Paul de Kock Der schüchterne Liebhaber 1860 »Die Furchtsamkeit ist ein Fehler, bei dem es mit Gefahr verknüpft ist, diejenigen zu tadeln, die man davon heilen will.« La Rochefoucauld . – Maximen. Erstes Kapitel Alte Neuvermählte. Es war im Jahr achtzehnhundert und achtzehn, ich will nicht sagen glückseliger Erinnerung, weil ich mich nicht entsinne, ob dieses Jahr gesegneter war, als ein anderes; wahrscheinlich war es gesegnet für gewisse Leute und das Gegentheil für viele andere; denn bisweilen, häufig, ja fast immer erzeugt dieselbe Ursache zwei entgegengesetzte Folgen, das heißt, was dem Einen Glück bringt, das bringt dem Andern Unglück. Doch so war es von jeher und wird ohne Zweifel so sein bis ans Ende der Zeit ... wenn überhaupt die Zeit je ein Ende nehmen wird ... Die Natur gefällt sich in Gegensätzen, Contrasten ... ich kann nicht errathen warum; was mich indeß nicht hindert, zu glauben, daß sie Recht hat; denn die Natur thut jeder Zeit vollkommen, was sie thut. Es war also im Jahr achtzehnhundert und achtzehn. In einem alten Hôtel der Vorstadt St. Germain, gelegen ... ich weiß nicht mehr in welcher Straße, – das thut auch nichts zur Sache, – war eine zahlreiche Gesellschaft versammelt; man tanzte, man vergnügte sich, oder that wenigstens so; denn man ist nicht immer, was man zu sein scheint; kurz, man beging feierlich eine Hochzeit. Es war die des Herrn Marquis von Grandvilain mit Fräulein Amenais Dufoureau. Es befand sich dort ein auserlesenes Orchester, wobei man indeß keine Klapphörner hörte, weil dieses Instrument damals noch nicht auf unsern Bällen vorherrschte; die Gesellschaft war gleichfalls auserlesen; man tanzte mit jenem Anstande, jenem Ernste, jener schönen Haltung, um derentwillen der französische Tanz nicht ergötzlich ist, und das Sprüchwort erzeugte, daß das heiterste Volk der Erde am wenigsten heiter tanze. Allerdings hat sich seit jener Zeit ein gewisser, bei weitem ungebundenerer Tanz aus der Kneipe in die Maskenbälle eingeschlichen und von da in einige Salons eingeschmuggelt, – ein Tanz, der reizend wäre und wirklich einen Charakter hätte, wenn nicht die meisten, welche ihn ausführen, die Grazie mit der Posse und die Ungezwungenheit mit der Frechheit verwechselten. Dieser Tanz indeß hatte sich nicht auf die Hochzeit des Herrn Marquis von Grandvilain verirrt. Auch versetzte der Bräutigam die Tänzerinnen nicht in Athem; er lief nicht von einer zur andern, um sie aufzufordern und ihnen die Hand zu bieten. Nachdem er den Ball mit seiner Gemahlin eröffnet hatte, warf er sich in einen ungeheuren Lehnsessel und begnügte sich, von da aus den Andern zuzusehen, wobei er den Damen zulächelte und den Takt mit dem Kopfe schlug. Ohne Zweifel seid ihr über das Betragen des Bräutigams erstaunt und möchtet schon den Grund davon kennen; euer Erstaunen wird aufhören, wenn ich euch bemerke, daß Herr von Grandvilain an seinem Vermählungstage in sein neunundsechzigstes Jahr trat. Daß einer in solchem Alter nicht mehr zu denjenigen rasend leidenschaftlichen Tänzern gehört, welche nicht vom Platze weichen, zu jenen Cavalieren, welche auf sechs Quadrillen zum Voraus engagiren, begreift sich leicht. Vielleicht werdet ihr noch einwenden, daß in diesem Falle der Herr Marquis für den Ehestand auch nicht jünger war als für den Ball ... daß es eine Narrheit sei, sich im neunundsechzigsten Jahre zu verheirathen! Je nun, was wisset ihr davon? ... ist es euch schon begegnet? und wäre es selbst eine Narrheit: was ist denn Schlimmes an den Narrheiten, wenn sie uns glücklich machen? Die närrischsten Leute sind zuweilen die weisesten. Laßt uns heirathen, so lange wir Lust dazu haben, und tanzen, so lange wir können. Cato lernte mit sechzig Jahren tanzen. Plato hielt eine Lobrede auf den Tanz, und man weiß es ja, daß der König David Bockssprünge vor der Bundeslade her machte ... Das war, ich gebe es zu, eine seltsame Manier, Glauben und Frömmigkeit auszudrücken; ich nehme daher gerne an, daß David zum mindesten jenen Tanz nicht kannte, von welchem ich kaum erst sprach. Um auf den Bräutigam zurückzukommen, so verdiente der Marquis von Grandvilain seinen großen bengelhaften Namen nicht, denn er war von mittlerem Wuchse und feiner Taille; einst durfte man ihn sehr wohlgestaltet nennen; noch immer blieb ihm ein hübsches Bein und für einen Mann, der ein Weib nimmt, genugsam Wade. Sein etwas schöpsenartiges Angesicht ermangelte weder des Adels noch der Anmuth; seine Züge waren regelmäßig, seine einst sogar äußerst schönen Augen hatten einen liebenswürdigen Ausdruck beibehalten; sein Lächeln endlich war immerhin noch leidlich schalkhaft. Man sieht, dieser Herr war keineswegs so mittellos, als man nach seinen Jahren vermuthen könnte, und daher sehr zu entschuldigen, daß er auf seine Heirath gedacht hatte, um diese schönen Sachen zweckmäßig zu verwenden. Amenais Dufoureau, welche sich mit Herrn von Grandvilain vermählt hatte, trat eben in ihr vierundvierzigstes Jahr, und war bis dahin Jungfrau geblieben! Jungfrau! ... begreifet ihr die ganze Bedeutung dieses Wortes! ... es bezeichnet euch ein ganz frisches Herz, eine ganz frische Seele, eine ganz frische Liebe und Reize – ganz frisch, wie alles Uebrige! ... eine Jungfrau von vierundvierzig Jahren und eine Blume, die noch nicht gepflückt ist ... aber großer Gott! welch' eine Blume, und welche Zeit hat sie gehabt, in Samen zu schießen! ... Was mich betrifft, so gestehe ich in aller Demuth, daß ich zehn verheirathete Frauen dieses Alters einer Blume vorziehen würde, die man so lange am Stängel gelassen hat. Wahrscheinlich dachte der Herr Marquis von Grandvilain nicht wie ich ... Die Meinungen sind frei, und wenn wir Alle die gleichen hätten, so wäre dies höchst langweilig; denn dann genößen wir nicht mehr das Vergnügen, uns zu streiten und zu zanken. Herr von Grandvilain hatte Fräulein Amenais Dufoureau schon im Jahre achtundneunzig kennen lernen ... Damals war sie erst vierundzwanzig Jahre alt; es läßt sich voraussetzen, daß da ihr Herz wenigstens eben so frisch war, wie im vierundvierzigsten, gewiß ist aber, daß ihr Angesicht frischer war. Zu jener Zeit war Amenais ein ziemlich hübsches Frauenzimmer; fein, schlank, beweglich, ihre schwarzen, hervortretenden Augen strahlten von Gesundheit und Lebhaftigkeit, ihr etwas großer Mund öffnete sich oft zum Lachen, um zwei Reihen der schönsten, tadellosesten Zähne sehen zu lassen; kurz, obgleich ihre Nase etwas dick, ihre Stirne etwas niedrig und ihre Farbe etwas braun war, konnte Fräulein Dufoureau doch für eine äußerst angenehme Person gelten. Herr von Grandvilain, der zu jener Zeit neunundvierzig Jahre zählte und sich noch für einen jungen Mann ansah, weil er die Neigungen und den Charakter eines solchen noch immer beibehielt, hatte in den Gesellschaften Amenais kennen gelernt und ihr die Cour gemacht; aber mit jenem Leichtsinne eines an Eroberungen gewöhnten Mannes, jener Sicherheit eines Roués, der nie Grausame gefunden hat; endlich mit jenem Selbstbewußtsein eines Marquis, der einem unbedeutenden Bürgermädchen viel Ehre zu erweisen meint, wenn er einen Blick auf sie fallen läßt. Fräulein Dufoureau war in der That nur von einfachem Bürgerstande; ihre Eltern, ehrliche Handelsleute, waren gestorben und hatten ihr fünfzehnhundert Livres Einkünfte und sehr gute Grundsätze hinterlassen. Die fünfzehnhundert Livres Einkünfte waren freilich ein geringes Besitzthum; aber im Vereine mit der Tugend und Unschuld dieses Fräuleins bildeten sie ein Heirathsgut, welches gewisse junge, sehr reiche Damen höchst verlegen wären, ihren Gatten darzubieten. Herr von Grandvilain, immer noch stolz und prächtig, umflatterte die Blume von vierundzwanzig Jahren. Fräulein Amenais fand den Marquis sehr liebenswürdig; sie fühlte sich geschmeichelt durch seine Auszeichnung und ließ ihn sogar merken, daß ihr Herz seine schönen Worte nicht gleichgültig aufnehme. Aber als es ihr klar wurde, daß er keineswegs daran dachte, sie zur Marquisin zu machen, wies sie ihn stolz zurück mit der Frage: »Mein Herr! für was halten Sie mich?« Der Marquis, über diesen Widerstand geärgert, entfernte sich, eine Arie aus »Blasius und Babette« trillernd, welches damals eine neue komische Oper war; und die Opern der damaligen Zeit enthielten Melodien, welche man behalten konnte und sogar auf den Straßen sang. Andere Zeiten! andere Musik! ... Herr von Grandvilain wendete seine Liebesblicke, seine Sehnsucht, seine Anbetung und sein Herz nach andern Richtungen. Fräulein Amenais Dufoureau verbarg ihren Gram, ihre Seufzer und ihre Glut in der Tiefe ihrer Seele. Seht, wie glücklich die Männer sind! ... wenn ihnen eine Frau wiedersteht, so eilen sie zu andern; ... und es gelingt ihnen stets, einer Liebe los zu werden, welche sie jedem hübschen Gesichtchen anbieten. Gleich jenen Leuten, deren Taschen vollgestopft von Geld sind, und die sagen: »Ich kaufe was ich will ... ich werde vom Schönsten und Besten erhalten, denn ich bezahle baar!« Die rechtschaffenen Frauen hingegen sind genöthigt, Kredit zu verlangen; sie versprechen zwar allerdings ihre Liebe, wollen sich aber nicht dazu verstehen, sie gleich abzugeben. Sechs Jahre verstrichen, in deren Laufe der Marquis, unaufhörlich von Eroberung zu Eroberung flatternd und sein Leben im Schooße des Vergnügens hinbringend, die arme Amenais Dufoureau, welche ein sehr friedliches, sehr bescheidenes Leben führte und selten die Gesellschaften besuchte, wo Herr von Grandvilain zu treffen war, nicht mehr sah. Nach Verlauf dieser Zeit veranlaßte ein ländliches Fest in der Umgegend von Paris ein Zusammentreffen dieser beiden Personen, die sich nicht mehr aufgesucht hatten. Der Marquis fand, daß Fräulein Amenais immer noch anmuthig war und Amenais konnte einige Seufzer nicht unterdrücken, welche andeuteten, daß die Vergangenheit noch nicht gänzlich vergessen sei. Herr von Grandvilain zeigte sich auf's Neue liebenswürdig und suchte sie auf's Neue zu verführen; er dachte, die Blume von dreißig Jahren werde sich leichter pflücken lassen, als die vierundzwanzigjährige. Aber er täuschte sich; er stieß auf dieselbe Tugend, denselben Widerstand, und doch verbarg man ihm nicht, daß er geliebt sei; allein man wollte Marquisin werden und sich nur seinem Gatten hingeben. Unser Verführer zog sich abermals zurück. Er reiste und blieb sechs Jahre von Frankreich entfernt. Als er zurückkam, war er viel weniger flatterhaft und leichtsinnig; sein äußerer Anstand immer noch ausgezeichnet, aber seine Bewegung langsam und schleppend. Indessen hielt sich der Marquis, obgleich er nun einundsechzig Jahre zählte, fortwährend für sehr verführerisch. Es gibt Personen, die nicht alt werden wollen; sie haben vollkommen Recht; aber dann hat die Zeit Unrecht. Herr von Grandvilain sah Amenais Dufoureau wieder; sie war immer noch Jungfrau, obgleich sie sechsunddreißig Frühlinge, ohne die andern Jahreszeiten zu rechnen, hinter sich hatte ... (Man muß nämlich immer nur nach Frühlingen zählen, das erhält das Aussehen jugendlich.) War sie unverheirathet geblieben, weil sie keinen Mann gefunden hatte, oder weil sie ihr Herz dem Marquis aufbewahren wollte? – Wir sind zu galant, um nicht zu glauben, daß es aus dem letztern Grunde geschehen sei, und der Marquis wird wohl ebenso gedacht haben, weil es seiner Eigenliebe schmeichelte. Amenais war nicht mehr so schlank, so hübsch gewachsen, wie mit vierundzwanzig Jahren; allein sie war noch ziemlich frisch, und ihr Blick hatte, was er an Lebhaftigkeit verloren, an Zärtlichkeit gewonnen. Herr von Grandvilain, der stets mit Vergnügen die einzige Frau, die er nicht besiegt hatte, wiedersah, fing von Neuem an, der Blume von sechsunddreißig Jahren die Cour zu machen. Er war indeß nicht glücklicher; dies läßt sich leicht erklären. Nachdem man die Kraft gehabt hatte, ihm zu widerstehen, als er noch jung und hübsch gewesen, war es sehr unwahrscheinlich, daß man sich ihm ergeben werde, als er alt und abgelebt war. Herr von Grandvilain, noch immer stolz und anspruchsvoll, zog sich, mit dem Schwure, nimmer wiederzukehren und mit dem Vorsatze, seine Huldigungen anderwärts anzubringen, nochmals zurück. Armer Verliebter! Sechzig Jahre vorbei und noch mit der Einbildung gestraft, flatterhaft sein zu können. Die Gelegenheiten, Amenais zu vergessen, boten sich nicht mehr dar ... Die Zeit verfloß, ohne Zerstreuungen zu bringen; alle Damen wurden für den Marquis ebenso grausam, wie Fräulein Dufoureau, und unser alter Verführer dachte bei sich: »Es ist erstaunlich, wie das schöne Geschlecht sich ändert! ... Die Damen haben kein so empfindsames Herz mehr wie ehemals!« Endlich entschloß sich der Marquis, zu Amenais zurückzukehren; sie ging ihrem vierundvierzigsten Frühling entgegen, und Herr von Grandvilain sprach in seinem Sinne: »Wenn ich noch mehr Frühlinge abwarte, wird es eher einem Winter ähnlich sehen. Ich meinerseits trete in das Alter, wo man solid wird ... Fräulein Dufoureau ist nicht von Adel, aber sie ist tugendhaft ... Es sind nun zwanzig Jahre, daß sie mich liebt; das verdient eine Belohnung ... ich will sie heirathen. Und unser neunundsechzigjähriger Verliebter bot endlich dem Fräulein, die er zwanzig Jahre früher hätte heirathen können, die Hand an. Als der Marquis dem Fräulein Amenais seine Hand, sein Herz und seine neunundsechzig Jahre antrug, hatte sie gute Lust, ihm zu entgegnen: »Uns jetzt noch heirathen! es ist kaum der Mühe werth!« Indessen willigte sie doch ein, und deßhalb feierte man im Jahre achtzehnhundert und achtzehn die Hochzeit des alten Liebespaares im Hôtel des Herrn von Grandvilain. Zweites Kapitel Ein kleiner Grandvilain. Kann man sich, wenn man im neunundsechzigsten Jahre heirathet, schmeicheln, Erben zu bekommen und sich in seinen Kindern wieder aufleben zu sehen? Ich glaube nein ... indessen ist es wahrscheinlich, daß man sich dennoch schmeichelt. Wenn solches der Fall ist, wenn die Gattin eines Greisen Mutter wird, so regnet es mit Spöttereien auf den Ehemann; indessen sind diese Witze und Scherze nicht immer am Platze ... in einem solchen Falle ist es sehr schwierig, Jemanden, der Zweifel hegt, zu überzeugen, daß er Unrecht habe ... »Plus negare potest asinus, quam probare philosophus.« Ein Esel kann mehr läugnen, als ein Philosoph beweisen. Fünf Monate waren es, seit Amenais Dufoureau Marquisin von Grandvilain geworden, als sie eines Morgens ihrem Gatten erröthend, mit niedergeschlagenem Blicke und verlegener Miene entgegentrat und zu verstehen gab, daß sie die Hoffnung habe, ihm ein Pfand ihrer Liebe zu schenken. Herr von Grandvilain stieß einen Jubelschrei aus, erhob sich, umarmte seine Frau, rannte im Zimmer umher, wollte einen Sprung machen und fiel auf den Boden; allein Madame half ihm wieder in die Höhe, und er begann von Neuem, tausend Thorheiten zu machen, denn das Gefühl der Freude ließ ihn sein Alter vergessen. Er war stolz, einen Sohn zu erhalten; er hatte aber auch Grund dazu, um so mehr, als die Tugend seiner Frau so erhaben war, wie die der Gemahlin Cäsar's ; man konnte sie nicht einmal verdächtigen. Von diesem Augenblicke an beschäftigte man sich nur mit diesem Kinde, welches noch nicht geboren war. Der Herr Marquis war der Ueberzeugung, daß es ein Knabe sein werde. Um sich in seinem Glauben zu bestärken, sprach er zu sich: ein Glück kommt nie allein. Die Frau Marquisin war entzückt, ein Kind zu bekommen. Ob Knabe oder Mädchen, sie fühlte, daß sie die gleiche Liebe für dasselbe hegen werde; allein um ihrem Gatten gefällig zu sein, schien auch sie auf einen Knaben zu rechnen. »– Ich werde ihn selbst stillen!« sprach Amenais lächelnd zu ihrem Manne. »Ja, ja, wir werden ihn stillen!« wiederholte der Marquis, »wir werden ihn weit besser aufziehen, als es eine Säugamme könnte! ... was Teufels! Leute wie wir müssen sich besser darauf verstehen als Bauersleute; wir werden einen Hauptkerl aus ihm machen! denn ich will, daß mein Sohn in allen Stücken seinem Vater gleiche.« Und indem er so sprach, streckte der alte Marquis sein Bein vor und versuchte es noch einmal zu imponiren. Seit er wußte, daß seine Frau guter Hoffnung war, hielt er sich für zwanzigjährig. Man kaufte ein prächtiges Kindszeug für den erwarteten Kleinen; man machte große Zurüstungen zum Empfange dieses Sprößlings des Herrn von Grandvilain; der Taumel, dem man sich hingab, war sehr natürlich. Da junge Eheleute die Geburt ihres Kindes feiern, um wie viel mehr müssen es solche thun, die keine Hoffnung mehr haben, daß sich ein ähnliches Ereigniß wiederholen werde. Je näher der Augenblick herbeikam, wo die Frau Marquisin Mutter werden sollte, um so eifriger umgab sie ihr alter Gemahl mit Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit; dies ging oft so weit, daß Frau von Grandvilain mit ihrer Freiheit auch den Geschmack an solchen Galanterien verlor. Der Herr Marquis gestattete nicht mehr, daß sie zu Fuß ausging, er fürchtete die mindeste Anstrengung für sie, und sorgte dafür, daß sie nichts aß, was ihr schädlich sein konnte, und diese Aufmerksamkeit wurde grausam für Diejenige, welche der Gegenstand derselben war; denn in der einfachsten Sache erblickte der Marquis eine Gefahr und sie wurde ohne Gnade verboten, so daß Frau von Grandvilain gegen das Ende ihrer Schwangerschaft nur noch Brodsuppe erhielt, welches nach der Ansicht des Herrn Marquis die einzige gesunde und ungefährliche Nahrung für sie war. Die Frau Marquisin hatte zwar einen Arzt, der ein ganz entgegengesetztes Verhalten vorschrieb, allein der Herr von Grandvilain hielt mehr auf sich als auf den Arzt, und mit dem zunehmenden Alter wurde er sehr eigensinnig. Endlich brach der große Tag an! ... es war Zeit für die arme Marquisin, die durchaus der Brodsuppe keinen Geschmack abgewinnen konnte. Amenais gebar einen Sohn. Herr von Grandvilain hatte sich nicht stark genug gefühlt, bei seiner Frau auszuhalten, während sie in Kindesnöthen lag. Aber ein Bedienter, der früher Jockey, dann Groom und zuletzt Kammerdiener des Marquis geworden war und nun sein fünfzigstes Jahr erreicht hatte, eilte herbei, ihm diese große Nachricht zu verkünden. Als er seinen alten Jasmin erblickte, dessen rothes, finniges Gesicht noch einfältiger war, denn gewöhnlich, rief ihm der Marquis zu: »– Nun! Jasmin? ... ist's vorüber?« »Ja, Herr Marquis ... es ist vorbei! ... Ach! wir haben viel ausgestanden, aber nun ist's vorbei.« Man weiß, daß die alten Diener großer Häuser fast allgemein, wenn sie von Dingen sprechen, die ihre Herrschaft betreffen, »uns« zu sagen pflegen; und Herr von Grandvilain verzieh seinem ehemaligen Jockey die Anwendung dieser Redensart. »– Wie? es wäre vorbei, Jasmin ... Ach! die arme Marquisin ... aber nun heraus mit der Sprache! ... was ist's denn?« »– Etwas Herrliches, gnädiger Herr! Sie werden höchst zufrieden sein.« »Aber das Geschlecht, Dummkopf, das Geschlecht? ... hat es denn keines, dieses Kind?« »– O! und was für eins! ... ein großes, prächtiges! ... kurz wir sind von einem Knaben entbunden worden, mein lieber gnädiger Herr, der ...« »– Ein Knabe, Jasmin! ... ein Knabe ... Ach! welch' Glück! ach, ich hatte es vorausgesagt! Ich war dessen gewiß ... ich hätte darauf gewettet ... bin ich mir nicht stets bewußt, was ich mache?« »– Sie sind sehr geschickt, Herr Marquis! ...« »– Ein Knabe ... Ich habe einen Sohn ... einen Erben meines Namens! Jasmin! ich gebe Dir zehn Thaler zum Geschenk, weil Du mir diese Nachricht überbracht hast.« »Meinen Dank, theurer Herr! ... Es leben die Grandvilains!« »– Ich habe einen Sohn ... die Freude ... die ... ach, oh! ... ich kann nicht mehr ... Jasmin, gib mir mein Riechfläschchen ... nein, gib mir lieber ein Glas Madera ... ich fühle mich ohnmächtig ...« »Nun, Herr Marquis, fassen sie sich,« sagte Jasmin, seinem Herrn ein Glas Madera anbietend. »Jetzt ist nicht der Augenblick, unwohl zu sein.« »– Du hast Recht ... aber die Bestürzung ... die Freude ... Dies ist das erste Mal, daß ich Vater bin ... daß ich es weiß wenigstens ... und das macht einen so großen Eindruck ... Erzähle mir doch einige Einzelheiten ... während ich mich erhole ... denn mir mangelt noch die Kraft, zu meiner Frau zu gehen.« »– Nun! Herr Marquis, denken Sie sich, daß ich vor dem Zimmer der Madame Schildwache stand, um es Ihnen anzuzeigen, sobald wir niedergekommen sein würden; denn ich dachte mir wohl, Sie würden ungeduldig sein, das Ergebniß zu erfahren ...« »Ganz gut, Jasmin ... weiter, weiter! beeile Dich!« »Nach kurzer Zeit höre ich ein Geschrei ... Ich hatte Lust, durchzugehen, aber ich hielt es doch aus, und um standhaft zu bleiben, nahm ich eine große Prise Tabak. Plötzlich öffnet man der gnädigen Frau Thüre ... es war der Accoucheur ... er sieht mich ... er suchte Jemand und gab mir ein Zeichen, einzutreten. Ich gehorchte.« »– Wie, Dummkopf, Du drangst in das Zimmer der Frau Marquisin, während sie ...?« »– Nein, gnädiger Herr, ich blieb in dem kleinen Vorzimmerchen. Alles war in Aufregung ... ... die Wärterin, die Kammerfrau ... die dicke Närrin, die Turlurette, ließ sich beikommen, ohnmächtig zu werden, statt Dienste zu leisten ...« »– Dies beweist ihre Anhänglichkeit an meine Frau, Jasmin, fahre fort ...« »– Verzeihung, mein Herr, ich muß mich zuvor schnäuzen ... Kurz, man rief mich, der Turlurette beizustehen, aber ich, der weit mehr in Sorgen für die gnädige Frau war, rief aus: »Vor allen Dingen, sind wir entbunden? ...« »Freilich,« entgegnete der Arzt. »– Was haben wir denn?« »– Nimm' ... Dummkopf!« Indem er dies sagte, gab mir der Accoucheur ein kleines Päckchen in den Arm ... Stellen sie sich vor, gnädiger Herr, daß ich zuerst glaubte, es sei ein Käse ... es war ganz rund ... und hatte einen sonderbaren Geruch ... aber als ich genau hinsah, gewahrte ich, daß es ein kleiner, kaum aus der Schale gekrochener Knabe war.« »– Was heißt das, Jasmin? wie, meinen Sohn hattest Du für einen Käse gehalten ...« »– Ei! mein Herr, wenn man noch nie Neugeborene gesehen hat ... es war das erste Mal, daß ich einen sah ...« »– Meinen Sohn für einen Käse halten! ... Du bist ein Tölpel, Du bekommst keine Belohnung!« »– Ach! Herr Marquis ... nicht den Verlust des Geldes bedaure ich, aber ich hätte nicht geglaubt, Ihren Unwillen verdient zu haben! ... um so mehr, als ich, während ich den Kleinen in meinen Armen betrachtete, mit Freuden bemerkte, daß er ganz unsere Züge habe ... uns wie aus dem Gesicht geschnitten sei!« »– Wie, uns ... Jasmin! ... bist Du betrunken ...?« »– Verzeihung, Herr Marquis, der Eifer reißt mich hin! Wenn ich sage uns , gnädiger Herr, so will ich eigentlich sagen: Ihnen ! ... Denn kurz, es ist ganz Ihr edles Angesicht, Ihre schöne Adlernase ... Ihr kleines hübsches Kinn, er wird auch so schöne Zähne bekommen, wie Sie ... einst hatten ... vom Uebrigen gar nicht zu reden!« Der alte Marquis kann ein Lächeln nicht unterdrücken, und er antwortet mit sanfterer Stimme: »– Der liebe Kleine ... nun ... ich habe Dir ein Geschenk versprochen, Du sollst es haben. Ich weiß, daß Du ein treuer Diener bist, mein armer Jasmin, man muß aber auch besonnen reden, wenn man vom Sohne seines Herrn spricht.« »– Es ist ein wahrer Engel, der uns verliehen wurde, gnädiger Herr ... Ach! wenn ich ihm hätte die Brust reichen können! ... wie glücklich wäre ich gewesen!« »– Ich fühle mich jetzt kräftig genug, meine Gattin und meinen Sohn zu umarmen ... Komm', Jasmin, führe mich ...« »– Ja, gnädiger Herr, wir wollen unser Kind sehen.« Der alte Marquis, den es entzückte, sich im siebenzigsten Jahre wieder verjüngt zu wissen, steht auf, hängt sich an den Arm seines Kammerdieners und bemüht sich, mit demselben in das Zimmer der Wöchnerin zu eilen; da aber Herr und Diener einen äußerst schwerfälligen Schritt hatten, so brachten sie es nur zu einem etwas lebhaftern Gange, kamen aber trotzdem beinahe außer Athem bei der Frau Marquisin an. Der gnädige Herr umarmte seine Frau mit Freudenthränen, und fiel in seiner Rührung auf das Bett der Wöchnerin, von dem man ihn nur mit äußerster Mühe wegzubringen vermochte, weil das übergroße Glück seine Arme und Beine ganz pelzicht gemacht hatte. Als es gelungen war, den Herrn von Grandvilain in einen großen Lehnstuhl zu setzen, verlangte dieser, um sich zu stärken und im Stande zu sein, seinen Sohn zu umarmen, ein Glas Madera. Jasmin beeilte sich von Neuem, Madera zu holen; er schenkte seinem Herrn ein und sich auch ein Glas, welches er hinter einem großen Fenster-Vorhang ausleerte, da er fand, daß er gleichfalls Stärkung brauchen könne. »Und wo ist nun mein Sohn?« fragte der Marquis mit bewegter Stimme, rings um sich herblickend. »Man wird Ihnen denselben bringen, gnädiger Herr,« sagte die dicke Turlurette; »die Wärterin kleidet ihn an, damit er Ihnen vorgezeigt werden kann.« »Es ist unnöthig, daß man ihn ankleide,« entgegnete der Marquis, »ich will ihn im Gegentheil ganz nackt sehen, ich kann dann seine Kraft ... seinen Körperbau ... viel besser beurtheilen.« »Ja, ja,« sagte Jasmin, »wir sind sehr erfreut, sehen zu können, was wir zuwege gebracht haben.« »– Ihr versteht mich, Turlurette; sagt der Wärterin, sie soll mir meinen Sohn nackt wie einen Wurm herbringen.« »– Ja, man bringe ihn uns wie einen Wilden ohne Feigenblatt!« rief Jasmin. »– Jasmin, willst Du nicht einen Augenblick Deine Zunge im Zaum halten?« »– Vergebung, Herr Marquis, es ist die Ungeduld, dieses liebe Herzchen zu bewundern.« Turlurette besorgt eifrig ihren Auftrag, und bald erscheint die Wärterin, ein großes Becken vor sich hertragend, in dem der Neugeborene sich ganz nackt bewegte und seine kleinen frischen und rosigen Glieder nach Vergnügen ausstreckte. Die Wärterin überreicht dem Marquis das Kind, wie man ehemals einem Eroberer die Schlüssel einer Stadt überreichte. Beim Anblicke seines Sohnes stößt der Herr von Grandvilain einen Freudenschrei aus und streckt den Arm hin, um ihn zu ergreifen, allein die Bewegung, welche er empfindet, wirkt abermals schwächend auf ihn, er hat nicht die Kraft, seinen Sohn zu nehmen und sinkt ermattet in den Lehnstuhl zurück. Die Wärterin indessen hatte, in der Meinung, der Vater werde das Ueberreichte in Empfang nehmen, das Kind und das Becken losgelassen und Alles wäre zu Boden gefallen, wenn die dicke Turlurette den Neugeborenen nicht glücklicherweise an einem etwas hervorragenden Theile erwischt und so aufgefangen hätte. Das auf den Boden gefallene Becken zerbrach in Scherben. Bei diesem Lärm glaubte die Marquisin, ihr Kind sei getödtet, und sie rief aus: »Mein Kind! ... was ist ihm geschehen?« »Nichts, gnädige Frau!« entgegnete Turlurette, ihrer Gebieterin den kleinen Knaben hinhaltend, »es ist nicht gefallen ... ich habe es an einem ... gewissen Orte zurückgehalten ...« »Das liebe Herzchen! ... ich bin sehr erschrocken! ... o, mein Gott! Turlurette! ... Sie halten es aber sehr sonderbar ... dieses Kind.« »Potz tausend! ... es ist noch ein Glück, daß ich es da packen konnte ... Wenn es ein Mädchen gewesen wäre, so wäre es sicher mit dem Becken hinunter gefallen ... und Gott weiß, ob es nicht mit demselben zerbrochen wäre.« Während sich dieses zutrug, beeilte sich Jasmin, der seinen Herrn blaß und zitternd im Lehnstuhl liegen sah, demselben ein weiteres Glas Madera einzuschenken, und leerte hierauf hinter dem Vorhang selbst noch eines. Herr von Grandvilain, der zum dritten Male seine Kräfte wieder gewonnen hatte, ergriff das Kind, welches ihm Turlurette hinhielt, küßte es mit Entzücken, hob es hoch hinauf und rief aus: »Hier ist mein Sohn! ... mein Erbe! ... Ach! beim Kuckuk, ich wußte wohl, daß ich einen Sohn bekommen würde.« Die Marquisin jedoch, befürchtend, es möchte ihren Gatten eine abermalige Schwäche befallen, und ihm das Kind alsdann aus den Händen glitschen, bat ihn inständig, sich zu ihr ans Bett zu setzen; Herr von Grandvilain leistete ihr Folge, drehte und wendete aber zuvor den Neugeborenen noch nach allen Seiten. »Welch' schönes Kind! ...« ruft er aus, »das habe ich Alles zuwege gebracht ...« »Ja, freilich haben wir das!« brummt Jasmin vor sich hin, der hinter dem Lehnstuhle seines Herrn steht, und für den Fall der Noth die Maderaflasche beständig in der Hand hält. »– Wie fett und rosig es ist ... die hübschen kleinen Wädchen ...« »Weiß Gott, ich habe keine solche mehr!« sagte Jasmin, einen Blick auf seine Beine werfend. »– Welch' hübsches rundes Köpfchen! ...« »Man könnte schwören, es sei ein Edamer Käse!« murmelte Jasmin weiter, aber zu seinem Glücke überhörte diesmal sein Herr diese Bemerkung, welche ihn entschieden um sein Geschenk hätte bringen können. »Er ist gebaut wie ein Apollo ... und hat Partien ... wie ein Herkules ... Komm', sieh doch, Jasmin ... wie das schon ... hervorspringt!« »Das sagte ich ja gleich, groß und prächtig!« sprach Jasmin, und machte nach seiner lauten Bewunderung des Gezeigten stillschweigend die nämliche Bemerkung darüber, wie bei den Waden. Nachdem der Herr Marquis seinen Sohn per fas et nefas wohl betrachtet hatte, reichte er ihn seiner Gattin mit der Frage: »Ei, meine Zärtlichgeliebte, welchen Namen geben wir ihm?« »Hieran denke ich, mein lieber Gemahl, seit ich niedergekommen bin.« »Mein Sohn muß einen schönen Namen erhalten ... ich heiße Sigismund, dies ist ein hübscher Taufname, allein ich kann es nicht leiden, wenn die Söhne denselben Taufnamen haben, wie ihr Vater, das veranlaßt später Mißklänge und Verwechslungen.« »Hören Sie, Herr Marquis, der Name Cherubin wäre passend für diesen Amor, was halten Sie davon? ist es nicht ein ganz schöner Name ...« »Cherubin!« unterbrach sie der Marquis kopfschüttelnd, »das ist zu weibisch ... es ist nichts Kriegerisches darin! ...« »Nun, mein Herr! was nöthigt uns denn, unserem Sohne einen kriegerischen Namen zu geben? ... dies wäre zu den Zeiten Napoleons passend gewesen, aber jetzt ist es, wie Sie wissen, nicht mehr in der Mode ... ich bitte Sie, lassen Sie unsern Sohn Cherubin heißen!« »Marquisin,« entgegnete Herr von Grandvilain, die Hand seiner Frau küssend, »Sie haben mir einen Sohn geschenkt, ich habe Ihnen nichts zu verweigern ... er soll Cherubin heißen ... das erinnert an die Hochzeit des Figaro , überdies ist Beaumarchais' Cherubin ein kleiner, äußerst liebenswürdiger Schalk, in den alle Frauen vernarrt sind, und es wäre eigentlich kein Unglück, wenn unser Sohn dem kleinen Pagen gliche.« »Ja, ja,« brummte Jasmin hin und her taumelnd, während er sich am Rücken von seines Herrn Lehnstuhl zu halten suchte, da die Ständerlinge, die er hinter den Vorhängen gemacht, sich in einer Schwäche seiner Beine zu äußern anfingen. »Ja, das wäre allerliebst, Cherubin ... es reimt sich auf Jasmin! ...« Der Marquis drehte sich um und hatte gute Lust, seinem Diener eine Ohrfeige zu geben, allein dieser, als er bemerkte, daß er abermals mit einer Dummheit herausgeplatzt war, machte ein solches Schafsgesicht, daß sich sein Gebieter darauf beschränkte, ihm zu sagen: »Ihr betragt Euch heute über die Maßen unpassend, Jasmin!« »Verzeihen Sie, Herr Marquis, das ist die Freude, die Begeisterung ... ich bin so vergnügt, daß ich meine, Alles walze um mich im Zimmer herum! ...« In diesem Augenblicke meldete Turlurette, daß die ganze Dienerschaft des Hauses versammelt sei und um die Erlaubniß bitte, ihrer Gebieterin einen Blumenstrauß zu überreichen und ihren Herrn zu beglückwünschen. Der Marquis befahl, seine Leute einzulassen. Die Bedienten kamen in einer Reihe herein und Jasmin, als der älteste, eilte, sich an ihre Spitze zu stellen: dann begann er mit einem Glückwünsche, mit dem er jedoch nicht fertig werden konnte, weil seine Zunge sich verwickelte. Er war aber kurz entschlossen, unterbrach seinen Satz und rief aus: »Es lebe der Sohn des Herrn Marquis und seine erhabene Familie!« Alle Diener wiederholten diesen Ausruf, während sie ihre Hüte und Mützen in die Höhe warfen. Herr von Grandvilain fühlte sich von Neuem ergriffen, Thränen befeuchteten seine Augen, und da er noch eine Schwäche befürchtete, so gab er Jasmin ein Zeichen, der übrigens dieses voraussehend, ihm alsbald ein Glas Madera anbot. Der Marquis trank; dann dankte er seinen Leuten, gab ihnen Geld und schickte sie fort, um auf die Gesundheit des Neugeborenen zu trinken. Jasmin entfernte sich mit ihnen, die Maderaflasche mitnehmend, deren Inhalt er vollends leerte, ehe er sich mit seinen Kameraden zur gemeinschaftlichen Feier vereinigte ... Und Abends war der Kammerdiener vollständig betrunken, und der Herr Marquis hatte, sich so oft gestärkt, daß er gleich nach Tische zu Bett gehen mußte. Allein man bekommt nicht alle Tage ein Kind! besonders, wenn man siebzig Jahre alt geworden ist. Drittes Kapitel Eine Ueberraschung Jasmins. Die Taufe des kleinen Cherubins fand einige Tage nach seiner Geburt Statt, dann wurden abermals Festlichkeiten im Hause gehalten. Der Marquis war freigebig und großmüthig; die gewöhnliche Tugend der Roués; er theilte Geld im Ueberflusse aus und beauftragte Jasmin, den Keller preiszugeben; der Kammerdiener, dessen purpurne Nase seine Lieblingsleidenschaft verrieth, versprach, des Herrn Befehle pünktlich zu erfüllen. Eine elegante, ausgewählte Gesellschaft hatte sich beim Tauffeste des kleinen Cherubin versammelt; die Säle des Hauses strahlten von Kerzenschimmer; man schwatzte, man spielte, dann ging man auch (aber nur Paarweise, nach der strengen Verordnung des Arztes) zur Wöchnerin und bewunderte ihren Kleinen. Der Knabe, der so dick, so frisch, so rosig zur Welt gekommen war, fing an abzumagern, schwach und gelb zu werden; man war noch über sein hübsches Angesicht entzückt, aber nicht mehr über den Stand seiner Gesundheit. Indessen war der Sohn des Marquis der Gegenstand beständiger Sorgfalt für seine Mutter, welche die lebhafteste Zärtlichkeit für ihn an den Tag legte, ihn an ihre Seite bettete und keinen Augenblick aus den Augen verlieren wollte. Alles das ist sehr gut; aber man zieht die Kinder nicht bloß mit Zärtlichkeit, Liebkosungen, Küssen und süßen Worten auf: die Natur verlangt eine gehaltvollere Nahrung; diejenige jedoch, welche die Frau Marquisin ihrem Erstgeborenen bot, war augenscheinlich nicht von guter Beschaffenheit und zeigte sich statt in reichlichem, nur in sehr geringem Maße. Kurz – war nun, was leicht anzunehmen ist, die Brodsuppendiät der Gesundheit der Frau von Grandvilain entgegen, oder sonst irgend eine verborgene oder erweisbare Ursache; Thatsache ist, daß die Mutter des kleinen Cherubins ihrem Sohne, der mit einem äußerst guten Appetit zur Welt gekommen war, nur sehr wenig schlechte Milch anzubieten hatte. Jean Jacques Rousseau hat behauptet, eine Mutter müsse ihr Kind säugen, und es sei ein Verbrechen, diese armen Kleinen in die Hände gemietheter Leute zu geben, welche ihnen die mütterliche Zärtlichkeit nicht ersetzen könnten und nur ein Gewerbe aus ihrem Körper machten; und um diesen Satz zu unterstützen, erwähnt er der Thiere, welche ihre Jungen selbst säugen und niemals von andern diesen Dienst verlangen. Vor allen Dingen könnte man Jean Jacques entgegnen, daß die Thiere ein geregeltes Leben führen ... geregelt, insofern es ihrer Natur und ihren physischen Kräften entspricht. Habt ihr je gehört, daß die Löwinnen, Bärinnen und Katzen ihre Nächte auf Bällen zubringen, Abendgesellschaften geben und öfters außer dem Hause zu Mittag speisen? Ich denke, nein; ich auch nicht. Man wird uns also gestatten, einen Unterschied zwischen den Thieren und den Menschen aufzustellen, und trotz der tiefen Hochachtung, die wir für den Genfer Philosophen empfinden, halten wir ihm doch entgegen, daß es in unserer Welt Lagen, Zustände und Beschäftigungen gibt, die einer Frau nicht gestatten, diese Mutterpflicht, der sich, nach seiner Forderung, alle unterwerfen sollen, zu erfüllen. Wenn eine Frau, um ihr Leben zu fristen, den ganzen Tag in einem Comptoir sitzen oder fortwährend mit der Nadel arbeiten muß, wie wäre es da möglich, daß sie jeden Augenblick ihr Kind in die Arme nehmen könnte? Einen doppelten Grund hat sie, es nicht zu thun, wenn ihre Gesundheit schwach und wankend ist. Die Säugammen verkaufen ihre Milch, sagt er, und hegen niemals die mütterliche Zärtlichkeit für ein Kind. Erstens ist es nicht bewiesen, daß eine Säugamme ihren Säugling nicht zärtlich liebe, es ist sogar im Gegentheil aller Grund zu der Annahme vorhanden, daß sie an das kleine Wesen, dessen Dasein sie erhält, anhänglich wird, und wenn es zuletzt auch nur ein Gewerbe wäre, die Wirkung ist doch die gleiche; ... fühlt der Bäcker Zärtlichkeit für die Personen, die ihm sein Brod abkaufen? ... und verhindert uns das, von diesem Brode zu leben? Philosophen, geniale Männer, große Männer sogar, sprechen manchmal sehr unrichtige Behauptungen aus und irren sich so gut, wie andere Menschen. Aber es gibt Leute, die Alles, was aus der Feder eines Mannes kommt, der erhabene Dinge geschrieben hat, für sehr schöne Gedanken halten! ... diese Leute sind sehr gutmüthig. Ihr werdet selten Gold ohne Zusatz finden! und wäre der Mensch im Stande, zu leisten, was die Natur nicht vermag? Es gibt auch Leute, die, wenn sie auf einem Kirchhofe spazieren gehen, an die Wahrhaftigkeit all' der auf die Grabmäler geschriebenen Inschriften glauben, nach welchen die dort begrabenen Personen Muster von Tugend, Güte und Rechtschaffenheit u. s. w. u. s. w. gewesen wären. Ich achte die Todten unendlich; aber ich sehe keine Notwendigkeit ein, die Lebenden täuschen zu wollen. Die, welche nicht mehr sind, waren nicht besser als wir, und wir sind nicht besser als die, welche nach uns sein werden. Wir haben berichtet, daß der kleine Cherubin nicht mehr so schön war, wie ein Engel, obgleich er den Namen eines solchen hatte; dies verhinderte aber Niemand, der die Wöchnerin besuchte, ihr Artigkeiten über ihr Püppchen zu sagen. Die gute Amenais nahm mit holdem Lächeln all die Schmeicheleien auf, die man ihrem Söhnlein zuwendete. Unterdessen dehnte sich der Marquis in einem Lehnstuhl, strich sich die Wade, schüttelte das Haupt und betrachtete die Damen mit einer Miene, die beinahe sagen wollte: »Wenn ihr auch so Etwas wünscht, so wendet euch nur an mich!« Zu seinem Glücke hatte keine der Damen Lust, ihn auf die Probe zu stellen. Gegen zehn Uhr Abends, eben als der Doktor der Frau Marquisin verordnete, keine Besuche mehr bei sich zu empfangen, sondern sich der Ruhe hinzugeben, ertönte ein plötzlicher Lärm vom Hofe her, eine lebhafte Helle erleuchtete die Gemächer, und etwas gleich dem Blitze Strahlendes streifte an den Fenstern vorbei. Jasmin war der Gedanke gekommen, zum Tauffeste des Sohnes seiner Herrschaft, und um dem Marquis und seiner ganzen Gesellschaft eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, ein Kunstfeuerwerk im Hofe des Hauses abzubrennen; er hatte so eben einen Böller losschießen, dann eine Rakete aufsteigen lassen, um die Versammlung an die Fenster zu locken. Das Krachen des Böllers hatte in der That eine außerordentliche Bewegung im Hause hervorgebracht; man vermeinte, eine Kanone gehört zu haben: die Wöchnerin fuhr von ihrem Bette, das Kind von seiner Wiege, der Marquis von seinem Lehnstuhl und die ganze Gesellschaft, von wo sie irgend war, in die Höhe. Jedermann betrachtete sich mit erschreckter Miene und schrie: »Was gibt es?« ... – »Welcher Lärm? ...« »– Kanonendonner!« ... – »Man schlägt sich in Paris! ...« – »Man schlägt sich? ...« »– Ach! mein Gott! ist der Usurpator zurückgekehrt?« Erinnert euch, daß man damals im Jahre achtzehnhundert und neunzehn war, und Napoleon in den Hôtels des Faubourg Sainte-Germain gewöhnlich mit dem Namen Usurpator bezeichnet wurde. Es herrschte ein Augenblick der größten Verwirrung im Saale; einige Männer wollten zu den Waffen greifen, andere suchten nur ihre Hüte, die Frauen eilten in die Nähe der Männer, oder trafen Anstalt ohnmächtig zu werden, und einige von ihnen sprachen leise in den Ecken mit jungen Männern, auf die sie bisher kaum zu achten geschienen hatten. Es gibt Leute, die jede Gelegenheit benützen und aus allen Umständen Vortheil ziehen; solches sind gewiß die bestorganisirten Menschen. Inmitten dieses Tumultes erschallte eine durchdringende Stimme vom Hofe herauf. »Zu Ehren des Tauffestes,« rief man, »und um die Geburt des Sohnes unseres würdigen Gebieters, des Herrn Marquis von Grandvilain, und der Frau Marquisin, seiner Gemahlin, zu feiern, lassen wir hiemit ein Kunstfeuerwerk los.« Kaum hatte man den Schluß dieser Worte gehört, als eine merkliche Veränderung mit allen Gesichtern (ausgenommen mit denen der Personen, die in den Ecken mit einander sprachen) vorging. Die Männer fingen laut zu lachen an, die Damen warfen die eiligst ergriffenen Shawls und Hüte wieder bei Seite, rannten sodann vor die Spiegel, um sich zu betrachten; denn die Eitelkeit ist das erste Gefühl, welches sich bei den Damen wieder regt, wenn alle andern noch erstarrt sind; hierauf begab sich Alles zu den Fenstern und man sagte: »Ein Feuerwerk! ... ein Feuerwerk! ... O! das ist eine herrliche Ueberraschung!« »Ja,« sprach der alte Marquis von Grandvilain, der mehr erschrocken war, als alle Uebrigen, »ja ... das ist ein hübscher Gedanke von diesem Teufels-Jasmin ... Nur hätte er mich vorher in Kenntniß sehen sollen, daß er mich überraschen wolle; dann hätte ich es erwartet und wäre weniger ... erstaunt gewesen.« Die Gesellschaft hat sich an den Fenstern aufgestellt, die Damen vorne, die Herren hinter ihnen; diese sind jedoch genöthigt, sich ein wenig vorzubeugen, um zusehen zu können; aber Alle scheinen höchst zufrieden, und Niemand würde seinen Platz gegen einen andern vertauschen. Der Marquis sitzt allein in seinem Lehnstuhl an einem Fenster im Zimmer seiner Gemahlin, zu der er sagt: »Liebe Freundin, Du kannst die Stücke, die unten losgebrannt werden, nicht sehen, ich werde sie Dir aber erklären, und was die Raketen und Schwärmer betrifft, so kannst Du sie vom Bette aus prächtig sehen.« »Wenn das aber den Cherubin erschrecken würde!« sagte die Marquisin, die Wiege hinter ihr Bett rückend. »– Fürchten Sie nichts, Marquisin, mein Sohn wird mir nachschlagen, und den Lärm und den Pulverdampf lieben! ...« Jasmin, der den Befehlen seines Herrn Folge geleistet, den Keller aufgeschlossen und sich und seine Kameraden gehörig erheitert hatte, schien in sein zwanzigstes Jahr zurück versetzt zu sein, und spazierte, wie ein General unter seinen Soldaten, inmitten der Feuerwerksstücke herum. In der hintersten Ecke des Hofes befanden sich die Böller; dies war das grobe Geschütz; bis zum Augenblick der Raketengarbe sollten keine mehr losgeschossen werden, da aber etwaige Feuerreste, wenn sie dorthin fielen, in das Innere derselben dringen und sie vor dem gewünschten Augenblick entzünden könnten, so hatte der Koch des Hauses, ein vorsichtiger Mann, der Jasmin als Unterfeuerwerker beistand, Kastroldeckel, eine Bratkachel, eine Schmalzpfanne und dgl. aus seiner Küche geholt und auf die Böller gedeckt, welche bekanntlich die Form von Ofenröhren haben, jedoch nach der Masse des darin enthaltenen Pulvers von verschiedener Größe sind; in Folge dessen wurde die Bratkachel auf den größten Böller, die Schmalzpfanne auf Numero kleiner und die Kastroldeckel auf die kleinsten gelegt; diese Vorsichtsmaßregel sollte verhüten, daß Funken oder brennende Raketenstücke in die Böller hineinfielen. Jasmin schweifte mit den Blicken an den Fenstern vorüber und wartete, bis die ganze Gesellschaft ihren Platz eingenommen hatte. Der Koch, dem der Wein des Marquis in den Kopf gestiegen war, harrte nicht weniger ungeduldig, als der alte Kammerdiener, eine brennende Lunte in der einen Hand, mit der andern seine baumwollene Mütze hinters Ohr streifend, neben den Feuerwerksstücken. Unterdessen tanzten die dicke Turlurette und zwei andere Dienstboten rund um ein Transparent herum, das den Mond darstellte, und wie Jasmin versicherte, das Ebenbild des kleinen Cherubin war. »Sie sind da! Alles ist am Fenster ... wir können nun das Feuerwerk loslassen!« rief Jasmin, nachdem er noch einmal einen Blick auf die Fenster geworfen hatte. »Ja, ja, fangt an,« sagte Turlurette, »o! wie schön das sein wird ...« »Fort mit den Frauenzimmern!« rief der Koch mit entschiedenem Tone, »ihr würdet uns nur zu Dummheiten verleiten; gehen Sie ins zweite Stockwerk hinauf, Mamsells! ...« »Ei! man hat mir versprochen, mich wenigstens einen kleinen Frosch losbrennen zu lassen! ... nicht wahr, Herr Jasmin?« »Ja! ja!« schrie Jasmin ... »heute muß sich Alles amüsiren! es gilt unserem jungen Herrn! ... Turlurette darf eine kleine Rakete loslassen ... das ist nicht der Mühe werth ... aber erst nachher, später! ... Achtung! Koch ... an die Stücke! ...« Das Feuerwerk begann mit einigen Brillantschwärmern, bengalischen Feuern und Raketen; die Gesellschaft schaute zu, und wenn sich ein Feuerwerkstück gegen die Fenster zu richten schien, so zogen sich die Damen zurück, schrieen vor Entsetzen und lachten dann wieder laut auf; die Herren sprachen den Damen Muth ein, indem sie diese bei den Händen faßten und solche zärtlich in den ihrigen drückten; ich bin nicht überzeugt, daß sie sonst nichts anfaßten; allein die Damen ließen sich beruhigen, man nahm seinen Platz wieder ein, man klatschte Beifall, man war sehr vergnügt, und der alte Marquis sagte von seinem Fenster aus zu seiner Gemahlin: »Meine theure Freundin, das ist prächtig! ... bewundernswürdig! ... blendend! ... ich bedaure sehr, daß Du so entfernt davon bist!« »– Aber, mein Freund, wenn es das Haus in Brand steckte!..« »– Fürchte nichts ... Jasmin ist vorsichtig! er wird den Pompierposten, der nahe bei unserem Hause ist, von seinem Vorhaben in Kenntniß gesetzt haben; überdies ist der Hof sehr groß ... es ist keine Gefahr vorhanden.« Die zärtliche Amenais war nicht sehr beruhigt; es wäre ihr lieber gewesen, wenn man zum Tauffeste ihres jungen Söhnchens kein Feuerwerk abgebrannt hätte; allein Alles schien erfreut, und sie wagte es nicht, die Gesellschaft des Vergnügens an diesem Schauspiel zu berauben. Bald ertönten Beifallsbezeugungen von allen Seiten: Jasmin rief, während er das Transparent mit dem Monde anzündete, aus: »Bildniß unseres Kindes, des kleinen Cherubin von Grandvilain.« Alsdann hatte Jedermann treuherzig applaudirt, obgleich man vergebens die Augen aufriß, um in dem auf den Transparent gemalten Mond ein menschliches Gesicht zu entdecken: man schrieb dies jedoch dem Rauche zu, und mehrere Personen scheuten sich nicht, auszurufen: »Er ist getroffen! ... auf Ehrenwort! man erkennt ihn! Das ist ein prächtiger Gedanke; nur bei dem Herrn Marquis von Grandvilain sind solche Dinge zu sehen!« Während die Gesellschaft das Transparent bewunderte, hatte sich Mamsell Turlurette, die fortwährend von der Manie, etwas loszulassen, geplagt wurde, Jasmin genähert, und sagte zu ihm: »Geben Sie mir Ihre Lunte ... jetzt ist's an mir ... was soll ich anbrennen?« »Hier, Mamsell Turlurette, zünden Sie diese Sonne an; fürchten Sie sich aber nicht?« »– Ich! mich fürchten! o! nein ... zeigen Sie mir nur, was ich anzünden soll ...« »– Nehmen Sie! hier ist die Lunte.« Die dicke Turlurette ergriff die ihr von Jasmin dargebotene Lunte und nahte sich der Sonne; trotz des Muthes, den sie an den Tag legen wollte, ward das dicke Weibsbild doch von einer ziemlich starken Bewegung ergriffen: – denn sie hatte in ihrem Leben noch kein Kunstfeuerwerk angezündet; als sie an dem bezeichneten Orte angebrannt hatte, als sie das Feuer zischen und plötzlich neben sich loskrachen hörte, ergriff sie ein panischer Schrecken; sie glaubte sich von den Sonnenstrahlen in Brand gesteckt, und flüchtete sich auf die entgegengesetzte Seite des Hofes, indem sie mit einer Hand den Rock in die Höhe hob, als ob sie sich einen Gürtel daraus machen wollte, und in der andern immer noch die brennende Lunte hielt, die sie nun ohne Acht zu geben an den ersten besten Ort warf. Die Sonne hatte Bewunderung erregt, sie hatte sich gedreht wie ein Reif; die ganze Gesellschaft applaudirte an den Fenstern; Einige sagten: »Es ist so schön, wie im Tivoli.« Ein Anderer rief aus: »Es ist beinahe so schön, als wenn man bei mir, an meinem Namenstage, auf meinem Gut, in meinem Park, ein Feuerwerk losläßt!« Auch der alte Marquis beugte einen Theil seines Körpers zum Fenster hinaus und rief: »Brav! meine Kinder! ... ich bin höchst zufrieden! ihr dürft nach dem Feuerwerk noch einmal schmausen.« Aber kaum hatte Herr von Grandvilain diese Worte beendigt, als sich ein fürchterlicher Knall hören ließ, welcher das Haus bis in seine Grundfesten erschütterte; die großen und kleinen Böller waren alle mit einem Male losgegangen, weil die dicke Turlurette in ihrem Schrecken die Lunte mitten unter das große, zum Schluß bestimmte Hauptfeuerwerk hineingeworfen hatte. Wenn nur die Böller losgegangen wären, so wäre man mit dem zu frühe gehörten erst für den Schluß des Festes bestimmten Lärm davongekommen; so aber waren sie, als das Feuer sich ihnen mittheilte, unglücklicherweise noch mit den verschiedenen Küchenwerkzeugen bedeckt, die der Haushofmeister aus Vorsicht darauf gelegt hatte; und in demselben Augenblicke, als das plötzliche Krachen Jedermann, selbst diejenigen, welche das Feuerwerk losließen, überraschte, wurden Bratpfanne, Schmalzpfanne und Kastroldeckel mit entsetzlicher Gewalt in die Lüfte geschleudert. Dem Herrn von Grandvilain, der eben seinen Leuten seinen Dank ausgesprochen hatte, riß die Bratpfanne, die bis ins Zimmer drang und gerade vor dem Bette der Wöchnerin niederfiel; ein Ohr weg. Mehrere Personen der Gesellschaft hatten das Unglück, von Kastroldeckeln getroffen zu werden: einem hübschen Frauenzimmer wurden vier Zähne eingeschlagen, einem schönen jungen Manne, der sich über sie her beugte, die Nase mitten entzwei gespalten, wodurch er später einem Kalmuken ähnlich sah; kurz, von allen Seiten ertönte Geschrei, Klagen, Verwünschungen, und diejenigen, welche keinen Schaden gelitten hatten, tobten sogar noch ärger als die Andern. »Das sind die Folgen,« riefen sie, »wenn man der Dienerschaft gestattet, ein Kunstfeuerwerk loszulassen ... der Koch hat sein ganzes Handwerkszeug in die Raketengarbe hineingebracht ... es ist noch ein Glück, daß ihm nicht der Einfall kam, seine Bratöfen mit in die Luft zu sprengen.« Die Gesellschaft hatte genug. Alles entfernte sich, die Einen, um sich verbinden zu lassen, die Andern, um zu erzählen, was sich bei Herrn von Grandvilain zugetragen hatte. Inmitten dieses Unglücks traf Jasmin die Schmalzpfanne, welche, nachdem sie zuvor in die Höhe geschleudert worden, auf sein Haupt zurückgefallen war; und das Angesicht des getreuen Kammerdieners, von Brandwunden bedeckt, glich vollkommen einem Schaumlöffel. Dies verhinderte indeß Jasmin nicht, sich mit erbarmungswürdiger Miene seinem Herrn vorzustellen, der eben eifrigst nach seinem Ohre suchte. »Gnädiger Herr,« flehte der Kammerdiener, »ich bin trostlos ... ich begreife nicht, wie das geschehen konnte ... aber das Feuerwerk ist noch nicht zu Ende ... das Hauptstück fehlt noch ... und wenn Sie wünschen ...« Der Marquis erhob wüthend seinen Stock über Jasmin und wollte nichts weiter hören, und Frau von Grandvilain richtete sich zur Hälfte in ihrem Bette auf, indem sie mit imponirender Stimme zu dem armen Kammerdiener sprach: »Im Namen meines Gemahls verbiete ich Euch von nun an, in unserem Hause irgend Etwas loszulassen.« Viertes Kapitel Neue Art, Kinder aufzuziehen. Mit dem an der Taufe des kleinen Cherubins losgelassenen Feuerwerk war allen Festlichkeiten im Hause Grandvilain ein Ende gemacht. Der Marquis hatte zwar sein Ohr wieder gefunden, war aber außer Stand gewesen, es wieder an seinen frühern Ort zurückzuversetzen; er mußte sich also darein fügen, seine Laufbahn mit einem Ohre zu beschließen, was eine sehr unangenehme Sache ist, wenn man siebenzig Jahre lang gewöhnt war, zwei zu tragen. Amenais hatte ein Grausen vor Kunstfeuerwerken, Fröschen, kurz, vor dem geringsten Krachen gefaßt; der kleinste Lärm that ihr wehe, und dies ging so weit, daß es verboten war, in ihrer Nähe eine Flasche zu entpfropfen. Jasmin war wie ein Schaumlöffel geblieben, hatte sich aber bald hierüber getröstet, denn er hatte schon seit Langem allen Ansprüchen an das schöne Geschlecht entsagt; die kleinen, seinem Gesichte eingeprägten Vertiefungen hinderten ihn nicht am Trinken, und das war für ihn die Hauptsache. Mamsell Turlurette war ohne Verletzung davon gekommen, und doch hätte sie, mehr als jede Andere, wenigstens einen Kastroldeckel verdient, denn sie war die Urheberin all' der Unfälle, welche das Haus betroffen. Allein Niemand hatte den Ursprung des Unsterns errathen, und Turlurette beschränkte sich darauf, ebenfalls den entschiedensten Haß gegen die Kunstfeuerwerke auszudrücken. Die Ruhe war folglich wieder in das Haus Grandvilain zurückgekehrt, wo man übrigens seit dem letzten Feste weit weniger Gesellschaft empfing: die jungen Damen und hübschen Herren fürchteten sich, daselbst ihre Kinnbacken zu verlieren oder eine gespaltene Nase davon zu tragen. Der Marquis konnte sich demnach mit aller Muße der nöthigen Sorgfalt für seinen Sohn hingeben, und der kleine Cherubin erforderte dieselbe in einem hohen Grade, denn er wurde schwach, gelb, kraftlos und war mit drei Monaten weit kleiner, als bei seiner Geburt. Turlurette, die ihn zu jener Zeit gewogen hatte, wußte das gewiß und sagte deßhalb eines Tages ganz leise zu Jasmin: »Es ist sehr sonderbar, das Püppchen der gnädigen Frau schmilzt zusehends! er wiegt gegenwärtig zehn Loth weniger, als am Tage seiner Geburt.« Jasmin sprang in die Höhe bei der Nachricht, daß das Kind seiner Herrschaft abnehme, statt zuzulegen, und er entgegnete Turluretten: »Wenn das so fortgeht, so wird er in Kurzem gar nichts mehr wiegen. Man muß es der gnädigen Frau sagen, daß der Kleine abmagert.« »– Ach! warum nicht gar! ... damit Madame in Sorgen ist ... und ihre Milch ganz ausbleibt ... O! wahrhaftig, nein, ich werde mich wohl hüten.« »– Indessen, Mamsell ... handelt es sich hier um das Wohl des Kindes!« »– Ich will aber der gnädigen Frau keine Betrübniß verursachen.« Jasmin faßte als ergebener Diener einen Entschluß: er begab sich zu seinem Herrn. Der Herr Marquis lag, in seinen Schlafrock eingehüllt, auf einem Ruhebette, sein Kopf war mit einer schönen, grünen Sammet-Mütze bedeckt, die er sorgsam auf die Seite setzte, wo ihm das Ohr fehlte. Seit einiger Zeit hatte der alte Herr die Gewohnheit angenommen, seine Kinnlade zu bewegen, als ob er etwas einsaugte oder kaute, und dieses fortwährende Verzerren des Gesichtes gab ihm das Ansehen eines Nußknackers. Personen, denen dieses Zucken des Marquis unbekannt war, warteten, um mit ihm zu sprechen, bis er verschluckt habe, was er kauete; allein man wartete vergebens, die Kinnlade machte fortwährend dieselbe Bewegung. Seit dem Ereigniß beim Kunstfeuerwerke behandelte Herr von Grandvilain seinen Kammerdiener mit weniger Zuneigung. Indessen hatte Jasmin's Gesicht so zahllose Narben, daß ihm sein Herr wegen eines Vorfalles, dessen zweites Opfer er selbst geworden war, keinen eigentlichen Groll nachtragen konnte. »Was wollt Ihr von mir, Jasmin?« fragte Herr von Grandvilain, als er seinen Diener mit verlegener Miene vor sich stehen sah. »Gnädiger Herr ... ich hoffe, Sie werden mir das, was ich Ihnen zu sagen gedenke, verzeihen ... nur meine Anhänglichkeit an Sie und den jungen Marquis bestimmt mich hiezu ...« »Eure Anhänglichkeit ist mir bekannt, Jasmin, obgleich die Beweise derselben zuweilen ein unglückliches Resultat ergeben haben.« Während dieser Worte kratzte sich Herr von Grandvilain an der Stelle seines verlorenen Ohres. »Laßt hören, was habt Ihr mir zu sagen?« Jasmin schaute besorgt um sich, näherte sich alsdann seinem Herrn und sagte ihm mit leiser Stimme und geheimnißvoller Miene: »So erfahren Sie denn, gnädiger Herr, daß Ihr Sohn zusammengeschmolzen ist ...« Der alte Marquis sinkt auf das Ruhebett zurück, blickt mit Angst seinen Diener an und ruft aus: » Zusammengeschmolzen ! mein Sohn! ... Ach, mein Gott! ... ist er denn in einen Schmelzofen gefallen? ...« »– Wenn ich sage zusammengeschmolzen, mein theurer Herr, so will ich damit nur ausdrücken, daß er abgenommen hat und seit dem Tage seiner Geburt um zehn Loth, nicht mehr und nicht weniger, leichter geworden ist ...« »– Der Teufel soll Euch holen, Jasmin, Ihr habt mir einen entsetzlichen Schreck eingejagt! ... Ihr macht doch immer Dummheiten!« »– Aus Anhänglichkeit an Sie, gnädiger Herr, denn ich hielt es für meine Pflicht, Sie hievon in Kenntniß zu setzen, Turlurette hat unsern kleinen Cherubin gewogen, sie ist ihrer Sache gewiß ... sie wagt es nicht, solches der gnädigen Frau zu sagen; aber ich hielt es für gerathener, Sie davon zu benachrichtigen; denn wenn das Kind nur einigermaßen so fortmacht, so wird es in wenigen Monaten gar nichts mehr wiegen.« Herr von Grandvilain schüttelte betrübt das Haupt und sprach: »In der That, mein Sohn gedeiht nicht ... er bekommt eine gelbliche Farbe, die mich in Staunen verseht ... denn seine Mutter und ich sind sehr weiß ... Ach, mein armer Jasmin, ich erhalte nach und nach die Ueberzeugung, daß man in der Jugend Kinder haben muß, denn dann erben sie auch unsere Stärke!« »– Ach was? gnädiger Herr! ... Sie sind stark! Sie haben eine wahre Pferdsnatur, mit Erlaubniß zu sagen! ... Unser Cherubin ist prächtig zur Welt gekommen ... Sie werden sich dessen erinnern; ... wenn er abfällt ... so kommt es daher, daß er nicht genug ißt ... Die gnädige Frau verhätschelt ihn! verzärtelt ihn ... das mag ganz recht sein ... aber der kleine Schelm würde vielleicht Wein und eine Cotelette vorziehen!« »–Eine Cotelette! ... Bist Du von Sinnen, Jasmin! gibt man zwölfwöchigen Kindern Coteletten zu essen?« »– Es wäre ihnen vielleicht besser als Milch! man weiß es nicht. Wenn ich ein Viehzüchter wäre, so würde ich es probiren.« »– Wahrhaftig, Jasmin, Du erinnerst mich daran, daß der Großvater unseres guten Heinrichs IV. seinem Enkel gleich nach der Geburt Wein zu trinken gab, was dem Kinde keinen Schaden brachte, sondern gerade das Gegentheil, denn Heinrich IV. wurde nach allen Theilen ein wahrer Teufelskerl. Mit Rücksicht auf dieses glaube ich, daß mein Sohn, der bereits über drei Monate alt ist, recht wohl ein Schlückchen edlen Weines trinken dürfte ...« »– Ganz gewiß, gnädiger Herr, der Wein kann niemals schaden, das weiß ich aus meiner langjährigen Praxis ... und Sie haben so vortrefflichen ... unser kleiner Cherubin würde von demselben, statt gelb, auch ein rechter Teufelskerl wie der große König werden, und wenn Sie es nebenbei noch versuchen wollten, ihn eine Cotelette aussaugen zu lassen ...« »– Der Wein wird genügen ... etwas Fleischbrühe dazu dürfte vielleicht dienlich sein ... Wenn nur die Frau Marquisin zugibt, daß ihr Säugling andere Nahrung erhält! ...« »– Hören Sie, gnädiger Herr, Alles wohl erwogen, ist der Kleine unser Sohn! ... Wenn ihn die gnädige Frau nicht gehörig nähert, so haben wir das Recht, unsern Willen auszuführen ... Was Teufels! ... man bekommt nicht jeden Tag ein Kind, und wenn Sie noch einmal von vorn anfangen müßten, so glaube ich, daß ...« »– Ja, Jasmin, ja ... ich werde auftreten, es handelt sich um das Wohl meines Erben, ich will beharrlich sein.« Und der Herr Marquis von Grandvilain erhob sich von seinem Ruhebett und lenkte seine Schritte gegen das Gemach seiner Frau, wobei er sich auf den Arm Jasmin's stützte, der auf dem ganzen Wege wiederholte: »Geben Sie ihm Wein zu trinken, gnädiger Herr, geben Sie ihm gute Suppen, und ich wette mit Ihnen, daß er, ehe ein Monat vergeht, wieder um seine zehn Loth zugenommen hat!« Frau von Grandvilain hatte es nicht gewagt, ihrem Manne zu gestehen, daß sie nicht genug Milch zum Säugen ihres Sohnes habe; sie hatte ein Saughörnchen kaufen lassen, und wenn der Marquis nicht zugegen war, gab man dem Kind aus diesem zu trinken; allein sobald der Vater anwesend war, so spielte man die Amme, und der arme Cherubin war dann auf die unergiebige, unschmackhafte Brust angewiesen. Als der Marquis unversehens in das Zimmer seiner Frau eintrat, in einem Augenblick, wo sie ihn gerade nicht erwartete, so hatte sie das Saughörnchen, aus dem das Kind eben trank, nicht eilig genug entfernen können. »Was ist das, meine Liebe?« fragte der Marquis, den Gegenstand betrachtend, den sein Kind einsog. »Bester Freund,« entgegnete Frau von Grandvilain ganz bestürzt, »das ist ... das ist ein Supplement ...« »Ein Supplement! Ach was Teufels! ei, meine Theuerste, Sie bedienen sich eines Supplements ... und ohne mich davon in Kenntniß zu setzen.« »Mein Lieber, es gibt Augenblicke, wo mir die Milch nicht ganz nach Wunsche kommt ... und der gute Kleine soll dadurch nicht leiden.« »Nein, gewiß nicht, Madame, nur hätte ich, wenn Sie mir es früher gestanden, daß Sie sich eines Supplements bedienen, meinerseits nicht gezögert, Ihnen mitzutheilen, wie sehr ich wünschte, daß die Nahrungsweise unseres Erben eine andere werden sollte. Mein Sohn gedeiht nicht, Marquisin, das ist augenscheinlich ... Ich glaube, die Milch behagt ihm nicht ... Es wundert mich nun weniger, weil es nicht die Ihrige ist. Kurz, ich will eine andere Art versuchen ... Ich will meinem Sohn Wein zu trinken geben.« »Wein, liebster Freund! bedenken Sie doch ... ein drei monatliches Kind ...« »Das prächtig war, als es zur Welt kam ... und mit Deinem Säughörnchen zusehends abnimmt ... Ich werde ihm Bordeaux geben ... das ist ein süßer, edler Wein ... Wenn der gut anschlägt, so können wir später zum Burgunder übergehen.« »Aber, Herr Gemahl, Cherubin bedarf im Gegentheil leichter Sachen ... Eselsmilch sollte man ihm geben! ...« »Meinem Sohne Eselsmilch! ... Pfui, Madame! ... Das begreife ich nicht ... wollen Sie vielleicht einen Esel aus ihm machen? Wein muß er trinken! »Er muß Milch trinken.« Zum ersten Mal stritten sich die beiden Gatten und keines gab nach. Herr von Grandvilain nahm seinen Sohn auf den Arm, trug ihn in sein Zimmer, ließ sich von Jasmin eine Flasche alten Bordeaux bringen und gab seinem Erben mit dem Löffel davon ein. Das Kind verschluckte den Bordeaux, ohne allzuviel Grimassen zu schneiden, nach wenigen Augenblicken färbten sich seine Wängelein, und der alte Kammerdiener, der seinem Herrn behülflich war, dem kleinen Cherubin den Wein einzustoßen, rief aus: »Sehen Sie, Herr Marquis! ... sehen Sie ... unser Sohn hat schon eine bessere Farbe ... es ist ihm schon besser, er gewinnt wieder Kräfte ... wie sehr hatten wir Recht, ihm Wein zu geben ... fahren Sie fort, gnädiger Herr ... er verdreht die Augen ... ich glaube, er will noch mehr ...« Herr von Grandvilain dachte, man müsse beim ersten Male vorsichtig sein und die Dosis nicht übertreiben; er kehrte zu seiner Gemahlin zurück und stellte ihr ihren Kleinen wieder mit den Worten zu: »Madame, Cherubin fühlt sich bereits besser ... er hat wieder Farbe und seine Augen strahlen wie Diamanten ... ich werde mit dem heute Begonnenen fortfahren, und Sie werden sehen, daß sich unser Sprößling gut dabei befinden wird.« Madame entgegnete nichts, aber sobald sich ihr Gatte entfernt hatte, rief sie Turluretten und sagte zu ihr: »Arme Turlurette, komm' und sieh', in welchen Zustand sie dieses liebe Herzchen versetzt haben ... es riecht abscheulich nach Wein, und ich glaube, es ist betrunken!« »Ei, wahrhaftig, ja, gnädige Frau,« rief das dicke Weibsbild aus, nachdem sie an dem Kind gerochen hatte. »Der alte Dummkopf Jasmin ist Schuld daran ... das ist ein Trunkenbold, er ließe die ganze Welt trinken, sogar die Säuglinge. Gnädige Frau, folgen Sie mir, geben wir dem Kleinen etwas Syrup von Brechwurzel, dann wird er seinen Wein wieder von sich geben ... das wird ihn sauber ausputzen.« »Nein, Turlurette ... nein! ... ich müßte fürchten, meinem Sohne zu schaden ... und den Herrn Marquis zu erzürnen. Aber ich will dem guten Herzchen Eselsmilch geben, und das wird die schädliche Wirkung des Weines zerstören.« Die Eselsmilch wurde dem Kinde in dem Saughörnchen dargeboten. Der kleine Cherubin trank sie ohne Schwierigkeit, er war sehr gutartig und schluckte Alles, was man ihm gab: es handelte sich also nur darum, ihm etwas Zweckmäßiges einzugeben. Mehrere Tage wurde mit dieser Ernährungsart fortgefahren. Der Marquis gab seinem Sohne Wein, und die Marquisin Eselsmilch zu trinken. Das Kind kam ganz roth aus den Händen seines Vaters, wurde aber wieder ganz blaß bei seiner Mutter. Bald bemerkte man, daß die Gesundheit des Kleinen völlig zerrüttet wurde, und die dicke Turlurette nach Allem, was man ihm gab, mit der Klystierspritze kommen mußte; und Jasmin, der den kleinen Grandvilain um jeden Preis fett machen wollte, brachte ihm, so oft er mit ihm allein war, ein Stückchen Pastetenkruste oder ein Wursträdchen. Noch war kein Monat vergangen, seit der junge Marquis sich an den Wein, die Eselsmilch, Pasten-Kruste und die Klystierspritze hielt, aber statt zuzunehmen, kam er in einen erschrecklichen Zustand. Die Marquisin weinte, und Herr von Grandvilain entschloß sich, einen Arzt rufen zu lassen. Nachdem dieser das Kind untersucht und Alles vernommen hatte, was man zu seinem Gedeihen gethan, rief er mit sehr strengem Tone aus: »Wenn Sie so fortfahren, kann ich Ihnen zum Voraus sagen, daß ihr Kind in acht Tagen nicht mehr sein wird.« Die Marquisin schluchzte, der Marquis wurde aschgrau, und beide riefen zugleich: »Was sollen wir denn anfangen, Herr Doctor, um unseres Kindes Gesundheit wieder herzustellen?« »Was? ... ihm eine Amme geben ... eine gute Amme, und es mit ihr auf's Land schicken ... es lange, sehr lange dort lassen ... das muß geschehen ... und zwar sogleich ... heute noch ... Sie haben keine Zeit zu verlieren, wenn Sie diesem Kinde das Leben erhalten wollen!« Der Ton, in welchem der Doktor sprach, ließ keinen Widerspruch zu, und die Liebe, welche man für das Kind empfand, war glücklicher Weise über jede Eigenliebe erhaben; man mußte sein Unrecht zugestehen und schleunigst gehorchen. Der Marquis sandte all' seine Leute auf's Land, um eine Amme aufzufinden. Die Marquisin selbst begab sich zu ihren Bekannten, rannte, fragte nach, erkundigte sich; allein die Zeit verstrich und die Gutempfohlenen waren nicht gleich zu haben. Am Schlusse des Tages hatte man noch Niemand gefunden, die Marquisin und ihr Gatte küßten ihr Kind, ohne zu wissen, was sie ihm geben oder anbieten sollten, weil sie nicht mehr wagten, es ferner auf bisherige Weise zu nähren. Plötzlich erschien Jasmin mit einer sehr dicken, sehr frischen, sehr pausbäckigen Bäuerin und rief aus: »Hier ist, wie ich hoffe, was wir suchen; das ist etwas Solides, hoffentlich ... ihre Milch muß wie Käse sein ... wenn die unsern Kleinen nicht herstellt, dann, meiner Treu, will ich nichts mehr von der Geschichte wissen.« Die von Jasmin herbeigebrachte Amme hatte ein so gutes Aussehen und schien einer so festen Gesundheit zu genießen, daß dies zu ihren Gunsten sprach ... Frau von Grandvilain stieß einen Freudenschrei aus und bot das Kind der Bäuerin hin, diese reichte ihm ihre Brust, die es auch begierig, wie Jemand, der gefunden, was er suchte, nahm. Der Marquis klopfte Jasmin auf die Schulter, indem er sagte: »Du bist ein kostbarer Bursche; wie gelang es Dir, diese vortreffliche Amme aufzufinden?« »Wie es mir gelang, gnädiger Herr? ich ging ganz einfach auf das Bureau in der Sanct-Appolinen-Straße ... dort fragte ich nach einer Amme; ich habe deren von allen Farben gesehen ... und diese auserwählt! Das war das Beste, was zu thun war.« Jasmin hatte den einfachsten Weg erwählt: das ist aber gewöhnlich der, den man zuletzt einschlägt. Die Amme des kleinen Cherubin war aus Gagny, und da die Befehle des Arztes bestimmt lauteten, so ging sie schon am nächsten Morgen nach ihrem Dorfe zurück, wohin sie auch ein prächtiges Kindszeug, Geld, Geschenke, Verhaltungsmaßregeln und ihren kleinen Säugling mitnahm. Fünftes Kapitel Das Dorf Gagny. Gagny ist ein hübsches Dorf, es liegt dicht bei Villemomble, von dem es beinahe die Fortsetzung zu bilden scheint, und etwas vor Montfermeil, wenn man des Weges von Paris kommt. Indem ich euch sage, Gagny sei hübsch, verstehe ich darunter nicht, daß es gerade und gut gepflasterte Straßen habe, daß alle Häuser dasselbe gleichartige bürgerliche, sogar elegante Ansehen haben; dann würde es einer kleinen Provinzialstadt gleichen, und hätte nicht mehr das malerische, originelle und ländliche Gepräge. An einem Dorfe liebe ich just diese Verschiedenartigkeit der Wohnungen, diese Unregelmäßigkeit der Gebäude, deren Anblick uns eine angenehme Abwechslung mit der Einförmigkeit der Straßen einer Hauptstadt bietet. Ich will den Pachthof darin sehen mit all' seinem Zugehöre, die Pfütze, in der die Enten schnattern, den Düngerhaufen, auf dem die Hennen picken, dann das Häuschen des wohlhabenden Bauern, der seine Läden grün anstreichen ließ und Weinreben an seinen Fenstern hinauf zieht, das Strohdach eines Taglöhners nicht fern von dem schönen Landhause eines reichen Bürgers aus der Stadt, die reizende Villa einer unserer Celebritäten von Paris, die Wohnung des Gärtners, die Schule, die Kirche und ihren Glockenturm, und mitten unter all' diesem große Bäume, Fußpfade mit Holunder- oder wilden Fruchthecken, Hennen und Hahnen, die sorglos vor den Häusern auf- und abspazieren, frische, muntere, gesunde Kinder, die mitten auf den Straßen und Plätzen spielen, ohne die Equipagen und Omnibusse zu fürchten; sogar den Geruch des Stalles, wenn ich an dem Hause einer Milchfrau vorübergehe; denn all' dieses erinnert uns daran, daß wir wirklich auf dem Lande sind, und wenn wir dieses wahrhaft lieben, so empfinden wir ein Wohlbehagen, ein Glück, dessen Wirkungen sich augenblicklich fühlbar machen, und das wir, ohne nöthig zu haben, nach andern Ursachen zu forschen, der reinen Luft, die wir einathmen, den ländlichen Gemälden, woran sich unser Auge werdet, und der süßen Freiheit, worin wir leben, verdanken! »Für wahre Freuden ist das Land der rechte Ort: Man ehrt die Götter mehr, man liebt sich besser dort!« Gagny bietet euch das Alles dar. Ganz nahe bei Raincy, dem Wald von Bondy und den köstlichen Gehölzen von Montfermeil gelegen, in geringer Entfernung von der Marne, deren Ufer besonders bei Rogent und Gournay reizend sind, könnet ihr vom Dorfe aus die Schritte nach jeder beliebigen Seite hinlenken, ihr werdet überall entzückende Spaziergänge, bewundernswürdige Aussichten finden. Die Umgegend ist durch herrliche Besitzungen verschönert: das rothe Haus, das weiße Haus und das kleine mit Thürmen und Zinnen bedeckte Schloß Horloge , welches euch in Miniatur, aber in sehr geschmeichelter Miniatur die Wohnungen der alten Burgherrn vergegenwärtigt, gehören dazu. So beschaffen ist das Dorf Gagny, das jeden Tag in seiner Nähe irgend eine neue, elegante, gut eingerichtete Wohnung erstehen sieht, wo während der schönen Jahreszeit hübsche Pariserinnen, Künstler, Gelehrte oder Handelsleute sich vom ewigen Lärm und Geräusche der Hauptstadt zu erholen suchen. Ich bemerke, daß ich euch Gagny zeichnete, wie es heut zu Tage ist, während man schon im Jahre 1819 den kleinen Cherubin, Sohn des Herrn Marquis von Grandvilain, dorthin brachte. Im Ganzen war die Lage des Dorfes immer dieselbe, einige hübsche Besitzungen ausgenommen, die damals noch nicht existirten und heut zu Tage bewundert werden. Vor allen Dingen wollen wir die Dorfbewohner kennen lernen, unter welche man unsern Helden versetzte. Man weiß, daß die Amme, die Cherubin mitnahm, eine dicke, frisch und vergnügt aussehende Bäuerin ist, die eine kräftige und volle Gestalt hat und in ihrem Mieder Reize verheißt, womit leicht drei oder vier Marquis und ebenso viel Bürgerliche ernährt werden könnten; aber man weiß noch nicht, daß dieses Weib Nicolle Frimousset heißt, achtundzwanzig Jahre alt ist, drei Knaben und einen Mann hat, der sie zur Verzweiflung bringt, obgleich er ein Muster von Gehorsam und Ergebung in ihren Willen ist. Jakob Frimousset stand in gleichem Alter wie seine Frau; er war ein starker, gut gebauter, schön gewachsener, breitschulteriger, entschlossener junger Kerl, sein rothes, vollkommenes Angesicht, seine starken Augenbrauen, seine schwarzen, glänzenden Augen, seine weißen, regelmäßigen Zähne würden einem Herrn in der Stadt Ehre gemacht haben. Frimousset war ein hübscher Bursche und schien im Voraus einen Mann zu versprechen, der alle im Ehestände auferlegten Pflichten zu erfüllen fähig war. Die Bäuerinnen sind nicht unempfindlich gegen körperliche Vorzüge; man versichert sogar, daß es Damen gibt ... sehr große Damen, die Werth auf solche Kleinigkeiten legen. Nicollen, die einige Güter und eine ziemlich hübsche Mitgift hatte, konnte es nicht an Freiern fehlen; sie wählte Jakob Frimousset, und alle Bäuerinnen im Dorfe ließen sich darüber aus, daß Nicolle keinen schlechten Geschmack habe! Was ohne Zweifel heißen wollte, sie hätten Frimousset ebenso gerne geheirathet. Aber ein altes Sprüchwort behauptet, daß oft der Schein trügt . Es gibt Leute, die nicht an Sprüchwörter glauben wollen! Diese Leute haben höchst Unrecht! Erasmus sagt: Von allen Wissenschaften ist die der Sprüchwörter die älteste; sie galten als die Symbola, woraus das Gesetzbuch der Philosophie der ersten Zeitalter gebildet wurde; sie sind das Compendium der menschlichen Wahrheiten. Aristoteles theilt die Meinung des Erasmus; er hält die Sprüchwörter für Ueberbleibsel der ehemaligen, durch den Zahn der Zeit zerstörten Philosophie und glaubt, daß diese Reste, die nur ihrer Feinheit und Richtigkeit wegen erhalten worden, statt unsere Verachtung zu verdienen, sorgsam überdacht und gründlich studirt werden sollten. Chrysippos und Cleanthes haben lange Abhandlungen zu Gunsten der Sprüchwörter geschrieben. Theophrast hat einen ganzen Band über diesen Gegenstand abgehandelt. Auch zählt man unter den berühmten Männern, welche dieselben vertheidigten, Aristides und Clearchos, Schüler des Aristoteles. Endlich hat Pythagoras Symbole gemacht, die Erasmus in den Rang der Sprüchwörter einreiht, und Plutarch in seinen Denksprüchen die Witzworte der Griechen gesammelt. Wir könnten nun auch alle Schriftsteller der neuern Zeit nennen, die zu Gunsten der Sprüchwörter geschrieben haben; dies würde uns aber zu weit abführen; außerdem sind wir der Ansicht, daß es dem geneigten Leser lieber ist, wieder auf Cherubins Amme zu kommen. Die Bäuerin Nicolle kannte weder Erasmus noch Aristoteles; es gibt auch viele Leute in der Stadt, die durchaus keinen Begriff von diesen Philosophen haben und deßhalb doch recht gut leben. Im Allgemeinen muß man das Studium der Alten nicht zu weit treiben; unsere Kenntniß von dem, was ehemals geschehen, verhindert uns oft, über die Gegenwart recht im Klaren zu sein. Nicolle sah bald ein, daß sie mit Jakob kein Herz, was willst du mehr, erheirathet, sondern einen Mann nach dem Sprüchwort: Ein Apfel, außen schön und fein. Kann innen faul und wurmig sein. bekommen habe, denn der schöne Bauer war zwar nicht wurmig, aber langsam, träge, gleichgültig, kurz – faul im vollsten Sinne des Wortes. Drei Tage nach der Hochzeit seufzte Nicolle schon, wenn man ihr zu ihrer Wahl gratulirte. Aber Frimousset besaß jene Bosheit der Landleute, die ihre wahren Neigungen und ihre Fehler unter einer erheuchelten Miene von Gutmüthigkeit und Freimüthigkeit zu verbergen wissen und dadurch viele Menschen täuschen. Seine Frau war lebhaft, rasch, arbeitsam; er hatte nicht lange gebraucht, um ihren Charakter kennen zu lernen. Weit entfernt, sie in irgend etwas zu ärgern, schien Frimousset der fügsamste, gehorsamste Mann im Dorfe; allein er trieb seine Abhängigkeit so weit, daß sie Nicollen lästig zu werden anfing, und darauf hatte er gezählt. So sagte Jakob eines Morgens, während seine Frau die Haushaltungsgeschäfte besorgte, nachdem er gehörig gefrühstückt hatte, zu seiner Ehehälfte: »Was soll ich jetzt thun, Nicolle?« Und Nicolle erwiderte lebhaft: »Ich glaube nicht, daß es uns an Geschäften fehlt! muß nicht unser Feld gepflügt, das Stück Land an der Straße umgebrochen ... die Wiese gemäht ... und der Garten eingesäet werden? ... gibt es da nichts, zu thun?« »Ja, ja!« entgegnete Frimousset kopfschüttelnd, »ich weiß wohl, daß es nicht an Geschäft fehlt ... aber mit was soll ich anfangen ... mit dem Felde ... der Wiese ... dem Stück Land, oder dem Garten? ... Du sollst mir's sagen ... Du weißt wohl, daß ich nur Deinen Willen thun will.« »Warum nicht gar! Das ist eine Dummheit ... hast Du nicht Verstand genug, um einzusehen, was am Nöthigsten ist?« ... »Nein, ich sage Dir ja ... Du sollst mir befehlen, was ich thun soll ...ich will mich daran gewöhnen, Weibchen, Dir zu gehorchen.« »Thu, was Du willst, und laß mich in Frieden.« Mehr verlangte Frimousset nicht; wenn er mit seiner Sanftheit seine Frau genug gelangweilt hatte, so verfehlte diese nie, zu sagen: »thu, was Du willst, und laß mich in Frieden!« Deßhalb that Nicolle's Mann, gar nichts, sondern ging in die Kneipe, wo er seinen Tag zubrachte. Seine Frau suchte ihn vergebens auf der Wiese und im Garten, und wenn er Abends zum Nachtessen nach Hause kam, fragte sie ihn: »Wo hast Du denn gearbeitet, ich habe Dich nirgends gefunden?« Dann antwortete Jakob mit süßlichem Tone: »Mein Herz« ... Du wolltest mir nicht sagen, mit welchem Geschäft ich den Anfang machen sollte ... ich fürchtete, irgend eine Dummheit zu begehen ... und wollte nichts thun ohne Deinen Auftrag.« Mit einem hartnäckigen Schelme, von Herrn Frimoussets Schlag, wird es nicht lange anstehen, daß der Wohlstand, den man hat, der Dürftigkeit und dann dem Elend Platz machen muß; sowohl bei Niedern, als bei Großen gibt es kein Vermögen, das nicht durch Unordnung zu Grunde gerichtet werden könnte. Nach fünfjährigem Ehestande war Nicolle genöthigt, ihren Acker und ihre Wiese zu verkaufen, und zwar bloß deßhalb, weil Herr Jakob, wenn es zur Arbeit ging, niemals wußte, – wo er anfangen sollte. Indessen hatte sich die Familie um drei kleine, gesunde, eßlustige Knaben vermehrt. Es scheint, daß die Hausfrau in gewissen Punkten nicht immer zu ihrem Gatten sagte: »laß mich in Frieden oder thu', was Du willst,« sondern daß sie ihm alsdann genau die Arbeit anzuweisen wußte, welche er vornehmen sollte; allein drei Kinder mehr und einige Stücke Land weniger waren nicht im Stande, das gute Auskommen in Frimoussets Wohnung zurückzuführen. Deßhalb kam Nicollen der Gedanke, sich als Amme zu verdingen, und da die Bäuerin eben so viel Lebhaftigkeit und Entschlossenheit besaß, als ihr Gatte Faulheit und Gleichgültigkeit, so war ihr Plan bald ausgeführt. Darum hatte Jasmin, als er in der Sanct-Appolinenstraße aufs Ammenbüreau ging, dort die Bäuerin von Gagny gefunden, die er wegen ihres guten Aussehens erwählt und im Triumphe seinem Herrn, dem Marquis von Grandvilain, zugeführt hatte. Nicolle war eine brave Frau, sie fühlte eine aufrichtige Zuneigung zu dem ihr anvertrauten Kinde; sie nahm es auf die Arme, sobald es weinte; sie wurde nicht müde, ihm ihre Brust zu reichen und es in ihren Armen zu wiegen; sie trug auch Sorge, daß es immer hübsch, rein und sauber gewaschen war; allein die Bäuerin war auch Mutter, sie hatte selbst drei Jungen, und trotz der Anhänglichkeit, die sie für ihren Säugling hegte, gab sie doch diesen Jungen die Bonbons, Confekte, Biskuits und Zuckerbrode, mit denen die Frau Marquisin von Grandvilain sie reichlich zu versehen nicht vergessen und ihr dabei den Auftrag ertheilt hatte, dieselben nicht zu sparen und Cherubin nie etwas zu verweigern, sondern wieder andere Süßigkeiten zu begehren, wenn diese aufgegessen wären. Zum Glück für Cherubin befolgte Nicolle ihre Anweisungen nicht buchstäblich. Da man Mutter ist, ehe man Amme wird, so mußte die Bäuerin natürlich ihren Kindern vor dem Kostkinde den Vorzug geben. Sie reichte diesem die Brust, während die andern sich mit Leckereien, Süßigkeiten und Zuckerbroden vollstopften, was in kurzer Zeit einen nachtheiligen Einfluß auf ihre Gesundheit ausübte, während im Gegentheile der kleine Grandvilain frisch, rosig, dick und gesund wurde. Die Ankunft des Säuglings brachte wieder Wohlhabenheit in Frimoussets Haus. Nicolle hatte nur dreißig Franken monatlich verlangt; aber der Marquis sagte hierauf: »Wenn mein Sohn gedeiht, und seine Gesundheit wieder erhält, so gebe ich Euch das Doppelte!« Und die Marquisin fügte hinzu: »Fordert von mir, was Ihr an Spezereien und Kleidern braucht, Alles, was mein Sohn nöthig hat; es soll Euch sogleich verabreicht werden?« Und Jakob, der mehr als jemals Zeit zum Faullenzen und Wirthshauslaufen hatte, weil seine mit ihrem Säugling beschäftigte Frau ihren Mann nicht beaufsichtigen konnte, rief alle Tage aus: »Meiner Treu, Nicolle, Du hast einen sehr guten Gedanken gehabt, Säugamme zu werden! Wenn Du noch drei oder vier solche Püppchen zu säugen hättest, dann hätten wir erst unser bequemes Auskommen!« Und die kleinen Milchbrüder Cherubins, die nichts mehr thaten, als Leckerbissen und Zuckerbackwerk essen, schwammen auch im Entzücken, einen Säugling bei ihrer Mutter zu wissen, der ihnen so viele gute Sachen verschaffte (in Folge deren sie fortwährenden offenen Leib hatten). Erst sechs Wochen waren es, seit Cherubin sich bei der Amme befand, als an einem schönen Herbsttage eine prächtige Equipaqe auf dem Markte des Dorfes Gagny, welches nicht gerade der schönste Platz ist, obgleich man dort die Hauptwache hin verlegt hatte, anhielt. Ein Gefährt, das nicht vollkommen einem Karren gleicht, ist immer ein Ereigniß in einem Dorfe. Schon hatten sich fünf bis sechs alte Weiber, einige Greise, mehrere Bauern und eine Menge Kinder um die Equipage versammelt, die sie neugierig betrachteten, als der Kutschenschlag aufging und sich der Kopf eines Mannes zeigte. Alsbald entstand ein dumpfes Gemurmel und anhaltendes Hohngelächter unter den Neugierigen, und folgende, eben nicht leise ausgesprochene Worte ließen sich vernehmen: »Ach! wie häßlich er ist! ... – O! dieses Angesicht! ... – Darf man so abscheulich sein, wenn man eine Chaise hat? – Da will ich lieber noch zu Fuße gehen! ... – Der ist auch nicht geimpft worden! ...« und noch andere Bemerkungen ähnlicher Art, die leicht zu den Ohren dessen, dem sie galten, dringen konnten, artigerweise aber nur im Stillen hätten gemacht werden sollen; allein Höflichkeit ist nicht die Haupttugend der Bauern in der Umgegend von Paris. Glücklicherweise war der, welcher den Kopf aus dem Kutschenschlag streckte, etwas harthörig und überdies kein Mann, der sich solcher Albernheiten wegen ärgerte, er richtete sogar im Gegentheil, mit freundlicher Miene die Gesellschaft begrüßend, folgende Worte an sie: »Wer von euch, gute Leute, könnte mir die Wohnung der Nicolle Frimousset zeigen ... ich weiß zwar, daß sie in einer Straße ist, die auf den Marktplatz führt ... aber weiter weiß ich nicht.« »Nicolle Frimousset!« sagte ein halbbetrunkener Bauer, der eben aus einer Schenke kam und sich anschickte, in eine andere einzutreten. »Das ist mein Weib ... die Nicolle ... ich bin Jakob Frimousset, ihr Mann ... was wollt Ihr von meinem Weibe?« »Was wir von ihr wollen? Potztausend, wir wollen den kleinen Knaben sehen, den wir ihr anvertraut haben, und uns erkundigen, wie sich das liebe Kind befindet.« »Ach! das ist der Herr Marquis,« schrie Jakob, seinen Hut abnehmend und mehrere Kinder zu Boden werfend, um sich schneller dem Gefährte zu nähern. »Ach! entschuldigen Sie, Herr Marquis! ... ich kannte Sie nicht ... ich will Ihnen den Weg zeigen ... dort ist unsere Straße ... dort neben ... es geht bergauf ... aber Sie haben gute Pferde ...« Und Jakob fängt an, vor der Chaise herzutaumeln und schreit, während er zu tanzen versucht, aus vollem Halse: »Da ist der Vater des kleinen Cherubin! ... Da ist der Marquis von Grandvilain, der uns besucht! ... ich werde seine Gesundheit trinken!« Der in der Chaise entgegnete seinerseits: »Nein, ich bin nicht der Marquis, ich bin Jasmin, sein erster Kammerdiener ... und das Frauenzimmer, das mich begleitet, ist nicht die Frau Marquisin ... sondern Turlurette ... ihre Kammerfrau ... das ist aber einerlei ... zwischen uns und unserer Herrschaft ist durchaus kein Unterschied.« »Ihr sagt eine Dummheit, Jasmin,« wendete Turlurette ein, ihrem Reisegefährten einen Stoß gebend, »wie, zwischen unserer Herrschaft und uns sei kein Unterschied?« »Ich verstehe das nur in Beziehung auf das Kind, das wir zu besuchen kommen ... Man schickt uns, um uns nach dem Zustand seiner Gesundheit zu erkundigen ... können wir das nicht eben so gut sehen, als unsere Herrschaft? ... und sogar noch besser, denn wir haben bessere Augen als sie! ...« »Ihr sprecht mit sehr wenig Achtung von Eurer Herrschaft, Herr Jasmin.« »Mamsell, ich achte und verehre dieselbe ... das hindert mich aber nicht an der Behauptung, daß sie beide in einem erbärmlichen Zustande sind ... welch' armselige Gerippe! ... sie dauern mich! ...« »Nun, schweigen Sie, Herr Jasmin, wir sind an Ort und Stelle.« Das Gefährt hielt vor Frimoussets Hause. Schon hatte Jakobs Geschrei Alles in Bewegung gesetzt ... »Das sind Cherubins Eltern,« sagte man von allen Seiten; die kleinen Jungen sprangen der Chaise entgegen, Jakob ging in den Keller, um Wein zu holen, womit er der Gesellschaft aufwarten wollte, während Nicolle eiligst ihren Säugling wusch und schnäuzte, ihn auf ihre Arme nahm und ihn Jasmin und Turluretten im Augenblicke, als sie aus dem Wagen stiegen, mit dem Zuruf entgegenbrachte: »Da haben Sie ihn, gnädiger Herr und gnädige Frau ... küssen Sie ihn ... und sehen Sie, wie gesund er ist! ... Ach! ich schmeichle mir, daß er nicht so hübsch war, als Sie mir ihn übergaben! ...« »Es ist wahr! ... er ist wunderhübsch!« sagte Jasmin, das Kind küssend. »Es ist ihm so wohl wie einer Hagebuche!« sagte Turlurette, den kleinen Cherubin nach allen Seiten drehend und wendend. Aber während man ihren Säugling bewunderte, hatte Nicolle Zeit, sich zu fassen, betrachtete Jasmin und Turlurette genauer und rief aus:. »Ei! aber ... es kommt mir vor, wie wenn das nicht der gnädige Herr und die gnädige Frau, der Herr Vater und die Frau Mutter wären ... Wahrhaftig! ich erkenne diesen Herrn an seiner rothen Nase und seinem verhackten Gesichte ... er hat mich auf dem Büreau geholt und auserwählt.« »Ja, Amme, Ihr irrt Euch nicht,« entgegnete Jasmin, »ich bin nicht mein Herr ... ich wollte sagen, ich bin nicht der Marquis, das habe ich auch Eurem Manne zugerufen, aber er wollte mich nicht anhören; das thut übrigens nichts, man hat uns geschickt, Turluretten und mich, um uns von der Gesundheit des jungen Grandvilain zu überzeugen, und dem Herrn Marquis und seiner Gemahlin Bericht darüber zu erstatten.« »Ihr seid stets willkommen,« erwiderte Nicolle ... »Dann werdet Ihr's nicht verschmähen, unsern Wein zu versuchen und Euch zu erfrischen!« rief Jakob aus, indem er einen großen, bis an den Rand gefüllten Topf mit Wein herbeischleppte. »Ich habe niemals ein Glas Wein ausgeschlagen und erfrische mich allzeit gerne, auch wenn ich nicht heiß habe,« antwortete Jasmin; »aber zuerst will ich genau die Befehle meines theuern Gebieters vollziehen ... Amme, seit so gut, wickelt das Kind auf und zeigt es mir ganz nackt, damit ich mich überzeugen kann, daß es von oben bis unten, Alles inbegriffen, in gutem Zustande ist.« »Ei, mein Gott! trinkt und laßt uns in Frieden, das ist mein Geschäft!« sagte Mamsell Turlurette, das Kind in ihren Armen behaltend. »Mamsell, ich hindere Sie nicht daran, das Kind gleichfalls zu betrachten, aber ich weiß, was mein Herr mir befohlen hat, und ich will ihm gehorchen ... gebt mir den Cherubin, ich will einen nackten Amor aus ihm machen.« »Ich gebe ihn Ihnen nicht ...« »Dann werde ich ihn zu nehmen wissen!« »Kommen Sie, wenn Sie Lust haben!« Jasmin springt mit einem Satz auf das Kind zu, aber Turlurette läßt es nicht los, jedes reißt es zu sich her; Cherubin schreit; aber die Amme, welche dieser Nachahmung von Salomo 's Urtheil ein Ende machen will, ergreift geschickt das Kind, kleidet es in einem Augenblick aus, präsentirt es alsdann den beiden Dienstboten und läßt sie das kleine, runde, sammtene Hintertheil ihres Säuglings küssen mit dem Ausrufe: »Nun? ... ist das nicht hübsch! ah! Ihr möchtet wohl auch ein solches haben! ... aber prosit die Mahlzeit!« Die Handlung der Amme hat bei der Dienerschaft des Hauses Grandvilain die gute Stimmung wieder hergestellt und den Frieden geschlossen; Turlurette hört nicht auf, das Kind ihrer Herrschaft zu küssen. Jasmin nimmt eine große Prise Tabak, setzt sich dann an einen Tisch und spricht: »Ja, ja. Alles ist in Ordnung ... wir haben da einen herrlichen Sprößling, nun wollen wir Euern Wein versuchen, Pflegvater!« Jakob schenkt eifrig ein, stößt an und schenkt wieder ein, so daß Jasmin eben so zufrieden mit dem Pflegvater, als mit der Amme ist. »Warum sind aber der Herr und die Frau Marquisin nicht selbst gekommen?« fragte Nicolle. »Ach,« entgegnete Turlurette seufzend, »meine arme Gebieterin ist nicht wohl; seit sie säugen wollte, ging's schlimm ... und jetzt, seit sie nicht mehr säugt, geht's noch schlimmer! ...« »Ich hatte mich doch angetragen, unseres Cherubins Stelle zu vertreten, um unserer Gebieterin Erleichterung zu verschaffen!« murmelte Jasmin, während er ein großes Glas Krätzer leerte. »Mein Gott, Herr Jasmin, Sie fangen wieder an Dummheiten zu sagen,« entgegnete Turlurette, »das wäre nicht übel, wenn die gnädige Frau Sie gesäugt hätte ...« »Nun! ... wenn es auf Befehl der Aerzte geschieht ... ich habe eine Dame gekannt, die mehrere Katzen und zwei Kaninchen säugte, weil sie zu viel Milch hatte ...