Arthur Zapp Moderne Frauen   Erzählung   (Dritte Auflage von »Der Ibsenbund«. I. »Hier, meine Herrschaften, haben wir die beiden Typen des modernen Weibes: Nora, die Frau, die nicht die Puppe ihres Mannes sein will, sein Spielzeug in müßigen Stunden, sondern eine menschliche Individualität wie er, mit eigenem Willen, mit eigenen geistigen und seelischen Trieben – und Svava, das ebenso keusche wie geistig starke junge Mädchen, das von ihrem zukünftigen Gatten dieselbe sittliche Reinheit fordert, die von ihr selbst erwartet wird.« Der Vortragende, der, je weiter er in seinem Vortrag vorgeschritten war, je mehr Pausen gemacht hatte, um der ermüdeten, etwas heiser klingenden Stimme Erholung zu gönnen, räusperte sich stark und griff zu dem Glase, das mit Wasser gefüllt, auf dem kleinen Tischchen vor ihm stand. In dem kleinen Kreise der Anwesenden, besonders unter den Damen, erhob sich indessen ein lebhaftes Beifallsgemurmel, und in aller Mienen spiegelte sich deutlich die lebhafteste Zustimmung wieder. Nur ganz hinten in der letzten Reihe der Zuhörer saßen zwei Herren, in deren Gesichtsausdruck sich ein ironischer, mokanter Zug bemerkbar machte. Und in der That, sie hatten sich während des ganzen Vortrages damit amüsiert, einander allerlei boshafte Glossen zu den Worten des Sprechenden in die Ohren zu wispern. Der ältere unter ihnen war Doktor Lohmann, ein wegen seines kurz angebundenen und sarkastischen Wesens nicht gerade beliebter Arzt, der seiner matten Praxis durch einen um so lebhafteren gesellschaftlichen Verkehr aufzuhelfen trachtete. Der andere war ein bei der Regierung beschäftigter Assessor Namens Dornau. »Furchtbarer Unsinn!« konnte sich auch jetzt der Arzt nicht enthalten, seinem Nachbar zuzuraunen. »Einfach lächerlich!« entgegnete dieser in dem Nasalton, den er – Lieutenant der Reserve – sich im Umgange mit Kameraden der Linie angeeignet hatte. Der Vortragende, der von dieser ebenso kurzen und bündigen, wie vernichtenden Kritik seiner Ausführungen keine Ahnung hatte, begann den Schlußsatz: »Ja, meine Herrschaften, das ist das unvergängliche Verdienst Ibsens und Björnsons, daß sie in diesen beiden Frauengestalten zum ersten Mal das Ideal des modernen Weibes verkörpert haben, allen Frauen nicht nur ihres skandinavischen Vaterlandes, sondern der ganzen zivilisierten Welt zum Vorbilde. Darum, meine verehrten Damen – der Redende räusperte sich noch einmal, um seine Stimme für den Schlußsatz möglichst klar und eindringlich zu machen – eine Pause, die der boshafte Dr. Lohmann zu der Bemerkung benutzte: »Passen Sie auf, Dornau, jetzt kommt die Pointe!« »Darum lege ich es Ihnen besonders ans Herz, daß Sie in Ihren Kreisen, soweit es in Ihren Kräften steht, für die unvergänglichen Werke der beiden großen norwegischen Dichter Propaganda machen. Sie werden damit nur für sich selbst wirken.« Der Redende machte eine etwas linkisch ausfallende Verbeugung, damit das Ende seines Vortrages andeutend. * Das Auditorium, das aus ungefähr einem halben Dutzend Damen und ebensoviel Herren bestand, erhob sich, um zum Teil den Urheber des soeben gehabten litterarischen Genusses beglückwünschend zu umringen, zum Teil miteinander die Meinungen über das Gehörte auszutauschen. Am lebhaftesten und am meisten befriedigt äußerten sich, wie es sich bei dem behandelten Thema eigentlich von selbst verstand, die Damen. Vor allem aber war es die Herrin des Hauses, eine junge Frau von einigen zwanzig Jahren, die mit ausgestreckter Hand auf den sich wiederholt Verbeugenden zuschritt, während ihre geröteten Wangen und ihre leuchtenden Augen die tiefe Wirkung des Vortrages auf ihr empfängliches Gemüt überzeugend bekundeten. »Sehr richtig, lieber Herr Doktor,« sprudelte sie lebhaft hervor – »mir ganz aus der Seele gesprochen.« Und während sie sich mit dem Oberkörper nach den hinter ihr Stehenden halb herumwandte, fügte sie mit erhobener Stimme hinzu: »Ich glaube im Sinne aller Anwesenden zu handeln, wenn ich Ihnen für Ihren ebenso instruktiven wie interessanten Vortrag unser aller aufrichtigsten Dank ausspreche.« Zustimmende Ausrufe erhoben sich von allen Seiten, während der also Gefeierte die ihm dargebotene Hand der Gastgeberin dankend an seine Lippen führte. Nachdem in dieser Weise feierlich und offiziell der Vortrag zum Abschluß gebracht war, verteilte man sich in zwanglose Gruppen, die sitzend und stehend nun auch andere, weniger ernste Gesprächsthemata zur Erörterung brachten. Mancher Blick aber richtete sich insgeheim sehnsüchtig nach den Flügelthüren, die in das anstoßende Speisezimmer führten, in welchem die materielle Stärkung vorbereitet wurde, die den geistigen Genüssen der Vortragsabende regelmäßig folgte. Heute aber machte Frau Mila Steinbach noch gar keine Anstalten, ihre Gäste zum Eintritt in das Eßzimmer aufzufordern, was den nicht geringen Verdruß Doktor Lohmanns und Assessor Dornaus erregte, die für den kulinarischen Teil der im Steinbachschen Hause stattfindenden Gesellschaftsabende eine viel ausgeprägtere Empfänglichkeit und Würdigung besaßen, als für den litterarischen. Frau Mila erfreute sich trotz ihrer jungen Jahre einer gewissen Autorität unter ihren intimeren Bekannten. Man respektierte die ebenso anmutige wie geistig regsame junge Frau, die, seit sie sich mit einem der angesehensten Männer der Stadt, dem Direktor einer chemischen Fabrik, verheiratet, sich unermüdlich bemühte, ihren gesellschaftlichen Verkehrskreis, mehr als es bisher der Fall gewesen, für litterarische Interessen empfänglich zu machen. Mit wahrem Feuereifer beschäftigte sie sich mit derjenigen Litteratur, welche die der Frau innerhalb der modernen Gesellschaft gebührende Stellung erörterte, und vollends für die Werke Ibsens und Björnsons empfand sie eine an Schwärmerei grenzende Begeisterung. Diese Vorliebe für die norwegischen Dichterwerke erhielt noch neue Nahrung, ja, loderte zur hellen Flamme auf, als eines Tages der Berliner Schriftsteller Oswald Kramm in der Stadt erschien, um einen Cyklus von öffentlichen Vorträgen über die moderne Litteraturbewegung im allgemeinen und über skandinavische Dichtung im besonderen zu halten. Oswald Kramm hatte sich als Übersetzer und Interpret Ibsen's einen Namen gemacht: er hatte Ibsen und andere skandinavische Dichter nicht nur durch mustergültige Übersetzungen, sondern auch durch eine große Anzahl von Essays dem deutschen Verständnis zugänglich gemacht. Ja, er hatte sogar eine eigene Zeitschrift gegründet: »Blätter für moderne Litteratur«, die seine Feinde und Neider bezeichnender Weise »Blätter für norwegische Litteratur« nannten, denn sie dienten ganz augenscheinlich in erster Linie dem Zwecke, für die von Oswald Kramm übersetzten ausländischen Dichtungen unter dem deutschen Publikum Freunde, d. h. Leser und Käufer, zu werben. Seinen unermüdlichen Bemühungen war es zu danken, daß Ibsen in Berlin die Bühne erobert hatte und daß sich in der Hauptstadt des deutschen Reichs eine sich stetig vergrößernde und von einem blinden Enthusiasmus für ihren Meister beseelte Ibsen-Gemeinde bildete, die es förmlich für eine Ehrensache hielt, allen einheimischen dramatischen Produktionen mit einem geringschätzigen Mitleid zu begegnen. Leider waren die materiellen Resultate, welche der rührige Ibsen-Apostel bisher erzielt hatte, nicht in gleicher Weise zufriedenstellend, wie seine litterarischen Erfolge. Für Übersetzungen gewährten die Verleger nun einmal keine glänzenden Honorare und die Tantièmen, welche aus den Aufführungen Ibsenscher, von Oswald übersetzter Dramen flossen, bewegten sich vorderhand noch in sehr bescheidenen Ziffern. Im Hinblick auf die große Menge der Theaterbesucher war und blieb Ibsen zum nicht geringen Schmerze des fleißigen Übersetzers doch nur »Kaviar fürs Volk«. So kam es, daß Oswald Kramm den großen Entschluß faßte, sein Operationsfeld auch auf die Provinz auszudehnen und durch persönliche Bemühungen allenthalben der Schar der Verehrer norwegischer Litteratur neue Mitglieder zuzuführen. Neben Frau Mila Steinbach waren es in erster Reihe zwei Freundinnen derselben, welche für den neuen nordischen Litteraturgott und seinen deutschen Propheten ebensoviel Bewunderung wie Dienstbeflissenheit an den Tag legten. Die eine, Martha Gründler, nahm im Steinbachschen Hause die Stellung einer »Stütze der Hausfrau« ein. Ihre Beziehungen zur Familie waren aber mehr die einer Freundin, als die einer für Kost und Lohn Angestellten. Frau Mila hatte das im Anfang der Dreißig stehende Fräulein von ihrem elterlichen Hause übernommen, in welchem dieselbe als Erzieherin und später als Gesellschafterin von Milas Mutter mehrere Jahre zugebracht hatte. – Die dritte im Bunde war Else Willbrand, eine etwa zwanzigjährige junge Dame mit blitzenden dunklen Augen, schlanker Figur und einem lebhaften Temperament. Während ihre Freundin Mila Ibsens »Nora« als ihre Lieblingsdichtung bezeichnete, interessierte sich Else Willbrand am meisten für Björnsons Schauspiel: »Der Handschuh«. – Svava, die Heldin desselben, die sich von ihrem Verlobten in gerechter Entrüstung lossagt, da der Ahnungslosen plötzlich von dem wüsten Vorleben desselben Kunde wird, folgerte ihre höchste Sympathie heraus. »Diese Svava«, rief das leicht erregbare Mädchen in naiver Begeisterung am Schluß des Vortrages aus, indem es sich an den neben ihm sitzenden Rechtsanwalt Linder wandte, »diese Svava, ich finde sie himmlisch!« »Nun ja«, entgegnete der Angeredete, der seiner Braut zuliebe einer der regelmäßigsten Besucher der Krammschen Vorträge war, »sie ist ja ein ganz nettes Mädchen, aber doch ein wenig zu – « »Nun?« unterbrach ihn Else stirnrunzelnd und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. »Ich meine: zu norwegisch. Wie die mit dem bedauernswerten Alf abfährt – ich danke! Wirft ihm den Handschuh ins Gesicht und setzt ihm ohne weiteres den Stuhl vor die Thür – der arme Teufel!« Diese unbedachten Worte, die etwas gar zu offenherzig die Meinung des Sprechenden wiedergaben, erregten die lebhafteste Entrüstung der Svava-Bewunderin. »Weißt Du, Kurt, daß ich es ganz abscheulich von Dir finde«, sprudelte sie lebhaft hervor, »diesen gewissenlosen, lüderlichen Patron noch zu vertheidigen?« Der junge Rechtsanwalt sah zu seinem Schrecken, was er angerichtet, und wagte nur einen schwachen Protest – er war erst seit drei Monaten verlobt. »Aber bedenke doch – « Sie schnitt ihm jedes weitere Wort ab mit der niederschmetternden Bemerkung: »Ein jedes Mädchen, das etwas auf sich hält, würde in Svavas Lage ebenso handeln.« Damit drehte sie ihrem Verlobten den Rücken und wandte sich der nächsten Gruppe zu. Der also Abgetrumpfte blieb in nicht geringer Bestürzung zurück. Teufel, das klang ja unangenehm ernsthaft, fast drohend, und wenn er sich auch in den zwei Jahren, da er, von Berlin kommend, sich in der Provinzialhauptstadt niedergelassen, nichts vorzuwerfen hatte, so hatte doch in seiner Berliner Zeit sein rasch entzündbares Herz mehr als einmal an einem Paar flammender Mädchenaugen Feuer gefangen. Aber das waren tempi passati und Elses argloses, unschuldiges Herz würde durch das, was vergangen und vergessen, nie beunruhigt werden. Wenn auch in diesem Bewußtsein etwas Tröstliches für ihn lag, so konnte sich der junge Rechtsanwalt doch nicht enthalten, mit einem Gefühl innerer Unruhe zum ersten Male allen Ernstes bei sich zu erwägen, ob es nicht unbedacht von ihm gewesen, der Vorliebe seiner Braut für diesen rücksichtslosen norwegischen Wahrheitsfanatiker noch Vorschub zu leisten. Aus diesen nicht gerade angenehmen Betrachtungen riß ihn die Stimme seines Freundes, des Hausherrn, der eben an ihn herantrat. Herr Steinbach war unzweifelhaft unter den anwesenden Männern die imposanteste Erscheinung, wenigstens überragte er sie alle an körperlicher Größe. Ungleich seiner Gattin fand er an den Vorträgen Oswald Kramms keinen sonderlichen Gefallen, waren doch sogar die von Frau Mila arrangierten litterarischen Abende von seiner nicht selten sehr beißenden Ironie nicht verschont geblieben. »Ibsen-Bund« – so hatte er sarkastisch den litterarischen Zirkel getauft, und das Wort hatte alsbald die Runde in der Stadt gemacht und war allgemein mit schadenfrohem Lachen begrüßt worden. »Warum so nachdenklich?« redete der Hausherr den grübelnden Rechtsanwalt an, ihm seine Hand freundschaftlich auf die Schulter legend. »Hat Dich etwa die Weisheit des Ibsen-Apostels zu tiefsinnigen Betrachtungen angeregt?« »Ach Unsinn!« entgegnete Linder eifrig, froh, seine Gedanken mit jemandem, dem gegenüber er sich keine Zurückhaltung aufzuerlegen brauchte, austauschen zu können. »Else macht mir Sorgen. Sie enthusiasmiert sich jetzt für Svava in einer Weise – « »Svava? – Ah so, die mit der Keuschheitsforderung.« Ein schalkhaftes Lächeln glitt über des Sprechenden Antlitz. »Da will ich ihr doch gleich von Deinen Junggesellenstreichen erzählen.« Erschrocken faßte ihn der andere am Arm. »Mach doch keinen Unsinn, Arno!« Dem Schelm Steinbach, der in seinem Bekanntenkreise wegen seines Hanges zur Ironie und Spottsucht und wegen seiner oft geradezu verblüffenden Offenherzigkeit berüchtigt war, wäre dergleichen schon zuzutrauen gewesen. Der Angeredete aber lachte laut aus. »Du dachtest wirklich? Unbesorgt! Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus.« Und die beiden Freunde zwinkerten einander lächelnd mit den Augen zu, wie zwei römische Auguren. Indes knüpfte man auch in einigen der andern Gruppen, die sich in dem Salon gebildet hatten, an das Thema des Vortrages an. »Was mich betrifft, Doktor«, redete eine etwas stark gereifte Jungfrau den neben ihr stehenden Arzt an, »ich schwärme für Ibsen. Wissen Sie, er hat so ganz was Apartes, so was – was Unheimliches. Es gruselt einem immer so angenehm, wenn man seine Sachen liest; zum Beispiel »Gespenster« – hu!« Die Sprechende schüttelte sich in der angenehm-schauerigen Erinnerung an die Lektüre dieses düstersten aller Ibsenschen Stücke. »Das reine Gift für die Nerven«, warf Dr. Lohmann trocken ein. »Aber doch so – so modern«, widersprach die Dame. Und nach Frauenart sogleich vom Sachlichen auf das Persönliche übergehend, setzte sie hinzu: »Doktorchen, ist es wahr, daß Ibsen schon ein alter Herr ist?« Mit der kurzen Bejahung dieser Frage seitens des Arztes war aber die Wißbegierde der ältlichen Jungfrau noch nicht gestillt. Sie senkte ein wenig das Haupt, bemühte sich zu erröten und lispelte verschämt: »Ob er wohl verheiratet ist?« »Bedaure, weiß wirklich nicht, ob er noch zu haben«, entgegnete der Doktor in seiner kurzangebundenen, satirischen Manier. Assessor Dornau hatte sich der Gattin eines älteren Kollegen zugesellt, welch letzterer sich, soviel es irgend anging, den litterarischen Abenden fernhielt, da für ihn ein gemütlicher Skat am Stammtisch einen viel stärkeren Reiz hatte. Die etwas ätherisch anzuschauende Dame, auf welche der Einfluß der Krammschen Vorlesungen augenscheinlich eine zehrende Wirkung ausübte, machte ebensowenig wie die übrigen Damen ein Hehl aus ihrem Ibsen-Enthusiasmus. Sie liebte es überhaupt, den Schöngeist zu spielen und kokettierte gern, in litterarischer Hinsicht auf der Höhe der Zeit zu stehen. »Ich habe mir alle seine Dramen angeschafft«, teilte sie dem Assessor mit. »In der Übersetzung von Oswald Kramm?« warf dieser ein, während ein ironisches Zucken über sein Gesicht flog. »Natürlich«, beeilte sich die Dame zu versichern – »in rotem Einband, mit Goldschnitt.« Und ihrer von Natur sehr dünnen Stimme einen stärkeren Klang verleihend, damit auch die Nachbarschaft Kenntnis von ihrer Mitteilung nähme, erklärte sie: »Ich lese überhaupt nur noch norwegische und russische Sachen.« Der Assessor zeigte eine bewunderungsvolle Miene. »Ja, das ist sehr modern.« »Höchstens noch französische«, fügte die litteraturfreundliche Dame hinzu – »nur keine deutschen, pah!« Und sie zuckte mit einer Miene unendlicher Geringschätzung die Achseln. Diese letztere Bemerkung war nun allerdings auch dem Assessor aus der Seele gesprochen. »Nicht wahr? Ganz mein Fall!« rief er aufrichtig beipflichtend aus. Aber er ging in seinem Verdammungsurteil der deutschen schönwissenschaftlichen Litteratur noch weiter: »Überhaupt die ganze Belletristik – ah! Höchstens daß ich mal 'n bischen in einer aktuellen Broschüre blättere: »Höllenbreughel als Erzieher« – »Deutschland im Jahr Zweitausend.« – Frau Mila hatte wiederholt unruhige, erwartungsvolle Blicke nach der auf den Flur hinausführenden Thür geworfen. Sie hatte für ihre Gäste eine Überraschung vorbereitet, von der sie sich eine sensationelle Wirkung versprach. Schon vor einigen Tagen hatte der in der Stadt erscheinende »Tägliche Anzeiger« gemeldet, daß es der Direktion des Stadttheaters gelungen, Fräulein Lilly Adolfi, die berühmte Berliner Schauspielerin, die sich besonders durch ihre geniale Darstellung der »Nora« einen Namen gemacht, für ein Gastspiel zu gewinnen. Und zwar würde die bekannte Künstlerin in erster Linie als »Nora«, als »Frau vom Meere« und als »Hedda Gabler« auftreten. Diese Zeitungsnotiz verfehlte nicht, die kunstliebenden Kreise der Stadt in Aufregung und erwartungsvolle Spannung zu versetzen. Frau Mila aber hatte eine kühne Idee gefaßt. Welch ein Triumph, wenn es ihr gelang, die Adolfi, noch bevor dieselbe in der Stadt öffentlich auftrat, an einem der litterarischen Abende ihren Gästen zu präsentieren! Durch die Vermittelung Oswald Kramms, der mit der Künstlerin in geschäftlicher Verbindung stand und der überhaupt das Arrangement des Gastspiels veranlaßt hatte, war von seiten Frau Milas der Adolfi, die erst am Nachmittag in der Stadt eingetroffen, eine Einladung zugegangen. Nun war aber schon die neunte Stunde vorüber und wenn man auch Fräulein Adolfi nicht zu dem Vortrag selbst erwartet hatte, so fing doch Frau Mila an, sich mit dem Zweifel zu quälen, ob nicht die sehnlichst Erwartete noch im letzten Augenblick durch einen Zwischenfall abgehalten worden ihrer bereitwillig gegebenen Zusage zu entsprechen. Da ertönte plötzlich der schrille Klang der Flurglocke. Frau Mila sprang sogleich, wie von einem elektrischen Strom berührt, auf und eilte, während sich ihre Wangen vor Eifer röteten, zur Thür hinaus. Die ahnungslosen Gäste aber, die entweder gar keine Notiz von diesem Vorfall nahmen oder höchstens die Ankunft eines verspäteten Gastes aus ihrem Bekanntenkreise vermuteten, ließen sich in ihrer mehr oder minder eifrigen Unterhaltung nicht stören. Nur der Hausherr lächelte still vergnügt vor sich hin bei dem Gedanken an die verblüfften Gesichter, die er in der nächsten Minute sehen würde. Und in der That, als sich nun die Thür von neuem öffnete und Frau Mila, an der Hand eine höchst chic gekleidete Dame, die niemand kannte, in den Salon zurückkehrte, da verstummte wie auf Verabredung allseitig die Konversation und aller Augen hefteten sich voll Neugier auf die Fremde. »Fräulein Lilly Adolfi aus Berlin«, stellte Frau Mila sie mit erhobener, triumphierend klingender Stimme vor. Allgemeines Staunen, das sich in »Ah's« und »Oh's« verschiedenster Tonarten ausdrückte. Alles drängte herzu, die berühmte Künstlerin in möglichst nahen Augenschein zu nehmen und ihr seine Reverenz zu machen. Nur Kurt Linder, der die Eintretende schreckensbleich, mit weit aufgerissenen Augen, als erschiene ihm ein Gespenst, anstarrte, zog sich unwillkürlich ein paar Schritte zurück, als wünsche er, so spät als möglich bemerkt zu werden. Frau Mila aber begann unverzüglich die allgemeine Vorstellung und zuletzt kam auch die Reihe an den jungen Rechtsanwalt, der inzwischen mit Mühe seine Fassung zurückgewonnen hatte. »Herr Rechtsanwalt Linder.« Diesmal war es die Schauspielerin, welche bei dem Anblick des sich vor ihr verbeugenden jungen Mannes eine Gebärde des Erstaunens und einen leisen Ausruf der Überraschung nicht unterdrücken konnte. »Ah! Sie kennen meinen Bräutigam?« Else Willbrand, deren Aufmerksamkeit bis dahin wie die aller übrigen ausschließlich von der pikanten Erscheinung der Schauspielerin in Anspruch genommen worden, hatte diese Worte unwillkürlich ausgerufen, indem sie zugleich ihren Blick forschend auf ihren Verlobten heftete. Mit der Gewandtheit der allen Situationen gewachsenen Komödiantin entgegnete die Adolfi, ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern: »Nur ganz flüchtig, gnädiges Fräulein. Ich begegnete Herrn Referendar Linder vor Jahren in einer Gesellschaft. Ich hatte eben unter meinem wenig klangvollen Familiennamen Neumann mein erstes Debut auf einer der kleineren Berliner Bühnen gemacht. Der Herr Rechtsanwalt wird sich meiner kaum noch erinnern.« Obwohl die Schauspielerin diese Worte mit der ernstesten Miene gesagt hatte, so schien es dem Angeredeten doch, als ob ein deutlich erkennbar ironischer Ton in dem Klang ihrer Stimme gelegen hatte. Den Anfall von Befangenheit, welchen ihm diese Wahrnehmung von neuem zuzog, bemühte er sich durch eine abermalige Verbeugung zu verdecken, während er höflich stammelte: »Oh doch – doch, gnädiges Fräulein.« Die Aufforderung der Frau vom Hause, sich in das Speisezimmer zu begeben, beendete die für die Beteiligten immerhin peinliche Scene. Herr Steinbach bot der Künstlerin den Arm und führte sie zu dem Ehrenplatz oben an der Tafel. Lilly Adolfis Aufmerksamkeit und Interesse richtete sich anfangs, wenn auch nur verstohlen, auf den jungen Rechtsanwalt und die neben ihm sitzende junge Dame, die sich selbst als dessen Braut bezeichnet hatte. Ein überraschendes, unerwartetes Zusammentreffen: Sie hatte auch nicht die leiseste Ahnung gehabt, hier, außer Oswald Kramm, einen Bekannten aus früherer Zeit wiederzufinden, und noch dazu diesen Kurt Linder, dessen Anblick in ihr nicht gerade angenehme Erinnerungen wachrief. Allmählich aber geriet sie doch mit ihrem Nachbar in ein immer lebhafter werdendes Gespräch. Die geistig bewegliche und zugleich zwanglose, natürliche Weise der Schauspielerin, welche sich so vorteilhaft von der immer etwas gespreizten, umständlichen Art der Damen der provinzialstädtischen Gesellschaft unterschied, regte Herrn Steinbach angenehm an und veranlaßte ihn, seine ganze Gabe der Konversation aufzubieten. Auf der anderen Seite begann die launige, durch Witz und Sarkasmus gewürzte Unterhaltung ihres Nachbars Lilly Adolfi zu fesseln. Das Gespräch bewegte sich vorzugsweise um Kramms Vortrag und das in Aussicht stehende Gastspiel der berühmten Nora-Darstellerin, welch letztere sich natürlich als eine überzeugte und entschiedene Anhängerin des berühmten Norwegers erklärte. Nicht nur den großen Dichter verehre sie in ihm, dessen Frauengestalten sie mit Vorliebe auf der Bühne verkörpere, sondern auch den kühnen Denker, den mutigen Vorkämpfer für die geistige Emanzipation der Frau. Frau Mila, die an der andern Seite der Tafel saß, konnte sich nicht enthalten, der Schauspielerin begeistert zuzustimmen. »Auch ich bewundere ihn, den großen Dichter, aus voller Seele«, gestand sie mit überquellender Begeisterung. »Alles Ringen und Sehnen der Frau, die aus tausendjähriger Bevormundung und Knechtschaft hinausstrebt nach eigener Verantwortlichkeit, hat er unübertrefflich in seiner Nora verkörpert.« Oswald Kramm nahm die Gelegenheit wahr, in dem ihm zur Gewohnheit gewordenen dozierenden Ton sich über den Nora-Typus zu verbreiten, gleichsam in einem Nachtrag zu seinem vor einer Stunde gehaltenen Vortrag. »Ich finde«, so schloß er, »daß dieser Drang nach Wahrheit, dieser Mut der Selbständigkeit, den Ibsens Nora an den Tag legt, auch bei einer Frau bewundernswerte, schöne Züge sind.« Die etwas steifleinene, trockene Stimmung, in welche der Ibsen-Apostel die Tischgesellschaft versetzt hatte, schlug jäh in eine fröhliche Heiterkeit um, als Herr Steinbach mit scheinbar ernster Miene, während doch der Schalk ihm aus den Augen lachte, meinte, daß für ihn die schönsten Züge der Frau – ihre Gesichtszüge seien. Nur einige der Damen widersprachen, am meisten grollte Frau Mila. »Abscheulich, Arno, daß man mit Dir über diese Dinge auch nicht ein ernstes Wort sprechen kann.