Hermann Heiberg Menschen untereinander Erstes Kapitel. In der Geschichte des deutschen Nordens hatte der Name der Grafen von Witzdorff von jeher einen guten Klang gehabt, da sie sich in ihren hohen und verantwortlichen Stellungen sowohl durch Diensttreue gegen die angestammten Herrscher hervorgethan, als auch durch kluge, aber ehrliche Wahrnehmung ihrer jeweiligen eigenen Vorteile bedeutendes Besitztum im Lande erworben hatten. Freilich war dieses im Laufe der Zeiten durch die Verschwendung einiger unbemittelter Schwiegersöhne wesentlich vermindert worden; aber Graf Felix von Witzdorff, der als der älteste Vertreter dieses Geschlechtes im Anfang der sechziger Jahre nach fast dreißigjähriger Abwesenheit im Auslande in seine Heimat Schleswig zurückkehrte, blieb doch eine Persönlichkeit, deren Wiedererscheinen um eines durch Heirat wiedergewonnenen großen Vermögens, seines angesehenen Familiennamens und seiner Lebensstellung willen von den Bewohnern als ein Ereignis angesehen ward. Bereits in jüngeren Jahren einer deutschen Gesandtschaft zugewiesen, hatte er sich in London mit der Tochter eines englischen Kaufmanns verheiratet. Aus dieser Ehe war ein einziger Sohn hervorgegangen, der nach einer alten Überlieferung der Witzdorffs in der Taufe den Namen »Kay«, eine Abkürzung des lateinischen »Cajus«, erhalten hatte. Graf Felix hatte diesem Sohne eine Erziehung angedeihen lassen, die den höchsten Anforderungen entsprach, und von vornherein ins Auge gefaßt, daß er sich ebenfalls dem diplomatischen Dienst widmen solle. Allein schon nach Verlauf des ersten Universitätsjahres hatte derselbe eine besondere Neigung für den Kaufmannsstand zu haben erklärt, und war, als ihm Felix endlich mit größtem Widerstreben nachgegeben hatte, in ein Londoner Handelshaus eingetreten. In Folge seiner Fähigkeiten war er dort sehr rasch vorwärts gekommen, hatte sich in ungewöhnlich kurzer Zeit selbständig gemacht und durch glückliche Handhabung überseeischer Geschäfte ein sehr erhebliches Vermögen erworben. Im achtundfünfzigsten Jahre verlor Graf Felix in der spanischen Hauptstadt, wohin ihn seine Regierung als Gesandten geschickt hatte, seine Gattin Emerence, und er beschloß nun, aus dem Staatsdienst auszutreten, nach seiner Heimat überzusiedeln und sich auf seinem Gute Dronninghof in der Nähe von Schleswig für den Rest seiner Lebenszeit niederzulassen. Wirklich traf Graf Felix von Witzdorff, Exzellenz, am 12. Juni zunächst in Hamburg ein und begegnete sich hier mit Kay, der zu jener Zeit im vierunddreißigsten Lebensjahre stand und soeben von einem Zweiggeschäft aus dem spanischen Südamerika zurückgekehrt war. Derselbe hatte gelegentlich seiner Niederlassung in London den Grafentitel abgelegt und nannte sich lediglich Kay Witzdorff. Die Begegnung zwischen Vater und Sohn fand im »Hotel de l'Europe« statt. Der Graf, welcher Kay seit vielen Jahren nicht gesehen und ohne ihn an dem Sarge seiner Frau gestanden hatte, empfand eine gewisse Unbehaglichkeit und war etwas enttäuscht, als ihm in seinem Sohne ein sehr ernster Mann entgegentrat, der zwar seiner Freude über das Wiedersehen Ausdruck verlieh, aber keine sonderliche Wärme dabei an den Tag legte. Er war in seiner Rede knapp und kurz, urteilte rasch und entschieden und äußerte seine Meinung in einem Tone und einer Weise, gegen die ein Widerspruch nur schwer aufkam. Kay hatte auch einige Gewohnheiten, welche den Grafen, wie dieser sich mit einem bezeichnenden Fremdworte ausdrückte, äußerst »impatientierten«. Beim Sitzen legte er häufig den rechten Fuß auf das linke Knie, trug, von der Mode abweichend, breite, gelblederne Schuhe, und den Fuß bedeckten Strümpfe, die in sehr auffallenden Mustern gewirkt waren. Seine Uhr barg er lose in der Beinkleidertasche, aus der er auch kleines Geld hervorzog, während er Goldmünzen und Papier in einem kleinen juchtenledernen Täschchen trug, welches in der Weste steckte. Tief ausgeschnittene Hemden mit spitzauslaufenden, breiten Leinenkragen zeigten einen gebräunten Hals mit starken Halsknochen, und lange Manschetten reichten über die von zahlreichen Sommersprossen bedeckten Hände. Kays Gestalt war hünenhaft, jedoch schlank und äußerst biegsam. Das Haar auf dem edel gebauten Kopf trug er zurückgestrichen, und ein heller, weit und locker sitzender Anzug umgab seinen Körper. Besonders störten auch den Grafen Felix, der nur in schnellen Zügen spanische Zigarette rauchte, die vielen importierten Zigarren, von denen Kay während des Tages wohl ein Dutzend hervorzog, und deren Rauch er dann meistens durch die Nase stieß. »Ah, meine gute Mutter!« hub Kay bewegt an, als nach einigen einleitenden Worten das Gespräch auf sie gekommen war, und der Graf ein Bild hervorgeholt hatte, das im letzten Lebensjahre der Verstorbenen angefertigt war. Er betrachtete es lange und mit wehmütigem Ausdruck, ließ sich von der Krankheit ausführlich erzählen und preßte die Lippen in starker Gemütserregung zusammen, als ihm sein Vater berichtete, wie sehr sie in ihren letzten Lebensaugenblicken nach ihm verlangt habe. »Jahre würde ich darum gegeben haben, wenn ich noch einmal in ihre schönen, zärtlichen Augen hätte schauen können,« stieß Kay hervor. »Es war mir nicht vergönnt.« Und nach kurzer Pause fuhr er fort: »Was gedenkst Du nun zu thun, Papa? Wirst Du sogleich nach Schleswig reisen? Ist das Herrenhaus bereits hergerichtet? –« Der Graf neigte bestätigend den kurzgeschorenen, weißen Kopf. Sein Gesicht zeigte jene pergamentne Farbe, die man häufig bei solchen findet, die lange in südlichen Ländern gelebt haben. Seine Erscheinung war äußerst vornehm. Er trug einen untadelhaft gehaltenen schwarzen Anzug, aus dem eine schneeweiße Weste hervorsah, und seine frauenhaft geformten Hände spielten oft mit einem goldenen Monocle, das er von Zeit zu Zeit in das forschende graue Auge schob. Seine Bewegungen waren gemessen, ohne etwas Gemachtes zu haben; die Ruhe, mit der er sprach, die besondere, etwas fremdländisch klingende Betonung der Worte und seine gleichmäßige Höflichkeit kennzeichneten ihn als Weltmann. Hin und wieder krümmte er den elfenbeinglatten Zeigefinger der linken Hand, an dem der Nagel mit der mondweißen Zeichnung sehr lang gewachsen war, und berührte damit eine Stelle auf dem Kopfe. Namentlich, wenn ihn etwas tiefer beschäftigte, geschah dies; in kurzen Zwischenräumen zog er auch eine kleine, blitzende, durch langjährigen Gebrauch glattgewordene goldene Dose hervor, aus der er mit zierlich gespitzten Fingern eine Prise heraushob, deren Inhalt rasch, und ohne Spuren zu hinterlassen, in seiner scharf gebogenen Nase verschwand. »Ich gedenke zunächst acht Tage hier zu bleiben und dann nach Schleswig zu reisen,« erwiderte er. »Vorher werde ich noch meinen Freund, den alten Grafen Schlieben, den früheren Postdirektor, besuchen, der mich dringend invitiert hat, einige Zeit hier zu verweilen. Ich fand auch schon bei meiner Ankunft ein Billet von seiner Hand. Er schlägt vor, daß wir heute bei ihm speisen. – Wenn Du nicht zu sehr ermüdet bist, bitte ich, daß Du Dich mir anschließest. Die Familie ist charmant. Ich bin sehr gespannt, die Gräfin, Komtesse Clementina-Julia und die Kleine wiederzusehen.« Kay beugte sich etwas vor und sagte höflich, aber mit merklicher Betonung: »Wenn Du wünschest, werde ich Dich begleiten! Ist's der alte Graf Schlieben, der die zweite Frau, die schöne, südamerikanische Witwe geheiratet hat? Ich glaube mich dessen aus früheren Mitteilungen zu erinnern.« Graf Felix neigte bejahend den Kopf. Und rasch einen anderen Gegenstand berührend, hub er an: »Wie lange denkst Du zu bleiben, Kay? Du gehst doch auf einige Tage mit nach Dronninghof?« »Unmöglich!« stieß Kay hervor, lockerte das gelöste Blatt seiner Zigarre, benetzte es vorsichtig mit den Lippen und wickelte es sorgsam wieder um die Einlage. »Unmöglich!« wiederholte er, nun auch ein grasleinenes, zart gewebtes Schnupftuch hervorziehend, das er durch seine Finger gleiten ließ. »Ich stecke gerade in einer bedeutenden Geschäftssache, die meine Abwesenheit nicht gestattet. Vielleicht kann ich im Herbst einmal kommen, im Herbst, wo es ja auch schön in Dronninghof sein wird.« »Hm!« stieß Graf Felix enttäuscht hervor, und nach einer Pause fügte er hinzu: »Bist Du mit den Geschäften zufrieden gewesen? Waren es Ungelegenheiten, die Dich nach Venezuela führten?« Bevor Kay noch zu antworten vermochte, ward geklopft, und ein aristokratisch aussehender, hagerer alter Herr mit langem Hals und unmoderner, hoher Atlaskravatte, in der Hand ein spanisches Rohr mit goldenem Knopf, trat unter allen Anzeichen freudiger Überraschung ins Zimmer. Sein starkknochiges, langes Gesicht war eingeengt durch Vatermörder, und auf der seidenen Weste ruhte eine dicke Kette mit großem, goldenem Petschaft. »Ah! Lieber Freund!« rief Kays Vater und eilte auf den Eintretenden zu. »Wie liebenswürdig, mir den ersten Besuch zu machen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Sohn vorstelle.« Kay erhob sich langsam und machte eine förmliche Verbeugung. Während die Alten eifrig schwatzten, saß er fast teilnahmlos zurückgelehnt, rauchte und strich von Zeit zu Zeit seinen langen Kinnbart. Er mischte sich auch nicht in das Gespräch und zeigte selbst dann eine ziemlich gleichgültige Miene, wenn der Gast bei seinem lebhaften, etwas auf den Effekt berechneten Sprechen den hochgekämmten, mit spärlichem Haarwuchs bedeckten Kopf besonders zu ihm wandte. »Also ich darf auf Ihr Erscheinen zum Diner rechnen? Auch auf das Ihrige, Herr Graf?« fragte der alte Herr beim Schluß der Unterredung und gleichzeitig sich erhebend. »Fünf Uhr, wenn ich bitten darf. Und Nachsicht für die einfache Küche habe ich im Namen meiner Frau im voraus von Ihnen einzuholen.« Kay neigte höflich das Haupt, während Graf Felix den alten Freund auf die eckigen Schultern klopfte und ihn zur Thür geleitete. Wenig später entfernte sich auch Kay mit dem Bemerken, daß er einen Geschäftsfreund besuchen wolle. Nachdem er gegangen, stellte sich Graf Felix vor den Spiegel, strich behutsam mit den fein geformten Händen über das kurzgeschorene Haar, prüfte sein glatt rasiertes Gesicht und bewegte den Oberkörper, als wolle er die Biegsamkeit seiner Glieder prüfen. Und dann ließ er sich in einen Sessel nieder, nahm eine Prise und sann, ganz in Gedanken verloren, nach. Irgend eine bedeutsame Angelegenheit schien sein Inneres ausschließlich zu beschäftigen. *           * * »Und sie hieß?« fragte Clementina-Julia, Kay rasch anblickend, während sie neben ihm in dem Garten einherschritt, der das von dem Grafen bewohnte Haus auf der Uhlenhorst umschloß. Es war in dieser Woche bereits das vierte Mal, daß Kay der Einladung der Familie Folge geleistet hatte. Aus den ursprünglich festgesetzten wenigen Tagen seines Aufenthaltes waren schon vierzehn geworden. »Seltsamerweise ähnelte sie Ihnen nicht allein, sondern hieß auch genau wie Sie selbst. Komtesse Clementina-Julia,« erwiderte Kay. Er brach ab, blieb stehen und zupfte an den Blättern eines Strauches. So lange stand er, und so verloren war er in seine Gedanken, daß dem Mädchen das Rot des Unmuts in die Wangen schoß und sie zuletzt allein weiterschritt. Als Kay sie einholte und keine Entschuldigung aussprach, bewegte sie mit einem Anflug von finstrer Auflehnung den Kopf und ging wortlos neben ihm her. »Wir sprachen von Clementina-Julia,« hub Kay, das so unvermittelt abgebrochene Gespräch wieder aufnehmend, an. »Darf ich Ihnen eine Beschreibung von ihr machen?« »Es wird mich gewiß interessieren!« tönte es einsilbig zurück. Kay sah überrascht empor, aber er überging die Empfindlichkeit, die sich in dem Ton der Sprecherin kundgab. »Sie hatte Augen,« begann er, »die den Drang zu haben schienen, sich in sich selbst zurückzuziehen, wunderbare, fragende, aber niemals herausfordernde Augen. Sie lagen zwischen den feinen Linien ihres Angesichts wie stille Abgründe, und die zusammengewachsenen dunklen Brauen unter der Stirn verschärfen das Geheimnisvolle ihrer Schönheit. Ihre Lippen waren stets mit jenem rätselhaften Ausdruck geschlossen, der uns reizt, in das Innere eines Menschen zu dringen. Und doch, wenn der Mund lächelte, war's das Lächeln eines Kindes, das von einem fröhlichen Gedanken beherrscht wird. Die Haare waren tiefer als sonst bei Menschen in die Stirnseiten gewachsen, und diese blauschwarzen, glänzenden Fäden stiegen zu der reichsten Fülle empor, die nur immer den Kopf einer Frau umrahmen konnte. Ihre sanften Bewegungen ließen sie so vornehm erscheinen, wie sie wirklich in ihrem Inneren war. Nur bei bestimmten Anlässen verließ sie diese Ruhe, und in ihrer Zärtlichkeit drückte sich jene stumme Leidenschaft aus, der im Übermaß der Empfindung das Wort fehlt. Nie habe ich wieder ein weibliches Wesen gesehen, das in so eigener Weise einen anderen Menschen umhalste. Ihre Bewegungen waren dann rasch und heftig, und ihre Arme schienen sich zu verlängern. Die ganze Kraft ihres tiefen Gefühls drückte sich bei dieser Gelegenheit aus. Einen Fehler hatte sie –« Kay hielt inne. »Einen Fehler?« wiederholte Clementina-Julia. Kay nickte. »Ja!« sagte er kurz und mit einem Anflug von plumper Gradheit im Ton. »Sie hinkte auf dem linken Bein, es war ein wenig zu kurz.« Clementina-Julia legte die Hand auf die Brust und biß die Lippen aufeinander. Ein kurzer Laut entfuhr ihrem Munde. Auch sie war lahm und bewegte sich schwerfällig beim Gehen. »Es erscheint unzart, wenn ich hinzufüge: wiederum wie Sie, Komtesse,« fuhr Kay, sein offenes Auge auf sie richtend, fort. »Aber ich will sagen,« und hier senkte er die Stimme und sprach langsamer, »eben das zieht mich auch zu Ihnen hin.« Eine Meise ließ sich im grünen Gebüsch vernehmen. Von ihrem unschuldigen Gesang begleitet, wandten beide die Schritte zu einem einsamen Plätzchen, auf dem Rosen in den Beeten blühten, und das von Jasminbüschen umstanden war. Die Luft war erfüllt von einem zudringlichen, die Sinne reizenden Duft. »Ganz wie ich,« flüsterte Clementina-Julia. »Und mir zerstörte dieses Leiden mein ganzes Leben! – Ah! – wie oft habe ich mir schon gewünscht –«. Sie stockte. »Sie wollten sagen?« knüpfte Kay rücksichtslos an und hemmte den Schritt. Clementina-Julia heftete ihre Augen auf einen kleinen Hügel, den ein Maulwurf aufgestoßen hatte. Sie schien nicht zu hören. Mit der Spitze des Sonnenschirms zerteilte sie in zerstreuten Gedanken die frische Erde, und ihre Brust hob und senkte sich unruhig. »Haben Sie schon einmal geliebt?« stieß Kay unvermittelt heraus. Das Mädchen erhob für Sekunden den Blick, und eine rasch aufsteigende Röte trat in ihr Gesicht, aber auch ein Ausdruck von stolzem Befremden blieb darin haften. Sie mochte Kays Art, – er war anders als andere, – aber sie fand ihn formlos, und sein gerades, kurzes und derbes Wesen stieß sie zurück. »Meine Frage ging aus wärmstem Anteil für Sie hervor,« ergänzte Kay. »Nehmen Sie an, ich hätte nichts gesagt, wenn meine Worte Sie verletzten. Es macht mich traurig, zu denken, daß ein so schönes und liebenswertes Mädchen wie Sie nicht glücklich sein sollte, Komtesse.« »Vielleicht antworte ich Ihnen ein andermal, Graf Witzdorff,« erwiderte Clementina-Julia. »Übrigens kann Sie schwerlich etwas interessieren, was nicht einmal mich mehr beschäftigt. – Späte Rosen! Ich bin jetzt über die Zeit hinaus, in der ich Wünsche für meine Zukunft haben dürfte. Ich verzichtete für immer.« Sie sah ihn bei diesen Worten wiederum offen und mit einem guten Ausdruck in Augen und Mienen an. »Teures Mädchen!« murmelte Kay. »Liebe Komtesse –« wiederholte er hörbarer und ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Und als sie nun unwillkürlich den ihrigen senkte, trat er ihr näher und drückte sie, hingerissen von ihrem Anblick, mit sanfter Bewegung an sich. Wie ein Kind erschien sie in diesem Augenblick neben ihm, obgleich sie das Durchschnittsmaß weiblicher Erscheinungen überschritt. »Graf Witzdorff!« stieß Clementina-Julia hervor und löste sich mit rascher Bewegung und schwer empörter Miene aus seiner Umarmung. »Nein – ich bitte – es giebt keine Entschuldigung,« fügte sie, atemlos ansetzend, hinzu, erhob mit abweisendem Stolz das Haupt und durcheilte, trotz ihres schwerfälligen Ganges. rasch die Steige des Gartens. Als Kay später das Haus verließ, – Graf Felix blieb auch zum Thee in der Familie, – trat der Diener auf Komtesse Clementina-Julia zu und überreichte ihr ein Billet. Auf einem Zettelchen stand geschrieben: »Einige wenige Worte, die unausgesprochen blieben, weil Sie mich unnahbar mieden! Hat nur die inhaltlose Form Berechtigung, Komtesse? Ist's ein Vergehen, zu zeigen, daß man mit jemandem fühlt, und legt die Natur nicht den Drang in ihre Geschöpfe, sich einander zu nähern? Ich nahm Sie wie ein guter Freund in meine Arme. Ich bin Ihr Freund K. W. *           * * Kay wandte sich, nachdem er mit einem Dampfschiff den Jungfernstieg wieder erreicht hatte, in einem starken Drang nach anderen Eindrücken zu Fuß nach St. Pauli. Er ging über den Neuen Wall und betrat den Steinweg. Zur Rechten und Linken ging das lebhafte Treiben an ihm vorüber. Die Geschäfte, die Fabriken waren eben geschlossen. Nun entleerten sich die Kontore in der Geschäftsgegend und die großen, rauchumwirbelten Steinmassen in den Vorstädten. Ruhebedürftige und Vergnügungssüchtige wogten auf und ab. Die Omnibusse jagten von Altona kommend oder dahin ihren Weg nehmend vorüber. In jedem Hause fast ein Laden mit geöffneten Thüren; das Hunderterlei und Tausenderlei, das der Menschheit Bedürfnis befriedigt, aufgeschichtet in meist engbemessenen Räumen. Große und kleine Schaufenster von Lichtströmen übergossen, und unter ihnen hell erleuchtete Keller mit steil hinabführenden Treppen. Kay entwand sich dem Gedränge und richtete seine Schritte nach dem Spielbudenplatz, guckte in einige Theater und trat endlich noch in später Abendstunde in eine Musikhalle, die sich schon von weitem durch ein rot beleuchtetes Schild bemerkbar machte. Er hörte auf den Gesang und hörte ihn doch nicht; den Vorstellungen im Centralhallen-Theater war er nur mechanisch mit dem Auge gefolgt; seine Gedanken waren zerstreut. Immer wieder trat ihm Clementina-Julias gebietende Gestalt vor die Augen. Sie glich derjenigen, die er geliebt und verloren hatte, und war doch eine völlig andere. Clementina-Julia Rivas, die er im spanischen Südamerika kennen gelernt und geheiratet hatte, war eine echte Südländerin gewesen, während Clementina Schlieben nicht minder schön, wenngleich über die erste Jugend hinaus, die Eigenart des Südens und Nordens in sich vereinigte. Als sie heute von ihm fortgeschritten war mit dem schleppenden Gange, stieg der Verstorbenen Bild vor ihm ans, als sei sie wieder lebendig geworden. Nur ein kurzes Glück hatte er neben seinem Weibe genossen; bei der Geburt eines Mädchens hatte Clementina Rivas ihr junges Leben eingebüßt. So sehr sich Kay dagegen auflehnte, er mußte sich eingestehen, daß Clementina Schlieben schon bei der ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Und doch glaubte er nicht eigentlich ein Gefühl von Liebe für sie zu empfinden; nur ihre eigentümliche Schönheit, jenes Verwandte mit der Verstorbenen in ihrer Erscheinung zog ihn an, und wenn er überlegte, ob er sie als seine Frau heimführen solle, dann tauchte sein kleines Mädchen mit einem ihn tief beunruhigenden, ängstlich vorwurfsvollen Blick vor ihm auf. Aber auch noch durch einen anderen Umstand wurde Kay von dem Gedanken an eine Heirat abgelenkt. Er gedachte seines Vaters, und seine Lippen preßten sich in der Erinnerung an ihn wiederholt aufeinander. Wenn er sich alle Einzelheiten aus den letzten Tagen ins Gedächtnis zurückrief, schien's ihm zweifellos, daß sein Vater Clementina liebte. Zorn, ja Empörung regten sich in ihm. Seine Mutter war kaum ein halbes Jahr tot! Sein Vater trat ins Greisenalter und beschäftigte sich mit einem solchen Gedanken! Und dieses Mädchen – seine Stiefmutter? Schon einige Male war Kay im Begriff gewesen, abzureisen, und doch hielt's ihn in Hamburg. Er lag wie im Zauber, aus dem er sich nicht zu lösen vermochte. – Und doch, wenn er unbefangen alle Umstände abwog, mußte er sich gestehen, daß er eigentlich gar kein Recht habe, seinem Vater einen Vorwurf zu machen. Vielleicht bedurfte auch er eines Ersatzes, einer Besänftigung für den Schmerz. Es konnte sogar im Sinne der Verstorbenen gehandelt sein, daß er eine neue Ehe einging. – Und wenn er – Kay selbst – ihr seine Hand nicht bieten wollte, weshalb sollte nicht ein anderer dem nach Glück verlangenden Mädchen ein guter Freund fürs Leben werden? Sein Vater war äußerlich, weltlich, ein Egoist, aber wenn schon Kay deshalb nie rechte Wärme für seinen Vater hatte empfinden können. so hatte er doch darunter eigentlich nie gelitten. Alle diese Gedanken wurden indessen zeitweilig verwischt, als Kay seine Schritte in das Innere der Stadt zurücklenkte. Ein starkes Gefühl der Sehnsucht nach seinem Kinde bemächtigte sich seiner, und dazwischen drängten sich geschäftliche Dinge, die vor der Entscheidung standen und seine Gedanken in Anspruch nahmen. *           * * Graf Felix saß um die Morgenstunde dem Grafen Schlieben in dessen Wohnung gegenüber. Dieser paffte aus einer alten, prächtig angerauchten Meerschaumpfeife und horchte mit emporgezogenen Augenbrauen in dem etwas einfältigen Gesicht auf des alten Diplomaten geläufige Rede. Sein Zimmer enthielt die sorgfältig gearbeiteten, blank polierten Mahagoni-Möbel der guten alten Zeit. Auf der ausgezogenen Platte des Schreibpultes standen Fidibusse in einem von einer blauen Perlenstickerei umgebenen Becher; Zeitungen lagen, gradlinig aufgeschichtet, daneben, und oben auf dem Pult stand eine mächtige vergoldete Uhr mit einem Schäfer und einer Schäferin. Letztere hatte den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, und der Schäfer schaute sinnend auf ein Schaf zu seinen Füßen. Das ovale Glasgehäuse hatte einen Riß; er war mit einem schmalen Papierstreifen überklebt, aber, da die schadhafte Seite nach hinten gerichtet war, nur aufmerksameren Augen bemerkbar. Eine Anzahl nützlicher Gegenstände lag in pedantischer Ordnung umher. Die altmodischen, aber wohl erhaltenen Tische, die Kommoden und Stühle glänzten in einem gewissen Schimmer ehrwürdigen Alters und zeigten die täglich säubernde Hand. Ein dumpfer, aber nicht unangenehmer Tabakspfeifengeruch erfüllte den Raum. Graf Schlieben, der noch im späteren Alter zum zweiten Male geheiratet hatte, besaß neben seiner Tochter Clementina-Julia aus der ersten noch ein Mädchen aus der zweiten Ehe, das gegenwärtig kaum sechzehn Jahr alt war und sich zur Zeit bei Anverwandten des Grafen im Holsteinschen befand. Seine beiden Frauen waren Schwestern gewesen und ähnelten einander vermöge ihrer Sanftmut und Herzensgüte. Der Graf war ohne Vermögen, aber seine Gemahlin hatte ihm ein kleines Heiratsgut mitgebracht, das neben seiner Pension ausreichte, der Familie eine sorgenfreie Existenz zu ermöglichen. Clementina-Julia – so genannt nach ihrer spanischen Mutter – war nie ein Heirats-Antrag gemacht worden. Ihr körperliches Leiden und die bescheidenen Verhältnisse ihres Vaters hatten eine Annäherung der Männer verhindert. Ihre Schwester Mercedes war von einer ebenso eigenartigen Schönheit wie sie, aber in ihrer lang aufgeschossenen, noch etwas unentwickelten Gestalt schienen die Gliedmaßen nicht hinreichend befestigt, und noch fehlte ihrem Wesen jene einheitliche Ruhe, die das Ergebnis der Jahre ist. Sie lachte laut mit etwas tiefer Stimme, ging ein wenig vorgebeugt, und ihre Arme und überschlanken Glieder schienen sich in den Gewändern, die sie trug, in einem fortwährenden, unsicheren Schwanken zu befinden. Eine Brustreizung, die sich neuerdings bei ihr bemerkbar gemacht, und die ihr eine krankhafte Röte auf die Wange getrieben, hatte Schlieben veranlaßt, sie auf's Land zu schicken. »Und nun habe ich noch eine andere Angelegenheit, eine für mich sehr wichtige Angelegenheit, die ich mit Ihnen besprechen möchte, verehrter Freund«, begann Graf Felix, indem er sich vorbeugte und die Zigarette in einen kleinen Porzellanaschenbecher warf, in dem einige gut nachgebildete Silber- und Goldmünzen gemalt waren. »Sie werden mich an sich leicht verstehen, weil Sie selbst einen solchen Schritt gethan haben, aber allerdings sind die Verhältnisse und Umstände sonst verschiedener Art. »Ich möchte« – hier schob der Graf das goldene Monocle ins Auge und richtete es auf den alten Freund – »Ihre Tochter Clementina-Julia zu meiner Frau machen und bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie darüber denken?« Auf Graf Schliebens Stirn bildeten sich Falten, in dem herabgezogenen Munde malten sich maßlose Überraschung neben glückseliger Freude, und im Nu war Graf Felix von einer Rauchwolke umhüllt, die jener in seiner Erregung rasch und ohne Unterbrechung aus der Pfeife hervorholte. Das Kinn verschwand in seiner hohen, schwarzen Atlaskravatte, die linke Hand löste den Deckel des Meerschaumkopfes, und der Daumen bohrte sich wiederholt und heftig in die Asche. »Alle Wetter! Bravo!« stieß er sodann heraus. Und als Graf Felix nicht gleich etwas erwiderte, fügte er in raschem Besinnen hinzu: »Ganz vortrefflich – sehr schön – begreife auch vollkommen, – aber Clementina-Julia?« Ja, das war's! Zwischen Wunsch und Erfüllung lag ein Strom von unnennbarer Breite. »Ja! Clementina-Julia!« wiederholte der alte Mann und schien durch seine Miene sich Rat bei demjenigen einholen zu wollen, der ihn um einen solchen angegangen hatte. »Ich denke,« fuhr Graf Felix ruhig fort, »Sie sprechen mit Ihrer Tochter, welche die Motive, die mich bei meinem Antrage sowohl in Bezug auf mich selbst als auch auf sie leiten, würdigen wird. Es bedarf wohl keiner Erklärungen, wie sehr ich verstehe, daß die Komtesse ihn mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen in Überlegung ziehen wird. Bitten Sie sie auch, sich nicht zu entscheiden, bevor ich noch einmal mit ihr gesprochen habe. Sagt sie auch dann nein – nun, dann reden wir nicht mehr über die Sache. »Sie würden mich auch sehr verbinden, lieber Graf, wenn Sie jetzt gleich Ihre Frau Gemahlin von meinen Wünschen in Kenntnis setzen und vielleicht gemeinsam mit ihr mit der Komtesse reden möchten. Falls Sie mich von dem Resultat im Laufe des Vormittags nicht benachrichtigen können, – es würde mir dies sehr wertvoll sein, – komme ich in der Nachmittagsstunde, und wir überlegen das Weitere bezüglich dieser Mariage, die, ich hoffe es, allen Teilen zum Guten gereichen wird.« Der alte Graf nickte wie ein Kind, dem man einen für sein geringes Fassungsvermögen deutlichen Auftrag giebt, reichte Witzdorff die Hand und sagte: »Verlassen Sie sich darauf, liebe Exzellenz, daß es an mir nicht fehlen soll. Und was die Sache selbst anlangt, so danke ich Ihnen für die große Ehre. – Es ist ein Tag, ein Tag,« fügte er, den alten Kopf in seiner Bewegung heftig schüttelnd hinzu, »der, der –« Graf Witzdorff unterbrach den Freund mit einer verbindlichen Bewegung, berührte mit dem kleinen, gekrümmten Finger das Haupt, tupfte auch noch einmal behutsam auf seinen Rock, an dem ein Stäubchen von der Zigarette hängen geblieben war, und erhob sich. »Also noch im Laufe des Vormittags werde ich Nachricht von Ihnen erhalten, lieber Graf? Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank und empfehlen Sie mich gütigst der Gräfin.« Noch ein Händeschütteln; dann trennten sich die beiden Männer. *           * * Etwa eine Stunde nachdem Graf Felix Schlieben verlassen hatte, betrat Kay das Haus. Als er den geöffneten Flur durchschritt und sich nach dem Diener umschaute, der ihn melden sollte, öffnete eben Clementina-Julia die Thür des Wohngemaches. Ihre Mienen waren äußerst ernst; sie errötete und erbleichte in raschem Wechsel, als sie Kays ansichtig ward, und bat ihn nach einer kurzen, steifen Begrüßung, in die Empfangszimmer einzutreten. »Ich komme, Ihnen Adieu zu sagen,« erklärte Kay. »Ich reise morgen ab. Ich hatte insbesondere auch das Bedürfnis, Sie noch einmal zu sprechen, Komtesse. Ich wollte mir Gewißheit darüber verschaffen, daß kein Schatten mehr zwischen uns liegt. Darf ich es hoffen?« Clementina-Julia bejahte stumm und sah Kay mit einem vertieften Blicke an. Zugleich drückte sie unter bedrängtem Atemholen die Hand auf die Brust und fügte hastig hinzu: »Auch ich möchte mit Ihnen reden, Herr Graf. Nach dem, was heute morgen vorgefallen, treibt es mich, von dem Rechte der mir gebotenen Freundschaft Gebrauch zu machen.« »Heute morgen? – Ich verstehe nicht, Komtesse!« »Wie? Sie wissen nicht? –« stieß Clementina-Julia hervor, und in ihre Mienen trat jener Ausdruck von Unschlüssigkeit, der uns zeigt, daß jemand sprechen, etwas ihn Bedrückendes aus seinem Innern hervorholen möchte, und doch keinen Entschluß zu fassen vermag. Da in diesem Augenblick der Diener erschien und mit den Resten des eben beendeten Frühstücks vorüberschritt, wurden die Sprechenden getrennt. Clementina-Julia stieg die Treppe empor, und Kay trat ins Wohnzimmer. Der Graf ging bei seinem Eintritt mit großen Schritten auf und ab. Aus der Pfeife drangen blaue Wolken, und er sowohl wie die Gräfin hatten offenbar Mühe, die durch ein soeben abgebrochenes Gespräch hervorgerufene Bewegung zu unterdrücken. Aber Kays ruhiges und unbefangenes Benehmen blieb nicht ohne Wirkung auf sie. Wenige Minuten später saßen die drei plaudernd auf dem nach dem Garten belegenen Balkon beisammen und sprachen über des Gastes bevorstehende Reise, seine etwaige baldige Rückkehr und andere naheliegende Dinge mit jenem ausschließlich dem Gegenstande zugewandten Interesse, das eben so gut eine gesellschaftliche Äußerlichkeit, wie eine aus guter Erziehung hervorgehende, aufrichtige Teilnahme bezeichnen kann. Einmal nahm Graf Schlieben einen Anlauf und war im Begriff, die Dinge zu berühren, die ihn ausschließlich beschäftigten. Aber die Gräfin unterbrach zufällig seine Rede, und das Gespräch ward wieder auf Allgemeines gelenkt. Kay warf hin, daß er seinen Vater an dem heutigen Morgen noch nicht gesehen und gesprochen habe, und äußerte sein Befremden, als er vernahm, daß er bereits dagewesen sei. Bald darauf trat Clementina-Julia ins Zimmer, reichte Kay die Hand und ließ sich stumm in einen Sessel nieder. In diesem Augenblick hörte man das ängstliche Gegacker eines Huhnes, das von dem Haushunde gejagt ward. Graf Schlieben sah sich dadurch veranlaßt, in den Garten hinabzutreten, und auch die Gräfin wurde gleich darauf von der eintretenden Magd abgerufen. Als beide gegangen waren, erhob sich Clementina-Julia rasch, streifte das künstliche Wesen ab und sagte ohne Übergang und in starker Erregung: »Sie wissen also nicht, Herr Graf, daß Ihr Herr Vater heute morgen um meine Hand angehalten hat?« »Mein Vater? Ah – –!« rief Kay erblassend. »Und Sie?« »Darüber eben mit Ihnen zu sprechen hatte ich das dringende Bedürfnis. Ich möchte Ihren Rat – Ihren –« »Wenn Sie den wollen,« unterbrach Kay kurz und schroff ihre Rede, »dann sagen Sie nein!« »Und die Gründe?« Kay stand auf und schaute in den Garten hinab. Zugleich glitt ein dumpfer Zornlaut über seine Lippen. »Ist das der Freund?« Kay wandte sich rasch wieder um. In seinem Gesicht zuckte es, und mit leidenschaftlicher Bewegung ergriff er des Mädchens Hand. »Sie haben Recht! Verzeihen Sie, Komtesse! Mein Gefühl riß mich fort. Ich dachte zu sehr an mich, zu wenig an Sie. – Sie lieben meinen Vater?« Seine Augen suchten die ihrigen mit langem, tiefem Blick. Für Sekunden erlag sie dem Einfluß seines Wesens und vermochte nicht zu sprechen. »Sie antworten nicht, Komtesse? Nun, so will ich für Sie reden: Nein! Sie lieben ihn nicht! Sie können ihn nicht lieben! Aber Ihre Umgebung dringt auf Sie ein, und – die Zukunft erscheint vor Ihrem Blick. – Gründe? Alle diejenigen, welche sich Ihnen aufdrängen, habe auch ich Ihnen anzuführen. Aber es giebt noch andere, die ich ihnen nicht bezeichnen kann, ohne Gefahr zu laufen, von Ihnen mißverstanden zu werden, und vielleicht Dinge zu berühren, die besser zwischen uns unausgesprochen bleiben. Denn es giebt etwas Unausgesprochenes zwischen uns, Komtesse – nicht wahr –?« »Nein!« erwiderte Clementina-Julia fest. »Wenigstens nicht bei mir! Diesen Irrtum möchte ich Ihnen nehmen! Hören Sie, wie ich denke, und berichtigen Sie mich, wenn ich mich täusche. Darum bitte ich Sie! Ihr Herr Vater ist ein vollendeter Kavalier. Ich habe Veranlassung, ihm höchste Achtung zu zollen und ebenso großes Vertrauen entgegenzubringen. Aber eines ängstigt mich. Ich nehme und gebe keine Liebe, und ich werde – Ihre Mutter! Und Sie lieben mich; Sie deuteten es an. –« »Ja, Clementina-Julia!« drang es aus Kays Munde. »Mich ehrt diese Zuneigung – sie rührt mich – ich danke Ihnen. – Aber nun meine Frage! Irre ich mich in dem Urteil über Ihren Vater?« »Nein, Komtesse – –« »Also wie ich dachte! Sie geben mir meine Ruhe zurück und befestigen meine Entschlüsse! Und nun eine Bitte: Sie schrieben mir, Sie seien mein Freund. Wohlan! So erbitte ich von Ihnen einen Dienst, den größten vielleicht, den Menschen unter gleichen Verhältnissen zu fordern und zu gewähren vermögen: Sie verlassen Hamburg!« »Ja, Komtesse!« »Und Sie kehren niemals zurück?« »Ich verspreche es!« klang es nach kurzer Pause dumpf resigniert aus Kays Munde. »So ist denn alles zwischen uns geordnet! Ich werde ihrem Vater das Jawort geben. Leben Sie wohl, Graf Kay! Vergessen Sie mich nicht, und nehmen Sie Dank aus einem Ihnen tiefverpflichteten Herzen.« Da in diesem Augenblick Graf Schlieben und die Gräfin zurückkehrten, wurden die Sprechenden getrennt. Eine kurze, allgemeine Unterredung folgte, und dann empfahl sich Kay. Als er in der Thür Clementina die Rechte reichte, zitterte ihre Hand in der seinen. Er hielt sie für Sekunden, und sie sahen einander in die Augen wie zwei Menschen, die sich in tiefer Bewegung für immer Lebewohl sagen. *           * * Als Kay zu seinem Hotel zurückgekehrt war und das gemeinsame Wohngemach betrat, fand er seinen Vater dort anwesend. Nach kurzer Begrüßung und nach dem Ausdruck des Bedauerns, ihn an dem heutigen Tage noch nicht gesehen zu haben, teilte er ihm sogleich mit, daß er in wenigen Stunden abreisen werde. »Und aus welchem Grunde mußt Du so plötzlich Hamburg verlassen?« warf Graf Felix in starker Verwunderung hin. In Wirklichkeit drückte die Frage weniger Bedauern als angenehme Überraschung aus. Sein Sohn stand ihm im Wege, da ihm ein unbestimmtes Gefühl sagte, daß er seinen Heiratsgedanken würde durchkreuzen können. Kay gab Antwort und erwähnte zugleich, daß er sich bereits von Schliebens verabschiedet habe. »Du warst dort? Jetzt eben?« fragte Graf Felix, seine Enttäuschung nur schlecht verbergend. Es schien ihm nun plötzlich unnatürlich, daß er Kay bisher von seinen Plänen keine Mitteilung gemacht hatte. Kay ahnte, was in seinem Vater vorging, und ein Gefühl selbstloser Güte trieb ihn, der erste Verkünder einer guten Botschaft zu sein. Und doch, als er sprechen wollte, versagten ihm die Worte. Er sah seine verstorbene Mutter vor sich, und als er sich gar Clementina-Julia in den Armen seines Vaters vorstellte, schauderte ihn. Anders Graf Felix. Die Ungeduld, zu erfahren, ob man seines Antrages Erwähnung gethan, ob Clementina-Julia bereits eine Entscheidung getroffen habe, zerstreute seine bisherigen Bedenken. Zum erstenmal vielleicht in seinem Leben verließ den Mann nun, da es sich um eigene Herzenssachen handelte, die kühle Überlegung. »Eine Mitteilung von Wichtigkeit, bevor wir uns trennen, Kay« – begann Graf Felix und beobachtete voll Spannung seines Sohnes Mienen. »Eine solche bin ich Dir schuldig. Ich habe heute morgen um Komtesse Clementina-Julias Hand angehalten.« Aber statt Überraschung an den Tag zu legen, neigte Kay lediglich den Kopf, stieß den Rauch der Zigarre durch die Nase und sagte tonlos: »Ich weiß.« Der Graf atmete erleichtert auf. Nicht nur die unbequemen Folgen seines Bekenntnisses wurden durch diese Antwort beseitigt, sondern auch die Aussicht auf Nachrichten, vielleicht gute, eröffnete sich. »Sprachen der Graf und die Gräfin mit Dir von meinem Antrage?« Kay machte eine verneinende Bewegung. Eine kurze Pause trat ein. Der Graf zog die goldene Dose, öffnete und schloß sie, krümmte den kleinen Finger und kratzte den Kopf. Es ward ihm schwer, noch einmal zu fragen, unsagbar schwer. Das stumme Wesen seines Sohnes verletzte ihn aufs äußerste. Der Mensch, der da mit seiner gleichgültigen Ruhe vor ihm saß, mit einer Ruhe, in der sich Tadel und Herablassung zugleich ausdrückten, war ihm unerträglich. Und dennoch fragte er: »Also war's die Komtesse selbst, die von meiner Werbung sprach?« »Ja! Papa!« – Wiederum beschränkte sich Kay auf dies eine Wort. »Ich bitte Dich, rede, Kay. Deine sparsamen Worte sind peinlich und wenig artig.« Kay schwankte; er bestand einen schweren Kampf. Diese schlecht versteckte Liebesungeduld, die bei einem jungen Liebhaber begreiflich schien, aber die Würde eines so alten Mannes herabsetzte, reizte Kay. »Nun, Kay?« wiederholte Graf Felix. »Was soll ich Dir sagen, Papa.« Die Mienen des alten Herrn veränderten sich in auffallender Weise. Das Gesicht ward dunkler, die grauen Augen erhielten einen boshaften Ausdruck, und die Rechte zerrte an dem Monocle. Aber noch einmal überwand er die aufsteigenden Gefühle der Leidenschaft und beschloß, den so oft angewandten Regeln der Klugheit zu folgen. »Nun wohl, Kay! Ich vermag zu begreifen, was in Dir vorgeht. Du bringst meine Pläne mit Deiner verstorbenen Mutter in Verbindung und zürnst mir, daß ich sie scheinbar so früh vergessen konnte. Du irrst! Gerade weil ich mich in der Ehe mit dieser unvergleichlichen Frau so glücklich fühlte, reifte der Entschluß in mir, noch einmal zu heiraten. Meine vorgerückten Jahre, Deine Person, andere naheliegende Gründe riefen selbstverständlich in mir Bedenken hervor; dennoch siegte die Furcht vor der Vereinsamung, die Furcht vor der Hingebung an den Schmerz. Stünden wir uns näher, Kay, zeigtest Du ein lebhafteres Bedürfnis, in meiner Nähe zu sein, dürfte ich hoffen, Ersatz in Deiner Liebe und Freundschaft zu finden, so wäre ein solcher Gedanke kaum in mir aufgestiegen. Aber Du kommst und gehst wie ein Fremder. Ich weiß nicht einmal, ob ich Dich überhaupt wiedersehen werde, und, Kay, wie wenig Du Dich mit mir im Zusammenhang fühlst, das beweisen frühere Vorgänge. Selbst von Deiner Ehe hast Du mit mir nicht eher gesprochen, als sie bereits eine Thatsache war. –« Der Graf hielt inne und Kay erschrak. Er ward durch diese einsichtsvolle Sprache gerührt. Alle Worte des Grafen klangen in seiner Seele nach und schufen nicht nur eine andere Auffassung, sondern riefen ein reuevolles und warmherziges Gefühl in ihm wach. »Du hast Recht, Papa!« entgegnete er mit sanfter Fügsamkeit im Tone. »Ich billige alles, was Du sagtest. Verzeih mir meine Zurückhaltung Und noch mehr! Ich bringe Dir gute Nachrichten. Clementina-Julia wird Dir das Jawort geben.« Den alten Mann befiel bei Kays Worten ein heftiges Zittern. Er umarmte seinen Sohn und drückte nach langen Jahren zum erstenmal einen Kuß auf seine Wangen. »Kay, mein Junge!« flüsterte er, und etwas von unverfälschter, durch Dankempfindung erhöhter Liebe drang aus den grauen Augen. »Lebe wohl, mein lieber Papa! Mögest Du glücklich werden!« gab Kay zurück. »Ich werde bald von mir hören lassen!« Nach diesen kurzen, rasch das Gespräch abbrechenden Worten reichte er seinem Vater die Hand und verließ das Zimmer. Nachdem Kay gegangen war, stellte sich Graf Felix vor den Spiegel. Mit einem rotseidenen Taschentuch tupfte er eine Träne aus den Augen, dann aber schob er den durch die Erregung etwas gebückten Körper in die alte Haltung zurück und lächelte mit der zufriedenen Miene eines Menschen, der durch weise Beschränkung nicht nur seinen Gegner bezwungen, sondern ihn sich zum Diener gemacht hat. Zweites Kapitel. Die Sonne warf ihre Lichtströme herab und durchleuchtete den grünen Wald von Dronninghof, in dem tausend Vögel nisteten und unzählige, dem Auge verborgene Geschöpfe das Glück des Lebens genossen. Dieser Wald war ein Juwel. Nirgends gab es herrlichere Buchen, nirgends eine tiefere Einsamkeit, eine heiligere Ruhe, nirgends so schattige Spaziergänge, und nirgends schien die Luft von einem so reinen Atem erfüllt zu sein. Eine halbe Stunde von der Stadt entfernt lag das Gut Dronninghof mit seinem Park, seinen Äckern, Wiesen und Mooren, umzingelt von Wald und grünem Gehölz, und unbeschreiblich malerisch durch den Wasserstreifen, der die großen Parkwiesen von jenem trennte. Hier leben und das Glück des Daseins genießen, sorgenfrei, im Einklang mit sich selbst, den Sinn und die Gedanken auf das Gute und Schöne richten! Eben hatten die Arbeiter die letzte Hand an das Innere und Äußere des Herrenhauses gelegt. Eine wahrhaft vornehme Schönheit, jene Schönheit, die in der Anwendung sanfter Grundfarben ihre Aufgabe sucht, zeichnete die gesamte Einrichtung aus. Die Gitter, welche die Sandsteinstufen an den Eingängen flankierten, funkelten und glitzerten in Gold, und die von grünen Schlingpflanzen umrankten, schneeweiß gemalten Thüren und Fenster hoben sich prächtig ab von dem Perlgrau, mit dem die Wände angestrichen waren. Zahlreiche Arbeiter hatten sich draußen wochenlang gerührt und bis auf das zierlich emporstrebende Taubenhaus auf dem sich unmittelbar anschließenden Pachthofe glänzte alles, Wirtschaftsgebäude, Ställe, Pächterhaus und Nebengebäude, als sei es eben neu erstanden. Die ganze Stadt Schleswig nahm Anteil an dem Ereignis der Wiederkehr des Grafen! Nicht nur, daß Graf Felix von Witzdorff auf das Erbteil seiner Vorahnen zurückkehrte, ihn begleitete auch eine schöne, wenn auch nicht mehr ganz junge Frau, auf deren Erscheinen die Gesellschaftskreise äußerst gespannt waren, und das sie nicht minder beschäftigte als vordem die Kunde von des Grafen Eintreffen. Alle Welt rühmte des letzteren Liebenswürdigkeit, seine Leutseligkeit und – seine offene Hand. Was aber besonders für ihn eingenommen und wodurch sich bestätigt hatte, daß ihn nicht nur eine Laune vorübergehend in die Heimat zurückgeführt habe, war der Umstand, daß er sogleich in einige Klubs eingetreten war, abends mit den Mitgliedern L'hombre gespielt und verschiedene Besuche auch bei den angeseheneren Bürgern der Stadt gemacht hatte. Der alte Graf Schlieben war überglücklich, und nicht minder fand sich die Gräfin, wenn auch weniger von übertriebenen Hoffnungen erfüllt, mit ihrem Herzen bei der Verbindung ihrer Stieftochter. Einmal, in der Zwischenzeit, hatte Clementina-Julia in Begleitung ihrer Eltern Dronninghof besucht und voll glücklicher Überraschung in Augenschein genommen, was künftig auch ihr Eigentum sein sollte. Die liebenswürdigen und unausgesetzten Aufmerksamkeiten des Grafen Felix rührten sie. Er war in seiner Begegnung, auch wenn die Gelegenheit sie für kurze Zeit allein ließ, voll Ehrerbietung, und den geringsten Wunsch, den sie aussprach, faßte er mit einer Lebhaftigkeit auf, als sei er kein dem Greisenalter nahe gerückter Mann mit bedächtiger Erfahrung, sondern ein jugendlicher Liebhaber. Was aber Clementina-Julia insbesondere die letzten Bedenken nahm, ob sie klug gehandelt habe, war die taktvolle Art, in welcher Graf Felix ihr zu verstehen gab, wie sehr er sich durch ihr Jawort ausgezeichnet fühle. Immer von neuem betonte er, welches Opfer sie ihrer Jugend bringen werde, und in einem längeren Gespräch, das unter den Bäumen des Waldes stattfand, äußerte er in zarter Denkungsart, um wie viel größere Pflichten ihm daraus erwüchsen, sie glücklich zu machen. Clementina-Julia verglich jetzt unter einem Anflug von Geringschätzung Kays trotziges Werben mit der ehrerbietigen Höflichkeit seines Vaters. Die Vertraulichkeit, die sich jener gegen sie erlaubt hatte, ärgerte sie, trotz seiner freimütigen Abbitte. Ihr durch Enttäuschungen und Einsamkeit nur noch mehr genährter, an Hochmut grenzender Stolz lehnte sich dagegen auf, daß er gewagt hatte, sich ihr in solcher Weise zu nähern. Trotzdem war sie fortwährend mit ihren Gedanken bei ihm gewesen, sie konnte ihm, obschon sie sich dagegen kehrte, ihre Achtung nicht versagen, sie empfand, daß er ein seltener, ein echter und wahrer Mensch sei, und die letzten Vorgänge hatten sogar ein heißes Gefühl für ihn in ihr wachgerufen. Aber da sie einmal gewählt, hatte sie die Regungen, welche nur verderbliche Folgen haben konnten, rücksichtslos zurückgedrängt. Indem sie das Ersuchen an ihn richtete, niemals zurückzukehren, wollte sie sich vor sich selbst behüten. Aber diese Bitte entsprang weniger aus sittlicher Überlegung, als aus – Selbstliebe. Sie wünschte keine Unbequemlichkeiten aus neuen Begegnungen mit ihm zu haben, und so forderte sie, obgleich sie sich der Größe und Bedeutung ihres Anspruches für ihn bewußt war, daß er sie in Zukunft meiden solle. Selbstverständlich regte sich unter den Einwohnern Schleswigs neben der Neugierde und der Befriedigung über einen so besonderen Zuwachs für die Gesellschaft allerlei Neid, Mißgunst und Berechnung. Von letzterer war namentlich ein Verwandter des Grafen, der in der Stadt sowohl wegen seiner Sonderbarkeiten, als auch wegen seines nicht eben soliden Lebenswandels nur zu oft den Gesprächsgegenstand bildete, nicht frei. Im Grunde war Baron Hugo von Bomstorff ein Edelmann im besten Sinne. Aber seitdem durch den Verlust eines bedeutenden Vermögens eine Verschlechterung seiner Geldverhältnisse eingetreten war, hatte der angeborene Hang zu abenteuerlichen Affären neben einer nur durch große Ausgaben zu befriedigenden Eitelkeit den früheren Major der ungarischen Armee gegenwärtig in starken Verfall gebracht. Seit drei Jahren war er in seine Heimat zurückgekehrt und lebte teils von einer kleinen, ihm von der österreichischen Regierung ausgesetzten Pension, teils aus den Geldbeuteln anderer Leute. Die Wertuntersuchung von Medoc und Champagner war seine besondere Beschäftigung; aber wenn sie auch auf der einen Seite seinen natürlichen Esprit zu schärferem Ausdruck brachte, der sowohl etwas von dem bewußten Cynismus, wie von dem unbewußten Humor eines Rodenstein an sich hatte, so förderte doch diese Beschäftigung weder seine Gesundheit, noch verbesserte sie seine Verhältnisse und seinen Ruf. Graf Felix war die Verwandtschaft mit dem Baron mehr als unbequem; aber mit kluger Ergebenheit fand er sich in die Umstände. Nach einigen Vorbesprechungen erklärte er seinem Vetter, er wolle ihm eine kleine Rente aussetzen, die an der Kasse der Kreditbank monatlich am ersten ausbezahlt werden solle. Dagegen verlangte er – im übrigen voll Achtung vor des Barons Vorzügen – hundert Schritt Entfernung. Graf Felix erörterte diesen seinen Standpunkt in folgender Weise: »Wir sind« – erklärte er bei Gelegenheit einer Begegnung zu früher Stunde in den Parterreräumen der Ressource – »zu verschiedene Naturen, um uns zu assimilieren. Ich liebe die Ruhe. Alles Auffallende und Abweichende stört mich. Sie, Bomstorff, haben einen beweglichen Geist, sind, wie ich anerkenne, voll Genialität – dieses Zugeständnis machte Graf Felix seinem Verwandten mit der sicheren Berechnung, daß dadurch die Härten seiner Erklärung sich mildern würden –, aber der Zeit voraus oder noch in alten Anschauungen steckend; – ich vermag das zutreffend nicht zu entscheiden. So wollen wir uns denn lieber aus der Entfernung schätzen und werden zufolge unseres Arrangements wahrhaft gute Freunde bleiben. Ich mache Ihnen diesen Vorschlag um so mehr, als meine künftige Gattin unter Lehren und Beispielen auferzogen wurde, die von Ihren Lebensanschauungen wesentlich abweichen.« Hugo von Bomstorff erwiderte auf diese Rede: »Lieber Vetter! Ich verstehe Sie nicht nur, sondern ich schätze sogar ihre Offenheit. Die Freundschaft, die Weisheit nicht knüpfte, kann, wie Shakespeare sagt, die Thorheit leicht auflösen! Ich danke Ihnen und reiche Ihnen die Hand. Nur eine Bitte habe ich: Brauchen Sie einmal einen Menschen, dann wenden Sie sich an mich. Und nun ersuche ich Sie, mit mir eine Flasche Sekt zu trinken (Graf Felix fand diese Zeche auf seine Rechnung ebenso sonderbar, wie die Zeit, in der ihm das Anerbieten gemacht wurde – es war morgens zehn Uhr –), damit wir unsern Pakt besiegeln. »He! Zweifüßiger Frack!« rief Bomstorff dem Kellner zu, »eilt in den Keller und holt die beste Flasche! Ich habe die Ehre, meinen Vetter, den Grafen von Witzdorff, heute zu bewirten.« – Aber Graf Felix lehnte mit verbindlichem Dank ab, glättete die hirschledernen Handschuhe über den aristokratischen Händen und empfahl sich mit höflichem Kopfneigen. Diesen Tag der Rentenüberweisung feierte Baron Hugo, ohne sich zu erheben, bis in die späte Nacht, und Eingeweihte wollten wissen, daß er in dem ehrlichen Drange, seiner Erkenntlichkeit Ausdruck zu geben, gleich die Hälfte der ersten Monatsrate auf das Wohl seines Verwandten verzecht habe. *           * * Ein wundervoller Tag! – Vor der Kirche standen die Neugierigen zu Hunderten, und immer von neuem rollten die Wagen herbei. – Das Küsterhaus, die Schule und die Nebengebäude, welche den freien Platz umgaben, blitzten mit ihren Gemäuern und blumenbesetzten Fenstern im Sonnenschein. Vom Domturme erklangen die Glocken in feierlichem Ernst. Teppiche waren ausgebreitet, Rosen, duftendes Grün und Blumen bis an den Altar gestreut. Und drinnen war's still und andächtig, wie es in einem Gotteshause sein soll. Nun verstummten die Glocken. Das ungeduldig und neugierig erwartete Brautpaar war erschienen. Mächtig, herzerhebend, die Seele mit seltsamen Schauern erfüllend, brausten die Orgelklänge durch den Dom. Jetzt strömte auch die Schar der Neugierigen ins Innere und besetzte die Kirchenstühle bis an den Altar hinauf. Gesang der Chorknaben erscholl. Ein Hauch aus den Grabgewölben mit ihren groß en, eisenbeschlagenen Thüren, der Duft alter Farbe und die Luft dumpfer Abgeschlossenheit erfüllten den gewaltigen, durch gotische Pfeiler gestützten Raum. Durch die Kirchenfenster warf die Sonne ihre Strahlen; sie glitt über die rokokoumrahmten Heiligenbilder und die Portraits der Patrizierfrauen mit den krausenbesetzten Hauben und den fromm gefalteten Händen, über die goldbemalten Spitzen am Chor, über die marmornen Epitaphien und die silberglitzernden Orgelpfeifen. Sie umfing auch mit ihrem Glanze die große vornehme Gesellschaft; die Männer in den bunten, mit Ordenssternen bedeckten Uniformen, die Frauen in ihren seidenen Kleidern und Schleppen, sie verklärte des Predigers Gestalt, der wartend dastand mit dem schwarzen Büchlein, auf dem ein goldenes Kreuz eingegraben war. Sie beschien endlich das heute überaus bleiche, eingefallen kranke Gesicht des Bräutigams, des Grafen Felix von Witzdorff, Exzellenz. und die jugendfrohe Miene der Braut, die in wahrhaft gebietender Schönheit neben ihm stand. Und nun schwiegen Orgeltöne und Gesang, und der Geistliche hub an. Aber als er kaum das Wort genommen, begann Graf Felix heftig zu zittern, so heftig, daß Graf Schlieben hastig und erschreckt forthumpelte, um aus der Umgebung, in der eine gewaltige Bewegung entstanden, einen Stuhl herbeizuholen. Eine große, unerwartete Schwäche zwang den Bräutigam, neben der Braut niederzusitzen und nach der kurzen Unterbrechung in dieser Stellung zu hören, was von Gottes heiligen Geboten, seiner Gnade und Weisheit und von der Schwäche der Menschheit über des Predigers Lippen floß. Und als dann die Worte verklungen waren, als der Geistliche die Brautleute die Ringe zu wechseln bat, da faßte sich plötzlich der Graf, sichtlich von einem furchtbaren Schmerz gepackt, an die Brust, stöhnte noch einmal schwer auf und – verschied zum Grausen aller Anwesenden in den Armen derjenigen, die Gott nun doch nicht für ihn bestimmt hatte. Kein Glockengeläute, kein Orgelklang kein Predigerwort mehr! Nur unheimliches Gemurmel unter den Zahlreichen, die sich jählings vermehrten, als seien sie aus dem Boden gewachsen. Unruhiges Hin und Her auf den Stufen des Altars. Dann Leidtragende und Kirchendiener, die, nachdem der Küster den Ort geräumt hatte, des Abgeschiedenen Körper hier zunächst betteten. Und die Geister der Toten in den Grabgewölben schienen wach geworden zu sein. Es war sobald sich die Thüren hinter dem Letzten geschlossen hatten, als ob ein unheimliches Geflüster durch den Raum ginge, an dem ein so unerwartetes, furchtbares Ereignis sich zugetragen. Graf Felix von Witzdorff, Exzellenz, war gestorben, und sein einziger Erbe war Kay. Wäre Graf Felix einige Sekunden länger am Leben geblieben, – schon hatte Clementina-Julia den Ring zum Umtausch von ihrem Finger abgestreift – der herrliche Besitz und ein Teil des großen Vermögens würden sicher ihr Eigentum geworden sein. Nun aber war Kay der gesamte Nachlaß zugefallen! Graf Schlieben schien völlig fassungslos; der alte, hagere Kopf wackelte ihm mehr denn sonst zwischen den hohen Vatermördern, und die Pfeife flog haltlos zwischen den wenigen Zähnen hin und her. Ihre Ruhe bewahrte allein die Gräfin, die nicht nur Clementina-Julia aus der sie aufregenden Umgebung fortbrachte, sondern auch verananlaßte, daß Kay noch in derselben Stunde telegraphisch von dem Ableben seines Vaters benachrichtigt wurde. Derselbe traf auch so rasch ein, daß er Schliebens, die sowohl wegen Clementina-Julias Befinden, als auch wegen der Teilnahme an der Bestattung, Schleswig nicht verlassen hatten, noch anwesend fand. »Graf Witzdorff ist da!« rief Mercedes Schlieben aufgeregt und stürmte mit geröteten Wangen in das gemeinsame Wohnzimmer des Hotels, in welches eben der Graf und die Gräfin eingetreten waren. Clementina-Julia saß am Fenster, starrte seit einer Stunde wie abwesend auf die Straße und ließ die einförmigen Bilder, die sich ihrem Auge auf der sonnenbeschienenen, menschenleeren Gasse des Städtchens boten, halb bewußt, halb mechanisch auf sich wirken. Von ihren vernichteten Hoffnungen gingen ihre Gedanken auf das furchtbare Ereignis, von diesem auf ihre Zukunft und dann in die Heimat, ins elterliche Haus, zurück. Die alte Einförmigkeit und Öde ihres Lebens, die völlige Aussichtslosigkeit einer Veränderung desselben traten vor ihre Seele. Und so viele Nebendinge, deren Erwägung unter den ersten Eindrücken der Trauer nicht aufgekommen war, beschäftigten gegenwärtig ihre Gedanken und beschwerten ihr Gemüt. Mit welchen Opfern war die einer Gräfin von Witzdorff würdige Aussteuer beschafft worden, welcher Sorgen und Mühen hatte sich ihre Stiefmutter unterzogen, wie war der alte Mann, ihr Vater, unter den frohen Erwartungen der Zukunft aufgelebt, und wie geknickt schlich er einher, da nun alles wieder zertrümmert war. Und Graf Kay! Nun hatte sie ihn selbst gerufen, aber nicht um Zeuge ihres Glücks zu sein, sondern um es begraben zu helfen. Graf Kay! Gerade jetzt waren Clementina-Julias Gedanken ausschließlich auf ihn gerichtet –. Er liebte sie, und auch für ihn war's so heiß in ihr emporgequollen, daß sie sich vor einer Wiederbegegnung gefürchtet, sie, rücksichtslos ihrer Eigenliebe folgend, für alle Zeiten abzuschneiden gesucht hatte. Und dennoch lehnte sich Clementina-Julia gegen eine etwaige Verbindung mit Kay auf. Alle Stimmen, die früher für ihn geflüsterr hatten, waren verstummt. Sein herrisches, kurzes, keinen Widerspruch duldendes Wesen reizten sie, ihr Hochmut und ihr Stolz empörten sich dagegen. Liebe ohne Sympathie ist ein Schemen. Jene ist die alleinige Stütze zu ihrer Erhaltung. Ohne sie ist unsere Neigung für eine Frau nur eine kurz aufflackernde Flamme der Leidenschaft. Unter solchen Gedanken und Empfindungen empfing Clementina-Julia den bewegt auf sie zueilenden Sohn des ihr durch des Schicksals Fügung so früh entrissenen Mannes, und suchte vergeblich nach der rechten Fassung. Er aber traf alle Anordnungen mit einer Ruhe, die sie geradezu störte. Tiefes Leid hatte Kays Inneres auch nicht ergriffen, nur Gefühle der Pietät wirkten nach und Wehmut erfüllte seine Brust. Zudem vermochte er Clementina-Julia nicht zu beklagen. Da sie den Verstorbenen nicht geliebt hatte, empfand sie nur den Kummer einer materiellen Enttäuschung. Unter Enttäuschungen litten aber auch andere Menschen; jedes vernunftbegabte Geschöpf erfuhr sie täglich. Und die Zeit heilte alles. Aber die Gefühle der Liebe wurden von neuem und stärker in Kay geweckt bei Clementina-Julias Anblick. Es stand auch fest in ihm; er wollte noch einmal um sie werben. Und Clementina-Julia fühlte, was in ihm vorging und geriet in einen heftigen inneren Widerstreit. Sie vermochte, wenn sie ja sagte, also doch noch aus den alten Verhältnissen herauszutreten, konnte reich, gebietend, unabhängig werden! Ihr Herz schlug bei solchen Vorstellungen, aber freilich nur bei diesen! Als Kay nach dieser ersten Begegnung in Begleitung des Grafen Schlieben Clementina-Julia verlassen hatte, die Gräfin aber ins Nebenzimmer getreten war, näherte sich Mercedes, die stumm, jedoch mit lebhaften Blicken alles beobachtet hatte, was um sie vorging, ihrer Schwester und sagte: »Du, er ist nett! Nicht wahr? Wie natürlich, offen und gewinnend ist sein Wesen! – Das ist ein Mann, Julia!