« »Verschonen Sie uns mit Ihren Geschichten! ... kurz, meine Gebieterin ist sehr schwach, sie kann das Zimmer nicht verlassen, oh! wäre das nicht der Fall, so wäre sie schon längst gekommen, ihren theuren Kleinen, von dem sie fortwährend spricht, zu umarmen.« »Was den Herrn Marquis betrifft, der hat die Gicht in den Fersen, das hindert ihn ungemein am Gehen,« sagte Jasmin. »Ich habe ihm zwar ein Mittel vorgeschlagen, nämlich, sich auf den Zehenspitzen zu halten und die Fersen nicht auf den Boden zu bringen, er hat's probirt ... aber nachdem er einige Schritte gemacht ... plumps! gehorsamer Diener, da lag er der Länge nach auf dem Boden; seither hat er es nicht mehr versucht; darum hat man uns hierher geschickt; und seid nur zufrieden, wir werden treulich erzählen, was wir gesehen ... Ihr habt unserem Sohn das Leben wieder gegeben! Ihr seid wackere Leute! Auf Eure Gesundheit Pflegvater, Euer Wein kratzt in der Kehle ... ist aber sonst nicht unangenehm, er hat entfernte Aehnlichkeit mit dem Bordeaux.« Während Jasmin trank und schwatzte, holte Turlurette Alles aus der Chaise, was ihre Gebieterin der Amme bestimmt hatte. Das waren Geschenke jeder Art, Zucker, Kaffee, Kleider und sogar Spielzeug für die Milchbrüder Cherubin's. Das niedere Zimmer, worin sich gewöhnlich die Landleute aufhalten, konnte kaum Alles, was aus dem Wagen herauskam, fassen. Die kleinen Frimoussets machten aber auch Bockssprünge, stießen Freudentöne aus und wälzten sich auf dem Boden beim Anblick dieser schönen Sachen, und Nicolle wiederholte jeden Augenblick: »Die Frau Marquisin ist sehr gütig! ... sie kann sich aber auch darauf verlassen, daß ihr Sohn all' diese Leckerbissen verschlucken wird ... meine Jungen sollen sie nicht berühren! denen ist übrigens auch der Speck lieber.« Jasmin fühlte sich sehr wohl bei Jakob; Turlurette sah sich genöthigt, ihn daran zu erinnern, daß ihre Herrschaft mit Ungeduld auf ihre Rückkehr harre. Beide Dienstboten verabschiedeten sich von den Landleuten, küßten den kleinen Cherubin noch einmal, diesmal aber ins Gesicht, und stiegen in den Wagen ihrer Herrschaft, der sie in kurzer Zeit nach Paris zurückführte. Die Marquisin erwartete die Zurückkunft ihrer Leute mit jener Angst einer Mutter, die für die Tage des einzigen Kindes fürchtet, das der Himmel ihr gewährt hat. Und trotz der Gicht schleppte sich Herr von Grandvilain von Zeit zu Zeit an sein Fenster, um nachzusehen, ob er nicht in der Ferne seine rückkehrende Chaise bemerke. Die jüngere und raschere Turlurette war Jasmin vorangeeilt, sie trat mit freudestrahlendem Antlitz ein; ihre Miene verkündete schon, daß sie gute Nachrichten zu überbringen habe. »Prächtig, gnädige Frau! ... eine herrliche Gesundheit! ein herrliches Kind! o! man erkennt es gar nicht mehr ... es war so schmächtig, als es fortkam! jetzt ist es dick und stark wie ein Fels.« »Wahrhaftig? Turlurette!« rief die Marquisin aus. »Du täuschest uns nicht?« »O! gnädige Frau, fragen Sie nur Jasmin, der eben kommt.« Jasmin kam gerade, schnaufend wie ein Ochse, denn er hatte es versuchen wollen, eben so schnell wie Turlurette die Treppe heraufzuspringen; er trat näher, begrüßte seine Herrschaft mit Würde und sprach: »Unser junger Marquis ist in einem sehr blühenden Zustande, ich hatte die Ehre, ihm den Hintern zu küssen ... ich bitte um Entschuldigung, daß ich mir diese Freiheit genommen ... es ist aber ein so schönes ... so gut gehaltenes Kind ... daß ich behaupte, die Familie Frimousset ist unseres Zutrauens würdig, und man kann die Amme und ihren Mann nur loben.« Diese Worte verbreiteten Freudigkeit in des Marquis Hause. Cherubins Mutter nahm sich vor, sobald ihre Gesundheit wieder hergestellt sei, nach Gagny zu reisen und ihren Sohn zu besuchen, und der Herr Marquis von Grandvilain schwur dasselbe, sobald die Gicht von seinen Fersen gewichen sei. Sechstes Kapitel Die Zeit und ihre Wirkungen. Der alte Marquis und seine Frau fühlten sich ganz glücklich, seit sie ihren Sohn gesund wußten, sie vergaßen ihr eigenes Uebelbefinden darüber, und machten große Pläne für die Zukunft. In einem alten Liede heißt es: Das Heute nur ist unser Theil. Das Morgen ist für Niemand feil – was sehr wahr ist, und beweist, daß man nie auf den folgenden Tag zählen soll; das hindert aber nicht, daß wir oftmals Pläne machen, in welchen wir über eine große Anzahl Jahre mit größter Leichtigkeit wegsehen ... was weit mehr besagen will, als ... ein folgender Tag! ... und der größte Theil dieser schönen Pläne darf doch nie in Erfüllung gehen ... indessen haben wir dennoch Recht, solche zumachen, denn sie sind der beste Theil unseres Glückes; das, welches wir besitzen, scheint uns nie so süß, als das, welches wir uns erst versprechen; es ist hier derselbe Fall, wie bei jenen Landschaften, die, von ferne betrachtet, uns so köstlich erscheinen, und wo wir, wenn wir dem Punkte, den wir bewunderten, nahe gekommen sind, denselben nur ganz gewöhnlich finden. Einen Monat, nachdem Amenais die Versicherung von dem Wohlergehen und der Wiedergenesung ihres Sohnes empfangen hatte, wollte sie, sich besser fühlend, ausgehen und einen Spaziergang versuchen, um desto bälder im Stande zu sein, einen Ausflug nach Gagny zu machen. Aber war sie zu frühe ausgegangen, oder eine neue Krankheit im Anzüge, die Marquisin befand sich unwohl, als sie nach Hause zurückkam; sie mußte ins Bett gebracht werden, und vierzehn Tage nachher geleitete man die Mutter des kleinen Cherubins, die ihren Tod nicht im mindesten geahnt und bis zum letzten Augenblicke die Hoffnung genährt hatte, ihren Sohn umarmen zu dürfen, zu Grabe. Der alte Marquis war trostlos über den erlittenen Verlust, aber im siebenzigsten Jahre liebt man nicht mehr wie im dreißigsten; mit dem zunehmenden Alter wird das Herz minder zärtlich, und das ist sowohl eine Wirkung der Erfahrung, als der Jahre; man wurde im Laufe seines Lebens in seinen Neigungen dermaßen getäuscht, daß man am Ende nothwendig selbstsüchtig werden und die Zärtlichkeit, die man für Andere hegte, auf sich vereinigen muß. Außerdem blieb der Marquis nicht allein auf der Welt; hatte er nicht einen Sohn, der ihn trösten konnte? Sein getreuer Diener sagte eines Tages zu ihm: »Mein theurer Herr, denken Sie an Ihren kleinen Cherubin ... er hat keine Mutter mehr ... eigentlich hätten Sie vor ihr sterben sollen, denn Sie waren weit älter! aber die Dinge gehen nicht immer, wie sie sollen und man es sich vorstellt! ... Die Frau Marquisin ist gestorben und Sie leben ... es ist wahr. Sie haben die Gicht ...aber es gibt Leute, welche nicht so bald von ihr mitgenommen werden ... Sie sind ein Exempel davon. Seien Sie ein Mann, Herr Marquis, denken Sie an Ihren Sohn, aus dem wir einen kreuzfidelen Kerl machen wollen ... so wie Sie ehemals einer waren ... denn früher waren Sie ein famoser Kamerad, gnädiger Herr, man würde es nicht mehr glauben, wenn man Sie jetzt sieht.« »Was soll das heißen, Jasmin, ich bin also sehr verändert ... seh' ich denn jetzt ganz impotent aus?« »Ich sage das nicht, gnädiger Herr, aber ich meine doch, daß es Ihnen jetzt schwer werden würde, sich an einem Tage zu fünf bis sechs Stelldicheins zu begeben ... was Ihnen früher oft vorkam! ... Ach welch' ein Verführer waren Sie sonst ... Nun! ich stelle mir vor, Ihr Sohn werde Ihnen nachschlagen ... daß ich auch seine Liebesbriefe werde austragen müssen ... nun! nun! Ich werde sie mit Vergnügen besorgen; ... Ich verstehe mich darauf, ein Liebesbriefchen zuzustecken.« »Das heißt, mein armer Junge, Du machtest stets Ungeschicklichkeiten und Dummheiten, und es ist nicht Deine Schuld, wenn ich nicht hundert Mal von eifersüchtigen Ehemännern oder Nebenbuhlern überrascht und todtgeschlagen wurde ...« »Sie glauben, gnädiger Herr? ... o! Sie irren sich ... es ist schon so lange, Sie haben all' das aus dem Gedächtnisse verloren.« »Im Ganzen genommen,« fuhr Herr von Grandvilain nach einer Weile wieder fort, »würde es mir, wenn ich diese arme Marquisin noch so lange beweinte, dieselbe nicht wieder bringen ... Ich muß mich meinem Sohne erhalten. »Ach! wenn ich ihn nur in seinem zwanzigsten Jahre noch sehen könnte, das wäre Alles, was ich wünschte.« »Potz tausend! ... ich glaub's doch ... Sie sind nicht versteckt!« entgegnete Jasmin, »zwanzig und Ihre siebzig machen neunzig!« »Nun, Jasmin, kann man nicht so alt werden?« »Ach, der tausend! ... das ist selten! ... aber es kommt vor.« Wie alt bist denn Du, drolliger Bursche! daß Du Dir solche Bemerkungen erlaubst?« »Ich, gnädiger Herr! fünfzig Jahre,« erwiederte Jasmin, sich gerade aufrichtend und ein Bein vorstreckend. »Hum! ... ich glaube, Du verschweigst einen Theil ... Du scheinst weit älter. Gleichviel, ich überlebe zehne, wie Du bist!« »Der gnädige Herr können das gewiß, wenn Sie wollen.« »Und sobald meine Gicht weg ist, werde ich meinen Erben besuchen und umarmen. Ich könnte wohl die Amme hieher kommen lassen, aber der Arzt hält es nicht für gut, die Kinder einer Luftveränderung auszusetzen, und ich will lieber auf sein Wiedersehen Verzicht leisten, als ihn der Gefahr preisgeben, wieder krank zu werden.« »Zudem, gnädiger Herr, wissen Sie ja, daß ich stets bereit bin, wenn Sie es wünschen, unsern Kleinen zu besuchen ... es ist überflüssig, daß mich die dicke Turlurette begleitet ... ich weiß selbst zu beurtheilen, ob sich ein Kind wohl befindet. Ich werde, wenn Sie wollen, alle Tage nach Gagny gehen, es ermüdet mich gar nicht.« Jasmin besuchte Cherubin recht gerne; erstens hatte der treue Diener schon eine innige Anhänglichkeit an den Sohn seines Herrn und dann leerte er gerne einige Krüge Wein mit dem Pflegevater, der sein Freund geworden war. Acht Monate waren seit dem Tode der Frau Marquisin verflossen, als endlich Herr, von Grandvilain, von seiner Gicht befreit, im Stande war, seinen großen Lehnstuhl zu verlassen. Sein Erstes war, Befehl zu ertheilen, daß man seine Pferde vor seinen Wagen spannen solle, dann stieg er hinein. Dies Mal kletterte Jasmin hintenauf, und man schlug den Weg nach Gagny ein. Der kleine Cherubin gedieh herrlich, denn nicht er aß die Leckerbissen, die Turlurette immer der Nicolle zuschickte. Schon war einer der kleinen Jungen der Amme an der Magenentzündung gestorben; die beiden andern größern und stärkern unterlagen den Bisquits und Zuckerkörnern nicht so leicht, aber ihre Gesichtsfarbe war blaß und matt, während Cherubin von Gesundheit und Frische strotzte. An dem Tage, wo der Marquis sich auf den Weg nach Gagny begab, hatte Jakob Frimousset schon früh Morgens mit seinen Wirthshausbesuchen angefangen und war bereits völlig betrunken, als einer seiner Bekannten ihm die Nachricht mittheilte, daß die Equipage des Herrn Marquis von Grandvilain vor seiner Thüre halte. »Ah,« sagte Jakob, »mein Freund, Herr Jasmin, besucht uns; ... obgleich Kammerdiener eines großen Hauses, ist er doch gar nicht stolz: wir werden ein paar Flaschen mit einander ausstechen.« Und der Amme Mann kam ganz schwankend nach Hause; er trat in die untere Stube ein, wo Herr von Grandvilain seinen Sohn, der nun schon ein Jahr alt war, und über seines Vaters Kinn, das keinen Augenblick stille stand, sehr zu lachen schien, auf den Knien schaukelte. »Was ist das für ein Alter?« rief Frimousset aus, indem er sich die Augen rieb und an die Wand lehnte. »Das ist der Herr Marquis von Grandvilain selbst!« entgegnete ihm Nicolle, während sie ihm von Ferne winkte, eine achtungsvollere Stellung anzunehmen; er aber schlug ein lautes Gelächter auf und sagte: »Das sei Cherubin's Vater! ... geht doch! das ist unmöglich! das ist sein Großvater ... sein Urgroßvater ... wenigstens! ... kann man noch so kleine Fratzen haben, wenn man schon so runzelig ist!« Herr von Grandvilain wurde purpurroth vor Zorn; er hatte einen Augenblick Lust, seinen Sohn mitzunehmen, und nie mehr den Fuß über die Schwelle dieses groben Bauern zu sehen, der ihm solche unangenehme Dinge sagte; aber schon war es Nicolle gelungen, ihren Mann aus dem Zimmer hinaus zu treiben, und Jasmin, der sich eben in einiger Entfernung etwas erfrischt hatte, trat wieder näher und sagte: »Hören Sie nicht auf ihn, gnädiger Herr; der Pflegevater ist betrunken ... er ist weg ... er sieht nicht mehr klar ... sonst hätte er nie solche Dinge ausgesprochen, er hätte sie vielleicht gedacht, aber nicht geäußert.« »Mein Mann ist ein Trunkenbold, und sonst nichts!« erwiderte Nicolle. »Ich bitte sehr um Verzeihung für ihn, Herr Marquis; zu glauben, Sie seien nicht der Vater Ihres Sohnes! ... ei, mein guter Gott ... man merkt wohl, daß ihm vom Trinken die Augen trübe sind ... Der Kleine ist Ihnen ja aus dem Gesicht heraus geschnitten! ... er hat Ihre Nase, Ihren Mund ... Ihre Augen, kurz. Alles von Ihnen!« Diese Lobeserhebung war lächerlich übertrieben und sehr wenig schmeichelhaft für den kleinen Cherubin. Aber der Herr Marquis von Grandvilain, der nicht altern wollte, nahm das Alles für baare Münze, betrachtete seinen Sohn nochmals und sprach vor sich hin: »Ja, er gleicht mir ... er wird ein hübscher Bursche werden.« Dann stand er auf und legte mit folgenden Worten eine Börse in die Hand der Amme: »Ich bin zufrieden, mein Sohn befindet sich wohl, fahret fort, Sorge für ihn zu tragen; da ihm die Luft dieser Gegend gut thut, so werde ich ihn lange ... sogar sehr lange in Euern Händen lassen ... Die Kinder haben immer noch Zeit zum Lernen; die Gesundheit geht vor Allem! ... nicht wahr, Jasmin?« »O! ja, gnädiger Herr! ... die Gesundheit! Sie haben vollkommen Recht, denn was hilft es, gelehrt zu sein, wenn man todt ist?« ... Herr von Grandvilain lächelte über die Bemerkung seines Kammerdieners und kehrte, nachdem er Cherubin noch einmal geküßt hatte, in seinen Wagen zurück. Jakob lehnte in einem Winkel des Hofes, aus dem er nicht mehr hervorzutreten wagte, er begnügte sich mit einer Verbeugung vor dem Marquis, und dieser suchte, während er an dem Landmann vorbeiging, sich aufrecht zu halten, und that sein Möglichstes, um seinen Schlitten die Leichtigkeit und Sicherheit der Jugend zu verleihen. Mehrere Monate vergingen, im Laufe deren Herr von Grandvilain oft sagte: »Ich will nach Gaguy reisen.« Aber er reiste nicht; die Furcht, abermals dem Pflegvater zu begegnen und sich auf's Neue Artigkeiten der frühern Gattung sagen lassen zu müssen, hielt den Marquis zurück; daher beschränkte er sich darauf, seinen Sohn, der nun stark genug war, eine so kurze Reise ohne Gefahr zu unternehmen, nach Paris holen zu lassen. Nicolle verblieb mehre Stunden im Hause des Marquis, aber Cherubin gefiel es nicht darin; er weinte und verlangte ins Dorf zurück; dann küßte Herr von Grandvilain seinen Sohn und sagte zur Amme: »Geht schnell, man muß ihn nicht ärgern, es könnte ihn wieder krank machen.« Zwei weitere Jahre vergingen auf diese Weise. Cherubin genoß einer vorzüglichen Gesundheit, ohne jedoch so dick und stark zu sein, wie sonst die meisten Bauernkinder sind; er war heiter, spielte und lief gerne umher; aber sobald man ihn nach Paris führte, sobald er bei seinem Vater im Hôtel Grandvilain war, verlor der kleine Knabe seine Munterkeit; es ist wahr, das Haus in der Vorstadt Saint-Germain war nicht freundlich, und der alte, beinahe stets von der Gicht geplagte Marquis traurig genug. Man that zwar sein Möglichstes, dem kleinen Jungen den Aufenthalt im Hotel angenehm zu machen; man hatte ein ganzes Zimmer mit Spielzeug angefüllt, man überdeckte einen Tisch mit Leckereien, Cherubin durfte Alles essen. Alles zerbrechen, man ließ ihm gänzlich seinen Willen, aber wenn das Kind einiges Spielzeug betrachtet und einiges Süße gegessen hatte, lief es zu seiner Amme, nahm sie bei der Schürze, schaute sie mit zärtlichem Blicke an und fragte mit flehender Stimme: »Mutter Nicolle ... werden wir nicht bald wieder nach Hause gehen?« Eines Tages machte der Marquis eine ernste Miene, ließ seinen Sohn neben seinen Lehnstuhl kommen und sprach zu ihm: »Aber Cherubin, Du bist hier zu Hause ... auf dem Dorfe bist Du bei Deiner Amme ... hier aber bei Deinem Vater ... und folglich zu Hause.« Das Kind schüttelte den Kopf und erwiederte: »O nein, hier bin ich nicht zu Hause.« »Cherubin, Du bist ein kleiner Eigensinn, Du glaubst Dich hier nicht zu Hause, weil Du nicht gewöhnt bist, hier zu sein ... aber, wenn Du vierzehn Tage hier bliebest, hättest Du das Dorf ganz vergessen; denn hier ist es, will ich hoffen, doch weit schöner, als bei Deiner Amme.« »O nein! bei uns zu Hause ist es schöner!« »Zu Hause! Zu Hause! Du wirst langweilig! ... Nun, weil es denn so ist ... weil es Dir bei Deinem Vater nicht gefällt, so bleibst Du gerade hier, Du darfst nicht mehr zu Deiner Amme zurück; ich behalte Dich bei mir ...« Das Kind wagte keine Erwiederung mehr; der strenge Ton, den sein Vater zum ersten Male gegen dasselbe annahm, ergriff es dergestalt, daß es stumm und unbeweglich blieb, nach wenigen Augenblicken jedoch verfinsterten sich seine Züge, seine Augen zerflossen in Thränen und es brach in ein lautes Schluchzen aus. Auf dieses eilte Jasmin, der in einem anstoßenden Zimmer das ganze Gespräch mitangehört hatte, wie ein Wüthender herbei und schrie: »Nun! was soll das heißen? Sie bringen unser Kind bereits zum Weinen! ... Das ist hübsch! ... Wollen Sie jetzt ein Tyrann werden? ...« »Geht, Jasmin, schweigt ...« »Nein, gnädiger Herr, ich dulde es nicht, daß Sie unserem Kleinen Kummer machen! Da kämen Sie mir recht! ... ich widersetze mich feierlich ... sehen Sie, das arme Kind schwimmt in Thränen ... aber was haben Sie denn heute, ist Ihnen die Gicht ins Herz gezogen?« »Jasmin ...« »Gnädiger Herr, es ist mir einerlei! ... schlagen Sie mich, jagen Sie mich aus dem Hause ... sperren Sie mich in den Stall ... lassen Sie mich bei den Pferden liegen ... thun Sie, was Sie wollen, nur bringen Sie dieses Kind nicht zum Weinen ... denn dann, sehen Sie ... werde ich ...« Jasmin hielt inne, er konnte nicht mehr weiter reden: denn er weinte auch. Als Herr von Grandvilain seinen getreuen Diener sich die Augen mit dem Taschentuch bedecken sah, reichte er ihm, statt zu schmähen, die Hand und sprach: »Nun, sei nicht böse ... ich hatte Unrecht ... ja, ich hatte Unrecht, dieses theure Kind zu betrüben. Alles wohl erwogen, ist meine Gesellschaft eben nicht heiter, die Gicht macht mich oft mürrisch. Was würde auch der arme Kleine hier im Hause anfangen? Er ist noch zu jung zum Lernen! ... und da er keine Mutter mehr hat, wollen wir ihm so lang als möglich seine Amme lassen. Ueberdies ist die Luft in Paris nicht so gesund, als die auf dem Lande. – Nehmt Euern Zögling wieder zurück, Amme, da er Euch so sehr liebt; Ihr macht sein Glück aus. Komm, küsse mich, Cherubin, und weine nicht mehr, Du wirst mit Deinen Freunden zurückkehren; sie lieben Dich zwar nicht mehr als wir, Du aber liebst sie mehr als uns. Ich will mich in Geduld zu fassen suchen, vielleicht wird später die Reihe auch noch an mich kommen.« »Bravo! ... Bravo!« rief Jasmin aus, während sein Herr seinen Sohn umarmte. »Ach! das heiß ich gut gesprochen ... jetzt erkenne ich Sie wieder, gnädiger Herr! Ei! freilich wird Sie Ihr Cherubin einst lieben, sogar wertschätzen ... aber später ... das kommt nicht sogleich ... lassen Sie ihn erst ein wenig größer werden ... und wenn er Sie dann nicht liebt, dann will ich ihm schon den Leviten lesen!« Die Amme nahm also das Kind wieder mit sich fort und war froh, es behalten zu dürfen, da sie große Vortheile durch dasselbe genoß; zuvor aber hatte sie dem alten Marquis versprechen müssen, Cherubin in der künftigen Woche wiederzubringen, denn der alte Herr schien ungewöhnlich traurig, als er sich von ihm verabschiedete. Man sagt, es gebe Ahnungen, geheime Vorgefühle, die uns ein nahendes Unglück zum Voraus verkünden, und daß unser Herz heftiger schlage, wenn wir uns von einer geliebten Person trennen, die wir niemals wiedersehen sollen: warum sollten wir nicht an Ahnungen glauben? Die Alten glaubten an Vorbedeutungen. Geistreiche Leute sind oft sehr abergläubisch; es ist unendlich besser, an viele Dinge als an gar nichts zu glauben; die starken Geister sind nicht immer große Geister. Hatte nun der Marquis von Grandvilain eine Ahnung, als er nur mit Bedauern seinen Sohn entließ, das ist unbekannt; Thatsache aber ist, daß er ihn nicht mehr sehen sollte; drei Tage nach der eben berichteten Scene raffte ein Gichtanfall den edeln Greis in wenigen Stunden dahin, er hatte nur noch Zeit, Jasmin den Namen seines Notars zuzustammeln, und sein letzter Seufzer war nach seinem Sohn. Der Schmerz des Kammerdieners war lebhafter, rührender, aufrichtiger, als er von gar manchen Verwandten und Freunden gewesen wäre. Wenn uns unsere Dienstboten lieben, so lieben sie uns sehr, denn sie kennen unsere Fehler so gut als unsere Tugenden, und vergeben uns die einen um der andern willen, was unsere Freunde und sonstigen Bekannten niemals thun. Jasmin war besonders trostlos, seinen Herrn darüber gezankt zu haben, daß er seinen Sohn bei sich behalten wollte. »Ich bin Schuld,« dachte er, »daß er ihn vor seinem Tode nicht mehr umarmen konnte ... mein armer Herr, er ahnte seinen nahen Tod, als er sein Kind nicht mehr ins Dorf zurück lassen wollte ... und ich habe mir erlaubt, mit ihm zu zanken ... Narr, der ich war! ... und er schlug mich nicht nieder, wie ich es verdient hätte! ... im Gegentheil, er reichte mir die Hand! ... Ach! welch' einen Herrn habe ich an ihm verloren, ich stürbe vor Verdruß, wenn ich nicht über den kleinen Cherubin wachen müßte.« Jasmin erinnerte sich dann, daß sein Herr, bevor er die Augen geschlossen, den Namen seines Notars gestammelt habe, und da er vermuthete, daß dieser mit der letzten Willensvollstreckung seines Herrn beauftragt sei, so benachrichtigte er ihn schleunig von dessen Tode. Der Notar des Herrn von Grandvilain war ein noch junger Mann, aber von ernstem, sogar etwas strengem Aeußern; er hatte in der That des Marquis Testament in Händen und war mit der Vollziehung seines letzten Willens beauftragt. Er beeilte sich, das Aktenstück zu öffnen und las wie folgt: »Ich habe dreißigtausend Franken Renten. Mein ganzes Vermögen fällt meinem Sohne und einzigen Erben zu. Ich will, daß er im fünfzehnten Jahre in den Besitz seines Vermögens eingesetzt werde. Bis dahin übertrage ich meinem Notar die Verwaltung desselben. Ich will nicht, daß irgend etwas im Innern meines Hauses geändert, noch einer meiner Dienstboten entlassen werde. Jasmin, meinen getreuen Kammerdiener, ernenne ich zum Intendanten meines Hauses. Jeden Monat soll ihm mein Notar die für das Hauswesen von ihm geforderten und die zur Erziehung meines Sohnes nöthigen Gelder behändigen. – Sigismund Wenzeslaus, Marquis von Grandvilain .« Der Notar konnte sich nach Durchlesung dieses Testaments eines Lächelns nicht erwehren, und Jasmin, der mit beiden Ohren zugehört hatte, betrachtete ihn staunend und stotterte: »Aus all diesem, Herr Notar, habe ich nicht ersehen, wer der Vormund des Kleinen sein soll.« »Es ist keiner da, Jasmin! sein Vater hat keinen für ihn ernannt; er hat sich auf mich und auf Sie verlassen; auf mich, hinsichtlich der Verwaltung seines Vermögens; auf Sie, zur Überwachung seines Betragens. Es scheint, daß Herr von Grandvilain ein großes Vertrauen in Sie setzte ... daß Sie es verdienen, bezweifle ich nicht ... aber ich fordere Sie auf, Ihren Eifer für den jungen Marquis zu verdoppeln ... bedenken Sie, daß Sie jetzt für ihn Sorge tragen müssen. In Rücksicht seines Vermögens wünscht sein Vater, daß er im fünfzehnten Jahre Herr darüber sei ... das heißt sehr früh reich werden! ... weil aber der Wille seines Vaters so lautet, Jasmin, so tragen Sie das Ihrige dazu bei, daß der junge Marquis in seinem fünfzehnten Jahre an Charakterstärke und Kenntnissen schon ein Mann sei!« Jasmin hörte diese Worte mit gerührter Miene an; er begann eine Antwort, verwickelte sich aber in einem Satze, den er nicht vollenden konnte, und verließ endlich den Notar, nachdem er von diesem eine Summe Geldes zur Bestreitung des Hauswesens erhalten hatte. Als Jasmin ins Hôtel zurückkehrte, war er um drei Zoll größer geworden und aufgeschwollen, wie ein Ballon; die Eitelkeit nistet sich überall ein, bei den Großen, wie bei den Kleinen, sie muß sogar bei den letztern noch stärker sein, da sie nicht an die Größe gewöhnt sind. Die ganze Dienerschaft, neugierig, den Inhalt des Testamentes zu erfahren, schaarte sich um den Kammerdiener. Jasmin machte eine wichtig einfältige Miene, sprach durch die Nase und entgegnete ihnen: »Seid ruhig, meine Freunde, es wird nichts im Hause verändert; ich behalte euch Alle in meinen Diensten ...« »Sie, Herr Jasmin ... sind Sie der Erbe unseres Herrn?« »Nein, ich erbe nicht ... aber ich stelle den Erben vor, kurz, ich bin der Intendant des Hauses ... ich behalte Alles bei, den Koch, den Kutscher (den Keller besorge ich wie bisher selbst) ... die Haushälterin ... weil es der Herr Marquis so haben wollte ... widrigenfalls ich euch Alle fortgeschickt hätte ... denn es ist sehr überflüssig, Dienstboten zu halten, wo keine Herrschaft ist ... Ach! ich irre mich doch, der junge Marquis ist jetzt unsere Herrschaft ... und wenn er in Zukunft sein Haus bewohnen will, so soll er es ganz eingerichtet finden; denn das war ohne Zweifel die Absicht seines hochseligen Vaters, der wir uns unterwerfen müssen.« Die ganze Dienerschaft verneigte sich vor Jasmin, der nun ein eminenter Mann geworden war, und er selbst zog sich, nachdem er die Glückwünsche seiner nunmehrigen Untergebenen entgegen genommen hatte, in sein Zimmer zurück, sann über Alles nach, was ihm der Notar gesagt, und zerbrach sich den Kopf darüber, was er mit Cherubin anfangen sollte, damit er die Absichten seines Herrn würdiger Weise erfülle. Als er sich mehre Stunden erfolglos den Kopf zerarbeitet hatte, rief er aus: »Meiner Treu, das Beste ist, glaub' ich, man läßt den kleinen Cherubin bei der Amme.« Siebentes Kapitel Die kleine Louise. Cherubin ist immer im Dorfe, wohnt immer noch bei seiner Amme, Nicolle Frimousset, und doch ist Cherubin schon zehn Jahre alt; obgleich zärtlich, ist er doch gesund, und die Leistung einer Amme seit Langem nicht mehr bei ihm vonnöthen. Aber der Erbe des Marquis von Grandvilain hat fortwährend die gleiche Anhänglichkeit an den Aufenthaltsort seiner Kindheit beibehalten, – und wird böse, wenn man ihm vorschlägt, denselben zu verlassen. Indessen ist Jakob, der Pflegevater, trunksüchtiger als je, und Nicolle, immer ihrem Manne in den Haaren liegend, mit zunehmenden Jahren selten bei guter Laune; auch ihre beiden Jungen sind nicht mehr im Dorfe: der eine ist Maurer in Orleans, der andere bei einem Zimmermann zu Livry in der Lehre. Ungeachtet dessen gefällt es Cherubin stets bei seiner Amme, wo er ein kleines Mädchen, das nur zwei Jahre jünger ist als er, zur Gesellschaft hat. Wenige Tage vor des Marquis von Grandvilains Tode stieg nämlich eines Morgens eine ganz junge Dame aus der Stadt, deren Kleidung ziemlich elegant war, vor der Wohnung Nicolle's aus einem Fiaker ab. Diese junge, schön und vornehm aussehende Dame war sehr blaß und schien sehr angegriffen; sie trug ein kleines, etwa ein Jahr altes Mädchen auf ihren Armen und sagte, sich an Jakobs Frau wendend, mit einer von Thränen erstickten Stimme: »Hier ist meine Tochter ... sie ist erst ein Jahr alt, nimmt aber schon seit einigen Monaten die Brust nicht mehr. Ich wünschte, sie bei braven Leuten, die gehörige Sorge für sie tragen und sie wie ihr eigenes Kind behandeln würden, in die Kost zu geben. Wollt Ihr sie übernehmen, liebe Frau? ich kann meine Tochter nicht bei mir behalten ... es ist sogar möglich, daß ich sie lange nicht zurückverlangen kann ... Hier, in dieser Rolle sind dreihundert Franken ... das ist Alles, worüber ich in diesem Augenblick zu verfügen vermag, aber ehe ein Jahr vergeht, werde ich Euch eine ähnliche Summe zuschicken ... wenn ich nicht schon vor dieser Zeit zurückkehre, um mein Kind zu umarmen.« Nicolle, die sich bei Verpflegung des ersten Kindes sehr gut stand, glaubte, es wende sich ihr ein neues Glück zu und ging mit Freuden in den Vorschlag ein. Die junge Dame übergab ihr das kleine Mädchen, das Geld, ein ziemlich großes, die Kleidungsstücke des Kindes enthaltendes Paket, und stieg, nachdem sie ihre Tochter noch einmal geküßt, rasch in die Chaise, die sogleich wieder abfuhr. Jetzt erst fiel es Nicollen ein, daß sie die junge Dame weder um ihren Namen, noch ihre Adresse, noch um den Namen des Kindes gefragt hatte; aber es war zu spät, die Chaise schon zu weit entfernt, doch tröstete sich Nicolle bald über ihre Vergeßlichkeit und dachte: »Was schadet's! diese Dame kommt ja wieder ... sie will ohne Zweifel ihr Kind nicht verlassen ... sie hat mir hundert Thaler gegeben! ... damit kann ich mich schon gedulden und dann ist sie so gar hübsch, diese Kleine; es ist mir zu Muthe, als wenn ich sie auch umsonst behalten hätte. Wie will ich sie doch nennen? ... ei was! Louise, weil heute der Sanct-Ludwigstag ist; ... kommt ihre Mutter, so kann sie mir, wenn ihr dieser Name mißfällt, ihren eigentlichen Namen sagen ... Wie dumm ich doch gewesen bin, sie nicht darnach zu fragen ... sie schien auch so eilfertig, so bewegt, diese Dame ... also, Louise, es ist ausgemacht; das soll eine Gesellschafterin für Cherubin geben, dann wird er sich nicht so bald bei uns langweilen, der liebe Knabe ... und je länger wir ihn behalten können, je besser befinden wir uns dabei.« Und in der That wurde das kleine Mädchen die treue Gespielin Cherubins; sie wuchs mit ihm auf, theilte all' seine Spiele, all' seine Freuden; Cherubin war unzufrieden, wenn Louise nicht bei ihm war. Die Lebhaftigkeit des kleinen Mädchens gesellte sich vortrefflich zu der natürlichen Sanftmuth des jungen Marquis; und als dieser sich zu einem recht hübschen Knaben entwickelte, sah man deutlich, daß auch Louise ein recht hübsches Mädchen zu werden versprach. Die junge Dame jedoch, welche Nicollen dieses Kind, dessen Mutter sie sich nannte, überbracht hatte, war nicht mehr nach Gagny zurückgekommen; ein einziges Mal, ein Jahr nach ihrem Besuche, erschien eine Art von Paris geschickter Commissionär bei Frimoussets und übergab ihnen eine Rolle, welche dies Mal nur hundertfünfzig Franken enthielt, mit den Worten: »Es ist von der Mutter des Euch im vergangenen Jahr überbrachten Kindes; sie läßt Euch fernerhin ihre Tochter anempfehlen.« Darauf hatte Nicolle diesen Mann ausgeforscht und ihn nach dem Namen und der Wohnung der Dame, die ihn sende, gefragt, aber der Commissionär entgegnete, daß er sie nicht kenne; man sei in Paris zu ihm auf seinen Platz gekommen und habe ihn, nachdem man sich überzeugt, daß er ein berechtigter Commissionär sei, unter Vorausbezahlung mit diesem Auftrag hierher gesendet. Weiter konnte Nicolle nicht erfahren, und hatte seitdem weder Nachrichten noch Geld erhalten. Aber Louise war so lieblich, daß es ihrer Pflegemutter nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen war, sie fortzuschicken. Außerdem hing Cherubin herzlich an ihr; das junge Mädchen war ein weiteres Band, das ihn bei seiner Amme festhielt, und wenn sich etwa Jakob einige Bemerkungen über das nunmehr unentgeltlich aufgezogen werdende Kind erlaubte, so entgegnete ihm seine Frau: »Schweig, Trunkenbold, das geht Dich nichts an, wenn die Mutter der Kleinen nicht kommt, sie abzuholen, so ist sie vielleicht schon gestorben, oder ist sie eine sehr schlechte Mutter; ist sie todt, so muß ich ihre Stelle bei dem Kinde ersetzen; ist sie aber eine schlechte Mutter, so wäre Louise unglücklich bei ihr, und dann ist es besser, wenn sie bei mir bleibt.« Während Cherubin neben seiner kleinen Freundin aufwuchs, leitete Jasmin fortwährend das Hauswesen des Marquis von Grandvilain; er hielt die Ausgaben in Ordnung, die Dienerschaft durfte keinen Exceß begehen, und er selbst betrank sich wöchentlich nur einmal, was sehr rücksichtsvoll und bescheiden war von einem Manne, der sich die Ueberwachung des Kellers ausdrücklich vorbehalten hatte. Aber Jasmin dachte unausgesetzt an seinen jungen Herrn; er besuchte ihn manchmal, blieb zuweilen ganze Tage in Gagny und fragte Cherubin jedesmal, ob er mit ihm nach Paris in sein Hôtel zurückkehren wolle? Aber der Knabe weigerte sich standhaft, und Jasmin tröstete sich, wenn er allein heimkehrte, mit dem Gedanken: »Der junge Marquis befindet sich sehr wohl, das ist die Hauptsache.« Wenn Jasmin zum Notar ging, um Geld zu verlangen, was nie geschah, ohne daß er ihm eine genaue Liste seiner Ausgaben überreichte, so belobte ihn dieser stets wegen seiner Rechtschaffenheit und Sparsamkeit in Betreff der Auslagen für das Haus, und fragte den treuen Diener jedes Mal: »Wie geht's unserem jungen Marquis?« »– Er befindet sich ausgezeichnet!« entgegnete Jasmin. »– Er muß jetzt groß sein, er ist beinahe schon elf Jahre alt.« »– Er ist sehr hübsch gewachsen ... er hat ein reizendes Angesicht ... das wird ein kleiner Edelstein, in den sich alle Frauen vernarren werden, wie sie sich einst in seinen hochseligen Vater vernarrten ... nur mit dem Unterschiede, setze ich voraus, daß es nicht mehr dieselben Frauen sind.« »– Das ist ganz recht, aber die Studien ... rücken sie vorwärts? ... haben Sie den kleinen Marquis in eine gute Anstalt gegeben?« »– In eine vortreffliche, mein Herr, o! er befindet sich in einem sehr guten Hause! ... er ißt, so viel er mag.« »– Ich bezweifle nicht, daß er eine gute Kost hat, allein das genügt nicht, in seinem Alter ist besonders geistige Nahrung nöthig; ist man zufrieden mit ihm?« »– Entzückt ... man möchte sich niemals von ihm trennen! ... er ist so artig! ...« »– Hat er schon Preise erhalten?« »– Preise! ... Nein, man macht ihm noch keine Preise, sondern mir, aber er erhält Alles, was er nur will, man verweigert ihm nichts.« »– Sie verstehen mich nicht: ich wollte sagen, ob er seiner Arbeiten wegen Preise erhalten habe? Ist er stark im Lateinischen, Griechischen, in der Geschichte? ...« Bei diesen Fragen war Jasmin in einiger Verlegenheit, er hustete und stotterte einige Worte, die Niemand verstand. Aber der Notar, der diese Verlegenheit einer andern Ursache zuschrieb, fuhr fort: »Ich spreche über Dinge mit Ihnen, die Sie nicht verstehen; nicht wahr, mein alter Jasmin, das Lateinische und Griechische gehört nicht in Ihr Departement? ... Indeß werde ich, wenn ich einige freie Zeit habe, Sie besuchen und Sie werden mich zu dem jungen Marquis führen.« Jasmin entfernte sich und dachte: »Teufel! Teufel! ... wenn er eines Tages meinen kleinen Cherubin besucht, wird er schwerlich mit seinen Studien zufrieden sein; es ist aber nicht meine Schuld, wenn der Herr Marquis nicht von seiner Amme fort will. Dieser Notar spricht immer von der geistigen Nahrung mit mir ... Es scheint mir, daß wenn ein Junge viermal des Tags mit Appetit ißt, sein Geist ebensowenig nüchtern bleiben kann, wie sein Magen, er müßte denn einen bösen Willen dabei haben.« Eines Tages jedoch, nach einem Besuche bei dem Notar, wo dieser dem alten Kammerdiener wieder sehr ans Herz gelegt hatte, den jungen Marquis seinen Professoren zu empfehlen, ging Jasmin unverzüglich nach Gagny und machte sich auf dem Wege Vorwürfe: »Ich bin ein altes Vieh« ... sprach er zu sich selbst, »ich lasse den Sohn meiner Herrschaft in Unwissenheit, denn ich kann lesen ... was Cherubin schwerlich im Stande sein wird ... Wahrhaftig, so darf es nicht fortgehen ... später würde man sagen: Jasmin hat für das ihm anvertraute Kind keine Sorge getragen ... Jasmin ist des Vertrauens, das ihm der hochselige Herr von Grandvilain schenkte, nicht würdig! ... Man soll das nicht von mir sagen ... Ich bin jetzt sechzig Jahre alt, aber das ist kein Grund, ein Dummkopf zu sein ... Ich will Charakterstärke zeigen.« Jasmin langte bei Nicollen an, die er im untern Zimmer beschäftigt fand, während Jakob in einem alten Lehnstuhl schlief. »Meine Freunde,« sagte Jasmin, als er in die Stube trat, mit sehr geschäftigem Wesen und seine großen Augen rings herum wälzend, »so kann es nicht bleiben! ... o! ... wir müssen Alles vollständig verändern!« Nicolle blickte den alten Diener mit Staunen an und fragte: »Sie wollen unser Haus verändern? ... Sie finden diese Stube zu düster ... Ach was! wir sind daran gewöhnt ...« »Wollen wir nicht ein Gläschen trinken?« fiel Jakob aufstehend und sich die Augen reibend ein. »– Alsbald, Jakob, alsbald! Meine Freunde, ihr versteht mich nicht. Es handelt sich von eurem Zögling ... meinem jungen Cherubin, dem ihr nur das Essen gebt ... das ihr selbst genießet ...« »– Ist der liebe Junge nicht zufrieden?« rief Nicolle aus, »mein Gott, ich geb' ihm Alles, was er begehrt; er soll nur reden! Ich will ihm Torten, Fladen, Kuchen ... machen.« »– Ich spreche nicht davon, Nicolle; es handelt sich nicht von dieser Nahrung. Cherubin bedarf jetzt geistiger Nahrung in Menge.« »– Geistige Nahrung ... ja soll denn der arme Junge ein Schnapsbruder werden?« »– Ich sag Euch noch einmal, Frau Frimousset, laßt mich doch sprechen; mein Herr muß gelehrt werden, oder so etwas; es handelt sich nicht vom Essen, sondern vom Studiren ... was lernt er bei euch? kann er lesen, schreiben, rechnen?« »Meiner Treu, nein,« antwortete Nicolle, »Sie haben hierüber nicht mit uns gesprochen, wir haben geglaubt, das sei überflüssig ... und hielten um so weniger für nöthig, daß sich Cherubin einem Stande widme, da er sehr reich werden wird.« »– Es ist auch nicht davon die Rede, sich einem Stande zu widmen, sondern davon, gelehrt zu werden.« »– Ach, ich verstehe, wie der Herr Schulmeister, der immer Worte in seine Gespräche hineinwirft, aus denen der Teufel nicht klug wird.« »– Das ist's ... O! wenn Cherubin solch' schöne Redensarten im Leibe hätte ... die Niemand verstehen kann, das wäre ein Glück! Ihr habt also einen gelehrten Schulmeister im Dorfe?« »– Freilich: Herrn Gerundium.« »– Grunddumm! ... der Name klingt zwar nicht sehr gelehrt, doch um so besser, denn ich habe mir sagen lassen, daß gerade die gelehrtesten Leute oft die einfältigsten Namen haben. Glaubt Ihr, daß Herr Grunddumm einwilligen würde, meinem jungen Herrn Stunden im Hause zu geben? denn es geht unmöglich an, daß der Herr Marquis mit all' den Dorfjungen die Schule besuche.« »– Warum sollte Herr Gerundium nicht kommen? er hat schon zwei oder drei Kinder von Bürgersleuten, die den Sommer in Gagny zubringen, unterrichtet. Ueberdies sitzt dieser gute Mann nicht in der Wolle, und um Geld zu verdienen ...« »– Wenn's nur daran hängt; ich bezahle ihm so viel er will ... Könnte ich nicht mit ihm sprechen ... ihn sehen, diesen Herrn Grunddumm?« »– Nichts leichter als das ... Jakob, geh', hol' ihn her ... Es ist fünfe vorbei, seine Schule ist aus ... Jakob, Du wirst ihn bei der Bäckerin Manon antreffen, weil er alle Tage dort hingeht, um in ihrem Ofen, so lange er noch warm ist, seine Kartoffeln zu sieden.« »Geht, lieber Jakob, führt mir diesen Gelehrten herbei, hernach trinken wir einige gute Flaschen Wein zusammen, wozu ich Herrn Grunddumm auch einladen will!« Dieses Versprechen rüttelte Jakob auf; er ging mit der Versicherung, sich zu beeilen; alsdann fragte Jasmin Nicollen: »Wo ist mein junger Herr?« »– Mein Söhnchen? ...« »– Mein Herr, der junge Marquis von Grandvilain ... er ist nun elf Jahre alt, liebe Nicolle, ich meine, er sei etwas zu groß, als daß Ihr ihn noch Euer Söhnchen heißen solltet.« »– Ach mein Gott! die Gewohnheit ... was kann ich dafür ... er ist im Garten unter den Zwetschenbäumen.« »– Allein?« »– O! nein ... Louise ist bei ihm ... stets bei ihm. Er muß sie immer um sich haben. »– Ach! das kleine Mädchen, das man Euch überließ, und deren Eltern Ihr nicht kennt ...« »– Mein Gott, ja!« »– Und Ihr sorgt stets für sie?« »– Freilich! ein Kind mehr, was thut das ... Wo es für drei reicht, reicht es auch für viere.« »– So sagte auch mein Vater, wenn er einen Theil meines Frühstückes abbrach, und doch stand es bei uns schon so, daß, was für viere reichen sollte, eigentlich nur für zweie genug war. Gleichviel, Frau Frimousset, Ihr seid eine brave Frau! und wenn Cherubin von Euch weggeht, werdet Ihr ein schönes Geschenk erhalten.« »– Ach! sprecht nicht davon, ich würde weit lieber Verzicht auf das Geschenk leisten, als daß mich jemals mein Söhnchen verlassen sollte.« »– Ah! das will ich glauben ... indessen können wir ihn nicht bis zum dreißigsten Jahre bei der Amme lassen; das schickt sich nicht. Uebrigens will ich ihm bis zur Ankunft des Herrn Grunddumms meine Aufwartung machen, und ihn davon unterrichten, daß er gelehrt werden muß.« Cherubin saß im Hintergrunde des Gartens, der an einen Weinberg stieß. Dort breiteten nie beschnittene Bäume ihre mit Früchten beladene Aeste aus, wie wenn sie dem Menschen beweisen wollten, daß die Natur zum Wachsen und Fruchtbarsein seiner Hülfe nicht bedürfe. Der Sohn des Marquis von Grandvilain hatte angenehme regelmäßige Züge; seine großen blauen Augen waren besonders von ausgezeichneter Schönheit und schienen, vermöge ihres sanften und schmachtenden Ausdrucks, eher einem Frauenzimmer, als einem Manne anzugehören; lange, braune Wimpern beschatteten diese reizenden Augen, die Allem nach Jasmin's Prophezeihungen verwirklichen und einst viele Eroberungen machen sollten. Der Rest seines Angesichtes hatte sonst nichts Merkwürdiges, außer, daß die Hautfarbe des kleinen Cherubins so weiß war, wie die eines weißen Mädchens, denn der Aufenthalt auf dem Lande hatte den jungen Marquis nicht gebräunt, da Nicolle, die immer die äußerste Sorgfalt für ihren Pflegling trug, nie gestattete, daß er sich der Sonne aussetzte, und der kleine Knabe, der nicht zu den harten Feldgeschäften angehalten wurde, stets Gelegenheit hatte, Schatten und Kühle aufzusuchen. Die kleine, damals neunjährige Louise hatte eines jener hübschen, zugleich heitern und melancholischen Köpfchen, welche die Maler mit Vergnügen kopiren, wenn sie uns ein junges Mädchen aus der Schweiz oder der Gegend des Genfersee's darstellen wollen. Es war ein herrliches Antlitz im Geschmack der Raphael'schen Jungfrauen, worin sich auch Melancholie mit französischer Grazie vereinigt. Louisens Augen und Haare waren pechschwarz, aber sehr lange Wimpern mäßigten ihren Glanz und verliehen ihnen eine Milde, welche unerklärlichen Reiz übte; eine hohe, stolze Stirne, ein ganz kleiner Mund und weiße, wie Perlen aneinander gereihte Zähne, vollendeten in diesem Kinde eines der schönsten Mädchen, denen man weit umher begegnen konnte; und wenn Louise noch dazu lachte, so verliehen zwei Grübchen, die sich in ihren Wangen bildeten, ihrem ganzen Wesen eine weitere Schönheit; – und das junge Mädchen lachte oft, denn sie war erst neun Jahre alt; Nicolle behandelte sie wie ihre Tochter, Cherubin wie seine Schwester, und sie ahnte noch nicht, daß sie von ihrer Mutter verlassen worden. Als Jasmin in den Garten kam, waren Cherubin und Louise eifrig mit Zwetschenessen beschäftigt. Das kleine Mädchen pflückte und warf sie ihrem Gespielen zu, der unter einem so schwer mit Früchten beladenen Baume saß, daß die Zweige unter ihrer Last fast zu brechen schienen. Jasmin nahm seinen Hut ab, begrüßte seinen Herrn ehrfurchtsvoll und entblöste sein Haupt, das beinahe ganz kahl war, obgleich die wenigen in der Nähe der Ohren noch übrig gebliebenen Haare sorgfältig nach vorn über die Stirne gekämmt und geklebt waren, was dem alten Diener von ferne das Aussehen gab, als hätte er sich ein Band um den Kopf gebunden. »Ich bezeige dem Herrn Marquis meine Ehrfurcht,« sagte Jasmin. Im nämlichen Augenblicke schüttelte das kleine Mädchen an einem Zweige des Zwetschenbaumes, der sich über dem Kopfe des Kammerdieners ausbreitete, und ein Zwetschen-Regen überschüttete das Haupt Jasmins. Jetzt brach ein lautes Gelächter hinter dem Baume hervor, in das Cherubin mit einstimmte, während der alte Diener, der um keinen Preis der Welt in Gegenwart seines jungen Herrn den Hut aufgesetzt hätte, sich mit Ergebung dem Zwetschen-Regen unterwarf. »Die Gesundheit meines jungen Herrn scheint fortwährend in trefflichem Zustande zu sein,« fuhr Jasmin fort, nachdem er einige Zwetschen, die sich zwischen seine Halsbinde und seinen Rockkragen festgesetzt hatten, von sich geschüttelt hatte. »Ja, ja, Jasmin! ja ... sieh' doch, wie schön sie sind ... und so gut dabei ... iß doch, Jasmin, Du brauchst Dich nur zu bücken und aufzulesen ...« »– Der gnädige Herr sind sehr gütig; aber die Zwetschen verursachen Ungelegenheiten ... ich wünsche vor allen Dingen zu wissen, ob der gnädige Herr endlich geneigt sind, mit mir nach Paris zu gehen ... sein Hôtel ist stets zu seinem Empfange gerüstet ...« Jasmin konnte seinen Satz nicht vollenden, weil ein neuer Zwetschenregen auf sein Haupt fiel. Diesmal schaute er unmuthig um sich, aber das schelmische, kleine Mädchen hatte sich rasch hinter einen Baum versteckt, und Cherubin rief aus: »Nein, Jasmin, nein, ich will nicht nach Paris gehen, ich bin so gerne hier, und habe Dir schon gesagt, daß ich mich in Paris langweilen würde ... während ich mich bei meiner guten Nicolle so sehr ergötze.« »– Es sei, Herr Marquis, ich will Sie in diesem Punkte nicht incommodiren, aber dann handelt es sich davon, daß Sie Ihre Zeit nicht mehr mit Spielen vergeuden dürfen; Sie müssen studiren, mein lieber Herr, Sie müssen gelehrt werden ... das ist unumgänglich nothwendig und ...« Ein abermaliger Zwetschenregen, stärker, als die vorhergehenden, schnitt Jasmin wiederum das Wort ab, und als er fühlte, daß zwei auf seinem Haarband aufgeplatzt waren, wendete er sich zornig um und schrie: »O, das ist doch zu stark ... man will, wie es scheint, ein Muß auf meinem Kopf bereiten ... Ah! die Kleine spielt mir solche Streiche ... das ist schön, Fräulein, es stehet Ihnen an, noch zu lachen ... ich möchte wissen, warum! ...« Louise hatte sich lachend hinter Cherubin versteckt, und dieser, welcher über die Geberden seines alten Dieners ebenfalls lachen mußte, sagte zu ihm: »Das ist Deine Schuld, Jasmin, laß uns in Frieden ... wir haben Zwetschen gegessen und unterhielten uns sehr gut, Louise und ich, warum kommst Du, uns zu stören ... und mir da eine Masse solcher Geschichten zu sagen! ... ich müsse gelehrt werden, ich müsse studiren! ... ich will nicht studiren! ... geh', geh', trinke mit Jakob, geh' fort, geh' fort! ... ich brauche Dich nicht.« Jasmin schien ziemlich verlegen, endlich begann er wieder: »Es thut mir leid, daß ich Ihnen widersprechen muß, Herr Marquis, aber Sie sind zu groß, um nicht lesen und schreiben zu können ... Sie müssen sogar eine Menge Dinge lernen ... weil Sie Marquis sind, und ... kurz, der Notar Ihres hochseligen ehrenwerthen Herrn Vaters hat gesagt, Sie müßten im Lateinischen und Griechischen Preise erhalten ... und es scheint, daß man, um Preise zu erhalten, studiren muß ... Ich habe den Schulmeister des Dorfes, Herrn Grunddumm, hierher rufen lassen, er wird kommen und Ihnen Unterricht ertheilen, denn Nicolle hat mich versichert, daß er ein Gelehrter sei ... obgleich er genöthigt ist, seine Kartoffeln in des Bäckers Ofen sieden zu lassen.« Cherubins Stirne verfinsterte sich, und der kleine Knabe machte eine sehr entschiedene Miene, indem er erwiderte: »Ich will nicht, daß der Schulmeister herkomme ... ich brauche nicht gelehrt zu werden ... Ihr langweilt mich, Jasmin, mit Eurem Herrn Gehrundum! ...« Der Gedanke, seinen jungen Herrn zu ärgern, schmerzte Jasmin tief. Er wußte nicht, was er weiter entgegnen oder thun sollte, er drehte seinen Hut hin und her und fühlte, daß man den jungen Marquis endlich mit Gewalt aus seiner Verbauerung reißen müsse, aber er wußte nicht, wodurch dies geschehen könnte, und wäre ihm in diesem Augenblicke ein neuer Zwetschenregen auf das Haupt gefallen, er hätte ihn nicht aus seiner Betäubung erweckt. Aber Nicolle war dem alten Diener von ferne nachgegangen; sie begriff, daß, wenn Cherubin bei ihr nichts lernen wolle, man genöthigt sein würde, ihn in Paris unterrichten zu lassen; sie fühlte, daß, wenn sie nicht ein Kind, das sie liebte, und das seit elf Jahren den Wohlstand in ihr Haus zurückgeführt hatte, verlieren wolle, ein Mittel ersonnen werden müsse, um den kleinen Knaben zu bewegen, die Stunden des Schullehrers anzunehmen. Die Frauen, sogar die vom Lande, haben bald unsere schwache Seite entdeckt. Nicolle, die allmählig näher getreten war, und jetzt hinter Jasmin stand, der sich nicht mehr rührte und kein Wort mehr sprach, machte noch einige Schritte weiter gegen die Kinder, nahm alsdann Louisen beim Arme und sagte: »Hören Sie, Herr Jasmin, ich weiß wohl, was Schuld ist, daß Cherubin nicht arbeiten will; er spielt den ganzen Tag mit dieser Kleinen, und da mir auch viel daran liegt, daß mein Söhnchen ein Gelehrter werde, so will ich Louisen zu einer unserer Verwandten, zwei Stunden von hier führen, die sie gut verpflegen wird, und dann wird sie Cherubin nicht mehr am Lernen verhindern.« Noch ehe Nicolle diese Worte beendigt hatte, eilte der Knabe auf sie zu, ergriff ihren Rock und bat mit rührender Stimme und thränenden Augen: »Nein! ... nein! ... führt Louisen nicht fort! ... ich will studiren ... ich will alles Mögliche von Herrn Gehrundum lernen ... aber führt Louisen nicht fort ... o! ich bitte Euch, führt sie nicht fort!« Nicolle's Mittel hatte angeschlagen. Sie umarmte ihren Pflegling, Louise hüpfte vor Freuden in die Höhe, als sie sah, daß sie nicht fortgeführt werde, und Jasmin wäre auch in die Höhe gesprungen, wenn es ihm sein Alter gestattet hätte; aber er warf wenigstens seinen Hut in die Lüfte und schrie: »Es lebe der Herr Marquis von Grandvilain, der jüngere! ... ach! ich wußte wohl, daß er sich dazu verstehen würde, ein Gelehrter zu werden!« In diesem Augenblick erschien Jakob unter der Gartenthüre und rief: »Hier ist Herr Gerundium, den ich hergeführt habe.« Achtes Kapitel Herr Gerundium. Die bei Nicolle neu angelangte Person war ein Mann von vierzig Jahren, mittlerer Größe, eher fett als mager, mit einem gemeinen Gesichte, aus welchem der Wunsch hervorblickte, sich wichtig zu machen, und die Gewohnheit, sich vor denen, die hinsichtlich ihrer Stellung oder ihres Vermögens über ihm standen, hundsdemüthig zu ducken. Herr Gerundium hatte braune, dicke, lange und rauhe Haare, die vorne nahe über den Augbrauen gleichförmig abgeschnitten waren und hinten über den Kragen seines Rockes herunterhingen; auf den Seiten wurden sie durch seine beiden Ohren in den Schranken gehalten. Der Schullehrer hatte graue Augen, deren Größe man schwer unterscheiden konnte, weil er sie fortwährend, sogar wenn er mit Jemand sprach, niederschlug; er hatte einen großen Mund, den aber sehr schöne Zähne zierten; und geschah es nun, um diese Schönheit seines Individuums bemerklich zu machen, oder um einen vortheilhaften Begriff von der Liebenswürdigkeit seines Charakters den Leuten beizubringen, – kurz, er lächelte während des Sprechens fast immer und verfehlte dabei nicht, seinen Mund aufzureißen, daß man sein ganzes Gebiß sehen konnte. Eine unverhältnißmäßig große Nase, die beinahe stets mit Finnen bedeckt war, schadete der ganzen Physiognomie des Lehrers unendlich; und seine Gewohnheit, daran zu kratzen und sie mit Tabak vollzustopfen, gab diesem Vorsprung jeder Zeit einen grell abstechenden, roth und schwarzen Anstrich, der sogar etwas Zurückstoßendes an sich gehabt hätte, wenn der erste unangenehme Eindruck dieses Nasenmonstrums nicht durch die sanfte, honigsüße Stimme des Herrn Gerundiums gemildert worden wäre. Die Kleidung des Schulmeisters war sehr ernst, da er sich aus besonderer Vorliebe stets schwarz trug; Rock, Hosen und Weste bestanden allerdings aus schwarzem Tuche, aber die Zeit hatte solche Verheerungen an diesen Gegenständen angerichtet, daß sie schon oft mit Flecken hatten ausgebessert werden müssen; und war es nun Unachtsamkeit von dem, der diese Kleidungsstücke geflickt hatte, oder war das schwarze Tuch in dieser Gegend rarer als ein anderes, kurz, man hatte die schadhaften Stellen mit blauen, grünen, grauen und braunen Flicklappen bedeckt, was dem Herrn Gerundium eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Hanswurst gab; denket euch hierzu noch Socken und Holzschuhe, überhaupt ein nach allen Theilen schmutziges Aussehen, und ihr werdet einen Begriff von der Person erhalten, die man als Lehrer für den jungen Marquis von Grandvilain holen ließ. Von seiner Kopfbedeckung haben wir aus dem einfachen Grunde nicht gesprochen, weil Herr Gerundium niemals Hut oder Kappe trug, und man sich nicht einmal erinnerte, etwas Derartiges in seiner Hand gesehen zu haben. Wenn es regnete, so schützte er sich mit einem alten Schirme, der nur noch drei Fischbeine hatte; sorglos barg er sein Haupt unter diesem alten Regendache, obwohl es sich, da es mehrfach zerbrochen war, beim leichtesten Windstoß zu einer Tulpe gestaltete. Der Schulmeister, der viel von Schwielen und Hühneraugen litt, stützte sich unterwegs auf Jakobs Arm; aus diesem Grunde wahrscheinlich sagte auch Nicolle's Gatte, daß er den Herrn Gerundium hergeführt habe. Als der Schullehrer erfuhr, daß man ihn von Seiten des Marquis von Grandvilain zu sprechen wünsche, ließ er sich keine Zeit mehr, seine Kartoffeln aus der Bäckerin Ofen zu holen, hielt es auch für unnöthig, sich die Hände zu waschen, ein Geschäft, das er überhaupt nur an Sonn- und Feiertagen verrichtete. Jasmin ließ seinen jungen Herrn vor sich hergehen. Cherubin hielt Louisens Hand fest, gleich, als ob er noch gefürchtet hätte, daß man ihn von seiner theuren Gespielin trennen wolle. Der alte Kammerdiener folgte ihnen, immer den Hut in der Hand, Nicolle kam zuletzt, und so ging man dem Schulmeister entgegen, der sehr verlegen darüber, ob es sich schicke oder nicht, in Holzschuhen vor die vornehmen Personen zu treten, welche ihn rufen ließen, auf der Schwelle der Hausthüre stehen geblieben war; endlich beschloß er, solche auszuziehen und sich in Socken zu präsentiren. Beim Anblick von Jasmin's kahlem Haupte, dessen anständige Kleidung keinen Bedienten verrieth, stürzte sich Herr Gerundium ihm entgegen, lächelte auf die geeignetste Weise, um seine Backen- und Schneidezähne sehen zu lassen, und begrüßte ihn mit den Worten: »Ehre, dem Ehre gebührt ... Salutem vos ... Herr Marquis, ich schätze mich äußerst glücklich, in diesem Augenblick vor Ihnen zu stehen.« Während Herr Gerundium sein Compliment machte und sich bis auf den Boden verneigte, beeilte sich Jasmin, der wohl einsah, daß sich der Lehrer täusche und ihn für den Marquis halte, mit seinem jungen Herrn den Platz zu wechseln, was Cherubin that, ohne jedoch Louisens Hand loszulassen, so daß Herr Gerundium, als er seine Nase in die Höhe streckte, sich vor den beiden Kindern befand; er glaubte sich geirrt zu haben und stieß den kleinen Knaben und seine Gespielin ziemlich unsanft bei Seite, um sich wieder vor Jasmin zu stellen, der in eine andere Ecke der Stube gegangen war. »Entschuldigen Sie diesen Verstoß ...« sprach er weiter, » errare humanum est ... Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Marquis ... ich habe mir nicht einmal Zeit vergönnt, mein frugales Mahl einzunehmen ... um unverzüglich Ihren Befehlen Folge zu leisten.« Während der Schullehrer sprach, hatte Jasmin abermals seinen Platz gewechselt und sich hinter seinen Herrn gestellt, und Herr Gerundium machte Miene, ihn im ganzen Zimmer herumzutreiben, als Nicolle lachend zu ihm sagte: »Aber Sie sind im Irrthum, Herr Gerundium, mein Söhnchen, mein Pflegling ... der hübsche Junge da ... das ist der Marquis.« »Und ich bin nur sein ergebenster Diener, der ehemalige Kammerdiener des Herrn Marquis, seines seligen Vaters, der mich sterbend gewürdigt hat, mir die Sorge für seinen Erben zu übertragen,« vollendete Jasmin, sich vor Cherubin verbeugend. Herr Gerundium fügte sich unverzüglich in diesen Umstand; er lächelte wiederum, stellte sich vor Cherubin und sagte zu diesem: »Ich bitte um Verzeihung ut iterum , das hindert mich nicht, mich aufs Neue den ganz gehorsamsten Diener des Herrn Marquis junior zu nennen.« »Nicht Junior! ... von Grandvilain,« fiel ihm Jasmin ernsthaft in's Wort. »Das Eine schließt das Andere nicht aus,« entgegnete Herr Gerundium mit einem gewissen boshaften Lächeln; ... »erlaubt mir diese Bemerkung, wackerer Eumäus , denn Ihr erinnert mich lebhaft an diesen tugendhaften und getreuen Diener des Ulysses, König von Ittaka ...ich weiß zwar nicht, ob er auch kahl war, Homer erwähnt solches nicht, aber wahrscheinlich ist es ... ich stehe folglich zu den Befehlen des Herrn Marquis von Grandvilain, der mir jetzt sagen kann, was er so schleunig von mir wünscht.« Des Schulmeisters Phrasen und die Citationen, womit er seine Reden ausschmückte, machten auf Jasmin, der, wie die meisten Ignoranten, was er nicht verstand, für schön hielt, den vorteilhaftesten Eindruck; er gab Nicollen ein Zeichen und flüsterte ihr zu: »Das ist ein Gelehrter! ... ein Grundgelehrter sogar ... solch einen brauchen wir.« Cherubin, der nicht der Ansicht seines alten Kammerdieners war, und Herrn Gerundium langweilig fand, antwortete ihm unverweilt: »Ich wünsche ganz und gar nichts ... Jasmin wollte Sie durchaus kommen lassen, damit Sie mir Unterricht geben sollen ... worin, daß weiß ich nicht! ... ich will jedoch gerne lernen, aber Louise muß während der Stunden bei mir bleiben.« Nachdem Cherubin solches gesagt hatte, drehte er dem Schulmeister ohne Weiteres den Rücken, Louise that dasselbe, indem sie laut über Herrn Gerundiums Nase lachte, und beide Kinder entfernten sich hastig aus der Stube, um im Garten wieder Zwetschen zu essen. Man hielt es für passend, sie nicht zurückzuhalten, und Jasmin trat auf Herrn Gerundium zu, den er mit achtungsvoller Miene fragte, ob er seinen Herrn, der zwar noch nichts gelernt habe, für den es aber, wenn er kein Ignorant bleiben wolle, die höchste Zeit sei, zu unterrichten Lust habe.« Herr Gerundium nahm mit Freuden diesen Vorschlag an, drückte Jasmin die Hände und sprach: »Vertrauet mir, wir werden die verlorene Zeit wieder einbringen! Der junge Marquis muß arbeiten wie ein Pferd.« »O! nein,« hielt ihm der alte Diener entgegen, »mein junger Herr ist zärtlich, er ist nicht ans Studiren gewöhnt, Sie würden ihn krank machen, Sie müssen im Gegentheil behutsam zu Werke gehen.« »Das versteht sich von selbst,« entgegnete Gerundium, sich an der Nase kratzend. »Wenn ich sage wie ein Pferd, so ist dies nur ein Gleichniß ... ein bildlicher Ausdruck, wenn Ihr lieber wollt; und junge Pferde, wie gleichnißweise der Herr Marquis, werden ja nie zu strenger Arbeit angehalten ... wir werden piano und sano, ecce rem vorwärts schreiten! Ich lehre den Herrn Marquis, außer dem Schreiben und der Mathematik, seine Muttersprache aus dem Grunde, so daß er sie sprechen kann wie ich selbst, das heißt ausgewählt ... überdies das Lateinische, Griechische, Italienische, die Philosophie, die Geschichte, sowohl die alte als die neue, die Mythologie, die Rhetorik, die Kunst Verse zu machen ... die Geographie, die Astronomie, etwas Physik, Chemie, Mineralogie, Bot ...« »O! genug, Herr Professor! ... genug!« rief Jasmin, der bei dem, was er hörte, vor Bewunderung der Kenntnisse des Herrn Gerundium ganz außer sich war. »Wenn mein junger Herr nur das Alles weiß, ist er schon gelehrt genug ...« »Wenn Ihr noch Weiteres wünscht, so habt Ihr nur zu sprechen ... ich darf behaupten, daß ich hinsichtlich des Wissens ein wahrer Born bin ... mit fünf Jahren erhielt ich eine Prämie und mit sieben zierten drei Kronen mein Haupt ... von Eichenlaub nämlich ... denjenigen gleich, welche die Druiden, alte gallische Priester, trugen, die den Teut oder Merkur und die Mistel, eine Schmarozerpflanze, anbeteten, die ihnen zu Folge alle Schmerzen heilen sollte. Ich bin indessen nicht ihrer Ansicht, denn ich habe Hühneraugen, die mir sehr wehe thun, habe Mistel darauf gelegt, und sie thaten mir noch weher.« Jasmin wagte nicht zu athmen, wahrend Herr Gerundium sprach, Nicolle und ihr Gatte theilten seine Bewunderung, und der Schulmeister, erfreut über die Wirkung, die er hervorbrachte, hörte sich mit großem Selbstgefallen sprechen, als ihn der alte Diener mit den Worten unterbrach: »Tausendfache Entschuldigung, mein Herr, daß ich mir erlaube, ein Wörtchen einschlüpfen zu lassen, aber es scheint mir nöthig, unsern Vertrag festzustellen, was verlangen Sie monatlich, um meinen jungen Herrn in so Vielem zu unterrichten? Wohlverstanden, daß Sie alle Tage, mit Ausnahme des Sonntags, kommen müssen.« Herr Gerundium sann einen Augenblick nach und erwiederte sodann mit schüchterner Miene: »Um dem Herrn Marquis von Grandvilain so viel Wissenschaft einzupfropfen, als mir möglich ist, sollte ich glauben, daß eine Forderung von fünfzehn Franken monatlich ...« »Fünfzehn Franken!« rief Jasmin mit entrüsteter Miene aus. »Fünfzehn Franken für das Alles ... Sie scherzen wahrscheinlich, mein Herr?« Herr Gerundium lächelte nicht mehr, er befürchtete schon zu große Ansprüche gemacht zu haben, schlug die Augen nieder und murmelte: »Nun ... wenn Sie meinen, daß es zu viel sei, so wollen wir eine geringere Summe ...« »Meinen es sei zu viel!« entgegnete Jasmin. »O im Gegentheil, mein Herr, ich finde, es sei nicht genug! ... Gott sei Dank, mein junger Gebieter ist reich und hat die Mittel, seine Lehrer zu bezahlen. Wie? ich, sein Kammerdiener, sollte neben freier Wohnung, Kost und Heizung sechshundert Franken Gage jährlich haben ... während ein so gelehrter Mann wie Sie, der meinen Herrn in so vielen schönen Wissenschaften unterrichten wird, weniger hätte? ... O nein! mein Herr, ich biete Ihnen monatlich hundertfünfzig Franken an, und finde nicht, daß es für Ihre Kenntnisse zu viel sei.« »Hundertfünfzig Franken ... monatlich!« ... schrie Herr Gerundium, dessen Züge ein trunkenes Entzücken ausdrückten. »Hundertfünfzig Franken ... ich nehme sie an, Herr Jasmin ... ich nehme sie dankbarst an ... ich werde sie zu verdienen suchen und beinahe den ganzen Tag bei meinem Zögling zubringen; die Schule soll mich nicht daran Verbindern ... ich halte ohnedies einen Unterlehrer, dem ich drei Franken monatlich gebe ... ich werde ihm aufbessern, wenn es nöthig ist, und, wenn es sein muß, meine Stelle ganz aufgeben, um mich ausschließlich dem interessanten Kinde, das Sie mir anvertrauen, zu widmen.« Und der Schullehrer ergriff Jasmins Hände und drückte sie mit Wonne; dann drückte er auch Jakobs und Nicolle's Hände, und als keine mehr zu drücken da waren, schlug er die seinen übereinander und rief aus: »Hosanna! Hosanna! ... applaudite cives! ...« Auf dieses sagte Jasmin leise zu Jakob: »– Ich glaube, Herr Gerundium wünscht etwas zu essen.« »– Zu essen habe ich im Augenblicke nichts, aber ich will von unserem Wein heraufholen,« entgegnete Jakob, »den wird der Herr Schulmeister, so weit ich ihn kenne, auch nicht ausschlagen.« Nicolle brachte Wein und Gläser herbei. Herr Gerundium ließ sich gerne zum Trinken einladen, bat übrigens die Bäuerin zuvor um ein Stückchen Brod, weil es ihm, da er keine Zeit gehabt, seine Kartoffeln zu kochen, sehr magenschwach geworden sei. Jasmin ließ Nicollen einen Vorrath von Essen aus dem naheliegenden Wirthshause herbeiholen und setzte ihn auf den Tisch; dann schnitt sich Herr Gerundium ein ungeheures Stück Brod ab und griff eine Platte mit zähem Ochsenfleisch und langfaserigen Bohnen mit einem Eifer an, der etwas Erschreckendes an sich hatte. Trotz des Essens fand der Schullehrer Zeit, sich mit Jasmin zu unterreden: »Wir haben über die Wissenschaft gesprochen,« sagte er, mit den Zähnen schmatzend, »aber einen andern Gegenstand noch nicht abgehandelt ... den der Sitten. Auch in dieser Hinsicht können Sie sich ganz auf mich verlassen. Ich bin in diesem Punkte außerordentlich strenge ... denn die Sitten, Herr Jasmin, sind der Zügel der Gesellschaft. Ich darf behaupten, daß die meinigen tadellos sind! ... Das Gleiche soll bei meinem Zögling der Fall sein.« »O! was das anbetrifft!« sagte der alte Kammerdiener lächelnd, »scheint mir, daß man im Alter meines jungen Herrn noch nichts zu fürchten habe ... später! ... da ist es etwas Anderes! ... aber bei einem Jüngling kommt das auch nicht so in Anschlag; wenn es ein Mädchen wäre ...« »Da ist es noch viel schlimmer, Jasmin! o! da ist es noch viel gefährlicher, weil ein junger Mann, da er viel freier lebt, weit größere Fehler machen kann ... ich werde ihm aber Prinzipien einflößen, die ihn in den Schranken halten sollen ... ich werde der Mentor dieses zweiten Telemachs sein! ... Aber, entschuldigen Sie, ich muß eine Bemerkung machen: um die Studien des Herrn Marquis zu beginnen, ist es nöthig, daß ich Elementarbücher ... Grammatiken ... Wörterbücher kaufe; die in meiner Schule sind abgenützt ... ich bin in diesem Augenblicke nicht hinlänglich bei Kasse, um diese Einkäufe vorzunehmen ... wenn Sie mir einen Monat zum Voraus bezahlen könnten, dann ...« »Mit Vergnügen, Herr Gerundium,« erwiderte Jasmin, »ich nehme immer Geld mit hierher, auf den Fall, daß mein Herr von mir verlangen würde. Hier sind hundertzwanzig Franken in Gold und dreißig Franken in Hundert-Sousstücken.« Der Schulmeister betrachtete mit gierigem Blicke die ihm vorgezählte Summe. Er nahm sie, zählte sie und überzählte sie abermals, steckte sie in die Tasche und holte sie wieder hervor, um sie von Neuem zu zählen; er konnte nicht müde werden, dieses Gold und Silber durch seine Hände gleiten zu lassen. Niemals war er im Besitz einer solchen Summe gewesen. Man sprach mit ihm, er hörte nichts, antwortete nichts, aber ließ seine Goldstücke und Fünffrankenthaler klingen, und als er endlich das Geld in seiner Hosentasche untergebracht hatte, steckte er seine Hand hinein, die er beständig darauf ließ. Unterdessen kam der Abend herbei, und Jasmin stieg, nachdem er sich bei seinem Herrn empfohlen und nochmals von diesem das Versprechen erhalten hatte, daß er lernen werde, in das Cabriolet, mit dem er gekommen war, und fuhr höchst zufrieden, ein Mittel gefunden zu haben, um aus Cherubin einen Gelehrten zu machen, nach Paris zurück. Herr Gerundium verließ das Haus der Amme, nachdem er sich bei seinem Schüler verabschiedet und ihm angekündigt hatte, daß er am folgenden Morgen erscheinen werde, und begab sich nach Hause, ohne jedoch seine Hand aus der Tasche zu ziehen, die fortwährend die darin befindliche Summe betastete. Neuntes Kapitel Eine Coalition. Wir gehen schnell über die Jahre hinweg, im Laufe deren Herr Gerundium dem jungen Marquis Unterricht ertheilte; Cherubin hatte sein Versprechen gehalten, er ließ sich das Lernen gefallen; aber er beharrte darauf, daß Louise bei seinen Stunden zugegen sein müsse; Anfangs wollte Herr Gerundium die Kleine zurückweisen, aber Cherubin schrie, weinte, und weigerte sich dann, seinen Lehrer anzuhören; man mußte ihm folglich nachgeben. Nach und nach schien die Gegenwart Louisens Herrn Gerundium ohne Zweifel weniger lästig, denn wenn sie bei seiner Ankunft fehlte, so war er der erste, der sie holen ließ. Louise wurde aber auch größer und schöner. Im dreizehnten Jahre hielt man sie für fünfzehn, sie war schlank, wohlgestaltet, voll Grazie. Es war nicht jene studirte, affektirte Grazie, wie bei vielen Pariser Frauenzimmern, welche glauben, man halte das für Natur; nein, jene naive, einfache Grazie, die man augenblicklich erkennt und vergeblich nachzuahmen strebt. Herr Gerundium war kein wirklicher Gelehrter; aber er konnte von Vielen dafür gehalten werden. Er besaß von Allem einige Begriffe, da er sich in seiner Jugend verschiedenen Berufsarten widmen wollte, es aber in keiner zu etwas bringen konnte; das eine Mal vom Verlangen getrieben, Arzt, das andere Mal Apotheker, Chemiker, Astronom, Geometer, Handelsmann, sogar Dichter zu werden, hatte er sich zuerst den Kopf mit den Vorkenntnissen dieser verschiedenen Fächer vollgestopft, da er aber in keinem vorwärts kam, zuletzt damit geschlossen, Schulmeister zu werden. Wer eine Wissenschaft gründlich erlernt, hat weit mehr Verdienst, als der, welcher über alle schwatzt, und doch gibt man in der Welt häufig dem Schwätzer den Vorzug. Mit fünfzehn Jahren wußte Cherubin ebenfalls von Vielem ein wenig; für das Dorf, für die Frimoussets war der Knabe ein Wunderkind, das mit außerordentlicher Schnelligkeit gelernt hatte. Wenn Jasmin seinen jungen Herrn ein Wort Lateinisch sprechen, oder etwas aus der Geschichte, oder aus der Mythologie erzählen hörte, so verneigte er sich voll Bewunderung vor Herrn Gerundium, und rief aus: »Er ist so gelehrt wie Sie! ... und das will nicht wenig sagen.« Herr Gerundium gab sich ein gewaltiges Ansehen, denn er hatte sich eine ganz neue Kleidung angeschafft; er sah keinem Hanswurste mehr gleich, man begegnete ihm nun mit einem Hute und einem vollständigen Regenschirm. Indessen kehrte mit der Wohlhabenheit auch der Ehrgeiz ein; das ist so der Brauch; wenn man nichts hat, so läßt man keinen Wunsch aufkommen, strebt nicht nach höheren Dingen, schließt sich in seine Schale ein und bemüht sich, sein Glück darin zu finden, was zuweilen auch gelingt. Wenn man zu Vermögen gelangt, so gestattet man sich eine Menge Bequemlichkeiten, die man früher entbehrte, bleibt aber dabei nicht stehen; jeden Tag verlangt man andere; tausend neue Wünsche tauchen auf, kurz, man wird ehrgeizig, ist aber oft weniger zufrieden, als wo man nichts besaß. Das war ungefähr die Geschichte des Herrn Gerundium; als er nur das schmale Einkommen seiner Dorfschule halte, trug er Holzschuhe, brauchte weder Hut noch Kappe, aß oft nichts als gesottene Kartoffeln und schien doch in seiner Lage ziemlich glücklich. Seit er aber Lehrer des jungen Grandvilain geworden war und jährlich achtzehnhundert Franken einnahm, eine Summe, die man im Dorfe Gagny nicht leicht verbrauchen kann, stiegen allerlei Wünsche in ihm auf, und besonders nährte er die Hoffnung, nicht immer in einem Dorfe bleiben zu müssen, wo es nicht einmal Gelegenheit gab, sein Geld anzubringen, was für Jemand, der nicht gewöhnt ist, welches zu besitzen, sehr langweilig ist. Es gelang Herrn Gerundium, das Vertrauen seines Zöglings zu erwerben, ihm sogar Freundschaft einzuflößen, denn Cherubins Herz war leicht zu gewinnen, er kam Allen, die ihm ihre Zuneigung an den Tag legten, entgegen. Während er dem Jünglinge alle Tage Klugheit und gute Sitten vorpredigte, bemerkte Herr Gerundium, der sehr gut sah, obgleich er die Augen stets niederschlug, ganz wohl, daß Louise heranwuchs, sich ausbildete und reizend wurde, und er rief oft, wenn er das hübsche Kind anblickte, aus: »Welch' schöne Augen! Welch' herrliches Oval ... welch' regelmäßiges Kinn!« Dann, sei es, um sich wirklich von der Regelmäßigkeit von Louisens Kinn zu überzeugen, oder aus irgend einem sonstigen Grunde, streichelte der Lehrer das Angesicht des jungen Mädchens und kniff sie sogar zuweilen in die Wange, was Louisen eben gar nicht freute, während Cherubin dagegen äußerst vergnügt war, wenn man seiner getreuen Gespielin ein schmeichelhaftes Wort zuwendete. Geschah dieses, so sagte der Jüngling stets: »Nicht wahr, mein lieber Lehrer, Louise ist recht artig?« Worauf Herr Gerundium schnell wieder seine Schafsmiene annehmend, mit gesenkten Augen erwiederte: »Ja, diese Kleine hat den wahren gaelischen Typus in seiner vollkommensten Reinheit; sie gleicht einer Madonna.« Cherubin lächelte, während er Louisen ansah, und Herr Gerundium, der an Alles eher dachte, als an Madonnen, sprach zu sich: »Diese Kleine wird reizend! ... Wenn aber mein Schüler noch einige Zeit in ihrer Nähe bleibt ... hum ... das Fleisch ist schwach ... der böse Geist sehr stark ... besonders wenn er die Gestalt eines schönen Mädchens annimmt ... Ich bin nicht immer zugegen ... Jakob ist beinahe stets betrunken; Mutter Nicolle läßt die jungen Leutchen allein miteinander auf's Feld gehen ... Kornblumen suchen ... sich im Grase wälzen! ... lauter äußerst gefährliche Dinge ... es muß hier durchaus ein Einhalt geschehen. Das beste Mittel wäre, meinen Zögling nach Paris zurückkehren zu lassen. Ich würde ihn dahin begleiten, das unterliegt keinem Zweifel, denn seine Erziehung ist noch nicht so weit gediehen, daß er des Lehrers entbehren könnte ... und ich werde schon dafür sorgen, daß er desselben sehr lange, wenn's möglich ist, immer, bedarf. Ich werde in Paris, im Hôtel meines Zöglings wohnen ... Das wird weit angenehmer sein, als das Leben in diesem Dorfs. Und von der Entfernung aus werde ich stets über die kleine Louise wachen ... sie in meinen Schutz nehmen ... ihr forthelfen. Cherubin wird nach einem mehrmonatlichen Aufenthalt in Paris seine kleine Dorfgespielin schnell vergessen. Das Alles ist mit der Weisheit eines Cato ausgedacht: es handelt sich jetzt nur noch um die Ausführung.« Um zu diesem Zwecke zu gelangen, sprach Herr Gerundium in seinen Unterrichtsstunden seit einiger Zeit von Paris; er entwarf ein prachtvolles, reizendes Gemälde von dieser Stadt; er pries ihre Theater, ihre Spaziergange, ihre Denkmäler und die zahllosen Vergnügen, die sich dort jeden Augenblick darbieten. Der junge Cherubin lieh diesen Reden allmählig sein Ohr. Der Gedanke, nach Paris zu gehen, war ihm minder schrecklich; und sein Lehrer munterte ihn sofort auf: »Machen Sie wenigstens eine kleine Reise in die Hauptstadt,« sagte er, »betrachten Sie das Haus Ihres Vaters! Es ist ja Alles so nahe ... wir kehren sogleich wieder zurück.« Aber Louise weinte, wenn sie Cherubin auf dem Punkte sah, in die Reise nach Paris einzuwilligen. Sie nahm ihren Jugendfreund bei der Hand und sprach: »Wenn Du nach Paris gehst, so bin ich überzeugt, daß Du nicht mehr zurückkommst und ... Gagny und seine Bewohner vergissest!« Auch Nicolle behauptete dies, indem sie ihren Pflegling zärtlich in die Arme schloß, und Cherubin rief alsbald aus: »Nein, nein ... ich will nicht gehen, da Euch das Kummer macht, ich bin glücklich hier ... ich werde immer hier bleiben!« Herr Gerundium biß sich, während er zu lächeln versuchte, in die Lippen und wünschte in seines Herzens Grund alle Ammen und Jugendfreundinnen zum Teufel. Wenn der Lehrer Jasmin Vorwürfe machte, daß er ihn nicht unterstütze und seinen Herrn nicht bewege, nach Paris zu gehen, entgegnete ihm dieser mit seiner gewohnten Gutmüthigkeit: »Was soll ich dabei thun? jetzt, da mein Gebieter sein fünfzehntes Jahr erreicht hat, ist er sein eigener Herr ... kann thun, was er will ... sogar über sein ganzes Vermögen ... seine dreißigtausend Franken Rente nach Belieben verfügen. Hat er Lust, bei seiner Amme zu bleiben, so habe ich kein Recht, mich zu widersetzen. »Wenn man ein so schönes Vermögen besitzt, so ist es Unsinn, seine schönsten Jahre bei seiner Amme zuzubringen,« schrie der Lehrer; »was nützt meinen Schüler denn die Gelehrsamkeit und die Kenntniß so vieler schönen Dinge ... wenn er fortfährt, unter Bauern zu leben! ... Herr Jasmin! die Geschichte bietet kein Beispiel eines ausgezeichneten Mannes dar, der bis zum fünfzehnten Jahre bei seiner Amme geblieben wäre. Es ist ganz in der Ordnung, diejenige zu lieben, die uns mit ihrer Milch nährte, aber ... est medius in rebus !« »Herr Schulmeister ich kenne den Rebus von dem Medicus nicht, aber ich bin der ganz gehorsame Diener meines Herrn, und habe ihm keine Befehle zu ertheilen.« In Paris hatte Jasmin wegen seines jungen Herrn auch häufige Erörterungen mit Mamsells Turlurette. Die frühere Kammerfrau war jetzt zur Haushälterin avancirt, hatte aber dabei so sehr an Dicke zugelegt, daß sie, obgleich noch keine Vierzig alt, doch nur mit Mühe von einem Zimmer ins andere gelangen konnte; dieser Zustand von Fettleibigkeit fesselte sie an ihren Lehnstuhl und verhinderte sie, ihren jungen Herrn in Gagny zu besuchen: übrigens hätte sich Herr Jasmin ohnehin nicht viel aus ihrer Begleitung gemacht, weil er stets fürchtete, Jungfer Turlurette entziehe ihm einen Theil seiner Würde, – ein Gegenstand, in dem er keinen Spaß verstand. Die dicke Haushälterin fragte den alten Kammerdiener täglich, warum ihr junger Gebieter nicht aus der Milchkost zurückkomme: zuweilen entstanden hierüber sehr lebhafte Streitigkeiten, denen aber Jasmin stets ein Ende machte, indem er mit bissigem Ton sagte: »Abgesehen von Allem, Mamselle, hat der verewigte Herr Marquis von Grandvilain mir die Sorge übertragen, seinen Sohn zu überwachen; ich habe sogar, wenn es mir gefällt, das Recht, Sie aus dem Hause zu jagen; thun Sie mir also den Gefallen, und lassen Sie mich den jungen Cherubin nach meinem Gutdünken leiten.«. Dann schwieg Turlurette, obwohl sie wußte, daß Jasmin nicht der Mann war, sie fortzuschicken; aber sie brummte zwischen den Zähnen: »Ein Milchkind von sechzehn Jahren! ... das ist drollig! Ich möchte nur wissen, ob er noch an der Brust trinkt, der Kleine!« So standen die Sachen, als eines Morgens ein Bedienter im Hôtel Grandvilain erschien, nach Jasmin fragte und diesem ausrichtete, daß ihn der Notar des Herrn Marquis bitten lasse, im Laufe des Tages zu ihm zu kommen, da er ihn nothwendig sprechen müsse. Der alte Kammerdiener sann nach, was ihm Wohl der Notar zu sagen haben könnte, dann erinnerte er sich, daß sein Herr schon lange fünfzehn Jahre vorbei sei, mit welchem Zeitpunkt ihm nach dem Willen seines Vaters der Besitz seines Vermögens übertragen werden sollte. Das versetzte Jasmin in Unruhe und er sprach zu sich: »Dreißigtausend Franken Einkommen ... das Anwachsen des Vermögens durch vierzehnjährige Ersparnisse nicht gerechnet ... können freilich bei seinem Pflegevater schwerlich verzehrt werden ... wenn aber Herr Cherubin bei Nicollen bleiben will, so kann ich ihn nicht mit Gewalt nach Paris bringen, denn am Ende ist er doch sein eigener Herr.« Jasmin entschloß sich, den Wünschen des Notars Folge zu leisten. Er zog seinen schönsten Rock an, ließ die Spitzen seines Jabots aus seiner Weste heraussehen, nahm Schuhe mit Schnallen, obgleich man sie schon lange nicht mehr trug; und in diesem Anzüge, würdig des vertrauten Dieners eines großen Hauses, begab er sich zu Herrn d' Hurbain , so hieß der Notar. Als Jasmin ankam, befand sich der Notar nicht allein in seinem Arbeitszimmer, zwei Personen waren bei ihm. Eine derselben, die man Eduard von Monfréville nannte, war ein Mann in einem Alter von sechs- bis siebenunddreißig Jahren, der aber noch den Anschein, das Wesen und die ganze Eleganz eines jungen Mannes hatte; er war groß, wohlgestaltet und so schlank, wie ein zwanzigjähriger; dabei sein und zierlich gekleidet; sein Antlitz schön und angenehm zugleich, seine Züge regelmäßig und seine braunen Haare von einer Glätte und einem Glänze, daß ihn die Damen hätten darum beneiden dürfen; nur in seinen großen, schwarzen und durchdringenden Augen las man zuweilen einen höhnischen Ausdruck, der mit dem leichten Lächeln, das um seinen Mund spielte, vollkommen zusammen paßte; und auf seiner, gleich dem Angesicht, verblichenen Stirne zogen sich Linien, welche andeuteten, daß Ueberdruß und Herzeleid auch schon darüber weggegangen waren. Die andere Person war ein Mann von achtundzwanzig Jahren, blond und fad, hatte weiße Hautfarbe, hellblaue Augen, weitgeöffnete Naslöcher, großen Mund mit dicken Lippen. Diese Züge bilden in ihrer Vereinigung nicht gerade einen hübschen Jungen; aber es lag in der Physiognomie dieses Herrn ein fortwährender Wechsel des Ausdruckes, welcher ihn wunderbar belebte; dasselbe war eine Mischung von Heiterkeit, Spott, Feinheit, Leichtsinn, Sorglosigkeit und List, die sich im Vereine mit ausgezeichnet gebildeten Manieren äußerte. Obgleich der Anzug dieser Person weit entfernt war, der an Herrn von Monfréville bewunderten Eleganz gleichzukommen, und sogar einige Theile seiner Kleidung zu sehr vernachlässigt schienen, so trug er doch seinen fleckigen, an mehren Orten abgenützten Rock mit solchem Anstände, legte seine abgetragene Halsbinde mit solchem Geschicke um den Hals, daß man nothwendig einen gebildeten Mann in ihm erkennen mußte. Diese letztere Person war der Graf Virgilius Darena . Als ein Schreiber ins Zimmer trat und meldete, daß der alte Jasmin, der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß, im Vorzimmer sei, schlug Darena ein Helles Gelächter auf und sagte: »Jasmin! ... wer Teufels kann sich denn Jasmin nennen? ... wie, Herr Notar, Sie haben Clienten mit dem Namen Jasmin ... das muß ein Kammerdiener aus einer Komödie sein!« »Nein, Herr von Darena,« entgegnete der Notar lächelnd. »Das ist der Diener eines sehr vornehmen Hauses ... einer jener Typen von alten Dienern, wie sie vormals gewesen, deren Geschlecht in unsern Tagen aber unglücklicherweise immer mehr erlischt.« »Ach! das muß lustig sein, ein alter Jockei! ... nicht wahr, Monfréville!« Derjenige, an welchen diese Frage gerichtet wurde, lächelte kaum, während er erwiderte: »Ich sehe nichts Lächerliches darin ...« »O! nichts heitert Sie auf, wenn Sie in den spleenigten Tagen Ihres » humour « sind, wie die Engländer sagen! ... Nun, lassen Sie einmal hören, kaufen Sie mir mein kleines Haus in der Vorstadt Saint-Antoine ab, ich gebe es Ihnen für dreißigtausend Franken ...« »Nein ... ich würde mich schämen, einen solchen Kauf einzugehen ... Ihr Haus ist beinahe das Doppelte werth, und ich möchte Ihre Geldverlegenheit nicht dazu benützen, es Ihnen um einen Schandpreis abzujagen.« »Ei, mein Gott! Davon handelt es sich gar nicht! ... wenn ich mit dem Kaufe zufrieden bin, warum wollen Sie keinen Vortheil daraus ziehen? ... Ich mache Ihnen den Vorschlag in Gegenwart des Notars ... Ihr Gewissen kann also beruhigt sein ... das Haus gefällt mir nicht ... es ist von Wasserträgern, Savoyarden, oh! vom gemeinsten Volke bewohnt! Was Teufels soll ich damit anfangen? ... Die Kerls ziehen aus und bleiben die Miethe schuldig, oder sie ziehen nicht aus und zahlen doch nicht, sind grob, wenn man Geld von ihnen verlangt, oder bieten Einem Prügel an! ... Es ist eine wahre Freude mit solchen Miethsleuten!« »Aber man übergibt das Haus einem Hauptmiether, und läßt diesen für diese Einzelheiten sorgen.« »Nein, nein, ich sage Ihnen, ich will's verkaufen, das ist das Kürzeste ... es langweilt mich Alles viel zu sehr! dazu kommen noch andere Unannehmlichkeiten: wenn hübsche Grisetten oder sonst liebenswürdige Wesen unter meinen Miethsleuten sind, so quittire ich dieselben, nachdem ich mich zwar nicht mit Geld, aber mit sonst etwas bezahlt gemacht habe ... Bei meiner Ehre, ich kann nicht Hauseigenthümer sein, ich habe ein zu weiches Herz! ...« »Sie werden es bald dahin bringen, daß Sie es nicht mehr sind!« sagte kopfschüttelnd der Notar. »Sie betragen sich gar nicht vernünftig, Herr von Darena; ... und doch sind es kaum sechs Jahre, seit Ihr Vater Ihnen ein so großes Vermögen hinterlassen hat!« »Von dem mir nichts mehr übrig blieb, als das kleine Haus, das ich verkaufen will!« entgegnete Darena mit Lachen. »Nun, das ist das Schicksal aller Glücksgüter ... sie sind vergänglich ... man sammelt sich aber wieder neue! ich bin niemals in Sorgen! Monfréville will also nichts von meinem Hause, nun, so möge es mir Herr d'Hurbain verkaufen. Aber lassen Sie doch Ihren alten Jasmin vor, ich bin neugierig, diese verdorrte Staude zu sehen! ...« »Bei wem dient dieser musterhafte Diener?« fragte Monfréville. »Er stand in den Diensten des Herrn Marquis von Grandvilain, der vor etwa zehn oder elf Jahren gestorben ist.« »Der Marquis von Grandvilain!« rief Darena aus, indem er sich in einen Lehnstuhl warf und bis zu Thränen lachte. »Die haben köstliche Namen, das muß ein hübsches Geschlecht sein!« »Grandvilain!« murmelte Monfréville, »ich habe den alten Marquis gekannt, mein Vater war einer seiner Freunde ... er hat mir oft von einem Feste, von einem wegen der Geburt eines Sohnes veranstalteten Kunstfeuerwerks ... einer in die Luft gesprengten Bratpfanne ... und von Kastroldeckeln, die mehrere Personen verwundeten ... erzählt.« »Genug! genug! Das ist rein unmöglich! Monfréville will uns Bären aufbinden!« sagte Darena, sich ihm Lehnstuhl dehnend. »Das Alles ist wahr,« erwiderte Herr d'Hurbain; »und was Herr von Monfréville eben erzählte, ist wirklich geschehen. Aber der Marquis von Grandvilain und seine Frau sind todt; von dieser ganzen Familie lebt nur noch ein Sohn, der jetzt sechzehn und ein halbes Jahr alt und bereits im Besitze von mehr als dreißigtausend Franken Renten ist; ich bin der Verwalter seines Vermögens, aber sein Vater bestimmte in seiner Eigenheit und unbegreiflichen Narrheit, daß sein Sohn mit fünfzehn Jahren Herr seines Vermögens sein sollte, und hat ihm nur den alten Jasmin, seinen Kammerdiener, als Mentor beigegeben.« Darena richtete sich in seinem Lehnstuhl auf und machte eine eigenthümliche Miene, indem er ausrief: »Im fünfzehnten Jahre dreißigtausend Franken Rente! ... Das verdient Beachtung ...« »Der arme, alte Marquis war also ein Narr?« fragte Monfréville. »Nein, aber er bekam dieses Kind erst im vorgerückten Alter, und wünschte, daß es frühzeitig schon sein eigener Herr werde.« »Beim Kuckuk! ich finde das so dumm nicht!« sagte Darena. »Warum sollte man im fünfzehnten Jahre nicht schon vernünftig sein, da man es im sechzigsten so wenig ist? Und wie schaltet der Erbe mit seinem Vermögen? ... Er verzehrt es wahrscheinlich in lauter gerösteten Mandeln und überzuckerten Kastanien?« »Dem Himmel sei Dank, er beschäftigt sich bis jetzt, so viel ich glaube, nur mit seiner Rhetorik und seinen Schulwissenschaften. Um übrigens Nachrichten von ihm zu erhalten, habe ich den treuen Diener rufen lassen. Wenn Sie es erlauben, so will ich ihn eintreten heißen ...« »Wir bitten Sie sogar darum. Ich für meinen Theil bin sehr begierig zu erfahren, wie sich dieser kleine Grandvilain befindet ... ei, ei! ... welch' ein abscheulicher Name! Es bedeutet: Grundhäßlich . ... gleichviel, ich würde gerne mit ihm tauschen, wenn er mir seines Vaters Thaler überließe! und Sie ... Monfréville ... doch. Sie sind ein Philosoph! ... und überdies reich ... was die Philosophie sehr erleichtert.« Der Eintritt Jasmins machte dieser Unterredung ein Ende, der alte Diener begrüßte die ganze Gesellschaft mit einem tiefen Compliment und wendete sich dann an den Notar mit den Worten: »Sie haben mich um Etwas zu befragen, Herr Notar?« »Ja, mein lieber Jasmin, vor allen Dingen möchte ich erfahren; wie es unserem jungen Marquis geht?« »Er befindet sich sehr wohl, mein Herr, o! er genießt einer herrlichen Gesundheit ... es ist ein sehr hübscher Junge.« »Gut, und seine Studien?« »Hm, nach dem, was ich sagen höre, scheint er sehr gelehrt.« »Wissen Sie, Jasmin, daß Ihr Gebieter vor sechs Monaten sein sechzehntes Jahr erreicht hat.« »O freilich, mein Herr, ich weiß es recht gut.« »Ist ihm das Testament seines Vaters bekannt?« »Allerdings ...« »Ich halte ihn für zu vernünftig, als daß er schon jetzt die Verwaltung seines Vermögens übernehmen wollte; aber dessen ungeachtet ist es meine Pflicht, ihm Rechnung über die bisherige Verwendung desselben abzulegen und ihn zu fragen, ob er die Absicht hat, mir seine Verwaltung noch länger zu überlassen. Ueberdies wünschte ich schon längst den jungen Marquis zu sehen und will es nicht länger hinausschieben. In welcher Lehranstalt ist er?« Jasmin riß seine Augen voll Bestürzung auf und blickte nach der Thüre. »Verstehen Sie mich nicht?« fuhr der Notar fort ... »Ich habe Sie gefragt, in welchem Collegium ich nach dem Herrn Cherubin von Grandvilain fragen müsse.« »Der musterhafte Diener scheint mir taub zu sein,« bemerkte Darena, über Jasmins Gesicht lachend, während Monfréville, der den alten Bedienten aufmerksam beobachtete, sich ihm näherte, ihn starr ansah und halb ernsthaft, halb scherzhaft fragte: »Wisset Ihr nicht, was Ihr mit Eurem jungen Herrn angefangen habt?« »Doch, mein Herr, doch!« entgegnete Jasmin, »der Herr Marquis ist in Gagny.« »In Gagny? ... ist dort ein Collegium?« fragte der Notar. »Gagny! ... bei Villemomble! ... o! ich kenne es,« rief Darena aus, »das ist ein kleines Dorf ... in dessen Umgebung einige ziemlich hübsche Besitzungen sind ... aber nicht ein einziger guter Gasthof in der ganzen Gegend ... ich bin mit zwei Opernsängerinnen hingefahren ... wir konnten nicht einmal ein Hasenfricassé bekommen, was doch sonst auf dem Lande eine Hauptspeise ist, sondern nichts als lederartiges Pöckelfleisch ... In Gagny war nie eine gelehrte Schule ... meines Wissens nicht einmal ein Pensionat.« »Nun, Herr Jasmin,« fragte der Notar mit strengem Tone, »bei wem macht der junge Grandvilain in Gagny seine Studien?« Der alte Diener faßte sich ein Herz und erwiderte mit beinahe stolzer Miene: »Bei seiner Amme, mein Herr!« Diese Worte versetzten den Notar in Erstarrung, Monfréville fing an zu lachen und Darena wälzte sich im Lehnstuhl. »Bei seiner Amme!« fuhr endlich der Notar fort. »Ist es wirklich möglich, Jasmin! der junge Marquis wäre mit siebzehnthalb Jahren noch bei seiner Amme?« »Ja, mein Herr, aber seien Sie beruhigt, er ist deßhalb nicht minder gelehrt, ich habe ihm einen Lehrer beigegeben, den Schulmeister des Ortes, Herrn Grunddumm, der ihm in allem Möglichen Unterricht ertheilt.« Darena brach in ein neues Gelächter aus, als er des Lehrers Namen hörte, und rief: »Seine Erziehung bei der Amme genießen! ... das ist köstlich ... das ist eine neue Methode ... die kann Mode werden ... ich habe auch Lust, wieder am Borne des Wissens meiner Amme zu trinken.« »Herr Jasmin,« nahm der Notar wieder das Wort, »ich begreife nicht, wie Sie den Sohn Ihres Herrn bis jetzt bei Bauersleuten lassen konnten ... Sie verdienen sehr getadelt zu werden ... Sie hätten mich wenigstens um Rath fragen sollen.