte Half zum dritten Male. Das Weib schloß die Augen. Da stieß Half ein wildes Jauchzen aus, und sein Arm zitterte erst, als er sie aufs Moos bettete.   Atli entbietet Half zum Herbstthing Half verlebte einen lichten Sommer zu Engihlid. Als die Störche fortgezogen waren, kam ein Thingbote und forderte Half vor das Herbstthing, denn Atli habe Klage wider ihn eingebracht auf Blutbuße seiner Knechte. Half lachte dem Boten ins Gesicht, ging ins Haus und ließ ihn stehen. Aber Hliot sandte Botschaft durch Eyvind, seinen jungen Bruder, daß Atli ihn heimlich zu falschem Zeugnis habe bereden wollen und daß er, Hliot, Half rate, zum Thing zu reiten. Hliots Herz hatte sich gewendet, während er den ganzen Sommer hindurch still an seiner Wunde darniederlag. In allen seinen Schmerzen fand er kein böses Wort wider Half, der ihn doch zum Hinkefuß geschlagen hatte. Und es war Glums große Freude, daß er keineswegs den Weißröcken mehr so anhing wie vordem. Half dankte dem Knaben Eyvind freundlich für die Botschaft und gab ihm gute Bewirtung wie einem Manne. Gjöld aber, die in letzter Zeit sehr gealtert war und die Eyvind zuerst in ihrem Winkel gar nicht gesehen hatte, weinte, da Half die Knechte rief und Sippeknauf gürtete. Da erschrak Half und sprach: »So sah ich dich noch nie, Mutter! Auch nicht an dem Tage, da wir Hjörleif Zwölfkraft, deinen Mann, auf seinem langen Schilde heimbrachten!« Aber Sigrdryfa sagte – und wie war sie schön, da sie so sprach: »Sorge dich nicht, Half! Wohl ward mir die Zukunft verhüllt, da du mich gewannst, doch wäre dir der Tod auf dem Thing gesponnen, mein Herz würde ihn vorausfühlen. Gehe nur, und ich will den Hof wahren, bis du heimkehrst!« Also nahm Half Abschied vor ihr und seiner Mutter und hob Eyvind vor sich aufs Pferd, da er mit den Knechten fortritt. Lange noch winkte Half zurück, und lange noch sah Eyvind Sigrdryfa in der Türe stehen, schwarz wie eine Wetterwolke und weiß wie der Blitz darin. Half hatte acht Knechte bei den Frauen zurückgelassen, die machten sich nun am Hofe zu schaffen. Sigrdryfa wußte aber, daß dieser Tag bestimmt gewesen war, Treibholz einzuholen, ehe die Fröste kamen, und schickte die Männer nach dem Odhinsstrand, denn sie wollte nicht, daß etwas versäumt werde, wenn sie in des Herren Abwesenheit den Hof hütete. Also gingen sieben Männer fort und ließen nur ein einziges Knechtlein zurück, das in den Ställen blieb. Daraus entstand schweres Unheil, so wohl es auch das Weib Sigrdryfa gemeint hatte.   Was sich auf dem Thing begab Half hatte sich verzögert, als er Grim von Höh holte, und sie kamen zu spät zum Thing. Als sie von den Rossen absprangen, saß Gode Asbjörn schon mit den beiden andern Goden zu Gericht, und Atli hatte eben seine Anklage begonnen. Was er aber unter seinen und seiner Knechte Eid stellte, war dies. »Ich, Atli, des Goden Asbjörn Sohn, bin in jener Nacht mit Hliot, meinem lieben Freund, den nur seine Wunde abhält, für mich zu schwören, und fünfzehn Knechten nach Mövenhalde geritten, um Vaters Schiff »Skidbladnir« seetüchtig zu machen. Als wir zum Hängefels kamen, wandelte uns, wie andere auch, der Mutwille an, daß wir ihn erstiegen. Dabei löste sich ein Stein, an den wir stießen, wie ja denn der ganze Fels noch in der gleichen Nacht in den Abgrund gestürzt ist. Dieser Stein sauste an Half vorbei, ohne ihn zu treffen. Half aber erschlug mir voller Ingrimm sogleich neun meiner Knechte, als wir herankamen, und da ich Blutbuße forderte, wies er sie mit Hohn zurück, so daß ich gezwungen bin, beim hohen Thing mein Recht zu suchen!« Es lag aber vor Asbjörn auf einem Stein der heilige Eidring von Erz, dessen Enden nicht aneinandergeschlossen sind, so daß die in den Spalt geschobenen Schwurfinger sein Rund erst vollenden. Atli schob die Finger der Rechten in den Ring und schwor seinen Eid auf Halfs Schuld und die lautere Wahrheit seiner Rede. Nach ihm aber trat Atlis alter Finnenknecht Wamönen heran und schwor mit Zittern und Stammeln, wie sein Herr geschworen hatte. Es soll hier gleich gesagt sein, was später erst zu Tage kam, dies nämlich, daß Atli den Knechten die Freiheit und viel Gold versprochen hatte, wenn sie ihm vor dem Thing beistehen wollten. Und er hatte ihnen gesagt, der weiße Gott lache nur über solch einen Eid, der auf ein rostiges Eisen geschworen werde, und er gelte nichts, wenn ein Christ ihn einem Heiden schwöre! Atli hatte lange schon seine Knechte zu Olaus geschleppt und ihnen den alten Glauben abwaschen lassen. Denn Olaus war bescheiden geworden; da er die Eisländer selber nicht zur Taufe bekam, so bekehrte er gern ihre Kuhmägde und Schafhirten. So schwor Wamönen, der Alte, um noch einmal Finnland wiederzusehen und in der Heimat zu sterben, und die andern Finnen schworen wie er. Aber es ist seltsam, daß keiner von ihnen den Winter überlebte. Sie starben durch Rossehuf, durch Schwertschlag, durch Wogenschwall, durch Eisbruch. Keiner von ihnen jedoch hat die Heimat wiedergesehen. Als Gode Asbjörn der Knechte Schwur vernommen hatte, fragte er, ob Half etwas zu erwidern habe. Da antwortete Half: »Nur dies!« Und er hieb Atli mitten im Thingkreis ins Gesicht. Die Thinghüter sprangen hinzu, sie fällten ihre Speere gegen Half, den Friedensbrecher, und versuchten, Atli auf die Füße zu stellen, der im Fall weithin die Thingstäbe geknickt und die Schnüre zerrissen hatte, mit denen der Platz eingefriedet war. Gode Asbjörn aber zuckte nicht mit einer Wimper, da er seinen Sohn besinnungslos vom Fall liegen sah. Er hob die Hand und verbüßte Half, daß er für die neun Knechte drei Hundert Silbers zahlen sollte, für den Thingbruch aber zehn Unzen guten Goldes. Es konnte da keiner anders sagen, als daß der alte Fuchs die Buße für die neun Knechte lächerlich gering bemessen habe. Doch jene für des Thingfriedens Bruch war von unerhörter Höhe. Half drehte den Goldreif von seinem Schildarm herab, der gut zwanzig Unzen haben mochte, und warf ihn Asbjörn vor die Füße. »Doppelte Buße ist dieser Schlag mir wert!« rief er. »Die Buße für die Knechte aber mag sich zu Engihlid holen, wer Lust hat!« Und er ritt mit Grim vom Thing, ohne daß die Hüter ihn zu halten wagten. Sein Antlitz war finster, da er auf Gnupr einritt, sich mit Glum zu bereden, denn er wußte, daß nun erst die offene Fehde mit Atli begann.   Atli holt sich die Blutbusse auf Engihlid Atli wütete gegen seinen Vater, daß er Half hatte ziehen lassen, während er vom Schlage benommen lag. Und als er den Hohn von Halfs letzten Worten hörte, schwor er, er wolle so tun und sich die Buße holen, noch vor sinkender Nacht. Er hörte nicht auf Asbjörns Widerrede. Alle Knechte jagte er zu Pferde, daß ihrer wohl fünfunddreißig waren, und sie ritten nach Engihlid auf dem kürzesten Wege und so rasch sie vermochten. Unterwegs erfuhren sie von einem alten Weibe, daß kein Mann auf Engihlid verblieben sei, und Atli lachte laut vor Freude. Das Knechtlein, das eben am Brunnen singend die Roßeimer füllte, sah sie daherbrausen. Es schrie: »Frau! Frau!« und lief und wollte des Hoftores schwere Flügel schließen, aber es vermochte sie nicht zu bewegen. Atli schrie ihn an, den Roßstall aufzutun, und das tat der Knecht denn auch mit Zittern vor ihren bloßen Schwertern. Es waren nicht viele Rosse daheim, da Half über Land und die andern Knechte nach Holz aus waren. Atli sah ein graues Pferd an der Krippe, danach gelüstete ihn. Aber als einer der finnischen Eidknechte auf Atlis Geheiß Hand an das Roß legte, da hieb es ihn mit dem Huf vor den Leib, daß der Finne tot zu Boden sank. Das Knechtlein aber rannte im Gewühl davon, über den Hof in die Halle, wo Sigrdryfa und Gjöld saßen und spannen. Er fiel vor ihnen nieder und schrie, Atli, des Goden Sohn, sei eben dabei, Freysfaxi fortzuführen, Sigrdryfas Roß, auf dem sie nach Engihlid gekommen war. Da schrie Gjöld auf: »So liegt Half tot, denn sonst würde es keiner wagen!« Sigrdryfa sprang auf und lief, die Spindel in der Hand, zur Hallentüre. Und als sie sah, daß das Knechtlein wahr rede, warf sie schnell ihre Spindel über ihre linke Schulter zurück. Sie sprang zum Hochsitz und nahm ihr Schwert von der Wand. »Weine nicht, Schwieger!« sagte sie. »Half lebt, und ich habe ihm Nachricht gesandt, so daß er bald hier sein wird!« Sie ging mit dem bloßen Schwert hinaus in den Hof, in dem wiehernde Pferde umherrasten, und stand jählings unter den Männern. »Welcher Räuber wagt, Hand an meines Gatten Gut zu legen?« fragte sie. Als aber Freysfaxi ihre Stimme hörte, da bäumte sich das graue Roß und stieg steil auf, daß ein anderer Knecht, der sich schon auf seinem Rücken behauptet hatte, fiel und sich das Genick brach. Das Roß kam und stellte sich schnaubend zu Sigrdryfa, und sie hielt es mit der Linken an seiner silbernen Mähne. Sprach Atli ehrerbietig: »Nicht als Räuber komme ich, Frau! Ich nehme nur, was der Thing mir zusprach!« Sie aber sagte: »Solange ich atme, soll man kein Sandkorn forttragen von Halfs Hof!« Und sie hieb den Mann zu Tode, der die fetten Ochsen aus dem Stalle führte, die Halfs Stolz waren. Noch drei Knechten schlug sie tiefe Wunden, sie, die guten Waffengang kannte. Es getraute sich keiner, ihr zu stehen, auch Freysfaxi biß nach allen, die seiner Herrin nahekamen, und schlug und schnaubte und bäumte sich. Atli stand und sah in Sigrdryfas Gesicht. »Mich dünkt, ich habe nie ein schöneres Weib gesehen!« sagte er laut. »Und mich dünkt, ich habe nie einen schlechteren Schelmen gesehen!« rief sie zornig zurück. Er suchte sie am Schwertarm zu fassen, sie aber hieb ihm übers Haupt, daß es ihn das rechte Ohr kostete. Rief er: »Törin, die du mein Blut vergießest für den schlechteren Mann! Ist es so viel süßer, Halfs Kebse zu heißen als mein Bettgenoß? Geschenkt seien Half Rosse und Rinder! Ich will nichts von Engihlid rauben als dich, und du sollst an Harald Hårfagrs Hof in Gold und Seide prangen!« Sigrdryfa sah ihn an mit wetterleuchtenden Augen. Und als er nach ihr faßte, da gab sie Freysfaxi einen Schlag, daß das Roß wiehernd lossprengte, und Atli ward überrannt, da es aus dem Hofe herausraste. In dem Augenblick der Verwirrung sprang Sigrdryfa ins Haus zurück. Sie und Gjöld und das bebende Knechtlein warfen das Hallentor ins Schloß. Sie hatten kaum Zeit, den Riegelbalken vorzulegen, da donnerten schon Schwerter ans Tor, und sie hörten Atli beim Kreuzeschwören, daß er sich Sigrdryfa holen wolle, und müsse er sie mit den Zähnen herausbeißen. Das Knechtlein jammerte laut, und Gjöld, die alt und nicht so stark mehr war wie vordem, erbleichte. Sigrdryfa aber war keine Angst anzumerken. »Nun habe ich Half meine zweite Botschaft gesandt, und es gilt nur auszuharren, bis er heimkehrt.« Da hörten sie schon die Äxte krachend ans Tor schlagen. Sigrdryfa aber hieß das Knechtlein alle Speere herbeischaffen, die es fände. Zu Engihlid war kein abgesondertes Speicherhaus gebaut, sondern die Vorräte lagen, wie bei den Häusern zu Norge, unterm Dachgiebel. Die Holztreppe zu diesem Speicherboden lief Sigrdryfa nun hinan, stieß die Luke auf und begann die Speere zu werfen, wie sie ihr dargereicht wurden. Denn es stand das Knechtlein unten, Gjöld aber oben an der Holztreppe. Sie warf Speer um Speer, und keiner verfehlte sein Ziel, und sank drunten ein Mann, so lachte Sigrdryfa. Schrie Atli: »Ausräuchern muß man sie, ausräuchern wie Dachse im Winter!« Und man hörte, wie sie Stroh und Torf herbeischleppten und in Brand steckten. Das Knechtlein weinte und schrie und blickte böse, und Gjöld sagte: »Dies ist der letzte Speer!« Es begann schon Rauch durch die Luke hereinzuschlagen. Die beiden Frauen warfen den Männern Handmühlen und Schleifsteine auf die Köpfe – und was ihnen sonst in die Hände kam. Das Knechtlein schluchzte erbärmlich, seit es das Knacken und Zischen der Flammen hörte. Es sahen aber die sieben Halfsknechte den Rauch, der auf Engihlid aufstieg, als sie vom Odhinsstrand heimkehrten; sie ließen die Wagen mit dem Treibholz stehen, wo sie standen, spannten die Gäule aus und trabten nach Engihlid, so schnell die schweren Nordlandhengste es vermochten. Sigrdryfa jauchzte, da sie sie erspähte, denn es waren dies starke Männer und keiner darunter, der nicht auf dem Hofe geboren war und Engihlid liebte. Und sie rief sie aus dem brennenden Hause her an, daß sie den Frevel an ihres Herren Gut rächten. Ihre wilden Rufe gellten über dem Kampfgetön. Es hatten die Knechte, die auf Arbeit aus waren, nicht Helm noch Schild, nur ihre Holzäxte, und sie wurden alle nach langer Gegenwehr getötet, bis auf einen, dem die Götter den Odem sparten, daß er dem Rächer Kunde gäbe. Als aber die sieben Knechte in ihrem Blute lagen, war das Haus schon erfüllt mit Rauch und roter Lohe, und am Holzgebälk kletterten die Flammen empor. Atli aber rief: »Sigrdryfa, hörst du mich, öffne das Tor, daß ich dich rette!« Sie aber sprang herab und lief zum Herde, da stand der große Kessel mit dem Sautrank am Feuer und er war am Überkochen, da niemand an ihn gedacht hatte. Und sie ließ das Knechtlein hart an, daß es heulend kam und den Kessel mit ihr hinaufschleppte, und dabei jammerte es bei jeder Stufe, die sie erstiegen: »Ich will noch nicht sterben!« Sigrdryfa hob den Kessel ganz allein und neigte ihn und goß den siedenden Trank herab, daß die Männer drunten brüllend umherfuhren. Plötzlich aber hörten sie Jubel und Lachen. Ein starker Windstoß wehte ihr brandigen Qualm ins Gesicht. Gjöld schrie auf. Da wandte sich Sigrdryfa und sah, daß das Knechtlein heimlich die Hallenpforte aufgetan hatte, und drunten in Rauch und Flamme hörten sie Atlis Stimme. Da küßte Gjöld ihre Schnur und rief: »Laß mich und rette dich. Wenn du übers Dach hinüber zum Knechthaus kletterst, kannst du dich retten!« Atlis Rufen klang schon an der Holztreppe. Sigrdryfa riß ihre Schwieger empor und trug und zerrte sie durch den erstickenden Qualm, die Leiter hinauf, zur Dachluke. Die Flammen schlugen schon durch den Bretterboden. Gjöld aber sagte: »Wehe mir, daß ich Hjörleifs Hochsitz in Flammen sehen muß!« Und sie starb in Sigrdryfas Armen, denn ihr Gram war allzu groß. Atli aber und seine Knechte waren auf das Dach des Knechthauses gestiegen. Dort stand Atli, grau im Gesicht und zitternd. Er sah Sigrdryfa wie einen wilden Falken sich von Balken zu Balken schwingen und streckte die Hände nach ihr aus. »Komm zu mir! Stirb nicht!« schrie er, und vielleicht dachte er nichts andres mehr, als dies wunderbare Weib zu retten. Sigrdryfa aber spähte noch einmal nach Half aus. Als sie aber sah, daß es keine andre Rettung gab als die durch Atlis Hand, da streifte sie den Armreif ab, den Half ihr zum Mahlschatz gegeben hatte, und warf ihn über die linke Schulter. – Sie sah nach Atli und Atlis Knechten zurück, die auf allen Vieren herankrochen über das Dach, aus dem züngelnd die Flamme brach. Reglos stand Sigrdryfa und sah Lokis rote Hunde an den Dachbalken nagen. Und plötzlich bückte sie sich und tat einen hellen Schrei und riß an dem Balken mit aller ihrer Kraft, gerade da ein Knecht die Seilschlinge nach ihr werfen wollte. Mit einem einzigen Krachen stürzte der Dachstuhl in sich zusammen, und eine Flammensäule schoß bis zum Himmel empor. Da kamen die drei Knechte kläglich in den rasenden Flammen um. Atli jedoch war anderer Tod bestimmt, daß er auf den Rasen herabgeschleudert ward ohne Schaden zu nehmen. Keiner aber der dreizehn Männer, die dies überlebten, wußte zu sagen, wo Sigrdryfa geblieben war, da Engihlid zu Asche brannte. Manche meinten, es hätte auch sie des Daches Einsturz erschlagen. Manche meinten, sie sei in die Lohe herabgesprungen mit ausgebreiteten Armen. Ivar aber, der auf Engihlid geboren war und erst starb, als er Half Kunde gegeben hatte, beschwor, er habe, als die Flammensäule zum schwarzen Himmel emporstob, daraus der Herrin Lachen schallen hören, und es sei ein Klang gewesen, als zögen weiße Wildschwäne in den Lüften der Heimat zu.   Was Aukko in den Kupferdeckeln gesehen hat Als Half und Grim auf Gnupr einritten, kam Glum der Skalde selbst heraus, sie zu grüßen. Thorodd, sein Weib, die den gerühmtesten Skyr des ganzen Godords zu bereiten wußte, ging, das Mahl zu richten, und Eyvind, das Kind, war sehr glücklich, denn er durfte Sippeknauf an die Wand hängen. Half strich dem Knaben übers Haar, darob Eyvind lange heimlichen Stolz trug. Auf der Herdbank hatte Hliot sein Wundlager und er lachte übers ganze Gesicht, als der eintrat, der ihn zum Hinkefuß geschlagen hatte. Half setzte sich zu ihm, fragte nach der Wunde und gab Hliot gute Rede, obgleich seine Stirn gefurcht war von schweren Sorgen und Unrast auf ihm lag. Als die Männer beim Skyr saßen, begann Half vom Thing zu erzählen, und Hliot ward rot und blaß, da er von Atlis Schandeid vernahm. Man hielt ihn kaum zurück, wund, wie er war, hinzureiten und Atli zu erschlagen. Lange sprachen sie hin und her, wie Atli zu züchtigen wäre. Während sie so saßen, tat sich die Türe auf ohne Knarren und ohne daß die Hunde knurrten, die am Langfeuer lagen. Eyvind sah, daß es Aukko die Finnin, war, die wie allabends von Höh kam, um nach Hliots Wunde zu sehen. Auf lautlosen Fellschuhen kam sie heran, das frische Linnenzeug überm Arm, die Bernsteinurne in der Hand, die die Zaubersalbe faßte. Denn wie kein andres Volk wissen die Finnen Tränke zu brauen und Wunde zu pflegen. Sie trat zum Tisch und nahm still die Kanne fort, die Half gestört hatte, wischte vergossenen Met von der Platte auf und nickte Eyvind freundlich zu, während die Männer achtlos weiter sprachen. Dann kniete sie neben Hliots Lager hin und begann, das Bein frisch zu salben und zu verbinden. »Nun ist es so weit, daß du morgen aufstehen magst, Herr!« sagte sie mit ihrer leisen, wiegenden Stimme. Im gleichen Augenblick aber fiel mit großem Lärm ein Ding zu Boden. Der Hund, der in der Asche gelegen hatte, ward getroffen, sprang aufjammernd herab und verkroch sich winselnd in der fernsten Ecke. Eyvind rief bestürzt: »Das war Sippeknauf!« Denn er dachte, es sei seine Schuld, da er die Waffe an den Haken gehängt hatte. Aber nur die Scheide war herabgefallen, das Schwert hing nackt und glitzernd an der Wand. Aukko sprang zum Herde, sie nahm den großen Kupferdeckel vom Kessel, der dort stand, und einen kleinen Deckel von einem Topf. Sie hielt den großen Deckel hinter sich, den kleinen aber vor sich und sah lange auf die vom Dampf beperlte Fläche. Als sie die Männer anblickte, war sie nicht Aukko mehr, die unfreie Finnin, sondern der Weisen eine, die Zauber und Ränke kennen. »Gut behagt es, mit Freunden beim Mahl zu sitzen, Half Hjörleifsohn!« sagte sie. »Und doch rate ich dir heimzureiten, so schnell Igran es vermag!« Und als Half in sie drang, zu sagen, was sie gesehen habe, antwortete sie: »Ich habe Sigrdryfa, dein Weib, gesehen, und sie warf ihre Spindel über ihre linke Schulter. Da fiel die Scheide von deinem Schwert, zum Zeichen, daß du ihr Hilfe bringen mögest, und der Hund verkroch sich, zum Zeichen, daß kein Schützer bei ihr ist, und Asche ward verstreut, da er herabsprang, zum Zeichen, daß deinem Herde Gefahr droht! Ich aber denke, daß es Atli ist, darum dünkte es mich am besten, ihr rittet alle nach Engihlid!« Da war großes Hasten, und Hliot warf die Felldecken fort und saß mit auf, da sie davonritten. Mutter Thorodd aber vermochte Eyvind kaum zu halten, der flehte und bat, man möge ihn nicht zu Hause lassen. Aukko war auf ihr zottiges Finnenpferdchen gestiegen und sagte, sie könne vielleicht den Männern nützlich sein, wenn sie mitkäme. Half ritt allen voraus und trieb Igran an, daß die andern ihm kaum zu folgen vermochten. Sie waren nur eine kurze Strecke weit geritten, da kam Eyvind ihnen keuchend nachgerannt und flehte so sehr, man möge ihn mitnehmen, daß Glum sein Vater sich seiner erbarmte und ihn zu sich aufs Pferd hob. Es war aber jählings Nebel über Gnupr gefallen, weiß und dicht, daß man den Mann nicht sah, der neben einem ritt, und Glum rief von Zeit zu Zeit alle Namen. Half aber antwortete nur: »Schneller! Schneller!«, während er auf Igran einschlug. So ritten sie eine Weile und man hörte an Hliots gepreßtem Atem, wie weh ihm dabei geschah. Da kam es heran über die Heide wie Wetterbraus. Es schnaubte und stampfte, und alle hörten sie, daß ein einzelnes Roß in rasendem Lauf auf sie losstürmte. Jedem der Reiter war, als überrenne es gerade ihn, in diesem schwimmenden Nebel, der dicht wie weiße, feuchte Laken um sie hing. Und jählings scholl ein durchdringendes Wiehern, so nahe, daß sie ihre Gäule zur Seite rissen. Da schrie Half: »Freysfaxi!« – mit einer Stimme, die niemals vergessen kann, wer sie gehört hat. Und jählings zerfloß der brauende Nebel, er ward schleierdünn, und sie alle sahen Freysfaxi aus dem schwimmenden Dunstmeer treten. Feuer sprühte aus seinen Nüstern, Funken aus seinem Huf, und das Roß hob sich und bäumte sich, wuchs und wuchs, bis es den Himmel erreichte und in jagenden Wolken verging. Und was auch die Weißröcke dagegen reden, sie können nicht abstreiten, was vier Helden und wohl viermal zehn Knechte bezeugt haben. Als sie aber dies geschaut hatten, da schloß sich der Nebel von neuem, daß sie nicht die Hand mehr vor den Augen sahen. Half schrie zurück: »Aukko! Aukko! Was widerfährt der, die mein Weib ist?« Sprach Aukko, und ihr Pferdchen schoß wie ein Sperber dahin: »Nebel ist mir wie klarer Tag. Waffen seh ich wie Wasser schimmern. Dies war Sigrdryfas zweite Botschaft, aber sie sandte sie nicht uns allein!« Und dann hörte man nichts mehr als das Klappern der Hufe auf dem nächtlich gefrornen Boden. Da kamen sie nach Höh, Grims Hof, der an der Flußbiegung liegt. Hat man aber Höh im Rücken, so kann man hinüber bis nach Engihlid sehen. Auf Höh war ein alter Kettenhund, den Ketil, Grims Vater, gezogen hatte, und den Grim nur darum noch hielt, denn er schlief, wer immer auch auf den Hof kam. Als sie aber an Höh vorbeijagten, da klärte sich von neuem der Nebel, und die Reitenden sahen sich scheu in ihre käseweißen Gesichter, als träfen sie sich zum erstenmal. Vor dem Hoftor stand der alte Hund, der räudige Gnadenbrotfresser, und er hielt seine Schnauze in die Luft und heulte, wie nie ein Hund geheult hat. Da fiel das Grauen über alle Männer. Half faßte Glum am Arm und fragte: »Ist das das Zeichen, das mein Vater hörte?« und nochmals: »Ist das das Heulen, das mein Vater gehört hat?« Aber keiner antwortete. Half aber fragte nun auch Aukko nicht mehr, was seinem Weibe widerfahre. Denn nun hatten sie Höh im Rücken und sahen die Flammen auf Engihlid gen Himmel lodern. Als Half das sah, stand er im Steigbügel auf, er schlug Igran mit dem blanken Schwerte, und ein unerhörtes Rennen begann. Sie sahen schon die Rinder, rasend vor Angst, zerrissene Stricke nachschleifend, vorbeistürmen. Sie hörten das Blöken der Schafe in den flammenden Ställen. Der Boden des weiten Hofes war zerpflügt von Tritten, und es lagen die Erschlagenen in ihrem Blute. Igran strauchelte, denn Half hatte die letzte Kraft aus dem Hengst gehetzt, und er ließ ihn liegen, wo er lag. Allen voran rannte er auf das Haus zu, das wie eine Fackel brannte. Vor dem Hallentor häufte sich unter einem Wust von zertrümmertem Gebälk ein Knäuel von Toten. Einer aber, der unter Leichen lag, hob sich noch, und er war schrecklich anzusehen, denn ein Axthieb hatte seine Stirn getroffen, und wie ein Wunder wars, daß er noch redete. Es war dies Ivar, Halfs Knecht, der auf Engihlid geboren war, und er rief laut: »Herr, Herr! Atli hat dir das getan!« Half aber stürzte an ihm vorbei. Da kam Grim nachgeritten und hing sich an Half und flehte ihn an, nicht ins Haus zu dringen, um das die singende Flamme brauste wie um Lokis Wohnsitz. Half jedoch würgte seinen Bruder Grim und schleuderte ihn von sich und warf sich in die Flammen. Er taumelte aber sogleich zurück, denn kein vom Weibe Geborener konnte dies ertragen. Aukko schrie warnend auf, und kaum hatte Grim Half zur Seite gerissen, – da brach die Halle auch schon in sich zusammen. Er aber schrie nach Sigrdryfa, die sein Weib gewesen war, und nannte sich feige und schlug sein Fleisch mit Fäusten, weil es dem Brande nicht standhielt und nannte Grim einen Neiding, der ihn gerettet hatte. Eyvind, das Kind, weinte. Er wollte nicht, daß man ihn sähe, so trat er aus dem Schein der Flammen fort. Er stieß mit dem Fuß an etwas, das klang und glitzerte und fortrollte, da er sich bückte, es zu haschen. Aukko fing das Ding, und sie legte es still in Halfs Schoß. Es war dies Sigrdryfas Armreif, den Half ihr als Morgengabe gegeben hatte. Er nahm den Reif und sah ihn lange an und raunte: »Als ich ihn ihr gab, da staunte ich sehr, denn ich konnte den Reif weit über ihren Ellenbogen schieben, und mir selbst saß er am Handgelenk. Nie vorher hatte ich gewußt, wie schlank und weich der Frauen Arme sind, und nie will ich's künftighin wissen!« Da erst sah man, wie groß seine Liebe zu Sigrdryfa gewesen war, denn er weinte vor allen Männern und schämte sich nicht darum. Dann stand er auf und streifte den Reif an seine linke Hand und legte die Schwurfinger daran. So schwor er vor allen den Treueeid für Sigrdryfa, mit dem er der Manneslust absagte für alle Zeiten. Und es erschien vielen, die davon hörten, unmöglich, daß Half den Eid nicht brechen solle, denn er war jung und stark, und alles an ihm war, wie die Frauen es lieben. Aber er hielt den Schwur, obgleich er einst eine ganze Nacht bei einer stolzen Königin lag, – wie später zu berichten sein wird. Dann aber sagte Half: »Dies, ihr Männer, war ein Schwur. Nun kommt der andere.« Er pflanzte Sippeknaufs Griff ins blutfeuchte Gras, daß die Spitze nach oben starrte. Und die Eidhand daran legend, verschwor er so Met, wie Skaldenlied, so Waffenspiel wie Herdfeuer, ehe nicht Atli erschlagen läge. Und Hliot streckte scheu die Rechte vor und sagte, wenn Half den hinkenden Mann leiden möge, dann wolle er schwören, mit ihm zu gehen und sei es nach Hel. Und Grim und Glum schworen, wie Hliot geschworen hatte, und alle Knechte schworen kniend nach ihnen. Eyvind, das Kind, aber stand abseits und, ohne auf Aukkos Trost zu achten, weinte er zum Herzbrechen über seine dreizehn Jahre.   Wie der Nebel Half die Ausfahrt wehrte Die Männer kamen auf des Goden Asbjörn Hof, da alles noch schlief. Half hob sich auf dem Roß und rief Atlis Namen in seinen Schild, daß es dröhnte. Gode Asbjörn selbst trat auf die Steinstufen hinaus, und seine dünnen Locken wehten weiß im Frühwind. »Wen suchst du, Half?« fragte er. Half hob das Schwert und rief: »Meines Hofes Brandstifter, meines Weibes Mörder, Atli, deinen Sohn!« Da aber sah man, daß Gode Asbjörn nicht um Atlis Tat wußte, denn er schwankte wie ein abgesägter Baum, und Glum sprang herzu, ihn zu halten. Half stürmte mit seinen Knechten an ihnen vorbei ins Haus. Sie suchten in der Halle und unter der Ofenbank, in den Ställen und in der Flachskammer, im Brauhaus und in den Mägdestuben und, wo eine Tür verschlossen war, zwang Half die zeternde Rannveig, sie vor ihm zu öffnen. Aber ob sie auch unterstes zu oberst kehrten, sie fanden Atli nicht. Asbjörn schlich hinter ihnen her und er hielt seinen weißen Godenstab wie einen Krückstock. Er war wie mit einem Schlage zum Greis geworden. Half bedrohte die Knechte mit dem Schwert und schwor, sie alle nebeneinander an den Dachbalken zu hängen, wenn sie ihm nicht sagen würden, wo Atli sich verberge. Da gestand der alte Finne Wamönen, daß er allein es gewesen sei der Atlis Pochen vernommen habe. Atli sei draußen gestanden und Olaus, der Weißwolf, und fünf andere Mönche noch und wenige Knechte. Des Herren Sohn habe in Hast gesagt, er sei auf der Flucht vor Half dem Weibe, und es treffe sich gut, daß Olaus nach Norge heimkehren wolle. Und Atli habe aus des Goden Truhe genommen, was an Gold und Ringen darinnen lag. Darum gestehe er, der alte Wamönen, alles, um nicht des Diebstahls beschuldigt zu werden. Der Knecht schluchzte und warf sich Half zu Füßen, um Vergebung bittend für den Meineid, den er, um sein Grab in Finnlands Heimatserde, geschworen hatte. Half stieß den Alten mit dem Fuße fort, rasend bei dem Gedanken, daß Atli indessen nach Norge segle. Er stürmte aus dem Haus und warf sich mit den andern aufs Roß. Als sie aber ans Meer kamen, da lag weißer Nebel überm Wasser, daß man den Wogengang nicht sah, nur hörte. Ein Fischer jedoch sagte, der Nebel sei nicht eher gefallen, ehe Atli nicht auf des Goden Langschiff ausgefahren sei, mit Mönchen und Knechten. Da hob Half die Rechte und drohte zum Himmel auf und murmelte mit bleichen Lippen: »Ein Neiding der Gott, der Neidingen hilft!« Er ging zum Schuppen, in dem sein Schiff »Meerschwan« lag. Da sah er, daß alle Ruder fortgenommen waren und das Steuer zerbrochen. »Dies hat Olaus getan,« sprach Glum, »und schlechte Früchte soll ihm dies Werk zeitigen!« Sprach Asbjörn, der ihnen gefolgt war. »Schande hat Atli auf mein weißes Haar gelegt, und ich kann dich nicht schelten, wenn du ihn strafest, mag er tausendmal mein Sohn sein. Da du aber zu warten gezwungen bist, bis der Nebel steigt, lade ich dich und die bei dir sind auf meinen Hof zu Gast.« Half hörte auf den Alten mit verzerrtem Gesicht und winkte Glum, zu reden. Er zog den Mantel über sein Haupt und setzte sich auf einen Stein, den Schild neben sich, Sippeknauf quer über den Knien. Sprach Glum für ihn: »Half hat mich zum Sprecher gemacht, so danke ich dir in seinem Namen. Wohl dünkt es uns gerecht, daß du den Schuldigen bestraft sehen willst, und wär's auch dein eigener Sohn. Dies aber ist uns genug, und wenig Ehre brächte es Half, mehr von dir zu fordern! Nicht ewiglich hält ein Nebel an, ob auch tausend Mönche beteten!« Da ritt Asbjörn fort. Fuchs aber, der »Meerschwan«, Hjörleifs Schiff, gebaut hatte, kam und schuf daran den Tag, die Nacht und den zweiten Tag, bis er es gerüstet hatte. In dieser Zeit schleppte Thorodd, Glums Weib, Rauchfisch und Fleisch und Met an Bord, daß sechzehn Männer vollauf hätten für die Fahrt, die mit sieben Tagen bemessen wird. Stunden um Stunden aber saß Half auf seinem Stein, er regte sich nicht und schlief nicht, sprach nicht und berührte nicht die Speisen, die Aukko ihm brachte und die Mutter Thorodd in ihren besten Pelz gehüllt hatte, damit sie heiß blieben. Half merkte es nicht einmal, daß Aukko knieend seine Hände rieb. Thorodd aber liefen die Tränen übers Gesicht, während sie sagte: »Nun endlich habe ich die große Liebe auch beim Manne gesehen, deren Hüterinnen sonst nur wir Frauen sind, seit Odhin das erste Weib, Embla aus dem weichen Holz der Ulme schuf.« Endlich war »Meerschwan« bereit, und wenig später lichteten die Nebel sich, und sie sahen des weite, freie, das unendliche Meer vor sich liegen. Aber Half saß in Sinnen versenkt und rührte sich nicht. Da begannen die Männer, die Segel aufzuziehen, und Ruf und Wiederruf schollen nach alter Weise, und es war des Meeres Rauschen in ihrem Klang, und das Knattern des Windes war in den sich entfaltenden Segeln. Da hob Half zum erstenmal das Haupt, wie ein erwachender Mann. Er stieg aufs Schiff, dessen Steuer Glum hielt, nahm das schwerste der neuen Ruder und wartete, daß sie den Ankerstein heben möchten. Grim aber saß neben ihm und sah düster drein, denn es schmerzte ihn, daß Aukko nicht unter den vielen Männern und Weibern war, die sich am Odhinsstrand versammelten, um den Helden ihr Lebewohl zu winken. Nun hatten sie den Anker gehoben und fühlten, wie die Planken unter ihren Füßen zitterten, als begänne das Schiff erwachend zu atmen. Es schütterte unter dem ersten Ruderschlag und begann rauschend die Wellen zu teilen, da sie in Zug kamen und sich an den Rudern zugleich vor und rückwärts legten. Da stand plötzlich Aukko unter ihnen, ihre spitze Fellmütze über den breitwangigen, kleinen Gesicht, den Krug dampfenden Mets in der Hand, von dem das erste Opfer gebracht werden soll, sobald die Fahrt begonnen hat. Es ging ein Lachen über Grims Gesicht, da er sie erblickte. Eyvind sah noch lange Aukkos gelbes Schultertüchlein wehen und er haßte sie im Herzen, weil sie ihn nicht heimlich mitgenommen hatte, als sie sich an Bord versteckte.   Wie Meerschwan den Robben begegnet »Meerschwan« war ein gutes Schiff – und doch war dies eine harte Reise. Am zweiten Tage schon mußten sie das Hauptsegel reffen und endlich konnten sie nur die Ruder gebrauchen, vor den plötzlichen Stürmen, die an Eislands Südküste wehen. Solange die Männer noch den Vatna-Jökull sahen, den Wasserferner, aus dem oftmals Lokis Feueratem aufsteigt, solange arbeiteten sie, daß Blasen an ihren Händen aufliefen. Half aber saß auf der ersten Bank, und vier andre schufen nicht, was er vollbrachte, und Mal und Mal wandte er sich und spähte nach Norge aus, übers graue Wasser, mit Augen, in denen der Schlaf brannte. Sie bogen sich vor und bogen sich rückwärts und wieder vor und wieder zurück nach dem uralten Meersang, der endlos war wie das Meer und karg und streng wie das Los des Meerfahrers. Als sie aber viele Leif schon gerudert hatten, stieß Glum einen staunenden Ruf aus, und siehe, – da war das Meer bedeckt von Robben, die im Wasser spielten und sich tummelten, und es waren ihrer so unzählig viele, daß in jeder Woge ein langer Leib sich hob und es überall lebendig war von blinkenden Äuglein und fetten, hellen Bäuchen. Die Männer hielten staunend still, denn noch nie hatten sie solches gesehen, und sie meinten, die Tiere mit Händen fangen zu können. Half aber, der nichts gehört hatte und nichts gesehen, fühlte den Widerstand, als sein Ruder allein die Last des Bootes zu bewegen versuchte. Er wandte sich und schrie: »Ans Ruder!«, ungeduldig, weil sie stille hielten und es doch noch nicht Nacht war. So fielen die Männer wieder ein und trieben das Schiff durch die Robbenherden, und die Tiere wichen kaum, und es waren Junge darunter, die Aukko im Vorüberfahren streichelte, und ihr Fellchen war braun und sanft wie ihre eigene Hand. Glum aber, am Steuer, lachte nicht wie die andern. Er sagte: »Süden ist es, wohin sie ziehen, das macht: sie ahnen frühen, harten Winter. Lenke es Odhin, daß wir landlosen Männer Atli in Hafursfjördr finden!«   Wie der Winter des Wartens anbrach Am fünften Tage stand ein klirrender Ost auf, ein Widerwind, und Reif hing an Masten und Raaen. Sprach Hliot: »Viel gescholten wird unser Land, das sie Eisland nennen. Und doch war es wärmer an seinen Küsten als nun, da wir südwärts segeln.« Sprach Glum: »Wenige wissen noch die alte Mär, wie Loki und Baldur übers Wasser fuhren. Knaben waren beide, aber Loki der stärkere, denn er war einer Riesin Sohn. Er stieß Baldur wie von ungefähr hinab, daß er zu Ran versänke, aber die Wogen trugen den jungen Gott sanft dahin, und noch heute friert dort, wo sein Leib die Wellen wärmte, das Meer nie zu, und die Küsten sind reich und fruchtbar, an die der Baldursstrom, der Südstrom, spült.« Der Sturm wehte die ganze Nacht, und am Morgen des sechsten Tages war das Meer mit dünnem Eis bedeckt, und sie sahen, wie vor ihnen her ein Sprung, gleich einem schwarzen Blitz, über die glitzernde Fläche ging, wenn ihr Kiel das Eis anlaufend sprengte. Da hob sich Glum und sang die Stäbe, die man kennt, soweit Skaldenkunst geehrt wird: »Äste Feind, der Ostwind ewig pfeift vorm Steven, – aufwühlt Ägirs Wellen! Stets um »Meerschwans« Steuer frostige Stürme tosen! Brandend flog um Bugspriet brüllende See in Fülle – – –« Die Männer nahmen die neue Weise auf, und nach Liedes Klang knarrten die Ruder. Nur Half hielt die Hände an die Ohren und kehrte sich schweigend ab, – er, der Skaldenlust verschworen hatte.   Wie die Eislandmannen nach Norge kamen Am neunten Tage erst – denn sie hatten üble Fahrt durchs Eis gehabt – landeten sie zu Hafursfjördr. Die Eislandmänner sahen viele Schiffe im Hafen, stolze Drachen und Handelsboote, die hier überwintern wollten, und Schiffe mit silbernem Häring und schwarzem Klippfisch, die der frühe Frost hier überrascht hatte. Aber ob Half auch bis zur sinkenden Nacht fragte und forschte, »Skidbladnir« konnten sie nirgends erspähen. Half ging auf dem mit Fischschuppen übersäten, gefrornen Strand hin und her und starrte jedem Mann unter Helm oder Hut. Vor Müdigkeit und Ingrimm schwankte er wie ein Trunkener, und die Weiber erschraken, wenn sie ihm ins Gesicht sahen. Es ward dunkel, und Half konnte noch immer nicht glauben, daß Atli entkommen sein könne. Kjartan hieß ein Mann, und man sah seinem geflickten Friesrock keine allzu große Wohlhabenheit an, der kam zu den Eislandmannen. Er wies ihnen sein Häuschen, das sich unweit vom Strande erhob, und lud sie zu Gast, wenn es nicht unbillig sei, daß solche Helden in seiner alten Scheune schlafen müßten. Sagte Half schnell: »Guter Mann, du siehst wohl von deinem Hause her alle Schiffe, die im Hafen anlegen?« – »Wohl sehe ich sie!« antwortete der Fischhändler. Und als sie fragten, da traf es sich, daß der Alte sich gut des Schiffes »Skidbladnir«, mit der züngelnden Schlange am Bug und dem weißen Flicken im gelben Hauptsegel, entsann. Und nicht nur dies; er hatte vor drei Tagen an Bord seine Rauchfische verkauft und beschrieb die Männer und Mönche so genau, daß man sie wohl erkannte. Ja, er entsann sich sogar dessen, daß ein Mönch ihn gefragt habe, ob dies wohl nun genug des Mundvorrats sei für fünfundzwanzig Männer, die bis Hlade segeln wollten. Es sei aber Hlade der Ort, an dem König Harald Hårfagr winters Hof halte. Als Half dies hörte, war er außer sich, daß Atli ihnen entkommen war, und er schrie: »Zu Schiff, zu Schiff!