« »Erlaube, liebes Kind«, verteidigte sich der Angegriffene, »ich spreche durchaus ernst. In meinen Augen hat die Frau in erster Linie die Mission: schön zu sein. Und deshalb bin ich auch ein so entschiedener Gegner aller derjenigen Bestrebungen, die darauf abzielen, die Frau in immer größerem Maßstabe am Erwerbsleben teilnehmen zu lassen. Eine Frau, die arbeitet, bekommt schwielige, plumpe Hände, eine Frau, die rechnet und grübelt, kriegt vorzeitig Runzeln und Falten im Gesicht. Und das ist vom Übel, denn die Frau hat nur einen Beruf: die Liebe.« Natürlich erregte diese Äußerung einen noch entschiedeneren Widerspruch bei den Damen und eine ziemlich erregte Diskussion über die moderne Frauenfrage entspann sich, der allerdings der sarkastische Gastgeber sehr bald die Spitze abbrach mit seiner Bemerkung, daß die Frauenfrage nach seiner Ansicht uralt sei, daß sie immer bestanden habe und sich kurz in den drei Worten formulieren lasse: »Liebst Du mich?« Die Liebe sei nun einmal die wichtigste Angelegenheit im Leben der Frau. Und als Martha Gründler mit altjüngferlicher Schärfe und Ironie entgegnete: »So? Und diejenigen Mädchen, die nicht das Glück hatten, von einem der Herren der Schöpfung zur Liebe und Ehe aufgefordert zu werden?« – da antwortete Herr Steinbach mit der ihm eignen offenen und kräftigen Entschiedenheit: »So sollen sie danach trachten, dieses Glück in Gestalt eines Mannes zu erjagen.« Und auch diesmal wieder hatte er die Lacher auf seiner Seite. So bewegte sich die Unterhaltung abwechselnd zwischen Ernst und Scherz. Nur der junge Rechtsanwalt fühlte sich inmitten der allgemeinen Gehobenheit und Fröhlichkeit sehr unbehaglich, denn es war ihm nicht entgangen, daß seine neben ihm sitzende Braut ihn heimlich beobachtete und ab und zu mit spürendem Mißtrauen zu Lilly Adolfi hinübersah. Er verwünschte im stillen seinen Einfall, sich an dem Ibsen-Kultus zu beteiligen. Er verwünschte den Ibsen-Apostel, der das Gastspiel der Adolfi vermittelt, und er verwünschte diese selbst, da sie ihren Fuß gerade in diese Stadt und in diese Gesellschaft setzen mußte, um so vielleicht eine Störerin seines Zukunftsglückes zu werden. Den ganzen Abend über, auch nachdem die Tafel aufgehoben worden und man sich wieder in den Salon zurückbegeben hatte, um noch ein Stündchen in Gruppen plaudernd zusammenzubleiben, vermied er jede nähere Begegnung und jede direkte Konversation mit der Schauspielerin ängstlich, obgleich die letztere ihm gegenüber unverkennbar das Verlangen noch einer intimen Aussprache verriet. Natürlich erkannte Lilly Adolfi sehr bald, daß es von seiten Linders Absichtlichkeit war, wenn alle ihre Bemühungen, sich mit ihm an irgend einem stillen Plätzchen des Salons zusammenzufinden, ohne Erfolg blieben. Und diese Wahrnehmung reizte und erbitterte sie, erregte in ihr die brennende Empfindung erlittener Demütigung, die sich rasch, während sie bei sich die Gegenwart mit der Vergangenheit in Parallele zog, in heftigen Unwillen, in nagenden Zorn verwandelte. In dieser Stimmung befand sie sich, als Herr Steinbach sich ihr wieder zugesellte. Die Erbitterte konnte es nicht unterlassen, das Gespräch auf Linder und dessen Braut hinzulenken, und die Schärfe, mit der sie sich über den ersteren äußerte, sowie die Animosität, welche sie bei ihren Erkundigungen über die letztere verriet, erregten Steinbachs Aufmerksamkeit und veranlaßten ihn zu einigen diskret sondierenden Fragen. Und die Erzürnte ließ sich wirklich zu einigen näheren Mitteilungen hinreißen. Karl Linder habe einst als leichtsinniger und leichtlebiger junger Referendar gegen eine Freundin von ihr, ihre »beste Freundin«, schnöde gehandelt. Das arglose Vertrauen der Unerfahrenen habe er bitter getäuscht und die heiligsten Empfindungen des Menschenherzens habe er in ihr getödtet: Liebe, Treue, Glauben. Diese delikaten Mitteilungen erregten das höchste Interesse des eifrig Zuhörenden, besonders wegen des ungekünstelt leidenschaftlichen Tones, in welchem sie gemacht wurden. Nur das hohle Pathos der Schlußworte verriet weniger die eigene Empfindung der Sprechenden, als den Deklamationston der Schauspielerin. Leider war keine Gelegenheit mehr, den Freund selbst über diese delikate Angelegenheit auszuholen und so blieb Steinbachs Neugierde vorläufig unbefriedigt. II. Am andern Morgen um die neunte Stunde, als sich Steinbach eben in sein Privatlaboratorium begab, das er sich in seiner Wohnung hatte einrichten lassen, ertönte plötzlich der schrille Ton der heftig gezogenen Flurglocke. Gleich darauf trat Linder ein, erhitzt und laut schnaufend, und warf sich, nach Atem ringend, auf einen der drei Sessel, welche zu dem wenigen Mobiliar dieses mit Schränken und chemischen Apparaten gefüllten Raumes gehörten. Kopfschüttelnd beobachtete Steinbach den Freund, der sich in einer ganz außergewöhnlichen Aufregung befinden mußte, denn er hatte sogar den üblichen Morgengruß vergessen. Im nächsten Augenblick aber sprang der Sitzende wieder ungestüm auf. »Arno – Freund«, rief er exaltiert aus, während er Steinbach mit beiden Händen an den Schultern packte. »Mit mir ist's aus, ich bin verloren!« »So?« machte der andere mit einer zu der Aufgeregtheit Linders in einem komischen Gegensatz stehenden Gemütlichkeit. »Na, wenn Du Dich wieder gefunden hast, kannst Du mir ja in aller Ruhe erzählen, was Dir so Furchtbares passiert ist.« Der junge Rechtsanwalt, ohne viel auf die Worte des Freundes zu hören, schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn und machte seiner Gemütsstimmung in dem drastischen Ausdruck Lust: »O ich Esel – ich Esel!« Steinbach lachte laut auf. »Höre mal, das ist beleidigend!« – »Beleidigend?« Der Sprechende zeigte eine verblüffte Miene. »Beleidigend für Dich?« »Nun ja, es ist doch am Ende nicht angenehm, wenn man einen Esel zum Freunde hat.« Diese lächelnden Mundes gegebene Erklärung erregte die lebhafte Indignation des Rechtsanwalts. »Pfui! Du kannst noch schlechte Witze machen, während ich – denke Dir, diese Neumann –« »Du meinst die Adolfi?« warf Steinbach ein, dessen Interesse jetzt erwachte. »Sie hat es in der Hand, mich zu verderben.« »Aha!« Steinbach nickte. Linders letzte Bemerkung brachte ihm mit einem Male das rechte Verständnis für die ihm am Abend vorher durch die Schauspielerin gewordenen interessanten Mitteilungen. »Ja, ja«, bemerkte er mehr zu sich selbst, als zu dem Freund. »Ich hätte mir gleich denken können, daß sie selbst ihre beste Freundin ist.« »Wie?« »Du hattest Beziehungen zu ihr«, sagte der Chemiker, ohne Linders Frage zu beachten – »ich meine zärtliche Beziehungen?« Im ersten Moment sah der Gefragte den anderen sprachlos, mit einem nicht gerade intelligenten Ausdruck an, brach dann aber in den ärgerlich klingenden Ausruf aus: »Natürlich – frage doch nicht so naiv!« Und sich wieder seiner früheren Mutlosigkeit überlassend, mit verzweiflungsvoll erhobenen Händen: »Und ihr, ihr bin ich auf Gnade und Ungnade überliefert!« Steinbach zuckte die Achseln. »Höre mal. Du übertreibst. Was ist denn da weiter? Du hast mit der Adolfi eine kleine Liebelei gehabt. Wer hätte dergleichen in seiner Junggesellenzeit nicht gehabt!« Linder warf sich in einen Sessel und ließ kleinmütig den Kopf sinken. »Wenn es nur das wäre!« »Sie hat Briefe von Dir?« Der Gefragte nickte zerknirscht. »Mehr!« gestand er seufzend. »Mehr?« Steinbach blickte den wie ein Bild des Jammers Dasitzenden erstaunt an und dachte einen Augenblick nach. »Sie hat Deine Photographie!« forschte er lächelnd, »mit zärtlicher Widmung: Seiner innig geliebten Lilly ihr ewig treuer Kurt? Ich wette, die Ewigkeit Deiner Treue hat keine drei Monate gedauert.« »Mensch – laß doch die schlechten Witze!« fuhr Linder ärgerlich auf. Und, heftig aufspringend, trat er dicht vor Steinbach, erfaßte ihn am Rockaufschlag und sprudelte erregt hervor: »Denke Dir: heute morgen, als ich meine ehemaligen Beziehungen zur Adolfi, die der Teufel hierhergeführt hat, noch einmal in meiner Erinnerung überdenke und durchforsche, da fällt mir plötzlich ein: Linder, Unglücksmensch, sie, die Du schnöde verlassen mit französischem Abschied, sie hat ja noch Dein Tagebuch, das Du ihr einst in einer übermütigen Stunde gegeben.« »Dein Tagebuch?« »Richtiger, das Tagebuch meiner galanten Abenteuer.« Und den Rock des Freundes fahren lassend, fuhr er sich mit einer Gebärde völliger Verzweiflung in die Haare: »O, verwünschter Einfall.« Steinbach aber brach in ein lautes Lachen aus. »Wie? Darüber hast Du Buch geführt? Na höre mal!« Linder nickte trübselig. »Noch dazu mit aller Ausführlichkeit. Nichts ausgelassen, nichts vergessen. Dazu die nötigen Beweisstücke: Briefe, Photographien u. s. w.« Der Sprechende ging aufgeregt im Zimmer hin und her und machte seiner gepreßten Seele in weiteren Bekenntnissen Luft: »Das Buch umfaßt den Zeitraum von meinem achtzehnten bis zu meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre; alle möglichen Kategorien eroberungssüchtiger Berlinerinnen sind darin vertreten: es enthält nicht weniger als fünfundzwanzig Nummern.« Steinbach zeigte eine komisch-ernsthafte Miene und erhob schaudernd die Hände. »Fünfundzwanzig! O – o!« Linder aber, der irgend einen guten Rat, zum mindesten ein ehrliches Mitgefühl mit seiner bedenklichen Lage erwartet, fuhr zornig auf ihn los: »Mensch, wenn Du jetzt auch noch anfängst, Entrüstung zu heucheln, so – –! Als ob Du's anders getrieben hättest!« »Nun ja«, lenkte Steinbach ein, »man ist eben auch einmal jung und leichtsinnig gewesen.« »Dieses Berlin!« stöhnte der andere, sich wieder wie geknickt und ganz niedergeschmettert in den Sessel fallen lassend. »Und diese Berliner Mädchen«, sekundierte der Chemiker, seiner in Berlin verlebten lustigen Studienjahre gedenkend, »das lächelt und lockt und girrt.« »Der Teufel soll da ein Cato bleiben«, fuhr Linder fort, in dem Bestreben, die Leichtlebigkeit seiner Jugendzeit vor sich zu entschuldigen. »Nicht wahr? Und wenn man die Sache im rechten Licht betrachtet – « »So sind wir gar nicht so schuldig«, schloß der junge Rechtsanwalt und stand auf, um von neuem das Zimmer zu durchwandern, denn die in ihm gährende Unruhe litt ihn nicht lange still an einem Platze. Eine Pause entstand, während welcher jeder der beiden Freunde schweigend seinen Gedanken nachhing. Nach einer Weile nahm Steinbach wieder das Wort. »Wie konntest Du auch so etwas dem indiskreten Papier anvertrauen?« bemerkte er kopfschüttelnd. »Freilich, freilich«, gab Linder kleinlaut zu, »es war ja eine verrückte Idee, aber die Sache machte mir damals unbändigen Spaß. Nun muß ich's büßen. Wenn die Adolfi nun aus Rachsucht meiner Braut das Buch in die Hände spielt!« »Hm, hm!« Der Chemiker versenkte sich in ein stummes Grübeln. Er erinnerte sich gewisser Erfahrungen aus seiner eigenen Brautzeit, aus der ersten Zeit seiner Ehe. Eine plötzliche Idee kam ihm. »Weißt Du«, rief er lebhaft aus, »die Frauen sind in diesen Dingen manchmal ungeheuer vernünftig. Vielleicht nimmt die Else die ganze Geschichte gar nicht so tragisch, ja, vielleicht imponiert ihr das gerade. Man hat Beispiele – « Der andere unterbrach ihn mit einer heftig protestierenden Handbewegung. »Unsinn! Else mit ihrer Svavabegeisterung!« »Ja so. Siehst Du, das hast Du nun von Deiner Schwärmerei für die Norweger.« »Ich?« Der Rechtsanwalt blieb ärgerlich vor dem Freunde stehen. »Ich – schwärmen? Dummes Zeug! Ich mache ja nur die Mode mit.« »Ich habe es immer gesagt«, spann der materialistisch angelegte und sehr realistisch denkende Chemiker seine Gedanken weiter: »Dieser Oswald Kramm mit seinen Vorträgen über Nora und Svava und über die Emanzipation des Weibes ist ein gemeinschädlicher Mensch, der uns unsere Frauen und Mädchen in Grund und Boden verdirbt.« »Ja, aber wovon soll denn solch ein armer deutscher Schriftsteller leben«, bemerkte Linder mit einem Anflug von Bosheit und Galgenhumor, »wenn nicht von der ausländischen Litteratur?« Steinbach lachte laut auf. »Du hast recht«, entgegnete er. »Aber Du bist nun das Opferlamm, Du steckst nun in der Patsche. Ich bin neugierig, wie Du Dich herauswickeln wirst.« Dem Bedrängten, der sich der Worte, die seine Braut in Bezug auf Svava und Alf gestern zu ihm geäußert, mit Schaudern erinnerte, kam ein kühner Gedanke. »Ob ich zu ihr gehe?« »Du?« Der Chemiker schüttelte abratend den Kopf. »Sie ist wütend auf Dich.« Seine Augen blitzten vor lustiger Schelmerei, während er mit Lilly Adolfis Pathos fortfuhr: »Du hast alles in ihr getödtet: Liebe, Treue, Glauben!« Linder glaubte nicht anders, als daß der Freund seiner Angst spotten wolle, und steckte eine grimmige Miene auf. Steinbach aber nahm keine Notiz davon. »Die Sache will überlegt sein«, sagte er, »jedenfalls mußt Du warten, bis sich ihr erster Zorn gelegt hat. Übrigens –« er sah nach der Wanduhr hinüber – »hast Du heute keinen Termin?« Der junge Jurist folgte mit seinen Augen dem Blick des Freundes. »Teufel, schon dreiviertel zehn!« rief er erschreckt aus. »Ich müßte längst auf dem Gericht sein. Adieu!« Er reichte dem Chemiker die Hand, ergriff eilig seinen Hut und stürmte zum Zimmer hinaus, während ihm Steinbach ein schallendes »Auf Wiedersehn!« nachrief. III. Es war am Abend desselben Tages in der neunten Stunde. Martha Gründler saß im Wohnzimmer des Steinbachschen Hauses in nichts weniger als angenehme Gedanken versunken. Sie war eben aus Frau Milas Schlafzimmer gekommen, in welchem die letztere mit Hilfe des Stubenmädchens sich für den Ball, der heute im Kasino stattfand, zu schmücken bestrebt gewesen. In der ganzen Glorie ihrer Jugend und Schönheit hatte die Freundin dagestanden. Die lang herabwallende Ballrobe gab ihrer schlanken, hohen und ebenmäßigen Figur etwas Hoheitsvolles und ihre innere Erregung goß über das feingezeichnete, liebliche Gesicht eine zarte Röte; ihre großen blauen Augen leuchteten vor froher Erwartung. So bot sie in ihrem natürlichen und künstlichen Schmuck ein Bild herzerfreuender, jugendschöner Anmut. Ein Gefühl von Bitterkeit, eine Regung stechenden Neides hatte Martha Gründler bei diesem Anblick durchzuckt und nun, allein und unbelauscht, stieß sie einen lauten Seufzer aus, und die kurzen, dicken Brauen über ihren kleinen dunklen, stechenden Augen zogen sich finster zusammen. Wie ungerecht doch die Gaben des Lebens verteilt waren! Mila: schön, jung, reich und sie: arm, alt und – heftig erhob sie sich, ergriff die Lampe und trat vor den Spiegel. Besaß sie nicht eine reizvolle Figur: volle, üppige Formen und eine schmale, zierliche Taille? Leuchtete nicht aus dem kurzen Hals- und Nackenausschnitt ihrer Trikottaille ihr Körper in reizvoller Fülle und blendender Weiße? Ja, aber auch diese wenigen Reize ihrer äußern Erscheinung wurden beeinträchtigt durch die Kleinheit ihrer Figur, durch die verhältnismäßig großen Hände und Füße. Und nun erst die Einzelheiten ihres Gesichts: die Nase, welche plump war und nach oben gebogen, der Mund, der dicke und wulstige Lippen hatte, und der Teint, der gelblich und sommersprossig war! Ja, es war unmöglich, es sich zu verbergen: sie war häßlich. Hundertmal hatte sie es gehört. Schon in ihrer Kindheit, wenn ungezogene Knaben es ihr mitleidsvoll zugerufen und später, wenn es ihr zwar nicht mit Worten, aber doch durch Blicke die jungen Leute gesagt, die an ihr gleichgültig vorübergingen und sich zu ihren Freundinnen gesellten. Und doch besaß sie ein heißempfindendes Herz, ein lebhaftes Gefühl für Schönheit und Anmut, einen leidenschaftlich begehrenden Sinn. Mehr als einmal hatte sie das Mißgeschick gehabt, Liebe zu empfinden, ohne Liebe erwecken zu können. Oft hatte sie in ihrem stillen Kämmerlein die Arme sehnsüchtig ausgestreckt in dem natürlichen, übermächtigen Verlangen nach Liebe. Vergebens! Nie hatte ihr Ohr das beglückende Geständnis der Liebe gehört, nie ihr Mund das beseligende Zeichen erwiderter Herzensneigung empfangen. Und doch hatte ihr die Natur, wie um sie zu martern und ihrer zu spotten, eine lebhafte Phantasie und glutvolles Empfinden verliehen. Schon in dem Institut, in dem sie, im Besitze einer Freistelle, zur Erzieherin ausgebildet wurde, hatte sie für ihren Litteratur-Lehrer eine abgöttische Schwärmerei im stillen Busen gehegt. Sie hatte seine Unterschrift im Aufsatzbuch ausgeschnitten und im Medaillon getragen, hatte verstohlen den Platz auf dem Pult, wo seine Hand geruht, mit ihren Lippen berührt und noch in vielfältig anderer Weise ihren glühenden Empfindungen Luft gemacht. Später als Erzieherin in den verschiedensten Familien war es ihr regelmäßig passiert, sich ebenso gründlich wie aussichtslos in den Hausherrn oder einen der erwachsenen Söhne der Familie zu verlieben. Und auch jetzt mußte sie die bitterböse Wahrnehmung machen, daß der tägliche Verkehr mit Milas männlich schönem Gatten für die Ruhe ihres nur zu empfänglichen Herzens gefährlich zu werden begann. Und sonderbar! Je öfter sie einem ähnlichen Mißgeschick verfallen, je älter sie geworden, desto mehr hatte sich ihre Widerstandskraft gemindert. Die oft geübte Selbstbeherrschung drohte ihr manchmal zu schwinden. Immer lauter, immer dringender ertönte der Schrei des mißhandelten Herzens, immer heftiger, immer näher trat die Gefahr an sie heran, sich einmal zu vergessen und durch Blick und Wort den in ihrer Brust tobenden Kampf zu offenbaren. Und wenn noch wenigstens diese körperlichen Unvollkommenheiten, die sie auszuschließen schienen von der Liebe, einigermaßen ausgeglichen worden wären durch andere Vorzüge, etwa durch den lockenden Glanz des Reichtums, der oft auch dem häßlichsten Mädchen das Glück der Ehe gewinnt. Aber sie war nicht nur häßlich, sie war auch arm – arm und einsam. Ihre Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen. Der einzige nähere Verwandte, den sie noch besessen, ein Vetter ihrer Mutter, war vor beinahe Jahresfrist gestorben. Er war ein alter, wohlhabender Junggeselle gewesen, ein Sonderling, in dessen Haus sie einmal vor Jahren, als sie stellenlos gewesen, ein paar Monate zugebracht. Es hatte ihr damals scheinen wollen, als ob er eine wärmere Zuneigung zu ihr gefaßt, aber dennoch hatte er sie, als ihr eine Stellung angeboten worden, ohne ein Wort des Bedauerns gehen lassen. Die Eröffnung seines Testaments sollte laut seiner letztwilligen Verfügung am ersten Jahrestage seines Todes stattfinden. Da er nähere Verwandte, Söhne eines verstorbenen Bruders, besaß, so war nicht anzunehmen, daß ihr irgend ein erheblicher Betrag aus der Hinterlassenschaft zufallen werde. Ja, es war nun einmal ihr Los, arm und ungeliebt durch das Leben zu gehen. Der Eintritt Steinbachs unterbrach die Reflektionen der alten Jungfer. Der Chemiker befand sich zum großen Teil bereits in Balltoilette, nur an Stelle des Leibrocks trug er ein dunkles Hausjackett. »Schade«, bemerkte er gutmütig, als er Martha erblickte, »schade, daß Ihre Trauer Sie hindert, mit uns den Ball zu besuchen.« »Ich!« Ein schmerzliches Lächeln zuckte um die Mundwinkel des alten Mädchens. »Ich mache mir nichts aus dem Tanzen.« »Nicht wahr? Ganz meine Ansicht! Tanzen – brr! Denken Sie sich die Musik weg, was bleibt übrig? Ein wahnsinniges Strampeln mit Händen und Füßen.« Martha Gründler blickte verstohlen zu dem Sprechenden hinüber, der, ein Urbild schöner, kräftiger Männlichkeil, vor ihr stand. Der Rückblick auf ihr vergangenes einsames Leben, die Empfindungen, denen sie sich überlassen, hatten sie weich gestimmt, ihr Herz empfänglicher gemacht, als je. Nie war ihr seine Gestalt so hoheitsvoll erschienen, nie sein wallender, blonder Bart so imponierend, nie hatten seine Augen so freundlich geblickt. »Und doch behaupten die jungen Mädchen,« entgegnete sie, ihren Blick vor dem seinen senkend, »es läge so viel Poesie im Tanzen.« »Poesie?« Er lachte. »Nun ja, es ist eine so schöne Gelegenheit, sich nach Herzenslust umarmen zu lassen. Darin steckt – zumal für ein junges Mädchen – gewiß Poesie.« Er machte eine kleine Pause und fuhr dann, nach seiner Gewohnheit in einen neckenden Ton übergehend, fort: »Und da nun Doktor Kramm auch den Ball besucht, so dachte ich – « Er blickte sie forschend an, um zu erkunden, welchen Eindruck seine Worte auf sie gemacht. Aber sie verriet keinerlei Empfindlichkeit. »So dachten Sie? Bitte, vollenden Sie doch!« sagte sie scheinbar ruhig. Er schaute freundlich auf sie herab. »Sie sind doch ein vernünftiges Mädchen, Fräulein Martha. Mit Ihnen kann man ein offenes Wort reden, ohne daß Sie es gleich für nötig hielten, in die alberne konventionelle Ziererei zu verfallen. Ich dachte also, daß die Gegenwart Oswald Kramms auf dem Balle auch Ihr Herz für die Poesie des Tanzes empfänglich stimmen würde.« Es war nicht das erste Mal, das er sie mit Kramm oder einem andern Herrn des Bekanntenkreises des Steinbachschen Hauses neckte. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Neckereien mit guter Miene hinzunehmen, selbst wenn diese, was zuweilen vorkam, etwas derber wurden, als sie von jungen Mädchen ertragen zu werden pflegen. Sie war ihm immer im stillen dankbar, wenn er ihr seine Aufmerksamkeit widmete, selbst wenn ihr Herz unter dem, was er sagte, in leisem Weh zusammenzuckte. Heute aber schien es ihr unmöglich, ihm nicht zu widersprechen und der Gedanke, daß er wirklich meinen könnte, sie hege für den Ibsen-Apostel wärmere Empfindungen, bereitete ihr ein lebhaftes Unbehagen. Sie schüttelte mit melancholischem Lächeln den Kopf, während sie erwiderte: »Oswald Kramm! Sie sind in einem Irrtum befangen. Sie wissen, daß wir, Oswald und ich, Nachbarskinder sind, aus derselben kleinen Stadt, Spielgefährten von klein auf. Als wir uns unverhofft hier wiedersahen, haben wir die alte Freundschaft schnell erneuert, aber im übrigen – nein, nein! Überdies: er ist arm und ich bin arm.« »Aber Sie werden erben.« Er hielt ihren Widerspruch für die bei solchen Gelegenheiten übliche weibliche Koketterie. »Ihr Onkel war ein wohlhabender Mann. Die Testamentseröffnung steht vor der Thür.« Sie zuckte die Achseln. »Mein Onkel – er war ein wunderlicher Junggeselle. Das Bild von den lachenden Erben war ihm immer ein Greuel. Wer weiß, ob er sein Vermögen nicht irgend einer Anstalt vermacht hat.« »Nun denn: es wird auch ohne das Geld des alten Griesgrams gehen. Wenn nur die rechte Liebe da ist!« Der Sprechende, der die letzte Phrase lächelnd hingeworfen, hatte keine Ahnung von der Wirkung, die seine Worte auf die alte Jungfer hervorbrachten. Martha Gründlers Wangen färbten sich mit dunkler Röte, ihre Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer. »Die rechte Liebe!« Eine verhaltene Erregung durchzitterte ihre Stimme. »Glauben Sie wirklich, daß Oswald Kramm der Mann ist, ein Mädchenherz höher schlagen zu machen?« Er blickte sie etwas überrascht an. Er glaubte ihr Herz längst abgestorben und unempfindlich für die heißen Regungen der Leidenschaft, und wenn er bei ihr auch das Sehnen nach dem Glück der Ehe voraussetzte, so legte er demselben doch lediglich materielle Gründe unter. »Freilich, freilich«, antwortete er ihr, »Oswald Kramm ist gerade kein Adonis. Seine Haltung könnte etwas straffer, sein Gang elastischer, sein ganzes Wesen etwas flotter sein. Aber bedenken Sie: er ist ein Mann von Geist!« »Ein Mann von Geist!« Es lag eine so schneidende Bitterkeit im Ton ihrer Stimme, daß er abermals erstaunt zu ihr hinübersah. Das Gespräch fing an, sein wirkliches Interesse zu erregen. »Nun ja, freilich, der Geist genügt in der Ehe nicht«, gab er aufrichtig zu. »Und« – er zögerte einen Augenblick – »na, Sie werden ja nicht gleich in Ohnmacht fallen, wenn ich es offen heraussage: Die Liebe ist in der Hauptsache doch eine physische Angelegenheit. Aber ich glaubte – « Er hielt inne. War er da nicht im Begriff, ihr eine offene Grobheit zu sagen? Er wurde gar nicht mehr klug aus der alten Jungfer. »Daß ich den Träumen von Glück und Liebe längst entsagt?