Joseph von Lauff Die Seherin von der Getter Ein Roman aus der münsterischen Heide Meiner Mutter Nun steh' ich mit grauen Haaren Und sinne den Zeiten nach. Ach, Mutter, vor hundert Jahren Da war dein erster Tag. Ringsum ein Blätterfalben Und herbstlich-stille Ruh'; Es winkten dir allenthalben Die Wunder der Heide zu. Sie kamen mit Sagen und Singen, Wie Stimmen vom nahen Ried, Und ließen dir heimlich erklingen Ein seliges Wiegenlied. Und was die blühende Heide Dir treulich ins Herz gesenkt, Das hast du in Lust und Leide Mir doppelt und dreifach geschenkt. Das folgte mir allwegs und immer, Ein Zauber seltner Art, Das weinte beim Kerzenschimmer, Als man dich aufgebahrt. Das geht durch diese Blätter Wie Säuseln durch Heide und Hag ... Ich grüße dich und die Getter, Und heute ist dein Tag. 9. Oktober 1923 1 Ich will sachlich berichten ... so wie es anhub und sich fortspann, um dann mit einem wehen Laut und doch mit einem Klang der Freude darin in der münsterischen Heide zu verzittern. Ich sah diese Heide als Kind, ich sah sie später, als ich in die Jahre gekommen, und sah sie, als Deutschland seine tiefste Schmach und Schande erlebte und nahe daran war, an Gottes Einsicht und Barmherzigkeit zu zweifeln und sein eigenes Geschick zu verfluchen. Aber immer, wenn ich sie sah, gleichviel, ob sie blühte oder sich bräunte, gleichviel, ob Schatten über sie hingingen oder in stillen Sommernächten ein Gewirr von goldenen Bienenschwärmen über sie fortzog – ich entwirrte Rätsel bei Rätsel und Wunder bei Wunder ... und gewahrte einen stolzen Freisassenhof, von einem stillen Wasser und alten Buchenständen umgeben ... und hörte die gütigen und anheimelnden Worte: »Ick gröte Ju, leiwe Mann!« ... und sah die ›Blassen‹ im Lande ... und sah am Helweg die Bläulinge fliegen. Und wenn sie über Porst und Erika hingaukelten, dann war es mir so, als wären es die blauen und gespensterhaften Augen der Annette von Droste-Hülshoff gewesen, der stillen Annette, die auch zu den ›Blassen‹ gehörte und Gesichte hatte, wie sie die anderen Menschen nicht hatten, und einsam ihres Weges ging, um tiefe und eigenartige Gedanken und Bilder zu finden. O, diese münsterländische und endlose Heide! Von ihr und dem stolzen Freisassenhof mit dem verschwiegenen Wasser, von den frohen und traurigen Begebnissen, die sich mit diesem Anwesen verknüpften, von einer bitteren Dornenkrone und dem Klingeln einer übermütigen Schellenkappe will ich erzählen, in meiner Art und Weise und mit dem Gehaben eines kundigen Sinnierers. So hört denn!   Es war um die Mitte der sechziger Jahre. Die Heide hatte längst ihren Blütenschmuck verloren, und was droben gejubelt: die Kirchenmusik der Lerchen war vom Himmel genommen. Dafür lärmten die Häher um so emsiger, und der Wald stand wie ein einsamer König, wie ein König im Purpur. Ein Schuß fiel. Ein zweiter, ein dritter. Dann wieder Stille. Durch die massigen Baumkronen zwirnten pulverblaue Rauchwölkchen ihre zierlichen Netze, rieselten in feinen Spiralen hierhin und dorthin, um bald darauf in ein Nichts zu vergehen. Der hohe Buchenforst schien zu brennen, so rot war er, so blutrünstig, so mit flammender Lohe gesprenkelt. Sein Feuermantel schob sich bis dicht an den stolzen Hof, an den alten Edelmannssitz, der seit Jahrhunderten den alten Travelmännern gehörte. Haus Getter lag mit seinen gestaffelten Giebeln, seinen Bindern und Steingurten und vermoosten Ziegeldächern wie ein breites Untier am Boden, eigenwillig, quer- und sturköpfig, als sei es gewillt, seine Klauen noch weitere Jahrhunderte hindurch in die westfälische Erde zu schlagen und sich in dem tiefen Wasser zu spiegeln, das wie ein Zyklopenauge aufwärts glotzte und drei Seiten des weitläuftigen Gebäudes umgurgelte ... und diesem Untier gebot Bernd Travelmann, der letzte seines Stammes, eine Kraftnatur, einer von denen, die das Fürchten nicht kannten und denen die nachthungrigen Weiber aus den Händen fraßen wie gierige Hühner. Haus Getter – ein Edelmannssitz und dennoch ein Freisassenhof! Und das war also gekommen. Anno Domini 1557. Um diese Zeit hatte der päpstliche Stuhl eine erledigte Dompräbende dem aus dem adeligen Erbmännergeschlecht herstammenden Dethmarus von Travelmann übertragen. Das Domkapitel selber tat Einspruch, weil es ihm eine der Vorbedingungen für den Eintritt in ihr Kollegium, die Ritterbürtigkeit, absprach. Dieser Entscheid funkte in die Erbmännerfamilien hinein wie eine Petarde. Der Abgewiesene nicht, aber die Droste und Bischkoping, die von der Tinnen und Clevorn betraten den Rechtsweg, um ihr angefochtenes Diplom aufs neue zu erkämpfen und verbriefen zu lassen. Nach langjährigen Verhandlungen, die 1557 und in den folgenden Jahren bei der Rota, dem päpstlichen Gerichtshof in Rom, 1647 bei den auf dem Friedenskongreß zu Münster anwesenden Reichsständen, später beim Reichskammergericht in Speyer geführt wurden, bestätigte Kaiser Leopold im Jahre des Herrn 1685 das Urteil des Reichskammergerichts, wonach die Geschlechter der Erbmänner ›rechten alten Adeligen und Ritterbürtigen Standes‹ erklärt und ›gleich anderen deß Stiftes Münster Rittermäßigen vom Adel zu halten seyn‹ ... und trotzdem: die Herren des Domkapitels sperrten sich weiter, doch endlich, als zwölf Jahre später ein abermaliger Reichsschluß wiederum zugunsten der Erbmänner entschied und ihre volle Gleichberechtigung anerkannte, hatten sich auch die widerhaarigen Pfaffen zu fügen und ihren Nacken zu beugen. Sie taten's gequält und hohnlachenden Mundes. Da aber – Wilderich Travelmann gehörte zu denen, die gern gewalttätig wurden ... und war ein sehniger Mann, verwitterten Ansehens und mit scharfer Adlernase. Der nun – mit aufgestrammten Ärmeln, einen Bauernkittel um die harten Knochen geschlagen, die Hosen in den Stiefelschäften und die seidene Schirmmütze im Nacken, also ausstaffiert trat er in die Kapitelgemeinschaft und hielt den verdutzten Würdenträgern die Faust vor die Stirne. »Oho! ihr Gaukler und Narren, ihr Fettlummen und Kanzelschreier, wie die räudigen Füchse gedachtet ihr uns aus unsern angestammten Gerechtsamen und Ehren zu schwefeln. Die Knochen hätte man euch brechen sollen im Leibe, euch Bettelvögten und Schmarotzern am Kadaver der alleinseligmachenden Kirche, und hätte ein löbliches Kammergericht mich zum Vollstrecker aufgerufen, ich hätte mich erbötig gezeigt und wäre euer Henker geworden.« Eine grimmige Lache folgte. »Ja, so wahr ich hier stehe – euer Henker und Peinmann, denn wir Travelmänner haben noch Humor und unsre besondern Launen, und weil wir sie haben, verkünde ich hiermit: Nicht, weil ihr es also gewollt, sondern aus freien Stücken heraus und weil es mir Spaß macht: ich schwefle mich selbst aus und verstänkere damit euern pfäffischen Hochmut! Holla, merkt auf und versteht den Witz von der Sache! Wappen und Schild werfe ich von mir, aber das sage ich euch« – und seine gestreckte Faust wurde wie Stein – »um so freier und stolzer schlägt das Edelmannsherz unter dem Bauern- und Freisassenkittel. Dies mein Gelöbnis, ihr Pfründenträger und Sudelköche, von jetzt an bis in alle Ewigkeit. Amen!« Die Faust sank herunter, die Faust, die wie ein unbarmherziger Wackerstein aussah. Wilderich Travelmann, der sich in Kraft eigener Machtbefugnis aus dem rittermäßigen Stand in den der Freisassen und geringen Leute versetzte, sah in kalkige Gesichter. Dann wandte er sich und stülpte die Ärmel herunter. Straffen Nackens verließ er das hohe Kapitel. So geschehen 1709 und am Tage, da der Stern von Bethlehem begann über Münster zu scheinen. Genau wie der Ahn, so der Nachfahr, der jetzt auf Getter regierte, wie ein Ritter im Sattel saß, um gleich darauf mit einem Doppelgespann den Acker zu brechen. Getreu dem Gelöbnis seines Altvordern, gefiel er sich im Bäuerlichen und war dennoch eine Herrennatur mit kindlichen Augen, den Weibern nicht abhold, wie alle Travelmänner, und genau wie sein Vater, den man in den besten Jahren, eines Liebeshandels wegen, neben der großen Mergelgrube gefunden, die Male der heiligen Feme am Leibe: ein blankes Messer, darauf die eingeritzten Buchstaben standen: »S. S. G. G.«, was andeuten sollte: Stein, Strick, Gras und Grein – die Zeichen eines nur noch schattenhaften Daseins aus verklungenen Tagen. So fanden sie ihn, hingewürgt von dem Rächer seiner gemordeten Ehre, aber ruhig und friedlich und noch ein Lächeln um die kantigen Mundecken. Draufgänger waren die Travelmänner von jeher gewesen, und der tollste von ihnen: der letzte des Stammes, ein Mann wie geschaffen, Blöcke zu wälzen und eine Zinnassiette mit den Händen zusammenzurollen; wenn's not tat, die Pflugschar ins Erdreich stoßend, ein Knecht unter Knechten, nach alter Sitte und der Satzung gemäß mit der betagten Mutter und seinem jungen Weibe die Tafel des Gesindes teilend, Schulter an Schulter mit Kostgängern und Mägden, gefügig wie ein Stier im Joch, um dann wieder, wenn die Wälder zu flammen begannen und die Heide sich bräunte, das Edelmannsblut herauszukehren, den Kavalier zu spielen und in seinen reichen Feld- und Holzbeständen das Horn klingen und die Büchse knallen zu lassen. Horrido und kein Ende! Und so auch heute. Über die münsterische Heide ... ab und zu rief ein Schuß aus weiter und verlorener Ferne herüber. Ein Sterben und Falben, und doch war der Spätherbst voll silberigen Lichtes, ein Blinkfeuer, das keine Wärme mehr hatte und sich anließ wie das Lächeln der Beschläge auf einem Sargdeckel. Und dieses silberige Licht fiel durch niedrige Fenster in die mächtige Diele des Freisassenhofes, um die sich die übrigen Räume des weitverzweigten Hauses gruppierten. An der einen Schmalseite knisterte ein lohes Kaminfeuer, eine hohe Kastenuhr tat ihren ebenmäßigen Gang, während von links aus der Tiefe das mahlende Wiederkäuen der Rinder und das einschläfernde Klirren der Halfterketten herübertönten. Unter den tiefhängenden Balken war geweihte und heilige Erde. Hier wurden Knechte und Mägde in Verpflichtung genommen, die Ringe gewechselt, die Toten gebahrt und die Feste des Jahres in gemeinsamer Feier begangen, und was die Hauptsache war: die alte Überlieferung brachte Freisassenleute und Dienerschaft an die nämliche Schüssel, ohne Ansehen der Person, ohne Nebengedanken und von dem Grundsatz beseelt: den dreschenden Ochsen soll man ehren und ihm das Maul nicht verbinden, auf daß Werktätigkeit atme und ein fröhliches Hantieren die Scheunen fülle und die Wohlfahrt des Hauses mehre. Nur an Sonn- und Feiertagen und bei opulenten Gelegenheiten wurden für die Herrschaft und Gesinde gesonderte Tische in gesonderten Räumen hergerichtet. Sonst niemals. Gemeinsames Brot, gemeinsame Tafel. So und nicht anders, und das blieb Gesetz bis zur heutigen Stunde ... und da Mittagszeit war, saßen zwanzig bis fünfundzwanzig Leute in langen Reihen sich schräg gegenüber, still und sittsam und übersponnen von dem kühlen Herbstlicht. Eine Viertelstunde später legten sie Gabel und Messer beiseite. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Eine laute und wohlklingende Stimme hatte gesprochen, und siehe: eine hagere Frau, die in die siebzig hineinging, ganz in Schwarz gekleidet und ein enganschließendes Samthäubchen auf den eisgrauen Haaren, erhob sich an der Kopfseite des Tisches, bolzengerade, mit hartem Gesicht und stahlgrauen Augen. Gleichzeitig griff sie nach dem schweren Krückstock, der an ihrem Polsterstuhl lehnte. Darauf stützte sie sich, um dabei noch größer und ranker zu werden. So stand sie, Ehrfurcht gebietend. Judith Travelmann war wie aus einer Legende oder aus einem alten Heldenliede genommen. So scharf ihre Züge auch schienen, so sehr sie auch an starres Metall erinnerten und ihre gesunden Zähne an die eines Raubtieres gemahnten, ihre Blicke waren voller Güte und Warmherzigkeit, wenn sie auch aufbegehren konnten wie die angestauten Wasser in einem Schleusenwehr ... und diese Blicke gingen über den Tisch fort, von einem zum andern, und dabei sagte sie nochmals: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Gesegnete Mahlzeit! und nun« – und sie wandte sich an einen vierschrötigen Mann, dessen Haare aussahen, als wären sie durch lehmiges Wasser gezogen, und meinte in ihrer ernsten und bedachtsamen Weise: »Jans Schwarte, der Herr ist zur Jagd, und ich habe zu fragen: Was ist deine Arbeit für die Nachmittagsstunden?« »Die Blässe ruft nach dem Bullen,« versetzte er ruhig. »Dann führe sie hin, gib aber Obacht, daß sie ihn ordentlich annimmt, sonst ist das Sprunggeld für gar nichts gewesen. Vergeudete Kraft ist ein Greuel vor dem Schöpfer.« »Wollen's besorgen, Madam.« »Merci, und du?« und ihre Augen blieben an einem haften, der unmittelbar neben dem Vierschrötigen saß und just dabei war, sein dürftiges Lippenbärtchen in die Höhe zu zwirbeln. Seine Haut war wie brüchiges Leder, und sein Gesicht erinnerte an das einer Kuhantilope. »Und du, was ist deine Arbeit für heute?« »Ich habe mit den Mägden die letzten Kartoffeln zu mieten.« »Tu's und halte deinen Heiland vor Augen! Sieh auf die Kartoffeln und nicht auf die Mägde!« Ihr Stock klirrte auf den Estrich. »So lebst du im Herrn,« fuhr sie unbeirrt fort, »und bist nicht durch Sünde gegangen.« Am unteren Tisch verfärbte sich eins der Weibsbilder, ein blutjunges Ding mit brandroten Haaren. Ein bedrückendes Schweigen machte sich geltend. Da warf die Alte den Kopf herum, sah den Oberknecht an und fragte: »Hövelkamp, und wie habt Ihr disponiert?« »Fünf Gespanne haben die Stoppeln zu brechen. Zwei an der Mergelgrube und drei bei der oberen Wegscheid. Es können auch sechs werden, wenn's not tut. Immer schlankweg und mit allen Schikanen. Vor Abend haben die Schollen zu liegen. Der Herr hat's befohlen.« »Gott helf' Euch, und jetzt an die Arbeit!« Da streckten sich alle, rückten die Binsenstühle zurecht und verließen die Diele. Unmerklich hatte sich neben der Alten eine hohe Frauengestalt erhoben, die bisher den weisen Lehren und Ermahnungen lächelnden Mundes gefolgt war. Als hätte sich alles Licht der Mittagsstunde auf ihrem Scheitel gesammelt, so eigenartig rieselte es ihr über Schultern und Arme. Unter ihren Brauen stand eine brennende Marter, die trotz ihres Lächelns nicht zum Schwinden gelangte. Ihr Schattenriß war von einer Ebenmäßigkeit, wie nicht mehr zu finden ... und trotz dieser brennenden Marter – schön war die Hausfrau des Herrn von der Getter, schön wie ein Sommertag und anbetenswert in ihrer kirchenstillen Ruhe und Würde. Den jungen Leib und die weizenblonde Flechtenkrone trug sie wie ein Geschenk des Herrn, bescheiden und in fraulicher Reinheit. Sie wandte sich zum Gehen. Da wurde ihr Name gerufen. »Hille!« Die Alte nickte ihr zu. Ihre Linke tastete nach der Hand ihrer Schwiegertochter. »Hille, ich möchte dich sprechen; im Herrenzimmer, wenn es dir recht ist.« »Und wann befiehlst du, Mutter?« »Befehlen? Ich habe nichts zu befehlen. Nur, ich trage Sorge um dich und möchte diese Sorge gern fortgewischt haben.« »Aber Mutter ...!« »Ja, Hille, so ist es, wenn du auch lächelst und diese meine Sorge als Laune ansprechen möchtest; es ist nur um deinetwillen, daß ich so rede.« Ihr Atem ging schwer. Sie gab die Hand des jungen Weibes frei, stützte sich auf die elfenbeinerne Krücke und reckte sich wieder. Ihre weiten Augen leuchteten wie Mondsteine. »Hille, und nochmals gesagt: Nein du, ich habe dir nichts zu befehlen. Wie sollte ich auch? Das ist niemals bei mir Mode gewesen; denn eine geborene Darfeld kann lassen und tun, was sie will. Sie ist Herrin auf Getter, obgleich ich, die alte Travelmännin, noch lebe und noch lange zu leben gedenke. Und wenn ich auch zeitweilig unter Knechten und Mägden regiere, dieses und jenes betreibe und hinter den Säumigen her bin, so geschieht es nur deshalb, um dir das Dasein erträglicher und leichter zu machen. Erst allmählich kann man sich in das Schaffen und Wirken dieses Hofes hineinfinden. Hier fallen gröbere Späne als auf einem Edelsitz. Alles will seine Zeit haben. Das soll hiermit gesagt sein.« »Ich danke dir, Mutter.« »Keine Veranlassung, Hille. Aber ich möchte dich bitten. Ich habe so meine wehen Gedanken. Früher ... ich habe sie schon einmal durchkostet. Dann gingen sie von mir, um irgendwo im Moor zu verquiemen. Aber wie lange? Geschrieben steht: Gestorben, begraben, abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage jedoch wieder auferstanden von den Toten. Die alte Geschichte. Was tot war, kann sich aufs neue beleben. Man braucht nur die Grasnarbe abzustreifen. So auch das, was mich ängstigt. Seit gestern ist es wiedergekommen, hat sich an mich geworfen wie gierige Schmeißfliegen und will mir meine Ruhe nicht lassen.« »Was hast du denn, Mutter?« »Was ich habe? Ganz einfach: den sehnlichen Wunsch, Klarheit zu schaffen und den unheimlichen Vorstellungen das Genick abzudrehen. Je eher, je besser. Also bis gleich denn. Zuvor jedoch: ich habe noch mit der da zu reden.« Sie sah über die Schulter und hob ihren Krückstock. In der halbgeöffneten Dielentür, die geradeswegs in den Hof hinausführte, stand eine ranke Dirn in der ersten Herbe des Frühlings. Die Rechte hielt noch die Klinke umgriffen. Das Gesicht war kantig, unregelmäßig, wie mit einem harten Meißel gebildet, erschien aber trotzdem unter dem Zauber einer wilden und erregenden Schönheit. In schweren Zöpfen lag das blauschwarze Haar um die wächsernen Schläfen. Sie trug städtische Kleidung, nur war diese Kleidung fadenscheinig und splissig geworden, ließ aber das Geheimnis ihrer straffen Brust und die Linien ihres wohlgebildeten Leibes sattsam erkennen. Die aufgerissenen Blicke kamen der Greisin flackernd entgegen. Sie waren wie unruhige Kerzen in einer Sterbekapelle. Hille achtete nicht darauf. »Mutter, nun kann ich wohl gehen?« »Tu' das, mein Kind, und erwarte mich später!« und als Hille Travelmann die Diele verlassen hatte, gebot Judith der Fremden: »Tritt näher, Johanna!« Langsam kam die Angerufene heran, langsam und mit zögernden Schritten. Dicht vor der Alten hielt sie den Fuß an. Zwei Sekunden hindurch stand Auge in Auge, nur zwei Sekunden hindurch, aber so, als wenn der eine Blick den andern ausforschen wollte. Und sie sahen sich wechselseitig bis in die innerste Seele. »Ich ließ dich rufen, Johanna.« »Das weiß ich. Drum bin ich gekommen.« Der harte Glanz ihrer tiefblauen Augen wurde metallisch. »Warum ich dich rufen ließ, wird dir gesagt sein?« »Nein, mir wurde gar nichts gesagt.« »Dann sollst du es hören. Knechte und Mägde sind vollauf beschäftigt, und wir können Hände gebrauchen. Helfen sollst du nachher, wenn die Herren vom Jagen zurück sind. Ich werde dir Dank wissen.« Die Fremde schwieg. Die Blicke umschleierten sich, und ihre schmalen Finger flochten sich krampfhaft zusammen. Um ihre blaßroten Mundecken spielten unwirsche, fast höhnische Fältchen. »Gib Antwort, Johanna, oder kannst du die Worte nicht finden?« Die Angeredete lächelte mühsam. »Warum sollte ich die Worte nicht finden?« fragte sie bitter. »Um solche bin ich niemals verlegen gewesen.« »So sprich auch und lasse alle Redensarten beiseite. Auf Getter wird nicht lange verhandelt. Also willst du kommen und beim Schüsseltreiben die Herren bedienen, oder ziehst du es vor, auf deinem verwahrlosten Kotten zu bleiben?« »Das letztere nicht; ich muß schon das erstere wählen.« »Du mußt schon? Keiner muß müssen. Jeder hat Anwartschaft auf seine persönliche Freiheit. Daran hat keiner zu rütteln. Auch ich nicht. Jedem das Seine. Das ist preußisches Recht und westfälische Satzung, oder aber« – und sie musterte das hochgewachsene Mädchen mit erstaunten und fragenden Blicken – »soll das etwa heißen, Johanna ...?« »Ja, das soll heißen ...« Durch die herbe Gestalt lief ein Zittern und Aufbegehren. Das Antlitz schien blutleer geworden. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch. »Sie müssen nämlich wissen, Frau Travelmann, ich wurde bei den Ursulinerinnen in Dorsten erzogen, und da sollte ich denken ...« Eine unwillige Geste. »Ich weiß, ich weiß! Du bringst mir nichts Neues. Also im Klosterfrieden der ehrsamen Nönnchen erzogen? Auch eine Wohltat, aber nicht jedermanns Sache. Und wie lange, Johanna?« »Zwei Jahre bin ich in Dorsten gewesen.« »Und wann hast du retour gemacht?« »So um Pfingsten herum.« »Und hast alles zu Hause beim alten gefunden?« Verlegen senkten sich die langen Wimpern herunter. »Nein, Frau Travelmann, es hat sich vieles geändert.« »Gut, lassen wir das, aber ich sage dir hiermit« – und der Krückstock stieß etliche Male auf den hallenden Estrich – »es wäre besser gewesen, du wärest nicht nach Dorsten gegangen.« »Frau Travelmann ...!« »Ja du – es wäre besser gewesen, denn seit dem Tage hat alles bei euch den Krebsgang genommen. Was ist aus deinem Vater geworden, aus seinen Äckern und Hutungen? Solch prächtige Parzellen waren kaum bei einem Heidegänger zu finden, so mastig und fett waren sie und wohlgeeignet, ihren Mann doppelt und dreifach zu ernähren. Aber was tat der Besitzer? Frage im Krug an. Dicht an den Herrgott sine Kerke hett de Düwel sin Kapellken gebaut, wo se mit gläsernen Klocken lüet. Da sitzt er beim Schnaps und kartelt, bis der Morgenwind die rußige Lampe auspustet.« »Na – so was!« »Ja du – oder er hockt in den Bülten auf Anstand, um einen Travelmannschen Rehbock niederzuknallen; aber Hand an den Pflug zu legen und vor Tau und Tag Furche bei Furche zu ziehen, das gibt's nicht. Nicht rühr' an die Sache, und so was will leben, und so was will den ehrlichen Namen ›Zinsbauer‹ führen?« »Frau Travelmann, er ist immer mein Vater.« »Schweige, Johanna! Kindeslieb ist gut, aber Affenliebe ist von jeher vom Übel gewesen. Es bleibt dabei: der Mensch ist reif, koppheister zu gehen. Das kann alle Tage passieren. Er sät nicht und erntet nicht und begnügt sich damit, andermanns Fische aus den Reusen zu mausen und andermanns Wild auf die Decke zu legen. Noch neulich ... das mit dem Revierförster ... mit Fritz Garke aus Hiltrup ... Und wäre mein Sohn nicht dazwischen geraten und hätte nicht Gnade vor Recht ergehen lassen – dein Vater säße hinter eisernen Traillen. Ja du – hätte deine verstorbene Mutter nicht wie 'ne Turteltaube gegurrt, wärest du nicht nach Dorsten gegangen, er wäre ein ehrlicher Zinsbauer und Kötter geblieben, frei und nicht mit Schulden belastet. So aber: der Jude gerbt ihm das Leder, und der Fusel treibt ihm den Verstand aus dem Hirnkasten, und jetzt, wo ich die Hand strecken will, um wenigstens dich aus dem Elend zu ziehen, aus dem Gröbsten herauszubringen, da kommst du und sagst mir: Ich bin bei den Ursulinerinnen gewesen, habe das Meine gelernt, und es wäre bitter für mich, andermanns Brot zu essen und meine Schuhe unter andermanns Tischzeug zu stellen. Ja oder nein – das wolltest du sagen.« »Ja, Frau Travelmann, das wollte ich sagen.« Unter den Wimpern der Ärmsten blitzte es auf. Aber nicht lange. Das Blitzen verlor sich, und ihre Stimme war fahrig geworden. Die Alte zuckte erregt. »Ja so!« sagte sie schartig, »du mit deinen verfluchten Klostergeschichten; aber denke daran: der Zinsbauer Barthlemes Altrogge kam auf die Rutschbahn und ist durch eigenes Verschulden zum Bettler geworden. Und du, seine Tochter...« Drohend stand Judith Travelmann vor dem geängstigten Mädchen. Ihre schwarze Gestalt drängte sich an die Balkendecke heran. Ein verhaltener Aufschrei. »Ich will ja!« Dann Totenstille. Schatten gingen über die Diele, und aus diesen Schatten heraus wuchs das Einsehen, ließ sich das dumpfe Muhen der Wiederkäuer und das sanfte Klingeln der Halfterketten vernehmen. Die große Stille hielt an, und in dieser greifbaren Stille: die Alte trat näher. Da plötzlich ... sie legte den Krückstock beiseite und streckte die Hände, die schlanken Hände, die rein und weiß wie Hostien waren. »Komm' her – du!« Und diese Hände, sie packten zu und legten sich sorglich um zwei gerundete Schultern. »Gut Ding, was sich ändert, und gut, daß es also gekommen; denn ich will nur dein Bestes.« Judith beugte den geschmeidigen Körper Johannas langsam zurück und sah ihr tief in die Augen. Fünfzehn Herzschläge vergingen. Über ihre Züge lief ein feierliches Glänzen, und ihre Stimme wurde gütig und weich, als sie sagte: »Es ist ein wirres Leben auf Erden, nicht ernst und nicht weise; das wirrste aber hat sich an dich und deinen Kotten geworfen. Da möchte ich helfen. Deinem Vater nicht mehr. Der pulverte seinen ehrlichen Namen und alles, was sein war, mit Strunk und Stiel auseinander. Da müßte schon ein Apostel erscheinen oder sonst ein Gesalbter des Herrn; und Wunder sind heute so rar wie sittsame Mägdekammern. Aber dir möchte ich beistehen, dich aus der frierenden Einsamkeit holen, um dir etwas Wärme zu geben. Du mußt nämlich wissen: ich sah dich als Kind, als deine unselige Mutter noch lebte, dann später in der Kirche zu Hiltrup. Da trugst du das Kommunionskränzlein im Haar, zum erstenmal, und deine Augen waren niedergeschlagen. Das gefiel mir, Johanna. Hierauf sah ich dich noch dann und wann im Grasgarten. Dann nicht mehr. Es kam eine große Leere, und die Leute sagten, du wärest nach Dorsten gegangen. Das war übel getan und übel bewerkstelligt, denn was vom Bauern abstammt, gehört in die Wirtschaft und nicht in den Klosterfrieden der ehrsamen Nönnchen, zumal da deine mit Tod abgegangene Mutter ihr Bestes vertan hatte und der Vater bereits abfällig wurde. Du hättest das Malör aufhalten können. Daran ist nichts mehr zu ändern. Die Klosterfrauen in Ehren, und man kann dennoch der Meinung sein, daß im Weinberg des Herrn manch übles Gesäme wuchert. Das klingt widersinnig und ist trotzdem auf dem richtigen Acker der Erkenntnis gewachsen, denn geschrieben steht: Man soll kein Bauernkraut in städtische Krumen verpflanzen; da geilt es zu stark und gibt mißliche Triebe. Im übrigen: ich sehe« – und ihre Rechte glitt sacht und schmeichelnd über das schwarzblaue Haar der Verängstigten – »du bist schön geworden, Johanna. Aus der wilden Heidehummel wurde ein Falter. Ein Geschenk des Herrn, ein großes Geschenk, nur mußt du dich hüten, es auffällig zu tragen, es aller Welt wie auf 'ner Assiette zu zeigen und anzupräsentieren. Halte Gott vor Augen und bewahre deinen Leib wie ein Tafeltuch, von dem sie die geweihten Brote verteilen. So wird dir's an Segen nicht mangeln ... Und wenn du dich anstellig zeigst: Haus Getter kann ein tüchtiges Frauenzimmer gebrauchen.« Sie gab die Schultern frei und nahm wieder den Krückstock. Ihr Antlitz war bleich geworden, hart und bleich und von einer gesättigten Ruhe. »Du kannst jetzt gehen, und komme bald wieder! Also bis später, Johanna.« Sie ließ die schweren Lider herunter. Als sie die Augendeckel aufs neue emporhob, war sie allein auf der Diele. Noch lange stand sie mit weiten Blicken in der silberigen Helle, geistesabwesend und dennoch sinnierend. Dann ging sie zur Küche, um für den heutigen Abend die nötigen Befehle zu geben. Den Mägden gebot sie, die Tische zu richten, die Tafeltücher zu spreiten und frische Tannenzweige zwischen die Gedecke zu legen. Sie sprach langsam und eindringlich, begleitet von dem melancholischen ›Kri- Kri‹ eines geigenden Heimchens. Als sie damit fertig geworden, trat sie ins Freie, schritt über den Hof und stellte sich neben die breite Einfahrt hin, von wo aus der Blick ins Unermeßliche reichte. Heideland und Äcker. Unbeweglich blieb sie hier stehen. Auf den nahen Feldern ging die Arbeit über dampfende Schollen. Fünf Gespanne waren dort in voller Tätigkeit. Sonst ringsum Mittagsstille. Darüber hinaus lag Münster, die Wiedertäuferstadt, die lindenumsäumte, die Stadt mit dem sonoren Glockengeläut – im feinmaschigen Dunst, wie in einem blauen Duft von Weihrauch und Myrrhen. Einzelne Türme waren deutlich erkennbar. So die prächtige Krone des heiligen Ludger und der Helm von Lamberti. Und weiter zur Linken ... Wieder begann es zu knallen, fielen vereinzelte Schüsse. Ein Hornruf dazwischen. »Haha!« sagte die Alte, »jetzt jagen sie auf der Uhlenbrinker Gemarkung. Weidmannsheil und fröhliches Schüsseltreiben!« Ihr Blick pilgerte weiter. Alles, was sie sah, war Freisassengut und Travelmannsch Eigen. In den nächsten Äckern schlummerte bereits die Saat, Weizen und Gerste, und hier und dort begann schon der Winterroggen zu grünen. Sie dachte dabei an ein schöneres und edleres Saatkorn. Sie dachte an Hille und den jungen Erben, den sie mit allen Fasern und Masern ihres reichen Herzens ersehnte. Wenn er doch käme! Bald darauf wandte sie sich und ging gemessenen Schrittes dem Herrenhause zu. Hier stieß sie auf den Oberknecht, der vom Felde gekommen war, um das sechste Gespann aus den Ställen zu ziehen. »Hövelkamp, auf ein Wort! Ich komme nochmals auf die alte Sache zurück. Ihr habt doch richtig gesehen?« »Ich weiß nicht, Madam, wo die Frage hinaussoll?« »Ich meine das von wegen der Herrin.« »Ja, Madam, ich habe richtig gesehen.« »Und sie ist auf dem Helweg gewesen, und Ihr könnt Euch nicht irren?« »Nein, ich kann mich nicht irren.« »Hövelkamp, ich frage noch einmal!« Ihre Stimme stellte sich auf. »Madam, so wahr mir Gott helfe – sie hat auf dem Helweg gestanden.« »Wie lange wohl?« 'ne Stunde vielleicht.« »Und habt mit keinem darüber gesprochen?« »Mit keinem.« »Und Ihr schweigt gegen jeden?« »Eher in die schwarze Lake dahinten.« »Ich danke – und nun: gute Verrichtung!« »Merci!« Drei Minuten später ging ihr Krückstock fest und tönend durch die weißgekalkten Gänge des Freisassenhofes. 2 Sankt Hubertus! Der dritte November! Seit Menschengedenken hatte dieser Tag nicht so freundlich gelächelt, nicht so wohlig mit seinen Blättern geraschelt und niemals dem hochgemuten Weidwerk eine so köstliche Wildbahn gespreitet. Kein Wipfel bog sich unter regenschwerem Rauschen, lag unter dunstigem Nebel. Der Buchenwald stand ernst und feierlich unter einem ehernen Himmel, war bis heute nicht zum Bettler geworden. Er trug noch immer sein volles Ornat, brüstete sich wie ein würdiger Kardinal und zog das abgeworfene Laub gleich einer köstlichen Schleppe hinter sich her. Der Kardinal opferte. Goldene Schnüre, brennende Girlanden wirrten sich in frommem Schweigen durch den hohen Tempel. Das Opferfeuer blutete bis in das Herrenzimmer hinein. Unter den Fenstern träumte das todstille Wasser. Es drängte sich dicht an die Grundmauern des Hauses und verlor sich in den purpurroten Schatten des nahen Gehölzes. Wildenten schwaderten hoch, strichen langen Halses feldeinwärts. Ein Gabelweih zog seine einsamen Kreise. Sie zerfaserten als schnurfeine Linien. Ein Kranz von verwaschenem, überständigem Rohr grenzte die flachen Ufer ab. Seitwärts davon streckte sich die braune, endlose Heide. Ein gelber Streifen pflügte sich kerzengrade hindurch, breit und zermahlen und von grotesken Pappel- und Weidenstümpfen begleitet. Wie eine fette, dickleibige Made kroch er dem tiefen Horizont zu. Der Helweg. Das Herrenzimmer selber atmete Travelmannsche Einfachheit. Nur schlichtes Mobiliar und kahle Wände. Außer des Hermann von Kerßenbroich Chronik von Münster, in der viel des Erschrecklichen über den Wiedertäuferkönig Jan van Leyden, Knipperdolling, Krechting und die schöne Elisabeth Wandscher erzählt war, gab es nur wenige Bücher. Die Travelmänner lasen nicht gerne. Das einzige Schmuckstück: ein alter Gewehrschrank, mit trefflichen Waffen bestellt, darüber kapitale Hirschgeweihe, deren Träger einst in toller Brunft die unheimliche Dawert durchröhrt hatten. Und dann noch ... seitlich davon: das Bildnis einer Dame in schwarzem Ebenholzrahmen. Am Fenster stand Hille. Das märchenschöne Glühen, das vom nahen Buchenwald ausging, legte einen Scharlach um ihre hohe Gestalt und machte ihr schmales Gesicht aufleuchten. Ihre hellen, insichgekehrten Blicke waren auf den Helweg gerichtet. Langsam und selbstverloren breitete sie die Arme und kreuzte sie wieder. Ab und zu flüsterten ihre Lippen unverständliche Worte. Die Augen gaben zurück, was ihre Seele bewegte. Sie kam von dem verrufenen Wege nicht los, und wie sie auch versuchte, auf andere Gedanken zu kommen, Lichtes zu sehen und heitere Bilder zu finden, immer wieder wurde sie in den Bann des gelben, öde dahinkriechenden Streifens gezogen. Eine drängende Unruhe ging über sie hin, und dennoch war sie wie geistesabwesend. Regungslos stand sie. Immer tiefer und tiefer versank sie in ein bedrohliches Sinnen, als hätten die Worte sich an sie geworfen: »Von Erde bist du, und zur Erde sollst du wieder zurück,« und nur das Auf und Nieder ihrer jungen Brust deutete an, daß sie lebte. Eine geheimnisvolle Starrheit erfüllte ihr Wesen, machte die Wangen blutleer und die Augen zu Totenlampen, die in die Ewigkeit schauten. Und doch war es kein irdisches Sehen. Scheinbar sah sie nicht und hörte sie nicht. Sie hörte es nicht, wie der Krückstock der Alten die langen Korridore durchhallte, zeitweilig innehielt, um dann wieder in abgemessenen Pausen weiter zu tönen. Es war ein knochentrockenes Klingen und Schreiten, unwirsch und aufdringlich. Aber unbemerkt ging es an ihrem Ohr vorüber, als wäre es gar nichts gewesen; auch hörte sie nicht, wie die Klinke rückte und die Türe sich geräuschvoll auftat. Judith Travelmann war ins Zimmer getreten. Dicht hinter der Abwendigen machte sie halt; dann sagte sie leise, fast scheu und mit dem Unterton einer verhaltenen Trauer: »Ich möchte dir meine Liebe in goldenen Schalen reichen. Alles um mich verschwindet, ist nicht vorhanden für mich, hat mir nichts mehr zu sagen. Ich sehe nur dich. Sonst nichts mehr, und wie eine Heilige stehst du.« Sie legte ihr die Hand auf die Schulter. Die Überraschte warf sich herum. »Mutter, wie kommst du darauf?« »Weil es mir eine zwingende Macht also gebietet. Ja, wie eine Heilige stehst du. Ich kann es nicht ändern und lasse mir den Glauben daran nicht nehmen. So sah ich dich, Hille, damals auf Darfeld, als dein Vater in Not war und der rote Spiegel erschien, um ihm die bleiche, gierige Faust an die Kehle zu legen. Es war ein ernster Tag und eine wehe Stunde. Ein bitteres Leid. Aber dieses Leid machte dich einer Blutzeugin ähnlich. So sah ich dich stehen, als mein Sohn und ich vorsprachen, um dieses Leid von Darfeld zu nehmen. Wir alle sind zu Gottes Füßen, aber es war doch ein Glück, daß wir kamen. Dann später ... so sah ich dich stehen, als die Sterbelaken niederfielen und dein Vater hinwegging. So sah ich dich, Hille ...« Sie suchte nach Atem. »Ja,« fuhr sie fort, »so sah ich dich, Hille, als du nach kurzem Besinnen meinem Jungen die Hand reichtest, die letzte ihres Stammes dem letzten der wilden Travelmänner, und das danke ich dir bis zum heutigen Tage, denn mit deinem Einzuge brannte das Herdfeuer freundlicher, kam Ordnung in die Knechte- und Mägdekammern, verlor sich die Wolfszeit auf Getter. Du schüttelst den Kopf, aber es ist so. Lasse mich nur aussprechen, Hille! Ich fühlte deine gütige Hand und gewahrte, wie alles seinen regelmäßigen und freundlichen Gang nahm. Deine Heiterkeit blieb, und nur dein Wandeln zwischen Himmel und Erde, die dunkeln Kräfte, die auch die ›Blassen‹ im Lande an sich haben, wurden von dir genommen. Ich wähnte dich glücklich, und nun muß ich sehen ...« Das junge Weib verfärbte sich. »Und ich sage dir, Hille, lieber die alte Wolfszeit zurück, als dies Grübeln und Suchen, denn solches ist schlimmer als alles und dreht einem das Gesicht in den Nacken.« »Mutter ...!« Die Gutsherrin straffte sich hoch. Sie war noch bleicher denn vorhin geworden. Ihre Finger krampften sich ein und lösten sich wieder. »Mutter, was heißt das? Willst du mich trösten, oder bist du erschienen, mir diese Stunde noch herber zu machen?« Judith Travelmann winkte ab. »Dich trösten? Nein du, ich will dich nicht trösten. Auch das andere nicht. Ich will keines von beidem. Wie kommst du darauf?« Sie lächelte bitter. »Ich bin eine Mutter, und du solltest mich kennen. Wer so viel des Grames durchmachen mußte wie ich, dem steht es nicht an, nur tröstliche Worte zu bieten. Solche Worte sind wie ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Sie führen nicht weiter und legen keinen Balsam auf geschlagene Wunden. Wer so wie ich das Unheil kommen sah ... damals vor Jahren ... wie es mit hartem Knöchel an die Fensterladen pochte und mir gebot, an die Mergelgrube zu treten ... Wer so wie ich ... und als ich dann an das entsetzliche Wasser herantrat und die blutige Klinge mir zugrinste: Stein, Strick, Gras und Grein ... Wer so was geschaut, der hat auf Jahre hinaus das Lachen verlernt und trägt andermanns Leid doppelt und dreifach. Das solltest du wissen, denn deine Liebe ist größer und deine Sinne sind feiner als die Liebe und die Sinne andrer Menschen. Sie sind wie zarte Nebel, die alles mit ihren weißen Schleiern umspinnen, und ich sollte drum meinen ... Nein du, meine Arme sind gebreitet nach dir, und meine Seele möchte dich einhüllen in den Mantel des Friedens und der ewigen Freude.« Ein Schluchzen war bei ihr. Hille wandte sich ab. Judith war dicht an ihre Seite getreten. Sie legte den Arm um sie her: »Komm', setze dich hin; dann läßt sich alles besser bereden,« und sie führte sie zum nächststehenden Sessel, um sie sacht in die Kissen zu drücken. Auch sie nahm Platz und stellte den Krückstock neben sich und tat die Hände zusammen, die Hände, die schmal und welk waren und an die reinen Hände eines Priesters erinnerten. »Hille, ich habe mit dir in aller Ruhe zu sprechen, in aller Ruhe, und so, daß es Unberufene nicht hören. Es gibt Dinge, die vertragen kein lautes Geräusch, noch weniger den Lärm des Tages. Sie sind wie Schmetterlingsflügel, haben die Eigenschaft, leicht ihren Schmelz zu verlieren. Sie sind wie ein verschwiegenes Wasser. Man darf sie nicht stören. Sie wollen die gütige Pflege einer Barmherzigen. Nur so ist Heilung zu hoffen. Nur so werden dir und mir die Sorgen und Ängste vom Herzen genommen, wird es uns gelingen, ein innerliches Behagen zu finden. Das ist unsere Bestimmung. So und nicht anders, denn wir wollen doch nicht mit dem rostroten Sterbezug der jetzigen Tage dahinschreiten, sondern der Zukunft gedenken, der Hoffnung und Auferstehungsfreude.« So redete sie, während ihre Blicke die Gestalt ihrer Tochter umfaßten. Ihre Lippen preßten sich fest gegeneinander. Sie schwieg, und eine tiefe, leidvolle Falte stellte sich auf zwischen ihren stahlgrauen Augen. Keiner sprach mehr. Niemand wagte es, die unfreiwillige Stille zu scheuchen. Nur draußen ... im Ried war Bewegung, und drüben: der stille Wald begann plötzlich zu rauschen. Große Fetzen wurden aus seinem Purpurmantel gerissen. Sie flatterten hoch und schaukelten ziellos ins Ungewisse hinein, um sich irgendwo in der Heide niederzulassen, wesenlos und ohne Wiederkehr. Gleichzeitig hoben sich dunkle Krähenvögel aus den roten Kronen. Grau in grau und mit heiseren Stimmen, so trieben sie der gelben Made zu, die unaufhörlich ihres Weges dahinkroch, schnurgerade fort, öde und trostlos und wie das unheimliche Schleichen des Schicksals. Die beiden lauschten hinaus. Das Rauschen war eindringlicher und das Lärmen stärker geworden. Da sagte die Alte: »Das bedeutet nichts Gutes. Die Luft ist stickig geworden, als wäre sie mit Unheil belastet. Auch der Wind tut sich auf. Das haben die Krähenvögel nicht gerne. Überhaupt diese Vögel! Ich liebe sie nicht und liebe die jetzige Zeit nicht. Allerheiligen und Allerseelen sind traurige Feste. Sie liegen hinter uns, aber ihre bangen Eindrücke wirken noch nach. An solchen Tagen heben sich die Gesichte am Helweg.« Die junge Frau horchte auf. »Am Helweg ... wo Dinge geschehen ...« sprach die Alte unbeirrt weiter, aber mit zerdrückten Worten und ohne die Augen zu heben, »wo Dinge geschehen, die nicht von dieser Welt sind, seltsame Begebenheiten, so die Seelen ängstigen, sie in eine gesteigerte Erwartungsspanne versetzen, um sie schließlich elend zu machen. Doch später hiervon, und wenn es auch hart wird, darüber zu sprechen, es muß klar zwischen uns werden, sonst kann ich meine richtige Besinnung nicht finden.« Mit einem schmerzlichen Laut brach sie ab. Der Schmelz eines feinen Seidenfadens spielte durch die halbgeöffneten Lider. »Zuvor habe ich dir eine Erklärung zu machen.« »Du – mir?« »Ja du – Emmerich Dinklage ist wiedergekommen.« Hille drückte sich scheu in den Sessel. Ihr Blut stürmte. Mit aller Willenskraft hielt sie es nieder. »Emmerich?!« fragte sie tonlos. »Der ist doch in Leukas, seit zwei Jahren in Leukas, und wollte dann nach Mykenä. So hieß es doch früher.« »Ja, Hille, so hieß es. Er ist auch in Mykenä gewesen. Aber nicht lange. Westfälisches Blut ist heißer als das Blut andrer Menschen, wenn auch zäher und dicker. Das gefällt sich nicht unter der griechischen Sonne. Das wußte ich lange. Das will in die einsame Heide zurück und in den geheimnisvollen Duft, den die Frauen zwischen Ems und Lippe an sich haben. Zwei Jahre sind eine lange Zeit, und dennoch sind sie nur ein Tag vor dem Herrn. Wir alle bringen unsere Jahre zu wie im Traume, und im Traume wachsen böse Gedanken.« »Wie meinst du das, Mutter?« »Das mußt du schon mir überlassen. Ich weiß nur: er ist wieder in Münster. Was er früher schon wollte, das tat er. Er habilitierte sich dort. Die nächste Professur ist ihm sicher. Bernd traf ihn vor wenigen Tagen und lud ihn zur Jagd ein. Er wollte dir eine Überraschung bereiten, eine Begrüßung auf Getter, und wenn ich mich auch innig freue, ihn wieder zu sehen, ich glaube, eine andere Lösung hätte manches beglichen. Nicht etwa ...« und ihre Stimme erhob sich: »Wer die Hand wider ihn aufhebt, dem soll die Hand verdorren, denn er gehört zu unsern Getreuen, und sein Herz ist wie das eines Kindes, wenn auch fest und stark, frei und bodenständig wie das Eisen in unserer Erde. Aber ich meine: nur ein paar Jahre vielleicht, nur noch ein paar lumpige Jahre ...« Die letzten Worte vergingen in einem kaum hörbaren Sprechen, als wenn sie sich scheuten, die letzten Konsequenzen zu ziehen. »Und nun?« fragte Hille, die Augen starr auf die Alte gerichtet. »Kind, was soll ich weiter noch sagen? In dem Angedeuteten ist bereits alles enthalten, was sich wie graue Schatten an mich drängte. Und in diesem Schatten sitzt das Frösteln. Hille, er ist wiedergekommen. Die alte Sehnsucht fiel über ihn her. Er mußte heimwärts. Die westfälischen Menschen sterben an Heimweh und sterben an Liebe. Und wenn sie nicht wollen, wenn sie sich dagegen sperren, müssen sie zurück in das Land ihrer Väter. So auch er. Spiegelungen und Spiegelbilder. Sie reihen sich aneinander wie stille Geschichten. Nur darf unter diesen stillen Geschichten nicht ein Dritter verkümmern. Diese Spiegelungen und Spiegelbilder, sie stecken einem wie fremde Körper im Blut, sehen einen mit verweinten Augen an und machen längst zermürbte Erinnerungen wieder lebendig. Sie kriechen einem nach wie treue Hunde, die man von sich gewiesen, und da geht das nicht anders, schon um der Barmherzigkeit willen: man gibt ihnen aufs neue die frühere Liebe zu kosten. Ich kenne das, Hille. Die Zeiten, die über mich fortgingen, machten mich wissend. Hof und Herd sind mir teuer. Ich halte sie fest wie mit eisernen Klammern. Irgend eine Entweihung daran entweiht meinen Körper. Wir, die Travelmann, werden die ›wilden‹ geheißen. Das weißt du, und wir sind stolz auf den Namen. Aber in dieser Wildheit wohnt auch die Arbeit des Stiers und das Schlummern der Vertrauensseligkeit. Besonders in Bernd. 'ne Portion Leichtsinn ist in ihm, aber nichts Arges. Er geht stur geradeaus und hat kein Verständnis für die feinen Sächelchen einer subtilen Lebenskunst. Das ist gut und doch nicht gut. Dann ferner. Eine innige Freundschaft verbindet ihn mit Emmerich. Auch das muß ich loben. Alles zu seiner Zeit. Aber diese Freundschaft könnte brüchig werden. Ich denke dabei an die gemeinsam verlebten Stunden auf Darfeld. Gründe fehlen hierfür, allein ein seltsames und vages Empfinden ... Das gibt mir Rätsel auf, Rätsel, die noch der Auflösung harren und die mich mit kalten Fingerspitzen berühren. Ich mag mich irren darin. Allein ich sage mir wieder: Bernd kann seine Stunde verpassen. Die zarten Schwingungen, die nötig sind, die Irrungen und Wirrungen eines Menschenherzens auseinander zu legen, sind niemals seine starke Seite gewesen. Indessen, eine Mutter sieht tiefer, und da dachte ich, Hille ...« »Mutter ...!« Das war Hille Travelmann nicht mehr. Mit einem jähen Ruck war die Gutsherrin in die Höhe gefahren. Ein Blitz zuckte in ihrem Auge, und eine dunkle Blutwelle schlug ihr bis unter die weizenblonden Haare. Was war das nur? Saß eine Richterin vor ihr? War da eine gekommen, gewillt, ihr die Reinheit des Leibes und ihres tiefen Empfindens zu nehmen? Tat sich da ein irregeführter Mund auf, um Falsches aus den Blättern ihres Lebensbuches zu deuten? Sie wähnte in einen blutroten Nebel zu sehen, und dieser Nebel hüllte alles ein, was ihr noch freudig erschien, begehrenswert und wie ein heiliges Singen am Tage der Auferstehung. Nein, das war Hille nicht mehr, nicht mehr die gütige Frau in ihrer feiertägigen Andacht und Würde, die Reine und Hohe, die ihre lichte Flechtenkrone trug wie ein Geschenk des Herrn. Diese feiertägige Andacht war jetzt von ihr genommen. Sie hatte ihr nichts mehr zu bieten. Ihr Wesensinnere fiel von ihr ab. Sie wandelte sich. Ihr mildes Antlitz war wie graue Erde geworden. Die starren Hände auf die Brust gepreßt, stand sie, als würde sie verzehrt von einem gierigen Feuer. Aber dieses Feuer verbrannte sie nicht, vereiste sie nur und machte ihre Züge kalt und gefühllos. »Emmerich Dinklage! Was soll dieser Name? Warum bringst du ihn mit mir in Verbindung? Mit mir und Bernd und meinen früheren Tagen? Ja, wie die Dinge nun liegen, es wäre mir lieber gewesen, ich hätte ihn niemals gesehen, er wäre mir niemals begegnet im Leben, denn wie ich jetzt annehmen muß: aus diesen Spiegelungen und Spiegelbildern scheinen sich häßliche Vorstellungen und Wahnbegriffe zu heben. Ich habe nichts zu verhehlen und nichts zu verheimlichen. Weder er, noch ich. Nur, ich kann in seine Seele nicht schauen. Aber ich hafte für ihn. Wir haben weder das Licht des Tages, noch das der Sterne zu fürchten. Also weshalb diese Kränkung? und wenn sie auch aus banger Sorge heraus und aus lauterem Herzen geschah, es ist immer eine Kränkung gewesen. Und diese Kränkung – ich weise sie von mir.« »Du ...!« rief die Alte. Judith stand vor ihr. Ihren Stock stellte sie fest auf den Boden, fest und energisch, als sei ihm geboten worden, dort Wurzeln zu schlagen, um zu einem stattlichen und sparrigen Baum zu werden, ein Zeichen der Stärke und ein Schirm und Schutz des Freisassenhofes. »Wie kommst du mir vor? Lehnst du dich auf gegen die Mutter? Du scheinst vergessen zu haben, was du mir schuldest. Früher: ich bin die Herrin von der Getter gewesen. Jetzt bist du es geworden, und dennoch: vor einem grauen Haupte sollst du Achtung besitzen, um ihm die Jahre leichter zu machen.« »Das tu' ich, aber das, was du sagtest ... Ich habe Bernd doch alles gegeben, und nun willst du mich zermürben und klein machen. Das war nicht wohlgetan. Wer hebt den Stein wider mich auf! Er möge kommen. Ich harre des Steines, denn ich bin eine Darfeld.« »Das warst du.« »Und ich bin es noch immer. Das sollte dir Bürge sein. Aber wenn du diese Bürgschaft nicht annimmst« – und sie streckte sich, als habe sie eine Kugel getroffen – »Mutter, Mutter, Mutter! um deinetwillen ersticke ich das Blut der Darfeld in mir. Dir zu Liebe – ich will nicht anders sein und scheinen, als was du mich hießest. Mutter!« – und ein wilder Schrei flog gegen sie an – »so verstehe mich doch, so begreife mich doch! So wahr mir Gott helfe: trotz des Blutes in mir – ich bin eine Travelmann, Mutter! Jetzt und für immer und bis zur Stunde des Todes.« Sie warf sich herum. »Hille, mein Kind – du!« und ein schluchzendes Weib ruhte an der Brust einer Greisin, wie vom Sturme in einen sicheren Hafen verschlagen, und siehe: Schulter an Schulter, die Arme um den Leib ihrer Tochter geschlungen, begann die Alte leise zu sprechen, leise und heimlich, so wie der Wind es tut, wenn er nach einer heißen Sonne heraufzieht, um die verängstigten Halme sanft auseinander zu strählen und ihnen Trost und Segen zu bringen. »Nun ist alles von mir gefallen, aber auch alles, und was du ›Kränkung‹ nennst, ist keine Kränkung gewesen. Wie sollte ich auch? Eine, die gewillt ist, dir ihre Liebe in goldenen Schalen zu reichen, kann dich nicht kränken. Es war ein Quälen für mich, ein Zergrämen um das Glück meines Hauses! und nun muß ich sehen: es ist alles eitel und nichtig gewesen und ein Nichts unter dem Himmelreich. In dir ist die Majestät des Weibes verkörpert. Kannst du vergeben? Jetzt weiß ich: du bist eine Travelmann, Hille, und doch eine Darfeld. Gott segne die Darfelds. Kind du, mein Kind – du! O wie ich dich liebe! Lieben ist wie Sterben, und Sterben heißt glücklich werden, denn durch die Umarmung des Todes werden wir der Anschauung Gottes teilhaftig.« Und dann lächelte sie durch ihre Tränen hindurch, und dieses Lächeln war ein befreiendes Lächeln, ein Gruß an die Zukunft. Allein ihm war keine lange Dauer beschieden. Die schmale, tiefe Falte steilte sich wieder zwischen den Augenbrauen. Irgend etwas Unbegreifliches und Schattenhaftes hob sich drüben auf dem verwunschenen Helweg, schien aus dem Boden zu wachsen, wandelte näher heran und sah durch die Fenster – ein Gesicht, als hätte sich darin die Not Gottes verewigt. Und dieses Schattenhafte trat durch die Wände wie durch eine Gardine hindurch, fahl und verdämmert und in toter Beleuchtung – und wandte sich, und da sagte die Alte: »Hille, die dunkeln Vögel fliegen noch immer. Überhaupt diese Vögel! Ich liebe sie nicht und liebe die jetzige Zeit nicht. Allerheiligen und Allerseelen sind traurige Feste. An solchen Tagen heben sich die Gesichte am Helweg ...« und ihre Stimme nahm wieder einen stählernen Ton an: »An solchen Tagen ... Hille, du bist auf dem Helweg gewesen.« Das saß wie ein Peitschenhieb. Ein weher Ton rang sich aus der Brust der Gepeinigten. »Mutter, du hast mich gesehen?« »Ich nicht, sonst – ich wäre gekommen, um dich auf andere Gedanken zu bringen. Aber einer sah dich, wie du den Geschehnissen folgtest und das Übernatürliche suchtest – ein minderer Mann und einer von denen, die selber gezwungen sind, ihr Fernempfinden wie eine Bürde der Vorsehung zu tragen ... und er durfte nicht vor dich hintreten und sagen: Komm' mit mir! Es ist nicht gut, am Tage Allerheiligen zwischen Himmel und Erde zu suchen und Zukünftiges sehen zu wollen. Er wäre sündig geworden an seiner eigenen Mission und seiner eigenen Sendung. Hille, und dieser ...« »Hövelkamp ...!« Sie machte sich frei, trat rücklings, und zwei wissende Augen waren stier und glanzlos auf Judith gerichtet – wie im Entsetzen. »Ja, ich bin auf dem Helweg gewesen. Ich mußte. Das alte Verhängnis trieb mich hin, hielt mich fest und gebot mir, Fernem zu lauschen und verlorene Stimmen zu hören! Seit Jahren zum erstenmal wieder, und ich dachte schon: der Herr ist mit dir und hat die Gesichte für immer gestundet.« Ihre Worte zerfaserten, gingen unter in einem dumpfen Schweigen, und in dieser dumpfen Qual und Marter durchlebte sie die Dinge noch einmal, alle die Dinge, die sie sehen mußte und doch nicht sehen wollte, all' die Geräusche, die sie von sich wies und doch nicht abweisen konnte ... aber nur für eine Augenblicksspanne ... in der raschen Flucht von Sekunden ... gleichsam als würden die Bilder von einer unsichtbaren Geißel gepeitscht und vorübergetrieben. Die Hände gefaltet, wie verlähmt, sagte sie von einem innern Grauen gepackt: »Und ist doch nicht von mir genommen – das furchtbare Sehen. Mein Gott und mein Heiland!« und ihre Arme hoben sich flehend: »Warum das, warum das?! und da sagen die Menschen: es ist ein Geschenk des Himmels. Wenn auch – so ist es doch eine traurige Gabe, ein Schauen der Lebendigen und Toten, ein Schreiten durch eine endlose Nacht ohne Andacht und Sternenfeuer ... und ich muß immer dran denken: ich trage meinen Leib und mein Geschick wie eine Mondsüchtige, wie es die Ruhelosen und Gezeichneten tragen. Mutter, Mutter ...!« Matt sanken ihre Hände herunter. »Und deine Wahrnehmungen, Hille? Was sahst du?