Karl Gjellerup Antigonos Eine Erzählung aus dem 2. Jahrhundert Tempe Langsames Erwachen Das Adonisfest in Byblos Stratonike Die Thessalische Brüderschaft Ein Blick ins Colosseum Der Gnostiker Der Mittag Der Dämon und das babylonische Weib Neues Leben Im Garten und im Tiber Die Schlafstätten Duc ad Christianos! Zwischen den Stürmen Der Apostat Vor dem Spiele Tempe Es war in den Jugend- und Heldentagen des Christentums. Die Religion der Intoleranz war mit Intoleranz empfangen worden. Die heidnische Frömmigkeit brach hin und wieder mit tierischen Überfällen auf die galiläischen Atheisten herein. Und während diese im stillen ihren leidvollen Kampf führten, hatte ein neuer Messias, der Sternensohn Bar-Kochba, die Juden gegen die römische Weltmacht aufständig gemacht. Die Sonne hatte noch ein Stück ihres Weges zurückzulegen; aber im Tempepaß, der langen Steinschneppe des thessalischen Bergkessels, durch die sich der Peneus ergießt, fing es an finster zu werden. Die Schatten waren vom Boden der Kluft aus schon hoch an dem steilen, lotrechten Marmorfelsen in die Höhe gekrochen, von dem sie nur in der Mittagszeit unter das dichte Laub der Platanen und Myrten flüchteten, wenn die Wellen Peneus' sonnenbeglänzt und durchsichtig über den Tausenden von Steinchen glitzerten, die sich in der grünlichen Tiefe wie Smaragde und Malachit ausnahmen. Die westliche Felswand zeichnete ihre zackige Kante hoch oben an der östlichen scharf ab, deren Spitze mit ihrem Moos, ihren Ritzen und den kletternden Epheuranken im Sonnenlichte glänzte. Die Platanenwälder des Grundes neigten ihre runden, blaugrauen Laubmassen über das weiße Wasser hinab, wie eine Reihe verhüllter Köpfe, die dem Gesang der Wellen lauschen, einem von Vogelgezwitscher begleiteten Lied zum Preise des lieblichen Tempe, ewiger als alle diejenigen, die Hellas' und Latiums Dichter von ihm gesungen haben. Auf einem Felsblock mit breiter moosbewachsener Fläche, der über den Flußrand hervorsprang, saß einer dieser Sänger. Sein kleiner Kopf, den er in die linke Hand stützte, hatte eine hohe Stirn – blank und bleich wie Wachs; Augen, dunkel und klar wie geschliffene Steinkohle, eine gerade, spitze Nase mit gebogenen, beweglichen Nasenflügeln, schmale Lippen, ein flaumiges, gespaltenes Kinn, feine, aber nervöse Züge. Das entblößte rabenschwarze Haar wiegte seine Büschel im Winde, während der breitrandige thessalische Filzhut an einem Riemen auf dem Rücken des dunkelbraunen Chitons von ungefärbter Wolle hing, dessen langes Armloch auf der Schulter von einer Kupferschnalle zusammengehalten wurde. Der nackte rechte Arm, der mit dem Ellbogen auf dem in die Höhe gezogenen Knie ruhte, war wenig muskelstark, die schlaff herabhängende Hand war schmal und aderig, mit langen Fingern, deren Geschmeidigkeit sich zeigte, als er jetzt eine kleine, aus einer Schildkrötenschale und zwei Bockhörnern gebildete Lyra in die Höhe nahm und über ihre Saiten strich, Er hielt inne – lauschte – vergebens; – und mit einem ungeduldigen Zucken in den Zügen, deren zartes Mienenspiel jede Erregung widerspiegelte, griff er rasch in die Saiten und sang mit lauter, klarer Stimme: In Tempes Felsengrotte, Wo Wald den Fluß verbrämt, Wo die Nymphe Echo schlummert – Dort sah ich dich, Erinne! Für Peneus' Arm enthüllen Die marmorweißen Glieder, Und lilienhaft erglänzen Auf mondesblanken Wellen. Im Becher dieser Lilie Gleich Tau, Giftperlen lächeln, Drin härtete wohl Eros Den Pfeil, der kluge Jäger, Einst lacht' ich seiner Pfeile! Doch süß der letzte schmerzte – Weit flog ich, ihn im Herzen Hin nach Elysiums Ruhe! Die Töne verloren sich in der Ferne, und wieder saß er schweigsam und lächelnd da. Aber plötzlich warf er seinen Kopf zurück, denn sein feines Ohr hörte die letzten Töne zurückkehren, später und heller, als ein Echo sie singen könnte. Leicht wie ein Hirsch sprang er auf und verschwand da, wo sich der Pfad in das Walddunkel hineinbohrt. Ein paar Minuten vergingen, dann tauchte er wieder daraus hervor, ein junges Mädchen mit sich führend, um dessen Hüfte er seinen Arm geschlungen hatte. Das weiche Moos wiegte sich elastisch unter ihren bunten lydischen Schuhen. Ein langer Schleier umhüllte sie so dicht, daß das jugendliche, lächelnde Gesicht nur bis an die Augen sichtbar war. Sie warf ihn ab, als sie an das Felsenstück kamen, wo sein Mantel ausgebreitet lag. Das braune Nackenhaar wogte ihr über den Rücken hinab, das Vorderhaar wurde von einem schlingenförmigen Lederriemen, der mit Silberschuppen übersät war, in die Höhe gehalten. Eine Goldschlange ringelte sich um ihren kräftig gerundeten Arm. Der safrangelbe amorginische Doppelchiton lag glatt und durchsichtig wie Spinngewebe auf der schwellenden Büste und senkte sich in reichen Falten über den Gürtel hinab. Er zog das zitternde Mädchen zu sich herab und drückte es an seine Brust. »Das ist das letzte Mal, Erinna,« flüsterte er. »Jetzt. Aber du kommst zurück, Antigonos,« antwortete sie mit unsicherer Stimme. »Vielleicht.« »Nein, nein, nein!« erwiderte sie lebhaft, »sicher! Die Götter sind nicht böse. Ich habe gebetet und geopfert, und ich will das auch – –« »Aber doch nicht blutig, Erinna?« fragte er mit pythagoräischem Abscheu. »Nein, Honig und Tauben aus Weihrauch für Ares und Aphrodite. Glaube mir, sie verschmähen mein Opfer nicht! – haben sie nicht selbst geliebt? Ihr werdet die Aufrührer geschlagen oder gekreuzigt haben, ehe der Sommer vorüber ist. Und du wirst dich auszeichnen – ich weiß ja, wie edel du bist. Außerdem wird Ares dir Kraft verleihen und Aphrodite wird Speere und Pfeile von dir abwenden, wie eine Sklavin die Mücken und Fliegen von ihrem Herrn wegfächelt. Gehörst du nicht selbst zu einem Geschlecht, das die hohen Mächte gezwungen hat, ihm und seinem Lande zu dienen?« »Du hast Recht,« rief er mit einem stolzen Wurf des Kopfes. »Meine Vorväter haben in Delphi geherrscht, dem Nabel der Welt, und Hellas hat an dem Wort ihrer Lippen gehangen. – Wahrlich, du kannst zu mir sagen wie das spartanische Mädchen zu Alkman sagte: Du bist kein ungeschickter Bauernklotz aus dem Geschlechte der Thessaler –« »Spotte nicht über meine Landsleute,« unterbrach sie ihn schelmisch und kniff ihn ins Ohr. Aber in einem verstimmten Tone fuhr er fort: »Heute ist nur noch wenig übrig vom Glanze des Geschlechts – nicht mehr als der Duft, der an einem veralteten Opfergefäß hängt. Ich bin ja nur der Sohn eines armen larissischen Opferpriesters, und dein reicher Vater wird von meiner Werbung nichts wissen wollen.« »Nein, aber wenn du heimkehrst, Antigonos! Wer könnte wohl einem römischen Helden etwas abschlagen? Du wirst als Tribun – oder mit einem goldenen Kranz oder einer Mauerkrone um die Stirne zurückkommen – –« Sie ließ nicht ab, sich seinen Ruhm auszumalen. Ihre Vorstellungen über den Krieg stammten aus den homerischen Gesängen; sie dachte sich die Helden im Kampfe Mann gegen Mann oder ganze Scharen von Feinden vor sich hertreibend. Sie war nahe daran, eifersüchtig auf die jüdischen Frauen zu werden, die ihm als Kriegsbeute zufallen könnten. Obschon weniger naiv, ließ er sich doch gern von ihren Erwartungen mitfortreißen. Aber er war nicht kriegerisch veranlagt, und als sie wiederholt auf den Ruhmeskranz zurückkam, rief er aus: »Und doch habe ich mir schon Kränze erworben und könnte mir wohl den olympischen durch meine Leier erringen. – Was hat wohl das zu bedeuten? Klagte nicht schon Xenophanes darüber, daß Faust- und Ringkämpfer weit mehr als Dichter und Gelehrte geehrt würden ... Und das war in den edlen Zeiten von Hellas. Dürfte man sich dann jetzt wundern, wenn die Römer – diese Barbaren des Westens – diese Eisenmänner –« »Ja, du mußt selbst das Eisen anlegen. Ich habe den Plan schon gefaßt, du wirst ihn ausführen und wir werden beide siegen!« »Aber es liegen viele Gefahren zwischen jetzt und dem Siege! Pfeile und Speere – wasserlose Wüsteneien, voll von Dämonen – und ihrem Gott! Man erzählt sich große Taten von ihm – Feuerregen und Todesengel, die ganze Heere niedermähen. – Wenn dieser Aufrührer nun wirklich sein Sohn wäre! ... Und dann hier zu Hause ..... Viele reiche thessalische Jünglinge – Erinna! Wirst du mir treu bleiben? Wirst du fest sein?« Erinna beugte sich vor und pflückte ein kleines Farnkraut, das seinen hellgrünen Wedel neben ihren Füßen erhob. »Sieh dir dieses Polypodion an, Antigonos! Plinius erzählt, wie mir der Pädagog meines Bruders, der alle Pflanzen und Steine kennt, berichtet, daß es in Tempe wächst und die geheime Kraft besitze, einen vor Galle und Schwermut zu schützen. Es ist ein Abbild unserer Liebe, die in diesem Tal aufgewachsen ist. Ohne dasselbe würden wir in Verzweiflung dahinkränkeln, und unser Blut würde schwarz werden wie der Styx. Wie könnte ich es wegwerfen?« Die Finsternis wuchs in der Kluft. Der oberste helle Felsenrand wurde schmäler und glühend. Die sich rötende, lockere Wolkenschicht des Himmels schien sich zu senken, bis sie, ihre Farbe über Peneus' langen Wasserstreifen ausbreitend, auf den Felsen ruhte. Tempe ähnelte einem ungeheuren Sarkophag mit dunklen Marmorseiten, in dem die Liebenden ruhten, von der Welt abgeschieden, Lippen an Lippen, Brust an Brust. Und sie lagen wie einbalsamiert in einen würzigen, süßen Duft, der sich mit dem säuerlichen Geruch der Bäume und Farnkräuter mischte, es war der Weihrauch von den Altären auf den ringsum liegenden Anhöhen, auf denen man Helios opferte. Grabesstille herrschte freilich nicht, denn unzählige Laute erhoben sich überall die Kluft entlang: es war der kleinen Nachteule trauriges Pfeifen oben in den Steinritzen, der Rohrdommel hohler Klang und des Schilfsängers Zwitschern aus dem Röhricht, und vor allen die sehnsuchtatmenden Flötentöne und jubelnden Triller der Nachtigallen, die einander von Ufer zu Ufer antworteten. Alle diese einander abwechselnden Stimmen hoben sich ab von dem einförmigen Hintergrund des gurgelnden und rieselnden Wassers, des säuselnden Blätternraschelns und des ununterbrochenen metallischen Schwirrens der Heimchen, das im Vergleich zu der verschmelzenden Dämmerung, die im Klange des Stromes und des Laubes lag, wie ein scharfes zitterndes Licht erschien. Gleich einem Golddiskus, der am Felsenrande dahinrollt, strahlte jetzt der Vollmond, als sie sich endlich von ihrem Lieblingsplatz erhoben und noch einen Abschiedsblick über den Peneus warfen, der dunkel, mit aus Goldtropfen gebildeten Fächern, Ringen und Kurven, zwischen den hellverschleierten Wäldern und den hohen Felswänden dahinströmte, an denen alle Unregelmäßigkeiten mit dem betauten Netz der Schlingpflanzen wie marmorne, von Silberfiligran umrahmte Basreliefs hervortraten. »Und wenn nicht der Tod uns trennt, soll dann Eros uns vereinen, wenn ich heimkehre, Erinna, – mit oder gegen den Willen deines Vaters?« »Bei Endymion!« – – Er legte seinen Mantel um ihre Schultern, und so darein gehüllt und mit den Armen einander umschlingend, betraten sie den Waldpfad, auf dem nur vereinzelte, durch das dichte Laub fallende Strahlen die Finsternis unterbrachen. Gleich außerhalb des schmalen Waldes lag auf der Hochebene Thrasykles' – Erinnas Vaters – großes Gut. Eine lange, niedrige Mauer, leuchtend wie Kreide im Lichte des Mondes, zog sich den Weg entlang. Über den glänzenden Blättern der Olivenbäume, der Pappeln und Obstbäume erhob sich gegen den klaren, sternenübersäten Himmel ein blauweißer, gleichmäßig schräg ansteigender Kegel, ähnlich einer scharfgeschnittenen Wolke. Das war der Olympos. Ihre Lippen begegneten sich noch einmal – lange. Er löste seinen Arm und Mantel von ihr los. Erinna verschwand in der Toröffnung, aus welcher ihr Schleier ihm noch lange nachwinkte, während er, noch oft sich umwendend, den vier Meilen langen Weg nach Larissa antrat. Antigonos, der Sohn Lagos', entstammte einer Priesterfamilie, deren Vorfahren infolge religiöser Familientradition schon seit langen Zeiten in Delphi ansässig gewesen waren. Später war des Geschlechtes Macht und Ansehen zurückgegangen. Antigonos' Mutter war eine hübsche Buhlerin gewesen, sein Vater ein einfacher Wahrsager und Opferpriester am Apollotempel in Larissa. Aber er gab es schließlich auf, an den blutigen Opfern teilzunehmen, weil sein Sohn, für den er eine beinahe abergläubische Bewunderung hegte, durch einen Pythagoräer belehrt, ihm vorhielt, wie töricht es sei, die Götter durch Vergießen lebenden Blutes zu verehren. Nur seinen Wahrsagergeist behielt er, und wenn dieser sich stark regte, verfiel er – wie sein Vater und dessen Brüder – in epileptische Krämpfe, die noch überzeugender für das Volk waren, als seine doppelsinnigen Orakel und ihm sogar bisweilen die Besuche der Reichen einbrachten. Die Sonne ging eben auf, als Antigonos dicht vor den Toren Larissas stand. Hinter der Stadt erhob sich das Land mit welligen Hügeln, aus denen der Peneus sich als breiter Fluß hervorwand. Reiher wateten in seinem Schilf und standen auf den Sandbänken an seinen Ufern. Mächtige weißstämmige Silberpappeln und Platanen mit graugesprenkelten, abgeschälten Stämmen tauchten ihre Zweige in sein Wasser; die Bienenvögel flogen schreiend durch ihre Wipfel, und ungeheure Scharen brauner Schafe ruhten in ihrem Schatten. Große Schwärme von Dohlen und Elstern erfüllten die Luft mit ihrem Gekreische. Die Störche wanderten in Scharen und die Kraniche paarweise auf den üppigen Wiesen umher. Ein einzelner Karren, auf gigantischen Rädern und mit Ochsen bespannt, schlich sich den Weg entlang. So streckte sich die Landschaft mit saftiggrünen Farben gegen Osten hin, bis sich Olympos und Ossa mit den wogenden Nachtnebeln um ihren Fuß, die sie wie ein abgeworfenes weißes Gewand umlagerten, violett gegen den glühenden Himmel erhoben. Es war, als ob zwei Riesen zu beiden Seiten seines geliebten Tempe Wache hielten. Durch schnarrende Töne und dumpfes Gepolter wurde Antigonos schroff aus seiner wehmütigen Abschiedsstimmung herausgerissen. In scharfem Trab jagten zwei Reiter an ihm vorbei. Leopardenfelle, deren Köpfe über ihren Stirnen gähnten, flatterten rückwärts. Nach vorn streckten sich lange, leicht aufwärts gebogene Messinghörner, die ihre erregenden Töne herauswirbelten. Ein dritter hielt eine Fahne. Antigonos kehrte sich um. Der ganze Weg war von römischer Reiterei angefüllt, der Vortrab des Heeres, das in zwei Reihen aus der Torwölbung hervorwimmelte. Ihre verschiedenen Gesichtszüge, aus den entlegensten Weltgegenden stammend, gebräunt und gehärtet von derselben Sonne und denselben Strapazen, zeigten sich unter den zusammengedrückten Blenden der blanken Helme, deren große Pferdehaarbüschel sie noch größer erscheinen ließen. Rank in der Haltung, in schwere Wämser aus Stahlschuppen gekleidet und mit frei herabhängenden nackten Beinen, deren viele ebenso behaart waren, wie die der Pferde, schienen sie mit den Tierhäuten verwachsen zu sein, deren gekreuzte Pfoten die Pferdebrust umfaßten. Die starken Hengste und Stuten wieherten, hieben die Zähne in die Zügel, bäumten sich, sprangen und schienen in ihrem ganzen Gebaren eine Entladung für alle die Nervenkraft zu empfinden, mit der ihre Glieder überladen waren. Ihre Hufe hämmerten, die Gebisse und Ketten klirrten; die kurzen breiten Schwerter, die dicht unter dem rechten Arme hingen, und die runden, in Lederhüllen geborgenen Schilde auf ihrem Rücken klapperten. Schwere Stahlpanzer rasselten um Schultern und Schenkel. Rufe, Gelächter und Flüche schwirrten durcheinander und füllten die Reihen. Einige sangen eine Weise in ihrer barbarischen Sprache – eine liederliche, nach dem rohen Lachen zu urteilen, das jeden Vers belohnte; und der eine der Singenden warf sich mit hervorgestreckter Hand zur Seite und riß Antigonos die Leier aus dem Arm, indem er an ihm vorbeiritt. Ein dröhnendes Gelächter erscholl, während die klirrenden Saiten unter den hornharten Fingern der Reiterfaust zersprangen. Aber Antigonos war von dem kriegerischen Anblick so stark hingerissen, daß er kaum Schmerz empfand bei dem Verlust; die Hörner, der Lärm und die in der Morgendämmerung blinkenden Waffen berauschten ihn. Sein patriotischer und ästhetischer Unwille gegen die Römer vermochte es nicht, sich in ihm zu erheben. Er jubelte mit jugendlicher Kampflust beim Anblick des wilden Gebarens dieser stahlhäutigen Zentauren und der Adlerflügel der Legionen – die das Schreckbild aller aufrührerischen Männer und unartigen Kinder der ganzen Welt waren. Er selbst sollte sich ja diesen Zügen anschließen, und ferne strahlende Träume von Schlachtenruhm, Glück und Macht wurden durch die Töne geboren und von dem tobenden Lärm genährt. Die letzten Reiter waren schon längst an ihm vorbeigetrabt, und noch immer starrte er der Reiterschar nach, die sich ostwärts weiterbewegte, während ihre Speerspitzen, Helme und Panzer mit scharfem Leuchten durch die dichten Staubwirbel glänzten, die sie einhüllten – gleich einer weißen, mit Blitzstrahlen geschwängerten Wolke. Lagos' Haus stand dicht bei der Wegmauer. Als Antigonos in den Vorraum trat, begegnete ihm der Vater. Er war eine alte dickbäuchige und dünnbeinige Person, kahlköpfig, mit Säcken unter den Augen und großer herabhängender Unterlippe. In einen weißleinenen Chiton gekleidet und eine Leinwandbinde um den Kopf, kam er aus dem Hinterhof, und an einigen Blutflecken an der rechten Hand und am Saume des Gewandes entdeckte Antigonos sofort mit Abscheu, daß Lagos der alten Gewohnheit gemäß geopfert hatte. Aber der Priester berichtete nicht, was er in den Eingeweiden des schwarzen Opferstieres gesehen hatte. In der Dämmerung war ein großer Schwarm Raben schreiend nach Osten geflogen; dieses Wahrzeichen vom Blutbad in Judäa war jedoch von zweifelhaftem Wert. Dagegen war gleichzeitig mit den ersten Sonnenstrahlen ein Adler von Osten her gekommen und westwärts hinübergekreist; – was er nicht nur für ein Siegeszeichen der Römer, sondern auch, weil er über seinem Haus hingeflogen war, als gute Vorbedeutung für des Sohnes glückliche Heimkehr auslegte. Besonders beruhigte ihn außerdem – der Geburtsstern Antigonos' hatte gegen Mitternacht die Linie zwischen dem siebenten und achten Haus überschritten. Damit war er der Gefahr entflohen und zum Ruhm gelangt, während die Venus am Himmelsscheitel strahlte und der böse Saturn in dem unteren Tore stand – was für keinen Planeten erfreulich ist –, und wo Mars sich noch gar nicht gezeigt hatte. Trotz dieser unverbrüchlichen Himmelszeichen rollten die Tränen über die gefurchten Wangen des braven Mannes, als er gegen Abend seinen eisengekleideten Sohn zum Abschied umarmte; denn auf ihm, der jetzt auf die blutige, von seinem Vater nie betretene Bahn hinauszog, ruhten ja die Zukunftshoffnungen des Geschlechts. Der Sternensohn war besiegt. – Verwundet durch den Pfeil eines Zeloten bei dem Sturme auf Biththér hatte Antigonos in Cäsarea lange krank gelegen. Zwei und ein halbes Jahr waren vergangen, als er vom Bord eines Schiffes, das auf dem Wege nach Thessalonika war, an der Mündung des Peneus in Stenä ans Land ging. Die Abenddämmerung sank schon herab, als er die Enge des Tempepasses erreichte und sich dem Orte ihres letzten Stelldicheins näherte. Er ging schnell, – an die Last der Rüstung gewöhnt – voll froher Erwartungen, diese jedoch oft von Schreckbildern unruhiger Ahnungen und ängstender Spannung unterbrochen. Aber er schüttelte diese Kümmernisse wiederholt von sich ab; Erinna war jung und gesund – sie war ihm treu. Vielleicht würde er sie – in Träumereien über ihn versunken – an dem alten Felsenstück sitzend finden, das über den Fluß hinaushing. Und indem dieser Gedanke ihn festhielt, beschleunigte er seine Schritte, bezwang sich wieder, ruhiger zu gehen und fing zuletzt doch zu laufen an. Jetzt machte der Pfad die letzte Biegung – und – ja, dort saß sie auf dem Felsen in dem gelben Chiton, das braune Haar über dem Rücken herabwallend. – – »Erinna, Erinna!« rief er und sprang hervor. Aber mit einem Schrei hielt er inne. Sie war verschwunden, während die Felsen noch ihren Namen wiederholten. Einen Augenblick später stand er an der Stelle und starrte hinab. Er sah nichts anderes als Peneus, der, vom Herbstregen angeschwollen, – in dunklen Wirbeln und weißverbrämt, – mit gurgelnden Klängen unten vorüberschoß, während rund umher die Wälder schwerfällig rauschten. Der Wind strich rauhkalt die Kluft hinauf; weiße faserige Wolken jagten schräg darüber hin. Beklemmten Herzens betrat er den Waldpfad. Bei der Gartenmauer Thrasykles' schlich eine weiße Gestalt an ihm vorüber. Er erkannte sofort die Lieblingssklavin Erinnas, die sie immer bei ihren Zusammenkünften begleitet hatte. Er ergriff sie am Arme. »Myrtis! wie geht's deiner Gebieterin?« »Ah, Antigonos! bist du es? ... Meine Gebieterin? Ich nehme an, daß es ihr gut geht.« »Du nimmst es an?« »Ja, sie ist ja nicht mehr hier.« »Nicht hier? aber um der Götter willen!« »Wie? Weißt du denn nicht, daß sie vor einem halben Jahr mit dem römischen Tribun vermählt wurde?« Langsames Erwachen Ein dunkles schwüles Zimmer und eine blendende Flamme, die ihm in die schlaftrunkenen, starrenden Augen schnitt. Die Flamme knisterte und zitterte auf einem kleinen Steinaltar dicht an seinem Bette, von ihrer blauen Spitze aus schlängelte sich eine duftende, blaugraue Spirale nach der Deckenlyra hinauf, durch welche die Sterne blinkten. Der rote Flammenschein fiel auf das Gesicht seines Vaters und wurde von der Stirne und dem Scheitel wie von einem blanken Schirm zurückgestrahlt. Er mußte wohl auf den Knien hinter dem Altar liegen, denn sein Kopf erhob sich gerade darüber, und die große herabhängende Unterlippe bewegte sich ununterbrochen auf und ab, als ob sie etwas von der Steinkante aufschlürfe. Auf dieser lag eine Papyrusrolle, die zu beiden Seiten des Altars wie eine bunte Schlange herunterhing, und schleppte ihre hieroglyphischen Füchse, Kücken, Eulen und Meerkatzen weithin über den einfachen Mosaikboden aus gebrannten Ziegeln. Neben Lagos kauerten zwei verhüllte Gestalten, den Mantelzipfel über den Kopf gezogen. In den vorwärtsgestreckten Händen hielten sie die Stangen eines halbaufgerollten Papyrus, der ihre Gesichter verbarg. Alle drei lasen sie in einem singenden, einförmigen Ton, wie ein ruhig rieselnder Fluß, voll von klangvollen, gurgelnden Kehllauten. Als der äußere Eindruck sich etwas geklärt hatte, fühlte Antigonos einen Druck und stechenden Schmerz in der einen Seite und im Arme und Unruhe im Kopf, den eine weibliche mit Wein getränkte Kopfbedeckung einhüllte. Ein zweites solches Tuch war mit sieben geheimnisvollen Knoten um seine rechte Hand gebunden, und ein drittes schnürte wie eine Mumienbinde seine Beine zusammen. Der eine der Vermummten sang auf chaldäisch: Es sind ihrer sieben, es sind ihrer sieben, In der Tiefe des Ozeans sind es sieben – In des Himmels Königshalle sind es sieben. Der andre antwortete: In den Strömen des Ozeans wurden sie in einem Palast geboren. Aber Lagos sang auf ägyptisch: O, göttliche Seele! O, göttliche Seele! Ich bin Anubis Sapti, Nephtys Sohn! Und während er das viermal wiederholte, sangen die anderen: Herrscher haben sie nicht, Regierung kennen sie nicht, Gebete hören sie nicht! Sie sind sieben, und sie sind sieben! Rechts, rechts! Links, links! »Ich bin Anubis Sapti, Sohn der Ra!« rief Lagos zum zweitenmal. Eine Neige Wasser, die Antigonos ins Gesicht fiel, brachte ihn mehr zum Bewußtsein. Ein Knabe, der hinter seinem Kopfende stand, hatte ihn mit Weihwasser besprengt, indem er rief: »Davkina soll ihn beschirmen!« »Der Gott Davkina soll ihm zur Seite stehn, er soll die sieben Geister verjagen und sie aus seinem Körper vertreiben,« rief der eine. Isis rief laut: »Kein Krokodil!« Und sie führte die Handlung der Erlösung aus. »O komm, Handlung der Erlösung!« sang Lagos. Und die sieben dürfen nie zu dem Kranken zurückkehren! »Wasser! Wasser!« stammelte Antigonos, den ein brennender Durst quälte. »Jetzt ist es genug!« sagte der Knabe, indem er Antigonos einen Holzbecher reichte, »der Dämon hat ihn verlassen.« »Weißt du das sicher?« fragte Lagos, indem er den Kopf erhob und mit der Lesung einhielt. »Bei Davkina! ich sah es mit eigenen Augen. Er fuhr ihm beim ersten vernünftigen Worte zum Munde heraus. Er war schwarz wie Rauch und sprang in die Räucherflamme hinein. Hörtest du es nicht sprühen?« »Ja, ich sagte ja schon, daß nichts daraus würde, bevor nicht ägyptisch gelesen würde; denn es war ein starker Geist.« »Ja, oder chaldäisch, Lagos!« sagte der eine der Vermummten. »Nein Timokles«, antwortete Lagos in überlegenem Ton, denn er konnte nicht chaldäisch, »die Chaldäer sind brauchbar, wenn es den Äther und die Sterne gilt, aber bei der Luft und den Dämonen, sage ich: die Ägypter müssen daran. Außerdem glaube ich, daß es der Dämon Baba war –« Das letzte Argument machte dem Gemurmel der anderen ein Ende, und Lagos setzte triumphierend fort: »Hermes Trismegistos mit dem Habichtstab, der ibisköpfige Thot und der Beller Anubis – –« Antigonos konnte auch jetzt nur noch ein verwirrtes Gemurmel hören; Chaldäer in langen bunten Talaren, mit spitzigen Mützen und viereckigen, gelockten Bärten standen um das Lager herum; sie hielten Sterne in den Händen, deren Strahlen ihn blendeten und brannten. Zwei vermummte Gestalten am Kopfende, mit Ibisköpfen, wollten ihm die Augen auspicken und ein dickbäuchiges, dünnbeiniges Ungeheuer mit langgestrecktem Hundekopf beschwerte ihn auf der Brust wie ein Berg, bohrte sein spitzes Knie in seine Seite und biß ihn in den Arm. Nach und nach verschwanden diese Gestalten, und er sah wieder nur die wohlbekannte Stube mit dem Mosaikfußboden, den rohen Wandgemälden und dem Steinaltar, über dem stets eine kleine bläuliche Flamme zitterte; er sah die Lyra, durch die abwechselnd das Licht der Sonne, des Mondes oder der Sterne fiel, und seinen Vater, der fortdauernd um ihn beschäftigt war, ihm Verbände umlegte und Getränke bereitete, die oft aus zauberkräftigen stärkenden Kräutern bestanden. Auch las er und betete und schlachtete die Hälfte der Hähne Larissas zum Opfer für Asklepios. Aber jener phantastische Eindruck war der erste, worauf er zurückzukommen vermochte; hinter diesem, getrennt durch eine tiefe dunkle Kluft, lag nur das ruhige, lächelnde Land der Kindheitserinnerungen. Die Schmerzen in der Seite, im Arm und Kopf dauerten an, obschon jetzt nur geschwächt; jedoch wußte er gar nicht, wann er sie sich zugezogen hatte, oder wie er in diesen Zustand gekommen war. Oft versuchte er es, sich darüber klar zu werden, aber er konnte nicht durchdringen, auch war er zu ermattet, um zu fragen. Endlich tat er es. Lagos erzählte ihm dann, daß eines Morgens, als Eukrates in Tempe auf die Jagd ging, ihn am Ufer des Peneus auf einem Stein liegend gefunden hatte, auf den er wohl von dem Pfad hinabgefallen sein müsse, der oben am Saume des Felsens hinlief. Der Helm und die Eisenschienen des Kollers an seiner Seite hatten den Stoß abgeschwächt, aber sein Arm war gebrochen und zwei Rippen eingestoßen worden; er war bewußtlos und von einem Dämon besessen gewesen; ohne Zweifel derselbe, der ihn vom Wege hinabgestoßen hatte. Er besann sich nun dunkel – als ob er ein anderer wäre –, daß er einst in der Nacht an einer wilden, öden Stelle in Tempe gestanden und in die schäumenden Wirbel des Peneus hinuntergestarrt hatte – verzweifelt und betäubt – ohne zu wissen, warum. »Wer hatte mich gefunden?« fragte er endlich matt. »Der junge Eukrates. Du kennst ihn ja ... ein Sohn des reichen Thrasykles, der das große Landgut bei Tempe hat.« Er besann sich nun, daß er spät abends vor dem Hofe gestanden und mit einer Sklavin gesprochen hatte, und daß er dann wie ein wildes Tier nach dem Tempetal zurückgelaufen war. »Er ist der Vater der hübschen Erinna, die mit dem reichen Römer verheiratet wurde,« fügte der Vater hinzu. Jetzt besann sich Antigonos plötzlich auf alles: ihre Liebe und Begegnungen, den Kriegszug, die Heimkehr und die fürchterliche Nachricht, – da wendete er das Gesicht gegen die Wand und weinte. Nur langsam erholte er sich. Um das Gefühl der erdrückenden Leere auszufüllen und seinen Verlust zu vergessen, stürzte er sich in philosophische Studien, bei denen er durch den Gebrauch seiner Fähigkeiten und verschärfte, angestrengte Arbeit eine glänzende Begabung zeigte. Infolge der eigentümlichen Beschäftigungen seines ganzen Geschlechtes waren Nerven und Gehirn durch eine Reihe von Generationen abnorm und exzentrisch entwickelt worden. Diese Zustände führten seinen Vater stets an die Grenze der Halluzinationen, der Epilepsie und der Extase. Mit einem Minimum von Verstand verband der alte Lagos einen hohen Grad von Frömmigkeit und Mystizismus. Ein Brudersohn von ihm war so stark von Manie besessen, daß er, in einer weltlichen Familie geboren, zu einem Beschwörer geführt worden wäre. Jetzt raste er, – abergläubisch verehrt –, in einen Apollotempel eingesperrt, und verkündete die dunkelsten Orakel. Antigonos' Verstand aber war bis zur Genialität entwickelt. Jedoch interessierte die Logik ihn nur wenig, und Aristoteles war nicht sein Mann. Auch Platos Dialektik behagte ihm keineswegs, obschon sie ihm keine Schwierigkeiten verursachte. An der Grenze der Ideenwelt, wo die Mythe die Dialektik ablöst, atmete er mit Wohlbehagen seine heimische Luft; in diesem reinen Äther war es, daß seine Gedanken und Gefühle recht eigentlich die Flucht ergriffen. Und das, was er an Sokrates am meisten bewunderte, war sein Dämon. Die Philosophie bedeutete für ihn nur eine niedrige Stufe im Vergleich zu den großen religiösen Mysterien, in welche er eingeweiht wurde. Wenn das geheimnisvolle Dunkel des Tempels um ihn her von dem plötzlichen Lichte durchströmt wurde, und die tiefe Stille von fürchterlichen Klängen erscholl, da erzitterte ihm jeder Nerv in leisem, wollüstigem Reiz, wie die Saiten eines Instrumentes, das mit dem Ton antwortet, auf den es gestimmt ist. Wenn dann zuletzt auf den elysischen Gefilden die heiligen Chortänze und Hymnen seine Seele erhoben, ruhte er aus in einer seligen Extase, mit dem Göttlichen vereint. Da er seinen larissischen Lehrer bald überflogen hatte, kam er in das Haus eines angesehenen Neu-Pythagoräers in Athen, eines Schülers des Apollonius von Tyana. Dieser heidnische Messias wurde sein Ideal. So, wie Apollonius, die Macht über Dämonen und Umgang mit Asklepios und Apollo zu erreichen, war das Ziel seines ehrgeizigen Mystizismus. Beim Lesen von Apollonius' Erlebnissen ergriff ihn eine unbändige Reiselust, und als nach einigen Jahren sein Lehrer nach Ägypten reiste, nahm er den entzückten Antigonos mit in das Land der Isis und der Sphinxe. Um diese Zeit war Antigonos durch die Mysterien in Berührung mit einem anderen geheimen Bündnis getreten, das ihn noch mehr als jene in Anspruch nahm. In Eleusis hatte er nämlich oft Männer aller Stände und Altersstufen bemerkt, die, obschon unter die Menge verstreut, in mystischem Einverständnis miteinander zu stehen schienen, die einander an wunderlichen kleinen Gebärden erkannten und trotz ihres Schweigens die bedeutsamsten Gespräche zu führen schienen. Sie bildeten ein Mysterium im Mysterium. Einmal ließ er sich zu einem erbitterten Ausbruch gegen Cäsar und die Römer hinreißen. Augenblicklich erfaßte ihn ein Jüngling am Arme und führte ihn diesen Männern zu. Sie offenbarten sich als die Mitglieder der heimlichen, bei Todesstrafe verbotenen politischen Brüderschaften, die wie ein weit ausgespanntes Netz von Minengängen die Herrschaft Roms über Hellas untergraben sollten. Er schloß sich voller Begeisterung an sie an und fand bei ihren Zusammenkünften Ruhe und Nahrung für seine stärkste Leidenschaft. Denn seine unbefriedigte Liebe hatte empfangen und den Haß geboren: einen erhöhten, glühenden, hannibalschen Römerhaß. Es schien ihm, daß er nur das allgemeine Schicksal geteilt hatte, da sein Glück ihm durch einen Römer entrissen worden war. Ging denn nicht eines jeden Glück und Freiheit zugrunde, nachdem man in den Maschen des ungeheuren Eisennetzes sich müde gezappelt hatte, das die Adlerspinne auf den sieben Hügeln über die Welt spann, um das Blut der Völker auszusaugen? Hatte er nicht selbst gefühlt, wie er ertrank und unterging, sobald er unter diese fürchterliche Macht getreten war – als er begann, seinen Blick auf ihre Silberadler und sein Ohr auf ihre Tuben zu richten? Er war ausgezogen mit dem stolzen Hoffen auf persönliche Taten und Auszeichnungen, und noch ehe er aus Thessalien hinauskam, war er nur ein Stein zwischen anderen Steinen, die auf dem ungeheuren Schachbrett von der sichtbaren Hand des unsichtbaren Cäsar – Julius Severus – hin und her geschoben wurden, – oder eigentlich von den stahlberingten Fingern dieser Hand, den Tribunen und Centurionen. Daß er sich an der blutigen Unterdrückung des letzten Freiheitskampfes eines uralten Volkes beteiligt hatte, blieb ein steter Stachel in seiner Seele, und er sagte es sich selbst, daß Erinnas Verlust eine wohlverdiente Strafe dafür sei. Mit Entsetzen und Bewunderung sah er sie immer wieder vor sich, diese letzten Kämpfer für Jahveh, in durchlöcherten, blutbesudelten Rüstungen, ihre schartigen und stumpfen Schwerter schwingend, bis einer nach dem anderen in die Blutlache hinunterglitt, während über ihnen auf einer offenen Anhöhe die weißbärtigen Rabbiner knieten, singend und mit emporgehobenen Armen betend. Oder sie zeigten sich ihm nackt, knochendürr, gestreift von den alten Narben der Schwerter und den frischen Schwielen der Geißeln, ausgespannt an den Kreuzen, die wie eine gewaltige Palisadenreihe die Höhen um das Römerlager krönten, während eine schwarze Wolke von Adlern und Aasgeiern über ihnen hin und her wogte. Und er war nahe daran, die anzubeten, bei deren Tod er Mitschuldiger gewesen war. Ununterbrochen forschte er in den Sternen nach dem Schicksal des Reiches und dem Tode Cäsars. Dies Unterfangen war nicht allein Verbrechen, sondern auch von den größten Mathematikern für töricht erklärt, weil Cäsar nicht wie die Sterblichen unter dem Einfluß der Sterne stand. Aber seine Leidenschaft kannte weder Furcht noch Vernunftgründe. Während seine Liebe zu Erinna zu verblassen begann, glühte im Gegensatz sein Haß gegen Rom stärker denn je. Er wuchs und breitete sich aus auf der Ruine seiner Liebe, wie Unkraut auf einem zerbröckelnden Gräberturm. Das Adonisfest in Byblos Kurz nach Sonnenuntergang glitt ein zweimastiges Schiff vom Mittelmeer her in den Adonisfluß hinein, um bei der syrischen Stadt Byblos zu landen. Am nördlichen Ufer des Flusses, an einer kegelförmigen Anhöhe, erhob sich die Stadt mit ihren weißen vielstöckigen Häusern, unterbrochen von den Fächerkronen der Palmen, den Zederalleen, den Sykomoren und Tamariskenbüscheln, zwischen denen die dunklen Linien der Straßen sich zeichneten, die breitesten wie regelmäßige Strahlen, die kleinen gleich schwarzen, geschlungenen Fäden die Anhöhe emporklimmend. Vor dieser streckten die Mauern sieh parallel hervor, bis sie bei einer Mole mit breiten Marmortreppen den Fluß erreichten. In dem großen Zwischenraum lagen Vorratshäuser, Magazine und Lagerplätze. Wie ausgebreitete Teppiche und Gürtel strahlten die Farben der Behälter und Rinnen der Purpurfärbereien. Die Schornsteine der Ziegeleien hoben sich Obelisken gleich vom dunklen Himmel ab. Eine Kupfermauer umschloß wie ein Diadem die Stirn des Hügels, und die Baumwipfel erhoben sich wie buschige Haarbündel darüber hinaus. Hoch oben, das Ganze beherrschend, stand der prächtige Tempel, eine Marmorterrasse von drei aufeinander ruhenden Zylindern, deren goldene Pforte und Dach, wie die Kupfermauer, in den letzten Strahlen der Sonne loderten. Gerade vor und zu beiden Seiten stieg das Land mit üppigen Weinpflanzungen und waldbedeckten Höhenzügen aufwärts, bis die Felsen hervortraten und die Mauer Libanons mit ihren glühenden Schneezinnen sich in unregelmäßigen Pyramiden gegen das blaue Mittelmeer hinabsenkte. Sie ruderten vorwärts in einem Gewimmel von Booten und Schiffen. Ein feiner weißer Dampf begann über dem roten Wasser zu schweben. Vom lebhaften Treiben der Stadt vernahm man nichts, wohl aber wunderlich klagende Rufe und Klänge, die bisweilen von unheimlichem, langgezogenem Geheul übertäubt wurden, das vom Tempel zu stammen schien. »Was ist das wohl?