Anne-Susanne Joseph von Lauff Anne-Susanne 1 Der Nebel kroch mit weichen, lautlosen Tatzen über die Spellner Heide bei Wesel. Die Batterien, die sich in den mageren, mahlenden Sand über Manneshöhe eingefressen hatten, waren kaum voneinander zu unterscheiden. Nur die gelben Messingknöpfe vereinzelter Kugelhelme tauchen hier und da auf. Regungslos stehn sie in dem ziehenden Schwaden, verschwinden, um wieder mit stumpfem Leuchten in die Erscheinung zu treten. Es mochte auf sechs gehn. Alles ist schußbereit. Das westfälische Fußartillerie-Regiment Nr. 7 hat heute kriegsmäßiges Schießen. Hinter den Batterien, kaum tausend Schritt von der ersten Staffel entfernt, träumt das Lager noch zwischen seinen gekappten Akazien. Nichts ist zu sehen. Alles ist mit weißen Wattebauschen umkleidet. Vor den Geschützen das ewige Ziehen von Straminfäden und eisgrauen Tüchern ... ein mächtiges, undurchdringliches Chaos. Die Ringkanonen und Bronzegeschütze gähnen ins Leere, ins Nichts, in das gespenstische Treiben eines Hexenkessels. Kein Polygon erscheint, keine Ziele werden sichtbar; überall das brodelnde, gleichmäßige Weben und Fließen, in dem die Geräusche wie auf Baumwollsocken einhergehen. Dann ferner Galoppschlag. Dumpf und hohl klingt er auf dem Heideboden. Wie Schemen sprengen die Reiter durch den fadigen Dunst. Sie kommen vom Lager und nehmen Richtung auf den rechten Flügel der Stellung. Eine silberne Schärpe leuchtet undeutlich auf. Der Regimentsstab ist in die erste Staffel geritten. Noch immer keine Fernsicht! Der Wind liegt wie ein Hund am Boden. In dem taufrischen Heidekraut ist nicht die geringste Bewegung. Plötzlich hebt er sich auf. Er schnuppert. Er weiß noch nicht recht, wohin er sich wenden soll. Bald hierhin, bald dorthin. Dann streicht er leise nach Westen ab. Die dritte Batterie vom rechten Flügel wird von Hauptmann Liese befehligt, von den Kanonieren allgemein ›unser Lieschen‹ geheißen – ein gerader Mann, scharf, aber gerecht und mit Augen, die an die stille Herzensgüte eines Kindes erinnern. Den ausgezogenen Krimstecher auf der Brust, die Hände in den Manteltaschen vergraben, sucht er vor sich Terrain zu gewinnen. Seine scharfen Blicke bleiben im Nebel hängen, nisten sich ein und kommen nicht weiter. »Denn nicht,« sagt er still vor sich hin, verläßt den Beobachtungsstand und geht die nicht traversierte Batterie ab. Sechs eiserne Mörser auf Reihe! Wie dickleibige Ungetüme mit offenem Rachen kauern sie hinter den aufgetürmten Schanzkörben, jeden Augenblick fertig, ihre scharfgeladenen Bomben ins Vorgelände zu werfen. Der Hauptmann lächelt; er ist zufrieden und sucht wieder den Beobachtungsstand auf. Der Wind wird stärker. Aus der nahegelegenen Kiefernschonung kommt ein verhaltenes Rauschen herüber. Im Heidekraut beginnt es zu knistern wie in brennendem Reisig. »Gefreiter Verheyen!« Am zweiten Geschütz reckt sich ein junger Mann – schnittig und sehnig, das blonde, leichtgekräuselte Bärtchen keck nach oben gezwirbelt – und nimmt die Hacken zusammen. »Herr Hauptmann!« »Woher kommt der Wind?« Der angefeuchtete Zeigefinger des Gefreiten fährt in die Höhe. »Von Osten, Herr Hauptmann.« »Danke.« Die Kiefernschonung wird lauter. Feine Sandkörner stieben über die Brustwehr. Streifen abgerissenen Nebels gleiten vorüber. Große Fetzen werden aus den grauweißen Tüchern gesäbelt. Vor der Front ist ein Flattern und Fliegen. Ein Stück tiefblauen Himmels blitzt auf. Noch hängt die Sonne kränklich am Himmel, aufgedunsen, ohne Glanz und Leben. Dann kommt Farbe hinein. Die Spitzen des Polygons treten in Sicht. Die scharfen Profilierungen des Werkes schieben sich vor; Glacis und Wallgang erscheinen. Noch ein letztes Kämpfen und Ringen – und wie von einer Riesenhand gekämmt, werden die Wattebausche beiseite geschoben. Die stille Heide rollt sich auf in ihrem Spätsommerschmuck – purpurn – ein flammender Blütenrausch ohne Anfang und Ende. Wie gelbe, langgestreckte Maden liegen die Ziele in diesem prächtigen, purpurfarbigen Teppich. Gottes Sonne flutet darüber hin und weckt auf den Kugelhelmen ein Blitzen und Leuchten. ›Unser Lieschen‹ atmet auf. »Na – endlich!« Er macht sich lang und hebt den Krimstecher. Seinetwegen kann es losgehn. Für seine Kanoniere auch. Heute gilt's! – es ist kriegsmäßiges Schießen. Aller Augen sind auf den Hauptmann gerichtet. In diesem Augenblick geht die Regimentsflagge hoch. Die anderen folgen. Wie ziegelrote, scharfumrandete Flecke stehen sie in dem ehernen Himmel. Dann ein scharfes Signal, schmetternd und hell wie Pferdegewieher: »Mit Granaten geladen! Vom rechten Flügel langsames Feuer!« »Bum–m–m!« Die erste Ringkanone rüttelte sich, machte einen tiefen Diener, schlug mit dem Bodenstück gegen das Lager der Richtmaschine und rasselte in ihre vorige Stellung zurück. Wie dumpfes Stiergebrüll ging ihr Ruf über die Heide. Der Boden zitterte, und zwischen den Schanzkörben war ein Rieseln und Rinnen. Geschütz und Bedienung standen in einem zähen Pulverrauchmantel, aber in diesem Mantel war ein Singen und Klingen. Mit einem feinen Vogelgezwitscher schnitt sich die Granate durch die flimmernde Luft. Am tiefen Horizont ein rauchschwaches Wölkchen! – Dann ein Krachen und Brechen! – Das Geschoß hatte seine Arbeit geleistet. »Zweites Geschütz, Feuer!« Wieder das Stiergebrüll, das Rasseln und Singen, und dann rollte es auf der ganzen Linie, betäubend und doch von straffen Händen geleitet. All diese stählernen, bronzenen und eisernen Tiere waren gierig geworden. Die schwere Artillerie machte Musik, eine Musik, die das Herz höher schlagen läßt und die Augen blanker macht. Die Scheiben im Barackenlager klirrten davon. Bis weit über den Rhein und die Lippe fort hörten es die drüben im Lande. Die Batterie Liese hielt das Ziel II unter Feuer. Wie wilde Hunde belferten die eisernen Mörser – kurz, gellend und die Ohren zerreißend. Bombe um Bombe, den feinen Rauch des brennenden Säulenzünders hinter sich herziehend, steilte sich auf, um dann mit hohem Bogen und scharfem Einfallwinkel in die lange, gelbe Linie am tiefblauen Waldrand zu schlagen. Unentwegt, den Krimstecher am Auge, stand ›Lieschen‹ auf Posten. Dann ging er mit der Ladung zurück. Wieder kläfften die eisernen Hunde. Der Hauptmann schmunzelte. Das zweite Geschütz machte unter seinem Führer, dem Gefreiten Verheyen, abermals Dampf auf. »Ting!« rief der Mörser, und dann ein Turteln und Einschlagen. »Bravo, das zweite Geschütz!« Der Batteriechef ließ das Glas herunter. Die Pulverkammer der Zielbatterie war in die Luft geflogen. Eine schwarze, kompakte Rauchwolke strebte gen Himmel. »Gratuliere, Verheyen!« Der also Geehrte warf sich in die Brust, ließ wieder richten und summelte zwischen den Zähnen: »Wo immer der eiserne Mörser kracht – Nehmt euch vor dem schwarzen Kragen in acht.« Sein Herz pochte unter dem mit Pulverschleim überzogenen Kittel. Stunde um Stunde verrann. Langsames Feuer wechselte mit stärkerem und Schnellfeuer ab. Hin und wieder war eine Salve dazwischen. Die Sonne stand fast scheitelrecht über der zitterigen, flimmernden Landschaft. Rings von violblauen Rändern umschlossen, lag die weite Ebene wie unter dem Zauber von blutenden Rosen. Das Heidekraut schwelgte in seinem Hochzeitskleid, und jede Blüte wandte sich der heißen Sonne entgegen. Manche verhauchte unter dem polternden Hufschlag und dem Granatfeuer. Adjutanten sprengten ab und zu und brachten neue Befehle. Und wieder war eine Stunde vergangen. Überall rauchgeschwärzte Gesichter. Der Schweiß perlte von den Stirnen herunter, rann über die Wangen und verfing sich in den angelaufenen Schuppenketten. Dampf und Qualm! – plötzlich durchschnitten von einem neuen Signal: »Jede Batterie feuert für sich! Feuer konzentrieren gegen den Hauptwall!« Erst Totenstille. Dann erneute sich das taktmäßige Heulen der Flachbahngeschütze und das helle, infernalische, kurzabgebrochene Tinken der Mörser. Der Wind flaute ab, kroch zurück, lag wieder am Boden. Die Hitze stopfte die Pulverwolken in die Stellungen hinein. Kaum war noch eine Hand vor Augen zu sehen. »Erstes Geschütz, Feuer!« Das Kommando kam aus der Batterie Liese. Die letzte Lage sollte durchchargiert werden. Der Mörser sprang auf – ein Blitzen, ein Krachen ... Dann aber, als wäre die letzte Stunde gekommen, fiel eine Rauch- und Feuersäule über die Bedienungsmannschaft her. Eine Sandmasse folgte, begleitet von einem Brechen und Klingen. »Himmel, Gewitter noch mal! – Was los ...?!« Entsetzte Gesichter ... Es war etwas passiert. Anstatt ihren Steilflug über die Brustwehr zu nehmen, war die Bombe des ersten Geschützes, und zwar durch Herausspringen der Nichtkeile, gegen die federnden Schanzkörbe der Bekleidung geschlagen. Von hier aus klirrte sie mit einem nervenerschütternden Schrei in den stahlblauen Himmel gerade hinein, senkrecht, wie an der Lotschnur kletternd, das feine Sausen und Zirpen des brennenden Zünders hinter sich lassend. Schnurgerade stieg der Tod in den Himmel, senkrecht mußte er wieder herunter, während die anderen Batterien ahnungslos ihre Granaten und Schrapnells versandten. Das Unglück hing über den Leuten. Das sah der Hauptmann. »Nieder!« Das Kommando streckte die erbleichte Mannschaft wie gemäht auf den Boden. Hier konnte nur der Zufall retten und helfen. Zwei Sekunden, drei Sekunden ... Über den Mörsern war ein Knattern und Heulen, dann ein haltloses Stürzen. Mit dumpfem Ton war die Bombe zwischen die Geschützstände getaumelt. Der Tod neben der Mannschaft! – Der Zünder zischte wie ein giftiges Reptil. Ultima ratio ... ! – Der Führer des zweiten Geschützes, Gefreiter Verheyen, sprang auf ... packte zu ... und mit verzweifelter Kraft warf er das eiserne Tier, die Todbringerin, über die Brustwehr. Sein Atem stürmte. Zwei Sekunden später – und er wäre eine einzige blutige Masse gewesen. Jenseits der Brustwehr, im Graben, zerplatzte die Bombe. Ein Aufatmen wie nach einer himmlischen Botschaft! Der Tod war vorübergegangen. Als der Rauch sich verzog, stand der Batteriechef neben Verheyen. Er hielt die Hand des Gefreiten und drückte sie. »Bravo, Verheyen.« Seine Stimme zitterte. Gleich darauf schmetterte es vom rechten Flügel der Stellung her: »Das Ganze halt!« Die Flaggen senkten sich. Das kriegsmäßige Schießen war für heute beendet. – Eine Stunde nachher erging an sämtliche Batterien der Befehl: »Heute nachmittag fünf Uhr hat das Regiment mit eingestellten Spielleuten und Burschen, rechts und links zum Kreise formiert, Aufstellung vor der Stabsbaracke zu nehmen. Anzug: Paradeanzug.« Dann Mittagsstille und Ruhe! Nur die Kugelakazien zwischen den Lagergassen rauschten leise im Wind. Unbewegliche Wolkenballen, rosig übermalt und blankgescheuert wie kupferne Kessel, grenzten den tiefen Horizont ab. Unter ihnen träumte der Schießplatz, eingebettet zwischen Ginsterbüschen und Erika und eingeduselt von dem monotonen Schleifen und Wetzen unzähliger Grillen. Es schien, als habe die jetzt so friedliche Heide nie in ihrem Leben Granatfeuer gespürt und Pulver gerochen – so still atmete sie, so bräutlich war sie geschmückt und so feierlich stieg von ihrer Brust eine jubelnde Lerche in den Abendhimmel hinein. Von Spelln tönte das dünne und spitze Stimmchen einer Turmuhr herüber. Das Regiment stand in der befohlenen Stellung, in weißem Lederzeug und mit heruntergelassenen Schuppenketten. »Still gestanden!« Mit dem Schlage fünf trat der Oberst, von seinem Adjutanten begleitet, in den geschlossenen Ring. In der Mitte hielt er den Fuß an. »Gefreiter Verheyen!« »Hier!« »Vortreten!« Der Angerufene sprang vor, dicht vor den Regimentskommandeur. Ein blaues, offenes Auge blitzte in das des Obersten. »Woher sind Sie, Verheyen?« »Aus Calkar am Niederrhein.« »Dasselbe Calkar, wo General Seydlitz geboren wurde?« »Zu Befehl, Herr Oberst.« »Na, drum auch,« und der Blick des Kommandeurs lief die Kugelhelme entlang, die ihn in schmucker Kreislinie umstanden. »Artilleristen!« also klang seine helle, kurzabgerissene Stimme über das abendliche Heideland. »Der Soldat kennt keine Gefahr. Wo es auch sein mag, im Krieg oder im Frieden, zu Wasser oder zu Land, stets hat er ihr ins Auge zu sehn und ihr mannhaft zu begegnen, selbst unter Hintansetzung seines eigenen Lebens. Das ist heute geschehn. Einer der Euern hat im entscheidenden Augenblick Bravour und Entschlossenheit gezeigt und auf diese Weise das Leben vieler seiner Kameraden gerettet. Wie hier, so wird er auch auf dem Schlachtfelde handeln. Solche Artilleristen kann der König gebrauchen. Dessen zur Ehrung ernenne ich ihn zum Obergefreiten. Das weitere findet sich noch. Darüber wird der oberste Kriegsherr entscheiden. Ich gratuliere, Verheyen.« Mit einem kurzen Ruck schnellte die rechte Hand an den Helmschirm. Das Regiment war entlassen. – Die Batterie Liese steckte sich an diesem Abend frischgrüne Eichenbrüche an die Mützen, setzte sich mit propern Drillichjacken unter die Akazien ihrer Baracke und ließ mit behaglichem Schmunzeln ein Fäßchen Freibier über sich ergehen, das der neue Obergefreite spendiert hatte. Alle belobten ihn, alle traten mit geschmalzten Haarfechsen und blankgewichsten Stiefeln an ihn heran und ließen ihr Glas gegen das seinige klingen. »Allerhand Achtung, Hermann!« »Hermann, das hast du nobel gemacht!« »Hermann, 'nen Ganzen!« »Da kann sich einer ein Muster daran nehmen!« »Richtig!« konstatierte eine langsame Stimme, und eine Enaksgestalt hielt ihm das Glas hin, eine Enaksgestalt mit einem gutmütigen, breiten Gesicht, als wäre es aus einem Hohlspiegel auf die Drillichjacke gepurzelt. Der freundliche Mund, in dessen linker Ecke ein Zigarrenstummel klebte, war wie ein Gummipfropfen auseinandergezogen. Darüber saß eine putzige Nase, wie aus einer kleinen Kartoffel gedrechselt, gehoben durch ein brandrotes Schnurrbärtchen, und die mit Sommersprenkeln austapezierte Hand, die sich jetzt schwer und wuchtig auf den Arm des neuen Obergefreiten legte, war mit ebensolchen brandroten Härchen besetzt, von denen jedes mit einem perlenden Schweißtröpfchen aufwarten konnte. »Thyß Jansen will reden,« lachte der Batterieschreiber herüber. »Tu' ich, jawoll,« versetzte Thyß Jansen, »denn Hermann und ich haben auf derselben Schulbank gesessen. Was, Hermann?« und dann sprach er so recht tief aus der frischgewaschenen und nach grüner Seife duftenden Drillichjacke heraus: »Hermann, ich freue mir kolosal, daß du als mein näherer heimatlicher Landsmann so mächtig nobilistert worden bist – Außerdem tu' ich's in die Heimat vermelden, daß unsere Landsmänner 'nen richtigen Begriff von deiner barbarischen Forsche bekommen. Hermann, es gilt.« Der Obergefreite tat ihm Bescheid, zwirbelte sein Bärtchen, sprang auf den nächsten Schemel und rief mit erhobenem Seidel über die Köpfe der Kameraden fort: »Auf das, was wir lieben. Die Batterie Liese soll leben!« Und »Hoch!« ging das in heller Begeisterung durch die Reihen der jungen Vaterlandsverteidiger, »und nochmals hoch und zum dritten Male hoch!« – und Hermann winkte allen zu und bestellte ein neues Fäßchen aus der Kantine. – Die Sterne hingen längst mit sanftem Blinzeln am Himmel. In den Baracken waren die Petroleumlampen erloschen. Die letzten Klänge der Retraite irrten noch wie zerfaserte Bänder über die stille, endlose Heide. Dann verhallten auch diese. Kaum hörbar gingen die Schritte der aufgezogenen Posten durch die mit Mondschein angefüllten Lagergassen. Der Sand unter ihren Füßen zwitscherte wie halbflügge Meisen – bald näher, bald ferner, um stärker und leiser zu werden. Im westlichen Giebelfenster der fünften Baracke war noch Licht. Hier saß Thyß Jansen unter dem Schein einer tiefhängenden Schirmlampe, eifrigst damit beschäftigt, die letzten Zeilen eines in harter Arbeit niedergelegten Briefes zu Papier zu bringen. Am ihn war harmonisches Schnarchen, bald schüchtern und mit dem feingesponnenen Ton einer sanftangestrichenen G-Saite, bald mit dem sonoren Klang eines kräftigen Bombardons, das mit ungeschmälerter Kraft durch die schnurgeraden Bettreihen lärmte. Hierdurch ließ sich Thyß Jansen keineswegs beirren. Mit ungelenker Hand und die Zungenspitze in die linke Mundecke geschoben, setzte er die Buchstaben nebeneinander, tunkte er ein, schraubte er von Zeit zu Zeit den qualmenden Docht höher, um mit einem tiefen Seufzer die Feder beiseite zu legen und das Geschriebene nochmals zu überdenken. Dann las er: »Vielgeliebde Eldern! Ich thu Euch pflichtschuldigst zu wissen, daß ich mir auf Posten befinde, aber nicht in voller Mondur, sondern man blos in 'ner Drillingjacke und vor 'nem Bogen Postbabier. Aber ich nehm mir das Briefschreiben auch als Postenstehen an, weil es nachtschlafende Zeit ist und ich gewissermaßen mit 'ner Briefschreibfeder herumbadrulliere. Es is nicht for mir, daß ich solches vermelde, sondern es is for Hermann Verheyen, daß ich damit an das allsehende Goddeslicht rücke. Vielgeliebde Eltern, wenn Ihr mal wieder 'ne schöne Schlackwurst besitzet, so laßt es mir wissen, denn wir Artolleristen können so was immer gebrauchen. Hermann Verheyen nämlich ist heute ein richtiger Artollerieheld geworden, indem er, wie unser allergnädigster Herr Oberst gesagt hat, unter Wegschmeißung seines eigenen Lebens die ganze Batterie vom Tode erlöst hat. Vergeßt aber nicht bei Übersendung der Schlackwurst eigene Angelegenheit des Empfängers zu setzen. Und daher mußten wir in voller Mondur antreten, das heißt in kumplettem Lederzeug und die Schuppenkedden herunter, und da hat ihn unser allergnädigster Herr Oberst zum Obergefreiten erhoben und auch durchleuchten lassen, daß da noch was Schöneres nachkommen thäte. Das aber wäre Sache des obersten Landesvaters. Möglich, daß solches der Schwarzweiße Adlerorden bedeutet, was das glorreichste Zeichen ist, was wir in Breußen besitzen. Vielgeliebte Eldern, es können auch drei Schlackwürste sein, wenn es Euch nicht zu viel Mühe bereitet, aber unsere Batterie Liese befindet sich in einem erhabenen Zustand. Und daher thue ich Euch nochmals pflichtschuldigst zu wissen, daß Ihr überall vermelden sollt, was wir aus Calkar am Niederrhein for 'nen berühmten Artolleristen besitzen – und dieser benennt sich Hermann Verheyen. Solches wird seine Familie erfreuen, denn er hat sich kolosal in Schwung gebracht und uns alle mit sogenannten sauren Lorbeerblättern umkleidet. Vermeldet auch solches an Fräulein Anna Pulcher, denn sie ist ihm in Liebe unterthänig und kann sich an seine männliche Forschheit erfreuen. Auch die übrigen Landsmänner müssen es wissen, denn solche Heldenthaten hat nur noch unser General Seydlitz, der in Calkar verposamentiert ist, verunstaltet. Vielgeliebde Eldern – und nu lebt wohl, denn nu habe ich alles genau und wie es sich zugetragen hat zu nachtschlafender Zeit, und auf Posten ohne volle Mondur niedergeschrieben. So nehme ich denn hiermit meinen gehorsamsten Abtritt, indem ich in der Hoffnung verbleibe, daß Ihr mir fünf oder sechs Schlackwürste zuweisen werdet, um meine Nothdurft zu fröhnen. Es kann auch eine mittlere Speckseite dabei sein. Hiermit beschließe ich meinen Postbrief und unterfertige mich pflichtschuldigst als Euer theurer und wohlgerathener Sohn Thyß Jansen, nunmehriger Kanonier im westfälischen Fuß- Artollerie-Regiment Nummer 7, stationisiert im Schießlager Spelln bei die Festung Wesel am Rhein. Nochmals meinen gehorsamsten Ausdruck. Denkt aber an Anna Pulcher, besonders von wegen Hermann Verheyen. Thyß Jansen.« Damit klebte er zu und schrieb die Adresse. Thyß Jansen war fertig. Nebenan träumte Hermann Verheyen unter seiner blau- und weißgewürfelten Decke. Seine Seele spannte die Flügel und flog in die Heimat. Dabei sang sie aus dem blauen Himmel herunter: »Zweierlei Tücher, Schnurrbart und Sterne Lieben die Mädchen Alle so gerne. Warum? Ei dar–um ...« Inzwischen war auch der Briefschreiber auf den Strohsack gekrochen, steckte den Kopf vor und sah dann, wie die Hängelampe noch einmal aufzuckte und hierauf mit einem dünnäsigen Seufzer die Augen zumachte. Gleich darauf sägte er an einem harten Stuhlbein herum, bis das Sägen zart und melodisch wurde. Es erinnerte an den weltfernen Ton einer Glasharmonika, die aus den Gefilden erklang, wo die Seligen wohnen. 2   Inzwischen waren Monate vergangen. Die Heide blühte ab und zog ein Sterbekleid über. Der Rhein stöhnte unter dem klirrenden Eis, um dann wieder als ein freier Strom weiter zu fließen. Die vom Niederrhein taten das Stroh aus den Holzschuhen und schnupperten wie die Igel in dem laulichen Wind, der den Saft in Bast und Borte trieb und die hartgefrorenen Erdschollen langsam zermürbte. Wer Ohren hatte, zu hören, der konnte es hören: unter den Bocksdornhecken begannen die ersten Schneeglöckchen zu klingeln, aber so sein wie die Eiszapfen singen, wenn die kalten Sterne am tiefblauen Himmel erfrieren wollen. Allein die Menschen in der kleinen niederrheinischen Stadt, von deren Turmspitze man weit in das klevische Land hineinsehen konnte, bis nach Emmerich und Elten zu, hörten kaum auf das köstliche Klingeln der Schneeglöckchen, denn noch immer lag ihnen das schwere Donnern und scharfe Tinken der Geschütze und Mörser in den Ohren, die im verflossenen Spätsommer so herrisch auf der Spellner Heide gearbeitet hatten. Der Brief, den Thyß Jansen seinerzeit an seine Eltern gerichtet, war wie ein heiliges Himmeldonnerwetter in die sonst so stillen und nachdenklichen Köpfe der Kleinstädter und Niederungsbauern gefahren. Nun hatte auch die schmucke, von Wiesen und Äckern umsäumte, versonnene Stadt ihren Helden, nun hatten auch die Bürgersleute ihren Lorbeer, den sie sorgfältig pflanzten und tagtäglich mit frischem Brunnenwasser versorgten. Auch Thyß Jansen bekam etwas davon ab. Die geheimnisvolle Andeutung mit dem Schwarzweißen Adler ließ doch einen eigenartigen Fernblick erraten und eröffnete Gesichtspunkte, die ernstester Betrachtung wert erschienen. Manche jubelnde Lerche, die wie ein Pünktchen zwischen Erde und Himmel schwebte, mußte es sich gefallen lassen, zu einem stolzen Vogel zu werden, und wenn eine Dohle oder eine vagabundierende Krähe langsamen Fluges vorbeiruderte, wähnte manch einer, nun käme der heißersehnte Schwarzweiße Adler mit majestätischem Flügelschlagen herunter. Die mannhafte Tat auf der Spellner Heide zog immer weitere Kreise. Nur einer blieb ruhig. Das war der Obergefreite Hermann Verheyen. Er freute sich seiner Tat, aber diese Freude blieb in gemessenen Grenzen. Das noch abzudienende Jahr lag freundlich vor ihm. Frischen Mutes und sonnigen Herzens erfüllte er seine militärischen Pflichten und dachte kaum noch an die ihm überkommene Ehrung. Dafür aber ließ sein Vater, der begüterte Mühlenbesitzer Jakob Verheyen, die harten Speziestaler auf den Wirtshaustisch knallen, spendierte allsonntags etliche Bouteillen ›Langkork‹ und wurde dabei nicht müde, dem Ruhm seines Sohnes immer frischen Wind unter die Flügel zu blasen. Jakob Verheyen, ein Mann in den fünfziger Jahren, rank und sehnig gewachsen, mit sieghaften Manieren und herrischen Falkenaugen, hatte es verstanden, das Glück an sich zu fesseln und seine Unternehmungen so zu fundieren, daß sie trotzig und selbstsüchtig in den Himmel hineinwuchsen. Sein Name hatte guten Klang in der ganzen Umgebung. Als Freund gesucht, als Kirchenmeister gefürchtet, hatte er aus kleinen Anfängen Großes, ja Bedeutsames geschaffen und die stattliche Mühle in die Luft gehoben, die jetzt als Wahrzeichen der kleinen Stadt die weite Niederung beherrschte und bis spät in die Nacht hinein mit ihrem Segeltuch schlappte und mit feurigen Augen über die schlafenden Ziegeldächer geisterte. Tagtäglich stand er auf dem Umgang seiner Mühle und sah in die Landschaft und dachte dann, wie er früher Kornsäcke geschleppt und für fremde Taschen seine Knochen zu Markt getragen hatte. Das war jetzt anders geworden, ganz und gar anders, denn nunmehr führte er das Heft in Händen, war sein eigener Herr und der wackere Schmied seines eigenen Glückes. Er hielt es mit eisernen Fäusten, und er freute sich dessen, und als zu dieser Freude noch die über den unerschrockenen Mut seines einzigen Sohnes hinzukam, da hörte Jakob Verheyen, der Mann mit dem stählernen Willen und der undurchdringlichen Seele, die Engel im Himmel geigen. Und noch eine hörte sie geigen, lieblich und verheißend und wie ferne Glocken über dem Walde, die hoffnungsfreudig das Fest der Ostern einläuten. Und das war Anna Pulcher, die Tochter Pitt Pulchers, die so eigenartig und schön war, daß die Kinder der kleinen Stadt sie wie ein überirdisches Wesen verehrten.   Mit aller Macht kam der Frühling über das niederrheinische Land. Da rasselten die Anker in den Werften, und die schweren Kohlenschiffschlepper zogen prustend und stampfend die quirlende, bleigraue, sich übereinanderschiebende Rauchstandarte hinter sich her. Dämme und Deiche streckten sich und geboten dem trüben Stauwasser: »Bis hier und nicht weiter,« und dann leuchteten sie auf wie helle, schwefelgelbe Feuerstreifen, denn das Frühjahr hatte zahllose Teppiche von blühenden Dotterblumen über die hängenden Flanken gespreitet. Und die ersten Finken schlugen, und die Stachelbeersträucher glitzerten wie feinmaschige, smaragdgrüne Musselinschleier. Und da solches geschah, da ging der Vater Annas, der achtbare Webermeister und Stadtverordnete Pitt Pulcher, mit brennender Kalkpfeife auf den Paternosterdeich, der die Stadt mit sehnigen Gelenken und sicheren Schleusenwerken einkreiste, und sah, wie in weiter Ferne die wieder aufgewachten Schleppschiffe ihre bleigrauen Straußenfedern hinter sich ließen. Und er ging bis zur ersten Dammkreuzung und sah, wie tausend und aber tausend Blumen ihre leuchtenden Augen aufschlugen. Und dann ging er, ein schönes Stück Hoffnungsfreude im Herzen, wieder nach Hause und sah in das wehe und leidensvolle Gesicht seines Weibes – und ging in den kleinen Garten – und hörte die ersten Buchfinken schlagen – und freute sich über die feinmaschigen, smaragdgrünen Musselinschleier der Stachelbeersträucher – und da sagte Pitt Pulcher: »Nu wird die ersehnte Erfüllung meines Wunsches wohl kommen.« Aber die Erfüllung seines Wunsches stand noch in weiter Ferne und ließ auf sich warten. Und dennoch hoffte Pitt Pulcher. Er hoffte, wie die Irdischen die Anschauung Gottes erhoffen. Er hoffte auf eine große Verheißung. Er hoffte wie eine junge Kinderseele auf das heilige Christfest; und das heilige Christfest mußte bald kommen, sonst zerrieselte ihm alles zwischen den Händen, wie Sand zwischen den Fingern zerrieselt. Tagtäglich sprach der Doktor vor, und jedesmal, wenn er kam, stand ein zuversichtliches Leuchten auf seinem guten Gesicht. Und dieses Leuchten hielt an, bis er die Tür hinter sich hatte und der Drücker einklinkte. Er pfiff auch wohl eine heitere Melodie und zwar so laut, daß die Kranke es hören konnte. Dann aber verstummte das Pfeifen, und alle Zuversicht wischte eine unbarmherzige Hand von seinem Antlitz. »Ich kann ihm nicht helfen,« sagte er still vor sich hin. »Keiner vermag ihm zu helfen. Pitt Pulchers Hoffnung geht nicht in Erfüllung.« – Schon seit langen Jahren erfreute sich Pitt Pulcher eines bedeutsamen Ansehns. Alle grüßten ihn, und das mit Respekt, und wenn irgendeiner aus der Nachbarschaft einen guten Rat nötig hatte, sprach er nicht etwa beim Barbier oder beim juristischen Ferkelstecher vor, sondern wandte sich, ohne lange zu fragen, an jenen. Las der betagte und bereits etwas verlähmte Dechant Heinrich van Egern das Hochamt, dann stand Pitt Pulcher in seiner ganzen Größe und mit feierlichen Augen in seinem Kirchenstuhl, als habe ihn der liebe Herrgott direkt aus der Bibel in die neuzeitlichen Tage hineingepflanzt – so alttestamentlich sah er aus, so würdig und ehrfurchtgebietend, so mit echter Würde und Weihe umkleidet, daß sich die gläubigen Menschen heimlich anstießen und sich wechselseitig zuflüsterten: »Pitt Pulcher kann unbesehen in den Himmel hineinspazieren.« »Das stimmt,« setzte dann auch Dores Jansen, der Vater von Thyß, pflichtschuldigst hinzu: »Von seinetwegen könnte man den Mann nackig in Indigo setzen; als ein nobeler und reicher König käme er jedesmal zurück. Aber ich meine nicht als ein König mit Reichtümers und Brillanten behangen, sondern als ein König mit 'nem reinen Zepter und mit 'nem echten und rechten christ-katholischen Glauben.« Und Dores Jansen, der Sargschreiner, wegen seiner tief herabhängenden Schulter und des schiefen Mundes halber auch der ›Hobel le Beau ‹ geheißen, hatte durch die obige Behauptung den Nagel ganz regelrecht auf den Kopf geschlagen, denn Pitt Pulcher war ein frommer, spurechter Katholik, ohne Nebengedanken, blank wie eine Pflugschar, die drei Wochen hintereinander die fetten Schollen gebrochen. Sein Gewissen hatte nie etwas Schwarzes unter den Fingernägeln. Er marschierte bereits den siebziger Jahren entgegen. Aber was wollte das bei ihm sagen? Hager und riemig gewachsen, zäh wie Spaltholz, hätte er es auch tapfer mit einem geschonten Fünfziger aufnehmen können. Gewiß, seine Haare zeigten schon hier und da einen eisgrauen Anflug, sein Gesicht war trocken und faltig, aber dieses Gesicht war wie mit einem Schnitzmesser aus einem harten Eichenstock herausgeholt worden, und in diesem Gesicht standen zwei selbstherrliche Augen, hell wie Schmaltebläue und durchsichtig wie Spiegelscheiben. Und diese Augen konnten lächeln wie die eines Jünglings, und diese Augen konnten gütig sein wie die eines wahrhaften Seelsorgers, aber wenn der Zorn in die Brust dieses Mannes hineingriff, der ehrliche, gerechte, bodenständige Zorn, dann konnten diese Augen sein wie das grimmige Aufblitzen von Polensensen oder wie der Schein im Gewitter, wenn der Wald sich beugte und die Wurzeln ächzten und die Stimme Gottes zwischen Himmel und Erde dahinrollte. Pitt Pulcher war ein leidlich begüterter Mann, nicht reich, aber er hatte sein bequemes Auskommen. Sein Gewerbe betrieb er nur noch aus alter Gewohnheit, aus dem Gedanken und der Überzeugung heraus: Pitt Pulcher, nun höre mal zu. – Als Dreikäsehoher hast du die Spule gedreht, fünfzehnjährig hast du über den Büchern gesessen und hast die Lade gewuchtet und freutest dich, wenn das Schiffchen auf- und niederschlurrte. Als Webergeselle hast du gefreit, als Meister geheiratet; als solcher dein Weib, das dir zwei Kinder geboren, geehrt und ihr die Tage leicht gemacht, selbst in ihrem elenden Siechtum, aber es ist dir gut gegangen im Leben. Also betreibe dein Handwerk weiter, das bereits deine Altvorderen betrieben, und bleibe dabei, bis du wieder aus dem Leben hinaus mußt und dir zum letzten Male die Worte zuklingen, ganz sacht, ganz leise, wie hinter einer dicken, mit Sternen besetzten Gardine: »Im Hause meines himmlischen Vaters sind viele Wohnungen bereitet. Pitt Pulcher, ziehe die Schuhe aus und säume nicht länger. Auch deine Wohnung ist hergerichtet. Sie wartet.« Also blieb Pitt Pulcher in seinem Handwerk, schlicht und gerecht, mit Vergißmeinnichtaugen, mit glattrasiertem Gesicht und mit einem Gewissen, das niemals seine schneeweiße und frischgebügelte Weste abgelegt hatte. Sein geräumiges Haus mit den indigoblau gestrichenen Läden und den engbrüstigen Scheiben stieß an den Kirchplatz. Von den Fenstern seines Arbeitsraumes aus sah er den prächtigen gotischen Ziegelbau aufragen, verfolgte er die Dohlenvögel, die die Gesimse und zierlichen Fialen mit ihrer weißen Tünche beschmissen, gewahrte er den Koloß der Verheyenschen Mühle, der unermüdlich die fetten Speziestaler in die Tasche des Besitzers hineinschaufelte. Von diesen Fenstern aus hörte er das Geläut der Glocken, wenn sie ihren Mund auftaten und seine frommen Gedanken bei den Händen nahmen, um sie bis an das himmlische Tor zu geleiten. Pitt Pulcher hatte die Glocken von jeher als Lebewesen angesprochen. Sie sagten ihm mehr, als sie anderen Menschen sagten. Sie standen ihm nah, sie waren ihm seelisch verschwistert. Er kannte ihre Tugenden und Unarten. Er teilte ihre jubelnde Freude zu Ostern und Pfingsten. Diese jubelnde Freude sah er durch die Wiesen spazieren, blond und blauäugig, und sie hatte ein Himmelsschlüsselchen hinter dem Ohr stecken. Er hörte ihre klagende Stimme beim Totenamt, und diese Stimme wehte auf florigen Tüchern über die dunklen Lebensbäume des Gottesackers. Und dann die Stimmen der Weihnacht ...! – jene Stimmen, die mit goldenen Füßchen über den Schnee gleiten, in die erhellten Stuben hineinklingen, duftige Fichtenzweige und versilberte Nüsse umspielen und dann leise zu summeln beginnen, immer lauter und befreiender werden, um schließlich mit tönenden Engelszungen zu sprechen und also zu reden: »Gloria in excelsis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis ...« Und wenn er sie hörte, dann hielt er den Perpendikel der großen Standuhr an, damit dieser die heilige Feier nicht störe, öffnete das Fenster und legte die Hände zusammen. Pitt Pulcher kannte die einzelnen Glocken. Er kannte Klinsa und die Sankt Antoniusglocke, er kannte den Türk und die stolze Maria, vor allem aber war ihm Anne-Susanne ans Herz gewachsen. Ihr sonorer, lange nachhallender Ruf tönte in ges , und wenn sie den Mund auftat, dann war es, als würde eine gewaltige Domorgel lebendig, als spräche aus dem tönenden Orgelwerk die Stimme des Herrn, als spräche sie aus alten, längst vermoderten Zeiten heraus – und also sprach sie: »Lof en eer moet gade syn, Anne-Susann is die name mien; Mie gaet, die Jan van Vechgel heit Int jaer ons Heer als hier na steit ...« und dann brummte sie nach und stammelte: »Eintausenddreihundertundachtzig – eintausenddreihundertundachtzig – eintausenddreihundertundachtzig ...« und dann stand die alte Zeit neben Pitt Pulcher, mit verblichenen Zügen, mit eisgrauen Haaren und mit Spinnweb umhangen – und sie deutete rückwärts, ins Leere, ins Unermeßliche, ins Nichts. Aber der Alte verstand sie. Und er sah das hunderttürmige Köln. Er sah die Banner der Geschlechterherren und Zünfte fliegen, er hörte Pfeifen und Trommeln. Und das blutige Jahr 1372 packte in die Zunft der Weber hinein – und legte den Häuptern den Kopf vor die Füße – und färbte die Gassen purpurn und machte den Rhein zu einem Blutstrom, als wären die Rotfärber bei der Arbeit gewesen – und schleifte das Bannerzeichen der stolzen Weber in den Staub – und zerriß es ... Und dann reckte Pitt Pulcher sich auf, groß und bedächtig und zuversichtlich, und er hörte noch einmal auf das Summeln und Singen, und dann sagte er still und feierlich vor sich hin: »Anne-Susanne, du bist die Glocke der Pulcher, denn also steht geschrieben: Ich, Kaspar Christian Pulcher, Ältermann der hochmögenden Weber zu Köln, Herr über ihr Leben und Schaffen, über Maß und Gewicht, nunmehr heimgesucht und in die Verbannung gestoßen, durch das Rote Meer gegangen, um den Frieden zu finden, hier im Kirchspiel zu Calkar die Ruhe und den Frieden gefunden ... dessen aus Dankbarkeit und um unsern allmächtigen Gott, unsern Herrn Jesus Christus zu feiern, habe ich die Glocke ›Anne-Susanne‹ dem hiesigen Kirchspiel für ewige Zeiten gestiftet. Nicht aus Stolz oder aus feilem Hochmut heraus ist solches geschehen, sondern im Frieden mit Gott und in christlicher Demut. Ich verlange keine Guttat dafür, nicht Ehrenbezeugung und einen Namen, so einen klingenden Ton hat. Aber ich gebiete hiermit: Anne-Susanne soll läuten, wenn die Sterbestunde über mich kommt, und läuten soll sie, wenn einem meines Namens der Todesschweiß ausbrechen will und sein Erlöser ihn ruft. Damit ihm die Stunde leicht werde, in der er von hinnen muß, von Weib und Kind und allem, was ihm das Leben schön und das Sterben müheselig und schwer machte. Also geschehen am zweiten des April und im Jahre der Geburt unseres Herrn, da man schrieb eintausenddreihundertundachtzig. – Gott sei meiner Seele barmherzig, und er zeige ihr den Weg in das Licht, das ewiglich leuchtet. Amen.« So sprach Pitt Pulcher durch seinen großen Vorfahr auch heute, ernst und bestimmt und mit einem Blick in die Zukunft. Draußen sangen die Stare. In den noch kahlen Lindenzweigen war leise Bewegung. Nur ab und zu wollte eine grüne Knospe durchbrechen. Der Abend legte bereits seine feinen Schleier über die Dächer. Pitt Pulcher stand mit seiner brennenden Kalkpfeife am Fenster. Der Portoriko kräuselte feine Rauchwölkchen nach oben. Der einsame Mann hatte seine ernsten Gedanken, hoffnungsfreudige und solche, die alle Hoffnung hinter sich ließen. Um ihn lag der große Arbeitsraum mit seinem schlichten Mobiliar bereits in schummeriger Dämmerhelle. An den Wänden hingen verschiedene Stiche aus dem Leben der Heiligen, die einen guten Geschmack bekundeten. Dazwischen befand sich das buntilluminierte Bildnis der Muttergottes von Kevelaer, das Pitt Pulcher eigenhändig von dem nahen Gnadenort hergebracht hatte, um die Leiden seines schwerheimgesuchten Weibes weniger schmerzhaft zu machen. In der Tiefe des niedrigen Zimmers hob sich der Webstuhl auf. Schon der Großvater des jetzigen Besitzers hatte zwischen diesen Stuhlsäulen gearbeitet, den Kontermarsch gehen lassen und die Lade gewuchtet. Die Verkröpfungen der Längs- und Querriegel, von deren Enden lange Garnstränge hingen, verloren sich in dem Grau der schön gegliederten Balkendecke. Neben dem Stuhl lagen mächtige Leinwandballen gestapelt, teils bestellte Ware, teils solche, die auf Vorrat gearbeitet war und noch des Abnehmers harrte. Aber nicht lange, denn Pitt Pulchers Gewebe war gängig und erzielte Preise, die von den Forderungen anderer Webermeister wesentlich abwichen. Ein kaum merklicher Duft nach Hederich und gehecheltem Flachs einte sich den bläulichen Kringeln, die der Kalkpfeife des insichgekehrten Mannes entstiegen. Draußen wischte der Abend das letzte Gold von den Dächern. Die Umrisse nahmen einen unbestimmten und kränklichen Ton an. Nur die Verheyensche Mühle hielt ihre scharfumrandete, massige Form bei. Gleich einem gigantischen Ungetüm überragte sie die am Boden kriechende Silhouette der Häuserzeilen, fast drohend, selbstgefällig und trotzig ihre schmalen Schattenflügel bewegend. Unwillkürlich hafteten die Blicke Pitt Pulchers an dem riesenhaften Gangwerk, als sich ein weicher Arm in den seinen hineinschob. Lautlos war eine hohe Mädchengestalt an seine Seite getreten, schwarz gekleidet und von seltenem Ebenmaß. Nur die schlanke Taille schien durch das Gewicht ihrer jungen Brust etwas ermüdet. Um das ovale Gesicht lag eine Fülle blonden Haares, hinten zu einem mächtigen Knoten geflochten. Pitt Pulcher wandte sich. »Schläft sie?« fragte er leise. »Ja, Vater, sie schläft. Der Doktor war da.« »Wie steht es denn, Anna?« »Er lächelte wieder. Jetzt wird es wohl besser werden, denn als er fortging, sagte er ruhig: Nun wird sich die Sache schon machen.« »Der Mann lächelt immer,« versetzte der Alte mit einem wehen Ton in der Stimme. »Das geht nun schon an die fünfzehn Monate hindurch. Immer das gleichmäßige Lächeln, hinter dem etwas lauert, was ich für den Tod ansprechen möchte.« »Aber, Vater ...!« »Ja, Anna, so ist das. Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe das Gefühl, als wenn Mutter auf 'ner Rutschbahn säße, die immer tiefer in das Elend hineinfährt, denn das mit dem ewigen Lächeln ... Ich glaube, der Mann hat das Lächeln noch an sich, wenn die Lichtjungfer kommt und Dores Jansen die schwarzen Bretter zusammennagelt. Und ich dachte mir schon: jetzt, wo's Frühjahr wird, da käme auch für uns Ostern und Auferstehungsfreude.« Die letzten Worte flatterten verstört durch die eingedunkelte Stube. Ein verhaltenes Schluchzen war an seiner Seite. »Nun hoffe doch man,« sagte die Tochter und drängte sich dicht an die Brust ihres Vaters. »Alle Leute sind doch so gut zu uns. Sie beten ja für Mutter, und da wird der liebe Gott doch nicht wollen ... Auch Jakob Verheyen hat anfragen lassen.« Pitt Pulcher merkte auf. »So – auch Jakob Verheyen?« und seine Blicke irrten wieder zu der großen Mühle, die jetzt wie eine tiefschwarze Kulisse immer ernster und seltsamer in den abendlichen Himmel hineingespensterte. Er konnte sich nicht davon losmachen. Seine Blicke krochen ihr dicht auf den Leib. Sein Atem ging schwer. Was hatte der Mann nur? Die Tochter sah ängstlich zu ihm auf. Da legte er den Arm um sie her und sprach mit weicher Betonung: »Anna, daß ich's man sage ... Ich wollte schon längst davon sprechen ... Aber verstehe mich richtig ... Ich will mich nicht in deine Angelegenheiten hineinmengelieren. Das steht mir nicht an. Das ist niemals bei mir Mode gewesen. Da ist jeder sein eigener Herr und sich selber der Nächste; denn ich weiß, was von Pulcherscher Art ist, das geht immer seinen schnurgeraden Weg und hat stündlich seinen Herrgott vor Augen. Drum ist keine Not und keine Sorge bei mir. Aber ich meine nur, Anna: Wann hast du Hermann Verheyen zuletzt gesehen?« »Als er auf Urlaub war, vergangene Weihnacht.« »Und dann nicht mehr?« »Nein – und dann nicht mehr.« »Aber ihr schreibt euch noch immer?« »Ja, alle vier Wochen.« »Und hast du ihm auch geschrieben, daß es Mutter nicht gut geht?« »Ja, das habe ich ihm alles geschrieben.« »Auch das mit Stephan; daß dein Bruder die niederen Weihen empfangen hat und übers Jahr seine heilige Primiz hält?« »Ja, Vater; aber warum fragst du das alles?« »Kind,« sagte der Alte, und sein Arm legte sich fester um den jungen Leib der Tochter, »ich habe gar nichts gegen Hermann Verheyen. Er schlägt seiner seligen Mutter nach. Es steckt etwas Großes in ihm, etwas von dem, was die Zuversichtlichen und die Stillen im Lande besitzen. Das hat er auf dem Schießplatz bewiesen. Da hat er den Tod von der Seite seiner Kameraden genommen. Das war freiwillige Tat, und solche Tat drückt einem die Tränen in die Augen hinein. So was vergißt man nie mehr im Leben. So was lebt über das Kreuz hinaus, das dereinstmal auf seinem Grabe stehn wird. Nein, ich habe gar nichts gegen Hermann Verheyen. Solche Menschen kann man gebrauchen im Leben und Sterben. Solche Menschen wachsen in die Zeit zurück, in jene Zeit, wo ein Kaspar Christian Pulcher die Zunft der Weber aus dem blutigen Köln herausführte ... Aber sein Vater ...« Und wieder gingen seine Blicke über die stumpfgewordenen, lichtlosen Häuser fort und umgriffen den dunklen Mühlenkoloß, dessen Flügel kaum noch voneinander zu unterscheiden waren. Nur wie unermeßliche Flortücher stakelten sie durch die ruhige Luft. Im oberen Geschoß hellte ein Fenster auf. Es zeigte nach dem Pulcherschen Hause. Wie ein Zyklopenauge, dunstig und in die Länge gezogen, sah es von seiner schwarzen Höhe herunter. Hier das Auge des Alten und dort das Verheyensche Auge. Wie sie sich anstierten! »Ich weiß nicht,« ergänzte Pitt Pulcher, und es klang etwas in der Stimme, was das Herzblut gefrieren machte, »aber mir ist so, als käme von der Mühle ein Unglück herunter ...« Anna schreckte zusammen. »Jakob Verheyen ...?!« fragte sie tonlos. Der Alte schüttelte den Kopf; aber immer enger hielt er sein Kind umfangen, als müsse er es vor einer drohenden Gefahr beschützen. »Nein, Anna, nicht rühr' an die Sache. Jakob Verheyen hat es immer mit den Pulchers gehalten. Aber die schweren Gedanken! Vor Jahren waren sie da, damals kurz nach der Geburt deines Bruders – dann später ... und heute sind sie wiedergekommen. Ich habe keine Gründe dafür, wenigstens keine, die ich als richtig ansprechen könnte. Aber von der Mühle kommt es herunter, von da will der Staub über mich her, der alles absterben läßt, was in meinem Blumengarten blüht und grünt – und es will doch Ostern werden auf Erden.« Da straffte sich das junge Mädchen in ihrer ganzen Kraft und jungfräulichen Herbe. Beide Arme schlang sie um den Hals ihres Vaters. Ihre junge, harte Brust kam ins Stürmen. »Ja, es will Ostern werden auf Erden,« sagte sie zuversichtlich, »Ostern für dich und Mutter, für Stephan und mich – und für Hermann Verheyen.« Und die Stunde drückte die Herzen der beiden zusammen, immer fester und fester, und Pitt Pulcher bekam von dem jungen Herzschlag etwas ab, und eine plötzliche Hoffnung und eine zuversichtliche Freude war in ihm. »Ostern ...!« sagte er still vor sich hin. Jenseits der Nikolaikirche begannen die ersten Sterne zu blinzeln. 3 Jetzt geht leise und putzt euch den Staub von den Schuhen. Dann zieht die Messingklingel, die schön und blank neben der weißlackierten Haustür hängt, aber so, daß sie nicht unnötig schrillt, vielmehr kaum hörbar anschlägt und mit seinem Stimmchen bis in die gartenwärts gelegene schmucke und sonnige Küche hineinbimmelt. Und wenn dann die Haushälterin kommt und euch öffnet, wenn dann die alte Mieke erscheint mit ihrer niederrheinischen Knippmütz und dem goldenen Ohrgehänge darunter, und wenn sie dann sagt: »Gelobt sei Jesus Christus!« und ihr geantwortet habt: »In alle Ewigkeit, Amen!« dann tretet sacht über den gescheuerten Estrich und haltet den Fuß an. Euch gerad gegenüber grüßt das Bild der Mutter Gottes von einer Gipskonsole herunter. Ein Kränzlein von weißen und roten Papierrosen umrahmt sie. Darunter hängt das ewige Lämpchen. Der Docht knistert so schüchtern und zierlich, wie ein graues Mäuschen hinter der Tapete musiziert, und der Lichtschein, der in dem rosigen Behälter aufleuchtet, hat Ähnlichkeit mit den zarten Lichtern, wie sie geheimnisvoll brennen am Tag Allerseelen. – Und dann horcht auf. Aus dem ersten Zimmer zur linken Hand kommt ein kaum wahrnehmbares Singen herüber – eine Kanarienrolle, aber so wunderlieblich und fein, als klängen ausgesponnene Glasfäden gegeneinander, als erzählten sich zierliche Eiskristalle stille Geschichten, wenn ein unmerklicher Hauch durch den Winterwald geht und sie aus weiter Ferne zu tönen beginnen. Hier weilt der Friede, hier reichen sich Opferfreudigkeit und Nächstenliebe die Hand, zwischen diesen Wänden lebt ein echter, allverzeihender Glaube, in dieses Haus dringt nicht das Geräusch des Tages und der Hader der Parteien, denn in diesem Hause wohnt der hochwürdige Ehrendomherr und Dechant, Herr Heinrich van Egern. »Gelobt sei Jesus Christus!« also grüßt es von der Gipskonsole herunter, und selige Stimmen geben die Antwort: »In Ewigkeit, Amen!« – Es war zwei Tage später und zum Beginn der Leidenswoche des Herrn, da fiel ein warmer Sonnenschein durch die weißen Mullgardinen, die dem Studierzimmer des alten Herrn etwas Behagliches und Freundliches gaben. Hyazinthen und Krokus standen am Fenster. Die Disputa, ein prächtiger Stich von Joseph von Keller, nahm fast die rückwärtige Wand ein. Darunter stand ein weitausgelegtes Sofa mit Schlummerrolle und Lehnschonern. Bücherregale, mit Werken theologischen und naturwissenschaftlichen Inhalts besetzt, eine Schreibkommode, ein Betpult, etliche Stühle, ein Rauchtischchen und sonstige Dinge vervollständigten das einfache Mobiliar, aber der Sonnenschein, der immer liebevoller und zärtlicher durch die weißen Gardinen lächelte, gab allem eine Fülle des Lichtes und einen goldenen Reichtum. Und in dieser Fülle des Lichtes saß Heinrich van Egern, ein dünnes Männchen mit weißen Spinnwebhaaren und zitterigen Händen, aber mit stillen Augen und einem blühenden Greisengesicht, um dessen Mundecken der Ausdruck von Milde und Güte spielte, offenbar der bleibende Bestand seines inneren Wesens. Seit Monaten war der alte Herr ans Haus gefesselt. Eine plötzliche Lähmung, die ihn in Ausübung seines Berufes überraschte, hatte die linke Körperhälfte empfindlich getroffen. Nur mühsam konnte er sich von einem Zimmer in das andere bewegen, wenngleich es ihm auch um vieles besser ging und sein reger Geist keinen Schaden genommen hatte. Wie so viele auf Erden, versprach er sich alles von der heilsamen Wirkung der jungen Frühlingstage, und seine Seele blieb heiter. Sein Pfeifchen schmeckte ihm noch. Aus langem Weichselrohr ließ er duftige Wölkchen emporsteigen, die sich in feingegliederten Spiralen durch das Zimmer bewegten. Der warme Hyazinthenduft erquickte ihn, und die satten Farben der Krokusblüten erfreuten sein Auge. Nur eins schien ihm zu fehlen. Er suchte versonnen und träumend danach. Jetzt schien er es gefunden zu haben. »Na, Hänschen, wie wär's denn?« fragte er mit gütigem Lächeln über die Schulter. Hierauf machte er eine liebevolle Bewegung nach dem mit Tannengrün umkleideten Messingkäfig und versuchte, mit Daumen und Mittelfinger zu schnalzen. Und siehe da: der schwefelgelbe Harzer blähte sein Kröpfchen und ließ eine kaum wahrnehmbare Lispelrolle vernehmen. Mit haardünnem Silbergespinst flimmerte es um den geistlichen Herrn. Er nickte still vor sich hin und legte die Hände zusammen: »Schön so, Hänschen, immer man weiter.« Und der kleine Andreasberger verstand ihn. Aus der Lispelrolle wuchs ein zartes Klingeln heraus, dann ein melodisches Pfeifen, dem eine getragene Wasserrolle folgte, die die ganze Stube mit süßem Wohllaut erfüllte. Die weichen Töne schienen aus dem Paradies zu kommen, und sie nahmen sich bei den Händen und schwebten in einem goldenen, klingenden Reigen um den Einsamen, der alles Irdische abstreifte und auf stillen Wegen pilgerte, die nicht mehr der Erde angehörten. Fast hätte er das Klopfen unbeachtet gelassen, das sich von draußen her vernehmen ließ. »Herein!« sagte er aus seinen Träumen heraus, als sich die Tür auch schon sacht in ihren Angeln bewegte. »Hochwürden haben befohlen,« mit diesen Worten drehte sich ein grobknochiger Mann behutsam ins Zimmer, der zu den Großen und Stiernackigen im Lande zählte und eine feierliche Wolke von Wachsdüften und Weihrauch hinter sich herschleppte; dabei räusperte er sich und strich bedächtig die gelockerten Seitenhaare über den kahlen Scheitel, die er dort wie einzelne Sardellen verteilte. »Und somit, Hochwürden ... vorher aber möchte ich mich ganz ergebenst nach dem Befinden Eurer Hochwürden erkundigen.« »Ich danke Ihnen, Roloffs. Der Herr meint es gnädig mit mir. Es gibt Menschen, die schwerer zu leiden haben als ich. Ein jeder von uns hat sein Kreuzlein zu tragen. Meines ist nicht allzu bedrückend, und ich hoffe zu Gott, er wird mir noch manche Tage vergönnen. Und dann noch, Roloffs: stirbt auch der Leib, was schadet es, die Seele wird leben.« »Wir nehmen ernsten Herzens Notiz davon,« versetzte der Küster, »und wir werden nicht verfehlen, solches den Herren des Kirchenvorstandes freundwilligst zu unterbreiten.« Das ›Wir‹ unterstrich er mit einer behaglichen, aber festen Betonung, denn er liebte es, sich bei wichtigen Angelegenheiten des Pluralis majestaticus zu bedienen, und eine solche schien ihm heute gekommen. »Zur Sache denn,« meinte der alte Herr und zeigte auf einen Stuhl, ihm gegenüber. Der Küster setzte sich unter Verbreitung eines aufdringlichen Weihrauchduftes, nachdem er zuvor die Schöße seines schwarzen Düffelrockes sorglich auseinander gelegt hatte. Des Respektes halber bediente er sich zum Sitzen nur der äußersten Stuhlkante. »Es dürfte sich wohl um Frau Elisabeth Pulcher handeln?« fragte er leise. »Allerdings handelt es sich um Frau Elisabeth Pulcher,« entgegnete der Dechant, »denn zu meinem größten Leidwesen erfuhr ich, daß ihre Tage gezählt sein dürfen. Oder sind Sie anderer Meinung, Herr Roloffs?« Der Küster machte eine abwehrende Handbewegung. »Wenn es erlaubt ist zu reden, Hochwürden, so möchten wir unsere unmaßgebliche Meinung nicht vorenthalten. Selbstverständlich ganz submissest, Hochwürden.« Mit erhobenen Armen hielt er beide Handflächen dem geistlichen Herrn entgegen. Dieser nickte schmerzlich, wußte er doch, was kommen würde. »Na denn,« sagte der Küster, und über das glattrasierte Gesicht, dem an Kinn und Backen die bläulichen Spuren des Rasiermessers anhafteten, legte sich jene Trauerstimmung, die sich aller bemächtigt, wenn die ersten Schollen auf den Sargdeckel niederfallen. »Wir denken das Schlimmste,« sagte er hierauf. »Wir haben überhaupt gar keine Hoffnung, Hochwürden. Das zeitweilige Aufflackern bestätigt nur unsere ernste Befürchtung. Außerdem geruhen der Herr Sanitätsrat zu lächeln. Wir kennen dieses Lächeln, Hochwürden, denn wenn der Sanitätsrat zu lächeln belieben, dann ist die ganze Angelegenheit nur durch die letzte Wegzehrung zu regeln. Selbstverständlich ganz submissest, Hochwürden.« »Also doch!« sagte der Dechant und sah betrübt vor sich hin. »Daß nichts verabsäumt wird, Roloffs,« meinte er schließlich. »Der Tod liebt Überraschungen. Die Frau ist ja versöhnt mit dem Herrn. Ihr Wandel erging sich in Christo, und ihr Lebensabend war köstlich. Und dennoch: besser ist besser. Der Herr Vikar soll sich bereit halten, ihr auf Anruf die letzte Ölung zu geben.« »Der Herr Vikar sind bereits unterrichtet worden, Hochwürden.« »Schön, sehr schön,« sagte der Dechant. »Zu gerne hätte ich ihr selbst diesen Liebesdienst erwiesen, und wenn meine Kräfte es gestatten ...« »Aber, Hochwürden ...!« ereiferte sich der Küster, und wieder erhob er abwehrend die Hände. »Das geht nicht, das geht absolut nicht. Ihr jetziger Zustand ... das hieße Gott versuchen, Hochwürden.« »Sie mögen recht haben, Roloffs. Das Unmögliche ist eben unmöglich. Aber eins wünsche ich und gebiete es hiermit: sollte das Unabänderliche eintreten, will ihre Seele von hinnen scheiden, in diesem Augenblick wird Anne-Susanne geläutet.« Der Küster blickte erstaunt auf. »Wieso das, Hochwürden? Wenn es gestattet ist zu reden, so möchten wir uns ganz submissest erlauben ...« »Was gibt es denn, Roloffs?« »Solange wir die Ehre haben, unser Amt zu verwalten, und das sind schon an die fünfundzwanzig Jahre, Hochwürden, wurde Anne-Susanne, außer bei feierlichen Gelegenheiten und den sonst vorgeschriebenen Stunden, nur auf dem Beerdigungsgange in Anspruch genommen. Und daher sollten wir annehmen, Hochwürden ...« »In diesem Falle,« sagte der Dechant, und er fühlte selber, daß in seiner Stimme ein fester und erquicklicher Ton war, »wird sie auch in der Sterbestunde geläutet. Es ist eine alte Gerechtsame der Pulcherschen Familie. Sie liegt verbrieft im Kirchenarchiv. Ein heiliges Vermächtnis aus großer und bedeutsamer Zeit. Dem wird Rechnung getragen – daran läßt sich nicht rütteln und deuteln – und die Leidende ist eine Pulcher.« »Dann werden wir sofort vorstellig werden ...« »Meine Anordnung genügt,« versetzte der Dechant. »Somit dürften wir auch den Vorsitzenden des Kirchenvorstandes, den wohlachtbaren Herrn Jakob Verheyen umgehen?« »Ja.« »Haben Eure Hochwürden noch sonst was?« Der Dechant verneinte. Der Harzer ließ wieder eine silberlichte, zartausgesponnene Klingelrolle vernehmen. Der Küster erhob sich in seiner ganzen stiernackigen Größe. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er mit niedergeschlagenen Augen. »In Ewigkeit, Amen!« versetzte der geistliche Herr, und sein Interesse wandte sich wieder dem fleißigen Andreasberger zu. »Also – gegebenen Falles wird Anne-Susanne geläutet. Wir nehmen Kenntnis davon. Selbstverständlich ganz submissest, Hochwürden.« Damit war der Küster auf weichen Schuhen und von einer dicken Weihrauchwolke umkleidet in den Hausflur geglitten, hinter ihm her rieselte und perlte die niedliche Rolle des kleinen Sängers. »Anne-Susanne,« meinte Herr Roloffs, als er die Haustür am Pastorat vorsichtig hinter sich eingeklinkt hatte. »Hm, Hm! – eine ganz neue Sache! Der Herr Parochus loci sind doch in allem bewandert. Der Herr Parochus loci wissen den Kirchenvorstand ganz niedlich auszuschalten. Möge der Herr ihn behüten – in nomine patris et filii et spiritus sancti .« Damit straffte er sich und ging stelzbeinig, sich selber mit köstlichen Spezereien umwölkend, der nahegelegenen Küsterei zu. – An demselben Nachmittag saß Frau Elisabeth Pulcher am Fenster, das auf den schmucken Hausgarten hinaussah. Weiche Kissen stützten den armen Körper und gestatteten es ihm, aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen. Auch hier der warme Sonnenschein, aber er sah in ein abgehärmtes Gesicht, in dem die Augen wie glanzlose Sterne feierten. Ihre abgezehrten Finger konnten nicht zur Ruhe kommen. In nervöser Hast griffen sie über- und untereinander. Sie hatte ihren Willen darüber verloren. Frau Elisabeth Pulcher, um vieles jünger als ihr Mann, hatte keine eigentliche Krankheit, keine sichtlichen Schmerzen. Sie welkte dahin, wie eine Blume dahinwelkt. Das leidende, von schlicht gescheitelten Haaren eingerahmte Gesicht trug noch immer den Stempel einstiger Schönheit, obgleich ein fremder Zug die anmutige Reinheit der Linien zerstört hatte. Das war früher anders gewesen. Als Tochter des emeritierten Schulmagisters Gerhard Ivers und dann als Lehrerin der Mädchenschule in der kleinen Nachbargemeinde hatte sie die Herzen aller Männer erobert. Viele warben um sie, allein Elisabeth Ivers sah über diese Werbungen fort, wie man über nichtige Dinge hinwegsieht. Jahre hindurch blieb sie verschlossen und einsam. Da kam Pitt Pulcher, und ihm, dem Vierzigjährigen, war es vergönnt, das heißumstrittene Mädchen in seine Arme zu schließen. An demselben Tage stand Jakob Verheyen auf dem Umgang seiner Mühle, gewillt, sich von einem der sausenden Flügel zermalmen und in die Tiefe schleudern zu lassen. Und wäre nicht die Hand seines Vaters gewesen ... Schwer packte sie zu und zwang ihn, das Leben nicht als ein nichtiges Gut seinem Schöpfer vor die Füße zu werfen. Bald darauf heiratete er die Tochter eines begüterten Guanohändlers und Niederungsbauern. »Aus Trotz,« sagten die Menschen, die ihn näher kannten, »lediglich aus dem herrischen Willen heraus, sich selber Qualen zu schaffen und den anderen auszutrumpfen,« und dann setzten sie nachdenklich hinzu: »So was kann kein gutes Ende nehmen.« Und sie sollten recht behalten, denn fünf Jahre später wurde das arme Weib zwischen den Schleusen des Paternosterdeiches gefunden. Sie konnte nicht anders. Aus welchem Grunde sie es tat, blieb Geheimnis. Mit Hinterlassung eines einzigen Kindes, wegemüde und traurig war sie durch das dunkle Tor gegangen. Jedenfalls konnte sie den ersehnten Frieden und das irdische Glück nicht finden, und so war sie des Lebens überdrüssig geworden. Elisabeth Pulcher aber blühte auf, immer schöner und schöner. An der Brust des hochgewachsenen, insichgekehrten Mannes, der ihr fast heilig erschien, dessen Würde und Bibelfestigkeit ihr Halt und Stütze verlieh, schien sie ihre Jugend und ihr heißes Blut zu vergessen und ihr Los beneidenswert zu finden. Das Mädchenhafte verlor sich. Nur ihre Kinderaugen blieben. Wer aber genauer zusah, der mußte sich sagen: »Das sind keine Kinderaugen mehr, das sind heiße, suchende Frauenaugen geworden,« und mit diesen heißen, suchenden Frauenaugen ging sie durchs Leben, bis der Glanz dieser heißen Augen matter und kränklicher wurde und sie das Licht suchten, das in die Ewigkeit führte. Hinter ihr war ein unterdrücktes Schluchzen. »Warum weinst du denn, Anna?« fragte die Kranke. »Mutter, ich weine doch nicht.« »Warum soll sie denn auch weinen?« versetzte in diesem Augenblick eine ernste Stimme, die reich mit gütiger Liebe durchtränkt war. Pitt Pulcher war aus seinem Gärtchen ins Zimmer und an die Seite seines Weibes getreten. »Mutter, nun laß das man gut sein, denn so richtig betrachtet, könntest du dich so'n bißchen im Garten vertreten. Lisbeth, du solltest nur wollen. Draußen scheint die Sonne so pläsierlich, der Buchfink singt schon, und die Stachelbeersträucher haben bereits ihr grünes Kamisölchen angezogen. Es will Ostern werden da draußen.« »Wo wir noch in der Karwoche sind?« fragte sie leise. »Die Karwoche ist die Woche des Leidens.« »Lisbeth, was soll das? Das gibt sich ja wieder.« »Ja, wenn die roten Kringel nicht wären,« sagte sie hüstelnd, »dann ginge das noch. Aber so! Das kann nicht mehr werden. Und hier: da sitzt das und läßt sich an wie 'ne Chaussee, wenn kein Regen gefallen ist, so trocken und staubig. Dores Jansen wird wohl bald die Hobelspäne zurechtlegen müssen.« »Aber ich bitte dich, Mutter ...! Dores Jansen denkt an ganz andere Dinge. Er freut sich schon auf den Tag, an dem er übers Jahr die Ehrenpforte zimmert, wenn Stephan hier im weißen Röckling eintriumphiert und seine Primiz feiert.« »Ach, ja, die Primiz! – Wenn Stephan doch käme ...! – Wenn er doch endlich kommen wollte! – Sonst muß er mich am Kalvarienberg – bei den Tannen da hinten ...« Sie versuchte, die Hände zu heben: »Ja, bei den Tannen da hinten! Da blühen die Himmelsschlüssel am ersten, und dann« – ihre Stimme kroch in sich zusammen, so verschüchtert wurde sie, so ängstlich und kaum noch zu hören – »und dann, wenn's Sonntag wird und alles so still und nachdenklich wie in der Kirche ist, dann tu mir einen Gefallen: dann setze dich in den Webstuhl und webe. Das Gewuchte der Lade dringt ja wohl bis zum Kirchhof. Dann weiß ich doch, daß du meiner gedacht hast.« Ihre Stimme wurde zu einem leisen, wehen Geflüster. Anna hielt das Taschentuch gegen die Lippen und weinte still vor sich hin. Pitt Pulcher aber riß sich zusammen. Er hätte aufschreien mögen, bezwang sich jedoch und sagte: »Was sollen nun all die dummen Geschichten! – Du weißt ja selber: der Doktor hat die beste Hoffnung gegeben. Und was der gesagt hat, das ist so gut wie das Wort Gottes am Tabernakel.« »Ach, ja – der Doktor ...!« und eine helle Träne rieselte über die Wange und von hier auf die zitterigen Hände, die keine Ruhe finden konnten. Da schlang er beide Arme um den gebrechlichen Körper und bettete den müden Kopf an seine Schulter: »Aber ich bitte dich, Mutter – der Doktor ...! – Was der nun einmal gesagt hat, da kann unsereiner nicht gegen an operieren. Das ist so zäh wie 'ne eschene Wagenrunge und steht wie so'n richtiger Kegelkönig, wenn die andern Kegel man so herumpurzeln müssen. Nee, Mutter, auf den Doktor lasse ich absolut gar nichts kommen. Und wenn's dann besser wird, Mutter, wenn dann die schönen Tage kommen, die 'nen ordentlichen Hirtzensprung machen und selbst dann noch hell bleiben, wenn die Sterne heraufziehen wollen, dann gehn wir hinaus in die Felder. Weißt du, hinaus in die Felder, so nach Xanten und Marienbaum zu, so am Kalkflack entlang, an der Berglehne entlang, wo unser Fichtenbaum steht und der warme Sommerblust über die Weizenschläge dahinweht und der liebe Herrgott seine roten und blauen Blumen ins Korn hineingestickt hat. Unsere Farben, Mutter: Liebe und Treue! Nein, um dich hab' ich gar keine Bange. Das gibt sich wieder, denn der liebe Gott wird doch nicht zugeben, daß ich hier allein bleiben soll, ich und Anna und Stephan ...« und damit beugte er sich tiefer, und sein Mund ruhte auf dem Scheitel der stillen Frau. »Ja, Mutter, unsere Farben: Liebe und Treue!« Etwas wie der matte Schein einer in weiter Ferne aufdämmernden Hoffnung ging über die Züge der Insichgekehrten. Dann hob sie das Antlitz und sah lange und tief in die hellblauen Augen ihres Mannes, die voller Glanz und Sonnenschein über ihr standen. Aber sie sah doch nicht lange und tief genug, um auch hinter diesen glänzenden und sonnigen Schleier zu blicken. »Und das glaubst du wirklich?« fragte sie ängstlich. »Das ist dein wahrhaftiger Ernst? Du glaubst an meine Genesung, wie du an Ostern glaubst und an die Auferstehung des Leibes?« Mit den letzten Kräften, die ihr noch blieben, umgriff sie die Hände ihres Mannes und versuchte, ihre heißen Lippen darauf zu drücken. »Ja, Mutter, ich glaube.« sagte Pitt Pulcher, und seine Stimme nahm einen festen und zuversichtlichen Ton an. »Ich glaube daran wirklich und wahrhaft, ich glaube daran, wie ich an das Evangelium glaube, an eine Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.« Seine Worte jubelten, und doch war ihm das Herz zum Zerspringen. Und siehe da: Pitt Pulcher reckte sich auf unter Niederwerfung der Schwäche, die ihn angehen wollte. Er reckte sich auf, ein bibelfester Recke, ein Alter vom Berge, mit erhobenem Haupt und mit Feiertagsaugen, willensstark und selig in seinem Glauben. »Mutter, bald rufen die Glocken. Ostern und Auferstehungsfreude, Genesen und Frühling! Das breitet die Flügel wie 'ne Lerche im jungen Roggen. Das will in den Himmel hinein, das will in die Menschenherzen hinein. Glaube, liebe und hoffe!« Und Pitt Pulcher legte die Hände zusammen und faltete sie. Ein Leuchten ging über sein ernstes Gesicht, ein heiliges Leuchten, ein befreiendes Leuchten. Langsam hoben sich die gefalteten Hände, und dann, als wenn er sich im Hochamt befände, als stände der liebe Gott neben ihm und er müsse ihm zu Preis und Ehr' ein heiliges Lied singen – also stand Pitt Pulcher auch jetzt, und feierlich und aus tiefstem Herzen heraus hub er an zu singen. Und also sang er: »Das Grab ist leer, der Held erwacht, Der Heiland ist erstanden; Da sieht man seiner Gottheit Macht, Sie macht den Tod zuschanden. Ihm kann kein Siegel, Grab und Stein, Kein Felsen widerstehen; Schließt ihn der Unglaub' selber ein, Er wird ihn siegreich sehen ...« Pitt Pulcher hatte gesungen; er hatte gesungen wie diejenigen, die ein Wunder herbeisehnen, herbeisehnen müssen und dennoch so recht an dieses Wunder nicht glauben können. Und trotzdem hatte er gesungen, wie die Zuversichtlichen singen, wie diejenigen singen, die mit Gottvertrauen und durch die Kraft eines mächtigen Liedes die Gewalt des heranschleichenden Todes zu brechen vermeinen. Noch ganz durchdrungen von seiner Mission, stand er erhobenen Hauptes und mit erhobenen Händen. Da trat der Doktor ins Zimmer. »Es geht schon besser,« lächelte ihm die Kranke entgegen, »es geht schon um vieles besser, Herr Sanitätsrat.« »Aber natürlich geht's besser,« bestätigte der Doktor, setzte sich an ihre Seite und nahm ihre fieberheiße Hand, die schmal und weiß und durchsichtig wie die eines Geistes geworden war. »Gut, sehr gut,« konstatierte er mit heiterem Lächeln. »Sie sollen mal sehn: die Lebensperle steigt ja bei Ihnen, wie so'n Bläschen im Selters ...« »Und das glauben Sie wirklich, Herr Doktor?« »Aber natürlich,« und dann pfiff er wie der prächtige Buchfink, der draußen von einem blühenden Aprikosenzweig herunter sein schönstes Lied in Gottes weite Welt hinausschmetterte. Als er dann ging und von Pitt Pulcher begleitet das Haus verließ, hielt er an der Schwelle noch einmal den Fuß an. Er pfiff nicht mehr und lächelte nicht mehr. »Herr Pulcher,« sagte er bedrückt und suchte nach dessen Hand, »Sie sind ein starker Mann, und ich glaube, Sie können die Wahrheit vertragen. Meine Kunst geht zu Ende. Lassen Sie Stephan aus dem Seminar kommen. Je eher, je besser.« Da taumelte der Weberkönig gegen den Türpfosten und sah mit aufgerissenen Augen den ersten Schwalben nach, die sich in dem stahlblauen Frühlingshimmel verloren. Also – sein glaubensstarkes Lied und sein glaubensstarker Wille hatten auch nicht geholfen?! Nein – sie hatten auch nicht geholfen.   4 »Rietz!« machte der lange Schlichthobel und zog papierdünne, ellenlange Späne von dem schmalbrüstigen Tannenbrett, das Dores Jansen zwischen die eisernen Haken seiner Werkbank eingespannt hatte. Mit feinem Zischeln und Näseln kräuselten sie sich aus dem Spanloch, drehten sich um die Arme des Meisters, um Oberkörper und Beine, so daß der ›Hobel le Beau ‹ unwillkürlich an den trojanischen Oberpriester Laokoon erinnerte, obgleich die beiden unglücklichen Söhne nicht zur Stelle waren und Dores sich ferner in anständigem Zeug von den fauchenden Schlangen einringeln ließ. Sonst aber erinnerte er an Laokoon, den Sohn des Antenor. Wohl an die fünfzigmal mochte der Schlichthobel auf- und niedergefahren sein, als Dores sich mit einem tiefen Seufzer streckte, die Schlängelchen abstreifte und eine Schnapsflasche aus der offenen Beilade hervorholte. Mit feinem Glucksen lief eine gehörige Portion des kristallklaren Feuerwassers hinter die wollene Jacke, die sich im Laufe der Jahre alle Kulören des Regenbogens zugelegt hatte. Wohlgefällig sah er sich hierauf in seinem ›Kunsttempel‹ um, wie er seine Tischlerwerkstätte zu nennen pflegte, glitt mit fuselseligen Äugelchen die Wände entlang und nahm plötzlich die Hacken seiner Schlappantoffeln zusammen. »Still gestanden! – Augen gerade aus!« Militärisch fuhr die rechte Hand an die Mütze, und die Blicke bohrten sich in die gegenüberliegende Wand ein. Dort waren verschiedene Bilder seines Sohnes mit Zwicken befestigt, drei Bilder auf Reihe, buntilluminierte Steindrucke in Neuruppiner Kunst, von denen jeder einen Soldaten darstellte, auf dessen Rumpf ein kundiger Winkelphotograph den Kopf des edlen Thyß Jansen aufgeklebt hatte: Thyß in gemütlicher Haltung, mit baumelnder Uhrkette zwischen den Rockknöpfen, ein Bierseidel stramm in der Hand; Thyß in voller Montur, den rechten Arm auf das Rad einer 15 cm -Ringkanone gestützt, im Hintergrund eine brennende Festung, wahrscheinlich durch den Kanonier Thyß Jansen zur Übergabe gebracht, und schließlich Thyß auf schnaubendem Hengst, mit ausgelegter Plempe über drei aufeinander gestapelte Schanzkörbe sprengend. Das waren doch Bilder, die das Herz höher schlagen ließen! »Famoser Kerl!« Er ließ die salutierende Hand wieder herunter. »Rührt euch!« Die ausgetretenen Schlappantoffeln gaben die Hacken frei, schlurrten auseinander und gingen wieder in Hobelstellung. »Los denn dafür!« sagte Dores und gefiel sich aufs neue darin, den Laokoon, Sohn des Antenor, zu machen, als sich ihm ein aufdringlicher Duft nach Wachs und Weihrauch in die Nase hineindrängelte. »Guten Abend, Herr Jansen.« Da wandte sich Dores: »Aber ich bitte Ihnen, Herr Roloffs ...!« Das letzte Hobelschlänglein drehte sich von der Werkbank herunter. »Ja, lieber Freund,« sagte der Küster, »wir kommen in Sachen der Ehefrau Pulcher.« »Kann es mir denken,« versetzte der Alte, indem er seinen breiten Daumen auf das eingespannte Brett drückte. »Allens hat seine Zeit: Leben und Sterben. Die übrigen Bretters sind schon fertig gerichtet. Auf dieses hier kommt der bleierne Christus. Was sonst dazu gehört, ist in Bestellung gegeben.« »Aber wieso denn ...?« Der Küster trat einen Schritt zurück. Da knirschten die Späne ganz sachte auf und versuchten es, sich an seinen Hosen emporzukringeln. »Ich arbeite vor,« entgegnete Jansen in aller Gemütsruhe, »denn an den beiden Ostertagen ist doch kein richtiges Schaffen. Für die Längde habe ich so Propter und Prätorius ein Meter fünfundsechzig gerechnet.« »Die Frau ist doch noch gar nicht gestorben.« »Weiß ich. Aber spätestens morgen.« »Woher wissen Sie das?« fragte der Küster. »Wir meinen, Sie können doch nicht so mit aller Bestimmtheit ...« »Ich könnte allens,« erwiderte Jansen, und seine kleinen Schnapsäugelchen begannen unheimlich zu glimmen. Dann schlug er sich auf seine fadenscheinige Wolljacke: »Herr Roloffs, setzen Sie mir nackig in Indigo, und ich bin doch der Kerl, der ich bin. Sehn Sie, Herr Roloffs, in der vergangenen Nacht hat der Holzwurm so niederträchtig gepinkert. Und da höre ich zu, denn ich habe 'ne innere Beaugenscheinigung von dem infamen Gepinke. Pinkert er in die linke Wand, dann muß einer aus die Kesselstraße dran glauben. Pinkert's rechts oder hinter mir, dann muß der Bessemhuck oder die Hanselaererstraße einen Toten herausgeben. Nu hat's aber in die Wand gepinkert, die mir, wenn ich im Bett liege, immer so Propter und Prätorius ansieht, und da sagte ich mir: Dores, sagte ich mir, nu muß jemand auf die Hobelspäne, der um die Kirche herumwohnt, und das ist Frau Pulcher, denn immerst hat das Pinkern die veritable Wahrheit vermeldet. Das hab' ich nu Propter und Prätorius an vierzig Jahre hindurch ausprobiert und mir niemals in die Nesseln befunden.« Damit knöchelte er mit dem gekrümmten Zeigefinger gegen die Werkbank, daß es einen wimmernden Ton gab, griff abermals in die Beilade und brachte wiederum die Schnapsflasche zum Vorschein, die er dem Küster anpräsentierte: »Darf ich mir erlauben, Herr Roloffs?« Dieser wehrte mit beiden Händen ab: »Wir danken submissest.« »Dann gestatten Sie wohl,« meinte Jansen und genehmigte sich ein herzhaftes Schlückchen, »denn die Sargschreinerei geht einem auf die Nerven, besonders wenn so'ne gute Bekannte in die eigene Arbeit hinein soll. Man hat doch auch ein Herz und keinen Häcksel im Leibe.« Dores war einer der besten Kerle zwischen Xanten und Kleve. Die Sargtischlerei brachte ihm qualvolle und betrübte Stunden, und wenn er die schwarzen Bretter für einen Näherstehenden oder eine liebe Freundin herrichten mußte, dann geriet seine Empfindungsharfe in ein wehmütiges Klingen. So auch in diesem Augenblick. Erst tönte sie leise, dann lauter, bis sie schließlich so herzergreifend anschlug, daß sich Dores über die Augen wischen mußte, um seine trostlose Verfassung nicht offenkundig zu machen. »Gott nee, die arme Frau Pulcher!« sagte er betrübt vor sich hin und sah dabei seine angefangene Arbeit so verzweifelt an, als sei er gewillt, dem verflixten Sargbrett die Pestilenz auf den Leib zu wünschen. »Immerst dieses traurige Wirken, immerst dieses Messen nach Längde und Breite! Da möchte ich ja lieber nackig in Indigo sitzen!« Die Empfindungsharfe schlug stärker. Dores schluchzte auf: »Und aus so was muß unsereins sich das tägliche Brot herauslangen. Nu wird auch die gute Frau Pulcher begraben!