« Atemlos war die Alte an ihre Seite getreten. »Nur flüchtige Schemen. Vom Vorwerk kam es ... langsam und in breiten, gemächlichen Schritten ... am Wasser vorüber ... und trat in den Hausflur ... und dann: eine Stunde später wurde etwas Langgestrecktes vom Hofe getragen.« »Was war es?« »Ich weiß nicht. Ein Tuch war darüber gespreitet.« »Und sahst du das Wappen, das Wappen der Travelmänner?« Ein stoßweises Ächzen: »Das Wappen, das Wappen!« »Das nicht. Ein Laken nur, ein einfaches Laken. Es wandelte still seines Weges ... fünf Schuh über dem Boden ... und waren Geräusche dabei ... ernst und feierlich ... ohne Aufhören ... wie das monotone Hersagen von Gebeten bei einem Leichenbegängnis ... und waren doch Stimmen des Herrn. Und diese Stimmen! heilig sind sie, ewig, ohne Anfang und Ende, und wer sie vernimmt, dem ist so, als säße er auf einem Stein und müßte die Sandkörner zählen, die nötig sind, um eine Hand mit Kirchhofserde zu füllen. Und ich kann es nicht ändern, ich muß selber zählen, immer nur zählen ...« Sie taumelte. Die Arme der Greisin hielten sie auf. »Hierhin gehörst du!« und der Krückstock machte eine stracke Bewegung, drohte zum Helweg hinüber, als geböte er ihm, nicht mehr den Frieden und die Freude des Hauses zu stören. Und die Droherin selber ... sie ging über sich fort. Ihre Zunge wurde befehlend, scharf und brüchig, als sei sie gewillt, die Stunde herauszufordern. »Herr,« begehrte sie auf, »wer bist du? Was willst du? Bist du gekommen, mir das Brot des Lebens zu nehmen? Herr, sei doch ein barmherziger Gott und keiner von denen, die gebieten, mit den Toten zu hausen.« Ein wehes Aufschluchzen. »Ach Mutter – du versündigst dich ja!« »Nur keine Sorge. Mein Erlöser weiß, was ich rede. Er weiß auch: wir, die Travelmänner, sind ein wildes Geschlecht. Sie beten nicht häufig, und wenn sie es tun, dann ist es ein Beten aus der Tiefe heraus und mit 'nem Strick um den Nacken. Ich selber, Judith Travelmann, bin aus dem nämlichen Holze geschnitten und bete, wie die Travelmänner es machen. Aber in dieser Wildheit« – und immer fester und inniger zog sie die Tochter an sich – »in dieser Wildheit liegt auch der Wille zur Kraft und der der Vollstreckung. Und dieser Wille weiß dich zu schützen. Ich will, und was ich will, das erzwinge ich auch. Ja du – ich werfe mir ein armseliges Gewand über und zieh' mir die Schuhe herunter. Und so gekleidet, barfuß und straffen Rückens, pilgere ich in die Kirche von Hiltrup, mir gleich, was sie sagen: Gläubige und Ungläubige, Juden und Christenmenschen, und führe alles zu einem glücklichen Ende. Und in Kraft dieses Willens: den hölzernen Christus, ich bete ihn vom Kreuze herunter und befehle dem Heiland: Komm' mit mir, sei ein barmherziger Richter und keiner von denen, die das Leben zerbrechen. Ich bringe ihn mit und veranlasse ihn, dir die große, heilige und doch unselige Gabe aus den Augen zu nehmen, und sage ihm glatt vor die Stirne: Spreite die Hände, auf daß sie gesunde. Ich lasse dich nicht, du erhörtest mich denn!« »Mein Gott, mein Gott!« »Also geschieht es, denn sonst wäre ich wert und würdig, ins Elend zu fahren, darin sich weder Werk, Kunst und Vernunft, noch Weisheit befindet. Und siehe: er tut es, er muß; denn über ein kleines wirst du niederknien und sprechen: Ich bin gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht meines Leibes.« Die so Angeredete schien einer Verstorbenen ähnlich; nur ihre Blicke waren voller Licht und Glanz und wie der frühe Tag über den Wäldern. »Gebenedeit unter den Weibern! Das ist es! sonst: unser Geschlecht stirbt aus wie die stolze Sippe der Adler auf den Tiroler Bergen. Das kannst du nicht wollen. Von Gott begnadet und gebenedeit unter den Weibern ... und der Herr wird nicht mangeln ... Und ist es so weit: unter der Mutterschaft – deine Ruhe kommt wieder.« »Ach du, du ...!« »Ja, deine Ruhe kommt wieder. Das will der Herr so, denn mein Gebet kann Berge versetzen und den Heiland vom Kreuze holen ... und ist es so weit ...« Da sah sie: Der Glanz in den Augen der wie aus einem Traum Erwachten war zu einem leuchtenden Feuer geworden. Judith prallte zurück. »Hille, ich sehe und wenn es so ist« – und ihre Stimme flackerte auf wie eine helle Freudenflamme in der Osternacht – »dessen zum Zeichen: ich nehme den Travelmannschen Schmuck aus der Lade, und dann –« und ihre Rechte wies auf die Dame im schwarzen Ebenholzrahmen – »tragen sollst du ihn am heutigen Abend, wie ihn Gudula Elitza Travelmann trug, die Frau Wilderichs, des Aufrechten, der mit gekrempelten Ärmeln unter die Herren des hohen Kapitels trat und ihnen die Worte zwischen die Schläfen hämmerte: Wappen und Schild werfe ich von mir, aber das sage ich euch: um so freier und stolzer schlägt das Edelmannsherz unter dem Bauern- und Freisassenkittel. Dies mein Gelöbnis, ihr Pfründenträger und Pfaffen, von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen! Und diesen Schmuck – tragen sollst du ihn am heutigen Abend. Nur ein Zeichen für mich. Keines für Bernd. Erst später. Es sei sein Weihnachtsgeschenk.« »Du Liebe, du Gute!« »Ich warte darauf. Und den Schmuck – Hille, soll ich ihn schicken?« Keine Antwort erfolgte. Nur ein glückliches Lächeln spielte um den Mund der Gutsherrin. Judith Travelmann nickte. Erhobenen Hauptes verließ sie das Zimmer. 3 Immer dasselbe, immer dasselbe! Stimmen der Hoffnung, Stimmen aus dem Paradies, und es waren Glocken dazwischen, Feiertagsglocken, Glocken fern über dem Walde. Und sie läuteten den ›Engeln des Herrn‹ und sangen: »Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Und wisse: bist du wirklich gebenedeit unter den Weibern – unter der Mutterschaft – deine Ruhe kommt wieder ...« eine Offenbarung, die ihr Prozessionsblumen und Immortellen darreichte, sie ermutigte und ihr gebot, in den Garten des Friedens und der Weltvergessenheit zu treten. Hille Travelmann war stiller und gefaßter geworden. Es schien ein Sichwiederfinden zu sein, ein Genesen, ein Appell an das Leben ... und dieses Sichwiederfinden ... Ach! die mit der Mutter durchquälten Augenblicke hatten sie aufgerichtet und ihr Balsam auf die Wunden der Seele geträufelt. Die Gesichte auf dem Helweg verloren sich, wanderten ab, zergingen wie Marienfäden in warmen Herbsttagen. Und Emmerich Dinklage?! Sein flüchtig in die Erscheinung getretenes Bild hatte ihr nichts mehr zu sagen. Sie hatte sich damit abgefunden. Abgeklärten Sinnes sah sie den nächsten Stunden entgegen. Seit geraumer Zeit saß sie in ihrem Zimmer und dachte an den heutigen Abend. Da kam Leben auf Getter. Schüsseltreiben und herzliches Lachen! und wenn Gideon Hasenklever, ein alter Freund ihres Mannes, seine unmöglichen Jagdgeschichten und Späße auftischte, hielten selbst die Heimchen mit ihrem Musizieren inne, um diesem Kavalier und Münchhausen des Münsterlandes besser lauschen zu können. Überhaupt dieser Gideon! Der beste Kerl auf der Welt, pensionierter Premierleutnant der Paderborner Husaren, schnittig, kurzbeinig, wenn auch mit einem stattlichen Bäuchlein behaftet, machte er sich allzeit und bei passender Gelegenheit ein ausgiebiges Wohlbehagen daraus, diverse Bouteillen mit Rotspon wie eine Batterie reitender Artilleristen niederzupreschen. » Ventre a terre !« wie er sagte, wenn auch auf andermanns Kosten, denn Gideon war streng genommen eine gescheiterte Existenz, einer von denen, die sich wie eine Lilie auf dem Felde ausnehmen, eine Lilie zwar mit einem Pontakgesicht, ölglattem Straußeneischädel, blanken, lustigen Hummeraugen und einem Schnurrbart, dessen mit Mastix behandelte Haarfäden sieghaft den kleinen Ohrmuscheln zustrebten. Über nennenswerte Besitztitel verfügte dieser Edelmann nicht. Alle Liegenschaften, Ackerländereien, Wiesen, Kotten und Holzungen des einst stattlichen Anwesens derer von Hasenklever waren während der fetten Dienstzeit immer dünner und magerer geworden, bis mit dem Verknallen des letzten Champagnerpfropfens auch das Blöken des letzten Kalbes verhallte. Dolman und Pelzmütze glitten ihm wie Zunder vom Leibe. Und dennoch: Gideon behielt Kontenance, gab sich keinen Miesepetereien hin und lebte nach wir vor wie ein Flachsfink im Rübsen, obgleich er tagtäglich behauptete, er sei gezwungen, wie die Kinder Israels in der Wüste Ziegel zu streichen, eine Behauptung, die auf tönernen Füßen einherstelzte und bei jeder Gelegenheit abknacken mußte. Nein, trotz seines dahingegebenen Dolmans, er war keine bleierne Ente geworden, denn dank seiner Beliebtheit und der seltenen Kunst, den Schalksnarren aus allen Knopflöchern vigilieren zu lassen, dank der Noblesse seiner Standesgenossen, die es sich nicht nehmen ließen, den alten Kameraden und fidelen Junggesellen über Wasser zu halten, lebte Gideon kreuzvergnügt in den Tag hinein, ohne dabei sauertöpfig an das Morgen oder Übermorgen zu denken. Sein Hauptquartier hatte er in der Wiedertäuferstadt aufgeschlagen, um von hier aus seine Exkursionen und Wanderfahrten zu machen, ein gern gesehener Gast auf allen Kavalier- und Freisassenhöfen. Die dicksten Festrüben waren stets in seinen Mundecken zu finden. Bei allen Kindtaufen und Schmausereien – Ohm Gideon mußte dabei sein, eine weiße Nelke im Frack und stets bereit, eine fulminante Rede unter das Gläserklingen zu mischen. Herrenabende bekamen durch ihn erst die richtige Salbung, in der Kegelgesellschaft ›Gut Holz‹ schob er die forscheste Kugel, und wo nur immerhin ein Kesseltreiben angeblasen wurde – Gideon führte die beste Flinte, und seine Schrote standen in höllischem Respekt bei den Karnickeln und Löffelmännern der ganzen Umgebung. Und dann noch eins: der Wald war sein Liebstes, und wenn er sich auch um wissenschaftliche und schöngeistige Dinge so wenig bekümmerte wie der Dachs um die Lösung der Quadratur des Ringes, das Ansprechen und die Bewertung der Nutzhölzer interessierten ihn höchstlich. Er kannte das spezifische Gewicht und die Spaltbarkeit von Eiche. Buche und Edelkastanie. Rot- und Weißfäule sprach er richtig an, durch Bast und Borke hindurch, Meßkunde und Forstfinanzierung gingen ihm wie warme Semmeln herunter, und so geschah es denn auch, daß man sich seiner gern und willig bediente, wo irgend ein Bestand Hals geben mußte und subtile Taxationen erforderlich waren. Aber diese Taxationen gelangen ihm nur, wenn er sich hierbei des sogenannten ›Abschätzungswassers‹ bedienen konnte, worunter er Medoc oder Burgunder verstand, war auch zufrieden, wenn an deren Stelle ein steifer und reichlicher Zitronenpunsch anpräsentiert wurde. Aber hatte er das, dann war Gideon Hasenklever hinsichtlich seines Amtes ein Gott, ein Unfehlbarer, und seine Abschätzungen kamen alsdann so totensicher zur Strecke wie die ihn anlaufenden Hasen im Kleeacker. Und schließlich: seiner Person gesellte sich ein prächtiger Wandergenosse. Er nannte ihn Bülow Krawallo, und war ein Spazierstock. In den nahegelegenen Baumbergen als Eichenstämmchen aufgewachsen, hatte er sich im Laufe der Jahre zu einem stattlichen Knüppel entwickelt, und da ein wildes Hopfengewächs auf den Einfall gekommen war, ihm schon in frühester Jugend enge Fesseln um die Taille zu ringeln, tat er ein übriges und legte sich flandrische Formen zu, opulent gedreht und mit drolligen Warzen und sonstigen Monstrositäten versehen. Gideons Messer und Umsicht gestalteten dieses Holz zu einem Kunstwerk, zu einem treuen Gefährten. Er begleitete ihn auf seinen Jagden, Spazier- und Abschätzungsgängen, und war Holland in Not, wurde die Ultima ratio nicht durch die Triarier, sondern durch den Bakel entschieden. Auf ihn stützte er sich, auf ihn schwor er, bei ihm suchte er Rat, und seine letztwillige Verfügung lautete: »Bei meinem Ableben ist Bülow Krawallo mit mir in ein und dieselbe Kiste zu legen.« Sapienti sat . – Das war des illustren und jovialen Mannes Erdenwallen, sein Leben und Treiben bis zur jetzigen Stunde. Zehn Jahne älter als Bernd, stand er mit diesem in reger Geschäftsverbindung, spielte mit ihm, pokulierte mit ihm, und wenn der Herr von der Getter irgendwo eine Hürde nahm, die sich die anderen nicht unterfingen zu nehmen, Ohm Gideon war gewißlich an seiner Seite zu finden, stets zu gewagten Streichen aufgelegt, nie kopfhängerisch, sprudelfrisch wie eine Forelle im Bergwasser und der tollste von allen, aber immer mit Verve und mit einer gewissen angeborenen Grazie. Heute nun jagte er in der nächsten Umgebung. Seine Flinte war bekannt bis ins Osnabrücksche hinein. Sie hatte einen eigenartigen Klang, kläffte wie ein Terrier und war die fixeste von allen. Was sie umlegte wurde von ihrem begeisterten Führer doppelt und dreifach unterstrichen, so daß sich die Balken bogen und die verschmitzten Dakel zu heulen begannen. Überhaupt diese Flinte! Da wieder ... Sie lärmte aus der Uhlenbrinker Gemarkung herüber, munter und scharf und drei- bis viermal hintereinander. Auch Hille Travelmann hörte darauf wie auf einen glückverheißenden Anruf, verband sie doch mit diesem Knallen und Klingen manche heitere Stunde, die ihr der vergnügte Paderborner eingebracht hatte. »Ohm Gideon!« sagte sie schmunzelnd. »Er ist willkommen auf Getter.« Ihr Blick ging wieder über das weite Land und den herbstlichen Wald hin, der sein mürrisches Rauschen verlor und so ruhig sich von Gottes Firmament abhob wie ein großmächtiger und omnipotenter Würdenträger in leuchtendem Purpur. Inzwischen war die Sonne merklich tiefer gesunken. Die Schatten machten bereits lange Gesichter. Sie gefielen sich in einer bläulichen Tönung. Im Ried nistete ein Schummern und Dämmern, hob es sich in feinen Nebelschwaden, die das dunkle Wasser mit lichten Gazeschleiern bedeckten. Die Luft war klar und sichtig geblieben. Und drüben ... weit drüben und dem Auge nicht mehr erreichbar, über Billerbeck fort, lag ihre engere Heimat, lag der Gutshof, auf dem sie ihre ganze Jugend verlebt hatte, ihre Leiden und Freuden und das volle Behagen eines westfälischen Edelsitzes. Auch hier Heideland, unermeßliches Heideland ... und sie hatte sich erzählen lassen: war da vor Jahren eine hohe Frau häufig nach Darfeld gekommen, eigenartig in ihrem Tun und Lassen, mit herbem Gesicht und sanfter Ergebung. Sie kam stets allein. Niemand begleitete sie. Und wo sie vorbeiging, an Buchweizenfeldern und geschorenen Wallhecken, an nickenden Simsen oder dem alten Birkenbaum, unter dem der Schäfer stand und mit verblaßten Lichtern die weite Gegend absuchte, überall sahen ihr die Leute nach, grüßten sie ehrerbietig und raunten sich zu: »Da geht das Freifräulein mit den Gespensteraugen und den großen und schönen Gedanken.« Und diese Gedanken ließen die Phalänen von Rispe zu Rispe schaukeln, machten das große Schweigen lebendig. Es waren Gedanken mit weißen Händen, die an die kreisrunden Altwasser traten, um die Seerosen aus der Tiefe zu heben. Und diese Gedanken – sie sahen an kalten Wintertagen in die hellen Buchenscheite hinein, in die hellen Buchenscheite auf Rüschhaus ... und begannen wunderseltsam zu singen, zu singen, zu singen ... Annette von Droste. Sie war lautlos ins Zimmer getreten, die längst Dahingegangene, die Gottsucherin, die vom Himmel Begnadete, die mit ihr Geistesverwandte. Denn auch sie, auch sie hatte die Gabe des zweiten Gesichtes, das unsägliche Schauen in kommende Tage, und war doch freundlich und wie ein Engel des Herrn mit goldenen Flügeln. Hille glaubte sie sprechen zu hören. Sie ließ die Wimpern fallen, um besser verstehen zu können. Annette war mit ihren Eltern befreundet gewesen. Sie erzählte von ihnen, von ihrem Wirken und Schaffen auf Darfeld, von der Gottesverehrung, die sich unter den Ziegeln des alten Hauses ausgetan hatte. Dann zerfloß die Erscheinung. Nur ein feines, kaum wahrnehmbares Psalmodieren war übriggeblieben, wie von Harfen, die weit drüben in der Niederung von Geisterhänden gespielt wurden. Die Gutsherrin hielt noch immer die Augen geschlossen. Den Kopf in die Hand gestützt, spann sie ihre Träume weiter. Da wurden ihr die Augenblicke zu Tagen und die Tage zu Jahren, und ihr Geist pilgerte immer tiefer landeinwärts, an Rüschhaus vorbei, an versteckten Kotten und Vorgehölzen vorüber, bis dorthin, wo altersgraue Mauern aufragten, eingebettet zwischen sparrigen Eichen, und über der Einfahrt in Stein gemetzet geschrieben stand, verwaschen und abgeblättert: »Post / Tenebras / Spero / Lucem.« Nach der Finsternis des Lebens erhoffe ich das ewige Licht. Hier trat sie ein. Sie atmete den Hauch ihrer Väter. Geschwister hatte sie nicht. Unbefangen war sie in die Ehe getreten, nicht jubelnden Herzens und im Taumel einer heißen Begierde, sondern gefaßt und abgeklärt, dem Rufe des Mannes folgend wie auf das Geheiß einer Morgenglocke. Und sie war glücklich geworden. Ihre Mutter hatte sie niemals gekannt. Deren Sterben war ihr Leben geworden, ihr Leben der Friede und Trost ihres Vaters. Klemens, Freiherr von Darfeld, ein westfälischer Edelmann nach dem Herzen Gottes, leidlich begütert und befreundet mit allen Notabelen seines Standes, hielt sich von allem Politischen fern, lebte ausschließlich seinen keramischen Neigungen, denen auf historischem Gebiet, und seine Abhandlungen über den streitbaren Bischof Christoph Bernhard von Galen hatten selbst in fachwissenschaftlichen Kreisen Anerkennung und Beifall gefunden. Seiner Veranlagung entsprach es nicht, durch Feld und Flur zu streifen und dem Weidwerk obzuliegen. Den Abschuß und die Hegung seines Wildbestandes vertraute er berufenen Händen an. So nahm es nicht wunder, daß sich zwischen den Häusern Darfeld und Getter vertrauliche Bande spannen, die sich mit den Jahren immer straffer und fester verschürzten. Freiherrn- und Freisassentum! ererbt von den Vätern und mit Zähigkeit festgehalten bis zur heutigen Stunde. Hie beschauliches Alter, die Stille des Abends und das sanfte Hinübergleiten in die Dämmerungen des erhofften Paradieses – und hie: strotzende Kraft, der Wille zur Tat und ungebundene Draufgängerei bis zum äußersten; trotzdem verstanden sich die beiden ungleichartig veranlagten Männer wie Blutsverwandte, als hätte ein unabweisbares Geschick es also bestimmt und unter Brief und Siegel genommen. Kein Mißton machte sich geltend, keine irdische Hand war so kühn, an den bestehenden Verhältnisse zu rütteln und sie aus dem Senkel zu bringen. Auch Judith folgte mit sichtlichem Interesse diesem seltsamen Weben und Wirken, möglicherweise aus der zuversichtlichen Erwartung heraus, diese Fäden noch zarter und inniger vereinigt zu sehen, ihrem Sohne zum Heil und dem Travelmannschen Anwesen zur Wohlfahrt. Sie sah es nicht ungern; denn seit dem Verkehr mit dem alten Freiherrn war in Bernd ein andrer Adam gefahren. Er schien stetiger, seßhafter geworden. Seine ungebändigte Kraft ebbte zurück. Die wilden und halsbrecherischen Ritte hörten auf, und öfters sah man ihn, ihn, den Herrn von der Getter, wie er sehnigen und ranken Leibes den Pflug führte, Furche bei Furche warf und die Schollen so meisterhaft auf die Seite legte, als gelte es, vierzig- und fünfzigfältige Frucht für die Scheunen zu heimsen. Häufig war er auf Darfeld zu finden. Dort jagte er mit besonderer Passion zwischen den entenreichen Gräben, auf den trostlosen Heiden ... nicht immer allein ... Emmerich von Dinklage, ein weitläufiger Verwandter des Hauses, war bei ihm ... der junge Gelehrte, der Denker und Forscher, aber auch der zielbewußte Westfale, der seinen Willen beherrschte und sein Herz an die Kette zu legen verstand, wenn es aufbegehrte wie der Sturm in der Frühlingsnacht und die Wolken darüber hinflogen wie zerflederte Hoffnungen. Er und Bernd kannten sich lange. Die gemeinsam bei den münsterischen Kürassieren durchkämpfte einjährige Dienstzeit hatte sie näher gebracht und die alte Kameradschaft, trotz der Verschiedenheit der Charaktere, nicht erkalten lassen. Sie hatten sich eben gefunden, in der Frohheit der Jugend, mit dem Instinkt wechselseitiger Neigung und Bewertung, in ihren Fehlern, Schwächen und Vorzügen, wenngleich auch letzten Endes ihre Ziele und Lebensanschauungen sich schieden wie Feuer und Wasser und ihre gesonderten Wege verfolgten. Der Kern der Sache blieb. Ihre Freundschaft war nicht aus Schick und Richte zu bringen. Zwischen diesen Männern stand Hille, aufgewachsen in völliger Abgeschiedenheit, in rührender Einfalt, umkleidet mit der Wonne und der Schönheit des reifen Weibes. Unbekümmert um die Wirrnisse und Anfechtungen der Umwelt, verfolgte sie ihre vorgeschriebenen Pfade. Friedliche Sterne zogen ihr auf, friedliche Sterne gingen ihr unter. Kein Windhauch krauste den Spiegel ihrer ruhigen Seele, bis sie gewahren mußte: vier heiße Augen waren plötzlich auf sie gerichtet – die eines Adlers und die eines Falken, und diese Blicke brachten sie um das Arglose und die Beschaulichkeit ihres früheren Daseins. Ängste und Nöte kamen. Eine keimende Sehnsucht und der Schrei nach dem Manne war in ihr lebendig geworden. Sie wußte nicht ein noch aus. Aber eine tiefe und selige Scheu umspielte ihr Antlitz, die stetig zunahm und mit jedem jungen Morgen nachhaltiger und inniger wurde. Nur wußte sie nicht: welchen Blicken sollte sie folgen? Denen des Adlers oder denen des Falken ... und da eines Tages ... Die Ernte war eingebracht. Roggen- und Weizenschläge lagen in rauher Stoppel. Aber wie die Leiterwagen auch ab und zu rumpelten, die Scheunen wollten sich nicht füllen. Keine Diemen wurden gerichtet, und standen sonst wie die Grenadiere im Gliede. Der Segen des Herrn hatte gefehlt. Statt seiner war der böse Sämann über die Felder gestolpert, hatte Hederich gestreut und das gute Gesame mit dem Kornbrand behaftet, und was seinem schlimmen Treiben entgangen war, hatten Hagel und Schloßen zum größten Teil in Grund und Boden geknüppelt. Auf Darfeld gab es bekümmerte und lange Gesichter. Das Jahr war ein völliges Mißjahr geworden. Um diese Zeit kam einer den schmalen Heckenweg herauf, der durch weite Parzellen über eine sanft abgedachte Berglehne direkt in den Hof und ins Herrenhaus führte. Es war ein Mann in den Sechziger-Jahren, ein Vetter zweiten Grades des Herrn von Darfeld, riemig gewachsen, grau in grau gekleidet und die blauen Deckfederchen des Hähers am niedrigen Filz, dessen schmale Krempe gegen die linke Ohrmuschel anstieß. Auf der Höhe des Heckenweges angekommen, wandte sich Gisbert Freiherr von Spiegel, seines fuchsigen, jetzt abgeblaßten Haares wegen allgemein der ›rote Spiegel‹ geheißen, und seine blutunterlaufenen Äugelchen revierten das kahle Land ab, so wie Gabelweihen es tun, wenn sie dicht über die Erde dahin gleiten. Dabei stieß er einen scharfen Pfiff durch die Zähne. »Prächtige Zucht!« sagte er lustig vor sich hin. »Natürlich bei seinen gottsträflichen Eigenbröteleien und historischen Galoppsprüngen ... selbstverständlich, da wächst der Roggen nicht in die Säcke hinein, lamentieren die Hypotheken von den Dächern herunter. Karamba! Mir soll es recht sein. Was dem einen verwest, geilt dem andern in die offenen Hände. Suum cuique! Weiß der Geier, der preußische Kuckuck versteht schon zu krähen, und wenn's auch dem westfälischen Adel meistens nicht paßte, heute paßt mir's,« und damit nahm er seinen früheren Schritt wieder auf und trat in den Gutshof. Zwei Stunden nachher lag Darfeld unter fahler Beleuchtung. Am tiefen Horizont zuckte es auf, um in violetten Fanalen über den Boden zu züngeln. Dann kam es marschiert unter Donnern und Blitzen, schwerfällig, dumpf und mit verhaltenem Atem; bullerte auch auf dem Herrensitz alles zusammen, was grünen und blühen wollte, und als nach etlichen Tagen Emmerich von Dinklage vorsprach und bald wieder ging, aber weltabgekehrt und mit verstörtem Gesicht, da war es, als pilgerten etliche Totenbeterinnen um Hof und Haus, um das ganze Anwesen in die Grube zu beten. Die ganze Nacht hindurch schritt Klemens von Darfeld wie ein eingekäfigtes Tier über die Dielen, rastlos, ohne aufzuhören, mit der fatalistischen Ruhe eines verlorenen Mannes. So fand ihn Hille. Er stierte sie fassungslos an. Über Nacht war sein Haar weiß wie Adlerflaum geworden, und seine linke Hand zitterte, als hätte sie tagelang Kegelkugeln geschoben. »Vater, was hast du?« »Hille, daß ich's man sage: Emmerich Dinklage ist bei mir gewesen.« »Und du sagtest ihm, Vater?« »Das, was ich tun mußte. Kirchenmäuse können zusammen nicht hausen, und wenn sie es tun, ist es 'ne jammerselige Wirtschaft.« Sie war bleich wie ein Sterbelaken geworden. Entgeistert sah sie ihn an. »Und das soll heißen?« fragte sie jählings. »Ich bin zum kahlen Stoppelacker geworden. Ein Bettler steht vor dir.« »Und Darfeld?« Die Worte erfroren ihr auf der Zunge. »Ist tot für mich. Der rote Spiegel hat ihm den Atem genommen. Mit seinem Sterben wurde auch dein Glück und das Emmerichs in die schwarze Lake getrieben. Das wäre nun fertig, aber was jetzt, was nun weiter beginnen?!« und der rechte, gesunde Arm streckte sich aus, und die rechte, gesunde Hand ballte sich zur Faust, um sich gleich darauf wieder zu spreizen ... »Himmel und Herrgott!« und wie Flintenschüsse knatterte es ihm von den Lippen herunter: »Diese Hand soll verdorren. Sie ist verpestet und vom Satan gezeichnet; denn sie unterschrieb den Gutschein, die Bürgschaft und alles das, was nötig war, einen Freund über Wasser zu halten.« Er rang nach Atem. Dann schrie er auf und ließ die wieder geballte Faust auf den Tisch fallen: »Diese Hand brachte dich und mich um Erbe und Würde. Mein Vetter, der rote Spiegel wurde zum Lumpen, legte dem andern und mir den Strick um den Hals ... nur noch wenige Tage – und Darfeld ist der Gant und dem Hammer verfallen ... wird vom roten Spiegel beackert ... wirb vom roten Spiegel bezogen ... und da ging das nicht anders: Emmerich Dinklage wurde um sein Bestes betrogen. Ick gröte Ju, leiwe Mann. Ja, er wurde um sein Bestes betrogen ... betrogen ... betrogen ...« Sie hatte die letzten Worte nicht mehr verstanden. Wie Sandkörner waren sie dem Alten vom Munde gerieselt, während er selber einem Sessel zutaumelte und dort zusammenbrach, halt- und kraftlos, als hätte ihn eine Sense niedergeworfen. Hille war bei ihm. Es mutete sie an, als würden die Sterbesakramente ins Zimmer getragen, und in dieses Sakramentale hinein fiel es dem alten Freiherrn brockenweise vom Munde, verloren, nur leise gestammelt, dann stärker, um schließlich wie mit harten Nägeln gegen die Wände zu kratzen: »Alles dahin ... vor die Hunde geworfen ... von diesem infamen Spiegel verelendet ... wie mit Strychnin ins Jenseits befördert ... und das alles, weil diese unnützen Finger ...« Er versuchte es, sich in seinem Polster zu strecken. »Hand, du verfluchte!« Hille drückte sie nieder, streichelte sie, kaum fähig, sich aufrecht zu halten. »Vater, behalte doch Ruhe.« »Du – wo die Dinge so stehen?!« Unwillkürlich stieß er sich mit der geballten Faust vor die Stirne. »Wo mir das alles auseinander will?! Möglich, die Verzweiflung hört auf, wenn das da draußen sich verwirklicht, was da geschrieben steht: Nach der irdischen Finsternis erhoffe ich das ewige Licht. Aber bis dahin ... entweder oder. Entweder ihr tretet ein, Würde und Erbe, oder aber ...« Er hatte Blut auf der Zunge. Mit jähem Ruck war er in die Höhe gefahren. »Ich weiß schon, ich weiß schon!« trumpfte er auf. »Nichts ist mehr nötig, als nur noch den großen Querstrich zu ziehen.« Er machte eine hastige Bewegung dem Eingang zu. »Herein Würde und Erbe! oder du, mein braves Reiterpistol ...« Seine Stimme schlug um, zerknitterte, um schließlich ganz zu verstummen, denn ohne vorheriges Anklopfen tat sich die Tür auf, kaum hörbar, um ebenso geräuschlos sich wieder zu schließen. Eine große, hagere, schwarzgekleidete Frau war ins Zimmer getreten, einfach und schlicht, nur ein Spitzentuch um die Schultern geschlagen, ein Samthäubchen auf den eisgrauen Haaren. Ihre zusammengekniffenen Lippen bewegten sich nicht, die gefalteten Hände hingen schlaff herunter. Ein weißes Tüchlein lag zwischen den welken Fingern. »Judith ...!« Der Alte trat ihr etliche Schritte entgegen, nahm ihre Rechte und führte sie still an die Lippen. »So unerwartet? Warum keine Nachricht? Wir wären vorbereitet gewesen. So aber ... unser Empfang entspricht nicht den gebräuchlichen Formen.« »Laßt das. Ich bin eigenwillig erschienen, ohne anzuklopfen, ohne mich melden zu lassen. Niemand war draußen. Darfeld ließ sich nicht stören. Das paßte mir gerade, denn eine innere Stimme gebot mir: Gehe hin! und ich bin zu Euch gegangen. Oder aber – bin ich ungelegen gekommen?« »Für eine Judith Travelmann bin ich immer zu sprechen. Liebe Gesichter können diese Räume vertragen. Wir haben sie nötig. Und nun, was verschafft mir die Ehre?« »Geschäftliche Dinge führten mich her.« »Soll meine Tochter ...?« »Nein, es ist gut, wenn sie bleibt. Was ich zu sagen habe, ist auch für sie bestimmt. Das Leben ist eine harte Meisterin, aber was sie lehrt, kann jeder gebrauchen.« Dabei hatte sie Hille an sich gezogen, war ihr sacht über den Scheitel gefahren. »Wir wollen uns setzen, Klemens Darfeld, denn nur so kann ich meine Anliegen ordnen und sie aneinander reihen, wie sie zusammen gehören, ohne zu viel zu sagen, ohne dabei das Wichtigste außer Obacht zu lassen. Vor allen Dingen: ich will nicht aufdringlich erscheinen. Ich lasse die Kirche im Dorf und will nicht über die Pfähle hinaus, die mir gebieten: Bis hierher und nicht weiter. Nur die Liebe um Euch führte mich her. Nur eine gebieterische Notwendigkeit, das qualvolle Muß hieß mich diese Stunde suchen, ohne Sonderinteressen, ohne dabei an mich oder an Haus Getter zu denken. Klemens, das ist es, und so hoffe ich denn, die richtige Bewertung zu finden, auf daß wir schließlich sagen können: Unser Begegnen ist nicht vergebens gewesen.« Der Freiherr machte eine verbindliche Handbewegung. »Judith, ich bitte ...« und als sie Platz genommen hatten, eine gewisse Befangenheit die Herzen erregter klopfen ließ, legte Judith die schlanken Finger zusammen und sagte: »Klemens, Ihr und mein verstorbener Mann, ihr habt von jeher ehrliche Freundschaft gehalten, trotz seiner Schwächen, die ihm anhafteten. Indessen – ich segne sein Andenken, denn was er mir antat, hat die allversöhnende Hand des Todes gemildert. Und käme er wieder, bleich und entstellt, wie damals, als sie ihn an der Mergelgrube fanden, in meinen Armen wäre ihm eine Stätte bereitet. Scheinbar sind meine Ausführungen ein Konzert von Mißklängen, allein, alles in allem genommen, bildet es ein harmonisches Ganze. Ihr seid der nämlichen Ansicht, das weiß ich; denn damals ... Ihr habt mir offen zur Seite gestanden, ohne den Bonzen herauszukehren, denn als die Schmäher und Verleumder kamen und wie Reptile um den Erschlagenen zischelten – Ihr tratet unter die Bodenluke an die Flachsbrechen heran und decktet die Travelmannsche Ehre mit Euerm Schild. Das danke ich Euch bis zur heutigen Stunde. Und diese Freundschaft habt Ihr auf mich übertragen, und so was verpflichtet. Damals war ich in Not, heute seid Ihr es, und weil es so ist ...« »Judith ...!« Klemens Darfeld erhob sich. Er versuchte die Linke zu heben. Matt sank sie ihm am Körper herunter. »Ich vermute,« sagte er mit weher Betonung, »Ihr kommt jetzt auf meine Bedrängnis zu sprechen.« »Ja,« versetzte sie mit eisiger Ruhe, »das ist meine Absicht.« »Dann gestattet zuvor ...« und er ging hin, ließ die Gardine herunter und setzte sich wieder. Alles Tageslicht war aus dem Zimmer genommen. Nur eine matte Dämmerhelle war übriggeblieben. »Klemens, warum ließet Ihr die Gardine herunter?« »Aus zweckdienlichen Gründen. Ich glaube, es ist besser, Ihr seht mein Antlitz nicht, wenn Ihr redet. Es spricht sich leichter; denn es ist nicht schön, in entstellte Gesichter zu blicken.« »Aber Klemens ...! und dennoch: es wird seine Richtigkeit haben. So hört denn. Besser ein offenes und zeitiges Wort, als ein solches, das hinter den Ereignissen einherwinselt. Auch wir, die Travelmann, sind mit Schlacken behaftet, aber unter diesen Schlacken wohnt der Atem der Treue. So ist es von jeher gewesen. Ich bin über die Darfeldschen Äcker gegangen, und was ich sah, machte keine fröhlichen Sinne. Ich kam an den Speichern vorbei, und überall gähnte mir eine trostlose Leere entgegen, und das ist ein Unglück. Aber dieses Unglück ist nicht allein vom Himmel gekommen. Die Schuld daran liegt auch auf der andern Seite. Wer schieres Brot verabfolgt, kann auch schiere Arbeit verlangen. Doch ehrlich gestanden: Eure Knechte und Mägde haben schieren Roggen gegessen, ohne schiere Arbeit zu leisten. Die Hand des Herrn fehlte, das wachsame Auge. Über Euern Scherben und Büchern vergaßt Ihr die Wirtschaft, und da begann es in Euern Sparren und Dächern zu knistern. Ich verschlimmere nichts, fühle aber die Verpflichtung in mir, das Kind bei seinem richtigen Namen zu nennen ... und so frage ich denn: Habe ich recht oder unrecht?« Sie hielt inne. Lautlose Sekunden zerrannen in der grauen Dämmerung. In diesem Halbdunkel stand ein bleicher Fleck, kalkig und scharf umrissen. Es war das Gesicht des Freiherrn. »Ihr habt recht,« sagte er tonlos, »nur: Eure Worte sind steinern.« »Aber gerecht, und das Schlimmste von allem: Eure Gutmütigkeit selbst ist ein Erbteil der Darfeld. Ein Juwel und doch kein Juwel, denn schlägt es zum Unheil aus, beginnt der Boden unter den Füßen zu wanken. Und hier, so wahr mir Gott helfe! ist kein Aufhalten mehr, scheint alles aus Fugen und Gelenken zu fallen, es sei denn ...« »Sprecht weiter.« »Das will ich, denn meine Augen sehen genau und meine Ohren täuschen sich nicht. Ein Narr, wer noch hofft. Eure gentile Lässigkeit und Eure unangebrachte Freude am Wohltun lockten den roten Spiegel aus seinem Bau, und was ein Spiegel anschleicht, dem wird die Kehle zerrissen.« »Das weiß ich.« Klemens Darfeld stand neben der Alten. Seine gesunde Hand streckte sich und faßte die ihre. »Ich danke Euch, Judith.« Dann ein bitteres, knochentrockenes Lachen. »Immer offen und ehrlich. Solche Freunde kann man gebrauchen, wenn man in Not ist, nur: sie brechen einem den Verstand auseinander. Recht geschieht mir, aber wenn es beliebt, sei mir eine Frage verstattet. »Ich bitte darum.« »Dann frage ich, Judith: Seid Ihr auf Darfeld, um mir das Blut aus dem Herzen zu treiben?« »Eigentlich ja, und eigentlich doch nicht ... und der wahre Grund meines Kommens ...« und sie straffte sich hoch, derb und wie ein Bildstock gewachsen: »Klemens, Ihr solltet mich kennen und mich nicht heute so und morgen anders taxieren. Ich bin die Alte geblieben, die Trägerin meines Namens, die Unwandelbare und, wenn Ihr wollt, das eckige Weib in der münsterischen Heide, stets gedenkend, was Ihr meinem verstorbenen Manne gewesen. Kein Steinchen verrückte sich dran im Laufe der Jahre. Das solltet Ihr wissen. Über den roten Spiegel jedoch scheint Euch das Nächste aus den Fingern zu gleiten, als wäre es gar nicht vorhanden. Was soll das?« Ihre Stimme war heiser geworden. Dann aber setzte sie ihre Worte klingend und wie mit Hammerschlägen nebeneinander: »Drückt ihm den Daumen ins Auge, und wenn Ihr es selber nicht könnt, so laßt es andere besorgen. Wer an Darfeld rüttelt und schüttelt, der rüttelt und schüttelt an meinem eigenen Hause. Und an der Getter rüttelt mir keiner. Nach alter Satzung und Treu' und nach verbrieftem Gelöbnis: Freiherrnblut und Freisassenblut verlassen sich nicht, gehören zusammen. Wenigstens ist das bei uns so wie'n Evangelium. Klemens, Ihr sollt mich richtig verstehen und alles so aufnehmen, wie es gemeint ist. Fuchs ist Fuchs, und der rote Spiegel ist Zeit seines Lebens der rote Spiegel geblieben. Daran ändert sich gar nichts. Kein Bitten und Betteln. Kranken gibt man das Brot des Lebens, Tote begräbt man, aber Eindringlinge riegelt man aus. Das könnt Ihr allein nicht. Da muß einer Euch helfen, und daher: wollt Ihr eine hilfreiche Hand, die Travelmannsche Hand? Dann sagt es! Hier ist sie.« Der Freiherr taumelte rücklings. Fassungslos waren seine starren Blicke auf die unerschütterlichen und friedhofstillen Züge der Alten gerichtet. Dann schrie er: »Ist ein Satan oder ein Engel unter meine Sparren getreten?!« »Keiner von beiden. Aber eine Travelmann, Klemens.« »Mein Gott, mein Gott! Die wilde Travelmännin ist zu mir gekommen ... kam hilfreich ... kam mit offenen Armen ... Judith, und wie heißt die Bedingung? Die Gegenleistung? Was hab' ich zu bieten?« »Gar nichts. Wie kommt Ihr darauf? Ich stelle keine Bedingung. Ihr denkt wohl: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Mancherorts angebracht, im vorliegenden Falle jedoch geht diese Weisheit auf Krücken. Keine Nötigung, Klemens. Freiheit für jeden. Ihr habt keine Gegenleistung zu machen. Ich will nichts und beanspruche nichts. Ihr habt gar nichts zu geben. Aber wenn Ihr es tun wollt ... mit Liebe im Herzen ... mit kindlicher Einfalt und aus freien Stücken heraus: Haus Getter kann eine Darfeld gebrauchen. Das Blut paßt zusammen.« Langsam schritt sie der Tür zu. Ein weher Laut lief hinter ihr her: »Judith, und wollt Ihr schon jetzt eine bündige Antwort? Sollen Hille und ich ...?« Sie wandte sich ruhig. »Klemens, tut, was Euch frommt, und handelt, so wie Einsicht und Gewissen es vorschreiben. Alles Weitere ist vom Übel. Keine Überstürzung. Nur sorgt, daß dem roten Spiegel das Handwerk gelegt wird. Fuchs bleibt Fuchs, und ich sagte schon eben: Kranken gibt man das Brot des Lebens, Tote begräbt man, aber Eindringlinge riegelt man aus ... und was Ihr auch vorhabt, und wie die Entscheidung auch ausfällt: auch ohne eine Darfeld auf Getter – mein Wort ist wie vom Tische des Herrn gespendet. Nun laßt mich. Keiner begleite mich. Ich will nicht. Mein Krückstock steht draußen. Es ist besser so. Ich will kein Aufhebens machen.« Als sie das Zimmer verließ, ruhten zwei heiße Lippen auf ihren eiskalten Händen »Es ist gut, Hille,« sagte sie leise. Dann ging sie. – Bald darauf war die Gant niedergeschlagen, und am nämlichen Tage standen zwei junge Männer zusammen, ähnlich zum Verwechseln, ehrlich bis in die Knochen hinein und wie mit eisernen Ringen aneinander geschmiedet, nur: der eine bleich, wie ins Mark getroffen, der andere hungrig nach Leben und mit zuckenden Nasenflügeln. Aber Hand lag in Hand. »Bernd, keine Bekenntnisse mehr. Sie liegen mir nicht. Vae victis! Du bist Sieger geblieben. Besiegte haben noch niemals Trophäen erworben, niemals Kränze gefunden. Im übrigen: lachen will ich, wenn es auch schwer wird; denn Lachen ist immer bei einem Starken zu finden. Und stark will ich sein, um nicht Unterströmung zu haben.« »Unterströmung? Ein Dinklage hat niemals Unterströmung erduldet.« »Bernd, es war nahe daran. Nur meine gesunden fünf Sinne ... Aber lassen wir das. Es wird sich schon einrenken. Nur eins möchte ich sagen. Weißt du noch, Bernd: von jeher bin ich ein glücklicher Spieler gewesen. Natürlich im ehrlichen Spiel. Dies Mal: va banque! Du hingegen, du hast mich in eleganter Lanzade überboten. Sie weist zu den Sternen. Gratuliere, mein Junge!« »Und du trägst mir nichts nach?« »Nachtragen? Dir? Warum denn? Im Gegenteil. Freunde, wie wir sind?! Wohin die Liebe eines Weibes fällt, da ist geweihte Stätte. Möge diese Stätte immer geweiht sein. Außerdem: es mußte so kommen. Nur so bleibt Darfeld erhalten und damit Ansehen und Erbe. Gott befohlen für heute. Das Weitere findet sich.« »Was hast du vor?« »Ich? Irgendwohin. Was soll ich denn anders? Die Welt ist weit. Nur hier: die münsterische Heide drückt mir das Herz ab. Ich reise nach Leukas. Die hellenische Umwelt wird mir das Vergessen schon bringen. Grüße mir Hille, und damit ...« und als ein großes, weißes Schiff die blaue Adria durchfurchte, immer südlichen Kurs hielt, auf der Reede der kleinen jonischen Insel ausbootete, wo Artemisia von Halikarnaß den tödlichen Sprung vom leukadischen Fels wagte und ein einsamer Mann mit leichtem Gepäck, aber mit einer schweren Last auf der Seele, an Land ging, war Hille von Darfeld Herrin auf Getter geworden ... und ihre Tage vergingen wie Sonnentage und ihre Nächte wie Träume, die sich schweigend und mit goldenen Bildern durchleuchtet unter dem Himmelreich bewegten. Ach! und diese Tage und Nächte wären Sonnentage und lichte Träume geblieben, hätten nichts an ihrer Reinheit und Innigkeit verloren, hätte sie nicht die Worte eines Großen gelesen, die da lauten: »Lasse dir raten: habe die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne. Komm' und folge mir ins dunkle Reich hinab ...« Und sie folgte der Stimme des Großen. Der unberechenbare Strom der Erscheinungen zog über sie hin. Im wachen Zustand sah sie Gestalten, Ereignisse, Begebenheiten, die nur in der Zukunft wurzelten, kommenden Tagen entstiegen, und sie gewahrte mit Schrecken: du bist gezeichnet vom Herrn, und das Erbteil der ›Blassen‹ im Land ist auch dein Erbteil gworden – und da hatte sie das Lachen verlernt und alles das, was sie berechtigte, mit den Fröhlichen fröhlich zu bleiben. Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie häufig zum Helweg, und als der Roggen blühte und ein warmer Blust über die Myriaden von Ähren dahinräucherte, kam es geheimnisvoll seine Straße gezogen, schwarzumkleidet, von vier Rappen gezogen, und eine lange Pleureuse wehte schauerlich über das Wappen derer von Darfeld. Und Stimmen in der Luft, Stimmen der Trauer! » Quaesumus, Domine, pro tua pietate, miserere animae famuli tui! Requiem aeternam donna ei, Domine. Et lux perpetua luceat ei! Requiescat in pace! Amen, Amen! « Die furchtbaren Gesichte drückten sie nieder. So fand sie Hövelkamp. Auf sorglichen Armen trug er sie heimwärts. Nach Monatsfrist wehte die Flagge auf halbmast, und die Leute sagten: »Nun ist der alte Freiherr gestorben.«   Mit einem erstickten Laut fuhr sie auf. Die Träume zerflatterten, die Vorstellungen und Erinnerungen. Hille war sich und dem Leben wiedergegeben. Ein ernster, feierlicher Abend sah durch die Scheiben. Ein violblauer Streifen grenzte den Horizont ab. Darüber standen resedafarbige Schatten. Der brennende Wald war kaum noch zu sehen. Seine Konturen verschwammen. Der rote Kardinal hatte sich eine Kapuze übergezogen. Sein Amt schien zu Ende. Wie lange noch, und er sah sich seines preziösen Gewandes entkleidet. Wenn nicht morgen, so doch in einigen Tagen ... und dann kam das Frösteln und Frieren und die weiße, große Winterruhe und das Gebimmel irgendeines verlorenen Schlittens, federleicht, ein Armseelstimmchen, um mit diesem Stimmchen in das ewige Schweigen zu bimmeln. »Päng! Päng!« Sie horchte hinaus. Noch einmal kläffte und belferte Ohm Gideons Flinte herüber. Dann hörte sie nichts mehr, aber aufrecht stehend, die Arme auf der Brust zusammengeschlagen, sagte sie heimlich: »Wie sprach doch die Mutter? Ja, so: die Stunde wird kommen, wo du reden wirst: Ich bin gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.« Und sie faltete die Hände, die schmalen, schuldlosen Hände. »Nicht für ihn. Es soll sein Weihnachtsgeschenk werden. Aber für sie ... schon heute ... Gut, der Schmuck, er soll kommen, der Schmuck der Travelmänner, denn ich bin eine Travelmann, Mutter.« 4 Es war mittlerweile dunkel geworden. Über den Hof, den stummen Wald und die lautlose Heide zogen die goldenen Mirakel herauf, Lichter bei Lichter, ein Gewirr von flinzenden Splitterchen die mit zierlichen Füßchen unter dem Himmelreich trippelten. Droben die ewige Ruhe, das gebieterische Walten eines Mächtigen, das ernste Schaffen der Vorsehung und der lautlose Schritt des Unfaßbaren, während unter der schweigsamen Kuppel Sankt Huberti Weidwerk spektakelte und nicht Stimmen genug hatte, den glücklichen Ausgang des Jagens zu begehen. Bracken und Schweißhunde läuteten, rote Bänder knisterten hoch, grobe Nägelschuhe lärmten durcheinander, und dazwischen wetterte Fritz Garke, der Revierförster von Hiltrup und Amelsbüren, seine ›Malefizkerle‹ und ›Kreuz-Millionen-Gewitter‹ in die Treiber hinein, die er unter Beihilfe Hövelkamps ablohnte und anwies, die heimgebrachte Strecke zu richten. Jans Schwarte und der Mensch mit dem borkenrissigen Gesicht bedienten die Feuer: Jans Schwarte das rechte und der Mann mit der Kuhantilopenvisage das linke, brachten immer neue Kloben zu und ließen die Scheiter aufleuchten wie die Lichterpyramiden am Abend des heiligen Lambertus. Unter dem Geflacker schienen die alten Mauern zu brennen, lag der Gutshof wie unter einem blutigen Teppich, kletterte eine unruhige Helle von Geschoß zu Geschoß, um von den Giebelfirsten aus schemenhaft in das sternenübersäte Dunkel zu fließen. Schnurgerade und in folgerechten Abständen war bald darauf die Strecke gerichtet, sorglich eingebettet zwischen Fichten- und Kiefernbrüchen: Hasen, Fasanen, Füchse und etliche Rehböcke ... Weidmannsheil! und Knechte und Mägde drängten aus Ställen und Wirtschaftsgebäuden vor, um begierig das stolze Resultat des Tages bewundern zu können. Nur eines von ihnen, ein blutjunges Ding mit brandroten Haaren, dasselbe rassige Frauenzimmer, das sich beim Mittagstisch über und über verfärbt hatte, kümmerte sich den Kuckuck um Weidwerk und Jägerei, schnürte sich vielmehr an das linke Feuer heran und stieß den dort Beschäftigten in die unteren Rippen. »Du,« sagte sie heimlich und mit leisem Kichern, »heute um zehne. Die Alte hat alle Hände voll zu tun. Ich warte. Die Luft ist rein und die Kammer dito desgleichen. Aber verstehst du – auf Socken.« Ein behagliches Grunzen. »Ösiges Wicht – du!« Er wollte noch mehr sagen, aber die Kleine war bereits wie ein rasches Wiesel verschwunden. Da kniff er das linke Auge ein und zwinkerte fidel mit dem rechten. Seine stumpfe Seele schweifte in libidinöse Gefilde. Die Geheimnisse und Mysterien der eleusinischen Feste schienen unter der verwehten Schädeldecke aufzuzüngeln wie das verschwiegene Öllämpchen im Allerheiligsten über dem Kälberstall. Aber es winkte schön und anheimelnd und wie eine große und stille Vorfreude. »Also auf Socken!« Er spann den Gedanken nicht weiter. Seine Sinne brannten. Um seine überschüssige Kraft vorderhand auszuschalten, nahm er ein mächtiges Buchenscheit und warf es zu den übrigen. Funken spritzten, glühende Vögel prasselten auf, Falken und Stößer, und rasten durch das Gesichtsfeld des Glücklichen, als gölte es, das dürftige Gehirn schon jetzt mit der Taumel- und Liebesfackel des kommenden Geschehens zu illuminieren. »Um zehne...!« Und in das Feuerspritzen und Prasseln klang eine helle Fanfare: der Jagdschrei. »Achtung!« Ein leichter Wagen karriolte in den Hof, dem sechs oder sieben Herren entstiegen, darunter Bernd Travelmann, ein Eigenwilliger, schon leicht ergraut an den Schläfen, das Kinn energisch vorgestoßen, die Adlernase geflügelt, das Gesicht wie aus hartem Granit gemeißelt und dennoch gewinnend und mit einem jovialen Zug um die Lippen. Man sah es ihm an, er war zum Befehlen geboren, aber auch fähig, den Genuß auf den Kopf zu stellen und den heiligen Feiertag zum Fasching zu machen. Bei seinem Erscheinen verstummte das Läuten, das Belfern und Bellen, just als wollten Bracken und Schweißhunde ihm ihren Respekt und ihre Reverenz erweisen. Kein Schuh knarzte mehr, die Fanfare brach ab. Nur die Scheiter begannen froher und lichter zu brennen. Die ganze Szene war mit Blut übergossen. Die Teutonengestalt des Gutsherrn reckte sich auf. »Herr Garke!« »Befehl ...!« und der Revierförster von Hiltrup, mit Wild und Heide verwachsen wie Quarz und Kiesel, schnittig und das gebräunte, nicht unschöne Gesicht mit einem kurzverschnittenen Spitzbart umgrenzt, warf die Hand an den verwitterten Filz. »Brav geführt. Keine jüdische Hast. Nur ein leichtes Vertaddern zwischen den infamen Schilfkaupen.« »Herr Travelmann, ich möchte gehorsamst bemerken ...« »Ich weiß, ich weiß. Kann jedem passieren. Tut nichts. Nur schade: der kapitalste Bock in der Uhlenbrinker Gemarkung ist uns heidi und flöten gegangen.« »Kommt morgen zur Strecke.« »Nehmen wir an. Im übrigen: flotte Jägerei. Ich danke. Und nun die Strecke, Herr Garke.« »Ich bitte die Herren.« Von Fritz Garke geführt, setzten sich alle in Bewegung. Links vom Gutsherrn, wie Bruder an Bruder, gleich an Größe und Aussehen, nur die grauen Augen tiefer und von dunkeln Ringen umgeben, als hätte sich dort eine niedergerungene Leidensgeschichte verewigt, schritt einer, der das eingebettete Wild kaum beachtete: Emmerich von Dinklage – rechts von ihm ein rollendes, schiebendes Etwas auf putzigen Beinchen, prustend und stampfend und mit dem fidelsten Gesicht von der Welt, dessen Burgunderfarbe mit dem roten Geleucht der Buchenkloben wetteiferte: Gideon Hasenklever, in Pelz und Jagdmuff und seinen Bülow Krawallo in der Rechten führend. »Halt!« rief er munter, als sie zu den Fasanen gekommen. Er streckte die Hand aus, die wohlgepflegte Hand, an deren Mittelfinger ein schwerer Ring mit einem Lapis lazuli protzte. Dabei schnickte er den Eierkopf mit dem schmalrandigen Hütchen, von dem sich eine riesige Spielhahnfeder aufstelzte, wie ein Kiebitz in die Höhe. »Majestätische Strecke ... majestätisch ... allerdings ... gar nicht zu zweifeln. Jawoll, ja. Allerhand Achtung! Aber offen gestanden: zwei Drittel davon ist auf mein Konto zu buchen, ohne mich dabei einer Übertreibung schuldig zu machen.« »Oho!« Der Jagdherr wandte sich. »Kannst du das Renommieren noch immer nicht lassen?« Gideon stutzte. Die scharfen Lichter in seinen kreisrunden Augen begannen bengalisch aufzumucken. »Renommieren?! Ich renommieren? Erbsassenhöfer, für mich ist deine Behauptung ein Ding ohne Inhalt. Ein leeres Phantom. Menschenskind, du weißt doch schon lange, seit Methusalemszeiten: Krumme umzulegen, Fasanen und die pistenden Vögel mit den langen Gesichtern reihenweise aus der blauen Luft zu pulvern, das geht mir noch besser von der Hand, als Festmeter abzuschätzen und Bouteillen die Hälse zu brechen. Jawoll, ja. Bernd, feixe nicht so. Es geniert ja nicht weiter ... aber gewissermaßen doch – ja ... Mein Wahlspruch: Immer aufs Ganze. Ventre à terre . Kolossale Vehemenz, wenn mein Finger an den Hahn schleicht. Des zur Bekräftigung rufe ich unsern gemeinsamen Freund Emmerich als Zeugen an. Emmerich, wie war's? Offen und ehrlich. Schwurfinger hoch. Gib Antwort, oder aber« – und der quecksilberige Junggesell, Gideon, der Unwiderstehliche, der Paderborner Husar, Gideon mit den fadigen Schnurrbartspitzen, suchte sich um etliche Zoll größer zu machen und schlug den Angerufenen derb auf die Schulter –« oder aber, werter Freund und Kupferstecher, ist dir alle Bewertung jagdlichen Könnens und teutonischer Schießleistung in deinen klassischen Gefilden abhanden gekommen? Dann sag's nur. Ich warte auf Antwort.« Er suchte nach Atem. Sein Bäuchlein schwappte. »Keineswegs. Deine Flinte war brav.« Gideon prallte zurück. Sein Antlitz vereiste. Nur die Burgunderfarbe war wie die der böhmischen Granaten geworden. »Wa.. wa... was!« rief er aus. »Diese Mißachtung, diese Verkennung objektiver Wahrnehmung! Jawoll, ja. Kathederweisheit, um nicht Kadaverweisheit zu sagen! Lasse dich anlächeln, Jüngling. Bloß brav, du Griechenmann, du Träger des Lichtes, du Liebling der Grazien und der ausgebuddelten Scherben?! ›Brav‹ hat mit ›leidlich‹ 'ne verfluchte Familienähnlichkeit, und das ist verheerend. Da müßte ja mein Bülow Krawallo ... O, o, o! das durfte nicht kommen,« und die Stimme des Kurzbeinigen wurde flaumweich und lau wie das sanfte Säuseln von Kiefern: »Gehe hin und streiche Ziegel in der Wüste, aber beurteile fernerhin nicht die Bravour einer Freiherrlich Hasenkleverschen Knarre mit kleinlichen Expektorationen. Sie hat mehr zu bieten, ist außer Wettbewerb, und ich sage dir, Emmerich –« und seine Worte machten Nägel mit Köpfen – »ich sage dir, Emmerich, und zwar voll und ganz und im edelsten Sinn meiner Empfindung: Großartig war sie, nicht zu überbieten, voller Verständnis und Taktgefühl, 'ne Nummer für sich, die beste Flinte im Regierungsbezirk. Jawoll, ja. Wer's nicht glaubt, soll verdammt sein, wie Knipperdölling vom menschenfreundlichen Bischof Franz von Waldeck geröstet und gebraten zu werden. Oder mein Bülow Krawallo ... Was zu beweisen war.« »Genehmigt!« warf sich der Jagdherr dazwischen, um allen Weiterungen in die Parade zu fahren. »Gideon, dein Vaterunser kann Berge versetzen und Krickenten in Trappen verwandeln. Das wissen wir alle. Also abgemacht. Die Tatsache steht fest: zwei Drittel der totalen Strecke ist auf dein Konto zu setzen.« »Merci!« »Herr Garke!« »Herr Travelmann!« »Den Fichtenbruch!