« ergänzte sie, und fuhr in leidenschaftlicher Aufwallung, die sie nicht mehr bemeistern konnte, fort: »Freilich, ich bin arm und nicht mehr jung, und ein armes, altes Mädchen hat nicht das Recht, ein Herz zu besitzen, Liebe zu bieten und Liebe zu verlangen. Sie muß froh sein, wenn sie in der Ehe mit einem ungeliebten Manne eine Versorgung findet.« Der Chemiker blickte ganz verdutzt drein. Ihm wurde mit einem Male klar, daß er sie ganz falsch beurteilt hatte. Zu seinem grenzenlosen Erstaunen mußte er erkennen, daß auch in dem Busen des alten Mädchens noch Funken unter der Asche glimmten. »Aber ich bitte Sie«, stammelte er entschuldigend, »das habe ich nicht –« »Doch, das haben Sie sagen wollen«, unterbrach sie ihn leidenschaftlich, »leugnen Sie es nicht!« Alle Zurückhaltung, alle altjüngferliche Scheu war von ihr gewichen. Ihr Herz war in seiner Tiefe aufgewühlt durch diese Worte, die gerade aus dem Munde dieses Mannes sie verwundeten, sie schmerzten bis zur Unerträglichst. Alles, was sie seit lange in ihre Brust zurückgedrängt, brach unaufhaltsam hervor, die ganze Bitterkeit der seit Jahren heimlich durchlittenen Kämpfe machten sich in heftig hervorgestoßenen Worten Luft: »Eine alte Jungfer! Ich weiß, daß ich es bin. Lachen Sie doch! Witzeln Sie doch! Die Gesellschaft wählt ja mit Vorliebe uns zum Zielpunkt ihres billigen Spottes. Wie hart, wie grausam, wie ungerecht! Weiß man denn nicht, daß sie das beweinenswerteste, ärmste Geschöpf der Welt ist? Ausgeschlossen von der Liebe! Gezwungen, kalt und gleichgültig zu erscheinen, Unempfindlichkeit zu heucheln, während sie vielleicht innerlich in lodernder Glut, in heißem Sehnen sich verzehrt. Unablässig auf der Hut sein vor sich selbst, in verzweifelndem Ringen mit dem ungestümsten, dem mächtigsten Trieb des Menschenherzens – o, welch ein Los!« Sie sank in ihren Stuhl zurück und schlug, überwältigt von der in ihr gährenden Bewegung, die Hände vor das zuckende Gesicht und brach in ein heftiges Weinen aus. Steinbach stand eine ganze Weile sprachlos. Ihre Worte hatten ihn erschüttert und ihm das bemitleidenswerteste Los eines einsamen, liebearm durch das Leben gehenden und doch von dem natürlichen, elementaren Drang nach Liebe verzehrten Geschöpfes enthüllt. Warmes Mitgefühl regte sich in seiner Brust: angesichts dieses ungekünstelten Schmerzausbruches wich jede Regung von Ironie und Spottsucht aus seiner Seele. »Armes Mädchen!« murmelte er vor sich hin. Er machte sich Vorwürfe. Wie unzart, wie plump er gewesen! Dicht an sie herantretend, umschlang er mit seiner Rechten sanft ihre Schulter. »Liebe Martha«, redete er sie an, »Verzeihen Sie mir meine Ungeschicklichkeit! Ich Thor! Ich hätte mir selbst sagen sollen – – Glauben Sie mir, es thut mir wirklich herzlich leid, daß ich – – ja, ja, das Herz, das weiche, schwache Menschenherz!« Der warme Ton seiner Stimme berührte ihr wundes Herz wie lindernder Balsam. Ihre Thränen flossen spärlicher. Sie ließ die Hände sinken und erhob den Blick zu ihm empor. Er lächelte zu ihr hinab mit jener herzlichen Liebenswürdigkeit, die zuweilen bei besonderen Anlässen an Stelle seines, in der Regel zu Ironie und Sarkasmus aufgelegten Sinnes trat und die sie immer so entzückend an ihm gefunden hatte. Ihr Herz öffnete sich weit, eine weiche Stimmung überkam sie, jede Spur von Bitterkeit verschwand. Noch nie hatte sein Arm sie berührt, noch nie sein Gesicht so nahe dem ihren verweilt; sie fühlte seinen Atem auf ihrer Wange. Ihr war, als umfinge sie ein Traum von nie gekannter Seligkeit, in süßer Selbstvergessenheit lehnte sie in seinem Arm. Leise, fast flüsternd, sagte sie: »Nicht wahr, das Herz ist ein gar eigen, widerspenstig Ding? Und wenn man ihm auch tausendmal sagt: Du thöricht Ding sei still, sei klug! Es pocht und wallt und will sich nicht bescheiden... Ja, lachen Sie mich nur aus, auch ich habe noch Stunden, in denen ich wie ein achtzehnjähriges Mädchen schwärme und mir ein Ideal erträume – –« Dem Chemiker fing es bei diesen Worten und bei dem Blick ihrer in feuchtem Glanz schimmernden Augen an, unheimlich zu werden. Eine plötzliche Ernüchterung ergriff ihn. Er löste den Arm von ihrer Schulter und richtete sich auf. »Sie entschuldigen mich«, sagte er mit merklich kühlerem Klang seiner Stimme. »Sie wissen, der Ball – meine Pflicht als Gatte ruft!« Er schritt hastig zur Thür und verschwand in seinem Laboratorium. Sie blickte ihm verwirrt nach. Eine schmerzliche Enttäuschung drückte sich in ihrem Mienenspiel aus. Dann sprang sie ungestüm auf. Ihr Atem ging heftig, ihre Brust wogte, ihre Augen blitzten. In leidenschaftlicher Gebärde streckte sie die Arme nach der Thür aus, durch die Steinbach soeben gegangen. Die Worte, die er ihr wenige Tage zuvor auf ihre Bemerkung von dem Los der ungeliebten Mädchen geäußert, kamen ihr plötzlich in den Sinn. »Sie sollen danach trachten, dieses Glück in Gestalt eines Mannes zu erjagen.« Sie strich sich mit der Hand über die Stirn. Ihre Lippen preßten sich in verzweiflungsvoller Entschlossenheit fest aufeinander. »Ich will!« zischte es zwischen ihnen hindurch. IV. Frau Mila hatte ihre Toilette beendet. Es war dicht vor neun Uhr, die höchste Zeit zum Ball. Eilig durchschritt sie die zwischen ihrem Schlafgemach und dem Laboratorium ihres Mannes liegenden Zimmer. Sie wußte, daß er sich bei seiner Arbeit nicht gern stören ließ und sein Laboratorium als einen durch wissenschaftliche Arbeit geheiligten Raum betrachtet wissen wollte, zu dem die anderen Hausgenossen außer ihm und einem ihm zuweilen assistierenden Gehilfen keinen Zutritt hatten. Hier durfte niemand schalten und walten, als er, und wenn er seinen wissenschaftlichen Versuchen oblag, durfte niemand sich unterfangen, ihn abzurufen und mit anderen Dingen behelligen zu wollen. Ebensowenig aber liebte er es, sobald er seinem Laboratorium den Rücken gekehrt, um Ruhe und Erholung zu suchen, mit Fragen über seine Arbeiten und mit der trockenen Erörterung von Berufsangelegenheiten sich plagen zu lassen. Außerhalb seines Arbeitsraums war er ein anderer, fühlte er sich nicht als Fachmann, sondern lediglich als Mensch, der nach des Tages Last und Mühen die Freuden des Lebens genießen und durch Zerstreuungen den ermüdeten Geist vom Grübeln über wissenschaftliche Probleme ablenken will. Er kannte dann nur das eine Bestreben, Körper und Geist zu erfrischen und die angespannten Nerven ausruhen zu lassen. Oft genug hatte Frau Mila das schmerzlich empfunden. Wohl hundertmal hatte sie versucht, in die Geheimnisse seines Laboratoriums zu dringen, sich von ihm in seine Arbeiten einweihen zu lassen und an den Interessen seines Berufes teilzunehmen. Aber bisher immer vergebens. Entweder mit einem Scherzwort oder aber mit der kurzen Erklärung: »Das ist nichts für meine kleine Mila!« wies er alle derartigen Versuche zurück. Sie solle nicht seine Gehilfin sein, sondern sein liebes, schönes, angebetetes Weibchen. Nicht eine Genossin der Arbeit suche er in ihr, sondern die Freude, die Schönheit, die Heiterkeit. Das Element des Frohsinns solle sie in seinem Leben darstellen. Die weiße Glätte ihrer Stirn, den strahlenden Glanz ihrer Augen wolle er nicht den Sorgen und Mühen der trockenen Berufsarbeit preisgeben. Schön solle sie sein, schön und heiter. Nie halten solche Äußerungen den Unwillen der ehrgeizigen jungen Frau in so hohem Grade erregt, wie während der letzten Wochen, seit sie durch Oswald Kramm in eine neue Gedankenwelt eingeführt worden. Nie hatte sie so bitter empfunden, daß sie, ähnlich wie Nora, für ihren Mann nur die »lustige Lerche« war, eine mit buntem Flitterkram behängte Puppe, in der man geistige Eigenschaften nicht sucht, sondern die nur dazu dient, durch äußere Reize das Auge zu erfreuen. Als Frau Mila die Schwelle des Laboratoriums überschritt, stand der Chemiker am Fenster und hielt einen kleinen, ovalen Glasbehälter, in welchem er mit einem Glasstabe herumrührte, gegen das Licht. »Arno – noch nicht fertig? So beeile Dich doch!« redete ihn die Eintretende an und näherte sich ihm rasch. Ihre Wißbegierde wurde sogleich rege. Er blickte auf, seine Stirn runzelte sich, aber als er sie in ihrer strahlenden, durch die festliche Toilette noch gehobenen Schönheit vor sich sah, da erhellte sich sein Gesicht und ein unwillkürliches »Ah!« der Bewunderung entschlüpfte seinen Lippen. »Wie schön sich meine kleine Mila gemacht hat!« Sie hörte nicht auf ihn, sondern sah nur immer voll Neugier auf den Glasbehälter in seiner Hand. »Was hast Du denn da, Arno?« »Ach, nur ein Reagenzglas«, antwortete er kurz. Seine Augen leuchteten und ruhten bewundernd auf ihrer anmutigen Erscheinung. Sie achtete nicht darauf. Ihr ganzes Interesse wurde durch das Glas in seiner Hand in Anspruch genommen. Auf ihre Zehenspitzen sich erhebend, deutete sie auf die helle Flüssigkeit in dem Glase, in welchem ein kleiner dunkler Körper schwamm. »Was ist das da?« »Königswasser«, stieß er, ärgerlich über ihre Hartnäckigkeit, heraus. Dann versenkte er sich von neuem in ihren Anblick. Die nach der Mode knappe, anschmiegende, tief dekolletierte Ballrobe ließ ihre Formen, die trotz ihrer Zartheit doch der jugendfrischen Rundung nicht entbehrten, plastisch hervortreten. »Weißt Du, Mila, ein schönes Weib in Balltoilette, das ist geradezu blendend – berauschend!« Hingerissen von ihrer Schönheit, beugte er sich vor und berührte mit seinen Lippen die wie glühender Schnee leuchtenden Schultern. Sie zuckte zusammen und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Pfui, Arno!« Doch in der nächsten Sekunde näherte sie sich wieder ganz dicht. Sie wollte die günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Sie fühlte, daß er in diesem Augenblick nachgiebig und schwach war. Ihre Begierde, sich über die Dinge, welche das Hauptinteresse seines Lebens in Anspruch nahmen, belehren zu lassen, ließ sich nicht mehr zügeln. Sie wollte endlich einmal ihren Willen durchsetzen. »Königswasser? Was ist denn das, Königswasser?« Er setzte das Glas hin und machte eine Bewegung der Ungeduld. »Ach, laß das langweilige Zeug!« Dann ergriff er sie an beiden Händen und betrachtete entzückt ihre nur bis zum Ellenbogen durch Handschuhe bekleideten Arme. »Sieh nur, diese klassisch schöne Linie!« rief er in ehrlicher Bewunderung, »da oben von der Wurzel bis herab zum Ellenbogen!« Frau Mila konnte ihre Ungeduld nicht bändigen. Zornig stampfte sie mit dem in weißem Atlasschuh steckenden Füßchen auf den Boden. »Willst Du mir nicht endlich erklären – « Steinbach hatte ihren rechten Arm ein wenig emporgehoben und durch einen hastigen Kuß seiner glühenden Bewunderung Luft gemacht. »Was?« fragte er, aus seiner Verzückung erwachend und ihren Arm loslassend. »Woraus dieses Königswasser besteht!« »Salzsäure und Salpetersäure – sei froh, daß Du mit diesem häßlichen Zeug nichts zu schaffen hast!« Er ergriff sie von neuem an den Armen und drehte sie sanft ein wenig zur Seite. Voll Entzücken ließ er seine Blicke auf den schneeigen Schultern und auf dem herrlich gewölbten, blendenden Nacken weilen, da plötzlich stieg in seinem erregten Geiste eine Vision auf, die ihm ein quälendes Unbehagen bereitete. Steinbach sah Mila im Ballsaal, von hundert Lichtern bestrahlt, von hundert frivolen Männeraugen begafft, und während ein Fremder sie im Taumel des Tanzes in seinem Arm hielt, Brust an Brust, war ihm, dem Ehemann, nur aus der Ferne ein flüchtiger Blick verstattet. Ein lauter Seufzer entfuhr ihm, ein lebhafter Unmut ergriff ihn, ein heftiger Widerwille, sie, die in der unbelauschten Häuslichkeit immer nur in züchtig bis zum Halse schließendem Kleid erschien, in all der bezaubernden Pracht ihrer unverhüllten Schönheit an den öffentlichen Ort zu führen und indiskreten, lüsternen Männerblicken preiszugeben. »Mila,« rief er in aufflammender Entschlossenheit, ganz von der ihn plötzlich packenden Idee beherrscht: »Laß uns zu Hause bleiben! Thue mir die Liebe, nur dieses eine Mal verzichte auf den Ball!« Sie blickte ihn überrascht, erstaunt an, aber er ließ ihr keine Zeit zu einer Erwiderung und sie schmeichlerisch umfangend, fuhr er fort, sich immer mehr an seinem wunderlichen Einfall berauschend: »Sieh, ich denke es mir entzückend: Du richtest uns schnell ein kleines Souper her, ein paar Leckerbissen, ich hole uns schnell ein paar Flaschen Wein aus dem Keller, Champagner! Wir soupieren, wir pokulieren – Du und ich, in traulichem tête-à-tête – Du im Ballkleid, ich im feierlichen Frack! Für niemand blühen diese Reize heute abend, für niemand als mich allein!« Er beugte sich herab und küßte sie glutvoll auf Schultern und Arme. Frau Mila aber riß sich heftig, zornbebend, aufs tiefste verletzt, aus seiner Umarmung los. All der Ärger über die vermeintliche Geringschätzung ihrer geistigen Eigenschaften, der seit Wochen, seit Monaten in ihr gebohrt und gearbeitet, kam jetzt zum jähen, stürmischen Ausbruch. »Weißt Du,« rief sie mit funkelnden Augen, »daß alles, was Du da sagst, was Du von mir verlangst, empörend, beleidigend, ja, eine Beschimpfung für mich ist. Daß Du es mir so unverhüllt zeigst, was Du in mir siehst, was Du an mir liebst! Wie erniedrigend, wie demütigend für mich!« Er blickte sie ganz entsetzt an, wortlos; ihr aber drängte die flammende Empörung, die sie an allen Gliedern erzittern ließ, weitere einander überhastende Worte über die Lippen: »Während ich darnach lechze, Dir geistig etwas zu sein, während ich mich bemühe, an Deinem Schaffen verständnisvollen Anteil zu nehmen, siehst Du in mir nur – oh, wie beschämend! Bin ich denn in Deinen Augen nichts als ein seelenloser Körper, nur Fleisch und Blut?!« Erschöpft von der in ihr tobenden Aufregung warf sie sich in einen ihr nahestehenden Sessel, und nach Frauenart brach sie in ein thränenreiches Weinen aus. Steinbach stand bestürzt hinter ihr. Das hatte ihn vollkommen überrumpelt. Aber er ahnte den Zusammenhang, erkannte den psychologischen Prozeß, der in der Seele seiner romantisch angeregten kleinen Frau sich abgespielt und sah die treibende Kraft desselben. In stillem Ingrimm ballte er die Fäuste. Oswald Kramm – Ibsen – Nora – schwirrte es durch seinen Kopf. Zum Henker, nun war es am Ende noch eine Sünde, sich an der Schönheit seiner Frau zu erfreuen, anstatt sie im Laboratorium sich die zarten Fingerchen und den rosigen Teint verderben zu sehen. Er schluckte die heftige Entgegnung hinunter, die ihm auf die Zunge treten wollte. Sie war am Ende doch nur die Irregeleitete und es wäre albern gewesen, das, was im Grunde doch nur der Ausfluß einer vorübergehenden Laune war, gar zu tragisch zu nehmen. Er trat dicht an sie heran und löste ihr sanft die Hände von dem thränenüberströmten Gesicht. »Mila, thörichtes Kind,« redete er sie besänftigenden Tones an, »Du wirst mir doch nicht übel nehmen wollen, daß ich Dich schön finde?« »Aber ich will mehr sein als schön.« Sie stieß es trotzig heraus, hin und wieder durch einen schluchzenden, stoßenden Laut unterbrochen, wie ein unartiges Kind. Der Chemiker lächelte und strich ihr liebkosend Stirn und Haar, während er einschmeichelnd entgegnete; »O, meine Mila ist auch klug; sie weiß, daß wir Männer nun einmal bei einer Frau das schöne Gesicht mehr lieben als den schönen Geist.« Nun umfaßte er sie mit beiden Armen, drückte ihr Köpfchen an seine Brust und küßte ihr die Wangen und die feuchtschimmernden Augen. »Geh, sei gut, sei lieb! Willst Du?« Sie hörte auf zu weinen, von ihrer zornigen Erregung keine Spur mehr. Nur die aufgeworfenen Lippen gaben ihrem Gesicht einen schmollenden Ausdruck. »Mir liegt nichts an dem dummen Ball.« »Also!« Ein freudiges Leuchten ging über sein Gesicht. »So laß uns zu Hause bleiben, soupieren zu zweien! Ja?« Sie nickte und lächelte wieder zu ihm empor, und ein Seufzer der Erleichterung löste sich von seiner aufatmenden Brust. »Gut!« erklärte sie. Bleiben wir! Aber –« sie wand den runden, schimmernden Arm um seine Schulter und schmiegte sich schmeichlerisch an ihn. »Zuvor mußt Du mir etwas versprechen, Arno!« Instinktiv wußte sie ihren Vorteil wahrzunehmen. In einer verführerischen Gebärde näherte sie ihre Lippen den seinen. Dem Chemiker wurde warm ums Herz. Ihre Nachgiebigkeit, ihre hinreißende Liebenswürdigkeit bezwangen ihn. Stürmisch küßte er sie auf den Mund. »Alles, was Du willst!« rief er begeistert. »Von morgen an gestattest Du mir den unbeschränkten Zutritt zu Deinem Laboratorium, von morgen an lässest Du mich teilnehmen an allen Deinen Arbeiten.« Sie hatte es in raschem Fluß gesprochen, als fürchte sie von ihm unterbrochen zu werden. Jetzt zog sie mit einer reizenden Gebärde seinen Kopf zu sich nieder und küßte ihn wiederholt auf den Mund. »Aber bedenke,« erwiderte er, in den Pausen zwischen den Küssen nur schwach protestierend, »bedenke: die Luft in solch einem Laboratorium! Dazu die Gefahr: Gift – Explosion!« Sie lachte. »O damit schreckst Du mich nicht!« Und schnell ernst werdend und die Lippen wieder leicht aufwerfend, erklärte sie, durch energisches Kopfnicken hin und wieder ihren Worten mehr Nachdruck gebend: »Ich will nicht mehr Deine bloße Puppe sein, Dein Spielzeug, gut zur Unterhaltung in müßigen Stunden. Ich will nicht, daß Du mit mir immer tändelst und scherzest. Ich will, daß Du mich ernst nimmst! Ich will Dein –« »Assistent sein?« fiel er lachend ein. »Wenn Du es so nennen willst, ja!« Er preßte seine Wange an die ihrige. »Du kleine Närrin!« sagte er lächelnd. Ihm lag vor allem daran, eine Wiederholung des heftigen Auftritts von vorher zu vermeiden und sich den in Aussicht stehenden schönen Abend nicht trüben zu lassen. Der Klügere giebt nach, dachte er. Vor der nüchternen Wirklichkeit würde sich ja ihre theoretische Laune sehr bald verflüchtigen. »Also meinetwegen. Es wird Dir bald genug wieder leid werden.« Sie schüttelte sehr entschieden das Köpfchen. Steinbach aber hätte jetzt um keinen Preis von neuem ihren Widerspruch herausgefordert. Rasch richtete er sich auf, zog sie mit sich empor und legte ihren Arm in den seinen. »Jetzt aber – komm, zu unserm Souper!« V. Zwei Wochen waren vergangen. In dieser Spanne Zeit hatte sich in dem Steinbachschen Hause eine tiefgehende, bedeutungsvolle Umwälzung vollzogen. Frau Mila hatte sich wirklich, getreu ihrem Vorsatze, in ihres Gatten Laboratorium installiert. Und der letztere mußte sich, gebunden durch sein Versprechen, mit guter Miene in sein Schicksal fügen. Wenn er geglaubt hatte, Frau Mila werde bald den Geschmack an der nicht immer angenehmen und appetitlichen Thätigkeit verlieren und zu ihren weniger mühevollen Zerstreuungen zurückkehren, so war er in einem großen Irrtum befangen gewesen, wie er nun zu seinem großen Leidwesen erkennen mußte. Frau Mila hielt sich tapfer; unermüdet ging sie dem Gatten zur Hand und selbst vor der häßlichen, entstellenden Schutzkleidung, die sie der Vorsicht wegen anlegen mußte, schreckte sie nicht zurück. In erster Linie war es der Reiz der Neuheit, der ihr alles, was sie in dem Laboratorium ihres Gatten sah, hörte und erfuhr, im Lichte des Interessanten, Anziehenden erscheinen ließ. Dann war es ihr Ehrgeiz, ihr Selbstgefühl, das sie antrieb, den Widerwillen, die Unlust, die manchmal in ihr aufsteigen wollten, zu besiegen und in ihrem Bestreben, ihres Gatten Gehilfin zu werden, nicht zu erlahmen. Dem Chemiker aber, der anfangs seines schönen Weibchens drollige Idee von der komischen Seite aufzufassen geneigt gewesen, wurde bei dieser unerwarteten und nach seiner Ansicht ganz unweiblichen Konsequenz und Ausdauer immer unbehaglicher zu Mute. Ja, diese Unbehaglichkeit steigerte sich zum Erschrecken, als er eines Tages die Wahrnehmung machte, daß ihm Mila nicht mehr das war, was sie ihm bisher gewesen. Sie fing an, nicht nur während der Zeit der Arbeit ihre äußere Erscheinung zu vernachlässigen. Wozu brauchte sie den vergänglichen Leib zu pflegen, zu schmücken, wenn sie hoffen durfte, mit ihren geistigen Eigenschaften nunmehr ihrem Gatten von Wert zu sein? So wurde dem Chemiker seine Häuslichkeit allmählich ein Ort des Schreckens. Seine Abende gewöhnte er sich, im Restaurant im Kreise von Bekannten zu verbringen, nur um Milas unablässigen, ermüdenden Fragen nach diesem und jenem wissenschaftlichen Gegenstande zu entfliehen. Früher, wenn die Dämmerung hereinbrach und er nach vollbrachtem Tagewerk zu Mila, die er außer bei den Mahlzeiten den ganzen Tag entbehrt hatte, in den traulichen Salon trat, da lebte er förmlich auf. Wie freudig sie ihm entgegenkam, wie herzlich sie ihn begrüßte! Als ob sie sich eine Ewigkeit nicht gesehen, als ob sie einander stets von neuem geschenkt wurden! Und wie fröhlich und lustig sie war, wie lieb sie ihm von all den kleinen Nichtigkeiten, die damals ihren Interessekreis ausmachten, vorplauderte! Wie angenehm sich dabei der von schwerer Denkarbeit ermüdete Geist ausruhen konnte! Jetzt aber, nachdem sie den ganzen Tag über sich praktisch an seiner Berufsarbeit beteiligt, verlangte sie, daß er sie des Abends theoretisch in seiner Wissenschaft unterrichte. Mit einer unersättlichen Wißbegierde quälte sie ihn mit ihren Fragen, bis er zuletzt, des trockenen Tones müde, seinen Hut ergriff und ärgerlich davoneilte. Kein Wunder, daß er bei den eigenen häuslichen Sorgen, die während dieser Unglückswochen in seinen freien Stunden sein Denken in Anspruch nahmen, auch nicht ein einziges Mal sich der Besorgnisse seines Freundes Linder, die dieser an die Anwesenheit Lilly Adolfis in der Stadt knüpfte, erinnert hatte. Erst als ihn der junge Rechtsanwalt mit einer gar trübseligen Miene aufsuchte, kehrten ihm die Einzelheiten von Linders neulichen tragikomischen Geständnissen ins Gedächtnis zurück. Er saß mit dem Freunde plaudernd in dem neben dem Laboratorium liegenden Salon; eine gewisse Scheu hatte ihn abgehalten, Linder, während ihm Mila in einem nicht gerade empfangsfähigen Kostüm assistierte, in seinem Allerheiligsten zu empfangen. Der junge Rechtsanwalt hatte dem Freunde einen kurzen Bericht seiner vergeblichen Bemühungen, die Adolfi zu sprechen und zur Herausgabe seines kompromittierenden Tagebuches zu bewegen, mit einer wahren Armensündermiene abgelegt. »Also sie ist noch immer unerbittlich?« fragte Steinbach, der dem Freunde nur zerstreut zugehört hatte. Linder seufzte und blickte melancholisch vor sich hin. »Wie ein Stein,« entgegnete er kleinlaut. »Fast ein dutzendmal war ich nun schon in ihrem Hotel. Immer dasselbe negative Resultat.« »Einfach unsichtbar?« »Sie bedauert, mich nicht empfangen zu können. Das ist alles, was sie mir durch den Kellner sagen läßt.« Steinbach nickte lächelnd. »Ja, ja,« bemerkte er, »sie ist schlechter Laune. Ihr Gastspiel hat nicht den erwarteten Erfolg. Wir in der Provinz sind eben noch nicht Ibsenreif.« Ohne auf den in den letzten Worten berührten Gegenstand einzugehen – denn zur Zeit hatte er für nichts als seine eigenen Leiden Interesse – fuhr Linder mit der nervösen Erregtheit, die er schon bei seinem Eintritt gezeigt, fort: »Das Schlimmste ist, daß meine Versuche, die Adolfi zu sprechen, in der Stadt schon Aufsehen erregt haben. Wenn Else davon erfährt – ich danke!« Die in dem letzten Satz ausgesprochene Befürchtung hatte so viel Entsetzeneinflößendes für den jungen Rechtsanwalt, daß er ungestüm aufsprang und aufgeregt im Zimmer auf- und abzugehen begann. Steinbach, den die nach seiner Ansicht übertriebene Furcht seines Freundes mehr belustigte, als zum Mitgefühl veranlaßte, konnte seine Spottsucht nicht länger zurückhalten: »Freilich,« neckte er, »wenn Deine Braut es erfährt, die ist im stande und wirft Dir den Handschuh ins Gesicht – wie Svava!