« »Na, alter Herr,« sagte der Küster und wickelte sich dabei einen ellenlangen Span um den Finger, »suchen Sie nur einen anderen Dreh in die Sache zu kriegen. Was dem einen genommen wird, wird dem andern gegeben. Man muß mit den Dingen rechnen, wie sie nun einmal liegen. Hier wird getauft, und dort wird begraben. Uns kann's eigentlich egal sein, denn wir, die Schreinermeister und Küster, profitieren davon. Und was nun die Ehefrau Pulcher anbetrifft, da werden Sie recht haben. Die Frau tut's nicht mehr lange, und da Sie neben Ihrer Tischlerei noch das Amt eines Glöckners verwalten, so haben wir Ihnen im Namen des Herrn Dechanten eine Botschaft zu überbringen.« Dores merkte auf. Er warf die klingende Seelen- und Empfindungsharfe beiseite und nahm mit einem hörbaren Ruck die Hacken seiner Schlappantoffeln zusammen. Hierauf salutierte er, um die Botschaft durch den Mund des Küsters entgegenzunehmen. Roloffs ließ seine schweren Lider herunter und hüllte sich in eine duftige Weihrauchwolke. Aus dieser sprach er, wie der Herr auf Sinai aus der Wetterwolke gesprochen hatte: »Sobald ich die kleine Meßglocke anschlage, gleichviel ob bei Nacht- oder Tageszeit, rufen Sie sämtliche Leute zusammen.« »Was für Leute?« »Die mit dem Glockenläuten zu tun haben.« »Schön,« sagte Dores. »Mit diesen begeben sie sich unverzüglich in das Turmportal.« »Und dann?« fragte Dores. »Das Weitere findet sich, nur: wir ersuchen um äußerste Pünktlichkeit.« Dores legte die salutierende Hand auf die Brust: »Herr Roloffs, setzen Sie mir nackig in Indigo ... aber so Propter und Prätorius zehn oder zwölf Minuten wird's immerst dauern, bis wir antreten könnten. Eher könnte zum Beispiel der Schuster Kogeleboom aus seiner Werkstatt oder aus seinem ehelichen Bette nicht kommen.« »Genügt,« versetzte der Küster, »aber bedenken Sie, Jansen: späteres Eintreffen dürfte für eine arme Seele verhängnisvoll werden.« »Ach, die arme Seele!« seufzte Dores so recht tief aus seiner wollenen Jacke heraus und stemmte abermals den Daumen der rechten Hand auf das halbfertiggestellte Sargbrett. Die Empfindungsharfe begann wieder zu tönen. Unter ihren Klängen verließ Roloffs die Werkelstube. Er ging wie auf Eiern und mußte sich bücken, um seine Enaksgestalt durch die niedrige Tür zu bugsieren. Der ›Hobel le Beau ‹ sah ihm mit feuchten Blicken nach. Sein Mitgefühl und der melancholische und doch alles verklärende gebrannte Korn machten sich wechselseitig den Rang streitig. »Ein Meter fünfundsechzig Längde,« sagte stumpf und dumpf vor sich hin und griff wieder nach dem Handwerksgerät. »Rietz!« machte der Hobel, und dieses infame und nichtswürdige Ziehen und Knirschen wollte nicht aufhören. Es dauerte ununterbrochen, bis die Sterne heraufblinzelten. Dann trat eine zweistündige Pause ein. Gegen zehn Uhr erleuchteten sich die blinden Fenster der Jansenschen Schreinerei. Der dunstige Schein einer hängenden Petroleumlampe legte sich quer über die Straße und warf unbestimmte Lichtflecken auf die gegenüberliegenden Häuser. Der Nachtwächter, der um diese Zeit mit seinem weißen Spitz vorübergeisterte und die zehnte Stunde antutete, schüttelte nachdenklich die weitabstehenden Fledermausohren. Jetzt noch Licht, und das in der Werkstätte vom ›Hobel le Beau ‹! – Das war gegen jede Satzung und Kleiderordnung und mußte im Kalender für Zeit und Ewigkeit rot vermerkt und doppelt und dreifach unterstrichen werden. Jedermann wußte: Dores zählte nicht zu denjenigen Handwerkern, die lebten, um zu arbeiten, und die arbeiteten, um leben zu können. Er nahm Arbeit und Leben mit einem rührenden Gleichmut und einer grandiosen Pomadigkeit hin und benutzte die Nächte dazu, ein paar Dutzend Stuhlbeine offenen Mundes und mit einer bewundernswerten Hartnäckigkeit klein zu machen und auseinander zu schnarchen. Aber in dieser Nacht schaffte er. Unter Zuhilfenahme eines herumvagabundierenden Tischlergesellen, den er noch am späten Abend aufgefischt hatte, sägte und verdiebelte er, richtete er die einzelnen Bretter und fügte sie kunstgerecht nebeneinander. Gegen drei Uhr war die äußere Form im großen und ganzen zusammengeschreinert. Mit ihren schweren Verkröpfungen und stattlichen Zierleisten machte sie einen ganz annehmbaren Eindruck. Hierauf wurden die gedrechselten Füße, von denen Dores immer eine gehörige Portion auf Vorrat hatte, angeschraubt und die langen Flächen mit grobem Sandpapier eben gescheuert. Gegen vier Uhr stärkte sich Dores, gab auch dem Gesellen etwas ab und rührte in einem Bunzlauer Topf Firnis und schwarzen Lack zu einer breiigen, aber noch streichbaren Masse zusammen. Dann griff er zum Pinsel. Nach einer halben Stunde war die Sache erledigt, und jetzt sah man erst, was das langgestreckte Ding eigentlich vorstellen sollte. Nur der gegossene Christus, die Handgriffe und die sonstigen Beschläge fehlten noch, sonst war die traurige Arbeit ziemlich fix und fertig geworden. Dores lohnte den zugewanderten Tischlergesellen aus, drehte die Petroleumlampe ab und kroch mit dem Bewußtsein, seine Pflicht getan und ein Meisterstück in die Welt gesetzt zu haben, in die sogenannte Traum- und Schlafkiste hinein und zog sich die molligen Posen über die Ohren. Bald darauf befand er sich in den Gefilden der Seligen. Auch der Docht in der Petroleumlampe, die noch kurz vorher die auf zwei Holzböcken ruhende Totenlade beschienen hatte, ging schlafen und verlöschte in seinem eigenen Qualm. – Noch einige Stunden – und grau und bleiern sah es durch die verwaschenen und mit Spinnwebnetzen austapezierten Scheiben. Die Helle nahm zu. Fröstelnd wurde sie größer und größer. Auch in der Werkstätte lösten sich die Gegenstände allmählich aus dem Dämmern und Dunkeln. Auf den beiden Sägböcken begann es zu blenkern. Der Schein wurde lebhafter. Das langgestreckte, schmale Ding mit dem erhabenen Deckel verlor seine Starre. Langsam schlug es die müden, schweren Lider auf, und mit verglasten Augen, mit einer fast hämischen Freude grinste der frischgefirnißte Sarg in den Karsamstagmorgen hinein, der langsam jenseits der großen Wiesenkoppel emporstieg. Und dennoch wollte die eigentliche, allbefreiende Helle nicht kommen. Noch vor vierundzwanzig Stunden war die liebe Frühlingssonne mit glückseligem Lächeln über die Erde gegangen. Das hatte sich geändert. Der letzte Tag der Karwoche sah vergrämelt in die Häuser der Menschen hinein. Ein kalter, stetiger Wind wehte vom tiefen Westen her und trieb rauchige Dünste gegen die kleine Stadt an. Sie legten sich über die Dächer und ließen keine richtige Osterfreude aufkommen. Und doch stand Ostern vor der Tür, und alle Herzen öffneten sich, um die Auferstehung des Herrn zu feiern. – An dem Hause Pitt Pulchers ging die Klingel nicht mehr. Man hatte den Klöppel umwickelt, um jeden unliebsamen Ton vom Lager der Kranken fernzuhalten. Auf Zehenspitzen sprachen die Nachbarn vor und erkundigten sich flüsternd nach dem Befinden der Frau. Es war ein ewiges Kommen und Gehen. Elisabeth Pulcher hatte Liebe gesät und Liebe geerntet. Das erfuhr sie in ihren schweren Stunden. Aber alle, die kamen, gingen mit verweinten Augen wieder nach Hause, denn ein Stiller, Großer, Gewaltiger stand vor der Schwelle, einer, der nicht friert und keine Wärme empfindet, einer, der nicht hungert und dessen Herz nicht Raum hat für Dinge, die sich mit dem irdischen Leben befassen. Niemand sah ihn von Angesicht zu Angesicht und konnte ihn sehen, aber alle fühlten seine aufdringliche Nähe. So stand er schon Stunde um Stunde. Er hatte nichts zu versäumen, und so wartete er denn, bis er eintreten durfte. Um die dritte Nachmittagsstunde legte er die kalte Hand auf die Klinke, um sie niederzudrücken. Dann schob er das Ohr an die Tür. So horchte er lange. Es mochte noch zu früh für ihn sein; er gab die Klinke wieder frei und barg die Hände in die Ärmelfalten seines langen Gewandes. Der Wind verstärkte sich im Laufe des Nachmittags. Immer dichter wurden die Kreppgardinen. Es hing wie Aschenregen in der Luft. Nur noch ein matter Schein drängte sich in das Krankenzimmer. Neben dem Bett stand eine brennende Wachskerze. Eine große Stille war zwischen den Wänden, zeitweilig unterbrochen von einem kurzen Schluchzen und dem kaum wahrnehmbaren Knistern des Lichtes, das eine zarte Vergoldung über die Kissen spreitete. Die Türe zum Nebenzimmer stand offen. Der Schatten Pitt Pulchers ging dort auf Lammfellsocken unruhig auf und nieder. Zwischen seinen Fingern wisperten gläserne Perlen. Monoton spielten sie gegeneinander, begleitet von einem murmelnden Sprechen. Pitt Pulcher betete den schmerzhaften Rosenkranz. Sein Gesicht war hart und ohne Bewegung, und seine Augen konnten keine Tränen mehr finden. Von Zeit zu Zeit trat er an das Fußende des Bettes, beobachtete die Züge seines Weibes und nahm erneut seinen früheren Gang auf. Als er zum fünften Male den Webstuhl passierte, wurde leise gegen eine Scheibe geklopft. Dann wiederholte sich das geheimnisvolle Klopfen. Pitt Pulcher öffnete. In dem Fensterrahmen stand ein stilles Gesicht. »Wenn es erlaubt ist,« sagte eine weiche Stimme, »so möchten wir uns submissest die Frage erlauben ...« »In einer Stunde vielleicht, vielleicht auch später ... Wenn Sie dann noch einmal nachfragen wollen.« »Wir danken submissest.« Lautlos schloß sich das Fenster. Wieder tippten die gläsernen Perlen gegeneinander. Die Kranke selber schien zu schlummern. Friedlich lag sie zwischen den Kissen. Anna saß ihr zur Linken und nahm ihr von Zeit zu Zeit den Schweiß von der Stirne. In den letzten Tagen hatte sich im Antlitz der Leidenden wenig verändert. Und doch war eine ruhige, zuversichtliche Klarheit über die einst so schönen Züge gekommen. Nur das Zittern der linken Hand hatte nicht nachgelassen, während die rechte in steter Ruhe verharrte. Sie konnte nicht anders, denn auf ihr lagen die heißen und zuckenden Lippen eines jungen Mannes in schwarzer Soutane, der neben der Bettlade kniete. Er trug Schnallenschuhe und das Gewand der Seminaristen. Auf dem Hinterkopf schimmerte der matte Glanz einer kreisrunden Tonsur, ein Zeichen, daß er bereits die niederen Weihen empfangen hatte. Jetzt gab er die Hand frei. Das Haupt hob sich langsam, und die Lider erschlossen sich. Das Wachslicht beschien ein jugendliches Schwärmerantlitz, verhärmt, aber mit glühendem Ausdruck. Seine Hand machte das Zeichen des heiligen Kreuzes; dann sprach er: »Wenn ihre zitternden und erstarrten Hände dein Kreuzesbild nicht mehr ergreifen und festhalten können, sondern gegen ihren Willen es hinfallen lassen auf ihr Schmerzenslager, dann, bannherziger Jesu, erbarme dich ihrer.« Der Schatten Pitt Pulchers war näher getreten. Mit gefalteten Händen stand er am Fußende des Bettes. »Wenn ihre verdunkelten und vom Todesschauer gebrochenen Augen einmal noch zu dir die matten und sterbenden Blicke wenden, dann, barmherziger Jesu, erbarme dich ihrer.« Das Gebet war von einem seltsamen Wohllaut. Trotz des tiefen Jammers, der sich durch die Worte hinzog, lag eine Auferstehungsfreude in dieser Stimme. Es berührte wundersam. Die Kranke wandte das Antlitz und versuchte, die Hände zu heben. Und wieder betete der Jüngling in der schwarzen Soutane: »Wenn ihre kalten und bebenden Lippen deinen anbetungswürdigen Namen zum letzten Male suchen und aussprechen, dann, barmherziger Jesu, erbarme dich ihrer.« »Ja,« sagte der Alte, und es hörte sich an, als wenn er mit dem Himmel spräche, »dann, barmherziger Jesu, erbarme dich ihrer, denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen – und nur der Glaube macht selig.« »Amen,« sagte der Kniende, und sein Haupt neigte sich wieder. »Ah, Stephan, du bist es!« kam es kaum hörbar von den schmalen Lippen der Kranken. Ihr abgezehrtes Antlitz verschönte sich. »Ja. Mutter, ich bin es.« »Gut, daß du gekommen bist, Stephan,« und ihre rechte Hand erhob sich, um sich auf den Scheitel des Sohnes zu legen, »und ich danke dem Himmel, daß er mir eingab, dich Geistlicher werden zu lassen. Komm näher heran, Stephan – immer näher heran ... Du wirst durch dein heiliges Amt den Himmel versöhnen ... Du wirst meine Sünden hinwegnehmen ... die Sünde, die Sünde ...!« »Mutter, Mutter ...!« Pitt Pulcher beugte sich vor. »Mutter,« sagte er fassungslos und rieb die Finger fröstelnd gegeneinander, »Stephan hat nichts zu vergeben, und du hast nichts zu bereuen. Du hast ja gelebt wie die Engel im Himmel. Du bist ja eine Heilige auf Erden gewesen. Das wissen wir alle, das wissen Anna und Stephan ... das erzählen sich ja die Lebendigen und die Toten im Grabe...« Liebevoll glitt er mit rauher Hand über ihre noch immer straffgescheitelten Haare: »Nein, Mutter, du hast nichts zu bereuen.« Mit leisem Wimmern warf sie sich in die Kissen zurück, als sei sie gewillt, seiner Liebkosung aus dem Wege zu gehen: »Laß das, Pitt. – Ich bin deiner nicht würdig ...« »Aber, Mutter ...!« »Nein, ich bin deiner nicht würdig ...!« Sie rang nach Worten. Dann horchte sie auf: »Was saust da so seltsam?« »Das ist die Verheyensche Mühle. Der Wind sitzt dahinter.« »Verheyen ...?! – Jakob Verheyen ...?!« – mit beiden Händen tastete sie nach der Hand ihres Mannes, und als sie diese gefunden hatte, preßte sie ihren heißen Mund auf die trockenen Finger: »Verzeih mir, Pitt, du mußt mir verzeihen, sonst kann ich das Sterben nicht finden. – Ich glaube« – und sie suchte in die Höhe zu kommen – »ich glaube, sein Weib ist um meinetwillen in den Tod gegangen. – Pitt, sei gut mit den Kindern, besonders mit Stephan – und du, lieber Gott, sei meiner armen Seele barmherzig!« Kraftlos fiel sie zurück. Pitt Pulcher streckte sich, wie von einer Kugel getroffen. »Was ist das für ein Entsetzen im Hause?!« fragte er tonlos und sah sich um, als wollte sein klarer Menschenverstand auseinander. Aber Anna war bei ihm. Weinend schlang sie die Arme um seinen Nacken. »Vater,« ächzte sie, »ihr Geist folgt nicht mehr. Er ist in die Irre gegangen.« »Ja, er ist in die Irre gegangen.« Ein leises Weinen setzte ein, nur unterbrochen von dem Sausen des Windes und dem monotonen Gemurmel des jungen Klerikers. Alle Gegenstände verloren sich und nahmen etwas Verwaschenes an. Wie eine bange Frage stand das matte Licht der Sterbekerze inmitten des Zimmers. Das Wachs tropfte ab und gab einen klingenden Ton auf dem Rande des Messingleuchters. Die Sterbende schien wieder zu schlummern. Die Finger lösten sich aus ihrer Umstrickung. Sie waren ruhig geworden. Plötzlich wachte die Kranke auf. Mit dem Aufgebot ihrer letzten Kräfte hob sie sich zwischen den Kissen. Die Augen dehnten sich maßlos. Das Starre in ihnen ließ nach. Der alte Glanz kehrte zurück. Er suchte umher. Einzeln sah er die Umstehenden an. Alle waren in die Höhe gefahren, auch Pitt Pulcher, auch der junge Kleriker. Es war ein Aufbegehren im Angesichte des Todes. Pitt hatte den Arm um den Leib seines Weibes geschlungen. Der müde Kopf fiel gegen seine Schulter. »Pitt,« wimmerte sie leise,»wo ist der Dechant ... ? – Ich sehe ihn nicht. Er müßte doch kommen ...« »Mutter, soll nicht der Vikar ...« »Nein, der Dechant soll kommen.« Sie stemmte sich gegen ihn an: »Sonst geht meine Seele betteln und hungern. – Pitt, jetzt reißt der große Vorhang auseinander! – Mein Gott, er reißt auseinander. – Was werde ich sehen ...? – Der Dechant ...! – Der Dechant ...!« Sie sank wieder zurück: »Anna, schüttle das Kissen. – Du tust es nie mehr im Leben. – Der Dechant ...! – Der Dechant ...!« »Ich gehe, ich gehe!« schrie Pitt und stülpte sich die Schirmmütze über. »Mutter, ich gehe.« An der Hausschwelle stieß er auf den Küster: »Roloffs, nu ist's Zeit. Die Sterbelaken kommen herunter.« Da wandte sich Roloffs. Durch die Stille des Sterbezimmers aber klangen die Worte: »Wenn die letzten Seufzer des Herzens ihrer Seele gebieten, von dem Leibe zu scheiden, so nimm diese Seufzer als Wirtungen einer heiligen Ungeduld, zu dir zu gelangen – und darum, o barmherziger Jesu, erbarme dich ihrer.«   5 Um dieselbe Stunde saß der Dechant Heinrich van Egern in seinem Studierzimmer. Neben ihm brannte die Lampe; im Ofen knisterte ein lustiges Feuer, denn der Tag war kalt und stürmisch gewesen, und am Abend war es noch schlimmer geworden. Der geistliche Herr hatte in der Bibel gelesen. Die Leidenswoche des Herrn war in großen Zügen an ihm vorübergepilgert, Fuß für Fuß, Station um Station. Jetzt war er zum Abschluß gekommen. Die Brille lag noch neben den aufgeschlagenen Blättern. Er las nicht mehr, aber sein Geist erging sich weiter in stillen Betrachtungen. Hinter ihm lagen die Stunden des Schmerzes und die Stunden des Leides. Nur noch eine kurze und bange Nacht, und er wandelte sonntäglich und weißgekleidet dem Auferstehungsmorgen entgegen. So still ringsum. Fast lautlos zogen die Menschen mit Palmsträußchen und Osterwecken vorüber. Selbst der Kanarienvogel schwieg, und wenn ihm die Sehnsucht ankam, eine zarte Klingelrolle zu flöten, so verdämmerte sie gleich darauf wieder, als wäre sie zergangen wie das Klingen einer kaum angestrichenen Geige. In dieser ernsten Stunde glaubte der geistliche Herr den Pendelschlag der nahen Turmuhr zu hören, wie er den besonnenen Schlag seines eigenen Herzens zu hören vermeinte. Und dieser Herzschlag führte ihn zurück in vergangene Zeiten. Jemand war an seine Seite getreten. Es war seine eigene Jugend. Die schob ihren Arm in den seinen, und so aneinandergeschmiegt gingen sie über die Deiche und sahen in das Land hinein, wo die Menschen wohnen mit ihrem starten Glauben und ihren schweren Gedanken, jene Menschen, die Ströme ablenken und Berge versetzen, um die Pforte des Paradieses zu gewinnen. Und die Jugend stand neben ihm und küßte ihm den schneeweißen Scheitel. »Es ist wie im Traum,« sagte der Dechant still vor sich hin und suchte wieder auf irdischen Boden zu kommen. Der Wind, der geraume Zeit gefeiert hatte, erhob sich von neuem. Mit tiefem Seufzer stieß er in den Ofen hinein und ließ die glühenden Fünkchen eiliger in den Aschenkasten fallen. Einzelne Graupelkörner schlugen gegen die Fenster, aber der Dechant wähnte die Erde mit lichtem Sonnenschein vergoldet und dachte wieder an das helle und versonnene Reich seiner Jugend. Alles um ihn war Weihe und Friede. Gleich darauf schlug die Meßglocke an. Es war nur ein kurzer Appell, dem Rufe der Wache zu vergleichen. Da nahm der geistliche Herr mit einem schmerzlichen Lächeln das Sammetkäppchen ab, legte es neben sich und sagte: »Der da kommt, kommt bald. Es dauert nicht lange mehr, und dann wird auch Anne-Susanne geläutet.« Hierauf langte er nach einem Blättchen Papier, das neben ihm bei etlichen Geschäftspapieren ruhte. »Im Angedenken an Elisabeth Pulcher,« sagte er mit weicher Betonung, »denn ihres Bleibens ist nicht lange mehr auf Erden.« Dann schrieb er: »Pilger, zum letzten Male sahst du die irdische Sonne; Bald vom Irdischen frei, schaust du das ewige Licht.« Als er die Feder beiseite legte, schlug draußen die Klingel an, aber nicht wie sie es sonst in der Gewohnheit hatte, nicht mit jenem feinen Stimmchen, das bis in die gartenwärts gelegene, blanke und sonnige Küche hineinwisperte. Sie kreischte mit einem langgezogenen Ton und schrillte nachhaltig bis in die obersten Zimmer. Alle Räume des Hauses, selbst die Kammern des Dachgeschosses, schienen zu einem einzigen Resonanzboden geworden. Dann wurde die Haustür geschlagen. »Was, um Gottes willen, geschieht denn?!« sagte der Pastor und versuchte, sich aus dem Sessel zu heben. Kraftlos sank er zurück. Mit beiden Händen stützte er sich auf die Kanten des Tisches und sah über das Licht fort, als müsse er das Unglück fernhalten. Gleich darauf preschte auch die Zimmertür, als säße ein scharfer Wind dahinter, gegen die Wand an. Es ging wie ein Hauch des Todes durch die Stube, so still wurde es plötzlich, so fröstelnd und von bangen Ahnungen durchzittert. Pitt Pulcher erschien auf der Schwelle und zerknüllte die Seidenmütze zwischen den Händen. Das eisgraue Haar hing wirr um die Schläfen. Hinter ihm kam die Haushälterin mit allen Zeichen des Unmuts, sichtlich gewillt, ihm den Eintritt zu verwehren. Allein der Alte streifte sie ab, wie man irgendein nichtiges Ding abstreift und beiseite stellt. »Herr Dechant,« sagte er ruhig, aber in dieser Ruhe saß die ganze Verzweiflung eines gequälten Menschen, »Herr Dechant, sind Sie zu sprechen, sind Sie für mich zu sprechen, Herr Dechant?« »Ja, mein lieber Herr Pulcher, ich bin für jeden zu sprechen. Kommet zu mir, ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid.« »Dann, Herr Dechant ...« Er sprach nicht weiter. Die Sinne wollten ihm abwegig werden. Pitt Pulcher mußte sich am Türpfosten halten, um nicht in sich zusammenzubrechen. Da stand nun der gewaltige Mann mit dem scharfgemeißelten Kopf und den eisernen Zügen, der Webermeister, der trotzige Mensch aus dem stolzen Geschlecht der Kölner Weber und Tucher, die sich einst unterfangen hatten, das Banner des Aufruhrs auf die Mauern der freien Reichsstadt zu pflanzen und die Geschlechterherren, die Herren der ›Richerzeche‹, in den Staub zu treten – jetzt das Leid zwischen den Rippen und todeswund, hilfebedürftig und eine übermenschliche Last auf den Schultern ... und hielt das sterbende Herz seines armen Weibes zwischen den Händen. »Herr Dechant, mein Weib ...!« Wie eine schwere Kette klirrten die Worte zu Boden. »Kommen Sie näher,« sagte der geistliche Herr und hielt dem Verzweifelten die Arme entgegen. »Ich weiß es, Herr Pulcher. Die große Stunde senkt sich herab. Gott tröste Sie und die Ihren. Die Heilsmittel unserer Kirche mögen ihr das Scheiden leicht machen. Der Herr Vikar hat doch seines Amtes gewaltet?« Pitt Pulcher trat näher. Seine Brust stürmte. »Herr Dechant, der Vikar ist mir soeben mit der letzten Wegzehrung begegnet ... aber das hilft mir nicht, das kann mir nicht helfen ... um das geht es mir nicht ... Sie selber müssen kommen, Herr Dechant, sonst kann mein Weib das Sterben und die ewige Ruhe nicht finden.« Der geistliche Herr lächelte wehmütig vor sich hin und machte eine hilflose Bewegung: »Sie sehn doch, mein lieber Herr Pulcher ...« »Ja, ich sehe alles,« stieß der Alte qualvoll heraus, »ich sehe alles, Herr Dechant ... Aber wenn Sie nicht kommen, Herr Dechant ...« Mit beiden Händen griff er sich zwischen Kehle und Halstuch, als müsse er sich Luft verschaffen, als säße ihm eine würgende Hand an der Gurgel: »Wenn Sie nicht kommen, Herr Dechant ...« »Herr Pulcher, es ist doch unmöglich ...« »Nichts ist unmöglich, Herr Dechant!« Der Alte war bei ihm, umschnürte seine Hände; seine Stimme flackerte wie eine brünstige Feuersäule: »Ich will alles für Sie tun, hungern und dursten ... ich krieche für Sie den Kalvarienberg hinauf, Station für Station, Stufe für Stufe ... ich will Sie tragen, Herr Dechant ... hier, mit meinen starken Armen will ich Sie tragen, Schritt für Schritt, Fuß für Fuß ... es geschieht Ihnen nichts ... hier liegen Sie sicher ... Nur – um Jesu Christi willen – erbarmen Sie sich ihrer ...!« Etwas Trostlos-Wildes lag in diesen Worten, ein Klagen wie der Schrei eines verwundeten Tieres, ein Hilferuf hinaus übers Meer, in das Endlose, in die Ewigkeit hinein – und der Gequälte streckte ihm die Hände zu, die bittenden Hände ... die flehenden Hände ... Der Schmerz verstärkte sich im Antlitz des geistlichen Herrn. Er tastete nach seinem Sammetkäppchen. »Mieke,« sagte er zu seiner Haushälterin, »bringen Sie mir Hut und Mantel.« »Hochwürden, Sie werden doch nicht ...!« »Ja, ich werde,« sagte er ruhig. »Es gilt eine Menschenseele.« Sie trat auf ihn zu: »Das geht nicht, das dürfen Sie nicht! Sie versuchen ja den lieben Gott im Himmel.« »Mieke, ich will meinen Mantel.« Seine Stimme klang fest. Da ging Mieke und brachte das Verlangte. Währenddessen sagte der Dechant: »Muß schon ein Arzt in Sturm und Wetter hinaus, leidet ein Mensch Schaden an seinem Leibe, um wie vieles mehr ein Diener des Herrn, gilt es, das Unsterbliche ungefährdet und rein in das ewige Leben zu führen. – Herr Pulcher, ich komme.« Und damit hüllte ihn Mieke sorglich und warm ein, während heiße Tränen über ihre Wangen rannen und ein Stoßgebet das andere ablöste. Pitt Pulcher aber küßte die Hand des Verlähmten; dann hob er ihn mit starken Armen auf, drückte ihn wie ein schwaches Kind an seine Brust – und Pitt Pulcher, der Erlöste, der Mann mit den hellblauen Augen, Pitt Pulcher, das gutmütige Kind und doch der Mann mit dem sehnigen Willen und dem heiligen Zorn im Herzen – Pitt Pulcher schritt erhobenen Hauptes mit seiner teuren Bürde über die Dielen, über den Hausflur, über die Schwelle in die Schauer des Karsamstagabends hinein. Mieke machte hinter ihnen das Zeichen des heiligen Kreuzes, bis die beiden im Grau der niederfallenden Graupelkörner verschwanden. Pitt Pulcher jagte weiter. Die Mütze flog ihm vom Kopf. Es war ihm gleichgültig. Seine Seele jubelte. Er konnte den letzten Willen der Kranken erfüllen. Er hatte ihr das Leben leicht gemacht und ihr jeden Stein aus dem Wege geräumt, und so wollte er es halten bis zu dieser Stunde: auch das Sterben sollte ihr leicht werden. Der Wind peitschte ihm das Haar und kämmte es ihm wirr um die hämmernden Schläfen. Er hatte dessen nicht acht. Scharfe Kristalle sprangen ihm in das harte Gesicht und drückten ihm die Lider herunter. Er ließ graupeln, was graupeln wollte, und ging seines Weges. Er schritt über den Kirchplatz, als wenn er das Heil des Lebens trüge, als hielte er den Heiland selber zwischen den Armen, um ihn an das Sterbebett seines Weibes zu tragen. Pitt Pulcher war ein Bringer des Glückes und ein Träger der Freude geworden. Und endlich – endlich ...! – Der erste Klang kam aus der Höhe herunter. Durch Kreppschleier und Florgardinen ruderte er über die totenstille Stadt und sprach zu den Menschen. Ein dumpfer Laut rang sich aus der Brust des Heilbringers. »Anne-Susanne ...! – Anne-Susanne! – Heiliger Gott, großer Gott! – nur noch zehn Minuten, nur noch zehn kurze Minuten – und mein Weib hat ein ruhiges Sterben gefunden!« »Sursum corda,« sagte der Pastor, und eine helle Träne fiel auf den Scheitel des Mannes, der ihn trug. Gleich darauf trat Pitt Pulcher über die Schwelle seines eigenen Hauses.   Knapp eine Stunde vor diesem Begebnis stand Jakob Verheyen mit aufgestemmten Knöcheln in seinem Wohnzimmer. Über ihm schwebte eine Hängelampe, deren grelles Licht auf eine ausgebreitete Flurkarte fiel, die in ihrer oberen linken Ecke den Katasterstempel und den Namen des amtierenden Geometers enthielt. Dem Guanohändler und Mühlenbesitzer gegenüber saß eine gedrungene Gestalt, mit dem ortsüblichen Leinenkittel angetan und goldenen Ringen in den fleischigen Ohrläppchen. Ein gesundes, kräftiges Gesicht, von einer rötlichen Bartfräse eingerahmt, ruhte selbstgefällig auf dem kurzen Stiernacken, dessen Speckfalten beinahe den niedrigen Kragen des blauen Kittels bedeckten. Man sah es diesem krummbeinigen und bodenständigen Mann an: er, Franz Seegers, war es gewohnt, nur erstklassiges Korn auf erstklassigen Acker streuen und nur mannshohes Gras auf den fetten Niederungsweiden mähen zu lassen. Sein Weizen erzielte stets die besten Preise, sein Heu hatte doppelten Nährwert, und mit seinem rot- und weißgefleckten Viehbestand konnte es niemand in der ganzen Klever Gemarkung aufnehmen. Draußen, ungefähr eine halbe Wegestunde von der Mühle entfernt, lag sein breitangebautes und von kanadischen Pappeln umstandenes Anwesen zwischen dem Paternosterteich und dem mächtigen Damm, der sich in großem Bogen durch die Niederung hinzog und den ersten Ansturm des geschwollenen Rheinwassers aushalten mußte. Franz Seegers war wie Jakob Verheyen verwitwet. Von drei Kindern war ihm nur eine Tochter übriggeblieben, und wenn diese Tochter, straff und üppig gewachsen, ihren Rock schürzte, um die nahgelegene Stadt aufzusuchen, kam der Stolz des Alten zum Durchbruch. Lustig und hochfahrend rief er ihr jedesmal nach: »Thres, wenn du spazieren gehst, dann gehen mit dir fünfundneunzigtausend Taler spazieren.« Dabei lachte er so herzhaft aus seinem Leinenkittel heraus, daß davon die Grundfesten seines stattlichen Hauses ins Zittern gerieten. Franz Seegers verfolgte mit dem Zeigefinger eine grüne Linie, die sich quer über die Flurkarte hinzog. An einer Stelle dieser Linie und ungefähr dort, wo eine rote abzweigte, stießen sein Besitz und der von Jakob Verheyen zusammen. »Also das hier wäre der strittige Punkt?« fragte er lauernd. »Allerdings,« sagte Verheyen, »aber da sind noch mehr strittige Punkte.« »Wieso denn?« gab Seegers zurück und suchte hinter die Gedanken seines Partners zu kommen. »Das läßt sich heute nicht alles erklären; das muß man in natura betrachten, und drum möchte ich die ganze Sache auf später verschieben.« Damit trat Jakob Verheyen von der Flurkarte fort, legte die Hände auf den Rücken, schritt in nervöser Hast über die knarrenden Dielen, sah zum Fenster hinaus, vor dem die Schatten einiger Lindenbäume auf- und niederschwankten, riß die Tür auf und rief nach dem ersten besten Müllergesellen, schlug sie, als niemand erschien, in merkwürdiger Eile wieder zu und trat nochmals ans Fenster. Mit spitzen Fingern trommelte er gegen die angelaufenen Scheiben. Seegers verfolgte jede seiner Bewegungen. »Gottverdomie!« rief er plötzlich, »was hast du denn heute für 'ne dämliche Unruhe im Leibe?« Der Angerufene wandte sich. »Das mußt du schon mir überlassen,« sagte er kurz. »Es gibt Dinge im menschlichen Leben, die sind mit der Peitsche hinter einem her und knallen einem den Verstand aus dem Schädel.« » HerrJesusnochmal!« versetzte der fette Niederungsbauer, »ich bitte dir, Jakob: auf einen Menschen mehr oder weniger kommt's doch nicht an. Das ist doch bei dir die ganze Geschichte, 'ne Hand voll Kirchhofserde, wie Herr Roloffs immerzu sagt, und die dumme Sache ist in promptester Weise geregelt.« Seine Worte waren von einem speckigen Lachen begleitet. »Seegers, ich verbitte mir das ...« Schartig kam es vom Fenster her. »Auch gut,« versetzte der andere und verfolgte wieder, und zwar in scheinbarer Gemächlichkeit, die geraden Linien der vor ihm ausgebreiteten Karte. Jakob Verheyen hatte sich in einen Sessel geworfen. Von hier aus sah er in das grelle Licht, das ihm in die Augen hineinstach. Das genierte ihn nicht. Er hatte kein Empfinden dafür und blieb unberührt davon. Eine senkrechte Furche bohrte sich von der Nasenwurzel bis tief in die Stirne hinein. Die Schläfen sprangen zurück. Ein kurzverschnittener, mit weißen Fäden durchzogener Spitzbart vermehrte das Bedeutsame des scharfmodellierten Gesichtes. Die Augäpfel spielten ins Gelbliche über. Sehnig gewachsen, mit energischen Mundecken und den grübelnden Blicken machte er den Eindruck eines verschlossenen, aber auch eines entschlossenen Mannes, der es gewohnt war, seinen Willen in die Tat umzusetzen und gegebenen Falles über Leichen zu gehen. Aus kleinen Anfängen hatte er sich zu seiner jetzigen Stellung emporgerungen. Durch seinen klug angelegten Guanohandel waren ihm die Bauern tributpflichtig geworden. Seine Mühle beherrschte die Gegend. Sein energisches Wort brachte ihm Ansehn. Im Kirchenvorstand spielte er die erste Geige. Mit dem gewaltigen Pitt Pulcher war er befreundet, obgleich die Fernerstehenden sich so recht nicht in diese Freundschaft hineinfinden konnten, schon deshalb nicht, weil sie nicht begriffen, wie Jakob Verheyen die schöne Elisabeth Ivers hatte vergessen können, wo er doch schon nahe daran gewesen war, sich um ihretwillen von dem Umgang seiner Mühle in die Tiefe zu stürzen. Aber wie dem auch sein mochte – Gras war über die alte Geschichte gewachsen, und der Wind näselte darüber hin wie über einen umbrochenen Stoppelacker. Der Geist dieses Mannes mahlte hart auf hart. Zielbewußt ging er seine eigenen Wege. Seit jener furchtbaren Stunde auf dem Umgange der Mühle kannte er keine Anwandlung von Schwäche mehr, hatte sie nie mehr empfunden. Heute kam sie zurück. Er war unstet, zerfahren, und wie geistesabwesend stierte er in die zirpende Lampe. Das dauerte so hundertundfünfzig Herzschläge hindurch. Dann erhob er sich wieder, trat an den Tisch und schien sich aufs neue für die Flurkarte zu interessieren. »Also dieses Stück willst du haben?« sagte dann auch gleich der Stiernackige, begab sich an die Seite Verheyens und umzog das fragliche Gelände mit dem Nagel des aufgesetzten Daumens. »Das hilft mir allein nicht, wenn ich die anstoßende Parzelle nicht kriege.« »Gottverdomie noch mal! – das ist ja meine beste Weizenparzelle. Boden eins a. Prima Sorte. Zwei Morgen und dreihundert Feldmesserruten. Nicht ein einziger Stein drin. Fett wie'n ausgemästetes Ferkel. Ich sage dir, Jakob, wenn ich da umpflügen lasse, so kriegt man den feinsten Brotgeruch direkt in die Nase.« »Drum hab' ich dir ja auch dreitausend preußische Taler geboten.« »Schon richtig – aber ich bitte dir, Jakob ...! – kannst du die Nebenparzelle nicht nehmen? Dieselbe Fläche, glatt wie 'ne Hand und nur zweitausendfünfhundert preußische Taler.« »Ausgeschlossen.« »Wieso ausgeschlossen?« »Na – um es dir denn kurz auseinanderzusetzen: hier auf den dreitausend Taler wertigen Acker habe ich vor, etliche Guanoschuppen bauen zu lassen.« »Das weiß ich. Nu aber weiter. Das geht ja auch hier auf der Nebenparzelle.« »Nein, das geht nicht.« »Aber ich bitte dir, Jakob...!« »Da ist gar nichts zu bitten, absolut gar nichts zu bitten. Die Sache ist doch klipp und klar und liegt vor mir wie auf einem porzellanenen Teller. Ich muß an den Kalkflack heran, ich muß an die Chaussee 'ran, sonst komm' ich mit meinen Percherons und meinen Fuhren nicht durch, sonst kommen die Bauern nicht durch. Ich kann mich doch um deiner schönen Augen wegen nicht festlegen und wäre ein kapitaler Narr, den Totengräber für mein eigenes Interesse zu spielen. – Also nochmals gesagt: entweder ich erhalte die bezeichnete Flur und die Leigrafenparzelle dazu, oder wir sind in vorliegender Sache geschiedene Leute.« Die Augen Verheyens begannen zu stechen, und seine Stimme klirrte, als würde ein Fenster eingeschlagen. »Aber ich bitte dir, Jakob ...!« Das brutale Gesicht mit der rötlichen Bartfräse schob sich dicht an das seines Gegners: »Man immer hü mit die bockigen Pferde. Man ist doch auch nicht von heute und gestern. Man hat doch auch sein Honnör im Leibe und sieht es nicht gern, wenn so 'ne alte und prächtige Freundschaft zertöppert. Du verstehst mir doch, Jakob?« Damit legte er ihm die breiten Hände auf die Schultern und sagte: »Jakob, ich habe dir 'nen Vorschlag zu machen. Sieh mal, Jakob, meinetswegen seit hundert Jahren stoßen unsere Besitztümer zusammen. Hier deine kapitale Mühle mit ihrer barbarischen Mahlforsche und dann noch deine übrigen Liegenschaften, und dicht daneben: ich mit dem Seegersschen Hof und dem Weizenstroh, das doppelt so lang wird wie das auf die Ackers meiner Kollegen. Gottverdomie noch mal!« – und die Rechte knallte fidel auf die Schulter Verheyens – »und da sollten wir nicht Manns genug sein und nicht die Kurasch im Leibe besitzen, unsere Kartoffeln zusammenzuschmeißen? – Denn sieh mal, Jakob: dein Hermann hat das seine gelernt, ist Obergefreiter geworden, abgesehn davon, was noch hinter ihm her kleckert, kommt bald frei von 's Militär und kann für seinetwegen sich umkucken und sagen: Na, Kinder, hier bin ich. – Und, Jakob, da ist nu meine Tochter Therese, drall wie'n Paradiesapfel, direkt vom Baume herunter, aber nicht geschüttelt, sondern lieblich mit 'nem Apfelpflücker gebrochen – und ich sage dir, Jakob, wenn die spazieren geht, dann gehn mit ihr fünfundneunzigtausend preußische Kronentaler spazieren ... also, Jakob, schlag ein ...« Ein kräftiges Lachen, fest und herzhaft wie der Ton einer regelrecht geknallten Fuhrmannspeitsche, knatterte von seinen Lippen und ließ die Scheiben erzittern. Dann hielt er seinem Partner die fette und dickfingerige Hand hin: «Jakob, los denn dafür.« Jakob Verheyen zuckte zusammen. »Ja, das mit dem Hermann ...« Stand der Versucher neben ihm? – oder war das ein reeller und artiger Vorschlag? Er konnte nicht in die Irre gehn. Das Lachen hatte zu offen und ehrlich geklungen ... und da: seine Hand wollte sich langsam erheben ... In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Eine empfindliche Kälte strömte ins Zimmer. Mit ihr drehte sich die Gestalt eines vierschrötigen Müllerburschen bis dicht an den Tisch heran. »Baas,« sagte er stumpf vor sich hin, »es geht nicht zum besten. Höchstens eine halbe Stunde noch, dann kann Dores mit die Hobelspäne erscheinen.« Fast gleichzeitig wurden die langsam herausgewürgten Worte dumpf und schwer von dem Geläut einer mächtigen Glocke begleitet, die plötzlich verstummte, um gleich darauf wieder angeschlagen zu werden. Jakob Verheyen verfärbte sich bis in die Haarwurzeln hinein. Das Gelbe in seinen Augen wurde noch gelber. »Was denn los?« fragte Seegers, und seine eingekniffenen Blicke krochen bald zum Müllerknecht, bald zu Jakob Verheyen. »Frau Pulcher liegt im Sterben,« erwiderte dieser. »Herrjeses! – und drum das Gebimmel?« »Es ist eine alte Gerechtsame, die den Webersleuten zusteht. Sie stammt noch aus der altkölnischen Zeit her.« »Wo steht das?« »Das steht verbrieft und versiegelt.« »Ach was mit ›verbrieft und versiegelt‹! Daß die Frau in die Grube muß, und das noch so jung, tut einem ja leid. Sie hätte noch ganz bequem mitleben können. Aber so'n Brimborium um die Sache zu machen ...!« »Ich sagte dir schon: es ist eine alte Gerechtsame der Pulchers, und was Rechtens ist, muß eben Rechtens verbleiben.« »Aber ich bitte dir, Jakob! – wir leben doch nicht mehr in die Zeiten von Anno Tobak. So 'ne alten Scharteken soll man den Nacken umdrehen. Die machen mehr Spektakel als nötig. Unsereins muß ohne Kling und Klang und Gloria abrutschen ... aber so'ne Webergesellschaft ...« Jakob Verheyen reckte sich. Sein Atem ging schwer. Seine Faust ballte sich und hob sich und schlug mit einem dumpfen Krach auf die Tischplatte: »Seegers, ich habe dir schon einmal gesagt ...« Seine Augen brannten wie flackernde Kerzen. Der Müllerbursche drückte sich scheu aus der Türe. Er kannte diese flackernden Kerzen. »Herrjeses noch mal!« stammelte der Niederungsbauer und rollte die ausgebreitete Flurkarte zusammen. »Exküsiert! – aber, Jakob, nimm's mir nicht übel. Heute ist mit dir wieder kein Auskommen. Ich gehe. Was tot ist, ist tot. Nur der Lebendige zählt. Aber Äcker und Wiesen, die leben – die leben genau so wie die schwarzen Krähen, die ihren grindigen Schnabel in den Boden hineinstoßen. Und drum sag' ich dir, Jakob: Was auch heute passiert ist, das mit deiner Anschnauzerei – Äcker und Wiesen bringen uns doch noch zusammen. Und damit will ich mir empfohlen haben. Jalob, adjüs denn.« Damit ergriff er Stock und Schirmmütze, stülpte letztere über und verließ, ohne sich noch einmal umzusehen, das vereinsamte Zimmer. Die aufgerissenen Blicke Verheyens liefen ihm im Geiste nach und verfolgten ihn noch, als er über die Leigrafener Parzelle schritt und mit wehendem Kittel auf sein tief in der Niederung liegendes Anwesen lossteuerte. Der Müller stand aufrecht. Dann brach er mit einem kurzen Laut am Tische zusammen, stützte das Kinn auf und stierte in das grelle Licht der singenden Lampe. Fünf Minuten mochten vergangen sein, da erhob er sich plötzlich und ging ins Freie.   6 Ein dunstiger Mond hing zwischen flatterigen Wolken, wurde von diesen verschlungen, um gleich darauf wie eine rasche Möwe am Himmel zu fliegen. Scheue Reflexe liefen über die Landschaft. Die nassen Dächer glimmerten, und jenseits der Mühle, wo sich die breiten Wiesen bis an die Rheindämme erstreckten, glänzten die stillen Wasser auf, die mit kreisrunden Zyklopenaugen in das ewigwechselnde Spiel der dicken Wolkenfetzen stierten. Das Graupeln hatte nachgelassen. Aber der Wind war stärker geworden und sauste in den Lindenbäumen, deren Zweige sich noch bettelarm gegen die nächtliche Helle abhoben. Hastige Lichtschimmer fielen zur Erde. Mitten dazwischen stand Jakob Verheyen. Sein Herz pochte. Seine Schläfen hämmerten. Es war ihm, als tasteten kalte Hände über ihn fort. Die Glocke, die eben noch gesprochen hatte, schwieg jetzt wieder. Und dennoch rauschte es mit riesigen Schwingen von oben. Er hörte das Wuchteln der Flügel und das laute Klatschen der Segel gegen die Windruten. Dazwischen stampften die Gangwerke, kam das Quietschen und Stöhnen der schweren Flügelwelle herunter. Neben ihm und unmittelbar zur Seite seines langgestreckten Hauses wuchs der gigantische Mühlenkoloß aus dem dunklen Boden, bald kreidig, bald mit einem rauchgrauen Mantel umhangen. Der erleuchtete Torweg stand offen. Im Lichte einer matten Laterne kletterte eine bestäubte Holztreppe in das erste Stockwerk. Dort hinauf stürmte Jakob Verheyen. Er kam auf den Zwischenstock. Auch hier der verwaschene Schein einer Petroleumlampe, der sich über aufgestapelte Korn- und Mehlsäcke legte und in den Festons der bleichen Spinnweben, die sich von Balken zu Balken hinzogen, ein Ungewisses Glitzern hervorzauberte. Etliche Mäuse huschten vorüber. Verweht und ganz auseinander sah er sich um. Er wußte nicht, was er hier anfangen sollte. Ein banges Grauen trieb ihn höher und höher. Die nimmerrastende Arbeit der Mühlsteine und das Seufzen der Trichter verstärkte sich. Jetzt vernahm er auch das Knirschen und Stöhnen des Kornes. Er sah, wie das Mehl durch die ausgespannte Müllergaze hindurchstäubte. Er sah das Getriebe der Wellen und hörte das immerwährende Knarren des Kammrades. Und doch hörte er nichts und sah er nichts. Die hier schaffenden Müllerknechte begrüßten ihn und zogen die Mützen. Er bemerkte es kaum. Er stieß etliche Fragen hervor, die weder Sinn noch Verstand hatten. Ohne erst die Antwort abzuwarten, strich er um die Mehltrichter herum und drückte eine niedrige Tür auf, die ins Freie führte. Er trat auf den Umgang, der den gewaltigen Bau gleich einer weitausgelegten Estrade umkreiste, und sah in die Tiefe. Unter ihm lag die kleine Stadt mit dem Gewirr ihrer niedrigen Häuser, dem breiten Markt und der Sankt Nikolaikirche. Die sonoren Klänge begannen wieder zu schaukeln. Sie flogen ihn an wie eherne Vögel. Sie krallten sich an ihn, sie packten in seine Seele hinein und versuchten, ihm das Herz zu zerfleischen. Er umgriff das morsche Geländer. Einsam, von keinem gesehn und von keinem beobachtet, stand er auf ragender Warte, vom Sturm umpfiffen, zeitweilig umdunkelt, zeitweilig von dem fahlen Licht des Mondes umleuchtet. Haarscharf sausten die raschen Windmühlenflügel an seiner Stirne vorüber. Er fühlte ihren scharfen Atemzug, ihre aufdringliche Nähe; er hörte das Klatschen der Segel wie ein helles Gelächter, bald hoch über sich, bald so, als klänge es ihm unmittelbar in die Ohren. Ein Eisschauer glitt ihm den Rücken entlang. Die Erinnerung legte ihm die bleierne Hand auf die Schulter. Die Gegenwart ging unter für ihn; sie wurde von einem zähen, schwerfließenden Wasser verschlungen. Längst begrabene Tage streiften ihr Sterbehemd ab und wurden lebendig. Aber er sah sie schattenhaft, grau in grau, ohne sie greifen zu können. Er stemmte sich gegen den wachsenden Sturm an. Er suchte etwas. Aus den Lichtern, die unter ihm waren, suchte er ein einziges Lichtchen. Es durfte nicht freudig aufblinken, nicht verheißungsvoll in den Abend hinaussehen. Es mußte ein Lichtchen sein mit traurigen Augen, etwa so, wie sie brennen bei einer Totenmesse; aber es hielt ihm schwer, dieses Lichtchen mit den traurigen Augen zu finden. Und er suchte und suchte. Durch den massigen Leib der Mühle gellte ein schrilles Klingelzeichen. Die Mehlgänge wurden abgestellt, die Lampen erloschen in den einzelnen Stockwerken. Die Müllerknechte machten Feierabend. Die riesige Flügelwelle stöhnte noch etliche Male; dann lag sie ruhig zwischen den eisernen Pfannen. Das einzige Herz, das jetzt noch pochte, war das Jakob Verheyens. Wild und stürmisch schlug es gegen die Rippen. Einsam stand der sehnige Mann zwischen Himmel und Erde. In diesem Augenblick fiel eine schwere Nacht über ihn her. Er tastete sich links am Geländer entlang. Jetzt konnte er besser sehen. Jetzt sah er. Er verglich die einzelnen Giebel, die einzelnen Dächer. Er konnte nicht irren. Unmittelbar dämmerte es neben der breitausgelegten Baumkrone, die ihresgleichen nicht hatte. Ihm war die Brust zum Zerspringen. Er sank in die Knie und stierte gierig über das Geländer. Endlich ...! Endlich hatte er das heißersehnte traurige Lichtchen gefunden. Und bei diesem Lichtchen mußte sie sterben ... Er schlug mit der Stirn gegen das Holzwerk. »Lisbeth, Lisbeth ...l« stöhnte er heiser, und seine Sinne wandten sich rückwärts und stürmten in längstvergangene Zeiten. So kniete er lange. Allmählich dunkelten die Fenster unter ihm ein. Nur eins blieb erhellt. Plötzlich fühlte der Vereinsamte einen jähen Stich in der Herzgrube. Er prallte zurück. Auch das eine Licht war erloschen. Hinter ihm aber stiegen drei heilige Feuersäulen gen Himmel. Die eine brannte in Richtung von Grieth, die zweite nach Emmerich zu. Die letzte aber loderte auf dem Paternosterdeich – groß und herrlich und allbefreiend wie die reine Flamme der Auferstehung. Es waren die Feuer in heiliger Osternacht.   Und der Ostersonntag kam. Er kam mit Jubel und Lerchenschlag, er kam mit jungem Grün und feiertägig gekleideten Menschen. Vor den Häusern lagen Palmzweige und Kalmus, und hinter den blankgeputzten Scheiben hingen frische Gardinen. Fromme, stille Beter gingen zur Kirche; auf den mit Gras bewachsenen Straßen ruhte lieblicher Sonnenschein. »Christ ist erstanden!« – Die Läden aber am Hause Pitt Pulchers waren geschlossen. – Trotz des heiligen Ostertages war Dores Jansen in seiner Werkstätte beschäftigt. Unmittelbar nach dem Hochamt gab er seiner im Rohen fertiggestellten Arbeit noch die größere Weihe und das symbolische Äußere. Das ›Feine‹, wie Dores zu sagen pflegte, kam jetzt an die Reihe, und mit äußerster Genauigkeit verpaßte er die Zinkbeschläge und schraubte er das bleierne Herrgöttchen auf den spiegelblank gefirnißten Deckel. Das Fußende verzierte er durch drei inhaltschwere Buchstaben in Bleiguß. Als er damit fertig geworden, sprach er ernst vor sich hin: » Requiescat in pace, « ließ hierauf die weiche Empfindungsharfe erklingen und träufelte zwei innige Tränen auf die also hergerichteten Sargbretter. Dores hatte das Seinige getan, rückte ein Tischchen unter die Heldenbilder seines militärischen Sohnes, holte aus der Nebenstube Papier und Schreibzeug und setzte sich nieder. Hierauf gliederte er in heißer Arbeit Zeile neben Zeile, schwergelenkig und etwas wurmstichig, aber getragen von den sanften Schwingungen einer poetischen Seele, die auf Schnapsfüßchen einhertrippelte. Nach stündigem Schaffen erhob er sich, sah den drei Bildern forsch in die Augen, salutierte und las während dieser Ehrenbezeugung mit militärischer Stimme: »An den wohlgeborenen Herrn Thyß Jansen, Königlich Preußischer Artollerist zu Köllen am Rhein in die Dominikanerkaserne. Lieber Sohn Thyß! Ich ergreife Tinte und Feder und thue Dir unten folgende Trauerbotschaft zu wissen. Brauchst Dir aber keine Sorge zu machen, denn es betrifft nicht mir oder Deine eingeborene Mutter, sondern sie ist glücklicherweise – ich meine die Trauerbotschaft – an unserm Hause, Hanselaererstraße Nummer fünfzehn, vorübergegangen. Lieber Sohn Thyß! – was ist das menschliche Leben? Es wird Dir vom himmlischen Heiland gegeben, es wird Dir vom himmlischen Heiland genommen. Wenn's lange dauert, so kommt es Propter und Prätorius an die siebziger Jahre. Was drüber hinausgeht, das ist, wie die großen Propheten vermelden, ein Extrapräsent von unserm allmächtigen Vater im heiligen Jenseits. So was kann man ja nicht mit gutem Gewissen verlangen. Aberst was traurig ist: Frau Pitt Pulcher, die noch lange nicht an die fünfzig heran ist, der habe ich nu die sechs schwarzen Bretter zusammengeschreinert. Und das taxiere ich als ein Malör voll städtischen Schmerzes. Alle Bürgers sind abfällig darüber, besonders Dein inniggeliebter Vater, der auf den heiligen Ostersonntag geschafft hat. Lieber Sohn Thyß! – auch der zukünftige Heerohme, Herr Stephan Pulcher, ist seit vorgestern im Sterbehause befindlich, aber ganz auseinander in seinem geistlichen Zustand. Dieser Jüngling ist rein zum Erbarmen, so einzig ist er in seiner bewunderungswürdigen Unschuld. Desgleichen ist hier die liebliche Tochter Anna zu nennen. Schön, aber traurig. Theile dies, bitte, dem Herrn Artolleristen Hermann Verheyen mit. Er wird sich freuen darüber, denn seine Liebe zu ihr ist ja unerträglich geworden. Aber eins hat sein Gutes und ist fröhlich aus dem Sarge und den Hobelspänen gesprungen. Ich meine das Monnä. Dieserhalb sende ich Dir auch zwei prima Schlackwürste zur Aufmunterung Deines inneren und äußeren Menschen, damit Du auf die nämlichen Heldenthaten verfällst, wie sie Dein artolleristischer Mitkollege Hermann Verheyen in so löblicher Weise verfaßt hast, auf daß Du wie Dein vielgeliebter Vater sagen kannst: Setze mir nackig in Indigo, so bin ich doch der Kerl, der ich bin. Das möge der Himmel verantworten. – Lieber Sohn Thyß! – wenn es angebracht ist, so rekommandiere mir Deinem Herrn Hauptmann und Deinem Herrn Obersten und sage dem hochwürdigen Herrn – verstehe mir richtig, ich meine den Letzten – daß mir seine Rede ausnehmend gefallen hat und ich allerhand Hochachtung für ihn besitze. Ich glaube, es macht ihm einiges Wohlwollen, und er freut sich darüber. Mein lieber Sohn Thyß! – hier in Deinem elterlichen Zustand befindet sich noch alles bei Wege. Mutter ist noch fix in die Beine, und wenn ich mir unpäßlich fühle, bringt mir ein kleines Schnäpschen wieder in Ordnung. Gott möge mir noch lange erhalten. In Ewigkeit Amen. Dies wünscht Dir Dein untergebener und treuer Vater Dores Jansen, Tischlermeister in der Hanselaererstraße zu Calkar am Niederrhein.« Er atmete auf. »Na, mein Junge, was sagst du?« Dores brachte die salutierende Hand wieder an Ort, kuvertierte und siegelte und trug das so hergerichtete Schreiben eigenhändig zur Post, nicht ohne sich dabei in die Weste zu legen, den Brief jedem Bekannten zu zeigen und gleichzeitig durchblicken zu lassen: sein Sohn Thyß wäre ein guter Bekannter vom Hauptmann und würde in nächster Zeit den Beweis großer Heldentaten erbringen. Die Vorbedingungen hierzu, zwei prima Schlackwürste, wären schon eingepackt und gingen spätestens morgen nach Köln. Überhaupt der Thyß! – und damit versenkte er, sich rechts und links umsehend, ob es auch jeder bemerke, das gewichtige Schreiben in den blauen Kasten mit dem goldenen Posthörnchen. Dann stolzierte er in die benachbarte Schänke und genehmigte sich ein herzhaftes Schnäpschen. – Zwei Tage später wurde Frau Elisabeth Pulcher begraben. In der großen Stube, die nach der Sankt Nikolaikirche hinausging und wo der alte Webstuhl aufragte, war sie aufgebahrt worden. Der Sarg stand noch offen. Friedlich und mit gefalteten Händen lag sie zwischen dem frischgestärkten Leinen, des Thomas a Kempis Büchlein die ›Nachfolge Christi‹ auf der Brust, das sie mit ihren weißen Fingern umspannte. Der Kopf war zur Seite gerichtet; etliche Partikelchen Rauschgold lagen auf den geschlossenen Lippen. Das verhärmte, noch immer schöne Gesicht lächelte, und eine stille Verklärung ruhte darüber, als habe sie ein glückliches Sterben gefunden. Am Kopfende erhob sich eine schwere Wachskerze auf einem Messingleuchter. Rechts und links davon standen Anna und Stephan; er mit dem großen Frieden seines zukünftigen Berufes im Antlitz, gefaßt und sich beugend dem Willen des Erlösers, sie bleich wie der Tod, mit dem Geschick hadernd und die Frage auf den Lippen: »Mußte das sein? Gibt es denn keine Barmherzigkeit zwischen Himmel und Erde?« und doch so schön in ihrem Hader und in ihrem verhaltenen Schmerz, als habe ein großer Künstler diesen Hader und diesen Schmerz in Anna Pulcher verkörpert. Sie suchte nach einem harten Wort. Es galt dem Himmel ... Ihr Vater sah es. Sein Blick streifte sie. Da schluckte sie das harte Wort hinunter und suchte Trost und Erlösung in den Zügen der Verstorbenen. Der Alte stand am Fußende des Sarges, die aufgerissenen Augen starr auf sein Weib gerichtet. Ohne eine Träne zu finden, ohne Bewegung, ein eingerammter Pfahl, einer der aus den Blättern der Bibel getreten, so hielt er die letzte Wacht am schwarzen Bett der Frühverblichenen. Kein Laut ließ sich hören. Keine Fliege summelte. Es war kircheneinsam im Zimmer. Dann kamen die Leidtragenden – Bekannte und Freunde. Jakob Verheyen und Dores Jansen waren darunter. Dores stellte sich gleich neben den an die Wand gelehnten Sargdeckel, einen Hammer und fünfunddreißig vierzöllige Nägel in der Rocktasche. Den schon etwas von Motten angefressenen Zylinder hielt er vor sich, etwa so, als trüge er einen zerbrechlichen Napfkuchen zwischen den Händen. Der eigenartige Geruch nach Firnis und welkenden Blumen brachte seine feinbesaitete Empfindungsharfe in ein leises Klingen und Tönen. Er mußte sich über die Augen wischen. Ab und zu ein zurückgedämmtes Hüsteln. Die am Sarge standen wie angenagelt. Sie sahen weder rechts noch links. Mit dem Erscheinen des Vikars, des Küsters und der Meßjungen begann die bescheidene Feier. Der Geistliche sprach schlichte, aber zu Herzen gehende Worte. Auf bläulichen Weihrauchwölkchen stiegen sie aufwärts. Währenddessen rührte Dores Jansen seine Empfindungsharfe immer stärker und stärker; dazwischen ließ sich ein kaum hörbares Pochen vernehmen. Es wiederholte sich rhythmisch. Einige sahen sich um. Es waren die Tränen, die Dores auf den Deckel seines Zylinders tropfen ließ. Der Vikar spendete den Segen und sprach dann: »Oremus! – Quaesumus, domine, pro tua pietate, miserere animae famulae tuae, et a contagiis mortalitatis exutam, in aeternae salationis partem restitue. Per dominum nostrum Jesum Christum. Requiem aeternam dons ei, domine!« » Et lux perpetua luceat ei «, sagte der Küster. » Requiescat in pace! « »Amen!« In einem sanften Gemurmel erstarb das ›Amen‹ Der Vikar wandte sich und gab ein stummes Zeichen. Die Lade sollte geschlossen werden. Dores Jansen legte seinen Zylinder beiseite und trat vor. In der Rechten hielt er den Hammer. Mit der Linken schob er etliche Nägel zwischen die Lippen. Zwei Männer folgten mit dem glänzenden Deckel. Das bleierne Herrgöttchen spiegelte sich in dem unsteten Licht der flackernden Kerze. »Los!« sagte Dores. In diesem Augenblick regte sich Pitt Pulcher. Ungebeugt, mit stillem Gesicht und klaren Augen schob er den Schreinermeister zur Seite. »Noch einen Momang,« sagte er ruhig. Hierauf trat er an die Sterbekerze, nahm sie vom Leuchter und brach sie in zwei gleiche Hälften. Die eine legte er seinem Weib in die Lade und sagte: «Mutter, das ist für dich. Das nimmst du mit dir. Das soll dir in der Ewigkeit leuchten.« Die andere übergab er seinem Sohne und meinte, ohne mit der Stimme zu zittern: »Und das ist für mich. Und brennen soll es, wenn meine Stunde gekommen ist und sie mich ebenso aufgebahrt haben. So, nun kannst du anfangen, Dores.« Alle schluchzten auf. Die Stunde regierte und preßte die Herzen zusammen. Als die ersten Hammerschläge erfolgten, gab Pitt Pulcher das erste äußere Zeichen seines wütigen Schmerzes. »Anna!« schrie er auf und breitete die Arme. »Vater!« kam es zurück, und das schöne Mädchen jammerte an der Brust des gewaltigen Mannes, der die Augen schloß, um in die Zukunft zu sehen, der den Mund auf den Scheitel seines Kindes legte, um ihn zu küssen. Dann streckte er die Hand über den Sarg seines Weibes und sagte, wie die Großen und Zuversichtlichen sprechen: »Mutter, dein Einzug war gesegnet. Gebenedeit sei dein Ausgang. Ziehe in Frieden. Die Erde werde dir leicht.« Die Menschen drängten zusammen. Keiner sprach. Selbst die Hammerschläge verstummten. Der Vikar war an die Seite des Sprechers getreten. Tränen lagen ihm zwischen den Wimpern. »Das hat Gott im Himmel gehört,« meinte er tröstend, »und ich sage Ihnen, Herr Pulcher: Ja, gebenedeit ist ihr Ausgang.« Gleich darauf bewegte sich der Trauerzug durch die ruhigen Straßen, in welchen die Menschen standen und mit geröteten Blicken der Verstorbenen nachsahn. Allen wurde ein Stück vom Herzen genommen. Der Dechant Heinrich van Egern saß dicht am Fenster und preßte das Taschentuch gegen die Lippen. » Oremus ...!« Die letzten Häuser der kleinen Stadt wurden passiert. Draußen, zwischen Linden und Bocksdornhecken, lag der verschwiegene Gottesacker. Am Kalvarienberg ragte der weißgekalkte Kruzifixus auf. Scharfumrissen hob er sich von der dunklen Wolke ab, die feierlich heraufzog. Dicht daneben war der Ort, wo Frau Elisabeth Pulcher ihre letzte Ruhe finden sollte. Nach einer Viertelstunde war alles vorüber. Anne-Susanne, die während des Trauerganges geläutet hatte, verstummte. Die Menschen verliefen sich. Nur der Alte befand sich noch an der offenen Grube. Auch die Kinder hatten auf Wunsch des Vaters die Trauerstätte verlassen. Pitt Pulcher wollte allein sein. Er stand barhaupt. Den Hut hielt er krampfhaft zwischen den Fingern. Das Haar wehte im aufkommenden Wind. Seine Gedanken, sein Herz und seine große Liebe, die Berge versetzen und Ströme ablenken konnte, ließ er mit einscharren. Alles gehörte seinem verstorbenen Weibe. Und wäre er nicht der Glaubensstarke gewesen, treu seinem Heiland und zuversichtlich in seinem Erlöser, drei mächtige Eisenringe hätten nicht gereicht, seine Brust zusammenzuhalten. Das Herz wäre ihm auseinandergesprungen. Er wähnte sich allein. Da trat einer näher. Er wandte sich, und eine große Spanne seines Lebens erschien ihm. Nur für einen Augenblick, nur so lange, wie ein greller, zackiger Blitz am Himmel steht – aber es genügte, ihm die Vergangenheit taghell zu machen und scharfe Lichter auf die einzelnen Stunden zu werfen. »Jakob,« kam es ihm trocken und zäh vom Munde, »gut, daß du gekommen bist. Hier, wo der Tod neben uns steht, hier am Grabe meines Weibes ... Jakob, ich habe dir ein Geständnis zu machen. Das bin ich mir und dir gegenüber schuldig – und der im Grabe. Das ist schon lange gewesen, das ist vor mehr als zwanzig Jahren gewesen, da hab' ich mir eingeredet: Jakob Verheyen tut so, als will er das Glück deines Hauses zertöppern, als will er ihm Luft und gute Gewohnheit abdrehen, um es wie 'nen mistigen Strohhalm in die Grube zu werfen. – Ich bitte dich, laß mich ausreden, Jakob. Ich habe diese bösen Gedanken erwürgt, Tage um Tage, Jahre um Jahre, aber sie blieben lebendig. Ich weiß es ja selber: ich habe nur bloße Gespenster gesehen. Aber Gespenster ängstigen und bringen einen um die innere Ruhe. Jakob« – und Pitt Pulcher stand wie ein Priester am Altare des Herrn – »gib mir die Hand darauf, daß alles nicht wahr ist, und ich habe die Ruhe meines Lebens wiedergefunden.« Auge stand in Auge, Stirn gegen Stirn – und Jakob Verheyen legte seine Hand schwer in die seines Freundes. »Jakob, vergib mir,« sagte Pitt Pulcher, und eine Erschütterung durchfuhr seinen Körper, wie eine Eiche erschüttert, wenn der Sturm in der Lenznacht anhebt. »Ich danke dir, Jakob.« Erlösung und Auferstehung! – aber ein warmer Frühlingsregen fiel nieder und segnete das Grab und segnete die Erde.   7 Der Sommer kam, und als die Tage kürzer wurden und die Sterne fröstelnd am Himmel standen, fiel das Laub von den Bäumen. Die Erde schneite ein und grünte dann wieder. Auf dem Grabe der Verstorbenen blühten die ersten Himmelsschlüsselchen. Schon im verflossenen Herbst waren Hermann Verheyen und Thyß Jansen zur Reserve entlassen. Thyß wandte sich der engeren Heimat zu, erzählte große Dinge aus seiner militärischen Dienstzeit, konnte sich anfangs im bürgerlichen Leben so richtig nicht schicken, bekriegte sich aber, kehrte reumütig zum Hobel und zur Säge zurück und arbeitete wieder als Gesell in der Werkstatt seines Vaters. Und Hermann Verheyen ...? Seine beherzte Tat auf der Spellner Heide hatte Kreise um Kreise gezogen. Er wurde reichlich belohnt. Auf Eingabe des Regimentskommandeurs hin verlieh ihm sein König die Rettungsmedaille am Bande. Kurz vor seiner Entlassung konnte er dieses seltene Ehrenzeichen an seine Brust heften. Seine Vaterstadt nahm innigen Anteil daran. Jakob Verheyen war rein aus dem Häuschen. Fünfundzwanzig Flaschen Bordeaux, die er seinen Freunden spendierte, mußten das Gleichgewicht seines natürlichen Fühlens und Denkens bewerkstelligen. Dann schlich ihm der Hochmut unter die Schädeldecke. Die Pläne, die er sich zurechtgelegt hatte, verstiegen sich ins Ungemessene. Neben den umfangreichen Bauten, die seine Guanolager erforderlich machten, ging er noch mit dem Vorhaben um, eine Dampfmühle ins Leben zu rufen, um allen Bedingungen eines neuzeitlichen Betriebes zu genügen und die bedrohliche Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Hierzu waren technische Kenntnisse erforderlich. Vorbildlich erschienen ihm einige Neubetriebe in Holland, und so entschloß er sich, seinen Sohn unverzüglich dorthin zu senden und das Weitere abzuwarten. Hermann Verheyen hatte keine lange Bedenkzeit. Der Wille des Vaters stand fest und gebot dem Sohn, sich das Nötige zuerst in Maastricht und dann in Roermonde anzueignen. Franz Seegers unterstützte diese weitgehenden Projekte, sagte die in Frage stehende Parzelle zu und verpflichtete sich, gegebenen Falles noch andere Grundstücke zu annehmbaren Preisen zur Verfügung zu stellen. »Gottverdomie!« sagte er hierauf und streckte die Hand über den Wirtstisch, »was mein Freund Jakob Verheyen anfängt, dem klebt Gold am Hintern und der richtige Mist unter den Füßen,« und dann lachte er, daß davon die Scheiben ins Klirren gerieten. So war denn alles wohlüberlegt, und es konnte zugepackt werden. Gleich nach seiner Entlassung ging Hermann, wenn auch mit schweren Bedenken, nach Holland. Franz Seegers schüttelte ihm kräftig die Hand und sprach von kommenden bedeutsamen Zeiten. Dann wünschte er ihm viel Glück auf die Reise. Der kleinen Stadt schien ein neues Leben gekommen. Die meisten dachten dabei an den eigenen Vorteil, hörten schon die Goldstücke klimpern und bewunderten den zugreifenden Unternehmungsgeist ihres Mitbürgers. Jakob Verheyen war der Held des Tages geworden. Nur Pitt Pulcher schüttelte den Kopf, und Anna ging mit verweinten Augen im Hause umher. Sie suchte den gestrigen Tag, ohne den gestrigen Tag finden zu können. – – – Die Schneeglöckchen blühten ab, und die Ranunkeln schlugen ihre gelben Augen auf. Jakob Verheyen hatte inzwischen die fraglichen Flurparzellen von Franz Seegers erworben. Darüber lag notarielle Urkunde vor, und alles war in Ruhe und Frieden abgemacht worden. Fachleute stellten sich ein und entwarfen die Pläne für das großangelegte Projekt. Als die Nachtfröste aufhörten und der Boden sich als bearbeitungsfähig erwies, klirrten die ersten Spaten. Nach den aufgeworfenen Längs- und Quertrassen zu urteilen, war auf eine umfangreiche Bautätigkeit zu schließen. Die Ziegeleien hatten vollauf zu tun, die benachbarten Mörtelwerke stellten Fuhren um Fuhren, und als alles bereit stand, wurde das Legen der Fundamente mit fieberhafter Eile betrieben. Der Bauherr befand sich in gehobener Stimmung. Seit dem Tode der Frau Pulcher war ein langes und banges Jahr vergangen. An den Uferrändern war es blau von Veilchen. In den Wäldern von Moyland rief der Kuckuck. Das Gras dehnte und streckte sich. Das Korn ging in Ähren, und wie mit Weihrauchwolken duftete es über die Felder. Die Nächte waren feierlich. Selten hingen die Sterne so prächtig am Himmel, selten pilgerte ein so liebliches Mondlicht über die Erde. Der Faulbaum blühte, und der Roggen dampfte. Johanni kam. Es war Sommer geworden. Diese köstlichen Sommertage und silbernen Nächte beglückten die Menschen. Der wilde Schmerz Pitt Pulchers ließ nach. Der Dechant Heinrich van Egern sprach stille und heilige Worte mit ihm und wußte das Sterben der Abgeschiedenen in milden Farben zu schildern. So kam es denn auch, daß sich der Alte wieder reckte und streckte wie in früheren Tagen. Er hatte nichts an seiner einstigen Spannkraft und Geradheit verloren. Und die Leute zogen die Mützen tiefer und sagten: »Pitt Pulcher ist noch freier und stolzer geworden.« Dabei dachte er stündlich an die verstorbene Frau, an ihre Jugend, an ihr goldenes Haar, das wie lichter, gesponnener Flachs war, an den Tag, wo sie ihn zum ersten Male umfing und ihm alles gab, was sie zu vergeben hatte, an die Stunde, wo sie ihm zuflüsterte: Ich bin gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht meines Leibes ... Aber seine Gedanken standen wie auf einem hohen Berge und sahen von hier aus in das weite Land der Niederung, das endlos erschien und nicht aufhören wollte. Sie waren ruhig und ohne Trauer. Sie gingen wieder dem Irdischen nach und hatten das Schmerzhafte, das mit Dornen Bekränzte verloren. Sie rückten die Verstorbene in den sanften Schein der Verklärung. Und diese Verklärung nahm an Stetigkeit zu und wurde mit den Tagen zu einem himmlischen Leuchten. Um diese Zeit empfing Stephan das Sakrament der Priesterweihe. Vater und Tochter reisten nach Münster. Sie sahen die Pracht in der hohen Domkirche. Vor ihren Augen flimmerten hundert und aberhundert geweihte Kerzen. Sie hörten die Stimmen der mächtigen Orgel und die der berühmten Kapelle. Sie klangen ihnen wie die Gefänge der Seraphim und Cherubim. Sie vernahmen das bindende › Accipe spiritum sanctum ‹, und beugten die Knie und erschauerten. Erhobenen Hauptes und mit einer Fülle des Glückes traten sie den Heimweg an. Ein seliger Stern ging vor ihnen her; er strahlte schöner denn alle Sterne unter dem Himmel. Der noch immer leidende Dechant Heinrich van Egern hatte um eine zweite Stütze gebeten. Die in Münster horchten auf, und sie erinnerten sich des Jünglings mit dem stillen Gesicht und den großen Schwärmeraugen. Er kannte Land und Leute und wurde somit als Kaplan in seine engere Heimat beordert. Mit dieser Botschaft kam Pitt Pulcher nach Hause. Er ging wie im Traum. Er hörte Harfen und Zymbeln und die Stimmen der himmlischen Heerscharen. Er konnte all die Gnade nicht fassen. Anderen Tages zog er den Sonntagsrock an, den schwarzblauen Düffelrock mit den doppelreihigen Knöpfen, setzte sich den altmodischen Zylinder auf und begab sich zum Friedhofe. Am Kalvarienberg, dicht bei den Tannen und den beiden Trauerweiden, die er schon als Kind verehrt und deren Rauschen er allezeit verstanden hatte, hielt er den Fuß an. Hinter ihm lag die kleine Stadt mit ihren Ziegeldächern und den kanadischen Pappeln, vor ihm das Grab seines Weibes. Die große Weihe des Gottesackers war bei ihm. Langsam holte er den Zylinder herunter, langsam beugte er das Knie, langsam senkte er den Kopf und küßte er die Scholle des Grabhügels. »Mutter,« sagte er leise, »nun ist dein Wunsch in Erfüllung gegangen.« Und seine Seele faltete die Hände und betete lange. – Ströme des Lichtes fielen über die Erde, und in diesen Strömen des Lichtes zog der junge Kaplan in die Stadt seines Berufes. Den Tag seiner Ankunft hatte er geheimgehalten, um still und unauffällig über die Schwelle seines Vaterhauses zu treten. Er dachte dabei an den Nazarener. Der hatte kein großes Aufheben von seiner Mission gemacht. Der war schlicht und einfach gekommen, der hatte schlicht und einfach seines Amtes gewaltet, und seine Ernte war trotzdem mehr als tausendfältig gewesen. Keiner vor ihm führte ein so bescheidenes Dasein, ein Dasein wie das eines verwunschenen Sees, den kein Sturm aufwühlte, den keine unterirdischen Kräfte ins Grollen und Zürnen bringen konnten, höchstens, daß eine scheue, silberweiße Möwe die Spitze ihres lichten Flügels in seinen Spiegel hineintauchte. Nur das Ende seines Lebens wurde zur Symphonie, zu einer gewaltigen Eroika, durchzittert von den majestätischen Klängen eines Trauermarsches, vor dem Himmel und Erde erbebten und der Vorhang des Tempels mitten entzweiriß. Und der Berg des Ärgernisses stieg empor; zwischen dürrem Gras und zwischen Oliven ragte er auf – und war alles wüst und leer ... und auf Golgatha, von Blitzen umzuckt und im rauchschwarzen Wettergewölk, erhob sich das Kreuz der Erlösung. Acht Tage nach Johanni verließ der junge Kleriker das Seminar. Er fuhr bis nach Empel, einer kleinen Station jenseits des Rheines. Von hier aus wandte er sich landeinwärts, um zu Fuß die kleine Stadt zu erreichen. Um die siebente Nachmittagsstunde ließ er sich über den Fluß setzen. Dann ging er auf bekannten Wegen der Heimat zu. Nach viertelstündigem Marsch erklomm er die sanfte Böschung eines breitausgelegten Deiches, dessen riesige Flanken bei drohender Gefahr das angestaute Wasser zurückhalten sollten. Auf der mit einer üppigen Grasnarbe bekleideten Krone schritt er weiter. Von hier aus sah er in das Land seiner Kindheit. Rechts und links von ihm dehnten sich endlose Wiesen, mit gekappten Weiden bestanden und von schnurgeraden Schlehen- und Bocksdornhecken durchquert, in denen die lauten Zaunelstern ihre lehmigen Kugelnester eingebaut hatten. Ihm zur Linken lag Westen. Die heiße Sonne senkte sich bereits auf die dunkelblauen Wälder von Moyland. Eine ernste Glorie ruhte auf der abendlichen Landschaft. Es war so, als wäre es Feiertag, als ginge der Heiland im schlichten Kleid und mit segnender Hand durch die duftigen Wiesen. Stephan Pulcher fühlte seine bezwingende Nähe. Er spürte den Odem des Herrn, und seine Seele war wie die eines glücklichen Kindes. Er dachte an den Nazarener und sein heiliges Lehramt. So, wie dieser es aufgefaßt hatte, also gedachte auch er die neue Würde zu tragen: in Liebe und Demut und mit der Einfalt der Tauben. Er wollte die Traurigen trösten, die Verzweifelten aufrichten und die Sterbenden an die goldene Pforte des Paradieses geleiten. Ja, das wollte er. Er wollte den Zornigen den Zorn von der Stirne nehmen, die Durstigen tränken und den Hungrigen das Brot des Lebens reichen. Genau so, wie es der schlichte Zimmermannssohn getan hatte, als er auszog, um das Evangelium der Nächstenliebe unter die Völker zu tragen. Aber war ihm auch das Ende des Nazareners beschieden? War auch ihm ein Golgatha bereitet und das Kreuz errichtet, das erlösend in den nächtigen Himmel stieg? War sein Sterben dazu angetan, die Sünden hinwegzunehmen und das Glück anderer Menschen zu begründen? War sein Tod so nahe wie der des Menschensohnes? Stephan Pulcher lächelte. Aber sein bleiches Schwärmergesicht lief ein seliger Abglanz. Er stand auf der Stätte, wo der Weg abzweigte, der zur nahen Chaussee führte. Er legte die Hände zusammen und sagte: »Herr, dein Wille geschehe.« Dann ging sein Blick wieder über die verschwiegene Ebene. Wie schön es hier war! Flammendes Rot hüllte die Welt ein. Die Fernen verloren sich. Eine Merle baumte auf und verkündete die Allmacht des ewigen Schöpfers. Der Abend war wie ein todwunder Fähnrich, der sich auf gewonnener Walstatt in die Fahne hüllt, um zwischen ihrem blutroten Tuche zu sterben. Und doch so schön, so schön, so unendlich schön! Der junge Kleriker breitete die Arme, um all diese niederrheinische Schönheit, diesen niederrheinischen Abend an seine Brust zu reißen. Sein Atem flog. Er ließ die Arme wieder herunter. Vor ihm die kleine Stadt, das Ziel seiner Pilgerschaft. Er zählte die einzelnen Dächer, die Gärten, die Bäume, die sich in feurigem Schaumgold badeten. Also dort ruhte sein zukünftiges Lehramt. In drei Tagen sollte die Primiz sein. Um den Turm der Sankt Nikolaikirche schwebte ein Falke. Er trug das Abendlicht auf den gebreiteten Flügeln. Helle Funken sprühten von dem weichen Gefieder. Unter seinen Kreisen lag die Kaplanei mit ihrem versteckten Garten, wo jetzt der Phlox blühte und die länglichen Pastorenbirnen zu reifen begannen. Ein stilles Haus und eine trauliche Laube, so recht zum Sinnieren gemacht und zum Studieren hergerichtet! Hier konnte er Zwiesprache halten mit Duns, dem Schotten, dem seraphischen Augustinus und dem lieblichen Thomas von Kempen. Hier durfte er ungestört die Rhetorik der Kirchenväter an sein Ohr dringen lassen. Hier durfte er den Heiland empfangen, ihm das Wort vom Munde nehmen und sich an seinen Lehren erquicken, die lauter waren wie klingendes Erz und duftig wie der Hauch dunkelroter Rosen in sammetschwarzen Sommernächten. Und täglich – allmorgens, allmittags und abends fielen die Glockenschläge in diesen Garten hinein wie singende Vögel. Wie erquickend das war, wie tröstend das war, wie heilig das war! Sein Herz breitete die Schwingen und flog in den Himmel. So stand er lange. Hierauf verließ er die Deichkrone und ging der nahen Landstraße zu. Von hier konnte er in einer kleinen Viertelstunde die Stadt erreichen. Das Land dunkelte ein. Der große Vorhang fiel langsam herunter. Vereinzelte Fünkchen lagen dazwischen. Ein warmer Hauch von blühenden Feuerbohnen kam aus den Gärten. Das erste Licht arbeitete sich durch die Dämmerung. Nicht weit von den niedrigen Häusern begegnete ihm die Abendpost. Sie fuhr nach Rees und darüber hinaus bis nach Empel. Hinter dem gelben Wagen wirbelte eine Wolke dichten Staubes. Stephan Pulcher kannte den Schwager. Das war ein gutes und liebes Gesicht, ein Gesicht aus der Kinderzeit. Mit Christ Hogen hatte er die Elementarschule besucht und allzeit gute Kameradschaft gehalten. Gemeinsam teilten sie Freud und Leid, gemeinsam ihr Butterbrot. Später wurden sie auseinandergerissen. Ihre Lebenswege trennten sich. Schon mit vierzehn Jahren war Christ ein leidlicher Waldhornbläser geworden, und dieser Waldhornistengeist impfte ihm eine unbezwingliche Wanderlust ein, die er nicht betätigen konnte und durfte. Er hatte für Vater und Mutter, arme und kranke Häuslerleute, zu sorgen, die ihren Einzigen nicht in Gottes weite Welt hinausschicken wollten, und so blieb für ihn nichts anderes übrig, als die Flügel zu stutzen und den musikalischen Sinn in nur ganz bescheidener Weise ausreifen zu lassen. Er fand einen Ausweg und wurde Postillon. So konnte er doch wenigstens die klingende, lachende Welt zwischen Calkar und Empel durchstreifen und seine Sehnsucht, seine Liebe und seine heimlichen Klagen über die Wiesen und die wogenden Kornfelder oder in die einsame Schneenacht hinausblasen. Das tat er auch redlich, und wenn er sein Lied anhub, sei es traurig wie das vom ›Kühlen Grunde‹ oder jubelnd wie das der fröhlichen Lerche, dann horchten die Menschen auf und sagten: »Alles was recht ist, aber wie Christ Hogen hat noch keiner geblasen.