« – Sie nannte ihre Schwester stets bei diesem Namen. – »Ob er nun wohl sein prachtvolles Gut beziehen und ganz im Lande bleiben wird?« Clementina-Julia ward in ihrem Sinnen gestört und blickte ihre Schwester zerstreut an: »Du sagtest, Cedes?« Mercedes bewegte den Kopf und zuckte leichthin die Schultern. »Ja, ich sagte etwas! Doch gleichviel. Es war nicht so wertvoll, um gedruckt zu werden.« »Du sprachst vom Grafen Kay, ich hörte es wohl. Meine Frage entsprang einer Zerstreuung. Ja, Du hast Recht, er ist ein vortrefflicher Mensch« »Kennt Ihr Euch denn?« Clementina-Julia nickte. »Er war mit dem Grafen Felix damals zugleich in Hamburg.« »A – ah – so!« rief Mercedes langgedehnt, erhob die langen, ungelenken Arme, lächelte überlegen und forschte in ihrer Schwester Augen. »Laß doch die Thorheiten, Cedes« – herrschte Clementina-Julia zornig. »Werde doch überhaupt einmal etwas ernst, vernünftig und gesetzt und wetze Deinen vorwitzigen Mund nicht stets an allen Dingen.« »Ah! Wie lieblos Du sein kannst!« stieß Mercedes mit vorwurfsvoller Trauer heraus. »Lieblos? – Ich bin ernst und habe dazu Ursache. Deine Neckereien sind uupassend – heute wie immer. Du bist vorlaut, unbedacht und häufig recht albern. Nimm diese Mahnung an.« Es zuckte in Mercedes' etwas langen, aber schneeweißen Fingern; unter ihrem faltigen Kleide hob sich die Brust, und ihre blauen Augen blitzten flammend auf unter dem bevormundenden Tadel ihrer Schwester. »Du warst nie jung! Warst du nie jung, Julia?« fragte sie und stellte sich erhobenen Hauptes und nun mit trotziger Miene ihrer Schwester gegenüber. In diesem Augenblick erschien die Gräfin. »Was ist nun wieder?« drang's besorgt aus ihrem Munde. »Hm!« spottete Mercedes noch unter der Nachwirkung der Erregung und zog ein paar Ringlein an den Fingern auf und ab. »Julia schulmeistert wie gewöhnlich, und der Anlaß war ein Nichts.« »Unerträglich!« – flüsterte Clementina-Julia, deren hartes, verschlossenes Antlitz heute noch abstoßender erschien, zähneknirschend. In dem Trauergewande hob sich ihre Schönheit, aber ihre Erscheinung hatte unter dem zornverbissenen Ausdruck in diesem Augenblick etwas Unheimliches. Im Grunde liebten sich Mutter und Tochter durchaus nicht. Sie respektierten sich ohne Zuneigung. Die Gräfin hatte deshalb auch Clementina-Julias Fortgang aus dem Hause als ein Glück betrachtet. Es war aber ihr Grundsatz, sich womöglich immer auf die Seite ihrer Stieftochter zu stellen. Ihr sanfter Sinn und ihre edle Denkungsart ließen sie lieber gegen ihr eigenes Kind zu streng erscheinen, als daß sie den Eindruck einer Parteinahme für sie hervorrufen wollte. Auch diesmal verurteilte sie, ohne sich den Vorfall näher erklären zu lassen, Mercedes' vorlautes Wesen und bat sie mit eindringlichen Worten, nicht immer zu Uneinigkeiten Veranlassung zu geben. In Mercedes' Augen traten Tränen; sie wandte sich ab. Ein hülfloser Ausdruck blieb in ihren Zügen haften, und auf ihrer Mutter Worte fand sie mit ihrem gepreßten Herzen keine Erwiderung. »Zu allem auch noch Trotz statt Abbitte!« rief Clementina-Julia, indem sie absichtlich ihrer Schwester Verhalten mißdeutete, mit finsterem Ausdruck. Mercedes hörte die Worte und fuhr empor. »Nein, das ist zu viel. Mama! Zu viel – zu viel!« rief das heißblütige Geschöpf, und aus dem unschuldigen Mund drangen hastige Atemzüge. »Wenn ich schweige, ist's Trotz; wenn ich rede, ist's albernes Geschwätz. Bin ich fröhlich, schilt sie mich vorwitzig und thöricht; weine ich bei ihrer Lieblosigkeit, bin ich sentimental. Was gab denn Anlaß? Ich sprach von dem Grafen Kay und sang sein Lob. fragte, da ich 's nicht wußte, ob Julia ihn kenne, und als sie mit ja antwortete und so zerstreut dreinschaute, entfuhr mir ein ›Ah?‹ vielleicht ein neckisches ›Ah!‹ – War das ein Verbrechen?« »Nein!« – sprühte Clementina-Julia, ohne ihre Mutter zu vermittelnden Worten kommen zu lassen, ingrimmig auf. – »Das war kein Verbrechen, aber es verrät entweder eine für Deine Jahre unbegreifliche Flüchtigkeit oder einen schweren Mangel an Zartgefühl, daß Du in einer Situation, wie diejenige ist, in welcher wir uns befinden, Deine vorlauten Neckereien nicht zu unterdrücken vermagst. Was ich in diesen Tagen erlebte, ist sehr ernst, und einen Anspruch auf Schonung darf ich wohl wenigstens von jemandem erwarten, der mir so nahe steht wie Du. Ich bin nicht herzlos und nicht lieblos. Was Gutes an Dir ist, schätze ich, auch kannst Du geschwisterliche Nachsicht für Dich in Anspruch nehmen. aber es kommt immer auf das Wann und Wie an. Das tadelte ich, und den Tadel solltest Du annehmen, statt mich mit ungerechten Anschuldigungen zu überschütten. Habe ich recht Mama?« Abermals wollte die Gräfin antworten, aber Mercedes kam ihr zuvor. Was Clementina-Julia gesagt hatte, besänftigte, bekehrte sie keineswegs, reizte sie vielmehr zum äußersten. Es empörte sie, weil ihr Verstand ihr sagte. daß alle die Worte trotz des pathetischen Klanges eben doch nur Worte waren. Etwas Heuchlerisches, Ungerechtes fand sie darin, weil sie absichtslos gehandelt, nicht hatte verletzen wollen, und die Sache für zu geringfügig erachtete, um sich in solcher Weise verdammen zu lassen. Und unter diesem Eindruck schleuderte sie eine Entgegnung heraus, die Clementina-Julia erbleichen ließ, und die ihr ungelegener kam, als irgend ein Laut, den unbedachter Zorn hervorstoßen konnte. »Mit anderen Worten: Du beschäftigtest Dich in dem von mir angenommenen Sinne mit Graf Kay, und fandest es sehr unbequem, daß ich Deinen geheimen Gedanken Ausdruck verlieh.« Clementina-Julia schoß empor wie ein Raubtier. Sie flog gegen ihre Schwester auf, und ihr hinkender Gang erhöhte den Eindruck ihrer Empörung. »Cedes!« – schrie sie und ballte die Hände. »Entweder Du oder ich! Hinaus!« »Nein!« antwortete die Gräfin mit Würde. »Einem unbequemen Tier öffnet man die Thür, nicht seiner Schwester, die sich vergangen haben mag, die ihr Vergehen abbitten kann, aber nicht auf den Flur gehört! Wie ist es möglich, daß Ihr Euch in solcher Weise erregt? Ist das die ruhige, besonnene, vorurteilsfreie Clementina-Julia? Ist das meine gemütvolle Cedes, die schon weint, wenn ein Bettelkind um ein Almosen fleht? Wie weit treibt Euch Eure Leidenschaft! Clementina-Julia, ich begreife! Dein Herz ist zerrissen, Dein Denken in der Irre, Dein Gemüt getroffen, Deine Hoffnungen sind zerstört. Aber können Schmerz und Enttäuschung so verwirren? Ist die unbesonnene Neckerei ein Grund, daß Ihr Euer geschwisterliches Verhältnis vergeßt? Und kannst denn Du Dich nicht mäßigen, Cedes? Ist Dein Zorn so übergewaltig, daß Du sogar zu verwunden bestrebt bist? Ich bitte, einigt Euch! Gieb ein gutes Wort, Cedes! Reiche Deiner Schwester die Hand, Clementina-Julia!« Mercedes war ins Sofa gesunken und weinte – noch ein Kind – wie ein Kind. Dazu gesellte sich bei ihr ein durch die innere Erregung hervorgerufener, unheimlicher Husten, der die Gräfin heute wie stets mit größter Sorge erfüllte. Hohl klang's, als suche eine Schwerkranke röchelnd nach Atem. Clementina-Julia aber stand abgewendet wie ein Steinbild. Ihre bessere Natur wollte sich regen, sie bereute vielleicht sogar, aber ein herrischer Trotz, der ihr so oft während ihrer Lebenszeit im Wege gestanden hatte, nahm von ihr Besitz und verhinderte eine zuvorkommende Bewegung oder gar eine versöhnende Sprache. – Am folgenden Tage ward Graf Felix in die Gruft gesenkt. Auf einem stillen, von Buchen umgebenen Begräbnisplatz in dem Park von Dronninghof war die Erde geöffnet worden, und unter dem Sonnenschein, der durch die grünen Zweige irrte, unter dem Gezwitscher der Vögel ward er hinabgesenkt zur Ruhe, aus der es kein Erwachen giebt. Zahlreich war die Schar der Leidtragenden, welche den Grabhügel umgaben, und ein Schauer flog durch Kays Inneres, als die Erdschollen polternd auf den Sarg fielen. In diesem Augenblick würde er vieles hingegeben haben, wenn er noch einmal in die lebenden Züge des Mannes hätte schauen können, dem er seine Geburt verdankte, und der ihn mit der ganzen Kraft geliebt hatte, deren er fähig war. Ängstlich wog Kay in seinen Gedanken, ob er dem Dahingeschiedenen gegeben, was dieser zu fordern berechtigt gewesen war, und suchte nach der rechten Antwort. Ja, er hatte ihm gerade das geboten, was in seinem Herzen für ihn ruhte, nicht mehr, nicht weniger, und das entsprach seiner unbedingt wahren und ehrlichen Natur. Indem er seiner Liebe zu Clementina-Julia entsagte, hatte er überdies durch Thaten an den Tag gelegt, daß er sich seiner Pflichten als Sohn bewußt war. Nachdem alle von dannen gegangen waren, die seinem Vater die letzte Ehre hatten erweisen wollen, ließ er sich in der Nähe der Gruft nieder, und eine tiefe Schwermut bemächtigte sich des Mannes, der nach häuslichem Glück ausgelugt und es doch nur für so kurze Zeit in der Ehe mit seiner verstorbenen Frau gefunden hatte. »Clementina-Julia!« flüsterte er in der Erinnerung, und »Clementina-Julia!« ging es bei dem neuen Bilde, das vor seinem Geiste aufstieg, über seine Lippen. Eine brennende Sehnsucht ergriff Kay nach der zarten Hand und dem dunklen Auge der Verstorbenen, und eine übergewaltige Sehnsucht erfaßte ihn, zurückzugewinnen, was für ihn auf immer verloren war. Noch einmal ließ er alles vor sich ansteigen, was sich ihm im Verkehr mit Clementina-Julia Schlieben aufgedrängt hatte. Er wog ihre Tugenden und ihre Fehler. Besaß sie Eigenschaften, die er zu tadeln Veranlassung hatte? Wenn sie auch eine stolze Natur war, und ihre Lebensauffassung eine ernste, so schien doch ihre Strenge nicht ohne Güte und ihre Handlungsweise nicht von Launen, sondern von Grundsätzen geleitet. Das durch die Jahre gehobene Ebenmaß ihres Körpers, ihre wahrhaft imposante Schönheit, sowie die Ruhe und Vornehmheit ihres Wesens waren überdies mächtige Anziehungspunkte für Kays Entschlüsse. So begehrenswert erschien ihm der Gedanke, in dieser stillen Welt fortan mit Clementina-Julia zu leben, daß er am liebsten schon jetzt zu ihr geeilt wäre, um seinen Wünschen Worte zu verleihen. Aber lange mußte er noch warten, bis er ihr seine Liebe würde von neuem gestehen können. Schicklicherweise noch sehr lange, und das schien ihm in dem gegenwärtigen heftigen Drange seiner Empfindungen unerträglich. Auch war, wenn er ihr in seiner Vorstellung mit einem Antrage gegenübertrat, ein Punkt da, der vielleicht alle Pläne zu nichte machen konnte. Noch wußte sie nicht, daß er verheiratet gewesen war, noch weniger, daß er ein Kind besaß. Und immer wieder erfaßte ihn ein zagendes Gefühl, bestürmten ihn Zweifel, ob sie auch die rechte Frau sei, der er auch sein kleines Mädchen anvertrauen könne. Sein Töchterchen Carmelita war Fremden schwer zugänglich, nur an ihm hing sie, als habe der Schöpfer ihr lediglich eine auf ihn allein gerichtete Seele gegeben, als pulsiere ihr Herzblut nur für ihren Papa. Ihr ganzes Wesen war dem seinigen verwandt. Schon jetzt lag in ihrem Auge etwas Gebietendes, und mit ihrem Willen stand sie stets über ihren Gespielinnen. Ihr Unterscheidungsvermögen war von besonderer Art, und ihre frühe Selbständigkeit verriet neben ungewöhnlichem Verstand auch einen ungewöhnlichen Charakter. Trotz ihrer Gemütsweichheit, trat bisweilen in ihre großen Augen ein Ausdruck von Eigensinn und Auflehnung, vor der man erschrecken konnte, und nur einen Blick gab es, vor dem ihr trotziges Herz schmolz, der ihres Papas. Ganz wie die verstorbene Mutter, schlang sie voll heftiger Zärtlichkeit ihren Arm um Kays Nacken und vergrub ihr kleines, von dunklen Haaren umrahmtes Gesichtchen an seiner Brust. Töne des Jubels, die ihr überquellendes Empfinden verrieten, drangen dann aus ihrem Munde. Kay faßte die leichte, schlanke Gestalt an den Händen, und im Nu saß sie hoch oben an seinem Halse. Sie lachte mit funkelnden Augen und ließ sich wie ein Eichhörnchen an seinem Riesenkörper wieder herabgleiten. Wenn sie den biegsamen Oberkörper zurückbog, ruhte das Köpfchen ohne Anstrengung auf dem Erdboden, und ihre Finger legten sich, rückwärts gerichtet, schier auf die Handflächen. Unzählige Male hatte Kay im Laufe der Jahre an ihrem Bettchen gesessen und sie im Schlafe beobachtet. Anders als andere Menschen ruhte sie. Die Glieder ihres Schlangenkörpers lagen selten ausgestreckt; vielmehr zog sie die Kniee an die Brust, neigte den Kopf und kreuzte die Arme. Suchte er sie leise zu wecken, so wußte sie selbst im Schlafe, daß er in ihrer Nähe war. Mit geschlossenen Augen erhob sie sich, umfing ihn, preßte ihre Kinderarme mit inbrünstiger Zärtlichkeit um seinen Hals und ließ sich, von seinem Kusse berührt, wieder herabgleiten. Kay konnte es nicht erwarten, sie wiederzusehen, und nach den rätselhaften Schwankungen der menschlichen Seele stand ihm bei der Erinnerung an seine Carmelita plötzlich Clementina-Julia so fern, daß er eine Annäherung an sie sogar heftig von sich abwies. Aber diese, aus einer bangen Ahnung hervorgehenden Vorstellungen wichen ebenso rasch wieder. Unter neuen Eindrücken trat auch Clementina-Julias blendendes Bild wieder vor Kays Seele, und bei den in den folgenden Tagen an ihn herantretenden Aufgaben, die teils die Erbschaftsangelegenheiten betrafen, teils sich auf den Verkehr mit den Gutsangehörigen bezogen, brachte er bereits alles, was geschah, oder was er für die Zukunft plante, mit ihr in Verbindung. *           * * Schliebens hatten an dem Tage des Begräbnisses Schleswig verlassen. Der Abschied war kurz, aber bewegt gewesen, und Kays letztes Wort hatte das Versprechen enthalten, bei seiner Rückreise nach London einen Tag in Hamburg vorzusprechen. »Und werden Sie nun Ihren Besitz im Stich lassen und gar nicht zurückkehren?« äußerte die Gräfin. Mercedes horchte mit Spannung in den Mienen auf seine Antwort, während Clementina-Julia für diese Frage nur ein geringes Interesse zu haben schien. Zu aller Überraschung erwiderte Kay: »Der Tod meines Vaters hat mich bestimmt, meine Geschäfte fortan meinen Socii zu übertragen, den größten Teil des Jahres in Dronninghof zuzubringen, vielleicht sogar ganz dorthin überzusiedeln und mich der Verwaltung meiner Besitzung zu widmen. Schon der Wunsch, in der Nähe einer Familie zu bleiben, welche mir so teuer geworden ist, bestimmt meine Entschlüsse!« fügte er in einem, von seiner sonstigen Redeweise abweichenden, besonders verbindlichen Tone hinzu. Clementina-Julia erhob nach diesen Worten zwar das Auge, aber vergeblich suchte Kay nach einem Ausdruck in ihrem Angesicht, der verraten hätte, was in ihr vorging. Mercedes' Mienen nahmen dagegen einen glücklich überraschten, fast triumphierenden Ausdruck an, dem freilich ebenso rasch eine ernste Miene folgte. Ihre Brust hob sich ungestüm unter Empfindungen, über deren Bedeutung sie vorläufig noch zu keinem klaren Nachdenken gelangte. – Früher als Kay es gedacht, später aber als sein drängendes Herz es gewollt hatte, saß er Schliebens in deren Wohnung auf der Uhlenhorst in Hamburg gegenüber. Der Todesfall hatte Veranlassung gegeben, daß Mercedes nicht wieder zu den Holsteinischen Freunden zurückgekehrt war. So fand sie denn Kay bei seinem Eintritt ins Haus anwesend, und ein zufälliger Umstand führte es mit sich, daß ihn das junge Mädchen zunächst allein empfing. Sie fragte nach dem Gut, schwärmte für das Landleben, den Sommer und die goldene Freiheit, und gab ihrem Entzücken über Dronninghof Ausdruck. »Ich würde gleich morgens in der Frühe in den Park eilen und womöglich erst am Mittag zurückkehren, im Walde, auf den Wiesen einsam umherstreifen, Gräser und Blumen pflücken, den Tieren nachspüren oder im Schatten der Buchen mich lagern und träumen. Das wäre mein Ideal! »Wenn ich die Düfte des Landes und Feldes einatme, komme ich mir wie beseligt – wie ein besserer Mensch vor. Die Natur ist meine zweite Mutter; ich möchte mich an ihre Brust werfen und glückselig aufjauchzen.« Kay hörte diese ungekünstelte, beredte Sprache und betrachtete voll Inbrunst das schlanke Geschöpf mit den begeisterten Augen. »Sie sagen, was mich selbst durchdringt!« erwiderte er. »Ich beneide Sie, daß Sie Ihre Empfindungen in so zutreffende Worte zu kleiden vermögen.« Mercedes machte ein verwundertes Gesicht. Niemand hatte noch je etwas an ihr gelobt. Nun kamen so gute, anerkennende Worte aus dem Munde eines Menschen, dem gegenüber sie sich wie ein Nichts vorkam. Aber sie faßte sich rasch. »Danke, Herr Graf!« stieß sie mit drolliger Kürze hervor und lächelte lustig. Und beim Lächeln erschienen ihre hübschen, schneeweißen Zähne und verschönten ihr Angesicht. »Sie danken?« fragte Kay und betrachtete mit zunehmendem Anteil die Schwester des Mädchens, das er liebte, und deren Erscheinen er kaum erwarten konnte. Gerade so – genau so hatte seine Frau gelächelt, so naiv, so unschuldig, so fröhlich, und doch mit so klugem Ausdruck. »Ja, ich danke, weil mir nichts ein so großes Vergnügen machen kann, wie eine Anerkennung von Ihnen –« Cedes stockte. Plötzlich drang eine Blutwelle in die Wangen ihres von blondem Haar umrahmten Gesichts. »Das ist ein großes Kompliment,« erwiderte Kay, angenehm berührt. »Und das äußern Sie, ohne mich zu kennen?« »Ich kenne Sie,« – gab Mercedes bestimmt zurück. »So? So! – Und bei welcher Gelegenheit hatte ich die Ehre, Ihre ausgezeichnete Bekanntschaft zu machen?« Mercedes zog die Schulter, dann sagte sie in einem ernsten Tone: »Es giebt Menschen, deren Wesen man erkennt nach einem Blick, nach einem Wort. – Sie sind sicher ein ungewöhnlicher – ein selten guter – ein edler Mensch.« Kay sah die Sprecherin überrascht an. Alles floß so sicher und doch so bescheiden zwischen ihren Lippen hervor. Aber während er sie noch anschaute, überfiel Mercedes ein böser Hustenanfall; das zarte Rot ihrer Wangen wich hektischen Farben, die Brust arbeitete heftig und der Kampf mit dem Reize, der ihre Lungen peinigte, machte sie für den Augenblick unschön und – im höchsten Grade bemitleidenswert. »Ich bitte! Ich hole Ihnen Wasser. – Sie erschrecken mich, mein liebes Mädchen!« Mein liebes Mädchen! Das klang Mercedes wie Musik. Unter dem Husten, der ihr Angsttränen in die Augen getrieben hatte, wurden diese zu funkelnden Diamanten, und in ihrem Angesicht erschien ein hinreißender Ausdruck. Kay hatte sich rasch erhoben und war ihr näher getreten. Sie duldete es, daß er sie stützte und ihr auch sonst wie ein hilfreicher Freund seine Teilnahme an den Tag legte. Der jungfräuliche, von allem Staub und aller Unreinheit des Lebens noch unentweihte Körper des Kindes blieb für Sekunden in seinen Armen ruhen, und er fühlte ihren unruhigen Atem und hörte das Klopfen ihres stürmischen Herzens. Heiße Ströme gingen durch Kays Blut. – Waren denn diese Mädchen Zauberinnen? Die halbe Welt hatte er durchmessen. Die seidenweichen Haare der Blondinen, die üppige Schönheit der Brünetten, die trunkenen Lippen der Töchter des Südens und die gesunde Schönheitkraft der englischen Mädchen hatten sein Auge entzückt, aber unbewegt und unberührt war sein Herz seit dem Tode seiner Frau geblieben. Nun jagten sich die Empfindungen in seinem Innern bei dem Anblick und in dem Verkehr mit den beiden Schliebens, die in ihrer nordischen und südlichen Mischung ihn unwiderstehlich anzogen. Mercedes' blaue Augen glühten, und Blicke, kühn und sanft zugleich, schossen hervor unter den stark geschwungenen, dunklen Brauen. Zitternd trat sie von ihm zurück. Jetzt erschien Clementina-Julia. Ein schwarzes Gewand umschloß ihre Glieder und hob die wundervollen Formen ihres vollen, üppigen Körpers. Als Clementina-Julia Kays ansichtig wurde, zuckten ihre Mundwinkel, und im nächsten Augenblick lag ihre Hand in der seinigen. Mercedes war seitwärts getreten und zupfte an einem kleinen Tüchlein. Was sie that, war mechanisch; aber ihre forschenden Augen beobachteten jede Bewegung zwischen jenen. »Sie kommen!« – hub Clementina-Julia nicht ohne starke Bewegung an. – »Sie kommen so bald!« – wiederholte sie mit starker Betonung. Aber sie sagte nur das und schaute sich um, ob Horcher in der Nähe seien. Nun erblickte sie Mercedes, die rasch die Augen senkte und unbefangen dreinzuschauen suchte. »Geh, Cedes, und sieh, wo die Eltern bleiben,« warf sie kurz hin. Aber Cedes ging nicht. Sie zuckte die Achseln, als ob sie sagen wollte: Ich weiß sie nicht zu finden; auch will ich nicht fortgeschickt werden. »Hörst Du nicht?« drängte Clementina-Julia. Mercedes ließ die Unterlippe hängen und wandte sich trotzig ab. Sie that auch jetzt nicht, was ihr geheißen ward. »Sie sind schon benachrichtigt« – stieß sie endlich hervor. Clementina-Julia wollte aufbrausen, aber vor Kay bezwang sie sich. »Bitte, thun Sie es mir zu Liebe, Komtesse!« bat nun Kay, mehr mit Blicken als mit Worten. Mercedes neigte entgegenkommend das Haupt und machte einige Schritte vorwärts. Als sie aber ihre Schwester streifte, zog sie ein trotziges Gesicht. »Ein allerliebster Backfisch, Ihre kleine, große Schwester!« begann Kay, nachdem sich die Thür hinter jener geschlossen. Er sprach eigentlich nur, um etwas zu sagen. »Ein vorlautes Mädchen, das in seinen Jahren etwas mehr Lebensart gelernt haben sollte!« gab Clementina-Julia, ihrer schlechten Laune mit wenig Klugheit folgend, zurück. »Doch sprechen wir von anderen Dingen. Sie sind wieder da, und ich freue mich – ich freue mich! –« Aber die mit gehobener Stimme gesprochenen Worte verklangen, und was verheißungsvoll in ihren Augen aufgeblitzt war, erstarb eben so rasch. »Sie vollenden den Satz nicht« – drängte Kay, dem Mädchen näher tretend und fast stürmisch ihre Hand ergreifend. »Erst der Schluß macht den Sinn Ihrer Rede – vollkommen – macht ihn – für mich – beglückend –.« Clementina-Julia wich zurück. Sie war unberechenbar. Ihre Mienen hatten jeden Ausdruck von Wärme verloren. »Komtesse Clementina!« bat Kay zärtlich und in gewinnender Offenheit zugleich. »Sie geben und nehmen in demselben Atem. Ist das Recht? Ist das edel? Ist's nicht grausam?« »Ich gab?« erwiderte sie. Der langgezogene Satz klang kalt, und in Kay gärten Verdruß und Liebesqual. Aber noch einmal schob er alle Zweifel beiseite und sprach in feuriger Rede: »Ja, Sie gaben durch Blick und Wort, und eine Clementina-Julia kann nicht mit Gefühlen spielen. Ist nicht doch etwas Unausgesprochenes zwischen uns trotz Ihres einstigen Nein, Komtesse?« »Nicht jetzt, ich beschwöre Sie, Herr Graf!« entgegnete Clementina-Julia hastig. »Man kommt! Zudem, noch decken kaum einige Wochen den Sarg des Mannes, dem ich mich zu eigen geben wollte.« »Wohl, ich ehre Ihre Gefühle; ich teile sie. – Wie Sie es wünschen, soll es sein. Aber geben Sie mir wenigstens ein hoffnungsvolles Wort. Wollen Sie, Komtesse? Wollen Sie, Clementina-Julia?« Nun sah sie ihn wieder mit jenen rätselhaften Blicken an, die ihm soeben das Blut zum Herzen gejagt hatten. Aber sie antwortete nicht, und im nächsten Augenblick trat Mercedes ins Zimmer zurück. – Kays Reisepläne wurden durch Clementina-Julias Doppelwesen verändert. Über vierzehn Tage dehnte sich seine Gegenwart in Hamburg aus, und während dieser Zeit war er, wie vordem, ein täglicher Gast im Schliebenschen Hause. Aber nur selten fand sich Gelegenheit zu einem Austausch zwischen ihnen ohne Zeugen, und wenn Kay einmal den Mund öffnen wollte, um von seinen geheimen Wünschen zu sprechen, wich Clementina-Julia ihm aus oder unterbrach die angefangenen Sätze mit Erwiderungen, die mehr eine Abweisung als eine Ermunterung enthielten. Und doch! Wenn sie das Interesse bedachte, welches Kay Mercedes entgegentrug, ging es unruhig durch ihre Brust. Ein Gefühl der Eifersucht erfaßte sie, von dem sie sich nicht zu befreien vermochte. Aber auch dieses äußerte sich bei ihr in besonderer Weise. Sie war dann kalt, in ihrer Rede wortkarg und in ihrem Benehmen gleichgiltig. Und obgleich sie sah, daß Kay darunter litt, obgleich sie an seinem suchenden Auge erkannte, wie sehr sein Herz bei ihr war, änderte sich nichts in ihrem Wesen, ja, es kam vor, daß sie plötzlich abbrach, sich mit einem Kopfweh entschuldigte, das Zimmer verließ und für die Dauer des Abends nicht mehr zurückkehrte. Kay fand keinen Ersatz bei den Zurückbleibenden, saß vielmehr voller Zweifel und Unruhe da und ersehnte die Abschiedsstunde, um wenigstens mit seinen Gedanken allein zu sein. Immer richtete sich Mercedes Auge voll schwermütigen Ernstes auf ihn, wenn sie ihm zuhörte. Sobald sie aber den Mund öffnete, erschien sie wie ein unbefangen plauderndes Kind, das ohne Nebengedanken war und sich nur den Eindrücken des Augenblicks hingab. Einigemale versuchte Kay, sich den Fesseln Clementina-Julias gewaltsam zu entreißen. Er verurteilte das Mädchen, dessen Bild sein Inneres beschäftigte, und ein heftiges Gefühl der Auflehnung stieg in ihm empor. Aber diese Stimmungen verließen ihn eben so rasch wieder, wenn sie vor ihm erschien, wenn sie den Körper mit seiner imposanten Fülle bewegte, die kluge Rede über ihre Lippen ging, und sie ihre rätselhaften Augen, in denen Stolz und Hingebung blitzartig wechselten, zu ihm aufschlug. Dennoch war Clementina-Julia nichts weniger als gefallsüchtig. Absichtliche Reizmittel wandte sie nicht an. Sie glich ihm selbst, nur mit dem Unterschiede, daß sie sich keinen Zwang aufzuerlegen vermochte, daß sie sich in dem Kampf, den Pietät und Rücksicht mit Zuneigung und Abneigung gegen Kay mit einander bestanden, ganz ihren wechselnden Stimmungen hingab, während die gleichmäßige Ruhe, welche Kay auszeichnete, das Ergebnis einer durch die Jahre und durch die Erfahrungen gefestigten Geistesreife war. Als Kay eines Mittags vor dem Diner mit Mercedes durch den Garten schritt – Clementina-Julia war eben dem Rufe ihrer Mutter gefolgt – sprach jene in ihrer gewohnten, drollig geraden Weise auf den Gast ein. »Ich denke, Sie wollen reisen, hatten Eile! Nun sind sie schon über zwei Wochen in Hamburg. Halten Sie noch Geschäfte oder etwas anderes?« Da Kay nicht unbefangen war, forschte er raschen Blickes in den Gesichtszügen des Mädchens. Ein etwas spöttischer Zug, der um den geschlossenen Mund lag, nährte sein Mißtrauen, daß diese Frage nicht ohne Hintergedanken an ihn gerichtet sei. Von einem raschen Antriebe beherrscht, beschloß er, Mercedes auszuforschen und sich vielleicht ihrer Mithilfe zu bedienen. »Ich bleibe, weil Sie mich fesseln, Komtesse Mercedes,« warf er neckisch hin. »Natürlich!« bestätigte Mercedes ernsthaft. Auf diese Antwort wußte Kay nicht gleich etwas zu erwidern. Aber das wortgewandte Mädchen nahm statt seiner das Gespräch wieder auf. »Sie bleiben, Graf Witzdorff, weil Julia, meine Schwester, die Sonne scheinen und hinter den Kulissen auch einmal den Donner rollen läßt. Nun möchten Sie, natürlich nur aus Neugierde, wissen, ob Sonne oder Donner echt oder beide unecht sind? Wissen Sie, der Donner ist jedenfalls unecht. Es ist eben nur Kulissendonner.« Voll höchster Überraschung sah Kay die Sprechende an. Aber ihre Mienen waren diesmal vollkommen ernst. Diese offene Sprache ohne Einleitung und Übergang erschwerte ihm abermals eine Entgegnung. Aber Mercedes fand wieder mit richtigem Takt das richtige Wort. Sie sagte: »Graf Witzdorff! Ich bin ein unbedeutendes Mädchen, aber ein guter Kamerad, wenn ich einem Menschen zugethan bin. Fragen Sie mich! Ich weiß, Sie möchten sich jemandem anvertrauen.« »Ja!« erwiderte Kay, rasch und dankbar das Gute und Offenherzige dieser Worte erfassend. »Sie sind ein vortreffliches, liebes Mädchen und ein kluges zudem. Ich nehme Ihren Vorschlag an. Was meinen Sie, wenn ich ihre Schwester heiratete?« Mercedes erbleichte. Ihr war, als müsse ihr der Atem vergehen. Ihr gutes Herz, ein Spürchen Neugierde und ein kleiner Anhauch von unschuldigem Wichtigthun hatten zu ihren Worten Veranlassung gegeben. Aber als sie nun in dem, was sie für sich selbst hoffte, durch dieses unumwundene Bekenntnis so schroff betrogen ward. stiegen furchtbare Qualen der Enttäuschung in ihrem Innern auf. Ein leiser Schrei erklang gegen ihren Willen und unwillkürlich drückte sie die Hand auf die Brust. In Kays mildem Auge erschien ein sorgenvoll bewegter Ausdruck. »Was ist Ihnen, Komtesse?« hub er an. »Glauben Sie, daß meine Neigung nicht erwidert wird, oder vermuten Sie, daß ich Ihre Schwester nicht glücklich zu machen im stande bin?« »Sie – Sie, ja« – preßte das Mädchen heraus. »Sie können anderen Menschen gewiß einen Himmel auf Erden verschaffen. Aber – aber – Doch nein! Es ist nicht gut von mir, Graf Witzdorff. Verzeihen Sie, und entbinden Sie mich meines Anerbietens. Wie kann ich etwas richtig beurteilen? Ich! Mir fehlt die Erfahrung. Ich habe kein Recht –« »Doch, Sie können, Sie sind für Ihre Jahre ungewöhnlich reif und haben ein klares Gefühl –« »Nun denn; erklärte Mercedes entschlossen. »So sage ich Ihnen – so meine ich, daß meine Schwester einen sittenreinen Charakter besitzt und voll Pflichttreue ist. Aber Liebe? Pah! Das Wort Liebe kennt sie nur dem Namen nach.« Kay stutzte. Mercedes unterstützte seine eigenen, geheimen Zweifel. Er trennte in diesem Augenblick – ein nur zu seltener Vorgang in dem leidenschaftlichen Taumel, in dem sich die Menschen befinden, so lange sie um den Gegenstand ihrer Neigung werben, – kühles Denken von den Regungen der Leidenschaft. Carmelita, seine kleine, heißgeliebte Carmelita lag an seiner Brust und weinte, und er sah den kalten Ausdruck in den Mienen der Frau, die – wenn auch vielleicht nur infolge der widerfahrenen Enttäuschungen – doch nur ihr eigenes Ich kannte. »Sie kann nicht lieben!« wiederholte sich Kay stumm. Ihm schien plötzlich, als stehe er vor einem Abgrund. – Und doch – doch zürnte er der Sprecherin! Ewig bleibt das Rätsel, weshalb der Schöpfer uns Menschen den Drang zum Verkehrten mit so tiefen, unausreißbaren Wurzeln in das Innere grub. Wir lockern sie bisweilen, mitunter reißen wir sie ganz heraus, aber meistens nähren wir ihr Wachstum noch durch unsere schmeichelnden Vorstellungen. Und so ging es Kay auch, so ging es bei dieser Liebeswerbung demselben Manne, der sonst mit kühlem Wägen stets das Rechte zu treffen vermochte. »Ich nehme ein früher gesprochenes Wort von Ihnen auf, Komtesse,« begann er, nachdem in raschem Fluge der Gedanken seine Leidenschaft doch wieder die Oberhand gewonnen hatte: »Sie sehen durch Ihren Spiegel! Ihr Empfinden ist lebhafter als das Ihrer Schwester. Es liegt in den Jahren. Was Sie äußerten, klang überaus hart! Urteilen Sie nicht zu streng?« Mercedes bewegte die Achseln. Sie wollte sprechen und schlug doch nur die Augen zu Boden, und in ihnen perlten plötzlich Tränen. Aber es waren nicht die Zähren enttäuschter Liebe – diese gelangten erst später mit verdoppelter Kraft zum Ausdruck – es waren aus ihrem edlen Herzen hervorquellende Tränen der Reue. Ihr war von Kays Bewegung nichts entgangen. Er liebte Ihre Schwester. Und nun hatte sie Funken des Mißtrauens zwischen sie geworfen und vernichtete vielleicht beider Hoffnungen! »Sie sind bewegt?« hub Kay rasch mit gedämpfter Stimme an. »Ich bitte, weinen Sie nicht! Was ist's? Was bekümmert Sie?« Keine Antwort. In diesem Augenblick vernahm man das Geräusch nahender Schritte, und Kay sprach noch einmal rasch auf Mercedes ein. »Ich war unbesonnen, ich war nicht gut. Sie haben Recht!« preßte das Mädchen heraus. »Vergessen Sie, – ich bitte, – was ich sagte.« Und dann war sie zwischen den Bosketts verschwunden. Drittes Kapitel. Ein halbes Jahr war vergangen. Clementina-Julia hielt einen Brief in den Händen, den sie nun schon zum dritten Mal unter wechselnden Empfindungen gelesen hatte. Er lautete: »Meine teure, unvergeßliche Komtesse! Mit dieser Anrede trete ich vor Sie hin und bitte, mir Gehör zu schenken. Als ich vor Monaten von Ihnen Abschied nahm, war um mich her gleichsam alles erstorben, denn Ihre ausweichende respektive unbestimmte Antwort auf meine Frage: Wollen Sie die Meine werden? war für mich fast schwerer, als eine Verneinung, der sich ein Mensch durch seinen Willen und durch die Hilfe der alles besänftigenden Zeit zu fügen vermag. Sie sagten mir: ›Ich kann Ihnen heute kein Nein und kein Ja sagen. So ernste, neue Entschlüsse zu fassen, widerstrebt meiner Natur unter den noch lebendigen Eindrücken des entsetzlichen Ereignisses. Sie erkennen daraus, daß ich Ihrem Vater wirklich zugethan war.‹ Sie sprachen dann von mir und ehrten mich durch Ihre gute Meinung. Sie erklärten, daß Tausende neben mir glücklich werden würden, Sie aber Zweifel hegten, weil unsere Naturen zu viel Verwandtes in sich trügen. Meine Achtung vor Ihrem Charakter konnte sich nur erhöhen, indem Sie selbst ein Bild von sich entwarfen, daß ich zwar nicht als zutreffend anzuerkennen vermag, dessen Schilderung mir aber bewies, daß Sie eine wahrhaftige Natur sind. Und diese Ihre Eigenschaft macht Sie mir über alles teuer. Ich komme nun nach einer für mich langen und mit schweren Kämpfen verbundenen Spanne Zeit noch einmal, zum letztenmal, und frage Sie auf diesem Wege, ob Sie mein Weib werden wollen. Versprechungen und Schwüre werden Sie mir erlassen. Sie glücklich zu machen, selbst zu einem ruhigen Glück zu gelangen und einem zärtlich geliebten Wesen eine Stütze zu geben, ist mein sehnlichster Wunsch. Und mit dieser Hindeutung gelange ich zu einem Bekenntnis. Die Frau, von der ich Ihnen wiederholt sprach, die Ihren Namen trug, und deren Bild dem Ihrigen so sehr verwandt ist, war mein Weib. Sie starb vor Jahren. Ein kleines Mädchen, das uns geboren ward, war bisher der Mittelpunkt meines Lebens. Und das ist's! Ich bitte Sie ehrlich zu prüfen, ob Sie für dieses zugleich eine sanfte Hand und ein warmes Herz haben können. Meine Liebe zu dem kleinen Wesen ist eine andere, aber sie ist nicht minder tief als diejenige für Sie. Wenn Sie sich entschließen, meine Frau zu werden. so fürchten Sie nicht, daß das Urteil der Welt Sie kränken wird. Wollen Sie mit mir in England oder sonst an einem Orte der Erde leben, vorübergehend, für immer gar, so füge ich mich Ihren Wünschen. Eine heiße Sehnsucht treibt mich freilich nach meiner Heimat, nachdem ich sie wiedergesehen habe. Dronninghof scheint mir ein Ort, um glücklich zu sein; schon die Natur dort ist danach angethan, Schmerz in Freude zu verwandeln und Befriedigung in der Ausübung des Guten zu finden. Und nun – ich bitte – lassen Sie mich nicht länger im Ungewissen, Clementina-Julia, und glauben Sie an die Aufrichtigkeit der Empfindungen Ihres                           Kay Witzdorff.« *           * * Nach diesen Ereignissen waren Sommer und Winter viermal ins Land gegangen. Graf Kay Witzdorff lebte mit seiner Gattin Clementina-Julia seit anderthalb Jahren in Dronninghof und besaß außer seiner Carmelita aus erster Ehe, die nunmehr neun Jahre alt geworden war, noch zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Nicht zum wenigsten wurden seinerzeit Clementina-Julias Entschlüsse durch Kays Vorschlag bestimmt, zunächst nicht nach Dronninghof zurückzukehren. Abgesehen von der Peinlichkeit, den unter so außerordentlichen Umständen verlassenen Besitz als Wohnort zu wählen, wirkte hierbei auch die Scheu vor dem Urteil der Menge mit. Clementina-Julia war die Verlobte des alten Grafen Felix gewesen und sollte nun als die Frau des Sohnes Glückwünsche entgegennehmen? Sie mochte nicht einmal den Gedanken fassen. Nach einer achttägigen Überlegung hatte Clementina-Julia Kay geantwortet und ihm das erbetene Jawort gegeben. Der Brief war für ihren Charakter bezeichnend und lautete wie folgt: »Mein lieber Graf! Voll Dank und Rührung empfing ich Ihr Schreiben und sage Ihnen, daß ich die Ihrige sein will fürs Leben. Beschämt stehe ich vor all Ihrer Güte, und Reue empfinde ich jetzt, Sie so lange in Zweifel gelassen zu haben. Ihre Zeilen beweisen mir von neuem, wie gut und edel Sie sind. Hören Sie, mein Freund, was ich Ihnen zu sagen habe, und versuchen Sie, mich etwas weniger streng zu beurteilen. Ich habe ein einzigesmal in jüngeren Jahren geliebt, so geliebt, wie die Natur die Fähigkeit in mich hineinlegte. Ich sage es frei: ich gehöre zu denen, die nur einmal mit ganzer Kraft sich hinzugeben vermögen. Wenn später mein Herz einem Manne entgegenschlug, war's eine warme, gute, aus Achtung gestützte Empfindung. Jener Mann aber erwiderte meine Neigung nicht in gleicher Stärke; wenigstens hat sein Mund nie gesprochen. Mein körperliches Leiden mag ihn abgestoßen oder Bedenken in ihm wachgerufen haben. Nun kamen die Jahre der Trauer und der Einförmigkeit und mit ihnen jenes Alter, in dem einem Mädchen der Brautschleier ein Luftgebilde zu sein scheint. Nur ein geringes Gegengewicht für die schmerzvollen Enttäuschungen fand ich in der Erfüllung meiner Pflichten, da deren Ausübung mich nur zum Teil befriedigte. Immer hatte ich mir früher ausgedacht, wie herrlich es sein müsse, ein eigenes Hauswesen zu besitzen, darin thätig zu sein und unter den freundlichen Abwechslungen, die das Leben bietet, mein Glück zu suchen und zu befestigen. Meine Mutter hatte ich verloren. Einen vollen Ersatz kann eine Fremde – und hätte sie das Herz eines Gottes – nicht gewähren. Mein Vater, den ich als Tochter zärtlich liebe, ist ein Mann mit einem kleinen Gesichtskreis; seine Anregungen erschöpfen sich immer sehr bald, und die notwendige Unterordnung unter seine Gewohnheiten, sein unschlüssiges und mehr auf nebensächliche Äußerlichkeiten gerichtetes Wesen machen den Aufenthalt im Hause reizlos, oft wegen der Einförmigkeit zu einem halben Gefängnis. Da kam Ihr Vater, den ich aus den begeisterten Erzählungen des meinigen kennen gelernt hatte. Wenn ich auch abrechnete, was davon auf Rang und Reichtum des Verstorbnen zu schreiben war, so blieb doch eine Summe immer wieder gerühmter Vorzüge. Auch hatte Graf Felix meinem Vater in jüngeren Jahren einmal in hochherzigster Weise geholfen. So gesellte sich zu dem Interesse zugleich ein Gefühl der Dankbarkeit. Als ich ihn sah, ward ich in meinem Vorstellungen verstärkt. Sein ritterliches Wesen, seine Aufmerksamkeiten, die Art, in der er mich in den Vordergrund stellte, die Form der Werbung, die rührende Weise, in welcher er stets von dem großen Opfer sprach, welches ich ihm bringen würde, schmolzen mein Herz, und beseitigten meine natürlichen Bedenken. Was folgte, wissen Sie. Aber etwas wissen Sie nicht, und das will ich Ihnen heute sagen: Ich interessierte mich lebhaft für Sie beim ersten Sehen, und wäre Ihr Vater nicht über unsere Schwelle getreten, hätten Sie gleich um mich geworben, ich hätte meine Hand in die Ihrige gelegt. Und nicht, wie Sie bisweilen äußerten, gleich einer Königin, die ein Fürstentum zu verschenken sich herabläßt, sondern, mein teurer Freund, mit den besten Empfindungen und mit dem Gefühl der Dankbarkeit zugleich. Zum Schlusse noch eines. Ich bin eine herrschsüchtige Natur; meine Gefühle zu äußern, wird mir schwer; ich bin äußerlich eher hart als warm, und Kälte von anderer Seite macht mich gar zu Stein. Davon haben Sie auch sehr viel. Diese Gleichartigkeit ängstigte mich; sie war es, die mich neben dem begreiflichen Zaudern, so rasch ein abermaliges Ja zu sagen, schwanken ließ. Mögen Sie auch meine vielleicht strenge Hand, die sich über Ihre Carmelita ausstrecken wird, nicht als eine lieblose ansehen! Sie irren nicht! Wahrscheinlich liegt hier die größte Schwierigkeit für unser künftiges Glück. Helfen Sie mir denn! Ich verspreche Ihnen gerecht zu sein, selbst wenn ich nicht zu lieben vermag. Seien Sie nachsichtig! Und nun schlinge ich meinen Arm um Ihren Hals und flüstere Ihnen zu, mein geliebter Mann: Ich liebe Sie und sehne mich nach Ihnen. Kommen Sie bald zu Ihrer Clementina-Julia.« Auf diesen Brief war Kay sogleich nach Hamburg geeilt. Er fand Clementina-Julia bei der Begegnung zurückhaltender, als er erwartet hatte, auch seinen Wünschen wegen einer baldigen Vermählung weniger geneigt. Aber durch den engeren Verkehr löste sich allmählich das letzte Fremde in ihrem Wesen; sie ward lebhafter, zuthunlicher und durch seine ehrerbietige Unterordnung wärmer; sie drang endlich selbst mit einer gewissen Ungeduld auf eine Beschleunigung ihrer Verbindung. Diese fand vierzehn Monate nach des Grafen Felix Tode zur Freude und zum Stolz des alten Schlieben in Hamburg statt, und erst bei dieser Gelegenheit sah Clementina-Julia das kleine Wesen, dem sie fortan Mutter sein sollte. Mercedes war bei Kays erstem Besuche nicht zugegen gewesen, auch traf es sich, daß sie bei einer Wiederholung desselben vor der Hochzeit sich abermals bei Verwandten befand. Als Kay ihr seine Verlobung mit Clementina-Julia meldete, schrieb sie ihm einen eigentümlich abgefaßten Brief, in dem sie noch einmal an die früheren Vorgänge anknüpfte, und der einige Sätze enthielt, die Kay vorübergehend lebhaft beschäftigten. Ich erfuhr inzwischen, hieß es darin, daß Sie verheiratet gewesen seien, Graf Kay. Aus einem Bilde lernte ich auch Ihre Tochter Carmelita kennen. Wie schön ist sie, und wie liebe ich sie schon, ohne sie noch gesehen zu haben. Wollen Sie Ihr einen Gruß von mir sagen und ihr die kleinen Blumen geben, die ich in diesen Brief einschließe? Kay verglich diese Sprache mit der Haltung Clementina-Julias. Wohl hatte die letztere häufig nach der kleinen Carmelita gefragt, den Wunsch, sie kennen zu lernen, auch wiederholt geäußert, aber ihre Worte ließen irgend ein Interesse doch nicht durchblicken, und auch in den späteren Briefen erwiderte sie des Kindes Grüße nur mit kurzen Worten. Kaum ein einziges Mal nahm sie die Gelegenheit wahr, Carmelita durch irgend eine Aufmerksamkeit zu erfreuen. Mutter und Tochter sympathisierten auch in der That nicht miteinander. Schon bei der ersten Begegnung lag etwas Kaltes in beider Augen, das darin haften blieb trotz äußerlicher Glätte. Kay tröstete sich mit Hoffnungen auf die Zukunft; zudem waren seine Gedanken so ausschließlich bei der Frau, die zu erringen er so manchen Widerstand hatte überwinden müssen, daß die Rücksicht auf sein Kind in den Hintergrund trat. Während der über ein halbes Jahr ausgedehnten Hochzeitsreise ward die Kleine Schliebens übergeben, und als sich Kay und seine Frau endlich in London niederließen, erschien es beiden geeigneter, den in Hamburg begonnenen Unterricht nicht zu unterbrechen und Carmelita vorläufig dort zu lassen. Die Anregungen hierzu gingen von Clementina-Julia aus. Ihre Gründe waren so überzeugend, und Kay hatte sich zunächst so sehr gewöhnt, ihre Meinungen gelten zu lassen, daß ihm, zumal als Clementina-Julia später einem Knaben das Leben gab, der Gedanke an eine Vernachlässigung seines Kindes gar nicht in den Sinn kam. Anders ward es freilich, als die Ehegatten sechs Monate nach dessen Geburt zum Besuche in Hamburg eintrafen. Bei dieser Gelegenheit empfand Kay bereits die Entfremdung, die zwischen ihm und seiner Tochter eingetreten war, und er machte sich Vorwürfe, in diese unnatürliche Trennung von seiner geliebten Carmelita gewilligt zu haben. Aber das waren doch mehr vorübergehende Eindrücke als zu kräftigen Entschlüssen treibende Gedanken. Clementina-Julia wies ihm in überzeugender Rede nach, daß er dem Drang seines Herzens folgen wolle, während die Vernunft zu anderem rate. Das Kind, das bisher nur englisch gesprochen habe, müsse deutsch lernen, da sie später doch nach Dronninghof ziehen wollten. Die Folgen einer Verzärtelung von seiner Seite hätten sich in Carmelitas Charakter geltend gemacht; die jetzige Erziehung sei für sie ein großes Glück. Endlich habe sie sich auch körperlich in Hamburg weit besser entwickelt, als in dem nebeligen und mit Dünsten angefüllten London. Dieses Gewicht ihrer Einwände ward einerseits verstärkt durch die Liebe, welche die alten Schliebens der Kleinen entgegentrugen, andererseits durch allerlei nicht ganz von Nebengedanken freien Ermunterungen von deren Seite. Kay zahlte ein hohes Kostgeld für Carmelita, und er selbst wünschte, dieses Schliebens nicht zu entziehen. Ganz besonders ausschlaggebend aber war die liebevolle Art und Weise, in welcher Mercedes, die sich in der Zwischenzeit geistig und äußerlich in überraschender Weise entwickelt hatte, mit Carmelita verkehrte. In ihr schien dem Kinde wirklich eine zweite Mutter entstanden zu sein. Es war rührend, mit welcher Zärtlichkeit das Kind an Clementina-Julias Schwester hing. Einmal in der Nacht, nach einer recht heftigen Scene, zu der das trotzige Benehmen Carmelitas ihrer Stiefmutter gegenüber Veranlassung gegeben hatte, wachte Kay auf und lag lange schlaflos. Ein schweres Gefühl von Reue zog durch seine Brust. Er gedachte seines Kindes, und seine erregten Vorstellungen ließen ihm alles, was geschehen, im dunkelsten Lichte erscheinen. Er gedachte Mercedes' mit ihrem sanften Wesen und verglich damit Clementina-Julias strenge Mienen. Clementina-Julia fühlte nur zu gut, was in solchen Stunden in Kay vorging, auch kämpfte sie vorübergehend einen ehrlichen Kampf. Aber ihre Eigenliebe und ihre Abneigung gegen die Kleine redeten eine lautere Sprache, als ihre bessere Natur. Da sie aber Kay in ihrer Art zugethan war, auch die Klugheit riet, ihrer Natur Zügel anzulegen, umgab sie ihren Mann mit um so größeren Aufmerksamkeiten und ging auf Wünsche ein, denen sie sonst einen entschiedenen Widerstand entgegengesetzt haben würde. Überhaupt war sie sich ihres Einflusses und ihrer Macht auf ihn wohl bewußt. Sie hatte die Erfahrung gemacht, daß sie zuletzt immer siegte, und sie wandte gelegentlich jenes Zaubermittel an, das bei Männern, welche ihre Frauen nicht nur lieben, sondern ihr Lebelang um ihre Gunst weiter werben, niemals seine Wirkung verfehlt: sie schmollte, blieb wohl gar Tage lang stumm und reizte ihn dadurch, jedes denkbare Mittel der Versöhnung anzuwenden. Wenn sie vor ihm erschien mit ihrer gebietenden Gestalt, mit ihren blendenden Farben, ihrer die Sinne reizenden Fülle und den ebenmäßigen Schönheitsformen, wenn sie gar lachte oder ihn mit dem ihr eigenen, bestrickenden Ausdruck in den Augen anschaute, dann ward der sonst so zielbewußte Mann schier zu einem gefügigen Diener und nicht, wie früher, stand er über ihr, sondern sie über ihm. Freilich hatte sich dies seit dem Aufenthalt in Dronninghof bereits wesentlich geändert! Die Leidenschaft war ruhigeren Gefühlen gewichen, und Kays ursprüngliche Natur kam wieder zu ihrem Rechte. Schon hatte es mancherlei heftige Scenen gegeben. Viertes Kapitel. Es war gegen Ende des Frühlings, als Mercedes in Dronninghof erwartet wurde. Clementina-Julia, obwohl durchaus nicht erfreut durch den Besuch, hatte sich von ihrer Klugheit leiten lassen, dem keinen Widerstand entgegenzusetzen. Es wäre allzu auffallend gewesen, wenn sie ihre Schwester nicht selbst mit den freundlichsten Worten eingeladen hätte. Schon als Entgeld für die Sorge, welche diese für Carmelita an den Tag gelegt, war solches nicht zu umgehen gewesen. Mercedes brachte Carmelita nunmehr zu einem dauernden Aufenthalt nach Dronninghof. Es war beschlossen worden, sie noch vor den Jahren ihrer Konfirmation in Schleswig eine gute Schule besuchen zu lassen, den Unterricht durch Privatstunden zu vervollständigen, und sie später, nach einem Aufenthalt in der französischen Schweiz, ihrer Mutter und den Geschwistern zuzugesellen. Kay stand zum Empfange seiner Tochter und Mercedes' am Bahnhofe. Soeben hatte er den mit zwei feurigen Schwarzen bespannten Wagen, der die Ankömmlinge nach Dronninghof führen sollte, verlassen, und neben ihm schwatzte sein Verwandter, Baron von Bomstorff, mit pathetischer Rede. »Ich bin begierig, lieber Freund und Vetter, Ihr Töchterchen kennen zu lernen, auch die schöne Komtesse Mercedes zu begrüßen, deren Lob die Vögel in Dronninghof zwitschern. Vor Jahren – Sie wissen – sah ich sie – noch etwas jung und ungelenk – aber schon mit den Merkmalen ihrer sich energisch entwickelnden Schönheit. Ich bemerke, es ist noch früh! Wie wär's, wenn wir eine Flasche Portwein auf das Wohl der Kleinen und der Komtesse trinken würden?« Kay lächelte und folgte dem seltsamen Menschen, der heute gerade besonders theatralisch aussah. Hinter ihm gingen zwei große, an den Halsbändern zusammengekettete, abgemagerte Windhunde, denen man den unbefriedigten Hunger ansah. Sie paßten zu seiner eigenen Erscheinung und kennzeichneten zugleich das Wesen des Mannes, der wenig oder nichts zum Leben besaß und doch immer irgend eine auffällige oder kostspielige Passion zum Ausdruck bringen mußte. Kay war in die Verpflichtungen des Grafen Felix ohne Einschränkung eingetreten. Bereits vier Wochen nach dem Tode seines Vaters empfing er von Bomstorff ein Schreiben, das die Geldangelegenheit berührte, und dessen Inhalt und Abfassung jenen nur allzusehr charakterisierten. Er schrieb: »Liebwerter Vetter und wohlgeneigter Gönner! Ich vermute Sie im Besitz meiner Zeilen, in denen ich Ihnen meinen Schmerz über den Tod der unvergeßlichen Excellenz aussprach. Ich wiederhole den Ausdruck meiner Teilnahme und hoffe, daß die Zeit, die alles bewältigende Trösterin, auch Ihren berechtigten Kummer über den Verlust mildern wird. Mit der verstorbenen Excellenz nahm ein vollkommener Kavalier vom Leben Abschied, einer jener Männer, die mit dem Blutstropfen der noblesse geboren werden und deshalb nichts mehr in sich zu veredeln vermögen. Berufen, in dieser vielfarbigen Welt eine andere Stellung einzunehmen als die Millionenzahl der Zufallskreaturen, welche den Erdball mehr nach den Gesetzen des Stoffwechsels bevölkern, als daß ihr Erscheinen der fortschreitenden Kulturentwickelung irgendwie dienlich sein könnte, war sein früher Tod nicht nur für seine Angehörigen und Verwandten ein außerordentlicher Verlust. Wie sehr er diesen seine Gedanken und sein Interesse zuwandte, möge Ihnen das in Abschrift angelegte Schriftstück beweisen. Meinen bescheidenen Einwendungen begegnete er mit der Äußerung, daß Verwandtschaft ein inhaltreiches Wort sei, und dem dringenden Ansuchen, das seine Pietät ihm diktierte, vermochte ich auf die Dauer keinen Widerstand entgegenzusetzen. Zudem befinden sich in den Büchern derjenigen Familien, zu denen wir gehören, und von denen wir unsern Stammbaum ableiten, vorzugsweise Paragraphen, die sich auf die Aufrechterhaltung und Wahrung unserer Standesehre beziehen, und so war es ein alter, guter, herkömmlicher Brauch, daß die vom Glücke Auserwählten den weniger Begünstigten zur Seite standen. Besäße ich heute noch die Güter und Schlösser meiner Urgroßeltern, würde auch ich es mir angelegen sein lassen, solche Anschauungen in Thaten umzusetzen. Und Sie, liebwerter Vetter und wohlgeneigter Gönner, denken wie ich! Und so bitte ich Sie um geneigte Bestätigung der angeschlossenen Akte, wobei ich es Ihrem hochherzigen Ermessen gern überlasse, die Summe zu erhöhen, welche überhaupt in Empfang zu nehmen ich der verstorbenen Exzellenz aus den entwickelten Umständen und Anschauungen nicht abzuschlagen vermochte. Gestatten Sie mir, liebwerter Vetter, hoffen zu dürfen, daß keine Fehlbitte gethan hat Ihr im Voraus dankbarer Vetter Baron Hugo von Bomstorff.« Als Kay beim Anstoßen der Gläser die Frage nach seines Verwandten gegenwärtigem Thun und Treiben aufwarf, sagte Bomstorff: »Ich erbaue mich in Ermangelung anderer Beschäftigung einmal wieder an den Schöpfungen der alten großen Pfadfinder des menschlichen Geistes. Mein Hauptquell ist William Shakespeare, den siebenzig weise Ammen gesäugt haben müssen, der mit seinem Scharfsinn die Jahrtausende im voraus durchdrang, dessen Geist bis in den Himmel ragt, und vor dessen Ingenium die Welt noch bewundernd auf den Knieen liegen wird, wenn die Cervantes, Fielding, Rabelais und Le Sage kaum noch dem Namen nach gekannt werden. Ich studiere zudem wie Faust alles, was mein Inneres zu fesseln vermag, und meinen Mephisto habe ich mir selbst aufgezogen;« (hier lachte Bomstorff laut und cynisch) »er führt mich täglich in den Auerbachschen Keller. Aber da höre ich bereits Macbeths Hexen schreien! Der Zug kommt. Ich bin so frei, mich nächstens persönlich auf Dronninghof nach dem Befinden der von mir hochverehrten Reisenden zu erkundigen.« Bomstorff blieb sitzen. Kay aber bezahlte rasch den Portwein und eilte auf den Perron. »Du schreibst,« begann Kay auf der Fahrt, zu Mercedes gewendet, »daß Du nur kurze Zeit bei uns bleiben kannst. Was sind das für schlechte Pläne! Ich denke, Du richtest Dich für eine recht lange Zeit ein. Deine Eltern können Dich sehr wohl entbehren, und uns machst Du eine große Freude.« »Ja, bitte, bitte!« rief Carmelita bei diesen Worten stürmisch, schmiegte sich an Mercedes an und drückte ihr in zärtlicher Aufwallung den Arm. Der Gedanke, sich von ihrer Tante trennen zu sollen, beunruhigte sie außerordentlich. »Dein Anerbieten ist sehr gütig« erwiderte Mercedes, »und ich möchte es nur allzu gern annehmen, aber –« sie stockte und senkte die Augen. »Aber? – Es giebt kein Aber!« »Doch, es giebt eines, viele,« erwiderte Mercedes mit einem für Kay verständnisvollen Ausdruck in den Mienen. »Ich denke, wir sprechen noch weiter darüber.« Kay heftete den Blick auf das schöne Mädchen, und während sein Auge auf ihr ruhte, trat die Erinnerung an frühere Tage in sein Gedächtnis. Mercedes fühlte, obschon abgewendet, daß er sie anblickte; sie wußte, woran er dachte, und eine rasche Röte zog wie eine Flamme über ihr Angesicht. Verwirrt wandte sie sich zu Carmelita, die mit einer Halskette beschäftigt war, sprach gütig auf sie ein und half ihr die gelösten Ringe befestigen. Kay beobachtete beider Thun. Carmelita ordnete sich allem, was Mercedes ihr vorschrieb, mit einer so sanften Bescheidenheit unter, des Mädchens guter Einfluß auf dieses lebhafte und etwas eigenwillige Wesen trat so deutlich zu Tage, daß Kay sich seinen Gedanken über die bevorstehende Trennung immer von neuem hingab. Als sie die Stadt hinter sich hatten und, dem Landweg nach Dronninghof folgend, eine Anhöhe erreichten, hieß Mercedes den Kutscher halten, richtete sich empor und überschaute die Landschaft. »Ah! Wie ich diesen Augenblick ersehnt habe!« rief sie, streckte die Arme aus und holte tief Atem. »Wie herrlich, wie unvergleichlich ist der Blick! Und wie liebe ich das Land und gerade diese Gegend mit ihren grünen Feldern, Äckern, Ebenen und Wiesen. Sieh, sieh, Kay, wie schön die Kirche unter den Bäumen hervorragt, und dort drüben die Au mit ihren Ufern.« Die Pferde schnauften. Die Fliegen summten in der Hitze, der Duft der dampfenden Tiere und des Leders erfüllte die Luft, und von den Wällen der Knicke drang der scharfe Geruch des Storchschnabels und der von Morgentau gesättigten Erde zu ihnen empor. Carmelita starrte alles mit großen, funkelnden Augen an. Doch war sie empfänglich für die Schönheiten der Natur, ebenso wirkten sie noch auf sie ein, ohne daß sie sich des Eindruckes bewußt ward. »Alle die weißen Vögel über der Insel, Cedes, sieh!« rief sie und zeigte mit der Hand in die Ferne. »Das sind Möven, Carmelita! Sie kommen jedes Jahr im Frühling, brüten und ziehen im Herbst wieder fort!« erklärte Mercedes. Die Art und Weise, in der sie die Kleine anleitete, erfüllte Kay mit Bewunderung. Niemals handelte sie nach Einfällen oder nach Launen. Nie ward sie heftig oder ungeduldig, und noch weniger stand sie schulmeisternd über ihr. Sie ließ sie sich frei bewegen und ihren Neigungen folgen. Deshalb hatte Carmelita auch etwas Ungekünsteltes, Natürliches behalten. Sie war ein Kind geblieben. Und wie anziehend war ihre Erscheinung mit dem feinen, durchgeistigten Gesicht, den dunklen Augen und dem ausdrucksvollen Lächeln! Glänzendes schwarzes Haar fiel bis auf die Schultern, umrahmte die Wangen und hob die zarten Farben. Wenn sie so dastand mit der ihr eigenen Grazie und anmutigen Beweglichkeit, den biegsam schlanken Körper wiegte und sich voll Lebhaftigkeit den Eindrücken hingab, konnte man den Blick nicht von ihr lassen. »Nun sind wir gleich da. – Da ist schon Dronninghof!« jubilierte sie, als der Kutscher in einen von hohen Buchen umsäumten Weg einbog. Die Kleine richtete sich empor, und während sie sich neugierig umschaute, trafen sich Mercedes' und Kays Blicke in raschem Hin und Her. In diesen Blicken lag eine tiefe, stumme Sprache. Sie liebten sich, aber sie liebten sich in gutem Sinne, und ihre vornehmen Naturen unterdrückten alle Nebenempfindungen, die mit dem Wesen dieser ehrlichen Liebe keine Gemeinschaft haben durften. Auf der Treppe des Schlosses stand Clementina-Julia. An ihrer Hand hatte sie Kay und Julia. Carmelita sprang wie ein Eichhörnchen vom Wagen, flog die Treppe empor und umarmte ihre Geschwister mit stürmischen Bewegungen. In ihrem ungestümen Jubel gedachte sie zunächst nicht der Mutter. »Nun? Und für mich hast Du gar keinen Blick und Gruß?« – erinnerte die Frau, ihre Verstimmung nur schlecht verbergend. »Sie vergaß Dich in der Freude über die Geschwister!