« und keine fünf Minuten vergingen, da prangte das waldfrische und harzige Grün neben der steilen Spielhahnfeder, als wenn es dort predigen müßte: »Von Rechts wegen, Ehre, wem Ehre gebührt. Mein ist der Bruch, und mir gehört er zu!« »Weidmannsheil!« »Weidmannsdank!« »Und nun, meine Herren« – und Bernd Travelmann wandte sich an einige Gutsnachbarn, die weiter zurückstanden – »in 'ner kleinen Stunde zu Tisch. Auch Sie, Herr Garke, sind freundlichst gebeten. Aber ich bitte mir aus .. für alle Fälle und im allgemeinen gesprochen ... Soeben wurden etliche Gepäckstücke ins Haus getragen. Ich möchte ergebenst bemerken: hier ist ein Bauernhof und keine Edelmannsklitsche. Soll es nicht sein, ist es niemals gewesen. Frack und weiße Binde finden keine Gnade auf Getter; auch Lackstiefel nicht. Dies zu deiner Orientierung, Emmerich. Man kann vieles im Leben vergessen. Dann weiter: du beziehst das Erkerzimmer, und Gideon, du – na, du kennst deine Bude.« »Kenn' ich.« »Außerdem: das mit dem Frack und der weißen Binde möchte ich auch an deine Adresse gerichtet haben.« Der Paderborner klappte die Absätze zusammen und legte zwei Finger an den Hutrand. »Wie du befiehlst. Mir ganz aus der Seele gesprochen. Keine Umstände. Immer das Beste. Man bloß mit dem Kopp in die Schüssel, und der Heros ist fertig. Aber noch eins, mein Gestrenger, und nur für deine Lauscher bestimmt. Ich meine: so nach Tisch ... wenn die Damen sich gewissermaßen heimlich verduften und die dicken Zigarren und Schnäpse aufmarschieren ... ich hoffe, dann läßt du doch so'n kleines Tempelchen auflegen ... meine Tante, deine Tante ... oder wie die niedlichen Spielchen so heißen.« »Alter Roue!« lachte der Gutsherr. »Also denn nicht. Wird auch akzeptiert, wenn auch wehen Hauptes. Jawoll, ja. Also bis gleich denn.« »Aber pünktlich, Gideon, und wahre die Würde des Hauses. Du weißt ja.« »Ja so! Von wegen ... mir sang ein Vögelein: Laß' ab von der Liebe ... oder so 'ne ähnliche Schose. Kennen wir. Nicht mehr zu machen. Schon aus Gründen der Ritterlichkeit und Pietät: ich weiß, was sich schickt. Jawoll, ja. Alles andre wäre als hyperbolisch und deplaziert zu bezeichnen. A rivederci ! und Kopp in die Schüssel. Ich habe die Ehre.« Er schwenkte sein Vivathütchen. Tannenbruch und Spielhahnfeder glühten wie feurige Pyropen. »Ein Horrido dem Jagdherrn!« »Horrido! Horrido!« Noch einmal setzte der weidmännische Spektakel ein. Neue Funkengarben stoben in den nächtigen Himmel, kerzengerade, mit krausen Federbüschen, um hoch über dem stattlichen Anwesen in sprühenden Kaskaden niederzugleiten. Die Scheiter krachten. Unter schmetterndem Hornruf, dem Geläut aller Hunde und dem ohrenbetäubenden Lärm der Treiberklappern führte Bernd seine Gäste dem altertümlichen Hause zu. Hier empfahl er sich, schob aber den Arm in den seines Jugendgenossen und sagte: »Komm', ich werde dich auf dein Zimmer geleiten.« »Gut, wie du willst.« Sie wandten sich links in der Diele, bogen dann ein und verfolgten einen langen, weißgekalkten Korridor, dessen schmucklose Balkenlage fast die Köpfe berührte. Massig stellten sich etliche Pfeiler nebeneinander, von deren Gurten tropfende Wachskerzen eine angenehme Helle verbreiteten. Trotz der gesuchten, nahezu aufdringlichen Schlichtheit – überall wehte ihnen die Kultur und das Behagen eines westfälischen Edelsitzes entgegen. Alte Kupfer, Szenen aus Holz und Feld und der edlen Jägerei wiedergebend, grüßten von den Wänden herunter. Dazwischen liebe Erinnerungen, Trophäen von Flinte und Büchse: ein Wald von zackigen Geweihen und Stangen, Gamskrucken und Auerhahnbälgen mit ausgebreiteten Fächern, jedes Stück auf Schild oder Schale mit der entsprechenden Legende versehen, und weiter dahinten ... ein Prachteremplar: ein kapitaler Zwölfer mit schwarzen, breitausgelegten Eis- und Mittelsprossen, darunter die Inschrift: »Düstermoor, Anno Domini ...« Das weitere verschwand unter dem Laubwerk eines vertrockneten Buchenkranzes. Der Gutsherr wollte eiligst vorüber. Emmerich aber blieb stehen. Die Hand fuhr schwer über die Stirne, dann sagte er verweht vor sich hin: »Von Hille gestreckt, bei den drei Eichen, als er vom Düstermoor ins Korffsche überwechselte.« »Und das weißt du noch heute?« »Als wäre es gestern passiert, und wenn ich dran denke... Ein Abend, wie wir ihn heute durchlebten. Damals: die Welt stand in Lohe, jedes Blatt war ein wundes Herz, Forst und Heide ein flammendes Totenmal; da krachte ihr Schuß, und ein königlicher Waldgänger lag zwischen den Latschen. Rot die Latschen, rot der Windfang und ein blutendes Rot mir vor Augen. Ich kann's nicht vergessen.« Ein trockenes Hüsteln. »Ich wollte, das Blei hätte 'ne andere Richtung genommen.« »Komm', Emmerich. Keine Sentimentalitäten. Wie Todesahnung, Dämmerung deckt die Lande. Unsinn! Zieh' einen Pelz über deine fröstelnde Seele. Das wärmt und macht frohe Gedanken. Nur keine Kramerei in alten Erinnerungen, in vergilbten Briefen und ähnlichen Nichtigkeiten. In 'nem soliden Sterberegister wird nichts mehr lebendig.« »Bernd, du verstehst mich nicht oder willst es nicht können.« »Ich tu's zur Genüge, und weil ich es tu': Grüß' Gott, tritt ein, bring' Glück herein!« Er drückte die niedrige Tür auf, die ins Erkerzimmer führte. Auch hier eine einladende Helle und ein stilles Behagen. Zwei Metalleuchter warfen ihr freundliches Licht über verblichene Tapeten, Schildereien und Möbelstücke und reflektierten in einem großen Spiegel, der fast die ganze, zwischen zwei Fenstern gelegene Wandfläche einnahm. Im Kamin plauderten verlorene Stimmen. Irgendwo geigte ein Heimchen. »Dein früheres Reich aus der Zeit meines Junggesellentums. 'ne mollige Bude, so recht dazu angetan, die abstrapazierten Ständer mit Wonne zu strecken. Mach's dir bequem, und da bis zum Schüsseltreiben noch rund 'ne Stunde hingehen dürfte, vielleicht 'ne kleine Rotspon gefällig?« »Ausgeschlossen.« Der Gutsherr lachte und befreite den Gast von Rucksack und Schrotbeutel. »Unnütze Frage. Natürlich! Du als Griechenmensch ... Die alten Olympier, was die tranken, das haben wir nicht. Aber dennoch und trotzdem« – und die Hände Bernds umgriffen die seines Freundes – »nach langen, unerträglichen, stumpfen zwei Jahren: herzlich willkommen auf Getter!« »Ich danke dir vielmals, aber offen gestanden: ich atme schwer zwischen deinen vier Pfählen.« »Na – und?!« »Nimm's mir nicht übel, aber ich möchte dir und mir keine Ungelegenheiten bereiten; kurz, ich habe das Gefühl, ich könnte hier stören.« Bernd sah ihn sprachlos an. Dann versetzte er ihm einen leichten Stoß gegen die Herzgrube. »Bring das erst zur Ruhe und werde vernünftig. Man bläst doch nicht in leere Eierschalen hinein. Sie geben einem nichts, nicht das Geringste, und da kommst du mit solchen Redensarten? Menschlein, sei weise! Stören? Du stören?! So was spricht man nicht aus, schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil einem dabei die Narretei auf der Zunge klebt. Stören? Weshalb denn? Bist du denn von Gott und allen guten Geistern verlassen? Freund, Herzensbruder und alter Waffengefährte ...!« Mit beiden Fäusten packte er zu, umgriff die Schultern des Insichgekehrten und drückte ihn rücklings. Dabei sah er ihm tief in die Augen. »Du – es gibt 'ne alte Legende. Sie spielt nicht auf roter Erde, nicht zwischen Eichkamp und Wallhecken, sondern am Rhein ... bei den Sieben Bergen ... in Heisterbach ... und handelt von einem Mönch, der anfing zu grübeln. Drin heißt es: Und tausend Jahre sind vor dem Herrn wie ein Tag. Schön bemerkt und mit Anstand wiedergegeben. Aber es paßt nicht für alle Fälle. Bei mir wenigstens nicht. Für mich ist hier das Gegenteil Trumpf in der Karte. Diese zwei Jahre, die du da drüben verbrachtest, auf den Gräberfeldern, zwischen abgetakelten Säulen und Metopen sind mir wie tausend Jahre erschienen. Und nun wieder daheim. Endlich! auf unsern Kämpen, im Banne des Pumpernickels, zu Hause, wo die Menschen westfälisch küren und das Eisen wächst ... Herrgott, diese Freude!« Er ließ die Arme herunter. Über Emmerichs Züge lief ein schmerzliches Zucken. »Ich danke dir, Bernd ... aber weißt du ... die alten Geschichten ...« »Was für Geschichten?« »Denke an Darfeld! Ich muß offen und ehrlich sein bis in die innersten Knochen, offen und ehrlich, und das gerade dir gegenüber, sonst: ich könnte den heutigen Abend nicht auf Getter verbringen, käme mir vor wie eingeschlichen in deinen Besitz, in dein Heiligtum, in das, was wir mit der sakrosankten Stätte des Herdfeuers bezeichnen.« »Bist du von Sinnen? Ich hab' dich doch selber in optima forma geladen.« »Kein Zweifel, aber ich wiederhole zum andern: Denke an Darfeld! Ich habe mit Bildern zu kämpfen, die zwischen schwarzen Lebensbäumen auftauchen, sich heben und senken, um wieder in eine rätselhafte Tiefe zu gleiten. Nicht alle. Einige bleiben an der Oberfläche haften und sehen mich an, glanzlos und mit erloschenen Augen.« Der Gutsherr machte eine unwirsche Bewegung. »Mensch, ich kann dir nicht folgen. Unmöglich. Du redest wie'n Royalist unter der Guillotine, der gezwungen wird, in den Hanfsack zu niesen. Nein, ich kann dir nicht folgen. Dazu reichen meine Illusionen nicht hin. Bitte, nimm tieferen Flug, bleibe bei einer realen Bewertung der Dinge. Harren wir unter der erprobten Fahne aus, bei der nüchternen Wirklichkeit allen Geschehens. Fort mit den wächsernen Flügeln. Sie schmelzen weg und bringen nichts Gutes. Auch dir nicht. Du und ich – westfälische Kerle wie wir sind, wir sollten nicht auf den Gedanken verfallen, im blauen Nebel herumzurudern. In Wolkenkuckucksheim werden nur Grillen gezeitigt, und Grillen machen dickfadiges Blut. Also...« »Ganz meine Ansicht. Nur, ich komme über gewisse Dinge nicht fort. Heimat?! Ein wunderseltsames Wort. Westfälische Erde und der Zauber der münsterischen Heide: alles das läßt die Hände falten und gebietet einem, in die Knie zu fallen. Ich hab's drüben erfahren, beim ewigen Plätschern des Meeres und dem melancholischen Rauschen der trostlosen Ölbäume. Selbst die Flöte Pans, die noch immer um die Myrrenhügel geistert, macht die Brust nicht heiter. Sie sehnt sich und sehnt sich ... und so kam es denn auch: ich folgte dem Sehnen, um wieder die alten Glocken zu hören und den Eichenkamp im Haarrauch schwimmen zu sehen. Mich hielt nichts mehr zurück. Nirgendwo ruft die Merle so schön wie hier, nirgendwo ist mir das Wort ›Sei Mensch unter Menschen‹ so verständlich geworden. Aber was hilft mir das alles? Ich hätte nicht kommen sollen. Ich durfte nicht auf Getter erscheinen. Diese Stunde belastet mich und fällt mir schwer auf die Seele. Ein Begegnen mit ihr ...« »Mit Hille?« »Ja du – mit Hille.« »Herr Jeses! Keine Lamentationen, keine Sentiments, wenn ich bitten darf. Ich weise sie ab. Was hat sie dir auf die Seele zu fallen? Bist du denn rein des Satans geworden? Du mußt doch wissen: ein Keil hat sich zwischen das Früher und Heute geschoben; der hält und rückt nicht um Haaresbreite. Haben wir unser gegenseitiges Ich nicht in den Fäusten gehalten? Und was nicht parieren wollte, wurde einfach totgeschlagen und eingesargt. Ab nach Kassel. Erinnerungen?! Lumpige Fetzen! Lasse dir sagen: alles ist zum besten geregelt. Hille hat sich gefunden, ist glücklich, fühlt sich als die geborene Herrin auf Getter. Na, und wir beide? Sind wir nicht die alten geblieben, sans peur et sans reproche ? Das steht wie im Schraubstock. Also was willst du noch weiter? Bringe mir keine weinerlichen Schäferidyllen auf Getter. Das liegt dir nicht und hat dir niemals gelegen. Früher brannte helles Feuer in dir. Ich hoffe, keine tote Asche zu finden. Basta! Und schließlich ... wie alles so kam ... Erinnere dich! Die damaligen Ereignisse auf Darfeld sind mit deinem Wollen und Wissen geschehen. Keine Hinterhältigkeit meinerseits. Das kann ich mit allen Fingern beeiden. Nicht du, sondern ich habe die Attacke geritten und bin Sieger geblieben. Das heißt, wie man's nimmt: ich beim Weibe und du als Sieger auf Leukas, der Beschwörer der Toten und Lebendigen.« Ein leises Zustimmen. »Allerdings.« »Nur allerdings?« Eine Pause entstand. Die Kerzen schienen trüber zu brennen, die Dochte mit ihrem Knistern innezuhalten. Die Atemzüge der beiden Männer standen sich hart gegenüber. Endlich brach Bernd das qualvolle Schweigen. »Emmerich, ich warte auf Antwort.« Der junge Gelehrte sah ihn eindringlich an. Die Bronzefarbe seines Gesichtes war um eine Nüance fahler geworden. Seine Blicke irrten ab, bohrten sich in eine Ecke des Zimmers und gingen von hier aus durch das verhangene Fenster in den Abend hinaus, wo noch immer die Funken spielten und wie rote Schneeflocken auf und nieder gespensterten. »Auf was für 'ne Antwort?« fragte er schließlich. »Ich bin doch deutlich gewesen. Meine aufgestellte Prämisse ließ eigentlich keinen Zweifel aufkommen, und es wäre mir nicht eingefallen, Vergangenes auch nur anzuhauchen, wärest du nicht selber auf die alten Scharteken verfallen. Nun, da sie angeschnitten sind, muß das Messer auch in die Tiefe hinein. Verzeih' mir daher, wenn ich dich nochmals um Antwort ersuche. Unausgesprochenes schafft Öde und Leere, ist wie 'n angeschweißter Bock, dem man die Läufe zerflederte.« »Nicht weiter! Höre mich, Bernd!« »Ich höre.« »So wisse: auf meiner Heimreise rief ich in Rom an. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich die Montana di Trevi , das schäumige Wasser, von dem die Sage geht: wer von ihm trinkt und einen Soldi hineinwirft, den zieht es immer in das alte Träumen zurück, wer aber den Mut findet, den Zauberbrunnen außer acht zu lassen, wer stark bleibt, nicht aus dem Quell zu schöpfen, noch ein Geldstück in die Fluten zu werfen, hat halbgewonnenes Spiel und die Anwartschaft, vergessen zu können.« »Und du hast keinen Soldi geopfert?« »Nein.« »Und nicht aus dem Wasser getrunken?« »Auch das nicht. Was war, mit dem haben wir uns abgefunden für immer: du als der Glückliche, als der Gebieter über des Weibes Wonne und Weh, ich, wie du es zu nennen beliebst, als der Sieger auf Leukas, der Beschwörer der Toten und Lebendigen. Daß ich zurückkam, war nötig. Die Errungenschaften zweier Jahre rufen nach stillen und beschaulichen Arbeitstagen. Ich hoffe sie in Münster zu finden, in abgesondertem Schaffen, erdabseitig, angeheimelt von dem Hauch versunkener Welten. Das ist mein Ziel. Weiter nichts. Jeder ist sich selber der Nächste. Du auch. Das Begegnen mit Hille wäre nicht das Schlimmste und noch zu ertragen gewesen, denn ich opferte nicht und meine Hand schöpfte nicht aus dem Brunnen der ewigen Stadt. Aber du ...« Bernd fiel ihm ins Wort. »Und das mit dem Blei, was eine falsche Richtung genommen?« »Lassen wir das. Aber du ...und das rundweg gesagt: um deinetwillen ... ich könnte etwas wecken in dir ... etwas beschwören ...« »Du – mir gegenüber?« »Ja. Niemals bin ich dieser Erkenntnis näher gekommen als heute.« »Du denkst also ...?« »Ja, ich denke, ich denke...« »Also das ist es? O du mein Österreich!« und Emmerich fühlte sich mit elementarer Gewalt an die Brust des blonden Teutonen gerissen, der ein Edelmann war und doch nur 'nen Bauer vorstellen wollte. »Schluß, Clavigo! Licht! Licht! – ich purzele in eine Fülle des Lichtes: in das Licht eines schiefen Reflektors. Also du denkst ...?! Nein, du, zieh' wieder getrosten Mutes nach Rom, wirf deinen Obulus in die Fontana di Trevi , trinke dich satt und genug aus der Sprudelzisterne. Selbst wenn du es tätest: ich habe keine Lust, mich auf den Spuren des Eifersüchtigen ertappen zu lassen. Ich glaube an dich wie an die Auferstehung des Fleisches. Gebiete nur – und des zum Zeichen: hier diese Fäuste, sie biegen ein glühendes Eisen zu einem köstlichen Ringlein, tauchen in siedendes Öl. Gottesurteil! Ordal! Auge um Auge, Stirn gegen Stirn. Deine Treue meine Treue, dein Leben mein Leben!« Er gab ihn frei, packte dafür aber seine Rechte. »Ist es so, Emmerich?« »Es ist so, und ich danke dir nochmals. Aber mein Dasein – was ist es? Etwas Fortdämmerndes, angefüllt mit welken Blumen, toten Hoffnungen und abgestorbenen Wünschen. Nichts weiter.« »Richtig! Wie überhaupt der ganze irdische Bettel. So meinst du. Ihr seid komische Menschen, ihr Schriftgelehrten und Forscher. Vor lauter Sonne seht ihr die Welt nicht, nicht die üppigen Weiber. Hurra, es lebe das, was die Stunde uns bietet! Das solltest du vor allen Dingen begreifen. Im herzlichsten Lachen muß es dir aufgehen. Schluß mit den Aeolsharfen, 'raus aus dem Trauerflor, 'rin in den Freudenkittel! Heute ist Festtag im Hause. Der verlorene Sohn wurde wiedergefunden. Wenn auch kein Kalb, aber 'ne Sau wurde ihm zu Ehren geschlachtet. Emmerich, Grünkohl und 'ne Westfälische Mettwurst! Besser als gebackene Wachteln in Öl und Zwiebelgemüse! Hie Getter, hie Leukas! Wähle, und du wirst dich nicht lange besinnen. Getter bleibt Trumpf. Eviva! Sie wird Augen machen, die Hille. Zwei Jahre wollen überbrückt sein, aber sei überzeugt: sie wird dich mit offenen Armen empfangen.« »Das glaubst du?« »Ich weiß es.« »Und sie ist die alte geblieben?« »Du wirst sie ja sehen. Alles wie früher. Den schönen, lichten Madonnenschein trägt sie noch immer.« »Und du...?« »Ich bin ihr Bewunderer. Ich könnte sie mit einem Purpur umkleiden, sie auf einen Königsstuhl heben ... Und wenn es jemandem beikommen sollte, ihr nur ein Splitterchen aus der Krone zu brechen: ich würde zum Tamerlan, zum Samson, dem Vollstrecker des blutigen Revolutionstribunals, um ihm den Kopf aufs Pflaster zu legen.« Er lachte. »Verstehst du?« »Das tu', denn du hast ein Menschenwunder im Hause.« 5 Eine Stunde später. Alle Geladenen hatten sich eingefunden, standen in angeregten Gruppen zusammen, Emmerich Dinklage bei den benachbarten Gutsherren, während Bernd, Ohm Gideon und Fritz Garke ein Grüppchen für sich bildeten. Hüben und drüben heiteres Plaudern, Jagdgeschichten und ähnliche Dinge, und Gideon holte das Blaue vom Himmel herunter und log, daß sich die Balken bogen, daß selbst den Revierförster von Hiltrup und Amelsbüren die Lust anwandelte, seinen Schrotbeutel zu ziehen, um diesem Barnum in grüner Watt eins über den Bregen zu hauen. Aber er mußte sich eingestehen: »Mensch, gegen diesen Paderborner Husaren a. D. bist du nur ein Talgstumpf, eine ausgeschossene Büchse, ein Lied ohne Worte ...« und da die Damen des Hauses noch fehlten, hatte Gideon Zeit und Muße genug, immer neue Mären aufzutischen: von Hummern, die er in der Emscher gefischt und die, gesotten und angerichtet, wie allerliebste kleine Domschweizer von der pompösen Assiette fortgeschnurrt seien. Dagegen konnte Fritz Garke nicht an, denn Hummern hatte er in seinem ganzen tatenreichen Leben noch niemals gesehen. O heilige Einfalt! Nein, gegen diesen Aufschneider war gar nichts zu machen. Er übertrumpfte sie alle. Die weite Halle duftete nach Harz und frischem Tannengrün. Das matte Dämmern und Scheinen des Mittags war einer blendenden Helle gewichen. Alles Stumpfe und Graue, das Düstere und Unheimliche der Diele verlor sich unter dem Licht der Hirschgeweihkrone, die just über der ovalen und sorglich gespreiteten Tafel niederschwebte und alle Gegenstände mit satten und lebenswarmen Farben umkleidete. Der Urväterhausrat bekam Blut und Adern. Das rauhe Getäfel inkarnierte sich, und was als Bildwerk an den verräucherten Wänden hing: Männer und Frauen aus der Wiedertäuferzeit und solche mit Allongeperücken und Schönpflästerchen schienen aus ihrem Rahmen zu treten, um mit steifer Grandezza über den vielhundertjährigen Estrich zu schreiten. Das Altfränkische des Hofes schrumpfelte ein, das Feudale des Anwesens beherrschte immer mehr die Stunde, und die aufgepflöckten, mit Patina übersponnenen Waldhörner erinnerten sich längstvergangener Tage, begannen zu singen, weltfern, wie aus einem stillen Behagen heraus, und hauchten ihr märchenhaftes ›Halali‹ wie silberne Bänder durch die verwandelte Halle. »Hift, hift, hallo!« Aber nur Sonntagskinder vernahmen die Stimmen, nur solche, die es verstanden, Verklungenes wieder ins Leben zu rufen. Emmerich Dinklage horchte auf und strich sich etliche Male über die Schläfen. Das verhaltene Waldhornblasen tönte weiter und weiter. Gideon hörte nichts davon; er war gerade dabei, eine neue Lügenente aus dem Röhricht aufzustöbern, als seine Zunge still stand, wie die Sonne still stand zu Gibeon auf Josuas Geheiß, als er die Könige der Amoriter schlug zu Beth Horon mit der Schärfe des Schwertes. Johanna Altrogge, von etlichen Mägden begleitet, war eingetreten, jetzt ländlich gekleidet, ein geklöppeltes Häubchen auf den blauschwarzen Haaren, verlockender als etliche Stunden zuvor, mit lauten Ohrgehängen und der ganzen Anmut eines verführerischen Menschenkindes. Unter ihrer Führung wurden diverse Flaschen zwischen die Gedecke gestellt und die letzten Anordnungen vorgenommen. Ungezwungen und in sachlicher Weise waltete sie ihres Amtes. Dem Paderborner kam die Sprache zurück. Wie ein Magyar wiegte er sich selbstgefällig in den Hüften. Mit Daumen und Zeigefinger zwirbelte er den martialischen Schnurrbart. Sein Lapis lazuli kokettierte dabei wie ein schmachtendes Auge. »Dunnerwetter noch mal! Du, Bernd, wen hast du da ins Garn gekeschert? Allerhand Achtung, so was ist also noch zwischen euern münsterländischen Heidschnucken zu haben? Gratuliere! Und ich setze meine beste Vollblutstute dagegen ...« »Du hast ja keine.« »Hatte sie aber, und das dürfte genügen. Weißt du, mit der da war' es ein leichtes, in der Wüste Ziegel zu streichen.« Ein wasserhelles Tröpfchen begann sich auf seiner Unterlippe zu bilden. »Wen meinst du denn eigentlich?« »Aber ich bitte dich, Junge!« Der Gutsherr sah hin. Ein rascher, aber heißer Blick flog ihm zu. Fritz Garke flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. »Ei was!« sagte Bernd. Dann rief er: »Fräulein Johanna!« Zögernd, aber geschmeidig wie eine Weidengerte, trat sie näher. »Herr Travelmann.« »Nun, Fräulein Johanna, wie kommen denn Sie auf den Gutshof?« »Ich wurde für heute abend verpflichtet.« »So, so! und wie geht's denn dem Vater?« »Immer mehr ins Stille und Tote hinein.« »Ach was?! und sitzt nicht mehr auf Anstand, um meine Böcke und Löffelmänner ins himmlische Paradeis zu befördern? Merkwürdig!« Er lachte hell auf. »Na ja, seine Schrote und Posten waren gar nicht so übel.« Sie schwieg. »Überhaupt die Barthlemes-Schrote! Aber lassen wir das. In Kanaan soll man nicht geizen, und Barthlemes Altrogge wußte den besten Hasenpfeffer zu machen. Das entschuldigt vieles ... und Sie, Sie bleiben auf Getter?« »Ich weiß es noch nicht.« »Warum nicht?« Seine Neugierde war erregt. Er betrachtete sie mit halbgeschlossenen Lidern. Allerdings, sie hatte sich weidlich verändert. Vor Jahren noch, da war ihr schmächtiger Körper rank und eckig wie der eines Knaben gewesen. Jetzt aber: hatte die sich herausgemustert! Alles fest und kernig und doch von gerundeter Weichheit, mit milchweißen Armen. Und erst die ausgesprochenen Formen! Kleine Wunder für sich, die heimlichen Künderinnen des erwachenden Weibes ... und hinter den perlreinen Zähnen, da saß etwas wie das lockende Girren von Turteltauben. Alles in allem: Rasse, Hingebung, mit einem kleinen Einschlag von allerliebster Frechheit. »Nun, Fräulein Johanna, warum nicht?« »Weil ich mich noch nicht zurechtfinden kann,« versetzte sie hastig. »Andermanns Brot bekömmt nicht, und die Stufen einer fremden Treppe steigen sich schwer.« »Auch eine Ansicht. Wenigstens offen und ehrlich gesprochen. Im übrigen ...« Er wurde abgelenkt. Irgendwo wurde ihr Name gerufen. Da ging sie. Ohm Gideon äugelte ihr nach, hob sich auf Zehenspitzen und kniff verschmitzt die Lichter zusammen. »Du! – die muß man in Beobachtung halten. Toujours en vendette! « »Ich nicht. Haus Getter bleibt rein.« Ein Schnipfen mit Daumen und Mittelfinger. »Völlig unklare Begriffe von Welt und Leben, mein Söhnchen. Auch du, mein Brutus?! Geh' in ein Kloster, Ophelia, auf daß du auf dem Pfade der Tugend nicht strauchelst. Aber recht wirst du haben, du Gesalbter im heiligen Stand der Ehe. Deine Politur darf nicht leiden. Ich will dein Schädling nicht werden. Keineswegs. Das geb' ich dir schriftlich, mit 'nem notariellen Siegel darunter. Nur, ich möchte gehorsamst bemerken: unter ›man‹ kann man auch andere Leute verstehen. Zum Beispiel... ich trage der Sehnsucht banges Empfinden im Herzen, und so ganz nebenher und in Parenthese gesprochen: das Mädel, das soeben verduftete, hat Anlage dazu, mit Würde und Weihe den getragenen und verbuhlten Tanz der Araber zu lernen. Diese Hüften, nebst den beigehörigen Sächelchen! Indessen – nichts für ungut, mein Bester.« Der Gutsherr hielt ihn von sich ab. »Und Satanas führte den Herrn auf die Höhe eines hohen Berges ... Sünder!« »Ich beuge mein Haupt, stolzer Sigambrer.« Der Kleine legte ihm den Arm um die Schulter. »Bernd, wir sind allzumal Sünder, allzumal Sünder! Schieß' nicht, ich bin die Taube, und Tauben sind harmlose Tierchen. Aber jetzt, Augen rechts und Hacken zusammen! Dunnerwetter noch mal! – der Travelmannsche Schmuck! Frau Hille ... Achtung, die Herren!« Eine Bewegung entstand. Von Judith geleitet, erschien die junge Gutsherrin. Neben dem Kamin, dessen Scheite plötzlich laut wurden, blieben sie stehen. Die Alte war freudig erregt. Ein leises Kopfnicken, und die sonst so strengen und abweisenden Blicke ruhten wie verklärt und mit dem Ausdruck innigster Liebe auf Hille. Diese, einfach gekleidet, im Juwel ihrer Flechtenkrone, hielt die Augen still und fragend auf die Anwesenden gerichtet. Keine Fiber zuckte bei ihr, sie errötete nicht, ihre keusche Ruhe verließ sie auch jetzt nicht, wo ihr die Worte auf den Lippen standen: »Er ist über deine Schwelle getreten.« Sie war wie ein Rätsel. Immer wieder fesselte sie, diese versonnene Frau, in der sich die Linien des Mädchens und die einer Vollerblühten vereinigten, diese Frau, mit dem feinen Tuch um die Schultern, dem schlichten Tuch, das Schätze von Kostbarkeiten verhüllte, solche, die man begehrt, selbst auf dem Gange zum Tode, und solche, die in ihrer allesumfassenden Strenge nach den Sternen wiesen. Das Leidende in ihr hatte dem elfenbeinernen Antlitz nichts von seiner Schönheit genommen, obgleich es zu sprechen schien: »Erinnert mich nicht an verflossene Tage, sie tun mir weh.« Um ihren halbentblößten Hals war ein Scheinen und Gleißen: der Travelmannsche Schmuck – ein Kleinod seltenster Art, das Meister Ludgerus tom Rinke, ein westfälischer Benvenuto Cellini, in vollendeter Arbeit aus Gold, Hirschgrandeln und Edelsteinen geschweißt und zusammengestellt hatte. Der englische Gruß war bei ihr. Er belebte das stolze Gehänge, die Perlen und Grandeln. Sie flüsterten ihn. Auch Judith sprach diesen Gruß still vor sich hin, horchte darauf wie auf das ahnungsvolle Säuseln eines befruchteten Kornfeldes, das sich geheimnisvoll gegen den tiefen Horizont wellte. Immer wieder bewunderte sie die Würde und Majestät eines gesegneten Weibes im Weibe. Sie betete an, sie war in Andacht versunken, sie stand wie in einem Wehen von heiligen Schwingen und wähnte das Stammeln eines heißen Dankes zu hören: »Dein Wille geschehe.« Dann fand sie sich in die Wirklichkeit zurück, in den Lärm und das verklungene Horrido des Sankt Hubertustages. Sie trat unter die Anwesenden. »Nach alter Sitte und als Älteste hier auf diesem Grund und Boden: Weidmannsheil, meine Herren!« »Weidmannsdank!« Alle umdrängten sie. Ohm Gideon als erster. Prompt und wie aus der Pistole geschossen gab er eine seiner gewagtesten Jagdgeschichten zum besten. Gleichzeitig machte Hille einen Schritt zum Kamin hin. Anmut und Hoheit verließen sie nicht, obgleich sie sich nicht ganz zu beherrschen vermochte. Liebe Erinnerungen nahmen sich bei den Händen und schaukelten durch ein Meer von Blumen und nickenden Halmen. Der Wald von Darfeld rauschte mit sonoren Psalmen herüber. Zwei Männer kamen auf sie zu. Bernd und Emmerich Dinklage. »Du, ich wollte dir eine Freude bereiten. Ein Wegmüder kommt zu dir. Er wünscht geborgen zu sein.« »Herr Gott!« fuhr sie auf. »Mutter sagte es schon. Vielleicht gegen deinen Willen, Bernd. Aber die Stunde ging mit ihr durch.« Sie hob den Kopf. Ihr Antlitz war weiß geworden. »Emmerich, ich begrüße dich herzlichst. Du machtest uns allen eine innige Freude.« Ihre Brust kam ins Stürmen. Sonst blieb sie gefaßt, ohne ihren Halt zu verlieren. Er beugte sich nieder. Sein Mund berührte ihre Fingerspitzen. »Hille, du bist immer gütig gewesen. Auch heute.« »Warum sollte ich nicht? Du bist doch kein Fremder.« »Ah!« sagte er aufatmend. »Auch der Freund noch von früher?« »Der bleibst du.« Ihre Stimme war zuversichtlich und fest. »Ich danke dir, Hille. Madonna von Darfeld, in deinem Schatten ist gut sein. Du bist stolzer und freier geworden.« Ein greises Haupt fuhr herum. Jemand trat näher. Das harte Klingen des Krückstockes ließ sich vernehmen. »Das macht das Leben auf Getter,« erwiderte Judith. »Emmerich, es wird auch Ihnen wohltun. Alte Sitten, alte Gewohnheiten! Sie sind besser und bekömmlicher als die auf den griechischen Inseln. Daran läßt sich nicht deuteln. Die hiesigen Eichen rauschen gesunder als die verstaubten Oliven von Leukas. Westfälisches Blut will westfälische Sonne. Und nun Ihre Hand. Gut so. Der Griff ist derselbe geblieben.« »Der Mann auch,« gab er mit Überzeugung zurück. »Friede mit diesem Mann,« versetzte sie, »und was sein Geist dem feurigen Süden abgewann, damit mag er unfern kalten Norden erwärmen. So ist uns allen geholfen. Eine alte Frau segnet Sie. Das hat noch keinem geschadet.« Ihre Rechte fühlte sich an heiße Lippen gezogen. Sie glaubte eine Träne zu spüren. »Emerich, nicht so.« Sie legte ihren Arm in den seinen. »Kommen Sie, wir wollen den Anfang machen.« Als sie der Tafel zuschritten, trat ihr der Gutsherr entgegen. »Mutter, zuvor eine Frage.« Sie sah ihn bedeutungsvoll an. »So eilig, Bernd? Aber es sei. Dem Herrn von der Getter sei die Frage verstattet.« »Du,« sagte er mit einer gewissen Erregung, »seit unserm Hochzeitstage trug sie den Schmuck nicht. Jetzt, in dieser Stunde, zum erstenmal wieder. Warum gerade heute?« Ihre Blicke erweiterten sich. Die Iris schimmerte wie aus Stahl geschmiedet. »Warum wohl?! Ganz einfach. Emmerich zu Ehren, mir zur Freude und dir zur Verheißung. Dies möge dir für heute genügen. Warte ab! Gedulde dich! Frage nicht weiter! Die Stunde wird kommen. Da schlägt ein Stern die Augen auf. Er hat eine Botschaft für dich. Weihnachten ist die Zeit der Geschenke. Also, gib dich zufrieden. Um so größer ist die spätere Weihe.« Da wandte sich Bernd. Er sah seine Frau am Arm eines benachbarten Gutsherrn. Wie sie dahinschritt! Kaum, daß sich ihre Füße bewegten, so leicht war ihr Gehen, so voller Grazie und natürlicher Freiheit. Weißen Gesichtes, roten Mundes, im Schmuck der alten Juwelen, so schritt sie still ihres Weges ... wie die schöne Frau des Herzogs von Jülich, Kleve und Berg ... damals, als Zinken und Pauken hofierten und die hohen Herrschaften in ihrer Residenz die frohe Fastnacht begingen ... und die Worte fielen ihm ein: »Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein wird Mummenschanz gehalten ...« Er ließ seine gehobene Stimmung an Ohm Gideon aus und sagte: »Mir ist heute so kannibalisch wohl, als sänge mir Gottvater ein › Deo gratias ‹ aus der Donnerwolke herunter. Mummenschanz und Jägerei – alles dasselbe. Mensch, dieses Götterbehagen!« »Glaub's schon. Und wenn ich du wäre: im Staube läge ich und sänge: Wie gerne dir zu Füßen stürb' ich in stummer Qual...« »Schwarbelkopp!« »Wird akzeptiert. Ich kann schon 'ne Portion Grobheit vertragen.« Sie gingen dem Tisch zu. Als Hille Platz nehmen wollte, fühlte sie, wie ihr der Stuhl sorgsam zurechtgerückt wurde und eine weiche Hand ihr Kleid zu glätten versuchte. Vier Augen begegneten sich. »Wer sind Sie?« Da rief Judith herüber: »Ein Neuling auf Getter. Du sahst sie schon, Hille. Fräulein Johanna sucht Ruhe. Solchen, die sie brauchen, soll man eine Stätte bereiten. Ich denke in deinem Sinne zu handeln. Möglich: du findest in ihr Stütze und Hilfe.« Hille nickte ihr zu, dann sagte sie gütig: »Fräulein Johanna, mögen Sie das bei uns finden, was Sie erhoffen!« Sie wurde unterbrochen. Der Krückstock klimperte auf. Dreimal lief ein scharfes Klingen durch die weite Halle. »Meine Herren, ich bitte!« Alle setzten sich. Am Kopfende der Tafel, zunächst dem Kaminfeuer, thronte die Alte, wie immer schwarz gekleidet, das Samthäubchen mit der schmalen Spitzenborte auf den straffgescheitelten Haaren. Man wähnte eine Gestalt aus der Bibel zu sehen. Zu ihrer Linken hatte Emmerich Dinklage Platz genommen. Hille saß ihm schräg gegenüber. Ohm Gideon folgte. Die Grundbesitzer und Schulten schlossen sich an. Mitten unter ihnen der Jagdherr. Fritz Garke am äußersten Ende des Tisches, etwas befangen, aber froh der heutigen Jägerei. Am Tage des heiligen Hubertus ging's hoch her auf Getter. Auserwählte Gedecke reihten sich nebeneinander. Zweige mit roten Buchenblättern umkränzten mächtige Kristallschalen und silberne Leuchter, deren Wachslichter mit denen der Hirschgeweihkrone wetteiferten. Edle Weine dufteten in feingeschliffenen Kelchen. Und während die ersten Gläser gegeneinander klangen, die Mägde ab und zu gingen und die Suppe auftrugen, begann die Unterhaltung anregend und heiter zu werden. Nur Emmerich schwieg. Er konnte sich noch immer nicht in seine jetzige Lage hineinfinden. Dieser Wandel und Wechsel! Alles war zu plötzlich, zu unvermittelt über ihn hereingebrochen. Wünsche und Ermessungen, Vergleiche und Rückblicke irrten wie verschlagene Vögel durch seine Sinne. Sie fanden nicht Rast und mußten sich erst an das laute Treiben gewöhnen, um seßhaft und stetig zu werden. Außerdem: die Nähe Hilles bedrückte ihn. Als wäre jeder Blick auf sie ein unzartes Fragen gewesen, vermied er es, ihr stilles und weltabgekehrtes Antlitz zu suchen. Anders Ohm Gideon. »Prost, Bernd! Dunnerwetter, du verstehst schon zu leben! Just so süperb wie'n Than von Glamis nach 'nem Moorhühnertreiben.« »Warst du denn schon mal auf 'nem schottischen Hochsitz?« »Das weniger, Bernd. In Wirklichkeit nicht. Aber auf Flügeln eines Paderborner Husaren. Das tut die nämlichen Dienste. Es bleibt dabei: die ganze Aufmachung – genau so wie auf so 'nem fashionablen Castle. Löffelerbsen und die anderen Schosen. Das heißt Wohltun. Jawohl, ja. Mensch, du bist noch immer derjenige, welcher, wenn auch auf deinen früheren Schießfesten ... Ich meine: du bist üppiger und nobler geworden.« Er hob sein Glas und klimperte mit seinem Lapis lazuli an den Edelkristall. »Gab's früher nicht. Deine Phiolen bergen ein Stöfflein ... ein Stöfflein sage ich dir ...« Mit der Zunge schlug er eine lustige Volte. »Prima, primissima!« »Du meinst den Burgunder?« »Tu' ich, mein Junge.« »Dann wisse ...« Bernd erhob sich. Sein Adlergesicht stand hoch über dem Tafeltuch. Der ganze Mann mit den glattrasierten Zügen war wie aus einem Guß in die Erscheinung getreten. » Salvete, fratres in Sancto Huberto ! Nach wohlgehabter Jägerei geziemt es dem Jagdherrn, sich vom Lager zu tun und dem Schüsseltreiben eine besondere Note zu geben. Das soll hiermit geschehen. Es lebe, was auf Erden stolziert in grüner Tracht! Dies zuvor, und nun meine Herren: um anderthalb Jahrhundert schraube ich die Tage zurück. Ich höre Glocken, die Glocken im Dom zu Münster. Die Geschichte von Wilderich Travelmann zwinkert mich an. Ihr kennt die Geschichte. Da steht er und hält dem morosen Kapitel die Faust vor die Stirne ... unter Glockengeläut ... unter dem ängstlichen Stammeln der Kleriker ... Aber er tat, was sein Dickschädel ihm eingab. Schild und Wappen zerbrach er, aus freien Stücken heraus, nur um den Pfaffen ein Paroli zu bieten. Selbstverständlich: der Edelmann blieb, wenn auch der Edelmann in Transchuhen und Leinwandkittel. Er starb nicht. Er atmet noch heute: Wilderich redivivus , jetzt Bernd geheißen ... und ebenso stolz und hochgemut wie seins, schlägt auch mir das Herz unter Wams und Loden. Heute besonders. Warum das? Ich sehe, und ich sehe mit Andacht. Der Travelmannsche Schmuck wurde aus der Lade gehoben. Ruhe, nur Ruhe! Sonst springt mir der Verstand aus dem Schädel. Ich warte, wenn es auch schwer fällt, aber mir ist so ...« Sein Blick traf Hille. Die saß wie geistesabwesend. Ihre Lippen waren blutleer geworden. »Gideon, merkst du was? Mit dem heutigen Tage soll es an Burgunder nicht fehlen.« »Bravo!« »Emmerich, und du! – gemeinsam verlebten wir unsere Jahre auf dem Paulinum zu Münster, gemeinsam bei den Kürassieren im Sattel. Dann später. Deine und meine Flinten knallten Seite an Seite im Darfelder Revier, und wenn Kampf angesagt wurde: ehrlich und sonder Helmsturz kämpften wir ihn aus, ohne nachzutragen, ohne Groll zwischen den Rippen. Das ist, als hätten wir Blut aus ein und derselben Schale getrunken. Und nun wieder hier; hast den hellenischen Staub von den Füßen geschüttelt. Ich für meine Person bin der Alte geblieben. Hier meine Arme. Nur eine Frage steht offen: Will der Freund und Bruder hinein oder der Freiherr? Aber wie dem auch sei...« »Halt!« unterbrach ihn der Angeredete, »du willst doch keine Gegensätze konstruieren?!« »Eigentlich – ja; aber ich seh': du bist derselbe geblieben, der Bruder und Freund, und somit: der Freiherr wird hiermit gestrichen. Soll denn ein Wort sein. Der Hof tut einen langen und tiefen Atemzug. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Meine Herren! Dem Treuesten der Treuen, dem Heimgekehrten, dem Helden und Wiederbeleber von Mykenä, dem Forscher von Leukas: ein läutendes Horrido!« »Horrido, horrido!« Ein tosender Jubel setzte ein, die Gläser klangen zusammen. Gideon lärmte: »Brav so! Gott segne deine Worte und deine Bouteillen!« Judith sah ihren Sohn an: »Du hast mir aus der Seele gesprochen. Ich danke dir vielmals.« »Bernd... !« Ein zweiter Herrenmensch reckte sich auf, gleichgeartet dem ersten, wenn auch stärker und gefesteter in sich. Mehr lauteres Gold. Im übrigen: hie Adlerauge, hie der Blick eines Falken. »Bernd, ich sagte dir schon: Ich habe keinen Soldi in die Fontana di Trevi geworfen. Doch das unter uns. Du weißt, was ich denke. Vieles ist untergegangen, mußte versinken, nur das nicht, was einem gebietet, die Faust um die seines Trautgesellen zu klammern. Seite an Seite mit dir auf roter Erde! Wenn es auch schön ist, unter Aleppo-Kiefern und einer Kuppel voll unendlicher Klarheit zu wandeln, und wenn ich dort meines Weges ging, vernahm ich das Zittern der Saiten des Lichtgottes durch die blaßgrünen Schleier der Olivengärten, grüßten die epirotischen Berge in seltsamer Hoheit herüber. O, du Sonne Homers! Thymian und Asphodill umhüllten mich mit ihrem Weihrauch. Die Silbergewänder von Kirkes Mägden rauschten mir zu. Des jonischen Meeres Sichel glänzte in einem ewigen Blau. Träume, überall Träume! Alles Irdische ging auf und davon. Ich wähnte, auf einem anderen Planeten zu sein. Eine Loslösung von Zeit und Raum. Ein Zustand der Glückseligkeit. Mein Leid wanderte ab, denn siehe: Plötzlich entschwand es den Blicken, und gleich der Schwalbe von Ansehn flog es empor ... und das brachte Vergessen. Das war auf Leukas. Aber dann in Mykenä! Kalksteintrümmer nahmen mich auf. Am Löwentor pochte ich an; mir wurde aufgetan. Nur Schatten grüßten mich, die Unseligen aus dem Geschlecht der Atriden.« Seine Stimme schwoll an: »Ich habe den Toten geleuchtet, den furchtbaren Toten... und das war unerträglich geworden.« Bernd stand neben ihm. »Du, im Weinkelch ersäufe das Böse!« »Ich will!« rief ihm Emmerich zu. »Ich grüße die Heimat und dich und die Getter und alles, was dein ist. Im roten Burgunder, ich ersäufe die Schatten und hebe das Leben, das pulsende Leben auf den Schild. Es lebe das Leben!« »Es lebe, es lebe!« Und das Leben ging weiter. Die ernsten Augenblicke, die die Rede Emmerichs heraufbeschworen hatte, versandeten allmählich, verloren sich, um schließlich ganz zu zerfließen. Die Atreussöhne störten nicht weiter. Das Säuseln in den Olivengärten ließ nach. Ein kräftiges Rauschen begann. Es war das von westfälischen Eichen, die ihre Wipfel rüttelten und rote Blätter verstreuten: der derbe Atemzug der engeren Heimat. Ohm Gideons Schnurren und Schwänke taten ein übriges. Sie gehörten dazu wie das Krätschen der Häher zwischen den Fuchsperücken der Vorgehölze. Auch Judith folgte ihm mit sichtlichem Interesse, verstand er es doch, selbst den trockensten Dingen eine feuchtfröhliche Seite abzugewinnen und sie mit den pikantesten Sülzen und Saucen aufzutischen ... und als dann noch sein Leibgericht erschien, blütenweißes Sauerkraut, mit geräucherten Mettwürsten garniert, purzelten seine launigen Späße so übermütig unter den Gästen umher, daß alle ihre helle Freude dran hatten ... fidele Alräunchen, drollige Wurzelmännchen – als solche gaben sie sich, selbst auf die Gefahr hin, kleine weidmännische Derbheiten auf die Beine zu stellen. Alle kannten ihn, keiner nahm ihm was übel ... Verflixter Kerl, dieser Gideon, dieser angekratzte Sproß aus dem Hause derer von Hasenklever! immer aufgeräumt und allzeit bereit, dem Griesgram ein Schnippchen zu schlagen. Bernd prostete ihn an. »Dein Spezielles! aber dein amtliches Sprüchlein – wo bleibt es?!« »Contenance, Mann ohne Wappen, stolzer Freisassenhöfer. Die Paderborner Husaren satteln nicht immer. Erst die Fasanenpastete. Jawoll, ja. Aber wenn sie's tun, dann mit 'nem Awek in den Gurt und forsch über die Pläne. Lehre mich nicht reiten, mein Junge. Ich kann's schon.« »Ich warte.« »Dann warte.« Gideons Gesicht brannte wie das eines Pyrotechnikers. Er war trefflich gelaunt. Durch seinen Schädel zog es wie Götterdämmerung. Er hatte ein großes Wort auf der Pfanne. Nur die richtige Zeit mußte abgepaßt werden. Mit der Andacht eines Sonnenanbeters sah er in den glühenden Kelch, um dieses Wort zu befeuern und es zum Abschuß fix und fertig zu machen. Er saß schwer in Gedanken, grübelte nach und mobilisierte, was er aus dem Schatzkästlein seiner Erinnerungen, seiner Kenntnisse und Redewendungen zu schürfen gedachte. Zeitweilig hob er den Kopf, stierte ins Leere und zwirnte dabei die Fäden des mit Mastix behandelten Schnurrbartes sacht durcheinander. Die Götterdämmerung reifte allmählich dem Stadium und der Fülle der Vollendung entgegen. Nur noch die Fasanenpastete – und das Großerwogene mußte ihm von den Lippen herunter. Er strahlte, hatte auch allen Grund dazu, denn die von der Getter verstanden es, Feste zu geben. Auch Emmerichs Stirn heiterte auf. Nicht länger hin- und hergeworfen von der Aufeinanderfolge des Geschehens, kühler und sachlicher geworden, gingen seine Pulse in stilleren Schlägen, wandelten Betrachtungen durch sein Fühlen und Denken, die ihm das Vergangene weniger trostlos erscheinen ließen. Hinter ihm lag der Kampf, vor ihm die Pflicht, neue Schätze zu heben und das Errungene auszumünzen. Er hatte sich wiedergefunden. An Stelle der Kirchhofsrosen, waren solche mit gesunden Farben getreten. Er vermied es nicht mehr, die Blicke der Gutsherrin zu suchen, und als er sie fand, fragte sie aus ihrer freiwilligen Absonderung heraus: »Emmerich, und du bist glücklich in deinem Berufe?« »Ich hoffe es.« »Hoffen ist wenig.« »Es muß sich erst zeigen, ob es mir gelingt, die heranwachsende Jugend zu fesseln und sie dorthin zu führen, wohin ich es möchte.« »Es wird dir gelingen, denn wenn du es nicht solltest ...« »Du wertest mein Können zu hoch«. »Nur als das, was es ist, und es muß ein Herrliches sein, sich als Mentor zu fühlen. Du liest über Leukas?« »Erst im nächsten Semester. Das Sonnige verschob ich auf spätere Tage. Zurzeit liegt es mir nicht, und wenn ich auch vorhin eine freudige Note anzuschlagen versuchte – ich habe nun einmal den Toten von Mykenä geleuchtet. Das läßt sich nicht so ohne weiteres abtun, denn weißt du: Aber indessen erschlug mir den Bruder ein andrer, Heimlich mit Meuchelmord durch die List des heillosen Weibes ... Ich muß dieses Blutlicht erst bannen, dann wird auch Raum für halkyonische Gräber und das freundliche Plätschern des jonischen Meeres. Bis dahin ist es ein dumpfes Atmen und ein Suchen nach Wehem.« Hille verstand ihn. Sie lenkte ab und gab dem Gespräch eine andere Wendung. »Lassen wir das! Immer mehr seh' ich ein: du mußt Heimatklänge um dich haben. Die Glocken von Sankt Martini bringen sie dir. Du hast doch wieder deine alte Wohnung bezogen?« »Ja, die in der Neubrückenstraße.« »Also nicht weit vom Boeselagerschen Hof?« »Ihm schräg gegenüber.« »Und weißt du, wo Tante Boeselager jetzt ist?« »Nein.« »Auf Darfeld.« »Was macht sie denn da?« »Nach dem Tode des Vaters begann sie zu kränkeln. Münster gefiel ihr nicht mehr. Sie sehnte sich nach Erholung und Einsamkeit, und Bernd war so liebenswürdig, sie dort hausen zu lassen. Sie hofft daselbst auf ein gottwohlgefälliges Sterben. Sie möchte dereinst neben ihrer Schwester ruhen. Meine Mutter ist in Darfeld bestattet.« »Ich weiß,« sagte er nach längerem Schweigen. Langsam fuhr er sich über die Schläfen. » Candida Pax ! Ich kann es verstehen und beneide sie um den gefundenen Frieden.« »Emmerich!« »Nun?« »Es wäre ihr eine helle Freude, wenn du sie dort aufsuchen würdest.« »Meinst du?« »Ich bin dessen sicher.« »So werde ich hingehen.« Er trank ihr zu und sagte mit einem zarten und weichen Ton in der Stimme: »Hille, ich denke an Darfeld.« Ihre weißen Lippen berührten den Kelchrand. Ein hartes Klingen schreckte sie auf. Judith hatte ein Zeichen gegeben. Wiederum erschienen die Mägde. Frische Gedecke wurden gerichtet, und Ohm Gideon fand sich alsbald von einer majestätischen Fasanenpastete umduftet. Gleichzeitig perlte es rubinfarbig in neuen Gläsern. »Dunnerwetter noch mal!« und mit gesättigtem Wohlbehagen wedelte er sich den köstlichen Ruch in die Windfänge, sog daran, stellte den Wein in die rechte Beleuchtung, machte etliche Zungenschläge und blinzelte schließlich zum Jagdherrn hinüber: »Bernd, darf man fragen?« »Warum nicht? Romanée–Conti.« »Ah ...!« Augenblicksstille ... tiefes Bewundern ... leises Seufzen und dann ein Bekenntnis aus Herzensgrund und mit polierten Augen: »Bernd, dieser Reichtum! Jawoll, ja. Ich staune. Ich bin den Prassern gleich. Das Gastmahl des Trimalch auf der Getter! Löffelerbsen und Sauerkohl, geräucherte Mettwurst und Fasanenpastete! Wenn auch nicht ganz edelmannsmäßig, aber ...« »Was ›aber‹?« »Travelmannsch – und das wertet höher, Freisassenhöfer.« »Das gab dir ein Gott ein.« »Sapristi, dieses Weinchen! Es gleißt und glänzt wie Fafners Schatz auf der Gnida-Heide und schmeckt wie der Kuß eines nußbraunen Weibes.« Er spreizte die Finger. »O du ...! in diesem Romanée-Conti liegt eine Krone.« Eine satte Frauenstimme: »Ohm Gideon, so hebt die Krone!« »Nur noch die Fasanenpastete, und ich werde, Frau Judith, ich werde, ich werde ...« und als diese verspeist war, die Kerzen bereits tiefer brannten und wie auf ein stilles Geheiß, plötzlich und unvermittelt, ein helles Mondlicht durch die niedrigen Fenster flämmerte, erhob sich die Götterdämmerung in voller Glorie. Aus ihr trat Gideon. Da stand er, beide Schnurrbartenden zwischen den Fingerspitzen, den Straußeneikopf etwas in den Nacken geworfen, und machte sich fertig. Er räusperte sich, sah jeden einzelnen an, ließ die Arme fallen, beugte sich vor und stützte die Knöchel auf. Gleichzeitig senkten sich die Augendeckel herunter und hoben sich wieder. »Meine Damen und Herren! Keine Rede, keine belles lettres . In den meisten Fällen sind diese Ergüsse forcierte Übungen. Jawohl, ja. Ich liebe sie nicht, weil sie gewöhnlich mit einem ›Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden‹ beginnen und sich mit einer Hurra-Fanfare empfehlen. Militärische Schulung bevorzugt kürzere Wege. Schnittige Aperçüs liegen mir besser. Ihr wißt ja: ventre a terre und mit verhängtem Zügel geritten. Romanée-Conti! Ein Zauberwort! Es setzt die Sporen ein und fördert die Zunge. Es ist besser, durch ihn als per aquam frigidam in den Himmel und an das Ziel meiner rhetorischen Leistung zu kommen. Miles gloriosus , wie ich bin. Immer korrekt, aber hurtig! Mein Wahlspruch. Er bewegt sich gewissermaßen auf 'ner heraldischen Linie, führt zu den Unsterblichen, versenkt uns in eine purpurne Tiefe. Jawohl, ja. Ich will in den Himmel. Keine Fieberkurven, kein sinkendes Schiff im Taifun. Er hat Nerven wie Stahl und segelt wie eine stolze Fregatte. Bernd, dein Jagen war trefflich, deine Tafel noch opulenter und schöner, aber das Höchste deines irdischen und seelischen Mammons liegt in deinem Romanée-Conti geborgen. – Keinen Widerspruch, Bernd! Ich bin noch nicht fertig. – In ihm ruht das Glück deines Hauses, in ihm dein ein und alles. Romanée-Conti! Wer sucht, der findet, und ich habe gefunden. In ihm funkelt die Krone, die Krone des Heils und der Zukunft. Achtung! ich hebe die Krone ... halte sie hoch ... und rufe aus tiefster Seele: Die Krone der Krone! Frau Hille!« Er machte sich größer, und seine Stimme schmetterte über den Tisch wie das Signal des Stabstrompeters von den Paderborner Husaren: »Frau Hille zum andern! Frau Hille zum letzten!« »Frau Hille!« Erst ging der Beifall wie auf Filzpantoffeln, vor lauter Respekt und Verehrung auf weichen Filzpantoffeln, dann aber bekam er einen handlichen Schritt unter die Füße und lärmte, daß selbst die Scheiben in ein gelindes Klirren gerieten. Ehrlich war der Jubel gemeint, offen und herzlich. Die Gefeierte konnte sich kaum retten vor allen Ovationen, die auf sie einstürmten. Selbst die schwerfälligen Schulten und Gutsnachbarn traten aus ihrer Reserve heraus und wagten es, ihr in angemessener Weise zu huldigen. Ohm Gideon beherrschte die Situation, fühlte sich wie ein Locotenente nach gewonnener Bataille; doch als die Gutsherrin ihm liebevoll zusprach, kam er rein aus dem Häuschen. »O diese Gnade!« Mit zusammengeschlagenen Hacken, prompt und kerzengerade, leerte er den Rest seines Glases, wünschend, für sechs Sekunden eine Polacke zu sein, um aus dem schmalen Schuh der angebeteten Herrin trinken zu dürfen. Hierauf tippte er den Rand des Kristalls auf den Nagel. Kein Tröpflein floß mehr. »Eljen! Eviva!« Seine soeben vom Stapel gelassenen Aperçüs berauschten ihn, machten ihn wirbelsinnig. Er hatte Funken und Fett und schöne Frauen vor Augen. Da legte sich ihm die Travelmannsche Faust auf die Schulter. »Paderborner, Abschätzungsmensch, Freund und Genosse, wer hat dir diese Worte gegeben?« Gideon machte eine große Bewegung; warf sich in die Brust. » Mon coeur !« rief er treuherzig, »und die Hoheit des Weibes! Du – ich glaube, ich werde den Damen gefährlich.« Bernd prustete los. »Meinem Weinkeller – ja; aber den Damen ...?« »Na, höre mal – du! Wie kommst du zu dieser Minderbewertung? Geh' hin und büße in Sack und Asche. Mostert auf den Kopp! Jawoll, ja. Für agrarische Fanatiker und ähnliche Kostgänger ist solche Bußfertigkeit Arkanum. Aber Spaß beiseite. Freisassenhöfer, ich schwimme. Ich und mein Bülow Krawalle fahren wie Elias in 'nem feurigen Wagen ins Jenseits. Mensch, du kennst doch mein Amen?!« und seine Stimme knatterte hoch: » L'épée au roi, A Dieu mon âme, L'honneur pour moi, Mon cœur aux dames ! Aber Schwerebrett und kein Ende! Da springt was ...« Der Jagdherr fühlte sich plötzlich herumgerissen. Hilles Glas klirrte zu Boden. Auch das von Emmerich barst jammernd in Scherben. Der fließende Wein färbte das Tischzeug rot. Gleichzeitig erloschen etliche Kerzen. Flüssiges Wachs tropfte nieder. Das Mondlicht stand hell und eigenartig hinter den Scheiben. Das bleiche Gesicht des jungen Weibes war wie Kreide geworden. Ein Frösteln ging um. »Kind, was ist dir?« »Nichts, Mutter. Ich habe nur die Empfindung: ich bin hier überflüssig geworden, hier unter den Herren. Sie wollen allein sein. Ich möchte die Feier nicht aufhalten.« Bernd rief sie an. »Du, mache keine Geschichten.« Sie versuchte zu lächeln, allein dieses Lächeln war herzzerreißend. Ihre Hände zitterten. Verlorenen Auges sah sie über den Tisch hin; aber sie gab keine Antwort. Die Geladenen drängten in Gruppen zusammen. Bernd wurde heftiger. »Was soll das? Ich begreife dich nicht.« Da sprach sie kaum hörbar: »Ich redete in meinen Sinnen: Wohlan, ich will wohlleben und nur gute Tage haben.« »Die hast du.« »Gewiß, gewiß,« gab sie ängstlich zurück, »aber ich hatte auch Knechte und Mägde und sonstig Gesinde; ich hatte eine größere Habe an Rindern und Schafen, denn viele, die vor mir in Jerusalem gewesen waren. Das zergeht mir nun alles.