Agnes Franz Die Schwingen des Lebens Der Schwesterbund Um das verirrte Geschlecht der Erde zu seinem höhern Ursprung zurückzuführen und seinem Uebermute zu steuern, der über vergänglichem Sinnenrausch die Freuden der Tugend, über irdischem Gewinn seine ewige Bestimmung vergaß, sandten die Götter eine ihrer himmlischen Töchter, die Wahrheit, zu den Tälern der Erde hinab. Erkoren, die trügerischen Gebilde des Wahns zu zerstreuen, war es in ihre Macht gegeben, den Menschen jegliches Uebel, das sich in ihren Herzen verbarg, in einem Spiegel zu offenbaren. Zugleich war ihr Antlitz mit einem so siegenden Glanze bekleidet, daß jeder, ihre göttliche Abkunft erkennend, ihren Worten hingegeben vertraute. Als nun die Wahrheit zu den Hütten der Menschen trat und diese in ihren Spiegel schauten, da entsetzten sie sich über den Anblick ihrer eigenen Gestalt und die Flecken ihrer Seele, und sie entflohen in die äußerste Wildnis, um sich vor den Augen der Wahrheit zu verbergen. Andere entbrannten über ihre Worte in raschem Zorn und trachteten darnach, die Priesterin des Himmels zu töten. Die Pfeile aber, die sie nach ihr versandten, kehrten sich auf ihre eigene Brust, und also fanden viele den Tod, die durch jene zum Leben berufen waren. Darüber betrübte sich die Wahrheit von Herzen, und sie floh aus den Kreisen der Menschen in ein einsames Tal. Als sie, abgeschieden von der Welt, einst im schmerzlichen Gefühle ihres Verlassenseins zu dem Himmel emporsah und sich zurücksehnte in die Hallen der Götter, siehe, da kamen drei Jungfrauen daher, die glänzten wie die Rosen des Morgens, und ihre Gestalt war lieblich wie die der Himmelsbewohner, und sie blieben betrachtend vor der Wahrheit stehen und boten ihr mit schwesterlichem Gruße die Hand. »Wer seid ihr?« fragte die Wahrheit. »Gewiß stammt ihr gleich mir von den Göttern her, da ihr friedlich bei mir verweilet und nicht von mir fliehet, gleich den lichtscheuen Kindern der Erde.« »Wir sind wie du von dem Himmel gesandt,« erwiderten die Jungfrauen, »und unser Beruf war, die Sterblichen zu beglücken. Wir weckten in ihnen den Sinn für das Schöne, um ihnen Empfänglichkeit für die Reize der Tugend zu verleihen und ihre Herzen für ein höheres Glück zu erziehen, aber die Verblendeten erkannten nicht unsern wahren Beruf, sie benutzten unsre Geschenke, um das Reich vergänglicher Genüsse zu erweitern, und also wurden unsre Gaben mißbraucht und unsre Würde gekränkt. Wir wollen daher zu unsrer Heimat zurück, denn was hilft es, die Pfade der Menschen mit Blumen zu schmücken, wenn dieser Weg zum Verderben und nicht zur himmlischen Wahrheit führt?« »Die Wahrheit selbst ist gekommen, die Verblendeten aufzusuchen,« entgegnete diese, sich freudig erhebend. »Seht, die Götter senden mich, euch beizustehen, und nicht umsonst ist es, daß wir uns in diesen Tälern begegnen! Allein bin ich den Sterblichen verhaßt, so wie ihr ohne mich sie dem Irrtume nicht zu entreißen vermöget; aber vereint werden wir ihnen den Segen bringen, der ihnen von den Göttern bestimmt war. Kommt, laßt uns Hand in Hand noch einmal die Hütten der Menschen besuchen! Ihr seid bekannt und geliebt, teilt eure Kränze, eure Schleier mit mir! Vielleicht, daß sie mir, also verhüllt, ihre Türen williger öffnen!« »Ja, wir folgen dir, unsrer Führerin!« riefen die Grazien, die erhabene Gefährtin umschlingend, und sie teilten ihre Gewande mit ihr und nahmen sie in ihre Mitte, daß sie unter ihnen wandelte, wie die vierte der Schwestern. Als nun die Wahrheit in die Schleier der Grazien gehüllt zu den Menschen trat und das Geschenk der Götter, den leuchtenden Spiegel, vor ihr Angesicht hielt, da traten sie nicht mehr wie sonst erschrocken zurück, denn die Huldgöttinnen hatten auch über diesen ihre Kränze gezogen, so daß sein Glanz nicht mehr zu verletzen vermochte, sondern sich mit den zarten Blumenbildern zugleich mild und siegend ins Herz stahl. Willig empfing man in dieser Verhüllung die Lehren der Wahrheit und öffnete ihr selbst gastlich das Haus; und wie man auch bisweilen staunte über die ernsten Worte und Warnungen der Jungfrau: die Grazien bahnten ihr überall den Weg zu den Herzen der Menschen, so daß sich ihr Licht unaufhaltsam zu verbreiten begann. Entzückt von dem Segen, der aus ihrem Bunde hervorging, übten die Huldgöttinnen fortan mit erhöhter Freude ihren Beruf. Die Nähe der Wahrheit hatte ihn geheiligt, und willig bekannten sie sich für immerdar zu dem Dienste der Göttin. Die Schwingen des Lebens Als die Schöpfung der Erde beendigt war und der Mensch, von der Dämmerung tiefen Schlummers umfangen, die Freuden des Daseins in seligen Träumen zum erstenmale begrüßte: da traten drei hohe Engel, die dem Schöpfer gefolgt waren, um das Werk seiner Allmacht zu schauen, vor die Lagerstätte des Schlummernden, den Herrn der Erde begrüßend, im Gefühl der Liebe und Freude. Und als sie sich zu ihm herabbeugten, waren sie überrascht von der Schönheit und der vollendeten Gestalt des Erschaffenen, und sie sprachen zu einander: Wahrlich, der Mensch steht den Engeln sehr nahe, wenn seine Seele der Reinheit und Hoheit seiner Züge entspricht! »Aber,« begann der eine, dessen Stirn ernster und höher strahlte, als die der übrigen, »ein Schmuck der Himmelsbewohner wurde dennoch dem Sohne der Erde versagt, siehe, ihm fehlt das Zeichen der Freiheit, das schimmernde Flügelpaar!« Trauernd sahen die Engel die Entdeckung des ernstern Bruders bestätigt, und sie flüsterten leis: »Wollte der göttliche Meister hierdurch andeuten, daß des Staubes Kind noch nicht würdig sei des freien Aufschwungs und der seligen Freuden im Gebiete des Lichts?« Da stieg aus dem nahen Gebüsch ein Adler empor und durchschnitt mit breiten Schwingen die Luft und verschwand dann in der sonnigen Höhe. Und die Engel erblickten ihn und begannen von neuem: »Siehe den Vogel des Gebirges! Ist er nicht freier und begünstigter denn der Herr der Erde? Und wird dieser dem Glücklichen ohne Neid nachzublicken vermögen in die sonnigen Regionen?« »Laßt uns,« rief einer der Engel, dessen Antlitz so mild wie der Himmel und schön wie die Morgenröte leuchtete, »laßt uns vor Jehova treten und für den Menschen bitten, daß er gleich uns das Geschenk der Freiheit erhalte und nicht an den Boden gefesselt sei, gleich den Tieren des Waldes und dem niedern Gewürm!« »Ja, wir wollen zu dem göttlichen Meister, er wird uns erhören!« rief der Dritte, das selige Auge erhebend, und dahin schwebten die Engel auf den Fittichen des Morgenlichts. Als aber Jehova der Engel Fürbitte vernommen, ruhte sein göttliches Auge mit Wohlgefallen auf den freundlichen Lichtgestalten, die also in liebender Sorge erglühten für den jungen, unmündigen Menschen. – »Ihr begehrt für den Sohn des Staubes der Lichtbewohner seliges Los,« sprach Jehova, »aber noch liegt der Freiheit Glück außer den Grenzen seiner Kraft! Ihn für dieses zu erziehen, sein Herz für eure Freuden zu bilden, ist die Aufgabe seines Daseins, und die Sehnsucht nach dem ihm noch versagten Glück sei das Band, welches ihn an die Geisterwelt knüpft. Aber wollet ihr, die ihr des Neuerschaffenen mit so sorgender Liebe gedenket, ihm, wenn seine Kraft ermattet, eure Fittiche leihen, so sei es fortan in eure Macht gegeben, des Sterblichen Los zu erleichtern. Gehet hinab und werdet seine Führer auf dem Pfade des Lebens und gebet ihm durch eure Nähe den Vorschmack künftiger Wonnen!« Und alsobald jauchzten die Engel voll hoher Freude und umschlangen sich inniger und schwebten vereinigt zur Erde hinab und traten vor des Schlummernden Lager. Freudentränen im Auge, legten sie ihre Hände auf des Menschen Brust, wie zu einem stillen Gelübde. »O du, der du jetzt noch in den Armen des Schlummers liegst,« begann der jüngste der Engel, »gedenke, wenn du einst auf deinem Pfade manchem Ungemach, mancher Klippe begegnest, gedenke meines Wortes! Hebe deine Blicke getrost zu mir, und ich werde dir meine Schwingen leihen, denn leicht tragen dich die Fittiche der \<g\>Hoffnung\</g\> über die Dornen des Augenblicks und führen dich in lichtere Gefilde.« »Und wenn einst die Last des Tages zu schwer deinen Nacken darniederbeugt,« begann der Zweite mit mildem Antlitz, »so komm zu mir, ich will deine Bürde erleichtern: der \<g\>Liebe\</g\> starke, mutige Schwingen werden dein Leben mit wunderbarer Kraft durchströmen, und unermüdlich wirst du das Gute schaffen und fördern, und weit mehr vollbringen, als die schwache Hand des Sterblichen zu versprechen vermag.« »Und wenn einst Stunden dir nahen,« so begann der dritte Engel in leuchtender Hoheit, »wo irdischer Schmerz oder selbst verschuldetes Unglück dich im Genusse des Friedens, des Glückes zu stören droht, wenn du dich von Banden eingeengt fühlest, die du nicht zu lösen vermagst, und tiefverirrt in den Labyrinthen des Lebens nach Hilfe und Rettung verlangst, dann nimm, o Sterblicher, getrost deine Zuflucht zu mir: des \<g\>Glaubens\</g\> heilige Fittiche überwinden jede Erdengewalt und tragen dich aus Nacht und Dunkel empor zu des ewigen Vaters liebender Brust. Mein Himmel soll in diesem Augenblick der deine, meine selige Kraft die deinige sein, und du wirst geläutert und beruhigt heimkehren zu dem Busen der mütterlichen Erde.« Also sprachen die Engel und reichten sich die Hände zum dauernden Bunde. Jehova aber blickte mit Liebe auf die Vereinigten und weihte sie zu den Schutzgeistern der Menschen. Der Lorbeerkranz Odacis, ein tapferer Krieger des großen Alexander, kam einst bei einer armseligen Hütte vorbei, aus der ihm das Stöhnen eines Kranken entgegentönte. Er warf einen Blick durch die offenstehende Tür. Eine bleiche Gestalt ruhte auf dürftigem Lager, zu dessen Füßen ein Lorbeerbaum stand. Als er näher trat, gewahrte er bekannte Züge. Es war Elpinor, ein Freund seiner Jugend, den er seit langen Jahren nicht gesehen hatte. Ihn ebenfalls erkennend, reichte dieser ihm die matte Hand entgegen. »Odacis,« begann er leise, »dich segneten die Götter mit Ehre und Ruhm; nun ist es erfüllt, was wir einst in den Jahren glücklicher Jugend geträumt: wir sehen als Helden uns wieder!« »Als Helden?« erwiderte Odacis, ihn staunend betrachtend. »Welchen Feind halfst du besiegen, und welchen Kampf hast du bestanden?« Elpinor entgegnete: »Mein Kampf war ein langes Siechtum, mein Feind die Verzweiflung! Schon wollte ich des unnützen Lebens Faden zerreißen, denn ich sah euch kämpfen und siegen mit ihm, dem großen Ueberwinder, und mußte zurückbleiben, gehalten von den Fesseln der Krankheit. Da träumte mir einst von einem freundlichen Engel, der legte mir einen Lorbeerkranz aufs Haupt, und des Engels Name war Geduld. Da fühlte ich mein Unrecht und meine Feigheit, das schwere Leben nicht länger tragen zu wollen, und der Kranz wurde von nun an mein Verlangen. Darum ließ ich mir jenen Lorbeerbaum vor mein Lager stellen, damit der Gedanke des Sieges die Schmerzen des Kampfes erleichtere; es war mir, als vergäße ich so leichter mein trauriges Los.« »Du glaubst also, daß wir gleiche Kränze verdienen?« sprach Odacis, und ein spöttisches Lächeln flog über sein Gesicht. »Der Unglückliche,« erwiderte Elpinor, »der mit unverdienten, körperlichen Leiden zu kämpfen hat und nicht verzagt, ist ein Held und steht so hoch wie jener, der Alexanders Schlachten schlug. Dort ist der Tod ein schnellzuckender Blitz, hier ein langsam verzehrender Sonnenstich, dort wird dem Sieger Ehre und Ruhm – hier Armut und gänzliches Vergessen. – Ach, Odacis, der Kampf mit körperlichen Leiden ist lang und ermattend, gönne darum Elpinor den Kranz!