« Als er Stephan Pulchers ansichtig wurde, hielt er die Pferde an. »Heerohme ...!« stammelte er beglückt vor sich hin, riß den Postillonshut vom Kopf und drehte ihn verlegen und ehrfürchtig zwischen den Fingern. Dann ruhte Hand in Hand. Die beiden Kameraden aus der Jugendzeit hatten sich wiedergefunden. Gleich darauf zogen die Gäule von neuem an. Der gelbe Wagen rollte weiter. Aber nicht lange. Das Pferdegetrappel verstummte, und die Räder schwiegen. Da wandte sich Stephan. Mitten auf der Landstraße hielt der Postwagen. Christ Hogen jedoch stand kerzengerade auf dem Bock, das blanke Horn in der Rechten. Mit kräftigem Ruck setzte er es an, und dann ... in feierlichen Klängen, wie lange, glitzernde Bänder zog das köstliche ›Das ist der Tag des Herrn‹ über die Gegend. Glockenklar und spiegelrein reihte sich Note an Note. Die silbernen Bänder kreisten höher und höher, verschlangen sich zu lieblichen Figuren, entwirrten sich wieder, um in heiligen Klängen niederzuschweben. Die Blumen in den Gärten hörten es, die Bäume, die der Landstraße folgten, rauschten es weiter. Die Fernen gaben es wieder. Vor den Haustüren standen die Menschen und horchten. Die erste Strophe verhallte. Die zweite setzte ein. Da kniete Stephan am Straßenrain nieder. Er legte den Hut neben sich und faltete die Hände. Die schmalen Lippen bewegten sich. Sein Blick richtete sich aufwärts und suchte ein blitzendes Sternchen. Mit glücklicher Stimme sprach er in das Klingen hinein: »Anbetend knie' ich hier. O süßes Grau'n! Geheimes Wehn! Als knieten viele ungesehn Und beteten mit mir. Der Himmel nah und fern, Er ist so klar und feierlich, So ganz, als wollt' er öffnen sich. Das ist der Tag des Herrn.« Das Posthorn verhallte. Von den Häusern kam das Echo zurück. Die silbernen Bänder flatterten nieder und sanken wie müde Falter in die Gärten und Wiesen hinein, um hier zwischen Blumen und Gräsern zu sterben. Die Leute traten zurück. Stephan Pulcher erhob sich. »Also das ist mein Einzug,« sagte er glücklich. Noch lange, lange horchte er auf das Rollen der Räder und das dumpfe Trampeln der Pferde, dann wandte er sich und ging durch die einsamen Straßen. Niemand erwartete ihn heute. Er wollte kein Aufhebens machen. So kam er unbemerkt bis zum Kirchplatz. Hier sahen ihn etliche kleine Mädchen, die noch Seilchen sprangen. Sofort hielten sie mit dem Spiel inne, traten schüchtern auf ihn zu und gaben ihm verlegen die Hand. »Tag, Heerohme,« sagten sie leise. Er schenkte jedem Heiligenbildchen, die er aus seiner Soutane hervornestelte, legte jedem einzelnen die Hand auf den Scheitel und meinte: »Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Grüßet Vater und Mutter von mir und werdet brave und fromme Menschen.« Verklärten Auges sahen die Kinder ihm nach. »Er steht aus wie der heilige Aloysius.« flüsterte das älteste Mädchen, »so schön ist er.« »Und er kommt direkt aus dem Himmel,« gab ein zweites zurück, »denn alle Heerohmes kommen direkt aus dem Himmel.« »Wer sagt das?« fragte ein drittes. »Der Herr Vikar,« versicherte die älteste, »denn alle sind die Stellvertreter Gottes auf Erden. Das hat er in der Christenlehre gesagt.« »Ja, dann ...!« meinten die anderen. Hierauf nahmen sie wieder ihr Spiel auf. Der Stellvertreter Gottes aber schritt über den Kirchplatz. An dem langgestreckten Hause mit den indigoblauen Läden blieb er stehen. Das Fenster unmittelbar links der Türe war erleuchtet. Er hörte das Wuchten der Lade und das monotone Schlurren des Webschiffchens. Die Weise eines frommen Liedes tönte dazwischen. Er tat einen langen und tiefen Atemzug, und hochgemut und seinen Heiland im Herzen trat er über die Schwelle des Vaters. 8 Anderen Tages spazierte Pitt Pulcher mit brennender Tonpfeife von einem Zimmer in das andere, ganz Würde und Weihe und durchdrungen von dem beglückenden Gefühl einer seligen Stimmung. Die kommenden Tage beherrschten ihn, gaben ihm Stoff zu angenehmen Betrachtungen und maßen ihm eine Fülle köstlichster Vorfreuden in reichlichster Weise zu. Aufrechten Ganges, den zerbrechlichen Stiel seiner Kalkpfeife mit dem gekrümmten Zeigefinger der linken Hand umfassend, durchlebte er jetzt schon die Einzelheiten des langsam vor ihm aufdämmernden Festes. Nichts entging ihm. Auch das kleinste nicht. Alles reihte sich bei ihm wie das Gewebe eines tadellosen Leinewandstückes aneinander. Der A. B. Reuter duftete und schickte bläuliche Kringel nach oben, und durch diese bläulichen Kringel hindurch sah er schaukelnde Fahnen, hörte er das Knallen der Böller, sah er die herzförmigen Blätter der aufgepflanzten Maien sich im laulichen Wind bewegen. Die Leute zogen fromm und andächtig an seinem Hause vorüber. Scheu blickten sie in die Fenster hinein. Sein Geist vernahm rauschende Musik. Sie galt dem jungen Kaplan. Stephan war jetzt dem Himmel doch um so vieles näher als die anderen Menschen. Durch Laubgewinde und Ehrenpforten ging es zur Kirche. Alle sahen auf seinen Sohn, alle bewunderten seinen Sohn. Wie heilig er aussah! Die kleinen weißen Hände auf der Brust, bestieg er die Stufen des Altars. Die Tonsur auf dem Hinterhaupt leuchtete wie eine Hostie. Alles umher war mit Blumen geschmückt, mit Lilien, Rosen und Goldlack. Und die heilige Handlung setzte ein. Eine seine Klingel ertönte. So dünn ihre Stimme auch war, sie zwang die Andächtigen in die Knie und gebot ihnen, mit ihren Stirnen den Staub zu berühren. Pitt Pulcher atmete auf. Er setzte die Pfeife ab. Feierliche, endlose Kirchenstille war um ihn. Wieder ertönte das klare Stimmchen, und wieder beugten sich die Menschen und pochten mit spitzen Fingern gegen die Brust. Die Wandlung ging vor sich. Das große Wunder nahm seinen Anfang. Das große Wunder war geschehn. Durch seinen Sohn war Jesus Christus leibhaft und wahrhaft allgegenwärtig. Und Stephan hob den Leib des Herrn mit geweihten Händen ... Pitt Pulcher war bewegt bis in die Nieren hinein. Tausend verheißungsvolle Bilder standen über ihm ... Er nahm seinen Rundgang wieder auf und blies frische Rauchwölkchen zur Decke. Noch ein anderes Glück trat ihm näher. Es war das seiner Tochter. Ihre Liebe war wie eine köstliche Rose geworden. So schön blühte sie. Ihr junges Herz sollte bald wieder an dem des Geliebten schlagen, denn am Vorabend der Primiz wurde Hermann Verheyen aus Holland zurückerwartet, und so ging sie denn mit feiertägigen Augen umher und reihte die Stunden ihres Glückes aneinander wie wertvolle Steine. Mit gebreiteten Armen schritt sie durch ein Meer des Genießens. Noch niemals in ihrem Leben war Anna Pulcher so voller Freude gewesen, so voller Hoffnung, so mit duftenden Blumen umkleidet. Und Pitt Pulcher fühlte das alles und sah das alles. Er sonnte sich in dem warmen Licht, das von seinen Kindern ausging. Zwischen dem Webstuhl und dem großen Kanonenofen, der in kalten Wintertagen eine behagliche Wärme ausstrahlen, wie eine Katze miauen und wie ein alter Großvater drollige Geschichten erzählen konnte, hing in einem ovalen Rahmen die Photographie seines verstorbenen Weibes. Das Bild strömte eine zwingende Gewalt aus. Es stammte aus den besten Jahren der Frau, denn es zeigte ein Gesicht von nicht gewöhnlicher Schönheit, umrahmt von dichten Flechten, die sich oberhalb der offenen Stirne zu einer schweren Krone verflochten. Ein Madonnengesicht, und dennoch ... Wer genauer zusah, hatte das unbestimmte Gefühl: die Trägerin dieses Gesichtes gehörte zu den Stillen im Lande, und ihre Seele war keusch wie das Tafeltuch auf dem Tische des Herrn, aber: ihre Hände konnten auch dieses Tafeltuch heben, und wenn sie es hoben ... nein . ..! – Diese Frau hatte stets unter Lilien gewandelt. Sie konnte nicht fehlen ... und trotzdem: obgleich gestorben – diese Frau verband Totes und Lebendiges, Vergangenheit und Gegenwart und griff noch jetzt mit unsichtbaren Händen in das Schicksal der Menschen hinein, um es freudig zu machen oder langsam absterben zu lassen. So auch heute. Heute lächelte sie, und Pitt Pulcher stand lange vor der schlichten Photographie, die mit einem trockenen Efeukränzchen umrahmt war. »Mutter,« sagte er gepreßt, »du stehst im Totenbuch, aber ich denke, du wirst unter uns sein, wenn Stephan das Brot des Lebens segnet und sein Mund das Wort des Herrn verkündet.« Mit langsamen Fingern glitt er über die dürren Blätter, nahm wieder seinen Rundgang auf und erging sich in heiteren Dingen. Er errichtete Ehrenpforten und ließ junge Maien im Stadtwald schlagen, um damit die Straßen auszuschmücken. Er ließ Fahnen wehen und eiserne Böller auffahren, und er war gerade dabei, das Glöckchen der Sakristei ertönen zu lassen, als die Tür aufklinkte und sich ein gutes, verhutzeltes Gesicht durch die Spalte ins Zimmer schob. Es war das Gesicht der Stina Wengels, die er nach dem Tod seines Weibes als Stundenfrau in Kost und Arbeit genommen hatte. »Mynheer, die Herrens!« sagte sie hüstelnd. »Ich konnte sie nicht abweisen, denn sie hätten es eilig.« »Wer ist denn da?« fragte der Alte. »Herr Jakob Verheyen, Herr Roloffs und Herr Polizeidiener Cäsar.« »Angtree!« nickte Pitt Pulcher und legte die Pfeife beiseite. Gleich darauf erschienen die Angemeldeten. »Herr Pulcher,« sagte der Küster, indem er die etwas widerspenstigen Sardellen mit angefeuchteten Fingerspitzen in Ordnung brachte, »wenn es erlaubt ist zu reden, so möchten wir ganz submissest bemerken: wir kommen im Auftrag Seiner Hochwürden des Herrn Dechanten.« Pitt Pulcher wußte diese Ehre zu schätzen. Herr Roloffs fuhr fort: »In Anbetracht des bevorstehenden Festes, in Anbetracht ferner, daß der Herr Primiziant dem Hause Pulcher entstammen, somit als ein Kind hiesigen Kirchspiels zu betrachten ist, sind Seine Hochwürden der Meinung, das Fest so solenn wie nur eben möglich auszugestalten. Daher ist vorgesehen: besondere Ausschmückung des Hochaltares, Legen von Teppichen von der Firma Lewen \& Wahlen und Begrüßung durch weißgekleidete Mädchen. Da aber Hochwürden den einfachen Sinn des Hauses Pulcher zu kennen geruhen, so möchten wir uns zuvor die ergebene Frage gestatten, ob hierdurch dem Herrn Vater und dem Herrn Primizianten gedient ist?« Bei diesen Worten duftete es nach Weihrauch und Myrrhen. »Herr Roloffs,« versetzte der Alte, »mein Sohn Stephan ist von jeher ein bescheidener Knabe und rücksichtsvoller Jüngling gewesen. Und so ist es bis heute geblieben. Aber geschrieben steht: Wer sich erniedrigt, der soll erhöhet werden ... und daher, Herr Roloffs, ich sage ja und Amen dazu, und es wäre mir eine herzerquickende Freude, wenn es also geschähe.« Der Küster ließ die schweren Augendeckel herunter. »Wir werden dafür Sorge tragen, Herr Pulcher.« »Herr Pulcher,« und der Herr Polizeidiener Servatius Cäsar, ein kleiner, viver Mann mit Schnupftabaksfängern unter der Aase, zog ein abgegriffenes Notizbuch zwischen dem zweiten und dritten Knopf seines Rockes hervor und tupfte mit dem Bleistift auf die aufgeschlagenen Blätter, »Herr Pulcher, laut Beschluß der Herren Stadtverordneten wurde folgende Resonation einstimmig angenommen. Erstens: von die Kirche bis zu Ihrem Hause wird 'ne sogenannte triumphische Pforte errichtet. Die Birken hierzu werden für gratis geliefert. Zweitens: alle Bürgers, die sich in Nutznießung einer Fahne befinden, haben dieselbige zwei Tage lang 'raushängen zu lassen. Drittens, Herr Pulcher: am Vorabend des Festes, und zwar Schlag Klock neun Uhr, sind vor dem Denkmal des Herrn General Friedrich Wilhelm von Seydlitz unsere drei eisernen Böllers sechsmal hintereinander abzuknallen. Macht achtzehn Schüsse zusammen. Dasselbe hat am Tage selbst zu erfolgen, und zwar morgens um acht, mittags um zwölf und abends um sieben. Bedienung, Proppen und Pulver, alles für gratis. Soweit die Resonation der Herren Stadtverordneten, die ich hiermit vermelde. Ich gratuliere. So was ist noch nie dagewesen in Calkar.« »Ich danke Ihnen, Herr Cäsar, ich danke dem Herrn Bürgermeister, ich danke den Herren Stadtverordneten.« Er war sichtlich bewegt. »Nichts zu danken,« winkte der Herr Polizeidiener ab, »aber ich bitte Ihnen, während der Festivität an mich zu denken, Herr Pulcher. Ich meine, wenn so die Bierbouteillen ... und dann die Bedienung ... ich dächte: da könnte so 'ne polizeiliche Aufsicht nicht schaden. Und daher möchte ich mir empfohlen halten, Herr Pulcher.« Der Alte nickte. »Schön,« sagte der Polizeidiener Cäsar, »ich habe die Ehre.« Der Alte wollte noch etwas erwidern, fühlte aber zwei durchdringende Augen auf sich gerichtet. »Nu komm' ich an die Reihe,« sagte Jakob Verheyen und fuhr sich mit der Rechten durch den graumelierten Spitzbart. »Pitt, wir sind seit vielen Jahren gute Freunde gewesen. Der Altersunterschied hat dabei nichts auseinandergerüttelt. Immer geradeaus. Immer zusammen. Und wenn die Gespanne mal so'n bißchen ausschlagen wollten, dann hieß das: Kalt Blut und warm angezogen. Du befindest dich in guten Heften, und ich selber bin an 'ne tüchtige Krippe gekommen. Wenn's mir opulenter im Leben ergangen hat, so ist das bloßer Zufall gewesen. Und darum und deshalb ... Pitt, ich bitte dich, nimm's mir nicht übel, aber die Primiz ist eine Freude für alle. Die Kirche gibt, die Stadtverordneten haben in den Beutel gegriffen, die ganze Stadt macht sich 'ne Ehre daraus, das Fest so schön wie möglich herzurichten, und darum nehme ich für meine Person das Recht in Anspruch, das Primizessen auf meine Kosten zu stellen. Ablehnung gibt's nicht. Ich habe schon mit Dores Küppers gesprochen.« Pitt Pulcher machte eine abwehrende Handbewegung: »Jakob, das kann ich nicht für voll estimieren.« »Ja, das kannst du wohl.« »Aber natürlich!« pflichteten die beiden anderen zu. »Ich darf nicht.« »Warum nicht?« Jakob Verheyen war dicht an seine Seite getreten. Schulter an Schulter standen die beiden, gleichwertig an Größe, gleichwertig in ihren zähen Gedanken – nur: das Gesicht Pitt Pulchers war heilig, wenn auch eckig und wie aus einem Holzstock gemeißelt, während das Jakob Verheyens an die markanten, aber unheimlich wirkenden Züge eines Falken erinnerte. Das Gelbe in seinen Augen zeigte sich stärker. Er griff nach der Hand seines Freundes. »Pitt,« sagte er mit einem bittenden Klang in der Stimme, »laß mir die Freude. Die darfst du mir nicht nehmen. Das geht nicht. Das geht absolut nicht, denn was ich zu tun gedenke, das kommt aus dem Herzen heraus. Das geschieht dir zuliebe und deinem Hause zuliebe – und dann, Pitt, im Angedenken an die ... an dein Weib ...« Die letzten Worte hatten einen weichen Anflug. Sie kamen aus übervoller Brust, so bewegt klangen sie und doch so versöhnend und gütig. Langsam wandte er den Kopf, und seine Blicke hafteten an der mit Efeu umkränzten Photographie der Verblichenen. Der Alte legte ihm die Hand auf die Schulter: »Jakob, wenn es deshalb ist ...« Der starke Mann hatte Tränen im Auge, Tränen des Glückes. »Ja, Pitt, so und nicht anders. Also abgemacht?« »Abgemacht, Jakob.« »Bravo!« fielen der Küster und der Polizeidiener ein, hielten den jetzigen Standpunkt für den allein richtigen und gangbaren, wünschten frohe Feiertage und empfahlen sich hierauf mit Jakob Verheyen. Pitt Pulcher setzte seine Pfeife wieder in Brand und trat ans Fenster. Er wähnte die drei schon außerhalb des Hauses. Aber nur zwei schritten über den Kirchplatz, winkten ihm noch einmal zu und verschwanden in der zunächst gelegenen Gasse. Der Einsame durchkostete das soeben Durchlebte noch einmal. Er schmunzelte, denn er hielt das Glück seines Hauses bis zu den Sparren gesichert. Er verglich es mit einer mächtigen Fichte. Und diese Fichte stand draußen an der niedrigen Berglehne, die sich über Marienbaum nach Xanten erstreckte. Oftmals hatte er mit seinem Weib unter den harzigen Nadeln gesessen, während die Welt einschlief und ein duftiger Heugeruch von den nahen Wiesen herüberwehte. Kerzengerade, wie eine gotische Säule in der Sankt Nikolaikirche, stieg sie auf, und sie rauschte ihm zu, als säße ein Psalmist in den Zweigen und schlüge die Harfe zum Preise des Schöpfers Himmels und der Erden. Dieser Baum war sein Eigentum. Er hatte ihn vor Jahren mit einer kleinen Buschparzelle erstanden, hatte eine Bank darunter errichtet und konnte jetzt an warmen Abenden dort sinnen und träumen. Dieser Baum schwebte ihm vor. Also war sein Glück bestellt, so wetterstark und so rank in den Himmel gewachsen. Und wie es den Boden umkrallte! Wie eine mächtige Tatze schnürte sich sein Wurzelwerk um Gestein und Erdreich. »Wie das hier,« sagte Pitt Pulcher, und er streckte die knochige Hand und ballte sie zur Faust, daß oberhalb des Gelenkes die Sehnen aufsprangen. »Ja, wie das hier,« und wieder sah er durch die blanken Scheiben auf den Kirchplatz. Jetzt bemerkte er erst: Draußen waren die Leute beschäftigt. Am Südportal der Kirche wurden lange Hölzer gestapelt und rohe Bretter zugebracht. Dores Jansen und Thyß leiteten die Arbeit. Hier schien die Ehrenpforte errichtet zu werden. Also durch diese mußte Stephan hindurch, um das Wunder des heiligen Altarsakramentes zu bewirken. Ja, durch diese Ehrenpforte mußte Stephan hindurch, gesenkten Hauptes, mit niedergeschlagenen Augen, von Maien umstanden und von frischgeschnittenen Blumen umduftet ... und Kirchenfahnen wehten, und Weihrauch und Myrrhen nahmen die Sinne gefangen, und hoch im Blauen stand eine silberweiße Taube ... die senkte sich tiefer ... die trug himmlisches Licht auf den Schwingen und brachte es zu den gläubigen Menschen ... »Der Heilige Geist,« sagte Pitt Pulcher, und er hörte nicht mehr und sah nicht mehr. Er bemerkte nicht, was in seiner Nähe vorging. Drei Männer hatten kurz zuvor sein Haus betreten, aber nur zwei waren gegangen. Der dritte stand noch immer hinter ihm – zwischen Tür und Angel. Unauffällig trat er vor. »Pitt!« sagte er leise. Der Alte wurde aus seinen Träumen gerissen. »Was, du ...?!« fragte er hastig. »Was soll's denn noch, Jakob?« Jakob Verheyen kam näher, etwas betreten und mit einem verlegenen Lächeln um die Mundecken. »Sieh mal, Pitt,« und er versuchte es, einen jovialen Ton anzuschlagen, »ich möchte mal als Mann 'nen Ton mit dir reden.« »Ich dächte doch, wir hätten schon vorher als Männer gesprochen.« »Das stimmt schon, und was da geredet wurde, das kann nicht von der Bahn gekegelt werden. Aber Roloffs und Cäsar waren dabei ... und es gibt doch Dinge im menschlichen Leben, bei denen heißt es: Stirn gegen Stirn und Auge in Auge.« »Schon richtig.« »Und da habe ich mir gedacht: heute ist die rechte Stunde gekommen. Immer ehrlich und offen, das ist immer mein Grundsatz gewesen. Das weißt du ja selber.« »Jakob, das weiß ich.« »Na, drum bin ich hier, um alles ins gleiche zu bringen – dir und deiner Familie zuliebe und mir und meiner Familie zuliebe.« »So rede man, Jakob.« »Und nichts für ungut?« »Aber warum denn? Man frisch von der Leber herunter.« »Na, denn,« sagte Verheyen, und für eine Augenblicksspanne stoppte er ab, um seine Gedanken zu sammeln. Dann sprach er weiter: »Es ist 'ne alte Erfahrung: Gottes Wind mahlt, aber Gottes Wind hält auch öfters den Atem an. Das geniert die meisten nicht und inkommodiert keinen Gelehrten und keinen Handwerker, aber den Müller geniert es. Denn wenn Gottes Wind den Atem anhält, dann hängen die Segel schlapp, die Mahlsteine tun's nicht mehr und die Korntrichter bringen das Korn nicht herunter. Mit andern Worten, Jakob: in diesem Falle können wir der Arbeit und dem Profit nachpfeifen, und darum: wer sich selber nicht hilft, dem hilft kein Gebet mehr, dem hilft Gott nicht mehr, dem helfen die Menschen nicht mehr. Der bleibt stehn, wo er steht, und wundert sich schließlich, daß er mitten im Sumpf ist. Ich aber bleibe nicht stehn. Ich will höher hinaus. Das kann mir keiner verübeln – und daher habe ich mir gesagt: Setze neben die Windmühle noch 'ne Dampfmühle hin, dann kann's nicht fehlschlagen, dann kann's mir egal sein, ob der Wind weht oder nicht. So bin ich mein eigener Herr und brauche nicht auf Gottes Laune zu warten. Kurzum, ich habe was Großes vor, und wie du selber weißt, gehen die Projekte schon in die Ziegelsteine hinein.« »Jakob, das weiß ich.« »Und dabei noch die Guanoschuppen ...! – Ich muß aus der Enge. Ich will mitsprechen können. Das Kleinliche behagt mir nicht. Es liegt mir nicht mehr. Wer immer hinter dem Ochsengespann hertrampelt, der bleibt eben ein Ochsentreiber. Will er aus dem Ochsentreiben heraus, so hat er mit dem Dampfpflug zu schaffen. So auch ich mit meinem Geschäft. Dafür sind Gelder aufzubringen. Ich kann es allein nicht, 'nen kapitalkräftigen Mann habe ich nötig, und der ist gefunden. Ich selber bin ja so leidlich in 'ner guten Assiette. Aber doppelt hält besser, hier müssen Familienbeziehungen helfen. Mein Hermann kommt morgen zurück – und dann heißt das: frisch an die Ramme; wir haben keine Zeit zu verlieren. Je eher, je besser.« »Kann's versteh«,« meinte der Alte. »Wir freuen uns alle darüber.« »Pitt, das ist es ja eben.« Der Alte horchte auf. »Ich begreife so recht nicht,« sagte er nachdenklich. »Na, ich meine, das mit Anna und Hermann.« »Man keine Sorge. Meine Tochter hat auch was in die Suppe zu brocken, und wenn es sein muß: manch einer ist gerne bereit, mir und meiner Tochter mit 'nem Kapital unter die Arme zu greifen.« Jakob Verheyen schüttelte den Kopf: »Pitt, das tut es allein nicht.« »Wie, das tut es allein nicht? Was tut es denn, Jakob?« Pitt Pulcher wurde unruhig. Er streifte Verheyen mit einem sondierenden Blick. Unter seinen eisgrauen Brauen begann es zu flackern: »Ich meine, was tut es denn, Jakob?« Jakob Verheyen ging etliche Schritte auf und nieder, hastig, ohne Ziel und Zweck, wie ein eingekäfigtes Tier hinter den Stäben. Eine tiefe Blässe kroch bis in die Schläfen hinein. Dann blieb er stehn. »Das ist nicht so einfach zu sagen.« »Wo wir Mann gegen Mann stehn, Stirn gegen Stirn und Auge in Auge?« fragte Pitt Pulcher. »Ich dächte doch, du hättest diese Stunde gewünscht. Es ist doch dein freier Wille gewesen.« »Und ist es auch jetzt noch,« bestätigte Jakob Verheyen. »Aber was ich zu sagen habe, das will schwer durch die Zähne hindurch. So was will überlegt sein, aus Freundschaft heraus überlegt sein, denn es handelt sich eben um Anna, und da muß ich sagen ...« Der Alte unterbrach ihn. »Halt!« sagte er mit befehlender Ruhe. »Bevor du weiter redest, überlege genau, was du redest. Jakob, verstehe mich richtig ... Laß dir Zeit, damit jedes Wort richtig placiert wird ... Ich meine nur, Jakob ... Du bist im Begriff, von meiner Tochter zu sprechen, von Anna zu sprechen, und da muß ich dir sagen: die ist mir von jeher heilig gewesen, so heilig, wie mir irgendein Menschenkind nur sein kann ... Heiliger ist mir selbst das Tabernakel in der Kirche nicht. Das wollte ich nur eben bemerken, und nun, wenn du alles überlegt hast, dann: was hat es für 'ne Bewandtnis mit meiner Tochter? Ich meine man, Jakob.« Jedes Wort war wie aus dem Feuer herausgeholt, wie auf dem Amboß geschmiedet. »Pitt, nur Ruhe, immer nur Ruhe! – Ich versteh' dich vollkommen, aber ich verstehe mich auch. Ich weiß zu schätzen, was man mir anpräsentiert; aber ich weiß auch ...« »Jakob, anpräsentieren ...?!« »Nimm es nicht wörtlich. Das war anders gedacht. Das sollte besser ausgedrückt werden; aber ich kann mir nicht helfen: meine Pläne vertragen zurzeit keine Heirat zwischen Anna und Hermann.« Also – das war es. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es plötzlich geworden. Der Alte ging rückwärts. Mit beiden Händen umgriff er eine Stuhllehne, die ihm in den Weg kam. Dann beugte er den Oberkörper zurück, das Gesicht gegen die Decke gerichtet. Die schweren Lider fielen über die Augen wie Strohdächer. Er schien auf ferne Geräusche zu hören. Sie gaben sich unbestimmt, dann deutlicher und schärfer umrissen. Dann hörte er sie, als wenn sie neben ihm wären. Das war es ja. Er hörte das Sausen der Mühle, das laute Klatschen der Windsegel, das Quietschen und Ächzen der schweren Flügelwelle. Er riß die Blicke auf. Ihm war es, als stände das Unglück neben ihm, als wäre es von der Mühle gekommen. Und wenn es ihm auch nur so war, ja: das Unglück wollte von der Mühle herunter. Ein trockenes Lachen erschütterte seinen Körper. Er nahm wieder die Pfeife und steckte sie kalt in den Mund. »Also, Jakob, deine Projekte vertragen zurzeit keine Heirat zwischen Anna und Hermann?« Er trat näher heran. Jetzt wieder Herr über sich selber: »Jakob, das wird seine Richtigkeit haben.« Er überlegte. »Aber wann vertragen sie's denn?« fragte er eisig. »Nun mal präzise und ohne ›Wenns und Abers‹ gesprochen.« »Da du mich fragst ...« Jakob Verheyen riß sich zusammen. Der gelbe Fleck in seinen Augen vergrößerte sich. »Ich glaube, Pitt, sie vertragen es niemals.« »Niemals ...?!« Der Alte verfärbte sich: »Ich verstehe doch richtig?« Verheyen nickte. »Schön denn,« sagte Pitt Pulcher. »Das ist doch ehrlich gesprochen, aufrichtig und ehrlich. So was kann man gebrauchen im Leben. Jetzt weiß ich doch, wo ich dran bin. Jetzt weiß ich doch: man soll keine Hoffnung aufpäppeln und ihr noch dazu die Flügel vergolden. Eher ihr noch den Nacken umknicken – das soll man. Aber ich weiß auch: das Herz meiner Tochter wird erbarmungslos vor die Hunde geworfen ... Das steht nun mal fest wie das Kreuz auf dem Kalvarienberg. Bitte, unterbrich mich nicht. Lasse mich ausreden, Jakob ... Da kannst du nicht dafür und ich nicht dafür. Da können nur die Projekte dafür, denn solche Projekte sind von jeher über Menschenherzen gegangen ...« »Ich ersuche dich, Pitt ...« Der Alte machte einen herrischen Strich durch die Luft: »Ich glaube, hier ist nichts zu ersuchen.« Er packte die Kalkpfeife, zerbrach den Stiel in einzelne Stücke und ließ sie auf den Boden fallen. »So was ist ekelhaft, Jakob. Das ist um die Kränke zu kriegen.« Mit beiden Händen fuhr er sich an die Halsbinde, als müsse er sich Luft schaffen. »Ekelhaft sage ich dir. Und dann, Jakob: das sogenannte Kapital tut es allein nicht. Das seh' ich dir an. Das steht auf deiner Stirn geschrieben. Du willst höher hinaus. Ja, du willst höher hinaus. Verheyen ist eine bessere Nummer wie Pulcher – das meinst du. Du willst dich nobeler machen. Möglich, du hast deine Gründe, möglich, auch nicht. Und wenn du sie hast: ich bin der letzte, der gewillt ist, sie über den Haufen zu stoßen. So wahr mir Gott helfe! Aber das sag' ich dir, Jakob ...« Und seine Stimme kam ins Rollen wie die angestauten Wasser in einem aufgezogenen Schleusenwerk. Stirn gegen Stirn standen die beiden. Zwei harte Herzen hämmerten gegen die Nippen. Hier – der Alte, der Bibelfeste, der Prophet, dessen Geist die Zeit seiner Vordern umspannte, als wären sie erst gestern gewesen, und neben ihm Jakob Verheyen, der Mehl- und Guanohändler, der Mann, der höher hinauswollte und Sturm lief gegen Dinge, von denen er in diesem Augenblick so recht nicht wußte, weshalb er gegen sie anlief. »Jakob ...!« Und wieder kam die Stimme Pitt Pulchers ins Rollen: »Ich sage dir, Jakob – wir Pulchers sind auf einem andern Grund und Boden gewachsen wie die Verheyens. Als Anne-Susanne noch nicht geboren war und noch keine Zunge hatte, da hatten wir, die Pulchers, schon eine mächtige Stimme. Und das ist vor dreizehnhundertzweiundsiebzig gewesen. Da saß Kaspar Christian Pulcher als Ältermann auf dem Hochsitz der kölnischen Weber. Da ging unser Name über das Meer, das gegen Norden und Westen liegt. Da waren wir den Engländern über, denn unsere Ware schlug die von den anderen Menschen doppelt und dreifach. Da stand Kaspar Christian Pulcher mit freier Stirn vor Kaiser und König und sagte dem hohen Rat auf und sagte den Geschlechterherren auf – und ließ das Banner der Weber und Tucher fliegen – und ließ die Webertrommel schlagen ... Zwei Tage hindurch stand das Blut in den Gassen von Köln, zwei Tage hindurch führte der Rhein am linken Ufer eine blutige Rinne, zwei Tage floß sie ... Bis Neuß hinunter war ihre Spur zu verfolgen ... Es war kein glücklicher Tag für uns, aber ein Kaspar Christian Pulcher hat ihn gefärbt, ihn und den Rheinstrom. Das Blut, das damals in Köln vergossen wurde, um für Recht und Freiheit zu kämpfen, dasselbe Blut ist noch heute in den Adern der Pulcher.« Mit der Rechten schlug er auf seine Brust: »Und ich bin ein Pulcher. Jakob, na – und ihr, die Verheyens ...?! Wenn ein Jakob Verheyen hoch hinauswill, ein Pitt Pulcher will höher hinaus. Das laß dir hiermit gesagt sein. Und damit ... Aus alter Freundschaft heraus nahm ich vorhin dein Angebot an. Meinetwegen: die Freundschaft soll bleiben, aber das Angebot wird hiermit gestrichen. Wem meine Tochter nicht gut genug ist, dessen Hand darf für meinen Sohn auch nichts schenken. Im übrigen, Jakob, bleibt alles beim alten. Und jetzt ... verschone mich, Jakob.« Er trat wieder ans Fenster. Als er sich wandte, hatte Jakob Verheyen das Zimmer verlassen. »Gut,« sagte der Alte, »nun weiß ich, was ich habe. Aber das ist gewiß: ich will die Primiz nicht stören. Erst nach der Feier sollen sie alles erfahren.« Er streckte den Arm. Er stierte in die leere Handfläche. »Nichts!« sagte er mit grimmigem Ton in der Stimme, »und doch viel.« Dann warf er sich auf einen Stuhl, stützte den Kopf auf und bohrte den Blick in die Dielen.   9 Am Himmel stand ein ruhiges Glänzen. Die warmen Sommerabende halten ein solches Rot fest, zerfasern es nicht, zermürben es nicht, geben ihm vielmehr eine höhere Leuchtkraft, eine schönere Tiefe, die kaum wahrnehmbar und nur ganz allmählich verblutet. Die Welt war mit satten Farben bedeckt, und auf dieser satten Folie ruhte die kleine Stadt, als hätte die feine Schere eines Silhouettenschneiders sie entworfen. Das ganze Land blühte unter dem Rausch köstlicher Rosen. Sie hingen von den Weiden und Pappeln, sie folgten den Deichflanken in breiten Girlanden, sie spiegelten sich in den abgrundtiefen Binnenkolken wider. Der Vorabend der Primiz konnte mit keinem schöneren Feuerwerk aufwarten. Aus den Fenstern sah es mit purpurnen Augen. Von den sich über die Straßen hinziehenden Kränzen träufelte es wie von böhmischen Granaten. Alles schmückte sich für die morgige Feier. Fahnen hingen von den Giebeln und Dächern, schaukelten sich im Wind und berührten mit ihren Troddeln die Spitzen der Maibäume, die wie zartgrüngekleidete Mädchen die Straßenzeilen entlang standen. Mit feinem Rascheln spielten die herzförmigen Blättchen gegeneinander. Ein warmer Hauch nach geschnittenem Kalmus und Buchsbaum wölkte den nächsten Tag ein, fleißige Hände rückten buntilluminierte Gipsfiguren hinter die Scheiben oder brachten Papptafeln an, die in sinnvollen Sprüchen und Ausrufen auf die Bedeutung des Festes hinwiesen. Schuster Kogeleboom hatte es sich nicht nehmen lassen, den heiligen Krispinus auszustellen, Dores Jansen das Lamm Gottes, in dem linken Vorderpfötchen ein goldenes Kirchenfähnchen, ein himmelblaues Bändchen um den Hals und unter sich eine spinatgrüne Hallelujawiese, über und über mit weißen, gelben und violetten Osterblümchen gesprenkelt. Die Kinder hoben sich auf den Zehenspitzen, um das eigenartige Kunstwerk bewundern zu können. Die Alten standen in Gruppen zusammen, lobten die zierliche Anordnung und verstiegen sich schließlich zu der etwas gewagten Behauptung, ähnliches nie in ihrem ganzen Leben gesehen zu haben. Und es war auch zu prächtig! Dores hatte sich selbst übertroffen. Der Zudrang der Neugierigen nahm stetig zu. Selbst Joseph Vieth aus der Kaninchengasse, ein in den Ruhestand versetzter Ziegenfellhändler, der viel im Lande herumgekommen war und bereits in die neunzig hineinwuchs, schlurfte auf seinen kirschroten Plüschpantoffeln heran, bewunderte auch seinerseits das Gipslämmchen auf der spinatgrünen Hallelujawiese und sagte: »Gott, was 'ne Wull!« – nahm seinen etwas fettigen Kaftan zusammen und grüßte. Dann schlurfte er wieder in die Kaninchengasse, las die Zeit mit noch immer scharfen Augen von seiner silbernen Uhr ab und meinte: »Ich will mir die Ohren verstopfen. Noch 'ne halbe Stunde, und dann schießen sie mit die barbarischen Böllers.« Vor dem Rathaus und im Angesicht des Standbildes des Reitergenerals von Seydlitz hatte der Herr Polizeidiener Servatius Cäsar das städtische Stückwerk aufgepflanzt: drei eiserne Katzenköpfe auf Reihe, ein Pulvertönnchen und zwei Kisten mit Werg, Papierpfropfen und Lunten. Punkt neun Uhr sollte die erste Ovation durch die Stadt rollen. ›Ultima ratio regis‹ stand auf dem mittleren Böller geschrieben. »Das stimmt,« konstatierte Herr Cäsar. Selbstgefällig stolzierte er in voller Montur zwischen den Geschützen umher, setzte den Umstehenden das Eigenartige und Schwierige des Salutschießens auseinander, bei dem nur vorsichtige und kundige Beamte zu gebrauchen seien, und erzählte von einem grundgelehrten Mönch, dem man die Erfindung des Pulvers zu verdanken habe. » Ultima ratio regis , das heißt soviel wie Suum cuique oder Jedem das Seine. Das will ich hiermit gesagt haben, denn wer nicht kumpabel ist, die Geschütze bedienen zu können, der soll die Finger davon lassen. Aber ich habe die Ehre.« Alle begriffen das. Auch die städtische Fahne, die vom Rathausturm herabwehte, pflichtete ihm bei, denn sie knatterte plötzlich so lustig und fröhlich auf, daß Herr Cäsar aufblickte und ihr freundschaftlichst zuwinkte. Dores Jansen legte unter Beihilfe seines Sohnes die letzte Hand an die Kunstpforte, die sich am südlichen Kirchenportal erhob. Thyß schwebte mit einer beschriebenen Tafel um den Hals zwischen Himmel und Erde. Von dem höchsten Bogen des mit Kränzen und buntfarbigen Tuchstreifen umkleideten Gerüstes sollte sie herabgrüßen. Sein breites Kartoffelgesicht sah wie eine prächtige Pfingstrose, über deren Blütenkopf eine Artilleriemütze gestülpt war, aus dem saftigen Laubwerk heraus. Der Alte stand unten, nahm von Zeit zu Zeit eine sachliche Stärkung aus der Schnapsbouteille und gab die nötigen Anweisungen. »Ich bitte dir, Thyß,« rief er in die Girlanden hinein, »zwei Daumens links. Noch weiter! Halt! – Nu Propter und Prätorius 'ne Handbreite tiefer. Noch tiefer! Höher! Gut so!« Dann wurde gehämmert. Gleich darauf stand Thyß neben seinem Erzeuger. »Pompös!« sagte der Alte, denn das ›Veni, creator spiritus‹ leuchtete in goldenen Buchstaben lieblich und heilverkündend von dem mittleren Bogen herunter. »Kolossall« sagte Thyß und schob die Artilleriemütze höher, »da kann für meinetwegen auch der Herr Hauptmann Liese hindurchtriumphieren.« »Meine ich auch,« gab der Alte zurück. »Überhaupt wir zwei beide. Stelle mir und dir nackig in Indigo, wir sind doch die, die wir sind. Allerhand Achtung.« Er reichte ihm die dünnwandige Flasche. »Merci!« » Firnis coronat opium ,« sagte der Alte. Thyß sah ihn an, als wenn er fragen wollte: »Woher diese Weisheit?« »Von Herrn Roloffs, der es in der Gewohnheit besitzt, also zu reden, und es bedeutet soviel wie: Lack über die Sache.« Das sah Thyß denn auch ein und gab die leere Flasche zurück. Noch einmal begutachteten Vater und Sohn das aufgerichtete Bauwerk, fanden gegenseitig, daß es gut war und freuten sich dessen. Hierauf suchten sie ihr Handwerkszeug zusammen, schulterten es und gingen nach Hause. Mit ihnen lief das nadelscharfe »Sriii!« der hin- und herschießenden Schwalben. – – – Das feierliche Abendrot wurde nicht schwächer. Im Gegenteil, es nahm an Farbigkeit zu. Die weite Welt stand in zuckenden Flammen. Ein weiches Tuch um die Schultern geschlagen, leichtgefesselt und in dem schmiegsamen Gang ihres ebenmäßigen Körpers schritt Anna Pulcher in diese köstliche Lohe hinein. Ihre junge Brust, die sich scharf unter dem leichten Kleid abhob, ließ die feinen Glieder ihrer Gestalt noch ebenmäßiger erscheinen. Die halbgeschlossenen Augen verlängerten sich zu einem versonnenen Lächeln. Lässig und doch mit sichtlicher Eile ging sie ihres Weges. Die Stadt lag hinter ihr. Über ihr war das verlorene Rauschen von Kastanienbäumen. Sie mußte an dem kleinen Friedhof vorüber. Die Lebensbäume standen dunkelblau gegen den leuchtenden Himmel. Kreuze und Gräber waren rosig umkleidet. Der Kalvarienberg ragte in ernster Glorie auf. Es war so, als spräche der Erlöser: »Heb' das Auge, das Gemüte, Sünder, zu dem Berge hin; Sieh die Qualen, sieh die Güte, Sieh, ob ich dein Heiland bin.« Mit zwingender Gewalt kamen die Worte herüber. Anna Pulcher hörte die Worte. Unwillkürlich blieb sie stehn. Als sie weiter ging, begegnete ihr Stephan. Unbedeckten Hauptes kam er vom Kirchhof. Sein stilles Gesicht war noch stiller denn an sonstigen Tagen. Er war am Grab seiner Mutter gewesen, wo er ihr die morgige Primiz angesagt hatte. Seine Soutane wehte im Wind. Er lächelte, und lächelnd nahm er die Hand seiner Schwester. »Wohin gehst du?« fragte er mit sanfter Betonung. »Ich will Hermann entgegen.« »Er kommt über Emmerich?« »Ja, er kommt über Emmerich. Er nimmt den Weg zu Fuß über die Deiche.« »Und du hast ihn lang nicht gesehn?« »Seit einem Jahr nicht.« »Und du hoffst, mit ihm glücklich zu werden?« »Ja, Stephan, ich hoffe darauf.« Da nahm er das Gesicht seiner Schwester zwischen seine keuschen und weißen Hände und legte ihr den Mund auf die Stirne. »Ich segne dich, Anna.« Sie fühlte die Heiligkeit der Stunde und die Weihe des Ortes. Ihr Haupt senkte sich tiefer. Sie wand den Arm um den Hals ihres Bruders. »Ich danke dir, Stephan.« Dann schieden sie. Das weiche Tuch fester um die Schultern gezogen, ging sie dem nahgelegenen Teich zu, der sich über Wissel und Beilerward fort bis an das Emmericher Eiland erstreckte. Als sie ihn erreichte, lag das brütende Licht der untergehenden Sonne tief am Horizont. Die hohen Pappeln, die im Vorland standen, raschelten unruhig mit ihren Blättern. Dann wurden sie stiller. Schließlich waren sie nicht mehr zu hören. Die Gluthitze des Tages ließ nach. Ein wolkenloser Himmel überspannte die Ebene. Nur tief im Süden ruhten unregelmäßige Streifen am Boden. Die Kraft fehlte ihnen, sich höher zu recken. Anna Pulcher ließ die stummen Bäume hinter sich. Jetzt war sie allein, so allein, wie nur ein Mensch sein konnte. Nichts regte sich in der endlosen Weite. Nur das Wetzen einer Sense kam unbestimmt herüber. Die Türme der Wisseler Basilika standen wie zwei stumpfe Schiffsmasten auf dem ruhigen Grasmeer. Im großen Bogen lief der Deich auf sie zu. Langsam kroch er an sie heran. Er schien sie umschleichen zu wollen. Ihre Schattenrisse wurden immer schärfer und sichtiger. Die feurige Lohe verblaßte zu farblosen Garben, die schließlich zergingen. Ein zarter Resedaton ging über die Landschaft, und in diesem Resedaton wurde das Gegenständliche zu einer greifbaren Deutlichkeit. Die Fernen rückten näher heran; Himmel und Erde waren von einer unendlichen Klarheit. Anna Pulcher war bis zur Roten Schleuse gekommen. Hier blieb sie stehen. Hochaufatmend sah sie in das Licht des sterbenden Tages. Ihre Brust hob und senkte sich. Jede Linie ihres geschmeidigen Körpers war deutlich erkennbar. Das eigentümliche Glänzen um sie her verlieh ihr den Reiz seltsamer Schönheit, als wäre sie unter einem anderen Himmel und im Lande der Sonne geboren. Sie hatte nicht ihresgleichen in der engeren Heimat. Die Tochter eines schlichten Webers! – und dennoch wie ein Königskind, das hinausgegangen war, seinen Liebsten zu finden. Also stand sie und suchte die Gegend ab, die immer heller wurde und dem Gesicht keine Schranken mehr setzte – so feinmaschig wie gesponnenes Glas war die ganze Umgebung geworden. Und doch hörte sie nichts und vernahm sie nichts ... nur das monotone Rinnen der Zeit und das Klopfen des eigenen Herzens. An die niedrige Mauer der Schleuse gelehnt, hatte sie nur den einen Gedanken, bald glücklich zu werden. So verging Minute um Minute. Plötzlich fuhr sie auf. Ein einzelner Punkt löste sich vom Hintergrund ab und nahm stetig an Größe zu. »Das ist er ...!« Sie wollte ihm entgegen, wollte die Wegstrecke zwischen sich und ihm um die Hälfte verkürzen, aber dann dachte sie wieder: »Hier an der Roten Schleuse bist du ihm zum erstenmal begegnet, hier ruhte Mund auf Mund, als vor Jahren die Welt den Atem anhielt und die heiße Liebe zweier jungen Menschenkinder benedeite. Hier willst du auch wieder in seine Arme hinein, nach langer Trennung und nach den Stunden tiefen Schmerzes und herber Entsagung.« Und so wartete sie denn und sah den Punkt immer deutlicher werden. Dann schloß sie die Augen und horchte hinaus wie auf das Kommen einer frohen Botschaft. Schweigen, endloses Schweigen! Nur die Sense von eben begann wieder zu singen, dicht an der Erde hin, wie ein aufgescheuchter Vogel, der mit ängstlichem Sirren irgendwo einfallen wollte. Sie sträubte sich gegen dieses Sensenklingen, und sie hörte es dennoch. Der Ton verstärkte sich. Er rief bald ferner, bald näher. Immer aufdringlicher wurde das Sicheln und Wetzen. Ihr wurde unheimlich. Sie blinzelte durch einen schmalen Streifen ihrer Lider hindurch, aber weit und breit war kein Schnitter zu sehen. Und dennoch hing der Ton in der Luft, kroch die Deichflanken entlang, um gleich darauf wie unter Halmen und duftigen Sommerblumen hinzuwelken. Da vergaß sie ihn wieder, und ihre Wünsche eilten dem Geliebten entgegen. Er mußte bald kommen. – Wie das stürmte durch Hermann Verheyen! Eine jubelnde Freude war in ihm. Heiße Pläne und glückliche Fragen an die Zukunft überflogen sich wechselseitig wie siegreiche Falken. Das Jahr in Holland hatte ihm gut getan. Der junge Held von der Spellner Heide war noch schnittiger und sehniger und das blonde Bärtchen noch blonder und krauser geworden. Auf der nervigen Brust trug er die Rettungsmedaille. Zur Feier des Tages, ihr zuliebe trug er sie heute, ein Zeichen dafür, daß an seinem Herzen gut ruhen war, hier bei der Medaille des Königs und bei echter und lauterer Mannestat. Hier war die Zukunft gesichert, konnte sich das Leben entfalten, durfte Anna lächeln, wie die Glücklichen lächeln. Zwischen ihrem und seinem Herzen sollte sie liegen – die Medaille des Königs. So und nicht anders. Etwas wie Stolz durchfuhr ihn. Er war würdig, die Liebe eines jungen Weibes zu kosten. Mannestat hebt den Kopf zu den Sternen. Ja – die Medaille des Königs ... Selbstlos hatte er sein Dasein in die Schanze geschlagen. Ein kurzer Entschluß nur, aber dieser kurze Entschluß war blank geworden und lag jetzt als ein unscheinbares Ding auf dem schlichten Rock und hatte doch Worte, die lauter und eindringlicher sprachen als die des besten Kanzelredners auf Erden. Sie hatten einen festen Schritt unter sich, gingen mit offener Stirne ihres Weges und sprachen zu jedem, der es hören wollte: »Ich bin nur ein geschlagenes Metall, lumpig an Geldeswert, aber Hände werden erscheinen, die mich aufheben und in den Himmel tragen.« Unter diesen Gedanken schritt er rüstig fort und rollte den Weg unter sich auf. Drüben stand sie – das Heil seiner Tage. Er hatte sie schon lange gesehen. Bei einer Erlengruppe, die unvermittelt aufragte, flog ihm der lustige Schalk in den Nacken. Er bog von der Deichkrone ab und benutzte den schmalen Binnenweg, der unmittelbar in der Tiefe vorbeiführte. So konnte er ungesehen zur Schleuse gelangen. Lautlos gingen seine Schritte über den bewachsenen Boden. Jetzt sah er sie stehen, dicht vor sich, den Rücken gegen die Schleusenmauer gelehnt, den Blick nach rechts gewendet. Ihre Augen waren wie im Erstaunen geöffnet. Sie sah nichts mehr. Aber dann ein Jubelschrei, der alles in sich barg, was nur ein Menschenherz zu umschließen vermochte: Sehnsucht und Liebe, Erwartung und Hoffnung, Entsagen und endliches Finden. Ihr erstes Begegnen war wie ein jauchzendes Lied, ihre erste Umarmung wie das sich Aneinanderschmiegen zweier Blütenzweige in laulicher Frühlingsnacht. Und dann kam das Stammeln, das ewige »Du und Du« und das selige Geben und Nehmen, das erfinderisch war in seinen Einzelheiten, in den Schwingungen trunkener und doch verhaltener Freude. In heiliger Feier ruhten die Lippen zusammen. Der Kuß währte endlos und schmerzte in seiner Keuschheit. Und sie schwelgten in diesem Schmerz und genossen seine köstliche Herbe, bis sie ihren Oberkörper zurückwarf und mit beiden Händen sein Antlitz umspannte. »Wie gut du bist!« hauchte sie stammelnd. Ihr junger Leib bog sich ihm verlangend entgegen. »Hermann!« »Geliebte!« Und wieder drängte sich Brust an Brust, die Medaille des Königs dazwischen, und wieder fanden sich ihre Lippen in schmerzhafter Keuschheit. Lautlos, wie auf ein stummes Geheiß, glitten sie nieder, sie an ihn gelehnt, er den Arm um ihre Schulter geschlungen. So saßen sie lange und sahen in das eingedunkelte Land hin, das allmählich einschlafen wollte. Über ihnen blinkten bereits einzelne Sternchen, und tief am Horizont spielte Gottes Hand mit lautlosen Blitzen, die wie haarfeine Linien am Boden huschten und in den dunklen Wäldern verschwanden. Ab und zu das geheimnisvolle Sensen, das zeitweilig anschwoll, um dann zu einem kaum wahrnehmbaren Seufzen zu werden. Sie saßen wie glückliche Kinder, dicht aneinandergeschmiegt, willenlos gebend, willenlos nehmend, als weit hinter ihnen die ersten Freudenschüsse ertönten. Dumpf rollten sie durch das Träumen der weiten Niederung. »Du!« fuhr sie auf und drängte sich näher. »Das ist für morgen,« sagte er leise. »Nicht sprechen, nicht sprechen!« mahnte sie glücklich. »Du sollst die jetzige Stunde nicht stören,« und sie beugte sich zu ihm und bedeckte seinen Mund mit innigen Küssen. Das hingebende Weib in ihr wollte sein Recht. Um ihre Nasenflügel zuckte es leidenschaftlich auf, und der Streifen zwischen ihren halbgeschlossenen Lidern war zu einem dünnen Seidenfaden geworden. »Ach, du, du, du ...!« keuchte er zärtlich, umfaßte ihren biegsamen Leib und preßte ihn an sich. »Und nun erzähle mir alles.« »Nicht sprechen, nicht sprechen! Morgen sollst du alles erfahren!« Der Duft ihres Körpers umfing ihn. Ihr jungfräuliches Sehnen faltete sich wie ein Blütenkelch auseinander. Da beugte er ihren Kopf zurück und sah im tiefen Grunde ihrer aufgerissenen Augen ein Sternchen blinken, als wäre es aus dem Himmel gefallen. »Wie schön, wie schön ...!« stammelte er fassungslos. »Das halte ich fest, das soll mir selbst der Tod nicht nehmen.« »Sprich nicht vom Tod,« sagte sie fröstelnd. Sie umgriff die Rettungsmedaille: »Wir wollen doch leben ...« »Ja, leben, leben ...!« Sie hörten und sahen nichts mehr. Sein Haupt ruhte in ihrem Schoß. Mit zitterigen Händen glitt sie durch sein Haar, über seine hämmernden Schläfen. Hinter ihnen, weit hinter den stillen Bäumen und Häusern, fielen erneute Schüsse. Wie in Wattebauschen gehüllt kamen sie näher. Sie merkten es nicht. Sie hatten die Welt vergessen und dachten nicht mehr an die rinnenden Augenblicke. Die Stunde regierte, preßte Mund auf Mund und drückte die Herzen zusammen. Die Blitze am tiefen Horizont nahmen an Helligkeit zu. Auch das Wetzen und Schleifen klang bestimmter und schärfer. Es war jenseits der Böschung, dann ganz dicht in der Nähe ... Es senste und mähte. In demselben Augenblick lief der Schnitt eines blanken Eisens über sie fort. Da fuhren sie auf. Der verblödete Deicharbeiter Grades van Hüllem stand hinter ihnen. Mit seinem Totengesicht grinste er sie an. »Himmelsakrament! – das ging hart am Leben vorüber,« meinte er lachend und nahm wieder seine Beschäftigung auf. Sich in den schwerfälligen Hüften wiegend, latschte er weiter. Er hatte keine Gedanken für das soeben Geschehene. Er kannte die beiden kaum. Ihm war alles egal. Statt der Halme für seine Ziegen, hätte er auch Menschen von der Koppel geschlagen. Was hatten sie auch am späten Abend zwischen den hohen Gräsern zu sitzen? – und seine Sense warf wieder Rispen und Wiesenblumen zu Boden, alles übereinander, alles durcheinander ... Verstört sahen sich die beiden an. Sie fieberte am ganzen Körper. Ihre Hand hielt die Medaille umfaßt. »Das war der Tod,« sagte sie leise. »Und hier ist das Leben!« jubelte er auf und riß sie an sich. »Ja, das Leben, das Leben ...!« weinte sie still vor sich hin, »das köstliche Leben.« Aneinandergeschmiegt traten sie den Heimweg an, und als die Ruhe wiedergekommen, waren sie wie zwei verwunschene Menschen, die ihrer Jugend nachgingen und dem feinen Blütenduft einer seligen Liebe. An das Blinken und das haarscharfe Zischen der Sense dachten sie nicht mehr. Die zog ihres Weges, näselte über den Boden hin und war nichts weiter mehr als eine Todbringerin für Gräser und Blumen. In ihnen aber war das Leben, das jauchzende, allbefreiende Leben, und mit diesem Glücksgefühl in der Brust betraten sie die Stadt, schritten sie unter Girlanden und leise wehenden Fahnen, nahmen sie für heute Abschied an dem langen Hause mit den blauen Fensterläden. Geräuschlos trat sie ein, aber so geräuschlos es auch sein mochte, der Vater hörte ihr Kommen. Er saß neben dem Webstuhl. Der matte Glanz einer Lampe umgab ihn. Er las in der Bibel. Über ihm gingen weiche Schritte und die monotonen Worte eines Betenden. Es war Stephan. Er betete für sich, er betete für seinen Vater, er betete für das Glück seiner Schwester. Der Alte fuhr auf. Der Schmerz bäumte sich in ihm wie ein scheugewordenes Pferd, das in den Abgrund hineinwill. »Morgen wird alles zertöppert,« sagte er dumpf vor sich hin. Die Faust krachte auf den Tisch: »Aber nur Ruhe, nur Ruhe ...! – Wir, die Pulchers, haben schon Schlimmeres erduldet – und dulden heißt selig werden.« Dann erhob er sich und ging zu seinen Kindern und nahm sie in die Arme und küßte sie. Gottes Donner aber rollten über die Stadt, und Gottes Blitze waren dazwischen.   10 Noch Stunde um Stunde, nachdem Vater und Tochter längst zur Ruhe gegangen, währte das Beten. Der junge Priester kniete neben seinem Bett vor einem beinernen Kruzifix. Abseits stand eine brennende Kerze. Wenn sein heißes Auge sich hob, sah er durch den Fensterrahmen die dunklen Umrisse der Sankt Nikolaikirche. Alles war einsam. Keine Laterne blinkte herauf. Nur das ewige Licht flämmerte mit gleichmäßigem Leuchten durch die Chorscheibe herüber. Unter diesem Licht sollte er morgen des heiligen Amtes walten. Er schauerte zusammen. Seine Seele war so keusch wie die Blumen am See Genezareth. Mit solcher Reinheit im Herzen gingen nur wenige der großen Feier entgegen. Und wie still war die Nacht! Silentium sanctissimum! Das Donnern und Blitzen war längst vergangen. Der Regen hatte aufgehört, und die Wolken waren vorübergezogen. Myriaden von Sternen drehten sich am tiefblauen Himmel. Per omnia saecula saeculorum ...! Nur ab und zu fiel eine scharfumrissene Helle nieder. Der junge Kaplan trat ans Fenster. Er sah das Fallen und Gleißen und sprach große und ernste Worte in dieses Fallen und Gleißen hinein, Worte, die sich wie Blüten aneinanderreihten oder wie Leuchtkugeln aufflammten und mit leichtem Knistern zergingen. Er überlief noch einmal die morgige Predigt. Gegen drei Uhr verlöschte die Kerze. Dann schlief er, und träumend fand er sich in der Kirche wieder. Er hörte Zymbeln und Geigen und den weltfremden Gesang von pilgernden Nonnen, ein Gesang über den Wassern, als hätten bleiche Wasserrosen gesungen. Ein süßer Wohllaut erfüllte die Räume, und dieser Wohllaut wurde auf Weihrauchwölkchen getragen. Nur eine sonore Männerstimme klang zeitweilig dazwischen. Sie kam aus tiefstem Herzensgrund; sie tönte wie die eines Cherubs – eine vox jubilata . Es war die seines Vaters, der aufrecht und mit gefalteten Händen dem Hochamt beiwohnte. Neben diesem erhob sich eine hohe Gestalt, weißgekleidet, mit weichem Bart und blondem Haar, das auf den Schultern sich lockte. Es war ein Mann, der die Zwanziger hinter sich hatte. Er stand in bläulichem Licht, und seine Augen erinnerten an die Farbe des Flachses, wenn er blüht auf den Feldern zu Bethlehem. Und seine Züge gemahnten an die der Galiläer, die jenseits der Sandwüste wohnen. Es war Christus. Und seine Hand hob sich und zeigte auf den mit Rosen und Sommerblumen geschmückten Altar, auf dem die heilige Handlung vor sich ging. Stephan hörte ihn sprechen. »Das ist dein Sohn,« sagte der Heiland. »Ja, das ist mein Sohn,« versetzte der Alte und beugte sich, und seine Stirne berührte den Boden. Noch einmal erhoben die bleichen Wasserrosen ihre sehnsüchtigen Stimmen; dann brauste die Orgel: » Jubilate, jubilate !« und das › Ite missa est ‹ zog feierlich über die tausendköpfige Menge. Der Nazarener verlor sich in seinem eigenen Glanz. Aber sein Geist blieb und segnete alle. Und das Licht wurde größer und heller und schimmerte durch die Schirtinggardinen, die an dem Fenster des kleinen Zimmers hingen. Da erwachte der Kaplan. Heller Sonnenschein flutete ihm zu. Der Tag war gekommen. – Zwei Stunden später krachten die ersten Böller, die großen Glocken fummelten vom Turm, und die kleineren bimmelten dazwischen. In stiller Weise wurde Stephan Pulcher von der elterlichen Wohnung eingeholt. Halbwüchsige Mädchen, das Lamm Gottes auf den Händen tragend, die Insignien von Glaube, Hoffnung und Liebe mit sich führend, eröffneten den Zug. Kirchenfahnen hoben sich auf, Fahnen grüßten herab, Medaillenstäbe blinkten in den jungen Morgen hinein. Die Jungfrauen von der ›ewigen Anbetung‹ gingen rechts und links von dem Primizianten. In Begleitung der Geistlichkeit aus den benachbarten Ortschaften schreitet er wie ein Heiliger über Buchsbaumpartikelchen und welkende Blumen, begleitet von einer silbrigen Taube, die das Flimmern des Himmels vor ihm herträgt. Sie fliegt, wie von einer zarten Aureole umgeben. Er selber: seine Lippen sind bleich, und der Blick unter den etwas angeröteten Augenlidern haftet am Boden. Ein gesticktes Chorhemd umkleidet seine jugendliche Gestalt. Er hält das Barett zwischen den Händen. Von den Schultern herab hängt die seidene Stola, golddurchwirkt und mit bunten Steinen umkrustet. So schreitet er weiter durch die wispernden Maibäume, durch die Girlanden und Kränze hindurch, an den unzähligen Menschen vorbei, die rechts und links vom Wege stehen oder knien. Die Herren der Schützengesellschaft bilden Spalier. Sie tragen weißleinene Beinkleider und graugrüne Röcke. In ihren Gewehrläufen stecken Sträußchen von Zentifolien und Mariawindelbleich. Beim Nahen des jungen Klerikers gehen die Büchsen in Präsentierstellung. Eine dumpfe Trommel schlägt an. Das große Banner senkt sich. Der heilige Sebastianus neigt sich zur Erde. Die krausen Blättchen der geschlagenen Birken rascheln stärker. Mütter heben ihre Kinder auf: »Das ist der neue Kaplan!« – und die Kleinen jubeln: »Heerohme! Heerohme!« und strecken ihm ihre Händchen entgegen. Sträußel und Rosenblätter fliegen ihm zu. Er geht über sie fort, und die Worte des heiligen Markus treten ihm in den Sinn, die da lauten: »Viele aber breiteten ihre Oberkleider auf den Weg, andere hieben Zweige von den Bäumen und legten sie nieder. Und die vorausgingen und nachfolgten, riefen und sprachen: Hosianna! Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn!« Er schämt sich dieser Gedanken, denn er ist nur ein Diener des Herrn und nicht würdig, dessen Ehrung für sich in Anspruch zu nehmen. Seine Blicke haften wieder am Boden. Gesenkten Hauptes schreitet er durch die erste Ehrenpforte, wo die Worte geschrieben stehen: « Benedictus, qui venit in nomine domini. « Jetzt atemlose Stille. Die zweite Ehrenpforte liegt hinter ihm. Die Schauer der Kirche tun sich auf, und unter ernsten Klängen geht es zur Sakristei. Die Gläubigen strömen nach und füllen Bänke und Hallen. Bald darauf erklingt eine Schelle von der Epistelseite her. Von Geistlichen und Ministranten begleitet, von Weihrauchwölkchen umduftet, besteigt Stephan die Stufen des Altars. Seine Tonsur leuchtet weithin. Das Hochamt nimmt seinen Anfang, und es ist wie Flügelrauschen unter dem Sterngewölbe. Pitt Pulcher hat seinen Platz im linken Chorgestühl, Gebetbuch und Rosenkranz zwischen den Fingern. Um die weißgestärkten Vatermörder legt sich eine schwarzseidene Binde, vorne zu einem mächtigen Knoten verflochten. Ein bläulicher Schimmer liegt auf dem Chemisettchen. Sein Gesicht ist noch abweisender und kantiger als an sonstigen Tagen. Er und sein Sohn sind heute die Auserwählten des Tages. Das weiß er. Aber kein Hochmut wandelt ihn an. Er fühlt sich geringer denn alle übrigen Leute, nur nicht geringer als Jakob Verheyen. Drum auch steht er erhobenen Hauptes, selbstherrlich, gebietend und mit eherner Stirne. Dicht neben ihm kniet seine Tochter. Ihm gegenüber sitzt Heinrich van Egern im Lehnstuhl. Mit glücklichem Lächeln folgt er der Handlung. Sonnenstäubchen flimmern um seine Schläfen. Die Staffelgebete gehen vorüber. Das Kyrie eleyson und das Gloria werden gesungen. Die Kollekten setzen ein. Das Meßbuch wird auf die Evangelienseite getragen. Pitt Pulcher sieht alles mit aufgerissenen Augen. Die Rosenkranzkügelchen in seinen Händen arbeiten tönend gegeneinander, und in dieses Klingen spricht er mit verhaltener Stimme: »Ich vergebe allen, o Herr, die mir Böses erwiesen – auch Jakob Verheyen. Nur vergebe ich nicht, daß er mich um Annas Willen tiefer herabdrücken wollte.« Er fühlt, wie ein warmer Arm sich in den seinen hineindrängt. »Es ist nichts, meine Tochter.« Und Pitt Pulcher streckt sich wieder. Die Messe der Gläubigen beginnt. Das Offertorium nimmt seinen Anfang. Orate, frates ! Die Stillgebete folgen. Ein Glöckchen ertönt. Alle Geräusche verstummen. Jeder fühlt die Nähe des Ewigen. Wieder das Glöckchen! Dreimal hintereinander läßt es seine Stimme vernehmen. Pitt Pulcher liegt auf den Knien. Seine Stirn berührt den Estrich. Hart pocht die Hand gegen das blaugestärkte Vorhemd, und die Worte sind bei ihm: »Jesus, dir lebe ich. Jesus, dir sterbe ich. Jesus, dein bin ich im Leben und im Tode.« Dann strafft er den Nacken. Der alte Geist beherrscht ihn aufs neue. Er hört das Sausen der Flügel und das Klatschen der Windsegel. Einer ist dicht neben ihm. Der raunt ihm zu: »Meine Projekte vertragen zurzeit keine Heirat zwischen Anna und Hermann. Ich glaube, sie vertragen es niemals.« »Also – niemals ...!« Er schlägt die Gedanken des Hasses nieder, und dennoch betet er: »Ich beuge mich vor dem Geringsten, o Herr – nur nicht vor Jakob Verheyen, denn ich bin ein Pulcher und dünke mich höher denn jener. Wer sich erniedrigt, o Herr, der soll erhöhet werden, also steht geschrieben; wer sich aber vor Jakob Verheyen erniedrigt ...« Er schluckt die letzten Worte hinunter, als wären es Strähnen wolligen Garnes. Unwirsch fallen die Rosenkranzperlen gegeneinander. Wieder steht er in seiner ganzen Größe und Herbe. Das Gesicht ist fahl zwischen den Vatermördern geworden. Er hat Jakob Verheyen gesehen. Dort kniet er, unmittelbar neben der Kanzel. Und auf der Kanzel ... Rot- und schwarzfleckig zieht es an seinen Blicken vorüber. Seine Sinne wollen abspurig werden. Mit schwerer Hand fährt er sich über die Augen ... Eine wehe Stimme erklingt. Es ist die seines Sohnes. Sie kommt von der Kanzel herunter und erinnert an einen frischgefangenen Vogel, der sich an den Gitterstäben des Käfigs das schöne, unberührte Waldgefieder zerschindet. Also flattert sie unter den hohen Kreuzgewölben einher, stößt gegen die gotischen Pfeilerbündel, klirrt gegen die Scheiben, um betäubt unter die gläubigen Menschen zu taumeln. Dann hebt sie sich wieder, ungewiß, wie sie es anstellen soll, Überlegung und Sammlung zu finden. Die feinen, bleichen Hände auf dem Kanzelgesims, über sich den Heiligen Geist in Gestalt einer weißen Taube und vor sich eine unzählige Menge von Laien und Klerikern, also spricht der junge Schwärmer, eifrigst bemüht, der armen, ängstlichen Stimme das Beengende des Käfigs zu rauben und ihr ein Türlein zu öffnen. Endlich gelingt es, und siehe da: die Gewölbe geben sich auseinander, und die Stimme wird wie eine feldfreie Lerche, die sich jubelnd aufschwingt und ihre uralte und doch ewigjunge Weise verkündet. Aus Gottes heiterer Himmelsbläue heraus erfüllt sie die Kirche mit süßem Wohllaut und die Herzen der Menschen mit den geheimnisvollen Regungen überirdischer Weihe und Andacht. Er weiß nicht mehr, wo er ist. Unter ihm flimmert alles wie in einem Kaleidoskop. Bunte Scherben und flammende Sonnen! Ein weicher, warmer Nebel gleitet über die tausendköpfige Menge. Er hört nur sich und sieht nur seine Arme, die sich zeitweilig heben und senken. Der Nebel wird stärker, aber über diesen Nebel hinweg zieht seine Stimme mit zuversichtlicher Ruhe, wie ein schönes, weißes Schiff, das alle Segel aufgesetzt hat und gewillt ist, in das Land der Verheißung zu fahren. Er erstaunt über seine eigenen Worte. Kein Räuspern ist um ihn, kein Scharren, nicht ein Hauch der kleinsten Bewegung. Er spricht von der Heiligkeit des Hirtenamtes, von den Segnungen der Kirche. Sie wird ihm zu einer allumfassenden, liebenden Mutter. Er denkt dabei an seine eigene Mutter. Sie steht neben ihm, im Sterbekleid und mit Rauschgoldplättchen auf den schmalen, blutleeren Lippen. Ein warmer Strahl fällt durch das der Kanzel gegenüberliegende Fenster. Er steht darin wie in einer Glorie. Er hat schon lange gesprochen. Da rafft er sich noch einmal zusammen. Noch einmal gedenkt er der Mutter Kirche und der eigenen Mutter. Er schüttet eine Fülle heißer Verzückung über sie aus. Das hohe Lied der Mutterliebe strömt von seinem bleichen Munde. »Mutterliebe, Mutterliebe!« – also dringt es in die weite Stille hinein, »du ritzt deine Füße wund an den Dornen des Weges, nur um deinen Kindern zu helfen; du stößt deine Knie lahm an den Kanten der Felsen, nur um deinen Kindern die Wege zu ebnen; du reißt dir das Herz aus der Brust und bietest das Zuckende dar, nur um die durstigen Kinder zu laben, und selbst aus dem Sarge heraus ertönt deine Stimme: Mein Kind, vergib mir, wenn ich dir weh getan habe. – Fallt auf die Knie und betet und küßt eure Mutter ... küßt eure Mutter ... küßt eure Mutter!« So sprach er. Und ein großes Schweigen war um ihn – das Schweigen im Tempel. Nur vom Hochaltare her knisterten unzählige Kerzen. Von ferne gesehen, reihten sich die Flämmchen zusammen wie Perlen an einer Schnur. Drei Perlenschnüre übereinander. Der junge Prediger atmete tief. Er fühlte die Nähe der Verstorbenen. Sie hatte sich an ihn gelehnt. Dann breitete er die schmalen, fast durchsichtigen Hände, die wie schöne Frauenhände aussahen, und gab allen den Segen: »Amen!« Als er die Kanzel verließ, war das leise Schluchzen unter den Gläubigen nicht mehr zu dämmen. Der Dechant van Egern wischte sich über die Augen. Die auswärtigen Amtsbrüder schüttelten ihm die Hände. Der Küster Roloffs beglückwünschte ihn. Dores und Thyß drehten ihre Mützen in den Händen herum und sahen steif auf den Boden. Wo er vorbeikam, senkten sich weinende Gesichter. Fromme Hände versuchten es, Stola und Chorhemd zu streifen. Eine junge Mutter trat mit ihrem kränklichen Kinde vor und bat, es zu segnen. Sie hielt ihm ein armes Geschöpf entgegen. »Ich bin dessen nicht würdig,« sagte er bewegt, »aber Gott wird schon helfen. Gehe in Frieden.« Und sie ging in Frieden, voller Hoffnung und Zuversicht und mit leuchtenden Blicken. Unter brausenden Orgelklängen betrat er die Sakristei. Als er sie verließ, empfingen ihn Vater und Schwester. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und ergriffen seine Hände. Und so, Hand in Hand, gingen sie durch die geschmückten Straßen dem kleinen Gasthaus zu, wo das einfache Festmahl bereit stand. Gegen fünf Uhr war alles vorüber. – – – Eine Stunde später hatte Pitt Pulcher einen Spaziergang über die Dämme gemacht und war dann nach Hause gegangen, während Anna und Stephan die Kaplanei aufsuchten und die letzten Vorkehrungen für den morgigen Einzug besprachen. Zum Abendessen wollten sie sich wieder im elterlichen Hause begegnen. Also war abgemacht worden. Noch ganz benommen von dem Durchlebten, hatte der Alte den Heimweg angetreten. Auch er sonnte sich im Glanz seines Sohnes. Vor ihm reihten sich noch immer die brennenden Kerzen, hörte er noch immer das Brausen der Orgel, vernahm er noch immer die großen Worte seines Einzigen, die das Evangelium der Mutterliebe in alle Herzen getragen hatten. So konnte nur einer sprechen, der seine Mutter inniger liebte denn alle übrigen Menschen. Er schritt mit dieser Überzeugung wie durch himmlische Garben. Eine schöner als die andere. Erst allmählich verloren sie sich, und als er zu Hause ankam und seinen Feiertagsrock beiseite legte, da waren alle verschwunden. »Jakob Verheyen,« sagte er stumpf vor sich hin, »Jakob Verheyen ...« Das Wort war behutsam gesprochen, fast ängstlich, und doch durchpfiff es den Raum wie eine scharfe Pistolenkugel. Ihm war es, als klatsche sie gegen die rückwärtige Wand an. »Jakob Verheyen ...!« Er war durch Feier und Freude gegangen. Die lagen jetzt hinter ihm. Er hatte das Glück seines Sohnes mit durchlebt und dabei wie in einem verwunschenen Tal gestanden. Das war jetzt abgetan. Dunkle Wolken sanken herunter. Ihn beherrschte die Empfindung, als stieße er seine zitternden Fäuste durch die dunklen Wolken hindurch, als reckten sie sich, um sich seinem Gegner um die Kehle zu schnüren – und doch hatte er ihm zugesagt: die Freundschaft soll bleiben. Ja, die Freundschaft soll bleiben. Das konnte sie auch, das mußte sie auch, aber je länger er über diese Freundschaft nachdachte, um so mehr entglitt sie ihm zwischen den Fingern. Mochte sie gleiten. Er hatte jetzt an andere Sachen zu denken. Die Stunde regierte. Er hatte seinen Kindern zu sagen, was er dem lieben Gott in der Kirche gesagt hatte: »Ich beuge mich vor dem Geringsten, o Herr – nur nicht vor Jakob Verheyen, denn ich bin ein Pulcher und dünke mich höher denn jener. Wer sich erniedrigt, o Herr, der soll erhöhet werden, also steht geschrieben; wer sich aber vor Jakob Verheyen erniedrigt ...« Er lachte leise in sich hinein, und doch war es ein stolzes Lachen, ein selbstgefälliges Lachen. Pitt Pulcher war ein gerader und selbstbewußter Mann, aber seit der letzten Begegnung mit Jakob Verheyen war er noch gerader und selbstbewußter geworden. Hemdärmelig und noch im Schmuck der Vatermörder stand er neben dem Webstuhl. Draußen lag bereits der Abend auf den Dächern. Breite Schatten liefen über den Kirchplatz. Dämmerung gähnte durch die niedrigen Fenster. Das Gegenständliche im Zimmer verlor sich. Graue Fäden spannen sich von Wand zu Wand, von Ecke zu Ecke. Die Umrisse der Sankt Nikolaikirche nahmen einen verwaschenen Ton an. Es war die Zeit, wo die Fledermäuse fliegen. Dem Webstuhl gegenüber erhob sich ein eichener Wandschrank, vielfach verkröpft, breit ausgelegt und mit eisenbeschlagenen Türen. In diesem Wandschrank ruhte der Pulchersche Stammbaum und eine Abschrift der Schenkungsurkunde, die Kaspar Christian Pulcher, der Ältermann der hochmögenden Tucherfraternität zu Köln, seinerzeit abgefaßt hatte. Von Vater auf Sohn hatten sich die Dokumente durch die Jahrhunderte hindurch vererbt und waren von diesen mit äußerster Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue aufbewahrt und ergänzt worden. Die Blicke des Alten fielen auf diesen Schrank. Er pochte mit scharfem Knöchel gegen eine der Türen. Er sah die Dokumente durch die schweren Bretter hindurch. »Ihr habt heute zu reden,« sagte er ruhig, als Stina Mengels erschien und nach dem Abendbrot fragte. »Es wird für vier gedeckt,« sagte der Alte. »Aber, Mynherr ...!« entgegnete Stina. »Für vier,« sagte Pitt Pulcher. »Wer soll denn noch kommen?« Er gab keine Antwort, sondern winkte schweigend ab. Da ging Stina kopfschüttelnd ihrer Arbeit nach, während er selber die Petroleumlampe, die mit ihrem grünen Schirm von der Decke hing, anzündete. Hierauf zog er die Gardinen vor und stellte sich wieder neben den Webstuhl. Sie mußten bald kommen, aber bis dahin hatte er noch hinreichend Zeit, sich für das Kommende vorzubereiten. So trat er zwischen die hohen Stuhlsäulen, um die alten Tage zu beschwören und den verblichenen Glanz des eigenen Hauses neu zu vergolden. Das konnte ihm nur der Webstuhl geben, und nur so war er fähig, dasjenige später richtig zu sagen, was er zu sagen hatte. So saß er denn hochaufgerichtet im Halbdunkel, zwischen Balken und Säulen und vor sich ein unfertiges Stück feinmaschiger Leinwand, das er seiner Tochter als Tafeltuch zugedacht hatte. Sein Sinn wurde stark, und sein Wille straffte sich. Mit kundigen Händen griff er in den Stuhlmechanismus. Ein dumpfes Rumoren und Wuchteln setzte ein. Die Lade stampfte und stöhnte, das geworfene Schiffchen murrte und schlappte, und der Zeugbaum sprach mit heiserem Knarren dazwischen. Hei, wie das wohltat! Wie das seine Stirne umbrauste, wie Sturm im Frühlingswald! Die Arbeit seiner Väter machte ihn jung, machte ihn zu einem kölnischen Weber. Machte ihn zu einem Gewaltigen unter den Gewaltigen. Was war Jakob Verheyen dagegen? Er jedoch, einer der Pulcher, griff mit seiner Sippe in jene Tage hinein, wo der Stahlhof in London kölnisches Tuch und kölnische Leinwand doppelt und dreifach bewertete. Was konnte ein Jakob Verheyen dagegen setzen? Immer lauter ging der Kontermarsch, immer nachhaltiger stöhnte die Lade. Er, einer der Pulcher, war ein Nachfahre des gewaltigen Kaspar Christian Pulcher, jenes gewaltigen Kaspar Christian Pulcher, der wie ein Held gestanden hatte, damals, als er den Aufstand ansagte und vor gespannter Bank und besetzter Ratmannentafel dem regierenden Bürgermeister die geballte Faust ins Gesicht hielt. Was war ein Jakob Verheyen dagegen? »Nichts, reineweg gar nichts!« schrie der Alte in das Gewuchte und Gestampfe hinein. »Und so ein Mensch will das Herz meiner Tochter ...« Er verstummte. Im Flur schlug die Klingel an. Gleich darauf drangen ihm heitere Stimmen zu. Er fuhr in den Sonntagsrock und empfing seine Kinder, setzte sich mit ihnen zu Tisch und sprach das Gebet so still und gewissenhaft, wie er es allzeit gewohnt war. Vier Stühle standen um die runde Tafel, vier altmodische Binsenstühle mit hohen Rückenlehnen. Vor jedem lagen Teller, Gabel und Messer und ein Stück Brot. Aber einer von den Stühlen blieb leer. Stina Mengels trug das einfache Mahl auf, und der Alte brach das Brot und sagte: »Wir können beginnen.« Da sah Anna ihren Vater an und deutete auf den unbesetzten Stuhl. »Es ist für vier gedeckt,« sagte sie leise, »wer kommt noch?« »Deine Mutter, oder besser gesprochen, sie ist schon unter uns und teilt unsere Mahlzeit.« Da wurden alle ernst und bedrückt und konnten das Wort nicht mehr finden. Stina Mengels machte das Zeichen des heiligen Kreuzes und verließ geräuschlos und auf den Zehenspitzen das Zimmer. Kaum hörbar klinkte die Tür ein. »Das ist leicht zu erklären,« sagte der Alte und legte seine Hand auf die seiner Tochter. »Ein Jahr und mehr ist seit dem Tode Mutters vergangen. Ein Jahr erst, und doch sieht sich das alles an, als wäre gar nichts geschehen. Die Welt tut ihren gewöhnlichen Gang, die Glocken läuten wie stets, die Blumen blühen wie immer, die Lampe brennt wie in früheren Tagen ... Dasselbe Tisch- und Tafelzeug, wie Mutter es deckte ... Es ist alles wie sonst, und es hat sich gar nichts geändert. Und ich habe gewartet und immer gewartet, aber der Stuhl, auf dem Mutter gesessen – das liebe Gesicht – die Hände – die Stimme ...« Er zählte die Muster, die in dem gespreiteten Tuch waren. »Das ist heute anders geworden,« fuhr er mit weher Betonung fort, »ganz anders geworden. Stephan« – und er tat die andere Hand auf die seines Sohnes – »du hast heute so schön von der Mutterliebe gesprochen. Das waren andächtige Worte, heilige Worte. Und da ist Mutter gekommen, denn sie will doch dabei sein, wo du zuerst als junger Kaplan am elterlichen Tisch sitzt. Und nun ist sie da – und lächelt – und segnet uns alle ...