« entschuldigte Mercedes mit raschen Worten, neigte nun auch selbst sich hinab und herzte die Kleinen, die in ihren weißen Kleidern wie eben aufgebrochene Schneeblüten dastanden. »So nun geh erst zu Katharina, daß sie Dich umzieht!« entschied Clementina-Julia zu Carmelita gewendet mit dem gewohnten, kalten Ton in der Stimme. »Ach, ich möchte gleich mal in den Pferde- und Kuhstall, Mama, bitte!« schmeichelte das Kind, dessen lebhafte Augen die ungewohnt auftauchenden Bilder begierig aufgesogen hatten. »Nein, jetzt gehst Du mit Katharina!« befahl Clementina-Julia mit einem Ausdruck, der keinen Widerspruch duldete. Die Genannte trat näher und führte das Kind unter begütigendem Zureden fort. Aber Carmelita zog den Mund, in ihre Augen traten ein böser Blick und Tränen. Die Mienen der Frau verfinsterten sich, aber sie sagte nichts. Kay hatte nur die erste Begegnung zwischen seiner Frau und seinem Kinde beobachtet. Er sah ihre kalten Mienen, bewegte finsterblickend das Haupt und wandte sich in seine Gemächer, die gleich am Eingange zur Linken lagen. Nun fuhr der Wagen mit den dampfenden Pferden über den Hof zurück. Zwei Hofhunde kamen herangejagt, und ihr Bellen verklang rasch. Sie haschten sich nur und verschwanden in dem dichten Gebüsch des zur Rechten gelegenen, großen Gemüsegartens. Eben flog eine Schar Tauben empor. Ihr schneeweißes Gefieder stach reizvoll ab von der blauen Luft. Und die Sonne vergoldete alles in dieser stillen Welt, und die Ruhe ward nur unterbrochen durch den langsam schwerfälligen Schritt der Tiere, die in den Stall gezogen wurden. – Als am Nachmittag dieses ersten Tages der Kaffee auf dem zu dem Gartenzimmer gehörenden Balkon eingenommen ward und von einem Ausfluge zu Wagen in die Umgegend die Rede war, trat Carmelita an ihre Tante heran und fragte flüsternd, ob sie mitgenommen werden würde. Kay saß rauchend und die Zeitung lesend zur Linken in einem Schaukelstuhl, hatte nach seiner Gewohnheit die Beine übereinandergeschlagen und einen breitgeränderten Strohhut tief in den Nacken geschoben. Clementina-Julia aber stand gegenüber an einem Kaffeetisch und goß aus dem soeben von dem Diener herbeigebrachten silbernen Kessel heißes Wasser in die Maschine. »Kannst Du Dir das Flüstern nicht abgewöhnen, Kind?« hub sie, zu Carmelita gewendet, mit scharfem Tadel in der Stimme an. »Sie fragte, ob sie heute mitfahren dürfe?« schaltete Mercedes besänftigend ein. »Wir werden das überlegen. – Heute, am ersten Tage der Ankunft, vielleicht! Sonst müssen Kinder nicht immer alles mitmachen wollen, was die Erwachsenen vornehmen.« Über Carmelitas Gesicht flogen in raschem Wechsel allerlei helle und dunkle Schatten, aber ihre großen Augen bettelten nach Kinderart – die Kränkung rasch vergessend – bei ihrer Mutter um ein unbedingtes Gewähren. »Bitte, bitte, Mama!« flüsterte sie und trat ihrer Mutter näher. Aber die Mienen der Frau blieben streng, und ohne eine entgegenkommende Bewegung wiederholte sie, die Tassen auf dem ziselierten, silbernen Theebrett ordnend: »Wir werden sehen.« »Sie wird an der Fahrt teilnehmen!« ertönte nun plötzlich eine entschiedene Stimme. Clementina-Julia ließ die Theelöffel aus der Hand gleiten, richtete sich hoch empor und sah ihren Mann an. »Geh, Lita, und suche in meinem Zimmer nach dem Kursbuch. Es wird auf meinem Schreibtisch liegen. Du weißt, ein gelbes, dickes Buch?« hub Kay mit gütigem Ausdruck in der Stimme an. Die Kleine flog davon. Als sie fort war, streifte Kay mit raschem Blicke Mercedes' Angesicht, die, unthätig zurückgelehnt, aber mit erregten Augen dasaß. Dann sagte er zu seiner Frau: »Ich schicke Lita fort, weil ich die Angelegenheit gleich besprechen möchte. Weshalb soll sie nicht mitfahren, heute und in Zukunft?« »Du kennst meine Ansichten. Dergleichen muß für Kinder eine Ausnahme sein« – erwiderte die Frau. »Zudem ist das viele Zusammensein mit den Erwachsenen nicht gut. Sie hören leicht einmal Dinge, die ihnen in ihrem Alter besser vorenthalten bleiben, und die fortwährende Rücksichtnahme auf die Jugend legt einem einen lästigen Zwang auf.« »Wann soll man denn mit seinen Kindern sein? Der Morgen hat seine Pflichten. Bei Tisch ist ihnen das Mitsprechen verboten. Wenn der Abend beginnt, kommt für sie die Bettzeit. Ich möchte sagen, daß keine Gelegenheit günstiger ist, auf sie einzuwirken und sich mit ihnen zu beschäftigen, als eine Ausfahrt. Ihnen die Natur vertraut zu machen, ist zudem eine Sache der Pflicht. – Was meinst Du, Cedes?« fuhr Kay etwas unüberlegt fort. Cedes sah ihren Schwager mit einem eignen Blick an. Sie sagte nichts. Clementina-Julia aber nahm sogleich das Wort: »Es ist recht schlimm, daß wir in unseren Ansichten so sehr abweichen,« begann sie. »Wir fassen diese Sache auch verschieden auf. Ich meine vornehmlich, daß es bedenklich ist, Kindern Vergnügungen zu Gewohnheiten zu machen. Und, wie ich bereits erwähnte, wenn schon das Beisammensein bei Tisch einen Zwang auferlegt, einmal möchte man sich dessen doch entäußern. »Dazu ist der Abend da!« gab Kay kurz zurück. Clementina-Julia zuckte die Achseln und stellte ihrem Manne wortlos den Kaffee auf den kleinen Nebentisch. »Du wünscht ihn nicht so stark, Mercedes?« fragte sie gleichzeitig und forschte in den Mienen ihrer Schwester, die sich zuvorkommend erhob und antwortete. Jetzt stürmte Carmelita wieder ins Zimmer und vergaß, die Thür zu schließen. Vom Flur her entstand ein heftiger Zug. »Schließe die Thür, Kind!« rief Clementina Julia ungeduldig, und die unbefangene fröhliche Miene des Kindes wich jenem Ausdruck der Enttäuschung, welcher uns unsere Kinder so rührend erscheinen läßt. »Wie unfreundlich Du bist!« mahnte Kay mit sanftem Vorwurf. Nun sprach niemand mehr. Kay blätterte in dem von Carmelita gebrachten Kursbuche. Die Frau trat an die Brüstung des Balkons und schaute hinaus über die großen Parkwiesen, und Mercedes und das Kind gingen mit leisen Schritten ins Nebenzimmer. Nach einer Pause wandte sich Clementina-Julia zurück, lehnte die Thür an und sagte: »Bei solchen Widersprüchen zwischen Versagen und Gewähren kann nie etwas Gutes gedeihen. Entweder überlasse mir die Erziehung oder –« Jetzt kam das Fräulein von der Gartenseite und brachte die beiden Kleinen. Sie liefen schnell die Treppen empor und eilten auf ihre Mama zu. »Jetzt nicht!« befahl die Frau, kurz abwehrend, gab dem jungen Mädchen einen Wink und schob die Kinder zurück. Kay, der eben hatte heftig aufbrausen wollen, ward durch diesen Zwischenfall abgelenkt. Gerechterweise mußte er zugestehen, daß Clementina-Julia auch gegen ihre Kleinen eine unerbittliche Strenge an den Tag legte. Die Frau wußte, was in ihrem Manne vorging, und versicherte sich rasch ihres Vorteils. »Du weißt, ich lasse auch Kay und Julia nichts hingehen. Der Wunsch, niemals parteiisch zu sein, macht mich sogar strenger, als ich es sein möchte. Glaube mir nur, daß die Erziehung in Hamburg eben so viele Schattenseiten, wie Vorteile hatte, Kay. Hast Du bemerkt, wie Carmelita bei Tisch sitzt, ißt und die Gabel gebraucht? Und vorlaut, verwöhnt und trotzig ist sie zudem. Das ist sehr schlimm.« »Nein, das finde ich nicht, und das übrige? – Nun, ein Kind ist eben noch ein Kind!« »Gewiß, aber einmal muß doch mit der Erziehung begonnen werden. Von ihren Kenntnissen weiß ich nichts; ich glaube, daß sie gute Fortschritte gemacht hat; sie schreibt hübsch und hat etwas gelernt. Auch ist sie musikalisch, und das Talent scheint gepflegt. Aber der Schwerpunkt liegt in anderen Dingen! Bescheidenheit, Gehorsam – von alledem ist wenig bei ihr zu bemerken.« »Wie Du ungerecht bist!« stieß Kay heraus und zerknitterte die Zeitung in der Hand. Ein ungeduldiger Seufzer drang aus seinem Munde. Was in diesem Laut lag, verstand Clementina-Julia nur zu gut. Aber bevor die Frau antwortete, ward sie durch einen Vorgang im Garten abgezogen. »Du sollst doch nichts abpflücken, Kay. Hörst Du nicht? Fräulein, wo sind Sie denn?« rief sie herrisch. »Als ob nicht Millionen Gräser und Blumen wüchsen,« rief Kay, »als ob nicht diese kleinen Dinge ein Kind glücklich machten! Blüht nicht alles rings umher nur, um uns zu erfreuen? Gieb doch den Kindern Freiheit und Luft! Wie thöricht, ihnen diese unschuldigen Regungen zu verbieten, ihnen die Unbefangenheit ihrer kleinen Seelen zu rauben! Fast alles Erziehen ist vom Übel. Das ›Beispiel‹ ist die große Lehrmeisterin. Glaubst Du nicht, daß Carmelita ahnt, wie wenig wir uns verstehen; glaubst Du nicht, daß sie weiß, daß nun eben ihre Eltern im Widerstreit sind? Und das am ersten Tage! Ich sehe mit Sorge in die Zukunft.« Clementina-Julia zupfte an kleinen Fädchen, die sich an einem ihrer Kleiderärmel gelöst hatten, und biß die Zähne zusammen. »So laß das Kind wieder nach Hamburg zurückkehren!« stieß sie heraus. Kay warf einen unbeschreiblichen Blick auf seine Frau. Heftiger Schmerz und Unwille spiegelten sich darin wider. »Nein!« entschied er fest. »Aber ich habe einen anderen Beschluß gefaßt. Ich werde Cedes für Carmelita hier zu behalten suchen. Eine Gouvernante wird auch nicht mehr leisten als sie. Und überdies: Mädchen soll man zu sittlichen, pflichttreuen Geschöpfen heranziehen, ihre Herzensbildung soll man fördern. Das Wissen steht in zweiter Linie.« In Clementina-Julia flammte wildes Feuer auf. Sie wußte nicht, was sie that. »Ich sage Dir, Kay, Cedes oder ich!« rief sie. »Wohl, bei solchem Wort in solchem Tone: Cedes!« erwiderte Kay und erhob sein ernstes Angesicht zu der Frau, die, bebend am ganzen Körper, nunmehr ohne Erwiderung in den Garten hinabstieg. *           * * Kay war von einer Morgen-Inspektion zurückgekehrt, hatte mit seinem Verwalter überlegt, Bücher und Rechnungen geprüft, kurz, er war nach seiner Gewohnheit thätig gewesen von früh bis an den Mittag. Als er den hinter dem Herrenhause belegenen, die großen Wiesen umschließenden Park durchschritt, sah er an einem der Bäume zwei Knaben aus den nahe gelegenen Bauernkaten nach Vogelnestern suchen. Eben glitt einer derselben mit der Eierbeute in der Mütze den Stamm hinab. Als sie ihn erblickten, blieben sie betroffen stehen und warteten das Gericht ab, das über sie abgehalten werden würde. »Laßt sehen!« befahl Kay, näher tretend. Die Jungen schauten erst gegenseitig sich, dann den Gutsherrn an. »Nun! Nur keine Faxen gemacht! Wer hat das Nest ausgenommen?« »Ich nicht!« erklärte der Blonde. »Ich wollte nicht, aber er sagte, ich sollte« – begann der andere, ein Schwarzkopf. Kay mußte lächeln. Sicher würde er als Knabe ebenso gehandelt haben. Er entzog ohne Reden dem Knaben die Mütze und fand einige Stieglitzeier darin. »Bring' sie wieder hinauf, aber zerdrücke sie nicht, hörst Du? Und wenn ich Euch noch einmal ertappe. Ihr wißt –« Kay bewegte die Hand. Aber es war nicht eigentlich böse gemeint. Während der Schwarzkopf that, wie ihm geheißen worden war, fragte Kay den Blonden, der ärmlich und zerrissen aussah, nach seinem Namen und seinen sonstigen Verhältnissen. »So, Tagelöhner ist Dein Vater? Und sechs Geschwister?« Der Junge nickte. »Arbeiten sie alle?« »Ja!« »Du auch?« »Ja, ich putze bei Herrn Baron die Stiefel und gehe Gänge aus.« »Bei welchem Baron?« »Bei Herrn Baron Bomstorff.« »Hm! Wie viel bekommst Du da?« »Gar nichts.« »Gar nichts? –« »Nein, ich krieg' bloß alte Sachen. Mutter war früher bei Herrn Baron seine Mutter in Dienst. Mitunter schenkt er mich 'mal ein paar Groschen, und Kaffee krieg' ich morgens auch.« »Gehst Du in die Schule?« »Ja, wenn ich fertig bin.« »Wie lange hast Du beim Herrn Baron zu thun?« »Von sieben bis acht und nachmittags. Die großen Stiefel von Herrn Baron! Das dauert lange! Er hat man ein Paar, aber ich muß mir sehr sputen, daß ich fertig werde, weil ich das Zeug rein machen muß. Er kann nicht früher ausgehen.« »Er kann nicht früher ausgehen?« »Ne, er wartet doch immer auf die Sachen.« »So, so; – also er hat nur den einen Anzug?« »Ja, – einen hat er man.« Kay vergegenwärtigte sich das Dasein seines Vetters nach dieser Schilderung. Ein Anzug, ein Paar Stiefel. Und dazu die zwei Windhunde und täglich Medoc oder gar Champagner! Er beschloß, seinen Verwandten allernächst einmal in seiner Wohnung aufzusuchen. Seine Neugierde war rege geworden, sich dessen Heim anzusehen. Als Kay die Knaben mit guten Mahnungen abgefertigt hatte und seinen Weg nach dem Herrenhause nahm, hörte er fröhliches Lachen, und wenige Sekunden später schoß ihm Carmelita mit geröteten Wangen und blitzenden Augen entgegen. Wie ein Wiesel war sie um ihn herum, tanzte auf und ab, küßte seine sommersprossigen Hände und geizte nach einem freundlichen Blick. Der Weg bog gerade eine sanfte Anhöhe hinauf, die mit dichtgepflanzten Buchen alleeartig besetzt war. Diese Baumreihe hatte der Sonnenschein gleichsam umzingelt. Er glitt an den Stämmen herab und durchfunkelte das Laub mit den wundervollsten Farben, während das Innere von einem sanften Halbdunkel erfüllt war. Und droben auf der Höhe tauchte Mercedes in einem weißen Gewande und mit einem roten Sonnenschirm auf. Das helle Sommerkleid und das flammende Rot über ihrem Haupte ließen sie wie eine Lichtgestalt erscheinen, und die schlanken Formen und die unbewegliche Stellung erhöhten den überraschenden Eindruck ihrer Erscheinung. »Cedes! Cedes! Komm! Papa ist da!« rief Carmelita. Der Schirm senkte sich rückwärts, und Mercedes schritt ihnen langsam entgegen. Als sie, einen andern Rückweg nach dem Herrenhause einschlagend, nebeneinander hergingen, sagte Kay: »Wir sprachen gestern in dem Wagen über Dein Bleiben, Cedes. Ich möchte Dir einen Vorschlag machen. Übernimm Du statt einer Gouvernante Carmelitas Erziehung. Trenne Dich überhaupt nicht mehr von uns.« Mercedes blieb stehen und schaute ihren Schwager voll Erstaunen, aber auch mit einem Anflug von Schrecken an. »Ich, – ich? Bei Euch – bei Carmelita? Und – Julia? – Unmöglich!« »Weshalb unmöglich?« fiel Kay ein und schlug mit seinem eisenbeschlagenen Eichenholzstock auf den Wegsand. »Das weißt Du doch, Kay!« entgegnete Mercedes, ohne den Blick zu erheben. »Gewiß! Ganz gut! Aber man muß über den Dingen stehen!« »Ja! Bis sie über uns zusammenschlagen! Sieh, Kay, ich fühle mit Dir. Ich kenne meine Schwester. Schon einmal entwarf ich Dir vor Jahren ein Bild von ihr, als ich selbst noch ein halbes Kind war; es war ein richtiges, Du hast es erprobt. Bisher fügtest Du Dich ihr, und Ihr waret glücklich. Nun erwacht in Dir der Mann von ehedem. – Das ist gut. – Und ich? Meine Schwester liebt mich so wenig wie Carmelita. – Was willst Du, mein Liebling? Den Zweig hier? Ja, warte! Ich will ihn Dir pflücken,« unterbrach sie ihre Rede und that, worum Carmelita gebettelt. Und wieder zu Kay gewendet, nachdem Carmelita vorausgesprungen war: »Am meisten thut mir das kleine, liebe Ding leid. Armes Kind!« »Ja, armes Kind!« wiederholte Kay. »Und das ist es auch. Thu's mir zuliebe, Cedes. Möchtest Du mir nicht etwas zuliebe thun?« fügte er weich hinzu. Fast eine Grausamkeit lag in dieser Frage! Sie schnitt dem Mädchen ins Herz. Mit einem unbeschreiblichen Blick, mit Augen, die im Schmerze feucht wurden, sah sie Kay an. »Sprachst Du mit Julia?« fragte sie ihre Fassung zurückgewinnend. Kay schwieg. »Siehst Du. Ich wußte es! Sie sträubt sich gegen diesen Plan.« »Sie soll gehorchen!« erklärte Kay rauh. »Und wenn nicht, dann –« »Nein, das ist nicht das Rechte, Kay,« fiel das junge Mädchen ein. »Daraus kann nur Unglück entstehen. Es geht nicht. Das einzige wäre –« »Nun?« »Carmelita kehrte mit mir zurück.« Kay besann sich; er kämpfte. Dann sagte er rasch und vorwurfsvoll betonend: »Und an mich – an uns beide denkst Du garnicht?« »Ja, eben weil ich auch an Dich – an uns denke.« »An uns!« verklang's noch einmal leise. Eben entrückte eine Wegbiegung die beiden dem Kind. Nun legte Kay seinen Arm um Mercedes' Leib. »Wir wollen uns klar aussprechen, Cedes,« begann der Mann, während sich Mercedes mit sanfter Bewegung von ihm löste. »Ich liebe Clementina-Julia trotz ihrer Fehler noch immer, aber nur, wenn Carmelita nicht in Frage kommt. Dann aber, dann –« »Dann hassest Du sie,« fiel das Mädchen ein. Kay fuhr erschrocken zurück. Nach einer Pause jedoch, während er den Schritt mäßigte, bestätigte er mit einem stummen Kopfnicken und sagte: »Es ist fast richtig.« »Siehst Du, Kay! Ist's also nicht der beste Vorschlag, ich nehme Dein Kind mit mir?« »Es ist noch etwas anderes, Cedes. Ich bin niemandem auf der Welt neben meiner Frau so gut wie Dir. Ich brauche Dich für mein Glück.« Cedes bewegte den Kopf. »Ja, ja!« flüsterte sie langgezogen. »Aber ich – ich –« »Du, Cedes?« Mercedes' Körper zuckte, ihre Augen schlossen sich. »Du meinst, ich sei selbstsüchtig, ich denke nur an mich, Cedes? Aber bist Du nicht auch gern in meiner Nähe?« »O, genug, genug!« preßte das junge Mädchen heraus und eilte von ihm fort. »Cedes!« rief Kay. Sie antwortete nicht. »Cedes!« rief er noch einmal. Aber nun trennte sie auch die freiere Gegend und das muntere Geplauder Carmelitas, die mit einem Blumenbouquet für ihren Papa herbeigeeilt kam. *           * * Am Abend des folgenden Tages war eine Gesellschaft nach Dronninghof geladen, in der eine heitere Stimmung herrschte. Kay und Clementina-Julia gingen mit vergnügten Mienen unter ihren Gästen einher, und Cedes scherzte fröhlich mit einigen Herren. »Wie glücklich doch diese Menschen seien. Wie harmonisch alles ringsum! Man könne wohl behaupten, den Bewohnern von Dronninghof fehle nichts, sie seien zu beneiden!« äußerte einer der Anwesenden zu den Umstehenden, und diese stimmten seinen Worten bei. Als im Laufe des Abends ein allgemeiner Gesprächsaustausch stattfand, und dabei der Ereignisse, die sich in letzter Zeit in der Stadt abgespielt, gedacht ward, erzählte auch einer der Herren eine Geschichte von Baron Bomstorff, die allgemeine Heiterkeit hervorrief. Bomstorff war mit einem adligen Gutsbesitzer verwandt, der einige Stunden vom Strande der Ostseebucht entfernt ein Gut besaß. Bevor Kay Witzdorff das Amt des Säckelmeisters übernommen, hatte jener für des Verwandten Passionen die Taschen öffnen müssen, aber ebenso wie der selige Graf Felix jeden Verkehr mit Bomstorff abgelehnt. Letzterer wußte selbst sehr wohl, daß er auf dem Gut kein willkommener Gast war, aber eine durch den reichlichen Weingenuß geförderte Ruhmredigkeit hatte ihn verleitet, einen jungen Mann aus guter Familie, mit dem er häufig abends zechte, aufzufordern, eine Fußpartie und gleichzeitig einen gemeinsamen Besuch bei seinem Verwandten zu machen. Über den Ausfall derselben lautete sein eigener Bericht über alle Maßen günstig. Er erzählte, daß sie beide bei ihrer Ankunft sogleich ins Schloß gezogen und auf das auserlesenste bewirtet worden seien. Man habe sie nicht fortlassen wollen und nur ihren Bitten endlich nachgegeben. Gegen Nachmittag sei dann ein Vierspänner zu ihrer Verfügung gewesen, der sie heimgebracht habe. Mit einem: »Auf recht baldiges Wiedersehen!« und »Schönsten Dank für das liebenswürdige Erscheinen!« hätten sie sich von dem Herrn von Klöden getrennt! Herr von Klöden aber hatte mitgeteilt, daß er in größten Schrecken geraten sei, als Bomstorff mit einem fremden Menschen am Hofthor sichtbar geworden, daß er sofort den Inspektor beauftragt habe, zu erklären, daß die Herrschaften abwesend seien, und daß er die beiden nach Verabreichung eines Frühstücks aus Schinken-Butterbrot, Schnaps und Bier bestehend, auf einem Leiterwagen habe zurückbringen lassen. »Er hat sicher einmal wieder in den Klödenschen Geldschrank gucken wollen, um zu untersuchen, wie viele Thaler dort grade eine fahnenflüchtige Physiognomie zeigten!« schloß der Erzähler launig. Clementina-Julia aber sagte, ohne dem Gelächter der Gäste beizustimmen: »Man müßte solche Personen in eine Arbeitsanstalt schicken, statt sich darüber zu amüsieren, daß sie sich täglich auf Kosten ihrer Nebenmenschen berauschen.« Alle schwiegen. Kay aber nahm für seinen Verwandten das Wort. »Man muß bei der Beurteilung seiner Nebenmenschen die Umstände in Betracht ziehen. Bomstorff war ein tüchtiger Soldat. Ein Schuß hat ihn dienstunfähig gemacht. Vermögen besitzt er nicht; etwas leichtsinnig ist er angelegt. Bei derartigen Naturen darf man nicht den gewöhnlichen Maßstab anlegen. Auch sie haben Daseinsberechtigung, und was das Geld anbelangt, weshalb sollen nicht die ihm geben, die es haben, und warum soll er es nicht nach seiner Laune verzehren?« »Das heißt Nichtsthun und Laster in Schutz nehmen,« entgegnete Clementina-Julia. »Ein Mensch mit so vielen Kenntnissen kann sehr wohl eine Thätigkeit finden, wenn er ernstlich darum bemüht ist, und das viele Trinken ist tierisch und nichts weniger als entschuldbar.« »Und doch hat auch das seine Poesie,« nahm Kay noch einmal das Wort. »In allen Fällen des Lebens gilt: Wer thut es? Und wie geschieht es? Übrigens ist Bomstorff ein guter Mensch. Weil er selbst in seinem Leben – früher in sehr reichlichen Verhältnissen – anderen geholfen hat, es auch fortdauernd thun würde, wenn er es jetzt könnte, ist sein Urteil über dergleichen Zuwendungen besonders unbefangen oder etwas getrübt – es kommt darauf an, auf welchen Standpunkt man sich Geldfragen gegenüber stellt. Als etwas Ehrloses betrachtet er das Borgen nicht, da er die Absicht besitzt, ja, von der Ueberzeugung durchdrungen ist, jedem seiner Zeit gerecht zu werden und gerecht werden zu können. Wäre das nicht der Fall, würde er sich vielleicht schon selbst vom Dasein befreit haben.« »Das ist für die Nichtsnutzigen immer das unsittliche letzte Auskunftsmittel, und man rühmt dann noch den sogenannten »schneidigen Kavalier« an ihnen!« fiel Clementina-Julia ein. »Nein, ich stimme Dir durchaus nicht bei! Ich glaube auch kaum, daß dieser renommierende Don Quixote jemals eine wirkliche Mannesthat ausgeführt hat. Sicher ist er ein Feigling!« Hier ward Clementina-Julia von den Anwesenden unterbrochen. Mehrfache Beispiele wurden angeführt, aus denen hervorging, daß es dem Sonderling weder an Mut noch an Kavaliertugenden fehle. Kay hörte die Worte seiner Frau, und der Unmutszorn stieg ihm in die Kehle. Ihn, der allezeit zur Versöhnung und zur milderen Beurteilung menschlicher Schwächen geneigt war, schmerzte nicht nur Clementina-Julias bei jeder Gelegenheit hervortretende Härte, eine Härte, die allzu häufig nur nach den ersten Eindrücken urteilte und zu einer näheren Untersuchung über Wert oder Unwert der Personen nicht gelangte, er verglich ihren herzlosen Hochmut mit Mercedes' gütigem Wesen. Clementina-Julias rauhe Tugend verbreitete weder Wärme, noch weckte sie warme Gefühle in ihrer Umgebung. Man sah es auch den Gästen an, wie sehr sie von der schroffen Beurteilung, so richtig eine solche an sich sein mochte, abgestoßen wurden, und als Mercedes leise, aber doch so vernehmbar, daß Kay ihre Worte zu hören vermochte. gegen ihren Nachbar äußerte, »Balken und Splitter. Wenn man dieser Mahnung eingedenk bleibt, wird man allezeit milde urteilen!« – belohnte er sie mit einem dankbar zustimmenden Blick. Fünftes Kapitel. An einem der folgenden Tage führte Kay seine Absicht aus und besuchte seinen Vetter Bomstorff. Dieser bewohnte in der innern Stadt am Markte ein altes Haus aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. In dem pyramidenartig aufsteigenden, durch das Alter vornüber gebeugten. spitzen Giebel befanden sich statt der Fenster zahlreiche Öffnungen ohne Fenster, die wie ausgehöhlte Augen erschienen. In dem Gebäude wohnten viele Personen, kleine Handwerker, Beamte, Schüler, alte Männer und bejahrte Frauen. Früher ein Armen-Stift, war es, nachdem ein Neubau die Dürftigen aufgenommen hatte, von einem reichen Fabrikanten erworben worden, der nun statt der früheren Kuratoren die Herrschaft führte. Eine breite Eichenholztreppe, deren Geländer schöne, kunstgerechte Auskehlungen zeigte, führte über den mit Steinfliesen bedeckten, sehr geräumigen Eingang zur Linken in die oberen Wohnungen hinauf. Die Flurdecken trugen treffliche und noch gut erhaltene Stukkatur-Arbeiten, wenngleich schon der weiße Kalkpinsel, der im Laufe der Jahrhunderte immer von neuem darüber hingeglitten war, um die Spuren des Staubes zu beseitigen, die zarten Konturen verwischt hatte. Ursprünglich war das Grundstück im Besitz einer adligen Familie gewesen, deren letzter Nachkomme es den Armen vererbt hatte. Noch jetzt saß über der Hausthür ein stolz emporgerichtetes Wappen, auf dessen Feldern sich zwei Vogelköpfe und zwei geballte, mit Fehdehandschuhen bedeckte, gegen einander gekehrte Fäuste befanden. Bomstorff bewohnte in dem Hause zwei nach vorn belegene, große, kahle Gemächer und ward des Morgens von einer ihm gegenüber wohnenden Schneiderswitwe mit Frühstück versorgt. Die alte Frau stand ohne Verwandte in der Welt und suchte sich durch Flickarbeiten ehrlich durchzuschlagen. Auch auf Bomstorffs Schnürrock und Pantalons ruhte hin und wieder ihr spähendes Auge; aber für diese Thätigkeit mußte sie die früheste Morgenstunde wählen, weil er sein Magnatengewand nur auf sehr kurze Zeit entbehren konnte. »Herr Baron ist noch zu Hause! Jawohl!« antwortete sie, das o breit betonend, dem Fragenden, der sie fegend und stäubend, mit der Hornbrille auf der Nase, auf dem Flur fand und ihre vielen Knixe mit freundlichem Kopfnicken erwiderte. »Ich glaube aber,« fügte sie hinzu, »er ist heute nicht ganz zupaß. So sagte der kleine Clas heute morgen, was sein Stiefelputzer ist.« Als Kay die Thür mit der lautschallenden Klingel öffnete, traten ihm die Windhunde mit eingezogenen Schwänzen schnuppernd entgegen, und aus dem Innern ertönten einige mit starker Nasalstimme hervorgestoßene, sehr impertinent klingende Sätze. »Wer ist da? Nein! Nein! Ich kann keine Besuche heute empfangen. Sapristi, wollt Ihr herkommen, Ihr Museumsskelette! Max und Eva hierher!« »Also ein andermal!« gab Kay gutgelaunt zurück. »Ich wollte Ihnen einen Besuch machen, Vetter. Kay Witzdorff! Sie erkennen mich wohl nicht?« »Ah! Der treffliche Nepomuk und andere Repräsentanten der Heiligenverehrung sollen Euren Eintritt segnen, Vetter. Das ist eine andere Sache. Nein, ich bitte, ich bitte. Ich glaubte, irgend eine Handwerkerseele wolle den Tag benutzen, um langatmige und nutzlose Gespräche zu führen über den schnöden Mammon, der noch niemals irgend welche Anhänglichkeit für mich an den Tag gelegt hat! Pardon!« schloß er, seinem Vetter den Vortritt lassend, »Pardon für das Negligee! Und nehmen Sie freundlichst Platz auf dem einzigen Sessel, der in dieser Wohnung die Ehre hat, die Bekanntschaft meiner Rückenpartie zu machen. Oder vielleicht hier!« Bei diesen Worten packte er, den großen Körper ungeschickt vornüber beugend, im unordentlichen Durcheinander einen Wust von Papieren, Zeitungen, alten Büchern und allerlei Krimskrams von einem farbenverschossenen Sofa fort. Bomstorff entsprach vollkommen den Doréschen Bildern des Don Quixote. Er war mit einem weit ausgeschnittenen Hemde, das seinen langen Hals frei ließ, und mit ganz eng anschließenden, hellgrauen Pantalons bekleidet. Das lange, scharf markierte Gesicht mit der hohen Stirn, den durchdringenden, mit buschigen Brauen versehenen Augen und den auf der hinteren Schädelpartie zurückgebliebenen über den Ohren nach vorne gekämmten Haaren schimmerte lederfarben, und der lange, schwarze Knebelbart verstärkte den komödiantenhaften Eindruck seiner Erscheinung. Kay schaute sich um und musterte die Gesamt-Einrichtung des Zimmers. Viel war nicht zu entdecken. Außer dem Sopha, einem davor stehenden, ebenfalls bepackten Tisch und einem mit rosarotem Seidenzeug bezogenen und mit weißer Lackfarbe bemalten, altmodischen Sessel sah man noch zwei flache Strohkörbe für Max und Eva. Auch erhob sich zwischen den Fenstern ein ausgegangener Oleanderbaum in einem grün angestrichenen, hölzernen Kübel und daneben ein schmales Gestell, auf dem große und kleine Flaschen standen, auch Toilettegegenstände nebst anderen Kleinigkeiten Platz gefunden hatten. Endlich war noch ein braunbemaltes, in viele Fächer eingeteiltes Vogelbauer dort, hochhängend befestigt, und in diesem hüpften und zwitscherten zahlreiche Vögel, welche die verschmähten Hüllen des Futters nebst Sand und Unrat weithin über den Fußboden verstreut hatten. Auf der Fensterbank trockneten Zigarren und Tabak in der Sonne, und ein Tabakkasten mit geöffnetem Deckel, der in gelockerten Scharnieren hing, zeigte in seinem Innern eine Staniolbekleidung. Es war das einzige, was von dem hellen Lichte beschienen, in dem dreifenstrigen, großen Gemache einen etwas lebhafteren, das Auge anmutenden Glanz zeigte. »Ich bitte, Gevatter,« hub Bomstorff, pathetisch sich selbst verspottend, an, »nehmt in diesem Feenpalaste fürlieb und weigert nicht ein Kraut, das selbst Könige zwischen ihre Lippen nehmen dürfen.« Hier flocht er eine seiner gewöhnlichen Übertreibungen ein, holte ein paar Fünfpfennig-Zigarren vom Fenster herbei und bot Kay davon an. »Ich habe Schmerzen, grausame Schmerzen,« fuhr er nach einer teilnehmenden Frage Kays nach seiner Gesundheit fort. »Dennoch trinke ich, bis der Kognak aus der Wunde fließt!« Hier zeigte er auf sein krankes Bein und warf sich mit einem cynischen Gelächter zurück. »Und sicher ist das gut gethan. Wäscht man mit Branntwein von außen, wie sollte es schaden, auch von innen der Natur nachzuhelfen. Ist Euch, liebwerter Vetter, vielleicht ein kleiner Trunk gefällig?« schloß er schmunzelnd. Und ohne Kays Antwort abzuwarten, schurrte er auf seinen rotledernen Morgenschuhen ins Nebengemach. Ihm folgten die Hunde, die sich mit trägen Bewegungen erhoben hatten, weil sie für ihre verhungerten Leiber einige Futterreste witterten. Nun warf Kay auch einen Blick in das Schlafzimmer. Das erste, worauf sein Auge fiel, waren die großen, von Clas geputzten Reiterstiefel und der über die Bettlehne ausgebreitete Schnürrock. An der Wand über dem Bette waren Säbel, Czakos, Flinten, Dolche, Degen und einige bunte Offizier-Uniformen der österreichischen Armee malerisch gruppiert, und eine seitliche Umschau zeigte einen alten, von Schweinsborsten fast entblößten, mit bunten Wirtshausadressen und Eisenbahnvermerken bedeckten Koffer, sowie eine gut erhaltene Rokoko-Kommode mit weit aufgerissenen Schubladen. Zudem lagen auf dem Nachttisch allerlei nette Kleinigkeiten, Erbstücke und Erinnerungen, die nicht dem Gebrauch dienten, aber zufällig hierher verstreut waren. Nun brachte Bomstorff, wieder von den schnuppernden Hunden verfolgt, eine Punschkaraffe mit silbernem Deckel herbei und außer einem feingeschliffenen Glase ein Wasserglas. »Mit Verlaub, Vetter! Ich trinke aus einem Gefäß, aus dem man die Tränen des Himmels und die Quellen der Erde zu kosten pflegt. Ich bitte, bedient Euch!« Und er schenkte den hellen Branntwein in die Gläser und that seinem zögernden Verwandten Bescheid. »Nieren- und nervenstärkend zu jeder Tageszeit!« rief er, vergnügt den Bart streichend und mit einem »Kuscht euch, ihr hochbeinigen Schmarotzer, allons – in die Körbe!« die Hunde fortweisend. Sie entfernten sich mit ihren spitzen Schnauzen und ausdruckslosen Augen und blieben mit eingekniffenen Schwänzen, zitternd und lungernd, vor ihrem Lager stehen. »Was, um alle Welt, Bomstorff, zieht Euch eigentlich zu den Windhunden hin?« fragte Kay. »Keine Geschöpfe aus der Welt, außer den Ratten, sind mir so zuwider.« Bomstorff lachte. »Das will ich Euch sagen, Gevatter. Ich gehe mit Heiratsgedanken um, und zufällig habe ich erfahren, daß meine Duenna einst um den Tod einer solchen Bestie zwei Monate die Augen feuchtete. Nun promeniere ich täglich an ihrer Wohnung vorüber und bedeute ihr in zarter Weise gleiche Tier-Sympathien. Endlich muß sie das rühren.« Er lachte wieder auf seine faunische Art. Man verstand nicht, ob er sich über sich selbst lustig machte, oder über alle anderen. Er that fortwährend Thörichtes und sprach doch darüber, wie jemand, der die Welt und ihr Treiben voll Weisheit belächelt. Diesem Gedanken gab auch Kay Ausdruck: »Das alles glauben Sie doch selbst nicht, Bomstorff!« warf er hin. »Nein, Gevatter, eigentlich habt Ihr recht. Aber ich fand bisher in diesem Komödienkasten, den man die Welt nennt, daß das Barocke und Ungewöhnliche, wenn schon der Spott sich regt, mehr Chancen hat als das Vulgäre. Für letzteres fehlt's eigentlich überhaupt an Chancen, wenn man kein Geld besitzt. Und kurz und ein für allemal,« – hier ward Bomstorffs Rede für Augenblicke durch einen heftigen Schmerz am Bein unterbrochen, der sich durch Zucken in seinem Gesicht und im Zusammenbeißen der Zähne bemerkbar machte –»ich treibe die Thorheit eigentlich nur, weil ich mich auf diese Weise besser amüsiere. Ich vergnüge mich im stillen über das gesamte Narrenspiel. Sagt selbst, Vetter, wie soll man's in dem gottverd– Nest der Langweile, – in der Narrenwelt von Philistern und Pharisäern aushalten, wenn man nicht der Gegenstand ihrer Neugierde ist? Sie halten mich für einen Thoren; das ist ein Glück. Hielten sie mich für einen Weisen, hätten sie mich, glaube ich, schon lange gesteinigt. Glaubt, Gevatter, hier, hier sitzt etwas, das bisweilen mit salzigen Fluten in die Augen dringt, und wer meine stillen Stunden belauschen könnte, würde wissen, wie oft ich nach dem Pistolenlauf drüben über meinem Bette schiele. Doch genug! Etwas Bisam,« hier ließ Bomstorff eine cynische Lache erschallen, »guter Apotheker, meine Phantasie zu würzen.« Und er schenkte sich den Rest ein, nachdem Kay dankend abgelehnt hatte. »Möchtet Ihr Euch nicht beschäftigen,« begann der letztere, seinen Verwandten mit steigendem Interesse betrachtend. »Was meint Ihr? Soll ich versuchen, Euch irgend eine Thätigkeit zu verschaffen?« Bomstorff strich langsam den Bart und sah Kay mit eigentümlich fragenden Augen an. »Sie meinen, Gevatter?« »Ich meine,« betonte Kay, – »Ihr könntet Euch nützlich machen und etwas verdienen.« »Nützlich machen? Verdienen?« wiederholte Bomstorff. »Gewiß, ein vortrefflicher Gedanke; aber hört, Gevatter! Neulich kam ein Jüngling zu mir. Wie ein Ganymed. der an der galoppierenden Fettsucht leidet, sah er aus und bot mir die Vertretung einer Lebensversicherungs-Gesellschaft an.« »Charmant! Und was ist zu thun, um zu verdienen?« »Wenn Sie, Herr Baron, so und so viele Abschlüsse machen, haben Sie so und so viele Prozente.« »Und welches Fixum?« »Der Fettsüchtige schüttelte das Haupt, und ich machte eine meiner schönsten Abschiedsverbeugungen. Dann kam einmal der Abgesandte einer Weinhandlung, gegründet 1791 \&c. \&c. »Bitte nehmen Sie Platz.« Er hatte die Ehre, auf dem einzigen Erbstück meiner Ahnen zu sitzen. Auch er war gut gemästet. Auf einem Bäuchlein mit weißer Weste tanzte eine fingerdicke Uhrkette. Er stöhnte und schwitzte, und der Zeigefinger der linken Hand suchte unter dem Halskragen Luft und Erlösung.« »Und wieviel jährliches festes Gehalt?« »Darauf könnten wir uns allerdings nicht einlassen, Herr Baron.« »Sehr schön! Aber ich mich auch nicht auf Ihre Offerte!« »Ich sollte aber doch glauben, Herr Baron.« »Nein, mein Herr, glauben Sie gütigst nichts, überlassen Sie das mir! Und jetzt muß ich meine Windhunde füttern.« »Nein, lieber Vetter, das ist alles nichts. Auch ziehen mich die Geschäfte nicht an. Den Medoc, den ich für den Mann verkaufen soll, trinke ich lieber selbst, und was Versicherungen anbelangt, so würde beispielsweise eine solche meines eigenen Lebens höchstens dem Engel Gabriel zu gute kommen. Sie und Klöden sind meine einzigen Verwandten und haben bekanntlich auch für des Teufels Handwerkszeug, das Gold und Silber, nur Passion, wenn Sie dessen benötigt sind. Mein Bein ist zerschossen. Ich bin keinen Tag ohne heftige Schmerzen, auch nicht jung und biegsam genug, um das Kommando über Reiterschwadronen gegen devotes Antichambrieren zu vertauschen. Zudem! Keine Sorte wird auf der Welt so gehaßt, wie Wein- und Lebensversicherungs-Agenten. Seltsam genug, da Leben und Trinken uns schon in der Wiege mundeten und neben Schlafen immer noch die beste Beschäftigung bleiben! – Auch zum Schreiben« – fügte Bomstorff hinzu – »bin ich nicht zu gebrauchen. Meine Finger sind steif wie Elfenbeinstöcke, und nur, wenn mich einmal die mephistophelische Lache über das Dasein befällt, und Hunger und Durst greuliche Umschau bei mir halten wollen, schreibe ich quer über die bekannten Dreimonatsfetzen meinen Namen. Wollt', es wär' niemals geschehen, – ich that's zu häufig für andere.« Dieser Besuch gab Veranlassung, daß sich Kay und sein Verwandter enger befreundeten. Während der kommenden Zeit saß ersterer mit Bomstorff abends häufig beim Wein und horchte auf seine cynischen Reden. Aber er lud ihn, zu Clementina-Julias Ärger, auch nach Dronninghof ein und fand großen Gefallen an seinem Vortrag. Bomstorff hatte nicht nur viel erlebt, sondern auch sehr viel gelesen, und alles, was sein Auge gesehen, und was sich in seinem Gehirn festgesetzt hatte, ward bei der Wiedergabe durch die besondere Art seiner Auffassung äußerst anziehend, entbehrte niemals jenes wirklichen Ernstes, der einen gereiften Mann kennzeichnet, und wirkte völlig anders, als das farblose Gespräch der Dutzendmenschen. *           * * Kurz vor Mercedes' Abreise war noch einmal eine kleine Gesellschaft nach Dronninghof geladen worden. Nachdem sich gegen Mitternacht die Gäste entfernt hatten, blieben Kay, Clementina-Julia und Mercedes plaudernd beisammen, und ersterer, angeregt durch den Wein und die Eindrücke des Abends, neckte Mercedes und brachte zuletzt das Gespräch auf ihr Bleiben in Dronninghof. »Es ist also abgemacht,« hub er ein wenig unüberlegt an, »daß Du Dich nicht von Carmelita trennst! Ich werde gleich morgen an Deine Eltern schreiben, oder vielleicht auch mit Dir nach Hamburg hinüberreisen, nur diesen Plan ins Werk zu setzen.« Clementina-Julia horchte auf. Aller Blicke streiften sich rasch. »Nein, lieber Kay! Es geht nicht. Ich sagte es Dir schon einmal,« gab Cedes zurück. »Es geht nicht nur, es muß sein! Ich bin überzeugt, daß Clementina-Julia sich meiner Ansicht anschließt, und wenn wir dich beide bitten –« »Niemals werde ich darum bitten,« stieß Clementina-Julia, eine günstigere Verständigung über diese wichtige Angelegenheit in ihrer Erregung nicht abwartend, heraus. »So geschieht es gegen Deinen Willen!« »Kay!« rief die Frau und schoß empor. Von draußen sah die Nacht in den hellerleuchteten Raum. Von den Rasenplätzen, aus den Parkbäumen drang eine kühle, befreiende Luft ins heiße Gemach. Der Himmel schaute mit seinen zahllosen, unbewegten Sternen friedlich herab, und die ganze Natur schien durch sanfte Ruhe ihre Geschöpfe gleichsam zu mahnen, alles Unfriedliche abzustreifen. Aber in der Brust dieser beiden Menschen gärte es. Was sich doch nun einmal nicht zusammengefügt hatte aus einer rechten, inneren Übereinstimmung, was mehr Sinnenreiz und Berechnung gewesen war als Liebe, lockerte sich bereits und drohte zusammenzubrechen. »Nun? Du wünschest?« erwiderte Kay, stolz das Haupt emporrichtend, während ein unbeugsamer Ausdruck in seine Züge trat. »Nun?« wiederholte er, als Clementina-Julia mit zornsprühenden Augen seinem Blick begegnete, aber nicht antwortete. »Du hast während der verflossenen Jahre und in den letzten acht Tagen bewiesen, daß Du Sanftmut und Duldsamkeit gegen das kleine Wesen nicht zu üben vermagst, welches ich nach allen natürlichen Gesetzen liebe wie mich selbst, und für das ich einzutreten habe aus naheliegendster Pflicht. Ich bereue nicht, daß ich Dir bisher stets nachgab. Was Du aus Eigenliebe thatest, ist zum Besten geworden. Aber wessen Sorgfalt verdanke ich, daß Carmelita körperlich und geistig so vor mich hingetreten ist? Ich verdanke dies Deiner Schwester. Ist es denn nicht begreiflich, daß ich das Kind in ihren Händen lassen möchte? Ist es nicht die Liebe für sie und zugleich die größte Rücksicht auf Dich? Du kannst nicht? Wohlan! Ich finde mich mit der unabänderlichen Thatsache ab. Aber ich kann verlangen, daß Du für die Enttäuschung, welche Du mir bereitet hast, Dich jetzt wenigstens einer kleinen Buße unterziehst. Haben Dein Eigenwille, Deine Herrschsucht, Deine Launen größeren Anspruch auf Berücksichtigung als des Kindes Wohl? Mercedes raubst Du schon die Unbefangenheit, sich der Aufgabe zu unterziehen, indem Du in solchem Ton und in solcher Weise Verständiges zurückweisest. Es giebt nur eines, um alles zum Guten zu wenden. Du gestehst Dein Unrecht ein, bittest Deiner Schwester ab und gelobst, Dich zu bestreben, einen vernünftigen Entschluß ehrlich fördern zu wollen.« »Wie wenig kennst Du mich!« stieß Clementina-Julia verächtlich heraus. »Eher werde ich zum Stein, als daß ich eine Entschuldigung ausspreche, wo mich verständige Gründe leiteten. Und eher verlasse ich beizeiten Dronninghof, als daß ich Zeuge sein will, wie Mercedes Schlieben sich das Herz meines Mannes stiehlt und mir – als einer Betrogenen – nur die Wahl –« »Julia!« schrie Mercedes und faßte sich an die hämmernde Brust. Der Schrei klang durchs Haus, durch die geöffnete Thür in den Park und pflanzte sich fort in die Ferne. Aber die Ruhe, die ihm folgte, wirkte noch eindrucksvoller als der Ton, der sich der beleidigten Brust des Mädchens entrungen hatte. Selbst Kay fand für Sekunden keine Worte. »Ich habe Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Mein Blick dringt in die Zukunft. Das Kind ist nur ein Vorwand,« nahm Clementina-Julia von neuem mit eiserner Ruhe das Wort. Und trotzig, boshaft schloß sie: »Besser wird es unter meiner rauhen, aber gerechten Hand aufgehoben sein, als unter den Schmeichelreden einer Mercedes, die sich nicht scheut, den Altar des Hauses anzutasten.« »Julia! Bist Du von Sinnen? Du wagst es! Willst Du zurücknehmen, was Du Ehrloses mir vorgeworfen hast? Oder, bei Gott, ich verlasse in dieser Sekunde das Haus!« hauchte Mercedes, außer sich vor Erregung. »Nein! Nein! Ich will nicht!« gab die Frau mit fliegendem Atem zurück und riß an den Armbändern, die ihre Handgelenke umspannten. »Ich halte Dich nicht – keine Minute. Geh, wohin Du willst! Ich werde den Augenblick segnen, in dem ich sicher weiß, daß Du niemals wieder in Dronninghof erscheinen wirst!« Mercedes' Gestalt reckte sich empor. Ihr Gesicht war wie das Leinen, das sie gegen den Mund preßte, und aus dem sich einige Blutstropfen lösten, die ihrer Brust entquollen. Sie flog gegen die Thür und wollte die Stufen hinabeilen. Aber Kay fing sie in seinen Armen auf, hielt sie umfaßt, und während sie an seiner Brust ruhen blieb, sagte er, einen vernichtenden Blick auf seine Frau werfend: »Ich könnte Dich selbst nach solchen Worten gehen heißen, Clementina-Julia! Aber ich weiß, der Zorn, die Eifersucht sprechen aus Dir! Du bist Dir selbst nicht bewußt, was Du thust! Ich will den kommenden Tag abwarten! Du wirst dann Deiner Schwester abbitten, was Du an ihr gesündigt hast. Wir wollen uns jetzt zur Ruhe begeben. Komm, Cedes, ich geleite Dich in Deine Gemächer.« Und ohne seine Frau ferner eines Blickes zu würdigen, verließ er mit Mercedes das Zimmer. Sechstes Kapitel. Wieder war ein Jahr vergangen. Die Zeit hatte inzwischen entwirrt, was unlösbar erschienen, und ausgelöscht, was als wildes Feuer emporgelodert war. Die Natur legt in das Herz der Menschen Vergessen. Ohne dieses wäre das Leben der meisten ein unerträgliches Dasein voll Qual. Was Zorn und Leidenschaft aus ihren Abgründen herausstoßen, ist oft nur das Unreine, das sich um die Seele geballt hat; der Kern wird wieder gesund und kräftig. Die nächste Wirkung des geschilderten Vorfalls war zwar eine bedeutsame gewesen, später aber hatte sich eine Besänftigung der Herzen und Gemüter eingestellt, durch die der innere und äußere Friede in Dronninghof wiederhergestellt worden war. Jeder der Beteiligten faßte sich an die Brust und hielt Einkehr in sich, und weil keiner sich ohne Schuld fühlte, fand sich der Weg zur Versöhnung. Beide Frauen lagen einige Zeit krank darnieder. An Clementina-Julias Bette stand noch in derselben Nacht der Arzt, und Mercedes brach am folgenden Morgen zusammen und kämpfte mit Bluthusten. Und Kay wanderte in den Nächten durch den Park mit seinen hohen, schweigsamen Bäumen und schaute über die großen Parkwiesen, durch die das Wasser seine mondbeschienenen Silberstreifen zog, auf das einsam liegende Haus, in dem die beiden Leidenden ruhten, und in dem jetzt nur wenige erleuchtete Fenster sichtbar waren. Und als Clementina-Julia das Krankenlager wieder verließ, sprach laut ihr Mund, was ihr wiederholter, heftiger Händedruck stumm erbeten hatte, wenn Kay an ihrem Bette gesessen hatte: Verzeihung und Versöhnung! »Laß Cedes nach Hamburg zurückkehren, Kay!« flehte sie mit weicher Stimme, und Kay bewegte das Haupt, aber nicht mehr im Widerstreit mit sich, sondern unter der Erinnerung dessen, was sich zugetragen hatte. In gegenseitiger Rücksicht ward des Kindes, ward jetzt Carmelitas nicht einmal gedacht. Jeden Tag eilte sie zu ihrer Tante und hing an deren Hals, tröstete sie und suchte auf jede Weise ihr Mitgefühl an den Tag zu legen, und jeden Tag ward das Kind zu seiner Mutter geführt, reichte ihr wortlos die Hand und blieb scheu sitzen, bis es wieder entlassen wurde. Kay war immer von neuem mit sich zu Rate gegangen. Was seine Frau in der leidenschaftlichen Erregung hervorgestoßen hatte, vermochte er bei ehrlicher Erwägung nicht als ganz unzutreffend zu bezeichnen. Nicht die Sorge um Carmelita allein hatte seine Entschlüsse geleitet. Freilich drängte es Kay, Mercedes Genugthuung zu verschaffen; auch schoß der Zorn, den er an jenem Abend gewaltsam in sich niedergekämpft hatte, noch einmal wieder empor. Er sollte auf die Buße verzichten, welche er seiner Frau nach ihren beleidigenden Worten auferlegt hatte? Nimmermehr! Würde Mercedes ihm vergeben, daß er nicht auf einer Abbitte bestand? Und wie ungewiß gestaltete sich nun wieder Carmelitas Zukunft! Jetzt kam ihm von neuem sein Töchterchen ins Gedächtnis. Die kalte Frau und das liebebedürftige Geschöpf! Aber all das scheinbar Unentwirrbare löste Clementina-Julia durch ihr Verhalten. Sie redete auf Kay ein; sie stellte ihr Unrecht nicht ganz in Abrede; sie gelobte ihm, sich zu bemühen, seiner Tochter sanft und nachsichtig zu begegnen, und er gelangte nicht einmal dazu, ein Wort für Mercedes einzulegen, da Clementina-Julia zwar nicht Abbitte leistete, sich jedoch ihrer Schwester aus eigenem Antriebe näherte und ihr mit kluger Berechnung die Wahl ließ, in Dronninghof zu bleiben oder zurückzukehren. Mercedes schüttelte den Kopf: »Ich danke Dir für die Erlaubnis, Deine Gastfreundschaft ferner in Anspruch zu nehmen, Julia,« erwiderte sie, »aber ich hatte schon in Deinem Sinne entschieden, bevor Du mir mit so grausamen und ungerechten Worten begegnetest. Ich schwankte bei Kays Antrag überhaupt nur für Augenblicke, weil ich Carmelita so sehr liebe. Du magst aber recht haben, daß meine Hand zu milde, und daß Dein Einfluß auf ihre Entwickelung von größerem Nutzen ist. Ich werde überhaupt wohl niemals wieder nach Dronninghof zurückkehren! Ich vermag zu verzeihen, aber nicht zu vergessen, und so würde sich in meine Freude doch immer ein befangenes Gefühl mischen.« Clementina-Julia war viel zu sehr Verstandesmensch, um diesen Worten einen Widerstand entgegenzusetzen. Ihre Entgegnung enthielt, entsprechend ihren geheimen Wünschen, nur eine Artigkeit, aber durchaus keine Bitte, den gefaßten Entschluß zu ändern. Bevor Mercedes Dronninghof verließ, fand zwischen ihr und Kay noch eine Unterredung statt. »Geh heute nach dem Frühstück in das Unterholz hinter dem Park. Wir treffen uns vor dem kleinen Waldhäuschen, Du weißt, dort, wo die Bank steht!« Mercedes verneinte anfangs mit sanftem Kopfschütteln, aber als sein bittender Blick sie wiederholt traf, erschien sie doch zu der angegebenen Stunde. Nun sie von Kay scheiden sollte, drängte es sie auch selbst, noch einmal gute Worte zu hören, noch einmal in seinen Augen zu lesen, was in seinem Herzen für sie ruhte. Kay erhob sich bei ihrem Kommen rasch und mit allen Anzeichen überglücklicher Freude. Er schritt ihr entgegen, bot ihr den Arm und führte sie an eine Bank. »Ah! Du kommst, Cedes!« – betonte er zärtlich und suchte ihr Auge. »Nein, ich bitte, Kay!« – bat sie, tief Atem holend und unruhig: »Laß uns nicht in den alten Ton verfallen. Allzu bedeutsam ist, was hinter uns und vor uns liegt. Ich folgte Deinem Ruf, weil ich Dich noch einmal ohne Zeugen, – nicht sprechen – was könnten wir uns zu sagen haben! – aber vor dem Abschied sehen wollte. Ich möchte noch einmal fühlen, daß Du mir gut bist. Ich wollte Dich bitten, mir die alten Gesinnungen zu bewahren.« Nach diesen Worten erhob sie sich, kämpfte gegen die sie fast erstickenden Tränen und streckte ihm die Hand zum Abschied entgegen. »Nein, bleibe! Geh nicht so von mir, Cedes!« flehte Kay, legte seinen Arm eng um ihren Leib und versuchte sie von neuem auf die Bank herabzuziehen. Sie aber schüttelte, zitternd abwehrend, das Haupt, löste sich mit rascher, sanfter Bewegung von ihm los, und war, bevor er noch zur Besinnung zu gelangen, bevor er es zu verhindern vermochte, unter den Bäumen des Waldes verschwunden. Die Angelegenheiten, welche Carmelita betrafen, nahmen durch Mercedes' Fortgang schon deshalb einen günstigeren Verlauf, als Kay gedacht hatte, weil durch die Schule, welche die Kleine in Schleswig besuchte, und durch Nachhilfeunterricht im Hause, der einer jungen Dame übertragen ward, eine Regelmäßigkeit in ihrer Thätigkeit eintrat und eine Aufsicht herbeigeführt wurde, durch die ein besonderer Eingriff von seiten der Mutter ausgeschlossen wurde. Auch gab Clementina-Julia dem Kinde wenigstens einen Teil seiner früheren Freiheit wieder. Eine eigentliche Annäherung zwischen Stiefmutter und Tochter fand freilich in keiner Weise statt. Das warmblütige und leidenschaftlich geartete Kind suchte keine Liebe, wo es nun einmal keine finden konnte. Aber Carmelita wandte ihr Herz auch in der Entfernung zu ihrer Tante, und keine Woche verging, in der sie nicht einen Brief an Cedes absandte. Diese Anhänglichkeit gab nach längerer Zeit wieder den Anlaß zu einer erregten Szene zwischen Kay und Clementina-Julia und allmählich zu einer immer mehr zunehmenden Entfremdung zwischen beiden. Carmelita hatte in der Schule einen Tadel empfangen. Hieraus entstand eine scharfe Rüge und ein schroffes Verbieten des vielen Briefschreibens. Nun geschah versteckt, was früher offen geschehen war, und als Kay einmal unversehens das Arbeitszimmer betrat, griff Carmelita erschrocken nach dem Briefpapier und suchte es unter dem Löschblatt zu verbergen. Es erfolgte nun Frage und Antwort. »Weshalb versteckst Du den Brief?« »Ich glaubte, es sei Mama.« »Nun? Und weiter?« »Sie hatte verboten –« setzte das Kind schüchtern an und erhob seine großen, dunklen Augen. »Und Du thust es doch?« Carmelita erwiderte nichts; sie preßte den Arm ihres Papas und küßte seine Hand. »Hast Du denn Tante Cedes lieb?« Das Kind bewegte stürmisch den Kopf. »Wie lieb!« stand darin geschrieben. Kay nahm den Brief und schob ihn in die Seitentasche seines Rockes. Er beschloß, mit seiner Frau über die Angelegenheit zu sprechen. Aber er gab den Gedanken doch wieder auf. Das Kind würde darunter zu leiden haben. Auf diese Weise bildeten sich allerlei Heimlichkeiten bei Carmelita heraus. Während sie früher arglos in den Garten gelaufen war und Obst gepflückt hatte, that sie's jetzt heimlich. Sie fürchtete den scharfen Tadel ihrer Mutter. Wenn sie vordem etwas vergessen hatte, was man ihr aufgetragen, gestand sie es ehrlich ein. Nun machte sie Umschreibungen oder griff zur Unwahrheit, weil sie den rauhen Ton und die harte Hand Clementina-Julias fürchtete. Diese schlug sie auch einmal, und die Züchtigung blieb wie ein Brandmal an dem Kinde haften. »Geh, binde eine andere Schürze vor,« herrschte sie sie an einem Sonntag Morgen mit einem vergleichenden Blick auf ihre Kleinen an. Carmelita entfernte sich. Auf dem Flur erfuhr sie von dem Kutscher, daß die Stute Lotte im Herrenstall ein Füllen geworfen habe. Das beschäftigte sie dermaßen, daß sie, statt sich ins Ankleidezimmer hinaus zu begeben, in den Stall lief. Von dem Geschehenen allzu benommen, vergaß sie im Augenblick, was ihr anbefohlen worden war, stürmte zunächst wieder in die offen stehende Thür des Frühstückszimmers und gab ihrem Papa, der inzwischen eingetreten war, in lebhaften Worten Bericht. »Ja, ich weiß, Carmelita. Nun, hat's Dir gefallen? Ist das Füllen hübsch?« Carmelita nickte. Jetzt sah Clementina-Julia empor, und Kay wurde abgerufen. »Und die Schürze? Du solltest doch eine andere Schürze umbinden,« begann Clementina-Julia. »Deshalb sandte ich Dich fort. Wo warst Du?« »Bei dem Füllen,« zitterte es zaghaft aus dem Munde des Kindes. »Und Du gedachtest gar nicht meines Befehls?« Clementina-Julia heftete ihre zornfunkelnden Augen auf die Kleine. »Antworte!« Aber Carmelita erwiderte nichts. Sie stand abgewendet und ihre Zähne berührten die Fingernägel. »Wie oft habe ich Dir diese abscheuliche Gewohnheit schon –« Der Satz wurde durch hastige Schläge auf die Hände unterbrochen. Carmelita floh, reckte sich empor und rief: »Du sollst mich nicht schlagen!« Ihre Augen glühten; Zorn und Trotz flammten über ihr Angesicht. »Ich soll Dich nicht schlagen?« brach's ans dem Munde der Frau. »Nun, ich will Dich lehren!« Sie packte das Kind, züchtigte es mit blinden Schlägen auf die Hände, auf den Arm und den Kopf; sie stieß es in den Rücken und trieb es unter Mißhandlungen in eine Ecke. Und Carmelita wehrte nach Kräften ab, und dann warf sie sich, laut schreiend, nach Kinderart auf die Erde. Da trat Kay wieder ins Gemach. Ihm folgte die Erzieherin, von den Tönen, die durch das Haus gedrungen waren, herbeigezogen. »Was ist? Was ist geschehen?« rief Kay in höchster Unruhe, forschte in den blassen Zügen seiner Frau und hob die Kleine mitleidig empor. »Nun, was war's?« wiederholte er, nunmehr herrisch und drohend zu seiner Frau gewendet. »Sie war ungehorsam, hatte ihre alten schlechten Gewohnheiten, lehnte sich sogar gegen mich auf und erhielt ihre Strafe.« Kay sah die roten Flecken auf den Armen und schaute in das zuckende Gesicht seines Kindes. Wilde Empörung schlug durch seine Brust. »Und deshalb – Und deshalb?« wiederholte er, »mißhandelst Du das Kind in solcher Weise? Ist das Strafe oder Rohheit?« »Ich bitte, daß Du Deine Ausdrücke mäßigst und nicht eher urteilst. bis ich Dir den Sachverhalt mitgeteilt habe.« »Ich will nichts hören!« erwiderte Kay heftig. »Ich weiß, daß Carmelita eine solche Behandlung nicht verdient hat. Und wenn wirklich ihr Vergehen noch so groß, – keines meiner Kinder soll geschlagen werden, hörst Du. Tiere züchtigt man.« »O, dieses Kind!« stieß Clementina Julia heraus und wandte sich ab. »Ja, dieses Kind!« wiederholte Kay. »Ein Kind! Und Du forderst von ihm die Tugenden eines Erwachsenen. Dieses Kind – und Du hast nicht Nachsicht mit kindlichen Schwächen. Wie hart, wie rauh, wie unversöhnlich bist Du! Wirst Du Dich denn niemals ändern? Die Strafen, die Du der Unmündigen erteilst, verdientest Du selbst wegen Deines Mangels an Selbstbeherrschung!« »Was schrieb ich Dir damals nach London, als Du um mich warbst?« stieß Clementina-Julia heraus. »Was Du mir schriebst? Du wolltest gerecht sein. Aber ich fragte Dich, ob Du fühltest, daß Du eine milde Hand und ein gutes Herz für Carmelita haben würdest. Von Deinen Zusagen hast Du wenig oder nichts gehalten. Zuckt es denn nicht mitleidig in Dir auf, wenn Du in Deiner Übermacht das wehrlose kleine Wesen vor Dir siehst?« »Wehrlos? Sie widersetzte sich, sie trotzte gegen mich auf. – Ich sagte es Dir bereits!« »Ich würde es auch gethan haben, wenn meine Eltern mich wegen eines Nichts geschlagen hätten!« »Es war kein Nichts! Ich sage es Dir nochmals!« brauste Clementina-Julia auf und stampfte mit dem Fuße. Sie sah Kay mit stechenden Blicken an, und die Worte drangen hastig, sich überstürzend aus ihrem Munde. »Wie oft soll ich mich wegen dieser verwöhnten und verzogenen Kreatur schulmeistern lassen!« »Kreatur! Jawohl! Das ist die Bezeichnung, die Du für Carmelita hast!« bestätigte Kay, das Haupt langsam bewegend. »Ah! Du solltest Dich schämen. Und ich sehe es jetzt auch, alles ist vergeblich! Wer erwartet Wärme, wo Eis ist! Du bist kalt wie Eis, und wo bei anderen der göttliche Funke sanftmütiger Liebe glüht, da hat nur Deine Eigenliebe brennendes Feuer!« Clementina-Julia hatte dem allen mit verbissenem Grimme zugehört. Ihre Zähne bohrten sich in die Lippen. Und da sie nichts erwiderte, sich vielmehr abwandte und abermals ungeduldig mit den Fußspitzen den Erdboden stampfte, wuchs Kays Zorn. »Wenn ich bedenke,« fuhr er fort, »daß Du sogar dem Kinde verboten hast, an Cedes zu schreiben, daß Du so grausam sein konntest, ihr selbst diese Nahrung für ihr Herz zu nehmen.« »Wer sagt das?« rief Clementina-Julia, mit flammenden Blicken sich zurückwendend. »Ich sage es, und wenn Du leugnen willst, so gesellt sich zu Deinen Grausamkeiten die Lüge.« »Kay!