« Da gereute Odacis seine Frage, und er erkannte der Rede Wahrheit, und er eilte zu seinem Gezelt und brachte den Lorbeerkranz, den er bei dem Siegeszug in Babylon empfangen hatte, und legte ihn auf des Sterbenden Haupt. Das Meer Auf einem Felsen am Meer saß Amynt mit seinem Sohne, dem zarten Hilkar. Lange schon hatte sich der Knabe nach diesem Augenblicke gesehnt, denn er hatte viel gehört von der Meeresfläche und der Gewalt ihres Anblicks. Oft hatte er gebeten: O Vater, nimm mich mit auf die Höhen, daß ich niederfallen möge vor der großen, erhabenen Natur, die sich dort offenbart in dem unermeßlichen Wasserreiche! Aber Amynt wollte ihm das hohe Schauspiel erst gewähren, wenn sein Geist fähiger sein würde, die Wunder der Schöpfung zu fassen. Jetzt war die Zeit gekommen, wo er ihn würdig fand, Gott anzubeten in dem erhabensten Tempel seiner Allmacht. Ein leises Sturmgewölk zog empor, die Wellen stiegen in unruhiger Bewegung hoch und höher, und die Brandung brach sich schäumend an der Felswand, von deren Höhe der Knabe schwindelnd hinab sah in das schrankenlose Reich. Lange stand er und starrte in die Ferne, dann klammerte er sich fester an den Vater und rief: »O halte mich, Vater, mir wird so seltsam zu Sinn bei diesem unermüdlichen Kämpfen und Ringen der Flut! Ich habe mir das Meer als ein Bild ruhiger Größe gedacht, aber dieser rastlose Kampf widerspricht ihm. Ein heimliches Grauen übermannt mich bei seinem Anblick, und ich schaue geängstigt und beklommen in die empörte Tiefe hinab.« »Du siehst das Meer vom Sturme bewegt,« entgegnete der Vater. »Keiner vermag in diesem Aufruhr die ruhige Erhabenheit zu entdecken, die ihm sonst eigen ist. Es gleicht dem Menschen, den Gott zu seinem Ebenbilde erschuf, den aber der Kampf wilder Leidenschaften weit von seinem erhabenen Vorbild entfernte. Betrachte dies Wogengewühl, wie es sich unruhig emporhebt und eine Welle die andre überragen und darniederschlagen will. Sie möchten alle den Himmel erstürmen, dessen Bild längst aus der unruhigen Flut entschwand. So langt der Mensch, von leidenschaftlicher Begier entstellt und verblendet, vergebens nach den Sonnenhöhen des Friedens, des dauernden Glückes. Mit ungestümer Hand will er zu sich herabziehn, was nur als ein freies Pfand göttlicher Huld in des Sterblichen Schoß fallt. Aber fern und ferner schwindet ihm das ersehnte Gut, und wenn er es endlich errungen zu haben meint, so war es nur Dunst und Wolkenschatten gleich diesem, in dessen Nebel die unruhige Welle ihr Haupt taucht.« »Aber des Friedens seliges Bild,« erwiderte Hilkar, »darf es sich nimmer der Sehnsucht kund geben?« »Möge die Natur, mein Sohn, dir selbst diese Frage beantworten!« sprach der Vater und verwies den forschenden Knaben auf den folgenden Tag. Beide gingen nun die Höhe hinab, denn ein zweites Wetter zog empor, drohender denn das erste, und der Weg war noch weit zu dem Tal, wo ihre Hütten standen. Aber am Morgen, als die Sturmnacht vorüber und der Himmel ein einziger blauer Saphir war, da weckte der Vater den schlummernden Knaben und zog ihn rasch mit sich fort und führte ihn auf die schimmernde Felshöhe. Schon hatte sich die Sonne mit glühenden Wangen aus dem kühlen Flutenbett gehoben, schon tanzte ihr zitterndes Licht in tausend Schwingungen auf dem Meeresspiegel. Still und lautlos ruhte die unendliche Fläche im Purpurglanz des Morgens. Sanft hoben sich die Wellen, wie die Pulsschläge eines friedlichen Herzens, und auf jeder Welle ruhte des Himmels Bild und das Antlitz der Sonne, als gehörten alle zu einem Reiche, denn die Grenzen der Höhe und Tiefe waren in eins verschmolzen durch den Widerschein des himmlischen Lichtes. Aber der Knabe warf sich nieder in unaussprechlicher Rührung und faltete die Hände und sprach: »Ja, nun habe ich das Herrlichste gesehn, was die Erde gibt, das erhabene Bild der seligsten Ruhe.« »So bewahre es tief in deinem Herzen, mein Sohn,« sprach der Vater, »es ist das Bild des in sich zufriedenen Gemütes! Wie der Himmel sich nur auf der ruhigen Fläche widerspiegelt, so wohnt die Tochter des Himmels, das Glück, auch nur in ungetrübten, friedlichen Seelen. Bewahre darum dein Herz rein von ungestümen Wünschen und Forderungen, so wird der Himmel darinnen wohnen und deine irdische Welt schon hier eins sein mit dem lichthellen Jenseits, wie jene Purpurfläche mit dem Firmament, zwischen denen das Auge keine Grenze zu entdecken vermag, weil über beide ein Lichtschleier geworfen ist, dem himmlischen Glauben ähnlich, der zwei Welten liebend zu einer verbindet.« Der Schmetterling und die Blumen Ich möchte wohl wissen, was der Schmetterling den Blumen zu sagen hat!« sprach Alma zu ihrer Schwester Klothilde. »Rastlos schwebt er von einer zur andern, und wo er sich niedergelassen, da ist es, als glänzten der Blumen Sterne noch einmal so hell und so freundlich, und ich muß dann immer denken, er habe ihnen etwas besonders Liebes und Tröstliches vertraut.« »Laß den Flattergeist seiner Wege ziehn!« entgegnete Klothilde. »Was wird es sein, das er den Blumen verkündet? Nichts, als daß er sie schön findet und nach diesem Geständnis weiter zu ziehen gedenkt. – O solch ein Schmetterling ist gewiß der ärgste Schmeichler, und darum haben ihn die eitlen Blumen so gern!« »Ei, liebe Klothilde,« entgegnete Alma, »da glaub' ich denn doch etwas viel Besseres von beiden! Hast du nicht eben bemerkt, wie jener Schmetterling dort die welke Lilie umkreiste und sich zu ihr herabließ, als wollte er ihr ein freundliches Abschiedswort sagen? Sieh, er kommt wieder zurück und beugt sich noch einmal zu ihr herab wie ein Engel des Friedens. Gewiß, die Sprache des Schmetterlings ist von viel ernsterer Bedeutung.« »Nun, so laß doch hören, was du von ihr verstanden?« begann Klothilde, nachdem Alma das Treiben des Schmetterlings mit ernstem Schweigen betrachtet hatte. »Lächle nur,« entgegnete jene, »aber mir ist, als wäre der Schmetterling darum so innig mit der Blumenwelt vertraut, weil das Los ihrer Vergänglichkeit ihn rührt und er ihren Schmer; versteht. Wäre es nicht möglich, daß er dazu bestimmt wäre, die Stunde ihres Scheidens mit froher Hoffnung zu schmücken? Er durfte ja nur das Geheimnis seines eignen Lebens den Blumen vertrauen, wie er sein erstes Kleid abgelegt hat und wie ihm darauf ein so viel schöneres geworden ist. – Gewiß, die Blumen fühlen auch ihren Tod, und je reizvoller ihr kurzes Dasein war, desto trüber muß jene Vorstellung für sie werden. Denke dir nun, daß der Schmetterling der Herold des künftigen Lenzes ist, daß er in die welken Blumenherzen den Trost des Wiederaufblühens senkt – bekommt der Leichtbeschwingte dann nicht sogleich eine ernstere Gestalt? Ein Lichtbote der Blumen, ein leuchtender Verkünder des Lebens in der großen Werkstatt der Vergänglichkeit, – o laß dem Schmetterling diese Bedeutung! Sie erklärt so schön seine Liebe zu den Blumen und deren Sehnsucht nach ihm!« Da drückte Klothilde der Schwester Hand, aber sie lächelte nicht, sondern sprach leise zu ihr: »Deine Vorstellung grenzt gewiß näher an die Wahrheit, als die meine, denn sie ergreift das Herz und öffnet es einer heimlichen Freude. Ich werde fortan nie den Schmetterling sehen, ohne an das Wort zu denken, das er zu den sterbenden, welkenden Blumenherzen spricht.« Die Wahl Es war einmal ein Hausvater, der hatte vier Söhne, welche weniger an Jahren als an Gemütsart von einander verschieden waren. Es begab sich aber, daß eines Tages ein angesehener Maler in das Haus des Vaters kam, und, als ein alter Jugendfreund, mehrere Tage bei ihm verweilte. – Täglich erzählte er nun von der herrlichen Malerkunst und von den Gemälden, die er gefertigt, und welche hohe Preise man ihm dafür geboten, – und wie ihn der Kaiser und viele vornehme Grafen und Herren mit Gnaden und Ehren überhäuft und an ihre Tafeln gezogen hatten. – Er fügte auch manches seiner Reiseabenteuer hinzu und viele anmutige Geschichten, aus denen hervorging, daß er beliebt und angesehen war im ganzen Lande und sein Name überall mit besonderer Verehrung genannt wurde. Dabei beschrieb er auch die Sitten und Gebräuche fremder Länder, die er durchreist hatte, vor allem aber viele der hohen Meisterwerke, die er in Kirchen und Galerien gesehen, und darüber sprach er mit so viel Wärme und Innigkeit, daß jeder, der seine Worte vernahm, die Gemälde selbst zu schauen vermeinte und mit ihm entzückt war von ihrer Herrlichkeit und Schönheit. – Es hatten aber die Söhne des Hauses die Rede des Malers wohl beachtet, und seine Worte hatten aller Seelen entzündet, einen jeden nach seiner Art. Als nun der Maler das Haus verlassen, traten sie fast alle zugleich vor den Vater und baten und riefen: »Laß uns Maler werden, o Vater!« Der Vater aber langte ein Kästchen hervor und sprach: »Seht, diese Farben hat mir mein Freund zurückgelassen, um sie dereinst demjenigen unter euch zu geben, dessen Seele sich hinneigen würde zu seiner Kunst. Nun aber seid ihr alle entbrannt dafür. Wem soll ich unter euch die Gabe reichen?« »Dem Würdigsten!« riefen die Knaben. Und der Vater entgegnete: »Es sei, wie ihr wollt; – ich werde euch prüfen!« Und er ging fortan mit sich zu Rate, wie er das Herz der Knaben erforsche. Darauf nahm er einen nach dem andern, zuerst den Aeltesten, in sein Gemach und begann folgendermaßen: »Du hast mir gesagt, du wollest ein Maler werden. Sage mir nun auch, was bestimmt dich zu dieser Wahl?« »Ich will,« entgegnete jener, »ein angesehener und berühmter Mann werden, gleich dem Fremden, damit mich die Großen des Landes an ihre Tafeln ziehn und die Welt von mir spreche. – Weit soll mein Name erklingen, und überall soll man meiner mit hoher Verehrung gedenken, denn also ist mein Wunsch, – und dazu will ich die Kunst der Malerei erlernen.« »Ich fürchte, die himmlische Muse ist nicht mit dir!« klagte der Vater, den hochmütigen Knaben entfernend. Und er befragte nun den Zweiten und sprach: »Warum willst du Maler werden?« »Ich denke mir auf diese Weise große Reichtümer zu sammeln und mir ein bequemes Leben zu schaffen,« entgegnete der Gefragte; »von früh bis Abend will ich fleißig sein und immer auf neuen Verdienst sinnen, bis ich der reichste geworden bin unter allen Malern!« »O weh,« klagte der Vater, »die Muse ist ihm ferner denn dem Ersten,« und betrübten Sinnes entließ er den Knaben. »Rede,« sprach er zu dem Dritten, und der Knabe begann: »Ich möchte gern recht viele artige Bilder fertigen, gleich dem fremden Maler, damit ich dich und die Brüder und alle Welt erfreuen könnte. Daneben möchte ich mir gern auch einiges Geld verdienen, daß ich mir so schöne, bunte Kleider kaufen kann, wie der Maler sie trug, – denn gerne möchte ich allen gefallen und mir aller Herzen gewinnen, sei es nun auf diese oder auf jene Art.« »O Eitelkeit,« seufzte der Vater, »auch in den besten Herzen muß ich deiner Stimme begegnen. Gehe hinaus, mein Sohn,« sprach er lauter, »zu deinem Ziele führen viele Wege, auch wenn die Muse ihre Hilfe versagen sollte!« »Theodor!« rief er, als der jüngste seiner Söhne eingetreten und, von dem Mißerfolg der Brüder abgeschreckt, schüchtern an der Schwelle des Gemaches stehen geblieben war. Mit sanfter Stimme rief er den Knaben herbei, denn er hatte ihn lieb, weil er von stiller, verträglicher Gemütsart und der bescheidenste unter seinen Brüdern war. Mühsam vermochten seine Fragen das Geheimnis des Knaben zu entsiegeln. Endlich begann dieser mit hocherglühenden Wangen: »Ich wollte nur einmal die heiligen Engel malen, so wie es der Maler getan.« »Wie kannst du die Engel malen, da du doch keinen von ihnen gesehen?« fragte der Vater. »Ich habe dir wohl erzählt, mein Vater,« fuhr der Knabe lebhafter fort, »wie ich oft bei Nacht unser süßes Mütterlein sehe. Immer ist sie dann von rosigen Knaben umgeben, die sie bedienen und ihr Blumen bringen, – aber seit der Maler von seinen Bildern sprach, weiß ich, daß dies Engel sind, denn nichts reicht an die Lieblichkeit ihrer Gestalt und die Freundlichkeit ihres Angesichts. Auch am Tage schwebt mir oft ihr Bild vor der Seele, darum bin ich so gern allein und frage wenig nach dem Spiel der Brüder. Ich glaubte immer, ich wurde es so zeichnen können, wie es meine Seele erblickt, aber meine Hand ist sehr ungeschickt und kann es nie meinem Herzen nach Wunsch machen,« »Zeige mir deine Versuche!