« Fassungslos sah er sie an. »Was sollen die Sprüche?« »Eigentlich nichts. Sie sind mir unversehens auf die Zunge getreten. Ich darf mir darüber keine Rechenschaft geben. Es ist alles so verstört um mich ... es tastet nach mir ...« Sie drehte den Kopf auf die Seite. Der Schmuck blitzte unter dem Schein der tief gebrannten Kerzen. Hirschgrandeln, Gold und Steine leuchteten auf. Wehen Gesichtes sah sie nach dem Fenster. »Mir ist so ... ich will es nicht sagen ... aber ich fürchte: irgendjemand hat Hof und Garten betreten? Ich vernahm Schritte, die sonst nicht zur Getter führten.« »Wer sollte uns zu dieser Stunde noch aufsuchen?« »Bernd, es ist jemand erschienen. Ich kann mich nicht irren.« »Na, so was!« Da trat Johanna vor, die am äußersten Ende der Tafel bedient hatte. »Ja, gnädige Frau; soeben ist mein Vater gekommen.« »Ihr Vater? Sonst niemand?« »Ich habe weiter keinen gesehen.« »Aber ich glaube bestimmt ...« Hille flocht ängstlich die Hände zusammen. »Auch wurde etwas Langgestrecktes über die Schwelle getragen.« »Gewitter noch mal!« fuhr der Gutsherr auf, dann muß es Hövelkamp wissen,« und er polterte los: »Hövelkamp! Hövelkamp!« und als dieser aus der Gesindestube vorstürzte, fragte er ihn unmutig: »Ist was auf Getter passiert?« »Daß ich nicht wüßte, Herr Travelmann.« »Und ist keiner im Hofe gewesen?« »Jawoll, Herr Travelmann. Barthlemes Altrogge hat sich die Ehre gegeben.« »Sonst keiner?« »Keine menschliche Seele. Up Liäwen und Stiärwen! Die Hunde hätten sonst Standlaut gegeben.« »Wo ist denn der Alte?« »In der Küche, Herr Travelmann.« »Was will er denn da?« »Bernd,« sagte Judith, »ich bestellte ihn von wegen Johanna, für später. Sie kann allein nicht nach Hause. Bei nachtschlafender Zeit nicht. Sie hat immer 'ne geschlagene halbe Stunde zu machen. Dabei muß sie den Helweg passieren. Ohne Begleitung ... das kann ich nicht dulden.« »Unsinn, verfluchter! Was hat das alles mit dem Helweg zu schaffen? Immer diese infamen Gespenstergeschichten! Hier ist Jägerei und Schüsseltreiben. Ich lasse mir den heutigen Tag nicht vergrämen. Bei den Travelmännern gibt's keine Geister. Ich muß mir verbitten und zwar ernstlich ...« »Bernd, du solltest dich beherrschen.« Die Alte flammte ihn an: »Du hast Rücksicht auf deine Gäste und besonders auf Hille zu nehmen. Du weißt doch, was sie schon einmal gesehen hat.« »Zufall! Hirngespinste! Nichts weiter.« »Lasse mich, Bernd.« »Hille ...!« Judith zog sie an sich: »Es ist besser, wir gehen,« und zu den Herren gewendet, sagte sie mit freundlicher Ruhe: »Keine Störung. Es wäre schade um den angebrochenen Abend. Noch fröhliche Stunden!« und langsam und mit gütigem Kopfnicken verließ sie mit ihrer Schwiegertochter die Diele. Bernd sah ihnen nach. Dann rief er: »Frische Lichter! Platz genommen! Die Mäuler gespitzt ... und würden selbst auf Getter die Messer geschliffen: Horrido, es lebe das Leben!« 6 Trotz des erzwungenen Übermutes und Lautseins des Gastgebers wollte die Stimmung unter der Hirschgeweihkrone so recht nicht mehr aufkommen. Allerdings: die Laubgirlanden hatten noch nichts an ihrem herbstlichen Schmuck verloren, die Gesichter glühten noch immer, frische Lichter waren aufgesteckt worden, allein der etwas unvermittelte Aufbruch der Damen nnd die seltsamen und geheimnisvollen Andeutungen Hilles ließen den prickelnden Schaum des Frohsinns mehr oder weniger verschalen. Etwas Bedrückendes trat in die Erscheinung, und als es dann noch im Uhrgehäuse rumorte, das Gangwerk ausholte und neun einzelne Schläge durch die Diele zitterten, machten verschiedene Gutsbesitzer Anstalten, unauffällig Abschied zu nehmen. Auch Emmerich Dinklage war unter ihnen. »Ich denke, Bernd, wir können das weidmännische Symposion für heute beschließen. Offene Herzen, treffliche Reden und eine wohlgelungene Jägerei! Es war prächtig bei dir. Schöneres kann die Getter nicht bieten. Ein Mehr wäre vom Übel, und morgen ist auch ein Tag.« Bernd sah ihn verständnislos an. »Du, wo die Bowle noch aussteht?« »Sie verdirbt nicht bis morgen. Außerdem: denke an deine Mutter!« »Du hast doch gehört, was sie sagte.« »Gewiß ... ihre angeborene Höflichkeit.. ihr seines Empfinden ... aber in dieser Courtoisie lag ein stummer Hinweis, der meiner Ansicht nach auf Hille zielte. Ihr Zustand, die Art und Weise ihres Sprechens, eine Erregung, die ich nicht zu deuten vermag ...« Bernd winkte ab. Ein Unwetter braute unter seiner Schädeldecke. »Weiberlaunen! Lediglich eine Entgleisung ihres allzu regen Geistes. C'est tout! Du mußt sie doch kennen. So ist sie schon früher gewesen, und es wäre das Verkehrteste, was wir aufstellen könnten, wollten wir diese Marotte, diese kleinliche Irrung auf die Goldwage legen. Nichts wäre bedenklicher. Man würde sie nur in ihren Grillen und Ideen bestärken. So was darf ihr nicht durchgehen. Es ist einfach niederzubügeln oder wie'n Gockel aus der blauen Luft zu pulvern. Nur kein Aufhebens machen. Glühende Asche soll man nicht anblasen. Sich selbst überlassen, fällt sie schließlich zusammen und wandert ab wie'n feiner Staubregen vor dem Winde. Ich geh' noch weiter und erkläre schlankweg heraus: sie würde es als quälend ansprechen, wenn wir aufbrechen wollten und ihretwegen den Knalleffekt unter den Tisch fallen ließen. Kein Gedanke daran. Der Abend wird mit 'ner Bowle beschlossen.« »Wenn du denn meinst ...« »Aber selbstverständlich. Fort mit den Fledermäusen. Sie riechen nach Dämmerung und Talglichtern. Griechenmann, Heros von Mykenä und Leukas, du hast es ja am eigenen Leibe erfahren. Wer hat denn den Toten geleuchtet? Du nur allein, und das ist dir, wie du selber gestandest, hundsmiserabel bekommen. Na, also! Ich aber... Meine Herren, Sie hörten. Es lebe das Leben! Die Hauptsache kommt noch. Das Stück muß ausgespielt werden. Sonst wäre ich ein jammerseliger Schmierendirektor, den man mit 'nem Schlüssel von den Brettern spektakelt. Hiergeblieben, zusammengerückt und keine miesen Gesichter! Hövelkamp – Zigarren! Fräulein Johanna – die Hubertusbowle und pläsierliche Augen!« »Natürlich!« konstatierte Ohm Gideon, der als erster den schaurigen Mantel abgestreift und sich im Hinblick auf den zu erwartenden Punsch bereits mit der Rolle eines Feuersalamanders vertraut gemacht hatte. »Jawohl, ja, die Bowle und pläsierliche Augen! Und wenn Sie, Fräulein Johanna, auf Ihrem Heimgang 'nen ‹g›Cavaliere servante‹g› gebrauchen könnten ...« Der Lapis lazuli hofierte. Fritz Garke trat näher heran. »In diesem Falle, Herr Travelmann ... Ich möchte bemerken: Altrogge brauchte gar nicht zu warten. Ich könnte ja Fräulein Johanna... wir haben denselben Weg... der Kotten liegt auf der halben Strecke nach Hiltrup...« Gideon wiegte sich auf seinen putzigen Kavalleristen- Beinchen. Dazu schnipfte er mit Daumen und Mittelfinger. » Bonus, melior, optimus ! Brav gepfiffen, Herr Forstrat! Was die von der grünen Farbe sich doch menschlicher Zicken bedienen! Das sollte ihm passen! Nee, mein Guter, du barmherziger Samaritan der Seele und des eingeborenen Fleisches, da werde ich selber... jawohl, ja...« und seinen Arm in den des drallen Mädchens schiebend, sagte er mit verschmitztem Blinzeln und gehobener Grazie: »Wir zwei beide... du und ich ... zwar ohne Acker und Halm, aber Lebenskünstler wie wir sind ... Mädel, ruck', ruck', ruck'...« »Streich' ihm eins über!« lachte der Gutsherr, »und, Gideon – du, wahre die Zunge. Fräulein Johanna, die Bowle! Auch 'ne angemessene Portion deinem Alten; dasselbe der andern Gesellschaft. Sie sollen's gut haben und auf den Hubertustag trinken. Aber mit Andacht.« »Merci, Herr Travelmann,« und keine zehn Minuten vergingen, da brannten die Kerzen wieder in ihrer freundlichen Helle, tat der Perpendickel in der alten Kastenuhr seinen gewöhnlichen Gang, lag der Gutshof in Glanz und Schimmer, und war ein Friede unter dem Mondlicht wie unter dem Marienleuchter in der Kirche zu Amelsbüren. Hüben und drüben streckte man behaglich die Beine, kräuselten bläuliche Rauchwölkchen zur Decke, duftete es nach Arrak und Zitronen, dachte kaum einer mehr an das, was ein ängstliches Menschenskind schmerzlich bewegt hatte... und war doch wie ein Schmetterling, den die Nacht überrascht hatte, und der nicht mehr wußte, wo er ausruhen sollte. Menschenkind, armes Menschenkind! Eine Stimme wie aus einem leeren Ölfaß heraus: »Loben wir den Herrn von der Getter!« und da weder Jans Schwarte, dessen Haare aussahen, als wären sie durch lehmiges Wasser gezogen, ebenderselbe, der die Blässe zu dem Bullen geleitet hatte, noch der Mensch mit dem Kuhantilopengesicht den Mund auftat, sondern beide nur beifällig grinsten, responsierte Barthlemes Altrogge seinen eigenen Anruf. »Loben wir ihn, loben wir ihn!« kam es dick und fett wie Engerlinge aus seinem blauleinenen Kittel heraus, »denn es ist ein Wohlgefallen vor Gott, also zu handeln. Punsch mit Zitronen! Unsereins kriegt höchstens 'nen Ollen Klaren unter die Nase. Aber Punsch mit Zitronen?! Loben wir ihn, loben wir ihn!« Und da erhoben sich alle, Knechte und Mägde, auch das muntere Ding mit den fuchsroten Haaren, stießen an und setzten sich wieder. Barthlemes saß wie ein Starker unter den Leuten, die nicht nötig hatten, bei Tisch zu bedienen. Über ihm hing der Sturz des Herdfeuers. Hinter ihm brodelte der Wasserkessel. Neben ihm flinzelte noch immer das Licht der Laterne, die er mitgebracht hatte. Sein brutales Gesicht, das wie ein Flambeau glutete, umrahmte eine straffe, graumelierte Bartfräse. Die Glieder erinnerten an die eines Stiers, und wenn er seine Hände faltete und gegeneinander schurfelte, knackte es in den Fingergelenken, als wenn dürre Stäbchen zerbrächen. Als einziger Sohn des verstorbenen Küsters in Hiltrup, war er dazu bestimmt gewesen, dessen Folger im Amt zu werden. Das behagte ihm nicht, denn wider Willen und Wollen zertöpperten ihm die Kirchengeräte wie Nürnberger Spielzeug zwischen den Fäusten, und als er eines Tages in Vertretung seines Vaters einer Beerdigung beizuwohnen hatte und dabei einem mißliebigen Vikarius mit dem Weihwasserquast auf den Leib rückte, da waren für ihn die küsterlichen Akten für immer geschlossen. Die Kleriker wiesen ihn ab. Dafür hatte er Glück bei den Weibern, und als die unselige Geschichte mit dem Weihwasserpinsel sich anschickte, in das nebelhafte Reich der Mythen zu rücken, war er Besitzer eines Kottens mit zwanzig Morgen Ackerland eines üppigen Weibes, zweier melkenden Kühe und einiger Schweine geworden. Nun wähnte er, den Baron spielen zu können, und er tat es mit Anstand und 'ner gewissen Noblesse, wenn dabei auch die Hypotheken wie Elstervögel zu lärmen begannen. Seine Frau, die nebenher noch mannstolles Blut hatte, half ihm redlich dabei, und als sie mit Tod abging, kam Barthlemes immer mehr auf die Fusel- und Rutschbahn. Alles zerkrümelte ihm, nur nicht die Lust, den Großhans herauszukehren und andermanns Häschen niederzuschroten, auch nicht das Feierliche und Pastorale, das er aus dem Küsterhause mit in die Ehe gebracht hatte. Sonst aber... Gutmütig war er geblieben, und Humor hatte der Kerl, wie nicht auszudenken; denn wenn er im Krug saß, ein Spezial Aquavit oder 'ne Buddel Rotspon in Reichweite vor sich, sprach er die ihm verbliebenen Ackerländereien und Hutungen als Krumme an, die vor Korn und Kimme gehörten. Unter dem Gejohle seiner Freunde und Altersgenossen hielt er allsonntags seine Kesseltreiben ab, mit der stoischen Ruhe eines Weltweisen und den blanken und fidelen Äugelchen eines sanftmütigen Trinkers. »Also los denn dafür!« Das erste Treiben. Mit einem scharfen Ruck fuhr der gekrümmte Zeigefinger der rechten Hand an die Backe. »Tatterata!« Hei, wie sie liefen, die Wiesen und Stoppelfelder! »Druff, druff! Himmel, Gewitter! Da löpt he! Piff, paff!« und Barthlemes salutierte und goß sich ein Glas hinter die Binde, um dann mit dem gewichtigen Ton eines Kapuziners zu sprechen: » In nomine patris ... die Strecke für die Nönnchen in Dorsten, weil sie meine Tochter Johanna belernen.« Die Freunde wieherten. Acht Wochen später: das zweite Treiben. »Tatterata!« Dieselbe Fingerbewegung. »'raus aus dem Pott! Da löpt he! Wo? Dichte bi? So'n Aasknochen von Acker, so'n krummer! Päng, päng! Hat ihm schon!« Und wieder salutierte der Alte, trank und dozierte wie ein Kanzelredner in die Schnapskorona hinein, die sich vor Lachen den Bauch halten mußte, um ihr Zwerchfell vor dem Zerplatzen zu hüten: » Et filii ... nimm ihn, Siegfried Rapünschen, Sohn Elkans, aus dem Stamme Ephraim, näsiger Mann von Amelsbüren, und zieh' ihm das Fell über die Löffel. Wo die Kuh ist, mag auch der Kleeacker hinmachen. Meine feinste Parzelle! Dann hat sie Gesellschaft. Fort mit Schaden! Es riecht nach Knoblauch. A votre santé , meine Herren!« »Tatterata!« Immer neue Treiben wurden angeblasen: das dritte, das vierte ... und das letzte um Pfingsten. »Tatterata!« Es ging um den Kotten. Barthlemes Altrogge thronte wie ein gewaltiger Nimrod im Krug. Es war Sonntag und die Luft voller Lerchenjubel. Seine Kumpane umdrängten ihn, animierten ihn, 'ne Runde zu geben. »Warum nicht? Butter bei die Fisch'!« und neue Bouteillen erschienen, solche mit Ruhrperlen und solche mit dem Zauberwasser von Haselünne, Damit die Augen klar und rein Und die Hasen größer sein ... Der Wirt wälzte sich bereits wie ein übermütiges Füllen hinter der Anrichte. »Barthlemes, Achtung!« »Wo denn?« »Dichte bi! Druff, druff!« In Wirklichkeit und Wahrheit: da kam der Kotten gehoppelt, mit dem gesamten Inventar und den noch übriggebliebenen Ferkeln. Hand an die Backe. »Nicht durchziehn!« »Denke nicht dran!« Gleichzeitig knallte er los: »Päng, päng! Der wäre geliefert – in nomine patris et filii et spiritus sancti ...« und der stiernackige Zinsbauer, der nunmehrige Herr und Verwalter von Garnichts, erhob sich wie ein Gesalbter von den Binsen und legte gottergeben seine zitterigen Fäuste zusammen. Die kleinen gutmütigen Augen glänzten wie Holzmulm. In jedem glitzerte eine sanfte Träne, und seine Zunge lallte in heller Begeisterung: »Das wäre geleistet. Ehre sei Gott in der Höhe! Ich habe das Meine getan. Johanna hat Bildung, und ich für meine Person habe 'ne fette Hypothek auf dem Kotten. De profundis ! Aber das tut nichts. Der Herr wird weiter helfen, und wenn er's nicht kann, wofür haben wir denn 'ne Regierung in Münster? – von jetzt an bis in alle Ewigkeit, Amen.« Dann brach er unter dem frenetischem Beifall seiner Freunde zusammen, voll der Ruhrperlen und voll des edlen Wassers von Haselünne. Um diese Zeit kam Fräulein Johanna aus Dorsten zurück. Heute nun paradierte er mit gespreizten Beinen, hochrotem Kopf und Stielaugen vor seinem Punschglas auf Getter, neben sich die brennende Stallaterne, hinter sich den näselnden Wasserkessel: er, der verunglückte Anwärter einer pompösen Küsterstelle in Hiltrup, der gewesene Siedelungsbauer, der heruntergekommene Patron und Großsprecher – und freute sich seines verlotterten Lebens, des vor ihm stehenden Gebräus und der wenigen Silberlinge, die er seinen Gläubigern nichtsnutzigerweise abgeluchst hatte, als Hövelkamp erschien, um auch seinerseits eine Atempause zu machen und einen ›Lütten‹ zu heben. Schwerfällig warf er sich an den Tisch. Sein Blick fiel auf die Stallaterne. »Jesses! warum brennt sie denn noch?« fragte er lauernd, wobei seine behaarten Finger das vorgestoßene Kinn schabten. »Ich will doch nach Hause, später mit Johanna nach Hause.« »Oller Döskopp! wir haben doch dreiviertel Licht auf der Heide. Drum puste das Dings aus!« »Hat sich was mit 's Auspusten!« fuhr ihn Barthlemes an. Das geht nicht so pieplings,« und seine Stimme gefiel sich in einem Ton, als käme sie aus einem Sargdeckel heraus. »Wo was stirbt, muß 'ne Lampe doch brennen.« »Gotts den Donner noch mal! Ihr wollt doch nicht ausklamüsieren ...?« »Ich sage nur das, was mir Johanna gesagt hat. Die hat's gehört auf der Diele. Auf Getter soll's ja 'nen Toten bald geben.« Der Oberknecht verfärbte sich. Ihm war so, als liefe ihm ein breiter Eisstrom über den Rücken. Dennoch erklärte er mit aller Bestimmtheit: »Schiete, segg Lepper. Immer men sachte. Herr Travelmann ist andrer Meinung, und was Herr Travelmann so in der Meinung gepackt hat...« Seine platte Hand fiel hart auf den Tisch: »Das hat dreifache Naht. Abgemacht, fertig!« »Möglich,« gab Barthlemes in unerschütterlicher Ruhe zurück, »aber man soll alles in Berücksichtigung nehmen. Christus! wer jetzt wohl heran muß? Ich glaube der Dicke, der Paderborner. Er hat ganz so das Aussehen. Drum lasset uns beten: Oremus !« und der vierschrötige Bombastikus hub an, einzelne lateinische Brocken unter die Leute zu streuen. Dann schlug seine Stimmung um. Quietschvergnügt sah er auf Hövelkamp, bei dem noch immer das Eiswasser triefte. Gleichzeitig ergriff er sein Punschglas. »Warum sollte es auch der Dicke nicht sein? Der hat Speck unter der Schwarte. Das lieben die Maden. Oremus ! Aber das schadet nicht weiter, denn der Herr ist barmherzig, und seine Werke sind herrlich wie am ersten Tage. Besonders sein Punschwerk. Ein angenehmes Pröstchen, Herr Hövelkamp! möchte aber bemerken: ich bin sonst 'n Radikaler. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! und vertrete den Grundsatz: wer hinterm Ochsensterz herstolpert, muß jetzt vierelang schassieren, und wer in 'nem Kotten oder in 'nem Schweinekoben herumnast, hat von heute an ein Palä zu beziehen. Nur die von der Getter nicht. Die estimieren 'nen Menschen im Menschen. Er schwenkte sein Glas der Diele zu. » A votre santé , Herr Travelmann! denn in dir wohnt die Kraft und die Macht und die Herrlichkeit und alles, was dein ist. Zum Wohl, meine Herren und Damen!« und während sie anstießen und tranken und ihm Beifall zollten, flüsterte die Kleine mit den fuchsroten Haaren ihrem Partner zu: »Du – es geht schon auf zehne. Ich hab' nichts mehr zu schaffen und mache mich dünne.« Damit war sie heimlich aus der Tür gewuschert. »Men to,« dachte der Invitierte und betrachtete nachdenklich seine Transchuhe, die er in einer Viertelstunde ausziehen mußte, um ungestört in das Allerheiligste über dem Kuhstall zu manövrieren, indes Barthlemes weiter agierte und nicht Worte genug finden konnte, dem Gutsherrn ein Credo nach dem andern zu singen. Er machte sich breiter und größer, stand auf und streckte seine klobigen Arme wie Waschhölzer. Das tat er immer, wenn er predigte oder etwas Bedeutsames an den Mann bringen wollte. Ebenso mächtig gestikulierte sein schwarzer Schatten auf der gegenüberliegenden Wand, trocknete ein, um sich abermals ins Gigantische zu heben. Dabei flatterte es wie graue Flügel über die kalkige Fläche. » Oremus! « begann er von neuem, »beten wir auch für Herrn Travelmann; er kann's gebrauchen. Nicht, daß ihm was passieren tun täte. Bei Gott nicht! Aber das Wort eines Gerechten hat noch keinem geschadet. Wir sind ihm zu Dank verpflichtet, denn er hat so was Kavaliermäßiges an sich und versteht Bowlen zu brauen ...« Schwer sank er auf den Holzstuhl zurück: »Bowlen ...! – Weiß der Zackerzucker noch mal! Krechting und Knipperdölling konnten's nicht besser, und das waren doch Kerle.« »Und erst ihre Weiber!« rief Jans Schwarte dazwischen, der bisher mit aufgestemmten Ellbogen und draufgestütztem Kinn der Unterhaltung gefolgt war, stumm wie ein Spiegelkarpfen und mit Glotzaugen. »Die verstanden's erst recht. Ich hab's in 'nem alten Geschichtenbuche gelesen. Und wenn sie's taten, auf dem Domplatz und so, dann stand Jan van Leyden hinter ihnen und kuckte zu und sagte: Bravo! und trank und schlug ihnen dann die Köppe herunter, braune und blonde, schwarze und solche, die aussahen, als wären sie von rotem Flachsgarn gewesen, denn so schön die Menscher auch waren, sie waren noch immer nicht nobel genug, mit ihm 'ne Polka Mazurka zu tanzen.« »Höhö!« lachte das Kuhantilopengesicht und machte verliebte Nasenlöcher. »Barthlemes, hätte deine Tochter damals gelebt, die wäre 'ne Königin von Sion geworden.« »Die?!« fragte Barthlemes in heller Begeisterung. Er wuchtete sich umständlich und schwer in die Höhe. »Wäre die durch Münster gezogen ... in Gala ... 'ne Krone auf dem Kopp und 'ne Schleppe hinter sich von hier bis nach Billerbeck zu – ich sage euch, Kinder: alle Wiedertäufer hätten Hosianna gerufen. Hosianna, die da kommt im Namen des Herrn, und ich verwette meinen Kotten dagegen: der Kopp wäre ihr nicht von den Schultern gepurzelt. So reich ist das Weibsbild. Rasse, Kreuzung zwischen Heidschnucke und Rambouilletbock. Solche Waden, knüppeldick und gauskendick, und Paradiesäpfel, als wären sie aus dem Bungert vom Grafen Galen bezogen.« Mit der Rechten hämmerte er sich auf den blauleinenen Kittel. »Exquisites Produkt meiner Firma. Ich ... ich ... ich ...!« Sein Atem ging dämpfig. Gedunsenen und verschwitzten Gesichtes suchte er die Runde ab, ob jemand es unternähme, eine gegenteilige Meinung aufzustellen. Alle schwiegen. Nur der Invitierte hatte sich an die Türe geschlichen und den Drücker ausgeklinkt. Von hier aus rief er über die Schultern: »Gratuliere! Die wäre ein Fressen ...« »Für wen denn ein Fressen?« »Ihr wißt, wen ich meine.« »Für dich etwa?« »Höhö!« grinste ihm eine breite Visage entgegen. »Hundebraten, verfluchter! Schick di in die Welt oder scher di herut.« Die Tür knallte zu. Barthlemes tobte wie ein französischer Proviantmeister hinter dem Ausreißer her, bezähmte sich aber, wurde bittersüß, setzte sich wieder und hielt seinem Nachbarn das Glas hin: »A votre santé!« sagte er mit einer Stimme, die im Punschertrakt und dem Zauberwasser von Haselünne zu schwimmen schien. »Ihr versteht mich, Jans Schwarte. Meine Tochter wäre berufen gewesen, mit dem auserwählten König 'ne Partie Sechsundsechzig zu spielen. Die hat Öl auf der Lampe und Mumm unter der Weste. Das kann jeder hier hören; denn wenn einer etwas Besonders hat, braucht er es nicht unter den Scheffel zu placieren, und daher: die Königin von Sion...« Er schwieg erwartungsvoll. Der Angeprostete wußte nicht, was er antworten sollte, aber seine Schlußfolgerungen nahmen eine Richtung an, die weder mit dem Katechismus noch mit den Heilswahrheiten der christkatholischen Kirche das Geringste zu tun hatten, während der Alte tiefsinnig vor sich hinstierte und wieder zu lärmen begann: »Rasse, Kreuzung zwischen Heidschnucke und Rambouilletbock... exquisites Produkt meiner Firma: Barthlemes und Kompagnie... nicht mehr zu haben. In diesem Sinne: die Königin von Sion... Oremus! Beten wir für sie, auf daß sie teilhaftig werde eines Paläs oder 'ner Glaskutsche mit vieren. Mein erbärmlicher Kotten ist zu klein für sie. Sie muß 'ne opulente Betätigung finden. Kutschpferde vor! – Eingestiegen! und 'rin ins Vergnügen! In nomine patris et filii et spiritus sancti.« Seine Worte überstrudelten sich, gingen unter in einem wirren Tobel des Unsinns und der Selbstberäucherung. Hövelkamp zuckte die Schultern und griemelte verloren in sich hinein: »Bändken von Gaolen, Kann puchen un praolen, Kann fiesten, kann leigen Un de Lüde bedreigen, aber der ist ihm über. Man müßte 'nen Zölligen schneiden, um ihm das Fell zu versohlen.« Dann sagte er laut: »Das ist alles dumm Tüg mit Johanna. Die hat's Gloria bei die Nönnchen gelassen und ist mit's Miserere wieder nach Hause gekommen.« »Christus, das mir?!« »Bleibt dabei,« versetzte Hövelkamp. Den Rest von dem, was er noch anbringen wollte, verschluckte er und betrat wieder die Diele, um das Kaminfeuer munter zu halten. Hier hatte sich mittlerweile die Stimmung gehoben, obgleich Emmerich Dinklage noch immer still vor sich hinbrütete und mit einer gewissen Befangenheit zu kämpfen hatte. Auch das ging vorüber, denn die amüsanten Bilder und Bildchen, die der unergründlichen Jagdtasche der Diana mit stets neuen Varianten entstiegen, machten warm und heiter und ließen das Ärgerliche des heutigen Abends allmählich in Vergessenheit kommen. Die Gäste wurden zuversichtlicher, die Unterhaltung nahm einen jovialeren Ton an und fühlte sich behaglich inmitten der quirlenden Rauchwölkchen, die alles mit bläulichen Spinnweben austapezierten. Ohm Gideon beteiligte sich eifrigst an diesem Tapeziergeschäft. Man hätte ihn für den Oberpriester Vitzliputzlis ansprechen können, so opferfreudig blies er den Dampf seiner dicken Zigarre zu den flackernden Kerzen auf, mit solcher Andacht und solchem Wohlgefallen folgte er den emsigen Bewegungen Johannas, die mit Takt und seltener Zurückhaltung die Herren bediente und gleichsam durch eine feine Gaze von aromatischen Düften dahinschwebte. Hinsichtlich der Bewertung ihrer Person gingen seine Ansichten und die ihres Vaters weit auseinander. Dieser ließ sie als Königin von Sion auf vaterländischem Boden, Gideon hingegen verpflanzte sie kraft seiner ausschweifenden Phantasie in das fabelhafte Gold- und Märchenland der Azteken. Er hielt sie für eine Blume der Prärie, für eine Tänzerin Vitzliputzlis, nur leicht bekleidet, das mit seltenen Steinen umkrustete Mieder voller Reichtum, ja für die Tochter des unglückseligen Königs Montezuma selber, und der Wunsch machte sich rege, diese Blume zu brechen, zu umschmeicheln und in den eigenen Wigwam zu tragen. Nur genierte es ihn, daß der Förster von Hiltrup sich offenkundig mit ähnlichen Erwägungen beschäftigte, denn durch die mächtige Punschterrine gedeckt, folgte er unentwegt und mit offenen Lichtern den leichtfüßigen Schritten des üppigen Mädchens, stets bemüht, durch eine zufällige Wendung des Armes mit dem jugendlichen Körper in Berührung zu kommen. Hier war Einhalt geboten. Der schrankenlosen Gier des Zölibatärs in grüner Watt mußte ein Ziel gesetzt werden. »Herr Forstrat,« rief er ihn an, »wo wird morgen gekesselt?« Fritz Garke fühlte sich ertappt. Verlegen strählte er seinen Spitzbart. »Zuerst an der hintersten Wegscheid, dann mehr nach dem Königlichen hin, bis wir wieder den ersten Kessel erreichen.« »Bong! dann bitte ich um die ergiebigsten Stände. Ich verlaß mich auf Sie. Immer ventre à terre . Der morgige Tag muß dem heutigen sagen können: du Schafskopf.« »Tut er,« lachte Fritz Garke. »In der Dawert gibt's Wild. Ich garantiere für die doppelte und dreifache Strecke.« »Soll mir angenehm sein, aber wohlgemerkt, mein lieber Herr Forstrat...« Er unterbrach sich, schlug die Säbelbeinchen übereinander und wandte sich an den Gutsherrn: »Bernd, ich habe dir 'nen Vorschlag zu machen.« »Schieß' los!« »Du,« sagte er nachdenklich, indem er die tiefgebrannte Zigarre beiseite legte, »irgendwo heißt es: Ich seh' dich an und muß den Schmerz verwinden, Der wieder sich um Karlomann erneut... Zuvor jedoch: heda, Fräulein Johanna! 'ne frische aus 'nem andern Kistchen,« und als dieses ihm anpräsentiert wurde und bald darauf eine dickleibige La flor de Henry Clay wie ein Pfahl in seinem linken Mundwinkel klebte, verabschiedete er die Tochter Montezumas mit einer gnädigen Handbewegung und zitierte aufs neue: »Der wieder sich um Karlomann erneut... und dieser Schmerz, Freisassenhöfer?! Du hörtest, was der Hiltruper Forstrat behauptete. In der Dawert gibt's Wild. Gut! dann aber ist es deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, dem Schüsseltreiben 'ne angenehmere Folie zu geben. Ich meine: ein Pereat den verfluchten Gespenstergeschichten!« »Du denkst an Frau Hille?« »Das weniger. Aber das mit dem geheimnisvollen Kommen und Gehen. Was bedeutet das alles? Ich bin keine Bangbux, aber so was schlägt auf die Nerven, muß abgeschafft werden, sonst geht alle flotte Jägerei elendiglich pleite.« Der Gutsherr nickte. »Ganz meine Ansicht.« Mit einer raschen Geste schnippste er den zierlichen Aschenkegel von seiner Havanna herunter. »Man sollte überhaupt hinsichtlich der Nervosität der Frauen nicht so viel Aufhebens machen, dem Sensitiven gegenüber mehr gesunden Menschenverstand und Rückgrat besitzen.« Emmerich Dinklage sah auf. »Es gibt Dinge, mein Lieber, die schauern unter dieser Sprache zusammen.« »Was, diese Ansicht?! Und du willst zu den Aufgeklärten zählen?« »Eben, weil ich es tu', bin ich gerne bereit, vor meine Behauptung zu treten.« »Auch vor die des ›Zweiten Gesichtes‹?« »Ja, denn es gibt zweifellos Menschen, die infolge eines rätselhaften intuitiven Vermögens, bei äußerlich verschlossenen und toten Augen, die Fähigkeit besitzen, Vorgänge zu sehen und vorauszusagen, die gewöhnliche Sterbliche nicht wahrnehmen können.« Bernd schien unangenehm berührt. Seine Brauen rückten näher zusammen. »Das heißt also?« fragte er mit skeptischem Lächeln, während die übrigen Herren heranrückten, um besser hören zu können. »Nichts weiter als das. Die Seele existiert als reales Wesen für sich, unabhängig vom Körper. Sie ist mit Eigenschaften begabt, die der Wissenschaft bis heute noch fremd sind. Sie kann wirken und schauen, ohne Vermittlung der Sinne.« »Und sind diese schwerwiegenden Axiome auf deinem eigenen Boden gewachsen?« »Keineswegs.« »Und bist dennoch der Ansicht: sie können vor der wissenschaftlichen Sonde bestehen?« »Vollkommen, wurden sie doch von einem Manne gezeitigt, dessen Lauterkeit, dessen Liebe zur westfälischen Scholle einwandfrei feststeht. Klaren und entschlossenen Geistes hielt er mit den ›Blassen‹ im Lande Verbindung, hörte sie an, tröstete sie in ihrer Not und Bedrängnis, registrierte nach bestem Wissen und Gewissen und fand ihre Gesichte in fast allen Fällen bestätigt. So vermochte er auch, frei von jeder Beeinflussung, aber übereinstimmend mit ernst zu nehmenden Forschern, die nachstehenden Thesen aufzustellen. Zum ersten: das zweite Gesicht ist das plötzliche Hervortreten eines hellsehenden Traumes im wachen Zustande. Zum andern: es gibt eine aus dem Unterbewußtsein der Seele aufsteigende Ahnung wieder, ein Zustand, worin dem großen Orgelwerk unseres Organismus ein neues, im normalen Dasein nicht gebrauchtes Register aufgezogen wird. Soweit mein Gewährsmann, und läßt du diesen nicht gelten, vor Arthur Schopenhauer, diesem kühlen Erwäger und Denker, wird deine Zweifelsucht nicht standhalten wollen.« »Nun, und was behauptet dieser Strelitze einer schroffen Lebensweisheit?« »Zweites Gesicht, Wahrträumen und ähnliche Dinge geben sichere, unabweisbare Anzeige von einem Zusammenhang der Wesen, der auf einer ganz anderen Ordnung der Erscheinungen beruht, als die Natur ist, die zu ihrer Basis die Gesetze des Raumes, der Zeit und der Kausalität hat.« »Und die Erklärung hierfür?« »Erklärung? Ignoramus et ignorabimus ! Darauf gibt Goethe die Antwort: Geheimnisvoll am lichten Tag, Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag. Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben. Da hast du's, und wohin wir in dieser Beziehung fühlen und tasten – es bleibt für uns ein unerforschliches Etwas, ein mimosenhaftes Geschehen, ein Suchen nach jenem Unbegreiflichen, von dem sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt.« »Worte, nur Worte!« Bernd Travelmann fuhr unwillig auf. Ein grausamer Zug prägte sich seinen Mundecken ein. Die Blicke nadelscharf in die seines Freundes gerichtet, fragte er mit harter Betonung jeder einzelnen Silbe: »So, und was haben diese feinausgeklügelten Probleme überhaupt mit Hille zu schaffen?« Emmerich Dinklage zuckte die Schultern, scheinbar gewillt, das Gespräch zu beenden. Schweigen umgab ihn. Keiner wagte zu sprechen. Die fast lautlosen Schritte Johannas wurden zu einem Gleiten über Schneedaunen. Ohm Gideon, der bisher nur mit halbem Ohre zugehört, dafür aber um so tiefgründiger die Tochter Monzezumas hinsichtlich ihrer körperlichen Vorzüge bewertet hatte, spitzte plötzlich die Löffel. »Hm, hm!« sagte er leise. »Du,« meinte der Jagdherr, »ich bin gespannt auf die Antwort.« »Bernd,« klang es ihm zu, »bei sachlicher und ruhiger Prüfung der obwaltenden Vorgänge wirst auch du dich der Einsicht nicht verschließen dürfen, daß wir in der verehrten Herrin des Hauses ein Wesen vor uns haben, das, in Kraft seines potenzierten Seelenlebens, mit jenen in verwandtschaftlicher Beziehung steht, die den Helweg aufsuchen. Eine unwiderstehliche Notwendigkeit, ein kategorisches Müssen zwingt sie, so und nicht anders zu handeln. Ihr Wissen erhebt sich zum Schauen, ihr Schauen zur Selbstqual ... und dieses Empfinden ist grundverschieden von Angst. Es ist ein Ringen und Grausen, eine furchtbare Gabe, ein entsetzliches Suchen ... und daher: wir haben Rücksicht zu nehmen...« »Rücksicht, worauf?« »Bernd, du siehst mich an, als hegtest du Zweifel, Zweifel an meinem gesunden Menschenverstand.« Der Gutsherr machte eine schroffe Bewegung, als sollte sie den gesponnenen Faden zerreißen. »Eigentlich ja.« »Dann sollst du es hören ...« Emmerich Dinklage hatte sich gleichfalls erhoben. Den Mund dicht an das Ohr des Freundes gerückt, sagte er hastig: »Du, sie trägt ein ergreifendes Zeichen. Ich sah es.« »Welches?« »Den Skarabäus.« Eine Stille hielt an. Wurde greifbar. Lautlos duckte sich das Kaminfeuer zwischen die Kloben. Nur ein unbestimmtes Geräusch schien aus der Höhe zu kommen, kaum hörbar und doch mit der Dringlichkeit eines unabwendbaren Schicksals. Es war wie das Trapsen von aufgestöberten Ratten über den Balkensielen, ein Fallen und Gleiten, das sich zeitweilig verstärkte, um dann wieder abzuflauen und gänzlich zu schweigen. Dazwischen harte, abweisende Worte: »Das ist ja um die Kränke zu kriegen. Bleibe mir mit deinem höheren Unsinn vom Leibe. So was gibt's nicht auf Getter.« Ein jovialer Ton war dazwischen. »Spotte nicht, Bernd! Es könnte sich das Unerhörte begeben.« »Gottverdammich, rufe mir den Tod nicht ins Haus!« In diesem Augenblick pochte es im Uhrkasten. Dann elf einzelne Schlüge. Gleichzeitig wurde es in den benachbarten Ställen unruhig. Halfterketten klirrten. Das Rumpeln der Lattierbäume klang deutlich herüber. Ohm Gideon drehte sich um. War es plötzlich so dunkel geworden? Tanzten die Gläser um ihn? Versank ihm die Welt unter den Füßen? »Was ist denn hier los?!« Er stierte zu Boden. »Dunnerwetter noch mal! seh' ich weiße Mäuse oder kriecht da 'ne tote Hand über den Estrich?!« Selbst der wilde Travelmann erbleichte. »Du bist wohl verrückt!« »Ich...?!« »Herr, du mein Jesus!« Ein abgerissener Schrei lief wie ein lähmender Pfiff durch alle Räume des Hauses. Von der Küche und Gesindestube her kam ein dumpfes Poltern, ein Schmerzensruf, dem ein kurzes Wimmern folgte. »Da muß ein Unglück passiert sein!« Alle drängten dorthin. Knechte und Mägde liefen zusammen. Die Herren folgten. Die kleine Stallaterne hatte noch Leben, aber neben ihr, den Fuß des zersprungenen Glases zwischen den Fingern, lag Barthlemes Altrogge gestreckt auf den Fliesen. Ihm zu Häupten kniete Johanna, indessen Hövelkamp die borkenrissigen Hände faltete und sagte: »Der kommt nicht mehr aufrecht. Die Madam hat richtig gesehen. Lasset uns beten: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes...« und während sie beteten, trat Judith Travelmann zu ihnen, gefaßt wie immer, nur noch straffer und hoheitsvoller als früher. Mit fester Hand berührte sie die Schulter der Knieenden. »Steh' auf, Johanna!« und als diese sich erhoben hatte, zog sie sie an sich und sagte: »Der Tod ist im Hause. Daran ist nichts mehr zu ändern. Von nun an: zur Getter gehörst du.«   Eine halbe Stunde später, nachdem die Gäste Abschied genommen und Emmerich Dinklage und Gideon Hasenklever ihre Zimmer aufgesucht hatten, wurde Barthlemes Altrogge von vier Knechten des Hofes, unter Führung Hövelkamps, nach seinem Kotten getragen. Eine schlichte Bahre, mit einem gespreitetem Tuch darüber, brachte ihn heimwärts. Als der kleine Zug die Getter verließ, stand Judith vor der großen Dielentür, über sich das Gewirr von goldenen Schildereien, um sich das kalte, blanke Mondlicht und sah den Männern nach, die stumm wie Lemuren dem nahen Helweg zuschritten, um dort in den weißen Schwaden allmählich unterzutauchen. »Mußte das kommen?« sagte sie bedrückt vor sich hin. »Du trugst den Schmuck der Travelmänner, bist gebenedeit unter den Weibern – und nun diese Fügung! Ich bin irre geworden, und meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Herr, führe uns nicht in Versuchung. Lasse deinen Kelch vorübergehen. Zieh' deine Hand nicht von uns, deine milde, wundertätige Hand, sonst: ich muß bangen und Sorge tragen um Getter.« Als sie wieder auf die Diele zurücktrat, fand sie ihren Sohn am Kaminfeuer stehen. »Was hast du befohlen für morgen und die folgenden Tage?« fragte sie mit geschlossenen Augen. »Selbstverständlich, ich will nicht vorgreifen und deine Kreise nicht stören.« »Ich gab bereits Order an Garke. Das Jagen ist abgesagt. Die Heide hat Ruhe.« 7 Der andere Morgen hatte die Augen tief an der Erde, so verdrießlich war er, so ohne jede Bekömmnis. Die muntern Hornrufe des Sankt Hubertustages hingen verlähmt in den fröstelnden Zweigen oder schliefen weit hinten in der grauen Heide. Keine Bracken läuteten, keine kurzweilige Flinte tönte aus der Ferne herüber. Trübe Gedanken saßen wie Bettler zwischen den Wallstiegen und Lohhecken. Haus Getter mitten dazwischen, ohne Behagen, ohne Fröhlichsein, wie von der Hand Gottes mit Asche überschüttet. Dazu ein Wispern ringsum, das krank machte und die Seele beunruhigte. Dunkle Vögel schwaderten ab und zu und flogen schließlich nach dem Helweg, um dort in dem Pfriemhaar der gekappten Weiden und Pappeln aufzubäumen. Es war alles so trostlos. Der Gutshof atmete kaum. Mit halbgeschlossenen Läden, das Verstörte des gestrigen Abends noch unter den Dächern, kränkelte er in den Tag hinein. Knechte und Mägde machten ziellose Arbeit. In Flüsterlauten wurde über Dinge verhandelt, die sich an der Herrentafel und in der Gesindestube abgespielt hatten. Auf Zehenspitzen ging man durch die weiten Flure, und wenn irgend jemand draußen schaffte, streiften seine Blicke ängstlich und scheu die Fenster des ersten Stockwerks, die unmittelbar neben dem mit schwarzem Efeu umsponnenen Zwinger lagen. Hier wohnte Frau Hille. Sie war leidend, abwegig, still und apathisch. Jede Bedienung wies sie von sich. Sie wollte keinen sehen und niemanden hören. Die Scheiben waren geblendet. Schon in aller Frühe hatten sich die Gäste verabschiedet. Zuerst Emmerich Dinklage. Auf einem gestellten Jagdwagen war er nach Münster gefahren. Eine Stunde später zog Ohm Gideon Leine. »Ich hab's nicht so eilig,« hatte er gesagt, als Emmerich einstieg. »Außerdem: ich mach' die Schose zu Fuß ab. Das bannt die Fuselgeister und rüttelt den verdämelten Verstand wieder zusammen. Man muß sich ja schämen, denkt man an den gestrigen Abend. Wie kann 'n Paderborner nur so seine Haltung verlieren?! Pfui Teufel! Das war hundsmiserabel! Weiße Mäuse und 'ne tote Hand, die über den Estrich fortkroch...! Nicht auszudenken, diese verbotenen Einfälle. Bernd, das ist ja, um wieder zum Kadetten zu werden.« »Das tat der Burgunder.« »Stimme dir bei, aber brauchen wir ein homöopathisches Mittel. Wurscht wider Wurscht und spitz gegen spitz. Satanas wird nur durch seine eigenen Waffen geschlagen. Laß' dich nicht lumpen. Nur zum Abgewöhnen und um die weißen Mäuse in ihre Löcher zu treiben – du: trinken wir 'ne Romanée-Conti zusammen. Ein Vorschlag in Güte.« »Supsack!« spaßte der Hausherr. »Gemeinsam mit dir,« replizierte der Unverbesserliche und lüftete dabei sein abgewetztes Hütchen, das ihm mit Tannenbruch und Spielhahnfeder flott auf dem linken Ohr saß. Sein polierter Schädel glänzte im mißmutigen Licht des fahlen Tages. Die etwas steifleinenen Beinchen strafften sich. Die Absätze klappten energisch gegeneinander. »Also 'ran mit dem homöopathischen Mittel. Gott lohn's und gebe dir ein pläsierliches Sterben. Bernd, immer avanti, sonst bin ich verdammt, in der Wüste Ziegel zu streichen. Habe Erbarmen. Jawoll, ja. Immer 'rin in den Keller.« Und die Bouteille erschien .... Eine halbe Stunde später griff Gideon nach seinem Bülow Krawallo. »Bernd, deine Nummer ist gut; die kann 'n Scheik vom Sinai, überhaupt ein Edelmann trinken. Der Herr segne dich und dein Haus mitsamt deiner Hausehre!« Mit Jagdtasche und Rucksack angetan, die Flinte umgehängt und den derben Bakel schwingend, verließ er die Getter. Bernd begleitete ihn ein Stück seines Weges. Als sie die Stelle erreichten, wo die Straße nach Hiltrup abzweigte, merkten die eingefallenen Krähen- und Dohlenvögel unruhig auf. Sie torkelten hoch und ruderten weiter landeinwärts. »Also hier wäre die Stätte,« meinte Ohm Gideon und zeigte auf die verkrüppelten und windzerzausten Bäume, die sich rechts und links der Straße in ihrer ganzen zügellosen Groteskheit präsentierten. »Was für 'ne Stätte?« »Herr Jeses! von ihr ist doch gestern Abend genug die Rede gewesen. Spökenkiekergeschichten und so. Ich freue mich aber – du und ich, wir beide sind doch bessere Menschen.« »Bessere Menschen? In Beziehung auf wen denn?« »Gott, diese Frage? Auf dem griechischen Archipel scheint selbst der vernünftigste Kopf wirbelsinnig zu werden.« »Emmerich!« »Eben derselbe, und war vor Zeiten ein ganz annehmbares und solides Faktotum. Jawoll, ja. Er leuchtet den Toten. So'n Unsinn! Ich denke: die ollen Götter sind doch ganz nette Onkels gewesen, die mit sich reden ließen und ihren Untertanen ein kleines Spaßvergnügen nicht übel nahmen, wenn sie sich auch dabei so'n bißchen die Köpfe vertobakten ... und nun will Emmerich immerzu leuchten. Dunnerwetter, hat der sich verändert!« »Leider.« »Bernd, weißt du was? Dem Mann kann geholfen werden. Romanée-Conti! Täglich drei Flaschen nach ärztlicher Vorschrift. Vier Wochen hindurch, morgens, mittags und abends 'ne Pulle – und ich gebe dir mein Ehrenwort: er kann wieder in die Reihe kommen ... sonst: der Kerl bringt's fertig, und zaubert einem mit seinem gelehrten Forschertum weiße Mäuse und kriechende Hände vor Augen, und so was langt gerade, einem den Sitz unterm Hintern zu nehmen. Jetzt aber avanti. Auf Wiedersehen. Ich bin immer zu haben. Zur Tages- und Nachtzeit. Toujours en vedette . Befiehl nur, und Gideon Freiherr von und zu Hasenklever gibt sich die Ehre. Ist dir vielleicht die heilige Weihnacht genehm? Gänsebraten und so. Spiegelkarpfen in Dill wären auch nicht so ohne. Oder früher vielleicht? Apropos, ich denke gerade daran. Gut Holz, mein Junge. Der Termin rückt näher. Höchste Eisenbahn. Dein Bestand muß abtaxiert werden. Bitte, deine Ansicht, ohne Verpflichtung.« »Du bekommst rechtzeitig Nachricht. Ich bin mir noch nicht im klaren darüber.« » Bonus ! Aber dann, wenn ich komme: streng offiziell, lediglich als Festmetermensch und korrekter Beamter. Jawoll, ja. Da kannst du betteln und bitten: täglich werden höchstens drei bis vier Bouteillen genehmigt. Allerhöchstens, mein Junge. Ich lasse mich von niemand bereden. Unter keiner Bedingung. Auch von dir nicht. Alles mit Maßen. Man muß sich bescheiden können wie der Pennbruder mit dem leeren Faß und der Sonne. Grundsätze. Haben wir, haben wir immer besessen.« Er schlug sich auf sein Wams, daß es knallte. Dann nahm er Abschied. Auf rüstigen Beinchen zog er schnurgerade aus, während Bernd rechts einbog, um auf einem längeren Umweg wieder sein Gut zu erreichen. Allein keine zwei Minuten vergingen, da rief es hinter ihm her: »Holla, heda, ein Wort noch!« und als er kehrt machte, sah er Ohm Gideon mit gebreiteten Armen auf dem Helweg stehen, in der Linken das Vivathütchen, in der Rechten den Bülow Krawallo. »Herzensbruder, Freisassenhöfer!« rasaunte er los, »fast hätte ich das Beste vergessen. Auf Flügeln des Gesanges – meinen Gruß der Prärieblume, der Tochter Montezumas des Großen. Sie lebe! Schiebe ihr 'nen Barren Gold unter das Sitzfleisch. Sie verdient es, diese schöne Aztekin. Gut Holz! A rivederci !« und dann rollte er den Weg unter sich auf und sang das Zapfenstreich-Gebet, das ihm noch aus seiner Militärzeit her in der Erinnerung haftete. »Ich bete an die Macht der Liebe...« Er sang grobkörnig, dieser emeritierte Paderborner Husar, und seine Vortragsweise war wie die eines verstimmten Flügelhorns; aber er sang doch, sang mit äußerster Verve, und sein Hymnus fand auch Gnade vor dem Schöpfer Himmels und der Erde, denn unversehens teilte sich der ölige Wettermantel auseinander und ließ ein lichtblaues Stück des Firmaments sichtbar werden. Aus ihm funkte es in goldenen Strahlen herunter. »Ich bete an die Macht der Liebe...« Immer magerer wurden die Klänge, immer dünner und unklarer, bis sie mit Gideon Freiherrn von und zu Hasenklever völlig zergingen. Der Himmel funkte weiter und weiter. Unter seinem Geleucht trat Bernd bald darauf in ein Birkengehölz, dann in einen alten Buchenbestand, und als er diesen verließ, lag wieder die Heide vor ihm, braun und jungfräulich ... und doch nicht jungfräulich, denn siehe: etliche Rufweiten entfernt und ungefähr dort, wo ein kleines, kreisrundes Wasserauge gen Himmel blenkerte, zog ein Doppelgespann über den dampfenden Boden und tat ihm Gewalt an. Ein Enakssohn, nur etwas vornübergebeugt, schritt hinter dem Pflug her. Die blanken Eisen rissen die verfilzte Erde schonungslos auseinander und legten Furche bei Furche. Unausgesetzt, ohne zu rasten, verrichteten sie die ihnen übertragene Arbeit. Der Mann sah weder rechts noch links. Er tat seine Pflicht mit der Unermüdlichkeit einer Präzisionsmaschine, wie auf ein höheres Gebot und seinen Herrn und Heiland im Herzen. Es war Hövelkamp. Der Gutsherr trat auf ihn zu. Jetzt erinnerte er sich. Vor etlichen Tagen hatte er Order gegeben, das Ödland an der Mergelgrube zu brechen und urbar zu machen. Seit Menschengedenken hatte dieser Distrikt ohne Beachtung gelegen, vergessen, verödet, ohne Blühen und Gedeihen. Warum eigentlich, das wußte niemand zu sagen. Aber es war so. Eine gewisse Scheu hielt die Gutsleute ab, die Ruhe des entlegenen Ortes zu stören. Ein schlichtes Holzkreuz erhob sich dicht am Uferrand und zeugte von einer entsetzlichen Bluttat. Sonst ging man hier ohne Lärm und Ackergerät vorüber. Heute nicht mehr. Die Schar regierte, und die Erde stöhnte unter den fressenden Messern. »Tag, Hövelkamp. Gott segne die Arbeit!« Der Angerufene hielt die Pferde an und wischte sich den Schweiß von der Stirne. »Gott lohn's, Herr Travelmann. Über's Jahr kommt hier Buchweizen hin. Zur Not tut's auch Dinkel.« »Wie pflügt's sich?« »So lala! Nicht gut und nicht übel. Gotts Feld, awer nich von sin bestes. Ich hätte für meine Person anders disponiert.« »Wieso anders disponiert?« »Ich meine men so. Hier soll ja wohl der verstorbene Landmesser von Hiltrup umgehen, und dem kommt man nicht gern in die Quere. Ich fühl's in den Knochen. Die wollen so recht nicht.« »Aber die meinen, die schaffen's,« versetzte Bernd, trat hinter den Pflug und packte die Leine. Als wenn er sich den gestrigen Tag und die trüben Erlebnisse des verflossenen Abends abschütteln wollte, warf er das Werkzeug herum und machte sich fertig. Ein Zungenschlag, und die gebieterische Faust eines Herrenmenschen setzten das Gespann in Bewegung. Eherne Schritte, ehernes Klingen. Eine Lust war's, dem Hochgewachsenen zu folgen. Aufwärts und abwärts: metallene Augen und stählerne Glieder, und dabei legten sich die Gassen nebeneinander, als wären sie an einer Meßkette vorübergegangen. Immer auf und ab, her und hin, und bei jeder Wende rief er Hövelkamp zu: »Gestern Weidwerk, heute Arbeitswerk! Edelmann und Freisassenhöfer! Ha, diese Freude! Sieh, wie meine Knochen es tun. Von dem verfluchten Geometer spüren sie gar nichts. Das marschiert wie durch Butter! Hia da hüp! Hövelkamp, keine Gespenstergeschichten. Das ganze Heidestück, mit Strunk und Stiel und so wie es ist, muß umgelegt werden. Keine Nagelspanne darf fehlen.« »Das ganze, Herr Travelmann?« »Das ganze,« kam es zurück, und wieder röchelte die Erde, prusteten und stampften die Gäule, wälzten sich die Schollen über Schuh und Gamaschen. Die Blicke Hövelkamps musterten den Herrn mit Bewunderung und doch mit einem heimlichen Grauen. Die Kraft des Unbändigen schien ins Ungemessene zu wachsen. Unter seiner Faust verrichteten die Eisen doppelte Arbeit, strotzten die Pferde vor Lust, schafften die Streichblätter, als wären sie eingeölt worden. Immer näher rückte das tote, bleierne Wasser. Hövelkamp sah es. Bekümmert folgte er jeder Bewegung. Das zerrissene Gesicht wurde schmäler. Die Lippen schrumpfelten ein. Aufs neue warf der Gutsherr die Pflugschar herum. Ein Rucken und Stoßen, und mit zäher Gier fraß sie sich in die stöhnenden Krumen. Das Gespann sollte anziehen. Da – ein gebieterisches »Satt und genug!« und in knochenfester Haltung trat Hövelkamp an den Rand der Mergelgrube, streckte sich auf, machte zwölf mächtige Sätze landeinwärts und stand alsdann wie eine steinerne Säule. »Bis hierher und nicht weiter,« gebot er. »Zwölf Schritte um die Gräfte herum wird kein Boden gebrochen.« »Warum nicht?« »Hier ist gewissermaßen Gottesacker.« »Freie Bahn will ich haben.« »Das wäre Elendigkeit und unsauberes Treiben.« Ein verächtliches Rufen. »Mensch, wie kommt Ihr darauf?« »Herr Travelmann« – und der Erregte nahm eine drohende Haltung ein – »ich bin men der Knecht, und so einer muß Estimierung besitzen, aber Ihr wißt auch: hier ist Menschenblut geflossen, und wo so 'was geschah, da darf man den Acker nicht stören. Das ist so der Glaube bei uns westfälischen Leuten. Da rührt man nicht dran, und wer's dennoch versucht, dessen Blut wird wieder vergossen.« »Blödsinn, infamer!« »Dann kann ich's nicht ändern.« »Mensch, macht mir die Pferde nicht scheu. Oder aber ... fort aus dem Wege!« Bernd gab ein Zeichen. »Hia da hüp!« und lachend trieb er die blanken Eisen über die Grenze, die der Warner festgelegt hatte. Mit widerwärtigem Eifer schlitzten sie den Leib der Erde, auf der vor Zeiten ein Verbrechen geschehen. Dreimal umschritt er die Mergelgrube, dreimal das Marterkreuz. Dann warf er die Leine zurück. »Schafft weiter. Heute Abend habt Ihr zu melden, daß die Schollen liegen. Aber ich bitte mir aus: genau wie ich sagte.« Dann ging er. Hövelkamp sah ihm nach, verstört und mit vorgetriebenen Augen. »Das ist der Tod,« sagte er bedrückt vor sich hin und begann wieder zu rajolen, »denn wer es tut, dessen Blut kommt ins Fließen ... langsam und rot ... langsam und rot ... ohne Aufhören und Ende ... und wird ein Jammer sein, ein Weinen und Zähneknirschen wie am Tag des Gerichtes.« Und dann, als es schummerig wurde und sich ein mattes Glühen im tiefen Westen einnistete ... »Herr Travelmann, das Stück an der Mergelgrube ist umgelegt worden.« »Das ganze?« »Das ganze, Herr Travelmann.«   Zwei Tage später wurde Barthlemes Altrogge auf dem kleinen Friedhof von Hiltrup beerdigt. Acht Leute aus der Nachbarschaft, die sich von Zeit zu Zeit abwechselten, trugen ihn, acht handfeste Tagelöhner, in abgeschabten Sonntagsröcken und fuchsigen Zylindern, deren Pleureusen traurig zur Erde bammelten. Diese acht, auch die acht Krähen geheißen, zogen mit toternsten und glattrasierten Gesichtern die schmale Straße entlang, die sich vom Kotten nach dem benachbarten Kirchspiel hintrödelte. Jetzt stumm wie die Fische, weich und mild wie Limburger Handkäse, waren sie in gewöhnlichen Tagen die lustigsten Brüder und die besten Kegelschieber, immer bereit, diverse Schnäpse auf das Wohl des Papstes und das der alleinseligmachenden Kirche zu trinken. Eine sanfte Aureole, getränkt mit Wacholdergeist, umnebelte sie, allversöhnend, lieblich und gütig, als sei sie beauftragt worden, dem so plötzlich aus dem Leben Gerissenen ein schönes Weihrauchkränzlein zu flechten. Das Gefolge war spärlich. Unmittelbar hinter dem Sarge und den schwarzen Männern schluchzte Johanna, matt und verängstigt und ganz auseinander. Neben ihr schritt Judith Travelmann, stockgerade aufrecht, mit stahlgrauen Augen, und dennoch die Frau mit dem tiefen Gemüt und der hellen und alles umfassenden Seele. Etliche Nachbarsleute schlossen sich an, unter ihnen der Krugwirt, der Freund des Verstorbenen, ein vives, dickbäuchiges Kerlchen, und Augen im Kopfe wie die eines gutmütigen Amis, jetzt verschleiert und mit dem stillen Wasser frommer Ergebung und Gottwohlgefälligkeit getempert. Nur ihren jovialen Schwung konnten sie nicht gänzlich verleugnen. Der verschuldete Kotten, mit den drei einsamen Kiefern auf der Sandlehne, blieb allmählich zurück. Die acht fuchsigen Kegel schaukelten weiter. Drüben, von silberig glänzenden Birken eingerahmt, lag Hiltrup. Als der Zug einen saftigen Kleeacker passierte, der einst zu den nicht geringen Besitztiteln Altrogges gehört hatte, griemelte der Krugwirt vergnügt vor sich hin, machte den Zeigefinger krumm und führte die rechte Hand an die Backe. Ein rasches Zielen und eine pläsierliches halblautes Denken: »Schwerekruke noch mal! Tatterata! Barthlemes, Achtung! Druff, druff! Himmel, Gewitter! Da löpt he! Wo denn? Dichte bi! Päng, päng! Der wäre geliefert ... für die Nönnchen in Dorsten, weil sie meine Tochter Johanna belernten. Tatterata!