« Ärgerlich fuhr Linder auf den Spottenden los: »Mensch, ich erdrossle Dich, wenn Du mir diesen verwünschten Namen noch einmal nennst.« Eine neue Besorgnis kam ihm. »Apropos,« sagte er, vor dem Chemiker stehen bleibend, »Du hast doch Deiner Frau nichts gesagt?« »Nicht ein Sterbenswort.« »Sie ist Elses intimste Freundin, und wenn ich auch nicht glaube, daß Frau Mila plauderhaft ist, so könnte sie sich doch als Freundin für verpflichtet halten – « Der Sprechende unterbrach sich und legte mit bezeichnender Gebärde den Finger auf den Mund. »Deshalb Diskretion!« Steinbach zuckte lachend mit den Achseln. »Aber selbstverständlich,« sagte er und gab dann mit einer komisch-wichtigen Miene das Axiom zum besten: »Eine Frau verschweigt nur, was sie nicht weiß.« Der Rechtsanwalt nahm seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Seine Mienen und Gebärden bekundeten deutlich die ihn beherrschende Ruhelosigkeit. Endlich trat er mit hastigen Schritten vor Steinbach, der ihn stillvergnügt beobachtet hatte, und faßte ihn mit einer Gebärde der Verzweiflung an beiden Schultern. »Armer Freund!« rief er eindringlich auf ihn ein. »Du mußt mir aus der Klemme helfen. Ich ertrage diesen Zustand beständiger Angst nicht länger. Ein wahres Hundeleben, das ich seit acht Tagen führe. Des Nachts quälen mich böse Träume, des Mittags schmeckt mir das Essen nicht mehr und wenn ich des Abends zu meiner Braut komme, so klopft mir das Herz – « »Vor Freude?« »Vor Angst. Im Geiste seh' ich schon das ominöse Buch in ihren Händen. Seit drei Tagen habe ich mich überhaupt vor ihr nicht mehr blicken lassen.« In Steinbachs Gesicht zuckte es vor mühsam unterdrückter Ironie und Spottlust. »Du, Deine Memoiren denke ich mir eigentlich hochinteressant, und wenn Du das Buch wieder hast –« »Verhilf mir erst dazu!« unterbrach ihn der andere dringlich. »Ich? Ja, was kann ich –« »Du, gerade Du kannst es, Du und kein anderer. Sie war Euer Gast, Dich kann sie nicht abweisen.« »Du meinst, ich soll zu ihr gehen?« »Nun natürlich!« Steinbach kraute sich mit bedenklicher Miene hinter dem Ohr. »Du, das ist eine gefährliche Sache.« »Gefährlich? Für Dich doch nicht. Du hast doch keinen Grund, Dich vor ihr zu fürchten. Die Adolfi ist doch am Ende kein Ungeheuer, im Gegenteil. Sie ist, abgesehen von ihrem dummen Haß gegen mich, heiter und unterhaltend. Sie lacht viel –« »Damit ist gar nichts bewiesen, als daß sie weiße Zähne hat. Frauen, die hübsche Zähne haben, lachen immer.« »Aber sie ist schön und liebenswürdig,« fuhr Linder eifrig fort. »Eben weil sie schön und liebenswürdig ist,« erwiderte der andere nachdenklich. Der junge Rechtsanwalt sah seinen Freund erstaunt und ein wenig mißtrauisch von der Seite an. »Na höre,« bemerkte er, »seit wann fürchtest Du Dich denn vor schönen Frauen?« Steinbach gedachte seiner häuslichen Misere, der Metamorphose, die mit seiner Frau vorgegangen, und seufzte. Jetzt hantierte sie in seinem Laboratorium in einem Kostüm – brr! Ihn schauderte, wenn er daran dachte! Was war aus Mila geworden, seit er ihrer Laune nachgegeben! Ehemals das lieblichste, anmutigste, aufs geschmackvollste gekleidete junge Frauchen, die Wonne seiner Augen, das Glück seines Lebens. Und jetzt –? Jetzt war sie die reine Karrikatur eines Weibes! »Seit vierzehn Tagen«, entgegnete er auf Linders Frage. »Seit –« der junge Rechtsanwalt zuckte immer verwunderter mit den Schultern. »Ich verstehe Dich nicht. Wenn man eine so schöne Frau hat wie Du –!« Der Angeredete ließ betrübt den Kopf auf die Brust sinken. »Meine Frau ist gar nicht mehr meine Frau.« »Wie?« Linders Erstaunen wuchs ins Grenzenlose. Er wußte nicht, was er von den Worten seines Freundes zu halten hatte. In diesem Augenblick ließ sich von dem Laboratorium her Frau Milas Stimme vernehmen. »Arno!« Ihre Schritte näherten sich der Thür. Steinbach blickte zu dem Freunde hinüber und sagte mit einer Miene der Resignation: »Da kommt sie selbst. Sieh und begreife!« Die Thür des Laboratoriums ging auf, und ein Wesen trat über die Schwelle, von dem man beim ersten Anblick nicht wußte, ob es männlichen oder weiblichen Geschlechts war. Vor dem Gesicht trug es eine Maske aus Drahtgeflecht, die an den Seiten mit Riemen zugeschnallt war. Unter dem Panzer, der der ganzen Gestalt etwas Unförmiges, Mißgestaltetes gab, das im ersten Augenblick wahrhaft erschreckend wirkte, wurde eine weite, formlose Blouse aus grobem Drillich sichtbar, sowie eine Schürze aus steifem englischen Stout. Linder war erschrocken von seinem Sitz emporgefahren und starrte die sonderbare Erscheinung mit weit aufgerissenen Augen an. Sie aber eilte, nachdem sie seiner ansichtig geworden, mit freundlich entgegengestreckter Hand auf ihn zu. »Sieh da, Herr Linder, guten Tag!« redete sie ihn an, und der junge Rechtsanwalt, der die ihm dargebotene Hand mechanisch ergriff, nahm zu seiner Verwunderung wahr, daß die Stimme der umpanzerten Gestalt ganz wie die von Frau Mila klang. »Sind – ja, sind Sie es denn wirklich, Frau Mila?« brachte er, noch immer ganz verwirrt und befangen, hervor. »Na freilich.« Frau Mila lachte und nahm die Drahtmaske vom Gesicht. »Sie haben mich wohl nicht gleich erkannt?« »Bewahre!« gestand Linder aufrichtig. »Na, wie gefällt Dir die Maskerade?« warf Steinbach ironisch ein. »O – gar nicht so übel,« log der junge Rechtsanwalt galant. »Jedenfalls sehr originell. Nur bin ich mir nicht recht klar, was es eigentlich vorstellen soll.« »Vorstellen?« Frau Mila warf dem Fragenden einen erstaunten Blick zu. »Nun ja. Das ist doch Ihr Kostüm für den Maskenball, der morgen in der Loge stattfindet.« Steinbach lachte aus vollem Halse. »Köstlich! Ausgezeichnet!« rief er, während ihm die hellen Thränen in die Augen traten. Frau Mila aber kehrte sich indigniert ab. Betreten blickte Linder von einem zum andern. Steinbach schien sich gar nicht beruhigen zu können. Zuletzt verabschiedete er sich noch gar von dem ratlos dastehenden Freunde und erhöhte dadurch dessen Befangenheit nicht wenig. »Du entschuldigst mich«, sagte er und verschwand durch die ins Laboratorium führende Thür, um nach dem begonnenen Experiment zu sehen, das Frau Mila im Stich gelassen. Eine Verlegenheitspause trat zwischen den beiden Zurückbleibenden ein. »Frau Mila, habe ich eine Dummheit gesagt?« nahm Linder zuerst kleinlaut das Wort. Die Angeredete hatte einigermaßen ihre Empfindlichkeit überwunden. »O, Sie trifft nicht die Schuld«, entgegnete sie ernst, »es ist die Gesellschaft, in der es für etwas so Wunderbares gilt, wenn eine Frau die ihr gebührende Stellung an der Seite ihres Gatten einnimmt. Ich assistiere meinem Mann«, erklärte sich Frau Mila nunmehr deutlicher. »Ich helfe ihm bei seinen Experimenten. Und da die Gefahr der Explosion nicht ausgeschlossen ist –« »Aha, ich begreife –: das da sind Schutzvorrichtungen,« fiel der junge Rechtsanwalt ein. »Freilich. Wir sind nämlich eben dabei, Sauerstoffgas zu entwickeln. Wissen Sie, wie man das macht?« »Nein,« gestand Linder aufrichtig und setzte höflich hinzu: »Aber das ist gewiß sehr interessant.« Frau Mila nahm mit naivem Eifer die Gelegenheit wahr, sich im Glanz ihrer neuerworbenen Kenntnisse zu zeigen. »Ungeheuer interessant!« rief sie lebhaft aus und fuhr in wichtig dozierendem Ton fort: »Man nimmt nämlich chlorsaures Kali –« »Chlorsaures Kali?« platzte Linder unwillkürlich heraus. »Ich denke, das ist nur zum Gurgeln, wenn man einen schlimmen Hals hat.« Frau Mila konnte sich eines mitleidigen Lächelns nicht erwehren. »Sie müssen wissen,« belehrte sie, »chlorsaures Kali enthält schauderhaft viel Sauerstoff und deshalb explodiert es auch so leicht.« »Explodiert! Und da fürchten Sie sich nicht?« »Keine Spur. – Natürlich muß man verstehen, damit umzugehen.« »Aha! Und Sie verstehen das?« »Freilich. Man nimmt nämlich etwas Braunstein dazu.« »Braunstein?« »Nun ja. Sehen Sie, der Braunstein verhindert eben die Explosion.« »Aha.« »Aber Sie müssen deshalb nicht glauben, daß nun jede Gefahr beseitigt ist. Die Hauptgefahr kommt erst. Nämlich, wenn nun der Sauerstoff entwickelt ist – in Gasform –« »In Gasform«, warf der junge Rechtsanwalt ein, ein höfliches Interesse an der Sache, die ihn anfing, herzlich zu langweilen, heuchelnd. »Dann wird es aus dem Gasometer in einen eisernen Cylinder überführt,« fuhr Frau Mila mit Wichtigkeit fort. »Verstehen Sie das auch? Sonst fange ich noch einmal von vorn an.« Linder erschrak. »Nein, nein, nicht nötig,« beeilte er sich zu versichern. »Ich verstehe schon. Bitte nur weiter.« »Gut. Es handelt sich darum, das Gas zu komprimieren. Zu diesem Zweck wird ein Kolben in den Cylinder gedrückt. Jetzt passen Sie auf! Der Kolben wird durch eine hydraulische Presse bewegt. Nimmt man aber den Druck zu stark, so platzt die ganze Geschichte.« Die letzten Worte sprach die Erklärende mit erhöhter Stimme, während der Eifer des Belehrens ihre Wangen rötete. »Und das ist dann natürlich gefährlich?« forschte der Rechtsanwalt mit wenig innerem Anteil, nur um etwas zu sagen. Frau Mila warf sich in die Brust. Sie kam sich in diesem Augenblick ungeheuer wichtig vor. »Was glauben Sie wohl«, rief sie mit fast triumphierend klingender Stimme – »die Eisenteile fliegen Ihnen nur so um den Kopf.« »Ich danke. Und das macht Ihnen Spaß?« »Spaß?« Die Jüngerin der Chemie warf ihrem Gegenüber einen ärgerlich erstaunten Blick zu. »Aber erlauben Sie«, entgegnete sie empfindlich, »die Wissenschaft ist doch nicht dazu da, um Spaß zu machen.« In diesem Augenblick ertönte Steinbachs Stimme aus dem Laboratorium. »Sehen Sie«, bemerkte Frau Mila mit stolzem Lächeln und schnell ihren Verdruß vergessend, »er kann ohne mich gar nicht mehr fertig werden.« Sie nickte dem Rechtsanwalt freundlich zu und enteilte mit geschäftiger Miene in das Laboratorium. »Nun, was sagst Du dazu?« redete Steinbach, der kurz darauf in den Salon zurückkehrte, den noch wie betäubt dastehenden Freund an. »Nichts, ich bin sprachlos,« entgegnete dieser und ließ sich, sein Taschentuch ziehend und sich damit die feuchte Stirn trocknend, in einen der um den Sophatisch stehenden Fauteuils fallen. »Du wirst nun begreifen –« »Hm, freilich –« »Ich habe einen Assistenten gewonnen und meine Frau verloren,« erklärte der Chemiker, während er vor dem Freunde auf und ab ging. »Das ist hart,« pflichtete Linder bei. »Aber Frau Mila wird von ihrer Caprice zurückkommen.« »Daran ist vorläufig nicht zu denken, wenn nicht ein Wunder geschieht. Du siehst ja: sie schwärmt, sie ist begeistert – Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff: weiter hört man nichts von ihr.« Der Rechtsanwalt faßte sich an die Stirn. »Ja. ja, mir ist noch ganz wirr davon im Kopf.« »Weißt Du,« rief Steinbach, vor Linder stehen bleibend, hastig aus: »weißt Du, wenn man seine Frau so den ganzen Tag um sich hat, noch dazu in einem so schauderhaften Kostüm – « »Kleidsam ist es freilich nicht –« »Und wenn man dann andere Frauen sieht, so recht ›chic,‹ graziös und lustig, so –« »So kommt man in Versuchung, die anderen schön zu finden.« Des Chemikers Stirn legte sich in ernste Falten, seine Augen blickten finster. »Man ist eben nur ein Mensch,« stieß er mit gepreßter Stimme hervor. Der beiden Freunde gegenseitiges intimes Aussprechen erfuhr hier eine Unterbrechung. Die Flurglocke ertönte und gleich darauf schallte eine helle, frische Frauenstimme herein, bei deren Klang Linder erschrocken zusammenfuhr. »Um Himmelswillen, Else!« rief er aus, hastig aufspringend. Ihm wurde sehr unbehaglich zu Mute. Seit drei Tagen war er nicht im Hause ihrer Eltern gewesen. Wenn sie inzwischen erfahren hatte? »Guten Tag, Doktorchen,« begrüßte Else Willbrand, eintretend, den ihr öffnenden Chemiker freundlich. Als sie aber ihres Bräutigams ansichtig wurde, nahm ihr Blick plötzlich einen frostigen Ausdruck an. Ein bitteres, ironisches Lächeln zuckle um ihre Mundwinkel und in spöttischem Tone redete sie ihn an: »Ah, sieh da, Herr Rechtsanwalt Linder, welch ein Glück, daß man Ihnen auch einmal begegnet! Ich vermutete sie im Hotel zum »Weißen Schwan«. Das soll ja jetzt ihr Lieblingsaufenthalt sein.« Dem Angeredeten sank das Herz. Also sie wußte schon. O diese Adolfi! diese Adolfi! Er näherte sich seiner Braut mit einer Armensündermiene. »Ich bitte Dich, Else!« Sie aber drehte ihm mit ostentativer Geringschätzung den Rücken und wandte sich an Steinbach, der dieser Scene mir heimlichem Vergnügen folgte. »Frau Mila ist vermutlich dort?« fragte sie ihn, auf die Thüre deutend, welche zu dem Wohnzimmer führte. Der Chemiker aber wies nach der gegenüberliegenden Thüre hin. »Bitte, hier!« entgegnete er mit einem resignierten Lächeln. »Mila hat neuerdings ihre Thätigkeit von Küche und Putzzimmer in mein Laboratorium verlegt.« Verständnislos blickte ihn das junge Mädchen an, das von der im Steinbachschen Hause vorgegangenen Veränderung noch keinerlei Kenntnis hatte; aber sie hielt sich nicht länger mit Fragen und Erkundigungen auf, sondern verließ nach einem letzten vernichtenden Blick auf ihren ratlos dastehenden Verlobten das Zimmer. Im nächsten Augenblick ertönte ein lauter Schrei im Laboratorium, dem sehr bald ein lustiges Gelächter aus zwei Frauenkehlen folgte. Linder aber reichte seinem Freunde seufzend die Hand und machte sich eilig aus dem Staube. VI. Steinbach war zu seiner Arbeit zurückgekehrt. Die beiden Damen saßen plaudernd im Salon. Else krauste mehrmals ihr schnupperndes Näschen. Der Duft, welcher an Milas Blouse haftete, war nichts weniger als wohlthuend für die Geruchsnerven. Die junge Frau aber erzählte mit froher Genugthuung von der Wendung zum besseren, die neuerdings ihre Beziehungen zu ihrem Gatten genommen. »Oswald Kramm hat mir die Augen geöffnet,« erklärte sie strahlenden Antlitzes, »Ibsen mir auf den rechten Weg geholfen. Seit ich Nora gelesen, habe ich strenge Selbsteinkehr gehalten, bin eine andere geworden. Ich bin es müde, immer nur im Modejournal und in seichten Romanen zu blättern, mich zu putzen und spazieren zu gehen. Ich will auch etwas sein, etwas bedeuten.« »Und Dein Mann?« »O, der sträubte sich anfangs, aber ich ließ nicht nach und – glaube mir, im stillen bewundert er mich, wenn er es sich auch nicht merken läßt.« »So – so?« Else lächelte leise vor sich hin. Der Chemiker war ihr nichts weniger als glücklich und zufrieden vorgekommen. »Weißt Du,« fuhr sie, auf die Drahtmaske deutend, die Mila auf den Schreibtisch gelegt hatte, mit ernster Miene fort, »ich an Deiner Stelle würde mich fürchten.« »Mit der Maske vorm Gesicht?« »Freilich.« Mila lächelte überlegen. »Aber da braucht man sich ja eben nicht zu fürchten.« »Doch, doch! Wenn man sich so furchtbar entstellt! Dein Mann –« »Ah!« Frau Mila unterbrach die Sprechende entrüstet. Erst jetzt erkannte sie den eigentlichen Sinn von Elses warnenden Worten. »Pfui, Else, wie garstig, wie niedrig! Glaubst Du denn, daß wir Frauen einem Manne nicht auch geistig imponieren können?« Das junge Mädchen lächelte bitter. Sie gedachte der Erfahrungen, die sie in der letzten Woche gemacht: ihres Bräutigams scheues, ängstliches Wesen, seine seltenen Besuche und nun das Gerücht, das in der Stadt umging und auch ihr zu Ohren gekommen: Linder täglicher Gast in dem Hotel, in dem die Berliner Schauspielerin logierte! Ihr instinktives Ahnen, das gleich bei der ersten Begrüßung zwischen der Adolfi und Linder über sie gekommen, hatte sie also nicht betrogen. Wer weiß, welcher Art die Berliner Beziehungen zwischen der Schauspielerin und Kurt gewesen! Das Blut Svavas regte sich in dem jungen Mädchen und sie war eben im Begriffe, der Freundin rückhaltslos ihr schwer bedrücktes Herz zu öffnen, als Milas Stubenmädchen den Besuch von Fräulein Lilly Adolfi meldete. Else Willbrand schnellte von ihrem Sitz empor, als habe ein giftiges Insekt sie berührt. Frau Mila aber ging der Eintretenden freudig entgegen. Beim Anblick von Linders Braut zuckte die Schauspielerin unter einer unangenehmen Empfindung zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick hatte sie diese Anwandlung überwunden. Sie machte der ihr gegenüber Stehenden eine höfliche, sehr förmliche Verbeugung, die Else ebenso frostig und kalt erwiderte. Frau Mila lud zum Sitzen ein. Lilly Adolfi nahm das Wort: »Sie haben mir so viel Freundlichkeit erwiesen,« sagte sie verbindlich, zu Mila gewandt, »daß ich es für eine angenehme Pflicht erachte, Ihnen bei meinem Scheiden noch einmal persönlich Dank zu sagen.« Die anderen beiden Frauen blickten überrascht auf, Else mit der Empfindung ungestümer Freude. »Wie? Sie wollen uns schon verlassen?« gab Mila ihrer Verwunderung Ausdruck. »Aber Ihr Gastspiel –« »Nimmt mit der heutigen Vorstellung sein Ende,« fiel die Schauspielerin ein. »Meinen Kontrakt, der mich noch auf zwei weitere Wochen verpflichtete, habe ich auf gütlichem Wege gelöst.« Nichts hätte Else Willbrand mehr Freude bereiten können, als diese Mitteilung. In das Gefühl der Genugthuung, das sie bei dem Gedanken an die bevorstehende Abreise Lilly Adolfis durchströmte, mischte sich noch eine Dosis Schadenfreude über den ungünstigen Verlauf des Gastspiels der Verhaßten. »Vermutlich das mangelnde Interesse des Publikums,« konnte sie sich nicht enthalten zu bemerken, in einem so mokanten, spitzen Ton, daß Frau Mila erstaunt und unangenehm berührt aufsah. Lilly Adolfi aber verriet weder in Wort noch Gebärde irgend welche Empfindlichkeit. »Ja, man scheint hier Ibsen noch nicht das rechte Interesse entgegen zu bringen,« entgegnete sie, äußerlich durchaus ruhig und gemessen. Aber gerade diese Ruhe empörte das junge Mädchen, und sie kam immer mehr in die Versuchung, die Gebote des guten Tones zu vergessen und ihre Animosität gegen die Schauspielerin allzu offen an den Tag zu legen. Ihre Lippen zuckten malitiös. »Die Ibsen-Vorträge Doktor Kramms waren immer sehr gut besucht,« sagte sie in einem Tone, der ebenfalls so beleidigend war wie die Worte selbst. Frau Mila hustete verlegen, die Situation bereitete ihr ungemeine Pein; sie erblickte die Freundin, die neben ihr saß, verstohlen von der Seite an, um ihr durch ein Zeichen ihren Unwillen auszudrücken. Lilly Adolfi errötete vor Ärger, aber auch diesmal gelang es ihr, ihren Unwillen zu unterdrücken. »Freilich,« gab sie gelassen zur Antwort, »zum Teil mag auch die mangelhafte Darstellung schuld sein. Die Kräfte des Stadttheaters sind eben so hohen Aufgaben nicht gewachsen.« Else Willbrand aber konnte sich noch nicht beruhigen. Ohne von den Bemühungen ihrer Freundin Notiz zu nehmen, fügte sie ihren vorherigen Bosheiten noch die Bemerkung hinzu: »O, das Stadttheater hat unseren bescheidenen Wünschen noch immer genügt.« Ein heftiger Druck, den die Sprechende in diesem Augenblick von Milas Hand auf ihrem Arm empfand, brachte sie endlich zur Erkenntnis ihrer Unhöflichkeit, und da sie fühlte, daß sie zu erregt war, um mit der Verhaßten eine in ruhigen Bahnen sich bewegende Unterhaltung zu führen, so erhob sie sich, um sich zu verabschieden. Als sie Mila umarmte, konnte die letztere nicht umhin, ihr vorwurfsvoll zuzuraunen: »Du warst geradezu beleidigend,« worauf ihr Else ingrimmig zwischen den Zähnen zuzischte: »Vergiften könnt' ich sie. Ich sage Dir, sei auf Deiner Hut vor dieser Kokette!« Als sich die Thür hinter der Fortgehenden geschlossen, bemerkte Lilly Adolfi, ihr nachblickend, mit leiser Ironie im Ton ihrer Stimme: »Eine sehr liebenswürdige, junge Dame!« »Nur manchmal ein wenig nervös,« glaubte Frau Mila entschuldigen zu müssen. Eine Pause der Verlegenheit entstand, die durch Martha Gründlers Eintritt, der das Stubenmädchen des Hauses mit einem Paket auf dem Fuße folgte, zu Frau Milas lebhafter Befriedigung ein schnelles Ende fand. »Aus Berlin – für Dich, Mila,« meldete die Stütze der Hausfrau, nachdem sie die Schauspielerin begrüßt hatte. Frau Mila war froh, daß ihr der Zufall zu Hilfe kam, um der peinlichen Befangenheit, welche seit Elses Fortgang noch immer auf ihr lastete, zu entrinnen. »Gewiß mein Kostüm?« rief sie lebhaft aus und sich erklärend an ihren Besuch wendend, erzählte sie, daß sie auf den Rat ihres Gatten sich ein Maskenkostüm aus Berlin verschrieben habe, da in der Provinzialstadt doch nichts Passendes zu haben sei. Lilly Adolfi erhob sich sogleich voll Interesse. »Ah, das ist interessant!« sagte sie, »lassen Sie doch einmal sehen!« Das Paket wurde geöffnet; ein Kostüm in italienischem Charakter kam zum Vorschein. Buntes, Phantastisches. »Wie prächtig Du darin aussehen wirst!« konnte sich Martha Gründler nicht enthalten, mit einem Anflug von Neid auszurufen. Die Schauspielerin lächelte überrascht. »Ist das nicht das Kostüm der Nora?« »Ganz recht,« gestand Frau Mila, ein wenig errötend, »als neapolitanisches Fischermädchen, im dritten, als sie vor ihrem Gatten die Tarantella tanzt.« »Ihr Herr Gemahl,« knüpfte die Schauspielerin an die letzte Bemerkung an, »ist vermutlich beschäftigt. Ich hätte ihm noch gern persönlich Adieu gesagt.« Frau Mila schritt sogleich auf die Thür zu. »Er ist in seinem Laboratorium – wenn Sie gestatten.« Als der Chemiker hörte, wer im Salon sei, kam er mit einer auffallenden Eile herein. Mila hieß er ihn so lange im Laboratorium vertreten. Er wechselte anfangs ein paar artige Phrasen mit der Schauspielerin, erkundigte sich nach ihrem Befinden und legte ein höfliches Bedauern an den Tag, als er von ihrer bevorstehenden Abreise vernahm. Mehrmals sah er sich dabei, ärgerlich hüstelnd, nach Martha Gründler um, welche noch immer im Salon weilte und die beiden mit argwöhnischen Blicken beobachtete. Im Interesse seines Freundes hätte er gern die Gelegenheit benutzt, die zwischen Linder und der Adolfi schwebende delikate Angelegenheit zu schlichten und die Schauspielerin zur Herausgabe des verräterischen Tagebuches zu bewegen, aber nun ließ ihn die Anwesenheit der alten Jungfer davon abstehen, die sich noch immer mit Milas Kostüm, das sie mit absichtlicher Langsamkeit zusammenlegte und wieder einpackte, zu schaffen machte. Endlich riß ihm die Geduld, er faßte einen energischen Entschluß. »Was haben sie denn da, Fräulein Martha?« erkundigte er sich. »Ah, Milas Kostüm? Meinen sie nicht, daß es gut wäre, das Kostüm gleich ein wenig auszubügeln – ich meine wegen der Falten! Vielleicht haben sie die Güte –!« Einer so bestimmt ausgesprochenen Aufforderung konnte die Stütze sich nicht verschließen. Innerlich wütend ergriff sie das Paket und entfernte sich mit süß-saurem Lächeln, entschlossen, draußen ihr Ohr an die Thürspalte zu legen, um von der Unterhaltung, bei der ihre Gegenwart offenbar für überflüssig gehalten wurde, so viel als möglich zu erlauschen. Lilly Adolfi erhob sich, um, wie man in der Theatersprache sagt, einen falschen Abgang zu machen. Sie hatte wohl die geflissentliche Bemühung Steinbachs, die alte Jungfer aus dem Zimmer zu bringen, wahrgenommen, und sie war selbst gespannt, was der stattliche, imponierende Mann ihr unter vier Augen zu sagen hatte. Steinbach nötigte die Schauspielerin höflich, wieder Platz zu nehmen. »Nur ein paar Minuten, bitte, schenken Sie mir Gehör, gnädiges Fräulein,« sagte er verbindlich und fuhr dann, nachdem Lilly Adolfi erwartungsvoll, äußerlich die Befremdete spielend, sich wieder gesetzt hatte, seinem Gegenüber voll ins Gesicht schauend, galant fort: »Wenn man sie anblickt, gnädiges Fräulein, Ihre freundlichen Züge, Ihr liebenswürdiges Lächeln, Ihr mildstrahlendes Auge, so hält man es gar nicht für möglich, daß Sie ein so unempfindliches Herz haben.« Die Angeredete unterdrückte ein Lächeln. »Aber ich bitte –« glaubte sie abwehren zu müssen. »Sie haben meinen Freund Linder recht hart, recht grausam behandelt,« ging der Chemiker nunmehr direkt auf sein Ziel los. Lilly Adolfi fühlte sich einigermaßen enttäuscht. »Nicht anders, als er es um mich verdient hat,« entfuhr es ihr unwillkürlich. Steinbach lächelte ein wenig malitiös. »Um Ihre Freundin, meinen Sie.« »Nein, um mich!