« drohte die Frau, und ihre Glieder flogen. »Ich frage Dich nochmals, wer Dir das berichtet hat?« »Nun, das Kind selbst! Ich fand sie an ihrem Arbeitstisch oben, und als mir ihr unsicheres Wesen auffiel, und ich sie befragte, begründete sie es durch die Worte: ›Mama hat es mir verboten, an Tante zu schreiben.‹« Clementina-Julia knirschte mit den Zähnen. »Immer, immer dieses Geschöpf!« ging es über ihre Lippen. »Du räumst es also ein? Du gestehst Deine herzlose Handlungsweise zu! Es wird durch Dein Zugeständnis erhärtet, daß Du, statt gerecht zu sein, wie Du versprachst, Dich von boshaften Launen hinreißen läßt.« Kay hielt inne und erwartete, daß seine Frau das Wort nehmen werde, aber zu seiner Überraschung stieß sie die Fenster auf, holte in tiefen Atemzügen Luft und starrte mit abwesendem Blick hinaus auf die Parkwiesen. »Clementina-Julia!« hub Kay nach einer Pause an und trat seiner Frau näher. »Ich sehe. Du überlegst, meine Worte haben Eindruck auf Dich gemacht! Wir sind jetzt beide weniger erregt, wir wollen einmal ruhig und leidenschaftslos die Dinge besprechen. Vor Jahresfrist gelobtest Du mir, daß Du dem Kinde eine gute Mutter sein wolltest. Du gelobtest es nicht nur aus besserer Einsicht, aus Liebe zu mir, sondern auch als Dank für mein Nachgeben bezüglich Deiner Schwester. Einen solchen verdiente ich nicht in dem Umfange, weil ich in meiner Parteinahme für Mercedes zu weit gegangen war und auch meinerseits gut zu machen hatte, wo ich fehlte. Nun lebten wir seither glücklicher miteinander. Daß Du manches durch Deine Kälte auch in mir erkalten ließest, ist leider Wahrheit, aber ich will Dir die Schuld nicht beimessen. Ich wußte, wie Du warst. Du decktest mir einst offen Dein Inneres auf, ehe wir an den Altar traten. Ich sage: ich bin ganz zufrieden und ganz glücklich, denn vollkommen ist nichts auf dieser Welt, und Du hast ja auch meine Schwächen zu tragen. Ich bitte Dich nur inständigst, beherrsche Dich in dem einen Punkt. Laß Dich nicht so leicht von Deiner Heftigkeit hinreißen! Sei auch ferner gerecht! Denke, daß unser Kay, unsere Julia ihre Mutter verloren hätten. Würde Dein Herz nicht zittern, wenn Du dächtest, daß ihnen nicht die Liebe würde, deren ein Kind bedarf? Wie rührend ist ein Kind! Noch frei von dem Staube des Lebens, nimmt es voll gläubigen Vertrauens die Dinge in sich auf, wie sie ihm erscheinen, fügt sich in alles. Welch ein Gedanke, daß es wirklich noch Geschöpfe giebt, die in einer Welt idealer Vorstellungen leben, dieser entsprechend fühlen, empfinden und handeln. Und das Fehlerhafte, dem Guten Abgewandte! Ist es nicht auch nur ein Ergebnis des Beispiels ringsum, oder ein Erbteil unseres eigenen Blutes? Sollte uns das Nachdenken darüber nicht immer mild und nachsichtig stimmen, auch wenn wir Kummer, Enttäuschung und Herzeleid an unsern Kindern erleben? Welche Grausamkeit liegt in der Forderung, daß ein Kind Eigenschaften an den Tag legen soll, deren Vorhandensein wir bei vorurteilsfreier Prüfung an uns selbst täglich vermissen? Nur unsere Erfahrung, die Klugheit der Not, nur eine stärkere Läuterung unserer Seelen und Herzen in späteren Jahren lassen uns besonnener, besser und weiser handeln. Und nun höre meinen Vorschlag: Wenn Du fühlst, daß ich recht habe, Du aber die Kraft und Stärke nicht zu besitzen glaubst, die nötig sind, um andere Wege einzuschlagen, überlegen wir nochmals. ob es dann nicht doch besser ist, daß wir die Kleine wieder zu Cedes geben?« Bei dem Namen Cedes zuckte die Frau zusammen. Alles, was Kay geäußert hatte, fand in ihrem Herzen Widerhall. Seine Worte überzeugten, besänftigten, versöhnten sie. Von neuem stiegen gute Entschlüsse in ihr auf, milder selbst gedachte sie des Kindes, um das sich der Streit erhoben hatte. Aber bei Nennung des verhaßten Namens wirbelte alles wieder in ihrem Innern empor: die Eifersucht auf ihre Schwester, die Furcht, Kay werde ihr wieder näher gerückt werden. Sie sah Cedes' triumphierende Miene, und die alte Leidenschaft ergriff sie. Zudem barg jede Annäherung an jene auch noch die Gefahr in sich, daß ihren Kindern etwas entzogen werden könnte. Sie kannte Kays hochherzige Gesinnung. Clementina-Julia war mit jedem Jahr sparsamer geworden, der Geiz hatte sie erfaßt, und auf ihre beiden Kinder richteten sich allein ihre Gedanken. Sie schwieg deshalb auch nach Kays Rede. »Nun? Habe ich recht?« fügte der Mann hinzu. Er wußte nicht, wie es in ihr aussah. »Ich glaube,« – erwiderte sie langsam gedehnt, doch ohne sich zu ihm zu wenden. »Aber Du bist doch dagegen?« »Ja, – ich bins!« »Und weshalb, nachdem Du jüngst selbst diese Forderung stelltest?« Die Frage klang schon wieder kürzer, ungeduldiger, und Clementina-Julia fühlte, daß sie einlenken müsse. »Ich bitte, laß uns die Sache ein andermal. nicht heute schon entscheiden. Vielleicht finden wir noch einen anderen guten Weg. Ich glaube, ich weiß einen solchen, aber noch ist's nicht ganz klar in mir. Ich bitte Dich, Kay –« Nun sah sie ihn mit jenen Blicken an, denen er noch niemals zu widerstehen vermocht hatte, und als sie nun plötzlich zu ihm trat und ihre Arme um seinen Nacken legte, da verschloß er selbst ihren Mund mit einem Kuß und schalt sie mit neckischen Worten, die ihr bewiesen, daß sie ihn versöhnt und sein Herz wiedergewonnen hatte. *           * * In den folgenden Tagen nach diesem Vorfall ereignete sich etwas, das Clementina-Julias Entschlüsse bezüglich Carmelitas noch mehr befestigte. Als sie am Nachmittage mit Kay das Klavierzimmer betrat, fand sie zu ihrer Überraschung die kleine, fast gleichaltrige Tochter des Verwalters anwesend. Das Kind saß mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl, zog einer Puppe das Kleidchen an und horchte neugierig und belebt auf Carmelitas rasch aufeinander folgend hervorsprudelnde, übermütige und laute Reden. Diese letztere stand mit geröteten Wangen, den Kopf mit den lebhaft blitzenden Augen der Freundin halb zugewandt, aufrecht vor dem Piano und spielte während des Schwatzens, ohne auf die Tasten zu sehen, in raschem, sicherem Tempo die lustige Melodie einer bekannten Operette. Die breite Schleife einer ihr weißes, gesticktes Kleid umschließenden dunkelroten Seidenschärpe hatte sich gelöst, und die Enden hingen in ungleicher Länge auf den Fußboden herab. Beim Eintritt ihrer Mutter schrak Carmelita heftig zusammen und hielt mitten im Spiel inne. Da die Verwalterstochter nicht ohne Erlaubnis in ihrer Gesellschaft sein und das Haus betreten durfte, Carmelita außerdem auch sorgfältiges Üben anbefohlen war, so fürchtete sie diesmal mehr als einen bloßen Verweis. Clementina-Julia zog ein finsteres Gesicht und machte eine bezeichnende Bewegung gegen Kay, der mit ihr ins Zimmer getreten war. Es stand darin geschrieben: »Da siehst Du wieder, wie sie es treibt. Die Verwalterstochter bringt sie zur Arbeitsstunde ins Haus, und statt zu üben, treibt sie Allotria.« Kay aber sagte, ohne auf den deutlichen Hinweis Rücksicht zu nehmen: »Spiels noch einmal, Carmelita. Was war's?« Halb erfreut, halb ängstlich irrten Carmelitas große Augen hin und her, während die kleine Gespielin, furchtsam durchs Zimmer schleichend, die Hand auf den Thürdrücker legte. »Bleib, kleine Anna!« ergänzte Kay, sich zu dem Kinde wendend. Carmelitas Züge hellten sich auf; sie vergaß, was eben geschehen war, und gab sich ganz dem glücklichen Eindrucke hin, daß ihre Gespielin bleiben durfte, und sie nicht gescholten werden würde. Aber der Fremden Instinkt war stärker als die Wirkung der ermunternden Worte. Sie sagte sich, daß alles, was nun folgen würde, doch nur künstlicher Natur sein werde. »Mutter sagte, ich sollte gleich wiederkommen,« kam's zaghaft aus ihrem Munde. »Gut, meine Kleine, dann geh« – erwiderte Kay, scheinbar durch die Gegenrede bestimmt. Nun entfernte sich das Kind mit ungelenken Knixen, und Carmelita forschte gespannt in den Mienen ihres Papas. »Also spiele, Lita!« Carmelita zog gehorsam den Klaviersessel an das Instrument, fand rasch den rechten Sitzpunkt und begann sofort. Mit großer Sicherheit beendete sie den ganzen Satz und drehte sich sodann, glücklich über das Gelingen, schnell auf dem Sessel herum. Mit vorgestrecktem Oberkörper blieb sie sitzen, und ihre Blicke wandten sich zu ihrem Papa. Unter den schwarzen Brauen blitzten die Augen, als tauchten kleine Sonnen aus tiefem Dunkel hervor; zwischen den halb geöffneten Lippen erschien ein fragendes Lächeln, und so anmutsvoll wirkte ihre Erscheinung, während sie in ihrer natürlichen Grazie dasaß, den Kopf vorbeugte, und dabei die dunkelschwarzen Haare in feinen Strähnen die Wangen beschatteten, daß Kay von ihrem Anblick ganz benommen wurde. »Ich gehe voraus, mich umzukleiden –« erklärte Clementina-Julia nach beendetem Spiel. »Laß mir sagen, wenn der Wagen vorgefahren ist.« Sie sprach's, ohne das Kind eines Blickes zu würdigen, und wandte sich zur Thür. Kay neigte zerstreut beipflichtend den Kopf, näherte sich Carmelita, der er zunächst die Schärpenschleife knotete. Dann nahm er sie liebkosend in die Arme. »Du solltest ja aber üben, Du böser Taugenichts!« drohte er. »Nun wirst Du doch ernsthaft daran gehen, Carmelita?« Das Kind nickte; sie sagte nichts, aber unter einer raschen Aufforderung, sie emporzuheben, flog sie an Kays Hals empor und liebkoste ihn zärtlich. Clementina-Julia hörte noch beim Fortgehen das jauchzende Lachen des Kindes und biß sich auf die Lippen. Zum erstenmal stieg auch der Neid in ihr empor. Carmelita war schön, zum Lieben geschaffen, während ihre Kleinen durch nichts Besonderes ansprachen. Sie überraschten höchstens durch die in ihren Kindergesichtern unsympathisch wirkenden, kalten Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatten. Haß und Neid machten zusammen sich ein Bett in dem Herzen der Frau; sie nisteten sich immer fester ein, und nur mit schwachem Willen wehrte sich ihre bessere Natur, derselben Herr zu werden. Während der Ausfahrt entwickelte sie ihrem Manne den von ihr gefaßten Plan. Sie stellte ihm vor, ob es nicht, da sie sich nun einmal nicht über die Erziehung Carmelitas zu einigen vermöchten, und auch das heute Vorgefallene beweise, wie wenig wirksam alle Ermahnungen und Gebote seien, zur Erhaltung ihres Glücks besser wäre, das Kind jetzt gleich in eine Pension, vielleicht nach der französischen Schweiz zu geben. »Ich schlug Dir doch vor, Carmelita wieder zu den Eltern und Mercedes zu thun. Weshalb denn nicht dorthin? Weshalb zu Fremden?« »Ich bin thöricht in dieser Sache, Kay,« schmeichelte Clementina-Julia. »Ich gestehe es zu. Aber ich bin eifersüchtig auf Cedes. Ich war es von jeher. Nun gieb mir wenigstens als Beweis Deiner Liebe darin nach!« Diese Sätze verfehlten ihre Wirkung nicht, sie besänftigten Kay, der nur mit Mühe ein aufkeimendes Mißbehagen unterdrückt hatte. Dennoch gab er seine Zustimmung nicht gleich. Er kannte sich; ein rasches Ja konnte ihn gereuen. Die Folge war, daß die Dinge einstweilen blieben, wie sie gewesen. Aber als Carmelita einige Monate später, nicht aus boshafter Laune, vielmehr aus einem übermütigen Nachahmungsdrange in Gegenwart einer ihrer Mitschülerinnen Clementina-Julias hinkenden Gang nachgemacht hatte, und dies durch Schwatzereien in starker Übertreibung der Frau zu Ohren kam, nahmen nicht nur Zorn und Empörung völlig von ihr Besitz, sondern es schien ihr auch der rechte Augenblick gekommen, noch einmal mit Kay zu sprechen. Im übrigen war das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter immer unhaltbarer geworden. In Carmelitas Auge erschien niemals ein warmer Ausdruck, wenn sie jener gegenüberstand, nichts ein einzigesmal legte sie das Bedürfnis an den Tag, sie zu ihrer Vertrauten zu machen oder bei einem kindlichen Kummer an ihrer Brust Trost zu suchen. Sie küßte ihre Mutter nie freiwillig und redete sie auch niemals unaufgefordert an. Wohl aber zeigte sich in ihrem Gesicht ein Ausdruck von starrem Trotz. Noch waren diese Regungen halb bewußt. Noch gab es für sie eine Autorität, wirkten die Lehren der Erziehung des Hauses und der Schule, noch hatte nicht der ›bewußte‹ Gedanke sich ihrer bemächtigt, man könne auch einen Menschen, gar die eigene Mutter, hassen. Neben dem erwähnten Vorfall gab eine Begegnung mit Bomstorff Anlaß zu Unzuträglichkeiten. Er war Carmelita mehreremal auf dem Schulwege begegnet und hatte sich wiederholt mit ihr beschäftigt. Der Mann, der sonst nur ein ganz oberflächliches Interesse für die Menschen zu haben schien, lediglich im Wirtshaus mit anderen in Berührung kam und sich hier in der Wiederholung Shakespearescher Weltweisheit gefiel, schloß das lebhafte und kluge Kind in sein Herz ein und gab seiner Zuneigung für sie bei jeder Gelegenheit Ausdruck. Clementina-Julia aber hatte ihrer Tochter strengstens anbefohlen, niemals in der Stadt mit Erwachsenen zu sprechen, keine Geschenke anzunehmen und sich unter keinen Umständen nach Schluß der Schule aus derselben zu entfernen, sondern das Eintreffen des Dronninghofer Wagens, mit dem sie täglich abgeholt ward, abzuwarten. Von ihrer jugendlichen Lebendigkeit hingerissen, durch die verbotene Frucht gereizt, aber auch durch Zureden ihrer Mitschülerinnen beeinflußt, hatte sie diesen Befehl einigemal überschritten und war entweder dem Wagen entgegengeeilt, oder hatte dem Kutscher zu warten befohlen, wenn Bomstorff sie in eine Konditorei geführt und sie hier verhätschelt hatte. Clementina-Julia hatte nun, Vorfällen nachspürend, die eine Veranlassung zur Rüge geben konnten, den Kutscher vorgenommen und ihn ausgeforscht, ob die Kleine jedesmal in dem Schulhause auf ihn gewartet habe. »Gewiß, Frau Gräfin,« bestätigte der Mann in einem entschiedenen Tone, jedoch eine gewisse Verlegenheit in den Mienen an den Tag legend. Da alle Gutsangehörigen wußten, daß Carmelita unter der unnatürlichen Strenge ihrer Mutter litt, trat jeder für sie ein, und auch des Kutschers Herz sprach stärker als sein Pflichtgefühl. »Friedrich Theißen!« betonte Clementina-Julia dem Alten, der mit Frau und zwei Kindern auf dem Gute wohnte, und dem es heftig unter der roten Kutscherweste klopfte. »Sie wissen, daß Ihre Herrschaft vor ihnen steht, und daß Unwahrheiten zur Folge haben können, daß Sie Ihre Stellung verlieren. Ich frage Sie noch einmal, ob Lita meinen Befehl stets genau befolgt hat?« »Ja – ja, – ganz gewiß, Frau Gräfin! Bloß der Herr Baron, der hat sie mitunter angesprochen und mitgenommen –« Der Kutscher war glücklich, diesen Ausweg gefunden zu haben, und machte ein so einfältiges Gesicht, als sei ihm gar nicht bewußt, daß er von der Wahrheit abgewichen sei. Er beschloß auch, Carmelita zu verständigen, damit sie Bomstorff einen Wink geben könne. »Gut, ich weiß genug!« beendete Clementina-Julia das Gespräch, neigte in ihrer kurzen, wenig freundlichen Weise den Kopf und entfernte sich. Am Spätnachmittag erschien Bomstorff, um mit Kay in einer der Parklauben eine Partie Schach zu spielen. Mit stets gleichbleibendem Widerstreben gab Clementina-Julia in solchen Fallen den Befehl, daß eine von dem Gast besonders geschätzte Bowle bereitet wurde. Als er ins Haus trat und in seiner kavaliermäßig artigen Weise Clementina-Julia entgegenschritt, zog sie ihn diesmal etwas freundlicher, als es sonst ihrer sehr kühlen Art entsprach, ins Freie und sagte nach den ersten einleitenden Worten: »Ich bitte Sie, Herr von Bomstorff, unsere Carmelita mittags niemals aufzuhalten. Natürlich weiß ich Ihre Liebenswürdigkeit zu schätzen und stellte das Kind sehr gern unter Ihren Schutz, aber es handelt sich hier um bestimmte Befehle, die nicht überschritten werden dürfen.« In Bomstorffs Gesicht zeigte sich – zu Clementina-Julias Enttäuschung – nach ihren Worten durchaus nicht die gewohnte Unterwürfigkeit. Er schlug nicht, wie sonst, in ehrerbietiger Haltung die Stiefelhacken zusammen und machte keine seiner theatralischen Verbeugungen. sondern strich in sichtbarem Unmut den Bart und bewegte die langgeschnittenen, schnurrbärtigen Lippen, als ob er etwas eifrig zwischen den Zähnen zermalme. Aber noch mehr, und das erregte in Clementina-Julia lebhaften Ärger; er antwortete gar nicht. »Also, ich darf auf Sie rechnen?« drängte sie, durch eine Bewegung Bomstorff zum Weiterschreiten auffordernd, fast trotzig. Kay zeigte sich eben auf dem Balkon, und sie wünschte sowohl eine Antwort wie die Beendigung des Gesprächs vor dessen Nähertreten. »Ich meine, ein Kind muß Freiheit und Bewegung haben! Aber nach Ihren Befehlen, meine Gnädige!« erwiderte Bomstorff schroff. Er sah ein, daß er etwas erwidern müsse, aber seinem Mißfallen wünschte er einen deutlichen Ausdruck zu verleihen. Clementina-Julias Selbstgefühl ward empfindlich getroffen, doch unterdrückte sie ihren Unmut um der Befriedigung willen, die sie empfand. Durch Bomstorffs Antwort empfing sie die Bestätigung einer Voraussetzung, deren Kenntnis sie Kay gegenüber nicht dem Kutscher verdanken wollte. Und um diese Bestätigung war's ihr allein zu thun gewesen. Sie besaß nun eine weitere Waffe gegen Carmelita. Bei späterer Überlegung beschloß sie sogar, auch das Kind noch zu befragen. Da sie gewiß wußte, daß Carmelita leugnen werde, erhielt sie noch einen Anhaltspunkt mehr für die letzten Angriffe, die sie auf Kay machen wollte. Aber bevor Clementina-Julia den Augenblick für die Ausführung ihrer Pläne fand, traf ein Schreiben ihres Vaters ein, welches ihre Gedanken ablenkte. Er teilte ihr mit, daß der Besitzer der Villa sein Grundstück verkauft und ihnen gekündigt habe. Es sei nun in ihm der Entschluß aufgetaucht, Hamburg zu verlassen, nach Schleswig zu ziehen und so den Rest seiner Tage in ihrer und seiner Enkel Nähe zu verleben. Nachdem Clementina-Julia gelesen hatte, ließ sie den Brief fallen, stützte das Haupt und starrte zerstreut vor sich hin. Die Ausführung dieses Vorhabens, das Kay sicherlich in jeder Weise unterstützen würde, bedeutete zugleich die Wiederkehr ihrer Schwester. Mercedes! Also doch! Ein Mittel hatte diese endlich doch gefunden, in Kays Nähe zu gelangen! In Clementina-Julia brodelte es auf. Sie sann nach – Sich widersetzen? Das war unmöglich. Ihre Füße berührten ungeduldig den Fußboden; vergeblich suchte sie nach einem Ausweg. Endlich las sie weiter, und jetzt atmete sie wieder auf, ja, am Schluß erhellten sich ihre Züge. Ihr Vater schrieb: »In der letzten Zeit haben wir uns um Cedes sehr gesorgt. Sie hustet stärker als früher, sieht meist sehr leidend aus und fühlt sich matt und angegriffen. Unser früher stets so fröhliches Vögelchen läßt immer mehr die Flügel hängen. Ich habe nun eine große Bitte, meine teure Clementina-Julia, und ich trage sie Dir ohne Wissen Deiner Mutter und Cedes' vor, zumal Deine Schwester gelegentlich einer früheren, in demselben Sinne geäußerten Absicht, mir – sicherlich aus übertriebenem Zartgefühl – einen starken Widerstand entgegengestellt hat. Sie muß, wenn sie uns erhalten bleiben soll, nach dem Süden. Der Arzt rät dringend dazu, und zwar auf längere Zeit, vielleicht auf ein ganzes Jahr. Aber die Mittel zur Bestreitung der Kosten habe ich nicht; das weißt Du. Willst Du nun mit Deinem Manne sprechen, ob er ihr behilflich sein will? Ich weiß, er hält viel von Mercedes und wird hoffentlich unter so schwer wiegenden Umständen uns diese Bitte nicht abschlagen.« Clementina-Julia zog nun ihre Schlüsse. Wenn Schliebens nach Schleswig zogen, fiel die Frage wegen einer Rückkehr Carmelitas nach Hamburg von selbst fort. Wenn sie Mercedes das Geld für längere Reise auswirkte, so war diese zuvörderst aus Kays Nähe gebracht! Ja, so sollte es sein! Und Zeit gewonnen, alles gewonnen! *           * * Bomstorff blieb an diesem Tage länger in Dronninghof als sonst. Nach Beendigung der Schachpartie, bei welcher der Gast, wie meistens, auch heute Sieger geblieben war, folgte er einer Aufforderung Kays, einmal das ganze Gut in Augenschein zu nehmen. Nachdem sie den prachtvollen Park und das anschließende Gehölz, in dem zahlreiche Vögel, Goldammern und Pirole durch die sonnendurchwirkten Zweige huschten, durchschritten hatten, führte Kay Bomstorff auf die Vorwerke und zuletzt wieder auf den eigentlichen Gutshof. Sie guckten in die Ställe und Scheunen, erwiderten den ehrerbietigen Gruß der nach der Tagesarbeit vor dem Hofthor schwatzend und rauchend nebeneinander stehenden Knechte, sprachen bei der Meierei vor und machten auch einen Besuch in der Wohnung des Verwalters. Über dem Hof lag die gesättigte Ruhe des Abends. Die Sonne war hinabgesunken. Ein Nachglanz ihrer Schönheit durchfunkelte die Gebüsche und umspielte die Scheunen mit ihren hohen Giebeln. Als sie über den sorgfältig geharkten, mit Rasen und Blumenbeeten besetzten Vorplatz des Herrenhauses schritten, blieb Bomstorff stehen, und indem er den Rest seiner Zigarre in eine große Meerschaumspitze steckte, auf der eine ruhende Nymphe geschnitzt war, sagte er: »Summasummarum, lieber Vetter! Ein Staatshof ist's! Wer hier nicht glücklich sein kann, der hat die in ihren zarten Seidenschuhen vorsichtig trippelnde Dame Glück nicht verdient.« Kay nickte, ohne etwas zu erwidern. Bomstorff aber fuhr fort: »Sapristi! In einer solchen Welt, glaube ich, könnte ich noch einmal den Zauber des Daseins empfinden und in der Entäußerung von Bedürfnissen die wahre Insel der Seligkeit entdecken. Die Natur giebt Nahrung für alles. Sie erfreut, besänftigt, macht duldsam und weckt gute Regungen, verscheucht die Grillen und hilft unsere Leidenschaften bekämpfen.« »Was der Mensch nicht hat, erscheint ihm stets als eine Sonne am Himmel,« entgegnete Kay. »Besitzt er es, so umgiebt ihn doch die alte Dunkelheit des Unbefriedigtseins. Nein, Freund, die äußeren Dinge sind die geringsten Bedingungen zum Glück. Wir müssen den leuchtenden Stern der Zufriedenheit in uns haben. Aber freilich, das ist selten.« »Das sagen Sie, Vetter, und mit so starker Betonung?« gab Bomstorff mit einem eigentümlichen Ausdruck zurück. Fast schien's, als ob es ihn freue, daß alles Wohlleben und aller Reichtum doch recht nebensächlich seien. »Nun ja, weil's die Wahrheit ist!« erwiderte Kay kurz. »Aber kommen Sie! Wir gehen noch eine Weile in mein Zimmer. Vielleicht gefällt Ihnen eine Pfeife Tabak vor dem Abendbrot?« Als sie sich rauchend gegenübersaßen, Kay nach seiner Gewohnheit mit übergeschlagenen Beinen, Bomstorff mit aufgeknöpftem Schnürrock, unter dem ein seinen Leib umschließender breiter Lederriemen hervorschaute, brach letzterer ein längeres Schweigen und sagte: »Nichts für ungut, Vetter, wenn ich heute eine fatale Sache berühre. Und um kurz zu sein: Morgen werde ich mit dem letzten Kanarienvogel gepfändet, wenn ich nicht zweihundert Thaler herbeischaffe. Wollen Sie mir noch einmal helfen?« »Ich denke, Sie waren nun in Ordnung und sicher vor dergleichen Affairen, Bomstorff? Als ich vor drei Monaten eine erhebliche Summe hergab, versicherten Sie mich, es sei nun wirklich das letzte Mal.« »Ganz recht,« erwiderte der Gast und strich den langen schwarzen Schnurrbart. »Aber ich muß mit dem Dichter sagen: Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen. Ich hoffte und glaubte, daß ein alter geldhungeriger Gauner besänftigt sei und alle Angriffe auf meine Oleanderbäume und den seidenbezogenen Sessel aufgegeben habe. Aber es muß ans Licht gekommen sein, daß ich noch Kassenscheine zwischen den Fußbodenritzen versteckt halte, und da hat er den alten, verblichenen Wechsel wieder hervorgezogen.« »Hm!« machte Kay. »Ich will Ihnen etwas sagen, Bomstorff. So ohne weiteres kann ich auf Ihren Wunsch nicht eingehen. Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen. Schreiben Sie mir einmal auf, was immer sie noch schuldig sind – auf Ehrenwort nicht mehr und nicht minder.« »Eine verdammt zeitraubende Beschäftigung!« murmelte der Gast, und in seinem Gesicht erschien ein zynischer Ausdruck. »Nun, gleichviel, ob's wenig oder eine große Summe ist! Ich will nur helfen, wenn Sie gründlich herauskommen, und dann habe ich auch noch eine Bedingung: Sie fangen ein anderes Leben an.« Bomstorff zog ein langes Gesicht und rief etwas plump lachend und mit scharfem Kehllaut in der Stimme: »Nein, Gevatter, das wird nicht möglich sein! Einen Steeplechase Renner kann man nicht plötzlich vor einen Wagen spannen!« Kays Mienen blieben bei dieser offenen Erklärung auch nicht ernsthaft. Er lachte mit und sah seinem Verwandten neugierig und mit unverstelltem Beifall ins Gesicht. »Ist es Ihnen denn ein solcher Hochgenuß, immerfort in Verlegenheit zu sein, heute nicht zu wissen, ob Sie morgen zu leben haben, sich mit Gerichtspersonen herumzuschlagen und sich dem Gerede der Menge auszusetzen? Lieber Bomstorff! Einen Edelmann zieren andere Eigenschaften. Den sorglosen Leichtsinn verzeiht man dem jungen Fähnrich, dem Studenten, aber der Major Baron Hugo von Bomstorff könnte in anderen, besseren Dingen den Zweck seines Daseins erkennen. Sie sprachen vorher von meinem Besitz, von dem Aufenthalt auf dem Lande. Sie priesen das Leben hier. Wohlan! Ziehen Sie heraus! Ich will Ihnen die hinter dem Hofe liegenden Turmzimmer einräumen und Sie sorgenfrei machen. Aber das Kneipen mit Gevatter Schuster und Schneider sollen Sie aufgeben; statt Medoc können Sie Bier trinken, und die Nächte sollen nicht mehr zum Tage gemacht werden. Und nun ernsthaft. Sagen Sie einmal, wie viele Schulden haben Sie eigentlich?« »Das mag der Teufel wissen!« erwiderte Bomstorff, der das Naß der Rührung, welches seine Augen feuchtete, durch eine Grimasse zu verstecken suchte. »Ist's sehr viel? Sagen wir: Fünftausend Thaler?« warf Kay, dem die Bewegung seines Verwandten nicht entgangen war, tastend hin. »Mehr!« »Mehr? Mensch, wie muß Ihr Magen aussehen! Alles Medoc?« »Nein, Gevatter! Auch Hochheimer, rubinroter Burgunder und ungeduldig sprudelnder Sekt haben – in dankbarer Anerkennung meines guten Geschmackes – Anteil daran. Es war nicht recht vom Schöpfer, die Trauben so spärlich wachsen zu lassen und sie so teuer zu machen, so lange ich auf der Welt einher gehe. Nein! Gebt's Bezahlen und Regulieren auf, Vetter; die Summe ist zu groß. Ein gut gelaunter Rothschild selbst würde den Kopf schütteln und sich mit zugeknöpften Taschen vor den Tresor stellen.« »Sagen wir also, daß Sie zehntausend Thaler Schulden haben. Reicht das?« »Nun, ganz so viel wird's wohl nicht sein, Vetter.« »Um so besser. Sagen wir aber einmal zehntausend Thaler. Darauf biete ich Ihren Gläubigern fünfzig Prozent oder ein Nachsehen für alle Zeiten.« »Das wäre eine rosenfarbene Idee!« lachte Bomstorff und bewegte den Kopf. »Fünfzig Prozent!« wiederholte er und strich den Bart. »Das macht fünftausend Thaler. Eigentlich schade um das prächtige Stück Geld.« »Nein, nicht schade, und alles, was Sie sprechen, ist ja doch nicht Ihre Meinung. Wäre es nicht der wonnevollste Tag Ihres Lebens, an dem Sie sagen könnten, daß Sie niemandem mehr verpflichtet seien?« »Natürlich, sans doute , Vetter! Sehen Sie! Ich habe gegen fünf und zwanzig Tausend Gulden von Kameraden in Österreich zu fordern. Also ohne ein gewisses, wenn auch fadenscheiniges Aktivum habe ich die Angriffe auf die Wirtshauskellereien der guten Stadt Schleswig nicht gemacht. Ich glaube sogar, daß, wenn jemand die Schuldscheine und Wechsel in Bewegung setzte – sagen wir, wenn ich die Beträge einem Anwalt zum Inkasso zedierte – ein hübscher Barren Gold herauskommen würde. Aber zu leid thun mir die lieben, braven Kerle! So nachträglich noch Geld mit Schuldenbezahlen vergeuden macht wenigen Vergnügen. Ich gab, so lange ich hatte, und nun muß ich schon nehmen, weil ich nichts besitze und zum Verdienen keine Lunge mehr habe.« »Wieder nur eine Phrase. Es quält Sie doch, daß Sie mehr gebrauchen, als Sie haben. Aber Sie sitzen im Sumpf und denken: ertrinken muß ich doch!« »Sagen wir: Trinken muß ich doch!»lachte Bomstorff, erhob sich aber plötzlich, legte seine große Hand auf Kays breite Schulter und sah ihn mit zuckenden Augen ins Angesicht. »Ehrlich gestanden,« hub er an, und seine Stimme zitterte, »ich ließ schon oft den Glauben an die Menschheit über die Klinge springen. Alles wird vom niedrigsten Egoismus regiert, und einen Menschen, dem wirklich Geld in der Freundschaft nicht mehr ist, als irgend etwas anderes, was sich Zweibeinige unter einander zu bieten vermögen, den fand ich bisher noch nicht. Ja, Geld! Geld! Das ist ein Flügelroß, das in keinen Stall gehört! Wo das in Frage kommt, hört alle christliche Nachsicht auf, da feiert das Pharisäertum allezeit seine höchsten Triumphe! Wahrlich! Sie sind ein seltener Mensch, Gevatter. Nichts mit der Unduldsamkeit, die immer die Splitter in anderer Augen entdeckt, während die Balken seine eigenen verdunkeln, treten Sie Ihren Nebenmenschen gegenüber, sondern mit jener Vorurteilsfreiheit und jener wahrhaft adeligen Gesinnung, die sich jederzeit erinnert, daß uns alle ein Schöpfer geschaffen hat, und daß keiner ihm mit seinen Schwächen minder wert ist!« »Na, lassen Sie's gut sein, Vetter!« wehrte Kay ab. »Viel Spaß macht's mir gerade nicht, Geld zu verlieren. Aber für einen guten Kerl, und wenn er auch unerlaubt leichtsinnig wär, thut man schon ein übriges. Wir wollen also nächstens an die Arbeit gehen; und – und was den morgen fälligen Wechsel betrifft, schicken Sie mir den Menschen her. Ich werde schon mit ihm fertig werden. Und bitte, darauf noch Ihr Wort! Sie lassen die Sache unter uns bleiben, und vor allen Dingen soll die Gräfin, meine Frau –« Kay hielt inne und holte Bomstorffs Zustimmung durch seine Blicke ein. »Und dann denken Sie auch einmal über meinen Vorschlag nach, Vetter –« schloß er. »Ich meine wegen Ihrer Übersiedelung nach Dronninghof. Selbstverständlich wollen wir uns gegenseitig nicht genieren. Wir bleiben wie bisher, durch gelegentlichen Umgang verbunden, gute Freunde. Fortwährend zusammenhaken, heiraten wollen wir uns nicht.« Mit einem gutmütigen Lächeln brach Kay ab. Bomstorff aber reckte seine hohe Gestalt empor, und in der Abenddämmerung erschien er wie eine Hünengestalt aus vergangenen Zeiten. Die Augen in seinem Gesicht leuchteten sprühend auf, und plötzlich trat er auf Kay zu und drückte ihn mit rascher, stummer Umarmung an die Brust. Siebentes Kapitel. Es war frühmorgens. Kay hatte eben noch einmal seines Schwiegervaters Brief gelesen und wanderte, den Inhalt überdenkend, in seinem von Möbeln und Kunstschätzen reich angefüllten Zimmer auf und ab. Mechanisch blieben seine Augen an den Gegenständen haften und zuletzt an einem Bilde, das in einen Ebenholzrahmen gefaßt, über seinem Schreibtisch hing. Es war ein sprechend ähnliches Porträt von Mercedes aus dem verflogenen Jahre. Während Kay immer und immer wieder seine Augen auf das Bild richtete, gingen gleichzeitig seine Gedanken zu ihr. Ihre Krankheit beschäftigte ihn außerordentlich und erfüllte ihn mit großer Sorge. Er zürnte seinen Schwiegereltern, daß sie sich nun erst, da es vielleicht zu spät war, seiner offenen Hand erinnert hatten. Mercedes! Wie schön sie war mit den dunkeln tiefen Augen! Wie sanft ihr Lächeln, wie gütig der Ausdruck in dem blassen Antlitz. Schon seit Monaten war Kay mit dem Gedanken umgegangen. sich einmal nach Hamburg aufzumachen, um sie wieder zu sehen. Nur kluge Besonnenheit hatte ihn davon zurückgehalten. Nun fand sich ein Anlaß, aber ein gar trauriger. Von Mercedes gingen Kays Gedanken zu seiner Frau. Er wußte, jetzt würde Clementina-Julia ihre Forderung wiederholen, Carmelita aus dem Hause zu geben. Und er wollte nicht; aber wenn er sich dann alles vergegenwärtigte, was vorgefallen war, schien ihm doch kein anderer Ausweg möglich. Und sie, die kleine Carmelita, war das Opfer, um das er sich den Frieden erkaufen mußte. In Kay erhob sich der alte Widerstreit, und sein Ich lehnte sich auf gegen seine Frau. Endlich griff er, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, noch einmal zu dem Schreiben und las den Schluß des Briefes. Seine Schwiegereltern wollten nach Schleswig ziehen! Sicher ein guter Entschluß. Vielleicht mit einiger Unbequemlichkeit für ihn – Kay – verbunden. – Aber er hatte doch keine Bedenken. Er würde schon die gute Mitte zu finden wissen. Seine Schwiegereltern mischten sich nicht in seine Angelegenheiten. Clementina-Julias Mutter war die Sanftmut und Güte selbst, und der alte Graf eine viel zu timide, allem Streite abgewandte Natur, um Unfrieden herbeizuführen. Und dann hatte die Übersiedelung noch eine gute Seite. Mercedes gelangte in seine unmittelbare Nähe. Noch einmal hefteten sich Kays Blicke auf das Bild. Freilich – mit ihrem Kommen wuchsen die alten Gefahren. Sie hatte ihn geliebt, er wußte es; und sie liebte ihn noch. – – Nach diesem Hin und Her seiner Überlegungen empfand Kay das Verlangen, mit Clementina-Julia zu reden. Bisher hatten sie nur mit wenigen Worten über den Inhalt des Briefes gesprochen. Als Kay im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen, öffnete sich die Thür, und seine Frau trat herein. Da er sich sehr früh aus dem Bette erhoben hatte, war ihm, wie es in solchen Fällen häufiger vorkam, das erste Frühstück in seinem Zimmer hergerichtet worden. Infolgedessen tauschten Mann und Frau erst jetzt einen guten Morgen aus. Durch die geöffneten Fenster sandte die Frühsonne ihre sanften Strahlen in das Gemach, verschönte die Gegenstände, glitt blitzend und leuchtend über die Wände, Möbel und Bilder und durchzitterte mit ihrem Goldlicht eine dem Auge als schräg niedersteigende Säule erscheinende Staubwolke. Auch Clementina-Julias Erscheinung ward durch diese Lichtfülle gehoben; sie sah an diesem Morgen überraschend schön aus. Ein weißes Kaschmirkleid, das vorn mit blauseidenen Knöpfen besetzt war und in eine reiche Schleppe auslief, umhüllte ihre Gestalt. In diesem anschmiegenden Gewande traten die Formen ihres Körpers in ganzer Schönheit hervor, und zugleich umgab sie jener eigene Zauber der Morgenfrische, der Frauen so verführerisch macht. Sie legte den Arm um seinen Hals und heftete eine Rose mit neckischer Bemerkung an seine Brust. »Du hast schlecht geschlafen, mein lieber Kay. Geht es jetzt besser?« fragte sie. Kay erwiderte ihre Zärtlichkeit, kam aber bald auf die Dinge, die ihn so ausschließlich beschäftigten. »Komm, setze Dich, bitte!« begann er. »Eben las ich noch einmal Deines Vaters Brief, und wir wollen überlegen.« »Jawohl! Und was meinst Du?« warf sie scheinbar gelassen hin und ließ sich gefügig in einen Sessel gleiten. »Ich werde das Geld geben. Ich plane sogar, selbst nach Hamburg hinüberzufahren. Aber allein wird Cedes die Reise noch nicht unternehmen können. Das scheinen die drüben nicht bedacht zu haben.« Kay machte eine Pause. »Und was die Übersiedelung anbetrifft – wenn Deine Eltern sie wünschen und wollen, ich werde nicht abraten. Ich glaube, es wird vielerlei Annehmlichkeiten für Dich haben. Wie denkst Du darüber?« »Ja – es spricht manches dafür.« Da Clementina-Julia mit so kargen Worten antwortete, erhob Kay den Blick. Aber er fand nichts in ihren Mienen, was ihn hätte beunruhigen können. »Ich werde gleich heute nach Hamburg schreiben. Vielleicht richtest Du auch einige Zeilen an Deinen Vater?« Clementina-Julia nickte nur stumm bejahend. Sie beschäftigte augenblicklich alles andere mehr als diese Erörterung. Nach einigen besorgten Bemerkungen über Mercedes' Krankheit, für welche Clementina-Julia indessen keine große Teilnahme an den Tag legte, sagte Kay, nach seinem Hut greifend: »Dann wäre wohl jetzt nichts weiter zu bereden. Ich will noch aufs Feld und werde vielleicht etwas später zum zweiten Frühstück kommen.« Er nickte freundlich und wandte sich zur Thür. »Ich möchte nur noch einige Worte über Carmelita sprechen,« begann Clementina-Julia. »Das neue Quartal steht vor der Thür. – Wenn etwas geschehen soll –« Kay schüttelte den Kopf. »Du meinst?« »Ich meine, daß ich vor dem Herbst keinen Entschluß in dieser Sache fassen will –« »Ganz gut! Aber so können die Dinge nicht weiter gehen!« Kay sah mit ungeduldiger Bewegung empor. »Nun? Ist schon wieder etwas vorgefallen? Sprich!« Er legte den Hut fort und lehnte sich mit einer Miene gegen die Fensterbank wie jemand, der zum Hören knappe Zeit hat. Und nun begann Clementina-Julia ihre Auseinandersetzungen. Sie sprach von Carmelita und Bomstorff. Sie erwähnte ihres Verbots und der Übertretung desselben und schloß mit der Mitteilung, daß Carmelita anfänglich alles kurz abgeleugnet habe. Endlich berührte sie auch, und zwar absichtlich jetzt erst, des Kindes unerhörte Ungezogenheiten, bei denen es so weit gegangen sei, daß es seiner eigenen Mutter nachgeahmt habe. In Kays Mienen trat ein trauriger Ausdruck. Dann sagte er: »Daß Carmelita Deine verständigen Befehle nicht befolgt hat und in ihrem Übermut – ich möchte aber meinen, nur in diesem – die Achtung gegen Dich aus den Augen gesetzt hat, verdient selbstverständlich scharfe Rüge, und ich werde sie zur Rede stellen und bestrafen. Entschuldigt wird sie durch die Unpünktlichkeit Friedrichs und durch Bomstorffs Artigkeiten. Was aber ihr Leugnen anbetrifft. so ist daran nicht das Kind, sondern Du selbst schuld. Sie ist von Dir so eingeschüchtert, daß sie jegliche Unbefangenheit verloren hat. Mir gegenüber würde sie gewiß niemals etwas in Abrede gestellt haben.« »Es fehlt nur noch, daß Du mich statt ihrer in eine Schule sendest!« erwiderte Clementina-Julia. wie so oft alle Selbstbeherrschung verlierend. Sie sah sich in ihren Voraussetzungen nicht nur getäuscht, sondern gar als Schuldige hingestellt, und ihr Zorn kannte keine Grenzen. »O ja! Es wäre Dir schon von Nutzen!« gab Kay mit eisiger Stimme zurück, griff nach seinem Hut und wollte sich ohne Gruß entfernen. Aber dieses kurze Abbrechen, diese Ruhe, diese Kälte, diese Behandlung von oben herab, als sei sie ein unmündiges Geschöpf, empörte die Frau solchergestalt, daß sie von dem Sessel, in den sie sich niedergelassen hatte, emporsprang, auf ihren Mann zuflog und ihn am Arm packte. »Was ist?« rief Kay drohend und stieß rücksichtslos ihre Hand zurück. Beide gereute in dem Augenblick, was geschehen war. Aber beide waren nicht mehr Herr ihrer selbst. »Ich will mit Dir sprechen! Ich bin Deine Frau – ich lasse mich nicht wie eine Dienstmagd behandeln, die man nach seinem Gefallen abthut!« stieß Clementina-Julia laut. so laut hervor, daß es durch die Thüren und Fenster drang. »Und ich verbiete Dir, in solchem Tone mit mir zu reden,« erwiderte Kay und zwang sich nur mit stählerner Willenskraft zur Ruhe. »Was Du gegen Carmelita vorbringst, sind fast alles Lappalien. Man wird ihr eine Wiederholung ernstlich verbieten, und damit basta! Ihr Leugnen – ich wiederhole es – es ist nur eine traurige Folge Deiner empörenden Lieblosigkeit, und ich kann das Kind deshalb nicht tadeln. Freilich – ihr Charakter muß schlecht werden, wenn sie sieht, daß nicht Weisheit und Milde über ihr walten, sondern daß zornige Launen die Handlungen derer bestimmen, die sie leiten sollen, und auf die sie mit ihrem kindlichen Herzen angewiesen ist. Also Schuld, Schuld ist auf Deiner Seite, und das Ende ist nicht abzusehen. Und ich sage Dir: diese letzten Tage haben uns mehr entfremdet als Jahre. Immer mehr schwindet meine Liebe! Du tötest sie mit grausamen Schlägen. O, Cedes, welch eine Fülle von Zärtlichkeit hattest Du für mein geliebtes Kind!« seufzte der Mann, halb in Schmerz und Trauer. In diesem Augenblick, bei diesen Worten hätte die Frau den Mann erwürgen können; sie fühlte, er hatte recht, sie sah, daß sie immer mehr ihr Spiel verlor, daß sie zu rasch, zu unvermittelt gehandelt, und daß der Vorwand zu neuer Klage und die daraus hergeleitete neue Forderung einer Entfernung des Kindes ihre Lieblosigkeit und Selbstsucht nur noch mehr ans Licht gezogen hatten. Die meisten Menschen treibt nichts mehr zum Zorn und zum Widerstand, als eine klare Darlegung ihrer Fehler. Sie denken, die Welt sei blind, und wenn sie plötzlich sehen, daß auch sie Augen hat, verlieren sie jede Selbstbeherrschung. Und so wollte auch Clementina-Julia, die sich nur mühsam bei Kays Rede bemeistert hatte, gleich einem Sturmwind hervorbrechen, aber Kay machte sie durch eine stolz abwehrende Handbewegung verstummen, sah sie mit Blicken an, die ihr das Blut in die Schläfen trieben, und verließ das Gemach. *           * * Einige Tage später, es war an einem Feiertage, der mitten in die Woche fiel, hatte sich Carmelita von ihrem Fräulein die Erlaubnis erwirkt, mit der kleinen Anna spielen zu dürfen. Ihr Papa war bereits seit einigen Tagen in Hamburg, wurde aber gegen Abend zurückerwartet. Die Freundin stand schon wartend in ihrem Sonntagskleidchen vor der Thür, als Carmelita mit ihrer zierlichen Gestalt wie eine Schwalbe über den Pachthof flog und in dem überglücklichen Gefühl, von jedem Zwang befreit zu sein und sich den Freuden der Freiheit hingeben zu dürfen, auf sie zueilte. Ein größerer Gegensatz als zwischen diesen beiden Kindern war kaum zu denken. Die Tochter des Verwalters besaß die bei ihr durch Sommersprossen noch mehr hervortretende derbe Gesichtsfarbe einfacher Leute. Der offene Mund und das strohgelbe, blonde Haar, die mit den wasserblauen Augen, den fast weißen Augenbrauen und weit auseinander stehenden Wimpern im Einklang standen, gaben ihrem Gesicht einen Zug von beschränkter Geradheit, der nur zu sehr von Carmelitas feingeschnittenen Zügen und zarten Wangen abstach. Gleichsam zwischen zwei schlanken Linien lag die vornehme Schönheit dieses Kindes, eine Schönheit, die durch die Einfachheit ihrer Kleidung – sie trug ein enganschließendes, marineblaues Kleid mit einem einzigen weißen, breiten Besatzstreifen am Röckchen, und eng und glatt sitzende Strümpfe von derselben dunklen Farbe – noch gehoben wurde. Anna aber hatte dicke, etwas plumpe Beine, und eine unschöne Zusammenstellung von allerlei Farben in ihrer Kleidung beleidigte das Auge. Blaßrote Strümpfe, überreich gestickte Höschen und ein buntes Sommerkleidchen ließen den Blick nicht zur Ruhe kommen und verrieten den ungeläuterten Geschmack ihrer Umgebung. Zu Carmelita sah sie wie zu einer Erscheinung aus einer fremden Welt empor, und halb unbewußt und immer zum Nachteil ihrer selbst, verglich sie deren Wuchs, Kleidung und Sprache mit ihrer eigenen Person. Noch saß in ihrem Kinderherzen nicht die Unterscheidung, weshalb jene etwas vor ihr voraushabe, noch weniger der Wunsch, es ihr gleichzuthun, sondern nur das Gefühl, daß alle diese Vorzüge ihr eine Unterordnung auferlegten, und daß irgend eine Auflehnung gegen sie gerade so strafbar sei, wie die Übertretung der zehn Gebote, die man sie in der Schule lehrte. »Komm, Anna!« rief Carmelita ungestüm. »Heute wollen wir zu den Pferden und in die Scheune! Gestern ist Heu eingefahren. Komm! Komm!« Und Carmelita lief, ohne die Zustimmung ihrer Gefährtin abzuwarten, vorauf, und jene hinterdrein. Zunächst guckten sie in den etwas dunklen Knechte-Pferdestall. Spinngewebe hingen an der Decke; der weiße Kalk an den Wänden war mehrfach geborsten oder abgebröckelt. Eine gelbe, mit Strohfasern durchmischte Masse sah neben den Fachwerkbalken darunter hervor. Zur Rechten stand eine in der Farbe verschlissene Futterkiste; darüber hing eine Stalljacke mit buntem Unterfutter, wie es die Frauen zu tragen pflegen. In der Häckselmaschine lagen goldschimmernde Reste von Hafer und Stroh. Bei ihrem Eintritt stieß eine Stute mit hartem Hufschlag aufs Pflaster, und zwei Spatzen, die von draußen durch eine Maueröffnung geschlüpft waren, jagten, ängstlich zwitschernd, hin und her. Jetzt ließ sich einer der zudringlichen Gesellen auf die Krippe nieder, in der er hüpfend verschwand. Und dann war alles wieder stumm; nur das Geräusch der langsam fressenden und laut schnuppernden Tiere unterbrach die Stille. Aber diese und der warme, anheimelnde Duft des Stalles nahmen die Sinne der Kinder gefangen; sie guckten sich neugierig ringsum und schritten langsam vorwärts. Ein Wallach, der sich niedergelassen hatte, wandte den Kopf mit den schönen, großen Augen, zugleich rasselte ein spitzknochiger Schimmel in unruhigem Hin und Her an der Krippenkette. Nun fesselte das Treiben der Spatzen die Aufmerksamkeit der beiden Kinder. Unruhig und laut flog plötzlich eine ganze Schar, nach Futter suchend, um die Köpfe der Tiere; endlich setzten sich einige in die trockenen Rinnen und in die Streu und pickten den duftenden Mist. Plötzlich wurden Schritte auf dem Futterboden vernehmbar. Zwei Beine mit plumpen Klotzen und groben, wollenen, über die Hosen gezogenen, grauen Strümpfen erschienen oben in der Öffnung über der rumpeligen, hölzernen Treppe. Das gab das Signal zum Aufbruch, und die Kinder liefen davon. Hinter dem großen Knechte-Pferdestall lag ein riesiger Misthaufen, träge von der Sonne beschienen, von stagnierendem, braungelbem Wasser umgeben, ungleich aufgeschichtet; etwas weiter ab ein Tümpel, auf dem Enten schwammen. Auf einem sauber gefegten Weg ging's zum Herren-Stall, dessen geöffnetes Thürportal ein in Holz geschnitzter Pferdekopf zierte. Hier herrschten äußerste Sauberkeit und blitzende Helle. Sorgfältig geflochtene Strohreifen begrenzten die Streu in den Pferdeständen. Die Krippen waren mit glänzendem Metall beschlagen, und die Wände zeigten ein ruhiges Grau. Der alte Kutscher Friedrich in seiner rot- und weißgestreiften Weste schlug eben auf den breiten Rücken eines der beiden Wagenpferde und schob das langsam weichende Tier mit einem »Üh« beiseite. Er schüttelte die Streu auf und fegte den Unrat mit dem Besen zu Haufen. Am Ende des Stalles stand ein brauner Pony mit tief herabhängendem Kopf, rundlichem Hals, straff emporgerichteter Mähne und müden Augen. Zu diesem liefen die Kinder. Carmelita holte Zucker hervor, den sie zu sich gesteckt hatte. Das Tier schnupperte, nun aufgeweckt, mit seinem feuchten Atem begierig über die flache Hand des Kindes und Carmelita nickte mit dem Kopf und redete, als spräche sie zu einem Menschen. Beim Eintreten der Mädchen hatte Friedrich die Pfeife aus dem Munde genommen und sie in einen seiner kurzen mit Lackleder besetzten Stulpenstiefel gesteckt. Er nickte mit einem breiten »Tag, Lita!« und blieb bei der Arbeit. Jetzt zog ein Stallknecht ein träge seinem »Hüh! Hüh!« folgendes Pferd aus dem Stall zum Tierarzt in das nahe gelegene Dorf. Das scheuchte die Kinder auf. Sie warteten aber nicht, bis Tier und Knecht den Stall verlassen, sondern drängten sich an ihnen vorüber und liefen zu den Scheunen, welche den freien Platz umschlossen. Unterwegs setzten sie durch ihren eiligen Lauf einige Hofhunde in Bewegung, und auch Kays Dogge und Jagdhündin liefen im gestreckten Galopp mit. Während dieses Jagens überkugelte sich ein gelber Teckel, auf den ein Kamerad durch Beißen in die Schenkel einen lustigen Angriff machte. Der Teckel lag mit treuherzigen, hilflosen Augen da und schnappte machtlos in die Luft. Als ihm aber der Angreifer die schiefausgebogenen Beine auf den Leib setzte und dabei die langen Ohren in die Nähe der Zähne des Besiegten gerieten, faßte dieser die weichen Lappen, und der Held riß sich quieksend und bellend los und entfloh eilig. Carmelita aber bückte sich hinab, packte den Teckel und drückte seine Schnauze an ihr süßes Gesichtchen. Anna stand mit zerstreut forschendem Blick daneben, während ihre Finger in dem Näschen beschäftigt waren. Nun gings an die große Scheune zur Linken. Noch lagen vor den weitgeöffneten Thoren Spuren des abgeladenen Heues. Ein Leiterwagen stand quer vor auf einem der Sonne preisgegebenen Plätzchen, neben den Rädern pickten zwei Hühner, und ein alter, schwarzer, langhaariger Hund, der mit müdeblinzenden Augen den Kopf erhoben hatte, senkte die Schnauze wieder auf die vorgestreckten Tatzen herab. Die Spitzen seiner Haare glänzten silberartig, während die blanken Ränder eines neben einem Stück Zeitungspapier liegenden, messingenen Pfeifendeckels mit rauchgeschwärzter, körniger Innenseite wie Gold sprühten. Unmittelbar vor der Giebelwand war ein großer Haufen Stroh aufgeschichtet und brannte in der Hitze. Die Kinder beschritten den kühlen Raum, in dem das Heu duftete, als löse sich ein aromatischer Hauch aus jedem Halm. Sie hielten Umschau, fanden die Leiter zum Boden und stiegen empor. Als sie oben angekommen waren, stapften sie mit schwerfälligen Schritten über die Heuhaufen bis in die Mitte des Raumes. und hier kletterte Carmelita auf einen hohen Berg und ließ sich jauchzend herabgleiten. Und dasselbe that Anna und kratzte sich den Kopf, in dem sich die stechenden Halme verfangen hatten. Und dann wateten sie weiter, versanken und arbeiteten sich wieder empor und gruben endlich eine tiefe Öffnung in einen hohen Hügel, worin sie sich ein Kämmerchen einrichteten. Beim Plaudern erinnerte sich Carmelita, daß sie etwas Naschwerk in der Tasche habe; sie zog es hervor und gab der Freundin die Hälfte. Als Anna ihren Teil verzehrt hatte, wischte sie die von der Schokolade braun gewordenen Lippen mit der umgekehrten Hand und dann mit der Schürze ab. Und jetzt ging's abermals vorwärts. Noch ein zweiter Boden war zu erklimmen. Während Carmelita die Sicherheit der Leiter prüfte, versuchte Anna, ihr das Heu aus dem langen, schwarzen Haar zu zupfen. »Nein, mußt nicht!« rief das Kind mit gutmütiger Ungeduld und wandte den Kopf, »Du thust mir weh! Laß! Komm! Ich will voran! Warte, bis ich oben bin.« Nun stieg sie behutsam empor, und am Ziele angelangt, setzte sie sich in die Hucke und hielt die Leiter mit wichtiger Miene fest. Ihre lebhaften Augen glühten, und mit offenem Munde verfolgte sie die Bewegungen ihrer weniger geschickten Gefährtin. Jetzt umfing die Kinder erst der ganze Zauber der Heimlichkeit und Stille. Hier oben hörte man nichts von der Welt draußen. Keinen Hahnenschrei, keinen menschlichen Ton, kein lautes Leben. Ein großer, fast unheimlicher Raum, in dem alles zu schlafen und, stumm abwartend, der Zeit zu harren schien, die weiteres offenbaren werde. Zahlreiche Spinngewebe, gleich Hängematten und zarten Seilen, hingen an den Balken, aber auch fadenartige, steife und unbewegliche, von grauem, schmutzigem Staub umzogene Gebilde saßen zwischen den Dachlatten. Und zahllose Heuberge hochaufgestapelt zur Linken, während die rechte Seite unausgefüllt war. Viele gelbe Pulverhäufchen der Holzwürmer bedeckten den Fußboden, und dichter Staub hatte sich aufgeschichtet, der fast schärfer roch als drüben der Schnitt der Wiesen. Durch eine in Kreuzform gebildete Maueröffnung des Giebels erhielt der Boden Licht, und durch eine Steinspalte drang sogar ein hellflimmernder Sonnenstrahl, in dem silberne Staubpünktchen auf- und abwogten. Das reizte das Auge der Kinder. Sie liefen bis an den Giebel und prüften. was sonst noch ihre Neugierde befriedigen könne. Und dort gab es auch etwas. Es fand sich eine mit brauner Teerfarbe gestrichene Doppelluke, die durch zwei eiserne Haken zusammengehalten ward. Die eine Krampe saß unten und schien sich leicht zu lösen, die andere aber war so hoch, daß nur ein mittelgroßer Mann sie bequem erreichen konnte. Dies beschäftigte Carmelita und Anna außerordentlich. Alsbald kamen sie auf den Gedanken, daß Carmelita sich auf Annas Rücken stellen könne. Zu diesem Zweck bückte sich die letztere, stemmte Kopf und Hände gegen die Wand und ließ es geschehen, daß Carmelita an ihr emporkletterte. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, den Haken frei zu machen, aber als er sich kreischend löste, verlor sie das Gleichgewicht, und beide Kinder stürzten zu Boden. Sie erhoben sich jedoch rasch wieder, zugleich aber kam es über sie, daß sie etwas thaten, was sie nicht durften, und schon wollten sie von dem gefahrvollen Beginnen abstehen. Aber die Neugierde und der Reiz des Verbotenen zerstreuten ihre Bedenken, und Carmelita machte sich nun auch an den unteren Haken, indem sie sich auf die Erde niederließ und sitzend ihr Werk begann. Nachdem auch der endlich nachgegeben hatte, schob sich Carmelita zurück, zog die Füße an, schnellte sie dann mit raschern, kräftigem Stoß gegen die Pforte und bewirkte durch diesen heftigen Anprall, daß sie zurückflog. Dichter Staub wirbelte empor, und Luft, Licht und Sonne fluteten herein! – Ah! Ah! Das war aber schön! – Die Kinder schauten hinab. Vor ihnen lag das Gut. Das Schloß, umgeben von Wald, die großen Rasen, der glänzende Streifen des Wassers; hinter diesem das Gehölz mit den hohen Bäumen und weiterab wie eine langgestreckte, bewachsene Insel in der ebenen Fläche mit ihren Äckern und Wiesen das Unterholz. Auch das Dorf mit dem Kirchturm war sichtbar; die weiße Mauer des Pastorhauses und hinter dem Dorf das buntgefärbte Land mit den anmutig zerstreuten Ortschaften und grünen Gärten, den Landstraßen und Chausseen, die letzteren mit ihren zuckerweißen Marksteinen so hell abstechend gegen die grauen, gelben und schwarzen Felder, als seien sie mit Marmorstaub bedeckt. Und an des Blickes Grenzen der sanft verschwimmende Horizont in wundervoller. seidengrauer Färbung, und darüber der kristallblaue Himmel, an dessen Saum hohe Wolkengebilde wie mächtige, die sonnenbeschienene Thalebene umschließende Gebirgszüge erschienen. Zu ihren Füßen aber der saubere Hof mit den Scheunen und Ställen, und seitwärts das Verwalterhaus mit seinem roten Dach und seinen hellen Fenstern. Und des Aufsehers Häuschen, umrankt von Grün und Epheu, ein Zufluchtsort für Kühle und Schatten. Auf dem Misthaufen pickten die Hühner mit ihrem »Uk, uk, uk u–u–uk« und den nickenden Köpfen. Hoch oben spreizte sich ein Hahn, hob den Kopf und schlug die Flügel auseinander, als sei das Sonnenlicht ein Wasserbad, dem er eben entstiegen. Nun aber scheuchte des Kutschers Friedrich kleines Mädchen die Enten in den Tümpel. Schnell watschelnd schoß das aufgeschreckte Völkchen mit seinem »Quak, Quak« in das Wasser, im ängstlichen Flattern mit den Flügeln die Fläche streifend, oder mit eilfertigem Rudern keilförmig schwimmend, in die Mitte flüchtend. Nur eine einzige, schneeweiße tauchte, minder nachhaltig erschreckt, in die Tiefe und blieb mit dem spitz emporgerichteten Schwanze stehen, als ob sie der Akrobat unter ihresgleichen wäre. Nachdem die Kinder genug geschaut hatten, der Reiz der Neuheit dahin war, entschied Carmelita, daß sie wieder hinabsteigen und in den Verwaltersgarten eilen wollten, in dem sich eine Schaukel befand. Aber nun kam noch vorher die Überlegung, ob nicht die Luke wieder geschlossen werden müßte. Wenn Carmelita sich vornüber bückte, vermochte sie dieselbe dadurch zu fassen, indem sie sich knieend mit der einen Hand an der Ecke der Wand festhielt, und die andere von unten in Thätigkeit setzte. Sie wies Anna an, dasselbe zu thun. Carmelitas Werk ging langsam, aber sicher von statten. Sie war in all dergleichen geschickt, schon weil sie keine Furcht kannte. Anna hatte sich dagegen in die Hucke gesetzt, suchte vergeblich, es Carmelita nachzumachen und schob sogar die Finger ungeschickt zwischen die Thürspalte. Aber davon bemerkte Carmelita im Eifer ihrer Beschäftigung nichts, wohl aber hörte sie plötzlich neben sich einen kurzen, furchtbaren Angstschrei, und ehe sie noch zur Besinnung gelangen konnte, ehe sie empor zu springen vermochte, sah sie ihre kleine Freundin, die das Gleichgewicht verloren hatte, – in die Tiefe hinabstürzen – – – Dem Kinde stand das Herz still. Es sprang empor. Es zitterte und flog am ganzen Körper. Und dann erfaßte es eine wahnsinnige Angst. Carmelita sah und hörte nichts mehr. Sie flog über den staubigen Boden, kletterte mit bebenden Gliedern die Leiter hinab, arbeitete sich, mühsam wie ein gehetztes Reh, über die Heuhaufen, gelangte an den Ausgang, da, wo die zweite Leiter stand, bestieg sie mit Angstschweiß an den Händen, klomm fliegend, keuchend weiter hinunter und eilte, in der Tenne angekommen, aus einer Hinterthür über den Hof. Sie hielt in ihrer Todesangst keine Umschau nach Anna. Anna war sicherlich tot! Sie dachte nur an ihr Vergehen, an die Strafe. Ihr wollte sie entfliehen. Sie sah den furchtbaren Blick in den Augen ihrer Mutter, sie hörte ihre harten unbarmherzigen Worte: »Du hast Anna verführt! Verboten war Dir, die Böden zu besteigen. Du hast es doch gethan, Du mußt gezüchtigt werden!