Benno Rüttenauer Alexander Schmälzle Lehrjahre eines Hinterwinklers   Einmalige Ausgabe für die Deutsche Hausbücherei Hamburg   Dieses Buch ist einzeln nur in der Originalausgabe des Verlages Georg Müller Aktiengesellschaft, München, zu haben / Die Hausbüchereiausgabe wurde gedruckt bei der Hanseatischen Verlagsanstalt A.-G., Hamburg 36 und Wandsbek / Den Einband zeichnete Hans Bombach, Berlin Copyright 1913 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München Erster Teil Hinterwinkel   Erstes Kapitel Der Studierhelfer »Lexel, kommst morgen früh um neun zu mir, kannst auch mitmachen, dein Vater wird's nicht verbieten, wenn's nichts kost'.« So sprach zu mir unser Pfarrer Barthelmeyer des Morgens in der Sakristei, wo ich mich als eine Art Unterküster und Diener bei der heiligen Messe, kurz, als sogenannter Ministrant eingefunden hatte. Der Pfarrer knüpfte sich dabei das weiße Schultertuch um, ein Gewandstück, das ohne die darübergeworfene Alba ein wenig komisch aussieht, wie eine Serviette, die sich einer aus Versehen hintenherum gebunden hat. – »Was hast denn mit der Alba wieder angestellt, Kerl, man meint, du hätt'st sie mit der Heugabel hing'schüttelt.« Also lautete das zweite Wort seiner Hochwürden. Nämlich als Ministrant hatte ich die sazerdotalen Gewänder auf dem heiligen sozusagen Toilettentisch für den Priester handgerecht bereitzulegen, was bei dem äußerst umfangreichen weißlinnenen Kleid, das man die Alba nennt, viel Sorgfalt, ja Kunst erforderte. Denn das Anordnen dieses Gewandes auf dem Ankleidetisch hatte nach ganz besonderen Regeln zu geschehen. »Da mag ja der Teufel 'neinfahren und sich darin verwirren«, polterte seine Hochwürden weiter. Aber der Teufel, wahrscheinlich weil ihm der Ort nicht geheuer dünkte, oder weil weiße Gewänder seinem Geschmack wenig entsprechen, wollte nicht erscheinen und in die Alba fahren. Statt dessen fuhren, trotz allem Fluchen, Seine Hochwürden hinein und ich zeigte mich dabei behilflich, so gut es gehen wollte. Es wollte aber nicht gut gehen, und der hochwürdige Herr, dessen Geduld nun bis auf den Grund ausgeschöpft war, fuhr herum, um mir eine wuchtige Ohrfeige aufzubrummen. Aber während ich durch rasches Bücken geschickt auswich, verfing sich der weite Ärmel der noch ungeordneten Alba in der spitzigen Ecke des Ankleidetisches und riß der Länge nach durch. Da schämte sich der Herr Pfarrer und nahm endlich doch in Gottesnamen seine Zuflucht zur ausgegangenen Geduld. Er warf sich die Stola über, und ich, in demütiger Haltung und froh, der zugedachten Ohrfeige glücklich entronnen zu sein, reichte ihm das Zingulum dar wie der fromme Knecht Fridolin in der Schillerschen Ballade. Mit diesem kunstreich geflochtenen weißbaumwollenen Strick gürtete sich der Priester und band die Stola hübsch kreuzweise über den vorspringenden Vorderteil seines Körpers, indessen ich am Hinterteil die Alba in hohepriesterliche Falten und Fältchen ordnete, wie man es mich gelehrt hatte, wohlbedacht, daß der untere Spitzenrand weder den Boden schleifte, noch auch von den weltlichen Stiefeln oder den schwarzen Röhren der Unaussprechlichen allzuviel sehen ließ. Mit dem Überstülpen des steifgefütterten Meßgewandes aus großblumigem Seidenstoff, durch breite Streifen abgefummelten Goldbrokats verziert, fand die Investitur ihren Abschluß. Über dem Ankleideschrank hing ein Kruzifix. Zu ihm erhob der Priester jetzt Augen und Hände und murmelte das Reinigungsgebet vor dem heiligen Opfer. Indessen bekleidete sich auch der Ministrant in aller Eile mit seinem Amtsornat. Das erste Stück war eine Art Unterrock von himmelblauem Tuch, unten mit roten Litzen verziert, auch nicht ganz sauber, sondern mit Flecken von allerlei Farbe und Gestalt übersät. Ich zog das Ding an, wie man eben einen Weiberrock anzieht, ich heftete ihn mir um die Hüften. Leider reichte er nicht so weit nach unten wie das Meßhemd des Priesters und ließ nicht nur meine kotigen Schuhe, sondern auch die abgeschossenen und ausgefransten Hosenenden fürwitzig hervorschauen. Über dem blauen Unterrock trug auch der Ministrant ein weißes Linnenkleid – wenn es gerade frisch gewaschen war – ein Chorhemdlein, doch ohne Armhüllen, also daß auch hier die irdische Weltlichkeit ihre unheiligen Zipfel in Form zweier geflickter Wamsärmel rücksichtslos zur Schau stellte. Über das Hemdlein legte ich einen scharlachroten breiten Schulterkragen mit gelben Litzen (damit keine Farbe fehlte) und auf den Kopf stülpte ich mir das scharlachfarbene Prachtstück meines Staates, eine Art Barett, ein schuhhohes vierseitiges Prisma mit aufgesetzter Pyramide, auf deren Spitze ein halb abgerissener himmelblauer Wollenball vergnügt hin und her baumelte. Das Anlegen all dieser Herrlichkeiten machte mich sonst glücklich. Heute zum erstenmal war ich mit meinen Gedanken nicht bei der Sache. Die geheimnisvolle Andeutung des Pfarrers, daß ich »auch mitmachen dürfe«, ließ mich an nichts anderes mehr denken, um so mehr, als ich keine Ahnung besaß, wo und wobei ich mitmachen dürfe. Auch draußen am Altar mußte ich weiter darüber nachgrübeln, und als der Priester die Epistel beendet hatte, überhörte ich mein Stichwort und vergaß, das Missale von der Epistelseite auf die Evangelienseite zu tragen, sondern blieb wie ein vergessener Regenschirm stehen, bis der Pfarrer mit der flachen Hand heftig aufs Meßbuch schlug. Da fuhr ich zusammen, aber in meiner Verwirrung glaubte ich, das Evangelium sei vorüber und die Opferung bevorstehend. Ich sprang deshalb mit aller Hast hinter den Altar nach den zinnernen Opferkännlein, die das Wasser und den Wein zum heiligen Sakrament enthielten. Wenn ich auf das Klopfen des ungeduldigen Priesters nach dem Meßbuch gesprungen wäre, möchte ich leicht, mitten auf dem Altar, im Angesicht des Allerheiligsten und vor allem Volke ein paar Maulschellen abbekommen haben, denn der Pfarrer Barthelmeyer pflegte da nicht viel Federlesens zu machen; er war einer von der alten Schule und frei von jeder Art religiöser und anderer Sentimentalität. Aber mit meinem erschrockenen Rennen nach den Meßkännlein und dem hilflos lamentablen Gesicht, als ich meinen Irrtum erkannte, wirkte ich erheiternd auf den Pfarrer, der für Humor nicht unzugänglich war. Er stellte selber das Missale von der rechten auf die linke Seite des Altars und begann ruhig: » In illo tempore dixit Jesus discipulis suis .« Er küßte dann das Missale, trat von der Evangelienseite in die Mitte des Altars, und gegen das Volk gewendet, mit ausgebreiteten Armen, sprach er: » Dominus vobiscum .« » Et kum Schpirititu «, antwortete ich in hinterwinklerischem Latein. Die heilige Wandlung und die Kommunion dauerten nicht lange. Bei Pfarrer Barchelmeyer ging, wie die Hinterwinkler respektlos zu sagen pflegten, das Messelesen wie geschmiert. Nach den letzten Gebeten aber drehte sich der Pfarrer gegen den Altar und küßte die weiße Decke. Dann wandte er sich von neuem gegen das Volk und verkündigte: »Ite, missa est, geht, die Messe ist aus.« Diese Worte sprach er nicht kurzweg, er sang sie feiertags sehr gedehnt, auf jede Silbe ein Dutzend Noten, wie wenn sie ein ganzer Hymnus oder langer Psalm gewesen wäre, wie wenn die harmlosen Wörtchen »geht, es ist aus« eine wunderbare Heilsverkündigung an die Menschheit enthalten hätten. Kam darauf das Schlußevangelium, das bei jeder Meßhandlung sich wiederholende: In principio erat Verbum et Verbum erat apud Deum et Deus erat Verbum usw. Kaum eine Minute brauchte Seine Hochwürden dazu. Aber dann war die Messe auch wirklich aus, und wir zogen uns in die Sakristei zurück, der Priester mit dem verhüllten Kelch voran, ich mit dem schweren messingbeschlagenen Meßbuch hinterdrein, erfüllt von tödlicher Angst, was nun mit mir geschehen werde. Aber es geschah nichts, Hochwürden schienen meine Dummheiten ganz vergessen zu haben. Doch auch über seine aufregende Anspielung vor der Messe ließ der Herr Pfarrer kein Wort weiter fallen, und ich kam vollständig unaufgeklärt nach Hause, wo auch meine Eltern keine Auskunft wußten. Doch bald sollten wir, wenn auch nicht durch den Pfarrer, erfahren, um was es sich handelte. Des Blässenbauern oder Blässenvogts zweiter Sohn, der vierschrötige Finzer, sollte »Pfarrer studieren«, und seine Studien sollten morgen bei der höchsten Hinterwinkler Lehrautorität beginnen. Und ich durfte »mitmachen«. Der Pfarrer, der seinen Finzer kannte, wußte wohl, warum er mich zu diesem Studium heranzog. Der Blässenbäuerin wird er auch seine Gedanken nicht verhehlt haben; meinen Eltern gegenüber aber hielt er es nicht der Mühe wert, auch nur ein einziges erklärendes Wort zu verlieren. Ich für meinen Teil aber meinte, daß nun die Gebete der frommen Mutter Regina erhört worden seien und daß ich nun wirklich auch Pfarrer werden solle wie der Finzer, was ich mir gern gefallen ließ, da ich den geistigen Beschäftigungen viel Geschmack abzugewinnen wußte und mir auch leiblich viel Gutes davon versprach, wenn ich das Leben unseres Pfarrers Barthelmeyer in seinem stattlichen Pfarrhof mit dem anderer Leute verglich. Und ganz glücklich war selbstverständlich meine Mutter über diese neue Wendung der Dinge, obwohl sie sich hütete, ihre Freude laut werden zu lassen, eingedenk des Sprichworts, daß man nicht vor der Kirchweih jauchzen solle. Mit meinem Vater aber traf es sich, daß er gerade an einer alten Hose des Pfarrers herumschneiderte, als die Sache zur Rede kam. Er versprach sich nicht viel davon und sagte nur: »Meinetwegen kann er hingehen; er wird's als armer Teufel nicht weit bringen, 's müßt' ein Wunder sein; doch am End' kann man nicht wissen, wozu etwas gut ist.« Mein Vater war nicht so dumm, er wußte, warum ich »mitmachen« durfte. Ich sollte dem Finzer ein »Studierhelfer« werden. Der Pfarrer kannte seinen Finzer. Auch mich glaubte er zu kennen. »Lexel,« hatte er mir oft bei gewissen Antworten zugerufen, »Lexel, du solltest Professor werden.« Aber dieses Lexel, der Professor werden sollte, bemächtigte sich jetzt eine schwere Sorge. Ich hatte ein böses Gewissen. Ich wußte, daß man, um Pfarrer zu werden, Latein lernen müsse, und nun erinnerte ich mich mit Schrecken einer schweren Unterlassungssünde, die ich nie gebeichtet hatte und die nun ans Tageslicht kommen und mir eine große Beschämung, wenn nichts Schlimmeres zuziehen mußte. Meine Sünde war in Wahrheit ein Nichts, aber nicht nur kleine, auch große Menschenkinder haben sich schon durch ähnliche Nichtse ein Leben hindurch ihre Seele mit marternden Ängsten erfüllen und Glück und Frohsinn für immer verderben lassen. Sogar könnte ich sagen, daß jene Sünde vielmehr eine Tugend war, denn sie bestand darin, daß ich absolut Sinnloses mir nicht zueignen mochte, daß wie das Wasser kein Öl, so meine Seele kein Sinnloses annahm, kurz, daß ich dem auswich, was für mich ein Unsinn war. Und folgende Bewandtnis hatte es damit. Als Ministrant hatte man die Responsorien des in jeder Messe sich gleichbleibenden Kanons lateinisch zu rezitieren. Man gab uns diesen Kanon, das sogenannte Confiteorbuch, gedruckt in die Hand, um ihn auswendig zu lernen, die Antworten oder Responsorien ganz und von den priesterlichen Gebeten das Stichwort, wie die Schauspieler sagen. Ich machte damals auch sofort einen Versuch, die unaussprechlichen und unverständlichen Worte meinem Gedächtnis einzuprägen. Doch sagte ich mir schnell, das sei unmöglich und gab mir keine weitere Mühe. Ich lernte gern, aber was ich lernen sollte, durfte mir keine Anstrengung verursachen und mußte mich freuen. Dies »Confiteor« erfüllte keine von beiden Bedingungen; ich ließ es auf sich beruhen und machte mir einstweilen seinetwegen keine Schmerzen. Nichtsdestoweniger ministrierte ich flott drauflos. Amen wußte ich zu sagen, auch Et cum spiritu tuo, natürlich mit hinterwinklischer Aussprache; es klang dann etkum schpirititu. Und warum sollte auch ein Hinterwinkler Geißbub das Latein nicht ebenso seinem Schnabel anpassen und sich entsprechend zurechtquetschen, da doch die gebildeten Franzosen und Engländer und andere dasselbe tun, den deutschen Philologen zum Trotz, die allein die richtige Aussprache zu haben glauben und von denen dann wieder die Italiener behaupten, daß sie die Sprache der Römer wie rechte Barbaren herauspolterten, so hart und holperig, daß einem die Ohren schmerzten. Den Anfang des Kanon hatte ich mir auch eingeprägt. Der Priester, vor die Stufen des Altars tretend, spricht: Introibo ad altare dei . Laut und vernehmlich wußte ich zu antworten, nicht ohne selbstgefälliges Pathos: Ad Deum qui laetificat juventutem meam . Ich verstand nicht, was ich sagte, ich hatte keine Ahnung davon, aber der Klang der Worte gefiel meinem Ohr, und ich sprach sie immer mit großer Lust. Auch außer der Kirche, wo ich ging und stand, pflegte ich sie vor mich hinzusagen: Ad Deum qui laetificat juventutem meam – zu Gott, der meine Jugend erfreut. Ich endete damit, daß ich eine Melodie darauf machte, und sie sang, bald leise vor mich hin, bald laut in die Welt hinaus, und sicher hat die Melodie zu dem Sinn der Worte, wovon ich nichts wußte, vortrefflich gepaßt und muß rührend anzuhören gewesen sein. Sie war, ganz unbewußt, meine erste Komposition, und sie war vielleicht zugleich meine beste, was ich aber wohl nur darum anzunehmen geneigt bin, weil sie eben nicht aufgeschrieben worden ist. Warum auch schreiben wir unsere Sachen! Sie wären alle ungeschrieben viel besser. Wir könnten an sie als an wahre Wunder glauben durch alle Ewigkeiten hindurch, wenn wir so klug gewesen wären, sie nicht mit rußigem Schwarz auf langweiliges Weiß zu fixieren. Nach dem einen Spruch war ich aber auch mit meinem Latein zu Ende. Von dem Confiteor, dem Bekenntnisgebet und größtem Responsorium wußte ich außer dem Anfangswort nur noch die drei letzten Wörter: Dominum Deum nostrum. Den Zwischenraum füllte ich mit Gebrummel aus, und nach diesem Rezept verfuhr ich bei allem übrigen. Diese Art zu beten erschien mir doch von Zeit zu Zeit wie eine freche Gotteslästerung, und ich empfand heftige Gewissensbisse. Ich machte auch gelegentlich einen erneuerten schwachen Anlauf, mir ein paar der schlimmen Runen mehr anzueignen, doch stand ich immer sehr schnell wieder davon ab und beruhigte mein Gewissen damit, daß ich die Sache von neuem für unmöglich erklärte. Nun aber wollte ich Pfarrer werden, und das konnte ich doch nicht, wenn ich das Lateinlernen für unmöglich hielt. Mit den artigen Verbeugungen allein, womit ich als Ministrant die Frommen zu erbauen wußte, war's, da doch nicht getan. Ich bekam also auf die Ankündigung des Pfarrers Barthelmeyer hin eine ungeheure Angst. Die Sünde wurde zur Sorge. Ganz verzweifelte ich indessen nicht. Es war Herbst, ich mußte am Nachmittag die Dorfziegen auf die Stoppelfelder treiben – die Gänse hatten um diese Zeit Ferien und durften frei umherlaufen. Also steckte ich mein Confiteorbüchlein zu mir und suchte eine einsame Gegend aus jenseits des Kahlenbuckels, am Rand des sogenannten Salmschen Gehölzes, und indem ich die guten Geißen sich selbst überließ, begann ich: Quia tu, quia tu, es, es: quia tu es; Deus, Deus: quia tu es Deus. Das ging ja ganz gut: Quia tu es Deus. Jetzt weiter: for, for – ti, ti: forti. Noch einmal: forti. Und weiter: tu, tu, fortitu, langsam: for – ti – tu. Waren das Wörter! Aber weiter: tu, tu, do, do, tudo, zusammen: forti ... tudo. Und also das Ganze. Quia tu es Deus, forti ... Immer wieder blieb ich hier stecken. Gehen wir weiter: Qua, qua – re, re: quare. Noch einmal: Qua, qua – re, re: quare. Auch das ging. Weiter: tris, tris – tis, tis: tistris – nein: tris – tis: tristis ... Nicht tristris, sondern tris – tis. Also: quare tristris ... wie heißt's? tris – tis, nämlich tis, nicht tris. Noch einmal: quare tristris ... Mutlos starrte ich die drei Zeilen an, sie bildeten kaum den zwanzigsten Teil von dem, was ich lernen sollte. Ich versuchte noch einmal, ich las silbenweise die Zeilen im Zusammenhang. Qua – re tris – tis es, ani – ma mea? Dann wollte ich den Anfang wiederholen; ich wußte keine Silbe mehr – Nein, das würde ich niemals auswendig zusammenbringen, niemals, nicht diesen kleinen Teil, geschweige das andere dazu, niemals, wenn ich auch hundert Jahre daran lernte. Ich konnte also kein Pfarrer werden. Quare tristis es, anima mea: Warum bist du traurig, meine Seele? Meine Frage klang wie ein Hohn auf mich selber. Ich war traurig, ich war elend, meine Seele war bis zum Tode betrübt, weil – weil ich kein Pfarrer werden konnte, nein, nicht deswegen, aber weil ich so dumm war, ich, den der Pfarrer fälschlicherweise für gescheit hielt – dümmer war, als der Finzer und all die andern, die das Latein nur so herunterschnappern konnten, und weil ich andern Tages mit Schimpf und Schande fortgejagt werden und ganz Hinterwinkel davon sprechen würde. In meiner Herzensangst und Verzweiflung hielt ich mich an das, was ich längst konnte, was mir im Ohr lag, ohne daß ich wußte, wie es hineingekommen war, und unaufhörlich murmelte ich schweren Herzens vor mich hin: Ad Deum qui laetificat juventuteam meam – zu Gott, der meine Jugend erfreut. Die Ziegen waren zusammengelaufen und umstanden mich und hörten mir verwundert zu. Die schönste unter ihnen, kaffeebraun, mit weißer Stirn und kohlschwarzem Bart, meine Lieblingin, die heute zum ersten Mal noch kein Liebeswort von mir erhalten, meckerte mich fragend an. Ich verstand sie aber nicht, heute zum ersten Male. Vielleicht hatte sie mir's abgelernt und meckerte lateinisch. Vielleicht lautete es: Quare me repulisti? Warum hast du mich verworfen vor deinem Angesicht, o Herr? Mit Zittern und Zagen und wahrer Höllenangst machte ich mich am nächsten Morgen auf den Weg zum Pfarrhof. Wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm, so klammerte ich mich auf dem ganzen Weg an mein Ad Deum qui laetificat . Der Nachbar Gerber mit dem gelben Schurzfell und dem krausen Vollbart von der gleichen Farbe, lehnte, seine Pfeife rauchend, unter der Haustüre. »Wo 'naus so eilig, Herr Nachbar?« Ich antwortete: » Ad Deum qui laetificat juventum meam ...« Zu Gott, der meine Jugend erfreut. Mein Herz klopfte, als ich vor der Hoftüre des Pfarrhauses im Begriff stand die Klingel zu ziehen, ich mußte gewaltsam Atem schöpfen. Dann tat sich das Tor auf, und da fuhr mit wütendem Gebell der Pfarrhund, ein giftiger schwarzer Spitz, auf mich los und bleckte seine weißen scharfen Zähne. Ich stieß einen hellen Schrei aus. »Bist ein rechter Sch ...kerl«, klang eine Stimme vom Himmel herunter. Sie kam aber nicht ganz so weit her, sondern sie gehörte dem Herrn Pfarrer, der im zweiten Stock breit zum Fenster herauslag und aus seiner langen Pfeife Wolken in die Luft blies. Unten im Gang kam mir die alte Rosalia entgegen, die Häuserin des Pfarrers. »Du bringst einem mal einen Lärm ins Haus«, waren ihre Empfangsworte, als ob ich den Lärm gemacht hätte und nicht ihr Hund. Sie zeigte mir eine Türe, dadrin sollte ich einstweilen warten. Bald kam auch der Finzer und wurde zu mir hereingewiesen. Wir guckten uns zuerst stumm an; dann flüsterte der Finzer: »Kannst du das Confiteor und das Suscipiat Dominius , mein Vater sagte mir, das würden wir hersagen müssen.« Die Tür ging weit auf, ich glaubte versinken zu müssen. »Wollen wir in Gottes Namen anfangen,« sprach der Pfarrherr, »aber daß ihr mir die Ohren spitzt, sonst kann da gleich das Donnerwetter dreinfahren.« Er schob mir einen Zettel hin. »Lies das, Lexel.« Ich begann: mensa , der Tisch mensae , des Tisches und so weiter die folgenden Kasus, dann mußte der Finzer lesen. Aber schon bei der ersten Silbe saß ihm eins am Ohr. »Mach's Maul auf, Lümmel«, sagte der Pfarrherr lachend. Ich war Kindskopf genug, daß ich plötzlich ebenfalls laut lachen mußte; sofort bekam ich ebenfalls eine Watsche mit der Bemerkung: »Gleiche Brüder, gleiche Kappen.« »Morgen müßt ihr's auswendig können,« verfügte unser gestrenger Lehrer darauf, »und jetzt macht, daß ihr fortkommt ...« ite, missa est , hätte es auf lateinisch geheißen. Also nichts von all den Schrecken, die ich mir vorgestellt und wovon ich die ganze Nacht geträumt hatte. Aber, wie es oft geschieht, daß uns plötzlich etwas geläufig ist, was wir am Tage zuvor umsonst versucht haben, so kam mir jetzt unversehens der Satz in den Mund: Quare tristis es, anima mea ? Warum bist du traurig, meine Seele? Und die Worte, unverstanden von mir, hatten einen tiefen Sinn in diesem Augenblick. Mit der kindlichen Freudigkeit, die bis jetzt fast ungetrübt, einer Sonne gleich, in den Winkel meiner Armut geschienen und ihn wohlig erwärmt hatte, war's ein für allemal vorbei. Ich wußte das nicht, ich verstand auch nicht, was ich sagte; aber ich rezitierte nicht mehr: Deum qui laetificat juventutem meam . Einen Satz hatte ich von all meinen gestrigen Anstrengungen auf dem Kahlenbuckel, am salmischen Holz, im Gedächtnis zurückbehalten: Quare tristis es, anima mea ? Als ich vom Bäckensteg ab meinen alten Lieblingspfad einschlug, am Rande des Haselbaches und den Krautgärten hin, deklamierte ich noch lauter als vorher mein neues Sprüchlein und vergaß darüber, eine goldgelbe Birne aufzuheben, die mir im Wege lag. Einmal fuhr ich erschrocken zusammen. Eine Türe war hinter mir ins Schloß gefallen, die des Pfarrgartens, der auch hier lag. Wegen der hohen Bohnen hatte ich die alte Rosalia, die mit einem Korb voll Gemüse aus dem Garten trat, übersehen und darum war ich bei dem Einfallen des Gartentores so erschrocken. Ich wußte nicht, es sei die Türe zum Paradiesgärtlein meiner Kinderseligkeit, die hinter mir zuschlug, aber mechanisch wiederholte ich: Quare tristis es, anima mea ? Zweites Kapitel Vater Jakob und sein Ring Wenn einer seine eigene Geschichte erzählt, braucht er nicht erst zu sagen, wer er ist, die Geschichte wird das schon ausweisen. Aber von seinen Eltern sollte er wohl etwas zuvor sagen. Nun, mein Vater war der Schneidermeister Jakob Schmälzle. Er arbeitete selten zu Hause auf Bestellung, für solche Arbeit gab es in seinem Revier nur wenig Kunden. Gewöhnlich war der Meister bei den Bauern herum verdungen, in kunstgewerblichem Tagelohn, mit Verköstigung, wie es alte Sitte und Herkommen mit sich brachten. Es fand sich deshalb in Hinterwinkel und den umliegenden Ortschaften, soweit sie zu meines Vaters Schneidertum gehörten, kaum eine bekanntere Persönlichkeit als die seinige. Und außer in Hinterwinkel war mein Vater überall sehr beliebt. Viele Bäuerinnen kochten das ganze Jahr keine so fetten Bissen, als wenn der Schneiderjakob auf der Tagfahrt bei ihnen eintrat und Hosen und Hemden und Westen und Wamse aus ihrem selbstgewobenen Zeug für alt und jung mit vieler Kunst zusammenschneiderte. Seit ich laufen konnte, durfte ich den Vater auf diesen Fahrten begleiten. Und ich hatte bald die sämtlichen Bauernhäuser von einem halben Dutzend Dörfer in zwei Kategorien eingeteilt: in solche, wo man Butterbrot und Käse und freundliche Gesichter und liebe Worte dazu bekam, und solche, wo es nichts gab als trockenes Brot mit finstern Gesichtern und mürrischen Reden. Da habe ich oft darüber nachgedacht, warum denn nur der liebe Gott, der doch, wie schon sein Name sagt, lieb und gut ist, so unterschiedliche Menschen erschaffen mochte. Diese Frage war das erste philosophische Problem, auf das ich in meinem Leben stieß, und ich habe es bis heute nicht gelöst. Im allgemeinen sprach mein Vater wenig bei seiner Arbeit. Dabei schienen mir seine großen schwermütigen Augen selten bei dem zu sein, was die Hände hantierten und die Finger fingerten, sondern weit hinaus zu blicken in eine andere Welt. Bei den Wintertagfahrten, wenn die Bauern nur so zum Zeitvertreib in der Stube herumpöstelten, hätten sie den weitgereisten Schneider gern über fremde Länder und Städte erzählen hören. Doch sie brachten ihn nicht immer dazu. Er wurde von ihrem Drängen meistens ganz melancholisch und traurig. Nur wenn sein Blick unversehens auf den goldenen Reif an seinem Finger fiel, schoß oft plötzlich ein heller Strahl aus den großen Augen, als ob das Gold des Ringes in zauberhafter Weise einen geheimnisvollen Widerschein darin erweckte. Einmal, als ich schon in die Schule ging, fragte ich schüchtern die Mutter, was denn der Vater denke, wenn er so lange stumm bleibt und dabei traurig vor sich hinsieht. »Das verstehst du nicht, Kind,« antwortete mir die Mutter, »dein Vater ist deshalb so still und melancholisch, weil er über ein Rätsel oder Geheimnis nachgrübelt; alle Menschen, die das tun müssen, sind schweigsam und sehen traurig aus.« Das Rätsel, das meinen Vater beschäftigte, war seine Herkunft. Sie kam ihm nie aus den Gedanken. Und er hatte dabei, so bescheiden er aussah, einen wunderlichen Stolz in sich großgezogen. Er hielt sich für besser als alle Leute von Hinterwinkel. Je mehr ihn die Hinterwinkler seiner dunklen Herkunft wegen für geringer ansahen als den Schlechtesten unter ihnen, desto höher dachte der Schneiderjakob von sich selber. Dieser gegen die Außenwelt sorgfältig verheimlichte Stolz machte ihn glücklich und unglücklich zugleich: Glücklich in dem Gedanken, vielleicht, wie es aus alten Zeiten berichtet wird, ein verkannter Prinz oder Königssohn zu sein, und unglücklich, wenn er sich vorstellte, daß er, trotz seines Prinzentums, wohl sein ganzes Leben lang als elender Schneider und verachteter armer Teufel in Hinterwinkel leben müsse. So erklärte mir's meine Mutter. »Du mußt deinen Vater nur betrachten,« sagte sie, »mit welchen Augen er den Ring an seinem Finger ansieht. Von diesem Kleinodium glaubt er, daß es ihn vielleicht eines Tages entzaubern und der Welt seine Prinzenherrlichkeit kundtun werde. Aber ein Sprichwort sagt, Träume sind Schäume, und das wird auch bei deinem Vater gelten. Es ist ein unheilvolles Ding, wenn einer nicht auf dem gewöhnlichen Wege in diese gewöhnliche Welt gekommen ist. Die Welt verzeiht dies niemals. Und dein Vater bildet sich noch wunder was darauf ein.« Die Worte meiner Mutter waren halb ernst, halb scherzhaft gemeint und nicht frei von einem Anfluge gutmütigen Spottes. Ich aber nahm diese Reden sehr ernsthaft auf und verstand sie wörtlich. Sie machten einen tiefen Eindruck auf meinen erregbaren Geist. Besonders das Wort Königssohn erweckte in mir ein geheimnisvolles Ahnen, das lang in meiner Phantasie fortkeimte. Denn ich war das Gegenteil von altklug und im Erfassen der wirklichen und alltäglichen Lebensverhältnisse stand ich gegen andere Kinder weit zurück. Doch auch später, als ich über den Königssohn lächelte, gab ich meinem Vater innerlich recht, daß er sich etwas darauf einbildete, kein richtiger Hinterwinkler zu sein und nicht auf dem gewöhnlichen Wege, sondern auf eine außerordentliche und geheimnisvolle Art in diese Welt gekommen zu sein, oder wie ich mir sonst die Sache dachte. Hie und da geriet mein Vater ins Erzählen, dann fand er auch nicht mehr so leicht ein Ende, und von so fremden und großen Dingen scholl es da an mein Ohr, daß ich mich mit heimlichem Grauen fragte, ob ich gar selber einmal das Glück erleben möchte, solche Wunder zu schauen. Das konnte ich aber nicht glauben und schaute mit religiöser Ehrfurcht zu meinem leiblich so kleinen und geistig so großen Vater hin, der unter den Bauern saß wie ein Apoll unter den thessalischen Rinderhirten; – obwohl Jakob Schmälzle äußerlich nicht die geringste Ähnlichkeit mit jenem schönen Heidengott aufwies. Wenn wir dann durch Nacht und Nebel nach Hause mußten, manchmal mehrere Stunden weit, da war mir's fast unheimlich zumute; es wollte mir scheinen, als ob das eigentümliche kurze Mäntelchen meines Vaters sich zu einem Zaubermantel aufbauschte, daß ich zitterte und jeden Augenblick, ich weiß nicht, fürchtete oder hoffte, plötzlich vom Erdboden hinweggehoben und nach den fremden Ländern getragen zu werden, von deren Wundern mein Vater berichtet hatte. Ich hätte mich gar nicht darüber gewundert, denn ich stand ohnedies nicht recht fest auf dem Boden der Wirklichkeit. Es sollte aber die Gelegenheit kommen, wo ich auf diesem Boden tüchtig aufgestaucht würde. Jakob Schmälzle betrachtete sich nicht als einen Hinterwinkler, denn nicht nur war er sieben Jahre lang als Schneidergeselle in der Fremde herumgezogen und hatte »vieler Völker Städte« gesehen; auch die Umstände, unter denen er überhaupt nach Hinterwinkel verschlagen worden, waren außergewöhnliche und geheimnisvolle. Und für Vater Jakob verstand es sich nicht von selbst, wie für die anderen Hinterwinkler, daß da, wo er in die Welt hineinfiel, just Hinterwinkel lag. In diesem Hinterwinkel war aber einmal vor Jahren an einem Novemberabend und spät in der Nacht eine fremde Frauensperson angekommen und hatte im ersten Wirtshaus an der Straße, in den »drei Raben«, ein elendes Nachtlager gefunden. Gegen den andern Morgen hörten die Leute des Hauses in dem Verschlag der Fremden ein schmerzliches Wimmern und Stöhnen, und als sie zu ihr hineindrangen, fanden sie sie nicht allein, sondern mit einem neugeborenen Kind in den Armen, das laut schrie, indes die Mutter ganz stumm dalag auf ihrer Streu, auch nie wieder den Mund öffnete, sondern still und stumm hinüberschlummerte in den ewigen Schlaf. Außer einigem Geld, ihren sehr mitgenommenen Kleidern und einem einfachen goldenen Ring hatte die Verstorbene nichts von Wert hinterlassen, wenn man nicht annehmen will, daß ihr Knabe einen solchen beanspruchen konnte. Es erhob aber, trotz amtlicher Ausschreibungen, niemand Anspruch auf ihn, und so wurde er nebst den genannten Gegenständen nach langer Beratung und Überlegung im Gemeinderat nicht etwa an den Meistbietenden, sondern an den Wenigstfordernden versteigert und kam gegen eine jährliche Vergütung von elf Gulden und fünfzig Kreuzern aus dem Gemeindesäckel an den alten Schafmichel, den Nachtwächter und Hirten von Hinterwinkel. Das verlassene Waisenkind erhielt vom Pfarrer in der Taufe den Namen Jakobus und vom Schafhirten außer Nahrung und Kleidung, wenn auch noch so notdürftige, dessen eigenen herrlichen Zunamen Schmälzle. Außerdem erhielt er von ihm später die schöne Regine, mit der der kleine Jakob einstweilen aufwuchs. Ja, sie war es, die den zierlichen und modisch perfekten Schneidergesellen aus den Großstädten der Welt in das Bauerndorf von Hinterwinkel zurückzog, wohin er doch, nach seiner eigenen Meinung, gar nicht gehörte. Sein Herz hatte sich stärker erwiesen als sein Verstand. Und der Sohn will ihm deswegen nicht grollen, obwohl er dadurch ebenfalls ein Hinterwinkler geworden ist, dem es dann später viel Mühe und Not gekostet, noch nachträglich etwas anderes zu werden. Der alte Schafmichel hatte das Haus, wo wir wohnten, nicht eigentümlich besessen, sondern nur zur Miete darin gewohnt. Mein Vater aber erwarb es durch Kauf bei seiner Verheiratung und bezahlte es mit dem Sparpfennig seiner Wanderjahre. Er wurde damit Grundeigentümer, und dieser Erwerb bildete das einzige Werk seines Lebens, das den Bauern von Hinterwinkel nicht verächtlich erschienen ist. Meine Jugend aber gestaltete sich dadurch um einen Grad weniger proletarisch, meine Armut erhielt damit sozusagen eine gewisse Würdigkeit. Das Haus war nur ein Häuschen, der unscheinbaren Person meines Vaters angemessen, aber dafür erfreute es sich einer außerordentlich günstigen Lage. Die Landschaft von Hinterwinkel ist ein wellenförmiges Hügelland der Muschelkalkformation, eine abgelegene, weltferne Gegend, wo in weitem Umkreis alteingesessene fürstliche und gräfliche Familien, wie die von Hohenlohe, von Löwenstein, von Berlichingen, von Zeppelin, von Salm-Gottmarsdorf und andere ausgedehnte Ländereien besitzen, zum größten Teil Wald und Wildgehege, zwischen denen die paar Bauerndörfer wie in hinterwäldlerischer Einsamkeit liegen. Diese Landschaft hat im ganzen nichts Großes an sich, nichts Romantisches im herkömmlichen Sinne des Wortes. Aber die engen grünen Tälchen, an ihren hohen Rändern meist von lichtem Buchen- und Eichengehölz eingerahmt und von klaren Quellbächen durchflossen, mit gerade hinreichend Wasser, um sich zwischen Erlen und Weiden und den hohen Wäldern von Bachbunge und Katzenminze nicht ganz zu verlieren, sondern sogar von Zeit zu Zeit ein altes morsch gewordenes Mühlenrad in langsam gemächlichem Lauf sachte umzutreiben: diese Tälchen (worin diese Bäche fließen) sind mit ihren vielfachen Krümmungen und verlorenen Wiesengründen von einer eigenen bescheidenen Schönheit mit sehr charakteristischer lyrischer Stimmung – wie gewisse schwäbische Volkslieder, die aus dieser Gegend stammen mögen. In einem solchen Tälchen liegt Hinterwinkel. Sein Bach heißt der Haselbach und fließt mitten durch das Dorf. Auch er treibt, und zwar gerade vor seinem Eintritt in Hinterwinkel, eine altmodische Getreidemühle, die Heckenmühle genannt, weil seit alten Zeiten eine hohe Dornhecke um sie her wuchs und sie in eine blühende Wildnis einschloß. Das Mahlwerk ging wohl seit mehreren Jahrhunderten, es hatte aber, was auch bei einem so trägen und langsamen Gehen doch ein Widerspruch ist, bis zu meiner Zeit nicht den geringsten Fortschritt gemacht, seine Einrichtung war noch so einfach, als sie von Anfang an gewesen sein mochte, und das Rad so mürb und altersschwach und so von triefendem Moos überkleidet, daß jedes andere Wasser als der zahme Haselbach es längst mit sich fortgerissen hätte. Das ganze Anwesen befand sich in einem höchst verlotterten Zustand, und der Müller hatte mehr Schulden auf dem Rücken als an manchen Tagen Körner auf seiner Mühle. Denn die reichen Bauern ließen ihren Dinkel längst zu Schönthal auf der neuen Kunstmühle mahlen. Eine kleine Strecke unterhalb der Heckenmühle vereinigte sich der Mühlenkanal mit dem müßig und unbekümmert zwischen seinen Erlen und Weiden sich hindurchschlängelnden Haselbach, und die beiden armen Wasser bildeten so zwischen sich eine Art Halbinsel oder Landspitze. Darauf lag in seiner ganzen stolzen Selbstherrlichkeit mein Vaterhaus. Sein Besitzer nannte es gern sein Klein-Venedig. Um zu unserer Schwelle zu gelangen, bedurfte es also einer Brücke. Sie bestand in einem einfachen Eichenbrett ohne Geländer. Zum Glück floß in unserem Canal grande und unter diesem Rialto weder ein tiefes noch ein reißendes Wasser, sonst hätte ich in meiner Kindheit hundertmal ertrinken können; so bin ich immer mit dem Schrecken und triefenden Kleidern davongekommen. Und wenn es hie und da geschah, daß nächtlich umherschweifende Bauernbuben ihren Witz und Heldensinn dadurch an den Tag oder vielmehr an die Nacht zu legen suchten, daß sie dem Dogen von Klein-Venedig seine Brücke abbrachen, indem sie das Brett wegnahmen und in irgendeinem Winkel versteckten, so wurden wir deshalb noch lange keine Gefangenen; wir schritten einfach, bis das Brett sich wieder auffand, über den Mühlgraben hinweg, ich allein mit besonderem Anlauf. Zwischen diesem Mühlgraben und der Vorderseite unseres Hauses lag ein terrassenförmiger Raum, der links von der Haustüre als Holzplatz diente und rechts ein Gärtchen bildete, auf das die niederen Fensterchen der Wohnstube gerade hinausgingen. Das Gärtchen maß kaum drei Schritte im Geviert und doch wuchs mancherlei darin. Ein alter Stock hundertblättriger Rosen in der Ecke, wie aus den Grundmauern des Hauses hervorgetrieben, bildete seinen Hauptschmuck. Große, schlank aufragende Feuerlilien blühten daneben und schauten uns zu den Fenstern hinein oder würden es getan haben, wenn ihnen die Mutter mit ihren Geranien und Nelken nicht die Einsicht versperrt hätte. Am Vorderrande aber, dicht über dem gemauerten Graben, wuchsen mächtige Irisstöcke, die mit den riesigen Blätterschwertern den dürren Reisigzaun durchbrachen, um draußen in der Freiheit fortzuwuchern, im alten Gemäuer des Kanals bis hinunter an den Wasserrand, wo ihre niederhängenden phantastisch gestalteten blauen Blumen sich spiegelten, in Gemeinschaft mit wildwachsendem Goldlack und Salbei und ganzen Scharen von Brennesseln. Unser Häuschen erfreute sich noch eines zweiten Ausgangs, oder Eingangs, gemeiniglich die Hintertüre geheißen. Durch sie gelangte man zu unserem Grasstück, das die Spitze unserer Halbinsel ausfüllte und dergestalt von zwei Strömen begrenzt wurde. Ein halbes Dutzend Pflaumenbäume, drei alte Pappeln und zahlreiche Uferweiden erhöhten für mich unendlich den Wert dieses Grundbesitzes, abgesehen von den mannshohen Weidenröschen, die jeden Sommer am Bachrande blühten, zwischen Bachbunge und hoher Minze, und dem geheimnisvollen grünen Eisvogel, der scheinbar in beschaulicher Ruhe, seinem langen roten Schnabel nachguckend, jeden Tag auf dem nämlichen Weidenzweig über dem Wasser saß. Nach oben hörte unsre Herrschaft drei Schritte von der Hauswand auf. Von da an gehörte Grund und Boden dem Heckenmüller. Und das war zunächst eine höchst merkwürdige Wildnis. Ein früherer Besitzer der Mühle hatte bei Vermehrung seiner Baulichkeiten an dieser Stelle Steine brechen lassen, Tuffsteine, wie sie in Kalkgegenden unter dem Rasen der Flußtäler gefunden werden. Die so entstandenen Steinbrüche mit ihren Unterhöhlungen, ihren Schluchten und Gängen bildeten für mich eine Welt mit tausend geheimnisvollen Wundern. Hohe, sperrästige Kletten, mit graufilzigen, schirmförmigen Blättern und roten Blütenköpfen wuchsen hier, und seltene Riesendisteln, deren Blumen wie purpurne Samtballen über meinem Kopfe in der Sonne funkelten, und großblumige Zaunwinden, gleich tropischen Lianen von Gipfel zu Gipfel sich fortschlingend, und daneben tausendfältiges geringeres Gewächs, alles mich weit überragend: das wuchs und wucherte in üppiger Unordnung und ward vor meinen Kinderaugen und meiner Kindergröße zum unendlichen Urwald, in dem ich mich zu verirren fürchtete ... Wahrlich, wenn ich mir unsere Halbinsel in die Erinnerung rufe und alle die Eindrücke vom ersten Erwachen meines Bewußtseins an, da empfinde ich es als Unrecht, daß ich manchmal von der Armut meiner Kindheit zu reden wage, indem ich vergesse, daß dem Kleinen einst alles groß war. Dem Kleinen, d.h. dem Kind. Und das Kind, das ist in Wahrheit etwas Großes. Groß ist seine ungeschwächte Einbildungskraft, dieses wundersame Vermögen, die Welt in vergrößerten Bildern zu schauen und zu empfinden. Dem wirklich Kleinen aber, dem geistig Kleinen, ist sogar das Große klein, wie dem Dummen nichts so dumm ist, als was hoch über aller Dummheit liegt. Ein anderes bescheidenes Anwesen, jenseits des Mühlenkanals, hart an der Straße gelegen, gehörte dem musikalischen Korbmacher Rotermund, meinem Paten, und uns schräg gegenüber, an der hochgewölbten steinernen Haselbachbrücke, lag eine kleine Gerberei mit in den Boden eingesenkten Holzkufen, mit hohen Haufen roter Eichenlohe, wo man sich prächtig umhertreiben und an dem kräftigen Geruch der gemahlenen Eichenrinde laben konnte. Diese Wohnungen und Anwesen hingen mit dem übrigen Hinterwinkel nicht unmittelbar zusammen, sie waren durch Obstgärten davon getrennt und bildeten in ihrer Abgeschlossenheit eine Art Vorstadt, vielmehr Vordorf; man nannte sie den Dörrhof, den dürren Hof, weil keine fetten Bauern hier wohnten. Noch ein Haus, das nicht genannt wurde, gehörte zum Dörrhof, aber davon wird alsobald die Rede sein. Drittes Kapitel Wie ich den lieben Gott persönlich kennenlernte Als kleines Kind saß ich oft auf der alten Mauerbrüstung der Haselbachbrücke und sah dem grünen Eisvogel zu und der weißbrüstigen Wasseramsel oder zählte zum soundsovielten Male die alten Pappeln, die das Wiesental hinauf den Lauf des Baches bezeichneten. Eines Tages aber gab ich mich einer anderen Beschäftigung hin. In der Sandsteinplatte, die die Mauerbrüstung deckte und worauf ich saß, befand sich, wahrscheinlich auch von der Hand eines spielenden Knaben herrührend, eine kreisrunde Aushöhlung. Diese hatte ich mit Wasser ausgefüllt, das ich in einer alten Hafenscherbe vom Bache heraufgeholt hatte, und kauerte nun daneben, emsig bemüht, mit Hilfe eines Steines ein Häuflein zusammengetragener Ziegelbrocken zu feinem Mehl zu zerklopfen. Aus dem Ziegelmehl wollte ich mir rote Farbe bereiten, um, ich weiß nicht mehr was, damit zu bemalen. In dem wassergefüllten Steinbecken gedachte ich den Brei anzurühren. Aber noch hatte ich vollauf mit Klopfen zu tun, das nur langsam vonstatten ging, weil der Klopfstein viel zu groß und schwer war für meine kleinen Kinderhändchen. Da kamen drei oder vier große Buben über die Brücke geschlurcht, und als sie mich gewahrten, sprang der größte unter ihnen auf mich zu und rief: »Seht den Bettelbuben, der die Brücke verdirbt, sein Vater bezahlt nichts daran, wenn sie neu gebaut werden muß; mach, daß du runter kommst oder wir schmeißen dich ins Wasser, daß du ersäufst wie eine räudige Katz.« Erschrocken blickte ich die großen Kerle an, ohne etwas zu sagen oder mich von der Stelle zu rühren. Sofort ergriff mich der Längste an der Schulter. Er stieß mich zwar nicht ins Wasser, aber er riß mich von der Brücke, und ein anderer, ein großknochiger, stämmiger Kerl, den sie im Dorf den Finzer nannten (ich machte jetzt zum erstenmal seine nähere Bekanntschaft), schlug mich mit der Faust auf den Rücken, daß mir der Atem ausging und ich nur noch stöhnen und ächzen konnte. Doch im nämlichen Augenblick erhielt der Finzer, der sich's nicht versah, eine Ohrfeige, daß er zu Boden taumelte, während die übrigen in hellem Schrecken die Flucht ergriffen. Die Schurken! hörte ich jemand ingrimmig sagen, und vor mir stand ein Mann von hoher, mächtiger Gestalt mit einem dickbuschigen schneeweißen Schnurrbart im hochroten Gesicht, mit einem breitkrämpigen schwarzen Filzhut auf dem üppig behaarten weißen Kopf. Im ersten Augenblick flößte mir das rote Gesicht mit dem weißen Bartgebüsch eine heimliche Furcht ein. Aber diese verschwand schnell, der Mann blickte mich aus kleinen grauen Äuglein freundlich an. »Komm ein wenig mit«, hörte ich ihn sagen, und er nahm meine Hand. Jenseits der Brücke, wo wir wohnten, aber nicht unten an Bach und Straße, sondern am Abhang der Kyrlihalde und in beträchtlicher Erhebung, sah zwischen einem Wald von Obstbäumen, weißleuchtend, ein vornehmes kleines Haus auf den Dörrhof und Hinterwinkel herunter. Das Haus war einfach gebaut, und niemand hätte es eine Villa genannt, aber mit seinen weißen Wänden und grünen Fensterläden hatte es etwas Sonntägliches in seinem Aussehen. In diesem Hause wohnte der Mann mit dem breiten roten Gesicht und dem weißen Schnauzbart – der Herr Steuerperäquator Otto Heinzelmann, ein alter Junggeselle, dem seine Schwester Sabine die Haushaltung führte. Er stammte, als Lehrerssohn, aus Hinterwinkel und hatte sich nach seiner Zurruhesetzung wieder dahin zurückgezogen. »Komm ein wenig mit mir«, hörte ich ihn sagen, und er nahm meine Hand. Dann sah ich mich in der sauberbehaglichen sonnigen Stube des alten Herrn, und er saß auf einem Schaukelstuhl und ich auf seinen Knien und sah zu ihm auf mit einem Gefühl, wie wenn er der liebe Gott wäre, Gott Vater selber, so würdig und freundlich erschien er mir. Was er zu mir sagte und mich fragte, weiß ich nicht mehr; aber die Empfindungen, die seine Güte in mir weckte, sind mir unvergessen geblieben, wie der Ausdruck seiner lächelnden grauen Augen unter den dichten weißen Brauen. Nur einer Rede, die ich selber hielt, erinnere ich mich noch. Von der Haselbachbrücke aus oder an der sonnigen Kyrlihalde vor der Gartenhecke des Herrn Steuerperäquators, wo ich allein oder mit der kleinen Olga Rotermund buntgeringelte Schneckenhäuschen suchte, hatte ich oft eine schwach ausklingende ferne Musik vernommen und mit andächtigem Entzücken darauf gelauscht. Als zum allererstenmal die überraschenden Klänge an das unerfahrene Ohr des kleinen Menschenkindes anschlugen, drehten sich, wirklich seine Augen in die Höhe; das Kind glaubte die Engel im Himmel singen zu hören. Von seiner Mutter aber wurde der kleine Frager belehrt, daß der Herr Steuerperäquator die Musik mache. Nun fiel mir mitten in der Stube meines neuen Freundes ein großer dreieckiger und an der einen Seite ausgeschweifter Kasten von gelbrotem Kirschbaumholz in die Augen, der nicht aufrecht stand, sondern liegend auf drei säulenartigen Beinen ruhte, und ich konnte mir nicht denken, wozu das seltsam gestaltete Möbel gut sei. Dann erinnerte ich mich plötzlich an die gehörten Töne und ich sagte: »Macht das Ding da die Musik?« »So sag' ihm doch,« bat ich, »es solle mir auch ein bißchen Musik machen.« Noch höre ich, wie Heinzelmann lachte und mir dann ein lustiges Stücklein vorspielte, daß ich meine Augen weit auf. sperrte und vor Erstaunen kein Wort mehr hervorbrachte, obwohl ich noch manche Frage in der Seele trug. Mit einem bunten Münchener Bilderbogen wurde ich entlassen, und im Hausgange rief mich Schwester Sabine an und füllte mir meine Taschen mit Frühbirnen. Schon hatte ich viel von dem lieben Gott reden hören, der in der Höhe wohnt, und hatte auch gelernt, kleine Gebetchen an ihn zu richten. Jetzt glaubte ich, ihn persönlich kennengelernt zu haben und konnte mir eine deutliche Vorstellung von ihm machen. Bevor ich von nun an betete, setzte ich zuerst den Steuerperäquator Otto Heinzelmann auf den himmlischen Thron, den Mann mit dem schneeweißen dicken Schnurrbart und buschigen Brauen im hochroten Gesicht, und zu diesem lieben Gott betete ich dann und wendete ich mich vertrauensvoll in allen meinen Anliegen. Zu dem Menschen Otto Heinzelmann aber trat ich erst viel später in nähere Beziehung. Viertes Kapitel Wie auch gleich das »böse« Prinzip für mich Gestalt bekam Es war ein tiefer Hohlweg drüben an der Kyrlihalde. Nackte Erde bildete die Abhänge zu beiden Seiten, oben an den Rändern aber erhob sich dichtes Gebüsch, Haselstauden und Blutstrauch, Weißdorn und wilde Rosen. Wie ein mächtiger Wald stand es hoch über unsern Köpfen. Vielleicht war es auch ein Wald und ging bis ans Ende der Welt. Wir wußten es nicht, wir waren nie über den Rand hinaufgeklettert. Wir waren zu klein dazu. Darum hatte der Hohlweg für uns etwas Geheimnisvolles. Oben unter dem buschigen Rand und zwischen dem Wurzelwerk der baumartigen Sträucher und Stauden war oft die Erde heruntergebröckelt und Höhlen waren entstanden. Durch diese Höhlen zogen sich von oben herunter dicke Wurzeln, daß es aussah wie unterirdische Säulenhallen. Darunter war es immer trocken, auch wenn es regnete. Da hatten wir unser Spielplätzchen, Olga Rotermund und ich. Die Erde war hier fein wie Mehl, und wir gruben Rinnen in den Rain und ließen das Erdmehl durchfließen, daß sich das feine von dem groben sonderte. Und wir nannten das unsere Mühlen. Bei unserem Spiel sah uns oft ein schöner großer Vogel zu. Er saß immer auf demselben hochgewachsenen Weißdorn und war grau oder vielmehr bläulich hell mit schwarzen Verzierungen. Er saß oft stundenlang, wie in Trauer, reglos und stumm auf einem Fleck. Doch manchmal pfiff er wie ein Mensch, daß wir erschraken. Olgas Vater hatte uns gesagt, es sei ein Neuntöter. Eines Tages im Mai, als wir wieder unsere Mühlen in Betrieb setzten, sah ich plötzlich, etwa zehn Schritte von uns unter einem Haselstrauch einen goldgelben Vogel aus dem Boden hervorblitzen. »Olga,« rief ich, »ein Goldammer!« Und mich durchrieselte es. Wenn dort ein Nest von Goldammern wäre! Wir ließen unsere Mühlen im Stich und näherten uns vorsichtig dem Haselstrauch. Aus dem Gebüsch erklang das ängstliche Rufen des verscheuchten Ammers. Um so häufiger und angstvoller klang es, je näher wir der Stelle kamen. Uns selber wurde fast bang zumute. Als ob wir eine Sünde begehen wollten. Laut und vernehmlich klopfte es in unserer Brust. Aber wir drückten uns unter die Staude und durchsuchten das Wurzelwerk mit gierigen Blicken. Da fuhr mir ein Schauer durch die Seele, aus einem goldigen Vogelköpfchen sahen mich zwei kleine schwarze Vogelaugen angstvoll an. Unbeweglich, wie vor Schreck gelähmt, ruhten auf mir die Angstblicke der Vogelmutter. Da machte die kleine Olga eine Bewegung, und ein Husch, und weggeschossen war der Vogel. Wir blickten in sein Nest. Ein wundervolles rundes Nest war es, und sieben kleine Eier lagen darin, grünlich blau mit rotem Getüpfel. Das war ein Erlebnis. Ein solches Entzücken hatten wir in unserem Leben nicht gekannt. Und eine süße Bangnis lag im Untergrund unseres Jubels – als hätte unsere Unschuld etwas von dem Geheimnis der Liebe, das in dem Nest lag, entdeckt und begriffen in dunkler Ahnung. Auch wagten wir nicht, an unseren Fund zu rühren. Und plötzlich hörten wir im Gebüsch auch wieder die schmerzlichen Rufe. Eine zweite Stimme hatte sich zur ersten gesellt und stieß klagende Töne aus. Das drang uns in die Seele. Unsere Bangnis wuchs. Und wir entfernten uns. Wir kehrten auch nicht zu unserem Spielplatz zurück. Wir fürchteten, die Vögel zu stören. Wir bauten uns in größerer Entfernung neue Mühlen. Aber wir konnten die Vogeleltern sehen, wenn sie aus- und einflogen. Und damit wollten wir uns begnügen. Wir sprachen auch zu niemand von dem Neste, sondern bewahrten unser Wissen als heiliges Geheimnis; denn wir kannten die Sage, die unter den Leuten umging, ein Vogelnest müsse unbeschrien bleiben, sonst werde es unrein und ein Raub des Geziefers. Und unsere gläubigen Kinderherzen schauderten, ein solches Unglück nur zu denken. Aber unsere Mühlen standen nun oft still. Wir saßen und schauten nur nach dem Haselstrauch. Und nach drei oder vier Tagen hielten wir es nicht mehr aus. Wir mußten das Nest wieder einmal sehen, nur einen Augenblick lang. Es tat uns leid, den Vogeleltern damit einen Schmerz zu bereiten, aber wir hofften, sie sollten es uns nicht übelnehmen, da wir nichts Böses gegen sie im Sinne führten, sondern sie über alles liebten in ihrer goldenen Pracht. Wir schlichen uns zur Haselstaude. Eng aneinandergedrückt duckten wir uns mit unseren Köpfchen unter das knorrige Wurzelwerk. Aber erschrocken fuhren wir zurück. Es war auch erschrecklich, was wir sahen. Und fast häßlich war es. Wie nackte Schlänglein fuhren sieben dünne Hälse in die Höhe, und am Ende eines jeden sperrte sich ein großer Rachen auf. Aber kein Laut ging davon aus. Und die Augen waren blind. Ein Pfeifen ertönte, und wir fuhren zurück. Wir glaubten, es habe uns jemand entdeckt. Ganz verwirrt eilten wir zurück zu unseren Mühlen. Aber wir wurden keines Menschen ansichtig. Da pfiff es von neuem. Der Neuntöter war's. Er saß wie immer auf dem Gipfel des schlankgewachsenen Weißdorns. Noch ein paarmal pfiff er, dann saß er, wie in Trauer, reglos und stumm auf seinem Fleck. Nun trat Regen ein und wir kamen ein paar Tage nicht hinaus. Aber zu Haus kauerten wir in einer Ecke und sprachen heimlich von unseren Vögeln, ob sie nun wohl offene Augen haben mochten und ob sie bald goldene Flügel bekamen. Am nächsten schönen Tag, als ich nachmittags von der Abc-Schule kam, suchte ich überall die kleine Olga, die damals noch nicht in die Schule ging. Ich fand sie aber nicht und machte mich allein aus den Weg. Ich konnte es gar nicht erwarten, bis ich zur Stelle kam, so freute ich mich. Denn heute würden sie gewiß offene Augen haben. Nur mit Mühe gelang es mir, die Wand des Hohlwegs hinaufzuklimmen. Der Regen hatte von unten her das Erdmehl in Brei verwandelt und ein paarmal rutschte ich und beschmutzte mir die Kleider. Und über mir klang es einmal wie Lachen. Ich sah empor, es war wieder der Neuntöter. Einen solchen Ton hatte ich vorher nie von ihm gehört. Ich war endlich an der Stelle, ich kauerte mich nieder, ich duckte meine Stirn gegen die vorstehenden Wurzelknorren. Da gab mir's einen Stich durchs Herz. Das Nest war leer. Mit unsäglicher Trauer in der Seele blickte ich lange auf die verödete Brutstätte. Was war nun aus dem siebenfältigen Leben geworden? Dann begriff ich, daß das zierliche Nest zwecklos war von nun an. So durfte ich es ja nehmen. Und sorgfältig löste ich es los aus dem Geflecht von Wurzeln und Würzelchen und wollte mich damit auf den Weg machen. Doch da hatte ich einen neuen Schreck. Vor mir in den scharfen Dornen eines wilden Rosenstrauchs sah ich drei junge Vögel aufgespießt, drei arme nackte Dinger. Der Anblick war zum Steinerbarmen. Die nackte Haut war bläulich geworden, ich mußte wegsehen, denn ein Grauen und eine Übelkeit fielen mich an. Dennoch konnte ich die armen Kinder der Goldvögel nicht so jämmerlich in den Dornen stecken lassen. Ich wollte sie wieder in ihr Bett legen. Mehr dachte ich nicht. Das Mitleid überwand meinen Ekel, und ich machte mich daran, den ersten loszulösen. Sorgfältig legte ich ihn im Nest zurecht. Dann griff ich nach dem zweiten. Ein Zuruf schreckte mich zurück. Ich blickte mich um, im Hohlweg standen zwei Bauernjungen, die ich wohl kannte, und einer war des Blessenvogts Finzer. »So, du bist es,« rief dieser; »wart', wir sagen es dem Dekan.« Damit gingen sie ihren Weg weiter. Das Wort Dekan hatte mich erschreckt. Das Vogelnest fiel mir aus den Händen. Ich kam mir schon wie ein Verbrecher vor. Mit Zittern und Zagen ging ich am andern Morgen in die Religionsstunde. Diese Stunde gab uns der alte Dekan, der Pfarrer Barthelmeyer selber. Er gab sie aus Liebhaberei. Und so rauh und unwirsch der Mann sonst war, auf die Art der ganz Kleinen ging er gern ein. Er hatte von ihnen nicht soviel Ärger als von den Größeren, die er deshalb gern dem Lehrer überließ. Furchtbar streng konnte er freilich auch mit uns Kleinen sein, sobald er eine Unbotmäßigkeit vermutete. Als ich in die Schulstube trat, wurde ich von allen Seiten scheu angeblickt, denn viele wußten, daß ich angezeigt war. Auf den Glockenschlag erschien der geistliche Herr mit dem glattrasierten Gesicht und dem noch glatteren Schädel darüber, der wie eine polierte Kugel glänzte. Nur ganz am Hinterkopf saß noch ein wenig silberlich graues Haar. Mit ihm trat der Lehrer Langbein ins Zimmer, der manchmal der Religionsstunde beiwohnte. Der Dekan ließ seine Augen streng über die Klasse hingehen. Und auf mir blieben sie mit einem noch strengeren Ausdruck haften. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen. In scheuer Verlegenheit sah ich zu Boden. »Lexel, komm heraus«, sprach er, und ich zuckte zusammen. Auf den Gesichtern vieler Mitschüler zeigte sich ein verstohlenes Grinsen. Sie ahnten, was kommen werde. Der Pfarrer war von meinem Verbrechen zum voraus überzeugt. Zwei glaubwürdige Schüler hatten mich auf der Tat betroffen. Sie hatten ins einzelne mein Tun geschildert, wie ich das Vogelnest in den Händen hielt und wie ich daraus die nackten Vögel nahm und in die Dornen spießte. Sie glaubten, was sie sagten, das sah der Dekan, also konnte er nicht an der Wahrheit ihrer Aussage zweifeln. Mein Benehmen muß ihn in seiner Überzeugung nur bestärkt haben, darüber weiß ich nichts Einzelnes mehr. Ich sehe nur noch den strengen Herrn vor mir, wie der Zorn ihn packte, daß er nach der Haselgerte griff. »Kind, ich kann mir nur eins denken, du weißt nicht, wie es tut, wenn es weh tut, du mußt es erfahren. Kind, du mußt den Schmerz erfahren.« Ich brach in lautes Weinen aus, denn noch nie war ich gezüchtigt worden. Der Herr Pfarrer aber riß meine Hand vor und versetzte mir darauf einen heftigen Streich, und so auf meine andere Hand. Ich schrie laut auf vor Schmerz. »Merkst du es«, sprach der Priester. »Du sollst es gründlich fühlen.« Und er wiederholte seine Streiche. Wie besinnungslos taumelte ich an meinen Platz. Ich schrie nicht mehr. Ich steckte meine Händchen in den Mund, als wenn ich den Schmerz hinunterwürgen wollte. Der Pfarrer Barthelmeyer ging, noch immer im Zorn, mit großen Schritten vor den Bänken auf und ab. »Was willst du denn, Jörgle?« rief er plötzlich ungeduldig einen Schüler an, der seinen Finger ausgestreckt hatte zum Zeichen, daß er etwas sagen wolle. Das Jörgle war der Jüngste in der Klasse. Wie er sich jetzt, um Antwort zu geben, vom Sitz aufrappelte und sich auf seine Beine stellte, reichte er kaum über die Bank herauf. Und immer noch streckte er sein Fingerchen in die Höhe. »Der Xander hat's nit tan,« sagte er, »der Neuntöter hat's tan, der Dorndreher.« Der Dekan mußte erst seine Gedanken sammeln. »Was sagst du da, Jörgle?« fragte er barsch. Das Kind wiederholte: »Der Xander hat's nit tan, der Neuntöter hat's tan, der Dorndreher, Franz hat's 'sehn, mein Bruder.« »Herr Langbein,« wandte sich der Dekan an den Lehrer, »was will das Büble mit seinem Neuntöter und Dorndreher?« »Er wird den grauen Würger meinen«, antwortete Langbein. »Den nennen hier die Leute so. Er soll merkwürdige Sitten haben. Gewiß hat er seine Namen nicht umsonst.« Ich hörte alles in meinem Schmerz. Das verletzte Rechtsgefühl in mir schärfte meine Sinne. Ich sah auch, wie der Pfarrer Barthelmeyer einen roten Kopf bekam. »Konntest du's nicht früher sagen, Jörgle?« sprach er schellend. »Was schafft dein Bruder?« »Holz sägen hinterm Haus.« »So lauf' und hol' ihn her.« Franz kam und erzählte, was er von dem Würger und den jungen Vögeln mit angesehen hatte, wie bereits zwei aufgespießt waren in den Dornen und wie der mörderische Vogel gerade den dritten hinzuspießte ... Ich saß und horchte, horchte mit geschärften Sinnen, mit gewecktem Verstand. »Die Beobachtung des Franz ist interessant«, bemerkte der Lehrer. »Und doch ist auch dieser Würger wie der Goldammer geschmückt mit Schönheit. Und sind Kinder und Geschöpfe Gottes beide. Wenn man darüber nachdenkt..« Ein Blick des Priesters traf den Lehrer, er schwieg. Fünftes Kapitel In welcher Gestalt ich zuerst den Tod erblickt Ihr ersten Sonnentage des Jahres mit eurer rauhen Schönheit, euch verwandt ist die Seele des Knaben. Ihr bringt mit euch die wilden, jauchzenden Spiele, die ersten Spiele des Jahres. Da sind kaum die sonnigsten Raine trocken und die Wiesen liegen noch grau; aber der silbergraue Nasen flimmert in der Sonne, und im Gehölz das braune Laub des Vorjahres leuchtet in goldig warmem Ton. Und hinaus geht's auf die Wiesen und in die Wälder. Der Ball fliegt und der bunte Drachen steigt. Und Räuber sind wir und durchziehen das Gehölz, und kein Bach ist uns zu breit und keine Schlucht zu tief. Und wir sind Eroberer und stürmen Burgen. Wir sind Wilde, wir sind Räuber, wir spielen Krieg. Denn natürlich war ich, trotz meiner Sonderstellung im Dorf, keineswegs immer abgetrennt von den anderen Knaben. Es gab Zeiten, wo wir uns sogar aufs beste vertrugen, und bei diesen wilden Spielen im Vorfrühling fehlte ich nie, ich gebärdete mich dabei so toll wie einer. Ihr ersten Sonnentage des Jahres mit eurer herben Schönheit, euch verwandt ist die Seele des Knaben. Wie waren wir unbändig und stürmisch in solchen Tagen. Die höchste Anstrengung unserer Kraft und Gewandtheit befriedigte uns nur noch. Nur, wo man den Hals brechen konnte, waren wir dabei mit ganzem Herzen. Gefahr ging uns über alles. In Ruh zu verharren, war uns höchste Qual. Aber andere Tage kamen, warme, weiche, wollustvolle Tage. Die Schönheit des Jahres brach hervor in üppiger Fülle; Üppigkeit war überall, ein Überquellen aller Säfte, ein Blühen ohne Ende. Und wir waren wie verwandelt. Wir stürmten nicht mehr. So seltsam floß es uns durch die Adern, ein träges Behagen, eine süße Müdigkeit; wenigstens mir war es so. Vor dem Dorfe, eine Strecke oberhalb der Heckenmühle, lag ein verödeter Garten, ich glaube, er gehörte dem Müller. Eine hohe Hecke von Hainbuchen umschloß ihn, Apfelbäume in langen Reihen blühten darin und entfalteten Millionen von zarten Rosen in der Sonne. Aber der Garten ward seit lange nicht mehr gepflegt, Gras und wilde Blumen bedeckten ihn. Nur die Buchsbaumeinfassungen standen noch da aus einer früheren Zeit und ebenso eine alte, halbverfallene Laube. Niemand kam an diesen Frühlingstagen in den verlassenen Garten. Er wurde der Schauplatz unserer neuen Spiele. Keine wilden Spiele mehr waren es. Sie waren still, fast heimlich, fast scheu, fast verschämt. Denn Mädchen spielten mit. Und wo waren die wilden Kameraden von vordem hingestoben? Ich sah mich jetzt wieder allein mit Olga Rotermund und einigen andern ihresgleichen. Nur Schulmeisters Christian gesellte sich von Knaben noch zu uns. Er sah damals schon so blaß aus, und wenn ich nicht irre, ist er noch jenen Sommer an der Zehrung gestorben. Bei unserer Wildheit vor einem Monat oder zweien hätten wir alle die Bezopften und Berockten nicht gelitten. Wir würden sie in unserer Heldenhaftigkeit mißhandelt haben, wenn sie sich herangewagt hätten. Wir wären das unserer Würde schuldig gewesen; ich war davon so überzeugt wie die andern. Auf einmal aber, ich wußte nicht wie, war wieder Freundschaft geworden zwischen uns. Mit ihnen zusammen schmückten wir jetzt die alte Laube des Gartens. Wir stellten allerlei Tongefäße auf, die wir mit Blumen füllten, und um die Türen und Fenster hingen wir Kränze. Und dann schmückten wir uns selber. Sonst hatten wir unsern Stolz darin gefunden, recht zerrissen und unordentlich auszusehen. Nun wichsten wir uns die Stiefel blank und nahmen heimlich Stücke unseres Sonntagsstaates hinaus, um uns schöner zu machen. Die Mädchen aber setzten sich Kränze in die Haare. Sie waren unsere Bräute. Wir führten sie an der Hand, und feierlich, wie zur Kirche, wandelten wir unter den blühenden Apfelbäumen die alten Laubgänge entlang. Wir konnten uns in Zierlichkeit und Feierlichkeit gar nicht genugtun. Und jedes Jahr war es dasselbe: im März spielten wir Räuber und Rothäute, und im Mai lockte uns der Garten mit seinen stillen Heimlichkeiten. So war es alle Jahre und so wird es wohl sein in Ewigkeit. Wenigstens kann ich mich nicht erinnern, wann es anfing, noch wann es aufhörte. Aber eines anderen Erlebnisses erinnere ich mich. Einmal lehnte draußen vor der Gartentüre ein Mädchen, das wir nicht kannten, ein junges Lamm stand neben ihm und leckte dem Kind die Hand. Das Lamm war schneeweiß und trug ein rotes Band um den Hals. Wir waren entzückt davon. Auf unsere Aufforderung kam das fremde Kind mit seinem Lamm in den Garten. Eines von unseren Mädchen nahm sich den Kranz vom Haupt und hing ihn dem weißen Frühlingsgeschöpf um den Hals. Wir standen alle erwartungsvoll herum und wünschten, das Tier möchte uns ein paar drollige Sprünge vormachen. Denn wir waren der ernsten Feierlichkeit unserer hochzeitlichen Spiele bereits ein wenig müde und sehnten uns nach einer Abwechslung. Wir langweilten uns. Aber das Tier machte keine Sprünge, trotzdem das fremde Kind versicherte, es gäbe auf der Welt kein so lustiges Schäfchen, und noch vor einer Viertelstunde habe es die tollsten Hopser vollführt. Jetzt aber sah es starr vor sich hin, auf einen Fleck, als ob es in den Boden ein Loch bohren wollte mit seinen Augen. Und auf einmal drehte es sich um diesen Punkt, erst langsam, dann immer schneller. Da mußten wir lachen. Wir meinten, das gute Tier wolle uns doch noch seine Männlein vormachen. Aber wie sich das Drehen fortsetzte, ward es uns unheimlich. Das schien uns auf einmal kein weißes Schäfchen mehr zu sein, sondern ein gespenstisch-unholdes Wesen. Seine Augen blickten immer stierer. Sein Drehen wurde immer schwindliger. Plötzlich knickte es zusammen. Ein Zucken durchlief seinen Körper. Das fremde Kind weinte und jammerte. Es wollte sein Schäfchen aufrichten, aber das Tier streckte steif alle vier Beine von sich, und aus verglasten Augen sah es uns an, daß wir schauderten. Voll Entsetzen ergriffen wir die Flucht. Wir hatten den Tod gesehen ... Aber vor der Langweile waren wir für den Augenblick gerettet. Sechstes Kapitel Salve Regina und die Brüder der Mutter Gottes Ich erinnere mich noch meines ersten Kirchganges mit der Mutter an einem Samstagnachmittag zu einer Marienandacht. Am Schluß intonierte der Priester laut: Salve Regina , und das Volk betete: Gegrüßet seist du Königin, Mutter der Barmherzigkeit. Auf dem Heimweg sagte ich zu meiner Mutter: Warum hat dich der Pfarrer angeredet, als wir beten sollten? Später hörte ich die Worte Salve Regina viele hundert Male in der Kirche anstimmen, und ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich jedesmal: es war etwas wie Hochmut in mir, daß ein Gebet der Kirche mit dem Namen meiner Mutter anfing. Aber an seinem Glauben, daß es in der Welt kein schöneres Antlitz geben könne als das der Mutter Regine, wurde der kleine Alexander eines Tages irregemacht. Beim Nachbar Rotermund war's, dem Korbmacher und Dorfmusikus, in dieser Stube, wo ich ein- und ausging, seitdem ich überhaupt meine Beine gebrauchte, wo ich dem Handwerk zusah und an den abfallenden weißen Rutenspitzen mich selber spielend in der Kunst versuchte, während der kahlköpfige Meister mit der hochrückigen und seltsam geradeausstehenden Nase und einem Mund, der immer wie zum Blasen oder Pfeifen gespitzt schien, eine Rute nach der andern ins Gitter flocht. Hier gewahrte ich einmal an der Wand, im vergoldeten Rahmen, zwei Frauenbildnisse, Photographien, die neu aufgehängt waren und im höchsten Grade meine Aufmerksamkeit erregten. Sie hingen für den sechsjährigen Knirps zu hoch; ich erkletterte deshalb mit Hilfe eines herbeigeschafften Stuhls den Tisch und gelangte so in unmittelbare Nähe der fremdartigen lockenden Erscheinungen. Lange saß ich in stummem Betrachten. Dann trat die vierjährige Olga an den Tisch heran, zu dessen Höhe sie kaum emporragte, und das kleine Ding erklärte mir mit noch kindlich unbeholfener Sprache, das sei ihre Göte. »Welche?« fragte ich. Die Kleine spreizte an ihrem molligen Händchen den Zeigefinger aus und deutete nach einer von den beiden Tafeln. Meine Augen folgten. »Du hast aber eine schöne Göte,« versetzte ich voll staunender Bewunderung; »und wer ist denn die andere Frau?« Das Mädchen antwortete mit seinem eigenen Namen. »Du bist nicht gescheit«, entgegnete ich lachend. Doch das vierjährige Korbmachertöchterlein sah mich mit den großen Kinderaugen ernst an und sagte ruhig: »Sie heißt auch Olga, sie ist aber schon groß; und sie ist eine Königin, meine Göte ist bei ihr, und wenn ich größer werde und meine Göte besuche, darf ich sie sehen. Da werde ich ihr sagen, daß ich auch Königin sein will.« Diese Rede machte mich nachdenklich. Ich sah die kleine Olga auf einmal mit anderen Augen an; ich zweifelte nicht, daß sie eines Tages eine Königin sein werde. Zu Hause erzählte ich mein neues Erlebnis. Ich hätte die Göte der Olga gesehen, und die sei so schön, und auch die Königin hätte ich gesehen, von der die Olga den Namen habe. »Ist es wahr, wohnt die Göte in einem Schloß?« fragte ich. »Freilich, im Schloß der Königin«, antwortete die Mutter. Ich wußte nun genug, ich ging zur Hintertüre hinaus über den Rasen, und am Rande des Haselbachs, wo die Weidenröschen blühten und die hohe Wasserminze, setzte ich mich auf meinen Lieblingssitz, auf den morschen Stumpf eines abgefaulten Weidenbaumes, und suchte mir vorzustellen, was ein Schloß sei und eine Königin darin und eine Göte bei ihr. Und ich wünschte mir, die schöne Göte bei der Königin möchte auch meine Göte sein, daß ich sie auch besuchen könnte wie die Olga. Als der kleine Alexander die Stube verließ, sagte der Schneidermeister Jakob Schmälzle zur Mutter Regine: »Der Sinn des Buben steht nach dem Hohen und Vornehmen, der ist in seinem Herzen kein Hinterwinkler, das freut mich.« Aber derartige Reden ihres Mannes mißfielen der Mutter und erfüllten sie oftmals mit stiller Bekümmernis. Sie klagte: »So kannst du denn gar nicht von deinen Narrenspossen lassen und mußt auch dem Kinde deine Mucken in den Kopf setzen?« Die »Göte«, wie Olga sie nannte, stellte einigemal ihren Besuch in Aussicht, und die kleine Olga lebte dann wochenlang in freudiger Aufregung, die sich auch auf mich übertrug, so daß wir zusammen von nichts anderem redeten als von der Ankunft der Göte, die bei der Königin wohnte und die auf diese Weise in unserer gemeinschaftlichen Kindheit so etwas wie die Rolle einer unsichtbaren gütigen Fee spielte, mit der wir einen um so innigeren Kult trieben, je mehr sie in nebelhafter Ferne für uns blieb, deren Realität aber doch durch die Geschenke, die sie ihrem Patenkind von Zeit zu Zeit schickte, genügend verbürgt war. Während aber nun unsere Hoffnung, die Unsichtbare einmal von Angesicht zu Angesicht schauen zu dürfen, sich nie erfüllte, kam eines Tages ein anderer Besuch, ein ganz unerwarteter, der unseren Phantasiespielen für einige Zeit eine neue Richtung gab. Es war ein Tag im September, die kleine Olga Rotermund und ich vergnügten uns am Bach hinter dem Hause, wo wir uns einer höchst angenehmen Beschäftigung hingaben, der wir um diese Zeit öfter oblagen. Einige Schritte oberhalb der Mündung des Mühlenkanals in den freien Bach bildete dieser an dem entgegengesetzten Ufer eine stattliche Ausbuchtung in die Wiesen hinein, wo das Wasser sich staute und mit dem Wasser tausend Dinge, die darin schwammen. In der Regel waren dies dürre Reiser und abgewelkte Laubblätter, wie sie von den Bäumen ins Wasser fielen. Solche Blätter, in gelben, roten und braunen Farben, schoben sich oft in großer Menge hier zusammen, eins hart ans andere gerückt, daß sie wie ein über den Wasserspiegel hingebreiteter scheckiger Teppich aussahen. Heute aber waren nun gar köstliche Edelsteine in den Teppich gewoben, nämlich blutrote Himbeeräpfel, die weiter oben von des Müllers Baum fielen und hierher schwammen wie in einen sicheren Hafen. Mit leichten Bohnenstangen bewaffnet, bemühten wir uns, das verlockende Strandgut an unsere Küste herüberzulotsen. Wir gaben uns der löblichen Sache mit solchem Eifer hin, daß wir das Rufen meiner Mutter überhörten, die in den Grasgarten herauskommen mußte, um sich mir vernehmbar zu machen. Ein fremder Vetter sei da, ich solle sogleich hineinkommen. Herzklopfend warf ich meine Bohnenstange beiseite, und die ganze Lotserei im Stiche lassend, lief ich gegen das Haus. Doch nur ein paar Schritte, dann fiel mir Olga ein, und ich sprang zurück und führte das Mädchen an der Hand mit mir. So traten wir beide zusammen in die Stube mit benetzten Kleidern, mit von Wind und Wasser geröteten Händen. Die erbeuteten Himbeeräpfel hatten wir draußen im Gras liegenlassen. Nur Olga hielt einen angebissenen in der Hand. Unter der Türe hielten wir uns scheu und ängstlich zurück. Der Vater war auswärts, bei der Mutter aber, mitten im Zimmer, standen zwei Männer in langen schwarzen Röcken und hielten hohe röhrenförmige Hüte vor sich in der Hand. Beide waren bartlos, der eine hager, hoch aufgewachsen, mit abgemagertem spitzigen Gesicht, der andere von untersetzter Gestalt, breitschultrig, mit vollen Backen. Auf diesen deutete meine Mutter. »Das ist der Herr Vetter Pankraz,« sagte sie, »komm, Alexander, und küß ihm die Hand.