« Der alte Diener, der sehr im Gedränge war, schrie aus Leibeskräften: »Herr Notar, ich bin der Diener meines Herrn! ich habe nicht das Recht, seinen Wünschen zuwider zu handeln oder ihm Gewalt anzulegen; es ist nicht meine Schuld, wenn der Herr Cherubin nicht von seiner Amme und seiner kleinen Milchschwester weg will!« »Ach! wenn er eine kleine Milchschwester dort hat,« sagte Darena, »so fange ich an die Hartnäckigkeit des jungen Mannes zu begreifen; wie alt ist diese Milchschwester?« »Zwei Jahre jünger als mein Herr, ungefähr vierzehn ein halbes Jahr.« »Ist sie hübsch?« »Allerdings ... ja, mein Herr, sie ist von einer hübschen Race.« »Herr Jasmin,« sprach der Notar, »so kann es nicht fortdauern; es ist meine Pflicht, diese Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und meine Freundschaft für den verewigten Herrn von Grandvilain macht mir sogar ein Gesetz daraus. Auch Ihnen muß es einleuchten, daß der Sohn Ihrer ehemaligen Herrschaft, der von einem vornehmen Hause abstammt, seine schönsten Jahre nicht in einem Dorfe zubringen darf.« »Ich versichere Sie, Herr Notar, daß ich dieses meinem Herrn schon oft vorgestellt habe. Ich sage ihm fortwährend: In Paris haben Sie ein großes Haus, schöne Zimmer mit karmesinrothen Tapeten, Mobilien von massivem Mahagoniholz, einen Nachttisch mit eingelegten Ecken ... den Inhalt von vergoldetem Porzellan ... Das Alles verführt ihn nicht ... Er dreht mir den Rücken zu und gibt mir kein Gehör.« »Ich glaub' es wohl!« rief Darena aus, »der alte Dummkopf, der seinen Herrn mit einem Nachttisch und seinem Zugehör verführen will; wenn Sie es wünschen, Herr d'Hurbain, so nehme ich es auf mich, den jungen Marquis zur Rückkehr nach Paris zu bewegen.« »Sie, Herr von Darena, auf welche Weise?« »Das ist meine Sache; verlassen Sie sich auf mich!« »Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich dabei unterstützten, ich will aber meinerseits auch thätig sein. Herr von Monfréville, wollen Sie mir nicht auch an die Hand gehen, und mich nach Gagny begleiten, Sie, dessen Vater ein Freund des alten Marquis war?« »Ich bin im Gegentheil sehr geneigt, dabei zu sein ... Ich besinne mich schon auf ein Mittel, wodurch der junge Mann bewogen werden könnte, uns nach Paris zu folgen ... denn man darf in diesem Falle nicht gewaltthätig zu Werke gehen. Alles wohl überlegt, ist dieser junge Erbe doch, schon durch seines Vaters Willen, sein eigener Herr, und wenn er darauf beharren würde, bei seiner Amme zu bleiben, so wären wir auch gezwungen, ihn dort zu lassen.« »Aber es ist unmöglich, daß der Sohn des Marquis unsern Gründen, unsern Vorstellungen nicht nachgebe.« »Gründe! ach, mein lieber Herr d'Hurbain, es braucht mehr als solche, um einen Jüngling zu bestechen.« »Meine Herren,« fiel Darena ein, »ich schlage eine Wette vor. Dem, der den Sieg davon tragt und den jungen Cherubin nach Paris zurückbringt, müssen die beiden Andern ein prächtiges Mittagessen im Rocher de Cancale geben. Willigen Sie ein?« »O, sehr gerne ...« »Wann werden wir nach Gagny gehen?« »Morgen frühe, meine Herren; ich werde es so einrichten, daß ich um zwölf Uhr mein Arbeitszimmer verlassen kann; wollen Sie mich abholen? soll ich Sie erwarten?« »Nein,« entgegnete Monfréville; »Jeder soll allein gehen; wir werden die Wohnung dieser Amme schon finden können.« »Nicolle Frimousset,« rief Jasmin dazwischen, »in einer kleinen Gasse, die auf den Marktplatz führt ... Jedermann kann Ihnen ihr Haus zeigen.« »Ganz gut,« sagte Darena, »Nicolle Frimousset ... Man muß sich die Namen ins Gedächtniß einprägen! ... Monfréville hat Recht, es ist besser, Jeder geht für sich.« »Aber hüten Sie sich, meine Herren,« erwiderte der Notar, »wenn Sie zögern, so können Sie wohl die Reise umsonst machen müssen, und ich werde mit Cherubin schon auf dem Wege sein.« »O! das glaube ich nicht!« antwortete Monfréville. »Was mich betrifft, meine Herren, ich bin ein guter Spieler,« entgegnete Darena, »ich lasse euch einen Vorsprung ... Ich werde erst eine gute Stunde nach euch abreisen, und bin überzeugt, noch zu rechter Zeit zu kommen.« Jasmin, den dieses Gespräch in Staunen und Unruhe versetzte, rief mit erschrockener Miene aus: »Aber, meine Herren, ich hoffe, daß Sie bei all' diesem meinem jungen Herrn kein Leid zufügen ... das heißt, ihm keinen Verdruß bereiten werden! ...« »Ha! Ha! Ha! dieser alte Bursche entzückt mich mit seiner Treuherzigkeit! ...« sagte Darena; »seid beruhigt, ehrenwerther Diener! ... wir werden uns nur ganz angenehmer Mittel bedienen. Was Euch betrifft, so habt Ihr morgen früh nur ein Mittel zu ersinnen, um die kleine Milchschwester des Herrn Cherubin von ihm entfernt zu halten ... Das ist für das Gelingen unseres Vorhabens unumgänglich nothwendig.« »Sie verstehen, Jasmin,« sprach der Notar; »bedenken Sie, daß es sich um die Zukunft, um das Glück Ihres jungen Herrn handelt, und daß Sie strafbar wären, wenn Sie unsern Plan nicht unterstützten.« Der alte Diener verbeugte sich und ging mit dem Versprechen, zu gehorchen. Monfréville und Darena verließen den Notar ebenfalls mit den Worten: »Morgen in Gagny!« Zehntes Kapitel Die Waffen des Achilles. Jasmin kehrte ganz verstört nach Hause zurück; der alte Diener wußte nicht, ob er sich freuen oder betrübt sein sollte; es wäre ihm sehr lieb, wenn sich sein Herr in Paris befände, damit er stets in seiner Nähe sein und ihn bedienen könnte, wie seinen seligen Vater; aber er fürchtete auch, man möchte dem Jüngling Kummer machen, den er sein theures Kind nennt, und besorgte, der Aufenthalt in Paris könnte der Gesundheit desselben nachtheiliger sein, als der auf dem Lande. Während er diesen Gedanken nachging, versammelte er alle Diener des Hauses um sich. Man wird sich erinnern, daß Jasmin die ganze Dienerschaft seines ehemaligen Herrn beibehalten hatte; daher bestand Cherubins ganzes Haus aus Leuten von fast überreifem Alter. Der Koch war mehr als sechzigjährig, der Kutscher nahte sich seinem dreizehnten Lustrum; Zeitraum von fünf Jahren. dann war noch ein kleiner Jockey von fünfzig Jahren und Mamselle Turlurette da, die inmitten dieser Leute ein Kind zu sein schien, indeß sie doch schon ihr siebenunddreißigstes Lebensjahr angetreten hatte. »Meine Kinder,« sagte Jasmin zu den Dienstboten, »ich glaube euch ankündigen zu müssen, daß unser junger Herr morgen wahrscheinlich in unsere Mitte zurückkehren wird ...« »Morgen!« rief Turlurette mit einem Freudenschrei aus, »ist es gewiß?« »Sehr gewiß – vielleicht. Kurz, bereitet jedenfalls Alles vor, damit Herr Cherubin zufrieden ist; sorget dafür, daß Alles sorgfältiger gebohnt und gewichst sei, als je ... der Koch soll ein ausgezeichnetes Mittagessen zurichten, der Kutscher Wagen und Pferde bereit halten, im Falle man sich derselben bedienen wollte ... stellet Blumen auf die Treppe, wie in früheren Tagen, wenn mein seliger Herr einen Ball gab ...« »Wird auch ein Feuerwerk losgelassen?« fragte Turlurette mit schalkhaftem Tone. »Nein, Mamselle, nein ... ich habe genug an Feuerwerken!« entgegnete Jasmin, mit der Hand über sein Gesicht fahrend; wenn's der Herr Cherubin nicht ausdrücklich befiehlt, so wird im Hofe niemals wieder auch der kleinste Frosch losgelassen; aber sonst muß es heiter im Hause zugehen ... Ah! wir lassen Musik kommen ... drei Orgel- und drei Violinspieler müssen sich im Hof aufstellen und bei der Ankunft unseres jungen Herrn ihre schönsten Stücke hören lassen, das wird ihm sicher viel Vergnügen machen.« »Sollen auch Sängerinnen dabei sein?« fragte der alte Jockey. »Nun! wenn Du Sänger und Sängerinnen findest, – kann es auf keinen Fall schaden. Versteht ihr aber, erst Nachmittags!« Am folgenden Morgen begab sich Jasmin früh nach Gagny, wo er gegen zehn Uhr ankam. Sein Erstes war, nach Cherubin zu fragen, worauf ihm Nicolle sagte, er sei mit Louisen nach dem rothen Hause hin spazieren gegangen. Der alte Diener war im Begriff, die jungen Leutchen aufzusuchen, als er auf dem Marktplatz Herrn Gerundium begegnete, den er in aller Eile von dem, was im Laufe des Tages geschehen sollte, in Kenntniß setzte. Der Lehrer klatschte in die Hände, warf seinen neuen Hut in die Luft und schien einen Entrechat machen zu wollen, indem er ausrief: »Tandem! ... denique! ... Ultima cumaei venit jam carminis aetas! ... Jam nova progenios coelo demittitur alto! ...« Worauf ihm Jasmin erwiderte: »Nein, dem ist nicht also! ... ich sage Ihnen ja, der Notar und zwei seiner Freunde werden kommen.« »Sehr gut! ... herrlich! ... mehr als herrlich! ... Jetzt muß ich meinen Zögling unverzüglich aufsuchen.« »Ich hatte es eben im Sinne; er geht mit der kleinen Louise nach dem rothen Hause zu spazieren.« »Mit der kleinen ... die schon groß ist. Wie unklug! wie nothwendig ist es, den Mann von der Schlange zu entfernen! ...« »Sie haben eine Schlange gesehen? ...« »Die Schlange, wackerer Jasmin, ist das Weib, der Apfel ... die Sünde! ... Ihr sehet aus, als ob ihr das nicht recht verstündet, ich werde es Euch ein ander Mal erklären, jetzt müssen wir schnell die Kinder aufsuchen.« »– Um so mehr, als mich die Herren ersucht haben, das junge Mädchen, so lange sie mit meinem Gebieter zu sprechen hätten, entfernt zu halten.« »Sehen Sie, diese Herren denken wie ich! ... sie errathen, daß dieses junge Mädchen nun gefährlich ist. Wir werden sie entfernen, tugendhafter Jasmin, wir werden einen Vorwand erfinden ... eine Ausflucht ... Nun, gebt mir den Arm und lasset uns laufen ...« »– Laufen! ... beim Teufel ... das ist leichter gesagt als gethan ... nun, ich will's probiren.« »Man kann in jedem Alter laufen; würdiger Jasmin, und Sie waren ganz zu einem Läufer geformt.« Nach diesen Worten nahm der Lehrer den alten Diener beim Arme und zog ihn nach der Richtung hin, wo sie Cherubin zu finden hofften. Während sie mit verdoppelten Schritten vorwärts eilten, fragte Jasmin den Herrn Gerundium: »Haben Sie einen Vorwand gefunden? die Kleine bei Seite zu schaffen.« »– Nein! und Sie?« »Eben so wenig.« »– Nur immer vorwärts, das wird schon kommen.« Schon drei Viertelstunden dauerte dieser forcirte Marsch; Jasmin konnte nicht mehr fort ... er war ganz außer Athem; der Lehrer schleppte ihn aber immer weiter, und sprach ihm Muth ein, mit den Worten: » Macte puer! Macte animo! ... Es gilt das Glück des guten Cherubin ... Nehmet Euch in Acht, braver Jasmin, Ihr stolpert ... Ihr bringt Eure Füße in das Fahrgeleise! ... Ihr tretet in eine Pfütze ...« Dem braven Jasmin war aber Milz und Athem ausgegangen ... – und er wollte eben mitten auf dem Wege umsinken, indem er nur noch die Worte stammelte: »Ich kann nicht mehr weiter ... ich muß wieder zu Athem kommen.« Da warf gerade Herr Gerundium einen Blick auf ein neben der Straße liegendes Wäldchen und er rief aus: »Dort sind sie ... Die Kleine ißt Aprikosen ... sie bietet meinem Zöglinge eine an, der voll Bewunderung vor seiner Aprikose steht! ... es ist Zeit, daß wir kommen.« Cherubin war an diesem Tage frühzeitig mit Louisen fortgegangen; sie hatten ein Körbchen mit Brod und Obst mitgenommen, und ergötzten sich an einem Frühstück im Walde; dieses einfache Mahl schien ihnen köstlich ... In der That, was konnten sie auch mehr wünschen, sie waren beisammen und liebten sich: die beste Mahlzeit ist immer diejenige, zu der man ein zufriedenes Herz mitbringt. Das Gefühl, welches damals Cherubin und Louisen vereinigte, war so zart, so rein, daß sie in ihrem Beisammensein allein ihr Glück fanden, und nach keinem andern trachteten. Vielleicht zeigte sich die Zuneigung Louisens lebhafter und mittheilender, weil ihre Liebe schon getrübt wurde! Sie fürchtete, Cherubin möchte sich entschließen, nach Paris zu gehen, sie besorgte, ihren Freund zu verlieren, und diese Angst ließ sie ihn noch mehr lieben, denn unsere Neigungen verstärken sich durch die Kümmernisse, die sie uns verursachen. Die beiden jungen Leutchen waren erstaunt, als sie mitten in ihrem ländlichen Mahle den Lehrer und Jasmin plötzlich vor sich stehen sahen. »Wir suchten euch, liebenswürdige Schößlinge,« sagte Herr Gerundium; »wir waren beunruhigt ... Das Abenteuer des Pyramus und der Thisbe fuhr mir im Kopfe herum! ... ich hielt alle Hunde, die mir begegneten, für Löwinnen ... zwar weiß ich wohl, daß mein edler Schüler nicht wie der junge Assyrier im Sinne hat, mit seiner Thisbe zu entfliehen ... aber man kann einen Fehltritt thun ...« »Nun, warum kommen Sie, uns zu holen?« fragte Cherubin; »ich glaube, ich habe noch Zeit genug zum Lernen ... Ich weiß eigentlich schon genug ... ist Jemand krank geworden ... irgend ein Unglück geschehen, daß Jasmin mitkommt?« Herr Gerundium schien von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, warf Jasmin einen Blick zu und antwortete: »In der That, mein edler Zögling ... es ist ein hoffentlich nicht gefährlicher Unfall geschehen ... der ältere Sohn Ihrer Amme hat sich verwundet ... er hat geschrieben ... aus Montfermeil, wo er ist ... und Nicolle wünschte, daß sich Louise sogleich zu ihm begeben möchte! ... sie selbst wird ihr alsbald nachfolgen.« »Wir wollen Louisen begleiten,« erwiderte Cherubin. »Nein, es ist besser, wir kehren zu der armen Nicolle zurück, die fast verzweifelt ... weil sie keinen Arzt zu finden weiß. Louise kann wohl allein nach Montfermeil gehen; man sieht von hier aus die ersten Häuser des Dorfes.« »O ja! ja! ich bin bald dort,« sagte Louise, »aber bei wem ist der Sohn meiner guten Mutter Nicolle?« »Bei Frau Patineau in der großen Straße; nehmen Sie, hier ist ihre Adresse nebst ein paar Worten an sie.« Herr Gerundium hatte in aller Eile ein paar Zeilen mit Bleistift niedergeschrieben, womit er die Frau, zu der er die Kleine schickte, ersuchte, dieselbe bei sich zu behalten und nicht fortgehen zu lassen, bis man sie abhole. Das junge Mädchen nahm das Uriasbillet, verabschiedete sich von Cherubin und rannte Montfermeil zu; der Lehrer rieb sich die Hände und blickte Jasmin an, der bei sich selbst sprach: »So etwas hätte ich nie erfunden.« Man kehrte nach Gagny zurück. Als man in die Nähe des Marktplatzes kam, bemerkte man eine Miethkutsche, die eben stille stand; ein Herr stieg aus. Dies war der Notar d'Hurbain. »Da kommt ein Besuch zu Ihnen,« sagte Jasmin zu seinem Herrn. »Dieser Herr ist Ihr Notar; ihm hatte Ihr Herr Vater die Vollziehung seines Testaments übertragen.« »Und damit Sie nicht zerstreut seien und die Personen, die zum Besuche aus Paris ankommen, empfangen können, haben wir die kleine Louise nach Montfermeil geschickt,« sprach lächelnd Herr Gerundium. »Wie, und der Nicolle's Sohn zugestoßene Unfall?« »War nur ein Scherz ...« Ehe noch Cherubin Zeit zur Antwort gewann, hatte sich Herr d'Hurbain ihm genähert und ehrerbietig vor ihm verneigt. Die ernste Miene des Notars imponirte dem Jüngling, der einige Worte der Erwiderung auf die Complimente stotterte, welche dieser an ihn richtete. Man lenkte seine Schritte nach der Wohnung der Amme hin, und zum ersten Male fühlte Cherubin eine Art Scham, als der Notar zu ihm sagte: »Wie? Herr Marquis, hier machen Sie Ihre Studien? ... Sie sind sechzehn und ein halbes Jahr alt, von edler Familie, haben ein schönes Vermögen und bringen Ihre Tage unter dem Dache dieser Landleute zu? Ich ehre die Bauern, ich achte überhaupt alle rechtschaffenen Leute, aber Jeder muß seinen Rang behaupten, Herr Marquis; denn sonst wäre in der menschlichen Gesellschaft nichts als Unordnung und Verwirrung, und die Menschen würden nicht mehr von jenem Eifer, emporzukommen, beseelt, der, indem er ihnen einen lobenswerthen Ehrgeiz ins Herz legt, sie zu edeln Anstrengungen befähigt, um das vorgesetzte Ziel zu erreichen.« »Bravo! ... recte dicis !« rief Herr Gerundium aus, während er dem Notar zulächelte, »der Herr spricht jetzt, wie ich ehedem gesprochen.« Cherubin erröthete und war um eine Antwort verlegen. Herr d'Hurbain suchte aufs Neue mit den freundlichsten Vorstellungen den Jüngling zur Vernunft zu bringen. Er legte jedoch hauptsächlich Gewicht auf den Stand und das Vermögen des jungen Marquis und sagte am Schlusse seiner Reden jedesmal zu ihm: »Sie sind jetzt meiner Ansicht, nicht wahr, und kehren mit mir nach Paris zurück?« Aber Cherubin, der des Notars Worte mit großer Willfährigkeit anzuhören schien, entgegnete mit sehr sanfter Stimme: »Nein, mein Herr, ich bleibe lieber hier.« »Daran bin ich gewiß nicht Schuld,« rief, die Augen gen Himmel richtend, Herr Gerundium aus. »Ich sage meinem Schüler alle Tage, was Sie ihm so eben auch sagten, mein Herr, nur füge ich noch Beispiele aus der Geschichte, sowohl der alten, mittlern als neuen, hinzu ... es ist aber gerade, als ob ich einen Blinden zeichnen lehren wollte!« »Herr d'Hurbain fing an dem Erfolge seines Besuches zu zweifeln an, als man Pferdegetrappel vernahm. Man eilte vor die Thüre, um zu sehen, was es gebe; ein hübsches Tilbury stand davor, worin sich ein sehr eleganter, nur von seinem Jockey begleiteter Herr befand. Es war Herr Eduard von Monfréville, der sein Tilbury selbst kutschirte, leicht heraussprang und Cherubin bei seiner Annäherung mit Höflichkeit begrüßte, während der Notar zu dem jungen Marquis sagte: »Erlauben Sie mir, Ihnen den Sohn eines alten Freundes von Ihrem Vater vorzustellen, Herrn von Monfréville, der seine Bitten mit den meinigen vereinigt, um Sie zu dem Entschlusse zu bewegen, nach Paris zurückzukehren.« Monfréville ergriff Cherubins Hand, drückte sie in der seinigen und sprach, nachdem er den Jüngling einige Zeit betrachtet hatte, zu ihm: »Wenn man bei Ihrem Namen und Vermögen ein so hübsches Aeußere hat, ist es wirklich unverzeihlich, sich in einem Dorfe zu vergraben.« »Gewiß!« brummte Herr Gerundium, Monfréville zulächelnd, »wenn Helena verborgen gelebt hätte, so hätte es keine Belagerung von Troja gegeben; und wenn Dunois bei seiner Amme geblieben wäre, so hätte er wahrscheinlich nicht den Beinamen »der schöne Dunois« erhalten.« Monfréville warf dem Lehrer einen spöttischen Blick zu und wendete sich wieder an Cherubin: »Mein lieber Herr, mein Vater war ein Freund des Ihrigen; dies hat in mir den Wunsch erregt, Ihre Bekanntschaft zu machen, und es hängt nur von Ihnen ab, daß wir Freunde werden, wie unsere Väter. O! ich begreife, daß Sie wegen des Unterschiedes, der zwischen meinem und Ihrem Alter besteht, meinen Vorschlag lächerlich finden können; lernen Sie aber nur erst die Welt kennen, und Sie werden einsehen, daß sich diese Verschiedenheiten durch die Uebereinstimmung des Geschmackes und Charakters ausgleichen; ich bin bereits überzeugt, daß wir uns recht gut vertragen werden. Aber, wie Teufels sind Sie angezogen? ... einen so hübschen, wohlgestalteten, jungen Mann in solchen Plunder zu stecken! ... es ist zum Erbarmen!« »Mein junger Herr hat den Schneider seines verewigten Vaters,« murmelte Jasmin; »ich glaubte nicht, ihm durch einen andern arbeiten lassen zu sollen ...« »– Ihr hattet Unrecht, treuer Diener, ein Schneider ist keine Reliquie, die man sorgfältig aufbewahren muß ... Ich sehe, daß dieser nichts von der heutigen Mode versteht. Holla! ... Frank! bring' herbei, was ich in den Koffer des Tilbury's packen ließ!« Monfréville's Diener kam gleich darauf mit Kleidungsstücken überladen; er breitete einen wunderschönen, nach dem neuesten Geschmack gearbeiteten Rock, eine Weste von blendendem Stoffe, schwarzatlaßne Halsbinden, hübsche Cravatten, und eine blaue Sammetmütze mit Schnürwerk und einer goldenen Eichel verziert, auf einem Tische aus. Beim Anblick dieser Gegenstände konnte sich Cherubin eines Ausrufs der Bewunderung nicht enthalten; ohne lange zu fragen, ob es ihm recht sei, zog ihm Monfréville seine Jacke und seine Morgenweste aus und dagegen was er mitgebracht hatte, an, wand eine prächtige broschirte Cravate um seinen Hals, knüpfte sie ihm auf eine kokette Weise und setzte ihm zuletzt die zierliche Sammetmütze auf, nachdem er die auf der Seite hervorquellenden Haarlocken geordnet hatte; dann führte er den Jüngling vor einen Spiegel und sagte zu ihm: »Betrachten Sie sich einmal! sehen Sie so nicht hundert Mal besser aus?« Cherubin wurde roth vor Freude, als er sich so hübsch sah; sein neuer Anzug gab auch in der That seinem schönen Antlitz einen ganz andern Ausdruck; er kleidete ihn so vorteilhaft, daß Nicolle, obgleich sie betrübt war, daß man ihr ihr Söhnchen entreißen wollte, nicht umhin konnte, auszurufen: »Ach Gott! wie schön ist er! ... wie prächtig ist er so! ... hundert Mal schöner! ...« »Er sieht seinem seligen Vater gar nicht gleich,« brummte Jasmin. »Er gleicht dem Sohn des Jupiters und der Latona, dem Bruder der Diana, sonst auch Apollo genannt ... oder Phöbus, wenn Sie lieber wollen,« rief Herr Gerundium, immer lächelnd, aus. Herr d'Hurbain blickte Monfréville mit zufriedener Miene an, gleich, als wollte er ihm Glück wünschen, das Mittel zur Verführung Cherubins gefunden zu haben; dieser schien wirklich entzückt über seinen Anzug, hörte nicht auf, sich zu betrachten und zu spiegeln, und um diese günstige Stimmung zu unterhalten, sagte Herr von Monfréville alsbald zu ihm: »Man hat mich versichert, Sie wohnen in einem Dorfe ... ich wollte es nicht glauben! ... der Sohn des Marquis von Grandvilain, der sich durch seine Eleganz, seine Kleidung und sein Benehmen auszeichnen muß, kurz, der dazu gemacht ist, um in Paris zu glänzen, darf nicht in einem Bauernhaus vergraben bleiben! das wäre ein Verbrechen! das wäre gegen alle Regeln! ... diese kleine Probe einer Toilette mag Ihnen einen Begriff von Allem geben, was Sie in Paris erwartet. Ich bin gekommen, um Sie in meinem Tilbury abzuholen, und wünsche, daß Sie, noch ehe acht Tage vergehen, der bestgekleidete, eleganteste, junge Mann der Hauptstadt seien; Sie werden den Ton angeben, denn Sie sind reich und hübsch genug dazu.« Cherubin schien hingerissen von Monfréville's Worten, und dieser, nicht mehr an seinem Siege zweifelnd, rief nun aus: »Lassen Sie uns abreisen, mein junger Freund, zögern wir nicht länger ... das Tilbury ist vor der Thüre und Paris winkt Ihnen.« In diesem Augenblicke aber verfinsterte sich Cherubins Angesicht, und statt Monfréville und dem Notar, welche aufgestanden waren, zu folgen, setzte er sich nieder und sagte: »Nein, ich mag nicht fortgehen ... denn ich will, daß mich Louise so sehe.« Die beiden Residenzler waren trostlos; sie hatten ganz sicher geglaubt, den jungen Marquis zum Mitgehen bewogen zu haben, und dieser weigerte sich aufs Neue. Der Notar führte Vernunftgründe an, Monfréville bot alle seine Beredsamkeit auf, entwarf ihm ein reizendes Gemälde von den Vergnügungen in Paris; aber Cherubin blieb unbeweglich. Herrn Gerundium machte das Staunen sprachlos. Nicolle freute sich im Innern, und Jasmin sagte halblaut: »Ich dacht' es doch, daß all' diese Leute nicht pfiffiger sein würden, als ich.« Alles schwieg; man wußte sich nicht mehr zu rathen, als man abermals das Rollen einer Kutsche hörte. Nun leuchtete ein Hoffnungsschimmer aus Monfréville's Augen, und Herr d'Hurbain rief aus: »Meiner Treu, es ist Zeit, daß Darena kommt; indeß bezweifle ich sehr, daß er glücklicher sein wird, als wir.« »Vielleicht doch,« sagte Monfréville leise; »Darena gehört zu den Leuten, die Alles vermögen.« Das Gefährt hielt gleichfalls vor der Amme Haus, und die bei Nicolle versammelte Gesellschaft eilte an die Thüre, um nachzusehen, wer aussteige. Der Fiaker, – denn das eben angelangte Fuhrwerk war nur ein einfacher Fiaker, – schien nach dem aus dem Innern dringenden Lärm zu urtheilen, angefüllt. Man hörte mehrere Stimmen zu gleicher Zeit sprechen und fortwährendes lautes Gelächter. Endlich wurde der Kutschenschlag geöffnet, Herr Darena stieg zuerst aus, sein Anzug war noch abgetragener, als der gestrige; dessen ungeachtet entwickelte er aber die gebildetsten Manieren, als er den von ihm mitgebrachten Personen heraussteigen half. Die erste war ein junges, als Spanierin gekleidetes Frauenzimmer, die zweite stellte eine Odaliske vor, die dritte eine Schweizerin und die vierte hatte das pikante Costüm einer Neapolitanerin an. Alle viere waren jung, hübsch, anmuthig, wohlgestaltet, hatten lebhafte, schelmische, verliebte Augen; und in der Art, wie sie aus der Chaise hüpften, lag eine erstaunliche Leichtigkeit und Grazie, überhaupt äußerte sich in ihrem ganzen Auftreten eine Zwanglosigkeit, wie man sie selten findet. Die Dörfler machten große Augen. Herr Gerundium that, wie wenn er die seinigen niederschlüge, riß aber jeden Augenblick eines davon auf; der Notar blickte Monfréville verwundert an und fragte: »Was soll das Alles heißen?« Monfréville lachte hell auf und entgegnete: »Wahrhaftig! ich glaube, er hat es besser angegriffen, als wir! ...« Unterdessen nahm Darena zwei dieser Damen bei der Hand und sprach: »Kommen Sie, Rosina, Malvina ... folgen Sie uns Edlina und Feodora! ... wir wollen dem jungen Marquis von Grandvilain unsere Ehrerbietung bezeigen ... Wo ist er? ... gut, ich seh' ihn schon, jener liebenswürdige junge Mann mit den schmachtenden Augen ist es! ... alle Teufel! nehmen Sie sich zusammen, meine Damen, das sind Augen, die schreckliches Verderben in Ihren Reihen anrichten werden!« Unter diesem Gespräch war Darena mit seiner Gesellschaft ins Haus getreten. Nachdem er die vier Damen, welche keineswegs verlegen schienen und lachend das Innere des Bauernhauses musterten, bis ins Zimmer geleitet hatte, begrüßte er Cherubin wie einen alten Bekannten und sagte zu ihm: Mein lieber Marquis, Herr d'Hurbain, Ihr Notar, ist auch der meinige; Ihr Freund, Herr von Monfréville, ist auch mir sehr befreundet; hieraus geht, wie Sie sehen, hervor, daß auch ich zu Ihren Freunden gezählt werden darf; es ist ein Titel, den zu verdienen ich mich glücklich schätzen würde ... Gewähren Sie mir denselben, Marquis! Männer, wie wir, verstehen sich bald ... Sie sind zwar jung, aber wir werden Sie bilden.« Cherubin ist ganz betäubt von Allem, was er sieht und hört, überdies werfen ihm die Spanierin und die Neapolitanerin Blicke zu, an die er gar nicht gewöhnt ist, während ihm die Odaliske auf sehr herausfordernde Weise zulächelt, und die Schweizerin fortwährend ihre Zungenspitze über die Lippen herausstreckt und ihm mit den Augen zublinzelt, was eine Bewegung in ihm verursacht, der er nicht Meister werden kann. »Marquis Cherubin,« fuhr Darena fort, »ich habe mir die Freiheit genommen, vier hübsche Damen mitzubringen; es sind Künstlerinnen, Tänzerinnen ersten Ranges, bei unserer großen Oper zu Paris angestellt; sie drückten das lebhafteste Verlangen aus, Sie zu sehen, und Milch auf dem Lande zu trinken ... Kann man Milch hier haben, tugendhafte Landleute? ...« Während Darena diese Frage an Nicollen richtete und diese in den Stall eilte, sprang das kleine, als Schweizerin gekleidete Frauenzimmer von ihrem Stuhle auf und rief aus: »O! ja ... o! Milch, das ist köstlich! Ich werde mir einen Spitz damit antrinken! ...« Darena näherte sich der Schweizerin, stieß sie mit dem Ellbogen in die Seite, und sagte ihr leise in's Ohr: »Malvina, thu' mir den Gefallen und halte das Maul, Du kannst doch nur Dummheiten schwatzen.« Und Monfréville, der sich in die Lippen biß, um nicht mit einem Gelächter herauszuplatzen, sagte heimlich zu Darena: »Sie wagen es, zu behaupten, daß diese Frauenzimmer Operntänzerinnen seien! ...« »Drei davon, mein Lieber; ich schwöre es Ihnen, nämlich Figurantinnen ... die Schweizerin allerdings ist nur von einem Boulevard-Theater, hat aber ein Bein zum Entzücken.« »Ich habe diese Damen in den Costümen ihrer Rollen mitgenommen,« fuhr Darena gegen Cherubin gewendet fort, »weil sie mir versprachen, in Ihrer Gegenwart eine kleine Probe ihres Talentes abzulegen. Nun, meine Göttinnen, tanzen Sie einen hübschen Pas de quatre vor dem jungen Marquis, der sich keinen Begriff von dem machen kann, was man in der Oper zu sehen bekommt ... Ich weiß zwar wohl, daß man hier nicht so bequem tanzt, wie auf der Bühne ... der Fußboden ist nicht getäfelt; um so größer wird aber Ihr Verdienst sein ...« »Er ist nicht einmal mit Platten ausgelegt!« rief die Schweizerin, zur Erde blickend, aus; »wie kann man hier Schleifschritte machen? da danke ich! ... es ist ganz uneben ... Wir werden einen Rumpler auf den Podex machen.« »Ah! sehr hübsch! ... sehr hübsch ...« rief Darena gewaltsam lachend aus, um den Eindruck zu schwächen, den die Ausdrucksweise der Schweizerin verursachte; »entschuldigen Sie, sie ist nicht aus Paris, sie ist unbekannt mit unserer Sprache und versteht die Bedeutung der Worte nicht.« »O! das Wort ist gut lateinisch, und Tibull, Petron und Ovid wenden zuweilen gleichbedeutende Worte an,« sagte Herr Gerundium, seinen Mund zu einem enormen Lächeln aufreißend, damit die vier Tänzerinnen all' seine Zähne sehen konnten. »Ich sei nicht aus Paris?« schrie Mademoiselle Malvina, »das wäre sauber! ... ich bin in der Straße Mouffetard geboren, ... wo meine Mutter mit Käse von Brie handelt ...« Darena trat der Tänzerin auf den Fuß und raunte ihr zu: »Malvina, wenn Du nicht schweigst, so mußt Du in die Kutsche zurück, bekommst keine Milch und darfst nicht mit uns zu Mittag speisen.« Die Schweizerin schwieg, der Graf zog eine Kindergeige aus der Tasche und schickte sich zum Musiciren an, indem er sagte: »Ich will das Orchester machen; Sie sehen, daß ich an Alles gedacht habe ... nun, meine Damen, bereiten Sie sich vor!« Während dieser Zeit hatte sich Herr d'Hurbain Monfrévillen genährt und sagte zu ihm mit halblauter Stimme: »Aber – der Herr Graf Darena hat in der That ein Mittel ersonnen ... von dem ich nicht weiß, ob ich es billigen soll ... Dieser Versuch scheint mir etwas zu leichtfertig ...« »Ei, warum denn?« erwiderte Monfréville. »Darena ist geschickter, als wir ... ich halte sein Verführungsmittel für das wahre ... Ueberdies wird der junge Mann in Paris in die Oper gehen; welches Uebel läge also darin, hier tanzen zu sehen, was er im Theater aufführen sehen wird? Es scheint mir sogar, daß in der Nähe viel weniger Täuschung stattfinde.« »So sei es denn!« entgegnete der Notar, sich wieder setzend; »und – wer den Zweck erreichen will, darf die Mittel nicht scheuen.« Die vier Tänzerinnen waren im Begriff, einen Pas auszuführen, als Nicolle mit Tassen und Milch zurückkehrte. Sogleich eilten die Damen nach den Tassen und riefen, daß sie sich zuerst erfrischen wollten. Während sie tranken, konnte Cherubin nicht aufhören, diese Frauenzimmer zu betrachten, die von denen, welche er bisher gesehen, so verschieden waren; und Herr Gerundium schenkte den Tänzerinnen selbst ein, indem er zu ihnen sagte: »Ich habe jetzt sicher etwas von Ganymed ... er diente dem Jupiter, ich – Terpsichoren und ihren Schwestern ...« Aber Malvina nahm die Milchkanne aus des Lehrers Hand und sagte zu ihm: »Ich heiße nicht Teppichore und das sind auch keine Schwestern von mir, aber Sie sind langweilig mit Ihrem tropfenweisen Einschenken! ... geben Sie, ich will lieber aus der Flasche selber trinken, das geht viel schneller.« Und der alte Jasmin sprach, die Augen weit aufsperrend mit erstaunter Miene: »Für Frauenzimmer von Stande haben sie einen guten Zug.« Als keine Milch mehr da war, begaben sich die Tänzerinnen an ihren Platz. Die Gesellschaft hatte sich niedergesetzt, Darena seine kleine Geige zur Hand genommen. Er spielte die Melodie der »Arragonaise« und die Damen begannen mit vieler Leichtigkeit und Anmuth ihre Tanzschritte zu machen. Die Landleute waren in Bewunderung versunken. Jasmin klatschte Beifall, Herr Gerundium schlug die Augen nicht mehr nieder, sein ganzes Gesicht flammte und glühte, wie seine Nase. Der Notar und Monfréville beobachteten Cherubin; er schien von dem neuen ihm dargebotenen Schauspiele hingerissen und entzückt, und seine Blicke konnten diese hübschen jungen Frauenzimmer, deren Schritte, Stellungen und geringste Bewegungen Vergnügen und Wollust ausdrückten, nicht genug bewundern. Darena, welcher die durch den Tanz hervorgebrachte Wirkung bemerkte, spielte immer lebhaftere Melodieen. Die Tänzerinnen folgten dem Takte: ihr Tanz wurde wilder, üppiger. Sie schienen in Anmuth und Beweglichkeit miteinander zu wetteifern, und ihre belebten Augen gewannen noch an Glanz und Feuer. Jasmin applaudirte wie ein Rasender, Herr Gerundium kratzte sich an seiner Nase, als wenn er sie herausreißen wollte, Cherubin war sehr ergriffen. In diesem Augenblicke streckte Fräulein Malvina, vom Eifer des Tanzes hingerissen, ihr Bein mit solcher Gewalt in die Höhe, daß es der Gesellschaft unmöglich ein Geheimniß bleiben konnte, daß sie keine Beinkleider anhatte. Herr Gerundium, dessen Augen beinahe aus dem Kopfe heraustraten, schrie: »Das sind Bayaderen ...das ist der mozambische Tanz! ... das ist sehr merkwürdig.« Herr d'Hurbain, der fand, daß der mozambische Tanz zu weit ging, erhob sich mit den Worten: »Ganz gut, meine Damen; es ist jedoch genug, Sie müssen ermüdet sein.« »Ah! bah!« rief Mademoiselle Malvina aus, »ich könnte noch den Cancan tanzen! ... auf den verstehe ich mich.« Darena, der sich den durch den Tanz erreichten Erfolg nicht rauben lassen wollte, eilte auf Cherubin zu, nahm ihn beim Arme und sagte zu ihm: »Nun kehren wir nach Paris zurück ... wir speisen im Rocher de Cancale mit diesen Damen zusammen, welche hoffen, daß Sie einer der Unsrigen sein werden ... denn das Fest wäre ohne Sie nicht vollständig.« Cherubin war bewegt, unentschlossen; er schwankte ... Darena gab den Tänzerinnen ein Zeichen, die herbeiflogen, den Jüngling umgaben, ihn aufs Verführerischste anblickten und ihm zuriefen: »O! ja, mein Herr, kommen Sie mit uns nach Paris! Gehen Sie heute Abend in die Oper ... dort werden Sie uns tanzen sehen, und das wird etwas anderes sein, als in diesem Zimmer. Es wäre recht abscheulich von Ihnen, wenn Sie es uns abschlügen.« »Und im Rocher de Cancale ißt man gut ...« sagte Malvina ... »ich werde mich vollstopfen! ...« »Nun! Nun! Sie sind der Unsrige;« rief Darena aus. Die Spanierin und die Neapolitanern ergriffen jede einen Arm Cherubins, und dieser ließ sich mit fortziehen, und fast unter lauter Tanzen bis zum Fiaker bringen, den er mit Darena und den vier Tänzerinnen bestieg. »Aber ich habe einen bessern Wagen,« rief der Notar, »es ist zu eng für sechse da drinnen ... einige der Damen könnten sich zu mir hereinsetzen.« »Nein, nein!« entgegnete Darena; »wir sitzen einander auf den Schooß; das ist sehr lustig! ... Vorwärts Kutscher, peitsche Deine Rosse, es wird Dir gut bezahlt ... zum Rocher de Cancale !« Der Fiaker fuhr ab mit Cherubin, der nicht einmal Zeit gefunden, sich von seiner Amme zu verabschieden. »Darena hat den Sieg gewonnen!« sagte Monfréville, »nun ist der Vogel seinem Nest entflogen! ...« »Ja,« entgegnete Herr d'Hurbain, »doch darf der Scherz nicht zu weit gehen ... und diese Mahlzeit, mit solchen Damen ... ich kann wahrhaftig nicht Theil daran nehmen ... ein Notar mit Ballettänzerinnen!« »Ei, mein Gott ... ein einziges Mal! ... Es weiß es ja Niemand, überdies geschieht es aus einem lobenswerthen Beweggrunde und Ihre Anwesenheit wird im Gegentheile eine allzu große Ausgelassenheit bei diesem Gelage verhindern. Kommen Sie mit in mein Tilbury, wir folgen den Leutchen in diesem rascher nach.« Herr d'Hurbain stieg mit Monfréville ins Tilbury und Herr Gerundium mit Jasmin in des Notars Kutsche. »Sie führen meinen jungen Herrn in den Rocher de Cancale ,« sagte der alte Diener, »und ich habe doch zu Hause eine Mahlzeit, einen feierlichen Empfang, Musik, Blumen u. s. w. vorbereiten lassen.« »Trösten Sie sich, würdiger Jasmin,« entgegnete der Lehrer, »das kann Alles nachher noch benützt werden; mein Zögling muß ja doch früher ober später jedenfalls nach Hause kehren. Was mich betrifft, ich bin Mentor und darf meinen Telemach , selbst wenn er zum Mittagessen in den Rocher de Cancale geht, nicht verlassen.« Elftes Kapitel Monfréville. – Darena. – Poterne.. Ein hübscher Saal und ein prächtiges Mittagessen waren von dem Grafen Darena im Rocher de Cancale unter folgender Betrachtung bestellt worden: »Es geschehe, was da wolle, wir werden jedenfalls hier zu Mittag speisen; sollte ich zum verlierenden, d. h. zahlenden Theile gehören, so würde mir dies zwar im Augenblick sehr schwer fallen ... indeß kümmert mich das wenig! ich bestelle einmal das Essen!« Nur ans Vergnügen zu denken, sich nicht um die Zukunft zu kümmern, sogar öfters sorglos über die Erfordernisse der Gegenwart wegzugehen, das war Darenas Gemüthsart. Von einer edeln Familie abstammend, hatte er einen guten Unterricht und eine vortreffliche Erziehung genossen. Sein stolzer, strenger Vater entdeckte an seinem Sohne schon frühzeitig einen lebhaften Hang zum Vergnügen und zur Unabhängigkeit, und hielt es, um ihn davon zu heilen, für gerathen, ihm durchaus keine Zerstreuung und Freiheit, die sonst nach der Arbeit und dem Studium zur Erholung dienen, zu vergönnen. So hatte Darena sein neunzehntes Jahr erreicht, ohne jemals einen Thaler zur Verfügung gehabt, oder eine freie Stunde genossen zu haben. Um diese Zeit starb sein Vater, seine Mutter war schon längst todt, und er mit einem Mal sein eigener Herr und im Besitz eines ziemlich großen Vermögens. Er warf sich blindlings in Vergnügungen und Zerstreuungen, wollte die durch seines Vaters Strenge verlorne Zeit wieder einbringen und hatte den Studien und ernsthaften Dingen auf immer den Rücken gekehrt. Das Spiel, die Weiber, die Pferde und die Tafelfreuden waren seine Abgötter geworden. Anfangs hatte er unter der vornehmen Gesellschaft, zu welcher ihm sein Namen und Vermögen den Zutritt verschafften, eine Menge Liebesabenteuer angesponnen; aber Darena war nicht sentimental, er suchte nur das Vergnügen in einem solchen Verhältnisse und brach es ab, sobald er den mindesten Zwang oder die geringste Unannehmlichkeit dabei empfand. Da die Damen aus den höhern Ständen nicht immer geneigt sind, nur ein Verhältniß von wenigen Tagen einzugehen, und das Betragen des Grafen Darena, der sich rühmte, keiner Frau treu zu bleiben, kein Geheimniß war, so wurden seine Eroberungen unter der höhern Welt seltener, und er nach und nach gezwungen, sich an niederere Bürgersmädchen, dann an Comödiantinnen, dann an Grisetten, dann an Frauenzimmer von zweideutigem Rufe zu wenden; zuletzt war er in diesem Punkt so wenig difficil geworden, daß er seine Geliebten aus den niedersten Ständen der Gesellschaft wählen mußte. Mit Darenas Vermögen war es wie mit seinen Liebschaften gegangen: es war immer weiter heruntergekommen, so daß der Graf in seinem achtundzwanzigsten Jahre Alles aufgezehrt und Alles verschwendet hatte. Es blieb ihm nichts mehr, als das Haus in der Vorstadt Saint-Antoine, das er zu verkaufen im Begriffe stand und worauf er schon mehr Schulden gemacht hatte, als es werth war. Aber weit entfernt, sich wegen seiner Lage und seiner Zukunft zu beunruhigen, war Darena Alles gleichgültig, wenn er nur gut essen, oder mit einer Tänzerin, einer Figurantin, einer Grisette, oder sogar mit einem Stubenmädchen Champagner trinken konnte; zur Erreichung dieser Vergnügungen scheute er kein Mittel, denn Menschen, welche in der Wahl ihrer Bekanntschaften nicht sehr delikat sind, sind es auch nicht immer in Beziehung auf ihre Existenzmittel. Ein Individuum, Namens Poterne, hatte mit all seinen Kräften zum Ruin und zu der Zerrüttung Darena's beigetragen. Dieser Poterne war ein Mensch, dessen Alter man wegen seiner Häßlichkeit und seines schlechten Wuchses nicht errathen konnte; auf einem dürren, knöcherichten, schiefen Körper, welchen krumme, schmächtige Beine trugen, befand sich ein auffallend großer, länglichst runder Kopf, eine in der Mitte eingedrückte, an der Spitze krumm gebogene Nase, ein Mund ohne Lippen, ein vorstehendes Kinn und zwei blaßgrüne, von übergroßen Wimpern beschattete Augen, deren Sterne sich unaufhörlich hin und her wälzten; man denke sich dazu einen ungeheuern Busch brauner, schmutziger, dicker Haare, die immer à la Igel geschnitten waren, so bekommt man das richtige Bild von Herrn Poterne. Dieser Mann hatte sich an den Grafen Darena gemacht, als derselbe noch reich war; er hatte ihm seine Dienste für jeden Fall angeboten, er wußte alle Orte in Paris, wo ein junger Mann von Stande sich am bäldesten ruiniren kann; wenn Darena im Schauspielhause oder auf dem Spaziergange ein Frauenzimmer sah, das ihm gefiel, so nahm es Poterne auf sich, ihr nachzufolgen, ihr einen Brief zuzustecken und Erkundigungen über sie einzuziehen. Später besorgte er für Darena auch Gelddarleiher, Wucherer und sonstige gefällige Lieferanten; daher war er dem Grafen unentbehrlich geworden, der ihn bald wie seinen Freund, bald wie seinen Bedienten behandelte; ihm zuweilen schmeichelte, ihn stets verachtete, aber nie entbehren konnte. Man wird vielleicht glauben, daß dieser Herr die Absicht hatte, sich auf Kosten dessen, den er ruiniren half, zu bereichern. Das war ohne Zweifel auch Poterne's erster Gedanke, aber seine eigenen Laster gestatteten ihm nicht, die Fehler eines Andern zu seinem Vortheile zu benutzen; ebenso spiellustig, ebenso ausschweifend wie Darena, verspielte er, während dieser in einem glänzenden Salon Tausendfrankbillete verlor, in einer Schenke oder sonst in einer schmutzigen Höhle das seinem guten Freunde abgezapfte Geld; wenn Darena eine hübsche Dame bei Béfour oder Béry regalirte, so verzehrte Poterne sein Baares mit einer Gemüsehändlerin bei einem Garkoch, denn er mußte seiner Häßlichkeit wegen freigebig sein; wenn endlich Darena keinen Heller mehr in der Tasche hatte, so kam es ihm zuweilen in den Sinn, seinen Genossen zu mißhandeln, dem er vorwarf, seinen Ruin herbeigeführt zuhaben; dabei bemächtigte er sich dann ohne Umstände Alles dessen was er bei ihm vorfand, und Poterne, der überdies auch feig war, ließ sich ohne Murren von seinem Freunde ausplündern, nahm sich aber vor, sich bei erster Gelegenheit zu rächen. Es könnte auffallend erscheinen, den eleganten Monfréville in Beziehungen zu einem Menschen stehen zu sehen, dessen Eigenschaften, Betragen und Kleidung sogar, fortwährend von einem unordentlichen Leben zeugten. Aber es gibt Leute, die, wenn sie Jemand im Reichthum und Glück gekannt haben, ihm nicht den Rücken zukehren mögen, wenn sie ihm in einem schmutzigen Rocke und mit einem schlechten Hute begegnen. Außerdem hatte Darena noch glänzende Momente; wenn ihm das Spiel günstig war, oder sein Freund Poterne wieder eine neue Hülfsquelle entdeckt hatte, so sah man ihn plötzlich wieder mit Eleganz und Anstand die Schauspielhäuser, Bälle und ersten Restaurants von Paris besuchen; einige Tage darauf deutete die Vernachlässigung seiner Toilette, eine gewisse Unordnung in dem einen oder andern Kleidungsstücke an, daß der Wind wieder anders woher wehe; aber Darena wußte mit einem schlechten Hute und schmutziger Wäsche das Betragen der guten Gesellschaft so vollständig beizubehalten, daß es unbegreiflich schien, wie er sich in so schlechter herumtreiben mochte. Und, abgesehen davon, kennt man denn in Paris das Privatleben der meisten Personen, deren vorübergehende Bekanntschaft man macht? Traf man Darena eines Tages gekleidet wie in den Zeiten seines Glanzes, sah man ihn an einem Vergnügungsorte tolle Ausgaben machen, so fragte man ihn nicht, durch welchen glücklichen Wechsel des Geschickes er seinen Reichthum wieder gewonnen habe, und aus demselben Grunde bekümmerte man sich auch, wenn man ihn bald darauf wieder armselig gekleidet in ein schlechtes Gasthaus für zweiundzwanzig Sous hineinschleichen sah, nicht um die Nachtheile und Verluste, welche ihn getroffen haben könnten. In Paris forscht man nicht nach den Geheimnissen Anderer, und in dieser Beziehung kann dort Discretion sehr oft mit Gleichgültigkeit bezeichnet werden. Monfréville, der Darena im Reichthum gekannt hatte, wußte wohl, daß er sein Vermögen durch Verschwendung verloren hatte; er glaubte ihn aber noch nicht ganz ohne Hülfsmittel, und hielt es jedenfalls für unmöglich, daß er sich auf unziemliche Weise Geld verschaffen könnte. Der Graf hatte zwar öfters Tausendfrankennoten von ihm entlehnt und nie wieder zurückgegeben, allein Eduard von Monfréville war reich, und legte wenig Werth auf solche kleine Dienstleistungen; auch unterhielt ihn Darena's Gesellschaft; seine wunderlichen Einfälle, seine oft bis zum Cynismus gehende Sorglosigkeit belustigten ihn und verscheuchten die Schwermuth, welche sich zuweilen seiner bemächtigte. Die Welt fragte sich oft, woher diese nachdenkliche Miene, dieses eher bittere, als höhnische Lächeln, das manchmal über Monfréville's Lippen glitt, kommen möge? Er war reich und mit Allem, was gefallen kann, begabt. Man liebte seine Gesellschaft, die Frauen wetteiferten um seine Gunst; er hatte viel Glück gemacht und stand in einem Alter, wo er noch Manches hoffen durfte. Indessen schien er selten wahrhaft heiter und vermied es, sich in seinen Unterredungen über ein Geschlecht zu äußern, das ihn doch auszeichnete. Einige Personen glaubten, Monfréville sei auf dem Punkt angelangt, wo man für alle Vergnügungen abgestumpft wird, und schrieben diesem Umstande die Wolken zu, die bisweilen seine Sinne verdunkelten; andere, welche ihn über diejenigen seiner Freunde spotten hörten, welche auf die Beständigkeit ihrer Geliebten bauten, vermutheten, daß der schöne, verführerische Monfréville irgend eine unglückliche Leidenschaft genährt habe und das Opfer eines Verrathes geworden sei. Als man endlich diesen beliebten Mann Dreißig zurücklegen und sich sogar den Vierzigern nähern sah, ohne daß er an eine Heirath dachte, hatte man sich eine Menge Vorstellungen gemacht und gesagt: »Er muß sehr schlimm von den Frauen denken, weil er es nicht wie die übrigen Männer machen und sich unter das Joch der Ehe beugen will.« Aber Eduard von Monfréville war es höchst gleichgültig, was man von ihm denken und sprechen mochte; er lebte fortwährend nach seinen Neigungen und handelte nach seinem Gutdünken; bisweilen brachte er einen ganzen Monat unter lauter rauschenden Vergnügungen inmitten eines fröhlichen, verschwenderischen Völkchens zu, dessen Thorheiten er theilte; dann sah man ihn öfters wieder ganze Wochen die Gesellschaft meiden und die Einsamkeit aufsuchen. Man hatte sich zuletzt au diese Sonderbarkeit seiner Launen gewöhnt, da ein reicher Mann in der Welt stets das Recht hat, wunderlich zu sein; nur den armen Teufeln wird dasselbe nicht zugestanden. Jetzt, da wir die Personen, mit denen wir zusammentreffen werden, besser kennen, wollen wir uns in den Rocher de Cancale begeben, wo Cherubin eben mit den Priesterinnen Terpsichore's angelangt ist. Zwölftes Kapitel Ein Mittagessen im Rocher de Cancale. Cherubin befand sich in Paris und im Rocher de Cancale , ehe er noch Zeit zur Besinnung gefunden hatte; die Damen schwatzten auf dem Wege so tolles Zeug, ihre Unterredung war so lebhaft, ihre Bemerkungen so sonderbar, daß der Jüngling nicht Ohren genug zum Hören hatte, und abwechselnd eine Tänzerin um die andere betrachtete, um sich zu überzeugen, daß er nicht träume. Beim Einsteigen in die Kutsche hüllten sich die Damen in weite Pelzmäntel, worunter sie ihre Costüme verbargen, und zogen eine Kaputze über den Kopf, um ihren Haarputz zu bedecken, was Cherubin veranlaßte, Darena ganz leise zu fragen: »Warum verkleiden sich denn diese Damen alle als Kapuziner?« Worauf ihm Darena ganz laut erwiderte: »Mein lieber Marquis, das geschieht deßhalb, daß man, wenn sie am Gasthofe absteigen, ihre Theater-Costüme nicht sieht, denn wir sind noch nicht im Carneval ... in Paris hält man strenge auf anständige Kleidung!« »O! mir liegt nichts daran!« sagte Fräulein Malvina, »ich ginge in meinem Schweizer-Costüm durch die Stadt zu Fuße ... zudem, würde man mich denn nicht für eine wirkliche Schweizerin halten?« »Wenn Sie das Costüm eines Fischweibs anhätten, meine Liebe, so ist es weit wahrscheinlicher, daß man Sie nicht für verkleidet hielte!« »Ah! seht einmal, das soll ein Calembourg sein, ist aber nur eine Unverschämtheit! Man könnte eben so gut sagen, daß Sie in Ihrem schäbigen Anzuge eher einem Lumpensammler im Sonntagsstaat, als einem Grafen gleichen!« Darena schlug ein helles Gelächter auf, gab Malvinen einen leichten Schlag auf die Wange und sagte: »Man schweige, und vor allen Dingen, meine Damen, man führe sich gut auf! auf dem Lande ist eine anständige Freiheit gestattet, aber im Rocher de Cancale und unter der gebildeten Gesellschaft, mit der ihr die Ehre habt zu speisen, wäre ich genöthigt, euch meine zarten Schäferinnen, wenn ihr euch nicht mit Anstand benehmt, zur Thüre hinauszuwerfen!« »Mein Gott, Herr Graf, wir werden uns doch zu benehmen wissen! ...« – »Glauben Sie, wir kommen nie unter vornehme Leute ...?« – »Ich speise oft mit meinem Gönner und seinem Bruder, der einer der bedeutendsten Fleischer in Paris ist.« – Und ich! ich besorge zuweilen den Laden meiner Base, welche Bäckerin in feinen Waaren und Pasteten ist ... bei der sich nur Herren mit Glacéhandschuhen erfrischen.« »– Schön, schön, meine Damen, jetzt erst haben wir die volle Gewißheit, daß Sie würdig sind, in gute Gesellschaft zu kommen ... und sogar eine Zierde derselben sein würden ... O! wenn nur Herr d'Hurbain nicht Theil an unserem Mahl genommen hätte ... aber er ist schon da, ich seh' ihn mit Monfréville aus dem Tilbury steigen. Wir sind an Ort und Stelle. Wohlan, junger Marquis, reichen Sie den Damen die Hand.« Der Wagen hielt an, man öffnete den Kutschenschlag, da erschien ein Igelskopf mit einem alten, nußbraunen Oberrock auf dem Leib, dessen Kragen gleichsam ein fortgesetzter Fettflecken war. Es war Herr Poterne, der den Damen seine Hand zum Aussteigen bot. Malvina wich zurück und schrie: »Ach, mein Gott! was ist das? ... eine Nachteule, ein Stachelschwein!« »Das ist mein Geschäftsführer,« entgegnete Darena, »der darüber gewacht haben wird, daß Alles gehörig besorgt ist ... und nun erscheint, um uns seinen Arm zum Aussteigen anzubieten; er ist ein außerordentlich gefälliger Mann.« »Er mag gefällig sein, aber sehr häßlich ist er auch, nicht wahr, Rosina?« »– Ja ... ach! wie dumm ist es, so häßlich zu sein! ... wenn man nachher diesen charmanten kleinen Herrn Cherubin ansieht ...« »Ach, Gott! das ist ein Unterschied, wie zwischen der Sonne und einer Wanze!« »Vorwärts, meine Damen, steigen Sie doch aus. Sie können ja oben mit einander plaudern!« Die Gesellschaft versammelte sich alsbald im Saale, wo man die Tafel gedeckt hatte. Herr d'Hurbain und Monfréville kamen zu gleicher Zeit mit dem Fiaker an, der Cherubin und die Tänzerinnen hergeführt hatte. Der Notar trat auf Darena zu und sagte ihm ins Ohr: »Ich hoffe, mein lieber Graf, daß Ihre Tänzerinnen sich hier passend betragen werden; es freut mich, daß die Anmuth ihres Tanzes und die Lebhaftigkeit ihrer Blicke den jungen Mann in Entzücken versetzt haben; er ist aber eigentlich noch ein Kind und soll sich nicht mit Ballettänzerinnen einlassen.« »Mein Gott! seien Sie doch ruhig! ... Sie sind sonderbar, mir verdanken Sie es, daß dieser sechzehn- und ein halbjährige Säugling sich endlich von seiner Amme getrennt hat ... und statt mir dankbar zu sein, halten Sie mir eine Vorlesung ... Da lohnt sich's der Mühe, den Leuten nützlich zu sein ... seine Einbildungskraft anzustrengen ... damit Einem nachher Moral gepredigt werde!« »Ei, Darena,« fragte Monfréville, Herrn Poterne musternd der hinter den Damen herumschlich und von der Seite her schmachtende Blicke nach ihnen warf, die sie mit Grimassen erwiederten, »– ist dieser entsetzliche, schmutzige Herr einer Ihrer Freunde, haben Sie die Absicht, ihn zu unserer Tafel zu ziehen? ... ich gestehe Ihnen, seine Gesellschaft ist nicht verführerisch für mich ... wer ist dieser Mensch, er sieht einem Sperber sehr ähnlich.« »Das ist mein Intendant.« »Ach! Sie haben noch einen Intendanten! ich glaubte, Sie hielten kein Haus mehr.« »Er ist das Einzige, was ich beibehalten ... dieser Mann besorgt meine Angelegenheiten; er ist ein kostbarer Bursche in Auffindung von Hülfsmitteln.« »In demselben Falle könnte er vielleicht auch welche zur Anschaffung eines neuen Oberrocks auffinden, der meiner Ansicht nach sehr am Platze bei ihm wäre.« »Nun! ... ißt man noch nicht bald?« fragte Malvina, während sie in einer Ecke des Saales einen Kreis mit ihren Beinen zu beschreiben versuchte. »Doch, mein Fräulein! Nun, Herr Cherubin, wollen Sie gefälligst Platz nehmen!« Herr d'Hurbain machte Miene, sich neben Cherubin zu setzen, aber Monfréville hielt ihn zurück und flüsterte ihm in's Ohr: »Lassen Sie diese jungen Thörinnen neben unsern Schüler sitzen, sonst könnte uns leicht die Frucht unserer Mühen wieder verloren gehen ... ich beobachte Cherubin mitten unter der Gesellschaft, er seufzt manchmal; wenn er das Heimweh bekäme, würde er mit aller Gewalt wieder zu seiner Amme zurückkehren wollen, und es wäre uns kaum möglich, ihn in Paris festzuhalten.« Herr d'Hurbain gab nach, er ließ Fräulein Rosina und Cölina sich neben Cherubin setzen; Malvina, die zu spät kam, um einen Platz an seiner Seite zu finden, wollte Rosina zwingen, ihren Stuhl an sie abzutreten, und bedrohte sie bereits mit einer Ohrfeige; aber ein strenger Blick Darena's machte dieser Streitigkeit ein Ende, und Fräulein Malvina setzte sich an das andere Ende des Tisches, während sie die Worte trillerte: »Nein, Du sollst ihn nicht haben! An mir wird er sich laben. Heideldum, hopsasa sc.« Ein Gedeck blieb leer, denn Herr Poterne hatte neune legen lassen, und trotz der Winke Darena's schien der Herr im Oberrock geneigt, Platz davor zu nehmen, als die Saalthüre aufging und Herr Gerundium in Begleitung Jasmins eintrat. Der Lehrer verbeugte sich vor der Gesellschaft und sagte: »Ich empfehle mich diesen Herren gehorsamst und lege zu gleicher Zeit diesen Damen meine Ehrerbietung zu Füßen.« »Was hat er mit unsern Füßen zu thun, dieser Herr?« fragte Malvina den Grafen, der an ihrer Seite saß, und ihr nur mit einem heftigen Kniepuffe antwortete. Als aber Cherubin die Neuangekommenen gewahrte, strahlte sein Angesicht, und er rief freudig aus: »Ach! Sie sind's, mein lieber Lehrer ... Sie thaten sehr wohl daran, auch mit nach Paris zu kommen ... Ach! wie Schade, ... daß nicht auch ...« Cherubin vollendete nicht, er hatte an Louisen gedacht, aber ein gewisses Etwas, das er nicht enträthseln konnte, sagte ihm, daß seine naive Gespielin in Gesellschaft dieser schön tanzenden Damen nicht recht am Platze gewesen wäre. Herr d'Hurbain, den die Gegenwart des Lehrers sehr erfreute, weil er einen Grund mehr für die Sicherheit Cherubins darin fand, begrüßte denselben freundlichst und sagte zu ihm: »Sie haben sehr wohl daran gethan, mein Herr, Ihrem Zöglinge nach Paris zu folgen; wir haben übrigens darauf gerechnet; setzen Sie sich zu Tische, dort ist ein Gedeck für Sie.« »Ja, ja, setzen Sie sich dorthin, Herr Gerundium!« rief Cherubin, seinem Lehrer den leeren Platz zeigend, aus; »und Du, mein guter Jasmin, komm zu mir her!« »Herr Marquis, ich kenne meine Pflicht und werde mich auf meinen Posten stellen ...« Mit diesen Worten nahm der alte Diener eine Serviette über den Arm und pflanzte sich hinter Cherubins Stuhl auf; Herr Gerundium aber ließ sich die Einladung nicht wiederholen, stieß Poterne auf die Seite, nahm Platz bei Tische und verschlang die ihm aufgetragene Suppe mit dem Ausruf: »Das ist das Gastmahl Belsazar's ! das ist das Fest von Cleusis ... die Hochzeit des Gamache ! Niemals gab es noch ein Mahl, so schön wie dies.« »Ei! dieser Herr spricht in Versen,« sagte Malvina zu ihrem Nachbar. »Ja,« entgegnete Darena, »ich glaube, dieser Herr hat das Trauerspiel: »das Erdbeben in Lissabon« gemacht.« Herr Gerundium lächelte dem Grafen anmuthig zu und flüsterte mit bescheidenem Tone: »Ich mache ziemlich geläufig Verse, habe aber nie ein Trauerspiel geschrieben ... ganz gewiß und wahrhaftig nicht.« »Verzeihen Sie, mein Herr, ich hielt Sie für den Meister Andreas ! Sie haben viel von seinem Wesen an sich ... aber trinkt doch auf die Gesundheit des Herrn Marquis und das Vergnügen, ihn endlich in Paris zu besitzen!« Der Vorschlag Darena's ward eifrigst angenommen, die Gläser wurden mit Madera angefüllt und auf Cherubins Gesundheit geleert; die vier Tänzerinnen tranken ihr Glas bis zur Nagelprobe aus und goßen den Madera mit solcher Fertigkeit den Schlund hinunter, daß es den Neid von Engländern hätte erregen können. Inzwischen entschloß sich Poterne, der sich des Platzes, nach dem er strebte, beraubt sah, lieber zu stehen, als sich zu entfernen; er stellte sich, wie Jasmin hinter seinen Herrn, so hinter Darena, während er aber that, als ob er ihm zuweilen einen frischen Teller gäbe, forderte er von diesem ganz leise von allen auf dem Tische befindlichen Speisen: Darena bot ihm gefüllte Teller dar, aber anstatt sie weiter zu geben, drehte sich Poterne um, und ließ ihren Inhalt mit vieler Gewandtheit in Magen und Tasche spazieren. Anfangs war das Essen heiter, und nichts verletzte den Anstand; die Damen, denen Darena ein schickliches Betragen anempfohlen hatte, beschäftigten sich einzig damit, dem Essen alle Ehre anzuthun und benahmen sich, obgleich sie Cherubin hold zulächelten, ohne Tadel. Malvina allein machte zuweilen eine etwas erotische Bemerkung oder Scherz; aber dann schnitt ihr Darena eiligst das Wort ab; seine stets witzige und spaßhafte Unterhaltung, die humoristischen Einfälle Monfréville's, der gerade seine lustigen Tage hatte, und die Citationen des Herrn Gerundium, der, obgleich er für viere aß, doch Gelegenheit fand, all' seine Kenntnisse zur Schau zu bringen, ließen Cherubin keinen Augenblick Zeit, über seine Lage nachzudenken; überrascht, sich als den Helden dieses unerwarteten Festes zu sehen, fühlte er sich betäubt, hingerissen, gefesselt; die Liebesblicke, die man ihm zuwarf, die Witze, welche er hörte, die schmeichelhaften Dinge, die man ihm sagte, dieses köstliche, feine, leckere Mahl, welches zugleich seinen Geruch, seinen Geschmack und seinen Gaumen ergötzte, – das Alles gestattete ihm nicht, an das Dorf zurückzudenken, denn sobald sich sein Angesicht verdüsterte und mit der Rückkehr einer Erinnerung drohte, so verdoppelten die ihn umgebenden Personen ihre Munterkeit, Aufmerksamkeit und Tollheit, um die Wolke zu verjagen, die sich auf seiner Stirne lagern wollte. »Was!« sagte plötzlich Malvina, als sie sich umwendete und Poterne bemerkte, der Darena einen Teller abnahm, »Ihr Geschäftsführer bedient Sie zugleich bei Tische ... er ist also auch Ihr Bedienter? ...« »Er bedient mich mit Allem!« entgegnete Darena, »ich sagte Ihnen ja, er sei ein kostbarer Mensch ... ich kann aus ihm machen, was ich will!« »Da sollten Sie einen hübschen Jungen aus ihm machen! ...« » Sokrates, Horaz, Cicero und Pelisson waren abstoßend häßlich,« sagte Herr Gerundium, der kleinen Schweizerin einschenkend. »Man kann sehr garstig und doch sehr geistreich sein.« »Ah! Sie Schelm, Sie haben gegründete Ursache, das zu behaupten!« entgegnete Malvina, ihr Champagnerglas leerend. Der Lehrer, dem diese Erwiderung unerwartet kam, kratzte an seiner Nase und begehrte Trüffeln. Das Klirren eines zerbrechenden Tellers störte dieses Gespräch; Jasmin ließ beim Tellerwechseln für seinen jungen Herrn schon zum vierten Male einen hinunterfallen, zwei Bouteillen und eine krystallene Flasche, die durch seine Hände gegangen waren, hatten dasselbe Loos erlebt. »Ach! der Einfaltspinsel!« rief Malvina mit schallendem Gelächter aus. »Dieser Kammerdiener kommt sehr theuer zu stehen!« sagte Monfréville lächelnd. »Entschuldigen Sie, mein lieber Herr, entschuldigen Sie!« sagte Jasmin, der bei jedem neuen, durch seine Ungeschicklichkeit herbeigeführten Zufall scharlachroth wurde. »Ich habe schon so lange nicht mehr bei Tische bedient ... ich werde mich aber wieder einüben! ... es handelt sich hier nur um eine Gewohnheit.« »Ei zum Teufel,« sagte Darena, »wenn er eine Gewohnheit daraus machen will, das wäre vollends nicht übel!« »Aber, mein guter Jasmin, warum stehst Du auch immer hinter mir? ... für Deine Jahre ist das zu ermüdend ... setze Dich in die Ecke dort ... ich werde Dir schon rufen, wenn ich Dich nöthig habe.« »Warum nicht gar?« entgegnete Jasmin, indem er sich gerade zu halten suchte. »Glaubt der gnädige Herr, ich kenne meine Pflicht nicht? ich werde meinen Posten nicht verlassen ... eher darauf zu Grunde gehen! ...« »Das heißt, all' das Geschirr des Gastwirths wird dabei zu Grunde gehen!« sagte Darena lachend; dann fuhr er mit erhöhter Stimme, indem er sein Glas in die Höhe hob, fort: »Ehre dem unglücklichen Muthe!« »Die Anhänglichkeit dieses alten Dieners ist ein Lob für ihn und seine Herrschaft,« sagte Monfréville. »Ich bringe einen Toast auf die Treue aus, sie ist eine so seltene Sache, daß man ihr, unter welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag, nicht genug Ehre anthun kann.« Der Toast wurde von den Tischgästen mit Eifer angenommen, Herr d'Hurbain schlug einen zu Ehren des verewigten Herrn von Grandvilain vor. Darena trank auf die Gesundheit der Operntänzerinnen. Herr Gerundium erhob sich und rief begeistert aus: »Auf den Fortschritt der Kochkunst in Frankreich ... die alten Römer hatten vielleicht mehr Gerichte auf ihrem Tische, aber ohne Zweifel keine so köstliche.« Fräulein Malvina, die auch ihren Toast ausbringen wollte, hob ihr Glas in die Höhe und rief aus: »Ich trinke darauf , daß man sehr lange Ballete und sehr kurze Röcke machen möge; das wäre im Interesse der Tänzerinnen und Aller, die das Ausstrecken der Beine lieben.« Keine der Damen wollte zurück bleiben: Cölina trank auf die Gesundheit ihres Eichhörnchens, Rosina auf die ihrer Katze und Feodora auf die ihres Vetters, der unter den afrikanischen Jägern diente; Herr Poterne trank auf Niemands Gesundheit, aber er kehrte fortwährend der Tafel den Rücken zu und verschluckte eine entsetzliche Masse Champagner. Die Toaste wurden durch einen furchtbaren Lärm unterbrochen; diesesmal war es ein ganzer Stoß Teller, den Jasmin auf den Boden fallen ließ, so zwar, daß der Boden mit Scherben bedeckt war. »Das gibt eine theure Mahlzeit,« sagte Darena, »man muß sehr reich sein, um einen Bedienten, wie diesen alten Jasmin, halten zu können.« Indessen hatten die vielfach ausgebrachten Trinksprüche die Köpfe etwas erhitzt. Schon stand Malvina, die nicht mehr auf ihrem Platze gut that, auf und fing einen sehr entschiedenen Cancan zu tanzen an; Cölina und Rosina wollten einen Krakauer versuchen; Feodora walzte mit Darena; und Herr Gerundium, um den sich, obwohl er fest auf seinem Stuhle saß, Alles im Kreis herum drehte, bat Malvina ungestüm um eine Wiederholung des mozambischen Tanzes mit all' seinen Annehmlichkeiten geschmückt. Herr d'Hurbain, der bei kaltem Blute geblieben war, dachte, es sei nun Zeit, Cherubin wegzuführen; er nahm den jungen Marquis beim Arme, gab Monfréville und dem Lehrer, der nur mit Bedauern vom Tische aufstand, einen Wink, und sich durch das zerbrochene Geschirr Bahn brechend, verließen sie das Gasthaus und stiegen in die Kutsche, welche sie zum Grandvilain'schen Hause brachte, ohne nur zu bemerken, daß Jasmin, der ihnen gefolgt war, mit Hülfe eines Commissionärs es erlangt hatte, hinten auf dem Wagen Posto zu fassen. »Gehen wir nicht nach Gagny zurück?« fragte Cherubin, als er sich in der Chaise befand. »Diesen Abend ist es nicht mehr möglich, mein lieber Freund, es ist viel zu spät,« entgegnete Herr d'Hurbain. »Morgen ... oder in einigen Tagen ... Sie werden schon sehen; da Sie einmal in Paris sind, müssen Sie sich wenigstens mit der Stadt bekannt machen.« »Ja,« murmelte Herr Gerundium mit schwerer Zunge ... » Gras ... Morgen ... Gras mane ... Morgen früh ... perendinus dies ... übermorgen! ... oder wann's sein mag! ...« »Und wenn Sie erlauben,« sagte Monfréville, »so werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie überall herumzuführen und Ihnen Alles zu zeigen, was ein junger Mann von Ihrem Range kennen lernen muß!« Cherubin antwortete nichts; er wollte gerne wieder nach Gagny zurück, aber das eben eingenommene köstliche Mahl hatte ihm ganz neue Begriffe beigebracht, und man hatte ihm schon so viel von den in Paris zu erwartenden Genüssen, deren Vorschmack er bereits gekostet, erzählt, daß er zuletzt bei sich selber dachte: »Was schadet's? ... da ich einmal in dieser Stadt bin, so kann ich ebensowohl die wunderbaren, mir so angepriesenen Dinge in aller Eile sehen ... und wenn ich dann wieder zu Louisen zurückkomme, habe ich ihr doch recht viel zu erzählen.« Der Wagen langte vor dem Hôtel in der Faubourg Saint-Germain an, der Kutschenschlag wurde geöffnet; aber kaum war das Gefährt durch den Hof hereingefahren, so vernahmen der junge Marquis und seine Umgebung eine eigenthümliche Musik. Man hörte mehrere Orgeln, Leiern und einige Clarinette zu gleicher Zeit, jedoch verschiedene Stücke spielen; gellende, falsche Stimmen sangen alte Arien, Trauer- und Vaudevillelieder durcheinander; kurz, es war eine schreckenerregende Katzenmusik. Die Aussteigenden wollten sich gerade verwundert fragen, was das Alles bedeuten solle? als ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein Klumpen zu Boden fiele, auf dem Pflaster ertönte; man trat hinzu und erkannte Jasmin, der beim Hinabsteigen hinten von der Kutsche ausgeglitten und auf die Erde gefallen war; allein der unerschrockene Diener richtete sich schnell wieder auf und rief: »Es hat nichts zu sagen ... ich bin nur ein bischen ausgeglitscht ... Herr Marquis, zu Ehren Ihrer Ankunft hier in Ihrem Hause habe ich ein Concert veranstaltet ... Musiker und Sänger kommen lassen ... Es lebe der neue Herr Marquis von Grandvilain! ...« Cherubin dankte Jasmin für seine wohlwollenden Absichten, bat ihn aber, diese Leute, die ihm sein Gehör zerrissen, sogleich zu entlassen. Herr d'Hurbain und Monfréville verabschiedeten sich von dem Jünglinge, empfahlen ihn leise seinem Lehrer, der freilich nicht mehr verstand, was man ihm sagte, und überließen ihn der Ruhe, deren er bedürftig sein mußte. Nachdem sich die Fremden entfernt hatten, fragte Jasmin den jungen Marquis, ob er die Dienerschaft die Revue passiren lassen wolle? und Mamselle Turlurette, entzückt, ihren jungen Gebieter wieder zu sehen, machte ihm den Vorschlag, das Weißzeug und die Speisekammer zu beaugenscheinigen, um Einsicht von seinem Hause zu nehmen und sich von der Verwaltung desselben seit seines Vaters Tode zu überzeugen: allein Cherubin fühlte keine Lust, sich diesem Geschäfte zu unterziehen: die Vergnügungen ermüden, wenn man nicht gewöhnt ist, sich ihnen hinzugeben, und der junge Marquis wünschte nichts als Ruhe. Als Cherubin das ungeheure, zu seinem Schlafzimmer bestimmte Gemach sah, in welchem sich ein alterthümliches, auf einer Estrade stehendes, mit großen, karmoisinrothen Sammetvorhängen umgebenes Bett befand, machte er ein saures Gesicht und rief aus: »Ach, wie häßlich ist es da! ... mein kleines Zimmerchen bei meiner Amme war mir weit lieber ... es war viel heiterer! ... O! ich will morgen wieder dahin zurückkehren ... denn ich meine, hier werde ich schlecht schlafen.« – Aber mit sechszehn und einem halben Jahre schläft man nach einem anstrengenden Tage überall gut, so ging's auch Cherubin. Was Herrn Gerundium betrifft, so war er, nachdem er Mamselle Turlurette mit: »meine Damen« angeredet hatte, weil er sie mit seinen weingetrübten Augen für zwei Personen ansah, vor Vergnügen außer sich, als er in ein schönes, für ihn eingerichtetes Zimmer trat; er streckte sich behaglich in einem recht weichen Bette aus und legte sein Haupt sanft auf eine Schicht Kopfkissen mit den Worten nieder: »Mir ist noch nie so gut gebettet worden! ... ich sinke hinein, ich vergrabe mich! das ist herrlich! ... ich möchte mein Lebenlang im Bett bleiben! ... und vom mozambischen Tanze träumen!« Dreizehntes Kapitel Morgen!. Cherubin erwachte spät, blickte erstaunt um sich her und suchte seine Gedanken zu sammeln. Er fragte sich, warum er Gagny verlassen habe, seine gute Nicolle und Louisen, die er so sehr liebte? ... dann dachte er an das prächtige Mittagessen von gestern und an die so lieblichen, so muntern, so spaßigen vier Frauenzimmer, die mit so viel Grazie tanzten, während sie ihm so süße Blicke zuwarfen ... was zusammen freilich wohl im Stande war, einen so unerfahrenen Kopf und ein so frisches Herz in Anspruch zu nehmen. Plötzlich erschreckte ihn das Geräusch eines fallenden und in Stücke gehenden Möbels, er drehte den Kopf und gewahrte Jasmin, der entsetzt über einen von ihm umgeworfenen Waschtisch dastand. »Was gibt's denn?« fragte der Jüngling, der sich nicht enthalten konnte, über das Gesicht zu lachen, das sein alter Kammerdiener machte. »Gnädiger Herr ... ich bin's ... weil ich keinen Lärm machen wollte, um Sie nicht im Schlafe zu stören ...« »So! Du heißt das keinen Lärm machen.« »Während ich vorsichtig einherging, stieß ich auf dieses kleine Möbel ... welches ausglitschte ... aber, seien Sie ruhig, man kann wieder ein ähnliches bei jedem Tapezier bekommen!« »O! ich bin ganz ruhig ... Jasmin, ich will mich anziehen und nach Gagny zurückkehren ...« »Wie, jetzt schon, mein theurer Herr ... haben Sie auch Ihre Casse untersucht? ...« »Nein, weßhalb denn? ...« Jasmin wies Cherubin die im Sekretär befindliche Geldschublade und sagte zu ihm: »Sie ist ganz mit Gold angefüllt, gnädiger Herr, das Ihnen gehört ... und wenn dieses ausgegeben ist ... so erhalten Sie wieder anderes ... Sie dürfen sich nur an Ihren Bankier wenden, und mit Gold verschafft man sich in Paris sehr viele Annehmlichkeiten ...« »Jasmin, Du weißt wohl, daß ich's nicht leiden kann, wenn man mir widerspricht ... wo sind meine Kleider ... meine Stiefeln ...?« »Gnädiger Herr, ich habe sie zum Fenster hinausgeworfen ... bis auf die, welche Ihnen Herr von Monfréville gestern gebracht hat ...« »Was soll das heißen? ... ich habe also keine Beinkleider mehr anzuziehen ... seid Ihr verrückt, Jasmin?« »Herr von Monfréville hat mir streng befohlen, den ganzen alten Trödelkram des Herrn Marquis wegzuwerfen ... aber es ist ein Kleiderfabrikant, ein Schuhfabrikant, ein Hemdenfabrikant, ein Hutfabrikant u.s.w. da ... die die modernsten Gegenstände bei sich haben ... Herr von Monfréville hat alle diese Leute, die seit einer Stunde auf Ihr Erwachen warten, hergeschickt.« »Nun, so laß sie hereinkommen.« Die Fabrikanten wurden eingeführt; sie waren jeder von einem Burschen begleitet, der die Waaren trug. Während Cherubin aussuchte, was ihm am meisten gefiel und was man ihm als das Modernste bezeichnete, meldete man den Grafen Darena. Darena erschien in seinem abgetragenen Rocke, seinem außer Form gerathenen Hute und seiner zerknitterten Kravatte von gestern, aber auch mit seinem Anstände und seiner gewöhnlichen Heiterkeit, er eilte auf den Jüngling zu, um ihm die Hand zu drücken, und rief dabei aus: »Hier bin ich, mein lieber Freund, ich wollte Sie bei Ihrem Erwachen begrüßen ... ich komme, um mit Ihnen zu frühstücken ... Ach! Sie machen Einkäufe. Das hätten Sie mich besorgen lassen sollen ... ich hätte Ihnen meine Lieferanten geschickt ... Sie sind gestern so schnell fortgegangen ... die Damen waren schmerzlich überrascht, als sie sie nicht mehr sahen.« »Herr d'Hurbain hatte mir gesagt, es sei Zeit zum Aufbrechen ... es schicke sich nicht, noch langer in einem Gasthause zu verweilen,« entgegnete Cherubin in aller Unschuld. »Ach! herrlich! köstlich! ... in Paris bleibt man, so lange es Einem gefällt, bei einem Gastwirth ... man bringt sogar die Nacht dort zu, wenn man Lust hat. Dieser Herr d'Hurbain ist ein sehr schätzbarer Mann; aber er taugt nicht mehr in unsere Zeit, noch auf die Höhe des Jahrhunderts ... zum Glück wird er nicht immer bei Ihnen sein, denn das wäre höchst langweilig ... Sie nehmen den blauen Frack nicht? ...« »Ich habe schon zwei Fräcke und zwei Ueberröcke ausgewählt,« entgegnete Cherubin. »Dann nehm' ich ihn ... ich sehe schon, er paßt mir ... auch zu diesem polnischen Rocke habe ich Lust ... es ist eine Laune von mir ... beim Kuckuk, die Farbe dieser Hosen verführt mich ... ich kaufe sie ... und diese beiden Westen ... O! wenn ich einmal im Zuge bin, kann mich nichts mehr zurückhalten ... Hier sind Hemden, die vorzüglich kleiden müssen ... heutzutage macht man Hemden, die wie ein Frack anschließen ... ich behalte dieses Dutzend ... diese Stiefeln scheinen mir gut gemacht ... Sie haben einen sehr hübschen Fuß, lieber Cherubin, in der Größe des meinigen ... ich nehme dieses Paar ... Sind sie vom gleichen Maße, wie die, welche der Herr Marquis ausgewählt hat ...?« »Ja, mein Herr,« erwiderte der Schuhmacher mit einem Bückling. »Dann behalte ich sie ... Ah! ich bin neugierig, zu sehen, ob mein Kopf denselben Umfang hat, wie der Ihrige ... zeigen Sie mir einmal den für Sie ausgewählten Hut ...« Während er mit aller Gewalt einen Hut, den ihm der Hutmacher darreichte, der aber viel zu klein war, in den Kopf zwingen wollte, rief Darena aus: »Er würde mir schon recht werden ... er würde am Ende schon sitzen bleiben ... aber haben Sie vielleicht einen ähnlichen da, der etwas größer ist?« »Ja, mein Herr ...« »Lassen Sie einmal sehen ... der geht vollkommen ... ich nehme ihn auch.« Die Geschäftsleute betrachteten sich mit sorglicher Miene; man las in ihren Augen, daß sie sich gegenseitig befragten, ob sie dem Herrn, der so Vieles, ohne nur nach dem Preise zu fragen, auswählte, und dessen Anzug kein besonderes Zutrauen einflößte, borgen sollten. Darena machte ihrem Zögern ein Ende, indem er fortfuhr: »Apropos! ... ich kaufe ... und kaufe! ... und habe kein Geld bei mir! ... ah! mein Freund, der junge Marquis von Grandvilain wird auch meine Einkäufe mit den seinigen bezahlen ... ihr braucht keine zwei Rechnungen zu machen ... ich will dann die Sache mit ihm in Ordnung bringen ... Ist Ihnen das nicht unangenehm, mein junger Freund?« »Nein, mein Herr, es geschieht mit dem größten Vergnügen!« entgegnete Cherubin, sich ankleidend, »ich bin höchst erfreut. Ihnen dienen zu können!« Und Jasmin sagte halblaut zu seinem jungen Herrn, während er ihm die Weste anziehen half: »Uebrigens ist es eine recht feine Manier und sehr nobel, seinen Freunden Geld zu leihen. Der selige Herr von Grandvilain, Ihr Vater, machte es auch nicht anders! Ich werde die Lieferanten des Herrn befriedigen.« Und Jasmin bezahlte den Leuten ihre Rechnungen. Darena gab seine Adresse, um die von ihm gewählten Waaren in seine Wohnung tragen zu lassen, und die Lieferanten entfernten sich sehr befriedigt. Während der alte Diener Vorkehrungen zum Frühstück zu treffen ging, sagte Darena zu Cherubin: »Nun sind Sie aufs Vollkommenste herausstaffirt, was sehr gut ist, jedoch nicht genügt; ich wünsche, daß mein junger Freund alle jene für einen Pariser Löwen unentbehrlichen Kleinigkeiten und Kostbarkeiten habe.« – »Wie! für einen Löwen? ...« »– Das ist der Name, den man gegenwärtig einem jungen Herrn nach der Mode gibt. Haben Sie eine Uhr? ...« »– Ja, diese hier, ein Erbstück meines Vaters.« Mit diesen Worten reichte Cherubin Darena eine goldene, ebenso dicke, als breite Uhr hin, der Graf brach bei ihrem Anblick in ein lautes Gelächter aus: »– Ach! mein Lieber! wenn man eine solche Zwiebel bei Ihnen sähe, würde man Ihnen ins Gesicht lachen ...« »– Wie! ... es ist doch ächtes Gold!« »– Ich zweifle nicht daran und füge sogar bei, daß es eine sehr schätzbare Uhr ist, da sie von Ihrem Vater kommt; aber man trägt keine solche mehr. Schließen Sie dieselbe sorgfältig in Ihren Sekretär ein und schaffen Sie sich eine moderne Uhr an ... so dünn, wie ein Blatt Papier: ich habe meinen Geschäftsführer beauftragt, eine solche auszusuchen und Ihnen heute Morgen alle für Sie nöthigen Kostbarkeiten zu überbringen ... Eben höre ich denselben in Ihrem Vorzimmer nach Ihnen fragen ... Hier herein, Poterne, hier herein, der Herr Marquis ist zu sprechen.« Das abscheuliche Angesicht des Herrn Poterne zeigte sich unter der Thüre zum Schlafzimmer, Cherubin forderte ihn auf, einzutreten; als Poterne an Darena vorbei ging, sagte er leise und hastig zu ihm: »Der Kaufmann wollte mir nichts anvertrauen ... er wartet unten an der Hausthüre ...« »– Gut, Du bezahlst ihn nachher ... es wird aber doch nichts Falsches sein? ...« »– Nein, es sind ächte Juwelen ...« »– Wie viel verlangt man dafür?« »– Achthundert Franken.« »– Sage zweitausend.« Herr Poterne zog eine Pappdeckelschachtel aus seiner Tasche, worin sich eine hübsche, ganz flache Uhr, eine goldene Kette, die zwar leicht schien, aber wunderschön gearbeitet war, und eine mit Brillanten besetzte Stecknadel befanden; Cherubin stieß beim Anblick dieses Geschmeides einen Freudenschrei aus. »Dieses, Herr Marquis ist das Schönste und Modernste,« sagte Poterne, indem er die Kette um des Jünglings Hals legte, und sein Aeußerstes that, um sich das Ansehen eines rechtschaffenen Mannes zu geben. »Ja, das ist nach dem neuesten Geschmacke,« rief Darena aus, »das müssen Sie haben, mein lieber Cherubin, ein gut gekleideter Mann kann so Etwas nicht entbehren ... ich habe selbst mehrere Ketten, sie sind aber in diesem Augenblicke zerbrochen, und werden ausgebessert.« »O! ich kaufe diese Juwelen alle!« rief Cherubin aus. »Wer sollte glauben, daß hier eine Uhr darin ist? ... die schöne Stecknadel! ... Was kostet das Alles?« Als Poterne die Bewunderung sah, welche diese Kostbarkeiten in dem jungen Manne erregten, dachte er, daß er den Preis noch weiter erhöhen könne, und entgegnete: »Zweitausend fünfhundert Franken im Ganzen.« Darena wendete sich weg, indem er sich in die Lippen biß, und Cherubin eilte an seine Kasse. Als Herr Poterne eine ganz mit Gold angefüllte Schublade sah, wurde er blau, seine Stirne schwoll auf, seine Augen erweiterten sich und seine Nase zog sich krampfhaft zusammen. Darena, der dies bemerkte, benützte den Augenblick, wo ihnen Cherubin den Rücken zukehrte, um seinem Freunde einen Tritt an den Hintern zu geben, indem er ihm zuflüsterte: »Ich will hoffen, Schelm, daß Du keine ruchlosen Absichten hast ... sonst zerschlage ich Dir das Kreuz.« Poterne hatte keine Zeit, zu antworten. er rieb den eben angegriffenen Theil seines Körpers, empfing die Summe, die ihm von Cherubin in Gold ausbezahlt wurde, und empfahl sich schleunigst; aber kaum hatte er die Thüre des Schlafzimmers hinter sich, als ihm Darena nachrannte, indem er Cherubin zurief: »Entschuldigen Sie, mein junger Freund ... ich komme sogleich wieder, ich vergaß, meinem Intendanten einen wichtigen Auftrag zu geben.« Poterne eilte fort, wie wenn er eine Verfolgung fürchtete. Darena holte ihn erst auf der Treppe ein, Packte ihn am Kragen seines Oberrocks und schnauzte ihn an: »Lauf doch nicht so schnell ... Du thust sehr eilig, alter Schuft, laß mir gleich zweitausend Franken da ...« »– Wie, zweitausend Franken,« murmelte Poterne, »ich muß ja schon achthundert dem unten wartenden Kaufmann geben.« »– Du gibst ihm fünfhundert; mit dem Uebrigen wird er warten und noch sehr zufrieden sein ...« »– Aber ich, ich ...« »– Du! ich zerbreche Dich in sechs Stücke, wenn Du raisonnirst ... Nun, Poterne, sei vernünftig! ... Du weißt ja doch, daß, wenn ich bei Geld bin. Dir nie etwas abgeht.« Poterne gehorchte mit einem Gesichte, dem Weinen näher lag als Lachen. Darena steckte das Gold in seine Taschen und kehrte zu Cherubin zurück, der sich in einem fort vor dem Spiegel betrachtete. Jasmin meldete, daß das Frühstück aufgetragen sei, und die Herren begaben sich zu Tische. Kaum hatten sie sich niedergesetzt, als man Herrn von Monfréville meldete. Als er Darena mit ihrem jungen Freunde von gestern am Tische bemerkte, schüttelte er ein wenig den Kopf und sagte in scherzendem Tone zum Grafen: »Schon da? Beim Teufel, es scheint. Sie sind frühe gekommen!« »Wenn ich meine Freunde liebe, so drängt es mich immer, sie zu sehen,« erwiederte Darena. »Treuer Jasmin, was ist das für ein Wein?« »Beaune, Herr Graf,« entgegnete der alte Diener sich verneigend. »– Er ist sehr gut, aber beim Frühstück liebe ich Sauterne, Chambertin ... euer Keller hier muß gut versehen sein?« »– O ja, mein Herr, und lauter abgelagerte Weine.« »– Ich glaube es gerne, wenn sie noch vom Vater unseres jungen Freundes herstammen.« »– Nun wohl, alter exemplarischer Diener, holt uns einige andere Flaschen ... wenn ein Kelter während eines ganzen Menschenalters ausgeruht hat, scheint es mir Wohl an der Zeit, ihn anzugreifen.« Jasmin beeilte sich, den ihm gegebenen Auftrag, zu vollführen, und Monfréville sagte zu Darena: »Aber Sie fordern ... ohne nur den Hausherrn zu befragen.« »– Mein Freund hat mir unumschränkte Vollmacht ertheilt, und ich mache Gebrauch davon.« »Ja, mein Herr,« sagte Cherubin, »o! schalten Sie nur nach Belieben bei mir.« Darena neigte sich gegen Monfréville und flüsterte ihm in's Ohr: »Er sprach diesen Morgen schon davon, wieder nach Gagny zurückzukehren; wenn wir diesen jungen Mann nicht zerstreuen, so ist er im Stande, zu seiner Amme zurückzugehen, und das wäre eine wahre Todsünde! ...« »Frühstücken Sie nicht mit uns, mein Herr?« fragte Cherubin Monfréville. »Ich danke Ihnen, mein junger Freund, ich habe schon gefrühstückt. Waren Sie mit den Handelsleuten zufrieden, die ich Ihnen diesen Morgen zugeschickt habe?« »–O! ja, mein Herr, Alles war recht. Ich habe eine Masse Sachen gekauft ... und der Herr Graf auch.« Monfréville blickte Darena an, der nichts zu hören schien und sich sehr eifrig mit dem Zerlegen einer Rebhühnerpastete beschäftigte. »– Und dann betrachten Sie doch meine Uhr, meine goldene Kette, meine Vorstecknadel ... Herr Darena hat mir all' diese Gegenstände durch seinen Intendanten zugeschickt ... Wie schön das ist ... nicht wahr?« »Haben Sie diese Sachen theuer bezahlt?« fragte Monfréville. »Nein, ich habe nur zweitausend fünfhundert Franken darum gegeben ... das scheint mir nicht zu theuer! ...« Monfréville warf abermals einen Blick auf Darena, der aber unerschütterlich an seiner Pastete fort arbeitete, und entgegnete: »Doch, das ist viel ... das ist sogar viel zu viel ... wenn Sie in Zukunft Einkäufe machen, so will ich, wenn Sie es erlauben, Sie dabei anleiten; ich glaube mich wenigstens ebenso gut darauf zu verstehen, als der Intendant des Herrn Grafen.« Jasmin kam mit mehreren Flaschen zurück; er schlug eine zusammen, als er sie auf den Tisch stellen wollte, und warf Darena einen Rahmkäse über den Kopf. Cherubin war trostlos wegen der Ungeschicklichkeit seines Dieners, und der alte Jasmin verbarg sich, ganz bestürzt über den eben herbeigeführten Unfall, hinter einer spanischen Wand; Darena lachte indeß zuerst über das Geschehene: »Es hat nichts zu bedeuten,« sagte er, »ich bin noch nicht angekleidet ... dessen ungeachtet aber, mein lieber Marquis, will ich Ihnen einen Rath geben, erlassen Sie Ihrem alten Jasmin den Dienst bei Tische ... seine Leistungen wären kostspielig für Sie und unangenehm für Ihre Freunde; dieser wackere Diener hat das Gnadenbrod wohl verdient. Sie müssen es ihm geben. Ich gehe, mich anzukleiden, und komme wieder, Sie abzuholen, denn wir wollen den heutigen Tag mit einander zubringen ... Nicht wahr, Monfréville?« »Es ist auch mein Wunsch ... wenn unser junger Freund nichts dagegen hat.« Cherubin zögerte einen Augenblick und stotterte endlich: »Aber ich hatte die Absicht ... nach Gagny zu gehen ... nach meiner Amme zu sehen.« »O! morgen! morgen! ...« rief Darena aus; »heute haben wir viel zu viel zu thun ... ich eile, mich anzukleiden, und komme alsbald wieder zurück.« Darena war weg. Monfréville hätte gute Lust gehabt, Cherubin begreiflich zu machen, daß er den Freundschaftsbezeugungen des Grafen kein großes Zutrauen schenken solle; aber wenn er es so schnell versucht hätte, den jungen Mann zu enttäuschen, indem er ihn vor falschen Freunden, eigennützigen Liebschaften, betrügerischen Kaufleuten und allen Gefahren in Paris warnte: mußte er dann nicht fürchten, ihm diese Stadt zu entleiden, die er ohnedies so ungern betreten hatte? Alles wohl erwogen, dachte Monfréville, ist Darena heiter, geistreich; er weiß jeden Tag ein neues Vergnügen zu ersinnen; wenn seine Bekanntschaft Cherubin auch einige Tausendfrankennoten kostet ... so ist ja der junge Mann reich! und muß man nicht in allen Dingen Lehrgeld geben? Ueberdies werde ich über unserem Schüler wachen und verhüten, daß man seine Unerfahrenheit allzu sehr mißbrauche. »Ei, mein junger Freund,« begann Monfréville, »was haben Sie denn aus Ihrem Lehrer gemacht? ... er muß doch bei Ihnen wohnen ... ist er vielleicht unwohl?« »Ach, Sie haben Recht,« rief Cherubin aus; »ich hatte Herrn Gerundium ganz vergessen. Jasmin, geh', erkundige Dich, was mein Lehrer macht, und frage ihn, warum er nicht zum Frühstück kommt?« Jasmin begab sich in Herrn Gerundiums Zimmer; der vormalige Schulmeister lag, tief schlafend, unter Decke und Kissen versteckt und wie begraben in seinem Bette; man hörte nur ein Schnarchen, welches anzeigte, daß das Bett besetzt sei. Der alte Kammerdiener streckte seine Hand nach dem Kopfkissen aus; er erwischte die hervorragende Nase des Herrn Gerundium, packte sie, zerrte heftig daran und schrie: »Frisch auf, Herr Professor, erwachen Sie doch, mein Herr fragt nach Ihnen.« Herr Gerundium öffnete die Augen, zog seine Nase aus Jasmin's Händen und brummte: »Was gibt es denn? ... Was bedeutet diese Gewaltthat, und warum weckt man mich bei der Nase auf? ... Das ist wahrhaftig eine neue Art; so ging Aurora mit den rosigen Fingern bei dem blonden Phoebus nicht zu Werke!« Als Herr Gerundium jedoch erfuhr, daß man schon gefrühstückt habe, entschloß er sich zum Aufstehen, machte in Eile seine Toilette und ging hinab, um seinen Zögling zu begrüßen. »Die Annehmlichkeiten Capua's verweichlichten Hannibals Soldaten,« begann der Lehrer, auf die noch sehr verführerischen Ueberreste des Frühstücks hinschielend; »mich, mein werther Zögling, verweichlichte der Flaum meines Lagers ... Genehmigen Sie meine Entschuldigung, künftig werde ich so früh sein, wie ein Hahn.« Und damit setzte sich Herr Gerundium zu Tische, um die versäumte Zeit wieder hereinzubringen, während Cherubin, dem Wunsche der Mamselle Turlurette nachgebend, von Verschiedenem im Hause Einsicht nahm; Monfréville, der zurückgeblieben war, näherte sich dem Lehrer und sagte zu ihm: »Mein Herr, Sie haben sich eine wichtige Aufgabe gestellt, fühlen Sie sich derselben auch gewachsen?« Herr Gerundium in der Meinung, man wolle auf seinen guten Appetit anspielen, erwiederte, indem er mit großer Behendigkeit unter den Speisen aufräumte: »Das will ich wohl meinen, damit werde ich ganz gut fertig, ich habe seit gestern Abend nichts mehr über die Lippen gebracht.« »Nicht davon will ich mit Ihnen sprechen, sondern von Ihrem Schüler, dem jungen Manne, der in Paris der Gegenstand Ihrer ausnehmendsten Sorge sein muß, weil es nöthig ist, darüber zu wachen, daß er bei seiner Arglosigkeit und edeln Natur in dieser Stadt, die er unter allen Umständen kennen lernen mußte, nicht betrogen werde.« Nachdem sich der Lehrer Zeit gelassen, den Flügel eines Kapauns zu verzehren, erwiederte er in einem gelehrten Tone: »In dieser Hinsicht könnte der junge Cherubin in keinen bessern Händen sein. Beruhigen Sie sich, mein Herr, ich werde meinem Zöglinge ein abschreckendes Gemälde der ihm drohenden Verführungen vorhalten, denn die Sitten gehen vor Allem! Dies ist mein Grundsatz ... Sankt Paulus sagt zwar: oportet sapere ad sobrietatem! ich aber behaupte, daß man in des Marquis Alter ganz tugendhaft sein muß ...« Monfréville zuckte die Achseln und sagte: »Ach nein, mein Herr, so verstehe ich's nicht! ... es handelt sich nicht darum, den Jüngling einzuschüchtern und einen Cato aus ihm zu machen! ... lassen Sie ihn die Freuden seines Alters, die ihm sein Vermögen gestatten, genießen ... verhindern Sie nur, daß es im Uebermaß geschehe, und sorgen Sie dafür, baß er nicht von Intriguanten und Schelmen, wovon Paris wimmelt, überlistet und betrogen werde.« »Das meine ich eben, mein Herr, ich werde unablässig über ihn wachen, stets das Auge geöffnet, die Nase in der Höhe, das Ohr gespitzt haben; es soll nicht mein Fehler sein, wenn der Jüngling der Verführung unterliegt; ich befolge überdies ein ganz neues Erziehungssystem ... stets mit besonderer Rücksicht auf Sitten! ... Doch jetzt entschuldigen Sie, ich muß mein Frühstück beendigen.« Monfréville verließ Gerundium mit dem Gedanken: »Dieser Mann ist sicher ein Dummkopf oder ein Heuchler! ... wenn nicht beides zugleich!« Cherubin war mit Besichtigung des Hauses, das er alt, traurig und düster fand, fertig geworden; Monfréville rieth ihm, die altertümliche Wohnung seiner Ahnen neu malen, möbliren und ausschmücken zu lassen. Darena kam nach dem neuesten Geschmack gekleidet zurück; er trug einen Theil der Gegenstände an sich, die er diesen Morgen ohne den Beutel zu ziehen gekauft hatte, und mit dem Golde, das er Poterne abgenommen, hatte er das noch Fehlende ergänzt; sein Anzug war diesmal aber auch ohne Tadel, er zeigte übrigens ebenso viel Leichtigkeit und Ungezwungenheit darin, wie in seinen abgeschabten Kleidern. Cherubin bewunderte das elegante Aeußere Darena's und den Anstand, mit dem er seine Kleider trug; Monfréville machte dieselben Betrachtungen, nur bedauernd, daß ein mit so vielen Vorzügen begabter Mensch oft so tief herabsteige und so schlechte Gesellschaft besuche. »Hier bin ich zu Ihren Befehlen,« sagte Darena, »wir wollen den Marquis Cherubin mit uns nehmen ... ich kann mich nicht entschließen, Grandvilain zu sagen ... ein Name, der durchaus nicht für unsern jungen Freund paßt ... und wenn er mir folgt, so begnügt er sich mit dem Namen Cherubin, der sehr artig ist ...