« bat der Vater, und der Knabe brachte, was er hatte, und es waren der Zeichnungen viele, aber in allen stand eine hohe Frau, von Kindern umgeben, und man sah, wie sich in jedem Bilde die Idee aussprach, die Mutter auf alle Weise zu erheben und mit allem Glänze zu schmücken. Heiliger Genius, sprach der Vater in seinem Herzen, wie ringst du schon so früh in des Menschen Brust, das zu vergöttern, was sie liebend umfaßt halt! Der Knabe aber hielt des Vaters Schweigen für Mißfallen an seinen Versuchen und weinte still: »Ach, könnte ich nur malen, du würdest dann das Mütterlein ganz anders erblicken!« »Ich werde dich zu einem Lehrer geben,« begann der Vater, »aber du wirst dann lange Jahre ganz still und einsam leben, denn jener Mann ist ein Klosterbruder, und du bekommst nur die schlechteste Kost und die armseligste Kleidung.« »Wenn er mich nur malen lehrt, so wie der fremde Meister,« jubelte der Knabe. »Damit die Menschen deine Bilder anstaunen und du einen großen Namen gewinnst!« prüfte der Vater. Da erglühte der Knabe wie von einem schnellen Gedanken erfaßt und sprach: »Ja, mein Vater, und wenn ich auch im Kloster bleibe, die Gemälde müssen hinaus in die Kirchen und Galerien, damit die ganze Welt sie sehe und alle sich daran erfreuen und würdige Meister davon erzählen, so wie es gestern der Fremde von den schönen Gemälden getan.« »Die Verbreitung des Schönen, nicht eigennütziger Ruhm ist sein Verlangen,« sprach der Vater; »sein Sinn ist rein, bei ihm werden die Himmlischen wohnen!« Und er ergriff das Kästchen und sprach: »Da du einmal die Bilder in deiner Seele empfangen hast, so muß ich dir wohl auch die Farben dazu reichen! – Dein Beruf scheint der echte und deine Liebe die wahre! Mit dir wird die göttliche Muse sein, denn um ihrer selbst willen suchest du sie. – Fährst du fort, an ihr allein zu hangen, so wird sie sich dir auch ergeben wie eine liebende Braut, und alles übrige wird dir zufallen, und dein Leben wird gekrönt sein mit jeglichem Heil!« Fanny und Malwina Komm, Malwina,« rief Fanny zu der fleißigen Schwester, »komm hinaus in den Garten! Laß uns Feierabend machen, denn schon neigt sich die Sonne den Bergen zu und die Luft wird sanft und erfrischend. Siehe, der Frühling ist schön in seiner Pracht, aber ich habe dir noch einen gleich schönen Genuß zugedacht; die Ruhe des Abends, die Stille des Plätzchens dort auf der Terrasse ist so einladend zu geistigem Genuß, darum will ich unfern Lieblingsdichter, den herrlichen Thomson mitnehmen, daß er uns noch schöner die Freuden des Frühlings erkläre!« So sprach Fanny, und Malwina legte ihre Arbeit hin und folgte der fröhlichen Schwester hinaus in den Garten. Weiße, süß duftende Schleier hatte der Lenz über den Obsthain geworfen, und dazwischen glühte es lieblich hindurch wie eine jugendliche Aurora, so daß man meinte, die rosigen Pfirsichzweige seien die Verkünder eines neuen Lichtaufgangs, obgleich die Sonne sich längst gegen Westen neigte. Ueberall wogte das jugendliche Grün in welchen Wellen beim süßen Spiele der Luft; summende Käfer und schwärmende Bienen durchirrten die blühenden Gehege und trieben ihr lustiges Spiel in Strauch und Bäumen. Und die Mädchen setzten sich auf den einsamsten Platz der Terrasse, und Fanny begann Thomsons herrlichen »Frühling« mit Liebe und Andacht zu lesen. Aber je länger sie las, je lauter schienen ihr die Stimmen von außen, je unverständlicher die Laute der eignen Brust, und sie gab Malwina das Buch und sprach: »Versuche du es zu lesen, mir ist es, als verstände ich mich selbst nicht, und doch ist niemand, der uns stört, und die Natur im schönsten Einklang mit dem Gesänge!« »Fanny,« erwiderte Malwina, »ich liebe wie du den herrlichen Dichter; aber ich vermag nicht zu lesen, jetzt nicht! – Als ich zuerst seinen »Frühling« las, da war es Winter, aber auf seinen Zauberruf erwachten alle Entzückungen des Lenzes in meiner Brust! Jetzt ist es Frühling – und mir ist, als dürfte ich nicht aus zwei vollen Schalen zugleich trinken, deren jede so Köstliches beut! Siehe, Geliebte, man freut sich wohl innig des wohlgetroffenen Bildes einer teuren Freundin und segnet den Künstler, der die Entfernte uns wiedergab mit dem Ausdruck des Lebens; aber wenn die Freundin nun selbst da ist, hängen wir da nicht viel lieber an ihrer Brust, an ihren Lippen, als an dem Gemälde, und wenn es noch so treu ihre Zuge trägt?« So sprach Malwina. Da schlug die erste Nachtigall in dem nahen Gebüsch, und ihr sanfter Flötenton goß Seele in die ganze zartentblühte Natur, und die rötlichen Lichter des Abends vergoldeten die weißen Blütengebüsche, und balsamische Düfte zogen umher. Da legte Fanny das Buch hin und faltete mit Malwina die Hände in stiller Andacht, denn ihre Herzen wallten über vor Entzücken, und sie beteten an, und Gott war in ihrer Seele, indem sie die reiche Herrlichkeit der Natur in sich aufnahmen. * Und als sie des andern Tages wieder den Feierabend im Garten zubringen wollten, da fiel ein starker Regen, und die Luft wurde bewölkt und rauh. Da blieben die Schwestern in ihrer Kammer und setzten sich betrübt an ihre Arbeit. Aber Malwina ergriff das gestrige Buch und begann den herrlichen Gesang zu lesen. Da kam eine Freudigkeit in der Mädchen Herz, gleich der des vorigen Abends, und sie folgten dem Genius des begeisterten Sängers von einer Stufe der Frühlingsseligkeit zur andern und priesen ihn laut, und Fanny rief: »Wahrlich, Gott hat den Dichter vor allen gesegnet! Trägt er nicht alles, was die Jahreszeiten nur einzeln bieten, vereinigt in seiner Brust? Und kann er nicht auch die düsteren Stellen des Lebens mit dem Licht seiner Phantasie erhellen, daß sie gleich werden den morgenroten Stunden des Maies?« »Wohl,« erwiderte Malwina, »ist er der erhabene Verkünder Gottes! Laß uns seine tröstende Stimme bewahren für die Tage der Stille, aber da, wo Gott oder die Natur zu uns sprechen, da entbehre das Herz willig des fremden Dolmetschers und empfange in frommer Einfalt das himmlische Wort; denn in solchen Augenblicken haben auch wir das Entzücken des Dichters geteilt!« Das Kleinod Ein Knabe erblickte voll Erstaunen in einem Naturalien-Kabinett einen großen Kieselstein, dessen unansehnliche Hülle einen kostbaren Amethyst verbarg. Er hatte schon mehrere Steine von ähnlichem Aeußern gesehen und beschloß, fortan alle solche Kiesel zu sammeln, um sich eines ähnlichen Schatzes zu versichern. Die Liebe, die er zu seinen Eltern hegte, zeigte ihm in dem Kleinod, das er zu erringen hoffte, das willkommene Mittel, manche ihrer kleinen Sorgen zu erleichtern; so kam es, daß er sie oft mit der Hoffnung auf bessere Zeiten tröstete und das Glück der Kinder pries, denen es gelange, Freude über das Leben ihrer Eltern zu verbreiten. Er begann nun, so oft er vermochte, weite Wanderungen in das Gebirge zu machen; er hatte sich die Abzeichen jenes Steines wohl behalten und suchte nach ihnen mit prüfenden Blicken umher. Immer kam er beladen nach Haus und vermehrte den Vorrat, den er in seinem Kämmerlein aufschichtete, denn er gedachte sich einen großen Reichtum zu sammeln und trug sich mit den fröhlichsten Hoffnungen. Der Vater, der das stille Treiben seines Lohnes beobachtete, bemerkte bald mit Unmut, daß er über dem Eifer, mit dem er den Mineralien nachging, die nötigsten Arbeiten zu vernachlässigen begann. Wirklich hatte auch der Knabe seit jenem Tage allen Trieb zu nützlichem Fleiße verloren, denn wie er auch bisweilen seine Bücher hervorsuchte, immer zog es ihn wieder zu den Steinen, und er hämmerte und zergliederte unaufhörlich, und auch in den Lehrstunden waren seine Gedanken bei den Kieseln, und er träumte sogar davon. Da begab es sich einst, daß der Vater, von den Winken der Lehrer aufmerksam gemacht, in seines Sohnes Kämmerlein trat, um ihn mit Ernst zu ermahnen. Er fand ihn aber gar traurig am Boden sitzen, und sein Auge sah kummervoll, und viele der zerschlagenen Steine lagen um ihn her. »Was weilst du so still und betrübt unter den Kieseln?« begann sein Vater. »Ach,« seufzte der Knabe, »ich habe, seitdem ich den unvergleichlichen Amethyst gesehen, immer gehofft, einen ähnlichen Schatz zu entdecken, und dachte mir es so schön, euch alle damit zu erfreuen und allen zu helfen mit dem Ertrag meines Fundes, aber mein Suchen und Mühen ist vergebens, und ich gebe nun alle Hoffnung auf, ein solches Kleinod zu erringen.« »Daran würdest du Unrecht tun!« entgegnete der Vater. »Gewiß hat die Natur jenes Bild nicht vergebens vor deine Augen gestellt! Bewahre es getreu, vielleicht gelingt es mir, dich auf sichererm Wege zu einem Schatz zu führen, der dir alle jene Vorteile gewährt.« »Wie, du wüßtest?« unterbrach ihn der Knabe in froher Ueberraschung. »Wo ist der Schatz den du meinst, und wie soll ich ihn finden?« »Das Kleinod, von dem ich sprach,« entgegnete der Vater, »liegt viel näher, als du meinst, und es bedarf nur eines frommen beharrlichen Sinnes, um sich desselben zu versichern. Wie töricht, daß du auf den Höhen des Gebirges umherirrtest, daß du beschwerliche Klippen erstiegest und dich müde trugst an den lastenden Kieseln! Nicht dort, in dir selbst liegt der Schatz, den du suchen solltest, und nicht umsonst standest du vor dem rohen Stein, dessen Tiefe dir seine inneren Schatze enthüllte und hinwies auf einen ähnlichen Gewinn. Die Hoffnung, die damals in dir erwachte und dir einen noch unbekannten Segen verhieß, hat dich nicht getäuscht, aber die Richtung war falsch, die dein Streben genommen. Weißt du nicht, mein Sohn, und hat es dir dein Herz nicht gesagt, wo du das, was ich meine, suchen und finden sollst? Hat nicht des Schöpfers Hand in unsre Brust schönere Reichtümer niedergelegt, als in den leblosen Kiesel? Und sind nicht die Vorteile unendlich größer, die du dir von ihrer Pflege versprechen darfst? Warum willst du einen Schatz übersehen, dessen Segen so wichtig ist, und deinen Blick nach außen kehren, wo alles des Gepräge der Vergänglichkeit trägt?« Da verstand der Knabe des Vaters Rede, und er errötete, denn er gedachte der vielen Stunden, die er unnütz versäumt hatte, und die Ermahnungen der Lehrer fielen mit dem eigenen Vorwurf vereint auf sein Herz. »Wie schade ist es um die verlorne Zeit,« seufzte er endlich, »und wie betrübt es mich, daß ich trotz aller meiner Mühe so gar nichts gewonnen habe!« »Vergiß nicht, was diese Stunde dir gab,« ermahnte der Vater. »Du solltest vielleicht den geringeren Vorteil entbehren, damit dir ein größerer zu Teil würde. Gehe hin und suche die Schätze, die ich dich kennen gelehrt; in Fleiß und Geschicklichkeit wirst du sie finden!« Da ermannte sich der Knabe und trug die unnützen Steine hinaus und schlug statt ihrer die Bücher auf und forschte nach andern Juwelen. Der innere Schatz aber nahm zu mit jeglichem Jahr, und zuletzt ward ihm gegeben, nach dem er verlangte, – er wurde die Freude, die Stütze seiner Eltern! Das neue Paradies Als der finstere Schatten der Schuld des Paradieses heiteren Frieden verdrängt hatte und die Blütenzeit menschlichen Glückes allmählich zu welken begann, da trauerte der Himmel und verhüllte sein Antlitz in Wolkenschleier und vergoß bittre Tränen der Pein. Lange währte die Trauer der Natur, und die gefallenen Menschen zagten und bebten und verbargen ihr schuldiges Haupt in der Tiefe der Felsen oder in den dichtesten Wäldern, denn sie meinten also dem Strafgericht des Mächtigen zu entgehen, der zum ersten Mal in der Stimme des Donners zu ihnen sprach. Mit stiller Betrübnis sah Eloah, der Schutzengel der Geschaffenen, wie das Ebenbild Gottes immer mehr aus dem mutlosen Dasein der Menschen verschwand. Hoch und herrlich hatte Gott den Menschen erschaffen. In stolzem Bewußtsein flammte sein Auge, göttlichen Feuers voll, und seine Stimme war laut und klingend, weil durch sie der Hauch des Ewigen offenbart werden sollte, der in seinem Busen wohnte. Jetzt suchte das irre Auge den Boden, schüchtern abgewandt von dem Reiche des Lichtes; die Stimme seiner Brust war verhallt, wie der Tempel verstummt, aus dem die Götter entflohen sind, und die bebenden Lippen fanden nur noch Laute, ihre Schuld zu bereuen und um den Verlust des Paradieses zu klagen. Dies alles sah Eloah, vertraut mit dem Grauen der Zukunft, und seine Seele war voll tiefer Trauer, und er trat mit heißen Tränen vor Jehova und sprach: »Wecke, o Allgütiger, eine neue Kraft aus der Erde Schoß zum Segen deiner Erschaffenen. Siehe, ihr Geist ist gebeugt und zu Boden gedrückt von der Last ihrer Schuld. Belebe ihn aufs neue durch ein Wunder deiner Macht und reiße ihn aus der dumpfen Betäubung durch einen Beweis deiner Gnade!