« fragte Antigonos den byblischen Schiffsführer, der neben ihm im Hintersteven stand und eben anfing zu jammern und sich mit geballten Fäusten die Brust zu schlagen. Auch die Matrosen brachen ihre Ruderlieder ab und begleiteten die Ruderschläge mit weithallenden Klagerufen. »Dies, o Fremder,« lautete die Antwort, »ist unsere Klage über Adonis. Denn auf jenem Hügel, links vom äußersten Turm, wurde er vom Wildschwein getötet, und wir feiern sein Fest zu dieser Zeit.« »Zu Hilfe, werft einen Gurt hinaus – er ertrinkt,« rief Antigonos, indem er den Schiffer am Arm ergriff und auf einen Gegenstand an der Oberfläche des Wassers zeigte, der einem Kopf mit langen, nachschleppenden Haaren glich. »Adonis, Adonis!« rief der Byblier mit freudigem Jubel; die Mannschaft stimmte ihm bei, die Rufe verpflanzten sich über die anderen Schiffe – ganz Byblos jubelte. Ehe Antigonos Gehör für seine Fragen fand, hatten die Ruderer das Schiff gedreht und den Gegenstand aufgefischt, den der Schiffer ihm jetzt reichte. Es war ein menschlich geformter Kopf aus Papyrusbast, dessen lange Fasern Haaren ähnelten. »Solch ein Kopf kommt jedes Jahr hier an, es ist das Zeichen, daß Adonis auferstanden ist und daß wir das Freudenfest beginnen sollen. Du, Fremder, den die Götter dazu auserlesen, das Symbol zuerst zu erblicken, hast das Recht, es in den Tempel der byblischen Aphrodite hinaufzutragen.« Am Flußufer, wo sie jetzt anlegten, hatte sich eine große Menge Volks angesammelt. Von allen Seiten kamen sie noch, Fackeln und Vasen mit Fenchel und Lattich tragend, herbeigeeilt, um alles in den Fluß hinabzuwerfen; man hatte sich das Haar kurz geschnitten und die Kleider über der Brust zerrissen, und in die Hände klatschend, riefen die einen »Adonis«, die andern »Osiris« und wurden am eifrigsten, als jetzt der Schiffer mit Antigonos hervortrat und, den Kopf in die Höhe haltend, verkündete, daß dieser Grieche, der von Alexandria käme, das Heiligtum gefunden habe. »Wenn du aus Alexandria kommst, Fremder, dann wisse, daß dies alles nur die Lüge Unwissender ist – es ist nicht das Adonisfest – sondern das große Osirisfest der Ägypter, das wir feiern.« »Schneidet dem Verfluchten die Zunge 'raus, der Byblos seiner Götter berauben will,« rief ein anderer. »Wurde Adonis nicht auf unserer Stadtflur erschlagen?« »Gewiß ist es Osiris,– jedes Kind weiß es ja, daß der Kopf aus Ägypten kommt und nur sieben Tage unterwegs ist; warum käme er denn aus Ägypten, wenn es das Fest für Adonis wäre?« »Weil man dort die besten Pappköpfe macht,« rief ein mutwilliger Junge. »Adonis wird jedes Frühjahr auf dem Libanon ermordet,« rief ein Dritter, »und sein Blut ist es, das den Fluß rot färbt, – das kann doch jeder sehen.« »Was die rote Färbung des Wasser anbetrifft – du griechischer Mann,« rief ein Vierter, indem er Antigonos am Mantel ergriff, »so wisse, daß die Frühjahrsstürme das Wasser mit Libanons rotem Staub trüben, was ich in meiner Schrift bewiesen habe.« »Und ist denn nicht auch dieses Naturereignis ein Wahrzeichen der Vorsehung, du Kurzsichtiger!« rief Antigonos. »Ist nicht der Erde Staub und Wasser das eigentliche Fleisch und Blut des großen Gottes, den die Syrer Adonis und die Ägypter Osiris nennen; er, dessen Mysterien ich durchlebt habe und dessen priesterlicher Stempel auf meiner Stirn geprägt ist? – Oder bist du vielleicht einer jener Christen, die das Dasein der Götter leugnen?« »Ein Christ! Ein Atheist! Wo ist er? ... Reißt den Gottesfrevler entzwei! – Laßt ihn kosten, ob Staub oder Blut im Wasser ist! ... Adonis, Osiris, Osiris, Adonis!« Unter betäubendem Lärmen wurde Antigonos auf den Schultern der halb wahnsinnigen Menge durch die Stadt getragen, die von Fackeln erglänzte und von Jubelrufen dröhnte, hinauf zum Tempel, durch die doppelte Ringmauer bis hinein auf den Tempelplatz. Ein blendender Schein, als ob die Stadt brenne, ein erstickender Gestank und entsetzlicher Lärm schlugen ihm entgegen. Eine ganze Hekatombe von Ochsen und Schafen waren auf einen Stapel von Zypressen, von der Höhe eines Hauses, getrieben worden, wo sie lebendig verbrannten. Der dicke Rauch, der sich mit dem rötlichen Fackelschein mischte und als weißer Dampf nach oben wirbelte, verbarg die Vorderseite des Tempels, – nur das Dach und die flammenvergoldeten Eingangstore strahlten dann und wann durch den faserigen Schleier. Über das wogende Rauchmeer ragten nur die Spitzen zweier mächtiger Phallossäulen, auf denen Antigonos zwei Männer sah, die laut riefen und gellende Kupferplatten aneinanderschlugen. Jetzt war man nahe am Tempel. Neues Drängen und ein Lärm, der selbst das Gebrüll der Ochsen übertäubte. Es waren Galler, fett und blaß anzusehen, die in bunten Frauenkleidern tanzten, wozu sie mit schneidenden Stimmen eine wilde syrische Hymne sangen, sie zerfleischten sich Brust und Arme mit langen blitzenden Messern, während sie auf ihren Flöten heulten und auf Pauken hämmerten. Plötzlich stürzte ein junger Mann laut schreiend unter sie, und kam dann ebenso plötzlich wieder herausgesprungen; man sah ihm das Blut an den Beinen herabrinnen und, ein blutiges Schwert schwingend, rief er mit einer Stimme voller Schmerz und wilder Begeisterung das Wort »Rhea«, das sich zwischen seinen schäumenden Lippen hervordrängte und von der Menge wiederholt wurde. »Was hat denn der getan?« fragte Antigonos entsetzt. »Sich zum Attes geheiligt,« war die Antwort. Antigonos machte eine Gebärde, die seinen Widerwillen und seine Abscheu ausdrückte. Da sprangen die Flügeltüren des Tempels auf. Ein blendendes blaues Licht, ein bezaubernder Duft von allen Kräutern und Räuchergefäßen Indiens und Arabiens, ein brausender Klang von Flöten und Zithern schlug ihm entgegen. Dann bewegte der Zug sich weiter durch die Tore und zwei breite Säulengänge, in denen die Menge sich verteilte. Die Träger beugten sich herab – Antigonos stand plötzlich im innersten Heiligtum des Tempels unter dem dritten Zylinder. Unter seinen nackten Füßen fühlte er die goldenen Fliesen des Fußbodens, so blank wie Spiegel. Rund um ihn her stand ein Wald von Säulen – aber keine edlen griechischen Marmorbäume, so schlank wie Zedern, sondern gewunden und gekrümmt unter dem ungeheuren Gewicht der kostbaren Decke, vergoldet und überladen von Schnitzereien, wie alte Steineichen, die von Epheu überwachsen sind. In der Mitte der Tempelzelle war die Decke offen, und man sah wie durch einen riesengroßen Turm in den Himmel hinauf, wo ein kleiner weißer Stern schimmerte. Hier gab es weder Lampen noch Wachskerzen, obgleich alles in einem blendenden Lichte strahlte, das vom Hintergrund des Tempels hervorströmte. Als er näher trat, sah er hier die große byblische Göttin, die aus vielen Göttergestalten zusammengesetzt zu sein schien: sie saß auf einem Wagen, der von Löwen gezogen wurde, wie Rhea und Dionysos. Der Here gleich zeigte sie ein Herrscherantlitz, in der rechten Hand hielt sie ein Szepter aus Lapislazuli mit einem Edelstein am oberen Ende, der wie eine Fackel leuchtete. In der Linken hatte sie eine Spindel wie die Parzen und um die Stirn einen Strahlenkranz wie Apollo; auch war sie mit einem Gürtel und einem Stern geschmückt, wie die himmlische Aphrodite. Ihre Haut war Silber, ihre Kleidung Gold, mit Perlen und Edelsteinen übersät. Topase, Sardonyxe, Hyazinten, Saphire, Smaragde und Rubine standen brennend und farbensprühend im Flammenlicht des großen Sterns, einem ungeheuren Diamanten in ihrer Stirn, von dem alles Licht im Tempel ausströmte, so daß er gleichsam von den Gedanken der Göttin erhellt zu werden schien. Da waren Strahlen, so klar wie Wasser und weiß wie Silber, blutrote, weinrote und feuerrote Strahlen, blaue, wie der Himmel im Zenith und wie die Pfauenbrust, grüne, wie Gras, wie die Meerestiefe, wie Patina –, harzgelbe, violette, rosa, lila und solche in unbeschreiblichen Farbentönen. Und diese Strahlen brachen hervor, verlängerten sich und flogen davon oder zogen sich zurück, schmolzen in Bündeln zusammen oder kreuzten sich, um ein feines und beinahe überirdisches Farbennetz lebender Maschen vor der Göttin zu spinnen. In dieses eingehüllt, stand Antigonos still. Aber die Göttin winkte mit dem Szepter, so daß der Diamant an dessen Spitze einen Bogen wie eine Sternschnuppe beschrieb, und gleichzeitig schwollen die Flöten- und Zitherklänge an, denen sich, wie ein brausender Strom, ein unsichtbarer Chor anschloß. Ein eisiges Frösteln überlief Antigonos. Priester schlugen das Gesicht gegen die Goldfliesen, während er langsam aufwärts ging und den Papyruskopf der Göttin zu Füßen legte. Als er sich erhob, kam aus einem Seitengang eine Schar weißgekleideter Priester, die einen Thron aus Sykomoreholz auf ihren Schultern trugen. Auf purpurnem Polster saß ein männliches Götzenbild aus demselben Metall wie die Göttin; das fing an zu taumeln, wie ein Trunkner. Die Träger standen still. Die Gestalt erhob sich und, ein für Antigonos unverständliches syrisches Orakel singend, verschwand sie langsam im Halbdunkel des Turmes. Ihre fern hinsterbenden Töne verklangen in dem unsichtbaren Chor, der jetzt verkündete, daß der auferstandene Adonis zum Himmel aufgefahren sei. Daraufhin umarmten die Priester einander unter lauten Jubeltönen, die sich bis unter die Volksmenge in den zwei äußersten Tempelrunden fortpflanzten. – – – Verwirrt, betäubt und mit allen Sinnen in einem fieberhaften Zustande war Antigonos in einen Seitengang hinausgetreten, als eine Hand seinen Arm berührte; es war der Schiffer. Er erbot sich, ihn umher zu führen und ihm alles zu erklären. Auf einen gegebenen Wink brachte der Tempeldiener einen goldenen Becher dessen duftender Inhalt wie Eis Antigonos' Glieder durchströmte. »Ah,« rief er aus, »jetzt schmecke ich endlich den byblischen Wein, den schon Hesiodos und Theokritos besungen haben.« »Ja, so bauen wir ihn in unsern Weinbergen, denn die Götter lieben uns,« erklärte der Byblier, indem er ihn unterm Arm faßte und im Weiterschreiten sein Gehör mit den wunderlichsten Sagen berauschte. Sie waren auf der andern Seite zum Tempel hinausgetreten und gingen durch ein Wäldchen von riesengroßen, schwerfällig rauschenden Zedern. Es war jetzt Nacht geworden. Der Sternenhimmel funkelte wie die Edelsteine der byblischen Göttin. Vom Vorhofe her hörte man den gellenden Lärm von den Becken der Säulenheiligen. Aus der Stadt klang das Brausen der Menschenmenge, gleich dem eines fernen Meeres, aus den Bäumen das Geschrei der Pfauen und Affen und von den Seiten des Weges dann und wann leises Geflüster und unterdrücktes Gelächter. Sie traten in einen rötlichen Lichtschimmer hinaus, der aus einer Laubhütte am Rande des Weges kam. Drinnen brannte eine silberne, wie eine Taube geformte Lampe, unter der auf einem Scharlachlager ein junges Mädchen ruhte. Wiederholt kreuzten diese Lichtschimmer einander über den Weg – und beständig derselbe Anblick. Ihre Brüste waren entblößt, ein durchsichtiger Silberschleier war um ihre Lenden und Beine gefaltet, die Arme mit Rosengirlanden zur Seite gebunden, Kränze von Veilchen und Lattich waren in das üppige Haar geschlungen. Einige hatten sich halb abgewendet und drückten das Gesicht in die Kissen, während eine feine Röte gleichwie hingehaucht war über den tätowierten Nacken. Andre hatten das Haar über die Brust geworfen und die Augen geschlossen. Mehrere lagen frei, durch die langen Augenwimpern lugend – lächelnd und leise atmend durch die halb geöffneten Purpurlippen. »Diese,« sagte sein Begleiter, »sind junge Mädchen, die aus frecher Eitelkeit ihr Haar nicht abschneiden wollten, um der Trauer über Adonis – oder Osiris willen –, wie du willst. Die leiden nun ihre Strafe, indem sie die Blüte ihrer Jugend der byblischen Aphrodite opfern müssen. Ob sie das Haar oder die Strafe am meisten lieben, weiß ich nicht.« Antigonos stand still und betrachtete das eine der jungen Mädchen, das ihn mit einem scheuen Blick ansah. Dabei zog sie die festgebundenen bronzefarbenen Arme an sich, daß die Girlande zerriß. Wie ein goldglänzender Strom floß ihr Haar über ihre Büste hinab; sie erschien ihm, wie das Bild der Danae, die dort – noch vom olympischen Goldregen überströmt – vor ihm läge, und er vermochte es nicht, den Blick von ihr zu wenden. Seine sinnliche Natur, vom Festlärm, der Tempelpracht und der Mystik erregt, erhob sich mit fürchterlicher Macht in ihm. In diesem Augenblick war er nicht der Sohn des Priesters, sondern der der Hetäre. Und während das Geschrei der Affen seines Schamgefühls zu spotten schien – betäubten die gellenden Beckenklänge, die Paukenschläge und die Pfeifen die Stimme des Gewissens. »Ei, das ist ja die schöne Stratonike!« rief sein Begleiter. »Wahrlich, Antigonos, mancher byblische Jüngling, und auch ich – der ich doch etwas bejahrt bin – möchte gern an deiner Statt sein. Denn ich will dir sagen, daß es nur Fremden erlaubt ist, Aphrodites Opferpriester zu sein. Ich rate dir also, die Göttin, die dir diese Gunst erweist, nicht zu erzürnen. Es kostet dich nur ein Opfer zweier Tauben.« »Dies Opfer kann ich vielleicht bestreiten,« meinte Antigonos mit einem unsicheren Lächeln. »Und ich will indessen nach meiner Mannschaft und meinem alexandrinischen Korn sehen, Ich hoffe, daß du bei mir einkehrst, mein Haus liegt am westlichen Tore.« Stratonike »Haben alle Hellenen solch schönes langes Haar, wie du?« fragte Stratonike, als sie ein paar Stunden später im Tempelwäldchen wandelten, und ließ ihre kleinen Finger bewundernd durch eine seiner schwarzen Locken gleiten. »Die Athleten sind kurz geschoren, wie deine Landsleute es jetzt sind,« antwortete Antigonos, »aber die, welche sich mit Weisheit beschäftigen, tragen lange Locken.« »Erzähle mir etwas über Hellas!« bat sie ihn. Da erzählte er ihr von den olympischen Spielen und von Athen, der Stadt der Künste und des Wissens, wo Pallas Athene auf der Akropolis steht und wie ein Seezeichen die Schiffe in das geschäftige Piräos hereinleitet, – weithin über die Salamisbucht schauend, in der sie die unübersehbare Flotte des Barbarenkönigs schlug, – und vom Berge Hymettos, von dem sie den feinen Honig für ihre Feste bekamen. »Und der attische Salzfelsen, liegt der auch am Meere?« Antigonos brach in ein lautes Gelächter aus. Sie beugte sich verschämt, indes sie den hellen Klang seiner Stimme bewunderte. Ihre Unwissenheit rührte ihn, und er drückte das kleine Barbarenmädchen fester an sich, während er ihr von Thessalien und Tempe erzählte und von seiner Heimat, ganz dicht am berühmten Berge der Götter. Seine Stimme klang dabei so weich und wehmütig, daß sich ihre Augen mit Tränen füllten. »Was ist das?« fragte er plötzlich, als ihnen eine wunderliche Gestalt in der Finsternis schwerfällig entgegenkam. »Ist es ein Asket, der auf allen Vieren geht?« »Das ist ein Bär.« »Bin Bär!« rief er aus, und sprang zurück, sie mit sich reißend. »Der tut nichts, der ist heilig. Hier sind alle Tiere heilig, und es gibt viele hier. Sahst du nicht den Tiger, der vorhin über den Weg lief?« »Ich glaubte, es sei ein großer Hund,« antwortete er mit einem leisen Schauder. Jetzt war die Reihe zu lachen an ihr. Sie kamen an einen See, der war von einem Marmorrand eingefaßt und mit Fackeln umstellt. Ihr Licht und das der Sterne flimmerte über die gekräuselte, dunkle Fläche, die hier und dort von weißen Streifen durchschnitten war, als ob Körper darauf schwämmen, die ein leises Plätschern verursachten. In der Mitte erhob sich ein dunkler Gegenstand, wie ein kleiner Berg. Auf den Marmortreppen, die zum Wasser hinunterführten, waren viele Menschen. »Hier sind die heiligen Fische,« erklärte Stratonike ihm, »und draußen ist der schwimmende Altar, zu dem diese Menschen hinausschwimmen, um ihn zu bekränzen.« Er ging die Treppe hinunter und starrte in das dunkle Wasser. Einige byblische Männer und Frauen, die große Kränze im Munde trugen, warfen sich in die Fluten. Hinter sich hörte er die Pauken und das Geheul der Galler. Plötzlich schien es ihm, daß er Stratonike schreien höre. Er sah sich um: sie war nicht zu sehen. Mit einigen Sprüngen war er oben an der Treppe. Ein großer Menschenschwarm umringte die Galler, deren Pauken lärmten, während ihre Fackeln Feuerbogen in der Luft beschrieben. Von dort klang wiederholt Stratonikes angstvolle Stimme, seinen Namen rufend. Er drängte sich durch den Schwarm und sah sie in den Armen eines Gallers in einem goldgewirkten Frauenkleid; sie bog den Oberkörper zurück und hielt sein feistes Gesicht von sich ab, indem sie mit ihrer Hand sein Ohr festhielt, gleichsam als den einzigen Henkel, den sie erfassen konnte. »Laß sie los, elender Eunuch!« Ein Faustschlag warf den Exgaller mehrere Schritte zurück, während Antigonos das Mädchen an sich zog. Ein fürchterlicher Lärm entstand. Die Galler heulten wie Tiere, die man ihrer Beute beraubt hat, und die Menge, besonders die Frauen, stimmte mit ein. »Was, er schlägt den Priester der großen Rhea! Er lästert die heilige Liebe!« »Was du nicht selbst bist, kannst du werden,« rief der vor Zorn schäumende Exgaller. Mit einem Schwung hatte er das Messer erhoben und einen langen Schlitz an seiner Brust heruntergeschnitten, um sich noch stärker zu erregen. »Nein, er muß sterben,« riefen die anderen und erhoben die Fackeln, während die Menge Platz machte. Antigonos sah sich nicht um, denn seine Augen waren plötzlich wie festgebannt von zwei rollenden Feuerkugeln, die aus dem Laube eines Therebintenbusches an seiner Seite hervorflammten. Indem er sie anstarrte und seine Hände emporhob, rief er: »Isis und Osiris! Schützt euren Priester gegen diesen verstümmelten Barbaren.« Der Exgaller machte einen Schritt vorwärts. Gebrüll, – Sausen, – ein schwerer Sturz, – ein blitzendes Messer, das in einer dunklen, gelbgestreiften Masse verschwand, die sich beim Fackelschein an der Erde herumwälzte – ein Krachen, wie das einer ungeheuren Eierschale, – und das Gehirn des Archigallers floß unter der Pfote eines Königstigers hervor, dessen Wildheit beim Anblick des blanken Messers und der blutigen Brust geweckt worden war. Mit einem Sprung war er mit seiner Beute wieder im Dickicht verschwunden. Die Galler waren geflohen. Die entsetzte Menge hatte sich verteilt. Antigonos stand unbeweglich da, glücklich über die Gunst der Götter und seine eigene geheimnisvolle Macht. Stratonike war niedergesunken und umfaßte seine Kniee. Er erschien ihr wie ein Gott, oder allenfalls wie ein Sohn Zeus', gleich dem Apollonius. Er beugte sich herab und nahm sie in seine Arme: »Komm! folge mir!« »Darf ich dir folgen? und wohin?« »Nach Hellas, nach Thessalien.« Sie küßte seine Hand, die von ihren Tränen genetzt wurde, – ganz sprachlos vor Freude. Dann ergriff er sie am Arme und führte sie hinweg. Überall, wo sie gingen, strömten Menschen herbei – die sich in ehrerbietiger Entfernung hielten. »Das ist Apollonius von Tyana, der vom Grabe erstanden ist,« sagten einige, als er durch den Vorhof des Tempels schritt. »Apollonius kannte aber keine Weiberliebe,« bemerkte der Schiffer, der zurückgekommen war, um seinen Gastfreund aufzusuchen. Die Thessalische Brüderschaft Über Tempe liegt finstre Nacht. Weder Mond noch Sterne beleuchten die Tausende von Gestalten, die, in große Mäntel gehüllt, das kleine Tal erfüllen, das zwischen waldbewachsenen Felsen nahe dem Orte liegt, wo Antigonos und Erinna einander zu begegnen pflegten. Die letzten Töne des Liedes von Harmodios und Aristogiton waren verklungen. In der Mitte auf einem großen Stein stand ein Mann und sprach mit klangvoller Stimme in prachtvollen, demosthenischen Perioden, – reich an Unterbrechungen und Ergänzungssätzen, – von der ewig jungen hellenischen Freiheit, die, gebunden wie Prometheus, von ihren Fesseln befreit werden sollte. Die geheimen Brüderschaften waren gleich Herakles; sein Pfeil sollte den kapitolinischen Adler durchbohren, der an der Leber des Prometheus hackte; seine Hände sollten die römischen Eisenfesseln zerreißen. Marathon, Thermopyle, Salamis! Der Sprecher zeigte in der Richtung des Olymp: – ebenso hoch, wie der mächtige Berg sich über der kapitolinischen Höhe erhebe, ebenso hoch solle auch Hellas sich über Rom erheben. Ein bewunderndes Beifallsgemurmel belohnte seine Beredsamkeit, während er sich mit dem Mantelzipfel den Schweiß von der Stirne trocknete. »Wie viele Leute werden dann wohl die Brüdergemeinden stellen können?« fragte eine Stimme dicht neben ihm, und eine hohe Gestalt erhob sich. »Wer bist du, der fragt?« erwiderte der Redner nach einem Augenblicke verwirrten Schweigens. »Kein Unbekannter, ich bin Antigonos von Larissa.« »Bist du Antigonos,« antwortete der Redner ehrerbietig, »dann verdienst du wahrlich Antwort. Dies ist aber nicht meine Sache. Mein Beruf ist die erweckende, ermutigende Rede. Ich säe die Saat des Wortes, wie Kadmos' Drachenzähne, damit der Erde Riesen entwachsen können. Dagegen muß der Vorsitzende, Alexandras von Thessalonika – –« Alexandros hatte sich schon erhoben. Er wäre gern bereit, die erwünschte Erklärung zu geben. Jedoch in diesem Augenblick sei es ihm wirklich nicht möglich. Die Brüdergemeinde in Thessalien zähle zweitausend Mitglieder, dagegen, was die anderen beträfe – –« Hier wurde er von vielen Stimmen unterbrochen. Die eine teilte mit, daß siebenhundert Brüder auf Euböa seien, drei stritten miteinander über die Mitglieder in Lokris, zehn über die auf dem Peloponnes. »Und wir Thessaler,« fragte Antigonos, »sind wir so weit vorbereitet, um uns erheben zu können?« »Wir – bereiten uns darauf vor,« antwortete Alexandros. »Wißt ihr aber auch, worauf ihr euch vorbereitet?« rief Antigonos. »Habt ihr bedacht, was es bedeutet, den Kampf mit den Legionen Roms aufzunehmen, mit dem adlergeflügelten Drachen, der seine stahlschuppigen Glieder um die ganze Erde geschlungen hat; ich kenne ihn, denn ich bin selbst eine dieser Schuppen gewesen. Ich war das letzte Mal dabei, als er das aufständige Judenvolk in seinen Buchten erstickte. Und die Juden, Brüder! kennt ihr die? – Das waren Männer, die sich mit den Zähnen festbissen, wenn die Schwerter zerbrachen – die sich singend unter den rauchenden Trümmern begraben ließen. Ihr großer Gott Jahveh hatte Pharaos Heer in den Wogen umkommen lassen und Sennacheribos Heer durch die Pest hinweggemäht; er hatte sein Volk aus den Händen Babylons befreit und durch seine Propheten verkünden lassen, daß die ganze Erde ihm untertan werden würde. Aber der kapitolinische Jupiter ergriff ihn bei seinen grauen Locken und schleuderte ihn vom Himmel herunter und erbaute seinen Tempel auf Zion!« »Entzieht Antigonos das Wort,« riefen die Eifernden von allen Seiten, »er will uns entmutigen! – hört ihn nicht an, er ist ein Verräter!« »Verräter bin ich nicht, und mutlos will ich euch wahrlich nicht machen, aber ich will euch züchtigen, euch festigen und euren Mut stählen. Damit ihr wißt, wie groß die Gefahr ist und wie stark ihr euch machen müßt. – Denn das Werk übersteigt nicht menschliche Kräfte; vor hundert Jahren hieb der germanische Arminios dem Drachen den Schwanz ab –« »Komm uns nur nicht mit den Barbaren! schweige, Antigonos; jetzt will ich reden,« rief ein Mann und trat auf den Stein. »Was will der? ... wer ist er? ... kennt ihr ihn?« »Ja bei Zeus! das ist der berühmte Weisheitslehrer Speusippos aus Trikka.« »Ja, ihn wollen wir hören! Der versteht zu sprechen!« Und der berühmte Weisheitslehrer räusperte sich und begann, indem er seine dünne, schnarrende Stimme auf einen lächerlichen, bauchrednerischen Baß hinunterschraubte – denn Aristoteles sagte, ein hochherziger Mann rede mit einer tiefen Stimme –: »Bin solcher Sieg, Brüder! – um ohne Einleitung in die Mitte zu springen und den Stier bei den Hörnern zu fassen – ein Sieg, wie der von Antigonos erwähnte, sage ich, ist nur für Barbaren. Wir Hellenen aber – sollten wir, indem wir frei werden, uns den Barbaren gleichstellen? Was sage ich! Ihre Gleichgestellten? Ist der Lehrling der Gleichgestellte des Meisters? – Sollten wir denn in die Lehre gehen bei ihnen? Steht es uns an, durch körperliche Waffen zu siegen? sollten wir nicht viel eher durch die ewige Macht des Geistes und des Denkens den Sieg erringen, der so viel höher steht, als der Kopf sich über der Brust erhebt und als das beschauliche Leben des Weisen herrlicher ist, als die äußerliche Wirksamkeit des Kriegers? Aber schon höre ich einen sagen: ›So spricht nur ein mit dem Leben unbekannter Schwärmer.‹ O, ihr wenig Denkenden und im höchsten Grad Unwissenden! Ihr, die ihr nicht die Republik des großen, mit Recht als Gottessohn erkannten Platon kennt! – Oder verläßt mich meine Erinnerung? Antwortet mir, ihr blutdürstigen, flaumbärtigen Freiheitshelden! Antworte mir, Antigonos, wenn nicht der Atem meines Mundes dich hinweggeblasen oder der Wohlklang meiner Stimme dich stumm gemacht hat – ist es nicht der Grundgedanke jener göttlichen Schrift, daß die Weisen herrschen sollen, während die Krieger ihnen Ruhe schaffen und das Land beschützen und die Handwerker für den Unterhalt sorgen? Und wer würde wohl daran denken zu leugnen, daß der große Seher die Verhältnisse vorausgesehen habe, die jetzt eintreten werden – daß nämlich wir Hellenen die Herrschenden, die Römer unser Kriegerstand, die Barbaren unsere Handwerker und Sklaven sein sollen?« »Ja, ja, – das ist ein Weisheitswort! ein Gedanke, des großen Speusippos würdig,« riefen seine Schüler, und seine Bewunderer jubelten: »der göttliche Speusippos«. »Aber wie kann solches geschehen?« fuhr Speusippos, eifrig geworden durch den Beifall, fort. »Seht die Römer und die Barbaren an, ihr Brüder! nicht wie jener unwissende Zauberersohn, sondern mit dem Lichte der Dialektik! Wodurch sind Krieger das geworden, was sie sein sollen, tüchtig in ihrem Werk, denn darin hat doch wohl der Stagyrit recht; die Tugend besteht darin, daß man seine persönliche Arbeit gut ausführt – wie also? Ob wohl auf die Weise, daß sie bei Handwerkern in die Lehre gingen, um den Spaten, den Hammer, den Leisten handhaben zu können? Oder, daß sie die tüchtigsten ihres Standes aufsuchten, die sie in der Waffenführung, in der Einnahme von Städten oder Ausführung von Schlachtenplänen unterrichten könnten? Sicher in der letzten. – Wenn aber dem so wäre, solltet ihr dann in die Lehre bei Kriegern und Handwerkern gehen? Oder wäre es nicht eure eigentliche Aufgabe, die aufzusuchen – wenn es überhaupt viele solcher gibt, die euch lehren könnten, richtig zu denken und euch die göttlichen Wahrheiten zu erschließen?« »Wenn das alles ist,« unterbrach Antigonos ihn höhnisch, »dann wirst du wahrscheinlich viel Geld verdienen; aber dann wäre Cäsar Trojanus nicht genötigt gewesen, die Brüdergemeinden bei Todesstrafe zu verbieten.« Dies Wort fiel wie eine Brandfackel unter die Versammlung. Das Bewußtsein, welches Gewicht die Römer den Brüderschaften beilegten und welcher Gefahr ihre Mitglieder sich aussetzten, erfüllte die Versammlung mit Begeisterung und Selbstbewunderung, und ihre Zurufe erfüllten das Tal mit einem betäubenden Lärm. Die Friedlichen schrieen, daß Speusippos das Rechte gefunden habe. Die jungen Männer riefen, man solle zu den Waffen greifen und siegen oder sterben. Die meisten wollten warten, bis die gelegene Zeit gekommen wäre. Und der Weisheitslehrer Speusippos, seines Basses nicht eingedenk, schrie in rasenden Tönen, Antigonos möge doch, wenn er sich durchaus schlagen wolle, ein paar Legionen Tiger gegen die Römer schicken, von der Art, die er der Sage nach in Syrien heraufbeschworen hätte. Aber ein lauter, durchdringender Ruf erklang plötzlich von dem oberen Bergpfad her und zwang die anderen zum Schweigen. »Flüchtet und rettet euch! Wir sind verraten! ... Es kommen Leute mit Fackeln des Weges daher ... Ich hörte die barbarische Sprache eines Römers.« Ein allgemeines Entsetzen und große Verwirrung entstand. Dieser Beweis für die Aufmerksamkeit seitens der Römer erschien den Vaterlandsfreunden ziemlich kränkend. Nach dem Verlauf von wenigen Sekunden waren die letzten hinter Steinen und Myrthengebüsch verschwunden, dessen Rascheln noch lange die Flüchtenden verriet. Antigonos blieb auf seinem Stein sitzen; er war in Gedanken versunken, ein bittres Lächeln lag auf seinen Lippen. Der Fackelschein näherte sich, und ein Klang von Schellen und scharfen Schreien wurde hörbar. Zwischen den fackeltragenden Sklaven sah er jetzt einen Tragsessel, der von Maultieren getragen wurde. Ein Reiter ritt nebenher. Das Geschrei schien ihm aus dem Tragsessel herzukommen. Als sie bei Antigonos vorüberzogen, flüsterte der eine der Fackelträger dem Reiter etwas zu. Er hielt, drehte das Pferd um, verneigte sich grüßend, und fragte auf Griechisch mit lateinischer Betonung: »Ist es richtig, daß du Antigonos von Larissa bist und die Kraft besitzt, Dämonen auszutreiben?« »So verhält sich's. – Bist du ein Römer?« »Ich bin ein römischer Senator, und will dich reichlich belohnen, wenn du –« »Meine Wunder sind nicht wohlfeil,« antwortete Antigonos stolz und erhob sich, um wegzugehen. Aber das Schreien der weiblichen Stimme rührte ihn, und er schämte sich, weil er einem Weibe seinen Haß wider das Volk entgelten lassen wollte. Er dachte an Erinna, die jetzt die Gemahlin eines Römers war, und ging zum Tragsessel zurück. Die Frau schrie unter gewaltigen Krämpfen und schlug nach allen Seiten um sich; den Sklaven kostete es Mühe, die scheuen Maultiere festzuhalten. Der Fackelschein drang nur schwach in den Tragstuhl hinein. Ein dichter Schleier verhüllte das Gesicht der Kranken, um die Nachtluft und die Nebel der Schlucht abzuhalten. Er ergriff die eine ihrer Hände, strich ihr den Kopf und die Brust und murmelte eine ägyptische Formel. Sogleich wurden die Krämpfe schwächer. Sobald sie still lag, ließ er ihre Hand los und eilte hinweg auf Pfaden, zwischen Steinen und Gebüsch hindurch, wo ihm der Reiter nicht zu folgen vermochte. Er hatte das römische Weib geheilt, aber den Dank des Römers wollte er nicht entgegennehmen. Als er am darauffolgenden Morgen nach Hause kam, fand er seinen Vater in einem Dialog von Plato lesend, während seine Unterlippe sich ständig bewegte und er den Zeigefinger den Zeilen folgen ließ. Lagos war in seinen alten Tagen schwächlich und belesen geworden, was nicht immer ohne Beschwerden abging. Aber er mußte sich die Zeit mit etwas vertreiben. Seine Gesundheit vertrug nicht mehr die aufregenden und erschöpfenden Geschäfte eines Priesters. Nur dann und wann beschwor er noch bei einem kranken Dienstmädchen einen kleinen Dämon, stellte ein Horoskop oder zitierte einen Regenschauer über Larissa. Von seinen Studien verstand er wohl eigentlich nicht allzuviel, aber es machte ihm Freude, in den Lehrbüchern seines viel bewunderten Sohnes zu lesen, und seine alten, wackligen Füße in die Spuren der jungen zu setzen. Am meisten freute es ihn, in einem Winkel zu sitzen und zuzuhören, wenn Antigonos seine Schüler unterrichtete. Bisweilen erforderte die Beschränktheit eines reichen Jünglings eine derartige Veranschaulichung eines philosophischen Problems, daß auch er es teilweise verstehen konnte. Dann bewegte er seinen großen Kopf zufrieden hin und her und machte sich unklare Vorstellungen darüber, wie herrlich und tiefsinnig das sein mußte, was ihm unbegreiflich blieb, und welche ungeheure Weisheit sein Sohn besaß. Die meiste Zeit vertrieb er sich jedoch mit Stratonike. Das kleine Barbarenmädchen hatte er innig lieb gewonnen, und sie liebte auch ihn und pflegte ihn mit der Sorgfalt einer Tochter. Ihr schelmisches Lächeln, ihr goldenes Haar, der Bronzeschimmer ihrer Haut und ihre Bewegungen, einschmeichelnd weich und behende wie die eines Kätzchens, waren seiner Augen Lust. Und wenn sie sich auf seinen Schoß setzte und ihre weiche Hand über seine gefurchte Wange gleiten ließ, lächelten seine häßlichen Lippen wie in kindlichen Träumen, und er erzählte ihr die alten strahlenden Mythen und Sagen, deren feinste Fäden in seiner Erinnerung bewahrt geblieben waren, und mit denen spätere Begebenheiten seines eigenen Lebens sich zu einem wunderlichen verwilderten Netz zusammen spannen. Die Sorgfalt Stratonikes hatte auch das einfache Heim verschönert. Unter ihrer Aufsicht gediehen und blühten die Pflanzen im Peristyl. Dem Staub ward es nicht gestattet, sich auf Tischen, Stühlen und Ruhebänken niederzulassen, und die leinenen Kleider der beiden Männer glänzten vor strahlender Weiße. Vollkommen glücklich aber wäre sie erst gewesen, wenn ihr Wunsch, Antigonos ein Kind zu schenken, erfüllt worden wäre. Antigonos küßte seinen Vater und fragte ihn nach seinem Befinden. Während er ihm einen dialektischen Übergang im Dialog erklärte, trat Stratonike mit einer Schüssel voll Gemüse herein und setzte Brot und Honig auf den Tisch. Dann machte sie die Ruhebänke zurecht und setzte sich selbst auf einen Stuhl am Tischende, die nackten Ellbogen auf den Tisch stützend und den Kopf ruhend in die Hände gelegt. Sie bemerkte sofort, daß Antigonos sehr verstimmt war, als er sich zu Tisch legte und schweigsam zu essen anfing. »Warst du bei der Brüdergemeinde, mein Sohn, und wurde dort irgend etwas beschlossen?« »Es wurde geredet.« »Wann wird denn der Kampf beginnen?« wagte Stratonike zu fragen. »Wenn die Redner fertiggeschwatzt haben, aber ihre Lungen halten mehr aus als ihre Herzen ... Diese Hoffnung ist über Nacht erfroren ... Wären wir es, die die Welt in unserem Joch hielten, dann würde das Kapitol sich nicht damit begnügen, seine Gänse schnattern zu lassen, sondern das Schwert eines Fabricius würde uns bald Lösegeld für Rom zahlen ... Aber in Hellas ist die Kraft abgestorben – Wir können nur noch schnattern... Selbst ich kann nichts andres! Wäre mein Gehirn wenigstens mit dem Kriegsgedanken eines Cäsar bevölkert, dann hätte Hellas allenfalls einen Feldherrn ohne Heer und ich würde versuchen, wieviel ich aufstellen könnte –.« »Die Götter seien gelobt, daß das nicht geschehen kann,« rief Stratonike; »du darfst mir nicht böse sein, Antigonos, ich bin so todesbange gewesen. – Bist du nicht schon einmal im Krieg gewesen, wo ein Pfeil dich beinahe getötet hätte? Und jetzt könntest du fallen, oder die Römer könnten dich hinrichten, oder dich zum Sklaven machen – –!« »So ist es Äsopos als auch Epideton ergangen,« sagte Antigonos, »leider besteht aber die Möglichkeit nicht, mich einer solchen Gefahr auszusetzen. Ich mag deshalb auch nicht mehr hier in Thessalien bleiben, denn ich sehe, daß hier nichts zu tun ist. Ich will in das Adlernest selbst.