« »Was? ...« brummte Jasmin, »der gnädige Herr sollte den Namen seines Vaters aufgeben? ... Warum nicht gar? ... ich widersetze mich!« Man antwortete dem alten Diener nicht, und Darena fuhr fort: »Vor allen Dingen muß unser Freund das Sehenswürdige von Paris kennen lernen ... das wird Zeit kosten ... für einen Beobachter gibt es viel zu sehen!« »Alsdann,« sagte Monfréville, »wird es gut sein, wenn Cherubin den Lehrern, die ihm unumgänglich nöthig sind, täglich einige Stunden widmet, denn seine Erziehung ist für das Auftreten in der Welt noch sehr unvollkommen!« Herr Gerundium hielt mit seiner Gabel, die in vollster Arbeit war, inne, und rief aus: »Wer sagt, die Erziehung meines Zöglings sei unvollkommen? ... er wird bald ebenso viel wissen, als ich selbst.« »Nun, gelehrter Meister Andreas, ärgern Sie sich nicht!« fuhr Darena lachend fort, »ich glaube, daß Sie in todten Sprachen und im Tranchiren eines Geflügels sehr stark sind ... O! Sie machen Ihre Sache ganz gut; können Sie aber unserem Freunde in der Musik, im Tanzen, Reiten, Fechten und im Pantoffelspiel Unterricht geben? ...« »Im Pantoffelspiel?« murmelte Jasmin mit erstaunter Miene. »– Ja, im Pantoffelspiel und in allen sonstigen modernen Wissenschaften, die einem jungen Manne von Stand und Vermögen nicht fremd sein dürfen, wenn er sich nicht dem Spotte aussetzen will.« »Vertrauen Sie mir!« sagte Monfréville, Cherubin beim Arme nehmend; »mein Vater war ein Freund des Ihrigen; und auch ohne diesen Beweggrund würden Ihre Jugend und Aufrichtigkeit hinreichen, mir Interesse für Sie einzustoßen und den Wunsch in mir zu erregen, einen vollkommenen Cavalier aus Ihnen zu machen.« »Und um damit anzufangen,« fiel Darena ein, »schlage ich einen kleinen Ausritt vor; es gibt nichts Besseres des Morgens. Können Sie sich einigermaßen auf dem Pferde halten?« »O! ich halte mich vortrefflich und habe nicht die mindeste Furcht,« entgegnete Cherubin; »auf dem Dorfe galoppirte ich auf allen Pferden unserer Nachbarn.« »– Herrlich! hier in der Nähe wohnt ein Pferdevermiether, der ziemlich ordentliche hat, wir wollen einige von ihm entlehnen, bis Sie selbst welche im Stalle haben, was gleichfalls unentbehrlich für Sie ist.« Cherubin ging mit seinen beiden Freunden aus, empfand aber kein Vergnügen bei dem Gedanken, einen Spazierritt zu machen; Nicolle's Säugling, dem alle Lustbarkeiten etwas Neues waren, hatte bisher nur einige Ackergäule bestiegen. Man begab sich zu einem Vermiether, der seine drei besten Renner satteln ließ. Eben als die Reiter aufsaßen, vernahm man den Ausruf: »Nun! ... gibt's nicht auch ein Pferd für mich?« Man gewahrte sodann Jasmin, der seinem Herrn nachgefolgt war; er hatte seine Beinkleider so eng wie möglich zusammengeschnallt, eine Reitpeitsche mitgenommen, und eine Kappe mit langer Stülpe, die ihm Augen und Nase völlig bedeckte, aufgesetzt. Cherubin und seine Begleiter konnten sich des Lachens über Jasmins Verwandlung in einen Jokey nicht enthalten, und Monfréville rief aus: »Das ist ein alter Diener, dessen Anhänglichkeit peinlich wird!« »Aber Jasmin, ich brauche Dich nicht,« sagte Cherubin, »geh' doch wieder nach Hause, Du könntest mir nicht nachkommen ... es würde Dich zu sehr anstrengen.« »Gnädiger Herr, ich kenne meine Pflicht!« entgegnete Jasmin, »mein Platz ist fortwährend hinter Ihnen ...« »Ja, ja! er hat Recht,« sagte Darena, »und weil er mit will, je nun, so soll er uns nachfolgen ... Ein Pferd für diesen treuen Diener, einen kleinen, guten Traber, Jasmin scheint mir ein vortrefflicher Reiter zu sein.« »Aber er wird herabfallen,« sagte Cherubin leise. »– Ich glaube es selbst, das wird jedoch gut für ihn sein.«. dieser Bursche braucht eine Warnung ... er ist höchst eigensinnig; er will durchaus Ihr Geschirr zusammenbrechen, Ihre Freunde mit Käse pomadisiren, auf die Chaisen hinaufklettern und spazieren reiten; man muß sich bestreben, ihn von diesem übermäßigen Eifer zu heilen.« Man sattelte ein Pferd für Jasmin, und mit Hülfe zweier Stallburschen gelang es ihm, hinaufzuklettern. Die Herren fingen an zu reiten; innerhalb Paris ging es gemach, und der alte Diener war im Stande, seinem Herrn zu folgen; er that es auch mit Stolz, hielt sich fest in seinem Sattel und in den Bügeln, aber beim Eingang in die elyseischen Felder schlugen Cherubin und seine beiden Begleiter Galopp an. Als Jasmin seinen Herrn hinter einer Staubwolke verschwinden sah, wollte er ihm durchaus nachfolgen, und trieb seinen Renner mit der Peitsche; das Thier, welches nichts Besseres verlangte, als seinen Stallgenossen nachzukommen, nahm seinen Anlauf und jagte davon. Allein der alte Reiter hatte seinen Kräften zuviel vertraut; nach wenigen Augenblicken galoppirte das Pferd allein und Jasmin wälzte sich im Staube. Im Boulogner Wäldchen angelangt, kehrte sich Cherubin um und sagte: »Nun, wo ist denn Jasmin?« »Ich war überzeugt, daß er uns nicht nachkommen könne,« erwiderte Darena. »– Wenn er nur nicht gestürzt oder verwundet ist!« »– Trösten Sie sich, in seinem Alter fällt man sanft, man wird ihn aufgehoben haben, und es ist zu hoffen, daß ihm dies eine Lehre sein, und seine Anhänglichkeit etwas mäßigen wird.« Die Herren setzten ihren Ritt fort und bewunderten die Festigkeit ihres jungen Begleiters, dem nur einige Stunden in der Eleganz und im Anstände fehlten, um einen vorzüglichen Reiter aus ihm zu machen. Nach dem Spazierritt strich man zu Fuße auf den Boulevards und in einigen Kaffeehäusern umher, dann besuchte man eine der besten Restaurationen des Palais Royal, und Abends begab man sich ins Theater. Endlich kehrte Cherubin um Mitternacht in sein Hôtel zurück, ohne im Laufe des Tages einen Augenblick Zeit gehabt zu haben, an sein Dorf zu denken. Er traf Jasmin, der beim Falle keinen Schaden gelitten hatte, dessenungeachtet aber seinen jungen Herrn versicherte, daß er es nicht mehr probiren werde, ihm ins Boulogner-Hölzchen nachzufolgen. Die folgenden Tage wurden eben so gut angewandt; Monfréville und Darena verließen Cherubin beinahe gar nicht; der erstere hatte ihm Lehrmeister in allen schönen Künsten zugeschickt; der andere sprach unaufhörlich von den reizenden, kleinen Tänzerinnen, mit denen er zu Mittag gespeist hatte, und fragte ihn: »Welche gefällt Ihnen am besten?« Und Cherubin entgegnete mit zu Boden gesenkten Blicken: »Sie sind alle vier recht hübsch.« »– Ich verstehe, sie gefallen Ihnen alle ... das kann sich schon geben, und wenn Sie's wünschen, so will ich Sie bei ihnen einführen ... Sie werden mit offenen Armen ... empfangen werden.« Bei diesem Vorschlage wurde Cherubin roth wie eine Kirsche und stammelte: »O! ... ja ... in einigen Tagen.« Und während man spazieren ritt, sich belustigte, seinen Zögling betäubte, wiegte sich Herr Gerundium in seinem Bette, schwelgte Stunden lange an der Tafel, zeigte Mamselle Turluretten seine Zähne und sagte täglich zu Jasmin: »Vor allen Dingen, würdiger Gumäus, vergesset nicht, dem Portier des Hauses den Befehl zu ertheilen, daß, wenn irgend Jemand von Gagny ... selbst wenn Frau Frimousset käme, um den Herrn Marquis zu sprechen, man jederzeit antworten muß, daß der Herr Cherubin von Grandvilain ... abwesend ... oder verreist sei ... denn wenn mein Zögling sie wiedersähe ... Besonders wenn ihm die kleine Louise wieder vor Augen käme, so könnte er, obgleich er allmählig Geschmack an der Stadt findet, sich doch wieder hinreißen lassen ... und dann wäre der ganze Gewinn unserer Bemühungen dahin! ... was um so mehr Schade sein würde, als er, Dank den Rathschlägen seiner beiden Freunde und meinem Unterrichte, nothwendig in kurzer Zeit ein gewaltiger Cavalier werden wird.« Jasmin, der sich stets vor des Lehrers Wissenschaft beugte, verfehlte nicht, seinen Aufträgen pünktlich Folge zu leisten, denn er dachte, es könne durchaus nicht unhöflich sein, die Amme unverrichteter Sache wieder abziehen zu lassen, da ein mit der Erziehung der Kinder beauftragter Mann die Regeln der Höflichkeit nothwendig genau kennen müsse. Und Tage, Wochen, sogar Monate verflossen bei diesem vergnügungsvollen, beschäftigten, zerstreuungsreichen Leben, welches Cherubin in Paris führte. So oft er davon sprach, in das Dorf zu gehen, sagten seine neuen Freunde: »Ja, morgen ... heute haben Sie keine Zeit.« Aber wenn Darena Cherubin den Vorschlag machte, ihn zu einer der kleinen Tänzerinnen, die ihm so wohl gefielen, zu führen, entgegnete dieser auch erröthend: »Ja ... morgen! ... morgen! ...« Vierzehntes Kapitel Die Liebe eines Kindes. Während man sich in Paris belustigte, lachte, und nur mit Vergnügungen beschäftigt war, langweilte man sich in Gagny, war traurig und vergoß Thränen. Das ist im Leben oft der Fall. Das Glück des Einen kann häufig nur mit dem Kummer des Andern erlangt werden; ist es dann nicht zu theuer erkauft? ... Wenn man immer über Wirkungen und Ursachen nachdächte, so würde man zuweilen sein Glück bereuen. Als Louise von Montfermeil, wohin sie, wie man sich erinnern wird, Herr Gerundium geschickt hatte, zurückkam, fragte sie, überzeugt, daß man nur ihre Entfernung hatte bezwecken wollen, voll Unruhe, wo Cherubin sei? und Nicolle theilte ihr weinend mit, daß der, den sie noch mit Freuden ihr Söhnchen nannte, mit mehreren Herren und hübschen, ihrer Kleidung nach fremden Damen, die bei ihr auf eine Art getanzt hätten, wie solches noch nie im Dorfs gesehen worden, nach Paris abgereist sei. Louise schluchzte lange Zeit; ihr Herz war zerrissen. Sie litt heftiger als je; mit vierzehn und einem halben Jahre kann ein junges Mädchen schon lieben, und mit der Liebe erwachte auch die Eifersucht. »Du ließest ihn fort?« sprach sie in Thränen; »er hatte mir doch versprochen, mich nie zu verlassen! ... Diese Leute haben ihn also mit Gewalt weggeführt?« »– Nein, mein Kind, Cherubin ging aus freiem Willen, sogar recht heiter, beinahe tanzend mit diesen jungen Schönen, welche Rädchen schlugen, die länger dauerten, als die Kreisel meiner Jungen, so lange sie noch klein waren.« Louisens Zähren verdoppelten sich, und sie rief aus: »Warum ließest Du doch diese abscheulichen Frauenzimmer herein? ... O! wie hasse ich sie!« »– Mein Gott, Kleine, einer dieser Herren hatte sie mitgebracht; sie haben Milch getrunken wie wahre Katzen, und Sprünge gemacht wie Zicklein!« »Und Cherubin ist mit ihnen fortgefahren! ... O! er wird aber morgen wieder kommen, nicht wahr, meine gute Mutter?« »– Wir wollen's hoffen, mein Kind!« Aber der folgende und mehrere weitere Tage verflossen, ohne daß Cherubin in's Dorf zurückkehrte. Louise war so traurig, daß Nicolle ihren eigenen Kummer vergaß, um sie zu trösten. Das junge Mädchen rief jeden Augenblick aus: »Es ist ihm vielleicht etwas zugestoßen ... man hält ihn gewiß wider Willen in Paris zurück ... denn sonst wäre er schon wieder gekommen ... Wir wollen ihn holen, liebe Mutter, wir wollen ihn holen.« Nicolle gab sich Mühe, Louisen Vernunft einzureden, indem sie zu ihr sagte: »So höre doch, meine Kleine! schon seit langer Zeit wiederholte mir Herr Jasmin oft: Mein junger Herr muß nach Paris zurückkehren, er kann nicht lebenslänglich bei der Amme bleiben ... Wenn man wüßte, daß er noch bei Euch wäre, so würde man mich schelten ... und eine Menge solcher Dinge ... Thatsache ist, mein Kind, daß man die Säuglinge gewöhnlich wieder zurücknimmt, wenn sie zu sprechen anfangen ... es sei denn ... es sei denn ...« Die gute Frau hielt inne, denn sie war auf dem Punkte zu sagen: »Es sei denn, wenn man's macht wie Deine Mutter und sie gar nicht mehr zurücknimmt.« Louise besaß jenen Instinkt des Herzens, der in der Seele zu lesen versteht; sie errieth den Gedanken, der auf Nicolle's Lippen erstarb, drückte ihr heftig die Hand, und sagte schluchzend.: »Man hat mich nicht zurückverlangt, ich weiß es wohl ... Meine Mutter wollte nichts mehr von mir ... und doch konnte ich damals noch nicht böse gewesen sein ... ich war zu jung dazu ... und was wäre ohne Dich ... ohne Deine Güte ... aus mir geworden ...? Ach! gute Nicolle, wie ist es möglich, daß eine Mutter ihr Kind verlassen kann? Ich hätte meine Mutter so innig geliebt ... und sie wollte mich nicht zurücknehmen ... mich nicht küssen ... Ach! sie ist ohne Zweifel gestorben, sonst hätte sie mich gewiß abgeholt ... oder wenigstens zuweilen besucht!« »Ja,« erwiderte Nicolle, Louisen in ihre Arme schließend, »Du hast Recht, meine Kleine, Deine Mutter wird gestorben sein, ehe sie Zeit hatte. Dich zu sich kommen zu lassen ... vielleicht bevor sie sagen konnte, wo ihr Kind war ... Ach! mein Gott! ... man stirbt bisweilen so schnell weg! ... o! das muß so sein! ... Aber sprechen wir nicht mehr hierüber, Du weißt, daß es mir leid ist, wenn wir diesen Gegenstand berühren, der Dich immer traurig macht.« »– Auch spreche ich selten davon, gute Nicolle, obgleich ich unablässig daran denke; so lange Cherubin noch da war, vergaß ich, daß mir meine Eltern unbekannt sind ... er versprach mir, mich stets zu lieben ... aber auch er hat mich verlassen.« Und nach dieser Unterhaltung ging Louise in den Garten, um ungestört weinen zu können; Nicolle tröstete sie vergeblich: »Er wird zurückkommen, liebes Kind, er wird zurückkommen!« Die Zeit verstrich, und Cherubin kehrte nicht zurück. Endlich hatte sich Nicolle, den Bitten des jungen Mädchens nachgebend, eines Morgens mit ihr nach Paris aufgemacht, und auf dem ganzen Wege wiederholte Louise: »Wir werden ihn sehen ... ich will ihm sagen, wie traurig ich ferne von ihm bin, daß ich beinahe immer weine, daß mir nichts mehr im Dorf Freude macht; und er wird uns zurückbegleiten; o! ich weiß gewiß, er kehrt mit zurück.« Nicolle schüttelte zweifelnd den Kopf und sagte: »Nun, wir werden jedenfalls erfahren, ob er zufrieden und gesund ist, und das ist die Hauptsache.« So gelangten sie vor das alte Hôtel in der Faubourg Saint-Germain. »Das ist sein Haus,« begann Nicolle. »O! ich erkenne es wohl ... Hier holte ich ihn ab, als er noch ganz klein, mager und schmächtig war! Gott sei Dank, wir haben einen hübschen Jungen aus ihm gemacht! ich bin auch mehrmals hier gewesen, um ihn seinem Vater zu bringen, als der alte Herr noch lebte.« Louise betrachtete mit Staunen das alte Haus, dessen finsteres Ansehen und von Alter geschwärzte Mauern sie beinahe in Schrecken setzten. Indessen waren sie bis in den Hof gekommen und Nicolle sagte zu dem Thürsteher: »Mein Herr, ich bin gekommen, mein Söhnchen ... meinen Säugling ... den jungen Cherubin, Ihren Herrn, zu besuchen ... Er hat mich verlassen, um hieher zu gehen ... es quält mich, ihn seit so lange nicht mehr geküßt zu haben; wir hielten es nicht länger aus und da sind wir.« Der Thürsteher antwortete seiner Weisung gemäß: »Ihr könnt den Herrn Marquis, meinen Gebieter, nicht sehen, weil er nicht zu Hause ist.« »– Er ist ausgegangen! ... Nun, er wird auch wieder zurückkommen ... Wir wollen auf ihn warten, nicht wahr, Louise?« »– O! gewiß, meine Mutter, wollen wir auf ihn warten, denn wir müssen ihn sehen, da wir aus diesem Grunde nach Paris gekommen sind.« Der Thürsteher entgegnete mit trostlosem Phlegma: »Ihr wartet vergebens; Herr von Grandvilain ist verreist, er kommt vor zehn bis vierzehn Tagen nicht nach Hause.« »Verreist!« rief Louise aus, »o! mein Gott! ... das ist aber recht traurig ... wohin denn, mein Herr, nach welcher Richtung? ... weit fort?« »– Der Herr Marquis hat mir's nicht gesagt.« »So sagen Sie uns wenigstens,« fuhr Nicolle fort, »ist er wohl? ... ist er recht glücklich? ... gefällt es ihm in Paris?« »De« Herr Marquis erfreut sich einer vortrefflichen Gesundheit.« »– Mein Gott! ... wie konnte er denn auf die Reise gehen, ohne uns vorher zu besuchen? ... Sind die jungen, fremden Damen, die so gut tanzen, auch mit Herrn Cherubin gereist?« »– Das vermag ich Euch nicht zu sagen.« Dann kehrten Nicolle und das junge Mädchen, höchst betrübt, Cherubin nicht haben küssen zu können, wieder nach Gagny zurück; die Amme sagte übrigens zu Louisen: »Es ist gleich, wir wissen, daß er gesund ist, und das ist schon viel.« »– Ja, gute Mutter ... und ohne Zweifel wird er nach vollendeter Reise uns besuchen, und wenn er nicht käme, so gingen wir wieder nach Paris, denn er wird nicht immer abwesend sein.« Aber Tage und Wochen verflossen, ohne daß man von dem Geliebten, stets Erwarteten sprechen hörte. Hingerissen von Louisens Thränen und Bitten hatte Nicolle noch einmal eingewilligt, nach Paris zu gehen, aber diese zweite Reise war nicht glücklicher als die erste. Mit dem einzigen Unterschiede, daß diesmal der Thürsteher erwidert hatte, der Herr Marquis befinde sich auf einige Zeit auf dem Schlosse eines seiner Freunde. Darauf waren beide Frauenzimmer noch trauriger als das vorige Mal zurückgekehrt, und Nicolle hatte gleichfalls weinend zu Louisen gesagt: »Mein liebes Kind, ich glaube, der, den ich mit meiner Milch genährt, will mich nicht mehr vor sich lassen ... Du siehst wohl ein, er hat uns vergessen, da er nicht mehr ins Dorf kommt, und nichts von sich hören läßt ... und verstehst Du, wenn die Leute in Paris Jemand nicht zu sich lassen wollen, so geben sie ganz einfach den Auftrag, zu sagen, sie seien nicht zu Hause!« »– O, Mutter! Du denkst, Cherubin wolle uns nicht mehr sehen« ... er schäme sich vielleicht an uns? ...« »– Das will ich eben nicht behaupten, mein Kind, aber gewiß ist, daß ich nicht mehr zu ihm nach Paris zurückkehren werde ... denn er muß erfahren haben, daß wir da gewesen sind ...« ... und ... wenn er uns noch geliebt hätte, so meine ich, wäre er gleich in unsere Arme geeilt.« Louise wußte nichts darauf zu antworten; sie wünschte Cherubin gegen Nicolle's Anklage zu vertheidigen, aber sie fand in ihres Herzens Grund selbst nur noch einen schwachen Hoffnungsstrahl. Seit dieser zweiten Reise nach Paris hatte sich die Traurigkeit des junges Mädchens nur vermehrt; vor derjenigen, die sich ihrer als Mutter angenommen, suchte sie ihren Kummer, ihre Niedergeschlagenheit zu verbergen, sobald sie aber allein war, überließ sie sich beiden, mit einer Art Wollust; denn bei außerordentlichen Schmerzen gewährt es beinahe einen Trost, in seinen Träumereien, seinen Klagen und seinen Erinnerungen nicht gestört zu werden. Louise machte es wie Alle, die einen theuren Gegenstand verloren haben: sie suchte oft die Orte auf, wo sie mit ihm gewesen, die sie mit ihm durchwandert und bewundert hatte. Wenn man sich wieder an solchen Orten befindet, wo man früher glücklich gewesen, so scheint es, als müsse man es noch sein; unsere Erinnerung vergegenwärtigt uns alle vergangenen Ereignisse; die geringsten, unbedeutendsten erhalten Werth, wenn sie sich auf die geliebte Person beziehen; die lebhafte Erinnerung an das früher Erlebte macht uns glauben, jene Zeit sei wiedergekehrt ... Das Herz erschließt sich einem glücklichen Gefühle ... aber ach! nur auf kurze Dauer! ... Die Gegenwart mit ihrer entsetzlichen Wahrheit steht vor uns! man blickt um sich ... sieht sich allein ... ganz allein! ... man entdeckt in der Tiefe seiner Seele nichts als eine fürchterliche Leere ... und keine ungetrübte Freude in der Zukunft! Eines Morgens arbeitete Nicolle, Jakob schlief und Louise war im Garten, wo sie nach ihrer Gewohnheit von Cherubin träumte, als ein Herr in das Haus der Landleute trat und ausrief: »O Aufenthalt! ... agrestis und rusticus Ländlich und bäurisch ... ... ich grüße dich ... aber ich sehne mich nicht nach dir zurück ... denn ich theile nicht im mindesten Birgits Geschmack ... ich ziehe die Stadt dem Landleben vor.« Nicolle, als sie Herrn Gerundium erkannte, stieß einen Freudenschrei aus, und beeilte sich, Louisen mit den Worten herbeizurufen: »Komm' doch schnell, mein Kind, sieh, der Herr Schulmeister ist zurückgekehrt ... ohne Zweifel wird nun Cherubin auch bald wieder kommen.« In der That war es der Hofmeister, aufs Flotteste ausstaffirt, mit einem so glänzenden Hute, daß er gefirnißt schien, sorgfältig pomadisirt, mit Glacéhandschuhen, und mit eau de Portugal auf dem Schnupftuch, aber auch mit ungleich stärker geröthetem Gesichts-Erker. Louise eilte herbei; noch nie hatte ihr die Gegenwart Herrn Gerundiums ein solches Vergnügen gemacht; sie brannte vor Verlangen und fürchtete zugleich mit ihm zu sprechen, aber sie reichte ihm die Hand und stammelte: »Ach, welches Glück, mein Herr ... Sie werden uns von ihm Nachricht geben.« Herr Gerundium seinerseits blieb beim Anblick des jungen Mädchens in Staunen versunken stehen, denn es waren seit seiner Entfernung von Gagny acht Monate verflossen, und dieser Zeitraum hatte in Louisen eine mächtige Veränderung, aber nur zu ihrem Vortheil hervorgebracht. Sie war kein Kind mehr, sondern eine Jungfrau; ein großes, hübsch gewachsenes, liebliches Mädchen, voller Reize, der man siebenzehn Jahre und viele Anbeter zutrauen konnte. »– Das ist außerordentlich!« rief der Hofmeister aus, »wahrhaftig zauberhaft ... welche wohlthuende Veränderung!« »Sie finden Louisen gewachsen, nicht wahr, mein Herr?« sagte Nicolle. »– Wenigstens um zwölf Zoll gewachsen ... und ihre Formen sehr herausgehoben ... sehr greifbar ...« »Aber Cherubin? mein Herr! erzählen Sie uns von Cherubin! ... nicht von mir sollen Sie sprechen! kommt er, mein Herr ... werden wir ihn bald sehen ... denkt er an uns ... erinnert er sich zuweilen unserer? ...« »– Ist er recht stark ... gesund ... und zufrieden, der liebe Junge? ... wann werden wir ihn in unsere Arme schließen? ... Warum kommt er nicht nach Gagny? ...« »– Der Herr Marquis befindet sich sehr wohl,« erwiderte Gerundium, fortwährend nach Louisen schielend. »Ihr fragt, warum er nicht zu Euch komme? ... ach, liebe Frau Frimousset, man merkt wohl, daß Euch das Leben in Paris nicht bekannt ist, besonders das Leben, welches ein junger vornehmer Herr führen muß! ... Mein Zögling hat keinen freien Augenblick; vom frühen Morgen an ficht, reitet, singt, tanzt und spielt er! ... kaum bleibt ihm Zeit zu seinen Mahlzeiten übrig, außerdem muß er auch in Gesellschaften, ins Theater, in die Concerte und auf den Ball gehen ... wie, Teufels, könnt ihr da verlangen, daß er Muße finde, in dieses Dorf zu kommen? ... Es ist unmöglich! ... Ich selbst war kaum im Stande, diese Reise heute zu machen ... ich mußte mich mit dem Frühstücke beeilen ... und ich liebe das schnelle Essen nicht ...« »Wir sehen ihn also nie wieder!« seufzte Louise mit beklommenem Herzen und thränenvollen Augen. »Das will ich eben nicht behaupten ... anbetungswürdige Schäferin! ... ich sage nur, Sie sollen vernünftig sein und nicht verlangen, daß der Herr Marquis Ihretwegen seine wichtigen Geschäfte unterbreche.« »– O! wir verlangen gar nichts!« sagte Nicolle; »ich wäre gerne wieder nach Paris gegangen, ihn zu besuchen ... man sagt uns aber immer, er sei abwesend.« »– Kommt nicht nach Paris, Ihr würdet Euch vergeblich bemühen; wie wollt Ihr einen jungen Mann im Fluge aufhalten, der täglich fünfhundert Ausgänge zu machen hat?« »– Fünfhundert Ausgänge! ... ach, mein Gott! da muß ja der arme Junge kreuzlahm werden! ...« »– Geht er denn zu Fuße? ... Er fährt oder reitet immer ... und da geht's immer im gestreckten Galopp.« »Und er kann nicht ein einziges Mal hieher kommen? ...« sagte Louise mit einem tiefen Seufzer ... – »Und jene schönen Damen, die so gut tanzen ... besucht er ohne Zweifel oft?« »Die Tänzerinnen! ... pfui doch! ... das wäre gegen die guten Sitten! ... man hat sich dieser Possenreißerinnen bedient, wie man sich des Magnets zur Anziehung einer Masse von Dingen bedient, aber mehr ... retro Satanas !« »Nun,« fuhr Nicolle fort, »wenn er nur zuweilen an uns denkt!« »– Der Beweis, daß er an Euch denkt, Frau Nicolle, liegt darin, daß er mir den Auftrag ertheilte. Euch Folgendes zu übergeben ... denn er will Euch glücklich und sorgenfrei wissen ... und ist sehr freigebig, mein Zögling ... Hier nehmt ... es sind tausend Franken darin ... das ist sehr hübsch.« Mit diesen Worten reichte Herr Gerundium Nicollen einen Geldsack, den sie annahm und ausrief: »– Tausend Franken! ... o! das ist aber zu viel! ... tausend Franken ... Ach! das ist ein schönes Geschenk ... aber wenn ich ihn hätte dazu umarmen dürfen, wäre es noch weit schöner gewesen.« Jakob, der eben erwachte, sah den Geldsack und stammelte: »Tausend Franken! ... zu sechs Sous das Maß ... wie viel gibt das Eimer?« »Und an mich hat er Ihnen keinen Auftrag mitgegeben, mein Herr?« fragte Louise. Dann fügte sie, erröthend, schnell hinzu: »O, mein Herr! nicht nach einem Geschenke ... oder nach Geld frage ich! ... sondern nach einem Worte der Freundschaft ... der Erinnerung ... einem Worte, welches mir beweist, daß er mich nicht vergessen ... Lassen Sie hören, mein Herr, besinnen Sie sich wohl!« Herr Gerundium zerkratzte seine Nase und erwiderte: »Nein, meine schöne Freundin, der Marquis, mein Zögling, hat mir keinen besondern Auftrag an Sie mitgegeben, aber er hat mir gesagt, euch Allen Gesundheit und Wohlergehen zu wünschen. Louise erblaßte und wandte die Augen ab. Der Hofmeister näherte sich ihr und flüsterte ihr zu: »Aber machen Sie sich keinen Kummer, mia cara bella! ... wenn Sie der Marquis vergißt ... so gibt es Jemand, der Sie nicht vergessen ... der für Ihre Zukunft sorgen ... und Sie Ihr Leben nicht im Dunkel dieses Dorfes verjammern lassen wird ... Geduld, Sie sind noch sehr jung ... obwohl schon vollkommen ausgebildet ... warten Sie noch eine kurze Zeit ... Penelope harrte lange der Rückkehr des Ulysses, aber er kam endlich und tödtete ihre Freier ... Dieser Mann handhabte den Bogen vortrefflich!« Louise betrachtete Herrn Gerundium mit erstaunter Miene, als ob sie ihn um die Bedeutung seiner Worte fragen wollte; aber der Hofmeister wandte sich gegen Nicollen und rief aus: »Nun muß ich euch Lebewohl sagen!« »– Was! so schnell wieder, Herr Gerundium, ohne etwas zu sich zu nehmen, ohne sich zu erfrischen? ...« »Ein Schlückchen Krätzer ...« sagte Jakob, »schlägt man nicht aus.« »Verzeiht mir, mein lieber Frimousset, das schlägt man sehr leicht aus, wenn man, wie ich, gewöhnt ist, in Paris vorzügliche Weine zu trinken; jetzt würde mir Euer Krätzer den Magen zersprengen.« »– Aber was nöthigt Sie denn, so schnell wieder abzureisen?« »– Meine würdige Nicolle, ich weiß, daß man heute Mittag gebratene Wachteln speist; Mamselle Turlurette hat mir's gesagt, und ich würde ein großes Unrecht an mir selbst begehen, wenn ich nicht meinen Theil davon nähme. Auf Wiedersehen, tugendhafter Landmann; Nicolle wachet über diese schöne Perle ... Margarita ... ich empfehle sie Euch, und Sie, reizende Louise, überlassen Sie sich dem Kummer nicht! Ihre Zukunft wird gewiß noch schön! ... Dieses Orakel ist sicherer, als das des Kalchas! ... Ich wünsche euch allesammt eine treffliche Gesundheit und eile nach Villemomble, wo ich mich in den Wagen setzen werde.« Mit diesen Worten richtete Herr Gerundium an Jedes ein ungeheures Lächeln, fügte dem an die Jungfrau noch einen ausnehmend warmen Blick bei und entfernte sich, während er seinen glänzenden Hut aufsetzte und in seine glacirten Handschuhe fuhr. »– Er verlangt, daß ich mich dem Kummer nicht überlassen soll! ...« sprach Louise nach Gerundiums Entfernung; »und Cherubin hatte kein Wort für mich!« Fünfzehntes Kapitel Das Gewerbe des Herrn Poterne. Man muß Cherubin für undankbar und in seinen Neigungen unbeständig halten, denn er scheint die gute Nicolle, die ihn auferzogen hat, und die kleine Louise, seine Gespielin, welche er so zärtlich zu lieben vorgab, schnell vergessen zu haben. Aber diese Undankbarkeit und Unbeständigkeit sind dem Menschen so natürlich, daß man sich nicht verwundern darf, sie bei einem Jüngling anzutreffen; Cherubin hatte sein achtzehntes Jahr angetreten; er war von Personen umgeben, die ihm den Aufenthalt in Paris nur angenehm zu machen suchten, die sich fortwährend damit beschäftigten, ihm neue Vergnügungen zu verschaffen, und besonders nicht versäumten, seine bei der Amme verlebte Zeit ins Lächerliche und Spöttische zu ziehen. Das Lächerliche ist eine gewaltige Waffe bei den Franzosen; erwachsene Männer fürchten es und thun Alles, es zu vermeiden: wie hätte ihm ein siebenzehnjähriger Knabe Trotz bieten können? Indessen war Cherubin nicht so vergeßlich, als man glauben könnte; mehrmals hatte er die Absicht, nach Gagny zu reisen, um Nicollen und Louisen wiederzusehen; um ihn aber davon abzubringen, verbarg man ihm vor allen Dingen die beiden Besuche der Amme im Hause, dann hatte man ihm gesagt, Frau Frimousset habe Louisen zu einer ihrer Verwandten in die Bretagne geschickt, damit sie den Kummer vergesse, den ihr die Entfernung ihres jungen Freundes verursacht habe. Der Gedanke, Louisen nicht mehr in Gagny zu finden, hatte das Verlangen des Jünglings, wieder einmal ins Dorf zu gehen, bedeutend vermindert. Da er aber stets das Glück seiner Amme wünschte, so hatte er, wie wir kurz vorher gesehen, Herrn Gerundium beauftragt, ihr Geld zu überbringen, und ihn zugleich ersucht, sich nach Louisens Befinden zu erkundigen, zu fragen, ob sie bald wieder nach Gagny zurückkehre, kurz – Nachricht über ihr Schicksal einzuziehen. Als Herr Gerundium von Nicollen zurückkam, verfehlte er nicht, seinem jungen Zöglinge weis zu machen, Louise sei immer noch bei guten, wohlhabenden Pächtersleuten in der Bretagne, die sie wie ihre eigene Tochter behandelten, und bei denen es ihr sehr gefiele. Auf dieses hatte Cherubin, bei dem Gedanken, daß ihn seine ehemalige Gespielin wahrscheinlich bald ganz vergessen haben werde, schwach geseufzt; sein Herz wurde von einem Gefühle der Traurigkeit und der Sehnsucht durchdrungen; und er empfand einen Augenblick Lust, in die Bretagne zu gehen, um Louisen Vorwürfe zu machen, daß sie ihre Gesinnung geändert habe und ihn nicht mehr liebe. Denn so find wir zu jeder Zeit: wir vergessen zwar die Andern, wollen aber nicht von ihnen vergessen werden; wir sind unbeständig, treulos, aber hoffen, daß man beständig und treu gegen uns bleiben werde; kurz, wir erlauben uns, Andere zu täuschen, wollen aber nicht von ihnen getäuscht werden. Die Ankunft Darena's fühlte stets die Heiterkeit ins Grandvillain'sche Haus zurück; und während er sich bemühte, Cherubin zu zerstreuen, machte er sich zugleich dessen Bekanntschaft zu Nutzen, um das Genie Poterne's gehörig zu verwenden. So hatte der häßliche Herr eines Tages zwei Reitpferde in das Hotel des jungen Marquis gebracht, ihn versichert, es sei eine vortreffliche Gelegenheit, die man ergreifen müsse, und ihn für zwei Klepper, welche höchstens fünfhundert Franken werth waren, dreitausend bezahlen lassen. Ein andermal brachte Herr Poterne ein Tilbury, welches er von einem russischen Fürsten erkauft haben wollte, oder vorzügliche Jagdhunde von einer ausgezeichneten Race, ein vortreffliches, nie versagendes Gewehr u.s.w.; kurz, Herr Poterne handelte allmählig mit Allem; er erschien nie im Hause, ohne Cherubin Etwas zum Kaufe anzubieten; er sorgte sogar für Stöcke, Foulardstücher, Papageien und Katzen. Der junge Mann kaufte immer und bezahlte mit blindem Vertrauen. Aber Jasmin, der nach und nach einsah, daß Herrn Poterne's Billigkeiten entsetzlich kostspielig waren, zeigte eine sehr üble Laune, wenn er ihn ins Haus treten sah, und zerbrach sich den Kopf, wie er seinem Herrn diese Besuche vom Halse schaffen könnte. Unglücklicherweise hatte der alte Diener nie durch seine Einbildungskraft geglänzt, und mit den Jahren war diese Fähigkeit, weit entfernt, sich bei ihm zu entwickeln, eher noch schwächer geworden. Monfréville hätte den Planen Darena's und dem Handel Poterne's entgegen sein können, aber er war genöthigt, eine Zeitlang auf einer Besitzung, die er in der Nähe von Fontainebleau hatte, und wo einige Ausbesserungen vorgenommen werden mußten, zuzubringen. Vor seiner Abreise hatte er zwar seinen jungen Freund zur Vorsicht gegen die Dienste und Gefälligkeiten Poterne's aufgefordert, aber Cherubin war zu jung, um nicht vertrauensvoll zu sein, und überdies schien Darena jederzeit entzückt über die billigen Einkäufe, die sein Intendant für den jungen Marquis gemacht hatte. Seit Monfréville's Abreise wurde das Haus mit Pferden, Jagdhunden, Vögeln aller Art, gothischen Vasen und sogenannten Seltenheiten oder Merkwürdigkeiten angefüllt, die Herr Poterne alle Tage herbeischleppte. Endlich sagte einmal Jasmin eines Morgens zu seinem jungen Herrn: »Gnädiger Herr, wenn das so fortgeht, so wird unser Haus nächstens das Aussehen einer Trödelbude haben! ... man kann sich nicht mehr darin umdrehen! ... dieser Herr Poterne veranlaßt Sie, allzuviel einzukaufen; Ihre alterthümlichen oder merkwürdigen Vasen scheinen mir sehr häßlich! ... die Jagdhunde machen einen abscheulichen Lärm ... läßt man sie los, so beißen sie Jedermann in die Beine; die Papageien schreien zum toll werden ... Sie haben deren fünfe! ... die sogenannte spanische Katze, die er Ihnen aufgehängt hat, hat schon ihre Farbe verändert und ist weiter nichts, als eine ganz gewöhnliche weiße Katze ... und Sie, gnädiger Herr, haben jetzt neunzehn Stöcke, ich habe sie gezählt ... Was wollen Sie mit neunzehn Stöcken anfangen? ... Ihr Herr Vater, der Marquis, hatte nur einen einzigen und trug auch nie mehr auf einmal.« »Ach, schweig doch, Jasmin,« entgegnete Cherubin, über die Verzweiflung seines alten Dieners lachend; »bin ich denn nicht reich ... habe ich nicht die Mittel, meine Launen zu befriedigen?« »Verzeihen Sie, mein lieber Herr, Sie kaufen all' die Sachen nur, weil dieser Herr Poterne sagt, sie seien schön ... die Gelegenheit günstig ... und tausend ähnliche Dinge, um Sie dazu zu bewegen; Sie selbst hätten niemals den Einfall gehabt, zehn Hunde, neunzehn Stöcke, fünf Papageien und eine Schildkröte anzuschaffen ... und das Haus mit alten Vasen und ausländischen Krügen anzufüllen ... die ich sehr garstig finde, wie auch die Schildkröte vor der ich mich fürchte!« »– Weil Du nichts davon verstehst. Herr Darena gratulirt mir stets zu meinen Einkäufen; er findet das Alles schön und wohlfeil.« »– O! ... Herr Darena ... ich halte ihn nicht für haushälterisch, diesen Herrn! Ei, gnädiger Herr, hat er Ihnen das Geld, welches Sie für ihn an den Schneider, Schuhmacher, Hutmacher u.s.w. bezahlten, wieder zurückgegeben?« »– Nein! ... aber das ist von keinem Belange ... er wird es vergessen haben ... auch hast Du mir damals gesagt, Jasmin! es sei sehr nobel, seinen Freunden Geld zu leihen, und mein Vater habe es oft gethan.« »– Das ist wahr, gnädiger Herr, nur mit dem Unterschiede, daß die Freunde Ihres Herrn Vaters das Entlehnte wieder zurückzahlten.« Diese Unterredung wurde durch die Ankunft Poterne's unterbrochen, der immer noch mit seinem schmutzigen Ueberrocke bekleidet war, worunter er diesmal, wie es schien, etwas ziemlich Großes trug, das er sorgfältig zu verbergen suchte. Jasmin verzog sein Gesicht zu einer sehr bedeutungsvollen Grimasse, als er die eben besprochene Person eintreten sah. Herr Poterne erschien jedoch mit sehr demüthiger Miene, verbeugte sich bis auf den Boden und bestrebte sich, ein angenehmes Gesicht zu machen. »Ach! der Herr Poterne!« sagte Cherubin, über das Gesicht seines alten Dieners lachend: »ich sprach so eben von Ihnen mit Jasmin, der behauptete, meine spanische Katze werde ganz weiß.« Herr Poterne ließ ein Grinsen vernehmen, das dem Klang großer, in einen Kastrol gerüttelter Kupfermünzen glich, und antwortete: »Herr Jasmin beliebt zu scherzen! ... die Katze, welche ich die Ehre hatte, an Sie zu verkaufen, ist sehr kostbar ... sie kam von einem spanischen Granden ... es ist möglich, daß sie zeitweis ihre Farbe verliert ... sie ist vielleicht unpäßlich, es wird sich aber wieder geben ... wenn man recht für sie sorgt.« »Glauben Sie, es fehle den Thieren an Nahrung bei uns?« entgegnete Jasmin stolz. »– Das wollte ich nicht damit sagen, mein lieber Herr, nur sind die spanischen Katzen sehr zart und ...« »Schon gut,« sagte Cherubin, »es ist jetzt genug über diese Katze gesprochen worden. Sie kommen ohne Zweifel, Herr Poterne, mir etwas Neues anzubieten, denn Sie sind ein kostbarer Mann; Sie lassen Einem nicht Zeit etwas zu wünschen.« »– Der Herr Marquis sind zu gütig ... in der That ... ich habe etwas ...« Mit diesen Worten warf Herr Poterne einen unheimlichen Blick auf den alten Diener, dessen Anwesenheit ihn incommodirte; aber Jasmin blieb unbeweglich, und da ihn sein Herr nicht gehen hieß, so mußte sich Poterne wohl entschließen, das unter seinem Oberrock Verborgene in dessen Gegenwart zu zeigen. »Nun, was bringen Sie mir heute?« fragte Cherubin. »– Herr Marquis ... was ich bringe ... ist ... ist ein unter dem Preise feiles Stück ...« »Immer Käufe unter dem Preise,« brummte Jasmin; »man kennt das schon.« »Ich komme von der Versteigerung der Hinterlassenschaft eines ehemaligen Ministers ... eines außerordentlichen Feinschmeckers ... In Ihrem Alter, Herr Marquis, liebt man die Leckereien ... die Süßigkeiten ... besonders die seltenen ... Meiner Treu, als man dieses hier ausbot, dachte ich, es könnte Ihnen angenehm sein ...« Während Herr Poterne so sprach, zog er einen großen, blauen Porzellantopf unter seinem Rock hervor, der sorgfältig mit Pergament bedeckt war. »– Was ist da drinn, Herr Poterne?« »Indisches Eingemachtes, Herr Marquis; das ist ein Konfekt, welches man in heißen Ländern für die höchste Delikatesse hält, und wegen der Schwierigkeit, es kommen zu lassen, in Frankreich sehr selten findet: es wird aus Ananas zubereitet.« »Vortrefflich,« sagte Jasmin ganz leise, »nun schleppt er uns auch noch Eßwaaren her! ... das hat noch gefehlt ...« »Ein Topf von dieser Größe kostet bei Chevet, wenn er gerade hat, gewöhnlich hundert Franken! ... Ich erhielt diesen für fünfzig und habe ihn in der Absicht ersteigert, solchen Ihnen anzubieten.« »– Meinen Dank, Herr Poterne ... Eingemachte Ananasse müssen in der That köstlich sein. Jasmin, gib Herrn Poterne fünfzig Franken ... nachher trage das Eingemachte in die Speisekammer.« Jasmin nahm den von dem garstigen Herrn ihm dargereichten Topf und brummte: »Es fehlt doch nicht an eingemachten Sachen im Hause. Mamsell Turlurette versteht das sehr gut ... es ist rein überflüssig ...« Ein Blick Cherubins brachte den alten Diener, der unter Murren das Geld aus dem Sekretär holte, zum Schweigen; Herr Poterne sagte inzwischen zu dem Jüngling: »O! bald werde ich dem Herrn Marquis etwas äußerst Merkwürdiges anzubieten haben ... Einen großen, gescheiten, sehr geschickten Affen, den der Besitzer in Folge eines Fallissements herzugeben gezwungen ist ... Ich werde diese Gelegenheit benützen – und Sie einen Affen erhalten, der eines Königs würdig wäre.« »Einen Affen!« rief Jasmin entsetzt aus. »Das setzte vollends Allem die Krone auf! Unser Haus wird alsdann eine vollständige Menagerie sein!« »Jasmin, schweig',« sagte Cherubin; »und Sie, Herr Poterne, bringen Sie mir diesen Affen, sobald Sie ihn bekommen. Ich bin sehr begierig, einen Affen zu besitzen.« Herr Poterne verbeugte sich, strich die fünfzig Franken ein, welche ihm der alte Diener mit einem gräßlich verzogenen Maule ausbezahlte, und entfernte sich mit der wiederholten Versicherung, daß er sich bemühen werde, den Affen um einen billigen Preis zu erhalten. Cherubin, der mit Darena und einigen andern jungen Leuten ein Rendezvous im Café de Paris ausgemacht hatte, beeilte sich, seine Toilette zu vollenden, und entließ seinen alten Diener, den die Aussicht auf einen Affen in Trostlosigkeit versetzte, und der mit einem Wuthblicke auf den Topf, für den sein Herr fünfzig Franken bezahlt hatte, wegging. Einige Minuten später stieg Cherubin mit einem wirklichen Jockey in sein Tilbury und fuhr vom Hause ab, ohne auf Jasmin's Stimme zu hören, der ihm aus einem Fenster der Speisekammer zurief: »Gnädiger Herr ... er hat uns abermals belugst ... Es ist Traubenmus und weiter nichts!« Sechzehntes Kapitel Herr Poterne setzt seine Spitzbübereien fort. Cherubin fand im Café de Paris Darena und zwei junge Dandys, deren Bekanntschaft er im Foyer der großen Oper gemacht hatte. Mit achtzehn Jahren schließt man sehr leicht Verbindungen; man bietet und nimmt seine Freundschaft, wie die gewöhnlichste Sache von der Welt, an; im spätern Leben sieht man oft erst ein, daß man nichts gegeben und nichts empfangen hat. Die beiden neuen Freunde Cherubins sind nur wenige Jahre älter als er. Der eine, welcher Benedikt Mousserand heißt, läßt sich, ohne seinen Taufnamen zu sagen, weil er ihn für gemein hält, von Mousserand nennen; der andere, welcher Oskar Chopinard heißt, läßt sich dagegen niemals beim Familien-, sondern stets nur beim Vornamen nennen. Der erste ist ein großer, schlanker, junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ziemlich hübsch, obgleich seine Augen ausdruckslos und seine Haare, die er blond nennt, roth sind; ein geistloser Schwätzer, der sich einbildet, alle Weiber zu erobern und der bestgekleidete Mann in Paris zu sein. Der zweite, vierundzwanzig Jahre alt, ist klein, braun, hat eine gelbliche Hautfarbe und wäre beinahe häßlich, wenn nicht die Lebhaftigkeit und der Glanz seiner schwarzen Augen seinem Gesichte Ausdruck verliehen; man könnte ihn für geistreich halten, wenn er nicht die Schwachheit hätte, sich seiner Familie zu schämen und sich zu ärgern, wenn man ihn beim Namen seines Vaters nennt. Beide Herren sind aus reichen Familien. Der erste ist der Sohn eines Notars aus der Provinz und soll in Paris die Stelle eines Wechselmäklers kaufen; der zweite, dessen Vater ehemals Uhrmacher war, sich aber längst vom Geschäfte zurückgezogen hat, strebt eigentlich nach gar keiner Thätigkeit. Beide jungen Leute stehen sehr freundschaftlich mit Darena, weil er von Adel ist; er dagegen gleichfalls mit ihnen, weil sie reich sind. So besteht unter der menschlichen Gesellschaft beinahe immer ein Austausch eigennütziger Beweggründe. »– Kommen Sie doch, Marquis Cherubin,« redete ihn Darena an, »wir erwarteten Sie, das Frühstück ist bestellt ... es wird köstlich sein, ich verstehe mich darauf ...« »Sie sind etwas spät,« sagte Oskar. »Er wird einer seiner Geliebten guten Tag gesagt haben,« versetzte der große Mousserand, sich das Kinn streichelnd. »Meine Geliebten!« entgegnete Cherubin naiv, »o ich habe keine einzige! ...« Darena stieß ihn an den Arm und rief aus: »Er hat keine einzige! ... ich hoffe, meine Herren, daß Sie so etwas nicht glauben! denn das will so viel heißen, als er hat in jedem Viertel der Stadt eine; er ist schon ein vollkommener Spitzbube in Betreff der Frauenzimmer ...« Dann fuhr der Graf, Cherubin ins Ohr flüsternd, fort: »Sagen Sie's doch nicht, daß Sie keine Liebschaft haben! man würde Sie sonst auslachen ... man würde, wie auf ein Wunder, mit Fingern auf Sie deuten ... Sie sind in der That, mein lieber Freund, für achtzehn Jahre weit zurück.« Cherubin erröthete und beeilte sich, Platz bei Tische zu nehmen. Während des Essens hörte Mousserand nicht auf, von seinen Triumphen zu sprechen; bisweilen aber machte Oskar einige boshafte Bemerkungen hierüber. Darena sagte gar nichts, aber trank, aß und lachte desto mehr über die Gespräche Beider. Cherubin hörte Alles mit dem treuherzigsten Glauben von der Welt an, und ließ nur zuweilen einen Ausruf des Erstaunens hören, wenn ihm die Abenteuer gar zu ungewöhnlich schienen. »Ja, meine Herren,« sagte der große Blondrothe, »im gegenwärtigen Augenblicke habe ich fünf Geliebten! zwei nicht gezählt, die erst im Beginne sind.« »Im Beginne von was?« fragte Oskar höhnisch. »– Beim Teufel, das ist doch gut zu verstehen, das Verhältniß ist im Beginne sich zu entwickeln, und wird im Laufe dieser oder spätestens der nächsten Woche entwickelt sein.« »Dann hast Du sieben Geliebten! ... gerade wie ein Hahn! ...« »O! Du scheinst zu lachen, Oskar, es ist aber sehr wahr ... zudem habe ich bisweilen schon mehr gehabt! ...« »Herr von Mousserand, Sie werden furchtbar!« sagte Darena, »wenn übrigens Ihre Eroberungen hübsch sind, so mache ich Ihnen mein Compliment!« »Vier davon sind reizend, zwei hübsch und eine leidlich, ich will aber die drei letztern an den Nagel hängen und nur die erste Qualität behalten.« »Wie ... man kann eine Geliebte aufhängen?« fragte Cherubin mit verwunderter Miene. »– Ei, Marquis, aus welchem Welttheil kommen Sie denn? Wenn man Sie hört, könnte man glauben, Sie seien ein Neuling in der Liebe ... und doch versichert der Herr Graf, Sie seien sein Zögling ... Das würde ihm keine Ehre machen!« Darena leerte sein Glas und rief aus: »Glauben Sie denn unserem jungen Adonis? ... Merken Sie denn nicht, daß er seinen Scherz mit uns treibt? ... er, der einer Schönen nur drei Tage lang treu bleibt ... er führt uns mit seiner treuherzigen Miene hinter das Licht! ... wenn er uns so daran kriegt, so frage ich Sie, wie muß er erst die Frauen aufsitzen lassen?« »Herr Cherubin ist auf alle Arten begünstigt,« sagte Oskar. »Er nicht allein!« versetzte der große Mousserand mit selbstzufriedener Miene; »ich sage dies aus dem Grunde, weil ich, bei meiner Ehre, kein Frauenzimmer kenne, das mir widerstanden hätte.« »O! Dir! das ist kein Wunder,« entgegnete Oskar spöttisch, »Du hast ein solch feuriges Aussehen ... daß sich die Herzen schon an Deinen Haaren entzünden.« »– Was soll das heißen?« erwiderte der große junge Mann, dessen Wangen die Farbe seiner Haare annahmen. »Willst Du damit sagen, ich habe rothe Haare?« »– Ich meine, es sei überflüssig, das zu sagen!« »Ruhig, meine Herren! sind wir etwa hier, um Streit miteinander anzufangen?« fiel Darena ein; »nein, wir sind hier, um zu frühstücken, zu lachen ... tolles Zeug zu sprechen, statt dessen ärgert man sich ... wird übler Laune ... Das ist gar keine Art; und dazu noch der Haare wegen! ... Mein Gott, ich möchte rothe Haare haben, ich wäre entzückt darüber ... Sie sind in Frankreich bei weitem nicht so allgemein, als die braunen und die blonden! ... Und es beweist überdies, daß sie nicht gefärbt sind. Oskar, schenken Sie mir ein, und Sie, Herr von Mousserand, bieten Sie diese Platte herum.« »Ja, ja!« rief Cherubin aus, »anstatt sich zu erzürnen, sagen Sie mir lieber, was Sie mit Ihren sieben Geliebten treiben.« »Ei, beim Kuckuk! wahrscheinlich, was Sie mit den Ihrigen auch treiben.« »– Ich, ja, aber ich ...« Ein Blick Darena's unterbrach Cherubin, dann fuhr er dennoch fort: »Ich treibe gar nichts mit den meinigen!« »– Dann werden sie Ihnen saubere Streiche spielen! ...« »Ich habe,« sagte Oskar, »gegenwärtig eine kleine allerliebste Grisette, der ich alle Wochen eine Haube und alle Monate ein Kleid anschaffe, womit sie höchst zufrieden ist.« »Ich,« sagte der große Mousserand, »habe unter meinen sieben Geliebten eine Engländerin, die mich sehr viel Geld kostet ... sie ist aber bewundernswürdig! ...« »– Ist das ein Aufschneider mit seinen sieben Weibern! Er kommt mir vor wie der Blaubart. Führe sie einmal alle miteinander spazieren, dann wirst Du wie ein Institutsvorsteher aussehen.« »Ich schenke den Frauen nur noch mein Herz!« sagte Darena, »und sie lieben mich weit mehr, seit ich sie auf das reducirt habe.« »– Und Sie, Cherubin, machen Sie Ihrer Schönen wegen viele Thorheiten?« Cherubin spielte mit seinem Messer, während er stotterte: »Ich ... ich weiß nicht ... es kommt darauf an ...« »Das muß wahr sein,« versetzte Mousserand, »Sie sind zu verschwiegen; man kann nichts aus Ihnen herausbringen.« Cherubin, den diese Unterredung in Verlegenheit setzte, zog seine Uhr heraus und gab vor, sich eines Stelldicheins wegen entfernen zu müssen. Während er auf die Uhr sah, betrachtete sie Oskar Chopinard, der neben ihm saß, aufmerksam. »Nicht wahr, sie ist sehr hübsch ... sehr flach?« fragte Cherubin, seinem Nachbar die Uhr näher hinhaltend. Dieser nahm sie in die Hand, betrachtete sie nochmals sehr genau und rief aus: »Das ist sonderbar! ... gilt's eine Wette? ... halten Sie! lassen Sie mich auch die Kette sehen ... O! beim Kuckuk! die Kette auch ... Ah! es wäre merkwürdig, wenn die Stecknadel ebenfalls ... erlauben Sie, mein lieber Cherubin!« Und Herr Oskar betrachtete, nachdem er Cherubins Uhr untersucht und die um seinen Hals hängende Kette berührt und gewogen hatte, dessen Brillant-Vorstecknadel ganz in der Nähe. »Warum betrachten Sie mich denn so?« fragte Cherubin, »was habe ich denn Außerordentliches an mir?« »Was Sie haben?« entgegnete Oskar; »je nun, Dinge, die ich erstaunt bin, bei Ihnen zu sehen ... bei einem jungen und reichen Manne, wie Sie ... Sie müssen diese Uhr, diese Kette und diese Stecknadel nicht theuer bezahlt haben?« »– Nein, nicht zu theuer ... fünfundzwanzighundert Franken zusammen; allerdings war es auch ein Gelegenheitskauf.« »Fünfundzwanzighundert Franken!« entgegnete Oskar, die Hände zusammenschlagend; »dann, mein Freund, sind Sie bestohlen worden ... o! vollständig bestohlen ... Alle drei Gegenstände sind zusammen kaum sechzig Franken werth; die Brillanten sind falsch ... Kette und Uhr von vergoldetem Kupfer.« »Von Kupfer!« rief Cherubin aus, während Darena zwischen den Zähnen brummte: »Ach! der Schuft! ... ich habe mir es fast vorgestellt!« »– Es ist unmöglich; der Geschäftsführer des Herrn von Darena hat diese Sachen an mich verkauft ...« »– Ich versichere Sie, daß ich dessen, was ich behaupte, gewiß bin.« »Beim Kuckuk!« rief der große Mousserand höhnisch aus, »Oskar muß sich darauf verstehen; sein Vater war Uhrmacher ... Er wurde dabei auferzogen.« Cherubin blickte Darena an und sagte: »Wie kann das sein? ... Sie wissen doch, daß Herr Poterne mir diese Sachen besorgt hat.« Darena schlug mit seinem Glase einen Teller zusammen und schrie: »Wenn das der Fall ist, so ist Poterne ein elender Tropf, der mich niederträchtig betrogen hat; aber ich zerbreche ihn wie diesen Teller.« Cherubin zweifelte immer noch. Man verließ die Restauration und trat in den ersten besten Bijouterie-Laden ein. Kaum hatte der Bijoutier die von dem jungen Manne getragenen Gegenstände betrachtet, so sagte er mit sehr artigem, aber etwas spöttischem Tone zu ihm: »Ach! mein Herr, wie können Sie solche Gegenstände an sich tragen? ... Ich möchte nicht fünfzehn Franken für Alles zusammen geben.« Cherubin zog seine Kette, Stecknadel und Uhr aus, und warf Alles mit einer Entrüstung, die ihren Grund weniger in seinem Geldverlust, als in dem Verdrusse hatte, betrogen worden zu sein, auf den Boden. Dann gab er dem Juwelenhändler seine Adresse und sagte zu ihm: »Wollen Sie die Güte haben, und mir morgen dieselben Gegenstände, so wie ich sie bereits zu besitzen glaubte, in schönster Auswahl in mein Haus bringen; Sie werden sich überzeugen, mein Herr, daß ich im Stande bin, ächte Juwelen zu bezahlen.« Der Bijoutier verbeugte sich, versicherte, daß man zufrieden gestellt werden solle, und man verließ seinen Laden. »Was Ihren Herrn Poterne betrifft,« rief Cherubin, sich an Darena wendend, aus, »so rathe ich ihm, sich nicht mehr bei mir sehen zu lassen! ...« Darena, der sich ganz wüthend stellte, nahm Cherubin bei der Hand, schüttelte sie ihm heftig und sagte: »Mein Freund, ich bin unfreiwillig Schuld an Allem; dieser elende Poterne hat mich wie Sie betrogen ... Ich bin überzeugt, daß er auch mich entsetzlich bestiehlt! ...aber ich werde ihn dafür strafen ... ich gehe zu ihm und schlage ihm den Rückgrat entzwei.« Mit diesen Worten verließ er die drei jungen Leute hastig und begab sich in der That zu Poterne. Darena bewohnte damals ein kleines, ziemlich hübsches Logis in der neuen Bredastraße. Dank dem Handel, welchen Poterne mit dem jungen Marquis trieb, und wovon er einen Theil der Erträgnisse wegzog, befand er sich seit einiger Zeit bei Geld; sein Geschäftsführer hatte ein kleines Zimmer über seinem Quartier inne. »Ist Poterne in meiner Wohnung?« sagte Darena im Vorbeigehen zum Portier. »In Ihrer Wohnung oder in seiner, Herr Graf, im Hause ist er jedenfalls, ich sah ihn mit dem kleinen Jungen hereingeben, der seit vierzehn Tagen alle Morgen zu ihm kommt.« »– Ei! ein kleiner Junge kommt alle Morgen zu ihm ... wie alt mag das Kind etwa sein?« »– Meiner Treu! wohl zehn bis zwölf Jahre alt! ... er hat aber ein sehr schelmisches Aussehen ... ist nicht schön ... übrigens von so pfiffiger Miene, daß er beinahe gefällt.« Darena ging die Treppe hinauf und sprach zu sich: »Was mag wohl Poterne mit dem kleinen Jungen vorhaben? ... Ist es vielleicht sein Sohn ... o! nein, ein Mensch, wie der, weiß von keinem Kind ... er müßte ja dafür sorgen; es muß irgend ein Gassenjunge sein, den er zum Auslaufen und Stiefelputzen angenommen hat ... ich glaubte bisher, er besorge das selbst.« Darena trat in sein Zimmer und ging, als er Poterne nicht fand, eine Stiege höher hinauf; dort pochte er an die Thüre seines Geschäftsführers. Alsbald ließ sich eine geräuschvolle Bewegung im Zimmer vernehmen, es war, als ob man Stühle umwürfe und Kästen auf- und zuschlöße; endlich ließ sich die hohle, mißtönige Stimme Poterne's folgendermaßen vernehmen: »Wer ist draußen?« »– Ei, zum Kuckuk! ich bin's, mach doch auf, alter Spitzbube!« Poterne schloß die Thüre auf mit den Worten: »Warum geben Sie sich nicht gleich zu erkennen? ... ich war sehr beschäftigt ... und bin gestört worden ... wenn man nicht weiß, wer draußen ist!« Darena schaute im Zimmer umher, das ganz in Unordnung war; dann auf Poterne blickend, der aufzuräumen schien, sagte er: »Du warst nicht allein hier? ... Du hattest einen kleinen Jungen bei Dir ... was Teufels hast Du wieder für Heimlichkeiten mit dem Knaben vor? ... schnell, gib Antwort, ich bin nicht zum Lachen aufgelegt!« Statt aller Erwiderung fing Poterne an zu schreien: »He! Bruno, komm, Du darfst Dich zeigen ... mein intimster Freund ist da ... es ist keine Gefahr vorhanden!« Alsbald öffnete sich ein Schrank, ein kleiner, etwa zwölfjähriger Knabe stieg heraus, wälzte sich auf dem Boden herum und stieß ein widerliches, dem Geschrei der Wilden ähnliches Grinsen aus; das Auffallende seines Wesens vermehrte noch seine sonderbare Kleidung, die aus einem grünlichen, theilweise behaarten Fell bestand, das auch seine Hände und Füße bedeckte, dort in eine Art Krallen auslief, und unten am Rücken mit einem ganz dünnen, aber außerordentlich langen Schwanz endigte; nur sein Gesicht war bloß. »Was Teufels ist das?« brummte Darena, den kleinen Jungen betrachtend, der auf dem Boden eine Menge Kapriolen und Sprünge machte und ganz gewöhnt schien, auf den Händen zu gehen. Herr Poterne ließ ein dumpfes Gegrunze hören, als ob er nach innen lachte, und entgegnete: »– Das ist ein Affe, den ich zurichte.« »– Ein Affe ... und für wen?« »– Für unsern jungen Marquis. Ich wollte ihm zuerst einen großen und schönen Affen verkaufen ... hatte aber nicht Lust, Geld dafür auszugeben. Da sah ich an der Straßenecke diesen kleinen Schuhputzer ... der Spitzbube verrichtete alle ihm gegebenen Aufträge sehr pünktlich; ich überzeugte mich von seiner Klugheit und Gewandtheit, und schlug ihm vor, für eine anständige Belohnung den Affen zu machen. Zu diesem Zwecke kaufte ich auch dieses Orangoutang-Costüm, das sehr natürlich ist, Bruno zieht es alle Morgen an und übt sich dann im Springen, Grimassenschneiden u.s.w. ... er macht sich sehr gut und ist bereits possirlicher, als ein natürlicher Affe ... Hier habe ich auch die Larve, bin aber noch nicht fest entschlossen, sie ihm aufzusetzen ... da die Natur im Punkte der Häßlichkeit so viel für ihn gethan hat, so denke ich, wird es hinreichen, wenn ich ihm das Gesicht anstreiche und ihm Haare an die Augenbrauen und das Kinn klebe ... er wird dann schon einen recht stattlichen Affen vorstellen! ... ha! ha! ha!« Darena sank auf einen Stuhl und konnte sich des Lachens nicht erwehren, während er sagte: »Das ist entsetzlich! ... das ist abscheulich! ... und doch muß ich darüber lachen ... denn dieser Gedanke, einen Affen zu machen, ist in der That ... Poterne es ist Schade, daß Du eine solche Canaille bist, denn Du hast viel Einbildungskraft ... aber angenommen, Cherubin kaufte diesen falschen Affen, würde sich Herr Bruno dazu verstehen, sein ganzes Leben ein Thier zu bleiben.« »Durchaus nicht,« entgegnete Poterne, »wenn er einmal im Hause ist, wird er schon einen gelegenen Augenblick abpassen, um Reißaus zu nehmen ... er kann durchgehen, wie er will ... durch einen Schornstein, wenn es Noth thut ... er war Kaminfeger und klettert vorzüglich in den Schornsteinen herum! ... mich geht das dann begreiflich nichts mehr an ... ich verkaufe einen Affen ... man bezahlt ihn mir ... es ist nicht meine Schuld, wenn man ihn durchgehen läßt ... ha! ha! ha!« Als der Knabe Poterne lachen hörte, that er ein Gleiches, indem er abermals das wilde Geschrei des Affen nachahmte, und auf alle Möbeln des Zimmers hüpfte, um sein Talent noch mehr zu entwickeln. »Nun,« sagte Darena nach einigem Schweigen; »diesmal sind Deine Erziehungskosten hinausgeworfen, und dieser kleine Schelm kann seinen Affen auf den Boulevards spielen, nur nicht bei unserem jungen Schüler.« »– Warum denn nicht?« »– Warum! ... weil Du ein elender Tropf ... ein Betrüger ... ein Dieb bist!« Herr Poterne betrachtete den Grafen mit einer Miene, welche sagte: »Sie wissen das schon längst, warum scheinen Sie so erstaunt darüber?« Darena fuhr fort: »Ich gebe schon zu, daß man meinem jungen Freunde die Sachen, die man an ihn verkauft, etwas theuer anhängt ... weil – Alles wohl erwogen ... jeder Handelsmann seine Waare so theuer als möglich verkauft ... das ist Handel und Wandel, weiter nichts, aber ich dulde nicht, daß man Cherubins Vertrauen mißbrauche und ihn elend betrüge ... wie Sie es gethan, Herr Dieb! ...« Poterne verdrehte die Augen mit Erstaunen und brummte: »Ich sehe das große Unglück nicht ein ... ich habe ihm weis gemacht, es seien eingemachte Ananasse ... es sind aber nur Rüben ... das kann ihm jedoch nicht schaden, im Gegentheil ... sie erhitzen weniger.« »Es handelt sich hier nicht um Rüben ... von dieser neuen Geschichte ist mir nichts bekannt ... Du wirst mir sie nachher erklären! sondern um die Uhr, die Kette und die Stecknadel! ... das Alles ist falsch ... entsetzlich falsch ... und Du warst frech genug, mir ins Gesicht zu behaupten, die Sachen seien achthundert Franken werth! Du Schurke! Du hast mich also auch bestohlen! ...« »Es ist noch ein Glück, daß diese Kleinodien nicht so viel Werth hatten!« erwiderte Poterne kalt, »denn von den fünfundzwanzighundert Franken, die ich erhielt, haben Sie mir nur fünfhundert zur Befriedigung des Kaufmanns gelassen, und seit damals den Rest nicht nachbezahlt! ...« »– Weil ich wie eine Ahnung von Deiner Schufterei hatte! ... solchen Pafel, vergoldetes Kupfer an meinen jungen Freund zu verkaufen ... das ist doch infam!« »– Ei, sagen Sie doch! es kommt mir vor, wie wenn Sie seit achtzehn Monaten gehörig auf Kosten Ihres jungen Freundes lebten ...« »– Schweig, Poterne, schweig ... ich hätte Lust, Dir die Knochen zu zerschlagen ... und Du verdientest es auch ... sieh, was Du angerichtet hast, weil Du Dich nicht mit einem ehrlichen Gewinne begnügtest, den Du aus den an Cherubin verkauften Gegenständen ziehen konntest, ist Dir jetzt sein Haus verschlossen ... ich hatte Dir eine prächtige Gelegenheit verschafft ... und durch Deine nimmer zu stillende Goldgier hast Du sie eingebüßt ... und in Folge dessen auch mir einen beträchtlichen Schaden zugefügt ... ich zog auch einigen Nutzen aus diesem kleinen Handel ... das war ganz in Ordnung, denn mir verdanktest Du ja die Bekanntschaft mit dem kleinen Crösus ...« »– Auch einigen Nutzen! ... das heißt, Sie rissen Alles an sich!« brummte Poterne, indem er sein Gesicht abscheulich verzerrte. »– Noch einmal – schweig ... oder ich halte nicht mehr an mich! wie soll ich in Zukunft meinen Luxus ... meinen Stand aufrecht erhalten? ... ich kann wohl zuweilen Etwas von Cherubin entlehnen ... aber diese Hülfsquelle wird bald versiegen ... auch die gefälligsten Leute werden des Herleihens am Ende müde, besonders wenn man ihnen nie etwas zurückerstattet. Ich wollte meinem jungen Freund unter dem Vorwande, diese Leidenschaft schicke sich für gebildete Leute, Geschmack am Spiele beibringen, aber es war mir unmöglich ... er langweilt sich dabei und überdies hat ihn der Teufel von Monfréville geradezu davor gewarnt. Es bleibt mir also nur noch ein Weg des Heils übrig, meine Angelegenheiten durch Dienste an Cherubin zu poussiren, die Liebe ... wenn ein reicher junger Mann verliebt ist, begeht er tausend Thorheiten für den Gegenstand seiner Liebe ... stehen ihm Hindernisse im Wege, so streut er mit vollen Händen Gold aus, um solche zu besiegen ... und es wäre uns ein Leichtes gewesen, ihm welche entgegenzusetzen. Aber durch ein mir unbegreifliches Mißgeschick hat Cherubin, der, wenn er ein hübsches Gesichtchen sieht, vor Bewunderung aufschreit, der in alle meine vier Tänzerinnen rasend verliebt schien ... der keiner hübschen Grisette begegnet, ohne in Verwirrung zu gerathen, kurz, der sich benimmt, als ob er in das ganze weibliche Geschlecht verliebt wäre, noch nicht das geringste Liebesverhältniß angesponnen, noch keine Geliebte auserwählt. Ich habe ihm zwanzig Mal vorgeschlagen, ihn zu Malvina, zu Rosina oder Feodora zu führen! ... Anfangs war er geneigt, später schlug er's aus und sagte: Ein ander Mal! wir wollen sehen, ich darf nicht! ... und meine Scherze, meine Spöttereien waren nicht im Stande, seine Schüchternheit zu besiegen. So weit bin ich nun; Du siehst ein, daß ich Grund zu der Behauptung habe, Deine Schurkerei habe mich in eine mißliche Lage versetzt.« Poterne, der Darena aufmerksam zugehört hatte, schien über das eben Vernommene in Nachdenken zu versinken und antwortete endlich: »Wenn der junge Mann noch kein Liebesverhältniß eingegangen hat, so rührt das wahrscheinlich daher, weil ihm noch kein Frauenzimmer vorgekommen ist, in das er sich wirklich hätte verlieben können ... dazu taugen Ihre Tänzerinnen nicht, die sich einem gleichsam an den Hals werfen ... so verführt man ein ganz frisches Herz nicht, das Täuschungen ... Leidenschaft verlangt ... Seien Sie ruhig, ich werde etwas auffinden, was für ihn und hoffentlich auch für uns paßt ... und ehe er sich's versieht, werde ich ihn in eine romantische, ganz verwickelte Intrigue gezogen haben.« »– Bedenke, daß Du Dich nicht mehr vor ihm sehen lassen darfst, er ist wüthend auf Dich und einer Deiner empfindlichen Körpertheile könnte sehr leicht nahe Bekanntschaft mit seinem Stiefel machen müssen ... beherzige das!« »– O! seien Sie getrost, wenn ich mich ihm abermals nähere, so werde ich dafür sorgen, daß er mich nicht erkennt.« »– Poterne, wenn es Dir gelingt, im Herzen unseres Jünglings eine leidenschaftliche Liebe anzufachen, so gewinnst Du meine Achtung wieder.« »– Ja, ja, das wird mir gelingen! ... Sie müssen mir aber vor allen Dingen Zeit lassen, ein hübsches Lärvchen aufzufinden ... und mich dann versichern, daß ... Ei, Bruno! ... Bruno! ... wo läufst Du hin, kleiner Schelm? ...« Während der zwischen Darena und Poterne stattfindenden Unterredung hatte der kleine Knabe, der recht gut begriff, daß es sich nun nicht mehr, wie ihm versprochen worden, darum handle, ihn einen Affen spielen zu lassen, allmählig sein Costüm ab- und seine eigenen Kleider wieder angezogen; nach Beendigung dieser Toilette aber, mit dem Vermuthen, man richte keine Aufmerksamkeit auf ihn, das Affenfell sammt der Maske unter seinen Arm gesteckt und mit demselben so eben das Zimmer verlassen. »Mein Fell! ... mein Affenfell! Bruno! ...« rief Herr Poterne, ihm auf den Hausgang nachrennend. »Wart', kleiner Lump ... willst Du mir es dalassen.« Aber Herr Bruno, der Dank dem Unterrichte, den er zu seiner Affenrolle genommen, in gymnastischen Uebungen eine außerordentliche Gewandtheit erlangt hatte, eilte die Treppe so flink hinab, daß er schon ganz unten war, ehe Poterne ein paar Schritte gemacht hatte; dessen ungeachtet setzte dieser seinem jungen Diebe weiter nach, und während Darena über dieses Abenteuer lachend auf sein Zimmer ging, verfolgte Herr Poterne den kleinen Stiefelwichser auf der Straße und schrie: »Mein Fell! ... mein Fell! ... Haltet den kleinen Schelm fest, der mir mein Fell stehlen will!« Siebenzehntes Kapitel Rathschläge eines Freundes. In sein Haus zurückgekehrt, ließ Cherubin Jasmin vor sich kommen und sagte zu ihm: »– Wenn Herr Poterne es noch einmal wagte, sich hier sehen zu lassen, so befehle ich Dir, ihn zur Thüre hinauszuwerfen und ihm sogar, wenn Dir's gefällt, durch den Portier einige Stockstreiche geben zu lassen ... Du darfst ihn aber nicht selber schlagen, weil Du zu alt bist und am Ende Du die Prügel bekommen könntest.« Jasmin stieß einen Jubelschrei aus und rief: »Was! in Wahrheit, gnädiger Herr? ... und ohne ihm den Affen abzunehmen?« »O! ich verbiete Dir vor allen Dingen, ihm auch das Geringste abzunehmen.« Dann erzählte Cherubin seinem alten Diener, was ihm begegnet war. »Sehen Sie, gnädiger Herr, daß dieser Poterne ein nichtswürdiger Schurke ist ... ich war's überzeugt ... das sogenannte indische Eingemachte ... ließ ich Mamsell Turluretten versuchen ... es hat ihr den ganzen Unterleib aufgetrieben, und er ist seitdem ... noch nicht recht im Gange. Ich fürchte sehr, daß Alles, was Sie von diesem Poterne gekauft haben, Ihrer Uhr gleicht! ... Und dieser Herr Darena, dessen Geschäftsmann er ist! ... Hm! ...« »– Darena war noch weit aufgebrachter über diesen Menschen, als ich ... er wird ihn halb todtschlagen. Auch er wurde von ihm betrogen; er ist unschuldig.« »– Gleichviel, mein lieber Herr, ich achte Ihren andern Freund, Herrn von Monfréville, weit mehr. Ach! welcher Unterschied! er erborgt nicht Ihren Schneider ... hängt Ihnen nichts an ... und hetzte Ihnen nicht seinen sogenannten Intendanten auf den Hals.« Cherubin lächelte über Jasmins Bemerkungen, aber nicht der leiseste Gedanke stieg in ihm auf, daß Darena Mitwisser von Poterne's schändlichen Handlungen sein könnte; Cherubins Herz war zu offen, zu vertrauensvoll, um solche List und Treulosigkeit zu argwöhnen, und er hätte nicht an den niederträchtigen Betrug Poterne's geglaubt, wenn er ihm nicht so klar bewiesen worden wäre. Was Herrn Gerundium anbetrifft, der die eine Hälfte seiner Zeit im Bette, die andere bei Tische zubrachte und Abends Mamsell Turluretten Verse von Voltaire oder Racine vorlas, die er selbst in der Frühe gemacht haben wollte, so rief er, als er Poterne's schlechte Handlung erfuhr, aus: »Dieser Mensch hat das fünfte Buch Mosis nicht gelesen, wo es heißt: non furtum facies! ... oder hat er es schlecht übersetzt.« Einige Tage nach dieser Begebenheit besuchte Monfréville, kaum vom Lande zurückgekommen. Cherubin sogleich; beim Anblick der Jagdhunde, der Papageien, der Schildkröte, Stöcke, gothischen Vasen und aller sogenannten merkwürdigen Gegenstände, womit das Hotel seines jungen Freundes angefüllt war, stieß er einen Schrei, der aber kein Schrei der Bewunderung war, aus, und sagte zu Cherubin: »Ei, mein Gott, welchen Einfall hatten Sie, all' diese Geschichten zu kaufen ...« »Das sind lauter Gelegenheitskäufe ... man versicherte mich, das Alles sei wunderschön! ...« »– Wunderschön! All' das ist abscheulich ... ganz geschmacklos ... ohne allen Werth ... Ihre Papageien sind alte Weibchen, Ihre Hunde elende Bastarde, die ich nicht zum Hühnerhüten halten möchte! sogar Ihre Stöcke sind nichts, als gewöhnliche lackirte Stecken; das ist kein ächter Bambus ... das war nie ein spanisches Rohr ...« Was habe ich gesagt?« rief Jasmin aus. »Dieser Poterne war ein elender Spitzbube ... der uns immer Nasen drehte ... wie mit den Kleinodien ... Gnädiger Herr! erzählen Sie doch dem Herrn die Geschichte mit der Uhr.« Cherubin theilte Monfréville das Vorgefallene mit. »– Seit ich weiß, daß Sie diese Sachen von Poterne gekauft haben, wundere ich mich über nichts mehr! ... Kommen Sie immer noch mit Darena zusammen?« »Ja wohl,« entgegnete Cherubin. »Er war im höchsten Grad entrüstet über das Betragen seines Geschäftsführers, und hat mir nachher gesagt, daß er ihn durchgeprügelt und aus dem Hause gejagt habe.« Monfréville entschlüpfte ein fast unmerkliches Lächeln, dann nahm er Cherubin bei der Hand und sprach: »Mein Freund, Sie sind noch sehr jung ... und können die Welt noch nicht kennen; diese Kenntniß der Welt, welche man, wenn man nicht in der frühen Jugend schon einen starken Beobachtungsgeist besitzt, nur durch Erfahrung und Gewohnheit erlangt, verursacht uns mehr Leid als Annehmlichkeit! ... denn die Menschen sind selten, was sie scheinen wollen; die Offenherzigkeit wird in der Gesellschaft nicht als eine Tugend geschätzt, sondern man würde im Gegentheil den, der seine Meinung, auf die Gefahr hin, die Eigenliebe oder die Empfindlichkeit eines Andern zu verletzen, frei heraussagte, entweder für einen Dummkopf oder für einen Grobian halten; dagegen findet man Leute – die nur schöne Reden und schmeichelhafte Worte im Munde führen – liebenswürdig und kümmert sich keineswegs darum, ob sie auch denken, was sie sprechen. Jeder handelt in der Welt, wie er von seinen Interessen oder Leidenschaften angetrieben wird, und Denjenigen, welche am meisten Staat mit ihrer Tugend, Ehre und Redlichkeit machen, darf man gerade am wenigsten trauen; denn wirklich tugendhafte und rechtschaffene Leute finden es ganz natürlich, so zu sein, und halten es für höchst überflüssig, sich dessen zu rühmen. Ich habe Ihnen dieses nicht früher gesagt, weil ich Ihnen nur ungern jene Täuschungen raube, die uns beim Eintritt ins Leben umgeben und den Reiz der Jugend ausmachen, aber ich nehme zu viel Antheil an Ihnen, als daß ich mich nicht bemühen sollte, Sie vor den Schlingen zu schützen, die man Ihnen legen könnte.« »Wie, Herr von Monfréville,« versetzte Cherubin mit betrübter Miene, »darf man Niemand in der Welt trauen?« »– Das will ich nicht behaupten ... ich will keinen Menschenfeind aus Ihnen machen, Gott soll mich davor bewahren! aber ich rathe Ihnen, vorsichtig in der Wahl Ihrer Freunde zu sein.« »– Herr Gerundium hat mir oft gesagt, wenn man gelehrt werde, habe man nichts zu fürchten, denn ein Gelehrter könne nie betrogen werden, da er ja mehr wisse, als andere Leute.« »– Ich weiß nicht, ob Ihr Hofmeister in seinen Wissenschaften stark ist, in der Kenntniß des menschlichen Herzens wenigstens ist er es nicht. Außerdem kann man sehr gelehrt sein, ohne einen Funken Geist zu haben, wovon alle Tage Beweise geliefert werden; endlich lassen sich die geistreichsten Menschen am leichtesten hintergehen, was ohne Zweifel von der Vorsehung zur Entschädigung der Dummköpfe so gefügt wurde.« »– Also hegen Sie die Ueberzeugung, daß man mich hintergehen will?« »– Sie sind jung, reich und haben sehr wenig Erfahrung. Es gibt eine Menge Leute, welche diese Umstände zu ihrem Vortheil werden ausbeuten wollen. Was ich Ihnen hier sage, ist betrübend ... Sie werden aber später einsehen, daß ich Recht hatte.« »– Wurden Sie oft hintergangen, Herr von Monfréville?« Diese naive Frage nöthigte Monfréville ein Lächeln ab, er seufzte indeß, als er entgegnete: »Wie jeder Andere, mein Freund ... glauben Sie mir, hängen Sie sich nicht so sehr an Darena ... ich rede ungern Uebles von meinem Nächsten ... aber je mehr ich den Grafen beobachte, desto mehr sehe ich ein, daß seine Bekanntschaft nicht recht für Sie taugt.« »– Er ist jedoch sehr liebenswürdig, unterhaltend und geistreich!« »– Ich weiß es wohl, und das macht ihn eben um so gefährlicher ... er hat gewiß schon Geld von Ihnen entlehnt, nicht wahr?« »– Ja ... einige Male ...« »– Er wird es Ihnen nie zurückgeben.« »– Sie glauben? ...« »– Ich bin's überzeugt; ... er wird Sie zum Spielen auffordern? ...« »– Ja, er hat mir oft den Vorschlag gemacht.« »– Das ist die verheerendste Leidenschaft ... Er ist selbst ein Spieler ... und hat sich dadurch ruinirt. Wenn man so weit gekommen ist, so sucht man auch häufig Andere zu ruiniren; denn um die Mittel zur Befriedigung seiner Leidenschaft zu finden, ist ein unglücklicher Spieler zuweilen nicht sehr wählerisch und sucht sich oft auf sehr rücksichtslose Weise Geld zu verschaffen, und auf diesem Punkte ist Darena angelangt.« »– Da Sie eine so schlechte Meinung von Darena haben, wie kommt es, daß er zu Ihren Freunden gehört ... warum haben Sie ihn mit nach Gagny gebracht?« »– Ihre Bemerkung ist ganz richtig, aber in der Welt benutzt man das Gute eines Menschen und kümmert sich zu wenig um seine Fehler. Darena besitzt einen geehrten Namen und kann sich, wenn er will, sehr gut betragen, er hat sogar gefällige, gewinnende Manieren; mehr verlangt man in der Gesellschaft nicht; aber ich wiederhole es Ihnen, bei einem Freunde muß man noch andere Dinge finden können.« »– Und den Frauen, mein lieber Monfréville, den Frauen? ... muß ich diesen auch mißtrauen? ... Ach das wäre Schade! ... es ist so was Hübsches um ein Frauenzimmer!« »– Mit den Frauen ist's ein Anderes! Im Allgemeinen sind die Männer zu flatterhaft, um in der Wahl ihrer Liebschaften besonders große Ansprüche machen zu können, und in dieser Beziehung sind solche Verbindungen ungefährlich ... Was liegt daran, wenn man sich in eine Kokette verliebt, in ein Frauenzimmer von mehr als zweideutigem Ruf, in eine Schauspielerin, die sich über Einen lustig macht? ... Diese Liebe wird bald von einer andern verdrängt werden, die ihrerseits ebenfalls bald wieder vergessen sein wird! ... Der Ruf eines Mannes wird dadurch nicht gefährdet! ... Im Gegentheil, je mehr Sie Glück machen, je mehr werden sich die Damen geschmeichelt zeigen, Ihre Eroberung machen zu können; dies macht ihrer Eigenliebe mehr Ehre, als ihrem Herzen.« »– Wie? um den Damen zu gefallen, muß man sie hintergehen?« rief Cherubin, Monfréville mit ungläubiger Miene betrachtend, aus, ... »es ist ihnen also einerlei, ob man sie vergißt, sie verläßt ...« Monfréville erblaßte, seine Stirne verfinsterte sich, erschlug lange die Augen nieder und antwortete erst nach mehreren Augenblicken: »Es gibt Frauen, welche die Unbeständigkeit nicht verzeihen ... das sind aber gewöhnlich nicht die, die uns am meisten lieben! denn die wahrhafte Liebe macht nachsichtig ... sie verzeiht, wenn man nur reuevoll zu ihr zurückkehrt. Sehen Sie, Cherubin, der gescheidteste Mann versteht die Frauenherzen nicht ... Man hat viel darüber gesprochen; Keiner war der Ansicht des Andern. Tertullian behauptet, der Teufel sei nicht so boshaft, wie ein Weib, und Confucius sagt, die Seele eines Weibes sei das Hauptwerk der Schöpfung. Cato behauptet, Weisheit und Vernunft seien mit dem weiblichen Charakter unvereinbar, und Tibull schreibt, die Liebe der Frauen führe uns zur Tugend zurück. Welcher Meinung soll man nun folgen? ... Indessen komme ich mir in diesem Augenblick wie Ihr Hofmeister vor, der Sie unaufhörlich mit seiner Gelehrsamkeit quält. Ich schließe, lieber junger Freund, indem ich Ihnen sage, daß das beste Mittel glücklich zu sein darin besteht, sich nicht fest an Jemand anzuschließen. Lieben Sie alle Frauen! ... dann wird Ihr Leben im Schooße des Vergnügens und der Freude hinfließen ... Wenn Sie aber nur eine lieben, so müssen Sie sich für wenig Glück auf viel Leid gefaßt machen!« »– Ich soll also alle Frauen lieben! ... O! mehr verlange ich gar nicht! ... Ich verliebe mich in alle, die ich sehe ... wenn sie nämlich hübsch sind! ...« »– Es scheint mir jedoch, als hätten Sie noch kein Verhältniß angesponnen ... Mir ist keine Liebschaft von Ihnen bekannt.« »– Nein ... weil ... ich es nicht über das Herz bringen kann, einer Frau zu sagen, daß ich sie liebe ... Wissen Sie, daß dazu viel Keckheit gehört! ...« »– Ha! ha! ... das ist die Folge Ihres sechzehnjährigen Aufenthalts bei Ihrer Amme! ... Sie müssen diese Schüchternheit ablegen, die Ihnen besonders bei dem schönen Geschlechte eher nachtheilig, als vortheilhaft wäre. Sie haben achtzehn Jahre zurückgelegt, es ist Zeit, daß Sie die Welt aufsuchen und sich zeigen. Nicht mit Grisetten und Theater-Figurantinnen müssen Sie die Schule Ihrer Liebe beginnen! ... Es steht Ihnen etwas Besseres zu Gebote; in der hohen Gesellschaft, in die ich Sie einführen will, werden sich tausend Frauen Ihre Eroberung streitig machen, und dabei werden Sie wenigstens Ehre einlegen. Sie müssen nun auch etwas Anderes kennen lernen, als die Theater, Kaffee- und Gasthäuser in Paris; in den Salons lernt man Bildung, und ich werde Sie in solche führen, wo Sie Gelegenheit haben, sich die Manieren der guten Gesellschaft anzueignen. Mit Ihrem Namen werden Sie überall Aufnahme finden. Die Saison der Soiréen ist eingetreten. Madame Celival hat ihre Reunionen eröffnet, die höchst glänzend sind. Man trifft die auserlesenste Gesellschaft der Stadt bei ihr; ich werde Sie derselben vorstellen.« Cherubin bebte beim Gedanken, in die Welt zu treten; er fürchtete, verlegen, linkisch und wortlos zu sein; aber Monfréville ermuthigte ihn, versprach, sein Führer zu sein, und in seiner Nähe zu bleiben, und der Jüngling willigte endlich ein, sich in die Soirée der Madame Celival führen zu lassen. Der Tag rückte für Cherubin, der noch nie in einer Soirée gewesen war, und den schon der Gedanke, sich in einer so großen Gesellschaft zu befinden, wo er den Blicken und Beobachtungen Aller ausgesetzt sei, im Innersten erschütterte, sehr schnell herbei. »Was soll ich sprechen? ...« war Cherubins Hauptsorge, daher ging er, während er auf Monfréville's Ankunft harrte, zu Herrn Gerundium, ihn um Rath zu fragen, was ein junger Mann, der zum ersten Mal in Gesellschaft komme, zu sagen habe. Herr Gerundium lernte eben Lafontain'sche Verse auswendig, die er nachher Mamsell Turluretten als sein eigenes Produkt vortragen wollte. Der Hofmeister war nicht in die Haushälterin verliebt, er fand sie für sich zu entwickelt und strebte überdies nach einem andern Ziele; aber Mamsell Turlurette hatte neben ihren andern Verrichtungen auch das Departement des Confects, der Liköre, der eingemachten Früchte unter sich, und Herr Gerundium war nach all' diesen Süßigkeiten sehr lüstern. Als der Hofmeister seinen Zögling in sein Zimmer treten sah, war er ganz erstaunt; seit sie sich in Paris befanden, war es das erste Mal, daß ihn Cherubin aufsuchte; er bildete sich ein, daß er den abgebrochenen Faden seiner Studien wieder anknüpfen wolle, und sagte daher zu dem Marquis: »Mein edler Zögling, Alles ist bereit ... Ich harre Ihrer stets ... Ich habe Auszüge aus der Geschichte, der Mythologie und der Geologie für Sie gemacht ... Ich beschäftige mich fortwährend mit Ihnen. Da Sie gegenwärtig Unterricht im Pantoffelspiel nehmen, so forsche ich in Plutarchs berühmten Männern nach dem Ursprung dieser Uebung ... Ich finde zwar den Kampf mit dem Streithandschuh, den Faustkampf und den Wettkampf, aber das Pantoffelspiel konnte ich noch nicht finden ...« »Ich danke Ihnen, Herr Gerundium,« entgegnete Cherubin, »davon handelt es sich nicht. Diesen Abend wird mich Herr von Monfréville in die große Welt einführen ... Er behauptet, es sei nothwendig, daß ich hingehe und den Ton der guten Gesellschaft annehme; er mag Recht haben, und ich versprach, mich hinführen zu lassen. Aber was spricht man in einem solchen Cirkel? ... Wie muß man sich benehmen? ... redet man unbekannte Personen an? ... Ich dachte, Sie, der Sie so vielerlei wissen, werden mich darin unterrichten können ... bisher war ich nur im Schauspiel, in Concerten, Kaffeehäusern ... und muß Ihnen gestehen, daß ich mich sehr fürchte, in Gesellschaft ein dummes Gesicht zu machen.« »Dumm!« rief Herr Gerundium, »das ist unmöglich, Sie vergessen, daß Sie mein Schüler sind ... Sie sind im Horaz und Virgil nicht so bewandert, wie ich, es sind Ihnen aber manche Stellen daraus bekannt ... diese wenden Sie an, wenn Sie mit Männern sprechen. Gegenüber von Frauen ist's etwas Anderes; bei diesen bedienen Sie sich jener bildlichen, ausschmückenden Redensarten ... vergleichen Sie die eine mit Venus, die andere mit Diana, Juno oder Hebe, und Sie werden sicher ein auffallendes Glück machen. Inzwischen will ich Sie, wenn's Ihnen recht ist, begleiten, mich hinter Sie stellen und Ihnen einblasen.« Cherubin hielt es für überflüssig, sich von seinem Hofmeister in Gesellschaft begleiten zu lassen; er setzte voraus, Monfréville werde Wort halten und nicht von seiner Seite gehen. Dieser kam auch zur bezeichneten Stunde, um seinen jungen Freund abzuholen. Monfréville war höchst geschmackvoll gekleidet; seine schlanke, wohlgeformte Taille umschloß ein sehr passender Frack, den er mit äußerster Eleganz trug. Beim Anblick seiner jugendlichen Gestalt, seiner schönen braunen Haare und seines noch reizenden Angesichts hielt man den beinahe vierzigjährigen Mann kaum für einen Dreißiger. Cherubin, der nach der neuesten Mode gekleidet war, hatte in seinem Wesen noch etwas von jener Schwerfälligkeit, die man auf dem Lande beibehält; da er übrigens einen sehr guten Wuchs und ein liebliches Gesicht hatte, so glich sein linkisches Benehmen oft der naiven Koketterie eines Schülers. Man stieg in den Wagen, und Monfréville sagte zu seinem jungen Freunde: »Ich führe Sie in der großen Welt ein. Um aber eine Schüchternheit abzulegen, die Ihnen schaden könnte, müssen Sie nie vergessen, daß Sie aus eben so gutem Hause sind, wie alle Anwesenden, und daß Ihr Reichthum und Stand Sie unabhängig macht. Wenn man diese Ueberzeugung haben kann, mein lieber Cherubin, so tritt man in der Welt mit vieler Sicherheit auf; es gibt sogar Leute, die deren zu viel haben. In Ermangelung der Vorzüge, welche Sie besitzen und die nicht Jedermann haben kann, würde ein Philosoph zu sich sagen: Warum sollte ich mich durch den Titel dieses oder das Vermögen jenes Menschen einschüchtern lassen? ... sind sie nicht Alle Menschen wie ich? Denken wir uns all' diese so stolzen, so eiteln Leute im Costüme unserer Ureltern im Paradiesgarten, nehmen wir ihnen ihre Orden, ihre Diamanten, ihre reichen Kleider, in welchen oft ihr ganzes Verdienst liegt ... würden Sie mir dann imponiren? ... Nein, wahrhaftig nicht; wahrscheinlich würden sie mich zum Lachen bringen und weiter nichts. Mein lieber Freund, es braucht nur einige Reflexionen dieser Art, um sich ganz ungenirt in der höchsten Gesellschaft zu befinden.« »Sie flößen mir Muth ein,« sagte Cherubin, »mit den Männern werde ich dann lateinisch sprechen und bei den Damen Vergleichungen mit Venus, Diana, Phöbe anstellen ... so hat mir Herr Gerundium gerathen.« »– Wenn Sie sich dem Spotte preisgeben wollten, wäre das das sicherste Mittel ... ich vermuthete längst, Ihr Hofmeister sei ein Dummkopf, jetzt bin ich es überzeugt.« »– Aber mein Gott, was soll ich sagen ... wenn man mit mir spricht?« »– Antworten auf das, was man Sie fragt.« »– Aber wenn ich nichts zu antworten weiß ... wenn mir nichts einfällt.« »– Dann schweigen Sie. Man ist nie dumm in der Welt, wenn man zu schweigen weiß; es gibt sogar Leute, die ihrem Schweigen ihren Ruf als geistreiche Männer verdanken.« »– Aber gegenüber von Damen, wenn ich schöne sehe ... die mir gefallen?« »– Sagen Sie ihnen das mit den Augen; sie werden Sie sehr gut verstehen.« »– Wenn ich sie aber kennen lernen ... ihnen den Hof machen will?« »– Dann sagen Sie, was Ihnen in den Kopf kommt ... nur suchen Sie nicht den Geistreichen zu spielen, dadurch würden Sie sehr langweilig werden.« »– Wenn mir aber nichts in den Kopf kommt ...« »– So bleibt Ihnen immer ein Hülfsmittel im Schweigen und Liebäugeln: es gibt viele Leute, die dabei stehen bleiben ...« »– Wie ist aber die Dame, zu der Sie mich führen ...?« »– Ach! in der That, ich muß Ihnen eine Schilderung von ihr machen: Madame Celival ist ungefähr sechsunddreißig Jahre alt, aber noch sehr hübsch; eine interessante Brünette, deren Augen voll Ausdruck sind; sie hat eine wunderschöne Taille und herrliche Formen; es liegt etwas Verführerisches, Wollüstiges in ihrem Wesen, das alle Männer anzieht. Außerdem ist Madame Celival kokett und soll gegen die, welche für sie schmachten, nicht ausnehmend grausam sein. Dies sagt man sich jedoch nur im Vertrauen; sie ist übrigens ganz unabhängig ... Wittwe eines Generals ... o! aber eines wirklichen Generals, der existirt und ihr ein schönes Vermögen ohne Zugabe von Kindern hinterlassen hat. Sie werden begreifen, daß es der hübschen Wittwe nicht an Anbetern fehlt ... doch jetzt aufgepaßt, wir sind an Ort und Stelle!« Achtzehntes Kapitel Der Eintritt in die Welt. In einem prächtigen, von Lichtern strahlenden Saale der Straße Saint-Lazare war eine elegante, schon zahlreiche Gesellschaft versammelt, die sich in Gesprächen erging, die selten vertraulicher Natur, aber desto häufiger pikant und spöttisch waren. Geistreiche Leute mischten zuweilen eine Bemerkung in die Unterredung, während unerschütterliche Schwätzer, die nie etwas Vernünftiges zu sagen wissen, beharrlich das Wort führten. Madame Celival war in der That, wie Sie Monfréville zeichnete: schön, anmuthig, kokett; sie warf von Zeit zu Zeit ihre Augen in den Spiegel, um sich der günstigen Wirkung ihres Putzes zu versichern; sie gab sich mit allen Anwesenden, mit jenem eigenthümlichen Talente einer Frau ab, welche in der Welt zu leben gewohnt ist; reservirte sich jedoch ein zärtlicheres, süßeres Lächeln für ihre Courmacher. Neben dem Divan, worauf sich die Hausherrin setzte, befand sich eine junge, hübsche, ganz in Gaze und Krepp gekleidete Blondine; Schleier und Schärpen umhüllten sie so, daß kaum ihre reizenden Gesichtszüge durchblickten; ihre ganze Kleidung war weiß und rosa, und dies stand der Dame so gut, daß sie von ferne jenen Gemälden glich, die einen aus Wolken auftauchenden weiblichen Kopf darstellen. Madame Celival bedankte sich bei der schönen Blondine, daß sie ihr die Gefälligkeit erzeigt habe, trotz ihres leidenden Nervenzustandes, der Soirée beizuwohnen. In einiger Entfernung war ein großer, sehr langer, sehr häßlicher und sehr dürrer Herr mit einem Orden, um dessen Kinn sich ein dünner rabenschwarzer Backenbart zog; sein ebenso glänzender, sorgfältig gewichster, an beiden Enden in die Höhe gedrehter Schnurrbart gab ihm einige Aehnlichkeit mit einer Katze. Wenn man mit ihm sprach, nannte man ihn Oberst. Ein junger Mann, dessen Haare mit einer Sorgfalt gescheitelt und gelockt waren, wie man sie nur von einer Dame erwarten konnte, und dessen regelmäßige, aber etwas harte Gesichtszüge an jene antiken Köpfe erinnerten, die unsere Historienmaler den Helden des ehemaligen Roms zu verleihen pflegen, stand an einen Kamin gelehnt; er wendete kaum seine Augen von den auf dem Divan sprechenden Damen ab, schien jedoch seine Blicke auf keiner der Damen mehr ruhen zu lassen, als auf der andern. Bei einem Piano, denn ein Piano darf in keinem Salon fehlen, waren mehrere junge Personen versammelt, die in Albums blätterten oder Notenhefte ansahen; sie waren nicht alle hübsch, aber alle höchst geschmackvoll gekleidet, und in ihrem ganzen Wesen lag so viel bescheidene Anmuth, daß auch die Nichtschönen nicht ohne Reize waren. Mütter besprachen sich in weiterer Entfernung; die einen waren mit einer Koketterie gekleidet, die noch Anspruch darauf machen zu wollen schien, ihre Töchter zu überstrahlen; die andern mit einfacher, geschmackvoller, für ihr Alter passender Eleganz, die sie nur um so verführerischer machte, wenn sie noch nicht über die Zeit des Gefallens hinaus waren. Junge Leute flatterten um die jungen Damen herum, andere begnügten sich, kerzengerade stehen zu bleiben, um das Ausgesuchte ihrer Toilette und das Geschmackvolle ihrer Frisur bewundern zu lassen; einige andere hatten sich ein Lächeln angeeignet, welches während des ganzen Abends stereotyp um ihren Mund spielte. Männer vom mittlern Alter unterhielten sich, in der Mitte des Saales stehend; unter ihnen gewahrte man einen Herrn, dessen graue, auf der Stirne schon äußerst dünne Haare auf beiden Schläfen noch reichlich gekraust waren; er hatte edle und geistreiche Gesichtszüge, indessen leuchtete etwas zu Neugieriges, Forschendes aus seinen kleinen Augen, welche, obgleich man auf seinem Antlitze die nahenden Sechzig las, doch eine ganz jugendliche Lebhaftigkeit beibehalten hatten. Dieser Herr sprach unaufhörlich mit vielem Feuer, und war im Stande, während er in einer Ecke des Saales ein Gespräch unterhielt, zu vernehmen, was man etwas entfernter sagte, wodurch er befähigt war, sich in die meisten Unterredungen zu mischen, indem er zu gleicher Zeit mehrere Unterhaltungen über verschiedene Gegenstände mit derselben Leichtigkeit führte, mit welcher Cäsar, zu gleicher Zeit mehrere Briefe in verschiedenen Sprachen diktirte. Ein anderer Saal, etwas kleiner, als der, worin sich die Damen aufhielten, und in welchen man durch ein kleines, mit bezauberndem Luxus möblirtes Zimmer gelangte, war für die Spiellustigen bestimmt; Whist- und Bouillotte-Tische waren aufgestellt, aber noch hatte Niemand daran Platz gekommen. Man meldete Herrn von Monfréville und den Marquis Cherubin von Grandvilain. Alle Blicke wandten sich der Saalthüre zu. Die Namen Cherubin und Grandvilain bildeten einen so auffallenden Contrast, daß Jedermann gespannt war, den, der sie trug, zu sehen. »Herr von Grandvilain!« riefen die jungen Damen. »O! wie häßlich muß der sein ... so kann nur ein bejahrter Mann heißen.« »Aber man hat auch Cherubin gesagt ... das ist ein jungklingender Name.« »– Es kann nicht ein und derselbe sein.« »– Ohne Zweifel sind es Vater und Sohn.« Während man diese Betrachtungen anstellte, sagte Madame Celival zu den sie umgebenden Personen, aber so laut, daß sie von der ganzen Gesellschaft verstanden werden konnte: »Herr von Monfréville hat mich um die Erlaubniß gebeten, mir einen jungen, noch nicht in die Welt eingeführten Mann vorstellen zu dürfen, und ich habe ihm solche um so lieber gewährt, als dieser Jüngling, der letzte Sproße einer edeln Familie, wie man sagt, der Theilnahme, die ihm Monfréville schenkt, höchst würdig ist.