« So sprach Eloah, und Gott erhörte sein Gebet und gebot dem Schoß der Erde, die edelsten Kräfte zu sammeln und einen neuen Segen hervorzubringen zur Freude der Menschheit. Da wuchs die Rebe empor und bot die üppigen Trauben dem schwachen Geschlecht zur Labung dar, und ihre Frucht war süß und belebenden Feuers voll. Und die Menschen erkannten alsobald die herrliche Gabe und ihre Kraft, das Herz zu erfreuen und neuen Mut zu geben, und sie pflegten sie sorglich und pflanzten sie um ihre Hütten, und es erfreute sich daran jung und alt. Aber wie auch, von der Glut des Weines gestärkt, ihr Geist sich freier und mutiger bewegte, so wollte er dennoch nicht gänzlich genesen, und die Augenblicke der Freude waren vielmehr einem ausgelassenen Taumel gleich, der einen noch düsterern, unmutigeren Zustand zurückließ. Mit kummervollen Blicken sah Eloah, von welcher kurzen Dauer das Glück war, welches die Erde gegeben hatte, um den Menschen mit seinem Unglück zu versöhnen. Und er erhob sein Antlitz wiederum zum Himmel und betete zu Jehova und sprach: »Siehe, die Gabe deiner Erde ist süß und erlabend, und des Menschen Herz hat seine Freude daran, aber was von der Erde kommt, ist vergänglich wie sie, darum, o Ewiger, erbarme dich aufs neue des Menschen! Sende einen Strahl deines Himmels herab, unvergängliche Freuden bringend, damit das entartete Herz sich wieder frei und hoffend seinem himmlischen Vaterlande zuwende, dem allerfreuenden Licht!« So betete Eloah voll Inbrunst gen Himmel, und die ewige Liebe erhörte das Flehen des Engels und sandte ihm den Trost der Gewährung. Da entstieg dem Schoße des Lichts eine freundliche Huldgestalt mit hellglänzenden Schwingen, die schwebte in leichtem Fluge zur Erde hinab; bunte Blumen entkeimten ihren Schritten, und die Gefilde verklärten sich von dem Abglanz ihres himmlischen Gesichts. Und sie trat in den Kreis der Menschen und erzählte ihnen von den Freuden des Himmels und von den Geheimnissen der Natur und erfüllte ihre Brust mit seliger Ahnung und erweckte in ihnen ein neues seliges Leben. Und die Menschen lauschten erst mit schüchterner Freude den lieblichen Tönen ihres Mundes, bald aber entbrannten sie von heiliger Begier, all das Große, Herrliche nachzuahmen, wovon die freundliche Göttin erzählte. Still und sinnend wandten sie ihren Blick allmählich von den Erscheinungen der Erde ab und senkten ihn in die eigene Brust, als käme von dort aus das Glück, dessen Ahnung sie so beseligend erfüllte. Einsam wandelten die begeisterten Jünger der himmlischen Lehrerin durch die Natur. Schon entfaltete sich der Gedanke in der forschenden Seele, und die Pulse begannen sich in höherer Tätigkeit zu bewegen. Bald entkeimten die ersten Früchte des Segens aus der Saat der freundlichen Göttin. Nachahmend die Lauben des Hains, wölbte sich der Bau des ersten Tempels unter der schaffenden Hand der sinnreichen Lehrlinge. Bald tönte der Klang fröhlicher Instrumente darinnen, und die Hymne der Menschen übertraf das Lied der Sänger im Hain. Auch die vergänglichen Erscheinungen der Natur suchten die kühnen Bildner zu fesseln und wiederzugeben in Bild und Form. Ueberall wehte der Odem der Kunst und drängte die Geschaffenen, nachzustreben dem unsichtbaren Erschaffer, um zu ergänzen die Leere in ihrem Dasein und kund zu geben die göttliche Abkunft ihrer Seele. Und die Klagen verstummten und die Gestalt des Menschen erhob sich wieder freier und stolzer, denn die Pforten eines neuen Paradieses hatten sich auf den Wink der himmlischen Kunst den Sterblichen zu ewig jungen Freuden erschlossen. Die Winde O sieh', meine Mutter, welche feine Blume dort am Weidenstamme hängt!« rief Alwina, auf eine weiße Winde zeigend, die ihren Kelch soeben der Sonne geöffnet hatte. »O dürft' ich sie pflücken und mit mir nehmen!« »Sie ist sehr zart, Alwina,« entgegnete die Mutter, »die leiseste Berührung zerstört das reine Weiß ihrer Blätter!« »Ich will sie vorsichtig fassen und gar nicht antasten,« sprach die Kleine mit bittendem Blick. Lächelnd gewährte die Mutter, und bald trug Alwina die schöne, weiße Blume mit sorglichen Händen vor sich her. »Wie klar, wie rein!« rief sie, entzückt die Schimmernde betrachtend. »Sie ist ein Bild der Jugend,« sprach die Mutter, »so glänzt auch deine Stirn, Alwina! Gleich der Weide am Bach, die diese Blume vor Wetter und Sonne geschützt, hielt Mutterliebe bis jetzt jeden Sturm von dir fern, und das Leben warf noch keinen Schatten auf dein Angesicht. O möchte es stets freundlich an dir vorüberziehen und kein rauher Hauch dich berühren!« »Nicht wahr, in meinem Stübchen steht die Blume auch vor Sturm und Sonne geschützt?« frug Alwina nach kurzem Nachdenken. »Ich will recht schnell gehen, damit sie nicht traure, daß ich sie von der Weide entfernt habe.« Fröhlich hüpfte die Kleine davon. – Als sie aber kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt und wieder auf die Blume blickte, stand sie plötzlich still, bestürzt und tief betrübt, denn der Kelch hatte seinen reinen Glanz verloren und der schnelle Luftzug ihre Gestalt zerstört. »Ach, wie konnte solches geschehen!« rief sie betrübt, »behütete ich nicht die Blume vor jedem Unfall? Was hat sie also verwandelt?« »Bis jetzt stand die Blume im Schatten und war vor Wind und Sonne gedeckt,« erklärte die Mutter, »jetzt hat sie zum erstenmal der rauhe Lufthauch getroffen und seine Spuren ihrer Gestalt eingedrückt. So fern du sie jedem Unfall hieltest, du konntest sie den Eindrücken von außen nicht entziehen. Allmählich verwandelte sich ihre Gestalt, gleich dem Menschengemüt, an welchem Zeit, Beispiel und Erfahrung mit trübendem Hauche vorüberziehen.« »Die arme Blume!« seufzte das Kind. »Ach, Mutter, gibt es kein Land, wo milde Lüfte wehen und solche Blumen ganz rein bleiben?« Da warf die Mutter einen stillen Blick gen Himmel und sprach: »Wahrlich es gibt ein Land, wo alle Blüten, für welche das Leben zu rauh war, sich in voller Lieblichkeit entfalten werden. Einst, Alwina, werden wir hinüber ziehn; möge bis dahin Gottes Vaterhand dein Leben beschirmen!« Die Feuerlilie Einen weißen Lilienstengel und eine Feuerlilie in der Hand, trat die zarte Elwire zu Erast, ihrem Vater. Freundlich legte sie beides vor ihn hin und sprach: »Schon oft hast du mir, mein Vater, von dem stillen Leben und der sinnigen Bedeutung der Blumen erzählt, durch dich wurde mir das Veilchen im Moose zur Lehrerin, die mir den Wert der Bescheidenheit in lieblichem Bilde vertraute, und auch die Rose lehrtest du mich lieben, weil sie in ihrer Schönheit, die ihr vor allen der Himmel verliehen, zugleich ein Bild holder Sittsamkeit ist, deren heilige Waffe das Heer zudringlicher Schmeichler zurückhält. Erkläre mir nun heut, lieber Vater, der Lilie Bedeutung und sage mir zugleich, wie es geschehen, daß die Feuerlilie ein so verschiedenes Gewand erhielt, und warum ihr der liebliche Duft versagt wurde, der jene vor allen verherrlicht?« Freundlich blickte der Vater zu dem lieblichen Kinde herab. Er hatte es von jeher geliebt, die ernsten Lehren des Lebens in das heitere Gewand anmutiger Gleichnisse zu hüllen, denn er kannte die Herzen der Jugend und wußte, daß sich die Weisheit kindlicher Worte und Bilder bedienen müsse, um von ihnen gesucht und verstanden zu werden. »Laß uns die Blumen betrachten, Elwire!« begann er jetzt, indes sich jene aufmerksam an seiner Seite niederließ. »Siehe die Lilie! Einfach und ungeschmückt ragt sie dennoch in ruhiger Hoheit über viele der bunten Blumengeschlechter empor, alle, die sie betrachten, entzückend durch ihre reine Gestalt, wie durch den balsamischen Duft, der ihrem Kelche entströmt. Seit langer Zeit wurde sie als die Blume der Unschuld verehrt; aber ich möchte sie noch lieber ein Bild holder Weiblichkeit nennen und sie vor allen ihren Schwestern kindlichen Jungfrauen mitgeben zur Begleitung durchs Leben. Reinheit und Würde heben sie, ohne daß sie äußern Schmuckes bedarf, über die glänzendsten ihres Geschlechts empor. Ohne die Blicke durch blendenden Schimmer auf sich zu ziehen, fesselt sie sie desto dauernder, sobald man ihre Anmut erkannt. Ein Bild anspruchsloser Tugenden, deren Wert immer höher steigt, je länger wir betrachtend auf ihr verweilen. Fern liegt ihr der Wunsch, durch eitlen Prunk zu gefallen; sie scheint zu ahnen, daß dieses ihren eigentümlichen Zauber vielmehr zerstören würde, so wie dies die traurige Geschichte ihrer Schwester, der Feuerlilie, beweist.« »Erzähle mir nun, mein Vater, von dem Geschick dieser Blume,« bat Elwire, sich kindlich an ihn schmiegend, während der Vater die Feuerlilie mit ernsten Blicken beschaute und sie zum Gegenstand seiner Betrachtung machte. »Als noch die Erde in unmündiger Kindheit,« begann er, »den seligen Schutz hoher Himmelsbewohner genoß und Engel von Zeit zu Zeit ihre Heimat verließen, um in der neuen Schöpfung zu lustwandeln, da geschah es, daß einer derselben ein Tal betrat, über welches der Frühling seinen reichsten Segen ausgegossen hatte. Lilien und Rosen, Tulpen und Anemonen, und was der Lenz Entzückendes hervorbringt, standen hier in holder Eintracht verbunden. Süße Düfte überströmten die liebliche Stelle, und wohltätiger schien selbst der Strahl der Sonne hier zu verweilen. Ueberrascht und entzückt von der Schönheit dieses Anblicks, durchirrte der Engel die reiche Blumenwelt, viele der holden Erscheinungen laut preisend, bis er endlich auch zu der hohen Lilie kam. Stumm und selig in ihr Anschauen versunken, fand er kein Wort, ihre Schönheit zu preisen; aber er faltete die Hände und dachte an Gott, dessen Hand mit so viel Lieblichkeit der Blume Antlitz geschmückt hatte, und betete still. Als aber der Engel das Tal verlassen, siehe, da wand sich eine giftige Schlange aus den Blumen hervor – dieselbe, die später das erste Menschenpaar verführte – und sie kam vor die Lilie mit bösen Gedanken; denn des Engels stilles Gebet hatte ihr Herz mit Groll und Haß gegen die Blume erfüllt, und sie sann darauf, wie sie sie verderbe. – Teilnehmendes Mitleid heuchelnd, blickte die Schlange zu der hohen Lilie empor und begann: Wie ungerecht, o du arme Verlassene, war der Schöpfer dieser Blumen gegen dich! Siehe, alle deine Schwestern wurden mit der lieblichsten Farbe bekleidet, und der Engel war von ihrem Anblick entzückt und bewunderte laut ihre Schönheit; nur dich betrachtete er mit schweigendem Unmut, weil du ganz reizlos und unbedeutend erscheinst so vielem Farbenglanz gegenüber. O hätte ich dich früher gesehen, ich hätte dir ein anderes Gewand gegeben, denn es steht in meiner Macht, dich über alle deine Schwestern zu erheben und dich zu der Königin der Blumen zu machen! Die Schlange aber hatte, indem sie diese Worte sprach, das Gift des Neides und der Eitelkeit in das Herz der Lilie gegossen. Allmählich durchdrang seine Glut ihren Busen und verwandelte ihre Bescheidenheit in hoffärtige Begier, und sie schaute im Kreise ihrer Schwestern umher und fühlte sich zum ersten Mal verletzt von der Schönheit der Rose und der Pracht der Tulpen, die vor ihr im Abendgold leuchteten. Du hast recht, sprach sie jetzt zu der Schlange, bitteres Unrecht ist mir geschehen! Ich, die Erhabenste von allen, sollte alle überstrahlen an Schönheit und Pracht. Kannst du, so gib mir der Rose Glut und den bunten Schimmer der Tulpen! Ich kann es nicht ertragen, mich von diesen Geringen verdunkelt zu