« Kjartan hielt ihn am Mantel zurück und warnte, es sei des Nachts unmöglich, die Küste hinauszufahren, der Klippen und Schären Norges wegen, die ein Fremder nicht kenne. Er warnte so dringlich und lud so herzlich zu Gast, daß Glum mit ihm stimmte. Auch sehnten sich die Männer nach Schlaf und Kjartan versprach, seine jungen Söhne zur Schiffswache zu bestellen. So ging Half zögernd mit zu der Hütte, als letzter hinter den andern. Kjartan tat die Türe auf, da sah Half drinnen hell das Herdfeuer flammen, das er verschworen hatte. Er ließ alle hineingehen, kehrte schweigend auf sein Schiff zurück und setzte sich auf die letzte der Ruderbänke. Kjartans junge Söhne fragten bestürzt, ob sie etwas versehen hätten oder ob er ihrer Sorgfalt für das Schiff nicht traue. Half dankte ihnen freundlich und bat sie, heimzugehen. Kaum aber waren jene gegangen, da kam Hliot schon über den Strand gehinkt und er trug einen mächtigen Strohbund. Schweigend breitete er ihn zu Halfs Füßen aus und kauerte sich zusammen, so zu schlafen. Aber Grim kam so eilig nachgerannt, daß er vor Hast stürzte, und schrie schon von der Schiffsbrücke her: »Wahr wie keiner erweist sich der Spruch, Hliot, daß späte Liebe am heißesten brennt!« Und er legte sich trotzig Half zur anderen Seite. Half sah die eifernden Beiden an, und sein Antlitz erhellte sich. Er streckte die Hände zugleich nach beiden Seiten. »Eine Rechte nur habe ich,« sagte er, »doch im Herzen ist Raum für beide!« Als sie am nächsten Morgen erwachten, waren ihre Glieder steif wie Holz, und Eis hing in Grims und Hliots Barten. Das Deck war weiß, sie selbst waren weiß verschneit, und als sie den Schnee sahen und den Sturm hörten, da bangte in ihrer Brust das Erkennen auf, daß es unmöglich sei, übers Meer zu fahren. Der Strand, der gestern erfüllt gewesen war vom Treiben der fremden Seefahrer, der Händler, der Fischweiber, der Kuchenverkäufer und der Neugierigen, lag leer, und das Schneegestöber kam so dicht, daß Half kaum Kjartans Hütte fand, die einen Pfeilschuß vom Ufer lag. Es war Halfs ganzes Hoffen, daß Glum ihm Rat wissen würde, er, der soviele gute Langschiffe schon über graue Flut gelenkt hatte. Glum aber wußte keinen Rat, als den der Geduld. Das Schneetreiben ließ nicht nach, und es half auch nichts, daß Aukko Runenstäbe ins Meer warf, den Winterriesen zu bannen, – denn wie sollte ein Weib den besiegen können, der Baidur tötete.   Wie sie den Winter bei Kjartan verbringen mussten So spann ihnen die Norne, daß sie den Ankerstein auswerfen und bei Kjartan bleiben mußten. Sie wohnten in der alten Scheune, in die das Licht trüber Wintertage nur durch Ritzen brach, durch die des Nachts der Frostwind pfiff. In Glums Lied von der Rachefahrt heißt es, soviel sie auch später noch erdulden mußten, – in diesem Winter des Wartens ahnten es die Helden, wie es den Neidingen zu Mute ist, die sich drunten in Hel auf ewigem Eis zwischen feuchten Schlangenknoten und zerbrochenen Schwertspitzen dahinwälzen. Kjartan, der Alte, kam abends zu ihnen über den Hof, und wenn sie das Scheunentor für ihn öffneten, so mußten sie es mit aller Kraft halten, denn sonst warf es der Sturm an die Wand und füllte den Raum, in dem kein Feuer brannte, mit Schnee. – Wann immer aber Kjartan kam, kam er mit Klagen, denn Harald Hårfagr hatte harte Hand auf Norge gelegt. Er nannte alles Königs Eigen, – Fischrecht, Salzrecht, Landrecht, Meerrecht. Es galt dem König zu steuern wie den Kirchbauten zu schatzen, und Kjartan fand, es sei nicht mehr zu leben in diesem Lande. Sagte Glum: »Das dachten die Landnahmemänner schon zur Zeit, da Harald noch ein junger Mann und sein Weib Ragnhilt noch nicht von Jütland gekommen war, ihn zum neuen Glauben zu bekehren!« Sowie man aber Ragnhilts Namen nannte, spie Kjartan aus, als habe er Gift geschluckt (doch tat er es nur, nachdem er sich umgesehen, ob kein Späher zur Stelle sei). »Wir Nordländer haben unsrem König viel verziehen!« sagte er. »Seine Kebse Thora, seine neun eifernden Königinnen, seine unzählbaren Söhne, die stete Fehde ins Land tragen. Aber daß er just Eirik, dem Sohn der Jütländerin, der Heidenfresserin, die Krone zusprach, das verzeihen wir ihm nun und nimmer!« Half ertrug nur schwer die Menschen und ihre Rede. Kam Kjartan, so stand er auf und schritt in die brausende Nacht hinaus. Dann nahm Glum die Harfe und sang das Lied von Gydha mit den goldenen Augen. Da ward Kjartans runzliges Antlitz jung und froh, als er ihrer gedachte, die er als Knabe hatte vorüberschreiten sehen. Denn schön, sagt das Lied, ist Gydha wie kein Weib nach ihr. Ihre Augen sind Gold, ihre Haare sind Gold, und sie ist des stolzen Königs von Opland Tochter. Ein kleiner Jarl wirbt um sie, Harald heißt er, und Gydha gibt ihm lachend Antwort: »Dein bin ich an dem Tag, an dem kein andrer König als du herrscht in ganz Norge!« Jarl Harald aber legt die Eidhand an sein Haupt und schwört, sein Haar nicht zu strählen und nicht zu schneiden, bis er Norge ihr zu Füßen lege. Er strählt sich nicht und schert sich nicht, und man nennt ihn Lurfwe, den Struppigen. Er aber schlägt die Nordlandskönige alle bei Hafursfjördr und wird des geeinten Reiches Herrscher. Da wirbt er zum zweiten Male, und sie wagt ihm nicht zu widerstreben, obgleich Harald des Wartens Frist so lange gedünkt hat, daß er vorher zu Hlade Åse und an vier andern Orten vier andre Töchter besiegter Könige zu Frauen nahm. Da König Harald mit Gydha zu Möre die Brauttafel hält, läßt er sich mit großem Prunk das Haar schneiden und strählen. Und seine Locken sind so lang und so reich, daß sie ihn nun »Haarschön« nennen. Harald Haarschön herrscht eisern über das besiegte Land, daß keiner Herr ist in seinem eigenen Hause. Da ziehen viele freie Männer fort, seiner Gewalt zu entgehen. Sie segeln nach der grünen Insel Eireann und jenem Eislande, darin die Quelle heiß statt kalt und der Boden Lava statt Erde ist. Und sie nennen sich des Eislandes Landnahmemänner. – – – Es folgten aber an des Liedes Ende durch viele Strophen Namen auf Namen derer, die lieber in Eis und Schnee wohnten, als Königsknechte zu sein. Und als das Lied Geirmund Heljarskin nannte, der Glums Vater, und Hallward, der Hjörleif Zwölfkrafts Vater gewesen war, da hoben sich in Kjartans alter Scheune die Knechte polternd von den Bänken und nahmen langsam die Prieshauben ab, daß sie den alten Namen die Ehre gäben.   Half erschlägt einen seiner Knechte Tag verging um Tag, bis das Julfest herankam. Da gab Glum an Kjartan einen goldenen Reif und sagte ihm, er möge den Jul-Eber rüsten. Kjartan aber wagte nur heimlich, ihn zu beschaffen, denn der König hatte befohlen, daß nur des weißen Gottes Krippengeburt gefeiert werden dürfe und nicht der wahre Festestag. Kjartans Söhne hatten die Stuben ausgeräumt bis auf die Wandbänke und den ganzen Tag ein gutes Feuer unterhalten. Ehe Half mit den Eisländern kam, ging Kjartan hinein und deckte selbst die Lohe mit Asche zu, damit Half am Jultag der warmen Stube froh werden könne. Als die Eisländer nun eintraten, da murrte einer ihrer Knechte darüber, daß ihnen, denen Hand und Fuß in der Scheune erfriere, selbst heute dies bißchen Feuer mißgönnt werde. Es hatte aber dieser Knecht Engihlid brennen gesehen und Halfs Racheschwur gehört. Half stand auf, der wie gewöhnlich abgekehrt gesessen hatte. Und er zog sein Schwert und hieb dem Knecht mit einem Schlage das Haupt ab, daß das Blut an die rauchige Decke sprang. Da sahen sie erst wieder, welch ein Mann er war. Denn das hatten sie über ihrem Leid in der Scheune fast vergessen, und darüber, daß er stumm da saß und nicht starb und nicht lebte.   Wie der erste Reiher schrie Nach Jul kamen Tage, düster wie der fremde Himmel und einander gleich wie die Flocken, die fielen. In einer Nacht lagen sie in der Scheune zusammen und horchten, wie der Sturmriese um das Gebälk fuhr. Es war Süd, woher er wehte. Statt des Klirrens von Eiszapfen hatten sie das Niederfallen von Tropfen im Ohr. Es stürmte so sehr, daß der starke Baum in Kjartans Hof entwurzelt und das vieljahr alte Storchennest vom Giebel herabgefegt ward. Des Morgens erwachte Half davon, daß Aukko sanft seinen Arm berührte. »Hörst du?« fragte sie, und ihr ganzes braunes Gesicht glänzte. »Hörst du?« Da hörte Half in der großen Stille nach dem Sturm den Reiher schreien. Er riß das Scheunentor auf. Es standen Pfützen davor, und es troff und rieselte vom Dach. Jedes Zweiglein glitzerte naß und blank in der bleichen Sonne. Hoch aber zogen wie graue Nebel die ersten Reiherschwärme nordzu. Da lachte Half auf, und es war das erstemal, daß man ihn lachen hörte seit jenem Unheilstage, da er zum Herbstthing geritten war.   Wie die Männer Meerschwan über Land trugen Aber es hatte die Sonne noch nicht die Macht, das Eis zu schmelzen, das weithin den Fjord deckte. Sprach Glum: »Nun ist es an der Zeit, zu sagen, was lange bedacht ist!« Und der liedkundige Mann erzählte, wie Hörd der Wiking und seine Mannen einst ihr Langschiff über Land trugen, da das Eis Meerfahrt verwehrte. Da ward Halfs blasses Gesicht rot vor Freude. Und soviel Kjartan widerriet, sie rüsteten sich sogleich, nach Glums Rat zu tun. Denn was ihnen auch begegnen mochte, nichts schien ihnen wie dieses stumme Warten hart. Sprach Glum zu Hliot, seinem Sohn: »Vielleicht ist es mir geschenkt, daß ich dir Hjardarholt zeigen kann, den Hof, von dem mein Vater auszog, als ich elf Jahre zählte. Schöne Höfe hat Eisland, und nicht der schlechtesten einer ist Gnupr. Aber alle sind Lappenhütten gegen Hjardarholt, den Hof, den mein Vater ließ um Haralds willen!« Sie nahmen Abschied von Kjartan und beugten ihre Schultern, das Schiff zu tragen, das sonst sie getragen hatte. Ihre Schilde und ihren Mundvorrat hatten sie darein gelegt, so durchquerten sie Agder und Rogaland. Sie wateten durch Morast, sie stapften über Eis, sie schliefen auf Schnee, und Aukko mußte abends ihre schlimm geschürften Schultern pflegen, die wund und eitrig wurden von der schweren Last. Half aber stemmte seinen Nacken unter des Schiffes Bug, daß der hölzerne Schwan über ihm schütternd mit den Flügeln schlug, und er tat morgens von allen den ersten Schritt und abends den letzten. Wenn sie an einem der seltenen Gehöfte vorüber kamen, so legte der Bonde – wie man zu Norge den Bauern nennt – sicherlich den Riegelbalken vors Tor. Denn mit dem neuen Glauben kam Mißtrauen ins Land, und man ehrte Odhins Gastbräuche nicht länger. Nur wenn sie an Flüsse kamen, gab's bessere Zeit, denn die waren so breit, daß sie nie ganz zufroren, und man fuhr stromaufwärts, so weit es gehen wollte. Aukko sprach den Fischzauber, daß es silberglänzend im Wasser aufstieg, und sie fing den Lachs mit Händen, soweit über Bord gebeugt, daß Grim sie festhalten mußte. Und die betörten Fische schnappten nach ihren langen dünnen Zopfenden, die ins Wasser hingen.   Wie Glum seiner Väter Hof wieder fand Endlich kamen sie an einen Erlenhügel, und Glum bat sie, stille zu stehen. Er schien ganz verstört. »Irre ich nicht,« sagte er, »so ist das Mutters Hügel, auf dem sie so gerne saß und auf den Hof hinunterblickte. Ich erkenne den Erlenbühl, und wenn ich die Augen schließe, so sehe ich Hjardarholt, – aber in Wirklichkeit kann ich nichts davon erblicken!« Er bat die Männer, näher zu gehen. Aber als sie herkamen, stand da nur eine alte Erdhütte mit einem leeren Storchennest auf dem schiefen Dach. Ein altes Weib weidete drei Schafe unter den Bäumen, wo vorjähriges Grün unterm Schnee hervorschaute. Auf die eilte Glum zu und fragte: »Weißt du nicht, gutes Mütterchen, ob da nicht in der Nähe ein großer Hof liegt, Hjardarholt geheißen?« Die Alte glotzte ihn an, als habe sie nichts verstanden. Erbärmlich stand sie da in ihrer alten Lammfelljacke und den Strohschuhen. Da rief Half ungeduldig: »So komm doch, Glum, wie lange willst du dich mit dieser Närrin verweilen!« Als aber die Alte den Namen hörte, da begann sie zu zittern, daß der Strick ihr entfiel und die Schafe blökend entsprangen. Und mit Schluchzen fiel sie vor Glum auf die Knie und küßte den morastigen Saum seines Mantels unter Worten, die keiner verstehen konnte. Rief Glum: »Das ist Katla, die irre Katla, die sich nicht aufs Schiff getraute, da wir nach Eisland fuhren. Wo aber, sage mir, ist Hjardarholt, meiner Väter Hof?« Da richtete sich die Alte auf und deutete auf die Hütte. Und dann schüttelte sie die Faust böse gegen Norden, wo Hlade lag. Da verstanden die Eislandmänner, daß eine Erdhütte, drei Schafe und eine arme Irre alles seien, was König Harald Hårfagr von Hjardarholt übrig gelassen hatte, dem reichsten Herdenhof zu Norge, dessen Eigner nach Eisland gezogen war, weil er nicht Königsknecht sein wollte.   Wie sie nach Hlade kamen Da wußten die Männer nun auch, daß Hlade nahe sei, denn oft hatten sie die Väter sagen hören, »ein roßloser Mann habe nur zweier Tage Weg von Hjardarholt zum Königssitz.« Wo sie nun an Gehöften vorbeikamen, bestellte der Bonde das reiche Ackerland. Der Schnee schmolz, und es war, als müßten sie durch einen einzigen See waten. Aukko fand eine kleine, weiße Blume, die erste, die sie je sah, aber sie war so erschöpft, daß sie kaum lächelte. Jeden Abend kam neuer Frost, daß der Eisländer Kleider am Leibe erstarrten. Ihre Füße waren wund, und von der großen Last zitterten ihre Knie. Doch war es flaches Land, Ackerland, darüber sie schritten, und sie schleppten sich auch nach Einbruch der Dunkelheit noch fort, einen windgeschützten Lagerplatz zu suchen. Sie sahen Lichter in der Ferne und ahnten, daß dies nur Hlade sein könne. Aber selbst Half war nun so müde, daß er nur Schlummer ersehnte. Sie krochen ins Schiff und schliefen ein, ein fernes Tosen im Ohr. In der Mitte der Nacht aber ward Half geweckt von seinem schlagenden Herzen. Er richtete sich auf und horchte auf das ferne, brausende Getön, das ihn in Schlaf gesungen hatte. Und er schrie: »Der Eisgang – der Eisgang!«, daß alle erwachten.   Da war es vorbei mit der Ruhe dieser Nacht. Es trieb die Männer dem Tosen des Meeres entgegen. Der Himmel war noch schwarz, als sie auf den Strand kamen. Es hoben sich viele dunkle Flecken und Striche vom Firmament ab, das waren die Segel und Maste von Schiffen, die im Königshafen lagen. Sie aber trugen »Meerschwan« nicht dahin, sondern bis zur äußersten Landspitze. Sie ersehnten es sehr, die befreiten Wogen schäumen zu sehen, die der Winter lange in Knechtsbann gehalten hatte wie sie selber. Als sie zu den Schären hinauskamen, da lag einsam ein prächtiges Langschiff vor Anker, das trug Thorrs Hammer am Mast und an den großen Segeln. Und so früh an der Zeit es auch war, des Schiffes Eigner, ein riesiger Dorschfischer, stand schon auf Deck und grüßte freundlich herüber. »Hier ist gut vor Anker liegen!« lachte er. »Bis hierher spritzt geweihtes Wasser nicht, auch wenn Bischof Olaus es versprengt!« Und als die Helden hastig fragten, erfuhren sie, daß Bischof Olaus an diesem Morgen in des Königs Gegenwart feierlich die Schiffe segnen werde, ehe sie aufs neuerschlossene Meer hinausfuhren. Der rote Riese kam ans Land, und als er ihnen half, »Meerschwan« ohne Holzrollen ins Meer zu schieben, da sahen sie, welch ungeheure Kraft er besaß. »Ist es nicht hübscher für euer gutes Schiff, hier zu halten als im Hafen drinnen, wo sie sich drängen wie Schafe in der Hürde? Freilich gilt es für den, der einsam fährt, sein gutes Gewissen zu bewahren. Denn wüßte ich einen Rächer hinter mir her, ich würde mein Schiff nicht so abseits vor Anker legen, wie jenes dort, mit dem weißen Flicken im Hauptsegel!« Und als die Eisländer des Fischers Deutfinger mit den Blicken folgten, da sahen sie mit Staunen »Skidbladnir« weit draußen im Hafen liegen. Sprach Half: »Wenig weißt du, Dorschfänger, wie wohl du redest! Denn wahrlich folgt Blutrache diesem Schiff!« Da lachte der Riese von Neuem: »Hast du einen Handel mit dem Mann, so ist dir eine Brücke gebaut, Bifrost hält nicht besser!« Und er wies aufs Eis, das hier im großen Bogen des Fjords noch nicht gebrochen war. Da erkannten die Eisländer, daß die Gelegenheit günstig wie niemals sich ihnen bot und daß Atli es gar nicht besser hätte anstellen können, als sich so weit draußen vor Anker zu legen, wo das Eis noch trug. Sie dankten dem Dorschfänger für seinen Rat und ließen die Schilde zurück, um übers Eis zu gehen. Glum band allen ein langes Seil am Arm fest, daran sie sich hielten. Sie fielen oft und gerieten in Waken und liefen vielmals Gefahr, die Beine in verborgenen Spalten zu brechen, und doch hasteten sie, damit auf den andern Schiffen nicht Erwachende sie erspähten. Je weiter sie kamen, desto dünner ward die Eisdecke, es knackte und knirschte, und schwarzes Wasser überspülte oft die Stelle, auf der just der letzte gestanden war. Endlich krochen sie auf Händen und Füßen heran, die Schwerter in den Zähnen. Erst da sie ganz nahe waren, sahen sie, daß eine Wache am Verdeck saß, und meinten alles verraten. Aber der Mann schlief, als läge Zauber über ihm, und Half, der vor allen Skidbladnir erkletterte, schlug ihn im Schlaf. Dann stürmte Half als erster über die Leiter herab zu dem dumpfen Raum unter Deck. Da torkelte ihm einer verschlafen entgegen, der einen Kienspan trug. Er glotzte Half blöde ins Gesicht, dann schrie er gellend: »Der Herr! Der Herr!« und ließ die Leuchte fallen, daß sie erlosch. Half aber hatte wohl sein Knechtlein von Engihlid wiedererkannt und er faßte es und schüttelte es und würgte es, und während Atlis Mannen brüllend von den Bänken auffuhren, schrie er: »Hast du deine Herrin verlassen, du Hund? Hast du mein Weib verraten, du Hund?« Und er warf ihn gegen die eisenbeschlagene Schlafbank, daß seine schwarze Seele zu Hel herabfuhr. Die Mannen Atlis aber stießen die Leiter um und fielen Half an mit allem, was ihnen in die Hände geraten war. Half lehnte den Rücken gegen die Wand und hieb auf sie ein, und Sippeknauf traf im Dunkeln, als säßen Augen an seiner Spitze. Da waren auch die Eisländer zur Stelle und sie hörten Half rufen: »Atli, Atli wo bist du, denn nicht von Ungefähr will ich dich erschlagen!« Sie stießen die Luken ein, daß Licht in den Raum drang. Dann sprangen sie herab und zahlten mit Tod für die Wunden, die sie empfingen. Als aber die Überfallenen nun in festern Schlaf gewiegt lagen, als es jener war, aus dem des Knechtleins Ruf sie geschreckt hatte, da beugte Half sich über jeden Toten und sah starr in sein Gesicht. Er erkannte des Goden Asbjörn Knechte wohl und jene Finnen, die den Eid wider ihn geschworen hatten. Aber Atli lag nicht unter ihnen.   Wie Bischof Olaus am Ostermorgen die Schiffe segnen wollte Sagte Half: »So gilt es, ihn zu Hlade zu finden.« Sie gingen zum zweitenmal den Weg der Gefahr übers schwankende Eis und kamen zu ihrem Schiff zurück. Es ließ sich aber der Dorschfischer nicht sehen, soviel sie nach ihm riefen. Als sie über den Strand hinschritten, war es schon morgenhell, und sie begegneten Wanderern, die hastig vorübereilten. Je weiter sie kamen, desto häufiger trafen sie Eilende an. Die Weiber hatten ihre roten Friesröcke hochgeschlagen, sie vor dem Schmutz des Weges zu bewahren, und die Männer trugen Festtagsgewänder. Endlich schritten sie in einem Schwarm von Menschen, die eilig vorwärts drängten, und viele trugen Kreuze vor sich her und sangen laut. Hliot, der solange den Weißröcken angehangen hatte, sagte, es müsse dies ein besonderer Tag des weißen Gottes sein. Und als sie zum Hafen gelangten, da wimmelten soviel Menschen umher, wie man zu Eisland kaum einmal im Jahr zum Allthing auf Thingvöll beisammen sah. Und das Schwatzen und Gelächter übertönten fast des Eisgangs Getön. Es war ein Schwirren von Stimmen überall und ein Leuchten von dem vielen Rot der Weiberröcke, denn die Frauen brachten das heiße Bier bis auf die Schiffe hinaus. Und die Männer, die oben am Tauwerk schaukelten und die Maste mit Tannenreisig umwanden, riefen ihnen zu. Fässer wurden in Hast auf die Schiffbrücken gerollt, und der Klippfisch vom Vorherbst in Salzkübeln dahergeschleppt, unter Jubel und Gelächter. Über all dem aber war das große donnernde Getön des Eisgangs, das alle Menschenherzen beben macht vor Lust. Und draußen winkte frei das offene Meer, in dem hier und dort, blendend, glitzernd in der bleichen Sonne, Eisberge gegen Süden zogen. Mit Staunen aber sahen die Eisländer des weißen Gottes Tempel und des christlichen Königs stolze Halle – denn es war Hlade mächtig zu schauen –, davor auf schlanken Masten Nordlands blaues Banner wehte. Es wimmelte von Gewappneten und Reitern, von Weißröcken und Schwarzröcken. Ein breiter, langer Streif von rotem Fries war über den gefegten Weg gebreitet, er lief wie ein Strom frischvergossenen Blutes von des weißen Gottes Haus bis zu Haralds Halle und weiter noch, bis zum Hafen, von dem die besten Nordslandsmänner einst ausfuhren, um fremdes Land zu nehmen. Da läuteten die Glocken, das Volk jubelte, und die Mönche sangen in fremder Zunge; weißer Rauch quoll auf, und die Gewaffneten senkten die Speere. Denn nun kam Harald Hårfagr heran inmitten seiner fünfzig Söhne, die schwertlos gingen wie er. Er aber, den des Riesen Dofvre Weib gesäugt hatte, ragte hoch hinaus über alle Männer. – Die Eisländer sahen ihn an und sie begriffen schier, was sie nie hatten begreifen können: warum ihre Väter außer Land zogen, statt diesen Mann zu erschlagen. Es war dieser Winter der einundachtzigste gewesen, den man seit Harald Hårfagrs Geburt zählte, und doch sahen ihn die Eisländer hart und aufrecht hinter seinen Söhnen gehen, die zehn Frauen ihm geboren hatten. Sein Haar hing weiß über seinen Rücken und war so lang, daß er seine Enden in einem Knoten geschlungen trug wie einst zu Möre, da die großen Jarle sich drängten, es zu strählen. Er ging mit gefalteten Händen, barhaupt, neben dem Steigbügel von des Bischofs Olaus Roß einher, wie ein Knecht. Olaus hielt ein goldenes Ding in Händen und war selbst ganz wie aus Gold. Es schritt vor Olaus Pferd ein Kind, ein wunderschöner Knabe, der trug dem Bischof ein Kreuz voraus, und das war Håkon, Harald Hårfagrs jüngster Sohn, den Thora, die Kebse, geboren hatte. Hinter Bischof und König jedoch ging ein Mann, der die Kreuzfahne trug, den kannten die Eisländer wohl. Und als Half dieses Mannes Antlitz gesehen hatte, da sprang er vor, daß des Bischofs Roß sich bäumte, und warf sein Schwert vor des Königs Fuß. Er sah nicht allzu demütig drein, da er rief: »Nicht weiter, Herr König, eh' ich empfing, worum ich waffenlos bitte!« Harald Hårfagr löste die betenden Hände und tastete nach dem fehlenden Schwert. Sprach der König und runzelte die buschigen Brauen: »Ist es so weit gekommen, daß Wegelagerer den König anfallen, am lichten Tage?« Die Königsmannen sprangen herbei und versuchten, Half hinwegzuzerren. Half aber schüttelte sich nur, da flog einer hier-, einer dorthin. Er stand, die Beine eingestemmt, die Arme gebreitet! »Gib mir, Herr König, des Mannes Leben, der meinen Hof verbrannt, meine Mutter getötet, mein Weib gemordet hat!« Des Königs Antlitz ward milder und er fragte: »Wer ist der Mann, dem die Blutrache gilt?« Da schwankte das blaue Kreuzbanner über des Bischofs Haupt, denn dem Manne, der es trug, zitterten die Hände so, daß er es kaum zu halten vermochte. Schrie Half: »Siehst du es nicht, Herr König? Der ist's, der sich selbst verrät!« Da sprang der Mann Atli vor und erfaßte des Königs Mantel: »Schützet mich, o Herr, um Christi Willen, denn dies ist der Feind, vor dem ich zu euch floh!« Sagte der König: »Schwere Anklage schleudert der Mann auf dich, Atli, und billig scheint es mir, daß ich euch beide beim Thing verhöre!« Da aber sprach Olaus: »Hüte dich, König Harald, daß du nicht ein Lämmlein ausspielst wider einen wilden Wolf. Von wenigen hat Christi Glaube ärgere Verfolgung erduldet als von diesem Manne und dem Vater dieses Mannes. Denn wie der Sohn des Mönchmörders von Hegranäs mit uns Armen verfuhr, magst du ermessen, da er Norges König so trotzig entgegen zu treten wagt!« – Es war aber Harald Hårfagrs verborgenster Grimm, daß alle seine Macht an Eislands Küsten zerschellte, so brüllte er Half an wie einen Lappenknecht: »Fort mit dir, oder ich will doch sehen, ob ich mit euch nicht fertig zu werden vermag, ihr eisländischen Roßfleischfresser!« Da aber geschah das Unerhörte, daß Half vorsprang und den König vor der Brust packte und ihn, Harald Hårfagr, den greisen Adler von Norge, zur Seite schleuderte, daß er fiel und von seiner Schläfe Blut sprang. Da schrieen alle auf, die das sahen. Björn Farmand, Gydhas Sohn, hob den König auf, der besinnungslos lag, und der kleine Håkon begann herzbrechend zu weinen, da er den Vater tot wähnte. Während sich alle um den König mühten, hing Atli wie ein nasser Lappen in Halfs Griff, und schon bahnte sich Glum mit den Seinen gezogenen Schwerts den Weg durch die Königswachen. Als Olaus dies sah, schrie er auf: »Haraldssöhne! Laßt ihr Königsmord ungestraft geschehen, vor euren Augen?« Da warfen sich die Königssöhne auf Half und entrissen ihm Atli, der blau im Gesichte war. Half schlug sich mit den Fäusten Raum, da er kein Schwert hatte. Endlich stellte ihm Eirik, Ragnhilts Sohn, das Bein, daß Half stürzte. Und das Volk, das tagaus, tagein über den harten Nordlandskönig murrte, jauchzte nun, da der am Boden lag, der sein Blut zu verspritzen gewagt hatte. Half aber hatte im Falle seine Angreifer mit zu Boden gerissen, und während des wütenden Ringens suchte er, seinem Schwerte näher zu kommen, auf das die Kämpfenden traten. Es sah aber Olaus, der Fuchs, wie Half sein Schwert zu erreichen strebte und er befahl einem seiner Weißröcke, es ihm zu bringen. Als der Weißrock die Hand danach ausstreckte, bückte sich ein Weib zugleich danach, klein und braun, unter spitzer Fellmütze. Der Weißrock war schneller und packte zu. Da lachte das Weib: »Gib acht, sie beißt«, und er fühlte einen wilden Schmerz, daß er die Hand zurückriß. Er sah eine riesige, glänzende Natter sich am Boden winden, die ihn gebissen hatte. Das Weib faßte kichernd die Schlange dicht hinter dem züngelnden Kopf und warf sie flach hinüber, mitten auf den Haufen von Gewaffneten, unter dem Half sich seines nackten Lebens wehrte. Und der Mönch sah in Verblüffung, wie zu beiden Seiten hinwegrollte, was Half behindert hatte, und der Held stand aufrecht inmitten Erschlagener, in der Hand sein Schwert, von dem Blut rann. Half riß den weißen Knaben Håkon an sich, Haralds letzten Sproß, hielt ihn vor seine Brust und schrie: »Trefft mich nun!« »Speere! Speere her!« schrie Eirik, Ragnhilts Sohn. Da kamen dem König seine Sinne wieder, er richtete sich schwankend und blutüberströmt auf und rief: »Ihr tötet mein Kind!« Die Königsmannen ließen die Speere sinken. So schritt Half rückwärts über den roten Friesstreifen hin und hielt den Knaben vor sich, der nicht bebte und nicht schrie. Immer schneller schritt er, und keiner wagte, die Hand wider ihn zu heben, der Königsblut vergossen hatte und den Königsblut beschirmte. Und seine Mannen hielten mit bloßen Schwertern neben ihm. Als aber Half aus Speerwurfweite war, da lachte er laut und rief: »Eisland! Eisland!« gegen die, die ihm im Rudel nachfolgten. Nur der junge Weißrock stand noch immer da und starrte staunend auf seine Rechte herab, über deren Innenseite ein tiefer, scharfer Schwertschnitt ging.   Wie der rote Dorschfischer Half Hilfe brachte Als Half den Strand erreicht hatte, nahm er das Kind auf den Arm und rannte zur Landzunge hin, vor der »Meerschwan« vor Anker lag. Es hallten die Flüche der Männer und Mönche hinter ihm her, und die Weiber riefen Håkon weinend beim Namen. Nun wurden auch viele der Eislandmänner verwundet von Pfeilen, Steinen und Speeren, und zwei Knechte fielen tot, die kein Königskind zum Schild gehabt hatten. Half aber wagte keiner ein Haar zu krümmen. Die Eisländer zogen sich in Hast zurück, die Verfolger immer hinter sich her, und Glum quälte schwere Sorge, weil er den Anker ausgeworfen hatte, statt »Meerschwan« segelfertig zu machen. Da sah er jedoch, wie alle Segel des Schiffes sich blähten und es im Wogenschwall auf und nieder ging. Half sprang allen voran an Bord, stellte den Knaben Håkon, weithin sichtbar, auf den Bug und setzte das Schwert auf seine Brust. Rief Half: »Zielt ihr nach mir oder meinen Mannen, so schwör ich euch, ich treffe noch besser!« Da schrie der harte König Harald auf voll Zorn und Jammer. Der Königsknabe aber warf die Locken zurück und sah trotzig zu Half empor, in dessen Griffen er sich wand. »Werft nur und treffet gut!« schrie er. König Harald stand am Strande, machtlos wie nie in seinem langen Leben. Er stampfte mit dem Fuße und befahl bei seinem Zorn, man solle dem Räuber sein Kind entreißen. Und er bot dem, der Håkon brächte, soviel Gold, als drei Rosse aus seiner Schatzkammer fortzutragen vermöchten. Bischof Olaus stand dabei und verhieß jedem, der es unternähme, des weißen Gottes Walhall. Es wagte aber kein einziges Schiff sich auf das donnernde Meer hinaus, auf dem »Meerschwan« nun schaukelte, immer in Gefahr, vom Eise erfaßt und erdrückt zu werden. Glum steuerte um Tod und Leben und beschwor Ran mit Sprüchen und gelobte reiche Opfer, wenn sie das Schiff aus dreifachem Tode erretten wolle: dem schwarzen Wassertod unter ihnen, dem weißen Eistod vor ihnen, dem roten Waffentod hinter ihnen. Sobald sie aber aufs Meer hinausgekommen waren, trat Aukko still zu Håkon hin, der in sich zusammengekauert saß, seit Half ihn herabgehoben hatte. Sprach Aukko und hielt die Hand am Rücken: »Håkon, hast du je einen Finnenbogen gesehen?« Des Knaben blaue Augen blitzten sie feindlich an. Aber er antwortete doch »nein« – weil es ein Weib war, das fragte. Holte Aukko den Bogen hinterm Rücken hervor, Håkon sah ihn an und sagte rasch: »Der ist doch viel zu klein, um gut zu treffen!« Da zwinkerte Aukko ihn mit ihren guten Augen an und legte einen fischgrätigen Pfeil auf die Senne. Mit kreisendem Fall stürzte eine Möve herab und lag zuckend vor Håkons Fuß. Sagte Håkon, den Bogen in beiden Fäusten: »Wie heißest du, Frau?« Sie aber sah ihn an und nahm ihn ohne Antwort in ihre zarten Arme. Da schluchzte Håkon lange an ihrer Brust, denn er war nicht älter als dreizehn Jahre. Es hatte Glum eine rettende Klippe erspäht, ein Inselchen, drauf er zusteuerte. Jählings aber rief Half: »Ein Schiff!« Sie sahen, daß ein Fahrzeug sie mit vollen Segeln verfolgte und erkannten, daß es Skidbladnir, Atlis Schiff, war. »So ist es an der Zeit,« sagte Glum, und die Männer schnallten den Helm fester. Half spähte mit wilden Augen aus, ob Atli an Bord sei. Da sahen sie einen Mann an Deck, der ihnen winkte, und sie erkannten am roten Bart, an Hammer und Fischnetz im Gürtel ihren Freund, den Dorschfänger. Er war allein auf dem großen Boot, und sie begriffen nicht, wie er es lenke. Er fuhr mit unerklärlicher Schnelle sicher und frei zwischen den Eisschollen hin, nicht anders als zwischen Schiffen im Hafen. Schon rieb Bord sich ein Bord, und Half rief: »Wie kommst du auf dies Schiff, guter Mann? Und was läßt dich dein liebes Leben wagen? Warst du der Freund, der den Anker löste?« Da scholl des Mannes dröhnendes Lachen herüber, während er das kleine Boot, das Skidbladnir mitführte, abband und in die tosende See hinabwarf. »Viele Fragen stellst du, Half das Weib, und doch dachte ich, du würdest es zufrieden sein, wenn ich dies gute Schiff dir zubrächte. Traust du des Dorschfischers Rat, so ankerst du hier, und durch Vertrag wird dir Rache, die Gewalt dir nicht gewann!« – Da tat Aukko jählings einen atemlosen Schrei, sie sank ins Knie, die Arme nach dem Manne ausstreckend. Half bog sich vor und rief mit Staunen: »Meinen Namen nennst du und Weissagung weißt du! Wer bist du, der Hilfe mir bot, wie nie ein Mann?« Da sprang der Dorschfänger ins tanzende Boot hinab und rief, während er mächtig die Ruder rührte: »Betrogen wäre, wer Dank von dir erwartet. Denn du verschmähtest die besten Freunde, die du je gewannst!« Und als er dies rief, stand er aufrecht im Boot, das schon weit schaukelte, und es schien ihnen, als wichen die Eisberge ihm ehrfürchtig aus, die gen Süden zogen. An diesem Tage stritten sie noch gegen Aukko und zweifelten. Aber als am nächsten Tage Thora, die Königskebse, zu ihnen kam, da gab es keinen, der nicht daran glaubte, daß Asa-Thorr selbst mit ihnen übers Meer gefahren sei.   Wie Thora den Knaben einlöste In Glums Lied von der Rachefahrt greift nichts den Frauen so ans Herz wie die Stelle, da er von der Mutter singt, die durch Eis und Tod ruderte, ihr Kind zu retten. Wenn Glum schildert, wie Thora im Boot kauert, das Jarl Sigurd, ihr einzig Getreuer, lenkt, dann weinen die Frauen. Wenn er erzählt, wie sie, gleich der Bärin, die um ihr Junges kämpft, ihren Sohn dem Räuber abringt, dann drücken sie ihre eigenen Knaben ans Herz. Und wenn er sagt, um welchen Preis sie ihr Kind einlöste, dann verstehen es die Mütter, die in Schmerz und Blut geboren haben. Thora liegt vor Half auf den Knien und umfängt seine Füße; sie läßt sich nicht aufrichten. Ihr Haar strömt über den Boden hin, es glänzt rot wie Kupfer, doch mischt Silber sich früh darein. Ihre schönen Augen haben Tränen gekannt, noch ehe diese große Angst sie ihnen entpreßte. »Wo ist mein Kind?« fleht sie. »Gib es mir zurück! Håkon ist mein ganzes Glück, und er wird das Glück von ganz Norge sein, denn nie hatte ein Königserbe ein reicheres Herz! Gib ihn mir zurück! Weiß ist des Königs Haar, und mir welken früh der Jugend Blüten im Froste des Grams. Keinen andern Sohn werde ich Harald gebären und ich kaure Nacht um Nacht auf Håkons Schwelle, damit Ragnhilts Mörder ihn nicht würgen können. Habe Mitleid mit mir! Aber wie magst du meine Angst verstehen, der du jung bist und schön und hundert Söhne zeugen kannst in hundert Weibern!« Spricht Half leise: »Niemals werde ich einen Erben hegen, denn das Weib ist tot, das ihn gebären sollte. Harald Hårfagr aber hat mir Rache an dem Mörder verwehrt!« Da steht die Königskebse von den Knien auf und winkt mit blitzenden Augen. Jarl Sigurd schleppt ein schweres Bündel aus dem Boot herbei, und Half ahnt. Jarl Sigurd schneidet die Stricke durch, und Half beginnt zu zittern. Jarl Sigurd schlägt die Decke zurück, – und Half wird blaß wie ein Toter. Er sieht Atli sich zu seinen Füßen winden, geknebelt und gebunden, wie ein Opfertier. Spricht die Königskebse: »Nun liegt Odhins Acht auf mir, die des Gatten Gast verriet. Selten war wohl ein Weib wie ich, zugleich verhaßt den Weißröcken und den großen Göttern! Harald wird mich verstoßen, weil ich seinen Schutz zu Schanden machte, und Ragnhilt wird jubeln, die Eirik gebar! Gib mir mein Kind! Was verlangst du noch von einer Mutter?!« Da kommt Aukko, sie führt Håkon still herbei, und die Mutter beginnt zu weinen, zu lachen, sein Antlitz, seine Hände zu küssen. Sagt Håkon: »Mutter, mir ist es gut ergangen! Mutter, Aukko hat mich mit ihrem Finnenbogen schießen lassen!« Da kommt ein böser Blick in Thoras Augen. Er gilt nicht dem Manne, der ihres Knaben Leib zu seinem Schild machte. Er gilt nicht dem Gefesselten, der all diese Angst über sie gebracht hat. Er gilt der Frau, die sich in ihres Kindes Herz stahl. Thora preßt Håkon eng an sich und birgt ihn hastig in ihrem Mantel, da er noch einmal nach Aukko zurückwinken will, während sie vom Schiff herabsteigen.   Wie Atlis Schicksal sich erfüllte Half sah, sein Schwert in Händen, auf seines Glückes Mörder herab, der gebunden ihm zu Füßen lag. Da schloß Atli die Augen, nicht zu sehen, wann sein Tod käme. Lange stand Half so. Endlich neigte er sich rasch und zerschnitt mit einem Zuge Atlis Bande. Und ohne des zu achten, daß Glums Antlitz in Heldenfreude glänzte, sagte er: »Ungewohnt ist's mir, einen gebundenen Mann wie ein Kalb zu metzgern! Bringt ihm Helm und Schwert!« Sobald es offenbar war, daß Half dem Feind gestatten wollte, um sein Leben zu fechten, ließen die Eislandmannen großen Raum und kletterten auf die Bänke, um besser zu sehen. Glum hatte sich gesetzt und legte beide Schwerter vor sich hin, ihre Länge aneinander zu messen, daß alles gerecht hergehe. Da schrie Aukko: »Half! Half! Ein Schiff mit dem Königsbanner!« Alle wandten sich und sahen Haralds stolzes Schiff, das sich den Weg durchs Eis erkämpfte. »Bei Hel, nichts anderes als uns können sie hier suchen!