« Und er beugte sich zur Seite und legte den Arm um den Leib seines verstorbenen Weibes, wie er es früher gewohnt war. Dann aßen sie still vor sich hin. Nach dem Tischgebet erhob sich Pitt Pulcher. »Ich habe euch eine Botschaft zu geben,« sagte er ruhig, und da gingen sie Hand in Hand in das große Zimmer, wo der Webstuhl aufragte und die Dokumente des Wandschrankes von alten Tagen erzählten. Anna und Stephan sahen sich an. Es ging etwas vor sich. Langsam stieg es herauf, ohne Übereilung, ohne im geringsten dringlich zu werden. Und dennoch kam es sicheren Fußes gegangen. Alle Anstalten ihres Vaters wiesen daraufhin, denn er trat an den Wandschrank, öffnete ihn und entnahm ihm einen Kerzenstumpf, dessen andere Hälfte die verstorbene Mutter mit ins Grab genommen hatte. Er wächste ihn auf der Tischplatte fest, entzündete den Docht und legte die Pulcherschen Schriftstücke, die Stammbaumrolle und die Schenkungsurkunde, neben die brennende Kerze. Dann hub er an, erst stoßweise, fast unvermittelt, um dann seine Worte in tiefes und bequemes Fahrwasser zu steuern: »Was hier brennt, ist meine persönliche Ehre, was daneben liegt« – und er deutete mit fester Hand auf die Schriftstücke – »das ist die Pulchersche Ehre im allgemeinen. Und diese Ehre ist wie ein Mann, der vor seinem grimmigsten Feind nicht knien will, selbst dann nicht, wenn dieser ihm sagt: Knie oder der Kopf muß herunter. Er steht, wie er steht, und geht das nicht anders« – und der Glanz seiner Augen wurde metallisch – »stehenden Fußes läßt er sich den Kopf vom Rumpfe herabhauen. – So und nicht anders haben es die Pulchers allzeit gehalten. Des zum Zeichen liegen hier die Papiere zu jedermanns Einsicht, und des zum Zeichen hängt drüben im Turm Anne-Susanne für jedermanns Ohr, daß jedermann weiß: Pulchersches Blut ist Blut von einer ganz besonderen Sorte. – Stephan« –- und seine Stimme nahm einen weicheren Ton an – »dein Amt kommt von oben, du stehst direkt mit dem lieben Gott in Verbindung. Darin bist du mir über, und ich bin der erste, dies freudig anzuerkennen. Aber vergiß dabei nicht, was du denen schuldest, von denen du Leib und Seele empfangen. Denke daher an den Mann, der nicht gesonnen ist, vor seinem ärgsten Feinde zu knien – und gib mir die Hand darauf, daß es also geschehe, denn du bist der letzte, der unsern Namen trägt.« »Ja,« sagte der Kaplan, »es soll also geschehn,« und er legte die Hand in die seines Vaters. »Und nun zu dir, Anna.« Langsam wandte er sich zu seiner Tochter, die an einer Säule des Webstuhles lehnte. Sein Antlitz war dabei wie die gekalkte Wand geworden. Feierlich deutete er auf die knisternde Kerze: »Ich verstecke sie nicht und brauche sie nicht zu verstecken. Dort brennt mein Stolz und meine Ehre, die Pulchersche Ehre – und ich sage dir, Anna, die hat schon gebrannt viele hundert Jahre hindurch und hat nichts verloren, weder an Glanz noch an Helle. Wie sie geleuchtet in der Dreikönigenstadt, damals, als Kaspar Christian Pulcher regierte, also hat sie bis heute geleuchtet, und ich hoffe zu Gott, sie wird leuchten bis an das Ende meiner Tage. Jetzt aber« – und er suchte nach Luft – »hat es einer gewagt, ihren Glanz zu verdunkeln. Jetzt ist einer gekommen und hat sie austreten wollen. Verstehst du das, Anna?« »Nein, ich verstehe nicht, Vater.« »So sage ich dir« – und der Alte umgriff die Hand seiner Tochter, als hätte sie ein Schraubstock gefaßt – »Jakob Verheyen hat sie vorgestern austreten wollen, um deinetwillen austreten wollen, denn deine Ehre ist meine Ehre, und was dir angetan wird, das wird mir angetan bis in die innersten Knochen.« Sie sah ihn fassungslos an. Und immer fester packte der Schraubstock: »Anna, um es mit anderen Worten zu sagen: Er hielt eine Pulcher nicht für wert und würdig genug, das Weib seines Sohnes zu werden. Aber aus den Dokumenten heraus habe ich ihm die Antwort gegeben. Wenn ein Jakob Verheyen hoch hinaus will, ein Pulcher will höher hinaus.« Er ließ die Hand seiner Tochter fahren. Seine Augen glühten. Mit festem Ruck wandte er sich. Die Urkunden knisterten zwischen seinen Fingern. Er hob sie auf: »Gott strafe mich, wenn ich solches vergäße. Und du, Blut von meinem Blut, du weißt ja: ein solches Blut kittet zusammen.« Seine Worte rollten wie ein schwerer Wagen über einen Knüppeldamm: »Dies meine Botschaft, und diese Botschaft legt den Riegel zwischen dich und ihn, zwischen die Verheyens und Pulchers. Nur, der Welt zu Gefallen: die Freundschaft soll bleiben.« Die Worte verstummten. Der Wagen war weiter gekarrt. In der Küche nebenan hörte man die Heimchen geigen, so still war es mittlerweile geworden. Und Pitt Pulcher trat näher: »Du weißt jetzt, was du zu tun hast.« Bleich und verstört lehnte Anna am Webstuhl. »Das war die Sichel von gestern,« also ging es durch ihre wehen Gedanken. »Ja,« sagte sie tonlos, »ich weiß, was ich zu tun habe.« Da zog er sie an sich. Vater und Tochter standen vereint – wie zusammengenietet. Anna gehorchte, aber das Königreich ihrer Liebe stürzte in Trümmer, und ihr armes Herz ging betteln über endlose Heide. Nichts mehr, nichts mehr! – nur der Heidewind wehte kalt und fröstelnd über die Stoppeln.   11 Seit diesem Tage ging ein weher Riß durch die Herzen zweier Menschenkinder. Sie hoben die Arme und ließen die Arme wieder sinken. Sie sahen sich, und sie sahen sich doch nicht. Sie waren aus dem Licht heraus und gingen durch Finsternis, und als Hermann Verheyen ihr eines Tages begegnete und sie ansprechen wollte, sagte sie ruhig: »Es hat keinen Zweck mehr. Wir wollen Freunde bleiben, herzinnige Freunde... aber das ist auch alles. Ich bitte dich innigst: komme nicht wieder. Versuche es nicht, alte Tage wieder lebendig zu machen. Es würde dir doch nicht gelingen. Mein Vater hat recht, und möglich, dein Vater hat auch recht. Es würde zu weit führen, dir das auseinanderzusetzen. Außerdem: Du weißt ja selber, um was es sich handelt. Ich bin klar mit mir selber. Wir müssen uns trennen. Es ist schon besser so, sonst könnte ein Unglück geschehn. Ich will meine Ruhe nicht mit der tödlichen Unruhe meines Vaters erkaufen. Ich könnte keine stillen Tage mehr haben. Verzeih mir, Hermann, daß ich also spreche, aber ich kann nicht anders.« Die Straße war belebt, als sie sich sahen. »Und du hast mir nichts mehr zu sagen?« fragte er in dumpfer Beklemmung. Das Entsetzen sah ihm dabei über die Schulter. »Nein – ich habe dir nichts mehr zu sagen.« Die Leute drängten näher heran. Da wußte er: Du hast keine gute Stunde gefunden. Es ist alles vergebens, und er ging seines Weges. So schieden sie – zwei arme Menschen, bis auf den Tod verwundet und von sich selber verlassen. Die Pitt Pulcher und die Jakob Verheyen! Unbarmherzig waren diese Männer zwischen das Geschick ihrer Kinder getreten – unbarmherzig jeder auf seine Art, zwei harte Steine, die sich wechselseitig zerrieben, unbekümmert darum, was zwischen ihnen zermalmte und zermalmen mußte. Sie sahen sich kaum noch, und wenn sie es taten, so brachten sie lediglich städtische und kirchliche Interessen zusammen, beide als Vertreter des Gemeinderates und des Kirchenvorstandes, beide in sich geschlossene Menschen und beide darauf bedacht, nicht um die Breite eines Fußes von ihrem vermeintlichen Recht oder Unrecht zu lassen. Der Unfriede zwischen ihnen wurde immer tiefer und heftiger. Die Leute steckten die Köpfe zusammen; der Bürgermeister versuchte es, manche Unebenheiten aus dem Wege zu räumen. Der Dechant Heinrich van Egern hatte Worte der Liebe und der Versöhnung. Es blieb alles vergebens, und trotz der Versicherung, wenigstens eine übertünchte Freundschaft bestehen zu lassen – Pitt Pulcher war in dieser Beziehung nicht mehr Herr über sich selbst. Die Demütigung war zu ungeheuerlich, und je schmerzlicher sie sich im Laufe der Tage einfraß, um so selbstgefälliger wuchs sein Stolz in Bast und Borke hinein und machte ihn ungerecht gegen sich selbst und gegen seine Mitmenschen. Nur einer freute sich und fühlte seine Pläne in Halm und Ähre schießen, und das war Franz Seegers auf seinem breithingelagerten Anwesen. Er lachte allmorgens sein herzlichstes Lachen, und wenn er lachte, dann tönte es wie das Geknatter einer Fuhrmannspeitsche über den weitläufigen Hof hin. Von der Scheune kam das Echo zurück. Es lief über die Wiesen und verlor sich erst bei den beiden Flurparzellen, die unmittelbar an die Mühle und die sonstigen Liegenschaften Jakob Verheyens stießen. Mit selbstgefälligem Schmunzeln überzeugte er sich täglich von dem rüstigen Fortgang der Arbeit. Wie aus der Erde gestampft, also wuchsen die Reihen der Guanoschuppen und die Ziegelmauern der Dampfmühle in den blauen Himmel hinein. Ebenso schoben die beiden knallroten Schornsteine ihren schlanken Leib immer mehr über die sparrigen Kronen der Pappeln fort, die sich dicht an die neue Grenze herandrängten. Sie gingen ihrer Vollendung entgegen. »Wenn die erst in Brand und Rauch stehn,« meinte Franz Seegers eines Tages zum Bauherrn, »Gottverdomie noch mal! – dann haben wir gewonnenes Spiel,« und als ihn hierauf Jakob Verheyen von der Seite ansah und ihn fragte: »Seegers, jetzt kommen bald die Maschinen, kannst du noch zehntausend Taler vorstrecken? Langt's noch?« – da schlug' sich dieser auf die Hosentasche, daß die losen Geldstücke drin aufklapperten: »Wo meine Tochter allein fünfundneunzigtausend preußische Kronentaler prestiert, ohne das liegende Eigen und sonst was, und da nicht langen, mein Junge? Wo ich im schieren Hafer ersticke und die Mäuse auswandern, weil sie sich sonst an meinem fetten Weizen den Magen verkolken, da sollten mich zehntausend lumpige Taler molestieren? Zwanzigtausend, wenn's verlangt wird. Nur – Hypothek drauf – der Ordnung wegen – und daher ...« Die breite Bauernhand streckte sich aus, und die Jakob Verheyens schlug so laut hinein, daß es einen fröhlichen Knall gab. »Also abgemacht!« »Abgemacht,« und damit gingen die beiden einträchtiglich zur Mühle, woselbst der Besitzer es sich nicht nehmen ließ, etliche Bouteillen ›Langkork‹ zum besten zu geben, während die Zimmerleute damit beschäftigt waren, die Balken zu richten und die Dachsparren aufzunageln. Gespanne, mit Ziegelsteinen beladen, fuhren ab und zu, das ›Hü und Hott‹ der Fuhrleute hallte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein. So ging das Woche um Woche; es gab keine Tageszeit, wo auf dem Bauplatz nicht gelärmt und gearbeitet wurde. Und die Schuppen dehnten sich wohlig und freuten sich auf die kommenden Guanosäcke, und die Dampfmühle nahm zu an Höhe und Umfang und wurde nicht müde, die vorgeschossenen und hypothekarisch sichergestellten zehntausend Speziestaler zu schlucken, langsam und mit allem Behagen; aber nach Monatsfrist sperrte sie wieder das Maul auf, machte bedrohliche Anstalten und schien willens zu sein, noch einmal die gleiche Portion zu verschlingen. Da merkte Jakob Verheyen auf. Was war das nur? Eisig lief es ihm den Rücken herunter, obgleich der Sonnenball rot am Himmel lag und noch immer eine infernalische Hitze verausgabte. Verheyen hielt es im Hause nicht aus. Hier wehte ihm Kellerluft entgegen. Er mußte hinaus, er mußte auf den Umgang der Mühle, wo noch die Kalkwände des riesigen Kolosses eine behagliche Wärme ausstrahlten. Fünf Minuten später stand er zwischen Himmel und Erde, fröstelnd und zitternd, und umgriff das Holzgeländer mit kalten Fingern. Wollten ihm die Verhältnisse über den Kopf wachsen? – ihm, Jakob Verheyen, der es gewohnt war, Dinge und Menschen nach seiner eigenen Pfeife tanzen zu lassen. Hatte er sie nicht mehr fest in der Hand und entglitschten sie ihm, als wären sie mit Seife bestrichen? Gestern sah das noch anders aus. Ja, gestern! Aber heute ... heute, da stierte es ihm mit scheußlichen Grimassen aus seinen Büchern entgegen. ›Soll und Haben‹ entfernten sich immer weiter voneinander; aber das ›Haben‹ hatte kurze Beine und jagte mit heraushängender Zunge hinter dem ›Soll‹ her, das wie ein Windhund vorausstürmte – über die Äcker, über die Gräben, bis es als kleines Pünktchen am tiefen Horizont verschwinden wollte. »Himmel, Donnerwetter, haltet das ›Soll‹ auf!« Mit fiebrigen Augen stierte Jakob Verheyen in die Landschaft, wo die Spitzen der Bäume flammten und die Wiesen mit roten Teppichen bedeckt waren. Blutiger Goldschaum rieselte von den Flügeln, die sich langsam im heißen Abendwind bewegten. Nein, er konnte nicht warm werden. Mit Bleigewichten hing es von seinen Schultern herunter. Er beugte sich vor und sah in die Tiefe, direkt auf den Bauplatz, wo die Handwerker und Gespanne eben Feierabend machten. Tausende und aber tausende fraßen die Ziegelsteine, die Maschinen, die Dächer, und immer neue Lasten mußten aufgenommen werden, um den Riesenbau über Wasser zu halten. Auf den Firsten des neuen Maschinenhauses war ein ohrbetäubendes Lärmen. Ungezählte Dohlen fielen dort ein. Wollten diese grindigen Vögel schon sein Unglück beschreien? Er traute seinen Ohren nicht. Er glaubte, ein bedrohliches Krachen und Brechen zu hören, erst aus weiter Ferne, ungewiß und verschwommen, dann deutlicher, dann aus unmittelbarer Nähe. Es klang zu ihm wie das dumpfe Schollern von frischgeworfenen Erdklumpen gegen einen Sargdeckel. Er fuhr sich über die Augen. Schwarz- und rotfleckige Kringel tanzten dort auf und nieder. Er sah es: die verfluchten Hypotheken waren schon dabei, ihm die Dachsparren einzudrücken. Er mußte sich mit aller Kraft am Geländer halten, um nicht niederzubrechen. »Tag, Jakob!« – und eine schwere Bauernhand legte sich ihm fest auf die Schulter. Franz Seegers war dicht an seine Seite getreten. »Also hier!« sagte er kurzab. »Du amüsierst dir wohl über deine kolossalen Erfolge? Das geht ja per Dampf. Glückspilz, verfluchter! Nicht lange mehr, und die preußischen Taler werden dir scheffelweise in die Mühle getragen. Gratuliere, Verheyen.« Der Überraschte sah ihn mit leeren Augen an. »Zum Kuckuck, was hast du nur, Jakob?« »Schlecht steht's, und deine pompösen Redensarten machen die Sache nicht besser.« »Wieso nicht?« »Ich glaube, ich breche unter den Hypotheken zusammen.« »Aber ich bitte dir, Jakob ...!« »Gegen Tatsachen ist miserabel anjappen. Heute morgen war der Bauführer hier und hat mir die Augen geöffnet.« »Wenn weiter nichts ist,« lachte Seegers, »so mache dir man bloß keine Sorgen. Ich bin doch kein Dränger und Drücker.« »Schon richtig, und ich danke dir für die vorgeschossenen zehntausend Taler. Vierzigtausend habe ich selber hineingesteckt, macht also fünfzigtausend zusammen. Aber das langt nicht. Wenigstens zehn- bis fünfzehntausend sind noch aufzunehmen, um die Maschinen unter Dampf und Atem zu bringen.« »Ist das alles?« fragte Seegers, und seine verschlagenen Äugelchen leuchteten so fidel aus dem gesunden Bordeauxgesicht heraus, als seien sie gewillt, alle Welt glücklich zu machen. Da reckte sich Jakob Verheyen auf. Zentnerlasten fielen ihm von der Seele herunter. »Mensch, du willst noch?« »Aber natürlich, denn ich habe von jeher die Ansicht vertreten: man darf seinen besten Freund nicht in der Unbequemlichkeit lassen. Ich und du, Jakob, wir gehören zusammen.« »Die Sache ist also perfekt?« Jakob Verheyen hielt ihm die Hand hin. Sein Herz hätte in den köstlichen Abendhimmel hineinfliegen können, so leicht und wohlig war es ihm mit einem Male geworden. »Meintswegen...!« und fünf kräftige Finger umspannten die seinen. »Aber, Jakob, nur unter einer Bedingung.« »Was heißt das?« Franz Seegers lachte, daß die Dohlenvögel mit heiserem Gekrächze von den frischgerichteten Dächern aufflatterten. Dann rieb er sich vergnüglich die Hände: »Das heißt: nur unter einer Bedingung, wie ich eben schon sagte.« »Und diese Bedingung...?« Der Niederungsbauer zeigte ins Weite. »Sieh mal, Jakob,« und der breite Zeigefinger fuhr den Horizont ab, »von dort an beginnt Seegersscher Acker – aber was für einer...! Wo meine Kollegen sich mit Metzen zufriedengeben, wird bei mir mit gestrichenen Scheffeln gerechnet. Die Kühe ersaufen bei mir im Gras, und der Boden wird nur durch 'nen schottischen Schwingpflug gebrochen, so kernig und mächtig ist er, genau so wie 'ne geräucherte Schweinespeckseite. Das kann nicht jeder von seinem liegenden Eigen behaupten. Bitte, laß mir ausreden, Jakob. Das hab' ich dir schon früher gesagt, damals, als Frau Pulcher mit Tod abging und das verfluchte Sterbeläuten mir das Wort aus den Zähnen nahm. Damals bist du mir in die Parade gefahren... Heute geschieht es nicht mehr, denn geschieht es noch einmal, wird meine Hypothek unruhig, und für die neuangeforderten zehn- bis fünfzehntausend Speziestaler bin ich nicht mehr zu haben, denn meine Tochter will es nicht anders ...« »Nun?« fragte Verheyen. »Jakob, ich will nur dein Bestes.« »So scheint mir.« »Und daher, um allen Fisimatenten den Nacken umzudrehen: Hermann muß der Webermamsell aus der Hand gespielt werden.« »Das ist schon besorgt.« »Um so besser,« meinte Seegers, »und dann noch ... auch das ist 'ne alte Geschichte.« »Was für 'ne Geschichte?« »Erinnere dich, Jakob. Hab' ich nicht damals gesagt: Schmeißen wir unsere Kartoffeln zusammen? Aber auch damals kam die verfluchte Sterbeglocke dazwischen. Heute hält sie das Maul, ist stumm wie 'n modriger Karpfen und kann mich nicht stören, wenn ich dir frage: Sind Hermann und Thres nicht füreinander geschaffen? Wenn ja – mein Acker ist dein Acker, meine Speziestaler sind deine Speziestaler. Wir tun eben zusammen.« »Das also ist deine Bedingung?« »Ja, und drum bedenke dir, Jakob. Ich kann warten und warte zu unserm beiderseitigen Vorteil.« Er wandte sich ab und sah in die weite Gegend, die sich bis an den ruhig dahinfließenden Rheinstrom erstreckte. Jakob Verheyen sah die Türen des Glückes sperrangelweit geöffnet. Er erinnerte sich genau des Tages, an dem Franz Seegers schon ähnlich gesprochen hatte. Der Mann kam ihm auch heute wieder gelegen, und trotzdem ... damals hatte er Überwasser und jetzt Unterwasser. Damals konnte er geben, heute mußte er nehmen, und er gedachte der Bibelworte und sagte vor sich hin: »Und der Satan führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und sprach zu ihm: Dies, alles will ich dir schenken, wenn du niederfällst und mich anbetest.« – Damals hob er die Hand, und heute hob er sie wieder ... Er würfelte um das Herz seines Sohnes, aber er würfelte auch um Sein oder Nichtsein. Es gab keine Bedenkzeit, denn Seegers drehte sich um ... Wie der ihn ansah! Das Wasser stieg ihm bis an den Hals. »Na?!« fragte der Mann im blauen Leinwandkittel. »Ja. ich will.« »Und sprichst noch heute mit Hermann?« »Ja, ich spreche noch heute mit Hermann.« »Schön, und klappt die Sache, gehn wir morgen zum Notar, um die ganze Geschichte unter Streusand zu bringen.« »Soll geschehn,« sagte Jakob Verheyen; aber das Wort fiel ihm wie ein schwerer Stein von den Lippen. »Na, denn adjüs, und ich sage dir, Jakob, ich komme mir vor wie 'n brabantischer Gaul, der nur schieren Hafer gefressen hat.« Damit ging er. Jakob Verheyen blieb allein auf dem Umgang. Die Flügel hielten mit ihrem Wuchteln inne. Die mächtige Eichenwelle knarrte noch einige Male aus der Höhe herunter, dann verstummte auch sie. »Ah!« machte der Einsame, »König und Bettelmann in gleichem Atem!« Mit klopfendem Herzen sah er den Versucher durch die Niederung schreiten. Das Land dunkelte ein. Nur die Kappe seiner gigantischen Mühle stand noch in Brunst und Brand als hätte sie sich einen feurigen Kardinalshut über die Ohren gezogen. Seine Blicke hafteten an der zuckenden Lohe. Das war seine Mühle, seine prächtige Mühle ... Noch war sie es, und sie leuchtete wie eine Freudenfackel gen Himmel. Aber wenn Hermann nicht wollte ... wenn sein einziger Sohn die eingefädelten Pläne nicht verwirklichen würde ... dann, ja dann . .. Heute mußte die Entscheidung fallen ... entweder oder ... entweder die Glorie blieb – oder sie wurde die Totenfackel für all seine Arbeit und all seine Hoffnungen. »König oder Bettelmann!« knirschte er zwischen den Zähnen und begab sich nach unten. Als er sein Haus betrat, brannte die Lampe bereits auf der Schreibkommode. Im Nebenzimmer stand der Tisch gedeckt. Auch hier glitt ein sanfter Lichtschein über die Tafel. Er setzte sich gleich bei seinen Bauplänen nieder, lief die Rechnungen durch, verglich die Zeichnungen und revidierte Seite für Seite auf einen etwaigen Fehler. Aber alles hatte seine Richtigkeit, seine infame Richtigkeit. Die Zahlen redeten eine trostlose, aber ehrliche Sprache. Da gab es kein Deuteln mehr, kein Hinhalten mehr, kein Drehen und Wenden. Jetzt erkannte er: seine Projekte waren ins Uferlose gegangen. Ein Rückwärts gab es nicht mehr, aber um vorwärts zu kommen, das konnte nur noch Franz Seegers bewerkstelligen. Das war das Fazit seines langen Sinnens und Zählens. Er klappte das Hauptbuch zu. Unruhig schritt er über die seufzenden Dielen. So mochte er eine Viertelstunde gegangen sein, als Hermann ins Zimmer trat. Ihre Blicke trafen sich einen Augenblick, um dann wie scheue Hunde aneinander vorbeizustreichen. Schweigend setzten sich die beiden Männer zu Tisch. Eine Magd trug die Speisen auf. Wortlos würgten sie die einzelnen Bissen herunter. Plötzlich legte der Alte Gabel und Messer beiseite. »Du kommst vom Bau?« fragte er mit erkünstelter Ruhe. »Ja, ich komme vom Bau. Morgen, so Gott will, wird die erste Maschine montiert.« »Und du glaubst an ein glückliches Ende? Ich meine, wir können getrosten Mutes Dampf aufmachen?« »Warum nicht? Alle Vorbereitungen sind in promptester Weise abgeschlossen. Für gutes Geld wird auch gute Ware geliefert. Ich bin mit den Lieferanten zufrieden.« »Schon möglich; aber hat dir der Bauführer keine Andeutungen gemacht?« »Nein.« »Ich meine, hat er nicht durchblicken lassen: hier ist Nachfütterung nötig?« »Daß ich nicht wüßte.« »Er wird seinen Grund dafür haben.« »Was für 'nen Grund denn?« »Weil er bei dir kein Interesse voraussetzt.« »Das Neueste, was ich höre, wo ich doch abends aufs Bett falle, als hätte ich tagsüber hundert Kornsäcke in die Kammer getragen! Was wollen denn sonst hier die Schwielen bedeuten?« Mit glühendem Kopf sprang er auf und hielt seinem Vater die umgekehrten Hände entgegen: »Die reden doch eine deutliche Sprache.« »Die reden von früher. Heute hat sich das geändert.« »Nein.« »Jawohl, es ist anders geworden. Zugegeben: du stehst auf dem Bau – du tust deine Arbeit – du siehst nach dem Rechten – du packst selber mit zu ... alles zugegeben, alles zugegeben ... aber die Hauptsache fehlt: du hörst nicht und siehst nicht. Du hörst nicht, wie's in den neuen Sparren knackt, und siehst nicht, wie die Fundamente ins Stolpern geraten, schon Tage um Tage und Wochen um Wochen – und daher: ich habe mit dir ein Wörtchen zu sprechen.« »Ich bitte darum.« Jakob Verheyen erhob sich. »Sieh mal, Hermann,« sagte er mit scheinbarer Gelassenheit, »wie die Dinge nun einmal liegen ... so geht das nicht weiter. Was früher war ... ja, Hermann, ich bin mit dir zufrieden gewesen, und das da, was du mit von der Spellner Heide gebracht hast, das einfache Ding mit dem gelben Band, das spricht noch heute mit mir und redet zu mir und schiebt mir das Gefühl des Stolzes unter die Weste. Das muß nun einmal gesagt sein, denn du hast deinen Mann gestanden vor Gott und deinem Kaiser und König. Das läßt sich nicht fortwischen und ist nicht in den Schornstein gezeichnet. Das haben dir die Menschen zugute geschrieben, und das hab' ich dir zugute geschrieben. Du könntest mit 'nem klirrenden Schritt durch die Stadt gehn; aber gehst du mit 'nem klirrenden Schritt durch die Stadt? Das ist dein gutes Recht, das steht dir zu, das ist deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Aber ich warte und warte, und der klirrende Schritt will nicht kommen. Hermann ...« und der Alte nahm die Hand seines Sohnes, »Hermann, du hast eben deinen inneren Menschen verloren.« »Ja, Vater, ich habe meinen inneren Menschen verloren.« »So nimm ihn dir wieder.« »Den kannst du mir nur geben.« »Ich?« »Ja, du.« Ihre Blicke wichen sich nicht mehr aus, zogen sich an und suchten sich wechselseitig in die innerste Seele zu dringen. Etwas Unausgesprochenes lag zwischen ihnen, reckte sich auf, wurde drohend und wollte seine Betätigung haben. Wochen hindurch hatte es geruht, war niedergehalten durch die Scheu, eine unliebsame Stunde heraufzubeschwören und sie aneinander zu bringen. Aber jetzt war diese Stunde gekommen, und Vater und Sohn standen sich gegenüber, Stirn gegen Stirn und Auge in Auge, gewillt, dem Unausgesprochenen die Zunge zu lösen und sie reden zu lassen. Eine solche Stunde steht da mit gläsernen Blicken und hört nicht und sieht nicht und weiß nicht, ob ihr nicht die nächste Minute den Verstand von den Schläfen wischt. Eine solche Stunde ist nicht mehr Herr über sich selber. »Also – ich?« fragte Jakob Verheyen mit heiserer Stimme und gab die Hand seines Sohnes frei. »Ja, du ...» »Wo ich schon glaubte, du würdest erscheinen und sagen: Es ist alles nichts, ich habe mich anders besonnen ... ich habe mir die Daumen in die Augen gedrückt, um meine eigene Torheit nicht mehr zu sehen ... ich will, wie der Vater will... ja, ich will ... ich will aus freien Stücken diesem Weibsbild entsagen ...« »Du ...!« Hermann verfärbte sich. »Wenn du damit Anna Pulcher meinen solltest ...« knirschte er tonlos. »Ja, ich meine Anna Pulcher damit.« »So sag' ich dir ...« »Die Sache ist fertig.« Hermann prallte zurück. In seiner jungen Brust war Sturm. Er packte die Lehne eines Stuhles: »Nein, Vater, die Sache ist nicht fertig, und würde mir die Sprache genommen – das, was ich zu sagen habe, ich würde es niederlegen, Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort und dir das Geschriebene vor Augen halten, denn es muß endlich klar werden zwischen uns beiden. Du sagst ja selber: so geht das nicht weiter. Nein, so geht das nicht weiter ... und drum sage ich dir: als ich in der Batterie war, damals, auf der Spellner Heide – eine stand hinter mir ... und als dann das Unglück passierte – eine stand hinter mir ... und als ich dann zurückwollte und der moralische Schweinehund mir im Rücken saß – sie blieb, wo sie war und rückte und regte sich nicht ... Ihre Blicke aber ... Da packte ich zu und tat, was ich mußte. Aber nicht ich tat's, sondern die hat's getan – sie, die hinter mir stand und das Blut von vielen jungen Menschen hinwegnahm. Und die ist in deinen Augen ein Weibsbild ...?!« »Das war nicht so gemeint ...« »Lasse mich ausreden, Vater,« und der junge Verheyen bäumte sich auf. Seine Hände legten sich wie Klammern um die Stuhllehne. »Jedenfalls hast du von ›Weibsbild‹ gesprochen ... Früher erschienst du mir wie mit einem Heiligenschein. Ich glaubte an dich, ich verehrte dich; du warst mir der Inbegriff alles Hohen und Rechtlichen. Ich betete zu dir, wie man in der Kirche zum Sakrament betet. Ich dachte mir immer: du mußt wie dein Vater werden, und wenn du wie dein Vater geworden bist, so kann es dir nur gut gehn auf Erden. Dieser Glaube ist von mir gewichen. Ich sehe den Heiligenschein nicht mehr – keiner sieht ihn mehr – auch Anna nicht, denn du hast ihr Glück und meins auseinandergerissen.« »Knüpfe die Fetzen anderswo an, dann ist uns beiden geholfen.« »Wo sie hinter mir steht und einen Fluch für dich auf den Lippen hat ...?!« »Hermann!« schrie Jakob Verheyen und streckte die Arme. Mit roher Gewalt bog er die Schultern seines Sohnes zurück. Das Gelbe in seinen Augen verstärkte sich wieder. »Und weißt du, wer jetzt hinter mir steht? Das Entsetzen steht hinter mir und dreht mir den Kopf ins Genick, den Kopf des Bankrottmachers ... Mensch, du willst doch kein abgekartetes Spiel mit mir treiben? Soll ich etwa an deiner Liebe und den Pulchers verbluten? Sollen die Menschen mit Fingern auf mich zeigen und sagen: Seine Mühle steht still, seine Segel klatschen nicht mehr, die Hypotheken brechen die Sparren entzwei und drücken ihm den Bettelstab zwischen die Finger? Hermann« – und seine Stimme nahm einen schmerzlichen Ton an; Tränen waren dazwischen – »halte die krachenden Dächer, nimm mir den Bettelstab aus der Hand, dreh' mir den Kopf aus dem Genick – den Kopf des Lumpen. ...« Mit einem dumpfen Laut ließ er die Schultern seines Sohnes frei und warf sich zwischen die Stuhllehnen. Der Tisch gab ihm Halt. Sein Kopf sank nach vorn. So saß er lange, ohne Bewegung, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Hermann trat näher. Sein Gesicht war aschgrau geworden. »Aber, Vater, was bedeutet das alles?« fragte er fahrig. Das Entsetzen lähmte ihm die Zunge. Der Alte reckte sich wieder. »Das bedeutet ...« sagte er ruhig. »Da hinten nach der Wisselwarder Scheid zu liegt Franz Seegers sein Anwesen. Da schlagen die Roggen- und Weizenfelder mannshoch übereinander. Da lärmen die Elstervögel, und bei ihrem Lärm schaufelt er die Kronentaler zusammen. Malter bei Malter; gestrichen voll. Scheffel bei Scheffel; auch gestrichen voll. Du brauchst nur die Hände zu strecken und ein Wörtchen mit ihm und seiner Tochter zu reden. Der Mann will schon und die Tochter will auch. Da auf dem fetten Hof ist Neuland für uns beide zusammen. Bringe mir die Tochter ins Haus, und die verfluchten Hypotheken springen mir nicht mehr wie bissige Ratten an den Hals – hier an den Hals – hier an den Hals ... !« Er fuhr in die Höhe: »Ich ersticke ... Hermann, halte mir die ekelhaften Biester vom Leibe!« Seine Faust schlug krachend auf den Tisch, daß Teller und Gläser gegeneinander klapperten. »Halte mir die ekelhaften Biester vom Halse ... die Ratten, die Ratten ...!« Sein Gesicht stand dicht vor dem seines Sohnes. »Du verstehst mich doch, Hermann? Ja, du mußt mich verstehen, sonst wird meine Ehre und alles, was ich bin und habe, auf den Kirchhof gefahren. So komme doch heraus mit der Sprache. Mensch, ist denn dein Mundwerk vernagelt? Du siehst ja selber: das mit Franz Seegers und seiner Tochter und dir, das ist ja die einzige Planke, auf der ich noch stehe. Du willst doch nicht die Mühle anhalten und mir die Not auf den Leib hetzen? Du willst mir doch nicht die Planke unter den Füßen fortreißen? Oder solltest du wollen ...?« Wieder nahm er die Hand seines Sohnes: »Oder soll ich dir eine andere Geschichte erzählen, um dir Anna Pulcher aus den Fingern zu spielen? Dann geht mein Heiligenschein ganz in die Brüche. Aber ich will nicht erzählen. Ich will nur meinen Frieden mit dir. Ich will keine Pleite. Die steht nicht zu meiner Visage. Wahrhaftig in Gott nicht. Hermann...!« – und eine eiserne Ruhe kam über den Alten. In sich gefestet, zog er die letzten Schlüsse aus seiner gegenwärtigen Lage. Mochte es so oder so gehn, er wußte, was er zu tun hatte. Das stand auch in seinen Zügen geschrieben, in seinen Augen, die aufleuchteten, als wäre ein Messer in ihnen lebendig geworden, die eindunkelten, als wären die Schatten des Todes darüber gefallen. Sein Denken war nur auf ein Endziel gerichtet, und dieses Endziel gab ihm entweder Luft und Ellenbogenfreiheit zurück, oder aber es wurde zum Tier, um ihm das Herz aus dem Leibe zu fressen. Egal, was kam, aber es mußte etwas kommen, und das heute oder morgen ... am besten in jetziger Stunde, in dieser Minute ... »Hermann, hier stehe ich, und dort sind die Pulchers – und weiter da drüben, da wartet eine auf dich, um dir und mir das Malör vom Leibe zu halten. Tu, was du willst. Dort mußt du dir das Weib erbetteln, hier fliegt es dir willig in die Arme hinein. Dort sperrt dir der Alte die Tür, hier wirst du empfangen, wie es sich gebührt für einen Sohn von Jakob Verheyen. Also, tu, was du willst. Aber schlägst du in die verkehrte Kerbe hinein, dann wisse auch: zwischen den Korn- und Mehlsäcken liegen handfeste Stricke. Einer ist drunter, der hält doppelt und dreifach, und – so wahr mir Gott helfe! – Hermann, den habe ich nötig.« Er wurde immer gefaßter. Langsam kroch sein Auge in das seines Sohnes, der neben ihm stand, als würde ihm seine Jugend Stück für Stück vom Leibe getrennt, als bräche hinter ihm alles zusammen, was er sich mühselig aufgebaut hatte. »Hermann, ich habe meinen Heiligenschein verloren, wie du sagst, aber eins habe ich nicht verloren: meinen eisernen Willen. Der mahlt wie zwei Mühlensteine, selbst auf die Gefahr hin, eine verfluchte Dummheit zu machen. Und daher: entweder – oder, mein Junge. Entweder du gehst zu Franz Seegers und läßt mir die Planke unter den Füßen, oder: ich habe das lumpige Brett nicht mehr nötig. Dann aber« – und seine Stimme nahm den Ton eines Verzweifelten an, dem nichts weiter übrigblieb, als sein Heil über Bord zu suchen – »dann bitte ich mir einen letzten Liebesdienst aus. Es ist wahrhaftig der letzte. Einen anderen Appell gibt es nicht mehr zwischen Vater und Sohn. Hermann, dann geh' nach oben. Drei Treppen hoch, wo die Welle in den Lagern rappelt, dort gehe hin. Aber ohne Zeugen. Was da zu besorgen ist, braucht keiner zu wissen. Du wirst schon allein damit fertig. Da findest du mich. Nur Mut, mein Junge – und schneide mich von der Flügelwelle herunter. Vorher jedoch sieh mir ins Gesicht, damit du gewahr wirst, wie ein Mann aussieht, dem der Bankrott die Schlinge um den Hals gelegt hat. Nein, Hermann, ich habe das lumpige Brett nicht mehr nötig.« Er sprach nicht mehr. Er lallte nur noch. Die letzten Worte kamen ihm wie ein wehes Stöhnen von den Lippen herunter. Er tastete rücklings; er fiel in den Sessel zurück, als wäre ihm alles Mark aus den Knochen genommen, als befände er sich jetzt schon unter der Flügelwelle und ließe einen hänfenen Strick langsam durch die kalten Finger gleiten. »Nein, Hermann, ich habe das lumpige Brett nicht mehr nötig.« Sein Kopf sank tiefer. Es war ihm so, als fielen graue Tücher über ihn her, als fielen sie immer dichter und dichter, als hüllten sie ihn ein, als erstickten sie ihn ... Mit Aufbietung all seiner Kräfte streifte er die entsetzlichen Tücher beiseite und versuchte es, seinen Körper zu heben. »Hermann ...!« sagte er schaudernd und schüttelte enttäuscht den Kopf. Niemand war bei ihm. Er war allein in der Stube. Nur die Nacht gähnte hinein, eine lange und bange Nacht, die keine Träume hatte, tot und still war und mit leisem Seufzen in den Windruten der großen Flügel spielte. Wie ein dunkles Kreuz ragten diese in den nächtigen Himmel hinein. – – – Zwei Tage später biß Hermann Verheyen die Zähne zusammen. Er ging durch die üppigen Wiesen, in denen das Seegerssche Gut wie in einer sanftgewellten Dünung ruhte. Neben ihm zog sich das träge Wasser eines langgestreckten Kolkes, dessen aufsteigende Blasen mit sammetweichem Gurgeln zerplatzten. Er war wie im Fieber. Obgleich er durch blühende Wiesen ging, schien es ihm doch, als rieselte Sand unter seinen Füßen. Nur langsam kam er weiter. Das Gehen wurde ihm schwer. Hinter ihm verloren sich die Fußspuren. Wie sie, also verloren sich auch die vergangenen Tage, die Erinnerungen, die Stunden der Freude. Die gelben Kelche der Wucherblume waren ihm Totenlämpchen. Aus der Ferne klang eine Sense herüber. Ihr Ruf wurde immer aufdringlicher, genau so wie damals auf der Deichkrone. Er schien in die Unendlichkeit weiterzuklingen. Dann tauchte er in unmittelbarer Nähe auf, und dennoch gewahrte Hermann den einsamen Menschen nicht, der die Sense regierte. Ein Frösteln fiel über ihn her. Er umgriff die Rettungsmedaille. Die warme Mittagssonne spiegelte sich in dem blanken Metall. Er spürte den ehernen Glanz. Brennend ruhte er auf seinem Herzen und erinnerte ihn an einen großen Tag und eine ehrenvolle Tat. Als er sie beging, zog sein ehrlicher Stolz über die blühende Heide. Jetzt war er ein willenloses Werkzeug, ein Spielball in den Händen des Schicksals geworden. Die Medaille flammte. So schritt er weiter. Eine Stunde später lag ihm ein junges, roggenstrohhaariges Weib an der Brust. Thres! – und die schlang ihre milchweißen Arme um seinen Nacken und drängte sich an ihn. Ihr Atem ging schwer, und ihre schönen Zähne legten sich gierig auf seine blutleeren Lippen. Der Wildgeruch des Mannes betäubte sie. Sie hatte gefunden, was sie mit heißen Sinnen erstrebte. Als sie von ihm abließ, flammte ein rotes Mal auf seinem Hals, und ihre Hände suchten die seinen. Der Alte aber lachte sein glücklichstes Lachen. Dann ließ er ein Chaischen vorfahren. Er schob seine Tochter in den Sitz und reichte Hermann die Zügel. »Du sollst keine Katze im Sack gekauft haben,« meinte er mit fröhlichem Grinsen. »Wer was zu zeigen hat, soll's nicht in der Kommode verstecken. Also fahrt zu! Fünfhundert Morgen sollen abkariolt werden. – Los denn dafür! Du fährst über dein späteres Eigen. Hia da hüp ...!« Thres drängte sich an ihren Verlobten. Er fühlte ihr hartes Fleisch und die straffen Brüste. »Glückliche Reise!« Der Percheron zog an. Am Kummetgeschirr rasselten die Messingscheiben. Im schlanken Trabe rollte das Chaischen der fernen Baumreihe zu, die den reichen Besitz nach Westen abgrenzte. Weiter zur Linken stakelten die Flügel der großen Mühle bedachtsam durch die ruhige Luft. Unwillkürlich schreckte Hermann zusammen. Er dachte an die furchtbare Szene mit seinem Vater, und die Stirn tobte ihm, als hätte sich ein Pochwerk dort eingenistet. Er wollte aufschreien, aber das junge Weib küßte ihm den Schrei von den Lippen. Er fühlte die starre Hand seines Vaters. Sie preßte seinen Leib und den seiner Verlobten enger zusammen. Was sollte er machen? Er konnte nicht anders. Tod oder Leben! – und er hatte vorgezogen, das Leben zu wählen. Anderenfalls wäre er zum Mörder geworden. Er glaubte das infame Knarren der gewaltigen Flügelwelle zu hören, das entsetzliche Knarren ... er sah den Strick zwischen den Korn- und Mehlsäcken liegen ... er sah das entstellte Gesicht seines Vaters, und seine Seele fügte sich und beugte den Nacken ... er sah Anna Pulcher noch einmal ... er hörte ihre Stimme, er wiederholte ihre Worte wieder und wieder: »Ich will meine Ruhe nicht mit der tödlichen Unruhe meines Vaters erkaufen. Wir müssen uns trennen. Es ist schon besser so ...« – Ja, es ist schon besser so ... und Hermann Verheyen fuhr durch die klingende und singende Landschaft wie durch endlose Gräberreihen. Es war eben sein Schicksal geworden. Franz Seegers stand noch immer in seinem blauen Leinwandkittel und sah ihm mit großen Blicken nach, ihm und der glücklichen Tochter. »So wird's gemacht,« griemelte er stillvergnügt in sich hinein und rieb die Hände zusammen. »Mir kann keiner!« – und sein dreckiges Lachen knatterte wie Flintenschüsse über die Gegend. So konnte nur Franz Seegers lachen – wahrhaftig, ja! – so konnte nur Franz Seegers lachen.   12 Der ›Hobel le Beau ‹ nagelte eine mannshohe Kiste zusammen, die ihm irgendein Manufakturist in Bestellung gegeben hatte. Die Arbeit ging ihm schwer von der Hand. Mehr denn sonst perlte ihm der Schweiß von der Stirne, und mehr als gebräuchlich stierte er durch die mit Spinnweb austapezierten Fensterscheiben, die blind und angelaufen auf die menschenleere Straße hinaussahen. Neben ihm schaffte Thyß. Die Artilleriemütze schief über das linke Ohr geschoben, bearbeitete er eine Tischplatte mit Schachtelhalm und Glaspapier und suchte ihr die nötige Glätte und Feinheit zu geben; aber auch er war nicht so recht bei der Sache, sah vergrämelt ins Wetter und machte von Zeit zu Zeit vergebliche Anstrengungen, sich eine zudringliche Brummfliege vom Leibe zu halten. »So'n Aasknochen ...!« Wieder taumelte die Abgewehrte mit einem sanftangestrichenen Ton gegen die Scheiben. »Wen meinst du?« fragte der Alte. »Dir nicht und Hermann Verheyen auch nicht.« »Ja, Thyß, das mit Hermann Verheyen ...!« sagte der Alte, trat näher und sah seinem Sohn forsch in die Augen. »Was ist das eigentlich mit deinem artolleristischen Mitkollegen? Stimmt die Sache, oder ist sie man so Propter und Prätorius aus den dämlichen Fingers gesogen?« »Je!« machte Thyß und schob seine Mütze nach hinten. »Also du meinst: er läßt Fräulein Pulcher in die Ungelegenheit sitzen, um Thres Seegers in die eheliche Umarmung zu nehmen?« Thyß zwirbelte verlegen an seinem fuchsroten Schnurrbärtchen, ohne eine Antwort zu geben. Geistesabwesend stierte er in einen brodelnden Leimtopf und zählte die einzelnen Blasen, die wie dickbäuchige Geisterlein aus der Tiefe aufstiegen. »Thyß, ich frage noch einmal: Hat die Sache Bewandtnis, oder hat sie keine Bewandtnis?« »Ja, Vater, es wird wohl seine Richtigkeit haben.« »Aberst ich bitte dir, Thyß!« stammelte der Alte verlegen. »Das hätte ich von deinem artolleristischen Kollegen und Helden niemals erwartet.« »Ich auch nicht.« »Das ist ja um die sogenannte Kränke zu kriegen! Das ist ja nächst dem leibhaftigen Satan ...! Thyß, das muß man ja mit mannbarer Tapferkeit bestrafen. Warte mal eben ... ich will ihm einen Verachtungsschluck bringen, denn nur so kann ich meinen Ärger vertreiben.« Damit langte er in die offene Banklade und nahm einen herzhaften Schluck aus der Pulle. »Allens was recht ist, aberst setze mir nackig in Indigo, denn so was läßt die Erbärmlichkeit des menschlichen Herzens erkennen. Nimm's mir nicht übel, aberst ich muß sein Verhalten als eine auserwählte Feigheit bezeichnen.« Er schluckte nach Atem. Seine Empfindungsharfe geriet in ein langsames Klingen. »Herrgott, der arme Herr Pulcher!« sagte er mit weinerlicher Stimme, »und Fräulein Anna und der geistliche Herr erst ...! Das wird ja die reinste Trauerkomödie im Pulcherschen Hause!« Er wischte sich energisch über die Augen. Die Empfindungsharfe schlug einen anderen Ton an. Alle Wehleidigkeit war von ihr genommen. Ihre Klangfarbe gestaltete sich zu einem wütigen Rauschen. »Ja, ich estimiere es sogar als 'ne große Gemeinheit!« »Halt!« sagte Thyß und streckte heroisch die von Firnis und Schellack eingebeizte Hand in die Höhe. »Eins von beiden: Gemeinheit oder kolosales Heldentum. Ich aber spreche die Sache für kolosales Heldentum an,« und damit klaschte er den zudringlichen Brummer mit einem gewaltigen Handschlag auf die Tischplatte. »Was?!« erstaunte sich der ›Hobel le Beau ‹, »nu kuckst du mit 'nem Mal und so Propter und Prätorius durch 'ne andere Brille?« »Ja, aber durch 'ne richtige Brille.« »Da stellst du dir ja in Widerspruch zu deinem inniggeliebten Vater.« »Tut nichts,« entgegnete Thyß, denn mir gegenüber hat er sich immerst als honorig erwiesen, und unserm Regiment hat er sich auch als honorig erwiesen, indem er sich als Artollerieheld in den richtigen Schwung gesetzt und in voller Montur und kumplettem Lederzeug sich seinen Kameraden gegenüber als Rettungsengel anpräsentiert hat. Und daher tue ich pflichtschuldigst zu wissen: er hat sich auch gegen Anna Pulcher honorig benommen.« »Honorig benommen? – wo er ihr sitzen läßt?« »Schön,« sagte Thyß, »aber können wir in die menschlichen Brüste hineinkucken? Können wir wissen, was er in seinem inwendigen Menschen verfaßt hat? Hat er vielleicht nicht seine ungebetene Braut auf den Altar des Abschieds geopfert, um seinen eingeborenen Vater aus der Predullig zu helfen? Für so was taxier' ich Hermann Verheyen, denn er ist von jeher ein auserwähltes Faktotum gewesen, und für dessentwegen hat er Thres Seegers in Umtausch genommen. Und das ist vornehm von ihm, denn Thres Seegers könnte man mir auf 'nem silbernen Teller anempfehlen ... Nicht rühr' an die Sache. Er aber hingegen, er nahm sie, um die poweren Kronentalers seines Vaters wieder auf die Beine zu helfen – und das ist ausgesprochene Kindesverehrung, und so was muß man als nobel taxieren. Ja!« – und Thyß streckte abermals seine fünf Schellackfinger zur Decke – »und daher tue ich hiermit zu wissen: Hermann Verheyen besitzt wahres Gefühl unter der Rettungsmedaille. Und wenn das unser allverehrter Herr Hauptmann Liese zu hören tun kriegte, er würde ihm die Hand geben und sagen: Ich danke dir, Hermann. Du hast dir proper benommen. An so was erkenne ich meinen alten Obergefreiten. Und was der Herr Hauptmann gesagt hat, daran läßt sich nicht tippen. Sein inneres Menschentum wird sich verbluten, denn Thres Seegers und Anna Pulcher verhalten sich gegeneinander wie 'ne Hobelbank zu 'ner feinen Kirschholzkommode. Aber ein Kerl ist er doch, denn er hat seine Familienehre und die Kronentalers seines Vaters gerettet. Und das tue ich auch pflichtschuldigst meinen Landsmänners vermelden, auf daß kein falsches Licht in die Welt kommt und die Leute erkennen, was für 'nen Mann sie in meinem Freunde Hermann Verheyen besitzen.« Thyß hatte gesprochen. Mit einem tiefen, aber glücklichen Seufzer ließ er seine angebeizten Schellackfinger wieder herunter. Der Alte war sprachlos; seine schnapsseligen Äugelchen standen in einem überirdischen Feuer. »Thyß,« sagte er schließlich, »in diesem Momang bin ich so Propter und Prätorius ganz deiner Meinung. Früher war ich man der selige Tobias mit dem Schwalbendreck, jetzt hast du mir den Dreck aus die Augen genommen, und ich sehe deinen Freund und Mitkollegen in bengalischer Gasbeleuchtung, und das freut mir über alles Erwarten. Was ist das menschliche Leben? Nur ein Jammertal. Also verkündigen die heiligen Propheten. Ich aber sage, das menschliche Leben ist ein barbarisches Kämpfen, und ich und du und Hermann Verheyen, wir sind mitten darunter. Thyß« – und er zeigte auf die Neuruppiner Bilderbogen mit den aufgeklebten Köpfen seines Sohnes – »in dir an der Wand sehe ich Hermann Verheyen als Artollerist, als erzwungenen Bräutigam von Thres Seegers, aberst auch als Mann mit 'nem blutigen Herzen und der königlich preußischen Rettungsmedaille darüber, und aus diesem Einblick heraus ...« Mit einem scharfen Ruck nahm er die Hacken seiner Schlappantoffeln zusammen. »Still gestanden! – Augen rechts!« Militärisch fuhr die Hand an die Mütze. »Hermann, nimm mir's nicht übel, daß ich dir soeben mit ›Feigheit‹ unter die Nase getreten bin. Das war 'ne dämliche Redensart, aberst jetzt bist du für mir und Thyß und die ganze Welt ein Held von Gottes Gnaden geworden. Amen.« Und Dores Jansen war stolz wie ein Pfauhahn, als er solches niedergelegt hatte. »Rührt euch!« Mit einem abermaligen Ruck fuhren die Schlappantoffeln wieder in ihre frühere Stellung. Der ›Hobel le Beau ‹ hatte seine Pflicht getan und sich selber entsühnt, während Thyß einen lustigen Marsch über die Hobelspäne pfiff, dem Alten zuplinkte und seinen Freund Hermann Verheyen für den Ausbund aller Staatsbürger und ›Artolleristen‹ erklärte. Damit hatte der Ärmste seine Ehrenerklärung gefunden, kurz und bündig und aus dem Herzen prächtiger Kerle; und diese Ehrenerklärung hatte fixe Beine und kam zu den Menschen. – – – Wochen um Wochen vergingen und Monde um Monde, und mit ihnen glitt die Verlobung Hermann Verheyens als etwas Selbstverständliches in die Häuser hinein, um schließlich als eine alltägliche Sache beiseite geschoben zu werden. Man beglücktwünschte Jakob Verheyen und Franz Seegers und begriff nicht, wie der gefeierte Pitt Pulcher so starrköpfig und eigensinnig gegen seine eigenen Interessen und den Frieden seiner Tochter zu wüten vermochte. Man schüttelte die Köpfe, aber keiner sah tiefer, niemand gewahrte die Unterströmung, die den Bestand und das Glück zweier Familien zu unterspülen drohte ... und so schwemmte die Strömung die Seele Anna Pulchers immer weiter hinaus, in die Schwaden hinein, in das Ungewisse hinein, und die Heimgesuchte legte die Hände zusammen und weinte still vor sich hin ... Und so kam das Glück wie ein Gruß in leuchtender Sommernacht – und so kamen die Qualen – und so kam das Ringen um Kindesliebe und Mannesliebe – und so kamen die Schatten, die unabweislichen Schatten, die immer dichter und dunkler wurden und ihr alle Freude von der Stirne wischten. Aber sie beugte sich, ohne zu klagen, und sie ergriff die Hand ihres Vaters, um sie still und schmerzlich an ihre Lippen zu ziehen. So lebte sie, ohne zu leben, so ging sie durch Licht, ohne des Lichtes teilhaftig zu werden, so weinte sie, ohne Tränen zu haben, denn sie fühlte die Freude nicht mehr und den Schmerz nicht mehr; sie hatte keinen Sinn mehr für das alltägliche Leben, für seine Einzelheiten und seine köstlichen Stunden. Sie ging eben durch eine endlose Leere, durch fliegenden Sand, durch die Einsamkeit einer trostlosen Heide. Mariä Rosenkranz grünte nicht mehr für sie. Sie war macht- und wehrlos geworden, und ihre Liebe ging betteln. Immer dieselben Gedanken, der nämliche Kreis, das Suchen und Sinnen, ohne das Gesuchte finden zu können. Überall diese Nebelflecke, diese tödliche Ruhe, dieser eigentümliche Geruch nach welkenden Blumen ... und sie wunderte sich nur, daß ihr Vater den Nacken straffen konnte und ein Feuer in den Augen hatte, als wäre ihm eine glückliche Jugend wiedergekommen. Ja, Pitt Pulcher straffte den Nacken. Mehr denn sonst ging er aufrecht, und sein Schritt verlieh ihm etwas Herrisches. Mehr denn sonst saß er über den Pulcherschen Dokumenten; entfachte den Kerzenstumpf und studierte die Stammrolle und die Schenkungsurkunde aus verklungenen Tagen. Mehr denn sonst hörte er auf Anne-Susanne, und wenn sie ertönte, dann legte er die Hände zusammen und sagte: »Gut, daß es also gekommen. Unser Docht leuchtet wie die ewige Lampe. Möge er also leuchten bis an das gottwohlgefällige Ende der Tage ...« und dann begab er sich an das Grab seines heimgegangenen Weibes und betete lange. Für die Sankt Sebastianusschützengesellschaft war er in letzter Zeit ein besonderer Freund und Förderer geworden. Es tat ihm wohl, sich in alte Bräuche zu versetzen, die Akten der Brüderschaft zu studieren und sich den sonoren Ton der Schützentrommel zu vergegenwärtigen, und als der derzeitige Präsident Quirinus vom Oort eine Überfahrung bekam und langsam dahinsiechte, setzte er schon frühzeitig alle Hebel an, die zukünftige Wahl auf einen zielbewußten und würdigen Folger zu lenken. So ging er durch Sonnenschein. Es war seine eigene Sonne, und er freute sich dieser Sonne von Herzen, denn er war des seligmachenden Glaubens geworden: »Pulchersches Blut kettet innig zusammen, und wenn wir auch durch Not und bitteres Leid pilgerten, wir wurden nicht auseinandergetrieben wie verstörte Schafe. Wir bestanden die Prüfung, und Gott wird weiterhelfen.« – Mit diesem Evangelium ging er seines Weges, nahm er die Trauer seiner Tochter hinweg, oder versuchte es doch, sie von ihr zu nehmen, wuchtete er die Webelade und schob er alle Bitternis beiseite. Nur eines Tages ... Er war gerade vom Mittagstisch aufgestanden. Seine Kinder Anna und Stephan waren bei ihm. Der junge Kaplan sprach mit weicher Stimme das Tischgebet und legte seinen Arm in den seiner Schwester, als er gewahrte, daß heiße Tränen über ihre Wangen liefen. Dem Alten fiel es nicht auf; er setzte seine Kalkpfeife in Brand und trat ans Fenster. In diesem Augenblick klangen lustige Böllerschüsse von dem Umgang der Verheyenschen Mühle herunter. Mit sieghaften Stimmen hallten sie über die Stadt und die Niederung fort und ließen die Scheiben am Pulcherschen Hause erklirren, und als Pitt Pulcher hinsah, da bemerkte er, wie bunte Fahnen von dem Neubau wehten und die Flügel der alten Mühle sich in einem Schmuck von Girlanden und Kränzen bewegten. Pitt Pulcher erbleichte. Sein Gesicht versteinerte. Unter seinen dichten Brauen standen häßliche Funken. Seine Hand krampfte sich, und die Kalkpfeife sprang zerstückelt zu Boden. »Nun macht Jakob Verheyen Dampf auf,« knirschte er zwischen den Zähnen, »aber Gottverdammich noch mal! – der Herr wird schon kommen und ihm sein Glück zwischen den neuen Maschinen zerschroten. So'n Viechskerl ...!« Mit dem Fuß trat er auf die rauchenden Scherben. Anna stieß einen wehen Schrei aus; Stephan jedoch trat geräuschlos auf ihn zu und sagte mit versöhnlicher Stimme: »Vater, denke daran. Geschrieben steht: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen.« Der Alte sah ihn mit leeren Augen an. »Das steht wohl in den zehn Geboten geschrieben?« sagte er schließlich. »Ja, das steht in den zehn Geboten geschrieben.« »Und da glaubst du, ich hätte mich gegen die Satzung des Herrn versündigt?« Der junge Kaplan lächelte schmerzlich. Er war kein Richter, und wollte in diesem Augenblick kein Richter sein. So mochte der gute Hirt gelächelt haben, als er auszog, ein verlorenes Schäfchen zu suchen. Er lächelte, wie die Gütigen lächeln, die nach einem empfangenen Backenstreich auch die andere Wange hinhalten, um auch hier den Streich zu empfangen. Auf seinem bleichen Gesicht stand der Abglanz eines geläuterten Herzens. »Es ist nicht wohlgetan,« sagte er ruhig, »seinem Mitmenschen zu fluchen und ihm unter Anrufung Gottes sein irdisches Glück zu verwünschen.« »So?!« fragte der Alte und fuhr sich über die Stirne, als müsse er einen häßlichen Gedanken verwischen. »Stephan, du magst recht haben, also zu reden, aber ich habe auch recht, wenn ich meine besondere Ansicht vertrete. Jeder Mensch hat sich nach den zehn Geboten des Herrn zu richten, denn in ihnen liegt Auferstehung und Leben und die Anschauung Gottes, aber jeder Mensch, der mit 'nem ehrlichen Rückgrat und mit 'ner noblen Ehre unter der Weste aufwarten will, hat im speziellen noch seine eigenen zehn Gebote aufzustellen und nach ihnen zu handeln. Und hier sind die meinen ...« Mit einer energischen Bewegung glitt er durch die grauen Haare. Dann zählte er an den Fingern herunter: »Ich hasse die Leisetreter. Ich verachte die Menschen, die der Kirche geben, was der Kirche, aber vergessen, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers. Ich hasse die Menschen, die, wenn man im Glück ist, nicht kommen, im Elend aber einen mit ekelhaftem Bedauern versorgen. Sie sind mir ein Greuel. Du sollst dein eigenes Wort nicht fressen, wenn es zu Recht aus deinem Munde gekommen. Gedenke, daß du ein Pulcher bist. Wer sich gegen den gerechten Willen des Vaters auflehnt, dem soll die Hand am Leibe verdorren, denn jener ist der Verwalter der häuslichen Ehre. Nächst Gott steht mir die Familienehre am nächsten. Mit ihr verbunden, bleibt man ein Herzog, selbst dann noch, wenn man in Lumpen geht und keine Brotschnitte im Schrank ist. Wer dieses nicht achtet, ist ein Schurke, und wer es antastet, ist schlimmer als ein Ehebrecher. Ich habe gesagt, die Freundschaft soll bleiben. Gut, sie soll bleiben, aber neben dieser Freundschaft geht etwas, was Haß heißt. Zum letzten: Haltet Anne-Susanne im Herzen. Sie spricht aus alter Zeit zu euch und macht euch das Sterben leichter. Ohne sie ist es schwer, in den Himmel zu kommen.« Und er sah seine Tochter an und fragte: «Anna, hast du etwas darauf zu erwidern?« »Nein,« sagte sie ruhig. »Und du. Stephan?« »Ich hätte manches dagegen zu sagen, aber ich schweige. Es ist besser so.« »Du wirst mir beipflichten, wenn du älter geworden bist,« versetzte der Alte, ohne sich aus seiner Fassung bringen zu lassen. »Nichts für ungut, Stephan, aber graue Haare schaffen andere Gedanken unter die Mütze.« Damit zündete er sich eine frische Kalkpfeife an, stülpte die Seidenmütze über und ging den Schleusen zu, um in ihrer Nähe seinen gewohnten Spaziergang zu machen. Da sah er, was er sonst nicht bemerkt hatte: die Tage hatten einen kürzeren Atem bekommen, in den Baumkronen nistete bereits der Herbst, und die seligen Stimmen der Schwalben ließen sich nicht mehr zwischen Himmel und Erde vernehmen. Es ging langsam in das Spätjahr hinein. Regenschauer schraffierten die Landschaft. Auf den Feldern wurden die Zuckerrüben eingemietet, von den Tennen hallten die Dreschflegel, und als auf den Äckern die letzten Kartoffelfeuer verschwelten, da setzte die erste Kälte ein und holte die letzten Blätter von den Bäumen herunter. »Nu wird's Winter,« sagte Pitt Pulcher, stellte seine Stiefel beiseite, zog die warmen Lammfellsocken über und ging in blankgescheuerten Holzpantoffeln spazieren. Ein schöner, klingender Frost legte sich über die Erde, hauchte in die Schlüssellöcher hinein und gefiel sich darin, allerlei glimmerndes Spitzenwerk als köstliche Gardinen vor die Fenster zu hängen. Und gerade dort wo die am wenigsten begüterten Menschen wohnten, war die geklöppelte Arbeit am schönsten. Blumen und Rankenwerk glitzerten in den bizarrsten Zeichnungen und Formen, und wenn abends die Rübsenöllampen hinter den Scheiben brannten, dann war die Fülle des Lichtes fast überirdisch geworden. Kurz vor Sinter Klaas wiegten sich die ersten Schneeflocken vom Himmel. Traumhaft glitten sie in die Gassen hinein, legten sich auf Dächer und Gesimse und spreiteten flaumweiche Decken zwischen die Häuserzeilen. Zwei Tage später ließ das Schneetreiben nach. Ein stahlblauer Himmel wölbte sich über die kleine Stadt, und wenn abends die Sterne heraufzogen, zitterten sie in der grimmigen Kälte. So rückte der Tag des heiligen Nikolaus heran. Am Vorabend des fröhlichen Festes befand sich Pitt Pulcher allein zwischen seinen vier Pfählen. Anna hatte eine befreundete Familie in einer benachbarten Ortschaft aufgesucht, um hier und im Kreise einer zahlreichen Kinderschar die Feier in altgewohnter Weise zu begehen. Um die vierte Mittagsstunde, als bereits die Schatten des Abends über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser fielen und die Schneedecken eine bläuliche Färbung annahmen, trat Stina Mengels mit einem grün- und rotgewürfelten Seelenwärmer, einer schneeweißen Knippmütze und klingenden Ohrgehängen ins Zimmer »Mynheer,« sagte sie kleinlaut, »wenn Mynheer noch etwas zu besorgen haben ...« »Was soll's denn, Stina?« »Ach!« meinte sie zögernd, »heute ist Sinter Klaas, und da wäre es eine auserwählte Bekömmnis für mir, so'n bißchen zu feiern und bei 'nem Gläschen Punsch Spekulatiusmännchen zu essen.« »Stina, wo soll's denn hin?« »Ins Armenhaus zu Fennand van Derksen. Er ist 'ne Jugendliebe von mir. Aber wie das so ist im menschlichen Leben: er ist von jeher ein Herzenslieber, aber bettelarmer Kirchenmäuserich gewesen, und ich hatte ditto nichts in die Suppe zu brocken, und da ist es denn bei der außerehlichen Liebe geblieben. Wir sehen uns kaum noch. Aber auf Sinter Klaas, da ist das doch eine andere Sache. Da besuch' ich ihn immer, weil er selber mit die Beine so recht nicht auf dem laufenden ist. Da tun wir uns denn von alten Geschichten erzählen und uns gegenseitig so'n bißchen aufmunterieren – und da möcht' ich auch heute ...« Der Alte schmunzelte still vor sich hin. »Ist der Abendtisch gedeckt?« fragte er hierauf. »Alles besorgt,« versetzte Stina und hofierte lieblich mit ihren Ohrgehängen. »Dann möchte ich die Lampe haben, aber auf dem blauen Zimmer, das der geistliche Herr vor seiner ersten heiligen Messe bewohnte.« »Soll besorgt werden, Herr Pulcher.« »Na denn, fröhliche Feier und viele Grüße an Fennand van Derksen.« »Merci und meinen gehorsamsten Ausdruck, Herr Pulcher.« Damit glitt Stina Mengels aus dem Wohnzimmer, richtete die Lampe und klingelte alsbald in den köstlichen Winterabend hinein, der schon etliche glitzerfeine Lichtchen aufgesteckt hatte. Pitt Pulcher sah ihr mit großen Augen nach. Dann erhob er sich, legte die Hände auf den Rücken und durchmaß die Dielen nach Länge und Breite. Vieles ging ihm durch den Sinn. Das neue Jahr warf bereits seine Schatten voraus. Es war ihm so, als sähe er sie auf der bläulichen Schneedecke liegen. Sie wuchsen und streckten sich, und die Stunde war bei ihm, die ihn an das dunkle Tor erinnerte, das keine Rückkehr verstattet. Das machte ihm kein Grauen. Er liebte solche Augenblicke ernster Betrachtung und Einkehr. Sie waren ihm befreundet und ließen ihm das Unabänderliche in weniger grauen Farben erscheinen. Die Sille des Friedhofes wehte ihn an. Er nahm sie lediglich als sanfte Mahnung hin, nicht allzusehr auf seine ungebeugte Gesundheit zu pochen, sondern beizeiten sich auf den geheimnisvollen Schritt des Verhängnisses vorzubereiten und als vorsorglicher Mann sein Haus zu bestellen. Schon vor etlichen Tagen war er beim Notar gewesen, um das Nötige in die Wege zu leiten, sein liegendes und bewegliches Eigen zu überschlagen und darüber letztwillige Verfügung zu treffen. Noch etliche Papiere, Aufstellungen, Schuldforderungen und Hypothekenverschreibungen waren hierzu erforderlich, alte Urkunden mußten vorgelegt werden, und so entschloß er sich denn, die verstaubten Dokumente, die seit vielen Jahren in der Schreibkommode aufbewahrt lagen, zu sichten und sie dem Notar für die Aufsetzung des Testamentes zur Verfügung zu stellen. Die jetzige Stunde schien ihm hierzu besonders geeignet. Er hatte keine Störung zu befürchten, und seine Seele war ruhig, so ruhig und abgeklärt wie der sanfte Schein, der an weichen Sommerabenden still und feierlich über dem verschwiegenen Ried stand. Er stellte die Holzschuhe nebeneinander. Dann ging er nach oben. Unter den weichen Lammfellsocken knarrten die Dielen. Als er das blaue Zimmer betrat, drang ihm ein warmes Licht entgegen. Stina Mengels hatte für alles Sorge getragen. Ein anheimelndes Feuerchen knackte im Ofen, etliche Bratäpfel waren auf einem Porzellanteller in die Röhre geschoben, und die Lampe verbreitete eine wohlige Helle, die alles mit einem seinen Goldglanz umkleidete. Dicht über der Schreibkommode befand sich ein Repositorium von Tannenholz, mit zwei Glasvasen bestellt, aus denen sich künstliche Rosen auf langen Drahtstielen erhoben. Daneben lagen die Lieblingsbücher des Alten: das ›Leben der Heiligen‹, die ›Blüten und Perlen christkatholischer Andacht‹, Schillers Gedichte in Auswahl, ›Historische Notizen über die Glockengießerkunst des Mittelalters‹ und des hochseligen Thomas a Kempis ›Büchlein von der Nachfolge Christi‹. Er nickte ihnen zu; er hatte sie lange nicht mehr in den Händen gehabt. Achtlos war er an ihnen vorübergegangen. Jetzt nahm er ein Bündchen und schlug es auf. Es war die Nachfolge Christi. Er traf auf das dreiundzwanzigste Kapitel: Von der Betrachtung des Todes. Mit sicherer Stimme las er: »Gar bald wird es hienieden um dich geschehen sein. Deshalb erwäge, wie es mit dir steht. Heute ist der Mensch da; morgen wird seine Stätte nicht mehr gefunden.« Dann las er die Stelle noch einmal. Hierauf legte er das Buch fort. »Morgen wird seine Stätte nicht mehr gefunden,« wiederholte er tonlos, und er sah durch die Scheiben in den verschneiten Abend hinein, und er sah die verlorenen Schatten der Kirche und sah, wie das Licht der ewigen Lampe aus dem Chorfenster herüberflimmerte ... und dann ließ er sich bei der Schreibkommode nieder, rückte näher heran und entnahm seinem Schlüsselbund etliche Schlüssel, die zu den verschiedenen Fächern gehörten. Seit dem Tode seiner Frau hatte er sie nicht mehr geöffnet. Es war ihm weh ums Herz, als er die erste Schublade auszog. Verschiedene Aktenbündel fielen ihm in die Hände. Er löste die Schnüre und sortierte die einzelnen Schriftstücke. Nichts von Belang: quittierte Rechnungen, erledigte Schuldverschreibungen ... Er schob sie beiseite. In einem Nebenfach sah er ein vergilbtes Pergament liegen. Als er es aufrollte, ging über sein Antlitz ein feierliches Aufleuchten. »Das kann man immer und immer wieder lesen,« sagte er still vor sich hin. Dann las er: » Anno Domini 1522 . Was ich heute erlebte, dafür danke ich dem Herrn Jesus Christus und seiner allmächtigen Kirche, denn ich, Heinrich Fürchtegott Pulcher, Provisor und Ältermann der hiesigen Tucherfraternität, Unterthan kaiserlich römischer Majestät und Nachfahre des hochberühmten Herrn Kaspar Christian Pulcher, so um dreizehnhundertzweiundsiebzig nach der Geburt unseres Herrn und Erlösers dem hochmögenden Rathe zu Köllen den Gehorsam aufsagte und für Recht und Freiheit aller ehrlichen Webersleute, wenn auch ohne Erfolg und zum eigenen Unheil, die Köpfe der stolzen Geschlechterherren über den Nasen springen ließ, daß davon die Büchlein sich rosinfarbig illuminierten – tue also zu wissen. In anfangs vermeldetem Jahr und im Monat März ließ Herr Johann III., Herzog von Jülich, Kleve und Berg, seine klevischen Trommeln in hiesiger Kirchengemeinde rühren, um allhier seine Huldigung entgegenzunehmen. War in seinem Gefolge auch ein stattlicher Junker, genannt Derick van den Boetzelaer, anzusehen wie Milch und Blut und wie der holzgeschnitzte Junker Jürgen in hiesiger Kirche, dem es gelang, mit eingelegter Turnierlanze einen gräulichen Lindwurm niederzuzwingen. Trug auch drei Reiherfedern am Hut und ein Bärtlein dazu, das durch Melissengeist und den Saft ausgelaugter Quittenkerne gar lieblich in die Höhe gezwickt war. Des Herz nun entbrannte in sofortiger Stunde zu meiner einzigen Tochter Anna Maria, obgleich sie erst siebzehn Lenze zählte, aber mit köstlicher Fülle und mit blonden Haaren wie Unserer Lieben Frauen Bettstroh aufwarten konnte. Da nun die Jungfrau auch ihrerseits sich lichterloh für den besagten Junker entflammte, sprach er ihr zu, sich mit ihm in den Wiesen und unter flirrendem Mondenschein lieblich zu ergehen. Da ich solches bemerkte, herrschte ich ihn mit nachstehenden Worten an: Exi, immunde spiritus ! oder zu deutsch gesaget: Fahre von hinnen, unsauberer Geist, denn Ihr habt es zu thun mit der ehelich geborenen Tochter eines Heinrich Fürchtegott Pulcher, der es in der Gewohnheit hat, seine Hausehre selbst gegen Kaiser und Reich zu verfechten. Solches ist mein Evangelium und müßte ich mir darüber das letzte Hemd anmessen lassen, denn es ist besser, von der Lebenskoppel heruntergemäht zu werden, als Schaden zu leiden an seiner seelischen und leiblichen Ehre. So Ihr aber gewillt seid. Herr Junker, ihr zuvor ein Ringlein an den Finger zu streifen, möget Ihr mit ihr in die Wiesen hinausgehn und Euch im flimmernden Mondschein ergehen. Dessen soll der liebe Herr Jesus Christus mein Zeuge sein. Darüber freute sich der Junker van den Boetzelaer und sagte, solches sei auch seine Meinung gewesen, worauf er sie mit einem Ringlein beglückte, das roth von köstlichem Gold war und zwei Herzen für immer umhegte. Da mein ehrliches Wollen und meine bürgerliche Geradheit dem hochmögenden Herzog zu Ohren kam, ließ er mich vor sich entbieten und sagte: Gott grüß' Euch, Herr Pulcher. Wie Ihr gehandelt, das ist Pulchersche Art. So ein Geschlecht verdiente ein adliges Wappen zu führen ... und meine Tochter strahlte schöner und seiner denn alle Edeldamen bei Hofe ... wurde auch Anne-Susanne geläutet ... und da war mir so, als würde der alte Herr Kaspar Christian Pulcher wieder lebendig, als spräche er also aus dem feierlichen Glockenläuten herunter: Ein adliges Wappen thut nicht noth; du hast dir selber ein Wappen gesetzet für ewige Zeiten. Wögen sich alle Pulchers so benehmen. Gott sei meiner Seele barmherzig!« »Hast du's gehört, Jakob Verheyen?!« triumphierte der Alte. »Wenn ein Jakob Verheyen hoch hinaus will, ein Pitt Pulcher will höher hinaus ... und wenn solches die Menschen nicht reden, die alten Pergamente reden es und nehmen einem das schwerste Erdenleid und die tiefste Not von der Seele. Ich danke dir, Kaspar Christian Pulcher, ich danke dir, Heinrich Fürchtegott Pulcher – ich danke dir und küsse die Schriftzüge, die mich also getröstet.« Sorgfältig legte er die Rolle wieder zu den übrigen Schriften. Neue Papiere glitten durch seine Hände, auch der Kaufakt über die kleine Buschparzelle, in welcher sich die stattliche Fichte erhob, die weit und breit in das niederrheinische Land hineinschaute. Laut Vermerk war bereits vor mehreren Jahren die Restsumme abgezahlt worden. Die amtliche Beglaubigung der gelöschten Hypothek stand daneben. Also auch das war in Ordnung. Er gedachte diese Buschparzelle seiner Tochter als Sondergut zu vermachen; ebenso das Haus nebst Garten und Hofraum. Er hatte dieserhalb schon mit Stephan gesprochen, und seine Erwägungen waren auf fruchtbaren Boden gefallen. Auch diese Urkunde legte er zu den übrigen Akten. Mit zagen Händen öffnete er eine andere Lade des Pultes. Statt der gesuchten Papiere brachte er ein schlichtes Kästchen zum Vorschein, ein unscheinbares Ding mit Glasperlen ausgelegt und an allen vier Ecken mit Messing beschlagen. Als er es zwischen den Fingern hielt, lief ein leises Zittern um seine Mundecken. »Von ihr,« sagte er mit umflorter Stimme. Mit wehen Gedanken betrachtete er die kleine Schatulle, die die Verstorbene aus ihren Mädchenjahren mit in die Ehe gebracht hatte. Hier waren keine wichtigen Schriftstücke, die hinsichtlich des Nachlasses Aufklärung geben konnten; hier gab es keine Geheimnisse. Ihr Leben lag vor ihm wie ein stiller Wiesengrund mit weißen Blumen und einem gütigen Himmel darüber. Und dennoch öffnete er. Als er den Deckel mit den eingekrusteten Glasperlen zurückhob, da war es so, als liefe der wehe, klagende Hauch einer Sterbenden durch das Zimmer, um allmählich und mit einem fröstelnden Ton zu verklingen. Was war das nur? Er hörte darauf, wie auf eine Botschaft aus dem Jenseits. Er wähnte den Odem seines verstorbenen Weibes zu spüren. Mit scheuer Hast betrachtete er die einzelnen Gegenstände. Alles Erinnerungen und Andenken aus ihrer Mädchenzeit und ihrem späteren Leben: die Totenzettel von Vater und Mutter, ihre Bestallung als Lehrerin, ihr Brautkränzlein, schon zermürbt und zerfallen, etliche Bandschleifen, das Petschaft ihres seligen Vaters und hier, zwischen anderen Briefschaften, ein versiegeltes Schreiben mit Tränenspuren: »Zu Händen meines lieben Mannes und nach meinem Tode zu öffnen ...« Das hatte sie selber geschrieben, in ihrer klaren und zuversichtlichen Weise, ohne Erregung, ohne die Merkmale ihres langsamen Hinsiechens ... Pitt Pulcher küßte die Buchstaben. »Von ihr,« sagte er nochmals. Als er das Schreiben erbrach, ging wieder der wehe, klagende Hauch durch das ängstliche Schweigen. Dann las er: »Herzlieber Mann! Ich bin müde, wie ich niemals gewesen. Eine Tote spricht zu Dir, denn wenn diese Zeilen zu Dir reden, ist mein Tagewerk längst getan und meine Seele bittet bei Gott um Verzeihung. Er wird barmherzig sein, wie ich hoffe; auch Du wirst barmherzig sein und Deinem armen Weibe vergeben. Pitt, ich habe Dir ein Geständnis zu machen, sonst kann ich das ewige Leben nicht finden ...« Mit einem kurzen Laut brach er ab. Seine Pulse klopften. Dann las er weiter. Nein, er konnte nicht lesen. In fliegender Hast überlief er die Zeilen, überschlug sie, um sich an einzelne Worte festzuklammern und sie zu umschlingen. Gierig eilte er dem Schluß des langen Briefes zu. Seine Stirn war ehern geworden. Nun hielt das Schweigen wirklich den Atem an. Selbst das Singen der Lampe ließ nach, und die lichten Kohlenpartikelchen, die kurz zuvor noch mit seinem Knistern dem Ofen entfielen, sanken jetzt lautlos in den Aschenkasten. Die Stille war furchtbar, sie war entsetzlich, sie war mit Krepp umhangen. Es war eine Stille wie unter dem Bahrtuch. Draußen gingen die Leute durch den Sankt Nikolausabend, als schwebten sie zwischen Himmel und Erde. Auch nicht das leiseste Geräusch ließ sich hören. Das Fallen selbst des kleinsten Gegenstandes wäre befremdend gewesen. Die im Grabe kannten nicht solche blutleere, entsetzliche Stille. Wenn sie doch nachließe! Wenn Anne-Susanne doch ihre Stimme erhöbe, um das Fest einzuläuten. Wenn sie doch klänge! Ja, wenn sie doch klänge! Da – plötzlich zerriß sie ... die Stille ... Der alte Wann reckte sich auf, und ein Schrei rang sich von seinen Lippen, als schrie im Sturm ein Segel, das mitten entzweiklaffte. Ha, wie die Fetzen jetzt flogen ...! »Nur Ruhe – Ruhe ...!« sagte der Alte. Mit der rechten Faust preßte er die Herzgrube. »Nur Ruhe – immer nur Ruhe ...!« Er erhob sich und sah in den gegenüberhängenden Spiegel. Da sah er: das rechte Augenlid war ihm tiefer gefallen. Gelähmt hing es nieder. »Auch das noch!« sagte er stumpf vor sich hin. Dann griff er ins Leere, ins Nichts, als wenn er in die Ewigkeit griffe. Mit einem wehen Laut fiel er vorwärts, umpackte das Schreibpult und preßte die Stirne gegen die Platte. Und wieder die Stille, die blutleere, atemlose, entsetzliche Stille von eben.   13 »Nur Ruhe – immer nur Ruhe ...!« – und er merkte es nicht, daß eine Lautlosigkeit um ihn war, die den leichten Schritt eines Gedankens vernommen hätte, so behutsam und feierlich rückte die Zeit weiter, Sekunde um Sekunde, Minute um Minute. Die Welt hatte den Pulsschlag verloren und sich selber vergessen. Draußen war ein heiliger, jungfräulicher Abend. Die Stadt lag unter weißen Rosen, und mit wunderseligem Glanz legten die erhellten Fenster lange Lichtbalken über die Schneedecken, die sich bis dicht an die Türschwellen drängten. Von Zeit zu Zeit wisperte ein seines Glöckchen darüber hin, kaum hörbar, aber mit einem unendlich glücklichen Stimmchen. Auch dieses Glöckchen war heilig. Es kam direkt vom Himmel und wurde von einem stillen Mann geläutet, der mit Rucksack, papierner Mitra und mit einem langen Flachsbart von Haus zu Haus ging, um den ›Sinter Klaas‹ zu den Kindern zu bringen. Und er duftete nach Moppen und Spekulatiusmännern, und in seinem Sack raschelten die Walnüsse wie die lieben Entchen im Häckselstroh ... Vom nahen Turm holte die Uhr aus. Fünf einzelne Schläge! – aber sie glitten auf Gummischuhen über die Dächer der Menschen, so weich klangen sie, als riefen sie aus Daunen heraus, als müßten sie den großen Schmerz teilen, der neben Pitt Pulcher stand und ihm erbarmungslos die heiße Stirn gegen die Pultkante drückte. Dann verhallten sie, als wären sie niemals gewesen. Um dieselbe Stunde glimmten in der Kirche einzelne Fenster auf, aber nur matt, wie angehaucht, kaum, daß man die einzelnen Heiligenbilder in der Verglasung wahrnehmen konnte. Ein langer Schatten, der bald einschrumpfte und sich gleich darauf bis zu den Kreuzgewölben erhob, machte die Runde. Es war der Schatten von Blasius Roloffs. Der Küster hatte soeben die ewige Lampe mit frischer Nahrung versorgt. Jetzt glitt er eiligst und mit brennendem Wachsstock zum westlichen Turmportal, wo sich die Glockenseile aus geisterhaftem Dunkel herabließen. Hier entzündete er etliche Kerzen, die auf alten Metalleuchtern standen. Silbrig kroch eine schwache Helle an den Seilen aufwärts. Er beleuchtete ein schwarzes Täfelchen an der Schmalseite des Portals. »Richtig!