« Das ›Tatterata‹ war sichtlich zu offenherzig geraten. Die Alte warf ihm einen mißbilligenden Blick zu, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Sie mußte sich verhört haben, denn der Ertappte hielt die fuselseligen Äugelchen niedergeschlagen, klimperte mit den Pockholzkügelchen seines Rosenkranzes und seufzte mit der wohlgenährten Stimme eines Domschweizers: »Errette, o grundgütiger Jesus, deinen abberufenen Diener von allen Gefahren der Hölle, von den Banden der Strafen und denen der schmerzhaften Trübsale. Herr, gütiger Gott...« Nein, es war gar nichts geschehen. Die Träger wechselten ab, der Sarg mit dem zersplissenen Bahrtuch schwankte weiter durch die immense Ebene, die acht Zylinder umgaben ihn wie düstergekleidete Cherubim und Seraphim, vier zur Rechten, vier zur Linken, das Dorf rückte näher heran, niedrige Häuser zogen vorüber, und feierlich kamen die ersten Schläge vom Kirchturm herunter. Am Friedhof stand der Dechant der kleinen Gemeinde mit dem Küster und etlichen Ministranten. Ludgerus Hölscher, ein Mann in den sechziger Jahren, vogelsprachekundig wie Salomo und ein Hirt der Gläubigen nach den Worten der Schrift, führte Bahre und Trauergeleit über die Stätte des Friedens. Bald war die Stelle erreicht, wo Barthlemes Altrogge zu ruhen hatte. Ein Chorknabe stieß das ragende Kreuz am Fußende des aufgeworfenen Grabes in den Boden. Die Bahre wurde niedergelassen, die langen Bretter versenkt, die Stricke in die Höhe gezogen. »Lasset uns beten: » Et ipse redimet Israel ex omnibus iniquitatibus ejus .« Der Weihbronnwedel besprengte den Sarg, speckige Erdklumpen polterten nieder. In einer kleinen Viertelstunde war alles vorüber. »Amen!« sagte Frau Judith. Unbekümmert um das, was um sie vorging, den Krückstock vor sich gestemmt, stand sie wie ein holzgeschnitztes Bildnis zwischen den Gräbern und Grüften, ehrfurchtgebietend und den Tod überragend. Der Dechant trat auf sie zu. »Frau Travelmann, haben Sie Zeit für einen Diener des Herrn?« fragte er leise. »Für Sie immer, Hochwürden.« »Dann darf ich Sie wohl in meinem Hause erwarten.« »Ich komme, Herr Dechant.« »Gott segne den Eintritt! und Sie, Johanna ... der Allgütige sei mit dir, auf daß er dich führe und du teilhaftig werdest der ewigen Anschauung.« Er gab ihr die Hand und machte gegen sie das Zeichen des heiligen Kreuzes. Gesenkten Hauptes verließ er den Kirchhof, während die Alte sich an Johanna wandte und sagte: »Du hörtest. Geh' schon zum Kotten. Erwarte mich dort. Ich komme später vorüber. Du brauchst dich nicht zu sorgen.« Johanna weinte still vor sich hin. Dann ging sie. Inzwischen hatten sich die wenigen Leidtragenden sachte verkrümelt. Auch Judith machte sich auf den Weg zur Dechanei. Nur einer war übrig geblieben: der Krugwirt. Das dickbauchige Kerlchen drängte sich dicht an die letzte Stätte seines dahingegangenen Freundes. Er sah in die Grube und schüttelte nachdenklich den entblößten Schädel: des öfteren und mit der Unschlüssigkeit eines angekratzten Kegelkönigs, der überlegte, ob es besser wäre, stehen zu bleiben oder umzupurzeln. Er hörte feierliches Klingen. Es war das Klingen von Schnapsgläsern. Er spürte ein feines Arom in der Nase. Es war der Duft nach Ruhrperlen und dem Zauberwasser aus Haselünne. Er machte den Zeigefinger krumm, wie er es bereits auf der langen Pilgerfahrt getan hatte, und zog nochmals die rechte Hand an die Backe. »Tatterata!« sagte er mit tränenerstickter Stimme. »Da löpt he! Dichte bi! Druff, druff! Päng, päng! Das wäre geleistet...« und mit einer großen und pompösen Bewegung schluchzte er über Grab und Scholle fort: »Barthlemes, allerhand Achtung. Alter Sauf- und Kartenkollege, nu hast du direktemang ins Schwarze und den feinsten Krummen geschossen: dich selber. Tatterata! Werde glücklich. Ich geh' jetzt, um dein Wohl zu begießen. Ruhe in Frieden!« und der weichherzige und edelgesinnte Prachtkerl hielt seinen langhaarigen Zylinder vor sich hin wie eine dunkle Opferschale und weinte große Tropfen hinein, Tropfen der Rührung, des Bedauerns und der restlosen Anerkennung. Schlenkerbeinig pendelte er alsdann dem Ausgang des Gottesackers zu, pfiff hierauf den ›Alten Dessauer‹ wie ein ausgelernter Stabshoboist und marschierte eben so stramm zur ›Fröhlichen Einkehr‹, um dort, seinem Gelöbnis getreu, dem Ausgelittenen das feuchte Almosen darzubringen. – »Eins, zwei, drei... fünf... sieben ... elf einzelne niedliche Schläge. Sie zirpten wie Goldhähnchen und verloren sich mit einem feinen Geklingel, das sich anhörte, als wenn es in die Ewigkeit glitte. Dann nichts mehr. Das bronzene Stutzührchen schwieg. Es war just um die Stunde, als Ludgerus Hölscher Frau Judith empfing und sie freundlichst auf das breitausgelegte Sofa komplimentierte. Er selbst setzte sich ihr schräg gegenüber, schlug die Beine übereinander und ließ eine silberne Schnupftabaksdose wie ein schnurrendes Rädchen zwischen Daumen und Mittelfinger kreisen. Hierauf umgriff er sie mit der Linken und wippte den rechten Schuh taktmäßig auf und nieder. »Tragik, Tragik!« begann er mit leisem Wiegen des Kopfes. »Ich weiß. Sie haben viel des Bittern auf Getter erduldet. Dabei fanden Sie noch Zeit, Schmerzen zu lindern und einem Verstorbenen die Erde leichter zu machen.« »Wo viel des Leides ist, ist auch viel des Erbarmens, Herr Dechant.« »Eine christliche Werktätigkeit, die ich vorbildlich heiße. Möge es Ihnen vergolten werden durch ein geruhsames Leben. Nur frage ich mich, war es wohlgetan und ersprießlich, diesen rückfälligen Mann so zu betreuen? Geschrieben steht: Du sollst nicht mißfällig über deinen Mitmenschen denken, ihm nichts nachtragen und nicht Böses mit Bösem erwidern. Gewiß nicht, denn alles mit Maßen und alles mit Einfalt. Allein dieser Barthlemes Altrogge... Sein Dasein war eine Kette von Unzuträglichkeiten, unnützen Treibereien und Widersprüchen und sein Schaffen ein Garnichts, und so geschah es denn auch: er wurde von seinem Richter wie ein schädliches Kraut von der Koppel geschlagen.« »Das weiß ich, Hochwürden.« »Und eine Judith Travelmann ist dennoch erschienen, ihm die letzte Ehre zu geben?« »Was eine Travelmann tut, ist wohlgetan. Ich bürge dafür. Sie hat es mit ihrem Namen zu decken. Was sie unternimmt und nicht unternimmt, darüber ist sie keinem Rechenschaft schuldig.« Der geistliche Herr winkte ab. »Kein Zweifel. Auch lag es mir fern, Ihre Dispositionen zu bekritteln oder gar ins Straucheln zu bringen. Es wäre vergebliche Mühe.« Er lächelte. »Die Kirche und Sie haben auf Felsen gebaut. Eine Judith sieht weder rechts noch links und geht ihre eigenen Wege, und diese Wege sind gottwohlgefällige Wege. Sie führen zum Heil und in die Tennen, die unter der Fülle des eingeheimsten Segens triefen. Ihr Wohlwollen frommt und erfreut die Herzen. Nur schien es befremdlich, daß ein Barthlemes Altrogge, ein notorischer Trinker und Nichtstuer, dieses Wohlwollens teilhaftig wurde, während in anderen Fällen ... Nicht viele Verstorbene meines Kirchspiels haben sich dieser Betreuung zu rühmen.« »Meine Jahre erlaubten es nicht, sonst: ich hätte alle Toten begraben. Es ist Gottesfron, und dem Herrn soll man dienen.« »Ein löbliches Tun, aber warum mußte es gerade heute in die Erscheinung treten?« »Es geschah der Tochter wegen, Herr Dechant. Sie ist des Trostes und des Schutzes bedürftig.« »Ah!« machte Ludgerus. »Das ist es. Wir kommen uns näher. Das erlösende Wort ist gesprochen. Es ist Fleisch geworden und will zu den Menschen, auf daß sie es hören und annehmen und demgemäß handeln. Johanna! Um derentwillen bat ich Sie, über meine Schwelle zu treten. Sonst: ich wäre zu Ihnen gekommen. Und dann noch aus einem anderen Grunde. Es handelt sich um Sie und die Ihren, Frau Travelmann.« »Und darf ich wissen, Hochwürden?« Ludgerus Hölscher erhob sich. Nachdenklich und mit kaum hörbaren Schritten durchmaß er das Zimmer, trat ans Fenster, wandte sich wieder und ließ die Tabaksdose zwischen den Fingern spielen. Der feingliederige Herr mit dem schmalen Gesicht und den durchgeistigten Zügen schien viel zu schade zu sein, hier auf der Hiltruper Scholle den Bauern und Heideläufern das Evangelium zu verkünden, ihren krausen und sparrigen Sinn zu brechen und ihnen nach des Lebens Pein und Plage das › Tu et pulvis ‹ mit in die Erde zu geben. Das hatte schon der hochselige Bischof erkannt, als er ihn vor Jahren ersuchte, die verwaiste Stelle eines Generalvikars bekleiden zu wollen. Er lehnte es ab, dankbar, aber mit aller Bestimmtheit. »Bitte, lassen Sie mich! Ich bin eines Zimmermanns Sohn. Meine Ambitionen reichen nicht weit, dürfen es nicht, denn ich fühle es deutlich: derbe Schuhe passen mir besser als solche, die es gewöhnt sind, in bischöfliche Gemächer zu treten. Ich bin kein Feuerbrand und liebe es mehr, den ambrosianischen Lobgesang in einem mageren Dorfkirchlein als in einem hohen Dome zu hören. Der Parochus loci einer kleinen Gemeinde kann gleichfalls werktätig schaffen. Viele Wege führen nach Rom. Die Steilheit des Lebens wird auch an einem geringen Ort überwunden. Auch von hier gelangt man ruhig und sicher ad limina apostulorum . Meine Reise ist vorgezeichnet, die Pilgerfahrt mit ihren Stationen umrissen. Ich möchte in bukolischer Harmlosigkeit und auf schlichten Gedanken, gleichsam wie auf einer einfältigen und geduldsamen Eselin ins himmlische Jerusalem reiten. Andern Falles: ich würde wie ein kränkliches Flämmchen unterm metallenen Löschhütchen ersticken. Drum, bitte, lassen Sie mich!« und siehe: der Bischof schmunzelte sein subtilstes und harmonischstes Schmunzeln, stellte die schmalen Fingerspitzen leicht gegeneinander und sagte: » Optime ! Es bleibt somit beim alten: Parochus loci in Hiltrup. Amtieren Sie auch ferner zufrieden, und mögen Sie glücklich auf Ihren pastoralen Spaziergängen singen: Laudate Domine, omnes gentes; laudate eum, omnes populi, omnes colles et montes et universa pecora! und wenn's nötig tut: blasen Sie auch von Zeit zu Zeit einen derben Jerichotusch in die dasigen Philister hinein; es wird Sie erquicken. Zum Andenken jedoch an die heutige Stunde: hier diese Dose. Ich schnupfe nicht, Sie aber tun es. Ich habe sie ihrer Zeit von Maximilian Friedrich, dem besten Hirten und Vater des Vaterlandes empfangen. Er selber erhielt sie von einer galanten Dame des westfälischen Adels. Sein weiser Rat befreite sie aus tiefster Bedrängnis, aus Ängsten und Nöten. Wer weise rät und weise wählt ... und schaun Sie hier: auf dem silbernen Deckel eine elfenbeinerne Einlage. Darauf das Urteil des Paris. Die göttlichen Damen zwar etwas leichtfertig bekleidet, doch schön und mit Andacht. Besonders Pallas Athene. Die Donatrix meinte es gut – leider: sie vergriff sich im Gleichnis. Ja, wäre der Prinz noch auf die einwandfreie Pallas Athene verfallen! Aber das tut nichts. Nehmen Sie hin und reiten Sie dereinstens auf Ihrer geduldsamen Eselin in das himmlische Jerusalem ein. Wandre, Ludgerus! Du hast tapfer gewählt ... et nunc et semper et per saecula saeculorum, Amen .« Und siehe: acht Wochen später kam vom hohen Kapitel ein Schreiben nach Hiltrup. Drin hieß es: »Wir Bernhard Johannes, durch Gottes Erbarmung und die Gnade des heiligen Apostolischen Stuhles Bischof von Münster, desselben heiligen Apostolischen Stuhles geborener Legat, entbieten der hochwürdigen Geistlichkeit und allen Gläubigen des Bistums Gruß und Segen im Herrn. Besonders Ihnen, mein Bruder in Christo. Beiliegender Titel als Ehrendomherr wird Ihnen nicht Schaden bringen, wenn Ihnen die ewigen Lichter winken und Sie beim Eintreten sagen: Hier bin ich, o Herr. Du hast mich gerufen.« Und dieser Ludgerus ... er ließ die Tabaksdose rascher um ihre Achse schnellen und sagte: »Frau Travelmann, wir sprachen soeben von Fräulein Johanna, mit einem sie betreffenden Hinweis auf andere Möglichkeiten. Aber nur andeutungsweise. Ich möchte sachlicher werden.« »Ich warte darauf.« »Eine ersprießliche Gemeinschaft ist nötig, um das wechselseitige Verständnis näher zu bringen, und ehrlich gestanden: ich jubelte auf, als ich von Ihrer Nächstenliebe vernahm. Sursum corda ! Es ist christlich, Bedrängte zu stützen und Durstigen den kühlen Quell zu reichen. Ich schließe daraus: Sie haben vor, die Verwaiste aufzunehmen?« »Es ist mein Wille, Hochwürden.« »Ihr fester?« »Mein fester, Herr Dechant.« »Hm!« machte dieser. »In gewissen Augenblicken spricht das Herz, wo es besser und dienlicher wäre, den Verstand reden zu lassen.« »Wie soll ich das deuten?« »Ich habe Gründe, mich gegen diesen Willen zu sperren. Nicht alles Geschehen soll man mit dreisten Fingern betasten. Selbst liebevolle Hände irren hier ab. Man würde den trüben Spiegel nur noch hinfälliger machen. Nicht immer gebietet es die Pflicht, die Maria zu spielen und untätig zu beten: Nur eins tut not! – sondern zuzugreifen und sich mit der Rolle der energischen Martha abzufinden.« »Ihre Beweise dafür?« Die Tabaksdose öffnete sich mit einem leisen Seufzen, um sich hart und abgehackt wieder zu schließen. Es war wie das Knappen eines Eulenschnabels. »Ich kenne die Travelmänner und kenne sie schon Jahre um Jahre. Sie sind wie Stiere, störrisch und doch arbeitsfreudig. Immer heißt es: Fiiat voluntas . Und diese Travelmänner, sie haben heißes Blut und heiße Begierden.« Wiederum das Knappen des Eulenschnabels. »Und der letzte von ihnen, er hat das heißeste Blut in den Adern.« »Mir kein Geheimnis.« »Und ferner: mir ist zu Ohren gekommen ...« Die Dose schwieg. Es trat eine Pause ein. Dann ein unwilliges Aufstoßen mit dem Krückstock. »Wohl das mit Johanna?« »Ja, das mit Johanna.« Judith merkte auf und sagte erklärend: Hochwürden, sie ist in Dorsten bei den Ursulinerinnen gewesen.« »Ich weiß, ich weiß, und bei ihnen ist wohl sein. Der Ruch, der von den Klosterwiesen hereinweht, macht den Atem frei und gibt tapfere Menschen. Nicht immer. Auch das schwüle Träumen in lauen Sommernächten weht von diesen Wiesen herüber. So war es schon früher. Auch am See von Genezareth haben die Myrrhenhügel ein ähnliches Duften. Das mußte die Ärmste von Magdala schmerzlich erfahren. Aber bleiben wir dabei: Ihr Schützling ist in Dorsten gewesen.« Die Greisin wurde unruhig. »Sie sagen das mit einer Bedeutung ... Ich weiß nicht, wie soll ich das näher bezeichnen. Hochwürden?« »Nur fleißig herunter. Sie meinen: mit einem sardonischen Lächeln?« »Ähnlich so ist es. Haben Sie irgend welche Bedenken?« Die illuminierte Tabaksdose spielte abermals den Waldkauz in der Sommernacht. »Geliebte im Herrn!« Das zierliche Männchen mit den silbernen Schnallen und dem bleiernen Taler auf den Spinnwebhaaren wurde äußerst förmlich, ja geradezu heftig, als er unumwunden dartat: »Meines Amtes ist es, als Kriegsknecht auf der Wacht zu stehen, etwa wie einer von der thebaischen Legion. Ich muß Farbe bekennen. Mein Fähnlein weht. Durch sein Tuch rauschen die Worte eines Kundigen. Ich höre sie und gebe sie wieder. Und also lauten sie: Das Weib ist schön. Von ihm und seinem liebebegehrten und liebebegehrenden Körper strömt eine verjüngende Kraft aus. Ein Dogma, und dieses Dogma ist omnipotent. Es kann Himmel sein, aber auch die Hölle bedeuten. Ich will nicht exemplifizieren, sondern nur sagen: Man trägt nicht gerne gieriges Feuer und straffgebündelte Garben in ein und dieselbe Scheuer zusammen.« »Ah! ich begreife. Und sonst?« Ludgerus Hölscher atmete tief, dann sprach er: »Mir klingt ein Passus aus dem ›Miserere‹ zu Ohren.« »Und wie lautet die Stelle?« »In iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea . In Missetaten bin ich gezeugt, und in Sünden empfing mich meine Mutter.« »Nicht tröstlich zu hören. Das geht auf Johanna.« »Und auf ihre verstorbene Mutter zugleich. Sie war schön, diese Frau, aber nicht wachsam. Das Öl der Begierde brannte auf ihrer Lampe, aber nicht das der Keuschheit und das der Sitte. Uxor tua sicut vitis abundans in lateribus domus tuae . Dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock an den Wänden deines Hauses. Sie dachte nicht dran. Tauet Himmel den Gerechten. Sie wollte den Gerechten nicht aufsuchen. Die via crucis ist ein dorniger Weg, aber ein Pfad des Insichgehens. Sie mied diese Straße. Wie gerne hätte ich das ›Te absolvo‹ gesprochen. Ich konnte es nicht und durfte es nicht. Die drei Kiefern bei ihrem Kotten haben Böses erschaut. Auch die Schonung nebenan und die Birken in ihrer Unschuld sind Zeuge gewesen. Eine unersättliche Flamme, verzehrte sie sich nach wenigen Jahren. Und diese Flamme – konnte sie sich nicht auf die Tochter vererben? Was wissen die Ursulinerinnen von solch einem Feuer? Himmelsbräute! Dafür sind andere Sinne vonnöten. Ja, dieses ›in peccatis concepit me mater mea‹ , das gibt zu denken und schafft Vorurteile.« »Wenn auch!« Judiths Stimme wurde hart wie ein Kiesel. »Sie ist eine Waise, Hochwürden, und solcher darf man die Türe nicht zeigen.« »Gewiß nicht, gewiß nicht. Wer da gibt, soll mit offenen Händen geben und das Ungemach nicht scheuen. Keine Brösel, sondern Brote; nur muß er zusehen, daß er das eigene Haus nicht gefährdet. Ich habe von dem jähen Blut der Travelmänner gesprochen ...« »Hochwürden« – und die Alte reckte sich auf wie eine Osterkerze – »ich habe zwei Augen.« Die Tabaksdose wurde zu einem flirrenden Kreisel. Das Urteil des Paris wirbelte kraus durcheinander. Dann klappte der Deckel, als wenn er sagen wollte: Actum ut supra.« »Frau Judith, und können Sie sich auf diese Augen verlassen?« »Sie haben mich niemals betrogen. Sie umfassen das, was sie umfassen wollen, und sind blind für Dinge, die sie für minderwertig erachten. Kurz, sie betören mich nicht, haben es niemals getan, werden es niemals tun. Ich gefährde mein Haus nicht, nicht das meiner Schwiegertochter, nicht das meines Sohnes. Ich weiß auch genau: wo die sündige Liebe hinfällt, wird der Boden heiß und dämpfig, beginnt ein gefährlicher Kampf, und dieser Kampf ist bedrohlicher als das Ringen eines einzelnen gegen einen meuterischen Pöbel. Binsenweisheit! Ich kenne sie lange. Ich wache, wo es sich um räudige Seelen und das ewige Leben handelt. Man soll nicht zu tiefgründig werden, nicht allzu emsig alles erwägen wollen. Wer es dennoch tut, erwägt zuviel und erreicht wenig. Und nun zu Johanna. Wenn Sünde in ihr ist, so schläft diese Sünde. Ihre angeborene Natur ist noch immer zu zügeln. Das ist Sache der Menschen- und Nächstenliebe. Oder weist Gottes Finger auf sie und sagt seine Stimme: Laßt ab von ihr, es ist ein vergebliches Mühen?« »Das nicht,« versetzte Ludgerus, »denn er ist gut und barmherzig. Aber mir will das Gleichnis nicht aus dem Sinn: ich meine das mit dem Feuer, den festgebündelten Garben und der gemeinsamen Scheuer.« Seine Worte fielen tropfenweise und waren stiller geworden. Der Krückstock rumpelte auf. »Hochwürden, wir alle sind Menschen. Man kann nicht stets unter Heiligen beten. Da friert man. Gottes Wind geht laut. Er fährt über Gerechte und Ungerechte. Auch über den verschuldeten Kotten ist er gefahren. Der Vater ist tot, die Mutter dahin. Nur eine Waise ist übriggeblieben. Soll auch sie untergehen? Das will die Gerechtigkeit nicht und kann sie nicht wollen. Hochwürden, ich habe ein Versprechen gegeben und habe dieses Versprechen zu lösen. Nur keine Sorge: ich werde sein wie ein Wächter auf Sion.« »Wie ein Wächter auf Sion,« wiederholte der geistliche Herr. Gleichzeitig begann das Stutzührchen allversöhnlich seine Stunde zu klimpern ... seine Nadelspitzen ... einzelne Perlen ... ein Klingen wie das von glashellen Kristallen im Winterwald, wenn die Weihnacht heraufziehen will. »Frau Travelmann ...!« Der geistliche Herr hatte ihre Hände ergriffen. »Wer so die Kraft in sich fühlt, also zu sprechen, der kann nicht fehlgehen, und die Worte sind in mir, die da lauten: Auditu meo dabis gaudium et laetitiam, et exultabunt ossa humiliata . Meinem Gehör wirst du Freude und Fröhlichkeit geben, und frohlocken werden die erniedrigten Gebeine. Mit Gott denn! Die Schauer der Enttäuschung mögen Ihnen fernbleiben und die Tore des Morgenrotes sich Ihnen auftun.« »Auf daß sich mein Wunsch erfülle,« versetzte die Alte. »Es wäre mir eine Sabbatfreude, in meinem Krautgärtlein keine Lilie, aber ein nützliches und fröhlich blühendes Bäumchen zu pflanzen.« »Sie werktätige Frau,« sagte Ludgerus. Er wandte sich ab, um seine Bewegung niederzuzwingen. Bald darauf befand sich Judith auf dem Wege zum Kotten. Hier angekommen, fand sie Johanna an der Sandlehne unter den drei Kiefern stehen. »Hast du abgeschlossen, Johanna?« fragte die Alte. »Ich tat es, Frau Travelmann.« »Wem hast du den Schlüssel gegeben?« »Dem Gerichtsvollzieher. Er stand an der Tür, als ich hinkam.« Sie kämpfte mit ihren Tränen. »Es ist gut so. Hier hast du nichts mehr zu suchen und nichts mehr zu finden. Höchstens nur Schulden. Deine Tage hier sind gezählt.« »Das weiß ich.« »Dann weißt du auch: bei mir ist dir eine Stätte bereitet?« »Sie sind gütig, Frau Travelmann.« »Also du willst?« »Ich habe ja sonst keine Wahl, und leid tut es mir, was ich dem Herrn sagte.« »Was sagtest du ihm?« »Die Stufen einer fremden Treppe steigen sich schwer.« »Du wirst es schon lernen. Drüben liegt Getter. Der Herr segne deinen Eingang.« Wortlos gingen sie dem einsamen Hof zu. 8 »Der du von dem Himmel bist ... Nein, du bist nicht vom Himmel; ich auch nicht, mein Junge, indessen jedoch ...« Ein kurzes Pausieren. »Alter Nachtwächter!« lachte Bernd Travelmann und steckte den Brief zu sich, den er bei seinem Rundgang durch Ställe und Scheunen vom Hütejungen, der die Post zwischen Getter und der Station Hiltrup besorgte, empfangen, dann erbrochen und raschen Auges durchflogen hatte. »Das muß man in Muße verzehren,« sagte er im Weiterschreiten, »denn solche Genüsse verlangen eine beschauliche und geruhsame Stunde. Wie seine Flinte, so seine Feder. Wo sie Hinhalten und Dampf aufmachen, schreit es im Kleeacker oder purzelt etwas Lustiges von den Bäumen herunter. Nein, ich bin nicht vom Himmel; aber weiß der Teufel, du erst recht nicht, mein Bester. Münchhausen!« Um ihn war es wie das Läuten von Glocken. Es kam von den Tennen, es drang aus der Nachbarschaft, es erfüllte die ganze Gegend mit sonoren und gebieterischen Stimmen. Aber diese Glocken wurden von harten Fäusten geschwungen, kegelten durch die Luft, wirbelten auf gespreitete Garben und auf Erbsenstroh, rafften sich hoch, klapperten, tönten, überstürzten sich, um wieder mit lautem ›Tock, tock, tock‹ auf knochentrockenen Boden und in die dünnen Ährenlagen zu fallen. Unter diesem Geläut lachten die Knechte, kicherten die Mägde, hüpften die Weizen- und Roggenkörner wie aufgestöberte Flöhe über die nach frischem Brot atmenden Dielen. Die Ausdünstungen der Weiber und Männer erfüllten die Räume. Trotz des kalten Wetters da draußen – die Stirnen glitzerten von Schweiß, und die Körper dampften. Was in Hosen ging, hatte die Kittel abgelegt. Nur mit Hemd und Unterrock angetan, schafften die Mägde. Drüben rumorte das Göpelwerk, hier in der offenen Tenne, der längsten und größten auf Getter, die Flegel aus Kornel- und Buchenholz. »Tock, tock!« Dazwischen berstende Erbsenschoten, springende Spelze und Grannen. »Brot, Brot, Brot!« Es war der erlösende Schrei der glücklichen Erde, daß sie in Freuden empfangen, schwanger gewesen und in Freuden geboren hatte. Bernd Travelmann stand am Eingang der großen Scheune und sah zu, wie sein Gesinde fröhlich hantierte. Seine Gegenwart beflügelte die Kräfte, straffte die Lenden, stählte die Muskeln. Das hatte er gerne, wenn es sich um ihn regte und wegte, denn er, der Gutsherr selber, war keiner von denen, die in die Hände spuckten und in die Tätigkeit hineingrinsten. Saure Wochen, frohe Feste! war von jeher seine Devise gewesen. Und nicht nur seine Devise. Er befolgte sie auch. Tages Arbeit, abends Gäste ... Das Rumpeln und Poltern ringsum machte ihm die Augen blank, zog ihm wohlig durch alle Masern und Fasern. »Tock, tock, tock, tock!« Heilig Gewitter nochmal! wie ihm das in die Sinne und von hier aus in die Fäuste hineinkribbelte. Er mußte an sich halten, um nicht zwischen die dreschenden Leute zu fahren. Hövelkamp führte. Ihm zur Seite wirkte Jans Schwarte. Weiter zurück rumorte das Kuhantilopengesicht mit den Weibern. Unter ihnen die Rassige mit den brandroten Haaren. Schrittweise rückten sie vor. Wie das brodelte und kochte, in allen Nähten krachte und seufzte! Bernd schnupperte in die Luft. Der Geruch nach Mühe und Menschenleibern benebelte ihn. Unter seinen Brauen flammte ein Blitz auf. Der Blitz der Gier. Warum feiern, wo die anderen schafften? und er tat, was er seiner Zeit auf dem Ödland getan hatte, als er werktätig wurde. Er wollte Arbeiter sein. »Saure Wochen, frohe Feste!« Er warf das Wams ab und griff nach einem neben dem Eingang stehenden Flegel. Dann reihte er sich ein. Das harte Holz flatterte auf. Dazu jubelte er: »Of arm, of rieck – Dat bliff sick gliek; Hier heff blot Wert, Wer't Dresken ehrt.« Erst Erstaunen, dann heller Zuruf. »Gott lohn's! Gott lohn's!« und wieder das Geläut mit den hölzernen Glocken, das Strecken der Leiber, das Stampfen und Purren. Aber kein Jankern mehr, kein heimliches Kichern. Der Herr war unter seine Leute getreten. Er keuchte wie sie, er schnaufte wie sie. Er wollte nichts anders sein als ein Knecht unter Knechten. Das imponierte, das trieb das Blut in die Schläfen und machte die Herzen freier und stolzer. Die Arme reckten sich, die Körper streckten sich. »Gott lohn's! Gott lohn's!« Mit hitzigem Eifer plagten sich die von der Getter. Die Kolben wirbelten bunt durcheinander, durchrissen die Luft, stellten sich auf, um wie graue Vögel mit gebrochenen Flügeln niederzutaumeln. »Jans, deinen Spruch!« rief der Freisassenhöfer. »Von Müse kumt Müse.« »Bravo! und du da hinten!« Prompt kam die Antwort herüber: »Fisken un Jagen Mäkt hungrige Magen Un nackelige Blagen.« »Der Folgende – weiter!« und unter rhythmischen Schlägen rief das Antilopengesicht: »Wenn die Katte maust, dann miaut se nich.« »Schiete, segg Lepper!« Das junge, straffe Ding mit den brandroten Haaren wollte bersten vor Lachen. Sie hatte gerufen. »Ruhe!« gebot Hövelkamp, »und immer men vorwärts, sonst: De Wichter, Papen un de Hiärk Verdiärft dat ganze Tageswiärk,« und sein Flegel rasaunte wie eine Jerichotrompete. »Immer men vorwärts, immer men vorwärts! Der Herr ist unter uns, und seine Hände und Augen machen doppelte Arbeit, und des zu Lob und Dank stimmen wir das Lied an: ›Großer Gott, wir loben dich‹«, und unter Dampf und Schweiß, dem Springen und Rascheln der Körner, dem taktmäßigen Wiegen und Biegen der halbentblößten Glieder und dem Gedröhn der niederfallenden Hölzer sangen Knechte und Mägde: »Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke! Vor dir neigt die Erde sich Und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, So bleibst du in Ewigkeit.« Eine halbe Stunde verging. Dann Pause. Die Leute verschnauften sich. Bernd stellte sein Gerät wieder an Ort und Stelle, zog sich sein Wams über, grüßte und ging über den Hof fort. Auf halbem Wege, zwischen Herrenhaus und Scheune, holte Hövelkamp ihn ein. »Herr Travelmann!« »Was soll's denn?« »Auf ein Wort men, Herr Travelmann.« »Schieß' los, alter Junge!« Schwer aufgerichtet stand dieser vor Bernd. »Es ist eigentlich gar nichts,« sagte er langsam, sich mit der borkigen Hand den Druschstaub abstreifend, »warum ich hier inkommodiere, aber ich hab' so'n Gefühl, ich bin damals im Ödland beim Pflügen etwas respektlos gewesen, wenn's auch zu Recht besteht: wo Menschenblut geflossen ist, darf man den Boden nicht stören, denn wer's dennoch tut, dessen Blut wird wieder vergossen.« »Lassen wir das.« »Im Gegenteil, lassen wir das nicht, Herr Travelmann. Was man sich aufgepackt hat, muß man auch absacken dürfen. Es ist so ein Bedürfnis von mir, obgleich ich auch jetzt noch sage: Damals ging's um Leben und Sterben, oder Gottes Wort ist gelogen. Aber was heute zu Raum kam: diese Menschenliebe und Arbeitsfreude, ohne dem westfälischen Glauben das Genick abzustoßen – das nimmt vieles hinweg. Auch das, was an der Mergelgrube passiert ist. Das gibt einem den Atem zurück und klinkt den Tod aus der Stube. Nur eins nicht, Herr Travelmann: keine Dummheiten mehr! Und dann können wir sagen: Das Malör ist diesmal noch mit schiefem Maulwerk vorübergegangen. Und das ist bekömmlich. Da lernt man das Lachen wieder und kann einen die ganze Welt im kalten Mondschein betrachten.« Bernd hielt ihm die Rechte hin. »Also Burgfrieden, alter Herr?« »Soll mir angenehm sein und für mich 'ne Aufmunterierung bedeuten.« Hand lag in Hand, und zwei ehrliche Kerle waren nicht auseinander geglitten. Dann schieden sie. Hövelkamp sah ihm noch lange nach. »Biäter en Dullkopp äs en Dudelkopp,« sagte er glücklich, »nur so'n Dullkopp darf keine Schmutzigkeit machen. Sonst gehen ihm seine besten Felle schwimmen, und das wäre ein Unglück.« Als Bernd den Hausflur betrat, hub's von neuem an: das Dröhnen und Getöse, Jubelrufe der Arbeit, die Hof und Halle, Scheunen und Speicher und alle Räume des weitverzweigten Anwesens erzittern machten. – Seit dem Tode Altrogges waren Wochen vergangen. Mit dem ersten Frost hatten die würdigen Kardinäle ihren Purpur eingebüßt. Als bettelarme Kleriker streckten sie ihre Arme gen Himmel, denn alle ihre Prunkgewänder lagen am Boden oder wurden von einem kalten Nordost in die Höhe gehoben und als hinfälliges Beiwerk landeinwärts getragen. Dann segelten kalte Schneesternchen nieder und legten einen Hermelin über die zerflederten Kleider. Tief im Horizont begann es zu schimmern und zu scheinen. Die gnadenreiche Zeit rückte näher. Das Licht von Bethlehem war im Aufstieg begriffen. Seine Sendboten zogen bereits über die Gegend, pochten bei den Menschen an und verhießen ihnen eine selige und freudenreiche Weihnacht. Sie mußte bald kommen. Auch die von der Getter rüsteten für die heiligen Tage. Alle hatten das innige Gefühl: es wird besser und beschaulicher werden. Des traurigen Ereignisses auf Sankt Hubertus wurde kaum mehr gedacht. Es war dahingegangen wie der Schrei eines im grimmigen Frost gespaltenen Baumes. Alles und jedes stimmte wieder seine regelmäßige Weise an wie das Heimchen hinterm Backofen. Auch Frau Judith. Sie war aufgeräumter als früher. Ihr Krückstock ging heller durch Flure und Kammern. Ihre Blicke strahlten von einer besonderen Güte, vornehmlich Hilles wegen, denn diese ... ihre Wangen färbten sich, die unseligen Gedanken ebbten zurück, und die trostlosen Anwandlungen des Hellsehens hatten sich allmählich verloren. Du bist gebenedeit unter den Weibern. Diese süße Verheißung scheitelte ihr banges Denken sacht auseinander, umzitterte sie mit dem Glanz der ewigen Botschaft, die sich über Juda niederließ, als die Könige aus Mohrenland heraufzogen, um den neugeborenen Fürsten zu feiern und anzubeten. Ihr Sinnen und Suchen bleichte ab, freudige Bilder traten vor ihre geängstigte Seele, das Weib in ihr nahm aufs neue teil an den stillen Winken und Anforderungen des Lebens. Auch Fräulein Johanna. Was war nicht aus dieser wilden Heideblume geworden! Nichts Störrisches mehr, nicht das unstete Hasten eines verzogenen und irren Menschenkindes. Ihr wie aus Wachs bossiertes Gesicht lächelte zwischen den schwarzblauen Haarflechten wie das einer Mittlerin, einer Fürsprecherin, eines zutunlichen Wesens, das über die Schwelle getreten war, um die Flamme des Herdfeuers emsig zu pflegen. Hoch und niedrig begrüßten ihre wohltuende Nähe, erfreuten sich ihres unauffälligen Schaltens und Waltens und fühlten ihre Hand wie die linde Hand einer barmherzigen Schwester. Selbst Frau Hille, die zuerst ihre Gegenwart nur schwer zu ertragen vermochte, änderte sich zusehends in ihren Anschauungen, bis sie sich eingestehen mußte: »Sie hat mein Vertrauen gefunden.« Johanna Altrogge hatte gewonnenes Spiel und es endlich verstanden, sich bei ihrer Herrin unentbehrlich zu machen. Eine liebevolle und zwingende Gewalt büschelte von ihr aus, der sich keiner auf die Dauer zu entziehen vermochte. Nur wer genauer zusah ... ihr Gehen war wie das sanfte und zierliche Gleiten einer Katze ... hinter ihren dunkeln Wimpern blitzte ein weißes Feuer, heiß und suchend, wie die Wetterzeichen in den schwülen Stunden der Sonnwendnächte. Auch jetzt wieder, wo Haus Getter einen tiefen Atemzug tat, sich wohlig einnistete und Anstalten machte, in einen ausgiebigen Winterschlaf hinüberzuträumen. Alle Feldarbeiten waren bestellt, Rüben und Kartoffeln untergemietet, die Saaten eingeeggt worden. In der Spinnstube haspelten die Rädchen, alte Geschichten wurden lebendig, und auf den Tennen regierten die Dreschflegel. Das Göpelwerk rumorte. So auch heute. Es ging auf Abend. Ein rotes Feuer stand tief im Westen über der Heide. Unter dem letzten Schein hatte der Gutsherr sein Zimmer betreten und sich am Fenster niedergelassen, noch den Klang der harten und kernigen Hölzer im Ohre. Jetzt erinnerte er sich des Schreibens, das ihm der Hütejunge zugebracht hatte. »Die beste Stunde, um so etwas zu lesen,« sagte er in sich hinein, entnahm den Brief seiner Brusttasche, faltete die Blätter auseinander und las dann: »Herzensbruder, du in Kraft heiliger Tradition von Schild und Wappen Entblößter! Der du von dem Himmel bist ... Nein, du bist nicht vom Himmel gefallen, ich auch nicht, mein Junge, aber wenn ich so alles bedenke... Wo sind die glasgrünen Römer geblieben, die Bouteillen mit Hochheimer Domdechanei und die mit Romanee-Conti? Wein und Weiber habe ich nicht mal im Traum erlebt, geschweige denn ... Jawohl, ja, es ist alles nichts und eitel unter diesem westfälischen Dezemberhimmel. Ich komme mir vor wie'n abgeschossener Flitzbogen. Einfach schlapp, und bin sonst 'n Aas auf der Klarinette gewesen. Es wäre Gott wohlgefälliger, Stab und Muschelhut zu ergreifen und nach Ägypten zu pilgern, um in der strohgelben Wüste ... nein, um keine Ziegel zu streichen, sondern vielmehr um gleich den einbalsamierten Pharaonen über die Wurschtigkeit der Pyramiden nachzudenken – ich, der Paderborner Husar, Gideon Freiherr von und zu Hasenklever. Was bin ich? Eine durstige Distel im libyschen Sand. Was hab' ich? Bloß Pumpernickel und saures Altbier. Was tu' ich? Trübsal schwitzen, mich kasteien, Hoffnungsreiser auf die unmöglichsten Dinge pfropfen. Mein Kopf brummt, meine Nerven zerquält ein scheußliches Musizieren. Du weißt ja: ich bin 'mal in Nanzig und Brüssel gewesen. Da spektakelten die französischen und belgischen Hörner. Clairons! Nein, dieses Getute! Es ging mir bis in die Zehenspitzen hinein. Ich mußte vomieren. Herrgott, diese infamen Kindertrompeten! Sadismus! Gerade so ist es, so wirbelsinnig bin ich im Kopp wie'n heftiger Vater von sieben Kindern, der noch immer an den Storch glaubt. Mensch, dieses Leben! Es ist das eines Fakirs, eines Simeon Stylites, eines Anachoreten in rauher Kamelschur, der mit verfitztem Wuschelhaar und dreckigen Fingernägeln die kalten Sterne betrachtet. Der frühere Pläsier-Michel ist abgefault, und wenn ich 'mal an 'ner Bodega oder 'ner sonstigen Weinkneipe vorbeidefiliere, laustere ich auf wie ein Schwadronsgaul, dem 'ne Karre mit Hafersacken über den Weg fährt. Und daher...« Bernd ließ das Schreiben herunter. Um seine Mundecken kräuselten sich lustige Fältchen. »Haha!« sagte er vergnügt vor sich hin, »die Prämisse ist aufgestellt, über ein Kleines werden wir das › Quod erat demonstrandum ‹ haben. Und daher,« las er weiter, »und zwar in bezug auf obige Betrachtungen, Tatsachen und Geständnisse, greife ich auf den Beginn dieser brieflichen Epistel zurück und bejahe das, was ich anfangs verneinte. Ja, du in Kraft heiliger Tradition von Schild und Wappen Entblößter, ich wähne mich vom Himmel gekommen, denn nur Märtyrer, Dulder, Bekenner und Leute ähnlicher Sorte können den überirdischen Gefilden entstammen. Indessen, was mich betrifft: ich habe diese Dulderei über. Es geht nicht mehr weiter. Ich muß aus dem Fakir- und Anachoretentum heraus. Muß unter Menschen. Aber du ... wo steckst du? Wo bleibst du? Ich für meine Person bin doch immer zu haben. Zur Tages- und Nachtzeit. Toujours en vedette. Gut Holz, mein Junge! Das mit der vorgesehenen Taxation deiner Bestände scheint Essig geworden. Schlimm das und äußerst betrüblich. Reiß' dich als Forstmensch zusammen. Spätestens in zwei Monaten muß abgeholzt werden. Ich warte darauf. Zuvor jedoch ... Denke dir: gestern, so ums Schummern herum, kam ich an der Tabagie ›Zu den heiligen Drei Königen‹ in der Salzstraße vorbei. Da ging mir ein Stern auf. Der Stern von Bethlehem, und da kam mir ein Ahnen: O du fröhliche, o du selige ... und ein delikater Hauch nach Spiegelkarpfen in Dill ließ mir den Gaumen verwässern. Noch anmutiger: Gänsebraten und so. Apropos, ich habe ein nagelneues Rezept auf der Walze. Der kapitolinische Vogel wird sich freuen, nach diesem behandelt zu werden. Die Getter wird weite Nasenlöcher und Stielaugen machen. Doch später hiervon. Alles der Reihe gemäß. So gestatte mir denn, daß ich dir zuvor von unserm Leukas-Titanen erzähle. Allerhand Achtung. Die akademische Jugend, die freie Studentenschaft und der baumwollene S.C. ist vernarrt in diese griechische Leuchte. Dabei ist er zugeknöpft wie ein Staatshämorrhoidarius. Ich dräng' mich nicht an. Gehe nie zu deinem Förscht ... niemals. Aber ein Gideon Freiherr von und zu Hasenklever weiß sich zu trösten. Heterogene Naturen. Man muß sich bescheiden. Jedem das Seine. Ich mache in Abschätzungstabellen und Romanée-Conti, er in hellenischen Scherben und Töpfen. Er leuchtet den Toten, ich den Lebendigen. Die Wahl fällt mir nicht schwer. Ich für meine Person bin mit meiner Tätigkeit vollauf zufrieden. Er gewiß auch. Also ist uns beiden geholfen. Seine Reputation wächst stündlich, ähnelt dem allmählich stärker werdenden Glanz eines Kometen. Noch vor wenigen Tagen: ein Vortrag von ihm, gehalten in dem ehrwürdigen Rathaussaal, riß die Notabeln von Münster in archäologische Bahnen. Die ganze Gesellschaft ist rein aus dem Häuschen. Selbst die dämlichsten Weiber fühlen auf griechisch. Wohin du auch hörst: überall reden sie von Odysseus, dem herrlichen Dulder und dem göttlichen Sauhirten. Die Sonne Homers steht über der westfälischen Metropole. Besagter Sauhirt ist Trumpf geworden, und geht das so fort, bellen die Hunde nächstens auf griechisch, quieken die Ferkel in den Lauten des sagenhaften Barden. Weißt du noch: ein tönender Rhapsode stand und sang von seinem Schaugerüste ...? Ich komme mir klein vor, ganz klein und häßlich. Mein Grips reicht nicht aus, diesem illustren Forscher auf seinen Exkursionen zu folgen, aber alles, was recht ist: ein verflixter Kerl bleibt er doch, und wäre es ihm nach seinem Vortrage in den Sinn gekommen, seine Pedale zu schonen und sich in 'ne zweispännige Droschke zu setzen, die münsterischen Weiblein und Männlein hätten in ihrer Begeisterung die Hottohü-Pferde ausgesträngt, um ihn wie'n Sieger bei den olympischen Spielen eigenhändig nach Hause zu fahren. Jawoll, ja; und last not least : selbst Tante Boeselager war eigens von Darfeld gekommen, um Emmerich sprechen zu hören . Sie zerfloß vor Andacht und Bewunderung. Selbstverständlich! denn Kapazitäten wie Professor Brungert und Lewin Schücking waren der Ansicht, ähnliche Thesen und Antithesen verdienten es, unter Glas und Rahmen gebracht zu werden. Der heimgegangene Ausbuddelmensch Ludwig Roß sei nur ein ganz gewöhnliches Roß und eine extraordinäre Tranlampe gegen unsern Freund und Totenbeschwörer. So weit und so viel von Emmerich Dinklage, dem Großen. Beseligt und stolz darauf kutschierte Tante Boeselager wieder nach Darfeld ... aber apropos, diese Demoiselle! Sie sagte mir, sie sei von deiner Hausehre geladen, um bei euch vergoldete Nüsse zu knacken. Das bringt mich wieder auf mein mieses Alleinsein, und die Frage liegt nahe: Wann darf ich antreten? Ich komme gerne und willig. Ein kurzes Zeichen genügt, nach dem Bülow Krawallo zu greifen und mich marsch- und reisefertig zu machen. Besagtes Rezept führe ich mit mir. Es ist das non plus ultra von allen Rezepten. Der Küchenchef von Midi hat's mir verraten, besonders das mit dem Majoran, dem Bündelchen Beifuß und dem Löffel Madeira. Das Weitere später. Die ganze Getter wird auf dem Kopf stehen, die Diele zur duftgeschwingerten Levante werden. Schöner und lieblicher kann das Christkind nicht feiern, ganz gleich, was du ihm anbietest: 'ne Schneegans, auf lateinisch anser hyperboreus benamset, oder 'ne fette, gewöhnliche, aber zartfleischige Adelheid aus dem heimischen Stall. Geschmacklich und hinsichtlich des Appetits sind Christkind und Gideon Freiherr von und zu Hasenklever ein und dieselbe Person. Also – ich komme. Nur bitte um nähere Angabe von Tag und Stunde. Je eher, je besser. Ich ersticke im Wüstensand, im Nichtstun, im hellenischen Weihrauch, der sich um Emmerich breitet. Er schreitet durch Lorbeerhaine und Ovationen und war doch berufen, nur in Scherben und alten Knochen zu machen. Aber so sind nun mal die Gelehrten von heute. Nichts Menschliches ist ihnen fremd. Auch gut. Jawoll, ja. Also – auf bald denn. Ich harre der Antwort. Das Arom nach Tannenzweigen ist das Höchste auf Erden, besonders, wenn es die Getter bietet. Ich eile zu euch auf Flügeln des Gesanges. A rivederci ! Gehorsamsten Gruß und Handkuß den Damen. Meine chevalereske Ader hat das Bedürfnis, ihnen meinen Respekt zu erweisen, voll und ganz, im edelsten Sinne des Wortes. Sie sind eine Quelle der Wärme, der Ordnung, des behaglichen Lebens, Trägerinnen des Lichtes, Hüterinnen des Herdfeuers. Anbetungswürdig. Und schließlich – aber nur abseits und in Parenthese gesprochen – ein unmerkliches Augenzwinkern der rassigen Tochter Montezumas. Wäre ich Herr der Cordilleren, wäre mir das frühere Reich der Azteken zugesprochen, alle Silber- und Goldbarren Vitzliputzlis wären mir gerade gut genug, sie unter die Füße dieser eigenartigen Präriedistel zu legen. Da ich aber nur 'nen Ring mit 'nem Lapislazuli meinen Kronschatz nenne ... der Rest ist Schweigen. So schweige ich denn und drücke dir schweigend die Hand, auf ein baldiges und frohes Wiedersehen hoffend. In Leid und Freud, in Tod und Not, bei Wein und Brunnenwasser allzeit dein Gideon. Nachschrift: Mein Wandergenoß beginnt schon in der Ecke zu rumpeln. Bald rumple ich mit. Dann aber auf eine fröhliche, selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Ich habe gesprochen.« Mit einem vergnügten Schmunzeln legte Bernd Travelmann das kuriose Schriftstück zu den übrigen Schriftsätzen und beeilte sich, Ohm Gideons Hoffen und Harren einer schönen und gediegenen Reife entgegenzuführen. Abends, im Beisein der Damen, wurde beschlossen, auch Emmerich und den hochwürdigen Herrn Ludgerus Hölscher zu laden und Fritz Garke aufzufordern, das grünste und krauseste Fichtenbäumchen in der Uhlenbrinker Gemarkung zu schlagen. Und also geschah es. Die Tage vergingen. Emmerich Dinklage und der hochwürdige Herr waren verständigt; der Hiltruper Revierförster hatte Order erhalten, die Tanne rechtzeitig anzuliefern. Judith und Hille sahen mit klaren und geweiteten Augen dem heimeligsten Feste des Jahres entgegen, während die Schneeflocken immer dichter niederpendelten und Heide und Hof in einem Meer von weißen Daunen und Glitzerblumen versanken. Das Scheinen und Leuchten am tiefen Horizont wurde freier und stärker. Frau Judith stand um die Dämmerzeit häufig am Fenster und sah gegen Osten. »Von dort kommt das Heil,« sagte sie dann, »das uns grüßen wird in den Worten des Messias. Es erwärmt uns, es erheitert die Seele. Die Seele aber wird ihr Feierkleid antun und den Schmuck der Travelmänner aus der Truhe heben, um ihn einem geliebten Menschenkind um Hals und Schultern zu legen. Und dann: Friede den Menschen auf Erden, Friede dem Freisassenhof.« Die Zusage Ohm Gideons und die von Ludgerus Hölscher kamen frühzeitig an. Die des ehemaligen Paderborner Husaren war ein einziger Dithyrambus auf Haus Getter, auf Spiegelkarpfen in Dill und den Gänsebraten nach dem neuen Rezept, das er beigelegt hatte. Er fuchtelte darin herum wie mit seinem Bülow Krawallo, der alle Auslassungen und rhetorischen Phrasen seines Herrn stets mit pfeifenden und vielsagenden Lufthieben unterstrich und sinnfälliger machte. Emmerichs Antwort verzögerte sich seltsamer Weise. Endlich, zwei Tage vor Heiligabend, kam sie an. Er bedauerte lebhaft. Wenn auch äußerst dankbar und höflich gehalten, schien die Ablehnung doch eine tiefere Bewandtnis zu haben. Der Gutsherr war außer sich. Das roch nach Bockbeinigkeit oder war mit Affront auf ein und dieselbe Stufe zu setzen. Mit einem bittern Lachen knallte er das unbegreifliche Schreiben auf den Tisch, an dem seine Damen just saßen. »Das wirft einen vom Stuhl,« sagte er grantig, »und so was kommt extra von dem gottverlassenen griechischen Mistpfuhl herüber, um einem das ganze Fest zu zertöppern.« Hille erhob sich. Ihre schmalen Hände flochten sich ängstlich zusammen. Das Gesicht wurde abweisend. »Bernd, so darfst du nicht sprechen,« sagte sie ruhig. »Warum nicht?« »Er wird seine Abhaltung haben,« suchte Frau Judith einzulenken. »Sein jetziger Wirkungskreis legt ihm mehr oder weniger Verpflichtungen auf, die wir von hier aus nicht beurteilen können. Auch er hat Rücksicht zu nehmen.« »Worauf denn?« »Das müssen wir schon ihm überlassen.« »Gibt's nicht,« trumpfte er auf. »Auf wen hat er Rücksicht zu nehmen? Was berechtigt ihn, unsre Dispositionen über den Haufen zu knallen? Hierher gehört er, und wenn er den Dicknäsigen aufsetzt, so heißt das mit andern Worten: die Treue gebrochen. Fahnenflüchtige sind niemals mein Gusto gewesen. Das infame Land der Scherben und Metopen färbt ab. Bei diesem war niemals Geradsinn zu finden. Es sollte mir leid tun, wenn er davon etwas abgekriegt hätte. Himmel Verdammich! was hat er den Toten zu leuchten? Er sollte besser den Lebendigen leuchten. Das könnte er hier unter der Tanne besorgen. Aber die in Münster räuchern ihn ein wie'ne westfälische Mettwurst und beglücken ihn mit Lorbeerblättern, die sie ihren Kübelbäumen entnehmen. 'ne traurige Welt das! Möglich, hier bei uns vermißt er die homerische Sonne. Mir soll's egal sein. Warten wir ab. Vielleicht besinnt er sich wieder, wenn – um nach berühmten Mustern zu sprechen – die hiesigen Hunde auf griechisch bellen und die Ferkel sich angewöhnen, in den Lauten des sagenhaften Rhapsoden zu quieken.« Der Krückstock zeterte in diesen Travelmannschen Unmut und Grimm hinein. »Bernd, mäßige dich!« Hille legte ihren Arm auf den ihres Mannes. »Und liegt dir so viel daran,« sagte sie mit leisem Frösteln, »ihn unter unsrer Fichte zu wissen?« »Offen gestanden: jawohl, denn seine Absagegründe sind nichtige Gründe und gleichsam wie aus den Fingern gesogen. Was bezweckt er damit? Was soll überhaupt dieses spitzfindige Brimborium von Worten und Einwendungen? Tante Boeselager hat zugesagt, der Hiltruper gibt sich die Ehre, Ohm Gideon macht seinen Bülow Krawallo mobil und scheut sich nicht, zwei Meilen verschneite Chaussee unter seine Transchuhe zu nehmen, die Sonderstiefel und ein frischgestärktes Hemd im Rucksack ... und ausgerechnet er muß lebhaft bedauern. Das ist ja, um Kammerjäger und Schermausfänger zu werden. Pfui Teufel! Fühlung an Fühlung und Tuch an Tuch in ein und derselben Schwadron geritten, manche Nacht gemeinsam um die Ohren geschlagen – und jetzt diese Antwort. Daran erkennt man seine Eideshelfer, und das gibt zu denken. Aber nichts Liebliches. Wer Fahnenträger ist, hat auch die Fahne zu tragen. Für mich war er ein Fahnenträger, der Träger der Freundschaft. Will er nicht mehr, dann mag er es sagen. Jedenfalls: ich komme mir vor, wie vor die Plauze gehauen; denn bleibt er in Münster, pfeift er auf Getter, dann ist es mir, als ginge ich mit nebelnassen Kleidern in die Weihnacht hinein, und das wäre trostlos. Aber gebt 'mal acht: es geht was um in der Luft.« Die Alte unterbrach ihn. »Was sollte da umgehen?« fragte sie heftig. Bernd machte eine unwirsche Geste. »Darüber kann nur die Person dieses zugeknöpften Tempelpriesters Auskunft erteilen.« Er lachte bissig auf. »Gut,« sagte Hille und zwang ihren Mund zu einem schmerzlichen Lächeln,« wenn es dir recht ist, werde ich ein Letztes versuchen.« »Du?« fragte Bernd. »Ja ich,« gab sie fest und zuversichtlich zurück, »denn ich möchte alte Beziehungen gesichert wissen.« »Versuch's,« sagte der Gutsherr, »aber hier mein Letztes ...« und die Knöchel seiner Hand legten sich schwer auf das zerknitterte Schreiben. »Der Ton steckt an. Läßt er das hier bestehen, spielt er den Großartigen weiter, bleibt dein Appell wie der Ruf einer schwindsüchtigen Trompete in der Luft hängen, dann adjüs ihr goldenen Lorbeerkränze und ihr fliegenden Fahnen ...« Er ging und begab sich zur Stellmachern, um dort für den andern Morgen noch einige Vorkehrungen zu treffen. Über der großen Scheune hing das Abendrot. Der Schnee blutete. Dunkle Vögel schaukelten dem feurigen Westen zu. Fern drüben, in den eingeschneiten Vorgehölzen und Wallhecken, lärmten die Eichelhäher. Ihr ohrbetäubendes Krätschen kam so deutlich herüber, daß man es mit den Händen hätte greifen können. »Unglückspropheten!« Dem Einsamen lief ein unbehagliches Gefühl über den Rücken. Als er den Hof passierte, pilgerte eine schmucke Fichte durch die offene Einfahrt. In dem schnittigen und räumigen Gang ihres Trägers erkannte er den Revierförster von Hiltrup und Amelsbüren. »Pünktlich wie immer!« »Will's meinen, Herr Travelmann,« sagte der Belobte und präsentierte das Bäumchen. Es war kraus und frisch und wie eine Kerze gewachsen. »Die beste im Holz,« setzte er erläuternd hinzu, faßte die Tanne beim Schopf und drehte sie um ihre eigene Achse. Kein Fehl war zu sehen. Von oben bis unten ein tadellos gedrechselter grüner Kegel, der seinesgleichen suchte. Der freie und fröhliche Harzduft des kalten Winterwaldes spielte in den dichten Nadelzweigen. »Wo geschlagen?« »Nicht weit von den Schilfkaupen.« »Doch den schwarzen Bock nicht vergrämt?« »Keine Idee. Der wechselt nicht über und steht wie'n Pfahl.« »Brav so. Stille Arbeit, aber muntere Arbeit. Als Lohn 'ne Pulle mit Rum oder 'ne solche mit fünfundsiebzigprozentigem Arrak. Je nach Belieben. Ich bitte um Antwort.« »Wenn ich denn darf, möchte ich mich für die Bouteille mit Arrak entscheiden.« »Genehmigt. Zu Weihnachten noch ein Extrapräsent. Man muß seine Leute bei muntern Sinnen halten.« Fritz Garke lachte. »Merci, Herr Travelmann. Noch sonst was?« »Eigentlich nicht. Doch ja. Der Freiherr wird unruhig.« »Kann's mir denken. Durchforstung ist nötig. Jagen zweiundzwanzig schreit nach der Axt.« »Ist schon bedacht. Kurz nach Neujahr. Nähere Order erfolgt noch, aber ich bitte mir aus – für Sie und den Festmetermann: Visier- und Abschätzungswasser bleibt diesmal zu Hause. Ich habe mich bei den Temperenzlern einschreiben lassen.« »Sehr bedauerlich,« meinte Fritz Garke. Bernd streifte nachdenklich über das Gewirr der krausen Nadeln. »Schade um's Bäumchen. Hätte 'ne Königin werden können. Weihrauch im Haar und mit rauschender Schleppe. Und wenn dann im Frühling ... wenn rings so die Buchfinken anheben ... und später dann, wenn die Eiszapfen klingeln ... alles dieser Königin zu Ehren ...« Er drückte sich Daumen und Zeigefinger tief in die Augen. »Zu spät jetzt. Fort damit! Vergoldete Apfel und Nüsse wollen auch leben, und irdische Engel im Nachthemd singen dazu: Ehre sei Gott in der Höhe. Auch das wird gewertet. Also los denn dafür. Die gemordete Prinzessin an Fräulein Johanna. Das Weitere wird ihr übertragen.« Er schritt zur Stellmacherei. Fritz Garke wandte sich rechts und trat über den Bordstein. Er hatte nicht lange zu suchen. Da war sie ... auf der Diele ... neben dem Kamin ... und stellte die blankgescheuerten Zinn- und Kupferkasserollen wieder auf Reihe. Als sie den Förster bemerkte, hielt sie mit ihrer Arbeit inne. »Wohl für die Herrschaft?