« antwortete die Schauspielerin, ärgerlich über sich und das Thema, das Steinbach angeschlagen. »Wozu noch die Komödie! Sie wissen ja doch und Sie werden nun auch begreifen –« Der Chemiker sah, daß er ein faux pas gemacht. Da hieß es, rasch wieder einlenken, wieder gut machen, was er versehen. »Nein, nie werde ich begreifen«, rief er pathetisch, seinem Gegenüber mit seinem Sessel ein wenig näher rückend und das Auge mit ostentativer Bewunderung zu ihr erhebend, »nie werde ich begreifen, wie der Thor sich selbst von so viel Schönheit und Liebenswürdigkeit verbannen konnte. Es müßte denn sein, daß er, in Erkenntnis des eigenen Unwertes, sich sagte: Du bist ihrer nicht würdig. Du verdienst nicht –« Lilly Adolfi unterbrach den Sprechenden. »O, Sie werden mich durch Ihre Schmeichelei für Ihren Freund nicht günstiger stimmen«, sagte sie, scheinbar noch schmollend, innerlich aber nicht unempfänglich für die Galanterie Steinbachs. »Schmeicheln – ich?« erklärte dieser mit einem Pathos, das diesmal schon weniger erkünstelt war. »Nie bin ich so wahrheitsliebend gewesen, wie in diesem Augenblicke!« Die Nähe der Schauspielerin, von der ein eigentümlich scharfes, berauschendes Parfüm ausströmte, fing an, ihren Einfluß auf ihn auszuüben. Ihre Blicke, die bald den Boden suchten, bald kokett den seinen begegneten, machten ihn warm. Ihre in reizvoller Üppigkeit prangende Figur, die durch ein mit raffiniertem Chic gearbeitetes Kostüm wesentlich gehoben wurde und hie und da wohl auch erst das richtige Ebenmaß erhielt, entzückte ihn. Sein durch Frau Milas Arbeitskostüm seit Wochen mißhandelter Schönheitssinn belebte sich, ja, richtete sich förmlich auf an der koketten Grazie der Schauspielerin. Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. »Sie sollten sich glücklich schätzen, gnädiges Fräulein« fuhr er in leidenschaftlichem Tone fort, »daß ein zünftiges Geschick Sie bewahrte, an der Seite eines Unwürdigen –« Sie lachte spöttisch auf: »Glauben Sie etwa, daß ich bedaure? O, keineswegs! Aber –« setzte sie mit heuchlerischem Emporziehen der fein gewölbten Brauen hinzu – »soll ich ruhig zusehen, wie eine andere, blind, ahnungslos, in ihr Verderben rennt? – Ist es nicht meine Pflicht –« Steinbach erschrak. »Wie – Sie wollten –?« »Der Bedauernswerten die Augen öffnen – ganz gewiß will ich das, durch Übersendung sehr überzeugender Dokumente, und ich hoffe, damit ein gutes Werk zu thun.« Lilly Adolfi war es mit ihrer Drohung wirklich Ernst. Sie konnte sich so mit einem Schlage zu gleicher Zeit an Linder und zugleich an der malitiösen Else Willbrand rächen, die sich unterstanden hatte, ihren Zorn herauszufordern. Steinbach hielt es für gut, eine andere Taktik einzuschlagen, denn er befürchtete, auf geradem Wege nicht zum Ziel zu kommen. »Sie sprechen von Linders Tagebuch.« bemerkte er, »ja, mein Freund hat mir davon erzählt. Wissen Sie, gnädiges Fräulein, ich denke mir Linders Memoiren hochinteressant.« Er neigte sich lächelnd zu ihr hinüber. »Sie glauben gar nicht, wie sehr mich die Neugier verzehrt. Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, mir das Buch auf ein paar Tage zu leihen –!« Sie erwiderte sein Lächeln mit einem koketten Blick. »Sie können so eindringlich bitten«, entgegnete sie schelmisch, »daß man sich wirklich versucht fühlt – « Schon glaubte er gewonnenes Spiel zu haben. »Nicht wahr, Sie geben es mir«, rief er, stürmisch ihre Hand ergreifend. »Im voraus tausend Dank!« Sie entwand ihm ihre Hand und rückte ihren Sessel ein wenig von ihm hinweg. »Oho, nicht so ungestüm, mein Herr! Wer garantiert mir, daß ich das Buch von Ihnen zurückerhalte, daß es nicht – nun sagen wir: bei Ihnen verloren geht?« »O, wie können Sie denken!« »Nun, nun, es scheint mir doch in jedem Fall sicherer, wenn ich es zuvor an Fräulein Willbrand –« »Sprechen wir nicht von ihr!« unterbrach Steinbach lebhaft. »Wissen Sie, gnädiges Fräulein, es giebt Menschen, die in ihrer Blindheit glücklich sind und die es einem gar nicht Dank wissen, wenn man ihnen die Augen öffnet. Und dann – so lange halte ich es ja gar nicht aus. Ich sterbe vor Neugier!« Sie erhob in komischem Entsetzen die Hände. »O, o, Sie erschrecken mich!« »Ganz gewiß!« Der Chemiker rückte seinem Gegenüber wieder einen Schritt näher. »Gnädiges Fräulein, lassen Sie sich erbitten! Sehen Sie mich an – ich verschmachte.« Sie streifte ihn mit einem Blick, der ihn in Flammen setzte. »Sie Ärmster!« lachte sie. »Wirklich, Sie haben mich schon ganz weich gestimmt, und wenn ich das Buch bei mir hätte, wer weiß –« »Sie haben es in Ihrem Hotel!« warf Steinbach hastig ein. Eine Idee blitzte in ihm auf, die ihn entzückte, ihn berauschte, ihn ganz und gar gefangen nahm. »Allerdings.« »So gestatten Sie«, rief er lebhaft aus, während ihm das Herz vor Erwartung und geheimer Erregung klopfte, »daß ich Ihnen meine Aufwartung mache und Sie versprechen mir –« In den Augen der Schauspielerin leuchtete es blitzartig auf. Im nächsten Moment zeigte sie wieder eine ruhige Miene. »Nichts verspreche ich«, antwortete sie lächelnd. »Wir werden ja sehen. Ihr Besuch ist mir jedenfalls angenehm. Ein so liebenswürdiger Gesellschafter!« Ihre Blicke tauchten bei den letzten Worten zündend in die seinen. Stürmisch küßte er ihre Hand. »Sie sind – von einer entzückenden Liebenswürdigkeit«, stammelte er. »Und wann darf ich mir gestatten?« »Lassen Sie sehen.« Lilly Adolfi erhob sich und sah nach der Stutzuhr auf dem Sopha hinüber. »Es ist in der fünften Stunde. Um sechs Uhr muß ich ins Theater. Morgen in aller Frühe reise ich. Es bleibt also nur die Stunde zwischen fünf und sechs.« Sie blickte fragend und zugleich mit einem allerliebsten, schelmischen Ausdruck in ihren beweglichen Mienen zu ihm auf. »Es sollte mir aufrichtig leid thun«, sagte sie langsam und in einem Ton, der ihm das Blut in die Wangen trieb, »wenn Ihre Zeit Ihnen nicht erlauben sollte –« »O ich komme«, rief er feurig, »auf jeden Fall komme ich – in zehn Minuten sehen Sie mich bittend zu Ihren Füßen.« Die beiden schritten zur Flurthür und ihr ganzes Interesse war gegenseitig voneinander derart in Anspruch genommen, daß ihnen der leise, unterdrückte Schrei, der von der Thür links in diesem Augenblick ertönte, gänzlich entging. Während der Chemiker der Schauspielerin durch den Korridor das Geleit gab, trat Martha Gründler in einem Zustand unbeschreiblicher Erregung in den Salon. Ihre Augen flammten, ihre Hände ballten sich. »Schändlich!« zischte es zwischen den zornig aufeinander gebissenen Zähnen hindurch. »Also darum –!« Ein Rendezvous war es, das zwischen beiden verabredet worden. Ganz deutlich hatte sie es gehört. Zorn, Eifersucht, Schmerz wühlten in der Brust der verbitterten alten Jungfer, die seit Monaten still eine glühende, verzehrende Neigung zu dem Manne im Herzen trug, der kalt, gleichgültig sich ihr gegenüber gezeigt, und der nun im ersten Ansturm den Künsten der Komödiantin erlag. Aber sie, die Verschmähte, würde beiden einen Strich durch die Rechnung machen. Mila sollte alles erfahren, und dann – Entschlossen schritt Martha Gründler auf die Thür los, die in das Laboratorium führte. Da kehrte Steinbach in den Salon zurück, und zugleich trat auch Mila ein, der die geheimnisvoll klingende Warnung Elses vor Lilly Adolfi im Kopf herumgegangen war und die inzwischen unruhig geworden. »Wo ist Fräulein Adolfi?« fragte sie, den Blick erstaunt und forschend auf ihren Gatten heftend, der unwillkürlich die Augen vor ihr senkte. »Sie läßt sich bei Dir entschuldigen«, entgegnete er, sich zur Thür wendend, »ihre Zeit erlaubte es ihr nicht länger –« »Und Du willst nun an die Arbeit zurückkehren?« »Ich? Nein! Ich will mich ein wenig umkleiden – habe noch einen geschäftlichen Gang vor.« Steinbach verließ hastig das Zimmer, während Frau Mila ihm unruhig nachblickte und nicht wußte, sollte sie ihm folgen oder in das Laboratorium zurückkehren. Da fiel ihr Blick auf Martha, die ihre ungestüme Erregung nicht länger beherrschen konnte. »Er geht zu ihr – zur Adolfi!« stieß sie heiser hervor. »Zur Adolfi?« Frau Mila starrte die Sprechende aufs höchste erstaunt und erschreckt an. »Zwischen fünf und sechs Uhr erwartet sie ihn«, gab Martha mit starkem Nachdruck zurück. Frau Mila konnte das Unglaubliche noch immer nicht fassen. »Arno? Unmöglich!« – stammelte sie mit bleichen Lippen. »Wie eine Schlange hat sie sich hier eingeschlichen«, zischte Martha Gründler vor Wut und Ärger hervor, »hat intriguiert, kokettiert, bis sie ihn in ihr Netz gezogen!« »Du irrst – Du lügst!« rief die junge Frau in wachsender Erregung, den Arm der vor ihr Stehenden mit beiden Händen packend und heftig pressend. Die alte Jungfer war seelisch zu sehr bewegt und beschäftigt, als daß ihr der körperliche Schmerz zum Bewußtsein gekommen wäre. »Dort – dort stand ich«, entgegnete sie, mit der ausgestreckten Hand nach der Thür deutend, hinter der sie den Vorgang zwischen Steinbach und der Schauspielerin beobachtet, »und war Zeugin, wie sie alle Listen der Koketterie anwandte, wie sie schmachtete und süße Augen machte –« »Und er?« unterbrach sie Frau Mila, zitternd vor Aufregung. »Er küßte ihr die Hand und rief: Ich komme – in zehn Minuten sehen Sie mich zu Ihren Füßen.« Die junge Frau stieß einen Schmerzenslaut aus und ließ sich schwach auf den ihr nahe stehenden Sessel nieder. Das alles war so plötzlich, so überraschend und unerwartet auf sie eingedrungen, daß sie eine Weile verwirrt, wie betäubt vor sich hinstarrte. Erst nach und nach, während sie sich mehr und mehr in das eben Gehörte versenkte, kam sie zur vollen Erkenntnis ihrer Lage und des Unglücks, das sie bedrohte. Martha Gründler stand lauernd beiseite und spähte zwischen den gesenkten Augenlidern hervor scharf nach der ganz in ihr Leid Versunkenen hinüber. Nachdem sich ihre erste eifersüchtige Zornesaufwallung gelegt, kam die klügelnde Berechnung bei ihr zur Geltung. Eine diabolische Idee durchzuckte sie. Sie näherte sich der Freundin, die in fassungslosem Schmerz die Hände rang, und rüttelte sie am Arm. »Er handelt schimpflich, schmachvoll gegen Dich«, sagte sie in hartem, aufstachelndem Ton. »Er ist Deiner unwert und Du solltest – « Frau Mila strich sich mit der Hand über die Stirn. Die ganze Größe des ihr drohenden Verlustes kam ihr zum Bewußtsein, und zugleich flammte ein leidenschaftlicher Zorn gegen die Schauspielerin in ihr auf. »Nein, nein, es soll ihr nicht gelingen«, stieß sie, aufspringend, heraus, »ich will ihr das kokette Spiel verderben, sie soll nicht triumphieren über mich.« Martha erschrak. »Was willst Du thun?« forschte sie mit unruhig fixierendem Blick. In der aufs tiefste erschütterten jungen Frau gewann die Angst, die Verzweiflung immer mehr die Oberhand über den Zorn. Die Furcht, den geliebten Mann zu verlieren, stieg heiß in ihr auf und erstickte jede Regung von Scham und Selbstgefühl im Keime. Wie ein Aufschrei ihres gequälten Herzens rang es sich von ihren Lippen: »Ich will mich an ihn hängen, ihn bitten, ihn beschwören – ich lasse ihn nicht von mir!« In den Augen der alten Jungfer zuckte es ärgerlich auf, ihre Stirn legte sich in finstere Falten. »Aber bedenke«, mahnte sie dringend, »wie unwürdig, wie demütigend für Dich! Wenn Du nur einen Funken von Noras Blut in Dir hast, so wirst Du wissen, wie eine rechte Frau in Deiner Lage handelt.« »Nora?« Die Angeredete blickte verwirrt um sich. Nora? Hatte sie nicht Heim und Familie verlassen, sich von ihrem Gatten losgesagt, als sie seinen Unwert erkannt? Und nun sollte auch sie von Arno gehen? »Nein, nein«, rief sie, leidenschaftlich erregt im Zimmer auf- und abgehend und die Hände ringend. »Ich liebe Arno, ich kann nicht leben ohne ihn, und ich sollte ihn aufgeben, freiwillig, damit jene um so leichter –?« Wieder wallte flammende Empörung in ihr auf. Überwältigt von den in ihr gährenden und miteinander ringenden Gefühlen stürzte sie zu dem Spiegel hin. »Bin ich nicht jung? Bin ich denn weniger schön als sie? – Ah!« Unwillig, entsetzt fuhr sie zurück beim Anblick ihres Spiegelbildes, das in dem unförmlichen Drahtpanzer, den sie noch trug, einen nicht weniger als anziehenden Eindruck machte. Mit ungestümen Händen riß sie das entstellende Drahtgeflecht herab und warf es, ebenso wie die Drahtmaske, die auf dem Tische lag, mit einer Gebärde heftigen Abscheues weit von sich. Dann wandte sie sich entschlossen zu der Thür des Laboratoriums. Mit geheimer Wut hatte Martha Gründler mit angesehen, wie all die schönen, theoretisch gewonnenen Anschauungen von Frauenstolz und Selbstgefühl vor dem ersten Ansturm der rauhen Wirklichkeit in nichts zerrannen. Schon hatte sie das Ziel ihrer heißesten Wünsche in greifbare Nähe gerückt gesehen, schon glaubte sie den Weg zum Glück, nach dem sie sich seit Jahren in ungestilltem Sehnen verzehrte, gefunden zu haben, und nun – nun machte Milas Schwäche und Inkonsequenz ihre kühne Hoffnung zu Schanden. Ihre Enttäuschung, ihre Erbitterung war eine so heftige, daß sie sich der Davoneilenden in den Weg stellte und sie zornig am Arm zurückhielt. »Mila, so komm doch zu Dir!« fuhr sie eindringlich auf sie los. »Bedenke –!« Aber die Angeredete schenkte ihr kein Gehör. »Laß mich!« rief sie und riß sich ungestüm von ihr los. Martha Gründler taumelte zurück, glühende Röte schoß ihr ins Gesicht, ihre Finger zuckten krampfhaft. Sie stand im Begriff, alle Rücksicht, alle Überlegung zu vergessen, ihre Brust wogte stürmisch, ihre Lippen bewegten sich – doch im letzten Augenblick bezwang sie sich. Mit einem haßerfüllten Blick auf Mila stürzte sie aus dem Zimmer. Mila hatte fast die Thür erreicht, als dieselbe von innen geöffnet wurde und Steinbach, im dunklen Anzug, den Hut in der Hand, über die Schwelle trat. »Du willst also wirklich gehen?« rief ihm Mila, schreckensvoll zusammenzuckend, zu. »Natürlich – wichtige Geschäfte –«. Steinbach wollte eilig an der ihm gegenüber Stehenden vorüber, aber sie hing sich an ihn und umfaßte ihn mit flehender Gebärde. Der Chemiker wich hastig zurück und schob sie etwas unsanft von sich. »Oho – so sei doch vorsichtig.« Er deutete mit der Hand auf ihre mit allerlei chemischen Flüssigkeiten befleckte Bluse und betrachtete ängstlich forschend seinen Rock. Mila fühlte sich, ohnedies aufs tiefste erschüttert und erregt, empfindlich gekränkt. Mit heftiger Gebärde riß sie die Bluse, unter der sie ein schlichtes Hauskleid trug, vorn auf, entledigte sich ihrer und warf sie zornig zu Boden. Steinbach blickte erstaunt auf. »So sei doch nicht gleich so empfindlich.« Erst jetzt bemerkte er den befremdenden Zustand, in dem sie sich befand. »Was hast Du denn?« fragte er in milderem Ton, während er ihr sich wieder näherte. In Milas Seele stürmte es; in dem Chaos der Empfindungen und Gefühle, welche ihre Brust durchwogten, konnte sie keinen klaren Gedanken fassen, zu keinem festen Entschluß kommen. Sie fühlte sich versucht, ihm alles zu sagen, mit grollenden Worten der Anklage, der tiefen Empörung, welche sie minutenlang beherrschte, vor ihn hinzutreten. Dennoch hielt ein unüberwindliches Schamempfinden sie ab, diesem Impulse zu folgen. Und als Arno jetzt dicht an sie herantrat und ihr liebevoll besorgt mit der Hand über das erhitzte Gesicht strich, da löste sich ihre zornige Erregung wieder in Weichheit, und nur das eine Verlangen, den geliebten Mann um jeden Preis zurückzuhalten, beherrschte sie. Mit konvulsivischer Heftigkeit schlang sie die Arme um seinen Hals und klammerte sich an ihn. »Arno, ich bitte Dich, ich beschwöre Dich: bleibe bei mir! Geh nicht, heute nicht!« Steinbachs Erstaunen wuchs. »Aber Du kleine Närrin«, sagte er kopfschüttelnd, »in einer Stunde bin ich ja zurück.« Er bemühte sich, sie durch Liebkosungen und milden Zuspruch zu beruhigen. »So sei doch vernünftig!« sagte er und versuchte, sich sanft von ihr los zu machen. Sie aber hielt ihn fest mit der Entschlossenheit der Verzweiflung. Arno fing an, ungeduldig zu werden; die ihm unerklärlichen Bemühungen, ihn am Ausgehen zu verhindern, erregten seinen Unmut. »So laß mich doch!« herrschte er sie ärgerlich an. Der scheltende Ton fachte von neuem ihren Zorn, ihren Unmut an. »Nein!« rief sie heftig, schrill. Er blickte sie im ersten Moment ganz bestürzt, betreten an, dann machte sich die in ihm wachsende Empörung Luft: »Aber Mila! Was soll denn das heißen? Was fällt Dir ein?« »Ich?« Sie ließ ihn los und ihr flammender Blick bohrte sich fest in den seinen. In ihrer Brust spann sich ein kurzer, heftiger Kampf ab: Zorn und Empörung rangen mit Schmerz und Angst um die Oberhand; ihre Wangen färbten sich mit fieberhafter Röte, ihre Hände ballten sich, in ihrer Kehle ein Würgen und Schlucken, als dränge es unaufhaltsam herauf. Aber dieser fieberhaften Anspannung der Nerven folgte blitzschnell die Reaktion. Ueber ihr Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken, ihre Augen füllten sich mit Thränen, und in ein hysterisches Schluchzen ausbrechend, warf sie sich ihm an die Brust. »Arno, ich – ich bin krank!« stieß sie in abgerissenen Lauten hervor. »Laß mich nicht allein! Ich fürchte mich!« Steinbach ließ die Weinende eine Weile gewähren, dann führte er sie sanft zu dem nahen Divan und hieß sie, sich setzen. Er redete ihr wie einem kranken Kinde zu, indem er den Nervenanfall – als solchen erklärte er sich ihren Zustand – geistiger Überanstrengung zuschrieb. »So – nun ruh Dich aus! Und wenn ich zurückkomme, so bist Du wieder frisch und munter. Es ist die höchste Zeit, daß ich gehe.« Er wandte sich zur Thür. Mila saß wie erstarrt, ratlos. Was sollte sie thun?« Er ging und alles war vorüber. Glück und Freude für immer dahin, ihre ganze Zukunft vernichtet. Da durchzuckte sie plötzlich eine Idee, die Rettung verhieß. Lebhaft sprang sie auf. »Arno!« Er drehte sich nach ihr um. »Nun?« »Mein Maskenanzug aus Berlin ist angekommen.« »Ich weiß.« »Was meinst Du: soll ich ihn nicht anprobieren?« »Gewiß – morgen!« Er wandte sich von neuem zur Thür. »Dann ist es vielleicht zu spät!« rief sie hastig, flehend. »Lieber heute, damit ich ihn zurückschicken kann, wenn er Dir nicht gefällt.« Er machte eine Gebärde der Ungeduld. »Aber Du weißt doch, daß ich fort muß.« »Nur zehn Minuten.« Sie trat dicht an ihn heran und schmiegte sich schmeichlerisch an ihn. »Bitte, bitte!« sagte sie und sah ihm demütig flehend in die Augen. Der Chemiker war im Grunde ärgerlich über diesen erneuten Versuch, ihn zurückzuhalten. Schon zu viel Zeit hatte er verloren. Aber der rührend bittende Ton, ihre Sanftmut in Wort und Gebärde entwaffneten ihn. Unschlüssig zupfte er an seinem Bart. »Sieh«, fuhr die junge Frau, ihren Vorteil wahrnehmend, rasch fort: »ich bin so neugierig, und Du? Bist Du denn gar nicht ein wenig begierig?« Sie griff nach seinem Hut und suchte ihm denselben zu entwinden. »Nun meinetwegen«, gab er endlich nach. »Aber spute dich!« Mila stieß einen Freudenschrei aus; aus tiefster Brust atmete sie auf, ihr Gesicht strahlte. »Ich eile«, rief sie, »ich fliege –!« Sie legte Arnos Hut auf den Tisch und sprang zur Thür. Schon hatte sie die Hand auf der Klinke, da kam ihr ein Bedenken. Rasch eilte sie an den Tisch zurück, nahm Steinbachs Hut, nickte ihm schelmisch lächelnd zu und verschwand aus dem Zimmer. Der Chemiker stand eine Weile unbeweglich und blickte nachdenklich vor sich hin. Wie rührend sie ihn gebeten hatte! Was mochte sie nur haben? Eigentümlich! Ob sie wohl ahnte? Unsinn! Mir einem energischen Ruck drehte sich der Grübelnde um und ließ sich auf einen der Fauteuils an dem Tisch fallen. »Ich bin kindisch«, murmelte er in sich hinein. »Hallucinationen!« Er stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und stützte sein Haupt gedankenvoll in die Hände. Doch die Unruhe, die in ihm gährte, trieb ihn nach einer Weile wieder empor, und erregt ging er im Zimmer auf und ab. Wie ihm das Herz klopfte! Dazu diese prickelnde Rastlosigkeit, die ihm in allen Fibern zuckte. Bald heiß, bald kalt durchschauerte es ihn. Ihm war zu Mute wie einem Schulknaben, der vor seinem Examen stand. Fürchtete er sich etwa vor der Adolfi! Lächerlich! Er hatte ein gutes Gewissen. Es war im Dienst der Freundschaft, um Linders Sache, daß er – Der Grübler blieb plötzlich stehen. »Heuchler!« rief er, sich selbst scheltend, und runzelte die Stirn. Er blickte eine Weile düster vor sich hin. War es wirklich allein des Freundes wegen, daß er es gar nicht erwarten konnte, die Schauspielerin aufzusuchen? Warum schlug ihm das Herz bei dem Gedanken an den bevorstehenden Besuch so stürmisch, daß er es bis zum Halse hinauf verspürte? Waren es nicht die Augen der Schauspielerin, die ihn lockten, ihre süße, einschmeichelnde Stimme, ihr verführerisches, bestrickendes Wesen? Ein verklärendes Lächeln erschien in dem sich plötzlich aufhellenden Gesicht. Seine Augen blickten träumerisch in die Weite. Die graziöse, geschmeidige Gestalt der Adolfi erschien vor ihm, und das Verlangen, sie zu sehen, den Klang ihrer Stimme zu hören, das eigenartig anregende, reizvolle konversationelle Geplänkel mit ihr wieder aufzunehmen, schlug wie eine lodernde Flamme in ihm auf. Ein Blick nach der Stutzuhr ließ ihn erschreckt zusammenfahren. Fast halb sechs! Und Mila war noch nicht zurück. Verwünscht wie lange das dauerte! Eine fieberhafte Unruhe kam über ihn. Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn bei dem Gedanken, daß er die Adolfi verfehlen könnte! Um sechs Uhr mußte sie ins Theater. Und morgen in der Frühe reiste sie. Verwünschte Nachgiebigkeit! Konnte er Milas Kostüm nicht ebensogut ein andermal – – –? Und was sollte die Schauspielerin von ihm denken? Hatte er nicht fest zugesagt zu kommen? Gewiß ging sie in ihrem Zimmer voll Ungeduld auf und ab, ihn erwartend und er – er, anstatt zu eilen, blieb, wartete – ah, Dummheit! War er denn ein Narr, daß er einer Laune wegen – – Ungestüm näherte er sich der Thür, die in Milas Zimmer führte. »Mila, meinen Hut!« rief er laut, hastig. Da öffnete sich, noch bevor er sie erreicht, die Thür und mit tänzelnden Schritten erschien Mila aus der Schwelle. Ein staunendes »Ah!« entfuhr dem unwillkürlich mehrere Schritte Zurückweichenden. Die Farbenpracht ihres Kostüms blendete ihn, der Schnitt desselben ließ ebensowohl den edelgeformten Hals und die schimmernden, sanft gerundeten Schultern hervorleuchten, wie er die zierlichen Füßchen bis über die zarten Fesseln hinaus dem bewundernden Blick preisgab. Sie stemmte kokett die Arme auf die Hüften und drehte sich graziös auf dem Absatz herum. »Gefalle ich Dir?« lächelte sie ihn an. »Entzückend! Großartig!« stieß er ekstasisch hervor. »Ich sage Dir, Du wirst allen Männern die Köpfe verdrehen!« Sie zuckte geringschätzig die Achseln. »Bah, daran liegt mir auch was recht's!« Seine Augen weideten sich noch immer an den Reizen und deren Folie. Für den Augenblick vergaß er ganz seinen Ärger. »Du,« sagte er gut gelaunt, ihr schelmisch mit dem Finger drohend. »Nicht heucheln! Ihr Frauen kennt keinen höh'ren Ehrgeiz, als den Männern die Köpfe zu verdrehen, nicht einem, sondern allen.« Sie zeigte eine Schmollmiene, die ihr allerliebst stand. »Wenn Du so garstig sprichst, gehe ich lieber.« Sie that wirklich, als ob es ihr mit dieser Drohung ernst sei. Er hielt sie hastig zurück und umfaßte sie sanft. Sie zeigte sich sogleich versöhnt. Schmeichlerisch ihren Kopf an seine Schultern lehnend, schmiegte sie sich hingebend an ihn und blickte ihm zärtlich in die Augen. »Nur einem will ich gefallen, niemandem sonst«, flüsterte sie zu ihm empor. Er preßte sie leidenschaftlich an sich. Mila, meine süße, schöne Mila!« rief er begeistert. Er beugte sich herab, um sie zu küssen. Schon durchströmte das Gefühl des Triumphes ihre Brust, schon jubelte sie innerlich, da ertönte der helle, metallische Schlag der Uhr. »Halb sechs!« schrie er aus. Der elektrisierende Klang entriß ihn seinem Rausche. Ernüchtert schnellte er empor und befreite sich mit einem schnellen Ruck aus ihren Armen. »Rasch, Mila, meinen Hut! Es ist die höchste Zeit!