« meinte Herr Blasius Roloffs. »Um sechs Uhr wird Anne-Susanne geläutet.« Dann nahm er wieder seinen üblichen Gang auf. Seitlich des Bildstockes ›Christus auf dem kalten Stein‹ erhob sich die aus Holz geschnitzte Figur des heiligen Nikolaus. Eine kleine Messinglaterne verbreitete ein kümmerliches Licht. Es war dem Verlöschen nahe. Zu Ehren des Heiligen steckte Herr Roloffs eine frische Kerze auf, entzündete sie und ging der nahen Sakristei zu, um hier die letzten Vorkehrungen für die morgige Frühmesse zu treffen. Der vierschrötige Herr verlor sich im Düster, nur das hagere, vom Wachsstock beleuchte Komödiantengesicht schwebte in Mannshöhe über dem Estrich, als würde es geisterhaft und von unsichtbaren Händen weitergetragen. Dann verschwand auch dieses, spurlos, wie aus der Dämmerung gewischt; nur ein feines Duftwölkchen nach Kräuterwerk und Buchsbaum blieb übrig, ein Zeichen dafür, daß Herr Blasius Roloffs durch die Kirche gegangen. Vom Hochaltar her knisterte die ewige Lampe. – Pitt Pulcher regte sich. Langsam hob er den Kopf und sah durch die Scheiben. Er sah etliche Kirchenfenster aufdunsten, er sah die weißen Rosen auf den Gesimsen liegen. Nichts entging ihm, nur – er wußte nicht mehr, was ihm soeben passiert war. Er hatte das schwere Geräusch von fernen Kirchenglocken im Ohr. Das waren Totenglocken – Totenglocken ...! Sie läuteten stärker und fielen über ihn mit dumpfen, entsetzlichen Schlägen. Sie gaben ihm das Leben zurück. Sie schoben ihm das vernichtende Geständnis vor Augen. Er hielt noch immer den zerknitterten Brief zwischen den Händen. Er sah die einzelnen Worte – die einzelnen Sätze ... Es kam ihm vor, als drängten sich einzelne Blutstropfen aus dem Papier – als kämen sie ins Fließen – als kröchen sie über seine kreidigen Finger ... und das Grauen kletterte an ihm empor und umgriff seine Kehle ... »Herzlieber Mann ...! – Ja, das steht hier geschrieben, mit nackten, dürren Worten geschrieben ... das ist ja prächtig, das ist ja, um den Verstand aus den Fugen zu treiben ... Aber nur langsam. Nicht gleich mit der Karre ins Moorwasser hinein ...« Er legte den Brief auf den Tisch und glättete ihn mit starren Händen. »So was muß man noch einmal lesen,« sagte er schartig. Jedes Wort war wie mit einem stumpfen Messer aus dem Munde herausgeschält worden. »So etwas bekommt man nicht alle Tage unter die Finger. Das will Zeile für Zeile und Satz für Satz ausstudiert werden, sonst hat es seinen Zweck verfehlt, denn das Maß muß gestrichen voll sein, weil es sonst passieren könnte, daß der Mensch vorzeitig mit dem Schädel gegen die Wand rennt. So etwas verlangt 'nen klaren Kopf und 'ne gerade, ausgewachsene Besinnung. Also, Pitt Pulcher, lies die Sache noch mal, aber mit 'nem klaren Kopf und 'ner geraden, ausgewachsenen Besinnung. – Vielleicht findest du irgend 'nen Profit in der Sache. – Na, los denn dafür ...« Und Pitt Pulcher begann langsam zu lesen, ganz langsam, mit einem ausgeklügelten Tüfteln und einem grimmigen Behagen, als gefiele er sich darin, seinen wilden Schmerz noch wilder aufzupeitschen. Unbarmherzig setzte er die einzelnen Buchstaben nebeneinander: »Pitt, Du wirst mich begreifen. Nein, Du wirst mich niemals begreifen, und dennoch flehe ich Dich an, das hier Niedergelegte bis zum traurigen Abschluß lesen zu wollen. Ich fühle es: das Sterben tritt hinterrücks an mich heran, und wenn ich noch länger warte, bin ich wohl kaum noch in der Lage, die Feder zu regieren. Und das wäre furchtbar. – Pitt, ich bin Dir dankbar gewesen, damals vor Jahren, als Deine guten, treuen Blicke um mich waren und mein junges, fröstelndes Leben sich an Deiner Liebe erwärmen konnte. Als arme Lehrerin durfte ich ja in Deine Arme hinein – Dein Weib, Deine Mithelferin, Deine Fürsorgerin, und, so wahr ich dies schreibe, meine Neigung zu Dir war ehrlich und offen. Nur – Du wußtest ja selber, wie es um uns beide bestellt war. Das mußt Du gewußt haben, sonst wären Deine Augen nicht die klaren und reinen Augen gewesen, für die ich sie ansah. Also Du weißt: damals, vor Jahren, wollte ein anderer um meinetwillen das Leben von sich tun, um nicht ganz allmählich an seiner unglückseligen Neigung sterben zu müssen. Er wollte von der Mühle herunter. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde bei mir das Mitleid geboren. Es ging mit mir. Ich versuchte, es von mir zu stoßen – mit Bitten, mit Flehen, mit häßlichen Worten und Gedanken. Aber es blieb treu wie ein Hund, der seinem Peiniger noch mit zertretenem Rückgrat die Hand leckte. Es sah in meine Träume hinein. Es war bei mir in der Kirche, im Beichtstuhl. Es tastete mit verzweifelten Fingern über mein Bettlaken, als uns Anna geboren wurde. Ich müßte weit ausholen, um Dir das alles verständlich zu machen, ich müßte meine geheimsten Gedanken auseinanderlegen, um Dich in die Tiefe einer zermarterten Frauenseele blicken zu lassen. Das geht über meine Kräfte. Das würde mein Geständnis auf die Folter spannen und Deine armen Gedanken nur noch qualvoller machen. Außerdem, ich habe übermenschlich gelitten. Ein Mehr wäre imstande, das irdische Vergessen zu erzwingen. Das will ich nicht und darf ich nicht. Ich habe meinen armen Leib entweiht und will doch schließlich versuchen, das Unsterbliche in mir zu retten, denn ich hoffe zu Gott: er wird barmherzig sein ...« »Und ich?« sagte Pitt Pulcher, und er knöchelte sich mit der Faust gegen die Stirne. »Mutter, ich bin doch mit dir durch die Roggenfelder gegangen, durch die blühenden Roggenfelder! – wir beide, so ganz allein, so glücklich, so wie zwei selige Kinder, um jetzt aus dem Himmel gerissen zu werden. Mutter, es kann ja nicht wahr sein ...!« Aber da standen die gefühllosen Buchstaben und redeten ihre Sprache – eine Sprache, die in ihrer furchtbaren Einfachheit in die Knie zwang. »Ich hätte das alles verschweigen und mit ins Grab nehmen können, um Deinetwegen, um meinetwegen und der Kinder wegen. Aber es geht um Leben und Sterben, um Tod und Erlösung. Ich will Reinheit um mich haben; ich kann nicht mehr weiter ... Ach, Gott! – ich kann nicht mehr weiter ... Pitt, warum bist Du auch damals von mir gegangen, wenn auch nur für einige Wochen, damals, als Du sagtest, Du habest im Brandenburgischen zu tun, um das lecke Vermögen eines weitläufigen Verwandten über Wasser zu halten? War das denn nötig? Mußtest Du Dein junges Weib mit seinem Mitleid allein lassen? Das legte sich an meine Brust und scheitelte mir das Haar auseinander und ließ die auseinander gescheitelten Haare über sich gleiten und ließ meine Pflicht und mein Gewissen einschlafen ... und die Julinacht trieb den Heuduft von den Wiesen herüber und spielte mit verschwiegenen Blitzen. Ich war selber erschrocken bis in den Tod. Da kam er; da war alles in seliges Vergessen getaucht; Pitt, da kam das Unglück von der Mühle herunter. An jenem Abend – da lag die Welt in einem weiten, verschwimmenden Nebel. Ich Fluchwürdige! – Da hat's angefangen bei mir; erst langsam, dann immer stärker und stärker ... Alles war still umher ... Nur meine Seele wachte und riß ihre Augen auf in furchtbarem Grauen, denn ich hatte meinen armen Leib in seine Arme geflüchtet. – Pitt, ich höre Dich aufschreien. Pitt, erbarme Dich meiner ...! – es war ein Unglück geschehen ...« »Ein Unglück ...« wimmerte der Alte und glitt mit verklammten Fingern über den Briefbogen, »ein Unglück ...! – nur ein Unglück ...?!« Seine Stimme kroch am Boden wie ein gepeinigtes Tier; dann las er von neuem: »Was dann weiter geschah ...? Nichts ist weiter geschehn. Nur mein armer Leib war entweiht, und meine Seele ging betteln. Sie bettelte um Deine Liebe, sie bettelte um die Verzeihung des Himmels. Ich betäubte meine Gedanken, ich lebte neben Dir her – eine treue Frau, eine gezeichnete Frau, ein Weib mit einer würgenden Faust am Halse. Ich lebte wie eine Büßerin. Aber was half mir das alles? Der Schmelz der Reinheit war mir von den Flügeln genommen. Ich bin zu Ende. Mein Dasein ist zwecklos gewesen. Herzlieber Mann, wie kann ich vor Dir bestehn? Was soll ich noch unter den Menschen? Es ist schon das beste: zertritt mich. Seit zwanzig Jahren bin ich wie durch feuerrote Glut und dann wieder wie durch tiefes Dunkel gegangen. Eine gemeinsame Schuld bringt die Menschen näher zusammen. So heißt es. Das ist nicht wahr. Wenigstens bei mir nicht. Ich hasse den Menschen. Seit jener selig-unseligen Stunde bin ich Dir stets ein ehrliches, fürsorgendes Weib gewesen. Ich sage noch einmal: so wahr ich dies schreibe. – Aber wie wird das Sterben mir schwer sein! – Mein Gott und mein Heiland ...! – Pitt, nun wirst Du auch verstehn, warum ich immer darauf dachte und immerzu flehte: Stephan soll Geistlicher werden. Ich hatte ja einen Fürsprecher nötig. Er sollte für mich beten, um der ewigen Gnade teilhaftig zu werden. Und jetzt falte ich die Hände zusammen und presse sie auf die Stelle, wo das Herz zerbrechen will: Pitt, Stephan ist nicht Dein Kind; er ist der Sohn von Jakob Verheyen. – Und nun zertritt mich ... Du aber, himmlischer Vater, erbarme dich meiner und weise mich nicht von dir in der Stunde des Todes ...« »Jakob Verheyen ...!« Pitt Pulcher, der gewaltige Pitt Pulcher, der Mann mit dem harten Gesicht und dem großen Stolz in der Brust, streckte die Arme, als wäre ihm eine Axt zwischen die Augen gefahren. »Nun ist das Unglück doch von der Mühle gekommen ... doch von der Mühle gekommen ... doch von der Mühle gekommen ...« Die letzten Worte erstarben in einem hilflosen Wimmern. Dann aber ... »Jakob Verheyen ...!« Die rechte Faust flog zur Decke und stand dort minutenlang in eherner Starre – blutleer, zusammengebacken, die Hand eines Toten. Die Welt rührte sich nicht. Was ging hier vor? Langsam sank die Faust wieder herunter. Alles Wilde, alle Verzweiflung, alles Leere und, Eiserne war in diesem Augenblick von dem Antlitz des alten Mannes genommen. Er sprach still vor sich hin. Er sprach, wie die Gezeichneten sprechen, wie die armen Menschen hinter den Stäben eines Irrenhauses es in der Gewohnheit haben, wenn sie in Gottes schöne Welt hinaussehen, um dann wieder wie ein glückliches Kind unter dem Weihnachtsbaum zu lallen. Und doch war auch dieses stille und versonnene Lallen und Sprechen entsetzlich, denn das rechte Augenlid sank ihm dabei immer schwerer und tiefer herunter. »Es ist gut,« meinte er schließlich, als habe der Brief lediglich von geschäftlichen Dingen gehandelt, »nichts, reineweg gar nichts. Es erübrigt nur noch, so'n bißchen zu beten, denn mit 'nem guten Gebet und 'ner Hand voll Weihwasser egalisiert sich die Sache von selber.« In größter Seelenruhe schob er sich die ›Nachfolge Christi‹ unter die Achsel, ging die Treppe hinunter und fuhr mit derselben Seelenruhe in die blanken Holzschuhe hinein, nachdem er den zerknitterten Brief sorgfältig gefaltet und in die Rocktasche gesteckt hatte. Barhaupt trat er über die Schwelle. Pitt Pulcher sah unheimlich aus, als er so in seinem langschößigen Rock und mit verwehten Haaren auf das Portal der nahen Kirche zuschritt. Rings um ihn standen erleuchtete Fenster. Sie sahen aus wie strahlende Cherubim mit feurigen Schwertern, die einen weißen Katafalk bewachten. Unter ihm ruhte das Herz der Mutter Erde. Alles war tot um ihn, vereinsamt und mit Sterbelaken umspreitet. Nur unter seinen Holzschuhen piepste der Schnee wie junge Zwitschermäuse. Wie kleine Lampen hingen die Sterne vom Himmel herunter. Sie zitterten in ihrer eigenen Kälte. Pitt Pulcher fror nicht. Er glaubte, über weichen, warmen Sammet zu schreiten. Jetzt klapperten die Holzschuhe unter seinen Füßen. Er hatte die Portaltür aufgestoßen. Er trat in die verlassene Kirche, er trat in den Stuhl, dicht neben der Kanzel, da, wo er immer in Gemeinschaft seines Weibes dem Gottesdienst beigewohnt hatte. Er kniete nieder, er umkrampfte das Buch, er versuchte zu beten ... Es gelang ihm nicht. Mit erneuter Wut fielen die wilden Gedanken über ihn her. Sie peitschten ihn hoch und trieben ihn haltlos und wider Willen durch das magere Kerzenlicht und die gespenstischen Schatten, die sich erst am Kreuzgewölbe verloren. Er hielt's nicht mehr aus. Hier unten war seines Bleibens nicht länger. Er glaubte sich verfolgt. Jakob Verheyen stieß ihm mit der Faust gegen die Stirne. Er sah rasende Windmühlenflügel. »Jakob Verheyen, hast du mir nicht am Grab meines Weibes in die Hand gelobt ... Hundeseele, verfluchte!« Er würgte den Schrei, der in seiner Brust aufsteigen wollte, mit letzter Willenskraft herunter. Sinnlos taumelte er weiter, an ›Christus auf dem kalten Stein‹ vorüber. Er hörte die Pulsanten. Nicht lange mehr, und sie zogen die Glocken. Von der Sakristei her kam das gedämpfte Hüsteln des Küsters. Gleich mußte Anne-Susanne ihre Stimme erheben. »Anne-Susanne! – Anne-Susanne ...!« Da oben hing sie. Da war Licht und Freiheit und Leben – und Erbarmen ...! Mit fiebriger Hand riß er die Laterne vom Postament des heiligen Nikolaus. Links war die Tür, die durch ein Bogenportal zum Turm hinaufführte. Mit fliegendem Atem tastete er die Wände entlang. Auf schmalen Stiegen jagte er aufwärts – immer höher und höher. Er ließ das Geklapper der Holzschuhe hinter sich. Ein scharfer Luftstrom kam ihm entgegen. Er stemmte sich gegen ihn an, obgleich der Strom immer eisiger und empfindlicher wurde. Jetzt erschauerte sein Körper unter der bissigen Kälte. Sein Schatten wuchs ins Riesenhafte, um dann wieder wie ein verschüchterter Zwerg sich zu ducken und ineinander zu kriechen. Die mit Eiskristallen bewachsenen Wände hörten das Herz des keuchenden Mannes. Mit Geisterhänden strich es ihm über die Schläfen. Ein Windhauch, der pfeifend die engbrüstige Wendeltreppe entlang strich, blies das Licht in der Laterne aus. Greifbares Dunkel legte sich um den Alten. Er warf die Laterne von sich. Polternd klirrte sie von Stufe zu Stufe. Pitt Pulcher ließ klirren, was klirren wollte. Nur immer höher und höher ... nur immer weiter und weiter ... In seinem Schläfen hämmerte das Blut. Mochte es hämmern. Er stolperte von Stiege zu Stiege, von Treppe zu Treppe. Jetzt kamen Holztritte. Er fühlte es an dem dumpfen Gedröhn, das unter ihm herlief. Da plötzlich ... er mußte bald oben sein ... Aber ihm ertönte eine brausende Stimme. Eine zweite folgte, eine dritte setzte ein. Gleich eisernen Adlern kamen sie aus der Höhe herunter. Ihr schweres Gefieder rauschte wie Sturmwind. Pitt Pulcher kannte die ehernen Vögel. Das waren Klinsa, der Türk und die Antoniusglocke. Immer lauter und lauter! Er hörte ein Knistern und Knacken. Kalkpartikel fielen von den Wänden. Immer lauter und lauter! – aber eine schwieg noch. Anne-Susanne war nicht unter den singenden Glocken. Immer lauter und lauter! Noch zwanzig Stiegen – noch zehn... Eine eigentümliche Helle fiel über ihn her. In breiten Streifen flutete das Mondlicht durch die Schallöcher. Silbrige Fetzen legten sich um ein massiges Gewirr von Balken und Strebepfeilern. Der Alte war oben. Ein lautes Ächzen rüttelte den eisenstarken Mann. Über ihm sangen und dröhnten die schwingenden Kelche – unheimliche Lebewesen, polternde Geister, heulende Sirenen, die, von mächtigen Seilen geschaukelt, rückwärts drängten, um mit offenen Mäulern und Posaunenstimmen wieder vorwärts zu stürzen. Schattenhaft wiegten sie sich nebeneinander und doch urgewaltig und mit hallenden Zungen. Klinsa hatte die führende Stimme. Nur eine schwieg noch immer. Stumm hing sie zwischen den Schwestern, ringsum bordiert, ehrfurchtgebietend in ihrem brütenden Schweigen. In ihrer ganzen Größe und Wucht drängte sie sich aus der Tiefe heraus, ruhte sie auf den Pfannenlagern, schwebte sie zwischen den eisenbeschlagenen Balken, gewillt, jeden Augenblick ihre majestätische Ruhe von sich zu streifen. »Anne-Susanne ...!« Wie zu einem Wunder sah der Alte zu dem gewaltigen Kelch auf. Seine Hände falteten sich, seine Knie beugten sich, seine Stirn berührte die zerrissenen Dielen. Lallend kam es von den gepreßten Lippen: »Los en eer moet gade syn, Anne-Susann is de name mien; Mie gaet, die Jan van Vechgel heit Int jaer ons Herr als hier na steit: Tausenddreihundertundachtzig...« Die Worte flackerten. Der hagere Brustkorb des Alten hob und senkte sich. Er streckte sich wieder. Die scheuen Blicke krochen aufwärts. Der Wahnsinn stand neben ihm. Bis hierher hatte er die wütige Qual getragen, bis hierher ins Glockengebälk, bis an den Thron der Richterin – hier wollte er klagen und schreien ... »Anne-Susanne ...!« Und plötzlich, hier unter dem Geläut, dem Dröhnen und dem Schwingen und Singen der übrigen Glocken, rückte es in ihrem ehernen Körper. Sie kam in Bewegung: erst ungelenk, langsam, sich rüttelnd und schüttelnd, als wäre sie aus einem schweren Traum geschreckt ... dann aber: das Weib mit dem ehernen Reifrock, das vielhundertjährige Weib und doch so stimmgewaltig wie in den Tagen der Jugend, die starre Frau mit dem dröhnenden Mund, die den Blitz scheuchte, die Lebendigen feierte und die Toten in die Erde hineinsang – Anne-Susanne, die Richterin, die Ruferin, nicht aus Stolz und feilem Hochmut heraus, sondern im Frieden mit Gott und in christlicher Demut von Kaspar Christian Pulcher, dem Weberkönig zu Köln, ins Dasein gerufen und gesetzt, die Ehre der Pulcherleute zu hüten, Anne-Susanne, die Glocke, war lebendig geworden. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong ...!« Das Mondlicht auffangend, das Mondlicht von sich stoßend, wiegte sie sich selbstgefällig und mit gigantischer Wucht zwischen den stöhnenden Balken. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong ...!« Die Mauern des gewaltigen Turmes kamen ins Schwanken. Sie stöhnten bis in ihre tiefsten Grundfesten hinein. Ihre Gefährtinnen übertönend, donnerten ihre vollen Akkorde durch die vom Mondlicht durchgeisterte Glockenstube, zogen allbefreiend durch die Schallöcher, um von hier aus siegreich und mit weitgebreiteten Schwingen über die verschneite Erde zu pilgern. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong ...!« Mit Keulenschlägen kamen die herrischen Klänge herunter. Wie das dröhnte und brauste und in die Ohren hineingellte! Das gewaltige Weib mit der ehernen Haube, dem ehernen Leib und dem ehernen Reifrock tanzte immer toller und wilder. Und dabei wackelte es bedrohlich mit seinem riesigen Kopf und ließ das Stirnband aufleuchten, als wäre es weißglühend geworden. Pitt Pulcher bäumte sich rücklings, er reckte die Arme, er hob sie auf zur brüllenden Glocke. Er hatte den zerknitterten Brief zwischen den Fingern. »Da lies, Anne-Susanne! – Da lies, Anne- Susanne...! und wenn du kannst, läute mir Ruhe zu, läute mir Ruhe zu! – Mein Weib, meine Ehre...!« Er zerknüllte den Brief, er flocht die Hände zusammen. »Anne-Susanne, Pitt Pulcher steht hier, der alte Pitt Pulcher ...! Hilf mir doch, Anne-Susanne, sonst ... ich ertrag' es nicht länger. Du bist doch dem lieben Gott geweiht, du bist doch den Engeln geweiht, du bist doch den Pulchers geweiht ...! – Oder willst du nicht helfen ...?! – Willst du nicht helfen ...?!« »Nein ...!« donnerte die Glocke, und erschrecklicher, grausiger, entsetzlicher hallte ihr ›Dum, ding, dong‹ durch den Turm, die Wände rüttelnd, die Balken schüttelnd, um mit Zentnergewichten auf die verschneite Erde zu stürzen. Das war keine friedliche Stimme, keine Stimme des Trostes, keine Stimme des Engels des Herrn. Das war die Stimme des Gerichtes ... Pitt Pulcher grauste. Eiskalt, mit scharfen Nadeln lief es ihm über den Rücken. Sein Antlitz verzerrte sich. Schaum trat über die zusammengekniffenen Lippen. »Der Ruf des Gerichtes! – Die Posaune des ewigen Gottes ...!« Wütig hob er sich dem sausenden Kelch entgegen: »Anne-Susanne, schlage Jakob Verheyen zusammen! Und wenn du nicht willst . .. hier stehe ich: Pitt Pulcher, der arme Pitt Pulcher, der gequälte Pitt Pulcher ...! Anne-Susanne schlage mich tot, schlage mich tot ...! – Anne-Susanne, mein Weib, mein Kind, meine gemordete Ehre ...!« Der Alte griff sich ins Haar, an die Schläfen, er schob die Faust zwischen Hals und Binde, er würgte die ächzende Kehle ... Er sah fliegende Segel, kreisende Flecke, Brunst und Feuer und Flammen ... Er taumelte rücklings, den Blick auf die schwingende Glocke gerichtet ... »Meine gemordete Ehre . ..!« Dumpf schlug sein Kopf auf einen Balken, der neben ihm aufragte ... dann ein Taumeln und Stürzen ... Und der Herr nahm ihm einen Schrei vom Munde, der das Läuten der Glocke übertönte. Und dieser Schrei ...! Selbst Anne-Susanne erschreckte vor ihm. Sie wurde langsamer in ihrem furchtbaren Tanzen. Sie hielt den Atem an. Flügellahm rannte ihre Stimme gegen die Wände, um dort zu zerschellen, während der Schrei die Wendeltreppen hinabstolperte und die Kirche durchhallte. Die Pulsanten hörten ihn. Die Seile entglitten ihren Händen. Wie lange Gespenster tanzten diese auf und nieder und legten sich wechselseitig die Stricke um die hageren Leiber. »Herr Roloffs ...!« Dores Jansen stand sprachlos. »Das kommt von oben,« sagte der Küster. Er mußte sich an einem Pfeiler halten, um nicht niederzustürzen. »Das ist ja eine furchtbare Stimme.« »Die kenne ich,« entsetzte sich Dores, »das ist Pitt Pulcher die seine.« »Herr Jeses!« rief Thyß, »sollt mal sehn, den hat Anne-Susanne erschlagen.« Als erster war er auf der Wendeltreppe. Die anderen folgten. Herr Roloffs mit brennender Laterne. Im Sturmschritt ging es nach oben. Das Grauen lief mit ihnen, und als sie oben ankamen, drehte es ihnen das Herz ab. Anne-Susanne summte noch immer. Ihr eherner Leib wiegte noch leise, und unter ihm, den Brief zwischen den Fingern, lag der Alte, als hätte ihn ein Hieb auf den Rücken geworfen. Wie feuchtes Werg hingen ihm die Haare um die Schläfen. Aber das eine Auge hatte sich das kranke Lid als Schleier gezogen, das andere stierte verglast in den Kelch der schaukelnden Glocke. »Aberst ich bitte Ihnen, Herr Pulcher ...!« Dores versuchte, ihn in die Höhe zu richten. Mit Hilfe der anderen gelang es. Der Küster sprach trostvolle Worte und machte das Zeichen des Kreuzes gegen den Alten. Langsam kehrte das Leben zurück. »Was ist denn passiert?« fragte Herr Roloffs und knüpfte ihm die Binde loser. Pitt Pulcher schüttelte den Kopf: »Ich weiß es ja selbst nicht.« Das Briefpapier knisterte zwischen seinen Fingern. »Sollen wir Ihnen nach Hause bringen, Herr Pulcher?« fragte Dores mit umflorter Stimme. Seine Gefühlsharfe begann leise zu klingen. »Ich bitte Ihnen, was hat das alles zu sagen? Das ist ja Propter und Prätorius 'ne bedeutsame Sache. Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pulcher?« »Mit nichts, mit nichts!« lächelte der gebrochene Mann, und seine Lippen verzogen sich, als wenn ihm das Weinen ankäme. «Nur, wenn ich bitten darf – ich habe mit dem Dechanten zu sprechen.« »Schön!« sagte Herr Roloffs – und da gingen sie hin und geleiteten Pitt Pulcher nach unten. »Anne-Susanne! – Anne-Susanne ...!«   14 »Na, Hänschen, wie wär's denn?« Herr Heinrich van Egern lehnte sich in seinem Korbsessel zurück, schnalzte pläsierlich mit Daumen und Zeigefinger und forderte durch liebevollen Zuspruch seinen kleinen Andreasberger auf, ein fröhliches Liebchen zu pfeifen. »Hänschen, geniere dich nicht. Heut ist doch Sankt Nikolausabend ...« und da tat denn der Kanari auch ein übriges und blähte sein Kröpfchen. Der alte Herr stellte die brennende Pfeife beiseite und lauschte andächtig und mit geschlossenen Augen auf die seine Singweise seines geflügelten Lieblings. »Schön so, Hänschen, immer man weiter ... immer man weiter ...!« Fädchen spann sich an Fädchen. Kaum hörbare Töne reihten sich nebeneinander, rieselten wie aus weiter Ferne herüber und erinnerten an den lieblichen Singsang, den nur Sonntagsmenschen begreifen, wenn sie ganz heimlich das artige Spiel der Elfenkinder vernehmen. Und der Andreasberger nahm den geistlichen Herrn bei der Hand und geleitete ihn sacht in den Abend hinaus, wo der Schnee blütenweiß in den Straßen lag und die aufgesteckten Himmelslichter in der kalten Winterpracht so groß wie kleine Sonnen erschienen. Mit überirdischen Stimmen kam es von oben herunter, aber so klar und glitzerblank, als wären die einzelnen Töne aus Glas gesponnen. »Wie wundersam ...!« sprach der Dechant vor sich hin, und er dachte an Vater und Mutter und an die Zeit seiner Jugend, wo er in den Nikolausabend hinaussah, das Herz voller Wunder und das Gemüt voll inniger Schauer, die ihm geboten, niederzuknien und dem Erscheinen des heiligen Mannes entgegenzubeten. Und das starre Eis krachte vom nahegelegenen Ravelin herüber. Vergoldete Nüsse raschelten im Sack, und köstlich piepsten die Bratäpfel in der Ofenröhre, heimlich wie Geisterlein und duftig wie Weihrauch, der an hohen Feiertagen die Kreuzgewölbe des Chores umspielte. »Wie wundersam ...!« sagte der Dechant. Auch heute beging er den seligen Abend, nur ganz anders wie damals. Es war die Zeit, in welcher Pitt Pulcher in tiefer Not und heißer Qual die Kirche betrat. Noch hatten nicht die heiligen Glocken gesprochen, aber ein stiller Friede saß behaglich in der Sofaecke der Dechanei, freute sich seines Daseins und hielt die große Heerschau über alle Stunden des verflossenen Jahres. Wie glücklich das alles war, wie sonnig und von dem Schweigen trauter Weltvergessenheit umgeistert! Und bei dieser Weltvergessenheit hatte kurz zuvor Heinrich van Egern in den Gedichten der Annette von Droste-Hülshoff gelesen. Noch schwebte ihm die letzte Strophe auf den Lippen, die er der ›Woche des alten Pfarrers‹ entnommen hatte und die da lautete: »Ja, wenn ich bin entladen Der Woche Last und Pein, Dann führe, Gott der Milde, Das Werk nach deinem Bilde In deinen Sonntag ein ...« und das geleitete ihn in das Reich des Genießens. Obgleich er noch verlähmt war, hatte sich seine Gesundheit in den letzten Wochen um vieles gebessert. Er fühlte sich freier. Der Lebenssaft begann wieder zu steigen, die Hoffnung pflanzte erneut ihr Fähnlein auf, und getrosten Mutes durfte er sich allabends sein Fläschchen Mosel vergönnen. So auch heute. Eine ›Valwigberger‹ stand neben ihm, und jedesmal, wenn er das Glas hob und trank und es niederstellte, dann mußte er eines trefflichen Mannes gedenken. Und als jetzt der Andreasberger seine Rolle anschwellen ließ, um sie verschwenderisch durch das Zimmer zu streuen, da sprach der alte Herr ganz versonnen vor sich hin: «Zwischen den Moselbergen und dort, wo die Brauselay ihr mit Thyrsusstäben geschmücktes Massiv aufhebt, von Reben umhegt und das Heim dicht an den lieblichen Strom gerückt – da wohnte er. Ich kannte ihn von Angesicht zu Angesicht, und manchen Schoppen haben wir in laulicher Sommernacht selbander gestochen. Ein Winzer von Gottes Gnaden und allen Menschen ein Wohlgefallen, pflegte er sein Weinchen mit herzlicher Inbrunst. Mit Johannes Brixius war brav und gut pokulieren. Er war ein lateinischer Winzer, und da eines Tages ... der Abend spielte mit dem schwanken Laub und ließ silberne Kringel über die Tafel gleiten ... da kam er, ganz Würde und Andacht, und brachte ein köstliches Tröpfchen. Auf dem Etikett stand geschrieben: Bibite hoc excellens vinum de vitibus Brixii. Atque valete ! – und die Gläser klangen zusammen, wie sie nie schöner geklungen hatten. Es war ein Läuten wie aus einem trefflichen Kometenjahr. Sein Glas aber klirrte zu Boden. Ich fühlte einen brennenden Stich in der Herzgrube. Er aber schien die verkörperte Ruhe; nur sein liebes Gesicht war etwas bleicher geworden. Es war die letzte Flasche, die wir gemeinsam leerten, denn bald darauf ging so ein gütiges Lächeln über seine stillen Züge. Und dieses Lächeln war nicht mehr von dieser Welt. Papa Brixius hatte sich sacht auf die Socken gemacht und gelangte dorthin, wo sein Herr und Erlöser wohnte. Solches geschah, als die Reben blühten und ein zarter Duft das ganze Tal erfüllte. Atque valete ! – Und die neuen Gescheine wölkten ihren Weihrauch über das Grab des einzigen Mannes. Sein Leben war ohne Fehl, und sein Sterben war köstlich. Wohl ihm!« Das Singen verlor sich. Da nahm der geistliche Herr das Glas und trank und sprach dann: »Deinem Angedenken, lieber Johannes. Ich glaube, du bist gut angeschrieben im Himmel, und deine Fürbitte wertet dort oben. Atque valete !« In diesem Augenblick pochte es an die Fensterrahmen und drang in das wohlig durchwärmte Zimmer, erst leise, dann stärker, dann mit sonorer Feier und Weihe. Von Sankt Nikolai klangen die Glocken herüber. »Aber eine fehlt noch,« sagte der Dechant und horchte hinaus, und horchte auf das melodische Geläut, und horchte auf das Zirpen der Lampe ... als sich auch schon eine neue Stimme erhob, die den Sturm vor sich herscheuchte und Zorn auf den Lippen hatte und gegen die Scheiben donnerte, als sei der Tag des Gerichtes gekommen. Mit brutaler Faust strich sie die friedliche Weltvergessenheit beiseite und trug den Mißton des Unbehagens zwischen die Wände. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong ...!« Wie das polterte und das friedfertige Mobiliar rüttelte! Solche Klänge waren noch niemals in die Stube des geistlichen Herrn gefallen. Nur die Feuer- und Sturmglocke hatte solche wütigen Töne. Herr Heinrich van Egern stützte sich auf die Lehnen seines Sessels. Alle Zuversicht war von seinem Antlitz gewichen. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong ...!« Es war ihm so, als öffnete sich lautlos die Tür, als dränge einer ins Zimmer, als träte er neben ihn, als legte sich ihm eine Hand auf den Scheitel ... Und diese Hand hatte die Kälte des Todes. Er griff nach der Klingel. Unwirsch schlug sie an und rief die Haushälterin über die Schwelle. Mit den Anzeichen tiefster Erregung sah sie auf ihren Herrn, der noch immer wähnte, die kalte Hand des Eindringlings auf seinem Scheitel zu fühlen. »Aber, Hochwürden ...« »Mieke, was wird da für 'ne Glocke geläutet?« fragte er hastig. Die Haushälterin lauschte hinaus. »Ich dächte wie immer – Anne-Susanne.« »Nein, das ist nicht Anne-Susanne.« »Aber ich bitte Ihnen, Hochwürden! Ich kenne doch Anne-Susanne! Ich mit meinen fünfzig Jahren und denn die Glocke nicht kennen?!« »Nein, Mieke, das ist nicht Anne-Susanne! – Die klingt ganz anders, die lärmt nicht und droht nicht, die trägt den Engel des Herrn zu den Menschen; aber was da jetzt redet und läutet ...« »Alles schon richtig, Hochwürden ...« »Nein, Mieke, das ist nicht Anne-Susanne.« »Herr Dechant ...!« Beteuernd preßte sie beide Hände auf ihren Seelenwärmer: »Herr Dechant, auf die letzte Wegzehrung kann ich das nehmen. Das ist keine andere als Anne-Susanne ... aber ich will selber mal nachsehn, denn schließlich: man kann immer nicht wissen... vornehmlich jetzt nicht, wo die heiligen Nächte anfangen ...« Und damit trat sie fröstelnd in den weißen Abend hinaus. Eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als sie ganz verstört und ganz auseinander zurückkam. Mit ihr trat Herr Roloffs ein. Hinter ihnen war das Gemurmel von verschüchterten Männern. »Herr Dechant, was ist das für ein Elend in der Kirche gewesen!« Ängstlich zog sie die Falten ihres Seelenwärmers zusammen. »Hochwürden, wenn es erlaubt ist zu reden,« meinte der Küster, »so möchten wir submissest ersuchen, Herrn Pulcher sprechen zu lassen.« Er zeigte mit dem Daumen über den Rücken. »Ich bitte darum,« sagte der Alte. »Ja, Hochwürden, ich möchte drum bitten.« Dores und Thyß drückten sich scheu in eine Ecke des Ganges. »Herr Dechant,« rang es sich von den Lippen des verzweifelten Mannes, »es ist schlimm, daß ich in dieser Verfassung komme, denn ich trage die Unruhe in das Haus des Friedens.« Der geistliche Herr sah ihn verständnislos an. Pitt Pulcher fuhr fort: »Herr Dechant, ich bin schon einmal ungelegen gekommen, damals in tiefer Not, als mein Weib verlangte, das Sakrament aus Ihren Händen zu nehmen. Heute ist die Not mir bis an den Hals gewachsen. Ich ersticke, Herr Dechant. – Herr Dechant, ich bin soeben bei meiner Glocke gewesen. Ich hatte ein Anliegen. Aber sie wollte nicht helfen und hat mich zu Boden geschlagen. Und da sagte ich mir: jetzt kann nur einer noch retten ... und so bin ich denn zu Ihnen gekommen, Herr Dechant.« »Sie sind mir immer willkommen, Herr Pulcher.« Seine Stimme zitterte, als er das sagte. »Dann möchte ich unter vier Augen...« »Wenn es darum ist...« und Herr van Egern machte eine sanfte Handbewegung gegen die Anwesenden. Die verstanden ihn und verließen geräuschlos das Zimmer. Hinter ihnen klinkte die Tür wie auf Filzpantoffeln ein. Pitt Pulcher trat näher. » Herr Dechant,« und die Hände flochten sich nervös ineinander, »statt 'ner wollenen Jacke habe ich 'ne Zwangsjacke am Leibe. Mir ist so, als läge mir ein hanfener Strick um den Hals, frisch von der Seilerbahn fort, so trocken ist es mir zwischen den Zähnen. Der Mensch kann 'ne Portion Unglück vertragen. Aber was zu viel ist, Herr Dechant...« Er war bis in den Schein der Lampe getreten. Jetzt sah der geistliche Herr erst. Er entsetzte sich bis in die tiefste Seele hinein. »Um Gottes willen, Herr Pulcher ...!« Nie im Leben hatte er ein solches Menschenantlitz gesehn. Mit eingepreßten Zähnen und verzerrtem Gesichte, als habe ihm ein wütiger Schmerz die Verzweiflung in die Züge gemeißelt, stand der gebrochene Weber vor ihm und versuchte es, den zerknitterten Brief mit hastigen Fingern auf seinem Ärmel zu glätten. Ein Blutstropfen hing ihm am Wunde. »Herr Pulcher...!« »Ja, Hochwürden, ich bin es ... und bei mir ist meine verstorbene Frau. Sie will was, sie kann die ewige Ruhe nicht finden. Das von früher gilt nicht mehr. Das hat seine Reinheit verloren. Sie hat noch mehr zu beichten, Herr Dechant ...« Er machte eine herrische Bewegung. »Lisbeth, komm her ... hier in die Knie ... hier in die Knie ... und dann bekenne, bekenne, denn du Haft noch 'ne ungesühnte Schuld auf dem Herzen, und sage: Ich armer sündiger Mensch bekenne vor Gott dem Allmächtigen, vor Gott dem Allwissenden ...« »Herr Pulcher, ich bitte Sie! Was soll das, was bedeutet das alles?« »Das bedeutet, Herr Dechant ...« Herr van Egern hielt ihm die Hand hin: »Kommen Sie. Kommen Sie dicht an meine Seite, Herr Pulcher. Und dann: seien Sie gefaßt, sprechen Sie vernünftig ...« »Vernünftig, Herr Dechant...?!« Bis jetzt hatte der Alte sich selbst in Zaum und Zügel gehalten. Nun ließ er die Kandare schießen. Er hielt es nicht mehr aus. Wie ein unnützes Möbel warf er seine angequälte Ruhe beiseite. Was sollte sie auch? Er hatte nichts mehr mit dieser Ruhe zu schaffen. Sie war ihm nur eine erbärmliche Maske gewesen, nichts weiter. Er schüttelte sich. Mit einem jähen Ruck zerrte er die Maske herunter ... »Gottverdammich, Herr Dechant ...!« Mit dem Rücken der linken Hand wischte er sich den rinnenden Blutstropfen von den Lippen. Alles drehte sich um ihn. Die Füße versagten. Er griff ins Leere, ins Nichts. Mit einem abgehackten Laut brach er auf einem Sessel zusammen. Sein Kopf sank nach vorne. Ein neuer Fluch saß ihm zwischen den Zähnen. »Aber, Herr Pulcher ...!« »Herr Dechant, ich kann ja nicht anders . .. mein Weib, meine gemordete Ehe ...! – Da liegen sie im Straßengraben ... der Kopf ist ihnen zertreten ... der Tod ist hinter mir her ... hier, lesen Sie selber, Herr Dechant . ..!« Er drückte ihm das geglättete Papier in die Hand. »Haben Sie doch Erbarmen mit mir! Das müssen Sie lesen, Herr Dechant. Wort für Wort und Zeile für Zeile. Und dann werden Sie sagen: Sterben ist hart, aber so was, das ist ein zehnfaches Sterben.« Mit einem dumpfen Murmeln brach er ab. Stieren Auges sah er jetzt in das Gesicht des stillen Mannes, der mit zitterigen Fingern den Brief auseinander faltete und hierauf zu lesen begann, erst flüchtig, dann nachhaltig und mit heimlichem Grausen. Bange, endlose Minuten vergingen. Sie hatten es nicht eilig. Sie taten so, als müßten sie einem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen. Es waren bange, lange Minuten wie im Angesicht von Leben und Sterben. Endlich ließ der geistliche Herr das Schreiben herunter und legte die frommen Hände darüber, als müsse er das furchtbare Geheimnis verdecken, als wäre es hierdurch getilgt aus dem Gedächtnis der Wissenden. Sein Antlitz war um einen Schein fahler geworden. Liebevoll und versöhnend ruhten dabei seine Blicke auf Pitt Pulcher, dessen Lippen sich krampfhaft bewegten und leise zu sprechen begannen: »Herr Dechant, sie ist meine Krone gewesen, mein Pflänzchen, das ich mit eigenen Händen eingrub in das verschwiegene Erdreich meines eigenen Gartens. Ich sah, wie es aufwuchs und freute mich, wie es gedieh – und Zweiglein trieb – und Blüten ansetzte. – Ich sah, wie der Regen ihm wohltat, wie der Sonnenschein ihm lächelte ... Und wenn der Winter kam – ich grub es aus und brachte es hinter die warmen Scheiben des Zimmers und war glücklich, wenn es auch hier seine Genüge hatte ... Und nu kommt da auf einmal so'n Mensch und verwüstet das alles. – Herr Dechant« – und die Stimme des Alten geriet wieder ins Wachsen – »hier ist heiliger Boden, und der Ort, wo Sie sitzen, ist heilig ... Herr Dechant, ich will wie ein Tier in der Tretmühle gehn, wie'n armseliger Schlackensammler bei den Hochöfen mein Brot verdienen ... Herr Dechant, Mutter ist tot. Sie kann nicht mehr sprechen. Aber ich kann noch sprechen. – Um Jesu Christi willen! – ich will alles von mir tun, was mir bislang das Höchste gewesen auf Erden: das Andenken an Kaspar Christian Pulcher, an die große Zeit der kölnischen Weber, mag darüber auch Anne-Susanne zerspringen – nur sagen sollen Sie mir hier auf heiliger Stätte: Es ist alles nicht wahr, dein Weib hat im Irrsinn geredet, dein Weib ist schuldlos geblieben ... Sonst, Herr Dechant: lassen Sie mich in ein Narrenhaus stecken – mir reißt das Herz auseinander – ich ersticke im Elend ...!« Der starke Mann lallte, und der eisgraue Kopf sank ihm immer tiefer und tiefer, bis er die Knie berührte. »Ich ersticke im Elend ...!« »Herr Pulcher ...!« Liebevoll beugte sich Herr Heinrich van Egern zu ihm. Tränen liefen ihm über die Wangen. Tränen waren in seiner Stimme, als er sagte: »Herr Pulcher, geben Sie mir Ihre Hand und seien Sie nicht ganz so verzweifelt. Ich verstehe Sie, ich weiß, was mit Keulenschlägen über Sie herfällt. Ich fühle mich eins mit Ihnen, Herr Pulcher, denn auch meine Seele ist wie ein Schiff in schwerer Seenot. Mir ist so, als würde auch mir ein fernes Sterbeglöckchen geläutet. Ich möchte Ihr armes Herz in beide Hände nehmen und es dem Herrn zeigen und sagen: Lieber Gott, sei barmherzig und rede ihm zu und sei ihm ein gütiger Mittler und Tröster. – Aber eins dürfen wir nicht vergessen, Herr Pulcher. Das nackte Leben sieht uns mit unerbittlichen Augen an. Wer sich nicht selber zu helfen vermag, der wird vom Leben zertreten. Und daher frage ich Sie: Was nun? Was gedenken Sie zu tun, um Herr über das harte Leid zu werden? Ich meine, Herr Pulcher ...« Er schluckte die letzten Worte herunter. Langsam hob sich die gemarterte Stirn von den Knien. Der Alte sah ihn verweht und mit toten Blicken an. »Was ich zu tun gedenke, Herr Dechant ...?!« Mit einem Satz fuhr er auf. Die geballte Hand fiel schwer auf den Tisch, daß die Schriften und Bücher hochsprangen und die leise singende Lampe ins Schwanken geriet. »Herr Dechant ...!« und seine Stimme ächzte wie eine Eiche im Sturm. Er hatte sich wieder. Alles Wehleidige fiel von ihm. Er war wieder der Alte von früher, der Alte mit dem kantigen Stolz unter dem Rock und mit dem Pulcherschen Blut in den Adern – der zielbewußte Nachfahre des Weberkönigs von Köln. »Ja, Herr Dechant, an den Hals will ich ihm. Hier unter diesen zwei Fäusten soll er verquiemen, und es soll mir ein besonderes Pläsier sein, ihn röcheln zu hören, bis alles vorbei ist.– Ich will's in die Welt hinausschreien: Entweder er oder ich! Einer von uns beiden hat an den lieben Herrgott zu glauben.« »Das werden Sie nicht tun.« »Herr Dechant ...!« »Nein, das werden Sie nicht tun. Sie werden vergeben, Sie werden nicht abweichen wollen von den Geboten und den Heilswahrheiten unserer christlichen Kirche.« Auch in den Blicken des geistlichen Herrn drohte es leise. »Sie werden sich gefügig zeigen den Worten, die ein Mann zu Ihnen redet, der es sich angelegen sein läßt, Sie vor dem Schlimmsten und vor sich selber zu retten.« »Herr Dechant, wo mir das alles passiert ist... ? !« »Ja, wo Ihnen das alles passiert ist.« »Mir sind ja die Sehnen durchschnitten ... mir ist ja der Verstand aus allen Fugen geraten ... Mein Gott und mein Heiland ...!« Der alte Mann schluchzte auf und schlug die Hände vor das arme Gesicht. »Und trotzdem, Herr Pulcher ... Sie haben ja selber gesagt: Diese Stätte ist heilig. Gut – sie ist heilig! Drum, Geliebter in Christo« – und er nahm das vertrauliche ›Du‹ in seine Arme, um besser und eindringlicher sprechen zu können – »vernehmen sollst du mich an dieser Stätte, und folgen sollst du meinen Worten, denn sie sind Kostgänger eines wahren und aufrichtigen Herzens – sonst: meine Augen haben nichts gesehn und meine Ohren nichts gehört. Ich tilge diese Stunde aus meinem Gedächtnis. Sie ist gestorben für mich.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, und seine Gedanken gingen über stille Weiten, um schließlich über blumige Wiesen zu schreiten. Ihm war so, als würde eine ferne Abendglocke geläutet. »Ich kann nicht aufstehn,« sagte er schließlich, »sonst würde ich dich an meine Brust ziehn, damit du hörst, was hier drinnen sinnt und denkt und feiertägig ist in dieser schweren Stunde. Pitt Pulcher, meine Tage sind gezählt; ich stehe an der Pforte der Ewigkeit. Jeden Augenblick kann der Herr mich rufen. Jeden Augenblick kann er mich um meine Taten, um meine Worte und Gedanken befragen. Sei gewiß: ich denke daran. Das will mein Gewissen – und darum weiß ich, was ich dir gebe. Pitt Pulcher, ich sage dir: Störe nicht die Ruhe der Toten. Entweihe nicht ihr Andenken. Laß deine Linke nicht wissen, was die Rechte tut. Gewiß: alles auf dieser Erde drängt nach Vergeltung und Ausgleich, die Welt sucht Rache, aber auch alles auf dieser Erde lebt nicht ewig und immer. Auch der tiefste Schmerz lebt nicht ewig. Ihm sind Grenzen gegeben. Zwanzig Jahre hat sie gebüßt und gelitten, zwanzig furchtbare Jahre. Zwanzig furchtbare Jahre hindurch hat sie geschwiegen, um zu retten, was noch zu retten war – um das äußere Glück der Familie nicht auseinanderzureißen. Drum schweige auch du ...« »Auch jetzt noch, Herr Dechant, wo sie das alles niedergelegt hat, mit ihrem eigenen Wollen ...?!« »Ja – auch jetzt noch, denn sie ist es ihrer armen Seele schuldig gewesen.« »Ihrer Seele schuldig gewesen ...« wiederholte der Alte und schüttelte den Kopf und ließ sich abermals in den Sessel zurückfallen, »ja, ihrer Seele schuldig gewesen ...« Er begriff das alles nicht ... aber die gütige Rede des geistlichen Herrn begriff er. Fest und zuversichtlich drang sie ihm zu, und da legte er seine Zerrüttung ab und sprach durch die ernste, feierliche Stille: »Ja, Herr Dechant, alles was Sie da sagten, das wird seine Richtigkeit haben, das ist ja so hoch und hehr wie der Leib unseres Herrn. Herr Dechant, aber mein Weib ... das Angedenken an sie ... wie soll ich das nehmen? Wie soll ich das herrichten, um mit Freuden an die Verstorbene denken zu können und ihr wieder meine alte Liebe zu geben ...? Wie soll ich das machen, Herr Dechant ...?« »Da hinein ...« sagte Heinrich van Egern, und seine Rechte wies auf das helle Feuer, das im Ofen knisterte. »Hier mit diesem Bekenntnis ins Feuer. Deine Ohren waren taub, deine Augen waren blind. Aus der Asche wird sich das Andenken der Verstorbenen wieder erheben, denn der Herr hat alle Sünde von ihr genommen. Sie ist bei ihm und im Himmel.« Und da wurde Pitt Pulcher wie ein gefügiges Kind. Er nahm das Schriftstück und übergab es den Flammen. Und wie ein gefügiges Kind schluchzte er auf und kniete nieder und legte das Haupt in den Schoß des stillen Mannes. Und der Brief flackerte auf und zerging und wurde zu Asche. »Und nun, Pitt Pulcher,« sagte der Dechant, und er beugte sich vor und glitt mit lieben Händen über den Scheitel des vor ihm Knienden, »schweige, wie die verbrannten Worte jetzt schweigen. Was würde reden auch helfen? Es wäre vom Übel. Und daher nimm das Kreuz auf und wandle. Nimm es auf um deiner Tochter willen – um deines Sohnes willen, der nicht dein Sohn ist – nimm es auf um deinetwillen – um der Ärmsten willen im Grabe.« »Ja, Herr Dechant, ich nehme das Kreuz auf. Ich tu ja alles, ich will ja alles, aber« – und noch einmal flammte der geknebelte Haß auf – »der Todbringer, der infame Mensch, der Würger meiner Ehre – der muß von seinem Thron herunter ...« Gierig fragend blickte das Auge Pitt Pulchers in das des Geistlichen: «Der muß von seinem Thron herunter, Herr Dechant.« »Nein, auch das nicht,« kam es bestimmt und ehrlich zurück. «Darüber wird ein anderer entscheiden und richten. Für uns ist auch dieses tot, und alles, was tot ist, soll ruhen. Dir aber zum Trost: Was auf Erden durchlebt und durchlitten wurde, findet dort oben die Krone des Lebens. Auch dir wird die Krone des Lebens werden, und das ewige Licht wird dir leuchten wie die Sonne aus ihrer Scheitelhöhe herunter.« »Hierzu kann ich nur weinen und Amen sagen, Herr Dechant.« Er küßte die weißen Hände des Geistlichen und weinte bitterlich. – Keiner sprach mehr. Nur der kleine Andreasberger, der während all der Zeit geschwiegen hatte, begann leise zu singen. Alles war dunkel und unsichtbar für Pitt Pulcher geworden. Er kniete noch immer. Er hatte mit seinem Weibe zu sprechen, und während er mit ihm redete, drückte er die Fäuste gegen seine Augäpfel, daß diese brannten und schließlich in purpurroter Lohe standen. Es war ein furchtbares Feuer. Dann nahm es an Heftigkeit ab. Es wurde zarter und reiner. Es verlor seine düsterrote Purpurfarbe. Es rückte von ihm. Es brannte nicht mehr in seinen Augäpfeln. Es glänzte wie die ewige Lampe am Altare des Herrn. Er fühlte keinen Schmerz mehr. Alles war von ihm genommen. Auch von seinem Weibe? Ja, auch von seinem Weibe. Da nahm er die Verstorbene bei der Hand und ging dem Altare des Herrn entgegen.   15 Von dieser Stunde an war Pitt Pulcher noch verschlossener und insichgekehrter. Er legte seinem heiligen Versprechen gemäß und im Angedenken an die Verstorbene seine Rache und die rechte Faust an die Kette, denn er sagte sich täglich: »Dicht neben mir brütet ein Gewitter. Es ist fest angenagelt am Boden und lauert. Noch zwinkert es nur, ungewiß und mit gelben Augen. Es regt und rührt sich nicht – noch nicht. Aber sä' keinen Wind. Sonst hebt es sich auf und tritt seinen Vormarsch an, denn wer Wind säet, wird Sturm ernten.« Und so hielt er sich in Zucht und Ordnung und ging seines Weges. Den traurigen Vorgang in der Glockenstube erwähnte er mit keiner Silbe. Er fand sich damit ab, wie man sich mit dem Unabänderlichen abfindet, und was merkwürdig war: auch diejenigen schwiegen, die Zeugen gewesen. Möglich aus innerem Mitleid heraus, möglich, sie konnten den Zusammenhang des Geschehens nicht finden, und so ließen sie denn die Dinge gehen, wie sie wollten, rüsteten auf Weihnacht und stellten bereits die großen Bowlenbehälter zurecht, um sich bei einem strammen Punsch oder Grog auf den ersten Januar vorzubereiten. Weihnachten kam, und als die Böller dem scheidenden Jahr ein Lebewohl nachriefen und durch sieben herzhafte Knälle das neue begrüßten, als die Glocken sich bei den Händen nahmen und feierlich singend über das verschneite niederrheinische Land zogen, da saßen die vom Seegersschen Gutshof um eine pompöse Suppenterrine, in der ein delikater, mit Zitronenscheiben versetzter Punsch wallte und kochte und die Stube mit köstlichen Düften durchräucherte. Alles, was zur Seegersschen Familie gehörte, die alte und die zukünftige Verwandtschaft, hatte sich eingefunden – bodenständige Leute, mit breiten Gesichtern und schwergoldenen Uhrketten, und Frauen in zierlichen Knippmützen und steifseidenen Kleidern. Franz Seegers sielte sich in Wonne und Großtuerei, und als die mit krapproten Rosen bemalte Wanduhr zum Schlag ausholte und zwölfmal lospinkte, hob er das gefüllte Punschglas und bewillkommnete den Eintritt des neuen Jahres in einer prächtigen Rede. Die saß man so, und als er fertig war, knatterte eine kräftige Lachsalve über die festlich gespreitete Tafel. »Prosit Neujahr ...!« Die Gläser klangen gegeneinander. Aber das von Hermann Verheyen zerschellte. Thres wurde unruhig. »Tut nichts!« meinte der Alte. «Man immer hü mit die bockigen Pferde. Scherben bringen Glück. Preußische Taler klingeln auch! – und du bist hier in 'ner Sippschaft, die es in der Gewohnheit hat, mit preußischen Talern zu klingeln. Drum prost, Hermann! – auf 'ne respektable Zukunft! aber auf 'ne Zukunft, die es versteht, ein angenehmes Spektakel zu machen. Hermann und Thres sollen leben!« Alle stimmten mit ein, und die Knechte und Mägde, die in der benachbarten Küche auf ihre Weise feierten, jubelten ihr ›Prosit Neujahr‹ und ihr ›Hoch sollen sie leben‹ so kräftig in die Schneenacht hinaus, daß davon die Pferde unruhig wurden und mit den Halfterketten rumorten. Jakob Verheyen stierte benaut vor sich hin. Seegers trat auf ihn zu. »Gottverdomie!« schrie er aus vollem Halse, »was hast du denn heute wieder im Leibe?« »Ich kann mir nicht helfen,« wehrte Verheyen ab, »aber mir ist so, als stände Pitt Pulcher hinter mir, als hätte er mir etwas zu sagen ...« »Herrjeses nochmal! – immer dieser verfluchte Pitt Pulcher ...!« »Ich kann mich nicht ändern, aber es ist so. Gib mal acht, der wirft mir noch 'nen Knüppel zwischen die Beine ... Du – der Mensch ist gefährlich. Das endet mit Pulver und Blei, und was so 'ne blaue Bohne an sich hat ...« Er brach jählings ab und stürzte sein dampfendes Punschglas herunter. »Pink, pink, pink ...!« In demselben Augenblick verkündete auch die Kastenuhr im Pulcherschen Hause den Beginn des neuen Jahres. Am den einfach gedeckten Tisch saßen der Alte, Anna und Stephan. Am Weihnachtsabend war Pitt nach seiner Buschparzelle gegangen, wo die einsame Fichte stand, hatte ein Zweiglein gebrochen und mit diesem Zweiglein das Bild seines verstorbenen Weibes geschmückt. Heute stand die bekränzte Photographie der stillen Frau neben ihm in lieblicher Anmut – und diese Anmut war auch später im Tode nicht von ihr gegangen. Als die Mitternachtsstunde einsetzte und mit seinem Klingen verhallte, nahm Pitt Pulcher das Glas und sprach versöhnt und ernst vor sich hin: »Auf Mutter ...:« Und sie stießen an und tranken. Und hierauf sah er seine Tochter an und sagte: »Anna, mein Kind, sie ist dir stets eine gute Mutter gewesen.« Und dann sah er den jungen Kaplan an, lange und seltsam, und schüttelte kaum merklich das graue Haar und sagte ebenfalls: »Stephan, auch dir ist sie eine gute Mutter gewesen, drum denke ich: wir bitten für sie, auf daß sie teilhaftig werde des ewigen Lebens.« Das Schwärmergesicht des jungen Geistlichen verklärte sich. Er faltete die Hände und sprach das ›Vater unser‹ mit schöner und vernehmlicher Stimme. Da war es so, als ginge der Geist der Verstorbenen durch das Zimmer. Und er ging von einem zum andern und segnete alle. Draußen aber läuteten die Neujahrsglocken und riefen ihr ›Prosit Neujahr‹ über das weite, traumende, schneeweiße Land. Ja, Prosit Neujahr! – ihr seligen, unseligen Menschen. – – – Am heiligen Dreikönigstage suchte Pitt Pulcher die Sankt Sebastianer auf, um mit ihnen über das Wohl und Wehe der Brüderschaft zu verhandeln. Das Befinden des Hauptmanns war von Tag zu Tag bedenklicher geworden. Stündlich hatte man mit dem Ableben des wackeren Quirinus vom Oort zu rechnen. »Der wird nicht wieder,« meinte Dores Jansen, »aberst solang ich nicht die sechs Bretter in Bestellung bekomme, darf über 'nen andern nicht abgestimmt werden.« Dem wurde beigepflichtet und sonstiges erledigt. Um die Abendstunde saß Pitt Pulcher über den Schriften. Das Wohl der Gesellschaft lag ihm am Herzen. Er studierte ihre Akten bis spät in die Nacht hinein. Als er zu Bett ging, fielen dichte Flocken vom Himmel. Am nächsten Morgen waren sie zu bitterkalten Flöckchen geworden, die schneidend um die Straßenecken fegten und jede Ritze verstopften. Die weiße Decke ballte sich nicht. Wie feinstaubiger Kandiszucker lag sie auf Gesimsen und Dächern, spreitete sich jungfräulich über die Straßen, und wenn ein Fuß über sie fortging, dann war es so, als sirrte die Flamme in einem Lampenzylinder. Die Bäume standen in einem silbrigen Duft, in einem Straminrahmen, dessen enggesponnene Maschen alle Einzelheiten verschleierten. Dunstig sah der Helm der Sankt Nikolaikirche aus der Höhe herunter. Nur ab und zu ruderte ein Dohlenvogel um die vereisten und überzuckerten Wasserspeier. Die Kälte war grimmig geworden. Um die zehnte Morgenstunde ließ das nadelspitzige Schneetreiben nach. Zwei Stunden später hörte es ganz auf. Ein stählerner Himmel lag über der Landschaft. – Nach dem Mittagessen klopfte Pitt Pulcher seine Kalkpfeife aus, schob den Nickeldeckel über und stellte sie auf das Eckbrett zu den übrigen Pfeifen. Hinter ihm polterte der Kanonenofen. Mit rotangelaufenen Backen und mit glühen Fünkchen, die er in den Aschenkasten hineinprätzelte, versuchte er es, eine behagliche Wärme zu schaffen, und dennoch gelang es ihm nicht, alle Eisblumen von den Fensterscheiben zu nehmen. Der Alte taute eine kreisrunde Stelle mit seinem Atem in die Brabanter Spitzen hinein und sah auf die Straße. »Es muß sein,« sagte er endlich. Um seine Mundecken zuckte ein schmerzliches Lächeln. Er fuhr sich über die Stirne, über das kranke Augenlid, als müsse er ein wehes Erinnern verwischen, langte nach seiner warmen Lammwolljacke und zog sich eine steife Otterfellmütze über die Ohren. Hierauf holte er seinen Dorn aus der Ecke, streifte die Fausthandschuhe über und verließ das Zimmer. Noch einen letzten Blick warf er auf die Photographie seines Weibes. »Mutter, es muß sein,« sagte er mit weicher Betonung. Er hatte gelernt, wieder ruhig zu denken. In der Neujahrsnacht waren alle Zweifel von ihm gefallen. Er hielt nicht mehr nach. Er hatte der verhängnisvollen Stunde Rechnung getragen. Nichts haftete ihr mehr an, auch nicht das geringste mehr. Alle Schuld war von ihr genommen. Der Tod nimmt alles hinweg. Aber auch abgesehen davon: die alte Liebe hatte aufs neue Wurzeln geschlagen. Sie ließ alles in milderen Farben erscheinen. Aus dieser Liebe wuchs für ihn die Sehnsucht heraus, bald mit der Verstorbenen vereinigt zu werden. Dieser Gedanke beschäftigte ihn seit Tagen. Er war ihm plötzlich gekommen, ohne dafür auch nur den geringsten, stichhaltigen Grund angeben zu können. Aber er ließ sich nicht scheuchen, und so ging er ihm in stiller Beschaulichkeit nach, etwa so, wie man einem scheidenden Sommerabend nachgeht, um das Blinzeln der ersten Sterne begrüßen zu können. Aber diesen Sternen war ja der Himmel, und in ihm ruhte ja das unnennbare Glück, der ewigen Anschauung Gottes teilhaftig zu werden. Daran dachte er jetzt. Wann dieses Glück kommen würde, das stand bei seinem Erlöser; darüber grübelte er nicht nach. Allein, er wollte nicht überrascht werden, er mußte seine Vorkehrungen treffen, und so entschloß er sich denn, das Allernotwendigste mit dem heutigen Tage in die Wege zu leiten. Als er den Hausflur betrat, hörte er Stina Mengels in der Küche hantieren. »Stina,« rief er ihr zu, »ich habe noch einen Ausgang zu machen.« Damit ging er zur Hanselaerer Straße, wo Dores Jansen wohnte. Der › Hobel le Beau ‹ war zu Hause. Der stillen Zeit wegen arbeitete er mit seinem Sohne auf Vorrat. In diesem Augenblick machte er sich allerdings an seinem Fläschchen zu schaffen während Thyß den unersättlichen Ofen mit Sägemehl und Abfallstücken fütterte. Beim Eintritt des Alten legte Dores die Flasche beiseite und salutierte: «Herr Pulcher, ich habe die Ehre.« Pitt Pulcher drückte ihm den Arm herunter und meinte: »Dores, darf ich mir eine Frage erlauben?« »Ich bitte gehorsamst.« »Dores, Ihr seid ein verständiger Mann, und viele behaupten, Ihr hättet die Gabe, mehr zu hören als andere Menschen.« »Schon richtig.« »Dann möchte ich fragen: hat etwa in letzter Zeit der Holzwurm gepinkert?« »Allerdings, aber man äußerst genierlich. Er hat so 'ne richtige Kurasch nicht gefunden, denn der Herr Dechant ist wieder auf die Beine gekommen.« »Und sonst nichts?« »Daß ich nicht wüßte, Herr Pulcher. Wir schaffen auf Vorrat. Aber die Sargtischlerei ist so'n bißchen die Pleite gefallen.« »Und der Holzwurm hat nichts mehr verlautbart?« »Leider, keine blasse Idee.« »Dores, Ihr könntet Euch irren. Ich meine, hat's nicht in der Wand geklopft, die auf den Kirchplatz hinausgeht?« Jansen riß die Augen auf: »Ihr wollt doch nicht sagen ...?!« »Ja, Dores, das wollte ich sagen.« »Aberst ich bitte Ihnen, Herr Pulcher ...! Sie stehn ja vor mir wie die leibhaftige Urkraft, wie so'n doppelt und dreifach verdiebeltes Sielengerüst mit verzahnte Trägers dazwischen. Und so was denkt nicht ans Sterben. Für Ihnen hat der Holzwurm noch lange keine Zeit, sich aufs Pinkern zu verlegen. So zehn Jährchen wird's Propter und Prätorius immerst noch dauern.« »Und dennoch möchte ich bitten ... Können Sie abkommen, Dores?« »Für Sie immerst, Herr Pulcher.« Der Alte sah sich in der Werkstätte um. Gehobelte und rauhe Bretter standen an den Wänden. Dazwischen hingen Sägen, Richtscheite und Bohrer. Die suchte er nicht. Seine Blicke wanderten weiter. In einer Ecke klebten sie fest. Zwei blanke Wolfsaugen lauerten da an langen, geglätteten Stielen. Mit dem Stock deutete er auf die gierigen Äxte. »Die meine ich,« sagte er bestimmt. »Die nehmt und kommt mit.« »Wohin soll's denn?« fragte der ›Hobel le Beau ‹ »Das sollt Ihr später erfahren.« »Schön,« sagte Dores. »Nur einen Momang noch.« Er und Thyß machten sich fertig, zogen die warmen Arbeitsjacken über und schulterten ihr Handwerksgerät. »Na – denn 'rein ins Vergnügen.« Gleich darauf verließen die drei, Pitt Pulcher in der Mitte, die Werkstätte, gingen die Hanselaerer Straße entlang, querten den Markt, traten in die zunächstgelegene Gasse, um von hier aus die Chaussee, die über Marienbaum nach Xanten führte, zu gewinnen. Die Leute sahen ihnen nach. »Was Pitt Pulcher nur hat?« fragten die einen. »Was er jetzt wieder anstellt?« meinten die andern. Aber keiner wußte Antwort auf die Fragen zu geben. Wortlos gingen die drei nebeneinander. Von den Chausseebäumen hingen weiße Spitzen. In dem nahen Ravelin raschelte das überständige Ried auf. Ein Stöhnen und Ächzen unterlief die mit dichten Graupeln überzogene Eisfläche. Es war wie ein Klagen der angeschmiedeten Wassergeister, die in der Kälte erstarrten. Das Schneefeld wurde unermeßlich. Die drei mitten dazwischen. In der Ferne glitt ein Schlitten vorüber. Der einzige schnelle Punkt in der weiten Umgebung. Lautlos und in ziehenden Dampf gehüllt, ging die Reise ins Nichts, in die weiße Unendlichkeit. Nur ab und zu ließ sich der spitze Klang eines Glöckchens vernehmen. Pitt Pulcher mußte unwillkürlich an eine arme Seele denken, die in das große, tiefe Schweigen hineinfuhr. Er winkte ihr zu, als müsse er ihr einen Gruß in die Ewigkeit mitgeben. Bald darauf verstummte das Glöckchen, als wäre es in den weichen Teppichen erstickt, die sich von der Landstraße gegen die niedrige Berglehne anschoben und alles Leben mit ihrem Flaum überdeckten. Und dennoch alles so groß, so andächtig, so mit Reinheit umgeben! – eine endlose Schneespreite, nur ab und zu von goldenen Fäden durchstreift, die die bereits tiefstehende Wintersonne in die Felder hineingestickt hatte. Und diese goldenen Fäden wurden breiter und länger. Sie glitzerten wie die Rauschgoldpartikelchen auf dem Sterbekleid einer Verblichenen. Sie verschönten die tote Erde und hießen sie lächeln. Pitt Pulcher fühlte das alles. Nach viertelstündigem Marsch verlangsamte er die Schritte und die seiner Begleiter. An einer umfriedeten Buschparzelle stoppte er ab. Es war seine Parzelle, zwei Morgen groß und mit niedrigen Lohhecken und Haselbüschen bestanden. Aber über dem verschneiten Kleinzeug, den geduckten Lohhecken und Haselbüschen hob es sich auf in sakraler Würde und Hoheit, da hob sich der Baum auf, der so oft in das Leben Pitt Pulchers hineingerauscht hatte. Wie ein Levit in fließendem Bart, mit langem Lichtgewand, an dem die überreiften Zapfen wie Stückchen hingen, wuchs er in den Himmel hinein – heilig, unberührt und denen ein Wohlgefallen, die sich auf seine geheimnisvolle Sprache verstanden. Fetzen versprengten Sonnengoldes hingen zwischen den umkrusteten Nadeln, glühten im Geäst, rieselten als Bordüren herunter und legten ihm einen leuchtenden Reifen um die silberhelle Stirn, auf dem die Worte ›Dem Jahwe geweiht‹ in flammenden Zeichen erschienen. Auf dem höchsten Wipfel saß ein Falke in majestätischer Rutze. Dem Jahwe geweiht ... Also Gott war in der Nähe, hier war sein Odem zu spüren, hier wohnte sein Friede. Hier stand sein Priester in klingender Winterpracht, keusch bis ins tiefste Mark, unberührt von den Sünden der Welt, der Reinste unter den Reinen, und läutete mit seinen Glöckchen – und spendete Weihrauch – und segnete die Welt. In Andacht versunken standen der Alte und seine Begleiter. Ihre Blicke gingen vom Fuß bis zum strahlenden Gipfel. Kein Fehl – alles ebenmäßige Schönheit! So standen sie lange. Jetzt stützte sich Dores auf den Stiel seiner Axt und sah fragend den Alten an. Der verstand ihn. »Kommt,« sagte er leise, stieß das Türchen in der Umgatterung auf und führte die beiden bis an den Wurzelstock des einsamen Baumes. Jetzt war es, als wenn der Levit zu singen begänne. Aus den Nadelschleiern kam es herunter. Erst aus weiter Ferne, dann näher, wie aus einer milchigen Wolke heraus, dann mit der verhaltenen Stimme einer Posaune, seltsam und traurig – und feine Schellchen waren dazwischen und das Klingen von Harfen . . und Pitt Pulcher sprach in dieses Raunen und Klingen hinein: «Leben und Sterben, Vergehen und Auferstehn! Dores, als gelernter Tischler wißt Ihr, daß nichts mehr im Saft steht. Im Saft geschlagenes Holz ist schlimmer, als hätte es Schwamm und Notfäule zwischen den Rippen. Ein vernünftiger Haushalter weiß das in Überlegung zu ziehen. Zwei Monate später, und zwischen Bast und Borke beginnt es wieder zu steigen. Dann ist die Zeit verpaßt. Jetzt ist die richtige Stunde gekommen, und aus dieser Erkenntnis heraus: Legt mir den Baum auf die Seite.« Dores glaubte nicht richtig gehört zu haben. »Aberst ich bitte Ihnen, Herr Pulcher!« sagte er kleinlaut. »Es ist beschlossene Sache.« »Und wenn auch! – aberst Ihre Freude und Ihr sogenanntes Pläsier und alles das, worunter Sie sich sommerabends amüsierten, das sollen wir umwerfen?« »Ja – man frisch an die Arbeit.« »Herr Pulcher, ich habe Sie immerst als verständig angesprochen, nu aber muß ich Sie für unverständig taxieren. Der Baum ist gesund bis in die innersten Knochen.« »Drum soll er fallen.« »Herr Pulcher ...!« »Dores, redet nicht weiter.« »Herr Pulcher, die ganze Gegend profitiert von die Fichte. Sie ist gewissermaßen unser Bekömmnis geworden.« »Habe ich Euch in Arbeit genommen? Ja oder nein?« »Schon richtig! – aberst mein Tischlerhonnör!« – und der ›Hobel le Beau ‹ nahm den Stiel der Axt zwischen die Beine und legte wie beschwörend die Hände auf die Wolljacke: «Herr Pulcher, setzt mir nackig in Indigo ... denn ich muß Ihnen sagen: Fällt der Baum, dann reißt er auch Ihre Freude und Ihr Leben mit um.« »Wollt Ihr zuschlagen. Dores?« »Er reißt Ihren Menschen zu Boden ...!« »Dores, ja oder nein?!« Da ließ Jansen die Arme herunter. »Thyß, dann geht das nicht anders,« sagte er fahrig vor sich hin. »Gegen Herrn Pulcher kann keiner nicht reden.« Und Vater und Sohn warfen die Fäustlinge von sich, spuckten in die Hände und umgriffen die sehnigen Stiele. »Thyß, in Gottes Namen hau' zu!« »Eins, zwei ...!« sagte Thyß. Und die gierigen Wolfsaugen blitzten im Winterlicht. Hoch über die Schultern gezogen, standen sie eine Augenblicksspanne unbeweglich in der Luft und wurden zu haarscharfen Schneiden. Der erste Axthieb krachte nieder. Hierauf der zweite. Pitt Pulcher wandte sich ab. Ein wehes Jammern und Rütteln ging durch den schnurgeraden Stamm. Eiskristalle prasselten nieder. Der Falke flog ab, schraubte sich hoch, um gleich darauf wieder aufzubäumen. Er wollte seinen alten Thron nicht verlassen. Und Axt fiel um Axt. Span um Span splitterte ab und taumelte mit weichem Aufschlag in die wollige Schneedecke. Mit abgewandtem Gesicht horchte der Alte auf das Krachen und Stöhnen. Ihn fror nicht mehr. Mit heißen Schläfen zählte er die einzelnen Hiebe. In regelmäßigen Intervallen fielen sie nieder. Die von Thyß klangen härter und schärfer. Jetzt wurde die Borke durchschlagen; er hörte es deutlich. Jetzt kamen Bast und Splint an die Reihe, und sie redeten eine Sprache, die ihm das Herz abstoßen wollte. Die Klagelaute ließen nach. Der erste Schmerz war vorüber. Das Schlimmste sollte noch kommen, wenn es ins Kernholz und in die eigentlichen Lebensfasern hineinging. Nur ein Wimmern kam aus den Ästen, die sich leise bewegten – und unter diesen Ästen hatte er zum erstenmal sein junges Weib innig umschlungen, hatte er von seinem Glücke und den zukünftigen Tagen gestammelt. Hier hatte er empfunden, was die Liebe einer Frau zu geben vermag, wie heiß sie war, wie selig sie machen konnte. Von hier aus hatte er mit ihr in das abendliche Land hinausgesehn – in das endlose Wiesenland – in das Land mit dem blanken Streifen des Rheines, der weit hinten bei den stumpfen Türmen von Rees aufglänzte – in das Land seiner Kindheit. Und ein warmer Hauch stieg von den Wiesen herauf – ein Duft nach frischem Heu und welkenden Blumen ... und jetzt taten die Äxte ihre unbarmherzige Arbeit. Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen. »Halt!« sagte Dores. Vater und Sohn verschnauften sich und wischten sich den Schweiß von der Stirne. »Die hätte Propter und Prätorius noch zweihundert Jahre mitmachen können,« sagte der ›Hobel le Beau ‹ und zeigte auf den Wurzelstock, wo eine klaffende Wunde sich auftat, frisch und gesund und bis ins Kernholz hineingehend. »Kolosal!« meinte Thyß und legte die Hand in die geschlagene Wunde. Glashelle Perlen köstlichen Balsams tropften zu Boden. Die Fichte blutete, und schon dem Tode nahe, spendete sie noch allverzeihend ihr liebliches Räucherwerk. Dores schüttelte den Kopf. »Es geht ja nicht anders,« sagte er traurig, »aberst ich muß immerst dran denken.« Und wieder krachten die Äxte. Sie gaben einen klagenden Ton von sich. Es ging hart auf hart. Der Stamm winselte. Das Mark wurde getroffen. Zum letzten Male sah der hohe Levit, sah der Priester unter den Bäumen, in Gottes schöne Welt hinein. Dem Westen zu standen heilige Zeichen. Die wurden zu feurigen Flammen, zu lodernden Bränden. Die legten einen Purpurmantel um die erschauernden Äste. Rote Kristalltropfen fielen herunter. Alles war Brunst und Lohe. Noch eine bange Viertelstunde – und der Edelfalke erhob sich. Senkrecht stieg er in den Himmel hinein und zog hier Kreise um Kreise. Und abermals waren fünf Minuten vergangen. »Achtung!« rief Dores. Vater und Sohn sprangen zur Seite. Die Fichte tat einen entsetzlichen Wehschrei, wie ihn der Mensch hat, wenn alle Rettung dahin ist, so furchtbar klang er, so von wilden Schmerzen durchzittert. Und dann ein Biegen und Brechen, ein Splittern und Knattern ... Der gewaltige Stamm legte sich sanft auf die Seite. Und dann, wie unter dem Dampf eines Räucheraltars, mit Brausen und Sausen, mit dem Klirren und Klingen von tausend und aber tausend Schnee- und Eiskristallen, mit dem geheimnisvollen Säuseln seiner Nadeln und Zweige stürzte er nieder, Gestrüpp und Kleinholz in seinem dumpfen Falle begrabend. Von der Berglehne kam das Echo zurück. Noch einmal dampfte eine Schneewehe auf, dann war alles vorüber. »Das wäre geleistet,« murmelte Thyß und stellte den rechten Fuß auf den geworfenen Riesen. Er hatte das Leben verloren. Kleinlaut standen die Männer nebeneinander. Aber ihnen aber kreiste noch immer der Falke, senkte sich tiefer, um wieder in die Höhe zu steigen. Er trauerte um seinen gestürzten Thronsitz. Hierauf strich er ab und glitt auf weichen, lautlosen Schwingen in den Glanz der untergehenden Sonne. Pitt Pulcher sah ihm nach, bis er untertauchte in der Glorie des Winterabends. Er war heilig bewegt. Feierlich nickte er dem ›Hobel le Beau ‹ zu und sprach aus dieser Feier heraus: «Dores, kommt mit auf die Seite. Ich habe Euch etwas zu sagen, aber was ich zu sagen habe, das bleibt unter uns, das ist Ehrensache, das braucht der junge Mann nicht zu wissen.« Dores verstand ihn und legte die Hand auf die Brust, als wenn er beschwören wollte: «Herr Pulcher, was hier liegt und mir anvertraut ist, das liegt so sicher geborgen wie unter 'nem Grabstein. Von dem erfährt keiner etwas. Niemand. Keine menschliche Seele. Ich komme, Herr Pulcher.« »Dores,« sagte hierauf der Alte, »die Fichte gehört Euch. Nehmt sie an für geleistete Arbeit. Sie ist in guten Händen. Nur – ich bedinge mir aus: wenn Ihr sie geschnitten und in Richte gebracht habt, dann stellt sechs Bretter beiseite – sechs astfreie, schnurgerade Bretter. Ich habe sie nötig. Auch die Späne davon muß ich haben. Dores, unter diesem Baum habe ich die schönsten Stunden meines Lebens gelebt. Unter diesem Baum grüßte mich die alte Zeit, die Blut an den Füßen hatte und Blut an den Händen. Aber diese Zeit war groß und gewaltig und hat uns Pulchers als Stürmer gesehen. Hier hörte ich den Klang von Anne-Susanne, und ihre Stimme segnete das Land, soweit sie ertönte. Dores, unter diesem Baum habe ich mit meinem armen Weib gesessen an schönen Tagen und an solchen, die das Weinen verlernt hatten und so arm waren wie Bettelvögte. Dores, und muß ich aus diesem Leben heraus – ein Stück dieses Baumes nehme ich mit mir. Zwischen seinen Brettern will ich ruhen. Diese Stunde kommt bald ...« »Aber, Herr Pulcher ...!« »Ich sage Euch: diese Stunde kommt bald, und daher ist mein Wille: Ihr, Dores, sollt mir den Sarg dafür machen. Gebt mir die Hand, daß es also geschieht. Nun wißt Ihr, warum die Fichte sterben mußte. Sie und ich gehören zusammen. Es ist mein Herzenswunsch.« »Ich weiß es, Herr Pulcher,« sagte Dores in tiefer Bewegung und legte seine Hand in die des Alten. »Es soll pünktlich besorgt werden. Jetzt versteh' ich auch alles.« »Na, denn ...« sagte Pitt Pulcher, und er straffte den Rücken, als wäre er wieder der Alte von früher. »So kommt,« sagte er ruhig. Noch einen letzten Blick warfen die drei auf die Niedergestreckte, dann zogen sie heimwärts. Wortlos, wie sie gekommen waren, also wortlos gingen sie auch wieder nach Hause. Die Äxte funkelten im Abendrot, als zögen zwei Fackeln ihres einsamen Weges. Eine Stunde später stand ein lichter Mond am Himmel, schön und herrlich anzuschauen. Er suchte die einsame Fichte, die er so oft in kalter Winternacht begrüßt hatte, aber er fand sie nicht wieder.   16 Unter diesen Begebnissen war der Winter gegangen, war der Frühling gekommen, hatte der Sommer seinen Einzug gehalten. Das Korn stand schwer auf den Äckern, und in den dunklen Wäldern, die nach Moyland zu lagen, war sanfter Orgelton ... In stillen Abendstunden wölkte sich ein köstlicher Weihrauch über den Roggen- und Weizenschlägen. Das Korn blühte und feierte Hochzeit, und wenn die Johanniswürmchen wie glühe Lämpchen durch die verschwiegenen Heckenwege irrten, hörte man das brautliche Werben und Stammeln und das heimliche Zusammenschauern der Ähren, das kein Ende nehmen wollte. Eine Aussaat von Sporen und Blütenstaub war unter der spiegelklaren Kuppel des Himmels. Im Säuseln des Windes wurde eine große Liebeswelle über die Felder getrieben. Sie verlor sich erst am tiefen Horizont, der wie ein violetter Seidenfaden die Ebene abgrenzte. Es war die Zeit, wo die am Niederrhein Kirmes machten. Das war fröhliche Zeit! Überall wurde der Schafsdarm gestrichen und die Harmonika lang gezogen. Von allen Schenken und Tenten bammelten die Fahnen in preußischen und deutschen Kulören, auch päpstliche waren dazwischen, und wenn von den Tanzböden die Klarinette durch Mark und Bein gellte, dann kam's nicht darauf an – dann zogen die vom Niederrhein ihren alten Adam aus, als fingerten sie die Haut von einer Schlackwurst oder einer Pellkartoffel herunter, verstauten ihre Schwerfälligkeit, das Zugeknöpfte und Breitnasige in die blankpolierte Kirschholzkommode, ließen Gottes Wasser über Gottes Acker laufen, um kurzerhand in die fidele und putzige Kirmesjacke zu fahren. Die umliegenden Ortschaften setzten zuerst mit dem Trubel ein – ein lustiger Auftakt, der die glitzernden Karussells in Bewegung setzte, mit Moppen und Lebkuchen herumduftete und die kreischenden Weiber über die Dielen schwenkte, daß die Röcke bis zu den prallen Schenkeln aufwirbelten. Dazu beflügelte das Bombardon die unermüdlichen Paare, drückte die verschwitzten Blusen und Mannesröcke eng gegeneinander und ließ sein sonores und ebenmäßiges: «Eck, Dreck, Speck Und überhaupt so ... Umphal – Umphal – Umpha ...!