« Ich küßte statt dessen meine eigene sprüngige Pfote und legte sie mit verlegenem Gesicht in die schwammig feuchtwarme Hand des fremden Mannes. Er mußte lachen. Dann sagte er etwas zu seinem schwarzen Genossen, der ihm mit längeren Worten erwiderte, die mir aber keine Worte schienen, sondern sinnlose Silben, mit großer Schnelligkeit hervorgesprudelt, daß ich erschrak und den Mann ansah. Wir Kinder hatten das auch schon geübt, wenn wir im Spiel Franzosen vorstellten, von denen wir wußten, daß man sie nicht verstehen könne. Wir nannten das »welschen«. Nun welschten da ernste Männer. Mir dünkte es unbegreiflich, wie man so etwas verstehen möchte. Der fremde Mann fragte mich darauf, ob ich auch schon beten könne, und ließ mich ein Gebet hersagen. Dann zog er ein dickes Buch aus seiner hinteren Rocktasche; darin lagen viele farbige Bildchen, und er gab mir eines davon. Dies sei mein Patron, der heilige Alexander, sagte er freundlich. Ich betrachtete meinen Heiligen mit strahlenden Augen, und er gefiel mir sehr. Er war auch recht phantastisch aufgeputzt. An den Füßen trug er Schuhe aus Eisenringen mit gewaltigen Sporen, und daneben lag ein zu Boden gefallener Helm mit mächtigem bunten Federbusch. Um die Schultern hing ihm ein weiter Mantel mit goldigen Spangen, gleich dem blumigen Chormantel, womit unser Pfarrer bei der festtäglichen Vesper bekleidet erschien. Sein Haupt aber überragte hoch eine goldige zweispaltige Mütze, und in Händen hielt er, in der Rechten ein Schwert, in der Linken einen hohen krummgebogenen Stab. Wie der fremde Vetter meine Freude an dem Bild gewahrte, sagte er: »Du scheinst ein frommes Kind zu sein, darum sollst du noch ein Andenken von mir haben.« Und er nahm aus seiner Westentasche ein schmutziges Papier mit einem kleinen runden Gegenstand darin und drückte mir's in die Hand. Dann nahmen die schwarzen Fremdlinge Abschied, wobei ich ihnen wieder meine wetterrauhe Hand reichte, die ich vorher geküßt hatte. Ich aber zerriß die schmutzige Papierhülle, und ein großes blitzendes Goldstück kam daraus zum Vorschein. So meinte ich. Es war aber ein funkelnagelneues Doppelsoustück mit dem Bildnis des ebenfalls noch funkelnagelneuen Franzosenkaisers. Mein Glück war unbeschreiblich. Aber nun erinnerte ich mich an Olga. Niemand hatte ihr etwas gegeben oder auch nur das Wort an sie gerichtet. Meine Mutter, von dem unverhofften ehrenvollen Besuch auch ein wenig aus ihrer sonstigen Besonnenheit herausgerissen, war diesmal dem naturgesetzlichen mütterlichen Egoismus vollständig erlegen und hatte wie ich die Freundin – über dem eigenen das fremde Kind vergessen. So stand Olga halb abgekehrt an der Türe und zupfte an ihrem Schürzchen. Und eben, als mein glückstrahlender Blick auf sie fiel, wollte sie mit verhaltenen Tränen heimlich hinwegschleichen. Ich lief auf sie zu und rief: »Da, Olga, du darfst auch sehen, was ich bekommen habe.« Mit einem Tone kamen meine Worte heraus, als ob ich damit ein Königreich verschenkt hätte. »Ich muß jetzt heim«, wollte das Mädchen, sich abkehrend, antworten, aber der Satz blieb ihr in der Kehle stecken. Sie konnte sich nicht mehr halten und fing laut zu schluchzen an. Die Gute mochte denken, daß ihre Göte, die bei der Königin wohnte, wenn sie zu Besuch gekommen wäre, sich anders gegen mich benommen haben würde als dieser Vetter Pankraz gegen sie. Wir hatten oft genug von jenem Besuch gesprochen und immer nur in dem Sinne, daß wir beide dabei reichlich beschenkt würden; anders konnten wir's uns nicht denken. Mir dämmerte deshalb ein Verständnis auf für Olgas Schmerz, ich stand erschrocken, aber ratlos. »Warum hat die Olga nichts bekommen?« fragte ich die Mutter, die wenig darauf zu sagen wußte. Ich aber betrachtete prüfend meine Herrlichkeiten, indem ich sie, den bunten Heiligen in der Linken, den blinkenden Imperator in der Rechten, vor mich hinhielt, dann reichte ich mit raschem Entschluß der betrübten Freundin den bischöflich-ritterlichen heiligen Alexander hin und sagte stolz: »Da, ich gebe dir mein Bild.« Ein freudiger Strahl brach aus Olgas Augen. »Nein, Alexander,« rief die Mutter, »du hast deinen heiligen Namenspatron erhalten, daß du zu ihm betest, den darfst du nicht weggeben.« Dieses Verbot tat mir aufrichtig leid, und die Mutter mochte mir das ansehen. »So gib halt der Olga deinen Gulden«, sagte sie leichthin. Wehmütig betrachtete ich den blitzenden Napoleon und murmelte so etwa wie: »Ich gebe aber den goldenen Kreuzer nicht gern her.« Meine Mutter blickte mich ernst an. »Kind,« sprach sie, »nicht alles ist Gold, was glänzt.« Das verstand ich nun nicht, und zum erstenmal in meinem Leben wurde ich meiner Mutter ungehorsam. Ich bestand darauf, der Olga meinen Heiligen zu geben. Dabei blieb es, trotz des heimlichen Kummers, den ich meiner Mutter von den Augen ablas; denn mit innerem Schrecken glaubte die Gute zu erkennen, daß ihr Kind doch nicht so fromm sei, wie sie immer gemeint, und sie sah es im Geiste schon kommen, wie ich einst die höheren geistigen Güter verachten und mein Herz an das Gold und den sonstigen Flitterkram der Welt verlieren werde. Über den unerwarteten Besuch aber hatte ich an jenem Tage meine Mutter viel zu fragen. Ihre Antworten machten mich jedoch nicht viel klüger. Ich erfuhr, daß der Vetter aus Eschelbrunn stamme, wo meiner Mutter weitläufige Verwandte lebten, zu denen auch der Herr Pankraz Schmälzle gehörte. Der sei aber jetzt weit draußen in der Welt, in einem Kloster, mit vielen anderen heiligen Männern zusammen. Man hieße sie Marienbrüder, Brüder der Mutter Gottes. Und ich dachte, wenn mein Vetter ein Bruder der Mutter Gottes sei, da müsse ich mit dieser himmlischen Frau gleichfalls verwandt sein, was ich mir gern gefallen ließ. Meinen »goldenen Kreuzer« betrachtete ich täglich mit viel Wohlgefallen, drehte und wendete ihn in meinen roten Händchen und zeigte ihn jedermann und machte mich groß damit. Und dann wickelte ich ihn wieder in sein Papierchen und versteckte ihn in der Truhe meiner Mutter in der hintersten Ecke zwischen schadhaft gewordenen gehäkelten Handschuhen, alten Rosenkränzen, verschiedenen Bündeln von Stoffabfällen und anderem Geschnipsel. Eines Tages jedoch erschrak ich. Der Kreuzer war gar nicht mehr goldig. Er leuchtete und glitzerte nicht mehr, sondern war trüb und braun angelaufen. Und wieder eines Tages, ich mußte ihn wohl naß gemacht haben, war er ganz mit graulich grünen garstigen Flecken bedeckt, die nicht mehr weggehen wollten. Mir stand das Weinen nahe. »So geht es mit der Herrlichkeit dieser Welt«, sagte meine Mutter, fast mit einem Ton von Schadenfreude, mich so bestraft zu sehen dafür, daß ich das geweihte Bild meines großen Namensheiligen für ein elendes Ding hergegeben, allein wegen seines eitlen Glitzern und Glänzens. Da ahnte ich aber noch nicht, daß auch der Herr Vetter, als ich ihn später wiedersehen sollte, ebenfalls wie sein schäbiger »Napoleon« schimmelig geworden sein würde in meinen Augen. Siebentes Kapitel Das Märchen des Herrn Steuerperäquators Der Herr Steuerperäquator Heinzelmann – Steuerperquater lautete sein Titel in der Hinterwinkler Sprache – hat kaum je, soviel mir bewußt, ein Haus in Hinterwinkel betreten außer dem des Nepomuk Rotermund. Diesem machte er öfter abends in der Dämmerstunde einen kürzeren oder längeren Besuch. Dazu warf er sich nicht erst in Besuchskleider, sondern im langen blumigen Schlafrock, die perlengestickte Samtmütze mit der goldenen Troddel auf dem dichten weißen Haarschopf über dem roten Gesicht, aus der langen Weichselrohrpfeife den Rauch in die Luft blasend, sah ich ihn oft genug über die Brücke kommen und dem Rotermundschen Hause zustreben. Dann schlich ich ihm oft nach und drückte mich hinter ihm her in Rotermunds Stube. Oder ich war auch schon dort, wenn er kam. Mit großer Spannung hörte ich wohl hundertmal dem Gespräch der beiden Männer, von dem ich wenig genug verstand, als daß oft die Rede war von musikalischen Dingen. Und oftmals bat die Olga – ich selber hätte nie den Mut und das Wort dazu gefunden – den Onkel Heinzelmann, uns eine Geschichte zu erzählen. So erzählte er einmal das folgende Märchen: Der fremde Vogel. Das war ein seltsames Land. Da waren die Wiesen grün im Sommer, und in den Gärten die Blumen waren von allerhand Farben. Der Himmel war blau, wenn die Sonne schien. Oft aber war er nicht blau. Oft tröpfelte Wasser herunter und alles wurde naß. Und manchmal kam es wie Federn aus der Luft. Da ward alles Land schneeweiß. Und viel seltsames Getier lebte in dem Lande. Da gab es Esel mit langen Ohren und die Menschen hatten die Nase mitten im Gesicht. Die Ochsen flogen nicht mit Flügeln in der Luft herum. Sie gingen gemütlich auf vieren. Die Frösche badeten ohne Schwimmhosen, und die Enten und Gänse watschelten barfüßig durch die Gassen. Den Gockelhahn fand man dort nicht in goldenen Käfigen. Man sah ihn aber manchmal hoch auf der Spitze des Kirchturms, und die Düngerstätte des Hofes war sein liebster Aufenthalt. Denn der Mist ist des Bauern höchste Weisheit, und der Mann mit der phrygischen Mütze auf dem Kopf und dem Federbusch im Steiß galt dortzuland für einen großen Propheten und Philosophen. Er prophezeite gutes und schlechtes Wetter. Das Wetter aber ist des Bauern Religion. Und er forschte unaufhörlich auf seiner Düngerstätte und grübelte und grub nach des Düngers tief verborgenem Kern. Und er fand wirklich von Zeit zu Zeit ein Korn, das ein Ochs oder Esel, trotz allen Wiederkäuens, nicht verdaut hatte. Da ließ er dann einen lauten Ruf erschallen und versammelte um sich seine Gemeinde, alle Hühner des Hofes, und legte ihnen seinen Fund vor zur Begutachtung. Und ward da vor Liebe und Bewunderung weithin ein groß Gegacker. In dem Lande lebte noch ein anderes großes Tier. Eigentlich war es ein vornehmer Herr. Seine Kleidung schien absonderlich. Er trug immer dieselben roten Hosen, dieselbe weiße Weste, denselben schwarzen Frack. Man begegnete ihm aber selten auf der Promenade; öfter sah man ihn mit all seinem Staat draußen in den Sümpfen herumwaten. Er studierte dann Amphibiologie, Auch bekleidete er verschiedene Ämtchen, er war Stadttrommler, Turmwächter, Schieferdecker. Er deckte die Dächer, die schon gedeckt waren. Er deckte die blauen meist weiß und die roten manchmal schwarzweiß. Daneben trieb er heimliche Geschäfte. Im Winter reiste er nach Afrika. Die Kinder nannten ihn Herr Adebar. Sie sahen ihn verwundert an, wenn er auf der Wiese spazierenging mit seinen roten Hosen, seiner weißen Weste, seinem schwarzen Frack; denn er mit seinem langen Schnabel hatte sie ins Land gebracht, alle samt und sonders. Auch den kleinen Wendelin hatte er gebracht an einem Sonntagmorgen im Monat Mai. In einem grünen einsamen Tale zwischen Apfelbäumen und Weißdornhecken lag eine alte Wassermühle. In ihrer Nähe wuchs der kleine Wendelin auf. Er war nicht umsonst ein Sonntagskind. Seine Augen waren so hell und blau wie der Himmel blau ist, wenn die Sonne scheint. Und immer stand er am Rand des Baches, wo das Rad sich drehte. Das schien ihm so geheimnisvoll. Das Rad war ganz bedeckt mit seinem nassen Moos, und wenn die Sonne darauf schien, da schimmerte es goldgrün und braun, und die Wassertropfen rannen daran nieder wie flüssige Diamanten. Von oben, aus einer moosigen Rinne, fiel das Wasser silbern herab auf die Speichen, und unten in der Tiefe lag es still wie ein schwarzer toter See. Reglos lag es da drunten. Nur manchmal quirlte es blasig herauf aus der Tiefe, und schluckende, schluchzende Töne drangen an das Ohr des Knaben. Wo man zur Mühlenscheuer fuhr, schwang sich ein Brücklein über den Bach, ein altes, hochgewölbtes, morsches Gemäuer. Aus seinen Fugen wuchsen ganze Büschel blutroter Nelken und blauer Glockenblumen. Der Steinbrech trieb weiße Blüten hervor und der Mauerpfeffer Millionen goldener Sterne. Und das Rotschwänzchen und die weißbrüstige Wasseramsel bauten dazwischen ihr Nest. Weiches, goldbraunes Moos wuchs auf der Brüstung. Das war ein Lieblingsplatz des kleinen Wendelin. Tagelang lag er auf der wackeligen Mauerbrüstung, auf dem weichen, goldbraunen Moos und blickte voll Begierde hinunter in die Tiefe des Wassers, wo ein Weidenbaum heraufwuchs und ein alter Holunder, die ihn fast zudeckten mit ihren Zweigen. Wendelin sollte eigentlich zur Schule gehen. Aber über seinem Brücklein und seinem Wasser vergaß er Schule und Schulmeister und vergaß seine Tante, die Frau Welte, und lag und lag und blickte voll Begierde hinunter in die Tiefe. An Sonntagen manchmal saß der treue Veit bei ihm, der alte Mühlenknappe, dem ein Auge blind war und hinkend ein Bein. Der erzählte ihm von den Wasserweibern. Die sind schlohweiß am Leib. Auf dem Haupte tragen sie goldene Kronen. Sie wohnen tief unter dem Wasser in kristallenen Palästen. Sie spinnen goldenen Flachs von goldenen Rocken. Die Fäden drehen sie auf goldene Spindeln. Sieben Spechte sind ihre Diener, die bringen ihnen Kunde von der Welt der Menschen. Im Winter aber, wenn es weiße Flocken stiebt, in der Zeit der heiligen zwölf Nächte, kommen die Wasserfeen herauf an die Oberwelt. Mit ihren goldenen Rocken kommen sie in die Mühle, in die warme Stube. Sie müssen einmal wieder die menschliche Stimme hören, sie würden sonst vergehn vor Traurigkeit in ihren kalten, glitzernden Sälen. Durch die zwölf Nächte hindurch kommen sie jeden Abend, aber nur Sonntagskinder können sie sehen. So erzählte Veit, der hinkende Knappe. Und Wendelin sperrte Mund und Augen auf. Und als der Winter kam und die Zeit der heiligen zwölf Nächte und weiße Flocken vom Himmel stiebten, da erinnerte sich Wendelin getreulich an alles, was ihm Veit erzählt hatte. Und in der Stube kauerte er hinter dem Ofen und wartete, denn er wußte, er war ein Sonntagskind. Klopfenden Herzens wartete er, Abend für Abend. Aber nur das Gesinde der Mühle kam in die Stube und Bauernmädchen aus dem Dorfe. Sie sponnen gewöhnlichen blonden Flachs auf gewöhnlichen hölzernen Rädchen, gelben, grünen und blauen. Auch einige junge Frauen kamen, die waren dick und rundlich. Nichts Wunderbares war an ihnen. Auch die Knechte kamen und viele Burschen aus dem Dorf. Sie spielten Karten und würfelten um dürre Nüsse. Und manchmal neckten sie die Dirnen. Und die lustigen Dirnen gaben ihnen Rätsel auf, aber sie konnten sie nicht lösen. Da sprach wohl einer: das müßt ihr den Wendel fragen. Der hört das Gras wachsen und versteht, was die Vögel reden untereinander. So spotteten sie über den Wendelin, der in der Ofenecke saß und kein Wörtlein zu sagen wußte. Und Abend um Abend verging. Und Wendelin wartete und wartete. Aber kein einziges Wasserfräulein kam. Und Wendelin wurde traurig in seinem Herzen. Man hatte ihm gesagt, er sei ein Sonntagskind, er glaubte es nicht mehr, man mußte ihn angelogen haben. Dann kam von neuem der Frühling. Aus den Fugen der Brückenmauer hingen wieder ganze Büschel blutroter Nelken und blauer Glockenblumen. Der Steinbrech trieb weiße Blüten hervor und der Mauerpfeffer Millionen goldener Sterne, und das Rotschwänzchen und die weißbrüstige Wasseramsel bauten ihr Nest dazwischen. Und Wendelin vergaß wieder die Schule und lag auf der Mauerbrüstung, auf dem braunen Moos, Tag für Tag, und schaute mit großer Begierde hinunter in die Tiefe. Drunten am Bachrand, an den wilden Dornen, brächen tausend zarte Rosen hervor; jeder nickende Zweig war ein Kranz von Rosen. Zu Häupten Wendelins aber blühte der Holunder. Er umspann den Knaben ganz mit seinen weißen Fächerdolden und berauschte ihn mit süßem Duft. Da ward es Wendelin ahnungsvoll ums Herz, da gedachte er der schlohweißen Feen, die da drunten wohnen in kristallenen Palästen. Und einmal erschrak er. Drunten in der Rosenhecke sah er einen fremden Vogel. Der hatte einen langen blutroten Schnabel und goldgrün schimmerndes Gefieder. Nur einen Augenblick sah er ihn, dann war er in der dunkeln Tiefe verschwunden wie ein grünflammender Blitz, den das schwarze Wasser verschluckte. Wendelin zuckte am ganzen Körper. Lange konnte er sich nicht von der Stelle rühren. Endlich tat er sich Gewalt an und raffte sich auf und lief fort zu den Leuten. Und fragte alle Welt, was das für ein Vogel sei mit dem blutroten Schnabel und mit Flügeln wie ein grüner Blitz. Aber die Leute schüttelten die Köpfe. Einen solchen Vogel kannten sie nicht. Der Junge war wohl nicht recht gescheit. Veit selber machte ein ungläubiges Gesicht. Es konnte ein grüner Specht sein; aber der hatte keinen roten Schnabel. Da kehrte Wendelin zurück zu seiner Brücke und ließ die Leute die Köpfe schütteln, so lang sie wollten. Er war mit sich im reinen. Er wußte es nun, was das für ein Vogel war, den er gesehen hatte. Nichts anderes war's als einer von den sieben Spechten, die die Springwurzel kennen und die bei den Wasserfräulein wohnen und ihnen Kunde bringen von dieser Welt. Und Wendelin lag auf der Brücke, Tag für Tag, und wartete hoffend auf ein Wunder. Doch Wochen um Wochen vergingen, der grüne Vogel kam nicht wieder. Nun war es um die Erntezeit. Die Menschen und alles Gesinde waren in den Kornfeldern hinter dem großen Wald. Nur Frau Welte saß strickend am Scheuerrain. Und Wendelin lag auf seiner Brücke. Das Kinn gestützt auf die Ellenbogen, so lag er bäuchlings auf der schmalen, wackeligen Brüstung, auf der goldbraunen Decke von Moos. Der Holunder deckte ihn liebreich zu mit seinem Schatten. Unverwandt blickte er hinunter nach der blühenden Rosenhecke und nach den Weiden am Wasser. Aber kein grüner Vogel zeigte sich. Nur Schwalben durchsegelten die Luft. Und auf den braunen Ufersteinen hüpften gelbe und blaue Bachstelzen schwanzwippend hin und wider. Um die wilden Rosen summten goldene Käfer. Große braunrote Schmetterlinge gaukelten um blühende Geißblattranken und Engelwurzdolden, und über den Wasserlinsen und Teichlilien schaukelten sich glasflügelige blaue Libellen. An einer Ausbuchtung des Baches, zwischen Binsen und himmelblauem Vergißmeinnicht, tummelten sich drei graue Gänse. Sie schlugen die Luft mit den Flügeln, sie schwenkten die Schwänze, sie tauchten den Kopf unter und warfen sich Wasser auf den Rücken, daß es nach allen Seiten herunterrann in silbernen Tropfen. Und sie schnatterten mit den Enten, die am Ufer auf dem Rasen lagen. Sie schienen auf kein Wunder zu warten. Indessen lag es in der Luft wie Gewitterschwüle. Und wurde immer dumpfer und drückender. Am Scheuerrain Frau Welte strickte längst nicht mehr. Ihr Strickzeug war ihr entfallen, und ihre spitze Nase berührte fast die Knie, so war sie zusammengeknickt. Auch die Gänse waren ruhig geworden. Sie hatten den Kopf unter die Flügel gesteckt und standen auf einem Bein ohne Regung. Die Schwalben saßen müd auf der Dachrinne, sie piepsten nicht. Alle Stimmen des Lebens waren verstummt. Die Weiden selber ließen ihre Zweige schlaff herabhängen. Der Hahn auf dem Miste war eingeschlafen, und das Mühlrad drehte sich wie im Traum, träg und schläfrig. Und wie Fetzen eines zerflatternden Traums taumelten Falter und Libellen über dem Spiegel des schlafenden Wassers. Da überfiel es auch Wendelin. Und sein Kopf sank ihm nieder ins Moos, in den duftenden Thymian. Seine Augenlider wurden schwerer und schwerer ... aber, siehe, was war das? Das war das erhoffte Wunder. Aus dem Wasser stieg der grüne Vogel. Dann saß er auf einem Zweig des Holunders in funkelnder Pracht. Und mit menschlicher Stimme redete er zu Wendelin. »Du begehrst meine Königin zu schauen,« sprach er, »dein Wunsch soll dir erfüllt werden, die Königin schickt dir Gruß und Pferd.« Der grüne Vogel hatte kaum also gesprochen, da schwang sich ein Heupferd auf die Brücke, ein gewaltig großes, mit zwei himmelblauen und zwei hochroten Flügeln, ein wundersames Tier. Wendelin erzitterte. Das Flügeltier sah ihn an mit großen, kugelrunden Augen. Und in seiner Ungeduld rieb es die langen stacheligen Beine aneinander, und ein seltsames Tönen ging davon aus wie von Glas. Wendelin wußte selber nicht, wie es geschah, er saß auf einmal dem Ungeheuer auf dem Rücken, zwischen den himmelblauen, und den hochroten Flügeln. Als Zügel dienten ihm die Fühler. Das Pferd rieb seine stacheligen Beine aneinander, ein wundersames Tönen und Klingen zitterte durch die Luft, und fort ging's in sausendem Flug. In den Weiden kamen sie an eine Höhle. Zwei blaue Ottern bewachten den Eingang. Dann ging die Reise im Finstern. Nur hier und da flackerte ein Irrlichtlein am Wege und leuchtete ein runder Klumpen von Glühwürmern. In der Ferne sahen sie sieben Karfunkel wie rote Sterne schimmern. Zwei Torflügel öffneten sich. Wendelin mußte die Augen schließen. Der Glanz blendete ihn. Die Wände waren von Kristall und alles funkelte und blitzte. Durch die Wände hörte man die Wasser rauschen und singen. So ging es fort durch weite Hallen. Endlich kamen sie in einen runden Saal. Hier saßen im Kreis die Wasserfräulein. Ihre Leiber, weiß wie Schlehenblust, schimmerten durch goldene Schleier. Auf dem Haupte trugen sie goldene Kronen. Sie spannen goldenen Flachs von goldenen Rocken. Den Faden drehten sie auf goldene Spindeln. In der Mitte saß die Königin. Sie winkte Wendelin zu sich her, sie nahm ihn auf ihr weißes Knie. Sie faßte sein Gesicht mit ihren kühlen, lilienweißen Händen. Sie bog ihren roten Mund zu seinem Mund. Ein süßer Schauer durchrieselte ihn ... da ... was war das? Das war ein dumpfes Aufplumpsen ... Und verschwunden war alle Herrlichkeit. Und Wendelin lag mitten im Bach. Die Gänse fuhren erschrocken aus dem Schlaf und reckten die Hälse. Frau Welte war auch erwacht. Sie erhob ein lautes Geschrei. Sie ballte die Faust. »Der Taugenichts, der Tagedieb«, schrie sie. Und Veit kam herzu, der treue Knappe, und sah, was geschehen. Er zog den Wendelin aus dem Bach. Der arme Wendel bot einen jämmerlichen Anblick dar. Er hatte keinen trockenen Faden am Leib. Er triefte wie eine ersäufte Maus. Frau Welte zerrte ihn sofort in die Stube. Sie schalt: »Dich lachen die Gänse aus.« In der Tat erhoben die Gänse ein lautes Geschnatter. Auch die Enten kamen herbei und alle Hühner. Denn so was ereignete sich nicht alle Tage. Und das Geschnatter und Gegacker wollte kein Ende nehmen. Nur der Hahn hielt sich fern in stolzer Vornehmheit. Er verließ seine hohe Stätte nicht, nämlich seine Düngerstätte, und unermüdlich forschte er und grübelte und grub nach des Düngers tief verborgenem Kern. Er fand auch eben wieder ein Körnlein, das trotz Wiederkäuens ein Ochs oder Esel nicht verdaut hatte. Und er ließ einen lauten Ruf ertönen. Aber seine Hühner hörten ihn diesmal nicht. Kein einziges sah sich nach ihm um. Ihr Gegacker war ihnen im Augenblick wichtiger. Da ärgerte sich der Hahn gar sehr über den dummen Wendel ... »Oh, Onkel Heinzelmann,« rief hier die kleine Olga, »das ist ja gar kein richtiges Märchen, das ist nichts als die Geschichte mit dem Alexander, wie der drüben von der Brücke gefallen ist, weil er eingeschlafen war. Ich war damals noch ein ganz kleines Ding, aber ich weiß noch sehr gut, wie die Hexe vom kleinen Dörfle, die Hanne Strohmelker, ihn herausgezogen hat, weil sie grad' vom Steinklopfen heimging.« »So so, das weißt du noch«, sprach scheinbar mit großer Verwunderung der Herr Steuerperäquator, indem sein Mund eine mächtige Rauchwolke ausstieß, »ja, ja, du bist eben auch ein allzu gescheit's Frauenzimmerchen. Du hast am End' gar mitgeschnattert mit den andern Gänsen.« So der Herr Steuerperäquator. Ich aber, ganz stumm geblieben, wurde nun rot vor Verlegenheit, denn wahrlich, ich hatte es gar nicht bemerkt, daß das Märchen meine eigene Geschichte war. Achtes Kapitel Der Bendel und der Saam oder die ersten schmerzlichen Zuckungen eines Herzchens Zu Ostern bei meinem Übertritt in die zweite Klasse unserer Hochschule war ich von meinem Vater mit einem neuen Gewand versehen worden, das mich leider von allen andern Knaben des Dorfes allzusehr unterschied. Diese steckten in schweren Wämsen von grobem, unverwüstlichem Zwillich, ich aber trug ein leichtes Kittelchen aus blaukarriertem Kattun, so leicht, daß es von mir wegzufliegen drohte, wenn nur ein leiser Luftzug ging, weshalb es geraten schien, das Zeug noch ganz besonders an meinem Körperchen zu befestigen. Dazu wäre ein Gürtel das beste Mittel gewesen. Doch ein richtiger Gürtel kostete zuviel Geld. Mutter Regina half sich auf andere Weise. Ein dunkelblaues Band tat dieselben Dienste. Die Gute nähte dieses Band auf dem Zeug fest, das sie im Rücken fältelte. Dadurch wurde der Kittel zur Bluse. Das Band selbst wurde in der Nabelgegend mit einer Schleife zusammengebunden. Schon das Gewand wurde mit scheelen Augen angesehen. Diese Bluse wich zu sehr ab vom Herkömmlichen. Sie wurde als eine Beleidigung empfunden. Denn anders sein als die andern, das heißt immer die andern beleidigen und fordert mit Recht diese zur Rache heraus. Der arme Schneiderbub sah aber in seiner Bluse fast aus wie ein Herrensöhnchen. Oder er wollte so aussehen, wie man meinte. Einen solchen Hochmut durfte man nicht aufkommen lassen, und kein Spott erschien giftig genug, um dagegen anzukämpfen. Wohl trug noch einer in der Schule andere Kleider als die Bauernbuben, nämlich der kleine, zierliche Artur Blankenhorn, der Sohn des Krämers Siegmund Blankenhorn. Aber wenn man eben Artur Blankenhorn hieß, dann hatte man, so schien es, ein Recht zu aller Art Ausnahme und Auszeichnung. Und außerdem war Arturs Kleid in seiner Art solid und das meine schmeckte nach Bettelhaftigkeit. Und statt des Bandes trug er einen wahrhaftigen Gürtel. Aber, wenn das auch nicht so gewesen wäre: Artur hegte in sich das sichere Gefühl, vornehmer zu sein als die andern, er trug sein Kleid mit dem stolzesten Selbstbewußtsein. Und also imponierte er. Aber der arme Lexel, wo hätte der ein Selbstbewußtsein hernehmen sollen? Denn daß das eine Sache ist, die oft schon für ein wenig Geld gekauft werden kann, wußte er nicht und hätte ihm auch gar nichts genützt. Besonders reizte an meinem Anzuge der vordringliche blaue »Bendel« die Spottlust. Und bald rief man mich nur noch mit diesem Namen. Ich hieß nicht mehr der Xander, der Lexel, ich hieß auf einmal der Bendel, und der Name hing mir lange Zeit an. Ich hieß jedoch nicht nur der Bendel, ich hieß auch der Saam. Zu den Namenlosen habe ich also damals nicht gehört. Saam aber, das war in der Sprache von Hinterwinkel soviel wie »Saum«. Der Bendel an meiner Bluse war nämlich ein Saumbendel oder Tuchsaum, denn solche Tuchsäume haben die Schneider immer vorrätig. Ich trug bei gutem Wetter auch Schuhe, die aus solchen Säumen geflochten waren. Man hieß sie Bendelschuhe, ursprünglich, weil sie aus einem Geflecht von Bendeln bestanden, und dann, weil der »Bendel« sie ausschließlich trug, ein nexus causalis , wie man sieht, der jener Schlange, die sich selber in den Schwanz beißt, auf ein Haar ähnlich sieht. Und wahrhaftig, so kleine Dorfkinder können in ihrem Denken ebenso spitzfindig und verzwickt sein wie die größten und berühmtesten Philosophen. Zu den genannten Ostern kam auch Olga Rotermund in die Schule, und so war nichts natürlicher, als daß wir meistens den Weg zusammen machten. Auch auf dem Heimwege gingen wir wieder Seite an Seite, und bald wurden wir beide wegen dieser treuen Kameradschaft viel geneckt. Auf dem genannten Heimweg gab es nun einen Punkt, wo wir beide uns von den übrigen Weggenossen zu trennen pflegten, nämlich an der Stelle, wo der sogenannte Bäckensteg über den Bach führte. Die andern überschritten diesen Steg; Olga und ich aber schlugen einen Pfad ein, der zwischen dem Bach und den Dorfgärten hinführte bis zu der hochbogigen Steinbrücke, auf der wir zu unserer Wohnung gelangten. Es war ein schöner, reizvoller Weg, besonders im Sommer, wenn rechter Hand die nickenden Bohnenblüten den Kindern das Gesicht streiften, während links am Bachrand, zwischen hohen, blumigen Stauden, die Früchte wildwachsender Stachelbeeren und Johannisbeertrauben sich zu röten anfingen. Auch schwarze Johannisbeeren wuchsen dazwischen mit einem so seltsamen Geschmack, mit einem fast berauschenden Duft. Und noch freudigere Überraschungen erlebten wir in der vorgerückten Jahreszeit auf unserem gemeinsamen Pfad, wenn uns aus den Gärten heraus, von überragenden Ästen, bald ein rotbäckiger Apfel, bald eine goldgelbe Birne, bald eine blaue Königspflaume vor die Füße fiel. Wir genossen das freie Geschenk mit unvermindertem Behagen, auch wenn wir einen noch so dicken Wurm in der lachenden Frucht entdeckten. Mit einem abgebrochenen Zweiglein oder auch mit dem schnalzenden Finger entfernten die Näscher den unwillkommenen Festteilnehmer, und ohne die geringste pessimistische Anwandlung bissen wir herzhaft weiter ein, jetzt die Olga, dann ich, und so abwechselnd. Nur selten verteilten wir die Beute auf einmal. Auch im Winter bereitete uns der Weg große Freude. Da bekam der Bach einen zackigen Eisrand, und weiße Duftflocken hingen am Gesträuch, daß es aussah wie verzuckert. Aber manchmal schmollte die blonde Olga mit mir, ich wußte nicht warum. Dann ließ sie mich meinen Gartenweg allein gehen und ging mit den andern über den Bäckensteg, obgleich sie damit einen weiten Umweg machte. Und die andern triumphierten. Und sie machten in ihrer Sprache Spottverse auf den »Bendel«. Sie machten auch die Melodie dazu, sie sangen: Der Bendel und der Saam, Die gehn minnanner haam, Der Saam und der Bendel, Die kriege auch kei Händel. Und nun weiß man ja allgemein, wie es mit der Dichterei zu gehen pflegt. Es ist leicht, gar keine Strophe zu machen, aber es ist schier unmöglich, wenn man einmal angefangen hat, nur eine einzige zu machen. Erst gar, wenn die Melodie dazukommt. So eine Melodie ist die reinste Gebärmutter von immer neuen Strophen. Und so machten auch diese Dorfkinder im Schoß der Melodie zu ihrer ersten Strophe bald eine zweite, eine dritte, eine vierte usw., nur hatten alle denselben Sinn, wie sie eben auch aus derselben Melodie geboren waren. Eine lautete: Der Lexel und der Xandr Gehn ganz allein mitnandr, Der Xander und der Lexel Essen's ganz Jahr Kraut und Häcksel. Und alle sang die blonde Olga lustig mit, denn sie schmollte nicht einmal, sie schmollte öfter mit Alexander, der doch niemals wußte, warum; ja, sie soll selber die besten Strophen von sich aus erfunden haben. Das war bitter für Alexander Schmälzle. Neuntes Kapitel Artur Blankenhorn und das Goldene Buch Das Kräutlein Lanzelott Im dritten oder vierten Jahre meiner Schulzeit mochte es sein, daß unser Nachbar, der Gerber Apel, seine einzige Tochter verheiratete und im Gasthaus zum goldenen Hirsch eine glänzende Hochzeit bestellte. Er schätzte mehr als die übrigen Hinterwinkler meinen Vater als gewanderten Mann und lud ihn und mich als nächste Nachbarn zu dem Fest. So viel Braten und Brühen und Berge von Mehlspeisen, als an diesem Tage auf der langen Tafel im Tanzsaal des Hirschen aufgetragen wurde, hatte ich in meinem Leben nicht vor Augen gesehen. Aber so groß mein Hunger und meine Lust nach der ungewohnten Herrlichkeit gewesen sein mochte, so war ich doch schon nach zwei Schüsseln vollkommen satt und an die Stelle des ersten Ergötzens trat die Langweile, so daß ich mich bald empfahl und aus der dicken Luft ins Freie hinauslief. Doch nach einiger Zeit wurde ich zurückgeholt, weil man das Süße auftrug. In der Tat erlebte ich, in den hochzeitlichen Saal zurückkehrend, eine große Herrlichkeit. Die ganze Tafel stand voll gezuckerter Waffeln. Mein Vater hielt mir schon von weitem eine entgegen. »Alexander,« rief er, »da schau einmal an, da gibt's Farbenschachteln, ganze Haufen und solche, die man essen kann, nun wirst du zufrieden sein.« Das waren verhängnisvolle Worte. Ich wollte nämlich um jene Zeit – man kennt ja zur Genüge diese abwechselnden Liebschaften und Aspirationen der Knaben – ein Raffael werden, und lag Tag und Nacht meinem Vater in den Ohren, daß er mir beim Krämer eine »Farbenschachtel« kaufe, wie ich eine bei Schulmeisters Christian gesehen. An einer Farbenschachtel hing mein Leben. Nun wollte ich schon nach der gezuckerten und in Wahrheit wie eine Farbenschachtel gefächerten Waffel die Hand ausstrecken, aber das Unglückswort, die Erinnerung an meinen unerhörten heißesten Lebenswunsch, rief plötzlich einen schmerzlichen Trotz in mir wach. Ich empfand das innigste Gelüste nach dem Zuckerbrot, aber mein Ärger über die verweigerten Farben überwog; und mich für das entbehrte Rüstzeug künstlerischer Betätigung mit einem elenden Leckerbissen entschädigen zu lassen, dünkte mich eines neunjährigen männlichen Weltbürgers unwürdig. Nein, ich ließ mich nicht zum Narren halten. Eine Farbenschachtel zum Essen wollte ich nicht. Und grollend lief ich fort. Ich fühlte eine stolze Befriedigung. Meinen noch größeren Schmerz aber und mein wehmütiges Mitleid mit mir selber, der ich aus beleidigter Würde keine Waffeln essen durfte, wollte ich mir nicht eingestehen. Ich lief hinaus über Gärten und Wiesen und die Kyrlihalde hinauf nach dem Kahlenbuckel, und hinter einer Hecke von Haselstauden warf ich mich ins Gras, zwischen Wegwarte und gelben Rainfarn, und weinte bitterlich – und bedauerte, die Waffeln nicht zur Stelle zu haben, wo ich so schön heimlich essen und mich für die öffentlich kundgetane Festigkeit hätte belohnen können. Erst am Abend, als es schon dunkel wurde, stahl ich mich, sehr verlegen, in die Festräume zurück, ungewiß, was ich für ein Gesicht machen sollte. Und da geschah etwas wie ein Wunder. Schon weit vor der offenen Türe drangen Laute an mein Ohr, die mich auf Außerordentliches gefaßt machten. Ich schlich mich leise heran und sah und hörte. Alle saßen still lauschend um die Tische, nur einer, der Krämer Blankenhorn, stand mitten im Saal auf einem Stuhl. Er deklamierte. Im ersten Augenblick glaubte ich, er ahme den Pfarrer nach, wie er auf der Kanzel predigt, doch bald merkte ich, daß das etwas anderes sei. Die Worte des Mannes gaben dem Auge und der Seele Bilder. Lebendige, farbige, lichtvoll freudige Bilder. Und Rhythmus und Reim, wofür ich weder Name noch Begriff besaß, umwoben mich mit ihrem Zauber. Wie konnte nur ein Mensch so etwas sprechen. Ich hätte aufschreien mögen vor innerem Jubel, und ich wagte doch kaum zu atmen vor Hingerissenheit und andächtiger Ehrfurcht. Da war Zorn und Herzeleid und alles vergessen. Was sich sonst noch zutrug nach dem Vortrag, beachtete ich kaum; in meinem Ohr klangen nur noch Rhythmen und Reime, und meine Seele lebte in den geschauten Bildern. Das vorgetragene Gedicht war die Bürgersche Romanze »Der Kaiser und der Abt«, und der Krämer wird die tanzenden Verse so schlecht als möglich gesprochen haben, aber ich war in meinem neunten Lebensjahre gottlob noch kein Kritiker. In der Nacht träumte ich von den gehörten Herrlichkeiten, und am andern Tag in der Schule fragte ich ganz schüchtern und beklommen den kleinen Artur Blankenhorn, ob das in einem Buche gedruckt sei, was sein Vater am Abend gesprochen. Allerdings stünde das gedruckt in einem Buch, es heiße das Goldene Buch, und sein Vater besitze es, und darin stünden noch hundertmal schönere Sachen. Wie meine junge Seele zitterte bei dieser Eröffnung! Zu denken, daß ich dieses Buches habhaft werden könnte! Etwa, daß Artur es mir leihen würde. Doch wo sollte ich den Mut hernehmen, ihn darum zu bitten? Der Krämerssohn sah so vornehm aus. Noch heute sehe ich ihn mit seinen weißen Strümpfen und kurzen Kniehöschen, mit seinem zierlichen Kamisol, nicht von einem lumpigen Bendel, sondern von einem richtigen roten Glanzgürtel umspannt, mit seinem hellen Strohhut, dessen rückwärts niederhängende Bandenden auf blauem Grund einen gelben Anker zeigten – eine geheimnisvolle Hieroglyphe für mich. Und dann hatte der kleine Artur immer reine weiße Hände und trug so schöngestrählte lange Haare, die so fremdartig dufteten. Ja, der Knirps erschien ganz unbegreiflich vornehm. Und je länger ich es aufschob, ihm von meinem Anliegen zu reden, desto schwerer fiel mir's. Aber einmal tat ich es doch, ich faßte mir mit Gewalt ein Herz. Ich kam übel damit an. Das altkluge Bürschchen rümpfte die Nase. Was ich mir einbilde. Das Buch sei nicht in der Sprache geschrieben und mit den Buchstaben gedruckt, die wir in der Schule lernten. Wie ich glauben möchte, daß ich so etwas lesen oder gar abschreiben könnte, das vermöge er nicht einmal. Dieses » er nicht einmal« hatte seinen guten Sinn, denn Artur saß auf dem ersten Platz der Klasse und ich saß tief unter ihm. Der abweisende Bescheid betrübte mich unsäglich; aber er entriß mir doch nicht alle Hoffnung. Wochen verstrichen, aber meine Sehnsucht nach dem Buche verminderte sich nicht, sie wuchs ins Ungeheure. Leider sah ich allzu deutlich, daß das Buch für mich nur zu bekommen sei, wenn ich mir den guten Willen Arturs zu erkaufen imstande wäre. Einmal hatten wir eine sehr zusammengesetzte Rechenaufgabe mit ungeheuerlichen Zahlen, und Artur war zu bequem oder zu vornehm gewesen, eine so langweilige Arbeit zu machen, bei der nichts herauskam als wieder reine Zahlen. Er machte sich also an mich, ich sollte ihn mein Gekritzel, das fast zwei Seiten der Schiefertafel füllte, abschreiben lassen. Es lag ihm daran um so mehr, da ihm der Lehrer schon vor dem Schulhause bemerkt hatte, er sei doch begierig, wer heute sein Rechenexempel richtig habe. Dies genügte, in dem kleinen Artur einen großen Ehrgeiz zu erwecken. Und mir mußte er vor allem eine richtige Arbeit zutrauen, denn nur die meinige wollte er abschreiben. Er gab mir die süßesten Worte. Ich wollte aber nicht recht daran. Warum er denn die Rechnung nicht selber gemacht habe? Er wäre es so gut imstande gewesen wie ich. Und von ihm habe noch nie jemand auch nur ein I-Tüpfelchen abschreiben dürfen. Aber Artur ließ mich nicht ausreden. Die Zeit drängte. »Gib, flüsterte er, du sollst das Goldene Buch dafür haben.« Mir fuhr ein freudiger Schrecken durch die Seele. Für das Balladenbuch hätte ich mein Seelenheil gegeben. Artur hatte gerade die letzte Ziffer der barbarischen Rechnung hingeschrieben, als der Lehrer in die Klasse trat. Er rief zuerst den schwächsten Rechner auf, daß er sein Resultat ablese. Da brach gleich das Donnerwetter los. Was! Eine solche Frechheit, das habe er abgeschrieben. Er solle nur gleich sagen von wem. Und der Schulmeister griff nach dem Rohr. Der Arme nannte heulend meinen Namen. Da wurde der Schulmeister erst wütend, das sei ein niederträchtiger Betrug von mir. Und leider sei es nicht das erstemal, daß ich so gegen sein Verbot handelte. Er wollte mir's aber legen. Ich täte es auch nur, um mich großzumachen vor meinen Mitschülern. Und am Ende hätte ich gar noch mehreren die verbotene Gunst erwiesen. Sicher, er lese mir's ja von der Stirn ab. Unter diesen Umständen ward in dem kleinen Artur die Schadenfreude stärker als der Ehrgeiz. Und er gestand, daß ich auch ihm meine Tafel gegeben habe. Ich fand keine Gelegenheit, etwas zu erwidern, ich wurde über die Bank gezogen, mit angespannten Höschen ... Und das spanische Rohr begann seinen Tanz. Artur bekam einen Backenstreich, aber ganz leicht; er wurde für seine Ehrlichkeit fast gelobt. Ich für meinen Teil würde die erhaltene Prügel nicht bedauert haben, ja ein zehnfaches Maß derselben wäre mir nicht zuviel gewesen, wenn ich das Balladenbuch dafür bekommen hätte, das Goldene Buch. Aber dem Artur fiel es nicht ein. Ich hätte den dummen Jakob nicht abschreiben lassen sollen, meine Schuld sei's, daß die Sache herauskam, meinetwegen sei er gestraft worden. Soviel ich wußte, verhielt sich das umgekehrt. Aber wenn Artur sagte, ich bekomme das Buch nicht, so bekam ich es sicher nicht. Ein Jahr später, um die Zeit des Knöpfespiels, hatte ich einen besseren Kaufpreis zu bieten. Man spielte mit Knöpfen um Knöpfe, in einer Form, die ich außer in unserem Dorf weder in heimatlichen noch fremden Gegenden je wieder angetroffen habe, bis vor kurzem in Italien, an der Riviera, am Strand von Porto Fino, bei einem halb verfallenen Sarazenenkastell. Dessen Quaderwände, von deren Festigkeit einmal das Los der ganzen abendländischen Christenheit abgehangen, mußten jetzt dem kindlichen Spiel dienen. Aufs höchste überrascht, blieb ich stehen und sah zu. Diese kleinen braunen Ligurier, die sich so wildfremde Dialektlaute zuwarfen, wichen um kein Haar von der Art und Weise ab, wie wir daheim in unserem Hinterwinkel das Spiel getrieben vor langen Jahren als Kinder. Und ich mußte Artur Blankenhorns gedenken, des Krämersohns, der unterdessen daheim an die Stelle des Vaters gerückt war und der nun von demselben Limburger Käse, von demselben Pfälzer Tabak, den sie nach seinem Aufschriftbildchen »Roter Reuther« heißen, von derselben Zichorie im blauen Papier und von derselben Wagenschmiere verkauft, wie einst sein Vater, nur mit noch hochtrabenderen Redensarten. Mit dieser Erinnerung und der Erinnerung an das alte Kinderspiel stiegen zugleich alle Empfindungstöne und Farbendüfte des deutschen Vorfrühlings in mir auf, der ärmer ist und glanzloser, aber ersehnter als der südliche, und der ein eigenes schauerndes Entzücken in die sonnendurstigen Gemüter gießt. Wenn der Erdboden, nachdem er Monate und Monate in Eis oder Kot gestarrt, nun zum erstenmal wieder sonnentrocken wird, zu allererst auf betretenen Wegen, an mittägigen Rainen, auf der hochbogigen Dorfbrücke, und wenn die Spatzen sich gebärden, als wollte sie sich schon im Staube baden: das ist ein Gefühl, eine Freudenahnung. Aber die Felder draußen sind noch morastig und unzugänglich, für die Spiele in Wald und Flur, für die Kriegs- und Räuberspiele ist noch nicht recht die Zeit, in Erwartung ihrer trieben wir das Knöpfespiel. Vor den Scheuertoren, an der Schwelle der Häuser, an der Kirchenmauer und vor allem auf jener hohen Brücke mit ihrer altfränkischen steinernen Brüstung ging es los. Man spielte zu zweien oder mehreren. Jeder hatte zum Anwerfen einen »Plapper«, was vielleicht ursprünglich »Plappert« hieß. Denn er war in der Tat meistens eine alte Kupfermünze. Oft jedoch war es auch ein großer metallener Knopf, ein Soldatenknopf, oder von denen, wie die Großväter an ihren langen Röcken trugen. Damit warf man. Man warf den Plapper gegen eine feste Wand, gegen Türen, Türpfosten, Scheuertore, Mauersteine, Brustwehren und was sich sonst darbieten mochte; man warf ihn so, daß er sich einem andern schon geworfenen näherte. Geschah dies so weit, daß man den Abstand mit den Fingern überspannen konnte, hatte man einen Knopf gewonnen; lagen aber gar zwei oder drei Plapperte in Spannweite, so bestand der Gewinn in ebensoviel Knöpfen. In solchem Fall gab es in der jungen Brust einen Freudensturm, nicht geringer als in derjenigen des Börsenmannes, der eine halbe Million davonträgt. Andrerseits finstere Augen, schmerzliches Zucken der Mundwinkel, rote Köpfe, tausend Zeichen verzweifelter Seelenzustände. Mancher Unglückliche verlor an einem einzigen Nachmittag seine ganze Barschaft, und der tödliche Schmerz der Betroffenen äußerte sich in der mannigfaltigsten Art, vom trotzig verschlossenen Groll bis zu weichen Tränen. Nur Selbstmord kam nicht vor, es fehlte an Revolvern. Wer sich des Kredits erfreute, konnte weiterspielen und wenn er sich bereits den letzten Knopf von den Hosen abgeschnitten hatte. Er konnte Schulden machen. Diese aber galten für verbindlich im strengsten Sinn. Um solche Ehrenschulden zu bezahlen, griffen die Betroffenen zu den verzweifeltsten Mitteln. Heimlicher Diebstahl und gewaltsamer Straßenraub nahmen bei diesem Zweck den Charakter heiliger Handlungen an. Denn unbewußt oder uneingestanden handeln die Menschen alle mehr oder weniger nach dem Grundsatz, daß der Zweck die Mittel heilige. Daß aber einer, um seine verpfändete Ehre zu retten, sich mit Messer und Schere an die Sonntagshosen seines Vaters oder seiner Brüder machte und sich dafür halb zu Tode prügeln ließ, geschah fast täglich; damit erwarb er sich den Ruf eines Buben von Ehre, eines Helden ... Nicht alle Knöpfe hatten Kurs. Ein ganzes System von Regeln, wogegen die münzgesetzlichen Bestimmungen der ehemaligen sechsunddreißig deutschen Bundesstaaten eine Kinderei heißen konnten, setzten fest, unter welchen Bedingungen ein Knopf als Zahlung anzunehmen sei. Neben den gangbaren und ganz ungangbaren Münzen, d.h. Knöpfen, gab es, wie in allen solchen Verhältnissen, auch zweifelhafte, welche die einen annahmen, die andern nicht, je nach Charakter und Geschäftsprinzipien, oder welche man sich höchstens da gefallen ließ, wo die vollwichtige Münze eben nicht zu erlangen war. Und höhere und niedere Münzen gab es. Jene waren die Plapperte. Sie galten oft drei, fünf oder noch mehr gemeine Knöpfe; ja es gab solche, die man mit mehr als zwanzig bezahlte, sie bildeten den Hauptstolz ihrer Besitzer. In der Zeit des Knöpfespiels wurde jeder Knabe nach seinem Reichtum, d.h. nach der Zahl seiner Knöpfe geschätzt. Man kannte diese Zahl genau. Und wie es bei den Alten hieß, der Brückenlenz hat zwanzig Morgen Wiese, der krumme Hammel fünfundzwanzig, der Füllentoni sechzig, der Blessenvogt einhundertzwanzig, und wie man in andern Kreisen sich zuflüstert, der Hirschhorn hat fünfzehn Millionen, der Oppenheimer zwanzig, der Ladenburg vierzig: so wußten und erzählten wir und nicht mit geringerer Wichtigkeit, daß Brückenlenzes Johann vierzig, Blessenvogts Finzer siebzig, Krummhammels Endres achtzig und Füllentonis Kilian sogar hundert Knöpfe sein eigen nenne, abgesehen von denen, welche soundso viel arme Teufel ihnen schuldeten. Keiner aber ragte an Artur Blankenhorn hinan. Sein Reichtum schwankte zwischen hundertundzwanzig und hundertundfünfzig. Und er hoffte eines Tages die Zahl zweihundert zu erreichen. Ich selber gehörte zu den ärmsten; höher als auf sechs bis sieben Knöpfe brachte ich es nie. Ich spielte auch wenig. Ich zog es zu Zeiten vor, tagelang herumzuschweifen und zu träumen, von allem möglichen, besonders aber von einem gewissen Buch und von Dingen, die darin standen, von jenem verwunschenen Buch, das ich, wie sehr ich mich danach sehnte, nicht bekommen konnte, weil es eben verwunschen war, weil es von feindlichen Mächten behütet war, zwar nicht von einem schwarzen Pudel mit roten Glühaugen, aber von einem kleinen boshaften Kobold, der sich Artur Blankenhorn nannte. Täglich träumte ich davon. Denn nie wäre mir der Gedanke in den Sinn gekommen, daß das Wunderbuch am Ende gar nicht mehr existierte, daß der Krämer vielleicht aus seinen Blättern Schnupftabakdüten gedreht oder daß er sie zum Einwickeln fauler Heringe verwendet hatte. Ich träumte weiter von dem Buch. Und obwohl ich es einstweilen nicht bekam, machte ich mir's dennoch zu eigen, in einem besonderen Sinn. Hineinlesen konnte ich mich nicht, so träumte ich mich hinein. Und ich erschuf es neu im Traum, schuf es für mich als mein Eigentum. Ich dichtete es, nicht wie es war, sondern wie ich es dachte und wie es mir nun ganz gehörte. Der Gedanke an das Goldene Buch ließ mich wirklich nicht los. Wahrscheinlich hoffte ich, daß sich der Himmel noch sicher ins Mittel legen werde, entweder mit natürlicher Fügung oder, wenn es sein müßte, mit einem Wunder. Und wahrhaftig, eines Tages geschah etwas, das ganz nach einem Wunder aussah. Und Lanzelott hieß das Wunderkräutlein, das die langersehnte und heißersehnte Wirkung herbeizuführen schien. In der mehrfach erwähnten Heckenmühle gab es außer dem Müller und seiner Frau, einer bereits erwachsenen Tochter, dem Mühlknappen Veit und der Magd Cyrene, noch eine Person, eine Greisin von über achtzig Jahren, die Großmutter des Müllers. Sie hieß in ganz Hinterwinkel nur das Mütterle, in welcher diminutiven Bezeichnung schon all die Verachtung ausgedrückt lag, womit bei uns auf dem Lande das impotente und hilflos gewordene Alter bedacht wird. Und freilich war dieses steinalte Mütterle in seiner unglaublichen Verwahrlostheit weder anmutig noch ehrwürdig in seinem Aussehen. Denn, so ungeheuerlich es klingt, diese Ahne, sie wurde von ihrem Enkelsohn und dessen Frau und Tochter bis hinunter zu den Dienstboten schlimmer behandelt als ein räudiger Hund. Niemand kümmerte sich im geringsten um sie. Niemand gönnte ihr einen freundlichen Blick oder gar ein liebes Wort. Ihre gänzliche Verlassenheit in ihrer schlechten Bodenkammer ging über alle Vorstellung, und das war an ihr nur allzu sichtbar. Ihr Anblick flößte zugleich Jammer und Abscheu ein. Solange ich sie kannte, hatte sie geschwollene und geschwürige Hände, und sie eben waren die Veranlassung, warum ich zu ihr in nähere Beziehung kam. Meine Mutter nämlich, nicht unbewandert, als Tochter des alten Schäfermichel, in mancherlei volksarzneilicher Wissenschaft, kannte wohl das Kräutlein Lanzelott als ein Linderungs- und Heilmittel gegen das erwähnte Gebreste. So lehrte sie auch mich das heilende Kraut kennen – Plantago laceolata heißt es in der Botanik – ja ich mußte oft in ihrem Auftrag dem Müllerle einen Bündel frischgepflückter Lanzelottblätter in seine schmutzige Bodenkammer bringen, weil es doch sonst in der Welt keine Seele gab, die sich bereit gefunden hätte, der armen verwahrlosten Greisin diesen Liebesdienst zu erweisen. Das abstoßende Äußere des elenden Fraule wirkte entsetzenerregend auf mich. Ihre geschwürigen Hände, ihr Mund von Geifer schmutzig und zwei ungeheure rotbehaarte Warzen in ihrem Gesicht, eine an der Seite des Kinns, eine andere an der Nasenwurzel, in der Nähe des Auges, flößten mir einen unaussprechlichen Ekel ein, der Geruch in ihrer Kammer benahm mir den Atem; aber ich muß als Knabe ein unglaublich gutmütiges Kind gewesen sein, denn ich kann mich nicht entsinnen, dem Auftrag meiner Mutter je den geringsten Widerstand entgegengesetzt zu haben. Ich ging, sooft sie mich nur schickte. Zwar meinte ich in der verpesteten Atmosphäre des Müllerle oft vergehen zu müssen vor physischem Grausen, denn mein Geruchssinn war von seltener Empfindlichkeit, unter welcher Tugend ich auch anderen Orts viel zu leiden hatte; aber ich suchte meinen Abscheu mit Gewalt zu unterdrücken, und tat obendrein der Alten mit Bereitwilligkeit jeden Dienst, um den sie mich bat, als etwa ihr ein Krüglein frisches Wasser zu holen oder ihr die Stiege hinunter als Stütze zu dienen, wenn sie sich im Hof für den Nachmittag in die Sonne setzen wollte. Niemals wäre ich in meinem späteren Leben einer solchen Selbstentäußerung je wieder fähig gewesen; auch schien es, daß der barmherzige Gott, zu dem die Menschen beten, meine eigene kindliche Barmherzigkeit nicht unbelohnt lassen wollte. Aber ein einziges kleines Teufelchen, in Gestalt eines pomadisierten und zierlich geputzten Krämersbuben wollte es offenbar anders, und so mag nachher der liebe Gott sich selber verwundert haben, wie so ein Dämönchen, ein wahrer Knirps von Teufelchen, ihm hinterrücks und ganz unversehens seine gute Absicht hatte zuschanden machen können. Als ich nämlich eines Tages wieder bei dem Müllerle eintrat, einen großen Bündel des Wunderkräutleins Lanzelott in den Händen, kniete das Fraule auf dem Boden vor ihrer alten wurmstichigen Truhe und kramte unter ihren Sachen. Sie schaute auf und warf mir einen Blick zu, freundlicher als gewöhnlich. Und dann murmelte sie etwas wie: »Gutes Büble, kommt zu einem alten, armen Ding, dem alles ausweicht und noch gar nichts gegeben, nichts, und kommt doch zu dem alten Mütterle, wie wenn's seine eigene Großmutter wäre.« Und nach einigem Suchen zog sie aus einem Nebenbehälter, zwischen alten Spulen und Garnknäueln und verwaschenen Haubenbändern und tausend anderem Kram einen zugebundenen Beutel hervor von abgeschossenem Katun, mit bauschigem Inhalt. Und hielt ihn mir hin. Das sollte ich nehmen. Ich griff nur zaudernd danach, ich glaubte, es sei Geld. Es waren aber Knöpfe, mehr als fünfzig und auch Plapperte darunter. Und alle Sorten waren vertreten, und nur gute, lauter vollwichtige Münzen. Und siehe, mein erster Gedanke war das Goldene Buch. Nun mußte ich es ja bekommen. Und ich beschloß, sofort den kleinen Artur aufzusuchen. Ich kannte seinen Ehrgeiz, an der Knopfbörse der reichste Mann zu sein. Ich wußte aber auch, daß der Reichtum, dessen er sich rühmte, verdächtig wurde, als ob er zum großen Teil unecht wäre. Wie jede in sich geschlossene Welt, so hatten auch wir in der unsern eigene Begriffe von moralischen und materiellen Werten. Den Maßstab der Vernunft freilich durfte man bei unseren Wertungen so wenig anlegen, wie man das in andern Welten darf, und wäre ein Friedrich Nietzsche unter uns auferstanden, so hätte er auch mit großem Hohn die Umwertung aller Werte predigen können. Denn alles beruhte nur auf Herkommen und Übereinkommen. So galten bei uns nur alte Knöpfe als vollwertig, nur solche, die von getragenen Kleidungsstücken abgeschnitten waren. Artur aber stand in dem Verdacht, unter seinen hundertundfünfzig oder hundertundachtzig Knöpfen viele neue zu besitzen, die unmittelbar aus den glänzenden Pappschachteln des väterlichen Kramladens stammten, über welche Erwerbsart sich in unsern Börsentraditionen nichts vorgesehen fand, die darum nicht anerkannt wurde. Der kleine Artur verteidigte sich bei jeder Gelegenheit aufs lebhafteste gegen den ihm zugeschobenen Verdacht; aber den tatsächlichen Beweis zu führen, fiel ihm schwer. Die kleinen Knopfbörsenmänner hatten feine Nasen. Sie rochen es einem Knopf von weitem an, ob er aus einer altehrwürdigen Kleidertruhe und Rumpelkammer oder aber spornstreichs vom Kaufladen kam. Da erfreuten sich die meinigen des besten Geruches; sie mußten also Artur doppelt willkommen sein. Ich traf ihn in der Nähe seines väterlichen Hauses, beim Nachbar Schmied, der gerade ein Pferd beschlug, wobei Artur philosophisch zuschaute. Er wollte nicht viel von mir wissen. Es war so seine Art, die Leute geringschätzig zu behandeln. Erst als er meinen vollen Beutel sah, schenkte er mir seine Aufmerksamkeit. Ein gescheiter Junge hätte nun für die erheischte Gefälligkeit zunächst eine mäßige Summe geboten und dieselbe erst im Notfall höhergesteigert; ich, in der freudig-bänglichen Hast meines heißen Wunsches, bot mit einemmal meinen ganzen Reichtum. Ich solle sehen lassen. Ich öffnete also mit zitternden Fingern meinen Beutel und schüttete einen Teil seines Inhalts in die hohle Hand. So seien es dreiundsechzig, ich könnte sie ihm vorzählen. Die Knöpfe gefielen dem Artur. Sie gefielen ihm sehr. Sein kaufmännischer Verstand sagte ihm, daß er ein gutes Geschäft mache. Solche Schätze gegen eine bloße Gefälligkeit. Ich sah ihm seine Gedanken an, und freudig hielt ich ihm die rechte Hand hin zum Einschlagen. Er hatte auch die seinige schon erhoben. Da schaute er mir ins Gesicht und sah, wie mir die jubelnde Freude aus den Augen blitzte. Und er ließ seine Hand wieder sinken. Nein, er möge doch nicht. Dann weidete er sich an meinem Anblick. »Aber ob ich nicht mit ihm spielen wolle?« Spielen wollte ich nicht. Artur warf mir einen mitleidigen Blick zu. Er schien es nicht zu fassen, daß ein verschmähter Kerl, ein armer Schneiderlexel, die Ehre zurückweise, mit Artur Blankenhorn spielen zu dürfen. Ich ging bereits meiner Wege, ganz zerknirscht. Er rief mir: »Komm doch, laß uns spielen, wegen des Buches, du weißt, ich kann mich ja noch anders besinnen.« Und wir spielten. Hinter der Schmiede befand sich ein ebener trockener Platz, und ein außer Brauch gesetzter riesiger Schleifstein lehnte an der Wand; mehr bedurften wir nicht, es war, als ob der Stein für uns hingestellt worden sei. Wir begannen kurze Zeit nach dem Mittagessen. Und als es bereits zu dämmern anfing, spielten wir noch immer. Doch lange konnte es nun nicht mehr dauern. Denn meine Zahlungsmittel gingen stark auf die Neige. Ich sah es kommen, wie er mir den letzten Knopf abgewann. Ich fühlte mich dabei nicht einmal unglücklich; ich dachte, vielleicht, wenn er alle deine Knöpfe hat, gibt er dir das Buch: so einfältig war ich. Unterdessen hörten wir einige Male Arturs Namen rufen, und ich machte ihn, da er sich nicht daran kehrte, darauf aufmerksam. Er wollte aber davon nichts wissen. Wir spielten weiter. Plötzlich stand der alte Blankenhorn mitten unter uns. »So, da treiben sich die Schlingel herum,« rief er, »mit dem ewigen dummen Gespiel ... und du hast ihn wieder dazu verleitet.« Die letzten Worte galten mir. Und ehe ich antworten konnte, erwischte ich eine Ohrfeige, daß mir der Schädel brummte. Eine viel gelindere versetzte Herr Blankenhorn seinem eigenen Sohn, seinem kleinen Artürchen, das er am Arm mit sich fortführte. Ich blickte ihnen mit dumpfen Sinnen nach, so lange ich sie sehen konnte; dann trottete ich auch von dannen. Mein Kopf schmerzte mich von der rohen Ohrfeige, und alles deutliche Denken und Empfinden war mir vergangen. Ich schlenderte über den Bäckensteg und die Bachgasse hinauf. Bei der hohen Brücke – unfern unseres Hauses – legte ich mich auf die Mauer der Brustwehr und schaute in das schwarze Wasser hinunter. Der Gedanke, mich hinunterzustürzen, kam mir zwar nicht, doch fühlte ich mich tief unglücklich. Eine Empfindung wurde mir besonders klar: daß ich ein rechter Esel sei, ein Esel, weil ich gemeint hatte, Artur würde mir sein Buch noch geben. Ich wußte jetzt das Gegenteil ganz sicher. Ich wußte es jetzt so gut wie zweimal zwei, daß der Krämersbub mir den Gefallen keineswegs getan haben würde, auch wenn sein Vater nicht dazwischengefahren und der letzte Knopf von meiner Tasche in die seinige gewandert wäre. Wie eine Erleuchtung war diese Erkenntnis über mich gekommen. Sie nützte mir nur gar nichts. Ich griff in meine Tasche nach den letzten Überbleibseln meines so kurz besessenen Reichtums. Nur noch vier Knöpfe zog ich heraus, vier weiße Beinknöpfe mit großen Löchern, womit sie mich in der hereinbrechenden Dunkelheit wie aus hohlen Augen anzublicken schienen, wie Totenschädel. Ich beugte mich über die Brüstung, worauf ich lag, und langsam, einen nach dem andern, ließ ich die Knöpfe ins Wasser hinunterfallen, und ergötzte mich an den kleinen weißen Blasen, die aufquirlten. Dann legte ich mich langewegs auf die Mauer zurück und dachte, daß ich nun das Goldene Buch nie, nie bekommen werde. Und das stimmte. In mein junges Leben aber trat jetzt ein Ereignis ein und setzte mich dergestalt in Aufregung, daß ich darüber sogar das Goldene Buch einstweilen vollständig vergaß. Zehntes Kapitel Wie einer auf einem Mistwagen ausfuhr und was er für einen Schatz nach Hausse brachte In meinen ersten Kunstübungen war ich Autodiktat. Ihren Schauplatz bildete der Kahlenbuckel, wo ich für meine Mutter das Viehzeug hütete. Ich blies die Maipfeife, von mir selber aus Kälberrohr oder losgeschälter Weidenrinde mit ziemlicher Geschicklichkeit zusammengerichtet. Eine ganze Anzahl einfacher Liedmelodien wußte ich damit hervorzubringen. Doch machte mir mancher Ton oft tagelang zu schaffen, bis ich ihn nach unendlichem Probieren zuletzt in meine Gewalt bekam. Die Geißen und Gänse bildeten mein Publikum, und kein undankbares. Die Gänse besonders belohnten mich oft genug mit lautem Beifallsgeschnatter für ein lustig heruntergeblasenes »Ei, du lieber Augustin« oder ein gefühlvolles »Guter Mond, du gehst so stille«. Die frommen Ziegen taten dies nicht, sie blieben ganz still dabei, aber vielleicht war ein gerührter Blick von ihnen noch mehr wert. Dann gab es einmal eine ganz unerhörte Musik in Hinterwinkel. Ein Karussell war aufgeschlagen worden, das erste in dieser Gegend, und drehte sich unter dem Gedudel einer ungeheuren Drehorgel im Kreise. Ich stand als Zuschauer dabei. Geld, um fahren zu können, besaß ich nicht. Die Mutter hatte auf eine leise Andeutung meinerseits gemeint, ich sei zu alt für die Kinderei. Nun sah ich aber viel ältere die hölzernen Pferde besteigen. Alle Kinder hatten heute Kreuzer, nur ich nicht. Wer von den Eltern nichts bekam, bettelte einem Großvater oder einem Großmütterlein oder einer alten Base einen Obolus ab; ich allein wußte niemand, der mir etwas geschenkt hätte. Meine Stimmung wurde immer finsterer, je länger sich das Karussell drehte, je schriller und lustiger die Drehorgel dudelte. Plötzlich rief mich mein Vater. Er war über Feld gewesen, und ich ging langsam auf ihn zu, in der Meinung, er werde mir, wie er in solchen Fällen pflegte, einen mürben Wecken mitgebracht haben. Heute nahm ich mir vor, mich nicht im geringsten über die Bescherung zu freuen, weil ich nicht Karussell fahren durfte. Aber mein Vater zog aus der Seitentasche seines blauen Tuchrockes statt des Brotes eine Klarinette, eine Klarinette von honiggelbem Holz, mit glänzenden Messingklappen. Lächelnd reichte er sie mir hin. Ich ergriff das Instrument und machte einen Sprung, höher als mein ganzer Wuchs, und dann lief ich fort zu Meister Rotermund. Aus dem unglücklichsten war ich mit einem Schlag der glücklichste Mensch von Hinterwinkel geworden. Nepomuk Rotermund, der ehemalige königliche Hoboist und jetzige Korbmacher, gab vielen jungen Leuten Musikunterricht. Nicht nur aus Hinterwinkel, wo ein Kirchenorchester bestand, das an allen hohen Festtagen aus dem Gottesdienst die lustigste Kirchweih machte, sondern auch von vielen umliegenden Ortschaften kamen junge Kunstbeflissene zu Meister Nepomuk. Hinterwinkel liegt in einer katholischen Gegend unseres sonst so gut protestantischen Schwabenlandes und war vor dem Reichsdeputationshauptschluß kurmainzisch gewesen. In der Kirche, über dem Chor, ist noch heute das Wappen der alten Reichskanzler mit bunten Farben angemalt, und ich habe als Knabe oft genug mit meinen Augen an den mysteriösen Gestaltungen gehangen. Besonders während der langweiligen Predigten gab ich mich gern diesen heraldischen Studien hin. In einem der Wappenfelder glaubte ich eine Säge zu erkennen, welche ich mir ganz gut zu deuten wußte, weil ich sie mit dem heiligen Joseph in Verbindung brachte. In ein anderes Feld war ein Rad gezeichnet, dies ließ ich auf sich beruhen. Im dritten und vierten Felde dagegen schauten meine Augen zwei Tiergestalten, die ich, wie ich sie auch betrachten mochte, für junge Ferkel halten mußte, besonders ihrer geringelten Schwänzlein halber. Besser gefiel mir der rote Kurhut, der das ganze Wappen überschirmte, und wie ich mir gern selber einen gewünscht hätte. Von der alten Krummstabherrschaft her lag den Hinterwinklern noch manches im Blut, vor allem ihre Liebe für instrumentale Musik, kirchliche wie profane, welche beide Arten sich oft nur durch den Ort der Aufführung unterschieden. Denn in Hinterwinkel war in Musiksachen noch immer das lustige Rokoko Trumpf. Der heilige »Cäcilianische« Chorgesang war damals noch nicht bis in die Bauerndörfer hinausgedrungen. Selbst der sehr zurückgezogene Herr Steuerperäquator Otto Heinzelmann tat im Kirchenorchester mit. Er vertrat dort sogar die erste Violine. Der Meister Nepomuk aber war recht ein Produkt dieser musikalischen Grundstimmung im Wesen des heimatlichen Volkstums. Und auch ich bin vielleicht nur darum ein Musiker geworden, weil ich von Hinterwinkel stamme, wie komisch! Im Rotermundschen Hause gab es ein besonderes Heiligtum der Kunst, eine abgelegene Bodenkammer, die allein zu musikalischen Zwecken diente. Hier hingen die Instrumente, die Nepomuk als Hoboist um sich versammelt hatte. Ein paar große blinkende Waldhörner und eine Posaune bildeten wenigstens als äußere Erscheinung die Prachtstücke der Sammlung. Ein Piston und nicht weniger als drei Trompeten prangten in kaum geringerer Herrlichkeit. In diesem Tempel pflegte Nepomuk die Kunst als Liebhaberei. Hier hielt er auch seine Schule. Und hier begann nun auch mein Studium der Kunst in regelrechter Form. Ein halbes Jahr dauerte hier mein Glück, dann aber wurde mir, was ich nie geglaubt hätte, auf einmal meine Klarinette verleidet. Zu Anfang des Oktober, an einem silberhellen Frühmorgen, sah ich Meister Nepomuk seine Kuh, er besaß nur die einzige, vor den Wagen spannen. Ein Staatswagen war das nicht, er wurde dazu gebraucht, den Dünger der Kuh auf die paar armseligen Äckerlein hinauszufahren, wie auch deren Erträgnis an Klee und Rüben und Kartoffeln, oder was es sonst war, nach Hause zu holen. Man kann sich also ungefähr eine Vorstellung von dem Gefährt machen. Meister Nepomuk aber war zu meiner Verwunderung nicht in Arbeitskleidern. Er hatte seinen langschößigen blauen Sonntagsrock an mit gelben Messingknöpfen und machte außerdem dazu ein Gesicht, wie er es auch nicht an gewöhnlichen Werktagen zu machen pflegte, so daß seine gradlinig rechtwinklige Nase noch größer als sonst in die Luft zu stechen schien. Auf dem Kopf saß ihm, tief in den Hinterkopf gedrückt, eine Biedermeiermütze mit verwegen in die Höhe stehendem Schild. Sie stammte noch aus seiner Hoboistenzeit, er hatte sie aber schwarz färben lassen. »Willst mitfahren, Lexel?« fragte er freundlich, während er sich auf den Brettern des Wagens zurechtsetzte, auf die er zur Unterlage einige leere Kartoffelsäcke gelegt hatte. Es waren gerade Schulferien und ich setzte mich ohne Besinnen zum Meister auf den Wagen. »Hühott, Scheck«, sagte Rotermund, indem er das Leitseil anzog, und Kuh und Wagen setzten sich in Bewegung. Ich wußte aber nicht, warum mir dabei so ungewöhnlich das Herz klopfte, denn ich konnte doch in diesem Augenblick unmöglich ahnen, welche Bedeutung diese Fahrt für mein ganzes Leben haben werde. Umsonst fragte ich den Meister, wohin wir fahren. »Wirst schon sehen«, antwortete er geheimnisvoll. Wir hatten längst das Dorf hinter uns, ich erwartete jeden Augenblick, daß wir in einen Feldweg einlenkten nach einem Acker des Nepomuk. Statt dessen ging's immer weiter auf dem holprigen Vizinalsträßchen die Schillingsberger Höhe hinauf. Und langsam genug ging's, wie man sich denken kann. Doch wurde mir die Zeit nicht lang. Nepomuk erzählte mir von seinem Hoboistenleben, von der Residenz und von anderen großen Städten, in die er auf den Kunstreisen mit seiner Kapelle gekommen war. Sehr interessant erzählte er, trotzdem er seine Rede in einem fort mit »Hühott, Scheck« unterbrechen mußte. Auch von der Schwester seiner verstorbenen Frau sprach er zum erstenmal, jener »Göte« seiner Olga, die in Stuttgart an einen Schloßbediensteten verheiratet war. Zu ihr solle die Olga später kommen und in der Stadt in die Schule gehen. Dann wieder: »Rühr' dich, Scheck, hühott!« Dies war dennoch nicht mein einziger Zeitvertreib. Nirgendwo in der Welt sind alle Straßen so üppig mit geschlossenen Reihen wohlgepflegter Obstbäume besetzt als in meiner schwäbisch-fränkischen Heimat, und unter solchen Bäumen, schwer vollhängend von prangenden Äpfeln, fuhren auch wir dahin. Überall unter den Bäumen, zwischen Gras und Stoppeln leuchtete es ebenfalls von roten und goldenen Früchten, ja, ihrer viele lagen mitten auf der Straße, und die Räder unseres Wagens zerquetschten bald da, bald dort einen wachsgelben Schlotterapfel oder rotbackigen Borsdorfer, daß die Brühe nur so davonspritzte. Die schönsten Früchte suchte ich vor solchem Unheil zu bewahren, indem ich mich jedesmal, sobald ich darauf aufmerksam wurde, behend vom Wagen gleiten ließ und die Früchte aufraffte und vor dem Verderben rettete zu meinem eigenen Genuß. Dann lag bereits die Schillingsberger Höhe und die ganze Hinterwinkler Gemarkung hinter uns, aber noch ging's immer weiter auf holprigen Vizinalsträßchen. Und dann hatten wir auf einmal das Dorf Schillingsberg vor uns. Die fremde Dorfgasse hinein hörte das »Hühott, Scheck« des Meisters nicht auf, denn in der ungewohnten Umgebung wurde die Kuh stutzig und ging, wenn das möglich war, noch langsamer als vorher. Vor dem größten Haus des Dorfes hielten wir an, ich bemerkte gleich, daß es das Schulhaus sei. Der Herr Lehrer kam herbei, er empfing uns wie alte Bekannte. Und nachdem Nepomuk seiner Kuh ein Bündel Heu vorgelegt, wurden wir hinauf in die Wohnstube geführt. Die Frau des Lehrers, die mit dem linken Bein ein wenig hinkte, setzte uns zu frühstücken vor, einen großen Laib Bauernbrot, weißen Klumpenkäse, der mit Rahm und Schnittlauch angemacht war, und einen Krug Apfelmost. In der geräumigen Stube standen zwei Klavierkästen. Wenigstens der eine davon, aus kastanienbraunem Nußbaumholz, war als solcher auch für mich unverkennbar. Aber auch das zierliche Möbelchen daneben, viel schmäler und dünner, das einmal weiß lackiert gewesen war mit vergoldeten Einfassungen, mußte so etwas sein. Und wirklich öffnete es jetzt der Lehrer und setzte sich zum Spielen davor. Die Klaviatur daran war aber anders als am Flügel des Herrn Steuerperäquators, die langen und breiten Untertasten waren hier schwarz, die Obertasten weiß. Denn es war ein richtiges altes Spinett. Mir klopfte wieder das Herz, wie ich dem Spiel des Lehrers zuhörte, und konnte doch nicht ahnen, was das alte zierliche Möbel mir noch bedeuten werde. Darauf sah ich zu, wie die beiden Männer dem Ding die schlanken vierkantigen Beine ausschraubten, wie sie es dann zusammen hinuntertrugen und auf dem Wagen befestigten. Nepomuk Rotermund hatte das Instrument gekauft. Es war für die Olga bestimmt. Sie sollte als erste Vorbereitung für ihre städtische Laufbahn von Herrn Otto Heinzelmann Klavierstunden bekommen. In schon vorgerückter Stunde des Nachmittags langten wir wieder in Hinterwinkel an. Dann stand ich, viele Wochen später, einmal hinter dem Stuhle Olgas und sah zu, wie sie ihre Übungen machte nach Noten, die ihr der Herr Steuerperäquator aufgeschrieben und mit Fingersatzbezifferung versehen hatte, während Vater Nepomuk ihr von seiner Arbeit aus zuhörte und hier und da eine korrigierende Bemerkung einwarf. Von dieser Stunde an verachtete ich fast meine Klarinette. Dafür stellte ich mich, sooft es gehen wollte, hinter die übende Olga, und ohne daß ich daran dachte, machten meine Finger die Bewegungen der ihrigen mit. Einmal aber, als ich Olgas Ermüdung sah, fand ich den Mut und bat sie, mich die Sache auch einmal probieren zu lassen. Sie guckte mich überrascht an. »Du wirst wunder meinen, wie leicht das geht,« so sprach sie voll Selbstbewußtsein, »das ist schwerer als sich's ansieht, das muß man gelernt haben.« Und die junge Künstlerin, von der Vergeblichkeit meines Versuches fest überzeugt, machte keine Miene, mich an ihr Instrument zu lassen. Sie selber konnte trotz langen Mühens ihr Sätzchen kaum zusammenbringen. »So laß es den Lexel doch einmal versuchen«, rief ihr der Vater zu, ohne in seiner fleißigen Flechtarbeit innezuhalten. Olga machte mir Platz. Ich zitterte. Meine Finger zeigten sich viel unbeholfener, und die Tasten, besonders die breiten schwarzen – die kurzen waren weiß – schlugen sich schwerfälliger an, als ich mir's vorgestellt hatte. In der Luft war die Sache leichter gegangen. Mein Anschlag fiel unsicher aus, und ich hielt schlechtes Tempo. Nachdem ich den kleinen Satz mit Mühe durchgehackt hatte, wollte ich beschämt aufstehen. »Nein,« rief Meister Nepomuk, »spiel's noch einmal.« Das zweite Mal ging es nun weit besser, und bei einer nochmaligen Wiederholung gelang mir das Stück ohne Anstoß und im richtigen Tempo. Nur daß einzelne Töne immer ausblieben, weil die entsprechenden Tasten vor Alter lahm geworden waren. Olga stand sprachlos. Ihr Vater sagte trocken: »Er macht's schon besser als du.