« »Nach Rom? O ja, das wäre herrlich, in die große Weltstadt zu kommen,« rief Stratonike und klatschte in die Hände. »Ich habe mir immer gewünscht, meine Gebeine in Thessalien zur Ruhe zu legen,« sagte Lagos, »aber mein Sohn hat Recht. Thessalien ist zu klein, um ihn festhalten zu können ... Hier bist du angesehen, – aber der Name meines Sohnes muß sich über die Welt verbreiten, und das kann nur von den sieben Hügeln aus geschehen ... Laßt uns bald reisen. Krates hat kürzlich wieder davon gesprochen, unser Haus zu kaufen; und der Preis, den er anbot, war keineswegs gering ... Aber was wird dann aus deinen Schülern?« »Die mögen zu Speusippos gehen!« Ein Blick ins Colosseum Ungefähr einen Monat nach der Ankunft in Rom ging Antigonos ins Colosseum, um sich einen Gladiatorenkampf anzusehen. Er kam erst spät und erreichte seinen Platz auf der ersten Reihe, als die Versammlung sich vor Cäsar Antonius erhob, der mit seinem Adoptivsohn Marcus Aurelius Antonius und dem Knaben Verus unter das Purpurzelt ins Podium trat. Die Prozession der Gladiatoren trat ein, und der Kampf mit den Holzschwertern begann. Mit Aufmerksamkeit folgte Antigonos der bewunderungswürdigen Behendigkeit und den schönen Bewegungen, durch die er an Larissas Palästra erinnert wurde, während das Publikum um ihn her leise lachte und scherzte. Ein junger Ritter neben ihm machte einen andern auf die hübsche Libertine aufmerksam, die ihm verliebte Blicke zuwarf. Andere, hinter ihm, fingen bereits an, sich in ihre Wetten auf die Fechter einzulassen. Die Tuba schmetterte, die blanken Waffen begannen zu blitzen und zu klirren. Sonst tiefes Schweigen überall. Vorgestreckte Köpfe mit gespannten Zügen, glühenden Wangen und starrenden Augen die Reihen entlang. Auch Antigonos folgte dem Kampfe mit steigender Spannung; er fühlte seinen Atem stocken, alle Pulse hämmern und alle Nerven zittern, ganz wie ihm zumute gewesen war, wenn er in Tempe seine Geliebte erwartete und meinte, ihre Schritte zu hören – und später nie mehr. Das erste jubelnde »Habet« durchschauerte ihn mit einer Mischung von Entsetzen und Lust. Die Waffen wurden gesenkt, die Leichen hinausgezogen, der Tumult im Zuschauerraum begann; – und er war matt und niedergeschlagen, erfüllt von Ekel vor sich selbst, – denn er hatte sich mitreißen lassen, – aus Abscheu gegen die Römer, die Barbaren mit den etruskischen Traditionen – und aus Sehnsucht nach dem schönen Hellas mit seinen edlen isthmischen und olympischen Spielen. Ihm war, als müßte er in der drückenden Hitze ersticken, die das Sonnensegel dieses großen erhitzten, mit Blut gedüngten Treibhauses eher einzuschließen als abzuhalten schien, – in dem alle Giftpflanzen böser Leidenschaften wollüstig aufschossen, während ein feiner duftender Regen über die Zuschauerplätze herniedersprühte. Seine Aufmerksamkeit wurde durch eine klare, tiefe Männerstimme hinter ihm gefesselt, die gedämpft sagte: »Jetzt ist's genug, Titus. Hat die gute Saat des Evangeliums den Teufel aus deinem Herzen getrieben, oder hat der Anblick des Blutes auch bei dir das Raubtier geweckt, wie bei deinen Heiden?« »Nein, ich bin nur krank und entsetzt,« antwortete eine jugendliche Stimme. »Warum gingen wir hierher?« »Um uns selbst zu prüfen, wie weit wir in der Heiligung vorgeschritten sein möchten, und um den Ort kennen zu lernen. Vielleicht ist es der Wille Gottes, daß wir das nächste Mal da unten sind.« Antigonos kehrte sich um; er sah den Sprecher nur flüchtig, der eben, von einem jungen Mann begleitet, den Platz verließ. Es war eine ziemlich kleine Gestalt mit einem stark gefurchten und etwas leidenden, aber milden und ehrwürdigen Gesicht. Er war ihm unter dem Namen Pius bezeichnet worden, als der Bischof der Christen, einer Sekte, gegen die er übrigens eine große Geringschätzung hegte. Aber in diesem Augenblick freute es ihn, einen Geistesverwandten gefunden zu haben, ja Pius hatte sogar Eindruck auf ihn gemacht. Er war fest entschlossen ihrem Beispiel zu folgen, doch mußte er die nächste Pause abwarten, denn der Kampf hatte bereits von neuem begonnen. Es war ein gut gepaartes Gefecht zwischen einem berühmten Secutor und Retiarius, deren wechselvolles Glück sich die atemlose Spannung des ganzen Publikums zuzog. Zuletzt kehrte der Retiarius sich um und machte während des Ausweichens eine ungeschickte Bewegung: der Netzzipfel glitt ab vom Helm des Secutors, und dessen Schwert durchbohrte seinen Rücken, weil er einen Sprung vorwärts getan hatte. Und noch während der Habet-Ruf durch das Colosseum scholl und es durchschütterte, wie der Donner ein kesselförmiges Tal, hatte der Secutor sein eisengepanzertes Bein hart auf die stöhnende Brust des Gefallenen gepflanzt. Sein kurzes, bluttriefendes Schwert senkend, zeigte er seine kräftige, vom Gürtel bis zur eisernen Helmmaske entblößte Brust über dem halberhobenen Schild, – eine breite, gewölbte und narbige Brust, eine Augenweide der Libertinen, Matronen, Jungfrauen und Vestalinnen – verdoppelt durch die Zwillingsflamme der Grausamkeit und der Wollust. Sich brüstend, wandte er den Kopf mit dem unförmlichen Helm nach dem Podium hin, während die Hand des Gefallenen, die die Forke verloren hatte, sich matt erhob, um Gnade flehend. In diesem Augenblick stürzte gleichsam eine schäumende Kaskade über das Innere des Colosseums hernieder, vom obersten weit gespannten Oval bis herab zum niedrigsten und engsten, und aus den wogenden weißen Gewändern, die wie die Flügel einer Schar Geier klapperten, wenn sie auf ein Aas herabstoßen, streckten sich Tausende von braunen Armen, deren geballte Fäuste mit den abwärtsgestreckten Daumen den Besiegten zum Tode verurteilten. Auch Antigonos streckte sich vorwärts, sein Arm war erhoben, sein Daumen zeigte hinauf zum Sonnenzelt; sein Blick, nach Lebenszeichen spähend, glitt den Balkon entlang. Nahe bei, in der Biegung des Ovals, beugte eine Frau sich vorwärts; ihre rechte Hand mit dem emporgehobenen Daumen streckte sich der seinigen entgegen, ihre Linke schwang einen weißen Schleier, die Fahne der Gnade, ihr Blick suchte den seinigen. Die begegneten sich und standen still. Er hatte dieses Weib schon gesehen, eingehüllt in denselben Schleier, den sie jetzt eben von sich losgerissen hatte, im Sitze zurückgelehnt, ganz so wie er und oft den Sonnenschirm auf den Rand des Balkons sinken lassend, um sich alle Aussicht auf die Arena abzuschneiden. Jetzt strahlte ihm ihr Antlitz, in einer Mischung von Entsetzen und Freundlichkeit, voll entgegen. Die milden Lippen schienen ihm einen schwesterlichen Kuß zu schicken, die großen blauen Augen däuchten ihm ein fernes heimatliches Land, in das er hinausstarrte. Er sah und hörte nichts mehr vom Lärm und der Bewegung der Menge um ihn her, die unaufhörlich stieg und fiel und wieder sich erhob, wie das Getöse einer schäumenden Brandung. Da glitt ein Lächeln, ein plötzlicher Erinnerungsstrahl über beider Antlitz. Sie beugten sich noch weiter vor, die Arme ausstreckend, als ob sie sich umarmen wollten. Sie waren nicht mehr allein in dem blutdürstigen, brüllenden Colosseum, – sie waren allein an einem kühlen, rieselnden Fluß, unter schattigen, säuselnden Platanen, über denen sich der klare griechische Himmel wölbte – und ihre bebenden Lippen flüsterten »Antigonos« und die seinigen antworteten »Erinna«. Plötzlich warf sie sich mit einem Schrei nach rückwärts. Er sah hinunter, und es schien ihm ihre Liebe zu sein, die dort unter dem Todesstoß zusammenbrach, in die ein Römer seinen Haken stieß und hinausschleppte, wie eine Leiche. Ihm schwindelte. Das Colosseum drehte seine weiße lärmende Masse im Kreise um ihn herum, gleich wirbelndem, brausendem Schaum, in dem der Strom seiner Erinnerungen sich auflöste. Er erhob sich und ging schwankend die Reihen entlang; lärmende Senatoren und Ritter triumphierten über die Wetten, die sie auf den Secutor gewonnen hatten. Auf dem Gange hinter dem Balkon waren mehrere Frauen um die ohnmächtige Erinna versammelt, während nebenan eine Schar Clienten sich um einen großen Mann im Consulalter versammelt hatte, der mit seiner rotverbrämten Senatorentoga über sie hervorragte. »Meine Gattin ist Griechin, ihre zarte Natur verträgt solche Dinge nicht,« hörte Antigonos ihn gleichsam, sie entschuldigend, bemerken. Da wußte Antigonos, daß er diese Stimme schon einmal gehört hatte. Der Gnostiker In den Titus-Bädern ging es am Vormittag recht lebhaft her. Im geräumigen Vorhof, unter dem Schatten der regelmäßig gepflanzten Lorbeerbäume, strömten die Menschen aus und ein. Bekannte trafen sich, grüßten einander und erzählten sich die letzten Neuigkeiten. Vom dunklen, gewölbten Auskleideraum her erschollen ab und zu laute Scheltworte, wenn einer der Sklaven das Handtuch oder die Badebürste unbeholfen handhabte. Jubel und übermütiger Spott begleitete den Lärm der Körperübungen in der hellen Säulenhalle des Gymnasiums, und vom Schwimmbassin her hörte man Planschen und Gelächter. Dann und wann drängte sich auch die Stimme eines eifrigen Disputators hervor aus der sonst stillen Abteilung der Bibliotheks- und Lesesäle. In einem dieser Säle befand sich Antigonos mit seinen Schülern, beinahe nur vornehmen jungen Römern. Einer von ihnen las in einem aufgerollten Schriftstück, das auf seinen Knien lag. »Aber alles Ursprüngliche, sagten wir weiter, muß notwendigerweise durch eine Ursache entstanden sein. Sicher ist es schwierig, den Schöpfer und Vater dieses Alls zu erkennen, und unmöglich ist es, zu allen über ihn zu sprechen, wenn man ihn gefunden hat. Aber das, was dann untersucht werden muß, ist wohl die Frage, nach welchem Urbild der Baumeister das All hervor –« »Der Baumeister,« unterbrach Antigonos ihn, »wen könnten wir uns wohl bei diesem Ausdruck denken? ... Oder wo könnten wir ihn suchen, Quintus?« »In der Ideenwelt,« antwortete der Jüngling nach einiger Überlegung. »Richtig. Und in welcher Gegend der Ideenwelt? – ob unter den niedrigeren Ideen?« »Nein, in der höchsten. Und die höchste ist die Idee des Guten.« »Hier sind wir am Ziel. Was also Plato hier den Baumeister nennt, muß gleich sein mit der Idee des Guten – oder der Quelle alles Seins und Wissens.« In einem Winkel des Saales waren zwei Männer damit beschäftigt, einige Bücherrollen durchzusehen. Der eine war noch ganz jung, der andere ein Mann in den besten Jahren – mit hoher Stirn, scharfblickenden Augen, Habichtsnase, eingefallenen Wangen und magerem, eckigem Hals. Ein blauseidenes Tuch, das mit silbernen Sternen bestickt war, umhüllte seinen Kopf. Die ausgefransten Enden fielen herunter auf die Brust des schneeweißen Byssus-Kittels, der ihm bis an die Hände und Füße reichte. Als Antigonos anfing, seine Anschauungen über den Baumeister und die Idee des Guten zu entwickeln, bemerkte er, daß der Ältere sich herabbeugte und dem Jüngeren etwas zuflüsterte, was den Jüngling veranlaßte, in Lachen auszubrechen. Mit einem spöttischen Seitenblick sah er Antigonos an und antwortete mit einem Scherz. Diesem schoß das Blut in den Kopf, er wurde unruhig und stammelte; plötzlich erhob er sich und sagte mit einer vom Zorn etwas erregten Stimme: »Wenn ihr weiser seid, Fremder, geziemte es euch mehr, uns zu belehren, als uns zum Gegenstand eurer Belustigung zu machen.« Der junge Mann wurde rot, aber der Ältere blieb unbeirrt, und ihn fest anblickend, sagte er: »Das hast du richtig erraten, Antigonos, – wir sprachen von dir, und ich finde es billig, daß du erfährst, was es war. Ich habe soeben zu diesem jungen Mann gesagt, daß deine Rede über den Baumeister mir nicht beweist, daß du ihn kennst, wohl aber, daß du ihm ähnelst. Denn der Baumeister bildete Himmel und Erde, ohne zu wissen, was sie waren, und die Menschen, ohne sie zu kennen. Und obschon er so wenig wußte, und weil er sich selbst nicht kannte, ließ er seine Propheten verkünden: ›Ich bin Gott und Keiner außer dem‹. Daß aber auch du dich nicht selbst kennst, ist offenbar; denn wenn du das tätest, würdest du es nicht versuchen, andere zu lehren, was du nicht selbst verstehst. Und weil du es nicht verstehst, läßt du deine Schüler verkünden: ›Ich bin der große Antigonos von Larissa, es gibt keinen besseren Lehrer als mich‹. Hierin finde ich die Ähnlichkeit mit dem Baumeister.« Während dieser Anrede hatte Antigonos seine Ruhe wiedergewonnen. Als der Fremde seinen Namen aussprach, wurde er von der Lust, berühmt zu sein, durchströmt. Bei den letzten Worten stieg ihm das Blut wieder in den Kopf, und obgleich durch die gebietende Überlegenheit des anderen beunruhigt, antwortete er: »Es freut mich, einen Menschen getroffen zu haben, der so viel besser unterrichtet zu sein scheint, als ich; denn ich kann jetzt hoffen, über Dinge belehrt zu werden, nach denen ich stets eine unwiderstehliche Sehnsucht gefühlt habe.« Der Fremde schien seinen spitzen Tonfall nicht bemerkt zu haben, sondern wandte sich mit einer fast aufreizenden Ruhe an seinen Begleiter: »Scheint es dir nicht, Herakleon, als ob wir auch hier wiederum eine höchst auffallende Ähnlichkeit zwischen Antigonos und dem Baumeister herausfühlten?« Der junge Mann runzelte einige Augenblicke seine Stirn und sah dann fragend seinen Meister an. »Läge sie nicht etwa darin, Herakleon, daß Antigonos, wie auch er, sein Dasein von der Sehnsucht und dem Begehren zu erhalten scheint?« Herakleon nickte lächelnd. »Wenn der Baumeister von der Begierde geboren wurde, wovon wurden dann die anderen Dinge geboren?« fragte Antigonos. »Die Seelen der Menschen und Tiere werden von der Furcht geboren, die körperlichen Elemente dagegen vom Schrecken und von der Verzweiflung.« »Von wessen Begierde, Furcht und Verzweiflung? Denn wo es Leidenschaften gibt, muß wohl auch ein Wesen sein?« »Von wem sonst, als der Weisheit, der Sophia Achamoth, der niedrigsten der dreißig Äonen, die dem Urvater entströmen und von seinem Wesen sind, nur geringer und niedriger, wie auch der Fluß niedriger und weniger rein wird, je weiter er sich von der Quelle entfernt. Diese bilden die Fülle, das göttliche Reich. Und weil sie den niedrigsten Äonen angehörte, dabei aber noch göttlicher Natur war, fühlte sie ein rasendes Begehren und eine unbezähmbare Brunst und hätte sich in den Abgrund gestürzt, um den Urvater zu umarmen, wenn nicht Horos sie daran verhindert hätte.« »Der Urvater?« rief Antigonos. »Dann ist der Baumeister also verschieden vom höchsten Gott, und wir sind unvermutet und gleichsam auf einem Umweg dorthin zurückgekommen, von wo wir ausgingen. Erzähle mir doch jetzt etwas vom Wesen des Urvaters, denn dies erscheint mir als das höchste Ziel für menschliches Wissen, und ich möchte, wie jene Sophia, mich ihm nach in den Abgrund stürzen, um die Weisheit zu erlangen.« »Wenn ich jetzt deinen Wunsch erfüllen wollte,« antwortete der Fremde, würde ich dann nicht gerade das tun, woran die Verschwiegenheit den Alleingeborenen hinderte? Denn der Alleingeborene ist der Höchste der Äonen und gleicht dem Vater vollkommen, weshalb auch nur er allein seine Größe begreifen konnte. Von der Seligkeit dieses Wissens berauscht, wollte er es den andern Äonen mitteilen, doch daran hinderte ihn das Schweigen auf Befehl des Urvaters. Aber diese seine Absicht verpflanzte jene Begierde in die Sophia, welche der Fülle Störung verursachte und zur Erschaffung dieser sündhaften und vergänglichen Welt führte. So würde ich demnach etwas noch Verwerflicheres tun. Denn jene Äonen waren ja göttliche Wesen; aber von dir weiß ich noch nicht, ob du zu den geistigen, den seelischen oder den fleischlichen Menschen gehörst.« »Aber du selbst kennst wohl also das Wesen des Urvaters, wie mir scheint?« »Ich kenne es wahrlich so, wie die Äonen es kannten, nachdem Christus sie belehrt hatte. Denn Christus und der heilige Geist sind die Vollendung der Äonenpaare –« »Ah, du bist also ein Christ!« rief Antigonos aus. »Glaubt ihm nicht,« rief plötzlich ein junger Mann von wildem Aussehen, der aus einem Nebenraum in die Türöffnung getreten war, »hört seine vermessene Rede nicht an, die den Namen des Erlösers mißbraucht. Denn er erdichtet einen Christus nach seinem eigenen Dünkel und betet den nicht an, der wahrhafter Mensch war und wie ein Sklave am Kreuze hing, um unserer Sünde willen. Auch fabelt er von einer Äonenwelt, erzählt Mythen und weibische Genealogien – – –.« »Ich verstehe dich nicht, junger Mann,« unterbrach ihn der Fremde ruhig, während er ihn mit überlegenem Blicke maß. »Wie verhält es sich eigentlich? Haltet ihr Römer nicht jenen Paulus von Tarsos gar für einen wahren Apostel?« »Gewiß, wir verehren den heiligen Paulus, der unsere Stadt durch sein Märtyrerblut geheiligt hat. Und wir fluchen jenen vom Fleisch, die sich fälschlich Christen nennen, aber dennoch die Gesetze und die Beschneidung aufrechterhalten und die nur des Lammes zwölf Apostel kennen, indem sie die geistige Auswahl Pauli verwerfen.« »Wohlan! Schreibt nicht der nämliche Paulus, daß Christus dem Menschen gleich und in der Gestalt gleich einem Menschen befunden wurde? dann war er doch wohl kein wahrer und wirklicher Mensch. Deutet er nicht offenbar auf jene Äonfabeln – wie du sie nennst – und auf Sophia hin, wenn er von Christus sagt, weil er von göttlicher Gestalt war, – was die Äonen wahrlich sind – würde er sich nicht vermessen, Gott gleich zu sein, was eben die Sophia wollte – –.« »Von diesen Worten weiß ich nichts, obschon ich in den Schriften des Apostels wohl bewandert bin –.« »Wieso,« rief Herakleon aus und erhob sich, »du kennst seinen herrlichen Brief an Philipp! nicht?« »Weder kenne ich ihn, noch erkennt irgendein rechtgläubiger Christ solche törichte Lehren an. Das muß ein falscher, untergeschobener Brief sein –.« »Ich will dir beweisen –.« Während Herakleon jetzt seine Unterredung mit dem jungen Christen fortsetzte, und Antigonos in ihm den jugendlichen Begleiter Bischof Pius' im Colosseum wiedererkannt hatte, fuhr er fort: »Du bist also doch ein Christ? Wie soll ich mir aber das deuten, daß du den nicht anbetest, der als Mensch gekreuzigt wurde?« »Was ich dir jetzt darlegen will, ist dunkel, und nur Eingeweihten verständlich,« antwortete der Fremde, und indem er der Deutlichkeit halber seine Finger abzählte, erklärte er: »Erstens ist es Christus, der mit dem heiligen Geist vereint das letzte Äonpaar bedeutet. Dann ist es Jesus, der Erlöser oder das Wort, der von allen Äonpaaren geboren ward und die Blüte der Fülle ist. Zuletzt ist es der niedrigere, seelische Jesus, der Sohn des Baumeisters, der von diesem zur Erlösung seines Volkes gesandt wurde, nachdem er ihn durch seine Propheten hatte verkündigen lassen. Er flutete durch Maria wie Wasser durch einen Kanal. Bei der Taufe senkte jener höhere Jesus sich auf ihn herab, verließ ihn aber wieder bei Golgatha, denn ein Äon vermag nicht zu leiden. Ihm folgten alle Geisteserfüllten, sich mit des Erlösers Engeln vereinigend, so wie er selbst mit der Sophia Achamoth. Jene seelischen Christen aber, die dem Sohne des Baumeisters anhangen, erreichen nur eine geringere Seligkeit in der Mitte, außerhalb der Fülle, während die Materie mit den Fleischgewordenen von ihrem eigenen Feuer verzehrt wird.« »Ich entsinne mich, etwas Ähnliches von Basilides in Alexandria gehört zu haben.« »Basilides!« erwiderte der Fremde mit einem höhnischen Tone. »Wer nennt jetzt Basilides? Was wußte der von göttlichen Dingen? Was wußte er von den Äon-Ehen, ohne welche man fast nichts von den großen Geheimnissen begreifen kann?« »Davon habe ich ja noch gar nichts gehört,« sagte Antigonos, – »ich bitte dich deshalb –« »Ein andermal, Antigonos, – jetzt habe ich keine Zeit. Am besten geziemt es mir jetzt, mich zu entfernen, wie dem Landmann, wenn er die Saat auf das Feld ausgestreut hat. Es ahnt mir, daß du den geistigen Boden in dir hast, – da wird sie aufgehen, und du wirst mich suchen, damit ich dich belehre. – Komm, Herakleon. Warum willst du dein Wissen hier vergeuden? Der seelische Mensch empfängt nichts, was vom Geiste Gottes ist; denn das ist ihm Torheit, und er kann es nicht erfassen, weil es geistig zu beurteilen ist.« »Verfluchter, der du Pauli Wort verdrehst!« – »Aber ich beschwöre dich beim Urvater,« rief Antigonos, »sage mir deinen Namen, wunderlicher Mensch!« Der Fremde wandte sich am Ausgang um und betrachtete ihn mit einem spöttischen Blick: »Auch du bist noch seelisch und kannst geistig noch nicht auffassen. Denn wenn du das könntest, würdest du mich weder nach meinem Namen, noch nach meiner fleischlichen Abstammung fragen.« »Daß deine Stelle im Buche des Lebens namenlos werde,« rief der Christ und spuckte nach ihm. Antigonos war allzusehr erfüllt von der Unterredung, um den Unterricht fortzusetzen und brach deshalb mit seinen Schülern auf. »Er konnte nicht einmal rein attisch sprechen«, äußerte einer von ihnen höhnisch. Der Mittag Als sie in den Vorhof traten, begegnete ihnen eine Schar Römer. Mitten unter ihnen ging ein hochgewachsener Mann, den Antigonos von Ansehen kannte. Diese niedrige, gebuckelte Stirn, die scharfen herabhängenden Brauen, die hervortretenden Muskeln um die tiefliegenden Augen, die straff gespannte Haut über der Adlernase und die fetteren, weichlicheren Linien um Mund und Kinn, – das war er, der Mann Erinnas. – Antigonos errötete plötzlich und versprach sich, so daß einer seiner Schüler sich veranlaßt fühlte, ihn zu verbessern. Zu seinem Erstaunen trat gleichzeitig der Senator aus der Gruppe der Klienten und Freigelassenen heraus und näherte sich ihm ehrerbietig grüßend: »Zürne mir nicht, wenn ich mich ohne besondere Einführung an dich wende, ich weiß sehr wohl, daß ich Antigonos von Larissa gegenüber stehe, einem der edelsten und berühmtesten Lehrer in den göttlichen Wissenschaften. Ich bin ein römischer Senator, und mein Name ist Titus Statius Quartus. Meine Gattin stammt aus Thessalien und ist, wie ich höre, von Jugend an mit dir bekannt. Es freut mich, daß ich hierdurch ein Anrecht darauf erhalte, die Bekanntschaft eines so ausgezeichneten Mannes zu machen. Wenn deine Zeit es dir erlaubt, erwarte ich dich heute bei der Caena.« Antigonos stammelte einen Dank und versprach, sich einzufinden. Hierauf trennten sie sich, jeder von seinem Gefolge begleitet, von dem Antigonos sich verabschiedete, als sie aus den Bädern heraustraten. Er nahm den Weg am Colosseum vorüber, dessen festungsartigen Steingürtel mit den tausend Öffnungen er als Vertrauten und Freund begrüßte, selbst seine Grausamkeit verzieh er ihm um jenes unvergeßlichen Augenblicks willen, den er ihm vor wenigen Tagen geschenkt hatte. Als er das Palatium entlang wanderte, starrte er das Haus an, das sie in seinen Mauern barg, in das er alsbald aufgenommen werden würde. Hinter dem Circus maximus, an dem Abhänge des Aventinerberges und nahe bei dem appischen Aquädukt, lag Antigonos' Haus, gerade noch am Übergang bevor man das eigentliche Armenviertel erreichte. Es war einfach und wenig geräumig, ohne einen armseligen Eindruck zu machen. Die Straßenseite nahm ein Barbierladen ein, und neben diesem führte ein geschlossener Gang nach dem Atrium. Seine Decke wurde von vier Holzsäulen getragen, die ungewöhnliche Größe der Lyra und des Regenfanges sowie die reizvolle Anordnung von Blumen und Lorbeerbäumen in großen Holzkübeln gab ihm eine große Ähnlichkeit mit dem griechischen Peristyl, und vereinigte sich mit dem Geschmack des Besitzers. Neben dem Räucheraltar, hinter dem Regenfang, saß Stratonike und spann. Sie hielt den Rockenkopf in der linken Hand, Ein ganzer Berg von Wollfasern lag in einem Weidenkorb ihr zu Füßen, während die schnurrende Spindel, gleich einer arbeitenden Spinne, an einem feinen Faden von der Hand herunterhing. Als sie Antigonos erblickte, warf sie ihre Arbeit weg, fiel ihm um den Hals und bot ihm ihre hübschen Lippen zum Kusse dar. – »Liebster Antigonos, wie schön, daß du jetzt kommst. Das Mahl ist fertig. Du bekommst einen prächtigen Kohl, und ich habe eine Melone gekauft, die vom Safte berstet.« »Ich esse nicht hier. Ich bin eingeladen.« »Bist du eingeladen?« fragte sie enttäuscht und ließ die Arme sinken, denn sie fühlte, daß er nur kühl und widerstrebend ihre Umarmung erwiderte. »Und bei wem?« »Bei einem Römer – einem Senator.« »Ah – ein Senator!« Ein unbestimmter Begriff von etwas Hohem und Furchtbarem erhob sich in ihrer Phantasie; »und dein Vater ist so krank.« »Ich wollte dich eben danach fragen, – es ist also nicht besser geworden?« »Nein, eher schlimmer. Ich fürchtete bisweilen, daß ihn der Husten ersticke.« Antigonos ging in das Nebenzimmer, wo er den alten Goët auf seinem niedrigen Lager fand. Dieser hatte sich eine starke Erkältung zugezogen, während er in einer kalten und stürmischen Nacht auf dem Dache des Hauses die Sterne beobachtete, um ein Horoskop zu stellen. Erfreut drückte er die Hand seines Sohnes; und als dieser beklagte, ihn wegen der zugesagten Einladung verlassen zu müssen, glitt ein zufriedenes Lächeln über die dicken Lippen des alten Mannes; er bewegte die Hände hin und her und zwang endlich das Wort »Cäsar« hervor. »Nein, nein, es ist nur ein Senator,« sagte Antigonos lächelnd. »Ja, ich habe es gehört ... Aber das andere – kommt auch – noch ... Leb wohl! ... Er wird groß werden, sehr groß,« murmelte er vor sich hin, während sich der Sohn entfernte, und erlag aufs neue einem starken Hustenanfall, der ihn auf dem Lager zusammenkrümmte. Antigonos hörte, während er sich ankleidete, beständig den bellenden, trockenen Klang, es mutete ihn an, als wäre sein Vater einer jener ägyptischen Priester, die, einen sich streckenden Fuchs darstellend, in großen Mengen zwischen den Hieroglyphen eingestreut waren. Sie schmückten hier das Zimmer anstatt der Genien, die sonst die dunkle Einförmigkeit einer römischen Wand unterbrechen. Das Haus des Senators lag an der Nordseite des Pallatiums. Es war ein einfaches Quadersteingebäude mit Pfeilern an den Türen und Fenstern des zweiten Stockwerks. Im Atrium, wo die Bildsäulen und Ahnenmasken früherer Angehöriger des Geschlechtes die Wände schmückten, wurde er von einigen Gästen und dem Wirt erwartet. Dieser begrüßte ihn herzlich, und seine beiden Hände ergreifend, führte er ihn zu Tisch im Prunksaal, der sich mit seinen kurzen Seiten nach dem säulenumgrenzten Hof hin erstreckte, dessen Mitte ein von blühenden Pflanzen eingehegtes Fischbassin bildete. Von da trat man in den üppigen, sorgfältig gepflegten Garten, wo Springbrunnen im Sonnenlichte glitzerten und weißgliederige Faune und Nymphen zwischen dem frischen Grün hervorlugten, während über seiner mit Weinranken bekleideten Mauer die Tempel des Kapitols ihre Marmorzinnen erhoben. Der Aufforderung seines Wirtes folgend, legte sich Antigonos auf den Ehrenplatz neben einen alten dicken Senator, der sogleich seinen Gürtel lockerte und seinen Schatten, einen Freigelassenen, hinter sich aufstellte. Dieser befestigte ein goldgesticktes Purpurtuch unter dem Doppelkinn seines Herrn, das alsbald von Wein und Makrelkaviar übergossen war. Rechts von Antigonos, auf einer anderen Ruhebank, nahm Quartus Platz, und ihm gegenüber lagerte sich ein etwas schmutzig aussehender, schäbig gekleideter Stoiker von mittleren Jahren, dessen rot gesprenkeltes Gesicht zugunsten »des Gleichgültigen« zeugte –. Bei diesem wurde ein junger Ritter untergebracht, einer von den vielen, die mittels einer Kleinigkeit philosophischer Bildung ihre Liederlichkeit mit dem altehrwürdigen Namen Epikurs zudeckten. Er trug eine langärmliche seidene Tunika und war in eine Toga eingehüllt, so groß wie ein Rahsegel, als er diese der Wärme wegen zurücklegte, zeigte er seine enthaarten und blanken Beine, die er mit Bimsstein poliert hatte, Mit seinen von Ringen gänzlich vergoldeten Fingern fuhr er sich ununterbrochen durch sein gesalbtes, künstlich gekräuseltes Haar. Ihm gegenüber, zur Seite des Wirtes, lag eine bleiche, quabbelige Gestalt, in der man sofort den Schmarotzer erkannte, auch wenn er nicht gleich angefangen hätte, alles zu loben was er verschluckte, und vieles verschluckend, lobte er vieles. »Es ist meine Gewohnheit, keine tierische Nahrung zu genießen,« sagte Antigonos, als ihm ein Sklave zum Vorimbiß, die Perle der Gerichte, frische Austern, sowie Muscheln, Seeigel und Schnecken reichte, nachdem sie bereits ihre Gaumen mit eingesalzenen venafrischen Oliven gereizt hatten. »Ich ahnte dies und hoffe, dich auch hierin befriedigen zu können,« sagte Quartus. »Aber Traubenblut verschmähst du hoffentlich nicht,« fügte er hinzu, indem er eine Glasflasche aus der Hand eines anderen Sklaven nahm und deren Inhalt in Antigonos Becher goß. »Opimianischer hundertjähriger Falerner,« bestätigte der Schmarotzer. Der Epikuräer schnalzte leise mit der Zunge, und der Stoiker seufzte. »Wohl pflege ich eigentlich nicht davon zu trinken – –.« »Sicher ist es, daß er den reinen Äther der Seele verdunkelt,« rief der Stoiker, »jedoch genügend mit dem reinen Element des Wassers vermischt ...«. »So will ich ihn versuchen,« sagte Antigonos, »damit du mich nicht als einen undankbaren Gast empfindest.« Während Quartus ihm einschenkte, hatte ein Sklave eine Platte mit feinem Brot, eingebacknen Früchten und Gemüsen, alles in den Formen verschiedener Schalentiere, vor ihm aufgetragen. Gleichzeitig erschien ein riesenhafter Lusitaner; aufgeschürzt und als Fischer gekleidet, trat er mit einer langen Angelrute an den Fischteich und warf die Schnur aus. Der Kork bewegte sich alsbald, die Stange schnellte in die Höhe, beschrieb einen großen Bogen durch die Luft, und die Muräne fiel auf den Fliesenboden. »Es ist eine der größten,« rief der Sklave, »sie erreicht wohl ihre drei Fuß.« Triumphierend hielt er sie in die Höhe, während sie gewaltig mit dem Schwanze schlug und sich wie eine Schlange krümmte und wand. Feuerfarbene Argusaugen strahlten aus dem braunen Körper hervor, an dem das Wasser herunterspülte, ihr spitzer, goldgelber, mit scharfen Zähnen besetzter Rachen, den das hervorströmende Blut rötete, hieb bissig nach dem braunen Arm des Sklaven. »Nein, hier wirst du nicht mit Sklaven gefüttert,« rief der Fischer, der sie jetzt mit dem Finger neckte und lachend seine weißen Zähne zeigte. Dieser Spaß schien den alten Senator samt seinem Schatten höchlichst zu belustigen, denn sie konnten mit Lachen und Husten gar nicht wieder aufhören. Aber Antigonos' Nasenflügel zitterten, als ob er etwas Übelriechendes einatme, und Quartus zog seine Augenbrauen zusammen, – es war ihm peinlich, in Gegenwart seines hellenischen Gastes die römische Roheit hervortreten zu sehen. Nach einem erstaunlich kurzen Zeitraum zeigte die Muräne sich auf einer silbernen Schüssel, wie der Schmarotzer nach dem ersten Bissen verkündete in italienischem Wein gekocht, dann aber mit Chier-Wein übergossen und mit einer Sauce aus den Fischeingeweiden und dem Saft von Schalentieren zubereitet, der Garnelen und kleine Krebse beigegeben waren. Gleichzeitig wurde ein indischer Pfau den Gästen vorgesetzt, der mit seinem vollen Federschmuck gebraten, den mächtigen Schwanz, seinen Farbenfächer, über den Tisch ausbreitete. Für Antigonos war ein wenig ähnelnder, aus Teig gebackener, zubereitet worden, mit einem Schwanz aus Blumen und in einem Nest von ausgesuchten Gemüsen sitzend. Das Gespräch war inzwischen auf den letzten Gladiatorenkampf hinübergeglitten. Antigonos erwähnte die Bemerkung des christlichen Bischofs, der annahm, das nächste Mal der auserwählte Gegenstand für die Arena zu sein. »Diese Christen klagen immer über Verfolgung, das ist reiner Wahnsinn bei ihnen,« sagte der Epikuräer. »Niemand tut ihnen etwas zuleide, wenn sie nicht gegen den Staat und die öffentliche Moral auftreten wollen. Die können ja, ebenso wie wir, Cäsar und den Göttern opfern, die wir ebenso ungläubig sind wie sie.« »Es besteht wohl überhaupt gar nicht die Gefahr der Verfolgung?« fragte Antigonos. »Solche gehören weder unserer Zeit, noch unseren Sitten an,« antwortete Quartus mit überlegenem Achselzucken. »Und abgesehen hiervon ist unser gnädiger Cäsar von Natur aus gegen harte Maßregeln,« fügte der Senator hinzu. »Er sagte noch gestern Abend zu mir – war ich nicht gestern zum Abendtisch bei Cäsar, Cajus?« »Vorgestern, gnädiger Herr,« antwortete der Schatten, sich verbeugend, »gestern war es bei der Libertin –« »Halt den Mund, vorlauter Schwätzer,« unterbrach ihn der Senator – doch der Epikuräer, in lautes Lachen ausbrechend, bemerkte: »Ich möchte wahrhaftig zu gern wissen, ob es bei einer meiner lockeren Freundinnen war.« »Du hast wahrscheinlich alle, die in Rom zu haben sind!« fuhr ihn der Stoiker an. »Und du kannst wohl keine mehr erhaschen? –« Nach solchen Hin- und Widerreden, die mit Scheltworten endeten, fuhr der Senator fort: »Unser hoher Cäsar sagte also vorgestern zu mir: ›Ich möchte nicht allein als fromm gegen meinen Vater Marcus Celonius! – sondern auch gegen meine Kinder genannt werden,‹ und damit meinte er die römischen Bürger ... Übrigens muß ich doch bemerken, daß ein Unterschied besteht zwischen Freigeborenen – mögen sie noch so dumm und lächerlich sein – und Sklaven und Barbaren, welche für die Arena benutzt werden.« »Welcher Art von Vereinigung sind eigentlich diese Christen?« fragte Quartus. »Man hat mir gesagt, – aber das können ja Fabeln sein –, daß sie einen Eselskopf anbeten, vermutlich um den Gottesdienst zu verspotten.« »Bei ihren Liebesmahlen soll die Liebe besonders heiß aufflammen, wenn die Lichter ausgelöscht werden,« erzählte der Epikuräer mit einem schalkhaften Lächeln; »deswegen habe ich auch im Sinne, in die Gemeinde einzutreten, denn es gibt viel hübsche Weiber dort.« »Meiner Meinung nach sind sie weniger schlecht als töricht und überspannt; auch kann man nur schwer mit Bestimmtheit erklären, worin ihre Lehre besteht, mit Ausnahme davon, daß ein gewisser Schwärmer, der unter Tiberius gekreuzigt wurde und um dessen willen sie eine alte, höchst ehrwürdige Volksreligion verlassen haben, bei ihnen als Gottes Sohn gilt, der wiederkommen wird, um ein großes Reich zu gründen, ganz wie der Pöbel das von Nero glaubt –« »Gottes Sohn?« sagte der Stoiker, – »aber man weiß doch, daß sie Atheisten sind und nicht an Götter glauben.« »Gewissermaßen scheint dies doch der Fall zu sein, jedenfalls alle, mit denen ich hier und in Alexandria gesprochen habe; sie nennen sich Gnostiker und halten sich für die, welche die höchsten Kenntnisse besitzen. Trotzdem werden sie als Ungläubige von den übrigen Christen verflucht, und als Vergeltung bezeichnen diese sie mit »fleischlich«. Die Zersplitterung der Sekte ist überhaupt groß. Als ich mich in Judäa aufhielt, hörte ich die Judenchristen, die zu einem gewissen Paulus halten, sie schmähen und schelten, als ob sie Kinder des fürchterlichsten Dämons wären, den sie Satan nennen.« »Man berichtet übrigens wunderbare Taten von diesem Jesus von Nazareth«, bemerkte Quartus. »Über solche hört man von so vielen.« »Es lohnt sich ebenso gut, Antigonos von Wundertaten zu berichten, als Nachteulen nach Athen zu bringen,« rief der Schmarotzer plötzlich aus, weil er schon lange hatte schweigen müssen. Inzwischen hatte die Mahlzeit ihr Ende erreicht. Die Reste eines nubischen Hahnes und das Euter eines Schweines wurden hinausgetragen, die Sklaven reichten die Kränze herum und der Nachtisch wurde aufgetragen. »Darüber darf man sich nicht wundern, weil er aus dem Lande der Zauberkünste, aus Thessalien stammt,« brummte der Senator. »Ja – übrigens – ist es an dem, Antigonos,« fragte der Stoiker, dem der Saft eines Granatapfels aus dem vollgepfropften Munde lief, »daß du deine Weisheit dadurch erworben hast, daß du allnächtlich Platon und Apollonius von Tyana aus der Unterwelt heraufbeschwörst und dich von ihnen belehren lässest?