« bis in die Zehenspitzen hineinkribbeln. Die in der kleinen Stadt merkten auf, horchten in Richtung der verlockenden Klänge und wünschten das heilbringende Bombardon mit allen Masern und Fasern schon jetzt in ihre luftigen Zelte. Das sollte nicht lange mehr dauern, aber dann konnte es losgehn. Auch Franz Seegers befand sich mit seiner gesamten Verwandtschaft in einer gewissen Erregung. Am Kirmessonntag nämlich hatte das erste Aufgebot seiner Tochter von der Kanzel herunter zu erfolgen. Drei Wochen später war Hochzeit, und zu diesem Behuf machte der protzige Gutshof ein Gesicht, als müsse er an der Überfülle des eingebrachten Warenlagers ersticken. Ganze Ballen von bester Leinwand, Köperstoffen und Halbzeugen schichteten sich auf und wurden verschneidert. Das Brautkleid war in Bestellung gegeben, und als die Seidenproben einliefen, konnte Seegers sie nicht dick genug und teuer genug haben. »Nur prima, prima!« rief er der Probiermamsell zu, klimperte die losen Taler in der Tasche gegeneinander und ließ zur Aufmunterung etliche davon dem freudig erschreckten Frauenzimmer in den Schoß hüpfen. »Merci, Herr Seegers.« »Nichts zu danken, Mamsell. Wenn der Ochse drischt, soll man das Huhn nicht von dem Dreschboden jagen. Verstanden, Mamsell?« Eigenhändig zeichnete er die Ferkel, Hammel und Kälber aus, die zur Feier der Hochzeit Hals geben mußten, probierte an den teuersten Bordeauxweinen herum, um ja die nobelsten Marken anpräsentieren zu können, und wenn er nach des Tages Mühe und Arbeit auf seinem Hofe stand, dann konnte er sich stundenlang an seinem eigenen Glück und Wohlbehagen berauschen. Gierig sog er den Duft ein, der von den Kornfeldern herüberwehte. Er fächelte sich diesen fruchtbaren Duft zu und blähte die Nüstern. Er kaute diesen Duft, als hätte er schon jetzt frischgebackenes Weizen- und Roggenbrot zwischen den Zähnen. Er überschlug dabei als praktischer Mann den zu erzielenden Gewinn, und wenn er schließlich das Summa Summarum aufrechnete, dann war er mit sich und dem lieben Herrgott zufrieden, konnte es auch sein, denn sein Anwesen versprach ihm in diesem Jahre eine dreißigfältige Ernte. »Ich hab's,« sagte er hierauf, streckte und dehnte sich kräftig in seinem blauen Leinewandkittel und revierte die Gegend ab. Hinter der schmalen Baumreihe lagen die Verheyenschen Mühlen und Guanoschuppen. Er konnte das Surren der emsigen Maschinen vernehmen. Die neuaufgerichteten Werke waren in vollem Betrieb. »Soweit hätten wir dich, Jakob Verheyen, und hättest du mir 'nen Strich durch die Bilanz gemacht, und wäre Thres wegen des Pulcherschen Weibsbildes in die Nesseln gekommen ...« Er schnalzte fidel mit Daumen und Mittelfinger: »Jakob, allerhand Achtung vor deiner barbarischen Forsche, aber ich brauche nur zu pfeifen, dann flattern die Hypotheken wie die zahmen Tauben von den Dächern herunter und fressen mir aus der Hand.« Und dann pfiff er die Taubenlocke und machte die Manipulation des Erbsen- und Wickenstreuens dazu, daß er selber des Glaubens war, die Hypotheken kämen wirklich und leibhaftig als Taubenvögel geflogen. »Marsch! – wieder auf eure Dächer,« rief er hierauf und lachte über diesen neuen Witz so kräftig und herzhaft, daß die auf dem Hof und in den Ställen schaffenden Knechte und Mägde davon angesteckt wurden und gleichfalls in ein helles Gelächter verfielen. Auch die Elstern in den alten Baumkronen stimmten mit ein. Bei ihren Kugelnestern, wo bereits die zweite Brut die Kielfedern durchstieß, flogen sie ab und zu und vollführten ein ohrenbetäubendes Lärmen, gleichsam als müßten auch sie das unbändige Glück des Hofes, die in Aussicht stehende Kirmes und die kommende Hochzeit beschreien. »Brav so!« winkte ihnen Seegers zu und sielte sich behaglich in dem Glanz der untergehenden Sonne. Auf den Getreidefeldern aber standen die beleuchteten Grannen und Ähren in sanftem Licht, als wollten sie dem Herrn Himmels und der Erde ein geweihtes Kerzchen aufstecken. – Der erste Kirmestag rückte näher und somit auch das vielbesprochene Aufgebot in der Kirche. Gleichzeitig mit ihm fiel die Wahl des ersten Präsidenten für die Sankt Sebastianer zusammen, denn Herr Quirinus vom Oort hatte um die Wende des Mai das Zeitliche gesegnet. Es war ein schweres und nachhaltiges Sterben gewesen. Wie ein Riese hatte sich der gezeichnete Mann gegen den Tod aufgelehnt und einen Knüppel begehrt, um den Eindringling aus dem Hause zu prügeln. Als aber alles nichts half, ließ er sich die kleidsame Montur der Bruderschaft anziehen, den Zylinder aufsetzen und den Hauptmannsdegen umgürten. So ausstaffiert, wurde es ihm leichter ums Herz. Er war wie ein Feldherr auf verlorener Walstatt, der alle Folgerungen, auch die letzten, mit lächelndem Munde hinnimmt, um rein und proper aus dem großen Debakel zu kommen. Als es nichts mehr zu erwarten und zu hoffen gab, entbot er seinen Adjutanten, Dores Jansen, ins Sterbezimmer. In voller Uniform, aber im Lehnstuhl und zwischen den Kissen sitzend, empfing er ihn. Auch Dores hatte es sich nicht nehmen lassen, dem sterbenden Hauptmann und Präsidenten das Honnör zu erweisen. Er erschien in weißleinenen Hosen, schwarzweißer Schärpe, baumwollenen Handschuhen und in einem grünen Rock mit vergoldeten Knöpfen. Von dem etwas fadenscheinigen und fuchsigen Zylinder nickte ein frischer Eichenbruch. An der Tür nahm Dores die Hacken zusammen: »Ich melde mir gehorsamst zur Stelle.« Der alte Herr stand da wie ein braver Grenadier, ernsthaft, würdig, ohne mit den Wimpern zu zucken. Nur eine helle Träne drängte sich vor und kam langsam ins Fließen. »Näher treten,« rief es matt aus den Kissen heraus. Dores trat näher. »Jansen, ich wünsche, daß mein Nachfolger ein ganzer und ehrlicher Mensch ist.« »Wird besorgt,« sagte Dores. »Ferner bestimme ich: Pitt Pulcher hat die Verhandlung zu leiten, ohne Ansehn der Person und so, wie es Pitt Pulcher in der Gewohnheit besitzt.« »Wird gleichfalls besorgt,« sagte Dores und versuchte dabei einen jovialen Ton anzuschlagen, obgleich sich seine Mundecken schon zum Weinen verzogen. »Die Unkosten fallen auf mich. Fidel soll's im ›Blauen Anker‹ bei der Wahl hergehn, denn ich bin immer ein fideler Kostgänger des lieben Herrgotts gewesen.« »Schön,« sagte Dores. »So, das wäre wohl alles.« Herr Quirinus vom Oort suchte nach Atem. Sein Kopf sank nach vorne. »Nun aber wird's Zeit,« sagte er leise, kaum hörbar. »Ich glaube, der Oberst kommt.« »Ich glaub's auch,« meinte Dores. »Na – denn ...« hauchte der Sterbende. Dores wußte genug. »Still gestanden!« kommandierte er mit gedämpfter Stimme ... und da ging geräuschlos die Tür auf, und ganz heimlich und sachte trat einer ins Zimmer. »Achtung, präsentiert das Gewehr!« Der Sterbende lächelte. Er hörte noch die Klänge des Präsentiermarsches, den Dores Jansen getragen in den Abend hineinpfiff. Der Oberst aber war nicht von dieser Welt. Dann war's alle. Herr Quirinus vom Oort hatte die große Retraite vernommen. Drei Tage später wurde er mit allen Ehren bestattet. Der Adjutant hatte den Sarg und die Beschläge geliefert. Pitt Pulcher hielt die Grabrede, und als er zu Ende war und die ersten Erdklumpen hinabschollerten, da krachte eine dreifache Salve über die letzte Ruhestätte des Verstorbenen hin. »Grandios!« sagte der ›Hobel le Beau ‹ und wischte sich mit dem Rücken der Hand über die Augen. »Es schläft der Held, die dunkle Nacht bricht an, Und Donnerschläge poltern unterm Himmel ...« sang der Männergesangverein .Freiheit und Eintracht', die Kapelle spielte nochmals den Chopinschen Trauermarsch, und dann ging es unter den Klängen: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage Bei der allerfeinsten Saufkompagnie ...« wieder nach Hause. Der ganze weite Gottesacker duftete nach Syringen und befruchteter Erde. »Amen,« sagte Pitt Pulcher, der zurückgeblieben war und als letzter der Leidtragenden noch an der verschwiegenen Gruft stand. – – – Wochen waren darüber vergangen. Das Korn stand schwer auf den Äckern, und in den dunkelblauen Wäldern, die nach Moyland zu lagen, war sanfter Orgelton ... Noch etliche Tage ... und da wehten in der kleinen Stadt die Kirmesfahnen, die Böller krachten, und der Wirt vom ›Blauen Anker‹ schnipselte Stearinspäne in seinem großen Festlokal umher, um den Tanzboden für den Abend glatt und geschmeidig zu machen. Fünfundzwanzig langschaftige Kerzen benötigte er hierzu. Als die letzte verschnitzt war und eine gleichmäßige Schicht von weißen Talgflöckchen die rauhen Dielen bedeckte, ließ er seine erste Aufwartemagd kommen und legte ihr den rechten Arm um die behäbige Taille. Sie kannte das. Ihre schwere Brust unter dem derben Zwillichhemd preßte sich ihm prall gegen die Weste. Hinten blitzte es aus dem Schlitz ihres leichten Kattunrockes. Dann ging's los, und nach einer dreimaligen Runde hatte der Tänzer die Überzeugung gewonnen: die Sache fleckt. Wer gut schmiert, der gut fährt, gab seiner Partnerin noch einen verliebten Klaps auf die Breitseite und begab sich alsdann in den Honoratiorensaal, um auch hier nach dem Rechten zu sehen. Heute galt's. Ein großer Tag war für den ›Blauen Anker‹ gekommen. Drüben die Tanzerei und hier die Wahl des neuen Präsidenten für die Sebastianer. So und so viel Bouteillen kamen auf den heutigen Abend. Solche mit blauen und solche mit gelben Siegellackpfropfen. Die machten Kasse. Er überschlug in Gedanken den zu erwartenden Gewinn und versuchte, einen scheuen Blick in die von der Schützengesellschaft gemietete, giftgrün austapezierte Stube zu werfen. »Tür zu!« brüllte ihn einer an, »sonst werden hier so Propter und Prätorius unsere besten Zirkels durchstochen.« »Dann nicht,« meinte der Ankerwirt, drehte bei und überließ das Honoratiorenzimmer sich und seinem eigenen Schicksal. Trotz des heiligen Sonntagmorgens waren Thyß und der ›Hobel le Beau ‹ eifrigst damit beschäftigt, das Lokal in solenner Weise herzurichten, das heißt, Thyß mehr als ausübender Künstler, während sich der Alte damit begnügte, den beratenden und kritischen Teil abzugeben, denn er befand sich bereits in vollem Wichs und hatte somit allen Grund, den Rock mit den vergoldeten Knöpfen, die Schärpe, die Baumwollenen und die weißleinenen Hofen in jeder Hinsicht zu schonen. Das tat er denn auch, fühlte sich lediglich als Anordner und Beirat, indem er den aufzuhängenden Kränzen den richtigen Schwung verlieh und die unter Glas und Rahmen gestellten Ehrenpreise der Schützengilde so unter Efeuranken brachte, daß sie auch einem gänzlich Unbeteiligten in die Augen fallen mußten. Nachdem noch der verwaiste Präsidentenstuhl geschmückt, der silberne Pokal auf den Tisch gestellt und jeder einzelne Sessel haarscharf ausgerichtet worden war, genehmigte sich Dores einen herzhaften Schluck aus der mitgebrachten Pulle, nahm die Hacken zusammen, grüßte militärisch und sagte: »Mein Sohn Thyß, ich habe dir eine wichtige und ausnehmende Botschaft zu melden.« Thyß horchte auf, wie einer, dem irgend jemand zuflüsterte: »Nu aber Achtung. Jetzt kommt was.« Hierauf zwirbelte er mit seinen Schellackfingern an dem fuchsroten Schnurrbärtchen herum, erwiderte den Gruß seines Erzeugers gleichfalls in militärischer Weise und ließ sich alsdann in den Präsidentenstuhl fallen, um besser und gediegener hören zu können. »Thyß,« sagte der Alte, »es gibt Dinge im menschlichen Leben, die weder Anfang noch Ende besitzen. So ein Ding ist der heutige Kirmestag, denn er besitzt weder Anfang noch Ende. Verstehe mir richtig, ich meine nicht von wegen morgens und abends, sondern von wegen seiner pompösen Betätigung bis in die dunkelsten Urzeiten.« »Woso?« sagte Thyß. »Einen Momang,« versetzte der ›Hobel le Beau ‹ Die Frage kam ihm ungelegen. Er mußte nachsinnen, um sich nicht wie ein Gänserich durch ein Knäuel Strickgarn verwirren zu lassen. Er fühlte selber: er hatte zu wuchtig und weit ausgeholt, um mit derselben tiefgründigen Wuchtigkeit die angefangene Rede auch in den sicheren Port zu steuern. Aber dem Mutigen hilft Gott. Dores bekriegte sich wieder. »Woso?« fragte er nun seinerseits und musterte Thyß von oben bis unten – das bekannte Mittel, Zeit zu gewinnen und sich durch einen unbequemen Wissensdurstigen nicht aus der Fassung bringen zu lassen. »Ganz einfach. Ich muß erst 'ne bürgerliche Haltung 'rauskriegen, um meine Gedanken besser destillieren zu können. Rührt euch!« Dores machte sich's bequem, stellte den linken Fuß vor und sagte mit düsterer Stimme: »Ich sehe schwarz und weiß in die Zukunft. Es geht um Leben und Sterben, sozusagen um Hölle oder glorreiche Seligkeit. Thyß, setze mir nackig in Indigo – aberst ich hab's im Gefühl: es will hier auf Kirmestag ein großes Malör, aberst auch ein herrliches Auferstehen erscheinen. Thyß« – und die Worte zitterten vor großer Erregung – »der heutige Tag wird deinem Freunde Hermann ganz miserabel bekommen, weil er so Propter und Prätorius seine heilige Liebe abschwört, um Thres Seegers die ihre zu kriegen. In 'ner halben Stunde werden sie öffentlich von die Kanzel gerufen, und das bedeutet ein namenloses Unglück für die Pulcherschen Leute und Hermann.« Thyß nickte. »Darum seh' ich schwarz in die Zukunft, denn es kann um dessentwegen, wie der Prophet sagt, sich noch 'ne bedeutsame Tränenkomödie entwickeln. Aberst ich sehe auch weiß in die Zukunft. – Thyß, besieh dir den Stuhl, auf dem bis zu seinem gottseligen Ableben der Herr Quirinus vom Oort sich ausnehmend befunden hat. Der Präsident ist tot, es lebe der Präsident! – und ich hab's dem Toten feierlich in die Handschuh' geschworen ...« »Halt!« unterbrach ihn Thyß, der in schweren Gedanken vor sich hingestiert hatte. »Erst kommt Hermanns Sache und die von Anna Pulcher an die Reihe. Ich habe drüber nachsimuliert. Hermann kann es allein nicht. Bei die Artollerie war das eine andere Sache. Wenn ich nu an Hauptmann Liese schreiben tun täte, um Hermann wieder in die richtigen Arme zu bringen! Der holt ihn aus der Predullig 'raus und schmeißt der übrigen Package seinen Ehrendegen mang die infamigen Beine. Vater, ich wende mir an meinen hochwürdigen Hauptmann. Der tut's. Der ist kumpabel für so was.« Der Alte winkte ab. »Zu spät!« sagte er mit gebrochener Stimme. «Die Partie deines eingeborenen Freundes ist gänzlich marode. Aberst dem Toten hab' ich's feierlich in die Handschuh' geschworen: Auf den Präsidentenstuhl wird nur einer erhoben, der so proper ist wie das Tischzeug deiner lieblichen Mutter. Thyß, setze mir nackig in Indigo – Franz Seegers kommt nicht in Betrachtung, auch Jakob Verheyen nicht, der mit allen vieren hineinspringen möchte, um sein Aussehn noch pompöser zu machen. Aberst einer kommt in Betrachtung ... Thyß!« – und der ›Hobel le Beau ‹ streckte die Hand aus – »die Fahne der Sebastianer wird in Ehren gehalten. Da stehe ich für, so wahr mir Gott helfe im Leben und Sterben und bis in die ewigsten Zeiten. – Das ist mein weißer Blick in die Zukunft, und mit Rücksicht auf diese weißliche Zukunft ...« Er wurde unterbrochen. Die Sonntagsglocken riefen herüber. Auch Anne- Susanne war dazwischen. Wie eine Königin schwebte sie über den andern, und wie eine Königin zog sie über die Stadt hin, um von hier aus über die blumigen Wiesen zu schreiten. Anne-Susanne ...! Dores Jansen tupfte sich mit dem Handrücken gegen die Augen: »Wir müssen ins Hochamt. Nu kommt die Tränenkomödie.« Jedes Wort war mit einem Trauerflörchen behaftet. Vater und Sohn machten sich fertig. Der Alte stülpte den fuchsigen Zylinder über; Thyß fuhr in den Sonntagsrock. Gemeinsam verließen sie den ›Blauen Anker‹. Jeder hatte seine eigenen Gedanken, und diese Gedanken waren wie die von Ertrinkenden, die nach einem Strohhalm griffen. So schritten sie weiter. Sie mußten an Kirmesbuden und geputzten Menschen vorüber. Ernstes Geläut ging vor ihnen her. Als die beiden das Nordportal betraten, stieß der Alte die Hand in den Weihwasserkessel, bespritzte sich und den Sohn und meinte dumpf und stumpf vor sich hin: ›Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ... Mir geht der Verstand aus dem Leim. Ich wollte ... Wie hat doch der alte Blücher gesagt? Herrjeses, das hat er ja gar nicht gesagt! Ich wollte die Nacht käme oder ...« Sankt Nikolai war voller Duft und Weihrauch. Die Schreine feierten in silbrigem Licht. Auf dem Hochaltar flimmerten die Kerzen wie die blanken Augen von schwindsüchtigen Menschen. Die unzähligen Flämmchen standen wie erleuchtete Wassertropfen nebeneinander – Liebeseelchen über dem Allerheiligsten! – und in seinen Wölkchen zog der Weihrauch durch die Hallen, die unter dem feinmaschigen Hauch eines verschleierten Sommertages lagen. Ein Kleriker aus der Nachbargemeinde zelebrierte an Stelle des Dechanten das Hochamt, unterstützt von Stephan und noch einem jungen Vikar. Thyß und Dores beobachten alles. Sie stehen in der Nähe der Kanzel. Drüben neben dem gotischen Pfeilerbündel ragt die gewaltige Gestalt Pitt Pulchers auf. Im schwarzen Gehrock, mit zugeknöpfter Weste, die stahlgrauen Augen hart auf die heilige Handlung gerichtet, erhebt er sich frei und unbefangen wie an sonstigen Tagen. Nur die schwarzseidene Binde ist fester um Hals und Vatermörder geschlungen, gleichsam als müsse sie ihm die Kehle verschnüren und den Schrei zurückhalten, der in ihm aufsteigen will. Keiner merkt es. Nur Anna, die neben ihm kniet. Aus freien Stücken ist auch sie erschienen, um die fürchterliche Botschaft von der Kanzel zu hören, um durch selbstauferlegte Qualen die entsetzlichste Stunde ihres Lebens niederzuringen. Heute wird ihre große Liebe endgültig begraben. Sie möge ruhen in Frieden. Auch ihr Leib ist tot. Nur er wandelt noch. Das Pulchersche Blut hält ihn aufrecht, und die neugierigen Blicke umher straffen ihm den Nacken ... So ist Anna Pulcher gestorben und doch nicht gestorben. Sie lebt, wie die Altwasser leben, wenn eine kalte, glanzlose Sonne sie freudelos berührt. Solche Wasser sind viel auf der niederrheinischen Erde zu finden. Sie erinnern an das Tote Meer, an die schwarzen Kanäle, die durch das abgestorbene Brügge schleichen. So lebt Anna Pulcher. Auch hört und sieht sie; aber sie hört und sieht nicht wie früher. Die Stimmen, die vom Altare herkommen, gehen auf Krücken. Sie steht Hermann und Thres Seegers und alle, die zur näheren Verwandtschaft gehören. Sie kommen ihr vor wie schuldbeladene Menschen. Und sie, die Braut. .. was hat die nur? Sie steht dicht neben Hermann. Sie sieht über die Schulter, höhnisch und herausfordernd. Das gilt ihr. Vier Augen begegnen sich; lebendige Augen und tote Augen ... Anna Pulcher hatte tote Augen. Mit einem tiefen Weh in der Brust sinkt ihr Oberkörper nach vorn, als hätte sie ein kaltes Eisen erhalten. Es ist ihr so, als müsse ein helles Gelächter von ihren Lippen herunter. Ihre Finger verschränken sich, flechten sich fest ineinander. Der Alte beugt sich zu ihr: «Was soll das? Du hast doch Pulchersches Blut in den Adern.« »Ja, Vater, ich habe Pulchersches Blut in den Adern.« Dann ist ein Rauschen um sie, ein immerwährendes Rauschen ... Die Kollekten setzen ein, und das Meßbuch wird auf die Epistelseite getragen. Eine halbe Stunde verrinnt. Das Offertorium nimmt seinen Anfang. Ein silberhelles Klingeln ertönt. Zweimal und dreimal. Der Heiland ist allgegenwärtig, der Herr Himmels und der Erde und der Trost der Betrübten. Alsdann wird das › Ite missa ‹ gesungen. Gleich darauf spricht eine würdige Stimme von der Kanzel herunter. Sie verkündet das Evangelium, nichts weiter. Keine Predigt folgt. Dann sagt sie in stiller Bewegung: «Zum ersten Male werden aufgerufen, um in den heiligen Stand der Ehe zu treten, die ehrsame Jungfrau Therese Seegers und der ehrsame Jüngling Hermann Verheyen ...« »Thyß, ich bitte dir - Thyß ...!« Die Blicke aller richten sich auf Anna Pulcher. Sie steht aufrecht. Sie lächelt. Sie schreitet in Gedanken über eine endlose Wiese, die voller Blumen und Lerchenjubel ist. Nur ihr Antlitz ist weiß geworden, wie das Antlitz Christi auf dem ›Kalten Stein‹. Gleich darauf verläßt sie mit ihrem Vater die Kirche. Beide gehen Hand in Hand. Alle machen ihnen Platz. Anna Pulcher ist schöner denn je. Dicht am Portal wird sie von einem weichen Ärmel gestreift. Hermann und Thres gehen vorüber. Sie an ihn geschmiegt. »Heute abend tanzen wir den ersten Walzer im ›Blauen Anker‹ zusammen,« ruft sie ihm zu. Es ist lichter Tag, und dennoch: über Anna Pulcher sind Rosen gefallen, aber nur solche Rosen, die auf dem Kirchhof blühen. So glaubt sie. Ihr Herz ist kalt wie Eiswasser; aber aus diesem Eiswasser schießen feurige Flammen. Sie haben die Glut von dunkelroten Kelchen in schwülen Sommernächten.   17 An der Kammer Anna Pulchers standen die Fenster offen. Es war ein einfaches Zimmer, mit freundlichen Gardinen verhangen. Der Blick ging auf den kleinen Garten und von hier auf die Giebel der Nachbarhäuser. Dem Bett gegenüber stand eine Kirschholzkommode, darauf eine gipsene Madonna, die einem Gemälde von Ernst Deger nachgebildet war. Daneben erhoben sich blaue Glasvasen, wie sie in Kirmesbuden und auf Jahrmärkten feilgeboten werden. Sie trugen keine frischen Sommerblumen, nur geweihte, jetzt eingeschrumpfelte Buchsbaumzweige, die Überbleibsel des letzten Palmfestes. Das einzige Schmuckstück hing in Gestalt eines Barockspiegels zwischen den Fenstern, ein Erbstück aus alten Tagen, das die verstorbene Frau Pulcher mit in die Ehe gebracht hatte. Selten sah Anna in die spiegelnde Fläche. Heute tat sie es. Die ersten Stunden nach dem Hochamt waren ihr ruhelos vergangen. Nicht, daß es ihr jemand angesehen hätte. Dafür war sie eine Pulcher, und die Pulchers hatten es von jeher verstanden, das, was sie bewegte, vor aller Welt zu verschließen. Ihren Schmerz hatte sie niedergehalten, obgleich sie unstet umherirrte, Schränke öffnete und wieder zuschloß und wie nach Verlorenem suchte. So ging das bis um die fünfte Nachmittagsstunde ... da traten ihr die Worte mit erneuter Gewalt in den Sinn, die Thres Seegers beim Verlassen der Kirche gesprochen hatte: »Heute tanzen wir den ersten Walzer im ›Blauen Anker‹ zusammen« ... Die Schnur einer knallenden Peitsche legte sich um ihren Leib ... Der Schmerz warf sie nieder. Das Abendlicht stand bereits über den Dächern, als sie aufwachte. Die bittere Not drückte sie in einen Sessel hinein. Den Kopf zurückgelehnt, die Blicke weit geöffnet, sah sie in das verklärte Gesicht des scheidenden Tages. »Wer so sterben könnte ...!« Der Gedanke an den Tod war ihr wie ein Freund gekommen, und das gab Ruhe. Keine Pulchersche Ruhe, sondern wirkliche Ruhe, und in ihr wurden die kaum wahrnehmbaren Geräusche des Abends lebendig. Jetzt hörte sie auch ... Unter ihr gingen gleichmäßige, herrische Schritte. Deutlich vernahm sie, wie sie die Dielen des Zimmers nach Länge und Breite durchmaßen. Sie erinnerten an die eines eingekäfigten Wolfes. Ein unheimliches Hin und Her, ein stetiges Auf und Nieder. Unter solchen Schritten werden unerbittliche Gedanken geboren. Dann brachen sie ab. Gleichzeitig aber fuhr eine geballte Faust auf irgendeinen Tisch oder eine Bettlade, und dann ... selbstbewußt und wie mit eisernen Bändern zusammengehalten knöchelte die Stimme ihres Vaters gegen die Decke. Teils Ausrufe, teils abgehackte Sätze klangen ihr zu. Es waren Glieder einer Rede, die noch einmal dem Gedächtnis eingeprägt werden sollte. Wie Hammerschläge setzte der Alte sie nebeneinander: »Meine Herren ... ohne Ansehn der Person ... über dreihundert Jahre sind vorübergegangen, und nach den Akten sind alle Präsidenten ehrenhafte Männer gewesen ... So einer muß sein wie jemand, der wie ein Mäher einhergeht, denn er hat goldens Korn umzulegen, Gotteskorn, Himmelskorn ... Meine Herren ... wer aber nicht rein ist und dereinstmals ein hartes Sterben zu erwarten hat ... ein solcher macht alles zuschanden und kloppt Strunk und Stiel auseinander ... Hände vom Tabernakel ... Ich will durch Licht gehn und nicht durch Finsternis ... wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich ... so mein Herr und Erlöser ... Hände vom Tabernakel ... Wer da erscheint, der muß bestehen können vor Gott und den Menschen und den Nacken gerade tragen wie eine harzige Kiefer mitten im Walde ... der muß sein wie der alte Kaspar Christian Pulcher, der ein Großer war unter den Webern und vor dem hohen Rat und seinem Kaiser sprechen konnte, ohne mit den Wimpern zu zucken, mit blanken Augen und mit einer Weste, die keine Stockflecken hatte und aussah, als wäre sie frisch von der Bleiche gekommen ... Meine Herren ... da sind welche, die hauen das Glück einer Familie zusammen, wie wenn sie Holzkloben spalteten ... an ihrer Axt hängen blutige Tränen ... Mannestränen und solche von Frauen ... Jakob Verheyen, was willst du in unsrer Gemeinschaft... ? Jakob Verheyen, bist du jemals ein ehrlicher Mäher gewesen ... ? Hast du jemals goldenes Korn umgesichelt, Gotteskorn, Himmelskorn...? Lege die Hand auf die Fahne der Bruderschaft und schwöre, daß du es jemals getan hast ...« Eine Pause folgte. Dann wieder: »Jakob Verheyen, tue es nicht... Es könnte dir sonst passieren ... Wer die Ehe gebrochen ... Jakob Verheyen,« und die Stimme des Alten wurde schartig und trocken, »Hände vom Tabernakel ... sonst kommt das Unglück von der Mühle herunter ...« Die Stimme riß ab, und abermals das unheimliche Schreiten eines eingekäfigten Wolfes. »Hände vom Tabernakel ...« Anna erhob sich. »Er macht sich fertig für die Sitzung im ›Blauen Anker‹,« sagte sie hastig, »und dicht nebenan ... wird da nicht Thres Seegers tanzen ... ? ... wird da nicht Hermann Verheyen ...?« Ihr Blick fiel auf den Spiegel. Draußen war das Tageslicht dünner geworden, aber immer noch stark genug, ihren Leib scharf und deutlich aus der blanken Fläche zu heben. Sie fühlte sich freier. Unerwartet war dieser Zustand gekommen. Sie lächelte ihr Bild an, das wie ein Gemälde aus der eingedunkelten Scheibe herauswuchs. Die Hände gegen die Brust gepreßt, stand sie wie von einem inneren Feuer verzehrt und stierte in die matte Zelle des Spiegels: »Ja, sie wird tanzen ...« Sie stellte Vergleiche an zwischen sich und Thres Seegers. Drüben das Weib mit den trägen Hüften und den gierigen Augen, und hier ... Sie spann die Gedanken nicht weiter. Sie mußte sich selbst überzeugen, und was sie sonst nie getan haben würde, das tat sie heute. Mit einer schnellen Bewegung hatte sie die Bluse abgestreift und das Linnen von den Schultern gezogen ... und eine stolze Frauenherrlichkeit leuchtete ihr aus dem Glase entgegen. Früher war sie achtlos daran vorübergegangen. Jetzt tat sie es nicht mehr. Sie fühlte sich als Herrin über ungeahnte köstliche Schätze. Das letzte Abendlicht ging mit Schauern darüber hin – über die Schultern, die festen Arme und die harten Formen, die in ein sanftes Zittern gerieten: eine trunkene Selbstschau, die aber nicht um Haaresbreite das Keusche ihrer jungfräulichen Seele aus dem Gleichgewicht brachte. Nur – sie freute sich ihrer Schönheit und feierte sie und war glücklich, sie ihr eigen zu nennen. Ihr Blick öffnete sich und wurde groß in seinem Erstaunen. »Hermann ...!« Ihre schmalen Hände legten sich um die jungen Zierden. Wie das hämmerte und pochte! –- wie das Gedenken an ein gemordetes Glück ihre Sinne erregte! Aber hier war die Macht, das Hingewürgte wieder auferstehen zu lassen. Das fühlte sie jetzt. Ein verzehrender Rausch fiel über sie her. Es war wie ein schwüler Heuduft, der von den nahen Wiesen heraufkam. Ein Geruch nach toten Gräsern haftete ihm an. Er brachte den Rausch nicht zum Schweigen, verstärkte ihn nur und mit ihm den unterdrückten Schrei nach dem Manne. Anna Pulcher schrie nach dem Manne. Sie sehnte sich in seine Arme hinein, nach der Liebe des Mannes, nach der Bestimmung des Weibes, und einer plötzlichen Eingebung folgend, warf sie ihren Körper noch einmal zurück. Das alles war sein ...! – »Hermann ...! – Hermann ...!« Sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme, so verändert war sie geworden, so ganz anders, so durchsetzt von den Schwingungen der Leidenschaft, die alles hinter sich ließ, was ihr sonst Fesseln angelegt hatte. Mit einem jähen Ruck schob sie die Hände unter den mächtigen Haarknoten, der ihren Hinterkopf wie eine stolze Krone umhegte. Da wölbte sich ihre Brust in schwellendem Ebenmaß. Jede Muskel des schönen Leibes straffte und streckte sich. Alles und jedes in ihr war Sehnsucht und Anbetung. So stand sie lange, ohne jede Bewegung. Ihre Lider senkten sich, berührten sich. Nur ein schmaler Streifen blieb übrig. In diesem Streifen spiegelte sich eine trunkene Welt, eine heiße Begierde ... Sie horchte hinaus ... Sie glaubte Stimmen zu hören, ferne Akkorde ... Sie zählte die Takte ... Das war Tanzmusik ...! – Die kam aus dem ›Blauen Anker‹ ... Nein, nein! – Das war ausgeschlossen, und dennoch vernahm sie jede einzelne Note. – Sie tanzten ja bei offenen Fenstern ... Weit, ganz weit her, wie aus weichen Tüchern heraus, drangen ihr die süßen Klänge entgegen. Ein Walzer! Die ›Rosen aus dem Süden‹ ... Ihr Herz klopfte hörbar, und mit einer raschen Bewegung hatte sie das weiße Linnen wieder über Brust und Schultern gezogen. Sie wußte, was sie zu tun hatte. Keine Gewalt der Erde hielt sie mehr zurück. Noch hatte sie Abendlicht, hell genug, sich fertig zu machen. Sie riß die Tür des altmodischen Schrankes auf. In fliegender Hast entnahm sie der Tiefe, was sie gebrauchte. Sie wählte nicht lange. Unbewußt fiel ihr zu, was sie nötig hatte: in diesem Kleid hatte sie zuerst an der Brust Hermanns gelegen. Und immer die ›Rosen aus dem Süden‹, immer die ›Rosen‹ ... und bei diesen Klängen tanzten sie jetzt: Hermann und das Weib mit den gierigen Blicken und den trägen Hüften ... Sie mußte diesem Weib die Rosen zerpflücken. Ach, Gott – ja! – sie tat ein Unrecht, ein himmelschreiendes Unrecht. Aber was half das alles? Nachdem sie sich mit ihm abgefunden, fühlte sie sich freier und wohler. Sorgfältig ordnete sie ihr Sonntagsgewand, spreitete es über die gehäkelte Bettdecke und trat vor den Spiegel. Sie nestelte ihr Haar auseinander und ließ einen derben Kamm durch die duftige Fülle gleiten. Bläuliche Funken knisterten auf. Jede Strähne hatte dieses seltsame Leuchten. Sie hörte das sanfte Knistern, und eine sinnliche Welle strömte über sie fort. Dann warf sie den Kamm achtlos beiseite. Mit beiden Händen griff sie in die Haarflut, drehte und wellte sie, um sie wieder als Krone zusammenzuflechten. Schön war Anna Pulcher in diesem köstlichen Schmuck, der fast ihren sanftgewölbten Nacken berührte. Unter ihr waren die harten Schritte von eben. Sie horchte. Gleich darauf wurde eine Türe geöffnet und zugeschlagen. »Hände vom Tabernakel ...« Die Worte zitterten durch den schmalen Hausflur, »Jetzt geht er,« sagte sie hastig, wandte sich und schnürte ihr Leibchen. Gleich darauf rieselte ein weicher Stoff an ihrem herben Körper herunter. Stolzer und siegfroher konnte ihn keine Fürstin tragen. Vereinzelte Schläge klangen von der nahen Turmuhr herüber. Sie zählte die einzelnen Schläge. Sie mußte sich geirrt haben. So spät war es noch nicht, und dennoch rückte bereits eine graue Wand in die Kammer hinein und umhüllte alle Gegenstände mit einem dunklen Gewebe. Anna Pulcher beeilte sich, legte noch ein Goldkettlein an und sah noch einmal in die umdüsterte Scheibe. Jetzt war sie fertig. Die Stunde kam – und diese Stunde sollte über Tod und Leben entscheiden. Mit einer raschen Wendung legte sie die Hand auf das Schloß, um eilig und ungesehen in den stillen Abend zu gleiten. Die Tür öffnete sich. Sie trat über die Schwelle, kam aber nicht weiter. Einer stand vor ihr. Lautlos war er gekommen; ein Schatten konnte sich nicht stiller bewegen. Unter seinen Schritten knirschte der Estrich nicht, wagte keine Diele zu seufzen. »Stephan ...!« Mit einem leisen Schrei taumelte sie in ihre Kammer zurück. Gütig wie immer, folgte er und nahm ihre Hände. »Ich glaube,« sagte er in seiner gemessenen Ruhe, »es wird gut sein, daß wir den heutigen Abend gemeinsam verleben.« Sie gab keine Antwort. Sie hatte anderweitig zu schaffen. Die Zeit drängte. Ihre Gedanken jagten sich. Wie verschlagene Vögel irrten sie unstet hin und wieder. Sie hatten die Richtung verloren und konnten ihr Ziel nicht mehr innehalten. Er merkte es nicht, wie die Verzweiflung über sie herfallen wollte. Ihre Brust keuchte. »Deine Seele ist des Friedens bedürftig. Ich will dir diesen Frieden geben und deine Seele geleiten, damit sie genese.« Sie schwieg noch immer. »Ich konnte keine gelegenere Stunde finden,« fuhr er zärtlich fort. »Der heutige Tag ist voller Trübnis für dich, und alle Freude ist von dir genommen. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, wenn er heimgesucht wurde – und du bist heimgesucht worden.« Ihre Augen wurden groß, ihre Lippen öffneten sich. »Heimgesucht worden ...?« fragte sie tonlos. »Ich sollte doch meinen ...« »Heimgesucht worden ...?« Er begriff nicht, was sie mit dieser Frage bezweckte. »Ich muß doch annehmen,« sagte er ebenso gütig wie vorhin, »daß die Umstände des heutigen Tages ...« Sie unterbrach ihn. »Was für Umstände?« fragte sie bitter. »Nun – die in der Kirche. Es gibt Dinge, die sind schlimmer als alle Plagen der Hölle. Sie drücken einem die Schläfen auf den kalten Stein.« »Ich verstehe dich nicht.« »Aber ich bitte dich, Anna! Denke doch daran, welch großes Leid der heutige Tag auf deine Schultern legte.« »Der heutige Tag ...?« Sie griff hinter sich, um Halt zu gewinnen. Ihre Blicke nahmen einen grünlichen Ton an. Sie leuchteten selbst durch das immer größer werdende Dunkel. Ein helles Lachen schlug ihm entgegen. »Du irrst, Brüderchen, du irrst. Er soll mir zum Freudentag werden!« Stephans Gedanken waren nicht von dieser Welt. Sie hatten keine Gemeinschaft mit ihr; und wenn sie sich mit irdischen Dingen beschäftigten oder beschäftigen mußten, so umkleideten sie diese mit dem warmen Licht liebevoller Milde und köstlicher Einfalt. Hier aber ... Die unverhüllten Blicke seiner Schwester machten ihn wissend. Er sah ihren schlichten Aufputz, das frischgenestelte Haar, die Zeichen tiefster Erregung. »Du willst doch nicht ...?« Er vollendete den Satz nicht. »Und wenn es so wäre ...!« Sie stand regungslos. Hoheit umgab sie. Dann machte sie Miene, ihres Weges zu gehen: »Ich bin keinem Rechenschaft schuldig.« »Du bleibst.« »Das wollen wir sehen.« Sie warf die Arme zur Decke: »Stephan, ich will ... ich will in das Leben hinein ... ich will auf den Tanzboden ... ich muß doch sehn, was sie tun ... wie das Weib aussteht, das mich zur Bettlerin machte ...« Ihre harte Brust stürmte gegen den weichen Stoff, der ihre jugendlichen Formen umhüllte. Da erschrak er bis in die tiefste Seele hinein. Alle Zuversicht, alle Hoffnung waren von seinem Antlitz gewichen. »Ich beschwöre dich, Anna! Du sollst nicht richten, auf daß du nicht gerichtet werdest. Wer den Stein aufhebt ... Genug des Elends ist über unsere Familie gekommen. Willst du auch das Glück einer zweiten verderben?« »Wo es bei mir um Leben und Tod geht ...?!« »Denke an unseren Herrn und Erlöser.« »Ich habe den Glauben verloren.« »Du bist doch Christin.« »Das schon ...« Ihre Stimme lachte und gellte: «Aber auch ein Weib nebenher! –- und das Weib in mir ... Ich ertrag' es nicht länger ... Die andere... Entweder sie oder ich... Ich muß aus der Enge heraus... Meine Rechte sind älter ... sind heilig . .. Würge mich ... töte mich ... mache aus mir, was du willst... Das Weib in mir kannst du nicht abtun ... und wenn du mich anspeist ...« »Denke an Vater und Mutter!« Er hob beschwörend die Hände. »Es ist zu spät,« sagte sie dumpf vor sich hin und reckte sich in ihrer ganzen Größe und Kraft, um ihn beiseite zu schieben. Er vertrat ihr den Weg. Er sah das nahende Unglück wie ein brünstiges Tier sich heben. »Im Namen des dreieinigen Gottes ...!« Langsam sank er in die Knie. Da schritt das Weib über ihn fort, als wäre er ein nichtiger Strohhalm im Staube. Er hörte noch das Rascheln ihres Kleides und den herrischen Schritt ihrer Schuhe. So raschelte die Sünde, so nahm sie ihren Weg, und er gedachte der Worte, die da lauten: ›Sie ist wie eine Kamelin in der Brunst, und die Wüste hat nicht Raum für sie. Sie ist wie eine heiße Flamme, die ins Wasser schreitet ... Herr, sei ihrer Seele barmherzig!‹ Seine Stirne berührte die Dielen. Unten wurde die Tür geschlagen. »Großer Gott, heiliger Gott ...! und doch, du barmherziger Jesus, ich kann sie nicht verdammen, denn die Liebe ist ewig.« Sie aber sog die reine, balsamische Luft ein. Sie sah weder rechts noch links. Viele Menschen begegneten ihr. Mochten alle es wissen, wohin sie ging. Sie hatte nichts zu verheimlichen und nichts zu verhehlen. Das Oval ihres Gesichtes zog sich sanft in die Länge. Eine große Misston war in ihr. Es fiel wie Binden von ihren Augen. Jetzt war Licht um sie, ein großes, zukunftsfreudiges Licht, und sie fühlte die Kraft in sich, dieses Licht zu umgreifen und nicht mehr von sich zu lassen. Die Musik, die einige Zeit geschwiegen hatte, setzte von neuem ein. Sie hörte auf sie, wie auf eine Offenbarung. Es war der Walzer von vorhin: die ›Rosen aus dem Süden‹.   18 Im ›Blauen Anker‹ war alles erleuchtet. Wagen fuhren ab und zu. Sie kamen aus der Gegend von Hönnepel, von Till und dem benachbarten Wissel. Immer neue Kirmesgäste strömten über die ausgetretenen Treppensteine und verschwanden in dem großen Tanzsaal, dessen Schmalseite sich unmittelbar an den rückwärtigen Giebel des ansehnlichen Wirtshauses lehnte. Pferde wurden abgeschirrt und in die Ausspannung gezogen. Peitschen knatterten dazwischen. Fahrzeuge von allen Sorten, neumodische und alte, Chaischen, Rumpelkutschen und flotte Tilburys schachtelten sich neben- und hintereinander. Die Torfahrt wurde versperrt, aber immer frische Zugänge stellten sich ein. Es war des Kommens kein Ende, und der Wirt, dessen behäbige Figur den Eingang flankierte, schmunzelte vergnügt vor sich hin und ließ die fetten Daumen der gefalteten Hände gegeneinander spielen. Seit Menschengedenken war eine solche Kirmes nicht über den ›Blauen Anker‹ gekommen. Von Zeit zu Zeit salutierte er. Dann ging einer von den Sebastianern vorüber. Zuerst Jakob Verheyen. Seine Hand glitt durch die grauen Fäden des kurzverschnittenen Bartes. Die Blicke des insichgekehrten Mannes stachen. Er würdigte den gefälligen Wirt kaum eines Grußes, trat in den Hausflur und begab sich geraden Weges in das Gesellschaftszimmer des ersten Stockwerks. Andere folgten. Dores Jansen rückte in seiner Schützenmontur an: weißleinene Hosen, grüner Rock, den Zylinder schief über die linke Schläfe gezogen. Ein frischer Eichenbruch nickte vom Rande. Quer von der rechten Schulter zur Hüfte lag die Adjutantenschärpe mit den lustigen Quasten. Er war ganz Würde und Andacht und trug die Akten der Bruderschaft unter dem Arm, als wenn er ein Heiligtum trüge. Andere Mitglieder befanden sich in seiner Gesellschaft, so der Postsekretär, der Apotheker und der Bäckermeister ter Meeren, dessen Amt es war, die Schützenfahne fliegen zu lassen und sie nach der Feierlichkeit wieder an Ort und Stelle und unter das knitterige Wachstuchfutteral zu bringen. Heute erschien er ohne Fahne. Sie stand bereits neben dem ledigen Präsidentenstuhl, der des kommenden Mannes harrte. »Nu kommt frische Luft in die Bude,« sagte Dores, nickte dem Wirt zu, und trat beherzt über die Schwelle. »Wir machen's. Ja, meine Herrens, setzt mir nackig in Indigo ...« Die Worte kamen nicht vorwärts. Sie gingen unter in dem Rattern eines schnellen Wagens, der mit hellem Peitschenknall die Straße heraufkam, vor der Wirtschaft haltmachte und seine Insassen entleerte. Franz Seegers sprang ab. Er erschien in landesüblicher Tracht, den blauen Leinewandkittel übergezogen, goldene Ringe in den fleischigen Ohrläppchen und einen gedrehten Dorn in der Rechten. Anders tat er es nicht. Er wußte, was er sich selber und seinem Anwesen schuldete. Er war ein schlichter Grundbesitzer, weiter nichts, aber in diesem Sichselbstgenügen lag auch der hochfahrige Stolz und die ganze Rücksichtslosigkeit eines fetten niederrheinischen Bauern. In seinem Leinewandkittel dünkte er sich reicher und großartiger als alle Grafen und Barone zusammen genommen. Er schien fröhlicher Laune. Sein Gesicht war röter denn sonst. Mit Daumen und Mittelfinger schnalzte er in den Wagen hinein: «Fix, fix, damit die Tanzbeine nicht einschlafen!« Thres und Hermann stiegen aus, sie im malvenfarbigen Kleid und eine Zentifolie quer über dem Busen, er im dunklen Rock und die Rettungsmedaille auf dem klopfenden Herzen. Schnell schob sie den Arm in den seinen und drückte sich an ihn. »So ist's recht, Kinder,« lachte der Alte, und ein behagliches Grinsen lief von einem Ohrläppchen zum andern. »Hermann, Himmelherrgott verdammich ...! – da gehst du mit fünfundneunzigtausend preußischen Kronentalern zu's tanzen. Das macht dir keiner nach zwischen Xanten und Kleve. Aber ich sage dir, Hermann – während ich droben den Kerls von wegen des Herrn Präsidenten 'ne zehnpfündige Wachskerze aufstecke, lasse du dich hier unten nicht lumpen. Das steht mir konträr, das ist bei den Seegers niemals Mode gewesen. Kein lausiges Bier. Nur ›Langkork‹, und nach jedem Tanz wirfst du 'nen harten Taler auf die Musikantentribüne. Wie der Herr, so's Gescherr. Nobel geht die Welt zugrunde, und damit: 'rin ins Vergnügen und gute Verrichtung.« Ein breites Lachen folgte. Er stemmte die Arme in die derben Hüften. »Ab nach Kassel!« Fidel und mit lustigen Äugelchen sah er den beiden nach, klopfte dem Percheron die dampfenden Hinterbacken, gab dem Hausknecht Order, den Gaul unterzuziehen und ihm 'ne doppelte Ration Hafer zu geben, und schob dann selber seine eigene Person über die Schwelle. – »Hermann, was hast du ... ?« Sie berührte ihn mit hungrigen Augen. »Hermann, das geht so nicht weiter.« Dann flüsterte sie erregt auf ihn ein und suchte, ihn abwärts zu drängen. Willenlos ließ er alles geschehen. Statt sofort den Tanzboden zu betreten, bogen sie links von dem Eingang ab, sie führend, er mit dem Gefühl stumpfen Ergebens. Erst ein schmaler Flur ... eine Stiege ... dann ein kleiner Garten . .. Von hier aus konnten sie das Gewirr des lärmenden Treibens beobachten, das sich hinter den erleuchteten Fenstern abspielte. Huschende Schatten glitten vorüber. Die lustigen Klänge einer Polka Mazurka fielen über Rabatten und Kieswege, die sich im Dunklen verloren. Sie hielt ihn plötzlich zurück. Ihre Nägel bohrten sich in seinen Arm. »Das geht schon so Wochen hindurch,« stieß sie hervor und machte eine Wendung, die ihre üppige Brust gegen ihn drängte. »Immer dasselbe. Ich weiß nicht, woran ich bin, und kann deine richtige Liebe nicht finden.« Ihre Nasenflügel zitterten. Ihr Antlitz stand dicht neben dem seinen. Es schien um eine Abstufung bleicher geworden. »Thres,« sagte er schmerzlich, »wenn ich so alles überlege ...« »Wo ich hier stehe?« fragte sie hastig. »Überlegen? Wofür denn? Das ist es ja eben. Statt mich in deine Arme zu nehmen, statt dich mit mir auf die Hochzeit zu freuen ...« Er atmete tief auf: »Ja, Thres, ich glaube, ich tu dir unrecht.« «Du – mir?« »Ja. Es sind so meine schweren Gedanken. Es ist um deinetwegen, daß ich so rede.« »Was heißt das? Du willst doch nicht sagen ...« Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich an ihn. Ihr Herz stürmte. Das Blut ihres warmen Leibes wollte sich mit dem seinen vereinen. Ihr halbgeöffneter Mund lechzte ihm entgegen. Worauf wartete er noch? Hatte er denn keine Blicke für sie? Sah er denn nicht ihre große Sehnsucht, ihr heißes Verlangen? War er denn niemals mit einem Weib allein und unter vier Augen gewesen? Sie dachte dabei an die Schilderung der Obermagd, die bei ihrem Vater der Molkerei vorstand. Die kannte die Liebe. Der Großknecht war zwischen den schwülen Roggengassen ihr Lehrer gewesen – in einer Sommernacht, die so hell war, daß man die einzelnen Ähren noch zählen konnte. Und da war er gekommen, ganz langsam und feierlich und die Hände in den leinenen Hosen vergraben. Er beeilte sich nicht. Aber alles, was er tat, war sicher und hatte sein festes Programm. Nichts fehlte. Der Mensch wußte, was sich gehörte ... und da zirpten die Grillen nicht mehr, und das Korn rauschte nicht mehr; nur ein angeseiltes Stöhnen und Küssen war im hohen Getreide. – Das flog durch ihre Sinne, das hatte ihr die Magd alles erzählt, mit runden Augen und im Angedenken an den ruhigen Menschen ... und das war nur ein simpler Großknecht gewesen, hier aber stand Hermann Verheyen... »Hermann,« ächzte sie, »so versteh mich doch endlich!« Ihr Kopf sank nach vorn. Er glitt ihr über die Haare. »Ich meine, Thres, daß wir nicht auf dem richtigen Wege sind. Du nicht und ich nicht. Aber das können wir später bereden. Komm jetzt. Sie werden schon aufmerksam und sehn durch die Scheiben. Wir wollten doch den ersten Walzer ...« »Nein, du – ich will doch erst wissen ...« Sie stemmte sich gegen seine Brust und drängte den Oberkörper zurück. Unter dem Druck ihrer harten Formen krachten die Nesteln ihres Kleides. »Hermann, ich will doch erst wissen ... Warum bist du denn nicht auf dem richtigen Wege? Ich bin's schon. Sieh nur ...« und sie warf sich wieder an ihn, gierig, mit zuckendem Leib und der Allgewalt eines Weibes, das die Herrschaft über sich selber verloren hatte. Ihre Lippen preßten sich auf seinen Hals, sogen sich fest . .. »Und wenn du an meiner Liebe zugrunde gehst ...« Es graute ihm vor dieser Leidenschaft. »Aber, Thres ...!« »Nein, nein, nein ...! – oder steht die andere noch immer zwischen uns? – die andere, die in meine Träume sieht, die ich nicht loswerden kann ...« Er suchte aus ihrer Umarmung zu kommen: «So sei doch vernünftig.« »Das bin ich ... aber du: weshalb sind wir nicht auf dem richtigen Wege?« »Weil es mir an der Kehle würgt ... weil ich nicht weiß ...« Er sah über sie fort: »Weil da eine steht, die uns den Zugang versperrt ...« »Die ...?!« stöhnte sie auf. »Ja – die ... die ... die... ! – Ich habe doch auch ein Herz im Leibe. Ich kann ihm doch nicht zurufen: Kusch dich! Ich kann dieses Herz doch nicht prügeln und ihm die Tür weisen. Schlimm genug, daß ich darüber nicht fortkann. Aber ich bitte dich, Thres, rühre nicht an die alte Geschichte ...« »Aber ich habe doch schließlich ein Anrecht ...« »Herr, du mein Christus! Du weißt ja: eine habe ich schon zugrunde gerichtet. Die liegt nun mit ihrem Marterholz am Weg und kann sich nicht aufheben.« »Laß sie nur liegen. Mir soll's egal sein. Ich weiß schon über ihren Nacken zu schreiten.« Er hatte einen Fluch zwischen den Zähnen. Sie küßte ihm diesen Fluch von den Lippen. »Hermann, was soll das? Hermann, du willst doch kein Lump an mir werden? – Und wenn sie jetzt käme – die andere – die mit ihrem vornehmen Getu ... Hermann, ich wüßte schon, was ich mit ihr anfangen würde ...« Der Ausdruck ihres Gesichtes war häßlich geworden: »Die vom Seegersschen Hof können schon 'ne Fuhrmannspeitsche regieren ...« Er vernahm ein Brechen und Krachen. Es war ihm, als käme sein ganzes Lebensgebäude mit allen Scherwänden und Balkensielen ins Wanken. Mit harten Schlägen fuhr ihm die Drohung gegen die Stirne. »Das mir ... ?! – Das dem armen Geschöpf ... ?! – Pfui Teufel noch mal!« »Hermann ... ! Ich bitte dich, Hermann ! – Du willst doch keine Szene hier machen?« Ihre Worte erstickten. Ein Fenster wurde aufgerissen. Die ersten Takte eines getragenen Walzers klangen hinaus. In dem taglichten Rahmen erschien der Festordner, beugte sich vor und klatschte in die Hände: »Nu aber 'rein. Es geht los. Sie warten schon alle.« In vollen Tönen flutete die Walzermelodie in den laulichen Abend. Es war just um die Stunde, wo auch Anna Pulcher die ›Rosen aus dem Süden‹ zu hören glaubte. »Hermann, so komm doch ...« Sie warf sich an seiner Brust herum, schob ihren Arm in den seinen und drängte ihn dem Eingang zu. Gleich darauf strahlte ihnen eine blendende Helle entgegen: Hunderte von brennenden Kerzen, die Wände entlang, zwischen Girlanden und Fahnen, an eisernen Faßreifen von der niedrigen Decke schwebend ... und in diesem Lichtergeflirr die ›Rosen aus dem Süden‹...   »Ich bitte die Herrens, sind alle versammelt?« In vollem Schmuck hatte sich Dores Jansen erhoben. In Kraft seines Amtes als Adjutant der Bruderschaft stand ihm diese Frage zu, und er erledigte sich ihrer mit einem gewissen Behagen. »Herr Pulcher steht noch aus,« sagte der Bäckermeister ter Meeren. »Muß immer was Besonderes haben,« griemelte Franz Seegers, streckte die Beine und warf seine zweihundert Pfund in den Lehnstuhl zurück. »Meintswegen können wir anfangen. Ich für meine Person habe keinen besonderen Gusto, auf den Weberkönig zu warten.« »Geht nicht.« »Woso nicht?« »Noch fünf Minuten fehlen an voll,« konstatierte der Postsekretär, »und ich möchte unter keiner Bedingung ...« »Na, denn natürlich,« sagte Herr Jansen, »und wenn es auch anders wäre, ich meine: selbst in diesem Falle müßten wir ein übriges tun und dem Herrn Pulcher so Propter und Prätorius die Ehre erweisen.« »Absolut keine Veranlassung,« versetzte der Niederungsbauer. »Ich bin pünktlich, Jakob Verheyen ist pünktlich, die andern sind pünktlich ... Warum kann der Leinewandmacher nicht dasselbige Prinzip befolgen?« »Ich meine man bloß ...« »Immer das dumme ›Gemeine‹. Aber ich vertrete meinen Standpunkt: Schlag Klock voll fangen wir an, gleichviel ob er kommt oder nicht. Ich habe nach Pitt Pulcher keinen roten Pfennig zu fragen, und damit – Basta.« »Wollen wir nicht bei der Sache bleiben, Herr Seegers?« meinte der Postsekretär. »Gern, gern!« hielt ihm der andere entgegen und zog seine goldene Uhr zu Rate, »aber nochmals gesagt: Schlag Klock voll wird in die Beratung getreten.« Damit setzte er die Knöchel seiner Hand auf den Tisch und drückte seinen Willen mit dreimaligem Klopfen auf die eichene Platte. »Das verfluchte Gehabe ...!« Unverwandt sah der ›Hobel le Beau ‹ auf die Tür. Am liebsten wäre er dem Krakeeler an die Kehle gefahren, bekriegte sich aber und wünschte den einzelnen Sekunden und Minuten eine gehörige Portion Leim an die Füße. Alle saßen in großer Erwartung. Nur gedämpft klang die Kapelle vom Tanzboden herüber. Im Gesellschaftszimmer sprach keiner mehr. Alle horchten auf den dicken Nachtfalter, der die Petroleumlampe umsurrte, der musizierenden Flamme auswich, um von hier aus gegen die Fensterscheiben zu poltern. Sämtliche Stühle, die die lange Tafel umgaben, waren besetzt. Nur zwei nicht. Der Pitt Pulchers nicht und der des Präsidenten nicht. Hinter diesem erhob sich das Banner der Schützengesellschaft. Es war schräg gestellt, so daß das seidengestickte Tuch in vollem Glanz niederfließen konnte. Kunstfertige Nadeln hatten die Legende des heiligen Sebastianus dem kostbaren Webwerk einverleibt: Sebastianus am Marterpfahl, Sebastianus von Pfeilen durchbohrt, Sebastianus von einer Gloriole umwoben. Darunter drei Eichenblätter mit der Inschrift: In trinitate robur . Zur Feier des Tages wurde ›Langkork‹ getrunken. Zehn Bordeauxflaschen standen auf Reihe. Zwischen ihnen erhob sich der silberne, kunstvoll getriebene Pokal, aus dem schon Herzog Johann von Kleve getrunken. Jahrhunderte waren darüber vergangen, Kriegswirren und andere Wirren. Brandschatzungen hatte die Stadt gesehen, Feuer und Lohe. Präsidenten waren gekommen, Präsidenten waren gegangen. Unwirtliche Zeiten hatten die Sebastianer auseinandergesprengt, freundliche sie wieder vereinigt. Aber der Pokal war derselbe geblieben. Noch immer strahlte er in seinem früheren Glanze. Goldene und silberne Münzen klingelten an seinem gebuckelten Mantel. Seltene Stücke waren darunter, kurkölnische und solche, die die Spanier zugebracht hatten. Auch ein Raderalbus – ein schlichter Pfennig, nur absonderlich, weil er der Hand einer armseligen Spittelfrau entstammte, die zu Ehren der allerseligsten Jungfrau den Vogel von der Stange geschossen hatte. Der Becher funkelte und glitzerte im Licht der Petroleumlampe. Neben ihm ruhten die Urkunden und Satzungen der Bruderschaft, teils abgegriffene Bände in Schweinsleder, teils solche, die noch den frischen Buchbinderkleister zwischen den Blättern hatten. Der dickleibige Falter machte abermals seinen wahnwitzigen Taumelflug um den heißen Zylinder. Die Flamme zirpte, und Franz Seegers hielt unentwegt die goldene Uhr zwischen den klobigen Fingern. Mit gespannter Neugier folgte er dem kriechenden Gang des großen Zeigers, der gemächlich auf voll rückte. »Wenn er jetzt nicht erscheint ...« Um die kantigen Mundecken des breitschultrigen Mannes legte sich ein vielsagendes Lächeln. Dann nickte er Jakob Verheyen zu und ließ die Uhr unter den leinenen Kittel verschwinden. In diesem Augenblick brummte es vom nahen Rathaus herüber. Mit dem letzten Schlage trat Pitt Pulcher ins Zimmer. »Guten Abend, die Herren.« Alle erwiderten seinen Gruß, nur Seegers und Verheyen prosteten sich an und meinten so nebenher, daß bei dem jetzigen Stande des Getreides die Kornpreise anziehen würden. Sie führten die vom Zaun gebrochene Unterhaltung mit erhobenen Stimmen, die für den Eingetretenen kränkend sein mußten. Pitt Pulcher ließ sich nicht beirren, nahm seinen Platz ein und legte die Hände übereinander. Er war vom Kopf bis zu den Schuhen in Schwarz und hatte um den niedrigen Vatermörder eine seidene Binde geschlungen. Das kranke Augenlid schien gelähmter denn sonst. Schwer hing es nieder. Nur ein schmaler Schein drängelte sich durch die enge Spalte. Um so voller und herrischer strahlte das gesunde Auge. Es blickte jeden einzelnen an, begrüßte die Fahne, glitt über die Satzungen der Gesellschaft und verweilte geraume Zeit bei dem Pokal und den seltenen Münzen. Dores Jansen erhob sich. »Ich bitte die Herrens, sind nu alle versammelt?« fragte er nochmals. »Alle,« bestätigte der Bäckermeister ter Meeren. »Dann, und zwar im Namen des heiligen Sebastianus,« fuhr Jansen in seiner Eigenschaft als Adjutant fort, »ersuche ich Herrn Pulcher, die Sitzung so Propter und Prätorius eröffnen zu wollen.« »Soll geschehn,« sagte Pitt Pulcher, »sintemal kein älterer unter uns ist, und die Satzung den Senior hierzu bestimmt. Zuvor jedoch ...« und der Weberkönig streckte sich hoch, stemmte die Knöchel auf die Tischplatte und sagte: »Meine Herren! Nach alter Gewohnheit und nach guter Sitte und Einfalt hat vor jedem weisen Beschluß der Pokal die Runde zu machen, auf daß Hader und Zank fernbleibe, gegenteilige Meinung sich nicht ungebührend betrage, den Zagen und Kleinmütigen die Zunge gelöst werde und löbliche Eintracht herrsche im Namen des dreieinigen Gottes. Mundschenk, walte des Amtes!« Da nahm der Apotheker den Becher, füllte ihn bis zum Rande mit duftigem Bordeaux und übergab ihn dem Vorsprecher. »So trinke ich denn auf fröhliche Botschaft und braves Gelingen,« sagte der Alte und nahm den Pokal und trank und reichte ihn weiter. Feierlich ging das Gefäß von Hand zu Hand, von Mund zu Mund, und alle erhoben sich, wenn sie es ansetzten. Lautlose Stille herrschte beim Umtrunk. Langsam kreiste der Becher. Als er in die Hand Pitt Pulchers zurücklehrte, machte dieser die Nagelprobe, brachte den Pokal wieder an Ort und sagte: »Hiermit ist die Sitzung eröffnet. Um was es sich handelt, wissen wir alle. Das Banner des heiligen Sebastianus steht verwaist. In Quirinus vom Oort hat es einen treuen Führer und einen unentwegten Hauptmann verloren. Einer von den Geraden, von den Aufrechten im Lande ist von ihm gegangen. Der Präsident ist tot, es lebe der Präsident! Eine neue Wahl ist vonnöten. Bevor wir aber hierzu schreiten, haben wir nach alter Satzung und Form den letzten Willen des Verstorbenen zu hören – und daher habe ich die Frage zu stellen: Wem ist dieser letzte Wille allgegenwärtig?« Der ›Hobel le Beau ‹ räusperte sich. Karfreitagsstimmung umgab ihn. Er hatte mit einem verhaltenen Schluchzen zu kämpfen. Dann riß er sich militärisch zusammen. »Ich melde mir gehorsamst zur Stelle,« sagte er mit fester Betonung. »Schön,« meinte der Alte, »dann tut uns kund und zu wissen ...« »Herr Quirinus vom Oort,« sagte Dores, »hat mir kurz vor seinem gottwohlgefälligen Ableben so Propter und Prätorius auf die Seele gebunden, erstens: Pitt Pulcher hat die neue Verhandlung zu leiten, ohne Ansehn der Person und so, wie es Pitt Pulcher in der Gewohnheit besitzt.« »Natürlich!« höhnte Franz Seegers. »Zum andren: Die Unkosten fallen auf mich, das heißt auf die Schatullenkasse des seligen Hauptmanns. Munter soll's im ›Blauen Anker‹ bei der Wahl hergehn, denn ich bin immerst ein fideler Kostgänger des lieben Herrgotts gewesen. Wieder meine ich Herrn Quirinus, weil ich mir in seine Worte versetze.« »Hat nichts mit der Sache zu tun,« warf Jakob Verheyen ein. »Wir brauchen nicht auf andermanns Kosten zu leben.« Erregt warf er sich in seinen Sessel zurück und schlug die Beine übereinander. »Herr Verheyen,« rief Dores, »ich bitte Ihnen, mir als Adjutant und Testamentsvollstrecker nicht unterbrechen zu wollen. Zum letzten: Ich wünsche, daß mein Nachfolger ein ganzer und ehrlicher Mann ist.« »Das ist es,« konstatierte Pitt Pulcher. »Seit Olimszeiten haben nur aufrechte und ehrliche Männer das Geschick der Sebastianer geleitet. Soweit die Urkunden reichen, und sie reichen bis weit hinein in die Regierungszeiten der glorreichen Herzöge von Jülich, Kleve und Berg, waren die Präsidenten der Schützengesellschaft kernfeste Herren, die es mit jedem Edelmann aufnehmen konnten. Selbst die Herzogin Maria von Kleve hat einmal gesagt, als ihr fünfzehnhundertundzehn Joris ten Hompel in seiner ganzen Herrlichkeit und Festigkeit aufwarten durfte: Wäre ich nicht die Gemahlin des hochmögenden Herzogs, ich würde mich glücklich schätzen, unter dem Fahnentuch der Sebastianer als Frau des Hauptmanns zu leben.« »Bravo!« »Ja, meine Herren, solches steht verbrieft und gesiegelt und ist bis auf unsere Tage gekommen. Das Wort der Herzogin in Ehren. Es beweist, wie es um unsre Schützengesellschaft bestellt war, und gibt uns den Ansporn, auch ferner in diesem Sinne zu handeln, zu wählen. Der Wunsch des Verstorbenen liegt mir am Herzen. Der letzte Wille des Heimgegangenen ist mir heilig geworden ...« »Endlich zur Sache!« unterbrach ihn Franz Seegers. »Ich habe noch andere Pflichten. Heute ist Kirmes. Wenn ich Predigen hören will, dann geh ich ins Hochamt und habe dafür den Blauen ›Anker‹ nicht nötig. Hier wird nicht gepredigt, sondern gewählt, und außerdem habe ich meiner Tochter versprochen ... Also ich bitte, auf den richtigen Dreh zu kommen und gefälligst die Stimmen zu zählen.« Mit einem leisen Pfiff, den er gemächlich durch die Zähne hindurchzog, beschloß er seine Anrempelung, die eine allgemeine Beklemmung auslöste und den Herzen gebot, rascher zu schlagen. Nur Jakob Verheyen stellte sich auf die Seite des Sprechers. Er nickte ihm beifällig zu und stieß mit ihm an. Die anderen sahen ängstlich auf Pitt Pulcher und merkten: das Blut stieg ihm zu Kopf, und dennoch – Pitt Pulcher blieb ruhig. Die rechte Hand ballte sich langsam, und die rechte Hand löste sich wieder. Er ging über den Anwurf seines Gegners fort, als hätte dieser zu einem Stoppelacker geredet. »Franz Seegers,« sagte er denn auch ohne Erregung, »hätten Kirmes, Tanzerei und ähnliches auf der Tagesordnung gestanden, dann hättet Ihr in die richtige Kerbe gehauen. Hier aber stehen ernste Dinge zur Verhandlung. Zu Eurer Tochter auf dem Tanzboden kommt Ihr immer noch zeitig genug ... Ich aber habe den letzten Willen eines verstorbenen Mannes zu vertreten, ich habe die Pflicht, vor der Wahl an die Nieren zu klopfen, daß jeder weiß, um was es sich handelt, daß nur ein solcher den Stuhl des Präsidenten erhält, der auch würdig ist, diesen Stuhl innezuhaben. Und darum predige ich, will ich predigen, muß ich predigen ... und sage frank und frei von der Leber herunter: Nur der wird gewählt, der rein und echt und lauter ist wie die Stimme von Anne-Susanne ...« »Herrjeses!« schrie Seegers, und mit rohem Gewieher klatschte er sich auf die Oberschenkel, »Jakob, ich bitte dir, Jakob ...! – nu kommt er wieder mit die alte, verfluchtige Glocke ...! – Herr, Sie sind wohl rein des leibhaftigen Deibels geworden ...!« »Ich verbitte mir, Seegers ...!« Jetzt fuhr die zurückgedämmte Wut des Alten aus dem grauen Kopf in die Faust, und die Faust streckte sich über den Tisch. »Wage mir keiner an Anne-Susanne zu rütteln, aber auch keiner. Sonst ...« und die Faust krachte nieder. »Was Anne-Susanne ist, das kann so'n niederrheinischer Bauer niemals begreifen. Was Anne-Susanne bedeutet von jeher bis heute, das wird so mancher niemals kapieren. Ruhe, Franz Seegers! Da muß schon einer sagen können: Ich habe noch andre Interessen als minderwertige Hypothekengeschäfte zu machen. Da muß schon einer kommen, der nicht nur für seine eigenen Taschen und die seiner Freundschaft arbeitet. Nur Menschen, die mit properen Gedanken aufwarten können, nur solche, die weder rechts noch links sehen, sondern geradeaus, kommen hier in Betrachtung. Und daher noch einmal: Nur der wird gewählt, der rein und echt und lauter ist wie die Sprache von Anne-Susanne – nur dem wird die Stimme gegeben. So, das wäre meine Ansicht. Ich habe im Sinne des verstorbenen Hauptmanns gesprochen.« »'ne schöne Ansicht und 'ne nette Vertretung!« grinste Franz Seegers. »Aber ich bitte Siel« rief der Postsekretär begütigend dazwischen. »Herr Seegers, können wir denn nicht alles in Frieden bereden?« »Natürlich können wir das ...« »Dann habe ich einen Vorschlag zu machen. Warum noch lange suchen? Ich bitte um Einheit der Stimmen. Das wäre ein schöner, segensreicher Abschluß der heutigen Sitzung. Einheit des Wunsches, Einheit des Gedankens! Dieser Grundsatz schiebt allen Hader und alle Mißhelligkeiten beiseite. Ich glaube nach bestem Wissen zu handeln, wenn ich nochmals die Frage stelle: Aus welchem Grunde noch lange suchen? – um gleich darauf die Antwort zu geben. Den Mann, den wir nötig haben ... meine Herren, hier steht er.« Er zeigte auf Pitt Pulcher. Dieser schüttelte ernst mit dem Kopf und machte eine wehe und abwehrende Handbewegung. »Ja, meine Herren – da steht er!« Die meisten erhoben sich. »Bravo!« rief Dores Jansen. »Das nenn' ich mal richtig gesprochen.« »Hurra und Vivat!« ließ sich der Apotheker vernehmen. Der Bäckermeister ter Meeren machte schon Anstalten, das Banner zu ergreifen, um es nach alter Satzung dreimal über die Tafel zu schwenken. »Setzt mir nackig in Indigo,« schrie Dores dazwischen, »aberst ich kann mir nicht helfen: wir haben den rechten gefunden – den richtigen Mann an die richtige Stelle. Hurra! – Herr Pitt Pulcher soll leben ...!« »Nee!« sagte Franz Seegers und hob sich in seinem blauen Kittel schwer in die Höhe. »Wird abgestimmt oder wird nicht abgestimmt? Ich und meine Niederungsbauern sind ganz konträriger Ansicht. Weshalb denn Pitt Pulcher? Weil sein Großvater von Anno Tobakszeiten her die große Glocke gestiftet? Weil derselbige Großvater Skandal in dem alten Köln gemacht hat und die vornehmen Edelmänners abstechen ließ, als wären sie veritable Ferkels gewesen? Und darum Pitt Pulcher? Nee, meine Herren, auf dieser Pfeife wird niemals gepfiffen ...« »Hurra! – Pitt Pulcher soll leben ...!« Dores Jansen war auf den Stuhl gesprungen und schwenkte sein Weinglas. »Gottverdomie noch mall – das ist ja 'ne verfluchtige und abgekartete Mache! Da gibt es noch andere Kerle und Könners zwischen Kleve und Xanten. Zum Beispiel ... Jakob Verheyen, stelle dich hierhin. Ich für meine Person bringe Jakob Verheyen in Vorschlag ... und damit ist die Sache geregelt.« »Ruhel« gebot der Alte. »Um allen Weiterungen aus dem Wege zu gehen: es wird abgestimmt.« Und Ruhe trat ein. Wäre ein Geist durch die Stube gewandelt, seinen Schritt hätte jeder vernommen, so still war es mittlerweile geworden ... Auf dem Tanzboden aber wurde ein neuer, frischer und fröhlicher Walzer gestrichen.   19 Na, so was ... ! – Die Klarinette hatte die führende Stimme. Aber wie wurde sie auch geblasen! Ihre Töne kribbelten ordentlich in die Beine hinein, um von hier aus höher zu steigen und die Herzen der tanzenden Paare fester aneinander zu schmiegen. Überhaupt die Klarinette! – und vornehmlich heute ... Niemals in seinem Leben hatte der Schuster Kogeleboom sie so trefflich gemeistert. Aus Eichen- und Fichtenkränzen heraus, hinter denen sich die Musizi aufgepflanzt hatten, spendierte er die köstlichsten Klangfiguren, als wären sie so billig wie Heidelbeeren gewesen. Kogeleboom war wegen seines langen Atems bekannt. Dreißig Sekunden hindurch konnte er den nämlichen Ton halten und zwar so regelrecht und ohne Knoten, daß man meinen sollte, ein Reepschläger hätte ihn aus einem einzigen Riesenfaden gesponnen. Wie der Durst, so die Leistung. Und Meister Kogeleboom hatte sich in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen. Der ›Seydlitzbitter‹ und die sitzende Lebensweise machten ihn wissend, machten ihn zu einem kundigen Thebaner. Wie er mit seinen steifen Pechfingern und dem schiefen Mundwerk das alles fertigbrachte, war von jeher ein Rätsel gewesen. Aber die Tatsache blieb nun einmal bestehen: unter dem Zwiebelodem des Schusters wurde die Klarinette zu einem senkenden Wesen, zu einem verbuhlten Weib und einem Lied ohne Worte. Wie eine Tänzerin führte sie den Reigen an, schlängelte sie sich durch die Stimmen der Geigen, wiegte sie sich auf dem schweren Gerumpel des Bombardons, um wieder wie ein geschwätziger Star auf der höchsten Kirchturmspitze zu sitzen und die klarsten Triller niederperlen zu lassen. Jetzt wieder ... Zum zweitenmal wurden die ›Rosen aus dem Süden‹geblasen. Ach, die köstlichen Rosen ... ! Die Töne dufteten, und unter ihrem Hauch verwandelte sich der niederrheinische Tanzboden in eine prächtige Halle. Die aufgewirbelten Staubpartikelchen flimmerten und glitzerten im Licht von hundert und aber hundert Stearinkerzen, die, zu Kreisen gereiht, von der Decke herabschwebten. Drei Faßreifen gaben ihnen Halt und Stütze. Leichte Girlanden, mit Papierfähnchen in den preußischen und deutschen Landesfarben besteckt, schwangen sich von einem Leuchter zum andern, zogen sich dann zur Musikantentribüne und liefen von hier aus die Wände entlang, die ihrerseits wieder mit rot- und weißgestreiftem Schirtingstoff austapeziert waren. Überall flirrende Bewegung. Der mittlere Raum blieb für die Tanzenden frei. Rechts und links standen Tische bei Tische. Die Schmalseite des Saales wurde durch einen niedrigen Auftritt gehoben. Hier war für die Honoratioren gedeckt: für die Bürgersleute, die etwas vorstellten, und die fetten Niederungsbauern, die im Kreise ihrer Verwandtschaft, ihrer Frauen und erwachsenen Töchter das Blaue vom Himmel schwadronierten, neben sich den lieben Gott und allenfalls noch den Herrn Landrat gelten ließen, im übrigen nur die eigene Würde und den eigenen Menschen zu schätzen wußten und eine Bouteille nach der andern bestellten – alles bodenständige und seßhafte Leute, mit der Scholle verwachsen und von dem Bewußtsein getragen, ihr liegendes Eigen frei von allen Lasten und Hypotheken zu wissen. In ihrer Gesellschaft befanden sich auch die jungen Brautleute. Sie warteten hier auf Jakob Verheyen und Seegers, die versprochen hatten, gleich nach der Sitzung anzurufen und noch etliche Stunden mit ihnen zu verleben. Jetzt betreute sie eine behäbige Gutsbesitzerfamilie, deren Äcker unmittelbar an das Seegerssche Anwesen stießen. Der pater familias , Theresens Pate, auch Ohm Lörksenbauer genannt, lärmte vergnügt und schon etwas angetrunken über die gedeckte Tafel hin. »Hermann, mich soll der Teufel frikassieren, wenn ich während meiner Brautschaft so'n miserabeles Gesicht aufgesetzt hätte! Was, Mutter ...?!« und mit einem jovialen Schnalzer legte er den Arm um die Taille seiner Frau, die verlegen mit ihrer schwergoldenen Uhrkette spielte und zustimmend nickte. »Aber nichts für ungut, Hermann! Das kann alles noch werden. Miese Brautschaft, fideler Ehestand! Was, Hermann ...?!« und um seinen Worten den gehörigen Nachdruck zu geben, hielt er einen vorüberfliegenden Lohnkellner bei den Rockschößen fest: »Hallo, Markör, noch fünf Flaschen Burdo! Wir müssen Hermann Verheyen und seiner Braut die Ehre erweisen!« Thres strahlte, und als die Flaschen kamen und eingeschenkt wurde, klangen die Gläser zusammen, als sollte unter ihrem Geläut das zu erwartende Glück für ewige Zeiten eingeweiht werden. Ein brausendes »Vivat!« stieg von der Honoratiorentafel auf, erfüllte den ganzen Tanzboden und drang bis in die entlegensten Winkel. Alle streckten die Hälse und nahmen lauten Anteil an der klingenden Feier. Das geschah in demselben Augenblick, als die \>Rosen aus dem Süden\< zum zweitenmal einsetzten und der Staub wieder begann, glitzernd gegen die Kronleuchter zu wirbeln. »Thres, alles Gute und Schöne!« »Prost, Hermann!« »Hermann, dein Spezielles!« »Hermann, auf das, was wir lieben!« Von allen Seiten strömten die Bekannten zu. Auch Thyß Jansen war an seine Seite getreten, die Artilleriemütze schief über die Seite gezogen und eine Rose im Knopfloch. »Hermann,« sagte er bedrückt vor sich hin, »nimm's mir nicht übel, wenn ich mir in diesem Momang in andere Umstände befinde. Hermann, ich und du, wir zwei beide sind von jeher immerst gute Freunde und Artolleriekollegen gewesen, und da sagte ich mir, Thyß, sagte ich mir, auf diesem erhabenen Kirmesfest bist du verpflichtet, deinem früheren Bundesgenossen den gehorsamsten Ausdruck vor die Füße zu legen. Hermann, es gilt, wenn auch vieles zwischen uns ist, was mir gegen den Strich geht. Hermann, so wahr ich hier stehe: gerne wäre ich in voller Montur und in kumplettem Lederzeug vor dir erschienen, um dir mit 'nem Glase Burdo unter die Augen zu treten. Da wir uns jedoch in bürgerlichen Verhältnissen befinden, Burdo aber, der Kostspieligkeit wegen, 'nem Schreinergesellen nicht zukommt, so steh' ich hier, wie ich bin und mit 'nem Seidel Bier zwischen die Finger. Und darum, auf das, was wir lieben. Indessen jedoch ... Hermann, nimm's mir nicht übel – auf deine Brautschaft kann ich nicht trinken. Das wäre Hochverrat an meiner innigsten Neigung, denn ich bin immerst ein ehrlicher Kerl und äußerst honorig gewesen. Aber in diesem Momang ... Hermann, ich denke an verflossene Zeiten und lasse das an dir leben, was ich an dir bewunderungswürdig taxiere und was schon unser \>Lieschen\< und unser hochehrwürdiger Herr Regimentskommandeur als bewunderungswürdig betrachtet haben. Hermann« – und Thyß hob sein Glas in die Höhe und rief mit mächtiger Stimme über Tische und Bänke und über die Tanzenden fort: «Hermann, deine Kurasch soll leben, deine Tat als artolleristischer Kämpfer soll leben ... Hermann, die Rettungsmedaille soll leben!« Und »Hoch!« ging das durch den Saal und nochmals »Hoch!« und zum drittenmal »Hoch!« Nur in der Gesellschaft der vornehmen Bauern war eisiges Schweigen. Kein Laut kam von ihren Lippen. Alle sahen auf Hermann Verheyen, der, das Glas in der Hand, die Stunde nicht richtig ansprechen und hinnehmen konnte. »Ich danke dir, Thyß,« sagte er fahrig. Der war schon längst auf und davon und im Getriebe der hin- und herflutenden Menschen verschwunden. Thres sah ihren Geliebten fassungslos an. »Was wollte der Mensch nur?« fragte sie zögernd. »Dämliche Redensarten machen,« gab ihr Pate zur Antwort. «Solche Kerls sind das tägliche Brot nicht wert, was sie zwischen die Zähne nehmen. Aber drum keine Feindschaft nicht, Hermann Verheyen. Für so was bist du nicht verantwortlich zu machen. Nur gebe ich dir den guten Rat, dir die klebrigen Schellackfinger vom Leibe zu halten. Wer um Thres Seegers gefreit hat, der muß sich dran gewöhnen, andre Luft um die Nase zu haben. Im übrigen allerhand Achtung von wegen deiner militärischen Dienstzeit. Das steht besonders verzeichnet und gehört nicht auf den Tanzboden. Aber das gehört auf den Tanzboden: deine Braut. Dafür bist du gekommen ... und somit: marsch ins Vergnügen.