« sprach Glum. Als er sich wandte, um nach dem Schiff zu spähen, da sprang Atli herzu und faßte nach Sippeknauf, der am Boden lag. Doch war Glum ein alter Kämpe, dessen Augen zugleich vor- und rückwärts sahen, und er setzte geschwind den Fuß auf die Schwerter. Atli, aber, als er dies vereitelt sah, tat drei, vier Sprünge über das Schiff hin und rannte wider zwei Knechte, daß sie von der Bank fielen. Er erfaßte eine Bootsstange, die dort lehnte, gab sich einen mächtigen Schwung und sprang vom Meerschwan auf eine der Eisschollen herab, die vorüber trieben. Als Half sah, daß Atli ihm nun von neuem entkommen sollte, da kam der rote Ingrimm über ihn. Er riß sein Schwert empor und, ehe die andern recht erfaßten, was geschah, war er schon ins Meer hinabgesprungen. Sowie die schwarze Flut ihn umfing, legte Ran ihre eisigen Arme um ihn und lähmte ihm Hand und Fuß. Half hielt Sippeknauf zwischen den Zähnen und rang gewaltig gegen die Wogen. Es gab aber dies, daß der Tod Atli im Nacken saß, dem Neiding Kraft und Geschicklichkeit, wie sie nie vorher an ihm gekannt ward. Er hielt mit seiner Bootstange die gefährdenden Schollen von sich fern oder er stieß sich von ihnen ab, als fahre er auf einem Floß stromabwärts. Sie sahen beide, Half wie Atli, Haralds Schiff immer näher kommen, auf dem alle Mann am Ruder gegen den Widerwind kämpften. Atli riß ein weißes Tuch vom Halse und band es um die Bootstange, damit nach aller Kraft zu wirbeln und zu winken. Und ein Jauchzen entfuhr ihm, als auf dem Königsschiff das blaue Banner zur Antwort stieg und sich senkte. Als er aber hinter sich sah, da hob ein Haupt sich triefend aus dem Wasser, um das rings licht die langen Haare schwammen. Und zwei blaue Hände griffen auf dem glatten, schneidenden Eis nach Halt. Da hob Atli die Bootstange, an der das Tuch hing, und schlug mit aller Kraft auf dies Haupt ein, bis die blauen Hände sich lösten und die Tiefe sich über dem Versinkenden schloß. Und er sah hinter sich Meerschwan mit runden Segeln heranbrausen, er sah vor sich das Königsschiff mit Ruderkraft sich mühen. Verzweifelnd hob er von neuem die Stange und winkte und wehte. Da wuchs von neuem aus schwarzer Flut das Haupt empor, und diesmal entquoll ihm breit das Blut, daß weithin die Flut sich färbte. Und die Hände krallten sich ein und krallten sich fest, daß sich der Mann hob und seine Knie auf die schütternde Scholle setzte. Atli hieb auf ihn ein mit voller Kraft, aber fühllos war der Mann, der auf den Knien herankroch, und das Antlitz, das aus Augen, schwarz wie das Meer, ihn anstarrte, war nicht Halfs Gesicht, es war das eines bleichen Toten, eines Wiedergängers. Stampfenden Fußes, mit wirbelnden Armen schrie Atli hinüber zu Haralds Schiff. Da stand Half aufrecht, schwankend, auf sein Schwert gestützt, und seine Zähne klapperten vor Kälte wie Beinwürfel im Becher. Atli sah zum erstenmal, was dieser Winter aus Half dem Weibe gemacht hatte, durch den er selbst in Haralds Halle mit fetten Rindskeulen und Eberschinken hindurchgefüttert worden war. Und er begann laut zu lachen, daß er sich vor Half gefürchtet hatte. Nun konnte er schon die gelben Mützen der Ruderer auf dem Königsschiffe drüben sehen und er schrie: »Nur heran, Half, was stehst du da und glotzest! Wähnest du, ich fürchte dich nun mehr, als da ich Engihlid zu Asche brannte?« Da kam Half auf ihn zu, wie der Bär, den der erste Speer verfehlt hat. Und sie rangen auf der knackenden Eisscholle miteinander, durch deren schwarze Sprünge das Wasser aufschoß. Auf beiden Langschiffen, die heranrauschten, sahen sie, wie Atli sich wehrte, den Tod zu sterben, der ihm bestimmt war. Als aber Half ihn sich zu Füßen zwang, da hatte es seine letzte Kraft gekostet. Er hatte deren nicht mehr so viel, Sippeknauf zu ergreifen, der neben ihm am Eise lag. Er neigte sich und biß Atli mit den Zähnen die Kehle durch.   Wie das Königsschiff herankam Es stieg auf dem Königsschiff Geheul auf, da sie ihren lieben Christen solchen Todes sterben sahen. Und sie schossen, hinter die Schilde gekauert, die über Bord hinausgehängt waren, Pfeile und Speere herüber, daß es in der Luft surrte wie von Hornissen. Grim achtete dess' gering, er gedachte nur, des Freundes Leichnam zu bergen, da Half wie tot lag über dem Toten. Und er zog Half in einer Seilschlinge an Bord, genau so wie man Treibholz an Land zieht. Sowie er aber Half von der Scholle aufzog, da barst sie mitten entzwei, und Sippeknauf versank zugleich mit Atlis Leichnam, wie ein Stein ins Meer versinkt. Sie ließen Half auf Deck liegen, wie er lag, denn nun gedachten die Königsmannen Meerschwan zu entern. So nahe waren sie, daß man hören konnte, wie Olaus, der die Brünne überm weißen Gewand trug, den Schwertmännern sagte, des weißen Heilands Segen sei dem gewiß, der das Schiff gewänne. Plötzlich aber begann das Königsschiff an vielen Stellen zugleich zu brennen, und der Gutwind blies in die Flammen, daß sie auch das Tauwerk ergriffen. Denn Aukko stand da, klein und braun, unter ihrer Fellmütze, und schoß Wergpfeil um Wergpfeil auf die kreuzdurchwirkten Segel. Und jedesmal, ehe sie einen Pfeil abschoß, blickte sie nach dem Leblosen zu ihren Füßen und murmelte einen Fluch über den fischgrätigen Pfeil. Grim hob seinen Hakenspeer, dessen Blatt gut drei Spannen lang war, und er schoß ihn mitten ins Gewühl nach Olaus, der am Bug stand. Da hatte der Weißwolf es eilig, sich zu ducken, doch so gewaltig war der Wurf, daß das Speerblatt einem Schwertmanne durch die Schulter fuhr und noch einem Langrock, der hinter ihm war, in die Brust. Sie wanden sich beide wie Käfer an einer Nadel. Da ward den Königsmannen ihr Leben zu lieb, und etliche rissen die brennenden Segel herab, etliche wandten das Schiff und ruderten mit Leibeskräften von dannen. Grim aber sagte: »Viel zu gering war die Buße für deinen Tod, Half, mein Bruder! Und ich fürchte, es könnte Walhalls Tor unsanft dir auf die Fersen zurückfallen! Dein Blut seh' ich, und nach Blut verlangt mich! Wer von euch Männern rächt ihn mit mir?« Da sangen all die Schwerter, da sie aus der Scheide fuhren. Plötzlich schrie Aukko auf, mit wildem Mövenschrei, und warf sich über Halfs Füße: dessen Augen standen licht offen. Er sah Grim an und bewegte die Hand. Er konnte nicht sprechen. Aber es war ihnen allen genug, daß er nur seine Augen aufgetan hatte.   Wie die Eisländer nach Eireann kamen Von dannen fuhren sie, und Glum wußte kaum wohin, denn es gab keine Sterne des Nachts, keine Sonne des Tags, davon man hätte die Richtung ablesen mögen. Eisberge drängten hinter ihnen her, und oft meinten sie, daß sie zermalmt werden müßten. Sie ruderten nicht mehr. Aukko ging von Bank zu Bank und rüttelte sie auf, sich Nasen und Hände zu reiben, daß sie nicht erfrören. Sonst saß sie an Halfs Lager und sang Runen wider das Fieber, das nicht weichen wollte. Am siebenten Tage erst ward es geringer, und Half erkannte sie, da sie ihm Wasser brachte. Am achten Tage sahen sie nah eine Küste, und Glum erkannte, daß es Eireann sei, wo sie landeten. Als sie Half ans Ufer trugen, war er klar bei Sinnen, doch einem Schatten ähnlicher als sich selbst. Das Land war reich, sie sahen schöne Weiden, Pferde in großen Herden und weißzottige Lämmer. Kjötvi hieß ein Mann, der nahm sie auf. Als sie in seine Halle traten, die groß, aber niedrig und rußig war, da sahen sie mit Staunen Freyrs Goldeber Gullinbursti überall gemalt. Glum fiel es leicht, Kjötvis Vater und Altvater zu erfragen; da hörten sie, daß ihr Wirt Nachkomme eines jener Männer war, die vor Hårfagr nach Eireann geflohen waren, wie ihre eigenen Väter nach Eisland. Kjötvi machte nicht viel Aufhebens von den Gästen, obgleich er ihnen Speise und Trank bot und ihre Schiffe in seinen eigenen Schuppen brachte. Denn die Eisländer sahen allesamt mehr den Landgängern gleich als rechten Männern. Als sie Half erst auf ein Fellager gelegt hatten, schlief er fünf Nächte und vier Tage lang, ohne sich nur umzuwenden. Je länger er schlief, desto froher ward Aukkos Gesicht. Am fünften Tage stand Half auf und warf Salbentücher und Verbände in den Winkel. Kjötvi gab ihm alte Schuhe für die seinen, die das Eiswasser ganz verquollen gemacht hatte, und wies ihm einen Platz am Knechtstisch wie den andern. Half sprach nichts, sondern er setzte sich auf die Bank und aß einen gewaltigen Stör allein, sieben Brote und eine Roßkeule. Nun muß aber von dem Manne berichtet werden, der in die Halle trat, als Half seinen alten Hunger stillte. Björn hieß der Mann und war von edler Sippe, obgleich es nicht allzuviel Gutes war, was man von ihm zu sagen wußte. Er war groß und breit wie der Bär, sein Namensvetter. Es war nicht geraten, mit ihm Händel zu haben, und man ließ auf der Metbank Platz neben ihm, als säßen da drei Männer, statt einem. Ungeheuer reich war Björn und auch so habgierig. Mit seinem Reichtum ging es aber seltsam her. Als sein alter Vater Kar den Strohtod gestorben war, häufte Björn ihm einen hohen Grabhügel und begrub ihn mit großen Ehren. Es hieß aber bald, daß der Tote als Wiedergänger umgehe, denn er war zu Lebzeiten böse und geizig gewesen. Es gab nicht nur viele Leute, die des Nachts Feuer aus dem Grabhügel auflodern gesehen und wildes Klagegeheul vernommen hatten, sondern man sah den weißen Rauch unterirdischer Lohe auch am hellen Tage, und nur mit vieler Mühe konnte man die Hirten dazu bringen, das Vieh auf die guten Weideplätze zu führen. Man fand bald auch Schafe, die erwürgt, ja selbst Knechte, die erschlagen worden waren, denn Björn hatte seinem Vater Kar das gerühmte Schwert Jökulsnaut ins Grab gegeben. – Es wollte sich schließlich kein Hirte mehr finden, der zum Karshügel hinauszog. Da ging Björn zu den Bauern und fragte sie, ob sie ihm die Weideplätze nicht verkaufen wollten, denn ihm selbst werde sein Vater sicherlich nichts zu Leide tun. Und so gering es auch war, was er für die guten Gründe bot, die Bauern schlugen alle ein, nur um der steten Ängste ledig zu werden. Wie Björn aber vorausgesagt hatte, ward nie davon gehört, daß ihm oder einem seiner Knechte Schaden durch Kar geschehen sei. So besaß Björn mehr Landes als irgend ein anderer, und einzig nur Kjötvi hatte noch seinen Grund nicht verkauft, der an dem Hügel hinlief. Er ließ niemals seine Hirten hinausziehen, und seine Schafe holten auf andrer Weide sich volles Euter. Aber jedes Frühjahr wurmte es Björn, daß er dies Land nicht erhandeln konnte, und er kam zu Kjötvi, durch die Türe polternd, als wäre sie zu schmal für seine Schultern. Und jedes Frühjahr sprach Kjötvi statt eines Grußes: »Kommst du wegen der Karshügelheide, dann ist dein Weg umsonst gewesen, Björn!«   Wie der Handel um Karshügelheide ausgetragen wurde Björn setzte sich breit auf die Ofenbank, bot und schrie und überbot sich selber. Kjötvi aber lachte nur und strich seinen fuchsroten Bart, der in drei Zöpfe geflochten war. Die ganze Zeit, während Björn Kjötvi zu überreden suchte, aß Half gewaltig. Er legte das Fleischmesser nur fort, um in den Brotkorb zu langen, daß Kjötvis Hausfrau im Herzen bange wurde, denn sie hatte gemeint, der Backvorrat würde noch bis zur nächsten Woche reichen. Sie ließ darum die Tür offen stehen, als sie hinausging, und schalt draußen laut über müßige Brotfresser. Es schien, als habe Half auf nichts acht, als wie sein Magen gefüllt werden könne. Da erhob sich Kjötvi und sprach: »Mächtig stört's dich, Björn, daß dein Vater Kar mich nicht in Schrecken zu setzen vermag wie all die andern! Aber solange ich lebe, soll kein anderer Mann das Land erlangen, das mein Vater in Besitz nahm, der von Norge hierher gekommen ist! Und ich lege hier zehn Unzen Silbers auf den Tisch für den, der meine Schafe morgen am Karshügel hüten will bis zum Abend!« Da war Half mit seinem letzten Bissen fertig und schickte ihm einen guten Schluck nach. Dann stand er auf, ging an den Knechten vorbei, die tuschelten und berieten. »Das bin ich, Kjötvi!« sagte er und strich das Silber ein. Björn lachte schallend auf, da er Half sah, wie er in seinem vom Wasser verdorbenen Gewand dastand, hohläugig und bleich, in den alten Schuhen. Aukko hatte sein Haar auf dem Scheitel weithin scheren müssen, um der Wunden willen, die rot vernarbt leuchteten. Lachte Björn: »Reißest du beim Reden ebenso das Maul auf wie beim Fraß? Wahr ist der Spruch, daß Landgänger und Frühhagel nichts mehr hinter sich lassen!« Und er gab Half zornig einen Stoß, daß er gegen das Langfeuer taumelte, das inmitten der Halle brannte. Nun hing aber ein großer Kessel mit Grütze an Ketten von der Hakenstange herab, wie es überall Brauch ist. Den Kessel nahm Half ruhig vom Haken und stellte ihn zur Seite. Lachte Björn: »Grütze tröstet, wenn Hiebe brennen!« Da aber kam Half zu ihm, Björn trug einen breiten, beschlagenen Gurt, an dem faßte ihn Half und er trug trotz allen Widerstandes den bärenstarken Mann zum Langfeuer und hing ihn in den Rauch an den obersten Haken. Björn warf brüllend die Beine, weil es ihn sengte, und alle Hunde Kjötvis sprangen mit Höllenlärm hoch, nach ihm zu beißen. Kjötvi lachte, bis ihm die Tränen in den Bart rannen. Endlich nahm Half den zeternden Mann vom Haken und warf ihn zur Hallentüre hinaus. Da schüttelte Kjötvi zum erstenmal seine Hand und die Hausfrau kam und sagte, es sei recht, daß endlich einer es gewagt hätte, gegen den Neiding aufzustehen! Aukko sah sie wenig freundlich an und antwortete schnell: »Ich glaube, Half ist noch völlig derselbe Mann als vorhin, da du ihn einen unnützen Brotfresser nanntest!« Da trug die Frau das Beste herbei, was sie hatte. Sagte Half, er sei es nicht gewöhnt, mit seinen Freunden am Knechtstisch zu sitzen. Als sie aber am Herrentisch saßen, trank Half nur wenig, des morgigen Werkes eingedenk. Er fragte nach Karshügel, und Kjötvi erzählte, was schon berichtet ward, und jeder wußte Furchtbareres von Kar, dem Gespenst, zu sagen. Sprach Grim: »Du weißt, Half, daß ich mit dir gehe, wohin dein Weg auch führt.« Hliot Hinkefuß aber sprach fast das Gleiche zugleich mit ihm. Half sagte: »Grim wird ein gutes Seil nehmen und mit mir gehen. Wehe um das beste Schwert, das ins Meer versank, zugleich mit dem schlechtesten Mann!« Da boten alle Eisländer wie ein Mann ihre Schwerter, doch er wies sie ab. Sowie der Morgen graute, füllte ihnen die Hausfrau die Lederflaschen mit Warmbier und gab ihnen Fleisch und Brot im Ranzen mit. Sie trieben die weißen, langwolligen Schafe aus. Der Himmel war blau, und gelbe Blumen wuchsen überall, wie sie sie zu Eisland nie gesehen hatten. Sie kamen zum Hügel und brachten ruhig den Tag hin, ohne daß ein Übles sich zeigte. Grim lag am Rücken, während die Schafe grasten, und schlief, doch Half ließ kein Auge vom Hügel. Sobald die Sonne versunken war, stieg helle Lohe aus dem Grabe auf, und sie hörten Geheul und Gerassel. Sagte Half: »Nun gelüstet es mich zu sehen, wer da drunten haust!« – und er lief zum Hügel, während Grim, außer sich, mit dem Seil nachfolgte. Als sie nahe genug heran kamen, sahen sie, daß der Hügel aufgebrochen war, so daß das Holz zu Tage trat, und es war geschwärzt vom Feuer, das noch immer lohte. Das Geheul war unmenschlich, und das Gespenst polterte und rasselte. Half wand sich das lange Seil um den Leib, sich in die Flammen hinabzulassen. Grim bat ihn, davon abzustehen. Half aber sprach: »Anders brannte das Feuer zu Engihlid, an einem Tage, der mich mein Leben wenig achten lehrte!« Half ließ sich herab, und sowie er es tat, verstummte das Lärmen. Er schwang sich mit dem Seil hin und her, bis er zur Seite des Feuers herabsprang. In der Höhle war großer Mißgeruch, und wo Half stand, sah er die Knochen zweier Pferdegerippe wüst durcheinandergeworfen. Daneben aber war ein Haufen trockener Herdscheite geschichtet, das gab Half zu denken. Er tastete sich weiter in den Hügel hinein, wo das Dunkel sich verdichtete, und stieß endlich an die Rückenlehne eines Stuhles, darin ein Gerippe saß. Halfs Fuß trat auf Dinge, die klingelten. Er bückte sich und griff Armringe und Ketten. Ein Schrein diente dem Gerippe als Fußschemel, den trug Half zum Feuer, und fand ihn mit Silber angefüllt bis zum Rande. Half ließ ihn stehen und ging nochmals zurück zu dem Manne im Sessel. »Ich will dir das Wiederkommen verleiden!« sagte er. Er nahm dem Gerippe den Schädel ab, legte ihn auf den Boden und bettete das ganze Gerippe behutsam weiterhin. Zwischen Kopf und Rumpf schob er ein Holzscheit, das verwehrt Gespenstern den Wiedergang. Dann nahm Half seinen Leibrock ab und begann, den Schatz hineinzuhäufen, indem er ihn neben dem Gerippe ausbreitete. Als er nachgetastet hatte, ob nichts vergessen sei, knotete er das schwere Bündel und schleppte es zum Seile hin, daran Grim droben schon lange riß, ihn zur Rückkehr zu mahnen. Das Feuer war erloschen, und der Gestank benebelte Half fast. Er bückte sich, um auch den Silberschrein aufzunehmen, da fühlte er einen Schlag über seinen Kopf, daß ihm der Helm zersprang. Er ward von rückwärts umschlungen, und ungeheures Gewicht riß ihn zu Boden. Erst verteidigte sich Half nur, denn er sah es ein, daß der Tote ihm übel gesinnt sein mußte, wegen des Scheits, das das Wiederkommen unmöglich machte. Dann aber fühlte Half brennenden Schmerz an der linken Schulter, und es gelüstete ihn sehr nach dem Schwert, das ihm solche Wunde geschlagen hatte. Er gebrauchte nun alle Kraft, und es erhob sich von dem Ringen solch wildes Getöse im Hügel, daß Grim die Haare zu Berg standen und er nach Half rief, so laut er konnte. Half entwand der Hand, die es führte, das Schwert und, als er es hielt, stach er zu. Da scholl ein Schrei und Fall. Halfs tastende Finger wurden feucht von klebrigem Naß. Da lachte Half: »Seit wann bluten Tote warmes Menschenblut? So bist doch du es, Björn, wie ich es dachte!« Droben schrie Grim Halfs Namen, und Half antwortete, er möge nur das Seil aufziehen. Da zog Grim voll Freude das Seil auf, und es kam richtig ein Kopf zutage, aber Grim entsetzte sich, denn er hielt Björns Leichengesicht für das des Gespenstes Kar und ließ fast das Seil fahren. Da rief Half, er sei wohl und gesund hier drunten und Grim möge geruhig den andern ans Licht ziehen. So zog Grim keuchend den schweren Toten ganz empor und meinte, nun käme Half. Es kam aber zuerst das Schatzbündel, das so groß war, daß es fast nicht zum Hügelloch herauskonnte. Zum Schluß kam Half hinauf, und er hielt den Schrein wie ein Kind im Arm. Er war so steif vom Kampf und Blutverlust, daß Grim ihn stützen mußte. Grim aber sah Jökulsnaut mit neidischen Mannesblicken an, denn so sehr Freunde sich lieben, sie neiden sich trotzdem die Waffen. Er sagte, ihm schiene, als sei dies eine noch bessere Wehr als Sippeknauf, denn sie sei kürzer und von breiterem Blatt. Sie deckten Björns Leichnam mit Gras und Steinen, wie es Heldenehre verlangt, und staunten über des Körpers ungeheure Länge. Es war spät in der Nacht, als sie heimkamen. Aukko stand vor dem Tore und lief herzu, ihnen die Mäntel abzunehmen. Als die Männer in die Halle traten, hatten die andern längst zur Nacht gegessen. Man sah Kjötvi an, wie sehr er sich freute, die Helden heil und ungekränkt wiederzusehen. Doch die Hausfrau meinte böse: was wohl für wichtige Geschäfte sie bis nun abgehalten hätten, da die Schafe klüger gewesen und längst schon heimgekommen seien? Sagte Half: »Es gibt manch geringfügige Arbeit, die nur im Dunkel getan werden kann!« Er schüttete den ganzen Schatz auf den Tisch und stellte den Schrein daneben. Oben darauf legte er Jökulsnaut, das Schwert. Da ward großes Geschrei erhoben, Kjötvi aber sagte mit Staunen: »Ich kenne die Waffe. Es ist Kars Schwert Jökulsnaut, es gibt nicht viele bessere. Sage uns, wie du zu all dem gekommen bist!« Half schwieg und setzte sich zum Tisch. Er ließ Grim erzählen, was schon von dem Kampfe berichtet worden ist. Da wurde das Staunen nicht kleiner. Die Hausfrau aber begann, das Beste, was die Küche vermochte, herbeizutragen und schenkte Half Mal um Mal Warmbier nach. »Nun bis du ein reicher Mann, Half,« sagte sie, »da du soviel Gold und Silber gewonnen hast, und auch die Blutbuße wird dich nicht schmerzen, die du Björns Sippe zahlen mußt!« Sagte Kjötvi: »Schäme dich, Weib, daß du so sprechen magst! Ich selbst will deine Buße beim Thing zahlen, Half, wie groß sie auch sein mag. Denn um meinetwillen stiegst du in den Gespensterhügel hinab!« Sagte Half: »Ich weiß nicht, warum ihr mich reicher heißet als vorher. Denn ferne sei es von mir, Hand an den Schatz zu legen, den zweier Toter Habgier häufte. Morgen, Kjötvi, sollst du die Männer zusammenrufen, die Björn um ihr Land gebracht hat, und den Schatz an sie verteilen, nach der Größe erlittenen Unrechts. Dir selbst bestimme ich diesen Schrein zum Dank dafür, daß du uns Heimatlose haustest und hoftest!« Das dünkte alle edel getan, und die Kunde verbreitete sich, und die Bauern liefen herbei, Half zu danken. Kjötvi fragte Half, der abgekehrt saß: »Einen Hort gewannst du und behältst nichts für dich selbst?« Da fuhr Half aus finsterm Brüten auf, schlug ans Schwert und sprach: »Übergenug der Beute!« Kjötvi sah ihn lange an und reichte ihm die Hand. »Es reut mich, daß dir hier der Empfang nicht ward, der dir wohl gebührte! Ehren sollen dir nun werden, willst du ferner mein Gast sein. Aber sage mir, was hält dich fest zu Eireann, daß du nicht heimziehst, deinen neuen Ruhm zu künden?« Sprach Half: »Frage den Mann, dem des Liedes Honig auf den Lippen liegt!« Und er wies auf Glum, der lange still in der Ecke gesessen. Sagte der Skalde halblaut: »Da Half mich zum Sprecher macht, will ich mit seinem Herzen reden, nicht mit meiner Zunge. Und es sagt Halfs Herz: Es gelüstet nicht nach Beute den Mann, der keinen Sohn zeugen will, sie zu vererben. Es gelüstet nicht nach Ehren den Mann, der um der Mordrache willen in die Fremde fuhr. Es gelüstet nicht nach Ruhm den, der ein Heimatloser ward, in der Heimat!« Und Half nickte düster, da Glum geendet hatte. Sprach Kjötvi: »Nicht aus Neugier frage ich, der Sitte entgegen, sondern ich bitte euch, mich nicht zurückzuweisen, wenn ich Freundschaft biete. Es ward gesagt, daß ihr nach Rache ausfuhrt. Wenig sieht Half mir aus, als ließe er sie lange unbeglichen. So sage mir, schlugst du deinen Mann?« Da sprang Half auf, daß der schwere Tisch zurückflog, und stöhnte: »Hätte ich ihn doch noch nicht getötet oder käme er wieder in zwölffacher Gestalt, daß ich ihn zwölffach noch töten könnte! Süß war das Leben, da ich noch davon träumen konnte, daß er unverscharrt faulen würde mit gebrochenen Augen! Nun ist auch dies letzte getan, das für sie zu tun blieb, die mein Weib war, und unwert ist es zu leben!« Lange war es still, eh Kjötvi sprach. »Ich weiß, es gibt Weiber, die sind wie ein Skaldenlied, das man nur einmal gehört hat und doch nie vergißt sein ganzes Leben. Mein Weib, diese alte Bettlade, ist wie Rabengekrächz im Frühjahr, doch man kann nichts gegen der Nornen Gespinnst. Sage mir aber eins, Half, ob du an dein Leid gedacht hast, als du mit Björn rangst und ihn für Kar hieltst, den Wiedergänger.« Da mußte Half »nein!« sagen und er staunte über sich selber. Kjötvi lachte: »Es ist Mannestat das einzige Kraut, mein Sohn, das Mannesleid heilt, dies hab ich an mir selbst erfahren. Sicherlich stauntet ihr oft, daß ich mein Haupt schere nach Knechtesart und den Bart flechte. Der Sinn davon ist, daß als Knecht lebt, wem daheim zu leben nicht gegönnt ist! Grün ist der Iren Land und weit und reich, ich aber konnte Norges blaue Fjorde nicht vergessen, als mein Vater hierher floh vor Harald Hårfagr. Und als wir das Land hier mit dem Feuerbrand umschritten und zu unsrem Eigen gemacht hatten, da stieg ich von neuem auf Vaters Schiff. Drei Jahre brauchte ich, zu vergessen, und drei Jahre fuhr ich durch fremde Meere, bis hinab zu der Insel Sikilei, die schöner ist als Asgard, der Sitz der seligen Götter. Dies aber ist, was ich dir rate, daß du auf Wiking ausziehen mögest wie ich!« Da stand Glum auf, und seine Augen flammten: »Groß sind die Götter und gnädig denen, die ihnen dienen! So soll ich noch einmal den Brand sehen, geworfen in Steinhäuser mit flachem Dach. Einmal noch den Himmel, – blau, wie bei uns nur der Frauen Augen blau sind. Soll einmal noch den Duft spüren, der im Halbschlaf meine Nüstern anfüllt, den Duft von Teer und Meer und von Schiffholz, daran man die Hand verbrennt, wie an Herdsteinen!« Fragte Aukko leise: »Was ist es, Vater, davon das Holz so heiß brennt?« Sagte Glum: »Die Sonne, Kind, die Sonne, – die Südsonne!« Da fuhr es in aller Männer Herz, daß sie aufsprangen. Und Half stand auf und nahm Kjötvis Hand. Da ward es beschlossen und abgetan, daß Half mit den zwei Schiffen, »Meerschwan« und »Skidbladnir«, nach Süden fahren sollte.   Wie Half seine Mannen zu wählen wusste Die Männer sahen, daß es nicht langer Arbeit bedurfte, die Schiffe seetüchtig zu machen. Sie brachten sie aus den Schuppen heraus, und Kjötvi selbst half dabei, als sie ihnen neue Wassertracht anlegten. Es hatten aber auf »Skidbladnir« fünfzehn Ruderer an jeder Langseite Raum, während »Meerschwan« deren nur acht zur Rechten wie zur Linken faßte. Als die Farben getrocknet waren und die Frauen das letzte Ende am neuen Hauptsegel nähten, ließ Kjötvi die jungen Männer von Develin herbeirufen, die mitzufahren Lust hatten. Es meldeten sich aber viel mehr, als die Schiffe faßten. Kjötvi ging mit Half in die große Halle hinab und wollte ihm ins Ohr flüstern, welchen der Männer er zu wählen hätte, denn es waren viele darunter aus edler Sippe und von großer Herkunft, manche wieder waren nur Knechte, und etwelche hingen dem neuen Glauben an. Denen war Kjötvi nicht allzu wohl gesinnt. Half winkte ihm ab und sprach laut: »Es müssen alle, die mit mir ziehen wollen, den Waffeneid leisten auf vier Gesetze! Zum ersten, daß kein Mann ein Schwert tragen darf, länger als eine Elle. Zum zweiten, daß kein besiegter Mann verknechtet werden darf in fernen Landen. Zum dritten, daß kein Weib das Schiff betritt außer Aukko, die uns gefolgt ist. Zum letzten, daß kein Hafen gesucht wird, auch im größten Sturm!« Da erklärten Alle sich bereit zu solchem Beding. Sagte Half: »So will ich sehen, wer geartet ist, mein Genoß zu sein.« Er trat zum ersten Mann, sah ihm starr ins Gesicht, und ehe jener sich dess' versah, hieb er ihn mit einem mächtigen Schlag hinters Ohr, und so tat er es einem nach dem andern. Und es war sonderbar zu sehen, wie etliche dumm glotzten, etliche wieder rot wie Krebse wurden und tückisch schielten, etliche aber sich erbleichend in die Lippen bissen, die Hand am Schwertgriff. Half war fast mit der Reihe zu Ende gekommen, daß nur mehr ein schmaler, blonder Bube dastand und ein Knecht, mit einer Brust wie ein Stier. Als Half nun den Arm hob, da sprang der Bube ihn wie eine Katze an und schrie: »Magst du auch Half Björntöter sein und mögen die andern es dulden, es gibt keine Hand, von der ich mich schlagen lasse, seit ich meiner Mutter entwuchs!« Half lachte freundlich und fragte: »Wie heißest du?« Sagte der blonde Bube trotzig: »Sighvat heiß ich, Feilans Sohn, und hier ist Spes, mein Knecht!« Da bot Half ihm die Hand und sprach: »Dies ist das erste und letzte Unrecht, das du von mir erfuhrst, Sighvat, wenn du mit mir ziehen wolltest.« Sighvat aber sah ihn an und schob langsam das Hemd auf seiner Brust zurück. Da sah Half das Kreuzzeichen aus Bein an einem Faden um seinen Hals hängen, und er begriff, warum Kjötvi die ganze Zeit her mit den buschigen Brauen Zeichen gab. Sprach Half: »Wenig kümmert mich, zu wem du betest, wenn nur ich es bin, für den du fichtst!« Und so ward Sighvat Halfs Mann und auch Spes und noch drei andere Christen. Außer ihnen aber wurden noch siebzehn Männer auserkoren, die dem alten Glauben anhingen. Und es ward sichtbar, daß Half alle jene ausgewählt hatte, die ans Schwert gefahren waren, mit Rachegedanken. Die andern aber hieß er heimgehen. Und die Männer priesen Half sehr darum, daß er die Besten aus einer großen Schar herauszufinden gewußt hatte, er, der fremd im Lande auf Wiking fuhr.   Half schlägt einen Bären Es kam der Tag der Abfahrt heran, und alles war bereitet. In der letzten Nacht, die sie noch bei Kjötvi verbrachten, schlummerten die Eisländer erst gegen Morgen ein, denn Glums Wort von der Südsonne brannte ihnen allen im Blut. Nach kurzem Schlaf weckte sie Geschrei und das wütende Gebell der großen Hunde, die sich fast von den Ketten gerissen hatten. Ein Bär war durch das Strohdach von Kjötvis Kuhstall gedrungen, hatte die beste Kuh gerissen und fortgeschleift, ehe die Hirten herbei kamen. Kjötvi wußte sogleich, daß es eine alte Bärin sei, die alle kannten. Es war aber bis nun keinem gelungen, ihre Höhle zu finden. Sagte Half: »Blind müßte der Mann sein, der heute die Spur verfehlte.« Kjötvi warnte ihn, es sei ein altes Tier und gefährlich, weil es Junge habe. Sprach Half: »Bin ich mit dem einen Björn fertig geworden, so werd' ichs wohl auch mit dem andern.« Er wollte nicht, daß man ihn begleite, und sagte, es sollten alle nur an Bord gehen, er würde bald nachkommen. Half nahm Jökulsnaut und ging der Spur nach, die wie eine Pflugspur breit war. Er fand die Höhle, die in einem Felsen am Meer lag, – so versteckt, daß Half wohl begriff, warum man sie nicht entdeckt hatte, – und er sah die Bärin, die mit ihren drei Jungen an der Kuh sich gütlich tat. Sogleich richtete das alte Tier sich auf und griff ihn an. Half packte die Bärin bei den Lauschern und hielt sie so weit von sich ab, daß er nicht gebissen werden konnte, und das hielten alle, die es hörten, für eine große Kraftprobe. Als das Tier ihn mit aller Macht bedrängte, rollten sie beide den Abhang hinab. Die Bärin, die schwerer war, stürzte zuerst auf die Steine am Strand hinunter, sie wurde ganz zerschlagen auf der Seite, auf der sie aufgefallen war. Half aber war weich gebettet, da er auf sie fiel. Er zog Jökulsnaut und schlug sie zu Tode. Als er in die Höhle zurückkam, hockten da die drei brummenden Bärlein umher. Zwei erschlug er, das dritte aber, das das kleinste war und zottig wie ein Bündel braungrauen Wergs, das band er in seinen Mantel ein, und es rumpelte beim Abstieg gewaltig auf seinem Rücken. Half kam um die Felsen herum, da lagen die Schiffe mit knatternden Segeln bereit, und er tat einen tiefen Atemzug, da er an Bord sprang. Er knotete sein Bündel auf. Da fuhr der kleine Bär hervor mit Fauchen und Grunzen, und die Männer jagten ihn mit Gelächter, bis er sich unter Aukkos Friesröcken barg. Sprach Aukko: »Ihr sollt ihm keinen Schaden tun, da er meinen Schutz gesucht hat! Wir wollen ihn mit uns nehmen!« Kjötvi dankte Half für seinen letzten Dienst und gab ihm drei Armreifen schweren Goldes. Lachte Half: »Grüße, Kjötvi, dein Weib von mir und sage ihr, der Brotfresser habe den Kuhfresser erschlagen!« Es nahm ihm aber Kjötvi das Versprechen ab, nochmals sein Gast zu sein, wenn er von der Wiking heimkehre. Doch hatte die Norne Half Andres gesponnen, und die Eisländer sahen niemals wieder die grünen Küsten von Eireann. So scheidet der Mann Kjötvi aus dieser Geschichte.   Glums Lied von der Südfahrt Manchmal an den Abenden des Flockenfalls daheim stimmt ein Sangeskundiger eines von den älteren Glumsliedern an, die alle kennen. Wenn die Liedfreude aber höher aufflammt, dann bitten sie Eyvind, Glums Sohn, die abgerissenen Strophen herzusagen, die in seinem Herzen haften blieben in jener einzigen Nacht, da der Skalde ihnen von der Südfahrt sang. Dann lassen die Männer den Metkrug sinken und die Frauen die Spindeln ruhen. Es ist, als würde des Feuers Geprassel linder, als hielte der Sturmwind draußen den Atem an. Denn plötzlich ist alles blau ringsumher ... Das macht Glums Südlied, daß sie es so sehen. Anfangs ist der Himmel noch wie daheim, blaß und bewölkt mit Friggas weißgrauen Lämmern. Dann aber wird er blau und weit, und das Meer wird weit und blau wie er, daß die Halfsmannen nicht wissen, ob sie im Himmel oder auf den Wogen dahinfahren. Sie liegen träge auf den Ruderbänken und sehen auf zu den gelben Segeln. Der Gutwind füllt die gelben Segel prall und treibt die Schiffe gen Süd, – gen Süden. Sie haben zuerst ihre Friesmäntel ausgezogen, dann die Fuchsfellmützen, dann die Röcke, nun legen sie auch noch ihre roten Wämser ab. Selbst des kleinen Bärleins Pelz haart, als würde es ihm in seiner Haut zu heiß. Einzig Aukko behält trotzig ihre gewohnte Pelzmütze, obgleich ihr Kopf schmerzt. Alle Tage legt sie ihre kleine, braune Hand ans Schiffholz und sagt, daß es schon wie Herdsteine brenne. Aber Glum, dem Alten, ist wohl dabei und er lacht: »Dies ist noch nicht genug, noch lange nicht genug Südsonne!« Der gesalzene Klippfisch dörrt die Kehle aus, und das Bier aus den Schläuchen schmeckt schal. Sie fahren an reicher Küste entlang, und Glum nennt sie das Land der Franken. Da stehen im dichten Grün Häuser aus Stein. Doch es sind noch die rechten nicht, sie haben spitze Dächer! Aber Glum deutet auf sie und sagt: »Wein gibt es auch hier, ob er auch herb ist und ohne Feuer!« Es gelüstet sie, frisches Fleisch zu essen, am Lande ungeschaukelt zu schlafen und die bunten Frauen zu fangen, die kreischend flüchten, sowie sie die Schiffe erblicken. So ankern sie und kommen an Land. Sie sehen die Erde, schwarze, fette Erde, und denken an das Heidekraut daheim, das kaum die zerklüfteten Lavaflächen deckt. Sie treiben den schreienden Hirten die Rinder fort und werden böse, weil man in so reichem Lande sie ihnen zu weigern wagt. Die Menschen schreien auf sie ein, mit fremder Zunge. Sie verstehen nichts und hauen am Ende mit den Schwertern drein, da sie ungeduldig werden. Erschlagene liegen umher, und Frauen jammern. Sighvat faßt die eine, und sie beißt ihn und kratzt ihm fast die blauen Augen aus. Plötzlich lacht sie, wie er lacht, und sinkt ins Gras. Half und Glum treiben die brüllenden Rinder an Bord und fragen nicht, wo die jungen Männer bleiben. Auch Grim ist unter denen, die das Land verlockt hat. Feuer rötet den Nachthimmel, und Glum singt. Aukko kauert zu Halfs Füßen, und ihr Blick sucht sein abgewandtes Gesicht. Sie wühlt ihre Wange in des Bärleins Fell und sitzt geduckt, als fröre sie in der lauen Sommernacht. Solange Fleisch und Wein reichen, sind die Halfsmannen fröhlich. Da der Vorrat zu Ende geht, wissen sie bereits, wie man neuen herbeischafft. Half und Glum lassen die jungen Männer allein an Land, denn ihr Sinn steht nicht nach gefahrlosem Raub. Sighvat ist immer allen voran, und die Mannen geben ihm den Namen »Sugandi«, das heißt der Stürmende. Einmal, da sie an Land kommen, staunen die Halfsmannen, denn da finden sie ein großes Haus, das trägt das verhaßte Kreuz am Dach und wimmelt von den verfluchten Weißröcken. Für ein übles Zeichen hält das Hliot, und Grim rät, sie alle zu töten. Sighvat aber zieht das Schwert, und sein starker Knecht Spes und die andern Irenchristen tun wie er, – sie schützen die wimmernden Weißröcke mit ihren Leibern. Und der Knabe schreit: »Mein Schwert lieh ich euch und euer Gesetz beschwor ich. Doch hätte ich gewußt, daß es »Mönchsmord« heißt, nie hätt' ichs beschworen.« Die Eisländer sehen einander an, und sie verstehen, daß dem, der glaubt, auch in Feindesland seines Gottes Altar heilig ist. Langsam bergen sie die Schwerter in der Scheide. Es wird nicht weiter darüber gesprochen, und mit Seufzen kehren sie künftig den Rücken, wenn sie Weißröcke sehen. Ihren Groll lassen sie die Bauern büßen und treiben ihnen die fetten Ochsen fort. Wenn das Deck von breiten Hörnern starrt, dann ziehen sie die Schiffsbrücke auf und fahren. Eines Morgens sehen sie sich von drei Schiffen verfolgt, und es kommt zur Schlacht. Die Halfsmannen zürnen darüber, daß man es ihnen wehren will, an Land zu gehen und zu nehmen was ihnen behagt. Half ist es, der nun führt, und keiner der jungen Männer. »Meerschwan« läßt er dem Skalden. Mit »Skidbladnir« rennt er die hohen Schiffe an, wie ein Stier. Lange wogt der Kampf, und es scheint, als müsse fremde Überzahl den Sieg erringen. Da springt Half auf das feindliche Mittelschiff hinüber, und seines Schwertes Eisenzahn beißt auf die Feinde ein. Sie fallen in einem Schwarm über ihn her, aber viele erschlägt er und viele ein Helfer, den Half nicht sieht, weil jener seinen Rücken deckt. Er glaubt, es sei sein Bruder Grim, er hat jetzt keine Zeit, sich zu wenden. Mächtig räumen die Beiden unter den Feinden auf. Die Halfsmannen, die ihnen zu Hilfe eilen, sind nur mehr die Garbenbinder nach den Schnittern. Endlich ist das Schiff ihrer. Sie kappen die Seile, mit denen es an die beiden andern Feindesschiffe gebunden ist. In Haufen liegen die fränkischen Männer, mit den Hemden aus Eisendraht und den Kesselhelmen, erschlagen. Was noch lebt, werfen die Halfsmannen über Bord, daß die Feinde ertrinken oder sich auf die beiden anderen Schiffe retten. Aber auch dort haben sie der Toten genug und sie fliehen. Glum ruft Half von »Meerschwans« Bord her an, sie haben nur einen Toten, einen armen Irenknecht, ob auch viele Half lachend ihre Wunden weisen. Grim und Hliot sieht Half von drüben winken, – wer also war der Freund, der ihm den Rücken deckte? Er wendet sich. Da wäscht Sighvat sich vom Blut rein und verzieht das Gesicht, denn das Meerwasser brennt in den Wunden. Half dreht eine von Kjötvis Goldschlangen von seinem Arm und reicht sie dem Knaben. »Denke nicht, Sighvat, daß ich für Freundschaft mit Gold zahle. Aber nimm dies zu des Tages Gedächtnis! Denn sicherlich pochte ich schon da drunten an Rans Tor, hättest du mir nicht den Rücken gedeckt!« Aber Sighvat antwortet trotzig: »Glaube du nur nicht etwa, daß ich um deinetwillen auf dies Schiff kam. Ich ahnte hier Wein in Fülle, und mich dürstet schon lange!« Die Halfsmannen nehmen den Toten ihre Waffen. Gute Schilde haben sie und Helme aus besserem Erz als die ihren. Aber als Half in des Anführers Kettenhemd fahren will, lachen alle, denn es deckt ihm kaum die halbe Brust, so mächtig ist er geworden. Sie finden Tierfellschläuche von üblem Geruch. Glum lächelt, sobald er sie erblickt. Er sticht mit dem Schwerte zu, und der Wein springt auf, schwarz und schwer, er spritzt bis in ihre Gesichter. Sie werfen sich nieder und trinken aus hohlen Händen. Rausch überkommt sie, und endlich ist es denen, die auf fremdem Schiff unter Toten Trinkgelag halten, nicht anders, als wären sie beim Julmet daheim. Wie beim Julmet gehen auch Spottreden um, Grim verhöhnt Hliot, weil er einem Gefallenen die goldene Halskette genommen hat statt des Schwertes. Da legt Hliot die Schwurhand an den Helm, der mit Wein gefüllt ist, und schwört, so viel des Goldes heimzubringen, als Grims Kebse Aukko in ihren Röcken zu fassen vermöge. Dann höhnen sie Sighvat um seines jungen Herzens willen, aus dem leichter Flammen schlagen denn aus Feuerstein. Sie sagen, daß Half das Verbot, Weiber an Bord zu bringen, nur auf Sighvat gemünzt habe, denn sonst versänke »Skidbladnir« wohl vor der Überfracht feiler Mägde. Da sie lachen, wird Sighvat wild und blaß. Er reißt Halfs Goldschlange ab und da erst verrät er, wie wert sie ihm gegolten. »Keine schönre Gabe ward mir je als dies,« sagt er mit blitzendem Blick, »und doch will ich den Reif nicht wieder antun, ehe ich nicht euch zum Trotz eine Königstochter küßte, das gelobe ich vor aller Ohren.