« »Das ist noch das wenigste,« fuhr der Epikuräer fort, »man erzählt noch ganz andere Dinge, wie daß du mit einem Wort oder Blick Blinde taub und Stumme lahm machen könnest.« »Nein, das habe ich noch nicht versucht,« unterbrach ihn Antigonos lachend. »Und was mir am allermerkwürdigsten erscheint,« rief der Schmarotzer, »man behauptet, daß du durch Aussprechen der einen oder anderen ägyptischen Formel einen Eimer dazu bewegen könntest, selbst das Wasser zu holen. Dieses Kunststück sähe ich gern ausgeführt und möchte es dir gern ablauschen,« ein starkes Schlucken unterbrach ihn hier, »besonders, wenn du mir auch zeigen könntest, wie man eine leere Amphora nach Wein schickt.« »Ich war der Meinung, daß jeder Schmarotzer die Kunst verstände,« antwortete Antigonos. Die Gesellschaft lachte. Ein bunt gekleideter Zwerg, den Quartus hatte rufen lassen, um Antigonos vor weiteren Aufdringlichkeiten zu schützen, trat jetzt herein. Er warf sich sofort mit groben Anzüglichkeiten über den Schmarotzer her, der noch eben damit beschäftigt war, eine scharfe Antwort für Antigonos zu ersinnen, nun aber in die Höhe fuhr, um den Zwerg zu schelten. Unbeirrt hiervon, legte dieser es darauf an, den Stoiker und den Epikuräer in Streitigkeiten miteinander zu bringen, bis sie schließlich durcheinanderschrieen und sich gegenseitig die geballten Fäuste vor den Nasen schüttelten. Dann griff der Zwerg ebenfalls den Senator an, der, über diese Frechheit verblüfft und vom vielen Essen ganz vollgestopft, nur solche Ausdrücke, wie: »nanu« oder »na, aber Dickkopf!« hervorbrachte; zuletzt befahl er dem Schatten, für ihn zu antworten und zog es selbst vor, weiteres in sich hineinzustopfen, wie ein Imperator seinem Magister-Equitum Befehl erteilt, den Feind zu zerstreuen. In der Zwischenzeit hatte der sich unbeobachtet wähnende Schmarotzer die Brustfalten seiner Toga mit allerhand köstlichen Dingen gefüllt; der Zwerg aber hatte es bemerkt, und – ihm rücklings den Zipfel wegziehend, rollten Granatäpfel, Nüsse, Feigen und Pfirsiche am Boden dahin. Quartus und Antigonos mußten vor Lachen eine Unterredung über Larissa und Thessalien unterbrechen, in die sie sich vertieft hatten. »Wenn du Lust hast,« sagte Quartus, indem er sich erhob, »können wir in den Garten gehen, um frische Luft zu schöpfen. Hier vermißt man uns nicht, und da unten können wir uns ungestört unterhalten.« Sie wandelten einige Zeit hin und her in dem recht kleinen Garten, über den schon die Dunkelheit sich breitete. Angeregt vom Wein, hatte Quartus seine kurzangebundene römische Würdigkeit vollständig abgestreift. Er sprach lebhaft und bekrittelte seine Gäste, wobei nicht einmal der Senator geschont wurde. Plötzlich aber hielt er inne und legte die Hand auf Antigonos' Arm. »Ich hoffe nicht,« hub er an, »daß die Art, in welcher jene Menschen so aufdringlich deiner Wunder erwähnten, dich verdrossen hat; sie redeten irre vom Wein und spotteten dessen, was sie nicht verstehen,« »Wie kannst du das glauben?« »Was würdest du nun aber sagen, wenn auch ich, ob auch in andrer Form und nicht weil ich daran zweifle, dieser erwähnte, sondern weil ich glaube, daß du mir einen großen Dienst damit erweisen kannst –.« »Wie? – ich muß gestehen, daß mich dies überrascht... Du bittest mich, zur Cäna zu kommen, und dann verlangst du –« »Höre mich an, Antigonos! Meine einziggeliebte Gattin, die du ja selbst von deiner Kindheit her kennst, ist leider gefährlich erkrankt. Die Ärzte haben vergebens die Mittel der Wissenschaft versucht, denn ihre Krankheit ist ganz anderer Art. Es besteht kein Zweifel darüber, daß sie von einem Dämon besessen ist. Sie fühlt ihn oft wie eine Kugel, die ihr durch die Brust nach der Kehle hinaufrollt und sie zu ersticken droht. Dies scheint mir nun ein seltsamer Fall zu sein. Denn die Kugel ist doch, wie du weißt, und das besser als ich, die vollkommenste Form, und Jupiter ist ja eine Kugel... Dies dürfte ich nicht öffentlich sagen, denn es könnte mißverstanden werden – vom Pöbel... Aber unter uns, ich will dir hiermit anvertrauen, daß ich nicht unwissend in der Philosophie bin. Ich bin, sozusagen, mit der aristotelischen Lehre gesäugt. Mein Pädagog nämlich, der Peripatetiker war, – aber, wir kamen ja da ganz von der Kugel ab! Es ist also gar nicht so sonderbar, daß die Dämonen es versuchen, diese Gestalt anzunehmen, und daß dieser solches vermochte, scheint mir ein Zeichen dafür zu sein, daß er ein mächtiger und starker Geist sei. Vielleicht ist es auch ein Erdgeist, weil er die Kugelform annahm.« Der gesprächige Quartus gestikulierte eifrig und krümmte dabei die Hände, um Kugeln von verschiedenen Größen vorzustellen. Antigonos nickte gedankenlos vor sich hin bei diesem Erguß dämonologischer Metaphysik, während er mit allen seinen Gedanken bei Erinna war. Quartus aber fuhr fort: »Auch auf andere Art gab der Dämon sich deutlich zu erkennen. Denn es waren gleichsam zweierlei Gesinnungen in ihr. Der Dämon, der menschlichen Umgang scheut, trieb sie zur Einsamkeit; dann schloß sie sich monatelang ein und wollte niemanden sehen, nicht einmal mich. Aber bisweilen schien der Dämon die Ruhe zu fliehen, und dann wurde sie von ihrem griechischen lebensfrohen Sinn durchdrungen. Sie suchte dann Zerstreuungen und die Lebhaftigkeit des Gesellschaftslebens. Am deutlichsten jedoch zeigte sich sein übernatürliches Wesen an dem, was vor einem Jahr auf einer Reise in Thessalien sich ereignete. Damals hatte ich nämlich die wahre Beschaffenheit der Krankheit noch nicht erkannt, denn in dem Fall hätte ich mich wohl vor Thessalien gehütet, ich hielt es aber für Heimweh und meinte, es könnte wohltuend für sie sein, ihre Eltern und Heimat wiederzusehen. Als wir in Brundisium an Bord gingen, behauptete sie, ein gewaltiges Gewitter zu hören, das sich andauernd näherte, und bat den Schiffer, an dem Abend die Anker noch nicht zu lichten. Er aber, der wie wir anderen nichts hörte und auch trotz seiner Erfahrung kein drohendes Zeichen dafür wahrnahm, zuckte nur mit den Schultern. Als wir aber dann auf offene See kamen, konnten auch wir ein fernes Getöse hören, und bald danach wurden wir von einem fürchterlichen Unwetter mit Wirbelsturm und Donner überfallen. Das Schiff geriet in große Gefahr, und nur weil es das Zeichen der Zwillinge trug, die uns günstig sind, geschah uns kein Leid. Als wir dieser Gefahr entronnen waren, senkte sich ein dichter Nebel herab, der uns lange in Unsicherheit umhertreiben ließ. Plötzlich rief meine Gemahlin, daß sie Blumenduft rieche, und bald sah sie Land, was weder ich noch die Matrosen, die ihre Beschäftigung doch fernsichtig macht, vermochten. Eine halbe Stunde später klärte sich der Nebel – wir waren vor Epidamnus dicht an der Einfahrt des Hafens. – Dies hatte also der Dämon hierbei bewirkt. – Als wir aber nach Tempe kamen, wurde er geradezu rasend, und jetzt verdrehte er zum erstenmale ihre zarten Glieder in fürchterlichen Zuckungen und rief aus ihr heraus mit Geschrei und Gelächter. Dies geschah in der Nacht, da wir dir begegneten und du ihr durch eine Handbewegung Heilung brachtest. Er setzte es dann einige Wochen hindurch fort und gab schließlich die Anfälle auf. In Rom sonderte sie sich wieder ab und scheute den Umgang mit Menschen. Dann wurde sie auf kurze Zeit wieder lebhaft – ja sogar übermütig; sie suchte Zerstreuungen und wollte sich einen Gladiatorenkampf ansehen, wozu ich sie noch nie überreden konnte. Mochte nun der Blutgeruch den Dämon geweckt haben, denn wir wissen ja, daß sie sich davon ernähren, mögen es andere Ursachen gewesen sein – sie erlag plötzlich einem neuen Anfall, der mehrfach unterbrochen, aber noch nicht beseitigt wurde. – Als nun meine anwesenden Klienten im Colosseum mich auf dich aufmerksam machten, indem sie mir deinen Namen nannten, schien es mir ein Fingerzeig der Götter zu sein und ... kurzum ...«, Quartus schwieg. Nach einiger Zeit sagte Antigonos: »Nach allem, was du sagst, bin ich nicht im Zweifel darüber, daß es sich so verhält, wie du vermutest, und daß diese Krankheit nicht aus der Welt des Körpers, sondern aus der des Geistes stammt und zwar aus der übernatürlichen Welt.« »Und da ich nun weiß, daß die Dämonen dir Gehorsam leisten –« »Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht. Ich hoffe, daß die Götter, die die Dämonen in der Gewalt haben, mir ebenso geneigt sind, wie bei verschiedenen anderen Gelegenheiten, obschon man wahrlich die Taten überschätzt, die ich vollbracht habe.« »Wenn du es wünschest, werde ich sogleich –« »Ich muß mich erst darauf vorbereiten und durch Gebete sammeln; außerdem möchte ich einige heilige Schriften dafür auswählen.« Quartus klatschte in die Hände und plötzlich stand ein Sklave hinter ihnen. »Alexander, laß einen Tragsessel vor die Türe bringen – aber sofort.« Antigonos drückte ihm die Hand und entfernte sich. Als er in den Speisesaal trat, war schon Licht angezündet. Von einem großen silbernen Kandelaber, der einen Baumstamm mit gekrümmten, nach allen Seiten hin sich ausstreckenden Zweigen darstellte, hingen in goldenen Ketten Alabasterlampen in der Form von verschiedenen Früchten herab und beleuchteten jetzt die Widerwärtigkeiten der Verderbnis. Der alte Senator saß unbeweglich auf der Ruhebank, eine unverkennbare gelb-grüne Farbe im Gesicht. Vor ihm lag ein Haufen Drosseln in Stärkemehl, Äpfel, Kirschen und Trauben; auch stand vor ihm eine geschlossene Silberschale mit vergoldetem Basrelief, aus deren Hahn das warme Wasser herausströmte, platschend und alles überschwemmend, nachdem es schon längst den Weinbecher gefüllt hatte. Mit steifen Augen, die kaum geblinzelt hätten, wenn man mit einem Messer nach ihnen gestochen hätte, starrte er auf seine nassen Knie und die überspülten Mosaikfliesen; während er fluchend und stammelnd nach, einem Vomitiv verlangte; unter dessen Wirkung beugte sich in einer Ecke des Saales der Stoiker über ein Kupferbecken, das ein Sklave für ihn hielt, während ein anderer seine Stirn mit einem wohlriechenden Schweißtuch trocknete. Sogar der Schatten, der wie es schien, Trankopfer empfangen hatte, starrte nebelhaft in den leeren Raum, und die Hilferufe seines Herrn trafen taube Ohren. Antigonos wäre beinahe über den Schmarotzer gefallen, der in seiner ganzen Länge am Boden lag, und mußte behende seinen Kopf beugen, um nicht von einem Goldpokal getroffen zu werden, den der Epikuräer nach dem frechen Zwerg schleuderte, weil die ihm zugedachten Scheltworte den Weg vom umnebelten Gehirn bis zur Zunge nicht finden konnten. Sein schallendes Gelächter klang wie eine schmetternde Siegestrompete über den mit seinen Gegnern bedeckten Wahlplatz hin, denn jetzt war auch der Epikuräer in einer Stellung, die ihn baldigst an den Boden befördern mußte, ohnmächtig auf seinem Lagerplatz zusammengesunken. Der Dämon und das babylonische Weib Als Stratonike die Schritte Antigonos' im Atrium und auf dem Flur hörte, eilte sie ihm aus dem schwach erleuchteten Seitenzimmer schnell entgegen. »Dank den Göttern, daß du kommst, Antigonos! Ich wollte eben nach dir schicken, aber ich wußte ja nicht, wo –« »Was ist denn geschehen! Ist es schlimmer geworden?« »Er ist am Sterben,« flüsterte Stratonike. Im Krankenzimmer hörte man einen heiseren, bisweilen röchelnden Laut; der alte Lagos konnte kaum noch atmen. Der Sohn kniete an seinem Lager hin und küßte seine Hand. Lagos bedeutete ihm, daß er sein Ohr an seinen Mund lege, und raunte ihm dann zu: »Mein Sohn kommt zeitig zurück von der Cäna des Römers ... Das ist gut, denn ich hätte nicht mehr gehofft, dich zu sehen.« »Sprich nicht davon, lieber Vater. –« Aber Lagos schüttelte den Kopf: – »Ich kenne es ja ... Was nützt es auch? Wir können ihr nicht Einhalt tun, der notwendigen Ordnung der Götter. Als der Stern jenes neugeborenen Römers aufging, ging der meinige unter ... Ich fühle mich dem Göttlichen schon näher, und mein Körper ist gleichsam schon geopfert.« Er gab etwas Schleim von sich und lag eine Zeitlang still und schweigend, während er schwer und mit einem röchelnden Klang atmete. Sonst hörte man nur noch das unterdrückte Schluchzen Stratonikes, die an dem Türpfosten lehnte. Lagos winkte ihr, und als sie sich über ihn beugte und ihn küßte, sagte er: »Sei lieb gegen das junge Mädchen, sie ist so gut gegen uns beide gewesen.« Nach einigen Minuten zog er Antigonos wieder an sich heran und flüsterte mit geisterhafter Stimme: »Ich hinterlasse dir alles, was ich habe. Es ist nicht viel, aber es sind Schätze darunter. Den einen kennst du nicht. Unter dem kleinen Steinaltar wirst du eine Schriftrolle finden ... Erhöhe mir das Kissen etwas, dann kann ich besser sprechen ... so ... sie wurde in einem unterirdischen Grabe gefunden ... ein jüdischer Prophet hat sie in elendem Griechisch geschrieben ... aber es ist eine sehr starke Schrift – noch stärker als das ägyptische Todesbuch, – diesem hier widersteht kein Dämon ... lebe wohl! Apollo und Isis, – Ormuzd und Jahve – – seien mit dir überall!« Nach diesem eklektischen Ausbruch gesellte sich der alte Lagos zu seinen Vätern, die in einer Reihe von Geschlechtern große Priester und Goëten gewesen waren. Antigonos verweilte eine kurze Zeit in stillem Gebet knieend am Lager des Vaters; dann erhob er sich und schloß ihm die Augen. Er griff mit der Hand unter seinen Chiton und zog ein Schmuckstück aus Blutjaspis, in der Form eines Ovals darunter hervor, von dessen unterstem Rande zwei Endstücke, länglichen Blättern ähnelnd, sich abwärts bogen. Das war das Thet-Amulett, die Blutstropfen der Isis. Er salbte es und hing es um den Hals des Toten. »Wache nun bei der Leiche des Vaters,« sagte er zu Stratonike. »Ich muß wieder fort.« »Wie soll ich das verstehen, Antigonos – ›gehst du wieder zum Trinkgelage des Römers, während dein Vater noch warm ist?« »Die Gattin des Senators wird von einem Dämon geplagt. Es ist ungebührlich, die Lebenden der Toten wegen zu versäumen. – Leb' wohl!« Er nahm ein Säckchen Räucherpulver und einen kleinen Handaltar mit sich, dann noch eine geweihte Marmorplatte, um das Rauchwerk darauf abzubrennen. Danach gedachte er der Worte seines Vaters und beugte sich am Altar herab, um die Papyrusrolle hervorzuziehen. Sie war schmutzig und ihre Kanten waren verwittert, aber die große Schrift war noch leserlich. Er steckte sie unter seinen Kittel, ging hinaus und stieg wieder in den Tragsessel, den die Träger alsbald davontrugen. Stratonike setzte sich auf das Lager und blickte in das Gesicht des Toten. Der alte Lagos war immer gut gegen sie gewesen. Und weil sie jetzt fühlte, daß Antigonos' Liebe zu ihr abgekühlt war, empfand sie den Verlust doppelt herb. Es war ihr, als habe sie einen Vater verloren. Während große Tränen über ihre Wangen herabfielen, schien es ihr, daß er ihrem eigenen Vater ähnle, den sie in Syrien verlassen hatte. Dieser war ein recht wohlhabender Purpurfärber in Byblos. Stratonike war die jüngste und schönste seiner drei Töchter. Ihr langes goldgelbes Haar, das sie durch Pudern mit Glimmersand noch goldiger färbte, ihre sammetweichen Augen und ihre granatroten, wie Cupidobogen geformten Lippen machten sie begehrenswert und eitel. Die Eltern ersehnten sich einen reichen Schwiegersohn. Als sie fünfzehn Jahre alt war, und ihr Haar für das Adonisfest abgeschnitten werden sollte, versteckte sie sich, und als man sie fand, weigerte sie sich, kratzte, schrie und bat für sich, sie möchten ihr lieber die Augen ausstechen! Warum sollte sie aussehen, wie eine Sklavin oder ein zügelloses Mädchen? Was ginge der Tod Adonis' ihr Haar an? Das war nur eine Erfindung derer, die häßliches Haar hatten – so wie ihre Schwestern – damit diese nicht zurückgesetzt würden. Und ihre Eltern gaben endlich nach. Es würde sie stark entwerten, wenn sie diese Zierde verliere, sie könnten sie ja während des Festes verbergen, später wäre dann keine Gefahr mehr, und bis zum nächsten Male könnte sie verheiratet sein. Einer ihrer Anbeter aber, der sie überall unter den jungen Mädchen vermißte, überraschte sie am fünften Abend der Adonistrauer in dem kleinen Garten hinter dem Hause ihrer Eltern. Er gestand ihr seine Liebe; aber sie wollte nichts davon wissen. Sie sagte ihm, daß sie seine metallglänzenden Augen und schiefen Beine nicht ausstehen könne, und daß sie lieber eine alte Jungfer werden wolle, als solch eine Schnittwarenelle zum Manne zu haben. Als er jedoch fortfuhr sie zu plagen und ihr versprach, ihr täglich Goldstaub für ihre herrlichen Locken zu schenken, die er jetzt um seine Finger wickelte, schalt sie ihn einen unverschämten Buben und rief die Sklaven, die dann mit Bohnenstangen auf ihn losprügelten, während er über die Mauer kroch. Aus Erbitterung über sie und einen vermeintlichen Nebenbuhler verriet er Stratonike bei den Priestern. Dann traf sie Antigonos, mit dem sie davonging ohne Abschied zu nehmen, froh darüber, sich nicht entehrt vor ihrer Familie und unter den jungen Mädchen zeigen zu müssen. Seit dieser Zeit hatte sie nie wieder etwas von ihren Eltern gehört und auch nie Gelegenheit gehabt, ihnen Nachricht von sich zu geben. Aber sie gedachte ihrer oft; besonders in der letzten Zeit. Vielleicht hätte sie ihren Vater auch schon so liegen sehen müssen, wie eben jetzt Lagos, und sie hatte nicht seine letzte Segnung kniend empfangen können; sie hatte ihm nicht die Locken geopfert, die sie einst beim Adonisfest gerettet, und hatte keinen Klageruf angestimmt und kein Sterbelied gesungen! Sie erhob sich, ergriff ein Messer und ließ es durch das dicke Nackenhaar gleiten, daß es in großen Massen zu Boden fiel und wie goldenes Seidengespinst an ihrem Kleide hing. Warum sollte sie nicht Lagos diese Ehre erweisen? Zudem – Antigonos würde es nicht mehr vermissen. Stratonike raffte das Haar zusammen, setzte sich wieder auf die Kante des Lagers und fing an es zu flechten. Sie wollte eine Kette für das Thet-Amulett flechten, statt des einfachen Bandes, an dem es jetzt hing. Und während sie flocht, kam ihr eine einförmige Melodie, eine assyrische Totenhymne in Erinnerung, die ihre Mutter, eine Assyrierin, sie gelehrt hatte: Führe den kranken Mann zum Himmel, denn von der Erde reißt es ihn weg, Und die Kraft des Starken ist gebrochen! – Sein Kleid sei strahlend weiß, wie reines Silber, Seine Seele lodre wie Kupfer! – Sie fliege, wie ein Vogel, an einen hohen Ort, Sie steige in die heiligen Hände ihres Gottes! – – Quartus erwartete Antigonos im Atrium. »Der Dämon hat sie eben geschüttelt, jetzt liegt sie ganz entkräftet,« sagte er. »Wenn du bereit bist, führe ich dich hinein.« »Ich bin bereit. Aber ich muß allein sein mit dem Dämon, und niemand darf uns stören, bevor ich selbst rufe.« Quartus nickte, ging voran und öffnete eine Tür. Er winkte; – eine Sklavin, die am Krankenlager gewacht hatte, eilte hinaus. Antigonos verschloß die Tür und war jetzt allein mit Quartus' Gemahlin. Sie lag ausgestreckt auf einem breiten, aus Zederholz geschnitzten Bett mit einer Purpurdecke über sich gebreitet. Hinter dem Kopfende stand ein hoher Kandelaber, dessen eine Lampe einen matten Schein auf ihr Gesicht warf, das gegen die Wand gekehrt war. Am Mundwinkel sah man etwas Schaum; dies und eine starke Blässe waren die einzigen Kennzeichen des Anfalles. Das Haar, noch ebenso lang, aber dunkler als früher, lag ausgebreitet auf dem Kissen. Antigonos' Herz klopfte heftig bei diesem Anblick, und das Blut stieg ihm zu Kopf. Er entzündete einige Kalmusstengel auf der Marmorplatte und warf arabisches Räucherpulver in die Flamme. Während diese prasselnd und knisternd einen dichten blauen Rauch zur Decke schickte, kniete er nieder. Als er sich wieder erhob, hatte sich der Rauch zu einer dünnen Schicht über dem Lager gesammelt. Er richtete einen finsteren Blick auf die schöne Erinna und rief mit barscher Stimme: »Du, der Finsternis verdammter Geist, der du ungerechterweise diesen schönen Körper in Besitz genommen hast, verlasse dieses Weib und fahre an deinen Abgrundsort.« Zu seinem großen Schrecken ließ sich der Dämon keineswegs herbei, für sich zu bitten oder zu jammern. Erinna verblieb unbeweglich. Ein Schwindel überfiel Antigonos. Totenstille war um ihn her; nur die Räucherung knisterte leise; und draußen verursachte der Wind einen einförmig schnurrenden Laut, als ob eine ungeheure Katze säße und spänne. Antigonos zog die Schriftrolle hervor, warf wiederholt eine Handvoll Räucherwerk ins Feuer und las bei dem blauen flackernden Schein der Flammen die Stelle, die er zufällig aufschlug: »Und es kam einer der sieben Engel, die sieben Schalen hatten, und er sprach zu mir: Komm, ich will dir das Urteil über das große sündige Weib zeigen, das über den vielen Wassern sitzet – mit dem die Könige auf der Erde gebuhlt haben. Und er führte mich an eine Wüste im Geiste, und ich sah ein Weib, auf einem scharlachroten Tiere sitzend, voll von Namen des Hohnes, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern. Und das Weib war in Purpur und Scharlach gehüllt, geschmückt mit Gold, Edelsteinen und Perlen, und sie hielt einen Goldbecher in ihrer Hand, der war mit Greueln ihrer Unreinheit gefüllt. »Und an ihrer Stirn war ein Name geschrieben: Geheimnis. Das große Babylon, die Mutter der Greuel auf der Erde. »Und ich sah das Weib trunken vom Blute der Heiligen und vom Blute der Zeugen Jesu.« Bei diesem Namen fühlte er gleichsam einen Stoß. Das war zum dritten Male an dem Tage, daß ihm dies Gefühl begegnete, zum ersten Male zwischen den Schriftrollen in der Badebibliothek, später bei den vollen Bechern und Schüsseln, und schließlich an diesem einsamen Krankenlager. Es schien als suche der mächtige Name ihn und als könne er ihm nicht entfliehen. Würde der vielleicht den Dämon besiegen? Und während derlei Gedanken und Gefühle ihn durchströmten, las er weiter vom Geheimnis des Weibes: »Hierzu ist eine Gesinnung erforderlich, die Weisheit besitzt. Die sieben Köpfe sind sieben Berge, auf denen das Weib sitzt.« Sieben Berge! Wer war denn das Weib, wenn nicht das siebenhügelige Rom? Es waren also göttliche Worte, die er las – von Roms Fall und Zerstörung. – Worte, von denen er jahrelang geträumt hatte, während er vergebens nach einer zertrümmernden Macht ausgespäht hatte. Oder auch hörte er diese Worte? Denn bisweilen schien es ihm, daß er die Worte, die er hersagte, nicht sähe, sondern daß eine Stimme sie hinter ihm herrufe. Er wurde von Jubel und mystischem Entsetzen erfüllt. Seine Gestalt wurde mächtiger, seine geballte Hand erhob sich; mit seiner Stimme donnerte er den dunklen Fluch hervor gegen das Tier und das Weib, »die große Stadt, die die Herrschaft hat über die Könige der Erde.« Erinna war noch immer regungslos. Sie war sich bewußt, daß jemand in das Zimmer getreten war, aber es ließ sie ganz gleichgültig, wer es sein könnte. Seine Stimme, die mit unnatürlichem Klange die Beschwörung aussprach, erkannte sie nicht. Sie fühlte die Beschwörung machtlos dem Dämon gegenüber, der sie ihres Willens beraubt und ihre Glieder erstarrt hatte. Als Antigonos aber anfing zu lesen, und seine Stimme aus der ersten murmelnden Eintönigkeit herauswuchs, volltönend durch die Ekstase, anschwellend wie ein Segel im Sturm, und die orientalische Bilderpracht des Apokalyptikers hochtragend, – da erkannte sie ihn, und gleichsam zu ihm hingezaubert, wendete sie ihr Angesicht ihm zu, die Augen öffneten sich weit, und sie sah ihn, als er mit lauter Stimme rief: »Es ist gestürzt, es ist gestürzt, das große Babylon!« Antigonos erschien ihr mächtig und leuchtend, wie der Engel, dessen Worte er im Munde führte. Das Blut stieg ihr zu Kopf, das Herz schlug; eine Kraftwoge durchströmte die gelähmten Glieder. Sie fühlte sich von der dämonischen Macht befreit. Und als er die letzten Worte des Verses herausschleuderte, stand sie plötzlich aufgerichtet vor ihm mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen, das Haar über die Schultern herabfließend, in eine lilienweiße, fußlange Tunika gekleidet, die nackten Füße in das Pantherfell gedrückt, das vor ihrem Lager ausgebreitet war. In seiner Ekstase vergaß Antigonos vollständig wo er war und damit auch Erinna. Bei diesem unerwarteten Anblick meinte er, den Engel zu sehen, und in unwillkürlichem Schrecken trat er einen Schritt zurück. Plötzlich ward er in Finsternis gehüllt, und hörte den dröhnenden Klang des umgestürzten Kandelabers, von dem ein Bronzearm zerbrach. Aber die Räucherflamme flackerte noch und beleuchtete Erinna. »Bist du noch in ihr, du böser Geist, dann gebiete ich dir, entweiche, im Namen dessen, der das siebenhügelige Babylon zerstörte.« »Antigonos!« Er hielt sie in seinen Armen. Ein krampfhaftes, unbezwingbares Schluchzen schüttelte ihren Körper. Der Tränenstrom durchrieselte die Brustfalten seiner Tunika. Nach und nach ermattete und erlosch ihr Zittern gleich der züngelnden Altarflamme. Er sah sie nicht, aber sein Arm legte sich um ihre ruhig und langsam atmende Brust; still ruhte ihr Kopf an seiner Schulter, und ihr Atem fächelte regelmäßig seine glühende Wange. Er schob den Riegel zurück und rief hinaus. Ein Licht bewegte sich durch das dunkle Atrium. Eine Stimme rief; Quartus antwortete. Gleich danach kam er selbst, von zwei Sklaven mit Fackeln begleitet, deren roter Schein die gespannten Gesichtszüge des Senators beleuchtete. – »Deine Gattin ist geheilt; ich übergebe sie deiner Fürsorge,« sagte Antigonos. Erinna, die noch immer seine Hand hielt, reichte Quartus die linke. Er küßte sie und kniete vor Antigonos nieder. »Kniee vor den Göttern und dem galiläischen Propheten,« sagte dieser. »Ihr bedürft jetzt meiner nicht mehr, und ich gehe nun zu mir selbst.« Quartus wollte sprechen; jedoch Antigonos hatte schon das Zimmer verlassen, und seine Schritte verhallten auf den Marmorfliesen des Atriums. Ein Sklave lief ihm nach, um zu leuchten und rief die Träger an; aber Antigonos winkte ihnen abwehrend zu und trat eilig vor die Tür. Mit den bittersten Gefühlen verließ er das Haus, nachdem er seine Jugendliebe ihrem Gemahl übergeben hatte. Indem er aber seinen Mantel enger um sich zog, weil ihm der Nachtwind rauhkalt entgegenschlug, fiel etwas zur Erde und rollte vor ihm her. Er bückte sich, um es aufzuheben. Es war jene merkwürdige Schriftrolle. In einem plötzlichen Freudegefühl erhob er den Kopf. Es dünkte ihm, daß er in seiner Hand einen Hebel halte, der den Eckstein im Palaste des Weltreiches lockern könne, einen geistigen Feldherrenstab, auf dessen Wink die heimlichen Legionen warteten, jene Christen, »die neue Dinge im Schilde führten«. – Stolz überschritt er das Palatium, wo die Häuser der Patrizier sich dunkel im Morgengrauen abhoben, während er zwischen den Zähnen murmelte: »Es ist gefallen, es ist gefallen, das große Babylon.« – Als er sein Haus erreichte, war es schon lichter Morgen. Er rollte das Buch vor sich aus und begann, es von Anfang an zu lesen. Stratonike brachte ihm seine Frühkost; aber er rührte sie kaum an, wies auch ihre Liebkosungen zurück und hörte es nicht, daß sie im Nebenzimmer weinte. Seine Schüler suchten ihn auf, aber er entschuldigte sich vor ihnen mit Unwohlsein. Die Abenddämmerung senkte sich herab, er saß noch immer an derselben Stelle, unbeweglich, mit der durchlesenen Schrift auf seinen Knien, berauscht durch die Zornesschalen des Apokalyptikers. Als es ganz dunkel wurde, zündete er die Lampe an und las wiederholt die mächtigsten Stellen durch, bis er sie auswendig konnte. Endlich überredete ihn Stratonike, zu Bett zu gehen; aber erst spät in der Nacht schlief er ein. Im Traum hatte er wieder dieselben Erscheinungen. Da war des Menschen Sohn zwischen den sieben Leuchtern, die Ältesten, die Tiere und das Lamm; Posaunen, Donnerschläge und Weherufe; der große Drache, das babylonische Sündenweib und das Halleluja der Engel über ihre Erniedrigung; der gekrönte Christus auf dem weißen Pferd; da waren das ewige Jerusalem, schimmernd von Edelsteinen und Perlen, und Engel, die es an goldenen Ketten vom Himmel herunterließen. Neues Leben Es war schon heller Tag, als Antigonos erwachte. Sobald er sich angekleidet und etwas Frühstück zu sich genommen hatte, ging er in die Titusbäder. Er bemerkte nicht, daß bei seinem Eintritt alle ihn neugierig betrachteten und einander zuflüsterten, sobald er vorübergegangen war. Denn hier war keiner, der nicht wußte, daß Antigonos bei Quartus' Gemahlin einen Dämon ausgetrieben habe und daß dieser bei seinem Austreten einen großen Kandelaber aus korinthischem Erz im Werte von zweitausend Sestertien umgestoßen hatte. Einige junge Männer, welche ungläubig das Bestehen von Dämonen leugneten, waren der Meinung, daß er selbst oder Erinna den Leuchter umgeworfen hätte, um in der Dunkelheit allein sein zu können, und bewunderten ihn deshalb um so mehr. In einem der Lesesäle saß, den Rücken gegen Antigonos gekehrt, ein junger Mann und beugte seinen Kopf über ein Buch. Lange braune Locken fielen ihm über die Schultern herab. Als er einen Augenblick aufsah, erkannte Antigonos in den weiblichen Zügen und den großen schwärmerischen Augen den jungen Herakleon. Voller Freude näherte er sich ihm, berührte leicht seine Schulter und sagte: »Sei gegrüßt, Herakleon! Führe mich zum Meister.« Herakleon heftete einen langen Blick auf ihn; dann erhob er sich, rollte die Schriften zusammen und legte sie in die Hüllen; trocknete seine Rohrfeder im Haar ab und steckte sie gleichzeitig mit einem silbernen Tintenfaß in den Gürtel. »Folge mir,« antwortete er und ging eilig davon. Sie gingen schweigsam zur alten Stadtmauer hinaus und traten in der Nähe des Isis- und Serapistempels in ein ziemlich neues Haus am Fuße der Esquilinerhügel. Im Atrium sah man weder Statuen noch Ahnenmasken; dagegen stand in dessen Mitte ein Ehebett aus Elfenbein, mit Purpurdecken belegt, vor dem auf einem silbernen Dreifuß ein Feuer brannte. Mehrere Männer verschiedenen Alters in der Toga oder im Philosophenkittel waren mit Lesen oder Abschreiben beschäftigt; sie betrachteten einen Augenblick lang den eben Angekommenen und beugten sich dann wieder über ihre Arbeiten. Herakleon bedeutete Antigonos, stehen zu bleiben, während er mit lautlosen Schritten davonging und hinter einem bunten Teppich verschwand, der das Atrium vom Triklinium trennte, über dessen pylongeformter Wand eine beflügelte Sonne ihre langen vergoldeten Schwungfedern ausspannte. Gleich danach kam er zurück und flüsterte: »Der Meister erwartet dich.« Antigonos ging auf den Teppich zu, zog ihn zur Seite und trat in das Allerheiligste. Sein Fuß betrat einen Mosaikfußboden, aus Dreiecken, Vierecken und Zirkeln zusammengesetzt. Auf einer niedrigen Ruhebank, längs der einen Wand, lag der Gnostiker und las; er war ebenso gekleidet, wie bei ihrer ersten Begegnung. Über ihm hing ein strahlendes Bild, mit Wachsfarben auf einer Holztafel gemalt. Krokus, Hyazinthen und Lotosblumen, träufelnd und perlend von Tau, erhoben ihre prachtvollen Farben in eine goldig strahlende Wolke, und unter diesem Nebel- und Pflanzenschleier umarmten sich zwei Liebende. Mit Verwunderung erkannte er die Szene aus dem vierzehnten Gesang der Iliade. »Ich hatte dich erwartet, wenn auch nicht so bald, doch du bist willkommen,« sagte der Gnostiker lächelnd, indem er sich halb aufrichtete und mit einer Handbewegung ihn aufforderte, neben ihm Platz zu nehmen. Antigonos leistete Folge. Ihm gegenüber befand sich eine dreiteilige Wand, in welche Gemälde aus Stuck eingelassen waren. Das eine stellte einen Mann auf einem Felsen dar, der einem bis an die Knie im Wasser stehenden Jüngling die Hand reichte. Über beiden schwebte eine Taube. Auf dem nächsten Bild hing ein nackter Mann am Kreuz; sein Haupt lag rücklings, seine Züge waren schmerzerfüllt, sein Mund offen; darunter standen mit vergoldeten Buchstaben die Worte: Eli, lama sabachtani. Im dritten Abteil war es ein hirtengekleideter Jüngling, der ein Lamm auf der Schulter trug. »Du betrachtest diese Bilder,« sagte sein Wirt. »Darin tust du recht. Denn sie sind nicht nur ein Schmuck für das Zimmer, sondern vielmehr ein Zeichen und eine Mahnung für den Geist. Die beiden äußersten stellen die großen Augenblicke in der geschichtlichen Erlösung dar. Du siehst dort den oberen Jesus, das Wort, in der Taufe sich auf den niederem Jesus – den Sohn des Baumeisters – herabsenken und sich mit ihm vereinigen. Und dort am Kreuz verläßt er ihn wieder; deshalb versagt der seelische Jesus und ruft: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen!« Das dritte dagegen ist ein Symbol der ganzen Erlösung: das ist der obere Jesus, der Sophia Achamoth zur Äonenwelt zurückführt; denn sie war gleich dem verlorenen Lamm der Fülle. Die Erlösung besteht ja darin, daß das reinste der göttlichen Barmherzigkeit sich mit dem tiefest Gesunkenen verbindet und es heiligt... Hier nun, fuhr er fort und zeigte hinauf, »hier siehst du das große Geheimnis, welches ich neulich erwähnte, wofür du aber noch nicht reif warst, – jenes Geheimnis, von dem ich dir sagte, daß Basilides es unbeachtet lasse. Denn es bedeutet das Symbol der Äon-Ehe, die allerdings geistig und nicht im Begriff menschlicher Begierde verstanden werden darf, weil sie vom Satan und der Materie abstammt.« Und er ließ sich herbei, ihm das paarweise Entströmen der Äonen und die Verbindung des männlichen und weiblichen zu erklären, die Vereinigung des gleichen und ungleichen im Urvater, indem er sich besonders weitläufig über das dritte Äonpaar, der Mensch und die Kirche, aussprach, welches den höchsten Götterkreis beschließe. Als er seinem Lehrling so viel göttliches Wissen mitgeteilt hatte, wie er für ihn bekömmlich hielt, fragte er Antigonos, was ihn wohl veranlaßt habe, ihn aufzusuchen. Dieser erzählte ihm den ganzen Vorgang von der Austreibung des Dämons. Und weil es ihm unmöglich schien, diesem merkwürdigen Mann, dessen dunkler Blick im Innersten seiner Seele zu lesen schien, etwas verbergen zu können, berichtete er ihm von allem, von seinem Verhältnis mit Erinna, seinem Römerhaß und seinem Vertrauen auf die Weissagung des Apokalyptikers über den Sturz Babylons. Der Gnostiker lächelte: »Auch hierin ähnelst du dem Baumeister. Denn auch er wurde zu dem geistigen Jesus geführt, weil er glaubte, daß dieser seinem Zwecke dienen könne. Aber du, mein Sohn, wirst diese Selbstsucht bald von dir abstreifen, wie die Schlange ihre alte faltige Haut von sich abstreift, und du wirst in Jesus nur die himmlische Reinheit der Äonwelt anbeten... Was die Austreibung betrifft, so gibt es ganz gewiß Dämonen, die durch die Gewalt des Teufels die Materie beherrschen und dem göttlichen Worte weichen. Jene Offenbarung aber, die dich ergriffen hat, ist ein geringes Werk, das vielleicht von Jesu Jünger, und zwar von dem seelischen Johannes, geschrieben wurde, der nur Blick für den niederen Jesu hatte und ganz wie die alten Propheten vom Gesetz des Baumeisters befangen war; diese kann also wohl Dämonen austreiben und die Seelischen erbauen, ist aber keineswegs eine dir genügende Nahrung... Herakleon!« rief er mit gehobener Stimme. Sein Schüler trat herein. »Bringe mir doch das Evangelium Johannes.