« »Ei! vortrefflich!« flüsterte der grauhaarige Herr ... »das ist eine kleine Vorrede zu der Einführung.« In diesem Augenblick trat Cherubin mit Monfréville in den Saal; trotz all' dem, was ihm sein Mentor gesagt hatte, fehlte es ihm doch sehr an Sicherheit, und die hohe Röthe, welche sein Antlitz überzog, deutete hinlänglich seine Befangenheit an. Aber seine Augen waren so sanft, so schön, seine Züge so zart, seine Physiognomie so interessant, daß ein schmeichelhaftes Gemurmel seine Erscheinung im Saale begrüßte, und sich schon Jedermann zu seinen Gunsten gestimmt fühlte. Nur die jungen Herren, die, um sich bewundern zu lassen, wie Gliedermänner dastanden, schienen die allgemeine Empfindung nicht zu theilen. »– Er sieht sehr linkisch aus!« sagte einer derselben. »– Er hat gar keinen Anstand!« sagte ein Anderer. »– Er gleicht einem als Mann verkleideten Frauenzimmer,« versetzte ein junger Löwe, dessen von Haar und Bart starrendes Haupt einem amerikanischen Urwald glich. Und Herr Trichet, der Herr mit den grauen Haaren, lächelte mit boshafter Miene und sagte: »Cherubin! ... ganz richtig! ... Das ist der kleine Page des Grafen Almaviva ... Es fehlt ihm nur noch die Galanterie und die Keckheit seines Namensbruders ... das gibt sich aber bald! ... Man wird sich ein Vergnügen daraus machen, ihn zu bilden.« Madame Celival empfing den jungen, von Monfréville ihr vorgestellten Mann mit einem reizenden Lächeln, und sprach in jenen schmeichelhaften Worten mit ihm, die den, an welchen sie gerichtet werden, augenblicklich erobern. Cherubin wollte auf die Artigkeiten dieser Dame antworten, aber er kam nicht zurecht, sondern verwickelte sich in einer Phrase, aus der er sich nicht mehr herauswinden konnte. Glücklicherweise war ihm Monfréville zur Seite, der schnell das Wort ergriff, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, und Madame Celival hatte zu viel Lebensart, um ihm nicht auch dabei behülflich zu sein. Nach Verlauf einiger Minuten wagte es Cherubin endlich, sich umzusehen, und sagte ganz leise zu seinem Einführer: »Welch' schöne Frauen sind hier! ... Ach! lieber Freund, darf man sie alle zugleich lieben?« »– Man hat die vollständige Freiheit, sie alle zu lieben, aber ich stehe Ihnen nicht dafür, daß Sie von allen werden geliebt werden.« »– Die Gebieterin des Hauses ist sehr schön ... sie hat Augen, die ... die einen ... ich kann's nicht ausdrücken ...« »– Drücken Sie sich unter allen Umständen aus!« »– Die einen betäuben ... trunken machen ... Entschuldigen Sie ... ich finde das rechte Wort nicht ...« »– Augen, die einen trunken machen, ist nicht so übel gesagt, und ohne es zu vermuthen, haben Sie vielleicht den richtigsten Ausdruck gefunden, denn, gleichwie der Wein uns die Vernunft raubt, so üben die Augen einer schönen Frau dieselbe Wirkung aus. Ich hätte Lust, Madame Celival, was Sie eben von ihren Augen gesagt haben, mitzutheilen; ich wette, es würde ihr schmeicheln.« »– O! bester Freund, thun Sie das nicht, ich hätte nicht mehr den Muth, diese Dame anzusehen. Hier ist aber ebenfalls eine, uns gegenüber, die auch sehr schön ist ... Diese in weiße und rosenrothe Schleier beinahe vergrabene Blondine ...« »– Das ist die Frau Gräfin Emma von Baldieri, sie ist in der That hinreißend; sie gleicht einer Sylphide, einer Luftgestalt! Sie hat einen ausgezeichneten Wuchs, kleine Füßchen, kleine Händchen, einen kleinen Mund, kleine Ohren, nur ihre Augen sind groß. Sie ist das Muster einer niedlichen Frau; aber außerordentlich nervös, vaporös und hauptsächlich capriciös; heute werden Sie mit einem zärtlichen Blicke von ihr empfangen, morgen macht sie nicht einmal Miene, Sie zu erkennen; die Huldigungen haben sie verwöhnt. Gräfin Emma ist eine Französin, aber ihr Gatte ist ein Korse ... Jener dicke Herr mit dem starken Backenbart ist es, der an dem Clavier die Scala singt. Er hat eine herrliche Baßstimme, will deßhalb auch immer singen, und scheint sich, obgleich er ein Korse ist, wenig um die seiner Frau zugewendeten Schmeicheleien zu bekümmern.« Herr Trichet, der ziemlich weit von Monfréville entfernt stand, hatte doch vernommen, was dieser zu Cherubin sagte, er näherte sich beiden Freunden und sprach in scherzendem Tone: »Ja, ja, der schöne Sänger Valdieri ist nicht sehr eifersüchtig ... man muß ihm aber doch nicht allzu sehr trauen! ... Von diesen Korsen hat man immer eine Vendetta (Rache) zu fürchten ... Und wie steht's mit Ihrer Gesundheit, Herr von Monfréville?« »– Sehr gut, mein Herr, ich danke Ihnen.« »– Man hat Sie schon längere Zeit nicht mehr in Gesellschaften gesehen.« »– Ich war genöthigt, einige Zeit auf meinem Landgut bei Fontainebleau zuzubringen.« »– Ah! schön, Sie führen diesen Herrn in die Welt ein ... er hätte keinen bessern Führer finden können.« Cherubin verbeugte sich, wollte einige Worte erwidern; hielt es aber, nachdem er einen Versuch gemacht hatte, für klüger, zu schweigen. Herr Trichet setzte die Unterhaltung fort, als er auf einmal am andern Ende des Saales drei Herren lebhaft mit einander sprechen hörte; alsbald eilte er auf sie zu und rief: »So ist es nicht ... Sie sind falsch berichtet! Ich kenne diese Geschichte besser als Sie, und will sie Ihnen erzählen.« Monfréville blickte lächelnd Cherubin an und sagte zu ihm: »Es ist unnöthig, Ihnen zu sagen, daß dieser Herr, Namens Trichet, das neugierigste, schwatzhafteste Wesen von der Welt ist; er kann keine zwei Personen mit einander sprechen sehen, ohne sich in ihre Unterredung zu mischen, was nicht immer amüsant ist ... Da aber Herr Trichet ein alter, sehr reicher Junggeselle ist, der prächtige Gastmähler gibt, und, abgesehen von seiner Neugier, einigen Geist besitzt und ziemlich gut erzählt, so hat er überall in den Salons sowohl, wie in den Theatern Zutritt.« Cherubin ließ seine Blicke fortwährend auf den im Saale versammelten Personen herumschweifen, als die Thüre aufging und »Herr, Frau und Fräulein von Noirmont« gemeldet wurden. Eine hoch gewachsene Dame von edler und eleganter Gestalt trat mit einem jungen, vierzehn- bis fünfzehnjährigen Mädchen zuerst ein. Diese Dame, deren Kleidung, obgleich kostbar, doch beinahe von strenger Einfachheit war, schien etwas über dreißig Jahre zu zählen; ihre Züge waren schön, aber ernst; ihre großen, braunen Augen von ziemlich dichten Brauen überschattet, hatten einen unbestimmten, nachdenklichen Ausdruck, der auf die Vermuthung brachte, daß sie oft mit ganz andern Dingen beschäftigt war, als über die sie sprach. Ihr etwas zusammengekniffener Mund verzog sich beinahe nie zu einem Lächeln; schöne, schwarze, lange Flechten standen ihrem kalten, stolzen Antlitz vortrefflich. In dem jungen Mädchen drückte sich die Lieblichkeit ihres Alters aus; ohne auffallend hübsch zu sein, gefielen ihre Züge durch einen reizenden Ausdruck von neckischer Schelmerei, welche von den strengen Blicken ihrer Mutter öfters in den Schranken gehalten wurde. Herr von Noirmont, der ihnen folgte, war ein mehr als fünfzigjähriger Mann, sehr groß und etwas vorgebeugt, einige braune Haare bedeckten seine Schläfe, aber die Mitte seines Hauptes war völlig kahl; in seinen Zügen lag Härte, Hochmuth und wenig Anmuth; sie waren jedoch regelmäßig und mußten sehr schön gewesen sein, aber sein starrer Blick, seine rauhe Stimme und seine Einsilbigkeit erweckten weder Freundschaft noch Vertrauen. Die Ankunft dieser drei Personen schien auf Monfréville einen ziemlich lebhaften Eindruck zu machen; er runzelte die Stirne, zog die Augenbrauen zusammen, und sein Blick verdüsterte sich; bald aber das eben empfundene Gefühl unterdrückend, nahm er wieder die vorige liebenswürdige und heitere Miene an; es war sogar, als ob er sich bestrebte, munterer als vorher zu scheinen. Herr Trichet, der wieder um Cherubin herumstrich, ermangelte nicht, über die Neuangekommenen seine Bemerkungen zu machen. »Das ist die Familie Noirmont ...« sagte er, »sie haben ihr Gut in der Normandie verlassen und wohnen jetzt in Paris ... sie müssen auf ihrer Herrschaft schändliche Langweile gehabt haben! ... sie sind nicht heiter! ... Dieser von Noirmont ist trocken, steif, hochmüthig! ... weil er einst Gerichtsbeamter war, könnte man immer noch glauben, er wolle Jemand verurtheilen ... übrigens ist er ein streng rechtlicher Mann ... o! sein Ruf ist verdient, aber liebenswürdig ist er nicht. Seine Frau ist die würdige Genossin ihres Gatten, spricht sehr wenig und lacht niemals ... ich weiß nicht, ob sie Geist hat ... jedenfalls stellt sie ihn nie bloß! ... was ihre Tugend anbetrifft, o! diese ist tadellos! unantastbar, wie die Rechtlichkeit ihres Mannes. Und doch muß Frau von Noirmont, die noch recht hübsch ist, obgleich sie etwa drei bis vierunddreißig Jahre alt sein mag ... ja, für so alt schätze ich sie, in ihrer Jugend hinreißend gewesen sein ... wenn sie nämlich damals zu lächeln vermochte! Ihre Tochter, die kleine Ernestine, ist noch ein Kind ... sie ist artig, hat eine fröhliche, schelmische Miene ... was ein Beweis wäre, daß sie weder dem Vater, noch der Mutter nachschlägt ... das kommt übrigens häufig vor ... Ah! warten Sie doch, Oberst, ich habe die Person, von der Sie sprechen, gekannt ... ich will Ihnen den Vorfall, dessen Sie eben erwähnen, genau mittheilen.« Mit diesen Worten eilte Herr Trichet zu dem großen Herrn mit dem in die Höhe gedrehten Schnurrbarte, der sich mit zwei Damen unterhielt, und Cherubin bemerkte, sich umwendend, daß Monfréville nicht mehr an seiner Seite war. Als der Jüngling inmitten dieser zahlreichen Gesellschaft allein stand, fühlte er sich ganz verlegen, und verlor den Muth, den ihm die Nähe seines Freundes bisher eingeflößt hatte. Er wollte nicht linkisch und blöde neben dem Kamin bleiben, wo er Aller Augen ausgesetzt war, daher entfernte er sich, hinter einem Lehnstuhl herumschleichend, aus dem Kreise, und kam dann zu einer Fenstervertiefung, wo er aber durch nebenan sitzende Personen abgehalten wurde, weiter zu gehen. Er wollte wieder umkehren, aber Frau von Noirmont und ihre Tochter hatten die vor ihm stehenden Stühle eingenommen und ihm dadurch dergestalt den Rückweg abgeschnitten, daß er sich innerhalb eines ganz engen Raumes eingeschlossen fand, den er, ohne die vor ihm sitzenden Damen zum Aufstehen zu nöthigen, nicht verlassen konnte; da er einer solchen Kühnheit unfähig war, so entschloß er sich, in seiner Ecke zu verweilen, bis es dem Zufall gefallen würde, Montréville herbeizuführen, um ihn aus seinem Gefängniß zu erlösen. Die vor Cherubin sitzenden Damen vermutheten nicht, daß Jemand hinter ihnen in der Ecke stehe. Die Unterredungen im Saale wurden fortgesetzt; man ging, kam, lachte, spazierte auf und ab. Cherubin allein konnte sich nicht rühren, und wußte nicht, welche Figur er in seinem kleinen Winkel machen sollte. Madame Celival ging mehrmals an den ihn blokirenden Personen vorüber, aber sie bemerkte ihn nicht, was ihm höchst erwünscht kam, denn er hätte nicht gewußt, welche Antwort er der Dame geben sollte, wenn sie ihn gefragt hätte, was er da mache. Auch Monfréville'n bemerkte er wieder im Saale, aber dieser gewahrte die flehenden Blicke nicht, die ihm sein junger Freund zuwarf, und statt sich zu nähern, schien er vielmehr die Gegend, wo Frau von Noirmont saß, zu meiden. Beinahe eine Stunde verfloß auf diese Weise, der arme Cherubin war todtmüde von immerwährendem Stehen, und langweilte sich in seiner schmalen Ecke entsetzlich. Zwar konnte er hören, was Frau von Noirmont mit ihrer Tochter sprach, aber diese Dame pflegte keiner langen Unterhaltungen, und erwiederte kurz auf die Fragen der jungen Ernestine. »Mutter,« fragte Fräulein von Noirmont, nachdem ein junges Mädchen eine Romanze gesungen hatte, »erlaubst Du nicht, daß ich auch singe?« »– Nein, meine Tochter, Du bist zu jung, um Dich allen Blicken auszusetzen und vorzudrängen, und sollst außerdem, wenn es Dein Vater nicht verlangt, niemals öffentlich singen ...« »– Warum denn, liebe Mutter ...?« »– Weil mir an einem jungen Mädchen die bescheidene Demuth besser gefällt, als die prunkende Eitelkeit.« »– Aber warum hältst Du mir dann einen Musik- und einen Sing-Lehrer?« »– Diese Talente gewähren in der Einsamkeit mehr Nutzen, als im öffentlichen Leben.« »– Ach, aber ich möchte so gerne, liebe Mutter ...« »– Genug, meine Tochter!« Ein Blick der Frau von Noirmont gebot dem jungen Mädchen Schweigen, aber nach wenigen Augenblicken begann sie wieder: »Man tanzt also hier nicht, liebe Mutter?« »– Nein ... habe ich Dir gesagt, daß wir auf einen Ball gehen?« »– O nein, aber zuweilen wird in den Abendgesellschaften getanzt ... dann ist es weit unterhaltender!« »– Du denkst nur ans Vergnügen und Tanzen!« »– O! es macht mir so viel Freude, der Vater hat mir versprochen, diesen Winter einen großen Ball zu geben.« »– Einen großen Ball! ... ach! ich hoffe, daß er diesen Gedanken aufgibt!« »– Warum denn, ist's Dir nicht recht, liebe Mutter?« »– Schon gut, schweige nur!« Das Mädchen schwieg mit einer lieblich schmollenden Miene, dann faßte die Mutter lebhaft ihrer Tochter Hand, drückte dieselbe in den ihrigen und sagte in sanfterem Tone mit einem Ausdruck tief gefühlter Wehmuth zu ihr: »Ich betrübe Dich, Ernestine, Du wirft Deine Mutter deßhalb nicht mehr lieben!« Statt aller Antwort führte das junge Mädchen die Hand der Mutter zum Munde und küßte sie, indem sie flüsterte: »O! Du weißt wohl, daß ich Dich liebe ...« Als sich Ernestine plötzlich umwandte, gewahrte sie Cherubin, der sich beinahe auf keinem Fuß mehr halten konnte. Beim Anblick des jungen hinter ihr stehenden Mannes, welcher eine so sonderbare Figur machte, vermochte die junge Ernestine einen Reiz zum Lachen nur halb zu unterdrücken. Ihr Mutter sagte hierauf: »Was hast Du denn? ... was kommt Dich an? So lacht man in Gesellschaft nicht, das ist unpassend ...« Ohne zu antworten, stieß das Mädchen ihre Mutter ein wenig an und stotterte: »Sieh doch ... den kleinen Herrn ... hinter uns! ...« Frau von Noirmont wendete sich um und erblickte Cherubin, der ganz außer Fassung, ihr eine tiefe Verbeugung machte. Erstaunt, den Jüngling in die Fenstervertiefung eingesperrt zu sehen, schickte sich Frau von Noirmont an, ihm einen Ausweg zu öffnen ... aber in demselben Augenblicke trat Montréville, der eben seinen Freund, den er vergeblich in den Salons gesucht, entdeckt hatte, auf die Gruppe zu, um ihm aus seinem Gefängniß zu helfen. Als Frau von Noirmont Monfréville gerade auf sich zukommen sah, schien sie eine krampfhafte Bewegung zu durchzucken, ihr Angesicht blieb aber beinahe unverändert. »Entschuldigen Sie, Madame,« redete sie Monfréville an, »ich muß Sie um Erlaubniß bitten, diesen jungen Mann herauslassen zu dürfen, der, wie ich mir vorstelle, gewiß schon lange, ohne sich zu rühren, hinter Ihnen steht, aus Furcht, Sie zu stören.« Statt aller Antwort gab Frau von Noirmont ihrer Tochter einen Wink, aufzustehen, was diese sogleich befolgte, Cherubin benützte den Durchgang schleunig, richtete tausend Entschuldigungen an die kleine Ernestine und entfernte sich hastig mit Monfréville, ohne die außerordentliche Blässe auf dem Angesicht der Frau von Noirmont und die gezwungene Heiterkeit seines Freundes zu bemerken. »Ich steckte länger als eine Stunde dahinten!« sagte Cherubin leise, seinem Mentor folgend. »Ach! ich war fatal daran! ... welche Qual! ...« »– Ei! lieber Freund, warum schlüpfen Sie auch in den Ecken herum? ... Hat vielleicht Frau von Noirmont mit Ihnen gesprochen?« »– Die Dame mit strenger Miene ... welche vor mir saß ... nein, wahrhaftig, Sie hatte mich eben erst bemerkt ... o! in diese würde ich mich nicht verlieben ... obgleich sie sehr hübsch ist! ... denn ich finde ihr Aussehen nicht liebenswürdig ... welcher Unterschied zwischen ihr und den Damen Valdieri und Celival ... diese hier ... und jene dort.« Während Cherubin seine verliebten Blicke auf den ihm gefallenden Damen herumschweifen ließ, ging Herr von Noirmont von Herrn Trichet, mit dem er gesprochen hatte, weg und begab sich in die Nähe des jungen Marquis, vor dem er sich mit folgenden Worten tief und förmlich verbeugte: »– Ich vernehme so eben, daß der Sohn des verewigten Herrn Marquis von Grandvilain hier ist, und ich will ihm die Versicherung geben, daß ich entzückt bin, den Sohn eines Mannes zu sehen, welchen ich in jeder Hinsicht achtete und verehrte. Ja, Herr Marquis, ich rechnete Ihren Herrn Vater zu meinen werthen Bekannten ... er war ein sehr galanter Mann, und ich zweifle nicht daran, daß ihm sein Sohn ähnlich sei, hoffe auch, daß er mir die Ehre erweisen wird, mich zu besuchen ... hier ist meine Karte, Herr Marquis, ich schmeichle mir, Sie bald bei mir zu sehen.« Cherubin verbeugte sich, ganz erstaunt über diese neue Einladung, und erwiderte einige allgemeine Redensarten; aber Herr von Noirmont nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich, während er sprach: »Erlauben Sie mir, daß ich Sie meiner Gattin vorstelle.« Cherubin ließ es geschehen, mit Beben sah er sich übrigens jener Ecke zuführen, wo er so lange verweilt hatte, diesmal sperrte man ihn aber nicht wieder ein. Herr von Noirmont stellte ihn seiner Frau mit den Worten vor: »Der Herr Marquis von Grandvilain ... Sohn eines Mannes, von dem ich mir's zur Ehre rechnete, ausgezeichnet worden zu sein.« Frau von Noirmont, die ihren jungen Gefangenen erkannte, unterdrückte eine Bewegung des Staunens, grüßte Cherubin kalt, schien es aber nicht zu wagen, ihn anzublicken, aus Furcht, abermals Montréville bei ihm zu sehen. Die kleine Ernestine biß sich in die Lippen, um nicht in ein Gelächter auszubrechen, als sie ihren Vater den vorgestellten jungen Mann Grandvilain nennen hörte. Endlich war Cherubin wieder frei, er eilte Montréville nach, der ihn fragte: »Man hat Sie der Frau von Noirmont vorgestellt?« »– Ja, mein Freund.« »– Was hat sie zu Ihnen gesagt?« »– Nichts, sie verbeugte sich sogar sehr kalt gegen mich.« »– Werden Sie in diesem Hause Besuche machen?« »Wahrhaftig, ich habe keine Lust dazu; es kommt mir vor, als müsse man sich dort entsetzlich langweilen; dieser Herr von Noirmont ist so streng höflich, daß es einen erstarren macht! ... Ueberdies bin ich nicht verpflichtet, alle Freunde meines Vaters zu besuchen ... sie sind eben nicht von meinem Alter.« »– Sie geben Ihre Karte bei Herrn von Noirmont ab, dann ist's geschehen; ich denke auch, es sei überflüssig für Sie, in dieses Haus zu gehen. Ach, Madame Celival sucht Sie, sie hat mich vorhin gefragt, was aus Ihnen geworden sei? ... Ich glaube, Sie haben ihre Eroberung gemacht.« »– Wirklich! ... o! wenn das wahr wäre! ...« »– Sehen Sie, dort unten ist sie ... sprechen Sie ein wenig mit ihr ...« »– Was denn?« »– Was Sie wollen ... Sie wird Ihnen übrigens selbst Stoff zur Unterhaltung geben; seien Sie nicht schüchtern, mein lieber Freund, das wäre nicht das Mittel. Ihr Glück in der Welt zu machen.« Cherubin nahm sich ungeheuer zusammen und wagte es, sich Madame Celival zu nähern; diese, als sie ihn auf sich zukommen sah, lächelte ihm holdselig zu und gab ihm einen Wink, sich neben sie zu setzen; durch diesen Empfang ermuthigt, ließ er sich neben der schönen Brünette nieder und stotterte einige unmöglich zu verstehende Worte, worauf jedoch Madame Celival antwortete, als ob sie dieselben verstanden hätte. Eine geistreiche Frau ist, wenn sie will, im Stande, auch dem Schüchternsten Muth einzuflößen, indem sie selbst die Unterredung beginnt und fast allein im Gange erhält. Cherubin fühlte sich kühner und zufriedener mit sich selbst; es war ihm beinahe schon ganz behaglich bei dieser Dame, als sich der unvermeidliche Herr Trichet neben ihnen aufpflanzte und ausrief: »– Ich weiß nicht, wovon die Rede ist! ... und doch wette ich, daß ich den Gegenstand Ihrer Unterhaltung errathe.« Madame Celival, die über Trichet's Einmischung in ihr Gespräch ziemlich mißvergnügt schien, entgegnete dem alten Junggesellen: »Sie wollen immer errathen, was man sagt! ... Sie könnten sich leicht täuschen ... Wir wollen sehen, was sagte mir der Herr?« »– Daß Sie reizend, anbetungswürdig seien ... denn etwas Anderes kann man Ihnen nicht sagen.« Madame Celival lächelte mit etwas freundlicherer Miene, während Cherubin bis in das Weiße der Augen erröthend ausrief: »Nein! das habe ich Madame nicht gesagt! ...« »– Dann haben Sie's gedacht!« erwiderte Herr Trichet, »und das ist das Nämliche.« Cherubin fand keine Antwort, er schlug die Augen nieder und sah so possierlich aus, daß Madame Celival, die ihn seiner Verlegenheit wegen bemitleidete, aufstand und sagte: »Ei! mein lieber Trichet, Sie sind ein alter Narr! ... deshalb darf man Ihnen nichts nachtragen.« Der alte Junggeselle hatte die letzten Worte bereits nicht mehr gehört; er war auf einen am andern Ende des Saales heftig gestikulirenden Herrn zugeeilt, dem er sich das Vergnügen machte, das Wort abzuschneiden; und Madame Celival verließ Cherubin mit einem zugleich liebenswürdigen und zärtlichen Blicke, indem sie sprach: »Ich hoffe, mein Herr, daß Ihnen mein Haus angenehm sein wird, Sie werden mir solches dadurch beweisen, daß Sie mich recht oft besuchen.« »Nun!« sagte Monfréville, wieder mit Cherubin zusammentreffend, »es scheint mir, Ihre Angelegenheiten sind in gutem Gang.« »– Ach, mein Freund! das ist eine herrliche Dame; neben ihr kam es mir sogar vor, als ob ich Geist hätte! ... Ich war noch nie so wohl mit mir zufrieden.« »– So ist's immer! ... Die Freundschaft eines großen Mannes ist eine Wohlthat der Götter! Aber die Liebe einer liebenswürdigen Frau ist das größte Glück auf Erden! Kommen Sie, Sie spielen nicht und ich auch nicht, es ist Zeit zum Nachhausegehen.« Hierauf entfernten sich Cherubin und Montréville aus dem Salon, den die Familie Noirmont kurz zuvor verlassen hatte. Neunzehntes Kapitel Die Gräfin von Globeska. Es war neun Uhr Abends, und zwei Männer, die zu warten und zu beobachten schienen, gingen in der Straße Grenetat auf und ab, der eine von der Mitte derselben bis an den Brunnen, der die Ecke der Straße Saint-Denis bildet; er trug einen langen Oberrock, der sich fest an seine Taille schloß, und bis zu dem Kinn zugeknöpft war; er hatte ganz das Wesen eines Stutzers und strohgelbe Handschuhe an; wenn er aber an einem hell erleuchteten Laden vorüber kam, so bemerkte man, daß sein Rock abgeschabt und an manchen Orten befleckt und seine strohgelben Handschuhe nicht mehr von erster Frische waren. Dieser Herr rauchte eine Cigarre mit der ganzen Grazie eines Stammgastes von Tortoni. Der zweite in einen alten nußbraunen Rock gehüllt, den wir schon kennen, hatte einen runden Hut auf dem Kopfe, der so nieder und dessen Ränder so breit waren, daß man ihn von Ferne für einen Köhlerhut hielt. Dieser machte nur einige Schritte und zwar vor einem Hause mit einem sehr dunkeln Hausgange, dessen Thüre offen stand – bis zu zwei oder drei Häusern Wetter, wobei er aber den Hausgang, wenn er sich von ihm entfernte, nicht aus den Augen verlor. In diesen zwei Personen hat man Darena und seinen würdigen Freund, Herrn Poterne, bereits erkannt. Seit sein Geschäftsmann nicht mehr in Verbindung mit dem jungen Marquis von Grandvilain stand, war Darena's Glanz sehr gesunken; da die erübrigten Gewinnste in sehr kurzer Zeit von ihm aufgezehrt worden waren, so war er wieder in jenen Zustand verfallen, den er sein » nobles Pech « nannte, den dagegen Herr Poterne mit dem Ausdruck » komplete Schmiere « bezeichnete. Allerdings stand Darena die Börse seines jungen Freundes noch zuweilen offen, aber durch allzuhäufige Anwendung dieser Hülfsquelle fürchtete er es mit Cherubin gänzlich zu verderben; denn der junge Mann hatte trotz seiner natürlichen Gutmüthigkeit einen gesunden Verstand, der ihn fühlen ließ, was sich nicht schicke, und Darena wollte sich das Haus Grandvilain nicht vollständig verschließen. »Ei was! hält mich das Vieh von Poterne für einen Narren,« sprach Darena, an der Straßenecke stillstehend, um die Asche von feiner Cigarre abzustoßen. »In der Straße Grenérat Schildwache zu stehen ... wo es immer so kothig ist! ... beim Teufel, das ist mir zu ländlich! ... ich sollte jetzt im Foyer der großen Oper sein! ... Ach! ich vergesse stets, daß mein Anzug etwas windig ist! ... welche abscheuliche Cigarre! ... pfui! ... man findet nichts Gutes in diesem Stadtviertel hier!« Darena warf den Rest seiner Cigarre weg, ging wieder zurück, blieb neben Poterne stehen, der sich an einen Eckstein lehnte, die Augen fast auf den dunkeln Gang gegenüber gerichtet, und stieß ihn mit dem Ellbogen indem er zu ihm sagte: »Werden wir noch lange hier bleiben, alter Kater? weißt Du, daß mich das teufelmäßig zu langweilen anfängt.« »Wenn man ein Unternehmen glücklich zu Ende bringen will, so muß man Geduld haben,« antwortete Poterne, ohne die Augen abzuwenden. »Glücklich zu Ende bringen! ... ich glaube nicht, alter Schelm, daß das Ende Deiner Unternehmungen ein besonder glückliches sein wird; aber warum läßt die Dirne so lange auf sich warten? ... Weiß sie denn nicht, daß Du da bist? ... Nun, Poterne, gib Deinem Freunde Antwort!« Poterne kehrte sich hastig um und sagte mit leiser Stimme: »Vor allen Dingen bitte ich Sie inständig, nennen Sie meinen Namen nicht ... es ist unnöthig, daß die Kleine meinen wahren Namen wisse, sie könnte ihn aus Vergeßlichkeit oder Dummheit aussprechen, und dann würde mein ganzer Plan ins Wasser fallen! ...« »– Wenn Du nur selbst darein lägest! ... aber halt, laß einmal hören, was Du ausersonnen hast ... damit ich sehe, ob es vernünftig ist ... denn diesen Morgen habe ich nicht auf Dein Geschwätz gehört.« »– Die Sache ist ganz einfach: wir wollen versuchen, den jungen Cherubin verliebt zu machen, um ihn in einen Handel hineinzuziehen, der uns Gewinn bringen muß.« »– Ach ja, denn obgleich » das Gold ist nur Chimäre ,« so weigern sich doch alle diese Flegel von Schneidern, mir ohne diese Chimäre Kleider zu machen!« »– Um unsern Adonis recht ins Feuer zu jagen, müßte vor allen Dingen ein recht hübsches Mädchen gefunden werden.« »– Ganz richtig, wer einen Hasenpfeffer essen will, muß vorher einen Hasen haben.« »– Ich habe gefunden, was wir brauchen ... hier in diesem Hause, im dritten Stocke, hinten hinaus ... ist eine Rose ... eine wahre Rose!« »– Eine Rose in diesem häßlichen Hause ... und hinten hinaus ... ich fürchte sehr, daß Deine Rose nur eine Hagebutte ist!« »– Sie werden alsbald selbst urtheilen können ... um diese Zeit gehen die Arbeiterinnen von ihrem Geschäfte ... ich wundere mich selbst, daß sie noch nicht kommen.« »– Was treibt sie denn, diese Purpurrose?« »– Sie macht italienische Strohhüte.« »– Ach! vortrefflich; und ist sie solid?« »– Ach! ich halte sie nicht gerade für eine Vestalin, aber sie sieht ganz ehrbar aus; sie betet einen kleinen Landsmann von ihr an, der genöthigt war, als gemeiner Infanterist abzuziehen, und ihr ganzes Glück bestände darin, so viel zusammenzusparen, daß sie ihn, wenn er wieder heimkehrt, heirathen könnte; auch hört sie nicht auf all die jungen Leute, die ihr jeden Abend nachlaufen, denn sie weiß wohl, daß es nur Taugenichtse sind, die sie nicht in Stand setzen werden, sich mit ihrem kleinen Landsmann häuslich niederzulassen.« »– Bravo! das junge Mädchen hat herrliche Grundsätze; wie hast Du ihre Bekanntschaft gemacht? ... Zahltest Du ihr eine Portion gesottene Kastanien?« »– Nein, ich vertheidigte sie gegen einen jungen Friseur, der, um ihr den Arm zu bieten, sie stets zu weit unten anfaßte ...« »– Diese Friseur's sind verfluchte Bösewichter, dahin führt die Gewohnheit, im Haare zu arbeiten ... und was hast Du dieser Rosenknospe für Vorschläge gemacht?« »– Vor allen Dingen habe ich mich für eines edlen Polen, einen Grafen von Globeski, ausgegeben.« »– Schuft! der sich erlaubt, den Titel eines Grafen anzunehmen! ... weiter!« »– Dann sagte ich zu dem Mädchen, sie könne, wenn sie wolle, durch mich eine hübsche Summe Geldes verdienen ... Da sie Anfangs glaubte, ich sei verliebt in sie, so entgegnete sie mir, ich sei ihr zu häßlich.« »Gut, diese Freimüthigkeit gefällt mir.« »– Hierauf beruhigte ich die Kleine mit der Versicherung, daß es sich nicht um mich handle, sondern um einen sehr hübschen jungen Mann ... den wir aus Familiengründen in sie verliebt machen möchten.« »– Alle Achtung vor den Familiengründen! ... fahre fort.« »Meine schöne Arbeiterin schien mir keine lebhafte Einbildungskraft zu haben, trotz dem begriff sie mich so halb und halb. Sie ist aus dem Elsaß, heißt Chichette Chichemann ... und hat einen etwas fremdartigen Accent ... der jedoch nicht unangenehm ist und den man für polnisch ausgeben kann, und zwar um so mehr, als diese Sprache der deutschen viel gleicht. Kurz, ich habe diesen Abend ein Rendezvous mit ihr, wir führen sie in ein Kaffeehaus und werden dort über unser Vorhaben einig; Sie werden sich überzeugen, daß sie außerordentlich hübsch ist und zum Täuschen unschuldig und jungfräulich aussieht. Wenn sie als polnische Gräfin gekleidet sein wird, muß sich der junge Marquis unfehlbar wahnsinnig in sie verlieben.« »– Wir wollen's hoffen und darum schnell handeln, denn Monfréville führt Cherubin jetzt in die große Welt, unsere wahrhaften Marquisinnen und Gräfinnen werden den Jüngling schön finden, und er sich seinerseits auch m eine dieser Damen verlieben ... und wenn einmal sein Herz gefangen wäre ...« »– So wären wir um unsere Mühe betrogen!« »Ah bah! wenn Deine Kleine wirklich schön ist ... kann uns das nicht stören; im Herzen eines Mannes gibt es immer wieder ein Plätzchen für eine neue Liebe ... mit achtzehn und einem halben Jahre hätte ich alle fünf Welttheile geliebt! ... Doch Achtung, ich glaube, die kleine Heerde naht sich.« In der That kamen mehrere junge Mädchen mit kleinen Häubchen und bescheidenen Schürzchen aus dem dunkeln Gange heraus: zu einigen gesellten sich alsbald junge Leute, die ebenfalls auf ihre Heimkehr geharrt hatten. Andere gingen allein. Darena und Poterne, die auf der entgegengesetzten Seite der Straße standen, ließen alle Arbeiterinnen an sich vorbei gehen; die letzte endlich hüpfte leicht über die Gosse und eilte auf Poterne zu, der sich Mühe gab, seine Stimme so angenehm als möglich zu machen, indem er zu ihr sagte: »Sie haben mich erkannt, Fräulein Chichette?« »– Ach! ich will's doch glauba ... Sie säha aus wie a Kohlabrenner mit Ihrem Hut! ...« Darena schlug ein lautes Gelächter auf, die junge Nähterin stand stille und fragte: »– Ach; isch Eener bei Ihna, Meßje Globeski? ...« »– Ja, einer meiner vertrauten Freunde, dem die Leitung der mit Ihnen besprochenen Angelegenheit anvertraut ist ... Wir werden irgendwo die Sache miteinander besprechen.« »Ja, mein liebes Kind,« sagte Darena, den Arm des jungen Mädchens auf den seinigen legend, »wir wollen bei einem Punsch mit einander schwatzen ... lieben Sie den Punsch?« »– Io freilich! sähr!« entgegnete die Elsaßerin, Darena anblickend. »Vortrefflich, ich sehe schon, wir werden uns gegenseitig verstehen! ... Ich bin etwas minder häßlich, als jener Herr, reichen Sie mir daher Ihren Arm, ich werde Ihnen weniger Schrecken einjagen. Ist hier in der Nähe ein etwas anständiges Kaffeehaus? ... Wir wollen in die Straße Saint-Denis hinüber ... Ich habe Sie noch nicht betrachtet; man hat mir gesagt. Sie seien reizend ... Ich muß mich aber selbst davon überzeugen. Ah! gut, dort ist gerade eine Apotheke.« Darena zog die kleine Arbeiterin zu einer Apotheke hin, stellte sie vor eine jener blauen Kugeln, die eine matte Helle auf die Straße werfen, blickte sie an und rief aus: »– Sehr hübsch! ... ah! meiner Treu! recht lieblich! ... Wenn sie beim Schein der Glaskugel so vorteilhaft aussieht, wie wird sie sich erst beim vollen Lichte ausnehmen. Ach! siehe dort ein Kaffeehaus, wir wollen hineingehen.« Die Herren traten mit Fräulein Chichette ins Kaffeehaus; sie wählten in der Ecke des Saales einen Tisch, um ungestörter mit einander sprechen zu können, und Darena befahl dem Kellner: »Eine Bowle Punsch mit Rhum! ... so gut Ihr ihn machen könnt.« Poterne verzog das Gesicht und sagte leise zu Darena: »Die Kleine hätte sich mit Bier begnügt ... Es war unnöthig, sich ...« »– Was soll das heißen? Du stinkst wieder vor Geiz, Poterne! ... Du weißt, daß ich das nicht leiden kann.« »– Nennen Sie mich doch nicht Poterne! ...« »– Dann schweig' und langweile mich nicht mit Deinen einfältigen Einwürfen.« Fräulein Chichette hatte an dem Tische Platz genommen und schien sich nicht im mindesten um das Gespräch der sie begleitenden Herren zu bekümmern. Die Elsaßerin mochte etwa zwanzig Jahre alt sein. Sie war sehr klein, aber von einer höchst angenehmen Fülle: ein rundes Angesicht, braune, nicht sehr große, aber schöne, von regelmäßig geformten, nicht sehr dichten Augenbrauen überragte Augen; ein kleiner Mund, hübsche Zähne, ein kleines rundes Kinn mit einem niedlichen Grübchen, etwas volle Wangen und eine über all das ausgegossene Frische vollendeten in ihr das Bild eines reizenden Landmädchens; übrigens hatte sie keine edle Physiognomie, keinen Ausdruck in ihrem Blicke ... immer dieselbe Ruhe und dasselbe Lächeln. Darena betrachtete die Elsaßerin abermals genau und sagte leise zu Poterne: »Sie ist hübsch ... frisch wie eine Rose ... sieht sittsam ... sogar dumm aus ... das kann aber für Unschuld gelten. In der That, Du hast einen wahren Fund gethan; wenn das in schönen Kleidern steckt, so ist unmöglich, daß sich Cherubin nicht in sie verliebte. Ah! da kommt der Punsch ... wir wollen trinken ... trinken Sie, kleine Chichette ... Die Elsaßerinnen haben sonst einen guten Zug im Halse.« Fräulein Chichette lächelte, nahm ein Glas und sagte: »– Ach jo! ich trink gärn!« »– Ihr Accent ist sehr derb!« brummte Darena. »Indeß gleichviel, es ist eben polnisch, damit basta, darüber sind wir einig ... Kellner, bringen Sie doch Makaronen! Sie sehen doch, daß eine Dame bei uns ist, und vergessen die Makaronen! ... Haben Sie keine! ... Wenn man keine hat, so macht man welche!« »– Man läßt so eben holen, mein Herr!« »– Gut! Geben Sie uns unterdessen Spritzkuchen, Pfefferkuchen ... oder was Sie sonst bei der Hand haben.« Während dieser Unterhaltung stieß Poterne erstickte Seufzer aus. Endlich brachte man ein Körbchen, welches Darena vor die junge Nähterin stellte und sich selbst dergestalt mit Spritzkuchen vollstopfte, als ob er nicht zu Mittag gegessen hätte. Als Poterne dies sah, entschloß er sich auch in das Körbchen zu langen, und fraß alle Pfefferkuchen auf. Darena sagte mit komischem Ernste zu ihm: »Sie sehen nun ein, Graf Globeski, daß ich wohl daran that, diese Kleinigkeiten kommen zu lassen. Aber jetzt wollen wir von Geschäften sprechen und zur Hauptsache übergehen: »Fräulein Chichette, Sie haben das hübscheste Gesichtchen, welches man in Paris und im Umkreise finden kann. Wir möchten einen jungen Mann recht toll in Sie verliebt machen ... Das wäre eine Kleinigkeit; aber wir wollen zugleich, daß sich seiner Liebe Hindernisse entgegenstellen sollen; warum? ... das kann Ihnen gleichgültig sein, die Hauptsache ist nur, daß Sie genau befolgen, was man Ihnen sagt. Vor allen Dingen sind Sie die Frau des Herrn Grafen Globeski ... folglich die Frau Gräfin Globeska! Das ist polnischer Gebrauch: die Männer nehmen ein i die Frauen ein a an.« »– O! nä, ich will mäne kläna Londsma nähma! ich hab's ihm versprocha!« »– Potz Donnerwetter, es ist ja bloß zum Schein, Sie sollen ja nur Komödie spielen.« »– Ach! jo! jo! ... zum Spaß! ... do will ich's schon.« »– Sie sind also die Gräfin Globeska, eine geflüchtete Polin, und Ihr Mann hier ... dieser häßliche Herr, ist entsetzlich eifersüchtig; kapiren Sie das recht gut. Man wird Ihnen schöne Kleider geben, das kann Ihnen nicht unangenehm sein ... und Sie werden einige Tage ... die Nächte ausgenommen ... mit diesem Herrn zusammenwohnen, Alles jedoch mit Ehren und Anstand.« »– Ah! jo! jo!« »– Und wenn der junge Mann recht verliebt ist, so können Sie ihn, wenn es Ihnen Freude macht, auch lieben, was überdies der Mühe werth wäre! denn er ist ein wunderhübscher Bursche ... Sie werden die hübschen Bursche nicht hassen?« »– Nä! nä!« »– Und dafür bekommen Sie fünfundzwanzig Napoleons'dor, oder mit andern Worten, fünfhundert Franken ...« Poterne gab Darena einen Stoß, und flüsterte ihm ins Ohr: »Das ist zu viel! das ist zu viel! sie hätte es für zwei oder drei Louisd'or gethan ...« Darena fuhr fort: »– Ja, dafür bekommen Sie fünfhundert Franken ... sechshundert sogar! wenn die Angelegenheit gut von Statten geht ... ich bürge Ihnen dafür ... und der Herr hier wird sie ausbezahlen ... hm, ist's so recht?« »– Ah! jo! jo!« »– Sackerlot!« sagte Darena, sich umwendend, »die kommt mir dümmer vor. als ein Heerde Gänse! ... Doch! das ist gleich! die Liebe ist blind, sie hat auch das Recht, taub zu sein ... Laßt uns trinken! Kellner, noch eine Bowle!« »– Aber ... aber ...« »– Schweigen Sie, Graf Globeski! Sie brauchen nicht mehr zu trinken ... dürfen aber dessen ungeachtet bezahlen.« Die zweite Bowle wurde aufgestellt; die Elsaßerin bekam noch mehr Farbe, ihre Augen fingen an sich zu beleben, und Darena rief aus: »Ei! der Kuckuk! wenn sie Cherubin so sähe ... welche Feuersbrunst würde sie anfachen ... Graf Globeski, Sie sorgen dafür, daß Chichette Morgen Abend wieder solche Augen hat ... Und hängen ihr zu diesem Ende einen kleinen Spitz an.« »Mit was ... mit Himbeersaft?« brummte Poterne, sich schnäuzend. »– Achtung! Da man im Schauspielhause am leichtesten Bekanntschaft macht, so wird der Graf von Globeski seine Gemahlin Morgen Abend ins Schauspiel ... in den Cirkus führen; das ist das Lieblings-Theater der Fremden.« »Es sei,« sagte Poterne, »wir gehen in den Cirkus, und werden uns auf den zweiten Rang des Amphitheaters begeben.« »Warum nicht lieber gleich aufs Paradies! ... Sie jammern mich, Globeski! Nein, Sie gehen in den ersten Rang und nehmen eine Loge ...« »– Aber ...« »– Keine aber ... Die Frau Gräfin muß ausgezeichnet schön gekleidet sein!« »– Man wird sein Möglichstes thun.« »– Und Sie, Graf, werden ebenfalls Ihr Möglichstes thun, einer gewissen Canaille Namens Poterne so wenig wie möglich ähnlich zu sehen ...« »– Damit hat es keine Gefahr.« »– Wir werden uns hinter euch in eure Loge setzen. Die Gräfin Globeska wird dann meinen jungen Freund mit ihren glühendsten Blicken in den Grund bohren ... Sie verstehen mich, Kleine?« »-O! jo! jo! ...« »– Und besonders sich nicht merken lassen, daß sie mich kennt.« »O! Jo! jo!« »– Der Graf wird in einem Zwischenakte die Loge ohne seine Gemahlin verlassen ... und diese während dessen auf die Schmeicheleien meines jungen Freundes antworten ... sie darf nicht viel sprechen, damit ihr keine Dummheit entfährt, aber sie muß zärtlich und leidenschaftlich sein.« »– O! jo! jo!« »– Nach dem Schauspiel wird der Graf seine Frau wegführen, und wir ihm folgen ... er wird einen Wagen nehmen, und wir ihm fortwährend folgen ... das Uebrige gibt sich von selbst. So ist's ausgemacht, wohlverstanden. Der Punsch ist ausgetrunken ... Zahlen Sie jetzt Graf, und kommen Sie!« Poterne bezahlte mit Seufzen, Darena nöthigte ihn sogar, dem Kellner sechs Sous Trinkgeld zu geben, dann verließ man das Kaffeehaus. Mamsell Chichette wohnte in der Straße Saint-Denis; man begleitete sie bis an ihr Haus, aus dem sie am andern Tage keinen Schritt zu thun, sondern Herrn von Globeski zu erwarten versprach; hierauf strich Darena noch ins Palais-Royal und Poterne legte sich ins Bett. Darena hatte seine Maßregeln zum Voraus ergriffen, er wußte, daß Monfréville am folgenden Tag zu einem großen Mittagessen eingeladen, und Cherubin somit unabhängig war; er hatte ihn in der Frühe gesehen und zu ihm gesagt: »Morgen will ich den Abend mit Ihnen zubringen ... Sie dürfen um meinetwillen wohl einmal einen Abend auf Ihre großen Damen verzichten! ... Sie kommen gar nicht mehr aus den Salons heraus ... man reißt sich um Sie ... Monfréville weicht nicht mehr von Ihrer Seite, aber meine Freundschaft verlangt auch ihre Rechte, und da ich ... für den Augenblick ... ich habe zuweilen solche Zeiten! ... keine Gesellschaft besuche, so wollen wir ins Theater gehen.« Cherubin hatte den Vorschlag angenommen. Indessen fand er allmählig Geschmack an den großen Soiréen; die liebenswürdige Aufnahme, der er sich überall erfreute, heilte ihn nach und nach von seiner Schüchternheit; Madame Celival zeigte sich liebenswürdiger gegen ihn, als gegen Andere, was mehrere Herren zu ärgern schien, besonders den Obersten mit dem Katzenkopfe und den schönen jungen Mann mit dem Römergesichte. Das war noch nicht Alles: die göttliche, so launige, so nervenschwache, so vaporöse Gräfin Valdieri, welche die ihr dargebrachten Huldigungen wie aus Gnade aufnahm, hatte zuerst gehofft, daß der Marquis Cherubin die Zahl ihrer Anbeter ohne weiteres vermehren würde; aber der Jüngling hatte sich damit begnügt, sie von sehr ferne zu bewundern, und diesmal kam ihm seine Schüchternheit vortrefflich zu Statten; die kleine Gräfin empfand einen heftigen Verdruß über diese vermeintliche Gleichgültigkeit, denn in unsern Tagen läßt sich nicht voraussetzen, daß die jungen Männer schüchtern seien; und als Frau von Valdieri bemerkte, daß Cherubin sich häufig mit Madame Celival unterhielt, spannte sie alle Segel auf, um ihr diese neue Eroberung zu entreißen; bei den Frauen führt der Aerger oft zur Liebe, und ein Anderer, als Cherubin, würde den aus dieser Eifersucht entstehenden Vortheil klug benützt haben. Die schöne Gräfin hatte den jungen Marquis zu ihren Abendgesellschaften eingeladen, Herr von Valdieri, als gefälliger Gatte, seine Bitten mit den ihrigen vereint, und Cherubin besuchte die dünstereiche Emma, welche sich in seiner Nähe sehr liebenswürdig zeigte und ihre Nervenleiden zu vergessen schien. Ferner war in einer nicht weit von seinem Hause entfernten Straße ein ziemlich hübscher Leinwandladen, und in diesem befand sich unter mehreren stets auf dem Comptoir arbeitenden Mädchen eine Blondine mit etwas gerötheten Augen, die eine kleine aufgestülpte Nase à la Roxelane und eine sehr aufgeweckte Miene hatte. Diese fand, wenn Cherubin vorbeiging, immer eine Gelegenheit, an der Thüre zu stehen und ihm zuzulächeln, oder unter irgend einem Vorwand einen Augenblick auf die Straße hinaus zu gehen; und mehrmals hatte sie, dicht an dem Jüngling vorübergehend, mit gesenkten Blicken zu ihm gesagt: »Ich gehe alle Abend um neun Uhr aus ... wenn Sie mich sprechen wollen, so warten Sie einmal Abends an der Straßenecke auf mich, ich heiße Celanire.« Endlich war Cherubin mehrmals Mamsell Malvina begegnet, die zwar nicht mehr als Schweizerin gekleidet, aber doch sehr anziehend in ihrem kleinen rosafarbenen Bibi-Hute, ihrem etwas kurzen Kleide und ihrer schwarzseidenen Echarpe war, die sie äußerst vorteilhaft anzuziehen wußte; sie hatte den jungen Mann gestellt, ihm glühende Blicke zugeworfen, und zu ihm gesagt: »Sie wollen mich also nicht besuchen, Herr Cherubin? wissen Sie, daß das sehr unrecht, und daß es eine Undankbarkeit von Ihnen ist, meine Bekanntschaft so zu vernachlässigen ... Sie kennen meine Adresse, kommen Sie einmal zum Frühstück zu mir ... ich stehe spät auf ... aber ich erlaube Ihnen, sich schon sehr frühe einzufinden.« Cherubin befand sich somit unter dem Kreuzfeuer mehrerer Eroberungen, als Darena, dem es gelungen war, sich wieder einen bessern Anzug zu verschaffen, ihn abholte und in den Cirkus auf dem Boulevard des Tempels führte. Unterwegs erzählte der junge Mann Darena alle seine Erlebnisse, und dieser sagte, nachdem er ihm aufmerksam zugehört hatte, zu ihm: »Es scheint mir, lieber Freund, daß Sie ein wahrer Faublas sind, alle Frauenzimmer beten Sie an! und Sie?« »– Ich ... o! ich bete sie auch an! ...« »– Also lieben Sie Madame Celival?« »– Ich glaube, ja ... ich finde sie sehr verführerisch.« »– Und die schmachtende Gräfin von Valdieri? ...« »– O! »... die gefällt mir auch bedeutend.« »– Und die Grisette ... daß heißt die Leinwandhändlerin?« »– Finde ich allerliebst.« »– Und Malvina ... die so hübsche Rädchen schlägt?« »– Sagt meinem Geschmack vollkommen zu.« »– Wohlan, denn ... wie weit haben Sie es bei diesen Damen gebracht? ... Unter Männern, beim Kuckuck, macht man aus solchen Dingen kein Geheimniß! ...« »– Wie weit ich's gebracht habe? ich ... ich habe es gar nicht weiter gebracht ...« Darena schlug ein ungeheures Gelächter auf, das Cherubin sehr verdroß, und fuhr endlich fort: »Dann, mein Lieber, sind Sie selbst Schuld, weil Sie nicht wollten! und hieraus schließe ich, daß diese Frauenzimmer alle wenig Eindruck auf ihr Herz gemacht haben. Uebrigens begreife ich das ... Eroberungen in den Salons ... Grisetten ... Tänzerinnen ... haben nichts Pikantes an sich! ... oft finden wir durch Zufall weit interessantere Begegnungen ... aber da sind wir bereits vor dem Theater des Cirkus.« Cherubin nahm Billete, – ein Geschäft, welches ihm Darena stets überließ, und sie traten in den Saal. »Hier haben wir einen guten Platz,« sagte Cherubin, sich beim Eingang der Vorbühne niederlassend. Aber Darena, der eben die gesuchten Personen in einer Loge bemerkt hatte, entgegnete seinem jungen Freunde: »In einer Loge wäre es besser ... außerdem auch schicklicher, kommen Sie ... in diese zum Beispiel.« Und Darena ließ sich die Loge, worin er Poterne und Fräulein Chichette Chichemann entdeckt hatte, aufmachen. Um diese beiden Personen zu erkennen mußte man Darena's scharfen Blick haben und besonders von ihrer Anwesenheit überzeugt sein, denn sie waren vollständig verkleidet; besonders war Poterne bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Darena's intimer Freund hatte seine struppigen Haupthaare zum Opfer gebracht und sie so kurz abschneiden lassen, daß er einem vom Hundescheerer zurückkommenden Pudel glich, er hatte eine grüne, auf beiden Seiten mit grünem Taffet verhängte Brille auf die Nase gesetzt und außerdem Werg in seinen Mund gestopft, wodurch seine hohlen Wangen fortwährend bausbäckig aussahen. Die Veränderung war vollständig; ein Paletot mit Schnüren, der bis ans Kinn zugeknöpft war und ihm beinahe die Cravate ersparte, kleidete den vorgeblichen Grafen von Globeski ziemlich passend. Was Fräulein Chichette betrifft, so hatte diese ein abgetragenes, rosaseidenes Kleid und einen großen mit Pelz verbrämten Kragen an, auf dem Kopfe trug sie ein kleines, grünes Sammetbarett mit Eicheln und Schnüren von derselben Farbe, die ihr übers linke Ohr herabhingen. Ihre Toilette war nicht frisch, aber ihr rundes Angesicht unter dem Barett noch hübscher, und das Staunen, welches sie darüber empfand, sich so geputzt zu sehen, verlieh ihren Augen einen beinahe reizenden Ausdruck. Darena übersah das mit einem Blicke und sprach zu sich: »Dieser niederträchtige Poterne hat ihr diesen Anzug auf dem Trödelmarkt gekauft! zum Glück ist die Kleine wunderhübsch, und wenn mein junger Cupido da nicht Feuer fängt, so wird in mir die Vermuthung rege, daß in seiner Organisation etwas Unvollkommenes liegen muß.« Poterne stieß Fräulein Chichette mit dem Knie an, und bezeichnete ihr durch einen Blick den jungen Mann, der sich hinter sie gesetzt hatte; die angebliche Polin wandte sich um, lorgnettirte Cherubin, und sagte dann leise: »Er isch gor oartig ... fascht wie main Landsmann!« Cherubin seinerseits betrachtete die vor ihm sitzende Dame und flüsterte Darena zu: »Mein Freund, sehen Sie doch einmal diese schöne Frau an!« Darena sah vor, schien von Verwunderung ganz ergriffen und antwortete Cherubin: »Ich kann Sie versichern, daß ich noch nichts Vollkommeneres gesehen habe ... die Frische der Rose und das Blendende der Lilie! ... das ist eine Perle! ... in ihrem Alter hätte ich den Mond angepackt, um diese Frau zu besitzen!« Cherubin schwieg, beschäftigte sich aber weit mehr mit der jungen Frau im Sammet-Barett, als mit dem Stück, welches gespielt wurde; Fräulein Chichette ihrerseits drehte sich, der ihr gegebenen Weisung getreu, jeden Augenblick um, Cherubin zu betrachten; dies dauerte sogar hie und da so lange, daß Poterne sie stoßen mußte, indem er ihr mit leiser Stimme sagte: »Genug ... Sie gehen zu weit ... man könnte am Ende glauben, Sie hätten sich auf den Boulevards eingeübt! ...« Nach einiger Zeit sprach Darena zu seinem jungen Freunde: »Es scheint mir vortrefflich zu gehen ... Ihre Angelegenheiten mit dieser Rosenknospe rücken rasch vor.« »– Ja ... in der That ... sie sieht mich oft an ... Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf ...« »– Wie? Sie wissen nicht! was Teufels verlangen Sie denn von einer Dame beim ersten Zusammentreffen noch mehr, als daß sie Ihnen Ihre Liebesblicke zurückgibt? ... und zwar, mit sehr hohen Zinsen! ... Sie haben Ihre Eroberung gemacht ... das ist augenscheinlich ... Ah! Sie sind glücklich ... ich glaube, es ist eine Fremde ... Dieser Mann ist kein Franzose; das muß ihr Gemahl sein ...!« »– Sie glauben ...?« »– Uebrigens sieht er sehr vornehm aus.« »– Finden Sie?« »– Ich meine, das springe in die Augen.« In einem Zwischenakte verfehlte Herr Poterne nicht, allein hinauszugehen, dann verließ Darena die Loge auch, sagte aber vorher noch zu Cherubin: »Das ist eine herrliche Gelegenheit, ein Gespräch anzuknüpfen ... versuchen Sie es keck!« »– Glauben Sie, daß ich es wagen darf ...« »– Ich stehe Ihnen dafür, daß es die Dame auch wünscht ... abgesehen davon kann man nicht leicht häßlicher sein, als der Herr, der sie begleitet, und sie wäre nicht seine Frau, wenn sie ihn nicht betrügen würde!« Cherubin, der mit der hübschen Dame, für die sein Herz schon loderte, allein zurückgeblieben war, besann sich, wie er die Unterhaltung beginnen sollte; indessen warf sie ihm Blicke zu, die ihn lebhaft zum Sprechen aufforderten, und begleitete sie sogar mit einem zärtlichen Lächeln, so daß er endlich Muth faßte: »– Lieben Sie das Schauspiel, Madame?« »– Jo, min Här!« »Besuchen Sie es oft?« »– Nä, min Här; ober vor däm ging ich öfters mit miner Kußihnä hin.« Cherubin horchte hoch auf, und suchte zu verstehen; Fräulein Chichette fuhr fort: »– Mine Kußihnä ging gor so gärn in d'Comäde.« »– Ah! Sie wollen ohne Zweifel von einer Cousine sprechen?« »– Jo, jo, mine Kußihnä.« »– Ist der Herr, der Sie begleitet ... Ihr Herr Gemahl?« »– Och jo ... der Gros Globs ... Globsnie ... och! holten Sie! ... jetzt hob ich sine Nome vergessa! ... bin ich ober a Vieh! ...« »– Sie sind demnach keine Französin, Madame?« »– O! nä ... ich bin aus dem Elsa ... nä, ich bin anderswo her! Ich hobs ober auch wieder vergäßa! ...ich bin ä rächtes Vieh!« Fräulein Chichette sprach das Alles so wunderlich aus, und ließ ihre Blicke dabei so oft auf Cherubin ruhen, daß der junge Mann die Zusammenhangslosigkeit ihrer Worte gar nicht beachtete sondern mehr und mehr für die schöne Fremde entbrannte. »Gefallen Sie sich jetzt in Paris, Madame?« »– O jo, ich gefalle mir scho, besonders heut ... ober ich dänke fortwährend an mine kläne Londsma! ...« »– Ach! Sie vermissen Ihr Vaterland?« »– Jo! ich möcht'n scho wieder säha!« »– Sie lieben Ihr Vaterland ... Das finde ich ganz natürlich! ...« »– O! jo ... er stäht jätzt unterm Märlätär.« Hier verstand Cherubin nichts mehr, aber Poterne kehrte zurück, was für Fräulein Chichette, die ganz aus ihrer Rolle gefallen war und nichts wie Dummheiten schwatzte, ein Glück war. Darena kam gleich darauf auch wieder zurück; er fragte Cherubin, ob er seine Angelegenheiten mit der hübschen Frau gefördert habe?« »– Ja, wir sprachen zusammen ... es schien ihr ganz erwünscht ... Sie haben sich nicht geirrt, der Herr ist ihr Mann; sie ist fremd, und hat einen seltsamen Accent.« »– Es sind Polen, wie ich im Foyer erfahren habe ...« »Sie scheint ihr Vaterland sehr zu lieben, sie bedauert es sehr und spricht immer davon, auch erwähnte sie, wenn ich sie recht verstanden, des Militärs!« »Nun natürlich ... sie ist eine Polin und da wird ihr das russische Militär stark zugesetzt haben ... Haben Sie schon ein Rendezvous mit ihr ausgemacht? ...« »– Ein Rendezvous, o! so weit waren wir noch nicht! ...« »Womit unterhielten Sie sich denn? ... Bei einer Frau, die Ihretwegen toll ist! und Sie mit den Blicken verzehrt! ...« »Sie glauben? ... Welches Glück! ... sie ist so hübsch ... und ihre Aussprache so angenehm ...« »– Ja, der polnische Accent klingt entsetzlich lieblich.« »– Ich bin ganz verrückt in sie, mein Freund.« »– Sie haben Recht, es wäre eine Sünde, dieser alten Raupe ihre Rosenknospe nicht zu entführen!« »– Entführen! Wie! Sie glauben, daß man sie entführen ...« »Still! lassen Sie mich nur machen, ich will die ganze Sache leiten.« Das Schauspiel ging zu Ende. Herr Poterne setzte seinen regenschirmartigen Hut auf und nahm die schöne Chichette beim Arme. Trotz dem, daß diese sich in ihrem Anzug sehr unbequem fühlte, war sie doch im Stande, ihre rechte Hand hinter sich zu halten. Darena und sein Begleiter folgten den Polen, die sich zurückzublicken hüteten, auf der Ferse. Darena nötigte fast Cherubin, die Hand anzufassen, welche die Dame gefällig nach hinten auf ihre Taille stützte, und der junge Mann wurde scharlachroth, als er seinem Freund ins Ohr flüsterte: »Ach! ... sie hat mir die Hand gedrückt! sie drückt sie noch immerfort!« »– Beim Kuckuk! ... was habe ich Ihnen gesagt?« versetzte Darena. »Die Sympathie ... ich glaube, daß ihr für einander gemacht seid.« Und indem er dieses sagte, gab Darena Poterne einen heftigen Fußtritt, um ihn voranzutreiben, und um Fräulein Chichette zu bestimmen die Hand Cherubins fahren zu lassen, denn es schien, als ob sie dieselbe fortwährend festhalten wollte. Die vorgeblichen Fremden stiegen in einen Fiaker, Cherubin und Darena nahmen ein Cabriolet und ließen es dem Fiaker nachfahren, der vor einem sehr bescheidenen Hôtel garni der alten Tempelstraße Halt machte. »Ganz gut,« sagte Darena, »wir wissen nun, wo sie wohnen, das genügt für heute Abend. Morgen schreiben Sie ein feuriges Billet an die Polin, ich nehme es auf mich, ihr dasselbe ohne Vorwissen ihres Mannes in die Hände zu spielen, und ich stehe Ihnen dafür, daß sie darauf antworten wird.« Nachdem zwischen den Herren Alles abgemacht war, begab sich Cherubin nach Hause, und Darena verließ ihn, sich innerlich über den Erfolg seiner List beglückwünschend. Zwanzigstes Kapitel Louise in Paris. Obgleich in den Strudel der großen Welt geworfen, obgleich Gegenstand der Koketterie mancher Frauen, um deren Eroberung man ihn beneidete, und ungeachtet der Liebesblicke der Grisetten und der ihm angebotenen Rendezvous der Loretten hatte Cherubin doch das Dorf und jene kleine Louise, die Gespielin seiner Kindheit, nicht ganz vergessen. Oft sprach er davon, nach Gagny zu gehen, um seine gute Nicolle wieder zu sehen und zu umarmen; oft beauftragte er Herrn Gerundium, sie zu besuchen, um ihm Nachricht von ihr zu bringen, indem er diesen Aufträgen kleine Geschenke für die Dorfbewohner beifügte und ihm besonders empfahl, sich nach Louisens Schicksal zu erkundigen. Der Hofmeister besorgte jedoch diese Aufträge nur zur Hälfte: er ging nach Gagny, überbrachte die Geschenke und betrachtete mit gierigen Blicken die junge, jeden Tag sich verschönernde Louise, dann kam er zurück und meldete seinem Zögling, daß seine ehemalige Gespielin immer noch in der Bretagne sei, wo es ihr so sehr gefalle, daß sie gar keine Lust mehr habe, zu Nicollen zurückzukehren. Indessen hatte Cherubin noch am Vorabend des Tages, wo er mit Darena im Cirkus gewesen war, davon gesprochen, nach Gagny zu gehen, und Herrn Gerundium bestimmt erklärt, die Woche dürfe nicht ablaufen, ohne daß er seine Amme gesehen und umarmt habe. Darüber war der Hofmeister sehr unruhig geworden und hatte bei sich gedacht: »Wenn der Herr Marquis nach Gagny geht, so trifft er die kleine Louise und merkt sofort, daß ich ihn belogen habe. Er ist im Stande, mich aus seinen Diensten zu jagen, denn trotz seiner gewöhnlichen Sanftmuth hat er zuweilen Augenblicke, wo er außerordentlich heftig ist. Es käme mir nicht gelegen, eine Stelle zu verlieren, wo ich fünfzehnhundert Franken, freie Wohnung in einem schönen Hotel, Kost (und zwar was für eine) und Pflege habe, und nichts dafür zu thun brauche, als zu schlafen, zu essen und der Maschine Turlurette Verse vorzulesen; außerdem ist anzunehmen, daß, wenn mein Zögling diese junge Louise wieder sieht, auch seine Neigung für sie wieder rege werden wird ... und das wäre ebenfalls meinen Plänen entgegen; denn diese Kleine hat in meinem Innern eine wahre Gluth angefacht ... Meine Absichten sind rechtschaffen, ich will sie zur Frau nehmen, sie der Ehre meines Namens theilhaftig machen ... Aber zum Heirathen muß man einiges Vermögen haben ... Wenn ich noch zwei Jahre beim Marquis bleibe, so kann ich mir etwas zusammensparen, denn ich kann beinahe mein ganzes Einkommen auf die Seite legen; es handelt sich jetzt nur darum, die kleine Louise in Sicherheit zu bringen, damit sie mir nicht weggeschnappt wird.« Herr Gerundium sann den ganzen Tag hierüber nach, und Abends versank er deßhalb in tiefe Gedanken an der Seite der guten Turlurette, die ihn in Weingeist eingemachte Früchte (womit sie vorzüglich umgehen konnte) versuchen ließ; während er sich eben an der dritten Zwetsche labte, trat Jasmin, der alle Tage schwerfälliger wurde, aber nichts desto weniger sehr übel darüber gelaunt war, daß sein Herr einen jungen Jockey angenommen hatte, ins Zimmer der Haushälterin und fragte: »Kennen Sie zufällig eine Kammerjungfer, die im Augenblick keine Stelle hat?« »Warum, Herr Jasmin?« fragte Turlurette wieder. »– Ach, letzthin wartete ich auf meinen Herrn, der in einer Gesellschaft war ... Er verbietet mir's zwar immer ... aber diesmal war sein kleiner Jockey krank ... ich benützte die Gelegenheit und holte ihn Abends mit seinem Cabriolet ab ... ich habe sogar zwei Buden über den Haufen gefahren ... aber es gibt Leute, die einem nicht aus dem Wege gehen.« »– Nun, Herr Jasmin?« »– Nun, während ich mich mit den im Vorzimmer anwesenden Dienern unterhielt ... was lange währte ... denn man verläßt gegenwärtig die Gesellschaften erst so spät ... kurz, da war einer darunter, der sagte: »– Wir suchen eine Kammerjungfer für unser Fräulein ... ihre Frau Mutter ist gegenwärtig auf einige Zeit aufs Land gegangen. Der gnädige Herr wollte seine Tochter bei sich behalten ... und die frühere Kammerjungfer mußte man fortschicken ... weil man entdeckt hatte, daß sie sich zuviel mit einem Wichser abgab ... und da der gnädige Herr sehr streng ist ... so war man bald mit ihr fertig, deßhalb suchen wir eine andere Kammerjungfer.« »– Hierauf schlug ich ihm eine Person vor, die ich kenne, und die sehr viel versteht; als ich aber sagte, daß sie sechzig Jahre alt sei, erwiderte man, dann sei es nicht mehr der Mühe werth, sie zu schicken. Die Leute sind sonderbar heutzutage, sie wollen nichts als Kinder zur Bedienung.« »Ich kenne Niemand, der eine Stelle sucht,« entgegnete Mamsell Turlurette. Herr Gerundium, welchem keine Silbe von dem, was Jasmin erzählt, entgangen war, nahm sodann das Wort mit einer scheinbar ziemlich gleichgültigen Miene. »Und wer sind die Leute, die eine Kammerjungfer brauchen? ... Da ich viele Bekanntschaften in Paris habe, so könnte ich vielleicht Jemand einen Gefallen erweisen, wenn ich ihm diesen Platz verschaffte; aber ehe ich mich in die Sache mische, muß ich vor allen Dingen, das werden Sie wohl begreifen, überzeugt sein, daß es bei empfehlungswerthen Leuten ist.« »– O! was das anbetrifft, Herr Gerundium, dürfen Sie beruhigt sein!« entgegnete Jasmin. »Es ist in einem der achtbarsten Häuser ... bei Herrn von Noirmont, einem ehemaligen Gerichtsbeamten ... einem Manne, der nie lacht ... und keinem Hühnchen etwas zu Leide thun würde ... Er war ein Freund des seligen Herrn Marquis von Grandvilain, des Vaters von unserem gegenwärtigen Herrn ...« »– Und woraus besteht die Familie?« »– Aus Herrn von Noirmont, seiner Gemahlin und ihrer fünfzehnjährigen Tochter, einer Köchin, einem Bedienten für den Herrn und einer Kammerjungfer, die eben gesucht wird.« »– Ist der Bediente jung?« »– Ja ... derselbe, mit dem ich gesprochen habe ... Er ist erst sechsundfünfzig Jahre alt, sieht aber sehr gesetzt aus.« Herr Gerundium lächelte und fuhr fort: »Ist es ein Haus, wo man viele Gesellschaften empfängt ... Bälle gibt ... sind es Leute, die ihr Leben in varietate voluptas hinbringen?« »– Nein, nie Bälle ... noch wohlufdas , wie Sie sagen. Die Dame liebt die Gesellschaft nicht, und Herr von Noirmont bringt sein Leben in seiner Bibliothek zu. Auch will unser junger Marquis nicht hingehen, obgleich er eine Einladung erhalten hat ...« »– So! er hat von dort eine Einladung erhalten?« »– Ja, aber ich hörte ihn Morgens beim Ankleiden sagen: Ich habe keine Lust in dieses Haus zu gehen; man muß sich entsetzlich darin langweilen.« »– Sind Sie überzeugt, daß Herr Cherubin das gesagt hat?« »– Ja, und Herr von Monfréville hat ihm sogar geantwortet:« »Sie thun wohl daran; es ist ein Haus, worin sich nichts Angenehmes für Ihr Alter findet.« Herr Gerundium rieb sich die Hände und fragte nichts weiter. Tags darauf begab er sich, nachdem er sich Herrn von Noirmonts Adresse verschafft hatte, in dessen Haus, verlangte den Bedienten zu sprechen, und gab vor, vom alten Jasmin geschickt zu sein, der eine Kammerjungfer für Fräulein von Noirmont wisse. Jasmin war der Nestor der Dienerschaften; seine Empfehlung galt Alles, und die eines so ernsten Mannes, wie Herr Gerundium zu sein schien, konnte die gute Meinung, welche man von ihrer Schutzempfohlenen hegte, nur vermehren. Der junge, sechsundfünfzigjährige Bediente (wie Jasmin gesagt hatte) erwiederte dem Hofmeister, da die gnädige Frau verreist sei, und der gnädige Herr sich nie um häusliche Angelegenheiten bekümmere, so hänge die Wahl einer andern Kammerjungfer nur von ihm ab; er nehme die Person, welche der ehrenwerthe Herr Jasmin ihm zuzuweisen die Güte habe, mit vollstem Vertrauen an, und wünsche nur, daß sie so bald als möglich kommen möchte. Des Gelingens von dieser Seite sicher, bedankte sich Herr Gerundium, versprach, das junge Mädchen bald zu bringen und begab sich unverzüglich nach Gagny zu Frau Nicollen. Die Anwesenheit des Schullehrers verbreitete immer Heiterkeit in der Landleute Wohnung; denn er brachte Neuigkeiten aus Paris, und man konnte mit ihm unausgesetzt von Cherubin sprechen. Nachdem er Louisens und Nicolle's Fragen, die sich vor allen Dingen nach der Gesundheit des Gegenstandes ihrer Liebe erkundigten, beantwortet hatte, wandte sich Herr Gerundium an das junge Mädchen und sagte zu ihr: »Ihretwegen, mein schönes Kind, bin ich heute hauptsächlich nach Gagny gekommen, denn ich beschäftige mich mit Ihrer Zukunft ... Ihrem Schicksale ... Sie sind siebzehn Jahre alt ... groß, und sowohl leiblich als geistig ausgebildet: darunter verstehe ich, daß Sie einen frühreifen Verstand haben; dann haben Sie auch durch Ihre Theilnahme an den Stunden, die ich meinem Zögling gab, viel gewonnen; Sie lesen und schreiben ganz passabel, und sprechen sogar ziemlich correkt ... überdies sind Sie geschickt mit der Nadel, und scheinen mir zu allen Verrichtungen Ihres Geschlechtes tüchtig; nicht wahr, Mutter Nicolle?« »Ja, das ist wahr,« antwortete die gute Frau mit staunendem Blicke. »Was wollen Sie denn mit unserer Louise anfangen, wollen Sie auch eine Herzogin aus ihr machen ...« »– Nein, nicht ganz, aber ich wiederhole es Euch, ich will für ihre Zukunft sorgen ... wenn Louise in diesem Dorfs bliebe, was wäre ihr Schicksal? Sie hat keine Eltern, kein Vermögen, sie müßte es als ein Glück betrachten, wenn sie irgend ein roher Bauer heirathen wollte.« »O! nie! nie! ...« rief Louise aus, »ich will mich niemals verheirathen.« »Aber, mein Gott, liebes Kind,« versetzte Nicolle, »Du weißt ja, daß wir Dich nicht zwingen, und Dich nie aus unserem Hause stoßen werden ...« »Das ist Alles ganz gut,« fuhr Gerundium fort; »aber wenn Louise eine gute Stelle in Paris in einem angesehenen Hause fände, wo sie sich etwas ersparen ... und später eine gute Heirath treffen könnte ... so wäre dies, wie mir scheint, nicht zu verachten.« »– In Paris!« rief Louise mit einem Freudenschrei aus. »O! ja, ja! ich will nach Paris! welches Glück! ... wie zufrieden würde ich sein ... nicht wahr, liebe Mutter, Du erlaubst es?« »Wie, mein Kind? Du willst mich ebenfalls verlassen?« sagte Nicolle traurig; aber Louise küßte sie mehrmals und rief aus: »Aber bedenke doch, daß er dort ist ... wenn ich dieselbe Stadt mit ihm bewohne, denke ich, daß ich ihn bisweilen sehen ... ihm begegnen werde ... und dieser Gedanke allein erweckt in mir den Wunsch, nach Paris zu gehen ... Nicht wahr, Herr Gerundium, man begegnet ... man sieht sich, wenn man an einem und demselben Orte mit einander wohnt ... und ich könnte ihn sehen, wenn ich in Paris wäre?« »Wen ... könnten Sie sehen?« »– Ach! Cherubin ... den Herrn Marquis ... von wem sonst soll ich denn sprechen, als von ihm?« Der Hofmeister begriff, daß nur die Hoffnung, Cherubin zu sehen, das junge Mädchen bewog, seinen Vorschlag mit Freuden aufzunehmen, er hütete sich wohl, sie zu enttäuschen, und antwortete: »Ganz gewiß hat man, wenn man in einer Stadt mit einander wohnt, mehr Aussicht, einander zu sehen, als wenn Eines im Süden und das Andere im Norden weilt; ... oder wenn Sie lieber wollen, Eines per fas und das Andere nefas ist. Wohlan, jugendliche und interessante Louise, was ich für Sie suchte, habe ich gefunden; in einem der ersten Häuser ist Ihnen eine Stelle als Kammerjungfer angeboten ... und wenn ich sage: Kammerjungfer , so heißt das so viel als Gesellschafterin! und wenn ich sage Gesellschafterin, so heißt das so viel als Gespielin und Freundin eines jungen, fünfzehnjährigen Fräuleins, das ebenso liebenswürdig als gutartig sein soll ... der ganze Unterschied zwischen euch besteht darin, daß Sie ihr beim Ankleiden behülflich sein müssen ... sie aber Ihnen nicht ... aber unter Freundinnen kommt das alle Tage vor; die eine besorgt Alles und die andere geht spazieren. Außerdem bekommen Sie schöne Kleider ... die spazierengehende Freundin gibt der sie ankleidenden Freundin gewöhnlich alle Kleider und Tücher, die sie nicht mehr will; überdies verdienen Sie Geld, was nie ein Schaden ist, denn mit Geld erlangt man Gold, und Gold ist das reinste Metall ... wenn kein Zusatz mehr dabei ist. Nun antworten Sie, was halten Sie von meinem Vorschlag?« »– O! ich nehme ihn mit Freuden an ... wenn meine zweite Mutter einwilligt! ...« »– Meiner Treu! liebes Kind,« sagte Nicolle, »wenn Du so gerne nach Paris gehst, will ich mich nicht widersetzen; abgesehen davon, denke ich, Herr Gerundium, welcher Schulmeister im Dorfe war, werde Dir nichts vorschlagen, was nicht zu Deinem Wohle gereicht ...« »– Ihr seid so vernünftig wie Aesopus, Frau Nicolle, obgleich Ihr nicht bucklig seid! ich will dieser puella formosa nur eine glückliche Zukunft bereiten ... und die Folge wird es Euch beweisen.« »Und Herr Cherubin?« fragte Louise, die nicht mehr bloß Cherubin zu sagen wagte, wenn sie von ihrem Geliebten sprach ... »weiß er, was Sie mir vorschlagen? ... ist's ihm recht, wenn ich nach Paris gehe?« Herr Gerundium kratzte einen Augenblick an der Nase und entgegnete dann mit Zuversicht: »Ob er es weiß? Natürlich ... er wünscht sehr, daß Ihnen mein Anerbieten genehm sei.« »– O! dann darf ich nicht zögern, nicht wahr, liebe Mutter? ich willige ein, mein Herr, ich gehe, sobald Sie nur wollen ... ich bin bereit.« »– Dann wollen wir sogleich gehen.« »– Was!« rief Nicolle aus, »Sie wollen es sogleich mit fortnehmen, das theure Kind?« »– Es muß sein, Frau Frimousset, es bewerben sich gar Viele um die Stelle, die ich ihr verschaffen will, wenn wir lange zögern, so könnte sie einer Andern übertragen werden. In Paris wimmelt es nicht von guten Plätzen, ich muß sie also heute noch vorstellen, und die Sache ins Reine bringen.« »O! ja, liebe Mutter, laß mich fort ... ich weiß wohl, daß es Dir Kummer macht, mich nicht mehr um Dich zu haben ... und ach! mir auch ... Dich zu verlassen ... aber auf der andern Seite bin ich so glücklich, mich ... Herrn Cherubin ... nähern zu dürfen ... überdies wünscht er, daß ich nach Paris komme ... man darf ihn nicht erzürnen ... Aber ich werde Dich besuchen, o! ich werde es nicht machen wie er! ich werde das Dorf ... und Diejenigen, welche Elternstelle an mir vertraten, nicht vergessen!« Nicolle küßte zärtlich das junge Mädchen und sagte zu ihr: »– Geh, mein Kind ... ich bin nicht Deine Mutter ... ich habe keine Gewalt über Dich ... aber auch wenn ich solche hätte, würde ich mich Deinem künftigen Glücke nicht widersetzen ... aber komm wenigstens zuweilen zu mir ... Man wird sie doch nicht daran hindern, Herr Gerundium?« »– Nein, gewiß nicht! ... sie genießt, unter der Bedingung, dieselbe nicht zu, mißbrauchen ... einer anständigen Freiheit. Auf! schöne Louise, machen Sie Ihr Gepäck zusammen ... nehmen Sie nur das Nöthigste mit ... die Holzschuhe können Sie da lassen, Sie tragen, wo Sie hinkommen, keine ... Sputen Sie sich, ich warte auf Sie.« Louise beeilte sich, ein Päckchen Kleider zusammen zu machen; sie war so betroffen, so betäubt von dem Geschehenen, daß es ihr vorkam wie ein Traum; ihr Herz hüpfte vor Freuden bei dem Gedanken, nach Paris zu gehen; aber nicht an die Vergnügungen der großen Stadt dachte sie, nicht nach schönen Kleidern und einem gemächlichern Leben sehnte sie sich, nein, sie hatte bei dieser Reise nur Eines vor Augen: daß sie mit Cherubin an einem und demselben Orte wohnen werde. Während Louise ihre Zurüstungen zur Abreise traf, nahm Herr Gerundium die Amme bei Seite und sprach in ernstem, eindringlichem Tone zu ihr: »Jetzt, tugendhafte Nicolle, muß ich Euch ein Geheimniß enthüllen ... der Grund, warum ich Louisen nach Paris führe, ist besonders der, sie den Verführungen zu entreißen, denen man sie aussetzen wollte, um ihre Tugend zum Falle zu bringen und die Blume ihrer Unschuld zu pflücken ... in zwei Worten erzähle ich Euch die Thatsache: Euer Säugling Cherubin ist in Paris ein großer Verführer geworden, nichts darf ihm widerstehen ... letzthin erinnerte er sich Louisens, der Gespielin seiner Kindheit, und er rief aus: sie muß jetzt reizend sein! ich will sie zu meiner Maitresse machen ...« »Ach! mein Gott! ist das möglich!« rief Nicolle mit großen Augen. »Mein kleiner Cherubin ist so ausschweifend geworden!« »– Wie ich die Ehre habe, Euch zu versichern, in Paris wird man, wenn man Vermögen hat, bald, was sie einen Löwen nennen, und Löwe wird in diesem Sinne mit Verführer übersetzt.« »– Cherubin ein Löwe! er, der sonst ein Lamm war!« »Ich wiederhole Euch, in Paris gibt's keine Lämmer mehr. Kurz, ich war überzeugt, daß Ihr Eure Hand nicht zum Verderben Eurer Adoptivtochter reichen und billigen würdet, daß ich dieses Kind vor den Schlichen der Verführung schütze.« »O! Sie haben sehr wohl daran gethan, Herr Professor, ich billige es vollkommen.« »Deßhalb sagt nur, wenn Cherubin Louisen besuchen wollte, zu ihm, sie sei schon lange bei einer Eurer Verwandten in der Bretagne und gefalle sich dort sehr.« »– Einverstanden! das werde ich ihm antworten! ... mein Gott! Cherubin ein Verführer! deßhalb hat er auch das Dorf ganz vergessen!« Louisens Päckchen war bald gemacht; sie setzte ihren kleinen groben Strohhut auf, dessen Form zwar nicht elegant war, worunter aber ihr Gesichtchen reizend hervorblickte. Sie warf sich in Nicolle's Arme und flüsterte ihr ins Ohr: »Wenn ich ihn sehe, will ich ihm sagen, es sei abscheulich, daß er Dich nicht besucht.« Nicolle bedeckte Louisen mit ihren Küssen und sprach zu ihr: »Vergiß' auch nicht, mein Kind, daß wenn Du dort vielleicht Langeweile hättest, wenn es Dir nicht nach Wunsch ginge ... Du stets eine Heimath bei uns finden wirft und wir Dich jederzeit wieder mit Freuden im Hause aufnehmen werden.« Herr Gerundium machte diesem Abschied ein kurzes Ende, indem er die Jungfrau beim Arme nahm; Jakob war wie gewöhnlich in der Schenke, Louise warf also noch einen letzten Blick auf ihre Adoptivmutter und entfernte sich mit Herrn Gerundium, der die Auslage für eine kleine Chaise gemacht hatte, um das junge Mädchen um so schneller nach Paris zu bringen. »Meine schöne Freundin, ich muß Ihnen einige vorläufige Anweisungen, hinsichtlich des in Ihrer Stelle zu beobachtenden Betragens ertheilen. Vor allen Dingen antworten Sie, wenn man Sie fragt, was Sie verstehen, kecklich: Alles!« »– Alles? dann würde ich ja lügen, mein Herr, denn ich weiß nur sehr wenig.« »– Aber Sie werden das Uebrige bald lernen: Sie sind sehr verständig, begreifen deßhalb leicht; es ist, als ob Sie Alles schon wüßten. Thun Sie, wie ich Ihnen sage, es ist nothwendig, um Vertrauen einzustoßen; in der Welt muß man sich nie das Ansehen geben, als ob man an sich selbst zweifle. Außerdem werden Sie begreifen, daß Sie nicht von dem jungen Marquis Cherubin sprechen und sagen dürfen, Sie seien mit ihm auferzogen worden. Die Welt ist böse! Man könnte Allerlei glauben ... man darf mit seinem Rufe nicht scherzen.« »– Wie so, mein Herr ... was könnte man glauben? ist es ein Unrecht, seinen Milchbruder zu lieben?« »– Milch hin, Milch her! ... Sie sollen mich besser verstehen: mein edler Zögling will nun nicht mehr wissen lassen, daß er bis zum sechzehnten Jahre bei seiner Amme blieb ... das genirt ihn gewaltig ... dann werden Sie aber auch einsehen, daß ein Marquis nicht mehr der Freund einer ... Kammerjungfer sein kann. Wenn Sie von ihm sprächen, könnte er darüber erröthen.« »Erröthen! ...« rief Louise aus, ihre Augen mit dem Taschentuche bedeckend. »Was! der Herr ... Cherubin würde vor meiner Freundschaft ... vor meiner Bekanntschaft erröthen! Oh! seien Sie ruhig, mein Herr, ich werde nicht von ihm sprechen ... niemals seinen Namen in den Mund nehmen ...« – Das ist ganz recht; o Flavia ... nein, Sie sind nicht blond! ... Nun, weinen Sie deßhalb nicht ... denn was ich Ihnen sage, verhindert nicht, daß sich der Marquis fortwährend für Sie interessirt, und auch ich ... Ich sage für heute nicht mehr, junge Louise, aber seien Sie nur immer brav und tugendhaft ... lachen sie nicht mit den jungen Leuten, wenn sie sich zweideutige Scherze gegen Sie erlauben wollten ... kratzen Sie solchen Unverschämten lieber die Augen aus ... denn Sie müssen sich fleckenlos erhalten, wie das heilige Osterlamm, bis ... aber motus! ich will noch nicht weiter gehen!« Louise hörte nicht mehr auf Herrn Gerundium, sie dachte an Cherubin, der jetzt über ihre Bekanntschaft nur erröthen würde, und dieser Gedanke vergällte ihr alle Freude, die sie über ihre Reise nach Paris empfunden hatte. Indessen fuhr das Gefährt in die Stadt ein; Herr Gerundium befahl dem Kutscher, sie in die Vorstadt Saint-Honoré zu führen, und Louise rief aus: »Ist das in der Nähe von Herrn Cherubins Wohnung?« »– Nicht sehr fern davon, meine Liebe, da wir aber einmal in Paris sind, so gibt es überhaupt keine Entfernung mehr, denn die Wagen zu sechs Sous führen Einen in allen Stadtvierteln herum, man braucht nicht einmal seinen Weg zu wissen, was für Fremde äußerst bequem ist.« Die Chaise hielt vor einem schönen, von Gerundium dem Kutscher bezeichneten Hause, ganz nahe bei der Concordia-Straße. Der Hofmeister ließ Louisen absteigen, ging in seiner Galanterie sogar so weit, daß er ihr Gepäck tragen wollte, und sprach dann zu ihr: »Folgen Sie mir, es ist in diesem Hause im zweiten Stock, eine prächtige Wohnung ... es sind sehr vornehme Leute ... wie prächtig diese Treppe gewichst ist! das ist etwas Anderes als unsere baufälligen Dorfhäuser, die mit Koth gefirnißt sind!« Mit diesen Worten glitschte der Hofmeister zwei Stufen hinab, und brach beinahe seine Nase auf der gewichsten Treppe ab, was vielleicht eine Strafe des Himmels wegen seiner Undankbarkeit gegen das Dorf war; glücklicherweise hielt er sich noch an dem Geländer und brummte: » Ne quid nimis ! ... man hat zu viel Wachs aufgetragen!« Louise folgte Herrn Gerundium etwas zitternd und ganz verschämt bei dem Gedanken, daß sie sich jetzt fremden Personen vorstellen und allein inmitten dieser ihr so unbekannten Welt bleiben solle. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und rief die Erinnerung an Cherubin zu Hülfe. Comtois (so hieß der Bediente des Herrn von Noirmont) empfing Herrn Gerundium, als er seinen Schützling vorstellte. Der Anblick Louisens konnte nur zu ihren Gunsten sprechen, und der Kammerdiener zeigte ein beifälliges Lächeln, als er sagte: »O! die Mamsell scheint ganz, wie wir es wünschen ... sie hat eine sanfte Miene ... sieht nicht leichtsinnig aus ... ich bin überzeugt, daß sie unserem jungen Fräulein Ernestine gefallen wird, die mir mehrmals wiederholte: .»›Besonders, Comtois, wünsche ich eine junge Kammerjungfer, denn, wenn ich eine alte bekäme, wäre ich nicht so keck, ihr Befehle zu ertheilen, oder vor ihr zu lachen! ...‹« Sie ist gar munter, unser Fräulein! etwas lebhaft, launenhaft ... aber in ihrem Alter ist das ganz natürlich ... übrigens deßhalb gar nicht böse ... Wenn sie ein wenig aufgeregt und zornig war, so bittet sie uns nach, her um Entschuldigung ... Das ist bei den Herrschaften selten zu treffen!« »Dieser Kammerdiener ist sehr redselig!« sagte Herr Gerundium, sich schnäuzend, zu sich. Nachdem Comtois Louisen noch einmal mit zufriedener Miene betrachtet hatte, fuhr er fort: »Ich will die Mamsell sogleich vorstellen ... Ei! wie heißen Sie?« »Louise, mein Herr,« antwortete die Jungfrau schüchtern. »– Louise, ganz gut ... das ist Ihr Taufname ... und Ihr Familienname ... zuweilen wünscht man gerne zu wissen ...« Das junge Mädchen erröthete und schlug die Augen nieder, ohne zu antworten, aber Herr Gerundium sagte schnell entschlossen: »Louise Frimousset ... Frimousset ist der Name ihrer Eltern.« Louise warf einen Blick auf den Hofmeister, dieser hatte jedoch eine ernste Miene angenommen, welche auszudrücken schien, daß es unpassend wäre, ihn zu widerlegen, und er nach reiflicher Ueberlegung diese Antwort gegeben habe; das junge Mädchen schwieg, und Comtois versetzte darauf: »Frimou ... Frimousse ... Friquet ... das ist ein komischer Name, es ist übrigens bloß deßhalb, daß man ihn auch weiß; denn hier, das begreifen Sie wohl, wird man die Mamsell stets beim Vornamen rufen. Ich werde Sie also vorstellen. Wenn die gnädige Frau da wäre, so würde ich Sie natürlich allererst zu ihr führen, sie ist aber seit vierzehn Tagen verreist; sie besucht eine kranke Tante ... sie wollte ihre Tochter mitnehmen, aber der gnädige Herr wünschte Fräulein Ernestinen bei sich zu behalten ... denn er liebt, trotz seiner ernsten Miene, seine Tochter außerordentlich ... er versagt ihr nie etwas! ... ich sah ihn selbst schon oft gegen die gnädige Frau böse werden ... weil, wie er behauptete, sie zu hart mit ihr spreche ... sie nicht gehörig liebe ... aber zur Gerechtigkeit muß ich bekennen, daß sich der gnädige Herr irrt! ... ich bin überzeugt, daß die gnädige Frau ihre Tochter sehr liebt. Das ist übrigens wahr, daß sie kaum mit ihr spricht ... ihre Liebkosungen kalt erwidert ... aber Jedermann hat Tage, wo er mehr oder weniger guter Laune ist ...« Herr Gerundium schnäuzte sich sehr lange und dachte: »Will denn das Geplapper nie aufhören?« Dann sprach er zu Comtois: »Verzeihung, ehrenwerther Diener ... wenn ich Sie unterbreche; aber ich halte es für überflüssig, der Vorstellung unserer Louise beizuwohnen, da Sie mir sagten, die Sache sei abgemacht; deßhalb verabschiede ich mich von Ihnen, indem ich Ihnen noch anempfehle, über dieses Kind so sorgsam zu wachen, als ob es Ihre eigene Nichte wäre.« »Beruhigen Sie sich! die Mademoiselle ist in einem guten Hause ... ich bin ganz gewiß, daß sie sich nicht unglücklich darin fühlen wird.« »So leben Sie denn wohl, Louise ... leben Sie wohl ... Ich werde öfters kommen, mich nach Ihnen zu erkundigen und Nachrichten über Sie einzuziehen, kurz, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren ... Sie werden beständig mein Zweck ... mein Ziel ... mein Polygon sein!« Die Jungfrau reichte Herrn Gerundium, der sie küssen zu wollen schien, die Hand und sagte halblaut zu ihm: »Nicht wahr, mein Herr, Sie sagen ihm, daß ich in Paris bin, und daß ich nicht zögerte, hierher zu kommen, weil es sein Wunsch war ... daß es mich aber recht verdrießt, ihn gar nicht zu sehen, und daß mein einziger Wunsch ...« »Ich werde Alles sagen, was mir zu sagen meine Pflicht auflegt,« versetzte Herr Gerundium, seine Zähne zeigend, obgleich er dieses Mal keine Lust zu lächeln hatte, dann sich schnell umwendend, grüßte er Comtois und ging. Der Kammerdiener geleitete ihn bis zur Thüre, und Herr Gerundium flüsterte ihm da noch ins Ohr: »Das junge Mädchen ist hübsch und die Männer entsetzlich liederlich in Paris ... ich habe wohl nicht nöthig, Sie aufzufordern, über ihre Unschuld zu wachen und sie nicht mit den Wichsern verkehren zu lassen.« »Mein Herr,« entgegnete ihm Comtois mit etwas trockenem Tone: »man empfängt hier nur rechtschaffene Leute, und bei uns wird kein junges Mädchen verdorben! Wenn die letzte Kammerjungfer leichtsinnig war, so waren wir nicht daran Schuld, übrigens hat man sie ... sowie den erwähnten Wichser ... sogleich entlassen.« »Ihre Antwort zerstreut alle Wolken, die mein Firmament hätten verdunkeln können. Leben Sie wohl, rechtschaffener Comtois, ich wiederhole Ihnen die Versicherung meiner Hochachtung.« Herr Gerundium hatte sich entfernt; Comtois kehrte zu Louisen zurück, die nachdenklich im Vorsaale stehen geblieben war; er winkte ihr, ihm zu folgen, schritt durch einen Salon, öffnete die Thüre eines andern Gemachs und hielt auf der Schwelle, wo er sagte: »Gnädiges Fräulein ... da ist die Kammerjungfer, die ich für Sie erwartete ... sie ist so eben gekommen.« Eine Stimme aus dem Innern antwortete sogleich: »O! sie soll kommen ... sie soll schnell eintreten! ... ich erwarte sie mit Ungeduld.« Comtois ließ Louisen, die zitternd und ohne die Blicke zu erheben, eintrat, vorangehen; bald aber fühlte sie sich ermuthigter, als sie die junge Ernestine ausrufen hörte: »O! wie hübsch sie ist! ... ah, sie gefällt mir sehr; kommen Sie näher, Mademoiselle; o! fürchten Sie mich nicht ... ich bin nicht schrecklich! ... nicht wahr, Comtois ... ich sehe nicht strenge aus ... nicht wie die Mutter! ... deßhalb ist aber die Mutter doch gut ... und der Vater auch ... wie heißen Sie?« »– Louise, gnädiges Fräulein.« »– Wie alt sind Sie?« »– Siebzehn Jahre.« »– Siebzehn Jahre! ... ei! wie groß und stark Sie sind ... ich bin fünfzehn Jahre alt ... bin aber etwas klein für mein Alter ... nicht wahr?« Louise mußte lächeln, und als sie die Augen auf ihre künftige Gebieterin erhob, durchdrang sie ein freudiges Gefühl beim Anblick dieses jungen, niedlichen, kindlichen Wesens, dessen blaue und schelmische Augen gerade mit einem Ausdruck von Wohlwollen auf ihr ruhten, der auf der Stelle alle Furcht verjagte, die sie bei ihrem Eintreten empfunden hatte. »Nicht wahr, ich bin für fünfzehn Jahre sehr klein?« wiederholte Ernestine, nachdem Louise sie angesehen hatte. »– Sie haben noch lange Zeit zu wachsen, gnädiges Fräulein.« »– O! ja ... das tröstet mich! ... Haben Sie schon in Paris gedient?« »– Nein, Fräulein, ich komme eben aus meinem Dorfe ... ich habe noch nirgends gedient ... und werde deßhalb Anfangs sehr ungeschickt sein, aber ich verspreche Ihnen, auf Alles, was Sie mir sagen, genau Achtung zu geben ... damit ich desto schneller lernen und Sie um so bälder befriedigen kann ...« Die kleine Ernestine hüpfte und tanzte im Zimmer herum; sie nahm Louisen bei der Hand, drückte dieselbe und rief aus: »O! was Sie so eben sagten, ist ganz gut! ... ich fühle, daß ich Sie recht lieb gewinnen werde ... jetzt schon liebe ... denn man gefällt mir entweder sogleich oder niemals! ... Sie werden mich auch lieben, nicht wahr?« »– Gnädiges Fräulein; das ist ein Leichtes, Sie sehen so gütig aus!« »– Ah, Comtois, ich bin recht zufrieden ... hat aber Louise auch ihr Gepäck mitgebracht, alle ihre Sachen bei sich ... kann sie gleich dableiben?« »– Ja, Fräulein,« antwortete Louise, »ich habe meine Effekten bei mir und kann sogleich bei Ihnen bleiben ... wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu behalten.« »– Ganz gewiß werde ich Sie nicht mehr fortlassen ... Comtois, Du richtest ihr Zimmer ein; Du weißt, das kleine hinter dem meinigen ... sorge dafür, daß ihr nichts mangelt ... daß Alles hinein kommt, was hineingehört ...« »– Seien Sie ganz ruhig, gnädiges Fräulein!« »– Ich werde zudem selbst noch nachsehen, ob Alles in Ordnung ist!« Dann fuhr die junge Ernestine mit komischer Würde fort: »– Ach! darum muß ich während der Abwesenheit der Mutter Alles überwachen ... und sie einstweilen ersetzen ... geh', Comtois, trage die Effekten Louisens in ihr Zimmer, ich will sie unterdessen meinem Vater vorstellen ... ist er in seinem Kabinet?« »– Ja gnädiges Fräulein.« »Kommen Sie, Louise ... beben Sie nicht! ... Er sieht etwas strenge aus, aber er ist nicht böse.« »–Wenn ich Ihrem Herrn Vater mißfallen würde?« flüsterte Louise mit furchtsamer Miene, »– wenn er mich zu jung für Ihre Dienste fände?« »– O! fürchten Sie nichts, sobald ich meinem Vater sage, daß Sie mir gefallen, schickt er Sie gewiß nicht mehr fort.« Die junge Ernestine ging durch das Schlafzimmer ihrer Mutter, dann durch ein zweites kleines und sagte, während sie an die Thüre eines dritten klopfte: »Ich bin's, Papa!« Worauf die trockene Stimme Herrn von Noirmonts entgegnete: »Nun, was gibt's denn schon wieder?« Die liebliche Schelmin öffnete die Thüre zu dem Arbeitszimmer ihres Vaters, streckte nur den Kopf hinein und fragte: »– Bist Du beschäftigt? ich möchte Dir gerne Jemand vorstellen ...« »– Wen?« »– Eine Kammerjungfer, die man für mich gedungen hat ... und die so eben gekommen ist.« »– Mich einer Kammerjungfer wegen zu stören! ... gehen mich diese Kleinigkeiten etwas an? wahrhaftig, Ernestine, Du mißbrauchst meine Güte.« Ach! lieber Vater, ärgere Dich nicht! da aber die Mutter abwesend ist, mußt Du schon die Kammerjungfer sehen ... ich kann das Hans nicht ganz allein führen!« Herr von Noirmont versetzte mit sanfterem Tone: »Wohlan denn, zeige sie mir ... wo ist sie? ... beeile Dich!« Ernestine ließ Louisen eintreten; diese schlug die Augen nieder und fing an zu zittern, weil Herrn von Noirmonts Stimme bei weitem nicht so sanft war, als die seiner Tochter. Nachdem Herr von Noirmont das junge, ihm vorgestellte Landmädchen einige Zeit betrachtet hatte, sagte er: »Wie alt sind Sie?« Ehe Louise antworten konnte, rief das Fräulein aus: »Sie ist siebzehn Jahre alt; nicht wahr, mein Vater, sie ist recht groß für ihr Alter ... und recht artig? o! sie gefällt mir sehr ... sie heißt Louise, sie hat noch nicht gedient ... das ist mir aber lieber ... dann kann ich sie nach meinem Kopfe bilden!« Herr von Noirmont unterdrückte mit Mühe ein durch die Worte seiner Tochter hervorgerufenes Lächeln und sagte: »Ich finde dieses Mädchen fast zu jung für Deine Dienste ...« »– Aber warum denn, lieber Vater, ganz im Gegentheil, sieh doch, wie gesetzt sie ist ... außerdem sage ich Dir ja, daß ich sie bilden will ... und Comtois hat sehr gute Auskunft über sie erhalten.« »Nun ... wenn sie Dir gefällt ... woher sind Sie?« »– Von Gagny, gnädiger Herr,« antwortete Louise zitternd. »Gagny ... ach! das ist ganz in der Nähe von Paris ... Ihre Eltern find Landleute ohne Zweifel ...« Louis« stotterte mit kaum vernehmlicher Stimme: »Ja, gnädiger Herr.« »– Und statt ihre Tochter bei sich zu behalten, schicken sie dieselbe nach Paris in Dienst! ...nun! ... weil's auf dem Lande so gebräuchlich ist! ... da soll mir noch Einer kommen und die ländlichen Sitten loben. Uebrigens scheinen Sie ein rechtschaffenes junges Mädchen, und ich will hoffen, daß Ihr Betragen Ihr Gesicht nicht Lügen strafen wird. Auch kenne ich Comtois und verlasse mich auf seine Klugheit ... geht, geht! ...« Herr von Noirmont winkte, ihn allein zu lassen, aber seine Tochter eilte auf ihn zu und küßte ihn; dann ging sie schnell mit Louisen weg und sagte, während sie die Thüre des Studirzimmers zumachte: »Jetzt ist's geschehen, ich wußte Wohl, daß es von selbst gehen würde.« Hierauf führte Ernestine Louisen in ein recht hübsches kleines Zimmer, das für sie eingerichtet war; das liebenswürdige Kind sah nach, ob der neuen Kammerjungfer nichts abgehe, kurz, zeigte ihr so viel Theilnahme, daß Louise, die lebhaft davon gerührt wurde, dem Himmel dankte, sie in dies Haus geführt zu haben. Der erste Tag wurde mit Verhaltungsmaßregeln zugebracht, die Ernestine Louisen ertheilte, und da diese nicht zu lügen wußte, so gestand sie ihrer jungen Herrschaft offen, daß sie in ihrem Amte noch sehr unerfahren sei und aller Nachsicht bedürfe. Ernestine wiederholte mit Nachdruck, sie werde sie schon bilden, sie dürfe sich deßhalb keine Sorgen machen. In Herrn von Noirmonts Hause servirte gewöhnlich, wenn nicht große Gesellschaft zum Mittagessen geladen war, der Bediente bei Tische; der Dienst der Kammerjungfer beschränkte sich sonach auf die beiden Damen; man mußte sie ankleiden helfen, und außerdem stets für sie oder das Haus arbeiten. Louise konnte sehr gut nähen; sie war thätig, flink und lernte bald, was man ihr zeigte, außer diesem lehrte sie die kleine Ernestine sticken, Straminnähen und tausend kleine weibliche Arbeiten, wovon man im Dorfe nichts weiß, die man aber in Paris verstehen muß. Louise machte reißende Fortschritte und Ernestine sagte zu ihrem Vater: »O! wenn Du wüßtest, wie zufrieden ich mit meiner Kammerjungfer bin! ...