« Viele Torengelübde würden noch geleistet werden, wenn Glum nicht Einhalt getan hätte. Die Männer trinken so lange, bis die Schläuche leer sind. Dann fallen sie neben die Toten und schlafen nicht minder fest als die. Am Morgen haben sie schwere Köpfe, und Half ist es, der das letzte Gelübde tut: er verschwört diesen schwarzen Trank für immer. Sie nehmen die Waffen und steigen auf ihre eigenen Schiffe. Lange sehen sie das fremde Fahrzeug führerlos auf blauen Wellen treiben. Nun ist es so heiß, daß kaum die Nächte Linderung bringen. Sie fahren im Mondlicht dahin. Bei Tage liegen sie reglos und ohne Atem. Eines Tags rüttelt Spes sie schreiend auf, denn da ist Gold, rotes gutes Gold, es wächst in Klumpen auf den Bäumen. Sie springen alle ans Land, Hliot voran, nur Glum bleibt lächelnd zurück und Aukko, die wenig nach den fremden Wundern fragt. Sie schütteln die Bäume, da prasseln die goldenen Bälle herab. Zerplatzt liegen sie am Boden, und das Bärlein ist klüger als sie alle. Es leckt brummend an dem honigsüßen, fächrigen Fleisch der Frucht. Da glauben etwelche wieder, sie hätten Idunas Baum gefunden, mit den goldenen Äpfeln ewiger Jugend. Spes, der Knecht, meint nun, der Süden habe allerorten nur Süße für ihn. Er liest schwarze Beeren auf, aber als er sie ißt, wird ihm die Kehle zu eng, und seine Augen glotzen so groß, als müßten sie ihm aus dem Kopfe springen. Aukko spricht Runen über ihn und braut einen Trank, scharf wie Feuer, daß er das Übel ausspeit und ist wie vorher. Spes folgt Aukko nun nach, wohin sie geht, und ist glücklich, wenn er ein Lächeln erhascht. Er bringt ihr große gezackte Blätter und fächelt ihr Kühlung zu. Aber Aukko ist am liebsten allein. Sie sitzt und krault des Bärleins dicken Kopf und denkt, wie daheim der Dampf heißer Quellen weiß in der Winterluft steht und wie der Schnee knirscht unter den Schuhen. Das Bärlein brummt, und Aukko beugt sich vor, Wasser über des keuchenden Tieres Fell zu gießen, warmes, schales, widerliches Wasser. Eines Abends gehen sie an Land, und Glum besteht darauf, daß Aukko nicht zurückbleibt. Fremdes Grün schiebt sich vor ihnen zu Wänden zusammen, sie hauen sich mit den Schwertern den Weg. »Nun sollt ihr schauen, was ihr nie geschaut habt!« sagt Glum, und Aukko denkt, daß kein Anblick schöner sein könne als der wohlbekannte heimatlicher Gletscher. Glum geht pfadlos voran. Da ist nicht Wald, nicht Feld, nicht Haus, nur dieses dicke Grün. Plötzlich sagt Half: »Was ist es nur, das so duftet?« Alle Eislandmänner spüren es nun. Der Duft wird stärker und stärker. Es ist, als sänke er auf sie herab wie ein schweres, erstickendes Tuch. Sie gehen so leise hinter Glum übers Gras, als wären sie auf Helgafell, dem heiligen Berg daheim. Plötzlich schreit einer auf. Denn nun schauen sie, was sie nie vorher geschaut haben. Aus dem fremden Grün kommt es überall hervor, aber es ist kein Gold und ist keine Frucht. Es ist weiß wie Milch. Es ist wie Lachsfleisch und wie frische Manneswunden rot und dunkel wie alter Rost an Schwertern. Es ist gelb wie das Haar von Kindern, es hat alle Farben, nur nicht die des Himmels und die der Erde. Es ist überall, soweit man sieht, am Boden kriecht es, um Stangen windet es sich, es schaukelt an Gittern, sie gehen und gehen, und der Duft schwindet nicht, und es ist unendlich. Sighvat wagt, es anzurühren. Es ist in seiner hohlen Hand, sanft wie eine Kinderwange, kühl wie eine Mädchenbrust. Aber es greift mit spitzigen Krallen nach ihm und ritzt sein Fleisch. Wie Rausch kommt es über die jungen Männer. Sie reißen es ab und zerwühlen es mit den Lippen, sie drücken es an die nackte Brust, sie verwunden sich an den Dornenkrallen und, zornig geworden, zertrampeln sie alles ringsumher wie Trunkene, wie Toren, ehe Glum ihnen wehren kann. Mitten im Gewühl kniet Aukko und sie hat alles, was weiß ist, aufgesammelt, all dies hundertblättrige Weiß der großen Kelche. Sie zerpflückt es und schließt die Augen, während sie es aus ihrer Rechten hoch über ihren Scheitel fallen läßt, als rieselten Schneeflocken. An diesen Rosenhain muß denken, wer daheim zu Eisland hört, wie die Männer sich mühen, Glums entblätterte Liedstrophen zu einem Strauß zu sammeln. Sie sind längst zertreten und vernichtet. Aber die Männer heben die verwelkten, weißen Liedrosen auf und kühlen damit ihre Stirn, ihr wehes Herz. Jeder findet darin, wonach er schmachtet, des Südens Süße die einen, – die andern den ewig strahlenden Schnee des Vatna-Jökull.   Wie die Eisländer dem Brautschiff begegneten Vieles wäre nun zu erzählen. Von Ger, dem Knechte, der eines Mittags unbeschattet in der Sonne schlief und toll ward, daß keiner außer Half ihn zu bewältigen vermochte. Als er aber starb, sagte Aukko: »Die Feindin Südsonne hat ihn getötet!« Von Hliots Kampf mit der Midgardschlange wäre zu sagen, die aufstieg, als er badete und in ihrem gewaltigen Rachen seine linke Hand erschnappt hielt. Hliot aber hieb sich selbst den Unterarm mit dem Schwert vom Leibe und rettete sich so aufs Schiff, einarmig nun; zum Hinkefuß, den Half ihm geschlagen hatte. Von Sighvat, der nach einem goldgrünen, blinkenden Bande griff, das im Grase lag. Da lebte das Band und wand sich um ihn und biß ihn in den Schenkel. Half machte Jökulsnaut glühend und brannte die Wunde aus, daß das Fleisch an Sighvats Leib zischend verkohlte. Sighvat aber sah Half ins Gesicht und zuckte mit keiner Wimper. Von steinernen Häusern wäre zu sagen, wie weiße Würfel im Grün, und der Brand schlägt aus ihrem flachen Dach. Von Hunger und Überfülle, von Durst und Rausch, von Männern, die sich wehren, und Frauen, die sich ergeben. Aber alles dies sind Strophen, die nur in einer einzigen Nacht auf Glums Skaldenmund blühten. Sie sind vergangen in der Männer Gedächtnis. Dies jedoch ist, was den Halfsmannen widerfuhr, als sie das Brautschiff trafen. Eines Abends hatten sie ihre Schiffe in einer kleinen, verborgenen Bucht vor Anker gelegt. Zum Guten geriet es ihnen, daß Half stets mit Umsicht Ankerplätze wählte. Beim ersten Dämmern gingen sie an Land, um Wasser einzunehmen, Sighvat Sugandi hatte die schärfsten Augen. Er erspähte zuerst ein fremdes Fahrzeug. Je länger die Eisländer dies Schiff betrachteten, das nur ein wenig südlich von ihrer Bucht wie eine Katze auf Lauer lag, desto mehr priesen sie ihr gutes Glück, das sie nicht zu der Männer Schlafgenossen hatte werden lassen. Es waren etliche unter jenen, wie Weiber gekleidet, in Rot und Gelb, glitzernd von Gold, und sie hatten farbige Tücher in dickem Wulst um ihre braunen Stirnen gewunden. Andre wieder waren nackt und von Kopf zu Füßen schwarz wie Hel, die Göttin der Toten. Glum dachte an seinen Vater Geirmund, den man Heljarskin – Helhaut – genannt hatte, weil er ein wenig dunkler von Angesicht war als die eisweißen Nordmannen. An diesen Männern aber war nichts hell als die großen Zähne. Die Schwarzen waren alle klein, vom Größenmaß etwa eines Lappen. Höheren Wuchs hatten die Braungesichtigen, doch ragte über alle der Anführer hinaus, ein finsterer, gebieterischer Mann. Er trug eine goldene Brünne, die im Morgenlicht flammte. Half ward heiß vor Begehren, sowie er sie sah. Auf des Mannes goldenem Helm hob ein Tier seine Pranken; Federn fremder Vögel stiegen aus dem grünen Laken, das um die Stirn gewunden war, und in den Ohren schaukelten schwere goldene Ringe. Während Half staunend auf dies fremde Schauspiel sah, kam vom Süden ein zweites Schiff heran, das war groß und stolz. Ein Wimpel mit goldenem Zeichen klatschte am Mast, und am Hintersteven erhob sich ein Schattengezelt von kostbaren Stoffen. Die Jungfrauen, die davor kniend die Harfen schlugen, waren wie Waninnen licht und schön. Andere aber, die einen Reigen drehten, waren schöner noch, zart und leicht. Es waren genug der Männer an Bord, aber sie hatten Helme und Schilde abgetan, sie tranken und sahen den Wunschmädchen zu wie die Einherier droben in Sysrimner, Freyas Himmelshalle. Da sah Half das lauernde Raubschiff plötzlich aus seinem Versteck hervorschießen. Die Helmänner heulten wie Werwölfe und schwangen halbrunde Schwerter. Wie schwarze Katzen kletterten sie auf das Harfenschiff, wo Spiel und süßer Gesang erstarben und Gewühl und Verwirrung sich erhoben. Half blickte um sich, da funkelten ihn seiner Mannen Augen gierig an, und er nickte. Sie sprangen in Sätzen den Hügel hinab und zogen, zurückgelegt, an »Skidbladnirs« Ankerseil, daß der Stein mit einem Ruck emporschoß. Sie ruderten aus der Bucht hervor, Waffengeklirr im Ohr und der Jungfrauen hohe Schreie. Die Männer auf dem Harfenschiff waren erprobte Kämpfer, das sahen die Eisländer daran, daß unter den Überfallenen auch nicht einer helmlos den Räubern begegnete. Sie widerstanden, die Schilde vor und über sich geworfen, wie eine erzerne Mauer dem Anprall der Feinde. Half schien es eine Lust, den Schild-Ummauerten zu Hilfe zu kommen, die sich so tapfer der Übermacht wehrten, und die Eisländer lechzten danach, zu sehen, ob der Helmänner Blut so schwarz sei wie ihre Haut. Sie glaubten nicht daran, daß man mit solch runden Schwertern Wunden zuzufügen vermöge, ehe sie es am eignen Leibe erfuhren. Half schlug sich durch bis zu dem Räuber, dessen Rüstung ihn verlockte wie einer Liebsten Botschaft. Zum erstenmal, seit er Nordland verlassen hatte, fand er einen Gegner, der zu kämpfen wußte. Half schlug dem Anführer nach dem Haupt mit einem Hieb, der zu Eisland jedes Mannes Hirn gespalten hätte. Doch dieses Helmes Funkelerz war zu hart, selbst für Jökulsnauts Schärfe. Jedesmal aber, wenn Half dreinhieb, bangte er um die wunderbare Brünne. Endlich machte seine Heldenkraft ein Ende mit dem Mann. Er schmetterte ihn nieder und stieß ihm das Schwert in die Kehle. Da erhoben die Räuber wildes Wehklagen. Wie Pfiffe, hoch und schrill, gellten die Jammerschreie. Im Nu starrte Halfs Schild von Wurfspießen, und wilder Kampf entbrannte um den Leichnam, auf den er seinen Fuß setzte. Endlich faßte Half Ingrimm, da er sich der Helmänner nicht zu erwehren vermochte. Er raffte den Leichnam auf und warf ihn hinter sich gegen das Schattengezelt, daß ihm die Brünne nicht verloren gehe. Wieder erklang der Schwarzen Wehegeschrei. Es war aber nun deutlicher als je zu sehen, daß braune und schwarze Männer andern Bluts und andern Sinnes waren. Denn während die Braungesichtigen wie Helden fochten und lieber starben als sich ergaben, knieten die Schwarzen feige nieder und flehten in fremder Zunge um ihr Leben. Da lachten die Harfenschiffshelden, denen die Eisländer Hilfe gebracht hatten. Sie zerrten die Schwarzen hinab zu den Ruderknechten, die in drei getürmten Reihen saßen. Dort wurden die Helmänner an die Bank geschmiedet, mit jedem Ruderschlag ihr hündisches Leben zu beseufzen, das sie erbettelt hatten. Als der Kampf nun entschieden war, stieg Half über den Haufen von Erschlagenen hinweg, bis er den Leichnam fand, nach dessen Brünne es ihn gelüstete. Der Tote lag mit den Füßen hoch auf Leichen, mit dem Kopf tief in des Zeltes Vorhänge verwühlt, und Half drehte ihn herum, die Panzerriemen zu lösen. Nie noch hatte er solches geschaut. Wie eine härtere, eine goldene Haut legte die Brünne sich dünn und schmiegsam um den Leib. Innen sah man hohl die Formen, die herausgetrieben worden waren. Half legte den Deutfinger hinein und lachte wie ein Knabe. Er schnallte die Brünne um, die leicht wie Flaum war, und nahm dem Toten den Helm, dessen Güte Jökulsnaut erprobt hatte. Die fremden Federn riß er mit dem grünen Tuch zugleich herab, nahm die Schwanenfittiche vom eignen Helm und steckte sie an den neuen. Sie hafteten gut, und er setzte sich die erzerne Zier aufs Haupt. Da fühlte er einen Blick, der an ihm hing, so daß er sich wandte. Zwischen des Schattengezeltes Vorhängen stand ein Weib, ein Mädchen, das sah ihn an, aus großen dunklen Augen. Einen Stirnreif trug es im schwarzgetürmten Haar und war blaß, wie jene sind, denen Manneskuß noch nicht die Wangen gerötet hat. Als Halfs Blick dem seinen begegnete, trat es, als fliehe es, in das Zelt zurück, und die Vorhänge fielen zusammen. Es kamen aber des Harfenschiffes Helden auf die Eisländer zu und lachten und ergriffen freundlich ihre Hände, mit fremden Worten, die Dank auszudrücken schienen. Knechte liefen von allen Seiten herbei, warfen die Toten über Bord und ordneten Bänke und Tische wie vorher. Hliot sputete sich und nahm den Toten eilig ab, was sie von Gold mit sich trugen, ehe sie ins Meer wanderten. Er hatte nur eine Hand und kam schlecht damit weiter und knurrte wie ein Kettenhund jeden der fremden Knechte an, der ihm ins Gehege kam. Er wußte nicht, warum die Kämpen, die zum Schiffe gehörten, seiner lachten und stopfte Ringe und Ketten mürrisch in seinen Busen, so daß das Hemd vorne weit abstand. Als die Toten über Bord fielen, kamen große gefräßige Fische herbei, die kreisten um das Schiff die ganze Nacht, und die Mädchen warfen Rosen nach ihnen, die sie schnappten. Als es dunkelte, flammten Leuchten auf. Die Tische wurden mit Decken bespreitet und mit Kissen die Bänke. Rosen kränzten Becher und Lager und die Stirn der fremden Helden, die vor einer Stunde noch hinter ihren Schildern gekniet hatten, todbringend und kalt. Aus dem Zelte kam ein Mann hervor, der war wie einer der Alben zu schauen, höckrig und gering und mit schütterem Bart. Der verneigte sich vor Half und begann mit piepsender Stimme zu reden. Da lachten die Eisländer, denn, was er sprach, waren gute Worte, schöne Worte, die man verstehen konnte. Es bot ihnen das Zwerglein in Lauten der Heimat Dank, daß sie seine Herrin errettet hätten und Muhmad Ali getötet, den großen Räuber, den Schrecken der Meere! Es sei seine Herrin eine Prinzessin, Placidia mit Namen, und des Königs von Gräzia jüngste Tochter. Als er aber dies gesagt hatte, schrie Sighvat so hell auf, daß alle sich nach ihm wandten. Und es erfuhren die Eisländer ferner, daß die Königsmaid nach Engelland ziehe, um zu Lundres Edmund angelobt zu werden, König Adelstans einzigem Sohn. Die Königsmaid trat aus dem Zelt hervor. Wie eine Schaumwelle kam sie heran, in ihrem Silberkleide. Zu ihrer Rechten ging ein Mädchen, das trug Krug und Becher, zu ihrer Linken ein andres, das trug eine goldene Schale, darin Früchte glühten. Sie trat zu Half und kredenzte ihm den Becher schwarzen Weins, an dem sie genippt hatte. Half aber dachte seines Gelübdes und schüttelte das Haupt. Eine Falte zeigte sich zwischen ihren dunklen Augen mit den schmalen hohen Brauen. Dann nahm sie zögernd ein rotes, pralles Rund aus dem goldenen Fruchtkorb. Sie biß hinein, und es war eine Frucht, saftig und voll Samen. Als sie sie bot, erfaßte Half sie rasch und willig und so fest, daß die angebissene Frucht in seiner Faust platzte und ihm Samen und roter Saft klebrig am Handgelenk entlang in die goldenen Armreifen rannen. Die Königsmaid sah ihn an und sprach leise einige Worte. Sie sprach langsam und mit einer schönen, tiefen Stimme. Aber Half verstand sie nicht. Da wandte sie sich und trat zum Hochsitz, der ihr bereitet war. Es sagte Grim dem Gezwerg, daß er sein Weib auf dem Schiffe gelassen hätte. Da gebot die Königsmaid sogleich, sie herbeizubringen. Und Aukko kam und sah fremd und traurig auf die Lachenden, die da tafelten. Es war der Bär mit ihr gekommen und ward viel geneckt und brummte verdrießlich. Aukko mußte ihn seine Künste zeigen lassen. Der Bär ging auf den Hinterbeinen, lag nach ihrem Willen reglos wie tot und brachte ihren versteckten Schuh herbei. Ja, er fiel auf ihr Gebot Männer an, um sogleich von ihnen abzulassen, sowie Aukko ihren Pfiff ausstieß. Die Königsmaid hatte gnädige Freude an solchem Spiel und legte Björn ihre eigene Kette um den Hals. Als aber sie und Aukko beieinanderstanden, da staunten die Eisländer, daß beide die gleiche bräunlichblasse Haut hatten und das gleiche schwarze Strähnenhaar, und sie begriffen nicht, wie in Süd und Nord die Frauen einander ähnlich beschaffen sein mochten. Die Königsmaid winkte, da kam eine der Mägde herbei und trug einen Vogel, der wie aus roten und grünen Lappen gemacht war. Er hatte einen großen Schnabel und kreischte mit wunderlicher Menschenstimme fremde Worte. Die Männer aus Gräzia lachten, und die Königsmaid ließ ihn süße Speise von ihrem roten Munde nehmen. Die Jungfrauen kamen wieder, boten Wein und tanzten zum Klange der Harfen. Sie waren keine Waninnen, sie waren von Fleisch und Blut, aber das dünkte die Halfmannen fast noch besser. Dreimal hob die Königsmaid den Becher gegen Half, und jedesmal mußte der Zwerg ihm bedeuten, ihr zu danken. Dann fuhr Half aus seinem Sinnen auf und trank ihr Heil in goldhellem Wein, da er den schwarzen verschworen hatte. Die Halfsmannen aßen stumm und gewaltig und wünschten nichts, als daß die Königsmaid zur Ruhe gehe, ohne die Mädchen mit sich zu nehmen. Nur Sighvat war verwandelt und hatte keinen Blick für die Schlanken. Er sah unverwandt zur Königsmaid hinüber. Aber sie hob die weißen Lider nur, wenn sie ihrem Retter Half zutrank. Endlich stand sie von ihrem Sitze auf und zugleich alle Männer. Sie kam langsam auf Half zu, und der fremde Vogel saß, flügelschlagend, auf ihrer Schulter. Sie war ungroß und mußte zu Half emporsehen. Half aber hatte nie solch heldengleiches Ansehn gezeigt wie in diesem neuen Waffenschmuck. Das falbe Haar fiel lang und reich vor, über die breiten Schulterplatten der goldenen Brünne. Der Helm von Gold und Erz funkelte über seinem hellen Antlitz. Sie sah ihn lange an und endlich stieß sie leise und schnell die Worte hervor, die er schon einmal gehört und nicht verstanden hatte. Nun aber las er sie von ihren Augen mehr als von ihren Lippen. »Ich grüße dich, mein süßer Freund!« sagte sie, und das waren die Worte, die der Zwerg sie gelehrt hatte für den Tag, da sie Edmund von Engelland begegnen würde. Der Vogel schlug mit den Fittichen und krächzte etwas, was die Männer von Gräzia lächeln machte. Sie aber ging schmal und schlank dahin, und Half blickte ihr staunend nach, bis das Zelt sich hinter ihr schloß. Als die Königsmaid gegangen war, begann frischer Umtrunk. Die Halfsmannen prüften der neuen Freunde Waffen und staunten über deren Güte, doch war kein Schwert dabei, das Half für Jökulsnaut hätte tauschen mögen. Die Mädchen schlangen ihren unterbrochenen Reigen, und die Männer haschten willige Beute. Eine Lachende hing sich an Sighvats Hals, doch er stieß sie unwillig fort. Da gab es Gelächter unter den Halfsmannen. Grim sah, wie Aukko abgewandt saß, und er sprach heimlich: »Fürchte nichts. Es ist nicht wie damals! Ich werde keine andre ansehen heute nacht.« Aber Aukko antwortete nicht. Nach Mitternacht ward es still auf dem stolzen Schiff. Die Fackeln waren verlöscht, und die Schläfer schnarchten. Die Männer aus Gräzia gingen hinab, um zu ruhen. Die Eisländer aber blieben gern an Deck, dessen Dunkel voll Geräusch war und voll Gelächter. Nur Aukko schlief nicht und lachte auch nicht. Ein schmaler Lichtstreif kam aus dem Gezelt, auf den schlich Aukko zu. Sie hörte drinnen gedämpft durch Teppiche die leisen Schritte einer, die, wie sie, nicht schlief. Da sah Aukko einen Mann sich dem Zelte nähern. Er ging auf den Zehenspitzen und hielt sein Schwert, daß es nicht klirre. Der Lichtschein schien auf seine Brünne, und Aukko meinte, sie wie Gold blinken zu sehen. Der Mann schlüpfte ins Zelt. Er mußte beim Eintritt sogleich die schwebende Lichtschale herabgerissen haben, denn drinnen ward es völlig dunkel. Aukko hörte einen erstickten Schrei. Küsse wurden geküßt. Sie fielen dem Manne zu wie überreife Frucht. Der fremde Vogel krächzte drinnen, aus dem Schlaf gestört, von neuem seine Worte. Eine flüsternde Stimme sprach sie nach, die heiße Stimme, die einem Fremden den Gruß fortgegeben hatte, der dem Gatten bestimmt war: »Carpe diem, mein süßer Freund, Carpe diem!« Da brach jählings mit wildem Gebrüll Aukkos Bär ins Gezelt und polterte drin wie hundert üble Gespenster. Aukko erkannte wohl den Mann, als er aus dem Zelte stürmte, von dem Bären ingrimmig gehetzt und verfolgt vom Geschrei und Gezeter erschreckter Mädchen. Ihr Herz ward leicht. Sie lockte: »Björn!« und rief den Bären mit dem vertrauten Pfiff. Sogleich trottete er willig nach solcher Mühe zu ihr zurück und leckte ihre Hand wie ein Hündlein. Im Zelt rief eine herrische Gebieterin Befehl um Befehl. Es flammte Licht auf, und der Zwerg kam, barsch von Aukko zu fordern, daß sie die wilde Bestie an Ketten lege, die seine Herrin im Schlaf gestört habe. Es herrschte Verwirrung unter den Männern, denn sie wähnten bei solchem Gelärm, es brächen neue Feinde über sie herein. Als endlich wieder Stille über dem Brautschiff lag, kam einer heran, und Aukko erkannte sogleich Glum am behutsamen Schritt. Stumm setzte der Skalde sich neben sie, Aukko sang, während sie des Bären dicken Kopf kraute, ein Liebeslied, heimlich und fröhlich zwitschernd wie Schwalben im Nest. Sagte Glum langsam und ließ den Blick nicht von den fremden Sternen: »Viele Dinge gibt es auf Erden, die süß sind mit äußerster Süße oder bitter mit äußerster Bitternis. Zwei Dinge aber gibt es, die sind süßer und bitterer zugleich als alle andern.« Fragte Aukko: »Vater, was sind diese Dinge?« »Das eine ist,« sprach der Skalde, »sein eigenes Liebeslied von fremdem Mund zu hören, das die dahingegangene Jugend überlebt hat; denn was du singst, ward für Thorodd gesungen in unserer Brautnacht.« Fragte Aukko: »Und was ist das zweite, Vater?« Sprach Glum noch leiser: »Das zweite ist, zu wissen, daß auch kein anderer dies erringen wird, wonach wir unerfüllt schmachten, solange wir leben.« Und als er das gesagt hatte, lehnte Aukko ihre Wange an seine breite Schulter und weinte bitterlich. Am Morgen nahmen die Helden von Gräzia Abschied von ihren Kampfgenossen, und der Zwerg verkündete, daß Muhmad Alis Raubschiff der Eisländer Beute sein solle. Da lachten die Eisländer und schlugen an die Schwerter. Dann kam die Königsmaid, und sie ging aufrecht und stolz unter ihren Frauen. Sie gab Half ein Gürtelmesser, das Edmund zum Angebind bestimmt gewesen war, dessen Griff war bunt von Steinen und die Klinge so schmal, daß Half wähnte, sie müsse ihm in der Hand zerbrechen. Aber sie brach nicht, sie bog sich wie eine Weidenrute, und Half schoß die Röte in die Schläfen vor Freude über solche Waffe. Er grüßte die Königsmaid und wandte sich, zu gehen. Aber er kehrte sich nochmals um, trat ihr so nahe, daß ihre Lider niederzuckten und ritzte in ihren Gürtel zwei Runen. Es war die erste Rune ein »H« für Half und die zweite das umgekehrte Zeichen des Thorrhammers. Mit dem Thorrhammer Miölnir aber wurden die Bräute zur Ehe geweiht. Und als Half das Zeichen verkehrt ritzte, da meinte er damit, daß der Königsmaid kein Mann zu nahe getreten sei und setzte seinen Namen davor, zum Zeichen, daß seine Ehre dies verbürge. Die Maid aber mußte ahnen, worum es ging, denn sie ward röter als ihres Kleides Purpur. Dann gingen die Halfsmannen auf Skidbladnir zurück, dem an Seilen Muhmad Alis Schiff gefügig folgte. Es ward hin und wieder gewinkt und der Vogel kreischte noch lange sein »Carpe diem«, daß es allen in den Ohren haften blieb. Da alle Halfsmannen an Bord waren, sahen sie mit Staunen, daß Sighvats Antlitz arg von Bärenkrallen gezeichnet war und daß er seinen goldenen Reif wieder am Arme trug. Half hob erstaunt die Brauen, aber er schwieg. – Da wagte keiner zu fragen, wann Sighvat Sugandi sein Gelübde erfüllt habe. Nur Hliot ward bitterböse bei dem Gedanken, daß es einem andern so bald gelungen sein solle, des Weinschwures ledig zu werden.   Half teilt die grosse Beute Sie kamen zur Bucht, wo sie Meerschwan zurückgelassen hatten, und nun meinten die Halfsmannen, es würde die Beuteteilung beginnen. Sie freuten sich alle, denn sie ahnten wohl, daß Muhmad Ali große Schätze auf dem Raubschiff geborgen habe. Half aber sagte kurz, er werde mit Sighvat allein aufs fremde Schiff gehen. Das tat er, um den Knaben nicht vor allen zu tadeln, denn nur einmal hat Half einen seiner Mannen beschämt, so lange sie fuhren. Als Half herüberrief und den Seinen gebot, auf Muhmad Alis Schiff nachzukommen, da stand Sighvat mit sehr rotem Kopfe da. Allen schien es geraten, zu tun, als merkten sie nichts, und Half begann, die unermeßlichen Schätze zu teilen. Des Schiffes Bauch war angefüllt mit Dingen, die die Eisländer noch nie gesehen hatten. In Bergen lag das Gold, und es waren da weiße Stangen, von denen manche Aukkos Größe erreichten. Glum sagte, es seien dies Tierzähne und das Kostbarste von allem. Half nahm zuerst alle bunten Stoffe und legte sie für Aukko zur Seite. Er tat funkelndes Geschmeid dazu und Fläschchen, durch die man das rote und gelbe Öl schimmern sah, mit dem sie gefüllt waren. Wie der Hain der Rosen rochen sie. Dann begann er neununddreißig gleiche Anteile zu häufen. Und das war um einen Anteil weniger, als Männer waren, da sechs von denen tot lagen, die zu Eireann sich eingeschifft hatten. Alle nahmen an, daß Half Sighvat zur Strafe leer ausgehen lasse, auch Sighvat selber glaubte das. Sagte Half freundlich zu ihm: »Du als Jüngster magst zuerst dein Teil nehmen, und ich meine, daß kein Streit entstehen muß, denn es wird jeder sehen, daß ich gerecht geteilt habe.« Da sahen alle, daß Half selbst es war, der keinen Anteil für sich gelassen hatte. Die andern waren mit solcher Gerechtigkeit bedacht, daß keiner klagen konnte. Es fiel auf jeden des Goldes unmaßen viel, in Stangen, in Klumpen oder in Staubform, eingefüllt in Linnensäckchen. Die Männer kamen zu Half und legten die größten Goldklumpen ihm zu Füßen und die besten Waffen und drängten ihn, es zu nehmen. Und sie sagten, es wäre Schande für sie, wenn er dies weigere. Er aber saß abgekehrt und spielte mit einem Geschmeide, das war aus Perlen und Edelgestein gefügt und strahlte wie Brisingamen, das Halsband, das die Zwerge Freya fügten. Und wie zu sich selbst sprach er: »Einen Nacken wußte ich einst, weißer als des Eidervogels Brust, um den ich wohl dies gelegt hätte!« Und er warf das Geschmeid in die Flut hinab, zu den gefräßigen Fischen.   Wie Sighvat Half von seinem Gotte sprach Eines Tages trieben die Eisländer drei junge Hengste an Bord und jubelten über das Festmahl, denn allzu lange schon hatten sie Roßfleisch entbehren müssen. Als Glum das Opfer dargebracht hatte und das Roßblut als breiter Streif hinter dem Schiff sich herzog, da stürzten sich die Knechte aufs Fleisch und rissen es halbroh vom Feuer. Sighvat aber kehrte sich schaudernd von ihnen, die wie Raubtiere malmten und schmatzten und bliesen, weil das Fleisch ihre Lippen verbrannte. Sie kamen zu ihm und wollten ihn zwingen mitzuhalten. »Räudige Roßfleischfresser« nannte er sie, und sie nannten ihn »meineidigen Mönchsknecht« und fielen über ihn her. Er aber schrie: »Christen heran, Iren heran!« Es eilten ihm nun die andern Iren zu Hilfe, und es entstand böses Handgemenge. Half riß sie auseinander. Er gab den Eisländern keine guten Worte und sagte, er würde den sogleich von den Schiffen jagen, der die Iren um ihres Glaubens willen kränke. Solange die Christen so gut wie Heiden föchten, lägen sie ihm ebenso am Herzen wie die. Half ging abseits mit Sighvat und ließ ihm von Aukko die blutende Hand verbinden. Da sprach Sighvat zum erstenmal von seinem Gott, und Aukko spähte scharf in Halfs Gesicht, da er Mal um Mal dazu nickte, und ihre Hände bebten, so daß sie den Verband kaum halten konnte. Abend für Abend saßen die Beiden nun abseits von den andern, und Sighvat sprach mit leuchtenden Augen. Einmal endlich hielt Glum es für rätlich, zu Half zu reden. Er trat leise hinzu und sprach: »Vergiß nicht, Half, daß man den neuen Glauben mit Rans Töchtern vergleicht, den grünhaarigen Meerminnen, die den Mann ganz hinabziehen, sobald er ihnen nur den kleinen Finger bot.« Sagte Half: »Es ist wahr, Vater, daß ich des weißen Gottes Worte nun immer besser verstehe, je weiter wir nach Süden fahren, wie uns ein Mann ja auch am besten am eigenen Herdsitz bekannt wird. Vermag dein Herz wahrlich zu glauben, daß über dieses Himmels Bläue Odhins achtfüßiges Roß jagt? Und wie sollte der Mann, der hier mühlos erntet, an Asa-Thorr glauben, der mit Donner und Blitz Felsriesen das Ackerfeld abringt? Er ist so fremd hier wie Christus auf unsern Lavafeldern! Gebunden also und klein sind die Götter. Darum ist betrogen, wer an diesen glaubt, wie an jene!« Und als er das sagte, schauderte es Glum, und allen, die es gehört hatten, ward kalt bis ins Herz, obgleich die wütende Südsonne ihre nackten Leiber sengte.   Wie Aukko die Sonne nicht mehr sehen wollte Über Aukko war zu jener Zeit eine wunderliche Krankheit gekommen, daß sie die Feindin Südsonne nicht mehr sehen wollte, gegen die ihr Haß zu stark geworden war. Aus bunten Stoffen hatte sie sich ein Zelt gefügt, dem der Königsmaid ähnlich, das sie kaum des Nachts verließ. Bei Tage aber wühlte sie wie ein Maulwurf sich in des Zeltes Dunkel ein und, wo nur ein Lichtstrahl durchdrang, ward der Spalt mit sorgender Hast verschlossen. Björn, der Bär, lag vor der Schwelle und wehrte Jedem den Eintritt, auch Grim. Denn er war jetzt sehr wild geworden und gehorchte nur Aukko mehr, der aber hing er treuer und zahmer an als manches Haustier. Eines Tages nun weckte Grim die Genossen, die die arge Hitze verschliefen. Es war dies, daß Grim, der viel um das Zelt schlich, Aukko drinnen hatte stöhnen hören und Björn ihn anzufallen drohte, sowie er sich dem Vorhang näherte. Half machte kurzen Handel mit Björn und band ihn mit einem Schiffstau, daß sie ins Zelt konnten. Da lag Aukko im finsteren Winkel am Boden, und die Nachtmahr ritt ihre Brust, daß sie keinen Atem bekommen konnte. Endlich sank sie zurück und war wie tot. Glum entsann sich der Fläschchen mit duftendem Öl, die Half ihr als Beute zugesprochen hatte. Die gossen sie ihr über die Stirn und Brust, da schlug sie die Augen auf. Nun erst sahen die Männer so recht, wie verändert sie war. In den guten Zeiten auf Höh hatte man die Finnenäuglein kaum gesehen über den vollen Wangen. Nun starrten sie krank und hohl aus dem verzehrten Gesicht. Ihre runde Brust war eingefallen, und ängstlich zogen die magern Finger die Decke bis zum Kinn empor. Glum legte die Hand auf ihr Herz, das flatterte wie ein Vogel im Netz. Aber Aukko lächelte, – da war es wieder ihr altes, liebes Gesicht. Sie bat, ohne Sorge zu sein, sie fühlte sich ganz wohl. Und sie schien auch wirklich heiterer denn je, obgleich sie nie mehr ihr Zelt verließ, bis Spes sie eines Tages bewußtlos neben dem Bratspieß fand, daran ein verkohltes Ferkel stank und schwelte. Diesmal dauerte es Stunden, bis sie wieder zu sich kam. Man hatte die Vorhänge herabgerissen, um Rauch und Qualm zu mindern, und als Aukko den gleißenden Sonnenschein sah, begann sie still und verzweifelt zu weinen und verkroch sich wie ein verendendes Tier. Da ließen die Männer von neuem Dunkel um sie sein. Sie lachten und sangen nicht mehr und schlichen mit bloßen Füßen umher über die Schiffsbohlen, die wie Feuer sengten. Sie brachten ihr köstliche Blumen und starken Wein, und Aukko dankte lächelnd. Aber sie bat, die Blumen fortzutun, die nach Gift röchen, und den Wein für gute Fahrt zu opfern. Sie fanden, es läge Aukko viel zu hart, denn seit sie das Brautschiff getroffen hatten, wußten sie, wie weich man auf Seidenkissen ruht. Sagte Half: »Es sollen Glum und Grim bei den Schiffen bleiben, während ich mit Sighvat und Hliot gehe, weiche Betten zu bringen.« So gingen die drei Männer in das Land Iberia hinein, wo Haus an Haus lag, ohne Weiden, ohne Viehgehöft. Sie fanden schmalen Weg zwischen den weißen Häusern. Kühler war es da als in der sengenden Sonne, denn bunte Segel waren von einem Dach zum andern gespannt, und überall lagen in dunklen, offenen Hallen voll sonderbaren und köstlichen Geräts Männer, die die stille Mittagszeit verschliefen. Wo aber die drei Recken vorüberkamen, sprangen die Schläfer empor und schrien und fuchtelten mit den Armen und boten freundlich Stoffe, schwer von Gold, bunt und befranst, Ketten, Ringe, Kissen, Früchte, Süßigkeiten, Fläschchen, Teppiche, Sättel und Schwerter. Die Eislandmänner aber griffen nach rechts und links zu und nahmen nickend alles, was die Zappelmänner boten. Da begannen jene doppelt zu schreien und zu quieken wie unterm Mordmesser. Leid hätte es den Eisländern getan, auf die dürren, dünnbärtigen, dünnlockigen Alten einzuhauen, sie riefen nur ein wenig ihren Schlachtruf in die Schilde, daß jene abließen, und eilten die erwachende Straße hinab. Sie trugen große Packen, die sie hinderten, und Hliot Einarmbein hinkte nur mit aller Kraft ihnen nach. Da flogen schon Steine hinter ihnen her, und ein Geheul erhob sich, als wären hundert Wolfsrudel auf der Zweitageheide versammelt. Hliot war es, der am meisten vom bösen Hagel abbekam, und er fluchte, so viel er konnte. Es geschah den Eisländern aber nicht viel mehr, als daß sie Beulen und Hautritze davontrugen und ihnen die Ohren vom großen Jammer gellten. Und ihnen, die nun Kostbarkeiten kannten, schien es, als wäre nie ein billigerer Kauf geschehen. Sie kamen mit Gelächter zu den Schiffen zurück und bauten Aukkos Zelt höher und luftiger als zuvor. Sie breiteten die Teppiche aus, die wie bereifte Blütensträuße schimmerten, und häuften sie zu einem hohen Berge, damit Aukko es weich hätte wie in einem Nest. Obenauf legten sie die zartesten Seiden und Schleiergewebe, die an den ruderrauhen Männerhänden haften blieben wie an Dornenzweigen. Als sie Aukko aber betten wollten, da bat sie, Grims Mantel zuoberst zu legen, damit sie darauf ruhen könne, jenen großen, blauen Mantel aus grobem Fries, dessen Saum versengt war. Es haftete aber noch der Knoten, den sie auf Surtursheide heimlich geschlungen hatte. Grim wagte niemals ihn zu lösen, vor Angst, daß der Zauber schwinden und ihre Liebe Schaden leiden möge. Es kam nun traurige Zeit für die Eisländer. Sie brieten ihr Fleisch allein und fegten allein das Deck. Der Bär war traurig wie sie alle; er nahm Nahrung nur von Aukkos Hand und lag Tag und Nacht zu ihren Füßen. Sie ward schwächer und schwächer, aber keiner wollte glauben, daß es zu Ende ginge. Sie brachten ihr Perlen und wunderbare Steine, fremde Vögel und Früchte, die kindskopfgroß waren. Sie erschlugen fast ein altes Weib, das ihnen seiner einzigen Ziege Milch nicht lassen wollte, als Aukko einmal Durst litt. Aber als sie ihr den schäumenden Krug brachten, wandte sie sich. Sagte Grim, und seine Hände, die den Milchkrug hielten, zitterten wie Greisenhände: »Sage, Aukko, was ist es, das du wünschest, was ist es, was wir dir bringen sollen?« Da sagte sie: »Schnee!« und wieder »Schnee!«, und ihre Stimme schwankte, weil ihr die Tränen kamen.   Aukkos Tod Eines Nachts fuhr Aukko aus kurzem Schlummer auf und sah Grim an ihrem Bette wie stets. Da bat sie, Glum und Half herbeizuholen. Sie kamen sogleich. Aukko saß aufrecht wie immer, denn sowie sie lag, sagte sie, die Südluft sänke auf ihre Brust, daß sie ersticken müsse. Ihr langes Strähnenhaar fiel über ihr hageres Gesicht, und die Fellhaube hatte sie nicht abgelegt, soviel Grim auch flehte. Sie bat Half leise und hastig, wie eine, die wenig Zeit zu verlieren hat, er möge ihr sein Schwert weisen. Aber sie war zu schwach, es zu halten, so hielt es Half gerade vor sie hin, und sie begann, von der Spitze an bis zum Griff über das Blatt zu streichen und Sprüche zu murmeln, während sie tief den kranken Atem zog. Da begann das Schwert Funken zu sprühen wie eine Katze, der man gegen das Haar streicht, und sie las lange über die Klinge gebeugt, bis rote Flecken auf ihre Wangen traten. Als sie aber Half ansah, da war ihr Blick klar, und klar war die Stimme, mit der sie sprach: »Zweier Schwerter Schneide schaute ich, über sie lief dein Leben. Gute Runen trug Sippeknauf, aber wenig ehrtest du die großen Götter, das Siegschwert nahmen sie zurück, da Sigrdryfas Rache erfüllt war. Aus eigener Kraft gewannst du Jökulsnaut, das Schattenschwert, den Horthüter. Schatten schlägt er dir, Schätze erringt er dir, doch arm, wie du auszogst, kehrst du heim! Gewährt ist dir, dein Ende zu wissen. Der Walstatträuber heult es ein! Dein Leben läuft über zweier Schwerter Schneide, – weh dir, Half, wenn die zweite zerspringt!