sehen! Also sprach die Lilie, und ihre Wangen erglühten in den Flammen des Neides und des Hochmuts. – Schau in den Quell zu deinen Füßen! Was du wünschest, geschah bereits, sprach die Schlange, und mit heimlichem Triumph, daß es ihr gelungen war, die Reine zu verderben, zog sie höllischer Freude voll von bannen. – Ueberrascht von der flammenden Glut, die das zarte Weiß ihres Kelches durchdrungen, beschaute die Lilie ihr glänzendes Bild. Mit immer größerem Wohlgefallen hing sie an ihm, denn durch das Verderben, das sie aus dem Gifthauch der Schlange gesogen, war zugleich ihr Sinn befleckt und befangen worden, und sie hatte nicht mehr die Macht, das wahre Schöne zu erkennen und vom falschen Prunk zu unterscheiden. – Ha! ihr eitlen Blumen, so sprach sie zu ihren Schwestern, was seid ihr fortan neben mir? Gleicht mein Antlitz nicht der Sonne? Und stehe ich nicht gebietend über euch erhaben, eine Königin aller Blumen? Und sie breitete ihre Blätter in hoffärtigem Dünkel auseinander, um sich auch die Gestalt der Sonne zu geben, und schaute immer stolzer und herrischer zu den stillen Schwestern herab. Als aber der Engel wieder das Tal besuchte, um vor der hohen Lilie still an Gott zu denken und sich an ihrem Anblick zu erfreuen, siehe, da fand er die traurige Verwandlung. Voll Bestürzung und tiefer Trauer stand er da vor dem fremden Bild. Dahin war der liebliche Duft, der sonst dem bescheidenen Kelche der Blume entströmte, und das zarte Weiß ihrer Blatter war in flammendes Rotgelb verwandelt. Er sah, gehässige Leidenschaften hatten sich des Herzens der Blume bemächtigt und sie also entstellt, daß keine Spur ihrer sonstigen Lieblichkeit vorhanden war. Weinend kehrte er sein Antlitz von der Betörten, und in sein Herz kam eine tiefe Trauer, denn er ahnte die verderbliche Macht zum ersten Male, die tief verhüllt unter den Blumen des Paradieses lauerte. Die Blume aber nahm sein Schweigen für tiefe Bewunderung, und ihr Stolz wucherte fort, von Geschlecht zu Geschlecht, und so blüht sie noch heute in den Gärten der Menschen, wenn auch nicht zu ihrer Freude, so doch zur stillen Belehrung.« Erast schwieg. Nachdenklich blickte Elwire auf die Blumen herab. »Ich werde beide Lilien in meinen Garten pflanzen, mein Vater!« begann sie. »Führe du mich zu der Feuerlilie, wenn du einem eitlen Wunsch in meiner Seele begegnest!« »So lange du das Bild der reinen Lilie im Herzen trägst,« entgegnete der Vater, »wird dieses jede eitle Begier zurückweisen. Laß es daher ein schönes Vorbild bleiben, so werden die guten Menschen, gleich jenem Engel, wenn auch nicht bewundernd, so doch freudig und fromm in deiner Nähe weilen und dankbar an Gott denken, der des Weibes Seele zum Tempel der stillen, aber heiligsten Tugenden gebildet hat.« Fritz und Felix Der erste Schnee war gefallen. Weiß schimmerten die Dächer und Baumgipfel umher, und über den spiegelglatten Teich hatte sich eine feste Eisrinde gezogen, welche, von leichten Schneeflöckchen umweht, gleich hellen Brillanten erglänzte. Erstarrt vor Frost und Kälte kehrten Fritz und Felix mit ihren Gespielen von der Eisbahn zurück. Gern traten sie heut in die warme Stube der Mutter, so wenig der beschränkte Raum ihre sonstigen Lieblingsspiele gestattete, nur einige der Knaben waren unmutig und riefen: »Der Winter ist ein schlimmer Gast und der Sommer uns tausendmal lieber!« »Das könnte ich eben nicht sagen,« begann Fritz, indem er sein Lottospiel hervorsuchte. »Im Sommer schwärmt alles ohne Ziel und Zweck im Freien umher, jetzt aber kann man sich in Ruhe versammeln und ein vernünftiges Spiel treiben. Kommt, nehmt die Karten. Ein jedes setzt einen Groschen, und der Glückliche gewinnt alles.« Der wilde Knabentroß setzte sich jubelnd um den bereiteten Tisch, nur Felix, ein stiller Knabe mit freundlichen Augen, bat, bei der kranken Schwester bleiben zu dürfen, die im Bett lag und sehnsüchtige Blicke nach dem Spieltisch hinüber warf. »Ich will dir indes erzählen, liebe Emmy,« begann er leise, indes er seinen Schemel ganz dicht an ihr Bett zog. Von dem dankbaren Blick der Kleinen ermutigt, fuhr er fort: »Es wurde soeben gesagt, der Winter sei ein schlimmer Gast; aber mir ist er gar lieb und vertraut. Ich habe viele schöne freundliche Bilder erblickt, die jene nicht sahen, und ich will sie dir auszumalen suchen, weil du doch nicht hinausgehen darfst in den glänzenden, weißen Garten.« Und er begann nun von der Felshöhle am Weiher und von ihren Kristallwänden und von dem demantnen Teich zu erzählen, durch dessen Rinde er in eine gar süße Wunderwelt geblickt habe. Allmählich gewann seine Erzählung die Gestalt eines anmutigen Märchens, so daß die Kinder, die seine Worte vernahmen, bald vom Spieltisch aufhorchten und sich einige sogar von diesem hinweg begaben und in seine Nähe kamen. Felix aber fuhr fort von der Höhle zu erzählen und von einer wunderholden Frau, die er darinnen gesehen, auch schilderte er einen alten Diener mit eisgrauem Barte und silbernem Haupthaar, der, dem Befehle der Gebieterin gehorchend, bald murrend und grollend durch die Fluren zog, bald mit Sturmeseile ihre Gebote vollstreckte. Und die Kinder mußten oft über die seltsamen Schilderungen lachen und befanden sich überaus wohl bei des Knaben Erzählung. Immer beredter wurde Felix, als er nun von der schönen Jungfrau Rose und der süßen kindlichen Viola und der reizenden Amarantha erzählte; man fühlte wohl, er sprach von Blumen, die der Winter auf das Gebot der Natur unter die Erde geführt, aber in seinem Munde verwandelte sich alles so wunderbar, daß man bald in ihnen holde Prinzessinnen zu sehen vermeinte, die in der Tiefe der Höhle bei der hohen Königin in strahlenden Gemächern wohnten, bis daß die Zeit ihrer Befreiung gekommen, wo sie zur Freude der Menschen wieder auf der Erde wohnen durften. Immer aufmerksamer wurden die Kinder und baten und riefen: »O erzähle immer mehr von den schönen Prinzessinnen und der Königin und dem alten verdrießlichen Graubart.« Als aber Fritz bemerkte, daß der Sinn der Knaben nunmehr allein dem Erzählenden zugewandt und sein Spiel gänzlich verlassen war, erzürnte er heftig und sprach: »O ihr Toren! Wie könnt ihr nur Geschmack finden an Dingen, die sich nie auf der Erde begeben? Wißt ihr nicht, daß alles nur Lug und Trug ist? Geht und blickt einmal unter die Eisdecke des Teiches! Sumpfiger Morast und Kröten ist alles, was ihr dort finden werdet, so wie in jener Höhle nur häßliche Eulen und Spinnen hausen. O über euch kindische Buben! Was euch wirklichen Vorteil gewähren kann, verlaßt ihr, um euch von Felix artige Bilder vorgaukeln zu lassen, während wir längst von dem gewonnenen Gelde Kuchen und Aepfel kaufen und ein herrliches Gastmahl bereiten könnten!« Die letzten Worte wirkten gewaltig auf die Sinne der Knaben; wie aus einem Traum fuhren sie empor und kehrten lärmend und jubelnd zu dem Spieltische zurück. Emmy aber reichte dem kleinen Erzähler sehr freundlich die Hand und bat: »Fahre fort, lieber Felix; wenn du mir so schön erzählst, vergesse ich alle Schmerzen!« Und Felix lächelte heiter und spann seine anmutigen Bilder fort. Die Mutter aber, die in der Nähe das Treiben der Kinder mitangesehen hatte, dachte in ihrem Herzen: »So ist es und so wird es bleiben auf Erden! Unbefangen streut die Poesie ihre Blüten auf uns herab, ob sie der forschende Verstand belächle oder zerpflücke, oder der wandelbare Sinn der Menschenkinder sie bewundere oder gleichgültig aufgebe, sie weiß es, ihr ward keine Waffe, ihr Recht zu verteidigen. Still wie ein Bote von Jenseits zieht sie an den Herzen der Menschen vorbei, alle freundlich grüßend, aber nur dem in die Arme sinkend, der den Trost einer unsichtbaren Welt bedarf oder durch das Geheimnis des Schönen mit ihr im Innern verbunden ist.« Apelles Apelles, der herrliche Meister, saß oft, in tiefes Sinnen versunken, vor seiner Staffelei und betrachtete die Schöpfungen seiner Kunst. Herrlich glänzte der Farben Pracht, lebendig traten die hohen Gestalten hervor, voll Anmut und Ausdruck. Wohl gestand er sich's selbst, daß keiner der Maler weit umher ihm gleichkomme an künstlicher Farbenmischung und hoher Erfindung. Aber noch war sein Verlangen nicht gestillt, denn in seiner Seele lebten noch höhere Bilder als die, die sein Pinsel auf die Leinwand zauberte. Das bekümmerte ihn sehr, und er sann oft im stillen nach, wie er seine Kunst immer mehr veredeln könne. »Ich werde das Urteil der Menschen befragen!« sagte er endlich. »Das eigene Auge ist oft verblendet und von Irrtum befangen und schärft seinen Blick erst durch den Widerspruch anderer.« Und er öffnete seine Werkstatt und stellte seine Bilder zur Schau. Bald strömte die neugierige Menge herbei und begaffte die Gemälde mit staunendem Blick und erhob den kunstreichen Apelles in trunkener Begeisterung zu den Göttern. Er aber stand still in sich gekehrt bei dem Jubel des Volkes. Als mehrere Tage vergangen waren und die Schaulustigen nicht müde wurden sein Werk zu preisen, gedachte Apelles sich von den lästigen Lobrednern zu befreien und verschloß die Werkstatt vor den Blicken der Menge. »Ich sehe,« sprach er, »die Schmeichelei allein wagt es, das laute Wort zu führen; die Wahrheit will im stillen belauscht sein!« Und er nahm ein Gemälde und stellte es vor seine Tür den Vorübergehenden zur Schau; er selbst aber verbarg sich dahinter und lauschte, von niemanden gesehen, auf das Urteil des Volkes. Es stellte aber das Gemälde ein Frauenbild dar, in aller Vollendung der Schönheit und der glänzendsten Kleiderpracht. Viele, die des Weges kamen, blieben vor dem reizenden Bilde stehen und bewunderten des Meisters Kunst und Wahrheit. Andere versanken träumerisch in den Anblick der holden Gestalt und sprachen zu ihr wie zu einer geliebten Braut, und diese Worte klangen am belohnendsten in des horchenden Künstlers Ohr. Einst ging auch ein Schuster vorüber und verweilte vor dem Gemälde mit prüfendem Blick. Mit wichtiger Miene begann er darauf zu dem hinzutretenden Nachbar: »Apelles mag immer ein braver Maler sein, aber ausgelernt hat er noch nicht. Da schaut den Schuh, ist er nicht ganz verzeichnet? Wie schade um das schöne Bild, daß er den zierlichen Füßen nicht eine nettere Bekleidung gegeben!« So sprach der Schuster und ging kopfschüttelnd von dannen. Aber Apelles trat hervor und eilte den Fehler zu verbessern, denn er traute dem Urteile des Schusters. Als er abermals das Gemälde heraus gestellt hatte, begab es sich, daß der Schuster noch einmal vorüberging. Lächelnd betrachtete er die Veränderung und rief den Vorübergehenden zu und sprach: »Da seht, er hat wohl verbessert, was ich letzthin getadelt. Wahrlich, das Bild hat schon gewonnen, seitdem jener Fehler behoben ist, und es wäre gar nichts mehr daran auszusetzen, wollte er noch den Schatten unter dem linken Auge verwischen, der die Schöne über die Maßen entstellt.« Da hielt sich Apelles nicht länger. Halb zürnend, halb lachend über des Unverständigen dreiste Anmaßung, trat er hinter dem Gemälde hervor und rief: »Bleibe, o Schuster, bei deinem Leisten! Den Schuh magst du mir tadeln, aber höher vermesse dein Urteil sich nicht!« Hiermit trug er das Bild in seine Werkstätte zurück und sprach zu sich selbst: »Ich sehe nun wohl, von außen her kommt dem Künstler wenig Ersprießliches! Des Ungeweihten Urteil ist einseitig und beschrankt. Zwischen Schmeichelei und ungerechtem Tadel windet sich nur schmal der Weg der Wahrheit hindurch; auf diesen aber führt uns am sichersten der Genius, den uns die Götter verleihen. Von ihm lernen wir die Gebilde des Lebens erfassen und aufnehmen in tiefster Brust, damit sie aus dem Innern verklärt hervorgehen in Farbe und Licht, uns selbst zur Erquickung, den andern zur Freude und Erhebung.« Der Kinder Opfer Medor,« sagte die schmeichelnde Cidli, indem sie mit ihrem Bruder hinaustrat vor die niedere Hüttentür, »wie schön ist die Flur im Morgenglanz, wie herrlich blüht der lachende Frühling! Aber Medor, mein Bruder, ist auch schön, hell wogt sein goldenes Haar im Sonnenlicht, und sein Auge ist klar wie der Tag. Freundlicher ist seine Seele als der Lenz, darum lieb' ich ihn auch mehr noch als diesen.