« »Sie ist also sehr geschickt?« fragte Herr von Noirmont. »– Geschickt, ja ... Sie konnte aber gar nichts ... ich habe sie Alles gelehrt ...« »– Wie, das junge Mädchen wußte nichts?« »– Was thut's! ... was ich ihr zeige, versteht sie in zwei Tagen besser, als ich selbst ... O! ich bin überzeugt, die Mutter wird mich darüber beloben.« Die bescheidene und ernste Miene Louisens erwarb ihr am Ende auch Herrn von Noirmonts Wohlwollen, der sich mit weniger rauhem Tone an sie wandte. Comtois war entzückt über seine neue Tischgenossin, und die Köchin hörte nicht auf, ihre außerordentliche Sanftmuth zu preisen; was Ernestinen betrifft, die zuweilen ungeduldig wurde und schrie, wenn sich die Kammerjungfer beim Ankleiden ungeschickt bewies, so kam das Fräulein einen Augenblick darauf wieder zu ihr her, küßte sie und bat sie, über ihre Lebhaftigkeit nicht böse zu werden. Kurz, jeder neue Tag vermehrte die Anhänglichkeit, welche sie für Louisen empfand, und diese wäre in ihrer gegenwärtigen Lage glücklich gewesen, wenn sie das Andenken Cherubins nicht fortwährend verfolgt hätte; aber sie verlor allmählig die Hoffnung, ihn in Paris zu sehen, denn bei Herrn von Noirmont kam sie selten aus dem Hause, und wenn es der Fall war, so geschah es nur, um einige Einkäufe in benachbarten Läden für ihr Fräulein zu machen. Drei Wochen war Louise in Ernestinens Diensten, als diese zu ihr sagte: »Endlich wird die Mutter zurückkehren! ... der Vater sagte mir so eben, daß sie in drei Tagen hier sein werde ... es ist ein Glück, denn nun ist sie seit beinahe sechs Wochen abwesend und ich bin verstimmt, sie so lange nicht zu sehen. O! welches Glück, wenn sie wieder da ist, dann fehlt mir nichts mehr ... Sie wird Dich auch lieben, die Mutter; ich bin gewiß, sie wird ebenfalls sehr zufrieden mit Dir sein.« Louise antwortete nicht, aber sie fühlte sich erschüttert und konnte sich keine Rechenschaft von der sonderbaren Bewegung geben, die sie durchdrang, als man ihr verkündete, sie werde Frau von Noirmont sehen. Einundzwanzigstes Kapitel Das erste Rendezvous. Die Wohlgerüche. Cherubin befolgte Darena's Rath; er schrieb ein sehr verliebtes, aber sehr schüchternes Billet an die junge Frau, welche er im Theater gesehen hatte; am Morgen nach dem im Cirkus zugebrachten Abend begab sich Darena frühzeitig zu seinem Freunde: er traf ihn am Schlusse seiner zärtlichen Epistel. »Schreiben Sie der schönen Fremden?« fragte Darena, sich in einen Lehnstuhl werfend. »– Ja, mein Freund, ich habe so eben meinen Brief beendigt ... den Sie mir zu überliefern versprochen haben.« »– O beim Kuckuk! kann man mit Gold nicht Alles ausrichten? weichen nicht alle Hindernisse vor ihm? ... man besticht Bediente ... Mägde ... Kammerfrauen ... Thürhüter ... Ich werde verschwenderisch austheilen.« Mit diesen Worten klopfte der Graf an all' seine Taschen, die aber keinen Klang von sich gaben. »– Um aber Gold austheilen zu können, muß man welches haben, und ich mache eben die unangenehme Entdeckung, daß meine Taschen leer sind.« Cherubin holte mehrere Rollen aus seinem Schreibtisch, überreichte sie Darena und sagte zu ihm: »Hier ist, mein Freund, hier ... sparen Sie es nicht ... belohnen Sie Alle, die meiner Liebe dienen werden, reichlich.« »– Sie brauchen mir das nicht anzuempfehlen; ich werde als Ihr Bevollmächtigter den Großartigen ... den Buckingham spielen! ... Sie sind ja reich, und wenn Ihr Reichthum nicht zur Erfüllung Ihrer Wünsche angewandt würde, so wäre es nicht der Mühe werth, ihn zu besitzen. Ist Ihr Billet recht feurig?« »– Ich glaube, es ist sehr anständig ...« »– Anständig! Davon handelt es sich nicht, mein lieber Freund ... Lassen Sie einmal sehen, lesen Sie mir vor, was Sie geschrieben haben, damit ich mich überzeuge, ob es gut ist.« Cherubin nahm den Brief und las: »Madame ich bitte recht sehr um Entschuldigung, daß ich mir die Freiheit nehme, an Sie zu schreiben, aber ...« Das schallende Gelächter Darena's unterbrach Cherubin, der brummte: »Warum lachen Sie? ... ist es nicht recht?« »– Ha! ha! ha! das ist zum Entzücken naiv ... man könnte glauben, ein Neffe wolle seiner Tante zum Namensfeste gratuliren ... Nur weiter!« Cherubin fuhr fort: »Aber ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn ich das Vergnügen haben könnte, Ihre Bekanntschaft zu machen ... Meine Familie ist bekannt ... Ich habe Zutritt in die besten Gesellschaften und ...« »Genug! genug!« schrie Darena aufstehend. »–So geht's nicht, mein theurer Freund! Sie sind nicht auf dem rechten Wege!« »– Finden Sie dieses Schreiben zu kühn?« »– Im Gegentheil! nicht kühn genug! ... Man würde Sie verhöhnen, wenn man das läse.« »– Bedenken Sie doch, es ist das erste Mal, daß ich einen Liebesbrief schreibe, und ich weiß nicht, wie man dergleichen abfaßt.« »– Nehmen Sie die Feder wieder auf und schreiben Sie was ich Ihnen diktiren werde.« »– Ganz gut, das ist mir lieber.« Cherubin setzte sich wieder an den Schreibtisch, und Darena diktirte: »– Mehr als angebetetes Weib! Ich brenne, ich vertrockne, ich verschmachte!! ... Ihre Augen sind die Flamme, Ihr Lächeln der Blasbalg, mein Herz der entzündete Holzstoß! Sie haben mein ganzes Wesen in Brand gesteckt ... Ein Wort der Liebe, der Hoffnung, oder ich stehe für nichts mehr, oder ich tödte mich zu Ihren Füßen, vor Ihren Augen, in Ihren Armen! ... Spott! Betrug! Verdammniß! wenn Sie nicht antworten!« Cherubin hielt inne und sagte: »Mein Gott, lieber Graf, das ist ja aber Alles entsetzlich!« »– So muß es sein.« »– Dann muß ich Ihnen frei gestehen, daß ich aus diesem Schreiben durchaus nicht klug werde.« »– Das ist gerade das Schöne! diese unklare Sprache deutet bereits auf den beginnenden Liebesparoxismus, wenn man's verstünde, würde es keinen Eindruck machen.« »– Warum schreibt man nicht ganz einfach, wie man spricht?« »– Weil, wie ich Ihnen sage, drei Viertheile der Frauen, die sich durch Einfachheit und Natürlichkeit schwerlich verführen ließen, außer sich gerathen, wenn man sich stellt, als habe man aus Liebe zu ihnen den Kopf verloren. Verlassen Sie sich auf mich ... dieses Billet wird Ihnen das Herz der reizenden Polin erobern. Unterzeichnen Sie und übergeben Sie es mir!« Cherubin gehorchte. »Apropos!« sagte Darena, den Brief übernehmend, »sprechen Sie von diesem Abenteuer nichts mit Ihrem Herrn von Monfréville.« »– Warum nicht?« »– Weil vor allen Dingen eine Intrigue mit so bedeutenden Personen, wie diese Polen, aufs Geheimnißvollste betrieben werden muß! Monfréville ist sehr neugierig, sehr unverschwiegen ... er würde die schöne Frau sehen wollen und Alles verderben.« »– Aber Sie irren sich, Herr von Monfréville ist weder neugierig noch unverschwiegen ... er ist im Gegentheil ein sehr vernünftiger Mann, der mir nur gute Rathschläge gibt.« Darena biß sich in die Lippen, als er sah, daß er sich vergebens bemühen würde, die gute Meinung, die Cherubin von Monfréville gefaßt hatte, zu zerstören; er fuhr in spöttischem Tone fort: »Der vernünftige, der tugendhafte Monfréville!!! ... Indessen war er es nicht immer. ich erinnere mich einer Zeit, wo er der leichtsinnigste Mensch war ... und man nur von seinen Liebesabenteuern sprach ... es sind jetzt allerdings fünfzehn bis sechzehn Jahre seit jener Zeit ... Nun, ein junger Ausschweifling, ein alter Betbruder, sagt das Sprüchwort ... Ich zum wenigsten habe mich nicht geändert, wie ich heute bin, war ich stets, und will auch so bleiben ... das ist mir lieber ... Kurz, mein Freund, ich wiederhole Ihnen, wenn ich mich dazu hergebe, Ihnen in Ihrer Liebschaft mit der jungen Polin beizustehen, so geschieht es nur aus Freundschaft für Sie, aber Sie werden begreifen, daß mich die mindeste Rücksichtslosigkeit in Verlegenheit bringen würde; ich verlange Geheimhaltung, oder mische mich nicht darein.« Cherubin schwur, gegen Jedermann von seiner neuen Eroberung zu schweigen, und Darena versprach, sobald er ihm etwas mitzutheilen hätte, wieder zu kommen. Darena hatte kaum das Hotel seines jungen Freundes verlassen, als Jasmin vor seinem Herrn erschien. Der alte Diener machte eine wichtige, geheimnißvolle Miene und schien zugleich durch seinen Auftrag geschmeichelt zu sein; er näherte sich auf den Zehenspitzen, als ob er fürchtete, gehört zu werden, trat dicht auf seinen Herrn zu, über den er beinahe stolperte, weil er, sich gegen ihn vorbeugend, das Gleichgewicht verlor, und sprach mit zugleich wichtiger und komischer Miene zu ihm: »Gnädiger Herr ... es ist ein Frauenzimmer da ... die uns zu sprechen wünscht ... das heißt Sie zu sprechen wünscht ... wenn Sie allein sind.« Cherubin konnte sich nicht enthalten, über das drollige Aussehen seines alten Dieners und die pfiffige Miene die er bei seiner Meldung anzunehmen trachtete, zu lachen. »– Wer ist das Frauenzimmer, Jasmin, kennst Du sie?« »– Ja, gnädiger Herr, ich habe sie erkannt ... ich sah sie schon im Vorzimmer ihrer Gebieterin, zu der Sie bisweilen gehen.« »Wie?« »–Ganz gewiß, es ist eine Kammerjungfer ... o! sie kommt nicht von freien Stücken ... ihre Herrschaft schickt sie ... das kenne ich ... es kamen ihrer viele zu Ihrem seligen Herrn Vater vor seiner Verheirathung ... sie standen öfters in einer Reihe hintereinander in unserem kleinen Salon ... Ha! ha! ... ich trieb mit all' diesen Kätzchen meine Possen.« »– Nun, und wer schickt diese Kammerjungfer ...?« »– Habe ich es dem gnädigen Herrn noch nicht gesagt? ... die Frau von Baldieri.« »– Die schöne Gräfin! ... ei, laß sie doch gleich eintreten, Jasmin!« Cherubin war sehr neugierig, zu erfahren, was Frau von Baldieri von ihm wollen könnte. Jasmin holte die Kammerjungfer, ein großes, starkes, zwanzigjähriges Mädchen von lebhafter Gesichtsfarbe und einem recht hübschen Aeußern, die, wie es schien, nicht in Verlegenheit gerieth, wenn sie in das Zimmer eines Herrn treten mußte. Nachdem sie der alte Diener bei seinem Herrn eingeführt hatte, wollte er beim Weggehen (da er sich ohne Zweifel in die Zeiten von Cherubin's Vater versetzt glaubte) sachte die Taille der schönen Kammerjungfer umfassen, aber er glitschte mit dem Fuße aus und war, um nicht zu fallen, genöthigt, sich an Derjenigen zu halten, die er nur hatte liebkosen wollen; glücklicherweise war die Zofe fest auf den Beinen und zur Unterstützung des alten Dieners stark genug, dem sie, während er sich beschämt entfernte, ins Gesicht lachte. Sobald Jasmin hinausgegangen war, zog die Kammerjungfer ein kleines, wohlduftendes Briefchen aus der Schürze, überreichte es dem jungen Marquis und sagte: »Die gnädige Frau hat mich beauftragt, dieses dem Herrn Marquis mit der Bitte zu übergeben, mir sogleich die Antwort darauf zuzustellen.« Cherubin zitterte vor Vergnügen, als er das Billet in die Hände nahm, und während sich die Zofe bescheiden zurückzog, las er mit Eifer das Schreiben der schönen Frau, welches folgende Worte enthielt: »Sie sind nicht liebenswürdig: seit mehren Tagen vermißt man Sie; um sich mit mir auszusöhnen, müssen Sie mir heute Vormittag einen Augenblick schenken und mir Ihre Meinung über einige jüngst an mich gelichtete Verse sagen; ich erwarte Sie um ein Uhr.« Cherubin kannte sich nicht mehr vor Freuden, er las das liebliche Bittet noch einmal durch und sagte zu der Kammerjungfer: »– Mademoiselle, ich nehme die Einladung Ihrer Gebieterin mit dem größten Vergnügen an ... ich werde mich um ein Uhr bei ihr einfinden ... o! ich werde nicht fehlen.« »Der gnädige Herr wollen also nicht schriftlich antworten?« fragte die Kammerjungfer. Cherubin zögerte und ging auf den Sekretär zu; er fühlte wohl, daß es vielleicht passender wäre, diese Gelegenheit zu benützen, um der schönen Dame einige angenehme Dinge zu schreiben; aber er erinnerte sich, daß Darena ihm kaum erst gesagt hatte, er verstehe keinen Liebesbrief zu schreiben, und da er fürchtete, einige Schnitzer zu machen, so warf er die Feder bei Seite und rief aus: »Nein! gewiß ... ich habe keine Zeit zum Schreiben ... überdies habe ich Ihrer Gebieterin viel zu viel mitzutheilen ... ich wüßte nicht, womit ich anfangen sollte ... überbringen Sie ihr nur die Versicherung, daß ich nicht auf mich warten lassen werde.« Die Kammerjungfer lächelte, machte einen niedlichen kleinen Knix und schien der Erwartung, daß ihr der junge Mann etwas in die Tasche spazieren lassen und von ihrer Wange einen Vorschuß auf das nehmen werde, was er von ihrer Herrschaft zu erwarten habe; als sie jedoch sah, daß hiervon nichts geschah, zuckte sie unmerklich die Achseln, entfernte sich, hütete sich aber Wohl, bei der Rückkehr durch's Vorzimmer dem alten Diener zu nahe zu kommen, der wiederholt geneigt schien, sie in die Gefahr des Fallens zu bringen, und sagte beim Hinausgehen zu sich: »Der Diener ist zu alt! aber der Herr zu jung!« Cherubin schwamm im Entzücken: das Billet der Frau von Baldieri machte ihn die schöne Polin ganz vergessen; im neunzehnten Jahre denkt man gewöhnlich nur an das Glück der Gegenwart; eine Liebe, die sich gerade darbietet, verjagt diejenige, von der man nur träumte; man braucht nicht immer neunzehn Jahre alt zu sein, um dies zu erfahren; aber kann man wohl alle diese Gefühle, die sich so schnell nacheinander ersetzen, Liebe nennen? Cherubin blickte auf seine Uhr, sie zeigte auf halb zwölf; um ein Uhr soll er bei Frau von Valdieri sein, er wollte sich zu diesem Zwecke besonders sorgfältig kleiden. Er läutete Jasmin und seinem andern Jockey, ließ sich, ohne zu wissen, welchen er anlegen wollte, mehrere Anzüge bringen, kämmen, frisiren, Locken brennen, stand jeden Augenblick auf, um vor einen Spiegel zu rennen, und befahl seinem alten Diener, wohlriechende Wasser auf sein Taschentuch zu gießen; Jasmin leerte mehrere Flacons darüber aus, lächelte schelmisch und brummte: »Was habe ich gesagt! unser Liebesglück fängt an ... Nun wollen wir aber tolle Streiche machen! ... wir sind hübsch genug dazu! ...« Wahrend des Ankleidens dachte Cherubin an die schöne Dame, mit der er sich zum ersten Male allein befinden sollte; er war unruhig, besorgt, wie er sich mit ihr unterhalten solle; dieses Stelldichein erfreute ihn sehr, aber er bedauerte, daß Monfréville nicht zugegen war, um von ihm zu erfahren, wie man sich mit einer Dame der großen Welt, die Einen zum Versevorlesen einladet, benehmen müsse. Es war zu spät, Monfréville um Rath zu fragen, denn die Stunde des Stelldicheins rückte herbei. Cherubin hatte seine Toilette beendigt und bemerkte nicht, daß ihn Jasmin mit Wohlgerüchen durchtränkt hatte; sein Frack roch nach Rosenöl, seine Weste nach Patchouli, sein Taschentuch nach eau de Portugal und seine übrigen Kleidungsstücke zum Ueberfluß noch nach Moschus. Er betrachtete sich noch einmal, fand nichts an sich auszusetzen, stieg in sein Tilbury und hielt bald vor dem Hause der Gräfin. Die Kammerjungfer führte ihn ein, und statt in den Salon, geleitete sie ihn diesmal durch mehrere geheime Gänge zu einem köstlichen Boudoir, wo ein so mildes, geheimnißvolles Licht herrschte, daß man kaum darin sehen konnte. Nach einigen Augenblicken gewöhnte sich jedoch das Auge an dieses Zwielicht, und Cherubin erblickte die schöne Gräfin halb auf einer Causeuse liegend, die in einer kleinen, mit Vorhängen versehenen, alkovartigen Vertiefung stand. Cherubin verneigte sich tief, indem er sprach: »Vergebung, Madame ... ich hatte Sie nicht gleich wahrgenommen, es ist so dunkel hier.« »Finden Sie?« entgegnete die schöne Emma, sich zierend. »Ich liebe das volle Tageslicht nicht, es greift mir die Augen an. Es ist recht liebenswürdig, Herr Cherubin, daß Sie einwilligten, mir einige Augenblicke zu opfern ... Sie, der Sie überall so gesucht sind.« »– Madame, es ist ein großes Vergnügen für mich, und ich, ich ... zwar stehe ich Ihnen nicht dafür, daß ich Verse gut lese ... Ich habe keine Uebung darin.« Die Gräfin lächelte und winkte ihm, sich neben sie zu setzen. Cherubin fühlte sich außerordentlich ängstlich, als er in diesen köstlichen kleinen Schlupfwinkel eindrang und sich auf der keineswegs breiten Causeuse niederließ, wodurch er genöthigt war, ganz dicht an die darauf Sitzende zu rücken. Ein Augenblick des Schweigens herrschte dann; die Gräfin, welche sich durch Cherubins Aengstlichkeit und Verwirrung geschmeichelt fühlte, entschloß sich gegen ihre Gewohnheit, die Unterhaltung zuerst wieder anzuknüpfen. »– Wie finden Sie mein Boudoir?« »– Sehr hübsch, Madame, aber um Verse zu lesen ... scheint es mir etwas dunkel hier.« Die liebliche Dame machte eine kleine Bewegung mit dem Kopfe und versetzte: »Gefällt Ihnen das Boudoir der Madame Celival besser als dieses?« »– Das Boudoir der Madame Celival? ich war nie dort, Madame; es ist mir unbekannt.« »– O! Sie lügen!« »– Ich versichere Sie, Madame ...« »– Sie lügen! indessen tadle ich Sie nicht darum; Verschwiegenheit ist die erste Bedingung, welche man in der Liebe fordern muß ...« »– Verschwiegenheit ...« »– O! Sie thun zum Entzücken naiv ... ich lasse mich jedoch von dieser ehrlichen Miene nicht täuschen ... Aber mein Gott! ... es herrscht hier ein Parfüm oder vielmehr eine Mischung von Wohlgerüchen ... Haben Sie Rosenöl an sich?« »– Rosenöl? ... ich weiß nicht ... es ist möglich ... Ist es Ihnen unangenehm? ...« »– Ich habe so reizbare Nerven ... doch das wird vorübergehen.« Die schöne Gräfin lehnte sich einen Augenblick zurück, hielt ihr Taschentuch vor das Angesicht und stieß einen tiefen Seufzer aus. Cherubin blickte sie an und wagte nicht, sich zu rühren. Wiederum trat ein längeres Schweigen ein; der Jüngling wollte eine Masse Dinge sagen, wußte aber nicht, wie er sich ausdrücken sollte, und flüsterte endlich: »Ihr Herr Gemahl befindet sich wohl, Madame?« Die schöne junge Frau brach in ein lautes, dem Anschein nach etwas erzwungenes Lachen aus, während sie entgegnete: »Ja, mein Herr, ja; mein Gemahl singt ... wenn er nur musiciren kann, das ist sein Höchstes. Mein Gott! ... es riecht auch nach Patchouli ... nach Moschus ... Ach! das verursacht mir Schwindel!« Und, war es nun die Wirkung des Schwindels oder irgend eine andere Ursache, die junge Frau beugte sich halb über Cherubin her, so daß ihr Kopf beinahe den des jungen Mannes berührte, der sich nur noch ein klein wenig hätte nähern dürfen, um sie in seine Arme zu schließen und zu küssen. Er aber fühlte sich beim Anblick eines reizenden Mundes, so nahe bei sich, daß ihn dessen lieblicher Hauch streifte, dergestalt ergriffen, daß er außer Stand war, sich zu rühren, und endlich stotterte: »Madame ... ich glaubte, Ihnen Verse vorlesen zu sollen ...« Die kleine Gräfin erhob plötzlich den Kopf und stützte ihn auf die entgegengesetzte Seite der Causeuse, während sie mißlaunig erwiderte: »Ach, Gott! mein Herr, Sie haben ein Gedächtniß! ... Nun gut! nehmen Sie das vor Ihnen liegende Album ... und lesen Sie!« Cherubin nahm ein auf einem Lehnstuhl befindliches Album, öffnete es und sah Zeichnungen, Verse, Bildnisse, kurz Alles, was man in dem Album einer schönen jungen Frau finden kann; nachdem er einen Augenblick geblättert hatte, wandte er sich gegen die Gräfin und fragte sie mit schüchternem Tone: »Was soll ich Ihnen vorlesen, Madame!« »– Ei! mein Gott! ... was Sie wollen, das ist mir sehr gleichgültig! ...« Cherubin schlug das Album von Neuem auf und las zufällig: »Verse, schöne Gräfin, wünschen Sie Von mir in Ihr Album zu erhalten! Wohl ich weiß, daß Sie zur Poesie Selbst vermöchten himmlische Gewalten, Doch zu dichten, braucht man Phantasie Und kein Bild will sich in mir gestalten. Aber darum wund're ich mich nie, Wenn Sie selbst so nahe um mich walten.« »Ach! das ist von dem närrischen Herrn Dalbonne! ...« murmelte Madame Valdieri, sich ungeduldig auf der Causeuse herumbewegend. »Der macht lauter solche Verse ... er betet alle Weiber an! ... und Sie, Herr Cherubin? ... sind Sie auch so? ...« »Ich? Madame!« entgegnete Cherubin verlegen, »o! ... nein ... ich ... ich ... doch ich fahre fort: Geschichte einer Maus.« »– O! das ist viel zu lang.« Die schöne Emma, der es ohne Zweifel nicht darum zu thun war, die Geschichte einer Maus in ihrer Länge vorlesen zu hören, und welche sich von Cherubin verspottet glaubte, faßte einen äußersten Entschluß; sie streckte sich auf der Causeuse aus und stöhnte: »Ach! ich kann es nicht mehr aushalten ... diese Gerüche greifen meine Nerven an ... ich fühle mich unwohl! ...« Cherubin stieß einen Schrei des Entsetzens aus, ließ das Album auf den Boden fallen und betrachtete die reizende Blondine, welche, obgleich sich unwohl fühlend, die anmuthigste Lage angenommen hatte, die eine Kokette nur erfinden kann, und deren halb geschlossene Augen von einem Ausdrucke strahlten, der keine ernstliche Gefahr verkündete. Aber statt Alles dieses zu bewundern, stand Cherubin auf, rannte im Zimmer umher, suchte nach Riechfläschchen, indem er ausrief: »Ach! mein Gott! ... Sie werden ohnmächtig ... und ich bin Schuld daran ... ich bin trostlos darüber ... ich will Leute herbeirufen ...« »O nein, mein Herr, schnüren Sie mich lieber auf!« flüsterte die Gräfin mit einem Seufzer. »– Sie aufschnüren ... aber das kann ich ja nicht ... wenn Sie indessen ... glauben ...« Und Cherubin näherte sich jetzt der jungen Frau, um ihrem Auftrage Folge zu leisten; und diese, als sie ihn sich über sie herbeugen sah, schloß ihre Augen ganz, weil sie vermuthete, daß ihm das mehr Muth machen, und er sich besser zu betragen wissen werde; aber als Cherubin die völlig geschlossenen Augen der Gräfin bemerkte, machte er einen Satz rückwärts, eilte an eine Klingel und zog mit Heftigkeit die Schnur, während er schrie: »Sie verliert ihre Besinnung ganz! wie ungeschickt bin ich! da die Wohlgerüche an mir das Uebelbefinden der Frau von Valdieri verursacht haben, so wird sie, so lange ich anwesend bin, sich nicht erholen können ...« Die Kammerjungfer trat, ganz verwundert über das plötzliche Läuten, ein, Cherubin deutete auf ihre auf der Causeuse ausgestreckte Gebieterin und sagte: »Kommen Sie, eilen Sie schnell der Frau Gräfin zu Hülfe ... ich mache mich aus dem Staube, die Wohlgerüche, die ich an mir habe, sind an ihrem Uebelbefinden Schuld, deßhalb darf ich nicht in ihrer Nähe bleiben ... sagen Sie ihr doch, wie sehr ich das Vorgefallene bedaure!« Damit nahm Cherubin seinen Hut, entfernte sich schnell aus dem Boudoir und ließ die Kammerjungfer und die schöne junge Gräfin, deren Augen nun vollkommen offen standen, voller Staunen zurück. Cherubin kam, Jasmin verwünschend, der einen wahren Parfümerieladen aus ihm gemacht hatte, nach Hause zurück. Er fand Monfréville, der auf ihn wartete, und erzählte ihm das eben Begegnete. Als der junge Marquis zu sprechen aufgehört hatte, betrachtete ihn Monfréville mit einer eigentümlichen Miene und sagte: »Mein lieber Freund, ich war stets aufrichtig gegen Sie, ich muß Ihnen also gestehen, daß Sie sich in dieser ganzen Geschichte wie ein Einfaltspinsel benommen haben!« »– Wie ein Einfaltspinsel!« schrie Cherubin. »– Ja, so einfältig als möglich; wenn Sie eine junge schöne Frau allein in ihrem Boudoir aufnimmt, so geschieht's, um sich die Cour machen ... und nicht um sich vorlesen zu lassen ... die Verse waren nur ein Vorwand! ...« »– Glauben Sie? ... mein Gott, der Gedanke kam mir auch ... aber ich wagte nicht mir zu erlauben ... wenn es ihr nur nicht übel geworden wäre!« »– Ei! da wurde Ihnen ja erst der Sieg recht angeboten ... Wie? eine reizende Frau fordert Sie auf, sie aufzuschnüren, und Sie läuten ihrer Kammerjungfer ... Ach! mein armer Cherubin ... wenn dieses Abenteuer bekannt wird, wird es Ihnen in der Welt viel schaden!« »– Mein Gott! Sie bringen mich zur Verzweiflung ... ich wußte ja nicht ... o! ich will meinen Fehler wieder gut machen, vor allen Dingen werde ich, wenn ich wieder zu der schönen Emma ins Boudoir kommen darf, höchstens einen Wohlgeruch über mich gießen lassen und dann ... sehr unternehmend sein.« »– Ich wünsche die Wiederherstellung Ihres guten Einvernehmens mit der Gräfin, aber ich zweifle daran.« »– Warum denn?« »– Weil sich bei den Frauen ... bei den koketten Frauen besonders ... eine versäumte Gelegenheit nie wieder hereinbringen läßt. So möchte ich darauf wetten, daß Frau von Valdieri nie mehr mit Ihnen sprechen und Ihnen nie wieder ein Rendezvous geben wird.« »– Glauben Sie? wenn ich aber eines von ihr verlange?« »– So wird Sie es verweigern.« »– O! das kann ich nicht glauben! wie? weil ich fürchtete, ihr durch meine Gegenwart beschwerlich zu fallen!« »– Armer Cherubin! welches Kind sind Sie noch ... aber, halten Sie, lassen Sie uns diesen Abend zu Madame Celival gehen, die kleine Gräfin kommt dort gewöhnlich hin, wenn wir sie antreffen, werden Sie gleich sehen, ob ich Recht habe.« Cherubin nahm den Vorschlag an; ungeduldig erwartete er den Abend, denn er brannte vor Begierde, Frau von Valdieri zu begegnen; er war der Ueberzeugung, Monfréville täusche sich, und konnte nicht glauben, daß man ihn schlecht aufnehmen werde, weil er sich von dieser Dame, die seine Wohlgerüche belästigten, entfernt hatte. Die Stunde zur Gesellschaft schlug; Monfréville holte seinen jungen Freund ab, und beide begaben sich zu Madame Celival. Die Salons hatten sich schon gefüllt, aber die schöne Gräfin war nicht zugegen, und Cherubin, der sie suchte und, so oft die Thüre aufging, eintreten zu sehen hoffte, hatte eine unruhige, zerstreute Miene, welche Madame Celival nicht entging; die lebhafte Wittwe machte ihm deßhalb Vorwürfe und suchte ihn an sich zu fesseln, als endlich Frau von Valdieri mit ihrem Gemahl erschien. Nie war die kleine Gräfin geschmackvoller, anmuthiger, koketter gekleidet gewesen; niemals hatte sie einen ihre Reize mehr hervorhebenden Anzug getragen; man konnte meinen, sie habe, um sich für das ihr im Laufe des Tages Begegnete zu rächen, geschworen, diesen Abend noch mehr Eroberungen als gewöhnlich zu machen. Alle Männer umgaben schmeichelnd die reizende, eben eingetretene Frau; Cherubin sprach kein Wort, aber er konnte nicht aufhören, Emma zu betrachten, und dachte bei sich selbst: »Und diesen Morgen ... saß ich neben ihr ... wir waren allein in ihrem Boudoir ... sie legte beinahe ihr Haupt auf meine Schulter ... und ... ach! ich glaube, Monfréville hat Recht ... ich war sehr einfältig.« Cherubin wartete, bis die Gräfin die Huldigungen, welche Jeder einer schönen Frau darzubringen sich beeifert, empfangen hatte; als Frau von Valdieri nicht mehr von Andern umringt war, benützte er einen Augenblick, sich ihr zu nähern, und sagte in einem fast vertraulichen Tone zu ihr: »Nun, Madame, befinden Sie sich diesen Abend besser? ... hatte Ihr Unwohlsein keine Folgen?« Die kleine Gräfin warf einen verächtlichen Blick auf Cherubin und entgegnete ihm spöttisch: »Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen, mein Herr!« »– Sie wissen nicht, was ich sagen will? diesen Morgen wurde es Ihnen doch ...« Die Gräfin stand, dem Anscheine nach ohne Cherubins Worte zu beachten, auf, und setzte sich neben eine Dame, mit der sie, nach dem häufigen Gelächter, welches dabei zu vernehmen war, eine sehr heitere Unterredung begann. Der Jüngling blieb, wie versteinert, stehen; dann setzte er sich in eine Ecke und sprach vor sich hin: »Welcher Ton ... welcher Blick! ... man könnte glauben, sie kenne mich nicht mehr.« Monfréville, der an einem Spieltische Platz genommen hatte, konnte nicht zum Troste seines Freundes herbeikommen; und Cherubin saß ziemlich lange unbemerkt auf der Seite, als sich eine Hand sanft auf seine Schulter legte, und eine eindringende Stimme ihm beinahe ins Ohr sagte: »Was treiben Sie da? ... schmollen Sie? ... Es scheint mir, Frau von Valdieri behandle Sie heute Abend nicht gut?« »– Sie sind's, Madame?« »– Habe ich nicht recht gerathen? ... Sie haben sich mit der kleinen Gräfin gezankt?« »– Ich! ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie sich irren ... ich stehe nicht so vertraut mit dieser Dame, um ...« »– Sie sind verschwiegen; ... das ist lobenswerth ... und wird Ihnen bei den Damen nützen.« »Nun!« dachte Cherubin, »über diesen Punkt sind, wie es scheint, alle Frauen einig; Madame Celival sagt mir ungefähr dieselben Dinge, wie die Gräfin.« Die schöne Wittwe ließ sich einen Augenblick neben Cherubin nieder, indem sie ihm ganz leise ins Ohr flüsterte: »Sie müssen einen recht schlimmen Streich begangen haben, daß man Sie so behandelt ... Sie nicht mehr ansieht?« »– Ich, Madame? ich schwöre Ihnen, ich habe gar nichts begangen!« »– Und das sagt er mir mit einer so aufrichtigen Miene, man könnte ihn für einen kleinen Heiligen halten!« »– Man hat mich zum Beispiel gefragt, ob Ihr Boudoir hübscher wäre, als ... das ihrige? ... Ich habe gesagt, ich wisse es nicht; dann hat man mir auch vorgeworfen, ich lüge ... und Sie sehen doch wohl, daß ich die Wahrheit sprach.« »– Ei! man hat Sie gefragt, ob mein Boudoir schöner sei!« versetzte Frau von Celival mit etwas beleidigter Miene. »Sie geben folglich zu, daß Sie in das ihrige kommen ... Ach! diese kleine Gräfin! ... wahrhaftig, ich finde sie sehr neugierig, zu fragen, ob Sie das meinige gesehen haben! ... und Sie haben mit Nein geantwortet?« »– Es scheint mir, Madame, daß ich nicht ja sagen konnte; das wäre eine Lüge gewesen.« »Ah! er ist erstaunlich mit seinen Scrupeln ... als ob in der Welt nie gelogen würde ... aber Sie wissen doch, daß man zuweilen dazu gezwungen wird, daß es oft unvermeidlich ist? ... Uebrigens sollen Sie auch mein Boudoir kennen lernen, damit Sie dieser Dame, wenn Sie wieder von ihr befragt werden, darauf dienen können ... finden Sie sich morgen zum Frühstück bei mir ein ...« »– Ah! Madame! welche Güte ...« »– Wollen Sie kommen? wird man es Ihnen gestatten?« »– Ob man mir es gestattet? bin ich denn nicht mein eigener Herr?« »– Vielleicht ... also morgen um zwölf Uhr erwarte ich Sie ... wir werden in meinem Boudoir frühstücken, damit Sie hinlänglich Zeit haben, mit ihm bekannt zu werden ... und der Frau Gräfin sagen können, was Sie davon halten.« »O! ich wette zum Voraus, daß es hübscher und nicht so dunkel, wie das ihrige ist!« Madame Celival lächelte, legte sanft ihre Hand auf die Cherubins und entfernte sich, ihm leise zuflüsternd: »– Auf morgen!« Cherubin, entzückt über das neue Rendezvous, vergaß bald Frau von Valdieri's Verachtung; er wurde wieder munter, faßte frischen Muth und suchte Monfréville beim Spiele auf, dem er ins Ohr flüsterte: »Mein Freund, ich habe ein anderes.« »– Was für ein anderes?« »– Ein anderes Rendezvous in einem Boudoir auf morgen.« »– Mit derselben Person?« »– Nein, mit Madame Celival.« »– Wie glücklich Sie sind! sorgen Sie aber, daß Sie sich besser herausziehen, als aus dem ersten.« »– O! seien Sie ruhig! dieses Mal werde ich mich nicht mit Wohlgerüchen besprengen! ... Spielen Sie noch lange?« »– Ja ... wir haben so eben diese Whist-Partie angefangen ... ich werde wenigstens zwei Robber machen.« »– Goddam! so verlasse ich Sie! ich gehe schlafen.« »– Sie können doch unmöglich schon müde sein?« »– Frau von Valdieri sieht mich immer so spöttisch an, ich will lieber nach Hause gehen.« Cherubin verschwand aus den Salons und kehrte ganz mit dem Gedanken an Madame Celival und das ihm von ihr auf morgen gegebene Rendezvous beschäftigt, in sein Hôtel zurück. Zweiundzwanzigstes Kapitel Die gedörrten Pflaumen. Man erwacht bald, wenn man verliebt ist und ein Rendezvous mit der Dame seiner Gedanken hat; es ist nicht sehr gewiß, daß Cherubin Madame Celival liebte, es ist sogar eher wahrscheinlich, daß er für alle diese Eroberungen nur jenes vorübergehende Verlangen empfand, welches alle junge Männer in der Nähe einer schönen Frau anwandelt, – eine Krankheit, die man oft noch im reifern Alter fühlt, und wovon es sehr angenehm ist, selbst in alten Tagen nicht geheilt zu werden. Aber Cherubin war noch zu unerfahren, um zwischen den Gefühlen, die ihn bewegten, unterscheiden zu können; im gegenwärtigen Augenblicke hielt er sich für sehr verliebt in Madame Celival. Kaum erwacht, läutete Cherubin. Trotz seines Alters war Jasmin Morgens stets der Erste in seines Herrn Dienste; dieser wies ihn aber diesmal beim Ankleiden zurück und sagte zu ihm: »Du hast gestern schöne Geschichten gemacht, Jasmin!« »Was habe ich denn gemacht, gnädiger Herr?« fragte der alte Diener, durch die Mißlaune Cherubins ganz erschreckt. »Was? Jasmin! Du hast mich in Wohlgerüchen gebadet ... Du hast alle meine Kleider damit benetzt ... ich war ein lebendiges, parfümirtes Kräuterkissen.« »– Haben der gnädige Herr nicht gut gerochen?« »– Ei freilich! ich roch nur zu gut! das heißt zu stark! ich stieg den Leuten in den Kopf und – nervenschwache Damen können das nicht ertragen ... Du bist Schuld, daß es einer Dame übel wurde; das war mir sehr unangenehm.« Jasmin war trostlos; um die gestern begangene Dummheit wieder gut zu machen, schlug er seinem Herrn vor, in alle seine Taschen Kampfer zu stecken, was, wie man ihm gesagt, vortrefflich für die Nerven sei, und wie er denke, das durch die Wohlgerüche verursachte Uebel wieder gut machen werde; aber Cherubin litt es nicht; er verbot Jasmin ausdrücklich, ihn auf irgend eine Weise zu parfümiren; er war aber vorher genöthigt, sich mit dem alten Diener herumzuzanken, um ihn abzuhalten, ihm Kampferstückchen in die Taschen zu praktiziren. Nach beendigter Toilette versicherte sich Cherubin, daß er nach nichts rieche; und in Erwartung des Augenblickes, wo es Zeit sein werde, sich Madame Celival vorzustellen, beschäftigte er sich zum Voraus mit der schönen Wittwe und überlegte in seinem Kopfe, was er Alles mit ihr sprechen wolle, wobei ihn am Meisten der Gedanke, mit ihr zu frühstücken, in Unruhe versetzte. »– Wenn man mit einer Dame frühstückt,« sagte er zu sich, »in die man verliebt ist, darf man da essen? ... seinen Appetit gewähren lassen? ... Mein Gott! ich habe vergessen, hierüber Verhaltungsmaßregeln von Monfréville einzuholen ... ich fürchte abermals ungeschickt zu sein ... Was macht man mir übrigens immer zum Vorwurf? zu schüchtern zu sein; wenn ich nicht esse, werde ich ein recht dummes Gesicht machen; gehörig essen und trinken wird mir dagegen Muth und Kühnheit verleihen ... Also! will ich tüchtig essen.« Die Stunde des Frühstücks kam endlich heran. Cherubin begab sich zu Madame Celival, sein Herz schlug mächtig, als er der Zofe folgte, die ihn ins Boudoir einführte, aber er ermuthigte sich. »O! das ist mir nun eins,« sagte er zu sich, »diesmal will ich nicht schüchtern sein ... und recht viel essen.« Das Boudoir der schönen Wittwe war ein reizendes, ringsum mit veilchenblauem Sammet verhängtes Gemach. Ein dicker, weicher Teppich bedeckte den Fußboden, und dreifache Gardinen ließen kaum den Tag durchschimmern. »Die Frauen lieben gewiß das Dunkel sehr,« dachte Cherubin beim Eintritt in das Boudoir; »aber heute brauche ich keine Verse zu lesen ... und zum Frühstücken sehe ich hier genug ... zudem, denke ich mir ... muß die Dunkelheit kecker machen ... deßhalb verbannen die Damen ohne Zweifel die Helle aus ihren Zimmern.« Madame Celival erwartete Cherubin; ihr Anzug war einfach, aber ganz darauf berechnet, alle ihre Vorzüge in die Augen springen zu lassen; ihre schönen schwarzen Haare fielen auf beiden Seiten des Gesichts in langen Locken herab, und die hochrothen Bänder auf ihrem köstlichen Häubchen verliehen ihren ohnehin feurigen Augen noch mehr Lebhaftigkeit. Die verführerische Wittwe empfing Cherubin mit so viel Liebenswürdigkeit, daß ein Anderer als er sich alsbald behaglich gefühlt hätte; er that jedoch sein Möglichstes, um seine Verlegenheit zu überwinden; und das Beste, was er that, war, daß er in Bewunderung vor den Reizen der Dame, der er sich gegenüber befand, stehen blieb. »Nun, Herr Cherubin,« fragte Madame Celival nach einiger Pause, »wie finden Sie mein Boudoir? ... ohne Zweifel nicht so hübsch, wie das der Gräfin?« »Doch nein, Madame, doch nein, ich versichere Sie ... das Ihrige gefällt mir eben so gut ... ich finde es sogar schöner ...« »– O! das sagen Sie nur, um mir zu schmeicheln!« »– Nur ist eines so dunkel, wie das andere ...« »– Die Helle thut den Augen wehe, ich hasse sie.« »– Indessen, Madame, dürfen Sie nicht fürchten, sich sehen zu lassen ... wenn man so schön ist ...« Cherubin wagte nicht weiter fortzufahren, er war erstaunt, schon so viel gesprochen zu haben; aber Madame Celival, der dieses Compliment ganz natürlich schien, entgegnete lächelnd: »Wirklich! gefalle ich Ihnen? ... o! aber die Männer machen sich so wenig daraus, Dinge zu sagen, woran sie nicht denken!« Und mit diesen Worten beugte sich Madame Celival nachlässig auf das Kissen des mit veilchenfarbenem Sammt überzogenen Divans, worauf sie ruhte, und ihr Busen hob sich in die Höhe, als sie Cherubin anblickte, der mit niedergeschlagenen Blicken, schweigend, ohne Muth, sie wieder anzusehen, auf einem Stuhle neben ihr saß. Als Madame Celival nach einem ziemlich langen Schweigen bemerkte, baß Cherubin dasselbe nicht unterbrechen werde, rief sie aus: »– Aber ich vergesse unser Frühstück! ... Sie haben vielleicht Hunger?« »– O, ja, Madame, mich hungert sehr;« antwortete Cherubin schnell. Madame Celival lächelte, indem sie sprach: »– Und es scheint, daß Ihnen der Hunger die Sprache nimmt! aber, mein Gott, warum sagten Sie mir das nicht gleich, ich will Sie nicht der Gefahr des Hungertodes aussetzen. Wollen Sie gefälligst an jener Klingel ziehen.« Cherubin zog die Klingelschnur und die Kammerjungfer trat ein. »Man soll das Frühstück serviren!« sagte Madame Celival und fügte gegen Cherubin gewendet bei: »Wir frühstücken hier, weil uns hier Niemand stört; wenn irgend lästige Besuche kommen, so wird man sagen, ich sei nicht zu Hause ... ist Ihnen diese Anordnung recht?« »– O, ja, Madame, das wird viel hübscher sein!« Madame Celival lächelte abermals; sie dachte vielleicht auch, ihr tête-à-tête werde noch hübscher werden; das ist jedoch nur eine Vermuthung! Die Kammerjungfer trug schnell das Frühstück auf und deckte zwei Couverts. Cherubin bemerkte, daß sie neben den mit Speisen beladenen Tisch das Dessert auf einen Gueridon stellte. Madame Celival entließ die Kammerjungfer mit den Worten: »Wenn ich etwas brauche, werde ich läuten!« »Und nun,« sagte die reizende Brünette, dem Jüngling, der sie fortwährend bewundernd betrachtete, die Hand reichend, »nehmen Sie Platz, Herr Marquis, und entschuldigen Sie mich, daß ich Sie so ohne alle Förmlichkeit behandle, es soll aber kein ceremonielles Frühstück sein.« Das anspruchlose Frühstück der Madame Celival bestand aus einem Gericht Nerac, einem gefüllten Rebhuhn, kleinem Federwildbret mit Pistazien und einer Krebspastete; dann auf dem Gueridon eingemachte Sachen, Zuckerbackwerk und eine Compote von gedörrten Pflaumen als Nachtisch; mehrere Flaschen feinen Weines zeigten an, daß man nicht beabsichtigte, den jungen Tischgenossen bei kaltem Blute zu lassen. Cherubin hatte neben Madame Celival, die ihm von Allem anbot, aber selbst sehr wenig genoß, Platz genommen; er dagegen aß für zweie. Seit er bei Tische saß, fühlte er sich weniger verlegen, mehr zum Gespräche aufgelegt; er schloß daraus, daß er ganz richtig vermuthet habe, gut Essen und Trinken werde ihm Sicherheit und Muth verleihen; deßhalb nahm er von Allem, was ihm angeboten, und trank Alles, was ihm eingeschenkt wurde. Madame Celival war sehr munter, sie wußte die Unterhaltung sehr gewandt zu führen, und schien höchst erfreut über die Ehre, die ihr Gast dem Frühstück anthat. »Wahrhaftig,« sagte sie lachend, »nun wundert es mich nicht mehr, warum Sie vorhin keines Wortes mehr fähig waren und stumm blieben! ... Sie starben ja fast vor Hunger!« »– Es ist wahr, Madame, ich habe einen gesunden Appetit, und neben Ihnen ... scheint es mir, kann der Appetit nie fehlen.« »– Ah! ich weiß nicht, ob ich das für ein Compliment halten soll! Es gibt ein Sprüchwort, welches diesen Umstand nicht zu meinem Vortheil deutet.« »– Welches Sprüchwort, Madame?« »– Da es Ihnen nicht bekannt ist, mag ich es Ihnen auch nicht mittheilen. Jetzt wollen wir zum Nachtisch übergehen, ich habe Alles in unserer Nähe aufstellen lassen, um nicht erst läuten zu müssen ... wir dürfen nur den andern Tisch vorrücken ... Finden Sie das nicht angenehmer?« Diese letzten Worte wurden mit einem so zärtlichen Blicke begleitet, daß Cherubin ganz den Kopf verlor; um sich zu erholen, stellte er eiligst den Tisch, an dem gefrühstückt worden, auf die Seite und rückte an dessen Stelle den Gueridon, auf welchem der Nachtisch aufgestellt war, vor den Divan. Madame Celival, die das Ende des Frühstücks herbeiwünschte, beeilte sich, ihrem Gaste von Allem anzubieten, aber Cherubin betrachtete die Pflaumencompote und fragte: »Was ist das?« »Es sind gedörrte Pflaumen ... wie, Sie kennen das nicht?« »– Mein Gott, nein! Ich sehe es zum ersten Male ... bei meiner Amme wenigstens aß man keine.« Frau von Celival brach in ein lautes Gelächter aus, während sie sagte: »Ach! bei Ihrer Amme , das ist herrlich! ... das bon mot ist wunderhübsch! wenn man ihn hörte, könnte man glauben, er sei bis heute bei seiner Amme gewesen.« Cherubin biß sich in die Lippen, er glaubte eine Dummheit gesagt zu haben, war entzückt, daß man sie für einen Witz hielt, und nahm von den gedörrten Pflaumen, die ihm Madame Celival darbot. »Nun,« fragte die schöne Wittwe nach einer Weile, »wie schmeckt Ihnen das, was Sie bei Ihrer Amme nie zu essen bekamen?« »– O! sehr gut, köstlich!« »– Wollen Sie noch mehr davon?« »– Recht gerne.« Madame Celival bediente aufs Neue den Jüngling mit den Pflaumen, der, während er sie aufaß, zu ihr sagte: »Aber Sie, Madame, Sie nehmen gar nichts?« »– O! ich ... ich habe keinen Hunger.« »– Warum denn?« »– Warum? sonderbare Frage! ... weil die Frauen nicht den Männern gleichen ... sondern wenn ihnen etwas am Herzen liegt ... von ihren Gedanken, ihren Gefühlen leben, und das ihnen genug ist.« Die letzten Worte wurden mit einem etwas pikirten Tone gesprochen, denn Madame Celival fing an die Entdeckung zu machen, daß Cherubin sehr lange tafle, aber als Dame von Welt und als Wirthin, die ihre Aufgabe kennt, präsentirte sie ihm noch mehrere Platten. »Ich danke,« sagte Cherubin, »aber ich esse die gedörrten Pflaumen lieber als alles Uebrige.« »– Nun, so nehmen Sie doch noch mehr davon!« »– In der That, wenn ich's wagen dürfte ...« »– Sie werden sich doch nicht geniren! ... das würde mich recht ärgern.« Cherubin erinnerte sich, daß man in der That nicht schüchtern sein soll, und ihm das geschadet habe. Er legte sich daher von den Pflaumen vor und wiederholte dies nach kurzer Zeit; und da Madame Celival über seine Leidenschaft für die gedörrten Pflaumen sehr lachte und es ihn entzückte, zu ihrer Erheiterung beizutragen, so hörte er nicht eher auf zu essen, als bis keine Pflaume mehr in der Schale war. Die schöne Wittwe schien sehr erfreut, als sich keine Pflaumen mehr auf dem Tische befanden, und die kaum vernehmbaren Worte: »Es ist ein wahres Glück!« traten über ihre Lippen. Cherubin hörte sie nicht. Indessen hatte die schöne Frau ihren Stuhl sachte vom Tische weggerückt, trank einige Löffel voll Kaffee, stellte ihre Tasse auf den Kamin und setzte sich wieder auf ihren Divan, indem sie den jungen Mann mit einer zum Herzen dringenden Stimme fragte: »Nun, werden Sie sich nicht neben mich setzen?« Es leuchtete Cherubin allmählig ein, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo er sich mit etwas Anderem, als mit gedörrten Pflaumen zu beschäftigen habe; er stand vom Tische auf, machte einige Gänge durchs Zimmer, bewunderte einige hübsche Kupferstiche, die, ohne allzufrei zu sein, doch zur Wollust reizten. Er gerieth vor Psyche und Amor, vor dem Fluß Scamander, vor einer auf ihrem Lager ausgestreckten Odaliske in Extase und setzte sich endlich neben Madame Celival auf den Divan. »Sie bewundern meine Kupferstiche ...« begann sie wieder. »– Ja ... all' diese Frauen sind so schön ... besonders jene Odaliske! ...« »– Der Maler hat sie kaum verschleiert, um uns aber ihre Schönheit bewundern zu lassen, mußte er sie allerdings unverhüllt zeigen ... in der Malerei ist das gestattet ... die Maler haben Privilegien, man verzeiht dem Talente Alles ... auch der Liebe.« Diese letztern Worte wurden von einem Seufzer begleitet. Cherubin erhob die Augen zu der schönen Wittwe, und nie war sie ihm reizender erschienen, denn ihre Augen glänzten jetzt von einem zugleich lebhaften und doch milden Feuer, und ihr halb geöffneter Mund schien geneigt, auf gar Vielerlei Antwort zu geben. Der Jüngling wagte es, ihre Hand zu ergreifen, die man ihm willig überließ; er bewunderte diese weiche, weiße, zarte und runde Hand, hatte jedoch nicht den Muth, sie zu küssen; aber er drückte sie zärtlich, und statt sie zurückzuziehen, erwiderte ein lebhafter Gegendruck dem seinigen; hiedurch ermuthigt, wollte Cherubin diese Hand zum Munde führen und mit Küssen bedecken, als er plötzlich einen heftigen Schmerz im Unterleib verspürte. Er blieb wie versteinert. »Was haben Sie?« fragte Madame Celival erstaunt, daß er ihre Hand in der Höhe behielt, ohne sie zu küssen. »– Nichts, o! nichts, Madame.« Und der junge Mann unterdrückte eine Grimasse, welche die Folge einer wiederholten, wenn auch weniger starken schmerzlichen Empfindung war, der jedoch ein Kollern in der Gegend der Eingeweide folgte, welches einem entsetzlichen Ausbruch vorausging. Cherubin jedoch, ganz von seinen unheimlichen Schmerzen in Anspruch genommen, und über die möglichen Folgen beunruhigt, war bereits nicht mehr bei dem Gespräche und ließ Madame Celivals Hand auf den Divan zurückfallen. »– Aber was ist Ihnen denn?« flüsterte die schöne Wittwe im Tone des Vorwurfs und der Zärtlichkeit. »Sie scheinen zerstreut, mit andern Gedanken beschäftigt ... sprechen nichts mehr mit mir, wissen Sie, daß das nicht liebenswürdig ist!« »– Mein Gott, Madame, ich versichere Sie, es ist mir nichts ... Sie irren sich.« Und Cherubin gab sich alle ersinnliche Mühe, eine abermalige Grimasse zu unterdrücken, er verspürte Zwicken und Drücken im Leibe, das ihn zur Verzweiflung brachte, weil er einsah, daß er die Kolik habe, und um keine Welt Madame Celival ahnen lassen wollte, was ihm fehlte. Es ist ja doch kein Verbrechen, unwohl zu sein! ... aber wir schwache Sterbliche, die wir uns oft zum Range von Gottheiten erheben wollen, wir erröthen, diesen Unvollkommenheiten der gewöhnlichen Geschöpfe unterworfen zu sein; es gibt besonders Umstände, wo man sehr verlegen ist, zugleich den Anforderungen des Anstands und der Natur Genüge zu leisten. Der arme Cherubin befand sich gerade in diesem Falle; die gedörrten Pflaumen spielten ihm einen recht tückischen Streich. Madame Celival konnte sich über den Ton des jungen Marquis nicht täuschen; überdies beleidigt, in seinen Blicken weder Zärtlichkeit noch Begierde mehr zu lesen: rief sie nach einer Weile aus: »– O! gewiß, mein Herr, Sie langweilen sich bei mir ...« »– Ach, Madame, ich schwöre Ihnen, ich langweile mich nicht ... im Gegentheile ... aber ...« »– Aber Sie möchten lieber bei Frau von Valdieri sein, nicht wahr?« »– Nein ... o! nicht dort möcht' ich in diesem Augenblicke sein! ...« »– Nun, wo möchten Sie denn in diesem Augenblicke sein, mein Herr?« Cherubin wußte nicht, was er antworten sollte, er unterdrückte gewaltsam einen abermaligen Schmerz, und kalter Schweiß rieselte über seine Stirne; er spielte in diesem Augenblicke eine höchst traurige Figur und sah durchaus keinem Verliebten gleich. Madame Celival blickte ihn an, biß sich vor Aerger in die Lippen und rief aus: »Ach! welch' ein sonderbares Gesicht machen Sie doch ... man hat nie etwas Aehnliches gesehen ... ich wenigstens nicht! ... Lassen Sie hören, mein Herr, sprechen Sie ... erklären Sie sich, es ist Ihnen gewiß etwas.« Und die schöne Wittwe, noch von dem zärtlichen Gefühle bewegt, das in ihrem Innern für Cherubin sprach, rückte ihm näher und wollte ihn bei der Hand fassen, aber er wich rasch zurück, und stotterte mit erstickter Stimme: »Ach! Madame! ich beschwöre Sie, rühren Sie mich nicht an!« »Was soll das heißen, mein Herr! Glauben Sie mir sicher, daß ich nicht die geringste Lust habe, Sie anzurühren!« entgegnete Madame Celival, durch das Entsetzen, das sich in den Zügen des jungen Mannes ausdrückte, beleidigt. »Nur, mein Herr, habe ich das Recht, über die üble Laune, die sich Ihrer so plötzlich bemächtigt hat, erstaunt zu sein ... ich glaubte nicht, Ihnen durch den Ausdruck des Vergnügens, den mir Ihr Besuch machte, Schrecken zu verursachen ... Ha! ha! das ist wahrhaftig sehr drollig.« Statt hierauf zu antworten, erhob sich Cherubin plötzlich und murmelte: »Vergebung, Madame ... Vergebung ... aber ein Rendezvous, das ich vergessen hatte ... ich muß mich durchaus entfernen ...« »– Wie, mein Herr, Sie geben ein Rendezvous ... wenn Sie wissen, daß Sie bei mir frühstücken ... Das ist außerordentlich liebenswürdig! ... Sie werden mich nicht überzeugen, daß es so dringend ist, daß Sie sich auf der Stelle entfernen müssen.« »– O! doch, Madame, doch ... es ist entsetzlich dringend ... ich kann es nicht länger verschieben ... leben Sie wohl, Madame ... adieu!« Und nachdem Cherubin, seinen Hut suchend, drei Mal wie ein Narr durchs Boudoir gerannt war, erblickte er ihn endlich, ergriff ihn, stürzte nach der Thüre, öffnete sie so heftig, daß er sie beinahe aus den Angeln riß, und jagte durch alle Zimmer, als ob ihm der böse Feind auf der Ferse folgte, während er Madame Celival über die Art seines Weglaufens wie aus den Wolken gefallen zurückließ. Endlich langte Cherubin zu Hause an, indem er die gedörrten Pflaumen und das ihn bei seinen Liebes-Abenteuern verfolgende Unglück verfluchte. Gegen Abend kam Monfréville zum Besuche seines Freundes, er war sehr neugierig, zu erfahren, ob sich dieser aus dem letzten Rendezvous besser herausgezogen habe, als aus dem ersten. Als er den jungen Marquis noch blaß und ermattet fand, lächelte er und sprach: »Ich sehe, daß diesmal Ihr Glück vollständig war, und daß Sie einen großen Sieg davongetragen haben.« Cherubin blickte seinen Freund mit einer so jämmerlichen Miene an, daß dieser nicht mehr wußte, was er denken sollte. Nachdem Cherubin vorsichtig die Thüre seines Zimmers zugemacht hatte, erzählte er Monfréville, was ihm bei seiner zweiten Liebes-Zusammenkunft begegnet war. Dieser konnte bei der Schilderung des Abenteuers seinen Ernst nicht behaupten; und obgleich Cherubin seine Heiterkeit nicht theilte, brauchte er doch lange, bis er sich wieder zu fassen im Stande war. »– Sie finden das also sehr lustig?« fragte ihn Cherubin seufzend. »Meiner Treu, lieber Freund, es ist eine Aufgabe, nicht über die Lage zu lachen, in der Sie sich befanden.« »– Sie geben zu, daß ich recht unglücklich bin.« »– Durch Ihre Schuld! wenn man mit einer Dame unter vier Augen frühstückt, so stopft man sich nicht mit gedörrten Pflaumen voll, besonders wenn man, wie sie mir sagten, schon vorher reichlich gegessen hat.« »– Ich that es, um Muth, um Kraft zu bekommen! ...« »– Es ist etwas Schönes, was Sie bekommen haben!« »– Nun! bei einer andern Zusammenkunft mit Madame Celival soll mir so etwas nicht mehr geschehen; da werde ich glücklicher sein!« »– O! bilden Sie sich nicht ein, ein zweites Rendezvous von der schönen Wittwe zu erhalten! Sie haben es mit ihr wie mit der kleinen Gräfin gründlich verdorben ... Das ist wieder eine Eroberung, auf die Sie von nun an verzichten müssen.« »– Sie glauben? ... welche Ungerechtigkeit! ... wie, eine Frau sollte aufhören, Jemand zu lieben, weil ihn ein plötzliches Uebelsein befiel?« »– Nicht deßhalb, sondern weil Sie sich ungeschickt benommen haben.« »– Was hätten Sie an meiner Stelle gethan?« »– Ich hätte frei herausgesagt, mein Frühstück bekomme mir schlecht und mache mich ganz krank; dann hätte man Ihre Entfernung entschuldigt und begriffen.« »– Ach! ich wäre lieber vor Scham gestorben, als so etwas zu sagen!« »Das ist sehr unvernünftig, mein Freund; bedenken Sie, daß eine Frau Alles verzeiht, außer der Verachtung oder Gleichgültigkeit gegen ihre Reize.« Cherubin blieb den ganzen Tag traurig; es schien ihm ein gewisses Mißgeschick über seinen Liebschaften zu walten und er fürchtete, es möchte ihn immerfort verfolgen. Aber am nämlichen Abend kam Darena noch in sein Hotel, um ihm das Ergebniß seiner Schritte bei der schönen Polin mitzutheilen. »Triumph!« schrie Darena, auf die Schulter des jungen Marquis klopfend, »es geht gut, mein Freund! ... Ihre Angelegenheiten schreiten tüchtig vorwärts.« »Haben Sie ein Rendezvous für mich ausgewirkt?« fragte Cherubin, beinahe mit erschrockener Miene. »– Noch nicht! das geht, beim Teufel, nicht so schnell, als Sie glauben; diese junge polnische Gräfin wird streng gehütet, sie ist von Kammerfrauen und Cerberussen umringt.« »– Ist es eine polnische Gräfin?« »– Ja, die Gräfin Globeska, Gattin des Grafen Globeski ... eines sehr angesehenen Mannes! ... der sein Vaterland wegen Hochverrats fliehen mußte ... und eifersüchtig ist, wie ein Drache! das ist ein Kerl, der von nichts spricht, als seine Frau zu erdolchen, wenn sie nur eines ihrer Haare einem Manne gäbe!« »– Entsetzlich!« »– Das schadet durchaus nichts! die Frauen fürchten sich nicht im geringsten vor dem Erstechen, im Gegentheile, sie bieten dieser Gefahr sogar Trotz. Ich ließ Ihren Brief in die Hände der schönen Globeska gelangen ... das war eine schwierige Aufgabe; da mußte ich das Gold mit vollen Händen ausstreuen ... ich habe aber auch ausgestreut und sogar noch entlehnt, weil ich nicht genug hatte ... ich weiß, daß Sie mir's zurückerstatten werden, und dachte zum Voraus, daß Sie meine Freigebigkeiten im Interesse Ihrer Liebe nicht tadeln würden.« »– O! ganz im Gegentheil, mein lieber Darena, ich danke Ihnen dafür; hat mir aber diese schöne Polin nicht auch ein Wörtchen der Erwiderung geschrieben?« »– Nein, sie hat Ihnen nicht geschrieben ... vielleicht schreibt sie schlecht französisch ... das ist bei einer Ausländerin zu entschuldigen, aber die Frauen sind sehr eigenliebig, sie fürchten, man verhöhne sie, wenn sie einen Schreibfehler machen, kurz, die reizende Globeska hat mündlich geantwortet, und was sie sagte, wiegt alle Liebesbriefe auf.« »– Was sagte sie denn?« »– Sie sagte zu ihrer Zofe, die ich verführt ... das heißt, durch die Macht des Goldes bestochen habe: »›Thue diesem jungen Franzosen, der mir schreibt, zu wissen, daß ich seine Leidenschaft theile ... seit ich ihn gesehen, träume ich ... selbst wenn ich nicht schlafe ... nur von ihm.‹« »– Das hat sie gesagt! ach! welches Glück ...« »– Lassen Sie mich doch vollenden: »›ich bin an einen Tyrannen gebunden, den ich verabscheue ... dieser Franzose soll Mittel zu meiner Entführung schaffen, dann bin ich bereit, ihm zu folgen ... und stürze mich in seine Arme.‹« – Nun! was sagen Sie dazu? glücklicher Lovelace ... der haben Sie einmal schön den Kopf verdreht! ...« »Ja, mein Freund, ich bin sehr glücklich ... denn ich fühle, daß mir diese junge Frau besser gefällt, als alle andern ... in ihrer Nähe wird es mir wohler sein, als bei all' diesen Damen der großen Welt ... die mich immer einschüchtern.« »– Es wird Ihnen ganz wohl bei ihr sein, ich stehe dafür! ... die Polinnen sind sehr ungezwungen?« »– Aber sie sagt mir, ich solle sie entführen ... darf das sein? ist es erlaubt, eine Frau zu entführen?« »– O, wie kindisch sind Sie! vor allen Dingen fragt man dazu nicht um Erlaubniß ... und Sie sehen ja, daß sie es selbst will; seien Sie getrost! ich nehme die Entführung auf mich, das soll meine Sache sein.« »– Mein lieber Darena, wie viele Verbindlichkeiten bin ich Ihnen schuldig.« »– Nur muß ich wissen, wohin ich Ihre Schöne führen soll ... Sie werden selbst einsehen, daß es weder schicklich noch klug wäre, sie vor den Augen Ihrer Leute ... in dieses Hôtel zu bringen ...« »– O! gewiß ... aber wo sie sonst hinführen?« »– Nichts leichter ... man darf nur ein kleines Haus ... in der Umgegend ... im Weichbilde von Paris ... an einem abgelegenen, stillen Orte miethen ... wollen Sie mir das gleichfalls übertragen?« »– O! ja, ich bitte Sie darum. –« »– Es ist abgemacht ... ich werde eines miethen ... und wenn es nicht möblirt ist, Möbeln hinschaffen lassen ... geben Sie mir Geld ... dazu braucht man nicht wenig ...« Cherubin eilte an seinen Schreibtisch, langte Bankbillete heraus und überreichte sie Darena mit den Worten: »– Nehmen Sie! hier sind zweitausend ... dreitausend Franken ... ist's genug?« »– Ja ... Ach, geben Sie mir lieber gleich viertausend ... damit ich nicht zu kurz komme. Jetzt lassen Sie mich machen. Vor allen Dingen werde ich mich nach einer passenden Wohnung umsehen und sie zum Empfang Ihrer Infantin herrichten lassen; dann werde ich einen günstigen Augenblick erspähen; sobald derselbe gekommen ist ... die Dame entführen ... und Sie abholen; Sie haben dann nur noch die Früchte Ihres Sieges zu pflücken ... das ist gewiß angenehm.« »– Herrlich.« »– Aber vor Allem nur kein Wort von dieser Sache zu Monfréville, oder ich ziehe mich zurück.« »– Sei'n Sie ruhig! es ist abgemacht.« »– Wenn Ihre Schöne aus den Händen ihres Tyrannen befreit ist, so werde ich in Ihr kleines Asyl eine feine Mahlzeit bringen lassen ... eine Dame muß doch nach ihrer Ankunft Etwas zu sich nehmen können.« »Ja, mein Freund ... bestellen Sie ein Essen ... Ach! aber nur keine gedörrten Pflaumen dabei ... ich bitte Sie dringend! keine gedörrten Pflaumen! denn ich verabscheue sie.« Darena blickte Cherubin erstaunt an und antwortete: »Seien Sie unbesorgt; Ihr Abscheu vor den gedörrten Pflaumen war mir nicht bekannt ... man behauptet jedoch, sie seien sehr gesund ...« »– Wenn ich welche auf dem Tische sehe, laufe ich sogleich davon ...« »– Nun, beruhigen Sie sich ... ich werde ausdrücklich befehlen, daß keine aufgetragen werden.« Der Graf verließ seinen jungen Freund, nachdem er die Bankbillete eingeschoben hatte, und Cherubin dachte in seinem Sinne: »Das ist diesmal eine Eroberung, die mir nicht entgehen und mich für alle verlorenen entschädigen wird.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Das Innere einer Familie. Wie es die kleine Ernestine Louisen angekündigt hatte, kehrte Frau von Noirmont am bestimmten Tage nach Hause zurück. Ihre Ankunft war ein Fest für ihre Tochter, welche ihr, sobald sie sie von Ferne gewahrte, entgegenflog und sich in ihre Arme warf. Frau von Noirmont erwiderte mit Zärtlichkeit die Liebkosungen ihrer Tochter; man bemerkte leicht, daß sie von denselben ergriffen war, und daß sie sich wirklich glücklich fühlte, wieder in ihrer Nähe zu sein. Herr von Noirmont eilte seiner Frau nicht entgegen; solche Zeichen der Anhänglichkeit lagen nicht in seinem Charakter; er würde gefürchtet haben, durch Aeußerung derselben seiner Würde Eintrag zu thun; als er jedoch die Rückkehr seiner Frau erfahren hatte, begab er sich zu ihr, grüßte sie freundlichst, aber ohne sie zu küssen, und fragte sodann: »Hatten Sie eine angenehme Reise, Madame?« »– Ja, mein Herr, ich danke Ihnen.« »– Wie geht es Ihrer Tante, der Madame Dufrénil?« »– Es geht ihr weit besser, ihre Gesundheit ist vollkommen hergestellt. Aber es war die höchste Zeit, daß ich zurückkehrte! ich wäre vor Betrübniß, so lange von meiner Tochter entfernt zu sein, krank geworden ... Ich habe sehr bedauert, daß Sie mir nicht gestattet hatten, dieselbe mitzunehmen.« »Dadurch wird Ihr Vergnügen, sie wieder zu sehen, um so größer gewesen sein, und Sie solche, wie ich hoffe, dadurch auch mehr lieben!« Nach diesen Worten verabschiedete sich Herr von Noirmont von seiner Frau, und schloß sich wieder in sein Arbeitszimmer ein. Als sich ihr Gatte entfernt hatte, zog Frau von Noirmont ihre Tochter an sich und drückte sie zu wiederholten Malen an ihr Herz, indem sie leise sagte: »– Dein Vater glaubt, ich liebe Dich nicht ... glaubst Du das auch, meine Tochter?« »– O! nein, liebe Mutter! nein, gewiß nicht!« rief Ernestine aus. »Aber der Vater glaubt es ebenso wenig ... ich bin davon überzeugt ... Ich weiß wohl, daß Du mich liebst; und warum solltest Du mich nicht lieben ... bin ich nicht Deine Tochter? ...« Etwas wie ein krampfhaftes Zucken war in Frau von Noirmonts Zügen wahrzunehmen, ihre Stirne verdüsterte sich und sie entriß sich ziemlich rasch den Armen Ernestinens. Aber bald verschwand diese Wolke wieder und sie zog ihre Tochter von Neuem zu sich her, während sie mit schwermüthiger Miene entgegnete: »O ja ... ja! ich liebe Dich sehr.« »– Ich habe nie daran gezweifelt, liebe Mutter, und wenn Du zuweilen ... gerade wie eben, Augenblicke hast, wo es scheint, als ob Dir meine Liebkosungen zuwider wären ... so bin ich gewiß, daß das nur eine Folge Deiner plötzlich eintretenden Kopfschmerzen ist ... oder, daß Du an etwas Anderes denkst! ... Aber Du liebst mich darum nicht weniger, nicht wahr?« »– Nein gewiß, ich liebe Dich immer gleich, und ist Dir die Zeit meiner Abwesenheit lange vorgekommen?« »– O! ja, liebe Mutter! aber glücklicherweise habe ich seit drei Wochen ein neues Kammermädchen ... Der Vater wird Dir geschrieben haben, daß er die andere fortgeschickt hat.« »– Ja, mein Kind!« »– Ach, die neue ist mir viel lieber! Wenn Du wüßtest, wie artig sie ist ... und gar nicht dumm! ... nicht gemein! sie spricht so ordentlich, und doch kam sie gerade aus ihrem Dorfe; sie hatte nie gedient, begriff aber Alles im Augenblick.« »– Wer hat sie besorgt?« »– Comtois. O! er hat gewiß gute Gewährsleute für sie gehabt.« Frau von Noirmont lächelte über die ernsthafte Miene, womit ihre Tochter dies sprach, und versetzte: »Meine Liebe, ich weiß, daß man sich auf Comtois verlassen darf. Und wie heißt Deine Kammerjungfer?« »– Louise ... Louise ... Fre ... Fernet ... Ich kann ihren Familiennamen nie behalten ... Doch das ist gleichgültig, es ist ein sehr braves Mädchen, glaube mir's, Mama; ich bin überzeugt, sie wird Dir auch gefallen ... Ich will sie rufen, um sie Dir vorzustellen ... sie ist sehr schüchtern, deßhalb hat sie es noch nicht gewagt, Dich zu begrüßen.« »– Mein Gott! meine Liebe, ich habe noch lange Zeit, Deine Kammerjungfer zu sehen! Es hat damit keine Eile.« »– O! doch, liebe Mutter, ich wünsche, daß Du sie gleich sehest.« Ernestine hatte die Klingel gezogen, alsbald ging die Thüre auf, und Louise erschien ängstlich, mit zu Boden gesenkten Blicken auf der Schwelle, indem sie flüsterte: »Hat mir die gnädige Frau geläutet?« Frau von Noirmont betrachtete das junge Mädchen, welches sie zum ersten Mal erblickte; ihre Schönheit, der Adel ihrer Züge und ihr ganzes bescheidenes und anständiges Wesen, wie man es gewöhnlich bei einer Kammerjungfer nicht trifft, setzten sie in Erstaunen; sie konnte nicht satt werden, das Mädchen anzusehen. Die kleine Ernestine neigte sich zu ihrer Mutter hin und sagte ihr ins Ohr: »Nun! wie findest Du sie?« »– Hübsch, meine Tochter, recht hübsch ... sie hat sogar eine ausgezeichnete Gesichtsbildung; man sollte nicht glauben, daß es eine dienende Person ist.« »– Nicht wahr? ... ich hatte ihr nicht geschmeichelt?« Und das junge Fräulein fuhr, gegen Louisen gewandt, fort: »Die Mutter findet Dich hübsch, Du gefällst ihr auch ... ich sagte Dir ja gleich, Du würdest ihr gefallen.« Louise verbeugte sich und flüsterte: »Die gnädige Frau ist sehr gütig, ich werde mein Möglichstes thun, Sie und das Fräulein zufrieden zu stellen.« »Ich zweifle nicht daran, mein Kind,« entgegnete Frau von Noirmont, »Alles an Ihnen spricht zu Ihren Gunsten, und ich bin überzeugt, daß sich meine Tochter in Betreff des Guten, was sie mir von Ihnen versicherte, nicht getäuscht hat.« Während Ernestinens Mutter mit Louisen sprach, hatte diese endlich die Augen erhoben, um sie anzusehen. Beim Anblick dieses schönen, edeln, ernsten Antlitzes, dieser blassen, stolzen Stirne, dieser großen schwarzen Augen, worin immer ein melancholischer Ausdruck lag, fühlte sich das Mädchen ganz ergriffen und hingerissen; ihr Herz pochte gewaltsam, sie wußte nicht, war es aus Freude oder Furcht, eine unnennbare Empfindung hatte sie durchdrungen, ... sie blieb unbeweglich stehen; seit einigen Augenblicken hatte Frau von Noirmont aufgehört zu sprechen, aber Louise schien sie noch immer zu hören; man gab ihr ein Zeichen, sich zurückzuziehen, allein sie verharrte auf ihrem Platze; erst als Ernestine sie beim Arme nahm und zu ihr sagte: »Louise, Du kannst uns allein lassen,« – kam sie wieder zu sich und verließ das Zimmer, während sie noch einmal heimlich nach Frau von Noirmont hinblickte. Nachdem Frau von Noirmont noch einige Worte über die neue Kammerjungfer geäußert hatte, dachte sie weiter nicht mehr an sie, sondern beschäftigte sich nach gewohnter Weise mit dem Innern ihres Hauswesens, der Sorge für die Erziehung ihrer Tochter und der Beaufsichtigung des Unterrichtes derselben, den ihr verschiedene Lehrer zu Hause ertheilten. Die Lebensweise der Frau von Noirmont war sehr einförmig; sie ging selten aus und empfing wenig Besuche; sie beschäftigte sich mit ihrer Tochter, überwachte den Unterricht derselben und las viel; das war ihr größtes Vergnügen, ihre angenehmste Zerstreuung. Herr von Noirmont brachte den ganzen Tag in seinem Studirzimmer zu, seine Frau und Tochter sahen ihn selten vor Tische, um diese Zeit versammelte man sich, und ziemlich häufig speiste ein Freund Herrn von Noirmonts mit der Familie; selten aber hatte man mehrere Gäste zugleich. Während des Essens sprach Frau von Noirmont sehr wenig; ihr Mann discourirte über Politik oder Staatswirthschaft mit seinem Freunde; Ernestine allein war zur Erheiterung des Mahles berufen; sie entledigte sich ihrer Aufgabe ziemlich entsprechend; oft nöthigten ihre Scherze und naiven Bemerkungen ihrer Mutter ein Lächeln ab, und Herr von Noirmont selbst konnte dabei zuweilen, trotz seiner Gravität, seinen Ernst nicht behaupten. Abends endlich arbeiteten die Damen, stickten oder musicirten zusammen, und die Herren spielten Schach oder Brett. Wenn Niemand Fremdes bei Tische war, ging Herr von Noirmont Abends ziemlich oft in Gesellschaft; zuweilen begleiteten ihn Frau und Tochter; aber doch selten. Frau von Noirmont zog es vor, mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben; und wenn ihr Gemahl nicht zugegen war, schien sie weniger ernst, weniger nachdenklich zu sein und mehr Zärtlichkeit für Ernestinen an den Tag zu legen. Louisens Dienst war in diesem Hause, wo man keine Bälle besuchte und wenig Gesellschaften gab, sehr leicht; Comtois wartete allein bei Tische auf. Das junge Kammermädchen half den Damen beim Ankleiden, dann arbeitete sie beinahe den ganzen übrigen Tag an Kleidern für das Fräulein oder an Weißzeug für die Haushaltung auf ihrem Zimmer. Abends servirte sie den Thee und sorgte dafür, daß in den Schlafzimmern ihrer Damen Alles in Ordnung war. All das ermüdete nicht sehr, und Louise sagte manchmal zu Ernestinen, man trage ihr nicht genug Arbeit auf; aber das Fräulein entgegnete ihr mit Lächeln: »Warum arbeitest Du auch so schnell? ... kaum hat man Dir etwas zu nähen gegeben, so bist Du schon fertig ... Die Mutter behauptet, Du seiest außerordentlich geschickt und schnell. Ach! die andern Kammerjungfern waren nicht so flink wie Du.« Louise empfand eine große Freude, so oft sie erfuhr, daß Frau von Noirmont mit ihr zufrieden sei; und obgleich diese Dame ihren Leuten gegenüber beinahe immer eine würdevolle, ernste Miene beibehielt, welche nicht die mindeste Familiarität gestattete, so fühlte Louise doch eine innige Zuneigung zu ihr und wäre äußerst betrübt geworden, sie verlassen zu müssen. Indessen waren drei Monate seit Louisens Aufenthalt in Paris verflossen, und sie hatte Cherubin nicht ein einziges Mal gesehen; aber seit Frau von Noirmonts Rückkehr empfand sie, einzig mit dem Gedanken beschäftigt, dieser zu gefallen, die Qualen ihrer Liebe minder stark; obgleich sie den Gespielen ihrer Kindheit immer unverändert liebte, war es doch, als ob sich ein anderes Gefühl in ihr Herz eingeschlichen hätte, um ihre Schmerzen abzulenken. Herr Gerundium erschien mehrmals, sich bei Comtois zu erkundigen, wie die Herrschaft mit Louisen zufrieden sei, und jedesmal ergoß sich der Kammerdiener in Lobeserhebungen über das junge Mädchen, und ersuchte den Hofmeister, dem alten Jasmin für den ihnen zugeschickten Schatz zu danken. Herr Gerundium entfernte sich äußerst zufrieden, Louisen nach Paris gethan zu haben; obgleich der mit seinen Liebes-Abenteuern beschäftigte Cherubin nicht mehr an einen Besuch bei Nicollen gedacht hatte. Eines Morgens, als Herr Gerundium wieder in Herrn von Noirmonts Haus gekommen war, um sich bei Comtois nach Louisens Betragen zu erkundigen, antwortete ihm der Diener: »Die Mamsell ist fortwährend ein Muster von Tugend und Fleiß. Wenn Sie dieselbe aber sprechen wollen ... so ist sie in diesem Augenblicke allein; die Damen sind ausgegangen, um Einkäufe zu machen, sie arbeitet in ihrem Zimmer, es hindert Sie nichts daran, ihr einen guten Tag zu wünschen.« Herr Gerundium nahm mit Freuden diesen Vorschlag an; er folgte Comtois, der ihn in Louisens Zimmer führte und sie sodann allein ließ. Louise drückte eine große Freude aus, als sie den Hofmeister erblickte; nun konnte sie wieder von all ihren Lieben sprechen. Herr Gerundium, der, wie die meisten Pedanten, einfältig war, deutete zu seinen Gunsten, wozu er nur der Vorwand war; er glaubte, dem Kammermädchen eine zärtliche Neigung eingeflößt zu haben, und lächelte, daß er beinahe die Kinnbacken verrenkte, als er sich neben ihr niederließ. Louise erkundigte sich zuerst nach ihrer Adoptivmutter. »Sie ist ausgezeichnet gesund und sehr erfreut, Sie in Paris in einer so angenehmen Lage zu wissen,« antwortete der Hofmeister, der mit unerschütterlichem Gleichmuth log, da er seit Louisens Entfernung nicht mehr im Dorfe gewesen war. »Und ... Herr Cherubin,« fuhr die Jungfrau fort, »ist es ihm recht, daß ich seinem Wunsche gemäß in Paris bin? hat er keine Lust, mich zu besuchen? Spricht er nicht zuweilen von mir mit Ihnen? ... schickt er Sie heute?« Der Hofmeister kratzte an der Nase, hustete, spukte aus, wischte sich den Schweiß von der Stirne, lauter Dinge, die bei ihm viele Zeit wegnahmen, und während deren er sich auf eine Antwort besinnen konnte; nachdem er endlich zu einem Entschluß gekommen war, erwiderte er Louisen: »Meine schöne Freundin, die Jugendliebe nimmt selten ein gutes Ende ... Ich könnte Ihnen Paul und Virginien und tausend andere Beispiele ad hoc citiren; ich halte es aber für einfacher, Ihnen ex abrupto , das heißt ohne Umschweife zu sagen, daß es eine Thorheit von Ihnen ist, sich noch immer mit dem Herrn Marquis von Grandvilain zu beschäftigen, weil dieser junge Mann durchaus nicht mehr an Sie denkt. Schon damals, als Sie mit Nicollen nach Paris kamen, um ihn zu besuchen ...« »Nun, Herr Gerundium?« »Nun, schon damals war der junge Marquis zu Hause; da er Sie aber nicht empfangen wollte, hatte er seinem Portier den Auftrag gegeben, Ihnen zu sagen, er sei abwesend.« »– O, mein Gott! wäre das möglich! ...« »– Wie können Sie verlangen, daß er inmitten der Wollüste, worein er versenkt ist, sich eines jungen Landmädchens erinnern soll, mit der er Blindekuh oder irgend ein anderes mehr oder minder unschuldiges Spiel gespielt hat? ... Mein Zögling ist sehr ausschweifend geworden! mein Fehler ist es nicht; er hat eine Menge Maitressen! und erhält so viele Liebesbriefe, daß es eine wahre Schande ist ... ich hätte sein Haus bereits verlassen, wenn mich nicht meine pecuniären Interessen nöthigten, die Augen zuzudrücken ... was mich aber nicht hindert, Alles, was vorgeht, zu sehen.« Louise bedeckte ihr Angesicht mit dem Taschentuch und schluchzte: »Es ist also vorbei! ... er liebt mich ganz und gar nicht mehr! ... ach! wer hätte das von Cherubin geglaubt!« »Man muß Alles glauben! ... auf Alles gefaßt sein bei einem bartlosen Gelbschnabel,« fuhr der Hofmeister fort; dann seinen Stuhl dicht neben den der Jungfrau rückend und seine Hand auf ihr Knie legend, bemühte sich Herr Gerundium, eine honigsüße Stimme anzunehmen, und sprach, Nachdruck auf seine Worte legend: »Ich habe die Wunde beigebracht ... ich will auch den Diptam, mit andern Worten, das Heilmittel auflegen. Schöne Louise, wenn der junge Cherubin Ihren Reizen nicht getreu war, so gibt es Andere, die überglücklich wären, denselben Weihrauch streuen ... sie genießen ... zu dürfen; ich gehe gerade auf das Ziel los! ... ich liebe Sie! himmlisches Mädchen ... und ich bin nicht flatterhaft, denn ich bin, Gott sei Dank ein gesetzter Mann. Ich komme nicht, um Ihnen schandbare Anträge zu machen ... retro Satanas ! ... das will so viel sagen: ich habe nur rechtschaffene Absichten. Ich biete Ihnen meine Hand, mein Herz, meinen Namen, meinen Rang und meinen Titel an ... nur wollen wir noch zwei Jahre warten, bis wir zur Ehe schreiten; ich werde meine Leidenschaft bis dorthin gewaltsam in den Schranken halten; aber diese Zeit brauche ich, um ein hübsches rundes Sümmchen zu ersparen ... Sie legen Ihren Gehalt, Ihre Ersparnisse auch dazu ... man ist mit Ihren Leistungen im Hause sehr zufrieden, Sie haben daher wahrscheinlich ein hübsches Neujahrsgeschenk zu erwarten; das Alles werfen wir zusammen, kaufen in der Nähe von Paris ein Häuschen ... ich nehme zum weiteren Auskommen einige Zöglinge auf; wir halten einen Hund, eine Katze, Hühner, kurz Alles, was zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, und so werden unsere Tage mit Honig und Gewürzwein versüßt dahin fließen.« Während dieser Anrede hatte Louise die auf ihrem Knie ruhende Hand zurückgestoßen, ihren Stuhl weggeschoben und war, sobald Herr Gerundium zu sprechen aufgehört hatte, aufgestanden, um ihm mit höflichem, aber entschiedenem Tone zu erwidern: »Herr Gerundium, ich danke Ihnen für die Güte, mir, einem armen, namen- und familienlosen Landmädchen, den Titel Ihrer Frau anzubieten, aber ich kann ihn nicht annehmen. Ich begreife, daß mich Herr Cherubin nicht mehr liebt, und es war in der That thöricht von mir, mir einzubilden, daß er in Paris, in der großen Welt, im Schooße des Vergnügens lebend, die Erinnerung an mich bewahren werde; aber, bei mir, o! da ist's ein großer Unterschied! ich bin keine große Dame geworden, und das Bild dessen, der mir theuer ist, kann nicht aus meinem Herzen verwischt werden ... Ich liebe Cherubin, und fühle, daß ich stets nur ihn lieben werde! ... Daher, mein Herr, wäre es sehr unrecht von mir, wenn ich einen Andern ... ohne ihm mein Herz schenken zu können ... heirathen würde.« Herr Gerundium war bei diesen Worten ganz überrascht; er faßte aber wieder Muth und fuhr fort: »Meine schöne Louise: Varium et mutabile semper femina ... oder wenn Sie lieber wollen: oft ändern sich die Frauen! ein Narr wird ihnen trauen ... Diese Verse sind von Franz dem Ersten ... Ich ziehe jedoch die von Beranger vor; und Tiresias behauptet, die Männer haben nur drei Unzen Liebe in sich, während die Weiber neune besitzen! was ihnen die Fähigkeit gibt, weit öfter zu wechseln, als wir; und doch geschieht dies bei uns, im Verhältniß zu unsern drei Unzen, schon häufig genug.« »– Was soll das Alles heißen, mein Herr?« »– Das heißt, meine theure Freundin, Sie werden es machen wie die Andern und wechseln; Ihre Liebe wird vergehen.« »– Niemals, mein Herr!« »– Niemals ist in der Liebe ein Wort ohne alle Bedeutung; indeß haben Sie hinlänglich Zeit, sich hierüber zu besinnen, da ich Ihnen zwei Jahre Bedenkzeit lasse ... vergönnen Sie mir, so lange hoffen zu dürfen.« »– O! es ist vergeblich, mein Herr!« »– Verzeihen Sie! ... Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden ... ich beharre auf meinem Hoffen. Leben Sie Wohl, schöne Louise, fahren Sie fort, sich gut zu betragen ... dann wird man ohne Zweifel Ihren Gehalt erhöhen; ich meines Theils werde fortfahren, den meinigen auf die Seite zu legen ... und wie ein altes bekanntes, zwar sehr gemeines, aber äußerst scharfsinniges Sprüchwort sagt: ... lassen wir den Braten erst gelb werden! Hiemit lege ich Ihnen meine Huldigungen zu Füßen.« Herr Gerundium war weggegangen. Nun konnte Louise ungehindert ihren Thränen freien Lauf lassen, sie beschäftigte sich nicht mit den Anträgen des Hofmeisters, sie dachte nur an Cherubin, der sie nicht mehr liebte, sich ihrer nicht mehr erinnerte und anderer Liebschaften pflegte; lange schon hatte sie gefürchtet, von ihm vergessen worden zu sein; aber jetzt erst war es ihr zur Gewißheit geworden, und in der Liebe liegt zwischen der Furcht und der Gewißheit eine ungeheure Kluft. Die Heimkehr der Frau von Noirmont und ihrer Tochter nöthigte Louisen, ihre Thränen zu unterdrücken; sie trocknete eilig ihre Augen und suchte ihre Traurigkeit zu verbergen, denn sie fühlte wohl, daß sie das Geheimniß ihres Herzens nicht verrathen dürfe. An diesem Tage ging Herr von Noirmont nach dem Mittagessen aus. Ernestine blieb bei ihrer Mutter, an die sie, während ihrer gemeinsamen Arbeit, besonders wenn sie guter Laune war, Alles hinsprach, was ihr gerade in den Sinn kam. Wenn Frau von Noirmont über die Einfälle ihrer Tochter lächelte, so war diese so erfreut, daß sie häufig ihre Arbeit bei Seite warf, um sich an den Hals ihrer Mutter zu hängen, welche sie dann oft zärtlich in ihre Arme schloß. Louise, der man geläutet hatte, um den Thee zu bestellen, trat in einem dieser Augenblicke ein, wo Ernestine in den Armen ihrer Mutter lag, und das liebenswürdige Kind rief, bei der innigen Liebkosung ihrer Mutter, wonnevoll aus: »– Siehst Du, Louise, wie glücklich ich bin! ... was ich für eine gute Mutter habe!« Louise stand unbeweglich mitten im Saale; sie war über Ernestinens Glück erfreut, und doch lag in diesem rührenden Bilde, das sie vor Augen hatte, etwas Unnennbares, was ihr wehe that; zwei große Thränen traten in ihre Augen, aber sie kehrte sich schnell um, damit Niemand sie weinen sehe. Indessen hatte Frau von Noirmont wieder ihre ernste Miene angenommen und Ernestine war auf ihren Platze zurückgekehrt. Louise beeilte sich, den Thee aufzutragen, und entfernte sich dann, aus Furcht, ihre Traurigkeit merken zu lassen. Aber trotz aller Mühe, sich zu fassen, weinte Louise noch, als Ernestine in der Nacht vor dem Schlafengehen noch einmal ins Zimmer ihrer Kammerjungfer kam, um sie über Etwas zu befragen. Als die kleine Ernestine Louisens in Thränen gebadetes Angesicht sah, eilte sie auf sie zu und fragte sie mit dem Ausdrucke der rührendsten Theilnahme: »Mein Gott! Louise ... Du weinst! ... Was Hast Du denn?« »O! gnädiges Fräulein, vergeben Sie mir ... Ich weiß wohl, daß ich hier, wo Sie so gütig gegen mich sind, nicht weinen sollte! ... aber ich konnte mich dessen nicht erwehren! ...« »Du hast also irgend einen Grund zur Betrübniß ... Du hättest ohne Veranlassung nicht geweint ... Louise, ich will wissen, warum Du Thränen vergießest.« »Nun denn, Fräulein ... als ich Sie diesen Abend in den Armen Ihrer Frau Mutter sah, als ich das Bild des Glückes, dessen Sie sich erfreuen, vor meinen Augen hatte, fühlte ich das Unglück meiner Lage noch lebhafter ... O! Fräulein, ich sage das nicht aus Neid! ... Ich segne den Himmel, der Ihnen dieses Glück verliehen hat ... aber ich konnte mich der Thränen nicht enthalten, als ich daran dachte, daß mich meine Mutter nie in ihre Arme geschlossen hat ... daß ich sie nie in meine Arme werde schließen dürfen!« »– Was sagst Du, arme Louise ... liebt Dich Deine Mutter nicht?« »– Nicht deßhalb, gnädiges Fräulein ... Aber hören Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen, denn ich verstehe nicht zu lügen ... Und sehe auch nicht ein, warum ich ein Geheimniß daraus machen sollte ... Sie werden nicht weniger gütig gegen mich sein, wenn Sie erfahren, daß ich ein armes, von meinen Eltern verlassenes Mädchen bin ...« »– Wäre es möglich? ... Du hast keine Eltern? ...« »– Oder kenne sie wenigstens nicht, mein Fräulein.« Dann erzählte Louise Ernestinen, wie sie als Pflegkind zu Nicollen gekommen sei, und wie gutherzig sich die Landleute ihrer angenommen, sie behalten und gleich ihren eigenen Kindern behandelt hätten, als sie sahen, daß sie von ihrer Mutter verlassen sei. Ernestine hörte diese Erzählung mit dem lebhaftesten Interesse an. Nachdem Louise geendigt hatte, küßte sie dieselbe zärtlich und sagte zu ihr: »Meine arme Louise ... Ach! wie wohl hast Du daran gethan, mir dieses zu erzählen. Es ist mir, als ob ich Dich noch mehr liebte, seit ich weiß, daß Dich Deine Eltern verlassen haben ... Und diese gute Nicolle! diese braven Bauersleute! Ach, welch' gute Menschen! ... Morgen will ich Alles meiner Mutter erzählen ... O! ich bin gewiß, es wird auch sie sehr interessiren.« »– Ach! das ist überflüssig, Fräulein; Frau von Noirmont findet es vielleicht unrecht, daß ich Sie von meinem Kummer unterhielt.« »– O! ich stehe Dir für das Gegentheil; trotz ihrer ernsten Miene ist die Mutter doch gut, und außerdem gefällst Du ihr sehr. Sie hat mir mehrmals wiederholt, Dein Benehmen sei sehr anständig und gesittet, und in ihrem Munde ist das ein großes Lob! Nun, gute Nacht, Louise, schlafe wohl, und vor allen Dingen weine nicht mehr! ... Hast Du auch keine Eltern, nun Wohl! so gibt es hier Leute, die Dich lieben und sich Deiner thätig annehmen werden.« Ernestine verließ Louisen, um sich zur Ruhe zu begeben, und diese fühlte sich minder beklagenswerth, als sie die Freundschaft sah, die ihre junge Gebieterin für sie an den Tag legte, eine Freundschaft, welche sie mit aufrichtigstem Herzen erwiderte. Am folgenden Morgen war die Familie Noirmont beim Frühstück versammelt. Ernestine hatte ihre Mutter seit dem gestrigen Tage noch nicht gesehen, weil Kopfschmerzen Frau von Noirmont länger als gewöhnlich im Bette zurückgehalten hatten; aber ihr Vater, der nur selten beim Frühstück erschien, nahm heute gleichfalls Theil daran, und nachdem Ernestine ihre Mutter umarmt hatte, sagte sie mit geheimnisvollem Tone zu ihren Eltern: »Ich habe euch diesen Morgen etwas sehr Interessantes zu erzählen, und es ist mir lieb, daß der Vater zum Frühstück gekommen ist, damit er es auch hört.« »Wirklich?« entgegnete Herr von Noirmont mit einer etwas spöttischen Miene lächelnd, »dem Tone nach, womit Du uns dieses ankündigst, handelt es sich, glaub' ich, in der That um etwas höchst Wichtiges.« »Allerdings, lieber Vater, ist es etwas sehr Wichtiges! ... O! Du siehst aus, als ob Du über mich spotten wolltest! aber wenn Du weißt, was es ist, wirst Du eben so gerührt sein, wie ich gestern Abend war, als ich unsere arme Louise weinen sah.« »Wie? es handelt sich von Louisen?« fragte Frau von Noirmont mit teilnehmender Miene; »ist ihr ein Unglück begegnet? ... Das wäre mir sehr leid, denn dieses junge Mädchen ist ein sehr gutes Geschöpf und scheint unser Wohlwollen zu verdienen.« »Die Sache ist diese ... hört mich wohl an! ... Louise wollte nicht zugeben, daß ich's euch sage, aber ich bin fest überzeugt, ihr verdammet sie deßhalb nicht, denn es ist nicht ihre Schuld.« Herr von Noirmont, den diese Umschweife zu langweilen anfingen, sagte ungeduldig: »Laß hören, meine Tochter, mach' ein Ende und erkläre Dich!« »– Nun gut, lieber Vater, als Louise gestern Abend, um den Thee zu serviren, in den Salon kam, fand sie mich in der Mutter Armen, wie wir uns gerade küßten ...« »– Ganz recht, meine Tochter, und dann?« »– Dann, als ich mich Abends in mein Schlafzimmer begab und ein Nachthalstuch nöthig hatte, welches ich nicht finden konnte, ging ich noch zu Louisen, um sie zu fragen, wo sie es hingethan habe. Dort fand ich Louisen ganz in Thränen; ich sagte zu ihr: Warum weinst Du? Sie antwortete mir mit Schluchzen: Ach! mein Fräulein, weil, als ich Sie diesen Abend in den Armen Ihrer Mutter sah, ich noch lebhafter das Unglück empfand, daß ich niemals von der meinigen umarmt worden und nur ein verlassenes Kind bin.« »Ein verlassenes Kind! ...« murmelte Frau von Noirmont, deren Gesicht plötzlich mit außerordentlicher Blässe überzogen wurde. »Aber,« versetzte Herr von Noirmont, »ich meine doch, Comtois habe uns gesagt, die Eltern dieses jungen Mädchens wohnten in der Umgegend von Paris ... ich erinnere mich gerade nicht mehr, in welchem Dorfe.« »– Ja, mein Vater, man hatte dies zu Comtois gesagt, als man ihm Louisen vorstellte, aber es war eine Lüge, die ihre Freunde für notwendig erachtet hatten. Louise fand es für besser, die Wahrheit zu sagen.« »– Sie hat Recht, aber rufe Deine Kammerjungfer her, Ernestine, ich will diese ganze Geschichte von ihr selbst hören; sie erregt meine Neugierde. Und Sie, Madame, sind Sie nicht auch begierig, das junge Mädchen zu hören?« Frau von Noirmont erwiderte einige kaum verständliche Worte; es war, als ob ein geheimes Leiden sie drückte und sie sich Gewalt anthäte, dasselbe zu verbergen. Ernestine hatte jedoch nicht abgewartet, bis ihr Vater seinen Wunsch wiederholte, sie war davon geeilt, Louisen zu rufen, und diese erschien alsbald vor der versammelten Familie. Herr von Noirmont betrachtete Louisen mit größerer Theilnahme; Ernestine lächelte ihr freundlich zu; Frau von Noirmont schlug die Augen nieder und wurde noch blässer. Nach der Unruhe, die sich ihrer bemächtigt hatte, und der Angst, die sich in ihren Zügen aussprach, hätte man sie für eine Verbrecherin halten können, die ihr Urtheil erwartete. »Kommen Sie, Louise, treten Sie näher,« sagte Herr von Noirmont, dem jungen Kammermädchen winkend; »meine Tochter hat uns erzählt, was Sie ihr gestern Abend mitgetheilt haben ... zittern Sie nicht, mein Kind, wir machen Ihnen keinen Vorwurf, weil Sie uns beim Eintritt in das Haus falsch berichtet haben ...« »– Ach, gnädiger Herr, nicht ich!« flüsterte Louise. »– Ja, ich weiß es, die Personen, welche Sie in mein Haus empfohlen haben, hielten diese Lüge für nothwendig; sie hatten Unrecht: man muß immer bei der Wahrheit bleiben. Also kennen Sie Ihre Eltern nicht, armes Mädchen?« »– Nein, gnädiger Herr.« »– Wo sind Sie erzogen worden?« »– In Gagny.« »– Gagny ... Ah! das ist's; ich hatte den Namen des Dorfs, den Sie mir beim Eintritt ins Haus gesagt hatten, vergessen ... und wer hat Sie erzogen?« »– Eine wackere Bäuerin ... Nicolle Frimousset ... Sie säugte damals den Herrn Cherubin von Grandvilain ...« »– Ah! der junge Marquis von Grandvilain wurde von dieser braven Frau gesäugt?« »– Ja, gnädiger Herr, das ist mein Milchbruder ... und ... in seiner Kindheit war ich die Genossin seiner Spiele.« »– Ganz gut ... aber daraus geht nicht hervor, wie Sie nach Gagny kamen?« »– Mein Gott, gnädiger Herr, eine Dame ... meine Mutter ohne Zweifel, brachte mich zu der guten Nicolle und bat sie, mich zu verpflegen; ich war damals ein Jahr alt; man ließ Nicollen einiges Geld und versprach wieder zu kommen. Nach Verlauf eines Jahres schickte man durch einen Commissionär von Paris wieder einiges Geld, besuchte mich aber nicht, und seitdem hat man sich nie wieder nach mir erkundigt.« »– Wie hieß, wo wohnte diese Dame? ...« »– Nicolle hatte vergessen, sie darnach zu fragen, denn sie konnte sich nicht vorstellen, daß man mich verlassen und nicht mehr kommen würde! ... Der Commissionär von Paris kannte die Dame, die ihn beauftragt hatte, nicht, und wußte meiner guten Amme nichts darüber mitzutheilen.« »– Aber fand man bei Ihnen oder an Ihrer Kleidung kein Papier? ... kein Zeichen?« »– Nichts, gar nichts, gnädiger Herr!« »– Das ist sehr sonderbar; sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Madame?« Mit diesen Worten wandte sich Herr von Noirmont an seine Frau, die er während dieser Fragen an Louisen nicht angesehen hatte; Ernestine, die dasselbe that, wie ihr Vater, stieß einen durchdringenden Schrei aus und jammerte: »O, mein Gott! die Mutter ist ohnmächtig!« Der Kopf der Frau von Noirmont war auf den Rücken ihres Lehnstuhls zurückgesunken; sie hatte in der That ihre Besinnung verloren, und die Leichenblässe ihres Angesichts verlieh ihrem Zustande etwas Erschreckliches. Man eilte ihr zu Hülfe; Ernestine war trostlos und umschlang ihre Mutter; Louise theilte ihren Schmerz, verlor den Kopf, wußte nicht, was sie thun sollte, und hörte nicht, was man ihr sagte. Aber Herr von Noirmont, der bei kaltem Blute blieb, rief Comtois, brachte mit dessen Hülfe seine Gattin auf ihr Zimmer und legte sie aufs Bett. Nach einiger Zeit kam Frau von Noirmont wieder zu sich, aber es lag etwas Finsteres, Unruhiges in ihren Blicken, welches andeutete, daß die Ursache ihres Uebels noch vorhanden sei; sie richtete langsam ihre Augen auf ihren Gatten und ihre Tochter, und als sie Louisen bemerkte, die etwas ferner stand und die allgemeine Besorgniß zu theilen schien, schloß sie die Augen wieder und ließ ihr Haupt aufs Kissen zurücksinken. »Mutter, theure Mutter, wie geht es Dir jetzt?« fragte Ernestine, die Hand ihrer Mutter drückend. »– Besser, mein Kind, besser; ich fühle mich wohler.« »Welch' plötzliches Uebelbefinden hat Sie denn ergriffen, Madame?« sagte Herr von Noirmont mit Theilnahme. »Sie haben uns einen großen Schrecken verursacht.« »– Ich weiß es nicht, mein Herr ... Ich fühlte mich mit einem Male beengt ... ein kalter Schweiß bedeckte mich ... und ich verlor die Besinnung ...« »Du warst diesen Morgen schon unwohl, Du hattest Kopfschmerzen,« sagte Ernestine. »Ja, in der That,« rief Frau von Noirmont lebhaft aus. »Schon diesen Morgen war ich leidend ... und das ist ohne Zweifel der Grund davon.« »Und dann wird Dich die Geschichte Louisens angegriffen. Dir das Herz schwer gemacht haben ... Das hat Dein Uebel verschlimmert.« »– Soll man einen Arzt rufen lassen, Madame?