« Da gebrach ihr der Atem von Neuem, sie war schrecklich anzusehen, wie sie mit den Armen focht und nach Luft rang. Endlich betteten sie sie, da war sie so schwach, daß sie meinten, sie veratme unter ihren Händen. Vier Tage und Nächte lag sie so und konnte nicht leben und nicht sterben. Endlich konnte Grim den Jammer nicht länger ertragen, er ging in eine Ecke und zog das bunte Beutekleid übers Haupt, um nicht so laut herauszuflennen, wie Spes, der Knecht, der am Boden hockte. Glum und Half hielten die Hände der Kranken. Da schlug Aukko noch einmal die Augen auf und spähte um sich. Sie sah, daß Grim verhüllt dasaß und in seinem Elend nicht sah noch hörte. Da bedeutete sie Half mit den Augen etwas, was er nicht begriff, und sie war zu schwach, zu reden. Als sie hörte, wie Glum und Half einander ratlos fragten, was sie wohl begehre, machte sie Zeichen, sie zu stützen. Und sie zeigte Half mit versagenden Fingern den Saum des blauen Friesmantels, auf dem sie ruhte. Half sah staunend auf das verknotete Ende, das sie in seine Hand legte. Da sah ihn Aukko an und flüsterte stoßweise: »Ich dachte, es sei dein Mantel, Half, als ich auf Surtursheide den Knoten band!« Und sie starb, da sie so gesprochen hatte.   Die Eisländer wölben Aukko den Grabhügel Sie beschlossen, Aukko einen Hügel zu errichten, wie man ihn zu Eisland den tapfersten Helden häuft, ihr, der Kebse, der unfreien Finnin. Nicht nur um Grims willen taten sie das, sondern weil es ihnen widerstrebte, ihren Körper in Rans Reich hinabzusenden, daß ihn die großen, weißbäuchigen Fische fräßen. Die Küste war ungastlich, an der sie fuhren, aber es blieb ihnen keine Wahl, wo sie ihre Stätte bereiten sollten, denn die Sonne war Aukko im Tode noch feind wie im Leben, sie mußten eilen, sie zu bestatten. Glum sagte, sie solle im Schatten ruhen, die das Licht gescheut hatte. So gruben sie unter den speerblättrigen Bäumen. Alle schaufelten sie, und längst war die Grube tief genug. Spes aber hub noch immer Scholle auf Scholle aus, und sein Gesicht war beschmiert von Erde und Tränen. Sie wollten Aukko an Land tragen, aber der Bär, der wütend war nach vier Tage langem Hunger, fiel sie an, daß sie tiefe Wunden davontrugen. Sie suchten, ihn mit Speise zu locken, die sie an lange Stangen banden, aber das Tier verweigerte sie, da sie nicht von seiner Herrin Hand kam. Sagte Grim: »Treuer bist du ihr, Björn, im Tode als ich, da sie noch lebte! Zu deiner Herrin gehörst du, und ich wollte, es täte mir ein Freund den Dienst, den ich dir nun tue!« Da schlug er den Bären mit der Axt breit vor den Kopf, daß das Tier zusammenstürzte. Half selbst trug den Bären zur Grube. Als sie nun Aukko hinabsenken wollten – und auch Björn, daß er ihr zu Füßen liege –, da schluchzte Spes, weil die Gütige in die nackte, fremde Erde hinab sollte, die sie gehaßt hatte. Er lief zum Schiff und holte alle Teppiche und Tücher ihres Lagers, und sie bespreiteten damit die Grube und hefteten sie mit Holzpflöcken an die Erdwände. Da zerriß Glum die Schnur, an der ihm ein Ledersäckchen vom Halse hing, und sagte: »Nicht weiß ich, ob es mir gesponnen ist, auf Eisland zu sterben, und doch will ich dir Heimaterde auf den stummen Mund streuen und auf das Herz, das sich so sehr gesehnt hat!« Und wie er gesprochen hatte, streute er die trockene, karge Erde, die er seinem eignen Tod bereitet hatte, ihr auf Mund und Brust. Sie zogen ihr die Fellmütze fester übers Haar, legten ihr den kleinen Finnenbogen zur Rechten und zerbrachen ihre fischgrätigen Pfeile. Half breitete den Friesmantel über sie, und als Grim den Liebesknoten aufband, wimmerte er, wie das verblutende Opfertier wimmert. Dann schlossen sie die Grube mit starken Balken und häuften den Hügel aus Gestein, das gelblich geädert glitzerte. Obenauf wälzten Half und Spes einen Block, den so leicht keiner verrücken konnte. Die ganze, heiße, windlose Nacht hielten die Eislandsmannen mit gezogenen Schwertern die Totenwacht. Der Sternhimmel drohte über ihnen mit feuriger Schrift unheilvoller Runen. Und Glum sang die alten Totenlieder, von denen jeder wünscht, daß sie bei seinem Grabe gesungen werden. Er bat Hel, die Schattenbeherrschende, um freundlichen Empfang der Toten und versöhnte mit gutem Wort die Riesin Hyrrokkin, die schreckliche Reiterin, deren Roß der Wolf ist, der Walstatträuber. Die ganze Nacht sang Glum, und die Männer gaben ihm Antwort jedesmal, wenn die Strophe zu Ende war. Und als der Morgen kam, da fühlten sie zum erstenmal den gleichen Haß gegen die Sonne, die da glühend heraufstieg, wie die Tote, an deren Grab sie Wache hielten.   Wie die Eisländer das Eiland Sikilei sahen Sie fuhren nun schon seit Tagen auf offener See, einer Insel entgegen, die blau über blauen Wogen lag. Es war dies Sikilei, das Eiland, davon Kjötvi berichtet hatte, daß es schöner sei als alles, was Mannesaugen erblicken mögen. Glum entsann sich dessen wohl, daß Kjötvi, der Ire, gesagt habe, es läge hinter Sikilei nur noch Miklagard, der gräzischen Könige Sitz, den sie Byzanz nennen, und weiter südwärts als letztes Reich Serkland, wo schwarze Männer ohne Köpfe hausen und finstre Riesen die Menschen fressen. Die Eisländer aber hörten kaum auf Glum. Es war, als seien sie nun so wenig mehr nach des Südens Wundern begierig, wie Aukko einst. Reizbar waren sie alle geworden, heftig und wild. Sie stritten fast mit Haß wider einander und meinten, einer des andern kleine Eigenheiten im Gehaben nicht länger zu ertragen. Was sie bis nun an Hitze gelitten hatten, war nichts gegen die weißglitzernde Glut, die nun um sie stand. Sie konnten nicht atmen, nicht schlafen. Einmal kam Half hinzu, als Iren und Eisländer hart aneinander geraten waren. Es hatte ein Eisländer die Irenlümmel verlacht, die so töricht seien, zu wähnen, daß Half sie wieder nach Eireann zurückbringen werde, denn er denke nichts anderes, als sie daheim in Knechtschaft zu verkaufen. Da kam großer Zorn über die Iren, und es währte nicht lang, bis die Schwerter aus der Scheide fuhren. Half sprang unter die Streitenden und riß sie auseinander. Da kehrte Spes sich trotzig wider ihn und sprach Worte, dem Knechte ungeziemend gegen seinen Herrn. Half packte ihn und schlug ihn so lange, mit dem eigenen Leibgurt, bis des Rasenden Gegenwehr erlahmte. Aber auch dann hieb Half noch weiter auf den zuckenden, nackten Rücken, als verlöre er die Herrschaft über sich selbst. Die Mannen, Iren und Eisländer, standen finster umher, denn keinem gefiel diese neue Weise. »Schlägst du einen Iren?« schrie Sighvat und sah ihm scharf in die Augen. Er rüttelte ihn und rief ihn laut beim Namen. Da war es, als käme Half aus schwerem Traum zu sich. Er sah auf den blutigen Gurt in seiner Hand, warf ihn schaudernd ins Meer und starrte den Männern nach, die Spes hinwegtrugen. Am Abend zeigte es sich zum erstenmal, daß die Seefahrer nicht Bechergemeinschaft hielten wie sonst, sondern sie saßen Ire bei Iren, Eisländer bei Eisländern. Finster und brütend hockten sie umher in der Hölle dieser Nacht. Hohlwangig waren alle, und ihre weiße Haut war bedeckt von Sommerflecken, von den Blasen der tausend Mückenstiche, von juckenden, roten Schwären. Sie hatten früh gerunzelte Stirnen und einen blinzelnden Blick, weil sie soviel über sonnglitzerndes Meer aussahen. Ihre Haare starrten ungestrählt, ihre Hände waren hart wie Holz von der Schwere der langen Ruder. Alle litten sie, und das ärgste daran war, daß sie nicht wußten, warum sie dies ertrugen. Stumm und trübe saßen sie umher, stumm und trübe schöpften sie mit ihren Helmen den Wein aus großen Kufen, und während sie tranken, lechzten sie nach frischem Quell, sie, die nur die unermeßliche Bläue von Wasser um sich sahen. Da erhob sich Glum und fragte, ob es ihnen genehm wäre, wenn er sänge. Keine Antwort kam, denn gute Sitte war lange schon wie versunken ins tiefe Gewässer. Glum begann leise zu summen, und wie eine erwachende Lerche sang die Harfe dazu. Es war die Weise, die die Hirten von Eireann auf ihren Schalmeien blasen, wenn sie mit den Herden weißwolliger Schafe auf die Weide ziehen. Da setzte sich Sighvat auf der Bank zurecht, wo er gelümmelt hatte, und die andern Iren begannen, den Takt mit Fingern zu schnippen und mit Füßen zu treten. Und Spes, der abseits kauerte, lachte übers ganze Gesicht. Dann aber nahm Glum das Tuch vom weißen Haar, das er wie alle der Sonne wegen trug, und er begann, barhaupt das Lied zu singen, das die Nordlandmänner gesungen haben, als sie vor Harald Hårfagr auszogen, – das Lied, das Gott Njördr anruft um guten Nordwind, Skadi, sein Weib, um gute Schiffahrt, Odhin um graue Gere gegen die Feinde und Asa-Thorr um ein Zeichen, wo Landung Landlosen gewährt sei. Da aber entsannen sich alle die Männer dessen, daß sie eines Bruderblutes seien, jene, die Asa-Thorr nach Eireann, und jene, die er nach Eisland gewiesen hatte. Sie gedachten der langen Waffenfreundschaft und beschworenen Eides und reichten einander die Hände. Da war es, als werde die Hitze linder, die Fremde leichter zu tragen. Wie Berauschte sprachen sie nun alle auf einmal. Sie holten die neuen Waffen, die neuen Schätze hervor, sie erzählten, vor wem sie mit jenen prahlen, wen sie mit diesen schmücken wollten. Eine Maid wußte Sighvat zu Eireann, ein Kind noch fast, da er ausfuhr, der wollte er die Reifen und Ringe zum Brautschatz geben. Ein goldenes Kreuz wollte er stiften in die Kirche von Develin. Die Knechte grinsten. Da war keiner, der sich nicht eine Hütte und Kühe kaufen konnte und Ochsen vor den Pflug. Hliot legte sein Gold zu einem Turm aufeinander. Er verteilte es nachts in Bündel unter seiner Schlafdecke. Hart wie Fafnir lag er auf dem Schatz, aber er konnte heimgekehrt sein Gelübd lösen. Grim und Half lachten nicht wie die andern. Sie saßen abseits und gedachten derer, die sie verloren hatten. Die ganze Nacht verbrachten die Halfsmannen damit, Träume zu spinnen und mit ihren Schätzen Tausch zu treiben. Gegen Morgen aber rief einer der Iren vom Mast herab: »Land!« Da sahen sie alle im goldenen Licht der Frühe das Eiland Sikilei vor sich liegen, das die Männer vom Süden Sizilien heißen. So nah lag es, daß sie die Federkronen seiner Bäume sahen, die Wipfel, beladen mit Früchten gelben und roten Goldes, der Blumen übermäßige Menge, des Rasens teppichgleiches Grün, und sie meinten, daß Kjötvi wahr gesprochen habe, da er sagte, dies Eiland sei schöner noch als Asgard, der Ort, wo selige Götter wohnen. Da stand einer auf, einer von Halfs Eislandknechten, die noch Engihlid gekannt hatten, und sagte mit zitternder Stimme: »Wann wird es meinen alten Augen vergönnt sein, Eislands Küste so vor mir aufstehen zu sehen?« Keiner regte sich. Sie sahen alle hinüber nach der Insel, an deren Ufer das Meer sanft und schmeichelnd herankam. Weiße Stufen führten breit von weißen Häusern herab und verloren sich in den Wellen. Wer diese Stufen hinaufstieg, der fand in fremder Halle mehr der Schätze, als man in Träumen gewinnt. Wer diese Stufen hinanstieg, der fing sich Frauen, heißer noch als Flammen und rötlicher noch als sie – – – – Sprach Grimm: »Es war das letzte, was wir von Eisland sahen, der Vatna-Jökull. So wird er auch das erste, was wir wiedersehen.« Sprach Hliot: »Sturm wird der erste Heimatbote sein, der uns grüßt. Der wird uns entgegenkommen, noch ehe wir Eisland vor Augen sehen! Solch ein Sturm, wißt ihr, daß man sich an den Tauen hält und gebückt steht, um nicht über Bord gefegt zu werden.« Sprach Sighvat: »Nein, o nein! Die Ersten, die Heimkehrende begrüßen, sind die Frauen! Ich weiß es, sie fühlen die Männer voraus! Wenn wir ansegeln, werden sie weit draußen am Strande stehen, ihre flachsenen Haare werden im Wind wehen und ihre bunten Friesröcke. Mir ist, als sähe ich sie, wie sie die Hand über die Augen gelegt, nach uns ausspähen!« Da riefen die andern durcheinander: »Die Eisberge! Die Eisberge! Wißt ihr nicht, wie lang sie uns folgten? Nein, der Schnee, der Schnee! Entsinnt ihr euch noch, wie das ist, wenn er in den Pelzkragen fällt, wenn er auf den Lippen zergeht?« »Ihr irrt alle!« sprach Half laut und langsam. »Nicht Schnee noch Eis, noch sanfte Frauen werden uns Eisländern der Heimat Zeichen sein. Sondern das weiße Kreuz, das Haralds Mönche am Odhinsstrand aufrichteten als Zeichen der Willkür und Gewalt. Es ward errichtet, noch ehe die Mutter mich gebar, und noch immer ragt es zum Himmel, während wir Männer unseres Ruhmes Ziel im fernen Süden suchen!« Und als Half dies gesagt hatte, sah keiner der Eisländer mehr nach dem Eiland Sikilei, das schöner vor ihnen lag, als Asgard, der Garten seliger Götter. Sie blickten alle auf Half das Weib, und sie sahen ihr neues Ziel in seinen Augen. Da fühlten sie, wie das Schiff unter ihren Füßen bis zum Kiele hinab erzitterte. Die züngelnde Seeschlange hob stolz ihr Haupt, und rauschend drehte sich Skidbladnir, da Glums Hände das Steuer nach Norden wandten. Und als es geschehen war, da setzten sechsunddreißig Ruder ein wie mit einem einzigen Schlag. Die Eislandmänner begannen den Sang und einfielen die Irenländer, daß das Lied brausend überm Wasser aufflog, mit dem einst die Landnahmemänner ausgezogen waren: »Guten Nordwind gib, Njördr, Sanfte Schiffahrt schenk, Skadi – –« Vergessen lag hinter ihnen Sikilei, das Eiland, über dem die Südsonne aufging.   Die Blutsbrüder Grim und Half saßen auf der gleichen Ruderbank, und sie ließen nun nur selten voneinander. Manchmal, wenn die andern Schlaf überkam, sprachen sie von den Tagen der Jugend, und sie tasteten sich am Faden der Norne zurück bis zu der Zeit, da Half das Weib noch Albrun geheißen hatte. Aber von jenem Kampf auf Surtursheide sprachen sie nicht und nicht von Engihlids Brand. Nun waren sie so weit nach Norden gekommen, daß sie Stunde um Stunde meinten, Aukkos Hügel vor sich auftauchen zu sehen, und als die Nacht hereinbrach, warfen sie Anker aus, um nicht in der Dunkelheit an der Stätte vorbeizufahren, ohne sie zu grüßen. Als sie nun stumm beisammen saßen, bat einer der Männer Glum, wieder zu singen. Diesmal sang er ein neues Lied vom Kampf eines Helden mit einer Schildjungfrau. Hart ringt sie wider ihn, er aber hält sie an ihrem Schwertgurt über den Abgrund, bis sie ihm erliegt. Da zog Half den Mantel übers Haupt und saß noch lange so, als Glum geendet hatte. Da fühlte er seine Hand ergriffen, und es war Grim, der sie ihm drückte, und die beiden Weiblosen hielten sich eine Weile so im Dunkel bei den Händen. Dann flogen Grims Gedanken vorwärts zu dem Hügel, in dem sein Liebstes lag, und rückwärts zu dem Tage, an dem er sie gewonnen hatte. Und er seufzte: »Sie war das beste Weib auf Erden!« »Ja!« sagte Half leise, »das war sie wohl, das beste und das stolzeste!« Staunte Grim: »Wie magst du sagen, daß sie stolz gewesen sei, sie, die demütig war wie das Gras auf den Wegen?« Da erkannte Half, daß jeder von ihnen nur an seinen eigenen Schmerz gedacht hatte. Mitleid überkam ihn mit dem Mann, der um sein Weib trauerte, dessen letzter Blick einem andern gegolten hatte. Er zog langsam die Finger aus des Mannes Hand und empfand es ganz, wie sehr allein wir sind, selbst wenn wir des besten Freundes Rechte in unserer Rechten halten.   Die Nordfahrt Sie grüßten Aukkos Stätte zum letztenmal und sahen, daß Niemand der Toten Frieden gestört hatte. Sie mußten Grim mit Gewalt aufs Schiff bringen, als sie fuhren. Es war eine ungute Heimfahrt, die nun begann, mit Widerwind und hoher See. Gingen sie an Land, so schien es, als habe man ihrer Rückkehr nur geharrt, um früheren Raub zu rächen. Männer rotteten sich feindlich zusammen, und die Halfsmannen bezahlten rote Rinder mit rotem Blut. Doch gewannen sie noch viele Schätze, deren sie vorher nicht geachtet hatten, so daß der geringste Knecht wie ein Näskönig daherging, den Arm voller Goldreifen und mit gestickten Schuhen. Eines Tages fragte sie Glum, ob sie die Stelle wiedererkennten. Da war es jene, an der drei gute Schiffe sie verfolgt hatten, darin die Franken mit Kesselhelmen und Hemden aus Eisendraht. Es dünkte sie, als seien Ewigkeiten seit jener Schlacht verflossen, und sie begriffen kaum, daß ihr Haar nicht weiß geworden wie das Glums, der als Graukopf an Bord gegangen war. So lange sie fuhren, geschah es kaum an fünf Tagen, daß die Segel eine Brust voll Winds bekamen. Die Männer wickelten seidene Frauentücher um die Griffe der doppelmannlangen Ruder, und doch waren ihre Handflächen offen von eitrigen Wunden. Sie ruderten, bis der Schlaf sie mitten im Schwung überfiel, selbst im Schlummer ruderten sie und stießen einander armfechtend von den Schlafbänken. Oft geschah es, daß der Wind sie an einem Tage soweit zurücktrieb, daß es zweier Tage Schweiß bedurfte, schon Gewonnenes zu erringen. Aber es dünkte die Männer recht, daß sie sich die Heimfahrt ertrotzen mußten. Weniger süß wäre sie sonst gewesen. Eines Nachts stand Wetterwind auf, und Hliot behielt recht, der gesagt hatte, daß der Sturm sie als erster Heimatsbote grüßen werde. Es wehte, daß »Meerschwan« der rechte Fittich brach, daß Masten und Raaen krachten und Skidbladnir stieg und bäumte, wie ein böses Roß. Die Männer standen nackt an Deck, sie ließen den Regen auf ihren Rücken trommeln und den Meeresgischt ihre Brust bespritzen. Sie lachten aus vollem Halse. Sighvat sprang über Bord und schwamm den Wogen entgegen, die weißbeschäumt schwankten, wie daheim die schneebedeckten Berge im Erdbeben schwanken. Er schrie mit den Möven um die Wette, Sturmvogel auch er, und sein helles Haar ward in seiner ganzen Länge vom Winde ausgebreitet. Hliot kam mit den Fuchspelzen herangehinkt. Er strahlte übers ganze Gesicht und meinte: es werde kühl, man müsse sich wahren. Da krochen sie nackt und naß, mit breitem Gelächter, in die Pelze, und es war wie daheim, da sie so eingehüllt standen und das Meer brüllen hörten. Sie merkten, daß sie nach Westen abgetrieben waren, aber sie sorgten sich nicht allzu sehr darum, denn das weiß jeder Mann, daß ein Langschiff nicht bestehen kann, wenn es wider solchen Sturm zu fahren wagt. Und sie wußten auch, daß Glum, der Alte, das Steuer zu führen vermochte. Glum aber blickte ernst drein. Er ließ die Wassertonnen mit sechsfachen Tauen am Hauptmast festbinden und befahl, daß jeder Mann nur die Hälfte der sonstigen Mahlzeit erhalten dürfe. Da merkten sie, daß er befürchtete, sie würden lange noch des Sturmes Spielzeug bleiben. Zwei Tage und drei Nächte keuchten sie über den Rudern. Es blies, als hätte Njördr allen Sturmriesen zugleich ihre Bande gelöst. Half aber war es, der die ärgste Sorge trug, ob sie wohl Eireann erreichten, denn er hatte sein Wort an Sighvat verpfändet an dem Tage, da sie nach Norden steuerten. »Fern von mir sei es,« hatte Half gesagt, »dich und die deinen nach Eisland zu verlocken, dahin wir ziehen, das Kreuz zu stürzen, das zu küssen dich gelehrt ward! Ich will dich und die deinen zu Kjötvi bringen, ehe ich in die Heimat ziehe, so wahr ich Half das Weib heiße!« Als nun der Sturm so lange währte, da rotteten sich die Iren zusammen und schrien, Glum solle sie zur Heimat zurückführen, oder sie müßten daran glauben, daß sie wahrlich zu Eisland als Knechte verkauft werden sollten. Glum sprach ihnen gütlich zu und sagte, daß keiner froher wäre als er selbst, Eireanns grüne Küste wieder zu schauen. Sie aber hörten ihn kaum vor dem wütenden Sturm und dem Donner, sie fluchten und wollten ihn zwingen, gegen den Wind zu fahren. Und Spes schrie, es sei dies Ungewitter des weißen Gottes Strafgericht, weil die Heiden Böses gegen sein geheiligtes Kreuz geplant hätten. Die Christen warfen sich nieder und beteten laut und baten den weißen Gott, ihre Bedränger zu vernichten und sie zur Heimat zu führen. Da kam eine ungeheure Woge heran, daß Skidbladnir mit der Nase fast zum Meergrund hinabfuhr, während sein Schlangenschweif zum Himmel aufragte. Und alle meinten, dies sei ihrer Fahrten Ende. Als aber die Woge vorbeigegangen war und Skidbladnir wieder auf dem Kiele schwamm, wie ein ehrliches Schiff soll, da fuhren die Eisländer gegen die Iren los und schrieen, dies sei Asa-Thorrs Strafe für sie, die Christen Brüder genannt und Speise und Trank mit ihnen geteilt hätten. Und wie am Tage, ehe das Eiland Sikilei vor ihren Blicken lag, wurden auf dem schaukelnden Schiff die Schwerter bloß. Schrie Half: »Ihr Toren, steckt die Schwerter ein! Nicht Christ ist es, der ein Strafgericht über die Iren schickt, nicht Asa-Thorr zürnt euch, Eislandmänner! Hätt' ich das Schiff der Königsmaid von Gräzia, mit den dreifachgetürmten Ruderbänken, wie wollt' ich wider den Wind fahren! Schande über euch, ihr Halfs Helden! Den Bruder hasset ihr und führt gegen ihn den Schlag! Hasset besser das Meer, das sich wider uns erhebt, und schlagt es ins Antlitz mit euren langen Rudern!« Seine Augen waren Flamme, sein Atem sengende Lohe, und er zwang sie, daß sie rudern mußten, Asa-Thorrs Diener neben den Dienern des weißen Gottes. Es waren aber, als Skidbladnir auf jener großen Woge ritt, die Taue gerissen, mit denen sie die Tonnen an den Mast gebunden hatten, und es blieb nicht genug Wasser an Bord, einen Vogel zu tränken. Drei Tage und drei Nächte zwang Half die Männer, die zu ihrer Handvoll muffigen Fleisches kein Wasser hatten. Mit seiner Kraft nährte er sie und tränkte sie mit seinem Willen, und größere Wunder tat er unter verzweifelten Männern als der weiße Gaukler Christ, da er mit fünf Broten und zwei Fischen die Vielen sättigte, wie die Weißröcke reden. Endlich brach Skidbladnirs Steuer, das war, nachdem sie zehn Tage in der Irre getrieben hatten. Es ward Skidbladnir an Meerschwan gebunden, und so taumelten beide Schiffe über die getürmten Wogen hin, wie ein Blinder an seines Hundes Seil über argen Weg stolpert. Die Männer lagen neben den Rudern. Die Geier, die droben kreisten, stießen manchmal herab, aber immer noch verjagten sie matte Hände. Da war es, daß Half sich in den Arm hackte und dem verschmachtenden Sighvat sein Blut zu trinken gab. Süßlich schmeckte es und stillte so wenig den Durst wie das Salzwasser, von dem ihnen allen Gaumen und Zunge verschwollen brannten bis in die Gurgel hinein. Am elften Morgen schlug der Wind um und zerteilte den Nebel. Er blies kalt und steif. Sie wurden auf großen rollenden Wogen hingetrieben und sahen Land. Unzählige Klippen, nadelscharf und schwertspitz, drohten ihnen, und während sie hilflos hintrieben, rieten sie, welche von ihnen den Tod bereiten werde. Es waren viele unter den Männern, die die Klippe dafür segnen wollten. Aber Meerschwan glitt, wie an einem Seil herangezogen, hindurch, und endlich krochen sie wie Robben auf dem Bauch, an Land. Sie fraßen Gras, weil Tau daran hing. Half und Glum, Grim und Sighvat rafften sich mit letzter Kraft auf und gingen, eine Quelle zu suchen. Sie wußten nicht, daß es besser für sie gewesen wäre, Dürstens und Hungers zu sterben, als den Fuß an dieses Land zu setzen.   Wie Half an Adelstans Hof kam Was den Eisländern widerfuhr, da sie nach dem Lande kamen, das man Piktland oder Skotland heißt, soll hier noch verschwiegen bleiben. Besser ward es berichtet am Hofe König Adelstans, von einem, dem Honig auf die Lippen gelegt war. Glum sang das Lied in des Königs Halle, und die Halle war prächtig genug, das verstanden die Halfsmannen nun, da sie des Südens Pracht geschaut hatten! Da war kein Ruß an den Balken, keine Messerkerben an den Tischplatten und Metbänken. Gelbe Teppiche liefen an den Wänden umher, darin waren des weißen Gottes Abenteuer künstlich gewirkt. Man sah ihn als Kind mit dem Lamm, als Lehrer im Tempel, am Kreuze und wie er steil und weiß aus dem Grabe auffuhr. Der Boden war mit frischem Gras bestreut, und die Tische prunkten mit den goldenen Bechern, die die Königsmaid aus Gräzia gebracht hatte. Sie saß nun zur Linken des greisen Königs auf hohem Stuhl, ihm zur Rechten thronte der bleiche Edmund, Adelstans Sohn, der mehr einem der vielen Weißröcke glich, die hier versammelt waren, als Engellands künftigem König. Seine Haare waren lang und licht, und lang und licht waren sein Gesicht und seine Hände. Die Königsmaid aber hätten die Halfsmannen kaum erkannt, so schön war sie geworden. Sie trug der engelländischen Frauen Gewand, sie sprach der engelländischen Männer Sprache, alles schien ihr hierzulande vertraut – nur nicht Edmund, ihr Gemahl. Als Half in den Saal trat, stieg König Adelstan vom Thron, ihn zu grüßen. »Bist du der Seekönig, den sie Half das Weib heißen?« fragte er. Und als Half sprach: »Der bin ich!«, da ehrte Adelstan ihn wie seinesgleichen, und der weiße Königssohn dankte ihm für seines Weibes Gyridh Errettung vor den Seeräubern. Die aber, die nun Gyridh genannt ward, bot Half und Glum die Wange zum Kuß nach Landesbrauch, und diese Wange ward röter als der Seemohn an Engellands Küste, da Halfs Lippen sie ehrfurchtsvoll berührten. Adelstan lud die Helden zum Mahle und befahl, daß man ihnen Wein reiche. Es war aber unter den edlen Knaben, die das Schenkamt übten, einer, der Half zulachte, und während er seinen Becher füllte, die Frage tat: wo jene gute Frau geblieben sei, mit deren Finnenbogen er einst habe schießen dürfen? Da faßte Half den Knaben fester ins Auge und erkannte an goldenem Gelock und braunem Aug' Håkon, Harald Hårfagrs Sohn, den Thora, die Königskebse, geboren hatte. Sogleich trat ein greiser Held hinter Halfs Sitz, und dies war Jarl Sigurd, Thoras einziger Freund, der die Mutter einst durch Eis und Nacht steuerte, da sie ihren Knaben lösen wollte. Traurig war des Jarls Gesicht, und üble Kunde schien er ihnen zu bringen. Aber so begierig Half war, von Nordland zu vernehmen, er mußte sich erheben, denn des Königssohns Gemahl selber trank ihm zu. Schön war Gyridh, da sie grüßend den Becher hob, und Sighvat ließ kein Auge von ihr. Aber das war sie gewohnt, denn die engelländischen Edlen schworen nicht höher als bei Gyridhs schwarzem Haar und weißer Hand. Es kamen Adelstans Skalden und sangen Lieder, darin ihre Schönheit sich spiegelte wie in Silberschilden. Und während sie sangen, sah Königin Gyridh Half an, mit einem Blick, der Adelstan unwillig die Stirne runzeln machte. Die einzigen beiden, die noch nichts hievon gewahrten, waren Half das Weib und Edmund mit den weißgelben Haaren. Ungeduldig war Half, Jarl Sigurds Nachrichten zu vernehmen, aber das reiche Mahl nahm kein Ende. Spät erst erhob sich Adelstan und bat die Gäste, ihn zu entschuldigen, der ein alter Mann sei und morgen, als am Tage des Herrn, vor Hahnenkraht zur Kirche müsse. Sogleich sprangen die Helden ehrfurchtsvoll von den Bänken auf, und es war sonderlich zu sehen, wie des Königs Sohn, des Königs Schnur, die Weißröcke und ein großer Teil der engelländischen Recken sich im langen Zuge aus der Halle bewegten, die andern sich aber erst recht zur Tafel setzten und fröhlicher noch mit den Halfsmannen becherten als vorher. Es sah Jarl Sigurd, der des Knaben Håkon Waffenmeister war, das Staunen der Halfsmannen. Er kam an ihre Tafel und sagte mit tiefem Seufzer: »Wohl dem Lande, dessen König ist wie Adelstan, den sie den Weisen nennen. Die ihr mit ihm gehen saht, hängen dem neuen Glauben an und sie besuchen mit ihm die Frühmette. Die aber hier sitzen, glauben wie wir an die guten Götter, und niemand wehrt es uns, Roßfleisch zu essen und unsern Met zu trinken. Kein Mann mag zu Engelland sagen, daß er um seines Glaubens willen verfolgt werde, wie daheim zu Norge, wo Eirik herrscht, den sie Blutaxt nennen.« – Da riefen die Eisländer in Überraschung durcheinander und Half fragte: »So ist Harald Hårfagr Strohtodes gestorben?« Sprach Jarl Sigurd: »Es hat der Riese Dofvre, der Harald unverwundbar machte, es nicht vermocht, sein Herz gegen die tödlichste Wunde zu feien, die ihm Eirik, sein eigener Sohn, an dem Tage zufügte, da er den dreiundachtzigjährigen Mann nach Augwaldnäs verbannte und ihm die Krone entriß. Arg ist herbstliches Ungewitter, ärger aber noch der Winterfrost, der nach ihm kommt. Hatten die an Odhin glaubten harte Zeit unter König Harald, so liegt härter noch auf ihnen König Eiriks Hand. Achtzehn edle Jarle hat er ums Leben gebracht, da sie nicht zum neuen Glauben schworen!« Sprach Half Seekönig: »Mit Staunen hör ich deine Rede, – gibt es keine Männer zu Norge? Oder wachsen die Schwerter dort in der Scheide fest?« Der Alte aber sprach dawider mit Trauer: »Wohl sind die Schwerter zu Norge so scharf wie anderswo, und die sie zogen waren Björn Farmand, Gydhas Sohn, und seine Mannen. Es lockte Eirik Björn in einen Hinterhalt und erschlug mit eigener Hand den Bruder. Zu Säeheim floß sein edles Blut. Als aber Thora, meines jungen Herren Mutter, den Brudermord erfuhr, da bewältigte sie Angst um Håkons Leben, daß sie mich unter Tränen beschwor, mit ihm nach Engelland zu fliehen. Und wohl erkannte ihr Mutterherz Eiriks mörderischen Sinn, der Sigröd von Hlade und Olaf von Wikväring, seine beiden andern Brüder, ums Leben brachte. Es kam aber jüngst die Kunde an Adelstans Hof, daß Eirik seine besten Mannen rüstet, nach Eisland zu segeln, und sie sagen, er habe den Schwur getan, dies Land seinem Gotte zu unterwerfen und seiner eigenen Macht.« Half hatte stumm des Jarls Rede gelauscht, nun aber warf er Jökulsnaut vor sich hin auf den Tisch und sprach: »Von solchen Pfählen ist rings um Eisland her ein Zaun gebaut, über den Diebe nicht so leicht steigen können.« Da sagte Jarl Sigurd: »Wären der Helden mehr, Half, wie du einer bist, es gäbe einen König zu Norge, der nicht Eirik Blödöx hieße«, und er legte die Hand auf des Knaben Håkon hellen Scheitel. Im gleichen Augenblick erhoben sich die Männer in Überraschung von allen Sitzen, denn Gyridh war in den Saal getreten, begleitet von ihren Frauen. Es suchten alle, die mit ihr waren, gesenkten Blickes am Boden nach einem verlorenen Ding und es ward gefragt, ob keiner eine goldene Spange gefunden habe. Nur Gyridh sah stolz erhobenen Blicks über die Männer hin, die sie ehrfürchtig grüßten. Sie schritt langsam durch die Halle. Ein rotes Gewand trug sie, das war so weitfaltig, daß sie mit der weißen Hand den Saum raffen mußte, um schreiten zu können. In ihre Zöpfe waren Perlen mitverflochten, und ein blinkender Reif lag um ihre Stirn. Vor Half blieb die Königin stehen und fragte laut: »Entsinnst du dich noch meines schönen Vogels, Half Seekönig?« Sprach Half: »Sicherlich, Frau Königin.« Sie kräuselte die schwarzen Augenbrauen in Betrübnis, doch lachte sie dabei: »Er hat seine bunten Federn verloren, Half! Es ist schwer für fremde Vögel, in Engelland zu leben!« Dann schloß sie die Augen halb und frug: »Weißt du noch, was der Vogel in meinem Zelte rief?« Half sah auf die Frau hinab in stummem Staunen. Da sprang Sighvat Sugandi vor und sprach leuchtenden Blicks: »›Carpe diem!‹ rief der Vogel in eurem Zelt, Frau Königin.« Der Knabe Håkon kam mit Jauchzen gelaufen; er war so stolz, daß er der Königin verlorene Spange gefunden hatte. Aber der erhoffte Dank blieb aus. Die Königin riß das Geschmeide aus Håkons Hand, umfing beide Männer mit einem verwirrten Blick und ging hinaus, zwischen den sich neigenden Engelländern.   Wie Håkon, Adelstans Pflegling, den Namen »Quärnebider« bekam Es war heller Tag, da die Halfsmannen erwachten und sich in weichen Betten dehnten. Nur Sighvat und die Irenchristen waren mit Adelstan zur Mette gegangen. Als der König seinen Morgentrunk gehalten hatte, gingen sie alle in den Hof hinab, wo die Jugend sich in Sprung und Speerwurf übte. Edmund, der bleiche Königssohn, tat nicht wie die andern. Er saß bei den Weißröcken und bei seinem schönen Weibe Gyridh und lächelte sein gutes, ergebenes Lächeln. Es war unter all den jungen Knaben, die hier früh im Heldenspiel ihre Kräfte maßen, keiner froher als Håkon, Adelstans Pflegling, denn es hatte ihm der König an diesem Tage, da er das fünfzehnte Jahr vollendete, sein erstes Schwert geschenkt. Håkon kam sogleich zu Half gelaufen und wies ihm die Wehr mit dem goldenen Griff. Sprach Half: »Und hast du auch schon seine Schärfe erprobt?« Da schämte sich Håkon und ward glühend rot, daß er sich nur der blanken Klinge gefreut hatte, statt sie männlich zu nützen. Es lag aber im Hofe seit undenklicher Zeit ein runder Stein, wie man sie einst für Handmühlen brauchte. Als Håkon den sah, schwang er sein neues Schwert mit aller Kraft und zerschlug glatt den Stein in zwei Hälften. Sagte Half: »Ein guter Schlag war dies, Håkon Quärnebider, und diesen Namen sollst du von mir nehmen!« Es hat nachmals das beglückte Reich Håkon viele Namen gegeben: Håkon, Adelstans Fostre, nannten ihn die Engelländer, Håkon Friedensbringer nannten ihn die Bonden, Håkon Gebehand die Skalden, Håkon den Baldurgleichen die Frauen, und den Guten nannten ihn alle. Keiner von all den Namen aber hat ihn je so beseligt als der des »Mühlsteinbeißers«, den ihm Half zu seinem ersten Schwerte gab.   Wie Half von neuem seine Kraft erprobte Nach dem Knabenspiel begann nun der jungen Männer Wettkampf. Es konnte aber Sighvat nicht länger an sich halten, da er der Engelländer große Kraft und Geschicklichkeit gewahrte. Er erbat vom König die Gunst, sich mit ihnen zu messen, und all seinen Willen setzte er daran; so übersprang er zweimal der Engelländer weitesten Sprung und siegte auch im Ballspiel zum Staunen der Halfsmannen, die ihn noch nie so tüchtig gesehen hatten. Endlich bat Adelstan Half, ihnen eine Probe seiner Kraft zu geben, von der er viel Ruhmes schon vernommen habe, denn Manneslob sei ein Zugvogel, der weit umherfliege. Da sah Half um sich, wie er wohl des Königs Wunsch zur eigenen Ehre erfüllen möge, denn er gedachte, eine Tat zu tun, würdig Hjörleifs, seines Vaters, der durch jenes Opfersteins Verrückung in aller Munde lebte und heute noch lebt. Endlich bat Half, zwölf starke Schiffstaue zu bringen, jedes wohl zwanzig Fuß lang, die sollten an dem einen Ende verknotet sein, in einem eisernen Ankerring. Als die Taue gebracht wurden, streifte Half den Eisenring über seinen linken Arm und gab jedes der zwölf Tauenden einem von Adelstans Recken in die Hände, – und es waren die Kühnsten und Stärksten, die sich herzudrängten, wie man denken kann. Half sprach zum König und all dem Volk, das herbeigeströmt war, er wollte mit Zwölfen zugleich »das Tauziehen« proben, wie es sonst von Mann zu Mann geübt werde. Da entstanden Geschrei, Gemurmel, Gelächter, denn keiner glaubte, daß ein Mann dies vermöchte, und selbst den Halfsmannen ward bange. Half legte die goldene Rüstung ab und entblößte seine Brust. Er trat sich mit den Füßen weitgespreizt im Rasen fest und dann griff er mit der Rechten in die Taue, die an seinem linken Arm zusammenliefen. Mächtig zog er, und mächtig zogen die Helden dagegen mit »Ho« und »Hupp«, als höben Knechte schwere Baubalken auf. Die Augen traten ihnen aus dem Kopfe, und die Zungen hingen ihnen aus dem Mundwinkel. Doch Half das Weib stand, und es war kein Zollbreit, um das sie ihn verrückt hatten. Als die Engelländer sich voll Grimm und Zorn abgemüht hatten wie Maikäfer an eines Knaben Fäden, da tat Half, als ermatte er, und ließ sich wohl zehn Schritte fortschleifen. Da ward großer Jubel unter den Engelländern, und der Halfsmannen Nasen wurden lang. Es ward aber ein Frauenruf gehört, schrill, wie Seevögel schreien, und es war die Königin, die schrie. Da hielt Half mit einem Ruck an, und soviel die Zwölf auch zogen, sie brachten ihn nicht weiter. Half begann, Tau um Tau und Mann um Mann heranzuziehen, wie der Fischer seine Netzleinen einzieht, und am Ende ergriff er alle Taue zugleich mit einem Ruck, – und die engelländischen Jarle purzelten übereinander. Sogleich zog Half den Eisenring vom Arm und warf das Tauwerk fort und sprang voll guter Sitte herzu, ihnen aufzuhelfen. Es ward groß Getös im Waffenhof, und die Männer schrien und schlugen die Schwerter auf die Schilde; die Frauen klatschten Hand an Hand, und selbst des Königssohnes Edmund Wangen gewannen Farbe. Es ward aber ein Frauenlachen gehört, heiß und trunken, wie Tauben gurren, und das war Königin Gyridh, die so lachte. Adelstan erhob sich von seinem Sitz und bot Half die Rechte: »Niemals«, sagte er, »habe ich deinesgleichen gesehen, Half Seekönig, ob auch mein Haar weißer weht als Herbstfäden.« Es nahm der König seinen eigenen Schild, den Weland der Wunderschmied einst geschmiedet hatte, und bat Half, ihn zum Schutz zu führen, wie Jökulsnaut zur Wehr. »Und nur eines begehr ich zur Gegengabe,« sprach Adelstan, »daß du mir wahrhaft gestehen mögest, ob dies die größte Kraftprobe war, die du je zeigtest!« Da ward Halfs Antlitz entrückt, und er sprach: »An einem Abgrund rang ich einst mit einem Weibe, und das war meines Lebens härtester Kampf.« Adelstan sagte, es gelüste ihn sehr, von Halfs Taten zu hören, und es dünke ihn recht, daß Half nun im Becher der zwölf Jarle Groll ertränke. Als sie nun alle in der Halle auf den Polsterbänken saßen und des Königs Küche und Metkeller vom Besten gaben, da hatte Adelstan Gyridh wie stets zu seiner Linken. Half aber saß an des Königssohnes statt, zu seiner Rechten. Und wahrlich besser füllte er den Sitz, als Edmund, der mit den Weißröcken tafelte, und man gewahrte, daß es Gyridh nicht unlieb war, Half so thronen zu sehen. Endlich sprach Adelstan: »Nun wollen wir Herz und Ohr letzen nach dem Gaumen.« Als aber sein eigener Skalde vortrat, winkte der König ab und bat Glum, ihm von Halfs Taten zu sagen, denn wohl wisse er, daß es Helden nicht gegeben sei, sich selbst zu rühmen. Glum aber sah, wie Gyridhs Atem kam und ging und ihre Hand mit den Fransen des Tischtuchs spielte. Er sah, daß sie schön war wie Ran, die große Männerfängerin, die hinabzieht und tötet. Und er dachte daran, daß auch des besten Mannes Sinn nicht anders ist als die Flut, die kommt, und die Flut, die geht und Algen und Schlamm zurückläßt. Er, der Skalde, dem Geheimstes offenbar ward, sah Edmunds Antlitz machtlos und trübe, sah Sighvats Aug' hungrig wie das junger Adler und Halfs Herz dunkel wie den Strudel zwischen den Klippen von Piktland. Da wußte er, was er zu singen hatte.   