« Am andern Tag, als ich aus der Schule kam, stand der Herr Steuerperäquator auf der Haselbachbrücke und sah ins Wasser. Er war damit beschäftigt, von Zeit zu Zeit feine Brotkrumen in den Bach hinunterzuwerfen, und ich sah ihm sogar von hinten an, wie ihm das hungrige Schnappen der Fische Vergnügen machte. Er wandte mir den Rücken zu, und ich wollte, ohne zu grüßen, was mich niemand gelehrt hatte, an ihm vorüberschleichen; aber plötzlich kehrte er sich mit seinem roten Gesicht und weißen Schnurrbart gegen mich um. »Nun, wie geht's, Alexander der Unhöfliche?« redete er mich an. Ich wußte auf eine solche Frage nichts zu antworten. »Ich meine, was dein Klavierspiel macht«, fuhr Heinzelmann lachend fort, worüber ich noch verlegener wurde und immer unfähiger, auch nur ein Wort hervorzustottern. »Nepomuk hat mir von deinen Künsten berichtet,« sprach der Herr Steuerperäquator weiter, »und wir haben uns beide gefreut. Du magst auf Olgas Klavier üben soviel du willst, und jeden Dienstag und Freitag kannst du mit deiner Kollegin zu mir hinaufkommen und mir dein musikalisches Sprüchlein aufsagen, so wollen wir sehen, was daraus wird.« Mit gemischten Gefühlen machte ich mich einige Tage später auf den Weg zu dem alten Heinzelmann. Langsam und zögernd, mein vergriffenes Notenbuch unter dem Arm, stieg ich die Stufen hinauf von einer Gartenterrasse zur anderen. Dann stand ich droben in der Stube, in dieser Stube mit dem weißgescheuerten Dielenboden und den selbstgefertigten Teppichen des Fräulein Sabine, mit dem grünen Kanapee, dem Flügel, dem Schreibtisch des Herrn Bruders; in dieser Stube mit den zahlreichen Kupferstichen und Gemälden und Photographien an den hellblumigen Wänden, mit den blendend weißen Vorhängen an den Fenstern und dem großen Bücherschrank in der Ecke, wo zugleich die Jagdgewehre standen; in dieser Stube mit ihrem ganz eigentümlichen Duft von armer Vornehmheit und geistig verfeinerter Ländlichkeit. Der Herr Steuerperäquator, im großblumigen kattunenen Schlafrock, die perlengestickte Mütze mit goldener Quaste auf dem schneeigweißen Haupte, mit einem noch röteren Gesicht als gewöhnlich und die buschigen Augenbrauen bedenklich in die Höhe gezogen, stand mit Palette, Pinsel und Malstock vor seiner Staffelei. Er malte nämlich auch. Die Gemälde im Zimmer waren Werke seiner Hand. Das Malen war sogar seine Leidenschaft. Auf die Jagd ging Otto Heinzelmann der Bewegung halber; Klavier spielte er, wie er sagte, weil der Flügel doch einmal dastand und weil er es so von Kindheit auf getan. Aber an seiner Staffelei schwitzte er, als ob er damit sein Brot hätte verdienen müssen. Er malte oft mehrere Jahre an einem einzigen kleinen Bildchen. Wie und wo er an diese Kunst geraten war, ist mir unbekannt geblieben. »Also, Freund Alexander,« sprach er freundlich, indem er Palette und Pinsel ablegte und einen Stuhl an den Flügel rückte, »nun laß einmal hören.« Zitternd setzte ich mich an das vornehme Instrument, indem ich mein armes Notenheft auf dem Pult zurechtstellte. Der Herr Steuerperäquator war wider alles Erwarten mit mir zufrieden. In solcher Art vertauschte ich den korbmacherlichen Klarinetten mit dem steuerperäquatorialen Klavierunterricht. Dieser ging aber lange nicht so lustig und schnell, und zwischen unendlichen Fingerübungen mit Tonleitern und Läufen und Triolen griff ich von Zeit zu Zeit gern wieder zur Klarinette, der so verachteten, und blies mir, sozusagen zur Belohnung für ausgestandene Übungen, liebe Volkslieder und schmelzende Opernarien nach dem Gehör oder nach Noten des Meister Nepomuk. Und die Namen »Don Juan« und »Zauberflöte«, »Freischütz« und »Die schöne Helena« und viele andere wurden mir, der ich keine Ahnung von dem besaß, was sie bedeuteten oder auch nur, was Theater und Oper sei, so geläufig im Mund, wie die Namen Wassersuppe und Hutzelbrühe. Besonders wenn ich, was öfter geschah, die Mutter in ihrem Hirtenamt vertreten mußte, nahm ich immer meine Klarinette mit. Ich blies jetzt nicht mehr »Ei, du lieber Augustin« oder »Guter Mond, du gehst so stille«, sondern Ein Mädchen oder Weibchen Wünscht Papageno sich, Ach, so ein zartes Täubchen Wär' Seligkeit für mich oder Wir winden dir den Jungfernkranz Von veilchenblauer Seide ... Wieder waren die Gänse und Geißen mein Publikum und kein undankbares. Die Gänse besonders belohnten meinen Eifer gar oft mit lautem Geschnatter. Die frommen Ziegen taten das nicht, sie blieben ganz still dabei, aber vielleicht war ein gerührter Blick von ihnen noch mehr wert. Leid tat es mir, daß Olga Rotermund nicht gleichen Erfolg wie ich auf dem Klavier erzielte, daß ihre Leistungen immer weit hinter den meinigen zurückstanden. Zum Glück grämte sich das gute Kind deswegen nicht. »Dafür bist du älter als ich,« pflegte sie zu sagen, »und bist kein Mädchen, sondern ein Bub.« Und da hatte sie recht. Unterdessen kam auch unser Schulmeister Langbein hinter mein musikalisches Talent, wie er's nannte, und reihte mich in die Zahl seiner Violinschüler ein, die er als Dirigent des Kirchenorchesters unentgeltlich zu unterrichten verpflichtet war. Da fühlte ich mich in meinem Element. Auch schreckte mich keine Schwierigkeit. Die langweiligsten Übungen bereiteten mir noch unendlichen Genuß, und ich hätte jemand groß angeschaut, der mir gesagt, daß das eine Arbeit sei; mir war's ein Spiel. Und ein »Spielen« wird ja tatsächlich alles Musiktreiben genannt, in allen Sprachen der Welt, was klar beweist, daß der namengebende Mensch der Philosoph war vor allen Philosophen. Langweilig fand ich nur die Schneiderei, vielleicht weil ich trotz aller Kindsköpfigkeit begreifen mochte, daß sie bitterer Ernst sei. Ich hatte vom Brotverdienen noch kein rechtes Bewußtsein, aber dunkel ahnte ich, daß gerade damit die Welt keinen Spaß versteht. Ich fand aber die Schneiderei besonders deswegen langweilig, weil ich keine Fortschritte darin machte. Oder machte ich vielleicht keine Fortschritte, weil ich sie langweilig fand? Mit fünfzehn Jahren war mein Vater als »ausgelernter« Geselle in die Fremde gezogen; ich stand jetzt im dreizehnten und konnte noch kein ordentliches Knopfloch machen. Hosenknöpfe annähen und den Henkel an einen fertigen Rock war das Höchste, was man mir selbständig anvertrauen mochte, und sogar in diesen geringfügigen Arbeiten befriedigte ich selten meinen Meister, der oft meine ganze Näherei wieder abriß. Dann konnte sich mein guter Vater recht erzürnen. Aber meinem musikalischen Treiben legte er dennoch nichts in den Weg; er pflegte zu sagen: »Man kann nie wissen, wozu etwas gut ist.« Und zu diesem Sprüchlein griff er auch bei jenem Ereignis, das eine noch bedenklichere Ablenkung vom ehrsamen Schneider-Handwerk mit sich brachte als die Musik; auch bei jenem aus eigener Machtvollkommenheit hervorgegangenen und allen Widerspruch ausschließenden Bescheid des Herrn Pfarrers, daß ich auch »mitmachen dürfe«, womit ich meine Geschichte anzufangen mir erlaubt habe, sagte mein Vater: »Man kann nie wissen, wozu etwas gut ist.« Elftes Kapitel Kornelius Nepos und die Blässenvögtin Der Finzer, mit dem ich jetzt ins »Studieren« ging, war noch einmal so breit und zwei Kopflängen höher als ich. Es saß ihm aber dennoch sein Kopf tief in den mächtigen Schultern, und in dem breiten abgeplatteten Gesicht stand eine kaum hervorragende, mit ihrem stumpfen Unterteil förmlich nach oben gestülpte Nase. Ich hatte bis jetzt wenig Freundschaftliches von ihm erfahren. Meistens hatte er mich nur beachtet, um – er war ein wahrer Riese neben mir – seine körperliche Überlegenheit an mir auszulassen. Solang ich in meiner Kindheit zurückdenken kann, bin ich von ihm mißhandelt worden. Seine erste Bekanntschaft mit ihm habe ich erzählt. Seitdem wir miteinander die Gelehrtenlaufbahn betraten, schlug er mich nicht mehr. Er spielte jetzt den Großmütigen. Wenn er z.B. verstohlen eine Zigarre rauchte, überließ er mir freigebig den Stummel. Wenn er unsere sonntäglichen Spaziergänge, wie er regelmäßig pflegte, in einen Nachbarort und daselbst ins Wirtshaus lenkte, durfte ich den Rest von seinem Bierschoppen trinken, und wenn ich aus dem Kramladen des triefäugigen Aberle zu Märchingen in Goldpapier gewickelte Zuckersteinchen holen mußte, schenkte er mir von allen zwölfen die goldpapierene Hülle. Aber je mehr mich der Finzer auf diese seine Weise mit Wohltaten überhäufte, desto deutlicher zeigte er mir seine Geringschätzung, desto fühlbarer ließ er mich merken, daß ich einer sei, der nicht bezahlt, der nur um der Butterballen und Schinken der Blässenbäuerin willen im Studieren »mitmachen« dürfe. Oh, ich hatte es umsonst. Ich war nur gehalten, mich jeden Tag zu des Blässenvogts Hof zu verfügen, um gemeinschaftlich mit dem Finzer die Lektion vorzubereiten. Dafür eben durfte ich mitmachen. Ein Vergnügen war das nicht, hätte ich fast gesagt. Aber das sollte es auch gar nicht sein. In tiefster Seele zuwider war mir die Blässenvögtin. Sie stellte schon körperlich einen Ausbund aller Häßlichkeiten dar. Keine alte Schindmähre ward je durch übermäßige Anstrengung und schlechte Nahrung elender gemacht, als wie diese Frau sich selber zugerichtet hatte, die man in Hinterwinkel eine reiche Bäuerin nannte. In ihrem Körper stand kein Knochen mehr gerade. Jedes Gelenk war ausgerenkt. Schultern und Hüften waren entsetzlich verzogen. An den knolligen Händen konnte sie keinen Finger mehr geradestrecken, sie waren in eine bleibende Krümmung hineingewachsen wie Vogelklauen und die Gelenke bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen; die letzte Spur von Menschenbildlichkeit war aus dieser Hand verschwunden. Ganz grauenhaft wirkte es auf mich, wenn die Vögtin gelegentlich ihr schmutziges schwarzes Tuch vom Kopfe nahm und dabei ihren kahlen Schädel aufdeckte. Nie hatte ich sonst bei Frauen einen Kahlkopf gesehen; und die Vögtin hatte noch dazu hinter dem linken Ohr einen faustgroßen hellroten Fleischauswuchs; bei seinem Anblick drohten sich mir die Gedärme im Leib umzudrehen. Die Bäuerin besaß eine unglaubliche Fertigkeit, jetzt finster wie eine böse Eule aus ihrem Winkel hervorzuschielen und im nächsten Augenblick, zu irgendeinem Zweck, das freundlichste Lächeln in den Augen und die süßesten Worte auf den Lippen zu haben, honigsüß, aber mit einem Geschmäcklein ins Ranzige und Faule. Wenn es wenigstens bei Grimassen und Worten geblieben wäre. Aber die Vögtin bot mir oft zu essen an, und dadurch setzte sie mich vollends in Verzweiflung. Man konnte keinen heikleren Jungen finden als mich, obwohl ich selten zu Hause ganz satt wurde und viel in fremden Häusern, wohin ich den Vater begleitete, herumessen mußte. Ich blieb trotzdem ein näschiges Kind und litt lieber Hunger, als etwas zu essen, das meinem Gaumen nicht ganz zusagte. Dabei spielte meine Nase eine große Rolle. Jeder Mensch trug für mich eine Geruchsatmosphäre mit sich herum, und sehr oft entschied allein meine Nase über Neigung oder Abneigung gegen jemand. Es gab Menschen, die ich buchstäblich nicht riechen konnte. Noch schlimmer erging es mir mit den Häusern. Jedes Hausinnere besaß für mich einen charakteristischen Geruch; ward dieser meiner Nase unangenehm, so empfand ich einen fortgesetzten Ekelreiz, der es mir fast zur Unmöglichkeit machte, in einem solchen Hause etwas zu genießen. Der Hausgeruch bei Blässenvogts aber war von allen, die ich kennenzulernen Gelegenheit hatte, die Bodenkammer des alten Müllerle ausgenommen, der abscheulichste für meine Nase. Er allein genügte, mir den Aufenthalt im Hause zu einer Qual zu gestalten; es wäre gar nicht nötig gewesen, noch dazu meinem Gaumen Unmögliches zuzumuten. Das aber tat die Blässenbäuerin. In einem irdenen Teller, der vor Alter und überstandenen Strapazen längst seine Glasur verloren, wie die Vögtin ihre Haare, und aus dem vorher immer schon ein anderer gegessen hatte, mischte die Bäuerin alles zusammen, was gerade auf den Tisch gekommen war: Linsen, Erbsen und Bohnen, Sauerkraut und Kartoffeln, Gerstensuppe und gedörrte Pflaumen und vielleicht ein paar übriggebliebene Klöße mit einem benagten Schweineknochen oder einem Stückchen geräucherter Speckschwarte – das Ganze in einem halbwarmen Zustand, ein entsetzlicher Brei: das sollte ich essen. Schon bei seinem Anblick fühlte ich eine Wirkung im Magen, die Entsetzliches befürchten ließ. Nicht weniger ekelhaft als der Schmaus war die Art, wie er mir angeboten wurde. Ich dürfe das Essen schon annehmen, es sei gern gegeben, von gutem Herzen, ich solle nur tüchtig einbeißen, man gönne es mir. Ich sei so dürr, aber man wolle mich füttern, essen sollt' ich, daß mir die Schwarten krachten; wir müßten, der Finzer und ich, nun soviel lernen, da genüge Schneiderkost nicht mehr, mit einer Schale Kaffeebrühe und anderthalb Kartoffeln im Leib könne der Mensch nicht fett werden. Die Vögtin machte dazu die freundlichsten Grimassen, über die sie gebot; jede Runzel ihres Gesichtes lächelte. Und ich war feig. Ich konnte als Kind niemals einem Menschen etwas rund abschlagen, ich meinte, jedermann zu Gefallen leben zu müssen. So wird ein Mensch, der in der Armut aufwächst. Ich fand nicht den Mut, der entsetzlichen Blässenbäuerin zu sagen, daß ich keinen Hunger hätte. Um ihr gefällig zu sein, die grausam mein ganzes sinnliches und sittliches Gefühl auf die Folter spannte, machte ich Riesenanstrengungen und brachte es mit einem Aufwand übermenschlicher, jedenfalls überkindlicher Energie fertig, einen kleinen Teil des Gebotenen langsam, einen Löffel voll nach dem andern, hinunterzuwürgen, bei jedem einzelnen versucht, der Natur nachzugeben und den Teller voller statt leerer zu machen. Mehr als einmal auch zeigte sich die Natur stärker als mein moralischer Wille; ich lief dann hinaus und gebrauchte beim Hereinkommen eine Ausrede, eine Lüge. Dann lächelte die Vögtin; das sei so, wer zu lang Hunger gelitten, dessen Magen wolle das Essen nicht mehr annehmen. Schon vielen wurde das Latein und auf mancherlei Art verleidet, aber so wie mir ist es noch keinem zum Ekel und Abscheu gemacht worden. Ich streikte auch bald. Und man errät, womit ich mich entschädigte. Wir gingen dem Winter entgegen, der Meister Nepomuk liebte eine warme Stube, und ich erlebte darin überschwengliche Genüsse. Ich saß hier halbe Tage lang ohne aufzustehen an dem alten Spinett mit den schwarzen Unter- und den weißen Obertasten und übte und übte. Und schön war es auch droben in der Stube des Herrn Steuerperäquators, der nicht nur meine Übungen überhörte, sondern mir auch mit der Zeit allerlei Vorlesungen hielt, wie sie gewiß selten einem Schneiderlehrling und Geißhirten gehalten worden sind. Darüber vergaß ich oft tagelang den Kornelius Nepos und den Finzer, d.h. ich vergaß ihn leider nicht, aber ich ging so selten hin als nur möglich, und ich empfand eine rechte Schadenfreude, wenn ich dachte, wie der Finzer umsonst auf mich zum Übersetzen wartete, der aber nur froh war, wenn ich nicht erschien. Denn er meinte, dann brauche er auch nichts zu tun und könne sich mit mir entschuldigen. Der Pfarrer zeigte sich auch bald sehr unzufrieden mit meinem Eifer und zankte mich oft, wenn der Finzer nicht vorbereitet war. In Wahrheit freute sich der Pfarrer heimlich, daß er mich schelten konnte, denn schon rückte der Zeitpunkt nahe, wo der Finzer in das bischöfliche Seminar abgehen sollte. Da hieß es nun: mir geschehe ganz recht, wenn ich das Nachsehen habe; wäre ich in meinem früheren Eifer und willigen Betragen fortgefahren, so hätte man Mittel gefunden, mich ebenfalls im Seminar unterzubringen. Wirklich zog der Finzer fort in die große ferne Stadt auf die »hohe Schule«, und ich blieb zurück. Ich war wieder nichts als Schneiderlehrling und Geißjunge oder Gänsehirt, je nach Gelegenheit. Wie der Finzer, verließ nur wenige Wochen später auch Olga Rotermund das Dorf, um in der Residenz bei der Göte ihre musikalischen Studien in strengerer Regel und Ordnung fortzusetzen. Ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, als die Olga sich von mir verabschiedete. Aber nicht die Trennung war's, die mir den Schmerz verursachte, sondern allein der Zorn darüber, daß auch sie nun fortging von Hinterwinkel und ich allein mußte bleiben. Zwölftes Kapitel Die Botschaft des Herrn Otto Heinzelmann In einer solchen Stimmung saß ich eines Tages in der Abenddämmerung wieder einmal auf der steinernen Brüstung der Haselbachbrücke. Ich sah aber keinem Eisvogel zu und auch keiner weißbrüstigen Wasseramsel. Die ganze Welt und alle Aussicht in sie hinein war mir wie grau umsponnen von meinem Groll und Mißmut. Da sah ich plötzlich das rote joviale Gesicht und den weißbuschigen Schnauzbart des Herrn Steuerperäquators vor mir. Er war nicht im blumigen Schlafrock, sondern hatte einen feierlichen schwarzen Tuchrock an und auf dem weißen Haarschopf über dem roten Gesicht saß ihm der schwarze breitkrempig weiche Filz. »Nun, was machst du denn für ein komisches Gesicht, Alexander?« fragte Otto Heinzelmann im heitersten Tone. »Du siehst aus,« fuhr er fort, »als ob du geradeswegs da ins Wasser springen wolltest, und das kannst du ja hier ohne Gefahr tun. Übrigens möchte ich ein Wort mit dir reden, wenn du einmal wieder zu mir kommen willst, vielleicht morgen früh nach deiner Milchsuppe.« Ich hatte seit längerer Zeit nicht mehr bei meinem alten Freund vorgesprochen, und wir waren uns fast fremd geworden. Er sagte mir seinerzeit: »Du kannst auch ohne die Olga kommen und mir vorspielen, was du auf dem Klavier gelernt hast.« Allein mein Vater meinte, ich hätte genug mit dem Latein zu tun und brauche den Herrn Steuerperäquator nicht auch noch zu belästigen. Ich blieb darum weg, ganz einfach, ohne mich über den Grund auszusprechen, nach echt Hinterwinkler Art. »Also mit dem Papstwerden ist es vorderhand nichts.« Mit diesen Worten empfing mich der Herr Steuerperäquator am andern Morgen, und dabei schien mir sein Gesicht noch röter auszusehen als gewöhnlich. Die Backen schienen mir schon fast ins Bläuliche zu schimmern, was ich alles für strotzende Gesundheit hielt, der ich nicht wissen konnte, daß Otto Heinzelmann an bedenklichen Kongestionen litt. »'s ist schade drum,« fügte er bei, »du wärst der erste gewesen, der's in Hinterwinkel soweit gebracht hat. Und was gedenkst du nun aus dir zu machen, nachdem dich die Kirche verworfen hat, in der du also weder ein Eckstein noch auch nur ein geringes Ausfüllsel werden sollst von Stein oder Mörtel?« Der spöttische Ton mißfiel mir. Er gab mir aber zugleich auch eine Art Selbstbewußtsein. Ich erklärte dem Herrn Steuerperäquator, daß ich fest entschlossen sei, als Schneidergeselle in die Fremde zu gehen, lieber heut als morgen. »So gefällst du mir, mein Sohn,« sprach der Herr Steuerperäquator lachend, »ein Schneider muß Courage haben, du wirst deinem Metier Ehre machen. Aber hast du denn wirklich Freude an der edlen Schneiderei?« Das war eine boshafte Frage. Ich wollte sie bejahen, brachte aber meine Antwort nur stockend heraus. Da machte der Herr Steuerperäquator erst ein sehr komisches Gesicht, dann aber ging seine Rede plötzlich in eine andere Tonart über. »Es ist ganz schön von dir,« begann er ernsthaft, »daß du dich an deinem Handwerk und dem Handwerk deines Vaters halten willst, wenn dir einmal nichts anderes übrigbleibt. Aber mir scheint doch, du wirst aus zwei Gründen die Kleidermacherkunst nie als deine Geliebte in dein Herz schließen. Du bist gleichzeitig zu schlecht und zu gut für sie. Ich weiß, daß du dich nie geschickt dabei angestellt hast, dein Vater hat oft genug geklagt. Du bist aber auch zu gut dafür – du brauchst nicht rot zu werden –, es wird dir darum in der Welt nur um so schlechter gehen. Dein Vater wird meinen Satz nicht zugeben; er wird sagen, für die Schneiderei kann keiner zu gut sein, der beste, der intelligenteste, ja der geniale Kopf sei dafür noch gerade gut genug. Dein Vater müßte kein Schneider sein, wenn er nicht so spräche. Aber es gibt viele hochgelehrte Leute, die um kein Haar anders denken, die nicht zugeben, daß einer zu gut sein kann für das, was die Welt ihm zugemutet, die behaupten, daß jeder, wenn er nur will, in seiner Sphäre genug Gutes und Nützliches zu tun Gelegenheit finden kann und nicht nötig hat, aus ihr heraus in eine andere einzutreten. Die so reden, sind entweder Dummköpfe oder Heuchler. Oder sie denken eben nur an die Regel, wie sie für die meisten und allermeisten auch wirklich gilt. Andere gehen nicht so weit; sie behaupten nur, keiner habe das Recht, sich über seinen Platz in der Welt zu beklagen; er soll sich, wenn er die Kraft besitzt, einen besseren erringen, aber er sei keines besseren wert, solange seine Ohnmacht ihn zwingt, auf dem schlechteren zu verharren ... Das klingt schon vernünftiger. Aber ich komme auf die Kleidermacherkunst zurück. Jeder Schneider wird mir entgegenhalten: Zu unserem Geschäft gehört nicht nur Intelligenz, sondern viel Intelligenz, je mehr, desto besser. Gewiß, meine Herren, gehört dazu Intelligenz, aber Schneiderintelligenz, Geschäftsintelligenz, keine andere. Die wäre dabei nur von Schaden. Und da du nun, mein lieber Alexander, nach dem Urteil deines Vaters blutwenig schneiderliches Talent hast, aber etwas musikalisches, wie ich glaube, so müssen wir es mit der Kunst versuchen.« Hier ließ der Herr Steuerperäquator eine Pause eintreten und sah mich an. Ich machte große Augen. »Was ich dir da sage und was dir einstweilen zum Teil spanisch klingen wird,« begann Heinzelmann wieder, »soll nicht deine Eitelkeit kitzeln, sondern soll dir Mut geben, Mut und Freudigkeit, ohne die ein junger Mensch verderben muß. Auch kann ich mich irren, aber einstweilen laß uns glauben und hoffen. Wenn du nun Geld hättest, könntest du unverweilt zu den Meistern deiner Kunst in die Schule gehen. Du hast kein Geld, darum mußt du dir selber helfen. Ich habe gestern meine Noten geordnet, dort auf dem Schrank liegt der ganze Stoß. Die spielst du durch. Du nimmst ein Heft nach dem andern mit, übst auf Meister Nepomuks Klavier und kannst, so oft du magst, mir das Erlernte vortragen. Auch für die Violine sind Sachen darunter. In anderthalb Jahren kannst du mit dem ganzen Vorrat fertig sein, vielleicht auch früher. Dann leihe ich dir dreihundert Gulden, keinen Kreuzer mehr und keinen weniger, und damit gehst du zu Olga Rotermund, vielmehr zu deren Tante, die durch Olga von dir gehört haben wird. Diese Freundinnen müssen dir Schüler verschaffen. Von dem, was du so verdienst, mußt du leben. Die dreihundert Gulden sollen dir dazu dienen, deine Lehrer zu bezahlen, denn die mußt du dann vor allem haben, und zwar die besten. Bis die dreihundert Gulden aufgebraucht sind, werden deine Schüler sich soweit vermehrt haben, um von ihnen leben und zugleich deinen weiteren Unterricht bezahlen zu können. Da du an ein halbes Hungerleiden gewöhnt bist, wird dir die Sache weniger schwerfallen als manchem andern, der sie dennoch durchgemacht und bestanden hat. Aber immerhin wird's heißen, die Ohren steif gehalten, und mehr als einmal wirst du dann vielleicht denken: Wenn ich nur bei der Nadel geblieben wäre. Aber solche Stunden des Kleinmuts gehen vorüber, und die Hoffnung wacht von neuem auf in der Seele, und mit der Hoffnung die Freudigkeit, die dich kräftigen wird, den Kopf über Wasser zu halten, und dich entschädigen wird für alle äußerlichen Lustbarkeiten und Vergnügungen, wie sie gleichaltrigen Schneidergesellen nach Wunsch zugänglich sind ... Oder – überlege dir's,« begann Heinzelmann nach einer abermaligen Pause, »noch ist es Zeit; mit der Nadel wirst du dir dein Brot leichter und schneller verdienen, trotz aller Talentlosigkeit. Bleibe bei deinem Leisten, ich wollte sagen, bei der Nadel, wenn ... Obendrein können wir uns täuschen in deinem Talent. Und so gut du dir auf dem beschriebenen Weg ein nutzbares und im geistigen Sinn erhöhteres Dasein schaffen und sogar als Künstler ein Stücklein Ruhm erwerben kannst, ebenso leicht oder eigentlich tausendmal leichter kannst du auf demselben Wege ein Lump werden, schneller als auf jedem anderen. Und kein schlimmeres Lumpentum, als das mit künstlerischem Anhauch. Doch nur wer wagt, gewinnt.« * So hatte noch niemand mit dem Lexel gesprochen, und Otto Heinzelmann konnte wohl eine gute Wirkung seiner Rede in meinem Gesichte lesen; aber was alles dabei in mir jubelte und aufjauchzte, vermochte er doch nicht zu ahnen, und auszusprechen, was in mir vorging, vermochte ich nicht im geringsten. Wem schon bei gewöhnlichen Anlässen das Wort nicht sicher zu Gebote steht, der wird in Augenblicken überwallenden Gefühls erst recht verstummen. Das war mein Fall. Als der Herr Steuerperäquator mich so in meiner Unbeholfenheit betrachtete, wie ich dasaß, stumm, mit weitgeöffneten Augen, da regte sich von neuem die Heiterkeit und die Lust zu scherzen in ihm. »Am End' ist dir die Sache doch nicht recht,« begann er, »wärst wohl eben doch lieber Papst oder Kardinal geworden. Ich selber,« setzte er schon wieder ernster ein, »ich bedauere, daß man dir die Fortsetzung der Studien nicht ermöglicht hat. Du konntest durch sie nur gewinnen. Du bist naiv, ein Heuchler wärst du nie geworden. Die Übungen der Schule hätten deinem Verstand gut getan, du hättest sie genützt in deinem Sinn und zu deinen Zwecken. Wo andere in ihrem Geist verderben, wenn sie überhaupt einmal etwas Ähnliches gehabt haben, da hättest du den deinigen gebildet. Und dann hätte die Kunst zu dir gesprochen, und dein Talent hätte dich zu einem freien Mann gemacht. Ich war auch im Seminar, ich sollte auch Priester werden. Zwar eine Gefahr lag bei dir nahe, wie ich dich kenne; du konntest leicht ein ehrlicher Fanatiker werden, ein Heiliger – dann aber warst du für die Welt, wie sie heute ist, verloren. Ein Heiliger, an den niemand glaubt als ein paar muffige alte Betschwestern, macht bei aller Heiligkeit eine traurige Figur. Der Heilige wie der Künstler braucht, daß er sich fühle, ein ihm würdiges Publikum. Also kein Bedauern. Du weißt, wie dein Vater zu sagen pflegt, der Schneiderjakob: Man kann nie wissen, wozu etwas gut ist.« Dabei lachte der Herr Steuerperäquator. »Meine Flucht vor dem Priestertum«, fuhr er dann in der größten Heiterkeit fort, »ist mir auf eine eigene Art bekommen. Das ist eine tragisch-komische Geschichte. Im Vergleich zu heute war's damals ein lustig Ding um die Gottesgelehrtheit. Wir wurden in des seligen Wessenbergs Geist erzogen; wir lebten nicht in Konvikten und eingesperrt, sondern als freie Burschen, die farbige Mützen und Bänder trugen wie andere und lieber auf den Fechtboden als in die Kirche gingen, von der wir ja wußten, daß sie uns nicht davonlief. Sie ist mir nicht davongelaufen, aber ich ihr. Ich habe mich verliebt und wollte meinen Schatz heiraten, ein blondzopfiges Goldschmiedstöchterlein, vielmehr Bijouteriewarenhändlerstöchterlein, um im modernen Stil zu reden. Nicht ungestraft wohnt der Musensohn bei töchterbegabten Philistern, ein Kandidat des katholischen Priestertums sollte sich das gesagt sein lassen. Um heiraten zu können, mußte ich zu einem anderen Studium greifen, und weil ich nur als Theologe Stipendien bezog und von meinem Vater auf keinerlei Unterstützung hoffen konnte, ja eher dessen Fluch befürchten mußte, sah ich mich gezwungen, die neue Fakultät nach der Wohlfeilheit zu wählen. Da kam in erster Linie die Philologie, die lateinisch-griechische Schulmeisterei. Aber davon wollte ich nichts wissen. Als Theologe hatte ich mit Vorliebe das kanonische Recht kultiviert und war auch an das weltliche römische Recht geraten. Auf die gehörten Vorlesungen gedachte ich mich zu berufen und hoffte auf Grund derselben in kürzester Frist die Zulassung zum juristischen Staatsexamen zu erhalten. Allein ich hatte mich getäuscht. Man war damals, in den fünfziger Jahren, im Ministerium noch nicht gut auf abtrünnige Theologen zu sprechen, man ließ mich wissen, daß ich die Vollzahl der vorschriftsmäßigen Semester abzusitzen hätte, und das war bei meiner gänzlichen Mittellosigkeit eine wenig verlockende Perspektive. Aber es bot sich ein Ausweg. In der Steuerverwaltung mangelten Leute, man trug mir eine Gehilfenstelle an, durch die ich auch ohne Examen zu einem anständigen Amte gelangen könnte. Ich griff zu. Und damit verzichtete ich auf die Gipfel weltlicher Regierungsgewalt und Herrlichkeit und wußte mich ein für allemal zur staatlich bürgerlichen Mittelmäßigkeit verdammt, zu einem dunkeln, unrühmlichen, dienenden Dasein. Die Liebe und ein stilles häusliches Glück sollten mich entschädigen. Aber um meinen blonden Schatz heimzuführen, mußte ich erst ein definitives Amt abwarten, und damit ging es sehr langsam, gar nicht den Hoffnungen entsprechend, die man mir gemacht hatte. Der Bijouteriewarenhändlerstochter dauerte es zu lange, sie kündigte mir auf und heiratete einen glücklicheren Nebenbuhler, einen alten Freund von mir, der keine Zeit mit der Theologie verloren hatte und bereits als Rechtsanwalt in der Residenz viel Geld gewann – ›verdiente‹, lautet sonst der Ausdruck. Mir blieb das Nachsehen. Und wie du siehst, mein Alexander, habe ich es auch später zu keinem neuen Schatz mehr gebracht, sondern bin im Zölibat steckengeblieben, dem ich mich glücklich entronnen glaubte. So hat sich, durch ihre heimliche Gewalt, die Kirche an mir gerächt. An dir braucht sie sich glücklicherweise nicht zu rächen; du hast nicht sie, sie hat dich verworfen. Darum ›Glück auf!‹ zur Künstlerlaufbahn.« * Ich will hier nicht das Innere des armen Alexanders sezieren (um das unkünstlerische Wort für eine unkünstlerische Sache zu gebrauchen) und nicht versuchen, das alles an den Tag zu legen, was ihm mit gärender Gewalt die Brust schwellte, als er, mehr taumelnd als gehend, mehr im Traum als im Wachen, das Haus des Herrn Steuerperäquators mit einem Pack Notenheften unter dem Arm verließ und dann auf der hochbogigen altfränkischen Brücke des Haselbachs sich auf die steinerne Brüstung setzte, um sich darauf zu besinnen und sich klarzumachen, was ihm nun begegnet war. Ich will lieber nachholen, was ich damals in meiner tölpischen Unbeholfenheit gänzlich unterlassen habe, ich will dir, Otto Heinzelmann, seltsamer Heiliger, närrischer Kauz, mit aller Feierlichkeit meinen Dank aussprechen und dir sagen, wie unvergessen und unvergeßlich du mir geblieben bist mit deinem üppigen weißen Haarschopf, dem leuchtendroten Gesicht und den kleinen grauen Äuglein darin, deren verschmitzt wohlwollendes Lächeln so wohl tat und so oft meine Kindheit erhellt und illuminiert hat zusammen mit deinem eigenen überilluminierten Gesicht und dem weißleuchtenden Schopf darüber. Und mehr als das möcht' ich. Mehr möcht' ich können als Worte machen. Denn wie matt und schal sind doch Worte, und gar geschriebene. Ich wollt', ich wäre ein Maler geworden, nämlich so einer wie die alten, die man etwas uneigentlich die frommen nennt. Ja, das wollt' ich, und dann würde ich dich in farbenprangenden Bildern verewigt haben, so wie du mir als dreijährigen Knirps zuerst in der Phantasie lebendig wurdest, und in diesen Bildern, inmitten von Cherubim und Seraphim, deren lange schlanke Flügel ich in purem Gold prägte und anderen himmlischen Heerscharen in wallenden Lichtgewändern, würde ich dich auf den hehren Thron setzen als ... Als? Aber da fällt mir der Schnauzbart ein, der weißbuschige, und daß man den Herrn der Heerscharen doch nicht gut mit einem Schnurrbart darstellen könne, so wenig als mit einem so widerspenstig sich aufsträubenden Haarschopf, wie du ihn hattest statt der ambrosischen Locken. Ja, ja, man soll eben auch die besten Menschen nicht zu Göttern und Idealen aufbauschen wollen, da hapert's immer – – – Dreizehntes Kapitel Die Botschaft der Hanne Strohmelker Die Eröffnungen des Herrn Steuerperäquators hinderten nicht, daß ich gerade um diese Zeit täglich meine Geißen und Gänse auf die Weide treiben mußte. Ja, ich tat dies sogar durchaus nicht ungern. Ich tat es jetzt mit befriedigterem und freudigerem Gefühl als lange nicht; denn: Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, Wenn man den sichern Schatz im Busen trägt, wie die gespensterhaft zarte Thekla so schön deklamiert. Und gerade drei Tage später war's und ich lagerte mit meiner Herde draußen am Saum des Salmischen Gehölzes bei den Heiligenäckern. Es hieß das Salmische Gehölz, weil dieser Wald und die sich daran anschließende Flur einst dem Fürsten von Salm-Gottmannsdorf gehört hatten. Doch waren die Fürstlich-Salmischen Güter in dieser Gegend längst alle verkauft worden und das Salmische Gehölz mit dem Hof Brunnacker war in den Besitz der Grafen von Zeppelin-Aschenhausen übergegangen. Dieses Salmische Gehölz war ein Birkenwäldchen, und die schönen weißen Bäume mit den fast bläulichen Blättern standen in einer vorspringenden Ecke des Waldes nur sparsam und bildeten einen wahrhaft zauberisch anmutenden lichten Hain. Nur wenig ganz alte Birken ragten hier auf, von denen jede einzelne, eben weil sie so lose auseinandergerückt waren, sich zu einem recht knorrigen und eigenartigen Individuum ausgebildet hatte. Immer habe ich diesen Ort, mit seinem historischen Namen nach dem Fürsten von Salm, über alles geliebt, und wenn ich heut daran zurückdenke, ist es mir fast, als ob sich damals in meiner Vorliebe so etwas wie eine Vorahnung künftiger Erlebnisse ausgesprochen hätte. Unter einer der schönsten von diesen alten Birken, die etwas überhing und ihr schlankes dünnes Reisig fast wie eine Trauerweide niederhängen ließ, lag ich jetzt langhin ausgestreckt, und während meine Tiere ihre Nahrung suchen mochten, wo sie sie fanden, die Gänse auf den angrenzenden brachliegenden Heiligenäckern und die Geißen an den Hecken des Waldrandes, war ich ganz vertieft in einen Band von Walter Scott; denn Otto Heinzelmann hatte mir eine Anzahl dieser Bücher schon vor einiger Zeit geschenkt. Es waren meist unzusammenhängende Bände, Gott mochte wissen, wo die fehlenden hingeraten waren; aber ich ließ mich durch diesen Übelstand nicht irremachen, meine Phantasie ersetzte das Fehlende und oft merkte ich die Lücken gar nicht. Von meiner Kenntnis der französischen Sprache, wie ich sie mir in Gesellschaft des Finzer bei unserem Pfarrer Barthelmeyer erworben hatte, wird sich niemand einen übertriebenen Begriff machen. Um so mehr wird man sich wundern, wenn ich nachträglich sage, daß mein Walter Scott keine deutsche, sondern eine französische Übersetzung war. »Wenn du Lust dazu hast, magst du dich da hineinfressen wie die Maus in den Käse,« hatte Otto Heinzelmann gesagt, »dabei mußt du Französisch lernen, ein Wörterbuch liegt auch bei meinen Schmökern, und das kann dir noch sehr nützlich sein; denn wenn du einmal ein berühmter Virtuose wirst und in Paris auftrittst, da wäre es doch dumm, wenn du dann mit deinen schönen Verehrerinnen nicht sprechen könntest und dastehen müßtest wie ein Stockfisch.« Es war das eine der Reden, wie sie der Steuerperäquator von Zeit zu Zeit an mich richtete und wovon ich soviel verstand als wenn es spanisch gewesen wäre. Das ist nicht verwunderlich, aber sehr könnte es verwundern, daß tatsächlich ein Stückchen von der närrischen Rede sich bald darauf und närrisch genug erfüllt hat. Ich aber »fraß« mich wirklich in meinen Walter Scott hinein. Wer in einer neuen Sprache liest, der erlebt von Wort zu Wort neue Überraschungen und Aufregungen. Für ihn haben die Wörter an sich schon Interesse, ganz abgesehen von ihrem Sinn und ihrer Bedeutung. Das Gewöhnlichste wird interessant, wenn es uns in einer neuen Sprache entgegentritt. Die Dialekthanswurste unter unseren heutigen Schreibersleuten wissen was sie tun. Ich aber las so Außerordentliches wie die Bücher des Sir Walter Scott, und ich las sie als ein Dorfjüngling, in dessen geistigem Leben Bücher der Dichtung keine Alltagsnahrung bildeten, sondern als seltene Leckerbissen empfunden wurden. Die zwölf oder fünfzehn Bände des Walter Scott waren nun allerdings kein kleiner Leckerbissen, ich hätte mir leicht den Magen daran verderben können. Aber ich fand ihn in eine harte Schale eingeschlossen und sah mich genötigt, ihn erst Stück für Stück aus seiner Umkrustung herauszuknuppern. Und im Anfange fielen die Stückchen sehr klein aus. Um so besser bekamen sie meiner Verdauung. Oder, um in einem anderen Bild zu reden, ich befand mich in der Lage eines Menschen, der vor das Heidelberger Faß, voll des süßen Weines, gestellt wird, mit einem Teelöffel in der Hand, um den berauschenden Inhalt der Riesentonne zu seinem Genusse auszuschöpfen. Die Aufgabe konnte entmutigen, trotz aller Verlockungen, die sie bot. Zum Glück besaß mein Teelöffel Märcheneigenschaften. Er wuchs. Er wurde nach und nach ein ordentlicher Suppenlöffel und dann ein Schöpflöffel, bis er sich zuletzt gar in einen Becher verwandelte, aus dem ich in vollen Zügen trank bis zur Berauschung. Ich brütete bei diesem Vertiefen in den englischen Dichter die wunderbarsten Illusionen in mir aus und nährte sie, und sie wuchsen mir hoch über den Kopf. Die Gestalten des Dichters waren für mich Menschen, nichts als Menschen; ihre soziale Bestimmtheit und Bedingtheit übersah ich, und ich nahm nicht den geringsten Anstand, mich selber in Gedanken an die Stelle all dieser ritterlichen Helden zu setzen und mir einzubilden, daß ich dabei keine schlechtere Figur machte als jene. Jedem jungen Romanleser ergeht es ähnlich, und das ist, sagen die klugen Leute, eben das Unglück solcher Lektüre; sie macht Phantasten, sie benimmt dem jungen Menschen den gesunden, nüchternen Sinn für die Wirklichkeit des Lebens, mit der er zu rechnen und zu kämpfen hat, sie läßt ihn den festen Boden unter den Füßen verlieren und nach farbigen Wolkenbildern greifen, die ihm unter den Fingern zerrinnen. Ich nahm aber den Schotten für etwas, das er nicht war, für einen wahren, großen Dichter, vor dem alle Menschen gleich sind in der Kunst, wie sie gleich sein sollen vor Gott – wie es wenigstens das Christentum lehrt. Wäre ich vor meinem Poeten, wenn er noch lebte, hingetreten mit der Zumutung, er solle mich, den Alexander Schmälzle von Hinterwinkel, so wie ich leibte und lebte, als Helden in einen seiner Romane setzen, er möchte ein seltsames Gesicht dazu gemacht haben. Als Stiefelputzer oder Hundejunge eines Helden, wenn du willst, würde Sir Walter Scott geantwortet haben. Und um meine Illusionen wäre es dann geschehen gewesen. Es sollte auch ohnedies bald mit ihnen zu Ende sein. Vorderhand aber war ich stolz in ihnen, und mitleidig dachte ich, als ich einmal das Buch beiseite legte, an den zierlichen Artur Blankenhorn mit dem allzeit wohlgestrählten und wohlpomadisierten Langhaar, der nun vorübergehend auch fort war von Hinterwinkel und in der Oberamtstadt die Kunst studierte, mit der Miene eines Ministers faule Heringe in schmutziges Zeitungspapier zu wickeln für Hinterwinkler Feinschmecker, was er eben nur in der Oberamtstadt lernen konnte, und an sein Goldenes Buch und meine vergebliche Sehnsucht danach. Gerade diesen Artur beneidete ich jedoch nicht um seine Fremde. Wird man erraten warum? Er hatte mir eben, durch seine geleckte und geschleckte äußere Person und sein hochmütiges Auftreten bei jeder Gelegenheit, ja nicht zum geringsten durch seine verächtliche Vorenthaltung des Balladenbuches, mehr als alles in Hinterwinkel imponiert und mir einen derartigen Begriff von seiner Vornehmheit beigebracht, daß ich ihn aufrichtig für ein Wesen höherer Art hielt. Und – »die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht«. Und dachte auch zurück an die qualvollen Nachmittage, wo ich hier an derselben Stelle das »Confiteor« lernen wollte und über das quare tristis incedo nicht hinauskam. Ich wußte jetzt soviel Latein, daß ich die Worte verstand, und ich mußte lachen über mein ehemaliges unvernünftiges Treiben. Denn die Dummheit unseres vergangenen Ichs einzusehen und einzugestehen, kostet uns gar nichts, nur an der Gescheitheit des gegenwärtigen und alljetzigen lieben Ichs mögen wir nicht gern zweifeln. Wie ich also an das ehemalige quare tristis dachte, erklangen von fern her über den Kahlenbuckel herüber die Glocken von Hinterwinkel, erst die eine große, dann alle zusammen. Solches Läuten zeigte den Tod an, und ich zog meine Kappe, um für die Seele des Verstorbenen ein Vaterunser zu beten. Währenddessen wunderte ich mich, wer der Heimgegangene nur sein möge, denn ich wußte niemand krank in Hinterwinkel. Vom Waldrand her aber kam ein altes Weib auf mich zu, in der ich bald die Hanne Strohmelker vom »Kleinen Dörfle« erkannte. »Kleines Dörfle« hieß das dem Dörrhofe entgegengesetzte Ende von Hinterwinkel, wo noch ärmere Leute wohnten als auf dem Dörrhof. Die Hanne Strohmelker war zwar kein Bettelweib und auch keine Diebin, aber wenn sie sich abends durch die Gemüsegärten nach Hause schleppte und niemand in der Nähe gewahrte, nahm sie wohl bald da, bald dort eine Handvoll Bohnen oder eine gelbe Rübe oder ein Häuptchen Wirsing mit, was ihr sehr gut und den Bauern nicht wehe tat, wie sie meinte, denn sie »verteilte« ihren Diebstahl unter soviel Eigentümer als möglich; ihr Brot aber verdiente sie mit Steineklopfen. Sie hieß in Hinterwinkel fast allgemein »die Hexe vom kleinen Dörfle«, einige abergläubische ältere Leute glaubten sogar im Ernst an ihr Hexentum. Diese Dame fragte ich nun, als sie eben an mir vorüber wollte, wer im Dorf gestorben sei. »O du kreuzsterbender Heiland,« fing sie an, »jetzt weiß der noch gar nichts.« Diese Einleitung erschreckte mich, ließ mich nichts Gutes ahnen. »Ja, reiß' nur die Augen auf, o du kreuzsterbender Heiland, und wenn du bleich wirst, hast du ganz recht, und statt drei Vaterunser magst du gleich drei Dutzend beten, denn der kann's brauchen, der Dicksack. Aber wie gelebt, so gestorben. Geglaubt hat der nichts, als daß der Schwartenmagen die größte Wurst ist, o du kreuzsterbender Heiland, und Fleisch hat er alle Freitage gegessen, und ein vornehmes Getue hat er gemacht, als ob man nicht gewußt hätte, daß er auch vom Dorfe stammte als des alten Schulmeisters Heinzelmann sein Bub. Ohne Sakramente und Wegzehrung ist er nun abgefahren, ganz plötzlich, weil ihn der Schlag getroffen hat, und nun kann er anderswo den Herrn Steuerbequader spielen, wenn's ihm nicht vergeht.« So redete das Weib, das nicht zu den Betschwestern zählte, das für eine Braut und Freundin des Teufels galt. Ich aber betete keine drei Dutzend Vaterunser, mir war es ganz dumpf zumute. Wie vom Blitz getroffen, wie gelähmt starrte ich vor mich hin. Zweiter Teil Weltgeschichte in Hinterwinkel   Erstes Kapitel Das mit einer Zeitung anhebt und mit einer Predigt schließt Der Steuerperäquator Heinzelmann war am 13. Juni gestorben und am 15. begraben worden. Am andern Tag, 16. Juni, saß ich, die Stunde des Mittagessens erwartend, mit gekreuzten Beinen auf dem Arbeitstische des Vaters, der auswärts schneiderte. Vor mir, auf meinen Knien, lag der neue Uniformrock des Polizeidieners Gartumb von Hinterwinkel. Dem stolzen Kleidungsstücke aus zweierlei Tuch fehlten, damit es in schöner Vollendung prange, nur noch die großen gelben Messingknöpfe. Diese sollte ich annähen. Aber meine Hände lagen einstweilen müßig im Schoß. Und ich sah durch das offene Fenster, zwischen den hochroten Geranienblüten hindurch, nach dem Hause unseres Nachbars drüben, des Gerbers, der mit einem Zeitungsblatt in der Hand vor seiner Tür stand und zwei jungen Bauern etwas vorlas. Der Herr Nachbar hielt für sich keine Zeitung, er mußte sie beim Ochsenwirt mitgenommen haben, wo er die zahlreichen täglichen Schoppen zu trinken pflegte, deren er bedurfte; denn die Gerber sind allezeit durstige Leute, weil sich ihnen der feine Lohenstaub in die Kehle setzt und immer hinuntergespült sein will. Diesmal schien der Meister Appel noch einen Krug mehr als sonst getrunken zu haben. Sein Gesicht leuchtete noch röter als gewöhnlich, und seine braunen Arme mit zurückgewickelten Hemdärmeln fuchtelten mit großer Heftigkeit. Er hatte auch den einen Zipfel seiner safrangelben Schürze in den Gürtel hinaufgesteckt, und er rauchte statt seiner kurzen Pfeife eine Zigarre, zwei Umstände, die bei ihm auf eine außergewöhnliche Stimmung hinzudeuten pflegten. Nachdem der Meister die Lesung beendet hatte, schien er deren Inhalt den beiden Hörern zu erläutern. Am häufigsten und zugleich am lautesten klang dabei das Wort »Preußen« an mein Ohr. Meine Neugierde wurde durch diesen Namen nicht besonders erregt, ich verband damit nur sehr undeutliche Vorstellungen. Bei unserm Schulmeister Langbein hatten wir darüber nichts erfahren. Auch in meinen lateinischen Stunden beim Pfarrer war er nicht vorgekommen. Nur vom Vater wußte ich, daß man damit ein deutsches Land und Volk bezeichnete. Auch hatte mir der Vater früher, in der Kinderzeit, allerlei Geschichten von einem berühmten König der Preußen erzählt, den man den Alten Fritz oder auch den Großen Kurfürsten nannte, und den mein Vater sehr bewunderte, weil er einen ehemaligen Schneidergesellen zum General hatte. So wenigstens erzählte es mein Vater. Und den Alten Fritz und seinen Schneidergeneral hatte er mit eigenen Augen gesehen, nämlich wie sie in Kupfer abgegossen sind in der großen Stadt Berlin, der Hauptstadt der Preußen, wo mein Vater im Anfang der fünfziger Jahre sieben Wochen in Arbeit gestanden hatte. Unterdessen kamen über die Brücke andere Männer mit ihren Frauen und Töchtern. Sie kamen von der Heumahd und trugen Sensen und Heugabeln auf ihren Schultern. Der Gerber rief ihnen schon von weitem zu. Und diesmal verstand ich das Wort »Krieg«. Die Ankömmlinge stutzten. Ich aber schnellte vom Tisch empor, und ehe man drei zählen konnte, stand ich drüben im Haufen der Bauern. Ein tolles Durcheinanderreden schlug da an mein Ohr. »Jesses, wenn nur die Russen nicht kommen!« »Die Preußen sind auch nicht weit davon her, die werden uns schön kahl fressen.« »Sie sollen's bleibenlassen; wir jagen sie hin, wo sie hergekommen sind.« »Aber die Preußen mit dem Zündnadelgewehr, wenn die uns nur nicht heimleuchten.« »Was will Preußen gegen Oesterreich, gegen Oesterreich und Bayern und Württemberg – und Hessen und Sachsen und Hannover. Preußen muß verlieren. Und wenn es schlimm geht, ist auch noch der Napoleon da. Und sind die Franzosen da. Die lassen uns nicht von den Preußen einsacken.« »Jesses, die Franzosen. Wollen denn die Franzosen kommen? Von denen erzählt man sich gar nichts Gutes.« »Lieber Franzosen als Preußen.« »Wir brauchen die einen nicht und brauchen die andern nicht, sie können beide daheim bleiben.« »Ihr müßt es ihnen halt nur sagen, Blessevogt.« »Was wollen denn die hungrigen Preußen?« »Sattessen wollen sie sich bei uns; habt ihr's noch nicht gemerkt? Und unsern Wein wollen sie trinken.« »Schleswig-Holstein wollen sie in die Tasche stecken, die Langfinger, und das will Osterreich nicht leiden.« »Was ist denn das, Schleswig-Holstein?« »Schleswig-Holstein meerumschlungen – Schleswig-Holstein stammverwandt!« »Was geht uns Schleswig-Holstein an?« »Was uns das angeht? Wenn man dem Teufel den Finger gibt, nimmt er die ganze Hand. Zuerst geht's an Schleswig-Holstein und dann an uns. Oesterreich soll aus Deutschland hinausgeworfen werden, und uns macht man dann nach und nach preußisch. Wenn euch das nichts angeht!« »Wenn nur die Franzosen nicht kommen.« »Unser König ist ein Freund von Napoleon, die Franzosen tun uns nichts, die hauen nur die Preußen.« »Wenn nur mein Jörmichel nicht grad' bei den Soldaten wär'.« »Ja, müssen denn unsere Soldaten auch in den Krieg? Großer Gott, da schießen die Preußen meinen Anton tot.« »Jesses, und mein Bernerd, der bei den Dragonern in Ludwigsburg steht.« Mehrere Weiber brachen in lautes Heulen aus. Der Polizeidiener Gartumb näherte sich der Gruppe. Alle sahen sich mit erschrockenen Gesichtern um. Der schnauzbärtige Mann im bunten Rock machte ein furchtbar ernstes Gesicht. Mit militärisch straffer Haltung blieb er vor dem Volkshaufen stehn. Von mehreren Zetteln in seiner Hand brachte er einen seiner Brille nahe, und indem er fast die Stimme eines Feldherrn annahm, las er: »Lienhard Reichenbühler.« Damit streckte er den Zettel einem jungen Burschen entgegen, der einen Blick darauf warf und erblaßte. Lienhard war ein zurückgezogener Mensch, ein wenig Mutterkind, nicht ganz und gar Bauer; er betrieb neben der Landwirtschaft ein kleines Töpfergeschäft, er war eine Art Künstler. »Johann Peter Mütsch,« las der obrigkeitliche Bote unterdessen weiter. Der Hannpeter nahm die Nachricht anders auf. »Hurra!« rief er, »hätt' nit glaubt, daß 's Ernst is; nun aber nix als drauflos, und mach mir kein so Gesicht, Linert, im Krieg geht's luschtig zu.« »Holla, du nimmscht's Maul groß voll, du Tagdieb, du Nixnutzer,« rief der Blessenvogt, sein Dienstherr, »aber wer soll denn mein Heu machen und meine Ernt' schneiden?« »Macht Euch keine Sorgen, wir reiten mit den Gäulen drüber, dann ist sie schon g'schnitten«, rief der Knecht übermütig. »Jedenfalls gräm' ich mich nicht, daß ich sie nicht zu schneiden brauch'. Und Euer hartbacken schimmelig Brot, Blessenvogt, gönn' ich Euch auch. Allzuweit nach Preußen 'nein, wo der Pumpernickel wächst, kommen wir Schwaben doch nicht und unterwegs gibt's Besseres.« Das Durcheinanderschreien hatte aufgehört, seitdem der Krieg in so bestimmten Zeichen an die Leute herangetreten war. Ziemlich kleinlaut ging alles auseinander. * Am andern Tage hielten die Einberufenen im »Goldenen Ochsen« einen Abschiedstrunk. Ich mußte natürlich dabei sein. Auch der Pfarrer Barthelmeyer war erschienen. Er hielt eine Ansprache an die neuen Krieger. Von ihm hörte ich zum erstenmal das Wort Bruderkrieg. Aber unsere Soldaten durften mit Gottvertrauen in den Kampf ziehen, ihre Sache war eine heilige Sache; sie verteidigten nicht nur ihren König und ihr Vaterland, sie retteten auch ihre heilige Religion. Am besten ließ sich der Herr Hannpeter den Abschiedstrunk schmecken. Er gab deutlich zu erkennen, daß es ihm ziemlich gleichgültig sei, was er verteidige, wenn er nur gegen Sichel und Sense den Säbel umtauschen durfte. Sein Wesen steckte die andern an. Und als sie dann aufbrachen und, von der Schuljugend begleitet, zum Dorf hinauszogen, just an unserm Häuschen vorbei, über die hohe steingewölbte Haselbachbrücke, da sangen sie mit lauten Stimmen: Morgenrot, Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod. Auch der Lienhard sang frohgemut mit. Ich lehnte am Brückengeländer und winkte ihm zu. Er tat mir so leid, weil ich seine Mutter unter einer benachbarten Haustür stehn und laut schluchzen sah. Da dachte ich nicht, daß ich allein ihn noch einmal wiedersehen würde. Das schöne Morgenrotlied war zu Ende, und ich hörte von ferne den Hannpeter mit machtvoller Stimme einen andern, derberen Gesang anstimmen, der seinem Geschmack mehr zusagte: Und es kann ja nicht immer so bleiben Hier unter dem wechselnden Mond, Und der Krieg muß den Frieden vertreiben, Und im Kriege wird's keiner verschont ... So brüllten sie, und die einfache arme Melodie mußte sich in ihren Kehlen mit tausend willkürlichen und abenteuerlichen Schnörkeln verzieren lassen: Und im Krie – ge wird's kei – ner verri – schont. Ich dachte immer noch an den bleichen Lienhard. Er war, wiewohl älter, eine Art Freund von mir. Ich hatte ihn oft in seiner Töpferwerkstatt besucht. Mit Erstaunen hatte ich dann immer der Drehscheibe zugeschaut, die so schnell lief, daß das Auge ihr nicht folgen konnte. Und wie ein Wunder war es mir stets erschienen, wenn bei so schwindliger Drehung, unter der Hand des Töpfers, der feuchte Tonklumpen auf der Scheibe seine Gestalt veränderte, wenn er in die Höhe wuchs, sich aushöhlte, sich bald bauchig weitete, bald halsartig einschnürte, wenn seine Form und Bildung immer deutlicher wurde, bis die Scheibe stillstand und das fertige Gefäß nur mit einem Draht vom Scheibenrand abgeschnitten zu werden brauchte. Ich konnte nie begreifen, wie es möglich sei, so etwas zu lernen. Die zur Fahne Gerufenen waren längst über alle Berge, ich dachte noch immer an den Künstler Lienhard Reichenbühler. * Begierig war ich, was mein Vater über den Krieg sagen werde. Beim Abendessen sollte ich's erfahren. Der Meister verwunderte sich nicht über den Mut der Preußen. Gute Soldaten habe Preußen, und gute Generäle, das müsse ihnen der Neid lassen. Und wenn der Alte Fritz noch lebte, und sein General Derfflinger, der ehemalige Schneidergesell, wer weiß. Aber auch so ... »Was du für scheckiges Zeug red'st,« erwiderte mein Pate Nepomuk Rotermund, der auf den Abend herübergekommen war; »man könnt' meinen, du seiest ein Preußenfreund.« Ich hätte gar zu gern erfahren, was Schleswig-Holstein sei. Das seltsame Wort, das der Gerber Appel so begeisterungsvoll ausgesprochen hatte, reizte mich durch seinen fremdartigen Klang. Mein Vater wollte mir eben antworten, als der Nachbar Gerber mit lautem Schleswig-Holstein meerumschlungen, Schleswig-Holstein stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland! die Tür aufriß und, selber leicht wankend, in die Stube hereinstürmte. Die abermalige geheimnisvolle Deklamation erhöhte nur meine Neugierde. Aber die Unterhaltung gestaltete sich nun zu aufgeregt, als daß ein armer Junge hätte zu Worte kommen können. Der Tag war ein Samstag. Am andern Morgen, mitten im Gottesdienst, schlugen zum drittenmal die seltsamen Reime an mein Ohr: Schleswig-Holstein meerumschlungen, Schleswig-Holstein stammverwandt. Der Pfarrer Barthelmeyer rief sie von der Kanzel herunter. Und lange sprach er von diesem Schleswig-Holstein. Wir hatten das Land erobert, wir und die Oesterreicher, die Großdeutschen, und gegen den Willen von Preußen. Wir mit unserm Blut hätten Schleswig-Holstein gewonnen. Und die Preußen wollten das Land in die Tasche stecken. Das wolle Oesterreich nicht leiden. Und wir dürften es ebenfalls nicht leiden ... Aber das sei nicht der wichtigste Punkt. Um Größeres handele es sich. Oesterreich solle aus Deutschland hinaus, damit Preußen allein Herr sei. Dann müßten wir preußisch werden. Seither hätten auch die Katholiken in Deutschland leben dürfen, weil Oesterreich dagewesen sei, der katholische Kaiserstaat. Nach Oesterreichs Beseitigung aber hätten die Katholiken keinen Schutz und Schirm mehr, und es müßte ihnen übel ergehen. Darum seien auch in Schwaben einige Evangelische preußisch gesinnt, einige Katholikenfresser und Dummköpfe. Aber sehr viele seien das nicht. Sogar die Protestanten seien der großen Anzahl nach gegen Preußen, wenn sie uns Katholiken gleich das Unglück gönnten. Aber sie wüßten eben, was sie von den Preußen zu erwarten hätten. Es nütze darum den Preußen nichts, die katholische Religion in Deutschland ausrotten zu wollen; die Evangelischen in Schwaben wollte dennoch nichts von ihnen wissen. Das beweise zur Genüge, welche Gäste diese Preußen seien. Der Sieg unserer Waffen sei auch gar nicht zweifelhaft. Der Kampf sei zu ungleich. Die Uebermacht sei zu sehr auf unserer Seite. »Und sie können schon deshalb nicht siegen, weil ihr Krieg ungerecht ist, ein Krieg gegen deutsche Brüder, ein himmelschreiender Bruderkrieg ...« Dann sprach er noch von einem Kreuzzug, einem heiligen Kreuzzug, was ich nicht verstand. So lange wie an diesem Sonntag hatte der Pfarrer Barthelmeyer noch nie gepredigt. Und zum erstenmal war ihm niemand dabei eingeschlafen. Zweites Kapitel Wie einer schlafend in den Krieg zieht Vier oder fünf Wochen waren vergangen. Die Hinterwinkler hatten beim schönsten Wetter das schönste Heu gemacht, und der Blessenvogt hatte viel geflucht, weil er keinen Ersatz für den Hannpeter bekam, aber die Arbeit war zuletzt doch getan worden. Alles ging seinen ruhigen Gang. Man merkte in Hinterwinkel wenig davon, daß mitten im Vaterlande der blutige Krieg wütete. Die Bauern berechneten, um wieviel teurer sich der Hafer unter solchen Umständen verkaufen werde, und schärften Sensen und Sichel für die Ernte. Einige Bauern wollten in der letzten Zeit wiederholt Kanonenschüsse gehört haben. Sie wurden ausgelacht. Sie hatten wohl donnern hören. Nichts schien glaublicher in diesen Tagen des Juli. Dann verbreiteten sich aber auf einmal beängstigende Nachrichten. Die Hannoveraner hätten eine Schlacht verloren. Die freie Stadt Frankfurt habe sich den Preußen ergeben müssen. Unsere Soldaten seien bereits über den Odenwald zurückgewichen. Es schien wahrhaftig, als ob der Krieg näherkommen wolle. Kanonenschüsse wurden deutlicher. Manche Leute machten sich daran, ihre alten Silbermünzen zu vergraben. Und keiner war aufgeregter als ich. * Und keiner war aufgeregter als ich. Ich lebte und webte in den großen Vorgängen der Zeit. Zwar wußte ich wenig von ihnen und hatte von den Einzelheiten des Krieges nicht die geringste Vorstellung. Um so geschäftiger erwies sich meine Phantasie. Sie wurde nicht müde, mir nach ihrer Art die Dinge zu zeigen. Ich lebte den ganzen Krieg im Geiste mit, ich dichtete ihn mir. Ich dichtete ihn groß und gewaltig, eine Epopöe mit ungeheuerlichen Umrissen, nach Reminiszenzen aus dem Kaiser Octavian und den vier Haimonskindern. Ich wurde ein Schlachtendenker in des Wortes verwegenster Bedeutung. Mein höchster Wunsch aber war: das in der Phantasie Vorgestellte einmal auch mit leibhaftigen Augen schauen zu dürfen. Durch diesen Wunsch stand ich freilich wieder im Widerspruch mit Hinterwinkel. Und hätte man meine Gedanken gewußt, ich wäre sicherlich dafür geprügelt worden. Aber ich konnte mir nicht helfen. Mochte der Krieg auch Hinterwinkel verheeren und Jammer und Elend mit sich bringen, wenn ich ihn nur sehen durfte. Ich war als Kind der reine Nero. Wenn irgendwo ein Feuer ausbrach, gleich wünschte ich, das ganze Dorf möchte davon ergriffen werden, um mich an dem prächtigen Schauspiel weiden zu können. Wenn bei Tauwetter, im Februar oder März, der sonst so nüchterne Haselbach sich übernahm und seine lehmgelben Fluten durch die Gassen von Hinterwinkel wälzte, daß die Bauern mit dem Vieh im Stall und mit den Sauerkrautkufen im Keller ihre Not halten, da schmerzte mich nichts mehr, als daß zuletzt das Wasser wieder zu sinken begann. Mit dem Krieg sollte mein Wunsch in Erfüllung gehen – nicht auf Kosten der lieben Hinterwinkler, aber auf meine eigenen. * Eines Morgens früh saß ich droben auf der Schillingsberger Höhe, am Stamm des Sindelwaldes. Denn ich hatte gerade gar nichts zu tun. Weder mit den Gänsen noch mit den Geißen fuhr man um diese Zeit auf die Weide, und der Vater wußte mich auch nicht zu beschäftigen, er blieb selber, wenn nicht des Krieges so doch der Ernte wegen, in diesen Wochen fast ohne Arbeit. Ich saß also am Waldsaum und träumte Schlachten. Da kam plötzlich die Hanne Strohmelker vom »Kleinen Dörfle« auf mich zu. Die Hanne verdiente ihr Brot mit Steinklopfen. Sie betrieb dies Geschäft Sommer und Winter, bei Frost und Hitze, bei Wind und Regen. Sie klopfte die Feldsteine, die die Bauern von ihren Ackern weg auf die »Wüstungen« karrten, auf dieselben unangebauten Stellen, die auch als Geißweiden dienten. So führte uns unser Beruf oft zusammen. Ich saß auch jetzt zufällig auf dem Steinhaufen, der augenblicklich ihr Arbeitsfeld war. Sie grüßte mich und setzte sich dann an ihr Geschäft. Auf einem großen Unterlegestein, den sie zwischen die Beine nahm, zerklopfte sie mit kurzstieligem Hammer die großen Wacken. Lieblich anzusehen war die Hanne nicht. Aus ihrem eingefallenen Gesicht ragte eine unerhört dünne Nase hervor, an deren Spitze immer ein brauner Tropfen hing. Sie schnupfte fleißig Tabak. Ihre ganze Kleidung bestand im Sommer in einem groben Hemd und einem einzigen vielgeflickten Unterrock. Das Hemd ließ die entfleischten Schultern bloß und verdeckte auch die sonnverbrannte welke Brust nur wenig. Aber auch der einzige Rock wurde ihr hinderlich, wenn sie mit ausgestreckten Beinen dasaß und die geklopften Steine sich vor ihr häuften; sie schob ihn dann zurück, unbekümmert um die entblößten Beine und Knie. Seit längerer Zeit gesellte ich mich manchmal zu ihr und hörte ihre Klagen an, ihre sozialen Auseinandersetzungen, ihre Ideen über arm und reich ... Ganz besonders spitzte ich die Ohren, wenn die Hanne Strohmelker das Gespräch auf ihren Cyprian brachte. Dann wurden oft ihre Augen naß und sie griff beim Schnupfen noch tiefer in ihre Dose von Birkenrinde. Ihre stoßgebetartigen Ausrufungen wurden häufiger. Es war dann nicht zu zählen, wie oft sie ihr »Oh, du kreuzsterbender Heiland!« in ihre Rede mischte. Die Hanne hatte als junges Mädchen in Nürnberg gedient und war mit diesem Cyprian nach Hinterwinkel zurückgekehrt. Sie sprach gern von ihm. Sie rühmte seine Schönheit und seinen Witz. Sie rühmte auch seinen Vater, einen blauen Reiteroffizier. Wenn ihr Cyprian bei ihr wäre, o du kreuzsterbender Heiland, da ginge es ihr besser, da wäre sie nicht wie eine Vogelscheuche jedem Wetter ausgesetzt. Da brauchte sie keinen Eichelkaffee zu trinken, sondern könnte sich beim Krämer vom besten kaufen. Das bildete ihr ewiges Lied. Aber der Cyprian hatte seit zwanzig Jahren nichts von sich hören lassen. Beim Dorfschmied hatte er drei Jahre lang in der Lehre gestanden, dann war er fortgezogen, sechzehn Jahre alt, und seine Mutter hatte nichts mehr von ihm vernommen. Auch heute fing sie von ihrem Cyprian an. Wo er nur sein mochte. Gewiß lebte er noch. Ihr Mutterherz sagte ihr's täglich. Das konnte nicht lügen. Am Ende war er gar unter die Preußen gegangen und Soldat geworden. Das würde ihm ähnlich sehen. Aber dann konnten sich die Knöpflisschwaben vor ihm in acht nehmen. Während diesen Reden der Hanne kam ein Fuhrwerk des Weges, ein Leiterwagen mit zwei Braunen. Als Fuhrmann erkannte ich den Jakob Schmitz von Langacker. Er redete mich an, und ich hörte zu meiner größten Verwunderung, daß der Schmitzenjockel in den Krieg ziehe, wirklich in den Krieg. Er sei zu Proviantfuhren gedungen. Der alte Hauderer, ein ehemaliger Soldat, las die Wirkung seiner Mitteilung in meinem Gesicht. »Wenn d' kein Schneider wärst,« sagte er blinzelnd, »würde ich sagen, du solltest mitkommen, könntest was sehen und hören.« Die Anspielung auf den Schneider rührte mich nicht, ich hatte mich immer über meinem Stand gefühlt. »Die Hanne kann ja deine Eltern benachrichtigen,« meinte Jockel. »Wenn sie deinem Vater sagt, du seist bei Jakob Schmitz von Langacker, so weiß er dich wohl aufgehoben und hat keine Angst um dich.« Die Hanne erklärte sich bereit, die Botschaft zu übernehmen. Sie machte sich daraus kein Gewissen, sagte sie; denn wenn ich erst einen Flintenschuß hörte, würde ich schon umkehren und nach Hause laufen. Ich sei eben kein Cyprian. Wo das auch herkommen sollte bei einem Schneider! Dieser Hanne Strohmelker mußte ich zeigen, daß sie sich irrte. Ich unterdrückte alle Bedenken und stieg unverweilt zu Jakob Schmitz auf den Wagen – mit klopfendem Herzen. In Schillingsberg stießen noch drei Fuhrwerke zu uns. Und wir kamen bald in fremde Gegenden, durch unbekannte Dörfer und Städte. Ich hatte bis jetzt nur Dörfer gesehen. Wie riß ich die Augen auf, wenn wir auf dem holprigen Pflaster durch die engen städtischen Straßen schotterten, wo bald der altertümliche Bau eines Rathauses, bald eine großmächtige Kirche mir einen ganz neuen Begriff von der Welt gaben; wo bald ein heraushängender Löwe oder Bär, ein Engel von vergoldetem Blech, eine Sonne oder Rose, ein weißer Schwan oder langstelziger Storch, ein wilder Mann oder drei Mohren mein Erstaunen erregten. In den Fuhrleuten erweckten diese Dinge die Erinnerung an ihren Durst. Der Schmitzenjockel war der Durstigste. Er gab jedesmal die Losung aus. Er war auch ein Schalk. »Ihr seid Narren,« wiederholte er bei jeder Einkehr, »wir verlieren durch einen kurzen Aufenthalt nichts, und durch einen langen ebensowenig. Kommen wir unterdessen nicht zum Kriegsschauplatz, so wird der Kriegsschauplatz schon zu uns kommen, umgekehrt als wie bei Mohammed dem falschen Propheten.« Ich allein fühlte mehr Durst nach Kriegsschauplätzen als nach Bier und Wein. Aber ich wurde nicht um meine Meinung gefragt. Ich mußte wacker mittrinken. Der Jockel besonders bot mir alle Augenblicke sein Glas. »Daß du Courage kriegst«, sagte er lachend. Ich mochte aussehen, als ob ich ihrer nötig hätte. Und mir war in der Tat nicht wohl zumute. Wenn ich an meine Mutter dachte und ihre Angst um mich, und was der Vater zu meinem Davongehen sagen werde, wäre ich am liebsten umgekehrt und in einem Atem nach Hinterwinkel zurückgelaufen. Nur die Scham vor den Fuhrleuten hielt mich davon ab. In solcher Verfassung befand ich mich, als plötzlich die erste Kriegserscheinung vor uns auftauchte. Auf einer Querstraße sprengte sie an uns vorüber, in voller Karriere, ein gelber Dragoner, mit Schweiß und Staub bedeckt, auf einem Gaul, der weiße Schaumflocken hinter sich warf. Ich griff mir unwillkürlich an die Brust, das Herz drohte mir stillzustehen, mein Atem stockte. Ich erwartete, daß es jeden Augenblick hinter den Hügeln hervorbrechen werde, in farbigen Schwärmen, zu Roß und zu Fuß, in kämpfender oder fliehender Wildheit. Aber es geschah nichts. Außer friedlich arbeitenden Landleuten zeigte sich nichts Bewegliches in der fruchtbaren Hügellandschaft. Die Bauern in den Dörfern nannten mehrere Ortsnamen, wo wir unsere Württemberger finden würden; doch sprachen sie damit nur Vermutungen aus. Etwas Sicheres wußten sie nicht. Ich mußte aber immer über den jagenden Dragoner nachdenken. Was der nur für eine Aufgabe haben mochte, so allein durch die Welt zu rasen. Wir fuhren auch die Nacht hindurch. Und der Wein, der mich, im Bunde mit der Kriegserwartung und den alten Fuhrmannsgeschichten des Schmitzenjockel, lange genug aufgeregt hatte, übte endlich die entgegengesetzte Wirkung: die Augenlider wurden mir schwer, ich vermochte sie mit der größten Mühe nicht mehr offen zu halten. Dann drohte ich von meinem Sitze herabzusinken und wurde vom Jockel nur gerade noch aufgefangen. Ich fühlte mich von ihm in den Wagenkorb zurückgelegt, zwischen Decken und Tücher, und dann fühlte ich nichts mehr. Beim Aufwachen verwunderte ich mich, daß ich nicht auf unserer Bodenkammer in meinem Bette lag, sondern in einem Wagenkorb, auf offener Straße, zwischen städtisch aneinandergereihten Häusern, gerade unter einer riesigen Laterne, die mit einer ungeheuren rostigen Kette am Himmel aufgehängt schien. Doch leuchtete nicht die Laterne, sondern die flammende Julisonne, die noch höher am Himmel hing. Auf der Straße wimmelte es von Soldaten ... Im Schlafe war ich, ohne zu wissen wie, mitten in den Krieg geraten. Drittes Kapitel Von drei Helden auf einem Heuboden Ich kletterte von meinem Wagen herunter und sah mir die Umgebung an. Besonders musterte ich die Soldaten. Die machten einen sehr friedlichen Eindruck; sie schlenderten in ihren schildlosen Mützen behaglich die Straßen auf und ab und rauchten ihre Pfeifen. Einige sprachen von den Preußen, und nicht mit Hochachtung. Alles schien heiter und wohlgemut. Von der engen Straße sah man auf einen Platz hinaus, wo eine alte schwärzliche Kirche mit hohen schmalen Fenstern emporragte. Dort herrschte ein noch bunteres Gewimmel. Ich ging langsam darauf zu. Da klopfte mir plötzlich jemand auf die Schulter. Erschrocken sah ich mich um, es war der Lienhard. Wo ich denn nur herkäme ums Himmels willen? Ich erzählte. Lienhards Quartier lag nahe, wir stiegen hinauf. Da erfuhren auch seine Wirtsleute, was ich für ein Abenteurer wäre, und die einen tadelten mich, die andern spendeten mir Lobsprüche. Bald kam die Rede auf den Krieg, auf die nächste Schlacht, auf die Preußen. Die wären noch weit entfernt, hieß es. Und die Soldaten wußten nicht, ob man ihnen entgegenziehe oder ob man sie hier erwarte. Der Hauswirt stimmte für das letztere. Er war in der Frühe in seinem Weinberg gewesen und war dann der Neugierde halber auf den höchsten Rücken hinaufgestiegen, den man den Kützberg heiße. Da habe man die schweren Geschütze aufgefahren, vier Batterien. Ich stand am Fenster und sah auf den Platz hinunter. Mit Erstaunen betrachtete ich die immer größere Masse von Kriegern. Das sei aber noch gar nichts. Draußen vor der Stadt, jenseits des Flusses, in den Biwaks, da lägen noch viel mehr. Während ich mit den Wirtsleuten redete, schrieb Lienhard an einem Briefe, den ich seiner Mutter bringen sollte. Da entstand unten auf dem Platz eine plötzliche Unruhe. Und im nächsten Augenblick ertönten, von mehreren Seiten zugleich, laute Hornsignale. Lienhard fuhr empor. Es hatte zum Appell geblasen ... Ich dachte einen Augenblick daran, daß es endlich an der Zeit wäre, mich nach dem Schmitzenjockel umzusehn. Aber aus Neugierde folgte ich dem Lienhard auf den Platz. In langen Zeilen, abteilungsweise, traten die Soldaten ins Glied. Kommandorufe erschollen. Die Gewehre rasselten. Die Offiziere stellten sich in einen Kreis um den ältesten unter ihnen, der eine kleine Ansprache an sie hielt. Dann trennten sie sich wieder und verfügten sich zu ihren Abteilungen. Neue Kommandorufe. Neues Auf- und Niederrasseln der Gewehre. Kurze Worte der Offiziere an die Soldaten. Eine kleine Musterung Reih auf und ab. Und der Auftritt war vorüber. Die Soldaten traten auseinander, einzeln und gruppenweise, schwatzend, lachend, ihre Pfeifen anzündend. Sie begaben sich in ihre Quartiere zurück oder zogen in Haufen nach den Vierhäusern, wo es laut und lustig herging. Man sang Spottlieder auf die Preußen – sie klangen nicht immer anständig. Nachdem Lienhard in seinem Quartier Gewehr und Tornister abgelegt hatte, machten wir uns auf die Suche nach meinem Fuhrmann. Wir fanden ihn aber nicht mehr vor, er war mit den andern nach den Feldlagern vor der Stadt abgeschickt worden. Und wir kehrten zu Lienhards Wirtsleuten zurück, wo ich freundlich zum Mittagessen eingeladen wurde. Man sprach viel über den Feind und seine Absichten. Einig war man darüber, daß er noch sehr fern sein müsse. Die Vorposten am Morgen hatten keine Spur von ihm entdeckt. Doch die Wirtsleute, eine Bäckerfamilie, waren nicht ohne Besorgnis. Sie versuchten ihre Angst aber zu verbergen, und da es nicht an selbstgebautem Wein fehlte, so herrschte während des Essens die heiterste Laune. Außer Lienhard lagen noch zwei Kameraden hier im Quartier. Der eine, ein Tuttlinger, schien nur da zu sein, um die Gesellschaft zu belustigen. Er brachte so drollige Sachen vor, daß das Lachen zuletzt gar nicht mehr aufhören wollte. Nur Lienhard blieb ernst. Er hatte sich, während noch alles bei Tische weilte, bereits wieder an seinen Brief gesetzt, woran er am Vormittag unterbrochen worden war. Da tat es plötzlich einen Knall. So heftig krachte es, daß das Haus zitterte und jedermann auf seinem Stuhl in die Höhe fuhr. Die Frauen stießen unwillkürlich Schreie aus, die Kinder begannen laut zu weinen. Dem ersten Geschützdonner folgte rasch ein zweiter, dann ein dritter, und so fort. Ein Mitbewohner des Hofes stürzte in die Stube. Die Preußen sind da! Ihre Kanonen stehen schon auf dem Imberg. Man sieht sie von der Gasse aus. Sie speien Feuer über unsere Stadt. Wir sind verloren, sie bringen uns alle um. Sie brennen unsere ganze Stadt darnieder. In den Gassen und auf dem Platze ertönten die Alarmsignale. Es trommelte und trompetete von allen Seiten. Ich dachte: Gottlob! nun wird's wohl endlich losgehen. Die drei Soldaten stürzten sich auf ihre Tornister und Gewehre. Lienhard überreichte mir den unvollendeten Brief an seine Mutter. »Grüße sie alle, auch Rotermunds.