« »– Nein, mein Herr, es ist überflüssig, ich bedarf nur der Ruhe ... des Friedens ... des Schlafs vielleicht.« »– Dann wollen wir Sie verlassen.« »– Aber ich werde ganz in der Nähe bleiben, und beim geringsten Geräusch herbeieilen,« sagte Ernestine. Frau von Noirmont schien das Alleinsein sehnlichst zu wünschen. Alle entfernten sich. Ernestine, noch ganz von dem Anblicke ihrer ohnmächtigen Mutter ergriffen, und Louise, höchst traurig, weil sie fürchtete, die Geschichte ihres Unglücks habe ihre Gebieterin zu sehr gerührt. Frau von Noirmont brachte den Rest des Tages in ihrem Zimmer zu, sie blieb im Bette und verlangte besonders, ungestört zu sein. Der folgende Tag verging auf dieselbe Weise, und sie hütete mehrere Tage das Bett. Indessen weigerte sie sich, einen Arzt kommen zu lassen, und versicherte, daß ihre Unpäßlichkeit nur Ruhe verlange. Aber seit dem ersten Augenblick des kränklichen Zustandes der Frau von Noirmont war ihre Stimmung nicht mehr dieselbe; sie sprach kaum ein Wort; die Gegenwart ihrer Tochter schien ihr sogar zuweilen lästig zu sein; sie antwortete trocken und nahm ihre Liebkosungen mit Kälte auf. Louisens Dienste hatte sie, seit sie ihr Zimmer hütete, unter dem Vorwand, sie bedürfe ihrer nicht, beständig verweigert. Die arme Louise war darüber ganz traurig und sagte zu Ernestinen: »Ihre Frau Mutter weist meine Dienste zurück ... und gestattet nicht, daß ich ihr Zimmer betrete, ach! gnädiges Fräulein, ich fürchte, ihr Mißfallen erregt zu haben ... sie ist vielleicht unwillig, ein Mädchen im Hause zu haben, dessen Eltern man nicht kennt.« Ernestine bemühte sich, sie zu trösten und erwiderte: »Du irrst Dich ... warum soll denn die Mutter etwas gegen Dich haben ... nein, das Uebelbefinden ist daran Schuld ... ihr Nervenleiden ...macht sie traurig ...und reizbar ... mich selbst stößt sie jetzt, wenn ich sie küsse, zurück ... und küßt mich nicht wieder ... das thut mir auch recht wehe, aber dessen ungeachtet bin ich überzeugt, daß mich die Mutter liebt.« Bei diesen Worten zerfloß das liebe Kind ebenfalls in Thränen, worein auch Louise die ihrigen mischte, denn sie wußte ihr keinen andern Trost zu geben. Endlich hatte sich Frau von Noirmont entschlossen, ihr Zimmer zu verlassen, und kam in den Salon; das erste Mal, als Louise sie wieder sah, brannte sie vor Begierde, sich nach dem Stande ihrer Gesundheit zu erkundigen, aber sie wagte es nicht; der Blick ihrer Gebieterin schien den ihrigen zu meiden, und sie zeigte nicht mehr das frühere Wohlwollen gegen sie. Von nun an schalt Frau von Noirmont sie bei der geringsten Veranlassung ärgerlich und unmuthig aus; gab ihr oft in einer Minute zehnerlei widersprechende Befehle; das arme Mädchen verlor den Kopf, wurde ängstlich, wußte nicht mehr, was sie thun sollte, und Ernestine blickte ihre Mutter mit erstaunter, kummervoller Miene an, als sie ihren Schützling so behandelt sah. Zuweilen aber schien es, als ob eine außerordentliche Veränderung mit dieser sonderbaren Frau vorginge; nachdem sie Louisen rauh und heftig behandelt hatte, und nun das betrübte Antlitz des armen Mädchens sah, so änderten sich ihre Züge, ihre Augen wurden feucht, folgten allen Bewegungen Louisens, und sie rief sie dann mit sanfter, herzlicher ... sogar zärtlicher Stimme zu sich; das junge Mädchen kehrte alsbald freudig, eifrig zurück ... aber schon hatte ihre Gebieterin wieder ihre strenge Miene angenommen und gab ihr mit einer Geberde das Zeichen, sich zu entfernen, während sie mit abstoßendem Tone murmelte: »Was wollen Sie? ... ich habe Sie nicht gerufen.« So verflossen einige Wochen. Eines Morgens sagte Frau von Noirmont, dem Anscheine nach noch sorgenvoller als gewöhnlich, zu ihrer Tochter, als diese sie zu küssen kam: »Ich bin entschlossen, Deine Kammerjungfer nicht zu behalten; ... das junge Mädchen taugt zu gar nichts ... man muß sie fortschicken ... und ihr zwei bis drei Monate mehr bezahlen, als man ihr schuldig ist ... unterrichte sie hievon ... und veranlasse sie, wieder in ihr Dorf zurückzugehen ... ich glaube, es war ein großes Unrecht von ihr, in Paris einen Platz zu suchen ... gib Dir keine vergebliche Mühe, mich von meinem Entschlusse abzubringen, er steht fest.« Ernestine war trostlos, sie liebte Louisen zärtlich, und es hätte ihr einen wirklichen Kummer verursacht, sie entlassen zu müssen; aber ihre Mutter hatte sich in einem so ernsten, so bestimmten Tone ausgedrückt, daß die arme Kleine keine Antwort wagte, sondern schwieg, seufzend die Augen niederschlug und sich entfernte, um den traurigen Auftrag zu erfüllen, den die Mutter ihr ertheilt hatte. Beim Weggehen aus ihrer Mutter Zimmer begegnete Ernestine Herrn von Noirmont, der auf sie zukam und sie beim Anblick ihrer gramvollen Miene, indem er sie küßte, fragte: »Was hast Du denn, liebe Tochter ... man könnte glauben, Du habest geweint?« »– O! es ist nichts, lieber Vater ...« »– Ernestine, Du weißt, daß ich weder Ausflüchte noch Geheimnisse leiden kann, sag' mir auf der Stelle, was Dich diesen Morgen so traurig macht!« »– Wohlan ... lieber Papa, die Mutter will Louisen fortschicken ... die arme Louise, unser Kammermädchen ... die ich so lieb habe, und die so sanft ist ... aber die Mutter liebt sie nicht mehr ... sie behauptet, Louise tauge zu gar nichts ... und doch arbeitet sie so gut wie sonst und näht wie ein Engel; ... da es aber die Mutter haben will, so werde ich sie davon unterrichten ...« »– Gehe nicht zu ihr, liebes Kind, es ist unnöthig, Louise bleibt im Hause.« »– Aber, lieber Papa, da die Mutter gesagt hat ...« »– Aber ich sage Dir das Gegentheil und bin allein Herr hier.« Ernestine schwieg, denn ihr Vater hatte eine strenge Miene angenommen, die bei ihm einen unabänderlichen Entschluß anzeigte. Dann begab sich Herr von Noirmont zu seiner Gemahlin und sprach in kaltem, aber imponirendem Tone zu ihr: »Madame, Sie sind sehr launenhaft, man bemerkt dies daran, wie Sie zuweilen Ihre Tochter behandeln, aber Sie dehnen Ihre üble Stimmung bis auf arme Dienstboten aus, und das kann ich nicht zugeben. Die junge Louise, die als Ernestinens Kammermädchen in unsere Dienste trat, ist rechtschaffen und klug, und ihr Benehmen so tadellos wie ihre Sitten; ich halte es für schwierig, wieder eine ähnliche zu finden, und Sie wollen sie fortschicken, Madame? ... Sie wollen, daß ich eine brave Person aus dem Hause jage, weil sie Ihnen ohne allen Grund nicht mehr gefällt; ... weil Sie Ihrer phantastischen Laune wegen schlimmer als jemals zu bedienen sind! Nein, Madame, das darf nicht geschehen; die Gerechtigkeit geht mir über Alles! ... und dieses junge Mädchen bleibt im Hause, weil es eine Ungerechtigkeit wäre, sie fortzuschicken!« Frau von Noirmont erwiderte kein Wort; sie beugte das Haupt und schien niedergeschmettert. Vierundzwanzigstes Kapitel Der polnische Liebeshandel. Cherubin hatte Darena acht Tage nicht gesehen; er wurde ungeduldig, mißmuthig und fürchtete, sein Liebeshandel mit der schönen Polin möchte ganz vereitelt worden sein; wie dies nun immer der Fall ist, so nahm auch seine Liebe in dem Maße zu, als er fürchtete, nicht zum Besitze des Gegenstandes seiner Neigung gelangen zu können; aber just, um ihn zu dieser Höhe der Leidenschaft zu steigern, war Darena, ein Kenner des menschlichen Herzens, so lange von ihm weggeblieben. Endlich stellte sich Darena eines Morgens äußerst geschäftig, athemlos, wie ein Mann, der, ohne anzuhalten, zwölf Wegstunden durchgaloppirt hat, im Hôtel ein. Er schob den alten Jasmin, der ihm entgegnete, er wisse nicht, ob der Herr schon zu sprechen sei, da er noch nicht aufgestanden, auf die Seite, und warf ihn fast über den Haufen. »Auf oder im Bette, darum schere ich mich nichts, für mich ist er immer zu sprechen!« schrie Darena mit barschem Ton. »Lernt die Leute kennen, alter Esel von Kammerdiener, aus deren Besuch sich Euer Herr jederzeit eine Ehre macht!« Mit diesen Worten drang Darena hastig in das Schlafgemach des jungen Marquis, ließ Jasmin sich an die Wand anklammern und mit zornerstickter Stimme brummen: » Alter Esel! ... Er nannte mich einen alten Esel! ... das ist unverschämt. Nie haben mir die Grandvilains, Vater und Sohn, diesen Namen beigelegt! ... Er ist freilich kein Esel ... aber wie ich fürchte, sonst ein sehr schlechtes Thier.« Darena trat an Cherubins Bett, schob die Umhänge zurück, und rief ihm zu: »Auf Jokonde! auf Lovelace ... Richelieu, Rochester! Endlich ist der Augenblick des Sieges gekommen! Tod und Teufel! ich darf sagen, lieber Freund, daß ich mich's Ihretwegen habe Mühe kosten lassen! ... uf! ich kann nicht mehr!« Damit warf sich Darena auf ein Ruhebett und wischte sich das Gesicht mit seinem Taschentuche ab. »Aber was ist denn seit acht langen Tagen mit Ihnen vorgegangen, daß ich Sie nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekam und nicht wußte, was ich von Ihrem Stillschweigen zu halten hatte?« fragte Cherubin, seinen Freund anblickend; »ich glaubte, Sie hätten mich vergessen!« »– Ha! so sind die Menschen! ... die jungen Leute wenigstens! Wenn die Sachen nicht im Augenblick geschehen, glauben sie gleich, man habe sie vergessen. Bin ich der Mann, der seine Freunde vergißt? bin ich Ihnen nicht mit Leib und Seele ergeben? Wenn Sie seit acht Tagen keine Nachrichten von mir empfingen, so rührt es daher, weil ich Ihnen nichts Neues zu sagen wußte: aber ich lauerte, wartete und erspähte den Augenblick, um zu handeln. Endlich ist er gekommen, ich habe gehandelt, und die schöne Globeska ist in unserer Gewalt.« »– Wär's möglich? Ach, mein lieber Darena, erzählen Sie mir doch, wie Sie's gemacht haben?« »– O! zum Kuckuk! auf meine gewöhnliche Weise: ich habe Gold ausgestreut! Ich kenne nur dieses einzige Mittel, das hilft aber immer. Ziehen Sie sich an, und während dessen will ich Ihnen die ganze Begebenheit erzählen; aber rufen Sie keinem Kammerdiener ... denn Sie begreifen wohl, daß ich so etwas nicht vor Zeugen sprechen kann ... Ich habe mich ohnehin schon gehörig compromittirt ... aber ich schere mich den Teufel darum!« Cherubin stand auf, kleidete sich an und sagte zu Darena: »Sprechen Sie, ich höre, ich verliere kein Wort.« »– Sie wissen, daß die schöne Polin mit ihrem Manne ein Hôtel garni im Marais bewohnte; ich bestellte Ihr Liebesbriefchen mittelst Bestechung einer Kammerjungfer und zweier Portiers; die Gräfin Globeska ließ erwidern, daß sie wahnsinnig in Sie verliebt sei und nur auf die Befreiung von ihrem Tyrannen harre. Das war Alles ganz in Ordnung. Wie sollte man aber eine junge Frau einem Manne entführen, der so wenig als ihr Schatten von ihr wich? ... das war schwierig. Sieben Tage vergingen auf diese Weise; Herr von Globeski hatte seine Frau nicht einen Augenblick verlassen. Endlich erfuhr ich gestern von einem Portier (immer wieder durch die Macht des Goldes!), daß der polnische Graf entschlossen sei, Paris zu verlassen und mit seiner Frau nach Norwegen zu reisen; Sie werden einsehen, daß, wenn wir Ihre Eroberung hätten bis Norwegen verfolgen müssen, dies uns etwas weit geführt hätte. Daher faßte ich schnell einen Entschluß und dachte bei mir: »Er soll sie nicht mitnehmen.« Ich erfuhr (abermals durch Ausstreuen von Gold), daß die Postchaise gegen acht Uhr Abends unsere Polen an ihrem Hôtel abholen werde; ich lange etwas vor dieser Zeit an! die Chaise kommt, hält vor dem Hôtel, ich gehe dem Postillon keck entgegen, nehme ihn bei Seite und sage zu ihm: »Ich bete das Frauenzimmer an, welches Ihr fortführen wollt ... Ich werde Euch mit zwei Freunden, bis auf eine oder zwei Stunden von Paris, in einen von der Straße abgelegenen Ort nachfolgen; wir thun, als ob wir Euch angriffen, schießen einige nur blind geladene Pistolen ab, Ihr haltet, wir reißen die Chaise auf, nehmen die junge Dame heraus, und dann fahrt Ihr in gestrecktem Galopp mit dem alten Herrn davon. Wenn er Euch zuschreit, Ihr sollet halten, so höret nicht auf ihn, bis Ihr mindestens zwei volle Stunden davongaloppirt seid.« Sie können sich vorstellen, mein lieber Cherubin, daß, wenn man einem Postillon einen solchen Vorschlag zu machen wagt, man solchen mit gewichtigen Gründen begleiten muß; ich überreichte ihm eine Tausendfrankenbanknote; er drehte mir den Rücken und sagte: »Wofür halten Sie mich?« Ich fügte noch fünfhundert Franken hinzu ... er sagte mir, die Sache sei sehr kitzelig! Da legte ich noch einmal fünfhundert Franken darauf ... Nun willigte er in Alles. So muß man es in Paris machen. Ich wählte zwei Bursche aus, auf die ich zählen konnte ... mittelst fünfhundert Franken per Mann. Auch eine Postchaise hatte ich gemiethet. Als der Graf Globeski mit seiner Frau abreiste, folgten wir ihm ... und ungefähr zwei Stunden von hier, zwischen Sèvres und Chaville, an einem Orte, wo nichts als Melonen wachsen, schossen wir unsere Pistolen los. Der bestochene Postillon hielt an. Es war stockfinstere Nacht; Alles ging, wie ich vorausgesehen hatte, vorüber. Wir entführten die junge Frau ... Der alte Pole vertheidigte sie wie ein wilder Teufel ... er brachte sogar im Kampfe einem meiner Leute einen leichten Dolchstich bei, was mich nöthigte, ihm ein weiteres Geschenk von hundert Thalern zu machen. Endlich haben wir die göttliche Globeska entführt, und ich dieselbe in die zu diesem Zwecke gemiethete Wohnung gebracht, wo sie die Nacht verblieb, und Sie jetzt erwartet.« »Ach! mein lieber Darena! ... welche Ereignisse ... mein Gott, eine Frau ihrem Gatten mit bewaffneter Hand entreißen ... wenn man das wüßte ... ist das nicht ein Verbrechen?« »– Pah! ... Sie werden sich doch jetzt nicht mit Gewissenszweifeln befassen! ... außerdem gab es kein anderes Mittel, und wenn am Ende Jemand in der Sache bloßgestellt ist, so bin ich's allein ... aber meine Freundschaft bietet den Gefahren Trotz!« »– Und wo haben Sie die schöne Polin hingebracht?« »– In ein kleines, einzeln stehendes Haus, welches ich nahe bei der Barrière de la Chopinette gemiethet habe ... ich konnte kein besseres finden ... außerdem habe ich gedacht, daß es Ihnen zu viele Umstände machen würde, aufs Land weit von Paris zu gehen ... Das für Sie gemiethete Häuschen steht an einem Orte, wo sehr wenig Leute vorbeikommen ... die Aussicht ist zwar nicht sehr freundlich, aber was liegt daran? Sie werden sich nicht mit einem Frauenzimmer einschließen, um Leute vom Fenster aus vorbeigehen zu sehen ... gefällt es Einem nicht überall, wenn man bei dem Gegenstand seiner Liebe ist?« »– O! ja gewiß, aber in welchem Quartier ist die Barrière de la Chopinette?« »– Im Poudrette-Quartier, in der Nähe der einsamen Spaziergänge, Ménilmontant zu. Uebrigens wird uns ein Fiaker hinführen. Vorwärts, mein Lieber, denken Sie daran, daß Sie von Ihrer Schönen erwartet werden; ich habe dem Portier des Hauses den Auftrag gegeben, ein Essen, so gut und saftig, als man es in diesem Quartier haben kann, dergleichen vortreffliche Weine bringen zu lassen ... beeilen Sie sich, Ihren Anzug zu vollenden, putzen Sie sich, parfümiren Sie sich ...« »– Mich parfümiren! ... nein, ich werde mich wohl hüten ... die Wohlgerüche bekommen mir nicht gut.« »– Wie Sie wollen, aber ... werfen Sie sich in Galla ... glücklicher Cherubin ... denn Sie gelangen in den Besitz einer der schönsten Frauen, die ich jemals gesehen habe; und dann ist ihr polnischer Accent so verführerisch!« »– Und sie liebt mich, sie hat's gestanden?« »– Beim Kuckuk, wie oft muß man Ihnen das sagen, überdies scheint es mir ihr Betragen gehörig zu beweisen.« »– Hat sie nicht darüber geweint, daß sie entführt wurde?« »– Geweint! ... sie hat gewalzt ... sie scheint ganz vernarrt in den Walzer. A propos ! ich brauche es Ihnen wohl nicht zu sagen, daß die mir übergebenen Gelder verausgabt sind ... Der Postillon, die bezahlten Bursche ... die Kutsche, das gemiethete Haus ... alle die bestochenen Leute ... Ich bin im Gegentheil noch mit fünfzehnhundert Franken im Vorschuß.« »– Fünfzehnhundert Franken?« sagte Cherubin, zu seinem Schreibtisch tretend, »Sapperment! die Entführung einer Frau kommt theuer zu stehen!« »– Ach! wem sagen Sie das! mir, der ich vielleicht hundert in meinem Leben entführt habe! damit habe ich ja einen Theil meines Vermögens verschleudert, aber es ist auch ein fürstliches Vergnügen, welches sich nicht Jedermann erlauben darf.« Cherubin überreichte Darena die verlangte Summe und sagte zu ihm: »Ich bin bereit.« »– Ganz gut, lassen Sie einen Miethwagen holen, denn Sie begreifen, daß man mit Ihrem Tilbury und Ihrem Jockey nicht in das kleine Haus fallen kann ... man muß seine Dienstboten nie mit einem so geheimnißvollen Liebeshandel bekannt machen; dieser Menschenschlag ist zu klatschsüchtig.« »– Sie haben Recht. Holla! ... Jasmin!« Der alte Diener erschien, machte ein langes Gesicht und warf zornige Blicke auf Darena; Cherubin befahl ihm, einen Fiaker zu holen. »Der gnädige Herr nimmt also sein Cabriolet nicht?« brummte Jasmin mit Erstaunen. »Wahrscheinlich!« rief Darena über Jasmin's Miene lachend aus, »da Euer Herr einen Fiaker verlangt, so geschieht es, weil er sein Cabriolet nicht nehmen will, vorwärts, alter Scherben ... beeilt Euch, wenn's möglich ist.« »– Alter Scherben! ...« murrte Jasmin, sich entfernend, vor sich hin ... »noch eine Grobheit, und ich soll den Esel und den Scherben nur so hinunterschlucken! ... ich fürchte sehr, daß dieser schlechte Kerl meinen jungen Herrn verdirbt ... ich möchte wissen, warum er ihn veranlaßt, einen Fiaker zu nehmen, da er doch ein Tilbury und ein Cabriolet hat.« Indessen besorgte Jasmin den ihm ertheilten Auftrag, und der Fiaker wartete; Cherubin ging mit Darena hinab, und sie stiegen beide in den Wagen, den der alte Diener mit keineswegs befriedigter Miene wegfahren sah. Darena ertheilte dem Kutscher die Weisung, wo er sie hinführen sollte; man hielt nach einer ziemlich langen Fahrt vor einem elend aussehenden Hause, das außerhalb der Barrière de la Chopinette auf den äußern Boulevards lag. »Hier ist es,« sagte Darena, aus dem Wagen springend. Cherubin betrachtete das Haus; welches nur ein Stockwerk und zwei Fenster im Erdgeschosse hatte, und rief aus: »Dieses Haus ist eben nicht elegant!« »Das Innere ist sehr reinlich,« entgegnete Darena. »Die Hauptsache ist seine Abgelegenheit; denn da müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn Sie der Ehemann hier ausfindig machte! Mein lieber Freund, bei der Entführung einer Frau muß man sehr vorsichtig sein; und überhaupt, was kümmert Sie das Haus? ... der Frau wegen kommen Sie hierher ... ich würde mir mit dem Gegenstand meiner Liebe in einer Schäferhütte gefallen haben; ich will läuten, schicken Sie den Wagen fort.« Cherubin bezahlte eilig den Kutscher, dieser stieg auf seinen Bock und fuhr davon. Darena zog an einem Eisendraht, der neben dem Halbthore angebracht war, das zum Eingang ins Haus diente. Ein kleiner, dreizehnjähriger, frech aussehender Junge, dessen unverschämtes, gemeines Wesen ganz zu seinem höchst unsaubern Anzug paßte, zeigte sich, die Mütze auf dem Kopfe, mit offener Blouse und schmutzigen Händen, er warf einen Blick des Einverständnisses auf Darena, der in ihm den kleinen Bruno erkannte, denselben Taugenichts, aus dem Herr Poterne einen Affen hatte machen wollen, und der seinerseits den Einfall gehabt hatte, sich das Fell anzueignen, das ihm beim Studium seiner Rolle diente. Später traf Poterne Bruno, der unterdessen seine Hülle verwerthet und aufgezehrt hatte, wieder an; der Geschäftsführer erlaubte sich zuvörderst, dem Straßenjungen einige Ohrfeigen zu appliciren, dann verzieh er ihm und nahm sich, hingerissen von den glücklichen Anlagen zur Spitzbuberei, die der kleine Bruno an den Tag legte, vor, ihn eintretenden Falls wieder zu verwenden. Bei der zum Betruge Cherubins eingeleiteten Intrigue mußte man eine verständige, sichere, zuverlässige Person in das gemiethete Haus thun; Poterne erinnerte sich sogleich des Straßenjungen, den er nicht theuer bezahlen mußte, und welcher alle zu ihren Planen erforderlichen Eigenschaften hatte. »Ah! da ist der Sohn des Portiers,« sagte Darena, mit einem Blick auf Bruno, während er Cherubin in eine Art Hausflur treten ließ, welche zur Treppe führte. »Ist Dein Vater abwesend, Kleiner?« »– Ja, mein Herr, er war genöthigt, zehn Stunden weit zu meiner Tante zu gehen, die sehr krank ist.« »– Und Du hütest das Haus?« »– Ja, mein Herr!« »– Ist für die Dame, die hier über Nacht war, auch gehörig gesorgt worden?« »– O ja, mein Herr ... seien Sie ganz beruhigt, dieser Dame ging nicht das Geringste ab; sie ist oben ... zwar, weil sie ganz allein ist, sagt sie, es fange an, ihr langweilig zu werden.« »– Geduld ... dieser Herr hier wird ihr Gesellschaft leisten. Und das Frühstück, ist es bestellt worden?« »– Ja, mein Herr ... o! es wird ausgezeichnet sein ... ich war selbst bei dem Traiteur ...« »– Dieser kleine Schelm ist sehr verständig!« sagte Darena, sich gegen Cherubin wendend, »ich empfehle Ihnen denselben, wenn Sie Etwas nöthig haben sollten. Nun, mein lieber Freund, da Sie in der Nähe Ihrer Schönen sind, will ich Sie verlassen.« »Wie ... Sie verlassen mich?« rief Cherubin beinahe ärgerlich aus. »– Aber es scheint mir, ich habe hier nichts mehr zu thun! ... das Uebrige sei Ihre Sache ... Sie werden mit einer kleinen, verführerischen Fremden, die wahnsinnig in Sie verliebt ist, unter vier Augen speisen ... wäre da ein Dritter nicht zu viel?« »– Ach! ja, allerdings ... ja ... nun also – auf Wiedersehen!« »– Auf Wiedersehen, mein lieber Marquis, möge Sie die Liebe mit ihren süßesten Freuden krönen! ...« Darena lächelte beinahe höhnisch, als er Cherubins Hand drückte, dann warf er noch einen Blick auf Bruno und verließ das Haus, die Thüre hinter sich schließend. Cherubin fühlte sich ganz ergriffen, als er sich in diesem unbekannten Hause, inmitten eines ihm ganz fremden Stadtviertels allein neben dem kleinen Jungen befand, der ihn mit einer possenhaften Miene anblickte, während er Nüsse knackte, die er unter seiner Blouse hervorlangte. Der Hausflur hatte zwei Thüren, welche beide offen standen und dem Auge den Anblick zweier Zimmer darboten, wovon das eine statt aller Möbeln einige schlechte Tische, das andere einen Tisch, einen Ofen und ein abscheuliches Lager enthielt; die auf das Boulevard gehenden Fenster waren mit eisernen Stangen vergittert und hatten keine Vorhänge. Cherubin dachte, als er dies Alles übersah, bei sich, daß Darena zur Meublirung dieses Hauses nicht viel Geld ausgegeben haben müsse; dann wandte er sich an Bruno, welcher bald mit den Zähnen, bald mit den Füßen seine Nüsse zu knacken fortfuhr, und von Zeit zu Zeit eine Melodie dazu summte, von der man nichts verstand als: la la, la la, tra la, la la! ... »– Wo sind die Zimmer der Frau Gräfin?« »– Wessen?« entgegnete der frühere Wichser, mit unverschämter Miene den Kopf in die Höhe richtend. »– Ich frage Dich, wo die Zimmer der jungen Dame sind, die seit gestern hier wohnt?« Der kleine Junge fuhr mit der Zungenspitze gegen eine seiner Wangen, die Manier der Straßenjungen, wenn sie Jemand anlügen wollen, und versetzte dann: »Ach! ja, die junge, fremde Dame, die entführt wurde... und hier geschlafen hat ... lala, la la, tra la, la la! ... sie ist oben, im ersten Stocke, in den schönsten Zimmern des Hauses ... wo sie seufzt und sich langweilt ... la la, trala, la la!« Cherubin verlangte nichts weiter, stieg die Treppe hinauf und hielt vor einer Thüre, in welcher der Schlüssel steckte. Sein Herz schlug mächtig bei dem Gedanken, sich dieser schönen Polin gegenüber zu sehen, die so bereitwillig ihren Gemahl verlassen hatte, um ihm zu folgen; aber er erinnerte sich, wie schön sie ihm vorgekommen war, und er faßte den Entschluß, anzuklopfen: Eine Stimme schrie ihm zu: »Nur herein! der Schlüssel steckt jo in der Thür.« Cherubin erkannte Frau von Globeska's Accent; er machte die Thüre auf und befand sich der jungen Frau gegenüber. Chichette Chichemann trug einen sehr einfachen Anzug, den man aber durch einige Spitzen, Blumen und sonstige Verzierungen zu heben versucht hatte, was jedoch bei einem Kenner die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht hätte. Aber Cherubin war in dieser Beziehung noch nicht sehr erfahren, überdies bekümmert sich ein Verliebter nicht um solche Kleinigkeiten; er achtete nur auf das hübsche Angesicht Chichetten's, welche dasselbe grüne Sammet-Barett wie im Cirkus auf dem Kopf hatte und ihm beim Eintritt anmuthig zulächelte, indem sie ausrief: »Ach! Sie sin do! Des isch ober schön ... denn hier wor ich ganz allän und hob mich erschrecklich gelangweilt!« Durch diesen Empfang ermuthigt, setzte sich Cherubin neben die junge Frau und sagte in zärtlichem Tone zu ihr: »Ach! Madame, Sie verzeihen mir also, was ich im Uebermaß meiner Liebe zu unternehmen gewagt? Sie haben also darein gewilligt, sich meiner Ehre anzuvertrauen ... und den zu fliehen ... der ... kurz, den Herrn, der mir so häßlich vorkam, und der sicher nicht würdig ist ... Sie ... Sie ...« Cherubin, der nie so viel auf einmal gesprochen hatte, hielt inne und wußte nicht mehr, wie er fortfahren sollte, aber Chichette ließ ihm keine Zeit und fiel ihm schnell in die Rede: »Jo! jo! ... ich bin meim Tyranna entfloha ... ober redda mer von was Anderem!« Sie will nichts mehr von ihrem Gatten hören, dachte Cherubin, sie will von etwas Anderem unterhalten sein ... von meiner Liebe, ohne Zweifel ... sie ist reizend. »Also,« begann der junge Verliebte, »bereuen Sie es nicht. Ihr Glück in meine Hände gelegt zu haben ... und nun hier ... von den Ihrigen entfernt zu sein?« »Jo freili bin i von dem Meinige entfärnt und dos thut mir schon läd! ... ober ich hoff' ihn eines Tages wiederzusäha ... Redda mer von wos Anderem.« »– Ach! wie liebenswürdig, wie schön sind Sie, Madame ... wenn Sie wüßten, wie sehr ich ... ich ... Sie liebe« Es bedurfte eines großen Aufwands von Muth von Seiten Cherubins, um diese Worte auszusprechen, und er wagte es nicht, die junge Frau anzublicken, da er fürchtete, sie möchte diese Erklärung etwas zu ungestüm finden; aber Fräulein Chichette, weit entfernt, sich beleidigt zu finden, fing ziemlich einfältig zu lachen an und erwiderte: »Jo! jo! ich wäß wohl ... ha! he! dos isch lustig, sich zu lieba ... Sie hoba auch sehr hübsche Auga ... ha! ha! ... ich will recht mit Ihna lacha ...« Und die angebliche Polin, welche in der That sehr zum Lachen aufgelegt schien und wunderhübsche Zähne zeigte, blickte den jungen Mann auf eigene Art an und sagte nicht mehr: »redda mer von etwas Anderem!« Cherubin fühlte einen Augenblick Lust, seine Eroberung, die ihm beinahe ihre frischen und rosigen Wangen hinbot, zu küssen; allein er begnügte sich damit, ihre Hand zu ergreifen, die er auf sein Herz legte, wo er sie heftig drückte. Chichette, der es vielleicht langweilig wurde, ihre Hand fortwährend auf Cherubins Herz drücken zu lassen, sagte abermals mit Lachen: »Wie Ihr Ding Tik tak macht! s'isch wie 'ne große Uhr.« »– Ach, Madame, das ist die Bewegung, das Vergnügen ... die ...« »– Wolla wir nicht frühfstücka?« rief plötzlich Chichette aus, »ich habe Hunger ... mein Bauch knurrt ...« Diese Worte führten Cherubin auf minder romantische Gedanken zurück, er eilte auf die Thüre zu und rief: »– He, he, Kleiner? ... wie steht's mit dem Frühstück?« »– Hier, mein Herr, sogleich ... ganz warm noch!« entgegnete Bruno, »so eben bringt es der Gastwirth.« In der That kam alsbald ein Kellner mit dem kleinen Portier die Treppe herauf, deckte einen Tisch und legte zwei Couverts darauf. Man brachte einen mit Flaschen angefüllten Korb, welche Siegel von allen Farben hatten. Man stellte frisch aufgemachte Austern auf den Tisch, und mehrere bedeckte Schüsseln auf ein nahestehendes Möbel. Als die sogenannte polnische Gräfin die Austern sah, überließ sie sich ganz ungebildeten Aeußerungen der Freude, hüpfte im Zimmer umher und rief aus: »– Ach! Austern! ... Ich hob die Austern so gärn ... für Austern ließ' ich mir den Hintern vollschlaga!« Cherubin war höchst erstaunt, Frau von Globeska sich auf diese Weise ausdrücken zu hören, er schrieb es aber ihrer Unkenntniß der französischen Sprache zu. Der Kellner war zu sehr an eine solche Sprache gewöhnt, als daß er darüber erstaunt wäre, und der kleine Bruno beschränkte sich darauf, seine Backen aufzublasen und zu brummen: »Schönen Dank! wenn's noch ein paar Mal so kommt, so ist der Spaß verdorben!« Das Frühstück war aufgetragen. Der Kellner entfernte sich mit dem Jungen, und beide machten sorgfältig hinter sich die Thüre zu. Fräulein Chichette wartete nicht, bis sie Cherubin zu Tische führte, sondern setzte sich, alle ihr gegebenen Vorschriften, sich als anständige Dame zu benehmen, vergessend, vor eines der Gedecke und rief aus: »Wir wolla essa! wir wolla essa! O! Austern! dos isch herrlich!« »Sie scheint sehr hungrig!« dachte Cherubin, sich gleichfalls bei Tische niederlassend. Er präsentirte der jungen Frau eilig von den Austern, sie wartete aber nicht so lange, bis er sie ihr auswählte, sondern ließ sie mit bewundernswürdiger Schnelligkeit verschwinden, dann reichte sie ihm ihr Glas und sagte: »Wise Win, wänns Ihna gefällig war ... ich hob auch dä wise Win gor gärn!« Cherubin schenkte ihr weißen Wein ein, den man mit einem langen Stöpsel versehen hatte, um ihm das Aussehen von Sauterne zu geben, der aber ohne Austern nicht trinkbar gewesen wäre. Ueberhaupt fand der junge Mann, daß sie sehr schlecht bedient waren; die Teller waren von gewöhnlichem Steingut, die Bestecke hatten keinen Silber-Klang und das Tischzeug war grob. Auch der Wein schien ihm, trotz seinen goldenen Siegels, höchst mittelmäßig; aber seine Eroberung fand ihn vortrefflich, sie verschlang Austern, leerte ihr Glas, nahm wieder Austern und verlangte wieder zu trinken, und das Alles ohne die mindeste Unterbrechung. Cherubin war außer Stand, ihr nachzukommen; erst als keine Austern mehr auf dem Tische waren, entschloß sich Madame Chichette, eine kleine Pause zu machen. »– Ich will den kleinen Portier rufen, daß er diese Sachen wegschafft,« begann Cherubin. »– Nä, nä! ich kann sie schon selbst wegschaffa!« entgegnete Chichette, die aufstand, und in einem Nu Teller und Schalen vom Tische weggeräumt und zwei der zugedeckten Platten aufgestellt hatte. Der junge Mann widersprach vergeblich, daß sich seine Dame solche Mühe mache, sie hörte nicht auf ihn und nahm erst, nachdem Alles beendigt war, wieder ihren Platz ein. »Mein Gott! Frau Gräfin! wie leid thut es mir, daß Sie sich diese Mühe machen,« sagte Cherubin, »aber es scheint mir, Sie sind zur Ausübung der Haushaltungsgeschäfte angehalten worden; wie ich sehe, genießen die Damen in Polen keine so oberflächliche Erziehung wie in Frankreich, es war Ihren erhabenen Eltern nicht zu gering, Sie mit den nothwendigen Details des Hauswesens bekannt zu machen ... Ihre erhabenen Eltern sind todt, ohne Zweifel?« »– Jo, jo! redda mer von was Anderem ... gäba Sie mer die Schüssel! ... ach! wie riecht dos so gut! ... Es isch von Hasa ... o! die Hasa hob ich gar so gärn!« Cherubin war durchaus nicht derselben Ansicht wie seine Eroberung, er liebte die Hasen nicht und fand das bestellte Frühstück nicht von der Art, wie er es gewöhnlich in den Pariser Restaurationen antraf; aber seine Genossin war bei Weitem nicht so schwer zu befriedigen, als er, sie nahm sich von dem Hasen, schien mit Entzücken zu essen, und rief von Zeit zu Zeit aus: »Dos isch köstlich frißkaschirt!« Cherubin bot ihr Wein mit einem andern Siegel an. Chichette trank vom rothen ebensowohl als vom weißen, dann deckte sie eine weitere Platte auf, und schrie, vom Stuhle aufhüpfend: »– Ach! a Fischspaise! ... O! sell isch rächt! ich hob die Fisch gor zu gärn!« »– Es scheint mir, sie hat Alles gern,« sprach Cherubin zu sich; »sie wurde gewiß gut erzogen, denn sie ziert sich gar nicht!« Chichette fand die Fischspeise herrlich; sie nahm, ohne auf Cherubins Anerbieten zu warten, mehrmals davon; sie begeisterte sich hauptsächlich für die Sauce; endlich leckte sie in einem Augenblick des Entzückens ihren Teller ab, indem sie wahrscheinlich bedauert hätte, auch nur das Geringste von dieser ihr so wohl schmeckenden Sauce zurückzulassen. Der Jüngling blieb starr vor Erstaunen, als er die Gräfin Globeska ihren Teller zum Munde bringen und ihre Zunge darauf herumspazieren sah; aber er stellte sich vor, es sei in Polen gebräuchlich, sich so aufzuführen. Als Chichette bemerkte, daß ihr Gegenüber sie mit Befremden betrachtete, sah sie ein, daß sie eine Dummheit begangen hatte, stellte schnell ihren Teller auf den Tisch und sagte: »– Ach! dos wor nur zum Spaß! ... Ich werde es niemals wieder thun! ... aber schaua mir, wos in der annere Schüssel isch.« Chichette deckte die letzte Platte auf, worauf sich gebackene Fische befanden; sie stieß abermals einen Freudenschrei aus: »Ah! Gründlinge! gebackene Gründlinge! O! die ess' ich ober a mol gor zu gärn! ...« »Ich bin sehr erfreut, Madame, daß Alles nach Ihrem Geschmacke ist,« sagte Cherubin, seiner Schönen mit Gründlingen aufwartend; »aber Sie sind in der That nicht lecker; mir kommt es vor, als ob unser Frühstück Ihrer nicht würdig wäre ... Es scheint mir, daß es in diesem Quartier keinen guten Traiteur gibt.« »– Doch, doch, in der Courtille ... gibt es gute Traiteurs.« »– In der Courtille? ... dieser Ort ist mir unbekannt; speisten Sie denn mit Ihrem Herrn Gemahl zuweilen in dieser Gegend?« »– Meinem Gemahl ... O! redda mer von was Anderem ... Ich möchte trinka, der Gründling mocht gleich an gewaltige Dorscht.« Cherubin schenkte seiner Dame eifrigst aus einer wieder mit einem andern Siegel gezierten Flasche ein; diese trank und fand den Wein vortrefflich. Der junge Mann hätte gerne das Gespräch wieder auf seine Liebe gelenkt, aber seine Eroberung war dermaßen mit Essen und Trinken beschäftigt, daß er es nicht wagte, sie in einem Geschäfte zu stören, welches ihr, dem Anscheine nach, so viel Vergnügen machte; dann erinnerte er sich seines Frühstücks bei Madame Celival und dachte: »Ich aß auch viel, um meine Schüchternheit zu vertreiben ... Diese junge Polin macht's vielleicht ebenfalls so ... Wenn's ihr am Ende nur nicht geht wie mir!« Als alles Gebackene aufgezehrt war, ging man zu dem höchst bescheidenen Nachtisch über, der nur aus Biscuit, Käse und dem sogenannten Bettlerconfect (gedörrtem Obst) bestand. Cherubin schalt abermals über den Traiteur; aber Chichette fuhr fort, Alles vortrefflich zu finden, stopfte sich mit Feigen, Rosinen und Biscuit voll und trank mehrere Male hintereinander, um Alles gehörig zu befördern. Endlich hörte sie auf zu essen, lehnte sich an den Rücken ihres Stuhles und sagte: »Ah! kurios, ich hob gor käne Hunger mehr.« Es wäre weit kurioser, wenn sie noch Hunger hätte! dachte der Jüngling, indem er den Tisch zurückstieß, um sich seiner Gesellschafterin zu nähern. Nachdem er seinen Stuhl neben den Chichettens gestellt hatte, faßte er den Muth, ihre Hand zu ergreifen, und stammelte: »Wie glücklich bin ich ... in Ihrer Nähe zu sein ... Welch' erwünschter Zufall hat mich in das Theater geführt, worin Sie waren ... ohne diesen wäre ich Ihnen vielleicht niemals begegnet ... und doch sagte mein Freund ... der Herr, welcher an jenem Abende bei mir war, wir seien Eines für das Andere geboren ... Glauben Sie das, Madame?« Chichette erhob sich lebhaft und sagte: »Ach! es isch mer a wäng äng ... Dos isch kurios, ich hob doch nicht viel gässa ...« Das junge Mädchen machte einige Gänge durchs Zimmer; Cherubin schritt auf sie zu und fragte: »Ist Ihnen unwohl?« »– Nä ... o! 's wird schon wieder besser wära.« Chichette setzte sich wieder nieder, zwar nicht mehr auf ihren Stuhl, sondern auf einen alten beschmutzten Canapé, dessen Polster aussahen, als ob sie mit Hobelspänen gefüllt wären; aber das junge Mädchen legte sich dessen ungeachtet darauf, indem sie sagte: »Schau! do leiht man ganz gut druf!« Cherubin blickte sie verliebt an und rief aus: »O! ja, gewiß liegt Sympathie in unserer Begegnung ... Sympathie! ... mein Hofmeister, Herr Gerundium, hat mir erklärt, was das ist ... Er nahm einen kleinen Agat-Stein, rieb ihn heftig an seinem Rockärmel, hielt ihn dann an einen Strohhalm und der Strohhalm wurde plötzlich von ihm angezogen und daran festgehalten ... Mein Hofmeister erklärte nun: »›Gleichwie der Magnet das Eisen anzieht, so zieht die Sympathie zwei für einander geschaffene Herzen eines zu dem andern hin‹« Ach! Madame ... ich bin kein Pole, aber ich werde Sie dessen ungeachtet ganz wie ein Pole ... vielleicht noch mehr ... lieben, denn mein unerfahrenes Herz fühlt das Bedürfniß, zu lieben ... und wenn ... und wenn ...« Cherubin hielt inne, weil es ihm vorkam, als ob ein dumpfes Geräusch seine Worte begleitete. Dieses Geräusch ging vom Canapé aus; er hatte wohl bemerkt, daß seine hübsche Eroberung, während er sprach, die Augen schloß, aber er schrieb dies der Scham zu. Da er jedoch die Ursache dieses Geräusches erfahren wollte, so näherte er sich der jungen Frau und gewahrte mit Staunen, daß sie nicht nur schlief, sondern auch laut schnarchte. Der arme Verliebte betrachtete seine schöne Schlafende eine Zeit lang; aber jeden Augenblick wurde das Schnarchen stärker; in Kurzem glich es einem Schmiedeblasebalg, und Cherubin zog sich allmählig zurück, er fühlte sogar seine verliebten Ideen verschwinden, denn eine Frau, die wie ein Hausknecht schnarcht, stößt unendlich weniger Liebe ein, als eine, deren Athem leicht und süß ist. Cherubin setzte sich in einen Lehnstuhl und dachte bei sich. »Sie schläft ... sie schnarcht sogar ... Es scheint, daß mein Gespräch sie nicht sehr unterhielt, da sie so schnell dabei eingeschlafen ist! Es ist sonderbar ... diese junge Frau hat Manieren.. eine Ausdrucksweise ... Wenn Darena mich nicht versichert hätte, daß es eine polnische Gräfin sei, so würde ich etwas ganz Anderes von ihr gedacht haben ... Einschlafen, während ich ihr meine Liebe schildere ... Wenn das wahnsinnig in mich verliebt sein heißt ... Mein Gott! welches Schnarchen ... Jakob schnarchte auch, aber nicht so arg wie die ... Ich sollte sie vielleicht aufwecken ... sie küssen ... aber sie schläft so gut ... es wäre Schade ... und ... dieses eintönige Geräusch immer anhören zu müssen ... macht mich, glaub' ich, auch schläfrig.« Cherubin ließ seinen Kopf auf den Rücken des Lehnstuhls sinken, schloß die Augen und machte es in wenigen Augenblicken nicht besser, als Mamsell Chichette, nur mit dem Unterschied, daß er nicht schnarchte. Während nun das junge Paar vollkommen tief schlief, wollen wir sehen, was Diejenigen machten, welche diese Intrigue eingeleitet hatten. Als Darena Cherubin verlassen hatte, suchte er seinen Freund Poterne auf, der, immer als polnischer Graf verkleidet, bei einem Traiteur in Ménilmontant seiner wartete. Dort setzten sich die Herren zum Frühstück und besprachen sich über ihre Angelegenheit. »Das geht wie auf Rädern,« begann Darena. »Cherubin ist jetzt bei der Kleinen, die ich, nach seiner Meinung, für ihn entführt habe ... wenn Chichette nur keine Dummheiten schwatzt ... Aber bah! ... ihr Accent! ... wird Alles entschuldigen! und zudem, achtet denn ein Verliebter auf Redensarten? ...« »– Und mein kleiner Bruno war auf seinem Posten?« »– Ja; er wird für den Sohn des Portiers gehalten ... er sieht wie ein rechter Taugenichts aus, der kleine Schelm.« »– Es ist ein höchst pfiffiges Bürschchen ... es kann es noch hoch bringen!« »– Ja, bis zum Galgen.« »– Es ist übrigens zur Beendigung unserer Komödie besser, nur einen Jungen dort zu haben, der uns in nichts im Wege steht. Auch erscheint es viel wahrscheinlicher, daß ich ins Haus eindringen konnte, wenn es nur von einem Knaben bewacht ist; denn jetzt muß der Hauptschlag geschehen ... einige Tausendfrankennoten sind so nebenher ... recht angenehm, aber zu bald wieder fort ... Die Gelegenheit zur Erwerbung einer größern Summe bietet sich dar, man muß sie nicht entwischen lassen, sie würde sich niemals wieder zeigen!« »– Du Haft ganz Recht, Poterne! Unser Vorhaben ist zwar nicht sehr delikat ... aber im Ganzen genommen ist der junge gute Mann sehr reich! ... sechzigtausend Franken wenigstens werden ihn nicht umbringen ...« »– Soll ich nicht mehr fordern? ...« »– O! nein: man muß ihm nicht die Haut abziehen ... Also, wohlverstanden: in ... zwei Stunden gehst Du in das kleine Haus ...« »– Warum nicht früher?« »– Ei! mein lieber Poterne, wie hitzig Du bist! man muß doch den Liebenden Zeit lassen, zu frühstücken und sich den Süßigkeiten der Liebe hinzugeben ... was Teufels! man muß doch den Leuten ein Vergnügen gönnen; sodann bedenke, Poterne, daß, wenn man ihnen die gehörige Zeit läßt, Du sie unfehlbar in flagrante delicto überraschen wirst ... was viel vortheilhafter ist! ... Du wirst für den Gatten gehalten, dem man seine Frau entführt hat, Du findest sie in den Armen ihres Verführers, Du tobst! Du brüllst, willst alle Welt ermorden ... besonders Deine Frau ... Cherubin bittet Dich um Gnade für sie, und diese Gnade bewilligst Du nur, wenn er Dir für sechzigtausend Franken Wechsel unterzeichnet ... Du hast doch gestempelte bei Dir?« »– O! ich habe Alles, was ich brauche ... wenn sich der junge Marquis aber sträubte ... wenn er nicht unterzeichnen wollte?« »– Geh doch! ... ein Schuljunge wird wohl? ... Dann drohst Du ihm mit einem Criminal-Prozeß wegen Entführung Deiner Frau ... Dabei hältst Du immer den Dolch in der Hand, mit dem Du Deine Frau tödten willst ... Cherubin ist zu edelmüthig, als daß er sie nicht retten sollte.« »– Das denke ich auch.« »– Bei diesem Allem aber, Herr Poterne, nehmen Sie sich wohl in Acht, Jemanden zu verwunden! ... Ihr Dolch ist doch hoffentlich nicht spitzig?« »– Ei, nein, es hat keine Gefahr.« »– Und beim Sprechen nimm irgend einen Accent an, damit er Dich nicht erkennt!« »– Das werde ich beobachten und mich hauptsächlich durch Pantomimen ausdrücken.« Nachdem sie Alles genau ausgemacht hatten, frühstückten und sprachen die Herren lange miteinander, dann verlangte der Eine eine Pfeife, der Andere Cigarren, und sie rauchten zum Zeitvertreibe. Mehr als zwei Stunden waren auf solche Weise verflossen; Poterne setzte seine grüne Brille auf die Nase und sagte: »Nun werde ich zur Beendigung unserer Angelegenheit schreiten können.« Er stand auf; Darena ebenfalls. »– Ja, es ist Zeit, laß uns gehen!« »– Aber ich bedarf Ihrer nicht dabei,« versetzte Poterne, »denn Sie können nicht mit mir ins Haus hineingehen, das wäre unklug; wenn Cherubin Sie sähe, würde er Sie zu Hülfe rufen ...« »– Das weiß ich Alles selbst, alter Schurke! aber Du wirst Dir doch ohne Zweifel nicht einbilden, daß ich Dich mit sechzigtausend Franken Werth in der Tasche allein fortgehen lassen werde, nein, mein Bester, Du bist mir viel zu lieb, um Dich aus den Augen zu verlieren ... ich werde Dich ins Haus hineingehen sehen ... ich weiß, daß es nur eine Thüre hat, und nachher auf Dein Herauskommen warten ... und wenn Dir die Luft käme, allzuschnell zu laufen, so stehe ich Dir dafür, daß ich Dich bald eingeholt haben würde.« »–. Ach! Herr Graf! ... Sie hegen Gedanken ... die mir sehr wehe thun.« »– Ich bedauere, Dein Zartgefühl verletzen zu müssen, allein das ist einmal so meine Art und meiner Achtung für Dich geschieht dadurch nicht der mindeste Eintrag; vorwärts also!« Die Herren erreichten die äußern Boulevards und lenkten gegen die Barrière de la Chopinette ein. Dreihundert Schritte von dem Hause entfernt, wo er Cherubin hingeführt hatte, hielt Darena stille und sagte zu seinem Begleiter: »Nun gehen Sie allein weiter, erhabener Poterne, und führen Sie die Sache mit Anstand zu Ende; bedenken Sie, daß Alles mit jener Feinheit und jener Manier geschehen muß, die den gebildeten Mann bezeichnet.« Poterne setzte seinen Weg fort; er langte an dem kleinen Hause an, pochte sachte an die Thüre, Bruno machte ihm auf. »– Sind sie oben?« fragte Poterne leise. »– Ja.« »– Hat man ihnen das Frühstück gebracht?« »– Schon seit mehr als zwei Stunden.« »– Und sie haben seitdem nicht gerufen?« »– Hab' sie weder gesehen, noch gehört ... sie machen nicht das geringste Geräusch, sie rühren sich nicht.« »– Vortrefflich.« Poterne drückte seinen mächtig großen Hut ins Gesicht; setzte die Brille fest auf, stopfte seine Backen mit Werg aus und schritt der Treppe zu, dann ging er leise hinauf und hielt vor der Thüre, deren Schlüssel steckte. Dies bemerkend, sagte er: »Wie unbesonnen sind doch die Verliebten ... wie jugendlich leichtsinnig!« Er drehte den Schlüssel sachte um, trat dann ungestüm ins Zimmer und schrie: »– Ah! treuloses ... verbrecherisches Weib! ... hab' ich Dich! ... jetzt sollst Du sterben!« Poterne erwartete, nach seiner Übereinkunft mit Chichetten, ein verzweifeltes Geschrei; als er aber nicht das Geringste hörte, trat er weiter vor und blieb starr vor Erstaunen, als er die Liebenden, in gehöriger, achtungsvoller Entfernung von einander, tief schlafend fand. »Ha! beim Donner!« sprach Poterne zu sich, »ich hoffte sie ... wie der Herr Graf sagte ... im Flackeran ... zu erwischen ... und sie schlafen neben einander wie Murmelthiere ... wenn das die Liebe des jungen Mannes ist ... Chichette wird irgend eine Dummheit begangen haben ... Uebrigens gleichviel ... ich muß handeln; ich überrasche sie beisammen, das ist die Hauptsache, und wenn sie schlafen, so ist das ihr freier Wille.« Jetzt begann Poterne im Zimmer umher zu rennen, zu schreien und Verwünschungen auszustoßen ... er zog Chichetten am Ohr, daß sie erwachte, und kniff sie in den Arm, worauf sie auch schrie; Cherubin schlug die Augen auf; erblickte diesen Herrn, in welchem er den Grafen Globeski erkannte, der stürmte, fluchte und einen Dolch aus der Brust zog, womit er die junge Frau bedrohte. Nun ward es Cherubin klar, daß sie der Gatte seiner Schönen entdeckt hatte; er erblaßte, bebte und stotterte: »Ach! mein Gott! ... wir sind verloren ... Tödten Sie sie nicht, mein Herr, ich bitte Sie ... Tödten Sie lieber mich ... obgleich ich der Ehre Ihrer Gattin nicht zu nahe getreten bin.« »– Ja! ja! Ich will mir rächen. per dio ! ... ah, Bigre ! ... Ah! Ihr glaubtet, Bösewichte!« fuhr Poterne mit dem Fuße stampfend, fort, »mir meine Frau entführ! ... Der Teuf! mein Herr! Meinen Fiaker ... nein, meinen Wagen ... auf der Hauptstraße anhalt ... O! Madame, Sie müssen von mein Hand sterben ... so wahr ich bin ein polnisch Graf!« Chichette sah nicht sehr erschreckt aus, sie gähnte noch, während sie sich die Augen rieb; Poterne kniff sie im Vorbeigehen stärker; sie stieß einen lauten Schrei aus und sagte: »Ach! wie dumm isch dos! Ich leide nicht, daß man solche Dummheiten mit mir macht!« Poterne fing an zu brüllen, um Chichetten's Geschwätz zu übertönen. Er zückte mit der einen Hand den Dolch, während er mit der andern das Werg, das eben herausfallen wollte, in den Mund stopfte. Aber Cherubin hatte den Kopf verloren, die Gegenwart dieses Mannes, dessen Frau er entführt zu haben glaubte, sein Geschrei, seine Verwünschungen, der in die Luft geschwungene Dolch verursachten ihm ein gewaltiges Entsetzen. Poterne, der bemerkte, daß er in einem Zustande war, wo er Alles mit sich anfangen ließ, zog die Wechsel aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, nahm ein Schreibzeug, eine Feder, reichte sie Cherubin hin und sprach: »Wenn Sie dieses strafbare Weib retten wollen ... so gibt es ... God damn! ... nur ein Mittel, meinen Fouror zu besänftigen.« »– Ach! mein Herr ... sprechen Sie ... befehlen Sie ... Alles, was Sie wünschen ...« »– Unterzeichnen Sie diese vier Wechsel ... und füllen Sie jeden derselben mit fünfundzwanzigtausend Franken aus ... per Dio! Das ist zu poco !« »– Wechsel für hunderttausend Franken! ...« »– Ja, Signor ...« »– Ach! Sie verlangen, daß ...« »– Sapperment! wenn Sie zögern, so tödte ich dieses verbrecherische Weib ... tödte Sie ... tödte das ganze Haus ... und beim Henker! ... mich hintend'rein ...« »– O! nein, mein Herr, nein ... ich zögere nicht ... Ich werde die Summe, die Sie wünschen, schreiben ...« »– Nun gut ... so stellen Sie sie je auf dreißigtausend Franken aus ... Nun ... schreiben Sie und unterzeichnen Sie ... per Dio !« Cherubin setzte sich an den Tisch, ergriff mit Zittern die Feder, und warf einen schmerzlichen Blick auf seine Eroberung, die sich wieder aufs Sopha niedergelassen hatte, wo er sie für ohnmächtig hielt, während sie wieder einzuschlafen suchte; aber Poterne stellte sich abermals neben ihn, knirschte mit den Zähnen und fluchte so fürchterlich, daß der junge Mann schnell zu schreiben anfing. Schon war einer der Wechsel ausgefertigt und er im Begriff, denselben zu unterzeichnen, als sich ein lauter Lärm von unten vernehmen ließ, man hastig die Treppe herauf eilte, die Thüre rasch öffnete und Monfréville, gefolgt von dem alten Jasmin, eintrat, der, als er seinen Herrn erblickte, ein Freudengeschrei ausstieß und ausrief: »Ach! da ist er! ... Dem Himmel sei Dank! sie haben ihn nicht zu Grunde gerichtet.« Beim Anblick seines Freundes fühlte sich Cherubin wieder aufleben, er flog in seine Arme, während Monfréville, seine Bestürzung, seine Verwirrung und seine Blässe gewahrend, zu ihm sagte: »Aber, mein Gott, lieber Freund, was machen Sie denn hier in diesem Hause, dieser Mörderhöhle ... deren Eingang uns ein kleiner Schelm verweigerte!« »– Ach! mein Freund!« antwortete Cherubin mit erstickter Stimme, »ich war ... sehr strafbar ... ich habe diese Dame ... Gattin dieses Herrn entführt ... das heißt, ich nicht ... sondern Darena that es an meiner Stelle ... Der Herr ist ein polnischer Graf, dem ich für hundertzwanzigtausend Franken Wechsel unterzeichnen mußte ... sonst hätte er seine Frau ermordet! ... Ach, wie glücklich bin ich, Sie zu sehen!« Während Cherubins Gespräch versuchte Poterne, dem es höchst peinlich zu Muthe war, sich der Thüre zu nähern, aber Jasmin, der sie hinter sich verschlossen hatte, war davor postirt. Während Monfréville seinem jungen Freunde zuhörte, schaute er mit forschenden Blicken um sich her; er betrachtete Fräulein Chichetten und ihren vorgeblich beleidigten Gatten, der Miene machte, sich unter den Tisch zu verkriechen. Kaum hatte Cherubin ausgesprochen, als Monfréville auf Poterne zueilte, ihm den Hut vom Kopfe, die Brille von den Augen riß und seinen Stock gegen ihn mit dem Ausruf erhob: »Das ein polnischer Graf! ... das ist ja der Schurke Poterne, der Geschäftsführer dieses verächtlichen Darena ... Sie haben beide diese ehrlose Intrigue angesponnen, um Ihnen Geld abzupressen! ... Ha! ich hätte gute Lust, meinen Stock auf dem Rücken dieses Schelmen abzuschlagen.« »Poterne!« rief Cherubin aus, »wär' es möglich ... das ist Poterne? ...« »Ei freilich!« versetzte Jasmin, »das ist der Traubenmus-, Hunds- und Schildkrötenhändler. Ach, mein lieber Herr, ich ahnte doch, daß man Sie wieder mit Etwas anschmieren wollte; und daß jener Herr, der mich einen alten Esel gescholten hatte, irgend eine Verrätherei vorhatte, um Sie zu betrügen.« Als Poterne Monfréville den Stock gegen sich erheben sah, fiel er auf die Kniee nieder und stotterte: »Barmherzigkeit, mein Herr, das Alles war nur ein Scherz ... weiter nichts! ... es war eine Komödie! ...« »Ein Scherz, Du Spitzbube! ... aber eure Wechsel waren doch gehörig gestempelt! O! wir wissen jetzt, wozu ihr fähig seid, Sie und Ihr würdiger Freund, der Graf Darena! ... der tief genug herab gesunken ist, um vor nichts mehr zu erröthen! und der kein Mittel scheut, sich Gold zu verschaffen. Wir wollen euch zwar nicht behandeln, wie ihr es verdientet ... Gehen Sie, suchen Sie Ihren Genossen auf, und sagen Sie ihm, daß ihn dieser junge Mann jetzt nach seinem wahren Werthe zu beurtheilen wisse, und daß, wenn er es noch einmal wagte, sich in seinem Hôtel zu zeigen, ihn seine Leute hinaus werfen würden.« »O! ja, das will ich übernehmen!« sagte Jasmin. »Er hat mich auch einen alten Scherben geheißen! ... aber ein ehrlicher Scherben ist mehr werth, als ein ganz kompleter Betrüger.« Herr Poterne verlangte nichts weiter zu hören; er hatte seinen Hut und seine Brille vom Boden aufgelesen und beeilte sich, die Thüre zu öffnen und das Weite zu suchen; er war aber nicht so flink, daß ihm Jasmin nicht noch hätte einen Hundstritt geben können, den er mit den Worten begleitete: »Da, Dieb! Das ist für Dein Eingemachtes! ...« Monfréville näherte sich Chichetten, die auf dem Canapé ruhig, ohne sich zu rühren, sitzen geblieben war; er konnte sich nicht enthalten, über das sonderbare Gesicht, das sie machte, zu lächeln, und sagte zu ihr: »Und Sie, Frau Gräfin, in welchem Magazin ... in welchem Laden arbeiten Sie gewöhnlich?« »– In der Straße Grenétat, wo ich italiänische Strohhüte mache. Mine Schuld isch es nicht ... man hatte mir viel Geld versprocha, wenn ich die Frau dieses Herrn vorstelle ... ich willigte ein ... in der Absicht, mir Etwas zu sammla ... um mine kläne Landsmo heiratha zu könna ...« Dabei zog Fräulein Chichette ihr Taschentuch heraus und machte Miene, in Thränen auszubrechen. Monfréville beruhigte sie jedoch mit den Worten: »Ihnen will ich nichts anhaben, mein Kind ... weinen Sie nicht, und kehren Sie zu ihren italienischen Strohhüten zurück ... Aber glauben Sie mir, daß es in Ihren Umständen noch besser ist, den Cancan zu tanzen, als die große Dame zu spielen.« Fräulein Chichette schnäuzte sich, machte mehrere Complimente und entfernte sich mit verwirrter Miene, ohne den Muth zu haben, Cherubin anzublicken. »Und nun, mein Freund,« sprach Monfréville zu dem jungen Marquis, »können auch wir, glaube ich, diese häßliche Baracke verlassen ... worin Sie nach meiner Meinung nichts mehr zurückhält.« »– O, gewiß nichts, mein lieber Monfréville, ich fühle mich so glücklich, nachdem ich einen so großen Schrecken durchgemacht habe ... Ich werde Ihnen diese ganze Geschichte erzählen; aber vor allen Dingen erklären Sie mir, wie Sie erfuhren, daß ich hier bin, wie Sie mich entdeckten und so erwünscht zu meiner Rettung kamen.« »– Das ist ganz einfach; hier, sehen Sie den vor der Thüre haltenden Fiaker?« »– Ja.« »– Es ist der nämliche, der Sie hierher gebracht hatte. Nach Ihrer Entfernung aus dem Hôtel kam ich zu Ihnen; dort fand ich Jasmin sehr in Sorgen; er erzählte mir, daß Sie mit Darena fortgefahren seien, dessen häufige Besuche und geheimnißvolle Miene mir seit einiger Zeit Verdacht einflößten! Ich fragte Jasmin, ob er selbst den Wagen für Sie bestellt habe, und auf seine bejahende Antwort ersuchte ich ihn, mich auf den Platz dieses Fiakers zu begleiten. Dort angekommen, warteten wir beinahe zwei Stunden auf die Rückkehr Ihres Wagens; endlich langte er an; dann gab ich dem Kutscher zwanzig Franken, damit er uns an denselben Ort führe, wohin er Sie gebracht; er war gleich bereit, und führte uns bis zu diesem Hause; mein lieber Freund, die Schurken sind sehr schlau, aber glücklicherweise gibt es eine verborgene Macht, die noch viel schlauer ist, als sie, und das feinst angezettelte Gewebe in dem Augenblicke zerreißt, wo die Urheber desselben ihrer Sache am sichersten zu sein wähnen. Diese Macht nennen die Einen Vorsehung, die Andern Zufall, Verhängniß, Schicksal, Glück! ... Ich weiß nicht, welchen Namen ich ihr geben soll, aber ich beuge mich vor ihr, und fühle mich glücklich in dem Glauben, daß, wenn es hienieden Menschen gibt, die zum Bösen geneigt sind, oben ein Auge wacht, das es verhütet und vergütet.« Cherubin drückte mit Freundschaft Monfréville's Hand; dann verließen sie eilig das Haus auf dem äußern Boulevard, aus welchem sich sogar der kleine Bruno entfernt hatte, denn sie begegneten Niemand mehr. Sie stiegen in den Wagen mit Jasmin, den man übrigens beinahe mit Gewalt hineinschieben mußte, weil der alte Diener abermals hinten hinaufklettern wollte. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte Cherubin Monfréville, wie Darena die ganze Geschichte eingefädelt und ihm besonders das strengste Stillschweigen über diesen Liebeshandel anempfohlen hatte. »Ich wundere mich nicht, warum er Ihnen verbot, mit mir darüber zu sprechen,« sagte Monfréville; »er dachte natürlich, ich würde der Geschichte von einer polnischen Gräfin, die sich von einem jungen Menschen entführen lassen wolle, den sie nur ein einziges Mal im Schauspielhause gesehen hat, keinen Glauben beimessen.« »– Er sagte mir. Sie spielten jetzt den Tugendhaften, den Rigoristen, um Ihr früheres Betragen vergessen zu machen; er versicherte mich, daß Sie sonst Ihres Glücks in der Liebe und Ihrer Eroberungen wegen bekannt gewesen seien und damals weit weniger strenge Grundsätze gehabt hätten, als heutzutage ... Entschuldigen Sie mich ... ich wiederhole nur seine Worte.« Monfréville's Stirne verfinsterte sich, Betrübniß drückte sich in seinen Zügen aus, und er schwieg eine Zeit lang. Endlich seine Blicke fest auf Cherubin heftend, versetzte er mit schmerzlichem Tone: »In der That, mein Freund, ich habe in meiner Jugend viele Thorheiten begangen ... hatte mir zuweilen schwere Vergehen vorzuwerfen ... aber ich wurde so grausam bestraft, daß ich mich frühzeitig besserte ... was mich aber nicht abhält, gegen Andere nachsichtig zu sein, denn ich weiß wohl, daß es in unserer Natur liegt, Schwachheiten, Leidenschaften zu haben und zuweilen von ihnen hingerissen zu werden. Ich will Ihnen gelegentlich einmal eine Geschichte aus meiner Jugend erzählen, die auf mein ganzes übriges Leben Einfluß ausgeübt hat. Daraus werden Sie ersehen, daß jene Liebes-Verhältnisse, die man im zwanzigsten Jahre so leichtsinnig behandelt, oft sehr bittere Folgen nach sich ziehen!« Cherubin seufzte, indem er sprach: »Bis jetzt war ich mit meinen Liebschaften nicht glücklich und meine galanten Abenteuer haben mir noch nicht viele Annehmlichkeiten gewährt!« Fünfundzwanzigstes Kapitel Ein großes Mittagessen. Seit Herr von Noirmont seinen Entschluß in Betreff Louisens entschieden ausgedrückt hatte, äußerte Ernestinens Mutter kein Wort mehr, welches Anlaß zur Vermuthung geben konnte, sie habe immer noch im Sinne, das junge Kammermädchen fortzuschicken; es schien im Gegentheil, als wäre Frau von Noirmont mit völliger Ergebung in den Willen ihres Gatten, von der gegen Louisen vorgefaßten Meinung zurückgekommen; sie behandelte dieselbe zwar stets mit einer zuweilen an Strenge grenzenden Kälte: allein der sonst so rauhe, widerwillige Ton ihrer Stimme milderte sich oft beinahe bis zur Freundlichkeit: es war, als ob die Anmuth in dem ganzen Wesen dieses jungen Mädchens, der schüchterne Gehorsam und der Eifer, womit sie ihr Dienste leistete, Frau von Noirmont besiegt und manchmal gegen ihren Willen zum Wohlwollen gegen sie verleitet hätte. Louise wußte nichts davon, daß sie Frau von Noirmont hatte fortschicken wollen; da Ernestine und ihr Vater allein hievon Kenntniß hatten, so hielt erstere, als sie vernahm, daß ihrer Mutter Entschluß nicht zur Ausführung kommen werde, für überflüssig, mit Louisen darüber zu sprechen, denn mit Recht dachte das Fräulein, die Nachricht, daß sie, statt durch ihren Eifer die Zuneigung ihrer Gebieterin zu gewinnen, von derselben aus dem Dienste entlassen werden sollte, würde Louisen betrüben. Und was Herrn von Noirmont anbetrifft, so war dieser, wenn er einmal seinen Willen ausgesprochen hatte, nicht der Mann, sich mit irgend Jemand weiter über solche Einzelheiten seines Hauswesens zu unterhalten. Aber leicht konnten Louise und die übrigen Hausgenossen bemerken, daß Frau von Noirmonts Stimmung jeden Tag trübseliger und schwermüthiger wurde; niemals trat ein Lächeln auf ihre Lippen, sie mied die Menschen; die Besuche waren ihr unangenehm und zur Last, sie zog sich in ihr Zimmer zurück und befahl, zu sagen, sie sei ausgegangen oder unwohl, damit man ihre Einsamkeit nicht störe; oft schien ihr sogar die Gegenwart ihrer Tochter zuwider und mißfällig. Die liebenswürdige Ernestine, welche nichts verschuldet hatte, was ihr der Mutter Zärtlichkeit hätte entziehen können, war daher oft ganz traurig, sich so kalt behandelt zu sehen; wenn sie sich Frau von Noirmont näherte, um sie zu umarmen, so stieß diese ihre Tochter entweder unwillig zurück, oder nahm den Ausdruck ihrer Zuneigung gleichgültig auf; dann entfernte sich das junge Mädchen, die Thränen zurückdrängend, die ihr in die Augen traten, weil sie aus Furcht, ihre Mutter zu beleidigen, dieselben nicht sehen lassen wollte. Als Louise ihre Gebieterin sich heimlich die Augen trocknen sah, sagte sie leise zu ihr: »Sie sind betrübt, gnädiges Fräulein, ich bin überzeugt, nur deßhalb, weil Ihre Mutter Sie seit einiger Zeit nicht mehr in ihre Arme schließt!« Ernestine stieß einen tiefen Seufzer aus und antwortete: »Es ist wahr! ich weiß nicht, was die Mutter gegen mich haben kann ... ich zerbreche mir vergeblich den Kopf, um mich zu besinnen, ob ich durch Etwas ihr Mißfallen verdient habe ... aber ich erinnere mich an nichts ... seit einiger Zeit nennt sie mich nicht mehr ihre liebe Tochter ... drückt mich nicht mehr an ihr Herz ... und doch ist es unmöglich, daß sie mich nicht mehr liebe ... nicht wahr, Louise? ... ihr Gesundheitszustand macht sie so ... sie leidet an den Nerven ... sie klagt nicht, aber ich weiß gewiß, daß sie krank ist; man sieht's auch recht gut, sie hat sich seit einiger Zeit sehr verändert.« »– Das ist wahr, gnädiges Fräulein, ich bemerkte es selbst. O! Sie haben Recht, der gnädigen Frau Unwohlsein ist an ihrer Traurigkeit und ihrer Kälte gegen Sie Schuld ... aber warum lassen Sie keinen Arzt rufen?« »Mehrmals schon sagte ich zur Mutter: Du bist blaß. Du siehst leidend aus ... man sollte Herrn Derbaut, unsern Doktor, holen lassen, aber Mama erwiderte mir in mißmuthigem Tone: mir fehlt nichts ... es ist überflüssig, den Doktor kommen zu lassen, ich brauche ihn nicht.« Beide junge Mädchen theilten sich auf solche Weise ihre Gedanken mit, indem sie darüber nachdachten, wie sie, die Eine ihrer Mutter, die Andere ihrer Gebieterin gefällig sein könnten. Denn trotz ihrer Strenge und der Wunderlichkeit ihrer Launen, die oft in Ungerechtigkeit ausarteten, liebten Beide Frau von Noirmont: Ernestine, mit aller Zärtlichkeit und aller Anhänglichkeit eines Kindes, welches die Fehler seiner Mutter nicht bemerken will; Louise mit einer achtungsvollen Ergebenheit, die sie veranlaßt hätte, sich mit Freude den schwersten Arbeiten zu unterziehen, wäre ihr ein Lächeln der Gebieterin dafür zu Theil geworden. Aber Frau von Noirmont schien sorgfältig alle Gelegenheiten zu vermeiden, wobei sie Louisens Dienste nöthig gehabt hätte; nur in Anwesenheit ihres Mannes, oder wenn es unvermeidlich war, ertheilte sie ihr einige Befehle oder nahm sie Etwas aus ihren Händen an. Das junge Kammermädchen, welches gerne allen Wünschen ihrer Gebieterin hätte zuvorkommen mögen, folgte ihr bisweilen in der Hoffnung, sich nützlich zu erweisen, mit den Augen; wenn aber Frau von Noirmont Louisens Blicke auf sich gerichtet fand, verdüsterte sich ihre Stirne und sie gab ihr sogleich einen Wink, sich zu entfernen. Eines Tages befand sich Frau von Noirmont, wie gewöhnlich, allein in ihrem Zimmer und hielt ein Buch in der Hand, worin sie jedoch wenig las, weil sie oft so in Gedanken versank, daß sie die Lektüre darüber vergaß. Ernestine saß in geringer Entfernung von ihr, arbeitete an einer Stickerei und warf von Zeit zu Zeit heimlich einen Blick auf ihre Mutter, in der Hoffnung, ihren Augen zu begegnen und ein Lächeln von ihr zu erhaschen, was für sie eine seltene Gunst geworden war. Frau von Noirmont wandte sich gegen ihre Tochter und reichte ihr das Buch mit den Worten hin: »Ernestine hole mir den zweiten Band dieses Werkes, Du wirst ihn auf der zweiten Reihe links im Bibliothekzimmer finden.« Das junge Mädchen erhob sich rasch, nahm das Buch und verließ eilig das Zimmer, um ihrer Mutter zu gehorchen. Nachdem sie den von Frau von Noirmont verlangten Band in der Bibliothek geholt hatte, wollte sie ihr denselben überbringen, traf aber im Salon ihren eben angekommenen Zeichenlehrer, der sie zum Unterricht erwartete; daher gab sie Louisen das Buch mit der Weisung, es ihrer Mutter zu überbringen, und setzte sich neben den Lehrer, um ihre Stunde zu nehmen. Louise nahm das Buch und trug es in das Zimmer ihrer Gebieterin; beim Eintritt in dasselbe fing sie an zu zittern, sie fürchtete, Frau von Noirmont's Unwillen zu erregen, weil diese nicht ihr den Auftrag ertheilt hatte ... indessen ging sie doch hinein, Frau von Noirmont saß dort mit auf die Brust gesenktem Haupte, sie erhob die Augen nicht, als sie Jemand ins Zimmer treten hörte, denn sie zweifelte gar nicht, daß es Ernestine sei; Louise schritt auf sie zu und überreichte ihr das Buch, ohne daß sie gewagt hätte, ein Wort zu sprechen. Frau von Noirmont faßte jedoch, von einem plötzlichen Gefühle mütterlicher Zärtlichkeit getrieben, die Hand, welche ihr das Buch darreichte, drückte sie innig und flüsterte: »Meine arme Tochter ... Du mußt mich seit einiger Zeit sehr ungerecht gegen Dich finden ... und glaubst vielleicht, ich liebe Dich nicht mehr ... denke das nicht, mein Kind, ich liebe Dich immer unverändert ... aber Du kannst nicht begreifen, was in meinem Herzen vorgeht ... und was ich leide ... ach! Du sollst es nie erfahren ...« In diesem Augenblick richtete Frau von Noirmont, während sie das junge Mädchen zu sich heranzog, um sie in ihre Arme zu schließen, das Haupt in die Höhe und erkannte jetzt erst Louisen. Sie blieb stumm, regungslos, ein Ausdruck des Entsetzens malte sich in allen ihren Zügen, ihr Angesicht wurde leichenblaß, sie erhob die Augen gen Himmel und stotterte: »O mein Gott ... und ich habe sie meine Tochter genannt!« »Verzeihung, gnädige Frau, Verzeihung!« flüsterte Louise, über den Zustand erschreckt, in welchem sie ihre Herrschaft erblickte. »Es ist nicht meine Schuld ... das gnädige Fräulein wollte ...« Frau von Noirmont suchte ihre Bestürzung gewaltsam zu verbergen und fuhr mit rauhem, strengem Tone fort: »Warum sind Sie zu mir hereingekommen? Habe ich nach Ihnen verlangt? ... was thun Sie hier? Wollen Sie meinen Gedanken ... meinen Geheimnissen auflauern? ... »– O, gnädige Frau ... mein Gott ... wie könnten Sie glauben?« »– Begegne ich nicht seit einiger Zeit Ihren stets auf mich gerichteten ... mich verfolgenden ... meine geringste Bewegung beobachtenden Blicken? ... Was veranlaßt Sie hiezu? Haben Sie irgend einen Grund ... irgend eine geheime Ursache? ... Nun, sprechen Sie einmal, Mademoiselle!« »Gnädige Frau, wenn ich Sie beleidigt habe ... so war es gewiß nie meine Absicht; wenn meine Blicke zuweilen auf Ihnen hafteten, so geschah es deßhalb, weil ich glücklich gewesen wäre, Ihnen einen Wunsch abzulauschen ... Etwas zu thun, was Ihnen angenehm gewesen wäre ... kurz ein freundliches Wort oder einen wohlwollenden Blick von Ihnen zu erhalten ... das war meine ganze Absicht, wenn ich es wagte, Sie anzublicken ... zudem war es ein Glück, welches ich mir verschaffte ... dessen ich mich aber berauben werde, gnädige Frau, weil Sie mir es verbieten.« Louise beugte sich vor ihrer Gebieterin, warf sich beinahe zu ihren Füßen nieder, und ihre Stimme war so bebend geworden, daß sie kaum diese Worte hatte vollenden können. Frau von Noirmont schien heftig ergriffen, es war, als ob ein Kampf im Innersten ihrer Seele ausbräche; sie stand auf, machte einige Schritte im Zimmer, entfernte sich von Louisen, trat dann wieder auf sie zu, blickte sie lange, sehr lange an, aber nicht mehr mit dem Ausdrucke der Strenge; ihre Augen schwammen in Thränen. Plötzlich eilte sie auf das junge Mädchen zu, welches mit niedergeschlagenen Augen unbeweglich auf demselben Platze stand, ergriff ihre Hand und zog sie zu sich her ... aber beinahe eben so schnell stieß sie sie heftig wieder zurück und sagte mit Hastigkeit zu ihr: »Gehen Sie, verlassen Sie mich, Mademoiselle ... ich bedarf Ihrer nicht mehr!« Louise gehorchte, entfernte sich und dachte: »Mein Gott, was hat sie denn, was habe ich ihr denn gethan?« Acht Tage nach dieser Begebenheit kündigte Herr von Noirmont seiner Frau an, daß er ein großes Mittagsmahl geben werde. Er nannte ihr die eingeladenen Personen, deren Zahl sich auf fünfzehn belief, und fügte hinzu: »Ich hatte die Absicht, auch den jungen Marquis Cherubin von Grandvilain einzuladen ... aber da er meiner Einladung, mich zu besuchen, bis jetzt keine Folge geleistet hat und demnach nicht die mindeste Bereitwilligkeit zeigt, mit einem alten Freunde seines Vaters umzugehen, so habe ich meinen Vorsatz aufgegeben.« Frau von Noirmont konnte nicht verhehlen, wie widrig ihr schon zum Voraus dieses Mittagessen war. Aber Herr von Noirmont bemerkte ganz trocken: »In der That, Madame, wenn ich mich nach Ihnen richtete, würden wir Niemand mehr in unserem Hause sehen, und wie die Nachteulen leben! Ich bin kein Narr! kein großer Liebhaber von Vergnügungen! ... aber ich mag auch nicht leben wie ein Einsiedler. Ueberdies, Madame, haben wir eine Tochter, und es ist unsere Pflicht, uns um ihr Glück zu bekümmern; in einiger Zeit werden wir an ihre Verheirathung, an eine passende Partie für sie denken müssen; und deßhalb dürfen wir sie nicht von der Welt absondern, in der sie einst als Zierde zu glänzen berufen ist. Sie weisen jede sich darbietende Gelegenheit zurück, die arme Ernestine in eine Soirée, ein Conzert ... oder auf einen Ball zu führen. Sie schützen vor, krank zu sein ... je nun, ich kann Sie nicht zum Ausgehen zwingen, Madame, da aber Ihre Gesundheit Sie unaufhörlich im Hause zurückhält, so werden wir hier Gesellschaften empfangen; das ist jetzt mein Entschluß!« Frau von Noirmont machte keine weitere Einwendung, denn sie wußte wohl, daß, sobald ihr Mann irgend Etwas bestimmt hatte, ihn Niemand wieder davon abbringen konnte; und Herr von Noirmont verließ sie mit dem Auftrage, ihre Anordnungen zu treffen, damit bei dem auf den folgenden Donnerstag festgesetzten Essen nichts fehle. Frau von Noirmont fügte sich darein, und als der zur Gesellschaft bestimmte Tag heranrückte, ertheilte sie ihre Befehle und beschäftigte sich mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit; Ernestinen verursachte die Nachricht, daß man viele Gäste bekommen und ein großes Essen halten werde, zum Voraus viel Freude. Sie hatte so selten Gelegenheit zu Vergnügungen, zur Zerstreuung, daß ihr Alles, was von der gewöhnlichen Einförmigkeit ihres Lebens abwich, schon als ein Glück erschien. Louise hegte die Hoffnung, dieses Essen werde ihr Gelegenheit geben, sich nützlich und eifrig zu zeigen, und sie theilte deßhalb die kindliche Freude ihrer jungen Herrschaft. Endlich war der Tag erschienen, wo das Innere dieses sonst so ruhigen Hauses von der lauten Unterhaltung und dem schallenden Gelächter einer zahlreichen Gesellschaft ertönen sollte. Vom frühen Morgen an herrschte eine rege Bewegung im Noirmontschen Hause; der Herr allein blieb wie gewöhnlich ruhig an der Arbeit in seinem Studirzimmer und erwartete die Ankunft der Gesellschaft; aber Frau von Noirmont ertheilte ihre Anordnungen, überwachte die Zurüstungen und sorgte, daß keiner ihrer Befehle vernachlässigt wurde; Ernestine folgte ihrer Mutter mit Hüpfen und Lachen und versprach sich viel Vergnügen von diesem Tage; dann sagte sie zu Louisen: »Du mußt Dich bis zum Essen recht schön machen, weil Du mit Comtois bei Tische serviren mußt; das ist bei uns, wenn wir Gesellschaft haben, gebräuchlich.« »Seien Sie ruhig, gnädiges Fräulein,« entgegnete Louise, »ich weiß nicht, ob ich mich schön machen kann, aber ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu thun, um gut zu serviren, damit Ihre Frau Mutter mit mir zufrieden sei.« Aber wenige Augenblicke, ehe die Besuche ankommen sollten, sprach Frau von Noirmont zu ihrer Tochter: Ernestine, ich wünsche nicht, daß deine Kammerjungfer bei Tisch servire, sage ihr, sie könne in ihrem Zimmer bleiben, man brauche sie nicht.« Ernestine begriff diese Laune ihrer Mutter nicht, sah sie an und stotterte: »Aber Mutter, gewöhnlich ... wenn wir Gesellschaft geben ...« »– Meine Tochter, Deine Bemerkungen sind überflüssig, thue, was ich Dir sage.« Ernestine gehorchte ihrer Mutter; sie begab sich traurig in Louisens Zimmer, welche sie bei Beendigung ihrer Toilette antraf. »Gnädiges Fräulein,« fragte dieselbe, »wie finden Sie mich ... ist mein Anzug passend?« »Ja ... o! meine arme Louise, Du bist recht artig!« entgegnete Ernestine schwer seufzend, »es war aber nicht der Mühe werth, Dich so schön anzuziehen ... Die Mutter wünscht nicht, daß Du bei Tische servirest ... sie sagt, Du könnest in Deinem Zimmer bleiben.« Louisens Angesicht drückte die Betrübniß aus, welche dieser Befehl in ihr erregte, aber sie erlaubte sich kein Murren, sondern entgegnete: »Ich werde gehorchen, gnädiges Fräulein; Ihre Frau Mutter hat ohne Zweifel Gründe zu dieser Anordnung ... Ach! ich fürchte, sie zu errathen ... sie will mich nicht sehen ... meine Gegenwart ist ihr lästig ... ich werde gehorchen ... sie soll mich nicht sehen.« Ernestine fühlte nicht die Kraft, Louisen zu widersprechen, denn in der Erinnerung, daß ihre Mutter Louisen schon hatte fortschicken wollen, glaubte auch sie, daß diese richtig gerathen habe; sie begnügte sich, ihr die Hand zu drücken, und verließ sie, weil die Stunde zur Ankunft der Gäste geschlagen hatte. Wirklich kam auch alsbald die Gesellschaft an. Herr von Noirmont hatte mehr Herren als Damen eingeladen; indessen begleitete die Frau eines Advokaten ihren Mann; das war eine große, sehr dürre, sehr steife, sehr anspruchsvolle Frau, die sich selbst mit dem größten Vergnügen sprechen hörte, dagegen niemals Andere anhören wollte. Eine andere junge, frische und anmuthige Dame bildete einen auffallenden Contrast zu dieser erstern; es war dies die Gattin eines Anwalts, der sich verheirathet hatte, um seine Stelle zu bezahlen, während der Advokat die große, dürre genommen hatte, um mit Muße auf Clienten warten zu können. Heutzutage ist in der Welt das Heirathen ein Geschäft und beinahe niemals eine Sympathie. Einige ernste Männer, zwei junge Modeherren und Herr Trichet, dem wir schon bei Madame Celival begegnet sind, machten die Gesellschaft vollständig. Herr von Noirmont empfing seine Gäste mit seinem gewöhnlichen Phlegma. Frau von Noirmont, die sich fassen und in den Empfang all' dieser Besuche schicken mußte, gab sich wenigstens Mühe, ihren Widerwillen gegen dieselben zu unterdrücken; sie machte die Wirthin vortrefflich, zwang sich zu lächeln, und wußte, wenn ihr daran lag, Jedem von der Gesellschaft etwas Angenehmes zu sagen, was um so mehr schmeichelte, da man nicht daran gewöhnt war. Ernestine wurde wieder heiter, als sie ihre Mutter es scheinen sah; in ihrem Alter vergißt man kleine Widerwärtigkeiten so leicht; sie liebte die Welt, und seit längerer Zeit hatte sie so selten Gelegenheit, sich zu unterhalten, zu zerstreuen, daß sie die sich darbietende mit Freuden ergriff. Als Fräulein vom Hause richtete man jene Schmeicheleien an sie, die man zwar nicht glauben soll, die aber stets angenehm für das Ohr sind; man fand sie größer, schöner; man sagte ihr dies nicht selbst, aber man sagte es doch laut genug, daß es zu ihren Ohren dringen konnte. Frau von Noirmont nahm die ihrer Tochter gemachten Complimente mit Gleichgültigkeit hin; Herr von Noirmont schien darüber entzückt. Herr Trichet war immer derselbe, er sprach unaufhörlich, wollte Alles wissen, mischte sich in jede Unterredung und lauschte fortwährend auf Alles, was in allen Ecken des Salons gesprochen wurde; dieser Mann hatte in Gesellschaften vollauf zu thun. Comtois meldete, das Essen sei aufgetragen, und die ganze Gesellschaft begab sich in den Speisesaal. Man setzte sich zu Tische und fing mit jenem Schweigen der gebildeten Gesellschaft zu speisen an, welches oft bis zum Nachtische dauert. Man war noch beim ersten Gang, als Herr von Noirmont, der nicht schnell genug servirt wurde, um sich blickte und zu Comtois sagte: »Wo ist denn die Kammerjungfer? ... warum servirt sie nicht mit Dir? ... Nun wundert es mich nicht mehr, daß das Auftragen so langsam geht ... was treibt sie denn? hast Du ihr nicht gesagt, daß sie bei Tische serviren helfen müsse? ...« Comtois fühlte sich in peinlicher Verlegenheit; denn als er Louisen rief, hatte ihm diese den Befehl ihrer Gebieterin mitgetheilt. Er suchte auszuweichen und entgegnete halblaut: »Gnädiger Herr ... die gnädige Frau hat geglaubt ... es sei überflüssig ...« Herr von Noirmont ließ Comtois nicht vollenden, er versetzte mit herrischem Tone: »Rufe augenblicklich Louisen her, sie soll Dir beim Auftragen behülflich sein.« Comtois ließ sich diesen Befehl nicht zweimal sagen, um so mehr, als es ihm innerlich höchst angenehm war, von der Kammerjungfer unterstützt zu werden. Frau von Noirmont schlug die Augen nieder und wurde entsetzlich blaß. Ernestine warf furchtsame Blicke auf ihre Eltern, und Herr Trichet, der über Alles seine Bemerkungen machte, rief aus: »Ach! Sie haben eine Kammerjungfer, die nicht bei Tische serviren will! ... Sie haben vollkommen Recht, sie dazu zu zwingen ... die Dienstboten sind heutzutage zum Verwundern! wenn man sie machen ließe, würden sie gar nichts mehr thun und sich dabei theuer bezahlen lassen. Ich bin neugierig, Ihre Kammerjungfer zu sehen.« Louisens Eintritt machte diesen Gesprächen ein Ende. Das junge Mädchen wurde durch Comtois' Auftrag sehr in Verlegenheit gebracht; sie zögerte anfänglich, ihm zu folgen; aber Comtois hielt ihr entgegen: »Sie müssen kommen, Mademoiselle, der gnädige Herr verlangt es, und wenn er befiehlt, muß man gehorchen.« Louise entschloß sich also, dem Kammerdiener zu folgen; während sie aber dem Befehle ihres Herrn Folge leistete, setzte sie der Gedanke, gegen den Wunsch ihrer Gebieterin zu handeln, sehr in Bekümmerniß; daher erschien sie mit gesenktem Blicke und hochgerötheten Wangen, war aber dadurch nur um so hübscher und erregte bei dem größten Theil der Gäste durch ihre Schönheit Staunen. »Wahrhaftig,« sagte Trichet, »das junge Mädchen hatte Unrecht, sich nicht zu zeigen! ... Ich habe noch wenig so hübsche Dienstboten gesehen ... hm? was sagen Sie dort unten, Herr Dernange? ... o! ich verstehe Sie schon ... Sie haben gesagt, ein griechisches Profil ... ja, beinahe ... übrigens griechisch oder hebräisch, es ist jedenfalls für das Profil einer Kammerjungfer sehr ausgezeichnet.« Die beiden jungen Herren äußerten ihre Bemerkungen nicht so laut, wie Herr Trichet, aber sie betrachteten Louisen unablässig und ließen fortwährend ihre Teller durch sie wechseln. Die große, anspruchsvolle Dame warf einen verächtlichen Blick auf Louisen und murmelte: »Ich kann nicht begreifen, wie man eine Magd hübsch finden kann.« Und die andere Dame rief aus: »Das junge Mädchen ist reizend und hat eine so sittsame Miene ... Alles spricht zu ihren Gunsten.« »O! o!« versetzte Herr Trichet, »diesen Mienen darf man nicht trauen ... sie täuschen oft sehr ... Ich weiß davon zu sprechen; ich habe schon zweihundert Haushälterinnen gehabt und alle haben mich bestohlen.« Frau von Noirmont erwiderte auf alle durch die Erscheinung des jungen Kammermädchens veranlaßten Bemerkungen nichts; aber man sah, daß sie litt und gewaltsame Anstrengungen machte, so ruhig und heiter zu scheinen, wie vorher. Ernestinens Munterkeit war verloren, denn sie errieth, daß ihrer Mutter etwas fehle. Herr von Noirmont, durch die Erfüllung seiner Befehle zufrieden gestellt, beschäftigte sich nur mit seinen Gästen und beachtete die Blässe seiner Frau nicht im Geringsten. Indessen ging die Unterhaltung bald auf einen andern Gegenstand über, und Frau von Noirmont athmete etwas freier. Louise servirte mit dem größten Eifer, schlug, wenn sie in die Nähe ihrer Gebieterin kam, die sie nicht anzusehen wagte, die Augen nieder und vermied es, ihr jemals gegenüber zu stehen. Plötzlich aber drang der Name Cherubins zu den Ohren der Jungfrau. Herr Trichet war es, der von einer Abendgesellschaft bei der Gräfin von Valdieri sprechend, ausrief: »Der junge Marquis von Grandvilain war nicht zugegen ... Ich habe auch die Bemerkung gemacht, daß er nicht mehr zu Madame Celival kommt ... Das scheint mir sonderbar, denn Jedermann weiß, daß der kleine Marquis dieser Dame die Cour machte ... er ist noch zu sehr Neuling, um seine Empfindungen zu verbergen ... er sah sie auffallend oft an ... es war lächerlich ...« In diesem Augenblick hielt Louise eine Platte mit einem Huhn in Oliven-Sauce, das sie der großen Frau des Advokaten präsentiren sollte; als sie aber von Cherubin sprechen hörte, vergaß sie, was sie that, ließ die Platte fallen, die sie eben über der Schulter der anspruchsvollen Dame hielt, und schüttete ihr eine Portion Huhn nebst dazu gehöriger Sauce über das Kleid. »Wie einfältig, wie dumm sind Sie!« rief die große Dame, mit wüthenden Blicken auf Louisen, aus. »Wenn man nicht im Stande ist, eine Platte anzubieten, so bleibe man in seiner Küche!« Louise stand starr, außer sich, trostlos. Die Herren, welche sie so noch hübscher fanden, suchten sie zu entschuldigen; Ernestine stand eilig auf, das Kleid der Dame abzutrocknen, woran Louise nicht einmal gedacht hatte. Was Frau von Noirmont betrifft, so erhob sich diese, als sie Louisen einfältig und dumm schelten hörte, zur Hälfte von ihrem Stuhle, ihre Brauen zogen sich zusammen, ihre Augen schleuderten einen Augenblick Blitze, dann aber sank sie wie todt wieder auf ihren Stuhl zurück. Und Herr Trichet, der neben ihr saß, rief aus: »Frau von Noirmont ist sicher nicht wohl ... Fühlen Sie sich nicht ganz gut, gnädige Frau?« »Es hat hoffentlich nichts zu bedeuten,« erwiderte Frau von Noirmont, vom Tische aufstehend. »Ein plötzliches Uebelsein ... ich will etwas frische Luft schöpfen.« Ernestine befand sich bereits neben ihrer Mutter, unterstützte sie, reichte ihr den Arm und beide verließen den Speisesaal. Dieses Ereigniß machte Louisens Ungeschicklichkeit vergessen, und obgleich die große Dame unaufhörlich von ihrem Kleide sprach, schenkte ihr doch Niemand Gehör. Nach zehn Minuten kehrte Frau von Noirmont auf ihren Platz am Tische zurück. Sie war immer noch sehr blaß, versicherte aber, es sei ihr besser. Das Essen ging ziemlich traurig zu Ende; der Unfall, welcher der Herrin des Hauses zugestoßen war, hatte die Heiterkeit verscheucht. Man begab sich in den Salon. Die Männer unterhielten sich mit einander; die große Dame beschäftigte sich fortwährend mit Abreiben ihres befleckten Kleides. Frau von Noirmont lächelte gezwungen über Herrn Trichets Gespräch; Ernestine blickte stets nach ihrer Mutter, und die jungen Herren wandten sich oft nach der Thüre, ärgerlich, das hübsche Kammermädchen nicht mehr eintreten zu sehen. Man arrangirte eine Partie Whist, sie zog sich aber nicht in die Länge, und die Gesellschaft ging lang vor Mitternacht aus einander, weil der leidende Zustand der Frau von Noirmont Ruhe erheischte. Es war zwei Uhr Nachts. Längst schon hatten sich alle Angehörigen des Hauses Noirmont in ihre Zimmer zurückgezogen und mußten schon im tiefen Schlafe liegen. Nur Louise, noch von dem Eindruck der heutigen Empfindung wach gehalten, hatte eben erst mit dem Gedanken an Cherubin, der in zwei Frauen verliebt sein sollte, die Augen geschlossen. Plötzlich öffnete man die Thüre ihres Zimmers; eine Person, mit einem Lichte in der Hand, trat vorsichtig ein; Louise öffnete ihre Augen wieder und erkannte Frau von Noirmont, die, im Nachtkleide, blaß, wie beim Diner, sich ihrem Bette näherte, nachdem sie vorher stille gestanden war, um sich zu überzeugen, daß ihr Niemand folge. »Mein Gott, Sie sind's, gnädige Frau ...« rief Louise aus, »sind Sie krank? bedürfen Sie vielleicht meiner Dienste? ... Ach! ich will sogleich aufstehen.« »Bleiben Sie! ... bleiben Sie und hören Sie mich an!« Mit diesen Worten verschloß Frau von Noirmont die Zimmerthüre, setzte sich dicht neben das Bett und ergriff eine von Louisens Händen, die sie innig drückte, während sie mit erstickter Stimme zu ihr sprach: »Louise, Sie müssen dieses Haus verlassen ... wenn Sie nicht wollen, daß ich zu Grunde gehe ... daß mich der Schmerz tödte ... Ach, was ich gelitten, ist entsetzlich, und ich fühle, daß ich nicht länger die Kraft haben werde, es zu ertragen.« »Wie, gnädige Frau ... ich bin die Ursache Ihrer Leiden, ach! ich will gehen ... ja, seien Sie dessen versichert ... Mein Gott, wenn ich es früher gewußt hätte, so hätte ich Ihnen schon lange vielen Kummer erspart ... verzeihen Sie mir ... denn, weit entfernt, Ihnen Betrübniß verursachen zu wollen ... hätte ich mein Leben hingegeben, um Ihnen meinen Eifer, meine Anhänglichkeit zu beweisen ... aber gleichviel, ich werde gehen ...« »– Arme Louise! ... Sie hassen mich also nicht! ... mich, die ich Sie so hart behandelte, die niemals ein gutes sanftes Wort mit Ihnen sprach!« »– Ich, Sie hassen? ach! gnädige Frau, das scheint mir unmöglich ... es ist mir, als ob es meine Pflicht wäre, Sie zu lieben ... Oh! vergeben Sie mir ... ich vergesse, daß ich nur ein armer Dienstbote bin ...« »Sie ... ein Dienstbote! ... Wehe! das ist es, was mich tödtet, das kann ich nicht ertragen ... Sie bei mir dienen! ... Großer Gott! ich war sehr strafbar, ich fühle es, weil du mir diese Züchtigung auferlegt hast ... aber heute war die Qual zu groß ... mein Gott! ... was hab' ich gesagt? ich rede irre! Louise, armes Kind! Sie haben geglaubt, ich verabscheue Sie und suche Sie deßhalb von mir zu entfernen ... ach, wenn Sie in der Tiefe meiner Seele hätten lesen können! ...« »– Wär's möglich, gnädige Frau, Sie verabscheuen mich nicht ... o! wie glücklich bin ich ...« »Louise, hören Sie mich an ... Sie sollen keine Dienerin sein ... Sie sollen reich und glücklich werden ... armes Mädchen! Sie haben genug für Anderer Fehler gelitten ... Ihr Schicksal wird sich anders gestalten ... hier, nehmen Sie diesen Brief, den ich eben geschrieben habe, übergeben Sie ihn der Person, deren Name auf dem Brief steht, und die Sie nach Ihrem Weggehen von hier aufsuchen müssen, da ich nicht weiß, wo derjenige ... an den das Schreiben gerichtet ist, gegenwärtig wohnt; was Sie jedoch erfahren werden, wenn Sie zu Herrn Cherubin von Grandvilain gehen, dessen Freund er ist; dort wird man Ihnen sogleich seine Wohnung bezeichnen. Die des Herrn Cherubin ist Ihnen, glaub' ich, bekannt?« »– O ja, gnädige Frau, ja ... ich war zwei Mal in seinem Hôtel. Und die Person, der ich diesen Brief überbringen soll ...« »– Diese Person wird ... so denke ich wenigstens, Sie Ihrem Vater zurückgeben ...« »– Meinem Vater ... o mein Gott! ... wie, gnädige Frau! ... ich werde meine Eltern wiederfinden ... Sie kennen sie also?« »– Fragen Sie mich nicht weiter, Louise, was ich thue, ist schon sehr viel ... ich hatte einen Schwur gethan, niemals dieser Person wieder zu schreiben ... aber seit ich Sie gesehen ... habe ich gefühlt, daß es unrecht, sehr unrecht sei, Sie der Umarmungen Ihres Vaters zu berauben, denn er wird sehr glücklich sein, Sie wiederzufinden! ... o! ja, ich bin überzeugt, daß er Sie mit Sorgfalt und Liebe umgeben wird.« »Und von meiner Mutter, gnädige Frau, von der sprechen Sie nicht mit mir ... werde ich sie nicht auch sehen? ... Ach, ich wäre so glücklich, sie in meine Arme schließen zu dürfen!« »Ihre Mutter? ... o nein, das ist unmöglich ... Ihr Vater wird Ihnen den Namen derselben verschweigen, er muß es ... und wenn er Ihnen denselben doch enthüllte ... so bedenken Sie, daß ein einziges unbesonnenes Wort Ihrer Mutter das Leben kosten würde! ... Doch ich habe Ihnen schon genug hierüber gesagt. Morgen bei Tagesanbruch, ehe Jemand im Hause aufgestanden ist, entfernen Sie sich, Louise, nicht wahr, Sie versprechen es mir?« »– Ja, gnädige Frau, ich verspreche es Ihnen.« »– Gut ... und nun ... küssen Sie mich!« »– Erlauben Sie es mir?« Statt aller Antwort umschloß Frau von Noirmont Louisen mit ihren Armen, zog sie an sich und hielt sie lange an ihr Herz gedrückt, während sie sie mit Küssen bedeckte. Das Glück des jungen Mädchens war so groß, daß sie zu träumen glaubte, und den Himmel anflehte, sie nicht wieder zu erwecken. Aber Frau von Noirmont, deren Augen in Thränen schwammen, that sich Gewalt an; sie riß sich aus Louisens Armen, drückte noch einen Kuß auf die Stirne der Jungfrau und entfernte sich schnell, indem sie noch voll Zärtlichkeit zu ihr sprach: »Vergiß nichts von Allem, was ich Dir gesagt habe!« Louise blieb in einer Art Extase versunken; die Küsse, die sie empfangen, hatten sie zum ersten Mal ein so reines Glück fühlen lassen, daß sie dessen Dauer zu verlängern suchte; sie wagte weder über das Geheimnißvolle in Frau von Noirmonts Betragen nachzudenken, noch suchte sie sich es zu enträthseln, aber sie wiederholte jeden Augenblick bei sich: »sie liebt mich ... o! ja, sie liebt mich ... denn sie hat mich lange an ihr Herz gedrückt ... und mich ... Du ... genannt ... »›vergiß nichts von Allem, was ich Dir gesagt habe!‹« Ach! ich werde diese Worte ebenso wenig vergessen ... mein ganzes Leben lang will ich mich an sie erinnern.