« Herakleon brachte alsbald eine Schriftrolle aus feinem Pergament mit großen sorgfältig geschriebenen Buchstaben. »Lies das,« sagte der Gnostiker und reichte ihm das Schriftstück. »Das ist das rechte geistige Evangelium; es enthält die Weisheit, die den Geistigen von dem geistigen Johannes übergeben ward, von ihm, der an der Brust des Erlösers gelegen hat. Hier findest du nichts von der fleischlichen Abstammung Jesu, wie in gewissen anderen törichten Schriften, sondern es beginnt mit dem Wort in der Äonwelt und danach mit der Taufe, in der es sich mit dem niederem Jesus vereinigt. Daher kommt es, daß es unter den seelischen Christen nicht bekannt ist, weil sie es nicht würden fassen können. . . Sollte vieles darin dir noch unverständlich scheinen, dann frage mich. Auch wird es dir von Nutzen sein, mit diesem jungen Manne darüber zu sprechen; denn er hat sein Leben hauptsächlich diesem Studium geweiht und sich der rechten, überlieferten geistigen Erklärung des heiligen Buches gewidmet.« Herakleon lächelte errötend wie ein junger Liebhaber, dessen heimliche Leidenschaft verraten wird. Antigonos drückte ihnen die Hände und nahm Abschied von seinen neuen Freunden. Als Antigonos an einem der folgenden Tage vom Besuche seines Meisters zurückkehrte, hielt vor seinem Haus ein Wagen, der mit zwei mausgrauen afrikanischen Maultieren bespannt war. Ein Nubier stützte sich, die Purpurzügel um den schwarzen Arm geschlungen, auf das Schulterjoch und peitschte den Staub mit der Geißel aus Flußpferdleder, als ob er schon lange gewartet hätte. Zweihenkelige, spitzbodige Weinkrüge, mit den Namen längst verstorbener Konsuln gezeichnet, lehnten sich an die Wagenwand, und hinter diesen waren Kandelaber aus Bronze, silberne Dreifüße, Stühle aus Ebenholz und aus Elfenbein geschnitzte Bücherstöcke und -kästen aufgestapelt; zuoberst in einem Korb aus Silberfiligran glänzten Goldspangen, Edelsteinagraffen, Kameen und Ringe. Antigonos blieb verwundert stehen, um diese Herrlichkeiten zu betrachten. »Bist du Antigonos von Larissa, und wohnst du in diesem Haus?« fragte der Kutscher. »Ja,« Der Sklave überreichte ihm, sich tief verneigend, eine versiegelte Schreibtafel: »Mein früherer Herr, Statius Quartus, grüßt dich, Herr, und läßt dich bitten, das zu lesen.« Antigonos erbrach das Siegel. Der Senator bat ihn, diese Geschenke und seinen Dank für die Heilung Erinnas entgegenzunehmen. Antigonos zog den Griffel heraus und schrieb auf die andere Seite der Tafel: »Antigonos von Larissa an T. Statius Quartus. Gruß. Meine Wundergabe, die ich für nichts empfangen habe, erteile ich auch für nichts. Ein so kostbares Geschenk kann ich nicht entgegennehmen, da meine Mittel mir nicht erlauben, es zu erwidern. Ich bin es, der dir dankbar sein muß, weil du mir Gelegenheit botest, eine Wohltat auszuüben. – Lebe wohl!« Als Quartus diesen Brief las, wunderte er sich höchlich und sagte: »Dieser Antigonos ist wahrlich ein heiliger Mann.« – Er hätte sich noch mehr gewundert, wenn er auch das Schreiben gelesen hätte, das der Sklave beim Weggehen Antigonos überreichte – demzufolge Erinnas Lieblingssklavin ihn noch am selbigen Abend in den kleinen Garten hinterm Haus einließ und ihn zu einer dichten, zwischen Mauern eingeklemmten Laubhütte geleitete, wo Erinna ihn erwartete. »Du kommst ... ich wußte es, daß du kommen würdest,« rief sie aus, indem sie sich erhob und ihm beide Hände darreichte. »Wie hätte ich säumen können, Erinna? ich wußte ja, daß wir uns wieder begegnen mußten, nachdem das Schicksal uns im Kolosseum und gleich danach an deinem Krankenlager so wunderbar zusammengeführt hatte –, hätten wir denn einander wieder verlieren sollen, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, ohne uns gegenseitig zu stärken?« »Wäre das geschehen, dann wäre ich wieder zurückgesunken unter die Dämonen und du hättest mich vergebens geheilt. Ich kann mich noch nicht allein aufrecht halten; ich muß mich an dich anklammern, wie die Weinranke an die Ulme... Ich war so schwach, und in all der Zeit, der langen, langen Zeit...« »Hast du viel zu leiden gehabt, arme Erinna? Sage mir alles!« »Nein, das nicht... Quartus ist sehr gut, er ist zärtlich besorgt um mich gewesen; aber darüber hinaus hat er mir gar nichts sein können... Nein, nein... keinerlei Böses, aber alles so leer, wie in einer trockenen, wasserlosen Wüstenei, wo nur Dämonen hausen, – die haben mich ja auch erfaßt. Dorthin war ich verpflanzt worden, herausgerissen aus der Erde meiner Heimat. Nicht einmal mein lieber Bruder –« »Eukrates, mein Retter! was ist aus ihm geworden?« »Ach, der ist in Pergamum; dort schneidet er unter der Aufsicht des großen Claudi Galenus an toten Affen herum,« antwortete sie mit einem plötzlich recht munteren aber etwas höhnischen Ton, den er so wohl an ihr kannte. – »Aber warum nennst du ihn deinen Retter?« »Er fand mich bewußtlos auf einem großen Steine – am Ufer des Peneus, wo ich mich aus Verzweiflung von dem oberen Feldweg hinuntergestürzt hatte; ich war ja eben heimgekehrt und hatte gehört – daß du –« »Armer Antigonos«, murmelte sie, indem sie ihre Lippen auf seine Stirn drückte. Dieser erste Kuß glühte wie ein Brandmal, und indem das Bewußtsein des jahrelangen Entbehrens ihn durchdrang, sank sein Kopf in ihren Schoß, und er brach in Tränen aus. »Wie konntest du auch, Erinna!... wie konntest du mich verlassen!« »Man hat mich von dir weggerissen, man hat mich gezwungen,« flüsterte sie und beugte sich so tief herab, daß ihr Atem seine Locken durchdrang, und es schien, als ob ihre Worte sein Gehirn berührten; »weine nicht, um der Götter willen, ich vergehe vor Scham, wenn ich an meine Schwäche denke... Aber was bedeutet wohl die Selbständigkeit eines griechischen Mädchens? Wir erhielten die falsche Nachricht, daß du gefallen seiest – Quartus freite – und mein Vater drang in mich..... Nein, nein! wir wollen nicht mehr davon sprechen. Jetzt ist es vorüber, wie ein böser Traum. Die Götter seien gepriesen, daß diese Nachricht falsch war, und daß du lebst, daß du mächtig und weise und berühmt bist; ich lebe durch deine Macht, und wir wollen nur für einander leben –« »Und dein Mann?« stammelte Antigonos, indem er zu ihr aufsah; Erinna wandte sich ab: »Ich will nicht, gleich den anderen römischen Matronen – lachen – wenn ihre Liebhaber ihrer Männer erwähnen. Aber ich gehöre dir an. Wärest du nicht gekommen oder verließest du mich jetzt, würden mich die Dämonen nach und nach in den Hades hinabzerren, – durch welche Macht würde er dann sein Recht behaupten können?... Und wenn ich tot wäre, und du stürbest, würden wir dann nicht einander in Elysiums Myrthenwäldern begegnen und zwischen den Asphodelen ausruhen?« »Und vereint werden wie die Äonpaare und die Geistigen«, flüsterte Antigonos. Ihr Flüstern übertönte nicht das der Blätter, denn es war eintönig wie dieses und wie das leise Plätschern des Wassers. Die Nacht war dunkel, still und mild. Das Laub und die dichten Mauern hielten jeden kalten Luftstrom ab, während außerhalb der Wind durch die ewige Stadt brauste und ein eintöniges Spinnlied zur schnurrenden Spindel der Zeit sang, die nur allzu schnell den Stundenfaden der Nacht von sich abwinden ließ. In Antigonos' Herzen keimte jetzt eine doppelte Liebe, zur selbigen Zeit gesäet, die himmlische und die irdische. Und sie wuchsen zusammen auf wie zwei Sprößlinge, deren einer als Baum den anderen ersticken mußte; noch wuchsen sie friedlich auf demselben Boden, genähert und erquickt von derselben Wasserader, denselben Sonnenstrahlen, denselben Böen – und denselben Schatten. Des Morgens saß er zu Füßen des Gnostikers, am Abend lag er vor denen Erinnas. Im Garten und im Tiber Stratonike sah Antigonos jetzt nur selten, auch sprach er nur wenig mit ihr, wenn er zu Hause war und hörte zerstreut auf ihre Antworten. Des Nachts verzehrte sie sich im Gefühl der Einsamkeit; und die Trauer darüber, dem angebeteten Manne gleichgültig zu sein, nagte an ihrem leidenschaftlichen Gemüt und bleichte ihre Wangen. Er bemerkte es kaum, oder meinte, das käme von der heißen römischen Luft. Fragte er sie bisweilen wie es ihr ginge, antwortete sie niedergeschlagen und mit von Tränen gefüllten Augen, während er väterlich liebkosend seine Hand über ihr langes Haar gleiten ließ; und sie sagte dann zu sich selbst: »Wie sollte ich armes unwissendes Barbarenmädchen auf die Dauer den weisen Mann fesseln können?« Es waren ungefähr dreiviertel Jahr seit Lagos' Tode vergangen, als sie eines Abends ihrem ungestümen Verlangen nachgab, das sie trotz ihrer Unruhe bis jetzt unterdrückt hatte. Zitternd wie Psyche, als sie die Lampe anbrannte, um ihren Geliebten kennen zu lernen, schlich sie Antigonos nach, unterhalb der Palatiner-Höhe, bis sie plötzlich ratlos vor der Türe einer Gartenmauer stand, die er hinter sich abgeschlossen hatte. Ein Stück davon entfernt entdeckte sie eine Eiche, deren Zweige sich über die Mauer breiteten. Geschmeidig und lautlos wie eine Katze kletterte sie hinauf. Sie setzte sich auf die flache Kante einer Mauerecke; unter ihr breitete sich der Garten aus mit seinen leise säuselnden Bäumen und Sträuchern, und einer klaren, plätschernden Fontäne; sie spähte nach einer Stelle, wo sie möglicherweise hinunterspringen könnte, und lauschte. Da hörte sie gerade unter sich, hinter einem hervorspringenden Laubdach eine unbekannte Frauenstimme. Lauernd legte sie sich flach auf die breite Mauerkrone. »Es tut mir so leid, daß du ebenso ungläubig und gottlos bist wie mein Bruder Eukrates – er glaubt nicht einmal an Dämonen.« »Geliebte Erinna,« antwortete die Stimme Antigonos', »wenn du doch begreifen möchtest, daß ich weder das eine noch das andere bin, weil sich meinem Blick die geistige Wahrheit offenbart hat, und ich nun weiß, daß der höchste Gott unaussprechlich ist wie das Schweigen, und in einem Lichte wohnt, das das leibliche Auge blendet und dessen Abglanz wir nur in Christus schauen können, der es uns offenbart hat. Was hat es dann auf sich, ob man den Urvater Zeus nennt? Und wer glaubt denn noch daran, daß er auf dem Olympos wohnt?« »Wie?! Die Götter sollten nicht auf dem heiligen Berge wohnen, an dessen Fuß wir erzogen sind und an dessen Spitze schon unsere Kinderaugen sich hefteten, wenn wir vor ihm knieten, der da oben thront, – wolkenumhüllt – mit der Schicksalswage in der Hand?« »Das sind kindische und fleischliche Vorstellungen, die ich schon abtat, als ich die Philosophenkutte anlegte. Alle Völker verbinden das Wesen der Götter mit solchen heimatlichen Orten. Die Juden, von denen die Erlösung kommt, meinten, daß der höchste Gott in Jerusalem angebetet werden müßte, und die Samaritaner heiligten ihn auf ihrem Berge Garizim. Der geistige Jesus aber sagte zu dem samaritanischen Weibe: ›Ihr sollt weder auf diesem Berge, noch auch in Jerusalem den Vater anbeten‹; aber die Stunde kommt und ist schon da, in der die wahren Gottesanbeter den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten sollen, denn Gott ist ein Geist.« »Ich friere bei all der Geistigkeit, und ich erzittere vor diesem geistigen Erlöser mit seinem Scheinkörper und seiner toten Lehre. Wie ganz anders war nicht Zeus, wenn er in einer Verkörperung die Töchter der Könige besuchte; dann wurden die herrlichen Heroen geboren, die in ihrer ambrosischen Schönheit und mit ihren olympischen Kräften den Hades überwanden und seine Gefangenen befreiten. Zur Zeit werden nur schmutzige Asketen geboren, abgemagert bis auf die Knochen, die sich in unterirdischen Grabstätten aufhalten, und Geister und Schatten anbeten.« »Du siehst das alles so übertrieben und entstellt.« »Ach nein – ich kenne das! Als Quartus und ich mit unserem Gefolge nach Thessalien reisten, wurden wir in einer Bergschlucht von einer Schar solcher lichtscheuer Christen aufgehalten, die sich um einen ihrer Heiligen versammelt hatten, der zu ihnen sprach; teils des Andranges wegen, teils aus Neugierde hielten wir an und hörten ihm zu. Dieser hatte es verschmäht, seinen elenden und widerwärtigen Körper mit einem Mantel zu bedecken; und mit wilden Gebärden und einer fürchterlichen Stimme sprach er davon, sich mit Christus zu begraben, das Fleisch und seine Gelüste zu kreuzigen, um den Heiligen gleich zu sein, die sich nie durch ein Weib befleckt haben, und dieser Welt nicht angehören; – ganz, als wären die Götter böse Dämonen, die nur eine Welt des Leidens geschaffen hätten.« »Sicherlich ist diese Welt nicht vom höchsten Gott geschaffen, sondern von dem unvollkommenen Baumeister und durch den Sündenfall in der Äonwelt hervorgebracht.« »Ja, ja, auch Du! Du bist ganz wie die anderen! Sünde, Leiden und Buße. Und jener Heilige zeigte auf Quartus und mich, indem er über die Reichen sprach, die in Herrlichkeit und Freuden dahinlebten; und er rief »Wehe« über uns, während die Christen sich abwandten und sich bekreuzten. Und jetzt bist auch du einer von diesen und wendest dich ab – und du – willst mich verlassen!« »Was sagst du da, Erinna! Du versündigst dich an mir. – Ich Dich verlassen? Niemals!« »Ach nein, nein, bleibe bei mir Antigonos! verlasse nicht mich und das lebende Pfand unserer Liebe unter meinem Herzen!« Die Stimme Antigonos' wurde so flüsternd, daß sie Stratonike nicht mehr erreichte. Aber diese hatte genug gehört. Lautlos, wie sie gekommen war, glitt sie die Eichenäste hinab. Sie wußte, daß sein Herz von einer anderen erfüllt war, und daß diesem Weib die Gunst widerfuhr, um die sie vergeblich die Götter angefleht hatte; die andere würde ein Kind gebären, ein Kind von dem bewunderten Manne, das beide noch fester aneinander binden würde. Dieser Gedanke überwältigte sie vollständig; sie warf sich an die Erde, und ihre Tränen mischten sich mit dem Tau der Blumen. Dann erhob sie sich und streckte mit einem Fluche die geballten Hände gegen ihn aus, der sie verlassen hatte, gegen Erinna und ihr Kind. Nochmals kniete sie nieder, um ihren Fluch abzubitten. Dann sprang sie schnell in die Höhe und lief weg, ohne zu wissen, wohin – nur weg von ihm und der großen fremden Stadt, wo sich niemand um sie kümmerte, – mit von Tränen geblendeten Augen und von den langen Locken umwogt, deren Berührung sie daran erinnerte, daß gerade diese sie zuerst an Antigonos geknüpft hatten – in jener Nacht in Byblos. Byblos, ihre Geburtsstätte, dicht am blauen Mittelmeer; auf dem Hügel, dessen Fuß der Adonisfluß umspülte, dessen Wellen in der Glut des Mittags so oft ihre schönen Glieder umkost hatten – – oder in Mondscheinnächten, wenn seine Windungen, einer Silberlocke gleich, vom Scheitel des Libanon losgerissen, mit ihren Schilfen flüsternd die Jünglinge herbeiriefen, um ihnen Byblos' schönstes Mädchen als Flußnymphe zu zeigen. Wo war nun ihre Kindheitsstätte? Viele hundert Meilen hinter Pompejus' Portikus, an dem ihre gazellenleichten Füße sie soeben vorüberführten. Wie sollte sie sie je erreichen? und wenn sie es könnte! – Ihre alten Eltern, denen sie so viel Gram bereitet hatte, waren vielleicht gestorben, sie wäre dort ebenso verlassen, wie hier in der Weltstadt und überall sonst. Sie war über das Marsfeld gelaufen, das sich öde und finster in der Dunkelheit ausstreckte. Sie stand jetzt Hadrians großem Mausoleum gegenüber auf der Triumphbrücke und starrte in den Tiber hinab, über den diese sich wölbte. Im niederdrückenden Gefühl ihrer Verlassenheit war sie gänzlich zusammengebrochen; ihre Selbstanklagen wendeten sich ihren Eltern zu und dann auch ihm, an den sie sich ihrer Meinung nach undankbar und anspruchsvoll anklammerte wie eine Fessel, die er mit sich herumschleppen mußte, weil er zu gütig war, sie von sich zu schleudern; in ihrer Seelenpein glaubte sie, daß er sie weit, weit hinwegwünschen müßte, von wo her sie niemals zu ihrem eigenen und andrer Unglück zurückkehren könnte, – und ihr verzweifelter Wunsch vereinigte sich mit dem seinigen. Als Antigonos an der Gartentüre Erinna zum Abschied umarmte, flossen die langen Locken der Byblierin wie Seegras auf den dunklen Stromwirbeln des Tibers. Antigonos kehrte in einem bittersüßen Rausch heim. Das erste Gefühl nach Erinnas Mitteilung war eine reine Vaterfreude; als er jedoch allein war, begann das Bewußtsein von Sünde und Reue sich seiner Sinne zu bemächtigen. Alles, was Erinna über die strengen Forderungen des Christentums zu ihm gesagt hatte, drängte sich ihm auf, und des Apokalyptikers Worte: daß die Heiligen sich ihren Lebenslauf nie durch Weiber befleckt hatten, hallten in seinen Ohren wieder. Er wunderte sich, Stratonike nicht daheim zu finden, da dies ihm noch nie vorgekommen war; und während er vergebens auf sie wartete, besann er sich, daß es ihm bisweilen gedäucht habe, leise Schritte hinter sich zu vernehmen, gleich einem schwachen Echo seiner eigenen. In der Annahme, daß es eine Libertine sei, hatte er sich nicht umgekehrt. Auch war Erinna, als er sie umarmt hatte, durch einige herabfallende Steine und abgeknickte Zweige erschreckt zusammengefahren. Als aber auch der Morgen ohne Stratonikes Ankunft hereinbrach, wurde eine fürchterliche Ahnung des Zusammenhanges in ihm wach. Er ging aus, am Ufer des Tibers entlang und erreichte schließlich die Insel an der Fabricischen Brücke, wo er auf eine Menschenschar stieß. Er trat an sie heran – es war die Leiche Stratonikes, die ans Land getrieben war. – Als der Abend die Stunde brachte, in der er Erinna zu besuchen pflegte, saß er in seinem kleinen Garten, ein paar Quadrate im Umfang, in dem er Stratonikes Grab geschichtet hatte. Er stand zögernd auf, um zu gehen; aber es schien ihm, als höre er ihre Stimme vom Grabe her, und es war ihm unmöglich, schon jetzt wieder den Weg zu betreten, den er mit ihrem Blut befleckt hatte. An diesem Abend hätte er auf längere Zeit von Erinna Abschied nehmen wollen, weil sie nach gemeinsamer Bestimmung am nächsten Morgen für den Sommer nach Bajä reisen sollte, um dort ihre Niederkunft zu erwarten, während Quartus als Kurator in Asien beschäftigt war. So geschah es, daß er Erinna, bei der er sich mit Unwohlsein entschuldigt hatte, auf lange Zeit nicht mehr sah. Und es wunderte ihn, daß er sie nicht sonderlich vermißte. Sein religiöses Leben aber entwickelte sich jetzt voller und einheitlicher, wo er sich ihm ganz hingeben konnte, und er empfand es wie ein neues Behagen, die kühlen Abende für sich zu haben, um sie zu Studien und Betrachtungen verwenden zu können. Nach der Vorschrift seines Lehrers las er in dieser Zeit die Briefe Pauli an die Römer, die Galater, die Korinther und Philipper und schätzte ganz besonders die letzte alles versöhnende Schrift, die wohl auf demselben Boden abgefaßt war, auf dem er jetzt lebte, auf dem sein neues geistiges Leben erstanden war. Die Schlafstätten Aus dem Abhang des Esquilinerhügels, der den Hintergrund vom Garten des Gnostikers bildete, ergoß ein sprudelnder Quell seinen starken klaren Wasserstrahl in ein geräumiges Marmorbecken. An einem schönen Sommerabend stieg Antigonos da hinunter, und sein Meister, der am Rande stand, rief ihn dreimal hinauf, um ihn dreimal von Herakleon mit drei neuen, ungebleichten Leinentüchern abtrocknen zu lassen. Beim ersten Male hatte das Wasser die Materie und ihre Sündhaftigkeit von ihm abgespült, das zweite Mal ertränkte den unter dem Gesetz des Baumeisters stehenden, seelischen Menschen, und das dritte Mal vereinigte den neuen geistigen Menschen mit seinem Ursprung, den Äonen, und dem höchsten Gott, der Quelle des Seins und der Weisheit. Hierauf zerbrach sein Meister ein Alabastergefäß, das Herakleon ihm gereicht hatte und nachdem er ihm kreuzförmig Stirn und Brust mit geweihtem Öl gesalbt hatte, rief er ihn, bei seinem christlichen und geistigen Namen Theophilos, wonach Herakleon ihn in einen neuen, weißleinenen Kittel kleidete. Dann gaben alle drei einander den Bruderkuß. »Von der Gemeinde hier in Rom, die sehr groß sein soll, habe ich noch gar nichts gesehen,« sagte Antigonos, während sie bei einem einfachen Mahl aus Brot und Wein, das den Segen des Gnostikers empfangen hatte, zu Tisch lagen. Über die Züge seines Meisters glitt ein Schatten, der sie noch stolzer machte: »Würde es dem einsamen Schwan Apollos, der auf den Strömen des Äthers segelt und seinen Gesang mit dem der Sphären mischt, geziemen, sich zwischen alle Vöglein herabzusenken, die im Waldschatten zwitschern?« »Ziemt es sich, nicht für den Feldherrn, seine Soldaten kennen zu lernen und ihr Treiben zu überwachen?« fragte Antigonos, der sich durch die einsame Lehre des Weisen nicht befriedigt fühlte, sondern danach verlangte, auch mit dem leiblichen Auge das Christentum als historische Macht zu sehen, als das Heer Gottes zu mustern, das die Welt überwinden sollte. »Weil es dir so sehr am Herzen liegt, will ich nachgeben,« antwortete der Meister lächelnd. »Ist heute nicht Nereus' und Achilleus' Geburtstag, Herakleon?« »Ja.« »Dann wollen wir doch zur Schlafstätte gehen, wo die Gemeinde versammelt sein wird.« Herakleon brachte zwei Wachskerzen. Sie hüllten sich in ihre Mäntel und gingen zur Stadt, die sie bei Porta Capena wieder verließen. Der Vollmond stand hoch am Himmel. In seinem Licht streckte sich die appische Straße wie ein kreideweißer langer Steinkeil zwischen einem Gehege von zylindrischen, viereckigen und pyramidenförmigen Grabdenkmälern vor ihnen aus. Hier war es still und öde. Aus dem schmalen Schatten des hochgelegten Fußstegs streckte ab und zu ein Bettler seinen Arm hervor. Ein junger Ritter sauste an ihnen mit seinem Gespann gallischer Pferde vorüber, nach der Stadt zu; mit der Peitsche knallend stand er aufrecht im kleinen Wagen, dessen zwei Räder die glatten Tuffsteinfliesen kaum zu berühren schienen. Von hinten her kam ein verspäteter Senator an ihnen vorbeigerollt, um noch seine Villa in den Albaner Bergen zu erreichen. Sie gingen über den kleinen Almafluß. Singendes Murmeln und Plätschern mischte sich seinem melodischen Rieseln bei. Dunkle, watende Gestalten mit purpurroten Schultern, wo das Licht sie bestrahlte, unterbrachen seinen Silberstreifen. Es blitzte golden zwischen ihren Händen und im Ufergrase. »Das sind die Kybelepriester, die ihre Götzenbilder und Tempelgefäße reinigen,« sagte Herakleon. Sie folgten jetzt dem Ardeatinerweg, der gleich danach links abbog; enger, höher und ohne Monumente an den Seiten. Rund um sie her breitete die Campagna ihre unendlich öden Weiten aus. Als sie anderthalb römische Meilen gewandert waren – der Meister schweigsam, Herakleon aber von Nereus und Achilleus, den Dienern der heiligen Flavia Domitilla, erzählend, die unter Domitian hingerichtet wurden, – betraten sie einen Feldweg, der links abführte. Sie kamen an eine Meierei, deren langgestreckter Garten eine Reihe niedriger, wellenförmiger Hügel krönte. Das Mondlicht spielte auf den säuselnden Blättern und lag weich auf den Matten der Anhöhen; von der schroffen Seite der einen wurde es mit einem grellen, blaßgrünen Schein zurückgeworfen. Der Weg führte gerade darauf zu. Es war ein halbkreisförmiges Gemäuer, dem die Hügelwand zur Rückenstütze diente, in die hinein es sich öffnete mit einer großen Wölbung in der Mitte und ein paar kleineren zu beiden Seiten. In einer von diesen glänzte ein Springbrunnen. Sie traten hinein. Neben dem Wasserstrahl war ein kreisförmiger Brunnen und ein Steinbecken. Sie ruhten sich einen Augenblick auf den Steinbänken längs der Wand aus, wuschen sich die Hände und zündeten die Wachskerzen an. Dann traten sie in den großen Vorraum, aus dessen Hintergrund ein gewölbter Gang ihnen finster entgegengähnte. Während sie seine gleichmäßig abfallende Bahn hinabstiegen, wurden sie in feuchte Finsternis gehüllt; die Lichter flimmerten nur matt in der erdigen Grabesluft. Es war, als ob sie der Unterwelt entgegengingen, und Antigonos murmelte unwillkürlich, die Worte Virgils: »Entsetzen ergreift die Seelen, und die Stille selbst weckt das Grauen.« In den Wänden sah er lange, viereckige Steinplatten eingelegt, die eine Reihe über der anderen, wie Schubfächer in einem Schrank, einige mit Inschriften, andere ihren Inhalt stumm verschließend; – es war ja wirklich die Wohnung der Toten, in der er wanderte, und es schien ihm als könne er durch die Platten in die engen Alkoven hineinsehen, wo sie reihenweise übereinander lagen, die steif ausgestreckten Gerippe, bauchlos mit herausstehenden, rippigen Brustkasten, während Würmer und Maden aus den lippenlosen Mundhöhlen und leeren Augenlöchern hervorkrochen. Aber gerade jetzt klang ihnen ein ferner gedämpfter Chorgesang entgegen, begleitet von einem feinen Duft, als ob der Weg zu den Asphodelenwiesen des Elysiums führte. Durch eine Öffnung in der Decke strömte Mondlicht und frische Luft herein, ein weißliches Viereck auf dem Boden zeichnend. Die Lichter brannten klarer, und seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen konnten einen gemalten Weinstock unterscheiden, der sich durch die Wölbung hinaufschlängelte und sich mit seinen Blättern, Trauben und Ranken zwischen den obersten Grabsteinen und um Säulen wand, während sich auf seinen gebogenen Ästen und dünnen Zweigen Tauben, Pfauen, Schmetterlinge und kleine nackte Genien wiegten. Hier und dort glitten auch große Bilder auf der Mauerfläche an ihm vorüber. Hier stand auf einem kleinen Hügel, an dem zwei Löwen in die Höhe sprangen, ein Jüngling, der die Arme nach oben streckte; auf dem nächsten war es ein Fischer, der seine Angelschnur auswarf, und ein Lamm graste unter einem Baum. In einer gewölbten Nische lagen einige Männer, mit den Ellbogen auf ein meergrünes, rundgestopftes Polster gestützt, ein Dreifuß mit Brot und Fisch stand vor ihnen, und weiterhin erkannte er den jungen Hirten mit dem Lamm auf der Schulter. Der Gesang war jetzt verstummt. Aber, als sie wieder um eine rechtwinklige Ecke bogen, strömte ihnen vom Ende des Ganges her ein starkes Licht entgegen. Dieser mündete in eine erleuchtete Kapelle, die in starken Farben strahlte und von poliertem Marmor und spiegelblankem Silber erglänzte. Sie war ganz mit Menschen angefüllt. Durch einen schrägen Lichtbrunnen, der die gewölbte, mit Arabesken und Blumengewinden bemalte Decke durchbrach, strömten die Mondstrahlen hernieder, blau gefärbt vom Rauche der rotlodernden Fackeln längs der Wände, und durch das Licht der funkelnden Wachskerzen in den Händen der gläubigen Menge noch verstärkt. Trotzalledem war die Luft von lieblichem Wohlgeruch erfüllt. Er entströmte großen lotosgeformten Vasen aus ägyptischem Porphyr, die an Stelle von Kapitalen die spiralkannelierten Säulen krönten, sowie auch den kostbaren Salben, die die Besuchenden über das Grab der Märtyrer ausgossen. Es lag im Hintergrund einer hochgewölbten Nische, von ihren Bildern umgeben; diese erhoben sich langgestreckt in steiffaltigen Kitteln, von unten an auf scharlachrotem, aber oben von den Schultern ab auf ebenholzschwarzem Grund mit Palmenzweigen in den Händen und Goldrädern um die Köpfe. Unten glänzte die horizontale Silberplatte des Grabes zwischen den Köpfen kniender Männer, Frauen und Kinder, die ihre Lippen an das heilige Metall drückten, während andre sich vordrängten, um auch an die Reihe zu kommen. Mehrere der Andächtigen hatten das wettergebräunte Aussehen und die großen, groben Hände von Arbeitern und Sklaven; die Züge anderer verrieten die höheren Stände. Die Jungfrauen waren verschleiert; bei einzelnen hatte die Eitelkeit eine Goldspange, eine Agraffe aus Edelsteinen oder eine Perlenschnur befestigt. Im ganzen aber waren die Kleidungen einförmig. Die Männer trugen die Tunika. Der vereinende Glaube hatte die Rang- und Standesunterschiede ausgelöscht. Unmittelbar vor der Grabnische vor einem goldenen Altar, auf dem die Sakramente aufgestellt waren, stand ein hagerer Mann in einer purpurnen Dalmatika über die fußlange Tunika. Antigonos erkannte in ihm den Bischof Pius. Er pries mit lauter Stimme die Heiligen, die an diesem Tag durch das Martyrium zum ewigen Leben geboren und zu Christus aufgefahren waren, ohne, wie alle anderen, seine Wiederkehr abwarten zu brauchen. Darauf bat er sie, die gekrönten Sieger, Fürbitte zu tun für die noch kämpfende und verfolgte Kirche auf dem ganzen Erdkreis, und besonders für die römische Gemeinde; während die übrige Versammlung in singendem Tone Amen rief, kniete er nieder und küßte den Altar. Inzwischen war Antigonos durch einen breiteren und höher gewölbten kurzen Gang in einen anderen Raum gelangt, der ebenfalls erleuchtet und von Menschen angefüllt war, die keinen Platz in der Grabkapelle der Märtyrer gefunden hatten. Eine korinthische Marmorkolonnade trug die getäfelte Decke, die auf vergoldeten Balken ruhte. Kleinere gewölbte Zellen, die von silbernen Lampen erleuchtet waren, bauchten die Wände zu beiden Seiten aus. Im Hintergrunde erhob sich eine Rednertribüne, diese war jetzt leer; aber Diakonen, in blaue Pallien gekleidet, die die rechte Hälfte des Körpers von der linken Schulter bis unter die rechte Hüfte nackt ließen, trugen die Sakramente umher, und sprachen flüsternd zu den Kommunikanten. Des großen Andranges wegen dauerte es einige Zeit, ehe Antigonos zur Grabkapelle zurückkam. Als er sich näherte, wunderte es ihn, bei einem allgemeinen Schweigen seines Lehrers Stimme zu hören. Und wie er eintrat, traf er ihn auch wirklich redend in einem großen Steinstuhl sitzend, der, ein paar Stufen über dem Boden erhöht, neben der Grabnische in Stein ausgehauen war, an deren anderen Seite Pius Platz genommen hatte. Die ganze Menge hörte ihn andächtig und bewundernd an; mit gespannten und bewegten Gesichtszügen folgte sie den wunderbaren Worten, deren Ausdrücke und Bilder nicht aus den bekannten apostolischen Schriften entnommen waren. »Brüder,« sagte er eben, – »wir feiern das Fest des Wortes, indem wir mit göttlichen Worten die Zeugen des Wortes preisen und ihrer gedenken. Aber diese göttlichen Worte wären nicht auf unseren Lippen und in unseren Herzen, wenn sie nicht von dem ewigen wahren Wort hineingesäet wären, das im Anfang war, und war bei Gott und war Gott. Und wir feiern das Fest des Geistes, des heiligen Geistes, der die Welt überwindet; der unseren Geist über das Fleisch erhebt und das Seelische zum Leben in sich und in Gott. Denn Gott ist Geist, und wir sollen ihn geistig anbeten. Aber ganz wie das menschliche Wort den menschlichen Geist weckt, und der Geist stumm ist ohne das Wort, so ist das ewige Wort und der heilige Geist vereinigt zu einem heiligen Paar, unzertrennlich, dem Vater entströmt, ungeschaffen. Wir feiern heute Abend auch das Fest des Kreuzes. Aber das Kreuz ist nicht unterschiedlich vom Wort und von Jesus. Das Kreuz, Brüder, ist der Grenzpfahl zwischen Gottes Reich und der gefallenen sündigen Welt; es ist der Stab auf dem engen Wege. Deshalb sagt Jesus, daß niemand zu Gott kommt, der nicht sein Kreuz auf sich nimmt und ihm nachfolgt, so wie diese Heiligen es getan haben.« Ein bewunderndes Murmeln erklang rundherum, während mehrere weinten. »Er spricht wie ein Apostel,« flüsterten einige, und andere sagten: »Er redet mit Engelszungen«. Der Redner aber, der das letzte gehört hatte, fuhr fort: »Redete ich mit Engelszungen, und hätte der Liebe nicht, sagt Paulus, dann wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Und hätte ich die Gabe und den Glauben des Propheten, der Berge versetzen kann, und hätte der Liebe nicht, dann wäre ich nichts. Denn Gott ist Liebe, und Jesu Jünger erkennt man daran, daß sie einander lieben. Deswegen ist Liebe und das höchste Wissen ein und dasselbe und entspricht dem geistigen Menschen. Der Glaube dagegen entspricht dem seelischen; er ist nur der Anfang und muß an den Krücken der Werke vorwärts kriechen; darin zeigt er seine Verwandtschaft mit dem Gesetz des alten Bundes, welches nicht das der Liebe, sondern das der Gerechtigkeit war. Aber wir, Brüder, wollen geistig sein ...« »Schweige!« rief plötzlich eine scharfe durchdringende Stimme, und ein junger Mann drängte sich vor ihn hin, indem er die Menge durchbrach. »Schweige! ich erkenne dich jetzt, du, des Teufels Erstgeborener. Du bist der Alexandriner Valentinos.« »Valentinos aus Alexandria! ... Der Gnostiker! ... Der Heresiarch Valentinos!« erklang es plötzlich mit entsetzten und rasenden Stimmen, und der Name hallte wider und verbreitete sich, pflanzte sich fort in die anstoßende Kapelle und verirrte sich hinaus in die finsteren Gänge, während die Nächststehenden zurückwichen, wie vor einem Aussätzigen, so daß Herakleon und Antigonos unversehens für sich allein zu stehen kamen. Die Ferneren drängten sich vor und reckten sich, Fackeln und Lichter emporhebend. Auch aus den Kapellen strömte die Gemeinde herbei und stand zusammengepreßt wie eine Mauer. Antigonos blickte mit Bewunderung auf seinen Meister, dessen berühmter Name sich jetzt offenbart hatte. Er stand ruhig, auf den Stuhl gestützt und ließ seinen stolzen Blick über die Menge hingleiten. »Und dort,« rief aufs neue der Ankläger, in dem Antigonos jetzt den Christen aus den Titusbädern wiedererkannte, »dort stehen seine Schüler Herakleon und Antigonos.« Pius hatte sich erhoben und gebot Schweigen. »Hast du nichts zu erwidern, Fremder? hörst du nicht, was der Diakonus Cajus gegen dich bezeugt? Antworte mir vor dem Angesicht Gottes, bist du der ketzerische und aus der Kirche verbannte Valentinos aus Alexandria?« »Du hast es gesagt.« Das erbitterte Geheul, welches dieses von höhnischen Lippen hinausgeschleuderte Zitat beantwortete, ließ Antigonos zusammenfahren. »Ja, gewiß, ich bin jener Alexandriner, und wenn die Kirche nicht in Fleischlichkeit hinabgesunken und blind für geistige Kraft wäre, säße jetzt ich und nicht du auf dem Stuhle Petri.« Aber der Lärm übertäubte ihn: »Nieder mit dem Spötter! ... Seine Seele muß vom Volke vertilgt werden!« rief es von allen Seiten, und schon drängten sich einige mit Fackeln als Waffen heran und streckten die Hände aus, um Valentinos herunterzureißen, der unbeweglich, wie eine Bildsäule dastand. Doch unter der ausgestreckten Hand des Bischofs legten sich die aufgeregten Wogen der Menschen, wie die des Meeres unter der Hand Jesu. »Nicht so, meine Brüder! denn wir sind die Untergebenen Cäsars und haben kein Recht über Leben und Tod. Nicht wir, Brüder, denn ›die Rache ist mein‹, spricht der Herr, ›ich will vergelten‹. Ja, mit reichlichem Maß wird er dir's vergelten, du Lügenprophet; dir, der du das große Tier bist – voller Spottnamen –, von dem der Apostel schreibt, daß es aus dem Meere steige – denn Alexandria liegt am Meere –, und euch, die ihr das Zeichen des Tieres tragt. Und weiter steht geschrieben: Und man ergriff das Tier und warf es lebend in den Feuersee, und dieser sei der zweite Tod: so wirst du zum zweitenmal aus der Arche der Kirche geworfen; und als der Nachfolger des Apostels, dem von Christus die Schlüssel der Kirche anvertraut wurden, schließe ich vor euch die Pforte der Kirche und der Erlösung ab, bis ihr als büßende Sünder anklopft,« und indem er drei Lichter auslöschte und sie auf den Boden warf, rief er: – »Wie ich diese Lichter auslösche, so lösche Gott, der Herr, eure Lichter aus für alle Ewigkeit, wenn ihr nicht Buße tut auf euren Knien!« Während seiner Rede hatte ein tiefes und feierliches Schweigen geherrscht, und der furchtbare Bann erschütterte Antigonos, aber keineswegs Valentinos. Noch immer unbeweglich, hielt er seine Hand erhoben, und ehe das langgezogene, drohende »Amen« der Gemeinde verklungen war, hub er an: »Und ich, ich verbanne und verweise euch aus der Äonwelt und der seligen Mitte, denn ihr seid weder geistig noch seelisch, sondern fleischlich. Seht, ich schüttele euren Staub und euch selbst von mir ab; denn Staub seid ihr, und zu Asche sollt ihr werden im Feuer der Materie!