Glums Lied von der Scotenkönigin »Grausam ist das Meer. Es hat Wasser in Fülle, und tapfere Helden verdursten. Es hat Wind in Fülle, aber er ist wider sie. Es hat elf Tage mit ihnen gespielt und sie gemartert. Hunger haben sie erduldet, Durst erlitten und Hel in ihr schwarzes, grinsendes Antlitz geschaut, denn sie ritt am Steven des steuerlosen Schiffes, und sie hörten ihr Lachen sich dem Gekreisch der Seevögel mengen, die herabstießen, ungeduldig, weil die Männer nicht starben. Grausam sind die großen Götter. Sie zeigen Land, festes Land, aber es drohen Strudel und spitze Klippen, und die Männer haben nichts, womit sie steuern können. Sie lassen sich treiben, – so treiben sie dem Strande zu. Sie liegen am Strande in Haufen übereinander. Man könnte auf sie treten, sie mit den Rudern erschlagen. Da ist Half das Weib. Da ist Grim, der nicht mehr ist. Da ist Sighvat Sugandi. Glum, der Alte, geht mit diesen dreien, Wasser zu finden. Hliot Einarmbein bleibt bei den Schiffen und den halbtoten Männern, während die vier dahinschwanken. Sie gehen durch das harte Land. Ellenhohes Gras, überall Buschwerk und Dornen. Es brechen ihnen fast die Kniee vor allzulanger Qual. Sie pflücken rote Beeren von den Dornenzweigen und schlingen sie mit Gier hinab, obgleich das Fruchtfleisch haarig ist und voller Samen. Endlich finden sie eine Quelle und schöpfen die Schläuche voll. Wie Verrat ist es, daß sie sogleich trinken, während die Freunde noch dürsten. Unheimlich ist das Land. Es weht und raschelt in den Büschen, aber wenn Schwert und Speer hindurchstoßen, zeigt sich kein Mann, kein Tier. Da tönt ein Schrei, eine Frau stößt ihn aus, und so furchtbar gellt er, daß Grauen die Männer anfällt. – Half meint, daß ein Weib in Not dürstenden Männern vorangehe, so stapfen sie durch Dickicht und Dorn, ihm Hilfe zu bringen. Ein zweiter Schrei tönt, entsetzlicher noch. Endlich finden sie es auf einer Waldlichtung. Es hängt an einer Eibe, Feuer frißt von unten her seine Füße; sein langes Haar brennt lichterloh. Die Männer zertreten die Flamme, sie löschen sie mit ihren Mänteln, schon glost auch des Baumes Stamm. Sie schneiden die Frau los, sie betten sie und fragen viele Fragen, sie aber schreit nur und schreit. Sie ist häßlich und plump gebaut, und der Schmerz verzerrt ihr Magdgesicht zur Fratze. Mitten in ihr Todesröcheln schallt Jubelgeschrei ringsum. Es wird hell, als brenne jeder Baum im Walde. Die Männer, die ihre Schilde fortgeworfen haben, um dem Weibe zu helfen, werden von Pfeilen überschüttet. Die Pfeilspitzen sind in einen Saft getaucht, und die Wunden brennen unerträglich. Von überall her kommen die Geschosse, sie fallen wie Hagelschauer. Ehe die Männer wissen, wo der Feind zu suchen sei, ist er schon über ihnen. Hunderte von Gewaffneten wimmeln wie Ameisen um sie her. Es blendet von Helmen, es spiegelt von Schilden, es blitzt von Schwertern. Bartlos sind die Kämpen, aber grausam und schrecklich. Half trifft einen zu Tode. Da erkennt er, daß er ein Weib erschlagen hat. Alle die Krieger sind Weiber, und Verblüffung und Scham lähmen die Helden, da sie dies erkennen, daß sie nicht zuschlagen. In Haufen werfen sich die Weiber auf sie, sie stoßen sie und schleppen sie zu Bäumen, an die sie sie binden. Half fesseln sie mit zwölffachen Banden und zerren ihn zu jener Eibe, an der noch das Feuer glimmt, das die Magd versengt hat. Nur darum ward ihr solcher Tod, daß sie der Lockvogel sei für törichte Männer. Die Weiber kreischen und schlagen die Schwerter an die Schilde, sie tanzen um die Gefangenen her. Glums weiße Haare speien sie an, aber Sighvats Muskeln prüfen sie mit Lachen, und da sie Halfs Oberarm kaum mit beiden Händen zu umspannen vermögen, klatschen sie auf die nackten Schenkel und rufen einen Namen, der klingt wie eines Falken Jauchzen beim Niederstoß auf die Beute. Da wird es auf einmal still, und die Kriegerinnen treten in zwei weite Reihen. Die Helden sehen eine herankommen, die die Königin ist, man weiß um die Krone, die sie nicht trägt. Sie reitet einen mächtigen, schweren Schecken in Weiß und Braun. Ihre Schenkel sind nackt, denn das kurze Gewand läßt sie beim Reiten frei; es ist beiderseits geschlitzt bis zum Gürtel. Ihre stolzen Brüste sind nackt, Ketten von Bernstein, von Muscheln und Tierzähnen klirren darauf. Ihr Haar fällt in Strähnen glatt von der Stirne zurück, als wären aus schwarzer Seide schmale Streifen geschnitten. Sie ist braun wie Tierfell, wie Baumrinde, wie alter Honig. Auf ihrer Stirn, ihren beiden Wangen, auf ihren beiden Handrücken und dem breiten Raum zwischen ihren runden Mädchenbrüsten sind blaue Bilder sichtbar auf der Haut. Sie ist furchtbar und schön zugleich, und die vier Helden wissen, daß ihr schmaler Mund das Urteil sprechen wird über Tod und Leben. Sie reitet heran, hinter ihr acht Bogenspannerinen, nackt und hoch wie sie. Sie kommt an Glum, dem Alten, vorbei und sieht ihn mit goldfarbenen Augen an. Er hat gewußt, daß er ein greiser Mann ist, und des Alterns Bitternis längst erkannt. Aber nie noch hat er es als Schmach empfunden, wie nun, da dieses Mundzucken ihn wegwirft. Sie sieht Sighvat an, wie man am Roßmarkt junge Hengste prüft, und nickt langsam. Sie wendet sich und deutet auf eine blonde Bogenspannerin hinter sich. Die springt vom Pferde, neigt sich vor der Königin und zieht das Schwert. Sie ritzt in Sighvats Brust ein Zeichen, daß Blut fließt, und springt wieder in den Sattel. Die Königin steht vor Grim und deutet auf eine rotlockige Schützin, die einen rasselnden Kranz weißer Dinge um den Hals trägt. Grim sieht, daß es Menschenzähne sind. Er ist ein Held, erprobt in vielen Schlachten, aber er zuckt doch, da das kalte Schwert seine nackte Brust berührt. Dann lenkt die Königin ihr Roß vor Half, und Blick blitzt wider Blick. Sie schüttelt ihr schweres Haar zurück und deutet auf die eigene Brust. Jubel erhebt sich rings. Sie aber wendet sich und reitet fort, wie sie kam, ohne daß sie ein Wort gesprochen hätte. Da sie verschwunden ist, werden die Helden von den Bäumen losgebunden und gefesselt fortgetrieben. Die jungen Männer werden als kostbare Ware geschont, doch Glum stoßen sie umher wie einen Sack. Half ist nahe daran, die Seile zu zersprengen, da pfeift die rothaarige Schützin, die bei ihnen zurückgeblieben ist, und er wird umschnürt, und seine Augen verbunden. Sobald einer der Helden reden oder rufen will, kommt die rote Hüterin herbei und setzt ihm ihr langes Messer auf die Brust. Sie hat Augen wie die Wildkatze, und ihr Fleisch ist weiß wie Meerfischfleisch, die Manneszähne rasseln auf ihrer sommersprossigen Brust, wenn sie heransprengt. Sie umkreist den Zug wie ein Schäferhund die Herde. Es wäre ihr Lust zuzustechen, man sieht es, und sie ist es, von der Glum, der Alte, am meisten zu erdulden hat. Endlich kommen sie zu einem Lager. Große Wolfshunde kläffen sich heiser. Wachtfeuer brennen in der Nacht, aber die davor hin und wieder schreiten sind Weiber mit Schilden und Schwertern. Sie senken die Speere vor der roten Führerin, wie man Fürsten grüßt. Die Männer sehen staunend auf die Zelte, die aus Hirschhäuten genäht sind. Vor manchen blühen Waldblumen in zierlichen Beeten. Zahme Rehe beschnuppern die Gäste. Aber was der Männer Blut erstarren macht, sind nicht die Mannesgerippe, die, im Winde klappernd, an den Bäumen hängen, nicht die Totenschädel, die in Reihen auf Pfählen grinsen. Nein. Es sind fünf Männer, die sie sehen, und sie verrichten in dieser verkehrten Welt das Amt der Frauen. Einer spinnt, zwei treiben die Handmühle, einer reibt einen schmutzigen Kessel blank und der letzte dreht den Spieß, an dem ein riesiger Hirsch brät. Alle aber sind furchtbar zu schauen, mit speichelndem Mund, roten Augen, schlotternden Knieen, obgleich die Helden sehen, daß es junge Männer sind, denn jene haben, gleich ihnen, gelbes langes Haar. Doch bleibt den Eisländern nicht lange Zeit, darüber zu grübeln. Denn nun pflanzt sich ein hoher Ruf von Wache zu Wache fort, und die Kriegerinnen schwärmen herbei. Ein Trupp kommt heran, mit Jubel und Gelächter, und die Helden erkennen mit neuem Entsetzen, daß die Männer, die da berauscht ins Licht taumeln, ihre Gefährten sind. Glum hört Hliot Einarmbein nach seinen Freunden fragen. Hliot hält Halfs goldenen Helm, und Glum begreift, daß die Weiber ihn mit List verlockten, an eine Botschaft Halfs zu glauben, indem sie ihm dies Zeichen brachten und freundlich mit Fleisch und Wein zu den Schiffen kamen. Die Männer, die elf Tage lang Speise und Trank entbehrt haben und viele Wochen lang eines Weibes Nähe, haben toll und voll gegessen und getrunken und sind von den Weibern eingefangen worden, wie man den Hering zur Laichzeit in Netzen fängt. Zu spät ist es, da Hliot endlich die Gefesselten erblickt. Eine kurze Gegenwehr nur, und auch er ist überwältigt. Die Weiber brauchen viele der Knechte gar nicht zu binden. Kräuter wurden in den Wein gemengt, und es sind, die davon tranken, schlaff und schläfrig und nur allzu willig. Wieder kommt die Königin heran und teilt die Beute zu. Jene, die leer ausgehen, stimmen einen Gesang an, gezogen und klagend, als heulten Hunde zum Monde auf. Man bringt Wein und Speisen herbei im Übermaß, doch teilen die Weiber nicht das Mahl mit den Männern. Die Speisen brennen wie Feuer, und die vier Nüchternen erraten, daß man sie verleiten will, den Rauschtrank zu genießen. Sie lassen die Hunde gern gewähren, die ihnen den Bissen vom Munde wegschnappen. Da das Mahl vorüber ist, hören sie einen tiefen, dröhnenden, brausenden Ton, der näher und näher kommt. Sowie die Kriegerinnen ihn vernehmen, fallen sie, in ihren Waffen rasselnd, auf die Kniee. Ein Weib naht langsamen Schritts, sie ist es, die die heilige Kupfertrommel schlägt. Alles an ihr ist weiß, ihr Kleid, ihre Priesterbinde, ihr langes Haar. Endlich steht sie in der Mitte des weiten Kreises von Knieenden. Die Trommel schweigt, und die Priesterin erhebt ein uraltes Messer mit scharfer Steinschneide. Die rothaarige Kriegerin führt das Opfer herbei, einen der Männer, die die Helden vorhin als Weiber tätig sahen. Er zittert und schaudert, und es ist arg für die Männer, sein hündisches Winseln zu hören. Die Rote hält ihn eisern aufrecht, daß die Priesterin ihm das breite Steinmesser mitten ins Herz stoßen kann. Die Priesterin reißt es zurück, und in die Opferschale, die die Königin hält, sprudelt das Blut. Nun befiehlt die Alte der Königin zu trinken. Sie schließt die Augen, neigt sich und schlürft das dampfende Blut, aber man sieht, wie sie nur mit Mühe den gräßlichen Trank hinabzwingt. Nach ihr trinkt die Rote mit Lachen. Alle trinken, denen die Königin Mannesbeute zuwies. Fünfmal sehen die Helden das Steinmesser zustoßen, und fünfmal springt Herzblut in die Opferschale. Singende kommen, mit kleinen Knochenharfen, sie schreiten in langem Zug. Die Kriegerinnen klappen in die Hände und fallen ein, hoch, schrill. »Ochalla, chranna mo! – Ochalla chranna mo waina!« – Und wenn später Glum in seinem kargen Altmännerschlaf die Töne hört, erwacht er mit kaltem Schweiß an allen seinen Gliedern. Die Weiber schwanken hin und her, schwanken hin und her, schwanken wie Trunkene. Plötzlich schlägt die Priesterin, die reglos gestanden ist, die Trommel an, – in einem einzigen kurzen Schlag. Da werfen die Weiber sich auf ihre Beute. Immer noch singen klagend und langgezogen die, die zurückbleiben. Glum hört es, der vergessen und unbeachtet am Pfahl hängt. Der Gesang erstirbt, die Wachtfeuer brennen nieder. Nur eine Flamme lodert himmelan in dieser Nacht. Dünner Regen fällt. Glums Haar und Gewand sind naß. Ihn hungert, – beim Mahl hat niemand seiner gedacht. Etwas Kühles rührt an seine Hand, eines Rehkälbchens Augen glitzern ihn an, dann schreckt das Tier und flieht. Immer vergebens versucht Glum, die Riemen zu lockern. Erschöpfung wandelt ihn an, daß er in die Umschnürung zusammenbricht. Da seine Sinne wiederkehren, hört er im Zelte hinter sich eine laute Stimme, die stolze Worte spricht, harte Worte, drohende Worte. »Nicht an dir ist es, Mann,« herrscht die Stimme, »dich mir zu weigern! Denn du bist es, den ich wählte, mein Kind zu zeugen. Wird es ein Sohn, so stechen sie ihm die Augen aus und geben ihn den Tieren zum Fraß. Wird es eine Tochter, so herrscht sie wie ich, wie meine Mutter und die Urmutter meiner Mutter!« Da weiß Glum, daß es die Königin ist, die spricht, und daß Half in dem großen Zelte weilt, das er gewahrt, wenn er, so weit er es vermag, den Kopf nach rückwärts dreht. Noch einmal reißt er an den Banden, denn er weiß, es rettet alle, wer Half rettet. Aber vergebens. Und wieder hört er die Stimme, und diesmal ist sie wie das Wispern des Heidekrauts an heißem Mitsommermittag: »Hebe das Haupt, Mann! Du wirst sterben, aber vorher wirst du selig sein, wie Angue Ooge, der himmlische Herr! Zweimal schon hatte ich unter Männern freie Wahl, aber ich teilte andern zu, weß ich nicht begehrte. Zum drittenmal nun liegt Zwang auf mir, und bange war mein Herz, da ich von Gestrandeten hörte! Doch dann sah ich dich und ich nahm dich für mich, – haiah! – –« Die Stimme schweigt, und Glum, der Gefesselte, sieht aus dem äußersten Augenwinkel nach dem breiten Lichtstreif, der aus dem Zelt aufs Gras fällt. Wie nie noch betet er zu den großen Göttern. Und was er erbittet, ist ein jäher Tod, der es ihm ersparen möge, Half, der seines Herzens Freude ist, als Meineidigen verachten zu müssen, ihn, der seinem toten Weibe einst den Treueid schwur. Von neuem kommt die Stimme heran, lau nun und klein, wie die Wellen, die zur Ebbezeit an den Strand spülen. »Sieh mich an, Mann! Haben die gelogen, die mich schön nannten?« Da redet Half zum erstenmal: »Sie sprachen wahr!« Glum fühlt, daß seine Hoffnung verrinnt wie der Schaum in Wogentälern. Aber da schreit drinnen das Weib: »Knecht! Hündischer Knecht! Mit meiner Hand hätte ich dich getötet, und Schwertstoß und Kuß wären eins gewesen. Nun aber sollst du dein Leben fristen, sollst der Mägde maßlose Lust sein und sie sollen dich bespeien, während du die Handmühlen drehst!« Und die Maid lacht, wie Elstern in Baumwipfeln lachen. Und dann wird ihr Lachen zum Schrei, und es ist, als ahne Glums Herz das Geschehen voraus, so rasend schlägt es in seiner Brust! Da ist Half, Half der Befreier, – er hat die Vorhänge von Hirschhaut herabgerissen, er bricht aus dem Zelt! Über seinen nackten Leib läuft das Blut in breiten Bändern, so tief haben die Wolfsriemen eingeschnitten, als er sie zersprengte. Er ist furchtbar anzuschaun, wie er das Weib am langen Haar aus dem Zelte schleift und zu Boden schleudert. Da jauchzt der Mann am Pfahl und ruft ihn an und schon fühlt er, wie Jökulsnauts Schärfe die Bande durchschneidet, Glum schwankt – aber stark sind die Arme, die ihn halten. Dann springt Half zum nächsten Zelt. Er reißt den Vorhang herab, und »Eisland! Eisland!« schreit er ins warme Dunkel. »Eisland! Eisland!« hallt es zurück. Ein Mann taumelt vor, und Half zerhaut ihm die Riemen an den Handgelenken. Von Zelt zu Zelt eilt Half, und es ist, als ob der Heimat heil'ger Name die Männer aus Todesschlaf aufschrecke. Das Lager erwacht. Als räuchere man Bienen aus, gibt es Flamme und Gebraus, gibt es Stiche böser Stacheln. Half rast! »Grim! Wo ist Grim?« ruft er, aber keiner der Männer weiß vom andern. Half schüttelt die Weiber ab, die sich an ihn krallen, und haut sich den Weg. Glum und er leuchten mit Bränden in die Zelte, die wie erbrochene Grabhügel gähnen! Sie kommen zum letzten Zelt, da hören sie ein Stöhnen. Sie sehen etwas vom Zelthaken hängen, das wie ein riesiger Igel aussieht, und wollen nicht glauben, daß es Grim, ihr Gefährte, ist. Es haften in seinem Leibe zahllose Pfeile, lange Pfeile mit Rabenfederbüscheln beschwingt. Glum und Half weichen dem Rinnsal seines Blutes aus, sie lösen seinen gebundenen Körper, der über und über purpurn ist wie Meerquallen, und betten ihn auf das Lager, das er verschmäht hat. Sie wischen den Blutschaum von seinen Lippen und drehen das Antlitz zu sich her, bis in den weitaufgerissenen Augen Erkennen dämmert. Da versucht der Gemarterte, nach oben zu deuten, und die Freunde verstehen, daß er den Tod preist, der ihn empor bringt zu Aukko, die er geliebt hat. Frieden zieht über Grims Gesicht, und seine Heldenseele verläßt gern den Leib, dessen Wunden wie hundert rote Tore offen stehen. Half schwört dem Toten Vergeltung auf seine Rechte. Da er aber seine geballte Faust hält, sieht er, daß sie über Strähnen roten Haares verkrampft ist, und er stürzt hinaus, seine Rache zu suchen. Es kämpfen wilde Gestalten rings um das Feuer, und ihre großen Schatten kämpfen am Boden wie sie. Schwerter schlagen in Frauenfleisch, Blut strömt in Lachen zusammen, man gleitet aus und greift im Fallen eine Frauenbrust, aber man hält sie abgehauen, wie abgefallene Frucht. Half sucht die rote Bogenspannerin, die, wie eine Natter entgleitend, sich birgt. Er hetzt sie weit über das Schlachtfeld hin. Da braust in das Waffengeklirr ein mächtiger Klang, das tiefe donnernde Dröhnen der heiligen Kupfertrommel, auf die die Königin unablässig schlägt. Sowie die Frauen den Klang vernehmen, der wie das Nahen schwarzen Gewitters ist, lassen sie die Schwerter sinken. Sie reißen sich los von den staunenden Männern und fallen auf die Kniee. In einem großen Kreise knieen sie um die Königin, die bleich und feierlich in ihrer Mitte steht. Es ist so still, daß man den raschen Atem der Kriegerinnen hört, – den Frühaufsteher Specht hört, der an der Rinde eines Baumes hämmert. Der Königin Antlitz ist so bleich, daß die blauen Bilder wie Schatten auf den Wangen stehen. Es ist so bleich, wie die aufwärtsgekehrten Gesichter derer, die im Grase liegen und den Klang der heiligen Kupfertrommel nicht mehr hören. Die Königin spricht: »Es gewann einst Geas, die Königin war vor der Urmutter meiner Mutter, einen Mann sich zur Beute und sie liebte ihn am Morgen zu sehr, ihm den Tod zu geben! Entsinnt ihr euch dessen, Schwestern des Schwertes?« Da kommt Antwort zurück wie ein einziges Wort: »Wir entsinnen uns, o Königin!« Spricht die Königin: »Es nahm Geas ihr Schwert und warf es über den Mann, wie ich es nun über diesen Mann werfe! Und er ging ungekränkt von dannen, mit allen Gefährten und allem, was sein war! – Entsinnt ihr euch, Schwestern des Schwertes?« Und wie Echo über den blauen Bühlen der Ferne kommt die Antwort: »Wir entsinnen uns, o Königin!« Die Königin aber legt vor Half seinen Schild, seine Brünne und seinen Helm und berührt seine Füße mit der Rechten, die sie zur Stirne führt. Sie wendet sich und fragt zum drittenmal: »Und als Geas tat, wie ich nun getan habe, Schwestern des Schwertes, entsinnt ihr euch, was ihr da geschah?« Da springt die rotlockige Führerin vor: »Ich entsinne mich!« lacht sie zur Antwort. Ihr langer, rabenbefiederter Pfeil schnellt von der Senne ab und trifft sie, die ihn mit offnen Armen erwartet, mitten ins Herz. Half ist es, der die schwankende Königin hält, und zum erstenmal bettet er sie an seiner Brust. Sein Blick haftet in ihrem, bis ihr Auge bricht. Als aber sie dahin ist, die ihm einzig wert erschien, Weib zu heißen, nach dem Weibe, das er geliebt hat, da kommt der Blutrausch über ihn und er bricht über die herein, an der er zwei Morde zu rächen hat. Wieder steht Schwert auf gegen Schwert, und die Luft ist voll vom Eisengeklirr, von der Pfeile Gezisch und dem Splittern der Speerblätter. Zu einem Blutmeer wird das Gras, und es sind gute Männer, die mit den Kriegerinnen dies letzte Bett teilen. Die jungen Raben werden sich mästen, und der Wolf, der Walstatträuber, wird guten Schmaus finden, wenn die Männer vom furchtbaren Lande fliehen und auf ihre Schiffe sich retten. Weh, ach wehe, was hilft es, daß Grim ein Totenhügel gehäuft ward aus weichen Leibern? Weh, ach wehe, was hilft es, daß die langen roten Locken der Mörderin zu einer toten Königin Leichentuch wurden? Können Tote die Toten erwecken? Kann das Schwert wiedergeben, was das Schwert genommen hat? O challa chranna mo! O challa chranna mo waina! Du Lustgesang, der du zum Schmerzensgesang wardst, wie alle Lust zuletzt zum Schmerz wird! Bitter ist das Leben, das weiß am besten, der dies singt: ein alter Mann! Wie der Baum den Blattschmuck, verlieren wir im Herbste, was wir lieben. Treue einzig ist, was den Sinn gibt dem Leben. Darum war es Frauentreue und Heldentreue, von der dies Lied sang!« Und das Lied füllte noch die Halle vom Estrich bis zur Decke hin, als Glum die Harfe schon lange in ihre Hülle gebettet hatte. – Plötzlich erhob sich Gyridh. »Ich bin müde!« sagte sie, und es war, wie wenn eine Saite reißt. Den Mißklang hörten alle. Rauschend schritt sie aus dem Saal. Als sie gegangen war, stand Edmund, Adelstans Sohn, langsam von seinem Platz unter den Mönchen auf, kam heran und sah erst Glum, dann Half ins Gesicht. Dann tauschte er einen Händedruck mit den Männern.   Wie Adelstan Half um seinen Glauben befragte Der Morgen des nächsten Tags war Thorrs Tag, und die Halfsmannen rüsteten ihre Festgewänder, um mit vielen von Adelstans Mannen im Tempel das Opfer zu begehen. Es hatte aber Adelstan dafür gesorgt, daß den Eisländern ein guter Opferhengst nicht fehle. Als der König nun sah, daß Half ruhig auf der Bank saß und keine Anstalten machte, mit den andern zu gehen, da meinte der König, Half sei heimlicher Christ, obgleich er ihn nicht wie die Iren in der Kirche gesehen hatte. Er sah Half fragend an und zeichnete ihm des weißen Gottes Kreuz in die Hand. Half zog schnell die Rechte zurück und sprach: »Ich bin keineswegs, was ihr meint, Herr König!« Staunte Adelstan: »An was also glaubst du, Mann, wenn du nicht Christ bist, und nicht Heide?« Sprach Half: »An mich selbst und an mein Schwert!« Da wiegte Adelstan von Engelland das weiße Haupt und sah ihm lang ins Gesicht. »Dann glaubst du an nichts Schlechtes!« sprach der König zuletzt.   Wie Half zur Heimfahrt rüstete Bis zum Mondwechsel lebten die Halfsmannen an Adelstans Hof herrlich und in hoher Ehre. Seine Skalden ließ der König kommen, wenn Glum sang, die auf Ton und Wort achten sollten, ihn noch mit dem Liede zu erfreuen, wenn die Gäste gegangen waren. Die Skalden lernten die Lieder und vererbten sie ihren Söhnen, daher kommt es, daß das Sigrdryfa-Lied und jenes vom Rosenhain sowie andre noch in aller Wanderskalden Mund sind. In all der Zeit war Gyridh, die Königin, nicht zu sehen, und es hieß, sie läge krank im Frauenturm darnieder. Adelstan wollte die Helden nicht ziehen lassen, er meinte, daß sie nun im Herbste schlechte Heimfahrt haben würden und bat sie, nach seinem Herzen zu tun und hier zu Lundres zu überwintern. Als er aber sah, daß Half sich nicht länger verweilen mochte, dem die üble Kunde von Eiriks Eislandsfahrt in den Ohren klang, da ließ der König seine Schiffsbauer kommen und »Meerschwan« seetüchtig machen, der manch böses Leck erlitten hatte. Der König zählte der Halfsmänner dreiundzwanzig und sagte, er vermöchte es sich nicht anders zu denken, als daß einer dem andern am Schoße säße, da das Schiff nur sechzehn Männern Raum biete. Da erzählte ihm Half, daß ihr zweites Schiff Skidbladnir steuerlos zwischen den Klippen von Piktland schwämme, beladen mit Schätzen, deren geringerer Teil nur auf dem schwächern Schiff geborgen gewesen sei. Und obgleich des Goldes auf Skidbladnir genug sei, um Königsreiche damit zu erwerben, gebe es doch keinen unter seinen Männern, der willig wäre, es zu holen. Darauf führte Half den König hinab und zeigte ihm, wie das Gold in Barren, in Stangen und in Linnensäcken unter den Schlafbänken lag. Er schenkte dem Staunenden vier Tierzähne, die dem König bis zur Brust reichten, und des Goldes viel von allen drei Arten. Da bot der König ihm Langschiffe dafür, Knechte und Mannen, aber Half bat um nichts, als um sichere Heimfahrt für Sighvat und die andern Iren. Das sagte Adelstan freudig zu. Er ließ Half Reisevorrat reichen, als sende er seine eigene Tochter mit »Meerschwan« auf Brautfahrt. Half rief Sighvat heran und sagte ihm, daß er für ihn und die andern Iren Heimfahrt ausgewirkt habe und es nun ans Scheiden gehen müsse. Fuhr Sighvat unwirsch auf und sagte, es sei ganz nach Halfs Art, eigenes Muß auf andre zu schieben, und es würde den Iren niemals in den Sinn kommen, ohne ihn zu Lundres zurückzubleiben, denn sei er einmal fort, so sei Königswort wie der Wind und die Iren könnten sehen, wie sie zu Fuß übers Meer nach Eireann kämen. Sprach Half staunend zu dem hitzigen Knaben: »Für dich nur meint' ichs getan, aber wahr ist das Wort, daß man eher dreier Weiber Wünsche erfüllen mag als die eines Iren! So will ich sehen, ob ich andre Überfahrt für euch finde!« – Am Vorabend jenes Tages, für den die Ausfahrt bestimmt war, sahen Half und Glum überall an Bord nach dem Rechten. Da kam ein kleines Boot heraus, in dem saß ein Jüngling allein mit zwei Ruderknechten. Es sprang der Jüngling leichtfüßig zu Half, und er sagte, er trage Botschaft von Gyridh, der Königin. Half nahm schweigend, mit gerunzelter Stirn, ein Kästchen entgegen, das aus schwarzem Holz gefügt war und bedeckt mit blauen und roten Steinen. Er sah den Jüngling an, der im Schatten stand, den Hut tief ins Antlitz gezogen. Nie hatte er ihn an Adelstans Hof gesehen; und doch war ihm, als kenne er die Augen. Dieweil dem Boten der Gasttrunk gereicht ward, wollte Half das Kästchen öffnen, doch hob der Jüngling hastig dawider die Hand. »Es bittet dich Gyridh bei deinem Heldentum, du mögest dies Kästchen nicht auftun, ehe ich das Schiff verlassen habe. Allzu gering ist die Gabe, und meine Herrin verlangt nicht nach Dank.« Half schwieg und stellte das Kästlein zur Seite. Der Jüngling ließ seine Augen auf dem Schiffe umherwandern und in zierlich gesetzten Worten bat er, ob es ihm verstattet sei, es sich ein wenig näher zu besehen. Doch achtete er wenig auf des guten Schiffes Bau, als man ihn umherführte. Glum und Half folgten ihm, da er die Holzleiter zum Schlafraum hinabstieg, und Glum sah dabei wohl des Jünglings schmalen Fuß und schlanke, schwache Hand. Sogleich entdeckte der Königin Bote die Schätze, die unter den Schlafbänken verstaut waren, und sagte schnell: »Sicherlich stammt das Gold und Elfenbein aus Muhmad Alis Beute?!« Fragte Glum sogleich: »Woher weißt du dies und woher kennst du des Räubers Namen?« Sprach der Jüngling lachend: »Wird denn nicht Half, Dein Held, zu Lundres gerühmt bei Tag und Nacht? Jedes Kind kennt seine Taten! Sagt mir jedoch, wo ist Halfs Schlafplatz?« Er ging zur Bank, die man ihm bedeutete, und warf die Decken zurück. Schaukelnd saß er da und sagte: »Viele Frauen haben wohl hier gesessen, die schöner waren als Gyridh, die Königin.« Und er dehnte sich. Sprach Half: »Nur eine Frau war uns je Gefährte, die aber schien mehr ein guter Geist denn Fleisch und Blut. Kein andres Weib betrat dies Schiff, solange wir fahren.« Da lachte der Jüngling: »Kannst du das beschwören?« und lachte mehr noch, als Half bejahte. Er legte sich zurück und fragte: »Was sagtest du wohl, Half, wenn Gyridh an meiner Statt hier läge?« Sprach Half ruhig: »Ich würde die Königin mit aller Ehrfurcht, die ich des Königs Schnur schulde, bitten, sich erheben und dies Schiff verlassen zu wollen, auf dem Weiblosigkeit Gesetz ist!« Da fuhr der Jüngling auf und brachte mit schnellem Schwung die Beine zu Boden. »Es ist spät, und meine Herrin wartet!« sagte er, und Half und Glum hielten ihn nicht länger. Als aber der seltsame Bote schon in der Nußschale drunten zwischen den beiden Knechten saß, die ihn hierher geführt hatten, da erhob er sich noch einmal und rief: »Half! Half!« – bis droben das falbe Haupt sich zeigte. »Was willst du mir noch?« sprach unwillig der Held. »Ich will dir sagen, daß du einen Meineid schworst, denn wohl lag ein Weib, du Weibloser, auf deiner Bettstatt. Dich aber gebar die Mutter maulwurfsblind und taub, wie die Steine taub sind! Und wahrlich, dieser scheint mir ein weiser Mann, der dich Half »Das Weib« nannte! – So gehab dich wohl, und möge die einzige Kunde, die von dir zu mir kommt, deines Todes Kunde sein!« Und als Gyridh dies gesagt hatte, da fuhr sie mit den Ruderknechten von dannen und lachte laut ihr böses Lachen. Über »Meerschwans« Bord aber fiel ein schwankes Ding und klatschte auf, auf die Wellen. Es war ein armer, fremder Vogel, er schien wie aus roten und grünen Lappen gemacht. Nun war er, erwürgt an einer Locke schwarzen Haars, in einem kostbaren Schrein gelegen. Einer Königin Angebind für einen, der des Vogels rufendes Wort nicht verstanden hatte.   Die Heimfahrt Am Morgen, da sie fahren sollten, kamen Adelstan und Edmund mit den engelländischen Edlen hinaus, den Helden gute Fahrt zu wünschen. Auch Jarl Sigurd kam mit Håkon Quärnebider an Bord, und Half hielt lange, geheime Zwiesprache mit dem Jarl. Sie drückten sich als Freunde die Hand, da sie schieden, und Håkon sprang Half an den Hals und küßte ihn ohne Scheu, wie er in seinem ganzen Leben alle Herzlichkeit erwies, die er empfand. Dann stießen die Halfsmannen mit Winken und Lachen von Land und fuhren auf dem Fluß Thamise dahin, dreiundzwanzig Männer, nach der Ruhezeit stark und fröhlich. Sie kamen hinauf aufs freie Meer. Schwer ging das Schiff, denn es saßen mehr auf den Bänken, als Platz war, und sie vermochten die Beine kaum langzurecken, soviel Waffen lagen verstreut unter den Sitzen. Sie waren aber noch nicht lange gefahren, als ein Botenschiff sie überholte, das ging leicht und schnell dahin, und es schien Sighvat, als erkenne er darauf Gyridhs Kämmerer. Doch als sie das Schiff anriefen, segelte es nur noch schneller. Auf den Faröerinseln, wo sie Wasser nahmen, trafen sie einen Mann, einen engelländischen Handelsschiffer, der von Eisland kam. Jener hatte im Sommer sein Bau- und Schiffsholz dort verkauft und führte nun geräucherten Lachs zurück und Stockfische. Als die Halfsmänner hörten, daß der Händler von Eisland käme, da bestürmten sie ihn mit Fragen: ob Kormak der Lahme noch lebe, – ob das Kind, das daheim zu Reykaborg geboren sei, ein Knabe oder ein Mädchen wäre, – ob Silis Önundstochter einen andern Mann genommen oder auf ihn, den Frager, gewartet habe, – wie es Mutter Thorodd auf Gnupr ergehe – und was der tausend Sorgen mehr waren. Sagte Half und hielt sie ab von dem hilflos lachenden Mann: »Wichtiger als alles dies schiene es mir, von Eirik zu vernehmen und ob er schon auf Eisland gelandet sei!« Sprach der Mann: »Das ist er wohl, und wehe dem armen Land!« Nun fragten die Eisländer nicht mehr nach Ahne und Kind, sie fragten nur nach der Gefahr, die ihrer Heimat drohte. Da sprach der Mann von der Rauchbucht, wo die Königsschiffe vor Anker lagen, an der Stelle, wo man sonst lachend um der gestrandeten Wale Speck gestritten. Von Gehöften sprach er, die zu schwarzem Schutt verkohlt waren und in denen er noch Vorjahrs Rauchfische gekauft hatte. Von Männern, deren Väter einst ausgezogen waren, um nicht Knechte sein zu müssen, und die nun knirschend unter eiserner Macht sich duckten. Er sprach lange. Eirik Blödöx war jedes Wort, und Gewalt, Haß, Willkür sprachen aus jedem Worte. »Zeit ist es, daß du heimkehrst, Half Seekönig!« schloß der Mann seine Rede. Sprach Half: »Und heim wollen wir, so rasch uns die Wellen tragen!«   Wie Aukkos Spruch wahr ward und sie arm heimkehrten Sobald sie den Faröern den Rücken wandten, streckte der Sturmriese von neuem nach ihnen die rauhen Hände aus und warf sie wie einen Ball von der Rechten zur Linken. Ärger noch war es als damals, da sie nach Scotland verschlagen wurden, ob auch Glum nun die Richtung kannte und unverrückt das Steuer hielt. Sagte der Skalde: »Allzuklein ist unser Schiff für soviel Ballast und so viele Männer!« Der Sturm stieg und stieg mit Macht, und »Meerschwan« wirbelte wie ein Kreisel auf dem Wasser. Sprach Half: »Es ist nicht mehr als ein Schild und ein Schwert, dessen der Mann bedarf!« Er holte das Gold, die Tierzähne und Gewaffen herbei, die ihm die Gefährten von ihrer eignen Beute aufgedrängt hatten und schüttete Schildvoll um Schildvoll ins Meer. Da stand Sighvat auf und lachte: »Ein Weib sollte dies Gold mir erwerben und ein Kreuz für die Kirche zu Develin! Aber auf neuer Fahrt erring' ich wohl der Schätze noch mehr, Christ zu ehren, und Küsse erzwing' ich mir selber!« Er warf all seinen Reichtum hinab in die rauschende Flut. Der alte Knecht stand auf, der angesichts des Eilands Sikilei so sehr die Heimat ersehnt hatte. »Und bringt dies Opfer uns auch nur einen Tag früher heim, – so scheint der Lohn mir hoch und der Preis gering.« Da sprangen sie alle zugleich empor, daß das Schiff schwankte und sich überneigte, und »Eisland! Eisland!« riefen sie alle zugleich und warfen all ihren Reichtum ins Wasser. Die kleine Hütte, das Ackerfeld, Kühe und Pferde und die Ochsen vor dem Pflug, – alles fraßen die gierigen Wogen. Nur Hliot kauerte abgekehrt und rang mit sich und seinem Stolz und konnte es nicht dahingehen. Da ging Glum zu ihm und legte seinem Sohne stumm die Hand auf die Schulter. Sprach Hliot: »Ihr habt leichten Handel, euch zwingt kein Gelübd. Schmach aber deckt den Mann, der den Jul-Eid unerfüllt läßt!« Glum sprach lächelnd: »Ich weiß nur, Hliot, daß du schworst, so viel des Goldes heimzubringen, als Grims Kebse an Land zu tragen vermöge. Wie aber solltest du dein Gelübd erfüllen, da über Aukko längst der Hügel sich wölbt an Iberiens Küste?« Da lachte Hliot auf, und »Eisland!« rief auch er, und gab dem Meer, was er so lange gespart hatte. Wie ein Roß, das des Reiters Last abgeschüttelt hat, hob sich das Schiff. Sie fuhren dahin durch Abend und Nacht und Morgen, und endlich ward der Sturm des Brausens müde und legte sich, um auszuruhen. Glum hielt die Hand über die Augen und spähte lang aus, dorthin, wo das grauwogige Meer eins ward mit dem grauen Wolkenhimmel. Er rief Sighvat heran und seine Hand umklammerte dessen Arm, da er sprach: »Meine schlaflosen Augen schmerzen, daß ich blind bin und nicht gewahren kann, was ich suche! Sage mir du, der du des Seeadlers Blick hast: siehst du etwas zwischen Himmel und Wasser?« Antwortete Sighvat: »Ich sehe nichts, Vater, nur ein winziges Pünktchen, dort drüben fern zur Rechten!« Da lachte Glum auf, doch zuckte es dabei um seinen Mund, als er sprach: »Segen über dich dafür, daß deine jungen Augen den Vatna-jökull schauten.«   Wie Eiriks Mannen die Heimfahrenden grüssten Und sie fuhren an Eislands Küste hinan mit Weinen und Gelächter. Auch die Iren hatten feuchte Augen und gedachten der grünen Küste daheim. Es hatten aber Half und Sighvat vom Abschiednehmen geschwiegen, seit sie Lundres verlassen hatten. Als die Sonne von neuem im Westen stand, da sahen sie hoch und drohend das weiße Kreuz am Odhinsstrand gen Himmel ragen und sie fluchten ihm, weil es fremder Willkür Zeichen, und sie segneten es, weil es der Heimat Zeichen war. Als sie aber den Fuß an Land setzten, auf Eislands karge, heilige Erde, da kamen Männer geritten, die waren voll gewaffnet und trugen ein goldenes Kreuz auf ihren Helmen. Sie senkten die Speere und versperrten den Halfsmannen den Weg. »Widersagt ist es Fremden, an Land zu gehen!« sprach barsch der erste Reiter. Glum antwortete freundlich: »Wir sind nicht Fremde, guter Mann, wir sind Eisländer, die nach langer Wiking sich der Heimat freuen!« Wiederholte der Reiter: »Es ist widersagt, ans Land zu gehen, ehe der König nach gutem Willen freies Geleit gegeben!« Da sprang Half zu und rief: »Allzulange müssen wir fern geblieben sein, Gefährten, denn nie haben wir gehört, daß Eisland einen König gewählt hätte!« Es ward dem Fremden nicht wohl ums Herz, da er Halfs flammendes Antlitz schaute, und zugleich zupfte ihn ein andrer am Gewand und deutete heimlich auf das Kreuz von Bein, das Sighvat vom Halse hing. Sagte der Mann und sprang vom Pferde: »Wenn ihr wahrlich Christen und liebe Brüder seid, dann willkommen im Lande. Weiset euren rechten Glauben, kniet vor dem Kreuze dort und gehet hin, unbeschadet und ungekränkt! Doch seid ihr Heiden und Roßfleischfresser, so haben wir derer nur allzuviel, und König Eirik will sie nicht im Lande!« Da wurden Halfs Augen schwarz wie gewitterndes Meer. »Will er nicht?« rief er. »So werd' ich ihm meinen Glauben weisen!« Er stieg auf den Hügel, auf dem das Kreuz zwischen Lavablöcken aufgerichtet stand, faßte zu und riß es mit einem einzigen Ruck empor. Dann hob er das Kreuz hoch und schmetterte es den Abhang hinab, daß es unten auf den Klippen zerschellte. Da stürzten die Eiriksmannen mit Wutgeheul ihm nach, aber Jökulsnaut gab ihnen guten Empfang, und die Halfsmannen beglichen glatte Rechnung. Nur einen Boten ließ Half am Leben, Eirik Blödöx zu melden, was er gesehen hatte.   