« fragte sie lauernd, wobei sie ihre jungen Brüste straffte und steifte. »Allerdings,« meinte er nähertretend. »Selbiges ist ordnungsgemäß in ihre Hände zu legen.« Er placierte das Bäumchen in eine verschwiegene Ecke und sagte: »Mög's auch Ihnen bekommen, Mamsell. Im übrigen: noch immer munter auf Getter?« »Danke der Nachfrage. Ich bin zufrieden, Herr Garke.« »Kann's mir denken. Noble Naturen, diese Freisassenhöfer. Aber wenn's nicht unbescheiden ist, möchte ich auch andermanns Sache rekommandieren.« »Na – und ...?« »Ich dächte, es wäre Ihrerseits gar nicht so übel, zur grünen Farbe zu halten.« »Nicht zu machen, Herr Garke.« »Warum nicht?« Sie zeigte ihre blanken, elfenbeinernen Zähne. »Ich habe Froschblut, Herr Garke.« Er stieß einen vergnüglichen Ton aus. »Man keine Bange. Das findet sich alles. Der Nachthunger kommt schon.« »Bei mir nicht, und im Forsthaus erst recht nicht. Da pfeifen die Mäuse im Bettstroh, und ich kann keine Mäuse vertragen.« »Mögen sie pfeifen. Aber wenn so die Merle bei Tag singt und die Nachtigall im Mondschein, dann ist es schon ein pläsierliches Leben bei mir. Besser als das auf der Getter. Darüber kann man alles Mäusepfeifen vergessen.« In seinem gebräunten, scharfen Gesicht begehrte es auf. Er ergriff ihre Hände. Mit stechenden Augen begann er, ihren schlanken Leib zu entkleiden. Dann ein Sprung. Ein geschmeidiger Frauenkörper lag ihm hart an der Brust. »Du Schmaltier!« Ein jauchzender, heller Schrei ... und ein heißer Mund lag auf ihren zuckenden Lippen. Sie war gelähmt vor Schreck und Entsetzen. »Du,« stammelte er mit trunkenen Worten, »ich möchte dich in ein Jägerwams stecken ... und dann hinaus in den Abend ... in den Schnee ... und von dort in die Kammer ... Mögen sie pfeifen, die Mäuse ...« und wieder zuckte sein Mund auf dem ihren. »Du Viechskerl ...!« Sie hatte ihre Besinnung wieder gefunden. Sie stemmte sich gegen ihn an, biß und hämmerte ihm die Faust gegen die Stirne. »Lasse mich loß oder ich schrei'!« Immer fester schnürten seine ehernen Arme. Ihr Atem versagte. »Schmaltier – du liebes!« Da – Schritte auf dem Flur. Das Hallen des Krückstocks. »Frau Judith!« stieß sie hervor. Sie streckte sich und krampfte die Finger jäh ineinander. Wie ein Federspiel, ein geschmeidiges Wiesel entglitt sie der wilden Umschlingung. An allen Gliedern zitternd, stand sie vor ihm. »Du,« keuchte er auf, »es ist noch nicht aller Tage Abend geworden. Wir sehen uns wieder, und wenn wir uns im Walde begegnen ...« »Schön! Und wenn wir uns im Walde begegnen, was wäre dann anders?« Ein spöttisches Zucken machte sie noch begehrenswerter. »Weib, du herrliches! Weib, du infames! Komm' nur, oder ist für mich dein Wildpret zu schade?« Der Krückstock kam näher. Fritz Garke ... er war wie vor den Kopf geschlagen. Mit keuchender Brust verließ er die Diele. »Ja du,« rief Johanna ihm nach, »allerdings – für dich ist mein Wildpret zu schade,« und als wäre gar nichts geschehen, ging sie hin und machte sich an der zugebrachten Fichte zu schaffen. Aber die Sehnsucht des Weibes in ihr war geweckt und aufgeschürt worden. 9 Am Tage vor Heiligabend knarrte eine altmodische, wenn auch guterhaltene Glaskutsche über die vereiste und eingeschneite Landstraße, die sich in großer Schleife aus dem Darfeldschen nach dem Freisassenhof hinzog. Zwei wohlgenährte Schimmel trappelten seitwärts der Deichsel, ließen sich Zeit und schienen der Ansicht zu sein, Arbeit schändet nicht, aber man muß sie mit Maßen betreiben, sonst macht sie hitziges Blut und schädigt die Leber. Ähnliche Gedanken mochten den ebenso wohlgenährten Rosselenker beseelen, der wie ein Strohmann auf dem Bock thronte, unbeweglich, den sterblichen Menschen sorglich eingepackt und den Hals bis zur geröteten Nase mit einem baumwollenen Tröster umwickelt. Die Gäule verstanden ihn, und er verstand seine Gäule. Keiner tat dem andern etwas zuleide. Alles war Sanftmut und Pomade an ihnen, nur keine Eile. Vornehm, bedachtsam, in altfränkischem Tempo rollte das Untier von Vehikel über den silberbeschlagenen Weg, so daß die bereiften Chausseebäumchen Muße genug hatten, einen liebevollen Gruß in die wohlig ausgepolsterte Karosse zu werfen, beherbigte sie doch eine echte und veritable Märchenprinzessin. Und diese Märchenprinzessin, in Daunen gebettet, eine Wärmekruke unter den zierlichen Füßen und einen unergründlichen Muff von Blaufuchs auf den Knien, zählte volle fünfundsechzig ausgewachsene Jahre, obgleich sie stets nur fünfzig zugeben wollte und eifrigst bestritt, auch nur einen Monat früher die Wände beschrien zu haben. Sehr begreiflich von ihr, denn alle Anzeichen des Alters waren dem anmutigen und graziösen Wesen sichtlich erspart geblieben, sahen die leicht gepuderten Wangen doch aus, als hätten sie Jahrzehnte hindurch unter dem wohltätigen Einfluß eines zauberkräftigen Wassers gestanden, erinnerten die großen, samtweichen Augen noch immer an die galanten und schönen Lichter einer längst dahingegangenen Frühlingsfeier. Nur einzelne Runzeln ... aber diese Runzeln waren so zärtlich gemeint, so unauffällig und anspruchslos hingehaucht, daß sie eher verjüngten, als den Stempel der winterlichen Reife verliehen. Wie eine etwas angejahrte Schön-Rottraut oder eine leicht ergraute Schön-Rosenrot fuhr sie still ihres Weges, durch die glitzernde Landschaft, an weiten Gehöften und niedrigen Kotten vorüber, durch eingeschlafene Dörfer, und wohin sie auch kam – sobald das abenteuerliche Glasphantom nur in Seh- und Hörweite erschien, traten die Leute aus ihrer Winterruhe heraus, zogen die Mützen herunter und sagten: »Da fährt unser Fräulein.« Und dann grüßte sie mit graziösen Fingerspitzen, nachdem sie zuvor ihren Filethandschuh ausgezogen hatte, durch die etwas angelaufenen Scheiben hindurch, freundlich und gütig, wobei die seitlich der Schläfen hängenden Löckchen wie silberne Hobelspänchen auf- und niederpendelten. »Da fährt unser Fräulein.« Ja, da fuhr »unser Fräulein,« und alle wußten es: es war Stephanie Freiin von Boeselager, die Tante Hilles, die unverheiratete Schwester ihrer verstorbenen Mutter, früher in Münster, jetzt auf Darfeld domiziliert und nunmehr auf der Route zur Getter, um hier auf dem Freisassenhof, unter Verwandten, die sie liebten und verehrten, eine gesegnete und friedfertige Weihnacht zu begehen. Stephanie Freiin von Boeselager war ein tiefveranlagtes Menschenkind, von auserwähltem Geschmack und mit den feinsinnigen und anheimelnden Gepflogenheiten einer eleganten Frau aus vornehmem Hause reichlich versehen. Über die Vergangenheit sprach sie nicht gerne, vermied es überhaupt, den Schleier von ihren Jugendtagen zu heben. Das war irgendeine zarte und sorgenvolle Geschichte gewesen. Aufgegangen wie ein köstliches Bild vom Himmelreich, hatte sich dieses Bild immer lichter und hoffnungsfreudiger entfaltet, um plötzlich wie ein glänzendes Meteor zu fallen, in Nacht und Nebel zu gleiten und nicht mehr in die Erscheinung zu treten. Es war dunkel geworden um sie, und nur der Erinnerung lebend, sparsam und wenig begütert, verbrachte sie ihre einsamen Tage in dem alten Hause auf der Neubrückenstraße, bis der Tod ihres Schwagers und das Wohlwollen Bernd Travelmanns sie endgültig nach Darfeld verpflanzten. Trotz aller Neuerungen, trotz aller Vorzüge, die sie jetzt hatte, sie war auch in ihrem jetzigen Wirkungskreis die alte geblieben. Ihr Wesen veränderte sich nicht um Haaresbreite. Sie kleidete sich wie sonst. Die Größe ihrer Selbstlosigkeit gemahnte an einen Spiegel, dem auch der geringste Hauch nichts anhaben konnte. Sie blieb heiter wie immer. Nur dann und wann mochte es dünken, als seien Tränen in ihrer Stimme gewesen. Sie siegelte stets ihre Briefe mit einem alten, schwergoldenen Petschaft, spielte Whist und Pikett, aber nur bei brennenden Wachskerzen auf silbernen Leuchtern, und hatte die löbliche Angewohnheit, sich nur vorurteilsfrei über ihre Mitmenschen zu äußern und deren Leiden nach bestem Können und Wollen weniger leidvoll und schmerzhaft zu gestalten. Und wenn die Vergangenheit ihr zuwinkte, drückte sie ihr Spitzentüchlein gegen die schmalen Lippen und sagte: »Das Meer liegt zwischen uns, und ich bin keine Möwe, um über das graue und trostlose Wasser zu reisen. Es ist besser so, besser für mich und den andern,« und dann ging sie hin und las in den Schriftzeichen, die in einem schönen und endlosen Reigen über Darfeld kreisten, in den Schriftzeichen des Ewigen. Sie klagte nie, duldete gern und war immer bereit, selbst im Häßlichen, noch eine gewisse Anmut zu finden. Ihre Augen kannten nur Milde, erblickten stets das Gute im Guten, das Reine im Reinen. Das war Stephanie Freiin von Boeselager ihrem Äußeren und ihrem Wesen nach, hilfreich und offen, vornehm und zutunlich und geliebt von allen, die die Ehre hatten, mit ihr in nähere Berührung zu kommen. Trotz der Verschiedenheit der Charaktere – mit Judith Travelmann verband sie eine aufrichtige Freundschaft. Das Harte, Unbeugsame und dennoch kindlich Bibelfeste in dieser Frau sagte ihr zu. Das Stählerne, Zupackende nicht, aber das fromme Gemüt und die lautere Auffassung hatten beide gemeinsam. Auch Bernd ... er stand neben ihr wie eine feste, sparrige Eiche, oft zu derb für sie in seinem Brausen und Rauschen, in seiner Eckigkeit und dem gährenden Saft, der ihm Bast und Borke durchwühlte, aber herzerquickend für sie in seinem tiefen Schatten und den Lichtern, die seine gesunden Zweige umtanzten. Sie, die feinsinnige Aristokratin, und er, der Edelmann im Freisassenkittel, sie stießen sich zeitweilig ab, um doch immer wieder ihr Wohlgefallen aneinander zu haben. Nichts halbes in ihm. Er streute mit vollen Händen aus vollem Tuch. Und die Saat ging auf, hoch und zukunftsfreudig, wenn sich unter der gezeitigten Frucht auch Tremsen und Disteln befanden. Aber er säte doch und erntete doch. Er hatte dem roten Spiegel heimgegeigt und Darfeld das Bahrtuch genommen. Den sanften Lebensabend hatte sie ihm allein zu verdanken, und wenn sie Hilles gedachte ... »Da fährt unser Fräulein.« Ja, da fuhr ›unser Fräulein‹, still und bedachtsam, in einem altfränkischen Tempo, wie Schön-Rottraut oder Schön-Rosenrot mit wiegenden Löckchen, fein in Daunen gebettet und einen unergründlichen Muff von Blaufuchs auf ihren weichen Knien – immer weiter und weiter, über eine endlose Spreite, zu Häupten das stahlblaue Himmelreich und um sich eine köstliche Welt von glitzernden Schneesternchen. Es war einmal eine gläserne Kutsche, und in dieser gläsernen Kutsche ... So hätte ein Märchen beginnen können, eins von Karl August Musäus oder eins aus dem Schatzkästlein der Gebrüder Grimm, so niedlich war alles, so verträumt und mit Brabanter Spitzenwerk umkleidet, daß man des Glaubens sein konnte ... als plötzlich ein knurriges ›Harüh‹ vom Bock stolperte, der wohlgenährte Herr auf dem Hochsitz die gerötete Kartoffelnase aus dem molligen Tröster schob, die Zügel lockerte und die beiden Schimmel aufforderte, in eine etwas schnellere Gangart überzugehen. Das geschah auch. Gleichzeitig reckte sich Stephanie Freiin von Boeselager in ihrem verbrämten Samtspenzer, zog die rosigen Finger aus dem gigantischen Muff, rückte ihre Schapel zurecht, machte sich an den blanken Pendellöckchen zu schaffen und sah durch die Scheiben. Sie nickte befriedigt. Haus Getter war erreicht. Unter hellem Peitschenknattern trudelte der phantastische Wagen durch die Einfahrt des Hofes, zog noch eine majestätische Schleife, um sanft und gemütlich vor der großen Diele zu halten. »Willkommen auf Getter!« Eine mächtige Stimme dröhnte, der sich zwei Frauenstimmen gesellten. »Willkommen! Willkommen!« und keine fünfzehn Herzschläge vergingen, da fand sich der Schlag der Glaskutsche aufgerissen, sah sich die überraschte Demoiselle aus Daunen und Decken geschält, von starken Armen in die Höhe gehoben und sacht und fürsorglich ins Freie getragen. »O mon dieu! mon dieu!« »Keine Zimperlichkeiten! Wir sind unter Bauern.« Sie stemmte sich gegen ihn an. »Bernd, was tust du? Wie soll ich das nennen?« »Freisassenrecht!« gab er zurück. »Nur dicht an mich gekuschelt. Ich will doch wissen, wie es tut, ein Freifräulein von Boeselager mit 'ner siebenzinkigen Krone ritterlich und klostergemäß über 'nen Travelmannschen Dörpel zu transferieren. Und schön tut's, ich sage dir, schön tut's!« »Du Unhold! Du Unrast!« »Pirat, wolltest du sagen! Eginhart mit Emma! Der Mönch von Sankt Gallen und die stolze Hadwigis! Hei, wie einem das den Atem benimmt und das wilde Blut aufpeitscht! Gott segne den Eingang!« »Du Landschreck! Du Weiberentführer!« Aber ihr Drohen fruchtete nimmer. Wie ein Kind, wie ein leichtes Garnichts in Halbseide, mit Muff und klimperndem Pompadour, trug sie der blonde Teutone über den zirpenden Schnee, in die Diele voll silbernen Lichtes, um sie wie eine Wickelpuppe in die Arme der beiden Frauen zu betten. »Stephanie ...!« »Judith! Hille, du Liebe! Und du ...!« und ihre sanften Blicke begannen aufzubegehren: »Bernd, man sieht es dir an: du hast dich entwöhnt, Schild und Wappen zu führen.« »Hab' ich, Gestrenge. Stiere wie wir sind. Hier kommandiert der Ochsenziemer. Grob Scheitholz wird auf Getter verarbeitet. Keine Kinkerlitzchen und Fisimatenten. Kein Spielchen Whist oder Pikett bei Wachslichtern auf silbernen Leuchtern. Lieber 'nen Männerskat mit allen Matadoren, und das da« – und seine kräftige Faust legte sich breit auf den Brustkasten – »das Edelmannsherz unter dem Freisassenkittel ist das alte geblieben.« Sie gab ihm die Hand. »Ich weiß. Du bist ein Travelmann, Bernd,« und während der Gutsherr seine Vorkehrungen traf, die Märchenkutsche in die Remise fahren, die Gäule aussträngen und den vereisten, aber wohlgenährten Herrn im baumwollenen Tröster hinterm warmen Gesindeofen bei einer heißen Tasse Kaffee, bei Pumpernickel und westfälischer Mettwurst auftauen zu lassen, geleiteten die beiden Frauen das freiherrliche Prinzeßchen in das Obergeschoß, wo ein trauliches Zimmer ihrer harrte. Hier angekommen, nahm sie ihre ganze Kraft und ihre ganze Jungferntapferkeit zusammen und sagte: »Ihr Guten, ihr Lieben! Ich danke euch allen. Und dieser Empfang erst! So über die Schwelle getragen zu werden. Der Mönch von Sankt Gallen und die stolze Hadwigis! O mon dieu! mon dieu! « und ein Lächeln flog um ihren Mund, als es eifrigst von ihren Lippen sprudelte: »Ein netter Mönch das, dieser Mönch von Sankt Gallen! Und erst die stolze Hadwigis! Verhutzelt, verschrumpfelt, und ich glaube, die schöne Herzogin in schwäbischen Landen ... ihr Geist würde sich entsetzt abwenden, träte ich ihr in meiner Person als das fünfzigjährige Freifräulein Stephanie von Boeselager entgegen. Aber er hat's gut gemeint, dieser Landschreck, dieser Unbändige, und ich freue mich innigst, von ihm also geehrt und gewürdigt zu werden. Und nun« – und ihre Blicke gingen von einer zur andern – ich sehe: das Glück ist auf Getter. Auch du, Hille ...« Die Alte unterbrach sie. »Wie glücklich sie ist, das wird der morgige Abend erbringen.« »Wie meinst du das, Judith?« »Ich meine ..« und ein Glanz war in der Stimme der hochgewachsenen Greisin, wie der des Sternes, den sie alle mit heißer Seele erwarteten, als sie sagte: »Stephanie, du kennst doch den Schmuck der Travelmänner? Segen und Sälde, Andacht und Auferstehung sind mit seinem Gold und mit seinen Grandeln verbunden. Wenigstens glauben wir es, und unser Glaube ist wie der aus der Handpostille.« Das Fräulein nickte und ließ ihren Pompadour klingeln. »Ich sah ihn, als Hille eine Travelmann wurde.« »Dann weißt du auch: er wird nur an hohen Feiertagen und bei besondern Gelegenheiten aus der Truhe genommen?« »Ich weiß es.« »Und seit jenem Hochzeitstage sahst du ihn nicht mehr?« »Nein, Judith, ich habe ihn nicht mehr gesehen.« »Du wirst es ... morgen unter der Fichte ... wenn die Lichter brennen ... Er wird von Hille getragen werden. Du sollst wissend werden und sagen: sie ist glücklich geworden.« »Hille ...!« »Ach, du ...!« und eine junge, königliche Frau hielt eine zarte Märchentante an ihrer Brust, herzte sie und streichelte ihr sanft über die Puderlöckchen. Judith aber trat schweigend ans Fenster und sah lange in den weißen Tag hinaus, in den Tag voll ewigen Lichtes. Die Legende aber erzählte: und der erste reisete von Thessalien über Emesa und Damaskus bis dorthin, wo er das Wunder erwartete. Der zweite kam von den Quellen des Ganges im Himalajagebirge und ritt über Lahor, Kabul und Ispahan, bis dorthin, wohin der Ruf ihn geleitete. Der dritte aber war in Alexandrien zu Hause und sein Weg führte ihn über Suez und Kusileh nach Moab und Ammon, und so verschieden ihre Pfade auch waren, obgleich sie kamen aus dem heißen Süden, aus Osten und Westen, an ein und derselben Stätte trafen sie sich, reichten sich die Hände und sagten: »Unser Ziel ist ein gemeinsames Ziel, unsere Absicht dieselbe. Wir wollen hingehen und die Stunde genießen.« Und was vor Zeiten geschehen, geschah auch heute, nur in ganz andrer Weise: damals die heiligen Könige, heute schlichte Menschen, die weder Kronen noch Würden trugen; solche vielmehr, die durch des Lebens Niederung schritten und nicht umkrustet waren mit Silberborten und Gold und mit seltsamen Steinen. Doch auch sie erschienen auf abgesonderten Gleisen, und ihr Ziel blieb das gleiche. Der erste. Es war noch hellichter Tag. Eine glasblaue Kuppel, mit schmalteblauen Splitterchen durchsetzt, flimmerte ob der münsterischen Heide. Über Simsen und Porst spreitete sich ein Linnen von blendender Weiße. Ein dunkler Punkt löste sich von dem ewigen Einerlei. Neben ihm spannten sich straffgezogene Drähte durch die stille Frostwelt. Sie liefen an hohen Stangen vorbei, die alle einem niedrigen Gebäude zustrebten. Über der Tür paradierten Posthorn und Kuckuk. Vor einer kleinen halben Stunde vielleicht war der dunkle Punkt aus dem schlichten Hause getreten. Er kam immer näher, wurde größer und sichtiger, um schließlich die Umrisse eines vierschrötigen Mannes anzunehmen. Er trug feste Nägelschuhe, einen Rock wie den eines preußischen Unteroffiziers oder Sergeanten, eine ebensolche Mütze und in der Rechten einen handlichen Weißdorn. Die Aufschläge waren von postroter Farbe. In einer mageren Kiefernschonung verschwand er, um bald darauf seinen Einzug auf Getter zu halten. Er war nicht der erste, sondern nur der Abgesandte des ersten. Er hatte eine Botschaft zu übermitteln. Dann später. Die Sonne war tiefer gesunken. Breit und von fahlen Dünsten umgeben, lag sie am fernen Horizont. Ganz allmählich schrumpfte sie ein. Die Luft opalisierte im Dämmerglanz des Abends. Sie sah aus, als wären in ihr Myriaden von Mondsteinen lebendig geworden. Der zweite. Er wandelte gleichsam über Eiderdaunen. Man hörte ihn nicht, man sah ihn nur, denn alle Geräusche schluckte das Tuch ein, das weich und geschmeidig war wie ein Gewebe aus Mossul. Im Wind, der sich inzwischen aufgetan hatte, wehte seine schwarze Soutane, gaukelten die Fransen seiner seidenen Schärpe. Im fahlen Auge des heimgegangenen Tages glitzerten die Schnallen auf seinen Schuhen. Als er den armseligen Kotten mit den drei sparrigen Kiefern hinter sich hatte, machte er das Zeichen des Kreuzes und hub an, in den Abend zu sprechen; erst verhaltend und zögernd, dann freier und wohlgemuter. Und also redete er: »Mache dich auf, Jerusalem, und werde hell; denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit Gottes geht auf über dir. Denn wisse: Finsternis bedecket die Erde und Dunkelheit die Völker. Über dir aber erhebt sich der Herr, und in dir wird man schauen seine Größe und Allmacht. Die Könige von Tharsis und die Inseln werden ihm Geschenke opfern. Die Herzöge von Arabien bieten ihm Spezereien, Salben und Narden.« Und seine Stimme schwoll an: »Es werden ihm dienen alle Fürsten der Erde. Und alle Völker werden ihn feiern. Quoniam elegit Dominus Sion, elegit eam in habitationem sibi. Ja, der Herr hat Sion erwählet, hat es erwählet zu seiner Wohnung. Weihnacht! Weihnacht!« Hinter ihm lag sein Kirchsprengel, seine heimliche Freude, sein Brevier und alles, was sein war, und vor ihm das dunkle Haus des Freisassen, in Schnee eingewickelt und von finstern Bäumen wie mit einer ernsten Hochwacht umstanden. Ein Lämpchen flämmerte da drinnen auf. Er beeilte sich, das Licht zu erreichen. Der dritte. Eine geraume Spanne nachher. Es war um die fünfte Nachmittagsstunde. Dunkel ringsum. Um so emsiger kreisten die goldnen Welten unter dem Himmelreich: Sonnen, Planeten, eilige Fünkchen, die aufgeisterten, um unter Hinterlassung einer haarfeinen Linie spurlos und rasch zu vergehen. Perlgraue Schnüre, silberne Schilde, die glänzende Wega in der Leyer, Aldebaran und tief am Horizont der Stab Jakobs, leuchtend anzuschauen, groß und unermeßlich, und weiter zur Linken, mehr der Erde zu: der Stern aller Sterne! O, daß ich tausend Zungen hätte ... Wie ein geschliffner Diamant spiegelte sich sein heiliges Angesicht in den verschneiten Dächern des Herrenhauses, und unter all diesen Schwärmen, dem Glimmern und Glitzern zog der letzte König ohne Land und Krone den Helweg herauf, mit Lodenhütchen und Rucksack und den treuen braven Wandergenossen in der Rechten führend. Dabei sang er durch die feierlich gestimmte Landschaft: »Es diente mein tapferer Vater In der preußischen Garde zu Fuß ...« Die geheimnisvollen Zeichen über ihm waren ihm vollständig schnuppe. Er lebte wieder sein eigenes Leben. Keine Spur mehr von einem Simeon Stylites. Sein Fakir- und Anachoretentum im verfilzten Wuschelhaar hatte er von sich gestreift wie eine nichtige Sache. Warum auch nicht? Drüben rauchte der Schornstein, lag der Pfropfenzieher bereit, um mit seinem Gezwitscher in den Korkenstöpsel zu gleiten. Die Dinge entwickelten sich so günstig wie möglich. Die mageren Tage und Stunden waren dahin, die fetten begannen. Keine anser hyperboreus , aber eine genudelte, mit Apfelschnitzen und Maronen gefüllte, zartfleischige und nach seinem Rezept durchschwitzte und hergerichtete Adelheid aus dem Stall des Freisassenhofes harrte seiner auf einer blütenweiß gespreiteten Tafel. »O Gott, o Gott, o Gott! Es diente mein tapferer Vater In der preußischen Garde zu Fuß ...« und vollkommen glücklich, mit sich und allen Menschen zufrieden, den Bakel schwingend und trefflich marschierend, sang er alle Strophen des braven Liedes herunter, bis er die Kiefernschonung erreichte und ihn die erhellten Fenster des Hauses begrüßten. Da klang es ihm frisch aus der Kehle: »Freu' dich, Herzbruder, du in Kraft geweihter und heiliger Tradition von Schild und Wappen Entblößter! Deiner Klitsche ist Heil widerfahren; denn höre und wisse: Toujours en vedette! Dein König zieht ein, der da gekommen ist, dir deine Teller leichter und deinen Weinschrank leerer zu machen. Empfange ihn würdig, mit den nötigen Haltestellen, sonst: verdammt sollst du sein, in der sandigen Wüste Ziegel zu streichen.« Wie ein Magyar in der Pußta wiegte er sich in den Hüften und schritt flott über den Hof fort. Das war am Heiligabend und um die fünfte Nachmittagsstunde.   Aber schon lange vorher, als es noch sichtig war und die bläulichen Schatten mit kurzen Beinchen herumtrippelten, hatte der Abgesandte des ersten, der Hiltruper Briefträger, seinen Auftrag erledigt und ein versiegeltes Eilschreiben zu Händen des Hausherrn gebracht, der just ein anregendes Stündchen mit seinen Damen beim Kaffeetisch verplauderte. Aller Augen richteten sich auf ihn. »Von Emmerich,« sagte er mit einer gewissen Hast, erbrach das Papier und las es. »Meine Lieben auf Getter. Wenn diese Zeilen ... Kennen wir. Warum diese Lamentationen? Die Karwoche kommt doch erst. Redensarten. Nichts weiter. Also fort damit. Aber hier. Na endlich! Immer sachlich und bei der Stange geblieben. Weshalb denn nicht gleich? Freut mich. Gut Ding, was sich bessert. Basta! Streu' Sand drauf!« Er besah seine Fingerspitzen, schmunzelte in sich hinein und ließ den Schriftsatz herunter. »Und kommt?« fragte Hille. »Da lies! Das reumütige Männeken gibt sich die Ehre.« Hille nahm und verfolgte Zeile um Zeile. Als sie geendet, war es ihr so, als hätten sich die trüben Wochentage in einen heitern Sonntag verwandelt. In gehobener Stimmung meinte sie zuversichtlich: »So ist denn auch dieses erledigt. Der Ring bleibt geschlossen, und in ungetrübter Weise können wir den heutigen Abend begehen.« »Können und wollen wir, Hille. Den Teufel auch, wäre es anders gekommen, wäre dein Appell in der Luft hängen geblieben! O du mein Deutschland! – die Getter, mit allem, was drum und dran ist, mit Äckern und Wieswuchs, mit Weib und Ingesind, mit Jagd und Bouteillen, wäre für ihn ein Buch mit sieben Siegeln geworden.« Er umschrieb einen Halbkreis. »Das heißt auf westfälisch gekürt: Mit meinen zehn Fingern hätte ich ihm alle Rippen im Leibe zerbrochen oder ihn wie 'ne Eule an die Scheune genagelt.« »O mon dieu! mon dieu!« entsetzte sich die bejahrte Märchenprinzessin, »was ist denn mit Emmerich? Sonst lieb Kind bei euch und wie ein schönes Licht von den Bergen herunter, um so mit einem Mal ...« Ihre Worte zerbröckelten. Erregt griff sie in ihr knisterndes Röckchen. »Stephanie,« fiel die Alte dazwischen, »das ist es ja eben, und das brannte Bernd auf den Nägeln.« »Grâce à dieu! Mir wird wirbelsinnig davon.« »Mir auch,« konstatierte der Gutsherr. »Aber so rede doch, Bernd. Warten ist furchtbar.« Das zarte Persönchen hob verzweifelt die Hände. »Ihr wollt doch Emmerich nicht in Acht und Bann tun? Oder habt ihr ihm das Urteil schon gesprochen?« Da klappte der Freisasse seine Hacken zusammen. »Mit nichten.« »Bernd, ich befehle dir, mir endlich Antwort zu geben.« »Warum nicht? Denn ich bin leutseliger Laune. Also« – und der Gutsherr stand stramm wie ein Spontonträger des großen Soldatenkönigs – »die Edle von Boeselager mit der siebenzinkigen Krone haben befohlen und ich, Bernd Travelmann, der Schild- und Wappenlose, hat zu gehorchen. Zu Befehl, ich gehorche. Und daher, kurz und bündig, die Sache ist diese. Denke dir, mein goldenes Hühnchen: gab mir da der exzellente Griechenmann und Professor der Archäologie, habilitiert an der Hochschule hiesiger Haupt- und Residenzstadt, auf mein ebenso dringliches wie gütiges Anfordern, seine gefeierte und mit einer Gloriole umkleidete Person für uns in Marsch und Bewegung zu setzen, einen ganz ordinären Korb in die entrüsteten Hände.« »Quel dommage!« sagte sie wehleidig. »Und dennoch geschehen, mir zum Ärger und dem ganzen Anwesen zur Veranlassung, ein ›De profundis‹ zu singen. Er wollte einfach nicht, sagte ab unter den nichtigsten Gründen, und hätte Hille nicht zugepackt, der hinterhältige Fuchs wäre uns regelrecht durch die Lappen geschnürt.« »Mais non. Diese Worte!« »Aber treffende.« »Und nun?« »Du hörtest, mein Silberfasänchen. Er kommt. Ein vergifteter Brocken, ausgelegt durch ein weibliches Wesen, brachte den pfiffigen Schleicher zur Strecke. Diese Fortüne! und Ohm Gideon wird das Halali blasen und alle Irrungen und Wirrungen durch meinen Weinkeller ausgleichen. Während der Dechant ... Er sagt Amen dazu, Amen, Amen.« Ein glockenreines Lachen. Wie ein spinnendes Kätzchen im Reifrock war das Edelfräulein in die Höhe gefahren. »Das muß ich sagen: ihr Travelmänner versteht es schon, die Mäuse nach eurer Pfeife tanzen zu lassen. O mon dieu! mon dieu!« »Ja, Feinsjüngferlein, das verstehen sie noch immer.« »O du mein Landschreck! Du Wilder und Unbändiger, und doch du Guter und Lieber ...!« und mit gebreiteten Armen, auf knisternden Lastingschühchen, den großgemusterten Pompadour zwischen den zierlichen Fingern, tänzelte Stephanie Freiin von Boeselager auf den Freisassen zu, hob sich auf Zehenspitzen und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: »Küsse mich, Bernd! Trotz deiner Bärbeißigkeit, ich wünsche dir eine stille und gesegnete Weihnacht, denn du verdienst sie in reichlichem Maße.« »Silberfasänchen!« Und da nahm er das zerbrechliche Spielzeug zwischen seine nervigen Fäuste und drückte ihr ganz sein und bedachtsam einen Kuß zwischen die Pendellöckchen. » Ciel ! auch das versteht der Mönch von Sankt Gallen, sagte sie glücklich und preßte sich an ihn. Es war eine feierliche Stille geworden. Judith und Hille hatten sich gleichfalls erhoben und waren dicht an die Seite des umschlungenen Paares getreten. Auch sie waren bewegt, auch in ihren Blicken begann es zu glitzern, denn sie wähnten bereits, das Musizieren der himmlischen Geigen und Quinternen zu hören. Dämmerungen sahen durch die Fenster. Draußen umschleierte sich die Ferne. Nur ein roter, dünnfadiger Streifen, das letzte Schimmern des Tages, war im tiefen Westen übrig geblieben. Die Weiten schienen voll heimlichen Gestiebes, voll der Worte und Gesänge, die da lauten: » Levavi oculos meos in montes, unde veniet auxilium mihi .« »Nun wird's Zeit für mich,« sagte Judith, wandte sich an Hille und raunte ihr zu: »Ich gehe. Du bleibst Keiner von euch darf von jetzt an mein Reich betreten. Ich habe zu tun. Du empfängst inzwischen die Gäste. Das übrige lasse meine Sorge sein. Du verstehst mich schon, Hille.« Unauffällig verließ sie das Zimmer und begab sich zur Diele, wo Hövelkamp unter Anleitung Johannas damit beschäftigt war, die zugebrachte Fichte zu richten und sie in die feinste Beleuchtung zu rücken. In einer traulichen Ecke des weiten Raumes hob sie sich auf, wald- und nadelfrisch und noch den Hauch der goldenen Freiheit zwischen den Ästen. In großen Bündeln und Paketen lagen die Präsente auf den zunächst stehenden Tischen: Jacken und Pfeifen, Tabaksbeutel, Schuhe und seidene Schürzen. Sie mußten nur noch ausgepackt, gesichtet und aufgestellt werden. Über sie hin wölkte sich der einladende Duft von Äpfeln und Mispeln, Aachener Printen und Pfeffernüssen. Sie harrten der liebevollen Hand, die sie in die festliche Ordnung einreihen sollte. Auch die Fichte stand noch kahl. Mit sichtlichem Schauern sah sie ihrem Schmuck entgegen. Der mußte jetzt kommen. Der Kronleuchter über der bereits gespreiteten Tafel spendete eine wohltuende Helle. Unter seinem Licht war ein frohes Arbeiten. »Johanna!« Die Alte rief das emsige Mädchen beiseite. »Daß du es weißt,« sagte sie freundlich, »alle Geschenke, auch die für Knechte und Mägde, werden hier auf der Diele gegeben. Der heilige Christ macht keinen Unterschied zwischen hoch und niedrig.« »Das sagte mir Hövelkamp schon.« »Dann hat er richtig gesprochen.« Ihr Blick zählte die einzelnen Gedecke. »Stimmt,« meinte sie beipflichtend. »An Werkeltagen gemeinsame Schüssel, bei allen feierlichen Gelegenheiten jedoch gesonderte Tische. So will es die Ordnung auf Getter. Du bist anstellig. Ich bin zufrieden, Johanna.« »Ich danke, Frau Travelmann.« »Fahre so fort, und unser Zusammensein wird ersprießlich werden. Nur hüte dich vor den bösen Sämännern und solchen, die in Schafskleidern umhergehen. Sie lieben es, die Schuhe auszuziehen und sich strümpfig in die Kammern zu schleichen. Ich sprach nicht davon, weil ich keine Gelegenheit fand. Aber jetzt muß ich es tun, denn alles, was man sich vom Herzen herunterredet, macht fröhliche Sinne. Ich meine ... vor wenigen Tagen ... Fritz Garke ist bei dir gewesen.« Johannas Blicke wurden eisig. »Er brachte die Tanne, Frau Travelmann.« »Das weiß ich; aber ist sonst nichts geschehen?« Sie warf sich hoch. »Meinerseits nichts; nur, ich stieß ihm die Faust vor die Stirne.« »Heidehummel!« In Judiths Augen glänzte es auf. Dann glitt sie über die schwarzblaue Flechtenkrone. »Das wollte ich wissen. Man soll die Röcke nicht schwenken, sein Magdtum nicht allzu offen tragen. Bleibe dabei; nur ein Übles ist es, das Kind mit dem Bad zu verschütten. Kommt er in Ehren – werde zum Weibe. Tut er es nicht, will er strümpfig erscheinen – ist die Hummel am Platze. Im übrigen: ein reines und frohes Gewissen. Das beseligt... auch mich,« und sie führte sie wieder zur Fichte und sagte: »So! nun man weiter. Ich warte der Dinge.« Lächelnd trat sie zurück und mit ehrlichem Erstaunen folgte sie dem emsigen Hantieren, dem Auf- und Niedergleiten der Leichtfüßigen. »Ein feines Jüngferlein,« sagte sie in ihr Schauen hinein. »Das könnte im puren Hemde umherlaufen, ohne seine Reputation aufs Spiel zu setzen. Rühr' mich nicht an!« und ihre Augen ließen nicht ab, allen Bewegungen und Handleistungen der Geschäftigen eine neue und herzerquickende Seite abzugewinnen. Keine Eile, kein Überhasten. Apfel und Nüsse, jede Kleinigkeit erhielt sein geeignetes Plätzchen. In blanken Kaskaden rieselten die Perlenschnüre von den Zweigen herunter. Die bunten Papierkettchen schlängelten sich behutsam durch das dunkle Grün. Dazwischen knisterten goldene Fähnchen, gesellte sich Kerze bei Kerze, leuchteten blaue und rote Kugeln wie aus weiter verdämmerter Ferne herüber. Alles und jedes fügte sich willig dem großen Ganzen ein. Selbst Hövelkamp wurde zum unermüdlichen Heinzelmännchen, hatte nicht Arme und Hände genug, hilfreiche Gefolgschaft zu leisten. Auch für ihn war Johanna Altrogge zu einem seltsamen, fast überirdischen Wesen geworden. Ihr Kleid berührte ihn wie mit elektrischen Spitzen. Jeder Anforderung kam er nach, wie von einer höheren Macht gezwungen, und dabei blieb sie von einer gewinnenden und einspinnenden Ruhe, von einer liebenswürdigen Eigenwilligkeit, die die Herzen bezauberte und die Blicke aufforderte, um sie zu sein, den anmutigen Bewegungen des gelenken Körpers zu folgen und nicht von ihm zu lassen. So erging es auch Judith. »Heidehummel! und doch ein Schmetterling unter Wiesenblumen, unter Salbei und Tausendgüldenkraut.« Immer voller und reifer umkleidete sich die grüne Fichte, als etliche Male an das rückwärts gelegene Fenster geklopft wurde. Ein freundliches Gesicht stand hinter den Scheiben. »Ist es gestattet, Frau Travelmann?« »Eigentlich nicht. Hier ist verbotener Eingang, Hochwürden. Aber weil Sie es sind ...« und sie ging hin und öffnete die verschlossene Dielentür. Ludgerus Hölscher trat ein. »Und sie kamen von Osten und Westen und tief aus dem Süden daher ... Ich bin wohl der erste?« »Ja, und doch wieder der zweite, Herr Dechant. Der Abgesandte des ersten verabschiedete sich bereits nach erledigter Botschaft, und über ein kurzes wird der dritte erscheinen.« »Ohm Gideon?« »So ist es.« »Ei, und siehe da!« schmunzelte der geistliche Herr und brachte seine Tabakdose mit dem Urteil des Paris zum Vorschein, die er eilfertig zwischen den Fingern kreisen ließ. »Das Bäumchen des Herrn!« »Und unter ihm ...« fiel die Alte ein, und ihr Krückstock deutete auf das hurtige und doch kirchenstille Mädchen. »Fräulein Johanna!« »Hochwürden, was sagen Sie nun? Sind Sie nicht gezwungen. Ihr voreiliges Urteil zu revidieren? Wohl denen, die in der Erkenntnis leben.« »Hm, hm! ich sollte fast meinen.« »Nur meinen? Ich behaupte, Herr Dechant, sie ist wie die achtsame Jungfrau im Gleichnis.« Die Dose drehte sich flinker. Dann klappte sie zu. »So scheint es, Frau Travelmann, obgleich mir noch immer die Stelle aus dem Miserere zu Ohren klingt, die da sagte: In iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea. In Missetaten bin ich gezeugt, und in Sünden empfing meine Mutter. Allein, es klingt immer schwächer und weicher in mir nach. Es hat bereits seine Schärfe und Bitterkeit eingebüßt und wird sich, so hoffe ich zuversichtlich, noch gänzlich verlieren.« »Es wird es. Ich habe Beweise.« »Um so besser, Sie werktätige Frau. Aber mein Gott! welch' übermütige Note in dieser Einsamkeit. Da kommt jemand!« Beide lauschten hinaus. Über den Hof fort rasaunte eine verrostete Stimme: »Es diente mein tapferer Vater In der Preußischen Garde zu Fuß ... Toujours en vedette ! Freisassenhöfer, dein Herzog zieht ein, mit Schwung und Elastik. Empfange ihn würdig, sonst: verdammt sollst du sein, in der sandigen Wüste Ziegel zu streichen.« »Horch!« lachte Hochwürden, »der Wilde tobt schon an den Mauern. Ich kenne den Prediger.« »Ohm Gideon,« sagte Judith. »Immer willkommen! Johanna, öffne die Haustür. Aber gleich hinauf mit ihm und nicht auf die Diele, unter keiner Bedingung ...« Und kaum daß sie gegangen war und den Riegel geschoben hatte, hörten die beiden vom Flur her: »Die Sonne und alle Schätze Vitzliputzlis über dein Haupt, du edle Prärieblume, Tochter Montezumas, des gewaltigen Königs ...« Dann ein weibliches Kichern: »Auweh, Herr Baron!« »Ein prächtiger Herr,« meinte der Dechant, »doch scheint mir, es dürfte angezeigt sein, den Dritten im Bunde abzugeben. Für alle Fälle,« und er ging eiligst hinaus, um dem gediegenen Paderborner seinen Gruß zu entbieten. Und wieder tönte es: »Es diente mein tapferer Vater In der preußischen Garde zu Fuß ...« Und gleich darauf: »Habe die Ehre, Hochwürden. Jawoll, ja. Pardon! Nur 'ne kleine Entgleisung. Sonst immer Haltung. Ich bitte um Absolution. Jawoll, ja, Herr Dechant.« 10 Ein ergötzlicher Kreis. Außer der Alten, deren schaffende Hand noch immer auf der Diele und in der Gesindestube weilte und wirkte, waren alle im Herrenzimmer versammelt: die Hausfrau, Ohm Gideon, die freiherrliche Märchentante, Hochwürden und Emmerich Dinklage, den Bernd vor wenigen Augenblicken aufgefischt und unter dem Prasseln einer vehementen Philippika eingeführt hatte. Wie zwei Brüder, zum Verwechseln ähnlich, standen die beiden hochgewachsenen Männer nebeneinander. Die Begrüßung war herzlich gewesen, und als die heißen Lippen des jungen Gelehrten sich auf die schlanke Hand der Hausfrau gesenkt hatten, war es wie ein belebender Schauer über sie hingegangen. »Ich danke dir, Emmerich.« »Wofür?« fragte Bernd. »Daß er kam.« »Kein Aufhebens, Hille. Er mußte. Oder nochmals gesagt, sollten wir warten, bis unsere Hunde auf den Einfall gekommen wären, auf griechisch zu bellen, und die Ferkel auf die unsägliche Idee, in den Lauten des sagenhaften Rhapsoden zu quieken?« »Fi donc!« entsetzte sich das Freifräulein von Boeselager. »So ist es, Verehrte.« »Halt!« rief Gideon dazwischen und schnellte von seinem Sitz wie ein Stehaufmännchen. »Kein Plagiat. Achtung vor andermanns Geistesprodukten. Sonst steh' ich da wie ein entlaubter Stamm. Jawoll, ja; denn wenn ich nicht irre, ist die soeben gefallene Sentenz meinem Wissensschatz entnommen. Eigene Zucht, mein Gestrenger.« »Stimmt. Paderborner. Ein blindes Huhn ... und so weiter. Aber so sind die Travelmänner nun mal. Finden Sie was Annehmbares, heben Sie's auf und schlagen's zum eigenen Kapital. Dein Wort war ein Goldkorn, und solches ist bei dir selten zu finden.« »Gemütsmensch!« »Bin ich, denn das mit Emmerich ist mir, gelinde gesagt, selber an die Nieren gegangen.« »Dem pflichte ich bei,« ließ sich das zierliche Persönchen vernehmen. »Emmerich, wie konntest du nur?« Die Dose des geistlichen Herrn schlug eine rasche Volte. Sein Blick ging fragend von einem zum andern. Die Hausfrau sah stumm vor sich hin. Emmerich trat näher heran. »Hille, ich habe dir eine Erklärung zu geben.« »Auch das noch!« lachte der Hausherr und legte seinen Arm in den seines Freundes. »Selbstverständlich, nun hat der Forscher zu seinem Leidwesen den I-Punkt vergessen. Das Tippelchen fehlt noch. Immer im Frack und 'ne weiße Nelke im Knopfloch. Diese Umstände. Macht's später ab. Der Abend ist lang. Ihr habt Zeit in Hülle und Fülle, und wenn du kannst, Hille, laß ihn nicht zappeln. Gib ihm Segen und Absolution unter milden Bedingungen. Ich für meine Person habe jetzt mein Programm zu entwickeln und an den Mann zu bringen.« »Schieß' los, edler Freisassenhöfer,« warf Gideon ein. »Wir warten darauf wie'n Ami auf die versprochene Wurstpelle.« Er setzte sich wieder, rückte sein Bäuchlein zurecht, ließ den fadigen Schnurrbart durch die Finger gleiten und schlug die putzigen Beinchen übereinander. »Ganz Ohr. Also die Tisch- und Futtertabelle. Herrgott, diese Vorwonne!« »Schweige und höre.« Der Gutsherr pfiff sacht durch die Zähne. »Erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Letzteres ist Sache der Damen, ersteres ist auf mein Konto zu buchen.« »Darf man deine Pläne wissen?« fragte Emmerich. »Natürlich, das mit der Arbeit. Es ist nur von wegen der Rückfahrt. Es klingt ja wunderlich, gleich bei der Ankunft schon wieder an das Einsträngen der Gäule zu denken. Aber es muß sein. Kurz, ich habe meine Dispositionen zu treffen. Sonst geht später alles drunter und drüber. Ein kluger Mann baut vor und prüft das Gelände. Und daher: Emmerich, kannst du über die Festtage bleiben?« »Unmöglich, ich muß heute zurück. Morgen bin ich beim Regierungspräsidenten geladen.« »Parkettmensch! Und, Hochwürden, Sie?« »Meine Pflicht gebietet, mit dem Frühesten bei meiner Herde zu weilen. Aber keine Umstände, Herr Travelmann, meine Ambitionen reichen nicht weit. Ich halt's mit den Jüngern. Sie zogen ihres Weges per apostolorum »Ausgeschlossen. Letzteres gibt's nicht. Und Gideon, du?« »Mensch, du weißt doch, ich bliebe schon gerne, aber ich kann mich beherrschen, denn ein weises Sprüchlein besagt: Willst du beliebt sein, mach' dich rar. Hausiere nicht mit feilen Wippchen. Die Welt schätzt nur den Kaviar, Nicht Sauerkraut mit Schweinerippchen. Ich schließe mich den geehrten Vorrednern an, denn ich möchte mich rarmachen, erstens aus Opportunitätsgründen, zweitens, um einen löblichen Eindruck zu schinden, und drittens...« »Um meinen Keller zu schonen,« fiel der Gutsherr ein. »Ich danke dir vielmals. Also es bleibt dabei: meine bereitwillige Anforderung hat keine Gnade gefunden. So werde ich Order geben. Für alle Fälle. So leid mir's auch tut: der große Schlitten nebst Zubehör und die beiden Braunen sollen bereit gestellt werden. Jans Schwarte fährt über Hiltrup nach Münster. Stunde noch vorbehalten. Ist's recht so?« »Recht so!« »Halt! eine Bitte.« Ohm Gideon stand wieder auf seinen possierlichen Beinchen. »Mann Gottes, lasse dir Zeit! Nicht immer ventre à terre ; sonst wird sogar unsereins aus dem Sattel gehoben. Ich meine, wir haben noch vieles zu leisten: Weihnachtsbescherung ... freundliche Gesänge bei brennenden Wachslichtern ... göttlicher Knabe im lockigen Haar ... Nüsseknacken ... Gänseessen nach meinem Rezept ... Romanée-Conti und so ... So was erfordert Zeit und Muße und nochmals Zeit und Muße und zum drittenmal Zeit und Muße; besonders das mit dem göttlichen Knaben im lockigen Haar, und darum ist meine unmaßgebliche Meinung ... Wenn's denn nicht anders sein kann: das mit dem Schlitten und den beiden Gäulen ist gut. Aber ich möchte festgelegt haben, ausdrücklich festgelegt haben: vor Mitternacht keinesfalls. Nicht ums Mäusefangen. Ich hätte meinen Bülow Krawallo ja um einer poweren Schose willen abstrapaziert. Man will doch genießen. Keine Galoppsprünge. Immer nur mit 'nem bequemen Jockeltrab aus dem Stall, mit 'nem sanften Fortepiano. Sonst bleiben einem die Gansknochen im Halse stecken, hat man Molesten mit den Karpfengräten. Jawoll, ja. Je später, je lieber. Am besten: frühmorgens, wenn die Hähne kräh'n« und was er bereits auf dem Hermarsch getan hatte, das tat er jetzt wieder. Mit den getragenen Klingen eines etwas angekratzten Flügelhorns sang er durch das Herrenzimmer: »Dann gehet leise Nach seiner Weise... Das wäre zu sagen.« »Gideon,« rief der Hausherr, »bravo! Das war wieder ein Goldkorn.« Der Gefeierte wiegte sich stolz in den Hüften. »Nicht anders zu machen.« »Trefflich!« und Bernd wandte sich an Emmerich und Ludgerus Hölscher: »Sind die Herren mit den Sprüchen des Paderborners einverstanden?« »Einverstanden,« nickten die beiden. »Dann abgemacht. Ich werde sofort ...« Ohm Gideon vertrat ihm den Weg. »Du – ich hab' so 'ne Ahnung: bis zur Aufmachung der ganzen Idylle socken noch so 'n paar Viertelstündchen über dein Anwesen, und da möchte ich fragen: Wie ist das mit dem Tobak? Mir roochert.« »Das dritte Goldkorn,« meinte der Gutsherr. »Du bist ja der reinste Spendierer geworden, und wenn die Damen gestatten ...« Ja, die Damen gestatteten. Ein Rascheln, ein bejahendes Kichern kam aus der Sofaecke herüber. »Ich bin's gewöhnt. Auf mich braucht keiner Rücksicht zu nehmen. Ohne Zigarre war mein Schwager Klemens Darfeld nicht denkbar.« »Also genehmigt. Glück muß der Mensch haben. Auch bei den Damen. Alter Sünder, da steht 'ne Kiste. Bedien' dich. Brasil mit Sumatradeckblatt.« »Merkst du was, Herzchen? Schlauberger, du. Also die dicke Festrübe wird erst genehmigt, wenn die schmalzige Frau Adelheid nur noch die winzigen Überreste ihrer Knöchlein zu beweinen hat? Zuvor der Plebs, dann die Nobelgarde.« »So ist es.« Der Hausherr empfahl sich. »Na denn,« sagte Oheim Gideon, »Schritt gefaßt und 'ran an die Rampe. Es ist ein Liebliches um den Weihrauch aus so einem Röllchen,« und mit flinken Händen langte er zu, knipste ab und ließ ein Zündholz aufleuchten. Gleich darauf kräuselten muntere Wölkchen zur Decke, und durch dieses Duften und Kräuseln eine ermahnende Stimme: » O lala! Est ce possible ?! Du suhlst dich im Genuß wie der Buchfink im Rübsamen, während die andern Gäste ...« In den kreisrunden Augen des fidelen Herrn blitzte es auf. Mit einem kurzen Ruck schlugen die Absätze zusammen. »Pardon, meine Gnädigste. Keine Unterstellungen. Ich bin kein Banause oder ein Allerleirauh. Lieber 'ne Flintenkugel zwischen die Rippen, als sich sagen zu müssen: du hast gegen die Etikette verstoßen. Ein Freiherr Gideon von und zu Hasenklever hätte selbstverständlich ... und ich tue hiermit kund und zu wissen: Der Forscher von Leukas ist ein geschworener Feind des giftigen Schmauchkrautes. Desgleichen der Kirchengewaltige von Hiltrup. Er zieht es vor, sich den delikaten Spaniol um sein frommes Riechorgan zu pinseln. Ich möchte daher ergebenst bitten ...« Über das pontakrote Gesicht zog eine vergrämelte Miene. Aber nicht lange, denn das Freifräulein von Boeselager trippelte auf ihn zu, legte ihm die Hände auf, tippte ihn an und zählte an seinen Knöpfen herunter: »Erstens, so war's nicht gemeint. Zweitens, ich hätte dich für verständiger taxiert. Drittens, ich verabsäume nicht, dich für den gediegensten Ritter sans peur et sans reproche zu erklären. Ich gebe dem Edelmann, was des Edelmanns ist, und schließlich: Soyons amis, monsieur Gideon! und solltest du mich mal auf Darfeld besuchen, eigenhändig werde ich dir die feinste Havanna in die Mundecke schieben. Genügt dir diese Ehrenerklärung?« »Himmlische!« Er beugte sich vor und drückte einen zarten Kuß auf ihre Fingerspitzen. »Stephanie, ohne Arg und vom lautersten Adel, alle freiherrlichen Bau-, Rund- und Grubenholzmesser legen dir ihre Wertschätzung zu Füßen. Es genügt, es genügt!« »Bitte, nehmt Notiz davon,« seufzte sie erleichtert auf, streichelte ihm sanft die Wangen, wobei ihre gütigen Augen die anderen streiften. »Ihr seht es, der graue Griesgram ist gefügig geworden. Freuen wir uns. Mille remerciments, monsieur Gideon! In aller Feier und Form wurde der Friede zwischen den Häusern Hasenklever und Boeselager geschlossen. Der freiherrliche Friede auf Getter. Wie wär's nun« – und sie atmete tief und trat auf Emmerich zu – »wenn auch die beiden andern Häuser, wenn du und Hille ...« und als Emmerich schwieg, sagte sie nachdrücklich: »Es ist nicht wohlgetan, kleine Mißhelligkeiten aufzupäppeln. Man darf sie nicht ausreifen lassen. Wenn ich nicht irre, bist du ihr noch eine Aufklärung schuldig. Geht doch nebenan. Nach geschehener Aussprache gibt sich alles freier und farbenfroher, und wir können zum heiligen Christ nur in farbenfrohen Kleidern erscheinen. So ist es doch, Hille?« Die Angeredete erhob sich. Sie gab keine Antwort, nickte nur stumm vor sich hin. Ja, so ist es,« bestätigte das Freifräulein. »Offene Herzen, freudige Seelen und farbenfrohe Gewänder – die tun es. Um mich braucht ihr euch keine Bange zu machen. Ohm Gideon und Hochwürden sind Mannes genug, mich über das kleine Intermezzo eures Alleinseins hinwegzutäuschen.« »Sind wir,« konstatierte der Unverbesserliche und straffte seine rotgepunktete Weste herunter. »Besonders das Wort Gottes. Das versteht zu erzählen. Weltliche Geschichten und solche, die Kyrie eleison– Semmel verzehren und auf einer kornblumenblauen Himmelswiese Purzelbäume schlagen. Also bitte, Hochwürden. Wie ist doch die galante und seine Affäre mit der Schnupftabaksdose? Wir sind unter uns, und als Parochus loci dürfen Sie schon eine Lippe riskieren.« Ludgerus Hölscher winkte verlegen ab. »Ich möchte nicht gerne. Bei zartfühlenden Ohren könnte sie Anstoß erregen.« »Warum nicht gar!« fiel ihm der Paderborner ins Wort. »Was aus einem geistlichen Gefäß träufelt, ist für uns Sterbliche Spezereien und Benzoesalbe.« »Für Sie – keine Frage,« gab Ludgerus zurück, »denn Sie zählen zu den Hartgesottenen im Lande; für das gnädige Fräulein jedoch ...« »Sie ist aus dem Schneider, Hochwürden.« »Aber Gideon!« »Nichts für ungut, Stephanie. Man muß die Worte eines Waldläufers und alten Soldaten nicht auf die Goldwage legen, und ehrlich gestanden: du würdest ein bedenkliches Manko in deinem Wissenskonto zu verzeichnen haben, wenn dir die denkwürdige Mär von der Schnupftabaksdose entgehen sollte. Sie ist ein Zeichen der Zeit, ein Dokument von dem Leben und Treiben unserer Altvordern. Dazu lehrreich und beherzigenswert. Jawoll, ja. Außerdem hat sie den Vorzug: sie ist nicht aus den Fingern gesogen. Wir kennen die handelnden Leutchen, wenigstens dem Namen nach, und wenn ich dir schließlich noch sage, daß selbst im Klub der Adeligen Damen ...« Der possierliche Herr schnalzte vergnügt mit der Zunge und stellte Daumen und Zeigefinger mit unnachahmlicher Grazie spitz gegeneinander: »Ich sage dir, Stephanie, die Legende ist zum Anbeißen, und die Amouren wie aus 'nein süßen Knusperkasten eskamotiert.« »Wenn du denn meinst...« »Natürlich, natürlich! Alter Herr, pulvern Sie los! Keine Umstände mehr. Also beginnen wir: Es war einmal ein streitbarer Herre. Selbiger schrieb sich Marimilian Friedrich, war Bischof und führte den Krummstab im düsteren Münster. Zu diesem Hirten und Kirchenfürsten gesellte sich eines Tages eine liebreizende Frau, eine Valandinne, ein Weib mit Maronenaugen und den feinfühligen Krallen einer Tigerin ... und war eine Dame aus dem westfälischen Adel. So weit mein Auftakt. Jawoll, ja. Das übrige bleibt der vehementen Darstellungskunst meines Bruders in Christo überlassen. Er wird es schon leisten.« Die Brasil duftete stärker. Ohm Gideon nahm Platz. Stephanie von Boeselager drückte sich mit ihrer Mädchentaille und den quecksilberigen Löckchen in eine bequeme Sofaecke hinein, und Ludgerus Hölscher räusperte sich. »Wenn es denn sein muß ... aber ich wasche meine Hände in Unschuld.« »Waschen Sie so viel, wie Sie wollen; nur forsch an die Sache.« »Also hören Sie zu ...« und während der geistliche Herr, halb schalkhaft und halb mit bekümmertem Anflug die Geschichte von der Schnupftabaksdose erzählte, heitere Dinge einflocht und dabei gleichzeitig das schmucke Döschen mit dem Urteil des trojanischen Helden wie um eine Achse flirren und kreisen ließ, standen sich Hille und Emmerich im Nebenzimmer hart gegenüber. Sie spürten wechselseitig den Hauch ihres Atems, den Schlag ihrer Herzen. Sie schwiegen, und keiner wagte es, die Stille zu brechen, scheinbar in einer dunkeln Angst vor den heimlichen Schwingungen, die ihre Seelen bewegten. Endlich fand Hille den Mut, ging behutsam zu Werke und sagte: »Hattest du nicht vor, mir eine Erklärung zu geben?« »Allerdings, aber ich bin wieder zweifelnd geworden. Ich glaube, ich habe nicht die richtige Stunde gefunden.« »Emmerich, das wäre verfehlt. Kein Ausweichen; ein solches zermürbt nur. Klarheit ist nötig. Im Ungewissen werden die Zweifelsüchte nur größer, und Zweifelsüchte sind da, die sich nicht mehr abweisen lassen. Sonst hättest du nicht abgesagt, hättest deinen ersten Brief nicht geschrieben. Erst auf unsre abermalige Bitte, auf meine, hast du den Weg zur Getter gefunden. Ich fühle es nur allzu deutlich: irgend etwas rückt näher und will eine Barriere zwischen uns aufrichten. Warum das? Finden wir die Kraft und den Willen, es zu hindern, bevor es zu spät ist, denn es wäre doch traurig, alte Beziehungen und gute Freunde verlieren zu müssen. Also, du wolltest wirklich nicht kommen?« »Eigentlich – nein.« Seine Stimme war von einer seltsamen Schärfe. Hille sah vor sich hin. »Also – nein,« sagte sie schmerzlich. »Bin ich dir denn so fremd geworden in der neuen Umgebung? Auf Darfeld hingegen ...« »Erspar' mir die Antwort.