« Louise schloß den übrigen Theil der Nacht die Augen nicht mehr. Sobald der Tag zu grauen anfing, stand sie auf, kleidete sich eilends an und packte ihre Effekten zusammen; dann steckte sie den von Frau von Noirmont empfangenen Brief in ihren Busen, öffnete ganz leise die Thüre, verließ die Stube, durchschritt geräuschlos mehrere Zimmer, erreichte auf solche Weise die Treppe, den Hof, klopfte an das Fenster des Portiers, ließ sich das Thor aufschließen und befand sich mit Anbruch des Tages auf der Straße. Sechsundzwanzigstes Kapitel Die Furcht. Seit seinem Abenteuer mit Chichette Chichemann gerieth Cherubin nicht mehr so leicht in Flammen, oder er begann vielmehr zu begreifen, daß das, was er für Liebe gehalten hatte, nichts als die unbestimmte Sehnsucht war, welche der Anblick einer hübschen Frau in dem Herzen eines jungen Mannes erregt: eine Sehnsucht, die in ganz frischen Herzen, bei welchen die Gefühle noch den Reiz der Neuheit haben, gar oft erwacht. Aber die bei seinen ersten Liebschaften erlittenen Unfälle hatten Cherubin noch furchtsamer, noch schüchterner gemacht; statt durch die gemachten Erfahrungen vernünftiger zu werden und sich eines andern Betragens bei einem galanten Tête-à-Tête belehren zu lassen, fürchtete der arme Cherubin dermaßen, noch einmal unglücklich oder ungeschickt zu sein, daß er bei dem Gedanken an eine verliebte Zusammenkunft beinahe zitterte. Auf der andern Seite wurde der junge Marquis, da in seinem Alter die Liebe das erste Glück des Lebens ausmacht, und er sich dieses Glück nicht zu verschaffen wußte, traurig und schwermüthig. – Im zwanzigsten Jahre, mit einem bedeutenden Namen, einem schönen Vermögen, als ein hübscher, wohlgestalteter Junge, der Alles besaß, was in der Welt glücklich macht, war es Cherubin doch nicht; er verlor seine Heiterkeit, sogar seine Farbe ... er hatte nicht mehr jenen rosigen, frischen Teint, der sonst an ihm bewundert wurde; denn wir dürfen es uns nicht verhehlen, gleichwie das Uebermaß der Vergnügungen zuweilen unsere Gesundheit angreift, so kann auch eine übermäßige Enthaltsamkeit dasselbe Ergebniß herbeiführen. Die Extreme schaden jederzeit. Der junge Marquis besuchte weder mehr die Gräfin von Valdieri, noch Madame Celival, denn der eiskalte Empfang, der ihm bei diesen Damen zu Theil wurde, glich einer Verabschiedung; aber er traf sie mitunter in den Gesellschaften; dann schien es ihm, als ob ihn alle Damen auf sonderbare Weise betrachteten, leise mit einander flüsterten und sogar bei seinem Erscheinen lachten; er theilte Freund Monfréville seine Befürchtungen mit und sagte zu ihm: »Haben wohl die kleine Gräfin und Madame Celival ein boshaftes Gerede über mich verbreitet? ... ich denke doch, daß ich ihnen nichts gethan habe!« »Gerade deßhalb,« entgegnete Monfréville lächelnd. »Aber, mein lieber junger Freund, rütteln Sie sich doch aus der für Ihr Alter unpassenden Apathie auf! ... Sie besitzen Alles, was gefällt, fangen Sie andere Liebschaften an! ... Unterhalten Sie drei oder vier Geliebten zugleich, betrügen Sie sie auf recht auffallende Weise, und Ihr Ruf wird bald wieder hergestellt sein.« »– Das können Sie leicht sagen, mein lieber Monfréville; aber seit meinen Unfällen habe ich solche Furcht, abermals ... ungeschickt bei einem Frauenzimmer zu sein, daß mich's zum Voraus davor schaudert ... Denn, ach sehen Sie, wenn mir noch einmal ... ein Unglück widerführe, so würde ich, glaub' ich, vor Schande und Verzweiflung sterben ... Ich will mich lieber der Gefahr gar nicht aussetzen. Und doch ... fühle ich bei allem dem ... daß ich mich entsetzlich langweile.« »– Ich will's wohl glauben, in Ihrem Alter ... ohne Liebe zu leben ... wo man nicht einmal die Erinnerung an vergangene Thorheiten hat, ist baarer Unsinn. Aber wenn Sie fürchten, Sie seien für eine vornehme Dame noch nicht keck genug, nun, mein Freund! so werfen Sie sich auf Grisetten, Schauspielerinnen ... Ich stehe Ihnen dafür, Sie werden sich dabei eben so gut ausbilden.« »– Ja, daran hatte ich auch schon gedacht; und als ich vergangene Woche Malvina begegnete ... Sie wissen jene kleine, muntere Tänzerin ...« »– Ja, ja.« »Nun! so habe ich sie angesprochen ... sie nannte mich Anfangs Herr Eiszapfen, als ich aber entgegenhielt, ich sei nicht so kalt, als sie glaube, so rief sie aus: Um mich davon zu überzeugen, müssen Sie mir einen Beweis liefern! und lud mich dann abermals zum Frühstück ... auf sechs Uhr Morgens zu sich ein; ... den Tag setzten wir fest.« »– Vortrefflich ... und nun! ...« »– Ach! ja, aber der für das Rendezvous bestimmte Tag ist schon lange verflossen ... und ich ... war nicht dort.« »– Und warum denn nicht?« »– Weil ich daran dachte, daß ich für Fräulein Malvina nicht mehr Liebe empfand, als für die Andern, und mich demzufolge eben so dumm benommen hätte, wie bei meinen früheren Tête-à-Têtes . »– Sie hatten Unrecht! Ihr Schluß ist unvernünftig ... was braucht man auch einer Liebelei, einer Caprice wegen lang nachzudenken! ... Ei, haben Sie mir nicht auch von einer Grisette, einer jungen Arbeiterin in einer Leinwandhandlung hier in der Nähe, gesprochen ... haben Sie mir nicht gesagt, das Mädchen werfe Ihnen Liebesblicke zu ... habe Ihnen sogar ihren Namen angegeben? ...« »– Ja, mein Freund, das ist die kleine Celanire mit den flohblonden Haaren und der Nase à la Roxelane.« »– Nun, also; verlangen Sie von Fräulein Celanire ein Rendezvous ... Nach dem, was Sie mir gesagt haben, wird sie es Ihnen nicht verweigern.« »– Das habe ich schon gethan, mein Freund! Vorgestern sah ich diese junge Grisette auf der Straße; als sie bemerkte, daß ich hinter ihr lief, that sie, als ob sie einen Fehltritt machte ... blieb stehen, und stützte sich auf mich, um nicht zu fallen.« »– Das war sehr fein.« »– Das hab' ich auch gefunden; dann sprachen wir mit einander ... und sie gab mir endlich ein Rendezvous auf den Abend auf dem Boulevard des Château d'Eau ... absichtlich weit von ihrem Quartier entfernt, um Niemand Bekanntem zu begegnen.« »Das war sehr klug: die Grisetten denken doch an Alles. Nun, wie ist dieses Rendezvous abgelaufen?« »– Gar nicht, lieber Freund, ich ging ebenfalls nicht hin ... Im Begriff, mich hinzubegeben, stellte ich dieselben Betrachtungen an, wie bei der kleinen Tänzerin ... die Furcht ergriff mich ... und ich blieb zu Hause.« »– Oh! das ist denn doch zu arg ... mein armer Cherubin! ... mit solcher Furchtsamkeit ist nicht zu hoffen, daß Sie je von dem Zauber erlöst werden! Ehemals hätten die guten Weiber behauptet, Sie wären behext, und man hätte Sie zu irgend einem berühmten Nestelaufknüpfer geschickt! ... Denn in der guten, alten Zeit knüpfte und löste man die Nestel gar häufig; es war sogar nicht selten, daß über diesen Gegenstand Prozesse entstanden, und die Richter die Eheprobe befahlen: das war die Art, sein Recht zu beweisen, eine Art indeß, bei der es gar viele honette Leute verloren! Doch wir leben nicht mehr in jenen Zeiten der Barbarei! ... Denn so kann man sie wahrlich nennen. Und wenn man jetzt wissen will, ob man verliebt werden kann, so kennt man keinen bessern Hexenmeister, als ein schönes Weib. An ein solches werde ich Sie daher stets weisen.« Monfréville's Gespräche trösteten Cherubin, der fortwährend traurig und ärgerlich blieb, durchaus nicht; aber eines Morgens fiel ihm ein belebender, ihn erweckender Gedanke ein; er dachte an Gagny, an die kleine Louise und an seine ihn so herzlich liebende Amme; er nahm sich vor, den Aufenthaltsort seiner Kindheit wieder zu besuchen. In seiner Traurigkeit und Langeweile erinnerte er sich Derer, die ihn liebten; im Schooße des Vergnügens hatte er ihrer vergessen! ... Das ist nur zu oft der Fall ... Es ist zwar kein Lob für unser Herz; warum hat uns aber die Natur so geschaffen? Cherubin sagte zu Hause nichts, ließ sich weder von Jasmin, noch von Herrn Gerundium begleiten, stieg in sein Cabriolet, ließ seinen kleinen Jockey hinten hinaufsteigen und fuhr weg, nachdem er sich den Weg nach Gagny hatte deutlich bezeichnen lassen. Mit einem guten Pferd dauert die Reise nicht lang. In kurzer Zeit war Cherubin in Villemomble; sein Herz pochte beim Herausfahren aus diesem Dorfe, denn schon erkannte er die Landschaft, wo er seine Kindheit und einen großen Theil seiner Jugend zugebracht hatte. Sein Herz erweiterte sich beim Anblick der ersten Häuser von Gagny; er empfand ein Vergnügen und Wohlbehagen, welches er seit seinem Aufenthalte in Paris nicht mehr genossen hatte, und er wunderte sich, wie es ihm möglich gewesen, so lange vom Dorfe entfernt zu bleiben. Er erkannte bald den Marktplatz, das Rathhaus und die bergige Gasse, die zu seiner Amme führte; er trieb sein Pferd an und hielt bald vor Nicollen's Haus. Seit drei Jahren erst hatte er sie verlassen, aber es schien ihm ein Jahrhundert, und seine Blicke prüften alle Gegenstände, um zu sehen, ob sich Nichts verändert habe. Er stieg aus dem Cabriolet, schritt durch den Hof, wo er so oft gespielt hatte, und trat schnell in die untere Stube ein, wo man sich gewöhnlich aufhielt. Nicolle saß da und arbeitete, Jakob schlief im Lehnstuhle, Alles war wie ehedem; nur eine Person fehlte. Nicolle erhob die Angen und stieß einen Schrei aus ... sie blickte mehrmals den jungen eleganten Herrn an, der so eben gekommen war; sie fürchtete eine Täuschung ... sie wagte nicht, zu glauben, daß es Cherubin sei, er aber riß sie bald aus dieser Ungewißheit, flog in ihre Arme und rief aus: »Meine Amme! ... meine gute Nicolle ... Ach, wie glücklich bin ich, Dich wieder zu sehen!« »Er ist's! ... er ist's wirklich!« schrie die Bäuerin, die im Uebermaße ihrer Freude kaum Worte finden konnte. »Er besucht uns wieder ... er liebt mich also noch, der liebe Kleine ... Ach! Verzeihung, Herr Marquis, wenn ich Sie so nenne ... aber die Gewohnheit ist stärker als ich!« »– Nenne mich immer wie früher, meine gute Nicolle; glaubst Du, das ärgere mich? Im Gegentheil, ich wünsche, ich verlange es!« »– Ach! welches Glück ... Jakob, Mann, wache doch auf, unser Söhnchen Cherubin ist zurückgekommen und hier bei uns!« Jakob rieb sich die Augen, erkannte den jungen Marquis, hatte aber nicht den Muth, ihm die Hand zu reichen; Cherubin eilte auf ihn zu und schüttelte die rauhe, schwielige Hand des Landmanns. Dieser in seiner Freude holte, seiner Gewohnheit gemäß, schnell Gläser und Wein herbei. Cherubin setzte sich neben Nicollen nieder, küßte sie einmal über das andere und sagte dann, mit seinen Blicken überall umherspähend: »Wie Schade ... es fehlt Eines! ... Wenn Louise da wäre, wäre mein Glück vollständig ... Sie ist also immer noch ferne von euch in der Bretagne ... und will nicht mehr zurückkehren?« »Ja ... ja, mein Junge!« murmelte die Bäuerin verlegen; »aber Du ... mein liebes Kind ... Du ... Sie lieben uns also noch ein wenig ... obgleich Sie jetzt an schönere Gesellschaft gewöhnt sind?« »– Ob ich euch liebe? ach! immer ... Ich begreife wohl, warum Ihr diese Frage thut, meine liebe Nicolle; ich war in der That sehr undankbar ... und habe mich schlecht aufgeführt ... seit drei Jahren bin ich nicht in Eure Arme zurückgekehrt ... o! das ist abscheulich von mir ... oft hegte ich die Absicht; aber in Paris hat man so viel zu thun ... Die Gesellschaften, jene für mich so neuen Vergnügungen, Alles zusammen, betäubte mich ... Du mußt mir verzeihen!« »– Ihm verzeihen! ... wie artig! wie artig!« »– Zudem denke ich, daß, wenn ihr mich hättet besuchen wollen, euch nichts im Wege gestanden wäre, nach Paris in mein Hôtel zu kommen ... Ihr kennt es wohl.« »– Ei, aber wir waren ja dort, mein liebes Kind, Louise und ich haben uns zweimal hinbegeben und nach Dir gefragt. Das erste Mal sagte man uns, Du seiest verreist! das zweite Mal, Du seiest in einem Schlosse und werdest vielleicht lange abwesend sein.« »– Das ist sonderbar ... aber vor allen Dingen unwahr; seit ich in Paris bin, habe ich es nicht verlassen, war nie verreist ... alsdann hat man mir nie gesagt, daß ihr da waret.« »– Seht doch! Ich hatte es doch dem Portier so sehr empfohlen.« »– Ha! dahinter werde ich kommen ... und auch herausbringen, weßwegen man sich erlaubt hat, mir eure Besuche zu verhehlen.« »– Meiner Treu! das hat uns recht wehe gethan, mir und Louisen, und wir haben uns gesagt: da er weiß, daß wir ihn besuchen wollten, und er dessen ungeachtet nicht zu uns kommt, so wollen wir auch nicht mehr zu ihm gehen, es ärgert ihn vielleicht, daß wir ihm bis Paris nachlaufen.« »– Mich ärgern ... meine gute Nicolle! ... Solches von mir zu denken! ... und diese arme Louise ... warum habt ihr sie denn in die Bretagne geschickt, statt sie bei euch zu behalten?« »– Louise in der Bretagne!« brummte Jakob, der mit einem Kruge Wein und Gläsern zurückkam. »Wer erfindet denn solche Geschichten, um meinen Freund, den Herrn Marquis, zu hintergehen?« »– Wie? Louise ist nicht in der Bretagne?« rief Cherubin aus; »schon vor zwei Jahren behauptete es Herr Gerundium ... Was bedeutet diese Lüge?« »Ach! mein Schatz,« rief Nicolle aus, »ich will Dir Alles erzählen; denn mir ist das Lügen zuwider! ... Und je mehr ich Deine immer noch so sanfte Miene ansehe ... je weniger kann ich glauben, daß Du ein Ausschweifling und ein Verführer geworden bist! ... wie Herr Gerundium uns gesagt hat.« »– Ich! ein Ausschweifling? ein Verführer? ... aber das ist nicht wahr, liebe Amme, das ist erlogen! ... denn man verspottet mich im Gegentheil in Paris, weil man behauptet, ich sei den Damen gegenüber zu schüchtern ... und sagen, ich sei ein Ausschweifling! Ach! das ist abscheulich! Wie! solche Aeußerungen hat sich mein Hofmeister erlaubt?« »– Mein liebes Kind, ich will Dir die ganze Wahrheit erzählen. Herr Gerundium, der uns öfters besuchte und Louisens Schönheit zu bewundern schien, kam vor etwa neun oder zehn Monaten und schlug der Kleinen einen hübschen Platz in Paris vor, mit dem Bemerken, Du wünschest, daß sie ihn annehme ...« »– Seht doch den Lügner!« »– Der Gedanke, nach Paris zu gehen, lächelte Louisen zu, weil sie das, wie sie sagte, Dir näher brächte und ihr Hoffnung gäbe, Dich bisweilen zu sehen.« »– Theure Louise!« »– Sie willigte also ein; aber während sie ihre Effekten zusammen packte, sagte mir der Herr Hofmeister leise: ich führe Louisen weg, um sie vor den Nachstellungen meines Zöglings zu sichern, der seine Maitresse aus ihr machen will.« »– Ha! welche Schändlichkeit!« »– Und wenn er hieher kommt, so machet ihm weis, sie sei schon lange bei einem eurer Verwandten in der Bretagne.« Cherubin stand auf, schritt im Zimmer auf und ab, der Zorn erstickte ihn fast, er war kaum im Stande, sich durch Worte Luft zu machen. »– Welche Niederträchtigkeit! ... solche Dinge über mich zu behaupten ... solche Lügen zu erfinden! aber zu welchem Zwecke? wo hat er denn Louisen hingethan?« »– O! zu sehr braven Leuten, wie er uns sagte.« »– Aber zu wem?« »– Meiner Treu, liebes Kind, darnach haben wir nicht gefragt, weil wir alles Zutrauen in den Herrn Schulmeister setzten! ...« »– Also wisset ihr nicht, wo Louise ist ... o! aber ich werde es erfahren, mir muß er es sagen ... Ach! ich sterbe vor Ungeduld ... ich wollte, ich wäre schon in Paris ... lebt wohl, meine gute Nicolle, Adieu, Jakob! ...« »– Was, mein Söhnchen , Du gehst schon wieder und bist doch kaum erst gekommen?« »– Und er hat nicht einmal ein Schlückchen getrunken ...« »– Ich komme wieder, meine Freunde ... o! ich komme wieder ... aber mit Louisen ... mit der armen Louise, die ich wiederzufinden vor Verlangen brenne ... Ha! Herr Gerundium! ... sagen, ich sei ein Ausschweifling ... O! wir wollen sehen ... sie haben mich Alle bisher wie ein Kind betrachtet, aber jetzt will ich ihnen zeigen, daß ich ihr Herr bin.« Cherubin umarmte Nicollen, drückte Jakobs Hand und stieg, ohne auf die Tröstungen dieser guten Leute zu achten, wieder in sein Cabriolet, peitschte sein Pferd und fuhr in starkem Trab nach Paris zurück. Zu Hause angelangt, ließ er unverzüglich Herrn Gerundium, Jasmin und den Portier rufen. An der Art und Weise, womit er diesen Befehl ertheilte, am Ausdruck seiner Gesichtszüge erkannten die Bedienten ihren sonst so ruhigen, sanften Herrn nicht mehr. Der Jockey setzte den Hofmeister, der, obgleich es schon Mittag war, kaum seine Toilette beendigt hatte, von dem Wunsche des Herrn in Kenntniß; dieser ging zu seinem Zögling hinab, indem er unterwegs dachte: »Der Herr Marquis verlangt ohne Zweifel in irgend Etwas meinen Unterricht ... er will vielleicht Verse machen lernen ... Mamsell Turlurette verbreitet im ganzen Hause, ich mache so schöne! ... Ich werde ihn mit ungereimten Versen den Anfang machen lassen! denn die sind gewiß und wahrhaftig leichter.« Aber beim Eintritt in das Zimmer des jungen Marquis, der mit großen Schritten und mit ungeduldiger zorniger Miene im Zimmer auf- und abging, wurde der Hofmeister ängstlich und fing an zu vermuthen, daß es sich hier weder um gereimte, noch ungereimte Verse handle; Jasmin, dem es über allen Begriff ging, als er die funkelnden Augen seines jungen Herrn sah, stand starr und unbeweglich in einer Ecke, und der gleich den Andern erschreckte Portier blieb auf der Thürschwelle stehen, weil er es nicht wagte, völlig herein zu treten. An diesen letztern wandte sich Cherubin, nachdem er ihn hatte näher kommen heißen, zuerst: »Kurze Zeit nach meiner Ankunft im Hôtel,« begann er, »kam ein braves Bauernweib, das heißt meine Amme, mit einem jungen Mädchen zu mir zum Besuche ... sie waren zweimal da ... mit dem eifrigsten Wunsche, mich zu sehen, und das erste Mal habt Ihr zu ihnen gesagt, ich sei verreist, und das zweite Mal, ich sei auf dem Schlosse eines meiner Freunde. Warum habt Ihr so gelogen? ... Wer hat Euch erlaubt, Leute abzuweisen, die mir lieb und willkommen sind? ... antwortet!« Der Portier verbeugte sich und entgegnete: »Meiner Treu! gnädiger Herr, ich habe hierin nur die mir von Herrn Jasmin ertheilten Instruktionen befolgt ... und geglaubt, dieser handle im Auftrage des gnädigen Herrn ...« »– Ah! Jasmin hatte Euch diesen Auftrag gegeben ... gut! Ihr könnt gehen, aber von nun an richtet Euch nur nach meinen eigenen Befehlen.« Der Portier verbeugte sich und ging, höchlich erfreut, so leicht davon gekommen zu sein. Der alte Jasmin war purpurroth geworden und verzog seinen Mund wie ein Kind, das zu weinen anfangen will. Cherubin trat auf ihn zu und sagte in mehr vorwurfsvollem, als heftigem Tone zu ihm: »Wie? Jasmin! Du hast meine gute Nicolle und Louisen abweisen lassen! ... Du wolltest, daß Diejenigen, die mich erzogen haben, mich für stolz, gefühllos und undankbar halten sollten! ... Ach! das ist sehr Unrecht von Dir ... und ich erkenne hierin Dein Herz nicht mehr.« Jasmin zog sein Taschentuch heraus und rief mit Thränen: »Gnädiger Herr, Sie haben Recht ... es ist eine Grobheit ... eine Dummheit ... aber der Gedanke ging nicht von mir aus ... er wäre nie in mir erwacht ... Ihr Herr Hofmeister hat mir gesagt, man müsse die Besuche Nicollen's und Louisens verhindern ... weil solche gefährlich für Sie seien ... und da Herr Gerundium ein Gelehrter ist, so dachte ich, er müsse wissen, was Recht ist, und that, was er mir sagte.« Während des alten Kammerdieners Rede zerkratzte sich Herr Gerundium die Nase gewaltig, als ob er sich auf die ihm drohenden Angriffe vorbereiten wollte; wirklich kehrte sich auch Cherubin, nachdem er Jasmin angehört hatte, gegen ihn und rief mit dem vollen Ausdrucke des Zornes: »Von Ihnen geht demnach Alles aus, mein Herr ... ich hätte es mir denken können. Also es war gefährlich für mich, die Landleute ... Diejenigen wiederzusehen, die mich wie ihre eigenen Kinder lieben?« Herr Gerundium stellte eines seiner Beine zurück, streckte seine Brust heraus, hob den Kopf in die Höhe und erwiderte mit vieler Sicherheit: »Ei, allerdings, mein erhabener Zögling! und ich bin der Ueberzeugung, Recht gehabt zu haben: Non est discipulus super magistrum! ... Hören Sie daher meine Gründe ... Sie verließen das Dorf und das Land nur ungern; die Lust, wieder dahin zurückzukehren, hätte leicht in Ihnen wach werden können ... Diese Lust mußte Ihnen deßhalb ... stets in Ihrem Interesse ... genommen werden ... Das Religionsbuch der Gebern, ein Auszug aus der Zendavesta, das alle von Zoroaster eingeführten Glaubens-Artikel enthält, verlangt, daß man am Schlusse eines jeden Tages mit seinem Gewissen strenge zu Gerichte gehe ... und das meinige ...« »– Ei! mein Herr, es handelt sich hier nicht von Zoroaster ! Geschah es aber auch in meinem Interesse, daß Sie bei Ihrem letzten Besuche im Dorfe zu Nicollen sagten, ich sei in Paris ein Ausschweifling, ein Verführer geworden: ich wolle aus Louisen meine Maitresse machen, man müsse sie deßhalb nach Paris in einen Dienst bringen, und mir weis machen, sie sei in der Bretagne?« Herr Gerundium war wie versteinert; er wußte kein Citat mehr anzubringen, er senkte den Kopf und seine Beine schienen ihm den Dienst zu versagen, während Jasmin, als er die Aeußerungen des Hofmeisters über seinen jungen Herrn vernahm, nach der auf dem Kamine liegenden Feuerzange eilte, sich schlagfertig vor Herrn Gerundium hinstellte und ausrief: »– Schändlichkeiten über meinen jungen Herrn sagen! ... ihn verleumden! ... Lassen Sie mich ihn durchhauen, gnädiger Herr ... ich fühle, daß ich dazu meine Kraft von zwanzig Jahren wieder finden werde!« Aber Cherubin hielt Jasmin zurück und sagte zum Hofmeister: »Welche Gründe veranlaßten Sie zu solchen Lügen?« »– Mein edler Zögling ... ich weiß in Wahrheit nicht ... eine Verwirrung des Geistes ...« »O! das werde ich später erfahren; vor allen Dingen, wo ist Louise?« »– Das junge und interessante verlassene Kind? ...« »– Nun, mein Herr, antworten Sie, und keine neue Lüge; wo ist Louise?« »– In einem ehrbaren Hause, wie ich mir schmeicheln darf; ich verschaffte ihr bei Frau von Noirmont die Stelle einer Kammerjungfer.« »Eine Kammerjungfer! ... aus meiner Milchschwester, der Gespielin meiner Kindheit eine Kammerjungfer machen! ... Ha! das ist niederträchtig ...« »– Ihr Gehalt ist gut, und ich dachte, da sie gar kein Vermögen habe ...« »– Schweigen Sie! ... Arme Louise! ... ist das der Lohn Deiner Anhänglichkeit an mich? ... O! sie darf keinen Tag länger in dieser Stelle bleiben ... Jasmin! laß sogleich einen Wagen vorfahren, und Sie, mein Herr, folgen mir!« Herr Gerundium ließ sich diesen Befehl nicht wiederholen; er folgte Cherubin, der seinen Hut nahm und hastig die Treppe hinab eilte. Jasmin hatte einen Fiaker kommen lassen, der junge Marquis stieg ein, befahl Gerundium, sich auch hereinzusetzen und dem Kutscher die Wohnung der Frau von Noirmont zu bezeichnen; der Hofmeister gehorchte; die Chaise rollte davon. Unterwegs sprach Cherubin kein Wort und Gerundium wagte nicht einmal, sich zu schnäuzen. Als der Wagen vor dem Hause der Frau von Noirmont anhielt, sagte Cherubin zu dem Hofmeister: »Sie haben Louisen in dieses Haus gethan, Sie müssen sie auch wieder abholen. Sagen Sie der Herrschaft Louisens, daß diese nicht mehr zu dienen brauche, daß sie einen Freund, einen Beschützer gefunden habe ... sagen Sie was Sie wollen, nur bedenken Sie, daß Sie mir meine Schwester, meine Freundin wieder anschaffen müssen ... Was diese betrifft, so theilen Sie ihr nur mit, daß ich hier sei, daß ich sie erwarte, und ich bin überzeugt, sie wird schnell ihre Anstalten getroffen haben, um zu mir zu kommen. Gehen Sie, mein Herr, ich bleibe hier und erwarte Sie!« Herr Gerundium sprang aus dem Wagen, schnäuzte sich, als er heraus war, und trat endlich in das Haus ein, bei sich denkend: »– Nun! weil's denn nicht anders sein kann. Die Kleine wird mir nicht zu Theil werden, es sei denn daß später ... man kann nicht wissen ... er wird sie vielleicht ausstatten ... dann werde ich mir eben vorstellen, sie sei eine Wittwe!« Cherubin zählte die Minuten, die seit dem Eintritt des Hofmeisters in das Haus verflossen! über den Kutschenschlag vorgebeugt, ließ er das Hofthor nicht aus den Augen, denn jeden Augenblick erwartete er Louisen herauskommen zu sehen, aber diese Hoffnung wurde stets vereitelt; endlich traten zwei Personen aus dem Haus und näherten sich ihm; es waren die Herren Gerundium und Comtois. Das Aussehen des Hofmeisters war ganz bestürzt; er verdrehte beim Herankommen seine Augen wie verstört, aber Cherubin ließ ihm keine Zeit zum Reden, sondern rief aus: »Louise! Louise, warum ist sie nicht mit euch herabgekommen? ... Haben Sie ihr denn nicht gesagt, daß ich da sei? ...« »Nein, mein edler Zögling,« entgegnete Herr Gerundium mit verzweifelter Miene, »ich habe es ihr nicht gesagt ... und konnte es ihr nicht sagen ... wenn Sie wüßten ...« »– Ich will nichts wissen ... ich will Louisen ... sie abzuholen ich gekommen. Warum geht sie nicht herunter? ... Hat man ihr den Abschied verweigert? ... O! dann will ich selbst ...« »– Ei nein ... man hat gar nichts verweigert ... aber sie ist schon fort ... und deßhalb kam sie nicht mit uns herunter!« »– Was sagen Sie ... Louise?« »– Ist seit vier Tagen nicht mehr bei Herrn von Noirmont; sie entfernte sich eines Morgens früh ... ehe Jemand im Hause aufgestanden war.« »– Ah! Sie hintergehen mich! ...« »– Nein, mein edler Zögling ... aber da ich fürchtete, Sie möchten mir vielleicht keinen Glauben schenken, so bat ich Comtois, den vertrauten Diener Herrn von Noirmonts, meine Behauptung zu bestätigen ... Sprecht, unbestechlicher Comtois, sagt die Wahrheit, nichts als die Wahrheit ... die ganze Wahrheit!« Comtois näherte sich Cherubin und sprach, nachdem er ihn achtungsvoll begrüßt hatte: »So lange Mademoiselle Louise bei uns war, verdiente ihr Betragen nur Lob. Ihre bescheidene, sanfte Miene hatte ihr Aller Herzen gewonnen ... Fräulein Ernestine von Noirmont behandelte sie mehr wie ihre Freundin, als wie ihre Kammerjungfer; nur die gnädige Frau war ... man weiß nicht aus welchem Grunde ... etwas streng gegen sie. Kurz, letzten Freitag ... am Morgen nach einem im Hause Statt gehabten großen Essen, ging das junge Mädchen fort ... O! sie hat nichts mitgenommen, als das kleine Päckchen mit ihren Kleidungsstücken ... kein Fetzchen sonst ... Fräulein Ernestine war sehr betrübt ... aber wir stellten uns vor, Louise werde in ihre Heimath zurückgekehrt sein, weil sie betrübt darüber war, das Wohlwollen der gnädigen Frau nicht haben erlangen zu können. Das, gnädiger Herr, ist die bestimmte Wahrheit ... Wenn Sie sich übrigens herauf bemühen wollen ... so können sie von Fräulein Ernestine ... oder von meiner Herrschaft dasselbe erfahren.« Cherubin hielt es für unnöthig, Herrn und Frau von Noirmont zu befragen; Comtois hatte kein Interesse, ihn zu belügen, und in seinen Blicken lag auch der Ausdruck des Bedauerns über Louisens Entfernung. »Sie wird ohne Zweifel nach Gagny zurückgekehrt sein!« rief Herr Gerundium, an der Nase kratzend, aus. »Nach Gagny! ...« sagte Cherubin verzweifelnd; »daher komme ich ja ... Wissen Sie denn nicht, daß ich dort ... daß ich bei Nicollen gewesen bin, und Louisen nicht getroffen habe!« »– Sie haben einander vielleicht unterwegs verfehlt ...« »– Ei! Sie hören ja, daß sie schon seit vier Tagen aus diesem Hause fort ist ... vier Tage, verstehen Sie wohl ... Wo ist sie seit dieser Zeit hingerathen? ... Braucht man vier Tage, um einen Weg von vier Stunden zu machen?« »– Gewöhnlich nicht ... Jedoch ... wenn man unterwegs oft einkehrte.« »– Ah! Sie sind Schuld, daß Louise das Dorf verließ, wo sie vor allen Gefahren geschützt war ... Sie, mein Herr, haben sie nach Paris gebracht ... Aber denken Sie daran, daß ich Louisen wiederfinden, daß ich wissen muß, wo sie ist, was in den vier Tagen, seit sie sich aus diesem Hause entfernt hat, aus ihr geworden ist ... und wenn ihr ein Unglück begegnet wäre ...ah! so soll das ganze Gewicht meines Zornes auf Sie fallen!« Cherubin warf sich in den Wagen zurück, bezeichnete dem Kutscher Monfréville's Wohnung und ließ sich sogleich zu ihm führen. Es drängte ihn, diesem Freunde seine Leiden zu klagen, denn er wußte wohl, daß er ihm seinen Rath und Hülfe nicht versagen würde. Monfréville war zu Haufe; als er seinen jungen Freund so ergriffen und aufgeregt eintreten sah, befragte er ihn augenblicklich um die Ursache seiner Unruhe. Cherubin erzählte ihm alle Ereignisse des heutigen Tages, seinen Besuch im Dorfe, das Benehmen Gerundiums gegen Louisen, und endlich das Verschwinden des jungen Mädchens aus dem Hause ihrer Herrschaft; er schloß seine Schilderung mit dem Ausruf: »– Mein Freund! ich muß Louisen finden, ich muß! Denn nun erst fühle ich, wie sehr ich sie liebe ... Arme Louise, um mir näher zu sein, in der Hoffnung, mich zu sehen ... mir zu begegnen ... hatte sie diese Stelle in Paris angenommen. O! Nicolle hat mir Alles gesagt, Louise dachte immer an mich, kein Tag verging, wo sie nicht von mir sprach ... und ich Undankbarer ließ sie drei Jahre ohne ein Zeichen meines Andenkens.« »Das ist wahr,« versetzte Monfréville, »und nun sind Sie ganz trostlos, weil Sie nicht wissen, was aus ihr geworden ist! übrigens scheint mir, nach Allem, was Sie mir von ihr gesagt haben, das junge Mädchen Ihrer Freundschaft würdig, und es wäre sehr Schade, wenn sie in Paris in irgend eine schändliche Schlinge gefallen ... oder das Opfer irgend eines Elenden geworden wäre ... sie sei hübsch, sagten Sie mir?« »– Sie war im fünfzehnten Jahre schon reizend ... und in den letzten drei Jahren, erzählte mir Nicolle, sei sie immer noch schöner geworden.« »– Teufel! ... arme Kleine ... sehr hübsch ... wenn sie sich in Paris verirrt hat, ist das sehr gefährlich! Was aber Ihren Hofmeister betrifft, so erkläre ich mir sein Betragen sehr natürlich: er war ohne Zweifel in Louisen verliebt und hielt es für gerathen, ein Wiedersehen zwischen euch, welches später oder früher Statt finden mußte, unmöglich zu machen ... Für einen Pedanten war das nicht so übel ausgedacht!« »– In Louisen verliebt ... der Unverschämte! ... der alte Narr! ... aber wo soll ich die arme Louise aufsuchen ... wo kann ich sie nun finden?« »– Das wird vielleicht schwierig sein; aber vertrauen Sie auf mich, ich will Sie bei Ihren Nachforschungen unterstützen und leiten; schicken Sie Ihre Leute auf Kundschaft aus, und sparen wir kein Geld, denn das ist in allen Umständen des Lebens der wirksamste Alliirte.« Cherubin dankte seinem Freunde gerührt für seine gütige Theilnahme, und noch am selben Tage begannen sie ihre Nachforschungen. Während sich dieses bei Monfréville zutrug, war Herr Gerundium, von dem Unwillen und den Drohungen seines Zöglings entsetzt, starr, wie eine Bildsäule, auf der Straße stehen geblieben; Comtois war schon lange wieder zu seiner Herrschaft hinaufgegangen, und der Hofmeister stand noch immer regungslos vor dem Hofthore. Endlich entschloß er sich, sich wieder in Bewegung zu setzen, wobei er die Betrachtung machte: »Die Schrift sagt: »Suchet, so werdet ihr finden.« Ich will nun zwar die kleine Louise suchen ... aber es ist wahrscheinlich, daß ich sie nicht finden werde.« Siebenundzwanzigstes Kapitel Der kleine Hundshändler. Wir verließen Louisen im Augenblick, wo sie, um den Befehlen der Frau von Noirmont zu gehorchen, sich, ehe noch Jemand aufgestanden war, aus dem Hause entfernte. Sie befand sich also am frühen Morgen auf der Straße, trug ein ihre Habseligkeiten enthaltendes Päckchen unter dem Arme und barg den für sie so kostbaren Brief, der ihr vielleicht zur Entdeckung ihres Vaters verhelfen konnte, auf der Brust. Als sie sich allein und von dem eben verlassenen Hause gehörig entfernt sah, war ihr erster Wunsch, den Namen Desjenigen kennen zu lernen, für den Frau von Noirmont dieses Schreiben bestimmt hatte. Sie zog also den Brief unter ihrem Halstuch hervor und las folgende Adresse: »An Herrn Eduard von Monfréville, eigenhändig zu übergeben.« »Herrn von Monfréville,« sprach Louise zu sich, »von diesem Herrn habe ich nie etwas gehört ... aber Frau von Noirmont sagte mir, er sei sehr befreundet mit ... Herrn Cherubin ... und dort würde ich sogleich seine Wohnung erfahren. Ich will also in Herrn Cherubins Haus gehen ... ihn aber nicht zu sehen verlangen ... ach! ich weiß wohl, daß er mich nicht mehr liebt ... mich nicht mehr kennen will ... und überdieß, da er jetzt drei oder vier Liebschaften auf einmal hat, o! so habe ich ohnehin keine Lust, ihn zu besuchen.« Die Jungfrau seufzte bei diesen Worten, denn ihr Herz war durchaus nicht in Uebereinstimmung damit. Aber sie schritt vorwärts, dem Faubourg Saint-Germain zu, und dachte weiter: »Ich will nicht mehr an den Freund meiner Kindheit ... sondern nur daran denken, was mir Frau von Noirmont in dieser Nacht gesagt hat.« Louise langte in der Straße an, wo sich das Hôtel Grandvilain befand. Als sie nahe bei demselben war, stand sie stille, fing an zu zittern und überlegte: »Da aber Cherubin meinen Besuch nicht annehmen wollte, als ich mit seiner guten Amme kam ... so könnte man mich vielleicht jetzt aus dem Haufe jagen ... man könnte glauben, ich wolle zu ihm, und dieses ihn noch mehr gegen mich aufbringen; mein Gott, was soll ich anfangen?« Und anstatt auf das Hôtel zuzugehen, kehrte Louise um und ging mit langsamen Schritten rückwärts. Aber nach wenigen Minuten stand sie wieder still und dachte: »Ich muß doch die Adresse dieses Herrn von Monfréville erfahren ... wenn ich wartete, bis Jemand aus dem Hause herauskäme ... ja, das scheint mir, wäre besser ... ich hätte mehr Muth, mit Jemand auf der Straße zu sprechen. Aber es ist noch früh, in diesen Hôtels steht man nicht so bald auf! ... Ich will warten, ein wenig in der Straße auf- und abspazieren, das ist nicht verboten, überdies gehen auch noch nicht viel Leute vorbei! ... ach! wenn ich ihn herausgehen sähe ... so würde ich mich verstecken, damit er mich nicht bemerkte; ... aber ich könnte ihn doch wenigstens betrachten ... es ist schon so lange, daß ich ihn nicht mehr gesehen habe!« Schon längere Zeit ging Louise in der Straße auf und ab, ohne Jemand aus dem Hause heraustreten zu sehen, als zwei Individuen, die aus einer anstoßenden Straße hervorkamen, ihre Schritte gerade in ihrer Richtung nahmen. Die beiden Personen reichten sich den Arm nicht, der Eine ließ den Andern sogar immer einige Schritte vorausgehen, wie wenn ihn ein gewisser Grad von Achtung abhielte, die gleiche Linie mit ihm einzuhalten. Der erstere trug einen großen mit Sammet gefütterten, höchst eleganten, aber schon sehr schmutzigen Paletot, einen beinahe neuen Hut, der aber, wie es schien, schon mehrere Einbüge erhalten hatte, und hatte eine Cigarre im Munde; der Zweite trug einen regenschirmartigen Hut, einen alten nußbraunen Oberrock, ein Paar entsetzlich dreckige Beinkleider und fremde Stiefeln, die er irgendwo hatte mitspazieren lassen und in denen feine Füße und Beine herumzuschlottern schienen; außerdem hatte er ein geschwollenes, braun und blau geschlagenes Auge und eine zerquetschte Nase. Darena und Poterne hatten die Nacht in einer Gesellschaft zugebracht, wo man bis gegen Tag gespielt und sich, ehe man auseinander ging; zum Abschied tüchtig durchgeprügelt hatte. Darena wollte beim Nachhausegehen durch die von Cherubin bewohnte Straße zurückkehren; er schlug diesen Weg immer vorzugsweise ein, was aber Poterne nicht gefiel, der deßhalb hinter ihm d'rein brummte: »Wenn uns Ihr alter Freund, der junge Marquis, begegnete, so könnte ich noch eine Gratifikation von ihm auf den Hintern bekommen ... wornach mich gar nicht gelüstet!« »Bah! bah!« entgegnete Darena, »Du stellst Dir die Dinge immer in falschem Lichte vor ... Ich möchte im Gegentheil Cherubin begegnen ... ich würde lachend auf ihn zugehen und zu ihm sagen: sollen Freunde solcher Scherze wegen böse miteinander sein? Ich habe Ihnen die Bekanntschaft eines jungen, reizenden Mädchens verschafft ... daß es statt einer Polin eine Elsäßerin war ... was thut das zur Sache? ... und wahrhaftig, es ist nicht meine Schuld, daß Sie neben ihr eingeschlafen sind! ... ich wette, er gäbe mir die Hand, und Alles wäre vergessen.« »– Hm! ... ich fürchte, er würde Ihnen etwas Anderes geben, denn wenn Sie wüßten, wie sein Freund Monfréville von Ihnen gesprochen hat ...« »– Ta, ta, ta! ... leere Worte! Dummheiten! ich bin darüber erhaben!« Die Herren setzten ihren Weg fort, als Poterne, Louisen einige Schritte von Cherubins Hôtel entfernt, an dem ihre Blicke zu haften schienen, bemerkend, Darena anstieß, und zu ihm sagte: »Sehen Sie doch ... da drüben ... rechts ...« »Ah! der Kuckuk! das schöne Mädchen ... was Teufels macht sie dort, in Betrachtung vor Cherubins Hôtel? ... weißt Du aber auch, Poterne, daß dieses junge Mädchen wunderhübsch ist ... je mehr man sie ansieht, je mehr Reize entdeckt man.« »– Ja ... es ist übrigens keine Pariserin ... und doch sieht sie besser aus, als ein Mädchen vom Lande ... sie trägt ein Päckchen unter dem Arm ... kommt sie Wohl von ihrer Heimath her?« »– Sie blickt immer nach dem Hôtel hin ... ich muß bestimmt erfahren, was sie da macht ...« »– Wie wollen Sie das anfangen? ...« »– Ich weiß es selbst noch nicht; aber ich bin ein Franzose und vor allen Dingen galant ... und dem schönen Geschlechte Schutz und Beistand schuldig. Nun, vorwärts ... Du sollst sehen ... geh' an meiner Seite, Dummkopf!« Darena und Poterne gingen über die Straße auf die Seite, wo Louise war, hinüber, und als sie sich in ihrer Nähe befanden, blieb Darena stehen und fragte seinen Begleiter mit sehr lauter Stimme: »Herr von Poterne, da wir gerade durch die Straße gehen, könnten wir wohl unserem intimen Freunde, dem Herrn Marquis Cherubin von Grandvilain, dessen Haus hier ist, einen guten Morgen wünschen ... Sie wissen, wie oft er uns schon gebeten hat, bei ihm zu frühstücken.« Poterne hüllte sich dicht in seinen Oberrock, indem er antwortete: »Es ist zu früh, es ist noch kein Mensch auf bei dem Marquis.« Diese Worte gingen für Louisen, die beim Namen Cherubin zusammenbebte, nicht verloren. Sie trat auf Darena zu und redete ihn mit schüchterner Miene an: »– Mein Herr, entschuldigen Sie mich ... aber da Sie der Freund des Herrn ... von Grandvilain sind, dessen Hôtel hier steht, so kennen Sie vielleicht auch den Herrn von Monfréville ...« Beim Namen Monfréville verzerrte Poterne das Gesicht; aber Darena entgegnete Louisen mit sehr liebenswürdiger Miene: »Ja, mein schönes Fräulein, ich kenne Monfréville ... und bin sogar sehr befreundet mit ihm ... Wünschen Sie etwas von ihm?« »Ich habe ihm einen Brief zu übergeben ... und weiß seine Wohnung nicht ... man hat mir gesagt, ich könne sie bei Herrn Cherubin erfahren ... Aber obgleich ich Herrn Cherubin gut kenne ... wagte ich doch nicht, in sein Haus einzutreten ...« »– Ah! Sie kennen meinen Freund Cherubin, mein Fräulein ... dann muß er mir von Ihnen erzählt haben, denn ich bin sein innigster Vertrauter.« »O! nein, mein Herr,« entgegnete Louise mit trauriger Miene, »er wird Ihnen nichts von mir erzählt haben, denn er hat mich vergessen ... er ließ uns von seiner Thüre abweisen ... Ich bin Louise ... die Jugendgespielin des Herrn Cherubin.« »– Die kleine Louise!« rief Darena aus, »die mit Cherubin in Gagny bei Mutter Nicolle, seiner Amme, war? ...« »– Ja, mein Herr!« »– Sie sehen, daß ich gut unterrichtet bin, Fräulein, und Sie nicht getäuscht habe, wenn ich mich für den Freund des Marquis ausgab.« »– O! freilich, mein Herr, ich sehe es wohl!« Während dieses Gesprächs näherte sich Poterne Darena und raunte ihm ins Ohr: »– Da ist etwas zu machen.« Darena antwortete ihm durch einen Rippenstoß und brummte: »Das merke ich ohne Dich, dummes Vieh!« Dann fuhr er, gegen Louisen gewandt, fort: »Mein Fräulein, da Sie nicht zu meinem Freunde Cherubin hineingehen wollen, so finde ich es nach meiner Ansicht nicht schicklich, daß Sie auf der Straße stehen bleiben ... In Paris gibt es gewisse Rücksichten, die man stets beobachten muß. Bei Ihrer Jugend und Schönheit müssen Sie sich nicht der Beschimpfung irgend eines Bengels aussetzen ... Reichen Sie mir Ihren Arm, Sie sind die Jugendgespielin, die Milchschwester meines Freundes, dadurch bin ich selbstverständlich Ihr Beschützer ... Nehmen Sie doch meinen Arm.« »Ach! mein Herr, welche Güte,« versetzte Louise schüchtern, ihren Arm in Darena's einhängend. »Würden Sie mir wohl die Gefälligkeit erweisen, mich zu Herrn von Monfréville zu begleiten?« »– Ich begleite Sie, wohin Sie wollen ... zu dem König, wenn Sie mit ihm zu sprechen haben! ... Poterne, nehmen Sie doch dem Fräulein ihr Päckchen ab.« »– Sie sind zu gütig, mein Herr, aber es beschwert mich nicht.« »– Das ist einerlei, ich werde nicht zugeben, daß die Milchschwester meines Freundes Cherubin, während ich sie am Arme führe, ein Päckchen trägt.« Poterne hatte sich schon des Päckchens, welches er Louisen aus der Hand zog, bemächtigt, und diese, ganz verlegen über so viele Artigkeiten, ging an Darena's Arm weiter, während Poterne ihnen nachfolgte, und sich durch Betasten über den Inhalt des Päckchens orientiren wollte. Unterwegs erzählte Louise Darena, wie sie Gagny verlassen habe, um bei Frau von Noirmont in Dienste zu treten, ihre Betrübniß, von Cherubin vergessen zu sein; kurz, sie berichtete ihm alle Umstände mit Ausnahme des Besuches, den ihr Frau von Noirmont in der Nacht gemacht hatte. »– Und was wollen Sie bei Monfréville thun?« sagte Darena, seine Blicke auf Louisens schöne Augen heftend. »– Ich will ihm ein Schreiben bringen, welches man mir für ihn gegeben hat.« »– Ohne Zweifel, um Sie mit Ihrem Freunde Cherubin zu versöhnen?« »– O! nein, mein Herr ... in Betreff einer Angelegenheit, die außer ihm Niemand erfahren darf.« Mehr sagte Louise nicht, sie hielt es für unpassend, Jemand mitzutheilen, was ihr Frau von Noirmont anvertraut hatte. Darena achtete wenig hierauf, er dachte nur daran, was er jetzt mit Louisen beginnen solle; plötzlich fiel ihm das Haus auf dem äußern Boulevard ein, welches er für die polnische Liebesgeschichte gemiethet, und, weil er es gleich auf sechs Monate nehmen mußte, noch inne hatte. Dann sich gegen Poterne kehrend, dem er einen Augenwink gab, sagte er: »Herr von Poterne, bewohnt mein Freund Monfréville noch immer sein kleines ... auf den Boulevards ... außerhalb der Barrière stehendes Haus?« »Ja, Herr Graf,« entgegnete Poterne, mit liebreicher Miene. »Aber der Herr von Monfréville ist häufig auf kleinen Ausflügen in der Umgegend abwesend ... Ich kann nicht dafür stehen, daß er gegenwärtig zu Hause ist.« »– Gleichviel, wir führen das Fräulein jedenfalls dorthin ... ist er abwesend, so werden wir darauf denken, was Fräulein Louise, Milchschwester meines Freundes Cherubin, bis zu seiner Rückkehr thun könnte ... Ah! da kommt ein Fiaker, den nehmen wir, denn von hier aus bis zu Monfréville's Wohnung ist es sehr weit.« Poterne gab dem Kutscher ein Zeichen, heranzufahren, und Louise stieg mit den zwei Personen, denen sie begegnet war, in den Wagen; das junge Mädchen fühlte keinen Argwohn, sie war überzeugt, daß der Herr, der ihr seinen Arm angeboten, ein Freund Cherubins war, und in ihren Augen reichte das hin, um allen Verdacht aus ihrer Seele zu verbannen. Der Wagen hielt vor dem Hause bei der Barrière de la Chopinette, das seit dem mißlungenen Abenteuer mit Fräulein Chichette Chichemann von Niemand, als dem kleinen Bruno bewohnt wurde, den man als Hüter desselben darin gelassen hatte. Darena flüsterte Poterne einige Worte ins Ohr, der somit zuerst eintrat. Louise blieb bei Darena, der ziemlich lang brauchte, um den Kutscher zu bezahlen. Endlich führte er die Jungfrau in das Haus ein, wo der kleine Junge bereits seine Instruktionen empfangen hatte. »Wir wünschten gerne Herrn von Monfréville zu sprechen,« sagte Darena, sich an Bruno wendend; »hier ist ein junges Frauenzimmer ... die Milchschwester meines intimen Freundes, des Herrn Marquis Cherubin, die ihn nothwendig sehen muß.« Bruno maß Louisen mit unverschämten Blicken von oben bis unten, während er antwortete: »Herr von Monfréville ist abwesend ... er wird aber ohne Zweifel morgen oder übermorgen zurückkommen, für den Fall Sie ihn erwarten wollen, hat er mir den Auftrag gegeben, den ihn besuchenden Freunden sein Zimmer anzubieten.« Louise war trostlos, blickte Darena an und flüsterte: »Der Herr ist abwesend, was soll ich anfangen?« »Vor allen Dingen, liebes Kind, müssen Sie hinaufgehen und ausruhen,« sagte Darena, »dann wollen wir sehen und uns bedenken ... Kommen Sie, folgen Sie mir ohne Furcht, bei Monfréville bin ich wie zu Hause.« Louise ging mit Darena hinauf, der, um ihr alle Furcht zu benehmen, sich anstellte, als ob er sie mit der tiefsten Hochachtung behandle, und immer in großer Entfernung von ihr stehen blieb. Diese wunderte sich ein wenig, daß die Person, an welche sie Frau von Noirmont gewiesen hatte, ein Haus von so unscheinbarem Ansehen, mit so armseligen Möbeln bewohne; man hatte ihr jedoch nicht gesagt, daß dieser Herr reich sei, sondern nur, daß er sie mit ihrem Vater bekannt machen könnte, und deßhalb wünschte sie so sehnlich, ihn zu sehen. Nach einer Pause sagte Darena zu Louisen: »Mein schönes Fräulein, Sie kennen ... außer Cherubin Niemand in Paris, aber Sie wollen ihn nicht um einen Zufluchtsort ansprechen?« »O, nein, mein Herr ...« »– Nach Gagny zurückzukehren, um wieder hieherzukommen, wäre verlorene Zeit ... und Sie würden sich, allein reisend, tausend für ein junges Frauenzimmer unangenehmen Zufällen aussetzen. Es scheint mir daher das Beste, was Sie in Ihrer Lage thun können, hier zu bleiben und die Rückkehr Monfrévilles abzuwarten.« »Hier, mein Herr ... allein in diesem Hause mit dem kleinen Knaben, den ich unten gesehen habe,« entgegnete Louise mit ängstlichem Gefühle, »o! nein, das würde ich nicht wagen ...« »– Allein ... mein Kind! o! nein, wenn das der Fall wäre, würde ich Ihnen wahrlich den Vorschlag nicht machen; es ist eine Verwalterin da ... eine vertraute, sehr achtbare Person ... der kleine Junge ist ihr Neffe ... sie wird ohne Zweifel einen Ausgang gemacht haben und der Kleine während dessen das Haus hüten.« »– O! dann ist es etwas Anderes! ... wenn eine achtbare Person im Hause ist, die mich bis zu Herrn von Monfréville's Rückkehr bei sich behalten will ...« »– Warten Sie, ich will einmal nach ihr sehen.« Darena ging hinab und sagte zu Poterne: »Du jagst sogleich den kleinen Schelm aus dem Hause und suchst uns eine Frau von vierzig bis sechszig Jahren auf ... die einigermaßen ein ehrbares Aussehen hat ... das wird unserer Kleinen Zutrauen einflößen und sie hier zu bleiben bewegen. Es liegt mir überhaupt Nichts daran, den Herrn Bruno zu behalten, der bei unserer letzten Angelegenheit diejenigen, die uns die ganze Sache verdorben haben, so ohne Weiteres eindringen ließ.« »Eine ehrbare Frau?« entgegnete Poterne, »ich kenne keine ... wo Teufels soll ich auch eine solche in dieser anrüchigen Vorstadt hernehmen? ...« »– Nimm sie her wo Du willst ... aber geh'! ... bring eine Höckerin ... eine Kartenschlägerin ... eine Haushälterin ... gleichviel, nur unterrichte sie gehörig.« Darena kehrte zurück, um Louisen Gesellschaft zu leisten, und sagte ihr, die Verwalterin sei nach der Halle gegangen, weil in diesem Quartier kein Markt sei, werde aber bald wieder zurückkommen. Während dessen entließ Poterne Bruno seiner Dienste, der es aber sehr schlecht fand, daß man ihn nur so ohne Weiteres davonjagte, und im Gehen seine Blouse hinten in die Höhe schob und eine Geberde machte, die eine keineswegs freundschaftliche Einladung ausdrückte. Aber Poterne hatte keine Zeit, sich über Bruno's sehr bezeichnende Gestikulation zu ärgern, er eilte in die benachbarten Schenken, von Haus zu Haus, erkundigte sich und fragte nach. Endlich nach zweistündigem Suchen fand er das Verlangte. Er kehrte in das kleine Haus mit einer Frau zurück, die ungefähr fünfzig Jahre alt und groß wie ein Grenadier war, auf dem Kopfe eine mindestens seit einem Jahre nicht gewaschene Haube und ein Kleid auf dem Leibe hatte, dessen Farbe nicht mehr zu unterscheiden war; ein finniges Gesicht, Triefaugen und eine mit Schnupftabak vollgestopfte Nase vervollständigten dieses reizende Bild. »Hier ist Frau Ratouille, Herrn von Monfréville's Verwalterin,« sagte Poterne, seine Begleiterin vorstellend. Frau Ratouille, die Poterne sorgfältig unterrichtet hatte, verbeugte sich tief vor Darena und zeigte sich gegen Louisen äußerst holdselig, indem sie dieselbe versicherte, daß ihr das Haus zu Diensten stehe, und es Herrn von Monfréville außerordentlich angenehm sein werde, wenn sie Gebrauch von diesem Anerbieten machen würde. Frau Ratouille, welche äußerst geschwätzig und sehr darauf erpicht war, ihre Rolle gut zu spielen, weil man ihr nebst freier Kost täglich sechs Franken versprochen hatte, verlor sich in Phrasen, um Louisen zu beweisen, daß sie bei ihr vor jeder Unannehmlichkeit und Zudringlichkeit geschützt sei. Das junge Mädchen, überzeugt, daß Frau von Noirmont sie nur an achtbare Personen gewiesen haben könne, bedankte sich vielmal bei Frau Ratouille und willigte ein, in ihrer Gesellschaft Herrn von Monfréville's Rückkehr abzuwarten. Darena blieb noch einige Zeit bei Louisen; diese benützte Poterne, um der neuen Verwalterin die Lokalitäten des Hauses zu zeigen, welches sie schon längst zu bewohnen sich das Ansehen geben sollte; er rieth ihr jedoch, nicht zu viel zu schwatzen, aus Furcht, sie möchte eine Dummheit sagen, und empfahl ihr besonders, Niemand zu dem jungen, ihr anvertrauten Mädchen zu lassen; dann ging er mit Darena weg, welcher sich bei Louisen verabschiedete und ihr ankündigte, daß er Morgen früh wiederkommen und nachsehen werde, ob sein Freund Monfréville zurückgekehrt sei, und ob ihr nichts in seinem Hause abgehe. Als sie das kleine Haus verlassen hatten, sagte Poterne zu Darena: »Das junge Mädchen ist uns in die Hände gefallen, um uns für die polnische Geschichte zu entschädigen ... sie ist entzückend! es ist unmöglich, daß sie dieser junge Cherubin nicht anbete, wenn er sie sieht; außerdem haben Sie mir gesagt, daß er oft von seiner Jugendgespielin sprach ... ein Beweis, daß er sie nicht, wie sie glaubt, vergessen hatte; aber man darf sie ihm nur gegen sein vollwichtiges Gold zurückgeben.« Darena antwortete nichts, er schien in tiefes Nachdenken versunken. Poterne wagte nicht, ihn in seinen Gedanken zu stören; er setzte voraus, daß sie nur auf die gute Ausführung der Sache gerichtet seien. Am folgenden Morgen kleidete sich Darena etwas sorgfältiger an und begab sich mit Poterne in das kleine Haus. Während er sich mit Louisen unterhielt, blieb Poterne unten bei Frau Ratouille, die ihn versicherte, das junge Mädchen habe sich keinen Augenblick gelangweilt, weil sie ihr den ganzen Tag Karten geschlagen habe. Darena leistete Louisen Gesellschaft, bis es Nacht wurde; beim Nachhausegehen beobachtete er gegen Poterne dasselbe Stillschweigen wie gestern. Der nächste Tag verging wieder so, nur bemerkte Poterne, daß sein Busenfreund in seiner Kleidung immer koketter wurde. Frau Ratouille fuhr fort, Louisen die Karten zu schlagen, welche übrigens fand, daß Herr von Monfréville sehr lange ausbleibe; aber Darena wiederholte ihr jeden Tag: »Noch ein wenig Geduld, er muß zurückkommen, und da Sie einmal so lange gewartet haben, wäre es thöricht, wenn Sie jetzt gingen, wo Monfréville jeden Augenblick eintreffen kann.« Aber Louise fing an ängstlich zu werden; es schien ihr, als ob ihr täglicher Gesellschafter nicht mehr mit derselben Achtung mit ihr spreche und sich nicht mehr so entfernt von ihr halte; sie bemerkte, daß er sie zu oft und zu lange ansah: endlich entdeckte sie in Frau Ratouille's Reden und Manieren Dinge, welche ihr Zutrauen zu dieser Frau sehr schwächten. Als sie am sechsten Tag das kleine Haus verließen, wo sie noch länger als gewöhnlich geblieben waren, sagte Poterne, erstaunt, die Sachen immer auf demselben Punkt zu sehen, zu seinem Begleiter: »Ei ... was haben Sie denn für einen Plan? wann werden Sie den jungen Marquis besuchen? welches Märchen werden Sie ihm in Betreff der Kleinen aufbinden?« Darena blähte sich in seiner Cravatte auf und entgegnete dünkelhaft: »Ich habe meinen Plan geändert! ... Dieses Mädchen ist entschieden zu schön, als daß ich sie einem Andern überlassen möchte ... sie gefällt mir! Ich wußte nicht mehr, was Liebe war ... und sie hat dieses Gefühl in meinem zerfallenen Herzen wieder erweckt! Louise wird meine Maitresse ... später dann ... wenn sie mir nicht mehr gefällt ... wollen wir sehen ...« »– Das ist ein schöner Plan,« rief Poterne aus, »wenn Sie auf diese Weise Geld zu verdienen hoffen! Sie ... verliebt werden! es ist zum Erbarmen! ... weil Sie noch einige Goldstücke im Besitz haben ... und seit einigen Tagen glücklich im Spiele waren, das wird aber bald aufgezehrt sein ... und wenn Sie diese Gelegenheit vorübergehen lassen ...« »– Wenn Du nicht aufhörst, mich zu langweilen, Poterne, so schlag' ich dieses hispanische Rohr auf Deinem Rücken entzwei. Ich will diese Kleine besitzen, es ist vielleicht nur eine Laune, aber es beliebt mir, sie zu befriedigen ... Diese Louise ist eine Juwele ... aber keine falsche, wie Du an Cherubin verkauft hast. Morgen bestellst Du ein feines Mahl und Weine, die Du aber so gefällig sein wirst, nicht in dieser Kesselflickervorstadt zu kaufen; das Alles schickst Du in meine Villa bei der Barrière de la Chopinette, ich werde mit Louisen zu Mittag essen ... und die Nacht bei ihr zubringen; Du kannst Deinerseits, wenn Dir Frau Ratouille Lust macht ... bei der Hausverwalterin bleiben.« »– Ah! Sapperment! ... lieber fünf Jahre auf den Galeeren! ...« »Diese Anerkennung wird Deinem Verdienste ohnehin zu Theil werden, mein lieber Poterne, wenn Du anders nicht noch höher placirt wirst. Poterne, Du hast mich also verstanden, morgen ein Festmahl in dem kleinen Hause ...« »– Und Sie glauben wirklich, die junge Louise werde sich dazu verstehen ... sich ...« »Warum denn nicht ... wenn ich ihr einige Gläser Champagner zu trinken gegeben habe? und am Ende, wenn sie nicht zustimmt, werde ich sie nicht lange um Erlaubniß fragen ... Seit sechs Tagen werfe ich ihr die feurigsten Liebesblicke zu, wenn sie dieselben nicht verstanden hat, um so schlimmer, dann ist es nicht meine Schuld, ich habe jedoch nicht Lust, mit Seufzen abzuziehen!« »Wohlan,« dachte Poterne, Darena folgend, bei sich, »er hat sich's einmal in den Kopf gesetzt und der Teufel selbst würde es ihm nicht herausbringen.« Während dieser Vorfälle durchstreiften Cherubin und Monfréville ganz Paris, forschten und erkundigten sich, ob man nicht ein junges Mädchen gesehen habe, deren genaue Beschreibung sie gaben. Cherubins ganze Dienerschaft wurde entsandt, Herr Gerundium machte sich, sobald er gefrühstückt hatte, auf und kehrte erst zum Mittagessen wieder heim, wobei er schwur, daß er im Laufe des Tages zwölf Stunden zur Aufsuchung Louisens herumgelaufen sei. Zuletzt war auch Jasmin nach Gagny gegangen, um sich zu erkundigen, ob Louise nicht zufällig zurückgekehrt sei, aber man hatte dort das junge Mädchen nicht wieder gesehen; als Nicolle erfuhr, daß man nicht wisse, was aus ihrer Pflegetochter geworden sei, zerfloß sie in Thränen, verfluchte den Hofmeister, der Schuld an Louisens Reise nach Paris war, und schwur, ihn durchzuprügeln, wenn sich ihr Kind nicht wieder fände. Zwei Tage waren verflossen, ohne daß man irgend eine Spur entdeckte; gegen das Ende des dritten kehrte Cherubin, trostlos über die Fruchtlosigkeit seiner Nachsuchungen, von Monfréville nach Hause zurück, als seine Blicke, während er über den Pont-neuf ging, zufällig auf einen kleinen Jungen fielen, welcher einen ziemlich häßlichen Hund führte, den er den Vorübergehenden zum Kauf anbot. Das Gesicht des jungen Hundshändlers hatte einen zu merkwürdigen Ausdruck von Verschlagenheit, um demjenigen nicht aufzufallen, der es schon einmal gesehen hatte. Cherubin erkannte sogleich den Kleinen als den Wächter des Hauses, in welches Darena die vorgebliche Gräfin Globeska geführt hatte, und ohne ein bestimmtes Bewußtsein, wozu dieses Zusammentreffen dienen könnte, näherte er sich Bruno, der ihn auch erkannte und über diese Begegnung entzückt zu sein schien. »Ach! Sie sind's, gnädiger Herr ... ich erkenne Sie!« sagte Bruno, den jungen Mann frech ansehend, »Sie wollte man d'ran kriegen ... mit einer Deutschen, welche eine Polin vorstellte ... Wollen Sie mir meinen Hund abkaufen ... es ist ein Dachs ... er apportirt besser als ich ... denn ich apportire nie etwas ... sechs Franken ... das ist nicht theuer ... Ich habe ihn gestern gefunden und verkaufe ihn heute ... wir sind beide noch nüchtern! ... deßhalb bekommen Sie ihn so wohlfeil.« »Ah! Du handelst jetzt mit Hunden?« fragte Cherubin. »– Mein Gott! ich muß doch Etwas treiben ... da mich die Andern zum Hause hinausgejagt haben ... Sie wissen wohl, Ihr Freund, der Aufschneider, und dann dieser alte Schuft, der Poterne ... ach! weil sie wieder ein anderes junges Mädchen in das kleine Haus gebracht haben ... aber das ist etwas Anderes, als die Elsäßerin ... die ist noch weit hübscher!« Ein plötzlicher Gedanke fuhr Cherubin durch den Kopf; er zog Bruno auf die Seite! gab ihm zwanzig Franken in die Hand und sagte zu ihm: »Hier, das gehört Dir ... und noch zehn Mal so viel, wenn Du mir zur Entdeckung derjenigen verhilfst, die ich suche!« »– Zwanzig Franken! o! das läßt sich hören ... So viel Geld habe ich noch nie auf einmal gehabt ... Der Hund gehört Ihnen ...« »– Aber jetzt antworte mir ... Darena und Poterne haben, wie Du sagst, ein junges Mädchen in das Haus bei der Barrière geführt?« »– Ja, in einem Gefährt ... einem alten Rumpelkasten.« »– Seit wann? weißt Du das?« »– Ich will hoffen! ... ich war dort bei ihrer Ankunft ... Es sind jetzt ... warten Sie ... sieben Tage heute ...« »– Sieben Tage ... und seit dreien suchen wir sie ... O! es ist schon so ... Ist das junge Mädchen hübsch?« »– Reizend, und hat keinen solchen Schafskopf wie die Andere ... Sie haben ihr weis gemacht, sie sei bei einem Herrn Monfréville ... dann hat der Lump von Poterne irgend wo ein altes Weib aufgefunden, die sich für die Verwalterin des Hauses ausgibt, und mich haben sie davon gejagt ...« »– Haben sie das junge Mädchen in Deiner Gegenwart nicht beim Namen genannt? ...« »– Ei! warten Sie ... ich erinnere mich ... Herr Darena sagte, als er sie bei ihrer Ankunft eintreten ließ: Hier ist die Milchschwester meines Freundes, des Marquis Cherubin.« »– Sie ist es! ... Ha, die Elenden will ich schon zwingen, sie mir wieder zurückzugeben! ... Arme Louise! seit sieben Tagen in der Gewalt dieses niederträchtigen Darena ... Ach! wenn ich nur noch zu rechter Zeit komme!« »– Nehmen Sie mich mit sich ... Wenn Sie sich vor dem Hause zeigen, so machen sie Ihnen nicht auf.« »– Ich sprenge die Thüre ein ...« »– O! die ist fest ... aber ich, ich stehe Ihnen dafür, weiß mir Eingang zu verschaffen.« »– Dann komm ... komm, ich verdopple Dir die versprochene Belohnung, wenn Louise bald in meiner Gewalt ist.« »– O! ein herrlicher Streich ... Ah! sie jagen mich zum Haus hinaus ... schönen Dank! wir werden uns ein Bischen rächen ... Geh, Dicker! ich gebe dir die Freiheit ... such dir ein Mittagessen.« Bruno ließ seinen Hund los. Cherubin zögerte einen Augenblick, um zu überlegen, ob er Monfréville seine Entdeckung mittheilen sollte; aber jeder Augenblick Aufschub ließ der Befürchtung Raum, Louise könnte irgend einem Frevel unterliegen: er fühlte hinlänglich Entschlossenheit und Muth, um sie allein den sie bedrohenden Gefahren zu entreißen. Er stieg mit Bruno in einen Wagen, ließ sich zuerst vor sein in der Nähe stehendes Hôtel führen und holte ein Paar Pistolen mit dem festen Entschluß, davon Gebrauch zu machen, wenn es zur Befreiung Louisens erforderlich wäre; dann stieg er, ohne ein Wort zu sagen, wieder in den Wagen und ließ sich mit Bruno nach der Barrière de la Chopinette führen. Die Nacht war herabgesunken, als sie auf dem äußern Boulevard ankamen. Cherubin bebte vor Ungeduld, Wuth und Furcht, Louisen nicht mehr zu treffen. Der kleine Bruno, der an Alles dachte, sagte zu ihm: »Lassen Sie den Wagen, ehe wir noch ganz beim Hause sind, halten ... Wenn sie einen Fiaker anfahren hörten, würden sie aufmerksam werden.« Cherubin sah die Richtigkeit dieses Rathes ein, stieg mit Bruno aus dem Wagen, befahl dem Fiaker zu warten, und schritt mit seinem kleinen Begleiter allein weiter. Die Fensterläden des kleinen Hauses waren im Erdgeschosse und im ersten Stocke geschlossen! aber durch die zersprungenen Bretter hindurch konnte man leicht bemerken, daß unten und oben Licht war. »Es sind Leute darin!« sagte Cherubin, dessen Herz gewaltig pochte. »– Ja ... Hier muß man sich durch List Eingang verschaffen ... Warten Sie, rühren Sie sich nicht ... halten Sie Ihre Pistolen bereit, damit Sie ihnen, wenn's offen ist, einen Schreck einjagen können ... Sie sollen sehen, wie ich sie d'ran kriege.« Damit klopfte Bruno an die Hausthüre, während er zu gleicher Zeit seine Lieblingsmelodie: la la, la la ... trala, la la , pfiff. Poterne befand sich gerade mit Frau Ratouille im untern Stocke bei Tische; Darena war zu Louisen hinaufgegangen, wo er das Essen hatte auftragen lassen, und kündigte ihr seine Absicht an, ihr Gesellschaft zu leisten. Eben hatte Darena Louisen seine Liebe erklärt, die, zitternd und von Entsetzen ergriffen, nun einzusehen begann, daß sie in eine Schlinge gefallen war, und den Himmel um Hülfe und Beistand anrief. Im Erdgeschosse, wo man nicht von Liebe sprach, aß und trank man desto mehr. Frau Ratouilles Augen waren so klein geworden, daß man sie nicht mehr sah, und Poterne's Zunge versagte fast schon ihren Dienst, als Bruno an die Thüre pochte. Eine Zeitlang hörte man nichts, endlich ließ sich aber Poterne's Stimme vernehmen: »– Wer ist da? ...« rief er. »– Ich bin's, Vater Poterne ... Euer kleiner Affe Bruno, seid so gut und macht mir auf.« »– Was willst Du, Schelm, was thust Du da? ... wir brauchen Dich nicht ... geh' Deiner Wege!« »– Ich will eine griechische Mütze holen, die ich bei Euch zurückgelassen habe; ich bin überzeugt, daß ich sie finde, denn ich weiß, wo ich sie hingelegt habe. Laßt mich meine Mütze langen, dann gehe ich augenblicklich wieder.« »– Du langweilst uns ... hole Dir sonst wo eine Mütze ... und laß uns in Frieden.« »– Ha! wenn Ihr mich meine Mütze nicht bei Euch holen laßt, so klopfe ich die ganze Nacht an die Thüre, und werde einen solchen Lärm machen, daß die Wache herbeikommt!« Diese Worte thaten ihre Wirkung; Poterne machte das Haus auf und brummte: »Nun, so hole Deine Mütze ... und mache, daß Du weiter kommst.« Aber statt des kleinen Jungen, den er zu sehen erwartete, stürzte Cherubin, mit einer Pistole in der Hand, deren Mündung er auf Poterne's Brust setzte, in das Haus herein und raunte diesem mit feuersprühenden Augen zu: »Wenn Du einen Laut von Dir gibst, bist Du des Todes ... wo ist Louise?« Poterne war dergestalt von Furcht ergriffen, daß er kaum zu murmeln vermochte: »Oben ... bei Darena.« Cherubin wußte genug, flog die Treppe hinauf und sprengte mit einem Kniestoß die Thüre des obern Gemaches. Er war nicht mehr jener schwache, zaghafte Jüngling, der weder zu sprechen noch zu handeln wußte, sondern ein Herkules, dem nichts widerstehen konnte. Beim Eintritt ins Zimmer gewahrte er Louisen, die sich wehrte und Darena zurückzustoßen bemühte, der sie in seine Arme schließen wollte. Cherubin stürzte auf den Mann los, der Louisen zu beschimpfen gedachte, faßte ihn mitten um den Leib, hob ihn in die Höhe und warf ihn mit Gewalt gegen die andere Seite des Zimmers, auf den Tisch, wo das Essen aufgetragen war. Darena hatte keine Zeit, sich zu fassen oder zu vertheidigen: sein Kopf stieß an eine Tischecke, sein Kinn schlug einen Teller entzwei, der ihm das Gesicht durchschnitt, und er fiel, den Namen »Cherubin« stammelnd, nieder. »Cherubin,« rief Louise aus, die ihren Augen nicht zu trauen wagte und ihren Befreier mit Freudenthränen anblickte. »Wäre es möglich ... er wär's ... Sie sind's?« »– Ja, Louise ... ich bin's, Cherubin, Dein Freund, Dein Bruder ... der überglücklich ist, Dich wieder gefunden zu haben ... Aber, komm ... komm ... bleibe nicht länger in diesem ehrlosen Haus. Was Dich betrifft, Elender, wenn Du noch ein wenig Herz hast und die Ehre haben willst, von meiner Hand zu sterben, so komme und suche mich auf, dann will ich Dir beweisen, daß der junge Mann, den Du für so schüchtern hieltest, sich eines Degens oder einer Pistole zu bedienen weiß.« Darena konnte nicht antworten, er hatte die Besinnung verloren. Cherubin nahm Louisen bei der Hand und zog sie mit fort. Sie langten unten an, wo Frau Ratouille noch immer bei Tische saß, während Poterne sich in einem Butterfaß zu verbergen suchte, und Bruno an der Thüre Schildwache stand. Cherubin hielt sich nicht einen Augenblick bei dem Mitschuldigen Darena's auf; er führte Louisen fort, befahl Bruno, den Wagen vorfahren zu lassen, der kleine Knabe holte den Fiaker herbei, und die beiden jungen Leute stiegen hinein. Doch ehe sich Cherubin entfernte, nahm er eine Hand voll Gold aus seiner Tasche und gab sie Bruno mit den Worten: »Nimm ... Du hast dieses Gold durch eine gute Handlung verdient; ich hoffe, es wird Dir Glück bringen, und Du Dich bestreben, ein rechtschaffener Mensch zu werden.« Der Wagen fuhr davon. Cherubin hielt Louisens Hände in den seinigen; während einigen Augenblicken empfanden die Beiden, welche sich seit drei Jahren nicht gesehen hatten, ein solches Vergnügen und solches Glück, wieder mit einander vereint zu sein, ihr Herz war so voll, ihre Bewegung so heftig, daß sie nur zusammenhangslose Worte und abgerissene Sätze zu einander sprechen konnten. »Sie sind's, Cherubin! ...« stotterte Louise, »Sie haben mich gerettet ... Sie haben sich also noch um mich bekümmert! ...« »– Ach! Louise, seit drei Tagen durchrenne ich Paris ... seit drei Tagen ... suche ich Sie allenthalben ... ach! seit ich erfuhr, daß Sie aus dem Hause der Frau von Noirmont verschwunden seien ... habe ich nicht mehr gelebt, keine ruhige Minute mehr gehabt! ...« »– Wäre es wahr ... Sie lieben mich also noch, Cherubin?« »– Ob ich Sie liebe! ... theure Louise ... ach! mehr als je ... ich fühle es ... allerdings ließ ich Sie lange Zeit ohne Nachricht ... ich mußte in Ihren Augen gleichgültig, undankbar erscheinen; indessen wollte ich Sie öfters besuchen, aber Herr Gerundium sagte mir jedesmal, Sie seien in der Bretagne, wo es Ihnen so wohl gefalle, daß Sie nicht mehr nach Gagny zurückverlangten.« »O! der Lügner! ... mich hat er auch in Trostlosigkeit versetzt durch die Versicherung, Sie dächten nicht mehr an Ihre Jugendgespielin und wollten dieselbe nicht mehr sehen ...« »– Der garstige Mensch! das ist ja abscheulich ...« »– Und das war nicht wahr! ... und Sie lieben Ihre arme Louise noch ... ach! wie glücklich bin ich ...« Diesmal schien Cherubin die Strecke von dem kleinen Hause bis zu seinem Hôtel sehr kurz, er stieg aus dem Wagen, ließ Louisen ins Haus eintreten und in sein Zimmer hinaufgehen. Diese folgte ihm vertrauensvoll, sie war bei ihrem Geliebten und gab keinem andern Gedanken Raum. Jasmin, der Lichter in seines Herrn Zimmer hinauftrug, stieß einen Freudenschrei aus, als er die Jungfrau gewahrte, und Cherubin erklärte ihm mit wenigen Worten, wie er sie gefunden habe. »Das war abermals der Lump von Poterne ... der Kerl mit den eingemachten Rüben!« rief Jasmin aus, »und sein Herr, der andere Spitzbube ... glauben Sie mir, ich hatte mehrmals den Gedanken, daß die auch wieder hinter dieser Geschichte steckten!« »Louise muß hier bleiben ... o! ich leide nicht, daß sie mich wieder verläßt,« sagte Cherubin, »ich hätte zu sehr Furcht, sie nochmals zu verlieren. Sie soll ein Zimmer im Hause erhalten ... aber unterdessen ... heute Nacht das meinige einnehmen ... Jasmin, Du läßt mir oben eines herrichten.« »– Ja, mein lieber Herr!« Louise wollte sich dieser Anordnung widersetzen, sie fürchtete, Cherubin zu belästigen, und behauptete, das kleinste Gemach im Hause werde ihr recht sein, aber Cherubin gab ihr kein Gehör, und Jasmin ging, seinen Befehlen zu gehorchen. Die beiden jungen Leute blieben allein. Jetzt konnte Cherubin nicht müde werden, Louisen anzublicken und zu bewundern, er fand sie so hübsch, so anmuthig, so reizend, daß er ausrief: »– Und ich hatte Sie wegen all' der Frauen vergessen, die ich in Paris zu lieben glaubte ... ach! Louise! ... es ist keine einzige darunter, die mit Ihnen verglichen werden könnte! ...« Das junge Mädchen erzählte ihrem Freunde Alles, was sie seit ihrer Entfernung aus dem Dorfe gethan hatte; sie verhehlte ihm keinen ihrer Gedanken; für ihn hatte sie kein Geheimniß. Als sie zur Schilderung ihres Eintritts bei Frau von Noirmont kam, theilte sie ihm die während ihres Aufenthaltes bei dieser Dame vorgefallenen Ereignisse mit; dann, mit der Hand an ihre Brust greifend, überzeugte sie sich, daß sie noch im Besitz des Briefes war, den sie Herrn von Monfréville übergeben sollte, und den ihr Darena entreißen wollte, als Cherubin so gelegen zu ihrer Vertheidigung herbeieilte. »Morgen führe ich Sie zu Monfréville,« begann Cherubin, »denn diesen Abend ist es zu spät, um ihn zu uns zu bitten. Frau von Noirmont hat Ihnen gesagt, er werde Sie mit Ihrem Vater bekannt machen ... aber auf alle Fälle ... möge kommen, was da wolle ... schwören wir uns gegenseitig, uns nicht mehr zu verlassen ... wenn Ihre Eltern nicht mehr sind, so will ich Ihnen Alles ersetzen ... ich werde Ihr Beschützer ... Ihr Freund ... Ihr ...« Cherubin wußte nicht, wie er endigen sollte, aber er ergriff Louisens Hand und bedeckte sie mit Küssen. Das junge Mädchen war so glücklich, immer noch von dem Gespielen ihrer Kindheit geliebt zu werden, daß sie mit Freuden den verlangten Schwur that. Beide konnten nicht aufhören, sich die Versicherung ihrer gegenwärtigen und künftigen Liebe zu wiederholen; dann erinnerten sie sich ihrer Jugendfreuden, ihrer ersten Spiele, der mit einander verlebten süßen Augenblicke, jener so kurzen und schönen Tage, die ihnen noch einmal bevorstanden. Für zwei innig liebende Wesen, die sich lange nicht gesehen, verfließt die Zeit unbemerkt. Schon lange hatte Jasmin seinem Herrn gemeldet, daß das Zimmer oben für ihn gerichtet sei, und Cherubin den alten Diener entlassen, indem er sich selbst anschickte, sich zurückzuziehen. Aber er fing wieder ein Gespräch mit Louisen an, und blickte, von Glückseligkeit erfüllt, in ihre von Zärtlichkeit und Liebe strahlenden Augen. Sie tauschten von Neuem ihre Schwüre ewiger Liebe aus und dachten nicht mehr daran, sich zu trennen. Mit einem Male hörte man eine benachbarte Uhr: sie schlug die zweite Stunde nach Mitternacht. »Mein Gott! es ist sehr spät,« sagte Louise, »zwei Uhr Morgens ... ich hätte es nicht geglaubt! ... mein Freund, ich störe Sie in Ihrer Ruhe ... wir müssen uns verlassen ... jedoch nur bis morgen.« »Nun denn,« versetzte Cherubin, »ich lasse Sie schlafen, Louise ... Gute Nacht ... weil es sein muß.« Dabei blickte der junge Mann die Jungfrau zärtlich an und ging nicht; endlich begann er mit einer gewissen Verlegenheit: »Louise ... ehe ich Sie verlasse ... erlauben Sie mir nicht ... Sie zu küssen ... ich habe es, seit ich Sie wieder gefunden, noch nicht gewagt ... und doch ... haben wir uns auf dem Dorfe so oft geküßt.« Das junge Mädchen sah nicht ein, warum sie ihrem Jugendfreund die holde, sonst gewährte Gunst verweigern sollte, und trat statt aller Antwort auf ihn zu. Cherubin flog in ihre Arme und drückte sie an sein Herz, aber sein Kuß war nicht mehr der eines Kindes ... Louise erkannte ihre Unbesonnenheit zu spät ... wie hätte sie auch einer nicht geahnten Gefahr ausweichen können? ... und dann sind manche Fehler so süß zu begehen ... und Cherubin schwur so aufrichtig, sie immer zu lieben ... Diesmal war er nicht mehr schüchtern. Achtundzwanzigstes Kapitel Monfréville's Liebe. Der grauende Tag fand Cherubin in Louisens Armen; das im obern Stock eingerichtete Zimmer war für diese Nacht überflüssig. Als aber der Morgen kam, ging der junge Mann ganz leise hinauf, damit seine Dienstleute glauben konnten, er habe die Nacht darin zugebracht. Gegen neun Uhr läutete er Jasmin und hieß ihn nachsehen, ob Fräulein Louise auf sei und seinen Besuch annehmen könne. Der alte Diener besorgte eilends seinen Auftrag und überbrachte mit strahlender Miene seinem jungen Gebieter die Nachricht, seine Freundin sei auf und man sehe an ihrem schönen, frischen Antlitze wohl, daß sie die ganze Nacht vortrefflich geschlafen habe. Cherubin lächelte über Jasmins Scharfblick und beeilte sich, zu Louisen hinabzugehen. Das junge Mädchen weinte und barg ihr Angesicht an dem Busen ihres Geliebten; aber Cherubin sagte ihr in jenen Tönen der Liebe, die so schnell zum Herzen eines Weibes dringen: »Warum solltest Du es bereuen, mich glücklich gemacht zu haben, da ich doch von nun an mein ganzes Leben nur Deinem Glücke widmen will? Wir verlassen uns nicht mehr. Du wirst meine treue Gefährtin, meine theure Gattin werden ...« »Nein,« entgegnete Louise weinend ... »Sie sind reich ... von vornehmer Abkunft ... und können kein armes, elternloses Mädchen heirathen ... Ich werde Sie mein ganzes Leben hindurch lieben, aber ich kann nicht Ihre Gattin werden ... denn es könnte ein Tag kommen, wo es Ihnen leid wäre, mich dazu erhoben zu haben ... und dann wäre ich zu unglücklich!« »– Niemals ... und es ist höchst unrecht von Dir, einen solchen Gedanken zu hegen ... Doch der Brief, den Du Monfréville zu übergeben hast, wird Dich Deine Eltern kennen lehren ... Nun, ich werfe mich ihnen zu Füßen, und sie müssen in unsere Vereinigung willigen.« Louise seufzte und schlug die Augen nieder, während sie entgegnete: »Bin ich jetzt noch würdig ... meine Eltern wieder zu finden? ... Es scheint mir, als sollte ich diesem Herrn den Brief nicht mehr übergeben ... es wäre vielleicht besser, wenn ich ihn zerrisse.« Es gelang endlich Cherubin, Louisens Besorgnisse zu beschwichtigen: er entschloß sich, seinem Freunde zu schreiben und ihm den Brief, den das junge Mädchen nicht mehr zu überbringen den Muth hatte, zuzuschicken. Er schrieb daher schnell folgendes Billet an Monfréville: »Lieber Freund! »Ich habe Louisen wieder gefunden; sie ist ein Engel, der mein Dasein ausschmücken wird ... Sie kann nun keinem Andern mehr angehören, denn sie ist mein ... ganz mein ... O, mein lieber Monfréville, ich bin der glücklichste der Menschen, und diesmal hatte ich keine Furcht ... aber ich liebte auch die andern Frauen nicht, und diese bete ich an. »Frau von Noirmont hat meiner Louise einen Brief an Sie übergeben, wobei sie versicherte, Sie könnten dieselbe mit ihrem Vater bekannt machen ... und während die Theure Ihre Wohnung suchte, begegnete sie diesem niederträchtigen Darena, der sie, unter dem Vorwande, sie zu Ihnen zu führen, in sein kleines Haus an der Barrière brachte. Glücklicherweise kam ich zu rechter Zeit ... Ich übersende Ihnen hiemit diesen Brief, mein Freund; kommen Sie schleunig, uns Ihre Mittheilungen zu machen ... Wenn mich aber Louisens Eltern von ihr trennen wollten, so nennen Sie ihr dieselben nicht; denn von nun an kann Keines mehr von uns ohne das Andere leben.« Cherubin unterzeichnete den Brief, legte den Louisen übergebenen hinein, und schickte beide in aller Frühe zu seinem Freunde. Monfréville befand sich allein zu Hause, als man ihm Cherubins Schreiben überbrachte, und machte sich unverzüglich mit dem Inhalt bekannt. Als er den Namen der Frau von Noirmont las, als er erfuhr, was diese zu Louisen gesagt hatte, wurde er blaß und fing an zu zittern, er blickte hastig auf den eingeschlossenen Brief, betrachtete die Aufschrift und rief aus: »Ja ... sie schreibt mir ... ich erkenne ihre Schriftzüge, obgleich sie mir lange nicht vor Augen gekommen sind ... Mein Gott! ... welches Ereigniß mag sie bewogen haben, an mich zu schreiben ... nachdem sie mir geschworen hatte, mich fortan als einen Fremden zu betrachten ... die Vergangenheit aus ihrem Gedächtnisse zu vertilgen ... Und das junge Mädchen, welches sie an mich weist ... ach! wenn ich hoffen dürfte ...« Damit erbrach Monfréville das Siegel von Frau von Noirmonts Brief. Ehe er jedoch begann, mußte er sich einen Augenblick sammeln, denn er war so heftig ergriffen, daß seine Augen kaum die Schriftzüge unterscheiden konnten; endlich fühlte er sich etwas gefaßter und las: »Mein Herr! »Als Sie mich, Ihrer Schwüre spottend, an der Wiege meines Kindes einen Fehltritt beweinen ließen, den Sie nicht wieder gut machen wollten, schwur ich, daß Sie niemals dasselbe kennen lernen sollten ... und sogar, ich muß es gestehen, den Haß, den ich von da an gegen meinen Verführer hegte, auf meine Tochter übertragend, überließ ich solche den Landleuten, deren Pflege ich sie anvertraut hatte, und gelobte mir, sie nie wieder zu sehen. Später machte mir es meine Stellung zur Pflicht, diesen Schwur zu halten. Mein Vater, der, dem Himmel sei Dank, nie meinen Fehltritt erfuhr, vergab meine Hand; als Frau, als Mutter und Gattin eines Mannes, der eben so streng im Punkte der Ehre, als stolz auf seinen Ruf war, würde ich zu gleicher Zeit das Unglück meiner Tochter, das meinige und Herrn von Noirmonts herbeigeführt haben, wenn ich durch einen einzigen unbedachten Schritt mich dem Verdachte eines Jugendfehlers ausgesetzt hätte. Ihnen sagen, ich sei glücklich gewesen, hieße Sie täuschen; kann es eine Mutter sein, die eines ihrer Kinder aus den Armen stieß? ... Ich machte mir oft Vorwürfe wegen der Liebkosungen gegen meine Tochter ... denn in der Tiefe meiner Seele stand, daß ich noch eine andere habe, die gleiche Rechte an meine Zärtlichkeit habe und aus meinen Armen verbannt sei! ... Diese Gewissensbisse waren ohne Zweifel noch nicht ausreichend, denn der Himmel sparte mir eine schrecklichere Strafe auf! Vor einigen Monaten wurde, während ich auf einer Reise abwesend war, ein junges Mädchen als Kammerjungfer in mein Haus aufgenommen ... Ihre Sanftmuth, die über ihr ganzes Wesen verbreitete Anmuth gewannen ihr alle Herzen ... Ich selbst fühlte mich zu ihr hingezogen; aber stellen Sie sich meine Lage vor, als ich erfuhr, daß dieses junge, aus Erbarmen von einer Bäuerin Namens Nicolle in Gagny erzogene Mädchen dasselbe Kind war, welches ich ihr einst überlassen hatte! Meine Tochter bei mir ... in Diensten ... die Magd ihrer Mutter ... ach! mein Herr, konnte ich diesen fürchterlichen Zustand ertragen? ... Jeden Augenblick versucht, mich in Louisens Arme zu werfen ... sie an mein Herz zu drücken ... dann mich wieder meines Gatten ... meiner andern Tochter ... der Ehre einer ganzen Familie erinnernd ... blieb mir nur die Wahl zu sterben oder dieser Lage ein Ende zu machen ... Endlich suchte ich Louisen auf; ich fühlte mich außer Stands, ihr zu gestehen, daß ich ihre Mutter sei ... aber ich bat sie, sich aus dem Hause zu entfernen, und das arme Kind gab meinem Flehen nach. Gerührt jedoch von der zärtlichen Anhänglichkeit, die sie für mich an den Tag legte ... entschloß ich mich, ihr den Vater zurückzugeben. Dieses Kind, welches Sie nach Ihrer Rückkehr nach Frankreich mich vergebens gebeten hatten, Ihnen zu zeigen ... ist Louise ... das junge, schöne, tugendhafte Mädchen, welches Ihnen diesen Brief überbringt. Geben Sie ihr ihren Vater zurück, mein Herr; was ihre Mutter betrifft, so dürfen Sie ihr solche nicht nennen, allein ihr Herz wird sie ohne Zweifel zu errathen wissen! Amalie von Noirmont. « Nach beendigter Durchlesung dieses Briefes überließ sich Monfréville dem lebhaftesten Entzücken, seine Blicke durchliefen noch einmal Frau von Noirmonts Schreiben, er fürchtete, das Spielzeug einer Täuschung zu sein, und war überglücklich in dem Gedanken, diese Louise, deren Schönheit, Sanftmuth und Sittsamkeit Jedermann pries ... – sei das Kind, das er wieder zu finden vor Verlangen brannte. Doch bald mäßigte eine Erinnerung die Ausbrüche seiner Freude: er dachte an Cherubins Brief, nahm ihn zur Hand, überlas ihn nochmals, und ein Gefühl der Wehmuth drückte sich in seinen Augen aus, während er seufzte und vor sich hin flüsterte: »Der Himmel wollte mir kein vollständiges Glück gönnen ... und zwar wahrscheinlich zur Sühne meines Vergehens ... nachdem ich jedoch selbst so strafbar war ... bleibt mir nichts übrig, als zu verzeihen.« Louise und Cherubin, stets beisammen, erwarteten ungeduldig Monfréville's Ankunft, und neben dieser Ungeduld durchdrang sie eine geheime Furcht, über die sie sich keine Rechenschaft geben konnten. Endlich meldete Jasmin Herrn von Monfréville. Louise schlug tief bewegt die Augen nieder, Cherubin flog seinem Freunde entgegen, hielt jedoch an, als er die ernste, sogar strenge Miene desselben gewahrte, und stotterte, ihm die Hand hinreichend: »Haben Sie meinen Brief nicht erhalten, lieber Freund?« Monfréville ergriff die ihm dargebotene Hand nicht, sondern betrachtete das junge Mädchen, welches zitternd am äußersten Ende des Zimmers stand und er fühlte, während er sie anblickte, seine Augen sich mit Thränen füllen, aber mit Gewalt die ihn ergriffene Bewegung unterdrückend, setzte er sich in einiger Entfernung von Louisen, welche ihre Augen nicht aufzuschlagen wagte, nieder, gab Cherubin einen Wink, sich einen Stuhl zu nehmen, und sagte zu demselben: »Ja, ich habe Ihren Brief erhalten ... und den von Frau von Noirmont gelesen, worin sie mir mittheilt, wie dieses Fräulein von ihrer Amme adoptirt worden ist.« »– Nun, mein Freund, ist es wahr, daß Sie ... Louisens Vater kennen ... daß Sie zu seiner Entdeckung beizutragen vermögen ... glauben Sie aber auch, daß er sie glücklich machen ... und sich unserer Liebe nicht widersetzen wird? ...« Monfréville blickte nochmals das junge Mädchen an und stotterte: »Ja, ich kenne des Fräuleins Vater.« Da erhob Louise ihre Augen und richtete sie mit dem Ausdrucke der Hoffnung und kindlichen Liebe auf ihn, indem sie ausrief: »Sie kennen meinen Vater ... Ach! mein Herr ... wenn es möglich wäre ... daß er mich liebte ... und ... mir ...« Das junge Mädchen vollendete nicht ... ihre Stimme bebte und die Worte erstarben auf ihren Lippen. Monfréville begann nach einer Pause: »– Ehe ich auf Ihre Fragen antworten kann, muß ich Ihnen nothwendig eine Geschichte aus meiner Jugend erzählen ... Wollen Sie mir Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Ich war kaum zweiundzwanzig Jahre alt, reich, unabhängig, bereits Herr meines Willens, aber durchaus nicht meiner Leidenschaften ... Damals liebte ich ein Frauenzimmer aus einer ehrenwerthen Familie ... sie hatte keine Mutter mehr zu ihrer Ueberwachung, und während einer Abwesenheit ihres Vaters gelang es meiner Liebe, den Sieg über ihre Tugend davonzutragen ... Ach! das ist ein großes Vergehen, ein Gefühl, das man erregt hat, so weit zu mißbrauchen, daß man den Gegenstand seiner Liebe zum Vergessen seiner Pflichten verleitet ... und selten geschieht das ungestraft!« Hier fühlte sich Cherubin betroffen und wagte es nicht mehr, Monfréville anzublicken, während der blassen und zitternden Louise große Thränen über die Wangen herabflossen. »Bald darauf,« fuhr Monfréville fort, »war ich Geschäfte halber genöthigt, mich nach England zu begeben, und gelobte der, welche ich verführt hatte, vor meiner Abreise noch, bald wieder zurückzukehren und bei ihrem Vater um ihre Hand zu werben. Aber entfernt von ihr, ließ mich meine, bei einem jungen Manne sehr natürliche Unbeständigkeit dieses Versprechen vergessen. Indessen erhielt ich einen Brief, worin sie mich benachrichtigte, sie werde bald Mutter werden, und bitte mich, wenn ich ihre Ehre retten und meinen Fehler wieder gut machen wolle, schleunig herbeizueilen ... Nun, diesen Brief ließ ich unbeantwortet ... eine andere Liebe nahm mich in Anspruch! ... Zwei Jahre verstrichen. Ich kehrte nach Frankreich zurück, und mich nun derer, die ich niederträchtigerweise verlassen hatte, und des Kindes, das nicht einmal seinen Vater kannte, erinnernd, war ich entschlossen, dem Frauenzimmer, gegen welches ich so strafwürdig gehandelt hatte, meinen Namen und meine Hand anzutragen. Allein es war zu spät, sie war verheirathet ... verheirathet an einen Mann von ehrenvollem Range. Ich bezweifelte nicht, daß es ihr gelungen war, ihre Schwachheit vor Aller Augen zu verbergen; aber ich brannte vor Verlangen zu erfahren, was aus meinem Kinde geworden war. Nach vielen vergeblichen Versuchen war es mir endlich möglich, eine geheime Unterredung mit der, die mich so heiß geliebt, zu erhalten ... aber ich fand nur noch eine entrüstete, unversöhnliche Frau, welche auf all' meine Bitten nichts als diese Worte erwiderte: »Sie haben mich verlassen, als ich Sie bat, mich Ihre Gattin zu nennen und Ihrem Kinde einen Vater zu schenken. Ich kenne Sie nicht mehr! Ich will die Erinnerung eines Vergehens, das mich erröthen macht, in mir verwischen, und was Ihre Tochter anbetrifft, so sind all' Ihre Bitten vergeblich, Sie werden nie erfahren, was aus ihr geworden ist.« Dieser von einem beleidigten Weibe ausgesprochene Entschluß wurde nur zu strenge durchgeführt ... sechzehn Jahre verflossen ... vergebens hatte ich mehrmals meine Bitten wiederholt, man ließ sie unbeachtet ... Und jetzt, Cherubin, kennen Sie auch den Grund jener Traurigkeit, die mich zuweilen mitten unter den heitersten Gesellschaften befiel, jenen Wechsel der Stimmung, den man häufig an mir bemerkte; denn inmitten der glänzendsten Vergnügungen der Welt trat das Andenken an mein Kind vor meine Seele, und jener Reichthum, um den man mich beneidete, jenes Glück, dessen ich zu genießen schien, ach! ... ich hätte es gerne dafür hingegeben, meine Tochter ein einziges Mal an mein Herz drücken zu dürfen ... aber heute sind meine Wünsche in Erfüllung gegangen ... heute gibt mir eine Freundin ... meiner ehemaligen Geliebten ... meine Tochter zurück ... o, mein Gott! muß ich in dem Augenblick, wo ich so glücklich wäre, sie wiederzufinden, zugleich erfahren, daß sie strafbar war! muß die Verführung, welche das Unglück ihrer Mutter ausmachte, auch meiner Tochter Erbtheil sein? ...« Ehe Monfréville diese Worte beendigt hatte, lagen Louise und Cherubin schon zu seinen Füßen. In Thränen zerflossen, umschlangen sie seine Kniee, und Louise streckte die Arme nach ihm aus, während sie mit bebender Stimme flehte: »Verzeihen Sie mir, Vater ... verzeihen Sie uns ... Ach! ich kannte meine Eltern nicht ... und Cherubin war mir Alles! ...« Monfréville öffnete den beiden Liebenden, die sich an seine Brust warfen, seine Arme und sagte, sie umschließend, zu ihnen: »Ja ... ich muß verzeihen ... denn statt eines einzigen werde ich von nun an zwei Kinder haben.« Schluß. Einige Zeit nach dem Tage, der Louisen einen Vater geschenkt hatte, vermählte sie Herr von Monfréville, der sie öffentlich als seine Tochter anerkannt hatte, mit dem Marquis Cherubin von Grandvilain. Und an diesem Tage kam Nicolle nach Paris, doppelt glücklich, der Verbindung Dessen, den sie noch immer ihr Söhnchen nannte, mit dem Kinde, bei dem sie so lange Mutterstelle vertreten, beiwohnen zu können. Und Jasmin, der seine ganze Jugendkraft wieder gewonnen zu haben schien, wollte zum Hochzeitsfeste seines Gebieters durchaus ein Kunstfeuerwerk in dem Hofe des Hôtels abbrennen; allein die dicke Turlurette widersetzte sich, indem sie ihn an die Unfälle erinnerte, die sich bei Cherubins Geburt ereignet hatten, und Jasmin begnügte sich, einige Schwärmer loszulassen, mit welchen er sich den letzten kleinen Rest seiner Haare abbrannte. Was Herrn Gerundium betrifft, so hatte ihm Cherubin, nach Auszahlung einer artigen Summe, den Rath ertheilt, sich nach andern Zöglingen umzusehen. Der Hofmeister, als er sich im Besitze eines anständigen Stück Geldes sah, wollte in Paris von sich sprechen machen! er gründete eine lateinische Zeitung, schrieb ein Trauerspiel, hielt Vorlesungen über allgemeine Wissenschaften und wollte die Damen bewegen, sich ohne Schnürleib zu kleiden. Nach Verlauf von einiger Zeit, war er, da ihm nichts als die Einbuße seiner Ersparnisse gelungen, noch sehr glücklich, nach Gagny zurückkehren und dort das Amt des Schulmeisters wiederum übernehmen zu können. Darena, welcher in Folge seines Falles auf Teller und Gläser verunstaltet blieb, konnte sich bei hellem Tage nicht mehr sehen lassen; er überließ sich mehr als jemals seinem Hange zur Ausschweifung, und nach einer Orgie und einer mit Abenteurern, deren Geld er gewonnen hatte, beim Spiele zugebrachten Nacht, fand man ihn todt und vollständig geplündert auf der Straße. So endigte ein Mann von vornehmer Geburt, der im Schooße des Reichthums erzogen und mit vorzüglicher Bildung begabt war, den aber seine Laster bis zu den untersten Stufen der Gesellschaft hatten herabsinken lassen. Nachdem Herr Poterne seinen Busenfreund verloren hatte, wurde er Kontremarkenhändler an den Eingängen der Theater, und zog sich auch bei diesem Handel noch häufig thätliche Zurechtweisungen zu, da man mit den von ihm gekauften Billetten fast nie zugelassen wurde. Der kleine Bruno benützte die von Cherubin erhaltenen Rathschläge und dessen Gold; er verzichtete auf den Handel mit gestohlenen Hunden, errichtete ein kleines Geschäft, machte seine Sachen gut, und wurde ein rechtschaffener Mann, wobei er oft wiederholte: Das sei weit leichter, als ein Schelm zu sein. Louise wurde eine glückliche Gattin und glückliche Tochter; niemals jedoch nannte ihr Monfréville den Namen ihrer Mutter; allein wenn sie in Gesellschaften ging, wo man die junge Gemahlin des Marquis Cherubin überall mit Freuden aufnahm, begegnete sie zuweilen der Familie Noirmont; dann umarmte sie mit innigem Vergnügen Ernestinen, die stets die zärtlichste Freundschaft für sie an den Tag legte; hierauf suchten ihr Blicke die der Frau von Noirmont, die ebenfalls nach den ihrigen forschte; und wenn durch Gleichgültige gedeckt, oder hinter der Menge verborgen die Augen der Frau von Noirmont auf Louisen ruhen konnten ... so drückte sich in ihren gegenseitigen Blicken die volle Liebe aus, die das Herz einer Tochter und das einer Mutter in sich fassen kann. Cherubin wurde das Muster aller Ehemänner; man versichert sogar, er sei seiner Frau treu geblieben. Dieser junge Mann mußte eben immer etwas Besonderes an sich haben!