« Und er eilte hinaus, ehe ich ein Wort hatte erwidern können. Die beiden Kameraden folgten. Der Tuttlinger, der einen Augenblick verstummt gewesen war, fand doch zuletzt noch ein zynisches Wort auf die Preußen. Auch mich trieb es aus dem Hause. Doch nach kaum zwanzig Schritten hielt ich an. Der Geschützdonner auf den Höhen hatte nachgelassen, dafür begann, wie es schien, in nächster Nähe ein Gewehrfeuer. Ich stand an eine verschlossene Haustür gedrückt und sah mich plötzlich allein auf der weiten Straße. Ich hörte Kugeln durch die Luft sausen. Ich sah einen fliehenden Soldaten blutend aufs Pflaster hinschlagen. Das Blut floß ihm aus Mund und Nase, es war gräßlich anzusehen. Zu spät begriff ich, wie sehr ich in die Klemme geraten war. Ich entschloß mich endlich, vor den pfeifenden Kugeln in einer Seitengasse Schutz zu suchen. Hier sah ich gerade zwei Soldaten in eine offene Scheune flüchten. Ihnen folgte ich. Wir versteckten uns auf dem dunklen Heuboden. Als sich die Soldaten von dem ersten Schrecken erholt hatten und wieder laute Worte wagten, erkannte ich in dem einen den lustigen Tuttlinger. Die Lustigkeit war ihm vergangen gewesen, in dem sichern Versteck stellte sie sich langsam wieder ein. Hier fand er seinen Humor wieder. Und er hatte wahrhaft drollige Einfälle. Ich fand schon seinen Oberländer Dialekt so spaßig. Er kam mir doppelt närrisch vor in dieser Dunkelheit, wo man sich nur hören, aber nicht sehen konnte. Und einmal mußte ich laut herauslachen, so wenig mir auch danach zumute war. »Hol' mich der Teufel, da ist ja unser Herr Student!« rief plötzlich der andere Soldat, der sich bisher stumm verhalten hatte. Student hieß man mich in Hinterwinkel wegen meiner lateinischen Stunden beim Pfarrer. Der aber so gesprochen hatte, war der Hannpeter, der Knecht des Blessenvogts. Und wir freuten uns beide des Wiedersehens, wenigstens des Wiederhörens. »Aber gelt, hier nützt alles Latein nix,« fiel der gesprächige Tuttlinger ein. »Diese Kaibe von Preiße, die redet deitsch mit eim.« »Wenn er nur draußen wäre, statt in dem finstern Loch da«, meinte der Hannpeter; er wollte auch ein Wörtlein mit ihnen reden. Der Tuttlinger nieste. »Helf Gott, Tuttlinger!« sagte er lachend und schimpfte über den Heustaub, der einem in der Nase kitzle. Aber man müsse froh sein, wenn einen überhaupt noch etwas kitzle. Wär' ihnen die Scheuer nicht im Weg gestanden, gab's jetzt für sie alle drei kein Helf Gott mehr ... Ich wagte eine schüchterne Bemerkung. Wo denn die Preußen gesteckt hätten, ich hätte keinen gesehen. »Hört diesen Schneider«, rief der Hannpeter. »Er hat keinen Preußen gesehen. So groß war seine Angst, daß er jede Pickelhaube für einen Kirchturm ansah.« Darauf begannen sie zu politisieren. Es sei kein Zusammenhalten in dem Krieg, und darum kein Glück. Die obersten Anführer seien allesamt Prinzen. Die steckten mit Preußen unter einer Decke. Und führten den Krieg nur zum Schein. Es sei auch schon im voraus unter ihnen abgekartet gewesen, daß die Preußen siegen sollten. Am verdächtigsten von allen sei der badische. Der stünde immer beiseite und wollte nie mittun. Heute habe er sich, wie man von den Bauern erfahren, eine Stunde talabwärts postiert. Und wahrscheinlich hätte er die Preußen vorher benachrichtigt, daß sie nicht zu ihm kämen, sondern zu den Württembergern. Draußen begann das Feuer wieder heftiger zu werden. »Gebt acht, unsere Leit kommet zurück, die Preiße krieget no ihre Hieb«, flüsterte der Tuttlinger. Ein gewaltiges Geknatter ließ sich hören. Auch die Geschütze erhoben von neuem ihre Stimmen: bum – bum – immer lauter, immer rascher hintereinander. »Dene sakrische Preiße ischt bigott au nit beiz'komme, ma moant, die Kaibe hättet den Deifel im Leib«, klagte der Tuttlinger und zwang sich, einen lustigen Ton anzunehmen. Der großmäulige Hannpeter war ganz stumm geworden. Auf unserm Dach hörte man von Zeit zu Zeit ein Prasseln, als ob es Feldsteine hagelte. Der Tuttlinger versuchte einen Witz zu machen, aber das Wort ward ihm vom Munde abgeschnitten. Es geschah plötzlich ein lautes Krachen, und zugleich wurde es taghell um uns. In die Lehmwand unserer Scheune war ein großes Loch gerissen. Wir sahen einander bleich an. Doch ließen draußen die Schüsse endlich nach. Wir faßten uns deshalb ein Herz und näherten uns der zerrissenen Wand, durch deren Klaffung ein unheimlich rötliches Licht eindrang. Zwei brennende Häuser jenseits des Flusses fielen uns auf. Unsere Scheune lag hart am Schauplatz des Gefechts, kaum zehn Schritte vom Flußufer entfernt, keine hundert von der Brücke. Um die hatte sich der Kampf gedreht. Wir sahen, soweit das Gesicht reichte, nichts als Pickelhauben. Im Augenblick fiel kein Schuß mehr. Aber andere Laute trafen unser Ohr: Mark und Bein erschütterndes Winseln und Wimmern, dumpfes Stöhnen, wilde Schmerzensschreie. Mir stand das Haar zu Berge. Eine Granate hatte zwei preußische Soldaten gräßlich verstümmelt; sie hatte dem einen den Leib aufgerissen und dem andern Arm und Schulterblatt abgeschlagen. Wir sahen sie auf eine Bahre legen und davontragen ... Viertes Kapitel Worin kuriose Reden gehalten und Tote begraben werden Eines von den brennenden Häusern war das improvisierte Feldlazarett. Entsetzliches Jammergetön durchschnitt von dorther die Luft. Man sah Verwundete aus den Flammen herausschleppen, der großen Mehrzahl nach Württemberger. Die Preußen hatten sie zuschanden geschossen und retteten sie nun mit eigener Lebensgefahr aus den Flammen. Andere Soldaten, den Fluß durchwatend, schafften Patronen ans jenseitige Ufer. Dort, hinter einer Kapelle und an den Gartenzäunen und Straßenhecken entlang lagen ihre Kameraden. Sie rissen sich um die Mordgeschosse wie Verhungernde um Brot. Und wieder fielen Schüsse. Und ich sah die württembergischen Truppen in großer Zahl aus einem Seitentälchen hervorrücken. »Die Dickköpfe haben noch nicht genug«, hörte ich die hohe und schneidende Stimme eines preußischen Obersten rufen. Dann erschollen von allen Seiten Kommandorufe, und aus den preußischen Zündnadelgewehren brach ein so massenhaftes Schnellfeuer los und mit solchem Geknatter, daß die Luft erzitterte. Ganze Reihen meiner Landsleute stürzten. Sie schlugen platt auf die Straße hin. Es war zum Erbarmen. Aber todesmutig warfen sie sich auf den Feind. Ein Mordschauspiel tat sich vor mir auf, schauervoll ... Und dann geschah ein Klirren über mir, ein Krachen und Pfeifen, dann ein Knistern und Prasseln ... Und wie wir in die Höhe sehen, steht das aufgebalkte Korn über unsern Köpfen in lichterlohem Brand. Erstickender Rauch erfüllt die Scheuer, und Funken fallen ins Heu. Wir sprangen auf die Tenne hinunter und taumelten hinaus ins Freie. Ich hatte den Kopf ganz verloren. Besinnungslos eilte ich durch die Straße. Granatstücke und Ziegelsteine fielen vor mir auf den Boden, wie Äpfel im herbstlichen Sturmwind. Plötzlich tut sich eine Haustür auf. Ein Arm greift heraus und zieht mich hinein. Man zerrt mich durch einen dunklen Gang und eine steinerne Treppe hinunter. Und da stehe ich vor hellem Lampenlicht, in einem wohlversehenen Keller, unter Menschen jedes Geschlechts und Alters. * Ich befand mich in dem Keller des Bäckerhauses, wo Lienhard Reichenbühler in Quartier gelegen hatte. Das ganze Haus hatte sich in dem unterirdischen Raume zusammengeflüchtet. Außer den zahlreichen Leuten des Bäckers befand sich hier die Familie eines Gymnasialprofessors, der im zweiten Stock zur Miete wohnte. Die Weiber und Kinder heulten und beteten; die Männer wechselten Reden, wie sie die Gelegenheit gab. Mich empfing man in einer Weise, die mich sehr überraschte. Die dicke Bäckersfrau unterbrach ihre Jammertöne und Stoßgebete, und fuhr mich an, ob wir Schwaben denn toll geworden wären, und ob das etwa ein neuer Schwabenstreich sein solle, die befreundete Stadt niederzuschießen, für nichts und wieder nichts, eine ganze Bürgerschaft unglücklich zu machen und das Kind in der Wiege zu töten. Ich solle ihr aus den Augen gehen, ich solle mich schämen, wir wären tausendmal garstiger als die Preußen. Wenn sie das gewußt hätte! Drei Tage lang hätte man diese Suppenschwaben gefüttert und ihnen die besten Bissen zugesteckt und zum Dank dafür schössen sie einem das Dach überm Kopf zusammen. Tölpel waren's. Sie sollten doch auf die Pickelhauben zielen, aber Dächer, freilich, die wären leichter zu treffen. Man hätte ja auf die Preußen schießen können, ehe sie in die Stadt gekommen wären. Wenn's Kerle wären, diese Knöpfle-Schwaben, hätten sie die Preußen gar nicht ins Land gelassen; sie hätten nur die Augen offenhalten dürfen, die Schlafmützen. Wenn sie aber nichts tun wollen, als badischen Landeskindern ihr Eigentum zu verderben, hätten sie zum badischen Ländle drauß bleiben können. Noch lange ergoß sich, wie eine losgelassene Schleuse, der Strom ihrer zornigen Rede über mich, der ich nicht wußte, ob sie recht oder unrecht hatte. Stumm, in peinlicher Verlegenheit, stand ich vor ihr. Erst vor wenigen Stunden hatte ich an ihrem Tisch zu Mittag gegessen und sie war so freundlich gegen mich gewesen. Der Bäcker stimmte seiner Frau nicht bei. Die Stadt werde noch lange nicht zusammengeschossen. Wenn auch ein paar Ziegel hingingen. So genau könne man's im Kriege nicht nehmen. Ein wenig vorsichtiger könnten sie ja schießen, aber schimpfen solle man über die Württemberger nicht. Wenigstens fürchteten sie sich nicht. Und den Preußen hätten sie heut Respekt eingeflößt. Auf so hartnäckigen Widerstand seien diese im ganzen Kriege nicht gestoßen. Die Badischen, die hätten es freilich gut, die wichen immer auf die Seite. An den Soldaten läge es nicht; aber ihr – nun, man wisse, was darüber zu sagen sei. Der Professor verwies dem Bäcker diese Rede. Dem Schießen nach sei das Tal hinunter ebenfalls ernst gekämpft worden. Und dort stünde die badische Division. Mit dem Ernst werde es nicht weit her gewesen sein, erwiderte der Bäcker spöttisch. »Dann um so besser!« rief der Professor erhitzt. Die Menschenschlächterei heute habe keinen Sinn und keinen Zweck. Der Krieg war ja doch bereits entschieden. Die paar süddeutschen Soldaten konnten daran nichts ändern. Wenn man sie doch ins Feuer führe, so sei das eine verbrecherische Tollheit. Der Prinz von Baden verdiene die höchste Anerkennung dafür, daß er seine Leute schone. »Schon recht, schon recht!« schrie der Bäcker, »aber dann muß man ehrlich sein und sich nicht stellen, als ob man ein Verbündeter wäre, während man's mit dem Feinde hält.« * Endlich kam die Nachricht, der Kampf sei vorüber und die Württembergischen seien endgültig abgezogen. Alles suchte wieder das Tageslicht. Auch ich kroch hervor und schlich mich scheu durch die Straßen. Ich kam hinaus gegen die Brücke, wo gekämpft worden war. Noch rauchten die Brandstätten der zerstörten Häuser. Von allen Seiten wurden Tote und Verwundete herbeigetragen. Ich wollte nicht hinsehen, wo einer stöhnte und winselte, aber ich tat es doch. Wenn mir übel werden wollte, biß ich die Zähne aufeinander. Fast war mir's, als ob ich etwas suchte, als ob ich noch etwas ganz Besonderes erleben müßte. Und das erfüllte sich. Ich sah einen Soldaten vorübertragen mit zerschossenem Unterkiefer, mit brandig aufgelaufenem, entstelltem Gesicht. Aber die blutverklebten Haare, und ich weiß nicht, was sonst noch, erinnerten mich an Lienhard Reichenbühler ... Mir wurde schwindlig vor den Augen. Ich kam noch in der Nähe einer Kapelle vorüber, wo ein Haufe preußischer Soldaten eine weite Grube ausschaufelte. Ich dachte noch: da werden sie ihn hineinscharren. Es war das letzte, was mir deutlich zum Bewußtsein kam. Wie ein halb Irrsinniger, wie einer, der einem Erdbeben oder einem vermeintlichen Weltuntergang entronnen ist, floh ich hinaus ins Freie. Ich hatte auf Befriedigung meiner Schaulust gehofft, und ein Tag des Schreckens war mir daraus geworden. In der Geschichte heißt er der Tag von Tauberbischofsheim. * Zu Hause wurde mir zunächst nicht der erbaulichste Empfang. Ich mußte die bittersten Vorwürfe hören. Und das nach so großen Erlebnissen. Aber ich verzieh meinen Eltern großmütig, weil ich mir sagte, daß sie ja nicht wissen konnten, wessen ich mich alles rühmen durfte. Und ich wurde reichlich entschädigt. Alle Leute wollten von mir Auskunft haben, die Angehörigen der Soldaten vor allen. Und man bewunderte mich. Man hatte mir nicht soviel zugetraut. Aus einem Jungen, den man bisher nur mit Spott und Mitleid betrachtet hatte, war ich auf einmal eine angestaunte Persönlichkeit geworden. Sogar der Hannpeter machte sich zur Trompete meines neugebackenen Heldenruhms. Mit einer leichten Armverwundung, die er – Gott mag wissen, wie und wo – erhalten hatte, war er entlassen worden und nach Hinterwinkel heimgekehrt. Er genoß sogar längere Zeit eine kleine Pension und brauchte nicht zu arbeiten. Es blieb ihm also Zeit genug, seine Kriegstaten zu erzählen. In eine davon verflocht er auch meine Persönlichkeit, und zwar auf eine Weise, die mir im höchsten Grade schmeicheln mußte. Ihm allerdings noch mehr. Von zehn bis zwölf Preußen verfolgt und in eine Sackgasse geraten, hatte er sich wohl eine Viertelstunde lang gegen die ungeheure Übermacht mit dem Bajonett verteidigt. Fünf von den Feinden waren bereits seinen Stichen erlegen. Aber dann ermüdete sein Arm. Und er wäre verloren gewesen, wenn sich nicht plötzlich ein kleines Pförtlein an einem großen Scheunentor wie von selbst geöffnet hätte, daß es schien, als ob sein Schutzengel in Person gekommen wäre, ihn auf diese wunderbare Weise zu retten. Ich war's gewesen, der Lexel. Niemand anders als ich hatte ihn vor schmählicher Gefangenschaft oder sicherem Tode gerettet. Ich zeigte ihm an der Hinterwand der Scheune ein Loch; so entschlüpfte er ins Freie und gewann, ehe die Preußen zu folgen vermochten, das andere Flußufer, wo er gerade recht kam, um an einem erneuten Angriff seines Regiments teilzunehmen. Mich wollten die Preußen nun erstechen, aber ich schrie, man sollte mir doch das Leben lassen, ich wäre ja nur ein Schneider; so gottserbärmlich schrie ich's, daß sogar die Preußen lachen mußten und mir das Leben schenkten. Von dem letzten Vorgange konnte der Hannpeter eigentlich nichts gehört haben; aber er erzählte ihn doch. Gleich dem Dichter wußte er auch solche Einzelheiten seiner Geschichte, die er der Natur der Sache nach nicht wissen durfte. Der Hannpeter war eben in der Tat ein Dichter. Er wirkte als solcher. Wie er erzählte und dramatisch dazu agierte, glaubte ihm jeder aufs Wort. Mein Niedergeschriebenes gibt davon keinen Begriff, es ist weit entfernt von der Anschaulichkeit und Lebendigkeit, die der Hannpeter seiner Darstellung zu geben wußte. Der Hannpeter war ein großer Erzähler. Und er war ein großer Sprachvirtuos. Er beherrschte aufs vollkommenste seine Sprache, seine Mundart. Und er verdarb sie nicht durch fremde, d.h. durch schriftdeutsche Wendungen. Auch verfügte er über ihren ganzen Wortreichtum und wußte davon einen hohen Begriff zu geben. Am meisten aber liebte er, wie ein großer Schriftsteller, diejenigen Wörter, die nicht jeder im Munde führte, die ihm sozusagen allein gehörten. Er bevorzugte sie um so mehr, je unähnlicher sie dem Schriftdeutsch, je ungeschlachter, je nackter in gewissem Sinne, je ungewaschener sie waren. Er brachte solche Wörter auf eine Art hervor, als ob er sie im Augenblick erst selber gemacht habe. Ein solches Redetalent wurde in Hinterwinkel nicht unterschätzt. So ein Dorferzähler hat überhaupt meist ein dankbareres Publikum als die Herren Schriftsteller – abgesehen davon, daß er allerdings auch meistens mehr Talent hat. Die sogenannte gebildete Dame, die aus der Leihbibliothek ihren Roman liest, kümmert sich kaum um die Kunst der Darstellung. Sie liest ihre Romane des Stoffs halber, sie liest aus gemeiner Neugierde. Die Zuhörer des Hannpeter aber konnten keine Neugierde mehr befriedigen, sie hatten seine Geschichten ja alle schon hundertmal gehört: sie bewunderten seine Kunst. Sie genossen diese Kunst in ihren intimsten Feinheiten. Und der Hannpeter hatte immer Zuhörer. Still und einsilbig habe ich ihn nur einmal im Leben gesehen: in der Scheune zu Tauberbischofsheim. Ein Künstler, ein Dichter kann eben nicht zugleich auch ein Held sein. Er erzählt von Helden (auch wenn er von sich erzählt), mehr kann man nicht von ihm verlangen. Fünftes Kapitel Ein Erntetag und sein Abschluß Die nächste Zeit verging mir sehr angenehm. Ich lebte in dem Hochgefühl meiner großen Erlebnisse. Ich sonnte mich in dem Nimbus, den die Fama um mich wob. Leider sollte ich bald erfahren, daß ein Nimbus aus sehr wenig haltbarem Stoff gewoben sein kann. Die Ernte war in vollem Gange, die Weltgeschichte stand still, wenigstens in Hinterwinkel. Die Politik schwieg. Die Leute wollten noch ebensowenig preußisch werden wie vor sechs Wochen; aber sie wiederholten es nicht mehr so oft. Sie lebten wegen dieser Sache zwar in der größten Ungewißheit, die sie sehr ängstigte, trotz ihrer unerschütterlichen Hoffnung auf Napoleons Einschreiten, dem man als Preis dafür »das Strumpfbändelländle da drübe«, nämlich das Großherzogtum Baden, gern gegönnt hätte; die Ernte aber konnte man deswegen nicht im Stich lassen. Man war ohnehin spät daran. Da gab es keinen Arm in Hinterwinkel, der nicht in Anspruch genommen worden wäre. Sogar meiner schwachen Kraft wurde nachgefragt. Der Füllentoni wollte Dinkel heimfahren, und ich sollte beim Garbenbinden die Strohbänder legen. Das war eine Tätigkeit, die man sonst Kindern übertrug, wenn sie zur Hand waren. Als ein Kind wurde ich betrachtet, trotz meines neugebackenen Ruhms. Bei dem Füllentoni mußte man sich tüchtig rühren und flink und fleißig zugreifen. Ich glaubte aber mein Geschäft in aller Behaglichkeit verrichten zu können. Gemütlich schleppte ich meinen Strohseilerbund hinter mir her, zog Strohseil um Strohseil gemächlich heraus und breitete die Bänder über den Stoppelboden, eins ans andere in fortlaufender Linie, immer Strohband an Strohband. Zwei Mädchen rafften mit ihren Sicheln das Getreide zusammen und häuften es, je drei Arme voll, quer über die vorgelegten Bänder. Der Bauer kam dahinter her und band. Er nahm die Enden der Strohseile vom Boden, er drehte zuerst das eine und klemmte es zwischen die Knie; dann drehte er das andere, dann zog er beide übers Kreuz an, indem er das Getreide mit dem Knie festdrückte; endlich wickelte er die beiden Enden um sich selbst und klemmte sie mit einem hölzernen Nagel unter das angezogene Seil. So band er Garbe um Garbe, so schnell die Mägde zusammenrafften. Dasselbe geschah in einiger Entfernung, wo andere Mägde zutrugen und der Knecht die Garben band. Dort legte der elfjährige Sohn des Füllentoni, der Kilian, die Strohseile. An diesem jungen Füllentoni zappelte alles. Jedesmal, wenn er ein Seil legte, bückte er sich bis auf den Boden, um es schön »kerzengrade« auszustrecken. Er tat das auf eine Art, als ob er das Strohband dabei streicheln und liebkosen wollte. Ich verhielt mich viel kälter gegen die störrigen Strohzöpfe. Das Bücken erachtete ich für höchst überflüssig. Ich ergriff mein Seil an dem einen Ende, warf mit einem zierlichen Schwung das andere Ende vor mir hinaus auf den Boden und ließ den festgehaltenen Teil zu meinen Füßen niedergleiten. Das Strohband kam so nicht immer in eine mathematisch gerade Streckung. Es bildete vielmehr, zur Abwechslung, bald eine Kurve, bald einen mehr oder weniger stumpfen Winkel. Ich sah darin kein Unglück. Der Füllentoni sagte lange nichts. Aber er warf mir wütende Blicke zu. Endlich konnte er's nicht mehr verbeißen. »Kerl, dir kann man nicht zusehen!« stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Rühr' dich besser oder ich jag' dich zum Kuckuck.« Ich konnte den Zorn des Bauern nicht begreifen. Wenn ein Band bereit lag, so oft die Mägde dessen bedurften, mehr konnte er doch nicht verlangen. Und es konnte ihm gleich sein, ob ich mich dabei mehr oder weniger rührte. Ich ließ mich deshalb nicht aus meiner Art bringen. Ich hatte noch anderes zu tun als Strohseile zu legen. Die Lerchen schmetterten über mir im wolkenlos blauen Himmel, ich mußte von Zeit zu Zeit auf sie hören. Sie waren ja meine Kolleginnen. Ich dachte, wenn ich es nur auf meiner Klarinette so gut könnte. Oder gar auf der Geige. Wegen meiner Vielseitigkeit erhielt ich aber in Hinterwinkel mehr Tadel als Lob. Man hielt das alles für höchst unnötig, »was doch zu nichts führe«. In Hinterwinkel galt nur die bäuerliche Tätigkeit für Arbeit. Alles übrige war Allotria. Ich beneidete darum die Lerchen. Sie waren glücklicher. Sie durften musizieren wie sie wollten; ihnen sprach niemand von brotloser Kunst. Sie brauchten auch keine Strohbänder zu legen. Und weiter drüben im Felde, inmitten noch unberührter Saaten von silbergrauem Spelz und dunkel goldbraunem Stachelweizen, lag eine sogenannte Steinmauer von hoher Hecke umschlossen, von einem alten Nußbaum überschattet. Und auf dem Nußbaum saß ein Hähervogel, einer mit dem himmelblauen Spiegel in den Flügeln, und er rief in einem fort: »Komm her, komm her!« Ich konnte jedoch nicht hinkommen. Aber ich mußte oft zu ihm hinübersehen. Es half nichts, daß der Füllentoni mir immer grimmigere Blicke zuwarf. Ich sehe den Bauern noch heute vor mir, ich sehe ihn die Zähne fletschen, indem er auf die Garbe kniet und das Strohband anzieht; ich sehe ihn seine Augen starr auf mich richten, während er anhält und eine Prise nimmt. Eigentlich gab er mir kein gutes Beispiel. Denn er schnupfte ein wenig zu oft. Fast aller drei Garben. Und aus der Westentasche schnupfte er wie der Alte Fritz. Inzwischen rief der Nußhäher drüben immerfort: »Komm her, komm her!« Und ich dachte, wie schön es sein müßte, wirklich hinzukommen. Aber ich dachte auch noch anderes. Ich dachte sogar an Dinge, die mir bis zu dieser Stunde noch niemals eingefallen waren. Von den zwei Dirnen, denen ich die Strohbänder vorlegte, hieß die eine Cölestine Bächle. Sie war ein hübsches Mädchen und strotzend von Gesundheit und Kraft. Der Hitze wegen hatte sie ihre Jacke abgelegt, und ihr rotes Mieder hatte sich mit seinen Achselhaltern ausgehenkt und hing ihr über die Hüften herunter. Das grobleinene Hemd ging zwar bis zum Hals empor und war dort mit Bändern zugeknüpft; aber durch den klaffenden Spalt schimmerten Formen, auf die ich zum erstenmal in meinem Leben aufmerksam wurde. Hübsche Mädchen hatte ich schon lange gern gesehen. Aber ich sah an ihnen nur das Gesicht. Nie war mein Blick bis unter das Kinn gegangen. Einmal zwar, mit acht oder neun Jahren, hatte ich eine Bauerntochter gefragt, die bei meinem Vater nähte, warum ihre Brust so bausche. Sie lachte. Sie hätte sich Lumpen vorgestopft, um nicht zu frieren. Es war aber im Juli und ein heißer Tag. Sie solle mich doch einmal die Lumpen sehen lassen. Und ich wollte mit der Hand zugreifen, um selber zu untersuchen. Aber die Dirne lachte noch mehr und klopfte mir mit der Schere auf die Finger. Damit war meine Neugierde in dieser Richtung auf lange geheilt. Es klingt fast unglaublich, wie lange ich dumm blieb in diesem Punkt – und dem andern. Ich erinnere mich noch wie heute eines merkwürdigen Vorfalls von ungefähr einem Jahr früher. Und just drüben bei der genannten »Steinmauer« unter dem uralten Nußbaum war es. Und war Sonntag zur Zeit Johannis und der Rosenblüte. Über die Felder her, zwischen rotblühendem Esparsetteklee, kam ich an die Steinmauer, um mir dort aus den hohen Hecken für die Fensterblumen meiner Mutter einige Stöcke zu schneiden. Und nicht nur schneiden wollte ich sie, ich wollte sie auch gleich kunstreich herrichten. Denn da jetzt alles in üppigem Saft stand, alles Gesträuch und Gewächs, machte man das so: Man zog mit dem Messer spiralige Linien die Stöcke entlang, worauf man je zwischen zwei Linien die Rinde entfernte und zwischen zwei andern sie stehen ließ, wodurch dann die Ruten wie gemalte Fahnenstangen in braunen und weißen Spiralen prangten. Die altbemoosten Steine unter dem Nußbaum deuchten mir ein lieblicher Ort und Sitz zu sein für diese kunstreiche Verrichtung. Aber ich sollte für diesmal nicht dazu gelangen. Ich fand den Platz schon eingenommen von einem halben Dutzend Buben aus dem Dorf, lauter ehemalige Schulkameraden, mit denen ich die Ostern zuvor zum ersten heiligen Abendmahl gegangen oder konfirmiert worden war, wie die Evangelischen sagen. Nur einer war darunter, der um ein Jahr oder zwei älter sein mochte. Um ihn saßen die andern im Halbkreis. Aber so verdutzte und verlegene Gesichter, womit diese Knaben dreinschauten, als ich plötzlich unvermerkt in einer Lücke der blühenden Hecke auftauchte wie eine Erscheinung, hatte ich im Leben nicht gesehen. Besonders einer wurde, indem er flüchtig etwas an seinen Kleidern ordnete, wie ein gesottener Krebs rot im ganzen Gesicht. Eine peinliche Stille war entstanden, und ich fühlte instinktiv, daß es das beste wäre, mich ohne weiteres zurückzuziehen. Der Zuruf eines Gutmütigen hielt mich davon ab.. »Komm nur heran, Lexel,« rief er, »wir beißen dich nicht.« »Darf der Lexel zuhören?« fragte ein anderer, und die Frage war an den Großen gerichtet, um den sie alle herumsaßen. »Dieser Lexel? Nein, nein. Er soll machen, daß er wegkommt.« »So laß ihn doch; Lenz, was macht's denn«, bat der Gutmütige. Und der Große hingegen: »Der Schneiderbub soll machen, daß er fortkommt«, sag' ich. »Du wirst dich doch vor dem dummen Lexel nicht genieren?« meinte ein Dritter. »Genieren her, genieren hin,« rief der Große; »ich will's einfach nicht. Dieser Maulaff weiß ja von nichts und nichts. Das ist das reinste Wickelkind. Wenn das was in die Windeln macht, gibt's ein Gestank. Hast gehört, Lexel; mach', daß du fortkommst, allahopp!« Ich ließ mich nicht zweimal auffordern, ich trottete mich. Und nun sagt doch, ob dieser verwahrloste, rohe Dorfbursche nicht besser beraten war und wahrlich mehr gesundes Gefühl, ja Feingefühl offenbarte, als mir die närrischen Leutchen von heute zu haben scheinen, Philanthropen und Philanthropinnen mit ihrem schleimigen Gerede von der sogenannten sexuellen Aufklärung. Jedoch, ich kann mich irren. Ich gehöre eben, scheint es, in mancher Hinsicht auch heut noch nicht zu den Aufgeklärten. Aber auf dem Acker des Füllentoni damals, wo ich der drallen Cölestine Bächle die Strohbänder vorlegte, da kam doch so etwas wie Erkenntnis über mich. Und wie mit einem Schreck fiel's mich an. Denn so oft Cölestine sich zu Boden bückte, um mit der Sichel das in Schwaden gelegte Getreide aufzuraffen, klaffte immer der Spalt ihres groben Hemdes weit auseinander. Wirklich, es war ein Erschrecken, was mich überkam. Erschrecken und Scham. Ich schlug die Augen nieder. Das Blut stieg mir zu Kopf. Wie Schwindel überfiel mich's, meine Gedanken verwirrten sich ... Ich hatte das Weib entdeckt, ich schämte mich. Das hübsche Mädchen aber, das sich vor mir bewegte, warf mir bisweilen einen Blick zu, wovor sich der meinige zu Boden senkte. Sie schien meinen Zustand zu erraten und ihre Freude daran zu haben. Das brachte mich noch mehr in Verwirrung. Über der neuen Entdeckung vergaß ich ganz den Füllentoni. Meine Strohseile legten sich immer spitzwinkliger, bildeten immer kühnere Kurven. »Mich hat der Teufel g'ritte, den turmeligen Schneider da anzustellen,« rief der Füllentoni plötzlich; »der Lausbub will mich zu Tod ärgern, aber nun hab ich's satt.« Er sprang auf mich los, und mit ein paar tüchtigen Püffen jagte er den Helden von Tauberbischofsheim, jagte er den Entdecker des Weibes von seinem Acker. * Einen andern hätte ein solches Schicksal vielleicht unglücklich gemacht, zumal da das Vesperbrot bevorstand. Denn schon richtete die Cölestine die Dickmilch an und bestrich die Brote mit dicken Lagen von Rahm und süßem, weißem Käse. Aber drüben vom alten Nußbaum, hinter der geheimnisvollen Hecke, rief der blauschillernde Häher: »Komm her, komm her!« Und ich folgte dem Ruf. Ich schüttelte die Erde des Füllentoni von meinen Füßen und trollte mich dahin, wo mich der blaue Vogel lockte. Nur eins ärgerte mich: daß die schöne Cölestine Zeuge meiner schnöden Vertreibung war. Bei diesem Gedanken loderte ein heftiger Zorn in mir auf. Und ich fühlte eine Scham ganz anderer Art als vorhin. Doch das verflog schnell. Ich hatte bald alles vergessen. Wie ein Kind schlenderte ich in den Grenzfurchen der Getreideäcker hin und pflückte Blumen zu einem Strauß, rote Kornradenelken, blaue Zyanen und die grauen Kätzchen des Hasenklees. Nach dem Füllentoni und seinen Leuten sah ich mich nicht einmal um; sie waren für mich nicht mehr auf der Welt. Als ich bei der grünumfriedeten Steinmauer ankam, ergriff leider der blaue Häher schleunigst die Flucht. Er ließ dazu ein höhnisches Lachen erschallen, als ob er mich mit Bewußtsein zum besten gehabt habe ... Ich fand den Vogel albern. Was man in Hinterwinkel eine Steinmauer nennt, sind eigentlich aufgeschüttete Steinhügel. Sie könnten an Grabmäler der Vorzeit erinnern. Wenigstens sind sie kaum jünger, sie stammen aus der ersten Urbarmachung des Landes. Die Urbewohner, die zum erstenmal den steinigen Boden umgruben, haben auch zuerst die hinderlichen Steine an den Ackergrenzen aufgehäuft. Und jedes Jahr wuchsen die Hügel. Jede neue Umgrabung lieferte neue Steine. Das ging so seit Jahrhunderten und Jahrhunderten. Mit ihrer dichten Hecke um sich her und dem uralten Nußbaum, dem einzigen Baum in der weiten Flur, bildete die »Steinmauer« ein wundervolles Versteck. Wie eine vergessene grause Wildnis lag sie mitten in der goldenen Saat. Am Fuße des Nußbaums, auf dem schwarz-grünen Moos des einsamen Steinhügels, legte ich mich auf den Rücken. Und meine Augen sahen dem Spiel zweier rotgelber Schmetterlinge zu, die, sich haschend und fliehend, große weiße Blütendolden umgaukelten. Und noch ein Schauspiel genoß ich. Ein blaugrauer, schwarzköpfiger Vogel kam von Zeit zu Zeit auf einen Schlehdorn meiner Dornröschenlaube geflogen, und jedesmal trug er etwas Lebendiges in seinem Schnabel. Er fraß aber seine Beute nicht, er drehte sie in einen Dorn des Schlehenstrauchs, wo dann der arme Karabus, oder was es sonst für ein Käfer oder Insekt war, noch lange schmerzlich die Beine bewegte und mit den Fühlern zuckte. Das war der Neuntöter, ein alter Bekannter von mir. Einmal reckte ich die Hand aus, einen Stein nach dem Raubvogel zu werfen. Aber ich unterließ es. Es war zu schön, so ruhig dazuliegen und zu denken, wie sie da drüben beim Füllentoni sich plagten; zu schön, so die weite, sonnige Welt umher anzuschauen und auf die geheimen Stimmen der Einsamkeit zu lauschen. Einmal glaubte ich gar zu träumen. Ich hörte eine fernher klingende Musik, eine Musik, so reich, so schön, so sanft und einschmeichelnd und doch so kühn. Und es war mehr als ein Traum. Ich raffte mich empor, ich hörte die aufregenden Klänge lauter und deutlicher, sie kamen immer näher, sie klangen immer mehr nach Wirklichkeit. Und bald gewahrte ich auch den Ursprung der berauschenden Töne. Drüben, auf der andern Seite des Haselbachtals, von der Schillingsberger Höhe, vom Sindelwald klangen sie herüber. Ein langer Zug Soldaten, ein Bataillon oder Regiment, zog dort die Steige gegen Hinterwinkel hinunter. Da hielt mich's keinen Augenblick mehr an meinem Platz. In kaum einem halben Viertelstündchen, noch vor den Soldaten, war ich drunten im Dorf. Schon unterwegs erhielt ich die Erklärung der überraschenden Erscheinung: Hinterwinkel bekam Einquartierung. Sechstes Kapitel Hinterwinkel stellt sich nicht auf den Kopf, aber der Held fällt aus den Wolken Am Anfang waren die Hinterwinkler untröstlich über die Bescherung. Sie meinten, da nun die Preußen im Dorfe lägen, seien sie endgültig preußisch geworden. Der Napoleon mußte also seine Hilfe verweigert haben. Aber bald erschien das Unglück nicht so groß als man befürchtet hatte. Die Einquartierten erwiesen sich als ziemlich liebenswürdige Feinde. Sie waren auch genügsame Gäste. Mit neuen Kartoffeln und frischer Butter konnte man ihnen ein Fest bereiten. Und es waren nicht einmal Preußen. Es waren Hamburger, Söhne einer freien Stadt, die selber von den Preußen nicht als ihren besten Freunden sprachen, die es jedem sagten, der es hören wollte, daß sie nur gezwungen mit in den Krieg gezogen waren. Auch sollte Württemberg, versicherte der Pfarrer, trotz Einquartierung, nach wie vor und alleweil gut württembergisch bleiben. So konnte es nicht fehlen, daß der Feind gar bald gut Freund wurde. Man machte dann wohl auf die Melodie der Hornsignale unanständige Reimverse, in denen man seinem schwäbischen Preußenhaß Luft machte; aber seinen Gästen selbst sagte man nur Schmeicheleien. Und nicht unverdientermaßen. Die fremden Soldaten zeigten ein rührendes Entgegenkommen. Die meisten gingen mit ins Feld und halfen bei der Arbeit, als ob sie im Tagelohn stünden. Da gab es dann ein fortgesetztes gegenseitiges Staunen über die fremde Art und Sprache. Am höchsten stieg die Begeisterung am Tage Mariä Himmelfahrt, dem Lieblingsfeste der Hinterwinkler. Da erbot sich der Kapellmeister, in der Kirche, beim Hochamt, ich weiß nicht was für eine berühmte Messe zu spielen. Und während von der Orgelbühne herunter eine Musik erklang, wie in den Mauern der Hinterwinkler Kirche noch nie gehört worden war, standen vorn im Chor und um den Hochaltar herum sechs Trommelschläger und die ganze erste Kompanie des Regiments, mit blitzenden Bajonetten auf den Gewehren, mit schwarzen Roßschweifen auf den Pickelhauben. Und beim Segen mit dem Allerheiligsten, beim Tantum ergo sacramentum und Ecce panis angelorum , beim Offertorium und bei der heiligen Wandlung schlugen die Trommeln einen Wirbel, und die Soldaten präsentierten das Gewehr, daß es rasselte. Da war eine große heilige Freude und Seligkeit. Am Nachmittag aber setzte sich die Freude ins Weltliche fort. Dieselbe Kapelle spielte jetzt in der »Krone« zum Tanz auf. Das hätte zwar der Pfarrer gern verboten, denn es war nicht Sitte, am Himmelfahrtstage zu tanzen. Aber da er, ein Freund von Musik und feierlichem Gepränge, die gottesdienstliche Teilnahme des Regiments angenommen hatte, mußte er schon ein Auge zudrücken und zu dem bösen weltlichen Spiel eine gute geistliche Miene machen. Eine noch bessere machten die Hinterwinkler Mädchen. Mit den hübschesten unter ihnen tanzten die Offiziere, und sie taten dabei, als ob es auf der Welt keine größere Ehre für sie gäbe. Eine einzige unter den Töchtern des Dorfs, die schönste von allen, tanzte nicht, weder mit Gemeinen noch mit Offizieren; sie saß daheim bei ihrer Mutter und weinte. Das war die braune Ludwine, die schöne Schwester des Lienhard Reichenbühler. * Ein Fest anderer Art fand am darauffolgenden Sonntag statt. Diesmal wollten die Hamburger zeigen, daß sie nicht nur die Religion der Hinterwinkler nicht verachteten, sondern daß sie sogar selbst Religion hätten. Im Wiesental drüben, nicht weit von der Haselbrücke, wurden die Vorbereitungen getroffen. Ich bewunderte besonders die Baukunst der Soldaten. Aus losgestochenen viereckigen Rasenschollen errichteten sie, die Fugen mit Moos verkleidend, eine mächtige haushohe Kanzel. Eine breite Rasenstaffel führte zu ihr empor. Dann kam der Sonntag. Und siehe da, unser alter Pfarrer hielt, zur größten Verwunderung seiner Pfarrkinder, das Amt schon früh um sieben Uhr – damit sich auch alles den fremden ketzerischen Gottesdienst ansehen konnte. Niemand in Hinterwinkel hätte dem Pfarrer Barthelmeyer so etwas zugetraut. Aber Seine Hochwürden waren seit der Anwesenheit der »Preußen« wie umgewandelt. Sonst knorrig und zwirbelfaserig wie Hainbuchenholz, war er auf einmal geschmeidig wie ein schwedischer Handschuh. Derselbe Mann, der gewohnt war, sich nach niemand als nach sich selber zu richten und jedermann lieber zum Trotz als zum Gefallen zu leben, entsprach jetzt, und sogar in kirchlichen Angelegenheiten, den leisesten Wünschen eines fremden »lutherischen« Soldaten. Ganz in der Nähe der Rasenkanzel, über einer Grenzhecke aufragend, stand ein alter Weichselbaum. Ich war der erste auf dem Baum. Dann kamen noch viele nach, alle glücklich über den vorteilhaften Platz, mit dem kein anderer zu vergleichen war. Unterdessen marschierten die Bataillone unter Trommeln und Pfeifen von allen Wegrichtungen her in unser Hinterwinkler Tal herein. Viel Volk, altes und junges, folgte ihnen unter großem Jubel. In einem weiten Viereck stellten sich die Truppen um die Kanzel. Hinter ihnen füllte das Volk weithin den grünen Plan. Niemals hatte Hinterwinkel soviel Menschen gesehen. Da trat aus einem der aufgeschlagenen Zelte eine hohe schwarze Gestalt hervor, ein schwarzer vielfältiger Mantel wallte bis auf den Boden, das Haupt war von einer schwarzen viereckigen Mütze bedeckt, ein großes schwarzes Buch hielt er in den Händen, alles schwarz. Nur auf der Brust unter dem Kinn hingen ihm zwei schneeweiße Läppchen herunter. Und ein bitterernstes Gesicht machte er. Gravitätisch stieg er die weichen Stufen zu seiner Kanzel empor. Ein Kommandoruf, ein Trommelwirbel, und heilige Stille herrschte. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, begann der Prediger. Ich machte unwillkürlich das Kreuzzeichen. Er selber vergaß es, wie ich im ersten Augenblick bei mir dachte. Aber langsamer, schöner, andächtiger, unendlich viel feierlicher sprach er die Worte als unser Pfarrer Barthelmeyer. Und noch salbungsvoller sprach er das Vaterunser. Nie hatte ich das Gebet des Herrn in so ergreifender Weise beten hören. Ein heiliger Schauer durchrieselte mich. Das Beten des Pfarrers Barthelmeyer war ein lumpiges Herunterleiern dagegen. Nur eines kam mir komisch vor: daß der Mann nicht »Vater unser«, sondern »Unser Vater« sagte. Und lebhaft bedauerte ich, daß der, der so schön betete, das »Gegrüßet seist du, Maria« vergaß, das ich gern auch von ihm gehört hätte, weil es mich fast noch schöner deuchte als das Vaterunser. Nach dem Gebet erscholl die Musik und mit ihr lauter, weithin hallender Gesang. Dann begann die Predigt. Noch weiß ich den Anfang. Ich werde ihn auch nie vergessen: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde ...« Mehr hörte ich nicht. Es geschah ein Krachen, es geschah ein Aufschreien in der Luft und auf der Erde, ein Gedränge, ein Tumult ... Der Hauptast des Weichselbaumes, auf dem ich mit vier anderen meinen Sitz erwählt hatte, war geborsten und war samt seiner fünffachen lebendigen Last über den Köpfen der dichtgedrängten Volksmasse zusammengebrochen. Es dauerte eine Weile, ehe der Prediger von neuem beginnen konnte. Über diesen Zwischenfall wurde viel gelacht. Und noch heute wird er in Hinterwinkel oft erzählt. Die vielfach verwirrenden und verbitternden Ereignisse jenes Jahres sind heute in Hinterwinkel so gut wie vergessen. Wenn man ihrer noch gedenkt, so geschieht es fast nur noch in Verbindung mit der Geschichte des Weichselbaumes. Auch das Andenken des Lienhard Reichenbühler ist tot wie er selber; niemand weint mehr um ihn. Über den gebrochenen Weichselbaum aber lacht man noch immer, man wird vielleicht noch darüber lachen, wenn die Jahreszahl 1866 in den Gehirnen von Hinterwinkel so wenig mehr vorhanden ist wie eine andere der Weltgeschichte. * Noch eine Aufregung erlebten die Hinterwinkler in jenen Tagen. Unter den einmarschierenden Truppen, einfacher Infanterie, wurde ein Reiter bemerkt von so auffallender und glänzender Erscheinung, daß er aller Augen auf sich zog. Er ritt auf einem spiegelblanken Rappen, und über seinem schneeweißen, rotbesetzten Waffenrock trug er einen vergoldeten Brustharnisch, der leuchtete und strahlte, daß er die Augen blendete wie die flammende Sonne. Auf dem Haupt aber saß ihm ein blanker Stahlhelm mit wallendem Federbusch. Die Offiziere, die vor den Truppen herritten, sahen armselig aus gegen ihn, der seinen Platz willkürlich wechselte und seinen Rappen die kühnsten Kunststücke ausführen ließ. Man hielt die blendende Erscheinung für den höchsten General, wenn nicht gar für den König von Preußen. Zum mindesten mußte es ein Prinz sein. Alles blickte nur auf ihn. Die Jugend von Hinterwinkel sah sich an seinem Glanze fast die Augen aus. Beim Auseinandertreten des Regiments auf dem Rathausplatze war jedermann vor allem begierig, was der glänzende Reiter nun machen werde. Daß er in eine Hinterwinkler Wohnung treten könnte, hielt niemand für denkbar. Ein so vergoldeter Prinz, der wie ein Cherub funkelte und die Sonne auf seiner Brust trug, konnte unmöglich bei gemeinen Sterblichen wohnen. Wahrscheinlich führte das Regiment für ihn ein goldenes Prunkzelt mit. So dachte ich. Und ich zitterte vor Begierde, wo man es aufschlagen werde. Einstweilen suchte ich es mir im Geiste auszumalen – was mir sehr wohl gelang. Denn ich hatte einmal eine Beschreibung davon gelesen, nicht von diesem, aber von dem noch reichern der wundersamen Prinzessin Mirzebell, der Tochter des berühmten Mohrenkönigs, in der Geschichte des Kaisers Oktavianus und des frommen Königs Dagobert von Frankenland. Ich folgte dem goldenen Ritter auf dem Fuße. Er aber ritt, ohne jemand zu fragen, mitten durch Hinterwinkel, hinunter ins »Kleine Dörfle«. Vor dem Haus der Hanne Strohmelker machte er halt. Er sprang ab, er band seinen Rappen an den Fensterladen ... er trat ohne Umstände in die alte, wacklige Lehmhütte. Die Tür schloß er hinter sich zu. Keiner wußte, was er davon denken sollte. Aber es dauerte nicht lange, da hörten wir drinnen die bekannten übertriebenen Ausrufe der Hanne: »O du kreuzsterbender Heiland! O du heilige Mutter Gottes Sankt Anna!« Die Ausrufe wurden von einem lauten Freudengeheul unterbrochen. Der goldene Reiter war Cyprian, der Sohn der Hanna Strohmelker. Da wollte des Verwunderns kein Ende werden. Doch ließ sich der Cyprian mit andern Leuten nicht ein. Er ritt noch am Abend wieder davon, ohne in Hinterwinkel über seinen Stand und Rang klare Begriffe zurückzulassen. Und darüber ärgerten sich die Hinterwinkler. Siebentes Kapitel Von den Früchten dieses Krieges Niemand wurde durch die Erscheinung des Cyprian so im Innersten getroffen wie ich. Also das kann einer werden, dachte ich, wenn er nicht in Hinterwinkel sitzenbleibt. Und meine ganze Sehnsucht nach der Fremde, nach der weiten Welt, nach, ich wußte selbst nicht was, vor allem nach etwas anderm als der elenden Flickerei und der Gesellschaft von Geißen und Gänsen, erwachte von neuem in mir und mit erhöhter Gewalt. Warum sollte ich auch immerfort nur alte Hosen flicken, ich, der Walter Scott gelesen hatte, der die Vossische Odyssee auswendig wußte, auch sie stammte von Otto Heinzelmann, der »mensa« deklinieren und Schillers Glocke deklamieren konnte, der vier Instrumente zu spielen verstand und Talent zu einem Schlachtenbummler und Kriegsberichterstatter an den Tag gelegt hatte? Das alles bestritt mir niemand. Und doch sollte ich immer der Geißbub und Schneiderjung von Hinterwinkel bleiben ... Meinen Vater, den stillen Mann, sah ich in diesen Tagen neu aufleben. Er wußte den Soldaten von Hamburg zu erzählen, und sie bewunderten laut, wie weit er gereist war. Sie schwatzten miteinander vom Alsterdamm und vom Jungfernstieg, vom Hafen und von der Sankt-Pauli-Vorstadt. Sie behandelten sich gegenseitig fast wie halbe Landsleute. Und die Hinterwinkler, die das mit ansahen und meinen Vater sich mit den Soldaten in ihrer heimischen Sprache unterhalten hörten, wovon sie keine Silbe verstanden, bekamen auf einmal einen ungeheuren Respekt vor dem Schneiderjakob. Da tat sich unvermutet auch für mich eine Hoffnung auf. Der Regimentskapellmeister war unser Nachbar geworden. Und mehr als das: er war bei Nepomuk Rotermund einquartiert. Diese Gelegenheit machte ich mir zunutze; wie ehemals, als ich noch mit der Olga musizierte, lag ich wieder tagelang drüben bei meinem alten Meister, und wie auf ein Evangelium lauschte ich auf jedes Wort, das zwischen ihm, dem ehemaligen Ludwigsburger Hoboisten, und dem fremden vornehmen Mann mit den goldenen Tressen und Achselborten gesprochen wurde. Keine Silbe davon wollte ich mir entgehen lassen. Ich fiel dem Kapellmeister auf. Nepomuk erzählte ihm einen Teil meiner Geschichte. Herr Franke betrachtete mich mit großer Teilnahme, indem er den langen gelben Schnurrbart durch die Finger zog. Er stellte allerlei Fragen an mich, deren Beantwortung ihn überzeugen mußte, daß ich nichts lieber auf der Welt treiben möchte als Musik. Über manches Wort von mir lächelte er, ohne daß ich begriff warum. Er wollte dann wissen, was ich konnte, und er prüfte mich. Er legte mir Noten vor, ich sollte sie auf der Klarinette spielen. Auch auf der Flöte mußte ich ihm eine Probe geben. Für mein Violin- und Klavierspiel interessierte er sich nicht. Als ich zuerst die Klarinette in die Hand nahm, zitterte ich so stark, daß ich alle Kraft aufwenden mußte, sie fest am Munde zu halten. Ich wußte vor Aufregung nicht, ob ich gut oder schlecht spielte. Der Kapellmeister richtete nur stumme prüfende Blicke auf mich. Er redete mich mit Sie an, was mir im Leben nie geschehen war. Ungeheuer erschrak ich, als Herr Franke plötzlich erklärte, es hinge nur von mir ab, ob ich eines Tages Kapellmeister werden wollte wie er. In meinem Alter habe er noch kein Instrument spielen können. Und mit siebzehn Jahren sei er auch noch Schneider gewesen. Er wolle mir gern behilflich sein. Ja, er wolle mich gleich mit nach Hamburg nehmen ... Mir wurde schwindlig, als ich solche Dinge hörte. Bangigkeit vor dem Unbekannten und ein unbeschreiblicher innerer Jubel mischten sich in meine Empfindung. Wie in einem Rausch eilte ich nach Hause. Dort wurde ich schnell ernüchtert. Die Eltern machten bedenkliche Gesichter. Der Vater schwieg eine Zeitlang, dann erklärte er, für ein solches Kasernenleben sei ich noch zu jung, ich liefe dabei zu große Gefahr. Bei meiner schwächlichen Konstitution würde ich leicht den Anstrengungen erliegen und mir eine Auszehrung an den Hals blasen. Auch sollte ich nur ein klein wenig bedenken, ob ich mich denn wirklich getraue, in einer so großen fremden Stadt zu leben, und noch dazu in einer Kaserne, ohne Möglichkeit, zurückzukehren. Wenn aber mein Vater schon so sprach, so mag man sich erst die Mutter vorstellen. Ihr fiel zu guter Letzt noch ein, daß ich in Hamburg ja unter lauter Evangelische käme, wo ich sicher meine Religion verlieren würde. Ich war schnell eingeschüchtert. Die Tränen der Mutter genügten. So zogen die Hamburger ab ohne mich. Ich sah ihnen betrübt nach. Und von neuem begann eine gemeine nüchterne Werkeltagszeit. Ich fühlte ihre Ödigkeit bitterer als je und machte mir selber die härtesten Vorwürfe, daß ich die gebotene Hilfe nicht keck ergriffen hatte, daß ich mir durch Feigheit und Unentschlossenheit die einzige Gelegenheit hatte entgehen lassen, mein Glück zu machen und zur Verwirklichung meiner Träume einen ersten entscheidenden Schritt zu tun. Ich wurde zornig gegen mich selber. Auch meinem Vater grollte ich im geheimen. Er selber war mit fünfzehn Jahren in die Fremde gezogen, frei, ohne Bevormundung, und hatte seinen Weg selber bestimmt, und mich behandelte er wie ein Kind. Wenn ich gar an den Cyprian dachte, wurde ich wütend. Und ich mußte immer an ihn denken, an ihn, der nichts gelernt hatte, der die Odyssee nicht auswendig wußte, der keine Ahnung hatte, was »mensa« sei, der weder die Glocke von Schiller deklamieren noch vier Instrumente spielen konnte, und der nun in goldenen Lichtern funkelte wie der Erzengel Gabriel. Es war zum Tollwerden. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich faßte einen kühnen Plan. Noch immer konnte ich ja die rettende Hand aus Hamburg ergreifen. Ich setzte mich also hin, droben in einer Bodenkammer, im geheimsten Winkel des Hauses, und schrieb einen Brief an den Kapellmeister Franke nach Hamburg. Ich hätte mir sein Anerbieten überlegt und sei bereit, ihm zu folgen; er möge mir nur raten, wie ich mein Vorhaben ins Werk setzen könne. Acht Tage arbeitete ich an diesem schriftlichen Aufsatz. Als ich aber im Begriff stand, meine Epistel auf die Post zu geben, zögerte ich von neuem. Aber würde ich auch wirklich den Mut finden, Vater und Mutter zu verlassen, um Frau Musika anzuhangen? Ich wollte noch einmal warten bis zum andern Tag. Dieser andere Tag war aber ein Sonntag, und er brachte für Hinterwinkel ein Ereignis, das das ganze Dorf in Aufruhr versetzte. In der Kirche, unmittelbar vor dem Gottesdienst, geschah das Seltsame. Ich sah oben vor der Orgel herab den Vorgängen zu. Lange begriff ich nicht, um was es sich handelte. Nur soviel wurde mir klar, daß die schöne Cölestine aus dem »Kleinen Dörfle« den Mittelpunkt des Auftritts bildete, dieselbe Cölestine Bächle, der ich vor ungefähr einem Vierteljahr auf dem Acker des Füllentoni die Strohbänder gelegt und dabei das Weib entdeckt hatte. Ich war ihr erst vor einigen Tagen im Sindelwald begegnet, wo sie für ihre lahme Mutter Lesholz zusammentrug. Sie fragte mich, ob es denn wahr sei, daß ich mit den Hamburgern hätte ziehen wollen, um Musiker zu werden. Ich sähe so traurig aus seit jener Einquartierung. Allerdings sei ich schon vorher nicht sehr lustig gewesen. Ob ich mich denn noch an das Garbenbinden bei Füllentonis erinnerte. »Du warst freilich damals lebhafter als ich«, sagte ich errötend. Denn die Püffe des Füllentoni fielen mir ein. Und noch an etwas anderes dachte ich. Ich dachte an meine Entdeckungen von damals. Und ich errötete von neuem. Cölestine schwieg. Aber ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Nach einer längeren Pause sagte sie wehmütig: »Ich ärgerte mich an jenem Tage recht über den Bauern, dich so vor dem Vesperbrot wegzujagen. Du hättest beim Milchessen neben mir sitzen müssen, da wär' ich mit den Brocken nicht zu kurz gekommen.« Und sie lachte. »Aber du auch nicht; die schönsten hätt' ich dir hingeschoben. Oh, mir war's so froh zumute damals.« »Du hattest an jenem Tage rötere Backen als heute,« antwortete ich scherzend, »du bist blasser geworden seit dem Abzug der Preußen. Und viel stiller. Hast du etwa auch mit nach Hamburg ziehen wollen, um Musikantin zu werden? Oder Marketenderin?« Die Cölestine lachte darüber nicht, wie ich es erwartet hatte. Sie tat etwas ganz anderes, sehr Verwunderliches. Sie sank auf ihr Reisigbündel nieder und begann laut zu weinen und zu schluchzen. Umsonst fragte ich, was ihr fehle. Ich erhielt keine Antwort. Und während ich in meiner Bestürzung und Ratlosigkeit neben ihr stand, erscholl durch den kahlen Buchenwald das Krächzen eines Hähers, der am Kreuzweg auf einer Esche saß. Anders als damals im Erntefeld klang jetzt sein Rufen ... So rätselhaft mir damals im Walde das Betragen der bleichgewordenen Cölestine erschien, so unfaßbar blieb mir andern Tags in der Kirche der Sinn von dem, was im Schiff drunten vor sich ging. Die Cölestine kniete an ihrem gewöhnlichen Platz; die übrigen Mädchen dagegen, die sonst den Stuhl mit ihr teilten, hielten sich im Gange und weigerten sich, einzutreten. Ein Geraune und Geplausche ging durch die Kirche und wurde immer lauter und beunruhigender. Dann sah ich, wie sich die Cölestine plötzlich erhob und mit wankenden Schritten ihre Bank verließ. Sie sah heut noch blasser aus als das letztemal im Wald. Ich glaubte, es sei ihr übel geworden und sie wolle die Kirche verlassen. Aber auf dem letzten Bänklein des Schiffs, das Magdalenenbänklein genannt, sah ich sie niederknien neben der Hanne Strohmelker und einer andern Bettelfrau. Ihr bisheriger Stuhl wurde von den übrigen Mädchen unter triumphierendem Gebaren in Besitz genommen. Zu Hause fragte ich die Mutter, was denn das mit der Cölestine sei, ich kann mich aber nicht erinnern, was sie darauf geantwortet hat. Den Tag über hörte ich dann genug Bemerkungen über die Angelegenheit. Ein Satz besonders klang als ewiger Refrain an mein Ohr: Und auch noch von einem Preußen! Es war für mich ein geheimnisvolleres Wort, ein dunkleres Rätsel als vier Monate vorher das: Schleswig-Holstein meerumschlungen, Schleswig-Holstein stammverwandt! Aber etwas Schlimmes mußte der Cölestine von einem Preußen, vielmehr einem Hamburger geschehen sein. Das sah ich an, der Wirkung auf die andern, das sah ich an ihrem eignen traurigen Aussehen. Ich konnte mich deshalb nicht entschließen, meinen Hamburger Brief abzuschicken. Also blieb ich vorderhand Geißbub und Schneiderjung in Hinterwinkel. Achtes Kapitel Katzenjammer Ich konnte meinem Vater nicht Unrecht geben, wenn er meinte, daß nun die Nadel meine einzige Hoffnung sei und daß ich viel verlorene Zeit einzuholen hätte. Um diese Zeit – bald nach dem Krieg – kam eine Unruhe neuer Art über mich. Ich sah eines Morgens, noch ungekämmt, zum Fenster hinaus oder wollte hinaussehen; denn ich kam nicht recht dazu, ich fuhr wie vom Blitz getroffen zurück in die Stube: vor einer städtischen Modepuppe (wie man in Hinterwinkel gesagt haben würde) mit lächerlich glockenförmig gebauschtem Rock und Ärmeln, die wie zwei Flügel herunterhingen, und einem grünen Schleierhütchen auf dem Kopf, dessen Blondhaar, von einem schwarzen Netz zusammengehalten, im Nacken hing, kurz von einer Erscheinung im Äußern so seltsam fremd wie im Innersten altbekannt und vertraut – vor Olga Rotermund. Und bald stand sie vor mir in der Stube. Und ich konnte es noch immer nicht recht glauben, daß sie es auch wirklich sei, so groß war sie geworden und so ... ich fand kein Wort dafür. Wir schauten uns auch beide nur so von der Seite an, fast mit peinlicher Scheu und Verlegenheit. Erst mit der Zeit fand ich die alte Vertrautheit wieder. Olga hatte von meinen Kriegserlebnissen gehört, und ich mußte ihr erzählen. Und sie hörte zu mit großen erstaunten Augen – wie in den alten Zeiten auf dem Kahlenbuckel oder den Heiligenäckern am Rand des Salmischen Gehölzes, wenn ich von dem schwarzen oder veilchenblauen Skarabäus oder dem smaragdgrünen Goldschmied selbstgedichtete Märchen berichtete. Ich merkte zum Glück nicht, daß das angehende Fräulein aus der Hauptstadt von Zeit zu Zeit über meine allzu hinterwinklerische Sprache lächeln mußte. Ich sah nur, wie es in ihren frommen blauen Augen leuchtete; ich fühlte, daß ich bewundert wurde. Nun war ich erst stolz auf meine großen Erlebnisse. Die Olga ihrerseits erzählte mir von ihren Studien. Sie war Schülerin eines Instituts, das unter der unmittelbaren Fürsorge der Königin stand und für eine Musteranstalt galt. Das ehemalige Dorfkind hatte in der kurzen Zeit erstaunlich viel gelernt. Zwar was sie mir Französisches vorlas, verstand ich nicht; aber in meinem französischen Walter Scott (den ich noch immer fleißig studierte) konnte sie nicht wie ich zusammenhängend übersetzen. Sie lachte jedoch über mich und erklärte mir, daß ich kein Wort richtig ausspräche, daß man mich unmöglich verstehen könne, worüber mich eine große Traurigkeit anfiel, als ob ich ein Examen zu bestehen gehabt hätte. Olga bemerkte, wie ich unglücklich wurde, und gab sich Mühe, mich nicht mehr auszulachen. Sie sprach mir einzelne Silben und Worte vor und versicherte, daß ich sie richtig nachspräche. Sie sagte, daß sie froh wäre, wenn sie soviel Französisch könnte wie ich; meine Aussprache sei nur deshalb unrichtig, weil mir niemand die Sache recht vorgesprochen habe. Von selber könne man so etwas nicht lernen. Solche kluge Reden führte das zwölf- bis dreizehnjährige Mädchen. Ich aber machte mir dabei die traurigsten Gedanken. Ein ungeheurer Neid stieg abermals in mir auf, wenn man das bittere Gefühl meines Nichtsbewußtseins so nennen muß. In einem anderen Sinn wurde mir doch auch unendlich wohl bei der ehemaligen Gespielin. Wir lachten viel miteinander, indem wir unsere Erinnerungen von früher durchgingen, unsere kindischen Vorstellungen von Königsschlössern und »Göten« und Königinnen darin. Die kleine Olga – eigentlich gar nicht mehr klein – war Meisterin im Lachen. Ihre Gelehrsamkeit hinderte sie nicht im geringsten daran. Ich sah das Mädchen oft mit komischer Verwunderung an. Sie schien mir bald dieselbe geblieben zu sein wie ehemals, bald wieder wollte sie mir als eine ganz andere vorkommen, die ich nie gekannt hatte, was wohl hauptsächlich von den städtischen Modekleidern kam, diesem rundum weiß- und grüngestreiften Rock, der an seinem untern Saum ein förmliches Rad bildete, und diesen hängenden Flügeln an den Armen und diesem kecken Hütchen mit dem grünen Schleier, welches alles meinem Hinterwinkler Herzen gar nicht gefiel und doch imponierte. Von dem geheimen Nagen in mir, von dem Gefühl der Ratlosigkeit und Ohnmacht, mein Leben nach dunkeln Wünschen und Ahnungen zu gestalten, schien Olga nichts zu bemerken. Auch Musik machten wir zusammen. Olga hatte im Klavierspiel merkliche Fortschritte gemacht. Doch trug sie zwar gefällige, aber durchaus nur leichte und unbedeutende Sachen vor, die ich ihr ohne Schwierigkeit nachspielte, worüber sie sich nicht genug verwundern konnte. Aber statt daß diese Wahrnehmung und Anerkennung meiner Fähigkeit mich beglückte, erhöhte sie nur meine Traurigkeit und Bitternis. Ich sagte mir, daß ich eben trotzdem nur ein ungeschickter, verachteter Schneider sei und allem nach auch bleiben werde mein Leben lang. Alles wäre noch gut gewesen, wenn wir zu Hause gearbeitet hätten. Statt dessen mußte ich mit zu den Bauern ziehen und in jedem Hause andere Sticheleien hören über meine lateinischen und musikalischen Pläne. Man hatte diese schon genug bespöttelt, als noch der Stern der Hoffnung verheißend über ihnen geleuchtet, nun machte man sich um so unbarmherziger darüber her. Diese Sticheleien der anderen verleideten mir in hohem Grade die Stiche, die ich selber machen sollte. Der ewige Spott machte mich noch widerwilliger, so daß ich sogar dem Hirtenamt, so oft es gehen wollte, vor der Schneiderei den Vorzug gab. Nur trieb ich die Herde nicht selber zusammen, das mußte die Mutter tun. Und dann verlor ich mich mit meinen Geißen in die abgelegensten Gegenden des langrückigen Kahlenbuckels. Die Einöde tat mir wohl. Meine Phantasie gestaltete sie zu einer weltfremden Wildnis und ließ mich Hinterwinkel vergessen. Ich trieb das Spiel meiner Einbildungen so weit, daß ich mir verzweifacht vorkam. Ich dachte mich als den wilden, phantastisch aufgezottelten und bekränzten Hirten des Wüstengebietes, wovon ich gelesen hatte, und zugleich als den halbverhungerten und wegverirrten Wanderer. Und dabei entspannen sich zwischen den beiden »Ich« meiner Einbildungskraft, durch mein drittes eigentliches Ich vermittelt, die närrischesten Zwiegespräche. Doch bald merkte ich, daß ich mich nur selber anlüge und weder in der Wüste Sahara noch auf dem Karmelgebirge sei, sondern auf dem Kahlenbuckel von Hinterwinkel. Da kam ich mir recht elend und schuftig vor, ein erbarmungswürdiger Feigling, denn sonst würde ich mir ein Herz gefaßt haben und damit auf und davongegangen sein. Ich beneidete den Bock meiner Herde, der so stolz einherging, als ob ihm die Welt gehörte, der nicht das geringste an sich und seinem Zustand auszusetzen fand, auch von Zeit zu Zeit so selbstgefällig meckerte, daß es mir wie ein Stich durchs Herz ging. Das kriechende und fliegende Getier um mich her, auf das ich sonst wie auf tausend Wunder mit gespanntem Lauschen Obacht gegeben, konnte ich nicht mehr ansehen, ich mußte alles töten, was mir Lebendiges unter die Hände kam. Ich war nahe daran, ein böser Mensch zu werden. Kurz, ich war, ob man darüber lächeln mag oder nicht, ich war mit Gott und der Welt zerfallen. Ich bat den Vater, mir meinen Lehrbrief auszustellen und mich in die Fremde zu schicken. »In zwei Jahren«, sagte er ruhig. Auf diese Erklärung erklärte ich trotzig, daß ich heimlich fortgehen werde. Da mußte meine Mutter, die mich nicht mehr begriff, noch mehr weinen. »Kind, Kind,« rief sie, »weißt du denn, was für gottlose, sündhafte Reden du führst? Hab' acht, daß Gott dich nicht straft; du wirst in deinem Leben noch Fremde genug bekommen, mehr als dir lieb sein wird. Du wirst dann fühlen, wie es tut, wenn man fremd ist, wenn man niemand hat, der einem angehört, der Freude und Kümmernisse mit einem teilt; weinen wirst du dann vor Einsamkeit und Verlassenheit, die das größte Elend sind für die menschliche Kreatur, und wirst bitter deine heutige Torheit bereuen. – Aber daran bist du schuld,« wandte sie sich gegen den Vater, »du hast ihm die Fremdsucht zuerst ins Geblüt gepflanzt und in den Kopf gesetzt.« Mein Vater verteidigte sich und mich. »Nein,« sprach er, »der Grund liegt darin, daß ich kein richtiger Hinterwinkler bin, und so ist es auch der Alexander nicht.« Vater Jakob betrachtete nachdenklich seinen Ring. »Wer weiß,« fuhr er fort, »wo meine unerkannte Mutter herstammte. Das liegt im Blut, mir und dem Alexander. Wir sind hier fremden Ursprungs, und es freut mich, daß der Alexander das so stark fühlt.« Er sprach nicht genau diese Worte, die ihm wohl nicht zur Verfügung standen, aber er meinte es so, und ich verstand ihn. Er war ja mein Vater, wir waren ein und derselbe, nur in verschiedenem Alter. So trugen wir auch ein und denselben Glauben in der Seele. Ich erwartete ein Wunder und er glaubte an seinen Ring. Das Ende des Gesprächs hatte ich von der Kammer her mit angehört. Ich hätte aufjauchzen mögen hinter meiner Kammertür über diese Rede meines Vaters. Einen Augenblick stand ich im Begriff, hinauszustürzen und unter Dankestränen meinem Vater um den Hals zu fallen. Es wäre in unserer Familienpraxis eine unerhörte Gefühlsäußerung gewesen, aber dem Zustand meines Innern hätte ein so außerordentliches Tun vollkommen entsprochen. Ich folgte dem Impuls nicht; ich schämte mich und hielt mich in Sitte und Herkommen. So ist der Mensch, und ich war ohnedies nur ein armer Schneiderlehrling. Ich schlich mich von der Kammer in die Küche und von dort durch die Hintertür ins Freie. Ich ließ mich diesmal nicht von den engen Grenzen der Landspitze oder Halbinsel, auf die unsere Hintertür hinausging, festhalten; mit einem kühnen Anlauf übersprang ich den weidenumsäumten Haselbach und setzte auf das Festland, die freien Wiesen, hinüber. Und auf dem abgemähten Rasen, wo häufchenweise die blassen Zeitlosen hervorbrachen, die man in Hinterwinkel »Nackte Fräulein« nennt, schlenderte ich das Tal hinauf, pfadlos in der Nähe des Baches. Der späte Herbstabend war kühl und die Dünste der Wiesen, von der Kälte niedergedrückt, lagen wie ein weißes Linnen über dem Rasen, wie um die zarten nackten Spätblumen vor dem Erfrieren zu schützen, so daß einmal ein fahlblauer Reiher, der in einiger Entfernung dem Bach entstieg, ganz gespenstisch wirkte, weil seine langen Stelzbeine nach unten im Nebel verschwanden, in dem er wie schwimmend sich bewegte. Und so ragten auch die Pappeln den Bach hinauf wie fußlos über dem weißen Leilaken empor mit den wenigen übriggebliebenen goldenen und zum Teil schwarzen Blättern. Ich selber, langsam vor mich hinschlendernd, müßte für einen Beobachter, von unsrer Brücke her, wie ein schwankendes schwarzes Phantom über den Nebeln geschwebt haben. Aber in meinem Innern war's mehr als lebendig und das Herz klopfte mir mit großem Ungestüm in dem hohen Bewußtsein, einen Vater zu besitzen, auf den ich stolz sein könnte. Dieses Vaters wollte ich würdig sein. Und in Anwendung einer seltsamen Logik glaubte ich dies am vollkommensten durch Ungehorsam zu erreichen; ich wollte ohne seine Erlaubnis, die ich nicht erhalten konnte, in die Fremde gehen. Während ich, obwohl die Nacht hereinbrach, in Wiesen und Feld hinausstreifte, malte ich mir die Einzelheiten meines großen Planes in Gedanken aus. Natürlich würde ich gleich in die Residenz gehen und dort Arbeit suchen, wenn auch beim schlechtesten Winkelschneider. Aber durch unermüdlichen Fleiß würde ich voran und zu besseren Meistern kommen. Olga und ihre Göte besuchte ich einstweilen nicht, aber ich trachtete sie zu sehen und freute mich darauf, wenn ich eines Tages in seinen Kleidern vor sie hintreten würde ... Mein heldenhafter Plan blieb unausgeführt. Und das kam wie folgt. Neuntes Kapitel Die Botschaft des Pfarrers Barthelmeyer Ich hatte – wenigstens nach meiner Meinung – mit großer Umsicht alle Vorbereitungen getroffen und stand am Vorabend meiner heimlichen Abreise. In Wahrheit stand ich nicht, sondern saß mit untergeschlagenen Beinen auf unserem Eßtisch, der zugleich als »Hölle« diente, und war damit beschäftigt, einen Flecken in den Allerwertesten meiner eigenen Hose zu flicken, die ich zu diesem Zwecke ausgezogen und vor mir auf den Knien liegen hatte. Ich bitte um Verzeihung, aber man hat schon größere Helden in Unterhosen gesehen. Wie ich also dergestalt an mir selber besserte, wenn auch nicht an meinem moralischen Teil, da öffnete sich plötzlich die Tür und ein kleiner Schulbub trat herein. »Ihr sollt gleich ins Pfarrhaus kommen.« Sprach's und verschwand. Da außer mir niemand in der Stube weilte, mußte ich selber mit dem »Ihr« gemeint sein, obwohl man mich sonst nicht so feierlich anzureden pflegte. Die Wendung im Weltlauf begann. Die Botschaft aber wunderte mich. Ich hatte lange nichts mit dem Pfarrhaus zu tun gehabt und war seit dem Abgang des Finzer nur selten mit dem Pfarrherrn zusammengestoßen. Angesprochen hatte er mich kaum mehr. Einmal auf der Straße. »Was machst für ein Gesicht, Lexel,« sagte er damals lachend, »hat dir der Herr Steuerperäquator Flöhe ins Ohr gesetzt? Du hast ein bißchen was bei mir gelernt, das kann dir nicht schaden. Du wirst mir noch dankbar dafür sein.« Ein andermal war er auf dem Kahlenbuckel, wo ich lesend bei den Ziegen saß, zu mir hingetreten, um sich mein Buch anzusehen. Es war die deutsche Odyssee von Herrn Voß, ein Geschenk des Herrn Steuerperäquators. Der Pfarrer schlug sie auf und rezitierte den ersten Vers in griechischer Sprache. Als er meine Augen vor Bewunderung leuchten sah, lächelte er wohlgefällig. »Einen anderen Kerl hätt'st geben als der Finzer«, sagte er und ging weiter. Er hatte mir mit diesem Wort zugleich wohl und wehe getan. Als ich jetzt bei dem geistlichen Herrn in die Stube trat, standen Hochwürden hemdärmelig, das schmutzige Samtkäppchen auf die spärlichen weißen Härchen gedrückt, die unvermeidliche lange Weichselrohrpfeife im Mund, am Fenster und begossen ihre Monatsrosen, Meerzwiebeln und Stachelkakteen. Auf meinen unterwürfigen, schüchternen Gruß geruhten Hochwürden nicht, etwas zu erwidern. Nach einer Weile aber und ohne sich von ihrem Gärtnergeschäft ab- und nach mir umzukehren, sagten Seine Hochwürden: »So, ist man erschienen, brav so«, und tröpfelten weiter aus einer grünen Gießkanne Wasser in die Kakteentöpfe, Meerzwiebeln und Monatsrosen. Ich wurde dadurch noch eingeschüchterter, und als mir darauf der Hinterwinkler Seelenhirt und Blumenzüchter unter Schmunzeln seine Eröffnung machte, fühlte ich mich wie aus den Wolken gefallen. Auch als der Herr Pfarrer, halb strafend, halb wohlwollend fragte, ob er denn keinen Dank verdient hätte, suchte ich immer noch umsonst nach einem Worte. Wenn mir Seine Hochwürden gesagt hätten, der Kirchturm mit allen Glocken sei davongegangen und ich sollte ihm nachlaufen und wieder zurückbringen, hätte ich nicht verwunderter dreinschauen können. Auch nach ihrer Wirkung auf die Hinterwinkler zu schließen, muß die Verfügung des geistlichen Dorfregenten Großes und Außerordentliches enthalten haben. Alle guten Basen kamen in den nächsten Tagen zu meiner Mutter und staunten mich an wie ein Wundertier, und wenn ich durchs Dorf ging, blickten mir die Leute respektvoll nach, und die Kinder würden – ich sah es ihnen an – ihre Kappen vor mir abgezogen haben, wenn sie eine auf dem Kopf gehabt hätten. Nur die Gänse in den Gräben und Pfützen schnatterten mir noch mit der alten Vertraulichkeit ihren Gruß zu; sie achteten mich nicht höher wegen meines neuen Standes, sie hätten sonst gering von sich selber denken müssen, was eine Gans gewiß niemals getan hat. Ich war in der Tat zu Hohem berufen worden. Anderthalb Stündchen von Hinterwinkel entfernt lag das kleine Dörfchen Eschelbrunn. Der Schulmeister daselbst war erkrankt; ich sollte hin und für ihn Schule halten. So wäre mein Studieren mit dem Finzer doch nicht umsonst gewesen, teleologisierte der Herr Pfarrer und königliche Schulinspektor des Bezirks. Und wenn ich mich in meiner moralischen Führung gut hielte und nicht ungeschickt anstellte, auch das Orgelspiel lernen wollte, wozu ich ja schon einen Anfang hätte, könne es mir am Weiterfortkommen nicht fehlen, besonders da ich zum Überfluß sogar ein wenig Latein wüßte. »Wer aber Latein versteht,« fügten Hochwürden hinzu, »gehört zu den Gelehrten. Darum halte ich es für erfreulich,« bemerkte er weiter, »daß sich die Schulmeister mit dem Deutschen begnügen müssen; verstünden sie erst Lateinisch, wären sie gar nicht mehr zu haben. Sie wissen ohnedies nicht, wie sie den Kopf halten sollen vor Hochmut.« Zum zweiten Male freute sich meine Mutter über eine Nachricht, die ich aus dem Pfarrhof nach Hause brachte. Der Vater aber meinte trocken: »Wenn du zuletzt nichts Gescheiteres werden wolltest als ein Schulmeister, da hätte ich den Schneider vorgezogen; ein Schneider macht doch eine andere Figur in der Welt. Aber freilich, einen rechten Schneider hättest du nie gegeben, darum tust du allerdings besser, du wirst ein Schulmeister und Küster als ein Pfuscher mit der Schere, der seinem Handwerk nur Unehre gemacht hätte. Und – man kann nie wissen, wozu etwas gut ist.