« Der Alte hatte den richtigen Ton angeschlagen; alle pflichteten ihm bei, zumal auch die Musik kräftiger einsetzte und die Klarinette ihre schönsten und zierlichsten Figuren verstreute. Ach, die köstlichen Rosen ...! Thres hatte die soeben durchlebte Kränkung vollständig vergessen. Sie war darüber hingeglitten wie ein Fledermausflügel über ein spiegelndes und doch modriges Wasser. Der Walzer half ihr dabei. Die weichen Klänge legten sich schmeichelnd um ihre leicht erregbaren Sinne. »Komm, Hermann,« sagte sie keuchend. Sie schob ihren vollen Arm in den des Geliebten. Sie drängte ihn mit sich, in den Trubel hinein, in die flirrenden, tanzenden und flüsternden Paare hinein. Ihre Lippen öffneten sich durstig und wie in stiller Verzückung. Die alte, unbezwingliche Leidenschaft hatte sich wieder an sie geworfen – die Gier nach dem Manne. Das war Thres Seegers wieder, Thres in all ihrer Leichtfertigkeit, mit all ihrer Freude am Genuß und dem übermütigen Lachen, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Die wütigen Zweifel, die sie noch kurz vor dem Betreten des Tanzbodens beherrschten, waren spurlos aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Sie wollte ja nichts weiter als das Leben genießen, ein Leben mit heißen Pulsen und herrischer Mannesliebe, selbst wenn es mit einer Sünde erkauft werden mußte. Sie dachte erneut an die schwülen Roggengassen, von denen ihr die Obermagd erzählt hatte, an die verschwiegenen Sommernächte, die so hell waren, daß man jede einzelne Ähre zählen konnte. Und solche Sommernächte glaubte sie in den Armen Hermanns zu finden ... endlose, durstige Nächte, die selbst den Morgen vergaßen. »Hermann, nu aber vorwärts!« Ihre weißen Zähne lachten ihn an, ihr warmer Atem streifte ihn. Er fühlte die Nähe ihres festen und kräftigen Leibes. Da riß er sie an sich, fast mit roher Gewalt ... und drehte sie durch das Staubgewirbel und das Kerzenflirren und schloß die Augen, um sie nicht zu sehen, um sich nicht zu sehen und die ekelhafte Welt nicht zu sehen. Es gibt Tage im Jahr, die sind voller Jubel und Blumen und haben doch den Tod zwischen den Rippen. Noch schlimmer, wenn solche Tage sich zu einer einzigen Stunde verdichten ... und eine solche Stunde war bei ihm, jetzt in diesem Augenblick, wo er mit Thres Seegers, mit seiner Braut, das eigene ›Ich‹ in das sichere Verderben und Sterben hineintanzte ... Was hatte er noch zu gewinnen? Anna Pulcher war ihm für immer verloren. Sie hatte ihm ja selber und aus freien Stücken heraus den Abschied gegeben. Warum also das lange Warten und Zögern? Am liebsten hätte er den kalten Lauf einer Pistole an die Schläfe gesetzt, um dem langsamen Absterben ein kurzes Ziel zu stellen. Aber was half ihm das alles? Er selber hätte sich allerdings aus dem Leben und von seinen Qualen fortgestohlen, aber sein Vater ... Gleichzeitig hätte er auch diesen über den Haufen geschossen ... und um diesen Preis die ersehnte Ruhe – und das Vergessen – und den Kirchhoffrieden zu kaufen ... Pfui Teufel nochmal ...! Ein bitteres Lachen gellte über den Tanzboden. »Hermann, was lachst du?« »Habe ich wirklich gelacht?« »Aber natürlich!« »Dann ist es vor Freude gewesen.« Sie wollte sich in seinen Armen schütteln: «Nimm dich in acht. Sie sehn schon alle auf uns.« »Wollen wir nicht aufhören, Thres?« »Ach, du! – weiter, immer nur weiter.« Ihre Blicke glühten. Ihre Formen strafften sich, die Blumen, die sie im Haar trug, welkten ab und fielen zu Boden. Achtlos trat sie darauf und fühlte sich glücklich, den Wildgeruch des Mannes bei sich zu haben. »Hermann, immer so weiter! – Hermann ...!« Die ›Rosen aus dem Süden‹, die köstlichen Rosen ...! – wie sie die Sinne entflammten! Auch über Hermann Verheyen fielen sie her, aber so welk und fade, wie sie soeben aus den Haaren von Thres Seegers gefallen. Oben auf der Musikantentribüne stand Thyß Jansen. Von hier aus sah er auf das bunte Treiben, das Schwirren und Walzen zu seinen Füßen. Ein volles Glas Bier stand neben ihm auf der Brüstung. Jetzt tat er einen tiefen Schluck, um sich Mut zuzutrinken. Und dann noch einen und wieder einen ... Er suchte und suchte. Endlich hatte er die beiden gefunden. Sie schwebten unten vorüber. Da reckte sich Thyß und stieß seinen Kopf durch das Laubgewinde. »Doppelt hält besser,« sagte er grimmig vor sich hin. Dann packte er den Henkel und rief mit lustiger Stimme, die aber den Satan im Nacken hatte, über die tanzenden Paare: «Hermann, auf das, was wir lieben! Hermann, deine Kurasch soll leben, deine Rettungsmedaille soll leben! – Hermann, es gilt! – aber nicht deiner Brautschaft ...! Hoch und Vivat. Hermann Verheyen ...!« Der Lörksenbauer bekam Witterung: «Da soll doch ein dreimal himmelhohes Gewitter ...!« Die Menschen drängten zusammen. Etliche hielten mit Tanzen inne. Der Ankerwirt kam und sah nach dem Rechten. Thres bohrte ihre Fingernägel in den Arm ihres Verlobten. »Sollen wir nicht aufhören?« fragte er nochmals. »Des infamen Menschen wegen?« gab sie zischelnd zurück. »Das wäre noch schöner. Jetzt gerade erst recht. Wetter, immer nur weiter ...!« und wieder ging ihr Fuß über die knirschenden Dielen, während der Lörksenbauer unentwegt Thyß Jansen beobachtete und den Hals einer leeren Bordeauxflasche umspannte. Die Ordnung schien wiederhergestellt, als Thres Seegers plötzlich den Kopf in den Nacken warf und über die Schulter stierte ... So tanzte sie weiter, den Blick immer auf ein und dieselbe Stelle gerichtet ... und dieser Blick wurde zum Panther. Also doch! Da stand ›Eine‹ am Ausgang –- bei den faden Kränzen – am Türpfosten gelehnt ... ohne Bewegung – ohne Leben ... still wie der Tod – und bleich wie der Tod ... und sah mit zusammengekrampften Händen und weitgeöffneten Augen in das bunte Treiben hinein, das sich um sie wie in einem Zauberkasten bewegte. Lautlos war sie erschienen, so wie ein Schatten die Wand entlang gleitet. Niemand hatte ihre Ankunft bemerkt, aber auch niemand. Alle waren mit sich selber und den Kirmesgästen beschäftigt ... und so stand denn die Ärmste mutterseelenallein, von keinem gegrüßt, von keinem aufgefordert, von keinem bemitleidet. Nur zwei glühende Blicke ... In diesem Augenblick flog Thres Seegers mit häßlichem Lachen vorüber. Sie hatte alle Farbe verloren. Anna Pulcher biß die Lippen zusammen. Alles lag in einer entsetzlichen Klarheit vor ihr – ihr vergangenes und ihr noch kommendes Leben. Wie eine Bildsäule ragte sie auf. Nur ihre jungfräuliche Brust hob und senkte sich in abgemessenen Pausen. »Hermann!« keuchte sie leise und drehte die Fingergelenke in- und gegeneinander. Was sie früher verheimlichen konnte, ließ sich nicht mehr verhüllen. Alles sank unter ihr fort, ins Bodenlose hinein, ins Nichts, in die furchtbare Öde, wo die Schatten wohnen. Sie vergaß ihren Vater – und Stephan – und das Glück ihrer Familie – und alles das, was sie feierlich gelobt und versprochen hatte. Sie sah nur die beiden. Sie zählte die einzelnen Schritte, das Drehen und Schleifen ... Sie jagte sinnlos einem verlorenen Glück nach, das sie, einem furchtbaren Zwange gehorchend, von sich gestoßen, um es jetzt wieder mit allen Fasern und Masern eines verzweifelten Herzens an sich zu reißen. Dann dachte sie wieder: »Geh deines Weges. Du hast ja verzichtet. Du bist der großen Liebe nicht würdig, denn eine große und heilige Liebe nimmt ihren Weg über den Nacken von Vater und Mutter... und du hast diese große und heilige Liebe von dir gewiesen, anstatt mit ihr über den Nacken deines Vaters zu schreiten ...« Sie rang nach Erlösung, nach Wahrheit. Sie fühlte, wie ihr Puls aussetzen wollte. Eine Stimme war bei ihr; die raunte ihr zu: »Ja, Anna Pulcher, geh deines Weges.« Schon wollte sie gehen. Da fiel eine purpurblaue Nacht über sie her. Thres Seegers ...! – und wieder das höhnische Lachen von eben. Die andere, das Weib mit den Pantheraugen, warf sich in den Armen ihres Geliebten herum: «Ich danke dir, Hermann ...« »Was heißt das?« »Ich meine nur, Hermann,« sagte sie mit fliegender Hast, »du bist nobel gewesen.« »Wieso denn?« Da hielt sie den Fuß an – mitten im Tanzen – mitten in dem wirren Getriebe ... und riß ihn zur Seite – an eine offene Stelle. Hier zeigte sie lachend auf den Eingang: »Hermann, die hast du mir wohl aus Liebe bestellt und zum Präsent machen wollen?« »Wen meinst du?« »Wen denn anders als dein früheres Liebchen. Da steht sie – die Webermamsell – das aufdringliche Weibsbild ...!« Jetzt sah er durch das flirrende Drehen ... Ein Schrei wollte aus seiner Kehle heraus. Er stieß ihn zurück und umgriff ihre Hände: »Aber wie kannst du ...? Diese Herzlosigkeit ...« »Laß mich los!« knirschte sie zwischen den Zähnen. »Du sollst mich loslassen. Das ist bestellte Arbeit gewesen.« Seine Fäuste packten nach: »Ich muß mir verbitten ...« »Du ...?!« rief sie gellend. «Ich sage dir nochmals: Das ist bestellte Arbeit gewesen ...« Sie sprach nicht weiter. Mit einem jähen Ruck brach die Musik ab. Die ›Rosen aus dem Süden‹ lagen entblättert am Boden. Durch das soeben noch fröhliche Treiben ging ein Frösteln und Frieren. Die Menschen strömten zusammen. Die Blicke aller waren auf Anna Pulcher gerichtet. Wie schön sie war! Wie still und zuversichtlich in ihrem großen Elend. Das Mitleid flog ihr wie zahme Tauben zu. Sie mußte es fühlen ... Der Lörksenbauer schwankte näher. Um Hermann Verheyen war Sturm. Seine Sinne brausten. Ein wilder Hammer pochte ihm gegen die Schläfen. Er sah befreundete Herzen, befreundete Menschen. Noch immer hielt er die Hände der Erregten umklammert. Thres Seegers schäumte. Sie warf den Oberkörper zurück: »Du sollst mich endlich loslassen. Du hast mich belogen, betrogen – mit der da betrogen ...« »Du – nimm Vernunft an, denn wenn ich dir sage ...« »Ich glaube dir nicht mehr. Bestellte Arbeit, nichts weiter ... Also doch ein Lump! – aber der da ...« Ihre Blicke loderten. »Was willst du?« Zum erstenmal schrie sie auf. »Das kümmert dich nicht. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Aber gut, du kannst es immerhin wissen ... dem Weibsbild dahinten, der Dirne, die Hand ins Gesicht setzen – das will ich ...!« Bevor er es verhindern konnte, hatte sie sich seiner Umschnürung entwunden und stand jetzt mit wogender Brust und verzerrtem Gesicht vor Anna Pulcher, die ihrem verzehrenden Haß mit kirchenstiller Ruhe begegnete. Alles hatte sich mit Gedankenschnelle ereignet. Weib gegen Weib, zwei kämpfende, ringende Weiber, und doch so verschieden in ihrem Kämpfen und Ringen ... »Was hast du überhaupt im ›Blauen Anker‹ zu schaffen?« zitterte Thres Seegers. Ihr Faust hob sich jählings. Vor der Hoheit Annas sank sie wieder herunter. »Willst du mir etwa den Eintritt verbieten?« fragte diese; dann sagte sie ruhig, ohne Bewegung: «Thres, ich habe gehört und gesehen ... Jetzt weiß ich: ich habe mir keinen Vorwurf zu machen. An deiner Seite wäre er elend geworden ... Noch soeben – ich gedachte zu sterben. Jetzt nicht mehr. Ich bin einem verpflichtet ...« und ihre Stimme nahm einen jubelnden Ton an: »Leben will ich – endlich mal leben. Mag kommen, was will. Und kämpfen will ich und siegen, denn ich bin die Stärkere – und mein ist die Liebe ... Hermann ...!« Und Hermann Verheyen war bei ihr. »Anna ...! – Geliebte ...! – endlich, endlich ...! – und du bist doch noch gekommen ...!« »Sieh, wie ich kam ...« und ihre Arme hoben sich langsam – fast feierlich – wie im Erstaunen ... Thres Seegers warf sich zurück. »Erstickt an eurem Glück – ihr zwei beiden!« keuchte sie heiser. »Da haben sich die richtigen zusammengefunden ...« »Thres, vergib mir ... ich konnte nicht anders ...« »Bettelgesellschaft – infame ...!« Der Brautring klirrte zu Boden, und mit hellem Gelächter warf sie sich an die Brust des Lörksenbauers. Zwei Menschen aber, zwei durch die Not des Lebens verschlagene und durch die Not des Lebens doch zusammengekettete Menschen hatten sich wiedergefunden ... und sie sahen, wie die Vergangenheit in das Meer des Vergessens untertauchte – und sahen, wie die Gegenwart mit verhärmten und doch leuchtenden Augen heraufzog. »Hermann ...!« »Anna ...! – Geliebte ...!« »Endlich! – endlich ...!« »Bist du arm geworden durch mich,« sagte sie leise, »so arm, so arm ...« »Und jetzt wieder so glücklich.« »Ach – du, du, du ...!« hauchte sie schmerzlich. Ein seliges Schluchzen war um sie. Immer enger schlossen sich die Menschen zusammen. Sie umhegten die beiden wie Schutzgeister. Der Lörksenbauer aber lärmte und fluchte: »Das ist ja 'ne ausgetragene Gemeinheit, 'ne Hundsfötterei ...!« Er schrie nach dem Polizeidiener, nach dem Pastor, nach dem Gericht ... »Franz Seegers soll kommen ...! Franz Seegers ...!« Hoch von der Tribüne kam eine Stimme herunter. Ein Bierseidel wurde geschwenkt. »Hermann,« jubelte Thyß, »nun bist du wieder der barbarische Artollerieheld von früher. Allerhand Achtung und meinen gehorsamsten Ausdruck. Hermann, auf das, was wir lieben! Hermann, deine Herzallerliebste soll leben! Die geht noch über die Rettungsmedaille. Hermann, du hast dir selbst übertroffen ...!« – und die Musik setzte von neuem ein, und alle kamen und beglückwünschten Anna Pulcher und Hermann Verheyen ... und wieder wurden die ›Rosen aus dem Süden‹ geblasen ... Der Lörksenbauer aber packte eine ihm zur Hand stehende Bierflasche und knallte sie gegen die Dielen: »Kreuzgewitter, dreimal verfluchtes! – Franz Seegers soll kommen ...! Franz Seegers ...!«   Inzwischen ... Die große Ruhe, die Pitt Pulcher geboten, hatte Franz Seegers im Sitzungszimmer der Sankt Sebastianer schon lange vorher unter den Tisch gepoltert. »Abstimmen! – abstimmen ...!« Er hatte das große Wort. Mit der ihm zu Gebote stehenden Unverfrorenheit suchte er alle Vorzüge seines Mandanten in die richtige Beleuchtung zu stellen. Seine Worte rasten wie Dreschflegel auf einer knochentrockenen Tenne. Was wollten alle Bewerber in der ganzen Umgebung überhaupt gegen Jakob Verheyen? Pitt Pulcher – recht schön, aber nur ein Waisenknabe im Hinblick auf den kolossalen Großkaufmann und Mühlenbesitzer. Als erster im Kirchenvorstand, als Standesperson und besonders in seiner Eigenschaft als Mensch war keiner würdig genug, ihm nur die Riemen an den Schuhen zu lösen. Bis weit über die Klever Gemarkung hinaus, bis ins Holländische hinein ließen sich zu jedermanns Einsicht noch die Spuren seines Ansehens nachweisen. Außerdem: ein richtiger Präsident mußte etwas in die Suppe zu brocken haben, mußte die Geldsäcke nebeneinander pflanzen können wie Soldaten im Gliede, um der Schützenfahne ordentlich Wind unter Tuch und Quasten zu blasen, sonst blieb die ganze Wahl nur 'ne Talmigeschichte. ›Butter bei die Fisch!‹ – ›Monetens heraus!‹ – Darauf verstand sich der steinreiche Mühlenbesitzer. Also weshalb nicht Jakob Verheyen? Seine dröhnende Zusprache wirkte. Etliche nickten ihm Beifall, dann mehrere. Die Landwirte und größeren Besitzer drängten sich an ihn heran und gaben unverhohlen zu verstehen, daß sie die vorgebrachten Gründe einzuschätzen verständen und willens seien, ihre Stimmen schon dem Richtigen zukommen zu lassen. Ebenso wie Pitt Pulcher habe auch Jakob Verheyen seine großen Verdienste. Außerdem sei letzterer jünger an Jahren und somit besser geeignet, straffes Regiment zu halten und die Satzung zu ehren. Die andere Partei widersprach, suchte die niedergelegten Behauptungen zu entkräften und erklärte rund heraus, nur Pitt Pulcher wählen zu können. So der Postsekretär, Dores Jansen und der Bäckermeister ter Meeren. Ein bedrohliches Murren lief durch die Reihen der Gegner. Immer lebhafter und lauter wurde das Für und Wider erörtert. Die Gläser füllten sich schneller und leerten sich rascher. Franz Seegers überschlug heimlich die Stimmen. Auf die seiner Kollegen konnte er mit Bestimmtheit rechnen, waren ihm viele doch bis aufs Blut verpflichtet und daher gezwungen, nach seiner Laune zu tanzen. Noch einmal nahm er das Wort, um es gleich darauf an Jakob Verheyen zu richten. Der saß mit zusammengezogenen Brauen und übereinandergeschlagenen Armen hinter dem Weinglas, ohne eine Silbe zu sprechen, scheinbar gleichgültig und doch von dem fieberhaften Wunsch durchglüht, den Triumph des heutigen Abends an seine Person zu heften. Aber nur nichts merken lassen! Keine Aufregung... und so saß er denn wie ein lebendiges Steinbild, als Franz Seegers loslegte: »Aber ich bitte dir, Jakob! – Jakob, in Dreiteufels Namen noch mal! - stelle dich hierhin. Ich hab's schon einmal gesagt: Du bist von uns allen der alleinige Könner. Du riechst Katzendreck im Finstern. Jakob, laß dich nicht lumpen. – Meine Herren! – ich für meine Person und im Namen meiner engeren Freunde bringe den Großkaufmann und Mühlenbesitzer Herrn Jakob Verheyen in Vorschlag. 'ran mit die Kugeln! Jakob, die weißen für dich, die schwarzen für deinen Konkurrenzmann... 'ran mit die Kugeln! – und schon meinen herzlichsten Glückwunsch im voraus...« Pitt Pulcher erhob sich. »Nur, um keine Zweifel hochkommen zu lassen,« sagte er ruhig, »habe ich die Erklärung abzugeben: Ich bin unter den obwaltenden Umständen gezwungen, eine etwaige Wahl abzulehnen. Aber ich rufe nochmals, bevor die Kugeln entscheiden: Augen auf und Scheuklappen herunter! Meine Herren! – ohne Ansehn der Person... aber über dreihundert Jahre sind vorübergegangen, und nach den Akten sind alle Hauptleute der Sebastianer mit reinem Gewissen gekommen und zu Gott berufen... Jeder Präsident hat goldenes Korn umzulegen, Gotteskorn, Himmelskorn... wer aber nicht rein ist und dereinstmals ein hartes Sterben zu erwarten hat, ein solcher macht alles zuschanden und streut Hederich unter den kostbaren Weizen... In diesem Fall: Hände vom Tabernakel...! und nun, meine Herren, da sind welche, die ein hartes Sterben zu gewärtigen haben. Zum Exempel... Jakob Verheyen, was willst du überhaupt in unserer Gesellschaft? Kannst du goldenes Korn umlegen, Gotteskorn, Himmelskorn? Entspricht dein Leben und Suchen, dein Schaffen und Wirken der Satzung? Wenn ja, dann erhebe dich und lege die Hand auf die Fahne – und rufe Gott zum Zeugen an – und schwöre...« »Das ist Tusch!« brüllte Franz Seegers. »Das ganze Geschwatze hängt mir schon zum Kittel heraus... und du, Jakob Verheyen....« Er trat an die Seite des Angerufenen – in seiner ganzen Wucht und Schwere und in seiner ganzen brutalen Siegesgewißheit, als plötzlich... »Donnerkiel!« rief Dores Jansen und spitzte die Ohren. »Der Skandal auf dem Tanzboden... da muß was passiert sein...!« »Unsinn!« hielt ihm Franz Seegers entgegen. »Das gehört nicht zur Sache. Hier steht Wichtigeres auf dem Tapet...« Der Wirt drängte erregt den Kopf durch die Türe: »Ich bitte Ihnen, Herr Seegers...« »'raus! Wir können hier keine Ankerwirtens gebrauchen!« Die Tür schnappte zu. »So'n Dämel von Kerl! – Du aber, Jakob: läßt du dir das von dem Mann mit die große Glocke gefallen? Das wäre noch netter, und das könnte ihm passen. Mit die verfluchten Glockengießers und Glockenanbeter zum Deibel! – Jakob, nu aber 'ran, sonst geht dein ganzes Honnör in die Wicken, und du kannst dir einbalsamieren lassen.« »Ich danke.« sagte Verheyen höhnisch über die Schulter und legte die Arme fester zusammen. «Im übrigen, Seegers, es bedarf bei mir keines Anwurfs. Ich bin mir selber Manns genug, mein Necht zu holen – selbst von einem Pitt Pulcher zu holen.« »Bravo!« rief Seegers. »Unerhört!« »Weitersprechen!« »Kommt schon,« nickte Verheyen und stürzte ein Glas Rotwein herunter. Dann ein zweites. Hierauf erhob er sich, schob die Hände in die Hosentaschen und nahm den Alten wieder an: «Na, Pulcher »nu mal 'raus mit der Sprache. Was soll ich?« »Was ich vorhin schon sagte. Schwören sollst du, daß du ein gerader und ehrlicher Mensch bist – hier auf die Fahne – hier auf das Banner der Sebastianer ...« Und Pitt Pulcher streckte die Hand aus und wies auf das heilige Zeichen: «Ja. Jakob Verheyen, dort auf die Fahne – im Namen des allwissenden Gottes.« »Du bist wohl verrückt?! Du bist wohl dem Tollhaus entlaufen ...?!« »Nein, Jakob Verheyen, das nicht... und drum gebe ich dir den guten Rat: schwöre nicht auf die Fahne, sonst könnte es dir später passieren, daß dir die Schwurfinger zum Sarg herauswüchsen ...« »Da soll doch der leibhaftige Satan ...!« Verheyen taumelte zurück bis an die gegenüberliegende Wand. Von hier tobte er los, während die anderen aufsprangen und den Wütigen zu halten versuchten. »Auseinander, ihr alle! Ich habe mit dem da zu reden, mit dem da, dem die Frechheit und der Dünkel auf der Stirne sitzen und Sturm laufen gegen vernünftige Köpfe. Mensch, was ist dir unter den Schädel gefahren? Ich kann doch nicht dafür, daß mein Hermann deine Tochter nicht wollte und sich nach einer besseren umsah ...« »Jakob Verheyen ...!« drohte Pitt Pulcher. Noch war er ruhig, noch hielt er sich in Gewalt; aber nicht viel mehr durfte kommen, dann konnten sich die Dämme darauf gefaßt machen, daß die Hochflut über sie fortbrauste und sie mitreißen würde in Tod und Verderben. »Hast du noch was vorzubringen, Jakob Verheyen?« fragte er eisig. »Warte man ab, du drei- und viermal durchgesiebter Prahler und Pocher ...! – und so ein Mensch will mich zum Meineidigen stempeln – will mein Wort und mein Leben nicht für voll ästimieren – will meine Hand durch den Sargdeckel hindurchstoßen lassen ...! Himmel, Herrgott, Gewitter . .. ! – Her mit der Fahne ...! – Ich will schwören ... dreifach und mehrfach ...! – Her mit der Fahne ...! – Gottverdammich, her mit der Fahne ...! Ich bin ehrlicher und reiner als du, denn du hast es fertiggebracht, dir durch nichtswürdige Kniffe, durch Lug und Betrug dein Weib zu erschwindeln und sie vorzeitig auf die Hobelspäne zu strecken. Wäre sie die meine geworden, damals, vor Jahren, sie lebte noch heute. Du aber ... durch deine Verrücktheit, durch dein Prophetentum hast du ihr die Tage zu Nächten gemacht und die Nächte zu Totenkammern. Mich liebte sie, aber ich konnte nicht helfen, aber du, du ... du hast es fertiggebracht, ihr den Lebensdocht abzudrehn und sie auf die Laken zu werfen ...« »Jakob ...!« »Und so einer will nun kommen, um mich vor aller Welt zu verludern und durch die Gosse zu ziehen ...! – Her mit der Fahne, her mit der Fahne ...!« Jakob Verheyen warf den rechten Arm in die Höhe und streckte die Finger. »Ich ...! – ich ...! – ich ...!« schrie Pitt Pulcher. Sein gesundes Auge schoß Flammen und Blitze. »Ich, Jakob Verheyen ... ich hätte mein armes Weib auf die kalten Laken und die Hobelspäne geworfen ...?!« Mit beiden Fäusten packte er zu und riß sich Rock, Weste und Chemisettchen auf, so daß seine nackte Brust zum Vorschein kam. »Mutter, hier ist mein Herz! Lisbeth, die du jetzt im Himmel bist, du sollst entscheiden: ist mein Herz falsch oder ehrlich gewesen – falsch oder ehrlich ...? Mutter, ich warte auf Antwort ...!« Da war's alle. Nur ein Brausen schlug an sein Ohr – ein höhnisches Lachen – ein Scharren und Stühlerücken ... Dann brach er an der Tafel zusammen, die Arme über den Tisch gestreckt und die Stirne gegen die Kante ... So saß er ohne Bewegung. Franz Seegers schob sich an Verheyen heran: »Jakob, du bist zu weit gegangen mit die bockigen Pferde. So was wirft den Stärksten zu Boden.« Dores hatte die Hand am Degengriff liegen. Der Postsekretär und der Bäckermeister ter Meeren sahen stur vor sich hin. Jetzt hob Pitt Pulcher den Kopf – und murmelte Unverständliches – und tastete nach dem Schreibgerät, das neben den Akten lag – und nahm einen Bogen Papier – und riß einen Fetzen herunter ... Dann schrieb er. Auf allen Gesichtern lag eine bange Erwartung. Pitt Pulcher jedoch schrieb und schrieb – ungelenk und mit steifer Hand – und doch standen die Buchstaben fest und steil nebeneinander. Es war ein Spruch aus der Bibel ... Jetzt war er damit fertig geworden, stemmte sich auf und wuchtete seinen Körper schwer in die Höhe. Den beschriebenen Zettel umklammerte er mit der Linken. Sein gesundes Auge ging von einem zum andern. Jeder zuckte zusammen. Der »Hobel le Beau« nahm sich ein Herz und schnürte sich an die Seite des stillen Mannes: »Herr Pulcher, ich bitte Ihnen, machen Sie keine Dummheit, Herr Pulcher.« Der Alte winkte gleichgültig ab. Er war fertig mit sich, seinem Gewissen gegenüber und der Welt gegenüber. Er hatte keine Rücksicht zu nehmen. Die furchtbare Anklage nahm alles hinweg, wie eine Feuersbrunst alles hinwegnimmt. Es gibt Augenblicke, die hauen das Schweigen auf dem Amboß zusammen und läuten Sturm. Er war keinem verpflichtet; auch Heinrich van Egern nicht mehr ... Und so stand er denn mit aufgedrückten Knöcheln, ein Prophet, ein biblischer Seher, einer der da kam, zu richten die Lebendigen und die Toten. Das Unglück wollte jetzt in Wahrheit von der Mühle herunter. Die Stunde der Vergeltung erschien. »Ich habe Gericht zu halten ...« sagte er mit scheinbarer Gelassenheit, und dennoch mit einem Ton in der Stimme, der allen das Blut vom Herzen zurückdrängte. ter Meeren suchte zu vermitteln. »Läßt sich die Geschichte nicht anderweitig regeln, Herr Pulcher? Ich meine nur: was soll hier angestellt werden?« »Das ist meine Sache, ter Meeren. Ich habe nur eine Botschaft zu übermitteln und eine kleine Rede zu halten. Der Schluß ist außerdem privatim an Jakob Verheyen gerichtet. Meine Herren ...!« »Herr Pulcher, hören Sie auf,« sagte Dores. Auch ihm pochte das Herz gegen die Rippen. »Meine Herren ...! – Also ich habe mein armes Weib auf die Hobelspäne geworfen... und doch ist Gott mein Zeuge, daß ich sie liebte und ehrte wie die Äpfel in meinen Augen. Aber wer sie auf die Hobelspäne gestreckt hat ... Meine Herren! – da sind welche, die schlagen das Glück einer Familie zusammen, als wenn sie Holzkloben spalten. An ihrer Axt hängen blutige Tränen – Mannestränen und solche von Frauen. – Jakob Verheyen, ich frage noch einmal: Was willst du überhaupt in unserer Gesellschaft? – Deines Bleibens ist nicht länger unter dem heiligen Banner, denn ich melde für dich den Bankrott an – den Bankrott an Leib und Seele ... Ich stelle dich aus zum Verkauf ... Meine Herren! wer bietet ... wer bietet auf diesen elenden Bankrottierer ...? – Meine Herren, zum ersten – zum zweiten... Wer will ihn, wer hat die Courage ...? – Wer will diesen Lumpen ...?!« Ein Wutschrei gellte dem Sprecher entgegen. Alle sprangen auf, drängten zusammen ... »Hundeseele, verfluchte ...!« Jakob Verheyen hatte gerufen und gleichzeitig seinen Genickfänger aus der Tasche gezogen. Das Messer blitzte ... Gierig wie das Auge des gewalttätigen Mannes stand es über dem Nacken Pitt Pulchers. »'runter damit!« donnerte der Alte und hielt ihm den beschriebenen Zettel vor Augen. Da sank das Messer, als wäre die fallende Sucht in den Arm Jakob Verheyens gefahren. Er taumelte zurück. Pitt Pulcher folgte ihm und raunte ihm zu: »2. Buch Moses, 20. Kapitel, 14. Vers ... Du sollst nicht ehebrechen, Jakob Verheyen.« Und dann machte er kehrt und rief mit hallender, frohlockender, jubelnder Stimme: »Zum dritten und letzten ... wer will diesen Lumpen ...?!« Türen wurden geöffnet und Türen geschlagen. Der Ankerwirt stürzte ins Zimmer: »Herr Seegers, Sie sollen auf den Tanzboden kommen ... da auf den Tanzboden ...« Pitt Pulcher aber schritt hinaus in den Abend, in den schönen, lauen niederrheinischen Abend – in die Nacht voller Sterne.   20 Zarthingehauchte Resedatöne, ähnlich den Farben eines Wasserblattes im Mondlicht, standen am Himmel und verliehen den Giebeln eine unendliche Weichheit. Die Übergänge verloren sich sanft ineinander und glitten in die Gassen hinein, wo die Kirmesleute noch vor den Haustüren saßen, über die Ergebnisse des Tages sprachen, mit den goldenen Ohrgehängen bimmelten oder blaue Rauchwölkchen in den Abend hineinbliesen. So hell war es immer noch, daß Pitt Pulcher die Pflastersteine zählen konnte, die unter seinen Füßen vorbeizogen. Er zählte sie, aber es war nur ein mechanisches Zählen. Die Sache lag ihm fern. Er dachte an eine einsame Kiefer auf weitem Heideland. Und diese Kiefer war er selbst. Wie sie, so fühlte auch er sich noch immer stark genug, dem Widerwärtigsten trotzen zu können. Das hatte er noch soeben bewiesen – soeben, wo ein Wetter näher kroch, zuckende Lichter aufsteckte und mit glühenden Rutenstreichen seine sausende Krone umfauchte. Gerüttelt war er bis ins Mark hinein, aber nicht niedergezwungen. Borke und Bast waren ihm vom Leibe gerissen, er hatte sich aufrechtgehalten, ein einsamer Riese, froh des bezwungenen Sturmes, der jetzt wie ein getretenes Tier an seinem Wurzelstock winselte, ohnmächtig, mit gebrochenem Rückgrat. Des freute sich der Alte. Das soeben Durchlebte, so unbarmherzig es ihn auch angepackt hatte, rieselte ihm jetzt wohlig durch die Knochen. In ehrlicher Sache, aus der Tiefe seines wildesten Jammers heraus, hatte er lediglich seine Pflicht getan, seine verfluchte Pflicht. Das war er sich und der Verstorbenen schuldig gewesen. Dulden ist christlich, aber wenn es sich zur Erbärmlichkeit auswächst – verwerflich, und so war ihm denn der gerechte Zorn in die Faust gefahren – und die Faust hatte geschrieben. Und was da geschrieben stand ... Er hatte mit Jakob Verheyen Gericht abgehalten und ihm das Urteil rechts und links um die Ohren geschlagen. Jetzt mochte kommen, was wollte. Hier saß die Sättigung, hier in der Brust. Die hungrige Seele hatte endlich getafelt. Das genügte ihm. Nur das Herz klopfte noch immer. »Ruhe!« gebot er und drückte die geballte Hand gegen die pochende Stelle. So ging er durch die Kesselstraße, und wo er vorbeikam, nickten die Frauen ihm zu; die Männer aber erhoben sich und zogen die Mützen herunter, denn das Ansehn Pitt Pulchers hatte sich in den letzten Monaten noch mehr gefestigt, war wie ein eingerammter Pfahl in einem Schleusenwerk, dem keine brutale Gewalt etwas anhaben konnte, denn so ein eingerammter Schleusenpfahl hat für die Ewigkeit Dauer und trotzt selbst dem gierigsten Wasser. Auf dem großen Markt ebbte das Kirmesleben zurück. Nur das Karussell kreiste noch immer in seinem flirrenden Lichtglanz. Hundert und aber hundert Reflexe standen in den sich drehenden Spiegeln. Die Orgel machte Musik und ließ die bunten Lampions auf den Klängen eines Gassenhauers vorübergleiten. Aus den Moppen- und Lebkuchenbuden duftete es mit süßen Aromen. Die blankgeputzten Hängelampen bestrahlten selbstgefällig die aufgespeicherten Herrlichkeiten. Verrostete Stimmen präsentierten die Leckertäten an: »Klever Spekulatius!« »Nymwegener Moppen!« »Janhagel... ! – fünfzig Prozent unter Selbstkostenpreis, nur um zu räumen.« Bei den Schießbuden staute sich noch einiges Leben. Dickbusige Jungfrauen, mit verklebten Löckchen und grünsamtne Jagdhütchen auf den frechblonden Haaren, animierten mit blanken Augen die Umstehenden und drückten ihnen die geladenen Windbüchsen in die glücklichen Hände. »Peng ...! – Peng ...!« Die kleinen Bleikugeln schlugen gegen die roten Schirtingwände oder holten mit eigentümlichem Klingen die aufgesteckten Tonpfeifen herunter. »Peng ...! – Peng ...!« Pitt Pulcher schritt weiter. Durch eine schmale Gasse trat er in den Schatten der Kirche. Der freie Platz lag vor ihm. Nur wenige Lichter standen in der Runde, und wo sie standen, wurden sie gedämpft von den herabgelassenen Gardinen. Nur ein Fensterrahmen war freudig umleuchtet. Also der Dechant noch auf! – und Pitt Pulcher gedachte plötzlich der Worte, die Heinrich van Egern ihm in einer verhängnisvollen Stunde zugeraunt hatte, in jener Stunde, da er willens war, seinem Gegner die Luft zu nehmen, und mit langsamer Zunge sprach er einzelne Sätze: »Nein, das werden Sie nicht tun. Sie werden vergeben, Sie werden nicht abweichen wollen von den Geboten und den Heilswahrheiten unserer christlichen Kirche ... Sie werden schweigen, Herr Pulcher ...« War er diesen Worten nachgekommen? Ja und nein. Er konnte die präzise Antwort nicht finden, aber das fühlte er: der Pflicht war Genüge getan, aber er hatte noch mit dem Dechanten zu reden. Er war ihm Aufklärung schuldig. Je eher, je besser. Eine bange und lange Nacht durfte darüber nicht hingehn. So hatte er es immer gehalten. Trotz der vorgerückten Zeit – am besten in sofortiger Stunde ... So trat er denn in den hellen Lichtschein und wollte die Klingel ziehen. Da sah er: Herr Heinrich van Egern saß noch am offenen Fenster und erfreute sich des aufgehenden Mondes. Der Alte legte die Hand auf das Gesims. »Guten Abend, Herr Dechant.« »Wie, so früh schon zurück?« »Leider, Herr Dechant. Wir haben im ›Blauen Anker‹ miserable Arbeit geleistet. Das wäre so schlimm nicht; alles läßt sich wieder einrenken im Leben, und für dessentwegen würde ich keine großen Umstände machen. Vornehmlich jetzt nicht, denn man soll einen geistlichen Herrn nicht in seinen Betrachtungen stören. Quirinus vom Oort wird schon seinen richtigen Nachfolger finden. Da sorge ich für, denn, Gott sei gedankt, ich kann noch immer gesunde Kost vertragen. Und so was bringt gehörige Kraft in die Knochen. Nein, um die Bruderschaft ist mir nicht bange. Die behält Oberwasser, aber ich persönlich, Herr Dechant ... Es ist nicht gut, Mißverständnisse über Nacht aufkommen zu lassen. So was sät Bilsenkraut und Distelblumen in den Acker hinein. Andern Tags sind sie schon ins geile Stroh geschossen und haben Frucht angesetzt. Und ich meine daher ...« Der geistliche Herr berührte den Knopf der neben ihm stehenden Schelle. Ein seiner Ton lief durch das Zimmer und von hier in den Hausflur. Gleich darauf wurde geöffnet. »Gelobt sei Jesus Christus,« flüsterte Mieke. »Amen,« sagte der Alte. »Hochwürden lassen bitten, Herr Pulcher.« »Merci.« Erhobenen Hauptes trat Pitt Pulcher durch die zunächst gelegene Tür, legte seine Mütze auf den Tisch und sagte: »Sie müssen schon exküsieren, Herr Dechant ... aber ein Mann wie ich, den Sie wieder an seine eigene Person, an Gott und die Menschheit glauben ließen, den Sie gewissermaßen aufs neue in das bürgerliche Leben eingeführt haben, ist seinem Wohltäter bis in die Nieren verpflichtet. Vertrauen gegen Vertrauen, Herr Dechant. Immer klaren Wein in der Bouteille, sonst kann es leicht passieren, daß einem das Chemisettchen malproper wird und der Lumpenkerl aus den Ärmeln heraussteht.« »Das weiß ich alles, mein lieber Herr Pulcher.« »Herr Dechant, ich hatte mich Ihnen gegenüber gebunden, damals, als mir die Not bis an den Hals ging und ich am liebsten Schluß gemacht hätte – aber ich habe diesem Gelöbnis nicht vollauf die Ehre gegeben.« »Wieso nicht, Herr Pulcher?« »Um es kurz zu sagen, Herr Dechant ... das, was Jakob Verheyen mir und meinem Hause angetan hat, habe ich ihm direkt vor die Stirne gehauen.« Der Alte blieb ruhig und kalt wie ein Eiszapfen; nur die Art und Weise, wie er es vorbrachte, zeigte, was in seinem Innern vorging. »Wann ist denn solches geschehn?« fragte van Egern. In nervöser Hast ließ er die Fingerspitzen gegeneinander spielen. »Soeben im ›Blauen Anker‹, Herr Dechant.« »Das hätten Sie nicht'tun dürfen, Herr Pulcher.« »Aber die Umstände muß man doch in Berücksichtigung nehmen.« »Trotzdem wäre es besser gewesen, Sie hätten zuvor mit mir Aussprache genommen.« »Herr Dechant, das ging nicht. Das kam über mich wie'n Gewitter vom heitern Himmel herunter.« »Und dennoch, Herr Pulcher ...« Der geistliche Herr wurde seltsam erregt. Aus seinen gütigen Augen sah es mit tiefer Besorgnis. »Wo das alles hinführen kann! Ich sehe den schlimmsten Konsequenzen entgegen.« »Ich weiß, was Sie meinen,« sagte der Alte mit derselben unerschütterlichen Ruhe wie eben. »Was der Mensch mir angetan hat, habe ich, treu meinem Versprechen, vorerst gar nicht in Beachtung gezogen, denn wegen der Bruderschaft allein und daß er auf den Präsidentenstuhl wollte, dafür hätte ich mich soweit nicht verstiegen. Aber, Herr Dechant, als der Mensch mir anhing, ich hätte ihm mein Weib als Jungfer aus den Fingern geschwindelt, hätte die Ärmste ins Sterben gejagt und auf die Hobelspäne geworfen – als er das fertigbrachte, zu sagen, da, Herr Dechant ...« Die Stimme brandete jetzt: »Da war ich in die Pfanne gehauen, da war mir so, als würde meine Ehre noch einmal an den Galgen gehängt, und da, Herr Dechant ...« »Mein Gott, mein Gott ...!« seufzte Heinrich van Egern, »haben Sie dabei auch an sich selber gedacht, an die Verstorbene, an Stephan?« »An alle,« kam es hart von den zugekniffenen Lippen, »ja, an alle, Herr Dechant, denn was dem Ehebrecher zukam, das hab' ich ihm schriftlich gegeben. Das hat niemand gesehn. Das berührt Stephan nicht weiter. Er steht noch immer als mein leibhaftiger Sohn da – der Welt zuliebe und meinem armen Weibe zuliebe. Ihn aber hat's wie die gekalkte Wand gemacht, denn auf dem Zettel stand geschrieben: 2. Buch Moses, 20. Kapitel, 4. Vers; bedeutet: Du sollst nicht ehebrechen. Und soll weiter heißen: Nicht ich bin schuldig, sondern du Hast mein Weib vorzeitig von der Erde gepeinigt. – Also, Herr Dechant: nichts ist weiter passiert. Keiner weiß was, nur der, den es angeht. Das ist alles wie rechtens geschehen, nur ich selber fühlte die Verpflichtung in mir, solches an die richtige Stelle zu bringen, damit ich von wegen meines gegebenen Wortes nicht in die Ungelegenheit komme und ich vor Ihnen bestehn kann, Herr Dechant.« »Wenn es denn so ist ...« lächelte Heinrich van Egern. »Ja, so ist es, Herr Dechant. Ich weiß jetzt, wo ich dran bin, und Jakob Verheyen weiß auch, wo er dran ist. Die Geschichte mit dem Vogel Strauß muß er jetzt anderweitig betreiben. Nicht mehr sich selber und mir gegenüber. Das Handwerk ist ihm hier im ›Blauen Anker‹ gelegt. Er kann mich nicht mehr für den Dummen verschleißen, denn seine eigene Schande habe ich ihm privatim, aber gründlich vor Augen gehalten. Den Spiegel verflucht er; war er doch ein ganz besonderer Spiegel. Da saß ein Verbrecherkopf drin. Das mag nicht christlich sein, das mag Ihnen gegenüber verwerflich erscheinen, für mich aber ist es wie ein Ostersonntag gewesen. Und dann noch eins, Herr Dechant: so ein Mann gehört nicht auf den Prästdentenstuhl der Sankt Sebastianusgesellschaft. Nie und nimmermehr! – denn so ein Mensch ist nicht würdig, hinter unsrer Trommel herzumarschieren; ferner nicht würdig, im Amt des Kirchenmeisters zu bleiben. Das Recht über die Glocken darf er nicht länger behalten. Es gibt bessere Leute. Und daß er diese Ehren verliert, das ist Ihre Sache, Herr Dechant, und ich hoffe zu Gott, es wird also geschehn.« »Es soll geschehn.« »Merci, Herr Dechant, und damit will ich mich empfohlen halten für heute.« Er nahm seine Mütze. »Und nochmals gesagt: Sie müssen mich exküsieren, Herr Dechant. Was man auf der Seele hat, soll man semmelwarm anpräsentieren, sonst versäuert es bis zum anderen Morgen und bringt ein schiefes Gesicht in die Sache. Und somit: Gott befohlen, Herr Dechant.« Damit ging er und legte die Tür zwischen sich und Heinrich van Egern. Erhobenen Hauptes trat er in den weichen Abend hinaus. Über ihm hing der Himmel voller Sterne. Pitt Pulcher fühlte sich frei unter ihnen. So frei war es ihm seit langem nicht mehr gewesen. Nur – das rechte Augenlid hing ihm schärfer herunter. Es behinderte ihn im Sehen. Er sah alles doppelt und dreifach. Es brannten mehr Lichter in seinem Hause als gewöhnlich. Auch die Fenster des rechts von der Tür gelegenen Zimmers waren erleuchtet und pflegten doch nur erhellt zu sein, wenn er daheim war, die Lade wuchtete oder sich ein Erbauungsstündchen in der Bibel vergönnte. Was das nur zu bedeuten hatte? Er verhielt sich, um besser sehen zu können. Aber die lichten Fenster blieben. Langsam schob er das kranke Augenlid höher. Auch das änderte nichts. Da nahm Pitt Pulcher seinen Schritt wieder auf und trat auf sein Haus zu. An der Tür empfing ihn Stina. Sie schien auf ihn gewartet zu haben. »Ich bitte Ihnen, ruhig zu bleiben,« sagte sie hastig. »Es wird wohl alles seine Richtigkeit haben.« »Was wird seine Nichtigkeit haben?« »Ich meine man eben... im ›Blauen Anker‹ soll doch etwas passiert sein, Herr Pulcher.« »Allerdings, Jakob Verheyen machte sich mausig. Aber das verwundert nicht weiter.« »Schon möglich, Herr Pulcher ... indessen auf dem Tanzboden ist es schlimmer gewesen.« »Was geht mich der Tanzboden an? Das ist dem Polizeidiener Cäsar und dem Schandarm seine Sache.« »Alles schon richtig, Herr Pulcher ... aber daß ich's man sage: Hermann ist hier im Hause.« »Wer ist im Hause? »Hermann Verheyen. Ich konnte ihn nicht abweisen, Herr Pulcher. Er ist ja mit Fräulein Anna gekommen.« »Direkt vom Tanzboden ...?« »Zu dienen, Herr Pulcher.« »Also doch ...!« stöhnte der Alte. Sein Gesicht verzerrte sich plötzlich. Er griff hinter sich, als wären da Pfähle eingerammt; als müsse er einen handfesten Knüppel aus dem Erdreich ziehen. Seine Hände blieben leer. Er stieß die Tür auf... noch einige Schritte... Ungewiß sah er zwei Gestalten am Webstuhl stehn, die sich umschlungen hielten. Beim Eintritt des Alten ließen sie voneinander ab. Hermann Verheyen ging ihm entgegen, während Anna sich mit verhülltem Gesicht gegen eine Stuhlsäule lehnte. Pitt Pulcher sah sich um. »Wenn man nicht gerufen ist,« sagte er schwer vor sich hin, »dann ist es nicht wohlgetan, andermanns Haus zu betreten.« »Herr Pulcher, ich bitte Sie ...« Der Alte unterbrach ihn mit einer großen Handbewegung. »So sprechen alle, die sich schuldig fühlen. Es sind leere Redensarten, Hermann Verheyen. Heute ist keine Stunde für dich, auch morgen nicht. In diesem Hause ist überhaupt keine Stunde für dich, und käme sie dennoch, so brächte dir diese Stunde nichts Gutes. Denn hier ist mein Haus und mein Tempel, und in diesem Haus und in diesem Tempel habe ich nur zu reden, es sei denn, ich spräche: Nun ist das Wort an deine Adresse gekommen. – Und solches geschieht nicht. Was ich früher schon sagte: Ich ehre den Menschen in dir – das besteht auch noch heute zu Recht; das kann auch dein schlimmster Feind nicht fortdisputieren. Du hast dich dem lieben Gott und deinem König gegenüber brav und tapfer gehalten, und so was empfiehlt bei den Leuten, die für so was Verständnis besitzen. Gott sei gedankt, ich hab' so'n Verständnis. Aber das hilft mir allein nicht – und dir nicht – und Anna nicht... da liegen Dinge dazwischen, die mit einem Stein bedeckt sind. Hebe diesen Stein nicht auf, Hermann Verheyen. Da darf keiner dran rühren. Der muß da liegen für immer. Sonst: man könnte den Verstand darüber verlieren. Also: hier hast du nichts mehr zu suchen. Drum geh deines Weges, Hermann Verheyen ...« Langsam streckte er die Hand aus, langsam und schwer, als hätte er Blei zwischen den Fingern. »Nein, ich gehe nicht.« »Wo ich es dir hiermit gebiete?! – ich, Pitt Pulcher, der Nachfahre des großen Weberkönigs von Köln!« »Auch dann nicht.« Die junge Gestalt Hermann Verheyens erstarkte. Auf der bleichen Stirn stand ein eiserner Wille. Jede Muskel des jugendlichen Körpers straffte sich wie aus Stahl geschmiedet. Langsam sog er die Luft durch die mahlenden Zähne: »Es ist doch nicht Mode, daß man mich wie'n Hund auf die Straße schmeißt.« »Hunde kommen überhaupt nicht ins Zimmer, und dir laß es noch einmal gesagt sein: ich bin der Herr dieses Hauses.« »Und hier ist mein Herz,« hielt ihm Hermann entgegen, »und darüber hat nur die zu befehlen.« Mit flackernden Blicken war er an die Seite Annas getreten, die noch immer an der Stuhlsäule lehnte: »Sagt die mir: Gehe nach Hause, gut, so habe ich hier nichts weiter zu schaffen. Bis dahin aber... her zu mir, Anna ... !« Mit beiden Händen hatte er die Schluchzende an sich gerissen. Mit wilder Inbrunst drängte er ihren Kopf zurück und preßte seinen Mund auf ihre zuckenden Lippen. In diesem Augenblick ging die Welt unter für ihn. Er hatte nur sie, er dachte nur an ihre heiße, triumphierende Liebe, an die schöne, entsetzliche Stunde, die sie ihm wiedergegeben. Er stand wie im Triebsand, der mächtig gegen ihn anwuchs und sein junges Glück zu ersticken drohte. Und doch, wie das stürmte und wehte! Ja, es stürmte und wehte, aber dieses Stürmen und Wehen war ihm zugunst und packte in den Triebsand hinein und fegte ihn seitwärts und gab ihm die Freiheit wieder und die ewige Sonne. Pitt Pulcher wischte sich den Schweiß von der Stirne. Er zählte die Tapetenmuster, die Garnsträhnen, die sich in dem Gewirr der Balken und Verstrebungen des Webstuhles verloren. Auf seinem Nacken lastete es mit Zentnergewichten. Der starke Mann schrumpfelte in sich zusammen. Er wußte nicht, was um ihn vorging. Nur langsam begriff er: Der ist ja gekommen, um deine Tochter zu holen – und wieder glaubte er, das Sausen der Flügel und das Knirschen der großen Welle zu hören. Jakob Verheyen, und immer wieder Jakob Verheyen! »Da soll doch ...!' Ja, auf den Pfannen da saß schon das Unglück und schüttelte die grauen Flügel und ließ seine ekelhafte Stimme vernehmen. Da schnellte er hoch und stieß einen dumpfen und schartigen Schrei aus. Er stand neben ihr, neben seiner Tochter. Er legte ihr die Hand auf die Schulter: »Was will der Mensch von dir? Jetzt – in dieser Stunde – in diesem Augenblick, wo du doch weißt: er wurde bereits von der Kanzel gerufen?« Er wandte sich, und seine Blicke waren bei Hermann Verheyen. »Und du ...« klirrte es ihm von den Lippen, »du bist doch mit Franz Seegers seinem Weibsbild versprochen ...!« »Das hat sich geändert ...« »Geändert?« »Ja, es hat sich alles geändert, seit ich weiß, wir beide gehören zusammen, seit sie vor allen Menschen gesagt hat: Nur der Tod kann uns scheiden.« Der Alte taumelte zurück. »Nur der Tod ...?« fragte er mit glanzlosen Augen. Es war weder Metall noch Klang in der Stimme. »Ja – denn sie ist mir vor Gott und den Menschen geworden – soeben im ›Blauen Anker‹ geworden, als die Musik aufhörte zu spielen, als ich erkannte: Du begehst ein Verbrechen an dir und der anderen, wenn du deinem Vater noch länger zu willen bist. Und daher, Herr Pulcher ... alles ist von mir gefallen ... ein neues Leben beginnt ... und wenn mein Vater doppelt und dreifach von der Flügelwelle herabsähe – mir soll's egal sein ... Ich bin mein eigener Herr und der Baumeister meines Hauses geworden – seit heute, soeben, im ›Blauen Anker‹, Herr Pulcher, seit ich weiß: sie geht mit mir bis ans Ende der Tage ... bis alles vorbei ist...« »Hermann ...!« Sie hielt seinen Nacken umklammert. Sie drängte sich an ihn. Sie hatte ein wildes Verlangen, das sonnige, jauchzende Leben an sich zu reißen, das neuerkämpfte nie wieder zu lassen. »Hermann ...! – Hermann ...!« Ihre Worte erstickten unter seinen gierigen Küssen. Sie lachte und schluchzte, und in dieses Lachen und Schluchzen hinein stammelte er selige Worte: «Anna, Geliebte ...! Ach, du ... du ... ! – Nun ist alles gut zwischen uns ... und den möchte ich sehen ...« Und seine Stimme nahm einen herrischen Ton an: »Ja, den möchte ich sehen, der es wagen sollte, mich von dir zu stoßen ...« »Und der bin ich, denn mein ist die Rache!« Der Alte trat zwischen sie: »Fort von der da ...!« Seine Hand umklammerte die Hermann Verheyens: »Ich sage zum letzten: Und wenn ihr betteln kämet, du und dein Vater, auf den Knien und die Stirn am Boden – es gibt keine Gemeinschaft mehr zwischen uns. Und hat auch dein Vater versucht, das Tabernakel meiner Ehre zusammenzuhauen – noch steht es und ist heilig, heilig, heilig! – und will auch dein Vater hoch hinaus – ein Pitt Pulcher will höher hinaus und trägt eine Krone ... und daher, Hermann Verheyen ...« Zum anderen streckte sich die Hand. Sie wies auf die Tür. »Nein, Herr Pulcher – ich bleibe.« »Dann muß ich schon selber ...!« Der Alte – kerzengerade, mit herabhängendem Augenlid stand er neben dem Eingang. Das grelle Lampenlicht tapezierte den Schatten an die gegenüberliegende Wand und schob ihn bis an das Gebälk der niedrigen Decke. Auf dem Antlitz Pitt Pulchers lag eine eherne Ruhe, als hätte sie die Faust des Schicksals auf Stirn und Schläfen gemeißelt. Mit dieser Ruhe legte er die Hand auf die Klinke, riß er die Tür auf und warf sie in den Angeln zurück. »Du hast nicht im Guten gewollt, so wirst du im Bösen müssen,« knatterte es zwischen den Zähnen. »Du bist der Sohn von Jakob Verheyen – und aus dieser Betrachtung heraus: trotz deiner Königstreue und deiner Rettungsmedaille – da ist die Tür... und gehst du nicht, dann geschieht ein Unglück hier unter den Pfannen ...« »Herr Pulcher ... !« »Kein Wort mehr.« »Ich bitte dich, Hermann ...!« Und da lag sie schon an seiner Brust und weinte und schluchzte: »Ja, ich bitte dich, Hermann ... ich bitte dich, Hermann ...!« »Gut, ich gehe,« sagte er schmerzlich, »aber dein Herz nehme ich mit mir und das Weitere findet sich.« »Ja, das Weitere findet sich,« stöhnte der Alte und warf hinter Hermann Verheyen die Tür zu. – So weit waren sie jetzt – Vater und Tochter ... Heiß stieg es in ihm auf. Er hielt's nicht mehr aus. Dem mußte ein Ende gemacht werden. Mit einem dumpfen Laut zermürbte er das qualvolle Schweigen. »Anna!« keuchte er aus tiefster Seele, »hast du denn ganz vergessen, was du mir in jener Stunde gelobtest, in jener Stunde, als Jakob Verheyen die Reputation der Pulcherschen Familie kaltstellen wollte? Hast du das alles vergessen, und reichst du diesem Menschen den Strick, um mir die Schlinge um den Nacken zu legen? Anna . ..! – Jesus, mein Heiland...!« Er packte zu. Er umgriff ihre Schultern und bog ihren Oberkörper zurück. Sein hartes, greisenhaftes Gesicht stand über dem ihren. Sie kannte ihren Vater nicht wieder. So hatte sie ihn niemals gesehen. »Was hast du? Soll ich um deinetwillen, um Hermann Verheyens willen schon in die Kirchhoferde hinein? Sag's nur. Die Bretter sind schon geschnitten. Ich brauche nur Order zu geben, und Dores Jansen hämmert die schwarze Kiste zusammen.« Sie gab keine Antwort. Die brutale Gewalt tat ihr wohl. Große, heilige Bilder zogen an ihrer Seele vorüber. »Gib Antwort – oder soll ich Dores Jansen bestellen?!« Er streckte den Arm aus. Jede Muskel straffte sich in dem sehnigen Körper. Das offene Auge loderte. Der sonst so sinnierende Mann hatte alle Fassung verloren. »Soll ich Dores Jansen bestellen?!« Da wich die Starre von ihr. Sie umschlang seinen Hals, sie klammerte sich an ihn, immer fester und fester, als müßte sie eins mit ihm werden, als müßte sie ihre heiße Liebe auf das Herz ihres Vaters übertragen, als sollte es schmelzen unter ihren verzehrenden Pulsschlägen. Ein Stürmen und Drängen war in ihr. »Vater, so hab' doch Erbarmen, hab' doch Erbarmen...!« Er fühlte die Zuckungen des gemarterten Körpers. Und dieser Körper gehörte seinem Kind, seiner jungfräulichen Tochter. Aber er sah über sie fort, gleichgültig gegen das herzzerreißende Klagen und Wimmern. Er sah über sie fort, als habe er in der Nähe etwas zu suchen. Neben dem Webstuhl hing ein beinerner Kruzifixus an einem schwarzen Holzscheit. Seine verstorbene Frau hatte den Bildstock mit von Kevelaer gebracht, als sie schweren Fußes mit Stephan ging und bangen Herzens der nicht mehr fernen Stunde entgegensah. Ein geweihtes Buchsbaumzweiglein steckte am Kopfende des Kreuzes, alt und vergilbt und mit morschen Blättchen und Stielen behaftet. Darunter stand ein Tisch mit einem gehäkelten Deckchen. Auf diesem ruhte die Bibel, noch aufgeschlagen ... Es war die Stelle, die vom verlorenen Sohn handelte. Noch gestern hatte er diese Geschichte gelesen, zu mehreren Malen und in schweren Gedanken. Jetzt stand ihm das Gleichnis wieder lebhaft vor Augen. Er erinnerte sich jedes einzelnen Wortes. Daran war nicht zu rütteln und zu schütteln. Das stand fest wie das Amen von der Kanzel herunter. Das warf sich an ihn. Das mit dem verlorenen Sohn konnte ihm auch an der eigenen Tochter passieren. Aber dann: ihr sollte kein Kalb geschlachtet werden – nie und niemals, unter keiner Bedingung ... Der Ekel war ihm wie ein schmutzigs Hochwasser bis an die Kehle gestiegen. Er mußte aus diesem Sumpf heraus. »Also du wählst zwischen denen und mir, zwischen den Verheyens und Pulchers ...!« Er suchte aus der Umarmung seiner Tochter zu kommen. Aber immer fester schlang sie die Fesseln um ihn –- sie, das blühende Weib mit der großen, verzehrenden Liebe in der Brust, die auf- und niederstürmte und den leichten Stoff zu zersprengen drohte. »So hab' doch Erbannen mit uns – mit Hermann und mir ...« »Mit dem ...?!« »Vater, ich bitte dich, ich beschwöre dich auf den Knien ...« »Mit dem?!« wiederholte der Alte. Seine Stimme, die erst zerdrückt war, krachte jetzt wie die Sprache eines nahen Gewitters: »Er ist doch ein Sohn von Jakob Verheyen! Von Jakob Verheyen, dem Lumpen, dem Heiligtumschänder, dem Totengräber deiner seligen Mutter ...! Und da sollte ich ...?! – Das ist ja, um gekreuzigt zu werden. Da müßte er schon Anne-Susanne gebieten: Läute, läute! – sonst ist die Seele Pitt Pulchers, dieses armseligen Narren, verloren. Bis dahin aber, und solange die Glocke nicht läutet ...« »Herr, du mein Christus! – ich bitte dich, Vater ...!« Er stieß sie von sich. Er stand neben der Bibel. Er packte zu mit beiden Händen und streckte die Arme. Das Buch mit dem goldenen Kreuz schwebte zwischen Himmel und Erde. »Mir ist etwas von der Kraft und Allmacht des Herrn unter den Schädel gefahren ...« Seine Stimme rollte. Vor der drohenden Haltung war Anna bis in eine Ecke des Zimmers geflüchtet, griff sich ins Haar und zerrte die Strähnen nach vorne. Totenbleich starrte das entsetzte Gesicht aus dem straffgezogenen Rahmen. Der Alte trat näher, jetzt wieder ruhig, gefaßt und würdig und mit dem fürchterlichen Ernst eines strafenden Priesters. »Soeben,« also begann er, »im ›Blauen Anker‹ – in der Sebastianusgesellschaft – als alles brechen und biegen wollte – da, um einem Lumpen das Fundament unter den Füßen zu nehmen, da, Anna, gebot ich dem Lumpen: Du, Jakob Verheyen, schwöre hier auf die Fahne ... Und er wollte schwören und durfte nicht schwören, er hätte sonst einen Meineid geleistet, der Unmensch ... Du aber, Anna ... das ist bei dir eine andere Sache. Hier im Angesicht des Gekreuzigten, unseres Herrn und Erlösers, geboren aus Maria, der Jungfrau, schwören sollst du hier auf die Bibel: Ich habe keine Gemeinschaft mit Hermann Verheyen, dem Sohne des Schurken und Ehebrechers, und wenn ich sie hatte und habe – so ist sie in jetziger Stunde begraben, für jetzt und immer und ewig ...« Er senkte die Arme und hielt ihr das Buch hin. »Schwöre...!« »Ich kann nicht ...!« »Du kannst nicht?!« »Nie und niemals, denn meine Liebe kennt keine Grenze. Ich habe Hermann ewige Treue und Liebe versprochen.« Die Stimme des Alten donnerte: »Anna ...!« »Schlage mich tot, würge mich, schlepp' mich ins Wasser – aber ich kann nicht ...!« »Herr, du mein Jesus ...!« Pitt Pulcher drehte sich um seine eigene Achse. Er tastete in die leere Luft, um Halt zu gewinnen. Die Bibel polterte auf die Dielen. Und über die Bibel ... Wie von der Erde gemäht, ohne einen Laut von sich zu geben, eine mächtige, angehauene Kiefer im Winterwald, brach der starkknochige Mann im eisgrauen Haar über der Bibel zusammen. Mit zuckendem Körper deckte er die heiligen Schriften. Anna stürmte vor – beugte sich über den Alten – versuchte, den bleichen Kopf in die Höhe zu heben ... »Vater ...! – Vater ...! Um Jesu Christi willen, was ist dir, ich tue ja alles ...!« »Der Himmel steht offen ...« röchelte Pitt Pulcher. »Da oben, da oben ... Mutter, ich komme!« Von draußen aber kam die Musik der lustigen Kirmes herüber.   21 Während sich das Trauerspiel im Pulcherschen Hause abspielte, hatte Hermann Verheyen die Hanselaererstraße erreicht. Er wollte zur Mühle. Er ging wie im Traume, wie vor den Kopf geschlagen. Er taumelte durch Glück und Unglück; er ging durch einen endlosen Sumpf, und dennoch blühten köstliche Blumen um ihn, wie sie sonst nur auf weiten, lachenden, sonnigen Wiesen gedeihen. Er hatte nichts in Händen; trotzdem schwelgte er in einer Überfülle des Reichtums. Aber er konnte sich dieser Überfülle nicht lange erfreuen. Sie zerrann ihm zwischen den Fingern wie rieselnder Sand, und je fester und energischer er zupackte, um so flüchtiger und rascher wurden die einzelnen Körner, und dennoch: die Kraft war in ihm, alles über den Haufen zu rennen, was Miene machte, sich ihm entgegenzustellen. Er sah bedrohliche Zeichen. Sie deuteten auf Sturm. Gut, mochte er kommen. Sturm wollte er haben. Der kam ihm zupaß. Der blies wenigstens die morschen Äste zu Boden. Also Sturm ... Sturm ... Sturm... ! – als er plötzlich aus seinen Gedanken aufgeschreckt wurde. »Tag, Hermann. Machst du auch schon nach Hause?« Richtig! – da war ja Thyß Jansen. Breitbeinig stand er vor dem Kunsttempel seines prächtigen Vaters. Trotz der vorgerückten Stunde rauchte er noch seinen Glimmstengel. »Du mußt mir exküsieren,« mit diesen Worten trat er an die Seite seines Freundes, »daß ich dir vorhin, ich meine, als du dir bei der Tanzerei einen anderen Lebensstandpunkt zurechtgelegt hast, nicht mit die richtigen Worte aufwarten konnte. Hermann, meinen gehorsamsten Ausdruck. Du hast dir ausnehmend im ›Blauen Anker‹ benommen. Desgleichen deine wiedererrungene Brautschaft. Auch hierfür meinen gehorsamsten Ausdruck. Wie? – oder stimmt's nicht?! – Du stehst so benaulich ins Wetter.« »Nein, Thyß, es stimmt nicht.« »Wieso nicht?« »Der Alte ...« »Kann's mir denken. Aber der deine erst ... der ist kumpabel, dir bei lebendigem Leibe den Bregen auseinanderzuhauen. Deshalb meine ich, Hermann: bleibe bei uns, wenigstens so lange, bis sich das Wetter ein bißchen abgeflaut hat. Vater und Mutter werden sich freuen, so 'nem noblen Gast 'ne Bettstelle anpräsentieren zu können.« »Ich danke dir vielmals, aber es geht nicht.« »Aber ich bitte dir, Hermann ...!« »Ich muß schon nach Hause.« »Unter keiner Bedingung,« und Thyß Jansen drehte sein rotes Schnurrbärtchen aufwärts. »Im Angedenken an unsere forsche militärische Dienstzeit muß ich dir sagen: 'nem krepierenden Geschoß gegenüber bist du bekanntermaßen so 'ne Art von Geisterbeschwörer gewesen, aber gegen 'nen leibhaftigen Vater, der fuchsteufelswild nach Hause gerannt ist und allens totschießen wollte, was so unbewußt war, ihm in den Weg zu laufen, gegen den kannst du selbst mit deinem auserwählten Heldentum nicht dickfellig werden, denn er ist immerst dein leibhaftiger und eingeborener Vater.« »Schon richtig!« ließ sich in diesem Augenblick eine freundliche, aber etwas vom Schnaps angekränkelte Stimme vernehmen. »Bitte, angtree! Kommt Zeit, kommt Rat. Wir können die Sache wenigstens bereden. Es ist für uns 'ne auserwählte Ehre, und was wichtiger ist, wir freuen uns, dir aus der Predullig zu helfen.« »Also, Hermann, ich bitte dir,« pflichtete Thyß seinem Vater bei, »sonst passiert noch ein Unglück,« und da ging das nicht anders: vom › Hobel le Beau ‹ und Thyß geleitet, trat Hermann in den gastlichen Hausflur, wurde von Frau Jansen herzlichst empfangen und saß alsbald zwischen den ehrlichen und guten Leuten, die alles aufboten, seine jetzige Lage so erträglich wie möglich zu machen. Hier fand er, was er daheim von Jugend an entbehrt hatte. Hier saß die Behaglichkeit auf dem ripsenen Sofa und hörte auf das leise Plaudern des Kaffeetopfes, der nebenan in der Küche vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der Ofenröhre sein beschauliches Dasein führte. Schilderungen aus dem Leben der Heiligen und Bilder vom Düppeler Sturm hingen einträchtiglich unter dem Porträt des gefeierten Räuberhauptmanns Brinkhoff aus Alpen, dem die leichte Hand des Lithographen die damals vielgesungenen Verse beigegeben hatte: »Brinkhoff war in jungen Jahren Schon ein rechter Tunichtgut, Drum auch hat er schwer erfahren, Was das Räuberleben tut. Rüben stahl er auf den Feldern Und was sonst der Acker bot; Später, in den düstern Wäldern, Schrie er: Geld her oder tot! In dem Schmuck des roten Hutes, In der Hand das Mordgewehr, Also schritt er hohen Mutes Wie ein Edelmann daher. Furchtbar waren seine Triebe, Stahl dem Nächsten Schwein und Haus, Und dem Mädchen seine Liebe Nahm er aus der Brust heraus. Seine Liebste, Henriette, Stolz am Leib und höchst scharmant, Teilte mit ihm Raub und Bette Und den heil'gen Ehestand. Was des Bauern, war sein eigen, Was des Kaufmanns, war sein Teil, Bis zuletzt mit ernstem Schweigen Sprach das fürchterliche Beil. Trommeln gingen durch die Gassen, Als zum Sterben er bereit; Ach, zu Kleve mußt' er lassen Räuberleben, Lust und Leid. Und ein silberweißer Täuber Flog vom Richtplatz alsogleich: Brinkhoff, Brinkhoff, edler Räuber, Jetzt bist du im Himmelreich!« Mit einem wehmütigen Lächeln glitt Hermann Verheyen über den gefeierten Mann und die rührenden Verse, und es kam ihm eine geraume Zeitlang vor, als wären die glückseligen Tage der Jugend wieder an seine Seite getreten. Als Spielgefährte seines Freundes Thyß Jansen hatte er öfters zwischen diesen vier Pfählen, auf dem Bretterboden und unter den Hobelspänen Räuber und Schandarm gespielt, hatte sich öfters von Mutter Jansen Geschichten erzählen lassen, alte Geschichten, die mit einem Auge lachten und mit dem andern eine Träne zerdrückten, während die altmodische Standuhr aus der Nebenstube herübertickte und -tackte und die Flamme im Lampenzylinder geheimnisvoll musizierte, genau so, wie die Heimchen es tun, wenn sie an warmen Spätsommertagen vor ihren engen Röhren hocken und das weite Stoppelfeld und die untergehende Sonne angeigen. Auch heute musizierte die Lampe, leise, ganz leise, kaum hörbar, während Mutter Jansen ihre ganze Beredsamkeit aufwandte, stumme Saiten wieder ins Tönen zu bringen. Und freundlich erklangen sie; erst verhalten und schüchtern, dann lauter und sich fröhlicher gebend, bis die zuletzt durchlebten und durchkosteten Stunden sich wieder vordrängten und die Jugenderinnerungen mit brutaler Hand beiseite schoben. Hermann Verheyen erhob sich. »Was soll's denn?« fragte der ›Hobel le Beau ‹. »Ich muß jetzt nach Hause.« »Gibt's nicht,« erklärte der Alte und machte den Hals lang. »Das wäre Propter und Prätorius noch schöner! Setze mir nackig in Indigo, das will mein Honnör nicht, vornehmlich jetzt nicht, wo der Deibel jetzt los ist, wo Franz Seegers ihm mit gehörigen Torfstücken und Lohkuchen einkachelt und dein eingeborener Vater mit Pitt Pulcher 'ne tolle Geschichte gehabt hat.« Hermann Verheyen fuhr zusammen. »Wo denn gehabt hat?« fragte er hastig. »Aber ich bitte dir, Hermann! – im ›Blauen Anker‹ natürlich.« »Was ist denn im ›Anker‹ passiert?« »Herrjeses! – hat der Alte, ich meine, mit Respekt zu vermelden, Herr Pulcher, davon kein Wort nicht geredet?« »Keine Sterbenssilbe hat er gesprochen.« »Aberst, Hermann, ich bitte dir nochmals! – Da liegt ja das ganze Karnickel begraben ... da muß ich ja als Mitkomparent und Adjutant der Schützengesellschaft in die Verlängerung springen, um dir das Malör vor Augen zu halten. Die Geschichte war also ...« Und nun erzählte er die bitter durchlebten Stunden und die verhängnisvollen Augenblicke haarklein und mit allen Nebenumständen herunter. Er begann mit der Gründung der Gesellschaft, die mehrere Jahrhunderte zurücklag, erwog das Für und Wider der einzelnen Prätendenten, legte die Satzung des längeren auseinander und gab eine lebhafte Schilderung des Ablebens des letzten Hauptmanns Quirinus vom Oort, der wie ein Held gestorben und mit Recht den Namen ›Vater des Vaterlandes‹ verdient habe. Dabei stand er stramm, salutierte militärisch und ließ auf seiner Empfindungsharfe etliche Mollakkorde erklingen. Hierauf ging er auf den tragischen Hergang der eigentlichen Verhandlung über, schätzte die Anzahl der kurz vor der Abstimmung ausgetrunkenen Flaschen, geriet immer mehr in Feuer und Fett, bis er schließlich vom Kopf bis zu den Füßen in Brunst und Qualm stand und in die Worte ausbrach: »Hermann, und so ist es denn schließlich zu einem miserabelen Ende gekommen, daß es einen Hund jammern tun könnte. Allens verbiestert und auseinandergerissen und so Propter und Prätorius auf den ausgeleierten Holzpfad gekommen. Hermann« – und der ›Hobel le Beau ‹ hob beschwörend die Schellackfinger in die Höhe – »Hermann, du mit deinem artolleristischen Heldentum und der königlichen preußischen Rettungsmedaille über dem Busen, du kannst schon 'ne Portion richtige Wahrheit vertragen. Hermann, ich verdeffendiere Pitt Pulcher in keiner Beziehung, denn Pitt Pulcher ist ein Mann mit 'nem hitzigen Einschlag, ähnlich so, wie die Deckbullen von Franz Seegers es in der Gewohnheit besitzen ... Hermann, ich will Pitt Pulcher gar nicht besonders in den Himmel erheben, denn er hat menschliche Untugenden, wie wir sie alle benötigen, aberst im vorliegenden Kasus, in Sachen der Sankt Sebastianusschützenbrudergesellschaft ... Hermann, um 'nen richtigen Dreh zu kriegen und die Wahrheit nicht in den Leimpott zu setzten: Pitt Pulcher hat recht, denn dein eingeborener Vater hat übernatürliche Wörter und Redensarten gebraucht, hat ihm im Bildnis das Hemd vom Leibe gehobelt und ihn mit 'nem blanken Genickfänger abstechen wollen. Da aberst Pitt Pulcher ... ! – mit 'nem beschriebenen Zettel – was drauf stand, hat keiner nicht in Erfahrung bekommen – ist er ihm unter die Augen gegangen ... und da ist dein Herr Vater weiß wie'n Zuckerbäcker geworden, hat zu allen Heiligen geschworen und ist dann spurlos verschwunden, wahrscheinlich nach Haus zu ... Und darum ist meine bedeutsame Meinung: Hermann, geh nicht in die Wohnung des angeschossenen Löwen; es könnte eine Tränenkomödie sich daraus begeben, vornehmlich in diesem Momang, wo du Thres Seegers aufgesagt hast, um deine einstige Liebe wieder auf die richtige Werkbank zu legen. So, Hermann, das wäre alles, was ich dir als christkatholischer Bürger, als ehrsamer Familienvater und als Freund der Pulcherschen und Verheyenschen Häuser zu sagen hätte. Amen.« Mit einem tiefen Seufzer brach er ab, wischte sich über die Augen und setzte sich wieder. Mutter Jansen hatte mit klopfendem Herzen zugehört. Ihr war ganz wirbelsinnig zumute. »Mein Gott und mein Heiland,« sagte sie still vor sich hin und legte schmerzlich die Hände zusammen. Hermann Verheyen stierte ins Leere, in das grelle Licht der singenden Lampe, und dennoch war es dunkel um ihn, so dunkel, als hätte er in einer dämmerigen Kirche gestanden. Dann hob er die Hand bis zur Schläfe, um sie wieder fallen Zu lassen. Er wußte kaum noch, daß er im Begriff war, ein böses Erinnern von der Stirne zu wischen. »Auch das noch,« mahlte er zwischen den Zähnen. «Das fehlte noch gerade.« Dores suchte abzulenken. »Hermann,« sagte er zuversichtlich, »ein Mann wie du muß den sogenannten Kopf oben behalten, sonst kommt er Propter und Prätorius immerst tiefer in die schwere Predullig. Hermann, allens auf dieser Welt ist wie Selterswasser. Erst sprudelt das hoch und tut gefährlich in mächtigen Blasen; denn es will seine kolossale Betätigung haben. Dann wird es pö a pö weniger und hört zuletzt ganz auf. Drum, Hermann, warte ab, was kommt. Bis dahin betrachte uns als dein nobles Logierhaus; denn nobel sind wir Jansens immer gewesen. Selbstverständlich allens für gratis.« Da lächelte Hermann Verheyen still vor sich hin. »Unter diesen Umständen ...« meinte er schließlich. Er wandte sich an die ruhig dasitzende Frau: »Wenn ich denn nicht ungelegen bin und für einige Tage hierbleiben kann ...« »Ach, Hermann ...!« nickte das gutmütige Weibchen und wischte sich über die Augen, »das wäre für uns doch so 'ne schöne Bekömmnis ...« »Soll ein Wort sein,« bekräftigte Thyß. »Eingeschlagen!« pflichtete der Alte bei, »und zur Feier des Tages stifte ich so Propter und Prätorius drei Runden Bayrisch ...« und obgleich Hermann Einwendungen machte – der ›Hobel le Beau ‹ wollte unter jeder Bedingung seine kleine Festivität haben, während Thyß mit einem drei Liter haltenden Steinkrug in die gegenüberliegende Wirtschaft sprang, mit gestrichenem Maß wieder zurückkam, die inzwischen von Mutter Jansen herbeigeholten Gläser vollschenkte und dabei die niedergebrannte Zigarre wie eine glimmende Pflaume in der rechten Mundecke auf und nieder wippen ließ. Jetzt warf er den Zigarrenstummel beiseite. Er ergriff sein Glas: »Hermann, prosit! Hermann, auf das, was wir lieben!« Fest klingten die Gläser gegeneinander. »Und dann, Hermann ...« Thyß reckte sich auf: »Dir zu Ehren singe ich das Lied von die ›Zweierlei Tücher‹, auf daß wir uns wieder in unsere schönen artolleristischen Lebenszeiten versenken tun können.« »Bravo!« stimmte ihm der ›Hobel le Beau ‹ zu, der mit blankgeputzten Augen dasaß und mit schon etwas steifen Fingern einen lustigen Marsch auf die Tischplatte trommelte. »Nur um dir in 'ne gehobene Stimmung zu setzen,« ergänzte Thyß und legte dabei das semmelblonde Gesicht mit dem fuchsigen Schnurrbärtchen in behagliche Falten. Dann hub er an: »Zweierlei Tücher, Schnurrbart und Sterne Lieben die Mädchen Alle so gerne. Warum? Ei dar – um ...« Der Alte sang mit, aber so kräftig und nachhaltig, daß davon die Fensterscheiben in ein gelindes Zittern gerieten. Hierauf wollte er auch seinerseits ein Lied aus seiner militärischen Dienstzeit vorbringen, kam aber nicht dazu, weil Thyß ihm einen vielsagenden Blick zuwarf, ans Glas klopfte und zu verstehen gab, daß er gewillt sei, noch eine kleine Festrede zu halten. »Man los, man los!« freute sich Dores. »Ich stehe in Bewunderung vor dir. Mutter, wer das früher gewußt hätte!« »Aber seine Briefe ...!« meinte Frau Jansen. »Allerdings, nach die zu urteilen ...« Aber Thyß setzte schon ein: »Artolleristischer Mitkollege, treuer Freund und Waffengefährte! – Hermann, pflichtschuldigst habe ich mir erhoben, um dir in Feier und Betrachtung zu nehmen. Hermann, du mußt mir das Zeugnis ausstellen, daß ich immer die mütterlichen Schlackwürste ehrlich mit dir in Teilung bezogen habe, von die Speckseiten will ich heute gar nicht mal reden. Dafür bist du mir aber immer ein bekömmlicher Gefreiter und Obergefreiter gewesen. Hermann, wir alle, die wir zu die schwarzen Kragens gehören, haben dich immerst in richtiger Achtung behalten, besonders jetzt, wo du dem fetten und übernäsigen Niederungsbauern die ›Seine‹ kaltgestellt hast, um wieder auf den richtigen Turnus und deine mit Tränen begossene Liebste zu kommen. Hermann, das ist 'ne kapitalinische Großtat und für uns alle die allerschönste Kirmesfreude gewesen. Nein, Hermann, von die Speckseiten will ich heute gar nicht mal reden, denn die Zeit ist für dich mit dunklen Wolkengardinen umhangen, obgleich eine liebreiche Sonne immer forscher und schöner hindurchkuckt. Hermann, die näheren Umstände sind dir zwar noch immer konträrig, obgleich sie sich schon in einem besseren Umschwung befinden. Sollten sie aber noch konträriger werden, dann bin ich der Meinung: du läßt unsern Herrn Hauptmann Liese mal kommen. Wenn der so in voller Montur und mit der schweren Artollerie anrücken täte, dann würden der alte Herr Pulcher und dein eingeborener Vater und die anderen alle wohl Moritzen lernen. Und darum, Hermann, und zwar in Anbetracht unserer militärischen Dienstzeit: unser allverehrter, gehorsamster und mit allen Honnörs ausgezeichneter Herr Hauptmann Liese, der sich immer nobel benommen und kumpabel ist, ohne abzusetzen und in einem Schluck 'ne Bouteille alle zu machen – Hermann, in diesem Sinne: unser ›Lieschen‹ soll leben.« Und ein kräftiges »Hoch!« ging dreimal und unter hellem Gläserklingen durch die freundliche Stube; nur der ›Hobel le Beau ‹ kam mit seinem ›Hoch‹ so recht nicht in die richtige Stimmung. Er war wie abwesend und hatte abgestandenen Leim an den Füßen. »Was denn los?« fragte Thyß, stellte sein Glas auf die Tischplatte und musterte den Alten scharf von der Seite. Auch Frau Jansen sah ängstlich herüber. Mit spitzen Fingern fuhr sie über ihre glattgescheitelten Haare: »Dores, so sprich doch.« Aber Dores saß wie versteinert, hatte den Oberkörper vorgebeugt und horchte nach der anliegenden Stube. Seine Augen, die sonst kregel und etwas eingezogen unter den Brauen lagen, vergrößerten sich, nahmen einen eigentümlichen Glanz an und sahen aus wie durchsichtige, hellblaue Scheiben. »Dores, so sprich doch endlich,« drängte Frau Jansen. »Wir sind doch gerade in 'ne fidele Stimmung geraten, und nu sitzt du da, als wolltest du 'nen Trauerkranz machen.« »Je, Mutter, das verfluchte Gepinke!« »Wo pinkert's denn?« »Mutter, hierneben.« »Dummes Zeug!« konstatierte die Frau und versuchte, sich unbefangen zu geben. »Das ist der Perpendikel. Der hält Kirmes im Uhrkasten.« »Nee, Mutter, der macht keine Kirmes.« »Auch gut – aber dann sag's gerade heraus, was da so pinkert.« Die hellblauen, durchsichtigen Scheiben wurden noch größer. »Mutter, der veritable Holzwurm ...« »Um Gott nicht!« sagte Frau Jansen und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. »Schön,« meinte Thyß, »dann blüht das Geschäft ja.« »Schon möglich,« versetzte Dores, »aber in 'ner verkehrten Richtung. Da wieder ...« Jetzt hörten es alle. Deutlich und mit scharfer Betonung ließen sich die geheimnisvollen Klänge vernehmen. Erst langsam und gemessen; dann schneller, um endlich in das Geräusch von feinen, winzigen Trommelwirbeln überzugehen. Thyß trat an den Alten heran und beugte sich zu ihm. »In welcher Richtung denn?« fragte er leise. Dores schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wir können die Bretter in Bearbeitung nehmen,« gab er als Antwort zurück. »Was für Bretter?« »Na, die von die Fichte, die wir im verflossenen Winter umgelegt haben.« Da lief es Thyß kalt über den Rücken. »Du meinst also ...?« »Ja,« sagte der Alte. »Der kommt jetzt an die Reihe.« »Was habt ihr nur?« fragte Frau Jansen. »Man kriegt ja zuviel bei das heimliche Reden. Statt Hermann ein bißchen aufzumuntern, steckt ihr die Köpfe zusammen und erzählt dumme Geschichten.« »Was, Mutter, dumme Geschichten ...?! – Wo mir die Angst die Kehle abstößt, da redest du von dummen Geschichten ...?!« Mit einem energischen Ruck fuhr er auf: »Mutter...!« Er sprach nicht weiter. Irgendeiner klopfte gegen die Scheiben. »Herr, du mein Vater ...!« Frau Jansen drehte entsetzt das Gesicht in den Nacken. Dores trat ans Fenster und öffnete. »Was gibt's denn?