« Sie unterdrückte mit Mühe die Angst, welche ihr wieder die Kehle zuschnüren wollte, welche sie erbeben ließ. »Noch eine Minute!« flehte sie und drängte sich von neuem schmeichlerisch an ihn. »Du hast mich ja noch gar nicht ordentlich betrachtet.« Sie zeigte auf das Tuch, das ihr vom Kopf auf die Schulter herabhing. »Wie gefällt Dir das? Nicht wahr, etwas bunt?« Aber Steinbach hatte keine Ohren, keine Augen mehr für sie. »Nachher!« beschied er sie kurz, »in einer Stunde bin ich zurück.« Sie haschte hastig nach der Hand des Zurückweichenden. »Aber ich kann doch nicht bis dahin in diesem Kostüm – « Er achtete nicht mehr auf das, was sie sagte. Ganz nur von dem einen Gedanken beherrscht, so schnell als möglich in das Hotel der Adolfi zu gelangen, stürzte er zur Thür, um seinen Hut aus dem Nebenzimmer selbst zu holen. In der nächsten Sekunde hatte er die Schwelle überschritten. Frau Mila stand wie betäubt, starr und regungslos. Ein unendlicher Schmerz prägte sich in ihren zuckenden Mienen aus; sie preßte die Hand auf die Augen und stöhnte aus tiefster Seele auf; schon hörte sie die Schritte des Zurückkommenden. Da packte sie die Verzweiflung. Er durfte nicht fort, um keinen Preis. Zwischen fünf und sechs erwartete ihn die Komödiantin. Morgen reiste sie und alle Gefahr war vorbei. Noch eine halbe Stunde galt es, ihn zurückzuhalten mit allen Mitteln. Vor diesem einen, sie voll und ganz beherrschenden Verlangen traten alle anderen Bedenken zurück. Mit einem Satz war sie an der Thür und noch ehe er von der anderen Seite öffnen konnte, drehte sie mit einem Ruck den Schlüssel herum. Dann sank sie erschöpft auf den nächsten Stuhl. Der Chemiker stand einen Moment lang erstaunt, verblüfft. Dann rüttelte er heftig an der Klinke. »Mach doch auf, Mika!« rief er mit verhaltenem Zorn. »Was soll denn das heißen? Sei doch nicht kindisch!« Sie antwortete nicht. Die in ihr tobende Erregung hinderte sie am Sprechen. Das Herz schlug ihr, daß sie glaubte, es müsse ihr die Brust zersprengen. »Mila! Bist Du denn nicht da?« erscholl es wieder aus dem anderen Zimmer. »Ja!« brachte sie mühsam hervor. Das Rütteln an der Klinke ließ sich von neuem vernehmen. »So mach doch auf – schnell!« Sie nahm alle ihre Kraft und ihren Mut zusammen. »Wenn Du mir versprichst«, – begann sie. Wütend unterbrach er sie. »Gar nichts – nichts verspreche ich Dir, wenn Du Dich so albern benimmst. Gleich mach auf – hörst Du!« Sie sprang empor. Mit einer Gebärde der Verzweiflung breitete sie die Arme über die Thür aus, als wollte sie den dahinter Stehenden umfassen; dann preßte sie ihren Mund an die Thürritze und wisperte flehentlich, eindringlich hindurch: »Arno, mein lieber, mein süßer Arno – ich bitte Dich, bleibe, nur eine halbe Stunde bleibe noch! Siehst Du, Du mußt mir doch erst sagen – « Ein erneutes, heftiges Rütteln an der Thür und ein lauter, kräftiger Schlag gegen dieselbe erstickten ihre Stimme. »Mach auf – auf der Stelle, sag' ich Dir!« schrie Steinbach, von seinem Zorn völlig übermannt. Erschreckt fuhr sie zurück. Er hatte sich mit seiner ganzen Körperkraft gegen die Thür geworfen, daß sie in allen Fugen krachte. »Soll ich die Thür einbrechen? Willst Du uns zum Gespött der Stadt machen? Soll ich zum Fenster hinausrufen?« Daß das letzte keine bloße Drohung, hörte sie an seinen Schritten, die sich jetzt von der Thür nach der entgegengesetzten Richtung hin entfernten. Sie kannte seine Entschlossenheit, die in Momenten großer Erregung keine Rücksicht nahm. Blitzschnell drehte sie den Schlüssel zurück und sprang von der Thür hinweg in die Mitte des Zimmers. Sie schwenkte ein Tamburin, das sie als zum Charakter ihres Kostüms gehörig in der Hand getragen, über ihrem Haupte und begann den Tanz, den sie, um Arno zu überraschen, schon seit Wochen heimlich eingeübt hatte. In diesem Augenblick stürzte Steinbach über die Schwelle, zornbebend, dunkelrot von der Anstrengung und Aufregung. Als er die Tanzende erblickte, blieb er wie angewurzelt stehen. Sie tanzte mit einer Leidenschaft, mit einer Glut, der sie sich selbst nicht für fähig gehalten. Sie tanzte mit dem Eifer der Verzweiflung. Sie wußte es instinktiv, daß von der Macht ihrer Reize, von der verführerischen Kraft, die sie ihrem Tanz zu verleihen wußte, ihre Rettung, das Glück ihres Lebens abhing. Vergessen war alles, was noch vor kurzem ihre Seele erfüllt, ihren Ehrgeiz ausgemacht. Nur Weib fühlte sie sich, hingebendes, lockendes, verführerisches Weib. Steinbachs Befremdung und Staunen schlug jäh in glühende Bewunderung, ja, in förmliche Begeisterung um. Sein Gesicht strahlte; keinen Blick ließ er von ihren immer glutvoller werdenden Bewegungen. »Das ist ja – die Tarantella ist das, nicht?« rief er. »Wo hast Du denn das her? Heimlich einstudiert?« Sie nickte ihm lächelnd zu. Sein Herz schwoll vor Entzücken. Die Grazie, die Glut ihres Tanzes nahm ihn ganz gefangen und verdrängte jeden anderen Gedanken, jede andere Empfindung in ihm. Sein Enthusiasmus sprudelte in lebhaften, kurzen Ausrufen hervor: »Das ist ja – berauschend ist das! – – Wunderbar – – Welch ein Feuer! – Wer hätte das von Dir – –! Nicht so wild doch! Du tanzt Dich ja ganz außer Atem!!« Mit einer Wildheit, die nicht natürlich war, hatte Mila getanzt, nur von dem einen Bestreben getrieben, Arno zur Bewunderung zu zwingen. Jetzt fühlte sie ihre Kräfte schwinden; ganz außer Atem warf sie sich auf ein Fauteuil und schloß, überwältigt von Aufregung und Ermattung, die Augen. Steinbach aber warf sich begeistert auf die Knie vor ihr nieder, faßte enthusiastisch ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. »Mila – Du – Du –« stammelte er, hingerissen von dem Sturm seiner Gefühle. Zärtlich blickte er zu ihr auf. Als er sie wie ohnmächtig im Fauteuil liegen sah, sprang er angstvoll auf seine Füße und beugte sich besorgt über sie. »Was ist Dir? Siehst Du, nun – nun hast Du Dich – –! Mila, meine liebe, süße Mila, hörst Du mich denn nicht?« Sie schlug die Augen auf und blickte, wie aus bösem Traum erwachend, um sich. Dann schlang sie mit leidenschaftlicher Gebärde die Arme um seinen Hals und brach in ein nervöses Weinen aus. »Mila, teures, geliebtes Kind!« rief er erschüttert. Sie preßte sich heftig an ihn. »O Arno«, stieß sie schluchzend, fiebernd vor Erregung hervor: »Geh nicht – bleib – bleib bei mir!« »Immer – immer!« rief er stürmisch und bedeckte ihr Mund, Wangen und Augen mit leidenschaftlichen Küssen. VII. Am andern Morgen fand zwischen dem jungen Ehepaar eine Aussprache statt. Mila trug ein Morgenkleid in hellen, leuchtenden Farben, ihr Haar war sorgfältiger frisiert, ihre ganze Erscheinung hatte etwas Netteres, Anmutigeres als seit Wochen. Sie saß auf dem Divan und sprach stockend, befangen zu Steinbach, der vor ihr auf- und abging. »Du wußtest«, unterbrach er sie, »daß ich zur Adolfi gehen wollte, und Du sagtest mir kein Wort davon? Warum sprachst Du denn nicht offen mit mir?« Sie schlug den Blick nieder. »Weil – weil – ich hätte es nicht fertig bekommen und wenn es mir das Leben gekostet hätte.« Steinbach blieb vor ihr stehen und betrachtete sie kopfschüttelnd. »Aber – Ihr Frauen seid doch ganz merkwürdige Geschöpfe – warum hättest Du es denn nicht fertig bekommen?« »Weil –« Ihr Blick haftete noch immer am Boden, während sie zögernd fortfuhr: »Ich schämte mich so sehr.« Er sah sie erstaunt, fast verblüfft, an. »Du schämtest Dich?« Sie nickte schweigend. Er nahm seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf, kopfschüttelnd, grübelnd. Plötzlich ging ihm das Verständnis auf für den Beweggrund ihrer befremdenden Zurückhaltung. Ihr Zartsinn, ihr fast jungfräuliches Empfinden, das sich darin ausdrückte, rührten ihn. »Du schämtest Dich für mich«, sagte er, wieder an sie herantretend. »O Du thörichtes, liebes Kind!« Er küßte sie auf die Stirn und fuhr dann fragend fort: »Aber woher wußtest Du denn eigentlich –?« »Martha sagte es mir.« »Martha?« Er blickte erstaunt auf. »Ja, von wannen kam denn der dieses Wissen?« »Sie hörte es.« »Hörte es?« »Nun ja.« Frau Mila errötete. Sie senkte den Blick vor seinen forschend auf sie gerichteten Augen, während sie stammelnd, verschämt sagte: »Sie war dort da in jenem Zimmer. Ihr sprachet wohl etwas laut und –« »Aha!« Er stieß es heftig, fast zornig heraus. »Sie lauschte, sag's nur frei heraus!« Erregt ging er auf und ab. In schnellerem Flusse, in festerem Ton, in welchem eine leise Nuance des Vorwurfs lag, fuhr Frau Mila in ihrem Bericht fort: »Sie hörte, wie die Adolfi Dich einlud und wie Du sagtest: Ich komme, in zehn Minuten seh'n Sie mich zu –« »Zu Ihren Füßen«, vollendete er, als sie stockte. Sie nickte und erhob den Blick vorwurfsvoll zu ihm. Steinbach aber, ganz und gar von seinen Gedanken in Anspruch genommen, bemerkte es gar nicht. Mit erregten Schritten durchmaß er das Zimmer. Also Martha hatte er es zu danken – – –! Und wenn er nun auch von Herzen froh war, daß die Intrigue der eifersüchtigen alten Jungfer zu einem so guten Ausgang geführt, so konnte doch der egoistische, verwerfliche Beweggrund derselben seinem scharfspürenden Geist nicht verborgen bleiben. Sie hatte zwar Gutes gestiftet, ja, sie hatte ihn indirekt vielleicht vor sich selbst bewahrt, aber daß sie selbst etwas ganz anderes gewollt, darüber war er keinen Augenblick im Unklaren. Es stand sogleich bei ihm fest, daß sie nicht zum zweiten Mal in die Lage kommen durfte, gegen Mila, gegen ihn Unheil zu sinnen. »Die Martha muß aus dem Hause«, sagte er kurz, bestimmt, »und zwar so bald als möglich.« »Aber sie that es doch nur aus Freundschaft«, wandte Mila entschuldigend ein. »Aus Freundschaft?« Der Sprechende lachte laut auf. »O Du unschuldiges Kind!« Milas geradezu kindliche Arglosigkeit rührte ihn. Es war seine Pflicht, sie über den wahren Charakter der Freundin aufzuklären. »Tu kennst die Fabel von der Natter, die man an seinem Busen nährt?« Sie blickte befremdet, verständnislos zu ihm auf. »Wie – Martha?« »Ist solch eine Natter«, bestätigte er mit starker Entschiedenheit, die keinen Zweifel zuließ – »und darum: Je eher sie aus unserem Hause kommt, desto besser!« In der jungen Frau dämmerte wohl eine leise Ahnung von dem wahren Sachverhalt, aber es war doch nur eine dunkle, unbestimmte und noch dazu widrige Empfindung, die Arnos Worte in ihr hervorriefen und die von dem Mitgefühl ihres guten Herzens sogleich wieder verdrängt wurde. »Aber was soll sie anfangen, die Arme«, sagte sie, »wenn wir sie wegschicken?« Der Angeredete ging nachdenkend auf und ab. Da kam ihm plötzlich eine Idee. War es nicht heute gerade ein Jahr seit dem Todestage von Marthas Onkel? »Du«, sagte er, vor Mila stehen bleibend, »vielleicht ist Martha gar nicht mehr arm, vielleicht ist sie in diesem Augenblick schon reiche Erbin. Heute ist der zehnte Februar, Du weißt, der Termin der Testamentseröffnung.« Sie lächelte. »Und wenn sich diese Hoffnung nun nicht erfüllt?« Der Chemiker zuckte mit den Achseln. »Dann wird sie eben eine Stellung suchen müssen, wie sie sie einst im Hause Deiner Eltern inne hatte: als Erzieherin oder als Gesellschafterin.« Die junge Frau erhob sich. Sie war noch immer im Unklaren über die eigentlichen Beziehungen Arnos zur Adolfi. Beider Bekanntschaft war doch nur eine ganz oberflächliche, und dem Besuch, den er im Hause der Schauspielerin geplant, mußte doch irgend eine bestimmte Ursache, mindestens ein Vorwand zu Grunde liegen. Sie war sehr geneigt zu glauben, daß Martha verleumdet oder doch sehr übertrieben hatte. »Arno!« rief Mila, indem sie dicht an Steinbach hinantrat und bittend zu ihm aufblickte, – »nun sage mir auch, was Du eigentlich bei der Adolfi wolltest!« Ein Lächeln tauchte für einen Moment in seinen Zügen auf, dann machte er eine wichtig geheimnisvolle Miene. »Das muß vorderhand noch Geheimnis bleiben.« Sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Eine unangenehme, widrige Empfindung stieg in ihr auf. »Geheimnis?« sagte sie, ihn mißtrauisch fixierend. »Du hast etwas vor mir zu verbergen?« »Nicht ich, aber ein anderer«, beschied er ruhig. Ihr Befremden, ihr Mißtrauen wuchs. »Ein anderer? Und Du kannst mir wirklich nicht sagen – –« »Nichts kann ich Dir weiter sagen«, unterbrach er sie fest und bestimmt, »als daß es nicht in meiner, sondern in der Angelegenheit eines andern war, warum ich die Schauspielerin in ihrem Hotel aufsuchen wollte.« »Und das soll ich Dir so ohne weiteres glauben?« Er lächelte. »Nun, natürlich.« Wie ein Schatten legte es sich über ihr Gesicht, und ihre Stimme zitterte, als sie entgegnete: »Und wenn ich es nicht glaube?« Steinbach zuckte gefühllos mit den Achseln. »Nun, dann glaubst Du es eben nicht«, versetzte er ungerührt. »Aber – das ist abscheulich!« stieß sie, mit den hervordrängenden Thränen kämpfend, heftig heraus: »Weißt Du, zwischen Mann und Frau soll es kein Geheimnis geben.« Steinbach aber blieb auch jetzt unerbittlich. Er erinnerte sich des Versprechens, das er Linder gegeben, und dann –: es war hohe Zeit, daß er sich Mila gegenüber wieder fest und energisch zeigte. Nur zu nachgiebig war er gegen sie gewesen. Er mußte sie daran gewöhnen, seiner Einsicht sich zu fügen und seine Entschließungen widerspruchslos hinzunehmen. Er erwiderte ihr Axiom mit einem anderen: »Zwischen Mann und Frau soll volles Vertrauen herrschen.« Seine Ruhe, seine scheinbare Herzlosigkeit empörten sie. »O – das ist – weißt Du: empörend ist das!« rief sie zornig, die Hände ballend und ihn mit funkelnden Augen messend – »eine unerträgliche Tyrannei ist das und ich – ich –« Er erwiderte ihren wütenden Blick mit einem Lächeln. »Und Du?« Das grelle »Rrrr–r« der elektrischen Flurglocke unterbrach die häusliche Scene. Ein Thüröffnen und Zuschlagen, ein kurzes Hin- und Herreden und der laute Aufschrei einer weiblichen Stimme folgten. Kurz darauf stürmte Martha Gründler in das Zimmer, ihr grauer Teint zeigte eine ganz ungewöhnliche, rote Färbung, ihre kleinen Augen waren weit aufgerissen und blitzten, in der erhobenen Hand hielt sie wie triumphierend ein Blatt Papier. »Eine Depesche – aus Kirchhain!« rief sie und sank atemlos auf einen Sessel. Steinbach erriet das Ereignis, das die alte Jungfer so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht. Kirchhain, das war die Stadt, in der Martha Gründlers Onkel gelebt und gestorben. Sicherlich handelte es sich um die Testamentseröffnung und um eine Erbschaft, die der alten Jungfer zugefallen. »Man darf also gratulieren?« fragte er, während Mila sich bemühte, ihre Erregung zu bemeistern. »Denken Sie nur«, stieß die Gefragte, voll Eifer und Freude, hervor, »ich bin als Haupterbin eingesetzt. Onkels Haus und fünfzigtausend Mark bar kommen auf meinen Anteil an der Erbschaft.« »Fünfzigtausend! Nun, da wünsche ich Ihnen viel Glück,« bemerkte Steinbach kühl. Es kostete ihm Überwindung, dem Groll, den Milas Geständnis gegen die alte Jungfer in seiner Brust hervorgerufen, nicht offenen Ausdruck zu geben. Desto herzlicher zeigte sich Mila, teils aus Opposition gegen Arno, teils von wirklicher Anteilnahme an dem Glück der Freundin erfüllt. Sie umarmte Martha und küßte sie wiederholt. Der Chemiker aber hielt den Augenblick für geeignet, seine Ansicht für die zukünftige Gestaltung seiner und Milas Beziehungen zu Martha Gründler, wenn auch in höflicher Form, so doch in unzweideutiger Weise zu erkennen zu geben. »Sie werden nun natürlich nach Kirchhain übersiedeln,« sagte er, »und Ihres Onkels Haus beziehen?« Martha erschrak. Sie hatte zwar noch nicht über die Frage, welche Veränderungen in ihrer Lebenslage der unerwartete Glücksfall herbeiführen würde, nachgedacht, aber der Gedanke an ein Scheiden aus dem Steinbachschen Hause machte ihr empfindsames Herz erzittern. Steinbach aber ließ ihr gar keine Zeit zur Überlegung und zur Antwort; sehr bestimmt fuhr er fort: »Und Sie haben recht: eigner Herd ist Goldes wert. Es ist ein schönes, stolzes Gefühl, wenn man mit dem Engländer ausrufen kann: Mein Haus ist mein Schloß! Ich kann es Ihnen wohl nachempfinden, wie es Sie drängt, je eher je lieber eigenen Boden unter den Füßen zu haben.« Das war deutlich, und der alten Jungfer blieb nach dieser Erklärung nichts übrig, als sich mit guter Miene in ihr Los zu fügen. Dennoch war sie nicht im stande, eine ruhige Erwiderung hervorzubringen, sie begnügte sich, stumm zu nicken. Mila aber fühlte sich einerseits durch Steinbachs der Freundin soeben bewiesene Rücksichtslosigkeit empört, andererseits war sie ihm noch ob seiner ihr gegenüber an den Tag gelegten Verschlossenheit und Unnachgiebigkeit gram. Mit ostentativer Herzlichkeit trat sie an Martha heran, umschlang sie mit einem Arm und sagte: »Ich begleite Dich, Martha!« Die Angeredete blickte überrascht auf, aber auch in Steinbachs Miene prägte sich im ersten Moment ein unwilliges Staunen aus. »Im Ernst,« bekräftigte die junge Frau mit hastiger Entschiedenheit und warf ihrem Gatten einen trotzigen Blick zu. »Ich bitte Dich um Deine Gastfreundschaft für einige Wochen, ja, vielleicht für einige Monate.« Die letzten Worte hatte sie etwas langsam und mit starker Betonung gesprochen, indem sie verstohlen beobachtend zu Steinbach hinübersah. Diese Drohung würde gewiß wirken. Nun, da er sah, daß sie sich nicht willenlos seinem Belieben unterwarf, würde er sich gewiß nachgiebig zeigen und ihr offen Rede stehen. Der Chemiker aber nickte ihr mit ruhigster Miene zu. »Du hast recht, mein Kind,« sagte er, während ein kaum bemerkbares ironisches Zucken seiner Mundwinkel seine Worte begleitete, »eine Luftveränderung wird Dir gut thun und besänftigend auf Deine etwas irritierten Nerven wirken.« Frau Mila konnte nur mühsam ihre Thränen zurückhalten. Sie fühlte sich aufs tiefste gekränkt. »Komm«, sagte sie, Marthas Arm ergreifend und sie mit sich aus dem Zimmer ziehend, »komm, wir wollen packen. Morgen reisen wir!« VIII. Während sich diese Vorgänge in der Familie des Chemikers abspielten, befand sich Oswald Kramm, der Ibsen-Übersetzer, auf dem Wege nach dem Steinbachschen Hause. Der Schriftsteller war feierlich schwarz gekleidet, auf dem Haupte saß ihm ein zwar nicht ganz moderner, aber doch blank gebürsteter Cylinderhut; an seinen Händen prangten ein paar helle, frisch nach Benzin duftende Glacéhandschuhe. Eine gewisse nervöse Hast in seinen Bewegungen, sowie das oftmalige Zupfen an der weißen Kravatte und an seinem spärlichen Bartwuchs verrieten die innere Aufgeregtheit des eilig Dahinschreitenden. Und in der That, es war ein schwieriges, peinliches Vorhaben, zu dem ihn wieder einmal seine prekäre Lage drängte und das ihn mit einem Gefühl quälenden Unbehagens erfüllte. Oswald Kramm beabsichtigte, die Stadt zu verlassen und den Schauplatz seiner litterarischen Propaganda anderswohin zu verlegen. Nun gehörte aber zum Reisen Geld und nochmals Geld. Der bei der Verteilung der irdischen Glücksgüter gleich seinen Kollegen aus dem Schillerschen Gedichte sehr schnöde behandelte Litterat stöhnte laut. Seine öffentlichen Vorträge hatten sich nur eines spärlichen Zuspruchs zu erfreuen gehabt und ihre klingenden Resultate hatten nicht einmal die Kosten seines Aufenthalts in der Stadt gedeckt. Seine Tantiemen aus Lilly Adolfis Gastspiel in Ibsenschen Rollen waren nicht der Rede wert und sein Berliner Verleger hatte wieder einmal sein Gesuch um einen neuerlichen Vorschuß abschläglich beschieden. Kurz, Oswald Kramm saß ganz und gar auf dem Trocknen und sah sich vor die Notwendigkeit gestellt, irgendwo eine neue Anleihe zu kontrahieren. Herr Steinbach war der wohlhabendste unter seinen Bekannten in der Stadt, der Gatte seiner überzeugtesten Anhängerin und bei alledem ein noch junger Mann, der von vornherein sich weniger zugeknöpft erweisen würde als ein älterer. Und doch, trotz aller Zuversicht auf das Gelingen seines Vorhabens, konnte der Ibsen-Apostel sich eines unangenehmen Fröstelns nicht erwehren. Ach, es war doch eine schreckliche Geschichte. Dieses Leben von der Hand in den Mund wurde mit den Jahren immer unerträglicher. Wie oft hatte er nicht schon daran gedacht, seiner Existenz eine solidere Grundlage zu geben! Er hatte sich eine Zeitlang ernstlich mit der Idee der Gründung eines litterarischen Kommissionsgeschäftes getragen. Das kostete wenig Gehirnschmalz und war doch verhältnismäßig einträglich. Man ließ die andern für sich arbeiten und strich behaglich den Löwenanteil von dem Ertrag ihrer Arbeiten ein. Zuweilen hatte er auch den Gedanken einer Heirat ins Auge gefaßt. Das war ebenfalls ein sehr beliebtes und probates Mittel, sich mit einem Ruck aus allen Schwierigkeiten zu helfen. Aber leider waren diejenigen Damen seiner Bekanntschaft, bei denen er wohl Aussicht auf Erhörung gehabt, ebenso arme Kirchenmäuse wie er, wie z.B. Martha Gründler, diese nichts weniger als anziehende alte Jungfer. Andere aber, die ihm ihrer finanziellen Vorzüge wegen begehrenswerter erschienen, hatten sich seinen Annäherungsversuchen gegenüber sehr kühl und ablehnend gezeigt. Den armen Litteraten schauderte. Es blieb ihm wahrhaftig auch diesmal nichts weiter übrig, als sich zu einem neuen kühnen Anleiheversuch zu entschließen. »Verwünschtes Gefühl, dieses Kanonenfieber!« brummte er ärgerlich in sich hinein. »Ich sollte doch nachgerade daran gewöhnt sein. Herrgott, wen habe ich in den letzten zwanzig Jahren meines Lebens nicht schon angepumpt!« Ein schmunzelndes Lächeln erhellte für einen Moment das Gesicht des düster vor sich Hinbrütenden bei der Erinnerung an seine oft mit ganz merkwürdigen Listen ins Werk gesetzten finanziellen Operationen, die ihm unter den ihm befreundeten Kollegen ein gewisses Renommee erworben. »Bah, was ist denn da weiter!« suchte er sich selbst Mut zuzusprechen, »es wird meiner Routine und Geschicklichkeit auch diesmal gelingen, zum Ziel zu kommen. So eine hundert oder fünfzig Mark werde ich schon herausschlagen.« Und doch, als er fünf Minuten später vor Steinbach stand, kam dieses niederträchtige, lähmende, angstschweißerpressende Gefühl des Kanonenfiebers von neuem über ihn. Er hustete und druckste und brachte zuletzt doch nur ein paar nichtssagende, einleitende und allgemein gehaltene Phrasen heraus, die er nicht einmal zu Ende drechseln konnte, denn Steinbach unterbrach ihn mit dem Ausruf: »Pardon, Doktor, wissen Sie denn schon von dem ungeheuren Glück, das Martha Gründler, ihrer Freundin, in den Schoß gefallen?« Der Angeredete stutzte. »Martha – ungeheures Glück?« wiederholte er mechanisch. »Freilich – denken sie nur: sie hat geerbt, das Haus ihres Onkels, dazu bare fünfzigtausend Mark. Nun, was sagen Sie dazu?« Der Schriftsteller saß sprachlos, überwältigt von der unerwarteten Nachricht. Martha – fünfzigtausend Mark! schwirrte es ihm durch den Kopf. Nein, solch ein Glück! Gestern noch arm und heute wohlhabend, reich! Warum passierte ihm dergleichen nicht? »Fünfzigtausend!« stammelte er, sich krampfhaft bemühend, der Flut der auf ihn einstürmenden Gedanken und Empfindungen Herr zu werden. Da zuckte eine Idee in ihm auf, unter deren Einfluß ihm das Blut rascher durch die Adern kreiste, die ihm heiße und kalte Schauer über den Leib trieb und ihn am ganzen Körper erzittern machte. »Das ist – das ist mir sehr fatal!« sagte er leise, die Augen vor des Chemikers forschend auf ihn gehefteten Augen senkend. »Wie, fatal?« machte Steinbach gedehnt. »Ich dachte, Sie wären Fräulein Gründlers bester Freund?