« Dann sprang er herab, und schwang eine Fackel, die er aus einer Mauerkrampe gerissen hatte, bis die Funken um ihn her stoben. Und sich auf solche Weise durch den zusammengedrängten Haufen einen Weg bahnend, ging er, von Antigonos und Herakleon begleitet, schnell hinweg. Die erloschene Fackel hüllte sie in Rauch, und ihre große dunkelrote Glut vermochte nicht, die Mauern des Ganges zu beleuchten, an die sie oft anstießen. Sich durch die Finsternis hindurchtappend, gelangten sie endlich außerhalb des Hügels. Sie standen still, und Antigonos betrachtete Valentinos. Das Licht des Mondes fiel auf sein totenblasses, schmerzlich und höhnisch verzerrtes Gesicht. Wie er da vor ihm stand, groß und rank, mit stolz erhobenem Haupte, während von der zu seinen Füßen liegenden Fackel eine dichte weiße Rauchsäule vor ihm aufwirbelte, ähnelte er einem erzürnten Gott, der sich selbst ein Opfer darbringt. »Ist dein Verlangen jetzt gestillt? Hast du die Gemeinde kennen gelernt?« fragte Valentinos bitter, indem er zurück in den Vorraum zeigte, »willst du auf deinen Knien bis zur Kirchenpforte kriechen, damit Pius dir öffnen kann?« »Du weißt ja, daß ich bei dir bleibe.« »Aber ich bleibe nicht hier. Rom ist nicht mehr der Ort für Valentinos. Ich verlasse die Stadt, wenn ich mein Haus am Esquilinerhügel verkauft habe – vielleicht auch schon eher.« »Wo gehst du dann hin? nach Alexandria?« »Nein, nach Kypros; dort habe ich viele Schüler.« »Ich folge dir,« sagte Herakleon. »Ich ebenfalls. Oder vielleicht – hätte ich Lust meine Heimat – Thessalien – wiederzusehen.« »Deine Heimat? – Wo man dich kennt; wo die römischen Christen dich mit Steckbriefen verfolgen werden! Und warum? – Laß dich nicht von alten Erinnerungen leiten, Theophilos, sie erschlaffen die Seele; sie gehören dir nicht mehr an. Thessalien ist die Heimat Antigonos', die von Theophilos findest du überall da, wo die Geistigen wohnen.« »Das ist wahr – ist wahr!« »Wenn du keine Lust für Kypros spürst, dann gehe nach Alexandria. Ein Freund von mir findet immer Freunde dort ... Nein, du tust recht darin, mir nicht zu folgen. Du kannst ja nicht andauernd mein Schüler sein, auch sind unsere Naturen zu verschieden – nein, widersprich mir nicht; ich habe Gelegenheit gehabt, in deiner Seele zu lesen. Ich bin eine abstoßende, eckige Natur. Ich bin ein einsamer Geist. Ich stehe wie ein Fels in den Wogen.« »Du bist aber gar nicht einsam, Valentinos! rief Herakleon. Hast du nicht eine große Schülerschar?« »Gewiß, Herakleon,« antwortete Valentinos und drückte ihm die Hand, »Ihr habt, wie die Seevögel, eure Nester auf den Felsen gebaut. Aber ich bin nicht für die Menge geschaffen. Ihr ahnet nicht, was es mich heute Abend gekostet hat, meine Worte so zurechtzulegen, daß die Seelischen sie aufnehmen könnten. Aber es ist mir geglückt, nicht wahr? sie haben gelauscht. Ah! ähnliches hatten sie noch nicht gehört. Und dann! na, genug! Solche Kämpfe stehen in mir geprägt wie Risse in einem Stein. Du Theophilos! mit dir ist das etwas ganz anderes. Du bist eine versöhnliche, biegsame Natur. Ich sagte vorher, daß du nicht andauernd mein Schüler bleiben könntest, denn du wirst nicht an mir haften; du suchst, das weiß ich. Du suchst nach etwas Weitergreifendem, nach einem Standpunkt, der die Streitenden vereinen kann. Du bist eine sammelnde, eine mischende Natur. Ich gehöre zu denen, die säen und du zu denen, die ernten. Deshalb sage ich nochmals, daß Alexandria der rechte Ort für dich ist. Es ist der große Kessel der Ideen, in dem die ungeheure Mischung vor sich geht. Die Gedanken des Orients und Okzidents, Hellas' und Roms, die Ägyptens, Palästinas und Persiens werden unaufhörlich in seinen großen Schlund geworfen. Lege dein Ohr an seinen Rand und lausche seinem Sieden und Brausen: das ist das Dröhnen der ungeborenen Stürme! Betrachte den vielfarbigen Dampf, der aus der Kumme heraufwirbelt: das ist die Wolke, deren Niederschlag alle die Keime nährt, deren der geistige Boden schwanger ist.« »Ich will deinen Rat befolgen,« antwortete Antigonos, der das Richtige in Valentinos' Worten fühlte. Vor einigen Jahren hielt ich mich in Alexandria auf, aber damals verkehrte ich mit den Isispriestern, deshalb wird man mich kaum wieder erkennen. Sollte ich dir geistig wirklich entfremdet werden, so werde ich mich doch stets in Liebe und Dankbarkeit meines großen Meisters erinnern.« Sie waren jetzt innerhalb der Stadtmauern angelangt und trennten sich. Als Antigonos nach Hause kam, fand er eine versiegelte Schreibtafel auf seinem Tisch. Das Blut stieg ihm zu Kopf, seine Hände zitterten, während er sie erbrach. Es war Erinna, die ihm mitteilte, daß sie einen Sohn geboren habe und meinte, schon eine Ähnlichkeit mit ihm zu erblicken. Sie sei gesund, aber noch sehr schwach, und die Sehnsucht nach ihm zehre an ihr. Er stand einen Augenblick wie betäubt; denn so vollständig hatten ihn die letzten gewaltigen Eindrücke mit ganz anderen Gedanken erfüllt, daß er darüber die Trennung von Erinna vollständig vergessen hatte. Diese bedeutete eigentlich kein Hindernis, sie war im Gegenteil nur ein Grund mehr für ihn, Rom zu verlassen. Er durfte in diesem Verhältnis nicht verbleiben, dessen Sündhaftigkeit plötzlich in seiner ganzen beschämenden Klarheit vor ihm stand. Denn schon ehe er der Katechumen Valentinos' wurde, hätte seine ganze Denkweise sich gegen jenes Verhältnis sträuben müssen. Aber nur langsam und gradweise war sein Gefühlsleben davon durchdrungen und seine Leidenschaft untergraben worden. Bei dem Gedanken an all die Trauer, die er ihr hiermit verursachen mußte, ergriff ihn ein heftiger Schmerz. Es war jedoch notwendig. Er gedachte der Worte seines Meisters – laß dich nicht von alten Erinnerungen leiten, sie gehören dir nicht mehr an. Diese Verbindung war gleichsam der Nabelstrang zwischen dem alten Antigonos und dem neuen Theophilos, der durchschnitten werden mußte. Nur das Kind mußte er jetzt als ein schändendes Andenken von jenem übernehmen, als Mahnung daran, wie tiefer nicht allein in das Seelische, sondern auch in das Fleischliche gesunken war, ehe er sich – wiedergeboren in der Taufe – zur reinen Welt des Geistes erhoben hatte. Er nahm sich vor, den geistigen Keim des Kindes zu überwachen und seinen Wuchs zu beschützen, auf daß es zum Kämpfer des Geistes heranreife und sich von der Frucht der Sünde zu einem Gefäß der Berufung entwickle, das möglicherweise andre zur Erlösung führe. Von solchen Gedanken erfüllt, lag er, die Arme kreuzförmig ausgebreitet, das Gesicht gegen die Steine gedrückt, noch am Boden, als schon die Morgendämmerung begann, das Zimmer zu erhellen. Duc ad Christianos! In der Hermäeutischen Bucht lag eine kleine Flotte mit goldglänzenden Gänsen in den Mastspitzen vor frischer Kühlte. Es waren Handelsschiffe, beladen mit ägyptischen Weizen. Auf dem Deck eines der vordersten stand Antigonos. Er hatte in Alexandria zehn wirksame, aber einförmige Jahre verbracht. In der großen Stadt, wo die Gegensätze einander weniger scharf berührten, und niemand etwas von dem jungen Manne wußte, der sich Theophilos nannte und der sich durch seinen christlichen Eifer und seine vornehme Bildung auszeichnete, war er, ohne auf Schwierigkeiten zu stoßen, in die christliche Gemeinde aufgenommen worden. Es ereignete sich ganz, wie Valentinos es vorausgesagt hatte. Frühmorgens disputierte er mit den Schülern Platos und Philos in den prachtvollen Sälen des Museums; zur Mittagszeit saß er zwischen den Gnostikern, und abends feierte er die Agapen mit der christlichen Gemeinde. Nach Verlauf einiger Jahre stiftete er eine Katechetenschule, wo er den zukünftigen Diakonen und Presbyterianern Unterricht in christlicher Philosophie und der Erklärung der heiligen Schrift erteilte, ganz gewiß für einen geringen, aber für seine anspruchslosen Bedürfnisse hinreichenden Lohn der Gemeinde. Aus Bescheidenheit schlug er jedes Anerbieten einer kirchlichen Stellung aus. Als er etliche Jahre hindurch in Alexandria gewesen war, erhielt er die Nachricht vom Tode Valentinos', der auf Cypern verstorben war. Er hatte einen lebhaften Briefwechsel mit ihm und Herakleon unterhalten, der jetzt zur Hauptstadt Ägyptens kommen wollte. Herakleon wünschte, ganz wie Antigonos, eine Aussöhnung herbeizuführen, und hielt ständig weniger fest an der geschlossenen Richtung des Meisters. Sie sahen einander beinahe täglich, und Antigonos war ihm bei der Auslegung des Johannesevangeliums behilflich. Dieser hatte vor seiner Abreise von Italien sich nicht dazu entschließen können, Erinna wiederzusehen. Durch, einen Brief versuchte er, sie über die Trennung zu trösten und ermahnte sie nochmals, sich, zur ewigen Wahrheit zu bekehren. Auch bat er sie, den Sohn zu ihm kommen zu lassen, wenn er einige Jahre alt sei. Nach fünf Jahren wurde ihm auch das Kind von seiner Pflegemutter, einer Freigelassenen Erinnas, gebracht. Es war ein hübscher Knabe von der kräftigen und gesunden Körperbildung seiner Mutter. Er zeigte bald Aufgewecktheit und Sinn für das religiöse Leben, in dem er aufwuchs; aber er verfiel nie in krankhafte Extase, und sein Sinn war nicht aufs Mystische und Tiefsinnige gerichtet. Als Kind schon meinte man an ihm, der in Rom geboren war, in seinem praktischen und konkreten Geist das Gepräge des Okzidents zu spüren. Sein Charakter war von größerer Selbständigkeit und Willensstärke als der des Vaters, und er besaß nicht dessen friedliebendes Gemüt. Wenn die anderen christlichen Kinder Psalmen sangen oder eine Liebesmahlzeit nachahmten, veranstaltete er ein Spiel, in dem er selbst, in einen roten Mantel gehüllt, den Bann der Kirche über irgendwelches gaffende Knäblein aussprach. Oder er spielte Verfolgung und ließ seine Kameraden ihn und einen anderen standhaften Christen mit Zangen kneifen oder mit Weidenzweigen peitschen und warf sich schließlich selbst über sie her, kroch auf allen Vieren und brüllte wie ein wildes Tier. Als er zehn Jahre alt war, wurde er getauft und bekam den Namen Agathos. Zur selbigen Zeit hatte die alexandrinische Gemeinde beschlossen, einen Brief an den Bischof Polykarpos in Smyrna zu schicken. Antigonos, der in hoher Gunst bei ihrem eigenen Bischof stand, erbat sich die Gnadenbezeigung, der Überbringer sein zu dürfen. Obschon er unentbehrlich war, wollte ihm dieser sein erstes Begehren nicht abschlagen. Jetzt stand Antigonos denn also am Schiffssteven, die Briefrolle in den Brustfalten des Mantels verborgen, während die Segel klapperten, die Flöten ertönten und das Platschen der Ruder den Takt zum Gesang der Ruderer schlug. Sie waren schon dicht am Hafen, und das berühmte Smyrna breitete sich vor ihnen aus, das Innere der Bucht umspannend, indem es zwei lange, weiße Arme längs des Strandes ausstreckte, die auf ihren äußersten Spitzen nur die unterbrochenen Reihen der Marmorvillen zeigten, die gleich angespülten Schaumblasen aus den Oliven- und Lorbeerwäldchen auftauchten. Aber hinter dem Wald von Masten erhob sich die Stadt selbst im leuchtenden Marmor ihrer Häuser, Paläste, Tempel, Säulenhallen, Theater und Basiliken – terrassenförmig, wie ein ungeheures Amphitheater für ein Seegefecht. Eine leichte Wolkenschicht, von der Abendröte bestrahlt, streckte sich wie ein gestreiftes Sonnensegel über den Bergkamm hervor. Antigonos' Herz klopfte, während er die einzelnen Häuser betrachtete und sich vorstellte, daß in einem von ihnen Polykarpos wohnte. Denn es erschien ihm als das höchste Erdenglück, dem Manne zu begegnen, der ein Schüler war desselbigen Schülers, der vom Herrn geliebt, das Abendmahl mit ihm gehalten und an Jesu Brust gelegen hatte. Das Schiff lief an, und die Zöllner kamen mit ihren Tafeln in der Hand an Bord. Auf dem Kai bildeten römische Soldaten ein Eisengitter um den ungeheuren Pöbelauflauf, der den ganzen Platz zwischen der Stadt und dem Hafen ausfüllte. Es war ein Haufen in Lumpen gekleideter oder nackter Männer und Weiber, – von denen mehrere an den schlaffen Brüsten Säuglinge hielten, – mit abgezehrten Mienen, brennenden, eingesunkenen Augen und knöchernen Armen, die sie drohend erhoben, während von allen Seiten her die Rufe erschollen: »Brot, Brot«! »Aus Alexandria ist Korn angekommen, wir wollen nicht mehr, wie Hunde, vor Hunger sterben ... Teilt es aus! Die Reichen verbergen das Korn in ihren Kellern ... Schmeißt die Wache ins Wasser! ... Erstürmt die Schiffe! Hängt die Zöllner und die Kornwucherer in die Masten hinauf! ... Verteilt das Korn unter das Volk! Brot, Brot!« Das Jahr war sehr trocken gewesen. In dem herrlichen Smyrna hatte die Hungersnot die Bevölkerung zu Tausenden hinweggerafft. Auch in Ägypten war die Ernte sehr mager ausgefallen; das Korn wurde mit den höchsten Preisen bezahlt, und trotz alledem hatte man nicht genügend zur Versorgung des Staates beschaffen können. Man mußte vorsichtig zu Werke gehen und die Verteilung langsam und mit genauer Berechnung vornehmen, wenn nicht nach einer kurzen Sättigung von ein paar Tausenden die ganze Bevölkerung am Hungertode dahinsterben sollte. Indes nun die zusammengelaufenen Massen ihre hochgespannten Erwartungen getäuscht sahen und die Zähne des Todes schon ihr Gedärm erfassen fühlten, stieg die Erbitterung von Minute zu Minute, bis sie hinter der stillen, lächelnden Meeresbucht ein wogendes brüllendes und schäumendes Menschenmeer bildete, dessen Zufluß aus den Pöbel speienden Straßen der Stadt in stetem Zunehmen war. »Willst du mir vielleicht sagen, mein Freund, wo der Bischof Polykarpos wohnt?« fragte Antigonos einen Mann, als er das dichteste Gedränge durchschnitten hatte. »Ich dein Freund, Unverschämter? – bin ich der Freund von einem, der nach Polykarpos sucht?« »Polykarpos! das Haupt der Gottlosen? ... Wer fragt nach Polykarpos?« »Der dort,« – »der Lange, mit dem schwarzen Haar!« rief eine halbnackte Frau, ihren Vogelhals aufwärts streckend. – »Kam er nicht von einem der Kornschiffe?« »Nein.« »Ja, ja, doch – wir sahen ihn, als er über die Brücke ging,« wurde geantwortet. »Dann paßt auf,« rief das Weib. »Paßt auf, sage ich euch! Die Christen haben alles Korn aufgekauft.« »Ja, ja, die wollen uns aushungern ... Und ihre Gottlosigkeit ist schuld daran, daß die Götter es nicht regnen lassen ... Die haben nicht mitgeopfert ... Das kommt daher, weil wir sie unter uns dulden ... Der Dampf ihres Blutes wird niederschlagen wie Regen,« rief es von allen Seiten. Antigonos hatte sich beeilt, wegzukommen. Etliche Steine sausten an ihm vorüber. Als er in eine Straße eingebogen war, wurde sein Arm von einer Hand berührt. »Du fragtest nach Polykarpos,« flüsterte eine Stimme; »folge mir!« »Wer bist du? warum antwortetest du nicht, als ich fragte – du hast es doch gehört?« »Weil ich nicht gesteinigt werden wollte. Wer ich bin? Ein Christ. Übrigens bin ich Schuhmacher in Smyrna und habe zurzeit nicht mehr zu essen, als daß ich angefangen habe, mich von meinem Leder zu nähren. Aber ich halte wohl die Not aus, wenn nicht die Männer Belials mich erschlagen.« »Haben die Heiden etliche von den Christen ermordet? Cäsar hat ja die Verfolgung friedlicher Bürger verboten.« »Wir sind hier weit von Cäsar entfernt. Übrigens ist noch niemand ermordet worden; aber du hörtest ja soeben, wie man gesonnen ist. Unsere Gemeinde in Smyrna ist weder klein, noch arm, und wir halten zueinander, indem die Reichen für die Bedürftigen sorgen, und noch keiner Hungers gestorben ist. Dies haben die Heiden bemerkt, und das reizt den Pöbel. Gestern wurden mehrere Männer gegeißelt, weil sie einen christlichen Kornhändler durch Steinwürfe verwundet hatten. Wir müssen für unsere Obrigkeit bürgen; wenn sie gleich heidnisch ist, kommt sie doch von Gott. Unser Prokonsul, Statius Quartus –« »Wen nennst du? Titus Statius Quartus?« »Jawohl, ihn selbst. Vor einem halben Jahr kam er hierher nach Smyrna. Das ist ein Kerl, der die Zügel straff hält. – Ja, hier wohnt also unser Bischof. Solch ein Haus konnten wir ihm schenken; daran kannst du sehen, daß wir wohlhabend sind. Aber es gibt auch keine Gemeinde wieder in der ganzen Welt, die solch einen Bischof hat – einen Mann, der wie er, das Osterlamm in der Gemeinschaft mit den Aposteln genossen hat. – Leb wohl, Gott sei mit dir!« – – Die plötzliche Nachricht, daß Quartus Prokonsul hier in Smyrna sei, und der Gedanke, wiederum innerhalb derselben Mauern mit Erinna zu leben, versetzte Antigonos in eine starke Unruhe, deren er sich schämte, die er aber nicht sofort bezähmen konnte. Er stand etliche Minuten an die Mauer gelehnt, um sich zu fassen, ehe er es wagte, anzuklopfen. Ein Sklave öffnete ihm. Stammelnd verlangte er, beim Bischof vorgelassen zu werden. Der Sklave führte ihn durch eine Vorhalle, wo etliche Schreiber und Diakonen arbeiteten, zog im Hintergrund einen Vorhang zur Seite und zeigte hinein. Antigonos trat ein. Der Vorhang schloß sich hinter ihm. An der gegenüber liegenden großen Fensteröffnung saß eine hohe Gestalt. In Betrachtungen versunken, hatte er den Eintretenden nicht bemerkt. Antigonos stand unbeweglich, aus Furcht, eine apostolische Gedankenreihe oder prophetische Schauung zu unterbrechen, erfreut beim Anblicke des mächtigen Hauptes, das sich dunkel und scharf gegen den Abendhimmel abhob, gleichwie auf dem Goldgrund einer Glorie. Zu oberst lag das wollig weiße Haar noch dick um Stirne und Schläfe und fiel lockig über den Nacken hinunter. Die gefurchte Stirn bildete eine gleichmäßige Linie mit der geraden Nase und der weiße, die Oberlippe verbergende Bart senkte sich in einer Spitze über die Brust hinab. Das Licht glänzte in seinen großen, nach oben blickenden Augen. Nach einigen Minuten wandte Polykarpos den Kopf, ohne eine Überraschung über die Gegenwart einer fremden, stummen Gestalt zu äußern, Unter den scharf hervorspringenden Augenbrauen, die sich wie ein paar Flügel zu Seiten der breiten Nasenwurzel ausstreckten, hefteten seine tiefliegenden klaren Augen sich streng auf Antigonos, und mit einer klangvollen Stimme fragte er: »Wer bist du, Fremder? – suchst du mich?« – »Ich bin ein Christ aus Alexandria, der dir Grüße bringt von deinem Bruder, dem Bischof daselbst. Er und die Gemeinde schicken dir diesen Brief.« Polykarpos nahm die Briefrolle, und während er, am Fenster lehnend, beim hinsterbenden Abendlicht diese durchlas, konnte Antigonos des Anblicks der schönen Gestalt nicht müde werden. Das Gesicht erinnerte ihn an Bilder, die er von Christus gesehen hatte, und bisweilen überkam ihn das Gefühl, des Menschen Sohn in einem höheren Alter vor sich zu sehen. Aber der Ausdruck des Bischofs war strenger und von größerer selbstbewußter Würde geprägt, als er sich diesen beim Erlöser vorstellte. Polykarpos legte die Pergamentrolle auf den Tisch und ergriff seine Hand. »Du bist willkommen, Theophilos! und ich danke dir für das Überbrachte. Dieser Gruß von den Alexandrinern und ihre Beständigkeit im Glauben hat mein Herz erfreut ... Mein Bruder auf dem Bischofsstuhl Alexandrias schreibt außerordentlich wohlwollend über dich. Er lobt dein Wissen und deine Kenntnisse in der Philosophie und in den göttlichen Wissenschaften. Aber, mein Sohn! sei auf der Hut! Wahre dich vor leeren Reden und Untersuchungen, die so viele in Irrtümer geführt haben. Denn es gibt Gedanken, die sich nicht ohne weiteres dem Gehorsam des Glaubens unterordnen ... Wie viele haben sich hierdurch nicht verleiten lassen zu leugnen, daß Christus im Fleische war und noch im Fleische ist? – diese bekleiden ihn mit einem Scheinkörper und verachten die fleischliche Gestalt, von welcher Gott der Herr selbst gesagt hat, daß »sie gut sei« ... Ich aber sage dir, daß dieser geistige Hochmut größere Sünde ist als die sinnliche Lust; denn diese hat die Menschen zu Falle gebracht; aber jene hat die höchsten Engel vom Throne Gottes in die Tiefen der Hölle hinuntergestürzt.« Die Dämmerung des Zimmers verbarg das Erröten Antigonos'. Seine ganze Geistesrichtung und Denkweise ließen ihm dies als harte Worte erscheinen, daß Gott wirklich körperlich gewesen sei und im Fleisch verbleiben sollte. Valentinos hätte wahrlich diesen Menschen »seelisch und fleischlich« genannt, aber »dem Geiste fremd« dachte er, indem er den Aposteljünger betrachtete, der in großer Erregung das Zimmer auf und ab schritt. »Auch hier hat die Lehre sich hereingedrängt,« fuhr er fort, »und einigen die Köpfe verdreht, die ich infolgedessen von der Kirche ausgeschlossen habe. Und das ist es, was ich an Alexandria auszusetzen habe! ganz wie mein Meister nach Pergamum schrieb; aber die Dinge habe ich gegen dich, daß du Etliche dabei hast, die an Bileams Lehre festhalten, so sage ich auch zu euch, ihr Alexandriner: ich habe das gegen euch, daß ihr mit dieser Scheinlehre durch die Finger seht, und daß weltliches und hochmütiges Wissen wie üppiges Unkraut im Nilschlamm unter euch wächst ... Derjenige, der sich nicht zu Christi Fleisch und Blut bekennt, dem nützt Christus gar nichts, Denn es steht geschrieben: das Blut schafft Versöhnung für die Seele. Wenn dann Christus kein Blut hätte, wäre das Opfer und die Versöhnung nicht geschehen, und wir ständen noch immer unter dem Verderben. Außerdem haben wir noch jene Irrlehrer; diese wird Christi Blut nicht loskaufen, sondern wird sie gleichsam zuschanden machen, wie das Blut auch Ägypten in den Tagen Pharaos zuschanden machte, ein Vorbild für sie ... Siehe, diese Scheinlehrer und ihre Meister sollten wie ein Schein vergehn, ja, wie ein Nebel vor der Glorie Christi, wenn er ehestens in seiner Herrlichkeit kommen wird, um das Reich zu gründen.« Polykarpos stand plötzlich still vor Antigonos. Seine Knöchel schlugen hart auf die Mosaikplatte des Tisches. Jetzt sprach der Jünger des Apokalyptikers, dachte Antigonos. Und wieder fielen die Worte Valentinos' ihm ein: »Die Offenbarung ist ein Werk des seelischen Johannes, der nur den niedreren Jesus erkannte.« Polykarpos aber fuhr fort, indem er die Hand vor sich hinschleuderte: »Nun, diese sind wohl von uns ausgegangen, aber sie waren keine von den unsrigen. Sie sind die Spreu, die von der Schaufel Christi herabfällt, wenn er seine Scheune reinigt. Sie sind die Samaritaner. Was aber vor allem mein Inneres aufbrausen und meine Seufzer wie die eines Weibes in Geburtswehen erklingen läßt, das ist die Uneinigkeit unter denen, die doch Christus im Fleisch bekennen; diese Reibungen, die für immer das Volk des Herrn in ein Juda und ein Israel zersplittern werden ... Sage mir, Theophilos, stehen auch in Alexandria die Judenchristen und die Heidenchristen scharf widereinander?« »Beinahe die ganze Gemeinde besteht aus Heidenchristen, und diejenigen, die von den Juden hinzukamen, sind meist Schüler von Philos.« »Ja, ja, Samaritaner, Scheinlehrer, pfui doch! Nun, hier in Smyrna dämpft mein apostolisches Ansehen den Streit herab. Denn ich, der ich der Architrav der jüdischen Apostelsäulen bin, ich richte mich noch mehr nach den heidnischen Übergetretenen als mein Meister das tat, und ich schätze das apostolische Werk Pauli. Möchte es doch eine Herde werden, wie auch ein Hirt ist, auf daß die geteilte Kirche nicht den Heiden als Beute zufalle.« »Sondern sei, wie das Gewand Christi, ohne Naht, ein Stück von oben bis unten, so daß die römischen Soldaten es nicht teilen könnten –« bemerkte Antigonos. »Wo hast du das her?« fragte Polykarpos, und betrachtete ihn mit einem der plötzlichen kalten Blicke, die ihm eigen waren. »Vom Evangelium.« »Von welchem Evangelium? denn da ist ja das Evangelium der Hebräer; das nach Markus, dem lateinischen Matthäus; das Evangelium des Thomas, das Kindheitsevangelium, die Werke Pilatus' und noch eine Menge andre, von denen nur wenige apostolisch sind.« »Ich meine das Evangelium nach Johannes.« »Mein Meister,« antwortete Polykarpos, »hat keines geschrieben, mit Ausnahme seiner herrlichen Offenbarung, die wahrlich ein Evangelium über den zukünftigen Christus ist. Wenn er es auch nicht selbst niedergeschrieben hat, ist es doch sein Geist.« Hier wurde Antigonos unterbrochen; denn ein Mann in Rüstung und mit einer roten Kappe um die Schultern riß den Vorhang zur Seite und trat schnell in das Zimmer. »Der Prokonsul grüßt dich, Polykarpos,« sagte er atemlos, »und läßt dir sagen, daß du eiligst die Stadt verlassen mußt. Der hungernde Pöbel macht Aufruhr und fordert dein Leben. Die meisten Soldaten sind am Hafen.« »Dann ist die Stunde gekommen, in der ich wirklich die Stadt und die Welt verlassen muß, um zu Christus aufzufahren. Denn wie ich vorher dort saß, hatte ich eine Erscheinung, in der mein Vorderhaupt und mein Haar in Flammen standen, und ich fühlte das brennende Feuer an meiner Stirn. Jetzt weiß ich nun, daß dies ein Zeichen von Gott war, und daß ich lebendig verbrannt werden soll.« »Keineswegs,« rief der Tribun, »aber du mußt dich in deiner Villa verborgen halten, währenddessen zerstreuen wir den Pöbel. Der Wagen steht am Gartenausgang bereit, und eine Bedeckung von zehn Berittenen ist beigegeben. Es ist jedoch keine Zeit zu verlieren.« »Nun, dann ergebe ich mich, wenn ich doch dem mir bestimmten Los nicht entgehen kann, es geschehe, wie Gott es will. Willst du mich begleiten, Theophilos?« »Ich bin nicht Polykarpos.« »Was meinst du hiermit?« fragte Polykarpos, sich plötzlich umkehrend und ihn scharf anblickend. »Ich meine, daß der Pöbel dich sucht und nicht mich.« »Nein, nein,« rief der Bischof aus, »du meintest, daß du nicht bist wie Polykarpos, der die Brüder in der Stunde der Gefahr verlassen will... Ja, jetzt weiß ich's, es gilt nicht mir allein, sondern uns allen, und ich will bei euch bleiben, mit euch sterben und auffahren zu Christus.« Die Diakonen und Presbyterianer aber, die ins Zimmer eingedrungen waren, flehten ihn an, sein Leben zu retten und der Kirche zu erhalten. Sie würden alle gern sterben, wenn sie ihn gesichert wüßten. Polykarpos blieb unerbittlich. Der Tribun stampfte mit dem Fuße. »Dumme Bedenken! Wenn du nicht freiwillig gehst, lasse ich dich – bei Herkules! – von den Reitern hinausschleppen. Du bist mein Gefangener, und der Prokonsul verweist dich auf deine Villa,« »Ich beuge mich dem Willen meiner Obrigkeit,« sagte Polykarpos. »Brüder, lebt wohl! Gott sei mit euch allen und stärke euch für das, was er euch schickt.« Er konnte ihnen nichts weiteres sagen, weil ihn der Tribun mit sich fortriß. Gleich danach hörte man Peitschenknallen und Hufschläge, die sich bald verloren. Erst jetzt überlegte Antigonos, welche Gefahr ihm drohe, und das um so mehr, als es ihm schien, daß er ein fernes, einförmiges Brausen, Schnurren oder Brummen vernehme. Er sah sich um. Ja, auch die anderen lauschten. Verstohlen blickten sie aufeinander, bleich, sprachlos und spähend, ob die Züge des Nächsten verrieten, daß etwas Ungewohntes sich ereigne. Man konnte jetzt nicht mehr im Zweifel sein. Das war kein Ohrensausen. Mit rasender Eile näherte sich das dumpfe Getöse, löste sich auf in verschiedene Laute, und schon konnte man einzelne Rufe und Schreie unterscheiden. Ein Gedröhne an der Pforte erschütterte das ganze Haus. Noch eines, mehrere hintereinander, schneller und schneller, Schlag auf Schlag. Beim ersten waren alle zusammengefahren, als wären sie davon getroffen worden. Bei dem nächsten sprangen die meisten in die Höhe und stürzten sich aus den Fenstern, um Rettung in der Flucht durch den Garten zu suchen. Nur zwei Presbyterianer und ein Diakonus blieben zurück, vom lähmenden Entsetzen oder standhaften Mut zurückgehalten. Ein gewaltiges Krachen und ein lautes Gebraus, wie beim Durchbruch einer Schleuse... und dann erscholl der Name Polykarpos! Der Fußboden erdröhnte unter schweren Schritten, der Vorhang wurde wie von Feuersbrunst durchleuchtet. Er wurde zur Seite gerissen; der Schwarm und Fackellicht strömten in das Zimmer. »Polykarpos!« »Wo ist der Gottlose?« »Ist der feige Kerl nicht hier? Wo ist er?« »Polykarpos ist nicht hier,« antwortete Antigonos. »Hades und Tartaros! das sehen wir schon selbst. Aber wo ist er?« »Antwortet, ihr Hunde! seid ihr stumm! Sollen wir euch das Zungenband durchschneiden?... Haut sie nieder!... Schindet sie!... Verbrennt sie?...« Keulen sausten über ihren Köpfen, Messer blitzten vor ihren Augen, Fackeln versengten ihr Haar. Da warf plötzlich ein riesenhafter Smyrnenser die Nächststehenden zur Seite: »Nicht hier, sondern vor den Altären der Götter und den Augen des Volkes! Blendet sie! Fort mit euch! sputet euch, ihr faulen Esel. Bringt Fackeln in den Garten! Sucht nach ihnen! Und dann hinaus in die Villa mit euch. Einen dreidoppelten Kornhaufen jedem von euch, der Polykarpos herbeischafft. Und dann brennt dieses verfluchte Haus nieder, und vorwärts mit den Gefangenen zur viereckigen Säulenhalle!« Die Hände auf den Rücken gebunden, geschleppt und gestoßen, waren Antigonos und die anderen hinausgedrängt worden und wurden jetzt von dem reißenden Menschenstrom die Straßen entlang getragen. Lautes Rufen und wilder Tumult betäubte sie; die dunklen Wogen, der blendende Fackelschein und der wirbelnde Rauch hinderte sie am Sehen. Nur dann und wann drangen scharfe Schreie von einer Seitenstraße heraus von Christen, die ermordet oder, wie sie, zur Schlachtbank geschleppt wurden. Der Schein des brennenden Hauses hinter ihnen fing bereits an, die Luft zu durchglühen. Plötzlich schien das Fackellicht sich zusammenzuziehen und zu beruhigen, und dunkle regelmäßige Streifen legten sich über die Köpfe der Menge. »Polykarpos? Habt ihr den Bischof?« »Er ist entflohen.« Ein erbittertes Geheul erhob sich von allen Seiten, widerhallend wie in einem Gebäude. »Gepriesen sei der Herr! – sein Arm ist nicht gekürzt! – er hat seinen Diener nicht den Händen der Heiden überantwortet.« Es waren die christlichen Gefangenen, die diese Worte riefen. Antigonos sah sie, ein zusammengedrängter Haufe von Männern, Frauen und Kindern, umringt von dem heulenden Pöbel, der sie anspuckte, an den Haaren zog, Messer vor ihren Gesichtern schwang und die Funken der Fackeln über sie herunterfallen ließ. Ihnen zu Seiten erhoben sich starke Säulen, deren Kapitäle im Rauch verschwanden; vor und hinter ihnen standen ebenfalls Säulenreihen, – eine breite Steinallee, die die Basilika in drei Schiffe teilte, und ihre Schatten nach beiden Seiten warf. Dicht daneben und so gefesselt, daß jeder von ihnen eine Säule umschlang, wurden drei nackte Männer gegeißelt, wobei die knallenden Geißelschläge rund herum widerhallten. »Das Korn! Wo habt ihr's verborgen, ihr gottlosen Hehler! Heraus damit, Wucherer, wenn ihr nicht unter den Geißeln sterben wollt!« Zwischen den Säulenreihen hindurch strahlte auf einem Altar ein Bronzehaupt von Zeus, vom Feuer beleuchtet. Hier verkündete ein Mann den Christen, daß einem nach dem andern seine Fesseln gelöst werden würden, wenn sie sich bereit zeigten, Räucherwerk ins Feuer zu streuen. Jeder dagegen, der sich sträube, würde geschlachtet und in Stücke zerschnitten werden von einer mit Keulen, Stangen, Messern und rostigen Schwertern bewaffneten Schar, die gegenüber auf sie warte. Der auf diese Weise drohende Tod schien den Mut vieler sinken zu lassen. Zitternd und bleich standen sie da, mehrere jammerten und weinten, einzelne erboten sich schon zu opfern. Da rief Antigonos mit lauter Stimme: »Ihr Männer aus Smyrna! ich, der ich von der alexandrinischen Gemeinde gesandt wurde, habe zuletzt mit eurem Bischof gesprochen; und ich kann euch Zeugnis dafür ablegen, daß er uns nur unwillig und auf Befehl des Prokonsuls verlassen hat und daß nur durch die Aufrührer und gegen die Bestimmungen der Obrigkeit diese Leiden über uns kommen. Deswegen steht fest und denkt an das, was der Meister eures Bischofs an euch geschrieben hat, indem er euch vor der ganzen Christenheit hervorhebt: Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, auf daß ihr versucht würdet, und ihr werdet zehn Tage Drangsal erleiden. Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.« Die Heiden hatten ihn sprechen lassen in der Hoffnung, etwas über Polykarpos zu erfahren. Jetzt unterbrachen sie ihn durch ihre Rufe. Am lautesten von ihnen war eine durchdringende Weiberstimme: »Ei, das ist ja der Lange vom Kornschiff, der nach Polykarpos fragte. Peinigt ihn, martert ihn! Er weiß es, daß die Christen das Korn aufgekauft haben.« »Ja, her mit ihm! Er kennt auch das Versteck von Polykarpos ... Er trotzt uns ... Er unterstützt ihre Gottlosigkeit!« Der Kittel wurde Antigonos abgerissen. Er wurde der Länge nach vor dem Altar hingestreckt. Die Geißelschläge regneten auf seinen Rücken hernieder und drangen ihm mit brennendem Schmerz bis vor in die Brust. Ein starkes Feuer schnitt ihm in die Augen. Vor sich sah er einen knisternden Scheiterhaufen aus vielen aufeinander gehäuften Fackeln, vor dem sich einige schwarze Gestalten bewegten. Er gedachte der Worte Polykarpos' und erschauderte bei dem Gedanken, lebendig verbrannt zu werden. Hände ergriffen ihn, und schon fühlte er sich in die Flammen geworfen; man legte ihn aber nur auf den Rücken. Plötzlich sah er einen Mann sich über ihn beugen. Ein nackter Arm streckte sich hervor, der eine glühende Eisenstange über ihn herabsenkte und in seinen Schenkel eingrub, was einen zischenden Laut im Fleisch hervorbrachte. Antigonos biß die Zähne zusammen und stöhnte in seinen Schmerzen. Dies wiederholte sich dreimal, in der Brust und auch im linken Arm. »Wirf Räucherwerk auf den Altar! ... Sage uns, wo Polykarpos ist,« riefen sie von allen Seiten. »Ich verrate niemand,« rief Antigonos, »weder den Bischof von Smyrna, noch den Erlöser der Welt.« Dann wurde ihm der Mund aufgerissen, ein Pfriemen zwischen seine Lippen gesteckt und die Zungenbänder durchgeschnitten. Ein Mann gab ihm Räucherpulver und Mehl in die Hand und sagte: »Wirf dies hier ins Feuer, wenn du nicht mehr leiden magst.« Über seinem Kopfe aber streckte sich von hinten eine Fackel hervor, von der ein brennender Pechtropfen auf sein Kinn herabfiel und einen Schmerz verursachte, der ihm zehnmal stärker erschien, als der der glühenden Zangen. Antigonos hörte einen lauten Schrei, den er unwillkürlich ausgestoßen hatte, von der Decke widerhallen. Schon wuchs und zitterte ein zweiter Tropfen gerade über seinem Mund und einige andere über seinen Augen; aber die Fackel wurde plötzlich aufwärts geschleudert, und mit einem Gebrüll wie das eines Stiers, der vom Beil schlecht getroffen wurde, brach sein Henker zusammen, während ihm eine Tuba ins Ohr schmetterte und blinkende Waffen unter der heulenden Menge aufleuchteten. Eine Stimme, die Antigonos erst vor kurzem gehört hatte, rief: »Die Türen werden bewacht. – Wer noch eine Hand erhebt, ist des Todes. – Ihr alle seid Cäsars Gefangene.« Dann hüllte sich alles in tiefe Finsternis und lautloses Schweigen rings um ihn her. Zwischen den Stürmen Gefallene – von den Aufrührern?« »Ungefähr zehn, Prokonsul, die Verwundeten abgerechnet.« – »Soldaten?« »Keine ... sieben Verwundete.« »Und die Christen – arme Toren – wie ist es ihnen ergangen?« »Zwei Kornhändler sind gegeißelt worden und ein Armer, halbtot von Peitschenhieben und Brandwunden; den übergab ich der Gemeinde.« »Sehr sparsam. – Und Gefangene? – wie viele, nur so ungefähr?« »So viele als die viereckige Säulenhalle aufnehmen kann. Als ich die Christen weggeschickt hatte, zog ich die Soldaten heraus und besetzte den Eingang mit starker Wache.« »Vortrefflich. Vorläufig ist wohl nichts anderes zu tun, als sie streng zu bewachen. Augenblicklich habe ich keine Gelegenheit, das früheste wäre morgen. Die Verproviantierung der Stadt wird mich ganz in Anspruch nehmen ... Ich bin mit dir zufrieden, Flaminius,« fügte der Prokonsul mit einer abfertigenden Handbewegung hinzu, als der Tribun noch zögerte sich zu entfernen. »Aber – bedenkt der Prokonsul die Zustände, in denen sie sich befinden? ... Wenn nicht Maßregeln getroffen werden, ich meine, es werden nicht viele Gefangene für das Gerichtsverfahren übrig bleiben.