« Schon am andern Tage verließ ich Hinterwinkel und zog nach Eschelbrunn. Und die mir von dem Pfarrer und königlichen Schulinspektor eröffneten Aussichten erwiesen sich nicht als übertrieben. Schon zwei Jahre nach meiner plötzlichen Umwandlung aus einem Schneiderlehrling in einen Magister artium elementarum fand ich mich eines Morgens als wirklichen Unterlehrer in der königlichen Amtsstadt Hopfingen in ein und demselben alten Klostergebäude mit dem königlichen Oberamtmann Ritter von Danloh-Pützenhausen, dem königlichen Landrichter Freiherrn von Schlirch und soundso vielen Herren Referendaren, Assessoren, Revisoren, Registratoren, Aktuaren, Schreibern, Kanzleigehilfen, Rats- und Polizeidienern usw. Ich war eine magistrale Persönlichkeit geworden und hatte noch mein achtzehntes Lebensjahr nicht vollendet. Die Hinterwinkler fingen an, Respekt zu bekommen. Mein Vater aber betrachtete seinen Ring immer seltener, und eine gewisse Art, ihn zu drehen, beobachtete man überhaupt nicht mehr an ihm. Es war, als ob er mit einem Gefühl wehmütigen Verzichtes sich sagte, daß meine schulmeisterliche Laufbahn und der romantische Goldglanz seines Kleinods in Ewigkeit keine Beziehung zueinander haben könnten. Man hat manchmal gottlose Gedanken, wenn es überhaupt angebracht oder gar nötig ist, Gedanken so zu nennen. Und da habe ich gelegentlich bei mir gedacht, wie es mit meinem Leben geworden wäre, wenn mein Vater statt seines geheimnisvollen Goldreifs einen Haufen, einen großen Haufen goldbedeutenden Papiers besessen hätte ... aber er besaß seinen Ring. Und dann wieder hätte ich fast meinen ehrlichen Namen verflucht. Es war zwar mein lieber Vatername und hatte einen gut schwäbischen Klang, doch wie soll einer ein großer Mann werden, wenn er »Schmälzle« heißt. Wo nur der Uhland, fragte ich mich oft, in unserm Schwaben seinen wunderschönen Namen gefunden haben mag. Ja, Namen sind nicht ohne Vorbedeutung, nomina sunt omina . Zwar unser Eduard Mörike, der doch im Leben auch nur so etwas wie ein armer Schulmeister war, hat es dahin gebracht, daß man jetzt anfängt, zu seinen Gedichten so unglaublich schöne Musik zu machen, und sein Name soll nichts anderes bedeuten als »Rübchen«. Doch daran denkt niemand. Aber Schmälzle ... Ich muß mich trösten. Der berühmte Verfasser der Harmonielehre, die mir Otto Heinzelmann verehrt hat, heißt Einsele , der Herr protestantische Dekan von Gansweiler sogar Keinsele , der gestrenge Herr Oberamtsrichter aus unserer Oberamtstadt, der nach Hinterwinkel kam, als man den krummen Hammel unter dem Dach an einem Sparren aufgehängt fand, hieß Rinderle , und der goldbebrillte vornehme Herr Regierungskommissar, der auf dem landwirtschaftlichen Fest zu Böhringen die Rede auf den König gehalten hat, nannte sich Kinderle , und das sind doch alles Leute, die es trotzdem zu etwas gebracht haben. Dritter Teil Allerlei Winkel und Winkelzüge   Erstes Kapitel Wo Alexander anfängt, konsequent in der dritten Person von sich zu sprechen Das Amts-, Schul- und Gefängnisgebäude der alten freien Reichsstadt Hopfingen soll als ehemaliges Benediktiner- und nachheriges Zisterzienserkloster älter sein als die ganze Stadt Hopfingen. Seine Krypten, sonst Keller geheißen, sind im romanischen, die Mittelpartien im gotischen, ein linker Flügel im Jesuitenstil und ein oberer Aufsatz im königlichen Kasernenstil der nachnapoleonischen Zeit erbaut. Die weitläufige Gebäudemasse liegt unmittelbar über den moosigen Ringmauern der alten Reichsstadt, im Schatten hundertjähriger Ulmen und Linden. Ein mächtiger Efeuwuchs um Gesimse, Nischen und Erker erhöht noch die geheimnisreiche Romantik dieser labyrinthischen Architektur, im Innern voll schauerlicher Verließe, halsbrecherischer Wendeltreppen und einbrechender Böden, nebst der dazugehörigen Menge von Moder, Staub und Spinnweben. Eine solche Residenz mußte den überspanntesten Sehnsuchtstraum nach Fremdem und Aberteuerlichem vollauf befriedigen. Bei dem als Unterlehrer hier residierenden und fungierenden Herrn Alexander Schmälzle war dies jedoch gar nicht mehr nötig. Dessen Streben ging längst nicht mehr auf Abenteuer. Als einfältiger Schneiderlehrling mochte Schmälzle einmal solch närrische Träume im Busen genährt haben; seit Alexander aber zu den Gelehrten zählte, war er vernünftiger geworden und konnte in einem Schneidergesellen auf der Wanderschaft weder etwas Schönes, noch etwas Großes, noch etwas Würdiges, noch etwas Menschheitförderndes sehen. Er machte sich deshalb von der Gelehrsamkeit und wissenschaftlichen Kapazität eines gewissen weiland königlich-preußischen Leutnants namens Franz Freiherr von Gaudy keine hohe Meinung, weil dieser nebst anderen Büchern, deren Wert Alexander Schmälzle dahingestellt sein ließ, auch ein ganzes Buch »Aus dem Tagebuch eines wandernden Schneidergesellen« geschrieben hat. Ein Gelehrter von der Bedeutung des Unterlehrers Alexander Schmälzle würde sich niemals zu einer solchen Arbeit heruntergelassen haben. Nicht ganz und gar und nicht an und für sich verdammte der Unterlehrer Alexander Schmälzle zu Hopfingen die Sehnsucht seiner früheren Jugend. Jener ungestüme Drang seines jugendlichen Herzens schien ihm nur insofern verwerflich, als er auf die Dinge selbst, auf ihre ungeschlachte brutale Wirklichkeit hinauszielte; er schätzte diese Sehnsucht hoch, wenn sie, geläutert, auf Idee und Begriff der Dinge ging, mit anderen Worten auf das Wissen von den Dingen. Und darin, in der Wissenschaft, hatte es Alexander Schmälzle bereits weit gebracht. Hopfingen ist im Besitz einer kleinen Stadtbibliothek, und allwöchentlich schleppt sich Alexander eine Tracht alter Schweinslederbände auf seine Zelle. Und alle liest er durch, auch solche, die ihm nicht zusagen, diese mit besonderer Ausdauer und Aufmerksamkeit. Als Gelehrter glaubt er sich dazu verpflichtet. Ausgehend von der Überzeugung, daß der Mensch zur Arbeit geschaffen und also auf der Welt sei, um sich zu plagen, hält er nur jene Art Beschäftigung für vollwertig und unbedingt verdienstlich, wobei er zuerst eine gute Portion Widerwillen zu überwinden hat. Jene aber, wozu er Trieb und Lust in sich spürt, die innerlich glücklich macht, erscheint ihm verdächtig und sündhaftem Spiel nahe verwandt. Ihr widmet er deshalb nur wenig Zeit und die wenige nur mit bösem Gewissen. Mit dem Gefühl höchsten Mißbehagens gedenkt er der Zeiten, wo er nur zu tun pflegte, was ihm Vergnügen machte, was ihm leicht vonstatten ging; wo er sich und anderen einredete, das Confiteor nicht in sein Gedächtnis bringen zu können, weil er es nicht nach der ersten Viertelstunde schon auswendig wußte. Heute würde er die hebräische Bibel auswendig lernen, wenn ihn jemand überzeugte, daß dies seine Pflicht sei. Daraus erklärt sich die große Vernachlässigung der Musik. Zu ihr drängt es ihn. Und diesem Drang mißtraut er. Indem er ihm recht oft widersteht, ist er überzeugt, seinem Pflichtgefühl zu gehorchen und die Macht des Guten zu kräftigen. Dennoch weiht er der heimlichen Geliebten, wenn auch klopfenden Herzens, noch manche schöne Stunde auf der Orgel der St.-Georgen-Kirche, auf dem Klavier seines »Prinzipals«, des Oberlehrers Niedermayer. Diese Zeit rechnet er sich aber als Erholung an, nicht als Arbeit, und macht sich täglich Vorwürfe, soviel Zeit zum bloßen Vergnügen zu verwenden. Alexander hatte drei Kollegen und Mitunterlehrer zu Zimmernachbarn, schon reifere Herren, Mitglieder aller städtischen gesellschaftlichen Vereine, zum Teil deren Präsidenten und überall das große Wort führend, drei moderne Unterlehrer, wie sie im Buche stehen oder wie sie vielleicht noch nicht im Buche stehen: der wuselige elegante Stäuble mit dicken roten Backen und schwarzen Krauselhaaren, der sieben Schuh hohe, schwerfällige, phlegmatische Blatz, wegen seines tiefen Basses unentbehrlich für Hopfingen, und endlich Pius Knopp, den ein Bauer aus Hinterwinkel, nach seiner Wohlbeleibtheit, seinem wohlgepflegten schwarzen Vollbart und der schweren goldenen Uhrkette über der modernfarbigen Weste, eher für einen Bankdirektor als für einen Unterlehrer gehalten hätte. Diese Herren wollten sich der menschenfreundlichen Aufgabe unterziehen, den Hinterwinkler der Kultur zuzuführen. Sie gedachten ihn nach ihrem Bilde zu modeln, ihr Geschöpf aus ihm zu machen und ihn zu ewiger Dankbarkeit zu verpflichten. Viel Talent trauten sie dem Schmälzle nicht zu, um so mehr vertrauten sie auf ihre Methode und zweifelten keinen Augenblick, aus dem bleichgesichtigen Pedanten mit der Zeit einen Menschen zu bilden, der zwar ihnen nie gleichkäme, der aber ihrem erzieherischen Einfluß doch vielleicht einige Ehre machen würde. Aber so oft sie kamen, um den Hinterwinkler in ihre Gesellschaften abzuholen, machte Alexander ein verlegenes Gesicht und suchte nach Ausreden. In die Enge getrieben, meinte er etwas kleinlaut aber innerlich entschlossen: »Ich bin eben einmal lieber zu Hause; ich kenne die Leute eurer Gesellschaft nicht.« »Gerade darum,« fiel ihm Stäuble ins Wort, »du sollst sie kennenlernen.« »Aber ich langweile mich bei ihnen«, wagte Schmälzle schüchtern einzuwenden. »Du bist ein Hauptkerl«, erklärte der lange Blatz, langsam und getragen. »Statt Alexander solltest du Diogenes heißen. Du bist ein Philosoph. Nein, du bist schon über alle Philosophen hinaus. Ein solcher soll einmal gesagt haben, daß fast alle Menschen langweilig werden, sobald man sie näher kennenlernt; dich langweilen sie schon und du kennst sie noch gar nicht. Fahre so fort, mein Sohn.« Der dicke Pius sagte gar nichts. Er drängte nur durch Zeichen zum Aufbruch, und draußen bemerkte er: »Lassen wir doch den Schmälzle in Ruhe, der ist und bleibt ein ›Nachtwächter‹«. »Du hast recht,« rief der lebhafte Stäuble, »es gibt Menschen, die als ›Nachtwächter‹ geboren werden, und der Schmälzle ist einer davon.« Dies sollte keine Anspielung auf das Nachtwächteramt des Meister Jakob sein, die Herren verstanden unter »Nachtwächter«, was die Studenten unter Philister verstehen. Von nun an war der Alexander für sie ein »Nachtwächter«. Sie machten wenig Versuche mehr zu seiner Erziehung und ließen ihn bald ganz seinem Schicksal. Sie verachteten ihn. Hopfingen liegt fünf volle Stunden von Hinterwinkel entfernt. Da konnte Alexander nicht mehr, wie von Eschelbrunn aus, jeden Sonntag seine Eltern besuchen und vor den Hinterwinklern seine neue Würde zur Schau tragen. Schon ein halbes Jahr war er nicht mehr dahin zurückgekommen, und so lebhaft er sich einst aus dem Nest hinweggesehnt hatte, so sehr freute er sich nun auf die nächsten großen Sommerferien, die er im heimatlichen Dorfe recht traulich zubringen wollte. Aus einem mütterlichen Briefe wußte Alexander, daß Olga Rotermund für dieselbe Zeit nach Hinterwinkel kommen wolle und er war sehr begierig. Wohl würde auch der übermütige, höhnische Finzer während der Ferien im Dorfe sein. Aber Alexander Schmälzle sagte sich, daß er den Finzer nicht mehr fürchte. Er war sich bewußt, einen weiten Vorsprung über den Blässenvogtsbuben gewonnen zu haben, der auf dem Gymnasium in vier Jahren gerade zwei Klassen absolviert und deren immer noch drei zu überstehen hatte. Alexander war aber längst Meister ... Während die ersehnten Ferientage von fern naherückten, überlegte der achtzehnjährige Meister, ob er die Reise im alten Stil, per pedes apostulorum – er liebte lateinische Wendungen – oder ob er sie in zeitgemäßer Art mit der eben erbauten Eisenbahn ausführen wolle. Wenn er das letztere wählte, konnte er zwei Stationen weit bis Gansweiler das ihm durchaus neue Vergnügen der Dampfwagenbeförderung genießen und hatte von dort bis Hinterwinkel nur eine halbe Meile weiterzugehen als von Hopfingen nach Hinterwinkel. Auch bekam seine Reise so einen großartigeren Anstrich. Er fühlte sich deshalb diesem Modus, wie er sich als Gelehrter ausdrückte, sehr geneigt. Als er jedoch hörte, daß die Fahrt bis Gansweiler siebenundzwanzig Kreuzer koste, wurde er stutzig. Siebenundzwanzig Kreuzer, das war eine Summe. Wie ein gewissenloser Verschwender aber wollte sich Meister Alexander nicht betragen. Er entschied sich zur Fußwanderung. Vom Georgenturm schlug die Glocke die vierte Morgenstunde, als Alexander reisefertig unter seiner Zimmertür stand. Das gelblederne Ränzchen mit grünem Band um die Schulter, die ebenfalls grüne Schildkappe auf dem Kopf – er hegte seit einiger Zeit eine merkwürdige Vorliebe für diese Farbe, ohne sich den Grund dafür so recht klar zu machen, was denn an seiner Statt der geneigte Leser besorgen mag – also: die grüne Schildkappe auf dem Kopf, in der Linken den Stab, in der Rechten die Türklinke, schaute er wehmutsvoll noch einmal zurück in sein gotisch-enges, ehemals mönchisches Zellenzimmer, dieses uralt geweihte Heiligtum der Wissenschaft, das er nun auf vier Wochen nicht mehr sehen sollte. Er besann sich, ob er auch nichts vergessen habe. Dann schloß er langsam die Tür hinter sich zu. Die Entengasse hinunter lag noch alles schlummerstill; nur am Stoffelbrunnen, wo St. Christoph das Jesuskind und mit ihm die ganze Welt auf seinen breiten Schultern trug, füllte sich ein ungekämmter, schlaftrunkener Lehrbub seinen Kübel, und hie und da krähte ein Hahn hinter seinem Verschlag. Der junge Wanderer erschrak fast vor dem Laut seiner eigenen Tritte. Draußen vor dem Tore, rings in den blühenden Gärten, schüttelten gerade die Buchfinken den Nachttau aus den Federn, und die blauen und weißen Wiesenblumen hoben ihre Augen auf nach dem ersten Morgenstrahl. Von fern her schlug ein Hund an, Sensendengelton erklang, und Alexander empfand etwas von dem »süßen Grauen und geheimen Weh« seines Landsmannes, des Schäfers in der »Sonntagsfrühe«. Als dann gar die erste Lerche trillernd aufstieg, in das goldene Licht, ging ein Schauer von Lust und Glück durch Alexanders junge Seele. Mit solcher Gewalt fiel es ihn an, daß er wie trunken hintaumelte durch all den Lichter- und Farbenglanz, durch all die singenden rauschenden Töne, durch all die herzstärkenden Wohlgerüche von Millionen Blüten. Und all die Lichter und all den Farbenglanz und alle die herzstärkenden Wohlgerüche und Millionen von Blüten, er trank sie nicht nur in sich mit dem durstenden Auge und dem geheimnisvollen Sinn der Geruchsnerven, auch durch das Ohr drangen sie ihm in die Seele, er hörte sie als Musik, so deutlich, so voller Zauber, wie nie in seinem Leben. Die ganze Welt, die Sonne und die Erde und die Rosenwölkchen über den saatgrünen Hügeln, alles machte ihm Musik: er hörte die Engel im Himmel geigen. Die Überzeugung, daß die Welt nur in der Form von Ideen und nur unter geistiger Arbeit und mit Mühe und Anstrengung vom Menschen ergriffen werden könne, war Alexander für den Augenblick ganz abhanden gekommen: er stand nahe daran, sich mit seinem seitherigen Tun und Denken für einen großen Esel zu erklären. Damit aber fiel Alexander zurück in die längst überwundene Lebensanschauung seiner Schneiderlehrlingszeit. Und plötzlich wurde er sich dessen bewußt. Da schämte er sich. »Dieses gemeine Fußwandern gibt eben niedrige Gedanken«, murmelte er. Auf dem Kahlenbuckel machte Alexander eine kleine Rast. Das mächtige Gefühl beim Anblick Hinterwinkels verursachte ihm ein solches Herzklopfen, daß er sich erst sammeln mußte, bevor er ins Dorf hinunterwanderte. Einige hundert Schritte vom Wege setzte er sich zwischen Haselstauden und Brombeergerank auf einen Steinhaufen. Als Hirtenbub war er wohl tausendmal hier gesessen, seine Geißen und Gänse um ihn herum. In kindlicher Unwissenheit hatte er hier den grünen Eidechsen, den rot- und blauflügeligen Zikaden, den goldbepanzerten Laufkäfern in ihrem Tun und Treiben aufgelauert, hatte auf ihr Schwirren und Zirpen, ihr Pfeifen und Piepsen gelauscht und Geheimnisse von ihnen zu erfahren gehofft. Heute, als Gelehrter, errötete er über sein kindisches Treiben und Denken von damals. Alexander kam dann auf andere Gedanken. Er langte nach seinem Ränzchen, schnürte die obenauf befestigte Geige los und musterte die Gegenstände im Innern seiner Wandertasche. Er besichtigte zuerst ein Handgroßes prismatisches Päckchen. Es enthielt nach der Inschrift des gelben Papierumschlags ein halbes Pfund feinen »Lotzbeck«, einen bekannten Schnupftabak, für den Vater bestimmt. Neben dem gelben Päckchen lag eine spitzige graue Tüte, das war ein halbes Pfund gebrannter Kaffee für die Mutter Regine. Und noch ein Drittes befühlten Alexanders Hände, eine Pappschachtel kleinsten Umfanges. Der Jüngling nahm sie wie neugierig heraus und öffnete sie. Eine Vorstecknadel aus weißleuchtender Perlmutter in Form einer Schwalbe lag darin, sorgfältig in weiße Baumwolle gebettet. Alexander sah den glänzenden Gegenstand lange träumerisch an. * »Warst du auch schon bei den Rotermunds drüben?« fragte am dritten Tage nach seiner Ankunft die Mutter ihren gelehrten Sohn Alexander. Dieser verneinte. »Jesses, Lexel,« rief die Mutter Regine, »das ist nicht schön, die Olga hat seit ihrer Rückkunft aus der Stadt jeden Tag nach dir gefragt; wenn du nicht hinübergehst, werden sie sagen, du seist stolz geworden.« »Ich will gegen Abend einen Sprung hinübertun«, erklärte Alexander, indem er zu dem kleinen Fensterchen zwischen Meerzwiebeln und Geranien hinaussah und auf den Scheiben trommelte. »Hast du die Olga noch gar nicht gesehen?« »Nein – ja – doch, gestern früh.« »Nein, ja – ja, nein, man meint, du wärst ein großer Herr! Wie du zerstreut redst«, rief die Mutter ärgerlich. »Aber gelt, die Olga ist schön und vornehm worden? Du mußt sie erst am Sonntag sehen, wenn sie zur Kirche geht. Und was sie alles gelernt hat, und sie ist gar nicht stolz dabei, sondern redet mit einem wie vorher, und wo sie mir was helfen kann, ist sie bei der Hand, keine Arbeit ist ihr zu gering.« Alexander war wiederholt nahe daran gestanden, Rotermunds einen Besuch zu machen, aber er hatte immer Zeit und Gelegenheit unpassend gefunden. Einmal, als er gerade zur Haustür hervorwollte, trat auch drüben bei Rotermunds jemand auf die Schwelle, bei dessen Anblick Alexander wie erschrocken zurückfuhr. Und das freundliche Lächeln, womit Olga ihrem Besuch zum Abschied die Hand reichte, erhöhte noch die Verstimmung des hinter der Tür sich bergenden Alexander. Auch die flotte Art, wie der Finzer eine rotflammende, goldbebordete Mütze schwenkte, und die geschickte Wendung, womit er sich beim Weggehen noch einmal dreiviertel gegen Olga umkehrte, mit der Hand leicht winkend, verfinsterte merklich Alexanders Miene. Alexander hatte den Finzer bereits zweimal gesprochen, ohne ihm zu imponieren, wie er heimlich gehofft hatte. Weder seine Würde noch seine Gelehrsamkeit machten den geringsten Eindruck auf den Sohn des Blässenbauern. Im Gegenteil, der Finzer behandelte den jungen Schulmeister ganz in der alten verächtlichen Art, und mehr brauchte es nicht, um Alexander gänzlich einzuschüchtern. Der Finzer stellte etwas vor. In seinem Gesicht lag noch immer der Ausdruck rauher Bäuerlichkeit; aber das wohlgescheitelte und reichpomadisierte Haar und ein früh gewachsener Backenbart verliehen ihm den Ausdruck physischen Wohllebens und Wohlbehagens. Die ganze Erscheinung strotzte von Kraft und Gesundheit und schien zu sagen: »Wenn wir auch sonst nichts gelernt haben, so haben wir doch zu leben gelernt.« Und gerade das konnte Alexander am wenigsten von sich behaupten. Und der schlanke bleichwangige Alexander Schmälzle, seiner Mutter sorgfältig ausweichend, kehrte ins Haus zurück und verschloß sich oben in die Bodenkammer. Er stand am Laden und schaute über Gärten und Wiesen und die Pappeln weg, zum Kahlenbuckel hinauf. Lange stand er so, und als dann der Abend dunkelte und die ersten Sterne vom Himmel her in die Sommernacht hineinglitzerten, glänzte etwas auch in Alexanders dunkelblauem Auge. Am anderen Morgen aber ärgerte er sich, den vorgefaßten Besuch gestern nicht ausgeführt zu haben. Um so schneller wollte er's heute tun, schon am Vormittag, gleich nach dem Frühstück. »Guten Morgen, Herr Magister«, rief es ihm laut und lachend entgegen, als er bei Rotermunds die Tür öffnete. Das war wieder der Finzer. Diesmal konnte Alexander nicht zurück. Aber die unvermutete Begrüßung trug nicht dazu bei, daß er sich besonders gewandt und unbefangen einführt«. Auch begann der Finzer sofort, sich an Alexander zu reiben und seine Überlegenheit, wie er sie besaß, ins volle Licht zu rücken. Olga betrug sich offen und heiter, aber nicht ohne eine gewisse Zurückhaltung – als ob sie sich in dem Bestreben nach gastfreundlicher Neutralität doch einen Zwang antäte. Unterdessen begann Tante Therese den Tisch zu decken. Da hielt es Alexander für unbescheiden, länger zu bleiben. Warum er denn solche Eile habe, fragte Olga, und in Alexanders Ohr klangen ihre Worte trocken. Ob es ihn denn schon wieder zu seinen Büchern treibe? Der Zusatz klang wie Spott. »Er wird zu Schneiders Regine auf die Geißweide gehen«, warf der Finzer ein, »um nachzusehen, ob seine früheren Schüler ihr Latein noch nicht ganz vergessen haben und der Bock als Repetitor seine Schuldigkeit getan hat.« Als Alexander dem elterlichen Hause zueilte, hörte er hinter sich lang vergessene Worte, die dennoch nicht tot in ihm gewesen waren. Sie wirkten heute wie glühende Haken, die grausam eine alte Wunde aufrissen. Wenn Alexander zurückgeschaut hätte, würde er den Finzer erblickt haben, der bei Rotermunds breit zum Fenster herauslag und lachend den Reim deklamierte: Der Lexel und der Xand'r Gehn ganz allein miteinand'r, Der Xander und der Lexel Essen's ganz' Jahr Kraut und Häcksel. Die Reime stammten von der Olga; sie hatte sie als Kind gemacht, als sie einmal, wie es vorkam, mit dem Alexander auf dem Trutzfuß stand. Hatte die ehemalige Freundin die Spottverse seinem Feinde zugeflüstert? Dem armen Alexander war wirr zumute. In das Rotermundsche Haus kam der junge städtische Unterlehrer trotzdem fast täglich. Er kam wegen Nepomuk, der ihm die alte Freundlichkeit bewahrt hatte. Gegen die Olga aber wußte er sich gar nicht zu benehmen. In ihrer Gegenwart verstummte er und verfiel einer ängstlichen Schüchternheit. Und sie fand sein Betragen unbegreiflich; sie klagte der Mutter Regine, dem Alexander müsse der Schulmeister in den Kopf gestiegen sein, der wisse gar nicht mehr, was er mit den Leuten reden solle. Dann waren Alexanders Ferien zu Ende, und er saß wieder droben auf dem Kahlenbuckel, auf dem nämlichen Steinhaufen, zwischen den nämlichen Haselstauden und Brombeerranken wie vor vier Wochen. Er hielt in seinen Händen einen glänzenden weißen Gegenstand aus Perlmutter, den er aber keines Blickes würdigte; seine Augen schweiften in die Ferne in träumerischer Schwermut. In seine Finger aber kam plötzlich eine krampfhafte Bewegung, und knickknack war das glitzerige Ding in Scherben zerbrochen, die Alexander, als ob sie ihn gebissen hätten, weit von sich schleuderte. Darauf erhob er sich, warf sein Ränzchen über und schritt über Stock und Stein davon. Zweites Kapitel Alexander Schmälzle und Alexander Schartenmaul Alexander war seit seinem Besuch in Hinterwinkel nicht mehr stolz auf seinen erhabenen Beruf und seine hohe Gelehrsamkeit. Seit ihm Olga Rotermund Hochmut vorgeworfen hatte, fühlte er sich ganz zerknirscht. Er fand, daß er in Wahrheit zu hoch von sich gedacht hatte und er gab im geheimen seinen drei Kollegen recht, wenn sie ihn als »Nachtwächter« verachteten. Er verachtete sich fast selber. Er schämte sich, daß er einmal gemeint, er sei so etwas wie ein Adler von Gelehrsamkeit, während er nun merkte, daß er in den Augen der Leute nur ein seltsamer Dämmerungsschwärmer sei und nicht einmal einer jener großen, phantastisch schönen, sondern nur ein armer grauer Zünsler, der sich einmal seine schäbigen Spinnwebflügel an dem Lichte irgendeiner schmutzigen Öllampe versengen werde. Er ging so weit, seine Kollegen zu beneiden, den stolzen Pius Knopp, den pathetischen Blatz, den zierlichen Stäuble. Er beneidete sie, wie einst auf dem Kahlenbuckel den Bock seiner Herde, um ihr sicheres Lebensgefühl, ihr unerschütterliches Selbstgenügen, um alles, was ihm selber abging. Er beneidete sie um ihre feste körperliche Haltung, ihren gemessenen Schritt, wo sie auftraten, um die Art, wie ihnen die Kleider am Leibe saßen, wie sie vor dem Amtmann den Hut zogen, wie sie beim Spazierengehen den Stock trugen, wie sie im Wirtshaus die Zigarre anzündeten und die Spitze abbissen und von sich spien; wie sie dem Herrn Bürgermeister vortranken, so unterwürfig und doch so vertraulich; wie sie mit dem Apothekergehilfen Hütle und den beiden Kommis der Buhlschen Papierfabrik auf Du und Du standen; wie sie politisierten, wie sie beim Skatspiel die Karten hielten und die Trümpfe ausspielten, wie sie mit der Kronenwirtin schön taten, wie sie die Luise, die schöne Kellnerin, bei der Hand oder um die Hüfte faßten. Um das alles beneidete er sie. Aber sich bei ihnen in die Lehre zu geben, dazu konnte er sich doch nicht entschließen. Er sagte sich, daß ja alle Mühe vergeblich wäre, daß er solche Herrlichkeiten in alle Ewigkeit nicht lernen würde. Es ging ihm wie ehemals mit dem quare tristis ... Heinzelmann hatte ihm ehemals ein Wort gesagt: »Eins wirst du aus all den Büchern mit dem besten Willen nicht lernen, doch das gibt sich von selbst, d. h. wahrscheinlich doch nicht so ganz von selber, vielleicht sogar nur mit unendlicher Mühe und erst nach langen Jahren, wenn es nicht etwa gar sich fügt, daß du in diesem Sinn, nämlich in der Wirkung auf die Gescheiten, für ewig' ein Dummer sein und ein Hinterwinkler bleiben wirst dein Leben lang.« Daran erinnerte sich Alexander jetzt. In seinem Verhältnis zu den Menschen bestand ein seltsamer Widerspruch. Alexander hatte im klaren Denken und Vorstellen die beste Idee von den Menschen, aber im dunklen Untergrund seines Empfindens, wo kaum noch ein Schimmer des Bewußtseins hindrang, raunte ein Gefühl: »Sie wollen dich beißen.« Er floh die Menschen immer ängstlicher, und je mehr er sie floh, desto höher wuchs seine Angst vor ihnen. In seiner Klosterzelle, oder einsam im Walde schweifend, genoß er selige Stunden; auf öffentlichen Promenaden aber, an Orten der Volkslust, kam immer ein unüberwindliches Unbehagen über ihn. An freien Nachmittagen der Woche lenkte er seinen Gang gern nach dem Atzelhof, einer ländlichen Wirtschaft im Steintal, am Saume des Klosterwaldes, und ließ sich von der Wirtin Kaffee kochen. An Sonntagen aber, wenn alle Honoratioren von Hopfingen hinauspilgerten und um das einsame Haus herum ein lautes und frohes Leben erscholl, ging Alexander dem Gehöft weit aus dem Wege, um sich im tiefsten Forst zu verstecken. Einst hatte gerade die Einsamkeit sein schönstes Glück gebildet. Jetzt wußte er auch warum. Er erinnerte sich an die Gedanken, die ihn damals auf seiner Stube besucht, die ihn auf seinen Wanderungen durch das Steintal und in die Gründe des Klosterwaldes begleitet und so köstlich unterhalten hatten. Die Erinnerungen früherer Zeiten waren es gewesen, ein üppiges Phantasiegerank, an dem überall und tausendfach die lockende Blume der Hoffnung hervorbrach, die wie ein holdseliges Kindergesicht leuchtete und lächelte, wie die Augen der Olga Rotermund. Der goldflügelige Skarabäus, der ihm in den Weg lief, ein Pfad, der sich an Wiesen und blühenden Bohnen entlang zog, der Eisvogel und die Wasseramsel, das Weidengebüsch eines Baches, die ersten Schlüsselblumen des Frühlings am Wiesenhang, die bunten Schneckenhäuschen an einem Kleerain oder Waldsaum aus dem Moose hervorstechend, alle hatten ihm von Olga Rotermund geredet, und mit Entzücken hatte er zugehört. Nun taten ihm solche Unterhaltungen in der innersten Seele weh und er floh, was sie begünstigte. Die Einsamkeit war auf einmal nicht mehr seine Freundin. Alexander wurde sich bewußt, diese Einsamkeit sei keine freiwillige, sondern eine notgedrungene. Er fühlte in ihr nur noch sein Alleinsein. Sie erinnerte ihn an sein Unvermögen, mit den Menschen Mensch zu sein. Er sehnte sich jetzt nach Zusammenhang mit den Menschen; er wünschte sich geachtet und wertgeschätzt von ihnen. Er hätte ihnen unentbehrlich sein mögen. Aber niemand wollte von ihm etwas wissen. Man spottete über ihn, man fand ihn lächerlich. In Wahrheit taten das nur wenige, die andern verhielten sich unsagbar gleichgültig. Aber einmal mißtrauisch gemacht, sah er in jedem Menschen einen Verächter seiner Person. Zu allem trat nun auch in Alexanders Dienstverhältnis eine Änderung ein, die wohl geeignet war, ihm den letzten Rest von Dünkel auszutreiben. Alexander mußte mit dem kränklichen Oberlehrer Niedermayer die Klasse vertauschen und rückte auf diese Weise von den Kleinsten zu den Größten auf – ein verhängnisvolles Aufrücken. Für die Kleinen war er der rechte Mann gewesen. Er hatte ihnen den Unterricht zur Freude gemacht. Auch diese neuen Schüler freuten sich auf den Unterricht unter dem neuen Lehrer, dessen bleiches bartloses Milchgesicht und dessen dünnknochiger zarter Körper ihnen keine Furcht einflößte. Schon sein Name imponierte ihnen nicht. Außerdem hatten sie gehört, daß er früher Schneiderlehrling gewesen sein soll. In anderem Sinne als die Kleinen freuten sie sich; sie wußten zum voraus, wie sie diesem Schmälzle das Leben sauer machen wollten. Gleich am ersten Tage ging es los. Alexander, der sich von den sechzig großen Bengeln nichts Gutes versprach, betrat herzklopfend die Klasse. Und die Buben lasen ihm die Angst vom Gesicht ab. Sie blickten ihn herausfordernd an und erhoben sich unter wüstem Scharren mit den unsauberen Stiefeln. Das war der Empfang. Alexander machte ein verblüfftes Gesicht. Aber er beherrschte sich. Er verwies in milden Worten der rüpelhaften Bande ihr Betragen. Dies war nicht die Art, mit diesen Schülern zu reden. Seine Sanftheit erschien ihnen als höchster Grad der Lächerlichkeit. Während des Unterrichts begannen nun, wie auf Verabredung, einzelne mit den Füßen auf dem Boden zu trommeln, erst noch schüchtern, dann immer lauter. Und sehr geschickt machten sie's. Hatte es in einer Gegend gepoltert und richtete Alexander dahin seine Aufmerksamkeit, sofort herrschte dort die größte Stille, während die Unruhe an einem anderen Punkt der ungeheuren Klasse begann. Und jede neue Störung begrüßten die Buben mit lachenden, triumphierenden Mienen. Einen je mutloseren und schmerzlicheren Ausdruck die Züge des Lehrers gewannen, desto vergnügter schauten die Schüler drein. Einmal glaubte Alexander einen von den Missetätern ertappt zu haben und fuhr auf ihn los. Es war wohl der richtige. Er hieß Alexander wie sein Lehrer. Die Ärmel seines zerlumpten Wamses spiegelten vor Schmutz, denn sie mußten ihm, wozu wären sie auch sonsten nutz gewesen?, dazu dienen, das abzuwischen, was ihm von Zeit zu Zeit trag aus der Nase floß. Aus dem fetten Kragen ragte ein Kopf hervor, der Angst machen konnte, ein Kopf mit braunrotem, struppigem Haar, die Nase ekelhaft von Krebs angefressen, die Ohren grindig, die Oberlippe von einem Fall in zwei Lappen auseinandergespalten, zwischen denen ein wulstiges Zahnfleisch hervorsah. Der Knabe gehörte einem ledigen Weibsbild, einer diebischen Bettlerin, der größten Strolchin von Hopfingen. Er hieß von seiner gespaltenen Lippe das Schartenmaul oder der Schartenlex. »I hab's nit tan«, entgegnete die Hasenscharte frech. »Er hat's nit tan«, erklärten die umsitzenden Schüler mit trotzigen Gesichtern, während in allen Ecken der Klasse ein lautes Gepolter losbrach, von Gelächter und Hohnrufen durchbrochen. Da fühlte Alexander, nicht er sei der Meister, sondern die Schüler, und von diesem Tage an war ihm die Schule ein fortgesetztes Martyrium. Mit Todesangst betrat er täglich seine Klasse; wie ein gehetztes Wild, die Verzweiflung in der Brust, verließ er sie. Einigen Trost gewährte es dem guten Alexander, daß seine Kollegen, der dicke Pius, genannt Pio decimo , der lange Blatz, der tänzelnde Stäuble, sich auf einmal gar nicht so stolz zeigten als er sie geglaubt hatte. Sie kamen oft in Alexanders Klasse, um ihm beizustehen. Leider besserten sie nichts. Und vielleicht kamen sie überhaupt nur, um an Alexanders Verzweiflung ihre heimliche Freude zu haben. Wenn er gewußt hätte, wie sie in seiner Abwesenheit über ihn redeten! * Im Nebenzimmer der Krone hatte die Luise den Rest des Nachtisches weggetragen und das Tischtuch abgenommen. Die Herren zündeten ihre Zigarren an und erwarteten den Kaffee und die Karten. Einstweilen verdauten sie. Sie fühlten kein Bedürfnis, dabei zu reden, eine behagliche Stille herrschte. Pius Knopp lag auf dem schwarzen Ledersofa ausgestreckt, den Kopf auf der einen, die Füße auf der entgegengesetzten Lehne. Sein verlassener Stuhl diente dem Herrn Blatz zur Unterlage seiner Riesenbeine. Auch die übrigen Herren hatten es sich als echte Lebemänner so bequem als möglich gemacht. Selbst an ihren Zigarren zogen sie faul, nur in großen Zwischenräumen, langsam und andächtig. Es war Sonntag. Der Apothekergehilfe Hütle brach zuerst das verdauungsförderliche Schweigen. Er wunderte sich, daß Herr Schmälzle schon drei Tage beim Essen fehlte, er fragte die Kollegen nach dem Grund dafür. »Der Schmälzle,« rief im Vorübergehen die Frau Kronenwirtin, »der kommt überhaupt nicht mehr, er hat gekündigt. Die Herren werden ihm keine Träne nachweinen.« »Sie wohl um so mehr«, meinte Stäuble ironisch. Die Anspielung aber schien die Wirtin krumm zu nehmen. Ihr sei ein Gast so lieb wie ein anderer, beteuerte sie. »Aber Wein muß er trinken und viel«, unterbrach sie Stäuble, der die junge Wirtin gern ein wenig neckte. Frau Waikum ereiferte sich. Der Herr Schmälzle habe keinen getrunken, sein notgedrungenes halbes Schöpple ausgenommen; ob sie ihn deswegen jemals unhöflich behandelt habe, ob man ihr überhaupt nachsagen könne, daß sie »interessiert« sei. Nein, das könne man nicht, zwar kämen ihr manchmal gewisse Anspielungen auf die böse Zunge, die ... Die Wirtin fiel dem Sprecher ins Wort. Sie habe keine böse Zunge, sie könne nichts dafür, wenn der Schmälzle keinen Spaß verstand. »Sie können sich zufrieden geben,« sprach Stäuble, »der Schmälzle hat sich ans Ihren Sticheleien nichts gemacht; er hat aus einem anderen Grunde gekündigt.« Die Kronenwirtin, obwohl sie Alexander immer schlecht behandelt hatte, ärgerte sich über sein Wegbleiben mehr als sie merken ließ. Sie würde Alexander gern nachgesagt haben, daß er aus Geiz ihr Haus mit einem andern vertauscht habe, aber Alexander bezahlte in der Sonne teurer. Der Apothekergehilfe wollte den wahren Grund endlich wissen. Stäuble klärte ihn auf. Die Tischgespräche hätten den Schmälzle vertrieben. Seine keuschen Ohren hätten sich entsetzt. »Mit deiner Bemerkung über Fräulein Hilda bist du wirklich zu weit gegangen«, bemerkte Pius Knopp gegen Blatz. Er hatte sich vom Sofa aufgerafft, um die Skatkarten zu sich zu nehmen, die Stäuble ausgab. »Was hab' ich denn Großes gesagt?« warf der lange Blatz trocken hin, indem seine kleinen braunen Äuglein unter der Brille vergnügt zwinkerten. »Ist gleich,« begann Knopp in noch ernsterem Ton; »die Tochter des Oberamtmanns zieht man nicht in solcher Weise ins Gespräch.« »Nein, Blatz hatte ganz recht«, ließ Stäuble sich vernehmen. »Man mußte dem Schmälzle zeigen, daß man einen Pfifferling nach seinem Ideal fragt, seinem Ritterfräulein ... Der Mensch ist vor Hochmut nicht mehr zu haben, seitdem er dem Amtmannstöchterlein Unterricht geben darf, in das er sich vom ersten Tage an verliebt hat. Ich möchte ihn nur einmal in der Stunde sehen, er muß sich komisch ausnehmen.« »Er wird vom Herrn Oberamtmann sehr fetiert, das muß man sagen«, sprach Pius Knopp mit ernster wichtiger Miene. »Er ist heute dort zu Mittag geladen, und man kann es ihm nicht übelnehmen, wenn er sich etwas darauf einbildet. Eine Zeitlang ließ er ja sehr den Kopf hängen, sein Namensvetter, der Schartenlex, und der einäugige Steinklopfersepp hatten ihm das Leben verleidet. Er sprach davon, daß er aus dem Schuldienst austreten und Musiker werden wolle. Er phantasierte viel von Frankreich, wo ein Hinterwinkler Vetter in einem Kloster eine einflußreiche Persönlichkeit sei.« »Zum Trappisten würde er passen«, rief Stäuble lachend. »Kann Herr Schmälzle denn Französisch?« fragte Hütle, der Provisor. »Er studiert es wenigstens Tag und Nacht«, sprach Blatz und schnitt eine Grimasse. »Aber er spricht nicht mehr von Frankreich,« fuhr Herr Knopp fort, »seitdem er bei Amtmanns Hahn im Korbe geworden ist. Es gefällt ihm nun lang gut in Hopfingen. Und das wundert mich nicht, man muß sehen, wie die Amtmannstochter ihn grüßt; er ist zu beneiden.« »Possen«, rief Blatz verächtlich. »Sag', was du willst, ich wollt' ich wär' an seiner Stelle«, versicherte aufs neue, mit immer gleichem Ernst, Pio decimo . »Es ist nur zu dumm, daß immer die das Glück haben, die nichts damit anzufangen wissen.« »Die dümmsten Bauern kriegen die dicksten Kartoffeln«, orakelte Blatz. »Wahrhaftig«, rief Pius aus. »Ihr habt ihn vor ein paar Tagen gesehen, als er vom Herrn Oberamtmann zu der Fahrt nach Lochingen eingeladen war, wie er dem Herrn Oberamtmann und der Frau Oberamtmännin gegenüber neben Fräulein Hilde im offenen Wagen saß, steif wie ein Bohnenstecken, aus Ehrfurcht kaum den Sitz berührend, die Arme an sich drückend, mit verlegenem Gesicht, als ob er ...« »Wahrscheinlich machen Oberamtmanns sich selber über ihn lustig«, fiel Stäuble ein. »Herr Schmälzle soll aber wirklich sehr musikalisch sein,« bemerkte fast achtungsvoll der Apothekergehilfe, »er soll sogar komponieren. Der Herr Niedermayer sprach neulich von einer Komposition von ihm als von etwas ganz Außerordentlichem. Präludium nannte er's, wenn ich recht gehört habe.« »Sie sprechen von Ihrem Kollegen Schmälzle?« fragte der Prokurist Fackler aus der Buhlschen Papierfabrik, der, eben hinzutretend, am Tische Platz nahm. Er pflegte des Sonntags ein Spielchen mit den Herren zu machen. »Wahrhaftig, dieser Herr Schmälzle«, fuhr er fort, »ist ein komischer junger Mann. Ich habe ihn vor vierzehn Tagen beim Waldfest am Wolfsbrunnen beobachtet. Er lehnte an einem Baum bei der Waffelbude, als ganz in der Nähe die Amtmannstochter an dem abschüssigen und durch Tannennadeln glitschigen Rain zu der Bude emporstrebte. Sie glitt wiederholt aus und kam nicht ohne große Mühe vorwärts. Ihr Herr Kollega hätte nur den Arm auszustrecken brauchen, um ihr eine Hand zu reichen. Aber er rührte sich nicht. Über und über rot vor Verlegenheit, stand er wie gelähmt. Und seine Arme waren jedenfalls gelähmt durch Schüchternheit; er hat wohl vor lauter Ehrfurcht nicht gewagt, die Hand des Fräuleins zu berühren. Wenn der Rain ein Felsenhang gewesen wäre, er hätte Fräulein Hilda, vor lauter Respekt, in den Abgrund stürzen lassen.« Man machte allerlei Glossen über diese Erzählung; dann aber wurden die Herren ganz von ihren Karten in Anspruch genommen. Drittes Kapitel Das Ritterfräulein Seit diesem Sonntag waren Wochen vergangen; es war Mai geworden, und ausnahmsweise gab einmal nicht nur der Kalender, es gaben Zeugnis von ihm Himmel und Erde und alle Kreaturen. Ein goldenes Bündel Sonnenschein fiel durch das altgotische Spitzbogenfenster in Alexanders enges zellenhaftes Zimmer, warme Maiensonne, die sich, geheimnisvollem Zauber gleich, Sehnsucht weckend, in die Seele des Menschen zu stehlen pflegt. Auf einem blühenden Apfelzweig vor dem Fenster sang ein Buchfink. Er sang: Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus; da bleibe, wer ein Narr ist, mit Sorgen zu Haus. Alexander saß auf dem Fenstersitz seiner Zelle, nämlich auf dem einseitig in die Fensternische vorspringenden Gesimsstein – noch heute wie einst in den Mönchszeiten die einzige Sitzvorrichtung des altklösterlichen Gemachs. Das Fenster, wenigstens der kleine untere Teil, stand geöffnet, die Mailuft zog hindurch und bewegte die Efeuzweige, die über das Gesims emporblickten, Alexander las. Und was las er? Die Abenteuer Telemachs von Herrn von Fenelon. In der französischen Ursprache las er es. Er wunderte sich selber, daß er das Buch so geläufig weglesen konnte. Zwischen dem Lesen aber schaute er manchmal verstohlen durchs Fenster, hinunter in den Amtmannsgarten, wo gerade der königliche Oberamtmann Ritter von Danloh-Pützenhausen mit seiner Tochter Hilda zwischen den alten Buchsgängen auf und nieder wandelte. Der Unterlehrer war vor ihnen an seinem Platz gewesen. Er saß also nicht da, um von ihnen gesehen zu werden. Aber er verbarg sich auch nicht. Er neigte sich eher, mit der Absicht, etwas über die Brüstung hinaus. Eine große Portion Gelehrteneitelkeit hing ihm immer noch an, er erachtete es als eine besondere Gunst des Zufalls, sich beim »Studieren« sehen lassen zu können, namentlich von Leuten wie dem Herrn Oberamtmann und der Fräulein Hilda, der schönen, vornehmen Hilda, die ihn grüßte mit dem holdseligsten Lächeln, das er sich denken konnte, die ihm die Hand drückte, wenn er bei ihr eintrat, sie, die Tochter des königlichen Oberamtmanns Ritter von Danloh-Pützenhausen. Wenn Hilda unten über den großen Hof, den sogenannten Brunnenhof, schritt, und Alexander oben an seinem Schulfenster stand, errötete er jedesmal. Hilda hatte von ungefähr gehört, daß Alexander auf dem Klavier und der Violine nicht übel spiele und hatte anfragen lassen, ob er sie hie und da beim Klavierspiel begleiten wollte. Das tat er seitdem jede Woche ein paarmal. Auch zum Abendessen wurde er von Zeit zu Zeit eingeladen. So gab es also in Alexanders Umgebung nicht nur gotische Spitzbogen und Erkertürme und Wendeltreppen, nicht nur dunkle Krypten und finstere Verließe und sonstige Romantik, sondern auch – ein Ritterfräulein. Und wenn sich Alexander nun seit Wochen seine Flucht in die weite Welt überlegte, weil er mit dem Schartenlex und der ganzen schlimmen Klasse jeden Tag weniger zu Streich kam, und sich die erstaunlichsten und ruhmreichsten Abenteuer ausdachte, von denen er je gelesen oder die seine Phantasie erfand, da stand plötzlich Hilda mit betrübter Miene vor seinen Traumesaugen und schien zu sagen: Und an mich denkst du nicht, nur die Abenteuer und die Frauen der Fremde hältst du deiner würdig. Glaubst du irgend auf dem weiten Erdenrund und sei es auf dem fernsten Thule eine romantischere Aufgabe zu finden, als mich zu gewinnen, mich, die Oberamtmannstochter, nein, mich, das Ritterfräulein Hilda, und ist nicht – auf alle Fälle ein Sperling in der Hand besser als eine Taube auf dem Dache? So sprach in des Unterlehrers Phantasie tiefbetrübt das Ritterfräulein Hilda, und dieser närrische Unterlehrer könnte manchmal wahrhaftig vergessen, daß alles nur Phantasie war. Jetzt aber, während es da unten in seinem Gärtlein spazierte, sah das Ritterfräulein nicht traurig aus. Es sah fast lustig in die Welt. Alexander bog seinen Kopf noch ein wenig weiter über das Fenstergesims und die Efeuranken hinaus, und sein Auge ruhte mit süßem Entzücken auf der goldlockigen Gestalt, die zwischen den altmodisch steifen Buchsgängen und Tulpenbeeten und Fliederlauben auf und nieder ging, am Arm ihres stolzen Vaters hängend, und jeden Augenblick mit ihrem wundervollen Reifrock beschäftigt, mit dem sie bald da, bald dort hängenblieb, und der sich zu dem der ebenfalls blonden Olga Rotermund, an Größe wie an Pracht des Stoffes, ungefähr verhielt wie das Rad, das ein Pfau schlägt auf dem englischen Rasen vor einem Grafenschloß, zu dem einer Pfauentaube auf der Hofraite eines Bauerndorfs. So verloren war Alexander in dem Anblick, daß er lautes Klopfen an seiner Tür ganz überhörte. Nun öffnete sich diese unaufgefordert, und in ihrem Rahmen erschien der Amtsdiener Schaudrich, ein alter, im Dienst ergrauter und krumm gewordener, keuchender Soldat, an dem nur der schmutziggraue Schnurrbart immer dicker und kräftiger zu werden schien. Heute war nicht der gewöhnliche Musiktag mit Fräulein Hilda, es mußte also eine außerordentliche Einladung sein, die der brachte. Daher auch der ungewöhnliche feierliche Abgesandte mit Schnurrbart und Uniform. Sonst hatten sie immer die Magd geschickt. So dachte Alexander und zitternd griff er nach dem Sendschreiben, dessen auffallende Größe tausend Ahnungen in der Seele aufsteigen ließ. Alexander las: »In Sachen des Unterlehrers Alexander Schmälzle wegen Mißhandlung von Schulkindern betr.« Das Schreiben enthielt eine dienstpolizeiliche Vorladung des Unterlehrers Alexander Schmälzle vor den königlichen Oberamtmann zu Hopfingen auf den andern Tag elf Uhr, mit der Unterschrift: »von Danloh-Pützenhausen.« Alexander stand und zitterte. Er war blaß wie eine gekalkte Wand. Und er besann sich. Es konnte sich nur um den Schartenlex handeln. Der war vor acht Tagen mit blutender Nase weggelaufen und seither nicht wieder in der Schule erschienen. Gewiß hatte ihn der verklagt. Im Vorsaal des Oberamtmanns mußte Alexander am nächsten Morgen mit anderen »Verbrechern« lange warten. Das Unglück macht abergläubisch und verwirrt den Geist. Alexander dachte: Wenn nur Fräulein Hilda jetzt nicht da hereinkommt! Gegen elf Uhr holte ihn der nämliche Amtsdiener ab. In der Amtsstube stand er dann einem schwarzverhängten Tisch mit mächtigem Kruzifix und zwei Leuchtern gegenüber, und es war ihm nicht anders, als ob er zum Tode verurteilt werden sollte. Der Amtmann, in einem Aktenstoß blätternd, ließ ihn lange unbeachtet an der Tür stehen. Dann tat er, als ob er den Unterlehrer jetzt erst gewahrte und winkte ihm näher, winkte auch seinem Aktuar, dem einarmigen alten Ganser, der einen Bogen Papier zurechtschob, und das hochnotpeinliche Verhör begann. * Wie mit einem Gefühl der Vernichtung war Alexander von dem amtmännisch-ritterlichen Verhör in seine Zelle zurückgekehrt. Er glaubte in den Boden sinken zu müssen vor Scham. Konnte er nach einer solchen Behandlung noch einem Menschen in Hopfingen unter die Augen treten? Oder gar seiner Klasse, seinen Schülern, die von seinem Verhör natürlich unterrichtet waren? Oder gar dem Fräulein Hilda, von dem er am andern Tag zur Übung erwartet wurde? Auf seiner Stube fand Alexander einen Brief von der Mutter, da stand auch kurioses Zeug darin: »Das Olga,« las Alexander (ein Mädchen ist in Hinterwinkel wie in der deutschen Grammatik immer sächlichen Geschlechts) – »das Olga ist für die Pfingsttage wieder hier und wird immer vornehmer, auch der Finzer ist hier, und die beiden stecken den ganzen Tag beieinander, wenigstens der Finzer ist immer bei Korbmachers drüben, wiewohl ihm der Nepomuk nicht die freundlichste Miene macht, weil er schon wissen wird warum. Aus dem Olga aber wird man nicht klug. Das tut immer freundlich mit dem Finzer, doch das Mädchen hat's mit allen Leuten so, und ich will in dem Punkt nichts gesagt haben. Daß der Finzer geistlich wird, kann ich nicht glauben und viel andere Leut auch nicht, aber das Olga wird er dann doch nicht heiraten als reicher Bauernsohn. Wenn das gute Mädchen nur nicht unglücklich wird, es müßte einem leid tun ...« Alexander dachte nur halb an das, was er las. Er öffnete darauf ein in die Mauer eingelassenes Schränkchen und nahm ein kleines Schächtelchen von Pappe heraus. Darin lag Geld: das zählte Alexander und rechnete. Was er aber mit einem Bleistift vor sich hinkritzelte, stellte keine Zahlen vor, es war der Wahlspruch Ulrichs von Hutten: »In futurum« . Der Ruck war geschehen. In aller Stille traf er seine Vorkehrungen. An die Eltern schrieb er: »Seid ohne Sorgen, Ihr sollt von mir hören.« Und ohne einer Seele der ehemaligen Reichsstadt Hopfingen eine Silbe von seinem Vorhaben zu entdecken, stieg Alexander Schmälzle in der Nacht vom 26. auf den 27. Mai in den Bahnzug und fuhr davon. Er mußte innerlich lachen, wenn er dachte, wie sein Hopfingen am andern Morgen um einen Unterlehrer zu wenig aufwachen und ein dummes Gesicht machen würde, nicht wissend, wo geschwind einen neuen hernehmen; wenn er sich die Kollegen vorstellte, die Mund und Augen aufsperrten bei der großen Neuigkeit und dann ganz allmählich zu begreifen anfingen, daß sie sich in dem Schmälzle geirrt hatten. Von Herzen gönnte er den Buben den Spaß, auch dem Schartenlexel – wenn es ein Spaß für sie war. Denn einen , mit dem sie so leicht fertig wurden wie mit dem Schmälzle, bekamen sie vielleicht nie wieder. Und dann bewunderte Alexander sich selber, seinen genialen Entschluß, seine Kühnheit, seinen Leichtsinn. Im Bewußtsein des Außerordentlichen, das er vollbrachte, war er überzeugt, daß ihm auch Außerordentliches entgegenkommen müsse. Er konnte wieder das Kühnste träumen. Er fühlte sich wie berauscht und schiffte sozusagen – denn er hatte längst Schiller gelesen – mit tausend Masten in den Ozean der Fremde – in futurum . Viertes Kapitel In den »drei schwarzen Mauleseln« Das war ein schmutzig aussehender, trag hinschleichender Fluß, eine altmodische Brücke mit zahlreichen hohen Steinbildern im Barockstil und jenseits des Stromes eine alte Stadt und Festung. Den Fluß hinauf und hinunter sah man viele andere Brücken der mannigfachsten Zusammenfügung in Holz und Stein und Eisen. Drüben hinter einem massigen Festungstor, hinter Mauern und Wällen, streckte die Stadt malerische Türme und Zinnen in den Himmel empor. Nach der anderen Richtung, über die Vorstadthäuser und parkartigen Anlagen hinaus, ragten kühngestaltige weiße Felsberge in die sonnige Luft. Auf einem von ihnen schien eine Stadt über der Stadt zu thronen, dort lag die Zitadelle. Ein unablässiger Menschenstrom wogte über die Brücke: elegante Stutzer und derbe Gestalten in langen grauen Arbeitsblusen, aufgedonnerte Damen und schmutzige Marktweiber, stolze Reiter in bunten Uniformen und lärmende Fuhrknechte, feine Karossen und alte hinfällige Mietskutschen mit noch hinfälligeren Mähren davor, Kindermädchen mit seidengefütterten Wägelchen und karrenziehende Metzgerburschen und Packträger; alles bunt durcheinander, alte und junge, hübsche und häßliche; der eine hastend und rennend, der andere faul und lässig vor sich hinschlendernd; der ernst und gedankenvoll, jener ein Liedlein pfeifend; der dort eine Zeitung lesend, der andere im heftigen Gespräch schreiend und gestikulierend. Kalt und ruhig sahen, unter ihren Aureolen von vergoldetem Blech, die Brückenheiligen auf das ameisenhafte Treiben hinab. Andere Augen aber machte ein bartloser, bleichgesichtiger, junger Mensch, der neben einer Reisetasche, Ränzchen und Regenschirm auf der steinernen Brücke saß, zwischen dem heiligen Stanislaus und dem heiligen Franz von Borgia. Es war Alexander Schmälzle. Mit ängstlich verschüchtertem Blick sah er von seinem Brückengeländer aus in den vorüberwogenden Menschenstrom. Er hatte die Ahnung, daß er in diesem Strom schwimmen lernen müsse, ohne zu begreifen, wie das möglich sei. Und er fühlte sich angefröstelt und angefremdet von dem ungewohnten Elemente. Er dachte an die alte Reichsstadt Hopfingen in Schwaben, wo es sich im Grunde recht gemütlich lebte, wo man in hundert Jahren nicht so viel wildfremde Gesichter sah, als hier in einer Viertelstunde, wo alle Leute »Guten Tag, Herr Lehrer« sagten, wenn sie an Alexander vorübergingen, und wo man genau wußte, wenn man zwischen den Hauptmahlzeiten Hunger verspürte, was ein Schoppen Bier und eine Portion Limburger Käse kosteten, auch wo beides für wenige deutsche Groschen zu haben sei. Alles das konnte man von der Stadt, vor deren Toren der Ex-Unterlehrer saß, nicht behaupten. Das Wasser gurgelte; dem Schmälzle war's als murmelte es: Du wirst noch Fremde genug bekommen, Kind, mehr als dir lieb sein wird. Ein Trupp Schulbuben blieb vor Alexander stehen, wie vor einem fremden Wundertier. Da hing er sein Ränzchen um, nahm seine Reisetasche und Regenschirm zur Hand und verfolgte seinen Weg in die Stadt. Nun mußt du doch einmal jemand nach deinem Vetter oder wenigstens nach seinem Kloster fragen, sagte er sich nach längerer Wanderung durch die Hauptstraße, und komponierte innerlich die Anrede und lernte sie auswendig. Aber die Leute gingen so rasch an ihm vorüber, daß sie alle, bis er seine Ansprache tun wollte, immer schon weit fort waren. Er dachte, wenn diese Menschen nicht von mir gefragt sein wollen, mögen sie's bleiben lassen, und schlenderte weiter. Die Neuheit der Gegenstände um ihn her, die Pracht der Straße, in die er eben einlenkte, die Millionen ungesehener Wunder in den Schauläden übten für den Augenblick eine überwältigende Wirkung auf ihn, daß er Traurigkeit und Ratlosigkeit darüber vergaß. Doch konnte es nicht fehlen, daß er einmal an einen Punkt kam, wo die Stadt anfing, aufzuhören und dann zuletzt wirklich aufhörte. Da tat er endlich, nicht ohne mannigfache sprachliche Fährlichkeiten, die lang vorbereitete Frage nach dem Collège des frères de Marie . Mehr aus den Handbewegungen des Auskunftgebers als aus seinen Worten ward Alexander klar, daß er weit zurück müsse. Durch Schaden klug geworden, fragte er nun an jeder Straßenecke, wobei er oft lange stehen mußte, bis jemand kam mit hinlänglicher Geduld, um seine mühsam herausgebrachte Anrede abzuwarten. Doch fand sich am Ende immer ein altes Weib oder ein gutmütiges Dienstmädchen oder gefälliger Krämer, um dem verlegenen jungen Mann seine Fragen abzunehmen und eingehend zu beantworten. Wenn Alexander die Auskunft nur verstanden hätte. Er fragte sich aber durch die ganze Stadt, und schließlich fand er sich wieder auf der nämlichen Brücke, von wo er ausgegangen war. Nach den Andeutungen der Leute war es aber von hier immer noch eine kleine Reise bis zu dem Hause der klösterlichen Schule, die er suchte, und da es bereits dunkelte, gab Alexander alle Hoffnung auf, noch heute die frommen Brüder der Mutter Gottes und den eigenen Vetter Pankraz aufzufinden. In der Vorstadt, nahe bei seiner Brücke, kaum hundert Schritte vom Brückenkopf entfernt, entdeckte Alexander ein bescheidenes, weißes Schild mit der Inschrift: » Hotel aux trois mûles noires .« Der Ex-Unterlehrer verstand Geschriebenes besser als Gesprochenes. Die Inschrift gefiel ihm. Sie klang nicht alltäglich. Und die Lage, hart an dem dunklen Pont Saint-Amour, dem finsteren Tor gegenüber, fand Alexander recht abenteuerlich. Auch sprach nichts vom Äußeren des Hauses von allzu großer Pracht und Vornehmheit, was ihm noch ein besonderes Vertrauen einflößte. In den »Drei schwarzen Mauleseln« wurde Alexander sehr zuvorkommend empfangen. Man nahm ihm seine Sachen ab und führte ihn eine Treppe hoch in ein geräumiges, sauberes Zimmer. Dieser Raum hatte, trotz seines beträchtlichen Umfanges, statt aller Fenster nur eine offene Flügeltür, die auf einen Balkon hinausging. Vor dem Balkon stand ein gedeckter Tisch, und daran saßen zwei Herren beim Essen. Sie konnten mit ihrem Abendessen zugleich die herrliche Frühlingsluft und die schöne Aussicht auf den Strom und die Basteien der Festung genießen. Ein junges, hübsches Weib von kräftiger Gestalt mit seinem Musselinhäubchen auf den tiefschwarzen Haaren, eine Erscheinung, von der man nicht leicht sagen konnte, ob sie Frau oder Fräulein, Herrin oder Dienerin sei, lud Alexander ein, an einem Seitentische Platz zu nehmen und begann zu decken. In diesem Geschäft wurde sie von dem älteren der beiden Herren am Balkontisch freundlich unterbrochen. Alexander erriet aus dessen Gebärden, daß die Herren ihn liebenswürdig einladen ließen, an ihrem Tische und in ihrer Gesellschaft zu Abend zu essen. Und ohne weiteres trug die Aufwärterin sein Gedeck zum Tische der anderen. Mit den Worten: » S'il vous plait, Monsieur « und der entsprechenden Handbewegung rückte sie auch den Stuhl zurecht, Alexander brauchte sich bloß darauf zu setzen. »Nun paß auf, nun fängt das Schwimmen an«, sagte sich Alexander. Die beiden Franzosen waren sorgfältig in Schwarz gekleidet. Der ältere, dessen Jahre Alexander ungefähr auf die Mitte der Sechziger schätzte, nickte Alexander mit herzgewinnender Freundlichkeit zu. Sein glattrasiertes Gesicht, mit der dünnrückigen, leise gebogenen Nase, dem feinen, schwach gedoppelten Kinn, den lebhaft geröteten Wangen, den blitzenden Augen, flößte Alexander Vertrauen ein. Sein jüngerer Mitesser, ungefähr Ende der Dreißig, hatte wenig Ähnlichkeit mit ihm; er benahm sich steif und zurückhaltend. Bei der Konversation, die sich nun entspann, konnten die freundlichen Franzosen die Erfahrung machen, daß es Fälle und Gesprächsgelegenheiten gibt, in denen Geduld nützlicher und notwendiger ist als Geist und Witz. Aber die Liebe überwindet alles und die Höflichkeit viel. Auch Alexander konnte Geduld brauchen. Auf seine Mitteilung, daß er aus Württemberg sei, wurde er gefragt, ob dies eine große Stadt wäre. »Württemberg oder Schwaben,« erklärte Alexander fast entrüstet, »ist keine Stadt, sondern ein Land, ein Königreich.« »Sie sind also kein Deutscher«, verwunderte sich der Franzose. Auch dies konnte Alexander keineswegs zugeben. » Comment ?« versetzte sein Gegenüber. »Sie sind aus Württemberg und sind auch Deutscher, das verstehe ich nicht.« Und Alexander verstand wieder nicht, was der Franzose nicht verstand, bis er endlich merkte, daß dieser nicht wußte, Württemberg sei ein Teil von Deutschland. Da kam sich der Ex-Unterlehrer Schmälzle wie aus den Wolken gefallen vor. War es möglich, gab es Leute auf der Welt, die aussahen wie ein alter Exminister, denn für so etwas glaubte Alexander den Franzosen nehmen zu müssen, und die nicht wußten, was das dümmste Schulkind von Eselshofen weiß, von Hinterwinkel und Hopfingen gar nicht zu reden. Herr Gott, dachte Alexander, wenn ich hier Unterlehrer wäre, denen wollte ich die Geographie beibringen. Einstweilen versuchte er dies ohne staatliches Mandat und Einkommen. »Richtig, richtig,« rief der Exminister, »ich dachte nicht daran, mais que voulez-vous, nous aimons la clareté, nous autres Français ... Wir lieben die Klarheit, wir Franzosen. Aber ist der König von Preußen nicht dennoch Ihr König und Herr?« Bei diesem hochverräterischen Angriff auf seinen König Karl erschrak Alexander im höchsten Grad. »Nun, sehen Sie,« sagte lächelnd der Franzose, »wer kann es verstehen? Am Ende wissen die guten Deutschen selber nicht, wer Herr in ihrem Hause ist, wenn es ihnen der König von Preußen nicht allergnädigst beibringen will ...« Er erkundigte sich dann nach Alexanders Vaterstadt. Diese Frage setzte den patriotischen Württemberger einigermaßen in Verlegenheit. Sollte er Hinterwinkel oder Hopfingen sagen? Er dachte sich, daß er dem Franzosen mit seiner Klarheit in geographisch-politischen Fragen nicht wohl mit Hinterwinkel kommen dürfe. Er nannte Hopfingen. Der Franzose schüttelte den Kopf. Er kannte die alte Reichsstadt Hopfingen nicht einmal dem Namen nach. »So kennen Sie gewiß Eßlingen,« rief Alexander fast unmutig aus, »eine der bedeutendsten Fabrikstädte Schwabens.« Der Exminister kannte auch Eßlingen nicht, er konnte es gar nicht aussprechen. Alexander fühlte sich auf tiefste entrüstet, aber viel zu früh, denn bald kam er dahinter, daß selbst Stuttgart diesem Herrn nichts anderes war als ein spanisches Dorf. Alexander war noch starr vor Entsetzen, da öffnete sich die Tür und eine sehr vornehm gekleidete junge Dame trat rasch ein und auf den Tisch zu. Bei ihrem Anblick erhoben sich die beiden Eßgenossen mit sichtbarem Erstaunen von ihren Stühlen. »Sie hier, Fräulein?« rief der ältere, »welche Überraschung!« Die Eingetretene antwortete mit einer Zungenfertigkeit, wovon Alexander bis dahin keine Ahnung hatte. Sie erklärte offenbar ihr verwunderliches Erscheinen. Alexander verstand kein Wort. Er betrachtete dafür die äußere Erscheinung der Dame. Es war eine hohe Gestalt, die durch den langen schwarzen Mantel, der sie einhüllte, noch höher schien. Vom Gesicht, in das ein breitkrempiger Samthut mit drei Straußenfedern von der gleichen Farbe tiefe Schatten warf, sah man wenig. Nur ein seltsames Funkeln und weißliches Blitzen zuckte von Zeit zu Zeit fast unheimlich durch die dunkle Nacht unter dem schwarzen Samtfirmament. »Und Sie hatten,« fiel der Exminister und verwunderliche Geograph mit seinem entzückendsten Lächeln ein, »Sie hatten die Liebenswürdigkeit sich herauf zu bemühen, um uns mitzunehmen. Das ist bezaubernd. Wir stehen zu Ihrer Verfügung.« »Gut, gehen wir,« erwiderte sie drängend, »der Abend ist so schön.« Bei diesen Worten warf sie einen verwundert fragenden Blick auf den Fremden, der stumm beiseite stand. »Ah, ich vergaß,« sagte der Franzose, »der Herr ist ein Deutscher, der uns die Ehre erwiesen hat, mit uns zu speisen.« Die Dame würdigte den Ex-Unterlehrer eines zweiten kurzen Blickes, begleitet von einem kaum merklichen Ausdruck um den Mund, einem leisen Gemisch von Mitleid, Herablassung und Spott. Die beiden Herren suchten ihre Überröcke und Hüte. Der ältere reichte Alexander die Hand: »Auf Wiedersehen, Sie sind doch morgen noch da? Dann werden wir ja unseren Kursus der Geographie fortsetzen, wobei ich mir schmeichle, meine etwas mangelhaften Vorstellungen über Ihr schönes Vaterland zu berichtigen und zu erweitern. Auch über deutsche Philosophie lassen Sie uns reden. Ihr Volk hat darin einiges geleistet, und wenn ich mich in Ihrer Physiognomie nicht sehr täusche, sind Sie selber ein wenig Philosoph; also auf morgen.« Und noch einmal drückte er Alexander herzlich die Hand; das Fräulein nickte ein klein wenig mit dem Kopfe, der junge Herr ebenso – dann stand Alexander allein. »Wenn ich mich in Ihrer Physiognomie nicht sehr täusche, sind Sie selber ein wenig Philosoph.« Alexander hatte diese Worte ganz gut verstanden und wiederholte sie still vor sich hin. Die Franzosen können wirklich liebenswürdig sein, dachte er, wenigstens die männlichen. Vor dem Einschlafen ging Alexander ein wirres Gedankendurcheinander im Kopf herum. Hartnäckig drängte sich ihm die Frage auf, ob wohl alle großen Damen der großen Welt die Gewohnheit hätten, so hochmütig verächtlich die Mundwinkel zu verziehen und so kühl gleichgültig mit dem Kopf zu winken. In der Nacht träumte Alexander vom Hinterwinkler Kirchturm und war gar nicht erstaunt darüber, daß der Turm auf seiner Spitze statt des gewohnten Gockelhahnes einen breiten schwarzen Samthut trug, dessen Federn ganz Hinterwinkel überschatteten und verfinsterten. Auch sonst wunderte sich niemand. Nur Olga Rotermund, der Alexander beim Eintreiben seiner Geißen und Gänse begegnete, schien sehr traurig. Sie sagte, es sei Sonnenfinsternis und machte ein Gesicht, als ob sie sich auf ihr gelehrtes Wissen nicht wenig einbilde. Der Finzer kam auch dazu; er erklärte: dem Gänselex kannst das nicht weismachen, der ist ein Philosoph. Fünftes Kapitel Der Vetter Pankraz Seit zwei Stunden saß Alexander in der Pförtnerloge des » Collège des frères de Marie «. Der große fette Portier war ein Kerl, dessen Physiognomie Alexander an den Finzer erinnerte. Er schien nur eine einzige Beschäftigung zu haben, nämlich über die Geschichten und Anekdoten eines anderen Bruders breitmäulig zu lachen und aus seiner schwarzen Lackdose alle fünf Minuten eine Prise Tabak zu nehmen. Von Zeit zu Zeit schritten ernste Männer, einzeln oder zu zweien, in priesterlicher Gewandung, vornehm durch das Vestibül. Und Besuche aus der Stadt erschienen: Damen in reichen Toiletten, hohe Offiziere, Zivilpersonen mit einem roten Bändchen im Knopfloch ihres schwarzen Überrockes. Dann legte der Bruder Pförtner für einen Augenblick eine amtsbewußte, ernste Miene an. Sobald sich die beiden Confratres aber wieder allein sahen, hub auch ihr Geschwätz und Gelächter von neuem an. Sie schienen von jedem Vorübergehenden eine Geschichte zu wissen. Wiederholt sprachen sie sich flüsternd Worte ins Ohr, und je leiser sie sprachen, desto lauteres Lachen folgte. Eine blau gekleidete Nonne erschien am Schalter. Der Bruder Pförtner sprach lachend und vertraulich mit ihr. Und sie trat in seine Loge und beteiligte sich am Gespräch der beiden Brüder der Mutter Gottes, ohne daß dies den seitherigen Ton änderte. Es war eine lustige Schwester, alt, klein, gelbfarbig im Gesicht, mit rasierter Oberlippe; sie sprach mehrmals der Dose des Pförtners zu, und der Tabak schien ihr nicht ungewohnt. Auf einmal bemerkte sie Alexander, und indem sie ihn mit ihren stechenden kleinen Augen zu durchbohren drohte, machte sie eine fragende Geste. »Ein deutscher Bettler oder so etwas«, sagte der Pförtner. »Was will er denn?« »Was weiß ich, er scheint stumm zu sein.« Die Nonne sah den deutschen Bettler mit einem Blick christlichen Mitleids an. »Die armen Deutschen,« sagte sie, »sie sind recht zu beklagen; zu Hause haben sie nichts zu nagen und zu beißen, und in der Fremde achtet man sie geringer als Hunde. In ihrem Lande sollen die Leute Baumrinde und Torf essen statt des Brotes.« Jemand trat durchs Hauptportal ein und kam auf die Pförtnerloge zu, ein Mann mit einem altmodischen Zylinder, einem langen, schwarzbraunen Tuchrock, der an den Knöpfen herunter, gleich wie die darunter hervorstehende Weste, nicht ganz sauber aussah. »Ah, voici, Monsieur Chemellecelé «, riefen der Bruder Pförtner und der Bruder Ökonom und die Schwester Eulalia zugleich. »Gewiß haben Sie alle Taschen voll Neuigkeiten«, wandte sich der geweihte Torhüter an den Eintretenden. Und wirklich hatte Herr Chemellecelé für jeden eine andere Geschichte, die er mit viel Behaglichkeit und Schmunzeln vortrug. Jedesmal an der interessantesten Stelle zog er aus dem Hinterteil seines Rockes ein ungeheures blaues Taschentuch, schneuzte sich damit sehr geräuschvoll und ließ sich vom Bruder Pförtner eine Prise geben. Auf diese Weise erhöhte er, nach Art aller geschickten Erzähler, die Spannung seiner Zuhörer bis zum Reißen. Sein gelbbraunes runzliges Gesicht sprach bald von apathischer Stumpfheit, bald von intrigantenhafter Pfiffigkeit. Er erweckte in Alexander, wie die andern, den Eindruck unsäglicher Gemeinheit. * Hier eine Parenthese. Indem ich, Ich, Alexander Schmälzle, dieses Kapitel nachträglich durchlese, kommt mich ein Bedenken an. Denn was ich da niedergeschrieben habe, wirkt fast so, als ob der ehemals so fromme und katholisch gläubige Hinterwinkler im Handumdrehen zu einem protestantischen Nationalliberalen geworden wäre, also gewissermaßen zu einer Art von Grafen Hoensbroech, der in diesen Tagen allen Philistern des Geistes so ungeheuer imponiert hat. Mit so einem , trotz seines vornehmen Titels, möchte der Lexel aus Hinterwinkel nicht verwechselt werden. In dem Herrn Ex-Unterlehrer aus Hopfingen war es, seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zum Trotz, gerade die Frömmigkeit und kirchliche Gläubigkeit, die sich in ihm empörte beim Anblick dieser priesterlichen Welt, die sich ihm so unheilig darstellte, und die er sich doch ganz anders gedacht hatte. Er war dennoch im Unrecht. Er hätte bedenken sollen, daß er nicht Priester, sondern eben eine Art Küstervolk vor sich hatte. Was aber ein Küster ist, und ich möchte das Wort im weitesten Sinn verstanden wissen, auch in der Musik und der Kunst überhaupt gibt es Küster, das hat sich längst abgewöhnt, Scheu und Ehrfurcht zu empfinden vor dem Heiligen. Das hantiert ja vom Morgen zum Abend im Heiligtum herum, wie ein Handwerker in seiner Werkstatt, und müßte viel zu tun haben, wenn es nun aus den Schauern der Seele den ganzen Tag nicht herauskommen wollte. Es spürt vielmehr längst keine mehr. Aus reiner Gewohnheit. Eine Amme nennt unser Schiller die Gewohnheit. Und wie hat er recht! Denn leicht wirkt eine Amme schamlos auf den allzu Empfindlichen, da sie unbedenklich zeigt, was andern Frauen peinlich zu verstecken die Wohlanständigkeit gebeut. Deswegen ist die Amme doch unschuldig. Und unschuldig ist alle Gewohnheit. Sie ist nur manchmal dumm. Und oft ist sie ein wenig gewöhnlich. Denn die Ammen, woher nimmt man sie anders als aus dem geringen Volke ... * Geraume Zeit verging, ehe der Bruder Chemellecelé den Fremden beachtete. » Sacre bleu ! Den hätt' ich fast vergessen,« rief der Pförtner, »das ist nämlich ein Landsmann von Ihnen, mein lieber Bruder in Maria; was er will, weiß ich nicht.« »Sie sind ein Deutscher, wie ich höre«, wandte sich Monsieur Chemellecelé französisch an Alexander. » Je suis de Hinterwinkel«, antwortete dieser und dachte heimlich, ich wollt', ich wäre dort. Er erhielt keine Antwort und erklärte auf deutsch noch einmal, daß er aus Hinterwinkel gekommen sei und seinen Vetter Pankraz suche, und daß er dem Herrn Chemellecelé sehr dankbar wäre, wenn Herr Chemellecelé ihn zu diesem Vetter führen möchte. Da mußte Herr Chemellecelé laut herauslachen. »Es scheint fast, daß ich Ihr Vetter bin«, sagte er deutsch. Alexander ging ein Licht auf. Schmälzle hieß also auf französisch Chemellecelé ... Als der junge Deutsche eine halbe Stunde später mit Monsieur Chemellecelé nach der Stadt hineinwanderte, fand er sich in seinem Wissen um drei Erkenntnisse reicher als am Vormittag. Erstens wußte er, das Collège des freres de Marie werde ihn nicht, wie er gehofft hatte, gegen Erteilung einigen Musikunterrichtes als Hospitanten aufnehmen, bis er eine Stellung gewonnen hätte; zweitens: es sei in dem Lande sehr schwer, ja fast unmöglich, sich als Fremder Unterrichtsstunden in Privathäusern oder Anstalten zu verschaffen, denn wenn die Musiklehrer hier selten seien, so meine man dafür auch nicht, daß in jedem Haus auf einem oder zwei oder drei Klavieren herumgeklimpert und gestümpert werden müßte, wie im lieben Deutschland daheim; die Franzosen seien ein viel materielleres Volk als die Landsleute von Schiller und Goethe und hielten dafür, daß wohl einzelne zu sonst nichts brauchbare Individuen die Kunst pflegen möchten, alle anderen aber die Finger davon lassen und etwas Nützlicheres treiben sollten. Drittens wußte Alexander, daß sein Vetter Pankraz dafür halte, das Gescheiteste sei, er packte zusammen (trotzdem er noch gar nicht ausgepackt hatte) und fahre schnurgerade nach Hinterwinkel oder Hopfingen zurück. »Ich versichere Ihnen, daß ich nicht imstande sein werde, Ihnen auch nur eine einzige Unterrichtsstunde in Klavier- oder Violinspiel zu verschaffen«, schloß der Vetter seine lange Rede. »So werde ich in den Kaffeehäusern aufspielen«, entgegnete Alexander trotzig. »Kunst bringt Gunst, mir ist es nicht leid um mein Brot. Ich will mir die engste Mansarde der Stadt mieten und darin soll mir's im Gefühl der Freiheit wohler sein als Euch in Eurem riesigen Gefängnis.« ... Alexander wunderte sich selber, wo er den Mut hernahm zu einer derartigen Sprache. In Hinterwinkel oder auch in Hopfingen hätte er einen solchen Ton nie gefunden. Sein Vetter Pankraz aber verwies ihm die unfromme Rede. Er wolle Alexander nichts Schlimmes wünschen, aber freche und frevelhafte Worte lasse Gott nicht ungestraft hingehen. Monsieur Chemellecelé sprach in so gebrochenem Deutsch, daß er seinem Vetter Mitleid einflößte. Nicht nur Mitleid. Alexander war entsetzt, daß ein deutscher Mann so seine Muttersprache vergessen könne, gleich einer unwerten schlechten Sache, ohne den geringsten Schmerz darüber zu empfinden. Sechstes Kapitel Ein Philosoph muß einem Mönchlein aus der Verlegenheit helfen Die beiden ließen gerade die Vorstadt hinter sich, an deren Ende das Haus der Marienbrüder lag, und schritten dem Pont Saint-Amour entgegen, da kam plötzlich Alexanders neuer Freund von der Seite her auf sie zu. »Das ist der Herr von gestern«, flüsterte Alexander seinem Vetter zu. Vetter Pankraz kannte den Exminister. Er ging auf ihn zu und grüßte sehr untertänig. Der Franzose aber wunderte sich, seinen Geographielehrer in dieser Gesellschaft zu treffen. »Denken Sie, Herr Tissot, was für eine hirnverrückte Geschichte das ist«, begann Monsieur Chemellecelé. »Dieser junge Mann da, mein Vetter, könnte in seinem Vaterland Professor sein, aber das verschmäht er und hat in seinem jugendlichen Übermut, um die Vergnügungen und Freiheiten der Großstadt zu genießen, den abenteuerlichen Plan gefaßt, hier zu leben und mit Musikunterricht sein Brot zu verdienen. Ich habe ihm alle Schwierigkeiten vor Augen gestellt und ihn aufgefordert, unverzüglich umzukehren. Umsonst; der junge Tollkopf, den eine kleine Erbschaft zu jucken scheint, will einmal lieber ein vagabundierender Musikant und Künstler sein, wie er es nennt, als im ruhigen und sorgenlosen Genuß eines sicheren bürgerlichen Amtes leben.