« »Cidli,« sprach der liebliche Knabe, »du weißt, ich habe eine Taube vor allen lieb, die ich sorglich erzog, denn sie ist weiß wie der Schnee und treu und fromm. Aber viel lieber hab ich dich, meine Cidli, denn deine Rede ist süßer als das Girren der Taube, deine Stirn reiner als ihr Gefieder; o möchten die Götter uns nimmer trennen!« »Nimmer, nimmer, o ihr ewigen Götter!« rief Cidli – und beide Kinder umarmten sich innig. Lange hielten sie sich Brust an Brust umschlossen, bis selige Tränen ihre Augen füllten und Medor ernster begann: »Die Götter sind immer mild und freundlich, aber wir sollen sie auch wieder lieben! Cidli, sahst du den Vater, wenn er die Erstlinge seines Feldes zu jener Höhe trug? Ich weiß es nun, was er dort tat. Er opferte den Göttern, dort an dem kleinen Altar sah ich ihn knien; sein Gebet war den Himmlischen angenehm, denn schöner keimten die Saaten empor zur künftigen Ernte. Komm, Cidli, auch wir wollen ein Opfer zünden! Sind wir gleich noch klein, so wird unser Gebet doch zu den Himmlischen dringen, und sie werden uns segnen!« »Medor,« entgegnete Cidli, »wohl lieb' ich die Götter wie du. – Aber was bringen wir den Himmlischen zum Opfer dar? Ach, Kinder haben kein Eigentum, und fremdes Gut bringt nimmer Heil und Segen!« Traurig schwieg sie, den Blick zu Boden gesenkt. »Hast du nicht eine Taube wie ich?« rief Medor mit feurigem Blick. »Du wolltest?« fragte Cidli, ihr verwundertes Auge zu ihm erhebend. »Ich will meine Taube hinauftragen,« entgegnete der Knabe. »Eben weil ich sie so lieb habe, weil sie meine größte Freude ist, will ich sie den Göttern opfern! Sie segnen das Herz, das sie also verehrt. Komm, Cidli, wir fangen die Täubchen und tragen sie hinauf, damit die Himmlischen uns wieder lieben!« Und schweigend folgte Cidli dem Bruder. Fröhlich flatterte die bunt gefiederte Schar der lockenden Stimme des Knaben entgegen. »Lora!« rief Cidli, und herbei kam das zahme weiße Täubchen und pickte nach der dargebotenen Hand und ließ sich willig fangen und binden. Bald hatte auch Medor seinen Liebling gefangen, die rotäugige Lilli mit blendender Brust und reich befiederten Füßen. In ein Körbchen mit Blumen legten sie das gefesselte Paar, und nun gingen sie Hand in Hand schweigend die Höhe hinan. Noch schliefen die Eltern, denn die Sonne war erst emporgestiegen und die Blumen erhoben sich mühsam vom süßen Schlummer. Rötlich schimmerten die Höhen, und der Altar glänzte im Purpurstrahl des erwachten Tages. Sittig knieten die Kinder auf den bemoosten Stufen nieder, und ihre Herzen vereinigten sich zu stillem Gebet. »Segnet, ihr Götter, segnet im Schlummer die liebenden Eltern! Segnet Cidli und Medor und laßt sie wie heut verbunden bleiben durchs ganze Leben!« So beteten die Kinder, den Blick zur Höhe gewendet. Jetzt gingen sie, die Tauben zu opfern. Zitternd faßte Medor den zarten Hals des flatternden Lieblings; bittend sah die Taube zu ihm empor, da seufzte er und sprach: »Cidli, töte du die Taube, ich habe sie noch immer lieb!« Und eine Träne netzte seine Wangen. »Wie vermöchte ich doch solches, o ihr Götter!« rief die klagende Cidli. »O habet Mitleid mit uns schwachen Kindern! Noch netzte kein Blut unsre Hände, sie zittern vor dem grausigen Vollbringen. Wollet ihr denn auch das Blut der schuldlosen Tauben, o ihr, die ihr ja selbst die Liebe, das Mitleid seid? Gönnet ihr doch dem kleinen Würmchen das süße Leben, wenn es sich bittend im Staube krümmt. O gewiß, ihr wollet den Tod nicht, das Leben ist euch lieber, das Leben soll euch göttlicher feiern! Medor, binde die Taube nur los; dein Herz hat die Himmlischen verstanden. Unser Opfer wird dennoch zu den Wolken steigen, und die Götter werden uns liebend erhören!« Und sie lösten die Fesseln der Tauben und trugen sie auf den Altar. Da erhoben sich die Befreiten mit fröhlichen Schwingen und flatterten und stiegen, liebend gesellt, zu dem blauen Aether empor. Jetzt blitzte ihr weißer Fittich noch einmal im Morgenstrahl, bald verschwanden sie in der Glorie des Himmels. Geblendet wendeten die Kinder die Blicke ab von der strahlenden Höhe und beteten leise, denn ein süßer Trost war in ihr Herz gekommen. »Cidli, wir bleiben vereint, wie die schimmernden Tauben!« jauchzte Medor. »Das Opfer steigt, und es neigen die Götter sich wohlgefällig zu dem Flehen der Kinder!« Die Rosen Lilla und Alma, zwei Schwestern, kehrten aus dem Garten zurück. Sie hatten sich Blumen gepflückt, und jede trug ein Sträußlein ihrer Lieblinge am Herzen. »Sieh die Wunderpracht dieser Centifolie,« begann Alma, indem sie die schönste Rose ihres Straußes der Schwester darreichte, »gibt es wohl etwas Schöneres im weiten Reich der Natur? Welcher Reichtum, welche Fülle in diesem Kelch! Und wie ist jedes Blättchen in sich so vollendet, und wie vereint sich wieder alles zum herrlichen Ganzen! – Und dieser Duft! Ist es wohl möglich, von ihm berührt zu werden, ohne der Rose huldigend zu nahen? Muß er nicht die stumpfsten Sinne beleben und seinen Balsam in das verschlossenste Herz ergießen? Nimm diese Centifolie, o Lilla,« fuhr sie bedeutsamer fort, »sie ist das Bild der Schönheit, welcher wir nachstreben sollen, damit sich durch sie unser inneres Leben wie unsere äußere Erscheinung veredle und vollende! Viele schöne Gaben ruhen in des Menschen Brust, wie die hundertfältigen Blätter dieser Rose in der engen Hülle der Knospe; jede will entwickelt und sorglich beachtet sein, damit sich die zarten Eigenschaften des Geistes in schöner Klarheit zuletzt zu einem Ganzen verbinden, das Gott und Menschen erfreut. Lieblichkeit und Anmut wird dann unzertrennlich von uns sein, wie der Duft von dem Kelche der Rose; und gleich diesem werden sie ihre mächtige Anziehungskraft üben, und alle werden uns suchen, und süßer Ruhm wird vor uns hergehen, so wie balsamische Düfte weithin das Dasein der Rose verkünden. Nimm, o Lilla, die Rose und laß uns vereint das Schöne aufsuchen und erstreben, damit sich in ihm das Göttliche in unserm Leben verkünde.« »Und du, Geliebte,« sprach Lilla, »zürne mir nicht, wenn ich statt der glänzenden Gabe dies bescheidene Hagebuttenröslein dir reiche! Wohl ist die wahre Schönheit göttlicher Natur, ein Strahl aus dem Urquell aller Vollkommenheit, der wieder zu diesem erhebt und zurückführt; aber nicht immer vermögen wir ihre Gaben zu erstreben! Wolltest du dies Röslein fragen, es wünschte sich wohl auch den blätterreichen Kelch, die tiefere Glut, den erquickenden Duft, doch – da es dies nicht zu erreichen vermag, so sinnt es, auf andere Weise der Ordnung des Ganzen zu nützen. Still und bescheiden blickt es aus dem Kranz der Natur. Wenige beachten das anspruchslose Kind der Hecken, aber es findet wohl dennoch ein Herz und ein Auge, das auch in ihm die Güte des Schöpfers erkennt. Während die Centifolie alle Kraft aufwendet, die erste zu sein in der Natur, treibt es langsam und zögernd seine einfachen Blätter, als spare es seine Kräfte für einen andern Beruf. Und sieh', wenn der Herbst kommt und der schöneren Schwester reizendes Bild schon längst entblättert, vergessen ist und keine Spur ihr einstiges Dasein verkündet, da glänzen purpurne Früchte an dem Hagebuttenstrauch, das wohltätige Streben des einfachen Rösleins bezeugend, und Arme und Kranke strecken die Hände begierig nach ihnen aus, um für den Winter die erquickende Spende zu sammeln. So entschädigt die Natur überall; so überdauert oft das Nützliche das Schöne, und so laß uns zu dem Bilde der Centifolie das des Heiderösleins gesellen, denn des Menschen Brust hat Raum für beide. Er kann mancherlei Gaben in sich selbst bilden und entwickeln, während die Blume allein den Gesetzen der Natur gehorcht.« Da umarmte Alma die Schwester, denn ihre Worte waren ihr ins Herz gedrungen. Und das Sehnen der einen ergänzte das Streben der andern, und ihr Leben vereinte bald die Sinnbilder beider, so daß das Schöne und Nützliche in holder Verschwisterung darinnen gar erquicklich zu schauen war. Das Gastmahl Admet, der Sohn reicher Eltern, der, früh verwaist, bei einem strengen aber weisen Lehrer erzogen war, besuchte, als er zum Jüngling herangereift war, seine entfernten Verwandten, die im Besitze großer Reichtümer in der Hauptstadt lebten. Von edlem Ansehen und in allen Wissenschaften erfahren, machte er überall den angenehmsten Eindruck. Jeder bestrebte sich, den Jüngling auf seine Weise zu ehren, und lud ihn zu den glänzendsten Festen. Cristipp, der Aelteste der Familie, begann mit einem prächtigen Gastmahl. Verwundert betrachtete Admet die Fülle köstlicher Speisen und den Ueberfluß an Wein, der auf den Tischen des reichen Mannes strömte. »Du übst die Tugenden der Gastfreiheit in vollem Maß,« sprach Admet zu ihm, »und gewiß hast du deinen Ueberfluß mit solchen geteilt, die an diesen Erquickungen Mangel leiden.« »Mit nichten!« entgegnete Cristipp. »Die du an meinen Tischen gesehen, sind die Reichsten und Wohlhabendsten der Stadt. Ich mache es mir zum Vergnügen, mit diesen zu wetteifern, und mein größter Ruhm würde sein, sie in Anordnungen zu übertreffen, wie sie unsers Ranges und unsers Vermögens würdig sind.« »Wohl ist dein Wunsch eines redlichen Strebens wert!« versetzte Admet. »Auch ich habe manche löbliche Sitte aus meiner Heimat mitgebracht, vielleicht daß du sie der Nachahmung würdig findest, wenn du mir erlaubst, dich bei mir zu bewirten!« Cristipp sagte lächelnd zu, und Admet verließ ihn, um sich zu Alcindor, dem zweiten seiner Freunde zu begeben. »Admet,« begann dieser, als sich der Jüngling an seiner Seite an der glänzenden Tafel niedergelassen, »du warst vorhin in einer großen Gesellschaft; ich biete dir nur einen kleinen, aber auserwählten Kreis. Du siehst hier nur Bischöfe und Grafen, die Ersten der Stadt! Es ist gut. Freunde unter den Mächtigen zu haben und von den Angesehensten geachtet zu sein, und ich freue mich, daß solches Glück mir gewährt ist!« »Mich dünkt,« erwiderte Admet, »du könntest diesen Wunsch in noch weit größerem Umfange erfüllt sehen. Kenne ich doch, so fremd ich hier bin, einen Fürsten, der es gewiß nicht verschmäht hatte, zu deiner Tafel zu kommen, und der noch viel angesehener ist, als alle die, die dich umgeben!« »Wen kannst du meinen?« fragte Alcindor in gespannter Erwartung. »Du sollst ihn kennen lernen, wenn du meine Bitte erfüllst, zu meiner Tafel zu kommen!« erwiderte Admet. Verwundert blickte Alcindor den Jüngling an, dieser aber wandte sich, seinem Forschen zu entgehen. »Komm,« rief Leander, der dritte der Verwandten, als Admet am folgenden Tage seiner Einladung folgte, »komm und sei fröhlich mit den Fröhlichen! Alles, was du siehst und hörst, ist bestimmt, heitern Frohsinn zu verbreiten. Keinen findest du unter uns, der, von Ueberfluß abgestumpft, die Gaben des Himmels mit verwöhntem Gaumen zergliederte und unmutig hinwegwiese, was Tausenden Labung und Erquickung wäre. Heitere, muntere Freunde sind es, unverdorbene Naturen, die ich zu meiner Tafel geladen, und wenn andere auch glänzendere Mahlzeiten halten, die dankbarsten Gäste sind es doch, die meine Säle verlassen, weil nicht Prunk, sondern allgemeine Freude der Zweck ist, nach dem ich gestrebt.« »Unser Ziel grenzt demnach recht nah aneinander,« versetzte Admet. »Du sollst dich selbst davon überzeugen, wenn ich dich bei mir bewirte! Jetzt aber will ich froh sein mit den Fröhlichen und dir in deinem liebevollen Streben die Hand bieten.