« »Dann wird Korn gespart.« Der Tribun sah ihn an, ob er scherze. Aber Statius Quartus beugte sich schon wieder über seine Pergamente und Papiere. »Sie haben alle ihr Leben verwirkt,« äußerte er, ohne aufzublicken, »aber ich will Gnade für Recht ergehen lassen und diejenigen, deren Leib es aushält, nur mit der Geißel strafen.« Der Tribun zog sich zurück. Quartus aber saß noch immer bei seiner Arbeit, als gegen Abend Polykarpos gemeldet wurde. Der Bischof wollte ihm für seine Milde und seine Fürsorge danken. Aber der Prokonsul unterbrach ihn. Es wäre seine Pflicht, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen. Sowohl Cäsar als der Senat hätten diese tumultuarischen Verfolgungen verboten. Wenn sie jedoch eine gesetzmäßige anordneten, würde er ihn vor die Tiere werfen lassen. Und als nun Polykarpos es wagte, seinen eigentlichen Auftrag vorzubringen und Quartus bat, schonend mit dem armen verhungerten Pöbel zu verfahren, ersuchte ihn dieser kurz, sich um sich selbst und seine Gemeinde zu bekümmern, und sich nicht in Sachen der Obrigkeit zu mischen. Dann rief er seinen Schreiber herein und brach die Unterhandlung ab. »Das sollte wohl einen edlen Eindruck machen,« murmelte er, als Polykarpos wegging, »und im Grunde genommen kostete es ihn nichts, denn er weiß wohl, daß keine seiner Bitten berücksichtigt wird.« Indessen war Antigonos in ein Haus gebracht worden, das der Gemeinde gehörte. Hier wurde er mit der größten Sorgfalt von den Witwen gepflegt, die, wie Polykarpos sich ausdrückte, der Altar Gottes seien. Schon am Tage nach dieser fürchterlichen Nacht war Antigonos bei vollem Bewußtsein und hatte schwer zu leiden. Die ganze Gemeinde betete für ihn. Der Bischof besuchte ihn täglich, und gleich nach seinem ersten Besuch begab er sich zum Prokonsul. Polykarpos' scharfer Blick hatte schon bei dem ersten Zusammentreffen entdeckt, wie verschieden Antigonos' Geist von dem seinigen sei, und er bemerkte ständig etwas an ihm, das seiner apostolischen Norm zufolge ketzerhaft sei. Aber er sah ihm, seiner Leiden um Christi willen gedenkend, durch die Finger, und beugte sich vor seiner Milde und Liebe. Was die Gemeinde betraf, so hätte Antigonos' Wort eine im übrigen häretische Lehre geheiligt. Der Bekenner Theophilos, wie er jetzt immer genannt wurde, war ihr zweiter Stolz geworden und durchaus kein geringerer, als der erste, nämlich der Johannesjünger Polykarpos. Sie hatte keine Verfolgungen erlitten: sie hatte keinen Märtyrer. Aber der Bekenner war für sie ein auferstandener Märtyrer, eine lebende Reliquie. Wenn seine Laken gewechselt wurden, riß man sie zur Verteilung in Stücke, und seine Schweißtücher brachte man den Kranken. Als er genas, feierten sie die Liebesmähler an seiner Lagerstatt. Als er anfing auszugehen, reichten die Mütter ihre Kindlein ihm entgegen, damit er sie segne. Und die Christen, die im Angesicht des Todes verzagt und unter den vollzogenen Martern ihren Abfall gefürchtet hatten, beichteten ihm ihre sündhafte Schwäche, und er sagte ihnen Vergebung zu. Dieser Eingriff in das Bischofsrecht kränkte Polykarpos, und er begann überhaupt, die dem Bekenner entgegengebrachte Gunst scheel anzusehen, in der er Ketzereien zu spüren schien. Darum eiferte er gegen das Johannesevangelium, das Antigonos der Gemeinde vorlas und ihr deutete. Diese Zustände machten Antigonos den Aufenthalt in Smyrna unerträglich. Er fürchtete, seiner Eitelkeit möchte geschmeichelt werden, und er war weit davon entfernt, Unverträglichkeit unter der Gemeinde erregen zu wollen und möglicherweise das Ansehen des Aposteljüngers zu schmälern. Hierzu gesellte sich noch die Unruhe, die Erinnas Nähe ihm einflößte. Nach Verlauf so vieler Jahre durchdrang sie seine Gedanken aufs neue, mischte sich störend in seine Andacht, was ihn zwang, sich mit der Geißel zu heilen. Eines Tages begegnete ihm ein prachtvoller, von purpurgekleideten Sklaven getragener Tragsessel; durch die dunklen Spatscheiben ließen sich die Züge der Insassin nur ahnen. Ein Schwindel und ein starkes Herzklopfen befiel ihn, so daß er sich an die nahe Mauer lehnen mußte. Schließlich fühlte Antigonos eine starke Sehnsucht, Judäa und die heiligen Orte zu sehen. Sobald sich eine Gelegenheit bot, reiste er, von einem Sendschreiben an die Gemeinde zu Jerusalem begleitet, dahin ab. Aber Jerusalem war nicht mehr. Kaum daß ein alter Name noch in der Erinnerung lebte, nachdem der Stern Jakobs erloschen und das Szepter Israels zerbrochen war. Er kam zu einer römischen Provinzstadt, die dem Jupiter geheiligte Alia Capitolina. Es war die Zeit der Ostern, und die christliche Gemeinde beklagte sich darüber, daß hier, wo ihre Väter vor undenklichen Zeiten das Osterlamm für Jehova geschlachtet hatten, – dem Jupiter geopfert würde – in seinem Tempel, auf dem heiligen Berg. Aber die marcionitischen Heiden-Christen priesen den Brand des alten Judentempels und verhöhnten diejenigen, die noch den gerechten Gott heiligten und damit bewiesen, daß sie den guten nicht kennten. Draußen vor der Stadt, so weit entfernt vom Tore, daß man den großen Schweinskopf nicht sehen konnte, der darüber gähnte, traf Antigonos die armen Ebioniten, die von fernher gepilgert waren, um soweit als möglich die Osterreise zu machen und das Gesetz zu erfüllen, das zu bestätigen – nicht, um es zu vernichten – ihr Erlöser, der Sohn des Zimmermanns, hergekommen war. Sie verfluchten die Unbeschnittenen und knirschten mit den Zähnen, wenn Paulus erwähnt wurde. Nach einem kurzen Aufenthalt zog Antigonos weiter, und als er Judäa und Galiläa durchwandert hatte, lebte er in der Wüste jenseits des toten Meeres, bei den Essenern, einer Sekte von Priestern, die sich vom Tempeldienst losgerissen hatte, indem sie das levitische Priestertum vergeistigte. Als er ihr erstes Dorf erreichte, war er von Hunger und Ermattung ganz erschöpft. Sie empfingen ihn wie einen Bruder und pflegten ihn gastfreundlich, aber einfach wie sich selbst. Denn sie lebten streng asketisch und enthielten sich des Fleisches und des Weines; auch hielten sie sich vollkommen keusch und vermehrten sich nur geistig, indem sie außerhalb Stehende bekehrten. Unter ihnen fand er keine Sklaven und keine Notleidenden, auch keine Reichen, denn sie hatten alles gemein. Niemals hörte man hier harte oder unkeusche Redensarten oder derbe Flüche. Ihr Tagewerk – Feldarbeit oder Handwerk – wurde still und friedlich vollbracht, eingeleitet und beschlossen vom Gebet. In Gebaren und Denkweise erschienen sie Antigonos gleich wahren Christen. Als er aber in ihren Versammlungen von Jesus und der Erlösung durch ihn sprach, schüttelten sie ihre Köpfe – sie könnten von Jesus nichts lernen, da er erst alles von ihnen gelernt hätte. Bei ihnen war er ja vierzig Tage lang gewesen, nachdem er die Taufe empfangen hatte. Deshalb hatte er ein allgemeines Priestertum verkündigt und den Geist des Gesetzes vollendet, indem er seine Formen brach. Er hatte den Eid verboten, die Armen und Keuschen selig gepriesen. »Ich habe den Propheten von Nazareth gesehen,« sagte ein Greis von anderthalb hundert Jahren, »wahrlich, er war ein heiliger Mann und darum ein Sohn Gottes. Aber seine fleischlich gesinnten Jünger haben seine Lehre verpfuscht und sie nach dem Geschmack der Welt eingerichtet, sowohl für die Juden als für die Heiden. Darum wird die Welt wohl christlich werden, aber wir bleiben Essener.« Und Antigonos wunderte sich höchlich; es schien ihm, daß er hier das Grenzland zwischen dem Reiche des Baumeisters und dem des höchsten Gottes gefunden habe. Nach zwei Jahren kehrte Antigonos nach Smyrna zurück. Polykarpos empfing ihn mit kühler Freundlichkeit. Die Gemeinde aber hielt Dankgebete ab, weil sie den Bekenner wieder in ihrer Mitte hatte. Antigonos hatte freilich nicht die Absicht, sich in Smyrna niederzulassen, obwohl er keine Sehnsucht nach Alexandria verspürte oder danach verlangte, sich einer anderen Gemeinde zuzuwenden. Er fühlte sich nur mit dieser verknüpft – denn bei ihr hatte er seinen Glauben mit seinen Leiden besiegelt, darum schien es ihm eine Unmöglichkeit, diese Stadt mit einer anderen zu vertauschen – die schönste Stadt unter der Sonne, deren Eigentum das Meer war und der die Quellen des Zephirs gehörten. Da kam Antigonos der Gedanke, die Einsamkeit zu suchen. Vielleicht würden andere seinem Beispiel folgen; sie würden dann eine Kolonie von Eremiten bilden, wie die Therapeuten bei Moeris, fern von Weltlärm und Versuchungen, die Zeit gleich der Ewigkeit, beinahe stillstehend verlebend, in der Beschäftigung mit Feldarbeit, Gebet und Betrachtungen. Zuerst war er geneigt, sich in der Homerschule niederzulassen. In einem einsamen Tal gegen Süden gelegen, umschattet von uralten Platanen, war eine Felsengrotte mit Steinbänken, die Sammelstätte der Zugehörigen. Zwischen fruchtbaren Ufern strömte der Meles das Tal entlang, über den sich in einiger Entfernung eine graue Steinbrücke wölbte, auf der man von Zeit zu Zeit eine Karawane in ihrer bunten Reihe dahinziehen sah. Aber der Ort war ihm zu nahe an der Stadt, er strebte weiter hinweg. Er wählte endlich seinen Aufenthalt am südlichen Abhang des Sipylosberges. Die Gegend war eine Mischung von Wüste und lächelnder, strahlender Fruchtbarkeit. Felsblöcke lagen ringsum verstreut und übereinander gehäuft, als ob Titanen damit gespielt hätten; tiefe steile Klüfte kreuzten sich wie ungeheure Inschriften von dem großen Erdbeben, das unter Tiberius die Gegend bis nach Sardes hin zerstört hatte. Unten grünte ein liebliches, bewohntes Tal an einem Nebenfluß des Hermus, der sich gegen Südosten schlängelte, wo Tmolus sich wie eine scharfe blaue Wolke erhebt, die am Horizont befestigt ist. An seinem Fuß hatte Sardes, die alte Hauptstadt Lydiens, gelegen, deren Reichtum und Üppigkeit ein Sprichwort geworden war; sie war von neuem erbaut worden, und Antigonos erinnerte sich der fürchterlichen Worte des Apokalyptikers: »Man sagt von dir, daß du lebest, obgleich du tot bist.« Im Hintergrunde seiner Höhle rieselte eine Quelle durch die Felswand und lief in eine natürliche Vertiefung, wie in einen Regenfang hinunter, an dessen Rand eine junge Palme Wurzel gefaßt hatte, während von oben her das Licht durch eine Felsenritze, wie durch eine Deckenlyra schien. Ein Lager von Palmblättern, eine Schilfmatte als Sitzplatz, ein rohes Holzkreuz, über dessen einem Arm die Geißel hing, ein Holzkasten mit einigen Schriftrollen und unbeschriebenem Pergament und ein Tonkrug – das war seine ganze Habe. Dicht vor der Höhle war ein Streifen guter Erde, beschützt vom Felsen und von der Quelle bewässert. Hier hatte er in einem kleinen Garten Hülsenfrüchte, Kohl und Rüben angebaut. Zweimal im Monat wanderte er den acht Meilen langen Weg nach Smyrna, wo er Einkäufe von Brot und Gemüse machte, wenn der Ertrag seines Gartens nicht mehr vorhalten wollte. Bisweilen begleitete ihn dann der eine oder der andere Bruder zurück, um seine Gesellschaft auf einige Tage zu genießen und damit vereint die Lieblichkeit der Einsamkeit zu kosten. Dann und wann zogen Karawanen von Sardes nach Magnesia bei ihm vorüber, und es wurde ihnen bald zur Gewohnheit, vom Wege abzubiegen, um bei Antigonos' Höhle zu rasten, seine Rede anzuhören und seinen Segen zu empfangen. Denn die vulkanische Gegend war von Dämonen angefüllt, und selbst die Heiden sahen und hörten den heiligen Mann gern, der sich von der Welt hierher zurückgezogen hatte. Dieses Leben hätte Antigonos vollkommen befriedigt, wenn nicht ein starkes Verlangen nach Wirksamkeit unerfüllt geblieben wäre. Die Äußerung Polykarpos' über die Zersplitterung der Kirche und noch mehr alles, was er selbst, und besonders auf seiner letzten Reise, gesehen hatte, erfüllte ihn mit einem starken Drang, diese Kluft auszufüllen und alle zu einer Herde zu vereinen – zu einem unwiderstehlichen, einträchtigen Heer des Geistes, das die Welt überwinden sollte, anstatt sich durch Uneinigkeiten und Wortgefechte aufzureiben. Sein alter Römerhaß hatte sich in Haß wider die sündige Weltlichkeit verwandelt, mit Rom als Symbol für das große babylonische Sündenweib. Aber als überwunden durfte die Welt nicht zugrunde gehen, sondern mußte bekehrt, mußte um Christus versammelt werden. Das Wort der Essener: »Die Welt wird christlich werden, aber wir bleiben Essener« bedeutete für ihn das unerbittliche Todesurteil der Askese. Auch das Judenchristentum stand zu niedrig, um das Bindeglied zu sein, denn die Geistigen konnten nicht ins Seelische zurückgezogen werden, wohl aber konnte man die Seelischen zum Höheren emporheben. Derjenige, welcher die Streitenden sammelte, müßte den höchsten und umfassendsten Standpunkt einnehmen. So wurde denn die Deutung des Johannesevangeliums und der Gnostiker von Christus als Wort, die Blüte der Äonwelt, welche die ganze vor weltliche Fülle in sich barg, das Haupt der Schöpfung, unter dem sich alles sammeln müßte; – – für ihn jetzt der Hauptgedanke, um den sich alles gruppierte. Durch Christus war die Scheidewand zwischen Juden und Heiden abgebrochen, und der Zwiespalt war verschwunden. Wie aber konnte er wirken? Er besaß nicht die mächtige Redegabe, die Feuerzunge des Geistes. Sein Ansehen in Smyrna wies ihn darauf hin, da seinen Anfang zu machen. Aber noch war Polykarpos dort, und er würde vielleicht nur Zwistigkeiten erregen, wo er für die Einigkeit arbeiten wollte. Nachdem er sich ein Jahr lang mit diesen Gedanken beschäftigt hatte und noch immer in Unsicherheit schwebte, saß er eines Tage sehr niedergeschlagen und matt in seiner Höhle. Draußen glühte die Mittagssonne auf den hellgelben Felsen, und eine scharfe blanke Steinkante – wie ein Hohlspiegel flammend, – warf einen Strahl in sein Auge. Von diesem Lichte gelähmt und zugleich angezogen wollte er den Kopf wegwenden, vermochte es aber nicht. Ein Gefühl von plötzlicher Erleichterung und Befreiung hatte seinen Geist gleichsam dem Körper entrückt. Er stand von einem Lichtstrom, dessen göttlichen Ursprung er ahnte, umflossen, der, von einer goldigen Wolke getragen, unter der die sieben Planeten kreisten, diese wie betaute Glaskugeln erscheinen ließ. Aus diesem Lichtstrom aber trat ihm jetzt eine hohe Gestalt entgegen. Ihr Haupt war von kurzem, krausem Bart und Haar umgeben und mit einem Regenbogen umkränzt. Der Mantel, der sie einhüllte, glich einer von der Sonne beschienenen Wolkenspitze. Als Stütze gewahrte er ein langes spitzes Schwert, das wie ein Blitz leuchtete. »Erschrick nicht, Theophilos,« sagte die Erscheinung, »ich bin Paulus. Schreibe meinen Brief an die Gemeinde in Colossä, die mich nicht im Fleisch gesehen hat.« »Und was soll ich schreiben?« »Schreib! –« Er saß wieder in seiner Höhle. Der Strahl, der seinen Geist ins Paradies geführt, war von ihm gewichen. Hinter ihm aber beleuchtete er noch das weiße Pergament, das aus dem Bücherkasten herausragte. Dann machte er sich daran, Worte und Gedanken niederzuschreiben, die ihm ganz von selbst kamen, – durch Eingebung. Und bisweilen, wenn er zögerte, hörte er eine starke Stimme ihm vorsagen, was er schreiben solle. Als er bei Sonnenuntergang die Feder hinlegte, fiel er ohnmächtig zurück. Schon färbte die Abendröte wieder die Wolken, als er mit einem brennenden Durst erwachte. Am nächsten Morgen las er das Geschriebene durch und weinte vor Freude, als er sah, daß der Apostel dieselben Gedanken ausgesprochen hatte die auch ihn schon längst bewegt hatten. Denn er sah sich als keinen anderen als einen der Schreiber an, denen Paulus, schon während er lebte, seine Briefe zu diktieren pflegte. Was ihn wunderte, waren die Worte des Schlußverses: »Gruß mit meiner, Pauli, Hand.« Aber er durfte nichts verbessern. Die nächste Zeit benutzte er zur Reinschrift des Briefes, und bald hatte er eine Anzahl von Abschriften vorrätig, um damit die ganze Christenheit zu versehen, wenn sie von Gemeinde zu Gemeinde in immer zahlreicheren Mengen geschickt würden. Die Schwierigkeit aber bestand in der Aussaat. Er wußte recht wohl, daß gewöhnliche Christen mit ihren noch fleischlichen Begriffen den Brief nicht für echt gelten lassen würden, wenn sie sähen, daß er im selbigen Jahr von einem Einsiedler geschrieben war. Indes hatte nicht auch das Johannesevangelium, dessen Echtheit Polykarpos leugnete, seinerzeit einen mächtigen Widerhall im christlichen Bewußtsein gefunden? Hatte er nicht in Rom gehört, wie einer den Philipperbrief anzweifelte? Und doch wurde er zurzeit in allen Gemeinden gelesen. Außerdem war er dessen gewiß, daß die Vorsehung den Brief bewachen und sein apostolischer Geist alle Hindernisse überwinden werde. Jedesmal, wenn eine Karawane vorüber kam, mit der auch Christen reisten, gab er ihnen ein oder mehrere Stücke als Tausch für Lebensmittel; bei Gelegenheit tauschte er wohl auch einen Galater- oder Philipperbrief ein, von denen er beständig Abschriften fertigte. Ehe ein Jahr verflossen war, hatte er alle Kolosserbriefe vergeben, so daß er neue anfertigen mußte. Indessen ereignete sich alles, wie er es erwartet hatte. Mehrere Christen aus Smyrna, die ihn besucht hatten, ergriff das Verlangen, die Welt zu fliehen und wie er, in dieser Einsamkeit zu leben. Es waren Greise ohne Angehörige, ungefähr zehn an der Zahl. Weil sich in der Gegend nur noch wenige Höhlen vorfanden, gruben sie selbst solche aus und rollten mit großer Anstrengung Steine dahin, die sie mit Erde und Moos verdichteten; auch bauten sie, zwischen Felsenspalten eingeklemmt, ein paar einfache Hütten. Bei Sonnenauf- und -untergang versammelten sie sich zum Gebet. Den Tag brachte jeder für sich zu, indem sie ihre Gärten anpflanzten, die verstreut zwischen den Felsenstücken lagen; oder sie übten sich in ihrer Höhle im Lesen und in Betrachtungen. Antigonos hatte, so oft sich die Gelegenheit darbot, Grüße an seine Freunde in Alexandria gesandt und von dort Nachrichten über seinen Sohn erhalten, der im Hause des Bischofs erzogen wurde. Eines Tages kam ein Jüngling den Bergsteig heraufgewandert und bat einen der Eremiten, der in seinem Garten jätete, ihm den Weg zum Bekenner Theophilos zu zeigen. Einen Augenblick später umarmten Vater und Sohn einander. Agathos war jetzt achtzehn Jahre alt und ein großer kräftiger Jüngling. Dunkelbraunes Haar lag in dichten Locken um die breite Stirn und den kräftigen Nacken. Seine Augen ähnelten mit ihrem dunklen Glanz denen des Vaters; die starken Lippen hatten die Bogenlinie Erinnas. Draußen in der Wüste in einer Höhle und abgeschieden von der Welt leben zu können, wenigstens auf ein Jahr, – nichts hätte seiner jugendlichen Neigung für das Abenteuerliche und Ungewöhnliche mehr zusagen können. In dieser Zeit hatte Antigonos einen neuen Brief in Paulus' Namen vollendet, ohne Offenbarung, aber durch den inneren Antrieb des Geistes und oft unter dem Einfluß übernatürlichen Hörens. Ohne eine bestimmte Adresse wurde er als ein Rundschreiben an die kleinasiatischen Gemeinden gerichtet. Agathos las eines der Schriftstücke und erging sich in Freude darüber, einen ihm unbekannten Brief von Paulus zu finden. Das war freilich etwas anderes, als was man heutzutage schrieb! – wie matt war nicht sogar das Schreiben Polykarpos' an die Philipper im Vergleich zu dieser apostolischen Fülle und Kraft! – Und hier, diese Rede über die Gemeinde, die Kirche und das große Geheimnis der Ehe, das hätte kein Neuerer gewagt, weil es an Valentinos erinnern würde! Antigonos lächelte, – nicht aus Verfasserstolz, sondern aus Freude über das geistige Verständnis des Sohnes, das so sicher das echt Apostolische von der Epigonenliteratur unterschied. Inzwischen hatte seine Gesundheit nachgelassen. Die starken geistigen Anspannungen hatten seine Kräfte erschlafft. Ganze Wochen hindurch mußte er unter inneren Schmerzen still auf seinem Blätterlager liegen bleiben. Er fühlte, daß sein Wirken zu Ende ging, aber er freute sich seiner Schwäche in der Hoffnung, daß Christus ihn bald aus dieser Welt abrufen werde. Dann begannen Anfechtungen und Versuchungen sich einzustellen. Zu Anfang waren es weltliche und sündige Gedanken; aber bald sah und hörte er, was ihn lockte oder entsetzte. In solchen Zuständen war es günstig für ihn, den Sohn bei sich zu haben, der die Gaukelbilder nicht sah, sondern sie verscheuchte, indem er auf sie trat oder mit dem Kreuz auf die Stellen schlug, wo die Schlangen zischten, gehörnte Teufel grinsten oder nackte Weiber sich streckten. Und wenn sein eigener Arm zu matt war, züchtigte Agathos' kräftige Hand den Vater mit der Geißel. Es war an einem Maitag zur Mittagsstunde. Agathos lag schlafend unter der Palme im kühlen Hintergrund der Höhle. Antigonos saß matt und betäubt auf der Schilfmatte, den Kopf in die Hand gestützt, und erhob seine Augen von der Offenbarung Johannes', die aufgerollt auf seinen Knien lag. Sein Finger zeigte auf die Worte: »Und ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der, der darauf saß – –« Er sah hinaus. Die Sonnenstrahlen brannten senkrecht auf die weißglühenden Felsen herab. Sein Gaumen war versengt vom Durst, dennoch konnte er sich nicht dazu überwinden, den Wasserkrug zu holen. Anhaltend starrte er hinaus, gefesselt durch den weißgelben, flimmernden Schein und die blitzenden Glimmersteine an den Felsenkanten. Ungerufene Gedanken jagten einander willenlos durch sein Gehirn. Draußen wurde das weiße Licht in prachtvollen Farben gebrochen, die umher wogten und Formen annahmen. Er hörte ein Brausen, Rieseln und Plätschern, als ob die Quelle hinter ihm zum Wasserfall würde. Und siehe! – jetzt saß sie draußen auf dem scharlachroten Tier, in Purpur gekleidet, von Edelsteinen blitzend, die große Sünde, sie, die über den vielen Wassern sitzet. Ihr Lächeln entflammte ihn, eine innere Glut begann schon, ihn zu verzehren. Er kannte dies Lächeln! – Jetzt glitten die Kleider von ihr ab, und aus dem Tier bildete sich ein breites Scharlachpolster, auf dem Stratonike lag, nackt, mit dem goldigen Haar über der Brust, gewiegt auf den Wassern wie Aphrodite im purpurbeschlagenen Boot. Er wollte die Geißel ergreifen, vermochte aber nicht die Hand zu erheben; – er wollte Agathos wecken, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen. Und während sein Auge an der Erscheinung haften blieb, veränderte sich diese. Das Lager verschwand, sammelte sich oben zur Wolkenschicht, von der Abendröte erleuchtet, und das lange Haar Stratonikes lag auf den rollenden Wogen, graugelb, wie die des Tibers. Jetzt trennten sich oben die Wände der Höhle und verlängerten sich zu einer engen Felsengasse, in welcher die vielen brausenden Wasser zusammenflossen und einen breiten, leise murmelnden Strom bildeten; die Ufer wurden von Wald überschattet, dessen frisches Brausen sich mit dem kühlen Rieseln des Wassers mischte. Und dort auf einem moosbewachsenen Felsenstück saß ein junges lächelndes Weib in safrangelbem Chiton. Es war nicht mehr Stratonike, sondern die Braut seiner Jugend, die ihn an den Ufern des Peneus im Tempetal erwartete. Berauscht und von Schwindel erfaßt, wand er sich am Felsenboden, damit die scharfen, schneidenden Kanten der Steine die Lust seines sündigen Fleisches verdrängen möchten. Aber während er sich wand, näherte er sich mehr und mehr der Erscheinung. Weit davon entfernt, geheilt zu werden, wurde ihm der Schmerz ein Sporn zur Lust; schon fühlte er die Wogen seinen schweißbedeckten Körper bespülen, – er war ihr so nahe, so nahe. – Da, während er sein Gesicht an die Erde kehrte, erzitterte er durch, einen fürchterlichen Klang, der von den Felsen widerhallte. – Es war die erste Posaune, die ihn inmitten seiner Sünden überraschte. – Als er wieder aufblickte, hielt vor der Höhle ein Reiter auf einem milchweißen Hengst, dessen Helm und Panzer im Sonnenlicht glänzten, während Tempe wie gefärbter Staub unter ihm dahinwogte. – Antigonos aber erhob sich auf seinen Knien und sammelte seine letzten Kräfte, um den Christus der Offenbarung anzubeten. Indem er seine Arme ausbreitete, sank er ohnmächtig zusammen, während die zweite Posaune ihm in die Ohren dröhnte. Obschon tiefe Nacht seine Sinne umhüllte, vernahm er noch immer den Klang des Hornes, und jetzt weckte dieser auch Agathos. Draußen hielt ständig der Reiter auf dem weißen Hengst, von der Menge einer Heerschar umringt, deren Waffen wie Silber erglänzten. Und der Christus der Offenbarung beugte sein braunes Haupt über die weiße Mähne des Pferdes herab, indes er seine Augen, die unter der Helmblende blitzten, in der Höhle umherschweifen ließ. Dann richtete er sich auf, und die Hand ausstreckend, rief er mit tiefer Donnerstimme: »Hier ist noch mehr Löwenfutter! Vier Mann absteigen!« Die Schuppenpanzer der Soldaten rasselten, als sie in die Höhle eintraten. Agathos war vollständig erwacht aufgesprungen. Da er keine Waffen in der Höhle vorfand, stürzte er sich wie ein junger Löwe auf den Ersten und nahm ihn an der Kehle. Er wurde an die Erde geschleudert, rücklings gebunden und hinter Antigonos, den zwei Landsknechte an den Schultern und Beinen hinaustrugen, weggeführt. »Bei den Fäusten Herkules'! Der Kerl wird sich ausnehmen auf der Arena!« rief der auf dem weißen Pferd und zeigte dabei auf Agathos. »Aber den anderen verlohnt es sich beinahe nicht, erst mitzuschleppen; in dem ist nicht viel Leben zurück. Wollen wir ihn nicht dort in die Schlucht werfen?« fragten die beiden Soldaten, indem sie Antigonos seitlich schwenkten. »Unsinn! – das wird sich schon geben, wenn beim Feuer das Mark in den Knochen zu sieden beginnt. Sitz auf und nimm ihn vor dich aufs Pferd... Sind die Höhlen alle leer?« »Ja, Centurio. – Hier sind zwölf Gefangene.« »Blast zum Aufbruch!« Zum drittenmal schmetterten die Hornsignale und schallten zurück aus den Felsen. Als die Klänge hinstarben, umhüllte schon eine Staubwolke die Reiterschar auf dem Wege westwärts nach Smyrna, wo Marcus Aurelius vor wenigen Tagen ein Verfolgungsedikt erlassen hatte. Der Apostat Des Tages blutiges Schauspiel war beendet. Die zerrissenen Leichen wurden ins Spoliarium hinausgeschleift, und die erfreuten Bürger fingen an, wie ein summender Bienenschwarm aus seinem Korbe, aus dem Zirkus zu strömen. Ein großer, in einen griechischen Mantel gehüllter Mann, mit kurzgeschnittenem braunem Bart und edlen Gesichtszügen, die wohl den vierziger Jahren angehören konnten, drängte sich barsch durch die Menge hindurch und ging mit hastigen Schritten am Cybeletempel vorüber durch den Homerischen Säulengang nach dem Palast des Prokonsuls, an dessen blinder Vorderseite zwei Legionärsoldaten hin- und herwanderten, – steif und ernst, wie ein paar dädalische Bildsäulen. Er klopfte mit dem Türhammer, und der Pförtner ließ ihn ein. In der Vorhalle öffnete sich ihm ein schöner, unbegrenzter Fernblick mit wechselndem Spiel von Licht und Schatten, mit dem geräumigen Vorhof als Vordergrund, und im Hintergrund geschlossen, wo über den grünen Kuppeln der Platanen und den Obelisken der Pappeln die hermäeutische Bucht ihre blaue Fläche wie eine Mauer aus Saphirsteinen erhob. Er näherte sich schnell dem Atrium, einer prächtigen Halle, deren getäfelte Decke von sechzehn schlanken korinthischen Säulen getragen wurde; unregelmäßig gruppiert, glichen sie einem dem Mosaikboden entwachsenden Wäldchen aus Marmor. Durch die große Lyra der Decke strömte das helle Tageslicht in den Saal. Mitten im stärksten Lichtglanz neben dem Regenfang, aus dessen Marmorbecken ein Springbrunnen seinen dünnen Wasserstrahl bis hinauf zur Deckenlyra schickte, saß eine Frau, in deren Schoß ein zwölfjähriger Knabe seinen Kopf barg. Eine unten mit einem goldenen Rand umsäumte Stola aus violetter Seide umhüllte mit ihrem faltenreichen Glanz ihre Gestalt bis an die Spitzen der weißen Schuhe. Eine hohe Goldspange krönte den vordersten Rand des künstlich gekräuselten, blankbraunen Haares, das im Nacken von einem goldenen Netz umschlossen wurde. Ihre Züge ließen erkennen, daß sie nicht mehr jung war, aber sie hatten sich noch ihre plastische Schönheit bewahrt: die gerade Linie der Stirn und Nase verrieten die Griechin. Als sie Schritte hörte, erhob sie sich schnell und ging dem Kommenden entgegen. »Ist alles vorüber, Eukrates?« »Für heute Schwester – ja.« Ungeduldig schüttelte sie den Kopf: »Sind denn noch mehrere übrig?« »Noch! Die Verfolgung wird vorläufig nicht unterbrochen; sie frißt um sich wie der Krebs. Der Pöbel hat Geschmack am Blut bekommen, du hättest sie müssen rufen hören; besonders als der Knabe Germanicus selbst den Löwen reizte. Einer schrie: ›Hinweg mit den Gottlosen; Polykarpos heraus!‹ Und dann erhob sich ein Gebrüll durch den ganzen Zirkus, das wohl eine halbe Stunde währte; es klang als ob die Zuschauer selbst die Tiere wären; und dein Mann, Erinna – gibt nach.« Während Erinna den Bruder anhörte, lag ein schmerzlich zuckender Ausdruck um ihre Lippen, und die zusammengepreßten Hände ringend, starrte sie in den Regenfang hinab, als zähle sie die Kreise, die durch die herabfallenden Tropfen der Fontäne gebildet wurden. »Mutter, darf ich dann?« fragte der Knabe, indem er sie leise an der Stola zupfte. »Was ist's denn? wieder hinaus? – Du kommst ja gerade von draußen.« »Ja, aber es war so hübsch auf dem Markte; die Leute schrien und riefen.« »Was riefen sie denn, Cajus?« fragte sie gedankenlos, indem sie die mit Ringen übersäten Finger durch sein kurzes, schwarzgelocktes Haar gleiten ließ. »Ach, die riefen so vieles; aber besonders riefen sie nach Polykarpos und nach dem Bekenner Theophilos.« Erinnas ruhiges Antlitz zuckte zusammen; ihre Hand stieß den Knaben von sich. »Geh!« »Darf ich?« »Nein. Geh' zum Pädagogen ... Hörst du?« brach es mit einer plötzlichen Heftigkeit aus ihr hervor, als er Einwendungen machen wollte, und er eilte hinweg, sein verwundertes Kindergesicht nach ihr umwendend. »Eukrates,« sagte sie, als der Knabe gegangen war, und dicht an den Bruder herantretend, ergriff sie ihn am Arm, daß er das starke Zittern ihres Leibes fühlen mußte. »Eukrates! hast du's gehört?.. Den Bekenner Theophilos ... sie dürfen ihn nicht erfassen ... Er darf nicht gesund werden, bevor alles vorüber ist ... Er darf nicht einmal zum Bewußtsein kommen, sonst könnte er wohl selbst – – Schwöre mir's bei Asklepios!« »Meine Kunst steht zu deinen Diensten .... Aber, was fehlt dir, Erinna? Du bist ja blaß – du zitterst.« »Weil ich ihn kenne und weil er der erste Mann ist, den ich gekannt habe. Aber du wirst ihn nicht wiedererkennen! Das ist so lange her.« »Was meinst du?« Sie blickte scheu um sich; dann, als fürchtete sie, daß sich jemand hinter den Säulen verborgen halte, flüsterte sie ihm schnell zu: »Antigonos, der Sohn des Zauberpriesters Lagos aus Larissa.« »Antigonos?« rief Eukrates. Arme Erinna! ... Der Sohn des Goeten ein galiläischer Asket! Wahnsinn zeugt Wahnsinn. ... Aber zittre nicht, liebe Schwester – er soll nicht mit fortgerissen werden bei der Verfolgung, dafür hafte ich dir.... Komm, wir wollen nach ihm sehen.« Er legte seinen Arm um sie, und sie gingen langsam durch das Atrium die Treppe hinauf zum oberen Stockwerk. Als die Reiterschar mit ihrer Beute nach Smyrna kam, war Antigonos noch bewußtlos und von starkem Fieber ergriffen. Statius Quartus war im Kerker. Da er die Verfolgung gesetzmäßig, von Amts wegen, ohne Grausamkeit vollführte, war es sein Wunsch, den Leidenden zu retten, um so mehr, als er erfuhr, daß er der während der Hungersnot vom Pöbel gepeinigte Bekenner Theophilos sei. Auch ließ er es durchgehen, daß Polykarpos auf der Gemeinde Fürbitten hin sich in seiner Villa verberge, bis er in das Haus eines seiner Untergebenen gebracht würde. Als er nach Hause kam, besprach er die Sache mit Erinna. Beim Namen Theophilos überlief sie ein starkes Erröten, und sie ging sofort zu ihm. Obschon die verflossenen zwanzig Jahre und das starke Fieber sein Haar und seinen langen, filzigen Bart gebleicht, sein Antlitz gefurcht und abgezehrt hatten, erkannte sie doch sofort die geliebten Züge. Als ihr Mann erfuhr, daß der Kranke Antigonos von Larissa sei, der ihr das Leben gerettet hatte, wurde er tief ergriffen. Erfreut darüber, ihm seine Wohltaten vergelten zu können, schlug er selbst vor, ihn in sein Haus überführen und ihn pflegen zu lassen und auf jede mögliche Weise dafür zu sorgen, daß er der Verfolgung entginge. Nur, wenn er gesunde und selbst verlange, das Los seiner Glaubensgenossen zu teilen, könne er ihn nicht daran hindern. Denn das Gesetz vor allem! Aber die Kranken bekämpfe es nicht. Eukrates und Erinna standen still vor einer Tür. Hinter ihr hörten sie gedämpfte Töne. Der Kranke war es, der sang. Sie meinten, es seien Psalmen, und wechselten bedeutsame Blicke miteinander. »Das ist ein bedenkliches Zeichen,« sagte Eukrates. Sie öffneten die Tür. Das Zimmer bestand aus zwei gleichgroßen Vierecken, die in einem rechten Winkel aneinander stießen, wie die Ecken eines Ganges. Ein Fenster der Tür gegenüber gab beiden Hälften Licht. Da das Lager Antigonos' in der anderen Hälfte stand, konnten sie ihn beim Eintritt noch nicht sehen. Aber sie hörten deutlich die Worte: »Einst lacht' ich seiner Pfeile, doch süß der letzte schmerzte – weit flog ich, ihn im Herzen, hin, nach Elysiums Ruhe!« Erinna blieb wie festgewurzelt stehen; ein Lächeln huschte über ihre Züge. Sie erkannte das Lied von der Zeit ihrer Zusammenkünfte im Tempetale wieder. Daß er es aber jetzt sang! »Das klingt ja recht wenig beängstend,« flüsterte Eukrates lachend. Sie winkte der Sklavin, die nahe bei der Tür über einem Kohlenbecken einen Heiltrank zubereitete. Diese entfernte sich. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie Antigonos aufrecht im Bett sitzen. Seine Wangen waren blaß, seine Augen klar und ohne Fieberbrand. Ein schönes Lächeln kräuselte seine Lippen. »Ach, ich wußte wohl, daß du kämest, Erinna,« rief er, indem er die Arme ihr entgegenstreckte. Während die Flammen des Fiebers mich brannten und blendeten, fühlte ich ein Weib an mir vorüberstreifen, und das Rauschen ihrer Seide war mir wie das Rieseln des Peneus; sie beugte sich über mich, und ein milder Atem kühlte meine Stirne, als ob ich Zephirs mit Weihrauch gesalbte Flügel vernähme, so wie er zur Abendzeit in Platanen und Lauren rauschend, durch Tempe flog, – und mir ahnte dann, daß du es seiest. – Bei Endymion! ich wußte es, daß wir einander sehen würden.« »Antigonos! Du kennst mich noch – nach Verlauf so vieler Jahre?« flüsterte Erinna, die an seinem Lager hingesunken war und ihre Lippen auf seine kalten Hände drückte. »Ja, es ist lange, lange her. Besinnst du dich noch, als ich zuletzt dieses Lied sang, da kamst du, um Abschied von mir zu nehmen. Damals war ich jung, voller Leben und stolz wie Apollo, wenn ich mit meiner Leier auf dem Felsen saß. Jetzt ist dein Geliebter grau und gefurcht, und um meinen gebrochenen Leib flattert die Seele nur matt und dunkel, wie die Flamme auf einem verlassenen Altar. Und jetzt müssen wir voneinander scheiden; aber der Abschied ist nicht so bitter. Damals zog ich in den Krieg nach Osten, jetzt wandre ich gen Westen, dem ewigen Frieden zu, zum alleräußersten Westen, außerhalb der Säulen Herakles', dorthin wo der Untergang der Sonne und der Seele ist, nach den Inseln der Seligen. – Du aber folgst mir bald.