« Voll Befremden hörte Alexander diese aus Wahrheit und Lüge gemischten Worte. Er wollte sich dagegen verteidigen. Aber Herr Tissot ließ ihm keine Zeit. »Ich tadle Sie nicht, mein Herr,« sagte er freundlich; »wenn Sie Künstlerberuf in sich spüren, brauchen Sie das Leben einer großen Stadt. Man könnte sogar sagen, Sie müßten nach Paris gehen, und das werden Sie später auch tun ...« Alexander wuchs förmlich in die Höhe, während der Franzose so sprach. »Sie suchen ein Zimmer zu mieten,« fuhr der Franzose fort, indem er nachdenklich vor sich hinsah; »ich hätte vielleicht eine Stube für Sie, wenn Sie keine großen Ansprüche machen, wenigstens für die ersten Wochen; später könnte ich Ihnen auch etwas Besseres geben.« Alexander versicherte, daß ihm das bescheidenste Stübchen genügte, und Herr Tissot erklärte sich bereit, sofort mit ihm nach seiner Wohnung zu gehen. Herrn Chemellecelé aber fiel ein, daß ihn seine Pflicht in die Anstalt zurückrufe, und mit schlecht verhehlter Freude, den Vetter los zu sein, nahm er Abschied. Während die beiden über den Pont Saint-Amour dem schwarzen Tor zuschritten, erkundigte sich Herr Tissot endlich nach dem Namen seines Begleiters. »Alexander Schmälzle«, antwortete dieser stolz. »Che – che ... je vous demande pardon, monsieur.« »Schmälzle«, wiederholte Alexander. Der Franzose sah ihn in peinlicher Verzweiflung an. Er schien seine Verständnislosigkeit als eine große Unhöflichkeit gegen den Gast zu empfinden. Was sollte da Alexander machen? Chemellecelé mochte er nicht genannt sein: erstens, weil er Schmälzle hieß, zweitens, weil man seinen Vetter Pankraz so nannte, für den er sich nicht begeistern konnte. Er entschuldigte sich deshalb höflich, einen so unaussprechlichen Namen zu haben, und bat den Franzosen, ihn kurz Alexander zu nennen. Seitdem hieß er: Monsieur Alexandre. »Nous voici« , sagte sein Begleiter und deutete auf eine offenstehende Haustür. Alexander machte überraschte Augen. Er hätte die Wohnung seines Exministers nicht in einer Straße vermutet, wie die war, wo man sich befand. Es war eine Arbeiterstraße, unsäglich schmutzig, sehr eng, mit dem Gossenstein in der Mitte, von unappetitlichen Gemüsegewölben und Spezereiläden garniert, das Pflaster voll ungewaschener halbnackter Kinder. Und der Straße entsprach das Haus, in das sie eintraten. Dieser enge nackte Flur, diese beschmutzten Kalkwände, diese schmalen Stiegen, es sah nicht einladend aus. Zwei schmutzigbleiche Kinder, die auf der Treppe herumrutschten, ein abgehärmtes, mit Lumpen behängtes junges Weib unter einer halboffenen Tür, ein zittriger Greis, der vor ihnen die Treppe emporkeuchte, ein Kretin mit sichelkrummen Beinen und entsetzlichem Wasserkopf: an solchen Geschöpfen kamen sie vorüber. Finstere Befürchtungen stiegen in dem jungen Deutschen auf. Sein ehemaliger Exminister erschien ihm in diesem Augenblicke wenig vertrauenerweckend, trotz schwarzem Rock und untadeligem Zylinder, trotz dem roten Band im Knopfloch. Alexander erinnerte sich an das eigentümliche Lächeln des Monsieur Chemellecelé, wie er sich so eilig aus dem Staube machte. Auch dessen erlogene Bemerkung über seine Erbschaft fiel ihm ein. Hätte Alexander nicht den Vortritt gehabt, er wäre über Hals und Kopf die Stiegen wieder hinunter und auf und davon gestürzt. Doch als Herr Tissot endlich vor einer Tür stehenblieb, war es ein sauberer Glasverschlag mit schneeweißen Vorhängen hinter den Scheiben. Sie traten in einen dunkeln Vorraum mit schweren altmodischen Schränken aus Eichenholz an der Wand. Durch eine Glastür sah man in ein lichtes, geräumiges Gemach. »Unser Eßzimmer«, sagte Herr Tissot. »Es ist den ganzen Tag leer und steht zu Ihrer freien Verfügung, wenn Sie bei uns wohnen.« Dann öffnete Tissot in dem dunkeln Vorraum zwischen zwei Schränken mit rostschwarzen Eisenbeschlägen eine neue Tür und ließ Alexander vorantreten. Ein Schreibtisch voll unendlichen Papieren ohne sonderliche Ordnung, ein alter, mit Leder ausgeschlagener Sessel und rings an der Wand herumgehende, vollbesetzte Bücherschränke fielen dem jungen Mann zuerst in die Augen. »Mein Reich,« sagte Tissot, »wo ich aber selten zu treffen bin, da ich die Mobilität liebe. Hier meine Bibliothek. Die Bücher mögen Ihnen vielleicht hie und da nützlich sein.« Alexander zitterte vor heimlichem Entzücken bei diesen Worten. Das unerwartete Auffinden einer so reinlichen und ruhig behaglichen Welt, hoch über so viel Lärm und Schmutz und Verkommenheit hatte fast etwas Märchenhaftes für Alexanders aufgeregte Phantasie, und er würde kaum überrascht gewesen sein, wenn plötzlich eine Fee bei verschlossener Tür hereingetreten wäre und durch ihr Erscheinen alles umher in goldiges Licht getaucht hätte. »Sie sollen nun auch gleich sehen, was ich für Sie bestimmt habe«, erklärte Tissot weiter. »Ich bitte Sie um Entschuldigung, Ihnen nichts Besseres anbieten zu können, aber betrachten Sie meine Stube ganz als die Ihrige.« Sie kehrten in das Wohnzimmer zurück und gelangten von hier in einen kurzen, hellen Gang, eine Art Galerie, mit Glasverschlägen gegen den Hof. Hier schloß Tissot seitlich eine Tür auf. Alexander stand gerade im Begriff, in das geöffnete Zimmer einzutreten, als er eine andere Tür, am Ende der Galerie, sich leise öffnen und darauf blitzschnell wieder schließen sah. Der Augenblick aber hatte genügt, ihn eine schlanke weibliche Gestalt in langem weißen Kleide erkennen zu lassen. War er wirklich in den Bereich einer Fee geraten? Herr Tissot schien nichts gesehen noch gehört zu haben. Alexanders Stube hatte einen eigentümlichen Vorzug; eine Tür führte von ihr hinaus auf das ebene Dach des Hauses. Da droben stand jetzt Alexander. Rings um ihn standen Giebel und Firste und fremdartige breite Kamine, die wie in ungeheuren dicken Orgelpfeifen endeten. Und Türme jeden Stils und Zeitalters, und Palastzinnen und Wetterfahnen schossen um ihn herauf, und weiter, den Horizont abschließend, die vielgestaltigen nackten Felsberge der Landschaft. Von unten aber, wie aus nebelüberdeckter unterweltlicher Tiefe herauf, klangen die verhallenden tausendfältigen Stimmen des brandenden Menschenozeans. Herr Tissot hatte ihm einen Gang durch die Stadt vorgeschlagen. Aber Alexander hatte es abgelehnt, unter dem Vorwand, an seine Eltern schreiben zu wollen. Er konnte nicht schreiben. Er stand auf seiner Dachzinne, alles in ihm war aufgeregt. Das Stadtbild, von den goldenen Lichtern der Sonne durchzuckt und durchblitzt, schien ihm von seinem stillen Plätzchen aus fast eine neckische, trügerische Vorspiegelung. Es war ihm wie ein Traum, als säße er am Bodenkammerfenster zu Hinterwinkel und sähe über Bach und Wiese und Pappeln hinweg hinüber zum Kahlenbuckel, während das Auge seines Geistes in fremde ferne Welten hineinsah. Nun war's umgekehrt geworden. Wie konnte er da anders als an Wunder glauben und auf Wunder hoffen und jede gemeine Sorge des Lebens als Ärmlichkeit und Feigheit verachten. Und etwas Gewaltiges ging in ihm vor, ein neues Erlebnis der Seele, das er erst gar nicht zu fassen vermochte, und das ihm bald eine Seligkeit in die Brust goß, wie er sie vorher nie geahnt. Ja, er hatte schon ähnliches erlebt, aber viel schwächer und verschwommener, als wenn es unwirklich wäre sowohl in ihm wie außer ihm. Diesmal aber war's deutlich wie Worte, nur viel eindringlicher. Die tausendfach sich verschlingenden Linien, die leuchtenden, glühenden und brennenden Farben und die dunkeln Schatten, und alles, was das Licht vor seinen Augen auszumalen schien, Alexander empfand es plötzlich als Ton und Klang in seinem Innern, als Harmonie und Schönheit, darauf er horchen mußte mit dem Ohr seiner Seele, als reiche, flutende Musik, die ihn ganz mit Glück überströmte. Siebentes Kapitel Charles Fourier und eine weiße Katze »Ich habe eine gute Neuigkeit für Sie«, sagte Tissot nach einigen Tagen während des Abendessens zu Alexander. Und dann erzählte er, er komme von seinem Freunde, dem Marquis von Auberoche-Lescar; der Marquis habe zwei Söhne im Alter von neun und zwölf Jahren: ihnen solle Alexander Unterricht in deutscher Sprache geben; er solle sich schon morgen, wenn er Lust habe, dem Marquis vorstellen. Wer aber war dieser Herr Tissot mit so unheimlich gelegener und doch so heimlicher Wohnung, mit seinem Kosttisch in einer Art Schifferherberge, mit seinem Marquis Auberoche als Freund, mit seiner so raschen Zuneigung zu einem fremden Vagabunden? Herr Tissot war ein Rätsel und gab Rätsel auf. »Eroberungen haben Sie auch schon gemacht«, begann er am andern Tage. »Das Fräulein von Montmerle scheint sich sehr für Sie zu interessieren.« Verständnislos schaute Alexander ihn an. »Ich rede von der Dame, die uns am ersten Abend hier überrascht hat«, erklärte Tissot. Alexander wurde dadurch nur halb aufgeklärt. Er hätte gern gewünscht, dieses Thema möchte weitergesponnen werden. Unglücklicherweise aber geriet Tissot jetzt auf die Philosophie, die er sein Steckenpferd nannte. Nun wird er bald von seiner hohen Meinung über dich zurückkommen, sagte sich Alexander in Angst und Bangen. Ob Herr Alexander auch Charles Fourier und seine Lehre kenne, fragte Tissot. Leider mußte der Ex-Unterlehrer aus Hopfingen gestehen, den Namen nie gehört zu haben. »Wie! Charles Fourier! Sie hätten nie von ihm gehört? Unmöglich!« Aber es war so, trotz der Unmöglichkeit. »Leider sind Sie in Ihrer Unwissenheit nicht der einzige«, begann nicht ohne einige Erregtheit der sonst nur höflich lächelnde Franzose. »Noch ist der große Mann – er ist in der Straße geboren, wo Sie seit drei Tagen wohnen – nur allzu sehr verkannt. Aber es wird eine Zeit kommen, und der Meister Viktor Hugo, der Hohepriester der modernen Weltanschauung, ebenfalls ein Kind unserer schönen Stadt, hat sie prophezeit; für sie wird Charles Fourier sein, was Christus für die zeitlich und räumlich engbegrenzte christliche Ära war, ja unendlich mehr; denn Fouriers Menschheitsreligion, in seinem Phalansterium begründet und befestigt, wird Beherrscherin sein des ganzen Erdballs und alles Lebens darauf. Denn, hören Sie, junger Freund, was Charles Fourier lehrt: »Nach Ablauf von sechstausend Jahren, vom Anfang der Welt gerechnet, also von heute an in einunddreißig Jahren, sieben Monaten und dreizehn Tagen, wird die erste Weltphase, die des Unglücks, abgeschlossen sein, um der fünfunddreißigtausend Jahre dauernden Phase der Einheit Platz zu machen. Darauf wird die Phase der ›Glückseligkeit‹ folgen, die nach sechsundsiebzigtausend Jahren eine viertausendjährige Phase des ›Verfalles‹ zur Nachfolgerin haben wird als Vorläuferin von der Welt Ende. Wir stehen also kurz vor der zweiten Weltphase, derjenigen der Einheit, die, wie gesagt, in einunddreißig Jahren, sieben Monaten, dreizehn Tagen und drei Stunden und so und so viel Minuten und Sekunden beginnen wird.« Herr Tissot sah, während er dies aussprach, rechnend auf seine goldene Taschenuhr. »Unter dem Einfluß des Phalansteriums und seiner gesteigerten physikalischen, chemischen und industriellen Mittel,« fuhr er fort, »wird die ganze Erdoberfläche bewohnbar und fruchtbar werden. Eine Licht- und Feuerkrone um den Nordpol wird das Eismeer schmelzen, und eine gleichmäßig harmonische Wärme über alle Erdteile verbreiten. Mit dieser physischen Vervollkommnung der Erde werden die jetzigen leiblichen und geistigen Fähigkeiten aller Lebewesen in die achtundneunzigste, neunundneunzigste, ja hundertste Potenz erhoben werden, einige sogar in die einhundertundeinste. Die Menschen werden dann nicht nur ein Alter von rund einhundertvierundvierzig Jahren, eine Höhe von zwei Meter und zwanzig Zentimeter, ein Gewicht von zweihundertzweiundzwanzig Kilogramm erreichen und 17,71 Kilogramm Nahrung zu sich nehmen, sie werden auch mit solcher Souveränität über die Natur herrschen, daß Löwe und Tiger ihnen als Zugtiere, die Affen als Stiefelputzer, Friseure, Aufwärter, Läufer usw., die Zebra als Livreelakaien, die Elefanten als Gärtner, Billettverkäufer und dergleichen, die Hyänen, ihre böse Natur mit Gewalt bezwingend, als Totengräber, die Schwalben und Tauben als Briefträger, die Adler als Vorspanne bei Luftschiffen dienen werden. Die ganze Erde wird dann drei Milliarden Seelen, keine mehr und keine weniger tragen, darunter siebenunddreißig Millionen Mathematiker, denen gegenüber Newton und Deskartes als altmodische Schulknaben erscheinen werden, und so durch alle Zweige. Und sagen Sie selber, teurer Freund,« wandte sich Tissot mit erhöhter Wärme an Alexander, »sind nicht, wiewohl wir einunddreißig Jahre, sieben Monate, dreizehn Tage und drei Stunden vom Anbruch der Einheitsphase entfernt sind und noch ganz in der Unglücksphase stecken, sind nicht jetzt schon Anzeichen dafür vorhanden, die über die Verwirklichung der Fourierschen Prophezeiung keinen Zweifel mehr lassen? Schon heute gibt es Brieftauben. Einen kleinen Anfang zu den siebenunddreißig Millionen lyrischen Dichtern und den siebenunddreißig Millionen Romanschreibern haben wir auch, und wenn Sie bedenken, welche Dienste die Elektrizität und der Dampf leisten, die doch auf niedrigerer Stufe stehen, als der Löwe und die Giraffe, so müssen Sie zugeben, daß wir bereits zu einer Beherrschung und Dienstbarmachung der Naturkräfte vorgeschritten sind, von der zu Fouriers Zeit außer ihm niemand eine blasse Ahnung hatte. In der ›Einheitsphase‹ gibt es selbstverständlich keine verschiedenen Nationen mehr«, erklärte Tissot weiter. »Alle drei Milliarden Menschen werden von einem einzigen Allherrscher oder Omniarch patriarchalisch regiert. Sie sprechen eine einzige Sprache, nicht etwa französisch oder englisch oder italienisch, noch irgendeine andere jetzt lebende oder tote Sprache, sondern eine durch das Phalansterium erst zu schaffende Weltsprache, die sich zu den heutigen Sprachen verhalten wird, wie – da Sie Musiker sind, werden Sie den Vergleich zugeben – wie die gewaltige Musik des größten Orchesters zu dem hohen fadenfeinen Tremulando eines Violinvirtuosen, oder dem einförmigen Brummen des Kontrabassisten, oder den weichen, sanften Schmelztönen der Flöte, oder dem dünnen Pfeifen der Klarinette, oder auch wie die zusammengestimmte Harmoniegewalt der Orgel zu ihren verschiedenen Registern, mit anderen Worten, wie die Summe zu den einzelnen Posten, wie der Wald zum einzelnen Baum, wie der Ozean zur Welle. Von dieser Sprache wird man mit Recht sagen können, sie werde gehört, wenn der aufgescheuchte Geist Gottes in den unendlichen Tiefen des gesamten Menschheitsozeans wühlt, daß die Fluten seiner vermillionfachten Lebensfülle höher gehen als der Chimborasso und der Himalaja hoch sind. Sehr wunderbar ist,« schloß Tissot leuchtenden Auges, »daß, wie Sie gehört haben werden, trotz unserer Entfernung vom Anfang der Einheitsphase um einunddreißig Jahre, sieben Monate, dreizehn Tage, drei Stunden und, wenn ich nicht irre, sieben Minuten – daß sich bereits einzelne Gelehrte, ohne etwas von Charles Fourier selbst zu wissen, mit der Erfindung oder Erschaffung der Weltsprache, deren zukünftige Notwendigkeit sie vorausfühlen, eifrig beschäftigen. Freilich werden sie einstweilen nichts Rechtes zuwege bringen, denn ihre Stunde, oder genauer, wenn auch immer noch ungenau genug zu sprechen, ihre Sekunde ist noch nicht gekommen, die Einheitsphase ist noch nicht angebrochen.« * Alexander hatte einen Stuhl auf die Dachterrasse hinausgestellt und da saß er. Das also war des Pudels Kern, dachte der Ex-Unterlehrer; ein Philosoph ist er und hat nur deshalb seine Freundschaft so schnell auf mich geworfen, weil er mich für einen Seinesgleichen gehalten hat. Ihm ward bange um die Zukunft dieser Freundschaft; denn er zweifelte sehr an seiner Befähigung, ein Philosoph werden zu können. Einst in Hopfingen, als Unterlehrer, hatte sich Alexander einen Gelehrten gedünkt, aber von diesem Wahn war er längst geheilt, und in seiner kindlichen Einfalt hielt er Gelehrsamkeit und Philosophie für ein und dasselbe, ohne doch zu wissen, daß es auf jeder deutschen Universität wenigstens einen Professor gibt, der diese Sache um kein Haar anders nimmt. Aber eher als den Glauben an Tissots Weltbild hätte man dem jungen Menschen auf der Zinne des Daches einzureden vermocht, die Giebel und Schornsteine, die so seltsam um ihn herum in den Nachthimmel ragten, seien wildes Gebirge und Wald, und die Venus, vom äußersten Horizont mit bezaubernden Strahlen hereinglänzend, sei eine Fee, und nur noch wenige Minuten, so werde sie zwischen den Felsschluchten und Stämmen als weißleuchtende Gestalt auf ihn zugeschritten kommen – – Wirklich bog, ganz nahe, plötzlich etwas Weißes, wie ein Gewandsaum oder wie eine leuchtende nackte Schulter, um eine schwarze Kaminmasse. Ein unverstandener Schreck fuhr Alexander durch die Seele. Die Erscheinung verschwand schnell wieder; es mochte eine weiße Katze gewesen sein. Dafür hörte Alexander nach dem Innern des Hauses hin eine Tür leise aufgehen, dann noch eine, vielleicht gar die eigene Kammertür. Zitternd, mit fieberhafter Spannung horchte er – aber alles blieb still. Auch Alexander hatte ein Problem zu lösen, wenn auch gerade kein philosophisches. * Alexanders Rätsel bildete eine Tür, die Tür, die einsam und geheimnisvoll den Gang vor seinem Zimmer abschloß. Wohnte dahinter wirklich die hochmütige Unbekannte vom ersten Abend in den »Drei Mauleseln«? Dieses Fräulein Theodosie von Montmerle, die sich für ihn interessieren sollte? Alexander hatte Tissot wiederholt danach gefragt. Aber der Franzose schien ihn jedesmal, wie es öfter vorkam, nicht verstanden zu haben. Achtes Kapitel Die Metamorphose der weißen Katze Am nächsten Sonntag saß Alexander, von einem einsamen Gang am Fluß zurückgekehrt, im Speisesaal der »Drei schwarzen Maulesel« und erwartete seine Tischgesellschaft, die Herren Tissot, Vater und Sohn. Dieser letztere hieß Monsieur Urbain und hatte sich schon vom zweiten Tage an ebenso freundlich gegen Alexander gezeigt wie der Vater. Die beiden erschienen endlich und mit ihnen die Unbekannte vom ersten Abend. Die Dame gab sich den Anschein, Alexander gar nicht zu bemerken, sie warf ihm kaum einen hastigen Blick zu. Sie hatte heute statt des langen Mantels einen leichten schwarzen Schal um die Schultern geschlagen, dagegen erschien ihr übriges Kostüm, den Hut mit inbegriffen, das gleiche wie am ersten Abend. Das Kleid war aus schwarzer Seide, nach der Mode in spitziger Herzform tief ausgeschnitten, ließ den ganzen Hals frei, den eine Fülle dunkler Locken umringelten, und die Ränder des Ausschnittes, mit seinen Goldspitzen besetzt, folgten den Atembewegungen der vollen Brust, wobei sie, in reizvollem Spiel, sich bald näherten, bald voneinander entfernten. »Fräulein von Montmerle schenkt uns Sonntags hie und da die Ehre«, erklärte Tissot. »Und wissen Sie auch,« wandte er sich an die Dame, »daß unser Freund Sie für eine Herzogin gehalten hat?« Bei diesen Worten kräuselten sich die dünnen Lippen der Französin in einer Art, daß ein sehr eigentümliches Lächeln herauskam. Da sie gerade ihr Glas zum Munde führte, wurde sie am Antworten verhindert. Aber von diesem Augenblicke an existierte auch Alexander für sie. Und er erfuhr, das Fräulein von Montmerle sei wohl keine große Virtuosin auf dem Klavier, aber einige Fertigkeit habe sie erworben und nur seit längerer Zeit diese Kunst ganz vernachlässigt. Dies wieder gutzumachen, habe sie für ihren hiesigen Aufenthalt ein Pianino gemietet und hoffe, Alexander werde ihr bei ihren Stümpereien hie und da zur Hand gehen ... Nun war eine gewisse Tür am Ende eines gewissen Ganges für einen gewissen jungen »Professeur de musique« kein Rätsel mehr, so wenig wie die dahinterliegende Welt. Und das war zunächst eine einfache Stube, ein Zimmer wie hundert andere, worin das gemietete Pianino aus Ebenholz den größten Staat ausmachte. Die Wand schmückten zwei Madonnenbilder, ein halbes Dutzend dunkelblauer Samtstühle und ein ähnliches Sofa mit einem ovalen Tisch davor bildeten fast die ganze Einrichtung. Ein spitzenbesetzter, einseitig aufgeknöpfter Vorhang schien einen Alkoven abzuschließen ... Man konnte sich keinen gewöhnlicheren Wohnraum denken. In dieser alltäglichen Umgebung aber schien eines dem fremden Kunstjünger märchenhafter und zaubergewaltiger als alle Tausendundeine-Nacht-Herrlichkeit, mochte dieses eine stumm zwei dunkle Augen auf ihn richten, oder ihm von kirschroten Lippen Worte und Atem zuhauchen, oder gar eine schlanke weiße Hand in die seinige legen ... Und bald dünkten ihn die Stunden, wo er von diesem Heiligtum getrennt sein mußte, wie Pausen eines Musikstückes, die, wenn auch zur Komposition gehörig, doch keine Musik sind. Das Fräulein von Montmerle machte jeden Abend in Begleitung des jungen Tissot einen Gang nach den Anlagen von Saint-Amour – den Gärten der heiligen Liebe, wie Alexander übersetzte. Dazu wurde der schüchterne Schwabe bald jeden Tag eingeladen. Und zuletzt machten Theodosie und Alexander auch unter Tags, wenn Monsieur Urbain seine Zeit zu wichtigeren Dingen brauchte, größere Spaziergänge. Fräulein Theodosie schien sich um niemand zu kümmern in der Stadt, von niemandem gekannt zu sein. Da konnte Alexander keine andere Empfindung haben, als daß er durch die glücklichste Fügung in ganz bedeutende Verhältnisse geraten sei, die in jedem Sinn fördernd auf ihn wirken mußten. Er war dem waltenden Schicksal im tiefsten Herzen dankbar und faßte den ernsten Vorsatz, sich seine Lage im besten Sinne zunutze zu machen. Außer den Söhnen des Marquis von Auberoche hatte er durch den allzeit liebenswürdigen Herrn Tissot noch zwei Schüler, vielmehr Schülerinnen bekommen, Musikbeflissene diesmal, und so brauchte es ihm um seine Subsistenzmittel wenigstens nicht mehr bange zu sein. Und noch viel wichtiger war für ihn, daß er, und zwar abermals durch Vermittlung seines philosophierenden Freundes, die Bekanntschaft des Organisten von St. Paul machte, derjenigen Kirche, in deren Pfarrei die Wohnung des Herrn Tissot lag. Dieser Organist nannte sich Herr Metschär, wie er es aussprach, d. h. Metzger auf deutsch; und wirklich war er, heimlicherweise, gleichfalls ein Deutscher. Er erwies sich aber landsmännischer gegen Alexander als dessen Vetter Pankraz. Er sprach zwar ungern von seinem Deutschtum, aber er gab dem quasi Landsmann unentgeltlich Unterricht im Generalbaß und im Kontrapunkt, wofür ihm Alexander gelegentlich den Organistendienst besorgte. Auch einen Schüler auf der Violine erhielt Alexander durch den Herrn Metschär. Er konnte wohl selber nicht viel, aber docendo discitur , lehrend lernte er. Der Herr Metzger war ein kleines rundliches Männlein mit stets glattrasiertem, glänzendem Gesicht, dem man es ansah, daß er die feinen Bissen und einen guten Tropfen dazu nicht weniger liebte als die Musik. Man hätte ihn nach seinem Äußern für einen besseren Küster halten können, besonders da man ihn in Haus und Kirche nie anders sah als mit dem schwarzen Pfaffenkäpplein auf dem Hinterkopf mit den spärlichen weißen Härchen. Hätte er noch eine Soutane getragen statt des kurzen schwarzen Rocks, würde ihm zu dem Habitus eines behäbigen Priesters nichts gefehlt haben. In seiner Seele war er ein echter Künstler, wenn er auch von seinen eigenen Kompositionen mit wegwerfender Verachtung sprach. Es war ihm damit sogar bitterer Ernst. Ein seltener Fall. Er dachte zu groß von der großen Kunst. Seine vornehmsten Heiligen der Musik waren Bach und Gluck, und da es ihm in seiner Umgebung selten vergönnt sein mochte, den Mund überfließen zu lassen von so hohen Dingen, die ihm das Herz erfüllten, war er dem armen Alexander unaussprechlich dankbar, der auf seine Reden lauschte wie auf göttliche Offenbarungen. Er nahm ihn oft an Nachmittagen mit auf den Orgelchor von St. Paul und spielte ihm Präludien vor und Fugen von Bach und Ouvertüren von Gluck, die er selber für die Orgel bearbeitet hatte. Und wenn Alexander dann dastand in sprachlosem Staunen: »Ja,« sagte er mit glücklichem Schmunzeln, »dieses Organ! Es ist eines der berühmtesten in ganz Frankreich. Dieser Orgel habe ich aber auch meine Seele vermählt. Ohne sie, was wäre hier mein Leben. Sie ist meine Geliebte, mein alles.« Er stockte. »Ich errate Sie, Freund Alexander,« fuhr er dann fort, »Sie denken an Frau Lisbeth. O ja, sie ist eine liebe Frau, wenn sie mir auch keine Kinder geschenkt hat, was vielleicht ein Glück heißen muß in meiner Lage. Sie ist auch gar nicht eifersüchtig auf die Orgel, obwohl sie weiß, was diese mir bedeutet und daß ich nur in ihrer Berührung produktiv werde, und meine Zeugungskraft wie tot ist außer im Kontakt mit ihr, mit der allein meine Phantasie hie und da wunderbare Kinder zeugt und nur, wenn ich mich allein mit ihr weiß in der verschwiegenen Stille des verlassenen Heiligtums ... Freilich zeichne ich nie etwas davon auf.« Zum erstenmal in seinem Leben sprach zu Alexander ein Künstler. Er fühlte es, der noch gar nichts war, und er wurde davon nicht klein, er spürte es wie eine Kraft in sich wachsen. Einmal fand er sogar den Mut, dem Organisten eine recht gewagte Bemerkung zu machen. Herr Metzger ließ bei seinem offiziellen Dienst nur selten seine höhere musikalische Religion mitsprechen. Er orgelte in der Regel unglaublich leichtes und leichtfertiges Zeug, als ob er keine Ahnung von etwas Besserem habe. Ja, er ging hierin bis zum Zynismus, und es konnte ihm einfallen, zum Offertorium ein »O du lieber Augustin« oder nach der heiligen Kommunion das O du liebe Lene, Du mußt dich dran gewöhne oder sonst einen verruchten Gassenhauer zu variieren. Alexander hatte sich oft geradezu entsetzt über diese Impietät des Meisters, er mußte dies einmal aussprechen. Der Organist sah ihn erst finster, dann belustigt an. »Nicht wahr, das begreifst du nicht, mein Sohn«, sprach er. »Nein, du vermagst nicht zu begreifen, wie der Künstler sich prostituieren kann. Und doch fällt es dem gar nicht so schwer, der es erleben mußte, daß das Heiligste, vor dem er einmal angebetet, sich dann sozusagen vor seinen Augen prostituiert hat. Da mag einer zum Zyniker werden, der es zuvor nie von sich geglaubt hätte, da er doch zum Mörder zu feig ist. Ja, mein sentimentaler Herr, so ist es.« Alexander hörte ohne Verständnis. Er ahnte wohl, Herr Metzger deute auf ein trauriges oder gar tragisches Erlebnis seiner Jugend hin, doch er vermochte sich nichts dabei zu denken. Einen Augenblick schwirrte ihm, wie ein Irrlicht, die Erinnerung an Olga Rotermund durch das Gehirn, obwohl er von einem gewissen Brief seiner Mutter, der schon geschrieben war oder vielleicht gerade in diesem Augenblick geschrieben wurde, nichts wissen konnte; aber er erschrak über seine eigenen Gedanken. Der Organist bemerkte seine Begriffsstutzigkeit. »Verzeihen Sie,« unterbrach er sich, »das ist's nicht, wovon ich reden wollte. Die Sache ist einfach. Mein Publikum, das priesterliche mit eingerechnet, reicht mit seinem Verständnis nicht über das Gewöhnliche hinaus. Das Gewöhnliche und zugleich Heitere, das ist's, was sie wollen. Da muß ein armer Organist schon Konzessionen machen. Und ich, sehen Sie, um mich nicht zu tot zu ärgern, ich gebe ihnen dann gleich das Gemeine. So räche ich mich, so mache ich mir ein gutes Gewissen.« Ein Ausdruck von Verachtung lag in der Miene des Sprechers. »Ja, das Hundsgemeine«, fuhr er fort. »Und die Luder merken es nicht einmal. Diese Franzosen sind in allen Musikfragen dumm wie Kühe.« Er war ein seltsamer Kauz, der Herr Metschär. Er haßte und verachtete in seinem Innern die Franzosen, und äußerlich verleugnete er sein Deutschtum, das ihm doch damals, vor dem Krieg, keine Seele verübelt hätte, das auch für niemand ein Geheimnis bildete. Doch mochte er einen besonderen Grund haben dafür, daß niemand seine engere Heimat erfuhr noch die Veranlassung, die ihn aus dem Vaterland getrieben hatte. Alexander aber, wenn er später an den Herrn Metzger zurückdachte, mußte sich gestehen, daß dieser es war, der zuerst das Tor vor ihm aufgetan, das ihn aus dem Kerker der Unwissenheit und dörflichen Dumpfheit hinausführte in freiere Weiten: dieser Organist mit dem etwas zweideutigen Charakter und der andere, der kriegsparteiliche Chauvinist, der Marquis von Auberoche, jeder auf seine Weise. Dann gar Herr Tissot mit seiner unglaublichen Philosophie ... Der Marquis von Auberoche-Lescar bewohnte das sogenannte Palais Granvelle, das, obwohl mitten in der engen Stadt gelegen, mit seiner Rückseite auf einen großen schönen Garten hinausging. Seine Straßenfront, in älterer italienischer Renaissance, gehört zu den architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Ein berühmter Mann und Sohn dieser Provinz hatte es einst für sich gebaut, jener Nikolas Perrenot, Herr von Granvelle (Granvella), der Großsiegelbewahrer von Neapel und Sizilien, Minister der Niederlande und des Heiligen Deutschen Reiches Kanzler unter dem großen Kaiser Karl. Der grandiosen äußeren Architektur des Palastes entsprach seine innere Ausgestaltung, und Alexander von Hinterwinkel sah hier zum erstenmal vornehme, ja königliche Räume. In diesem Palast ging er nun fast täglich ein und aus, denn den Söhnen des Marquis widmete er mehrere Stunden wöchentlich. Der älteste, Joseph Stanislaf, mit dem Titel eines Grafen von Lescar, war von seinem Vater für die Diplomatie bestimmt und sollte darum auch etwas Deutsch lernen, und der jüngere, Charles-Maurice, mochte sich denn die Lektionen ebenfalls zu Nutzen machen. Weder der eine noch der andere zeigte einen übermäßigen Enthusiasmus für das Erlernen der deutschen Sprache. Sie fanden sie unsäglich barbarisch, und sie konnten, wenn es sich um die Aussprache gewisser Lautverbindungen handelte, die ganze Stunde damit hinbringen, die fremdartigen zungenbrecherischen Geräusche, wie sie's nannten, mit schrecklichen Mundverrenkungen ins Unendliche zu karikieren und zu variieren. Aber dabei waren es ein paar wohlgeratene herzige Buben, die trotz all ihrem Schabernack immer von bezaubernder Liebenswürdigkeit blieben gegen ihren Lehrer und ihn auf jede Weise zu versöhnen suchten, wenn ihr Mutwillen ihn einmal verdroß, was ihnen auch immer wieder gelang. Je mehr Alexander die innerlich liebenswürdige Natur seiner Schüler kennenlernte, desto mehr Spaß machte es ihm, sie gewähren zu lassen. Er war jetzt kein kleiner Egoist. Er sagte sich: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, so kommt der Prophet zum Berg, und wenn meine Schüler nicht Deutsch lernen, so lerne ich dabei Französisch, und das auf die lustigste Art von der Welt. So ungefähr meinte auch der Abbé Desmoulins, der Hofmeister der Knaben, der manchmal den Lektionen beiwohnte, immer bereit, jede Tollheit seiner Schüler mitzumachen. Ihn nahm sich Alexander zum Vorbild, das heißt soweit eben sein Talent reichte. Seine Stärke war im Grund seine Harmlosigkeit und gänzliche Wehrlosigkeit: so hätten es diese Knaben für feig erachtet und sich geschämt, an dem großen Kind aus Hinterwinkel ihre Überlegenheit auszulassen. Und so schien, trotz Ungebändigtheit, dennoch in ihrer Natur nichts von dem zu sein, was man sonst die Grausamkeit dieses Alters nennt. Auch merkte Alexander bald, daß sie ihn noch lieber zum Kameraden als zum Lehrer hätten, nicht etwa um ihren Spaß mit ihm zu haben, diese Roheit lag ihnen gänzlich fern, sondern weil sie bald entdeckt hatten, daß dieser Alexander, der Regel zum Trotz, gar kein gewöhnlicher Mensch war. Und weil sie das Kindliche in ihm liebten. Also ließ er es sich gefallen und nahm gern an allem teil, wozu sie ihn aufforderten, an ihren Schießübungen am Scheibenstand im Garten und an ihren Fechtstunden in der großen Halle des Erdgeschosses, an ihren Spaziergängen und Exkursionen. Sogar in die Manege mußte er mitkommen; er mußte sogar reiten. Sehr toll ging's zu bei all dem; viel Mutwillen ließ sich aus, nie aber in kränkender oder gar hämischer Art. Alexander dachte oft: sind diese Franzosen andere Menschen? Er wurde immer familiärer in dem Hause des Marquis, und er fühlte wohl, was sein Glück bedingte: daß er mit den Arglosen ohne Arg und mit Kindsköpfen ein Kindskopf sein konnte. Oft erschien Alexander etwas zu früh und fand dann den lateinischen Unterricht des Abbé Desmoulins noch in vollem Gang. Wartend hörte er zu. Und da konnte er nicht genug darüber erstaunen, daß diese Franzosen das lateinische »u« wie ein »ü« aussprachen oder auch wieder »om« sagten statt »um« und statt »cogito« sogar »koschito«. Diese gescheiten Gallier, dachte er, tun sich noch etwas darauf zugute, für unser liebes Deutsch keine Zunge zu haben, sie haben aber auch keine für das heilige Latein, wie die Hinterwinkler Meßbuben, sie sind wirklich ein wenig allzu eingebildet. Eines Tages ließ ihn die Frau Marquise zu sich bitten. »Sie kennen den Herrn Metzger«, redete sie ihn an. »Er hat mich seither wöchentlich zweimal zu meinem Gesang begleitet, nun schreibt er mir heute, er sei überarbeitet, wisse nicht, wo er die Zeit zu allem hernehmen solle, ich möchte doch Sie darum bitten, Sie könnten es so gut wie er. Würden Sie nun wirklich die Güte haben, Herr Alexander?« Auf diese unvorhergesehene Frage benahm sich der Herr Alexander zwar zunächst wieder ganz und gar hinterwinklerisch und wußte als Antwort kaum ein verständliches Wort hervorzustottern, aber aus der Sache selbst (die von ihm verlangt wurde), und das war das einzige Wichtige, zog er sich gut heraus. Die Marquise war sehr mit ihm zufrieden. Wie stolz war Alexander einst gewesen, ganz übermäßig stolz, die kleine Hilda zu Hopfingen, im Vierhändigen begleiten zu dürfen, wofür er dann manchmal zum Abendessen geladen wurde, zu kaltem Aufschnitt von Schwarzwurst und Stuttgarter Schwartenmagen nebst Bier aus der Vaihinger Brauerei. Und wie war er dann brutal beschämt worden für seine dummen Gedanken mit dem sozusagen Ritterfräulein ... Um diese Zeit erhielt Alexander einen kuriosen Brief von der Mutter. »Was mit dem Finzer vorgefallen ist,« lautete eine Stelle, »wird Dich vielleicht interessieren. Der macht seinen Eltern weder Freude noch Ehre. Von wegen seines vielen Herumlungerns bei Rotermund in den Ferien, wenn auch das Olga zu Hause ist, habe ich Dir schon früher einmal nach Hopfingen geschrieben, und was das alles schon für ein Gered und Geschmuhl im Dorf gemacht hat, daß es mir leid tat um das Olga, weil ich glaubte, das junge Ding habe sich von dem großen Lappel das Köpfchen verdrehen lassen und es könnte ein Unglück daraus wenden, welches ich dem Olga nicht gönnen möchte, das trotz seiner Jugend und seinem schönen Gesichtchen, auch trotzdem es in jeder Vakanz gebildeter nach Hause kommt, doch nicht stolz ist gegen arme Leute und ein gutes Herz hat. Nun hab' ich aber auch schon lange gemerkt, daß es von dem Finzer gar nichts wissen will und oft zu uns herüberkam, um ihm auszuweichen. Es sagte aber nie etwas über ihn aus. Nur einmal, als der Jörgmichels Anton und der Klingesteffens Andres bei uns waren und das Olga mit dem Finzer aufzogen, ward es bös und rief: ›Der Finzer ist ein –‹ Es machte seinen Satz nicht fertig und schwieg wieder. Das war um Weihnachten. Am andern Tag ist das Olga abgereist und erst vor drei Wochen, am Pfingstsonntag, ist es zum erstenmal wieder auf Besuch gekommen, im gleichen Bahnzuge wie der Finzer. Nun hatten wir am Dienstag darauf Wäsche, und ich stand mit meinem Zuber vor der Haustür; der Rotermund saß in seinem Gärtchen und las Weiden aus. Auf einmal bemerkte ich, wie er auf etwas horchte, dann den Kopf in die Höhe reckte, um durchs Fenster sehen zu können. Und dann plötzlich lief er nach der Hintertür und eine halbe Vaterunserslänge später hörte ich drüben lautes Geschrei und Schimpfen und dann flog der Finzer ohne Kappe mit zerzaustem Haar aus der Haustür, worauf er sich eilig davonmachte. Er ist am darauffolgenden Tage abgereist, das Olga einen Tag später. Das war vor drei Wochen, und nun kam am letzten Dienstag ein Schreiben vom bischöflichen Seminardirektor, daß der Finzer von der Anstalt ausgewiesen sei, was dann auch gleich im Dorf herum erzählt wurde, nur warum, konnte man nicht erfahren, aber es wird allerlei gesprochen und nichts Schönes. Da ist der Blessenbauer stantepede in die Stadt gereist, hat aber den Finzer nicht gefunden. Der hatte sich aus dem Staub gemacht, der Blessenbauer konnte keine Spur von ihm entdecken, und bis heute ist er verschollen ...« Leider mußte die gute Mutter gestehen, daß man in Hinterwinkel von ihrem Alexander nicht viel Besseres erzähle als von dem Finzer. »Man hat sogar«, hieß es, »weniger Mitleid und Nachsicht mit Dir als mit dem Finzer. Die Leute sagen, Du wärest doch früher immer so brav gewesen, um so unverzeihlicher sei Dein jetziger Leichtsinn. Wenn Du wenigstens noch Dein Handwerk ordentlich könntest.« »Die werden Augen machen,« rief Alexander innerlich aus, »wenn sie hören, wie mir's geht.« »Dem Olga«, fuhr der Brief fort, »geht Dein Schicksal sehr nahe; es war schon wieder drei Tage hier, weil – das hatte ich nun fast vergessen – weil die Tante Theres sterben wollte wegen eines Geschwürs im Hals, das aber wieder geheilt ist. Und da hat es gestern abend recht aufrichtig mit mir geweint. Zuletzt da meinte ich, um uns beide zu trösten: Nun, wenn er beim Vetter Pankraz ist und am Ende Klosterbruder wird, wollte ich ihn zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau gern entbehren und in der Fremde wissen. Aber da merkte ich, wie das Mädchen doch viel mehr Weltsinn hat als ich geglaubt hatte; denn das Wort mit dem ›Klosterbruder‹ gefiel ihr nicht, und es schwätzte allerlei scheckiges Zeug ...« Alexander hatte den Brief gelesen; nachdenklich stand er auf seiner Dachzinne und sah auf die Giebel, Schornsteinbündel und Türme der Großstadt hinaus. Er mochte sich gestehen, daß die Gestaltung seines neuen Lebens bereits seine kühnsten Träume von ehedem übertreffe. Und es kann also nicht wundernehmen, wenn er in der Beantwortung des mütterlichen Briefes, um sich für seine Gleichstellung mit dem Finzer zu rächen, den Mund ein wenig voll nahm und seine Zustände in so vergrößerndem Lichte schilderte, daß das ganze Dorf Hinterwinkel darüber in eine gelinde Aufregung geriet, und daß der Meister Jakob den Ring an seinem Finger von diesem Tage an wieder häufiger und mit zuversichtlicheren Blicken betrachtete. Es war um Johannis, eine laue, zauberhafte Sommernacht. Auf der hohen Dachterrasse vor seinem Zimmer stand ein junger Mann. Ihm dünkte, als sei er seither in Fieberträumen gewandelt oder in Blindheit. Er fragte sich, ob die Welt immer so schön und so groß gewesen war, ob nur er allein nichts davon gesehen hatte. Um so mehr, um so gewaltiger, um so brennender lag ihm nun auf einmal die volle Empfindung der unendlichen Weltschönheit in der jungen Seele, die darüber in ihrer Alleinheit und Kleinheit fast vergehen zu müssen meinte. Er empfand sie nicht nur zum ersten Male, diese Welt und ihre Schönheit und Größe; sie war ihm in diesem Augenblicke wie geschenkt worden und es war ihm zumute, als müßte er und dürfte er, schönheitstrunken, in taumelnder Seligkeit, von Stern zu Stern durch die Unendlichkeit schreiten – Tissots philosophische Bibliothek hatte Alexander noch wenig benutzt; aber er war dennoch in der höheren Weltweisheit nicht ohne Fortschritte geblieben. Wie anders begriff er nun den Apostel Fouriers, der bei den täglichen Symposien in den »drei schwarzen Mauleseln« mit schwärmerischer Beredsamkeit vom Weltalter der Glückseligkeit sprach, das da nahe sein sollte, gleich wie Jesus der Nazarener vom Himmelreich gesagt hatte. Tissot lehrte die Antizipation von Zuständen jener kommenden Weltepoche durch einzelne Individuen. Wie hätte der glückliche Alexander in seiner jetzigen Verfassung an einer solchen Lehre zweifeln oder ihr seine begeisterte Zustimmung versagen können? Wenn Tissot aber das wachsende Verständnis seines Jüngers gewährte, geriet er in Ekstase, schüttelte ihm ein um das andere Mal die Hände, umarmte und küßte ihn und nannte ihn in seiner Sprache, die noch mehr von des Herrn Michelet als des Philosophen Fourier Geblüt zu sein schien, eine duftende Blüte vom Baume der Zukunft, eine aufgehende Morgenröte am erglühenden Horizont seines eigenen Alters. Und zur Feier des großen Moments tranken sie zum Nachtisch eine Flasche alten Chablis und erhoben sich dann in der gehobensten Stimmung. Am Pont Saint-Amour, an der Brücke der »Heiligen Liebe«, verabschiedeten sie sich, Tissot ging seiner Wege, Monsieur Urbain auf sein Bureau und Alexander zu Theodosie von Montmerle. Neuntes Kapitel Auch Vetter Pankraz weiß etwas von weißen und schwarzen Katzen Etwas beunruhigt wurde Alexander durch gewisse sonderbare Reden des Vetters Pankraz. Er hatte den Marienbruder viele Wochen nicht gesehen, da stand er ihm an einem schönen Vormittag just auf dem Pont Saint-Amour plötzlich gegenüber. »Sie bringen mir keine Übersetzung mehr zur Korrektur, Sie scheinen mich zu meiden«, begann der Vetter vorwurfsvoll. Alexander wünschte keine Auseinandersetzung. Er konnte deshalb dem Vetter den wahren Grund nicht sagen, welcher darin bestand, daß Alexander sich von dem hochmütigen Klosterbruder nicht wie ein Bettler behandeln lassen wollte. Er schützte die Weite des Weges vor. Dann gestand er, daß Herr Urban und manchmal die bei Tissots wohnende Dame die Freundlichkeit hätten, seine Stilübungen durchzusehen. »Wie,« rief Monsieur Chemellecellé, »das Fräulein von Montmerle?« »Kennen Sie denn die Dame?« fragte Alexander, von plötzlicher Neugierde gestachelt, wiewohl es ihm fast als sündhafte Entweihung der Angebeteten erschien, mit dem Monsieur Chemellecellé über sie zu sprechen. »Ich hörte einige Male von ihr reden,« antwortete der Vetter Pankraz, »sie soll eine reiche Erbin, aber von ihrer eigenen Mutter, man weiß nicht warum, gehaßt und verfolgt sein. Das sei der Grund, weshalb sie einen großen Teil des Jahres bei Herrn Tissot wohne, ihrem Sachverwalter und Ratgeber. Sie sei außerordentlich fromm, es heißt sogar, daß sie ins Kloster gehen wolle. Andere wieder sagen, sie sei nur sehr stolz und habe lediglich aus diesem Grunde und auf ihren alten Adelstitel pochend wiederholt gute Partien ausgeschlagen.« Mit stockendem Atem und hochklopfendem Herzen hört Alexander die Rede des Vetters. »Und dieses Fräulein von Montmerle korrigiert Ihnen Ihre Stilübungen«, hub der Vetter Pankraz wieder an, nachdem er bedächtig eine Prise genommen und sich jetzt den heruntergefallenen Tabak von der Brust abklopfte. »Das ist ja sehr merkwürdig. Wie kommen Sie denn zu ihr?« Und Alexander erzählte seinem Vetter, daß das Fräulein von Montmerle Deutsch lerne und daß sie zusammen Musik machten. Da blieb der Vetter Pankraz plötzlich stehen und sah Alexander prüfend ins Gesicht. »Hören Sie, Vetter Alexander,« sagte er kopfschüttelnd, »Sie sind in Theodosie von Montmerle verliebt?« Der also Apostrophierte versuchte harmlos zu lachen; er fühlte aber gleichzeitig, daß ihm alles Blut in die Schläfen drang. »Ich will, da Sie empfindlich scheinen, nicht weiter in Sie dringen«, versetzte der Marienbruder. »Aber lassen Sie mich Ihnen eine gutmeinende Warnung geben und Ihnen sagen, daß Sie vielleicht Gefahren laufen, von denen Sie, jung und unerfahren wie Sie sind, keine Ahnung haben. Es ist ein eigenes Ding mit diesen Französinnen. Sie haben alle etwas Katzenartiges, und sie spielen gern mit zappelnden armen Mäuschen, die in ihre Gewalt geraten sind und sich nicht mehr losmachen können. Das Spiel nimmt sich zuerst fast spaßig aus, aber je länger es dauert, je grausamer wird es. Die glattpfötigen, weichhäutigen Wesen, ich meine die Katzen, haben eine solche Lust an derartigen Spielen, daß ihnen, verzeihen Sie, das magerste und ausgehungertste Mäuschen nicht zu schlecht dazu ist, wenn sie im Augenblick kein anderes bei der Hand, das heißt bei den Pfötchen haben. Und außerdem, fuhr der Vetter immer eifriger fort, ist in dem Tun und Lassen und in dem Charakter dieses Fräuleins von Montmerle soviel Unaufgehelltes und Geheimnisvolles, daß ... ich will gewiß über niemand etwas Schlimmes aus. sagen, aber es ist unbestreitbar, daß schon oft Religion und Frömmigkeit schlimme Dinge vor der Welt zudecken mußten.« »Darin werden Sie Erfahrung gesammelt haben«, wollte Alexander bitter herausplatzen und dem Vetter seine ganze Entrüstung zeigen. Aber die Kehle schien ihm zugeschnürt. Er fühlte sich zu tief empört. Und er war nicht ohne peinigende Zweifel. Manches Unverständliche im Betragen des Fräuleins von Montmerle fiel ihm ein. Je überzeugter der Vetter sprach, einen je wärmeren Ton seine Worte annahmen, desto ergrimmter wurde Alexander gegen ihn, desto unglücklicher fühlte er sich innerlich. Auffallend war es, wie die Physiognomie des Marienbruders während seiner Rede freier und intelligenter wurde – wie sie in jüngeren Jahren gewesen sein mochte. Die Brücke lag längst hinter den beiden, sie wandelten jetzt in den Anlagen am Fluß. Er lügt, er lügt, rief eine Stimme in Alexander. Gewiß ist kein wahres Wort an allem, was dieser Mensch sagt. Er glaubt es auch wohl selber nicht, er will mich nur irre machen. Wenn er's gut mit mir meinte, hätte er sich von Anfang anders gegen mich benommen, er ist ein Schleicher, »ein Gebärdenspäher und Geschichtenträger, die Unheil mehr in dieser Welt getan als Gift und Dolch in Mörderhand nicht konnten«, wie unser Schiller sagt. Alexander rief sich all sein seitheriges schönes Glück ins Gedächtnis und zürnte sich selber, daß ihn jener Scheelsüchtige auch nur ein Viertelstündchen lang darum betrügen konnte. Diese Halbpriester, sagte er sich dann, sind schlimm. Ohne durch die volle geistliche Würde und priesterliche Machtvollkommenheit entschädigt zu sein, dürfen sie, wie jene, nicht lieben und müssen jeden Glücklichen mit Neid verfolgen. Denn wahrlich, es heißt einem gemeinen Durchschnittsmenschen zuviel zumuten, in der Welt die Rolle des Heiligen zu spielen. Das kann immer nur eine elende Stümperei werden. Stümperei aber verdirbt in allem und jedem den Charakter und macht, daß so ein Mensch schlecht wird durch und durch, wenn er es von Haus aus auch gar nicht war. Selbst der wirkliche Priester, insofern ihm die innere Berufung fehlt, wird unversehens zum Schurken, während er in einer weltlichen Stellung eben nur ein ordinärer Mensch geworden wäre wie die meisten. Um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, brachte Alexander die Rede auf Herrn Tissot. Der fromme Vetter, der zum soundsovielten Male und mit vielen Umständen eine neue Prise Tabak nahm, zuckte die Achseln. Er machte eine Miene, die viel sagen sollte. Früher sei Tissot Notar gewesen. Was er jetzt treibe, wolle niemand recht wissen. Es gingen zwar allerlei Reden um, aber Stadtgerüchte würden ja oft böswillig verbreitet, man dürfe darauf nicht viel geben, am wenigsten dürfe man sie nachreden. Sicher sei nur, daß Herr Tissot seit dem Verkauf seines Notariats in Häusern spekuliere, mit Vorliebe in solchen mit Armeleutewohnungen. Und sicher sei auch, daß er sein Notariat nicht ganz freiwillig verkauft habe. »Aber das ist eine alte Geschichte«, sprach der Marienbruder mit vieldeutigem Augenzwinkern, »und ist längst Gras darüber gewachsen. Ich will auch gar nichts gesagt haben. Er hat ja immer noch einen Marquis von Auberoche zum Freund – oder Klienten, man weiß nicht genau. Nein, ich will gar nichts gesagt haben. Herr Tissot spielt sich ja in neuerer Zeit heimlich auf einen Atheisten hinaus oder gar auf den Saint-Simonisten oder Fourieristen oder wie sonst seine Heiligen heißen. Aber ehemals, da hat er seine zwei Töchter doch ins Kloster gesteckt, aber halt vielleicht nur, weil ihn das doch immer noch eine geringere Mitgift kostete, als wenn er sie verheiratet hätte.« Vetter Pankraz ließ eine Pause eintreten. Er machte geräuschvoll von seinem ungeheuer großen blau- und schwarz- gewürfelten Taschentuch Gebrauch. Darauf nahm er andächtig eine Prise. »Aber eine gute Handlung bleibt immer eine gute Handlung,« fuhr der fromme Bruder fort, »wenn auch die Absicht nicht ganz heilig ist. Auch in diesem Fall wird Herr Tissot, wie immer, spekuliert haben. Und nicht so übel. Er bekam damals für lange Zeit die Kundschaft des sämtlichen katholischen Adels in Stadt und Land. Aber ich will nichts gesagt haben. Mit dem Fräulein von Montmerle ... Nun, sehen Sie mich nicht so bös an, Herr Vetter, ich will ja nichts gesagt haben. Herr Tissot hat unstreitig das Verdienst, aus seinen zwei Töchtern fromme Klosterfrauen gemacht zu haben. Da darf unsereiner nicht zu streng mit ihm ins Gericht gehen. Die eine davon hat es sogar zur Äbtissin gebracht in einem Kloster der Karmeliterinnen in der Normandie, das eine Familienstiftung derer von Auberoche-Lescear sein soll, daher wohl die freundlichen Beziehungen des Marquis zu Herrn Tissot. Dieser Marquis ist nun freilich ein frommer Herr und ein reicher und mächtiger Mann. Man sagt, er sei ein besonderer Freund der Kaiserin Eugenie, deren politische Pläne er unterstütze. Er stand schon zweimal nahe daran, Minister zu werden. Als guter Katholik haßt er die Preußen, und den Ausgang des preußisch-österreichischen Krieges betrachtet er als das große Unglück Europas. Er denkt wie die Hinterwinkler, finden Sie nicht, Herr Vetter? Und Sie selber? Aber freilich, was so ein junger Künstler ist; Sie haben gewiß in Ihrem Leben noch keine Zeitung gelesen.« Alexander schwieg hartnäckig. »Apropos, der Herr Marquis von Auberoche,« nahm der Marienbruder von neuem seine Rede auf, »der hat ja freilich seinen Narren an Ihnen gefressen, trotz seinem Preußenhaß. Ich habe ihn gestern gesprochen. Er hat mir in bezug auf Sie eine Mitteilung gemacht, die Sie aber nicht erfahren sollen, da Sie mich doch nicht mehr besuchen. Und also, mit der Frau Marquise machen Sie auch Musik?« Dem guten Alexander ging es nach dieser kuriosen Rede wie ein Mühlenrad im Kopfe herum. In eine förmliche Aufregung versetzte ihn die rückhaltvolle Bemerkung wegen des Marquis von Auberoche. Was der Vetter wohl hatte sagen wollen? In bezug auf Herrn Tissot hatte ihn das Wort Notar vor allem frappiert. Dieses Wort wollte ihm gar nicht gefallen. Er hatte sich Tissots Beziehungen zur Welt romantischer gedacht. Recht verstimmt kam Alexander an diesem Tage nach Hause. Und wie es so geht, heute sollte ihn auch alles ärgern, selbst ein Brief von der Mutter Regine. »Was du von der vornehmen Gräfin, oder wie du sie nennst, neuerdings berichtest, klingt fast unglaublich,« hieß es in dem Schreiben, »und es wurde mir dabei recht bange um dich, und das Herz so schwer, ohne zu wissen warum, daß ich bitterlich weinen mußte. Der Vater schien diesmal auch gar nicht entzückt. Er sagte nichts, aber ich konnte ihm ansehen, daß ihm die Geschichte mit deiner ›Amselbergerin‹ nicht allzusehr behagte, als ob dabei etwas nicht recht sauber sein müsse. Und sei mir nicht bös, lieber Alexander, wenn ich so rede, es ist vielleicht recht dumm und einfältig, der Himmel gebe es, wir würden uns alle freuen, aber ich mußte dir als deine Mutter sagen, was ich auf dem Herzen hatte und daß du vorsichtig seiest.« * Unterdessen waren viele Wochen vergangen. Einmal klopfte Alexander wieder bei Theodosie an. Im Glauben, ihr » entrez ?« gehört zu haben, öffnete er die Tür. Ein heller Aufschrei heftigsten Erschreckens überraschte ihn, er sah eine nur halb bekleidete Gestalt in den Alkoven fliehen. Aufs äußerste bestürzt, stotterte er Entschuldigungen und wollte sich zurückziehen. Doch Theodosie forderte ihn auf, zu bleiben; sie sei nun schon erschreckt, mit ihrer Toilette werde sie sogleich fertig sein. Ganz selig über diese Güte und Nachsicht, setzte sich der junge Mann ans Pianino. Nach einer Weile drehte er sich um, er glaubte Theodosie hinter seinem Stuhle. Er hatte sich getäuscht, sie war noch nicht aus ihrem Allerheiligsten herausgetreten. Nicht das geringste Geräusch drang aus dem Alkoven hervor. Nur ihre Stimme hörte er jetzt. »Wie herrlich Sie doch gespielt haben«, rief sie heraus. Darauf wurde es drinnen wieder mäuschenstill. »Kommen Sie noch nicht?« fragte Alexander schüchtern. Keine Antwort. Alexander wartete. Hinter dem Vorhang blieb es still und regungslos; da flog's ihn plötzlich an, er wußte selbst nicht wie. Er war wie außer sich. Ihr Schweigen wirkte auf ihn wie eine Herausforderung. Er stand auf dem Sprunge, gleich einem Besinnungslosen in den Alkoven zu stürzen. Aber nein, er war nicht der Mann, das zu tun. Noch eine gute Weile dauerte es, bis das Fräulein von Montmerle im Straßenanzuge zum Vorschein kam. Sie blickte mißvergnügt. Ein spöttischer, fast böser Zug lag um ihre schmalen Lippen. Doch Alexander war auf diesem Felde weiblicher Psychologie noch allzu unerfahren, er war weit davon entfernt, das höhnische Zucken ihrer Mundwinkel zu deuten, noch zu ahnen, was die schöne Französin so gründlich um ihre gute Laune gebracht hatte. Aber verwundert war er doch über das Betragen der Schönen, und wie sich auch sein Gefühl dagegen sträubte, in seinem Gedächtnis tauchten gewisse Worte seines Vetters Pankraz empor und erweckten in seiner Seele fast schlimme Gedanken, die aber, wenn er die Freundin wieder anblickte und freundliche Worte von ihr empfing, zergingen wie ein Frühlingsreif in der Morgensonne. Doch bot sich bald eine neue Gelegenheit, wo Alexander so wenig wie diesmal aus dem Wesen der schönen Französin klug werden konnte. Zehntes Kapitel Ein richtiges Abenteuer und auch keins Das Fräulein Theodosie hatte mit Herrn Urban einen Vergnügungsausflug geplant, dessen Ziel eine berühmte Tropfsteinhöhle im Gebirge bildete, die Grotte d'Osselles. Im letzten Augenblick schien es ihr plötzlich einzufallen, ihren neugewonnenen deutschen Freund zur Teilnahme an der Partie aufzufordern. Selbstverständlich, daß Alexander diese Einladung nicht abschlug. Der Herr Urban sagte bei dieser Gelegenheit sein »Sehr erfreut!« mit dem verbindlichsten Lächeln von der Welt. Nur warf er gleichzeitig dem Fräulein heimlich einen Blick zu, der selbst dem unerfahrenen Alexander auffiel. Auf dem Wege zum Bahnhof erinnerte sich dieser Herr Urban auf einmal, daß er noch einen kleinen Geschäftsgang zu machen habe, wozu nach seiner Meinung die Zeit gerade noch reichte. Er bat die beiden, ihren Weg fortzusetzen, am Bahnhof wollte er sie wieder treffen. »Sie werden sehen, er läßt uns im Stich«, sagte Theodosie beim Weitergehen. »Warum sollte er?« »Ihn hat es geärgert, daß ich Sie eingeladen, aber wenn er nicht kommt, tant pis , so gehen wir allein.« Er kam in der Tat nicht, und Alexander und Theodosie fuhren ohne ihn ab. In ungefähr einer halben Stunde hielt der Zug auf der Station Osselles. Das Fräulein von Montmerle und ihr Begleiter waren die zwei einzigen Personen, die an dem Orte ausstiegen. Die Haltestelle lag einsam auf der Höhe über dem Fluß. Dorfschaften schienen auf den Hochflächen in stundenweiter Entfernung entweder nicht vorhanden oder waren hinter kleinen Gehölzen versteckt, die da und dort dunkle Kleckse bildeten inmitten goldener Weizenfluren; nur aus beträchtlicher Entfernung sah von bergartigen Erhöhungen ein mittelalterliches, noch ummauertes Landstädtchen wie ein in blauen Duft gemaltes Bild herüber. Das der Station den Namen leihende kleine Dörfchen Osselles wurde den beiden Wanderern erst sichtbar, nachdem sie auf einem wenig befahrenen Hohlweg einige hundert Schritte zurückgelegt hatten und nun auf steil abfallender Steige in das Flußtal hinunterschritten. Die aus kaum mehr als einem Dutzend Häuser und einem elenden Kirchlein bestehende Ansiedlung, wofür die französische Sprache den heimelig klingenden Namen Hameau hat, lag in einem sonnigen Winkel des engen, felsenumschlungenen Tals. An den Häusern von Osselles sah Alexander von Hinterwinkel zum ersten Male französische Dörflichkeit. Die massiven, jedes Schmuckes entbehrenden Steinmauern, woraus die Häuser bestanden, hatten etwas Schwerfälliges, etwas Düsteres und Dumpfes gegen die hölzernen Bauernhäuser seiner Heimat. Statt der langen Reihen blinkender Fenster, die daheim mit schimmernden Linnen verhängt, mit Levkoje, Geranien und Gelbveigelein bestellt zu sein pflegten, gewahrte Alexander hier nur einzelne unregelmäßige, unsymmetrisch verteilte Löcher. Eines der Häuser, an denen sie vorüberkamen, schien ein Wirtshaus zu sein: es trug über der Tür eine schwarze Tafel mit krakelig geschriebener, weißer Inschrift, also lautend: Mme. Louise Louvegarde Vve. loge les voyageurs , und Alexander ahnte nicht, daß er in dem finstern Hause mit der unbeholfenen Aufschrift bald ein Abenteuer erleben werde, wie er sich nie eines geträumt, obwohl er doch in dieser Tätigkeit – des Abenteuer-Träumens – sein Leben lang nicht faul gewesen. Dann hatten sie Osselles im Rücken und wanderten auf sanftem Wiesenpfade dahin. Ihr Weg näherte sich bald den schilfreichen Ufern des Flusses, bald den hohen, schroffen Felswänden der Talgrenze, die entweder in weißer, glänzender Nacktheit aufragten oder sich von Föhren und Buschwerk bedeckt zeigten. Es war kurz vor der Heumahd und das Tal lag in menschenferner, schweigsamer Einsamkeit. Die steilen, weltabschließenden Wände ringsum mit ihren wilden Rosengehegen und blühenden Weißdorndickichten, durch die keines Menschen Fuß zu dringen imstande schien, die dazwischen sich dehnenden Wiesen und darüberhin millionenfaches Geleucht und Gefunkel von Blumenkelchen, daraus unzählige Sommerfalter lichtberauscht taumelnd emportauchten wie aus Zauberbann zur Freiheit sich losringende Blumenseelen, und hier und dort zwischen dem Schilf, einem schlaftrunken aufnickenden Auge vergleichbar, das Hervorblinken der tiefdunkelgrünen Flut des träg dahinschleichenden Flusses, drin weiße Wasserlilien wie heraufgestreckte Nixenhände feucht schimmerten: diese ganze Szenerie deuchte Alexander zugleich fremd und heimelig, erschien ihm wie eine vergrößerte, verschönerte, erhöhte Landschaft der Heimat. Ein leises Flüstern und Raunen im Schilf, ein eigentümlicher Plätscherton, von Zeit zu Zeit durch einen Fisch veranlaßt, der geheimnisvoll aus dem reglosen dunkelgrünen Wasser aufschnellte und in der Sonne funkelte wie ein von neckender Nixe heraufgeworfenes Silberstück; das Zirpen der Grillen und das leise, unbestimmte Summen unendlicher Käfer-, Mücken- und Bienenvölker; der Gesang einer Grasmücke auf schwankendem Halm; hie und da der Pfiff eines kreisenden Gabelweihs oder der Kolkruf eines hoch hinsegelnden Edelraben: Dies waren die einzigen Stimmlaute der Welt, durch die die beiden dahinzogen, vielleicht mit dem unbestimmten dunklen Gefühl in der Brust, in einen Zauberkreis eingetreten zu sein, vor welchem alle einschränkenden Gesetze der Menschenwelt zurückbleiben mußten, jedenfalls aber mit dem beseligenden Bewußtsein des gemeinsamen Besitzes einer außerordentlichen Gegenwart, die in einem erhöhten Gefühle leicht zur Ewigkeit wird. Einmal stand hart am Flußufer ein einsamer Ahorn, und Theodosie schlug vor, unter seinem Schutze eine kurze Rast zu halten. Aus der kurzen wurde eine lange. Und hier in dieser heiligen Einsamkeit, in dieser Stunde des ersten vollen Vertrauens nannte Alexander der forschenden Freundin auch Olgas Namen. Er sprach von der alten Kameradin als derjenigen Mädchenerscheinung, die zuerst in ihm ein traumhaft knospendes Ahnen dessen in ihm erweckt, was ihm jetzt so lebendig in Sinn und Seele blühte. Er sprach von ihr wie von einem lieblichen, durch später daraufgefallenen Reif und Schnee zwar etwas verdorbenen, aber unter der Decke doch fortlebenden und fortblühenden Erinnerungsblümchen. Theodosie schien an dem armen deutschen Vergißmeinnichtchen mit seinem kindlich-frommen Blauaugenschimmer kein Mißfallen zu haben. Sie dachte sich dieses Blümchen aber keineswegs als lebendig, sondern als vertrocknet und vergilbt im Lebensbuche liegend, auf einem Blatt, über das längst weitergeblättert ist, auf das man nie wieder zurückkommen wird. Doch hütete sie sich sehr, dies auszusprechen. Dem Freund aber war's ganz heimelig zumute. Das Gedächtnis des früheren so unschuldigen Verhältnisses erschien ihm wie eine Weihe des gegenwärtigen, er fühlte sich unendlich glücklich und würde noch lange an keinen Aufbruch gedacht haben, wenn nicht Theodosie endlich daran erinnert hätte. Nun sahen sie bald in der Ferne die einsame Mühle, wo sie den Schlüssel zur Höhle, die nötigen Fackeln und einen Führer bekommen sollten. Sie beschleunigten ihre Schritte, der Gedanke an das bevorstehende außerordentliche Schauspiel und vielleicht noch eine andere Empfindung versetzte beide in eine gewisse Aufregung. In der Mühle mußten sie gegen die herabtropfende Feuchtigkeit der Höhle eigens zu dem Zwecke bereitgehaltene schwarze Kapuzenmäntel anlegen, in denen sie höchst komisch aussahen, so daß sie in ein lustiges Lachen ausbrachen, als sie sich gegenseitig in dieser Vermummung betrachteten. Theodosies Gesicht sah entzückend unter der Kapuze hervor; es schien soviel schmaler und zarter als gewöhnlich, um ihren frischen Mund lag ein schelmischer Ausdruck, ihre blitzenden Augen sprachen von einer übermütigen, unternehmungslustigen Heiterkeit. Auf dem Wege zur Höhle berichtete der zum Führer mitgegebene Gesell, ein kaum viereinhalb Fuß hoher dienstbarer Geist der Mühle, daß sie die Höhle für dieses Jahr einweihten als die ersten Besucher in diesem Sommer. Wirklich war der Eingang, den sie in einem schwachen Viertelstündchen nach kurzem, aber steilem Emporklettern an den felsigen Talwandungen erreichten, von umstehendem Wacholder- und Weißdorngestrüpp so verwachsen, daß der Zwerg Mühe hatte, die Tür freizubekommen. Man mußte den Eingang eigentlich einen Einschlupf nennen, nicht nur in Hinsicht auf den dornverwachsenen Zugang, sondern auch auf die Größe der Öffnung selber, die nur schlüpfend oder kriechend, Kopf oder Bein voran, wie man es nach seiner Individualität gerade vorzog, passiert werden konnte. In der Nähe kletterten kräutersuchende Ziegen, ihr Hirte saß auf einem Felsblock; er schien ein Trottel zu sein, ein halb Blödsinniger, der den Fremden grüßend zunickte, wobei ein wahrhaft beängstigendes Grinsen über sein Gesicht lief, als sei er der böse Geist des Gebirges und die Wanderer im Begriff, in seine Schlinge zu fallen. Sie hatten die Fackeln angezündet, und der führende Knirps schlüpfte voraus, das Fräulein von Montmerle und Alexander folgten. Beim Fackellicht sich umblickend, gewahrten sie sich in einer engen Felsspalte mit ziemlich hochgelegenem, nicht gerade leicht zu erreichendem Loch, durch das man ebenfalls hindurch mußte. Auch hier kroch ihnen der Führer voran. Wie er in dem engen Felsloch ihren Augen entschwand, glichen die zuletzt nachgezogenen dünnen Beinchen zwei kahlen grauen Rattenschwänzen. Alexander neigte sich zu Theodosiens Ohr und fragte leis: »Würdest du auch allein mit dem Zwerge durch die Höhlen gehen?« Es war scherzhaft gesprochen, aber er fühlte, wie ein frostiges Erschauern ihr durch die Glieder ging. Droben in der Spalte sah jetzt der Gnom, durch den roten Fackelschein phantastisch beleuchtet, freundlich herunter mit der Aufforderung, ihm zu folgen. Dann aber waren sie selber glücklich durchgekrochen, und im ersten Augenblick wußten sie sich vor Erstaunen nicht zu fassen. Sie standen in einer weiten Halle, an die sich ein gewundener labyrinthartiger Gang anschloß. Gewaltige Säulen und Pfeilerbündel schienen die Gewölbe zu tragen, die, den rötlichen Schein der Fackeln zurückwerfend, mit den Millionen daranhängenden Tropfen wie von unzähligen Diamanten und Rubinen funkelten. Ganz in Verwunderung getaucht, standen Alexander und Theodosie neben dem zwerghaften Führer in dem kurzen Mäntelchen, beide selber in befremdende phantastische Vermummung gehüllt. Aus den Winkeln fauchten Fledermäuse auf und schwirrten ihnen am Gesicht vorüber; in atemloser Erregtheit, wie zählend, horchten sie auf den melancholischen Tropfenfall in der Ferne, wo ein schwarzes, faules Gewässer einen letzten schwachen Widerschein ihrer Fackeln aufwarf. »Wir wollen nicht mehr hinaus«, flüsterte Alexander, und in der dunkeln Empfindung seines trunkenen Herzens war es ihm seltsam ernst mit diesem Wort, als ob ein leisfernes Ahnen in ihm aufdämmerte, daß ihm das warme Leben an seiner Seite in der Welt dort oben, die ihm nicht gehörte, durch unbegriffene Gewalten wieder entrissen werden könnte. »Willst du, Theodosie?« flüsterte er wieder. »Es müßte schön sein«, raunte sie an sein Ohr. »Du willigst ein?« fragte er aufgeregt von neuem. »Ja«, antwortete Theodosie wie im Traum. Sie mußten endlich ihrem Führer folgen, der, mit seiner Fackel durch die tausendfältigen Labyrinthe ihnen vorausleuchtend, sie auf schmale Bänke und Stege aufmerksam machte, vor gähnenden Abgründen und Seetiefen warnte, auch dazwischen Märchen und Sagen erzählte, und all die phantastischen Tropfsteingestalten um sie herum mit ihren Namen nannte, als etwa hier den »Reiter ohne Kopf«, dort die »Frau des Loth«, jetzt eine »Teufelskanzel«, dann eine »Geisterorgel«, einen »Napoleonshut«, einen »Mönch mit der Nonne« und andere. Nach stundenlanger Wanderung näherten sie sich wieder dem Ausgang der Höhle. Als sie durch die letzte in die Vorkammer führende Spalte schlüpften, hörten sie den vorausgegangenen zwergigen Knappen erschreckende Töne ausstoßen, und bald erfuhren sie auch deren Veranlassung. Sie war eine sehr seltsame und bedenkliche. Im ersten Augenblick wollten die Übermütigen sie gar nicht glauben und lachten, aber bald konnten sie nicht mehr zweifeln: die Tür zum Eingang der Höhle war verschlossen. Da standen sie und schauten sich an. Alexanders phantastische, vielleicht frevelhafte Wünsche schienen in Erfüllung zu gehen. Sie lachten aber nicht mehr. Ihre Lage gewann für sie immer mehr ein bedenkliches Aussehen; denn wenn auch der kinderhafte Gedanke, als ob die Müllersleute eine Art Menschenfresser oder sonstige Ungeheuer seien, die die Höhlenbesucher zum Abschlachten einschlössen, nicht ernstlich in Betracht kam, so war doch das absolut Unerklärliche und Rätselhafte an der Tatsache immerhin noch unheimlich genug. Übrig blieb nichts, als in Geduld zu harren, wie sich das Mysterium aufhellen möchte. Da die Vorkammer nur eine enge Felsspalte bildete und der gleichzeitige Aufenthalt dreier Personen darin nur in ermüdendster Stellung möglich fiel, ermunterte Alexander die Freundin, wieder in die hohe Halle zurückzukehren. »Hast du Angst?« fragte er mit vor Erregung zitternder Stimme. »Ohne dich müßte ich vergehen,« war ihre Antwort, »so ist mir nicht bang.« Sie ließen sich in der ersten Halle auf einer Art Steinbank nieder, und das Fräulein von Montmerle, wie ein Kind, das sich vor der Finsternis fürchtet, schmiegte sich enger an den Freund an; er hielt stumm ihre Hand, sie damit gleichsam noch besonders von seiner Gegenwart zu versichern. Die Fackeln hatte Alexander in einen Riß am Boden aufgesteckt. Ihr rotes Licht erhellte die Finsternis nicht bis zu ihrem völligen Verschwinden, sondern schien sie nur mit lichten Fäden zu durchweben und sichtbarer zu machen. Dagegen warf die Wasserlage, über welcher die Fackeln glommen, Feuerschein, wie aus unendlicher Tiefe herauf, wie von dem Glast und Glanz versunkener Schätze. In mattfeuchtem Schimmer standen die zopfigen Tropfsteinsäulen und an der Decke quirlte und wölkte sich der fahle Qualm der Fackeln und lockte mit seiner beizenden Durchdringlichkeit aufs neue die huschenden Fledermäuse aus ihren Löchern. In Alexander verschwand bald nach der ersten Überraschung jedes beunruhigende Gefühl. Das außerordentliche Erlebnis erfüllte ihn im Gegenteil mit immer größerer Genugtuung, es war ein Erlebnis ganz in seinem Sinne. Er konnte Theodosie nicht begreifen, die erst in kindischer Furchtsamkeit leis zu weinen schien und dann in auffallender Weise immer schweigsamer wurde, zuletzt ganz verstummte, wovon denn, wie es so geht, auch der Freund nach und nach angesteckt wurde. Er fand sich darein; denn sollte er auch die Stimme der Freundin nicht vernehmen, so fühlte er doch deutlich ihre innige körperliche Nähe, und die Stummheit erhöhte die Stimmungsgewalt der Situation. Er für sich mochte ganz gern so lang als möglich in dieser Weise verweilen. Das Erlöschen der Fackeln, worauf die schwärzeste Finsternis sie einhüllte, änderte hierin nichts, nur daß die geängstigte Freundin an seiner Seite nun noch öfter seine Hand drückte und immer leiser lispelte, wenn sie von Zeit zu Zeit versicherte, wie glücklich sie sei, ihn neben sich zu wissen. »Wir wollen uns etwas erzählen,« meinte Alexander, »so verginge die Zeit uns angenehmer.« »O nein,« bat sie mit bangem Flüstern, »die Worte klingen so schauerlich, das Echo macht mir Angst, nein, nicht reden.« Eine geraume Zeit – sie hätten beide sie nicht zu schätzen gewußt – verging so, dann hörten sie plötzlich dumpfe Stimmenlaute, dann heftiges Gepolter und das Geräusch eines umgedrehten Schlüssels, sie sollten also erlöst werden. Sie fanden vor der Höhle die dicke Müllerin, die aus Rührung fast weinte, als sie die Eingesperrten vergnügt und wohlbehalten aus dem Grabe steigen sah, dann bat sie flehentlichst um Entschuldigung, sie sei unschuldig, ihr Ziegenhirt, ein schwachsinniger armer Teufel, habe die Tür verschlossen, man wisse nicht aus Bosheit oder Dummheit, doch sei das letztere wahrscheinlicher. Nachdem Alexander und Theodosie in der Mühle ihre Vermummungen abgestreift, den Führer belohnt und von den angebotenen Erfrischungen ein Geringes angenommen halten, machten sie sich, während es bereits zu dämmern begann, auf die Rückreise. Theodosie blieb auch jetzt schweigsam; auf die Gesprächsanknüpfungen ihres Begleiters antwortete sie einsilbig und zerstreut. Es wurde unterdessen sehr spät, und gleichzeitig, während vor ihnen die dunkle Hand der Nacht den zurückgelassenen letzten Dämmerschein der untergegangenen Sonne am Himmel hinwegwischte, stieg hinter ihnen der Vollmond über die Föhren der Talkrönung herauf und goß, indem er ihnen die eigenen Schatten gespensterhaft vor die Füße warf, sein bleiches Lichtgeriesel um die weißen Felsen jenseits des Flusses, um die Schilfrispen des Ufers. In dem andern Lichte schien indessen das ganze Tal ein anderes, ein fremdes. Die leichten Nebelstreifen über dem Fluß, vom Mondschein durchrieselt, glichen in der Ferne weißlichen Segeln von gespenstisch auf dem schwarzen Strom hinziehenden Geisterschiffen. Auch Theodosie von Montmerle schien immer mehr wie verändert; verschlossen und kalt schritt sie an der Seite ihres Begleiters. Dieser dagegen trug von dem phantasiebefruchtenden Abenteuer her eine große Erregtheit im Gemüt, die durch Theodosies kalte Schweigsamkeit je länger je höher gesteigert wurde. Eine Zeitlang schwieg er ebenfalls, dann versuchte er von neuem ein Gespräch anzuknüpfen. Er äußerte lebhaft sein Bedauern, daß ein romantisches und zuletzt so glücklich verlaufenes Erlebnis wie ihre unterweltliche Einsperrung das Fräulein verdrießlich gemacht zu haben scheine, er könne dies nicht begreifen. »Sie sind ein echter Deutscher, ein Phantast«, war die trockene Antwort des Fräulein von Montmerle. Und sie wandelten stumm weiter. Nach zwei Stunden sahen sie endlich die Lichter von Osselles in der Ferne blinken. Da auf einmal blieb Theodosie stehen und blickte ihren Begleiter einige Sekunden lang starr an. »Wie gescheit!