« Auch ihr Papa würde diesmal gegen sie Partei nehmen! Und dann kam doch wieder der Gedanke an ihre Gespielin. Sie sah sie blutend, ächzend, mit zerschmettertem Haupte – – Ihr grauste. Vorwärts! Vorwärts! Bald hatte sie die Landstraße erreicht, die zum nächsten Dorfe führte. Der Schweiß triefte ihr von der Stirn, ihr Atem ging hastig, ihre Augen glühten, ihr Gesicht war bleich und die Glieder flogen. Was eigentlich geschehen sollte, sie wußte es nicht. Nur fort, fort! Und nie zurückkehren! Als sie in der Ferne Menschen auftauchen sah; bog sie in das Unterholz, das die Straße begrenzte. Es verbarg sie den Blicken der Vorübergehenden. Wenn sie geradeaus lief, mußte sie auf anderem Wege die Chaussee wieder erreichen. Im Unterholz war's kühl, und ein würziger Geruch aus dem Laube der Buchen und den Nadeln der Tannen schlug ihr entgegen. Die Sonne funkelte mit ihren goldigen Lichtern so sanft und ruhig durch die Bäume, als ob sich gar nichts Besonderes in der Welt ereignet hätte. Die Sonne und der Wald wußten nichts von einem ungehorsamen Kinde und nichts von der toten Anna. War sie denn wirklich tot? Wahrscheinlich – und, wenn nicht tot, lag sie doch sicher mit zerschmetterten Gliedern im Bett, und sie – Carmelita – traf die Schuld. – Beim Forteilen strauchelte die Geängstigte über einen jungen Baumstamm; ein Hänfling flog auf und zwitscherte; Waldtauben gurrten in der Nähe. Das alles erschreckte das Kind. Es lief weiter. Aber in der Hast ihrer Gedanken war Carmelita vom Wege abgekommen. Sie ward sich dessen bewußt, blieb stehen und schaute sich um. Ihre Schuhe waren staubig, an den Strümpfen hingen Halme, und beim Laufen durch das niedere Gebüsch waren Kletten an ihren Kleidern hängen geblieben. Mechanisch rissen ihre Hände daran. Nun raschelte es in den Zweigen zwischen den Blättern. Ein Tier, – ein weißes Kaninchen zeigte sich und nagte an den jungen Blättern saftiger Schößlinge. Und das Kaninchen kannte Carmelita. Wie kam es ins Unterholz? Sicherlich war's entflohen, wie sie selbst. Nun beschäftigten sich für Augenblicke ihre Gedanken nur mit dem Tiere, das seine zerstreuten, roten Augen auf sie richtete und die langen, weißen Ohren bewegte. Carmelita wollte das Kaninchen fangen. »Komm! Komm!« Bei diesen Versuchen fielen ihr die übrigen Kaninchen im Stall ein und nun wieder der Hof, das Verwalterhaus, – Anna – ihre Mutter – ihre Mutter – – Sie empfand Hunger, Durst. Dort drüben standen Erdbeeren, einige noch grün mit roten Pünktchen; daneben aber saftige, kleine, den Kopf neigende, reifere Früchte zwischen den gezackten Blättern. Sie pflückte, aß und fing an zu weinen, bitterlich zu weinen. Die Tränen fielen auf ihre Hände, auf die Erde. – Mitten im Sonnenschein des Waldes begann sie zu frieren; jetzt kam die körperliche und seelische Abspannung nach all der Erregung. Aber sie war noch im Unterholz, allzu nahe dem Gute! Also vorwärts, rasch wieder vorwärts! Sie lief mit vorgestrecktem Körper den Weg zurück, ungeduldig spähend, ob sich nicht die Chaussee wieder zeige; oftmals im Zickzack, abermals fast eine Stunde. Aber als endlich die Landstraße in der Ferne auftauchte, da fiel ihr ein, daß sie dort Gutsangehörigen begegnen könne, und sie beschloß, lieber den Ausgang des Waldes zu gewinnen und über Wiesen und Felder nach dem Dorfe zu laufen. Sie fürchtete schon nicht mehr ihre Mutter allein, sondern alle Menschen in der Nähe als Mitwisser ihres schrecklichen Geheimnisses. Die gerade Richtung festhaltend, fand sie auch wirklich den Waldsaum, den ein hoch bewachsener Wall und ein mäßig breiter Graben von einer großen, grünen Wiese trennte. Die Zweige des Nußgebüsches und der Erlenpflanzen bogen sich gleichsam verlangend herab zu den zahlreichen Vergißmeinnicht, die hier in dem feuchten Boden gediehen. Und Brombeergesträuche, rote Waldnelken, grüner Heinrich, Brennesseln und Storchschnabel brannten in der Sonne und vermischten ihre Düfte. In der Mitte des Grabens lag ein Stein. Das Wasser glitt langsam funkelnd und silberschimmernd über seine ungleiche Fläche. Vielleicht gelang das Überschreiten. Es mußte gewagt sein. Carmelita wand sich durch das Gestrüpp, ließ sich vorsichtig hinabgleiten und prüfte. Nein, es ging doch nicht. Sie sah Schilf an des Grabens Rand, aber auch Morast, dessen harte, von der Sonne geborstene Decke Unheimliches verriet. Und die Wiese war so schön, so still; Blumen und Gräser blühten und dufteten; der Bienen und Hummeln unruhiges und melodisches Gesumme erfüllte mit sanfter, einschläfernder Musik die heiße Luft. Nun kam Carmelita ein guter Gedanke. Sie zog die Schuhe und Strümpfe aus, nahm sie in die Hand und watete ins Wasser. Aber im Nu versank ihr suchender Fuß in der moorigen Tiefe, und ein erdiger Geruch stieg aus dem aufgestörten, schlafenden Grunde empor. Sie wich zurück und schaute mit zerstreutem Sinn von ihrem Wall aus über das Land und in die Ferne. So einsam still war's. Und das Aroma der Wiesen und die moschusduftigen Spuren der auf ihnen grasenden Kühe drangen auf sie ein. Und jetzt plötzlich vernahm das Kind hinter sich ein Geräusch. Plumpe, schwerfällig trabende Schritte näherten sich. Glockengeläute! Und dann Trampeln, und ein beharrliches Knacken und Brechen der Zweige, bis zuletzt Köpfe, zwei breitstirnige, braune Köpfe mit großen, dunklen Augen zwischen den zertretenen Gebüschen des Knickes erschienen. Carmelita erschrak heftig. Die Tiere glotzten sie an, eins brüllte laut und hilferufend. Und geängstigt, verwirrt und ratlos, auch Menschen vom Gutshof in der Nähe vermutend, nahm das Kind eilig Schuhe und Strümpfe in die Hand, kletterte über den Wall zurück, achtete nicht der Brennesseln, die seine Beine verbrannten und stürzte wieder waldeinwärts. Und die Kühe hinter ihm her. So schien's ihr wenigstens. Carmelita hörte Trampeln und Glockengeläute. – Zuletzt erstarb das Geräusch. Was nun? Abermals den Hauptweg suchen! Sie glaubte, die Richtung gefunden zu haben, und stürzte vorwärts. So gings von neuem wohl eine halbe Stunde. Aber ihre Füße schmerzten allzu sehr; ein Dorn hatte sich ihr in die Ferse gebohrt. Dieser Umstand, völlige Erschöpfung, Abspannung und Müdigkeit weckten, entgegen aller Angst und Furcht, die sie bisher beherrscht hatten, die Sehnsucht nach Ruhe, nach Schlaf. Sie fand nach kurzem Suchen ein einsames Plätzchen. Wie schön, still und heimisch war's hier auf den trockenen, braunen Blättern. Beschattet von den Zweigen eines jungen Akazienbaumes, der einst hierher verschlagen war durch den Samen, den der Wind erfaßt und herabgestreut hatte, umgeben, fast eingeschlossen von hohem, dichtem und duftendem Gesträuch, atmete sie, sich niederlassend, von ihrer Erschöpfung befreit, auf. Sie riß Blätter ab und wischte sich den schwarzen Staub von den Füßen; mit ihrem Speichel linderte sie den Schmerz an der Ferse, und als das geschehen und auch Strümpfe und Stiefel wieder angezogen waren, pflückte sie Klee und aß. Und dann legte sie sich auf den Rücken und suchte den blauen Himmel über sich. Und der Himmel lachte, und die Sonne blendete ihre Augen, und der Wald sandte seine einschläfernden Düfte, und das Kind schlummerte ein. Carmelita schlief und träumte, ihr Papa hätte sie im Arm, zöge sie zärtlich an sich, und sie weinte vor Glück und Seligkeit. Und die kleine Anna spielte mit ihrer großen Puppe. Charlotte und Friedrich Theißen, der alte Kutscher erzählten, daß ihre Mama ihr nicht böse sei, und dasselbe erfuhr sie von Konrad, dem Diener, und sie flog an ihm empor und legte ihre Wangen an sein treues, ehrliches Angesicht. Und als die Dämmerung kam, als die Natur mit leisem Gähnen über Wald, Wiesen und Felder flog, die Tiere sich zum Schlafe rüsteten, und über Dronninghof und die ganze Gegend ringsum schon zarte, blaue Schleier sich ausbreiteten, endlich auch der Nebel gleich weißem Weihrauchdampf aus den Wiesen quoll und das Nahen der stillen, allen Schmerz und alles Weh besänftigenden Nacht vorbereitete, schlief das Kind noch immer und träumte glückliche, selige Träume. Achtes Kapitel. Vor dem Herrenhause in Dronninghof hielt mit den ungeduldig scharrenden Pferden der Wagen, der Kay vom Bahnhofe abgeholt hatte. Die Diener eilten bei dem Peitschenknall eilfertig herbei. Friedrich Theißen half den Koffer herabheben, holte, während die Hand ehrerbietig an dem schwarzen, silberbetreßten Hute lag, noch einen Befehl seines Herrn wegen des hinkenden Wallachs ein, und Kay stieg die Stufen zum Herrenhause empor. »Die Gräfin? Meine Frau?« Zu Kays Überraschung war Clementina-Julia nicht sichtbar. »Es ist wohl wegen der Comtesse Lita,« sagte der Diener Konrad etwas unsicher. Weiter hörte Kay nichts, aber er wandte sich nach diesen Worten sogleich in das Wohngemach zur Linken. »Licht in mein Zimmer! Weshalb ist kein Licht angesteckt?« herrschte er unwirsch, machte ein Zeichen, daß er die Thür des Wohngemachs selbst öffnen wolle, und trat ein. Alles schien heute im Hause verändert. In der Thür trat ihm Clementina-Julia entgegen. Etwas Fremdes lag in ihrem Wesen, aber sie umarmte ihn anschmiegend. »Gottlob, daß Du da bist.« »Nun? Schon draußen hörte ich – Was ist's mit Carmelita?« In diesem Augenblicke ertönte aus dem Nebenzimmer ein Wimmern. Es klang wie ein letztes Ausholen nach heftigen Schmerzen, und zugleich war der Ton durchzittert von einer unbeschreiblichen Angst. Kay erhob einen fragenden Blick zu seiner Frau, wartete aber eine Antwort nicht ab, sondern eilte in das anstoßende Gemach. Und da saß, wie eine Irrsinnige, totenbleich, mit blutenden Lippen, zitternd, atemlos, – suchende, flehende, im halben Wahnsinn irrende Augen auf ihn richtend, Carmelita. Und als er ihr näher trat, glitt sie auf die Erde herab und faltete die Hände. »Bitte, bitte, thu mir nichts!« war darin ausgedrückt. Nie, selbst in den spätesten Jahren, vermochte Kay den Blick zu vergessen, mit dem ihn dieses arme, kranke, von Körper und Seelenschmerz gefolterte Kind aus seinen geistesverwirrten Augen anstarrte. »Was hast Du denn, mein geliebtes Kleines?« rief Kay sie aufhebend und zärtlich an seine Brust ziehend. Und »Was ist?« fuhr er, ahnend, daß abermals diese jähzornige Frau ihren Haß an dem Kinde ausgelassen habe, mit empörtem Blicke und heftigem Fußstampfen, zu Clementina-Julia gewandt, fort. »Kay! Kay! Besinne Dich!« gab Clementina-Julia zurück. »Ich will diesen Ton nicht mehr hören.« Der Mann bezwang sich, streifte sein Weib mit einem kalten Blick und wandte sich wieder zu dem blassen Geschöpf, das fiebernd zusammenfuhr und sich in seiner Fassungslosigkeit fester und fester an ihn drückte. »Sprich, meine süße Carmelita, was hast Du? Du bist ja bei Deinem lieben Papa. Willst Du es ihm nicht sagen?« Sie versuchte zu sprechen. Vergeblich! Sie hub von neuem an; der Mund öffnete sich; aber kein Wort kam hervor. Die Lippen flogen, die Zähne stießen auf einander, und die Augen irrten in angstvoller Machtlosigkeit hin und her. Der Mann erwartete, daß seine Frau das Wort nehmen werde. Er wandte sich hastig zu ihr; aber sie saß wortlos und mit gefühllosem Blick da. Nun versuchte Kay noch einmal Carmelita zum Sprechen zu bewegen. Er richtete sie empor. Sprach sanft und zärtlich auf sie ein und streichelte ihre Wangen. Was es auch sei, keine Strafe würde sie treffen; aber sie möge reden. »Das ist es ja eben!« ließ sich nun Clementina-Julias Stimme vernehmen. »Seit heute mittag ist sie vom Hause fortgewesen. Nach einem schrecklichen Tage voll Unruhe erscheint sie eben unten in der Küche und will auf der Hintertreppe in ihr Zimmer schleichen. Nun wird sie mir gebracht. Ich frage. ich bitte, ich drohe. Nichts ist aus ihr herauszubringen. Der alte Trotz, die alte Verstocktheit. Es ist zum Verzweifeln mit dem Kinde!« »Und Du schlugst sie natürlich, weil sie nicht antwortete?« fragte Kay drohend. Ein furchtbarer Gedanke durchbebte ihn bei seinen eigenen Worten. Vielleicht hatte das Kind aus Angst die Sprache verloren! »Carmelita! Carmelita, mein einziges, geliebtes Kind. Ich bitte Dich – Dein Papa bittet Dich – sprich.« Und da stürzten dem Kinde aus den großen, dunklen Augen die Tränen wie Bächlein hervor, und sie sah ihren Papa mit einem Blick an, der das härteste Herz zerschmelzen mußte. Aber sie gab keine Antwort. Nun raffte sich Kay auf. Er riß, ohne seine Frau zu beachten, an der Klingelschnur. Dann wandte er sich wieder zu dem Kinde, das er gebettet und zugedeckt hatte. »Hast Du Hunger, Durst, mein Kind?« Carmelita nickte. »Ja, ja, mein Liebling, Du sollst alles haben! Kannst Du nicht sprechen?« Sie antwortete zu seiner namenlosen Freude endlich mit einem »Ja«. »Aber Du bist so ängstlich? Du kannst Dich noch von dem Schrecken nicht erholen?« Sie neigte das blasse Gesichtchen zustimmend. »Friert Dich?« Nun kam eilend der Diener. »Ist serviert?« »Jawohl, Herr Graf!« »Warten Sie!« »Möchtest Du Milch, Thee, Wein, Limonade? Etwas zu essen?« Ihr Kopf bewegte sich rasch, und ein Zittern flog durch den Körper. Ein Fieberfrost durchschauerte das Kind. »Also rasch, bringen Sie.« Jetzt stand Clementina-Julia auf. »Lassen Sie, ich werde das Nötige besorgen.« Die Frau ging. »Friedrich soll sofort anspannen und ins Dorf fahren, so schnell er kann. Ich lasse den Doktor la Motte bitten, sich gütigst sogleich zu uns zu bemühen; die kleine Carmelita sei schwer krank. Eilen Sie.« Kay wandte sich wieder zu seiner Tochter. Sie hatte die Augen geschlossen. Als er jedoch den Mund auf ihre Lippen drückte, öffnete sie die müden Lider und sah ihn mit einem matten, aber unendlich dankbaren Blick an. Und Carmelita griff nach seiner Hand und bedeckte sie mit Küssen, und dann flüsterte sie schluchzend – ein wilder, heißer Thränenstrom schien ihre Zunge plötzlich völlig zu lösen –: »Mein Papa, mein süßer Papa!« – – Es war herzzerreißend, und doch zogen bei den Tönen durch Kays Brust unbeschreibliche Wonnen. *           * * Der Volksmund spricht ein Himmelswort von den Kindern. Es hatte sich bei Anna bewährt. Sie fiel, wie von unsichtbaren Händen getragen, auf den Heuhaufen, überschlug sich zwar hier und fühlte einen Schmerz im Nacken, auch wollte das Herz einen Augenblick nicht schlagen, und durch die Glieder jagte ein Strom, als ob Feuer und Kälte zugleich daran auf- und abwogten, aber nach einigen Minuten war sie schon wieder Herr ihrer selbst, schüttelte sich und sah neugierig zu dem Scheunengiebel empor. Gerade in diesem Augenblicke erschien die Magd aus dem Verwaltershause. »Na, da bist Du ja, Anna! Tante ist mit den Kindern gekommen. Ich soll Dich gleich holen!« »Ich will bloß Lita Bescheid sagen,« wandte das Kind ein und wollte forteilen. Aber da sie eben einen der Knechte heranschreiten sah, trug sie ihm auf, ihrer Kameradin zu bestellen, daß sie nach Hause gerufen sei. Anna hatte mit der Kindern eigenen, zerstreuten Sorglosigkeit die Bedeutung des Zwischenfalles schon wieder vergessen. Das neue Ereignis beschäftigte all ihre Gedanken, und als sie neben der Magd einher trippelte, und ihr nun doch wieder durch den Kopf schoß, daß es besser gewesen wäre, Carmelita selbst Nachricht zu geben, daß alles gut abgelaufen sei, beruhigte sie sich mit der Hoffnung auf den Knecht, der ja alles ausrichten, und aus dessen Bestellung die Freundin entnehmen werde, daß ihr nichts zugestoßen sei. Sie beschloß auch, im Hause der Sache gar keine Erwähnung zu thun. Wozu etwas berichten, was sicher nur Schelte und sonst allerlei unbequeme Folgen nach sich ziehen würde? Clementina-Julia ließ, als Carmelita vermißt ward, das ganze Gut durchsuchen und geriet, nachdem alle Nachforschungen hier und auch in der Umgegend vergeblich gewesen waren, in eine furchtbare Aufregung. Jeder Gutsinsasse wurde befragt, ob er von ihr wisse, und als man endlich von dem Verwaltermädchen an den Knecht verwiesen, ihn ausforschte, erklärte er, die Botschaft der kleinen Anna sei von ihm nicht bestellt worden, weil er die Comtesse in der Scheune nicht gefunden habe. Als Carmelita aufgewacht war, hatte sie in nächster Nähe Peitschenknallen und das Geräusch eines Wagens gehört. Sie war zufällig bei ihrem ruhelosen Suchen dicht an die Chaussee geraten. Hunger, Durst, Kälte und Furcht trieben sie nach dem Gute zurück, und sie beschloß, auf der Hintertreppe in ihr Zimmer zu schleichen, ins Bett zu kriechen und abzuwarten, was geschehen werde. Als sie mit klopfendem Herzen an dem Verwalterhause vorüberkam, war alles dunkel. Das beschäftigte sie außerordentlich! War's ein gutes oder ein schlechtes Zeichen –? Nun kam die Unruhe über das Geschehene wieder über sie, und sie eilte um so rascher vorwärts. Auf dem Hofe begegnete ihr niemand, aber zu ihrem Unglück rief ihr gleich bei ihrem Eintritt in das Souterrain eine Stimme entgegen: »Comtesse Lita, sind Sie da? Na, Gottlob. Nu kommen Sie man gleich zu Frau Gräfin!« Und obgleich sie sich in Todesängsten gewehrt, war sie von der herbeigeeilten Dienerschaft umringt, mit Fragen bestürmt und hinaufgebracht worden. Als sie ihrer Mutter gegenüberstand, war sie keines Wortes mächtig. Die Frau aber schickte ihre Umgebung fort und begann, nachdem sie das Kind aufgerüttelt hatte, ein Verhör. Und als es mit fliegenden Gliedern, mit flehenden, von Angst durchzitterten Augen noch immer nicht antwortete, und zuletzt bebend von ihr floh, sich in eine Ecke stellte und hier mit abwehrenden Händen wimmerte, da packte Clementina-Julia sie an Schultern und Armen, riß sie aus dem Versteck heraus und rief, sie rücksichtslos mit Schlägen und Stößen peinigend: »Du sollst sprechen, oder ich schlage Dich tot.« Und da rasselte der Wagen über den Hof, und Kay kam von Hamburg zurück. – Während der folgenden Wochen ward zwischen Kay und Clementina-Julia kein Wort gewechselt. Der Graf ließ die unteren Gemächer zu Schlafzimmern herrichten, und hier wurde auch Carmelita gebettet, die acht Tage lang stark fiebernd darniederlag, und deren erste Frage nach ihrer Genesung ihrer Freundin Anna galt. Die Pflege übernahm Kay selbst; nur Charlotte, die Erzieherin, ging ihm zur Hand. Es war Clementina-Julia, die endlich an des Tages Neige, als sich die beiden Eheleute nach dem Thee in das prachtvolle, in Weiß und Silber gehaltene Balkonzimmer zurückgezogen hatten, das Schweigen brach. Kay war eben noch bei der Kranken gewesen und griff nun wortlos nach einem Buch, während sich Clementina-Julia mit einer Stickarbeit für ihre Kleinen in eine Sofaecke niederließ. Noch hatte der Abend sich nicht völlig herabgesenkt. Von draußen drang der Hauch sommerwarmer Lüfte ins Gemach. Nach einem sanften Landregen schien der Schoß der Erde noch einmal seine treibende Kraft zurückgewonnen zu haben. Millionen unsichtbarer Geschöpfe wurden in Sekunden geboren; ein Weben, Brüten und Blühen ging durch die ganze Natur. Jener balsamische Duft der Blumen und Gräser, Pflanzen und Bäume erfüllte die Luft, jenes pulsierende Drängen, jenes gleichsam trunkene Entzücken wieder erwachenden Lebens durchzitterte das All, welches wir fühlen, ohne es zu sehen, und das uns mit gehobenen und zugleich mit schwermütigen Empfindungen durchschauert, ohne daß wir uns über diesen geheimnisvollen Zwiespalt Rechenschaft zu geben vermögen. Der Geruch der Akazien und Orangenbäume drang ins Gemach, im Grase draußen zirpte es; über dem Gehölz und den Parkwiesen lag ein tiefblauer Nebel, der dem Auge trotz der Dunkelheit sichtbar war, und die lautlose Stille ward nur unterbrochen durch das unruhige Zittern in den Blättern der Silberpappeln, durch die der Abendwind noch einmal wie von neckischen Launen getrieben, seine Melodieen rauschte. Kay las, ohne den Inhalt des Buches in sich aufzunehmen. Seine Gedanken waren weit ab in Vergangenheit und Zukunft. Er zog das Facit seines bisherigen Lebens, und wenn er an die letzten Jahre gelangte, überfiel ihn ein Gefühl grenzenloser Trauer. Es war doch ein Irrtum, ein schwerer Irrtum gewesen, die Heirat mit Clementina-Julia Schlieben! Oder wogen die Jahre des Glückes die Enttäuschung der übrigen Lebenszeit auf? Nein! Er empfand den Irrtum in diesem Augenblick so tief, daß, so sehr er sich auch eine Mitschuld an der zwischen ihm und seiner Frau eingetretenen Entfremdung zumaß und ehrlich die Möglichkeiten einer Änderung in Erwägung zog, jetzt zum erstenmale der Gedanke in ihm emporstieg, sich von ihr zu trennen. Und doch schien ihm ein solcher Entschluß so ungeheuerlich, um der jüngeren Kinder willen so unmöglich, daß er die flüsternde Stimme in seinem Innern für immer zu unterdrücken suchte. Eine würde ihm alles gegeben haben, wonach sein Herz verlangte; aber diese hatte er unter dem hastigen Drange seiner Sinne, in dem Verlangen, und in der Vorstellung, in dem äußeren Bilde auch innerlich etwas der Verlorenen Gleiches und Verwandtes wieder zu finden, bei der Wahl nicht beachtet, obgleich sie am Wege gestanden, ihr sehnsüchtiges Auge auf ihn gerichtet und die Arme nach ihm ausgestreckt hatte. So sehr Kay mit dem Geständnis kämpfte, er war Cedes mit unruhiger Liebe zugethan. Nach dem letzten Wiedersehen hatte er sich mit Gefühlen von ihr getrennt, als ob er sein ganzes Glück zurücklassen müsse. Zart, in ihrer Krankheit schöner denn je, mit schwärmerischen, oder in sich gekehrten, nicht auf die Außenwelt gerichteten Augen hatte sie dagesessen, und eine solche Milde und Güte sie umgeben, daß selbst ihre Umgebung, sonst stets nüchtern in der Alltäglichkeit, die das Schönste seiner Farben und Reize entkleidet, nicht Worte genug fand, ihr liebenswürdiges und sanftes Wesen zu rühmen. Von dem Arzte war bei längerem Aufenthalte im Süden eine vollständige Genesung der angegriffenen Brust in Aussicht gestellt worden. Noch sei nichts versehen, aber gezögert dürfe nicht mehr werden! Kay schlug der Gräfin vor, Cedes zu begleiten; zuletzt redete er allen dreien zu, einen Aufenthalt in Nizza, oder wo sonst gute Wirkung erwartet werden konnte, zu nehmen. »Und wegen der Kosten, lieber Papa, machen Sie sich keine Sorgen,« hatte er geschlossen, und auf Cedes' Angesicht war ein Ausdruck erschienen, der mehr gesprochen hatte als alle Worte. Nach kurzer Überlegung nahmen Schliebens Kays Anerbieten an. Nur noch einmal vorher nach Dronninghof zu kommen, war des alten Grafen Wunsch, und ihr Eintreffen stand nun bevor. Erst nach längerem Zureden hatte sich Cedes entschlossen, ihre Eltern zu begleiten. Der wiederholte Hinweis, daß es sich vor langer Trennung nur um wenige Tage Aufenthalt handele, hatte endlich ihre Bedenken gehoben. »Aber eine Bedingung, Du begreifst diese Bitte – Kay!« hatte sie am Tage des Abschiedes gesagt, als er mit zärtlichem Druck ihre Hand gehalten: »Julia muß mich brieflich einladen!« Und Kay hatte das zugesichert und war abgereist. Von alledem wußte Clementina-Julia noch nichts. Kay, abgelenkt durch die Sorge um Carmelita, bedrückt in seinem Herzen, und das Innere erfüllt von andauernder Empörung über Clementina-Julia, war jeder Mitteilung über das Ergebnis seiner Hamburger Reise bisher ausgewichen. Heute nun sollten endlich die lang verschlossenen Siegel sich lösen. Clementina-Julia hatte sich vorgenommen, nichts unversucht zu lassen, versöhnliche Regungen, Gefühle alter Liebe wieder in ihrem Manne wachzurufen, – ihn zurückzugewinnen. »Kay!« hub sie an. Er antwortete nicht. Der dichte Rauch seiner Zigarre blieb über ihm trotz der offenen Thüren. »Kay!« drang's noch einmal durch die Stille, die nur durch das Anschlagen lichttrunkener Sommermotten an die milchweißen Kuppeln der Lampen unterbrochen ward. Und als er nun abermals stumm blieb, stand die Frau auf und ließ sich neben ihm auf dem Fußkissen nieder. Sie umfaßte ihn und schmiegte ihren Kopf an seine Knie. »Was willst Du?« trotzte Kay, ohne seine Rechte wie sonst auf ihrem Haupte ruhen zu lassen. Und als sie dennoch nicht wich, löste er ihre Hände und sagte kalt und tonlos: »Stehe auf! Was Du sagen willst, weiß ich. Nur die Zeit, nur Deine sichtbare Buße kann die Verhältnisse ändern und vielleicht noch einmal alles wieder werden lassen, wie es ehedem war.« Als sie trotzdem ihre flehende Stellung nicht veränderte. machte Kay eine unsanft zurückweisende Bewegung und stieß: »Nun erhebe Dich! Du hörst, was ich sagte,« mit einem frostigen Ausdruck im Ton der Stimme heraus. Aber Clementina-Julia folgte seinem Gebote nicht; sie umklammerte seine Hände abermals und suchte seinen abgewandten Blick. Er liebte sie nicht mehr, und mit dem Verlust seiner Liebe hatte sie auch ihren Einfluß aus ihn verloren. Das fühlte die Frau und zwang alles in sich nieder. Sie wollte zur Bettlerin werden, sie, Clementina-Julia, die Stolze, die einst gesagt hatte: »Kälte mache sie zu Stein.« Aber damals hatte sie noch keine Kinder, damals scharrte und geizte sie noch nicht am Tage und sann nicht in den Nächten, wie sie ihrem eigenen Fleisch und Blut alles zuwenden könne, was immer nur ihres Mannes Eigentum war. Zum erstenmal in ihrem Leben riß Clementina-Julia ihre Seele herab, demütigte sich. Ja heuchelte, um ihrer Zwecke willen. »Höre, mein Kay! Höre mich!« flüsterte sie. »Ich bin doch Dein Weib, dasselbe Geschöpf, das Du einst so zärtlich, so über alles liebtest. Ich habe mir an diesem Tage einen heiligen Schwur geleistet, alles abzustreifen, was Dich mir entfremden könnte. Ich will nur Dir leben. Und vernimm ein Geständnis. Du sagtest mir eben, – nein, Du sagtest es nicht, aber Deine Worte verrieten es, daß Du mir fremd geworden, – Kay, Kay, daß Du mich nicht mehr liebtest, daß ich nicht mehr Deine Clementina-Julia sei. Ich aber liebe Dich mehr denn je! Sieh, Kay! Meine Eifersucht war doch auch nur Liebe, und meine Schroffheit gegen das Kind ist ja auch nur Eifersucht auf Dich und Liebe für die beiden Kleinen, die mir teurer sind als mein Leben. Ich will mich zu beherrschen suchen und was mir an Zuneigung für das Kind fehlt, – ich kann mich ja, Kay, nicht zu einer Zuneigung zwingen, die nicht in mir ist, – will ich durch sanftes Gewähren und durch Nachsicht ersetzen.« Die Frau schwieg und forschte in ihres Mannes Angesicht. Sie preßte ihn an sich. In dem Ausdruck ihres Auges lag ein Flehen um Verzeihung, aber sie mischte auch alles hinein, was ihn einst verwirrt, ihn in den Zeiten stürmischer Leidenschaft an sie gefesselt hatte. Und als sie nun sah, daß es sich unter seinen Wimpern langsam feuchtete, daß ihre Worte ihre Wirkung nicht verfehlten, daß er kämpfte, und die alte Liebe in ihm aufloderte, daß seine versöhnende Natur die Oberhand gewann, da sprang sie empor, schmiegte sich fest an ihn und bedeckte seinen Mund mit Küssen. Und noch einmal sank der Mann, wie ein Jüngling, in die Liebesarme seiner Frau. *           * * Wenige Tage später trafen Schliebens in Dronninghof ein. Clementina-Julia hatte sich bereitwillig zum Schreiben verstanden, und die Nachricht, daß ihre Eltern Cedes nach Nizza begleiten sollten, erfüllte sie sogar um ihres Vaters willen mit aufrichtiger Freude. So war denn alles wieder einmal geebnet, und in der Folge war Kay sogar wegen Carmelitas ein Gedanke gekommen, dessen Ausführung die letzten Schwierigkeiten beseitigen konnte. Er beschloß, seinen Schwiegereltern Carmelita mit nach Nizza zu geben. In Erziehungsangelegenheiten ohnedies von anderen Anschauungen geleitet als die meisten Menschen, fürchtete Kay von dieser Reise nicht einmal Nachteile für ihre Entwickelung. Unterricht konnte sie auch von Cedes oder anderweitig erhalten. Wenn Mutter und Tochter lange Zeit getrennt würden, traten sie sich vielleicht später mit anderen Gedanken gegenüber, und die Gegensätze lösten sich von selbst. Nach einem abermaligen Aufenthalt in Dronninghof konnte Carmelita eine Pension besuchen, wogegen augenblicklich noch mancherlei sprach, und endlich milderte und ebnete die Zeit alles. Was Clementina-Julia an dem Kinde versehen hatte, konnte durch Cedes' Einfluß wieder gut gemacht werden, und Carmelitas Freude – das wußte Kay – würde bei dieser Nachricht keine Grenzen kennen. So trieb ihn auch sein gutes Herz, das Kind für die Ereignisse der letzten Tage und Wochen zu entschädigen. Am nächsten Frühmorgen setzte sich Kay an das Bett Carmelitas und beobachtete ihren Schlaf. Heute sollte sie zum erstenmal wieder ins Freie gehen. Bisher hatte sie noch am Tage das Zimmer gehütet und durch die geöffneten Fenster die milde Luft eingeatmet. »Carmelita! mein Kind!« flüsterte Kay und berührte sie sanft. Carmelita schlug die verschlafenen Augen langsam auf, die Händchen glitten über die Wimpern und lösten sich zuletzt von den Lidern. Und als sie Kay erblickte. sprang sie stürmisch empor und umschlang ihn mit ihren Armen. »Mein Papa!« »Hast Du gut geschlafen, Lita? Und bist Du nun wieder ganz mein alter, kleiner Wildfang und versprichst, immer recht artig und folgsam zu sein?« Sie bewegte rasch zustimmend den Kopf. »Hast Du mich lieb?« Ob sie ihn lieb hatte? Sie preßte ihn immer von neuem an sich und küßte seine Wangen und seinen Mund. In diesem Augenblick schien es Kay unmöglich, sich von Carmelita zu trennen. Der Gedanke, sie zu missen, ja, die plötzlich auf ihn eindringende Furcht, ihr könne in dem fremden Lande etwas zustoßen, ließ ihn zögern, zu sprechen. Er wurde wieder schwankend aus Zärtlichkeit für sein Kind. Aber dann kamen doch die alten, wohlüberlegten Entschlüsse von neuem zu ihrem Rechte. »Möchtest Du mit Cedes nach Italien reisen, Lita?« Sie sah ihn einen Augenblick wortlos an. Erstaunen, Freude und Zweifel kämpften in ihrem Gesicht. Plötzlich aber huschte sie aus ihrem Bett und sprang im Zimmer auf und ab. »Wirklich, – darf ich? – O, mein süßer Papa!« Kay legte den Finger auf den Mund. »Du sollst noch nichts verraten. Noch weiß Mama nichts.« Bei diesen Worten wurden des Kindes Mienen wieder ernst. Das Wort Mama, sonst ein Zauberlaut bei jeder Regung des Herzens, bei der Freude und dem Schmerz eines Kindes, erfüllte sie mit Furcht und Zagen. Das herrliche Bild, das ihr Papa vor ihren Augen hatte erscheinen lassen, zerfloß. Sie, sie, ihre Mutter, würde es gewiß nicht erlauben! Kay wußte, was in Carmelita vorging. »Mama wird glücklich sein, daß Du diese Freude haben sollst,« erklärte er besänftigend. »Du weißt, Carmelita, daß sie Dich sehr lieb hat, wenn sie auch bisweilen streng sein muß. Du warst oft ungehorsam, trotzig und verstockt und verdientest Rüge und Strafe.« Kay erwartete, daß sie ihm durch einen Blick oder eine Bewegung beipflichten werde, aber Carmelitas Mienen blieben stumm und mit einem leeren Ausdruck im Auge begegnete sie seinem Zureden. Seit dem letzten Vorgange haßte das Kind seine Mutter nicht mehr instinktiv, sondern mit vollem Bewußtsein. Neuntes Kapitel. In dem geräumigen Kinderzimmer, im oberen Stockwerk – mit dem Blick auf den Park – saßen Mercedes und Carmelita. Letztere hatte einige Schreibhefte aus der Tischschublade herausgeholt, guckte mit prüfendem Auge hinein, wählte aus, glättete einige Eselsohren, raffte endlich alles wieder ziemlich ungeordnet zusammen und legte es ihrer Tante in den Schoß. »Zwei Hefte liegen auf dem Kopf! Hier ist ein großer Tintenfleck. In solchem Durcheinander muß man nichts aus der Hand geben, Lita!« Und die sanfte Lehrerin wies das Kind an, wie sie es machen müsse. Nun begann Cedes den Inhalt der Hefte zu prüfen, und Carmelita ließ sich knieend neben ihr nieder. Das ist nicht hübsch, Lita! Und hier hast Du falsch abgekürzt, – und, was ist das? ›Ganz unbrauchbar! Noch einmal!‹ steht darunter!« »Ich fehlte doch,« – hub Lita mit geschwätziger Zunge an, – »als unsere Lehrerin den Aufsatz mündlich durchnahm und – und –« »Und da schriebst Du allerlei Thörichtes, statt Fräulein Charlotte zu bitten, das Thema mit Dir durchzugehen?« »Charlotte war ja grade beim Zahnarzt in Schleswig. Ich hatte die Arbeit vergessen und mußte sie rasch machen.« »Ja, immer hast Du eine Ausrede bei der Hand. Konntest Du denn Deine Mama nicht bitten. – Deinen Papa?« Das Kind horchte auf. »Papa, – ja –« erwiderte sie nachdrücklich – »Mama?« –Das Wort verklang, und ein Kopfschütteln ergänzte das Nein. »Weshalb nicht Mama?« Statt eine Antwort zu geben, rückte Carmelita näher zu ihrer Tante und schmiegte sich fest an sie. In dieser Bewegung lag eine stumme, aber beredte Sprache. »In Zukunft wirst Du also Mama fragen, und nicht wieder so schlechte Aufsätze machen, sonst giebt es Tadel im Schulzeugnis, und Du bleibst im nächsten Quartal in der Klasse sitzen.« »Ich werde doch gar nicht versetzt!« rief Carmelita mit stolzem Besserwissen. »Ich verstehe Dich nicht.« »Ich soll doch –« und nun umhalste sie Cedes mit stürmischer Zärtlichkeit – »mit Euch nach Italien. Ich gehe gar nicht mehr in die Schule – Ah! wird Anna Augen machen!« unterbrach sie sich. »Anna? Wer ist Anna?« »Anna Behmer, drüben auf dem Pachthofe.« »Ist das die Kleine, mit der Du auf dem Heuboden gewesen bist?« Carmelita nickte. Aber rasch fügte sie hinzu: »Soll ich Dir nun etwas vorspielen?« Fragen über jenen Vorfall wünschte sie lieber auszuweichen. Cedes aber nahm sie auf den Schoß und sprach liebevoll auf sie ein. Das Kind hörte ihren Worten aufmerksam zu, und es ward ihm mit einmal so ernst und feierlich zu Mute, als säße es in der Kirche, hörte brausenden Orgelklang und die Worte des Predigers. Und in dem Gemach war's so anheimelnd kühl, und draußen flutete der Sonnenschein über den Rasen und blumenbesetzten Beete. Einen scharfen Duft von Buchsbaum trug die Luft hinauf und weckte Erinnerungen und schuf eine plötzliche drängende Sehnsucht, ins Freie zu eilen. »Bitte!« rief das Kind ungestüm, »laß uns in den Park, ins Gehölz. Bitte – komm!« »Erst mußt Du mir noch ein Stück vorspielen, Lita.« »Welches?« »Nun, das letzte, von dem wir gestern sprachen.« Im Nu war das Kind am Piano, hob den Deckel empor, schob den Sessel zurecht und begann. Der Oberkörper saß unbeweglich, aber die Füße folgten dem Takt. In vollendeter Weise entledigte sie sich ihrer Aufgabe, ja, es konnte sogar ein Lächeln erwecken, das kleine Geschöpf mit solchem Ausdruck und solcher Sicherheit eine Sonate spielen zu hören. Und dann wandte sie sich auf dem Sessel, dessen Sitz sich gefügig drehte, herum und guckte ihre Tante an. Das Haar lag ihr tief über Stirn und Wangen. Das von der Krankheit blasse Gesichtchen, umrahmt von der schwarzen Fülle, schien sich nach dem Leiden in Schnitt und Ausdruck noch veredelt zu haben. »Komm her!« rief Cedes, hingerissen von dem fremdartigen Anblick ihrer Schönheit. »Komm! Das hast Du gut gemacht!« Und mit einem Sprunge lag das zärtliche kleine Wesen wieder an ihrem Halse. In diesem Augenblicke öffnete Clementina-Julia die Thür. Sie neigte ohne Ausdruck den Kopf: »Wollt ihr zum Frühstück kommen?« Mit einer verlegenen Bewegung erhoben sich die Angeredeten. Sie waren beide befangen. Die Nähe der Frau wirkte auf sie wie ein atembeengender Geruch, wie etwas Fremdes, das man je eher, desto lieber von sich abstoßen möchte. Nach dem Frühstück machten Cedes und Carmelita einen Spaziergang ins Gehölz, und Kay begleitete sie. Clementina-Julia hatte ihre Eltern aufgefordert, einige neue Einrichtungen im Hause in Augenschein zu nehmen. Wie früher eilte Carmelita voraus, oder hing sich an Cedes' Arm. Als sie an die Höhe kamen, die auf der linken Seite den Park von dem Walde trennte, wollte Kay aus Rücksicht für seine Schwägerin einen Seitenpfad einschlagen, aber Cedes bestand auf dem Wege trotz seiner Bitten. »So nimm wenigstens meinen Arm. – Lauf voraus, Lita!« Während Cedes das Kleid aufraffte, betrachtete Kay ihre äußere Erscheinung. Ein Stoff in kleinem, weiß und braun karriertem Muster ließ vorn eine schlank geschnittene, weiße Weste frei, die mit seidenen Knöpfen besetzt war. Den Hals umgab ein aufrecht stehender kleiner Leinwandkragen, der durch einen Diamantknopf gehalten wurde. Auf den Schultern lag ein leichtes Sommertuch, und von einem braunen Hute fielen breite, weiße Seidenbänder herab, die hoch an der linken Wange mit großen Schleifen geknotet waren. Alles war schön und eigenartig an ihr. Das widerspenstig krause Haar, das an den Stirnseiten hervorschoß, schien ein unruhiges Volk von Seidenraupen gesponnen zu haben. Kleine zartfädige Härchen drängten sich vorn am Scheitel hervor, und die über den Nacken fallende, in der Mitte ausgenommene reiche Haarfülle reizte den Schönheitssinn und ließ den Wunsch aufsteigen, diesen wunderbaren Frauenkopf einmal in seinem vollen, natürlichen Schmuck unbedeckt vor sich zu sehen. Dazu traten die unnachahmlichen Farben ihres Angesichts. »Siehst Du, nun hustest Du! Ich hätte Dir nicht nachgeben sollen,« hub Kay beim Emporsteigen an. Allerdings war Cedes ganz atemlos und so erschöpft, daß Kay rasch den Berg hinabschritt um eine Bank herbeizuholen, die sonst hier stand und offenbar von den Kindern fortgeschleppt war. Drunten fand er Carmelita nach einem vierblätterigen Kleeblatt eifrig suchend. Sie wußte keine Auskunft über die Bank zu geben. Als Kay die Anhöhe wieder hinaufsteigen wollte und emporschaute, stand Cedes seitlich an einen Baum gelehnt und streckte sehnsüchtig verlangend die Arme aus. Sie hatte den Hut von der erhitzten Stirn genommen und auf einen der Büsche gelegt. Auf ihrem Haupte spielten die Reflexe der durch die Bäume dringenden Sonnenstrahlen. Sie sah in diesem Augenblicke unbeschreiblich schön aus. Und nun rief er ihren Namen, und ihre Arme sanken herab. »Nein! Erhebe sie noch einmal und zu mir, Cedes!« – rief er bittend. »Nur einmal!« wiederholte er und hielt in seiner Wanderung inne. »Ich darf doch nicht!« »Du darfst nicht? Du nahmst von Dronninghof Abschied. Willst Du der Natur mehr gewähren als mir?« Jetzt war er fast an ihrer Seite. »Ich muß weise sein, da Du es nicht bist.« »Bin ich es nicht?« Sie gab keine Antwort. »Sprich Cedes!« »Frage mich nicht, Kay! Du weißt ja alles,« flehte Cedes, und ihre Augen gingen unruhig hin und her. »Wüßte ich Dich nicht stark, vertraute ich Dir nicht, wie hätte ich wieder nach Dronninghof kommen dürfen!« »Gewiß! Aber weil ich Dir stets nahte, wie es geschah, deshalb hat meine Bitte auch nichts Unrechtes. – Eine gute, ehrliche Liebe verbindet uns!« »Ja, wir ziehen allerlei künstliche Kreise um uns!« erwiderte das Mädchen sinnend. »Die Kinder singen auch in der Dunkelheit, um ihrer Furcht Herr zu werden.« »Wie bist Du so klug, so edel, so zartgesinnt, Cedes!« hub Kay an und wollte sie umfassen. Aber sie wehrte ihm sanft und wandte sich ab. Eine Pause entstand. Niemand sprach. Beide kämpften einen schweren Kampf. »Ich will die Bank holen. Ich sehe sie dort unter dem Gebüsch,« brach Kay endlich das Schweigen. »Nein! Ich bitte! Mir ist wieder ganz wohl! Gehen wir! Gehen wir!« Kay zögerte. Finstere Schatten irrten auf seiner Stirn. »Willst Du mir nicht wieder Deinen Arm reichen, Kay?« Sie sah ihn an mit ihren schönen, kranken Augen, die alles zu gewähren schienen und doch alles verweigerten, legte den Arm in den seinigen und machte einige Schritte vorwärts. In diesem Augenblicke knackten seitwärts die Zweige, und Carmelita schaute mit ihren schwarzen, funkelnden Augen durch das zurückgeschobene Laub. »Ah! Ah! Ihr habt nichts bemerkt,« lachte sie frohlockend, trat näher und schob mit einem glücklichen »Für Dich!« ein vierblätteriges Kleeblatt in Cedes' Hand. Als Kay und Cedes den Fuß der Anhöhe wieder erreicht hatten, rief Lita. die, mit dem Binden ihres Schuhbandes beschäftigt, zurückgeblieben war: »Tante, fange mich auf!« Und als diese nickte, huschte das Kind wie ein Sonnenstrahl den Berg hinab in die ausgebreiteten Arme ihrer Tante. »Das gehört mir! Das ist so gut mein Eigentum wie Deines, Kay!« flüsterte Cedes, Carmelita in heftiger Bewegung an sich pressend. »Und das laß mir, so lange ich lebe. Willst Du?« fügte sie hinzu, und Tränen fielen auf den dunklen Kopf des Kindes. Zehntes Kapitel. Regentage und Kälte trotz des Julimonats. Die Wege im Park waren fast zu Sümpfen geworden; überall triefende Nässe. Von den Wänden der Scheunen und Wirtschaftsgebäude bröckelte der Kalk ab; im Herrenhause hatte sich die Himmelsflut sogar den Weg durch einige gelockerte Dachpfannen gebahnt, und die Zimmerdecke eines der im obersten Stockwerk belegenen Räume zeigte eine mit starken, gelben Rändern eingefaßte Zeichnung, die von keines Malers Hand herrührte. Regen, peitschender Regen und Sturm, der das Laub von den Bäumen riß, den Erdboden unter den triefenden Dachfirsten aushöhlte, die Mistberge mit kleinen Seen umgab und sie zu Inseln umschuf, die strohbedeckten Scheunen mit durchdringendem Naß tränkte, die Garten- und Parkwege, die Rasen, Beete und freien Plätze in Pfützen verwandelte! Im Unterholz lagen vorn Sturm gefällte Stämme und geknickte Zweige; der Wind fuhr verheerend durch die wasserblanken, grünen Blätter, rauschte durch die unfreiwillig sich neigenden und wieder auftrotzenden Kronen der jungen Bäume und wirbelte nicht nur in Saft und Kraft Kränkelndes herab, sondern riß auch Gesundes in seinem wilden Ungestüm zu Boden. In den sonst wasserarmen oder ausgetrockneten Gräben rieselten jung geborene Quellen, die über die Wiesen traten und sie überfluteten. Das Vieh stand, dem schräg herabjagenden Strichregen geduldig Widerstand leistend, zusammengeschart auf den Feldern mit gesenkten Köpfen; durchnäßt und angeeist warteten auch die auf den Weiden befindlichen Pferde stumm das Ende des Unwetters ab. Aber jeder neue Morgen zeigte wieder den öden, hinter schweren Decken Unheimliches bergenden Himmel und entkleidete die Dinge draußen und in den Räumen von Dronninghof all der Reize, die helle und sonnige Tage ihnen sonst verliehen. Schon seit Kays Rückkehr aus Hamburg hatte sich diese unfreundliche Witterung mit kurzen Unterbrechungen eingestellt, und das trostlose Grau, in das Himmel und Erde eingehüllt waren, trug nicht dazu bei, seine durch den Abschied hervorgerufene, ohnehin trübe Stimmung zu verbessern. Zudem enthielten auch die inzwischen eingegangenen Briefe unliebsame Nachrichten. Die Londoner Firma, bei der er zwar nicht mehr selbstthätig, aber noch mit seinem Kapital beteiligt war, hatte einen unerwarteten Verlust erlitten, und durch das Fallen von Börsenpapieren schienen noch andere Ausfälle bevorzustehen. Kay sprach nie über seine Verhältnisse. Selbst Clementina-Julia wußte nichts Genaues über den Stand seines Vermögens. Aber von kleinen Unfällen und Enttäuschungen hatte er ihr stets in guter Kameradschaft Mitteilung gemacht, und so erfuhr sie auch von den Ereignissen, die ihm nach seiner Rückkehr die Stirn kraus machten. Sie erschrak, als er die Summe nannte, deren Verlust durch den Zusammenbruch eines überseeischen Hauses herbeigeführt worden war. »Wir wollen sparen! Überhaupt können wir vieles anders einrichten. Du bist zu bereitwillig im Geben, Kay, keiner dankt es dir, und solche Zwischenfälle mahnen, daß man doch zuerst an sich denken muß.« Kay hätte lieber gesehen, wenn ihm seine Frau die trüben Gedanken durch liebenswürdiges Zureden verscheucht hätte. Ihre immer stärker hervortretende Selbstsucht nahm ihn gegen sie ein, und als sie fortfuhr, auf ihn einzureden und eines Abends wiederholt mit allerlei engherzigen Vorschlägen kam, unterbrach er sie ungeduldig und sagte: »Man muß nicht immer an sich denken. Andere haben auch ein Recht zum Leben. Verschone mich mit Sparsamkeitsplänen, die auf Kosten unserer Umgebung ins Werk gesetzt werden sollen. Wie können die Beamten sich einrichten, wenn ich plötzlich ans Kürzen gehe? Im Gegenteil! Nach Jahren treuer Pflichterfüllung hat jeder einen Anspruch auf mehr, auf eine Zulage. Ich mag auch von diesen Dingen nichts mehr hören. Die Verluste habe ich abgeschrieben und finde mich nun in das Unabänderliche. Ich will Dir aber einen anderen Vorschlag machen. Wir wollen in den nächsten Tagen Dronninghof verlassen – und uns irgendwo eine Abwechselung verschaffen. Ich denk, wir, gehen in ein Ostseebad.« Clementina-Julia blickte überrascht auf. In einem Augenblick, wo die Umstände darauf hinwiesen, besonderen Aufwand zu vermeiden, ja. wo sie darüber nachsann, wie die Verluste wieder eingebracht werden könnten, wollte Kay noch einige Tausend Mark für Vergnügungen opfern! Wenn Schliebens, Mercedes und Carmelita ein Jahr in Italien blieben, so mußte auch das viel Geld kosten, und diese Ausgabe hatte Clementina-Julia noch nicht einmal in ihre Berechnung gezogen. »Einmal klagst Du, und dann wirfst Du wieder das Geld fort, Kay!« hub sie an. »Wir sollten an unsere Kinder denken. Jeder ist dem Zufall unterworfen und hat die Pflicht, den Wechselfällen Rechnung zu tragen! Sehen wir nicht täglich, wie das größte Vermögen zerrinnt, wie launenhaft das Schicksal verfährt? Wäre es nicht überhaupt besser, daß Du Dein Kapital aus dem Londoner Geschäft zurückzögest und es sicher anlegtest?« Kay erwiderte auf diese Rede nichts. »Nun, Kay?« »Carmelitas Vermögen ist gesichert. Wer sie einst heimführt, der weiß nichts von Sorgen, und wenn er nur die Zinsen verwendet,« erwiderte er leichthin. »Allerdings! Für Kay und Julia muß ich noch arbeiten. Wäre das nicht der Fall, so würde ich selbst vielleicht schon gethan haben, wozu Du mir rätst.« Die Frau horchte auf. Also für Carmelita zunächst alles! An sie hatte Kay gedacht! Ihre Kinder kamen erst in zweiter Linie! Ja, er gestand zu, wenn er heute starb, dann war vielleicht für sie nicht gesorgt. »Ist denn Dronninghof nicht ganz schuldenfrei, Kay?« forschte Clementina-Julia durch Mienen und Betonung äußerlich verbergend, wie sehr sie auf die Antwort gespannt war. »Ja, fast schuldenfrei, aber ich habe noch so viel hineingesteckt, daß die Rente nicht sehr erheblich ist. Vielleicht mit der Zeit –« Clementina-Julia machte rasch in ihrem Gedanken einen Überschlag. Dronninghof konnte etwa viermalhunderttausend Thaler wert sein. Wenn das Kapital nur zweieinhalb Prozent abwarf, dann bezog Kay aus diesem Besitz doch immer zehntausend Thaler. Sehr viele Gutsbesitzer in denselben Verhältnissen lebten von der Hälfte. – Auch Witzdorffs waren dazu imstande, dank alles dessen, was ihnen auf dem Gute umsonst in die Hand wuchs. Fünftausend Thaler Ersparnis waren in zehn Jahren fünfzigtausend Thaler, und zehn Jahre liefen rasch dahin. Und Zinsen auf Zinsen! Wie das wuchs, wenn man sich auf allen Gebieten einschränkte! Seitdem Clementina-Julia mit ihrem Manne nach Dronninghof übergesiedelt war, wußte sie so gut über Besitz, Wirtschaft und Fruchtpreise Bescheid wie Herr und Verwalter, und nicht minder, daß nirgend die Bäume in den Himmel wachsen. Wie oft hatte Kay größere Summen für einen wohlthätigen Zweck hergegeben, geringerer Unterstützungsbeträge nicht zu gedenken. Und ein Verlust, wie der letzte in dem Londoner Geschäft, bezifferte sich sicher auf Zehntausende. Also sparen, sparen! Aber da sie sich doch immer nur in Vermutungen bewegte und endlich einmal Klarheit gewinnen wollte, knüpfte sie an Kays Worte an und sagte: »Wie viel ist eigentlich Dronninghof wert, und wie groß ist das Kapital, mit dem Du in Deinem Londoner Geschäft engagiert bist?« Clementina-Julia begriff selbst nicht, daß sie diese Frage in solcher Form zu stellen gewagt hatte. Aber nun war es heraus. »Bei Dronninghof kommt's auf die Marktpreise an. Das Londoner Geschäft –« »Nun?« »Ach, liebe Julia, – das verstehst Du doch nicht.« Diese Antwort ärgerte Clementina-Julia über die Maßen. Aber Kay wußte das sehr wohl. Er war auch gar nicht über die Beweggründe ihrer Fragen in Zweifel und verstellte sich in seinen Antworten ebenso sehr wie sie. Als er ihre enttäuschten Mienen sah, wuchs sogar sein Widerstand. Wie in jedem Menschen, lagen auch in Kay Widersprüche, die er schwer zu bekämpfen vermochte. In Clementina-Julia aber stieg an diesem Tage ein Gedanke auf, der sie nicht nur lebhaft beschäftigte, sondern aus dem sich zuletzt ein Beschluß entwickelte. Und sie wollte gleich beginnen! Wer mit dem, was er als richtig erkannt, wartete, bei dem waren Vorsätze Strohfeuer. »Ich will Dir etwas vorschlagen, lieber Kay,« begann sie. »Reise allein! Ich bitte Dich sogar darum, Dir ist es gut, wenn Du einmal herauskommst. Ich und die Kinder brauchen keine Abwechselung. Weshalb sollen wir das schöne Dronninghof verlassen?« »Es ist allerdings billiger,« erwiderte Kay nicht ohne deutliche Anspielung und zog die Lippen. Clementina-Julia verstand, aber sie wollte sich nicht einschüchtern lassen. »Gerade deshalb,« erwiderte sie, »und darum sprach ich. Ich finde, daß wir überflüssige Ausgaben vermeiden sollen. Ein Verlust, wie der in London, ist gewiß nicht in einem Jahre einzuholen, oder Du müßtest ein Millionär sein –« »Vielleicht bin ich es!« murmelte Kay und ordnete mit solcher gelassenen Ruhe an der Schleife seines weichen, seidenen Halstuches, als handele es sich um die geringfügigsten Dinge, als seien alle diese Bagatellen. »Weshalb weichst Du mir aus, und weshalb spottest Du, wenn ich verständige Vorschläge mache, Kay? Ist das recht? Mache ich Dir denn gar nichts mehr nach Wunsch?« fiel Clementina-Julia, sich mühsam bezwingend, ein. »Doch!« erwiderte Kay und erhob sich. Und ihre Frage umgehend, jedoch den Kernpunkt des Gesprächs aufnehmend, fuhr er fort: »Aber leben heißt nur, für andere und mit anderen leben! Ich will die frohen Tage meines Daseins genießen! Menschen, wie Du Clementina-Julia, gelangen eigentlich niemals zum Genuß des Daseins. Ihr späht immerfort nach dem Zeitpunkte aus, wo Eure Wünsche sich erfüllen sollen. Und unversehens wird ein schwarzer Deckel geöffnet, und man legt Euch hinein als Thoren, die um des Zuvielerstrebten willen nichts ihr eigen nennen durften. Nur wer jeden Tag zu einem Festtag glücklichen, wenn auch bescheidenen Genießens macht, ihn nützt und denkt: »Für den kommenden giebts keine Schlösser und keinen Schlüssel, die Pforten des Glücks sind geöffnet oder versperrt! Keiner vermag es zu wissen!« der ist weise! »Und zu den rechten Festtagen gehört Sonnenschein draußen und drinnen, und ihn müssen wir uns schaffen durch fröhliche Stimmung, die wir entweder unserer Pflichterfüllung, unserem Menschentum, oder unserer Freude an Gottes schöner Schöpfung verdanken. Hundertfältig sind die kleinen Freuden in unserem täglichen Wirken und Schaffen, in unserem Verkehr mit den Menschen. Die edelsten, reinsten aber sind diejenigen, die aus unserem Herzen emporsteigen. Wo die Liebe der Fährmann ist, da geht's immer durch einen sanften Strom. Liebe austeilen und empfangen, darin besteht das große Geheimnis des Glücks. Aber Menschen, wie Ihr, wollen empfangen und nicht geben, und zuletzt wollt Ihr noch nicht einmal empfangen. Ihr pflegt nur den Heißhunger Eurer engherzigen Selbstsucht und vergeßt, daß dieser das furchtbarste und zerstörendste Gift jedes Glücks ist.« Wenn Kay so sprach – und schon oft hatte er Clementina-Julias besserer Natur durch ähnliche Gespräche abzuhelfen gesucht – mußte sie ihm recht geben. Er hatte eigentlich immer recht, auch, als er einmal äußerte: »Frauen müßten durch die tägliche Ausschmückung ihres Geistes und Körpers ihre Männer immer von neuem an sich zu fesseln suchen. Wer da glaube, mit dem Ja am Altar sei alles geschehen, büße für einen schweren Irrtum. Nun beginne erst die Aufgabe der Frau nach einer Richtung, die nur zu oft als eine ganz nebensächliche angesehen werde. Sie müsse jetzt um des Mannes Besitz werben! Während diese Aufgabe ihm vor der Ehe zufalle, trete nun das umgekehrte Verhältnis ein, und dieses »Werben« müsse andauern ein ganzes langes Leben, da den Mann Bedeutsameres und für ihr beiderseitiges Glück Wichtigeres zu beschäftigen habe: die Arbeit, der Erwerb – der Kampf um das Dasein.« Aber Clementina-Julia war nicht mehr erziehungsfähig. Sie gehörte auch zu den Frauen, die in dem Augenblick, wo ihre Ebenbilder geboren werden, die Kindermädchen ihrer Kinder werden, aus ihnen sich zu Gouvernanten entwickeln, alsdann sich zu sorgenden Haushälterinnen ausbilden und gemeiniglich zum Lohn für die von ihnen in diesem Sinne verstandene Pflichterfüllung mit einem Wartegeld, das oft nur aus wenig Dankbarkeit besteht, für die harten Dienste eines ganzen Menschenalters abgefunden werden. – Als Clementina-Julia an einem der folgenden Vormittage, nach der Arbeitsstunde der Kleinen, mit ihren Kindern und Charlotte beim zweiten Frühstück saß, wurde ihr gemeldet, daß ein Bürger aus Schleswig die Bitte vortrage, sie sprechen zu dürfen. Als sie dieses Ansuchen gewährte und kurz darauf Kays Gemach betrat, in das sie den Antragsteller durch den Diener verwiesen hatte, stand sie einem alten Mann in einem langen, bis an den Hals geschlossenen, verschlissenen Rock mit engen Ärmeln gegenüber, der sich nach Art simpler Leute wiederholt verlegen verneigte und in einem ungelenken und mangelhaften Hochdeutsch seine Entschuldigungen stammelte. »Nun, was haben Sie? – Setzen Sie sich!« begann Clementina-Julia und ließ sich an Kays Schreibtisch nieder. Der Alte nahm auf einer Ecke des dargebotenen Stuhles Platz, wischte sich, als ob ihm dadurch das Sprechen erleichtert werde, mit einem zusammengefalteten, blauen Schnupftuch wiederholt über das Gesicht und begann: »Ich komme nämlich wegen Herrn Baron von Bomstorff, Allergnädigste –, wenn ich so frei sein darf. Ich wollte bitten, daß Sie doch so gut wären, bei den Herrn Grafen ein Wort einzulegen, daß ich das Ganze kriege, indem ich ja auch noch die Zinsen verliern thu. Wenn ich nur bloß die Hälfte kriege, – mehr, sagte Herr Baron, würde ich nich kriegen, oder garnichts, – dann verlier ich über vierhundert Thaler, und das kann ich nich. Meine Frau lag lange krank, mein Sohn soll nu Soldat werden, und in diesen Jahre ist es auch wegen –« Er hielt inne, da Clementina-Julia ihn kurz unterbrach. »Wenn ich Sie recht verstanden habe,« fiel sie ein, »hat Herr Baron von Bomstorff Sie um Geld angegangen, und Sie haben ihm solches gegeben. Nun es ans Rückzahlen kommt, bietet er Ihnen die Hälfte oder – gar nichts. Ist es so?« Der Alte bewegte zustimmend und mit hoffnungsvoller Miene den Kopf. »Ja, Allergnädigste. So ist es!« »Welches Geschäft betreiben Sie? Wie heißen Sie?« »Ich bin Töpfer, gnädige Frau, Töpfer! Ich heiße Schritt, Karl Schritt und wohne oben auf'n Blumenberg.« »So, so! Aber was hat der Graf, mein Mann, mit der Sache zu thun? Das verstehe ich durchaus nicht.« »Er will doch, wie ich gehört habe, seinen Verwandten das Geld geben, daß er alles richtig macht.« »Sie irren sich durchaus,« fiel ihm Clementina-Julia schroff in die Rede. »Mein Gatte hat mit dieser Angelegenheit gar nichts zu schaffen.« Der Alte zog die Mundwinkel und machte ein enttäuschtes Gesicht. Und da Clementina-Julia dies sah, atmete sie auf und kämpfte eine böse Vermutung, die in ihr aufgestiegen war, leichter nieder. Es handelte sich nur um ein Mißverständnis, sicher nur um ein Mißverständnis! Um aber diese Annahme sich selbst und dem Bittenden gegenüber noch mehr zu erhärten, fuhr sie, zugleich in der Absicht, ihn auszuforschen, fort: »Da sie mir ein braver Mann zu sein scheinen, so bin ich nicht abgeneigt, mit Herrn von Bomstorff zu sprechen und Ihr Anliegen bei ihm zu befürworten. Wie kamen Sie übrigens dazu, einem so verschuldeten Menschen wie Bomstorff, Geld zu leihen? Den Verlust hätte Ihnen jeder vorhersagen können!« Den Alten hatten Clementina-Julias Worte völlig enttäuscht und nicht minder beunruhigt. Er hätte gern von neuem sein Recht verteidigt und seine Bitte wiederholt, aber er gab zunächst mit der Geschwätzigkeit kleiner Leute Clementina-Julia Antwort. »Herr Baron kam eines Tages – es ist nu siebzehn Monate her – in meine Wohnung. Ich sollte ihn einen antiken Krug, den er hatte, wieder anschmelzen. Er war lange bei mich, und wir sprachen so über allerlei. Indem kam der Postbote und brachte mich einen Brief, eingeschrieben. Es war ein Papier, was ich mich erspart hatte und mich eine Hamburger Obligation für gekauft hatte. Nun kam er auch über so was zu sprechen, und der Herr Baron fragte, wieviel Prozent ich kriegen thäte. Er bot mich nu sechs Prozent, indem er gerade auf ein paar Monate Geld gebrauchen thäte, und da sagte ich: »Wenn Sie mich eine Quittung geben, können Sie die Obligation gleich mitnehmen. Sie liegt bei mich doch bloß ins Schrank. Ich möchte sie denn man gerne in sechs Monaten wieder haben.« Ich meinte nich das Geld – die Obligation. – Ja, das war ihm recht, und er versprach mich, daß ich dann auch hohe Zinsen haben sollte. Aber seitdem habe ich nichts wieder von ihm gehört, und wenn ich ihm mal mündlich und schriftlich mahnen that, dann vertröstete er mir. In der Zwischenzeit hörte ich, daß er viele Leute Geld abgeliehen hätte. – Ich wollte ihm nu verklagen und war schon bei einen Afkaten, da kam er zu mich und sagte, er könnte mich wahrscheinlich man fünfzig Prozent vons Ganze geben. Nu meinte meine Frau, daß ich zu Frau Gräfin gehen sollte, weil wir doch gehört haben, daß Frau Gräfin so einen gerechten Sinn in alles haben sollen.« Clementina-Julia hatte dieser Erzählung mit steigender Auflehnung gegen Bomstorff, aber auch mit wachsender Unruhe zugehört. Am Ende hatte der Alte doch nicht unrecht. Kay steckte dazwischen. »Wer hat –« »Ich wollte noch –« Die beiden Sätze erfolgten zu gleicher Zeit. »Wer hat,« behielt Clementina-Julia das Wort, »Ihnen gesagt, daß mein Gatte dem Baron helfen will?« »Ja, eben das wollte ich Frau Gräfin noch sagen. Es ist sicher, denn was der Handelsmann Salomon ist, er zeigte mich einen Brief von Herrn Grafen, wo er ihm fünfzig Prozent für Herrn Baron seine Schuld bieten that.« »Hm, hm!« stieß Clementina-Julia heraus und machte einige Bewegungen, die der Alte zu seinen Gunsten deutete. Aber sie gedachte schon gar nicht mehr des alten Mannes, der um sein gutes Recht und um Hilfe bettelte, sie dachte nur an sich. Ihre Engherzigkeit und ihr Geiz brachten ihr Inneres in Aufruhr. »Gut! Ich werde also sehen, was sich machen läßt, Herr Schritt –« entschied die Frau, sich erhebend und weitere Reden abschneidend. »Sie sollen Nachricht von mir haben; aber eins ist sicher: wenn mein Gatte wirklich in dem einen Falle eintreten will – er denkt nicht daran, alle Schulden des Barons abzulösen.