« Der Küster, Herr Roloffs, stand draußen. Ein Duft nach Wachs und Weihrauch quirlte ins Zimmer. »Ist vielleicht Herr Hermann Verheyen bei Ihnen?« fragte er salbungsvoll. Er trug den Hut in der Hand und kämmte sich mit der Rechten die Sardellenstreifen über den Scheitel. »Hier!« sagte Hermann Verheyen. »Wir waren bereits bei Ihrem Vater und möchten uns submissest erlauben ...« »Was bringt Ihr denn, Roloffs?« »Herr Pitt Pulcher hat eine Überfahrung bekommen. Das Blut ist ihm stehn geblieben, und die Tochter verlangt nach Ihnen ...« »Mein Gott!« stöhnte der junge Verheyen, nahm kurzen Abschied und ging mit dem Küster dem nahen Sterbehaus zu. Dumpfes Schweigen folgte ihnen. Alle sahen sich bekümmert an. Dores faßte sich zuerst. Etwas Wehes lag in ihm, zugleich aber auch das Bewußtsein seines hohen Prophetentums. »Na, Mutter,« fragte er mit einer gewissen tragischen Pose, »wie steh' ich nu da? Setze mir nackig in Indigo, so habe ich doch meine sonnenbuhlerischen Gefühle und Eingebungen.« Frau Jansen sah in schmerzlicher Bewunderung zu ihm auf und nickte stumm vor sich hin. »Aberst, Mutter, damit kein weiteres Malör kommt,« setzte er begütigend hinzu, »will ich man Herrn Pulcher seine fichtenen Bretters besprechen. Es ist zwar gegen meinen reellen Profit, aberst man muß doch auch die christliche Nächstenliebe etwas in Berücksichtigung nehmen.« Damit ging er zur Werkstätte und kletterte von hier auf den Hängeboden, wo die harzigen Borten zum Trocknen standen. Er fand sie im Dunklen. Mit lautem Knöchel pochte er gegen die Bretter. »Daß ich's man sage,« meinte er nach tiefem Atemholen, »ihr werdet morgen in Bearbeitung genommen. Die Sache ist fällig. Der liebe Gott tut es nicht anders; aberst erzählt es euren Mitkollegen nicht weiter. Amen.« Hierauf trat er den Rückweg an, ganz auseinander und von tiefster Trauer gerüttelt, blieb aber an der Hobelbank stehen und sagte: »Was ist das menschliche Leben? Vierzig Jahre, auch fünfzig, auch siebzig und dann und wann ein kleines Pläsierchen. Aberst Bier tut es allein nicht; in gewissen Fällen muß einer Propter und Prätorius noch was anderes haben.« Damit langte er in die Werklade, zog unter krausen Spänen sein Fläschchen hervor und gluckste. »Prosit!« Dann ging er zu Muttern. –   Um dieselbe Stunde, also um die Zeit, wo das Totenührchen im Holz klopfte und Dores Jansen die Sargbretter beruhigte, ratterte Franz Seegers mit seinem Chaischen dem friedlichen Gutshof zu. Mit seiner Tochter kam er direkt aus dem ›Blauen Anker‹. Das war kein Fahren! Das Durchlebte und der reichlich genossene Sitzungswein wühlten ihm noch in den Knochen. Das Herz schlug ihm bis in den Hals hinein. Mit rotem Gesicht, die Mütze schief auf dem Kopf, Haß und Gift und Galle unter dem Leinewandkittel, so war er über die Landstraße kariolt, über die Seitenwege, über die Deiche, hatte mit waghalsigem Drauf und Dran die Ecken genommen, daß die Räder nur mit knapper Not Grund und Boden unter den Reifen behielten. Die Ebereschenbäume, die die Wege flankierten, taumelten wie betrunkene Bauernlümmel vorüber. Unter den Hufen des angepeitschten Percherons spritzten Funken und Kiesel. »Kreuzkuckuck, verfluchtig ...!« Franz Seegers hatte Feuer und Fett vor den Augen, violette Kreise, die auf und nieder tanzten, sich einkringelten, um dann wieder zu rollenden Karrenrädern zu werden. Er sah die Gefahr nicht. Er sah überhaupt nichts; nicht die tiefen Kolke, die gefährlich aus der Tiefe heraufgähnten, nicht den schmalen Weg, nicht sein eigenes Anwesen, das weit hinten in der Niederung lag – zwischen geschorenen Äckern und Wiesen und blanken Lichtern, die aus den Knechte- und Mägdekammern herüberwinkten. Er dachte nur an seinen krummgeschossenen Bauernstolz. Der schrie Zeter und Mordio und hatte noch immer Kraft genug, mit handfestem Knüppel um sich zu pfeffern. Und das sollte gründlich besorgt werden. »So'n Flegel!« knirschte er zwischen den gesunden, stahlharten Zähnen, »so'n Lump mit der sogenannten Rettungsmedaille ...! Herrgott, in drei Deibels Namen noch mal ...!« Er wandte sich. Neben ihm saß seine Tochter, bleich und mit aufgerissenen Augen. »Thres, spuck dem Kerl ins Gesicht,« lachte er grimmig. »Schieß den Hund über den Haufen,« gab sie zurück. Ein flammender Haß zuckte über die entstellten Züge. »Das kann schon passieren,« tobte Franz Seegers »Aber zuerst kommt der Alte aufs Brett. Dem Kerl knall' ich die Brotschnitten vom Maule herunter ...!« Er drehte sich um. Seitwärts lag der Schattenriß der Verheyenschen Mühle. Er streckte die freie Faust gegen den massigen Koloß aus. »Ja, die Brotschnitten vom Maule herunter, denn der miserable Kerl hat gleichfalls Dreck an der Hose. Verrecken soll das infamige Rindvieh ...!« Starr und bleich stand die Faust gegen den Himmel. »Hia da hüp ...!« Auf der höchsten Deichkrone ließ er die Leine schießen. Er warf sie dem Gaul auf die Kruppe. »Hia da hüp ...!« Die Peitsche knatterte. Das scheu gewordene Tier warf sich ins Geschirr. Thres mußte sich an der Stange des Spritzleders halten, sonst wäre sie aus dem Chaischen geflogen. »Vater, Vater ...!« schrie sie auf. »Auch egal,« wieherte der Alte und knallte dem rasenden Percheron zwischen die Ohren, »auch egal, wenn wir zwei beide krepieren!« In rasender Presche ging's weiter. Die Leine schleppte am Boden. Der Gaul war vernünftig. Halt- und zügellos jagte er die Kehre hinunter, bog auf den richtigen Weg ein, um von hier aus mit zitternden Flanken und geblähten Nüstern dem Gutshof entgegenzusprengen. »Hundeseele, verfluchte ...!' »Vater, Vater ...!« »Ach was, ›Vater‹! – Die Brotschnitten schieß' ich den beiden Kerls von der Fresse!« Die Äcker flogen vorüber. Das Fuhrwerk tanzte auf den ausgefahrenen Wegen. Die Obstbäumchen, die jetzt den Straßenrändern folgten, huschten vorbei, als ständen Latten dicht nebeneinander. Ein Nachbar begegnete dem tollen Aufzug. »Gott's den Donner, wo kariolt Franz Seegers denn hin?!« Der Gutshof kam näher. Noch zweihundert Schritte, noch hundert Schritte! Mit lauernden Giebelfenstern, von schlaftrunkenen Scheunen und Stallungen umgeben, lag das Herrenhaus zwischen alten Baumkronen. Die Toreinfahrt stand sperrangelweit offen. Unter feurigem Galoppschlag und mit knatternden Rädern rollte der Wagen durch die Flügeltüren und blieb mit einem kräftigen Ruck vor der Freitreppe stehn. Der Gaul zitterte an allen Knochen. Seine Haut fältelte sich, und die Nüstern flogen. Schaum und Schweiß flockten über Gebiß und Zaumwerk. Ein Knecht sprang zu. Franz Seegers torkelte unter dem zurückgeworfenen Spritzleder vor und griff nach der Klingel. Ein wütiges Reißen – und die Schelle kläffte und belferte durch alle Räume des Hauses. »Aufgemacht! – Wo bleibt die Package ...?!« Ein Dienstmädchen erschien. Zitternd stand sie vor ihrem Herrn. »Da!« machte der Alte und zeigte auf seine Tochter. »Die muß Ruhe haben. Der hat ein Schweinemarkör die ganze Ehre verbiestert. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Abwarten ... abwarten ...« Mehr tot als lebendig wurde Thres in ihrem Kirmesschmuck und mit verweinten Augen auf ihre Kammer geleitet, während Seegers ins Haus stolperte und sich noch eine Flasche ›Burdo‹ auftischen ließ. »Nur, um den Ärger vorläufig herunterzuspülen, nur, um die Sache zu überdenken,« meinte er mit erkünstelter Ruhe, riß den Kittel aus, warf sich auf einen Stuhl und streckte die Beine. Ein Glas nach dem anderen stürzte er herunter. Der Wein schmeckte ihm. Als die Flasche zur Neige ging, sah er sein eigenes Bild im gegenüberliegenden Spiegel. Mit hellem Gelächter fuhr er auf. Ein kräftiges Gesicht, mit goldenen Ohrringen in den fleischigen Ohrläppchen, blinkte ihm aus dem breiten Goldrahmen entgegen. »Das bin ich!« schrie Franz Seegers. »Ich, ich, ich ...!« und schlug sich mit der Hand auf den Brustkasten. »Was?! – und diesen Edelmenschen will der großmäulige Kerl mit der Rettungsmedaille ...« Er hatte den Hals der Flasche umgriffen. Seine Zunge kam ins Lallen. »Gottverdomie! – das wäre noch besser ...! – aber ich kann mich selber nicht sehen. Verdufte ...!« – und mit einem kräftigen Schwung knallte er die Bouteille dem Spiegelbild ins Gesicht, daß die Scherben herumsplitterten. »Lumpenseele, verfluchtige ...!« Dann riß er sich auf und wankte seiner Schlafkammer zu. – Anderen Tages stand eine leuchtende Sonne am Himmel. Seegers war bereits auf den Beinen. Sein Kopf brauste noch von den Begebnissen des verflossenen Abends. Das Niederbrechen Pitt Pulchers war ihm zu Ohren gekommen. Eine behagliche Genugtuung legte sich ihm breit über die Seele, aber seine sonstige Stimmung war hundsmiserabel. Dicht vor seinem Fenster erhoben sich stattliche Pappeln. Wenigstens zehn Elsternpaare flogen dort ab und zu und taten äußerst geschäftig. Sie hatten ihre zweite Brut zu versorgen. Er stierte zu den Kugelnestern und dann in die Ebene, wo die Mühle, die Lagerräume und die Guanoschuppen aufragten. Das war Jakob Verheyen sein Eigentum. Sein Eigentum ...?! »Nee, nee, nee ...! – Das ist alle geworden.« Er sprang zurück, riß eine geladene Flinte vom Nagel und legte etliche Patronen neben sich. »Aufgepaßt, Achtung!« Der erste Schuß krachte. Ein prächtiger Vogel mit blankem Wams und bronzefarbiger Schleppe stürzte aus dem Laubwerk herunter. »Höhö!« lachte der Niederungsbauer, »das wäre die erste Hypothek. Zehntausend Talers auf einmal!« Die Elstervögel vollführten ein ängstliches Lärmen. Mit hellem Gegäcker flogen sie ab und zu. Wieder krachte ein Schuß, und wieder kam eine Elster herunter. »Die zweiten zehntausend!« Der Bügel flog herum. Neue Patronen wurden eingeschoben, die Hähne knackten. Der Kolben fuhr an die Backe. Nochmals ein Schuß. »Die dritte Hypothek!« rief der Alte, und zum letztenmal kam ein Vogel aus der schwindelnden Höhe. »Fünftausend preußische Talers! Na, Jakob, wie wird dir ...!« Die Tür flog auf ... Thres stürzte vor, nur notdürftig gekleidet und mit aufgelösten Haaren. Die üppige, harte Brust drang aus dem halbgeöffneten Leibchen. »Um Jesu Christi willen, Vater, was tust du ...?« Sie suchte, ihm in die Arme zu fallen. »Ich?« fragte Seegers. »Ich schieße den infamigen Lumpenkerls die Brotschnitten vom Maule herunter ... die lernen mich kennen!«   22 Seit der Stunde, wo Pitt Pulcher wie eine überständige Kiefer in sich zusammengebrochen war und die Bibel mit seinem Körper bedeckt hatte, stand ein großer, überhagerer Mann vor der Tür des heimgesuchten Hauses. Auch kurz vor dem Ableben der Frau war er beobachtet worden. Er schien einer zu sein, der eine wichtige Botschaft überbringen mußte, aber noch immer zögerte, sie in die zuständigen Hände zu legen. Am dritten Tage war er schlüssig mit sich und trat in den Hausflur. Stina Mengels, die ganz verweht und durcheinander in der Küche hantierte, fühlte, wie in diesem Augenblick sich ein kalter Lufthauch an sie herandrängelte. »Da ist jemand gekommen,« sagte sie fahrig, indem sie den Kopf durch die Türspalte steckte und den Flur absuchte. Niemand war da. »Merkwürdig! – Die Klingel ist doch gegangen. Das kann nicht seine Richtigkeit haben. Na, so was!« – und doch glaubte sie sachte Schritte zu hören, die sich dem Sterbezimmer näherten, um dort über die Schwelle zu treten. Da schlug sie die Tür zu, flüchtete sich in die Nähe des Herdes und wuscherte nach ihrem Gebetbuch. »Lieber Gott, sei seiner Seele barmherzig!« Sie konnte kaum sprechen. »Nein,« sagte sie mit wirren Worten und wirren Gedanken, »der wird nicht wieder. Der kann nicht mehr werden. Es sind zuviele Maulwurfshaufen mang die Rabatten. Ach, du liebes Herrgöttchen! Ach, du liebe Mutter Gottes von Kevelaer! – fünfundzwanzig auf einmal. Fünfundzwanzig Maulwurfshügel nebeneinander. Das bringt den Tod in die Stube –!« und mit erneuter Hast und Inbrunst bewegten sich ihre Lippen, wobei sie im Geiste zum Kirchhof pilgerte und dort Rundschau hielt, als müsse sie schon jetzt eine schöne Stätte für Pitt Pulcher aussuchen. Die beste war gerade gut genug für ihren Herrn. Morgensonne mußte er haben. Die war zuerst bei dem großen Spillbaum, der im Herbst immer so schöne ziegelrote Korallen ansetzte und dann aussah, als wäre das heilige Blut des Erlösers darübergefallen. Das war die richtige Stelle. Da mußte er ruhen. Das stand ihm zu. Keinem anderen gönnte sie diesen Platz, und ihre Gedanken schmückten schon die Grabstätte aus: im Frühjahr mit Goldlack, im Sommer bis weit in den Herbst hinein mit Geranien und Kartäusernelken und im Winter mit Stechpalm und Tannenzweigen, und sie sah alles mit lebhaften Farben, als sei der Hügel schon aufgeworfen, als duftete der Blumenflor schon jetzt unter dem alten, ehrwürdigen Spillbaum. »Bitte für uns in der Stunde unseres Todes ...!« Ihr Gebet nahm an Kraft und Innigkeit zu. Ihre Blicke durchbohrten die Wände und drangen bis in das gegenüberliegende Zimmer. Da ruhte Pitt Pulcher wie ein sterbender König zwischen den Kissen. Die Hände mit den bläulichen Fingernägeln lagen gestreckt. Der Kopf war wie aus grauem Gestein gehauen, hart und scharf, aber mit einem großzügigen Meißel. Die Muskeln zeigten keinen Schmerz, keine Erregung. Nichts deutete auf den kommenden Tod hin. Die Züge verrieten die alte Energie, den eisernen Willen. Es war ein Coleonegesicht. Solche Gesichter sind rar auf der Welt, und wenn der Tod über sie hinfährt, werden sie noch bedeutsamer und größer. Links von dem Sterbenden saßen Hermann und Anna. Mit einem in Zitronenwasser getränkten Läppchen benetzte sie den Mund ihres Vaters. Rechts von ihm kniete Stephan. Er sprach innige und heilverkündende Worte. Von Zeit zu Zeit beugte er sich über ihn. Plötzlich betete er: »Herr, himmlischer Vater, erbarme dich seiner! Erwecke noch einmal seinen Geist vor dem Tode, auf daß er teilhaftig werde der letzten Wegzehrung und der himmlischen Gnade.« Anna weinte still vor sich hin. Der junge Kaplan aber wandte sich an Hermann Verheyen und sagte: »Hermann, wenn er aufwachen sollte, dann geh hierneben. Es ist besser so. Er darf dich nicht sehen. Legen wir alles in die Hände des Erbarmers.« Tränen waren in seiner Stimme, und er sprach mit großer Bewegung die Sterbegebete, die er schon beim Ableben seiner Mutter gesprochen hatte. Sie fielen wie weiße Lilien aus seinem Munde und pflanzten sich wie heilige Wächter um das Lager des hingeworfenen Mannes. So mochte eine Viertelstunde vergangen sein, als sich zwischen den Lidern Pitt Pulchers ein feiner Lichtstreifen zeigte, perlmutterfarbig und scheinbar aus dem Unendlichen kommend. Langsam geriet er ins Wachsen, während die Finger sich einkrampften. Es war das erste Lebenszeichen, seitdem das Unglück passiert war. »Jetzt stirbt er ...!« Mit wehem Laut fuhr das gequälte Weib in die Höhe. »Nein,« sagte der junge Kleriker, »jetzt wird er nach den Sterbesakramenten verlangen,« und über sein Gesicht flog ein Leuchten, gütig und sanft und ähnlich dem Leuchten in verschwiegenen Mondscheinnächten. Seine Hände glitten über die des Alten. Der aber reckte und dehnte sich. Ein Biegen und Brechen lief durch den gemarterten Körper. Er stemmte sich gegen die Kissen. Er versuchte es, sich in die Höhe zu heben. »Wer ist da ...?!« Ungelenk stolperten die Worte von der schweren Zunge herunter. »Da ist doch jemand gekommen ...« »Wer sollte denn gekommen sein, Vater?« wimmerte Anna und legte ihren Mund auf die zusammengekrampften Hände des Stierenden. »Da steht er... da am Uhrkasten steht er ...!« »Vater! – Vater ...!« »Herr, du meine Seligkeit! – er war schon da, als Mutter starb ... er war da, als Quirinus vom Oort in die Binsen ging ... Stephan, er darf nicht. – Geh an den Uhrkasten, Stephan. Er will den Perpendikel anhalten. Und wenn er den Perpendikel anhält ...« Mit einem dumpfen Röcheln schlug er in die Kissen zurück: »Und wenn er den Perpendikel anhält ... den Perpendikel ... Erst muß doch Anne-Susanne ... sonst kann ich nicht fort ...« Seine Worte krochen in sich zusammen, verwehten, zerflatterten wie einzelne Strohhalme über Stoppelfelder, die unter dem Herbstwind lagen. »Der Perpendikel geht ruhig,« sagte der Kaplan und trat in die Nähe der Standuhr, die wie ein großes, wunschloses Herz arbeitete und klopfte. »Stephan,« stammelte der Alte, »hierneben ... das Pergament von Kaspar Christian Pulcher ... so wie er es niedergelegt hat auf Leben und Sterben, so muß ich es hören, bevor sie mich ... bevor Mutter sagen kann: Pitt, bist du endlich gekommen.« Anna kannte die Stimme ihres Vaters nicht mehr, so ein weher Laut hatte sich darüber gelegt; ähnlich wie er im Ried ist, wenn der Abend die einzelnen Halme auseinanderscheitelt. Immer inbrünstiger drückte sie die Lippen auf die erkalteten Finger. Hermann war unauffällig ins Nebenzimmer gegangen und preßte dort seine Stirne gegen die Scheiben. Stephan folgte ihm. Als er zurückkam, trug er das Schriftstück zwischen den weißen Händen, rollte es auf und fragte: »Soll ich jetzt lesen?« Ein schwaches Lächeln spielte um die Mundecken des Vaters. Da las der Kaplan: »Ich, Kaspar Christian Pulcher, Ältermann der hochmögenden Weber zu Köln, Herr über ihr Leben und Schaffen, über Maß und Gewicht, nunmehr heimgesucht und in die Verbannung gestoßen, durch das Rote Meer gegangen, um den Frieden zu finden, hier im Kirchspiel zu Kalkar die Ruhe und den Frieden gefunden ... dessen aus Dankbarkeit und um unsern allmächtigen Gott, unsern Herrn Jesus Christus zu feiern, habe ich die Glocke ›Anne-Susanne‹ dem hiesigen Kirchspiel für ewige Zeiten gestiftet. Nicht aus Stolz oder aus feilem Hochmut heraus ist solches geschehen, sondern im Frieden mit Gott und in christlicher Demut. Ich verlange keine Guttat dafür, nicht Ehrenbezeugung und einen Namen, so einen klingenden Ton hat. Aber ich gebiete hiermit ...« »Nu kommt es.« Pitt Pulcher streckte sich wieder. Es war so, als wollten Geist und Körper sich noch einmal begegnen. Er hörte auf die Stimme, die jetzt von neuem einsetzte, als wäre sie die des kölnischen Ältermanns und hochmögenden Webers, des Herrn Kaspar Christian Pulcher selber gewesen. »Aber ich gebiete somit,« fuhr Stephan fort, »Anne-Susanne soll läuten, wenn die Sterbestunde über mich kommt, und läuten soll sie, wenn einem meines Namens der Todesschweiß ausbrechen will und sein Erlöser ihn ruft. Damit ihm die Stunde leicht werde, in der er von hinnen muß, von Weib und Kind und allem, was ihm das Leben schön und das Sterben mühselig und schwer machte. Also geschehen am zweiten des April und im Jahre der Geburt unseres Herrn, da man schrieb eintausenddreihundertundachtzig. – Gott sei meiner Seele barmherzig, und er zeige ihr den Weg in das Licht, das ewiglich leuchtet. Amen.« »Das ist es,« stöhnte Pitt Pulcher. Er griff wieder in die Kissen hinein. Er rang gegen den Tod. Der starkknochige Mann bäumte sich auf. »Stephan, geht der Perpendikel noch immer ...?« »Vater, er geht wie immer. Ganz richtig und stille.« »Mein Gott, mein Gott ...!« wimmerte Anna. »Stephan, ich hab' keine Bange vor ihm ... Ich meine den Kerl, der am Uhrkasten steht ... Quirinus vom Oort hat auch keine Bange gehabt ... Aber bevor er den Perpendikel anhält ... Stephan, ich will die Glocke und die Sterbesakramente ... Stephan, Anne-Susanne soll läuten ... Das steht verbrieft und gesiegelt ... Sonst kann ich die ewige Ruhe nicht finden ... Stephan, das Schriftstück, das Schriftstück ...!« Mit letzter Anstrengung hob er die Arme. Die Finger spreizten sich, um sich krampfhaft zu schließen und wieder zu öffnen. »Stephan ...!« Da legte ihm der Kaplan das Pergament zwischen die Hände. Der Alte packte zu. Eine mächtige, riesenhafte Bewegung ging durch den ungelenken Körper; es war ein Trotz in ihm, ein Sichwehren gegen das Nahen der letzten Augenblicke. Pitt Pulcher wurde noch einmal dem Dasein wiedergegeben. Die Zunge verlor ihre Schwere. Das gesunde Auge haftete an dem zerknitterten Papier: »Ja, das hier ... Anne-Susanne soll läuten ... Das hat der alte Pulcher niedergeschrieben ... Warum läutet sie nicht ...? – Oder steht Jakob Verheyen zwischen seinen infamigen Flügeln ...? – Will das Unglück auch jetzt von der Mühle herunter ...? – Jesus, Maria und Joseph ...! – Anne-Susanne...! – Anne-Susanne ...!« Das Wort wurde ihm von den Lippen gemäht. Wie ein gefällter Baum sank er rücklings. Die Unruhe des Sterbens kam über ihn, aber wie sein Leib kantig und eckig war, so auch die Seele. Sie sträubte sich gegen die Gewalt des Todes. Sie ging in ferne Tage zurück und tastete sich durch vermoderte Zeiten und durch endlose Jahre. Hierher, Pitt Pulcher! – Und Pitt Pulcher schritt durch die Straßen der alten Reichsstadt. Da stand auch er, wie sein großer Vorfahr, stiernackig und selbstüberzeugt vor Kaiser und König – und vertrat die altverbrieften Rechte der Weber – und sagte dem hohen Rat und den Geschlechterherren seine Gefolgschaft auf. Nur durch Blut konnte die Sache ins reine gebracht werden. »Trommeln 'raus!« rief der Alte, und sein Geist ging immer mehr in die Irre. Wie die anderen Zünftler, also regierte auch er den Zweihänder. Er watete durch Blutlachen. »Kaspar, Melcher und Balthasar, helft mir!« – Der Rhein zeigte eine rote, schreckliche Rinne. Bis nach Neuß zu war die Spur zu verfolgen. »Jakob, was stehst du auf der verflüchtigen Mühle? Wenn ein Jakob Verheyen hoch hinaus will, ein Pitt Pulcher will höher hinaus! Das bin ich mir selber schuldig. Das bin ich meinen Vorfahren schuldig. Trommeln durch Köln ...! Geschlechterköpfe herunter ...! Sie wollen die ehrlichen Weber erwürgen ...! Es geht bei gedämpftem Trommelklang ...! – Los denn, Anne-Susanne ...! Will sie nicht läuten ...? – will sie nicht läuten ...?!« Die Worte zerbrachen. Der Kopf legte sich auf die Seite. Widerwillig zwirnte sich das eisgraue Haar um die wächsernen Schläfen. Anna aber rückte die Kissen zurecht und schob ihren Arm unter den Nacken des jetzt ruhigen Mannes. Stephan erhob sich. »Es währt nicht mehr lange,« sagte er leise. »Alles soll besorgt werden. Gott mache ihm das Scheiden leicht und schenke ihm die ewige Freude.« Hierauf begab er sich ins Nebenzimmer und sagte zu Hermann: »Die Stunde ist gekommen. Wir wollen seinen letzten Willen erfüllen. Während ich ihm die Wegzehrung bringe, sorge du dafür, daß die Glocke geläutet wird.« Da gingen die beiden. Stumm schritten sie nebeneinander der Sankt Nikolaikirche zu. Eine quälende Hitze lag zwischen den Häuserzeilen. Die Luft rührte und regte sich nicht. Die Schwalben hatten niedrigen Flug und berührten mit ihren Schwingenspitzen die spärlichen Grashälmchen, die zwischen dem Pflaster standen. Die Stadt ruhte noch unter greller Sonne. Jenseits der Häuser aber, tief im Westen, hing eine dunkle Gardine. Aus dieser Gardine konnte jeden Augenblick eine gespenstische Hand herausgreifen, um einen hellen Blitz über die weite Ebene zu werfen. Noch war sie unbeweglich. Keine Faser rührte sich an ihr. Noch war kein Zeichen gegeben. Die Szene, wo der Herr mit seinem großen Feuerwerk spielte, blieb noch geschlossen. Drohend schwebte der Vorhang zwischen Himmel und Erde. Scharfumrissen hob sich die Mühle gegen das dunkle Tuch ab. Sie beherrschte die Gegend. Sie überragte die Stadt, die sich zu ihren Füßen duckte. Sie war ein Wahrzeichen, das weit ins klevische Land hinaussah und jetzt den Anschein hatte, als sei Pitt Pulcher eine fabelhafte Sterbekerze aufgestellt worden. Kein Mahlstein rührte sich. Die Korntrichter feierten. Die Flügel waren wie angenietet. Die Segel hingen schlapp von den Windruten herunter. Alles ausgestorben, verlähmt; als wäre der Fluch über dieses Anwesen gegangen. Und doch lag Gottes helles Sonnenlicht um das riesige Steinwerk. Die Kappe brannte wie Feuer. Auf dem Umgang stand Jakob Verheyen. So hatte er schon einmal gestanden. Damals, in leuchtender Osternacht. Damals fraß ihm das Leid an der Seele, heute der Grimm, das Gefühl nach Rache, die Überzeugung: die Hypotheken fallen über dich her wie die ägyptischen Plagen. Einer braucht nur zu wollen, und du kannst dir 'nen Bettelstab aus dem ersten besten Haselbusch schneiden. Und dann noch eins – und das war das schlimmste von allem. Er öffnete die rechte Faust. Ein zerknülltes Papier lag zwischen den Fingern. Lesespuren waren daran. Er faltete es auseinander und flog über die krausen, verschnörkelten Schriftzüge. Sie sahen aus, als stammten sie aus dem vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert. So altmodisch gaben sie sich. »Du sollst nicht ehebrechen,« las Jakob Verheyen. Das und die Geschichte mit dem Eidschwur ... Als Lump ausgerufen ... als Lump durch die Gosse gezogen ... Das war an jenem furchtbaren Kirmesabend im ›Blauen Anker‹ geschehen. Die Stunde hatte ihm den Rest gegeben. Da waren ihm alle Pläne und Projekte unter den Händen zerbröckelt. Der Alte hatte brutale Arbeit geleistet, und er, Jakob Verheyen ... Da lag sein Ansehn. Das war Pitt Pulchers Werk. Räudige und tolle Hunde erschlägt man, aber keine menschliche Reputation. Das hatte sich Pitt Pulcher geleistet. Was an dem übrigen Malör noch fehlte, war auf Konto seines Sohnes zu bringen. Das bedeutete den Zusammenbruch seines Anwesens, überhaupt den seiner Existenz. Außerdem hatte er noch mit einem dritten zu rechnen. So mußte es kommen. Erst Pitt Pulcher, dann Hermann, dann Franz Seegers. Jeder von diesen hatte 'nen Totenzettel für ihn in der Tasche. »Kreuz, Himmel, Gewitter ...!« Er sah in die Tiefe. Unter ihm lagen seine neuen Unternehmungen: die Dampfmühle und die Guanoschuppen. Frisch und solid waren sie hingesetzt worden. Das alles ließ sich an, als hätte dabei ein guter Geist Pate gestanden, und doch ruhte bereits die Verwesung unter den Sparren. Er drehte langsam den Kopf. Da hinten wuchs der Seegerssche Gutshof aus dem Boden heraus. Der war nun seinem Sohn durch die Finger gerutscht oder vielmehr, er hatte ihn von sich gestoßen, und damit war auch das Geschick seines eigenen Besitzes so gut wie besiegelt. Einem kam es zugute: dem Kerl mit den schweren Hypotheken, dem infamen Niederungsbauer ... und das alles wegen des niederträchtigen Abends im ›Blauen Anker‹. Der hatte alles unter die Räder gebracht und zermalmt und zerschrotet ... Seitdem waren drei bange Tage vergangen. Während all dieser Zeit hatte er keine ruhige Stunde gefunden. Angekleidet warf er sich aufs Bett, um jählings in die Höhe zu fahren. Wirre Ideen peitschten ihn auf; sie trieben ihn durch die verstaubten Mühlengänge und in die Guanoschuppen hinein. Hier zählte er die einzelnen Säcke, die bereitstehenden Frachten, um gleich darauf wieder das Resultat zu vergessen. Er machte sich über die Schuldverschreibungen her, rechnete und kalkulierte, ohne den Sinn zu erfassen. Sein Geist packte sich selbst bei den Haaren und schlug den Kopf gegen die Tischkante. Wofür hatte er überhaupt gesät und geerntet? Stundenlang stierte er vor sich hin, bohrte er Löcher in die Dielen hinein. Er wollte keinen mehr sehen. Er holte die Läden bei und schob die Riegel vor. Seine Wirtschafterin schlug die Hände zusammen. Er verweigerte jegliche Nahrung. Nur ab und zu eine Brotkruste. Dafür ließ er eine Bouteille nach der anderen auffahren. Er trank mit gierigen Zügen. Der schwere Wein warf ihn nicht nieder, zerrte jedoch seine Überlegung immer tiefer in den Nebel hinein. Dann schrieb er wieder und setzte Zahlen untereinander, die weder Sinn noch Verstand hatten. Häufiger streiften seine Blicke den glattpolierten Gewehrschrank. Dann klebten sie fest. Zwei Drillinge und eine Büchsflinte standen einträchtiglich hinter den Scheiben. Sie waren aus Lüttich, hatten Zentralfeuer und Damaszenerläufe. Immer wieder wandte er sich und ging ohne Zweck und Ziel durch die Räume seines verwaisten Hauses – fluchend und mit konfusen Drohungen. Am dritten Tage packte er zu, nahm die Büchsflinte und lud sie. Zu gern hätte er den Kolben an die Backe gerissen, um den Schuß fahren zu lassen. Aber auf wen denn? Das wußte er selbst nicht, und damit stellte er die Waffe beiseite, entnahm aber den Schachteln eine Handvoll Patronen, sortierte sie nach Kugel- und Rehpostenladung und steckte sie zu sich. Eine Stunde später suchte er in seiner Eigenschaft als Kirchenmeister Blasius Roloffs auf. Dann machte er sich im Turmportal der Kirche zu schaffen. Bald darauf stand er auf dem Umgang seiner Mühle, hoch zwischen Himmel und Erde – so wie er jetzt stand. Langsam hoben sich seine Blicke aus dem Wiesengelände und krochen zur Seite. Seine geldlichen Verluste interessierten ihn nicht mehr. Sie fielen ihm wie Lumpen vom Leibe. Der Papierfetzen brannte ihm zwischen den Fingern. Da – neben der Kirche, in dem langgestreckten Hause mit den knallblauen Läden ... da wohnte ... Der hatte sein ganzes Unheil verschuldet. »Pitt Pulcher ...!« Unwillkürlich schob sich ihm die Flinte vor Augen. Er sah ihre gierigen Läufe. Pah! – Der Unglücksmensch hatte keine Kugel mehr nötig! Den hatte das Malör in die Stoppeln geworfen. Jeden Augenblick war's alle mit dem. Aber sein Sterben konnte noch köstlich werden. »Dafür ist gesorgt, daß ihm die ›Köstlichkeit‹ abgeknöpft wird!« rief Jakob Verheyen. Unter seinen Fäusten ächzte und stöhnte das morsche Geländer. »Das sollte ihm passen: ruhig den Kopf in die Kissen hineinzudrücken, um dann gen Himmel zu fahren! Schwer soll's ihm werden – das Sterben! Ohne sein Königtum noch genossen zu haben, soll er aufs Stroh und von hier unter den Sargdeckel. Das mache ich schon ...« Sein Blut stürmte. »Ich ...!« Vor ihm brütete das eherne Sonnenlicht, hinter ihm erhob sich die tiefschwarze Wand, die sich für eine Gedankenspanne öffnete, um einen kurzen Schein durchzulassen, dessen zackiges Licht lautlos am Horizont hinlief. Dann war alles wie früher. Jakob Verheyen aber hob den rechten Arm, etwa so, wie wenn er damit das Unheil emporheben müßte. Gleichzeitig krampften sich die Finger ein. Sie wurden zur Faust, und in dieser Faust saß der Wille eines Mannes, der alles auf eine Karte setzte: entweder nichts oder alles. Niemals im Leben hatte er so grimmig den Arm gehoben, niemals so die Finger verschränkt. In dieser Faust lauerten Fluch und Verwünschung. Sie war auf den Turm der Sankt Nikolaikirche gerichtet. Da – hinter den Schallöchern hing Anne-Susanne. »Anne-Susanne ...! – Anne-Susanne ...!« Auf die hoffte Pitt Pulcher jetzt ... mehr noch als auf die letzte Wegzehrung ... ohne deren Geläut konnte er das ewige Leben nicht finden ... ohne deren Stimme noch einmal zu hören, mußte er wie ein Bettler, wie ein Stück Vieh im Straßengraben verröcheln ... ohne Anne-Susanne war der Tod ein Scheusal, ein Schurke; kein Erlöser, kein Friedensbringer. Und dieses Scheusal, dieser Schurke mußte über ihn her ... 'runter mit dem Pulcherschen Stolz, mit dem Pulcherschen Weberdünkel...! »Du Narr ...! – Du Narr ...! – Du Narr ...!« Wie das Geheul eines Wahnsinnigen kam es von der Mühle herunter. »Du läutest nicht!« schrie Jakob Verheyen, »und du wirst nicht geläutet ... und wenn einer es wagen sollte ... Nein, du wirst nicht geläutet – nimmer und niemals! Du sollst ihm das Sterben nicht leicht machen. Verrecken soll er, verrecken – und jeder, der an den Glockenstrang will ...« Die Worte erstickten. Schaum trat ihm in die Mundecken. »Verflucht und verludert ...!« Noch einmal streckte sich die Faust. Dann sank sie herunter. Eine bläuliche Linie riß das Firmament auseinander. Ein dumpfes Murren folgte. Unheimlich rumpelte es über die dunstige Niederung. Aber das Wetter stand noch immer. Der große, gewaltige Vorhang wollte sich noch immer nicht auftun. – Inzwischen waren Hermann und der junge Kaplan bis zum Südportal der Kirche gekommen. Hier blieben sie stehn. Bis jetzt waren sie wortlos nebeneinander gegangen. Jeder hatte mit sich selber zu schaffen. Sie kamen nicht davon los. Auch jetzt nicht, wo Stephan in die Sakristei wollte und Hermann den Küster aufsuchen mußte, um dem letzten Willen Pitt Pulchers Rechnung zu tragen. Plötzlich zuckte der junge Kleriker zusammen. Sein Auge hatte die Gestalt auf dem Mühlenumgang gefunden. »Hermann, dein Vater,« sagte er fröstelnd. Da ergriff dieser die Hand des Kaplans. »Um seinetwillen ist all das Elend gekommen,« fiel es ihm schwer von den Lippen. »Das reißt immer mehr auseinander ... und dann ist nichts mehr zu retten.« »Hermann, wir wollen jetzt das nächste besorgen. Was noch mitten im Leben steht, kann warten, aber die können nicht warten, denen der Herr gebietet: Mache dich fertig; deine Zeit ist gekommen. Und was dich betrifft: Hermann, ich verstehe jetzt alles. Auch Anna versteh' ich. Über allen Anfechtungen des Lebens steht die Liebe. Tut sie nicht von euch. Sie findet schon ihren Weg, selbst wenn sie bei lichtem Tage durch Finsternis wandelt. Es liegt ein Widersinn darin und doch freudige Wahrheit. Laßt diese Wahrheit nicht absterben. – Ostende nobis, domine, misericordiam tuam. « Damit trat er ein, während Hermann seinen Gang wieder aufnahm, um Anne-Susanne läuten zu lassen. Er mochte kaum bei Herrn Roloffs vorgesprochen haben, als auch schon ein wehmütiges Schellchen ertönte. Es lief über den Kirchplatz und bewegte sich dem Pulcherschen Hause zu. Mit niedergeschlagenen Augen, die goldene Kapsel mit weißen Händen umfassend, trug Stephan die letzte Wegzehrung zu seinem Vater. Vor ihm schritt ein kleiner Junge im Röckling, der das klagende Zünglein in Bewegung setzte. In der Linken hielt er eine Messinglaterne. Wie eine arme Seele flackerte ein mattes Licht hinter den Scheiben. Stephan schien aus dem Bilde eines Nazareners getreten, eine solche Reinheit umgab ihn, eine solche Gottseligkeit war um ihn gespreitet. Man wähnte, jeden Augenblick müßte eine weiße Taube erscheinen, Lilien müßten aufblühen, um den Weg zu bezeichnen, den er mit den Sterbesakramenten gewandelt. Kaum etwas Körperliches haftete ihm an. Sein Leib berührte das Jenseits. Überirdische Stimmen begleiteten ihn. Es waren Stimmen aus dem Paradiese. Inniger umgriff er die goldene Kapsel. Er trug das Heil des Lebens, die Speise des Himmels. Der Herr war bei ihm, und er sprach die Worte, die dieser gesprochen hatte, als die Tage seines Leidens nicht fern waren: »Dieses ist das Brot, welches vom Himmel herabgekommen ist, nicht wie das Manna, das eure Väter gegessen haben und gestorben sind; wer dieses Brot isset, der wird leben in Ewigkeit.« Eine große Bewegung war in ihm. Als er die Schwelle des elterlichen Hauses betrat und die Klingel noch einmal ertönte, schlug er die stillen blauen Augen auf. Die umfaßten ein Stück des noch leuchtenden Himmels. In ihm erschien das Angesicht des Ewigen. Es war so, als müsse er dieses Stück Himmel an das Bett des Sterbenden tragen. Die Tür öffnete sich lautlos. »Ostende nobis, domine, misericordiam tuam.«   23 Hermann Verheyen hatte kaum die Wohnung des Küsters erreicht, als hinter ihm hastige Schritte laut wurden. Er achtete nicht darauf und war gerade im Begriff einzutreten, als ein Duft nach Weihrauch und Wachs ihn umwölkte und sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter legte. »Herr Verheyen, ganz submissest zu fragen, Sie kommen wohl in Pulcherscher Sache?« Hermann wandte sich: »Allerdings ...« Blasius Roloffs, der sich mit einem blaugewürfelten Taschentuch die Sardellenhaare betupfte, stand vor ihm. Er war atemlos. Das Gleichgewicht des sonst so ruhigen und in sich gefesteten Mannes schien aus dem Senkel gekommen. »Also in der Pulcherschen Sache,« stieß er hervor. »Wir hörten bereits. Jeden Augenblick ist das Schlimmste zu befürchten, kann die Katastrophe hereinbrechen ... und daher, wenn es erlaubt ist zu reden, so kommen Sie von wegen der Glocke. Sie soll geläutet werden, sie soll in kraft eines alten Vermächtnisses ...« »Kein Zweifel... und darum vorwärts, Herr Roloffs!« Hermann Verheyen stand auf glühenden Kohlen. Herr Roloffs duftete stärker. Er streckte die langen Arme gen Himmel. Er knüllte das blaubedruckte Taschentuch zusammen, um es gleich darauf wie ein Fähnlein fliegen zu lassen. Seine Brust ging keuchend, und wieder nahm er sich den Schweiß von der Stirne. Dann flatterten ihm die Worte vom Munde, wie aufgescheuchte Spatzen von einem Erbsenfeld: »Das ist es ja eben! Sie sehen mich barhaupt ... Alles ist sozusagen aus heiterem Himmel gekommen ... Wenn es erlaubt ist zu reden: der Herr Dechant haben in fraglicher Angelegenheit bereits Order gegeben. Wir pflichteten ihm bei und haben alles getan, das nötige in die Wege zu leiten. Nichts wurde verabsäumt, auch nicht das geringste. Die Pulsanten wurden bestellt, und wir möchten uns daher ganz submissest erlauben ...« »Ja, aber, Herr Roloffs ... die Zeit drängt. Es kann nicht lange mehr dauern ...« »Herr Verheyen, das ist es ja eben ... uns fehlen die Schlüssel! – Wir haben die Schlüssel nicht. Ohne mein Wissen hat sie der Herr Kirchenmeister in Verwahrung genommen, oder besser gesagt: heimlich entwendet. Ich sage Ihnen: ohne mein Wissen ... Er hat sie einfach erschlichen ... vor einer Stunde etwa ... Ich war anderweitig beschäftigt ... komme nach Hause und sehe das Unglück ... ich jage zum Turmportal – verschlossen ... ich suche durch die Kirche den Eingang zu erzwingen – auch verschlossen ... und bin dann zur Mühle gelaufen ...« »Und da wollen Sie behaupten, Herr Roloffs ...« »Ja, von dort kommen wir her ... von der Mühle kommen wir her ... in diesem Moment ... aber es war absolut gar nichts zu machen, absolut gar nichts.« »Herr Roloffs,« schrie Hermann, »er hat die Schlüssel nicht hergeben wollen?!« »Der?!« fragte der Küster. »Unter keiner Bedingung, absolut unter keiner Bedingung. Er war wie besessen ... reineweg aus allen Fugen und Kanten ... Wir flehten ihn an: keine Möglichkeit. Wir übermittelten ihm die Order des Herrn Dechanten: alles vergebens. Wir sprachen von dem Vermächtnis, von altverbrieften Rechten der Familie; wir beschworen die Zeiten, wo ein Kaspar Christian Pulcher in Köln regierte: nichts war zu schaffen. Ihr Vater – er stand zwischen Himmel und Erde. Ganz allein zwischen Himmel und Erde. Herr Kirchenmeister, rief ich ihm zu, es geht um Leben und Sterben ...! Da schrie er von der Mühle herunter: Der kann ohne Anne-Susanne verrecken ...!« »Herr Roloffs ...!« Hermann mußte sich an der Türklinke halten. Der Küster hob beschwörend die Hände: »Herr Verheyen, die Sache ist furchtbar, so gegen eine heilige Satzung zu wüten. Aber wenn es erlaubt ist zu reden, so möchten wir sagen: die heiligen Sterbesakramente und 'ne Handvoll Kirchhofserde tun's auch – bringen gleichfalls die ewige Ruhe – sind auch dazu angetan, das Sterben leichter zu machen ... Da Herr Pulcher nun aber gewillt sind ...« Hilflos ließ er die Arme herunter und machte die Bewegung eines Menschen, der nichts mehr zu vergeben hatte und keinen Ausweg mehr wußte. »Und Sie können unter keinen Umständen ...« »Wie sollten wir können ...!« Da ging ein Riß durch den jungen Körper: »So werde ich selber ...« »Sie, Herr Verheyen?!« »Ja, und wenn nötig mit Gewalt.« »Aber wir bitten Sie, um es submissest zu sagen ...« Hermann kannte sich nicht mehr. Der Zorn rüttelte und schüttelte ihn. Er packte den Küster bei den Schultern: »Wenn Sie es nicht können, so muß die Axt es besorgen.« »Das Kirchenportal ist heilig!« »Noch heiliger ist die Sache eines sterbenden Mannes!« Damit stürmte er fort, der Mühle zu, der Hanselaerer Straße zu, verfolgt von den Blicken des Küsters, die entgeistert hinter ihm herliefen. »Jesus, Maria und Joseph!« stammelte Herr Blasius Roloffs, lehnte sich an den Türpfosten und verschränkte die robusten Hände. Der würdige Mann begriff das alles nicht, fand sich in dieser Wirrnis nicht mehr zurecht. Er war mit seinem Latein zu Ende. So etwas war in der kleinen Gemeinde noch nicht auf die Beine gestellt worden. Er kam sich vor wie ein verwunschener Geist in einer einsamen Kirche, der keinen Ausgang mehr fand und sich nun verurteilt sah, stetig gegen die bleiverglasten gotischen Fenster zu stoßen. Er kannte Hermann Verheyen. Der war kein Freund von nichtssagenden Redensarten. Wo der zupackte, da flogen auch Späne. Er hörte bereits die Axt gegen die geweihten Planken krachen. »Der Mensch ist fähig dazu,« stöhnte er in dumpfer Verzweiflung vor sich hin. Seinem Rock entströmte eine neue Wolke von Myrrhen und Weihrauch. Er flocht die Finger ineinander und entwirrte sie wieder. Sollte er dem Herrn Dechanten die ganze Sachlage unterbreiten? War er gezwungen, die Polizei anzurufen? Sollte er sich in eigener Person dem Vorhaben des jungen Mannes entgegenstemmen? Alles Fragen, die ihn wie lärmende Krähenvögel belästigten. Er fand keinen Ausweg. Seine Augendeckel fielen herunter. Es lag ihm wie Blei in den Gliedern. »Lieber Gott,« sprach er verweht vor sich hin, »wenn es gestattet ist zu reden, so möchten wir uns ganz submissest erlauben ...« Er kam nicht weiter. Eine feine, silberweiße Schlangenlinie züngelte jenseits der großen Mühle auf, um spurlos zu schwinden. Wie eine geschmeidige Pantherkatze war sie über die Flügel gesprungen. Ein dumpfes Murren folgte. In der Wetterwand war leise Bewegung. Ein fernes, unbestimmtes Rauschen lief über die Stadt hin. Es kam von den Bäumen her, die in der Niederung standen. Menschen traten aus den Häusern, um nach dem Rechten zu sehen. Schatten gingen über die Erde und wischten mit ihren grauen Händen die letzten sonnigen Scheine fort, die sich hier und da angeklebt hatten. Mit ihrem Schwinden fiel ein dichter Aschenregen vom Himmel. Und doch ruhte das Wetter. Nur ab und zu teilte Gott, der Herr, den Vorhang auseinander, um mit seinem grellen Feuerzeug zu spielen. Gleichzeitig tönten Posaunenstöße von weit her. Sie tasteten sich langsam herauf, um jenseits der Häuser wieder matt und lautlos in die Wiesen zu fallen. Um die vierte Nachmittagsstunde war die Treibhauswärme unerträglich geworden. Sie drang aus den Pflastersteinen und hing zwischen den Straßen. Der aufkommende Wind war nicht imstande, ihr das Bedrückende zu nehmen. Schweren Fußes und mit lechzender Zunge torkelte sie durch die Gassen, sah in die Häuser hinein und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Inzwischen passierte Hermann Verheyen das verschlossene Turmportal. Hier stieß er auf eine Gruppe von verstörten Menschen. Die meisten von ihnen waren in Hemdärmeln. Es waren die Pulsanten, die Blasius Roloffs auf Geheiß des Dechanten zusammengetrommelt hatte. Nur Thyß und der ›Hobel le Beau ‹ fehlten noch. »Sind die beiden Jansen nicht da?« fragte Hermann. »Waren da,« versetzte der Schuster Kogeleboom, »aber wie das so ist, Herr Verheyen ... Wir stehen hier und können nicht vorwärts, und da wollen denn die beiden ein übriges machen ...« »Wo sind sie denn hin?« »Nach Hause, um den richtigen Schlüssel zu holen. Na, ich kenne den Schlüssel.« Er spuckte in die Rechte und machte einen pfeifenden Lufthieb. »Dann wartet man. Ich bin gleich wieder zur Stelle.« »Wollen's besorgen ...« Hermann hörte nicht mehr. Er stürmte weiter und mußte quer über den Kirchplatz. Als er die Mitte gewann, sah er die väterliche Mühle über den niedrigen Häusern emporwachsen. Alles Licht war von ihr genommen. Hinter ihr braute das Wetter. Rauchgraue Schichten drängten sich neben- und übereinander, schoben sich vor, um wieder langsam rückwärts zu kriechen. Zeitweilig büschelte ein helles Leuchten über der Mühlenkappe, verteilte sich und schickte weißglühende Streifen zur Seite. Fast lautlos geschah es. Nur dann und wann schien es so, als würde tief am Horizont eine Kegelkugel geschoben. Bis jetzt hatte es Hermann vermieden, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung zu geben. Es war ihm furchtbar, seinen Vater mit der jetzigen Situation in Verbindung zu bringen. Jetzt tat er es, und mit Flammenschriften trat es ihm vor die Seele: Rache bis in den Tod hinein. Das war seinem Vater Gesetz geworden. Sogar den Segen eines friedlichen Endes sollte Pitt Pulcher nicht haben. Droben im tiefen Dunkel hing Anne-Susanne, gewillt, den Mund aufzutun und dem Tod alle Schrecken zu nehmen. Unter ihrem Geläut sollte er still und schön und verklärt werden. Es sollte ein Sterben sein, wie das Hineindämmern des Tages in eine warme, glückliche, sternhelle Sommernacht. Und das wollte sein Vater verhindern. Er hätte aufschreien mögen. Seit drei Tagen war er nicht mehr unter die Sparren des Elternhauses gekommen. Am Tisch der braven Schreinersleute, bei Frau Jansen, Thyß und dem ›Hobel le Beau ‹ hatte er die schwersten Stunden seines Lebens durchlebt, aber auch gelernt, das Schwerste ertragen zu können. Der Plan einer Umwertung der gegenwärtigen Dinge war hier in den Zustand der Reife getreten, und er fühlte sich Manns genug, sich nach diesem wohlüberdachten Plan ein neues Dasein zusammenzuzimmern. Mit dem wurde er fertig. Jetzt galt es nur noch, die Axt an die Torturmplanken zu legen. Oder sollte sein Vater ... Vielleicht noch konnte er ihm das Verächtliche, das Sträfliche nehmen; konnte er noch in letzter Stunde ohne Axthiebe auskommen –- der Welt gegenüber und dem Seelenheil seines Vaters zuliebe. Gut denn, er wollte ein letztes versuchen. Also zuerst in die Mühle. Wenn hier kein Ergebnis, dann hatte die Gewalt zu regieren. Ultima ratio regis . Es ging nicht anders. So stand es auf den Bodenstücken seiner lieben Geschütze geschrieben. Ultima ratio ... Er biß die Lippen zusammen. Seine Blicke umkreisten die Mühle. Trotz des stärker werdenden Dunkels sahen sie noch alles in unverminderter Schärfe. Sie zählten jede Windrute, jede Einzelheit des hohen Geländers. Aber was sie eigentlich suchten, fanden sie nicht. Der Umgang, auf dem noch vor kurzem Jakob Verheyen gestanden hatte, war leer. Hermann hatte einen Fluch zwischen den Lippen. Als triebe ihn eine unsichtbare Gewalt, so hastete er weiter. Er rollte den Weg vor sich auf. Unter ihm brannte das Pflaster. Hinter seinem Rücken brummte die Turmuhr. Er zählte die einzelnen Schläge. »Erst vier,« sagte Hermann. »Gott sei gedankt! Herr, schenke ihm nur noch eine halbe Stunde – das übrige soll schon besorgt werden.« Er mußte am Hause Pitt Pulchers vorüber. Die Läden waren noch nicht vorgelegt. Ein gutes Zeichen. Der Körper des hingestreckten Mannes hatte sich noch nicht unterkriegen lassen. Auf der Türschwelle stand Stina Mengels, die ängstlichen Blicke nach oben gerichtet. Ihre Gedanken waren bei Anne-Susanne, hoch oben hinter dem alten Gemäuer, in schwindelnder Höhe, wo jetzt ein Falkenpaar kreiste, das durch den Anmarsch des Gewitters seine Ruhe verloren hatte. Zeitweilig kamen grelle Blitze aus den ziehenden Schwaden. »Der für uns mit Dornen gekrönt wurde, erbarme dich unser!« so betete Stina. Warum schwieg die Glocke noch immer? »Der für uns mit Ruten geschlagen wurde, erbarme dich unser!« Die Stille hielt an. Die Glocke konnte die Sprache nicht finden. Das Gebet nahm an Innigkeit zu. Die Stille, die entsetzliche Stille! Stina begriff das alles nicht. Die Läuter waren doch vorübergegangen. Aber nichts regte sich zwischen Himmel und Erde. »Der du für uns am Kreuze gestorben bist, erbarme dich unser!« In diesem Augenblicke fielen ihre verzweifelten Blicke auf Hermann. Sie lief ihm entgegen. »Hermann, ich bitte Ihnen, wenn bald die Glocke nicht läutet ...« Sie streckte ihm die Hände zu. Ihre Ohrgehänge klingelten. »Es geschieht um Leben und Sterben! Hermann, die Sakramente tun es allein nicht ... aber das andere ... ohne das kann er nicht in die Totenlaken hinein ... wenn jetzt die Glocke nicht läutet ... Ach, du lieber Herr Jesus! – Hermann, Ihr müßt nämlich wissen: der liebe Gott wartet nicht lange.« »Stina, das weiß ich. Gott, das weiß ich ja alles!« Er wehrte die Hände ab, die sich ihm entgegenstreckten. »Nur noch 'ne Viertelstunde soll er den Atem behalten ...! Und wenn ein Unglück geschieht – ich läute die Glocke!« Damit nahm er seine Mission wieder auf. Das Blut hämmerte ihm gegen die Schläfen. Er fühlte die einzelnen Schläge. Hinter ihm schrie Stina Mengels den Namen des Gekreuzigten gegen den stummen Turmkoloß, dessen Helm rostfarbene Schatten umflogen. Wie eine erdrosselte Stimme kam es von der Höhe herunter. Der erste Windstoß verfing sich in dem Ziegelgemäuer, um dann wieder abzuflauen. Stina sank langsam in die Knie. Ihre Hände legten sich schmerzhaft zusammen: »Herr, erhöre uns! Herr, erbarme dich unser! Herr, erlöse uns von den Übeln, jetzt und in der Stunde unseres Todes!« Mit dem jagte Hermann über den großen Markt. Die Kirmes hatte dort noch ihre bunten Reste übriggelassen: Papier- und Strohfetzen, niedergelegte Buden und vernagelte Kisten, die der Abfuhr harrten. In der Linde mitten auf dem Markt war ein Rauschen und Brausen. Überständige Blätter wurden ins Weite gerissen. So taumelsüchtig wie diese Blätter waren Hermanns Gedanken. Er wußte kaum, daß er am Rathaus und an der städtischen Wage vorbeikam. Noch einmal tauchte der Schattenriß der Mühle auf – rauchschwarz und mit Gespensterarmen. Dann sank sie unter. Hinter den schmalen Giebeln, die erdfarbig in den Himmel hineinragten, verschwand sie. Nur noch wenige Schritte, und er bog in die Hanselaererstraße ein, die schnurstracks auf das elterliche Anwesen zuführte. Er sah weder rechts noch links. Er bemerkte die Leute nicht, die vor den Haustüren standen und das unheimliche Geschiebe am Himmel beobachteten. Da saßen Graupeln und Hagelkörner drin, fähig, alles auseinanderzuklopfen. In der Mitte der schmalen Straße, rechter Hand, wo die Spinngewebe die Fensterscheiben mit Festons austapeziert hatten, stand einer auf den ausgetretenen Treppenstufen – eine Enaksgestalt, ein Wann mit einem brandfuchsroten Bärtchen unter der Nase und mit Fäusten, denen man zumuten konnte, ein hartes Talerstück auseinanderzubrechen. Mit der Rechten umgriff er einen langen Stiel, dessen blankes Endstück den Boden berührte. Er schien auf jemand zu warten. Häufig drehte er den Kopf und sah in den dunklen Hausflur. Hermann bemerkte ihn nicht. Schon wollte er an dem kleinen Hause vorüber. Da wurde er angerufen. »Hermann, ich bitte dir, Hermann ...!« »Thyß – du ...?!« »Hermann, meinen gehorsamsten Ausdruck, aber wohin denn so eilig?« »Zur Mühle.« »Gibt's nicht. In der Mühle ist doch nichts zu machen.« Er trat näher. »Ich sage dir, Hermann, da ist nichts mehr zu machen. Der Mensch ist deinem ganzen Vorhaben über. – Hermann, ich weiß alles. Herr Roloffs hat mir bereits die ganze Offenbarung gegeben. Wir Jansens und du, wir müssen die Geschichte 'raushauen. Wir sind die nächsten dazu. Pitt Pulcher muß sein Sterbegeläut haben, und da dein eingeborener Vater nicht mit die Schlüssel 'rausrückt, so muß, mit Respekt zu vermelden, hier dieses die Sache besorgen.« Damit hob er die Axt und ließ die gierige Schneide unter dem dunklen Himmel aufblinken. »Es geht auch ohne die,« fuhr Hermann auf. »Ich bitte dir, Hermann ...!« »Laß mich. Dort muß ich hin – in die Mühle ... Und wenn es mein Tod ist: ich will sehn, ob ich's mit 'nem Lumpen oder mit 'nem ehrlichen Menschen zu tun habe.« »Mit 'nem Lumpen ...!« Mit geschulterter Axt trat der ›Hobel le Beau ‹ über die Schwelle. Die kleinen Augen brannten wie Feuer und Zunder. »Hermann, er ist zwar dein auserwählter Erzeuger, aber ich kann ihn nicht anders benennen. Er gibt die Schlüssel nicht her, und will aus dieser Schikane heraus dem alten Herrn Pulcher den Eintritt in die Himmelspforte verunstalten. Hermann, setze mir nackig in Indigo ...« »Dores, und wenn ich gegen meinen eigenen Vater ... ich muß auf die Mühle ...« »Zu spät. Die Mühle ist leer. Totenleer. Dein Vater ist soeben vorübergekommen. Hinten durchs Gäßchen. Wohin? Das kann kein Teufel nicht wissen. Und darum und deshalb ...« »Und das alles ist Wahrheit ...?!« Die Worte stöhnten. »Hermann, so ist es.« Der ›Hobel le Beau ‹ machte sich lang. »Hermann, ich habe dir schon einmal gesagt: Du mit deiner Rettungsmedaille und deinem artolleristischen Heldentum, du kannst schon 'ne gehörige Portion Wahrheit vertragen. Herr Pulcher will in die Bretter hinein. Aber bevor er hineinwill, muß er die Gnade der ewigen Barmherzigkeit haben. Und das ist für seinetwegen Anne-Susanne. Das steht ihm zu, das ist sein Recht und ist mit 'nem richtiggehenden Siegel verzeichnet. Nu kommt dein Vater und tut ihm dieses ehrwürdige Siegel zertöppern. Mit anderen Worten: er will ihm noch bei's Sterben die Wohltat sanfter Kissen benehmen. Hermann, nimm's mir nicht übel, aberst drum muß ich ihn so Propter und Prätorius für 'nen Lumpen verschleißen. Hermann ...! – ich sagte schon eben: er gibt die Schlüssel nicht 'raus. Aberst hier ist ein besserer; und Thyß hat den zweiten ...« Er zeigte auf die blanken Schneiden. »Hermann,« fuhr er ingrimmig fort, »damit kommen wir zu Anne-Susanne. Recht muß bleiben, und geht es nicht anders, dann muß die Axt dafür einstehn. Das ist meine bedeutsame Meinung, und vertrittst du den nämlichen Turnus, dann bitte ich dir, mir solches in die Hand zu beschwören.« Damit hielt ihm Dores Jansen die Rechte hin. Und Hermann schlug ein. »Denn los dafür!« gebot der Alte, »sonst können wir den braven Herr Pulcher nicht mehr die letzte Ehre erweisen. Das Gewehr über!« Thyß und der ›Hobel le Beau ‹ schulterten ihr Handwerksgerät. »Noch eins,« sagte Dores. »Hermann, das sind die nämlichen Äxte, mit die wir die prächtige Fichte umgelegt haben. Das ist damals gewesen, als Pitt Pulcher mir sagte: Dores, daraus werden reguläre Bretter geschnitten. Schön, sagte ich. Und wenn das besorgt ist, meinte Herr Pulcher, dann kannst du mir aus die nobelsten davon das letzte Häuschen anmessen. Nu ist es soweit. Die Bretter sind fertig. – Bataillon, marsch!« Damit schritten die drei ihres Weges, gefolgt von etlichen Neugierigen, die nicht wußten, was sie mit der sonderbaren Sache anfangen sollten. Die Brust Hermanns stürmte. Er zog wie durch einen blutroten Nebel. Aus diesem wuchsen zwei mächtige Gestalten heraus, die des sterbenden Pitt Pulchers und die seines Vaters, beide gesonnen, seine heiße Liebe zu morden. Aber er war noch da, er selber – und hatte nicht der Kaplan gesagt: Über allen Anfechtungen des Lebens steht die Liebe? Ja, das hatte er gesagt, als er über die Schwelle trat, um die Tröstung der letzten Wegzehrung in das stille Haus des noch immer eigenwilligen Weberkönigs zu tragen. Und dennoch ... der blutrote Nebel wälzte sich gegen ihn an und suchte, ihn in die Knie zu zwingen ... »Herrgott noch mal!« stöhnte er auf, »mir ist so, als wäre mir schon eine Kugel gegossen. Als müßte ich ...« »Du?!« lachte Thyß, »du mit deiner barbarischen Forsche ...! – Die Kugel möchte ich sehen ...« »Weiter, immerst man weiter!« fiel der ›Hobel le Beau ‹ein, noch 'ne Viertelstunde, und der Alte hat sein Recht ... und wenn er sein Recht hat – Hermann, dann läutet dir Anne-Susanne das Glück und das Leben vom Himmel herunter ... ! Hermann, das ist meine herrliche Meinung ...!« Aber ihnen zerriß der Wettermantel. »Hermann, da siehst du ...!« Gottes Hand griff durch den zerrissenen Mantel und warf zuckende Garben über die Erde. Eine tiefe Stille folgte, als wollte das herrische Licht nichts neben sich dulden. Dann ein dumpfes Dröhnen und Poltern. Es kam tief aus der Niederung her, wie das Brechen und Krachen von Speichen. Dann rollte ein majestätischer Donner über die Stadt hin. »Hermann, es kann dir nicht fehlgehn ...!« 24 Alles Licht im Zimmer, das von zwei Kerzen ausging, ruhte auf dem Antlitz Pitt Pulchers, der das Rollen des Donners nicht mehr hörte und die Dunkelheit, die das Wetter geschaffen, nicht mehr wahrnehmen konnte. Aber sein Geist lebte noch immer. Der Alte war bei klarer Vernunft. Er lag ruhig und friedlich. Seine Tochter und Stina Mengels waren bei ihm, als Stephan die Sterbegebete sprach und sich anschickte, in die heilige Handlung zu treten. Er machte ein stummes Zeichen. Die Anwesenden knieten. Mit keuschen Händen reichte er das Brot des ewigen Lebens und sagte: » Accipe, frater, viaticum corporis domini nostri Jesu Christi, qui te custodiat ad hoste maligno et perducat in vitam aeternam. Amen .« Eine Pause entstand. Und wieder das stumme Zeichen von eben, und wieder trat Stephan in die heilige Handlung. Feierlich öffnete er die goldene Kapsel, die das geweihte Salböl umschloß und spendete das alle Sünden hinwegnehmende Chrisam. Sanft glitt er dem Sterbenden über die Augen, die Hände, die Füße ...: » Per istam sanctam unctionem et suam piissimamam misericordiam indulgeat tibi dominus, quidquid per visum, auditum, odoratum, gustum et locutionem, tactum et gressum deliquisti. Amen . Die Worte klangen, als hätte sie der Heiland gesprochen – Worte, die die irdischen Bande sprengen und die scheidende Seele wieder in die Arme des himmlischen Vaters geleiten. Wer sie vernimmt, hört auch bald die Tageswache auf Zion. Die Auflösung stand bevor. Aber er starb noch nicht. Der Geist in dem gewaltigen Körper hatte noch nicht Kraft genug, sich vom Leibe zu scheiden. Wie ein hingestreckter König auf dem Paradebett, also lag Pitt Pulcher auf der nämlichen Stätte, wo auch sein armes Weib von hinnen mußte. Da plötzlich ... Mit glasigen Augen suchte der Alte den engen Raum seiner Kammer und das weite, unbekannte Land der Ewigkeit ab ... »Trommler, heraus... ! Trommler und Fahnen...! – Musik ... ! Musik ...! Ein Pitt Pulcher will sterben ... ! – Und du – und du – und du...! Trommeln durch Köln, Trommeln und Fahnen ...! – Christian Sebastian Pulcher, du bist doch ein Gewaltiger unter den Großen gewesen ... ! – Aber wo ist deine Glocke... ? Ich höre sie nicht, ich fühle sie nicht, und du hast doch befohlen: Wenn einem des Namens Pulcher der Todesschweiß ausbricht, dann wird Anne-Susanne geläutet. Anne-Susanne ...! – Anne-Susanne ...!« Stina Mengels jagte wieder auf die Straße hinaus. »Vater ...! – Vater ...!« wimmerte Anna. Sie wischte ihm den Schweiß von der Stirne. »Herr,« betete Stephan, »halte seine Seele zurück, bis sein heißer Wunsch sich erfüllet ...« und dann sagte er mit freudiger Stimme: «Ich habe kein Bangen, und keine Sorge befällt mich. Drum sorge auch du nicht, und bange auch du nicht. Der Herr wird dich leiten und führen und deine Seele erfreuen ... harre und hoffe, denn Hermann Verheyen läutet die Glocke ...« »Hermann ...?! – Hermann Verheyen ...?!« Pitt Pulcher erhob sich und beugte sich rücklings. Er hörte auf etwas Weltfernes, das immer näher herankam: «Hermann Verheyen ...?! – ist das nicht derselbe Hermann Verheyen, der auf der Spellner Heide den Tod besiegte ... und nun gekommen ist, mir das Sterben leichter zu machen ...?! Ach, Anna ...« Er sank zurück, und seine Hand tastete nach dem Scheitel der neben ihm knienden Tochter. Als er ihn gefunden hatte, sagte er schmerzlich: »Anna, mein Kind, das macht mein Gelöbnis und meinen Fluch zunichte. Das nimmt alles hinweg – alles – alles – alles ... Wenn Anne-Susanne und Hermann zusammengehn ... Hermann ...! – nun kann ich warten, und warte ... Los en eer moet gade syn, Anne-Susann is de naeme mien; Mi gaet, die Jan van Vechgel heit Int jaer ons Heer als hier na steit ...« Dann zergingen die Worte. Und Pitt Pulcher lag mit verklärtem Gesicht zwischen den Kissen und wartete auf den Ruf der gigantischen Frau, die ihn auf ihren Armen hinauftragen sollte in das Reich des Ewigen. Und sie sollte bald kommen, im Rauschen des Sturmes, im Drohen des Wetters, im Rollen des Donners – heiß erfleht und erbetet ... und als sie endlich kam, da deckte sie mit köstlicher Inbrunst ihre gewaltigen Schwingen und ihr klingendes Gefieder über einen Großen vom Niederrhein, über den Weberkönig von Kalkar. Ja, das sollte bald kommen... Und Stephan umfaßte wieder die heiligen Gefäße, berührte mit bleichen Lippen die Stirne des Alten und die seiner Schwester und verließ betend das Zimmer: » Ostende nobis», domine, misericordiam tuam .« Und wieder zog das wehe Glöckchen seines einsamen Weges ... aber nicht lange, denn da hinten, am Turmportal, liefen die Menschen zusammen, ungezählte Menschen, Männer, Frauen und Kinder ... und unter Gottes Wetterlicht hallten die Schläge von krachenden Äxten herüber – flammende Äxte, sieghafte Äxte! Sie brachen in das Heiligtum der Kirche ein, um die Schweigerin im hohen Turmgebälk aus ihrem Sinnen und Träumen zu rütteln. Bohlen und Planken schrien unter den wütigen Hieben. Das Portal wimmerte. Von den Pulsanten umringt, von Hermann Verheyen angefeuert, walteten die blitzenden Keile ihres grimmigen Amtes. Späne flogen, und Balkenstücke splitterten wild auseinander. Noch hielten die Eisenbeschläge, die Riegel... Die Angeln wehrten sich gegen den würgenden Anprall. »Thyß, immerst man feste...!« Die Zugeströmten rangen die Hände. Die Frauen bekreuzten sich. Mit überschlagenen Armen verfolgte Hermann die grausige Arbeit. »Hermann, dir zuliebe hau' ich Bast und Borke zusammen...! – Hermann, im Angedenken an unsere artolleristische Lehrzeit...!« »Thyß, immerst man feste...!« stöhnte der Alte. Erneutes Brechen und Krachen! Eine schwere Eichenfüllung wurde zu Boden geschleudert. Blasius Roloffs kam mit fliegenden Haaren: »Ich beschwöre Sie, Herr Hermann Verheyen... Im Namen des dreieinigen Gottes, die Kirche ist heilig...!« »Was ich vorhin schon sagte, das gilt auch in jetziger Stunde: noch heiliger ist mir die Sache eines sterbenden Mannes...« Der Küster prallte zurück und versuchte, Dores in die Arme zu fallen: »Herr Jansen, lassen Sie ab von Ihrem gottlosen Treiben! Denken Sie an den Schutzpatron der Kirche, denken Sie um Himmels willen an die Jungfrau Maria! Ich bitte submissest...« »Herr Roloffs, setzen Sie mir nackig in Indigo, aberst in diesem Momang, wo es um Pitt Pulcher geht, um meinen braven Pitt Pulcher, da kann ich selbst der Mutter Gottes nicht helfen... Thyß, immerst man feste...!« »Sie fällt! – sie fällt!« schrien die Menschen. »Pitt Pulcher,« wetterte Dores, »dieselbigen Äxte haben dir so Propter und Prätorius die sechs Bretter zusammengeschlagen, jetzt hauen sie dir noch den Weg zu das ewige Leben. Hörst du, Pitt Pulcher!« Die mächtigen Torpfosten gerieten ins Wanken. Die Streben neigten sich. Schlösser und Eisenteile sprangen wie morsche Gelenke und Bänder. »Jesus, Maria und Joseph – jetzt stürzt sie zusammen!« »Noch zehn handliche Schläge – noch fünf – noch drei... Thyß, immerst man feste...! Der Herr Dechant wird uns schon vor dem lieben Herrgott beschützen...! – Hermann, gib Achtung...!« Staub und Qualm und Getöse! – Ein wilder Schrei lief durch die geworfenen Planken. Sie krachten nach innen – und über sie fort stürzten die Eindringlinge. Hermann voran, gefolgt von Thyß und Dores und den übrigen Läutern. »An die Glockenseile...!« Da schwebten sie aus der dunklen Höhe herunter... Aber hinter den Seilen... »Zurück!« An der rückwärts gelegenen Wand, unmittelbar neben einem geöffneten Pförtchen, das in das Innere der Kirche führte, stand einer mit Falkenlichtern, mit blutunterlaufenen Augen und hielt eine gespannte Flinte mit eisernen Fäusten. Es war Jakob Verheyen. »Vater!« schrie Hermann. »Du...?! – Weidmannsheil, mein prächtiger Junge...! – Du bist wohl gekommen, mich auszuklinken und dem alten Narren auf die Strümpfe zu helfen...!« »Vater, ich bitte dich – Vater ...« »Ja oder nein?! Entweder oder, mein Junge!« »Ja, ich läute die Glocke.« »Du Erzhalunke, dann bist du der erste.« Langsam hob sich die Waffe. »Das wollen wir sehen!« »Ja, das wollen wir sehen. Wer die Hand an den Glockenstrang legt, wird kalt gemacht... Kommt nur, ihr Hunde! – Kommt nur, ihr Hunde, und wagt es, mir in die Parade zu fahren! Mir kann alles egal sein. Mein Leben ist doch schon verludert... Der Strick wartet schon längst, aber bevor er mir den Atem verhält, wird auch noch das Sterben Pitt Pulchers verludert. – Hände von Anne-Susanne! Ohne Geläut soll er eingehn – der Narr – der infame Verleumder... Hahahaha...!« Ein scheußliches Gelächter flog in die Höhe. Mit hellem Kreischen stoben die Weiber auseinander. »Vater, ich sage noch einmal...« »Hundekanaille...!« »Vater, Vater...! – und wenn ein Unglück geschieht...« »Hurra! – da fliegt es...!« Ein jäher Ruck – und der Kolben wurde herrisch an die Backe gerissen. Keiner hörte und sah mehr... und keiner hörte und sah mehr, wie eine Klingel ertönte, wie ein junger Mann mit flehender Stimme, wie Stephan Pulcher... Vater und Sohn gegeneinander... die gierigen Läufe wie entflammte Tigeraugen auf Hermann gerichtet... »Vater, dann sei Gott mir barmherzig...!« Ein verzweifelter Ansprung... und mit ihm war auch Stephan mit fliegendem Röckling in den Bereich der lauernden Flinte getreten. Der Todbringerin hielt er die heiligen Gefäße, die goldene Kapsel entgegen: »Im Namen unseres Herrn und Erlösers...!« »Hermann, es gilt...!« Da krachte der Schuß... und seinem Blitz einte sich das lohe Feuer, das Gott, der Herr, in diesem Augenblick durch den Weltenraum sandte... und durch das Krachen und das Blitzen hindurch, durch Pulverdampf und das ängstliche Zittern und Zagen der Menschen hindurch stürmte Hermann mit den Pulsanten... die Seile strafften sich, und aus schwindelnder Höhe rief Anne-Susanne... Von Jakob Verheyen nichts mehr zu sehen. Stephan aber taumelte rücklings auf die Straße hinaus... und er konnte noch lächeln. Dann aber... Er streckte die Hände, die schneeweißen Hände. Die Gefäße rollten zu Boden: »Herr, dein Wille geschehe...!« Draußen, nicht weit vom Portal, und die Kugel in der Brust, sank er still und beglückt in die Arme eines barmherzigen Weibes... und konnte noch lächeln... Ja, er konnte noch lächeln, denn er sah seinem schuldlosen Gewand eine purpurrote Rose entsprießen, die ihn an die Seitenwunde des göttlichen Dulders erinnerte. »Ich habe eine selige Stunde gefunden,« sagte er leise. »Mutter, herzliebe Mutter, nicht lange mehr, und ich bin bei dir, um deine Lippen zu küssen«. Seine Hand umgriff die fließende Rose. Hoch über ihm aber läutete Anne-Susanne, Anne-Susanne, die Herzogin, die Königin unter den Glocken, Anne-Susanne, das wundersame Weib mit dem ehernen Reifrock, das vielhundertjährige Weib, und doch so stimmgewaltig wie in den Tagen der Jugend, die starre Frau mit dem dröhnenden Mund, die den Blitz scheuchte, die Lebendigen feierte und die Toten in die Erde hineinsang. Anne-Susanne, die Richterin, die Ruferin, nicht aus Stolz und feilem Hochmut heraus, sondern im Frieden mit Gott und in christlicher Demut von Kaspar Christian, dem Weberkönig zu Köln, ins Dasein gerufen und gesetzt, die Ehre der Pulcherleute zu hüten – Anne-Susanne rief vom hohen Glockenstuhl dem letzten seines Geschlechtes ihr majestätisches Lied zu, um seine Seele heiter zu machen und ihm ein leichtes und gottwohlgefälliges Sterben zu geben. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong...!« Wie das hallte und tönte! Nie in ihrem vielhundertjährigen Dasein hatte Anne-Susanne so erbaulich und herrlich gesungen. Das waren geläutete Psalmen, geläutete Jubelrufe. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong...!« Die Mauern des gewaltigen Turmes gerieten ins Schwanken. Die Gewitterwolken verflogen vor den glorreichen Klängen. Sturmschritt nahmen sie über Land und ließen den Himmel wieder in seiner schönsten und köstlichsten Bläue erstrahlen. Wie das hallte und tönte! Anne-Susanne schickte ihre klingenden Worte wie Apostel über die niederrheinische Erde, auf daß sie verkündeten: Pitt Pulcher, der große Pitt Pulcher, will in die Arme seines Herrn und Schöpfers, um teilhaftig zu werden des ewigen Lichtes und der ewigen Gnade. »Dum, ding, dong! – Dum, ding, dong...!« Immer lauter und freier, immer schöner und reiner! Auch Heinrich van Egern hörte die Glocke. »Jetzt stirbt er,« sagte er mit unendlicher Wehmut und nahm sein Samtkäppchen vom Haupte und legte die Hände zusammen. Mit heiliger Inbrunst sprach er die Sterbegebete, und unter diesen Gebeten fielen weiße Nelken über die Schläfen Pitt Pulchers. Und Pitt Pulcher erwachte: »Anne-Susanne...! – Anne-Susanne...!« und dann fragte er mit gebrochener Stimme: »War das Hermann Verheyen? – Hat Hermann die Glocke geläutet...?« »Ja,« sagte Anna. »Hermann...! – Hermann...!« Über die Züge des Alten lief ein gütiges Lächeln, und seine Rechte tastete hilflos nach dem Haupte seines Kindes: »So wird aus tiefster Not und tiefster Qual doch noch die Freude geboren. Grüße mir Hermann, und grüße mir Anne-Susanne...! Ich werde alles Mutter erzählen. Mutter, ich komme...!« »Vater, Vater...!« Sie schlang ihm den Arm um den Nacken. Sie küßte ihm Wangen und Augen ... Dann war alles vorüber. Pitt Pulcher, der große und werktätige Pitt Pulcher, der Mann mit dem Kindergemüt und mit dem heiligen und gerechten Zorn unter der Stirne, Pitt Pulcher, der letzte seines Stammes, der Weberkönig von Kalkar, hatte seinen Herrn und Erlöser gefunden. Anna drückte ihm die Augen zu und bettete ihm das Haupt ganz sacht auf die Seite ... und weinte bitterlich. Stephans Geist aber stand bereits an der Schwelle. Er war festlich gekleidet und wartete auf den des herrlichen Pitt Pulcher. Gemeinsam wandelten sie dem ewigen Licht, der überirdischen Heimat entgegen, wo eine liebe Frauen- und Mutterseele schon längst ihrer harrte. Anne-Susanne geleitete sie bis an die goldenen Pforten des neuen Jerusalems.   Und dann war es Abend geworden ... so ein weicher, warmer und glücklicher Abend ... ein Abend mit Kinderaugen und den Schwingungen einer verhaltenen Trauer. Nur vereinzelt hellten die Fenster auf. Die Laternen brannten noch nicht. Noch immer lag die Welt unter einem sichtigen Himmel, so daß man die Krähenvögel verfolgen konnte, die langsam und mit behaglichem Gleiten dem tiefen Westen zuflogen. An diesem Abend saßen zwei stille Menschenkinder zusammen: Anna und Hermann ... und weinten dem Verlorenen nach und härmten sich und freuten sich doch ihrer großen und reinen Liebe ... Und zwei stille Menschenkinder suchten Trost und Erlösung ... und sie gingen hinaus zu Heinrich van Egern. Und Heinrich van Egern saß einsam im Lehnstuhl, und wäre der Schmerz nicht gewesen, der seine Lippen umspielte, der heutige Abend hätte ihm vieles vom Herzen genommen, so unmittelbar spürte er die Nähe des Herrn. Als die beiden eintraten, hob er die Hände und sagte: »Kommen Sie, Anna, kommen Sie, Hermann. Ich wäre Ihnen schon längst entgegengegangen, um Sie in meine Arme zu schließen, wenn es meine Kräfte erlaubt hätten. Aber Sie sehen ja selber: es geht nicht, und daher: Sie müssen schon kommen ...« Da knieten sie nieder. Heinrich van Egern versuchte zu lächeln, um seinen Schmerz zu verbergen. Und dieses Lächeln stand unter Tränen. Er wollte sprechen, konnte jedoch die Worte nicht finden. Dann aber strömten sie ihm zu wie köstliches Manna. »Staub ist aufgewirbelt,« sagte er leise, »und Staub ist vergangen. Unter ihm liegt, was der Herr gesonnen war, mit Staub zu bedecken. Ihr aber ... Kommet, ihr lieben Menschen, die ihr noch lebet, damit ich euch segne, denn wer also durch Leid und Sorgen gewandelt, kann den Segen eines alten Mannes gebrauchen. Mir steht es nicht an, wie ein streitbarer Held durch das wirre Toben von Haß und Leidenschaften zu schreiten, Gewaltnaturen zu beugen und große Worte zu sprechen. Ich bin keine Kampfnatur. Auch ziemt es mir nicht, das Schwert zu tragen und mit verbundenen Augen die Wage zu halten. Ich will und kann nicht rechten und das Urteil nicht finden. Das ist niemals meines Amtes und meines Sinnes gewesen. Solches gebührt der weltlichen Macht und dem, der da herrscht und gebietet im Himmel und auf Erden. Wir aber, ihr lieben Menschen, die ihr euch endlich gefunden, mir liegt es ob, die Bekümmerten zu trösten, die Wegemüden zu stärken und geschlagene Wunden zu heilen. Und somit tröste ich euch und richte euch auf und lege meine Hand auf geschlagene Wunden. Ihr Lieben, ihr Guten – empfangt meinen Segen ... empfangt ihn... empfangt ihn ...!« Er sprach nicht weiter, denn plötzlich erfüllte sich die Stube, die Welt, das niederrheinische Land mit endlosem Wohlklang. »Hört ihr's! – hört ihr's!« rief Heinrich van Egern mit einem sonnigen Glanz in der Stimme. »Folgt diesem Jubel. Haltet ihn bei euch, und ihr werdet alle Fährnisse des Lebens besiegen. So jubelt der Engel des Herrn, und unter seinem Jubel ist wohl sein.« Und Anne-Susanne läutete weiter ... »Ach, Gott!« sagte der Dechant, »ist das ein Abend voller Liebe und Andacht,« und beugte sich nieder und küßte die Stirnen der beiden ...   Mit diesem Kuß gab er ihnen das Glück. Es blieb ihnen ... und Franz Seegers und seine Dohlenvögel, die noch lange Zeit hindurch die stattliche Mühle umkreischten, konnten es auch nicht vernichten, so gern sie auch wollten. Seit dem furchtbaren Auftritt im Turmportal war Jakob Verheyen spurlos verschwunden. Alle Vermutungen über ihn und sein ferneres Schicksal verliefen im Sande. Niemand sah ihn wieder auf Erden. Der Fluch war von der Mühle genommen; ein seliger Friede umgab sie. Unter diesem Frieden lebten auch Anna und Hermann. Und wenn Anne-Susanne ertönte, dann nahm er sein blühendes Weib in die Arme und sagte: »Gedenken wir des gewaltigen Kaspar Christian Pulcher und deines seligen Vaters, des letzten Weberkönigs von Kalkar.« »Gedenken wir ihrer,« gab sie leise zurück und küßte ihn lange. Ende