« * Mehrere Gastmähler folgten also aufeinander, denn Admets Verwandtschaft war groß, und einer gedachte es dem andern zuvorzutun an üppigem Glanze. Admet aber wurde, je länger diese Festgelage dauerten, immer stiller und ernster, ja oft fiel eine Träne in seinen Pokal, und er verließ nicht selten früher denn die andern die Säle der Freude. Endlich kam der Tag, an welchem Admet seine Verwandten zu sich geladen. Sorglich bereiteten sich diese zu dem Feste, denn es ging das Gerücht, daß ein mächtiger Fürst zugegen sein würde, der seine Gunst dem Jünglinge geschenkt. An den Pforten seines Palastes empfing Admet mit heiterm Ernst seine Verwandten. Staunend überblickten diese die zahlreichen Tafeln, die in den Sälen bereitet waren; Admet aber begleitete jeden zu seinem Platz und winkte dann seinen Dienern, die Nebengemächer zu öffnen. Siehe, da erschienen Paar um Paar die dürftigen, vergessenen Brüder der Reichen. Greise, in armselige Gewänder gehüllt, sieche Gestalten, auf Krücken gelehnt, Kinder verschiedenen Alters, mit blassen, eingefallenen Wangen, auf denen Mangel und Elend geschrieben war. Schüchtern folgten sie dem Winke Admets, sich an die Tafeln zu begeben; dieser aber begann auszuteilen, ein reicher, glücklicher Wirt! Freudig reichte er dem entkräfteten Alter den labenden Pokal, den Kindern des Mangels die erquickende Speise, und bald kehrte auf die farblosen Wangen seiner Gäste der Schimmer neuen Lebens zurück. Es war aber eine tiefe Stille in dem Saal, und der große Kreis umher war anzusehen wie eine andächtige Versammlung. Da ging dem Jüngling das Herz auf, und er sprach: »Habt Dank, o meine Freunde, daß ihr an diesem meinem Feste teilnehmen wolltet! Mögen seine Anordnungen euch nicht mißfallen und meine Freuden die euren sein! Vieles habe ich von euch gelernt, was ich nach meiner Weise benutzte. – Du, o Cristipp, strebst danach, von den Glücksgütern, die dir der Herr geliehen, einen weisen Gebrauch zu machen und hierin deine Freunde zu übertreffen. Ich glaube dir zu gefallen, wenn ich die meinen mit denen teilte, die von dem Glücke vergessen sind, denn dies schien mir der weiseste und natürlichste Gebrauch. – Durch dich, Alcindor, lernte ich den Wert mächtiger Freunde erkennen. Ich lud den mächtigsten an meinen Tisch, ihn, der da sprach: was ihr einem dieser Geringsten tuet, das habt ihr mir getan! Und hoffte dich also mit dem Herrn der Herren zu befreunden. – Dir aber, mein Leander, wußte ich kein höheres Vergnügen zu bereiten, als wenn ich dich zum Zeugen eines Freudenfestes machte, das dauernd in diesen Herzen fortleben wird; und somit, meine Freunde, hoffe ich, allen euren Wünschen begegnet zu sein.« Es erhob sich aber ein Murren in der Versammlung, und viele senkten das beschämte Antlitz unwillig zu Boden. Vor allem aber schleuderte Alcindor Blicke stolzen Unmuts auf den Jüngling, und er schaute auf sein Purpurgewand finster nieder. Mit dem Lächeln des Mitleids betrachtete Cristipp die ungewohnte Umgebung; andere blickten nicht ohne Teilnahme auf dieselben herab und schienen über die rührenden Gruppen ihre getäuschte Erwartung zu vergessen. Admet aber ließ sich von all dem in seiner Freude nicht stören und winkte seine Diener herbei, die bereiteten Geschenke an Mänteln und Gewändern zu verteilen. Während der Dank der Beglückten ihn umtönte, hatten sich seine Verwandten, einer nach dem andern, aus dem Saale entfernt, Leander allein war an seiner Seite geblieben und mischte seine Freudentränen mit denen der reichlich Beschenkten. »Ich danke dir von Herzen,« rief er, den Jüngling umschlingend, »daß du mich wert hieltest dieses Winkes deiner Liebe! Ich weiß, was du meinst, und mein künftiges Leben soll es aussprechen, daß ich dich und das Wort unseres Herrn verstanden!« Da blickte Admet in stillem Entzücken empor, und den Gewonnenen an sich ziehend, rief er: »Preis dir, o Ewiger, mein Besuch in diesen Kreisen war nicht vergeblich, meine Zeit nicht verloren!« Zu Leander aber sprach er freundlich: »Werde du fortan eine Leuchte den Verblendeten, vielleicht daß sich ihr Zürnen dereinst in Liebe verwandelt!« Und er nahm seinen Wanderstab, drückte seinem Freunde die Hand und begab sich in seine Heimat zurück. Das Rohr Von seinen Enkeln geführt, begab sich Leander hinaus auf die herbstliche Flur. Zärtlich hatten sich die Knaben um ihn gedrängt, denn wenn sie auch untereinander oft unerträglichen, widerspenstigen Sinnes waren, alle begegneten sich in der Liebe zu dem ehrwürdigen Alten, und dessen Beifall schien einem jeden das höchste Ziel seines Strebens. Es geschah aber, als sie aus den Toren der Stadt traten, daß ein jeder der Knaben einen andern Weg vorschlug, denn alle wollten den Greis zu ihren Lieblingsstellen geleiten, und da dieser nicht aller Wünsche zu erfüllen vermochte, so erhob sich ein Streit unter ihnen, und einer kränkte den andern mit feindseligen Reden, so daß zuletzt alle in stummem Unmut des Weges dahergingen. Leander, der solches bemerkte, war darüber von Herzen betrübt. Er bestimmte nun selbst den Weg, um den Zwist zu beenden, und führte die grollende Schar zu einem nah gelegenen Hügel hinan, der weit über die Ebene hinausschaute. Als sie die Anhöhe erstiegen und Leander sich niedergelassen hatte, lagerten sich die Knaben zu seinen Füßen. Allmählich verschwand ihr Unmut beim Anblick der herrlichen Aussicht, und sie begannen wiederum ihre Augen zu erheben und harrten erwartungsvoll der Worte ihres väterlichen Freundes. Diesem aber war, als er in die weite Ebene hinabschaute, als überblicke er das Leben von dem letzten Hügel der Laufbahn, und alle die Stürme, die er überstanden, und die Freuden und Leiden vergangener Zeit zogen an seiner Seele vorüber, und er gedachte mancher treuen Hand, die seine Lasten erleichtert, und manches befreundeten Herzens, das der Tod von dem seinen gelöst, und seine Seele war voll Wehmut, und er blickte gedankenvoll auf seine Enkel herab und dachte, wie sie noch am Eingang ständen des sturmbewegten Lebens, und wie die Zeit so kurz sei, durch die er sie noch zu leiten vermöchte. Und der Gedanke, daß sie noch nicht eins waren im Geist der Liebe, der Eintracht, beunruhigte sein Gemüt. Als er solches dachte und in tiefes ernstes Nachdenken versunken hinabschaute, fiel sein Blick auf einen nahegelegenen Weiher, in dessen Schilfrohr der Wind spielte und es in sanften Wellen bewegte. Es gemahnte ihn an die jugendliche Schar, die ihn umgab, und er erhob sein Antlitz und sprach: »Nicht umsonst, meine Kinder, wurde unser Fuß auf diesen Hügel geleitet! Seht das Rohr zu unsern Füßen, ist es nicht ein Bild eurer zarten, schutzbedürftigen Jugend? Leichtbewegt schwanken die seinen Stäbchen, sobald ein Windstoß darüber hinwegfährt. Sollte man nicht befürchten, daß er sie knicken werde, da die Natur ihnen in sich selbst so wenig Widerstand gab?« »Ich würde es glauben,« entgegnete einer der Knaben, »wenn ich nicht gesehen hätte, wie jenes zerbrechliche Rohr schon stärkere Stürme bestanden und dennoch unversehrt geblieben ist, wenige Stäbchen ausgenommen, die ich zerknickt am Ufer fand.« »Und warum mußten diese unterliegen?« fragte der Greis. »Sie standen allein und abgetrennt von den andern,« erwiderte jener, »darum konnte sich der Sturm ihrer bemächtigen. Dort aber, wo das Rohr dichter ist, stützt ein Stäbchen das andere, und wie der Wind sie auch gemeinschaftlich beugt, so kann er doch keines zerbrechen, weil das Ganze das Einzelne halt und dem Sturme Widerstand leistet.« »Und sollte uns nicht hierin eine geheime Lehre verborgen sein?« versetzte Leander. »Was ist es denn, was das Glück der Völker, das Wohl der Familien sichert? Ist es nicht, nächst dem höhern Schutz, der friedliche Verein einzelner Kräfte, das Band der Liebe und Eintracht, was ihm Dauer verleiht?« Da erröteten die Knaben, denn sie gedachten ihres Streites und ihres häufigen Unfriedens, und sie wagten ihre Blicke nicht zu erheben. Leander aber sah, was in ihrem Herzen vorging, und winkte einem, daß er eine Handvoll des Rohres herbeibringe; als aber solches geschehen, verteilte er es unter die Brüder und sprach: »Gedenket, wenn ich heimgegangen bin, gedenket mein beim Anblick des Rohres! Haltet zusammen, so wie der Schöpfer diese zarten Stäbe dicht aneinander gepflanzt hat! Vereint nur vermögt ihr die Stürme des Lebens zu bestehen, so wie es dieses Bild euch gelehrt hat. Und wenn einer sich lossagen will von dem brüderlichen Bunde, so erinnert euch des Rohres, das der Sturm geknickt hat. Dem vereinzelten Dasein drohen die Schläge des Geschickes doppelt Gefahr. Liebe und Eintracht aber sind die Stützen des Lebens, und im Unglück entfaltet sich zwiefach ihre himmlische Kraft.« Da wurden die Knaben ergriffen von den Worten des Greises und legten in seine Hand das Gelübde ab, zu tun, wie er sie durch dieses Gleichnis gelehrt hatte. Die Brautgabe Paulina, eine vornehme Römerin, besuchte einst Septimia, die Freundin ihrer Jugend, welche Unglück und Armut lange von ihr entfernt und geschieden hatte. Aber nicht das Band neu erwachten Gefühls war es, was sie zu ihr zog, mit eitler Hoffart betrat die an alle Genüsse des Lebens gewöhnte Frau die Schwelle des Gemachs, in dem Septimia beschäftigt war, köstliche Gewande zum Verkauf zu weben, denn sie war sehr arm und mußte von dem Fleiße ihrer Hände leben. »Septimia,« begann Paulina, »ich komme zu dir, um das Brautgewand meiner Töchter bei dir zu bestellen, denn ich habe sie beide verlobt und will, daß ihre Morgengabe köstlicher sei denn alles, was Eltern je zum Schmuck und Bedarf ihrer Töchter ersannen. Spare darum die köstlichsten Verzierungen nicht und bereite die Gewänder würdig unseres Standes und unseres Reichtums.« So sprach Paulina und fuhr mit eitler Beredsamkeit fort, Septimia von dem Wert ihrer Aussteuer zu erzählen und von den Schätzen an Gold, köstlichen Teppichen und zierlichen Geräten, die sie für ihre Töchter gesammelt habe. »Da gibst du deinen Töchtern wohl mehr, als sie bedürfen?« fragte bescheiden Septimia. »Mit nichten,« entgegnete Paulina. »Eine gute Erziehung bringt große Bedürfnisse mit sich, und ich will die Götter preisen, wenn ich sie durch meine Fürsorge wenigstens vor der Last drückender Entbehrung geschützt habe.« »Wenn dem also ist,« entgegnete sanft lächelnd Septimia, »so habe ich für meine Töchter eine noch reichere Aussteuer besorgt.« »Reicher,« rief hocherstaunt die stolze Römerin und warf einen fragenden Blick auf Septimia. »Willst du dich von der Wahrheit meiner Rede überzeugen,« sprach Septimia, »so folge mir in ihr Gemach. Ich will dir die Kleinode zeigen, deren Wert zehnmal mehr beträgt, als sie zu ihren Bedürfnissen nötig haben.« Und sie öffnete das Gemach. Da saßen drei einfach gekleidete Jungfrauen an ihren Webstühlen, und das Werk ihrer Hände war hell und lieblich anzusehen, gleich dem Glanz der Sonne und dem buntfarbigen Schmuck der Blumen, und ihre Wangen glänzten von Gesundheit und Heiterkeit. Als aber die Mutter mit der vornehmen Römerin hereintrat, standen sie auf und verneigten sich ehrerbietig vor den Frauen. Und Septimia führte ihre Töchter zu Paulina und sprach: »Siehe, Paulina, das Kleinod, das ich meine, ist der Fleiß dieser Hände. Mögen die Götter die Aussteuer deiner Töchter ihnen ebenso zum Heile gedeihen lassen, wie ich mir von meiner Sorgfalt süße Früchte versprechen darf! Siehe, diese haben mehr, als zu der Freude des Lebens erforderlich ist, denn ihre Bedürfnisse sind gering und Fleiß und Geschicklichkeit überall gesucht. Darum wird auch der Mann nicht klagen, dessen Wahl sie einst trifft. Ihre Brautgabe ist sicherer denn Gold, darum gilt ihr Wert in den Augen des edlen Mannes wohl eben so viel wie die Perlen des Orients.