« »So meinen Sie nich?« fiel der Mann enttäuscht ein und drehte seinen alten, von der Nässe mit weißglänzenden Flecken bedeckten Cylinderhut in der Hand. »Bitte, Allergnädigste – sehen Sie, daß ich wenigstens etwas mehr kriege. Es ist doch gar zu hart für einen kleinen Handwerker.« »Nun ja! Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich nach Kräften mich bemühen würde!« erwiderte Clementina-Julia mit deutlicher Ungeduld und mit einer eben so deutlich ihren Wunsch bekundenden Geste, daß sie das Gespräch zu beenden wünsche. Und der Mann verbeugte sich und verließ das Zimmer. Als Clementina-Julia einen Blick über den Hofplatz warf, sah sie den Alten schwerfällig gegen den anstürmenden Regen ankämpfen. Eben hielt er inne, lehnte seinen roten, altmodischen Regenschirm gegen die Mauer eines Seitengebäudes des Pachthofes und krempelte die Beinkleider in die Höhe. Den Regenschirm aber spannte er, trotz der vom Winde gepeitschten Nässe, nicht auf. Weshalb wohl nicht? Diese Frage beschäftigte Clementina-Julia für Augenblicke. Der Ursache seines Kommens und Gehens, seiner Beängstigung und Sorge, seiner eindringlichen Bitten gedachte sie nicht mehr. Und dann grübelte sie, wie sie diesen abermaligen Verlust abwenden, wie sie auf Kay einwirken könne, wenn er wirklich für den verkommenen Menschen, den Bomstorff, einzutreten gesonnen sein sollte. Kay kam an diesem Tage erst um die Mittagszeit und in keiner besonders guten Stimmung nach Hause. Der fortwährende Regen, der den Saaten und Früchten erheblichen Schaden zufügte, aber auch Bomstorffs äußerst verwickelte und auf seinen Leichtsinn ein ungünstiges Licht werfende Schuldverhältnisse beschäftigten und verstimmten ihn. Jetzt, nach näherem Einblick, wollte es ihn fast gereuen, seinem guten Herzen zu rasch gefolgt zu sein. Es hatte sich auch herausstellt, daß die ursprünglich von ihm angenommene Summe durchaus nicht reichen würde. Jeder der vorhandenen Gläubiger wollte für sich eine Ausnahme in Anspruch nehmen, und eine Zustimmung zu dem Gebotenen war bisher nur von einem Teile derselben erreicht. In der Unterredung, die zwischen Kay und seinem Verwandten stattgefunden hatte, war jeder einzelne Fall zur Erörterung gelangt. »Da ist meine gute, dumme Wittib von der Nadel!« hub Bomstorff an. »Dieser aufopfernde Bankier meiner Tagesnöte muß ohne Abzug bezahlt werden, und dieser brave Bürger und Lehmformer Schritt hat in erster Linie Anspruch auf das ganze Geld. Seht, Gevatter, ich habe, bei Gott, schlaflose Nächte wegen der Leute, und Sie nehmen mir mehr eiserne Balken von der Brust, als Sie glauben können. Wenn ich diese Braven nicht voll zu bezahlen suche, bin ich nicht die vier Sargbretter wert, die auch für mich an den Bäumen wachsen! Das andere Gesindel hat mir kaum mehr gegeben, als Sie ihm bieten. Sie sollte man an einem Ohr aufhängen und ihnen mit einem Blasebalg die verruchte Seele aus dem Körper jagen!« »Ganz gut, Bomstorff!« erwiderte Kay. »Aber wenn ich nun nicht einträte, dann erhielten Ihre Gläubiger gar nichts. Ich muß Ihnen sagen, es ist unglaublich, wie Sie darauf losgeborgt haben!« »Ihr habt recht, Vetter! Aber lernt nur Not kennen! Shakespeare sagt: »Der Mensch ist Mensch. Der beste fehlt mitunter!« Man faßt nach dem Strohhalm, denn man lebt nicht von der Luft, wenn auch einmal der Frühling deren nährlosen Atem würzt.« »Und bei solchen Schulden frühstücken, Medoc trinken – gar Champagner –« »Aber auch hungern!« fiel Bomstorff ein und richtete sich mit Würde empor. »Ich esse meistens nur ein paar trockne Brödchen jeden Tag – bei Gott, nicht mehr. Und der Wein? Ich vertrinke meinen Unmut, die Pein – die Sorg– –« Der Mann verschluckte fernere Worte, riß in heftiger, innerer Bewegung an dem Schnurrbart und schlug mit der Reitpeitsche gegen die hohen Stiefel. »Hier, mein Ehrenwort! Ich halte, was Sie mir zur Bedingung gemacht haben, Vetter!« fuhr er feierlich fort, »Aber helft den braven Leuten, die das Geld nicht verlieren können. Ich bleibe Ihr ewiger Schuldner und trete noch beim jüngsten Gericht für Sie ein, für Sie als der Besten, Edelsten einen« – Am selben Tage nach Tische hatte sich der Himmel zum erstenmal seit fast zwei Wochen aufgehellt; die Sonne schien, und auch das Naß, das ihre Schöpfungen verwüstet hatte, durchleuchtete sie mit sanften, verklärenden Strahlen. In jedem Tropfen, der noch an den Zweigen hing, funkelte ein Abglanz ihrer Schönheit, durch das grüne, feuchte Laub warf sie ihre Goldströme und an den Stämmen glitt sie auf und nieder mit hellen Lichtern. Wie neu aufgekeimt in lebendigem Wachstum lagen die großen Parkwiesen, und ein feiner Dampf stieg empor, der wie ein sanftes Ausatmen der verjüngten Natur erschien. In den schwarzerdigen Beeten dufteten die Levkojen, Nelken und Rosen, und eine riesige Blutbuche, die in der Ferne unter dem dunklen Waldesgrün ihre Krone erhob und ihr gewaltiges Geäst ausbreitete, tauchte gleich einer majestätischen Laune der Natur in diesem Zauberfleckchen Erde auf. Auf dem Pachthofe krähten laut die Hähne, wie befreit von Not und Qual. Die Tauben wirbelten, ihrem engen Schlage entflohen, durch den blauen, wolkenlosen Äther über den Park, und bellende Hunde jagten sich in dessen breiten Wegen und hinterließen ihre unverkennbaren Spuren in der noch weichen Erde. Kay stieß die Thüren des Balkonzimmers weit auf und holte tief Atem. Auch nahm er seinen Sohn und die kleine Julia auf den Arm und küßte sie. »Packe die Koffer, Clementina-Julia –« hub er, angeregt von der Herrlichkeit der Natur und demzufolge von frohen Empfindungen beherrscht, an. »Komm mit mir! Was willst Du hier allein hausen ohne mich! Wir wollen einmal heraus. Mich drückt die Einförmigkeit. Ich brauche andere Menschen und Eindrücke. Und«, fuhr er, ihren Gedanken begegnend, fort, »um Geld brauchst Du Dich nicht zu grämen. Überlaß die Sorge mir, und denke immer, daß ich weiß, was ich darf und kann.« Durch den warmen Ton seiner Worte bewegt, aber auch durch die Liebkosungen, die er den Kindern erwies, von einem Anflug dankbarer Rührung fortgerissen, pflichtete Clementina-Julia bei und sagte: »Nun, wenn Du's durchaus willst, Kay, es sei! Du weißt, ich misse Dich nie gern und wäre es auch nur auf Tage und Stunden. –« Was sie in diesem Augenblick sagte, war aufrichtig gemeint, und Kay, der wohl unterschied zwischen berechnender Zärtlichkeit und ehrlicher Empfindung. streichelte ihr die Wangen. Das sind die lachenden Inseln in unserm Dasein, wenn unsere gehobenen Vorstellungen allein uns beherrschen, wir die Nüchternheit abstreifen, und unsere Herzen eine lebendige Sprache reden! Und so war es auch hier, und Hoffnung und Zuversicht schienen von neuem Übereinstimmung in den Gemütern und Seelen zu wecken. Und doch folgten diesen hellen Stunden wieder dunkle und dunklere als je zuvor. Am Abend – Kay hatte mit seinem Verwalter einen Gang über die Felder gemacht, später mit ihm Schach gespielt und sich in den Pferdeställen umgesehen, – lenkte Clementina-Julia beim Essen das Gespräch auf Bomstorff, und als Kay auswich, auch aus den Besuch des Töpfers. »Ein Handwerker, der Töpfer Schritt vorn Blumenberg, war heute morgen bei mir, Kay, und bat mich, ein Wort bei Dir einzulegen, damit eine Schuld von Bomstorff voll eingelöst werde,« begann Clementina-Julia. »Als ich ihn voll Erstaunen fragte, was ich – was Du mit dieser Angelegenheit zu thun habest, erklärte er mir, einen Brief von Deiner Hand an den Handelsmann Salomon gesehen zu haben, in welchem Du –« »Und so weiter und so weiter! Ja, ja, –« bestätigte lustig phlegmatisch Kay und ließ ein eben ergriffenes Buch auf den Schoß fallen. »Ich will den armen Kerl herausreißen und seine Schulden bezahlen. Und dann soll er diesen Herbst in den Turm einziehen, damit er ein vernünftiger Staatsbürger wird.« »In den Turm einziehen? – – Und wirklich? Du willst nach allen Deinen Verlusten auch noch diesem verkommenen Schwindler mit größeren Summen helfen?« »Ich bitte Dich, andere Ausdrücke zu wählen, Julia,« fiel Kay kurz ein, und nur allzu rasch wieder aus seiner guten Laune fallend, griff er von neuem nach dem Buch und richtete seine Blicke darauf. »Kay!« bat Clementina-Julia und trat ihrem Manne näher. »Kann ich denn gar nichts mehr sagen, ohne daß Du ungeduldig, sogar ausfallend gegen mich wirst? Nun war ich heute so glücklich!« »Du kannst es immer sein, wenn Du auch ein wenig für Deine Nebenmenschen übrig behältst. Welcher Ausdrücke bedienst Du Dich! Bomstorff war leichtsinnig, sehr leichtsinnig, aber ein verkommener Schwindler ist er nicht!« »Ist denn das kein Schwindel, wenn man ohne jegliche Aussicht auf Rückzahlung einem armen, fleißigen Handwerker seine Ersparnisse abnimmt, ihm Versprechungen auf große Zinsen macht und dann nichts weiter von sich hören läßt? Ich denke, dieses eine Beispiel genügt!« »Du beurteilst die Dinge, wie sie Dir erscheinen, nicht wie sie sind. Lerne erst einmal das wirkliche Leben kennen, dann wirst Du milder urteilen.« »Ich würde eher Hungers sterben, als dergleichen thun. Es könnte mir nicht einmal in den Sinn kommen.« »Sehr schön! Aber jede Kreatur in der Welt hat ihre Eigenart. Es giebt Elefanten, Tauben Ameisen, Löwen, Austern und Hunde. Und so fort. Jedes Geschöpf hat einmal eine besondere Physiognomie, und so hat auch Bomstorff die seinige mit allerlei Schwächen, die ich nicht verteidigen will, aber sehr wohl verstehe, und deshalb milder beurteile. Und gleichviel! Ich will ihn eben diesem unwürdigen Zustande entreißen, und deshalb unterhandle ich mit seinen Gläubigern und werde ihm hier auf dem Hofe die Turmräume einrichten lassen. Sein Ehrenwort bürgt mir dafür, daß er keine Schulden mehr machen und ein neues Leben beginnen wird. »Bah! Bomstorffs Ehrenwort!« stieß Clementina-Julia verächtlich heraus. »Da hat er Dir weniger gegeben als nichts. Ein Spinngewebe, das schon ein Regentropfen zerstört. Wie oft wird er es schon erteilt und gebrochen haben.« »Woher hast Du die Beweise für eine so ungeheuerliche Behauptung?« rief Kay in höchster Erregung. »Schweig! Ich befehle es Dir!« »Nein, ich schweige nicht, ich darf nicht stumm bleiben, wenn ich sehe, wie die Menschen Deiner Eitelkeit schmeicheln und Dich zu Dingen überreden, die Du nicht verantworten kannst!« »Ich kann all mein Thun verantworten und habe niemandem Rechenschaft zu geben als mir selbst.« »Doch, ich habe in unseren Angelegenheiten auch ein Wort mitzusprechen! Die Kinder haben Rechte –« »Meinen Kindern gebe ich eine gute Erziehung, den Mädchen auch eine standesgemäße Aussteuer. Der Junge mag, wie ich selbst, sein Glück versuchen. Ich nahm kaum einen Pfennig von meinem Vater, warf die thörichten Titel beiseite, arbeitete, verdiente und eroberte mir meine Stellung in der Welt.« Die Rede brachte Clementina-Julia vollends auf. »So? Du findest also, daß es eine heiligere Pflicht ist, arbeitsscheuen, gewissenlosen, verkommenen und vertrunkenen Menschen Dein Geld hinzugeben als Deiner Kinder zu gedenken?« »Von wem sprichst Du?« Kays Blick war vernichtend, seine Stimme bebte, und seine Hände schlossen sich in dem Zorn, der ihn übermannte. »Ach, was sollen die Fragen? – Du willst einen Menschen wie Bomstorff der Welt gegenüber sogar als Mitglied der Familie hinstellen, ihn zu unserem Hausgenossen machen? Wenn ich denke, daß dieses mauvais sujet , dieser verlogene, ewig trunkene Mensch täglich um mich sein soll, ich glaube – ich –« »Nun?« rief Kay und schoß in die Höhe. »Ich gehe, und Du magst allein auf Dronninghof wirtschaften.« Kay wollte bereits das furchtbare, sie vielleicht für immer trennende Wort aussprechen, aber doch besann er sich noch. Er gedachte des früheren Vorfalles zwischen Cedes und Clementina-Julia und beherrschte sich mit ganzer Willenskraft. »Bomstorff kommt, und Du wirst ihn empfangen,« begann er in einem festen und jeden Widerspruch abschneidenden Ton. »Von täglichem Umgang ist nicht die Rede. Alles bleibt beim alten. Aber mein Wort halte ich. – Und ich gab es nicht, weil man meiner Eitelkeit schmeichelte, nicht in einem unbesonnenen Gefühlsdrange, sondern wohl überlegt. Ich schätze das Gute in Bomstorff; ich mag seine Art; zudem ist er mein Verwandter, und ich rette ihn vom Untergang. Ich thue also ein nützliches Werk.« »Zum Unterstützen giebt's würdigere Menschen! Wie viele arbeiten ehrlich und fleißig und darben –« »Gewiß! Aber man kann nicht der ganzen Welt helfen. So sucht man in seinem nächsten Kreise die Not zu lindern und übt die Vorschriften wahrer Religion –« »Not lindern? Sitzt er nicht und trinkt die Nächte durch? O, wie hasse, wie verabscheue ich diesen Menschen.« »Ja, alles, was nicht Du selbst bist, was nicht Deine Kinder anbetrifft, läßt Dich völlig gleichgültig, und stets wirst Du mit Abscheu erfüllt, sobald jemand einen Anspruch an Deine offene Hand erhebt. – Mir aber –« und Kay erhob die Stimme, und seine Worte wirkten wie Donnerschläge – »ist dies Treiben verwerflich und – ja, es muß einmal deutlich gesagt werden, auf die – Länge unerträglich, – ganz unerträglich.« »Und mir Deine Despotie, Deine Launenhaftigkeit und Deine tägliche Schulmeisterei!« rief Clementina-Julia, jede Fassung verlierend. »Nun, so geh!« – Kay schrie es. Die Worte fuhren wie heiße Flammen aus dem Munde, und sein Fuß stieß so heftig auf den Boden, daß Möbel und Kronleuchter zitterten. »Sags noch einmal!« hauchte die Frau mit keuchendem Atem, bleich, mit zuckenden Augen und bebenden Gliedern. Unter dem Mieder pochte ihr Herz, das Blut schoß ihr in die Schläfen, und wenn sie auch in diesem Augenblicke gewußt hätte, er werde sie töten, – ihr Mund würde gesprochen haben. »Nun ja! Dann nicht noch einmal, sondern ein für allemal; Du gehst. – Wir trennen uns. So, Clementina-Julia! Nun hast Du endlich, was Du wolltest, und möge es Dich nicht gereuen!« Hierauf stürzte Kay aus dem Zimmer. Nachdem er fort war, durchmaß Clementina-Julia mit großen Schritten und mit vor Wut entstellten Mienen das Gemach. So wenig war sie Herrin ihrer selbst, und so überwältigend die Rückwirkung auf ihre äußere Erscheinung, daß sie vor ihrem eigenen Bilde erschrak, als ihr Blick den Spiegel streifte. Sie war totenblaß, ihre Augen glühten düster, als habe sie viele Nächte fieberkrank durchwacht, und in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, als seien Zorn und Haß unverwischlich darin eingegraben. Aber so wild das Feuer, so schnell das Erlöschen. Schon, nachdem sich der erste Ansturm ihrer tobenden Empfindungen gelegt hatte, erkannte sie das Entsetzliche dessen, was geschehen war. Sie horchte auf das Geringste, was sich draußen regte. Sie faßte das Nächstliegende ins Auge und suchte daran wieder für sich anzuknüpfen. Solchen Eindruck hatten Kays Worte auf sie gemacht, für so unabänderlich hielt sie seinen Entschluß, daß ihr plötzlich war, als sei sie, die Herrin in diesem Hause, eine Fremde, als habe sie kein Recht mehr, Befehle zu erteilen, und als sähe sie heute alle Gegenstände, die sie umgaben, zum erstenmale. Ein Gefühl grenzenloser Vereinsamung, eine Beklemmung und quälende Angst, als müsse jeden Augenblick etwas Entsetzliches geschehen, erfüllte sie. Endlich hörte sie Kays Stimme. Die Thür nach dem Vorplatz ward geöffnet; sie vernahm den raschen Huftritt eines Pferdes und sah bald darauf ihren Mann heraustreten. Er ging, die Handschuhe knöpfend, an seinen Fuchs heran, klopfte ihm den Hals und schwang sich in den Sattel. Ein Hund auf dem Pachthofe schlug kurz an. Das hartklingende Geräusch des auf dem Steinpflaster scharf trabenden Tieres drang an ihr Ohr; zuletzt entzog die Abenddämmerung sein Bild ihren Blicken. Und doch erschienen Clementina-Julia Pferd und Reiter nicht als etwas Wirkliches, Greifbares, vielmehr als eine plötzlich auftauchende Erscheinung, die nicht zu ihr und nicht zum Hofe gehörte. – War denn alles nur ein Traum draußen, – ein Spuk –? Die Frau sank in ihren Sessel, und unaufhaltsam lösten sich die Tränen aus ihren Augen. Vielleicht zum erstenmale seit ihrer Kindheit weinte sie bitterlich, und in der Armseligkeit des Lebens empfand auch sie nun die furchtbaren Qualen des Einsamen, Verlassenen, der nach Trost, nach Hülfe schreit. Als sie, mühsam sich aufraffend, über den Flur schritt, um Kays Zimmer zu betreten – ein heftiger Drang trieb sie dahin – wunderte sie sich, daß sich der Diener wie immer ehrfurchtsvoll verbeugte, daß er ihrer Weisung, die Lampen in des Grafen Zimmer wieder zu entzünden, sogleich voll Eifer Folge leistete. Noch war sie also Herrin auf Dronninghof, noch wußte ihre Umgebung nichts! Als der Diener gegangen war. warf sich Clementina-Julia in eine Sofaecke und ließ noch einmal in diesen Räumen an sich vorübergehen, was sich ereignet hatte. Wenn er, Kay, jetzt das Zimmer beträte, würde er ihr nicht mit stolzem Blick die Thür weisen, sie hochmütig fragen, was sie hier zu schaffen habe? Alle Gegenstände erschienen ihr, als ob sie deren Schönheit und Wert bisher gar nicht geschätzt habe. Dasselbe neugierig scheue Gefühl, mit dem sie auf ihren Reisen den einstigen Besitz verstorbener Menschen in Augenschein genommen hatte, beschlich sie. Mit fremden Blicken betrachtete sie alles ringsum, und Kay, Dronninghof, des Mannes Name und Reichtum, das bisherige Wohlleben und ihre gebietende Stellung stellten sich ihr plötzlich als etwas noch zu Erreichendes und doch Unerreichbares vor. Was hatte er ihr zugerufen? »Nun ja! Dann nicht nur noch einmal, sondern ein für allemal: Du gehst! Wir trennen uns! So. Clementina-Julia. Nun hast Du endlich, was Du wolltest, und möge es Dich nicht gereuen.« – Das hieß: Sie sollte Dronninghof verlassen. Irgendwo würde er ihr also doch einen Wohnsitz anweisen! Wir trennen uns! Und möge es Dich nie gereuen. – – Das klang, als ob um Vergebung flehende Worte doch noch eine Wirkung ausüben konnten! Clementina-Julia sann und grübelte und kam doch zu keinem Ende. Ein Gedanke jagte den anderen. Konnte doch noch alles gut werden? Nein! Unmöglich – – Sie wollte, sie konnte das erste Wort nicht geben, und er sprach es sicher nicht! Beides stand fest. Und wenn sie es auch gab, – sie fühlte: nicht der augenblickliche Zorn hatte aus ihm gesprochen, er trug sich schon lange mit einem solchen Gedanken. Er wollte! Er suchte nach einem Vorwande zur Scheidung! Und dieses Geschöpf, diese Carmelita, trug allein die Schuld an allem. Durch sie war die erste ernstere Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, durch sie hatte er sich ihrem Einflusse entzogen, durch sie waren immer schärfere Gegensätze hervorgetreten, und durch sie standen sie sich jetzt gegenüber mit kaltem Herzen. »Geh dort! Ich gehe hier!« Was sollte nun aus ihren Kindern werden? Ah! Die Kinder – – die Kinder! Jetzt waren alle bisherigen Hoffnungen auf einmal begraben! Wenn er ihnen ein bescheidenes Erbteil zuwandte, mußte sie schon dankbar sein. Denn er liebte Kay und Julia nur mit halber Liebe; das sah sie, das fühlte sie jeden Tag. Trug sie die Schuld? War's eine Folge ihrer Parteinahme? Übertrug sich auf das erste Kind alle Zärtlichkeit, weil es bei der Mutter keine fand? Vielleicht – – Und jedenfalls war's eine Thatsache! Er erkannte gar keine Verpflichtungen an, für seinen Sohn besonders zu sorgen! Hatte er nicht erklärt, der könne sich sein Brod verdienen wie er selbst? Und der alte Mann, ihr Vater und ihre Mutter und – Mercedes?– Mercedes? – Jetzt stockte der Frau der Atem. Aus Eifersucht entfachte sich von neuem der Neid und aus beiden eine erhöht Gier nach Besitz – nach Geld –! Dann wollte Clementina-Julia doch wieder bettelnd zu den Füßen ihres Mannes sinken, seine Knie umklammern und flehen, daß alles vergessen sein möge! Wußte der Zorn, was er that? Bot denn der Streitgegenstand wirklich einen Grund zu solchem Ausgange? – Kay, ich bitte Dich, habe ich nicht auch ein wenig recht? Muß man denn nicht unterscheiden zwischen ganzen und halben Menschen, zwischen schlechten und guten? War Dein gesamtes Leben nicht nur ernstes Streben? Setzest Du nichts ehrenhafte Gesinnung und ehrenhafte Handlungsweise über alles? Bist Du nicht pflichttreu, thatkräftig, übst Maß in allen Dingen? Und ist dieser Mensch, dieser Bomstorff nicht ein faulenzender Aufschneider? Besitzt er wirklich einen ehrenhaften Charakter? Ist es in der Ordnung, alle Welt um Geld anzugehen, in den Wirtshäusern das Geld zu verthun und sich noch anzumaßen, ein Auserwählter unter den Menschen zu sein? Macht es denn meiner Gesinnung nicht Ehre, wenn ich das alles verdamme? So sprach Clementina-Julia in sich hinein, aber sie vernahm auch wieder Kays Entgegnung. Sie sah ihn vor sich mit finsterm Blick, hörte ihn mit ruhiger Bestimmtheit reden. Alles, was er ihr so oft erwidert hatte, klang von neuem an ihr Ohr. Aber sie hörte noch mehr: Siehst Du den Splitter in anderer Augen, gedenke des Balkens in Deinem eigenen!« Ja, sie war kalt, herrschsüchtig und berechnend. Sie kannte nur sich in der Welt und besaß keine Mäßigung, wenn ihr Stolz, ihr Eigenwille, ihre Selbstliebe in Frage kamen. Hatte sie nicht gegen Carmelita erbarmungslos gehandelt, gehandelt wie ein rohes Weib aus dem Volke, das in blinder Wut die Hand erhebt und Wunden schlägt? In diesem Augenblick empfand Clementina-Julia tiefe Reue. Sie lag wieder einmal demütig vor ihrem Manne und griff nach seiner abwehrenden Hand. »Vergieb, Kay! Mein Wille war gut. – Nein? – Ja, Kay – aber mein Fleisch war schwach! – Bedenke, Du hast auch Schwächen. – Sprich, – ich fordere Dich vor den Richterstuhl des Höchsten: Liebst Du nicht meine Schwester? Antworte! Ist diese Liebe nicht sündhaft? Nein, sie ist menschlich! Ist nur das menschlich, entschuldbar, was Du thust? Gewiß nicht, aber mein sehnendes Herz fand bei ihr, was Du mir nicht botest. Ich wollte Blumen, und Du reichtest mir Nesseln. Ich wollte Milde, Sanftmut und Güte für mein Kind, und Du züchtigtest es, wie man einen Hund schlägt. – Meine menschlichen Regungen für andere tadelst, – verspottest Du gar! Nicht aus weiser Überlegung, nein, aus Eigenliebe, aus neidischem Triebe, aus der Härte deines Gemüts. Sie aber hat ein Herz für ihre Nebenmenschen, – sie ist, was der Dichter von dem Menschen fordert, edel, hilfreich und gut. Man kann auch seinem Herzen nicht gebieten! Und dennoch ist unsere Neigung zueinander ohne einen Flecken geblieben bis auf den heutigen Tag. Wenn ich sie küßte, so war's ein zärtlicher Bruderkuß, und wenn meine Gedanken sich zu ihr wandten, mischte sich nichts Unreines hinein. Ich liebe ihr Inneres, ihre Schönheit, ihre Stimme, ihre Gestalt, aber mit den sanften Gefühlen, welche die Sympathie in uns weckt, die wir nicht zu erklären vermögen, und die, als ein Ergebnis des Unbewußten, höheren Wert und größere Dauer in sich birgt als jene Liebe, welche sich Liebe nennt und nur Leidenschaft ist. Und doch will ich mich ehrlich meiner Schwächen zeihen und auch meine Schuld gegen die deine abwägen. Aber jeder Tag beweist von neuem, daß wir nicht zueinander gehören, daß unsere Verbindung ein Irrtum war, daß wir uns, statt glücklich, unglücklich machten, und beide nur Gewinn ziehen werden, wenn wir uns trennen. So gehe jeder seinen Weg. sich dem Unabänderlichen fügend. Du wirst nicht darben. Auch lasse ich Dir die Kinder. – – Trennen wir uns ohne Haß und Vorwurf. Scheiden wir als Menschen, die gegenseitig ihren Wert schätzen, aber auch erkennen, daß sie für ein tägliches Beisammensein nicht geschaffen sind. Man kann Feuer und Wasser nicht verschmelzen, und wenn man ein Gott wäre! Lebe wohl, Clementina-Julia!« Sie vernahm die Worte, als habe er sie eben laut gesprochen, aber auch, als habe sie alles schon einmal erlebt, jede seiner Bewegungen gesehen, jeden Ton gehört, als hätten sich schon einmal ganz gleiche Empfindungen, Gedanken und Entschlüsse in ihr geregt und die aus der Unabänderlichkeit hervorgehenden Gefühle eines ruhigen Verzichtes damals von ihr Besitz genommen. Und nach diesen Vorstellungen, die Clementina-Julias klugem Geist entsprangen, die zutreffend waren, weil eben dieser und nicht das Gemüt mitsprach, das nur Scheinbilder fördert, fühlte sie sich plötzlich besänftigt und war gefaßt. Sie nahm eine Lampe und beschloß, sich in ihr Schlafgemach zurückzuziehen. Aber beim Fortgehen sah sie einen Schlüssel in Kays Schreibtisch stecken, und das erregte sie gewaltig und änderte ihren Entschluß. Ein wunderbarer Zufall war's, so wunderbar, daß sie kaum daran zu glauben wagte! Ja, in der Rückwirkung dessen, was sich ihr als möglich aufdrängte, glaubte sie plötzlich Huftritte auf dem Vorplatz zu hören. Eilte Kay zurück? Hatte er den Schlüssel vermißt? Kam er deshalb? Clementina-Julias Auge fiel auf die Uhr. Sie erschrak. Stunden waren vergangen. Der Zeiger wies über Mitternacht. Und draußen war, als sie hinhorchte, nun doch alles still. Nur ihrer erregten Fantasie war entsprungen, was sie für Wirklichkeit gehalten. Sie öffnete die Thür und schaute behutsam hinaus. Der Diener saß wartend im Flur. Er war in einem der lederbezogenen altmodischen Sessel eingeschlafen. »Konrad! Konrad!« Der Träumende fuhr verwirrt empor. »Gehen Sie schlafen. Schließen Sie die Hausthür, – auch die Balkonthür –« »Zu Befehl! Sonst noch etwas, Frau Gräfin?« »Nein!« »Gute Nacht!« »Gute Nacht!« Er ging, und Clementina-Julia, der Lichter und Lampen im Wohnzimmer gedenkend, eilte hinüber, um sie zu löschen. Und während sie sie löschte, fand sie die Haussorge doch ganz gleichgültig. Weshalb noch sparsam sein, da ihr daraus kein Vorteil erwuchs? Ihr war ihr Teil zugemessen ein für allemal! Sicherlich! Es war wirklich Wahrheit, es war keine Verstellung! Clementina-Julia glaubte nicht an eine nochmalige Versöhnung! Und deshalb galt's jetzt auch zu handeln! »Die Flurlampe soll doch brennen bleiben, Frau Gräfin?« Der Diener, welcher noch einmal den Kopf in die Thür steckte, sprachs, und Clementina-Julia schrak zusammen. »Ja! – Allerdings – Sagte der Herr, wann er zurückkehren werde?« »Nein, Frau Gräfin.« »Hm – Hm! Gut! Gehen Sie schlafen!« Nachdem Konrad sich entfernt hatte, holte Clementina-Julia Atem und horchte auf des Fortgehenden verhallende Tritte. Dann eilte sie wieder in Kays Zimmer. Juchtengeruch schlug ihr entgegen. War's nur heute? Nein, stets war das Gemach von diesem Duft erfüllt. Durch die geschlossenen Fenster ward gefördert, was sich in den Tapeten und schweren Gardinenstoffen eingenistet hatte. Clementina-Julia ließ die Vorhänge herab. Sie schloß sogar das anstoßende, seit Carmelitas Krankheit Kay als Schlafzimmer dienende Nebenzimmer. War's nicht auch vorsichtiger, die Thür nach dem Flur abzudrehen? Konnte nicht der Diener nochmals zurückkehren? Clementina-Julia zögerte. Sie horchte. Alles still. Gottlob! Also ans Werk! Sie öffnete Kays Privatsekretär und suchte. In der ersten, tiefen Schublade lagen Handschuhe, Gamaschen, Reitutensilien, Jagdmützen und ähnliche Gegenstände. In der nächsten war auch nichts, was ihr Interesse irgendwie in Anspruch zu nehmen vermochte: Geschäftsbücher, Papiere, Quittungen, letztere sorgfältig zusammengebunden. Auch fanden sich einige Päckchen, die mit »Privat Korrespondenzen« überschrieben waren. »Briefe meiner teuren Clementina-Julia!« – las die Frau. Sie ließ die Hände sinken und starrte vor sich hin. – – Von meiner teuren Clementina-Julia! – Und nun das heute! – Wer ihr das gesagt hätte, als er einst um sie geworben! Ein zehrendes Gefühl beschlich die Frau. Aber es war nicht von Dauer. Wichtigere Dinge beschäftigten sie. Sie begann von neuem zu suchen und öffnete die mittlere Schublade des großen Schreibpultes. Abermals Briefschaften. Rechnungsbücher, Konvolute, Mappen in rotem Leder mit der goldenen Grafenkrone. Hier jedoch ein Geheimbuch! Es lag in einem gesonderten Fache neben Heften, die mit »Londoner Firma« überschrieben waren. Ja, das war's, was Clementina-Julia suchte! Dies und – das Testament! Bevor sie an die Prüfung ging, warf sie noch einmal scheue Blicke um sich, horchte, ob auch draußen etwas sich regte, Sie schob sogar die Vorhänge zurück und spähte auf den Hof – Nichts! Zum Glück nichts. Nur eine weiße Katze schlich durch den Mondschein. Clementina-Julia schlug das Geheimbuch auf und durchblätterte es langsam und sorgfältig. Beim Umschlagen entstand ein Geräusch, das in dieser Stille der Nacht unheimlich wirkte. Plötzlich hörte die Frau auch das Ticken der Wanduhr, die eintönige Sprache dieses gleichsam lebendigen Zeugen der heimlichen Beschäftigungen der Menschen. Aber rasch verwischten sich doch wieder Eindrücke und Vorstellungen. Allzumächtig fesselten Clementina-Julia die zahlenbeschriebenen Seiten: Debet und Kredit! Anfänglich schien's ihr unmöglich, daraus ein Bild zu gewinnen. Aber es fanden sich auch Worte, die sie nur zu gut verstand. »Vortrag: Barer Vermögensbestand am 3. Dezember: 75,632 Pfund Sterling! 75,632 Pfund Sterling! Clementina-Julia hielt atemlos inne und rechnete: Das waren über 500,000 Thaler! Eine halbe Million! Und dazu kam noch Carmelitas Vermögen! Sicherlich! Und der Wert von Dronninghof – Clementina-Julia suchte weiter. In diesem Augenblick verfinsterte sich die Lampe, und dem Höherschrauben folgte nach kurzem Aufflackern völliges Verlöschen. Hastig griff sie nach einem auf dem Nebentisch stehenden Licht, entzündete es und setzte ihre Nachforschungen fort. Sie fand auch wirklich, was sie zu wissen wünschte. Dronninghof war ebenfalls verzeichnet und stand mit 375,000 Thalern zu Buch. Kay war also reich, sehr reich, und der jüngste Ausfall von 5000 Pfund Sterling, den sie auch bereits eingetragen fand, war in der That von keiner Bedeutung. Aber was kümmerte sie das heute noch –? Oder doch – – Oder doch – –? Die Frau legte das Buch wieder an seinen Platz; es war noch ein Fach zu öffnen. Die angestellten Versuche führten jedoch zu keinem Ergebnis. Nun fielen Clementina-Julias Blicke auf den Schreibtisch und auf eine silberne Schale, in der kleine Knöpfe, Ringe, angespitzte Bleistifte, gebrauchte Stahlfedern, Uhrschlüssel und sonstiger Krimskrams beisammen lagen. Auch ein kleiner Schlüssel mit kunstvoll gearbeiteter Krone fand sich darunter. Diesen probierte Clementina-Julia, wenn schon ohne große Hoffnung. Und in der That war's vergeblich. Bereits im Begriff, den Schlüssel zurückzulegen, fiel ihr ein Kasten von Ebenholz in die Augen, der schon seit Jahren hier seinen Platz gehabt, aber nach dessen Inhalt sie noch nicht einmal gefragt hatte. Zu ihrer nicht geringen Überraschung paßte der Schlüssel zu der Schatulle, und beim Öffnen lagen mit Siegeln versehene und in Konvoluten steckende Papiere: Familienakten, Diplome, Taufscheine und Kontrakte vor ihr. Und hier fand sich auch das langgesuchte Testament. Clementina-Julia verging fast der Atem. Sie zitterte vor Erregung. Aber jetzt hörte sie wirklich ganz deutlich Huftritte eines rasch trabenden Pferdes aus dem Pachthofe. Sie schrak heftig zusammen. Es war Kay! Kein Zweifel –! In fliegender Hast that Clementina-Julia alles wieder in den Kasten, schloß ab, legte den Schlüssel wieder an seinen Ort, ergriff das Licht und eilte, auf den Zehen schleichend, die Treppe hinauf. Hier stellte sie es in eine dunkle Ecke, blieb stehen und horchte. Und sie stand lange, aber Kay kam nicht. Waren es abermals nur Vorstellungen ihrer Phantasie gewesen? Am Ende bot sich doch noch Zeit, Einblick in das Testament zu gewinnen. Ja, war's denn überhaupt so wichtig, zu wissen, was darin stand? Genügte nicht die Kenntnis der Höhe seines Vermögens? Doch nicht! Wenn sie aus der letztwilligen Verfügung ersah, wie viel er ihren Kindern zugedacht hatte, regelten sich ihre Entschlüsse leichter. Nun sprangen ihre Gedanken wieder ab. Vielleicht war's doch Kay gewesen! Er hatte sich in den Stall begeben, den Knecht nicht geweckt. Möglich, sogar wahrscheinlich. Aber auffallend war sein langes Fortbleiben. Jetzt erlosch plötzlich auch das Licht. Clementina-Julia war im Dunkeln und tastete sich über die Stufen und über den Korridor in ihr Zimmer. Hier stieß sie beim Herumtappen an einen Stuhl, und das Geräusch erschreckte sie dermaßen, daß sie eine längere Weile herzklopfend innehielt. Endlich zündete sie eine Lampe an und eilte in das Schlafgemach ihrer Kinder. Bei der Erinnerung an sie stiegen wieder andere Gedanken in der Frau auf! – Wenn Kay, ihr Mann, nicht mehr lebte, dann war sie sicher Erbin des ganzen Vermögens! Und zwischen dieser halben Hoffnung, vor der sie selbst erschrak, befiel sie seltsamer Weise die Sorge um ihn. Der Gewohnheitsgedanke kam zu seinem Rechte und verwischte für Augenblicke alles Unebene und Unheilige, das sich in ihrer Seele eingenistet hatte. Und diese Sorge hielt an. Clementina-Julia schritt leise aus dem Gemach, gelangte an die Treppe, horchte, fand den Flur noch erleuchtet und stieg vorsichtig hinab. Aber als sie im Begriff stand, sich in Kay's Zimmer zu begeben, ward die Hausthür rasch aufgedreht, und ihr Mann stand jählings vor ihr. Ein Schrei entfuhr dem Munde der Frau. Die Lampe zitterte in ihrer Hand, und wie von einer Geistererscheinung betroffen, prallte sie zurück. Er war bleich, in seinem ungeordneten Barte hing Asche, – Staub –, seine Haltung war unsicher – sein Blick starr. Und nun schwankte er und fiel gegen die Wand. Die Reitpeitsche entglitt seiner Hand! Zuletzt sank er, trotz Clementina-Julias raschem Eingreifen, tief herab. »Kay! Kay! Was ist? Um Himmelswillen –!« Die Frau begriff selbst nicht, daß diese Laute der Fürsorge aus ihrem Munde gingen. War es der Anblick der Kinder gewesen, der ihre Gefühle geweckt hatte, war's allein die Gewohnheit, welche stärker ist als die gewaltigste Leidenschaft, oder kam doch ihre bessere Natur zu ihrem Rechte? Aber Kay hörte nicht auf Clementina-Julias Worte. Er lag da wie ein Sterbender. Die Augen waren geschlossen. Die Brust arbeitete mühsam. »Kay! Kay!« schrie die Frau. »Stirb nicht, Kay – höre mich!« Nun schlug er die Lider auf – – einmal, als ob's ihm unsagbare Schmerzen bereite, und dann sank er wieder wie leblos zurück. Elftes Kapitel. Nach den geschilderten Ereignissen waren reichlich zwei Jahre vergangen. Clementina-Julia lebte nach wie vor als Herrin auf Dronninghof, Kay durchschritt wie sonst seine Wiesen und Felder, ritt zur Stadt, präsidierte nützlichen Vereinen, spielte Schach, verfolgte, was Neues in Politik, Kunst und Wissenschaft sich ereignete und war, wie ehedem, ein sorgender Vater für seine Familie und ein Freund für seine Freunde geblieben. Und Bomstorff wohnte seit einem Jahr und zehn Monaten im Turm, las, studierte, rauchte, wanderte durch den Park und das Unterholz, fuhr mit dem Verwalter in die Stadt und gab, wie in früherer Zeit, seine cynische Weisheit zum besten. Aber er trug keinen Schnürrock und keine Reitstiefel mehr, und der kleine Clas hatte ein nettes Bedientenröckchen, und die Mütze schmückte ein silbernes Band, was alles zusammen ihn gut kleidete. Und die Herrschaft auf Dronninghof schien wie ehedem und wie immer ein sorgloses Glück zu genießen und nichts ihr gutes Zusammenleben zu stören. Und das war doch für die Eingeweihten allein Bomstorff zu verdanken, über den sich ein Streit erhoben hatte, dem, wie in dem Kampfe der Völker, ein Reinigungs- und Klärungsprozeß gefolgt war. Freilich, ohne die Krankheit Kays wäre sicher die Ehe getrennt worden. Auch trat niemals zwischen Clementina-Julia und Kay das alte Verhältnis wieder ein. Sie schlossen einen Vergleich, zu dem in der Ehe Tausende gelangen, um sich in bester Art und Form mit den Folgen eines verzeihlichen Irrtums abzufinden. Die Hingebung, mit der Clementina-Julia ihren Mann pflegte, bewirkte nicht nur seine Genesung aus einem wahrscheinlich durch die ungeheure Gemüts- und Seelenerregung hervorgerufenen heftigen Fieber, sondern schuf auch wieder weiche Gefühle, die den Gedanken an eine Trennung rasch beiseite schoben. Und so war es nur natürlich, daß Kay bei erster Wiederkehr vollen Bewußtseins nach Clementina-Julias Hand tastete, langsam den Kopf wandte, mit dem alten Blick ihr Auge suchte und ihr zuflüsterte: »Wenn zwei Menschen sich streiten, ist stets Schuld auf beiden Seiten. Wir wollen fortan gute Kameraden sein und bleiben, und jeder wird ehrlich sein Teil thun. Nicht so, Clementina-Julia?« Und die Frau neigte das Haupt und gab den Händedruck zurück. Sie wußte zudem lange, was sie konnte und wollte. Sie war aber keineswegs anders, sie war nur klüger geworden. Eines Tages hatte sie sich klar gemacht, wie leicht sie alles nach ihren Wünschen lenken könne. Nach den Flitterjahren der Ehe war Kays herrschsüchtige Natur wieder zum Vorschein gelangt, und mit dieser Thatsache hatte sie nicht gerechnet. Bisher war Clementina-Julia die Gebieterin gewesen; nun wollte Kay die Zügel selbst wieder in die Hand nehmen Sie sah ein, wie wenig weise ihre Auflehnung dagegen gewesen war, und beschloß, die Klugheit der Verstellung anzuwenden, um ihre Zwecke zu erreichen. Wenn beispielsweise Kay alle Zeit eine so offene Hand hatte, weshalb sie nicht zum eigenen Vorteil nützen? Statt wie bisher jede Ausgabe in Überlegung zu ziehen, sorgfältig zu rechnen und dann erst an ihn heranzutreten, nannte sie ihm fortan hohe Beträge, fand immer Gründe und Beweismittel, ihn von der Notwendigkeit der Herausgabe von Geld zu überzeugen und legte auf diese Weise monatlich stattliche Summen beiseite. Und da Kay sah, daß sein Hausstand mehr kostete, von Einsprüchen aber absah, weil er annahm, daß seine Frau ehrlich sich bemühe, ihre Engherzigkeit abzustreifen, beschränkte er seine Ausgaben, und Clementina-Julia strich triumphierend ein, was er in gutem Glauben hergab. Wenn er einmal zornig war, biß sie die Zähne aufeinander und wußte zu schweigen. Sein Unmut verrauchte stets rasch, und dann trat sie wohl gar auf ihn zu und gab gute Worte. Ihre Herrschsucht, ihr Stolz und ihre Eigenliebe wurden dadurch nicht verletzt, weil sie selbige, wenn auch durch andere Mittel, so gut befriedigte wie früher. Überdies hatte eine völlige Trennung im Hause stattgefunden. Jeder schaltete in seinen Räumen für sich, und Clementina-Julia fragte nicht eben viel, wenn Kay ging, kleine Reisen unternahm, den Regungen seiner Hochherzigkeit folgte oder seinen unberechenbaren Entschließungen die Zügel schießen ließ. Die Schublade ihres Mannes hatte sie während seiner Krankheit mit Muße durchsehen können und wußte genau, wie sein Debet und Kredit stand. Sie mußte lächeln, wenn sie ihrer früheren Zweifel gedachte, jemals in seine Verhältnisse einen Einblick gewinnen zu können. Schon am Tage nach dem bedeutsamen Zwischenfall kannte sie den Inhalt der letztwilligen Verfügungen und hatte sich überzeugt, daß sein Tod ihr keineswegs Vorteile bot. Sie war immer auf ein bestimmtes Witwengehalt angewiesen, dessen Hergabe allen Kindern zu gleichen Teilen zufiel. Carmelita erhielt das ganze Londoner Vermögen, indessen wurden die Erträgnisse, welche das in der Firma arbeitende Kapital über sechs Prozent abwarf, Kay und Julia, denen Dronninghof gemeinsam zufiel, seit ihrer Geburt gutgebracht. Wenn ihr Mann starb, mußte das Londoner Geschäft liquidiert werden, und den Kindern zweiter Ehe sollten dann die angesammelten Zinsen, Carmelita aber das Grundkapital ausgezahlt werden. Trat bei den Kindern ein Todesfall ein, so fiel den Überlebenden das Vermögen des Verstorbenen zu gleiche Teilen zu. Die künftigen Kuratoren waren genannt, und Verfügungen über die Kapitalsanlagen überdies in dem Testament enthalten. Im übrigen hatte Kay in seinem letzten Willen erklärt, daß diese Bestimmungen freie Entschließungen seien, und daß Schenkungen aus irgend welchen Aktiven, die er bei Lebzeiten machen, und durch welche eine Verringerung des Vermögens herbeigeführt würde, keine Regreßansprüche der Erben unter sich zur Folge haben könnten. Clementina-Julia folgerte, daß diese Bestimmung sich auf Mercedes beziehen könnte – und das gab zu denken. Sie mußte mit allen Mitteln darauf hinwirken, daß Kay nicht von freigebigen Launen erfaßt ward. Und wenn Carmelita früher, als es in menschlicher Berechnung lag, aus dem Leben schied, welche Vorteile winkten dann den Erben – –! In der Zwischenzeit waren von Italien stets erfreuliche Nachrichten eingelaufen. Aus einem Jahr waren sogar zwei geworden. Schliebens priesen voll Begeisterung die Herrlichkeiten, die sich ihnen bei ihren kleinen Ausflügen und größeren Reisen geboten hatten, und Mercedes, deren körperliches Befinden dort wesentlich besser geworden war, erzählte in ihren Briefen von Carmelitas Schönheit und wachsenden Fortschritten. Im letzten Augenblick hatte sich Kay noch entschlossen, seinem Kinde eine gut empfohlene Gouvernante mitzugeben, während Charlotten der Unterricht der beiden jüngeren übertragen worden war. Und dann kam endlich auch der Tag der Rückkehr aus Nizza. Stündlich erwartete Kay Nachricht über den Zeitpunkt der Ankunft seiner Verwandten und gab seinen freudigen Empfindungen über das Wiedersehen unverhohlen Ausdruck. Zum erstenmal blitzte in Clementina-Julia die Eifersucht wieder auf, aber sie unterdrückte diese Regung kraftvoll. – Bomstorff war regelmäßig einmal in der Woche Witzdorffs Gast. In den Gesellschaften fehlte er nie, und Kay begegnete ihm mit allen Zeichen herzlicher Gesinnung. Bomstorff hatte Wort gehalten. Was in den Wirtshäusern von ihm entnommen ward, bezahlte er gleich, und nicht einmal hatte er Kay über die inzwischen von demselben wesentlich erhöhte Monatsrente angegangen. Als Bomstorff zum erstenmal in die für ihn hergerichteten sogenannten Turmräume, ein altes, bis auf diesen Turm und einen kleinen Vorderbau abgerissenes Gebäude. das in früheren Zeiten Gästen als Unterkommen gedient hatte, eintrat, stand er anfänglich sprachlos. Dann aber kehrte er sich um und drückte Kay in heftiger Bewegung an seine Brust. »Seht, Gevatter,« hub er, seine Rührung nur schwer bezwingend, an: »Ich habe in meinen dunklen Stunden oftmals an mir vorüber ziehen lassen, wozu ich mich etwa noch qualifizieren könne. Ich fand nur eins: ich wäre vielleicht ein guter Theatersouffleur geworden, hätte so doch noch allerlei nützliche Dienste leisten können und für mich zugleich ein Stück Weltkomödie in der Hand gehabt.« Er hatte die letzten Worte mit trockenem Pathos gesprochen und fuhr in dem gleichen ironisierenden Tone fort: »Ich würde dann auch jenen Mann beschämt haben, der mir nach wehmütiger Klage über sein uneinträgliches Geschäft und nach meiner Mahnung, ein vorteilhafteres zu beginnen, erwiderte, er habe kein anderes gelernt! Wissen Sie, Vetter, welches Metier er betrieb? Er bot in einem Kästchen auf der Gasse Streichhölzchen feil! Welche enormen Vorstudien waren dazu nötig! Sie begreifen! Sie verstehen des Mannes Weigerung, noch einmal sich auf ›neues Lernen‹ zu legen!« Und Bomstorff lachte überlaut und suchte Kays beipflichtenden Blick. In der Wohnung standen alte Tische und Schränke aus edlem Holz; eine Ottomane bedeckte ein Pantherfell; der Fußboden war mit einem das Auge anheimelnden schweren, persischen Teppich belegt, und in das Schlafzimmer war ein Bett gestellt, über das sich ein großer Himmel aus seidengeblümtem Stoff ausspannte. Nichts war vergessen, und doch noch so viel Raum an den Wänden gelassen, daß die Habseligkeiten aus der alten Wohnung im Stiftshause hatten Platz finden können. Auch der Erbsessel in roter Seide befand sich auf dem Transportwagen, den Kay damals zum Abholen des Mobiliars in die Stadt gesandt hatte. Die beiden Windhunde waren dagegen einer durchziehenden Kunstreitergesellschaft verkauft worden. Der Holzkübel mit dem ausgegangenen Oleanderbaum hatte eine neue kräftige Pflanze erhalten, und der neuangestrichene große Vogelbauer war an einer der sonnenbeschienenen, tief ausgemauerten Fensterwände aufgehängt. Was aber Kay in Bomstorffs Augen zu einem Halbgott machte, das war ein Weinlager, das er beim Umschauen im Turm entdeckte, und das genau 365 Flaschen enthielt. In der Folge hatte Kay auch Bomstorffs Gedächtnis nachgeholfen und sich die Namen seiner Schuldner geben lassen. Er veranlaßte einen Advokaten, an sie zu schreiben, und erreichte nach allerlei Hin und Her von einigen besser Gestellten eine nicht unbedeutende Zahlung, freilich unter Abzug von Gegenforderungen, deren Richtigkeit Bomstorff mit einem faunischen Lächeln zugab. Als Bomstorff Kay diese Eingänge überweisen wollte, lehnte sein Verwandter das Anerbieten in solcher Form ab. »Aber einen anderen Vorschlag will ich Ihnen machen, Vetter« – erklärte er. »Ich werde Ihr Leben versichern, und Ihr Kapital soll mit dazu dienen, die Jahresprämie zu bezahlen. Meine Erben gelangen dadurch wieder zu einer Summe, die ich nicht völlig berechtigt war ihnen zu entziehen; aber dies bestimmt mich weniger, als die Absicht, Sie der Peinlichkeit zu überheben, ganz und gar mein Schuldner zu sein. Ihre Verpflichtungen sind in anständiger Weise gelöst. So lange ich etwas besitze, werden Sie auch nicht darben, und so denke ich, ist alles nach unseren Wünschen geordnet.« Er sah Bomstorff nach diesen Worten mit seinen freundlichen Augen an, schüttelte ihm die Hand und entfernte sich. Aber er hörte doch noch seines Verwandten Antwort zwischen Thür und Angel: »Zählt auf mich, Vetter! Ich will mich bemühen, mein Dasein zu verkürzen. Ich werde statt meines Shakespeare täglich Klopstocks Messias lesen. Die lange Weile tötet sicher, und das Gegenmittel gegen die mir in den Keller gelegten Lebensverlängerer ist somit gefunden.« *           * * Kay stand in der Jagdjoppe auf dem Hofe. Auf dem Kopfe trug er einen weichen Filzhut und in der Hand einen eisenbeschlagenen Feldstock. Eine kurze Pfeife hing ihm im Munde. und eben streckte er den Arm aus und zeigte mit der Spitze des Stockes auf ein Paar kleine, schlanke Pferde, die unter der Aufsicht des Verwalters Behmer, eines blondbärtigen, kräftigen Mannes mit äußerst ruhigem Wesen in Blick und Bewegungen, von Friedrich Theißen und einem der Stallknechte vorgeführt wurden. »Was Teufel, hinkt denn der da rechts?« fragte er, als eines der Tiere, beim Traben scharf ausholend und mit den Hufen Funken auf dem Pflaster schlagend, eine linkische Seitenbewegung machte. »Nein, Herr Graf, es ist alles in Ordnung,« – erwiderte Behmer und holte, als eben die gegen den scharfen Trensedruck mit hochaufgerichteten Köpfen sich auflehnenden Tiere wieder herantrabten, mit der Peitsche aus. Noch einmal wurden sie in rasche Bewegung gesetzt, dann machte Kay Friedrich ein Zeichen, daß er befriedigt sei. In diesem Augenblick trat Bomstorff hinter den Wirtschaftsgebäuden hervor und schritt auf die Gruppe zu. Er grüßte Kay und dann Behmer mit einem fragenden: »Was Neues in des Königs Marstall?« und sah sich die unruhig das Pflaster kratzenden Braunen, die Kay mitsamt einem geeigneten Wagen für seine Kleinen angeschafft hatte, an. Auch schob er den Gäulen die Mäuler prüfend auseinander, klopfte ihnen den Hals und sah nach Brust und Beinen. Dann nickte er zufriedengestellt. »Teuer, Gevatter? »Nicht eben.« »Ein schönes Gespann! Die Kinder und Komtesse Carmen werden ihre Freude haben.« »Ich bitte nur einstweilen noch nichts zu verraten, Vetter!« bat Kay, auf das Herrenhaus deutend. Jetzt jagte eine große dänische Dogge mit raschen Sprüngen auf Kay zu und sprang ihm hoch an die Brust. Mit den kratzenden Vorderbeinen stand sie da, und der Schaum floß ihr aus dem heißen Rachen. »Willst Du, Keller! – Na, willst Du!« Kay riß die Pfoten des Tieres mit einem scharfen Ruck zurück und schlug es mit dem Stock auf die Schenkel. »Kusch Dich! Ruhig, oder –! Na so – schön! schön! Komm!« Als sich die Herren von Behmer verabschiedet hatten und gemeinsam die Richtung nach dem Turm nahmen, sagte Bomstorff: »Also heute kehren die Herrschaften aus Italien zurück, Vetter? Und Komteß Cedes und der kleine, jetzt wohl schon große, liebe Springinsfeld dazu? Und sie sind wohl und munter? Ich höre, die Hamburger Herrschaften haben in Schleswig gemietet? Alles schon hergerichtet?« Kay nickte. »Die Wohnung meiner Schwiegereltern ist recht hübsch geworden. Eben bin ich mit der Einrichtung fertig. Allerlei kleine Überraschungen werden meine Verwandten erfreuen. Auch meiner Schwägerin habe ich ihre Gemächer neu einrichten lassen und selbst Vergnügen daran gehabt. Alles ist elegant und behaglich!« »Ohne Zweifel, wenn Kay von Witzdorff sein Gehirn mit seinen Taschen in Verbindung setzt!« Ein Anhauch von gutmütigem Spott zog über Kays Gesicht. »Ohne Komplimente thun Sie's doch nicht, Vetter!« sagte er. »Komplimente?« entgegnete Bomstorff mit einem Ausrufungs- und Fragezeichen in den Mienen zugleich. »Sehen Sie nur, was ihr Werk ist? Wollen Sie nicht einmal wieder bei mir eintreten?« Er öffnete, da sie gerade an seiner Behausung angelangt waren, die Thür, und das helle, von einer kühl balsamischen Luft und von Vogelgezwitscher erfüllte Gemach lag vor ihnen. Eines der großen Fenster stand weit offen und vermittelte den Ausblick auf einen von hohem Gebüsch umgebenen, einsam versteckt liegenden kleinen See mit klarem Wasser. Ein in denselben hineingebauter Steg und eine Bank zeigten seine gelegentliche Bestimmung. Hier wuschen die Mädchen im Sommer die Wäsche. Und im Hintergrunde hohe Buchen und Eichen als Ausläufer des Dronninghof umgebenden Waldes. Eben hatte die aus den Wolken hervorgetretene Sonne ihre Strahlen herabgesandt, es flimmerte und leuchtete über dem Laube, als tropfe grün flüssiges Licht von den Blättern. Der kleine Teich aber lag im Halbschatten wie ein lautloses Geheimnis und fing die wundervollen Bilder ringsum in seinem Spiegel auf. Da die ersten Anzeichen des beginnenden Herbstes sich bereits gezeigt hatten, ward durch der Farben Mannigfaltigkeit das anmutige Bild noch erhöht. Ein junger, schlanker Baum mit eigelben, und ein Strauch mit hellroten Blättern hoben sich reizvoll ab gegen das tiefe Grün der Umgebung, und als nun eben ein sanfter Wind durch den Wald zog und über das Plätzchen strich, lösten sich einige der goldenen, kraftlos an den Zweigen haftenden Gebilde und schwebten, für Sekunden von der Luft getragen, zu dem Wasserspiegel hinab. In dem geschlossenen Fenster, das von Epheu umrankt war, standen blühende, buntfarbige Blumen in Töpfen, und eben fing die Sonne den ringelnden Rauch aus Kays Tabakskopf auf, und was bisher schneeweiß war, erschien tiefblau. Auf dem Tische vor dem Sofa stand ein Meißner Frühstückservice; dazwischen blitzten silberne Theelöffel und eine alte, blanke, mit Buckeln versehene Zuckerdose. Auf der mit dem Pantherfell belegten Ottomane lag ein aufgeschlagen Buch, daneben hastig auseinander gerissene Zeitungen. Ein zurückgeschlagener weißer Plaid fiel auf den Fußboden und hob wiederum die Farben des Teppichs, der die Räume mit den Gegenständen in einen einheitlichen Zusammenhang brachte und den Eindruck vornehmer und anheimelnder Wohnlichkeit erhöhte. Auf einem, mit einer türkischen Decke belegten Tische befanden sich Bücher und Zigarrentaschen, ein Operngucker, kleine Schalen, kurze Pfeifen und Meerschaumspitzen malerisch beisammen. Eine Stillebenstudie für einen Künstler! Überhaupt herrschte in Bomstorffs Behausung eine sympathisch geniale Unordnung, jene, die nicht durch regelloses Durcheinander das Auge verletzt, sondern durch die Art der Verteilung und durch scheinbare oder wirkliche Nachlässigkeit in der Schätzung wertvoller Gegenstände ein stilles Bewundern erhöht und zugleich den Wunsch hervorruft, von dem allen Besitz zu nehmen. Es giebt Menschen, deren Beschäftigung und Thun immer der Grazie entbehrt, und andere, die selbst im zerstreuten Handeln einem künstlerischen Muß des Schönheitssinnes folgen. Letzteres war bei Bomstorff der Fall. »Nun, und wird denn Komtesse Carmelita fortan wieder auf Dronninghof bleiben?« fragte Bomstorff, nachdem beide Herren Platz genommen, und Kay die ausgerauchte Pfeife mit einer Zigarre vertauscht hatte. Kay stieß den Rauch durch die Nase und zuckte die Achseln. Und während er mit der Hand langsam den Bart strich, murmelte er, mehr mit sich selbst sprechend, als seinem Verwandten Antwort erteilend: »Ja, wer in dieser Sache einen guten Rat geben könnte, den wollte ich in Gold fassen.« Er brach ab und verschluckte, was er noch mehr sagen wollte. Bomstorff überraschte dies nicht. Er wußte sehr wohl, wie die Dinge im Herrenhause lagen, und sein Interesse für Carmelita und seine Neugierde trieben ihn, heute Kay aus seiner Zurückhaltung herauszudrängen. Er stellte allerlei Fragen und schloß nach einem geschickten Übergang mit den Worten: »Die Gräfin und die kleine Komtesse harmonieren wohl nicht eben sonderlich, Gevatter? Ich kann's mir denken! Ich weiß! Aber wer ist schuld? Reitpeitschen werden nicht fabriziert, um zarte Täubchen zu züchtigen.« Kay sah rasch empor. Einen Augenblick flog ein Ausdruck von stolzer Zurückweisung über sein Gesicht, der aber ebenso schnell wieder verschwand. »Ja, das ist's! Das ist's!« erwiderte er lang gezogen und mit gedämpfter Stimme beipflichtend. »Geben Sie doch die Kleine – freilich, ich würde sie sehr schmerzlich missen – zu Ihren Schwiegereltern, zu der liebenswürdigen Komtesse Cedes. Da liegt sie in einem Daunenbett, bekommt doch stählerne Glieder und wird zunehmen an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen.« »Gewiß! Das Beste wär's schon!« erwiderte Kay. »Meine Frau versteht den Charakter des Kindes nicht, ist zu heftig, – ohne rechte Geduld und Nachsicht. Carmelita ist aber nur durch Liebe zu leiten. Ich sehe wieder schwere Tage kommen, und doch ist's zu unnatürlich, das eigene Kind fortzugeben.« Bomstorff stieß nach Kays Worten mit der Kehle an, schwieg noch eine Weile und sagte dann: »Ja, ja! Eine verteufelte Geschichte, Vetter. Denn ich weiß, rechte Liebe wächst einmal nicht wie Gras auf den Wiesen.« Kay gab keine Antwort. Er saß stumm und nachdenklich da. Endlich erhob er sich mit verschlossen zerstreuter Miene. »Addio, Vetter! Wir sehen uns dieser Tage, und vergeßt nicht, Ihr wolltet uns einmal etwas vorlesen. Ich werde dazu unsere Italiener einladen.« Er winkte mit der Hand und ging. Bomstorff verharrte noch eine Weile sinnend und wickelte die Enden seines langen Bartes. Dann öffnete er eine Cognacflasche, schenkte ein, trank aus und wandte sich ins Freie. Zwölftes Kapitel. Schliebens waren aus Italien zurückgekehrt. Bereits am Tage ihrer Ankunft empfing Kay von Mercedes einen Brief nachfolgenden Inhalts: »Mein lieber Kay! Ich muß mich gleich hinsetzen und Dir schreiben, ja gleich! Ein Bote soll Dir diese Zeilen bringen. Ich kann es nicht erwarten, daß Du es hörst, wie unbeschreiblich ich mich über alles gefreut habe. Du lieber, lieber, guter Mensch! Sieh, die Tinte hat sich verwischt, es fielen zu viele Tränen der Freude und Rührung aufs Papier. Nachdem wir die gemeinsamen Wohnzimmer in Augenschein genommen hatten, und hier bereits so viele Herrlichkeiten vor mir aufgetaucht waren, ging ich über den Korridor auch in meine Gemächer Das Mädchen zeigte mir den Weg. »Gott segne Deinen Eingang!« stand über der Thür. Und als ich nun öffnete und alles das sah, was Deine sorgende Hand mir aufgebaut hatte – die Tapete mit den zarten Farben, die geblümten Vorhänge und Teppiche, die Bilder und Nippes, alles in dem einheitlichen Rokokostil, den ich so überaus liebe – da wäre ich am liebsten gleich von Schleswig nach Dronninghof geflogen, um Dir um den Hals zu fallen. Ich schreibe wie ein Kind, Kay! Aber mir ist auch zu Mute, als wäre mir ein Weihnachtbaum angezündet, und ich stände wie in meinen Kinderjahren sprachlos davor. Immer von neuem gehe ich umher und betrachte mir jegliches. Kaum ein Ludwig hätte in seinen Königgemächern etwas so Schönes herbeizaubern können. Selbst die Spiegel und Toilettenmöbel tragen denselben Stoff mit den graziösen, kleinen Blumen und Bouquets. Und gerade, ich wiederhole es, meinen geheimen, größten Wunsch hast Du erfüllt. Ich finde nichts so anmutig wie die Formen und Farben der Pompadurperiode! Um mich gar zu überraschen, tickt auch eine geschweifte Uhr auf meinem Schreibtisch. Nichts vergaßest Du. Du Lieber, Lieber! Wie hast Du das alles herbeigeschafft? Und welche Mühen, welche Kosten hast Du Dir gemacht! Habe ich so viel Güte verdient? Nein! Aber Dir gegenüber giebt es ja immer nur Dank. Du bist aus anderem Holz geschnitten als andere. Der Schöpfer wollte einmal etwas Besonderes schaffen, als er Dir das Leben gab. Weißt Du, daß ich Dich schon etwas unhöflich finden wollte, Dir grollte, zürnte, – daß ich schmollte und traurig war, daß Du nach unserem Empfange so schnell Dich entferntest, nicht mit ins Haus treten wolltest, – meine, unsere Bitte fast schroff ablehntest? Nun ist alles erklärt! Dem Dank wolltest Du dich entziehen. In Deinem Zartgefühl war es Dir peinlich, Dich zum Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu machen. Du wolltest uns die Beschämung ersparen. Ich möchte noch viele Bogen vollschreiben, aber ich muß aufhören. Die Reise hat mich doch sehr angegriffen. Für heute – Lebewohl! Aber morgen zu Tisch bin ich bei Euch. Du schickst uns den Wagen mit Friedrich Theißen? Ach Kay! Ich freue mich über jede Beschreibung, Dronninghof wieder zu sehen. Was sagst Du zu Carmelita? Sieht sie nicht aus wie eine Cypresse im Abendsonnenstrahl? Ich umarme Dich und Julia und bin Deine dankbare und Dich zärtlich liebende Cedes.