« Der Ibsen-Apostel hatte sich gefaßt. Mit gewaltiger Willensanstrengung bezwang er die in ihm herrschende Erregung. Er wußte, daß er vor einem Wendepunkt seines Lebens stand. Die nächste Stunde mußte entscheiden, ob er weiter in Armut und ewiger Furcht um den nächsten Tag dahin vegetieren, oder ob er mit einem Schlage für immer aller kleinlichen materiellen Sorgen enthoben werden würde. Es galt, sich energisch aufzuraffen und mit kühner Stirn auf das lockende Ziel loszugehen. »Eben deshalb«, entgegnete er mit fester Stimme, »eben weil ich Fräulein Marthas bester Freund bin. Sehen Sie, verehrter Herr Direktor, ich schätze Martha seit ihrer frühesten Kindheit. Als Knabe bin ich ihr Spielgefährte, ihr Beschützer, ihr kleiner Ritter gewesen. Und aus dieser kindlichen Freundschaft und Kameradschaft hat sich allmählich ein stärkeres, leidenschaftlicheres Gefühl entwickelt.« Der Chemiker blickte überrascht, erstaunt zu dem Sprechenden hinüber. »Ja, Herr Direktor«, fuhr dieser mit gefühlvollem Tremolieren seiner Stimme fort – »ich liebe Martha. Lange habe ich dieses Gefühl still mit mir herumgetragen, denn die Ungewißheit meiner Lebenslage erlaubte mir bei meinen strengen Prinzipien nicht, mich der Geliebten zu entdecken. Und nun, nun, da endlich meine Verhältnisse einen Aufschwung zum besseren nehmen, nun, da meine Vorträge anfangen, Furore zu machen und reichen Ertrag zu bringen, nun, da mein Verleger mir Anträge macht, Anträge, die ebenso schmeichelhaft, wie materiell vorteilhaft für mich sind, nun, da sich die Empfindungen eines übervollen Herzens nicht länger zurückhalten lassen, da ich komme, um mit Martha offen zu reden, um ihr Herz und Hand anzubieten –, nun diese plötzliche Wendung, die mit einem Schlage meine süßesten Hoffnungen vernichtet.« Die Stimme des Sprechenden hatte während der letzten Worte einen düstern Klang angenommen, jetzt sank er, wie geknickt, in seinen Sessel zurück und blickte finster vor sich hin. Steinbach aber lächelte stillvergnügt in sich hinein. »Ih, dieser Spitzbube!« dachte er bei sich. Sein scharf blickendes Auge durchschaute die von dem findigen Litteraturapostel improvisierte Komödie, und er ergötzte sich nicht wenig daran. »Ich sehe nicht ein«, sagte er laut, sich zu einer ernsten Miene zwingend, – »warum diese Erbschaft Sie hindern sollte –« »O diese Erbschaft – diese verwünschte Erbschaft!« unterbrach ihn Oswald Kramm mit pathetisch emporgehobenen Händen. »Wie soll ich Martha nun die Überzeugung beibringen, daß es nicht ihr Geld ist, das mich gerade jetzt veranlaßt –?« Der Chemiker rückte dem andern einen Schritt näher, legte ihm seine Hand auf die Schulter und blickte ihm ironisch lächelnd ins Gesicht. »Aber wir brauchen ihr ja nicht zu sagen, daß ich Ihnen von der Erbschaft bereits erzählt habe.« Der Schriftsteller fuhr freudig auf. Eine Last wurde ihm von der Brust genommen. Das war es, darum hatte er Steinbach bitten wollen; er hatte nur nicht gewußt, wie er es am besten, ohne zu verletzen, anfangen sollte. Und nun kam ihm Steinbach auf halbem Wege entgegen. »Wie, das – das wollten Sie –?« stammelte er hocherfreut. »O, Herr Direktor, Sie machen mich zu Ihrem ewigen Schuldner.« »Aber ich bitte Sie«, lehnte der Chemiker den Dank ab. Die Heuchelei des Mitgiftjägers fing nun doch an, ihn anzuwidern, und es lag ein stark satirischer Ton im Klang seiner Stimme, als er hinzufügte: »Wenn zwei sich lieben mit Gottesflammen – wer spielte da nicht gern die Vorsehung!« Er erhob sich, um der Komödie ein Ende zu machen: »Kommen Sie, machen Sie Ihrem übervollen Herzen endlich Luft!« Oswald Kramm nahm von dem Sarkasmus in den letzten Worten des Chemikers keine Notiz. Dicht vor der Entscheidung wandelten ihn plötzlich wieder Kleinmut und Angst an. »Glauben Sie denn, daß Martha mich – mich erhören wird?« fragte er kleinlaut. »Aber natürlich!« versicherte Steinbach. »Ohne alle Frage!« Der Schriftsteller atmete auf. »So?« forschte er weiter. »Hat sie etwa – ich meine, so etwas wie eine Neigung für mich irgendwie bekundet?« Der Gefragte lachte in sich hinein. Die Äußerungen, welche Martha Gründler ihm gegenüber noch vor kurzem über Oswald Kramm gethan, kamen ihm in den Sinn. »Das nun gerade nicht«, gab er aufrichtig zur Antwort. »Aber Sie wissen, Fräulein Gründler ist dreißig Jahre alt.« Der Ibsen-Jünger sah den Sprechenden, dessen letzte Äußerung seine Empfindlichkeit erregte, mißtrauisch von der Seite an. »Sie meinen, da darf sie nicht mehr wählerisch sein?« bemerkte er gekränkt. »Oh, wie würde ich mir erlauben, so etwas zu meinen«, protestierte Steinbach höflich. »Nein, ich bin nur der Ansicht, daß eine Jungfrau von dreißig Sommern immer bereit zur Liebe und Ehe ist. Sehen Sie, wenn Martha zehn Jahre jünger wär', so wäre die Situation eine viel schwierigere für Sie. Ein zwanzigjähriges junges Mädchen will erst lange Zeit umschmeichelt und umworben werden, es will nach allen Regeln der Liebes-Strategie erobert werden. Eine dreißigjährige Jungfrau aber macht einem die Sache viel leichter, sie sagt sich ganz richtig: Du darfst nicht erst mit den Präliminarien Zeit verlieren.« Der Sprechende lachte heiter auf, während er schmunzelnd fortfuhr: »Sehen Sie, Doktor, solch ein dreißigjähriges Mädchen hat ein ungemein liebebedürftiges Herz, es steht gleichsam immer mit offenen Armen da: »Ich liebe, wer liebt mich?« Oswald Kramm hörte mit voller Aufmerksamkeit zu. Der Gegenstand interessierte ihn, er hatte über diese Dinge eigentlich noch nie nachgedacht. »Also jedes Lebensalter«, warf er fragend ein, »hat sozusagen seine eigene Anschauung von Liebe und Heirat?« »Freilich«, bejahte der Gefragte lächelnd. »Es giebt da ein sehr gutes Wort, Doktor, das den Unterschied zwischen den verschiedenen Anschauungen hinsichtlich dieser wichtigen Frage ebenso klar wie kurz und treffend ausdrückt. Passen Sie auf! Mit zwanzig Jahren fragt die Jungfrau: Wie ist er? Mit fünfundzwanzig: Was ist er? Doch mit dreißig fragt sie – –: Wo ist er?« Er schlug dem andern lachend auf die Schulter und führte ihn der Thür zu: »Und nun treten Sie getrost vor Martha hin und rufen Sie ihr zu: Hier ist er!« – – – Als Oswald Kramm mit seiner feierlichsten Miene bei Martha eintrat, nickte sie ihm freundlich zu. Ohne eine Ahnung von seiner eigentlichen Absicht zu haben, glaubte sie, er habe bereits von der Erbschaft gehört und komme nun, sie zu beglückwünschen. Als er aber, weit ausholend, in den wohlgesetzten Worten des routinierten Redners von seiner Liebe sprach, da kam eine eigentümliche, schmerzlich-süße Bewegung über sie. Es war das erste Mal, daß ihr jemand seine Liebe gestand. O, warum hatte sie dreißig Jahre alt werden müssen, bis sie diese beseligende, erhebende, berauschende Sprache vernahm? Und warum war es kein anderer, als dieser Oswald Kramm, der dem Ideal, das ihr schwärmendes Mädchenherz immer erträumt, so wenig entsprach? Sie schloß die Augen und träumte sich in eine süße Illusion hinein. Sie hörte den einschmeichelnden Worten des Sprechenden zu, ohne ihn selbst zu sehen. Ihre Phantasie zauberte einen andern an seine Stelle. Und dieser süße Selbstbetrug im Verein mit den flüsternd gesprochenen, kosenden Worten, die sie gierig in sich hineinsog, machten ihr Herz höher schlagen, versetzten sie in einen Zustand rauschähnlicher Verzückung. Doch als nun der Sprechende endete, als sie die Augen aufschlug und in Oswald Kramms nichts weniger als verführerische Züge blickte, da überlief sie ein Schaudern und ein starker Seufzer hob sich von der schweratmenden Brust. Dem Schriftsteller wurde angesichts des heimlichen Schweigens Marthas angst und bange. Und da er sich nicht besser zu helfen wußte, so fing er mit seinen Beteuerungen und Erklärungen von neuem an. Auf die alte Jungfer aber übten diesmal Kramms süße Phrasen eine ganz andere Wirkung aus als vorher. Der Gedanke: »Es ist nur die dir zugefallene Erbschaft, die ihn reizt«, durchzuckte sie plötzlich und in dem in ihr aufwallenden Gefühl von Ärger und Enttäuschung war sie nahe daran, den Bewerber zu unterbrechen und abschläglich zu bescheiden. Aber im nächsten Augenblick wurde diese impulsive Regung wieder durch den Gedanken unterdrückt: Wenn Du ihn zurückweisest, was dann? Willst Du all Dein Lebtag einsam bleiben, allein – eine alte Jungfer?! Es schauderte sie. Nein, um keinen Preis! rief sie sich zu. Auf die Erfüllung des kühnen Traumes, der eine Weile lang ihr Herz beseligt, war nicht mehr zu rechnen. Steinbach hatte sie in ganz unzweideutiger Weise aus seinem Hause gewiesen. »Also, liebe Martha, darf ich hoffen?« beendete Oswald Kramm seinen Redeschwall und ergriff die Hand der neben ihm Sitzenden. Sie seufzte. Was blieb ihr übrig, als von zwei Übeln das kleinere zu wählen? Ihr Entschluß war gefaßt. Sie erhob die Arme und stammelte verschämt: »Oswald, ich habe Sie immer lieb gehabt.« Mit einem Freudenschrei zog der Schriftsteller die Freundin an seine Brust. Triumph! rief es in seiner Seele. Vorbei für immer der Kampf ums Dasein! Er hielt ein Vermögen in seinen Armen. Der zärtliche Verlobungsakt wurde durch die Dazwischenkunft Frau Milas unterbrochen, die nicht wenig erstaunte, als Oswald Kramm, Hand in Hand mit Martha, ihr entgegentrat mit der feierlich gegebenen Erklärung: »Gnädige Frau, Sie sehen in uns zwei Glückliche, die, nachdem sie lange die tiefste Neigung zu einander still im Herzen getragen, heute endlich das erlösende Wort gefunden.« Die junge Frau war von Herzen froh und sie beglückwünschte das junge Paar mit aufrichtiger Freude. »Sie werden nun nach Kirchhain übersiedeln in Marthas Haus?« bemerkte sie, nachdem die üblichen Komplimente gewechselt waren. Jetzt war es an Oswald Kramm, den Überraschten, den tötlich Erschreckenden zu spielen. Noch war das Verlöbnis nicht publiziert und die Gefahr, daß Martha, die in der ersten Aufwallung gegebene Zustimmung zurücknahm, war nicht ausgeschlossen. Er prallte zurück wie von einem Schlag getroffen. »In Marthas Haus?« stammelte er, verständnislos von der einen zur anderen blickend. »Nun ja!« bestätigte Frau Mila. »Wissen Sie denn nicht, daß Martha geerbt hat: Das Haus ihres Onkels und fünfzigtausend Mark?« »Fünfzigtausend!« Das Entsetzen, das sich in diesem mit zuckenden Lippen ausgestoßenen Schrei ausdrückte, war so natürlich gespielt, daß Martha, die forschend nach dem Verlobten hinüberspähte, nunmehr alles Mißtrauen fahren ließ. »Liebe Freundin – Fräulein Martha!« fuhr Oswald Kramm mit täuschender Ergriffenheit fort – »Sie sehen mich sprachlos, fassungslos, aufs tiefste bewegt. Ich weiß nicht, soll ich mich freuen über das unerhoffte Glück, das Ihnen in den Schoß gefallen, oder soll ich vielmehr klagen –? O – oh!« Er stöhnte schmerzlich auf und verbarg das Gesicht in den Händen. Die alte Jungfer fühlte sich ergriffen, aufs Angenehmste enttäuscht. »Sie werden doch nicht glauben, teurer Oswald –?« entgegnete sie mit wirklicher Wärme. »Aber ich begreife nicht, lieber Doktor –« sekundierte Frau Mila. Der Angeredete machte eine abwehrende Handbewegung. »O gnädige Frau – liebe Freundin, sagen Sie mir nicht, daß diese Erbschaft keinen Einfluß ausüben könne auf den Bund unserer Herzen, der ja nicht erst heute geschlossen wurde, sagen Sie mir nicht, daß das Glück zweier Liebenden nicht abhängig ist von Geld und Geldeswert –!« »Das ist es auch nicht, lieber Oswald!« versicherte Martha mit Eifer. Es war so süß, zu glauben, daß er sie aus wirklicher Herzensneigung, um ihrer selbst willen, gewählt. »Doch – doch«, beharrte er und fuhr sich mit einer Gebärde der Verzweiflung durch das üppige Haar – »doch! Denn diese Erbschaft schmälert mir das süßeste Recht des Mannes. Wie schön hatte ich es mir gedacht! Ich sagte mir, daß Sie zu mir kommen würden mit nichts, als dem Schatz Ihrer Liebe, Ihrer Tugend. Wie stolz machte mich der Gedanke, daß ich meine Arme um Sie breiten würde, schützend, schirmend. Wie wollte ich alle meine Kräfte anspannen – –! Und nun – nun – – o Martha, Ihr Reichtum macht mich arm, ärmer als ich je gewesen!« Seine Stimme brach und von neuem verhüllte er sein Antlitz. Frau Mila aber erhob energische Einsprache. »Sie treiben den Zartsinn, den Edelmut zu weit, lieber Doktor«, erklärte sie mit vieler Entschiedenheit. »Sie werden doch Martha nicht unglücklich machen wollen –?« »Unglücklich?« Der Sprechende ließ die Hände sinken. »Unglücklich – Martha, sie, die glücklich zu wissen der höchste Wunsch meines Lebens? Freilich, wenn ich das befürchten müßte, dann – dann –!« »Nun also!« Frau Mila ergriff des Schriftstellers Hand und vereinigte sie mit der der selig lächelnden Braut. »Geben Sie Ihre übertriebenen Bedenken auf und machen Sie sie glücklich!« Oswald Kramm zeigte sich überwunden. Von neuem erhob er seine Arme gegen Martha, und sie sank ihm hingebungsvoll an die Brust; ihre Lippen suchten die seinen. Ihr Herz jubelte. So war sie nun doch geliebt – um ihrer selbst willen geliebt! Welch ein süßes, stolzes, erhebendes Gefühl nach den vielen Enttäuschungen ihres Lebens! IX. Während sich diese Komödie zwischen den drei Beteiligten abspielte, empfing der Hausherr im Laboratorium den Besuch seines Freundes Linder. Die Nervosität und Rastlosigkeit, die der junge Rechtsanwalt schon letzthin an den Tag gelegt, schienen inzwischen noch eine erhebliche Steigerung erfahren zu haben. Nachdem er Steinbach flüchtig einen »guten Morgen« gewünscht, fuhr er ihn ohne weiteres, seine Worte mit heftigen Gestikulationen begleitend, aufgeregt an: »Hör mal, Du bist mir ein netter Freund! Ich beschwöre Dich gestern mit aller Dringlichkeit, zur Adolfi zu gehen und mein Tagebuch von ihr zurückzufordern. Natürlich wage ich mich keinen Schritt aus dem Hause, ich sitze wie auf Kohlen und warte, denkend: Jetzt kommt er, jetzt bringt er es Dir!« »Was soll ich Dir bringen?« fragte der Chemiker, der nur zerstreut zugehört hatte, denn die Sorge um Mila beschäftigte ihn innerlich. »Mein Tagebuch!« schrie Linder ärgerlich. »Was denn sonst! Her damit! Wo hast Du's?« »Dein Tagebuch? – O – weh!« Steinbach kratzte sich hinter den Ohren. Daran hatte er gar nicht mehr gedacht. »Wie?« fuhr der Rechtsanwalt erschreckt auf. »Armer Freund!« Der Sprechende zeigte eine Miene des Bedauerns, die des andern Ärger immer mehr entflammte. »Mensch! Mache mich nicht rasend mit Deinem Leichenbittergesicht!« rief er zornig. »Hat sie Dir das Buch etwa verweigert?« Steinbach schüttelte mit dem Kopf. »Nicht? Ja warum hast Du's denn nicht? Oder hast Du's doch?« Er packte den Freund mit beiden Händen an den Schultern und rüttelte ihn heftig. »So sprich doch!« »Ich bin ja noch gar nicht bei ihr gewesen,« gestand der Chemiker kleinlaut. »Nicht – bei ihr?« Linder taumelte entsetzt ein paar Schritte zurück. Dann erhob er pathetisch die Hände. »Es giebt keine Freunde mehr!« »Du thust mir Unrecht,« verteidigte sich Steinbach. »Wüßtest Du nur –! Doch davon ein andermal!« Es widerstrebte ihm, von dem, was sich seit gestern zwischen ihm und seiner Frau abgespielt, dem Freunde Mitteilung zu machen. Linder fuhr wie ein Verzweifelter im Zimmer umher. »O – oh!« stöhnte er. »Vielleicht ist das Unglücksbuch längst in Elses Händen!« »Unsinn!« bemühte sich der Chemiker, den geknickten Freund wieder aufzurichten. »Ich bin überzeugt, die Adolfi denkt an die dumme Geschichte gar nicht mehr. Ich an Deiner Stelle würde die Sache ruhig auf sich beruhen lassen.« »Auf sich!« Der Rechtsanwalt lachte bitter auf. »Denkst Du, ich könnte noch eine ruhige Stunde haben in dieser furchtbaren Ungewißheit, in der beständigen Angst – ewig dieses dräuende Damoklesschwert über dem Haupte? Gewißheit muß ich haben, Gewißheit!« Steinbach stand auf und sah nach der Uhr. »Nun, dann giebt's nur ein Mittel,« erklärte er resigniert. »Und das wäre?« »In einer Viertelstunde geht der Kourierzug, mit dem die Adolfi nach Berlin zurückkehrt. Wenn wir uns beeilen, treffen wir sie noch. Am besten, Du stellst sie in meiner Gegenwart selbst zur Rede – auf dem Bahnhof kann sie Dir nicht ausweichen.« Linder ergriff den Vorschlag des Freundes mit der krampfhaften Entschlossenheit eines zum Tode Verurteilten, der einen Weg zur Rettung sieht. »Komm!« rief er ungestüm, und stürmte zur Thür. »Haben muß ich das Buch, wenn nicht mit Güte, so mit Gewalt!« * Nachdem Oswald Kramm das Haus verlassen, um zur Publizierung seiner Verlobung in die Druckerei des »Anzeiger« zu eilen, hatte sich die glückliche Braut in die Einsamkeit ihres Zimmers zurückgezogen, um sich ungestört mit geschäftiger Phantasie in die süßesten Zukunftsträume zu versenken. Braut – welche Seligkeit! Junge Frau aber –: der Gipfel des Glücks! – Frau Mila saß in ihrem Salon. Die Ereignisse der letzten Stunden hatten sie zum Nachdenken angeregt. Sie erinnerte sich der eigenen Brautzeit, der köstlichen Zeit ihrer jungen Liebe: des Sehnens und Verlangens, des Suchens und Findens. Das Herz wurde ihr warm, eine weiche Stimmung überkam sie, die Sehnsucht nach dem Anblick des geliebten Mannes, nach seinem Händedruck, nach seinem Kusse. Schon hatte sie sich erhoben, da glitt es wie ein Schatten über ihre noch eben schwärmerisch verklärten Züge. Hatten sie sich nicht erzürnt? War es nicht seine Pflicht, diesmal den ersten Schritt zu thun? Hatte sie nicht allen Grund, ihm böse zu sein? Abscheulich war er gegen sie gewesen, herzlos. Er hatte ein Geheimnis vor ihr. Was für ein Geheimnis? Das Mißtrauen fraß sich von neuem in ihre Seele. Vielleicht war das nur ein Vorwand gewesen, der dazu dienen sollte, ihren Verdacht einzuschläfern. Was hatte er bei der Schauspielerin zu thun? Gewiß war sie nicht besser, als alle diese Komödiantinnen, die sicherlich nicht ohne Grund in dem Verdacht des Leichtsinns und der Frivolität standen. Hatte nicht Else sie gewarnt? Hatte sie ihr nicht zugeflüstert, vor der Adolfi auf der Hut zu sein? Was bedeutete das? Wenn sie nur etwas Genaueres wüßte! Wenn sie Else fragen könnte – – –? Es war, als wenn der Gott des Zufalls Mitleid mit den Qualen der von innerer Unruhe und Eifersucht Verzehrten habe, denn gerade in diesem Augenblick klopfte es an der Thür und gleich darauf trat Else Willbrand hastigen Schrittes und mit andern äußeren Zeichen einer ungewöhnlichen Erregung in das Zimmer. Sie umarmte die ihr entgegen Eilende stumm und brach dann in den ungestümen Ausruf aus: »O Mila, Mila, ich bin außer mir, ich bin sehr – sehr unglücklich!« Frau Mila umfaßte die Aufgeregte sanft und zog sie neben sich auf das Sofa. »Was hast Du denn?« fragte sie teilnehmend. »Erzähle!« »Denke Dir«, stieß Else leidenschaftlich hervor, der Freundin beide Hände fassend, »Kurt ist gestern wieder nicht bei uns gewesen: das ist nun schon der vierte Tag!« »Aber er wird zu thun haben«, entgegnete Frau Mila zerstreut, denn die eigene Sorge ging ihr im Kopf herum. »Zu thun? Wenn er eine Braut hat! Giebt es da etwas Wichtigeres – –? Wenigstens des Abends hätte er doch kommen können.« »Freilich, des Abends.« Else Willbrand zupfte nervös an den Bändern ihres Kapothütchens. »Ich weiß, wo er seine freie Zeit zubringt«, erklärte sie. »So? Wo denn?« »Im weißen Schwan.« Sie legte einen besonderen höhnischen Nachdruck auf diese Worte. Frau Mila aber blickte die Aufgeregte verständnislos an. »Im weißen Schwan?« erkundigte sie sich. »Was macht er denn da?« »Ahnst Du denn nicht!« rief die andere ungeduldig und heftig. »Merkst Du denn nicht?« »Nicht das geringste.« »Im weißen Schwan wohnt die Adolfi!« »Ah!« Die junge Frau richtete sich stark interessiert auf. »Und Du meinst –?« forschte sie, zitternd vor Erwartung. »Ich meine – nein, ich weiß es, ganz gewiß weiß ich es«, erklärte Else mit energischem Kopfnicken. Frau Mila atmete unwillkürlich auf. Also Linder war es! Und so hatte ihr also Arno doch nicht die Unwahrheit gesagt, als er behauptete, daß er in der Angelegenheit eines anderen – – »Du, das ist mir sehr lieb!« entfuhr es ihr unwillkürlich, während ihre Augen freudig aufleuchteten. »Wie?« machte die andere erstaunt. »Ich meine«, verbesserte sich die junge Frau verwirrt, »ich wollte sagen: es ist doch gut, daß die Adolfi schon wieder abreist.« Else zuckte mir trüber Miene die Achseln. »Was nützt mir das? Mit dem Stachel in der Seele kann ich doch nie wieder froh werden.« »Du glaubst also wirklich –?« »Daß Kurt ihr nahe gestanden während seiner Berliner Zeit.« Frau Mila lächelte. Also nur auf die Vergangenheit war Else eifersüchtig. »Aber damals kannte er Dich ja noch gar nicht, Du Närrchen!« rief sie, Elses Schulter zärtlich umfassend und ihr mit der andern Hand das auf die Brust gesunkene Kinn wieder aufrichtend. Das junge Mädchen aber wies den dargebotenen Trost entschieden zurück. »Was nützt mir das?« erwiderte sie heftig. »Meinst Du, ich hätte den Ehrgeiz, Fräulein Adolfis Nachfolgerin zu werden?« Frau Mila schüttelte mißbilligend den Kopf. Sie nahm eine straffe Haltung an und steckte eine wichtige Miene auf. »Weißt Du, Else«, belehrte sie die unverheiratete Freundin mit der ganzen Überlegenheit einer jungen Frau, »was seine Vergangenheit anbetrifft, da hast Du eigentlich gar kein Recht –« »Kein Recht?« Die Sprechende schlug in staunender Entrüstung die Hände zusammen. »Erlaube mal«, protestierte sie, indem sie sich kerzengerade aufrichtete: »Du kennst meine Grundsätze. Ich wundere mich nur, daß Du –« Frau Mila schlug die Augen vor dem vorwurfsvoll auf sie gerichteten Blick der Freundin nieder. Dann ergriff sie plötzlich deren beide Hände und sagte: »Liebe Else, ich will Dir ein Geständnis machen.« »Ein Geständnis?« »Höre nur: Es war im ersten Jahre meiner Ehe, als ich eines Tages im Schreibtisch meines Mannes kramte –« »Aha!« Das junge Mädchen lächelte mokant. »Du mußt nicht denken«, verteidigte sich die junge Frau lebhaft, »daß ich neugierig war. Gott bewahre!« Else Willbrand unterbrach die Sprechende ungeduldig. »Du kramtest also und fandest –?« »Die Photographie eines jungen Mädchens.« »Ah!« Das Interesse der Zuhörenden wurde durch die letzte Mitteilung in hohem Grade angefacht. »Du, wie sah sie aus?« forschte sie neugierig, indem sie ganz dicht an die Freundin heranrückte. »Hübsch! Sehr hübsch, so hübsch, daß –« »Daß Du eifersüchtig wurdest.« »Ja. Und als Arno nach Hause kam –« »Da stelltest Du ihn zur Rede!« vollendete Else Willbrand energisch. Die junge Frau nickte. In des jungen Mädchens Antlitz prägte sich ein Zug unendlicher Geringschätzung aus. »Er leugnete natürlich alles!« forschte sie weiter. »Gar nichts leugnete er. Er lachte –« »Wie?« »Und sagte: Das war ein früherer Schatz von mir.« Else Willbrand war starr. »Ein Schatz?« entrang es sich in tiefster Entrüstung ihren Lippen. Dann sprang sie hastig auf. »Aber das ist ja – empörend ist das!« rief sie, den in ihr arbeitenden Gefühlen durch lebhaftes Auf- und Abgehen Luft machend. »Das sagte auch ich ihm«, fuhr die junge Frau in ihrem Bericht fort. »Er aber lachte mich aus und rief: Das war vor Deiner Zeit, das geht Dich nichts an!« »Und Du?« Das junge Mädchen blieb vor der Erzählenden stehen und blickte ihr erwartungsvoll ins Gesicht. »Ich? Ich ging zu meiner Mutter.« Else Willbrand nickte energisch. »Und erzählte ihr alles.« »Das war recht«, pflichtete Else bei. »Und Deine Mutter?« »Faßte mich an der Hand und führte mich wieder zu Arno zurück.« Das junge Mädchen machte ein Gesicht, als erblicke sie plötzlich etwas ganz Ungewöhnliches, noch nie Dagewesenes. »Führte Dich –?« stammelte sie mechanisch. »Führte mich wieder zu Arno zurück«, bestätigte Frau Mila resigniert. Else Willbrand setzte sich, wie betäubt von dem Gehörten. »So ohne weiteres?« fragte sie. »Wir hatten vorher noch eine lange Auseinandersetzung.« »Du und Deine Mutter?« »Ja. Sie sagte mir: Kind, die Erfahrung, die Du gemacht hast, die machen alle Frauen.« Das junge Mädchen erhob entsetzt die Hände. »Alle?« Frau Mila nickte bejahend. »Alle«, erklärte sie, »oder doch fast alle. Und wenn mal eine Frau wirklich diese Erfahrung nicht macht – so sagte Mama –, so hat sie gar keinen Grund, auf ihren Mann stolz zu sein.« Else Willbrands Empörung flammte von neuem auf. »Keinen Grund?« rief sie, bebend vor Ärger und Enttäuschung. »Nein! Denn ein Mann, der vor seiner Ehe noch nie geliebt worden, müßte doch ein rechter Stockfisch sein.« »Ein Stockfisch?