« So sprach Septimia. Die Töchter aber schlugen die Augen nieder und erröteten sehr, denn sie hatten die Mutter zum ersten Male über den Wert ihres frommen Fleißes sprechen gehört. Die beiden Maler Ein Maler, der mit seinem Schüler von einem Hügel herniedergestiegen war, von wo aus er ein reizendes Tal aufgenommen hatte, bemerkte, als er nun dieses betreten und eine Weile darin fortgegangen war, einen jungen Mann, der ebenfalls damit beschäftigt war, eine Landschaft zu entwerfen. Freundlich grüßend nahte er dem Fremden, betrachtete seine Zeichnung und entdeckte, daß es jener von ihm verlassene Hügel sei, welchen der junge Maler für sein Bild auserwählt hatte. – Als er nun die Zeichnung mit der Natur immer sorgsamer verglich, bemerkte er, daß diese Anhöhe in einiger Entfernung wegen der verschiedenartigen Laubhölzer, die sie bedeckten, und einer schönen Ruine einen überaus malerischen Anblick gewährte und ein wenigstens ebenso dankbarer Gegenstand für den Maler sei, wie das Tal, welches er von droben aus aufgenommen hatte. »Seltsam,« begann der Schüler, der ebenfalls in das Bild geschaut, zu seinem Meister, »du warst mit mir so oft auf jenem Hügel, und niemals kam dir der Gedanke, ihn zu malen. Immer waren deine Blicke in das Tal gewendet, bis daß du das Gemälde gefertigt, und doch ist das Tal, da wir es jetzt durchwandern, bei weitem nicht so herrlich und schön, wie es dort oben uns erschien!« »Ihr habt dieses Tal aufgenommen?« fragte der Fremde, zu dem Maler gewendet. »Dürften diese Sümpfe und diese regellos zerstreuten armseligen Hütten Euch einen Gegenstand bieten, der Eures Pinsels würdig wäre?« »Sehet selbst,« sprach der Maler, indem er sein Gemälde auseinanderrollte. Mit Erstaunen übersah der andere das köstliche Bild. Von der dunklen Farbe des Vordergrundes gehoben, breitete sich das Tal wie ein holdes Frühlingsgefilde voll Sonnenschein und Frieden in allen seinen romantischen Abwechslungen vor seinen entzückten Blicken aus. Gleich Kristallspiegeln glänzten die fernen Sümpfe aus dem Grün lachender Wiesen hervor und trugen, wie manches andere, was in der Nähe das Auge unangenehm berührte, nur dazu bei, die Schönheit des Ganzen zu heben. »Ich sehe, daß Ihr recht hattet, Euren Fleiß an dieses Bild zu wagen,« entgegnete der fremde Jüngling überrascht; »ich war nie auf jenem Hügel und ahnte nicht, daß dieses Tal einen so reizenden Anblick gewährt.« »Wir waren demnach in derselben Lage,« erwiderte der Maler, »und aufs neue finde ich die Behauptung bestätigt, daß der Künstler überall einer gewissen Sehweite bedarf, um für die Gegenstände des Lebens eine reine Begeisterung zu empfangen. Was uns allzunah liegt, wird uns seltener zur Darstellung reizen, als das Entfernte, Halbenthüllte, welches in dem magischen Schleier, in dem es unsern Blicken begegnet, unsere Phantasie entflammt. Selten erträgt das Schöne den prüfenden Blick des Näherbeschauens, und es ist fast immer nur die Ahnung desselben, die des Künstlers Seele erwärmt und seine lieblichsten Bilder erweckt.« »Mich dünkt, Eure Bemerkung gelte nicht allein dem Künstler,« entgegnete der Jüngling. »Ich ahne eine allgemeine Wahrheit in diesen Worten. Gleicht nicht des Menschen Treiben fast überall dem unsern? Und ist es nicht immer das Entfernte, Ungekannte, was unsere Wünsche, unsere Sehnsucht entflammt und in so hellem Lichte unserer Seele erscheint, daß wir nicht selten gegen das, was wir besitzen, ungerecht werden und uns überreden, es gebe ein vollkommenes Glück in den Grenzen der Erde? Ja, wie Ihr entzückt zur Tiefe und ich bewundernd zur Höhe geschaut, so sind die Menschen in ihren verschiedenen Verhältnissen zueinander. Jeder sieht nur das Liebliche des Bildes, dem er fernsteht, während kein Dorn seiner näheren Umgebung seinen Blicken entgeht. Darum der unbefriedigten Wünsche zahllose Schar und das weit hinaus greifende Verlangen!« »Ihr habt früh das Leben erfaßt,« entgegnete der altere Maler, und nachdem er mit ernstem Blick dem Jüngling die Hand gedrückt, schritt er nachdenkend weiter den Pfad in das Tal hinab. Der Licht-Aufgang Albano saß am Gestade des Meeres, sein Haupt an die Felsen gelehnt. Still und einsam war der Platz, den er vor allem liebte; denn seine Seele war betrübt, und er floh die Freuden des Lebens. Langsam ging die Sonne hinab und senkte ihr rötliches Antlitz in die schimmernde Flut. Da verhüllte Albano sein Gesicht und rief: »Wehe mir, so sinkt auch mir des Daseins freundlichste Sonne in Nacht und Grab! Treulose Idala, war nicht dein Blick die Leuchte meines Lebens? Warum verstößt du in die Nacht banger Schwermut das Herz, das dich liebte wie keines auf Erden?« Jetzt blitzte noch einmal der erlöschende Strahl der Sonne empor. Leise zitterte auf den Wellen der Widerschein des scheidenden Lichts, doch bald verdämmerte er in die Farbe der Nacht, so daß jede Spur des glänzenden Lebens verschwand. »Welche schnelle Veränderung!« seufzte Albano. »Ach, nur zu bald sind die Bilder des Lebens entzaubert, wenn das Licht versinkt, das ihnen die Farbe lieh! Welche Totenstille umher! So schweigt es in den Tempeln, aus denen die Götter entflohen.« Kalt wehte der Wind von dem Meere herüber, und bleiche Dünste ballten sich im Zwielicht zu abenteuerlichen Formen zusammen und wallten einher wie die Geister der Nacht. Da kam ein heftiger Schauer über Albano, und er blickte düster um sich und sprach: »Seid ihr auch schon da, ihr Unholde der alten Nacht, du Unmut und Furcht, und du unseliges Mißtrauen? Ha, wie es Tag war, da kannte mein Herz euer schwarzes Gefolge nicht und ich verspottete eure Gewalt. Aber nun kommt ihr, um euch an mir zu rächen, denn das Herz, das die Liebe flieht, fällt euch ohne Rettung anheim!« So sprach Albano am Gestade des Meeres, und sein Auge war düsterer als der finstere Schleier der Nacht und sein Herz unruhiger denn die Wogen des Meeres. Endlich gingen die Sterne hinter den Wolken hervor und blickten freundlich herab und beleuchteten die Wellen, und sie stiegen auf und nieder in milder Verklarung. Langsam verzog sich der Nebel, von den wehenden Lüften verjagt, endlich rollte der letzte Vorhang empor, und der Sternendom strahlte in seiner ruhigen Majestät zur Erde hernieder. Immer unbedeutender wurde die Gestalt der Erde, je mehr sich die glänzende Höhe entfaltete; immer tiefer versank der Aufenthalt irdischer Schmerzen vor dem Anblick des unermeßlichen Sternenraumes. Da wurde es stiller in Albanos Herz, und seine Klage erstarb. Nachdenkend verweilte sein Blick auf den rollenden Globen, und eine tröstende Hoffnung kam in des Verlassenen Seele. Mit leiser Reue gedachte er seines leidenschaftlichen Strebens nach vergänglichem Gut und erkannte die Nichtigkeit jedes irdischen Wunsches für die Spanne Zeit, die wir das Leben nennen, und die doch beim Anblick des Unermeßlichen gleich einem flüchtigen Augenblick erscheint. »Nein,« rief er, »ich will nicht mehr trauern! Diese Sterne lehren mich eine neue Freudigkeit! So gewiß dieser unendliche Raum ein Reich des wirksamsten Lebens ist, so gewiß wird dort die Liebe ihren Tempel und das Herz sein Vaterland finden!« * So sprach Albano, und eine selige Ruhe kam über ihn. Immer leiser brachen sich die Wellen an dem Felsufer, immer schmeichelnder umspielte ihn die säuselnde Luft; er schlief ein. Da trat im Traum ein hoher Engel zu ihm, der betrachtete ihn mit freundlichen Augen, und sein Angesicht war hell und leuchtend wie die Sonne, und er sprach zu Albano: »Siehe, ich bin's, der dich emporführt in die Räume des Lebens! Willst du dich mir, der himmlischen Liebe weihen?« Da breitete Albano seine Arme aus und rief: »O du heiliger Bote des Lichtes, was soll ich tun, mich deiner Huld zu versichern?« Da sprach der Engel: »Werde der Sonne ähnlich, liebe, beglücke wie sie!« * Da erwachte Albano; noch bebte in seinem Herzen die Seligkeit des Traumes nach, noch sah er den Lichtglanz der himmlischen Erscheinung vor seiner Seele. Freudig erhob er seinen Blick dem erwachenden Tage entgegen. Eben stieg die Sonne in voller Pracht hinter dem Felsen empor. Majestätisch erhob sich ihr Angesicht, die Bahn ihres Wirkens überschauend. Licht und Freude verkündete ihre beglückende Ankunft. Aber Albano stand auf von dem nächtlichen Lager und sank auf sein Angesicht und betete an. Und der Aufgang der Sonne wurde für ihn der Aufgang eines neuen Lebens, denn die höhere Liebe erwachte in seiner Seele. Und er ging hinab in das Land und forschte nach den Tränen des Jammers und übte fromme Taten der Milde, der himmlischen Huld. Und die Menschheit wurde fortan seine Liebe – und seine Hoffnung die schöne Verheißung des Engels. Die Feierstunden Ein Vater gedachte auszugehen und rief seine Kinder zusammen, um einem jeden seine Arbeit zuzuteilen. Einige hatten zu schreiben, die andern ein frommes Lied zu lernen, alle aber bekamen ihre Aufgabe und zugleich die Erlaubnis des Vaters, sobald sie ihre Arbeit vollbracht, im Garten zu spielen, bis daß er zurückkehren würde. Als nun der Vater alles aufs Beste geordnet, ermahnte er sie noch einmal zum Fleiß und begab sich hinaus auf die Felder. Das Zimmer der Kinder aber stieß an den Garten, und die jüngeren blickten hinaus und sahen den schönen Sonnenschein und die goldenen Schmetterlinge, die über die Blumenbeete dahingaukelten, und die bunten Bilder verlockten ihr Herz, und sie sprachen untereinander: »Wäre es nicht gleich, wenn wir lieber zuerst unser Spiel trieben und sodann an die Arbeit gingen? Dort draußen ist es so hell und hier so eng und so düster!« »Habt ihr nicht vernommen,« entgegnete der ältere, »wie der Vater gesagt: erst die Arbeit, dann das Spiel?« »Ei,« versetzten jene, »wird nur beides getan, so kommt es wohl nicht darauf an, welches zuerst oder zuletzt geschieht.« Mit diesen Worten warfen sie ihre Bücher zur Seite und hüpften leichten Sinnes hinaus in den Garten. Die älteren blickten ihnen nach in die lockende Freiheit, aber sie ließen sich nicht beirren und arbeiteten fort; still und schweigsam, wie es der Vater befohlen. Draußen stand die Sonne noch hoch, und die Luft war schwül. Die Kinder aber achteten der Hitze nicht und sprangen in wilder Jagd hinter den Schmetterlingen her und trieben allerhand unbändige Spiele und geberdeten sich wie eine zügellose Schar. Als nun die älteren ihre Arbeit beendet hatten und sich zu den jüngeren in den Garten begaben, um sie an ihre Pflicht zu ermahnen, gedachten diese voll Schrecken ihrer Aufgaben. Des Vaters Strenge eingedenk, begaben sie sich ohne Widerrede in das Zimmer zurück; als sie aber die Bücher ergriffen, siehe, da vermochten sie weder zu lesen noch zu schreiben, denn sie waren allesamt erhitzt und erschöpft, und die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Dabei wurde es dunkler und dunkler im Zimmer, sie traten ans Fenster, aber ach, während sie trauernd hinaussahen, wanderten die glücklichen Geschwister in dem kühlen Schatten umher, die Blumen gießend und sich erquickend an dem linden herrlichen Abend. Vor Unmut weinend, daß sie die schöne Feierstunde verscherzt, griffen sie wieder zu den Büchern, aber sie vermochten ihre Gedanken nicht mehr zu sammeln und irrten eines wie das andere voll Furcht und Unruhe im Zimmer umher. Als nun der Vater zurückkam und die verlegenen Gesichter der Kinder sah und wie sich das eine hinter dem andern verbarg, berief er die ältesten und fragte: »Was ist hier geschehen?« Da erfuhr er, was sich begeben und wie jene zuerst gespielt und sodann zur Arbeit gegangen. »Und wo sind die Arbeiten?« fragte der Vater. Da rief einer der jüngern unter Weinen: »Vergib uns, Vater, wir waren erhitzt und zerstreut und vermochten nichts zu vollbringen, denn wir sahen die Freuden der andern!« »Ihr Unfolgsamen!« zürnte der Vater. »Habe ich euch nicht gesagt: nur nach getaner Pflicht ziemt dem Menschen Erholung? Warum wolltet ihr diese Ordnung verkehren? Seht, jede Uebertretung straft sich von selbst, die Fleißigen genießen Erquickung und innere Zufriedenheit, so ihr aber verlangtet den Genuß vorher, und blieb euch nichts als die Arbeit samt der Unlust zurück!« Mit diesen Worten führte er die Kinder zu den Büchern, sie aber gelobten sich heimlich, nie wieder einen Feierabend im voraus zu begehren.       »Die Schwingen des Lebens«, eine sorgsam bearbeitete Auswahl aus den Parabeln von Agnes Franz, erscheinen als drittes Buch der Reihe Angebinde. Literarische Leitung von Theodor Etzel. / Die Scherenschnitte zum Titelbild und Umschlag entwarf Maria Juß./ Druck und Bildbearbeitung von Otto Weber, Heilbronn am Neckar.