Wie die Helden nach Gnupr kamen Es war spät am Abend, als Half, der Heimatlose, mit den Seinen nach Gnupr kam, um in Glums Haus zu nächtigen. Lichtschein fiel aus einem einzigen Fenster aufs Gras, den sahen sie schon von weitem. Da gedachte Half jener Nacht, da er von diesem Hause nach Engihlid heim durch den brauenden Nebel geritten war, um seinen Hof in Lohe und Trümmern wiederzufinden. Glum aber ging, je näher sie kamen, schneller und schneller. Er führte sie zu einem geheimen Durchbau im Dornenbuschzaun, und während er ging, schien es ihm, als müsse ihn nun und nun der Schiffswache Ruf oder der Segel Geknatter aus dem Schlafe wecken, denn just dieser Heimweg war es, den ihm oft und oft der Traum gezeigt hatte. Sobald er um des Kuhstalls Ecke bog, sprangen ihn die großen Hunde an, die für die Nacht von den Ketten gelöst waren. Eyvind, Glums junger Sohn, hatte der Hunde Geheul vernommen, mit dem sie Fremde meldeten, zu einer Zeit, da das Hoftor längst geschlossen war. Er kam mit des Vaters altem Speer in der Faust hinausgelaufen und rief, was es gäbe? Da mußte er meinen, daß alle Hunde zugleich von der Tollwut ergriffen worden seien, denn soviel er auch schrie und pfiff, keiner gehorchte, er hörte sie nur im Dunkeln kläffen, jaulen und rasen. Da trat Mutter Thorodd in die erleuchtete Türe. Sowie sie nur einen Augenblick auf der Hunde Winseln gelauscht hatte, ließ sie mit einem Schrei fallen, was sie in Händen hielt, und breitete die Arme aus. Ein großer Mann kam hastig heran, und Eyvind versank schon ganz in seinem Friesmantel, ehe er begriff, daß es sein Vater war. Da ward es jählings hell im Haus, und es entstand Hasten und Türenschlagen. Knechte und Mägde wurden vom Lager gescheucht und kamen schlaftrunken, den Herren zu grüßen. Mutter Thorodd ging mit Lachen und Weinen, den Skyr zu holen, der ihr heuer wie nie geraten war. Es wurden Tücher gebreitet und langfransige Friesdecken aufgelegt, die in den Truhen gelegen hatten. Langfeuer brannte bald, und ein Festmahl begann, von dem man nicht wußte, wie Mutter Thorodd es so schleunig hatte herbeizaubern mögen. Herrlich mundete es daheim am gastlichen Tisch, wo liebe Hände willig zu Diensten waren, Glums alter Großknecht stand, während der Herr aß, neben dem Sitz und gab stolz und strahlend Bericht von des Hauses gemehrtem Wohlstand, und Eyvind sprach fleißig darein. Es währte aber nicht lange, daß es ans Tor pochte und Thorgeyr Stirnbrand eintrat, Glums Schwäher und nächster Nachbar. Es war dies ein reicher und geachteter Mann, und seinen Namen trug er von einer flammenden Narbe, die über seine ganze Stirn lief und die er beim großen Mönchstod auf Hegranäs erworben hatte. Nun kam Thorgeyr, Glum zu grüßen, denn er hatte zum erstenmal seit der Helden Auszug alle Fenster auf Gnupr erleuchtet gesehen und den Lichtschein wohl verstanden als großer Freude Boten. Da ward Thorgeyr hinter Bank und Becher genötigt, und ein großes Fragen begann nach denen, die mitgezogen waren und deren Platz nun am Mettisch leer blieb. Als sie nur kurze Zeit so saßen, da pochte es zum zweitenmal, und der nun kam, war Kormak, der Lahme genannt, weil ihm ein Axthieb den rechten Arm unbrauchbar gemacht hatte. Da begrüßten sich Gesippe und Freunde mit großer Freude. Glum aber sah wohl, wie Half die Stirn runzelte und vor Ungeduld mit dem Fuße pochte, da das Gerede vom Fischfang, von der Tierseuche, die sommers über die Herden gefallen war, und von dem harten Winter, der bevorstand, kein Ende nahm. Endlich vermochte Half nicht länger an sich zu halten. »Wenn ich nur ein wenig in Mannesherzen zu lesen vermag,« sagte er, »so sprecht ihr ein Ding und denkt das andre. Denn nicht die Schafpest ist es, die dein Haar gebleicht hat, Thorgeyr. Und nicht der veränderte Häringszug grub dir die Runzeln ins Angesicht, Kormak, mein Freund! Ist es so weit gekommen mit den Nachfahren der großen Landnahmemänner, daß sie am Freundesherd ihr Herz verhehlen müssen?« Da sprach Kormak nach langem Schweigen: »Fast ist es, wie du sagst, Half das Weib, denn seine Späher sind überall!« Da blitzten Halfs Augen und er sagte: »Ähnliches hört' ich im fremden Land, aber ich wollte es nicht glauben! Ich dachte, es gäbe zu Eisland noch der Männer genug, die lieber in Ehren im kühlen Hügel lägen, als im Knechtsfrieden auf der Ofenbank!« Sprach Kormak: »Sähest du, wie er's treibt, du sprächest anders!« und Thorgeyr blickte ihm nahe ins Gesicht: »Besser wäre es für uns alle gewesen, du hättest kürzere Wiking gehalten!« Sprach Half: »Nun wünschte ich, ihr tätet die Herzen auf und ließet mich erfahren, was mir fremd ist!« Da begann Thorgeyr Stirnbrand zu erzählen, wie König Eirik mit seinen Mannen beim Allthing erschienen sei, der sommers auf Thingvöll gehalten werde. Schweigend habe der König den Rechtssprüchen der Allgoden gelauscht, und die Eisländer hätten nicht anders geglaubt, als daß Eirik gekommen sei, um zu hören, wie man im Lande Thing halte. Als aber die Streitfälle entschieden gewesen seien, da sei Eirik vorgetreten und er habe gesagt: »Nun ist es an mir, Klage vorzubringen, ihr Goden, und eure alten Götzen sind es, gegen die ich klage!« Und er habe begonnen zu höhnen und zu lästern, was einem Manne nur heilig sei im Himmel. »Ich bin zu Euch nach Eisland gekommen –«, wiederholte Thorgeyr des Königs Worte mit des Königs Gebärden, und der starke Mann zitterte vor Ingrimm, da er sprach: »Ich bin gekommen, um euch zum Heil und zum Heiland zu bekehren. Ich will es mit all meiner Kraft und meinem ganzen Herzen, ja selbst mit meiner ganzen Gewalt erzwingen, wenn es sein muß!« Es sei aber Olaus, der Weißwolf, dabei gestanden, erzählte Thorgeyr Stirnbrand weiter, und der habe mit süßem Lächeln seinen Weihkessel gewiesen. »Nicht Allzugroßes ist es, was man von euch Männern verlangt,« habe Olaus fast bittend gesagt. »Und ist es so schwer, in eure Gebete Marias Namen statt den Freyas einzuflechten, – – Satan zu hassen statt des bösen Loki und Sankt Georg anzubeten, der den Drachen bezwingt, wie Asa-Thorr die Midgardschlange? Nennt »Teufel« die bösen Schwarzalben und »Engel« die lichten Wanen, esset Rindskeulen statt der Roßschenkel, und wir wollen euch gute Christen heißen!« Und als er so gesprochen habe, da hätten die Eisländer wohl gesehen, daß Olaus, der Weißwolf, manchen seiner Beißzähne verloren hatte, mit den Jahren und seit sein Freund Harald Hårfagr gestorben war. Da aber sei König Eirik aufgefahren. »Redet ihr so, dann verbreitet ihr selber Irrlehre, Herr Bischof!« habe er geschrien. »Keinen halben Handel wollen wir treiben, wie mein Herr Vater allzulange ihn trieb, und wollen diese hier dem Kreuz nicht als freie Männer dienen, so sollen sie seine Knecht sein!« Da aber hätten die vielhundert Männer auf Thingvöll wie mit einem einzigen Schlag die Schwerter gezogen. Es sei das Klirren nur ein einziger, kurzer Laut gewesen. Nicht erhoben hätten sie die Schwerter wider den, der Gast ihres Landes gewesen sei. Sie hätten sie nicht gezückt wider ihres Mutterlandes gekrönten König. Ohne Reden hätten sie ihm nur die Waffe gewiesen und ihn so bedeutet, daß sie, Schwerter zu führen, Mannes genug seien. Und König Eirik habe sie wohl verstanden, denn er sei bis in die Lippen blaß geworden und hinweggeritten mit all seinen Mönchen und Mannen. – – Da lachte Half durch die geschlossenen Zähne: »Ich glaube wenig daran, daß Eirik aufgab, wonach er trachtet, nur weil er eure Schwerter ein wenig singen hörte!« Sprach Kormak der Lahme: »Über deine Jahre weise und wahr ist, was du redest und nun will ich dir erzählen, was sich fernerhin begab. Ich war kaum drei Tage daheim nach jenem Thing, als ein Königsbote zu mir kam und sprach: »Andern Sinnes ist König Eirik geworden. Es reuen ihn die üblen Worte, die er auf Thingvöll sprach. Dich und noch neunzehn der besten Männer, darunter die Viertelsgoden, hieß er mich in sein Zelt laden, denn sein Wille ist, als der Versöhnung Zeichen ein Sühnopfer den alten Göttern darzubringen!« – Da dachte ich wie du, und es dünkte mich wunderlich, daß Eirik seine Meinung so schnell geändert haben sollte. Wir zwanzig Männer berieten lang, und vor allem wollte es uns nicht gefallen, daß er uns in sein Zelt und nicht zu offnem Thing lud. Doch Leif von Reykaborg und Hallvard von Fiskivatn meinten, Eirik schäme sich vielleicht, sein Unrecht offen zu bekennen, und billig scheine es, ihm zu willfahren! So ritten wir am bestimmten Tage nach Eiriks Zelt. König Eirik und Königin Gunhilt empfingen uns wohl und über die Maßen freundlich. Es trug aber weder der König noch einer seiner Mannen auch nur die geringste Waffe, und als es zum Mahle ging, sagte Eirik: es sei nun gerecht, wenn wir die Wehr ablegten, wie sie alle getan hätten, um alles Mißtrauen zu bannen und allen Tafelstreit zu vermeiden!« Unterbrach Half und schlug die Hände zusammen: »Ihr tatet es doch nicht!? Kormak! Ihr tatet es doch nicht?!« Sprach Kormak: »Wohl taten wir's und seufzten nachher genug darum. Wir schritten zur Tafel, und alles ging freundlich her und nach rechter Sitte. Es saß jeder von uns Eisländern zwischen zweien von Eiriks Mannen. Als aber die Becher kamen, stand Eirik auf und sprach: »Nun ist es an der Zeit, das Opfer zu vollziehen!« Er klatschte in die Hand, da fiel hinter seinem Sitz der Vorhang herab, und wir sahen mit staunenden Augen, daß nebeneinander ein Kreuz und Thorrs heiliges Hammerzeichen aufgerichtet waren. Es stand vor dem Kreuz ein riesiger Taufzuber, dabei Olaus kniete. Vor dem Thorrszeichen aber erhob sich ein Opferstein, auf dem Beil und Messer lagen. Sprach Eirik: »Ich habe euren Göttern reiches Opfer gelobt, und die Stunde kam, das Gelübde zu lösen. Gering jedoch dünkte es mich, auf diesem Stein schlechter Mähren Blut zu versprengen, und ich will euch, als Eislands beste Männer, zugleich mit euren Göttern ehren. Denn ihr sollt das Sühnopfer sein, das ich auf diesem Stein darbringe.« Da gefror uns allen das Herz, und nun wußten wir, warum uns die Waffen abgenommen worden waren. Und Gunhilt, die Königin, sah ich lachen hinter ihrer weißen Hand. – Wir sahen uns um. Da wußten wir, daß die Falle zugeklappt war und uns gefangen hielt. Denn draußen war das Zelt von den Mannen König Eiriks umstellt. Wir sahen Blatt an Blatt ihre Speerspitzen starren, die sie durch die Zeltwände hindurch gestoßen hatten. Und als wir so standen, sprach der König weiter: »Allerdings vermöchte es vielleicht zu geschehen, daß einer oder der andre von euch täte, wovon ich herzlich widerraten will, da ich mich ja nun ganz für die alten Götter entschieden habe. Es könnte nämlich geschehen, daß einer unter euch den hochehrwürdigen Herrn Bischof hier fußfällig flehte, Christ werden und zwanzig Unzen Goldes sowie fünf Knechte für den Bau der neuen Kirche auf Rauchbucht schätzen zu dürfen. Diesen Mann freilich, als einen untreuen Thorrsdiener, könnte ich nicht für würdig erachten zum Sühnopfertode!« Da erkannten wir ihn ganz, Half, diesen Mann, gegen den des übeln Loki Listen gering sind!« Half wuchs vom Hochsitz auf, in jeder Faust eine Tischdecke. »Und ihr flehtet fußfällig Olaus um die Taufe an?« Thorgeyr senkte das Haupt und Kormak schwieg. Da tat Half einen Ruck, und es war geschehen: die riesige Eichentischplatte barst der ganzen Länge nach mittendurch, und Metkannen, Schüsseln und Becher klirrten und taumelten auf der Erde umher. Da stand Guthorm, der Gode geworden war, als Asbjörn starb, in der Türe und sagte: »Besseres hätte auch dein Vater Hjörleif Zwölfkraft nicht vermocht und er hätte sich gefreut, hätte er dies gesehen, Half Seekönig!« Halfs Augen funkelten wider den Mann. »Warst du dabei bei dem lustigen Spaß in Eiriks Zelt, Gode Guthorm? Mich dünkt, daß dies zu sehen Hjörleif minder gefreut hätte!« Dies sagte er, weil Hjörleif und Guthorm gute Freunde gewesen waren. Als aber Guthorm Half seine Rechte zum Gruß bot, da sah Half, daß das äußerste Glied des dritten Fingers fehlte, und es wies sich, daß auch den andern die Schwurhand gleichermaßen verstümmelt war. »Dies ist, was König Eirik uns tat, damit wir unsres Schwures gedächten, kein Roßfleisch zu essen, keinen Heiden zu hausen, nur Christenfeste zu feiern und nie wieder zu opfern bei Todesbann.« Da zog Half das edelsteinblinkende Messer aus dem Gurt, das Gyridh ihm auf dem Brautschiff gegeben hatte, und schnitt sich damit in den Arm. Er riß einen Fetzen aus seinem Hemde, tauchte ihn ins Blut und wand ihn um des Messers schmale Klinge. Sprach Half zu Glum: »Die Erntezeit ist nah, und Taten reifen! Vater, sende einen Boten von Hof zu Hof, den Männern dies Zeichen zu weisen und sie hierher zu laden, noch ehe die Sonne aufgeht. Und leih' dem Boten Alswidr, dein eigenes Roß!« Als dies gesagt war, sprang Eyvind vor und streckte die Hände nach dem Messer aus und schrie: »Gib's mir, gib's mir! Keinem Fremden gehorcht Alswidr!« Da lachte Half ihn an und riß ihn unsanft am Haar, aber Eyvind hätte es für keinen Kuß gegeben. »Ein guter Schildknecht wäre dies für Håkon, Glum! Die beiden haben gleiche Größe und gleiche Jahre! Nun aber zeige, Eyvind, wie du reitest!« Eyvind rannte und rief Alswidr von weitem und, ehe er die Stalltüre auftat, stand das herrliche Roß, das nie gebunden ward, schon bereit davor und schnaubte. Eyvind stieg auf und ritt, daß ihm schien, als hüpften die Sterne über ihm und als blieben die Wolken hinter ihm zurück. Nicht umsonst hatte der Hengst dreimal die besten Rosse besiegt bei der Pferdehatz auf dem Allthing. Der erste Mann, den Eyvind vom Lager auf und in die Stiefel jagte war Svart, Kormaks Schwestersohn, und der nahm gleich seinen Bruder und Schwäher mit. Eyvind aber war lange schon auf Sörli, dem nächsten Hof, ehe Swart und die Seinen in den Sattel kamen. So ritt Eyvind, und nie noch hatte Alswidr so die Scholle stäubend hinter sich geworfen mit flüchtigem Fuß. Eyvind weckte die Männer Hof um Hof mit Steinwurf gegen die Fensterläden und rief ihnen die Botschaft vom Roßrücken zu. Sobald er sah, daß sie von den Schlaftrunkenen verstanden sei, bat er, sie den Gesippen weiterzugeben. Und wenn unter ihm der Hufschlag von neuem über nächtliche Heide donnerte, jauchzte er, der Halfs Bote sein durfte, und es schien ihm, als reite er Odhin All-Födhrs achtfüßiges Roß. Als er zu Önund nach Orliggstadir gekommen war, hieß jener ihn heimreiten und sandte seinen eignen Sohn weiter zu den Männern von der Rabenkluft und vom Mückensee, – die am weitesten wohnen. Da kehrte Eyvind heim und führte das schweißbedeckte Roß in den heimatlichen Stall, lange noch ehe die Sterne verblichen. So kam es, daß Eyvind Glum, der sein Vater war, dies einzige Mal die Halflieder singen hörte. Es waren die ersten Entbotenen so früh auf Gnupr eingetroffen, daß Glum seine helle Freude an Eyvind hatte. Half grüßte Mann um Mann, wie er kam, und bat, ihm zu sagen, was man von Eirik zu berichten wisse. Da begann Swart zu erzählen, wie Eiriks Mannen fünf seiner Knechte erschlagen und die andern in die Lohgrube geworfen hatten, weil er nicht zum Kirchbau schatzen wollte. Svarts Schwäher hatten sie mitten im Opfer überfallen und die heiligen Opferstücke in den Kot getreten, sein junger Sohn, der ihnen habe wehren wollen, sei so grausam geschlagen worden, daß er lahm sei fürs Leben. Kein Mann trat zur Tür ein, der nicht Klage führte wider Eirik und Gewalt von ihm erlitten hatte. Und ob sie von der Holzsackbucht kamen oder von den Kotschären, von der Ingolfsache oder vom Geyrmundsfels, – da war keiner, der nicht sprach, wie Thorgeyr gesprochen hatte: »Besser wäre es für uns gewesen, du hättest kürzere Wiking gehalten, Half das Weib!« Von allen Männern aber, die Haß gegen Eirik trugen, sehnte keiner so heiß den Rächer herbei, wie Odd der Schöne, Önunds junger Sohn. Ihm hatte Eirik die Braut genommen und sie einem seiner Weißröcke zur Ehe gegeben, denn es mehrten sich nun von Tag zu Tag die Mönche, die auf Eisland in Ehelust lebten wie andre auch, obgleich es geheißen hatte, daß ihnen das Weib versagt sei. Es hatten Eiriks Mannen Odd vom neuerbauten Hause gejagt und nun hofte dort breit der Mönch und küßte Olöf, Odds schöne Braut. Als Odd soweit gekommen war, da rüttelte er Half am Arm und sagte: »Was aber hättest du gefühlt, hätte einer dir Sigrdryfa genommen?« Und Half sah ihn an, und Blut sprang aus seiner Faust, da er sie auftat, so fest hatten sich seine Nägel eingebohrt. »Die rechte Fürsprecherin riefst du an! Ich will Olöf rächen, als wäre es der geschehen, deren Namen du genannt hast!« sagte Half. Als er aber kaum ausgesprochen hatte, da kam ein Mann zur Tür hereingelaufen, das war Fuchs, der Schiffbauer. Er focht mit den Armen, als sei er trunken, und lallte und lachte. Aber sie erkannten sogleich, daß der Mann nicht vom Met trunken war, sondern vor großer Freude. Er kam gerade auf Half zu, stieß Odd zur Seite und faßte mit beiden Händen Halfs Rechte. »Seht ihn euch an, Männer!« schrie Fuchs, sowie er Atem bekam. »Seht ihn an, denn dies ist Half das Weib, der drei Stunden im Lande ist und gewagt hat, wider Eirik aufzustehen, was wir in dreien Monden der Bedrückung nicht gewagt haben!« – Und da sie alle fragten, schrie Fuchs: »Eiriks Strandwachen hat er erschlagen und das Kreuz gestürzt am Odhinsstrand!« Es war aber bis nun die Tat verborgen geblieben, weil um der Strandwache willen jedermann den Odhinsstrand gerne mied. Und es gewann Half große Ehre, da die Eisländer davon Kunde bekamen, und Eyvind hörte schon weither Jubel, Schwertklang und Becherklang, da er heimkehrend das strauchelnde Roß zum Stalle lenkte. Er ließ Alswidr, dessen Flanken troffen, den Knechten, rannte keuchend und purpurrot zur Halle, drängte sich durch die Männer hin und bot Half stumm das Messer dar. Es war aber der Linnenflecken mit Halfs Blut nicht mehr daran, denn den trug er heimlich auf dem Herzen. Glum fragte rasch, ob sein Sohn keinen Hof des Godords vergessen habe, da er so früh heimkehre. Aber es wies sich, daß Eyvind nichts vergessen hatte. Sprach Half: »So soll das Botenzeichen des Boten Lohn sein!« Eyvind zitterten die Hände, da er die herrliche Waffe empfing, die sich biegen ließ wie eine Weidenrute. Er war selig wie nie im Leben und doch hätte er wenig später sein Herzblut dafür gegeben, dies Messer noch in Halfs Händen zu wissen.   Wie Half das Abendmahl hielt Half aber sah um sich und sprach: »Nun sind wir der Männer genug, und es dünkt mich nicht nötig, länger zu warten. Denn an der Zeit ist es, für unsre Heimkehr den Göttern zu opfern!« Es erhoben sich sogleich Stimmen, die dawider waren, und Guthorm wies seine Schwurhand, die Eirik zum Gedächtnis verstümmelt hatte. Half aber fragte Glum kurz, ob er einer sei, der sich in seinem Hause in die Opferschüssel speien lasse? Glum sprach leise und mit Kopfschütteln: »All die Zeit hast du nie nach Opferbräuchen gefragt und drängst nun so sehr dazu?« Da warf Half sein langes, gelbes Haar zurück und lachte laut: »Wenden andre ihren Glauben wie ein Segel nach dem guten Wind, so wende ich ihn nach dem bösen!« Half selbst ging in die Ställe und sah dort Leifs herrlichen Hengst, auf den jener große Stücke hielt, da er von Alswidr stammte. Half gab Leif Kjötvis letzten Armreif dafür. Selbst opferte er und achtete darauf, daß keiner sich zur Seite schleiche, selbst ging er mit der dampfenden Schale um und bot Mann um Mann den Trank. Er hatte aber Sighvat und die andern Christen angewiesen, in der Halle zu bleiben, so daß keiner von ihnen von dem Opfer etwas sah. Dann gingen alle wieder in die Halle zurück, und die Männer aßen und sie tranken, als läge ihr Mut auf der Kannen Grund und sie müßten sie leeren, um ihn wieder zu erlangen. Half aber ließ Eyvind zu seinen Füßen sitzen, denn auf den Bänken wäre eine Maus erdrückt worden, wenn sie dort noch hätte Platz finden sollen. Und er, Half Seekönig, ließ sich Eyvinds große Kunst erklären, die Floke, der Weißrock, ihn gelehrt hatte, ehe er starb. Die Kunst, mit Farbe und dem spitzen Stift, – der in Halfs Faust sogleich zerbrach –, saubere Zeichen auf ein Ziegenfell zu ziehen. »Male meinen Namen!« heischte Half, und der Knabe tat's mit fliegender Hand, so wohl er's nur vermochte. Half sah auf die fremden Zeichen herab und lächelte. Niemand hatte solch Kinderlächeln wie dieser Held zuzeiten. Dann aber ging der Blick nach innen. Er raunte wie für sich selbst: »So vermöchte dieses zu geschehen, daß mein Name, von Knabenhand gemalt, länger lebte als ich selbst und alle meine Taten?« – Als er das gesagt hatte, kam Unruhe über ihn. Er hob sich vom Hochsitz und begann davon zu sprechen, daß die Männer vor Sonnenaufgang sich rüsten müßten, um gegen Eirik zu ziehen. Da stand Hrolleif von Haukagil auf, der sagte: »Nun soll endlich des Geredes ein Ende sein von Not und Tod. Morgen wollen wir ausziehen wider Eirik Blutaxt, doch laßt uns für diese eine Nacht vergessen, was uns an Leid überkam. Es sitzet Glum Honigmund unter uns, und ist es den andern wie mir ergangen, so hat ihr Herz bittere Entbehrung erlitten in den Jahren, da der beste Skalde außer Land war!« Da trommelten die Männer mit Fäusten und Schwertern auf den Tisch. Jubel entstand, und Hliot hinkte, seines Vaters Harfe zu holen. – »So will ich,« sprach der Skalde, »die Taten singen, die Half vollbracht hat!« Erwiderte Half: »Besser stünde es uns an, die Schwerter für jene zu schärfen, die zu vollbringen sind!« Schrien die Männer: »Gönne uns, Half, diese einzige Nacht! Das Lied am Abend heißt es, und die Tat am Morgen!« – Da wandte Half sich ab und setzte sich zum Feuer, damit keiner sein Antlitz sehen solle, während der Skalde sang. Nur Eyvind kauerte ihm zu Füßen, ihn litt Half wie einen treuen Hund. Als aber Glum just in die Harfe griff, da wurde Rossestampfen draußen laut, und es waren die Männer vom Lachsachental, die da kamen, und von Smidsstadir. Es waren ihrer so viele, daß nicht daran zu denken war, sie in die Halle zu laden, wo Mann an Mann saß und stand und kauerte. Und es mußten auch ihre Rosse im Hofe angebunden werden, weil selbst in den Kuhställen kein Platz mehr war. Als die Männer hörten, daß Glum singen solle, da baten sie Mutter Thorodd, die Küchentüre offen stehen zu lassen, und in die Küche drängten sie sich nun und hielten mit der einen Hand den Becher, mit der andern das Schwert, damit es nicht klirre, während Glum sang. Half aber stand unruhig auf: »Wir sollten nun lieber beraten, wie wir Eirik morgen überfallen!« sagte er. »Wir müssen die erwarten, die von der Rabenkluft und vom Mückensee kommen!« widerredeten viele. Und schon rollten Glums erste Töne durch die Halle. Wie Wogen rollten sie daher, die vor dem Sturm sich erheben. Und der Sturm des Liedes stand auf und machte, daß des Blutes große Brandung brauste in der Hörer Herzen. Denn das Lied von Halfs des Weibes Rachefahrt sang Glum. Eyvind fühlte, wie des Liedes graue Wellen wuchsen und über seinem Haupt zusammenschlugen. Eiskalt rieselten sie über ihn, und er fühlte sich im Windhauch kreiseln wie ein verwehtes Blatt. Die Helden litten, und er litt wie sie. Kälte trieb ihm Tränen in die Augen, und Erlösung war des Reihers erster Schrei. Er floh aufs Eis und war zugleich der Verfolger, – der die Rache fürchtete, war er, und der Rächer zugleich. Und endlich ertappte er sich, wie er mit der Hand den Hals schützte, denn seine Kehle war Atlis Kehle geworden, in der Halfs Zähne sich knirschend begegneten. Da schämte sich Eyvind und sah umher. Aber er sah, daß alle Angesichter ringsum aufgetan und offen waren und das eigene Leid, die eigene Sehnsucht, die eigene Rachelust aus ihnen schrien. Vorgebeugt saßen die Männer oder sie lehnten an den Wänden oder sie hockten auf dem Estrich umher, den Mund halb offen, die Hände vorgehöhlt, als wollten sie jedes Wort, wenn es von Glums Lippe sprang, auffangen, wie Bettler einen Tafelbrocken. Plötzlich fühlte Eyvind sich am Arm gefaßt, und Half war es, der zu ihm sprach: »Gibt es heujahrs so früh Wölfe auf Gnuprheide?« fragte er flüsternd und lauschte ins Weite. Eyvind horchte angestrengt, aber er konnte nichts vernehmen als das Kreischen des Hoftores, das geöffnet ward. »Das sind die Pferde, die wiehern!« gab er leise zur Antwort. »Nun kommt Önund von Örliggstadir, der so weiten Weg hat!« Und schon schritt Mutter Thorodd auf den Zehenspitzen hin und schloß die Haustüre weit auf, damit die Männer von Örliggstadir, die draußen standen, hören konnten, was Glum sang. – – Und Eyvind sah Halfs Haupt auf die Brust sinken, da seines Lebens Faden nochmals vorüberzog, als spule ihn die Norne rückwärts vom Knäuel. Von Kar dem Gespenst sang Glum, und die Mägde in der halbdunklen Kammer hockten enger beisammen als die Hühner auf der Stange. Sie schlugen die blaugewürfelten Schürzen über den Kopf, so fürchteten sie sich. Man sah nur ihre plumpen Schuhe und ihre verschränkten roten Arme. Glum sang. Von der Sonne sang er, und Eyvind sah Sehnsucht über der Halfsmannen Gesichter gehen, nun, da der Süden von neuem ein ferner Traum geworden war. Vom Rosenhain sang er, da blähten sich Halfs Nüstern, als spürte er von neuem den Duft, und Sighvat höhlte die Hand um unsichtbare Kelche. In Eyvind stieg sengende Sehnsucht auf, und ihm war, als könne er nie wieder des Lebens froh werden auf den heidekrautbedeckten Lavafeldern der Heimat. Da schreckte Eyvind auf aus des Liedes süßer Trunkenheit, denn eine Hand preßte die seine, daß es schmerzte. Da er sich wandte, sah er Halfs Gesicht, und es war fahl, als hause die Seele nicht länger in seinem Leibe. Seine Augen starrten groß aufgetan, als schauten sie durch die Wand hin in die Ferne, der Blick wanderte wie bei Lauschenden, und Halfs graue Lippen mühten sich ums Wort: »Ist denn niemand, der hört, wie der Wolf da draußen vor dem Dornbuschzaune heult?« murmelte er. Aber auch diesmal konnte Eyvind nichts von dem vernehmen, was den Helden erschreckte, und er stammelte: »Das ist der Wind, der um den Giebel fährt!« Half raffte sich auf wie einer, der im Schneefall liegt und nicht sterben will, und rief: »Wir dürfen nicht länger säumen! Waffen! Waffen!« Aber es war, als wehe nur ein Flüstern über seine Lippen. Keiner hörte ihn. Denn Glum sang, über den Bragis heiliger Rausch gefallen war. Da fühlten die Männer, die draußen in der Herbstnacht unter erbleichenden Sternen standen, daß die Südsonne Blasen aufzog auf ihrer Haut. Die den vollen Becher in der Hand hielten, fühlten Durst ihre Kehle dörren. Die hinterm Mettisch saßen, fühlten das Schiff unter sich zittern, dessen Steuer Glums Hand nach Norden drehte. Sie erlebten alle den Sturm, den lebensbedräuenden. Sie erlebten alle die großen Ehren an Adelstans Hof. Königin Gyridh schritt vorbei, ihr schwarzes Haar hing über den Mantel von Schneehasenfell. Die Pictin ritt vorüber, nacktschenkelig und stolz, und es starben, die man geliebt hatte. Sie erblickten der Heimat gewohnten Strand fremd, mit den Augen Sehnender. Half hob das Kreuz mit einem Ruck, und sie alle fühlten den Ruck in ihrem Herzen ... Die Harfe schwieg. Es war ganz still geworden. Da hob Half die Hand und sagte dumpf: »Nun heult der Wolf draußen vor dem Tore!« Da stürmte einer der Knechte herein, er stieß alles zur Seite. »Eirik Blödöx ist über uns!« schrie er. Und zuckte und starb.   Wie Half und Eirik Blödöx sich wieder begegneten Eirik Blödöx hielt mitten im Hof auf seinem großen schwarzen Roß, da Half als Erster aus dem Hause brach. Da war keiner, der es Eirik gewehrt hatte unter den Männern, die von Örliggstadir und von Mövenhalde hergekommen waren, ihn zu töten. Seine Königin, die ihm überall hin folgte, obzwar sie mit einem Kinde ging, Gunhilt, die wilde Dänin, ritt neben ihm. Seine Mannen reihten sich, Roß neben Roß und Speer neben Speer, Gnupr umfriedend wie eine lebende Mauer. Half hielt seine ausgebreiteten Arme wie einen Sperrbalken vor den Torbogen des Hauses, und er und der König maßen einander. König Eirik war nicht umsonst der Sohn Haralds von Norge. Er war schön, wie die bleichen Alben schön sind, und stark war die Hand, die den Bruder Björn Farmand erschlagen hatte. Schwarz standen die buschigen Brauen über den Augen, die in kalter Neugier Half abschätzten, seine Stärke, seinen Stolz, den Trotz, der von ihm zu erwarten war. Aber Half war so im Ebenmaß gebaut, daß man ihm nicht die Kraft vom Oberarm ablas wie andern Männern. Und es war keinerlei Ähnlichkeit zwischen dem bleichen Landgänger von Hlade, der Atlis Tod gefordert hatte, und diesem Helden in goldener Brünne, so daß Eirik ihn nicht erkannte. Der König lächelte. Das Lächeln ging wie ein Streif bleicher Märzsonne über den Mund, aber die Augen lagen in winterlichem Schatten. Dann schweifte der Blick ab, als kenne er Half genug, und der Opferstein war es, daran er nun hing. Mutter Thorodd warf in Hast ihr Schultertuch darüber, aber Eirik hatte wohl das Blut, das in der Mulde stand, gesehen, das Beil und das Messer, und Eyvind schämte sich für seine Mutter. Eirik Blödöx richtete sich auf dem Rosse auf und sprach, den Blick fest auf Half gerichtet, mit einer Stimme, die wie Frostwind schnitt: »Zum ersten ist es große Freude deinem König, Half Hjörleifsohn, den sie »das Weib« nennen, dich bei deiner Heimkehr zu begrüßen. Gestern Abend war's, daß du einen Boten an mich sandtest. Du siehst, ich komme mit Eile herbei, dich zu ehren! Zum zweiten freut es deinen König, daß du sogleich den getreuesten Bekehrten des Landes dich anschlossest. Denn wo Kormak zugegen ist und Thorgeyr, Guthorm, Svart und die andern sechzehn Eidhelfer, die ich hier sehe, da mag man geruhig seines Schwurfingers erstes Glied dafür verwetten, daß es nach echtem, beeidetem, christlichem Brauche zugehe! Zum dritten freut es deinen König, daß du von deiner Wiking soviel des Goldes heimbrachtest, wie berichtet wird, daß es dein Schiff zum Übermaß erfülle. Und da ich dich nun als all dieser guten Christen Gesellen sehe, so lese ich auch in deinem Herzen den Wunsch, die Taufe zu empfangen wie jene und ein goldenes Kreuz zu errichten an Stelle dessen, das gestern versehentlich zu Schaden kam.« Da lachte Half laut auf und gab stolze Widerrede: »Zum Ersten, Eirik Haraldssohn, den sie Blutaxt nennen, bist du nicht mein König, noch irgend eines Mannes oder eines Knechtes oder eines Lavablocks und Heidekrautbüschels zu Eisland! Zum Zweiten nenne ich dich einen Neiding und Landfriedenbrecher, der du freien Männern Knechtseide abpressest zwischen Tod und Leben. Zum Dritten, Eirik Blutaxt, war es Gyridh, die Metze, die zu Lundres meine Schätze sah! Niemals aber wird dies Gold, das sie schaute und dir verriet, deinem weißen Gotte geschätzt werden, und ich wollte, du selber lägest dort, wo es bewahrt ist! Will dir aber nicht gefallen, was ich rede, so soll mein Schwert dem deinen besser Rede stehen!« Half wußte, daß Glum einer Frist bedurfte, um Mutter Thorodd und die Mägde in Sicherheit zu bringen; dies war, warum er so lange redete. Es kam nun aber die böseste Stunde für Eyvind, da er dem Vater gehorchen und mit den Weibern und dem kostbarsten Hausrat zu Kormak des Lahmen Hof flüchten mußte, statt im Männerkampf zu stehen. Als Half nun Jökulsnaut hob, schwang auch Eirik seine Axt, doch fiel Gunhilt ihm in den Arm. »Gedenke der Iren!« sagte die Königin. »Wahrlich!« sprach der König, »sei der Himmel davor, daß ich ein getauftes Haupt in Gefahr brächte. Es ward mir Kunde, daß sieben gute Christen mit dir zu Lundres weilten, fromme Iren, die du verlocktest! Nicht wider sie soll Feindschaft sich erheben, ich will sie sicher entlassen nach Eireann!« Da wandte Half sich rasch und froh: »Diese sind es!« Und er deutete mit Freuden nach Sighvat und den Seinen. Sighvat aber stürzte vor, fauchend und wütig wie ein Luchs. Das Hemde stand ihm offen auf der Brust, und Half sah, daß das Kreuz von Bein fehlte. Der Ire zischte den König an, ohne nach Half zu sehen: »Lüge ist dies! Wir glauben an Asa-Thorr und haben heute Nacht Roßfleisch gegessen und Roßblut getrunken wie alle andern!« Und da er so sprach, nickte Spes grinsend und die fünf andern Iren nickten mit. Schrie Half und verhielt Sighvat den roten Mund: »Glaub ihm nicht, Herr König! Solange er mit mir fuhr, hab' ichs nie anders gesehen, als daß er treu zum Kreuze gehalten!« Da rief Sighvat zornig: »So will ich Dir weisen, zu wem ich nun halte!« Und er warf seinen Frankenspeer nach Eirik und traf ihn an der linken Schulter. Gunhilts Schrei erscholl. Das Blut sprudelte hervor und rann Eirik über den Schildarm. Doch war es nur eine Fleischwunde, die er erlitt. Half sah Sighvat mit leuchtendem Blick ins Antlitz. Aber es war nicht an der Zeit, Freundeswort zu tauschen. Denn schon waren die Königsmannen von den Rossen gesprungen, und der Kampf begann.   Die »grosse Brenna« Am Morgen war Gnupr ein stolzer Hof gewesen, mit ragender Halle, mit Brauhaus und Gesindehaus, mit Kuhställen und Pferdeställen, mit Kellern voll Skyr und Met und Kammern voller Fleisch und Rauchlachs, die nicht leer geworden waren, als zweihundert gute Männer tafelten! – – Da der Abend anbrach, war da nur mehr ein Schutthaufen zu sehen und ein Leichenfeld, denn die große Brenna war über Gnupr hinweggegangen. Von dreihundert und fünfzig Mannen, die Eirik nach Gnupr gefolgt waren, lagen nun mehr denn die Hälfte im Hof. Still ruhten die Kreuzmannen, aber es kam kein Wundertäter Christ, sie aufzuwecken. Doch auch derer, die in dieser einzigen Nacht Glums Lied gelauscht hatten, waren nun viele, deren Ohren jedem andern Laut verschlossen blieben als dem Zuruf der Einheriar, die zu Walhall die neuen Genossen grüßten. Der Eisländer Leichen lagen in Haufen weithin am Dornbuschzaun. In der Halle aber, die nun als Schutthaufen glomm, hatten sie sich endlich so furchtbar verteidigt, daß Eirik keine andere Hilfe mehr wußte denn die »große Brenna«. Und sicherlich hätten alle ruhmlos auf Gnupr ihr Ende erlebt, in dem Half die Flammen singen hörte, wie sie um Sigrdryfa einst zu Engihlid sangen. Als aber der Schein von Gnuprs Brande weithin den Abendhimmel färbte, da kamen endlich die Männer von der Rabenkluft geritten, vom Mückensee und von Ljösavatn, die den weitesten Weg hatten, und es waren ihrer wohl weit über hundert gute Kämpfer und Knechte. Sie ritten auf Gnupr ein, so schnell ihre schweren, nordländischen Rosse tragen konnten, und warfen sich frischen Mutes in die Schlacht. Es blieben aber jene im Flammenhaus nicht müßig dabei, und Eirik ward Schritt um Schritt zurückgeschlagen, und Leichenhügel waren die Merksteine am Wege seiner Flucht, weit über den zerstampften Dornbuschzaun hinaus, über Gnuprheide hin. Die Retter aber räumten in Hast die Balken und Steine zur Seite, mit denen nach der »großen Brenna« Brauch Eirik die Tore von außen verrammelt hatte, Ausfall und Flucht zu hindern, und sie holten die Helden aus Rauch und Lohe hervor. Glum hatte die Eingeschlossenen gelehrt, Linnentücher vor den Mund zu binden und das Innere ihrer Pelze nach außen zu kehren. So hatten sie Flammen und Feinden getrotzt, die Kreuzmannen zu immer neuem Ansturm verlockend in das Bereich ihrer Pfeile und Speere. Nun lagen sie auf dem blutigen Grund nach Luft schnappend, wie gefangene Fische, und die Retter traten die Flamme aus in ihren Gewändern und brachten ihnen Wasser, die Zunge zu letzen und ihre Gesichter zu waschen, denn sie waren alle schwarz vom Rauch und Ruß wie Muhmad Alis Helmannen. Kaum aber hatte Half einen Atemzug frischer Luft getan, als er auf die Füße sprang. »Zu Schiff, zu Schiff!« Rief Hliot zornig und schnitt mit dem Schwert seines Bartes versengte Enden ab: »Rast Half oder was kommt ihm bei, daß er unsre toten Knochen zum Odhinsstrand hetzen will?« Sprach Glum: »Wahr spricht Half, und sicherlich gelüstet es Eirik nach unsern Schätzen, die lang schon Rans Töchtern lieb sind. Wir müssen an Bord, ehe er das Schiff nimmt!« »Nein!«, sprach Half, »Schiffbrand für Hofbrand. Wir müssen an Bord, um nach Rauchbucht zu fahren und die Flammen in Eiriks Langschiffe zu werfen! Unser Gefangener auf Eisland ist er dann, und dies ist gute Brenna!« Da jubelten sie alle, nur die von Rauchbucht zögerten. Sie hatten Eiriks Hand stets am härtesten verspürt und fürchteten, daß bei dem Kampf um die Königsschiffe auch auf ihren Gehöften die »Brenna« einkehren könne, die auf Gnupr böser Gast gewesen. Sie sagten: es sei ihnen unmöglich, weiter mit Half zu gehen. Sie wären gerne seinem Ruf gefolgt und hätten gegen Eirik gefochten wie alle, nun aber dünke es sie besser, heim zu gehen und Frieden zu halten. Es sei nun Fischzeit, und des Meeres Silber sei der einzige Schatz derer, die nicht gleich andern auf Wiking führen! Sprach Önund von Orliggstadir: »Besser dünkt's mich, Eirik zu fangen als den Herbstfisch! Nicht umsonst will ich von Orliggstadir geritten sein bis nach Gnupr. Jetzt erst beginnt der Spaß! Und um euch gehts wie um uns alle!« Da schwiegen, die widerredet hatten, und Half begann im Dunkel, die Kämpfer beim Namen aufzurufen, aber seltene Antwort bekam er. Denn von zweihundert guten Männern, die gestern Met auf Gnupr tranken, hatte die »große Brenna« nur siebenundachtzig übrig gelassen. Als man beim Schein von Fackeln, die an Gnuprs Brand entzündet waren, die Rosse saufen ließ vor dem neuen Ritt, da trat Half eilig zu Sighvat und sprach: »Du reitest sogleich zu Kormaks des Lahmen Hof und bringst Thorodd diesen Ring. Grüß sie und melde, sie möge uns Männern Mundvorrat richten. Aber es ist nicht gesagt, daß du deine Mähre zu Tod hetzen mögest!« Sprach Sighvat mit blassen Wangen: »Half! Hab ich dir was zu Unrecht getan, daß du mich jetzt noch von dir sendest?« Lachte Half: »Töricht redest du. Sollen wir morgen Abend Hungers sterben, wenn die Schlacht uns leben ließ?« Aber Sighvat sah ihm starr ins Gesicht und schüttelte nur die Locken. Sprach Half langsam: »So will ich dir sagen, daß ich dich habe sparen wollen, der du mir ein Sohn warst, ob auch unalt meine Jahre sind. Denn ich bin so gut wie ein toter Mann, da ich in der letzten Nacht dreimal den Walstatträuber mein Ende einheulen hörte.