« platzte sie dann heraus und lachte. »Unser Abenteuer scheint noch lange nicht am Ende zu sein. Wir sind alle beide rechte Kinder, die in die Nacht hineinlaufen und nicht denken, daß der Bahnzug längst abgefahren sein muß, der letzte, der auf der Station Osselles hält. Der famose Höhlenarrest, der Sie so entzückt hat, wird nun reizende Folgen haben.« Sie sprach es fast wie im Hohn. Alexander mußte gestehen, daß er sich um Eisenbahnfahrpläne nicht gekümmert, sondern die Sorge dafür seiner Dame überlassen hatte, wie wenig ritterlich dies auch sein mochte. Den beiden blieb also nur die Alternative, entweder unter freiem Himmel oder bei der Witwe Louise Louvegarde qui loge les voyageurs zu übernachten. Alexander stimmte für den Himmel. Theodosie für die Louvegarde, und da man sich in Frankreich befand, wo nach dem Sprichwort die Frau immer recht behält (wie sonst bekanntlich nirgends auf der Welt), wurde nach langem Hinundherreden beschlossen, der weiblich wirtlichen Witwe, wie Richard Wagner gesagt hätte, das gemeinsame Schicksal für die Nacht anzuvertrauen, wenn anders man nicht abgewiesen würde. Es mochte zwischen elf und Mitternacht sein, als Alexander von Hinterwinkel und Theodosie von Montmerle durch den finstern Hof der stillen, einsamen Dorfherberge einen Weg suchten, denn schon war auch der Mond wieder untergegangen; nirgendwo winkte einladendes Licht und die Suchenden stießen bald rechts, bald links an, ehe sie an eine steinerne geländerlose Treppe gelangten, wo sie sich mühsam hinauftasteten. Oben führte die offene Haustür in einen stockfinstern Gang, und es wäre unmöglich gewesen, einen Schritt weiter zu tun, hätte Alexander nicht eine Lichtritze in der Finsternis bemerkt. Er tastete auf dieselbe zu und fand glücklicherweise eine Tür, die sich öffnete. Da sahen beide in eine weite, schwach erleuchtete Küche. Am Kamin unter ungeheurem Rauchfang glommen noch ein paar Brände, und neben dem auf dem Küchentisch flackernden Lämpchen saß schlafend eine rotgesichtige dicke, schnurrbärtige Frau – die Witwe Louise Louvegarde. Da Alexander zögerte, übernahm es das Fräulein von Montmerle, das Monstrum zu wecken. Ein unbestimmter grunzender Ton war das erste Lebenszeichen der nur langsam zu sich selber kommenden Frau. Nach dieser Einführung konnten die beiden Nachtwandler sich glücklich schätzen, schon fünf Minuten später in der Gaststube und in Erwartung eines Nachtessens vor einem Unschlittlicht, weißgedecktem Tische und sauberen weißen Tellern zu sitzen. Alexander sprach auch ganz lustig über seine Lage, das heißt über die zu erwartende nächtliche auf dem langen Tische, wo man vorher zu Nacht essen wollte; denn die Witwe Louise Louvegarde hatte nur ein einziges Zimmer zur Verfügung. Der tapfere Schwabe schien einen in der Stubenecke schnarchenden Mann, von dem er nichts weiter erkennen konnte als eine rotweißgestreifte Bluse, wie sie daheim die Metzger zu tragen pflegten, gar nicht zu bemerken, um nicht etwa in mitleiderweckender Weise anzudeuten, daß ihn dieses Schnarchen in seinem späteren Schlaf stören könne. Er hätte, wenn von Theodosie die Rede auf den Schnarcher oder Röchler in der dunkeln Ecke gebracht worden wäre, lustig geschworen, daß er sich keinen lieberen und angenehmeren Schlafkameraden denken könne. Das Fräulein von Montmerle blieb schweigsam. Und befremdlich schweigend hielten beide ihre kurze Mahlzeit. Da aber rückte plötzlich Theodosie von Montmerle ihren Stuhl näher an Alexanders Seite, und ihre Hand, die leise zu zittern schien, ergriff die seinige. »Sie dürfen nicht hier in der Stube bleiben, Alexander,« sagte sie mit weicher Stimme, »es ist unmöglich.« »Warum denn?« lautete Alexanders hastig abwehrende Erwiderung. Er fürchte sich nicht, das Fräulein dürfe seinetwegen ohne Sorge sein. Aber Theodosie von Montmerle blieb dabei, den Freund dieser Lage nicht überlassen zu wollen. Das Gastzimmer der Madame Louvegarde enthalte zwei Lagerstätten, Alexander müsse eine davon annehmen, sie habe es fest beschlossen, alle Widerrede sei unnötig. Alexander, im tiefsten gerührt von soviel Güte, wollte mit einem stummen Händedruck danken. »Lassen Sie das, mein Herr,« sprach das Fräulein in einem ganz eigentümlichen Tone, »verschieben Sie Ihren Dank auf morgen, ich will hoffen, daß er mir dann noch angenehm sein wird; ich hoffe es für mich und für Sie.« Sie sprach das letztere mit besonderem Nachdruck und sah den jungen Schwaben dabei bedeutungsvoll an. Für den aber blieben sowohl Wort als Blick gänzlich bedeutungslos; umsonst suchte er ihnen einen Sinn unterzulegen. »Sie reden geheimnisvoll«, gestand er offenherzig. Das Fräulein von Montmerle lachte laut und übermütig. » Tant mieux «, sagte sie dann. » Tant pis « wäre richtiger, korrigierte der Deutsche ihr Französisch. »Möglich«, schloß sie lakonisch mit einem Kräuseln der Lippen, das Alexander schon einigemal aufgefallen war und das ihn immer unangenehm berührte, er wußte selber nicht warum. Die Wirtin führte beide zu dem versprochenen Zimmer. Vor der Tür hielt das Fräulein von Montmerle einen Augenblick an. »Ich will Ihnen noch etwas sagen, Herr Alexander,« sprach sie flüsternd, »ich stehe im Begriff, Ihnen ein außerordentliches Vertrauen zu schenken, vielleicht sollte ich nicht. Sie verdanken dieses Vertrauen dem, was ich bei unserm Verweilen in der Unterwelt von Ihnen erfahren habe; hoffentlich haben Sie dort nicht gelogen und halten in der Oberwelt, was Sie in der Nacht der Katakomben versprochen haben.« Alexander wußte nicht, was er sich bei diesen Worten denken solle. Die Stube, in die sie nun mit der Wirtin eintraten, zeigte sich ziemlich geräumig, und die beiden Betten, wovon die Witwe Louvegarde gesprochen, standen in zwei entgegengesetzten Ecken. Die Wirtin war abgetreten. »Hier, mein Herr,« sagte Theodosie nach der einen Seite deutend, »und gute Nacht!« Der Herr wollte noch etwas sagen. »St!« machte sie, »gute Nacht!« Und damit erlosch das Licht in ihrer Hand. * Alexander hatte sich in den Kleidern auf sein Lager gestreckt und grübelte nach, was er wohl in der Höhle gegen Theodosie geäußert haben möchte, worauf ihre Rede vor der Tür bezogen werden könne, aber wie er auch sein Gehirn abquälte, es wollte ihm nichts beifallen; darüber schlief er ein. Als er aufwachte, lag heller Sonnenschein im Zimmer. Theodosie schien noch zu schlafen. Über der Stuhllehne vor dem Bette hing ihr Kleid von schwarzer Seide, daneben standen die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen. Statt des Kleides hatte Theodosie ihren Schal um sich geschlagen, so ruhte sie in anmutiger Lage. Er erhob sich; er stand mit verhaltenem Atem und betrachtete die Ruhende. Gern hätte er es näher getan, aber er wagte nicht, einen Schritt zu machen; ein nie gekanntes Schauern überfiel ihn. Einen Augenblick lang blitzte es frevelhaft in ihm auf, es war ihm, als sollte er den Arm küssen, der sich blütenweiß unter der Hülle hervorstreckte; doch bann erschrak er vor diesem Gedanken wie vor einem Verbrechen, und nach kurzem Zaudern erreichte er auf den Spitzen seiner Zehen die Tür, öffnete sie mit ängstlicher Vorsicht und entfernte sich. In der Gaststube erwartete er Theodosie. Es dauerte lange, bis sie erschien, und als sie dann kam, begrüßte sie den Freund fast mit Zurückhaltung; sie schien mißvergnügt. Ob sie nicht gut geschlafen habe. Sie lachte seltsam. Was ihm einfalle, sie habe nicht daran gedacht zu schlafen. Alexander begriff davon abermals nichts, er hatte vortrefflich geschlafen, und die ganze Nacht. Aber vielleicht hatte er geschnarcht und Theodosie dadurch am Schlafen verhindert. Doch dieser Gedanke kam ihm glücklicherweise nicht, so konnte er darüber auch nicht unglücklich werden. Während des Frühstücks blieb das Fräulein von Montmerle wortkarg; dann äußerte sie plötzlich den Entschluß, auf einen Sprung zum Besuch einer Freundin nach Saint Féréole zu fahren, um erst am Abend in die Stadt zurückzukehren; Alexander möge ihr einstweilen dahin vorausgehen. Den Herren Tissot könne er sagen, daß man sich schon am Abend getrennt habe; dies werde das Kürzeste sein und keine Erklärungen nötig machen. Beide gingen miteinander zum Bahnhof, wo Theodosie zuerst abfahren sollte. Unterwegs wagte Alexander, auf ihre gestrigen rätselhaften Bemerkungen zurückzukommen; Theodosie werde doch nicht ... »In ihren Voraussetzungen getäuscht worden sein,« fiel sie ihm kalt lachend in die Rede, »beruhigen Sie sich, Herr Alexander, Sie haben, was Sie mir in der Unterwelt versprochen, hier oben vollkommen gehalten, vollkommen, musterhaft; ich mache Ihnen mein Kompliment, Sie sind ein ritterlicher Deutscher, Herr Alexander.« Und die schöne Französin lachte ausgelassen mit leisem Durchklingen eines bittern Tones. So werde sie nun doch aufrichtigen Dank nicht verschmähen. »Gar nicht nötig!« lautete ihre trockene Erwiderung. Der Zug fuhr an, sie stieg ein, ohne auch nur noch einmal nach Alexander umzublicken. In nicht geringer Beunruhigung kam Alexander nach Hause. Etwas wie ein unbestimmter Stachel war von den Eindrücken der letzten Erlebnisse in ihm zurückgeblieben. Daß er Theodosie Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben, fühlte er dunkel, ohne doch zu erraten, worin seine Schuld bestehen sollte. Um so höher beglückte es ihn, Theodosie bei ihrer Zurückkunft liebenswürdiger und zutraulicher zu finden als je. Elftes Kapitel Die Vögel vom Parke Saint-Amour Immer mehr dünkten Alexander die Stunden, die er nicht zusammen mit dem Fräulein von Montmerle verbrachte, wie Pausen eines Musikstückes, die, wenn sie auch zur Komposition gehören, doch keine Musik sind. Wenn er sie gar zu einer verabredeten Stunde nicht zu Hause fand, wurde er todunglücklich. Nach langer Zeit, mehr als ein halbes Jahr war bereits darüber verstrichen, war das heute wieder einmal der Fall. Durch die Magd erfuhr er, das Fräulein sei gleich nach Mittag weggegangen. Einsam und trübselig verbrachte Alexander die Zeit bis zum Abendessen. Da er auf Theodosies baldige Rückkunft hoffte, blieb er auf seinem Zimmer; doch umsonst wartete er von Stunde zu Stunde. Tissot war vor drei Tagen nach Paris gereist, wo seine zwei jüngeren Söhne wohnten, und Herr Urban befand sich auf einer Amtsreise mit seinem Vorgesetzten. Also sah Alexander auch einer einsamen Mahlzeit entgegen. Vor seinem Weggehen schrieb er an Fräulein Theodosie ein Billett, das er der Magd übergab und worin er das Fräulein bat, daß sie ihm bis zum Pont Saint-Amour entgegenkommen möchte, wo er sie nach seinem Essen, sie selber ließ sich von der Magd kochen und auf ihrem Zimmer servieren, zu einem Spaziergang in den Park erwarten wolle. Als Alexander in den »drei schwarzen Mauleseln« das obere Zimmer betrat, fand er es nicht leer. An dem Tisch vor dem Balkon saßen zwei Damen. Sie mußten aber wohl dem Neueintretenden ansehen, daß er gewöhnt war, an jenem Platz zu sitzen, denn sie machten sofort Anstalten, ihm den Tisch zu räumen. Der bescheidene Deutsche wollte dies nicht zulassen. Aber sie bestanden darauf. Und nach längerem Hinundherstreiten erklärte die eine: es hätten ja am Ende alle drei Platz an dem bevorzugten Tische, vorausgesetzt, daß der Herr ihre Gesellschaft nicht verschmähe. Dazu hatte der Herr keinen Grund; er folgte gern dieser Einladung, ganz entzückt von der Liebenswürdigkeit der hübschen Französinnen. Der Aufwärterin erklärten die zungenfertigen Damen, daß sie mit Monsieur dinierten. Die beiden hübschen Tischgenossinnen wurden bald über alle Maßen lustig; sie schwatzten und lachten in einem fort. Sie schenkten ihrem etwas linkischen Kavalier immer aufs neue das Glas voll und verschmähten selber den Wein nicht; es ging fast mutwillig zu. Der schüchterne deutsche Jüngling fühlte sich nicht gleich behaglich. Doch nach und nach elektrisierte auch ihn das ungewohnte Wesen, und er bedauerte nur, von dem übermütigen Durcheinander-Gezwitscher kaum die Hälfte zu verstehen. Auf einmal sprach man von Herz und Liebe. Ob der junge Herr eine Geliebte in der Stadt besitze, oder ob er sein Herz, um es in der Fremde nicht zu verlieren, in Schwaben zurückgelassen habe, im Schwarzen Wald daheim, in der wilden Forêt-Noire . Und dann schien den ausgelassenen Damen der Wein in den Kopf oder vielmehr in die zierlichen Füßchen gestiegen zu sein. Diese verloren immer mehr ihre Orientierungsfähigkeit und stellten sich, eins ums andere, statt auf den Boden, auf die Zehen des männlichen Tischmitglieds. Als man endlich aufbrach, forderte die schönste der lustigen Schönen Alexander auf, ihr seinen Arm zu geben. Die Damen mußten in den »drei schwarzen Mauleseln« bekannt sein; Alexander sah nicht, daß sie ihr Nachtessen bezahlten. Und so taumelten sie den Kai entlang, durch den Garten der »Heiligen Liebe« gegen die gleichnamige Brücke. Ob er allein wohne, fragte ihn seine Nachbarin zur Linken. Das müsse langweilig und traurig sein, da bekäme er sicher Heimweh, der Herr solle doch mit ihnen kommen, sie wollten ihm den Abend angenehm machen. Die plötzliche Einladung verblüffte den Sohn des Jakob Schmälzle aus Hinterwinkel ein wenig. Er fand nicht gleich etwas zu erwidern. Dann: Was denn ihre Eltern dazu sagen würden? Darüber lachten die hübschen Begleiterinnen. Eltern hätten sie nicht, erklärte die eine, aber Brüder und Schwestern, er solle ihnen doch das Vergnügen machen, die Familie würde ihm sicher gefallen. Leider sei es ihm unmöglich, er habe bereits eine Zusammenkunft mit jemand verabredet. Das müsse eine Ausrede sein, denn vorhin habe er nichts davon gesagt. Alexander hätte sich gern verabschiedet, aber er konnte seinen Arm nicht frei machen. Seine Begleiterin hielt ihn fest und drückte ihn gegen ihre Brust. Die andere flüsterte ihm lachend etwas ins Ohr, was er nicht verstand. Doch durchzuckte ihn plötzlich ein garstiger Gedanke. Er hatte ja wohl von solchen Sachen einmal gehört. Wenn es möglich wäre? In diesem Augenblick fühlte er seinen Arm losgelassen und sah sich allein. Ein uniformierter Mann der öffentlichen Ordnung, der über den Pont Saint-Amour kam, schien die beiden Lachtauben erschreckt und verscheucht zu haben. Da begriff Alexander, daß die beiden lustigen Vögel in den »drei schwarzen Mauleseln« auf seine Kosten nicht nur gelacht, sondern auch gegessen und getrunken hatten. Und mit Schrecken fiel ihm ein, daß es sehr spät sei, weit über die Stunde seiner Verabredung mit dem Fräulein von Montmerle. Und wie, wenn sie ihm entgegengekommen war! Er konnte daran kaum zweifeln. Dann mußte sie ihn mit den beiden Damen zusammen gesehen haben. Ein unsagbarer Schrecken befiel ihn bei dem Gedanken. Und siehe, als er einmal zurückblickte, sah er die Freundin von den drei Mauleseln her auf sich zukommen. Zögernd ging er ihr entgegen und wollte sich ihr nähern. Sie aber vermied seinen Blick, und seines Grußes nicht achtend, schritt sie mit hochgerötetem Antlitz an ihm vorüber. * »Was haben Sie denn unserem schönen Fräulein zuleide getan?« fragte Tissot am andern Tage beim Essen in den »drei schwarzen Mauleseln«. Er war in der Nacht von Paris zurückgekehrt. Der junge Deutsche erschrak nicht wenig bei dieser Frage; er vermochte nichts zu antworten. »Ich meinte nur so,« versetzte der Franzose leichthin, indem er Alexander einen lauernden Blick zuwarf; »das Fräulein ist nämlich heute morgen abgereist ...« Hier machte er einen Gedankenstrich in seiner Rede. »Theodosie hat uns damit sehr überrascht,« fuhr er fort, »sie hatte bis jetzt nicht die Absicht geäußert, nach Le Renardière zu gehen. Sie schien heute früh sehr verstimmt.« »Sie werden Fräulein von Montmerle wohl bald einen Besuch auf La Renardière abstatten«, wandte sich Herr Urban mit übertriebener Liebenswürdigkeit an Alexander. »Das Fräulein lebt auf dem Dorfe sehr einsam, da wird ihr der Besuch eines werten Freundes sehr angenehm sein.« Alexander fühlte, daß man ihn ausforschen wollte. Er erklärte, da das Fräulein ohne ein Wort des Abschieds für ihn weggegangen sei, werde er sie nicht besuchen können. Sein gestriges Abenteuer erwähnte er nicht. Alexander eilte nach Hause, um unverzüglich an Theodosie zu schreiben; er zweifelte nicht, daß ihm auf diesem Wege seine Rechtfertigung gelingen werde. Und dann wartete er von Tag zu Tag vergeblich auf eine Antwort. In unerklärlicher Angst schrieb er einen zweiten Brief. Es erfolgte so wenig eine Antwort wie auf den ersten. Zum Glück fand Alexander in seinem Verkehr mit den Söhnen des Marquis von Auberoche eine glücklich ablenkende Zerstreuung. Er wurde verschiedene Male zu größeren Ausflügen eingeladen, die seine Kenntnisse des Landes und seiner Bewohner in jeder Weise bereicherten. * Eine dieser Exkursionen, die Alexander mit seinen beiden Schülern und deren geistlichen Hofmeister unternahm, hatte zum Zweck und Ziel das Trappistenkloster Grâce-Dieu in einem verlorenen Felsental des Jura, da sollte Alexander, so sagte man ihm und so glaubte er es, das Mönchsleben in seiner idealsten Gestalt erblicken. Zwei Stunden dauerte die Bahnfahrt, darauf waren zu Fuß drei Stunden zurückzulegen. Ehe sie noch das Kloster selber in Sicht bekamen, gewahrten sie bereits in den wohlgepflegten Feldern der Talsohle zahlreiche Mönche bei ihrer Arbeit, und die langbärtigen weißbekutteten Gestalten verliehen dem ganzen felsenumrahmten Tal in der Tat eine Stimmung, die man einzig nennen konnte. Wahrlich wie ein Friedhof war's mit unregelmäßig verteilten weißen Grabsteinen, die einen hoch und steil aufgerichtet, die andern wie von der Zeit niedergebeugt zur braunen Erde, und auch die Stille des Friedhofs lag über dem Bild, vor dem die Wanderer kaum laut zu sprechen wagten, wie in der Kirche. Der Anblick des Klosters dann enttäuschte Alexander, es war ein moderner Bau, sah aus wie ein Fabrikgebäude. Es war eine Fabrik, man kann es nicht anders sagen. Sie besichtigten zunächst eine gewaltige Kunstmühle mit allen Fortschritten und Verbesserungen der Neuzeit in ihrer Einrichtung. Da herrschte nichts weniger als Stille. Ein Gerassel, ein Geschnatter, ein Gesurre, ein Gepoche und Gepolter war's. Die Mönche freilich verrichteten wortlos die mannigfaltigsten Verrichtungen. Aber jedes Wort wäre ja hier ohnedies zwecklos und klanglos verhallt. Und stilvoll allerdings wirkten die weißen Kutten zwischen diesen mehlstaubigen Mahltrichtern. Nach Besichtigung der Mühle zeigte man den Gästen auch das Laboratorium – das Heiligtum, wo der berühmte Likör des Klosters seine geheimnisvolle geweihte Geburtsstätte hatte, und man sparte nicht an Proben der kostbaren Nektartropfen. Im anstoßenden Gasthaus für die Pilger wartete ihrer dann ein einfaches Mahl: selbstbereiteter Schinken, fetter Klosterkäse, selbstgezogener Wein. Der Pater Prior selber erwies ihnen dabei die Ehre; denn es waren vornehme Gäste. Als er hörte, daß Alexander ein Deutscher sei, sagte er, auch auf ihrem Friedhofe lägen zwei Deutsche, und ein dritter, ein Württemberger, wandle noch unter ihnen im Fleisch; er winkte dem Bruder Aufwärter und befahl ihm, den Pater Cölestin hereinzuholen. Der Pater Cölestin kam, der Prior stellte ihn dem Landsmann vor. Aber kein Wort ging über des ergrauten Mönchs Lippen. Es war ihm jetzt für einen Augenblick erlaubt zu sprechen, aber er konnte keinen Gebrauch davon machen. Er hatte in seinem ewigen Schweigen seine Sprache verloren, wenigstens seine Muttersprache. Auf keinen einzigen Laut daraus konnte er sich besinnen. Auf der ganzen Heimreise blieb Alexander schweigsam; seine Erfahrung mit religiösen, mit priesterlichen Menschen schienen ihn alle enttäuschen zu wollen. Doch solche Erfahrungen, dachte er, sollten mich nicht einmal verwundern. Denn gewiß waren ja alle großen Ordensstifter (und Religionsstifter) heilige und außerordentliche Menschen, aber dies auch von ihren zahlreichen und immerfort sich mehrenden Anhängern zu erwarten, wäre nicht billig. * Drei bis vier Wochen gingen hin ohne eine Antwort des Fräulein von Montmerle. Da wurde Alexander plötzlich vor eine höchst unerwartete Alternative gestellt. Der Marquis von Auberoche teilte ihm mit, daß seine Familie den Rest des Sommers in der Normandie auf Schloß Tasselot zubringen und für den Winter nach Paris gehen werde; ob Alexander sich vielleicht entschließen könne, mit dahin überzusiedeln. Das war ein überraschendes Anerbieten. Alexander stand ganz verblüfft vor dem Marquis. Er stotterte eine durchaus unverständliche Antwort. Er könne sich ja noch bedenken, meinte Herr von Auberoche lächelnd. Alexander schrieb einen dritten Brief nach La Renardière. Er wartete drei Tage. Dann begab er sich zu dem Marquis von Auberoche; er hatte sich entschlossen, mit in die Normandie zu gehen. Wenn das Fräulein von Montmerle ein Spiel mit ihm treiben wollte, wie es fast den Anschein gewann, hatte sie's für diesmal verloren. Zwölftes Kapitel Richard Wagner als normannisches Gespenst Über ein Jahr nach Alexanders Abreise in die Normandie, da saß einmal eines Morgens Herr Metzger (sprich Metschär), der Organist von St. Paul, in seinem sonnigen Wohnzimmer, dessen mit weißem Mull verhängte Fenster auf den gotischen Chor der Kirche hinausgingen. Das runde schwarze Käppchen, das er auch in der Kirche während des Dienstes zu tragen pflegte, saß ihm weit nach hinten geschoben auf dem Kopfe, was bei ihm auf besonders gute Laune deutete, und auf dem glattrasierten, fast priesterlichen Gesicht lag ein eigentümlich schelmischer Ausdruck. Seine kleine Frau, eine geborene Elsässerin, zu dieser Stunde in weißer Schürze und einem Spitzenhäubchen mit schwarzen Samtbändern auf der ergrauenden Frisur, hatte ihm sein Frühstück vorgesetzt, eine große Bulle gelben Milchkaffee mit eingebrocktem Weizenbrot. Während der Meister dieses echt französische Frühstück mit einem Suppenlöffel langsam sich in den Mund schöpfte, las er einen Brief, und je länger er las, um so mehr fröhliche Schalkhaftigkeit sprach sich aus auf dem glatten, blassen Antlitz. Der Brief war in einem fast komisch ungeschickten oder auch, wenn man will, in einem gewissen genial-kühnen Französisch geschrieben, das eigentlich nur insofern Französisch genannt werden konnte, als es eben aus französischen Wörtern bestand. In freier und sozusagen korrigierter Übersetzung lautete das Schreiben also: Schloß Tasselot b. Barfleur, den 21. Oktober 1869. Verehrter Herr und Meister, denn Sie Freund zu heißen, wiewohl Sie selber mich immer so genannt haben, verbietet mir die Ehrfurcht, die ich für Sie empfinde, wovon Sie überzeugt sein werden, ebenso wie von meiner aufrichtigen Dankbarkeit gegen Sie, wenngleich es den Anschein vom Gegenteil haben könnte, da ich erst nach so langer Zeit einmal von mir hören lasse. Aber ich darf Sie versichern, daß kein Tag dieser langen Zeit vergangen ist, ohne daß ich Ihrer aufs lebhafteste gedacht habe. Denn unvergessen und unvergeßlich sei mir die Stunde, wo Sie mir auf Ihrer wunderbaren Orgel die Präludien von Bach vorspielten und manchmal etwas von Gluck, von dem Sie sagten, daß seine Musik, wenn sie auch zu heidnischen Theaterstücken gemacht wäre, doch heiliger und christlicher sei als so viele Kirchenmusik aus dem letzten Jahrhundert. Nur schäme ich mich zu denken, wie unwissend ich Ihnen gegenüber war, so daß ich mich heute nur wundern muß, wie Sie es fertigbrachten, mich nicht zu verachten, sondern mir im Gegenteil soviel Gutes erzeigen mochten. Gottlob bin ich nicht mehr ganz derselbe, und ich darf sagen, ohne großsprecherisch zu werden, daß ich in den siebzehn Monaten hier mehr gelernt habe als vorher in siebzehn Jahren. Meine Verpflichtungen im Hause des Herrn Marquis nehmen mich täglich nur wenig Stunden in Anspruch und alle übrige Zeit kann ich zu eigenem Studium verwenden. Darüber muß ich Ihnen einiges sagen. Kennen Sie den Musiker Piccini? Er war ein Italiener, hat aber in Paris gelebt. Von diesem Meister fand ich in der Bibliothek des Herrn Marquis die Klavierauszüge von gut einem Dutzend Opern, und wenn das auch keine Musik ist wie die von Gluck oder Bach, und ich auch in meiner Unwissenheit ihren letzten Wert dahingestellt sein lasse, so finde ich sie doch für mich ganz entzückend, so daß ich täglich aus diesen Heften spiele und oft sechs bis sieben Stunden nicht von dem Flügel loskomme. Ich weiß aber dennoch, daß dieser Piccini, dieser Neapolitaner, ein Todfeind war von unserem großen Gluck. Ja, sehen Sie, so gelehrt bin ich bereits. Denn ich habe in der genannten Bibliothek des Herrn Marquis zwei merkwürdige Bücher aufgestöbert, aus denen ich nun ersehe, daß die Musik unseres großen Gluck nur von Paris aus, wo sie gesiegt hat trotz der mächtigen feindseligen Partei des Piccini, sich die ganze Welt erobert hat. Wahrlich, man muß vor den Franzosen Respekt haben. Ist Ihnen zufällig der Name des Herrn Lenelle aus Paris bekannt? Er ist, wie mir meine Schüler sagten, Mitglied der Akademie und Professor der Musikgeschichte am Kaiserlichen Konservatorium. Mit diesem berühmten Franzosen, der seit drei Wochen bei uns zu Gaste ist, hatte ich gestern ein merkwürdiges Gespräch. Eines jener Werke, wovon ich sprach, führt den Titel: Mémoires pour servir à l'histoire de la revolution operée dans la musique par Monsieur le chevalier de Gluck. Par l'abbé Gaspard Michel Leblond. In diesem Buche las ich gestern auf einer Bank im Schloßpark, als Herr Lenelle zu mir herantrat und mich fragte, indem er sich höflich entschuldigte, in was für eine Lektüre ich da so vertieft sei. »Nun,« meinte Herr Lenelle, »das ist ja nun wieder einmal eine höchst zeitgemäße Sache.« Und als ich ihn verwundert und verständnislos anschaute: »Sie stimmen mir nicht bei?« fuhr er höflich fort. »Aber wie lagen denn damals die Dinge? Genau wie heut. Herr Piccini vertrat die ältere Musik, die italienische Musik, die lyrische Musik, kurz, die Musik als solche, eine Musik, die gefällt, weil sie einfach schön ist und sonst nichts. Ihr Landsmann aber, der Herr Ritter von Gluck, brachte eine neue Musik auf, eine Musik des Ausdrucks, eine leidenschaftliche, eine dramatische Musik. Weder in seinem Deutschland, noch in Italien wäre er so bald sieghaft damit durchgedrungen, dazu brauchte er Frankreich, brauchte er Paris. Nur hier konnte er für immer als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen, und zwar, um ganz deutlich zu sein, nicht wegen der hohen und unsterblichen Bedeutung seiner Musik ist er so sieghaft durchgedrungen, sondern dieser Musik zum Trotz. In Wahrheit war es der Dramatiker in ihm, der gesiegt hat. Und heute mit Herrn Wagner steht es nicht anders. Verstehen Sie jetzt, was ich meinte?« Ich Armer verstand gar nichts. Ich weiß auch nicht, ob Herr Lenelle mir das auf dem Gesichte las oder nicht. Jedenfalls ließ er sich dadurch nicht abschrecken. »Herr Wagner,« fuhr er fort, »der in noch erhöhtem Maße als Herr von Gluck die expressive, die dramatische Musik, die Musik der großen leidenschaftlichen Gebärde heute vertritt, er hat vor dreißig Jahren eine unverzeihliche Dummheit begangen. Er ließ damals in Paris eine seiner ersten Opern aufführen, und es ist richtig, er wurde schlecht empfangen. Aber er hätte vor den faulen Eiern des vornehmen Pariser Pöbels nicht so schnell Reißaus nehmen sollen. Das war, verzeihen Sie, fast eine Feigheit von ihm. Oder sagen wir, er hat die Pariser und die Franzosen überhaupt eben schlecht gekannt. Dennoch hätte er aus dem Buche da, das Sie so andächtig lesen, sich belehren und überzeugen können, daß er, trotz der faulen Eier, der richtige Mann war für meine geehrten Landsleute. Diese sind, im strengen Sinn des Wortes, verstehen Sie, nur wenig musikalisch, wie ich sie beurteile. Wenigstens ist, um nicht zuviel zu sagen, das rein Musikalische, das streng Musikalische, kurz, die Musik als Form nicht ihre starke Leidenschaft. Um so leichter, um so heftiger entflammen sie für jede Art Pathos, für jede Art des dramatischen Ausdrucks, der dramatischen Gebärde mit und ohne Musik. Ihr Herr Wagner war ihr Mann. Sie wollten es sich nur nicht gleich eingestehen. Und Herr Wagner mißverstand sie zu seinem Unglück. Ein wenig mehr Ausdauer, vielleicht nur ein oder zwei Monate noch und ganz Paris wäre vor ihm als seinem Gott auf den Knien gelegen, wenn nicht gar auf dem Bauche. Denn die Pariser werfen immer den heut mit faulen Eiern, den sie morgen anbeten werden. Aber Paris ist die Welt. Vor dreißig Jahren schon hätte Herr Wagner sich durch Paris die Welt erobern können, während er nun in seinem Vaterland noch heut mitten im erbitterten Kampfe steht, so daß ihm zuletzt wahrscheinlich doch nichts übrigbleiben wird, als zum zweitenmal nach Paris zu kommen, wovon er so verächtlich spricht, wie man mir sagt, aber es ist wohl nicht sein Ernst. Er braucht Paris, wie es jeder braucht, der nicht nur für seine Provinz oder für sein Vaterland, der für die ganze Welt ein Großer zu werden berufen ist. Haben Sie acht, wir werden es noch erleben.« So Herr Lenelle. Ich habe mich wohl gehütet, in Worten zu verraten, daß ich nicht im geringsten weiß, wer dieser Herr Wagner ist. Wissen Sie es? Doch sollen Sie nicht meinen, daß dies eine Anfrage sei, denn eine Antwort von Ihnen zu erwarten wäre zu unbescheiden von Ihrem dankbaren Schüler Alexander Schmälzle. P.S. Der berühmte Herr Lenelle wird nächstens mein Lehrer werden, der Herr Marquis hat mir angezeigt, daß ich im Winter, wo wir auf drei oder vier Monate nach Paris gehen, mehrere Kurse des Kaiserlichen Konservatoriums auf seine Kosten besuchen solle. P.S.II. Wenn Sie dem Marienbruder Pankraz begegnen, bitte ich, von mir zu grüßen, wenn er sich gleich wenig verwandtschaftlich und landsmannschaftlich gegen mich benommen hat. Ungefähr zu gleicher Zeit mit diesem Brief schrieb Herr Schmälzle einen andern an seine Eltern nach Hinterwinkel, nicht ohne Bedauern, denselben nicht ebenfalls auf französisch abfassen zu können, da er eben doch wollte, daß er gelesen werde. Folgendes sei daraus hervorgehoben: »Die gute Mutter war in ihren letzten Briefen so spöttisch, daß man kaum mehr den Mut hat, von sich die bare Wahrheit zu schreiben. Ich weiß aber wohl, woher es kommt. Es hat sie verdrossen, daß ich mich über den Vetter Pankraz, wie ist nur ihr Wort? richtig: despektierlich ausgedrückt habe. Und sie hat mir doch selber, als er mir damals den lumpigen Napoleon verehrt, die Prophezeiung gemacht, ich werde noch erfahren, daß nicht alles Gold sei, was glänzt. Ach ja, und auch ein Marienbruder hat, trotz seiner Marienbruderschaft, nicht immer ein goldenes Herz. Aber die gute Mutter möchte, daß das nicht so sei und darum soll man's nun nicht sagen, wenn es auch hundertmal so ist. Als ob es mit Nicht-Sagen dann auch schon nicht so wäre. Und weil ich sie nun gekränkt habe mit meinem Sagen, rächt sie sich und zieht alles ins Spöttische, was ich nur schreiben mag. Ja, liebe Mutter, Deine spöttische Art ist nicht immer lieb, und besonders Deine giftigen Reden auf das Fräulein von Montmerle haben mich wirklich gekränkt. Du tust dieser Dame unrecht, und was wirst Du dazu sagen, wenn sie nun etwa eines Tages Deine Schwiegertochter wird? Also, Du hast mir das Schreiben von meinen Zuständen hier fast ein wenig verleidet; aber der Vater ist da anders, und er wird sicher stolz darauf sein – den Hinterwinklern braucht Ihr's ja nicht zu erzählen –, daß sein Sohn in einem Schloß wohnt, so weitläufig und prachtvoll gebaut, daß gewiß die Königsschlösser zu Stuttgart oder Ludwigsburg, obwohl ich sie nicht gesehen habe, kaum großer und schöner und reicher sein können. Dieses Schloß geht auf einen Garten hinaus, was soll ich erst davon sagen. Die Bilder von weißem Stein darinnen sind nicht zu zählen, und drei springende Brunnen treiben ihr Wasser höher in die Luft als Euer Kirchturm zu Hinterwinkel hoch ist. Dieser Garten geht allmählich in einen Wald über, der aber auch nicht ein gemeiner Wald, sondern von schönen gewundenen und geraden Wegen durchzogen ist, worauf der weiße Sand täglich sauber geharkt wird. Und wenn man in diesem Wald weitergeht, eine halbe Stunde lang ungefähr, da steht man plötzlich vor einem Abgrund. Weiße Felsen starren lotrecht nicht in die Höhe, sondern in die Tiefe, und in dieser Tiefe drunten liegt weit hinaus – das Meer. Das wahrhaftige große, weite Meer, und so tief liegt es drunten und so weit hinaus blickt man, daß die vielen Segelschiffe darauf, deren sich die Fischer bedienen, aussehen wie kleine weiße Schmetterlinge, die flügelwippend auf einer großen blauen Blume sich wiegen. Was aber den Vater am meisten verwundern wird: ich bin ein Jäger geworden. Der Herr Marquis von Auberoche hält seit zwei Monaten öfter große Jagden ab, wozu viel vornehme Leute aus den umliegenden Schlössern kommen, ja sogar von Paris, und der Herr Marquis hat ausdrücklich gewünscht, daß ich da auch immer dabei sei und hat mir zu diesem Zweck ein höchst zierliches und feines Gewehr verehrt. Geschossen habe ich damit noch nichts. Es kommt einem nicht viel Wild vor den Schuß, und auf unseren Jagden sieht man allzeit mehr Jäger (und Jägerinnen, denn die Damen gehen auch mit) als Hasen, da in diesem Frankreich auf Weg und Steg alles schießen darf, was will und einen Jagdpaß hat. In vierzehn Tagen geht's nach Paris, da der Herr Marquis Deputierter ist und im Winter in der Hauptstadt sein muß. Mir hat er gesagt, daß er mich dort auf seine Kosten auf das Kaiserliche Konservatorium schicken wird, und das ist die höchste Hochschule für Musik in ganz Frankreich. Ein berühmter Professor dieser Schule ist gegenwärtig hier zu Besuch, er hat mir gesagt, daß es ihm eine große Ehre sein wird, mich zum Schüler zu bekommen ...« Dreizehntes Kapitel Hinterwinkel in Paris »Ei du gerechter Gott, nun kommt der Bub auch noch nach Paris!« Die Mutter Regine spricht's. Sie hält einen Brief in der Hand, woraus sie dem Vater Jakob vorliest. Dieser sitzt am Tisch, seine Arbeit ruht einen Augenblick; bei den Worten der Mutter hebt er leicht den grauen Kopf und ein seltenes Aufblitzen zuckt in seinen großen melancholischen Augen, seine dünnen Lippen bewegen sich, als ob er etwas sagen wollte, doch er schweigt. »Geh' mir, Katz,« sagt die Mutter, »du kannst mir nicht helfen in meiner Herzensangst, oder willst du mich statt des Alten da trösten, der heut einmal wieder ganz stumm ist, während mir's das Herz abschnürt?« Das schwarze Katzentier war ihr, wie es gerne tat, vom Tisch her auf die Achsel gesprungen und sie drückte es unsanft herunter. »Ach Gott, wenn dem Alexander was zustößt,« fährt sie fort, »es wäre mein letztes Stündchen, und in dem Paris soll's ja ärger zugehen als in Sodom und Gomorra. Aber da sitzt er, der am Unglück schuld ist, ihn rührt es nicht.« Hier nickte der Papa Schmälzle bedächtig einigemal mit dem Kopf. »Das schöne Unglück auch, daß der Bub kein Steinklopfer geworden ist oder Gänsehirt«, brummelte er. Und er betrachtet den Ring an seinem Finger, er dreht ihn dreimal um wie zu einem Zauberspruch, und seine alten grauen Augen leuchten wie seit lange nicht; denn er fühlt, auf seinen Sohn Alexander wird er noch stolz sein dürfen, der wird nie ein Hinterwinkler werden. Endlich hat er sich wieder Glauben und Hoffnung gewonnen ... So nämlich malte sich Alexander die Szene aus. Es war wie ein Traum, den er wachend träumte. Und also träumend stand er auf dem Pont-Neuf unweit der Reiterstatue des guten Henri quatre . In einer der nischenartigen Vorsprünge der Brücke lehnte er auf der Brüstung. Links und rechts vor ihm hatte ein Italiener Gipsabdrücke von Medaillons und Reliefs aufgestellt, welche die Aufmerksamkeit vieler Vorübergehenden auf sich zogen, daß sie anhielten und die zarten Nachbildungen betrachteten. Alexander Schmälzle hatte kein Auge dafür; er blickte wie suchend in das schmutzig-schwarz-grüne Wasser des Stromes hinunter. Und wie aus der dunkeln Tiefe heraufwachsend, sah er Hinterwinkel im Frühlingssonnenschein liegen, am sonnigsten den Kahlenbuckel. Darauf saß Alexander als kleiner Knabe, und Ziegen und Gänse weideten um ihn her, während er wie traumverloren in die Welt hineinblickte. Und der junge Mann auf der Brüstung des Pont-Neuf, zwischen Florentiner Gipsabgüssen lehnend, erschrak fast vor seinem anderen Ich drunten in der Tiefe, so – ähnlich sah es ihm. Immer noch wie im Traum ging Alexander weiter. In der Nähe des Louvre fuhr ein vornehmer Wagen an ihm vorüber. War er diesem Wagen nicht schon einmal begegnet mit dem blonden Fräulein und den drei kleinen blonden Mädchen? Und wie ihn die Augen des Fräuleins im Vorüberfahren wieder angeblickt hatten! Blaue Augen waren's und sie schauten unter einem blaubebänderten Strohhut hervor, mit sichtlichem Erstaunen, und das Gesicht, dem sie angehörten, dessen liebliche Schönheit Alexander an eine blasse Aprikosenblüte erinnerte, erglühte in rosigem Schein, wie von Morgenröte übergossen. Und fast schien es, das reizende Gesichtchen wolle Alexander einen Gruß zunicken, aber auf halbem Wege besann es sich offenbar eines anderen, denn das zierliche Köpfchen neigte sich und die blauen Augen senkten den Blick wie beschämt zu Boden und lächelten dann wie verlegen die kleinen blonden Mädchen an, die dem Fräulein zur Seite und gegenüber saßen. Es war der nämliche Wagen gewesen wie vor acht Tagen auf dem Kai Voltaire. Damals hatte Alexander nach Hinterwinkel geschrieben, ob denn die Olga Rotermund in Paris wohne und wie das zugegangen sei. Eine Antwort war ihm bis jetzt nicht geworden. Im Hof des Louvre, zwischen dem Pavillon Richelieu und dem Pavillon Turgot, beobachtete Alexander längere Zeit ein Häuflein Kinder, die, auf dem Boden rutschend, bemüht waren, Sandhäufchen zusammenzuscharren. Und er stellte sich die Frage, welchen Unterschied es für den Menschen bedeute, ob er als Kind in Hinterwinkel auf dem Kahlenbuckel, oder zu Paris auf der Place de la Concorde Sandhügel baut. Und schwer fiel's ihm auf die Seele, daß er nach zweijähriger Abwesenheit nun so nahe daran stand, nach Hinterwinkel zurückzukehren. Nicht freudig regte ihn der Gedanke auf. Ganz schmerzlich und weh war's ihm zumut. Er begriff sich selber nicht. Man sprach von Krieg in Paris. Der Marquis, vielleicht weil er von der kriegerischen Partei war, hielt seinen Ausbruch für unvermeidlich, und trotz aller persönlichen Zuneigung zu dem bescheidenen Kind aus Schwaben, bestand er darauf, daß Alexander abreise, dem er es in der letzten Zeit mit erstaunlichem Großmut ermöglicht hatte, den Unterricht einiger Lehrer am Kaiserlichen Konservatorium zu genießen. Schon für den morgigen Tag war seine Abreise festgesetzt, und Alexander wollte heut vom Louvre Abschied nehmen, wo er gewisse Bilder so oftmals wie gemalte Musik genossen halte. Er sollte heute eine Dreingabe bekommen, die er sich nicht gedacht hätte. Zunächst erlebte er eine Täuschung. Seine Aufregung war zu groß, er fühlte sich nicht imstande, äußere Gegenstände auf sich wirken zu lassen. Er sehnte sich nach einem stillen Plätzchen. Von diesem Bedürfnis, nicht von ästhetischer Vorliebe geleitet, gelangte Alexander in jenen heilig-stillen Raum, den man fast mystisch den Saal der »Sieben Meister« nennt. Hier sind die alten Italiener versammelt, die Meister des Quatrocentro; die heiligen Propheten der späteren großen Kunsterlöser. Das allgemeine Publikum findet hier nichts – wenigstens damals stand es noch so. Unterdessen sind allerdings sogar die »Sieben Meister« von der Mode verunehrt worden, vor welchem geilen Weibsbild, wie dieser Fall lehrt, sogar das Heiligste nicht sicher ist. Damals aber war der Ort gewöhnlich leer von Menschen. Er war es auch jetzt, und Alexander setzte sich auf eine Polsterbank, um zu träumen von Gegenwart und Zukunft. Das Wagenabenteuer unten vor der Säulenfront des Meister Perault beschäftigte wieder seine Gedanken. Ein Engelskopf von Botticelli erinnerte ihn an jenen blonden Mädchenkopf. Da schrak er plötzlich zusammen. Deutsche Worte mit deutlich schwäbischem Dialektanklang hatten sein Ohr getroffen. So ist sie wirklich in Paris, durchblitzte es Alexander. Ein junger Herr und eine noch jüngere Dame traten in den Saal. Diejenige, an die Alexander mit eigentümlichem Erschrecken gedacht hatte, befand sich nicht dabei. Aber auch die beiden, die wirklich erschienen, waren dem ehemaligen Hopfinger Unterlehrer noch eine ungeheure Überraschung. »Hier scheint nicht viel Rar's zu sein«, sagte die Dame. »Ich hab's ja zum voraus gewußt«, antwortete er. »Und ich danke Gott d'rum: denn ich muß dir sagen, das Bilderanschauen geht mir grad' bis da rauf.« Er wies dabei mit der horizontal gehaltenen Hand unter das Kinn. »Komm,« fuhr er fort, »eine Halbe Bier von Sedlmayer ist mir jetzt lieber als tausend Bilder von Raffael und Rubens.« »Aber Adolf,« entgegnete sie mit scherzhaftem Entsetzen, »wenn man so reisen will wie du möchtest, da könnte man zu Hause bleiben. Du suchst vor allem immer die Dinge, die es daheim in Hopfingen oder Stuttgart gerade so gut oder viel besser gibt.« »Wenigstens ist Kunstschwärmerei nicht meine Sache, besonders wenn sie über gewisse Grenzen hinausgeht und dem Magen seine unbestreitbarsten Rechte schmälern möchte.« »Aber rede doch nicht immer vom Magen, Adolf,« schmollte das reizende Geschöpf an seiner Seite, »und noch dazu hier im Tempel der Musen; es ist gut, daß uns hier niemand versteht.« »Warum?« erwiderte der junge Mann und drillte seinen gelben Schnurrbart, »ich begreife das nicht. Vielleicht weil ich eben ein prosaischer Mensch bin. Für einen solchen ist der Magen und ...« Er fügte noch etwas hinzu, aber leise, nahe am Ohr seiner Begleiterin. Alexander sah die Frau erröten und mit ihrem Arm einen kleinen Ruck ausführen. »Nun, tu' nur nicht so,« beschwichtigte der andere, sie fester an sich ziehend, »wir sind ja nicht auf Wallfahrten, sondern auf Hochzeitsreisen, und du bist seit gestern kein Kind mehr.« Als die beiden den Saal verlassen hatten, erhob sich Alexander Schmälzle ebenfalls von seinem Sitz. »Nein, ein solches Zusammentreffen hätte ich mir wahrlich nicht träumen lassen«, sagte er vor sich hin, während er an den neu angebrachten zauberhaften Fresken des Botticelli vorbei die große Treppe im Pavillon Daru hinunterstieg. Er wollte aber sagen, daß er nie gedacht hätte, der Papierfabrikant Adolf Buhl von Hopfingen werde jemals das Fräulein Hilda von Danloh-Pützenhausen als Frau heimführen, denn das deutsche Paar im Saal der »Sieben Meister« war wirklich niemand anders gewesen als Adolf Buhl und Alexanders ehemalige Schülerin und Kollegin in der Kunst. »Sie hat mich nicht mehr gekannt ...« sagte er sich in innerlichem Selbstgespräch. »Meine Finger hat sie seinerzeit eben benützt, wie man sich irgendeiner Sache zu seinem Zwecke bedient, meine Person war ihr nie etwas gewesen.« Ihm aber, das konnte sich Alexander nicht verhehlen, hatte sie einmal etwas bedeutet. Ihm war sie einmal ein Stückchen von dem goldenen Schimmer seiner Jugend, ein leuchtender Winkel in dem Traum, den die Knospe seines Lebens geträumt. Ja, durch sie war er in die Fremde gekommen. Und ach, sie, das Ritterfräulein, hatte von all dem nie etwas gewußt, und nun war der Papierfabrikant Adolf Buhl ihr Ehemann. Was ist doch ein Mensch dem andern? Da wogte es, wie er dies dachte, auf den Champs Elysees, links und rechts von ihm, auf und ab und stieß ihn mit den Ellenbogen, und die Tausenden und aber Tausenden und alle zusammen waren sich nichts anderes gegenseitig als die Tropfen, die im Strome rollen, als die Sandkörner, die der Sturmwind als Staubwolke durch die Wüste treibt, als die Wellen, die mit ihren weißhaarigen Köpfen sich aus dem schwarzen Ozean emporrecken, eine über der anderen in ewigem Verschlingen und Wiedergeborenwerden. Draußen am Horizont aber ragte als mächtige dunkle Masse der Bogen des Imperators auf wie ein schwarzes Tor der Unterwelt, und in das Tor mündete der lebendige Strom, ewig, unaufhaltsam ... Am andern Morgen rollte er in seinem Mietswagen den Boulevard Saint-Michel hinunter. Hart vor dem malerischen Garten des köstlichen Hotel de Cluny wurde sein Gefährt zu längerem Anhalten gezwungen. Ein vornehmer Leichenzug, der sich über den Boulevard Saint-Germain hin bewegte, staute den Verkehr. Die Stadt der Revolutionen, die lebendigste Stadt der Welt, hegt eine große Pietät gegen die Toten. Die Toten dürfen den Lebenden den Weg versperren. Voll Abschiedswehmut weilte Alexanders Blick auf dem alten Klostergarten, wo zwischen den duftigen Gebüschen die frommen gotischen Steinbilder auf ihren Sockeln stehen, Gestalten, die aus den hohen Portalnischen der alten Kathedralen herabgestiegen zu sein scheinen. Dieser Garten war Alexander, ohne daß er sich recht sagen konnte warum, das liebste Plätzchen in Paris gewesen; er hatte ihn angeheimelt wie nichts anderes in der ungeheuren Stadt, und mit Rührung grüßte er jetzt den weihevollen heiligen Winkel zum Abschied. Da war's ein eigentümliches Zusammenzucken. Hinter den lanzenförmigen Eisenstäben des Gartens, von einer jungen Zypresse halb verdeckt, gewahrte der Romantiker aus Hinterwinkel eine schlanke weibliche Gestalt. Sie saß auf einer Steinbank und kehrte ihm den Rücken zu. Von ihrem Gesicht, das sich lesend über ein Buch beugte, vermochte er nichts zu unterscheiden; aber der Strohhut darüber, mit den blauen Bändern, erschien ihm dafür um so bekannter. Ein reichgekleidetes Kind, ein Mädchen von etwa acht Jahren, dem langes, lichtblondes Haar frei über die Schulter herniederwallte, näherte sich der andächtigen Lehrerin mit einer Frage. Die Angeredete erhob das Gesicht und gab Antwort in deutscher Sprache, mit einem Klang der Stimme, der bei aller Weichheit und Zartheit für Alexander etwas Hinterwinklerisches zu haben schien. »Bitte, Fräulein Olga, die Geschichte, die Sie mir neulich beim Einschlafen erzählt haben, nicht wahr, sie ist noch nicht zu Ende?« fragte die Kleine. »Was für eine Geschichte?« »Ach, Sie erinnern sich gar nicht? Wissen Sie, die mit den zwei Kindern aus dem Dorf, die täglich miteinander spielten und sich gern hatten, und als sie größer wurden, auseinander kamen, und dann eines Tages in einer großen, großen Stadt sich begegneten, ohne daß sie sich kannten; oder vielmehr sie kannten sich, aber ...« Mehr hörte Alexander nicht. Sein Wagen hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt. Und er hatte genug gehört. Er war also wirklich seinem kleinen Spielkameraden aus Hinterwinkel in der Weltstadt Paris dreimal begegnet. Fast märchenhaft kam's ihm vor. Und noch seltsamer dünkte es ihn, daß er nicht einmal besonders gerührt war von dem so märchenhaften Erlebnis. Und was meint ihr, woran Alexander dachte, indem er jetzt in dem gelinden Trab seines Einspänners den Boulevard Sebastopol hinausfuhr? Er dachte an einen armen Unterlehrer, der, die Wandertasche und eine Geige neben sich, auf der Höhe des Kahlenbuckels bei Hinterwinkel, zwischen Haselstauben und Brombeergeschling, auf einem Steinhaufen saß und plötzlich ein zierliches Ding aus Perlmutter zwischen den Fingern zerbrach und die Scherben in heftiger Bewegung weit von sich warf. Und unwillkürlich, wie gedankenlos, murmelte er: Der Lexel und der Xand'r, Gehn ganz allein miteinand'r, Der Xander und der Lexel Essen 's ganz' Jahr Kraut und Häcksel. Und dann saß Alexander im Schnellzug und dachte an ganz andere Dinge. An die schöne Theodosie von Montmerle dachte er, die er zu besuchen im Begriffe stand. Nachdem Alexander vor zwei Jahren mit der Familie von Auberoche in die Normandie gegangen war, hatte er geglaubt, daß es nun mit seinen Beziehungen zu dem Fräulein von Montmerle für immer aus sei. Das war jedoch anders gekommen. Auf Schloß Tasselot erhielt er einen Brief von Fräulein Theodosie. Sie erklärte ihr Schweigen durch ihre Abwesenheit von La Renardiere infolge einer Wallfahrt nach Notre-Dame de Salins und schrieb daneben viel Liebes und Schönes. Dieser Brief bildete den Anfang einer regelmäßigen Korrespondenz, und Alexanders Verhältnis zu dem Fräulein von Montmerle gestaltete sich durch den brieflichen Verkehr sogar leidenschaftlicher als zuvor. Er überzeugte sich von Brief zu Brief mehr, daß er dem Fräulein von Montmerle Unrecht getan habe. Ihre Episteln, die oft zwölf bis sechzehn Seiten füllten, ließen ihm keinen Zweifel mehr, daß ihre Frömmigkeit echt und innerlich, daß ihre Seele nur mit hohen und schönen Empfindungen erfüllt sei. Immer mehr lernte er gewisse Dinge, woran der Unterlehrer aus Schwaben früher Anstoß genommen hatte, auf Rechnung der französischen Art und der Sitten eines vornehmen Standes setzen. Das Fräulein von Montmerle hatte unterdessen sogar eine Übersetzung der Schillerschen Jungfrau von Orleans gelesen, wenigstens zitierte sie zwei Stellen daraus. So schien es natürlich, daß der junge Weltfahrer aus Hinterwinkel nicht in sein Vaterland heimkehren mochte, ohne die Freundin wiedergesehen zu haben. Dennoch war er jetzt mit seinem Gewissen nicht ganz im reinen. In seine Gedanken an die Dame von Montmerle, in seine Vorstellungen von seiner bevorstehenden Ankunft zu La Renardière und die Aufnahme, die er dort finden werde, drängten sich, ihn eigentümlich beunruhigend, andere Gedanken. Und neben das verführerische Bild der französischen Freundin mit dem breitschattenden schwarzen Hut über dem gleichdunkeln üppigen Lockengebäude stellte sich, ähnlich einem blassen Pastell in Blond und Blau, das kinderhafte Bildchen des endlich mit Sicherheit erkannten Fräuleins in jenem fast geheimnisvollen Garten am Boulevard St. Michel, welcher zu dem zierlichen Museumspalast daselbst gehört, der ehemaligen Stadtwohnung der Äbte von Cluny, in diesem Garten, wo zwischen duftigen Gebüschen und neben grotesken Wasserspeierfratzen die frommen gotischen Standbilder auf ihren Sockeln stehen, Gestalten, die aus den hohen Portalnischen der alten Kathedrale heruntergestiegen zu sein scheinen – ja, die in der Tat von dort herniedergestiegen sind. Alexander verleugnete sich nicht, daß nach der endgültigen Erkennung sein erster Impuls war, aus dem Wagen zu springen und das Kind aus Hinterwinkel, die Gefährtin seiner Geißhirtenzeit, durch sein plötzliches Vor-sie-Hintreten mitten in Paris in kein kleines Erstaunen zu versetzen. Er leugnete sich auch nicht, daß er es eigentlich hätte tun sollen, trotz dem zertrümmerten Täubchen aus Perlmutter und einer gewissen schmerzlichen Stunde auf einem Steinhaufen des Kahlenbuckels zwischen Haselstauden und Brombeergerank. Und er würde ja auch wirklich, wie er sich deutlich bewußt war, ausgestiegen sein, wenn sein Koffer nicht im Wagen gewesen wäre. Unterdessen raste der Zug in die Ferne, in die dunkle Zukunft, Alexander konnte daran nichts ändern, und mit eigentümlichem Humor, halb mit ernstlichem Pathos, halb mit ironischer Selbstverspottung rezitierte er: »Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten ...« Hier hielt Alexander inne. Es ist schwer, dachte er, Zügel festzuhalten, die man nicht in Händen hat. Die Zügel eines Schnellzuges hält nur einer in Händen, die anderen, die vielen, müssen sich auf ihn verlassen, müssen ihm vertrauen. Das ist alles, was sie tun können. Zu einem eigenen Gefährt so stolzer Art aber bringen es nur die wenigen, die Ausnahmen, die ganz Glücklichen, die ganz Starken ... Aber aus solcher gar nicht hinterwinklerischen gedanklichen Exaltation stürzte er dann plötzlich herab wie von unerlaubten Verstiegenheiten; er murmelte wieder: Der Lexel und der Xand'r Gehn ganz allein miteinand'r ... So sehr war Alexander mit seinen inneren Bildern beschäftigt und in sein Träumen eingetaucht, daß er auf die Reden von Krieg und Frieden rings im Wagenabteil kaum achtete. Er spürte wohl, daß die Menschen um ihn her ungewöhnlich aufgeregt waren, aber er ließ es sich nicht anfechten. Er hatte bereits diese Erfahrung gemacht, daß die ganz Nüchternen und ganz Phantasielosen, daß, mit einem Wort, das ganze Geschlecht der Philister phantasievoll wird bis zur Phantasterei, sobald es sich um das schreckhafte Gespenst handelt, das sie mit dem Worte »Gefahr« bezeichnen. Und so nahm Alexander zu Nancy, trotzdem die Aufregung hier bereits ans Unheimliche grenzte und immer drohendere Formen annahm – so ganz und gar Träumer war er – ruhig den Zug, auf den seine Karte lautete, und der ihn von hier südwärts nach dem Landstädtchen St. Feréol bringen sollte, von wo er zu Fuß das Dorf La Renardière zu erreichen gedachte. Vierzehntes Kapitel Das Schloß Montmerle Alexander hatte Theodosie nicht geschrieben, er wollte sie überraschen. Er überließ sein Gepäck einstweilen der Bahn und fragte unverweilt nach dem Weg nach La Renardière. Der Name klang nicht sehr vertrauenerweckend, aber Alexander dachte nomina non sunt omina , und das gute Dorf wird nichts dafür können, so wenig als er selber für seinen eigenen Namen, von dem er leider befürchten mußte, daß ihn Theodosie von Montmerle in ihrem Leben nie werde aussprechen lernen, auch wenn er einst der ihrige werden sollte. Alexander hielt dies nicht für unmöglich; er hielt es in diesem Augenblick sogar für das Natürlichste und Wahrscheinlichste. In diesem Sinne überlegte er noch einmal seinen Lebensplan für die nächste Zukunft. Er wollte vor allem in der Kunst seiner Neigung und Leidenschaft, in der Musik, worin er lange genug herumdilettiert, endlich mit klarem Zielbewußtsein seine Kräfte versuchen. Er beabsichtigte, am Konservatorium der vaterländischen Hauptstadt schulmäßig zu studieren. Mit dem Unterrichtshonorar des Marquis von Rochemaure wollte er, bei seiner bescheidenen Lebensweise, ein Jahr ausreichen; für ein zweites und drittes aber zählte er auf eigenes weiteres Verdienen durch Erteilung von Privatunterricht. An staatliche Unterstützung wagte er nicht zu denken. Seine ehemalige Flucht aus dem Schuldienst zu Hopfingen mochte ihm für immer einen Strich durch diese Rechnung gemacht haben. Unglücklich fühlte er sich deswegen nicht. Im Gegenteil, er hatte sich ehemals sehr gefreut über den romantischen Streich und er wollte nun auch gern die Folgen tragen. Als ein Meister seiner Kunst wollte er zu Theodosie von Montmerle zurückkehren und je nach ihrem Dafürhalten sich in Paris oder einer deutschen Stadt niederlassen. Er dachte wohl, wie ihm die zwei Jahre lang dauern würden. Doch wer weiß, wenn er Theodosie von Montmerle sein Programm mitteilte, sie entschloß sich vielleicht, ebenfalls für einige Jahre in die schöne Residenz am Neckar überzusiedeln, um, von seinen Lektionen unterstützt, in einer guten Familie ihr Studium der deutschen Sprache zu vollenden. Das mußte herrlich sein. An schönen Sommerabenden lustwandelten sie dann im Schloßgarten miteinander, an freien Tagen machten sie Ausflüge nach dem Jägerhaus, auf den Hasenberg, nach der Uhlandshöhe mit der Uhlandslinde, dann nach dem Rosenstein, nach Hohenheim und der Solitüde, weiter nach Marbach, nach Herrenberg, nach Hopfingen, selbst einmal wohl gar nach Hinterwinkel zu Vater und Mutter. Bei diesem Gedanken tat Alexander einen Sprung und warf jauchzend seinen Hut in die Lüfte. Einige hübsche junge Bäuerinnen, die sich in den Dorfgärten mit ihrem Gemüse beschäftigten, hoben verwundert ihre Köpfe und machten unter ihren schneeweißen Kräuselhäubchen naiv fragende Gesichter zu dem Fremdling hin, der so derb schwäbisch in die französische Landschaft hineinjauchzte. Dieser lächelte ihnen freundlich entgegen; er dachte, die hübschen Gesichter möchten ihm eine gute Vorbedeutung sein. Sein Weg führte bei einer Brücke von der großen Straße ab und eine Strecke weit hart am Flußufer hin – an grün-schwarzem, fast stehendem Wasser, mit stillen Wasserlilien auf der reglosen Flut, mit wisperndem Schilf und mannshohen Binsen an den Ufern. Ein im Röhricht aufflatterndes weißgestirntes Wasserhuhn, ein vorübergehender rotbehemdeter Metzgerbursche mit halbverständlichem salut Monsieur und zwei an den Wiesengräben hinstolzierende Störche, die den fremden Wanderer von Zeit zu Zeit aus der Ferne prüfend oder verwundert anschauten: das waren die einzigen lebendigen Wesen der Landschaft. Sie störten weder die weihevolle Stimmung in der Natur – noch Alexanders Gedanken. Alexander, ermüdet von der langen Bahnfahrt, empfand den ländlichen Frieden um sich her als eine rechte Erquickung. Dennoch machte er die physiologisch-mathematische Beobachtung, daß die Stärke seines Herzschlags in umgekehrtem Verhältnis wuchs wie das Quadrat der noch zurückzulegenden Wegstrecke. Und schon bog er in ein Seitentälchen ein, wo er La Renardière in kürzester Frist erreichen mußte. Unter immer langsamerem Fortwandern malte er sich in Gedanken seinen Empfang aus. Mit einer Leichtigkeit, womit man sonst nur Luftschlösser baut, konstruierte er in seiner Phantasie das Montmerlesche Schloß. Es stand deutlich vor ihm, im Stil Ludwigs des Fünfzehnten, mit Park und Terrasse und vergoldeten Gittern, mit hoher Säulenaltane und tausend interessanten Einzelheiten. Er sah Theodosies freudige Überraschung, ihr dankbarer, verheißender Blick brannte ihm in der Seele. Ihre Eltern standen leibhaftig, mit individuell ausgebildeten Zügen, in ihrer hohen aristokratischen Erscheinung, vor ihm; ihre herzlich höflichen Empfangsworte schlugen ihm wohltuend ans Ohr. Alexander wäre zu La Renardière in längst vertraute Verhältnisse und gleichsam unter lauter alte Bekannte getreten, wenn sein Vorahnungsvermögen ein getreu arbeitender photographischer Apparat gewesen wäre, was jedoch in der Regel nicht so zu sein pflegt. Hinter einer Wegbiegung, durch Obstgärten hindurch, sahen dem Fremdling die ersten graugelben Häuser und Scheunen von La Renardière entgegen. Am sonnigen Wegrain, bei einem halb abgebrochenen silbergrauen Lattenzaun, blühte wunderschöner blauäugiger Ehrenpreis. Alexander wollte einen Strauß davon pflücken, aber so behutsam er auch die erschrockenen Blumen abbrach, ließen sie doch alle ihre schönsten und größten Blüten wie im Schreck abfallen, die, wie kleine blaue Schmetterlinge, angstvoll davonzufliegen schienen. Dann stand Alexander am Anfang von La Renardière. Eine alte buckelige Frau mit dem unvermeidlichen weißen Häubchen beschäftigte sich neben einem Hoftor; aus einem Haufen von dürrem Holz brach sie sich Reisig klein mit dem Knie. Alexander fragte sie nach dem Schloß. Die Alte sah ihn verständnislos an. »Was sucht Ihr?« Er wiederholte seine Frage. Und als er wieder keine Antwort erhielt: Ob denn die Montmerle nicht hier wohnten? Und es war ihm bereits unheimlich zumute. Doch die Antwort der Alten beruhigte ihn, die Demontmerle wohnten freilich hier, er solle das Dorf hinaufgehen bis zum Ende, das letzte Anwesen sei es. Alexander wurde das Dorf hindurch nicht wenig gemustert und begafft. Halb zaghaft, halb trotzig sich umschauend, schritt er an den Hofraiten und Torwegen, an den Düngerstätten und hereinragenden Obstgärten entlang, die sanft ansteigende Dorfgasse hinauf. Von Zeit zu Zeit kam ein Hund an Tor oder Tür und bellte dem Fremden nach; zur Tränke an den Dorfbrunnen getriebene Kühe und Kälber blieben vor ihm stehen und beschnupperten oder beguckten ihn blökend und muhend. Das selig aufjauchzende Gefühl erfüllter Sehnsucht lag Alexander wohl in der Seele, aber es war in diesem Augenblick von einem unbestimmten Etwas gänzlich niedergedrückt; dumpfe Beängstigung und Beklommenheit übten ihre Herrschaft über das Gemüt. Am oberen Ende des Dorfes lag rechts am Wege ein Besitztum, das sich durch seine hohe Auffahrt von den übrigen Hofraiten des Dorfes merklich unterschied. Wie ein Herrenschloß sah es gerade nicht aus, doch seine Physiognomie ließ immerhin auf seltsame Dinge schließen. Die Hofmauer war stellenweise eingefallen, aber vor dem Eingangstor standen noch die hohen gelben sandsteinernen Pfosten. Dazwischen und darüber schauten weitläufige Dachflächen und Firste und alte Turmreste hervor. Durch die torlosen Pfosten trat Alexander in einen sehr geräumigen, aber schlecht aufgeräumten Hof mit offenstehender leerer Jauchengrube und umgestürzter, zerbrochener Pumpe. Ein Haufen Truthühner trieb sich scharrend umher, und ein halbes Dutzend Enten kam gerade zum Tor hereingewatschelt. Begrenzt war der Hof rechts durch halbverfallene leere Schweinekoben und Wagenverschläge, links durch Stallungen und Scheunen in gleichem Zustande. Daran stieß, von einem viereckigen Turm flankiert, das Wohngebäude, ein Bauernhaus, den anderen des Dorfes im wesentlichen ähnlich, nur weitläufiger und ursprünglich stattlicher. Es befand sich im Zustand höchster Verwahrlosung. Von den Wänden bröckelte der Kalk und ließ die nackten Steine sehen. Die Scheiben der Kreuzstöcke waren erblindet und zerbrochen. Eine vierstufige Steintreppe, an welcher keiner der Trittsteine mehr gleiche Richtung und Lage mit den andern hatte und deren eisernes Geländer unten losgegangen und oben krumm auf die Seite gebogen war, führte zur Haustür. Alexander glaubte, daß man durch die Tür auf den Hausflur gelange, sie führte aber in die Küche. Und so groß war diese Küche, daß der Fremde in eine Art Halle mittelalterlichen Stils zu treten glaubte. Unfern der Tür, unter einem tief heruntergehenden Riesenrauchfang, zusammengekauert auf der ebenerdigen Herdstelle, saß ein ältliches Bauernweib mit gelbrunzeligem Gesicht, nicht ohne das weiße Häubchen darüber. Sie rührte in einem Kessel, der auf hohem Dreifuß über dem Feuer stand. Es war unterdessen vollends Abend geworden. Die große Küche lag im Dunkeln; im schwarzen Hintergrund konnte man die Gegenstände kaum mehr unterscheiden, die zusammengekauerte Alte, vom Rotglutschein der Herdflamme Übergossen, wirkte wie ein Spuk. Eine schwarze Katze, die die Alte mit langen, knöchernen Fingern streichelte, und zwei große graugelbe Kaninchen, die, an Meerschweinchen erinnernd, sich ängstlich an die Pflegemutter drückten und halb unter ihrem Rock versteckten, gaben der Szene noch mehr den Charakter des Fremdartigen und Unheimlichen. Einige Augenblicke lang herrschte eine geheimnisvolle Stille. Der eintönige Siedesington im Kessel, das tiefe, innerliche Schnurren der Katze und hie und da ein Knistern in den Flammen waren die einzigen vernehmbaren Laute. Nur einmal kam aus dem finstern Hintergrund der Küche ein knurrender, halb menschlicher, halb tierischer Ton, daß es Alexander schauernd überlief. Die Alte, ohne den Mund zu öffnen, sah Alexander fremdfragend an. Etwas verlegen brachte dieser hervor, daß er wohl fehlgegangen – – er sei fremd, er suche das Fräulein von Montmerle. »Dann befindet Ihr Euch am rechten Ort, Herr«, erwiderte das Weib mit rauher Stimme, aber in freundlich gemeintem Ton. »Wer seid Ihr?« Er konnte doch nicht sagen Alexander Schmälzle von Hinterwinkel, er antwortete also, daß er Mademoiselle von Herrn Tissot her kenne. » Toujours ce Monsieur Tissot «, brummte die Hexe, und es schien Alexander, als seien ihre Worte von leisem, heiserem Lachen begleitet. »Setzt Euch, Herr«, fügte sie hinzu und deutete mit leichter Kopfbewegung auf einen Stuhl am Fenster. Die Lage des schwäbischen Jünglings war recht abenteuerlich, er vermochte nicht zu denken, wie die Sache sich weiter abwickeln, das sonderbare Rätsel sich lösen werde. Die Alte nahm unterdessen den Kessel vom Feuer und stellte einen zugedeckten Tiegel auf den Dreifuß. Wieder hörte man eine Stimme in der hintersten dunkeln Ecke der Küche, erst wie dumpfes Knurren, dann lauter werdend wie wilde Zornausbrüche. ! Je weniger Alexander die kaum artikulierten Laute zu verstehen vermochte, desto entsetzlicher dünkten sie ihm. »Schweig, Alter«, rief die Alte streng und hart. Aber der Zorn des Unsichtbaren schien sich nur zu steigern. »Nun, hörst du nicht«, kam's jetzt ebenfalls zornig über die runzeligen Lippen der Frau, während ihre knöcherne Hand nach einem Stocke griff. Da verstummte das Grollen des Unsichtbaren, doch nicht plötzlich, sondern nur allmählich, wie das ferne Rollen des Donners im Gebirge. »Theodosie muß jeden Augenblick kommen,« sagte die Alte dann, »sie müßte nur in der Stadt geblieben sein.« Mit diesen Worten richtete sie sich auf. »Verzeiht, Herr, ich muß nach meinem Geflügel sehen.« Damit raffte sie aus einem Holztrog in der Ecke einige Handvoll Körner in ihren vorn aufgehobenen Rock und schlürfte mit schweren Holzschuhen hinaus. Alexander hörte sie draußen schmeichlerisch mit ihren Hühnern und Enten reden. Einige Minuten nur vergingen, da entstand gegen das Hintere Ende der Küche, im Finstern, ein Geräusch, erst als ob sich etwas aufrichtete, dann als ob schwere Holzschuhe über Steinplatten schlürften, und immer deutlicher hob sich eine hohe menschliche Gestalt gegen den dunklen Grund ab, die, wie sie mehr und mehr in den Lichtkreis des Herdfeuers trat, sich als eine Erscheinung darstellte, wohl geeignet, Schauder einzuflößen. Es war ein männlich kraftvoller, hoher Körper, nur im Nacken etwas gebückt, in schmutzigem Leinenanzug. Auf den breiten Schultern saß ein auffallend großer Kopf mit kurzgeschorenem, borstig auseinanderstehendem Haar; über das greisenhafte Gesicht, von schwarzen und weißen Bartstoppeln verunziert, lief ein blöd pfiffiges Lachen, das bald in lautes Wiehern ausbrach. Die eine Hand des Riesen aber deckte den Kessel auf und die andere tastete daneben auf dem rußigen Wandbrett nach einem Löffel umher, den sie bald fand. Unter innerlich befriedigtem Knurren, dem des hungrigen Hundes ähnlich, der einen guten Knochen zwischen den Vorderpfoten hält, schöpfte der Greis ein dickes, gelbes Mus aus dem Schlund des Kessels herauf; aber als er mit dem Löffel die Lippen berührte, stieß er einen schmerzlichen Laut aus, der in ein klägliches Winseln überging, das heiße Mus hatte ihm die Lippen verbrannt. Eine neue Erscheinung betrat die Küche, ein Mann in den dreißiger Jahren, von schmächtig kleinem Wuchs, mit martialischem Schnurrbart im Gesicht. Er warf sich, wie man einem lämmerraubenden Wolf entgegenstürzt, auf den Nascher mit den verbrannten Lippen, der wie ein schwaches Kind mit unsäglicher Angst, doch nicht ohne ein grimmiges Knurren scheu zurückwich. » Va bête «, sagte der andere. Dann bemerkte er Alexander. Halb verlegen, halb frech grüßte er. Er sah sich einen Augenblick um und verschwand dann im finstern Hintergrund der Küche, wo eine Tür und Treppe zu Stall und Scheune hinunterzuführen schien. » Bougre! Könnt Ihr nicht langsam tun, Ihr macht mir ja alle meine Tiere scheu«, klang vom Hof her mit scharfem, zornigem Schelten die Stimme der Alten. »Hol' der Kuckuck Euer Geziefer«, erklang es verächtlich dagegen. Ein seltsames Zittern durchlief Alexander, es war die Stimme Theodosies gewesen; er hörte ihren Tritt auf der Staffel. »Ihr habt Besuch«, rief die Alte jetzt, und fast wie ein Ton der Schadenfreude klang's durch ihre Worte. »Wer ist es?« fragte Theodosie. »Weiß ich's? Wer auch Eure Bekanntschaften alle kennte. Seht selber, der Herr scheint jung und schön; wird er hierbleiben, hain ?« »Ihr sagt das seltsam, was meint Ihr damit?« fragte Theodosie mit hörbarer Erregtheit. Ein nicht mißzuverstehendes Lachen war die Antwort. »Welch' eine Mutter!« entrang sich's schmerzlich Theodosies Brust. Dann erschien sie unter der Tür. Ihr erster Ausruf war: »In der Küche!« Alexander tat einen Schritt auf sie zu. »Mademoiselle ...« Sie erkannte ihn; ein lauter Aufschrei des Schreckens entfuhr ihr, als ob er ein grabentstiegener Geist sei. Betroffen brachte Alexander hervor, daß es ihm unmöglich gewesen war, Frankreich zu verlassen, ohne sie vorher gesehen zu haben. Und da schien sie nun verlegen und glücklich zugleich. Sie führte ihn ins Eßzimmer, das an die Küche stieß, und dessen einziges Fenster, soviel man in der Dämmerung erkennen konnte, ebenerdig auf einen Baumgarten hinausging. Im Zimmer stand ein runder Tisch und mehrere Stühle; in der Mauer waren breite Schränke angebracht, an der Rückwand sah man ein einfaches Bett ohne Vorhänge. Das Fräulein von Montmerle trug dasselbe schwarzseidene Kleid mit der schmalen goldenen Spitzenkrause an Hals und Brustausschnitt, genau wie Alexander sie zum ersten Male sah im Gasthaus zu den »drei schwarzen Mauleseln«. Und wie dort, stand sie stolz und hochaufgerichtet vor ihm. Sie gestand, sein unvermutetes Erscheinen habe sie erschreckt. Nun aber sei sie glücklich darüber wie über nichts in der Welt, und sie danke ihm herzlich. Nur möge er entschuldigen, wenn er für diesen Abend nicht alles nach Bequemlichkeit vorfinde, von morgen ab solle es besser werden. »Das heißt,« fuhr sie stockend und mit einem tiefen Aufseufzen fort, »über vieles werden Sie sich auch dann noch hinwegsetzen müssen, und Sie werden am Ende wenig Lust zum Bleiben haben. Ich wollte Sie früher über meine Verhältnisse aufklären, und Sie denken vielleicht nun schlecht von mir, aber es ist so hart, von seiner Familie zu reden, wenn man nur Schlimmes und Trauriges zu berichten weiß.« Fünfzehntes Kapitel Eine Ahnengalerie Die Mutter hatte es sich nicht nehmen lassen, Alexander ein Nachtessen zu richten. Sie saß nun mit zu Tische und zeigte sich, während sie fleißig von dem eingeschenkten Rotwein trank, recht gesprächig, sogar lustig; sie beteuerte, daß der Herr, wenn es ihm gefiele, so schnell nicht fort dürfe. Dazwischen hörte man draußen in der Küche, ohne daß jemand darauf zu achten schien, bald ein heiseres Knurren und Grunzen, bald ein tobsüchtiges Rasen, bald ein wildwahnsinnges Lachen. »Was ist denn heut mit Papa, daß er so unruhig ist?« fragte das Fräulein von Montmerle einmal leichthin. Und immer wieder hörte man die knurrenden, grunzenden, bellenden Töne ... Das Fräulein von Montmerle wollte den Gast selber in seine Schlafstube führen, die an das Eßzimmer stieß und wo sie sich schon vor dem Essen zu tun gemacht hatte. Nach der anderen Seite ging die Mutter in das ihrige. Im Zimmer ihres Gastes stellte Theodosie das Licht auf den Kaminsims, ließ sich auf einen Sessel niedersinken und sah Alexander stumm an. Dieser erwartete, daß sie jeden Augenblick überwältigt in bittere Tränen ausbrechen werde, doch der Ausdruck ihres Gesichtes blieb hart und kalt. »Da haben Sie meine Familie«, sagte sie nach einer Weile in eisigem Ton. Alexander, jedes Wortes unfähig, blickte fast mit Entsetzen auf das Fräulein von Montmerle hin. Ein bitteres Auflachen aus ihrem Munde unterbrach die Stille. »Das ist das Geschlecht derer von Montmerle,« fuhr sie fort, »das seine Ahnen sieben Jahrhunderte zurückverfolgen kann, von denen im fünfzehnten Jahrhundert ein Henri Robert Jaquelin de Montmerle unter den Rittern genannt wird, die mit dem König René gegen die aufständischen Sizilianer zogen, während noch früher eines Henri Robert Michel Martin du Bois de Montmerle unter den Kreuzfahrern des heiligen Ludwig gegen, den ägyptischen Sultan Erwähnung geschieht als eines Waffengefährten und Lebensretters des Grafen Artois, ein anderer, ein Gilles Adelstan de Montmerle war der Freund und Vertraute des Grafen Dunois, des Bastards von Orleans.