« Sie hob den Kopf; eine Sekunde lang blickte sie in das weiße, zusammengerissene Gesicht des wortkargen Mannes. »Ähnlich war dein Verhalten vor einigen Wochen.« »Wer sprach dir davon?« »Bernd sagte es mir. Schon damals bereutest du, den Fuß über unsre Schwelle gesetzt zu haben.« »Das ›damals und heute‹ ist nicht in einem Atem zu nennen. Es würde zu weit führen, dir die feinnervigen Gründe meiner Handlungsweise auseinander zu zwirnen. Ich müßte ein ganzes Dasein sezieren. Nur kurz sei gesagt: seit jenem Tage hat sich vieles geändert. Innerlich war ich vollauf gefestet. Ich bangte lediglich um die Einsicht und Ruhe eines andern, fürchtete, durch mein Erscheinen einen Freund zu verlieren.« »Und heute?« »Ich bin in der Gefechtsentwicklung liegen geblieben und habe Furcht um mich selber.« »Und bist trotzdem erschienen?« »Ja, um nicht wieder zu kommen.« »Das klingt widersinnig.« »So meinst du und ist doch das unumstößliche Resultat einer langen und kühlen Erwägung. Jedes sprunghafte Denken weise ich von mir. Meine Entschlüsse sind unerbittlich wie die Schneesternchen, die da draußen frieren. Aber was mich in diesem Augenblick bewegt, darf ich das sagen?« »Ja, sprich nur,« versetzte sie mit erzwungener Kälte, obgleich sie fühlte: nun beginnt der Boden unter deinen Füßen zu wanken. »Hille ..!« Keine Antwort. Er suchte ihre Hände und fand sie. »Du, ich habe dich einmal geliebt und tu' es auch jetzt noch, obgleich Pflicht und Gewissen mir zuriefen: Du taumelst einem Abgrund entgegen. Aber glaubst du denn, Hille« – und seine Stimme wurde trocken und brüchig – »es wäre ein Leichtes, seinen Sinnen einfach das Genick abzudrehen und das Vergessen aufzustöbern? Du weißt: ich ging, um euch die Wege zu ebnen und mir wie ein angeschweißtes Stück Wild in der fremden Öde ein einsames Sterben oder das Genesen zu holen. Leider, ich blieb nicht allein. Meine Gedanken reisten mit. Sie waren wie ein tönendes Echo. Immer kehrten sie wieder. In den Gräbern von Leukas gingst du neben mir her. Auf den Totenfeldern von Mykenä sahst du mir über die Schulter. Da endlich ... als ich heimkehrte: ich wähnte den Kalvarienberg hinter mir und schritt ohne Anfechtung an der Fontana di Trevi vorüber. Mein heißes Begehren war niedergezwungen. Ich atmete auf. Mit froher Seele begrüßte ich das Land, wo ich jung war, wagte es, in deiner Nähe zu sein, nur die bange Sorge im Herzen, daß Bernd ... Ja, wäre es das nur gewesen! Ich irrte mich gründlich. Ich selber ... Alles verfehlt und nichts unter Sonne; denn das hier ... Ich Narr ...!« Mit einem jähen Laut brach er ab und gab ihre Hände frei. »Emmerich,« sagte sie hilflos, »so sollst du nicht sprechen. Habe Geduld mit dir. Überwinde dich selber. Ich bin das Weib eines andern. Seien wir Freunde.« Sie bot ihm die Rechte. Er nahm sie nicht an. Bleich und regungslos hing sie in der Luft, bis sie schließlich mit einem wehen Zittern zurücksank. »Emmerich, Emmerich! gib dich nicht auf, lasse doch uns nicht entgelten ...« »Nein, du,« fiel es ihm hart von den Lippen. »Mein Ziel ist gesteckt. Heute bin ich zum letzten Male auf Getter. Ich muß fort. Es geht nicht mehr anders. Ich fühle es doppelt und dreifach: ich will nicht in die Sünde hinein. Denn wenn ich wiederkäme ...« Er verstummte mitten im Satz. Sein Gesicht war grau wie Erde geworden. »Was willst du?« Sie sah ihn fassungslos an. »Hille, wenn ich es täte ... Ich kann den Gott in mir nicht erwürgen, um einen andern auf den Schild zu heben. Du sollst nicht begehren ... Nein, ich komme nicht wieder.« Ein mühevolles, schweres Atmen. »Mich friert.« Jetzt wußte sie alles. »Du,« rief sie aus, »um meiner Seligkeit willen, lasse die Vergangenheit ruhen!« Schaudernd hatte sie ihr Spitzentuch um Brust und Schultern gezogen. Dann ging sie rücklings, mit geöffneten Augen, Schritt für Schritt, bis die Wand ihr gebot, stehen zu bleiben. Hier hob sie sich auf und schreckte zusammen, als sie gewahrte, daß sich die Tür zum Flur bewegte. Jemand trat ein. Rasche Blicke liefen durch das eingedunkelte Zimmer, und diese Blicke nahmen einen eigentümlichen und fragenden Glanz an. »Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau. Mein Anklopfen muß überhört worden sein.« »Johanna, Sie?« »Ich bin es, gnädige Frau.« »Was gibt es?« »Frau Travelmann bittet. Es wäre nun Zeit, läßt sie sagen.« »Es ist gut. Geh' schon. Ich werde bald folgen,« und als sich die Tür wieder schloß und die Schritte Johannas langsam auf den breiten Gängen verhallten, als nebenan ein helles Gelächter einsetzte, Ohm Gideon wie ein kalkutischer Bronzeputer vor Vergnügen loskollerte und der geistliche Herr die Geschichte von der Schnupftabaksdose in seiner launigen Art weiter erzählte, fiel die Not der Stunde über Hille her wie mit Hammerschlägen. Ihr Gesicht stand kalkig in der Dämmerhelle. Die weißen Hände auf der Brust zusammengeschlagen, ohne Bewegung, nicht mehr sie selber, fragte sie tonlos: »Siehst du denn nicht, was um uns vorgeht, was mit häßlichen Fingern nach uns greift? Über ein Kleines noch, und wir haben Blut auf den Lippen und die Scham im Herzen. Mein Gott, mein Gott! ich weiß nicht wohin, aber mir ist so, als säßen wir an einer festlichen Tafel, auf der die Lichter verlöschen, eins nach dem andern. Das mußt du doch sehen.« »Ich sehe nur dich,« sagte er eisern. »Emmerich, hilf mir!« Er war wie geistesabwesend. Sie aber – dicht neben ihm, Auge in Auge, fast Brust an Brust und gerüttelt wie ein Baum in tobender Frühlingsnacht – bleich und verstört knirschte sie zwischen den Zähnen: »Emmerich, das Fest ist aus, die Lichter verlöschen, und dann kommt das Dunkel. Siehst du denn nicht, fühlst du denn nicht, wie das Unheil heraufzieht? Noch steht es fern über dem Walde. Aber wie lange noch? Es ist da, bevor wir es denken, plötzlich, unaufhaltsam, reißend wie ein Wetter im Heidesturm.« »Ich sehe nur dich und fühle nur dich,« wiederholte er, ohne mit einer Fiber zu zucken. »Was dann kommt, ist meine Sache allein. Am besten schon, auf der Strecke liegen zu bleiben.« Sie ließ die Arme herunter. Ihr Kopf mit der schweren Flechtenkrone senkte sich langsam. Sie schien einer Sterbenden ähnlich. »Es ist des Leides und der Qual genug,« seufzte sie auf. »Wir wollen uns doch das Schwerste ersparen, sonst geht die gespreitete Tafel auch ihres letzten Scheines verlustig. Und das wäre die Sünde.« Mit einem Ruck warf sie das Haupt in den Nacken. »Ich geh' nicht durch Sünde. Ich will nicht. Und du ... nochmals fleh' ich dich an: Rühre nicht mehr an vergangene Tage. Wir wollen doch den Frieden auf Getter nicht stören. Hier ist geweihte Erde. Das weißt du.« Ein Lachen, als hinge es zwischen den Eisentraillen des grauen Hauses, wo diejenigen weilen, die in ihrem wirren Geist von Zepter und Krone träumen und nur ein nichtiges Spielzeug zwischen ihren Fingern angrinsen. »Bitte, keine Vermittlung, keinen Hinweis. Geweihte Erde! Glaubst du, ich könnte diese geweihte Erde besudeln? Wofür hältst du mich denn? Nein, du: erhalten will ich sie in ihrer Reinheit und Weihe und diese Reinheit mit meinem Herzblut besiegeln. Drum bin ich hier. Aus keinem andern Grunde. Ich kam, weil ich mußte. Nicht um deinetwillen, nicht deinem Rufe gemäß, sondern, weil es mir Vernunft und Ehre befahlen. Widerwillig und nach längerm Zögern – gewiß. Aber der entscheidende Schritt mußte geschehen. Laß mich ausreden, Hille, sonst ist alles Spreuicht und in den Wind geredet, und das alte Grauen kommt wieder. Es war nicht zu ändern. Die befreiende Tat muß jetzt folgen, dir gegenüber und deinem Manne gegenüber. Auch eine weitere Lösung wäre möglich gewesen: ein unauffälliges Auseinandergleiten. Ich wies es von mir. Ich will nicht wie ein Schacher von hinnen. Die nämlichen Worte habe ich auch an Bernd zu richten. Ich hoffe, die Stunde wird sich heute noch finden.« »Warum das?« »Weil ich es für erforderlich halte, denn geschieht es nicht, meine Sendung wäre nur eine halbe gewesen. Selbst in Gedanken kann ich ihm gegenüber nicht zum Treulosen und Hinterhältigen werden. Und nun ein Letztes. Dann nichts mehr.« Seine Brust hob sich. Er zog lang und pfeifend die Luft ein. »Das Letzte. Unwiderruflich. Ich habe mich bereits um eine andre Stellung beworben. Möglich auch: eines Tages sieht mich der libysche oder assyrische Sand. Das ›wann‹ steht noch aus. Aber eins steht fest: dieses Haus bleibt verschlossen für mich. Es ist gut für uns alle und gut für den Frieden auf Getter. Dann wird auch das hier schweigen, und in ein ewiges Vergessen hinüberschlummern.« Ihre Züge erschlafften. Ohne Regung lehnte sie an ihm. »Also – Trennung?« »Ja, Hille, für immer.« Er legte den Arm um sie her und beugte sich nieder. Wie ein Heiligtum berührte sein Mund ihre Stirne. »Mit diesem Kuß nehme ich Abschied von dir. Vergiß mich, wie auch ich versuchen werde, dich zu vergessen, und wenn der Zufall es bringen sollte, daß wir uns wieder begegnen: wir sehen uns nicht, wir hören uns nicht, wir sind Schatten geworden, und Schatten haben nichts mehr gemeinsam. Heute noch ein scheues Zusammensein, ein wehes Sichberühren wie mit zarten Flügelspitzen, dann ein stilles Scheiden und Meiden wie das zweier Königskinder, die füreinander bestimmt waren und sich doch nicht angehören konnten und durften. Zwar kein schönes Ende, aber ein ehrenhaftes.« Sie neigte den Kopf, nickte etliche Male und sah auf den Boden. »Also Schatten,« sagte sie äußerlich gefaßt, »und Schatten haben nichts mehr gemeinsam. Recht wirst du haben. Es ist besser so für dich und für alle. Die letzten Kerzen auf der festlichen Tafel brennen noch. Gut, daß sie brennen. So haben wir doch unsre Würde behütet und unsre Seelen auf ein einsames Eiland gerettet. Die letzten Kerzen! Mögen sie uns leuchten auf unsern Pfaden und dann erst verlöschen, wenn für uns die ewigen Lichter zu strahlen beginnen. Komm' jetzt! Wir wollen kein Aufhebens machen. Laß mich allein gehen. Die andern warten hier nebenan. Schließe dich ihnen an und versuche es, heiter zu scheinen. Lebe wohl, Emmerich!« Er gab keine Antwort. Auch die Hand, die sie ihm reichte, war für ihn nicht vorhanden. Er war fertig mit allem. »Geh' nur,« sagte er abgewendet. Sie sah nicht mehr auf. Sie fand keine Worte mehr. Gesenkten Hauptes verließ sie das Zimmer. Als sie auf den Flur hinaustrat, lief sie ihrem Mann in die Arme, während die Tür hinter ihr ins Schloß fiel. »Du hier und nicht bei den Gästen?« »Ich war bei Emmerich, Bernd.« »Und ihr beide – du und er – ganz abgesondert – da drinnen?« »So ist es.« »Und ausgerechnet – jetzt mußt du gehen?« »Bernd, Mutter ließ rufen.« »Dann laß sie nicht warten.« »Kommt bald nach,« sagte sie im Weiterschreiten. Sie suchte möglichst unbefangen zu erscheinen. Aber ihre Stimme war fahrig geworden. Er warf sich herum. Etwas Häßliches zuckte plötzlich in seine Gedanken hinein; nur wie ein Blitz, um jäh zu verschwinden. Er lachte über sich selber. »Unsinn!« Mit diesem Wort auf den Lippen, riß er die Tür auf. » All right . Alles geordnet, Jans Schwarte bestellt, Gespann angegeben, Zeit festgelegt und tutti quanti . Wie am Schnürchen. Travelmannsche Arbeit. Und ihr? Seid ihr fertig geworden?« Er sprach alles forciert. Emmerich nickte. »Und ist sie gnädig gewesen? Ich meine: subtile Frauenzimmer haben ihre Nucken und Naupen. Besonders die, die feiner und rassiger veranlagt sind als ihre Schwestern.« »Wem sagst du das? Sie war dieselbe wie immer.« »So, so! Also dieselbe. Dein Urteil wertet, und ich freue mich dessen. Sie ist schon ein seraphisches Wesen, die Hille, obgleich ich mir öfters sagen mußte: etwas mehr Realität hätte nicht schaden können.« »Sei beglückt mit dem, wie sie ist.« »Bin ich, bin ich, und ich wäre ein Schwarbelkopf, würde ich mich ihres Besitzes nicht von ganzem Herzen freuen. Ich halt' sie in Klammern, hier mit diesen zwei Fäusten. Heilig, heilig! Das weißt du ja selber. Man könnte zu ihr wie zu einem Beichtiger hingehen, und sagen: Lege mir die Hände auf, damit ich genese! Du scheinst es getan zu haben.« »Ich tat es.« »Und mit vollem Erfolg?« »Ich bin zufrieden damit.« »Schön! und ist eine Unterredung unbedingt nötig gewesen?« »Ja, Bernd, sie war nicht zu umgehen.« »Aber zum Kuckuck noch mal! warum seid ihr denn nicht da drüben bei den andern geblieben? Das lag doch nah' und hätte meiner Voraussetzung entsprochen. Oder aber konntet ihr keine Zeugen gebrauchen?« »Weil du Wert darauf legst: nein, wir konnten keine Zeugen gebrauchen.« »Also nicht.« Die Worte standen neben einander wie Männer in blauen Panzereisen. »Dann allerdings« – und der Freisasse sah wieder das gelbe Auge des Häßlichen auf sich gerichtet – »dann muß ich dir sagen: Ich hatte mir eine Auseinandersetzung nicht in dieser Weise gedacht, sondern anders, ganz anders.« »Wie anders gedacht?« »Gerade heraus und ohne salbungsvolles Getratsche: eure Sitzung hat eine verteufelte Verwandtschaft mit Seelengemeinschaft.« »Lasse das, bitte!« »Nun kann ich mir auch ihr letztes Schreiben erklären.« »Schweife nicht ab! Keine Unterstellungen! Oder bin ich zitiert vor Stuhl und Schrein, habe ich in dir den Richter zu sehen, bei Kruzifix und brennenden Kerzen?« Der Freisasse schwieg. »Nun, wie lautet die Antwort?« »Nimm's auf, wie du willst!« Nun war's heraus. Der Hieb saß und zog blutrünstige Striemen. Also das war es. Das Auge des Häßlichen begann gelber zu funkeln. Mann gegen Mann und Stirn gegen Stirn. Emmerich Dinklage war um eine Tönung weißer geworden. »Keine Verdächte,« kam es von zuckenden Lippen. »Das wäre das Ende. Ein Tribunal unter deinem Vorsitz liegt mir nicht. Ich weise es ab. Aber Gott sei gedankt: ich kenne deine Natur. Ehrlich und offen, nur mit einer gehörigen Portion Starrsinn und Übereifer behaftet. Hier ist Ruhe geboten. Wir sind keine Komödianten, wollen keine Szene hier machen. Mein Gewissen ist rein. Es birgt kein Geheimnis, wenigstens keines, das man als sündig ansprechen könnte. Frei seh' ich dir ins Auge, wie immer. Und heute erst recht, sonst: ich wäre einer von denen, die man anspeien müßte... Aber bevor ich mich weiter erkläre, bevor ich dir meinen Gemütszustand, überhaupt meine ganze Verfassung auseinander lege, steh' Rede und Antwort! Glaubst du an mich oder tust du es nicht mehr?« Bernd starrte ihn an. Das kam unerwartet. War das Karnevalsstimmung oder geigte da der Tod auf dem Sargdeckel? Er grübelte nach. »Unsinn, verfluchter!« »Ja oder nein?« Die Mahnung war zwingend. »Du scheinst die Waffen vertauschen zu wollen.« »Ich? – nein. Ich habe nur den dringenden Wunsch, deine Ansicht zu hören. Es gilt die Bewertung meiner Person.« »In diesem Falle: ja, ich glaube an dich.« »Auch jetzt noch, wo Hille und ich diese Aussprache hatten, und zwar unter vier Augen und getrennt von den andern?« »Ich glaube auch jetzt noch, obgleich ich ...« »Hüte dein Wort. Es tanzt auf des Messers Schneide. In deiner Bejahung liegt ein gewisser Vorbehalt, um nicht Verneinung zu sagen.« »Stimmt.« »Bernd, in dir geht was um.« »Ja,« sagte dieser. Seine Stimme wurde zu Stahl. »Ja, ein Verdacht. Es gibt wilde, stoßende Vögel. Sie kommen plötzlich, unversehens wie der Schlag einer Art. Und so ein Gesell, so ein Verdacht, so ein wilder und stoßender Vogel hat sich an mich geworfen.« »Und ist immer noch da?« »Zurzeit noch.« »Und er läßt dich nicht fahren?« »Das liegt bei dir.« Er streckte die Rechte, die Faust der Travelmänner. »Gib mir die Hand. Begegne mir offen und rede!« »Hier meine Hand,« und Emmerich packte zu, drückte sie, gab sie zurück und sagte: »Wort gegen Wort und Mannesehre gegen Mannesehre. Du kennst die Geschichte von dem verwunschenen Brunnen in Rom. Ich erzählte sie damals, am Tag Sankt Huberti. Dort ging ich vorüber, ohne zu trinken, ohne einen Obolus in den Tobel zu werfen. Ich wollte vergessen. Es hat nicht gefruchtet. Das Arkan war nicht wirksam, wenigstens nicht auf die Dauer. Es ging einfach nicht. Hille sieht noch immer in meine Traume hinein. Und diese Träume ... ich will sie nicht träumen ... ich will kein Pflicht- und Treuloser werden, kein Lump ... Das sagte ich Hille, und was ich ihr sagte, das war auch vor meinem Herrgott gesprochen. Sie und ich – wir beide sind füreinander leere Schemen geworden. Als solche erkannten wir uns, als solche leben wir weiter. Und daher: ich kam, um nicht wieder zu kommen. Ich sattle hier ab. Eine Welt soll zwischen uns liegen, eine Wasserwüste ohne Anfang und Ende. Keine Gemeinschaft mehr. So weit meine Beichte. Und du: führe mich nicht in Versuchung! Zwinge mich nicht zu Erperimenten, die nach Verwesung riechen. Lasse mich ziehen! Sie ist größer als wir beide zusammengenommen. Ich beuge die Knie vor diesem Weibe. Für mich gibt's keinen andern Ausweg als nur diesen einen: nach der heutigen Feier ... ich tauche unter in einen endlosen Nebel. Nun richte!« »Ist schon geschehen. Das Weitere findet sich später. Zeit bringt Rosen. Und nochmals die Hand – du.« Der Freisasse rüttelte sich. Er atmete stürmisch. »Tu', was du willst! Ich kann dir jetzt keine Antwort darauf geben. Ich Hampelmann, ich. Lasse mich ausstellen – du. In 'nem Narrenkasten. Ich bin beschämt bis in die Knochen und weiß nicht: soll ich mit dem Schädel gegen die Wand oder mich für 'nen Tölpel erklären. Aber das schrei' ich dir zu: Dort jagt der wilde, stoßende Vogel ... auf und davon ... und kommt er nochmals zurück: Kolben an die Backe, und dem ekelhaften Flieger die Kugel. Bist du hiermit zufrieden?« »Lasse es gut sein, Bernd! Nur: ehre dein Weib. Lasse nicht ab von ihm. Sei ihm Stütze und Stab und gedenke der Zukunft. Wir aber ... und mit deinen eigenen Worten gesprochen: Wir haben uns mit dem Geschick abzufinden als ehrliche Kerle.« Die beiden standen Hand in Hand, als plötzlich der silberne Ruf einer hellen und freundlichen Schelle alle Räume und Flure des Freisassenhofes durchhallte. Gleichzeitig erhob sich ein befreiendes Lachen nebenan, ertönte die Stimme Ohm Gideons: »Das ist ja, um Bauklötzchen zu stehen. Prächtig, prächtig! Diese Schnupftabaksdosenaffäre hört man immer gern wieder. Danke, Hochwürden. Und jetzt: auf nach Sevilla!« Die im Nebenzimmer gingen zur Diele. »Komm jetzt, Emmerich! Das Fest kann beginnen.« 11 Das Fest kann beginnen. Als die beiden auf den Flur hinaustraten, wollte die animierte Stimmung des Paderborners noch immer nicht zur Ruhe kommen, obgleich das Freifräulein von Boeselager ermahnte, die Kontenance zu bewahren, und Ludgerus Hölscher dringend darauf hinwies, das Erzählte in den Schornstein zu schreiben, sich umzustellen und seine Gedanken auf den Ernst und die Weihe des heiligen Abends zu richten. Es fruchtete wenig. Ohm Gideon wieherte und lärmte weiter wie ein Remontehengst. »Grandios! Über alles Erwarten. Ich kannte die Sache. Aber mit dieser Verve und Grazie durfte sie nur ein Kanzelredner, ein gediegener Erzähler an den Mann bringen. Ein Fettnäpfchen hätte Mühe gehabt, sie feiner zu bekleckern.« »Menagiere dich, Gideon! Du sprichst, als wärest du im Hauskamisol.« »Tu' ich und will ich. Aber das war ja, um auf die Cheopspyramide zu klettern. Ein Königreich für diese Schnupftabaksdose!« Er klopfte sich auf die Schenkel, daß es sich wie ein Trommelfeuer anhörte. »Nein, dieser Maximilian Friedrich, Bischof zu Münster! Der veritabelste Salomo. Ein ulkiges Haus, das! Dem Mann ist ein Denkmal zu setzen, mit Steingirlanden und Posaunenengeln. Und erst diese Gräfin in ihrer Predullig und dem fidelen Liebeskitzel zwischen den Rippen! Das reinste Donauweibchen, 'n Mittelding zwischen 'nem Rosenkranz und 'ner unersättlichen Kruke. Das ging einem ja wie Schnepfendreck über die Seele. Ha, ha, ha, ha! Gratuliere, Hochwürden! Gratuliere und meinen gehorsamsten Beifall.« Die Stimme versandete. Dafür ertönte der silberne Ton der freundlichen Klingel zum andern. Im ganzen Hause war ein Duft nach harzigen Fichtennadeln und Wachskerzen, ging die Heimlichkeit auf Zehenspitzen, um die Menschwerdung des Himmelsfürsten anzukündigen. Seine Vorboten hatten bereits die Ställe aufgesucht und die Raufen bestellt, waren zu Knechten und Mägden gepilgert und hatten gesagt: »Macht frohe Gesichter; denn heut ist gekommen der Herr, der da erschienen ist, zu richten die Lebendigen und die Toten.« Sie standen als feurige Perlen und Diamanten über der Getter, zogen bereifte Litzen durch die Weltenräume, spiegelten sich in den Schneewehen wider, und es machte den Eindruck, als wenn irgendwo ein zartes Klingeln tönte, ein Klingeln von überirdischen Schellen, als käme der heilige Christ in einem lautlosen Schlitten gefahren, um Unheil und Mißwende abzuhalten und die Geschenke des ewigen Jerusalems wie goldene Mannakörner zu verstreuen ... und verstohlenerweise: sie hatten das grüne Geäst umsponnen und ein Stück des Himmelreichs durch die duftigen Zweige gewunden. Wie das strahlte und glänzte! Hoch und hehr, in ihrer ganzen Lieblichkeit und feiertägigen Andacht erhob sich die Fichte. Alle umgaben sie: solche, die dem Hause dienten, und solche, die ihm verwandt und zugetan waren: Hochwürden, das Freifräulein, Ohm Gideon, Johanna, Fritz Garke, Hövelkamp, Jans Schwarte und sonst noch, was in Küche und Keller regierte oder mit Karst und Spaten über die Felder zog und die Schollen sein säuberlich nebeneinander legte, Männlein und Weiblein, ernste Gesichter und frohe Gesichter und solche, die bereits das ewige Leuchten zu sehen wähnten ... aber alle überragt von Frau Judith, die, wie immer schwarz gekleidet und ein Samthäubchen auf den straffgescheitelten Haaren, neben Hochwürden stand, den Blick starr auf den Eingang gerichtet, als erwarte sie von dort das Alpha und Omega ihres Lebens. »Nun kommt meine Stunde,« sagte sie zu Ludgerus Hölscher. »Meine Augen mögen sich schließen; denn ich habe nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu wünschen. Ich empfinde das, was der fromme Simeon zu Jerusalem im Tempel empfand, als Maria erschien, um zwei Turteltauben zu opfern. Daß mir diese Freude noch wurde, ist eine Fülle des Glücks, der ich fast zu erliegen glaube. Und wenn es einträfe, man könnte kein schöneres Sterben haben. Doch jetzt zur Sache. Sind Sie vorbereitet, Hochwürden?« »Ich bin es, Frau Travelmann, und gerade wie Sie: auch ich bin fröhlich im Geiste und danke Ihnen, daß Sie mich auserwählten, Träger der Botschaft zu sein, die uns alle beseligt,« und siehe: in diesem Augenblick tat sich die Tür auf, und Bernd und Emmerich traten Hand in Hand zu den Harrenden, geblendet und überrascht von allem, was sich ihnen aufdrängte, und bevor sie sich von ihrem Erstaunen erholten, klang ihnen von denen auf Getter die Weihnachtslegende, das alte Lied entgegen, das schon ihre Altvordern über die Dawert gesungen hatten: »Es fiel ein Himmels-Taue In eine Jungfrau, fein; Es war kein' bess're Fraue Für solches Kindelein. Obschon du hast geboren, Bleibst dennoch eine Maid. O Jungfrau auserkoren, Preis wird dir allezeit. Bald sprach vom Himmelsthrone Ein Engel Joseph an: O Joseph, Davids Sohne, O du recht frommer Mann, Bei deiner Braut verbleibe, Die dir vermählet ist, Gott hat in ihrem Leibe Dies Wunder zugerüst't. Es fiel ein Himmels-Taue In eine Jungfrau, fein; Es war kein' bessre Fraue Für solches Kindelein.« Leise und schüchtern angestimmt, erhob sich das Lied allmählich in seiner ganzen Glorie und Herrlichkeit und rauschte auf starken Flügeln durch den weiten Raum, wo die von der Getter gemeinsam tafelten, Verabredungen trafen, Eide schworen, ihre Leute verpflichteten und die Toten aufbahrten. Als die Weise verzitterte, die Hände sich falteten und eine atemlose Stille eintrat, neigte Ludgerus Hölscher das Haupt, hob es wieder und begann eindringlich zu sprechen: »Stimmen der Verheißung, Stimmen aus dem Jenseits. O, daß sie kämen, o, daß ich sie überall fände! Mir ist so, als wäre der Vermittler in unsere Mitte getreten. Mir ist so ...? Nein, er ist wirklich und wahrhaft allgegenwärtig. Er ist unter uns. Er lächelt. Er öffnet die Lippen. Er redet. Und also spricht der Herr, der geboren wurde aus Maria der Jungfrau, zu Bethlehem im jüdischen Lande: Was steht ihr und harrt ihr am Scheidewege?! Seid nicht ängstlich, rüstet euch, greift zum Muschelhut und betet an den Stationen der Erkenntnis. Ihr, die ihr Leid traget um der Gerechtigkeit willen – kommt nur, ich will euch erquicken. Ihr, die ihr in Zweifel und Argwohn gegeneinander lebet, folget mir und reicht euch die Hände. Wo da Ängste und Nöte waren, sie werden dahingehen wie der Rauch von einem Brandaltar, des Feuer kein gottwohlgefälliges Feuer. Und ihr, die ihr hofftet, die ihr Verlangen trüget nach der Quelle heißen Gewährens – ihr ginget nicht abwegig, denn erfüllt soll werden, was der Erfüllung harrte und das Werden ersehnte. Lieblich und schön sein, tut es allein nicht. Ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben. Ihm sei die Ehre, denn seine Knospe wird aufspringen wie der Kelch der Christrose unter Kälte und Winterweh. Bernd, du bist der Letzte des Stammes. So Gott will, du bist es gewesen. Der Schmuck der Travelmänner wurde aus der Truhe gehoben. Unter ihm pocht ein reines Herz, und ein Frauenmund verkündet dir schamhaft: Ich bin gebenedeit unter den Weibern. Amen.« Er trat zur Seite und mit ihm Frau Judith, und siehe: unter dem hellen Baum stand Hille, einer Königin ähnlich, den Schmuck um Hals und Nacken gelegt, als Diadem die blonde Flechtenkrone, weiß wie ein Lilienblatt, die Lippen rot und brennend wie die Blüte einer Feuerbohne. Und ihre Augen! Ach, diese Augen... »Dein Geschenk,« sagte Frau Judith. Ein verhaltener Aufschrei. »Hille, Hille! kannst du vergeben...?!« Unter der Fichte hatte der wilde Travelmann seine schönste Weihnacht gefunden. Wohin man auch hörte, überall war ein stilles Weinen und Schluchzen. Das Edelfräulein drückte ihr Spitzentuch gegen die Lippen. Hövelkamp suchte den gestrigen Tag, ohne seiner habhaft zu werden. Verstört spielte er an seinen Knöpfen herum und stammelte vor sich hin: »Gott Verdammich, einen so in die Rührung zu stoßen.« Selbst Ohm Gideon verlor seine militärische Straffheit – ein Komödiant, der auf sein Stichwort wartete. Die Lider wurden ihm schwer. Dicke Tropfen rannen ihm über die Wangen. Vergebens kramte er in seinem Anekdotenvorrat nach einer muntern Sache, um sie wie ein Fasanenhähnchen aufschnurren zu lassen. Nichts stöberte hoch, bis es ihm selber zu dumm wurde und er in sich hineinzürnte: »Gideon, Haltung. Keine Liaison mit der Rührseligkeit. Nicht stieselig werden. Aus! Fertig!« Die Hacken klappten zusammen. Nur eine blieb steinern. Johanna. Dunkle Ringe um die Augen, die kurz zuvor noch nicht dagewesen waren, stierte sie auf Hille und Bernd. Sie sah nur die beiden. Alles andre um sie war schwimmende Nacht, ein Gewirr von grauen und ziehenden Fäden. Und nochmals erklang es: »Maria, Jungfrau reine, Da Gott sein Ruh in find, Für uns bitt' insgemeine Zu Jesus, deinem Kind, Daß er uns woll' einlassen Ins Himmel-Paradeis, Da man allzeit ohn' Maßen Singt Lob mit Ehr' und Preis.« Emmerich Dinklage war ans Fenster getreten, hatte einen Flügel halbwegs geöffnet... und fernher, ganz aus der Tiefe, riefen die Glocken von Hiltrup herüber. Da fuhr er sich über die eiskalte Stirn, hob das Haupt und sah mit nassen Augen in die Welt voller Sterne. So war eine Stunde dahingegangen, in Freud' und Leid, unter Lächeln und glücklichen Tränen, in seliger Getragenheit. Haus Getter hatte geopfert, aus dem Vollen heraus und mit offenen Händen, von denen die Rechte nicht wußte, was die Linke verausgabte, und die beiden Frauen, die gütigen Spenderinnen von all den Kleinigkeiten, die aber dem Leben erst seinen eigenartigen Inhalt und Reiz verleihen, konnten sich kaum vor den vielen Bezeugungen heißer Dankbarkeit retten. Hövelkamp sprach erregt von ewiger Treue und war wie einer, der sich im Sonnenglanz vor der Hoftür aufgepflanzt hatte, in blauem Stahl und mit breitem Schwert, um diesen Sonnenglanz zu hüten und Tod und Teufel, betrübten und armseligen Zeiten den Eingang zu wehren. Jans Schwarte jedoch blieb stumm wie ein Karpfen. Er musterte immer wieder seine hausgesponnen Lammfellsocken, zählte unentwegt seine harten, blanken preußischen Speziestaler und stand schwer in Überlegung, ob er jetzt bald heiraten könne, während die übrigen, Knechte, Mägde und Hofjungen, wechselseitig ihre Angebinde bewunderten, Frau Judith und Hille umdrängten, sich die Nasen wischten und den Tag segneten, der sie in Verpflichtung genommen. Das Antilopengesicht schwankte zwischen himmelhochjauchzender Freude und Bitternis. Die funkelnagelneuen Transchuhe imponierten ihm mächtig. Sie waren aus bestem Rindsleder und dreifach genagelt. Dann aber wieder ... »Die trägst du,« hatte die Alte gesagt, »nicht nur Sonntags und an den vier Hochzeiten, sondern tagtäglich, und ziehst sie erst aus, wenn du zu Bett gehst. Die strumpfigen Flurgänger sind Jungfernverderber. Verstanden?« und dann war sie zu dem blutjungen Ding mit den brandfuchsroten Haaren gegangen und hatte ihr ins Ohr geflüstert: »Lies fleißig in den ›Blüten und Perlen für christ-katholische Menschen!‹« Hierauf zeigte sie auf das erste Blatt, wo geschrieben stand: »Halte Gott vor Augen und den Riegel verschlossen, so werden dir die Knospen des Leibes nicht welken und die Perlen der Seele nicht auf und davon gehen,« und Ludgerus Hölscher nickte dazu und versenkte sich in sein Geschenk, in die Bilder des Ritters Joseph von Führich zu dem Buche ›Ruth‹, dem ›Psalter‹ und den ›Betrachtungen‹ des ewigen Thomas von Kempen. »Mir ist so,« sagte er bewegt vor sich hin, »als habe der Mann mit den Ohren der Evangelisten gehört, mit ihren Augen gesehen, mit ihrer Feder gezeichnet, so schön ist das alles, so erhaben und voller Gottesnähe, als ginge man über eine Wiese im Paradies mit leuchtenden Blumen, als da sind: Mariawindelweiß, unserer lieben Frauen Bettstroh und Siebenhämmerlein.« »Jawoll, ja,« pflichtete ihm Ohm Gideon bei, »mir ist ähnlich zumute. Nur ist die Gottesnähe mir fern.« Zur Bekräftigung dessen wippte er sich dreimal auf den Zehenspitzen hoch und ließ sich bedeutungsvoll wieder auf die Absätze zurückfallen. »Ich wallfahre anderswo hin, durch die Tabaksplantagen von Kuba, und ich freue mich dessen,« und er rauchte kalt an der opulenten Meerschaumspitze, die ihm der Hausherr als Präsent überreicht hatte. Das Freifräulein von Boeselager sah ihn vorwurfsvoll an: »Du Heide. Der Tag wird kommen, wo auch die Verstockten hellsichtig werden.« »Jawoll, ja, Stephanie, besonders dann, wenn sie 'ne Geschichte erwischen wie die von der Schnupftabaksdose.« Das graziöse Persönchen entsetzte sich: »Cri de douleur. O lala! O lala!« und sie pendelte mit ihrem silbernen Löckchen, daß man wähnte, ein zartes Wispern zu hören. Aber alle waren zufrieden und glücklich. Und wieder war eine Viertelstunde vergangen. Die Diele leerte sich. Unter Führung Hövelkamps hatten sich die Dienenden des Hofes in die Gesindestube begeben, wo volle Bierkrüge und reichliche Schüsseln ihrer harrten. Die letzten sahen nur noch, wie die Lichter allmählich verfielen, fromm und gottergeben, mit dem wunderfeinen Knistern von Libellenflügeln, bläuliche Rauchfäden durch das duftige Geäst ziehend. Das vorletzte flackerte auf, das letzte ... und beide vergingen. Die Fichte hüllte sich in Dunkelheit, aus der die roten und blauen Glaskugeln, die vergoldeten Äpfel und Nüsse ahnungsvoll hervorglimmerten. Dafür aber erstrahlte die Herrschaftstafel im Glanz der Travelmannschen Aufmachung. Wie am Tage Sankt Huberti, so hatte sich Haus Getter auch jetzt aus seinem patriarchalischen und bäuerlichen Tun heraus in das kavaliermäßige umgestellt. Auserwählte Gedecke waren an Stelle der irdenen getreten. Zweige von Stechpalm mit roten Beeren zwischen den saftgrünen Blättern umkränzten hohe Kristallschalen und silberne Leuchter, deren Wachskerzen mit denen der Hirschgeweihkrone wetteiferten. Abgesehen von den benachbarten Schulten und Gutsbesitzern, die heute ihre eigene Weihnacht begingen, saßen die geladenen Gäste wie damals beim Schüsseltreiben. Stephanie von Boeselager, Hochwürden und Johanna, letztere ihrer Werktätigkeit wegen, durch die sie sich alle Herzen im Sturm erobert hatte, waren nach Rang und Würde eingereiht worden. Fritz Garke nicht weit von Johanna. Er atmete schwer, als vernähme er irgendwoher ein verlangendes Fiepen und Schmälen. Den Windfang hoch, die Lichter offen und die Lauscher gespannt, zog er in Gedanken waldeinwärts. Die Schwüle ringsumher, die Erwartung, bald an den gestochenen Abzug schleichen zu können, machten ihn dämpfig. Trotz der Abfuhr, die er noch vor kurzem erlitten hatte, gab er seinen Pirschgang nicht auf. Das Schmaltier mußte heran, auf alle Falle, entweder so oder so, aber es mußte ihm werden. Das Forsthaus wartete. Blut und Rasse paßten zusammen. Ähnliche Gefühle hausierten durch die verborgensten Herzensfalten des Paderborners, dessen Blick nicht von der Gestalt des jungen und verlockenden Weibes ablassen konnte. Öfters, indessen er seinen Spiegelkarpfen in Dill kunstgerecht zerteilte, zog er die gefärbten Brauen aufwärts und blitzte dazu mit seinen Kulleraugen wie ein ungrischer Feldzeugmeister am Wiegenfest Seiner apostolischen Majestät des Kaisers und Königs, während Johanna über die beiden fortsah, als wären sie Hampelmätze mit langen Gesichtern. Ein Siegesgefühl brannte in ihrem wächsernen Antlitz, das plötzlich ins Glühen geriet. Dabei zuckte ihre Oberlippe spöttisch nach oben, herausfordernd und selbstbewußt. Die Zähne kamen zum Vorschein, ebenmäßig nebeneinander gesetzt, elfenbeinfarbig wie die einer geschmeidigen Tigerkatze. Da erkannte Ohm Gideon: »Ihre Gedanken sind irgendwo, nur nicht bei dir,« und als kundiger Thebaner, der alle faulen Kompromisse haßte und jeder Zukunftsmusik fern stand, zertrat er seine Neigung zur Tochter Montezumas wie den Stiel einer Kalkpfeife, streute Asche darüber, kehrte reumütig zum delikaten Spiegelkarpfen zurück, den Gänsebraten erwartend, dessen Duft bereits die große Diele durchwölkte, aromatisch wie der eines Osterlammes auf dem Brandaltare Jehovas, berauschend wie alle Spezereien und Wohlgerüche Arabiens zusammengenommen. Er hob sein Spitzglas. »Auf dein Spezielles, Bernd! Dein Gastmahl ist wieder von der obersten Seite. Selbstverständlich, deine Damen sind außer Wettbewerb, stehen turmhoch über uns Sterblichen, jawoll, ja, und daher: dir das Glas, du Gesalbter des Herrn, du in Kraft selbstauferlegter Pein, Plage und Forschheit deines Altvordern Schild- und Wappenloser ... aber man soll nicht immer das Lied vom königlichen Freisassen singen oder delikaten Spiegelkarpfen in Dill verzehren, man muß auch ... ich meine ... kurz, Mahnung ergeht, wie schon einmal geschehen, an Gruben-, Schleif-, Rund- und Schnittholz zu denken und die Art reden zu lassen. Sonst schlag' ich Lärm.« Er stellte den Kelch hin, räusperte sich und zog seine mit Mastix gesteiften Schnurrbartenden zu Lanzenspitzen aus. Dann blitzte er Fritz Garke an. »Bitte, mich unterstützen zu wollen. Ihre Ansicht, Herr Forstrat!« »Es wird Zeit,« sagte dieser. »Da siehst du,« fuhr Gideon fort, »und als korrekter Beamter habe ich nur den Termin zu notieren.« Er griff in die Seitentasche. »Notizblock und Crayon sind bereit. Also wann?« »Sagen wir in vier bis fünf Wochen,« meinte Bernd. Ohm Gideon nickte. »Bong! Geschrieben steht: Schätzung durch mich am 26. Jänner. Der Tag des heiligen Polykarp hat klare Augen. Die habe ich nötig. Eine Woche nachher kannst du mit dem Abtrieb beginnen. Immer fortepiano. Aber erst meine Arbeit.« »Selbstverständlich,« lachte der Gutsherr. »Nur, wenn's beliebt, eine Arbeit ohne Bouteillen.« »Seelenkenner! Doch später darüber. Hier wird nicht aus der Schule geplaudert.« »Und wo soll geschlagen werden?« fragte Frau Judith. »In der Hohen Fuhr und so weiter; dann auf dem Heidkamp in Darfeld. Kurz, aber schmerzlos.« »Auch auf Darfeld?« warf Ludgerus Hölscher plötzlich dazwischen. »Natürlich.« »Doch nicht die fünf stattlichen Eichen, unter denen Annette von Droste ...« »Warum nicht?« gab Ohm Gideon ohne Zögern zurück. » Ciel ! Also die Lieblingsbäume, in deren Schatten meine selige Schwester ...« »Eben dieselben, meine Charmante. Kerniges Holz. Es wäre Baumfrevel, zu warten, bis Rotfäule eintritt. Das kann eine sachliche Verwaltung nicht verantworten. Ihre Ansicht, Herr Forstrat.« »Die müssen Hals geben,« orakelte Fritz Garke zum andern. »Da hörst du.« » O mon dieu! mon dieu !« und das Freifräulein von Boeselager wuscherte erregt in ihrem Pompadour herum, entnahm ihm das mit einer siebenfältigen Krone bestickte Spitzentüchlein und tupfte sich damit trostlos die Augen. »Dann komm' nur. Es gibt Leute, die mit einem rauhen Fidelbogen über ein trauriges, einsames Herz streichen. Ich erwarte Sheriff und Henkersknechte, aber die Lilien auf dem Sarkophag meiner heimgegangenen Schwester werden zu Disteln werden und wider dich aufstehen.« Der Holz- und Forstkundige zuckte die Achseln, wobei er ein Stückchen Weißbrot auf die Gabel spießte und damit das letzte Restchen der Dillsauce so sauber hinwegnahm, als wäre das Züngelchen einer Miezekatze über den Teller gefahren. »Stephanie, Geschäft ist Geschäft, und Klafter ist Klafter.« »Du Unmensch! Du Alarmtrompeter und Mann ohne Herz! Wag's nur, und die geschändeten Eichen, die Manen der Freifrau von Darfeld ...« Die Märchenprinzessin zerknüllte ihr Spitzentüchlein. Vor Tränen, die in ihre Stimme hineintropften, konnte sie nicht weiter sprechen. »Stephanie,« begütigte Emmerich, der bisher wie geistesabwesend das Plaudern der Lichter verfolgt hatte, »er wird es nicht darauf ankommen lassen.« »Der?!« trumpfte die Erregte auf, und hinter ihren Wimpern begann es zu leuchten. »Er tut's. Ich kenne ihn doch. Er hat sich schon viel schlimmere Dinge geleistet.« Ohm Gideon hob die kreisrunden Blicke und fragte geschäftsmäßig: »Welche zum Beispiel?« »Auf der Senne, vor Jahren. Cherchez la femme . Damals, als du noch ein bildhübscher Mensch warst, als Dolman und Attila dich noch zierten, da ist die Tochter des Pader-Müllers um deinetwillen beinahe ins Wasser gegangen.« »Beinahe?!« Ohm Gideon schmunzelte, wie die ausgepichten Sünder zu schmunzeln verstehen. »Beinahe und ähnliche Schosen! Recht wirst du haben. Als flotter Husar darf man schon derartige Sächelchen entrieren. Kein Hufeisen ist dem Mädel abhanden gekommen. Jawoll, ja, aber ich kann mir nicht helfen: Stephanie, Geschäft ist Geschäft, und Klafter ist Klafter.« Judith schüttelte den Kopf. Ihr Krückstock machte eine unwirsche Geste. »Ausgeschlossen,« sagte sie heftig. Der Gemaßregelte fuhr erstaunt in die Höhe. »Auch Sie, Frau Travelmann? Auch Sie, wo Sie doch als praktische Wirtschafterin den Nutzen von Bau-, Rund-, Schleif- und Nutzholz zu werten verstehen? Diese Sentiments! Ich komme mir vor wie'n angewurzelter Scheit unter 'ner Libanonzeder.« »Alter Supsack,« lachte der Gutsherr, »dann wurzle man weiter. Auf Darfeld wird nicht taxiert und geschlagen.« »Nicht?« »Nein, und wenn ich betteln müßte.« »Also kurz und bündig: nichts mehr zu ändern?« »Nichts mehr.« »So, so!« und der Paderborner mit dem behäbigen Bäuchlein und den kurzen Honwed-Beinchen ließ die Maske fallen, griemelte vergnügt vor sich hin und neigte den schönen, aber entwaldeten Eierkopfschädel. »Denn nicht,« sagte er mit der Ergebenheit eines Peripatetikers und schüttete sich ein Glas Rotwein hinter die Binde. »Es ist jedenfalls zutunlicher, in die Wüste zu pilgern und Ziegel zu streichen, als mit Damen über Nutzholz zu plaudern. Praxis und Diarrhöe sind eben verschiedene Dinge. Ich ergebe mich in den Willen des schönen Geschlechtes beider Hemisphären.« Bernd prustete los. »Bravo, mein Junge! Zum Lohn dafür werden dir am Tage des heiligen Polykarp zwei Bouteillen Schätzungswasser genehmigt.« Ohm Gideon strahlte. »Drei, Freisassenhöfer!« Er hob beschwörend die Hand und ließ seinen Lapislazuli glänzen. »Zugestanden.« » Merci !« und dann ein bewunderndes »Ah!« aus dem Munde des Unverbesserlichen, ein Schnüffeln und Schnuppern, denn auf blendenden Assietten wurden in diesem Augenblick zwei knusperige, gebräunte, mit Äpfeln und Maronen gefüllte Gänse auf die Diele getragen. Eine prächtige Schau, der sich der Ruch nach Majoran, Beifuß und Madeira gesellte. »Sapristi!« feixte Ohm Gideon, »zwei Adelheids aus den heimischen Ställen, zubereitet nach meinem Rezept, empfangen von dem Gastronomen und großen Bratensieder Midi in Münster. Heil diesem Küchenchef! Uns aber eine fromme, selige und geruhsame Weihnacht.« Er schwenkte sein Glas. Alle stießen mit an. Auch das Freifräulein Stephanie von Boeselager, die allen Unmut verwand und wieder zu lächeln vermochte. Selbst Hochwürden war trefflich bei Laune. Er hatte ein seines Verständnis für den derben, emeritierten Kavalleristen, der nichts verabsäumte, der Feier auf Getter einen weinfrohen und bekömmlichen Anstrich zu geben. Ihm war viel zu verdanken, aber auch viel zu verzeihen. Er verglich ihn mit einem Traubenkern im gärenden Most, mit einer Schnuppe unter dem Himmelreich, von der man nicht wußte, woher und wohin, mit einem braven, alten Gesellen, der bereits abkandart, aber noch immer willens schien, nach neuen Funken zu greifen, um damit sein einsames und abgewirtschaftetes Herz zu erleuchten, Aprèz nouz ... Das war es, und dennoch: mit verhängten Zügeln und dem herzlichsten Lachen von der Welt konnte dieser Draufgänger das Märchenreich der Sultanin Scheherezade durchsprengen, unter Palmen träumen, um gleich darauf wieder auf lahmem Klepper dahin zu jockeln und bei Speck und dicken Bohnen sein Dorado zu finden ... und das versöhnte, ließ manches begreifen und über vieles hinwegsehen, das sonst Gelegenheit geboten hätte, den Kopf zu schütteln und die Nase zu rümpfen. »Sie denken an Ohm Gideon,« sagte Frau Hille, die Erwägungen des geistlichen Herrn in sich aufnehmend. »Aber er meint es gut, so rauh auch die Schale.« »Kein Zweifel,« gab Ludgerus zurück. Die welken Finger trommelten sacht gegen das Kelchglas. »Ich beurteile ihn nach seinen eigenen Schätzungstabellen. Er ist genau so wie diese. Man kann getrost darin herumblättern, ohne auf bedenkliche Ziffern zu stoßen. Keine ist anrüchig. Cum grano salis natürlich. Aber auch wie abgelagerter, brauner Portwein. Nur nicht für jeden bekömmlich.« »Zum Wohle, Hochwürden! In die Kanne gestiegen. Wasser ist gut, aber Portwein ist besser, und das Bessere ist seit den Zeiten des alten Herrn Methusalem der Feind des Guten gewesen.« Ohm Gideon prostete über den Tisch fort, plinkerte verschmitzt mit dem linken Auge, als wenn er andeuten wollte: »Ludgerus, wir verstehen uns beide, wissen einen feurigen Tropfen zu schätzen und lassen unsre Gnade träufeln auf solche, die noch im Irrgarten des Lebens herumtaumeln, und auf solche, die sich bereits zu den Kümmeltürken zählen. Uns kann man die schönsten Federn aus dem Steiß ziehen, und wir sind dennoch die Hähne. Jawoll, ja,« und dabei spiegelten sich die Kerzen in seinen aufgerissenen Blicken, als wären dort Flambeaus angezündet, Freudenfeuer und Zukunftsfanale, um die zu begeistern, die in dem Träger dieser Flambeaus ihren Herrn und Heiland erkannten ... und so, unter frohen Gesichtern, dem animierten Geplauder angeregter Menschen, dem Duft der eingedunkelten Fichte und den lauten Stimmen, die aus der Gesindestube herübertönten, tat der Perpendikel in der altmodischen Kastenuhr seinen bedachtsamen Gang, rückten die Zeiger weiter und kamen allmählich in den Bereich der großen römischen Ziffer, die dem heutigen Abend Ziel und Grenze setzte. Auf Anregung des Paderborners, der immer Nägel mit ›Köpp‹ machte, und die Genüglichkeit, wie er sagte, nicht gestört wissen wollte, hatte man sich entschlossen, keinen Ortswechsel vorzunehmen, die Tafel bestehen zu lassen und den Herren die Freiheit des Rauchens zu verstatten. »Mir roochert!« und als man die gefälligen Kistchen und die bläulichen Spiritusflämmchen anpräsentierte, tat der Besitzer des vortrefflichen Bülow Krawallo einen glücklichen Seufzer, schlug die kurzen Beinchen übereinander und sagte: »Achtung, Herr Forstrat! Nun kommen die ›Extras‹, aber solche mit 'ner Bauchbinde um, wie'n Kapuzinerpater von Sankt Maria zur Wiesen. Achtung!« und mit spitzen Fingern nahm er eine der ihm angebotenen Zigarren, während Hochwürden seine Schnupftabaksdose aufklappte, hineingriff und sich den leckeren Spaniol zu Gemüte führte. So blieb man bei Tisch, traulich vereinigt, der Viertelstunden nicht achtend, die wie flinke Karnickel vorbeiflitzten. Die Gueridons dunkelten ein. Einzelne Kerzen verlöschten. Neue wurden auf die Leuchter geschoben. Ein frischer Glanz belebte die Tafel. Unter seinem Schein schien Frau Hille reifer und schöner, wenn auch bleicher geworden. In dem Travelmannschen Schmuck, der alles hergab, was in seinem Gold und seinen Steinen wohnte, war sie aus dem Gemälde eines niederländischen Meisters gestiegen. So schien es allen, auch Hochwürden, auch Emmerich, der dicht neben ihr saß, seinen Geist zermarterte und ihn hinauspeitschte in den kalten Schnee, in die Frostnacht, in die er bald hinaus mußte, um die Getter nicht wiederzusehen ... Weißen Gesichtes, roten Mundes, mit geöffneten Augen, im Schmuck der alten Juwelen und Grandeln – so saß sie ... ähnlich der schönen Frau des Herzogs von Jülich, Kleve und Berg ... damals, als Zinken und Pauken hofierten und sie in der hohen Residenz die fröhliche Fastnacht begingen ... Das sah auch Bernd, und die Worte fielen ihm ein: »Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein wird Mummenschanz gehalten ...« Plötzlich, unvermittelt waren ihm diese Worte gekommen, just wie am Tag Sankt Huberti, als er seinen Arm in den Ohm Gideons legte, um mit diesem an die gutbestellten Schüsseln zu treten. Nur heute ganz anders als an jenem jagdfrohen Abend. Damals umkränzte die Tafel herbstliches Laub, war derbes Lachen, zitterten noch die Halalirufe durch die weite Diele, kam später die dumme Geschichte mit Barthlemes Altrogge, und heute: liebe Menschen und fromme Gedanken, der harzige Duft des Waldes ringsum die heilige Legende von der Menschwerdung des Herrn in den Nadelzweigen ... Und dennoch: just wie vor Zeiten: »Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein ...« Und da saß sein Weib, die Schöne von Darfeld, die Travelmännin, die anmutigste von allen, die er jemals gesehen ... und drüben, nicht weit von ihm ... Was wollte Johanna? Ihre Blicke ließen jäh von ihm ab, gingen zu Emmerich, beobachteten Hille, um wieder still und geheimnisvoll in die seinen zu tauchen. Keiner bemerkte es, selbst die Hellsichtigen nicht. Aber er sah es und es trieb ihm das Blut durch die Adern. Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein – Carne vale! Eine fröhliche Fastnacht! Wurde hier Mummenschanz gehalten und Maskenfreiheit geboten? Pauken, Trompeten, Walzerschritte, kreisende Bilder aus alten und jungen Tagen ... und er mitten dazwischen. Also los denn dafür! In übermütiger Laune hob er sein Glas, trank seinen Freunden zu, seinem Weib, ließ wieder füllen und redete in Zungen, die zu gewöhnlichen Zeiten fremd bei ihm waren. » Mon cher , du bist heute so aufgeräumt, wie ich dich niemals gesehen,« zwitscherte das Freifräulein von Boeselager ihm zu und tippte ihn an. »Bin ich. Wie sollte es auch anders sein. Siehst du denn nicht?« »Ah! ich versteh'. De l'abondance du coeur la bouche parle. « »Stephanie, sie ist gebenedeit ...« Er verschluckte die letzten Worte, kam aber von Hillnicht los. Sein Blut rauschte. Er erfreute sich ihrer hinreißenden Schönheit, ihre abwehrenden Ruhe und der Hoheit des Weibes im Weibe. Immer näher rückte die Stunde des Abschieds. Und wieder kränkelten etliche Lichter. Hille sah sie aufgeistern und lautlos vergehen. Scheu streifte sie Emmerich. Sie wollte sprechen, ihm noch einiges sagen, bevor er ging, um nicht wieder zu kommen. Sie konnte es nicht, vermochte keine Lippe zu regen. Das Schweigen lag dumpf und schwer wie Blei zwischen ihnen. Sie verschränkte die Hände und dachte: »Es gibt eine Angst, eine Lebensangst, die läßt sich nicht abtun, wenigstens nicht, so lange die vergangenen Tage noch zurückleuchten. Kein Mensch kann es. Auch er nicht. Es ist gut für ihn, daß er geht, gut für uns beide; jedenfalls besser, als den traurigen Mut zu haben, schuldig zu werden. Seine Weihnacht kommt noch. Ich bin machtlos darin und kann ihm nicht helfen. Er muß sie sich schon selber erkämpfen,« und in dieses Denken hinein sah das Mitleid und sah der Schmerz und sahen die auf Darfeld gemeinsam verlebten Tage und Stunden und sah das Abendrot, das fern über der Heide zwinkerte, unerreichbar, feierlich hingehend und von den Klängen des Ave-Läutens getragen ... und willenlos, wie von einer zwingenden Macht getrieben, unvermögend, ihrer Selbstbestimmung eine andere Richtung zu geben, achtlos schaute sie hin ... und ihre Augen begegneten sich, wie in geheimem Einverständnis, berührten sich wie Schmetterlingsflügel, um gemeinsam in einem lichten Glanz dahinzuschaukeln. So kurz das alles auch war, der Freisasse hatte den Blick aufgefangen, den Blick des Schmerzes und des Mitleids, und münzte ihn um. Eine blutige Gardine wurde vorübergezogen. »Also doch bis in die Knochen verrottet. Heilige, die nicht heilig sind, reißt man von ihren Postamenten herunter.« Die Knöchel auf dem Tisch, fuhr er strack in die Höhe, den Geist ins Leere gepeitscht, in ein Chaos von weißen Nebeltüchern. »Was hast du?« fragte Frau Judith. Sie fröstelte. »Eigentlich gar nichts,« gab er abgerissen zurück. »Ein Stoßvogel nur, einer von den wilden, unbarmherzigen ... Eins nur tut not: die Flinte anzubacken und so 'nem Vieh 'ne Kugel zu geben. So aber: va banque !« »Rede nicht so,« sagte die Alte. »Der Wein geht ins Blut. In kalten Winternächten soll man Maß halten.« »Und den Angelus Silesius lesen,« meinte Hochwürden. » Ubi sunt gaudia ! Ungezählte Schätze sind in diesem Büchlein verborgen. Auch solche, die Milde und Duldsamkeit predigen. Man muß sie nur heben. Sie kommen uns allen zugute. Und nun habt Dank, ihr Lieben, habt Dank! und nochmals eine gesegnete Weihnacht. Ich höre ein Glöckchen tönen.« Draußen war Schellengeklingel und das Stampfen von Pferden. Alle erhoben sich, nickten sich zu und rüsteten zum Aufbruch. Nach altem Brauch und landläufiger Sitte wurde den Gästen das Ehrengeleit bis ins Freie gegeben. So auch hier. Auch Bernd wollte mit. Noch stand er hinter der Tafel, allein, die grauen Augen wie Tintenflecke, noch nicht Herr seiner selbst. Seine Blicke krochen hinter Emmerich und Hille her wie auf den weichen Tatzen von Raubtieren. Erst Ruhe, bevor er hinaustrat ... und nochmals, ganz unvermittelt, glaubte er Böses zu sehen. Da blieb er, ächzte auf und stieß einen verhaltenen Laut durch die Zähne. »Narre von Kerl du, pfeif' nicht zu laut oder gib dir wenigstens Mühe, es unauffällig zu machen.« Seine Faust polterte auf den Tisch. Er griff nach dem Weinglas. »Was willst du?« Emmerich stand im Türrahmen – ohne Hille, das glattrasierte, energische Gesicht starr auf das seines Freundes gerichtet. Und dieses Gesicht war entstellt, trug die Spuren wilden Schmerzes; nur die kalte, unerbittliche Bronzefarbe war übrig geblieben. »Was sollte der Stoßvogel, Bernd?« Der Gutsherr winkte verächtlich und gab keine Antwort. Da trat Emmerich näher und sagte: »Bernd, bevor wir scheiden, erkläre dich, bitte!« »Hat Zeit,« kam es eisig zurück. »Das könnte zu spät sein für einen, der noch ein Lot Charakter besitzt.« »Dann bleibt es dabei. Ich kann mich beherrschen.« Da flammte es gegen den Freisassen an: »Dieser Riß – er kann tief und schonungslos werden. Leb' wohl!« Und Emmerich ging. Bernd rührte sich nicht. Jemand kam aus einer Seitenkammer geschlichen. Ein blutwarmer Frauenkörper war bei ihm. Gleich darauf glitt es wie ein Schlänglein davon und machte sich im Nebenzimmer zu schaffen. Er stand noch immer hinter der Tafel, die Rechte am Weinglas, und stierte nach der Türe. Draußen hörte er Ohm Gideon singen: »Es diente mein tapferer Vater In der preußischen Garde zu Fuß ...« Angepfählt, sah er stur auf den Eingang. 12 »Er ging seines Weges,« fuhr es ihm kraus durch die Sinne, »wie der Landpfleger Pontius Pilatus, der ein hartes Gesicht machte, seine Hände wusch und sie abtrocknete, zum Zeichen: ich bin nicht schuldig am Blute des Galiläers.