« Sagte Sighvat, und es zuckte um seinen Mund: »Half! Half! Wähnst du, ich hätte mich für totgefeit gehalten damals, da ich zu Eireann dir folgte?« Half wandte sich ab und schwang sich auf einen mächtigen Braunen und sprach nichts andres als: »So gib mir deinen Schild!« Da tat Sighvat einen Schrei, der halb Jauchzen, halb Schluchzen war, reichte Half seinen Schild aufs Roß und hing sich mit der nun freien Linken an des Braunen Mähne. Und so wie er begannen die andern Läufer den langen leichten Trab, neben dem schweren Tritt der nordländischen Rosse.   Wie die Männer über Gnuprheide ritten Sie führten Brände mit sich, denn die Nacht war wolkig und ohne Sterne. Als sie eine Weile geritten waren, rief Vermund vom Ljösavatn Half an: »Hörst du nicht die Rosse, die hinter uns daherkommen?« Da horchten alle. Aber sie konnten nichts vernehmen als das Heiderauschen. Sie ritten weiter. Die Fackeln brannten trübe im Wind, hier und dort waren sie am Verlöschen. Die Nacht war kalt, die Pferde schnaubten, keiner der Männer sprach ein Wort. Diesmal war es Önund, der fragte: »Half! Hörst du nicht, wie Schwerter hinter uns klirren?« Nun schien es ihnen allen, als seien Reiter hinter ihnen, immer in gleicher Schnelligkeit reitend wie sie selbst, anhaltend, wenn sie hielten. Half ritt mit zehn Männern zurück. Man sah ihre Leuchten sich senken und heben, man hörte ihre Rufe in der Nacht, die vom Rascheln des Heidekrauts erfüllt war wie vom Gezischel heimtückischer Stimmen. Keine Antwort, und es zeigte sich nichts. »Es werden doch nicht die Helgeister sein, jener Männer Gespenster, die in der Schlacht von rückwärts erschlagen wurden?« fragte Ofeig weinerlich. Und einer wußte ärgere Geschichten als der andre. »Wahrlich, nun höre auch ich Hufe klappern!« sagte Glum jäh. Man vernahm das schwere, gepreßte Atmen der Männer. Keine Leuchte brannte mehr. Da sprach Önund und lachte ärgerlich: »Wie sollt ihr Männer nicht Hufgeklapper hören, wenn Ofeig, der Neiding, der hinter mir ritt, sich heimlich weggestohlen hat mit seinen Knechten.« Da erhoben sich Schelten und großes Gelächter, und die Männer kamen glücklich zum Odhinsstrand. Half ließ sie Holz und Späne zusammentragen, die überall zu finden waren, wo Fuchs, der Schiffbauer, den Sommer hindurch gezimmert hatte. Sie machten ein großes Feuer an. Es tat gut in der kalten Herbstnacht, und sie drängten sich um die helle Flamme. Da schrie einer auf und tat einen wilden Sprung, als wolle er tanzen. Dann drehte er sich um sich selbst und fiel über dem langen Pfeil zusammen, der ihm in der Brust stak. Ein andrer bückte sich, ihm zu helfen, da traf es auch ihn, noch zwei, noch vier. Wie Regen kamen die Pfeile aus dem Dunkel. »Fort vom Feuer! Her zu mir! Zieht!« schrie Half. Und nun war das Rätsel gelöst, von verfolgenden Hufen und klirrenden Schwertern, da Eiriks Mannen von allen Seiten auf sie einstürmten.   Die Schlacht am Odhinsstrand Da war es den Männern, als sei der schwebenden Helgeister Begegnung minder fürchterlich, als dies Treffen mit Männern, die auf ihren Helmen das Kreuz und den Tod in ihren Händen führten. Wie am Tage von Ragnarökr war dies, wo von Nord und Süd, von Ost und West und helaufwärts her die Feinde gegen die Götter heranziehen. Der Eiriksmannen waren unzählige, und sie sangen: »Dich, Christus, loben wir!«, während sie mordeten. Die Eislandsmannen aber kämpften lautlos und unerbittlich, wie der kämpft, der nur noch an seines Schwertes Ehre und an der Skalden Nachruhm denkt. Stunde um Stunde währte der Kampf, und endlich ward es so hell, daß die Männer des Feindes Züge unterscheiden konnten, den sie an der Gurgel gefaßt hielten, und den Blutbrunnen aus der Brust sprudeln sahen, in die sie ihr Schwert stießen. Solange der Kampf währte, hatte Half nichts ersehnt als dies: Eirik im Gewühl zu begegnen. Aber der König hütete sich wohl, dahin sich zu begeben, wo seiner Mannen Todesröcheln am lautesten scholl, dahin, wo der Kampf am wildesten tobte, dahin, wo Half das Weib wider ihn rang. Es waren der Eiriksmannen so viele, daß es schien, als stünden die schon Erschlagenen nochmals zum Leben auf, um von neuem Half zu bekriegen. Der sah um sich und sah, wie gute Wahl die Idisen unter seiner Schar gehalten hatten. Denn tot lag Svart und Guthorm und Uxi, der Ire, und der Helden mehr, deren Namen nicht genannt werden. Da scharte er seine eigenen Recken um sich, die wenigen, die noch lebten. Er befahl den andern, sich auf »Meerschwan« zu retten, während er ihnen den Rücken decke, denn nun läge all ihr Heil auf dem Schiff. Eirik aber hetzte seine Mannen wider Half, der, treuer als Heimdali die Bifrostbrücke, nun die Schiffsbrücke schützte, auf die die Eisländer sich in guter Ordnung und fechtend zurückzogen. – Und Eirik schrie: wer ihm Half lebendig brächte, den mache er zum Jarl von Rogaland, sei es ein freier Mann, und zum Freien, wenn er ein Knecht wäre. Da entstand ein Wettlauf derer, die die Jarlschaft sich verdienen wollten, und wie Wettersturz flogen die Speere. Sie starrten rings um Halfs runden Schild wie die Strahlen einer goldenen Sonne, daß er ihn lassen mußte. Da löste Hliot Einarmbein den Riemen, mit dem sein Schild am Armstumpf festgebunden war. Den Schild bot er Half mit der rechten Hand, sogleich aber schwankte er und fiel, denn ein Speer hatte ihm die Kehle durchbohrt. Der Schwerter Sang war so laut in der Luft, daß Half des Freundes Sterbewort nicht hörte. Und er hörte auch nicht den Todesschrei aus dem verzerrten Munde dessen, den er erschlug, wie jener ihm Hliot erschlagen hatte, so wild waren der erzerne Lärm der Schlacht und der Gesang jener Männer, die der Blutrausch überkommen hatte. Glum hob Hliot empor und trug die Leiche seines Sohnes im Arm, die schwerste Last, die ein Mann zu tragen vermag. Die Flut stieg, und Glum watete durchs Wasser hin, das ihm bis zum Gürtel reichte. Wie Klippen ragten Tote aus den Wellen empor, und die Speere sausten über seinem weißen Haupt, da er die Leiche auf das männererfüllte Schiff rettete, das der Halfsmannen einzige Heimat war. Half hielt die Bedränger ab, bis Glum als der Letzte »Meerschwan« erreicht hatte. Es stand ein Blinken in der Luft über Halfs Haupt, und das war der rastlose Schwung seines Schwertes, das mit jedem Schlag die Todespforte für einen neuen Ankömmling auftat. Und da die Hände sich schon nach ihm reckten, ihn zu fangen, da schüttelte er sie von sich ab, rannte an und schwang sich mit einem weiten Satz auf die Brücke hin, hell auflachend, weil er ihnen entkommen war. Sighvat befahl, die Ruder zu regen, aber mit Stöhnen und Krachen verharrte das übervolle Schiff. Half sah um sich und gewahrte das rote Rinnsal, das auf den Schiffsplanken stand, er sah Speer um Speer sein Ziel finden, sah, wie Mann nach Mann zu Boden sank. Vergebens keuchten die Vielen auf den Bänken und legten sich ins Ruder, daß die Ruderpinnen zersprangen. Es stand das Schiff, auf das Hel ihre dunkle Hand gelegt hatte. Da rief König Eirik nach Aslaug, und Aslaug Bogenspanner trat vor, der beste Schütze von Norwegr, der nur sechsmal in einer Schlacht schoß und niemals fehlte. Er schoß zum erstenmal, da stürzte Odd der Schöne über Bord, als er gerade den Speer gegen Eirik erhob, der ins Wasser ging. Er schoß zum zweitenmal, da schrie Thorgeyr Stirnbrand seinen letzten Schrei, der den Ankerstein auf Eiriks Haupt schleudern wollte, als er just schwimmend im Wasser emporkam. Er schoß zum dritten und vierten Mal, da starben Gurmun und Bleisach, die Irenchristen, die die Schiffsbrücke herabwerfen wollten, auf die Eirik sich emporhob. Er schoß zum fünften Mal, da öffneten sich Glums Lippen zum Todesschrei, auf die die Götter des Liedes Honig gelegt hatten. Da vergaß Half einen Augenblick alles ringsumher. Er beugte sich über den, den er geliebt hatte und der ihm nun den Weg des Schattens voranging. Da legte Aslaug den letzten Pfeil auf die Senne. Er fuhr Half tief in die rechte Seite, dort, wo das Riemenwerk beide Panzerhälften verbindet. Des Schusses Wucht war so stark, daß Half ins Knie brach. Es entstand Geheul unter den Eiriksmannen, die ihrem König in die Flut gefolgt waren. Die Lust, dieses Helden Obsieger zu sein, war so groß, daß alle nur des Kampfes gedachten und nicht der verlorenen Jarlschaft. Der König aber hatte sich auf die Brücke emporgezogen und rannte sie nun hinan, triefend naß und heiser von den Rufen der Schlacht, daß seine Stimme umschlug, da er keuchte: »Speere weg! Ich muß ihn lebendig haben!« Da schrie einer, und das war Sighvat, der mit gespreizten Beinen über Half stand, ihn mit seinem Langschilde deckend: »Dawider sind zweie noch, Herr König! Ich und mein Schwert!« Im gleichen Augenblick war es Spes gelungen, der Schiffsbrücke letzten Haken zu lösen. Sie fiel mit großem Lärm ins Meer mit all den Kreuzmannen, die Eirik nachgestürmt waren, daß im blutigen Wogenschaum Balken, Planken, Beine und Arme durcheinanderwirbelten. Keiner aber kann sagen, daß Eirik da kleinen Mut bewiesen hätte. Denn er stand allein unter den Feinden, die Streitaxt in der Rechten, und rief: »Noch einmal, ihr Männer, frage ich euch, ob einer unter euch sei, der bereut und die Taufe zu nehmen gewillt ist? Und ist dem so, dann schwöre ich laut, daß ich diesen Mann halten will wie meinen eigenen Bruder!« Da hob Half sich über Sighvats Schild empor und lachte bitter: »Wahr gesprochen ist dies, Eirik Blutaxt, daß du ihn halten würdest wie deinen Bruder Björn Farmand, den du zu Säeheim erschlagen hast!« Sighvat bedeutete ihn aber heftig zu schweigen und sprach fromm: »Ich, Herr König, bin der einzige Heide hier, den es nach der Taufe gelüstet. Wollt ihr mir schwören, von Eisland zu lassen und Halfs Leben zu schonen, so gelob ich gern, daß ich Roßfleisch verabscheuen will mein ganzes Leben!« Sprach Eirik finster: »Treibst du dein Spiel mit mir, Judaschrist?« Und er hob die Axt und hieb Sighvat unversehens vor die Stirne. Da erlosch das listige Lachen in des Knaben Gesicht, es verzerrte sich. Taumelnd warf er die Arme empor und lallte bange: »Mein Herr Jesus, führ mich ein in dein Reich!« Er fiel rasselnd über die andern Toten. Half sah den sterben, der um seinetwillen verleugnet hatte, was einem Manne wert ist im Leben: Heimat und Himmel. Er raffte sich auf und riß sich den langen Pfeil aus dem Fleisch, daß das Blut wie ein Springquell hervorschoß. Den Helm hatte er im Sturz verloren, und das lange Haar hing, ihm in die Augen, daß er furchtbar schien, wie Tyr am Tage des Weltenendes. Er fing Eiriks Hand im Axtschwung ab und preßte sie so sehr, daß der König das Beil fallen lassen mußte. – Half umschlang Eirik mit furchtbarer Gewalt, hielt ihn hoch in die Luft und zeigte ihn so den Kreuzmannen, die in Haufen an den Schiffswänden emporklommen, ihren Herrn zu retten. Schrie Half: »Sehet her! Jetzt endet Eirik Landräuber! Jetzt stirbt Eirik Brudermörder! Grüßet Håkon Quärnebider, Norges neuen König!« Und er schmetterte Eirik zu Boden, daß er dalag, platt wie eine tote Ratte. – Es war aber eine Lähmung über die Eiriksmannen gekommen wie Runenzauber. Die die Speere erhoben hatten, warfen nicht. Denen, die den Bogen spannten, erschlafften Hand und Senne. Aber auch die Männer, die auf dem Totenschiff noch atmeten, regten sich nicht. Sie hatten Langruder, Ruderbänke, Wassertonnen und Deckplanken auf die Heranschwimmenden geschleudert. Sie sahen den Tod um sich her in tausendfacher Gestalt und wußten, daß der ärgste gespart sei dem, der am längsten lebe. Jetzt aber kam große Freudigkeit über sie, da sie sahen, wie Half das Schwert hob, ein Ende zu machen. – Mit Sausen fuhr Jökulsnaut herab auf Eiriks Haupt. Da aber das Schwertblatt auf den Kreuzhelm traf, da schrie das Erz auf mit schrillem Laut, und die Klinge brach glatt in zwei gleiche Stücke. Es war aber, als breche zugleich mit dem Schwert der Bann, der über den Feinden gelegen hatte, und sie warfen sich mit Heulen über Half. Er griff in den Gürtel. Aber es war Eyvind, an den er Gyridhs Messer gegeben hatte. Einen Blick nur warf er nach oben, und keiner weiß, ob er nicht in dieser Stunde den Schutz ersehnt hat, den sein Stolz einst verwirkte. Aber kein Schwert ward in den Wolken über ihm gezückt, keine Kraft der seinen zugelegt, und Half, der Götterbekriegende, begann waffenlos, seinen letzten Kampf zu kämpfen.   Was Flit sah, mit allen seinen Augen Es war keiner unter den Männern, welche Hand an ihn legten, der nicht großen Schaden davontrug, und Aslaug Bogenspanner gewann wenig Freude von seiner neuen Jarlschaft, als Halfs Faust ihm die Kinnlade zerschmetterte. Sie aber wagten nicht, ihn ernstlich zu verletzen wider des Königs Willen. Endlich erlahmte Half, der von Wunden bedeckt war, und er erlag der Übermacht, daß sie ihn mit großer Not bewältigen konnten. Als er am Boden lag, da lachte König Eirik sein heiseres Lachen, und Bischof Olaus nannte des Heidenschwertes Abwehr von Eiriks Haupt Christi schönstes Wunder. Der König nickte heftig dazu und bekreuzte sich mit zitternden Händen. Es waren aber auch sieben Männer gebunden worden, die am Schiffe noch lebten; und dies war Spes, ein unfreier Ire und vier Knechte, die Engihlid noch gekannt hatten. Der siebente war ein freier Mann, Kormak des Lahmen jüngster Sohn Flit, der siebzehn Winter zählte. Da trat Eirik zu ihm, und seine Brauen standen wie ein schwarzer Strich über dem bösen Blick, da er sprach: »Sieh zu, mit allen deinen Augen!« Flit sah, wie Eirik von einem der Knechte zum andern ging, und jedesmal deutete er mit dem Finger auf den Mann und senkte ihn rasch abwärts. So tat er bei allen sechs Knechten, und hinter ihm schritt ein Schwertträger, der schlug jedem das Haupt ab, sowie der König auf ihn gedeutet hatte. Da kam Angst über Spes, der zuletzt in der Reihe stand, daß sein riesiger Leib sich krümmte und er schrie: »Getauft! Getauft!« und zog groß das Kreuz mit seinen gebundenen Händen. Sagte Eirik: »Gnade mir Gott, daß ich deine Seele schuldig ließe in die Hölle fahren! Euer, Herr Bischof, ist dieser Mann!« Und das Schwert hieb erst zu, als Olaus Spes gesegnet hatte. Nun meinte Flit, die Reihe sei an ihm, aber Eirik ging vorüber, ohne seiner zu achten, und gab dem Bischof geheimen Wink! Da kam Olaus zu Half und hielt ihm ein kleines Kreuz vors Antlitz. »O Mann, den schon des Todes Fittich beschattet!« hub er an, und es fehlten ihm beim Sprechen die Zähne, und er war alt geworden, alt und müde. »Zum letzten Mal frage ich dich, ob du willig bist, die heilige Taufe von meiner Hand zu empfangen? Und ich bitte dich, besinne dich wohl, ehe du redest!« Da tat Half die Augen auf, die er geschlossen gehalten hatte. »Süßer Ohrenschmaus wäre dir mein »Ja«, du Priester eines schlechten Gottes und noch schlechteren Königs, denn wohl wisset ihr, daß Eisland euer ist, wenn Halfs Hand das Kreuz aufrichtet, das sie gestürzt hat.« Sprach Olaus dawider: »Verharre nicht länger in solchem Trotz, Half Seekönig! In Blutströmen ertrank dein eitler Ruhm, und gallbitterer Fluch wird dein Name auf den Lippen der Witwen und Waisen sein! Glaube du einem alten Mann, der dir sagt, daß nicht das Schwert die höchste Krone erwirbt, sondern nur Demut und Entsagung!« Da wies Half mit dem Kopf nach Eirik hin und lachte: »Fehl am Ort ist deine Predigt bei mir, Herr Bischof, diesem hier hättest du sie halten müssen!« Sprach Olaus, und fast lag Bitten darin: »Half, es ist deine Strafe bereitet! Siehst du nicht, daß deine einzige Rettung in Jesus liegt, unserm Herrn!?« Da lachte Half schallend und stolz zu dieser Rede: »Wie sollte dein Jesus mich retten, dieser Knechtsgott und Jammergott, der sich selbst vom Kreuze nicht helfen konnte, daran er starb mit Seufzen und Wehklagen!« Da sprang Eirik bleich vor Grimm vor und schüttelte die geballten Fäuste: »Habt ihr den Langmut, dies zu hören, Herr Bischof? Wir wollen ihn schweigen machen, diesen Mund, der das Lamm am Marterholz begeifert! Wir wollen dein Seufzen und dein Wehklagen hören, Half, denn du sollst ihn sterben, den Kreuzestod des Herrn!« Da wich Bischof Olaus drei Schritte zurück vor Eirik, der wie ein von Krämpfen Befallener zitterte, und hob beschwörend die Hand. »Tuet dies nicht, Herr König! Tuet nur dieses nicht! Zu gut ist des Heilands Tod für heidnische Sünder!« Und er faßte Eirik am Mantel und rief: »Lasset ab! Lasset ab! Oder es wird großes Ungemach entstehn!« Eirik aber war wie einer, der im Fieber wandelt und nicht hören noch sehen kann. Er befahl, Nägel herbeizubringen und »Meerschwans« große Raae zu kappen. Seine Mannen zögerten und wechselten Blicke, aber sie taten, was der König befahl, da er das Beil erhob und ihnen drohte, stammelnd und schäumend, als hätte er die fallende Sucht. Als man ihm die Nägel brachte, die man aus den aufgerissenen Schiffplanken gezogen hatte, hielt Eirik sie Flit auf der flachen Hand vors Gesicht und schrie: »Sieh zu, mit allen deinen Augen!«, und Flit sah, mit Zittern und Beben, wie sie die Raae quer über den Mastbaum nagelten zu einem riesigen Kreuz. Und sie rissen Half Panzer und Gewand vom Leibe, daß er nackend war. Bischof Olaus aber hob das Antlitz zum Himmel und rief: »Herr, du mein Gott, ich wasche meine Hände rein von diesem Blut!« Und noch einmal flehte er Eirik an, davon zu lassen. Schrie Eirik: »Seid ihr Norges gekrönter König oder bin ich es, Herr Bischof?« »Noch seid ihr es, Herr!« gab Olaus langsam zurück. Eirik winkte und man zog Half an Seilen auf. Da schlug Flit, der siebzehn Jahre alt war, die Hände vors Gesicht. Er hörte dumpfe Hammerschläge und zitterte vor dem Schrei, der nun kommen mußte. Es kam kein Schrei. König Eirik riß Flit die Hände vom Gesicht: »Sieh zu, mit allen deinen Augen!« sagte er zum drittenmal, und sein Blick funkelte wie der eines Irren. Da sah Flit, wie sie Half, der an beiden Händen hing, den dritten Nagel durch die Füße trieben. Es war Half weiß wie ein Linnen, und es rann Blut von seiner zerbissenen Unterlippe, aber es war kein anderer Laut zu hören als der letzte Schlag des Hammers. Da lachte Eirik, hob die Hände empor und rief: »Sieh, Herr Jesus, ich bin es, der dich gerächt hat!« Olaus aber flüsterte: »Mein ist die Rache, spricht der Herr!« und er verließ gebeugten Hauptes das Schreckensschiff. Fragte Eirik: »Und du Knabe, wer bist du, der du als einziger noch lebst von mehr denn dreihundert Kämpfern, die wider meine Macht das Schwert hoben?« Stammelte der Knabe: »Ich bin Flit, der Sohn Kormaks von Skliodstadir!« Sprach Eirik: »Nun, Flit, Kormaks Sohn, hast du mit eigenen Augen gesehen, was denen widerfährt, die gegen mich aufstehn und meinen Herrn Jesus Christus!« Er winkte, und die Kreuzmannen führten Flit ans Land, und sie blendeten ihn, damit nichts mehr diese Bilder aus seinem Gedächtnis löschen könne, und lachten, da er hilflos über die Heide kroch, – er, der so viel gesehen hatte. –   Wie Half zum ganzen Volk sprach Es verbreitete sich wie Heidebrand das Gerücht, daß eine große Schlacht am Odhinsstrande geschlagen sei. Ein Schafhirt trieb seine Herde aus, da fand er Flit, als er zur Stelle kam, die sein Hund eifrig verbellte. Er brachte ihn auf seinen Armen nach Skliodstadir. Als man Flit, den blinden Königsboten, gehört hatte, da erhoben sich großer Jammer und wildes Hasten nach dem Odhinsstrand. Dort war das Leichenfeld abgesperrt von Eiriks Mannen, und Weißröcke gingen von Toten zu Toten, Christen und Heiden zu sondern. Denn es ward den einen ein riesiges Grab geschaufelt, die andern aber ließ Eirik den Geiern und Raben. Die aber atemlos herankamen und über die Reiterwachen hin nach dem Strande ausspähten, die sahen nicht Vater und Bruder im Blute liegen, sie sahen nicht Eirik Blutaxt auf schwarzem Roß, sie sahen nur das Schiff draußen in der bleichen Herbstsonne, mit dem weiberweißen Leib, der am Kreuze hing. Da sie Eislands herrlichsten Mann so hängen sahen, kamen Schaudern über sie und abgrundtiefe Verzweiflung. König Eirik aber schien es, als habe er seinem Gott nie besser gedient als in dieser Stunde. Denn solange Eirik seine eherne Hand auf Eisland gelegt hielt, hatte dies Volk sich ihm nie anders gezeigt als kindlich und offen in Spiel und Streit und schweigend und stolz in Schmerzen. Nun aber sah er, daß er sie in ihres Herzens Herz getroffen hatte. Es gab Weiber, die ihre Brüste schlugen und die Hände rangen, es gab Greise, die, in ihrem Silberhaar wie Weidenbäume gebeugt, hilflos standen unter ihrem leeren und tauben Himmel, und es gab viele, die jene Toten priesen, die vor ihren eigenen Göttern gestorben seien. Und Eifernde gab es und solche, die die Namen der Götter mit gellenden Flüchen mischten, und solche, die ohne Glauben nicht leben konnten und sich an Olaus Mantel hingen, ihn flehend, sie seinem starken Gotte zu taufen, dem selbst Half erlegen war. Da ritt Eirik strahlenden Gesichts zum Bischof hin und schrie schon von weit: »Wer also hat recht behalten, Herr Bischof?« Olaus der Alte aber sah ihn an und sprach: »Nach Flut kommt Ebbe.« Und fuhr fort, still die Lebenden zu segnen und die Toten. Eirik gab den Wachen ein Zeichen und rief, es möge herbeikommen, wer da wolle. Da öffnete sich die Reiterkette, und an Toten vorbei, über Tote hin, begann Stürmen und Stolpern bis zum Meer. Und wessen Herz sich vielleicht noch an Zweifel geklammert hatte, der sah nun nah, daß es wahrlich Half das Weib war, der da hing, Half Seekönig, des Landes Stolz und Ruhm und Hoffnung. König Eirik aber sprach flammenden Augs: »Keiner wird sich nunmehr erdreisten, zu leugnen, daß Christi Macht größer ist als die der alten Götzen. Sein Kreuz hat Jesus als Zeichen vor euch aufgerichtet, und er wird mir zur Seite stehen, daß ich, Eirik, den Heiden Eislands allzeit ein grimmer Rächer sei und den Christen Eislands ein guter, gerechter König!« Da tat der Mann, der droben am Kreuze hing, die Augen auf. Er schüttelte das blutverpichte Haar zurück, und seine Stimme war nicht minder laut als im Erzgetöse der Schlacht. »Eirik Blutaxt, der du über meinen Tod frohlockst, ich sage dir, daß hinter dir mein Rächer steht, der an dir die Blutschuld rächen wird, noch ehe du es ahnst!« Da zuckte Eirik und wandte sich, scheu, fast wider seinen Willen. Als er aber hinter seinem Roß nur Eyvind den Knaben stehen sah, der kaum sechzehn Jahre zählte, da lachte er höhnisch auf und wollte Widerreden, doch Halfs Stimme klang klar und voll durch die Totenstille: »Und so wahr es nicht das Kreuz ist, an dem ich Todes sterbe, so wahr ist es, daß du niemals König sein wirst in diesem Land!« Als er dies gesagt hatte, da wölbte Half seine Brust und alle sahen, wie er mit seiner ganzen Heldenstärke an dem rechten Kreuzarm riß und rüttelte. Und so eisern waren seine Sehnen, und so sehr beherrschte er seine Kraft, daß er nicht seine Hand vom Querholz losriß, sondern daß dieses in des rechten Kreuzarms Mitte abbrach. Da ging ein Rauschen durch das Volk wie durch reifes Korn. Und sie schrien wie ein Mann, mit aufgereckten Händen: »Asa-Thorrs Hammer!« Und auch Eirik sah, daß es Thorrs Zeichen war, zu dem Half das Marterholz gewandelt hatte. Freude ohne Grenzen kam über viele. Eirik aber ward bleich vor Entsetzen und schwankte so, daß seine Mannen ihn hinwegführen mußten. Denen, die am Strande verharrten, schien es, als sei Half nun wahrlich tot, denn er hing reglos vornüber und antwortete nicht, so heiß sie auch nach ihm riefen. Eyvind hatte sich durch die Wachen hindurchgedrängt und sah auf die gewaltige Rechte, an der das herabgebrochene Stück der Raae noch am blutigen Nagel hing. Der Linnenflecken mit Halfs Blut brannte auf seinem Herzen, und bei dieser Rechten schwor er, zu erfüllen, was Halfs Weissagung auf ihn geladen hatte. Es wurden aber der Leute, die herankamen, immer mehr, im Maße, als die Kunde sich ausbreitete und die Stunde fortschritt. Keiner rührte sich, keiner ging heim. Wenn die Weiber auch der Kinder gedachten, die wohl Hunger spürten, sie konnten doch nicht Hand noch Fuß rühren, und drängender als die Sohnespflicht der Totenbestattung schien es den Männern, auszuharren und endlich zu wissen, wer der wahre Gott sei. Und als die Sonne niederging, hockten sie noch da und saßen noch, da die Sterne sich entzündeten. Unvergeßlich ist dem, der ihn schaute, der Lebenden gebeugter Schattenriß zwischen dem aufrechten der Wachen und dem hingeworfenen der Erschlagenen. Als aber der Nachtwind mit Klagen durch des Totenschiffes Segel strich, da schrie ein Weib – und es war Mutter Thorodd, die schrie: »Er lebt!« – denn Half hatte groß die Augen aufgetan. Und als er die sah, die an seinen Lippen hingen, da begann er leise zu singen. Er sang sein eigenes Totenlied, die uralte Drapa, die man singt, wenn Wallhalls goldene Tore offen stehen. Das Lied ward lauter, es ward lodernde Lohe, davon Funken in alle Herzen sprangen. Und die Männer fuhren empor, sie schlugen ans Schwert und fielen stehend ein in den Kehrreim, der Odhin für einen Helden um Willkomm bittet, dem Walhalls Tore nicht auf die Fersen schlagen werden, denn viele gehen mit ihm ein, die er gefällt hat! Die Wachen hörten aber mit Staunen den Gesang, der immer weiter schwoll, immer stolzer ward und wilder. Ein Mann sprang ans Feuer, es war einer derer, die am Mittag von Olaus die Taufe erbettelt hatten. Er griff mit den Händen mitten ins Feuer und legte brennenden Torf auf den Scheitel, hielt brennenden Torf sich an sein Gewand! Er rannte wie rasend umher in seiner Pein und schrie: »Feuer trocknet Weihwasser! Feuer trocknet Weihwasser!«, bis er zusammenstürzte. Und zwei Brüder traten vor, jeder in der rechten Hand das Messer. Sie küßten sich vor aller Augen, und im Kuß stieß jeder dem andern sein Messer ins Herz, nach uralt-heiligem Brauch des Tyr-Opfers. Aber da rief Thorodd zum zweitenmal: »Er spricht!« Und sie sahen alle seine bleichen, trockenen Lippen sich regen: »Männer von Eisland! Lasset ihr umsonst mich dieses Todes sterben, so sei mein Blut Brandregen über eurem Haupt und meine Pein sei ewig in eurem Gedächtnis!« Da stand Kormak der Lahme zitternd auf und fragte: »Was befiehlst du, daß wir tun nach deinem Willen?« Da blitzten Halfs Augen herab, und es war eine Lichtbahn zwischen ihnen und Kormaks Blick. »Rächen! – Töten! – Befreien!« Es ging ein Rauschen durch die Männer, da sie die Schwerter aus der Scheide rissen. Und wieder klang die Stimme: »In sieben Tagen sollt ihr eine Schlacht schlagen, aller Godorde Männer von Eisland und den Westmännerinseln. Auf Gnuprheide wird die Schlacht geschlagen, und es darf keinen Knaben geben, keinen Knecht und keinen Greis, der daheim bliebe, da es gilt, Eisland zu retten.« Da ward es hell in der Luft von aufgereckten Schwurhänden. Es schien, als wollten die Männer mit Gewalt das Schiff stürmen und Half befreien. Doch die Wachen setzten die Bogen an, und der Anführer schrie: es werde jeder fallen, der nur einen Schritt noch sich vorwage! Da rief Half: »Spart eure Schwerter nur sieben Tage noch!« Kormak aber sah, daß Ermattung ihn von neuem überkam, er reckte ihm seinen einen Arm entgegen und schrie: »An wen sollen wir glauben, Half? Half! Sage es uns du, an wen wir glauben sollen!« Da hob Half das Haupt, und sein Antlitz war wie von großem Schmerz verzerrt: »Glaubet!« sprach er erstickt. »Glaubet! Denn das Leben ist schwer, und furchtbar der Tod für den, dem der Glaube versagt ist!« Und es ward still wie in einem Grabhügel nach diesen Worten.   Königin Gunhilt Beim ersten Schein der Frühe kamen König Eirik, der Bischof und die Königin hinaus, nach dem toten Mann zu sehen. Aber noch lebte Half, der die Kraft von zwölf Männern besaß. Es war Mutter Thorodd vorgetreten, so weit es die Wachen gestattet hatten. Sie stand auf den Lavablöcken, zwischen denen das Kreuz sich einst erhoben hatte. Der Wind breitete ihren Mantel aus, und sie hielt die Linke über die Augen, da sie unter Tränen hinaufrief: »Half! Half! kennst du mich?« Da tat Half die Augen auf und grüßte sie mit dem Blick. Fragte Thorodd weinend: »Dürstet es dich?« Und Half antwortete klar und laut: »Mich dürstet nicht. Ich bin trunken!« Eirik war mit den Seinen weit hinausgeritten, und Gunhilts wilde Augen hingen an dem Manne. Der Wachen Führer trat an des Königs Rappen heran und meldete das Geschehen dieser Nacht. Eirik aber winkte ab: »Es ist nichts mehr auf Eisland zu fürchten nach dieses Mannes Tod!« Sprach Olaus, der bleich war, als habe er wenig geruht in dieser Nacht: » Ich , Herr König, fürchte diesen Mann im Tode mehr als im Leben!« Eirik aber hörte nicht. Er faßte Gunhilt, die Königin, hart am Handgelenk. »Und was denkst du, daß du ihn immerfort ansiehst?« Sagte Gunhilt und schlug auf ihren gesegneten Leib mit beiden Händen: »Ich denke, daß mein Sohn werden möge wie dieser Mann, Eirik! Und wird er das, so gilt mir gleichviel, ob Christ oder Heide!« Als Eirik dieses Wort gehört hatte, wandte er sich und befahl laut den Wachen, alles Volk hinwegzujagen, und legte Todesbann und »Brenna« auf den, der sich am Strande würde blicken lassen, ehe er dieses Gebot aufhebe! – Da begann großes Flüchten vor Speeren und Pferdehufen, und es blieb niemand zurück als die unbestatteten Toten. König Eirik hielt immer noch hart Gunhilts Hand, als sie hinterdreinritten. –   Wie sie auf Skliodstadir warteten Es war dieser Tag, der nun heranbrach, so milde, als solle der Sommer wiederkehren, und seit der Greise Gedenken war so warme Herbstsonne nie gesehen worden. Auf Skliodstadir, Kormaks des Lahmen Hof, war ein Kommen und Gehen. Es wurden frische Rosse gesattelt und schaumbedeckte im Hofe umhergeführt, und Boten trabten aus dem Tore nach allen Seiten. Aus der Halle waren alle Methörner und Becher verschwunden, und die Weiber hatten die goldenen Armreifen abgetan, die ihrer Männer Morgengabe waren. Immer höher stieg die Sonne, immer noch wuchs die Schwüle an. Kein besseres Wetter hätte man wünschen mögen, das letzte Heu einzufahren. Aber in Feiertagkleidern saßen die Männer umher und schauten in ihre leeren, harten Hände. Manchmal ging einer zur Fensterluke und starrte hinaus. Aber seinen Augen sah man es an, daß er anderes schaute als den Hof und die Hunde, die in der Sonne sich brieten. Es war etwas in der Luft, als rücke die Stunde nicht mehr vorwärts, nun, da alle die Boten fort waren. Die Kinder schrien nicht. Die Alten lagen still in getürmten Betten, und wenn einer das Schweigen nicht länger ertrug und zur Türe trat, um den Nachbar heimzusuchen, da kehrte er doch um, noch ehe er den Türgriff niedergedrückt hatte, setzte sich von neuem und sah in seine leeren, harten Hände hinab. Die Sonne sank, und Dämmerung kroch durch die Fensterluken, aber immer noch war es, als hielte jemand draußen den großen Atem an. Das Dunkel füllte Kormaks Stube, als ströme es langsam ein, und die Menschen saßen gebückt in den Ecken. Just als Eyvind die Stille wie schwarzes Wasser bis in die Kehle stieg und ihm war, als müsse er schreien oder weinen oder singen, nur um einen Laut zu hören, nur um zu wissen, daß nicht er es war, der zollweis an allen Gliedern starb, da erhob sich Mutter Thorodd leis von Flits Lager und schlug Feuer an. Im Augenblick aber, da die blaue Flamme hervorschlug, fuhr ein Sturmstoß ums Haus, mitten in brütender Stille; und des Hauses Tür flog breit auf, daß das Feuer in Thorodds Hand aufloderte und erlosch. Zugleich schütterten alle Waffen, die an den Wänden hingen. Da ließ Thorodd die Steine polternd zu Boden fallen, sie setzte sich und zog schweigend ihr Gewand über ihr Gesicht. Kormak aber stand langsam auf und sagte: »So ist es also an dem, daß Half Seekönig gestorben ist!« Da fuhr Eyvind empor und warf sich durch die offene Tür, – er hörte nicht die Rufe, er rannte über die Heide hin, den jähen, heißen, rasenden Sturm in Gewand und Herzen.   Das Ende Er kam an Gehöften vorbei, und Licht brannte hinter allen Fenstern, als säßen Leute dahinter, die das Dunkel nicht ertragen konnten. Angst überfiel ihn, daß ihn jene verfolgen könnten, die von Eiriks Blutbann sich binden ließen und knechten. Aber die Hunde bellten nicht, es zeigte kein Antlitz sich an den Türen, und Eyvind lief, wie man in Träumen läuft, gehetzt und ohne Ende. Kein Stern stand am zerrissenen Wolkenhimmel, und während Eyvind über die raschelnde Heide rannte, war es ihm, als sei er in Flits ausgeronnene Augen getreten und sie klebten an seinen Schuhen. Als er atemlos keuchend zum Strande kam, waren da keine Wachen mehr, außer zweien Männern, die ein großes Feuer auf dem Kreuzhügel entfacht hatten. Es warf hellen Schein weithin, und Eyvind schlich sich in großem Bogen heran. Wenn ihm schien, als träfen ihn der Wächter Blicke, duckte er sich hinter einen Haufen von Toten und lag reglos wie sie. Sein Mund war angefüllt vom süßlich faulen Blutgeruch und dem Geruch der Leichen, die einen Tag in der heißen Sonne gelegen hatten. Eyvind zitterte von Kopf zu Fuß, und er meinte zu sterben. Aber es brannte Halfs Blut auf seiner bloßen Brust, es verbrannte des Messers Griff seine rechte Hand, die darauf den Racheeid geschworen hatte. So schlich er näher und näher. Der Sturm kam stoßweise her vom Meer, das so schwarzgrün war, wie Eyvind es nie gesehen hatte, und zugleich voll geheimen Glanzes, als brennten tausende von Lichtern unter dem Gewässer. Er aber, Half das Weib, hing schlaff vor vom Kreuze, mit Augen, die gebrochen aus dem Spalt der Lider blickten, mit offenem Mund und blutunterlaufenen Nägeln. Eine schwarze Wolke kreisender Vögel stand über ihm. Sein langes Haar flatterte im Sturm wie eine zerfetzte Fahne. Es sang in den Raaen und in den knatternden Segeln und es schien, als sei es sein weißer Leib, dessen Licht tausendfachen Widerschein in den Wellen wecke. Da aber hatte sich Eyvind ganz nahe herangeschlichen und er hörte durch den Sturm die Wächter, die sich besprachen. Sagte der eine: »Nun ist auch dies vorbei, und wer weiß, ob Gutes nachkommt! Aber sage du mir, Faröer, ob Christus, der Herr, am Kreuz geschrien hat?« Gab der von den Faröerinseln zur Antwort: »Wohl. Er hat zu Gott dem Vater aufgeschrien, sagen die Weißröcke!« Der erste nickte: »Den da droben hat all die Zeit keiner schreien hören! Was man auch sagen mag: Die Heiden, die sterben besser!« Der Sturm blies in das Feuer hinein, daß Funken auf ihre Mäntel sprangen. Sprach der von den Faröerinseln: »Unsinn ist es, hier noch länger auf Wetter zu warten, das im Norden aufgeht.« Da sah der andre scheu hinter sich und raunte: »Das Wetter macht mir nicht bang! Aber siehst du nicht, wie Odhins Vögel um ihn kreisen?« Und als er das gesagt hatte, da strichen die Raben jählings vor dem Sturm landein, das Schwirren ihrer Flügel erfüllte die brausende Luft, und so niedrig flogen sie, daß ihre Schwingen der Männer Helme streiften. Und als die Wachen klirrend auf die Füße sprangen, da füllte dröhnender Donner das Ohr. Sie sahen, wie eine riesige Welle das Schiff hob und es hinauswarf ins Meer. Der Sturm fuhr ins Wachtfeuer und wirbelte Rauch und Flamme in ihren Bart und zerwarf mit seiner herrischen Hand die Torfziegel, daß sie erloschen. Da schleuderten die Wachen ihre Waffen fort und rannten in rasender Flucht den Hügel hinab und ins nächtige Dunkel. Der Donner rollte über das Wasser hin, Blitze flammten, Eyvind fiel zu Boden, und ihm war, als brausten die Räder von Asa-Thorrs Wagen gerade über ihn hinweg. Als aber das Dröhnen verrauschte, raffte Eyvind sich in der großen Einsamkeit auf mit aller seiner Kraft und hob die Arme. – – Er taumelte gegen das Wasser vor und schrie: »Half! Half! hörst du mich, deinen Bluträcher?« Da krachte ein neuer Donnerschlag, daß die Erde bebte und spaltete die schwarze Wand vor seinen Augen. – – Und so wahr ich es bin, der dies schreibt, ich, Eyvind Skaldaspillir, König Håkon des Guten Skalde und Freund, ich, dessen Knabenhand Eirik Blutaxt einst schlug, ich, der ich dies lange Leben leben mußte, um Håkons Totenlied zu singen, – so wahr habe ich Half nach seinem Tode geschaut mit diesen meinen beiden Augen, die nun des Alters trüber Schleier deckt. Und als ich ihn sah, – da glänzte rings die Luft um ihn, heller und milder als von tausend Sternen, und er war wundenlos und schön wie ein Wunder. Er ritt ein großes, wolkengraues Pferd, das hielt frei in der Luft und war doch so, wie ich Freysfaxi immer gekannt hatte. Und er hob spiegelnd sein Schwert, daran die Siegrunen flammten. Da fuhr ein Blitz davon zur Erde, daß ich geblendet aufs Antlitz sank, und mitten in des Donners Gebraus hörte ich schallend Halfs wildes Gelächter. Als ich meine Sinne wiedergewann und das Antlitz zu heben wagte, da brannte weit draußen lichterloh das Schiff, in dessen Mast der Blitz geschlagen hatte. Ich aber sah mit sprühendem Huf ein Roß auf wolkigem Pfad nach Osten jagen, – dorthin, wo die seligen Götter wohnen ... Am siebenten Morgen brach die große Schlacht an, und noch heute heißt Gnuprheide die Zweitageheide, weil dort zwei Tage lang die Männer aller Godorde Eislands und der Westmännerinseln kämpften, ehe Eirik besiegt ward und erschlagen. Und so endet die Geschichte von Half Seekönig, den sie das Weib nannten. Manche aber sagen, daß Half wiedergeboren sei, als Rean der Lachende, und Sigrdryfa als Geira, die Tochter des Königs von Swithiod.   »... Fessellos fährt der Fenriswolf über der Menschen Marken, eh' ein Herrscher kommt, der Håkon gleicht, zum verlassenen Land. Besitz stirbt, Sippen sterben, Leer wird Haus und Hof, seit Håkon ging zu den Heidengöttern, viel Leid kam ins Land.« » Håkonar-Mal « des Eyvind Skaldaspillir.