« »Ein Stockfisch«, bejahte die junge Frau mit vieler Bestimmtheit. Das junge Mädchen sprang von neuem auf und packte die Freundin erregt an beiden Schultern. »Und Du – Du?« »Ich?« Frau Mila zuckte mit den Achseln. »Ich habe eingesehen«, gestand sie mit ruhigem Lächeln, »daß Mama recht hat.« Else Willbrand ließ die Freundin entrüstet los und trat tief verstimmt an das Fenster. Die unerwarteten Geständnisse Milas versetzten sie in eine ungeheure Erregung, wühlten ihre Seele von Grund aus auf. Verschiedenartige, einander widerstreitende Empfindungen und Gedanken rangen in ihr um die Oberhand. Das, was ihr bis dahin als etwas Heiliges, Unantastbares gegolten, sah sie durch die Mitteilungen der Freundin in den Staub gezogen. Die süßeste, die stolzeste, die reinste Illusion ihres Mädchenherzens sollte sie aufgeben? Und daß gerade Mila es war, die solches von ihr forderte, die bewunderte, ältere Freundin, zu der sie immer wie zu einem nachahmungswerten Vorbild, zu einem Muster aller Frauentugenden hinaufgeblickt?! Sie preßte stöhnend die Hände gegen die schmerzende Stirn. Wie ein Labyrinth lag die Zukunft vor ihr. Wie sollte sie sich zurechtfinden in dem Chaos der auf sie eindringenden Gefühle und Ideen? Wer hatte recht, wem sollte sie folgen: dem berühmten Dichter, der in seiner Svava ein bewundernswertes Idealbild geschaffen, dem, wie sie bis zum heutigen Tage gemeint, jedes andere junge Mädchen nachzustreben die Pflicht habe, oder der Freundin, die aus eigener Erfahrung heraus sprach und sich ihre Anschauungen und Grundsätze aus der Praxis des Lebens geschöpft hatte? Noch ehe sie zu irgend einer klaren, bestimmten Ansicht gelangen konnte, veranlaßte ein Geräusch sie, sich umzuwenden. Das Stubenmädchen des Steinbachschen Hauses war in das Zimmer getreten. In der Hand trug sie einen nicht gerade umfangreichen, in Papier gehüllten Gegenstand. »Nun, was haben Sie, Bertha?« redete Frau Mila, ärgerlich über die Störung, die Eintretende an. »Ein Paket, das soeben für den Herrn abgegeben wurde«, meldete das Mädchen. »Wer brachte es?« »Ein Hoteldiener vom weißen Schwan.« Ein doppelter, a tempo ausgestoßener Schrei folgte dieser Auskunft. Gleichzeitig stürzten Frau Mila und Else Willbrand zu dem ganz erschreckt dastehenden Mädchen hin und packten mit beiden Händen jede ein Teil des geheimnisvollen, aus dem »weißen Schwan« kommenden Etwas. Das Mädchen ließ das Paket fahren und machte sich verwundert und bestürzt davon. »Gieb!« rief Mila und versuchte der Freundin das Paket zu entwinden. »Nein, gieb mir!« beharrte diese hartnäckig. Da das Paket aus dem »weißen Schwan« kam, so konnte es nur von der Adolfi herrühren, und wenn die Adolfi irgend etwas an Steinbach gelangen ließ, so ging das sicherlich seinen Freund Linder mehr an, als den Empfänger selbst. »Aber es ist an meinen Mann!« – wandte Frau Mila ein. Dieser Hinweis, noch mehr der Ton, in welchem er gegeben wurde, genügte. Else Willbrand zog ihre Hände zurück. »Du wirst es doch öffnen?« fragte sie mit ängstlich forschendem Blick. »Natürlich!« Es kam Frau Mila gar nicht einmal in den Sinn, ihr Verlangen, zu erfahren, was man aus dem »weißen Schwan« ihrem Gatten mitzuteilen habe, zu unterdrücken. Ein paar Funken des Argwohns glimmten immer noch leise in ihrer Seele. Jedenfalls glaubte sie, hier ein Mittel in der Hand zu haben, sich zu vergewissern, ob ihre Eifersucht gegen die Schauspielerin berechtigt gewesen oder nicht. Nachdem sie die Umhüllung mit flinken Fingern entfernt hatte, hielt sie ein Buch in der Hand. Sie machte eine ziemlich enttäuschte Miene. Else Willbrand aber schlug sehr neugierig den Deckel auf. »Da liegt ja ein Brief darin!« rief sie, stark interessiert, aus. Während nun Frau Mila, ebenfalls neugierig geworden, das Schreiben entfaltete, blickte ihr Else voll Eifer über die Schulter. Frau Mila las: »Herrn Direktor Steinbach. Mein Herr! Ich bedaure lebhaft, mich in Ihnen getäuscht zu haben. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß es nicht gerade höflich ist, eine Dame ohne jede Entschuldigung vergebens auf sich warten zu lassen. Wenn ich nun trotz Ihres mir gestern bewiesenen Mangels an Höflichkeit Ihren Wunsch erfülle und Ihnen den Gegenstand Ihrer unbändigen Neugier freiwillig ins Haus schicke, so geschieht das aus dem einfachen Grunde, weil ich durch nichts, durch gar nichts mehr an Ihr Krähwinkel, dessen Staub ich aufatmend von meinen Füßen schüttle, erinnert sein will. Damit bin ich fertig, ein für allemal, ebenso wie mit Ihrem edlen Freund, diesem Herrn Linder –« Else Willbrand, der sich das Blut zum Kopfe drängte und deren Augen vor fieberhafter Spannung blitzten, konnte sich nicht enthalten, einen Laut ungeduldiger Erwartung auszustoßen. »– diesem Herr Linder«, fuhr Frau Mila, die unwillkürlich eine Pause gemacht hatte, im Lesen fort: »der, seit er sich jenes fade Gänseblümchen ins Knopfloch gesteckt hat –« Ein Schrei der Entrüstung ertönte aus Elses Mund. »Ah, das ist –!« rief sie, zornig die Hände ballend. Frau Mila verbiß ein Lächeln. »Wie, Du glaubst –?« »Daß sie mich mit dem Gänseblümchen meint, natürlich!« rief das erregte junge Mädchen. Frau Mila aber nahm rasch die Lektüre wieder auf: »– ins Knopfloch gesteckt hat, für mich nur noch ein Gegenstand des Mitleidens ist. Doch – passons là-dessus!« »Schau, sie kann auch Französisch«, schaltete hier die Leserin bewundernd ein. Else Willbrand winkte ihr ungeduldig, weiterzulesen. »Daß dieser liederliche Ex-Don-Juan in Ihrem Krähwinkel, dessen dumpfe Atmosphäre auch Sie, geschätzter Herr Steinbach, ein wenig angesäuert zu haben scheint, an der Seite vorerwähnten Gänseblümchens zeitlebens Ehestudien zu machen verdammt ist, das ist für mich die beste Genugthuung. Mit diesem letzten Wort an Ihren Freund bin ich, mein Herr, auf Nimmerwiedersehen, Ihre ergebene Lilly Adolfi.« Frau Mila warf das Buch mit einer Gebärde lebhafter Entrüstung auf den Tisch. »Diese boshafte, diese perfide Person!« drängte es sich, in ehrlicher Herzensmeinung, über Else Willbrands Lippen. »Nicht wahr! Angesäuert – Arno!« sekundierte die junge Frau mit Unwillen. Nachdem sie so ihrem Ärger gegen die Absenderin Luft gemacht, erwachte in beiden die Neugier, zu erfahren, was es mit dem zierlich eingebundenen, ziemlich umfangreichen Buch für eine Bewandtnis habe. Else Willbrand hob den Deckel von neuem und wandte die ersten Blätter um: mit entsetzten Blicken starrte sie auf die in kalligraphisch schöner Schrift sich auf dem zweiten Blatt präsentierenden Titelworte: »Meine Don Juan-Fahrten, offene Bekenntnisse von Kurt Linder.« »Du, das klingt kolossal interessant!« rief Frau Mila mit Eifer und Interesse. »Abscheulich klingt's!« versetzte Else und ließ sich auf dem nahen Sessel nieder. Sie fühlte sich angegriffen unter dem Einfluß der unnatürlich starken Anspannung ihrer Nerven während der letzten halben Stunde. Eine momentane Schwäche wandelte sie an. Zweierlei Empfindungen bekämpften einander in ihrer Brust: Widerwille und Neugier, Furcht und Verlangen. Ein lautes Auflachen der Freundin entriß sie ihrem stillen Brüten. Die Neugier siegte – . »Was hast Du!« fragte sie und guckte der jungen Frau, die, Linders Tagebuch auf dem Schoß, neben ihr Platz genommen hatte, über die Schulter. »Denke Dir«, gab jene, noch immer lachend, zur Antwort, »die Don Juan-Fahrten haben ordentlich eine Vorrede. Ist das nicht köstlich?« Und in einen komisch-pathetischen Ton übergehend, begann sie zu lesen: »In der Ehe soll der Mann – so bestimmt es das göttliche und menschliche Gesetz – das Regiment führen; er ist berufen, das Eheschiff zu steuern, daß es nicht strande auf Klippen und Riffen. Mit sicherer, kundiger Hand soll er die Genossin seiner Ehe leiten durch alle Fährnisse des Lebens hindurch. Wie aber kann er dieser schwierigen Aufgabe gerecht werden, wenn er das komplizierteste, geheimnisvollste Ding der Welt, das Frauenherz, nicht kennt? Nicht aber aus Büchern, durch theoretisches Studium kann sich der zukünftige Ehemann solche Wissenschaft aneignen, sondern allein aus praktischem Wege, d. h. im Umgang mit den verschiedensten Spezies des genus feminini, mit Brünetten und Blonden, mit Sanften und Herrschsüchtigen, mit Lustigen und Sentimentalen – « »Du, die Vorrede ist vielversprechend!« bemerke Frau Mita und schlug erwartungsvoll das Blatt um. Dem jungen Mädchen an ihrer Seite stieg das Blut ins Gesicht. Sie rückte dicht an die Freundin heran. Das Herz klopfte ihr fast hörbar. Was würde sie zu hören bekommen? Schon die Titelüberschrift des ersten Abschnitts der Linderschen Memoiren erregte beider tiefstes Interesse. Dicht aneinandergeschmiegt, mit erhitzten Wangen und funkelnden Augen, lasen sie: »Mein erstes Rendezvous! Achtzehn Jahre war ich alt, als ich in Berlin die Universität bezog. Gott, was für ein blöder Junge ich doch damals war! Drei volle Monate schon hatte meine Bekanntschaft mit der blonden Anna, der niedlichen Ladenmamsell im Kravatten- und Handschuhgeschäft, gedauert, bis ich mir endlich ein Herz faßte und sie zu einein Rendezvous einlud. Wir fuhren nach dem Grunewald, am Ufer des Grunewaldsees lagerten nur uns. Es war ein wunderschöner Augustabend. Eine poetische Stimmung überkam mich. Ich zog meinen Heine, den ich vorsorglich zu mir gesteckt, aus der Tasche und fing an zu deklamieren: »Im wunderschönen Monat Mai – « Frau Mila unterbrach sich und schlug das Blatt um. »Ach, das ist langweiliges Zeug!« rief sie geringschätzig. Else Willbrand aber protestierte lebhaft. Ihr schwärmerisches Gemüt fühlte sich von der poetisch gefärbten Schilderung unwillkürlich angezogen, die Situation packte sie. Zwei Liebende, die in idyllischer Waldesruhe sich an dem »Buch der Lieder« berauschten! Wie poetisch! Wie zart! Eifersucht, Groll – alles war vergessen, nur der eine Gedanke durchglühte ihr schwärmerisches Mädchenherz, das Verlangen, die anziehende Schilderung reinen, köstlichen Liebesglückes bis zum letzten Buchstaben kennen zu lernen. Hastig schlug sie das Blatt wieder zurück und versenkte sich mit naivem Eifer in die Lektüre. »Ah, das ist himmlisch, das ist einzig!« riet sie begeistert. »Das mußt Du hören. Mila!« Und mit purpurnen Wangen, mit leuchtenden Augen las sie laut: »Ich hatte geendet. Als ich aufblicke, was sehen meine Augen? Ännchen in Thränen! Ihre Hände hat sie vor das Gesicht geschlagen, und sie weint und schluchzt, daß es mir das Herz zerreißt. Ich ganz dicht zu ihr hin, auf meinen Knieen. »Ännchen, süßes Ännchen, was ist Ihnen?« frage ich sie. Sie aber giebt keine Antwort und schluchzt nur immer. Da kann ich mich nicht länger halten, ich ziehe ihr die Hände vom Gesicht, reiße sie an meine Brust und küsse sie, küsse sie immer wieder. Sie hängt an meinem Halse, weinend und lachend, und jeden meiner Küsse erwidert sie mit Glut und Innigkeit.« Das junge Mädchen ließ das Buch in den Schoß sinken. Das Herz war ihr übervoll. »Mit Glut und Innigkeit!« wiederholte sie leise, wie verzückt, und brach dann in den ungestümen, naiv begeisterten Ausruf aus: »Ach, Mila, Mila, ist das nicht wunderschön?« Und als ihr die Freundin mit stillem Lächeln in das erhitzte, glühende Gesicht sah, fügte sie mit triumphierender Stimme, während ihr Stolz und Begeisterung aus den strahlenden Augen blitzten, hinzu: »Siehst Du, Kurt war doch kein Stockfisch!« Noch ehe Frau Mila Zeit hatte, ihrem Erstaunen über diese Umwandlung in den Empfindungen der Freundin Ausdruck zu geben, beschäftigte diese sich schon mit dem nächsten Kapitel. Aber hier erregte bereits die Überschrift ihr staunendes Befremden. »Höre nur«, sagte sie, zu Mila gewandt, mit dem Finger auf die betreffende Stelle deutend. »Meine junge Witwe!« Verstehst Du das?« Die Gefragte schüttelte nachdenklich den Kopf. »Seine junge Witwe!« lachte das junge Mädchen. »Klingt das nicht zu komisch?« Sie beugte sich wieder über das Buch. »Laß sehen, vielleicht finden wir hier eine Erklärung.« Sie wollte eben zu lesen beginnen, als ihr Fran Mila plötzlich mit schnellem Griff das Buch entriß. Der jungen Frau war doch schließlich ein Bedenken gekommen. Seine junge Witwe! Wer weiß, was das zu bedeuten hatte? Möglicherweise irgend ein loser Streich, von dem ein junges Mädchen besser nichts erführe. »Aber was fällt Dir ein!« ärgerte sich Else Willbrand und blickte entrüstet zu der Freundin auf. Frau Mila hatte schnell die betreffende Seite des Buches überflogen. Empört sprang sie auf, klappte das Buch zu und schleuderte dasselbe mit einer Gebärde des Unwillens weit von sich. Bestürzt sah Elsa Willbrand zu. Sie wußte nicht recht, was sie von dem Verfahren der Freundin zu halten habe. Verlangende Blicke warf sie nach dem Buch hinüber, das mitten im Zimmer lag. Endlich erhob sie sich entschlossen. Frau Mila aber zog sie alsbald wieder auf ihren Sitz zurück. »Du darfst nicht«, sagte sie mit so strenger Miene, daß das junge Mädchen betreten von ihrem Vorhaben abstand. »Aber wir können doch das Buch da nicht liegen lassen!« versetzte Else nach einer Pause nachdenklichen Schweigens. Frau Mila erhob sich, schritt zu dem Buch hinüber und hob es auf. »Ich will es einschließen«, sagte sie, an den kleinen, zierlichen Damentisch tretend, der unweit des Fensters stand. Das junge Mädchen sah mit enttäuschter trübseliger Miene zu, wie die Freundin den Schlüssel in das Schloß steckte, wie sie die Schublade herauszog und sich anschickte, das interessante Buch hineinzulegen. »Mila!« rief sie, noch ehe die Freundin Linders Memoiren in die Tiefe des Kastens versenkt hatte. »Nun?« »Könnten wir nicht das Kapitel überschlagen?« Es kam zaghaft, aber mit einem eindringlichen, bittenden Ausdruck über die Lippen der Sprechenden, die mit ängstlicher Miene zu der älteren Freundin hinübersah. Frau Mila lächelte, bedachte sich einen Augenblick, und kam dann, mit dem Buch in der Hand, zu dem jungen Mädchen zurück. »Du hast recht!« sagte sie – – »Laß uns weiter sehen!« Else bemächtigte sich mit hastigem Eifer des Memoirenwerkes, blätterte eine Weile und rief dann, zur Freundin gewandt: »Da – das ist gewiß nichts Bedenkliches! »Ein Roman in sechs Briefen« – meinst Du nicht?« Frau Mila nickte. Beide beugten sich über das Buch und lasen leise, jede für sich. Die Wirkung, welche das Kapitel auf die beiden Lesenden hervorbrachte, war eine verschiedenartige. Während Frau Mila eine ironisch lächelnde Miene zeigte, schien Elsa Willbrand immer mehr in Begeisterung zu geraten. Den letzten der sechs gefühlvollen Briefe konnte sich das junge Mädchen, enthusiastischen Herzens, nicht enthalten, mit pathetischer Stimme laut vor sich hin zu deklamieren: »Seit ich, Du Teurer, von Dir habe scheiden müssen, ist dunkle Nacht um mich. Kein Stern der Hoffnung leuchtet mir, da Du, meine Sonne, mir nicht mehr scheinst. Was soll mir das Leben noch? Weinen muß ich, immerfort weinen, sterben möchte ich, sterben. Stürzte ich doch in einen Abgrund, verschlänge mich doch das Meer!« Hier konnte Frau Mila sich nicht länger hallen. Sie platzte laut heraus. »Hahaha! Das ist drollig!« »Aber!« Else Willbrand blickte ebenso überrascht wie entrüstet auf. Ich begreife nicht, was da zu lachen ist. Im Gegenteil!« »Aber sieh doch nur,« stieß die junge Frau hervor, sich förmlich windend in heftigen Lachanfällen: »Verschlänge mich doch das Mehr – mit einem »h«!« Verdutzt blickte das junge Mädchen auf die Stelle, welche Frau Mila mit dem Finger bezeichnete. Wahrhaftig, da stand's: »M–e–h–r!« »Das ist einfach ein Schreibfehler,« erklärte sie empfindlich, »das kann jedem mal passieren.« »Du, das war gewiß eine gebildete Putzmacherin!« rief Frau Mila, noch immer in vollem Lachen. Else Willbrand aber fing an, ernstlich ärgerlich zu werden. »Weißt Du,« grollte sie, »ich finde es abscheulich von Dir – « Frau Mila umfaßte die Zürnende begütigend. »Nun, nun, nur nicht gleich böse! Laß uns weiter sehen!« Sie blätterten weiter und stießen auf eine Photographie, die auf einem der Blätter festgeklebt war. »Ist sie nicht hübsch?« rief das junge Mädchen, sich mit allen Sinnen in den Anblick des pikanten Gesichtchens versenkend. »Gar nicht übel!« pflichtete die junge Frau bei. »Und wie »chic« sie gekleidet ist! Du, das war gewiß eine Kommerzienratstochter.« Frau Mila lachte laut aus. Ihre Vermutung bewegte sich nach einer ganz anderen Richtung, aber sie hütete sich, derselben der Enthusiastin gegenüber Ausdruck zu geben. In Else Willbrand schien eine vollständige Umwandlung vorgegangen zu sein. Ihre theoretisch angeeigneten Grundsätze waren der natürlichen Empfindung des Weibes gewichen, in dessen Bewunderung und Wertschätzung der Mann um so höher steigt, je tiefer und leidenschaftlicher er von anderen Töchtern Evas geliebt worden. Sie schlug das Blatt um. Auf der Rückseite befanden sich einige Zeilen. »Ein Vers, ein Vers!« rief sie eifrig, »Mila, sie hat an ihn gedichtet.« Und sie las: »Rosen, Tulpen. Nelken, Die drei Blumen welken. Marmor, Stein und Eisen bricht. Aber meine Liebe nicht!« »Du, das habe ich schon mal auf einem Pfefferkuchenherz gelesen,« fiel Mila lachend ein. Else Willbrand war eben im Begriff, ärgerlich aufzubrausen, als man die Korridorthür aufschließen und öffnen hörte und gleich darauf Schritte, die sich dem Zimmer näherten. Frau Mila sprang rasch auf, um das Buch in Sicherheit zu bringen, aber sie war noch nicht bis zum Schreibtisch damit gekommen, als die Thür aufgerissen wurde und Steinbach und Linder auf der Schwelle erschienen. Aufs höchste entsetzt prallte Linder bei dem Anblick Elses zurück. Mit einem Blick erfaßte er die Situation. »Zu spät,« ächzte er, als er sein Buch in Frau Milas Händen sah. Am liebsten hätte er sein Heil in schleuniger Flucht gesucht, aber der Arm des Freundes hielt ihn fest. Steinbach zog ihn mit in das Zimmer hinein. »Mut!« flüsterte er dem Furchtsamen zu. Else Willbrand befand sich in einer unbeschreiblichen Erregung. Ihre Brust wogte stürmisch, ihre Wangen glühten, ihre Augen hefteten sich mit einem Gemisch von Staunen, Neugier und Bewunderung auf Linder, als erscheine er ihr heute anders als sonst. Plötzlich breitete sie die Arme gegen ihn aus. »Kurt, mein einziggeliebter Kurt!« rief sie und sank ihm hingebend an die Brust. Sie hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden enthusiastischer Bewunderung. Wie war er geliebt, bewundert, angebetet und angeschwärmt worden! Und von allen, die in ihm den begehrenswertesten, den anbetungswürdigsten Mann erblickt, hatte er sie erwählt – sie! Linder wußte nicht, wie ihm geschah. Ganz fassungslos stand er da und wagte kaum die schlanke Gestalt, die an seinem Herzen ruhte, in seinen Armen festzuhalten. »O Kurt, ich bin so stolz, so glücklich!« jubelte das junge Mädchen. Linder machte ein so verdutztes Gesicht, daß Steinbach ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken konnte. »Und da – das?« stammelte er, ängstlich aus sein Memoirenwerk deutend, in dem Steinbach eben blätterte. »O das – das war ja vor meiner Zeit,« erklärte Else Willbrand lächelnd und mit überlegener, altkluger Miene fügte sie bei: »Weißt Du, was die Zeit vor mir betrifft, dazu habe ich eigentlich gar kein Recht – « Erst jetzt begriff der junge Rechtsanwalt vollständig, erst jetzt überzeugte er sich, daß alles keine Täuschung, kein Irrtum war, sondern daß in Elses Sinnesweise ein eben so jäher, wie vollkommener Umschwung geschehen. »Nicht wahr?« rief er glücklich, das geliebte Mädchen zärtlich an sich ziehend. »Heute liebe ich ja nur Dich – Dich allein!« »Brav, Fräulein Else,« lobte nun auch Steinbach, herzutretend, »brav, daß Sie sich die Svava-Grille aus dem Kopf geschlagen haben. Sie sollen sehen, Kurt wird noch einmal der solideste, musterhafteste Ehemann. Gerade aus solchem Holz werden die besten Ehemänner geschnitzt.« »Solche, wie Sie?« lächelte das junge Mädchen schelmisch, und sich den Armen ihres Verlobten entwindend, trat sie an Frau Mila heran und umarmte dieselbe mit stürmischer Innigkeit. Nachdem sich das glücklich miteinander ausgesöhnte Brautpaar verabschiedet hatte, um Arm in Arm Elses elterliches Haus aufzusuchen, fand zwischen dem Ehepaar Steinbach eine kurze Auseinandersetzung statt. »Verzeihe mir, Arno,« bat Frau Mila, sich ihrem Gatten mit demütiger Miene nähernd. »Ich sehe ein, daß ich Dir Unrecht that. Es war ja nur Linders wegen, daß Du die Adolfi aufsuchen wolltest.« »Du warst also eifersüchtig?« fragte Steinbach. Die Gefragte senkte beschämt ihr Haupt auf die Brust. »Ja« – gestand sie kleinlaut. »Nicht wahr, wie dumm von mir?« Der Chemiker warf einen blitzschnellen, beobachtenden Blick auf seine junge Frau. Dann richtete er sich aus und entgegnete mit fester Stimme: »Doch nicht vielleicht so sehr, wie Du in diesem Augenblick meinst.« »Wie?« Frau Mila hob erstaunt den Blick. Steinbach atmete tief. Er sagte sich, daß der geeignete Zeitpunkt da war, eine Radikalkur mit Mila vorzunehmen, sie ein für allemal von ihrer Grille, die beinahe das Glück ihrer Zukunft zu Grunde gerichtet, abzubringen. »Vielleicht war es doch nicht die Sorge um den Freund,« antwortete er entschlossen, »die mir keine Ruhe ließ, die in mir gährte und mich hinaustrieb.« »Was war es denn?« In angstvoller Spannung erwartete sie seine Antwort. »Die Schönheit war es,« stieß er leidenschaftlich hervor, »die lockernde, schimmernde Schönheit, die ich zu Hause nicht mehr fand und die ich deshalb anderswo suchte. Klage Dich selbst an, denn Du warst es, die zuerst ihrer Aufgabe untreu wurde: Schönheit, Licht und Freude in mein Leben zu tragen. Damit hattest Du auch mich in die Gefahr gebracht, meiner Pflicht untreu zu werden.« »O Arno – Arno!« rief sie schmerzlich, das Gesicht in den Händen verbergend. Steinbach aber ließ sich nicht beirren. »Thörinnen, die Ihr seid,« sprach er mit strenger Miene weiter, »die Ihr nicht wißt, daß Ihr eine Kulturaufgabe erfüllt, wenn Ihr schön seid. Wie trocken, wie schal, wie traurig würde das Leben sein, wenn nicht Frauenschönheit und Frauenanmut verklärende, erhebende, beseligende Poesie in unser arbeitsvolles, sorgenschweres Dasein strahlten! Schönheit ist Heiterkeit. Schönsein heißt uns einen Dienst erweisen, sagt ein großer Dichter. Schönsein ist die natürliche Aufgabe der Frau.« Auf die junge Frau machten diese Worte, die mit erhobener, bewegter Stimme gesprochen wurden, offenbar einen tiefen Eindruck. Unschlüssig stand sie; in ihren Mienen arbeitete es heftig, der Ausdruck ängstlicher Spannung, der Zug von Schmerz und Zorn wich. Steinbach schritt der Thür zu, um sich in sein Laboratorium zu begeben. »Arno!« kam es zaghaft, flehend von ihren Lippen. Er wandte sich nach ihr um. »Willst Du mitkommen,« sagte er mit leisem, ironischem Klang in seiner Stimme, »Sauerstoffgas entwickeln?« »Nie. nie mehr!« rief sie hastig. Und dann – dann streckte sie mit einem hinreißenden Gemisch von Verschämtheit und liebevoller Hingabe die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Ich will schön sein!« Mit einem Sprung war er bei ihr und zog sie stürmisch in seine Arme und küßte sie, küßte sie immer wieder. * Mit Lilly Adolfi, der Berliner Schauspielerin, war der Ibsen-Enthusiasmus aus der Stadt geschwunden. Die litterarischen Abende bei Frau Mila fanden nicht mehr die begeisterte Teilnahme wie früher, die Hauptteilnehmer fehlten: Oswald Kramm und Martha Gründler, die ebenfalls die Stadt verlassen hatten, und Else Willbrand und Kurt Linder, die zur Zeit besseres zu thun hatten, als sich mit grauen Kunsttheorien und trocknen litterarischen Erörterungen zu langweilen. Frau Mila setzte entschlossen Ibsen und Björnson von der Tagesordnung ab und kehrte reumütig zur deutschen Litteratur zurück. Mit der eifrig in Angriff genommenen Lektüre moderner deutscher Dichtungen hoffte sie, ihren litterarischen Abenden einen neuen Aufschwung zu geben. »Der Ibsen-Bund hat sich in Wohlgefallen ausgelöst,« scherzte Herr Steinbach befriedigt.     Gedruckt bei Fiedler \& Kluge Wittenberg–Berlin.