« Erinna blickte ihn verwundert an; sie wollte ihren Ohren kaum glauben. Denn der christliche Bekenner sprach heidnisch, ohne verwirrt oder vom Fieber benommen zu sein. Seine Stimme war ruhig und klar, aber sehr matt. Eine wehmütige Verklärung schien über seine feinen Züge ausgebreitet zu sein, wie die Abendröte über einer Landschaft. Und sein Gedächtnis zeigte sich ungewöhnlich scharf, denn er begann, sie an die geringsten Einzelheiten ihrer Erlebnisse vor dreißig Jahren zu erinnern, die sie schon längst vergessen hatte. Mit sichrer Hand pflückte er die zartesten Blumen, die sich unter dem welken Laub eines Menschenalters verbargen. Eukrates ergriff ihre Hand und führte sie etwas seitwärts. »Die Wellen des Fiebers haben den ganzen späteren Aufbau der Erinnerungen weggespült und den Untergrund entblößt. Hüte dich, ihn zu jenen zurückzuführen. Sprich mit Antigonos und wecke nicht Theophilos,« flüsterte er ihr zu. Sie sah ihn an und nickte, ohne recht zu begreifen, was er meinte. Dann setzte sie sich an sein Bett, nahm seine Hand in die ihre und nannte ihn bei den liebreichsten Namen aus den ersten Tagen ihrer Liebe. Auch erweckte sie diese und jene Szene. Da war ihre erste Begegnung, als sie sich beim Mondenschein im Peneus gebadet hatte und er meinte, eine Nymphe zu sehen, während sie gefürchtet hatte, in ihm einen Faun zu erblicken. Unter hundert kleinen ersonnenen Vorwänden und Ränken hatten sie sich ihre Stelldichein errungen. Die eine Erinnerung rief die andere wach, und die von ihr vergessenen tauchten in Antigonos' verschärftem Gedächtnis auf. Nie waren es jedoch jene festlichen Tage im Palatiner Garten zu Rom, zwischen den Säulengangen, den Springbrunnen, Bildsäulen und Laubhütten, wo einst ihre vollentfaltete Liebe geblüht hatte, die sie anzog. Es war jene wunderbare Dämmerung, in der die zarte Liebe noch träumt, weil sie eben im Begriff steht zu erwachen – nicht mehr bewußtlos, – jedoch ohne Selbsterkennen; – wenn ihre frischen Lippen anfangen, die Brust des Verlangens zu fassen, ohne vom Schaum der Leidenschaft genippt oder ihre Hefe eingesogen zu haben. Es war das Kind Eros, das zwischen ihnen saß und wie ein Chorführer alle Götter des Olymps den christlichen Bekenner umgeben ließ. »Ach, wie süß!« murmelte er, den Duft der Nardussalbe einatmend, als sie sich über ihn beugte; »wie süß, Erinna! ... Besinnst du dich, so duftete es in Tempe, um die Stunde, wenn wir uns treffen sollten und die Weihrauchaltäre für Helios zu rauchen anfingen?« – und indem er wie in seligem Rausch die Augen schloß, stammelte er: »Helios! purpurumflossener, goldgekrönter Gott!... Nimm mich mit, laß meine Seele dir in Hephaistos' Goldschale auf den Wogen des Ozeans gen Westen folgen! Laß dein Licht in meinem Herzen sein, auf daß es nicht die Finsternis der Todesnacht fürchte! Laß deinen Diener furchtlos sterben, wie dein eigenes Volk, das sich singend und bekränzt hineinstürzte in das stille Meer, das nie Boreas' Flügel benetzt hat, – jene frommen Hyperboreer, über denen die glückbringenden Plejaden zur Musik der Sphären den strahlenden Himmelstanz schreiten und in den immergrünen Olivenwäldern vor deinen duftenden Altären knien, – vor jenen Altären, die du in deinem nie erlöschenden Tageslicht erstrahlen läßt . . Helios, Helios!« Eukrates saß stumm vor sich hin blickend in einigem Abstand von ihnen. Die flüsternde eintönige Unterredung in der schweren Luft des dunkelnden Zimmers wirkte einschläfernd auf ihn. Er erhob sich gähnend und untersuchte Antigonos' Puls, der sich nur ganz matt bewegte. Dann ging er hinunter und befahl einer Sklavin, ein stärkendes Getränk für den Kranken hinaufzubringen, obschon er wußte, daß das langsame Verrinnen der Lebenskraft sich nicht mehr aufhalten lasse. Im Triclinium traf er Quartus. Er lag in einer offenen Tunika auf dem Speiselager. Die Toga faltete sich über dem Fußende und schleppte am Boden hin, der Gürtel war hinabgeglitten; ein langhaariger, spitzköpfiger Hund zerrte ihn herum. Von einem baumförmigen silbernen Kandelaber, mit neun Alabasterlampen behängt, beleuchteten nur drei derselben den Tisch, auf dem die Reste eines Kapauns, Chierwein und eine Schale mit Früchten standen. Schrägüber vom Prokonsul, auf einer anderen Ruhebank, saß ein langlockiger lydischer Sklave im goldgestickten purpurnen Kittel, die Beine gekreuzt, und spielte auf einer Doppelflöte. »Guten Tag, Eukrates! das freut mich, daß du mir Gesellschaft leisten willst. . . Da ist Kapaun. Die Krammetsvögel und Rindsnieren sind ganz gewiß schon abgetragen, aber die können ja alsbald –« »Durchaus nicht nötig. Hier ist genug.« »Puh! wie ermüdend diese Mittagsstunden im Amphitheater wirken.« »Ja gewiß! Ich bekomme immer Kopfweh.« »Und morgen muß ich schon wieder daran glauben!« »Was wird denn aus Polykarpos?« »Ich habe den Irenarchen Herodes hinausgeschickt, daß er ihn morgen ins Theater hole ... Ja, was war sonst zu tun? Ich mußte natürlich Flaminius mit etlichen Soldaten die Villa durchsuchen lassen; sie fanden ihn aber nicht. Flaminius wußte ja wohl, daß ich ihn schonen wollte. Aber die verfluchten Juden haben nach ihm geschnobert wie Spürhunde und deshalb einige seiner Sklaven so lange gepeinigt, bis sie ihn verraten haben.« »Soll er den Tieren vorgeworfen werden?« »Das geschieht ja mit den anderen.« »Du hast auch einige verbrennen lassen.« »Ja. Ist das besser?« »Da kannst du dafür sorgen, daß die Scheite feucht sind, dann wird er vom Rauch erstickt. Das ist ein leichter Tod.« »Ja, das ist wahr! Bei Cäsars Genius! das will ich tun. Denn der alte Starrkopf läßt sich wohl nicht dazu bewegen, zu opfern. Und übrigens – kann auch das fehlschlagen; denn wenn das Feuer nicht brennen will, sagen die Christen, daß seinetwegen ein Wunder geschah, und werden nur noch verrückter ... Na, ich will darüber nachdenken, ob es sich nicht dennoch machen läßt ... Wo ist Erinna?« »Oben beim Bekenner.« »Na. Wie steht es mit ihm? Ich müßte wohl auch selbst –« »Ach nein, – laß es nur, Titus,« sagte Eukrates ruhig, während er sich einen Pfirsich schälte, »er liegt in Fieberphantasien, und redet eine Menge schreckliches Zeug. Außerdem ist es ihm nicht gut, fremde Gesichter zu sehen.« »Ja, ja, mir ist es auch besser, mich auszuruhen.« Am späten Abend ging Eukrates wieder ins Krankenzimmer hinauf. Er fand beide noch wie er sie verlassen. Antigonos hatte nichts trinken wollen; auch die Speisen, die für Erinna hinaufgeschickt worden waren, standen noch unberührt da. Sie sprachen nicht mehr, aber sie hielt noch immer seine Hand in der ihrigen. Er lag ganz still, und nur dann und wann, während er sie anblickte, glitt ein seliges Lächeln über seine Lippen. Hinter dem Kopfende des Bettes erhob sich ein prächtiger Bronzekandelaber, an dessen gelötetem Arm eine spärliche Flamme brannte; ihr Strahl beleuchtete wie ein kleiner Stern das bleiche Antlitz Antigonos'. Eukrates fragte ihn, ob er leide. Er verneinte es. »Ist es dein Bruder?« fragte er, als Eukrates, der sich entfernen wollte, Erinna auf die Stirn küßte. »Ja.« »Eukrates! wie deutlich entsinne ich mich deiner, Du warst ein wilder rotbäckiger Junge, der immer von großen Hunden umgeben war und nie einen Pfeil daneben schoß... Du hast jetzt das Bessere erwählt: das Leben zu schirmen, anstatt es zu vernichten ... Aber wie war es doch, Erinna, hast du mir nicht einmal gesagt, daß er nicht an die Götter glaube? ... doch! – ich besinne mich nur nicht mehr wann, – aber mir scheint, daß es in einem Garten war, das Laub lispelte, die Springbrunnen plätscherten, es war nicht in Thessalien ... Ach, das ist töricht, nicht an die Götter zu glauben, die unsere Väter verehrten und vor denen wir als Kinder knieten ... Ich glaube, mich zu besinnen, daß es eine Zeit gab, da auch ich nicht an sie glaubte ... Du warst es, Erinna, die mich bekehrte ... War es nicht in demselben Garten? Ich weiß es noch, daß du von Zeus sprachst, der oben auf Olymp säße mit der Schicksalswage in der Hand ... Olympos! .. Wie gern möchten nicht meine Augen, ehe sie sich auf immer schließen, den heiligen Berg sehen, nicht wie ich ihn jetzt in der Erinnerung sehe, sondern im vollen, strahlenden Tageslicht! Um ihn her liegen die welligen Berglinien – von den grünen Wäldern begrenzt – vor seinem Fuß ausgestreckt, wie eine Anbetung; aber er selbst erhebt seine mächtige Zinne, mit den großen reinen Linien wie die hellenischen Tempel, weiß, wie die Kristallwohnungen der Götter, die er hoch, hoch hinauf in den blauen Äther trägt, dort hinauf, wohin nur Zeus' Adler fliegen kann ... Als Knabe wollte ich da hinaufklimmen, weil ich eifersüchtig war auf Ganymedes. Und als ich mich ein paar Stunden lang angestrengt hatte, fiel ich müde und verwundet unter einem Myrthenstrauch in tiefen Schlaf. – Ist dies nicht gleichsam ein Vorbild fürs Leben? – Sollte nicht das Leben aller edlen Geister ein solches Aufwärtssteigen sein, höher und höher, – – dem Göttlichen entgegen, bis sie vor Mattigkeit unter dem Schlaf des Todes zusammen sinken? .. Und du,« unterbrach er sich, indem er Eukrates erblickte, »du solltest wirklich dieses Sehnen gar nicht kennen? Du solltest noch immer in den nebligen Talschluchten jagen? – Du bist doch Arzt; – verehrst du denn nicht Asklepios?« Eukrates lächelte. Es schien ihm ein törichtes Beginnen, mit einem sterbenden Schwärmer zu rechten. Doch teils aus Ehrlichkeit, und auch weil er glaubte, daß er vielleicht die heidnische Begeisterung Antigonos' erhöhen könne, antwortete er ruhig: »Ich pflege der Wissenschaft und der Arzneikunde.« »Ach, menschliches Wissen und Kunst reichen nicht weit. Womit kannst du mir jetzt helfen? Du vermagst jetzt nicht, mein Leben zu retten, wie damals, als du mich aus der Schlucht heraufholtest. Und doch werde ich gerade jetzt geheilt. Sagte nicht Sokrates zu seinen Schülern: ›Freunde, ich bin Asklepios einen Hahn schuldig.‹ Keine blutigen Opfer, sondern nur Räucher- und Dankopfer dürft ihr den Göttern bringen, wenn ich nun bald vom Körper und der Sünde geheilt sein werde.« Eukrates ging hinaus. »Er sprach ja sehr erbaulich für alle, die nicht so verstockt sind wie ich,« dachte er bei sich, »übrigens ist es eine eigentümliche Tatsache, daß Aberglaube doch nie so verderblich ist, als daß er nicht irgendwie zu verwenden wäre. Vielleicht würde es auf einige der Christen, die noch vor etlichen Tagen sich lieber von den wilden Tieren zerfleischen ließen, anstatt den Göttern zu opfern, Eindruck machen, wenn sie hörten, wie herrlich ihr verehrter Bekenner sich zu ihnen bekehrt hat. Ich möchte doch mit Quartus darüber sprechen.« Erinna aber pries die Götter von ganzem Herzen für ihre Macht und Gnade, durch die sie Antigonos zu ihr und sich selbst zurückgeführt hatten. Noch nie meinte sie, weder im Tempetal noch im Garten auf dem Palatinerberge, so selige und so von Lebensfülle überströmende Stunden verlebt zu haben, wie diese. Und sie betete zu Apollo und Artemis, sie beide gleichzeitig mit ihren milden Pfeilen durchbohren zu wollen, ehe die Wogen des Schicksals sie wieder voneinander rissen. Aber dennoch erblaßte sie, als im Lichte der Morgendämmerung seine langen, weißen Finger begannen, sich über das Laken hinzubewegen – tastend –, als ob der Sterbende versuche, sich in sein Leichentuch einzuhüllen. Seine Lippen bewegten sich. »Agathos – mein Sohn,« murmelte er. Bei diesen Worten stockte ihr das Blut in den Adern, und ihr mütterliches Herz begann gewaltsam zu klopfen: »Wen meinst du? sprich Antigonos; ich beschwöre dich bei den Göttern!« »Wie, Erinna? – Kennst du unseren Sohn nicht? .. Nein, nein – ich besinne mich jetzt. – Ihr wurdet ja getrennt ... Errette ihn! ihm droht Gefahr ... Ach, ich weiß nichts mehr; alles liegt in tiefem Nebel ... Ah, jetzt wird mir's klar: – ich sah ihn, als wär's im Traum, mit Soldaten ringen, – sie warfen ihn an die Erde, – es war in einer Höhle, – sie schleppten ihn weg – sie wollen ihn ermorden. Erinna ... ach, er ist noch zu jung; er steht noch in der Morgenröte des Lebens – er kann mir noch nicht zur – Abendröte folgen – zum fernen Westen – zu den Inseln der Seligen – wohin die Götter –« Seine Stimme war schwächer und schwächer geworden, – – sie schien aus weiter Ferne zu kommen. Erinna legte ihr Ohr an seinen Mund; aber es war vergeblich, sie kam der Stimme nicht näher; es war ja nicht mehr der Körper, sondern die Seele, die sprach, während sie sich auf ihrer ewigen Wanderung, die schon begonnen hatte, mehr und mehr entfernte. Noch gleichsam ein leiser Seufzer, und dann nichts, – nein nichts mehr. Der Abstand war schon zu groß, die Seele war schon zu weit nach dem fernen Westen entflohen, – hin zu den Inseln der Seligen. ... Vor dem Spiele Erinna ließ sich keine Zeit, an seiner Leiche zu trauern, weil ihr die neue fürchterliche Angst jede Fiber durchzuckte; denn jetzt drohte dem Leben ihres Sohnes Gefahr: – er war in einer Höhle in Gemeinschaft mit seinem Vater von Soldaten übermannt worden; – und er war Christ; – vielleicht sollte er schon heute den Tieren vorgeworfen werden – oder – barmherzige Götter – vielleicht war es schon geschehen – war er schon gestern unter ihren Klauen verendet. Oder irrte sie sich? nein; es war doch gestern, daß Eukrates nach dem ersten Tiergefecht zu ihr gekommen war. – Welchen Namen hatte doch der Jüngling gehabt, von dem Eukrates erzählt hatte, daß er selbst den Löwen gereizt habe? Könnte dies nicht ihrem Sohne ähneln? Er müßte schön, stark und mutig, obschon verwildert sein. – Nein, Eukrates hatte ihn Germanicus genannt. Und ihr Sohn hieß Agathos, ein schöner Name! – Eukrates war ja bei den peinlichen Verhören gegenwärtig gewesen. Er mußte ihn kennen und wissen, ob er noch lebte. Ihm wollte sie sich anvertrauen, denn er mußte ihr beistehen, den Sohn zu retten. Schnell ging sie hinunter, um zu fragen, ob Eukrates anwesend sei. Aber er war nach Hause gegangen. Sie schickte einen Boten zu ihm, jedoch kam dieser mit dem Bescheid zurück, daß ihr Bruder erst kürzlich auf Krankenbesuche gegangen sei. Wenn er heimkäme, würden sie ihn zu ihr schicken. Ungefähr zwei Stunden lang wartete sie auf ihn in der fürchterlichsten Gemütsbewegung, die es ihr unmöglich machte, sich ruhig zu verhalten. Oft warf sie sich mit schluchzendem Stöhnen über die Leiche Antigonos', ohne Linderung in ihren Tränen finden zu können. Dann wieder ging sie ans Fenster und starrte auf den Marktplatz hinunter. Wiederholt riß sie die Tür auf und rief: »Eukrates!« in dem Wahn, seine Stimme gehört zu haben. Auf dem Platze begann es lebhaft zu werden. Große Gruppen von Bürgern standen sprechend und schreiend umher. Sie hörte die Namen Polykarpos und Theophilos nennen. Ein ununterbrochener Menschenschwarm bewegte sich am Cybeletempel vorüber und in den Homerischen Säulengang hinein. Ein Schrei entrang sich ihr: hinter dem Säulengang über dem Rand einer runden Marmormauer wurden vergoldete Masten mit langen wallenden Wimpeln aufgerichtet. Das war am Amphitheater. Der Pöbel strömte auf die Plätze. Aber das war ja nicht möglich! Die Zeit konnte nicht so schnell verstrichen sein. Sie eilte ins Atrium hinunter, um an die Sonnenuhr zu sehen. Es war kaum noch eine Stunde Zeit übrig. »Wo ist mein Mann?« fragte sie einen Sklaven, der an ihr vorüberging. »Der Prokonsul ist im Triclinium.« Quartus Haar ward eben gesalbt und gekräuselt, als seine Gemahlin eintrat, und ein Sklave war im Begriff, die Falten seiner Toga zu ordnen, daß die Purpureinfassung sich wie eine Diagonale von der rechten Schulter zum linken Fuß hinuntersenkte. »Guten Tag, Erinna,« rief er aus, und ging ihr entgegen, – »meine geliebte Gemahlin, wie angegriffen du aussiehst!« – und er legte seinen Arm um sie. Das kommt von der schlimmen Nachtwache. Warst du noch bei Antigonos?« »Ja, er ist tot.« »Tot! Hm! – Vielleicht war es das Beste ... Starb er als Heide?« »Ja, noch mit seinem letzten Atemzug rief er die Götter an.« »Eukrates erzählte mir von dieser höchst merkwürdigen Sinnesänderung. Das ist gewissermaßen ein Wunder, das wohl die Gottlosen, bei denen er in so großem Ansehen stand, beeinflussen könnte. Ich will es doch noch einmal versuchen, sie zum Opfern zu bewegen.« »O ja, tue das, Lieber; es käme deiner menschenfreundlichen Gesinnung gleich,« rief sie aus, indem sie sich einschmeichelnd an ihn schmiegte und seine Stirn liebkoste, – »und dann versprich mir etwas, Titus.« »Na, und was ist denn das?« »Schenke mir den einen der Gefangenen.« »Was ist doch das für ein Einfall? Dir schenken? Du könntest sie alle haben, liebe Erinna, wenn sie mir gehörten. Aber es sind Cäsars Gefangene. Es sind ja Majestätsverbrecher, Aufrührer.« »Ja, aber die ganz jungen, Titus! die wollen doch keinen Aufruhr machen. Die wissen ja gar nicht, was sie tun – die sind von den anderen verleitet worden. Du könntest mir doch einen der jüngsten freigeben.« »Unsinn, Kind. Keiner der Gefangenen ist so jung, daß er nicht seine Verantwortung kennte. Was fällt dir eigentlich ein? Du pflegst dich doch sonst nie in meine Sachen zu mischen. – Ach so! – ich kann mir denken, daß Antigonos von seinem Sohn gesprochen hat.« »Ja, dem jungen Agathos, es waren seine letzten Worte, daß wir doch das Leben des Sohnes retten möchten.« »Ja, das tut mir leid. Ich möchte ja gern seinen Sohn retten, aber ich habe nicht einmal einen Vorwand zur Hand. Dieser Jüngling war einer der hitzigsten: er nannte Cäsar das große Tier und Jupiter einen bösen Dämon. Auch schreckte er andere vom Opfer ab ... Das läßt sich nicht tun ... »Nein, nein, Erinna, es nützt nichts. ... Euch Frauen will es stets schwer fallen, die unbeugsamen Forderungen der Gesetze und des Rechts zu fassen. Aber du mußt doch einsehen können, daß ich nicht gegen seinen eigenen Willen, bloß weil er Antigonos' Sohn ist –« »Antigonos' Sohn! – er ist mein Sohn,« brach es plötzlich aus ihr hervor, indem sie sich von ihm losriß. »Ja, starre mich nur an, aber verstehe es: es ist unser Sohn – Antigonos' und mein – –« Quartus war einen Schritt rückwärts getreten, so weiß im Gesicht, wie seine Toga. »Metze!« rief er plötzlich, die Hand ballend. »Ja, schlage mich, Titus, ich bin ja dein Weib; du hast ja das Recht dazu. Töte mich!« »Dich, – dich! nein, aber ihn. Vergißt du, daß er in meiner Gewalt ist? ... Ich kann es verlangen, daß er gepeinigt wird. Ich kann ihn ans Kreuz hängen, wie den galiläischen Schwärmer, den er anbetet. ... Ich kann, – ich will, ich –« »Nein, nein Titus! Das willst du nicht. Er ist ja unschuldig an unserem Vergehen. Strafe mich, aber laß ihn leben. Wenn du mich je geliebt hast, Titus, dann schenke ihm das Leben, um deiner Erinna willen.« Sie hatte sich auf die Kniee geworfen und streckte ihm flehend und jammernd die Arme entgegen, während er im Zimmer hin- und herging und ab und zu ihr einen finsteren Blick zuwarf. »Gib ihn frei,« fuhr sie fort. »Was liegt daran, wenn einer davonkommt? Du würdest doch das Gesetz beugen, wäre er dein eigener Sohn!« »Schweige, freches, wahnsinniges Weib,« rief er, den Boden stampfend, und zerriß mit einem gewaltigen Griff die Toga über der Brust. Durch diese Kraftäußerung und das Opfer, das er soeben seinem Zorne gebracht, war er vorläufig beruhigt. Bei den Versammlungen hatte das kostbare sidonische, mit persischer Seide durchwirkte Byssosgewand einen unvergleichlichen Glanz vom Podium oder Tribunal herabgestrahlt. Gestärkt durch einen Becher Chierwein, den er noch auf dem Tische vorfand, legte er sich auf die Ruhebank, und den Blick auf ein Wandgemälde richtend, fing er an die Sache durchzudenken. Er kam zu der Erkenntnis, daß es ihm nicht anders ergangen war, als den meisten Römern. Ganz gewiß hatte er die geschmückten Patrizierinnen, die sich in Eselsmilch wuschen und Terpentin tranken, verschmäht und ein einfältiges thessalisches Mädchen geheiratet, das in ländlicher Unschuld aufgewachsen war, wofür er meinte, zum Lohn ein treues Weib beanspruchen zu können. Dies alles war jedoch nicht mehr zu ändern. Was aber um jeden Preis verhindert werden mußte, war, daß die Schande offenbar würde. In Rom wäre die Gefahr geringer gewesen. In den Bädern, im Theater, in den Ankleidezimmern der Patrizierinnen wäre wohl einige Tage lang darüber geflüstert worden, dann hätte ein anderer Stadtklatsch diesen abgelöst. Hier dagegen, in der abseits gelegenen Provinzstadt, wo er die höchste Obrigkeit vertrat, durfte das nicht hervortreten ... Der Vater war gestern gestorben, heute konnte das Geheimnis mit dem Sohne begraben werden. Es war durchaus keine Redensart, wenn er ständig auf die Gerechtigkeit hinwies. Denn er wollte und konnte hier nicht eine Ausnahme machen, um Erinnas Sohn zu retten; auch konnte er ihn nicht beiseite räumen, ohne sich selbst und sein Amt zu erniedrigen. Was er erfahren hatte, durfte sein Verhalten nicht verändern, und er war fest entschlossen, die Bekehrung des Bekenners zur Rettung dieser verblendeten Toren zu benutzen. Was ihn beruhigte, war die Beharrlichkeit und der Fanatismus, die er bei Agathos bemerkt hatte. Alles in allem würde er sich das Ansehen geben, besonders edelmütig gehandelt zu haben, ohne jedoch sein eigenes Interesse zu stark aufs Spiel zu setzen. Während er sich mit solchen Gedanken beschäftigte, lag Erinna noch immer am Boden; ihre violette Stola, deren seidene Falten in dem starken Lichte glänzten, schleppte auf den blanken Mosaiksteinen. Sie wagte es nicht, ihn durch ein Wort oder eine Bewegung zu unterbrechen, während sie mit Spannung seine unbeweglichen Züge beobachtete. Die wenigen Minuten, an ihren schnellen Pulsschlägen gemessen, wurden für sie zu Stunden. Indes, was tat es? – Die Vorstellung konnte nicht beginnen, ehe der Prokonsul auf dem Podium saß, und sie gewänne jedenfalls nur Zeit. Endlich ergriff Quartus den Becher, der neben ihm stand, trank den letzten Schluck aus und stellte ihn so hart auf den Tisch, wie Einer, der sagt: jetzt ist es beschlossen und steht fest. »Gibt es Mitwisser von dieser Verbindung und eurem verfluchten Sohn?« fragte er, ohne sie anzusehen. »Niemand außer meiner Sklavin und späteren Freigegebenen Euadne, die jetzt verstorben ist.« »Eukrates?« »Er weiß nichts von Agathos.« »Gut, dann kann es verborgen bleiben. Wenn Gerede darüber entstände, würde ich dich wegjagen. An dem Namen meiner Gemahlin darf kein Flecken haften. Was deinen – was Agathos betrifft, dann bekommst du ihn nie mehr –« »Ach, dann läßt du ihn also am Leben, Titus? – ja, ja –« »Ich will tun, was ich tun kann. – Alexandros! .. Eine andre Prachttoga! Laß den Tragsessel, die Liktoren und die Fackelträger sich bereit halten ... – Ich will, wie ich beschlossen hatte, versuchen, welche Wirkung das Beispiel Antigonos' auf die Christen und seinen eigenen Sohn ausübt; ich werde sogar – das verspreche ich dir – Agathos gegenüber alle Mittel versuchen. Opfert er, dann ist er frei – aber aus meiner Provinz verwiesen.« »Wenn er nun aber nicht opfert?« »Nichts außerhalb des Gesetzes. So weit – und nicht weiter.« »Ach, weh' mir! Er opfert nicht. Er fürchtet den Tod nicht.« »Schon vor ihm haben die Wildesten von ihnen geopfert. Und außerdem, wenn die Götter den Vater bekehrten, werden sie das gleiche mit dem Sohne tun, wenn es ihr Wille ist, daß er lebt. Lebwohl!« Quartus ging schnell zum Atrium hinaus. »Nach dem Karzer!« rief er, indem er in den Tragsessel stieg und die Vorhänge zuzog; denn er wollte sich durch die schreienden Bürger, die vor den Beilen der Liktoren ehrerbietig auswichen, in seinen Gedanken nicht stören lassen. Nach Verlauf weniger Minuten stieg er vor der gewölbten Tür einer hohen, zylindrisch geformten Mauer aus. Die Fackeln wurden angezündet, und die Liktoren schritten in dem dunklen Gang voraus. Im Hintergrunde hörte man ein Schloß rasseln, und eine schwere Tür kreischte in ihren Angeln. Dann traten sie ein. Die Fackeln erleuchteten eine breite, aber ziemlich niedrige Wölbung, deren Mauern und Pfeiler von Feuchtigkeit grün und schwarz gesprenkelt waren. Zwanzig christliche Gefangene lagen auf einem Haufen Stroh in einer der Ecken; ihnen gegenüber krochen drei andere zusammen. Das waren altgläubige, ebionitische Judenchristen, die es vorzogen, auf den kalten Steinen zu liegen, anstatt sich unter die ketzerischen Pauliner zu mischen. Alle blickten auf oder kehrten sich dem Lichte zu, die geblendeten Augen mit den Händen beschattend. »Welcher unter euch ist Agathos, des Bekenners Theophilos' Sohn?« fragte Quartus. Agathos erhob sich in der Mitte der Schar. Der eine der Fackelträger trat herbei und hielt die Fackel, damit ihr roter Schein sein bleiches, jugendliches Gesicht und die kräftige, schlanke Gestalt beleuchte, deren Brust die Narben der Folterbank zeigte. Beim Anblick von Erinnas Sohn überflutete Quartus der Ingrimm, und unter den zusammengezogenen Brauen blitzten seine kalten Augen dem Jüngling so scharf entgegen, daß dieser unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Quartus faßte sich. »Nimm die Fackel weg; die schneidet mir in die Augen. – Ich komme zu dir und euch allen,« fuhr er fort, indem er näher hinzutrat, »um an euch die Macht der Überredung und des guten Vorbildes zu prüfen. Bekehrt euch, während es noch an der Zeit ist! Wandert alle, und besonders du, Agathos! in der Spur jenes frommen Theophilos. Denn dieser unter euch so hoch angesehene Mann, – dein Vater, Agathos! – wurde auf seinem Krankenlager von den Göttern erleuchtet und starb, sich zum Glauben seiner Väter bekennend und das Dankopfer an die Götter veranlassend.« »Du lügst, Heide,« rief Agathos – »verflucht sei er von mir, seinem Sohn, und von euch, seinen Brüdern und von der ganzen christlichen Gemeinde, und von Christus, den er verleugnete und der ihn verleugnen wird am jüngsten Tag!« »Amen! Amen! verflucht!« murmelten ein paar Stimmen, die nur schwach und ängstlich klangen. Die Worte des Prokonsuls schienen eine gewisse Wirkung auf die Gefangenen gemacht zu haben, eine besonders eigentümliche aber auf die drei Judenchristen. Der älteste von ihnen, dessen grauer schmutziger Bart über seine Brust herunterfiel, erhob sich, und seine Augen funkelten in einem fanatischen Feuer. »Hört ihr's« rief er, seinen langen knochigen Arm ausstreckend, »habt ihr's gehört, – ihr Opferfleischfresser, ihr Bilderanbeter – Nikolaiten!« »Bileamiten,« fügten die beiden anderen hinzu. »Folgt ihm nur, eurem frommen Mann, dem feigen Theophilos und verleugnet eure gefälschte Lehre, die lauter Lüge und ohne Erlösung ist. Das Gefängnis steht euch offen, ihr opferfleischschnüffelnden Hunde!« »Schweig, du Sklave des Gesetzes,« antwortete ein alter Pauliner, »der du, mit Ausnahme am Herzen, beschnitten bist. Suche Schutz im Schatten der alten noch gestatteten Religion. Tut es uns gleich, ihr Ungläubigen, und gießt euer Blut nicht aus für den, dessen Blut eure Sünden nicht abspült.« »Wehe und Fluch dem, der abfällt unter der Verfolgung,« rief eine gellende Stimme aus der Mitte des Haufens heraus. »Sucht die Bluttaufe, die allein kann euch retten. Darum habe ich den Cybeletempel in Pessinus in Brand gesteckt, Zeus ins Gesicht gespien und Cäsars Büste heruntergestoßen ... Drum sucht die Bluttaufe, sage ich euch. Ich habe sie gesucht, obschon ich doch den Tagen des Parakleten angehöre; ich bin ein Mann, ihr seid nur Kinder und Knaben. Ihr könnt nur des Wortes Milch, aber nicht den Wein des Geistes verdauen.« Während dieser Rede war Leben in den Haufen gekommen, die jetzt durch viele Stimmen unterbrochen wurde. »Was ist denn das? ›Ein Häretiker!‹ Pfui mit ihm! Fort mit dem Montanisten!« Mit solchen Rufen zogen alle sich seitwärts von ihm zurück, und er blieb allein zwischen ihnen und den Judenchristen stehen. Es war ein junger Mann; seinen nackten Körper deckte nur ein Fell um die Lenden. Sein Haar stand aufrecht wie bei einem Tier, dessen Borsten sich sträuben, und schien die phrygische Mütze zu lüften. Die Augen starrten ekstatisch; die Zunge lallte wie die eines Betrunkenen, während er immer weiter schrie vom Parakleten, Mannesalter und der Bluttaufe. Quartus hatte vergebens versucht, zu Worte zu kommen. Unterdessen fuhren die Judenchristen fort zu schelten: »Wehe denen, die sich Apostel nennen, jedoch Lügenpropheten sind, und Juden, aber zu den Gojims gehören! Vernichte sie, Herr, mit deinem Zorn! vergelte denen aus der Synagoge des Satans ihren Sünden und deiner Gerechtigkeit gemäß; laß sie, die des Tieres Zeichen tragen, den Becher deines Zornes und Rausches leeren.« Quartus stampfte auf die Erde: »Bringt mir den Schreihals zum Schweigen.« Der zurückstehende Liktor trat einen Schritt vorwärts. Ein Blinken durchzuckte die Luft. Der Fluch verlor sich in einem kurzen Schrei, während der Körper schwerfällig zu Boden klatschte. Eine Stille des Entsetzens trat ein. Selbst der Phrygier schwieg und starrte verwirrt auf seine nackten Füße, die mit Gehirn überspritzt waren. Quartus winkte, und der Türe gegenüber wurde jetzt ein Vorhang zurückgezogen, der eine durch ein Eisengitter verschlossene Torwölbung verdeckt hatte. Dahinter zeigte sich ein kurzer enger Gang zwischen zwei Mauern, deren oberste Ränder sich mit zwei Zickzacklinien begegneten. Auf diesen Zacken unterschied man: Füße, Ellenbogen und Schultern; einen nach vorn gebeugten Nacken, einen zeigenden Arm, einen flatternden Schleier. Wenige Faden weiter endigten sie in zwei lotrechten, einander gegenüberstehenden Linien, vor denen zwei Büsten auf niedrigen Säulen standen; daneben Schalen mit Mehl und Räucherwerk und Dreifüße mit Feuer. Hinter einem neuen Gitter sah man zwischen den lotrechten Mauerlinien den hellen Streifen einer Sandfläche, auf welcher vor einem Holzstoß eine Flamme auf einem Dreifuß spielte. Im Hintergrunde über einem Stück nach innen gebogener Mauer, den sichtbaren Teil des umgekehrt-pyramidalen Raumes ausfüllend, gewahrte man eine Schar weißgekleideter Menschen, nicht größer als Puppen. Eine Reihe über der anderen und immer kleiner werdend, wurde die Menge durch dunkle Linien in regelmäßige Keile geteilt, die abwärts ins Zentrum verliefen, längs welchen sich dann und wann eine kleine weiße Gestalt bewegte. Die oberste Reihe entlang erhoben sich vergoldete Masten, ein sonnendurchleuchtetes violettes Segel ausspannend, dessen strahlende Farbe den Bogen der Torwölbung füllte. Ihr dunkler Ziegelsteinrahmen, vom roten Fackelschein spärlich beleuchtet, umspannte das ganze tageshelle, von den schwarzen Gitterstangen durchzogene Bild. Bin dumpfes Brausen und Kochen, wie aus einer ungeheuren Muschel, strömte zugleich mit dem Licht durch den Gang in das Gefängnis. »Dies ist die letzte Frist,« rief Quartus, während die Gefangenen sprachlos hinausstarrten. »Wählet! Cäsar und Jupiter, oder die Tiere und den Scheiterhaufen.« Ein kurzes Schweigen herrschte. Aber plötzlich erhob sich hinter den Gefangenen ein tiefes grollendes Brummen; ein hohles Gebrüll antwortete, und diese beiden Laute überflügelnd, erklang ein fürchterliches, langgezogenes Heulen. Alle drei Töne nebeneinander ergaben eine Disharmonie von Bosheit, Zorn und Unwillen, die an Heftigkeit zunahm. Auch kam sie nicht mehr nur aus einer bestimmten Richtung; sondern von allen Seiten, von nah und fern, schien sie gleichsam alles füllend, – alles mit ihren fürchterlichen Tönen zu verschlingen. Plötzlich brach das Geheul ab, das Brüllen zog sich zurück, und nur das dumpfe Brummen hielt sich im Hintergrund, nach und nach abschwächend, wie der Lärm eines davonrollenden Wagens. Während alledem wogte eine erdbebenartige Bewegung über dem zusammengepreßten Haufen der Christen dahin; dann, indem sie die Arme vorstreckten, riefen sie mit wilden Stimmen und Mienen, unversöhnlich, wie der heidnische Pöbel diesen Ruf ihnen entgegenzuschleudern pflegte: »Zu den Tieren!« Quartus kehrte sich mit einem Achselzucken ab und sagte: »Wem Arzneimittel nichts helfen können –« »Gnade! Gnade!« rief der Phrygier mit zitternder Stimme, indem er sich vor seine Füße warf und den Saum seiner Toga küßte, »ich will opfern, ich will – ich will – alles –.« Er konnte nichts mehr hervorbringen. Seine Glieder zuckten in Krämpfen, während die Liktoren ihn entfesselten. »Seht ihr wohl, ihr anderen?« rief Quartus, »und dieser war der Gewaltsamste!« »Daher kommt es,« antwortete Agathos, »daß wir die nicht loben, die selbst das Martyrium suchen, was keineswegs die Apostel, sondern die Häretiker und Schwärmer befohlen haben. Mögen sie abfallen, wir aber wollen sterben.« »Ich gebe euch noch eine letzte Frist,« sagte Quartus, indem er sich an der Türöffnung umkehrte, »Demjenigen, welcher beim Durchschreiten des Ganges Räucherwerk auf den Dreifuß wirft, wird das zweite Gitter nicht geöffnet werden.« Die Tür schlug dröhnend zu. Die Schlüssel rasselten am Schloß. Die widerhallenden Schritte starben hin. Die Gefangenen waren wieder allein. Draußen hielt der brausende Lärm noch immer an. Drinnen herrschte ein drückendes, stumpfes Schweigen, als ob der letzte krampfhafte Ausbruch all ihre Kraft erschöpft habe. Agathos erhob sich: »Brüder, die Stunde ist da. Aber laßt uns die nicht fürchten, die wohl unseren Körper vernichten können, über unsere Seele aber keine Macht errungen haben. Seht, die weiße Schar da draußen wartet auf uns; erhebt eure Augen zum Throne der Gnade, an dem eine andere Schar, die ihre Kleider weiß gewaschen hat im Blute des Lammes, unserer befreiten –« Peitschenknall hatte seine Rede begleitet, die er jetzt plötzlich unterbrach, als ob seine Zunge am Gaumen klebte, während er steif vor sich hinstarrte. Ein großer Bär hatte den von den Mauerlinien begrenzten Raum durchquert. Jetzt fiel eine gelbe Masse, einen Bogen beschreibend, auf den Sand. Die dunkle Mähne des Löwen sträubte sich, sein Schweif wedelte, der blutrote Rachen öffnete sich, und sein Gebrüll durchdröhnte das Gewölbe. Zwei Panther sprangen auf dem Holzhaufen herum; vom Dufte der Räucheraltäre und den Salben der Menge berauscht, sprangen sie herunter und wälzten sich wollüstig im Sande, während ihr Geheul die Luft durchgellte. Der Bär kam zurückgetrabt und blieb brummend und seinen schweren Kopf nach unten hängend, vor dem liegenden Löwen stehen, der jetzt friedlich mit dem Schweife wedelte. Einige der Christen starrten mit aufgerissenen, festgebannten Augen hinaus. Andere schlossen sie oder kehrten sich nach der Mauer. Ein einzelner betete laut, etliche jammerten und schluchzten. Ein paar von ihnen warfen lange, verstohlene Blicke nach den Räucheraltären. Das Schloß rasselte; die Tür im Hintergrunde ging auf. Der öffentliche Ankläger trat ein, eine Tafel in der Hand; ihm folgte eine Abteilung Soldaten mit Stangen und Geißeln. Das Torgitter glitt aufwärts. Liktoren, mit Beilen versehen, stellten sich neben den Altären auf. Draußen im Theater und drinnen im Gefängnis herrschte ein kurzes, atemloses Schweigen. Eine schmetternde Tuba löste es ab. »Der Majestätsverbrecher und Atheist Agathos, Sohn des Philosophen Antigonos von Larissa, den die Christen Theophilos den Bekenner nennen,« rief der Ankläger. Auf den Befehl Erinnas war einer der fackeltragenden Sklaven zurückgeeilt und hatte ihr das unheilvolle Ergebnis der Bekehrungsversuche des Prokonsuls mitgeteilt. Als ihr Sohn Smyrnas Arena betrat, lag sie über der Leiche Antigonos' – – steif und kalt – sie hatte Schierlingsaft getrunken. Eukrates aber stand über sie gebeugt, sowohl christlichem als heidnischem Aberglauben fluchend, während er, mit des Arztes Aberglauben an das Leben, alle Mittel der Wissenschaft anwendete, um ein Herz zum Schlagen zu bringen, dem es besser war, auf ewig still zu stehen.