« Mercedes hatte Recht. Carmelita war groß und schlank und noch schöner geworden. Ihre Augen hatten an Glanz und Kraft gewonnen, und unter den schwarzen Haarwellen erschien der edel geformte Kopf mit dem lieblichen, blassen Gesicht wie ein Raphael-Kopf. Und wenn sie auch ihre Lebhaftigkeit nicht verloren hatte, so waren doch ihre Bewegungen ruhiger geworden, und namentlich das allzu ungestüme, lediglich von den Eindrücken des Augenblicks beherrschte Wesen hatte sie abgestreift. Ihren Vater und ihre Geschwister umarmte sie voll Zärtlichkeit und ihrer Mutter begegnete sie, wenn auch ohne Wärme, doch mit kindlicher Ehrerbietung. Mercedes' Mahnungen, Kays Briefe, die Zuschriften Clementina-Julias waren offenbar nicht ohne Wirkung geblieben. Diesmal setzte Clementina-Julia ihren Wünschen auch keinen Widerspruch entgegen. Carmelita lief sogleich in den Park, auf den Hof, in den Stall, in die Scheunen, zu den Gutsangehörigen und zu ihrer Freundin Anna. Und überall wurde sie mit den Ausdrücken lebhaftester Freude empfangen. Charlotte hatte ihr Gemach mit Blumen bekränzt, und Bomstorff eine mit blauseidenen Bändern umwickelte Bonbonnière in ihr Zimmer stellen lassen. Seine Behausung in Augenschein zu nehmen, verlangte Carmelita insbesondere. Als sie am Nachmittag auf den Turm zuschritt, ihn umging, und durch ein im Anbau geöffnetes Fenster in die Wohnung spähte, sah sie Bomstorff unbeweglich wie eine Statue mitten im Zimmer stehen und zerstreuten Blickes in die Natur starren. Noch hatte sie ihn nicht gesprochen, am Morgen der Ankunft war er – in taktvoller Zurückhaltung – nicht erschienen. Früher würde sie ohne weiteres ihm zugerufen haben: »Herr von Bomstorff? Sehen Sie mich denn gar nicht?« Aber heute beherrschte sie ein Gefühl der Scheu. Sie wagte nicht, ihn anzurufen, sie zauderte, ohne zu wissen weshalb. Die ersten Keime jungfräulicher Zurückhaltung regten sich in ihrer Seele. Bomstorff sah auch so ganz anders aus als früher. Er trug einen kurzen, schwarzseidenen Hausrock. Auf dem Kopfe saß ein roter Fez und über dem langherabwallenden Bart, der jetzt fast auf die Brust fiel, zerteilten sich langsam Rauchwolken, die er aus einer türkischen Pfeife hervorholte. Sein zerstreutes Sinnen hatte einen ernsten Grund. Gerade in den letzten Tagen war die Sehnsucht nach dem früheren ungebundenen Leben wieder in ihm erwacht. Der heimliche Zauber, den das Wirtshaus stets auf ihn ausgeübt, drang oft in einsamen Stunden auf ihn ein. Heute hatte sich ein Gefühl der Verlassenheit und Öde seiner bemächtigt, dessen er nicht Herr zu werden vermochte. Wie lang war ein Tag, wie lang der Abend – und wenn ihn die Schmerzen am Schlafen hinderten, wie lang die Nacht! Ein brennendes Verlangen nach Menschen, nach einer Zuhörerschaft, nach sorglosem Schwatzen und Lachen, nach Bewunderung, nach blitzenden Flaschen, nach Zechen, Gewühl und Leben durchzog ihn, und seine Vorstellungen ließen all das in noch anziehenderen Farben erscheinen. Solche Empfindungen der Leere und Vereinsamung waren ihm oft in der Einförmigkeit seines neuen Daseins gekommen; bisweilen, wie im verflossenen Winter, hatte ihn sogar ein nicht zu bannender Lebensüberdruß ergriffen. Und doch war er mit ganzer Willenskraft solcher Stimmungen Herr geworden. Er hatte sein Wort einem Manne gegeben, dem er alles, sogar die Wiederherstellung seines guten Namens verdankte. Die Einwohner in Schleswig sahen voll Erstaunen die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Zwar seine Art war dieselbe geblieben; er sprach auch jetzt pathetisch, citierte Shakespeare. gab sich theatralisch, zeitweilig cynisch, war häufig voll Ruhmredigkeit, aber er kleidete sich wie andere, saß nicht mehr in langen Nächten mit zweifelhaften Personen in den Kneipen und zahlte, was er bestellte. Endlich wandte der Träumende das Auge, und nun blitzte es in seinem Gesicht auf. Hinter dem Wasser stand ein schmuckes Kind mit dunklem Haar, dessen Gestalt sich in der ruhigen Fläche widerspiegelte. Es sah fremdartig aus. Auf dem Haupte saß ein hochköpfiger Tyrolerhut, der mit einem roten, breiten, mit Troddeln verzierten Bande umwunden war. Die Augen des Kindes waren starr, wie verzaubert auf ihn gerichtet, und erst als Bomstorff ans Fenster trat, kam Bewegung in die Erscheinung. »Sind Sie es, Komtesse Carmen? Ah! Willkommen in Dronninghof! Alle guten Waldgeister mögen Sie beschützen!« rief Bomstorff. Zugleich streckte er mit lebhafter Gebärde die Hand aus, und sie schritt langsam und behutsam über den verwilderten Platz ihm entgegen. Ihr Fuß versank in dem Grase und dem wuchernden Unkraut, das in diesem einsamen, einem vergessenen Klosterhofe gleichenden Winkel wild emporschoß. »Wollen Sie nicht näher treten und meine Wohnung in Augenschein nehmen, Komtesse?« »Ja, ich möchte wohl« – »Ich bitte. Meine Thür steht offen. Vor allem »Du« sollst mir willkommen sein.« Bomstorff lachte bei seinem Citat und trat zurück. Carmelita lief nun eilfertig um den Turm herum und betrat mit weitaufgesperrten Augen die Wohnung. »Ich habe Ihnen noch nicht für das Konfekt gedankt,« sagte, sie, als er bewillkommend ihre Hände ergriff. »Hat's Ihnen geschmeckt?« »Ja, es war sehr schön. – – Bitte, sagen Sie Du, wie früher.« »Nein, meine kleine, schlanke Nymphe mit den schwarzen Flügeln. Das würden mir die Überirdischen selbst verargen.« Carmelita guckte Bomstorff groß an. »Wollen Sie nicht? Bitte!« wiederholte sie. Bomstorff legte die Hand auf den Scheitel des Kindes und schaute es mit zärtlichen Blicken an. »Die prächtigen, guten Augen des Vaters hat sie – Mein Kind, mein liebes Kind –!« murmelte er, und Carmelita senkte verwirrt den Kopf. »Sie sprechen wohl jetzt fertig italienisch, Komtesse?« fuhr er, wieder in einen leichten Gesprächston übergehend, fort. Carmelita verneinte stumm. »Es ist die schönste Sprache des Erdenrundes!« Und Bomstorff reckte sich empor und sang mit tiefer, vibrierender Stimme ein Lied in toskanischem Dialekt, das von Wein und Liebe handelte. »Verstehen Sie?« »Nein! Aber es ist hübsch, sehr hübsch. Bitte, waren Sie auch einmal in Italien?« »Ja, meine kleine, zierliche Dame. Und das war eine golddurchwirkte Zeit. Rosen und Granatblüten dufteten. Ich verlebte Tage, bei deren Andenken mir das Herz schwillt. Nun? Und was machen Ihre Großeltern und Komtesse Cedes?« »Tante geht es sehr gut, auch meinen Großeltern.« »Sie haben sich wohl gefreut, zurückzukehren, Ihren Papa und Ihre Mama wiederzusehen?« Carmelita bestätigte durch eine Bewegung des Kopfes. »Ah! Ihr Papa ist ein Edler! Eine Eiche mit silbernen Blättern. Ich liebe, ich verehre ihn! Gewiß haben Sie ihn auch sehr lieb?« Carmelita nickte lebhaft. »Und ihre Mama ebenso?« »Ist das ein Tigerfell?« fragte Carmelita, die letzte Frage in deutlicher Weise übergehend. »Nein, ein Pantherfell.« »Haben Sie das Tier selbst geschossen?« Bomstorff gab eine Antwort, die seiner hochtrabenden Art entsprach, aber Carmelitas Begriffsvermögen fast überstieg. Sie hörte auch nur halb zu und ging, jetzt schon unbefangener, umher und betrachtete sich die Einrichtung der Zimmer. Sie trat an den Vogelbauer und freute sich an dem Zwitschern und dem Hin und Her der Tiere auf den Gitterstäben, beschaute die Blumen und Bücher und warf auch neugierige Blicke ins Schlafgemach mit dem großen Himmelbett. »O, es ist schön! Hier möchte ich auch wohnen!« sagte sie mit ihren großen, begeisterten Augen. »Ich hoffe, Sie besuchen mich recht oft,« lachte Bomstorff befriedigt. »Ja, wenn ich darf – wenn Papa und –« Sie stockte. »Nun? Er wird es gern erlauben.« Über Carmelitas Angesicht flog ein Schatten. Sie gedachte ihrer Mutter. Bei allem Außergewöhnlichen trat sie in ihre Gedanken. Dreizehntes Kapitel. Der Herbst mit seinem klaren Himmel, seinem wechselfarbigen Laube und seiner reineren und frisch kühlen Luft neigte sich allmählich seinem Ende zu, und auch die Lebensweise auf Dronninghof ward eine andere. Kay, der den Verkehr liebte, ließ wieder wöchentlich mehreremal Einladungen ergehen, und Clementina-Julia stimmte ohne Einreden zu und häufte in der Ecke ihres Schreibtisches die früher ersparten Summen. Fast bei keiner dieser Gesellschaften fehlten die Verwandten aus der Stadt, aber Clementina-Julia schien sich in alles zu fügen, und selbst von Carmelitas Fortgang oder Bleiben war seit deren Rückkehr aus Italien noch nicht einmal die Rede gewesen. So würde denn Kay ganz glücklich gewesen sein, wenn nicht Cedes fortwährend seine Gedanken beschäftigt hätte. Aber es war nicht das Wiedersehen mit einem stärkeren Erwachen seiner Gefühle für sie, das ihn nachdenklich machte und Unruhe in ihm schuf, sondern die Sorge um die Gesundheit seiner Schwägerin. Als Schliebens einmal bei schlechtem Wetter die Nacht auf Dronninghof geblieben waren, und Kay mit Cedes am kommenden Vormittage nach einer längeren Wanderung durch den Park und den Wald auch das Unterholz beschritt, ließ sich das Mädchen auf der Bank neben dem Waldhäuschen nieder, stützte das Haupt und begann plötzlich zu weinen. Ringsum im Walde regte sich nichts. Kein Schlaf, vielmehr der Tod schien eingezogen in die bisher lebendige Welt. Aus der absterbenden Natur löste sich ein feuchter Atem; ein aromatisch-dumpfer Geruch drang aus den verwelkten Blättern; und den schwarzen Hügeln, welche die Maulwürfe aufgeworfen hatten, entquoll der scharfe Hauch des humusreichen Bodens. »Was ist, meine Cedes? Du weinst?« »Alles stirbt – und auch ich muß sterben – bald – bald – –« »Welche Gedanken, Cedes!« »Und doch ist's Wahrheit, Kay. Der Süden that mir wohl, aber ich wußte, daß es nur ein Aufzucken sei. Wenn ich meiner Umgebung sagte, wenn ich Dir schrieb, ich fühle die Wiederkehr meiner Kräfte, so war's doch nur eine Selbstbeschönigung meiner Zweifel. Und auch heute wollte ich nicht reden. Aber einmal möchte man doch einem Menschen sich offenbaren, einmal sich aussprechen, sich ausweinen, den befreienden Schrei ausstoßen, in dem sich die ganze Qual zusammenfaßt. Vielleicht tröstet der Freund. So schön ist der Trost. Und wenn man selbst weiß: er spricht nur aus seinem guten Herzen – aus Mitleid – es klingt doch so süß! – Ohne Hoffnungen müßte man lebendig sterben. Ich hörte oft, daß im Frühjahr, wenn alles neu geboren wird, gerade die Brustkranken ihren letzten Atem aushauchen müssen. Ach Kay, – –« hier unterbrach verzehrendes Schluchzen der Sprechenden Worte – »und ich möchte doch noch so gern leben! Als ich jüngst die schönen Räume betrat, die Du mir hergerichtet hattest, leitete mich die namenlose Freude zu neuer Hoffnung. Ich war unbeschreiblich glücklich und glaubte, nun sei alles gewonnen. Ich liebe das Dasein, die Erde und vor allem – diese kleine Welt. Wenn ich Dronninghof besuchen soll, zittere ich in freudiger Erregung. Hier lebe ich immer mit meinen Gedanken, auch wenn ich noch so fern bin. Der Hof, der Wald, der Park, die Wiesen und Felder, – alles hat tausend schönere Farben als anderswo. Mitten in der Herrlichkeit des Südens, selbst in Neapel stellte ich Vergleiche an, und wenn ich verglich, brachen die Tränen der Sehnsucht aus meinen Augen. Und zu alledem. – nein, – nicht zu alledem – vor allem eins –« Cedes brach ab. Sie verbarg ihr Gesicht, und zwischen den Fingern tropften die Tränen. Kay war für Sekunden stumm. Er fand keine Worte. Endlich löste er sanft ihre Hände und wiederholte fragend: »Und vor allem eins, Cedes?« Und gleichzeitig beugte er sich herab und suchte ihr Auge und sie strich sanft über sein Haar, ihm – sich selbst zum Trost. Plötzlich aber faßte sie seinen Kopf fester und drückte ihn in der stürmischen Aufwallung ihrer Gefühle für Sekunden schluchzend an sich. Kay sprang empor. »Nein, nein! Du sollst, Du darfst nicht traurig sein, mein teures Mädchen! –« preßte er zitternd heraus, denn auch ihn übermannten Empfindungen, in die sich die Ahnungsschauer eines ewigen Abschieds mischten. – »Höre mich, Cedes! Man sagt, daß fortwährende Gedanken-Beschäftigung mit einer Krankheit sie verschlimmere, ja, daß eine bisher noch nicht vorhandene durch hypochondrische Vorstellungen entstehen könne. Und es mag wahr sein, denn wenn unsere Sinne abgelenkt werden, vergessen wir selbst die größte Pein. So verschlimmert sich auch bei Dir, was nur ein krankhafter Reiz ist, weil sich immer wieder Dein Denken auf Deinen Zustand richtet. Wirf endlich die grübelnde Sorge von Dir! Versuche die Krankheit zu überwinden. Glaube an einen glücklichen Ausgang!« Sie schaute, während er sprach, zerstreut vor sich hin wie ein Wesen, das über den Dingen dieser Welt steht. Sie schien nichts zu hören, aber ihr Geist der Zeit vorauszueilen und das Dunkel der Zukunft zu durchdringen. Als er geendigt hatte, bewegte sie sanft das Haupt und sagte: »Du hast recht, Kay! Ein fester Wille und ein starker Glaube vermögen viel. Aber Du sprachst von einem glücklichen Ausgang. Ich werde nie glücklich sein, wenn auch mein Körper die Kräfte zurückgewinnt, niemals –« So schwermütig klangen die Worte aus ihrem Munde. »Laß uns genießen, was wir besitzen, Cedes!« erwiderte Kay, ihren geheimen Gedanken Antwort erteilend. »Die Zukunft birgt Dinge, von denen wir nicht einmal eine Ahnung haben. Hoffe und glaube!« – Ein Pause entstand. »Ich will versuchen, was Du mir rätst,« entgegnete Cedes, und ein Anflug hoher Zuversicht leuchtete jetzt in ihren Augen auf. »Und verzeih' und vergiß alles, was mein Mund sprach. Mir war heute einmal wieder so traurig zu Mute – so unendlich – traurig –« »Sind wir nicht beisammen und vereint?« fragte Kay, seinen Arm in den ihrigen legend und mit ihr vorwärts schreitend. »Ist das nicht ein Glück, das ganze Glück, das uns überhaupt zur Zeit werden kann?« »Ja, ja, Kay!« flüsterte das Mädchen, und rosige Farben glühten empor auf ihren Wangen. »Alles ist Balsam für mein Herz und Musik für mein Ohr, was Du sprichst! Und ich war undankbar gegen das Schicksal und die Menschen! Mir ist etwas geworden, dessen Tausende sich nicht rühmen dürfen – die Liebe und die Freundschaft des edelsten, des besten Mannes, den die Erde trägt. – Sieh, sieh, wie schön! Wie wunderbar schön!« unterbrach sie sich, als sie einen Waldpfad zur Linken erreichten, und Kay unwillkürlich seine Schritte hemmte. »Wie herrlich ist die Natur!« Ein verlassener, grasbewachsener, von dichten Baumgruppen mit tief herabhängenden Zweigen umgebener Weg lag vor ihnen. Grünes, rotes, braunes und gelbes Laub, wohin man blickte, und die Herbstsonne durchstrahlte alles, als ob Flammen unter jedem Blättchen leuchteten. Aber schöner als diese Umgebung. die doch nur den eigenartigen Rahmen bildete, war die Decke der Erde: Lauteres Gold schien herabgeschwebt zu sein. Wohin das Auge sich wendete, glitzerte, glühte und leuchtete es, und tiefrote Stengel und ebenso scharf gefärbte, in diesem Golde verstreute Blätter erschienen wie Blut, das dem funkelnden Metall entquollen war. Ein einsames Zauberfleckchen, umzingelt von den gesättigten Farben des Herbstes und am Ausgang begrenzt durch die matt verschwommene, blaue Ferne. Als sie etwa die Mitte des Waldpfades erreicht hatten. schossen ein paar Rothirsche mit vorgestreckten Läufen über den Weg an ihnen vorüber. Cedes stand still und schaute ihnen neugierig nach wie ein Kind. Am Ausgang des Weges aber flatterte eine Schar Krähen von einem gepflügten Felde empor, und einige, die sich mit ihren schwarzen, unheimlichen Leibern auf die kränkelnden Zweige eines entlaubten Baumes niederließen, erfüllten die Luft mit einem häßlichen Geschrei. Cedes schrak in bösen Ahnungen zusammen, und Kay fühlte, was sie bewegte. »Komm!« sagte er. »Drüben ist eine große Wiese; der Sonnenschein liegt darüber, und Sonnenschein soll heute auch in unseren Herzen wohnen.« *           * * Gleichwie die Natur dem fortdauernden Wechsel unterworfen ist, so sind's auch ihre Geschöpfe. Der tote Stein, so wenig er beeinflußt scheint, strömt aus und nimmt an, was sich um ihn bewegen muß, und ebenso vollziehen sich im menschlichen Körper und Geist stündlich Veränderungen. Und so brachte auch den Bewohnern von Dronninghof jeder Tag ein neues, wechselndes Bild, und was geschah, übte seine Wirkung auf Denken und Handeln. Vornehmlich aber regten sich in Clementina-Julia die alten eifersüchtigen Gefühle der früheren Jahre. Cedes und Carmelita – es zeigte sich nur zu deutlich – nahmen Kays Interesse ausschließlich in Anspruch, auf sie richteten sich seine vornehmsten Gedanken, während sie selbst und ihre Kinder in den Hintergrund traten. So lange jene beiden Clementina-Julias Kreise nicht gestört hatten, war alles gut gegangen, aber nun gab mitunter jeder Tag Anlaß zu irgend einer Verstimmung. Wenn Besuch kam, beachtete man auch wohl Kay und Julia, aller Augen aber richteten sich dauernd auf Carmelita. Man rühmte ihre Schönheit, ihr liebenswürdiges, bald bescheiden zurückhaltendes, bald anschmiegendes Wesen, und nicht minder erregten ihre Talente Bewunderung. Und Kay legte nur allzu deutlich an den Tag, wie sehr gerade diese Tochter seinem Herzen nahe stand. Sie mußte in den Gesellschaften vorspielen und mit ihrer ausdrucksvollen Stimme singen. Ihre eigenen kleinen Reimereien, die sie ohne Anregung bei irgend einer Gelegenheit aufs Papier warf, las er Fremden vor, und als sie gar einmal eine kurze Melodie komponiert hatte, weckte er durch allzu starkes Lob nicht nur Carmelitas Eitelkeit, sondern auch leisen Spott in seiner Umgebung. Als Carmelitas Geburtstag nahte, kaufte er unter Clementia-Julias stummem Kopfschütteln für Carmelita, was immer nur an Wünschen von ihrer Seite laut geworden war, auch überraschte er sie an diesem Tage mit einem kleinen, feurigen Fuchs, der den Neid der anderen Geschwister erregte. Wie Kay Carmelita vorher die Pferde zu lenken gelehrt hatte, so leitete er nun auch voll Geduld den Reitunterricht. An schönen Wintertagen ritt er mit ihr und Bomstorff spazieren, und Clementina-Julia blieb zurück und sah ihnen mit feindseligen Blicken nach. Kay und Julia waren in den vier Jahren kräftig emporgeschossen, ihr Antlitz zeigte die feineren Züge bevorzugter Menschen, aber es waren doch keine besonders anziehenden Kinder; sie besaßen weder etwas von der eigenartigen Schönheit der Mutter noch von der natürlichen Vornehmheit des Vaters. Wenn die drei Geschwister beisammen standen, erschien Carmelita unter ihnen als eine Fremde. Ihre Haltung, die Farben ihres Angesichts, ihre schlanke Körperbildung, insbesondere aber ihr anmutiges Wesen ließen sie wie ein seiner Schönheit unbewußtes Königskind erscheinen, eines das sich den im Stande unter ihr stehenden Gespielen mit gutherziger Liebenswürdigkeit zugesellt hatte. Und Clementina-Julia verglich und verglich jeden Tag, und immer heißer quoll's in ihr auf, wenn sie sich gestehen mußte, daß ihre Kinder sich durch wenig oder nichts von den Unzähligen unterschieden, die sich allmählich in ihrem Wachstum entwickeln. Eines Morgens schritt sie kurz nach der Unterrichtsstunde an dem Lektionszimmer vorüber und hörte ein heftiges Schreien. Als sie die Thür öffnete, stand Carmelita mit funkelnden Augen vor ihrem Bruder und zerrte ihn an den Armen. »Was ist?« rief die Frau zornig und trat mit raschen Schritten näher. Carmelita wich zurück. »Er schlug mich mit der Peitsche ohne Grund – hier ins Gesicht.« »Nun, und was thatest Du?« »Ich wehrte mich.« »Gegen ein kleines Männchen, auf diese Weise? Du großes Mädchen! Schämen solltest Du Dich!« In das Gesicht Carmelitas trat zunächst ein hilfloser Ausdruck, dann aber eine Miene stolzer Festigkeit. »Nun sprich!« rief Clementina-Julia herrisch und nur noch mehr gereizt durch eine mit diesem Stolz gepaarte trotzige Würde, die das Kind ihr gegenüber bewahrte. Aber Carmelita antwortete nicht. Da faßte die Frau den Arm des Kindes und preßte ihn so erbarmungslos, daß Carmelita aufschrie, und ihr die Tränen aus den Augen schossen. Aber auch ein unbändiger Eigensinn trat in ihre Züge und entstellte ihr sonst so liebliches Angesicht. »Ich verbiete Dir, jemals Deine Geschwister zu berühren, oder ich werde Dich aufs härteste bestrafen!« rief Clementina-Julia. »Er schlug doch zuerst!« gab Carmelita rasch und unerschrocken zurück. »Und ich nahm ihn nur beim Arm. Was soll ich denn thun, wenn er mich plötzlich ohne Anlaß mit der Peitsche ins Gesicht schlägt? Er war so unartig, daß Fräulein Charlotte schon nichts mit ihm anzufangen wußte!« Clementina-Julia sah auf ihre Kinder. Julia stand am Fenster mit einem Ausdruck gefühlloser Gleichgültigkeit, Kay aber redete eine stumme Gegensprache und appellierte durch allerlei Bewegungen an den ferneren Beistand seiner Mutter. Die Unterlippe war breit herabgezogen, in den Augen stand noch das Naß der Erregung, und das Näschen über dem weinerlich verzogenen Mund bedurfte des Schnupftuches. Er bot das Bild eines ungezogenen und verzogenen Bürschchens, dem eine Züchtigung sehr not that. Als Carmelita nach solcher Erklärung ihrem Bruder freundlich näher trat und ihn durch zuredende Worte zu einem ehrlichen Eingeständnis zu bewegen suchte, stieß er heftig mit den Händen und Füßen nach ihr. Diese Ungezogenheit erweckte nun wiederum in Carmelita einen solchen Grad von Zorn, daß sie sogar die Anwesenheit ihrer Mutter vergaß und Kay mit einem kräftigen Stoß von sich und dabei unglücklicherweise auf die Erde schleuderte. Der Junge schrie, als ob ein Mordanfall auf ihn gemacht sei. Clementina-Julia aber sprang wie ein Panther auf Carmelita zu und griff ihr in die Haare. »Boshaftes Geschöpf!« rief sie und schleifte sie hin und her. Carmelita aber riß sich gewaltsam los, und während die Spuren der Gewaltthätigkeiten in Clementina-Julias Händen blieben, schrie sie fußstampfend und vor Wut keuchend: »Ich bin kein Tier – ich bin kein Tier – und ich wehre mich, wenn Du mich noch einmal anfassest!« Aus ihren Augen blitzten Flammen; ihre Leidenschaft kannte keine Grenzen, und Mutter und Kind würden sicherlich einen furchtbaren Kampf aufgenommen haben, wenn nicht in diesem Augenblicke Charlotte die Thür geöffnet hätte. Und das alles geschah in Gegenwart der Kleinen und durch die Hand einer Frau, die selbst Kindern das Leben gegeben hatte und wußte, was ihre Seele bewegt. Das Bedenklichste aber blieb, daß die Frau diese Szene ihrem Manne, und das Kind den Vorgang seinem Vater verschwieg. Und weil infolgedessen kein Richter über dem jungen Geschöpf stand, der es ermahnte und leitete, ihm vorhielt, nicht zu vergessen, was es seiner Mutter schuldig war, bildete sich in ihm ein falsches Gefühl von der Rechtmäßigkeit seiner Handlungsweise. Selbst Cedes machte Carmelita diesmal nicht zu ihrer Vertrauten, aber ihren Bruder ließ sie die Folgen seiner Unart, die Schmach, die ihr angethan war, büßen und ihrer Mutter begegnete sie fortan wie einer völlig Fremden. Wo dagegen sonst eine Veranlassung vorlag, flüchtete sie zu ihrer Tante, und hier weinte sie sich aus und bereute unter deren immer gleich bleibenden sanften Mahnungen ihre kleinen Vergehen. – In der natürlichen Folge seiner Zuneigung für Carmelita hatte sich Bomstorff Kay und Cedes angeschlossen und bildete ein Glied der Partei, die gegen Clementina-Julia Stellung nahm. Er war höflich gegen seine Cousine, aber mied sie möglichst. So stand denn Clementina-Julia nach Verlauf eines halben Jahres wieder ganz allein, aber auch gegen Bomstorff wagte sie ihrem Haß keinen Ausdruck zu geben, weil sich mit Frühjahrs Anfang ein Ereignis zutrug, das Kay fester an seinen Verwandten kettete als jemals. An einem Sonntag Morgen, an dem Carmelita eben aus dem Hause des Verwalters herausgetreten war, – sie hatte mit Anna über den von beiden gemeinsam in der Stadt genommenen Tanzunterricht und allerlei unschuldige Heimlichkeiten geschwatzt – sah Bomstorff, der gerade über den Hof schreiten wollte, um sich in den Pferdestall zu begeben, die Dogge des Grafen mit eingezogenem Schwanze und lang heraushängender Zunge von dem Herrenhause herbeischleichen, bei Carmelitas Anblick aber ihre Gangart unter ungewöhnlichen Bewegungen beschleunigen. Mit fletschendem Gebiß wandte sie sich links und rechts; die Augen glühten wie Feuer, zugleich schien der Körper von einer fieberhaften Erschlaffung ergriffen zu sein. Das Tier machte den Eindruck, als sei es von der Tollwut befallen. Teils einem unwillkürlichen Gefühl, teils einer plötzlich auftauchenden Besorgnis folgend, eilte Bomstorff, alle Vorsicht gegen sich selbst außer Acht lassend, nur von dem Gedanken geleitet, Carmelita, wenn erforderlich, zu schützen, rasch vorwärts. Näher gekommen, rief er ihr mit erhobener Stimme zu: »Laufen Sie! Retten Sie sich, Komtesse! Die Bestie ist tollwütig! Kehren Sie um zu Behmers!« Doch schon war's zu spät! Die Dogge war nur noch einige Schritte entfernt. Weißer und gelber Geifer schoß aus ihrem Munde, die Augen funkelten, die Zähne schlugen knirschend aufeinander, und ein heiseres Heulen begleitete ihren wütenden Anlauf. Aber nun war auch schon Bomstorff blitzschnell an Carmelitas Seite und parierte den todesgefährlichen Angriff, indem er mit der Reitpeitsche ausholte und die Schläge wie Hagel auf den Kopf der Dogge fallen ließ. Erst wich sie, von Schmerzen übermannt, fletschend zurück, dann aber sprang sie ebenso rasend wieder vor und stürzte sich von neuem gerade auf das vor Schrecken wie gelähmte junge Mädchen. Allein jetzt sausten im Nu die Hiebe abermals herab, und wild heiseres Rachegeheul aus der Kehle des Tieres erfüllte die Luft. Und nun ein Sprung – Bomstorff wandte sich, Carmelita mit seinem Leibe deckend zur Seite – und dann noch einer! Aber auch ein Griff von seiten des Bedrohten, der Griff einer eisernen Faust an die Gurgel der Dogge, daß deren Augen fast aus den Höhlen quollen. Der Mann hielt das Tier wie einst Herkules den Wurm, und schüttelte es wie eine Katze. Aber die Kraft der Bestie war auch eine furchtbare. Sie zerrte hin und her und wand sich vor- und rückwärts. Die Hinterbeine kratzten und arbeiteten in wilder Auflehnung gegen den Erdboden, und jetzt – jetzt zog sie ihn vor sich her und schleifte den gewaltig Ringenden, trotz seiner verzweifelten Gegenwehr, ein Stück vorwärts. »Holen Sie Hilfe!« keuchte Bomstorff. Und Hil–fe! Hil–fe! Hilfe! schrie er selbst mit heiser gellender Stimme. Der Ton drang über den Pachthof, in die Scheunen, Ställe und Häuser und die Gutsinsassen flogen herbei. »Lauft zum Grafen!« – ergänzte Bomstorff, den die Kräfte zu verlassen drohten, »Eine geladene Flinte!« Gerade in diesem Augenblick erschien Kay. Er eilte über den Hof, aber noch bevor er anlangte, hatte der kräftig entschlossene Behmer sich bereits ermannt und mit einem Jagdmesser die Kehle des Hundes durchstoßen. Ein Röcheln, – abermals ein Geifer, gleich einem Blutstrom, – dann ein wirklicher roter Blutsturz – und der Hund fiel aus der gelösten Hand Bomstorffs, rauchend, mit erstarrten Augen, auf die Erde. Bei näherer Besichtigung fand sich, daß das Tier von einer frevelnden Hand mit ätzender Flüssigkeit begossen war. Vermutlich waren Gier und Wutausbrüche dadurch hervorgerufen worden. Völlig ward die Sache nie aufgeklärt. Als Bomstorff sich frei fühlte, galt sein erster Gedanke Carmelita. Er schaute sich um und suchte sie. Sie stand noch immer unbeweglich da, – die Augen halb geschlossen, mit zitternden Gliedern, – während Totenblässe ihr Gesicht bedeckte. Jetzt aber sank sie ohnmächtig in die Arme der herbeigeeilten Frauen. »Ah! Mein Held, mein Freund, mein Bruder!« rief Kay stürmisch. Er umarmt Bomstorff und drückte ihn wiederholt an seine Brust. Aber dieser war zunächst noch sprachlos. Die Kniee schwankten, die Brust hob und senkte sich, und aus dem halbgeöffneten Munde drang ein schwer arbeitender, keuchender Atem. Nachdem er sich endlich mit einem gewaltigen Ruck emporgeschnellt und seinen Körper wieder ins Gleichgewicht gebracht hatte, lachte er in seiner gewohnten überlegenen Weise und hauchte: »Ja, ja, Vetter! Fast hätte die Canaille mir den bereits angenagten Lebensfaden völlig zerschnitten. Alle Achtung! Leben war darin – schade um das herrliche Vieh! – Sapristi! Hat mir die Bestie zu schaffen gemacht! –« Eben begossen die Knechte den toten Körper mit Wasser, um ihn von dem Blut zu reinigen, breiteten ein Leinen aus und schleppten den Leichnam abseits an einen versteckten Platz, um ihn sogleich zu begraben. Als Clementina-Julia, die in großer Aufregung auf den Treppenausbau des Herrenhauses getreten war, Kays Bericht hörte, sagte sie, ihren Blick auf Carmelita richtend: »Hoffentlich hat's keine schlimmen Folgen, Kay! Ich werde gleich für sie sorgen. Beunruhige Dich nicht! –« In ihrem Innern aber ging's auf und ab. Das Schicksal hatte also nicht gewollt, daß Kays Tochter bei dieser Gelegenheit das Leben einbüßen sollte – – Die Vorsehung hatte das Kind behütet. *           * * Für Carmelita traf es sich ungünstig, daß Kay fast unmittelbar nach diesem Vorfall eine Geschäftsreise nach London unternehmen mußte. Bald nachdem sie es erfuhr, wußte sie unter einem Vorwand in die Stadt zu gelangen und bat Mercedes, sie für diese Zeit zu sich einzuladen. Am folgenden Tage hatte sie dann ein Gespräch mit ihrem Vater, dessen Inhalt Kay nur allzusehr zu denken gab. Es war die Zeit kurz vor dem Essen; Kay saß in seinem Arbeitszimmer und sah die eben eingetroffene, durch einen reitenden Boten herbeigeholt Post durch, als sich die Thür öffnete und Carmelita vor ihm erschien. Sie trug ein neues Kleid mit einem enganschließenden, dunklen Seidenmieder und einen Rock von schottischem Stoff in lebhaften Farben und in demselben Gewebe, das ihr überraschend gut stand. Ihrer jetzigen Größe entsprechend, fiel es bis auf die Füße herab, so daß Kay im ersten Augenblick bei ihrem Anblick wie von etwas Ungewohntem, ja, Fremdem berührt ward. Nun war's also kein Kind mehr, das vor ihm stand, sondern ein erwachsenes Mädchen. Ohnehin hatte Kay überlegt, ob er Carmelita nicht bereits in dem nächsten Jahre konfirmieren lassen solle. Jetzt ward seine Absicht verstärkt. »Nun, Carmelita? Du wünschest mich zu sprechen? Ei, wie hübsch Du heute bist! – Ein neues Kleid?« Carmelita betrachtete ihre Gestalt mit einem anmutig verlegenen Ausdruck in dem großen Spiegel und nickte mit liebenswürdiger Wichtigkeit. Sie gab dadurch eine Antwort auf beide Fragen zugleich. Alsdann trat sie an ihren Papa heran und schmiegte ihren Kopf an seine Schulter. »Lieber Papa! Ich möchte –« »Nun? sprich nur!« »Du willst doch fortreisen, Kay« – häufig nannte sie ihren Papa bei seinem Vornamen, besonders wenn sie sah, daß er bei guter Laune war. »Ja, – allerdings! – Und ich kann's mir schon denken. Ich kenne Dich, Schmeichelkatze. Dein Taschengeld ist wieder zu Ende.« Carmelita schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe eine andere Bitte. Cedes hat mich eingeladen, acht Tage bei ihr zuzubringen, – so lange, wie Du fort sein wirst, Papa – –« Kay schaute betroffen empor und zog für Augenblicke den Arm, den er liebkosend um Carmelitas Leib geschlungen hatte, zurück. »So lange ich fort bin? Weshalb? Ich verstehe nicht. Weiß Mama schon darum? Hast Du sie gebeten?« »Nein.« Kay sah vorerst von seiner eigentlichen Frage ab und fuhr fort: »Du wirst dann den Unterricht unterbrechen, das ist nicht gut. Und ich sehe wirklich keinen rechten Grund.« Carmelita blickte vorsichtig um sich, wie jemand, der Lauscher in der Nähe vermutet. schmiegte sich dann dicht an ihren Vater, schob sich auf seinen Schoß und flüsterte: »Bitte, erlaube es! Ich fürchte mich!« »Du – fürch–test – Dich? Vor wem?« Kay suchte sein Kind sanft von sich zu lösen, aber es blieb, umhalste ihn fest und zärtlich und sagte, seinem auf sie gerichteten Auge ausweichend: »Sag' es Mama nicht, bitte! Neulich hat sie mich so lange am Kopfe gezaust, bis die Haare in ihrer Hand blieben. Ich dachte, sie wolle mich totschlagen, und ich wehrte mich. Seitdem habe ich so große Angst, mit ihr allein zu sein, und wenn Du nun fortgehst – – Lieber Papa! Laß mich zu Cedes, oder nimm mich mit nach London.« Kay erschrak in einer Weise, daß er erblaßte. Die Gedanken lösten sich blitzschnell in ihm ab, und so sehr erregten ihn Carmelitas Mitteilungen, daß er sie fast unsanft aus seinen Armen löste, emporsprang und mit langen Schritten im Zimmer auf- und abwanderte. Sollte er, nachdem seine Frau eingelenkt und neuerdings alles nach Wunsch sich vollzogen hatte, wegen eines einzigen Falles Stellung gegen sie und Partei für Carmelita nehmen? Er war empört, daß jene es gewagt hatte, das Kind – ja, es war ja nicht einmal ein Kind in diesem Sinne mehr – abermals in einer so rohen Weise zu züchtigen! Er teilte auch Carmelitas Befürchtungen; er fand es begreiflich, daß sie in seiner Abwesenheit sich zu Cedes flüchten wollte. Bevor er aber eine Entscheidung traf, drängte es ihn, mehr zu hören. Vielleicht hatte sich Carmelita stark vergangen, und wenn auch eine solche Strafe unter allen Umständen von ihm verboten war, mochte doch vielleicht etwas vorgefallen sein, was Clementina-Julias Vorgehen eher entschuldigte. Kay fragte deshalb nach allen Einzelheiten, und Carmelita gab, genau der Wahrheit entsprechend, Antwort. Sie verschwieg nichts. Aber kaum hatte sie geendet, als auch schon wieder eine angstvolle Reue in ihrem Angesicht emporstieg. Sie fürchtete, daß durch ihre Eröffnungen die Dinge sich nur noch schlimmer gestalten würden. »Sprich nicht mit Mama davon, mein lieber Papa – bitte!« flehte sie. »Es war schon vor Wochen! Niemand weiß es. Nur Baron Bomstorff, der bald darauf meine verweinten Augen sah, fragte mich, und ich erzählte ihm, aber nicht alles.« »Es ist gut –« erwiderte Kay, kurz abbrechend. »Ich will mir überlegen, ob ich Deinen Wunsch erfüllen kann. Aber nun höre, mein Kind: Deine Mutter will stets Dein Bestes; halte das fest. Findet sie nicht immer den Ton, der Dir gefällt, so ist das eben ihre Art, wie Du die Deinige hast. Du brauchtest Deinen Bruder nicht in den Arm zu kneifen, Du konntest ihm seine Unart mit Worten verbieten, oder besser, dies Fräulein Charlotte anzeigen.« »Sie wußte ja selbst nichts mit ihm anzufangen, Papa!« unterbrach Carmelita eifrig ihres Vaters Rede. »Er schrie schon vorher und sagte, er wolle sie bei Mama verklagen.« »Wohl, – es mag sein! In allen Fällen aber verdienst Du den allergrößten Tadel, daß Du Deiner Mutter getrotzt hast. Ich fasse nicht, daß Du Dich so vergessen konntest, und beklage tief, daß Du die Ehrerbietung gegen sie außer Acht ließest. Versprich mir, Carmelita, daß Du Dich beherrschen wirst, daß dergleichen niemals wieder vorkommen soll!« Er zog sie an sich und erwartete ihre Antwort. Aber über des Kindes Lippen kam kein Ton. »Nun, Carmelita?« »Ach, ich habe Dich lieb, so lieb, mein Papa!« Und gleichzeitig drängte sie sich enger an ihn und preßte in leidenschaftlicher Zärtlichkeit ihre Lippen auf seinen Mund. Kay überlegte, ob er auf einem Gelöbnis bestehen sollte, aber unter den Ausbrüchen ihrer stürmischen Liebesbeweise stand er davon ab. Was er ihr sagen mußte, hatte sein Mund gesprochen, und wenn er sich prüfte, mußte er sich zugestehen, daß er als Kind in gleichem Falle sicher nichts anders gehandelt haben würde. Infolgedessen entließ er sie mit nochmaliger Mahnung. und versprach ihre Wünsche mit Clementina-Julia in Überlegung zu ziehen. Als er seiner Frau am Nachmittage mitteilte, daß Cedes gebeten habe, Carmelita möge sie besuchen, blickte Clementina-Julia trotzig auf. »Weshalb denn das nun wieder?« fragte sie schroff. »Schon der Tanzunterricht, den ich sehr ungern zugegeben habe, weil er doch nur ein Amüsement ist, zerstreut Carmelita und lenkt sie ab. Das Fräulein hat bereits wiederholt gebeten, daß wir ihr nicht zu oft Ausnahmen gestatten möchten. Hat denn Cedes so Wichtiges vor, daß sie des Kindes Hilfe bedarf? Oder ist's einer ihrer gewöhnlichen, sentimentalen Einfälle?« Clementina-Julias Einrede bewies Kay hinreichend, daß seine Frau sich über die wirklichen Gründe nicht täuschte, aber er ersah auch aus diesem einen Satz, daß ihre bisherige Gelassenheit lediglich Verstellung gewesen war. Sie sprach ganz in dem alten Tone der früheren Jahre. Er gab auch nicht gleich eine Erwiderung. Plötzlich türmten sich alle die alten Gegensätze und nicht minder deren Folgen wieder vor ihm auf. Sein Sinn ward trübe, und seine Gedanken wendeten sich voll Sorge in die Zukunft. Wenn er in dem vorliegenden Falle auf seinen Wünschen bestand, wenn er Carmelita nachgab, würde sicher seine Frau das Kind für diese Entscheidung büßen lassen, und der alte Kampf begann von neuem. Fügte er sich aber ihren an sich durchaus verständigen Einwänden, würde sie es Carmelita nicht minder nachtragen, daß sie hinter ihrem Rücken mit Cedes solcherlei Pläne geschmiedet hatte. Wie unnatürlich war doch alles, und welchen verabscheuungswürdigen Charakter besaß Clementina-Julia, wenn er ihr in solcher Weise zu mißtrauen Veranlassung hatte! Während sie noch sprachen, ward ein Brief vom Grafen Schlieben gebracht, der unter anderem die Mitteilung enthielt, daß Cedes sich schlecht befinde, im Bett sei und ihnen wieder viel Sorge einflöße. »Nun,« – rief Clementina-Julia – »dann ist ja schon dadurch ausgeschlossen, daß Carmelita die Einladung ihrer Tante annehmen kann.« »Nein, umgekehrt; gerade deshalb! –« wandte Kay, in dem nun auch seinerseits der alte Widerspruch sich regte, ein. »Sie kann Cedes pflegen. Deine Schwester wird es hoch aufnehmen, wenn wir ihr Carmelita schicken, die sie so sehr liebt.« Die Frau zog die Unterlippe. Sie sah gerade heute gealtert und wenig gut aus. Ihre Züge waren scharf, und die Augen blickten kalt. Ein Unbehagen überlief Kay. Fast hätte er die Londoner Reise aufgeben mögen, und doch sehnte er sich fort. Clementina-Julia war ihm in diesem Augenblick über alle Maßen zuwider. Jetzt steckte Carmelita den Kopf in die Thür und that eine Frage, die Clementina-Julia kurz und unfreundlich beantwortete. Dadurch ward Kay wieder an seine Tochter erinnert, und er faßte nach seiner entschiedenen Art einen raschen und unabänderlichen Entschluß. »Carmelita soll Cedes auf acht Tage besuchen. Jetzt um so mehr! Sie kann bereits morgen früh mit mir in die Stadt fahren,« entschied er, neigte kaum merklich den Kopf und begab sich hinaus auf den Pachthof. Eine ungezügelte Leidenschaft stieg nach diesen Worten in der Frau auf. Sie kämpfte mit aller Kraft, aber sie vermochte der sie bestürmenden Empfindungen nicht Herr zu werden. Wenn doch diese verabscheuungswürdige Kreatur nicht mehr auf der Welt wäre! Wie gut würde dann alles sein! – Ein solcher Haß stieg in ihr auf, daß sie fühlte, wie das Herz pulsierte, wie ihre Handflächen sich feuchteten, wie das Blut ihr in die Schläfen schoß. Von diesem Tage an wälzte die Frau ernstlich den Gedanken in ihrer Seele, wie sie sich des Kindes ein für allemal entledigen könne – – – Und der Gedanke ließ sie nicht wieder. Er verfolgte sie bei Tag und bei Nacht. Sie mußte an sich halten, daß sie Carmelita nicht packe und würge. Jede Bewegung, jeder Ton, und zwar je mehr des Kindes Wesen und Thun ihr im Grunde Bewunderung einflößten, reizten ihren Ingrimm, gaben ihr Anlaß zum Tadel und zur abfälligen Beurteilung. Sie erfuhr auch, daß Kay sich an demselben Tage zu Bomstorff in den Turm begeben und ihn zum Abendessen eingeladen habe. Sicher geschah's, damit Clementina-Julia die Gelegenheit zu einer näheren Erörterung über den Gegenstand am heutigen Tage genommen werde. Und gewiß trug Kay jenem alles zu! Bomstorff war ja auch einer der begeisterten Bewunderer dieses unerträglichen Geschöpfes! Sie haßte auch ihn! Sie richtete überhaupt in der Folge auf alle Carmelita zugeneigten Personen ihren Haß. In den Gesprächen mit ihrer Umgebung brachte sie fortan häufiger die Rede auf das Kind, entlockte in geschickter Weise ein Urteil, und indem sie dem Ungünstigen über Carmelita unter gleißnerischem Bedauern zu ausführlichen Worten verhalf, suchte sie sowohl für die Berechtigung ihrer Abneigung weitere Nahrung zu finden, als auch ihrer Leidenschaft Reizmittel zu verschaffen. Carmelita war überglücklich, als ihr Kay mitteilte, daß sie bereits am folgenden Morgen mit ihm in die Stadt fahren solle. »Nun, vergiß aber auch nicht, Deiner Mutter für die Erlaubnis zu danken,« hub er an, »und versprich ihr, nach diesem Vergnügen Dich Deiner Pflichten um so eifriger annehmen zu wollen. Ich denke, Du drückst ihr dies morgen beim Lebewohl mit einigen herzlichen Worten aus. Hörst Du?« Carmelita kämpfte. Ihrer Mutter irgend ein gutes Wort zu geben, schien ihr unmöglich. Die Forderung kam ihr unnatürlich und grausam vor. Kay aber hatte nicht ohne Überlegung gesprochen. Sollte nicht alles wieder werden wie ehedem, so mußte die Jüngere sich fügen. Der Wagen mit den ungeduldigen Schwarzen hielt vor der Thür. Die Koffer waren aufgeladen, die Dienerschaft, der letzten Befehle harrend, stand in ehrerbietiger Haltung daneben, und Kay und Carmelita schritten die Treppe zum Einsteigen hinab. Noch einmal winkte Clementina-Julia, die ihnen gefolgt war, mit der Hand. »Hast Du Mama gedankt?« fragte Kay, der sich, durch Clementina-Julias Haltung an diesem Morgen versöhnlicher gestimmt, nun an das erinnerte, was er Carmelita befohlen hatte. Carmelita flüsterte ein aufsätziges Nein und machte auch keine Bewegung, das Versäumte nachzuholen. »Fehlt noch etwas, Kay?« fragte Clementina-Julia mit zuvorkommendem Ton in der Stimme, schritt mit ihrem schleppenden Gange die Stufen hinab und richtete einen fragenden Blick auf beide. »Geh, ich will's!« entschied Kay rauh, zu Carmelita gewendet, während er Clementina-Julias Frage verneinte. Und da trat das Kind, die Zähne zusammenbeißend und der Gewalt, die es sich anthun mußte, nur allzu deutlichen Ausdruck gebend, auf seine Mutter zu und sprach, als ob es eine Lektion hersage: »Ich wollte Dir auch noch für die Erlaubnis danken, Mama, und werde das Versäum– –« Clementina-Julia unterbrach ihre Tochter mit einem kalten Blick und einer Bewegung, in der ausgedrückt war: »Es ist schon gut. Lassen wir die Reden, bei denen unser Herz doch nichts fühlt.« Sie achtete auch ihrer nicht weiter, reichte aber Kay nochmals freundlich die Hand. Und dann flog der Wagen davon. – Die Zeit erlaubte, daß Kay noch einen Augenblick bei den Schwiegereltern und Cedes vorsprach. Der alte Graf mit seinem wackelnden Kopf und der unvermeidlichen Pfeife, ohne Kravatte und Kragen, in einem weit ausgeschnittenen Hausrock, der den mageren, mit grauen Härchen bewachsenen Hals unvorteilhaft preisgab, stand bei seiner Ankunft bereits vor der geöffneten Thür im Korridor. »Nun, wie geht's Cedes, Papa?« fragte Kay sogleich besorgt. »Steht's etwas besser heute?« Die Frage ward zu seiner Freude bejaht. Auch die Gräfin erschien mit ihrem sanften Blick und geleitete die Ankömmlinge in Cedes' Gemächer. Eine Umschau in denselben genügte, um für die Bewohnerin Interesse zu gewinnen. Blumen, Vögel, Bücher, Bilder und zierliche Handarbeiten überall! Hier in diesen reichen und sorgsam geordneten Räumen hatte sie sich wie ein Winterschläfer eingenistet und lebte ein Leben für sich. Die Gesellschaften, die ihre Eltern besuchten, mied Cedes fast gänzlich. Sie las, zeichnete, malte, beschäftigte sich mit ihren Blumen und Tieren, musizierte, machte einsame Spaziergänge und war außerdem noch bedacht, Menschen, die sie schätzte, durch kleine und größere selbstgemachte Arbeiten oder durch andere Aufmerksamkeiten zu erfreuen. Ein paar fröhliche Jugendjahre mit kleinen Abwechselungen, Amüsements und unschuldigen Heimlichkeiten hatte auch ihr das Schicksal gewährt, aber als dann Kay nach Dronninghof zog, war aus dem sorglos-heiteren Geschöpf ein ernstes Mädchen geworden, das nicht einmal den Versuch gemacht hatte, sich besondere Zerstreuungen zu verschaffen oder sich Männern zu nähern, die es hätte fesseln können. All ihr Denken wandte sich auf Kay. Wenn sie hätte auf Dronninghof leben dürfen. täglich um ihn sein, würde sie alles gehabt haben, was sich an Wünschen in ihr regte. An einer Heirat hinderte sie ihr Brustleiden, das wohl vorübergehend weniger heftig aufgetreten war, im Grunde aber sich nicht gebessert, sondern einen immer ängstlicheren Charakter angenommen hatte. Immer war Cedes sanft, liebenswürdig und zuvorkommend im Verkehr, und nicht selten kam wie früher ihr schalkhaftes Wesen zum Vorschein, dann überraschte sie durch treffende Bemerkungen. Die Zimmer waren sämtlich angenehm erwärmt. Der Sonnenschein fiel durch die Fenster; ringsum blitzten die vielen hübschen Gegenstände; die blankgeputzten Rokokomöbel, Bilder, Nippes und Kunstsachen. Und im mittleren Gemach lag auf dem mit einem zartgeblümten Stoffe bezogenen Sofa Cedes, unbeschreiblich schön. Bei Kays Eintritt schossen ihr die Blutwellen bis an die Stirn, aber schon im nächsten Augenblick wichen sie, und eine zarte Blässe, die Blässe seelischer Erregung, legte sich auf ihr Angesicht. Wie ein überirdisches Wesen erschien sie Kay in diesem Augenblick. In der kurzen Spanne Zeit, in der er mit Cedes allein war, berichtete er rasch über die Sachlage, erzählte von Clementina-Julias Verstimmung und gab die Gründe seiner Reise an. »Also in acht Tagen bist Du sicher zurück?« fragte sie mit einem Blick, als sei Gefahr, er werde sie sonst nicht mehr wiedersehen. Da er sie auch heute in ihrer stummen Sprache verstand, schalt und tröstete er sie mit zärtlichen Worten. »Was soll ich Dir aus London mitbringen?« fragte er scherzend. »Du weißt es!« »Ich weiß es? Nein!« »Dein altes Herz –« »Du hast es immer unverändert. Es geht nie fort von Dir –« Ein Glücksschimmer flog über ihr Angesicht. »Du bist mir also noch immer gut?« Ohne Antwort zu geben, beugte sich Kay herab und berührte mit seinen Lippen Cedes' Stirn. Und noch einmal! Und sie faßte und hielt ihn; in ihrem Herzen flutete es auf und ab, als könne es keinen seligeren Augenblick geben. »Lebe wohl, meine teure Cedes!« »Kay!« »Cedes?« Noch einmal streckte sie die durchsichtig kranke Hand aus, und er hielt sie lange, der Reiseunruhe nicht achtend. »Bleib nicht länger aus.« – »Nein! Gewiß nicht! Adieu – –« »Adieu« – Nun neigte er noch einmal mit zärtlichem Ausdruck das Haupt, sah sie mit einem Blicke an, in dem sich sein ganzes Inneres wiederspiegelte, und verließ eilig das Gemach. Vierzehntes Kapitel. Einige Wochen nach Kays Rückkehr – es war eben Frühlings Anfang – hatte sich Cedes wieder so weit erholt, daß sie einer Einladung nach Dronninghof folgen konnte. Bomstorff wollte etwas aus Shakespeare vorlesen, und da Cedes ihm sehr zugeneigt war, freute sie sich jeder Begegnung mit ihm und war Kays Aufforderung mit größter Bereitwilligkeit gefolgt. Clementina-Julia schien während Kays Abwesenheit ihr Gleichgewicht wiedergefunden zu haben und legte eine, mit sanfter Mäßigung gepaarte und dadurch überzeugend wirkende milde Gesinnung sowohl gegen Cedes wie gegen Carmelita an den Tag. Freilich, in ihrem Innern hatte sich nichts verändert; Vorfälle, die warnend und läuternd hätten auf sie einwirken können, verliefen wirkungslos, ja sie verstärkten nur ihre Entschlüsse, auch ferner den Schein zu Hilfe zu nehmen. Haß und Habsucht machten sie bereits zur Heuchlerin. Als sie vor dem Abendessen im Speisegemach noch einige Anordnungen traf, hörte sie das Gespräch der Herren im Nebenzimmer und vernahm auch die laute Stimme Bomstorffs, der gewohnheitsmäßig Citate in seine Rede mischte. Zufällig gab er einige Sentenzen zum besten, die für Clementina-Julia wie gemacht schienen. »Alles, was ausgebessert wird, ist doch nur geflickt; Tugend, die sich vergeht, ist doch nur mit Sünde geflickt –« »Ich schreib' es nieder, wie einer lächeln, immer lächeln kann, und doch ein Schurke sein.« – Nach dem Abendessen griff Bomstorff nach seinem Buch und las die Scene aus »König Johann« zwischen dem jungen Plantagenet und Hubert vor, der auf Befehl des Königs mit einem glühenden Eisen des Prinzen Augen blenden soll. Behmer, der ebenfalls geladen war und niemals etwas von Shakespeare gelesen hatte, legte deutlich an den Tag, wie sehr ihn Inhalt und Vortrag gefesselt hatten, und zwischen den Anwesenden entspann sich unter übereinstimmendem Beifall ein Gespräch, in dem Bomstorff hervorhob, welche ungeheure Wirkung die Scene bei der Vorführung auf der Bühne allezeit auf ihn ausgeübt habe. Auch Clementina-Julia sprach, aber sie war mit ihren Gedanken nicht bei dem Dichter und dem Drama, sondern nur bei der Person, die sie während des Lesens an die Stelle des jungen Prinzen gesetzt hatte. Mit teuflischer Wollust wiegte sie sich in der Vorstellung, daß nicht jener geblendet werden sollte, sondern daß es sich um Carmelita handele, und sie zürnte dem Henker, daß er sich durch ihre Tränen erweichen ließ. So lebendig war die Phantasie der Frau, daß sie den Vorgang zur Wirklichkeit erhob und selbst – ein weiblicher Henker – dem Kinde die glühenden Bolzen in die Augen stieß. Kein Mitleid stieg in ihr auf. Sie empfand nur höchste Sättigung. Als Carmelita kurz nach dem Vorlesen in die Gesellschaftszimmer trat, um Gute Nacht zu sagen, als sie sich wiederholt zärtlich an Cedes schmiegte, und die Frau die Freude darüber in ihres Mannes Angesicht aufblitzen sah, ja, als sie zu bemerken glaubte, daß er und Cedes Blicke tauschten, die sie nicht als den bloßen Ausdruck einer augenblicklichen lebhafteren Empfindung, sondern als die Betätigung versteckter Neigung deutete, schlugen die Leidenschaften wie lodernde Feuer in ihr empor, und in diesem Augenblicke befestigte sich ihr Entschluß, sich an Cedes zu rächen und Carmelita ein für allemal aus dem Wege zu räumen! Sie schreckte bereits vor einem Verbrechen nicht mehr zurück. – Cedes hatte für ihr Kommen einen wundervollen Tag gewählt. Dronninghof bot ein wahrhaft bezauberndes Bild. Im Park brachen die weißen und roten Blüten aus den Knospen; sichtbar dem Auge, verjüngte sich die Erde und lag in dem duftenden Taumel ihrer Wiederauferstehung. Es ging ein warmes, lebendiges Leben durch alles, was das Auge zu schauen vermochte; weiche Lüfte träumten über Feldern und Wiesen und drangen in die Tiefe der Wälder. Die Quellen rauschten, und die letzten Spuren des Schnees waren auf den Anhöhen längst der Sonne gewichen. Aber in der diesem Tage folgenden Nacht entstand plötzlich eine unruhige Bewegung in den Kronen der Buchen, welche die aufkeimenden grünen Parkrasen wie eine blühende Mauer umgaben. Auf dem Pachthofe stampften die Gäule ungeduldig das Pflaster, die Hühner im Stall wurden aufgescheucht und gackerten ängstlich im Halbschlaf, eine Kuh stieß einen langgezogenen Ton aus der Kehle, und in den Ecken und Winkeln der großen Treppe des Herrenhauses raschelte es unheimlich. Nun schrie auch ein Vogel aus dem Walde, – ein Falke oder eine Eule. War's Zufall, oder lief ein ahnungsvoller Schauer durch die Natur? Roch sie Tod – Vernichtung mitten in dem Ringen und Drängen ihres wiedererwachenden Lebens? Ja, der Tod kam. Er riß, mitten in der Neugeburt der Erde, ein Menschenleben in ihren Schoß herab, erbarmungslos, als müsse sie zurückgewinnen, was sie einst freudig hergegeben! Das letzte Mal wars gewesen, daß Cedes den Wald, die Flur von Dronninghof gesehen hatte. Zum letztenmal hatte sie die Luft dieser friedlichen Welt eingesogen. Eben in dieser Nacht erfaßte sie eine furchtbare Atemnot, ihr folgte ein wiederholter Blutsturz und eine Schwäche, die sie nicht mehr zu überwinden vermochte. Ein Bote brachte in den Vormittagstunden die Kunde, und Kay ließ satteln und jagte nach Schleswig. Er suchte den Arzt in seiner Wohnung auf und stellte hastige Fragen. Ob's noch möglich sei, Cedes in den Süden zu schaffen? Kein Opfer sei ihm zu groß, seiner Schwägerin das Leben zu retten. Die Wahrscheinlichkeit einer Genesung sei nach menschlichen Erfahrungen so gut wie ausgeschlossen, entgegnete der Gefragte. Auch könne eine Reise erst angetreten werden, wenn die Komtesse diesen Anfall einigermaßen überwunden haben würde. Zur Zeit sei nicht daran zu denken. Und nochmals! Wenn er ehrliche Anwort erteilen solle, verspreche er sich überhaupt keinerlei Hilfe mehr. – Kay. der ruhige, besonnene Mann war völlig fassungslos. Bevor er Schliebens Haus betrat, begab er sich in den Garten des Gasthofes, in dem er abgestiegen war, und suchte in der Stille der Natur seine Gedanken zu sammeln. Kein Mittel, gar kein Mittel sollte es geben? Es würde also Wahrheit werden? Carmelita sollte ihre Mutter, die rechte, stellvertretende Mutter, ihre beste Freundin verlieren? Er, Kay, sollte Cedes' Stimme nicht mehr hören, ihr Lächeln sollte ihn nicht mehr erheitern, er sollte ihr nicht mehr in den einsamen Stunden sein Herz ausschütten und an ihrer Liebe sich erwärmen dürfen? Doch, doch, es konnte noch geholfen werden! Es gab Mittel, die in solchen Krisen doch noch ihre Wirkung übten! Sie mußten angewendet werden! Kay beschloß, einem der hervorragendsten Ärzte in Hamburg zu telegraphieren, um ihn an das Krankenlager zu berufen. Und wenn Cedes sich wieder einigermaßen gekräftigt hatte, wollte er sie selbst nach dem Süden, nach Madeira bringen, und Carmelita sollte sie begleiten. Sicher würde sie völlig gesund zurückkehren! Hoffnungen pflanzte Kay auf, weil immer wieder sehnliche Wünsche in seiner Brust emporstiegen. Er klammerte sich an seine Vorstellungen, weil der Gedanke an ihren Tod ihn fast verzweifeln ließ. Was sollte er noch auf der Welt, wenn sie dahinging? – Freilich das war nicht das Rechte. Carmelita – die anderen Kinder – Clementina-Julia – Auch Clementina-Julia? Nein! Für sie war so gut wie nichts mehr in seinem Herzen – – Als Kay endlich den Weg zu seinen Schwiegereltern nahm, begegnete ihm Bomstorff, der schon früh am Tage eine Wanderung in die Stadt angetreten hatte. »Ah, guten Morgen, Vetter!« rief er. »Was führt Euch so zeitig in den Sonnenschein dieser guten Stadt der Langeweile?« Als Kay berichtete, wurden Bomstorffs Mienen sehr ernst, und er strich sich langsam den Bart. »Du siehst,« citierte er, auf sich selbst angewandt, »unglücklich sind wir nicht allein! Der Schauplatz dieser weiten Welt umfaßt noch trübere Dinge, als die Scene heut, die uns ward angewiesen.« Und zu Kay sprechend, fuhr er fort: »Gott helfe, daß der Arzt nicht recht behält. Aller menschlichen Weisheit spottet die Natur, so wird auch diese holde Blüte dem Todeswurm nicht erliegen. Mir ist heute zu Mute, als seien tollgewordene Krebse in meinem Körper. Das langsame Hin und Her dieser schleichenden Riesenameisen mit ihren kneifenden Zangen ließ mich schon die ganze Nacht nicht schlafen. Ich könnte das Dasein leugnen vor Schmerz.« »Ich will Euch den Arzt schicken,« erklärte Kay teilnehmend, zugleich zum Gehen sich anschickend. »Ihr müßt etwas für Euch thun, Vetter –« »Einen Arzt?« spottete Bomstorff. »Nein, tausend Dank Gevatter! Ich kann ihn nicht gebrauchen! Nirgend fährt die Erfahrung in so lecken Schiffen wie bei ihnen. Natürlich! Wenn sie uns eben den Puls gefühlt haben, hat's oft die Natur schon anders beschlossen, und während sie die Rezepte schreiben, wissen es die Ehrlichen unter ihnen, daß ihre Buchstaben meistens doch nur die Ladenschublade des Apothekers und ihre eigenen Taschen füllen. Ich will jetzt in die Ressource gehen und eine sprudelnde halbe Flasche goldweißen Sekt mit einem ganzen Gläschen alten Cognac mischen. Das giebt frohe Gedanken, und mit ihnen kann man selbst Gevatter Sensenmann querfeldein jagen! Auf die Wiedergenesung unseres herrlichen weißen Schwans, auf unsere schöne Komtesse Mercedes, werde ich die andere halbe leeren und mein Glas mit leuchtenden Hoffnungsblüten umwinden. Ihr seht, Vetter, Sterbende haben auch noch gesunde Einfälle, und der Gott sei gelobt, der gläubigen Seelen Licht im Finstern giebt und in Verzweiflung Trost.« Nach diesen Worten schüttelte er Kay mit zärtlichem Ausdruck die Hand und zog hinkend seines Weges.» – Diesmal fand Kay Mercedes nicht in dem sonnenbeschienenen Gemach, in dem er vor der Londoner Reise von ihr Abschied genommen hatte. Sie lag in ihrem Schlafzimmer. Die kranken, mit den feinen blauen Adern durchzogenen Hände ruhten erschlafft auf der seidenen Decke, und eine Blässe bedeckte ihr Angesicht, und mit einem Ausdruck wandte sie den Blick zu ihm, daß Kay zusammenschrak. »Nun ist es bald so weit –« hub sie sanft an, als er sich neben ihr niederließ und ihre feuchte Rechte an seine Lippen drückte. »Und weine nicht, Mama!