« Die Sprecherin hielt inne, Alexander wußte nichts zu erwidern und es entstandene Pause. »Unser ganzes Unglück, sehen Sie,« nahm das Fräulein ihre Rede wieder auf, »war die Revolution, sie vertrieb unsere Familie, raubte unsere Güter, zerstörte unser Schloß. Mein Urgroßvater Henri Hippolitte François de Montmerle entkam allein mit seinem fünfjährigen Sohne Hektor und floh in die Schweiz und von dort an den Rhein. Nur dieser Hektor – man nennt ihn meinen Großvater – ist später, nach dem Sturz Napoleons, nach Frankreich zurückgekehrt, wo er in La Renardière sein Schloß zerstört und sein Gut aufgeteilt und verkauft fand. Er war bettelarm und hat, ein starrer und energischer Charakter, in starkem Mut sich entschlossen, da ein kleiner Bauer zu werden, wo seine Vorfahren die Herren waren. Wie er dann infolge des Indemnitätsgesetzes unter Karl X. mit der Zeit ein großer Bauer und der Maire der Gemeinde und weit und breit ein angesehner und reicher Mann wurde, das wäre schön zu erzählen. Aber anderes möchte sich nicht so lieblich anhören und war doch nur eine Notwendigkeit in dem starken Handeln des mutigen Mannes. Er hatte eine kleine Frau aus Deutschland mitgebracht, die ihn nicht verstand. Das war sein Unglück. Und sein zweites Unglück war sein blödsinniger Sohn Philipp, den man meinen Vater nennt. Kurz, es kam so, daß Hektor, bereits ein Sechziger, seine Hausmagd Marcelline Dupont, meine spätere Mutter und damals schon seine Geliebte, seinem unglücklichen Sohn zur Frau antrauen ließ, da seine eigene Frau Edevique immer noch lebte und er den Gedanken nicht ertragen konnte, seine lange und hartnäckige Lebensarbeit für einen Schwachsinnigen und also soviel wie umsonst getan zu haben. Leider, und nun kommt das Traurigste, hatte er mit seiner Marcelline falsch gerechnet, die ihn, sechs Jahre nach mir, eines Tages lachend mit einem kleinen Bankert beschenkte. Sie haben ihn, Herr Alexander, vor dem Essen in der Küche gesehen, man nennt ihn Monsieur Louis. Oh, das sind häßliche Dinge. Doch Großpapa, ich habe ihn nie anders genannt, hat sich in seinem Testament gerächt, er hat seinen Sohn, den er schon früher hatte entmündigen lassen, wie dessen Frau Marcelline soweit enterbt, als es nach dem Gesetz nur eben zulässig war, und hat mich zur direkten Erbin eingesetzt. Dafür bestiehlt man mich. Zwar die verpachteten Grundstücke können sie mir nicht forttragen, aber wer mir in dem Weinberg, den ich mir zurückbehalten, die Trauben wegstibitzt, das ist eine böse alte Eule, oh, ich kenne sie, und der gefräßigste junge Tagedieb, den die Erde trägt ... Aber Sie sind müde, mein Freund«, unterbrach die Sprecherin sich. Einen Augenblick herrschte peinliches Schweigen. »Und, nicht wahr,« fragte in etwas weicherem Tone das Fräulein von Montmerle, »Sie hatten sich das Wiedersehen anders ausgemalt?« Sechzehntes Kapitel Wie der Boden immer brenzeliger wird, und des Philosophen Abschiedsrede Ja, Alexander Schmälzle hatte sich das Wiedersehen anders ausgemalt, und er fühlte sich von dem, was er hier in zwei Stunden zu sehen und zu hören bekommen, so erschüttert, daß er noch am ganzen Körper bebte, als ihn das Fräulein von Montmerle längst verlassen hatte. Er hatte sich gut sagen, daß seine Freundin im Grund unschuldig sei an den wüsten Zuständen und Verhältnissen in ihrer Familie; ihm graute nun einmal vor diesem Haus und seinen Bewohnern, und eine unsägliche Angst befiel ihn bei dem Gedanken an den andern Morgen. Aber warum diesen Morgen erst abwarten? Er war ja in Frankreich, und so konnte nichts natürlicher sein, als hier sich französisch zu verabschieden. Zum Glück hatte er sein Gepäck in St. Feréol gelassen. Aber man hatte die Haustür geschlossen, er hatte es selber gehört. Was tun? Nun, sein Schlafzimmer lag ja zu ebener Erde und das Hoftor war unverschließbar. Und kurz entschlossen, und nachdem er an seiner Tür gehorcht, ob auch alles still sei im Hause, stieg Alexander aus dem Fenster, und leise und verstohlen, wie ein Dieb in der Nacht, verließ er das unheimliche Haus und machte sich im hellen Mondschein auf den Weg nach St. Feréol. Gegen zehn Uhr in der Nacht kam er dort an und ließ sich im ersten besten Hotel ein Zimmer geben. Seine Erschütterung hatte sich schon unterwegs gelegt, und er schlief jetzt den Schlaf der Unschuld bis in den hellen Morgen hinein. Er frühstückte dann noch im Hotel nach echt französischer Art mit einer großen Bulle Milchkaffee und einem Viertel Weißbrot. Das Hotel war still, wie ausgestorben. Nur von der Straße her hörte man ungewöhnlichen Lärm. Als Alexander das Haus verließ, um sich nach dem nahen Bahnhof zu begeben, wurde es ihm doch plötzlich bange bei dem, was er sah und hörte. Ganze Truppen jüngeres Volk beiderlei Geschlechts zogen, Fahnen und Blumensträuße schwenkend, durch die Straßen. Sie sangen die Marseillaise, und zwischen dem Singen stießen sie begeisterte Vivatrufe aller Art aus, die wie ein Echo von allen Seiten her widerhallten. Alexander hatte zum Glück nur wenige hundert Schritte zum Bahnhof. In der Vorhalle stieß er plötzlich auf einen älteren Herrn mit glattrasiertem, fleischigem Gesicht und tadellosem schwarzen Anzug. Der junge Deutsche fuhr ordentlich zurück. »Ums Himmels willen,« rief Herr Tissot, »wo kommen denn Sie her, Herr Alexander, und wo wollen Sie hin?« Alexander stotterte etwas. Er war zu überrascht von der unvorhergesehenen Begegnung. »Aber Sie wissen am Ende noch gar nicht ...« »Was?« fragte Alexander ein wenig wie geistesabwesend. »Richtig«, rief Herr Tissot. »Die ganze Welt weiß es seit zwei Stunden: Nur dieser junge Deutsche weiß noch nichts davon. Was hat Ihnen nur so völlig Augen und Ohren verstopft? Nun, ich weiß es ja, Sie sind ein Träumer. Also, der Krieg ist erklärt.« Herr Tissot mußte lächeln. »Sie scheinen sich aber gar nicht zu verwundern. Was geht das Sie auch an, nicht wahr? Ein wenig doch. Sie wollten nach La Renardière. Diese Reise werden Sie jetzt besser für später aufschieben ... Was sagen Sie, Sie kommen schon von La Renardière? Ei! Das ist schade. Wahrhaftig. Ich meine, es ist schade, daß Sie nun von unserem schönen Frankreich als Letztes wahrscheinlich recht wenig schöne Eindrücke mit nach Hause nehmen. Freilich ist es Ihre Schuld. Waren Sie denn eingeladen? Nun, sehen Sie. Wo man nicht eingeladen ist, soll man keinen Besuch machen. Soviel Takt muß ein Mensch haben. Aber Sie sind ein Deutscher. Oh, diese Deutschen, Ihre Landsleute. Sogar Ihr alter König, der graue Guillaume, ist grad' wie Sie. Möcht' uns auch gern einen Besuch machen und hat ihn doch niemand geladen. Pardon . Und nun müssen Sie leider für den Augenblick einzig darauf bedacht sein, so gut es gehen will, über die Grenze zu kommen. Ich habe in Nancy zu tun. In einer Viertelstunde geht ein Zug. Fahren Sie mit mir dorthin, von dort wird es am ehesten möglich sein, einen Anschluß nach Kehl zu erreichen.« Alexander war es zufrieden, und wahrhaftig, er hatte allen Grund, dem immer liebenswürdigen Exnotar für seine abermalige Hilfsbereitschaft in Rat und Tat dankbar zu sein. »Nun,« sprach Herr Tissot, als sie im Zug untergebracht waren, »erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen ehemals über unseren Philosophen Fourier und seine Phasen von Weltglück gesagt habe. Von der Phase der Einheit habe ich Ihnen gesprochen und wie nahe sie bevorstehe. Erinnern Sie sich? Nun denn, bewundern Sie, wie richtig Fourier gerechnet hat. Denn nur darum mußte dieser Krieg jetzt ausbrechen, um wie ein notwendiges luftreinigendes Gewitter den goldenen Tag der Zukunft, die Phase der Einheit herauszuführen zum Glück der Menschheit. Und selbstverständlich sind wir, die wir den Philosophen-Propheten Fourier aus uns erzeugt haben, sind wir Franzosen dazu berufen, den Absichten des ewigen Weltschicksals als erste entgegenzukommen und alles wegzuräumen, was diesen Absichten widerstrebt, auch diejenigen, wie sie es verdienen, zu züchtigen, die sich in blinder Verstocktheit der ungeahnten Evolution des Weltgeistes zu widersetzen die Vermessenheit haben. Sie, mein junger Freund, als guter deutscher Protestant, kennen wohl die Bibel. In diesem etwas wirren Buch, voll der tollsten Widersprüche, steht der Satz, der uns mehr als jeder andere befremden muß; er lautet: ›Widerstehe nicht dem Bösen.‹ Nun, in der bösen alten Zeit, für die das geschrieben wurde, mag es gegolten haben. Heut aber, bei der Annäherung des Tausendjährigen Reiches, wovon schon die älteste Menschheit ahnend träumte, das heißt des Reiches und der Herrschaft menschlicher Güte und ewiger Versöhnung, heute gilt das Wort: Widerstehe nicht dem Guten. Wehe, wer es überhört. Wehe dem alten schwachsinnigen König von Preußen, der nicht wußte, was er tat, als er sich herausnahm, Frankreich den Krieg zu erklären ...« In diesem Sinne sprach Herr Tissot noch lange weiter. Zuletzt aber, auf dem Bahnhof zu Nancy, vor dem fast häßlichen Lärm der Wirklichkeit, verstummte die Philosophie. Um so rührender war Herr Tissot bemüht, den jungen Deutschen in den richtigen Zug zu befördern, der ihn bei Kehl über den Rhein bringen sollte, wenn anders die Bahnbrücke dort noch nicht gesprengt war. Wirklich gelang es Alexander durch Herrn Tissots Hilfe, eine Fahrkarte und zuletzt auch einen Stehplatz in einem offenen Frachtwagen, der sonst zum Transport von Vieh diente, zu erhalten, und er war jetzt selbst um diese Beförderung noch froh; denn die gar nicht liebliche Melodie, mit der im Bahnhof zu Nancy die Rufe: » Vive la guerre! à bas les Prussiens! A Berlin! A Berlin! « ausgestoßen wurden, mußte sogar einem so weltfremden Träumer wie diesen Alexander aus Hinterwinkel allmählich unheimlich werden. Siebzehntes Kapitel Der Zweitöter Der große Krieg dauerte nun schon den ganzen Sommer. Und da war es an einem Frühmorgen im Oktober. Und es war ein Wald, und die Blätter waren gelb, aber vor Alter statt vor Jugend. Das waren die Blätter des Ahorn und der Espe. Diese kleinen runden Blätter der Espe lagen wie ausgestreute Goldstücke auf dem braunen Boden umher; die Blätter der Buche aber waren rotbraun, und wo gerade ein Sonnenstrahl darauf fiel, da bekamen sie ein Leuchten wie gescheuertes Kupfer. Der ganze Wald war überhaupt von einer tollen Farbigkeit, als wären alle Farbentöpfe der Welt darüber ausgegossen worden. Und dem Wald gegenüber, jenseits einer breiten offenen Talmulde, da ging die Sonne auf mit einem Angesicht wie Blut so rot. Beim Eingang in den Wald, an dem gewundenen Stamm einer Hainbuche, lehnte ein deutscher Soldat. Den braunhaarigen Tornister gegen den feuchten Stamm gedrückt, die Hände an der Mündung seines Gewehres, auf das er sich stützte, stand er da, reglos. Etwa dreihundert Schritte von ihm entfernt mochte sich sein Kamerad postiert haben. Der hatte schon lange kein Zeichen mehr von sich gegeben, vielleicht war er im Stehen eingeschlafen. Seit einer Stunde standen die beiden auf diesem äußersten Vorposten, und sie hatten bis jetzt weder einen Feind noch das leiseste Anzeichen eines Feindes wahrgenommen. Doch galt der Posten für außerordentlich wichtig. Drüben in dem Dorf, auf der anderen Seite der Mulde, und im Biwak eine Stunde herwärts, lagen zwei Regimenter Infanterie. Das Biwak konnte man vom Waldsaum aus übersehen. Ein Überfall vom Walde her hätte verhängnisvoll werden müssen. Man war übrigens nicht darauf gefaßt. Man vermutete, allem nach, keinen Feind in nächster Nähe. Auch dort der Soldat, hinter dem weißen Stamm der Hainbuche, dachte kaum an den Feind. Es hatte sich ja lange genug nichts gerührt. Der Wald selber lag ohne Regung. Kein Tier, kein Vogel gab ein Lebenszeichen von sich, es war noch früh am Tag. Nur die fallenden Blätter hörte man. Es war ein geisterhaftes Geräusch. Wie ein unaufhörliches leises Antippen von einem unsichtbaren Etwas. Es war auch wie eine heimlich leise, eintönige Melodie, eine einschläfernde Melodie ... Und der zweite Mann des Vorpostens, dort weiter hinüber, der lange schon kein Zeichen gegeben hatte, er mochte in der Tat eingeduselt sein vor übergroßer Ermüdung. Der an der Buche aber sah wach und hell in den Morgen hinein. Doch sein Auge blickte nicht wie das eines Jägers, der auf dem Anstand einem Wild auflauert. Und ein Mann auf dem Vorposten ist nichts anderes. Der dort blickte wie ein Poet, wie ein Künstler, den Farben und Lichter entzückten. Sein Auge haftete eben an einem wilden Kirschbaum, der sich in dem braungelben Mantel des Waldes ausnahm wie ein blutiger Fleck, wie eine rote Wunde, an der das Leben des Waldes verblutete. Und er mußte sich rückwärts wenden der Sonne entgegen. Sie war unterdessen höher gestiegen und nicht mehr rot, und durchtränkte den Duft des Morgens mit silbernem Lichtgeflimmer. Es war schön, Alexander träumte. Ein merkwürdiges Ereignis, ein Ausnahmeereignis seiner Kindheit stand ihm vor der halbwachen Seele. In der Pfingstwoche war's und war auch ein Wald, ein Wald mit dichtem Unterholz, wie ihn die kleinen Vögel lieben zum Nesterbau, die Singvögel, und wo man um diese Zeit gern dem mütterlichen Reh begegnet mit seinen zierlichen Jungen, die gelbbraun sind wie der schönste Rahmkaffee, und deren Nasenspitzen glänzten wie ein frisch gewichster Stiefel. Und so war auch das Buchenlaub noch gelbgrün vor Jugend und flimmerte in der Sonne wie Goldschaum. Es war um die Mittagsstunde, nichts regte sich im Wald, er schien zu schlafen, und zu schlafen schienen die Vögel und alles Getier. Nur der langgezogene Ruf eines Blutfinks klang von Zeit zu Zeit traumhaft durch die schläfrige Stille. Nur einen Kuckuck hörte man von weither, seine Stimme klang melancholisch wie ein verlorenes Echo ... Dann waren es plötzlich nahe Geräusche. Das dürre Bodenlaub raschelte, Zweige knackten. Und manchmal klang es, wie wenn ein Beil durch dünnes Holz fährt. Alexander trug das Beil in der rechten Hand, ein zierliches Handbeil, dessen Stahl in der Sonne wie Silber blitzte, und unter dem linken Arm hielt er ein Bündel schlanker Gerten, daraus wollte er seiner Mutter Stöcke zurechthauen für ihre Bohnen im kleinen Gärtchen vor dem Hause. Doch nun hatte er genug, und er überließ sich der süßen Seligkeit, die seine Sinne tranken aus der Schönheit des Frühlings wie einen leichten stillen Rausch. Ein Erbeben ging von Zeit zu Zeit durch seine Seele und durch seine Sinne. Seine Nerven vernahmen, wie nie zuvor, die geheimnisvolle Sprache des Frühlings und antworteten darauf. Und meinten sie zu verstehen. Sie verstanden aber den Frühling als die Liebe Gottes. Seiner Seele war zumut wie in einer heiligen Kommunion. Das Wort hatte seit vier Wochen für ihn einen Sinn. Da hatte er in der Kirche kommuniziert, zum erstenmal. Und alle mystischen Ekstasen und Erschütterungen, womit er, das Kind einer schwärmerischen Mutter, das Sakrament in sich aufgenommen, und alle religiösen Schauer dieses Erlebnisses zitterten noch heute nach in seiner frommen Kinderseele. Und er empfand den Frühling als eine andere Kommunion, als ein starkes Sichfühlen in der Liebe Gottes, die auch das sterbliche Herz mit einer großen Liebe erfüllt und einem tiefen Gefühl der Bruderschaft gegen alle menschliche und jede Kreatur. Alexander hätte vielleicht, wie der heilige Eustachus, wenn ihm nun ein weißer Hirsch begegnet wäre, zwischen seinem Gehörn das Bildnisses Gottes ragen sehen, der aus Liebe sich selbst geopfert hat. Ein tiefer Friede lag in der Welt. Nichts regte sich. Die Welt schien zu schlafen, und zu schlafen schienen die Vögel und alles Getier. Nur der langgezogene Ruf eines Blutfinks klang von Zeit zu Zeit traumhaft durch die schläfrige Stille. Nur einen Kuckuck hörte man von weither, seine Stimme klang melancholisch wie ein verlorenes Echo. Er selber drang so geräuschlos als möglich durch die Stille, durch das Gebüsch und das hohe Grasgehälm. Auf einmal erschrak er. Er hatte, ganz nahe, einen Ton vernommen wie ein tiefes Schnarchen, wie das Schnarchen eines Greises. Oder war es das Röcheln eines Sterbenden? Alexander stand unbeweglich in bangem Lauschen. Sein Auge strengte sich an, die grünen Blattgegitter zu durchdringen. Aber er sah immer nur wieder grüne Blätter und hohes Grasgehälm. Das Schnarchen war jetzt ganz deutlich. Es klang unheimlich in dieser Stille. Und Alexander fragte sich, wie nur ein schnarchender Mensch mitten in die Wildnis gekommen sein möchte. Er rief laut »Holla!« Da, wie von der Erde ausgespien, schoß es vor ihm in die Höhe. Er taumelte rückwärts. Und nahe bei seinen eigenen Augen, leuchteten ihm zwei andere Augen entgegen, zwei schwarzbraune Augen, die ihn anstierten, angstvoll oder feindlich, er konnte sich keine Rechenschaft geben! Und wie ein Beben lief es über einen mächtigen braunen Körper. Und der riesige Tierleib erhob sich, bäumte sich auf und – knickte plötzlich in sich zusammen. Alexanders Beil hatte ihn getroffen. Zwischen dem Gehörn, auf der Stirn, klaffte die Wunde, quoll Blut und Gehirn hervor. Das Tier röchelte. Seine großen schwarzbraunen Augen sahen stumm-vorwurfsvoll zu dem Mörder empor. Alexander hatte ein Gefühl, daß er diesen Blick in seinem Leben nicht vergessen werde. Er war also zum Mörder geworden. Da lag das prächtige Tier, ein junger Rehbock, tot zu seinen Füßen. Wie war es möglich, daß er das tun konnte, daß er mit einem schnöden Mordinstrument dieses herrliche Geschöpf seines jungen Lebens berauben konnte, an diesem Festtag des Frühlings, wo die Liebe Gottes zu seiner Kreatur sichtbar über der Erde lag. Er hätte weinen mögen vor Schmerz und Weh. Wie ein Verbrecher kam er nach Hause. Das brechende Auge des Tieres verfolgte ihn, er fand keine Ruhe, er mußte die Sünde beichten. Aber der alte Dekan wollte ihn nicht recht verstehen. Und dann wieder verstand Alexander den Dekan nicht. Er hörte etwas von Jägern, die die Rehe zu Hunderten schießen, und von Schlächtern, die das Rind mit dem Beil töten, weil wir vom Fleisch des Rindes leben. Alexander hatte nie an diese Dinge gedacht. Aber es gelang dem Priester nicht, das böse Gewissen des Kindes zu beruhigen. Des Seelsorgers Worte verklangen; aber das Auge des sterbenden Tieres sah Alexander immerfort an mit vorwurfsvollem erlöschendem Blick. Diesen Blick konnte er nicht loswerden. Der alte Dekan schüttelte den Kopf über ihn. Ein sonderbarer Junge. Daß er einen Jagdfrevel begangen hat, ist ihm kaum bewußt. Was die Welt am furchtbarsten ahndet, die Verletzung fremder Eigentumsrechte, dafür scheint ihm das Verständnis zu fehlen; aber ein Tier getötet zu haben, kommt ihm wie ein Verbrechen vor. Seine Mutter möchte einen Priester aus ihm machen, er ist ja sehr fromm, aber seine Frömmigkeit, fürchte ich, stammt aus der Phantasie, und das ist eine verdächtige Quelle. Sein Abenteuer wurde bekannt. Man sprach nicht öffentlich davon – denn der Jagdpächter sollte es nicht erfahren – aber alle Welt erzählte sich's heimlich. Und von aller Welt wurde Alexander bewundert. Das hatte ihm niemand zugetraut. Um so mehr bestaunte man seine Tat. Er aber ging umher sozusagen mit einer Wunde im Gewissen, und lange träumte er von nichts anderem als von dem vorwurfsvoll brechenden Auge des sterbenden Rehs. Und so jetzt wieder in dem Wald des fremden Landes. Da schlug Geräusch an sein Ohr – Rascheln des Laubes, Geräusch von Zweigen, die auf die Seite gebogen und wieder losgelassen werden. Und schon hatte er sein Gewehr zum Anschlag emporgerissen. Er machte sich dünn hinter seinem Baumstamm und sein Auge suchte. Es brauchte nicht lange zu suchen. Und diesmal war's wirklich der Feind. Und ganz nahe stand ihm das Unerwartete, das nicht mehr Erwartete. Kaum mehr als dreißig Schritte von ihm zog sich ein halbverwachsener Weg hin, dort ritt ein Reiter langsam und vorsichtig gegen den Waldrand. Er ritt einen Apfelschimmel mit fast grünlichem Anflug, und von den Schultern fiel ihm ein schwarzer Radmantel mit aufgezogener Kapuze. So ritt er langsam und vorsichtig zwischen einer Art Birkenallee. Am Waldrand machte er halt. Er nahm die Kapuze ab und sah um sich. Es war ein Jüngling in der Blüte der Jahre, in der Kraft und Schönheit der Jugend. Sein regelmäßig schönes Gesicht war rosig angehaucht von der Morgenfrische. Aus seinen Augen, fast wie schöne Frauenaugen dunkel umschattet, ging ein schwärmerischer Blick über das Tal hin, das im lichtgetränkten Duft verschleiert lag. Das schöne Reiterbild stand so, unbeweglich zwischen den gelben Birken, wie in einem Goldrahmen. Nach seinem Käppi war der Jüngling ein Offizier. Er setzte seinen Feldstecher ans Auge. Da – tat es einen Knall. Und einige Augenblicke danach raste ein lediger Schimmel auf dem verwachsenen Weg in den Wald hinein, wie ein verfolgter weißer Hirsch. Sein Reiter lag dort bei den Birken auf dem Boden in seinem Blute. Er lag auf dem abgefallenen Birkenlaub wie auf gelber Seide. Mit Entsetzen hatte ihn Alexander fallen sehen. Das hatte er getan. Er hatte einen Menschen getötet in der Kraft und Schönheit seiner Jugend. Eine wunderbare Menschenblüte hatte er abgeknickt. Er hatte sich dem Tod, dem grausigen Herrn, zum Henkersknecht verdingt. Er hatte einer Mutter ihr Kind erschlagen. Er hatte in dem Herzen einer Braut mit kalter Faust einen ganzen Frühling der Liebe verheert mit allen Träumen künftiger Seligkeiten. Er hatte Welten der Schönheit zerstört, die der Jüngling vielleicht unter seiner Stirne trug. Das hatte er getan. Er kam sich selber vor wie ein unheimliches Rätsel. Und wahrhaftig, keine Heldentat war's, so aus dem gesicherten Hinterhalt einen Menschen zu töten. Keine Heldentat, aber die Erfüllung einer unumgänglichen Pflicht. Ganz verstört eilte Alexander hin zu seinem Opfer. Der Jüngling lebte noch. Ratlos, verzweifelt, vernichtet stand er vor seinem Werk. Ein matter Blick aus den Augen des Sterbenden traf ihn wie fragend. Wie ein ungeheurer Schmerz, wie ein unendliches Weh kam es über Alexander. Der andere mochte lesen, was in seiner Seele vorging, ein eigentümliches schwaches Lächeln trat auf seine Lippen. Sein Arm machte eine Bewegung, wie wenn er die Hand ausstrecken wollte, er sagte leis und mühsam: »Sie haben nur Ihre Schuldigkeit getan.« Da konnte sich Alexander nicht mehr halten, er sank in die Knie und verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte. Sein Kamerad kam herbei. »Donnerwetter,« rief er, »den Hund hast du aber gut getroffen. Um den Schuß beneid' ich dich ...« Achtzehntes Kapitel Neun Monate später Und nur um neun Monate später war's seit Beginn der welterschütternden Katastrophe, und Furchtbares und Großes war gewachsen und ausgereift im Schoße der Zeit und als Tatsache eingetreten in die blanke Tatsachenreihe der sogenannten Weltgeschichte: ein blutiger, entsetzlicher Krieg, unerhörte mörderische Schlachten, die Demütigung der Hochmütigsten, die Einigung der Uneinigsten, die politische Wiedergeburt eines Volkes, die Gründung eines mächtigen neuen Reiches. Aber diese großen Dinge stehen aufgezeichnet auf ehernen Tafeln, die gegenwärtigen flüchtigen Blätter vermessen sich nicht solchen Unternehmens, sie haben es bloß mit dem armseligen Geschick eines Einzellebens zutun, noch dazu eines recht unbedeutenden, eines Hinterwinklers. Und nach Hinterwinkel, von wo sie ausgegangen, führt die Geschichte zurück. Hier in dem winzigen Häuschen an der Haselbachbrücke und dem Kanal der Heckenmühle, dem Lohehaufen des Gerbers Appel gegenüber, wohnte jetzt wieder Alexander Schmälzle. Wieder, wie schon einmal vor fünf Jahren, wo er, ein halbwüchsiger Junge, mit dem Fuhrmann Jakob Schmitz in toller Anwandlung fortgefahren und bei Tauberbischofsheim den Krieg von Anno 66 gesehen hatte, war Alexander aus einem Kriege heimgekehrt – aus einem anderen wie damals, und er hatte selber dabei eine andere Rolle gespielt. Nicht mehr als kindischer Abenteurer und müßig neugieriger Zuschauer kam er von den blutigen Schauplätzen des Völkerkampfes, sondern als ernster Teilnehmer, als Soldat. Und seltsam. Heute umgab ihn nicht, wie damals, ein Nimbus von Heldentum. Er war ja diesmal nicht einem eigenen abenteuerlichen Triebe gefolgt, sondern nur dem Rufe der Pflicht, dem Gebot der Notwendigkeit, wie alle: sein Los entbehrte jeder Romantik. Man zuckte die Achsel über ihn, über den weggelaufenen Unterlehrer, der's nun doch zu nichts gebracht hatte, der nun wieder werden konnte, was er war: Geißhirt von Hinterwinkel. So war denn alles erstunken und erlogen gewesen, was man von dem Lexel gehört, was der Schneiderjakob nur so angedeutet, mit halbem Wort, geheimnisvoll, und was die Mutter Regine in ihrer zutraulichen Art ihren weiblichen Bekannten erzählt hatte voll mütterlichen Stolzes: was alles ihr Alexander in Frankreich für Glück erlebt, wie er bei Grafen auf ihren Schlössern wohnte und wie gar eine Grafentochter ihn heiraten wollte. Und man war so dumm gewesen und hatte ihr geglaubt. Kein Schneider war er geworden, der Lexrel, aber ein Aufschneider. Und wie er nun duckmäuserig herumschlich auf seinen alten Geißweiden, auf dem Kahlenbuckel und am Sindelwald und tagediebisch auf den »Steinmauern« hockte, zwischen Dornhecken, oder bei den Heiligenäckern droben am Salmischen Gehölz unter den alten Birken lag wie ein großes Kind, oder wie ein nicht ganz Gescheiter und vor sich hinbrütete, oder auf Papier Striche und Punkte kritzelte, auf Notenpapier, wie da und dort einer gesehen hatte. Seine Lage war allerdings keine glänzende. Die in Frankreich verdiente Summe hatte der Krieg verschlungen, und Alexander stand wieder so arm in der Welt als nur je. Eine Hoffnung hegte er, die ihm den Mut aufrichtete, die ihm aber nach außen und vor den Leuten kein Ansehen geben konnte. Ja, eines hatte auch er in dem großen Kriege erobert – zwar nicht das Eiserne Kreuz – aber einen guten Freund. Ein junger Meister der Musik, Lehrer am Konservatorium der Hauptstadt, der mit ihm in derselben Kompanie gestanden, hatte sich lebhaft für die musikalische Begabung Alexanders interessiert und ihm Hilfe und Unterstützung zugesagt. Aber ein Brief von Alexander war bis jetzt unbeantwortet geblieben. Und so trieb Alexander einstweilen sein einsames Wesen weiter. Bei seinem Umhertreiben in Feld und Heide gesellte er sich wieder öfter zur alten Hanne Strohmelker, die noch immer Steine klopfte und unter Anrufung der heiligen gebenedeiten Jungfrau und des kreuzsterbenden Heilands das Lob ihres Cyprian sang, der unterdessen droben in Hamburg eine reiche Frau geheiratet – oder auch einmal tüchtig auf ihn schalt, weil er ihr gar nichts schicke, keinen Pfennig, der abscheuliche Mensch – worauf sie immer wieder schnell in ihre Lobpreisungen einlenkte. Denn der arme Bub brauchte eben selber sündheidenviel Geld in einer so großen Stadt, das kann man sich denken, du kreuzsterbender Heiland, und wenn man sich eine solche Uniform kaufen muß als Wachtmeister, die von Gold und Silber nur so strotzt; denn viel Ehr' trägt sich schwer. Und dabei verhehlte sie nicht ihr Mitleid mit dem armen Alexander. Er war ein so guter Kerl, aber ein Cyprian ist eben nicht jeder, und man muß halt sehen, wie man sich durchs Leben bringt. Von einem Bettelweib geboren sein, einer lumpigen Steinklopferin auf dem kleinen Dörfle, und doch aufs hohe Roß gelangen und in goldstrahlender Rüstung gehen, das gelingt keinem so bald wieder. Wie sie so sprach, das siebzigjährige Weib mit dem ergrauten Haar, das Jammerwesen von Haut und Knochen, das nicht einmal Lumpen genug aufbringen konnte, um seine Blößen zu decken, da schlug sie mit erhöhter Kraft, als ob neues Leben in ihr erwachen wolle, auf die Steine los, daß die Splitter flogen, und ihre Triefaugen leuchteten heller von Mutterglück und Mutterstolz. Einmal hat ja auch die Mutter Regine ein solches Gefühl gekannt. Allein das ist schnell vorbeigegangen. Alexander nahm es der Hanne Strohmelker nicht übel, daß sie ihn bemitleidete. Er bemitleidete sich selber. Er lächelte bitter und schlich hinweg in die Einsamkeit. »Daß dich auch der Fuchs nicht beißt«, rief ihm die alte Freundin nach, die gern höhnte. Ihre Nase war indessen noch dünner und spitziger geworden. Und immer noch mehr Schnupftabak stopfte sie hinein, als ob der ihr einzig Nahrung und Leben sei. Einmal auf dem Kahlenbuckel begegnete er der Cölestine Bächle; sie trug ein mächtiges Bündel roten Klee auf dem Kopf, das ihre Rechte festhielt, während sie mit der Linken ihren bald vierjährigen Wilhelm hinter sich dreinschleppte. Beide sahen unsauber und unordentlich aus. Die Arme mußte für sich und ihr Kind mit Taglöhnerarbeit ihr elendes Brot verdienen. Sie machte ein vergrämtes Gesicht und sah, nach den wenigen Jahren, schon fast aus wie eine alte Frau. Alexander redete sie an auf die alten Erinnerungen, aber er brachte nichts aus ihr heraus, so daß er fast vermuten mußte, sie kenne ihn gar nicht mehr. Jedenfalls war ihr an das Garbenbinden auf dem Acker des Füllentoni bei der Breiten Steinmauer keine Spur im Gedächtnis geblieben. Ja, sie schien die ganze sechsundsechziger Kriegsgeschichte vergessen zu haben wie manche andere Leute auch und dachte wohl kaum je daran, daß ihr rotznasiger Bube ein Preußenkind war. Auch mit Artur Blankenhorn, es war kaum zu vermeiden, traf Alexander eines Tages zusammen. Der alte Sigmund Blankenhorn war tot, und Artur war würdig an seine Stelle getreten. Vor der Schmiede, wo sie einst an dem ausgedienten Schleifstein ihr Knöpfespiel getrieben, stießen die ehemaligen Schulkameraden aufeinander. Hier hatte Alexander zunächst die Anmerkung machen können, wie in den einfachen und ursprünglichen Lebensverhältnissen, gleichwie in der ewigen Natur, davon sie letzten Endes ein Teil sind, alle Verrichtungen im engsten Kreislauf sich immerfort wiederholten, den größten politischen Umwälzungen zum Trotz, so daß der Wechsel selber sich darstellt als das Wandellose, das ewig sich gleiche. Ein Krieg zerstört zahllose Menschenleben; am Leben der Menschheit, an ihrer innern und äußern Gesamtphysiognomie, ändert er, wie mörderisch er auch sei, nicht ein Haar; die kleinste und unscheinbarste Erfindung hat oft durchgreifendere Wirkungen. Der größte Krieg ist, sub specie aeternitatis , ein kleiner Zufall. Und so geschah es jetzt, daß wieder der Schmied ein Pferd beschlug und der kleine Sohn des neuen Lehrers, fast genau so gekleidet wie damals der kleine Artur, sah dem Geschäft zu, eine schlanke Blume im Mund und die beiden Hände in den Hosentaschen. Alexander wollte an dem Dorfkrämer vorübergehen, aber diesmal war es Artur, der ihn anhielt. »Willst du das Goldene Buch, du hast jetzt Zeit dazu?« fragte er mit süßlichem Lächeln in boshaftem Nachgenuß dessen, was er einst dem Sohn des Jakob Schmälzle angetan hatte. Alexander dankte trocken. »Du warst ein recht dummer Kerl«, versetzte Artur überlegen. »Mit dem Buch habe ich dir einen famosen Bären aufgebunden. Aber du hast es nicht gemerkt. Dir konnte man überhaupt alles weismachen. Der Himmel mag wissen, wo mein Papa die Deklamation seinerzeit hergenommen hatte. Das Buch, von dem ich dir vorgefabelt, hat nie existiert.« Das Goldene Buch eine Mystifikation. Also eine bloße Vorspiegelung, eine Lüge, das Geflunker eines Schalks, hatte für Alexander – wie für manche Menschen noch – die Ursache gebildet von soviel Sehnsucht und Unruhe und Schmerz. Eine Nichtsache kann doch eine Ursache sein: armes menschliches Hirn. Täglich besuchte Alexander seinen alten Freund Rotermund, der auch noch immer seine Körbe flocht in glücklicher Zufriedenheit, doppelt glücklich, wenn er von seiner Tochter Olga erzählen konnte, die jetzt als Kinderfräulein mit ihrer Botschafterfamilie in Rom wohnte, der Hauptstadt der Welt und des jungem Königreichs Italien, der Ewigen Stadt. »Wer das gedacht hätt',« meinte Rotermund, »als ihr beide noch um mich herumspieltet und mir die Weiden verdarbt.« Dem Nepomuk, dem alten Hoboisten und Soldaten, erzählte Alexander auch seine wenigen Kriegserlebnisse; denn in Wahrheit hatte er, als Nachgeschobener, nur an späten und geringfügigen Aktionen teilgenommen. Eines dieser Erlebnisse wurde erzählt, ein anderes, wo er aus einem Zweitöter ein Dreitöter wurde, war besonderer Natur. »Diese Geschichte«, versicherte Alexander, »erzähle ich nur dir, es braucht niemand sonst darum zu wissen. Und besonders möchte ich nicht, daß sie die Mutter erfährt. Man täte ihr zu weh damit. Die Sache ist auch nichts weniger als schmeichelhaft für uns Deutsche. Das Schmerzlichste aber: daß der Fall nicht einmal vereinzelt dasteht. Er ist zugleich das Grauenhafteste, was ich persönlich im Krieg erlebt habe. Der dichteste Kugelregen und das blutigste Gemetzel im Bajonettangriff sind ein Kinderspiel dagegen.« Und Alexander erzählte. In Saint-Feréol spielte das Drama, in demselben Orte, an den sich für ihn noch andere Erinnerungen knüpften. »A Berlin, à Berlin!« hatte es ihm auf dem Bahnhof daselbst nachgerufen. Etwas über fünf Monate später wurde Alexander in dem nämlichen Saint-Feréol als deutscher Soldat einquartiert. Fast acht Tage lang lag er dort. Er ging sogar nach La Renardière. Theodosie von Montmerle aber fand er nicht dort. Die Mutter Marcelline traf Alexander kauernd an ihrem Herd, wo sie in ihrem Kessel rührte, wie wenn sie seit den fünf Monaten sich nicht von der Stelle gerührt hätte. Von Theodosie wollte sie nichts wissen. »Sie wird bei ihrem Herrn Tissot stecken, dem alten Narren«, warf sie hin mit verächtlichem Achselzucken. Ihr geliebter Sohn, Monsieur Louis – Louis d'or , den goldenen Louis, nannte sie ihn in ihrer mütterlichen Zärtlichkeit – stand nun auch im Feld; sie wußte nicht wo, denn sie bekam nie eine Nachricht von ihm. Vielleicht war er längst totgeschossen von den Preußen. Bei diesem schmerzlichen Gedanken blieben zwar ihre Augen trocken, aber ihr altes Runzelgesicht verzerrte sich zu unheimlichen Grimassen. Über eins verwunderte sich Alexander. Sie schimpfte nicht auf die Preußen. Sie lobte sie. Das waren anständige Soldaten und gute, liebenswürdige Menschen. Seit vielen Wochen schon wechselte fortwährend die deutsche Einquartierung im Dorf, und mit allen war man zufrieden. Nie wurde eine Klage gehört. Diese Soldaten nahmen nur, was man ihnen freiwillig zukommen ließ, und seitdem es keinen Wein mehr gab im Haus, schafften sie ihn selber zu den Mahlzeiten; sie holten ihn aus dem benachbarten Schloß des Bürger Françon, dessen Verwalter sich ihn mit gutem Geld bezahlen ließ. Und schenkten der alten Mutter freigebig und reichlich davon ein. »Jetzt haben wir zwei,« schloß die Marcelline, »die sehen aus wie Wilde, aber sind sanft wie Kinder und gut wie das liebe Brot. Sie werden sie sehen, ich höre sie kommen. Draußen kreischten die Hühner – es waren ihrer allerdings weniger geworden – und zwei alte Landwehrleute mit verwilderten gelben Bärten traten in die Küche. Man begrüßte sich herzlich als Landsleute und Kameraden. Verwunderlicherweise waren es zwei Hamburger, von denselben, die sich vor vier Jahren in Schwaben so vergnügte Tage gegeben hatten. Sollten sie vielleicht zu denen von Hinterwinkel gehört haben? War gar einer davon der Vater von der Cölestine Bächle ihrem Buben? Sie konnten sich aber nicht mehr erinnern an die Namen der vielen Dörfer, wo sie damals in Quartier gelegen. Doch hatten beide den Kapellmeister Franke gekannt. Er hatte unterdessen, sie wußten nicht warum, seinen Abschied bekommen und dirigierte seitdem das Orchester eines Tingeltangeltheaters in der Sankt-Pauli-Vorstadt. Auf der dunkeln Treppe, die zu der Stallung oder dem Keller hinunterführte, schob sich ein grauborstiger ungeschlachter Kopf in die Höhe und ein breitschultriger Körper folgte. Es war der blödsinnige Alte. In der Art eines Betrunkenen kam er auf die Gruppe am Herd zugewankt. Er knurrte nicht zornig wie ehemals; ein vergnügtes Grinsen lag auf seinem schlechtrasierten Gesicht. Zu Alexanders Erstaunen erkannte ihn der Narr. »Suchen Mademoiselle Theodosie«, stackste er hervor. »Liebes Vögelchen. Ist fortgeflogen.« Er stak wie vor fünf Monaten in dem gleichen schmutzigen Zwilchanzug, man hätte ihn für einen entlaufenen Sträfling halten können. Er klopfte jetzt einem der Hamburger Landwehrleute vertraulich auf die Schulter. »Gute Menschen,« grunzte er, »gute Menschen, die Preußen. Bons gens, les prussiens . Sagen immer: trincaltre, trincaltre ! Soll heißen: Buvez, mon vieux, buvez . Haben Napoleon kaputt gemacht. Est foutu, Monsieur Napoleon. A bas, Napoleon ! Es lebe der König, mein Vetter! Vive mon cousin! vivo le roi! « * Just am Tage nach diesem Besuch erhielt Alexanders Abteilung unvermutet den Befehl zum Antreten. Ein Verräter war vom Kriegsgericht verurteilt worden und sollte erschossen werden, ein Ordensmann aus einer Niederlassung in der Nähe von Saint-Feréol, von deutscher Abstammung, der ein deutsches Detachement absichtlich in die Irre geführt hatte. Die Soldaten standen vor dem Rathaus in Reih und Glied, der Elende wurde vorgeführt. Mitten auf dem Markt, zum abschreckenden Beispiel der französischen Landbevölkerung, sollte er kriegsrechtlich behandelt werden. Zu den kommandierten zwölf Mann gehörte auch Alexander. Er erhielt als Gefreiter das Kommando übertragen. Die Soldaten hatten Distanz genommen. Nach dem armen Sünder schaute Alexander so wenig wie möglich, aber das Wort »Feuer« blieb ihm halb in der Kehle stecken – ein Blick zum Delinquenten hatte ihn entsetzt. Es war der Vetter Pankraz. Alexanders Leute hatten auch auf das halbe »Feuer« losgedrückt, und der Körper des Unglücklichen war mit verspritztem Gehirn aufs Pflaster hingeschlagen. Neunzehntes Kapitel Ein anderer Cyprian Strohmelker Alexander Schmälzle kannte die Menschen schlecht. Oder wenn er sie kannte, verschmähte er es, aus seiner Kenntnis Vorteil zu ziehen. Warum trieb er sich einsam auf dem Kahlenbuckel umher und im Sindelwald und Salmischen Gehölz und hockte auf der »Breiten Steinmauer« unter dem alten Nußbaum, hinter Stachelbeerhecken und wildem Rosengedörn? Warum saß er nicht statt dessen in der Krone an Feierabenden und Sonntagen, unter den Burschen und Bauern, als Gleicher unter Gleichen, und erzählte, so gut wie andere, von Verwundungen und Verstümmelungen, von unmenschlichem Hunger und Frost, von Lagerfeuerpoesie und Vorpostenabenteuern, von interessanten Quartieren, von gutherzigen hübschen Französinnen, von eingefangenen Truthähnen, von ausgegrabenen Weinfässern, von ganzen Kisten Kognakflaschen, von Dutzenden fidelen Räuschen und so weiter? Man hätte ihn gelten lassen wie die anderen, man hätte nicht über ihn die Achsel gezuckt. Und wenn er seine Geschichte mit Theodosie von Montmerle, der vornehmen Gräfin, erzählt hätte, des langen und breiten, und nicht nach der Wirklichkeit, sondern idealisierend, mit den schmeichelhaftesten Entstellungen, in dem Sinn seiner Briefe von ehedem, da er selber noch in holden Täuschungen lebte, und wenn er behauptet hätte, daß er Schloßherr zu La Renardière werden könne, sobald er nach Frankreich zurückkehren wolle, was er nächstens zu tun gedenke: sie hätten ihm alle mit hellem Erstaunen zugehört, sie hätten gesagt, etwas muß daran wahr sein, wenn er auch ein wenig übertreibt; sie hätten ihn beneidet und sie hätten ihn bewundert. Aber Alexander ging den Leuten aus dem Weg. Nicht daß er, wie einst zu Hopfingen, die Menschen fürchtete, zu eigenem Leid. Etwas anderes trennte ihn heute von ihnen, er wußte selber nicht was. Die anderen aber wußten es, wenigstens waren sie schnell mit Namen bei der Hand, und wenn sie es nicht als Dummheit bemitleideten, so nannten sie es Hochmut. Und zu ihrer Verachtung gesellte sich der Haß. Alexander hätte der Löwe des Tages sein können, aber er hatte kein Talent dazu, und wer gerade dieses Talent entbehrt, von dem nehmen die Leute gern an, er habe überhaupt keines. Der Löwe des Tages aber wurde bald ein anderer. Ja, fast wiederholte sich die sensationelle Geschichte von sechsundsechzig, die Geschichte mit dem Cyprian Strohmelker. Alexander befand sich erst kurz in Hinterwinkel und saß eines Tages oben auf der Schillingsberger Höhe, am Saum des Sindelwaldes, auf derselben Stelle an dem großen Markstein, von wo er einst als gelangweilter Junge in den Krieg gefahren war mit dem Fuhrmann Jakob Schmitz von Brunnacker. Er gedachte unwillkürlich jener Zeit und seines damaligen unleidlichen Wesens. Er schämte sich. Da kam auf der Schillingsberger Straße her, um die Waldecke, ein Fuhrwerk angerasselt. Es war ein echt schwäbisches Gefährt, ein sogenanntes Bernerwägele, aber es trug einen merkwürdigen Insassen, einen französischen Zuaven in voller Uniform, mit scharlachroten Pluderhosen und einem ebenfalls brennendroten hohen Fez auf dem Hinterkopfe, mit mächtigem Schnurr- und Knebelbart, eine Zigarette rauchend. Das rasselte vorüber. Und plötzlich drehte der Turko sich um, er hatte Alexander erblickt, er rief » Bon jour , Lexel!« und lachte. Ganz verblüfft sah ihm Alexander nach. Und drunten kam das ganze Dorf in Aufruhr. Die spielenden Kinder auf der Gasse stiebten auseinander, die kleinen stürzten schreiend in die Häuser an die Schürze ihrer Mütter, die großen rissen die Augen weit auf. Durch alle Fenster reckten sie die Köpfe. Viele dachten an nichts Geringeres als an den Kaiser Napoleon. Denn so hatten sie sich den Franzosenkaiser immer vorgestellt. Die Zigarette stimmte auch. Wahrhaftig, die Hinterwinkler waren so ununterrichtet nicht. Sie hatten während des Krieges Zeitungen gelesen, das Böhringer Amtsverkündigungsblatt; sie wußten, daß Napoleon sogar während der Schlacht bei Sedan Zigaretten geraucht hat. Was eine Zigarette ist, hatte ihnen der Unterlehrer Theobald Roßrucker erklärt. Und unmöglich war ja nichts in dieser Zeit. Vielleicht kam der unglückliche Kaiser nach Hinterwinkel, um bei den gemütlichen Schwaben Schutz zu suchen vor den ungemütlichen Preußen. Übrigens sah er lustig aus auf seinem Bernerwägele. Für einen abgesetzten Imperator machte er fast eine zu vergnügte Miene. Und auch gar nichts Gedemütigtes trug er an sich, sondern blickte stolz und kaiserlich auf die Leute herunter, nicht wie einer, der sein Reich verloren hat, eher wie ein junger Gott, der die ganze Welt sein nennt. So kreuzten sich die flüchtigen Gedanken in den Gehirnen der Menschen, während das fremde Gefährt mit seinem Zigarettenhelden längst die Dorfgasse hinuntergerumpelt war. Andere, deren Phantasie weniger ins Weltgeschichtliche stach, dachten an einen andern Großen, an den Cyprian Strohmelker, den herrlichen Sohn der Hanne Strohmelker. Er, der einmal hoch zu Roß, in goldenem Helm und Harnisch erschienen war, wie sollte er nicht auch auf einem Bernerwägele anfahren, mit einer roten Troddelmütze und Hosen wie ein Weiberrock. Dem durfte man alles zutrauen. Aber der sonderbare Ankömmling war, trotz seiner Zigarette, weder der Exkaiser der Franzosen noch, trotz seiner Hosen wie ein Weiberrock, der Held Cyprian Strohmelker. Er hieß einfach Vinzenz Bächle. Der Finzer war's, des Blessenvogts Finzer. Alexander Schmälzle erfuhr diese Nachricht noch auf der Schillingsberger Höhe, denn eine solche Zeitung ging wie ein Lauffeuer durch die Gemarkung. »Der fehlte mir!« war der erste Gedanke des melancholischen Musikus. Er lächelte dabei schmerzlich. Am Abend besprach Alexander das Ereignis des Tages mit seinem Freunde Nepomuk. »Noch neulich,« äußerte Rotermund, »als ich dich zum erstenmal wiedersah, dachte ich: nun, diesmal kommt ihm der Finzer gewiß nicht in den Weg.« Alexander lachte. »Ich hab' ihn im Gegenteil jeden Tag erwartet,« antwortete er, »denn ich konnte es nun nachgerade wissen, daß, wenn ich im Dorf bin, der Finzer herbei muß, und wenn ...« »Und wenn ihn der Teufel auf Stelzen holen muß«, vollendete der musikalische Korbmacher. Die Geschichte des Finzer läßt sich übrigens, trotz all ihrer Abenteuerlichkeiten, kurz erzählen. Nach seiner Flucht aus dem bischöflichen Seminar wandte er sich nach Straßburg. Dort ließ er sich in die Fremdenlegion nach Afrika anwerben. Und er besaß gerade die Eigenschaften, die einer in einem solchen Beruf braucht, vor allem physische Zähigkeit und ein gutes Stück Brutalität. So fühlte er sich verhältnismäßig wohl, wo ein anderer zugrunde gegangen wäre. Er tat sich bei verschiedenen Operationen gegen aufständische Eingeborene sichtlich hervor und erregte die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten. Ja, er wurde in kurzer Zeit Unteroffizier, dann Sergeant. Als solcher gelang es ihm, die Sache ist nicht wahrscheinlich, aber tatsächlich, die Fremdenlegion mit einem französischen Zuavenregiment zu vertauschen, einzig freilich durch die Frechheit, womit er vorgab, ein Franzose zu sein, ein mit seiner Familie nach Deutschland ausgewanderter Elsässer. Bald nach seinem Übertritt brach der Krieg aus, der sein Regiment, unter dem Oberbefehl des Marschalls Mac Mahon, nach Frankreich und an die deutsche Grenze führte. Bei Sedan, am gleichen Tag mit »seinem« Kaiser, wurde der Finzer deutscher Kriegsgefangener und kam als solcher nach Stettin. Das Los der Gefangenschaft ertrug er mit Würde. Als Sergeant genoß er eine verhältnismäßige Freiheit. Er benutzte sie, um in den Straßen und Kaffeehäusern der Stadt umherzuschlendern, die Zigarette im Mund, die beiden Hände in den Taschen seiner faltigen Hose, sich königlich freuend, wenn große und kleine Kinder vor seiner malerischen Uniform Mund und Nase aufsperrten. Die großen taten mehr noch als das. Er brauchte sich keine Zigaretten zu kaufen, sie kamen ihm von allen Seiten, er wußte selber nicht woher. Noch lieblichere Dinge wurden ihm angeboten, und der Finzer war nicht der Mann, den Blöden zu spielen. Die gefangenen Franzosen waren zu Stettin in den Bürgerhäusern herum in Quartier gegeben, kaum einer konnte sich über die Gastfreundschaft seiner Wirte beklagen, der Finzer am wenigsten. Sein Quartierherr, ein bärbeißiger pensionierter Kapitän, fühlte sich über alles beglückt, daß gerade ihm der Vorteil geworden, etwas so Exotisches ins Haus bekommen zu haben, während seine Bekannten nur unscheinbare kleine Infanteristen beherbergen durften. Er hielt weder mit seinem Ruhm – als Kenner der gelben und schwarzen Weltteile – noch mit seinem Rum und den alten Flaschen zurück, und die beiden saßen oft bis in die tiefe Nacht vor dem dampfenden Grog, und das angeglühte fleischig breite Gesicht des Alten schwitzte dabei vor Glück. Auch seine beiden Töchter wichen dann nicht von der Stelle, trotz des Qualms aus Stummelpfeife und Zigaretten. Sie waren wie toll auf den Zuaven, und ihre zahlreichen Freundinnen waren es ebenfalls, und alle schmachteten den Finzer an wie einen leibhaftigen Sultan. Ängstlich hütete er sich, ein deutsches Wort auszusprechen. Aber er schrieb heimlich an seine Mutter. Und er erfuhr von ihr bedeutsame Neuigkeiten: daß der Vater gestorben und daß der ältere Bruder im Kriege geblieben war, in der Schlacht bei Sedan, und daß er also, er, der Finzer, als einziger Erbe des Blessenhofs übrig sei. Da wurde Vinzenz Bächle nachdenklich. Dann kam die Zeit der Auslieferung. Da erschrak der Finzer. Wie aus einem Traum fuhr er auf, als seine Kameraden ihm entgegentraten, laut aufjubelnd, daß sie nun bald ihre Heimat wiedersehen sollten. Noch in derselben Stunde begann der Abmarsch nach dem Bahnhof. Der Jubel hatte sich unterdessen gelegt, es war ein stiller Zug; die Mannschaft mochte bedenken, daß sie zwar dem Vaterlande wiedergegeben wurde, aber keineswegs unter ehrenvollen Umständen, und außerdem waren die meisten unter ihnen sich bewußt, daß heimlich heiße Tränen um sie flossen. Am stillsten und nachdenklichsten verhielt sich der Finzer. Zwei Tage darauf hielt er, recht als Triumphator, den geschilderten Einzug in Hinterwinkel. Er hatte seine Sache geschickt angegriffen. An einer einsam gelegenen Kreuzungsstation in Franken wurden den Gefangenen reichliche Erfrischungen gereicht. Eine ungenannte reiche Dame hatte dem dortigen Bahnhofswirt eine Summe Geldes geschickt, um die Scheidenden zu regalieren. Bei dieser Gelegenheit brachte es der Finzer fertig, sich auf die Seite zu stehlen und zurückzubleiben. Da er Geld mit sich führte, fiel es ihm nicht schwer, sich zur Fortsetzung seiner Reise einfache bürgerliche Kleidung zu verschaffen. An alles hatte er gedacht und hatte sich durch die Mutter mit seinem Taufschein versehen lassen. Damit bewies er, er sei ein guter Deutscher und nur durch böses Mißgeschick in die verdammte französische Uniform geraten. Man bereitete ihm nicht nur keine Hindernisse, man bewies ihm die innigste Teilnahme; man zeigte sich tiefgerührt von seinem wunderbaren Schicksal. Der Bauernsohn aus Hinterwinkel, der den Krieg als französischer Zuave mitgemacht und, als Deutscher, in deutscher Kriegsgefangenschaft geschmachtet hatte, erschien den guten Leuten unendlich interessanter als die eigenen heimkehrenden Soldaten. Die Wirtstochter des Dorfes, wo der Finzer sich den bürgerlichen Anzug erhandelte, ein blondes Gretchen, bekam Tränen in die Augen bei den Erzählungen des martialischen Turkos, den man für einen Menschenfresser gehalten und der da plötzlich in deutschen Lauten redete und noch dazu in schwäbischen. Und wenn die gefühlvollen Jungfrauen dann die Uniform des schwarzbärtigen Helden mit der ihrer Brüder und Schätze verglichen, die in Urlaub kamen, da stiegen in ihren schönen Seelen fast verächtliche Gedanken auf. Der Finzer aber packte seine bunte Zuavenherrlichkeit zusammen, nahm den Zug, der ihn gen Hinterwinkel führen konnte, rauchte eine Zigarette zum Wagenfenster hinaus und bewunderte heimlich sich selber. »Der Blessenvogtsbub von Hinterwinkel ist halt doch ein Dunterskerl«, sagte er ein ums andere Mal leise in sich hinein. Zu Gansweiler, der heimatlichen Eisenbahnstation, mietete er das genannte braune Bernerwägele mit zwei schweren Ackergäulen davor, und damit rasselte er ab. Vorher hatte er seinen Anzug gewechselt und die Zuavenuniform wieder angelegt. Denn sein Erscheinen sollte bei den Christen in Hinterwinkel größeres Aufsehen erregen als das der drei Weisen aus dem Morgenlande bei den Juden zu Jerusalem. Er wollte für ein Ereignis sorgen, wovon Kind und Kindeskinder sich erzählten. Und man kann nicht sagen, daß ihm sein großer Plan mißlungen sei. Er feierte Triumph aus voller Brust. Aber nur drei Tage lang. Am dritten erschienen in Hinterwinkel und auf dem Blessenvogtshofe zwei Gendarmen und nahmen den Sohn der Blessenvögtin in ihre Mitte und marschierten mit ihm zum Dorfe hinaus. Und auch bei diesem Auszug steckte ganz Hinterwinkel die Köpfe zusammen wie bei seinem glorreichen Einzug. Niemand wußte, was von der Sache zu halten sei. Man dachte aber an das Schlimmste und munkelte von Erschossenwerden. Zwanzigstes und letztes Kapitel Wie das mit dem Finzer ausgeht. Der Kriegskamerad Die Blessenvögtin lief wie wahnsinnig umher und fluchte. Das habe man davon, daß man halb preußisch sei statt gut württembergisch. Aber Lampel seien sie all, diese Männer, wenn sie sich das gefallen ließen im eigenen Lande. Sie meinte, die Hinterwinkler müßten mit Sensen und Heugabeln ausziehen und ihren Finzer mit Gewalt heimholen. Aber sie mußte erleben, daß die Leute sie auslachten. Indessen kam der Finzer von selber zurück, ganz allein. Er war als Deserteur denunziert worden, aber die Untersuchung hatte seine Schuldlosigkeit vor dem Gesetze leichtlich ergeben, da seine Entweichung aus dem Vaterland in einem Alter und unter Umständen erfolgt war, die die Strafbarkeit ausschlossen. Er zog jedoch diesmal sehr still in Hinterwinkel ein. Der Schrecken der Verhaftung stak ihm noch in den Gliedern. Doch er erholte sich rasch davon. Sein Selbstgefühl kehrte zurück, und mit ihm fand er auch wieder die großen Worte. Denn er hatte die eigentümliche Beredsamkeit des Hannpeter geerbt, des ehemaligen Großknechts auf dem Hof, der unter, dessen auch gestorben war. Man mußte ihn nur hören. Oh, er hatte es ihnen gesagt, den Herren vom Amt. Die hatten die Nase eingezogen, und in Zukunft würden sie sich hüten, ihm die Gendarmen auf den Hals zu schicken. Die Mutter aber beeilte sich, ihm gerichtlich den Hof übergeben zu lassen. Der Finzer war Blessenvogtsbauer geworden. Da hatte er es weit genug gebracht, jedenfalls weiter als Alexander Schmälzle. Und beim Kronenwirt, seinem Nachbar, gab er, den dampfenden »Kloben« im Mund, dieser Meinung gern Ausdruck. Der Finzer rauchte jetzt statt der Zigarette die kurze Pfeife, er wußte, was er seinem neuen Stande schuldig sei. »Wenn ihr nicht so dumm wäret,« sagte er da zu den anderen, während er die Dampfwolken vor sich hinpaffte, »würdet ihr nicht so spät dahintergekommen sein, daß der Xander mit seinen Briefen aus Frankreich pure Schwindelei getrieben hat. Ein Heuchler war er sein Leben lang. Als wir miteinander studierten, wußte er mir immer meine lateinischen Arbeiten abzuschreiben und für die seinigen auszugeben. Während seines französischen Aufenthaltes aber und während er seiner dummen Mutter seine Faxen von einer reichen adligen Braut mit goldenen Schlössern vorflunkerte, was meint ihr, was er in derselben Zeit getan hat? Bettelbriefe hat er mir nach Afrika geschrieben. Angepumpt hat er mich. Es muß ihm schlecht genug ergangen sein, und seine ›adelige Braut‹ war wahrscheinlich eine Bänkelsängerin, und er ist mit ihr als Schnorrant auf Kirchweihen und Jahrmärkten herumgezogen. Er wird die Fiedel gestrichen und sie wird dazu gesungen haben. »Mich kannte er als einen guten Kerl, dem am Geld nichts gelegen ist, und er hat sich nicht verrechnet. Heut reut mich aber jeder Pfennig, den ich ihm damals schickte. Doch wir hatten gerade dem Sultan von Tripolis sein ganzes Lager geplündert und besahen Geld wie Heu. Wir wateten im Gold ... »Der Lexel, und eine Gräfin als Braut, es ist zum Totlachen. Der wäre mit einer Nähmamsell zufrieden. Oder vielleicht heiratet ihn die Korbmachers Olga, wenn sie nichts Besseres kriegen kann. Die ist ja auch so eine Großtuerin, die doch anderer Leute Kinder den Hintern putzen muß und Großgans und Großgänserich, das paßt zusammen. Der Lexel bleibt da ganz bei seinem Beruf!« Und wenn die Stimmung besonders günstig war, dann zitierte er den alten Reim der Olga Rotermund, den sie gemacht hatte, als sie neun Jahre alt war. Er zitierte ihn nicht nur, er sang ihn. Er sang ihn auf die Melodie eines bekannten schwäbischen Volksliedes und tat sich nicht wenig darauf zugute, daß die Leute glaubten, er selber habe ihn gemacht. Er sang: Der Lexel und der Xand'r Gehn ganz allein miteinand'r, Der Xander und der Lexel Essen 's ganz' Jahr Kraut und Häcksel. Und man kann sich denken, wie er die Lacher auf seiner Seite hatte. Zur Abwechslung sang er dann den andern Vers: Der Bendel und der Saam, Die gehn minanner ham, Der Saam und der Bendel, Die krieg'n au kei Händel. Der junge Blessenvogtsbauer hatte es leicht, den Lexel in Hinterwinkel verächtlich zu machen. Er war es ehe schon. Sein eigener Vater zuckte über ihn die Achsel. Er sprach nicht mit Worten aus, was er dachte; aber seine Augen redeten verständlich, sie sagten jedem, der es hören wollte, daß in der Seele des Schneiderjakobs aller Stolz und alle Hoffnung erstorben sei. Und aller Glaube. Seinen Ring betrachtete er mit keinem Blick seit lange. Sogar mit seinem Freund und Paten Nepomuk Rotermund verstand sich Alexander eines Tages nicht mehr, und daran war die Physik schuld. Oder war es die Metaphysik, die Philosophie oder die Religion – die schon mehr Menschen auseinandergebracht haben – genau kann man es nicht sagen. Die Olga war ebenfalls dabei im Spiel, wenn auch sehr unschuldig. Alexander vermied es auffallend, das Gespräch auf sie zu bringen. Um so öfter tat dies Nepomuk in seinem väterlichen Stolz. Aber einmal war es gar kein Stolz, sondern ein Ärger, aus dem heraus er die Tochter erwähnte. Da hatte sich, während Alexander gerade von seinem Leben auf Schloß Tassilot in der Normandie erzählte, unvermerkt ein Gewitter zusammengezogen. In demselben Augenblick, wo der Erzähler von dem bänglichen Erlebnis sprach, auf einer Segelfahrt draußen im Meer mit den beiden Söhnen des Marquis von Auberoche-Lescar, die leidenschaftliche Segler waren, aber dann in dem furchtbaren Sturm, der sich plötzlich erhoben, doch die Köpfe verloren, so daß ihr Schifflein nur mit knapper Not dem nassen Verderben entkam: da rüttelte jetzt auch an dem Häuschen des Korbflechters der Gewittersturm, daß das Gebälk in den Fugen knackte, und jähe Blitze durchzuckten die niedere Stube, denen ein knatterndes Gedonner folgte. Rotermund unterbrach den Sprecher. »Wie entsteht der Donner?« fragte er, indem er seine Flechtarbeit ruhen ließ und sein Gesicht mit der langen geradwinkligen Nase – er trug darauf seit neuerer Zeit eine Brille – erwartungsvoll zu dem Freund emporrichtete. »Wie der Donner entsteht?« antwortete dieser, »ich weiß nicht, wie du das meinst.« Alexander, der Vielleser, hatte doch nie ein naturwissenschaftliches Buch in die Hand genommen, und auch sein ganzes Denken ging wenig nach dieser Richtung hin. »Nicht wahr, du meinst doch auch,« forschte Nepomuk weiter, »daß eben Gott es ist, der da donnert in seiner Allmacht?« »Gewiß mein' ich es so«, bestätigte Alexander. »Das freut mich«, versetzte Rotermund. »Ich habe es auch gar nicht anders erwartet von dir. Ich konnte mich in dir nicht täuschen. Du warst immer fromm und bist es geblieben. Aber schau, da hat mich das Olga, als es letzt Jahr hier war, in einen rechten Zorn gebracht. Es ging da auch ein Gewitter mit Blitz und Donner über das Dorf hin, und das Olga, statt zu beten wie in der Kindheit, fing an, seine Weisheit auszukramen, die es auf der gottlosen höheren Töchterschule gelernt hat und wonach es die Luft sein soll, die donnert, weil sie vom Blitz auseinandergerissen wird und dann wieder zusammenprallt. So eine Gottlosigkeit. Und so ein Unsinn. Wenn man gegerbte Ochsenhäute aufeinanderwirft oder eichene Dielen, da gibt es ein Gedonner und ein Gerumpel. Aber man soll dafür einmal zwei Federkissen aufeinanderwerfen, ob das donnert. Und doch ist die Luft noch viel weicher, seiner und leichter als Federn, und sollte doch ein Gepolter machen können gleich dem Donner. Das mag begreifen wer will, ich nicht, und ich halte es nicht nur für christlicher, sondern auch für vernünftiger und dem Verstand einleuchtender, den Donner einfach zu erklären mit Gottes Allmacht. Wie es dabei zugeht, wie er es anstellt, ist seine Sache; wir wissen vieles nicht. Alles wissen wollen ist gottlos, und immer gottloser werden unsere Schulen. Was sagst du dazu, Alexander?« Dieser mußte lächeln. »Wenn du ein Bauer wärst, Göte,« antwortete er, »so einer wie der alte Füllentoni oder der Brückenlenz, da könnt' ich dir recht geben ...« »Du gibst mir also nicht recht? Wieso?« »Du bist ein Musiker, du solltest eigentlich ...« »Was sollt' ich eigentlich?« Sehr unwirsch rief's der Korbmacher. Alexander hatte noch kein einziges physikalisches Buch gelesen, die inneren Gesetze der Natur kümmerten ihn wenig, aber das hinderte ihn nicht, ein guter, wenn auch poetisierender Beobachter zu sein alles Waltenden und Wirkenden. »Hör' mich an, Göte Nepomuk«, bat er. »Vier Elemente gibt es, Feuer und Luft, Wasser und Erde. Und vierfach ist auch die Kunst. Auf der Erde beruht die Bildnerei, auf dem Feuer oder dem Licht und seinen Farben steht alles Malen; das Wasser ...« Er stockte, fast hätte er eine Lächerlichkeit ausgesprochen. »In der Dichtung wollt' ich sagen,« so korrigierte er sich kühnlich, »in der Dichtung mischen sich die viere, das Reich der Töne aber ist die Luft.« »Das ist mir zu hoch,« brummte Rotermund, »das versteh' ich nicht.« Und er nahm eine Prise, denn er hatte sich in seinen alten Tagen das Schnupfen angewöhnt. »Du verstehst das nicht?« ereiferte sich Alexander; »aber womit bildest du denn deine Musik, bildest du jeden Ton, als mit dem Odem deiner Lungen. Dein Odem aber ist Luft, und Luft ist der Odem des Weltalls. Aller Schall, aller Ton, alle Musik ist aus ihr geboren, und nicht nur, daß sie den Ton zeugt und bildet, sie trägt ihn auch; aus unsichtbaren Schwingen trägt sie ihn durch die Räume. Still ist die Luft nur in ihrer Ruhe, darum heißt stille Luft auch soviel wie ruhige Luft, ihre Bewegung aber ist immer auch Gesang, ist Tönen, ist Musik. Kein Ton, der nicht Luft ist ...« »Ja, ein F ...z, zum Teufel noch einmal,« platzte Nepomuk heraus, »und nun sei still, schäm' dich.« Aber Alexander war der Meinung, daß umgekehrt sein Göte sich schämen sollte, so das Erhabene ins Gemeine und Schmutzige hinunterzuziehen. Er hätte gern noch weiter gesprochen. Es ward ihm so selten Gelegenheit, sich seine Träume von der Seele zu reden. Der Zynismus des Paten hatte nun alles zerstört. Schmerzlich sah er zu Boden, mit verletzter Schamhaftigkeit. Ja, er schämte sich, aber für den Nepomuk, und er ging verstimmt hinweg. Nein, wahrlich, das hatte er seinem Paten nicht zugetraut, und er war mehrere Tage ganz unglücklich darüber, weil er noch nicht wußte, daß das Alter ein anderes Gefühl hat gegenüber allem Ding und Wort, als es der Jugend ansteht. Kurz darauf kam ein eingeschriebener Brief an Alexander. Der Brief lautete: Lieber Kriegskamerad! Ich habe, da ich verreist war, Dein Schreiben erst jetzt erhalten. Natürlich sollst Du kommen, Lektionen kann ich Dir verschaffen, so viel Du haben willst. Und an Gelegenheit, selber zu lernen, soll es Dir, soviel an mir liegt, auch nicht fehlen. Da ich mir dachte, Du könntest gerade nicht bei Kleingeld sein, füge ich den beiliegenden Schein meinem Briefe bei. Du sollst mir den Betrag bald zurückerstatten können. Es wird damit keinen Anstand haben, Du bist ein rechter Glückspilz und hättest zu keiner günstigeren Zeit Deinen Anfang machen können. Ich in Deinem Alter habe die Lektion zu einem halben Gulden gegeben, heut werden dafür anderthalb und zwei Gulden bezahlt und wir müssen auf das alte o tempore, o mores eine neue Melodie machen, eine lustige, denn wahrlich, das goldene Zeitalter, wovon die Menschheit immer gefabelt, scheint jetzt angebrochen, das goldene im wörtlichsten Sinn. So sei er gesegnet, der Goldregen, der Milliardenregen, da er sogar uns arme Musikanten ein wenig übertröpfelt. Also komme je eher je lieber. Melde mir Deine Ankunft, daß ich Dich an der Bahn erwarte. »Was wird da nun wieder für ein Schwindel dahinterstecken,« sagte der Finzer, als er davon hörte. Aber an demselben Tag, an dem Alexander abreiste, verließ auch der Finzer, doch nicht ganz so freiwillig, noch einmal Hinterwinkel, Am in Ludwigsburg seine rückständigen Militärjahre abzudienen, und das war sicher kein Schwindel. Einundzwanzigstes Kapitel Das sozusagen ein angehängtes ist und nichts weiter enthält als einen kurzen Briefwechsel aus den hinterlassenen Papieren des Herrn von Schmalzendorf Aus denen überhaupt dieses ganze Buch, wie es sich eben fügen mochte, zusammengestoppelt ist! Der Herausgeber. Auszug aus einem Brief der Mutter Regine an ihren Sohn Alexander Schmälzle vom 8. April 1875. Was Du in Deinem letzten Brief von Deinem Musikwesen schreibst, das mag die Katz verstehen. Du machtest eine Messe, schreibst Du. Zunächst, lieber Alexander, solltest Du als guter Katholik nur von der heiligen Messe reden, denn sonst denkt man gar an den Königshofer Jahrmarkt, den manche Leute auch die große Messe nennen. Was aber die heilige Messe anlangt, ist die nicht eingesetzt und gemacht von unserm Herrn Jesus Christus selber als eine ewige unblutige Erneuerung und Gedächtnis seines heiligen Opfertodes am Kreuz für uns arme Menschen und von der dann der garstige Dickkopf Luther gesagt hat, daß sie gar eine teuflische Götzendienerei sei. Und da weiß ich nun nicht, was ich denken soll, wenn Du schreibst, daß du eine Messe machst und schreibst nicht einmal eine heilige. Aber das klingt ja wie Gotteslästerung, nimm mir's nicht übel, lieber Alexander. Und dann steht da alle drei Zeilen das Wort »komponieren«. Was soll nun dabei eine Christenseele sich wieder denken? Musik, habe ich immer gemeint, werde geblasen oder gestrichen, gepfiffen oder getrummelt. Ich weiß wohl, daß Ihr Gestudierte andere Ausdrücke habt, als man in Hinterwinkel braucht. Aber sogar der Vater hat keinen blauen Schein, was das mit dem Komponieren bedeuten soll. Vielleicht hätt's der Nepomuk gewußt, aber der ruht nun auch schon, Gott hab' ihn selig, seit zwei Jahren auf dem Kirchhof drüben, in der vierten Reihe links vom großen Kreuz und hat zu Nachbarn die Kreszenz Gramlich einerseits und auf der andern Seite der Cölestine Bächle ihren kleinen Bankert, von dem du aber wohl gar nichts gehört hast. Der gute Nepomuk. Und denk' nur, was für eine Neuigkeit. Seine Olga hat sich verheiratet. Du weißt ja, was ich immer im geheimen gewünscht habe. Ja, was so eine alte Mutter sich alles erwünscht. Also kurz, sie hat geheiratet, und zwar den Kapellmeister, wie man sagt, von den Schwolleschehr. Dragonern zu Ludwigsburg. Hat also doch noch einen Musikanten genommen und hab' immer gemeint, daß sie höher hinaus wolle, da hätt' sie auch dich heiraten können. * Aus einem Brief des Herrn Alexander Schmälzle zu Wien an die Mutter Regine zu Hinterwinkel, am 14. April 1875. ... So, hab' ich mich nun deutlich ausgedrückt? Kannst Du Dir nun einigermaßen denken, was für ein Ding das ist, das Komponieren. Und was es heißen will: eine Messe machen, verzeih, eine heilige Messe. Ja, mein liebes Mütterlein, Du wirst recht krittlig in Deinen alten Tagen, und was man schreibt, Du findest immer ein Haar darin. Du bist wahrhaftig schlimmer als die Herren Musikkritiker von Beruf, mein Freund Ferdinand Hiller mit eingeschlossen. Und doch bin ich, wenn ich mir's offen gestehen will, mit meinem Komponieren nur darum auf die Messe verfallen, weil ich glaubte, Dir damit eine große Freude zu machen. Sehr hat mir der Rest Deines Briefes gefallen. Ja, ja, wenn die Olga nun doch nichts weiter als so einen Musikanten und Schnurranten gekriegt hat, Du hast ganz recht, da hätt' sie zur Not auch mich heiraten können. * Brief des Alexander Schmälzle an Mutter Regine. Ungefähr ein Jahrzehnt später aus Prag datiert. Mein liebes Mütterle! Dieser Brief wird Dich nun wieder gar nicht befriedigen. Was soll ich sagen? Wenn andere grad' etwas nach ihrer Meinung von mir hören wollten, bin ich allzeit stumm geworden. Und auch heut muß ich mich karg zeigen. Jedes Wort, wie es erwartet werden könnte, kommt mir dumm und abgeschmackt vor. Der gute Vater ist tot. Ihr habt ihn begraben. Er war 86 Jahre alt und hat wohl verdient, in die Ruhe einzugehen. Aber freilich Du, nun so allein. Nicht wahr, Du weißt, wie mir's ist, wenn ich's auch nicht schreibe. Und also die Hinterwinkler haben gehässig von mir gesprochen, weil ich nicht zum Begräbnis meines Vaters gekommen bin. Wie der Blessenvogtbauer, der einstmalige Finzer, sich ausgedrückt hat, magst Du gar nicht schreiben. Nun, siehst Du, die Leute haben ja so unrecht nicht. Ich hätt' freilich kommen müssen. Aber, der Mensch ist kein freies Tier. Wie Du aus der Überschrift meines Briefes siehst, bin ich hier in Prag. Der hiesige Erzbischof wollte zu Weihnachten meine Messe aufgeführt haben und wollte, daß ich sie selber dirigiere. Darum mußt' ich statt nach Hinterwinkel nach Prag fahren. Es hätt' ja noch schlimmer sein können, es hätt' sich ja auch fügen können, daß ich gezwungen gewesen wäre, eine komische Oper zu dirigieren, während Ihr den Vater begrubt; nein, der Mensch ist kein freies Tier. Aber nun will ich ein Requiem schreiben und das will ich an seinem Todestag jedes Jahr in einer andern großen Stadt aufführen lassen zu seinem heimlichen Gedächtnis und will mir dabei vorstellen, daß er noch im Grabe lächelnd seinen Ring umdreht. Du hast ihn doch hoffentlich nicht ohne sein Kleinod begraben lassen? * Postkarte der Mutter Regine. Diesmal hast Du unrecht, das war ein schöner Brief und hat meinem Mutterherzen wohlgetan. Ich habe auch all das Gedruckte gelesen, das Du mitgeschickt hast. Aber hör' einmal, nach dem Geschreib der Zeitungen hast Du ja die Messe, ich meine natürlich die Musik zur heiligen Messe, gar nicht gemacht, sondern ein ganz anderer? * Postkarte Alexanders an seine Mutter. Wahrhaftig, liebes Mütterle, das hatt' ich vergessen. Oder seien wir aufrichtig, ich hab' es gar nicht vergessen, ich hab' mich nur geschämt, meinen alten ehrlichen Namen abgelegt zu haben wie ein gewisser Herr Schlemihl seinen Schatten, und Dir das zu gestehen. Also kurz, sie haben mich zu Wien in den Adelsstand gesetzt, der Fürst Salm, der Duckmäuser, mag's verbrochen haben ... basta. Wegen Änderung meines Namens haben sie mich gar nicht erst gefragt, wie auch nicht wegen dem andern, und so bin ich halt in Zukunft wie immer ganz für Dich Dein dankbar getreuer Lexel oder auch Xander vulgo Alexander von Schmalzendorf. * Postkarte der Mutter Regine an ihren Sohn Alexander. Mein lieber Sohn, das begreif' ich nun schon wieder nicht. Wie kann man jemand in den Adelsstand setzen, den Gott nicht hineingesetzt hat, und ist meine Meinung, daß einer, der Schmälzle heißt von der Mutter Schoß weg, auch immer so heißen wird, die Leute mögen ihn von Dingskirchen oder Tripsdrill heißen, oder wie es ihnen sonst beikommt. Aber das überlaß ich Ihrer Apostolischen Majestät, wie man euren lieben Kaiser heißt und was ich einen schönen christlichen Titel finde. Nur wie Du so despektierlich von einem Fürsten redest, hat mir ganz und gar nicht gefallen wollen. Der Salm, der Duckmäuser, schreibst Du. Das dünkt mich nun gar zu hochmütig. Bedenke, Hochmut kommt vor dem Fall und lose Reden sind dem Herrn ein Greuel. * Postkarte des Herrn Alexander an seine Mutter Regine. Salve, Regina. Gegrüßt seist Du, Regina. Weißt Du noch, wie ich das als ein ganz kleines Büble in der Kirche zum erstenmal gehört habe? Ja, es muß sein, daß Gott Dich gegrüßt hat, Mutter; aber über Deine letzte Karte habe ich doch gelacht. Und dann habe ich sie dem Salm gezeigt (dem Duckmäuser) und der hat auch gelacht. Mein lieber Herr Schmälzle – denn seitdem er dazu geholfen, daß man mir den Namen genommen, gibt er ihn mir täglich hundertmal wieder – lieber Herr Schmälzle, sagte er, Ihre Frau Mutter ist ein famoses Frauerl, aber eine richtige ... – Hinterwinklerin, ergänzte ich ... – Deutsche, ergänzte Seine Durchlaucht. Und also: Salve Regina, Salve! * Schmaelzleanorum Finis.