« bat sie, als sie sah, daß ihrer Mutter bei diesen Worten Tränen in die Augen traten, daß sie vergeblich kämpfte, ihrer erdrückenden Empfindungen Herr zu werden. »Ich wäre doch nie wieder gesund geworden, und besser ein kurzes Ende, als lange Jahre der Qual. Wie gut, wie barmherzig, daß Du gleich gekommen bist, Kay!« Sie sah ihn an; auch in seinen Augen war es feucht geworden, und nun eben lösten sich einige Tropfen, die langsam über seine Wangen rieselten. Und da zog Cedes, belehrt, daß ihre Umgebung die Hoffnung verloren habe, die Hände rasch und plötzlich an ihr Angesicht und schluchzte herzzerreißend. Und kein Laut sonst in dem Gemach. Die Trauer ging mit langen, grauen Schleiern durch die Räume und hemmte selbst ein lautes Atemholen. Und dann begann es im Nebenzimmer lebendig zu werden; man hörte das lustige Hüpfen des Kanarienvogels auf den Stäben, und als nun eben die Sonne mit breitem Strahl das Gemach durchflutete, stimmte er seine zwitschernden Melodien an. Zuletzt schmetterte er gar ein lautes Lied aus der Kehle. Aber wie eine unzarte Störung wirkte dieser Gesang in dem durch einen so unermeßlichen Schmerz hervorgerufenen wortlosen Schweigen. Kay erhob sich auch, um das Geräusch zu dämpfen. »Nein, nein! Ich bitte, laß ihn, Kay! Wenn er singt. steigt wieder Hoffnung in mir auf. Bin ich denn weniger als dieser kleine gefiederte Sänger –? Darf er leben und sich des Daseins freuen, und muß ich – ich –« Sie brach ab, und noch einmal verbarg sie das Antlitz unter ihren Händen. »Mein Kind, mein teures Kind!« flüsterte Cedes' Mutter, unter dem Jammer dieser Töne schier erstickend. »Komm! Beruhige Dich! Sprich nicht so viel. Wir wollen gehen. Du bedarfst der Ruhe. Jede Aufregung ist Dir schädlich!« Und sie gab Kay ein Zeichen, ihr zu folgen. »Nein, geht nicht!« bat Cedes mit einem flehenden, das Mitleid noch stärker weckenden Ausdruck in den Augen. »Es schadet mir nichts. Gerade jetzt ist mir besser, ja – so wohl, daß ich gar kein Unbehagen fühle. Ach! die Einsamkeit – das Nachdenken – nimmt mir allen Mut – und ich brauche ihn – –« Aber sie gingen doch und versprachen, wiederzukehren. An das Schlafpulver, das der Arzt verordnet hatte, um der Kranken nach den heftigen Unfällen vor allem Ruhe zu schaffen, erinnerte die Gräfin, und Cedes gab nach. – Jeden Tag sandte Kay Blumen. Am Morgen und um die Nachmittagszeit standen weiße, gelbe und rote Rosen auf dem Tische neben ihrem Bett. Und jeden Tag erschien er selbst um die Mittagszeit und suchte sie durch Trost und heitere Gespräche aufzurichten. Er ließ alles vor ihr aufsteigen, was sie froh beleben konnte. Sie war mit ihm unterwegs. Die warme Sonne beschien sie, die herrlichen Bilder des Südens erschienen vor ihrem Auge, die milde Luft besänftigte die kranke Brust, und sie fühlte, wie ihre Gesundheit, wie ihre Kräfte zurückkehrten. Carmelita war mit ihnen und um sie. Sie dachten nicht an Heimkehr, sie genossen das Zusammensein, unternahmen Spazierfahrten und saßen beisammen an gedeckter Tafel, sie schwatzten und lachten, lasen sich vor und musizierten, und jedes Tages Neige war eine Zuversicht mehr, und jedes Tages Kommen und Gehen eine neue Hoffnung auf wiedergewonnenes Glück. Oft lächelte Cedes bei solchen Schilderungen wie verklärt. Dieses Kranksein mit Kays täglichen Besuchen und zarten Aufmerksamkeiten schien ihr das herrlichste Leben, das sie bisher gelebt, und wenn er ging, hielt die Hoffnung auf ein Morgen sie aufrecht, und wenn er kam, durchdrang sie, wie ihr kleines Vögelchen, ein Gefühl seliger Lebensfreude. Und doch ward sie von Tag zu Tag schwächer, und nur die tröstenden Worte des Mitleids, die ihre Umgebung sprach, und die sie jetzt als Wahrheit schätzte, weil sie doch wieder hoffte, – hielten sie langer aufrecht und scheuchten den Tod. Als Kay nach einigen Wochen, um die späte Nachmittagszeit allein das Krankenzimmer betrat und mit rücksichtsvoll gedämpften Schritten und leisen Worten sich näherte, ward ihm keine Antwort. Er nahm an, daß Cedes schlafe und wollte sich bereits wieder zurückziehen, als ein schwaches. »Ist jemand da? Ich möchte – trinken. – Licht, – – Licht, – bitte« – an sein Ohr schlug. – »Ich bin's, Kay!« hub der Mann an und trat mit behutsamen Schritten näher. »Ah! Du – Du –!« drang's langgezogen, sehnsüchtig aus der Kranken Munde. »Ich will eine Lampe anzünden. Auch wolltest Du etwas genießen. Ich werde schellen,« betonte Kay. »Nein, nein, komm! Ich möchte Dich sprechen. Wir sind allein, Kay?« Sie erhob sich mühsam, schob die Bettvorhänge beiseite, blieb in dieser halb aufrechten Stellung und suchte seinen Blick. »O, komm, komm!« flüsterte sie noch einmal, und die Augen glänzten in einem seltsamen Feuer. Das Nachtgewand hatte sich verschoben und zeigte die unnachahmlich zarten Farben, aber auch die geschwundene Fülle ihrer einst so wundervollen Körperformen. Und als er nun ihrem Wunsche folgte und sich ihr näherte, entbot sie ihn durch einen Blick neben sich, hob sich mit sichtlicher Anstrengung noch höher empor und schlug, seiner eigenen Bewegung folgend, ihre mageren, kranken Arme um seinen Hals. »Einmal, einmal noch ehe ich sterbe, wollte ich mein Herz klopfen hören an dem Deinen, einmal noch fühlen, daß Du mich liebst. Liebst Du mich noch, Kay? Zürnst Du mir, daß ich in der Todesstunde zu Dir komme und beim Abschied um dieses Wort flehe? Vergieb mir! Vergieb, da nun doch alles bald aus ist, Wind und Regen kommen werden wie immer, und auch die Menschen wachen, schlafen, träumen, plaudern, sich bekämpfen und versöhnen werden, wie vordem, jeden Tag, trotzdem ein Mensch seinen Atem aushauchte. Wer fordert Rechenschaft, wenn der Tod den Mund stumm machte? Alles erscheint nichtig in der Stunde des Sterbens. Ich umarme Dich – und noch einmal! Ah! Welche Seligkeit durchströmt mein Inneres! Und Dank, Kay, innigsten Dank für alles Gute. Wenn es eine Zukunft und einen Gott giebt – ich glaube an ein unsichtbares höheres, mitleidiges Wesen – dann will ich in jener Welt verkünden, es sagen, welch ein edler, seltener Mensch Du bist!« Kay durchzitterte ein unaussprechlicher Schmerzensschauer. Er fürchtete, ihrem zarten Körper wehe zu thun, wenn er sie an sich zog, und doch preßte er die Kranke immer und immer wieder an sein Herz. Und dann öffnete sich plötzlich die Thür, und Clementina-Julia mit ihrem schleppenden Schritt erschien und prallte zurück, als sie sah, wie ihr Mann in den Armen ihrer Schwester lag. »Kay –« zitterte die Stimme der Frau und – »Kay –!« verklang's wild und zornig und mit rachsüchtigem Grimm zugleich. *           * * Sie fuhren durch den dämmernden Abend und saßen nebeneinander wie zwei Menschen, die sich bisher nie sahen, gleich Reisenden, die, durch den Zufall zusammengeführt, keinerlei Bedürfnis empfinden, ein Gespräch oder gar eine nähere Bekanntschaft anzuknüpfen. Clementina-Julia schaute rechts, und Kay schaute links in die Gärten der Landschaft, oder sein Auge blieb haften an einem gleichgültigen Gegenstand: an den zwei blanken Knöpfen des Kutscherrocks, oder an den spitz in die Höhe gestreckten Ohren der schnell trabenden Pferde, die von den Sommerfliegen umspielt und belästigt wurden. In seine Gedanken über das Geschehene und Kommende mischte sich in hartnäckiger Wiederholung das Nebensächliche. Er sah die Suchpunkte an der Schlüsselöffnung seines Schreibpultes. Während er sorgend überlegte, wie alles sich gestalten solle nach Cedes' Tode, drängten sich die Bilder in seine Vorstellung. Er mühte sich vergeblich, eine glatte, unberührte Fläche vor seinem inneren Auge erscheinen zu lassen, und gleichzeitig bemächtigten sich seiner andere Vorstellungen. »Wenn Deine Stunden nicht gezählt wären –!« hatte Clementina-Julia in gedämpfter, aber vor Wut bebender Stimme geflüstert und so heftig die Hand ihrer Schwester ergriffen, daß sie mit einem Aufschrei zurückgefallen war. Aber ebenso rasch hatte sich die Kranke auch wieder emporgerichtet, und bevor noch der drohende Schlußsatz Clementina-Julias Munde entwichen war, ihr heiser zugehaucht: »Halt! Sprich nicht mehr, damit Dich's nicht gereut für ein ganzes langes Leben. Es ist wahr! Ja, meine Stunden sind gezählt. Bezwinge Dich also in der Todesstunde, Julia – und höre und wisse –« hier fiel die Stimme in einen feierlichen, nur der Horchenden vernehmbaren Ton herab, »Ich schwöre Dir bei dem Höchsten, daß ich Dir nichts nahm, worauf Du allein ein Recht hattest. Freundschaft verband uns, und was Du eben sahest, war der Scheidekuß, den ein Bruder der Schwester gab. –« Clementina-Julia bewegte die Mundwinkel. Kein versöhnender Blick, viel weniger ein gutes Wort kam über ihre Lippen, und als nun gerade der Arzt in Begleitung ihrer Mutter das Krankenzimmer betrat, nahm sie deren Kommen als Vorwand zum Gehen, bot Cedes nicht einmal Adieu und sagte, sich mit kalter Miene zu dem während der Rede ins Nebenzimmer getretenen Kay wendend: »Ich habe meine Besorgungen gemacht! Der Wagen wartet unten nach unserer Abrede! Fahren wir?« Kay bewegte, kurz beipflichtend, den Kopf und trat an das Bett der Kranken zurück. »Morgen, Cedes, – morgen in der Frühe – Adieu –!« Während er ihre Hand faßte, sah sie flehend zu ihm empor, und für Augenblicke hing ihr Blick mit einem Ausdruck an seinem Antlitz, als sei seine Entfernung Sterben in dieser Sekunde. Dann aber neigte sie still das Haupt. – Als Kay und Clementina-Julia in den Pachthof einbogen, sahen sie Bomstorff und Carmelita auf dem breiten Stamm einer jüngst gefällten und hier neben dem gepflasterten Wege zunächst niedergelegten Buche beisammensitzen. Bomstorff erschien mit seiner großen Gestalt, dem langen Barte und der dunklen Kleidung wie ein Prophet, und Carmelita, die ein buntes Kopftuch um das Haupt geschlungen hatte, wie ein nicht in diese Welt gehörendes, fremdes Wesen. Er sprach langsam und gemessen und begleitete seine Worte mit Bewegungen seiner Arme, während sie das Haupt träumerisch zurückgelehnt hatte und ihm mit halb offenem Munde zuhörte. »Ah! Da kommen die Herrschaften, mein schwarzer Diamant! –« rief Bomstorff, als Huftritte ertönten, und zwei Pferdeköpfe im Hofportal erschienen. Carmelita sprang empor, lief einige Schritte vorwärts und schwenkte ein rasch hervorgezogenes, weißes Spitzentüchlein. Ihre lebhaften Blicke gingen zu ihrem Papa. »Willkommen! Willkommen!« rief sie. Aber in dem Auge ihres Vaters lag heute nicht der alte, zärtliche Ausdruck; er gab ihre Grüße ernst zurück, und ihre Mutter saß in dem Wagen, als sei sie aus Stein gemeißelt. Carmelita wußte, daß etwas Besonderes vorgefallen war. »Wie geht's Tante?« fragte sie befangen und griff nach ihres Vaters ausgestreckter Rechten. »Und darf auch ich meine Ungeduld befriedigen?« fügte Bomstorff, näher tretend und sich ehrerbietig vor der Gräfin verneigend, hinzu. Die Frau gab keine Antwort. Sie sah ihn so kalt an, als sei er ein Fremder und habe gar nicht gesprochen. »Kommt hinauf zum Abendessen, ich bitte, Vetter! Ich erzähle Euch dann von der armen Kranken –« erwiderte Kay mit trüb ernster Miene. – Bomstorff verbeugte sich; der Wagen setzte sich auf Kays Wink rasch in Bewegung, und der Prophet folgte mit seiner Schülerin langsam über den von den sinkenden Abendschatten eingehüllten Hofplatz. Bevor Kay und Clementina-Julia das Gefährt verließen, brach sie das Schweigen. »Ah! Welch ein furchtbarer Egoist bist Du doch, Kay!« stieß sie mit bebender Stimme heraus. »Und woraus leitest Du das gerade heute ab?« fragte er ohne Erregung in der Stimme. »Ist Mangel an Rücksicht gegen die Umgebung kein Egoismus? Gerade diejenigen Personen, die ich mit glühender Seele zu hassen ein Recht habe, sind Deine Freunde und Lieblinge. Wo sich nur immer eine Gelegenheit bietet, opferst Du mich, um sie –« »Nein!« erwiderte Kay mit stolzer Ruhe. »Das sind klingende Sätze ohne berechtigten Inhalt. Wenn Du nachdenken willst, triffst Du das Rechte.« Und die leise gesprochene Rede abbrechend, befahl er: »Nehmen Sie die Packete und die Kiste vom Wagen, Konrad!« Nun stiegen sie aus. Fünfzehntes Kapitel. »Sagt Kay und Carmelita, daß ich ihrer gedacht hätte in meiner Todesstunde! – Kay – Kay – –« Mit diesen Worten und mit einem letzten leisen Todesschrei, in dem derselbe Name noch einmal verklungen, war Mercedes verschieden. Als Kay am nächsten Tage das Haus betrat, war Clementina-Julias Schwester bereits tot. Man sagt, ein Mensch könne bei lebendigem Leibe sterben! Kay glich fast einem solchen, als er an dem Bett der Entschlafenen saß, und er blieb so verdüstert Wochen, Monate und wurde alt und grau in seinem Schmerze. Und auch über Carmelita kam's, als habe sich Sonne in Nacht verwandelt. Ihr Kummer war grenzenlos, und in dem schwarzen Trauerkleide glich sie, wie Bomstorff äußerte, einer dunklen Fichte im Mondenschein. Fast ein halbes Jahr verging, ehe das Kind wieder lachte oder auch nur lächelte. Sie wanderte allein oder mit ihrem Vater und Bomstorff durch den Wald und ins Unterholz, hörte, was man ihr sagte, aber gab kurze Antworten und war gänzlich verändert. Ein trauriger Sommer, ein trüber Herbst! Nun kam der Winter wieder, der Winter mit seiner Kälte, mit seinem mitleidlosen Antlitz. – Alles war verdorrt. Einige Male reckte sich Bomstorff in seinem Turmzimmer in die Höhe und stieß lange, tiefe Seufzer der Bedrückung aus. Der alte Lebensüberdruß hatte ihn erfaßt, und wenn nicht Carmelita täglich um ihn gewesen wäre, würde ihn vielleicht in diesem dumpfen Trauerleben der alte cynische Leichtsinn doch noch einmal erfaßt haben. Und der Mann begann Clementina-Julia zu hassen, wie sie ihn. Neben dem Munde der Frau bildeten sich tiefe Einschnitte, die Hochmut, Gier und Gefühllosigkeit eingruben. Sie hatte befreit aufgeatmet, als ihre Schwester gestorben war. Einer ihrer seit Jahren gehegten, heißen Wünsche war nun erfüllt. Mercedes war tot! Aber noch eine lebte, und jeder Tag schien Clementina-Julia ein Tag der Qual, so lange diese noch auf der Welt war! Wenn sie auch in den Stunden finstern Grübelns noch zuweilen bei dem Gedanken gezittert hatte, das Äußerste zu wagen, so konnte sie jetzt schon den Augenblick nicht erwarten, ihren furchtbaren Plan auszuführen. Und er schien nun wirklich gekommen zu sein! An einem finsteren, stürmenden Wintertage, der alle hoffnungsvollen Gedanken und jedes frohe Lebensgefühl verscheuchte, trat Kay in seines Verwandten Behausung und sagte ohne Übergang: »Hört, Vetter! Ich habe eine Idee. Wir wollen zusammen auf Reisen gehen, nach Berlin, Wien, Madrid, Paris und London. Wer weiß, wohin! Ich fühle, daß uns beiden ein frisches Schütteln notwendig ist. Meine Melancholie wird zur Krankheit; die Luft der Einförmigkeit in Dronninghof preßt mir den Atem ab. – Was meint Ihr zu meinem Plan? Mögt Ihr Euch anschließen? Erlaubt's Euer Leiden?« »Wenn Dich ein Glied ärgert, so reiße es aus!« lachte Bomstorff, zunächst der letzten Frage Antwort erteilend. »Ja! Hol' der Teufel das Grübeln über Pflicht und weise Beschränkung! Ein gelegeneres Anerbieten konntet Ihr mir nicht machen, Vetter! Mir ist, als kröchen Mäuse in meinem Gehirn, und Essen und Trinken und Trinken und Essen, und nichts fürs lebendige Auge und den hungernden Drang nach Abwechselung haben, tötet selbst einen vom Schicksal auf tausend Lebensjahre patentierten Kakadu! – Wir hausen hier zwar gut, Vetter, aber ›Vollblut hat leer Gehirn; zu leckerer Topf macht reich die Rippen, aber arm den Kopf –‹ sagt unser Gevatter William Shakespeare. Ja, mein teurer Freund ich bin dabei – mit ganzem Herzen und tausend Dank. Ehrlich gesprochen, hättet Ihr nicht diesen mit Gold ziselierten Einfall gehabt, es wäre an der Zeit gewesen, mich auf Abbruch zu verkaufen! Der ganze Kerl –« und Bomstorff polterte, faunisch lachend, durch das Zimmer – »war schon weniger wert, als die Locke einer Dirne.« »Und wie ist's mit der Gräfin? Geht sie mit? Und unsere Comtessa mit den zweiunddreißig weißen Perlen, die vor Vergnügen lachen, unter zwei solchen Augensternen ihren Wohnsitz zu haben?« Kay stieß mit der Kehle an, als ob er etwas dadurch in seinem Innern lösen wolle. »Nein! Nichts ist's mit der Gräfin! Wir gehen allein! Und Carmelita? Ja, das ist das einzige, worüber ich noch sinne. Ich wäre schon früher abgereist, wenn ich eine sichere Schublade für dies mein Juwel gewußt hätte. Ich denke, ich nehme sie mit und gebe sie in eine Pension, so lange wir unterwegs sind. Bis Frühjahrs Kommen, meine ich, wollen wir uns auf den Weg machen und zunächst nach Spanien reisen!« »Vortrefflich! Vortrefflich!« rief Bomstorff. »Und ich spüre keine Vorwürfe, wenn ich mich ganz auf Eure Tasche lege, Vetter! – Hört, was Timon von Athen sagt, ich las es just heute: ›O, Ihr Götter! denk ich, was brauchten wir irgend der Freunde, wenn wir ihrer niemals bedürften? Wir wären ja die unnützesten Geschöpfe auf der Welt, wenn wir sie nicht brauchten, und sie glichen lieblichen Instrumenten, die in ihren Kästen an der Wand hängen und ihre Töne für sich behalten. Wahrhaftig, ich habe oft gewünscht, noch ärmer zu sein, um Euch näher zu stehen. Wir sind dazu geboren, wohlthätig zu sein, und was können wir wohl mit besserem Anspruch unser eigen nennen, als den Reichtum unserer Freunde? O, welch ein köstlicher Gedanke ist es, daß so viele, Brüdern gleich, einer über des andern Vermögen gebieten?‹« Kay lachte, nahm Bomstorffs Anerbieten an, einen Cognae, einen Tropfen »Süßvergessen« zu trinken, verständigte ihn über den Tag der Abfahrt, lud ihn für den Abend zu einer kleinen Gesellschaft ein und empfahl sich. *           * * Clementina-Julia wußte im allgemeinen von Kays Plänen, und sie kamen ihr äußerst gelegen, aber das Günstige, was sich für sie aus ihnen ergeben konnte, schien nun doch ihren Händen entschlüpfen zu wollen. Beim Souper war mehrfach von der bevorstehenden Reise die Rede, und als einer der Gäste laut über den Tisch hinüber mit Kay eine Unterhaltung anknüpfte, die Absicht seiner längeren Abwesenheit berührte und der Zurückbleibenden gedachte, erwiderte er zu Clementina-Julias Überraschung: »Ich werde meine Tochter Carmelita mitnehmen, da ich sie in eine Berliner Pension geben will. Sie soll dort für Musik und Malerei, aber auch für den Haushalt ausgebildet werden. Meine Frau mit den Jüngern werden mir, wie ich hoffe, entgegenreisen, sobald die Jahreszeit im nächsten Jahre es gestattet.« Wie ein Blitz traf Clementina-Julia diese Erwiderung mit ihrem unerwarteten Inhalt. Carmelita wollte er mitnehmen, während sie sicher angenommen hatte, er werde sie zurücklassen oder zu den Schwiegereltern geben! Alles hatte sich schon in den Gedanken der Frau gestaltet: Sobald Kay in Madrid angelangt sein würde, wollte sie ihm telegraphisch melden, daß Carmelita bedenklich erkrankt sei, und bereits am folgenden Tage ergänzen, daß der Tod sie unerwartet rasch fortgerafft habe. So eilig konnte Kay nicht zurückkehren, daß die Leiche noch über der Erde stand, und lag sie erst einmal im Sarge, war alles gut, und Fragen nach Krankheit und Verlauf hatten nur die Bedeutung, daß irgend eine Antwort gegeben werden mußte. Freilich, eins beschäftigte Clementina-Julia noch. Mußte sie nicht den Arzt zu Rate ziehen? Nein! Einem scheinbar leichten Unwohlsein konnte die Krisis so unerwartet schnell gefolgt sein, daß keine Zeit zu einem Rufe nach ihm geblieben war. Aber möglicherweise mußte sie den Doktor vor der Beerdigung der Toten noch einmal an das Sterbebett führen! Und wenn es nicht geschah, was dann? Würde die Unterlassung nicht auffallen? Vielleicht! Denkbar! Sicher! Aber kluger Umsicht bedurfte die That überhaupt, und der Augenblick der Not schuf meist den besten Entschluß. Und das war nun alles hinfällig! Der Trank, den Clementina-Julia schon in ihren Gedanken gemischt hatte, und der so rasch dahinraffte, wie ihre Wünsche ungeduldig waren, war jetzt, wie schon einmal früher, blos einer Katze Tod! Nur mit gewaltiger Mühe gelang es der Frau, ihre äußere Fassung zu bewahren. Seit über Jahresfrist fraß, wie eine schleichende Krankheit, der Gedanke in Clementina-Julias Seele, auf welche Weise sie Carmelita beseitigen könne. Als jetzt die günstige Gelegenheit mit der Unmöglichkeit so rasch wechselte, gesellte sich zu der Krankheit ein tobendes Fieber, das ihr Kraft und Atem nahm. Alles brannte in ihr nach Befreiung. Und die Befreiung – die Heilung – war die That – oder der Verzicht! – Verzicht –? Verzicht –? Während Clementina-Julia auf die Reden ihres Tischnachbars hörte, der den zarten Rehrücken und den vortrefflichen alten Rotwein rühmte, flogen durch ihr Gehirn die Worte: »That oder Verzicht?« Einmal kam ihr der Gedanke »Verzicht« als die einzige wirkliche Befreiung vor. Sie erinnerte sich der Vergehen, bei denen doch endlich der Urheber des Verbrechens entdeckt worden war. Sie überlegte die Folgen: die Seelenqualen, die Reue, die Verhöre, die Strafen. – Ihr schauderte! – Aber das waren doch nur flüchtige Aufblitze der Furcht! Verstand, Vernunft hatten keine Sprache mehr. Ein Todeshungriger überlegt nicht, ob die Speise ihn töten kann. Er will, er muß seine Gier befriedigen! Der Verdurstende bückt sich in den schmutzigsten Sumpf und trinkt den Schlamm, der vielleicht tausend Todeskeime in sich birgt. Der Sinnliche will den Gegenstand seiner ruhelosen und heißen Phantasie! Er kann nicht anders! Es sei denn, daß ihn im letzten Augenblick ein Gott mit tränenden Augen – seine bessere Natur – am Arme fasse! Und nichts anderes als Hunger und Durst und Leidenschaft war der unbefriedigte Haß in Clementina-Julia. Sie schrie wie ein vom Hungerfieber gequältes Tier nach ihrem Opfer und überlegte nicht mehr die Folgen. Als nach Tisch musiziert ward, als auch Clementina-Julia sich in dem von strahlendem Kerzenlicht erfüllten und von dem Hauch vornehmer Wohnlichkeit durchzogenen Balkongemach, scheinbar aufmerksam lauschend, in ihrem Sessel zurücklehnte, aber nichts hörte, nur mit sich beschäftigt, das entsetzlich quälende Gefühl der Unbefriedigung abzustoßen suchte, drangen noch einmal mahnende Stimmen auf sie ein und redeten eine dringliche Sprache: »Es geht nicht! Es ist umsonst! Reiße den Entschluß aus Deinem Innern!« Unter den einschmeichelnden Klängen der Musik, der sie nicht bewußt folgte, die aber doch ihr Ohr in sich aufnahm, wurden ihre Gemütsregungen sanfter. Für Sekunden gewann ihre bessere Natur, gewann ihre Vernunft noch einmal die Oberhand. Aber da trat zum Unglück Carmelita mit ihrer anmutsvollen Erscheinung in den Salon und folgte einer Aufforderung Kays und der Gäste, etwas vorzutragen. Sie setzte sich alsbald an das Klavier, spielte und sang. Die Blicke der Frau flogen über die Gestalt des Kindes. Wie reizend waren die Linien ihres Körpers, wie edelgeformt das Hinterhaupt und die zarten Schultern. Und wie bestrickend waren die Laute, die aus ihrer unschuldigen Kehle drangen; sie schien nicht zu singen, sondern singend zu sprechen. Als sie geendet hatte und sich den Gästen wieder zuwandte, flammten noch sanfte Feuer der Begeisterung in ihren Augen, und färbten noch Fluten der Erregung ihre dunklen Wangen. Und da fand die Frau Kays Tochter so über alle Beschreibung schön und so hassenswert zugleich, daß sie am liebsten aufgesprungen wäre und sie erwürgt hätte. Und die Leidenschaft faßte abermals feste, nun aber auch unausreißbare Wurzeln, und sie gebar auch einen Plan. Es gab noch einen Ausweg! Clementina-Julia atmete auf. Ja, so sollte es sein! Bevor sich Carmelita aus der Gesellschaft entfernte, trat Clementina-Julia mit gütiger Miene auf sie zu und redete mit ihr über die Reise. »Papa hat seinen Entschluß so rasch gefaßt, daß wir nun noch gar nicht mit der Toilette in Ordnung sind« – hub sie an. »Seine Absicht, das alles fertig in Hamburg zu kaufen, ist kaum ausführbar und wird jedenfalls auch Aufenthalt verlangen. Ich habe gedacht, liebes Kind, wir lassen die Herren voraus reisen und machen uns noch acht Tage tüchtig an die Arbeit. Ich würde Dich dann vielleicht selbst nach Hamburg oder Berlin begleiten. Was meinst Du, Carmelita?« Das Kind mit seinem arglosen Gemüt und seinem liebebedürftigen Herzen ward durch den ungewöhnlich freundlichen Ton der Rede aufs angenehmste berührt. Er bewirkte, daß sie ihrer Mutter lebhaft und ohne Mißtrauen zustimmte. »Gewiß, wenn Du meinst, Mama! Ganz wie Du wünschest –« gab sie zur Antwort. »Gut! Dann sprich auch Du mit Papa und stelle ihm das als wünschenswert vor! Bei seiner entschiedenen Art müssen wir uns schon verbinden –« schloß sie lächelnd und strich mit der Hand über Carmelitas Haupt, als dränge ihr Herz nach einem Ausdruck der Zärtlichkeit. Zufällig stand Bomstorff neben Kay, als Carmelita, den Anwesenden Gute Nacht bietend, auch an ihren Vater herantrat. Er beugte sich, wie immer liebevoll zu ihr herab, und Bomstorff, von ihrer Schönheit hingerissen, murmelte vor sich hin: »Der Glanz der Engel konnte nicht erlöschen, ob auch der glänzendste von ihnen fiel. Ob alles Böse sich in Schönheit hüllte, die Schönheit würde drum nicht häßlich sein. –« Carmelita aber brachte ihre und ihrer Mutter Wünsche zur Sprache und redete eifrig auf ihren Vater ein. »Hm!« machte Kay. »Ich sollte nur meinen, daß das, was Du für die Reise brauchst, nicht eben viel sein kann und auch vorhanden ist. Ich habe daran gedacht, Dir lieber in Berlin – wir gehen über Berlin, um Dir dort Dein Nest zu machen, – einige Toiletten anzuschaffen, wir werden dort größere Auswahl haben –« Aber Carmelita, in dem ehrlichen Bestreben, ihrer Mutter Wünsche zu erfüllen, redete ihm zu, hob den Preisunterschied hervor und schlug ihn endlich mit dem Hinweis, daß er stets betont habe, er halte sich verpflichtet, seine Einkäufe – wenn immer möglich – in seiner Heimat zu machen. Kay sah in die guten, schönen Augen seines Kindes. Wie leicht war ihr Herz zu rühren, – wie empfänglich war sie für Liebe! Er konnte ihr auch in diesem Augenblick nichts abschlagen. Was immer sie gefordert hätte, er würde es ihr gewährt haben! Sie aber sah an seinem Blick, daß sie ihn bezwungen hatte, und wandte sich mit neckischer Rede und Handkuß von ihm. Auch Bomstorff bot sie die Rechte zum Abschied. »Gute Nacht, schöner Schwan mit dem schwarzen Gefieder –« stieß Bomstorff trotz Kays wiederholt ausgesprochener Bitte, ihr keine Artigkeiten zu sagen, heraus. – »Mögen die Götter des Traumes und Schlafes die ganze Welt vergessen, aber Ihnen diese Nacht einen Einblick in ihre herrlichsten Himmel eröffnen.« »Nein! Nein!« erwiderte Carmelita, und etwas von Cedes' schelmischem Wesen begleitete ihre Worte: »So soll's nicht sein! Ich will mich aber nachher durch den Wald an Ihr Hinterfenster schleichen und so lange Wiegenlieder singen, bis der kleine Hugo eingeschlafen ist.« Sie kicherte vergnügt, nickte und verschwand. »Bitte Gevatter!« warf Bomstorff in einem ernsten Tone hin, nachdem sich Carmelita entfernt hatte: »Habe ich recht gehört? Wird uns die Komtesse nicht begleiten?« Kay verneinte, und in Bomstorffs Mienen trat ein zerstreuter Ausdruck. In diesem Augenblick entstand eine Bewegung unter den Gästen, sie rüsteten sich zum Gehen. Kay ward dadurch veranlaßt, von Bomstorff zurück zu treten, und rief ihm lachend und im eiligen Fortgehen zu: »Natürlich, Sie können es nicht erwarten, daß mein Töchterchen mit uns durch die Welt fährt. Es wird am Ende sicherer sein, ich lasse sie überhaupt hier! Die Sache wird gefährlich! –« Nun entschwand er Bomstorffs Blicken, und jener wandte sich dem Ausgange zu. – Als Kay am Morgen der Abreise bereits zum Einsteigen an den Wagen getreten war, kam Clas atemlos herbeigeeilt. »Der Herr Baron lassen sagen: Herr Graf möchten verzeihen, aber er hätte plötzlich so starke Schmerzen, daß er sich nicht bewegen könnte. Er bittet aber, die Reise nicht zu verschieben. Herr Baron würde möglichst schon morgen nachkommen.« »Ah!« stieß Kay ungeduldig heraus. »Und welch schlechte Aussichten für die Reise überhaupt! –« verklangs unmutig zwischen seinen Lippen. Aber seiner entschiedenen Art entsprechend, änderte er seinen Entschluß nicht, ließ nur Bomstorff sein Bedauern ausdrücken, übergab Clas die Adresse des Hamburger Hotels, in dem er absteigen wollte, und wies ihn an, solche dem Baron einzuhändigen. »Adieu! Adieu! Lebt wohl! Mach's gut, Clementina-Julia! Adieu, Ihr lieben Kinder!« Jetzt schwang der Kutscher die Peitsche, und der Wagen flog davon. In der dem Gesellschaftsabende folgenden Nacht war Clementina-Julia Bomstorff im Traum erschienen. Was er am Abend gesehen, was ihn wachend beschäftigt, war mit beängstigenden Traumbildern im Schlaf auf ihn eingedrungen. Während Kay beim Schluß des Festes mit Carmelita gesprochen, hatte Bomstorff Clementina-Julias lauernde Blicke aufgefangen, und diese Blicke riefen plötzlich eine Unruhe in ihm hervor, der er nicht Herr zu werden vermochte. Ohnehin nicht arglos, ward er geradezu erschreckt durch den teuflisch-boshaften Ausdruck in dem Gesicht der Frau. Kays sorglose Mienen hatten vorübergehend seine Besorgnisse wieder verscheucht. Aber als er am nächsten Morgen erwacht war, hatten die ihn vor dem Einschlafen abermals bestürmenden Gedanken eine festere Gestalt angenommen, und so mächtig hafteten die Eindrücke des Erlebten und des Traumes, daß er sich unwiderstehlich gedrängt fühlte, die Reise wenigstens für diesen Tag noch zu verschieben. Mochte kommen, was da wollte, er ging nicht! Er fühlte die Pflicht, über Carmelita zu wachen und sie sicher in die Arme ihres Vaters zu führen. Er blieb auch an diesem Tage in seinem Zimmer und ließ nur Carmelita zu sich herein, die in der Abenddämmerung an seine Thür pochte um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Sie schien noch etwas auf dem Herzen zu haben, was sie ihm mitteilen wollte. »Der Traumgott hat Ihre Wünsche nicht erfüllt –« hub sie, nachdem einige gleichgültige Dinge berührt waren, an. – »Ich schlief so unruhig – Meine Mutter« – »Ihre Mama –? Was? Was, Komtesse –?« fuhr Bomstorff, ganz von seinen Vorstellungen beherrscht, auf. Er sah die angstvollen Mienen, welche die Worte »Meine Mutter« begleiteten, und konnte nicht erwarten, Näheres zu hören. Carmelita sah die forschenden Augen des Mannes auf sich gerichtet, und eine bisher versteckte, grenzenlose Unruhe quoll von neuem in ihr auf. »Sie fragen mich so eindringlich. Sie erschrecken mich!« stieß sie mit zitternden Augen heraus. »Ja, ja, meine holde, schwarze Taube, vergeben Sie mir! Aber reden Sie, erzählen Sie. Ihre Mutter, sagen Sie –?« »Ja, meine Mutter war im Traum, oder in Wirklichkeit an meinem Bette, und sie bückte sich über mich, packte meine Kehle und rief: Du mußt sterben! –« »Genug, genug! Halten Sie ein, Komtesse!« rief Bomstorff, schritt stürmisch auf und ab und griff sich an die Brust. »Und bitte! Setzen Sie sich gütigst, Komtesse, und hören Sie mich an!« fuhr er, sich fassend und seine Worte genau wägend, fort, nachdem er dann wieder Carmelita durch Blicke zu besänftigen gewußt hatte. »Mich befiel gestern bereits eine große Sorge, als ich hörte, daß Sie hierbleiben sollten. In der Nacht träumte mir – seien Sie ruhig und glauben Sie, daß es gut war für uns beide, – für Sie, meine ich – Ähnliches, wie das, was Sie mir erzählen, und deshalb schützte ich Schmerzen in meinem Bein vor und blieb. Doch nicht eben aus Mißtrauen gegen Ihre Mama, sondern ans irgend einem, mir selbst unerklärlichen Zwange. Nun kommen Sie aber und berichten mir dieselben grausigen Dinge. – Es ist mir seltsam, daß ich mit Ihnen dergleichen besprechen muß, und alles, meine teure Komtesse, wird nur eine thörichte Vorstellung sein, – indes, – indes –« Bomstorff hielt inne. »Nun? Herr von Bomstorff« – »Nichts! Garnichts, liebe Komtesse! Ich möchte Sie nur ersuchen. vorsichtig zu sein, daß Sie sich nicht verletzen, daß Ihnen nichts zustößt. »Achten Sie auf alles, was Sie umgiebt, – ich meine – während dieser Tage – seien Sie sorgsam um Ihre Person. – Ich werde auch mit Ihrer Frau Mama sprechen, daß sie Sie behütet, selbst auf die Gefahr hin, daß sie meine Befürchtung belächeln sollte.« »Nein,« erwiderte Carmelita mit angstvollem Ausdruck. »Reden Sie nicht mit ihr. Ich beschwöre Sie! – Ihren Rat aber werde ich befolgen.« Sie sprach nur diese wenigen Worte und schaute dann starr wie eine Abwesende vor sich hin. Dann aber schossen Tränen aus ihren Augen, eine zitternde Erregung flog durch ihren Körper, und plötzlich fiel sie leichenblaß zurück. »Ich muß es Ihnen sagen – ja, ja – vielleicht war's nichts – Herr von Bomstorff. Aber ich kam nicht umsonst hierher, und Ihre Ahnung, und was ich heute erlebt habe –« Sie stockte. Der Schweiß brach hervor aus ihrer Stirn, und nur mühsam vermochte Bomstorff sie aufzurichten. »Beruhigen Sie sich! Sprechen Sie, teure Komtesse!« drang es sanft aus seiner Brust. Und da sagte Carmelita, schaudernd und in kurzen Sätzen die Worte herauspressend: »Heute mittag, bei Tisch, wollte Julia zu trinken haben, und ich schenkte ihr ein. Als ich mir selbst auch Wasser ins Glas goß, befahl Mama, ich möchte die Nußknacker, die auf dem Büffet lagen, herbeiholen. Eben waren Charlotte und das Fräulein aus dem Zimmer gegangen. Da hörte ich, daß Kay rief: »O, Zucker bekommt Carmen in ihr Wasser?« Als ich mich umwandte, beugte sich Mama zornig zu ihm herab, und er begann zu weinen. – Julia war gerade aufgestanden, um ein Fruchtmesser zu nehmen. Sie stand an meiner Seite, und als ich nun an den Tisch zurücktrat, ergriff sie mein Wasserglas statt des ihrigen und setzte es an den Mund. Und da sprang Mama empor und schlug ihr über den Tisch das Glas so heftig vom Munde fort, daß es auf die Erde fiel und zerbrach. Und – ich weiß nicht, wie es kam, da fiel mir die furchtbare Nacht ein, und als sie mich dann plötzlich so entsetzlich ansah, – gerade wie im Traum, fiel ich in meiner Angst auf die Knie und rief: »Bitte, bitte! Thu' mir nichts! Thu' mir nichts!« Sie aber schalt mich wegen meiner Albernheiten und sandte uns alle fort. – Nun habe ich – habe ich –« »Sprechen Sie, Komtesse, – sprechen Sie!« ermunterte Bomstorff mit ruhiger Stimme, obgleich ihm eisige Schauer durch die Seele zogen. »Nun habe ich gedacht, Mama wollte etwas mit dem Wasser thun, und es wäre etwas darin –« »Darin? Was, Komtesse?« rief Bomstorff, und die Haare sträubten sich vor Entsetzen auf seinem Haupte empor. Aber Carmelita war nicht mehr imstande, zu antworten. Plötzlich wurde sie ohnmächtig und fiel in Bomstorffs Arme. Der Mann war im ersten Augenblick nicht Herr eines klaren Gedankens. Er sah auf die geschlossenen Augen des Kindes, ward aufs furchtbarste beunruhigt durch die jähe Veränderung ihrer Gesichtsfarbe und stellte sich die schlimmsten Folgen vor Augen. Dann aber raffte er sich auf, hob Carmelita sanft empor und trug sie mit seinen Riesenarmen auf den Divan. Hier bettete er sie und begann unverzüglich mit Wiederbelebungsversuchen. Er feuchtete ihr die Stirn und rieb die Handgelenke. Und als das nicht half, sann er auf anderes. Es schien erforderlich, Kleid und Mieder zu lösen, damit die Atmungsfähigkeit erleichtert werde. Aber sein Zartgefühl regte sich, ob ihm solche Dienstleistung zustehe. Er schaute sie an. Da lag vor ihm Kays Tochter in dem ersten Aufknospen der Jugend, liebreizend, hinreißend schön wie eine Psyche. Sollte er ins Herrenhaus eilen? Dann war er gezwungen, selbst zu gehen, da sein Diener Clas nicht mehr anwesend war. Nein, das ging nicht, er durfte Carmelita nicht so lange allein lassen, und er wußte auch, wenn er Hilfe von dort herbeiholte, wie alles kommen werde. Richtiger und der Sachlage angemessener war's, er handelte selbst, und es galt auch unverzüglich zu handeln! Er löste vorsichtig des Kindes spitzenbesetztes Kleid und Kragen; er machte ihren Hals und die zarte Brust unter dem Untergewande frei. Er that es mit der sanften Behutsamkeit einer dienenden Schwester, und wie ein zärtlich sorgender Bruder richtete er den Blick auf ihr Angesicht und beobachtete die Wirkung seiner Fürsorge. Und als er sich dann herabbeugte und spürte, daß der Herzschlag an Kraft gewann, belebten sich seine Züge. Er rieb ihr wiederum Schläfen und Nacken und benetzte auch von neuem ihr Gesicht. Endlich richtete er sie empor und wußte ihr etwas Cognac und Wasser einzuflößen. Und dann gelang's! Carmelita schlug die Augen auf, blickte verwirrt um sich, – sah sich selbst an, erschrak, legte die Hände in sittsamem Erschrecken auf die Brust und richtete einen ängstlich fragenden Blick auf den Mann, der frohbewegt, aber mit einem Nachhauch von zagender Unsicherheit vor ihr stand. »Sie wurden ohnmächtig. teure Komtesse,« erklärte er. »Es hat lange gewährt, bevor Sie wieder zu sich kamen. Ich that alles, was mir nützlich schien! Gottlob, – Sie atmen kräftiger. – Soll ich die Fenster öffnen? Wie ist Ihnen –?« Und als sie nicht gleich antwortete, vielmehr noch immer ängstlich und wie bedroht ihn anblickte, auch dann mit dem tiefen Rot der Scham hastig an ihren Kleidern ordnete, machte er eine ehrerbietig stumme Bewegung und begab sich ins Nebenzimmer. Nachdem er gegangen war, trat in Carmelitas Angesicht ein Ausdruck, als ob sie etwas ihn Verletzendes gethan habe, und rasch vollendete sie ihre Toilette und rief ihn mit gütiger Stimme zurück. Auch sah sie ihn mit ihren seelenvollen Augen an. und diese sprachen eine beredte Sprache. Er aber verstand sie, und über sein Angesicht flog es wie Sonnenschein. Zuletzt war's Carmelita, die zuerst wieder das Wort nahm. »Ich kann nicht ins Haus zurück –,« erklärte sie. »Unmöglich! Wollen Sie mich – jetzt gleich – zu meinen Großeltern in die Stadt bringen und meinen Papa benachrichtigen. – Ich will zu ihm, ich muß ihn sprechen! –« Aber schon nach diesen wenigen Worten veränderten sich abermals die Züge ihres Angesichts. Der entschlossene Ausdruck wich einem hilflosen, zaghaften, der sie unbeschreiblich rührend erscheinen ließ. Die furchtbaren seelischen Eindrücke übten von neuem ihre Nachwirkung; sie brach in bittere Tränen aus und sank in einen Stuhl. »Ach, bleiben Sie bei mir, verlassen Sie mich nicht, Herr von Bomstorff! –« flehte sie. »Ich will zu meinem Vater, – bald – bald. – Mir graut, – ich ängstige mich. – Schon der Gedanke, – vor meine Mutter hinzutreten –« Ein Schütteln flog über ihren Körper, und ein Fieber schien sie zu durchschauern. »Gewiß, gewiß, liebe Komtesse. Was Sie wünschen, soll geschehen, verlassen Sie sich darauf –« beruhigte Bomstorff. »Und wir wollen gleich handeln. Ich werde sofort einen Wagen beordern.« »Ja, ich bitte! Lassen Sie anspannen. Ich bleibe hier. Ich schließe ab, während Sie fortgehen.« »Sehr gut! – Ich eile! Verzug ist schon deshalb zu vermeiden, weil man Sie vermissen wird.« Carmelita pflichtete lebhaft bei. »Gewiß, – obgleich ich vorgab, zu Behmers gehen zu wollen.« Bomstorff trat ins Schlafzimmer, um seinen Mantel zu holen. Er griff nach seinem Stock und suchte noch einige Kleinigkeiten, die er mitnehmen wollte. Carmelita saß da, bleich, aber sich bezwingend, voll Spannung sein Thun verfolgend und der weiteren Dinge harrend. »Also baldigst bin ich mit dem Wagen hier, Komtesse. Ich werde Auftrag geben, daß Ihre Frau Mama erst nach unserer Abfahrt benachrichtigt wird –« fügte er, bereits an der Thür stehend, hinzu. »Doch halt, wäre es nicht besser, das zu schreiben?« unterbrach er sich und trat nochmals ins Zimmer zurück. Lautlose Stille trat ein. Nur das Kritzeln der schwerfällig arbeitenden Feder unterbrach das eingetretene Schweigen. Aber dann wards plötzlich draußen unruhig. Man pochte wiederholt laut, eindringlich, und beide – Bomstorff und das Kind, – fuhren empor. »Gehen Sie in mein Schlafzimmer, Komtesse –« riet Bomstorff mit leiser, entschiedener Stimme. »Oder nein – bleiben Sie!« – berichtigte er sich in einem ebenso festen Ton und reckte sich empor, wie ein Mensch, der sich gegen die Gefahr gewappnet hat. Alsdann öffnete er mit einem kräftigen »Herein!« selbst die Thür. In ihrem Rahmen stand, von Konrad begleitet, Clementina-Julia! »Entschuldigen Sie die späte Störung, Herr von Bomstorff –« hub sie in ihrer kühlen Art, aber in einem deutlich erregten Tone an. »Seit einer Stunde bereits suchen wir Carmelita. Ist sie vielleicht –« »Ja! Sie ist hier,« erwiderte Bomstorff einfach. »Ich bitte gehorsamst, wollen Sie nicht näher treten, Frau Gräfin.« »Warten Sie draußen, Konrad!« befahl Clementina-Julia und trat in das Gemach. Nun schloß sich die Thür. Aber bevor noch weitere Worte gewechselt wurden, stieß sie Bomstorff unter höflicher Entschuldigung gegen Julia wieder auf, rief Konrad heran und erteilte ihm mit raschen Worten einen Auftrag. Als er zurückkehrte, hörte er, wie Clementina-Julia heftig auf Carmelita einsprach. »Ich bitte, wollen Sie nicht gütigst Platz nehmen, gnädige Gräfin!« unterbrach Bomstorff die Eifernde. Und zu Carmelita gewendet, die unschlüssig, zitternd dastand: »Gestatten Sie mir, Komtesse, daß ich mit Ihrer Frau Mama einige Worte allein rede? Würden Sie sich freundlichst in das Nebenzimmer zurückziehen? Ich danke Ihnen. –« Carmelitas Züge erhellten sich, und sie gehorchte mit einem dankbaren Blick auf den Freund. Aus Clementina-Julias Angesicht aber wichen die Farben und hastig, als ob Zeit Verlust bedeute, stieß sie die Worte aus dem Munde: »Was ist's, Herr von Bomstorff? Und vor allem eins. Ich begreife nicht, daß man mich in eine solche Unruhe versetzt! Carmelita entfernt sich, ich lasse sie suchen, man findet sie nirgends, auch bei Behmers nicht, wohin sie gehen zu wollen vorgegeben hatte. Nun, nun? Was soll das alles?« Sie sprach den letzten Satz brüsk wie eine Herrscherin, die ihren Diener vor sich hat. Aber Bomstorff ließ sich nicht beirren. Er blickte ihr unerschrocken ins Angesicht, und als sie geendet hatte, sagte er höflich, aber entschieden jedes Wort durch starke Betonung hervorhebend: »Eben wegen Ihres begreiflichen Erstaunens, Frau Gräfin, nehme ich mir die Erlaubnis zu der Bitte, einige Augenblicke mit Ihnen allein sprechen zu dürfen. Die Tochter meines Freundes und Wohltäters, des Grafen Kay von Witzdorff, hat sich unter meinen Schutz begeben. Sie wird in wenigen Augenblicken auf ihren Wunsch nach Schleswig zu ihren Großeltern fahren, und morgen erwartet sie den Grafen Kay daselbst, der von Hamburg zurückkehrt.« Clementina-Julia öffnete den Mund, als wolle sie den Mann, der vor ihr stand, mit den Zähnen zerreißen. Wie bei einem Raubtier blitzten die weißen Reihen, und ein heißer Atem drang aus der arbeitenden Brust. Nun war also alles dahin! Ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen. Carmelita wußte jegliches, und Bomstorff hielt die Vorgänge für so außerordentlich, daß er Kay zurückrief. »Und Ihre Berechtigung zu solcher Einmischung in die Angelegenheiten meines Hauses?« stieß sie, die Klugheit völlig beiseite setzend, heraus und warf, während sie sich erhob, den Bomstorffschen Erbsessel so ungeschickt beiseite, daß er umschlug und polternd zu Boden fiel. »Ich bitte um eine Erklärung.« »Gewiß! Da Sie es befehlen, Frau Gräfin. –« erwiderte Bomstorff, schwerfällig sich bückend, mit gleichbleibender Ehrerbietung. »Die Komtesse hat Furcht, in das Herrenhaus zurückzukehren. Sie gab mir auch ihre Gründe an. Furcht, Frau Gräfin, eine so starke Furcht, daß ich sie eben erst aus einer langdauernden Ohnmacht befreit habe. Ich glaube, der Komtesse Wünsche erfüllen zu müssen, weil ich ihre Motive gerechtfertigt finde, und der Richter unserer Handlungsweise – Ihr Richter und der meinige, – wird Graf Kay sein. Verzeihen Sie nach dieser Darlegung, wenn ich, meinem pflichtmäßigen Drange folgend, vielleicht Ihren Wünschen entgegentrete, gnädige Gräfin. – Ah, der Wagen! –« schloß Bomstorff, als Konrad nun eben die Thür öffnete und die Ankunft desselben meldete. »Nochmals Vergebung, meine Gnädigste! – und – Komtesse! Wollen Sie so liebenswürdig sein? Unser Gespräch ist beendet –« Und als nun Carmelita mit ihrem ängstlichen Antlitz hervortrat, aber doch mit entschlossener Miene ihre Mutter anblickte, da machte Clementina-Julia zwar noch einen Versuch, ihrer Autorität Geltung zu verschaffen, indem sie ausrief: »Du bleibst, Carmelita! Ich befehle es Dir! Ich wünsche nicht, daß Du dergleichen abenteuerlichen Eingebungen folgst und bei Nacht und Nebel Dronninghof verläßt!« Aber sie war doch nicht überrascht, als Bomstorff gegen ihr Geheiß bedauernd die Achseln zuckte, Carmelita mit kavaliermäßiger Artigkeit ein Tuch um die Schultern warf, ihr den Arm bot, die Thür öffnete und mit höflich stummer Miene an Clementina-Julia vorüber an den Wagen schritt. – »Löschen Sie die Lichter, schließen Sie die Thür und geben Sie dem Hofwächter die Schlüssel, Konrad!« befahl er in einem Ton, als sei er der Herr, verbeugte sich nochmals von hier aus mit äußerster Ehrerbietigkeit vor Clementina-Julia, half Carmelita, die rasch, mit befreiter Miene in den Wagen stieg, gab, ihr folgend, das Zeichen zur Abfahrt und flog davon. Sechzehntes Kapitel. Über Dronninghof raste der Sturm. Der winterliche Himmel sandte herab, was irgend nur an Vernichtung die schwere; graue Wölbung barg. Regen und Eis wirbelten aus der Luft, zerflossen und gerannen, warfen Berge auf und schufen Seen, und der eisige Nord tobte um das Herrenhaus und riß an den festen Mauern. Und nun jagte mitten durch den gepeitschten Sturm ein Wagen über den Pachthof von Dronninghof, und wenige Sekunden später hielt er vor der Ausgangstreppe. »Niemand da?« Der Kutscher sprang in den hohen Schnee herab, eilte die Stufen empor und läutete. Jetzt erschien Konrad, – ein anderer Diener folgte. »Herr Graf?« fuhr's überrascht aus beider Munde. »Ist die Gräfin anwesend? Melden Sie, daß ich da sei! Und Sie, Konrad, sorgen Sie für warme Zimmer. Auch Kaminfeuer soll angefacht werden!« Die Diener verbeugten sich und eilten fort. Kay betrat seine Gemächer, warf Pelz und Reisemütze von sich, fuhr mit den Händen über die Stirn und wanderte auf und ab. Erst nach geraumer Zeit erfolgte die Meldung, daß die Gräfin unwohl sei, das Bett noch nicht verlassen habe und sich bei dem Grafen entschuldigen lasse. »Bestellen Sie, daß ich trotzdem aufzustehen bäte. Ich erwartete die Gräfin in meinem Zimmer! –« Und abermals schritt er einher, ruhe- und atemlos wie ein eingesperrter Löwe. Minuten, eine Viertelstunde verrann. Nichts! Kay riß an der Klingelschnur. Erschrocken und bestürzt eilte die Dienerschaft herbei. »Nun? Wo ist die Gräfin? Die Zofe soll kommen!« Konrad ging, und Kay wartete von neuem. Aber niemand erschien. Da brach dem Manne die Geduld. Er stieß die Thür auf, trat auf den Vorplatz und schaute empor. In diesem Augenblick erschien Clementina-Julia auf den Treppenstufen. Mit einem »Ah! Es war Zeit!«, das sich zwischen seinen Lippen hervorpreßte, trat er zurück. und nach einigen Sekunden stand sein Weib vor ihm. Er winkte ihr mit kaltem Kopfneigen, näher zu treten, wies auf einen Sessel, schloß die Thür ab, lehnte sich mit dem Rücken an den Schreibtisch und sagte eisig, ohne Übergang: »Wähle, Clementina-Julia, zwischen Tod und Geständnis! So wahr ich Kay Witzdorff heiße: Sprichst Du nicht die Wahrheit, so mußt Du von meiner Hand sterben!« »Kay! –« schrie die Frau. »Was willst Du?« Sie schnellte empor – ihre Glieder flogen, ihr Auge war starr auf ihn gerichtet. Aber der Mann stand da wie eine Bildsäule und was sie sprach, rührte ihn nicht. »Ich werde fragen, und Du wirst antworten! Merke, wenn Du gestehst, soll Dir werden, was Du brauchst bis an Dein Lebensende. Die Frau, die Kay Witzdorff einst geliebt hat, die ihm seine Kinder gebar, soll lebend nicht darben. Aber geschieden sind wir von einander von heute für alle Zeiten! Deine That hat's vollbracht. Mußt Du aber sterben, wohl, so trage ich die Folgen! – Ich töte mich vielleicht selbst. – Und doch! Nein! Was soll aus meiner Carmelita werden, was aus meiner Julia und meinem Kay – –?« Des Mannes Stimme brach. Und erst wieder nach Sekunden flüsterte er, sich aufraffend: »Gott im Himmel, der Du über mir wohnst, gieb mir Fassung und Ruhe! Und verzeih', wenn ich statt Deiner richten muß. Wenn selbst die Natur draußen sich zu empören scheint in der Nachwirkung des Ungeheuerlichen, muß nicht die lebendige Kreatur aufzucken?« Und dann wieder mit fester Stimme zu Clementina-Julia gewendet, die wie eine Irrsinnige vor sich hinstarrte: »Thatest Du – – Gift in das Wasserglas, das auf dem Speisetisch stand? Ja, oder nein, Clementina-Julia?« Keine Antwort; Totenstille. Der Mann sah sein Weib an und grub sich mit seinen grimmigen Blicken in ihre Augen. »Nun, antworte!« schrie er. Ja, er schrie es unter der rasenden Empörung, die sein Inneres durchwühlte. Es klang wie Sturmwetter aus den Wolken. Aber sie sagte auch jetzt nicht Nein und sprach kein Ja. Sie fiel nieder auf die Erde, schleppte sich zu ihm und umklammerte seine Knie. Er aber machte sich los, und mit einem verrichtenden »Fort, menschliche Bestie! Aus meinen Augen!« schleuderte er sie von sich. »Und also Wahrheit! Wahrheit!« stöhnte er, fiel in einen Sessel, und verbarg sein Angesicht in den Händen. Eine lange, stumme Pause entstand. Keiner sprach. – Endlich reckte sich Kay Witzdorff in die Höhe. »Geh!« befahl er. »Du hast gestanden, und das Leben ist Dir geschenkt! Was geschehen soll, wirst Du erfahren. Ob ich Deine Kinder Dir lasse, –« ein Aufschrei unterbrach seine Rede – »vermag ich heute noch nicht zu entscheiden. Erst will ich Deine Buße erkennen. Vielleicht nach langen Jahren magst Du sie wieder in Deine Arme schließen. Unser Gespräch ist beendet. Erhebe Dich nun, Clementina-Julia Schlieben!« Aber sie ging nicht. Sie richtete den Oberkörper höher empor, faltete die Hände und streckte sie ihm entgegen, betend wie zu einem Heiligen. So blieb sie, während er abgewendet dastand. »O Unnatur!« murmelte Kay. »Himmel! Du schufst solche Geschöpfe und drücktest ihnen den Stempel Deines Ebenbildes auf? Nein! Das ist nur Menschenwort. Aber Du schufst doch Wesen mit solcher Verstellungskunst, daß sie den Mord planen, während ihr Mund lächelt.« Kay schüttelte sich in der furchtbaren Erregung. Seine Augen feuchteten sich. Er holte stöhnend Atem in der Nachwirkung der Erinnerung, in dem Schmerz über das Ungeheure, nun wirklich Offenbarte. Und dann abermals Stille, bis die Frau aufwimmerte. Ihre Seele weinte und schrie nach Erlösung. Langsam schleppte sie sich auf den Knieen zu ihrem Manne, ergriff seine Hand und beugte ihren Mund auf sie herab. Kay aber schüttelte sie von sich ab, würdigte sie keines Blickes und verließ, bleich wie ein Schwerkranker, das Gemach. So endete Kay Witzdorffs Ehe mit Clementina-Julia. *           * * Die Fenster im Gutshause von Dronninghof waren verhängt. Wind und Wetter hatten Stuck und Farbe von den Außenwänden abgebröckelt. Die Vergoldung an den Treppengeländern war verwischt und ringsum, in nächster Nähe und im Park, herrschte jene halbe Ordnung, die das Auge mehr beleidigt, als eine naturwüchsige Verwilderung. Nur das Notwendigste, das zur Erhaltung dienen mußte, solle geschehen, hatte Kay seinem nunmehrigen Bevollmächtigten, dem Baron Hugo von Bomstorff geschrieben; noch könne er's nicht sagen, wann er mit seiner Tochter Carmelita von der Reise zurückkehren werde. Drei Jahre waren nach dem furchtbaren Ende in Dronninghof verstrichen, und seit fast drei Jahren wohnte Clementina-Julia, zurückgezogen von der Welt, von Menschen und Verkehr, sich nur der Erziehung ihrer Tochter Julia widmend, in Hamburg. Der erste Schlag, der sie etwa achtzehn Monate nach ihrer Scheidung von dem Grafen von Witzdorff traf, und der gleich einem vergeltenden Blitz herabfuhr, war der Tod ihres Sohnes Kay. Was an Fürsorge, an Geduld und Hingebung in menschlichem Vermögen stand, hatte sie aufgewendet, das Leben ihres Kindes zu retten. Aber an ihrem Lebenshimmel schien eine unbeweglich drohende Wolke zu stehen. »Du sollst nicht töten!« tönte es um Clementina-Julias Ohren Tag und Nacht – und »wer Gottes Gebote übertritt, den wird er strafen.« Aber nicht allein der Schmerz nagte an ihrer Seele, ihr Atem stockte in Ängsten, wenn sie überlegte, wie sie ihm, dem Vater des Kindes, den Tod melden solle. – Sie hörte ihn sprechen: »Auf Deine flehentliche Bitte ließ ich Dir mein Fleisch und Blut. Nun berichtest Du mir seinen Tod! So fügst Du zu der Enttäuschung, die mein Leben vernichtete, noch den Jammer um mein Kind.« In Clementina-Julia war alles Licht erloschen; in ihrem Herzen saßen Qual und Verzweiflung. Sie sah um sich und erblickte auch hier nur Nacht. Während dieser Tage ward die Frau weiß. Auf ihrem Scheitel lag Schnee trotz ihrer jungen Jahre. Und als nun die Antwort kam von ihm, der sich mit Carmelita hinausgeflüchtet hatte in die Welt, um den Schmerz zu überwinden und den Ekel zu vergessen, da zitterten ihre Hände, und es vergingen Stunden, ehe sie den Mut fand, das Schreiben zu öffnen. Als sie aber den Brief gelesen hatte, atmete sie auf, und aus ihren Augen rannen Tränen. Das Schreiben enthielt nur wenige Worte: »Ich bin bei Dir mit meinen Gedanken. Ein ungeheurer, gemeinsamer Schmerz verwischt, wie das Licht die Finsternis, was unsere Gemüter sonst beschäftigte! Du wirst von Bomstorff erfahren, wie ich wünsche, daß unseres Kindes Grab geschmückt werden soll. Er wird auch sogleich zu Dir eilen und Dir in allem zur Seite stehen. Ich telegraphierte ihm unmittelbar nach Empfang Deines Briefes. Ich küsse Julia! Möge sie Dir ersetzen, was Du, was wir verloren haben, und die Beschäftigung unserer Gedanken mit unserem dahingegangenen Kinde sei die sich noch über das Grab betätigende Liebe zu dem Entschlafenen. Kay Witzdorff.« *           * * Und wieder waren fast achtzehn Monate vergangen. Bomstorff saß in seinem Turmzimmer, von wo aus er die Gutsgeschäfte auf Kays Wunsch mit leiten half, und hielt Rücksprache mit dem Oberinspektor. Er hatte trotz seines Verwandten Bitte, sich im Herrenhause einzurichten, seinen früheren Wohnsitz behalten, und wenn er seine ernsteren Pflichten erledigt hatte, las und philosophierte er hier wie sonst, oder rauchte seine Pfeife und trank einen Rotwein wie einst. Heute – es war Sommerzeit – hatte er einen Brief von Kay empfangen, der Neues und Überraschendes brachte. Er war auch in einem anderen Tone abgefaßt als bisher. »Gottlob!« stieß Bomstorff, nachdem er das Schreiben zu Ende gelesen, heraus. »Und wieder hat der große Kenner recht!« flüsterte er vor sich hin. »Die Zeit ist Amm' und Mutter alles Guten!« Kays Brief aber lautete wie folgt: »Lieber Vetter! Nach langem Schweigen suche ich Ihnen durch diese Zeilen wieder die Hand zu reichen. Sie würden, stünd ich vor Ihnen, an dem Drucke fühlen, wie nah Sie meinem Herzen sind, er würde aber auch an den Tag legen, wie dankbar ich Ihnen für alles bin, was Sie für mich gethan haben. Ich könnte damit warten, was ich Ihnen hier melden will, aber Sie mögen es wissen: Ich habe, wenn Sie dieses Schreiben empfangen, bereits die Rückreise mit Carmelita angetreten. Ich kehre nunmehr für immer zurück und freue mich wie ein Kind, wieder den heimatlichen Boden zu betreten. Plötzlich ist eine namenlose Sehnsucht nach ihm in mir erwacht. Und auch einen Entschluß habe ich gefaßt. Ich will mir in Berlin ein Haus bauen, ein kleines Feenschloß; es soll ganz werden, wie Carmelita und ich es uns ausgedacht haben. Mit meinem Kinde, zu dem meine Liebe noch gewachsen ist, will ich es bewohnen. Wir wollen dort nur uns selber leben, genießen und wieder glücklich sein! Sie werden erstaunen, wenn Sie Carmelita wieder sehen. Sie ist so schön, daß ich sie den vielen neugierigen Augen förmlich entziehen muß, so zärtlich und so liebevoll gegen mich, als hätte der liebe Gott nur diese Liebe in ihre Brust gepflanzt, und so lebhaft, klug und anregend, daß ich mich unglücklich fühle, wenn ich sie einmal zu missen gezwungen bin. Der Himmel wird sie mir erhalten; er will, daß ich in ihrem Anblick wieder auflebe und zugleich meine Jahre noch nütze, um auch anderen etwas zu sein. Wir wollen uns nicht als hartherzige Egoisten abschließen; Carmelita hat ein so weiches Herz, daß ich ihr die Freude am Dasein nehmen würde, wenn ich nicht Menschen fände, für die ihre Hand sich aufthun, ihre hilfsbereite Seele sich sorgen und mühen könnte. Sie werden begreifen, daß ihr feuriger und für Eindrücke leicht empfänglicher Sinn sich einigemal verloren hat. Es gab schon fröhliches Lachen, aber auch Tränen und Schluchzen. Doch ist ihr Herz noch unberührt. Was vorübergehend an sie herantrat, hat sich wieder verflüchtigt, und es war besser so! Ich komme zunächst nach Dronninghof. Was die Zeit schädigte, dem wollen wir neu aufzuhelfen suchen. Ein Stück Sonne wird wieder lachen über dem Erbteil meiner Väter. Und in Berlin, in unserer eigenen Villa, werden wir, will's Gott, schon in Jahresfrist unsern Wohnsitz aufgeschlagen haben und Ihnen nach Dronninghof zurufen: »Kommt, kommt, Gevatter! Wir warten des Besuches unseres alten, treuen, bewährten Freundes.« Und nun leben Sie für heute wohl! Carmelita kichert hinter mir. Den Tintenklex hat sie in ihrem Übermut auf diesen Briefbogen gemalt. Sie umarmt Sie zärtlich, wie ich selbst, in alter Treue! Ihr                             Kay Witzdorff.   Ende .