« Die Freude am Leben streifte er von sich. Er horchte auf. Die Stille der Nacht verstärkte alle Geräusche. Selbst die leisesten hörten sich an, als gingen sie auf Nägelschuhen durch Kammern und Scheunen. In der Gesindestube war man noch heiter, freute sich des heutigen Abends und ließ die Gläser aneinander lauten. Aber das Lautsein respektierte Sitte und Anstand. Hövelkamp sorgte dafür, daß die Kirche im Dorf blieb. Man hätte das Krispeln und Rascheln eines Strohhalms vernommen, so arbeitete die geschäftige Stille, unentwegt, erbarmungslos, mit dem scharfen Meißel eines Kleinkünstlers. Er vernahm den Odem der schlafenden Tiere in den Ställen, das Schnaufen des Stieres und das dumpfe Auf- und Niederpendeln der Latierbäume. Auch das der Halfterketten, das Wuchteln des Schleierkauzes, der sich wie ein Schattenspiel um die weitläufigen Gebäulichkeiten des Hofes bewegte – und war doch nur ein Nichts, ein Wesenloses, ein schaukelnder Flaum vor dem Hauch des Unfaßbaren. Alle Sinne erregten sich doppelt und dreifach. Er sah mit andern Augen, hörte mit andern Ohren, fühlte mit andern Nerven. Das, was er zu sehen gewähnt hatte, wurde zur Gewißheit bei ihm, trat in Gestalt eines brutalen Menschen auf ihn zu, redete wirres Zeug durcheinander und drehte ihm den klaren Verstand aus den Fugen. Sein Schädel ähnelte einer Kesselschmiede: ein Rasseln von Eisenblechen, ein Züngeln von Flammen und giftigen Schwaden, ein Dröhnen von Hämmern, und in diesem Dröhnen die immer wiederkehrenden heillosen Worte: »Und er ging seines Weges wie der Landpfleger Pontius Pilatus, der ein hartes Gesicht machte, seine Hände wusch und sie abtrocknete, zum Zeichen: ich bin nicht schuldig an dem Blute des Galiläers.« Und er fügte hinzu: »Pharisäer.« Das knirschte. Dann hörte er wieder auf die Stimmen da draußen, auf die seiner Mutter und die von Ludgerus Hölscher. Er vernahm sie ganz deutlich. Die seiner Mutter schien ihn entschuldigen zu wollen, sein Fernbleiben auf eine gewisse Arbeitsübermüdung zurückzuführen. Auch vernahm er, wie man es sich in der Schlittenkufe bequem machte und Jans Schwarte erklärte, in zwei bis drei Stunden könne er zurück sein, vorausgesetzt, daß keine fatalen Umstände einträten und Ohm Gideon nicht den Wunsch äußere, bei irgendeinem Krug noch abzuhalftern. Gleich darauf sprach Hille vereinzelte Worte. Er verstand sie nicht; an wen sie gerichtet wurden, das fühlte er deutlich. Sie schlichen sich an ihn, legten ihm einen Strick um den Hals, schnürten ihm die Kehle zusammen. Wilde Zerrbilder traten in sein Gesichtsfeld, veränderten sich in Form und Gestalt, als hätte sie ein wahnwitziger Geist in den Nebel gezeichnet. Keine Wirklichkeitsbilder mehr. Alle wüst und verwahrlost. Hastig leerte er sein Glas und füllte es wieder. Diese Zwangsvorstellungen! Er rekapitulierte: die Geschehnisse auf Darfeld ... damals ... vor Jahren ... ihr heutiges Zusammensein ... Emmerichs Antwort ... sein forciertes Wesen ... ein Sichmeiden und doch ein unauffälliges Ineinanderklammern der Seelen und Leiber ... Verdammich! er schrieb seine Gedanken mit blutiger Feder. Immer tiefer raste er in einen Tobel von Zweifel hinein. Er stellte sich vor: es gibt Blicke, die sündiger sind als die heißesten Küsse, die tiefer loten als die heiligsten Schwüre. Nennen wir es ruhig beim Namen: das Weib ist zwiespältig von Anbeginn an. In ihm wohnt Auferstehung und Tod, Qual und Entsetzen, Freude und Verwesung. Auch in dem reinsten. Und Hille war rein. Aber war sie auch rein in Gedanken? und waren diese Gedanken nicht bereits ein Abschlag für später, für die unselige Stunde, in der sie sich sagen mußte: Mein Blut ist stärker als ich; ich kann mich seiner nicht mehr erwehren? und es fuhr ihm jäh durch den Kopf, was er wohl täte, wenn man über seine Ehre fortschritte wie über einen mistigen Strohhalm, falls Emmerich es wagen sollte, sein Weib zu entkleiden, wenn auch nur mit unkörperlichen Händen und in erregten Träumen. Immer taumelsüchtiger wurden die roten Zeichen und Runen. Er las Zeile um Zeile, Buchstabe um Buchstabe. »Wenn er es täte...!« Seine Faust krachte nieder. »Dann – ultima ratio !« und seine halbgeschlossenen Lichter krochen an den Wänden entlang, wo allerlei Jagdgerät hing: altmodische Flügelhörner, Angelgerten und Feuerschloßbüchsen. An einer Hetzpeitsche blieben sie haften. Das war, was er suchte. »Die müßte heran.« Er streckte die Hand aus. Draußen erhob sich ein lautes Geklingel. Jetzt fuhren sie ab. »Hia da hüp!« und mit dem nadelfeinen Gezwitscher von Singmäuschen glitt die Kufe über den Hof hin, durch die große Einfahrt ins offene Land hinaus, wo Myriaden von Lichtsplitterchen sich in dem weiten Schneefeld widerspiegelten ... und sein Haß fuhr mit und fror nicht und fröstelte nicht, glühte vielmehr und regierte die Hetzpeitsche. »Da jagt einer fort, ein Landflüchtiger. Pontius Pilatus, halt' an, steh' Rede und Antwort. Dein Händewaschen fruchtet dir nichts. Wischt die Schande nicht fort. Aber ich seh' jetzt: mit dir ist kein Staat mehr zu machen. Reisende soll man nicht aufhalten. Also, Pontius, 'rin in den Sumpf und leuchte den Toten! Mein Geschmack ist abwendig. Ich habe 'ne andere Mission zu erfüllen. Sie bleibt im eigenen Hause und richtet sich an die nächste Adresse. Dann fällt Schutt über mich hin.« Er verstummte. Sie kamen zurück: seine Mutter, Hille und das Fraulein von Boeselager. Nur eine kurze Spanne noch, eine einzige Szene, und das Spiel war zu Ende. Frau Judith trat ihm entgegen, in der alten Würde und Hoheit, pflanzte sich vor ihm auf wie eine Sterbekerze in der Kirche von Hiltrup und sagte: »Ist das das Ende einer seligen Weihnacht auf Getter, wo sich alles anließ, als wäre uns endlich der Engel des Herrn erschienen? Hörtest du nicht aus seinem eigenen Munde: Ich bin nicht mehr allein, ich atme für zwei? Wohin ich gehe, da geht die Hoffnung mit und eine Gott wohlgefällige Freude? Und nun diese Umstellung, dieses Verleugnen, dieses brutale Verhalten deinem Freund und den übrigen Gästen gegenüber. Mußte das sein? War das unbedingt nötig? Nein, das durfte nicht geschehen. Das war deiner nicht würdig, und wenn du mir in den Ohren liegst: So bin ich nun mal und kann mich nicht ändern, so sage ich dir« – und die Alte mauerte ihre Worte nebeneinander wie Ziegelsteine – »die Travelmänner gehen inbrünstiglich zur Eucharistie und zermahlen gleichzeitig einen Fluch zwischen den Zähnen. Das hab' ich bei deinem Vater erlebt, und wenn ich dran denke, atme ich die Moderluft einer Sterbekapelle; allein ich machte auch stets die Erfahrung: sie wahrten den Anstand.« »Mutter, das mir?« Er stierte sie an, das Gesicht wie verheert. »Lasse mich aussprechen, Bernd.« Sie hob drohend den Krückstock. »Erst ich, dann kommst du an die Reihe. Das Haus ist verödet. Mir ist so, als hätte es weder Klaue noch Feder. Hier lauert etwas, das hat Gift auf der Zunge und Argwohn unter den Rippen. Willst du es aufkeschern und ihm die Bolzen noch fiedern? Ich sehe: die seligen Stunden haben keine Gemeinschaft mit dir, sind spurlos vorübergegangen. Sie gaben reichlich, ohne von dir gewertet zu werden. Sonst wäre dein Verhalten nicht möglich gewesen. Ich täusche mich nicht. Gefaßt, wenn auch bekümmerten Sinnes sehe ich den Dingen entgegen. Wir wollen uns gegenseitig nichts vormachen. Kein Parlamentären, denn wir beide sind Menschen, die sich von jeher verstanden, selbst unter geballten Fäusten. Alles jedoch war offen und ehrlich gemeint, wenn es auch weh tat. Jetzt aber: hier lockt eine häßliche Flamme, frißt am Gebälk und will über sein Höchstes und Bestes herfallen. Tritt sie tot, diese Fresserin, bevor es zu spät ist. Glaubst du denn, ich wüßte nicht, was in deinem Innern vorgeht? Sähe nicht, was sich an dich geworfen hat? Daß Hille und er eine Aussprache hatten, das weiß ich. Es ist mit deinem Willen und Wissen geschehen. Daß Emmerich kämpft und immer noch leidet, auch das ist mir kein Geheimnis geblieben, und ich habe schwer dran zu tragen. Aber du selber ... Warst du es nicht, der mir alle Sorgen hinwegnahm? Und nun willst du kommen ... mit einem Mal: ... aus heiterm Himmel herunter ... Was bezweckst du damit? Hier bin ich, und dort steht dein Weib. Also, was willst du?« Ein trockenes Lachen. Er schabte sein Kinn. »Immer 'ran an die Kandare und Fühlung gehalten. Das ist nötig, um mir selber nicht untreu zu werden.« Dann schwieg er. »Ach, Bernd! Viens, mon ami ! Wie konntest du nur?« Das Freifräulein von Boeselager legte ihm die Hand auf die Schulter. Tränen standen in ihren Augen. »Ich tat, was ich mußte,« gab er kurz zurück. Er schob sie beiseite, wie man einen Armvoll Ähren zu den andern häufelt. Und wieder das verhaltene Atmen. »Was stehst du da und gibst keine Antwort, und weißt doch: ich bin deine Mutter.« »Aber ein Weib.« »Was heißt das?« Seine Faust griff ins Leere, als wäre dort Halt und Stütze zu finden. »Das Weib hängt am Weibe. Was das eine tut, wird vom andern gebilligt.« Sie prallte zurück. »Der Wein spricht aus dir.« »So magst du es nennen. Ihr hört nur Mäuse pfeifen. Ich Ratten. Das sind zweierlei Pfiffe. Kurz, es handelt sich jetzt darum, Dinge zu klären, die der Aufklärung harren. Vorhin bei Tisch ist etwas verabsäumt worden. Dem ist Rechnung zu tragen. Der Weihnachtsbaum brannte, die Tafel war trefflich und kein Tadel zu finden. Im Hause Travelmann wird nicht gelumpt und geknausert. Das soll ausdrücklich betont und festgelegt werden. Kein Titelchen fehlte. Mit Apothekergewichten wurde alles gewogen. Aber die Klimax blieb aus, und da, wie es scheint, auch jetzt sich keiner findet, das Manko in Wechsel zu nehmen, fühle ich mich veranlaßt, den Ausgleich zu schaffen und die unter den Tisch gefallene Rede zu halten.« »Was willst du?« Frau Judith glaubte nicht ihren Ohren zu trauen. »Trag' mir nicht das Entsetzen ins Haus; denn wenn ein Travelmann redet ... zu dieser Stunde ... in dieser Verfassung ...« Die Frauen drängten ängstlich zusammen. »Bernd, ich verbiete dir, diesen Ort zu entweihen. Hier werden Tote gebahrt und Eide geschworen.« »Und Reden gehalten.« »Du sollst nicht!« Aber da stand er schon, der Frei- und Erbsassenhöfer, bleichen Gesichts, hart und zäh, einen steilen Hieb zwischen den zusammengezogenen Brauen, just wie sein Vorfahr, als er denen zu Münster die Faust vor die Stirne rückte, und strammte den Nacken. Dann umgriff er den Fuß seines Spitzglases. »Also beginnen wir,« klirrte es von seinem Munde wie das Klingen von Kettenschaken. »Das Versäumte muß nachgeholt werden, denn geschähe es nicht, wäre die Getter um eine Anekdote ärmer geworden. Das brächte Griesgram. Eigenlich hätte sich Ludgerus Hölscher aufraffen müssen. Er war der nächste dazu, denn seine Rede ist süße. Aber er schwieg wie ein Sargnagel, wie ein wühlender Maulwurf. Talpa europaeus . Ich glaube sogar, er trug 'ne rote Schleife im Knopfloch, wie die Angstmeier sie hineinfingern, wenn die Revolutzer ihre Knallpistolen mobil machen. So'n Schwarzkittel. Sagen hätte er müssen: Merkt auf! da sind zwei Gesellen, wie nicht mehr zu finden. Sie tranken sich Freundschaft zu aus silbernen Schalen. Und wenn da ein Stoßvogel kam: der eine für seine Person riß das Schießeisen an die Backe und holte den scheußlichen Vogel herunter. Allein, es waren deren zu viele, und siehe: der andre saß an der Tafel des einen und ging seines Weges, wie der Landpfleger Pontius Pilatus es exekutierte, als er ein hartes Gesicht machte, seine Hände wusch, sie abtrocknete und sagte: Ich bin nicht schuldig am Blut des Galiläers. Das hätte er sagen müssen, der Schwarzkittel. Aber er schwieg, wie die beiden da oben. Und weil er versagte, hatte ich in seinem Namen zu sprechen – und tat's – und habe nichts mehr hinzuzufügen, als das noch: Dieser Mann, der vom Gastmahl hinwegging, ist ein Pharisäer und Zöllner, wenn nicht noch Schlimmeres ... und da er es ist« – und er packte das Glas, daß es tönte und zersprang – »erkläre ich meine Ehre für fallit und melde Bankerott an.« Der Rest des Kelches klirrte zu Boden. Von seiner Hand träufelte es rot. Eine Scherbe hatte ihm eine Ader zerschnitten. Immer tiefer sank seine Stirne. Er lächelte und legte sein Mundtuch um die blutende Wunde. Aber in dieses Lächeln hinein ... »Bernd!« schrie Hille, »das geht auf mich,« und die bleichen Finger um den Travelmannschen Schmuck gelegt, als wenn sie ihn zu zerreißen gedächte, wankte sie näher. Dann straffte sie sich. Alles grau in grau, wie auf Golgatha und dem Berge des Ärgernisses, da sich die Sonne verfinsterte und der Vorhang des Tempels mitten entzwei riß. Judith rührte sich nicht. Über ihre Züge ging die Verwüstung. Stephanie von Boeselager weinte still vor sich hin. Das weiße Gesicht Hilles stand dicht vor dem seinen. Sie ließ den Schmuck fahren, packte ihr Spitzentuch und zog die Enden herunter. »Wenn ich jetzt spreche,« sagte sie mit erzwungener Kälte, »so geschieht es nicht um meinetwillen, sondern um deinetwillen. Daß ein Verdacht mich mit ekelhaften Fingern betastete, ist traurig, aber trauriger ist es, den herostratischen Mut zu haben, seinem eigenen Weib zu mißtrauen und ihm ins Antlitz zu schleudern: Du hast das Herdfeuer entweiht, deinen Leib nicht behütet und das Geheimnis der ehelichen Kammer preisgegeben, wenn auch nur in Gedanken. Das vergißt eine Frau nicht und kann es niemals vergessen.« »Jeder für sich,« sagte er abgekehrten Gesichtes. »Den ersten Wiesenschnitt will ich haben. Nichts weiter. Mit Grummet lasse ich mich nicht abfinden. Ich pflege nicht, aus einem Becher zu trinken, Lippen zu küssen und in Augen zu sehen, die bereits andre abgesucht haben.« »Dein gutes Recht,« versetzte sie mit einer Stimme, die gebot, Reu' und Leid zu erwecken und mit reinen Lippen das Tafeltuch des Herrn zu küssen, »nur beschämend für dich, es in dieser Art zu mißbrauchen. Was willst du von mir? Mein Mund hat keinen fremden berührt, mein Auge in kein fremdes geschaut, um das zu suchen, was die Frauenehre gefährdet und sie hinführt, wo die Ausgestoßenen ihr Schicksal beweinen. Das tut eine Travelmann nicht, und ich bin eine Travelmann seit der Stunde, wo die Kirche mir sagte: Wo er hingeht, da sollst auch du hingehen, und wo er letzten Endes das müde Haupt in die Kissen drückt, da sollst auch du dich hinlegen, um auch im Tode mit ihm vereint zu bleiben. Das hat sich geändert. Um meinetwillen ist mir nicht bange. Aber um deinetwillen. Ich könnte dir mancherlei sagen. Lasse es aber hiermit genug sein. Ich möchte dir jede Kränkung ersparen. Nur eins noch ... Was ich tat und auch jetzt nicht bereue, geschah aus lauterer Nächstenliebe und Mitleid heraus. Mein Blick war ein Sichversenken in ein zermartertes Dasein, ein stilles Begreifen. Mit Sünde hatte es keine Gemeinschaft. Es war eine räumliche Trennung für immer. Er wollte den Abschied, und ich habe ihm diesen Abschied gegeben. Er ging, um nicht wiederzukommen. Im übrigen aber ...« Sie schauerte in ihren Achseln zusammen. Ihre Augen weiteten sich maßlos. Flammen waren darin. Solche, die wie Totenlampen brannten, und solche, die der Sturm auftrieb und sich anließen wie züngelnde Schwerter. Er ertrug sie nicht. Seine Blicke krochen wieder an den Wänden entlang, wo allerlei Jagdgerät hing: altmodische Flügelhörner, Angelgerten und Feuerschloßbüchsen. An der Hetzpeitsche blieben sie haften, aber er getraute sich nicht, sie in seine Fäuste zu wünschen. Das gekränkte Weib sagte ihm Fehde an, empörte sich wider ihn, im Angesicht ihrer eigenen Reinheit. Die züngelnden Schwerter begannen zu blitzen. Hille, die Duldsame, die Gesegnete, die Frau, die das hohe Wunder der kommenden Mutterschaft mit ihrem Blute ernährte, ließ alles hinter sich, war nicht wieder zu kennen und brach ihm den Stab wie am Tag des Gerichtes. »Im übrigen du, wenn du Verdacht hast, pflege ihn weiter. Auch das ist dein Recht, wenn auch ein trauriges Recht. Ich weise es ab. Es ist nichtig für mich. Ich stehe turmhoch darüber. Du kannst mein Kleid besudeln, aber nicht meine Seele. Hüte dich, Bernd! Wage es nicht, in diese, meine Seele zu greifen! Betaste mich nicht, auch nicht in Gedanken; denn deine Gedanken sind häßlich. Aus ihnen wachsen schmutzige Hände, und diese Hände ... Von jetzt an – berühre mich nicht mehr, du würdest in der Lebendigen eine Tote berühren.« Ihre Kraft war zu Ende. An Stephanies Seite, die sich kaum auf den Füßen zu halten vermochte, ging sie hinaus. Die Alte blieb bei ihm. Die Mutter verließ ihren Sohn nicht. Eine welke Aristokratenhand legte sich um eine braune Freisassenfaust und schnürte sie heftig. »Bernd,« sagte sie tonlos, als wenn das Grauen neben ihr stünde, »du solltest dich schämen. Rette dich vor dir selber! Brich nicht die Brücken hinter dir ab, wenn du nicht willst, daß deine Tage verfehlt sind und deine Nächte zu schlaflosen werden. Die da ging, führt ein Innen- und Außenleben für sich. Und beides ist köstlich. Sie brachte Ordnung auf Getter, und nun willst du kommen und diese Ordnung zerstören. Sie gab dir Verheißung und bot dir das Höchste, was ein Weib zu bieten vermag, und du wagst es, die Frucht schon in der Blüte zu töten.« Ihre Stimme schwoll an. »Halte Ruhe – du, peitsche deine überschüssige Kraft nicht über trostlose Bahnen, oder wir sitzen schließlich auf einem Stein und zählen die verkrüppelten und windschiefen Chausseebäume. Mensch, du!« Nacht fiel über ihn her. Er fühlte nicht mehr den Druck der Mutterhand. Als er aufschaute, sah er in tropfende Leuchter. Nur wenige noch führten ein elendes Dasein. Ihre Frist war bemessen. Mit ihrem Hinscheiden wuchsen die Schatten. Der weite Raum dunkelte ein. Das weiße Tafeltuch lag wie ein Sterbelinnen vor ihm gebreitet. Alles kam ihm verstört vor, fade, verwelkt, wie nach einem verunglückten Gastmahl. Wo Rosen geblüht hatten, nickten jetzt Totenblumen in hohen Stengelgläsern. Dazwischen kringelten häßliche Flecken, die von seiner Schnittwunde herrührten. Er entfernte das Mundtuch. Die Blutung hatte nachgelassen. Nur ein empfindlicher Schmerz war übrig geblieben. Er erinnerte ihn an das soeben Durchlebte. Wie das unbarmherzige Urteil eines Scherbengerichtes rückte es näher. Über ihm erloschen die Kerzen. Nur eine brannte noch zwischen den Stangen und Sprossen. Ein Dunstkreis umgab den spärlichen Docht, kaum fähig, die nächste Umgebung schwach zu erhellen. Die Finsternis kam; bald mußte auch das große Schweigen und die Einsamkeit kommen. Nur auf dem Gutshof war noch ein Wispern und Rascheln. Die alten Eichen rieben ihre mit Rauhreif umkrusteten Zweige gegeneinander. Der Nachhall irgendeines verlorenen Schalles lag ihm im Ohr. Er hörte, wie Knechte und Mägde ihre Kammern aufsuchten. Sie gingen heimlich über die Flure. Nur ein Poltern gesellte sich dem fast lautlosen Gehen. Es waren die festen Nagelschuhe des Antilopengesichtes. Er hatte die Order Judiths befolgt, wußte er doch: heute würde die Alte seine Schritte belauschen, und so tat er denn auch, was in seinen Kräften stand, um keine bösen Tage zu haben. Bernd stand noch immer auf der nämlichen Stelle, wie gebannt, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte und sollte, als sich unmittelbar neben ihm das Knistern von Frauenkleidern erhob. In der weichen Dämmerung schmeichelte es sich langsam heran. Und wieder berührte ihn die wohlige Nähe eines weiblichen Körpers. »Was soll das, Johanna?« »Es ist ohne Absicht geschehen.« »Was willst du noch hier?« »Ich bemerkte noch Licht, und alle sind schlafen gegangen.« »Und sonst wolltest du nichts?« Im matten Schein des letzten Dochtes schienen ihre Glieder zu beben. »Eigentlich nichts,« kam es von blassen Lippen. »Oder,« und er legte seine Hand auf die ihre, »bist du willens, mir Ruhe zu bringen?« Sie verfiel in ein wirres Sehnen und Stammeln: »Wie gerne, Herr Travelmann.« Da trat ihm eine Stelle aus dem Evangelium in den Sinn, die von einem hohen Berge und einer sonnigen Landschaft erzählte: »Das alles will ich dir geben ...« und er tat sie von sich wie ein lästiges Spielzeug: »Geh' schlafen, Johanna! Ich gehöre dir nicht.« »Aber ich dir.« »Nein!« brauste er auf. Seine Stimme hämmerte. Da senkte sie den Kopf und gehorchte. Aber der Duft des Weibes war bei ihm geblieben. Auch er mußte gehen. Da hörte er Schritte, und vor diesen Schritten zirkelte der Feuerschein einer Stallaterne. »Wohin noch, Hövelkamp?« »Als letzter zu Bett, und ich wollte bloß fragen: Soll ich noch laustern, bis Jans Schwarte zurück ist?« »Nicht nötig. Der Mensch kann seine Gäule selber besorgen.« »Meine ich auch, Herr Travelmann. Gute Nacht denn, und nochmals meinen gehorsamsten Ausdruck für bescherte Weihnacht. Es war über alles Erwarten.« »Keine Ursache. Dem dreschenden Ochsen soll man das Maul nicht verbinden. Ist alles in Ordnung auf Getter?« »Alles, Herr Travelmann. Nichts mankiert.« »In den Scheunen nachgesehen?« »Nachgesehen.« »Auch in den Ställen?« »Dito, desgleichen. Man darf wohl sagen: Christi Barmhertigkeit, Bueren Unbeschuftigkeit, Rüen Riekeligkeit Un Papen Begehrlichkeit Währt in alle Ewigkeit. Und ich setze hinzu: auch die Ruhe und das gute Gewissen auf Getter. Amen. Und nochmals gesagt: Gute Nacht denn. Die Hunde sind munter.« »Gute Nacht!« Er selber dachte nicht dran, eine geruhsame Nacht zu genießen. Als Hövelkamp sich entfernt hatte, nahm er einen bandfesten Stock und stülpte sich einen alten Jagdfilz über die Ohren. So ausgerüstet, heißes Blut in den Adern und ein Brausen und Sausen im Schädel, trat er ins Freie. Die nadelfeinen Kristalle, die über den mondbeschienenen Hof splitterten, taten ihm wohl. Die beiden Wolfsspitze, die mit hängenden Lefzen und blauen Lichtern ihre Runde vollführten, sprangen wedelnd gegen ihn an. Er streichelte ihnen die Köpfe und sagte: »Marsch, an die Arbeit.« Sie folgten wie geduldige Lämmer. Der eine schwenkte nach links, der andre nach rechts ab. Sie zogen lange, wachsame Kreise um die grauen Mauern und die angeschmiedete Gräfte, unter deren Panzer es seufzte und ächzte. Er ging weiter, feldeinwärts, Stunde um Stunde. Dann wieder zurück. An der Einfahrt hielt er den Fuß an. Unter dem Mondlicht tat sich eine dämmerige Schau aus. Hoch im Osten spielte der Orion mit seinem bunten Feuerwerk. Der Jakobsstab perlte. Seitlich davon, dem Horizont näher, hing der große Hundsstern. Sein eiskaltes Licht schien in das weiße Schneefeld zu stechen. Genau in dieser Richtung lag Hiltrup. Man glaubte, den schmalen Kirchturm zu sehen. Auch die mächtigen Kiefern, die zum verganteten Kotten gehörten, rückten auf Reichweite nahe, so hell war die Sicht, so emsig schafften die Trupps der goldenen Bienenschwärme, wirr und gezottelt durcheinander und doch regelmäßig geordnet, als wären sie von dem großen Imker und Zeidelmeister, dem Hundsstern, angeleitet und ausgeschickt worden. Unter ihnen her lief ein mageres Tönen. Es kam aus der Gegend des Dorfes. Bernd zählte die einzelnen Schläge. »Vier schon,« sagte er heiser. »Verdammich! alles vergeht. Eins nach dem andern,« drückte die Faust auf die Herzgrube und begann zu revieren, wie es die Wolfsspitze taten, durch verschneite Obstgärten und an fuchsigen Bocksdornhecken vorüber, das Durchlebte hinter ihm her, auf schleppenden Sohlen und leise wimmernd. Von Zeit zu Zeit vernahm er ein trockenes Belfern. Das geschah jedesmal, wenn sich die beiden Wächter auf ihrer Patrouille begegneten. Auf schlanken Läufen, die Schnauzen am Boden und mit Augen, die wie Phosphor leuchteten, glitten sie aneinander vorüber. »Brav so, brav so!« sagte der Gutsherr und sah auf sein schlafendes Haus, auf die ausgestorbenen Fenster, die noch vor wenigen Stunden so freundlich geglänzt hatten. Jetzt alle hohläugig und mit schwarzen Tüchern verhangen. Dann aber ... als er das eingefrorene Wasser passierte, die harten Stengel des überständigen Rohres neben ihm auftauchten und er die Schattenseite seines Anwesens gewann, legte sich plötzlich ein Lichtbalken quer über die blaue Spreite, scharf umgrenzt und wie mit breitem Pinsel auf den Boden geworfen. Die Helle drang aus einem zur ebenen Erde gelegenen Zimmer. Hier wohnte Johanna. Also auch hier keine Ruhe. Nur noch wenige Schritte – und ein heißes Bild mitten in der Nacht: die heidnische Göttin in ihrer Sünde und Nacktheit... oder Diwara, das Weib des Propheten, wie sie erschien, um dem König von Sion den Kelch mit den Tränen der Magdalena zu bieten. Wie mit einem Messer bohrte es sich in seine Sinne hinein. Das Fieber packte ihn, rüttelte ihn und gebot ihm, das entflammte Gesicht nicht abzukehren. Ein Weib, in seiner Jugend und Fülle, nur umkleidet mit seinem eigenen Wunder und eben dabei, die schwarzblaue Flechtenkrone zu lösen, erschien ihm in voller Beleuchtung – anzusehen, wie aus dem Hohen Liede genommen: »Du bist schön, meine Freundin, wie Thirza, lieblich wie Jerusalem, schrecklich wie Lanzenspitzen...« Das sah er. »Und ehe der Hahn zweimal krähet ...« Mit einem jähen Ruck wandte er sich von der trunkenen Schau, ging quer über das stahlharte Wasser, dem kahlen Buchenwald zu, wo zwischen dem Unterholz eine lichte Blöße sich streckte. Hier angekommen, wagte er nochmals, den Blick auf das unselige Fenster zu richten. Aber nichts mehr. Das Bild war aus dem Rahmen genommen, die Gardine herunter gelassen, hinter ihr die Lampe erloschen. Zur Linken aber, dem Helweg zu, auf glatter Bahn, kam ein lautloser Schlitten, ein Schnaufen und Trappeln. Dazwischen war das zierliche Gebimmel von Schellen.   Noch kurze Zeit zitterte die Legende von der Geburt des Herrn in den Herzen der Menschen nach, dann feierte man Silvester, wo die Kundigen und Sinnierenden in die Punschgläser sahen, ihre Nasen hineintauchten und die unmöglichsten Dinge von dem neuen Jahre erhofften. Wie gewöhnlich war das alte hundsmiserabel und gottserbärmlich gewesen, ohne Schwung und Begeisterung, ohne jedes Verständnis für des Leibes Notdurft und Behagen, und daher mehr als geboten, dem neuen ins Gewissen zu reden und ihm zu befehlen, endlich die Spendierbuxe anzuziehen und sich nobel zu geben. Jede Brust hegte diesen Wunsch, jedes Punschglas klingte davon, und wo zwei irdische Kannegießer beieinander waren, schüttelten sie sich beim Glockenschlag zwölf drei lange Minuten hindurch die Hände, stierten sich mit roten Köpfen an, hörten auf das Knattern der Feuerwerkskörper und sagten: »Prosit Neujahr! auf daß es uns besser ergehe ...« und dann kam das Fest der heiligen Drei Könige, wo man schon wieder nüchterner und nachdenklicher wurde und ganz allmählich in das arbeitsame und alltägliche Dasein hineingondelte. Am Abend dieses Tages standen die Weisen aus dem Mohrenland auf der münsterischen Heide. Sie waren in Fuchspelze gehüllt und trugen kostbare Gewänder aus Brokat und sonstigen Seidenstoffen. Auch dufteten sie noch immer nach Weihrauch und Myrrhen, wenngleich sie auch kleiner und vermickerter wurden, als frören sie langsam zusammen. Balthasar, der älteste von ihnen, rückte seine Krone etwas beiseite und sagte: »Kinder, wir müssen jetzt abbauen. Hier ist nichts mehr zu holen.« »Nichts mehr,« pflichtete ihm Melcher bei und schob sein mit edeln Steinen umkrustetes Diadem tief in den Nacken. »Überhaupt nichts mehr,« bestätigte Kasper, und da er kein Stirngeschmeide trug, sondern nur einen landfremden Turban mit Agraffe und Reiher, wackelte er mit dem Kopf, so daß ihm der Türkenbund aufs linke Ohr rutschte. Verständnisinnig sah er auf seine beiden Mitkomparenten. »Ja, ja,« meinten diese, »wir müssen. Traurig, aber nicht mehr zu ändern,« und wie auf ein stummes Geheiß griffen sie in Gottes Christbaum hinein und langten sich den Stern von Bethlehem aus der blauen Höhe herunter. Sorglich hüllten sie ihn in Watte und Windeln und verstauten ihn behutsam in die Packtasche, die der jüngste von ihnen mitgebracht hatte. »Fertig?« fragte Balthasar. Er strählte dabei seinen stattlichen Vollbart, der aussah wie das Rauchwerk einer Angoraziege. Melcher nickte. Kasper desgleichen. »Dann los dafür!« und gemeinsam stiefelten sie dem fernen Osten entgegen. Ex Oriente lux ! Und sie gingen wieder hin, von wannen sie hergekommen waren. Der andre Morgen fand ihre Spuren noch auf dem vergletscherten Schneefeld. Bis zu diesem Tage hatte sich auf Getter wenig verändert. Das Unheil war nun einmal geschehen. Zwischen Mann und Weib gähnte eine Kluft, die mit jeder Stunde weiter und bedrohlicher wurde. Hövelkamp war stumm vor Schrecken und Bängnis, die er großfütterte wie der Rotschwanz seine zirpenden Jungen. Aber er zeigte und offenbarte es keinem, während Johanna ... Immer lilienhafter und reiner trat sie ihrer Herrin entgegen, sorgte für sie, war bescheiden, hilfreich und gut, als wäre sie aus dem Lande Samaria gekommen. Auf ihrer Kammer jedoch lachte sie ihr heiterstes Lachen, wiegte dabei ihren schlanken Leib sehnsüchtig in den gerundeten Hüften, und wenn ihr der Freisasse begegnete, glitt sie an ihm wie eine aalglatte Nonne aus dem Kloster der Ursulinerinnen in Dorsten vorüber. Frau Judith schwieg. Sie befand sich in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Was sollte sie auch? Zurzeit hätte sie vor tauben Ohren gepredigt. »Man muß sich gedulden,« dachte sie öfters. »Es ist nicht wohlgetan, den Pflug in hartgefrorene Schollen zu stoßen. Erst die aufgetaute Erde bringt ersprießliche Arbeit,« und so wartete sie auf den Tag der Erfüllung. Das Freifräulein von Boeselager hingegen war andrer Meinung. Ihr schien Handeln geboten, bevor es zu spät war. So fand sie sich denn eines frühen Tages im Zimmer des Gutsherrn ein, verweint, mit wippender Krinoline und auf frommen Lastingschühchen. »Bernd,« sagte sie schluchzend, »so geht das nicht weiter,« und zwei angejahrte Hände versuchten es, um einen Männernacken zu greifen. » Quelle affaire ! nein, so geht das nicht weiter! Ach du, ich weiß ja: mein verstorbener Schwager und ich sind dir zu großem Danke verpflichtet. O, mon ami! auf deinem Grund und Boden gabst du mir eine bleibende Stätte, die warme Sonne und den Frieden des Abends. Das wird dir niemals vergessen, selbst dann nicht, wenn es heißt, sie ist hingegangen wie ein spärliches Lichtlein. O mon dieu! mon dieu! und nun dieses Elend. Du trägst Schuld; aber auch sie ist davon nicht freizusprechen. So groß ihr auch seid, ihr seid Kinder geblieben, und bei Kindern ist Nachsicht geboten. Sieh mal, Bernd« – und sie nahm seine Hände – »so bin ich denn auf den Gedanken gekommen, euch Überlegung und Bedenkzeit anzuempfehlen. Eine gewisse Trennung ist nötig. Sie lindert vieles. Wir müssen Platz schaffen für neue Eindrücke. Wenn es euch recht ist, nehme ich Hille mit mir nach Darfeld, und das morgen schon ... und dann – und dann – und dann ...« Sie konnte nicht weiter. Sie begann das Vaterunser zu beten. Ihre Tränen liefen stärker. »Und dann in Monatsfrist ... Ach, Bernd, wenn ich könnte! Ich hab' dich so lieb, Bernd!« »Ja, du auch ...!« und das honette Edelfräulein fühlte sich an die Brust des erschütterten Mannes gerissen. Er hob sie auf und küßte sie sacht auf die Stirne, sacht und mit heiliger Scheu, wie man die küßt, die man segnet. »So ist's gut, so wird alles schon werden. Ach, du Lieber, du Unbändiger und doch du Treuer und Starker!« Ihre Worte erstickten. Andren Tages schwankte die Märchenkutsche über den Hof fort. Frau Judith stand an der Einfahrt. »Hoffentlich hilft es,« sagte sie ruhig und sah dem Gefährt nach, in dem sich Hille und das Freifräulein von Boeselager befanden. Ein grauer Vorhang war über die Landschaft gezogen. 13 Alte Sitten, alte Gebräuche! Sie sind nicht unterzukriegen. Besonders die in Westfalen halten daran, als wären sie vertaut mit ihnen, bis sich der letzte Eichbaum auf die Seite wirft und der letzte Freisasse nicht mehr imstande ist, die Faust um den Pflugsterz zu legen. Geschlechter kommen und gehen, die Besitzer wechseln, harte Herrenmenschen führen die Zügel, sensen die Schwaden, rackern sich ab wie die geringsten Hörigen, strecken sich unter dem Leichentuch, paradieren noch einmal in dem mit sechszölligen Nägeln zusammengeschreinerten Sarg, um mit einem sonoren oder auch gewinselten ›Kyrieleis‹ auf den Acker der Tränen getragen zu werden. Alles vergeht; nur die Gewohnheit ist wie der ewige Jude. Sie läßt sich nicht scheuchen. Sie fürchtet weder die bewaffnete Macht, noch den Gerichtsvollzieher, noch die Lichtjungfer. Sie ist wie die christkatholische Kirche mit ihren Heilsakramenten, ewig, unausforschbar, nicht niederzuzwingen. Auf jedem Dörpel sitzt sie, in jede Gräfte sieht sie hinein, auf jedem Prellstein ist sie zu finden, und wenn es einem einfallen sollte, sie auf eine andre Stätte zu verweisen, greift sie nach ihrem Dorn, der neben ihr wurzelt, und griemelt zwischen den Zähnen: »Gnade dem, der mich anpackt. Mit Strunk und Stiel kloppe ich ihm den Bregen auseinander. Verstanden?« So auch auf Getter. Die Gewohnheit behauptete ihr angestammtes Recht. Die alte Sitte und Satzung hatte noch Mark in den Knochen. Nichts veränderte sich. Nach den Festtagen blieb alles beim Hergebrachten. Auch die Abreise Hilles mit dem Freifräulein von Boeselager nach Darfeld ließ die Pulse weder langsamer noch hurtiger schlagen. Herrenleute und Bedienstete saßen wie früher an gemeinsamer Tafel unter der Bodenluke. Das Silbergeschirr und die vornehmen Gedecke waren fortgeräumt worden. An Stelle des feinen Tischzeugs war grobes getreten. Jeder hatte sein Laib Brot neben sich zu liegen und schnitt sich selbst die Brocken herunter. Irdene Schüsseln machten die Runde. Von irdenen Tellern nahm man die Speise. Frau Judith präsidierte wieder den Knechten und Mägden, sprach das Tischgebet, ermahnte zur Arbeit und sparte nicht mit ihren werktätigen Lehren und Episteln. Mit Bernd sprach sie selten. Sie ließ ihn gewähren, und wenn sie das Wort an ihn richtete, geschah es immer nur zu Nutz und Frommen von Hof und Gesinde. Sie entschuldigte ihn nicht, allein sie beobachtete ihn und bangte für ihn. Häufiger besuchte sie jetzt das umbrochene Stück Heideland, das Hövelkamp wider seinen Willen hatte umpflügen müssen. Auch sie war damit nicht einverstanden gewesen, hatte sich aber gefügt, weil ihr Sohn es so wollte, und jedesmal, wenn sie die Stätte erreichte, trat sie dicht an die Mergelgrube heran, wo das errichtete Holzkreuz von dem traurigen Geschick ihres Mannes erzählte. So auch heute. Trockenen Auges las sie: »Was stehst du hier, um dies zu lesen? Was du jetzt bist, bin ich gewesen. Was ich jetzt bin, wirst du einst werden; Drum wandle tugendhaft auf Erden. Im Namen des Herrn.« Wenn sie auch herb und nüchtern die bereits halbverwaschene Inschrift entzifferte, ihr Herz blutete, und die Mundecken verkrampften sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Aber keine Schwäche wandelte sie dabei an. Sie blieb, was sie war, eine Travelmännin, die Alte auf Getter, ungebeugt, nicht niedergeworfen durch die Qual der Ereignisse. Er, der ihr so viel des Leides angetan hatte, der seiner Lust und Begierde zum Opfer gefallen war, der hier starb, hingewürgt in der Kraft seiner Jahre, er war ihr nicht aus dem Gedächtnis genommen. Sie liebte ihn noch immer wie damals, als sie mit ihm die Ringe gewechselt ... und wie ihn so den Sohn. O, daß ihm kein solches Ende widerfahre! Und sie betete auch für ihn, für den letzten des Hauses, auf daß es ihm wohlergehen möge und er teilhaftig werde eines christlichen Daseins, eines lieblichen Abends und eines sanften Hinscheidens bei einer versöhnlichen Sterbekerze: im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Kantigen Mundes stieß sie ihren Stock in den Boden, beugte sich nieder und küßte das Holzscheit. Dann ging sie, harten Schrittes, in sich gefestet, an Bernd und Frau Hille denkend und den Spruch auf den zusammengekniffenen Lippen: »Trag' gern dein Kreuz, dann trägt es dich Zur schönen Heimat sicherlich; Doch murrest du, so drückt es sehr Und weichet nie und nimmermehr. Wirfst du es ab, so glaube mir, Ein schwereres – es naht sich dir.« So trug sie denn das ihr auferlegte Marterholz in Geduld und Einfalt, wortkarg, ohne zu klagen, mit der rührenden Gewissenhaftigkeit starker Menschen von der roten Erde. Nur ihre Gedanken drängten ängstlich zusammen, gleich den armseligen, roten Karpfen in einem Goldfischbassin. Der spitze Frost ließ nach. Bald nach dem Fest der heiligen Drei Könige begann es zu schneien, grobwollig und mit dem unsteten Wiegen von Fledermäusen. Von Süden her dunstete es mit laulichem Atem. In schweren Lasten klatschte es von den Dächern herunter. Auf allen Eisdecken bildeten sich Sprünge und Risse. Die Wässerchen gurgelten über Moor und Torf, zwischen den Wallhecken; Äste und Zweige schüttelten ihre Puderperücken. Von Darfeld hörte man wenig, von Emmerich Dinklage nichts mehr. Er war wie verschollen, sein Name wie der auf einem Sarkophag. Mochte es so bleiben. Nur im Schweigen allein wird das Vergessen gefunden. Um die Mitte des Monats hatte der Gutsherr Geschäfte in Münster. Größere Verkaufsabschlüsse in Roggen und Weizen führten ihn zur dortigen Schranne. Alle Umsätze wickelten sich glatt und zur Zufriedenheit ab. Das verflossene Jahr war reich und gesegnet gewesen. Der Gewinn über alles Erwarten. Nach Erledigung dieser Unterhandlungen hatte er Ohm Gideon zu einem frugalen Imbiß geladen. Rendezvous: ›Zum dicken Stienen‹ hinter dem Rathaus, dem historischen Bau, dessen Mauern den ehrwürdigen Friedenssaal umschlossen, wo sich Anno 1648 das römische Reich deutscher Nation, duckmäuserig, querköpfig und ungeschickt in politischen Dingen, von den welschen und den übrigen langfingerigen Staaten Europas hatte maulschellen lassen, daß man es knallen hörte vom Rhein bis zur Persante. Unseligen Angedenkens daher, dieser Friedenssaal in der Stadt mit den vielen Türmen und dem mächtigen Glockengeläut, verabscheuungswürdig und jammerselig bis zu unsern Tagen! Um so freundlicher und einladender präsentierte sich der Hochsitz der lukullischen Genüsse, dicht hinter dem städtischen Anwesen. Herr Joseph Stienen, ein Mann in den vierziger Jahren, in seinem Beruf klassisch zu nennen, verkörperte das Gastronomische seiner Wirtschaft besser als alle Reklamen und Auslagefenster zusammengenommen. Sein, von einer flotten, rahmweißen Pikeeweste umkrustetes Bonvivant-Bäuchlein, der wulstige Stiernacken, einem Prager Rollschinken ähnlich, das glattrasierte Doppelkinn zwischen den abgesteiften Vatermördern, die gleichsam in das Vollmondgesicht hineingeknallten kregelen Schweinsäugelchen – alles das redete in Bänden, in Folianten und in feurigen Zungen. Man konnte Herrn Stienen nicht ansehen, ohne sich über die Lippen zu schlecken und Appetit zu bekommen. Wandelte ihn die Lust an, seine gewichtige Person in eine bequeme Lage zu bringen, mußten vom Oberkellner Charles zwei Rohrstühle herbeigeschafft werden. Bei einem Diner putzte er einen gespickten Hasenrücken wie eine Wachtel von seinem Teller herunter, ließ danach eine getrüffelte Fasanenpastete mir nichts, dir nichts verschwinden, um hierauf das kärgliche Mittagsmahl mit einem ›durchenen‹ Emmentaler Käse, an dem noch die Salzperlen tränten, einfach, aber gediegen zu beschließen. Fett wie ein Pinguin, trug er seine zweihundertfünfundsechzig Pfund klevisch Gewicht mit der sanften Würde eines emeritierten päpstlichen Legaten, der seine Tage in Frascati oder auf Isola bella verlebte. Gerbaulet war bonus , Midi melior , Stienen optime . Das stand bombenfest und war nicht umzustoßen. Selbst die Helgoländer Krustazeen drängten sich dazu, in diesem Etablissement gesotten zu werden. Durch das sogenannte Lottergäßchen gelangte man in das raffinierteste Heim aller Restaurateure und Küchengewaltigen, die diesen Namen verdienten. Als Bernd eintrat, wurde er in der charmantesten Art vom Chef in eine trauliche Nische geleitet. »Diese Ehre, Herr Travelmann, nein, diese seltene Ehre!« und er beugte sich nieder, indem er mit seinen Weißwurstfingern die Rückenlehne des Stuhles umgriff, auf den sich der Gutsherr niedergelassen hatte. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, auch in diskretester Weise vernehmlich zu sprechen, deutete er auf die Speisekarte und sagte: »Salm zu empfehlen.« »Frisch?« meinte Bernd. Der Gefragte gab keine Antwort, richtete aber seine Schweinsäugelchen fromm und ergeben zur verräucherten Decke. »Also genehmigt.« »Charles,« rief Herr Stienen, »'ne Portion Rheinsalm in zerlassener Butter für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren.« »Ich möchte bemerken: Ohm Gideon kommt noch.« »Das ändert die Sache. Charles, zwei Portionen. Noch sonst was, Herr Travelmann?« »Das dürfte genügen.« »Um Gotteswillen! Wo Herr von Hasenklever in eigener Person ... Ein Entrecôte müßte unbedingt folgen.« Erwartungsvoll stellte er seine Fingerspitzen gegeneinander. »Können Sie es mit gutem Gewissen empfehlen?« Herr Joseph Stienen schmunzelte gönnerhaft, überlegen, fast mitleidig und spielte mit seiner Berlocke. »Haben Sie schon mal bei meinem Kollegen Gerbaulet im ›Römischen Kaiser‹ gegessen?« meinte er schließlich. »Des öftern.« »So! Und bei Midi?« »Gewiß.« »Auch fragliches Gericht?« »Auch dieses.« »Und wie waren die Dinger?« »Ein Traum.« »Meine sind Träume, schmalzige Träume, Träume, die auf Rosenwölkchen dahinmontgolfieren. Charles, zwei Entrecôtes mit Sauce Bearnaise für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren. Nun kommen die Weine. Vielleicht 'ne Rauentaler Ausbruch gefällig?« »Mein Freund Hasenklever ist mehr liiert mit dem Roten.« Der Chef tippte sich gegen die Stirn, als müsse er wegen seiner Vergeßlichkeit vielmals um Entschuldigung bitten. »Ach, du mein Göttchen! Ich Schafskopf. Allerdings, allerdings. Der Herr Baron belieben nur Roten zu trinken. Selbstverständlich, das ändert die Sache. Wollen mal nachsehen. Vielleicht ein Gewächs, gezeitigt zwischen Garonne und Dordogne? Noch besser die Medocs,« und er zählte an den Fingern herunter: »Lafitte, Château Margaur, noble Sachen, feinstes Bouquet, Haut-Brion oder Latour, rassig, abgelagert, gleichsam von einer Milchkuh bezogen.« Er schnappte ab. Seine Äugelchen leuchteten wie bengalische Flämmchen. »Wählen wir 'ne Flasche Lafitte.« Herr Joseph Stienen ließ die fetten Lider herunter, schnalzte etliche Male und rief mit der sanften Stimme eines Weihbischofs in partibus infidelium über die Schulter: »Charles, zwei Bouteillen Lafitte, mild temperiert, dazu Spitzgläser aus dem obersten Schrank, für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren.« In diesem Augenblick stelzte der Paderborner steifbeinig mit seinem Bülow Krawallo ins Zimmer, placierte den Stock, segelte auf Bernd los und drückte ihn an seine rotgepunktete Samtweste, als hätte der Stille Ozean lange Monde hindurch seine weißkämmigen Wogen zwischen eine edle Freundschaft geschoben, während Herr Stienen sich räusperte, diskret verschwand und sich an der Anrichte zu schaffen machte. »Bernd, es lebe das Weizenkorn und die münsterische Schranne! Alles wieder vom obersten Ende! Gott segne die Landwirtschaft, Ochsen, Kälber und Kühe und alles, was ihnen verwandt und zugetan ist!« Charles kam wie auf Pirmasensern gewandelt. Der Salm war vortrefflich, der Lafitte außer Wettbewerb. »Prosit, mein Junge! Wie steht es auf Getter?« »So leidlich.« Ohm Gideon zog die Augenbrauen zusammen. »Nur leidlich?« »Die Gnädige fühlte sich bewogen, mir das harte Los eines Strohwitwers auf die Schultern zu legen.« »Wohin denn?« »Nach Darfeld.« »Warum das?« »Weiberlaunen.« »Tausend noch mal!« Der Paderborner nahm einen tiefen Schluck aus dem Kelchglas und sagte bedächtig: »Frau Hille ist nicht zu tangieren, steht himmelhoch über allen, die sich in der Krinoline bewegen, aber im allgemeinen gesprochen: Ich habe mir in den letzten Tagen die unumstößliche Meinung gebildet: es ist besser, gen Damaskus zu wallfahren und in der Wüste Ziegel zu streichen, als mit dem schönsten Weibe Bett und Tafeltuch gemeinsam zu teilen. Jawoll, ja,« und dann mit Bedeutung: »Du, nimm's mir nicht übel, aber mir schwante so was, ohne zu wissen ...« »Möglich, aber Schwamm über die Sache.« »Schwamm drüber,« bestätigte Ohm Gideon und spülte den letzten Bissen Salm mit einem Glase Rotspon hinter seine tadellos geknotete Binde. »Charles,« ertönte es geheimnisvoll wie aus einem Zauberkasten heraus, »die Entrecôtes mit Sauce Bearnaise für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren.« Die Entrecôtes kamen. »Sprechen wir lieber von andern Dingen,« nahm Bernd wieder das Wort auf. »Unerfreulichen Geschichten soll man den Hals umdrehen. Kommt überall vor. Leider, ich gestehe es offen: meine Schuld ist nicht gering, obgleich lediglich fixe Ideen sie heraufbeschworen. Mea culpa. Ich armer, sündiger Mensch ... Aber warten wir ab. Zeit muß Wandel bringen. Doch nichts mehr davon! Es wäre schon besser, du erzähltest mir aus deinem eigenen Leben ... zum Beispiel ... nehmen wir an: du als Hans in allen Hecken und Hägen, mußt doch etwas auf der Pfanne haben und losbrennen können.« Ohm Gideon feixte. »Hab' ich und kann ich, mein Junge, und ich bin eigentlich erstaunt, dich so gelassen zu wissen. Du mußt mir doch ansehen, daß etwas passiert ist. Männerstolz vor Fürstenthronen. Also noch immer nichts?« Bernd zuckte die Achseln. »Nicht das geringste. Deine Visage ist dieselbe geblieben.« »Also nein,« bedauerte Gideon. Dann laß dir berichten,« und während er sein Entrecôte kunstgerecht zerteilte, es mit Sauce Bearnaise einsalbte und ihm alle Ehre erwies, warf er die gewichtigsten Brocken seines Erlebnisses in die verschiedenen Stadien der soliden und erfolgreichen Mahlzeit. »Du weißt ja: seit Olims Tagen hatte ich die Ehre, dem Klub der Adeligen Damen anzugehören ... vornehme Sache ... nur Leute der primissima Klasse ... nur solche, die schon unter dem seligen Wittekind hoffähig waren ... Herren und Damen ... jawoll, ja ... Dann weiter: Anno Donmini 1803 bis 6 ... der alte Gebhard Leberecht Blücher in Münster ... wohnte als Generalleutnant im Residenzschloß am Neuplatz ... ulkiges Huhn das ... aber Retter des Vaterlandes ... war ebenfalls Mitglied... eingeschworenes Mitglied ... machte aber leider dieselben traurigen Erfahrungen, die ich machen mußte.« »Und worin bestanden diese traurigen Dinge?« Gideon kullerte mit seinen kreisrunden Augen. »Nochmals gesagt: alles vornehme Menschen ... nur der erste westfälische Adel ... die Schmising, die Landsberg, die Galen zur Assen und ähnliche Großprätendenten ... Spielten auch gerne ... so'n kleines Jeuchen ... Skat oder Poker ... zuweilen Roulette ... douze ... rouge ... pair et passe ... so damals wie heute ... Aber alles fair und in grauen Zylindern ... Nichts dagegen zu sagen ... nur, ich erkannte: an allen Ecken und Enden haperte es mit der patriotischen Gesinnung. Päpstlich war Trumpf. Der König von Preußen und seine Offiziere wurden geduldet, aber nur mäßig. Kein militärischer Auftakt ... lediglich Rosenkranzgesichter ... nirgends ein Tambour-Major ... kein Zapfenstreich ... Am Geburtstag des Pontifex gab's Sekt ... an dem des Königs münsterisches Altbier ... Schauderös! So damals wie heute. Das ging mir wider die Kandare ... gegen Kandare und Striegel. Ich hatte meine Konsequenzen zu ziehen, als ehemaliger Kavallerieoffizier und als Freiherr von und zu Hasenklever. Und daher: ich konnte nicht anders und tat, was der alte Blücher getan hat.« »Was tat denn der Alte?« Der Entrüstete legte Messer und Gabel beiseite und fuhr sich etliche Male durch die Spitzen seines fadigen Schnurrbarts. Hierauf griff er in seine Brusttasche und brachte ein sorglich gefaltetes Schriftstück zum Vorschein. »Bitte, dies lesen zu wollen. Aber kräftig. Die Abschrift eines Blücherschen Briefes an den derzeitigen Sekretär des Klubs der Adeligen Damen, Freiherrn von Schmising. Von mir selber kopiert aus dem Archiv der Gesellschaft, mit all seinen Schnitzern und Lustigkeiten, die der Alte höchsteigenhändig hineinpraktizierte. Bitte, lies deutlich,« und Bernd Travelmann las kernig und mit munteren Augen: »Da man in dem hisigen hoch Ahdligen Damens-Club schon verschiedentlich Abneigung vor die Preusischen Offiziers gezeigt, ich aber die vorzügliche Ehre genieße ein Mitglidt dieses Officir Corps zu sein, so finde ich mich bewogen, auf die mich so Gracieuse ertheilte Erlaubniß, den hohen Damens-Club besuchen zu dürffen, Verzigt zu leisten. Ich werde mich in die gesellschaft meiner Waffenbrüder entschädigen. Eu. hochwürden und hochwohlgeboren ersuche ich als beiständigen Sekretair dieses Instituts die Löschung meines nahmens gefälligst vorzutragen. Mit vollkommenster hochachtung verharre Eu. hochwürden und hochwohlgeboren gehorsamster Diener v. Blücher. Münster, d. 23. November 1803.« Der Freisasse klopfte sich die Schenkel und fragte: »Na – und du?« Der Paderborner mit einem Imperatorengesicht: »Ich ließ mich streichen, ratzekahl streichen.« »Bravo!« rief Bernd. »Das wird dir nicht vergessen, mein Söhnchen. Charles ...!« Herr Joseph Stienen, der schon seit geraumer Zeit inmitten seines Restaurants auf zwei Rohrstühlen paradierte und der Unterhaltung gefolgt war, fiel ihm ins Wort: »Charles, 'ne frische Lafitte, mild temperiert, für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren.« Dann stand er auf. »Charles ...!« »Herr Stienen ...!« »Ein Spitzglas für mich.« Er flüsterte dem Ober etwas ins Ohr, und seine zweihundertfünfundsechzig Pfund klevisch Gewicht mit der Grandezza eines emeritierten päpstlichen Legaten vorwärts bewegend, segelte er der traulichen Nische zu. »Wenn die Herren gestatten ...?« »Selbstverständlich. Wir haben Ihre Träume genossen.« »Merci. Da sehen Sie: Midi und Gerbaulet, allerhand Hochschätzung – aber nur saure Gurken gegen Stienen, in Firma Stienen und Söhne. Ich wollte mir auch nur erlauben... selbstverständlich auf mein eigenes Konto ... dieselbe Sorte, bloß ein älterer Jahrgang ... Ich meine: was der Herr Baron soeben dartaten ... ganz meine Ansicht. Mir aus der Seele gesprochen. Diese Ambitionen des westfälischen Adels ohne patriotischen Einschlag ... völlig verwerflich ... Charles, schenken Sie ein! Ich kann nur sagen: eine solche Antwort war das beste, was getan werden konnte. Sich einfach streichen zu lassen. Herr Baron, meine Hochachtung. Stoßen wir an!« Die Gläser klangen zusammen. »Und Blücher?« warf Bernd dazwischen. »Natürlich! Gedenken wir seiner in erster Linie. Wie konnte ich nur? So etwas unter den Tisch fallen zu lassen ...« »Es gilt!« rief Ohm Gideon. »Dem alten Husaren und Haudegen, dem Retter des Vaterlandes, wenn auch mit orthographischen und grammatikalischen Schnitzern behaftet ...« »Dem Helden,« sagte der Freisasse mit ernster Betonung, »der es verstand, seinen preußischen Sarraß tief ins französische Mark zu treiben ... und wolle Gott, daß wir Männer haben wie ihn, für später und jetzt, wenn die Not uns angrinst. Er lebe!« Der weißhaarige Marschall hätte sicherlich vor Freude die Falkenaugen in seiner Gruft aufgeschlagen, wäre ihm das begeisterte Läuten zu Ohren gedrungen. Der Küchengewaltige ließ Zigarren kredenzen. »Apropos,« meinte er, als eine dicke Havanna in seiner rechten Mundecke ihren Weihrauch austat, »vorliegender Fall, Herr Baron, steht nicht vereinzelt. Er hat Schule gemacht, 'ne vortreffliche Schule.« » Ventre à terre ! Das wäre denn doch! Wie nennt sich der Heros? Darf man wissen ...?« »Ja, und im Vertrauen gesagt, er ist ein häufiger Gast in meinem Hotel-Restaurant. Mäßig, aber mit feinem Verständnis für meine bessern Sorten.« »Sie machen uns neugierig.« »Selbiger nun,« und Herr Stienen verstand es wieder, mit hingehauchter Stimme, erstaunlich klar und vernehmlich zu sprechen, »hat wie Sie, Herr Baron, und zwar aus den nämlichen Erwägungen heraus, genau dasselbe Manöver entriert. Ich meine ...« »Dann heraus mit dem Namen!« »Ganz unter uns: der Herr Doktor von Dinklage.« »Dunnerwetter noch mal!« »Erstaunt Sie das so?« »Keineswegs.« »Freut mich, aber bedeutsam. Der Herr Doktor ist hoch zu bewerten. Charles, 'nen Aschenbecher für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren. Ganz Münster verehrt ihn, wenigstens das vaterländisch gesinnte Münster. Er wird auf Händen getragen. Seine Vorlesungen machen Furore. Alles träumt nur noch von Leukas und Mykenä. Hab' selbst keine Ahnung, aber was die Professoren und die Herren Studenten so sagen ... Man spricht allerdings davon, er trüge sich mit Abschiedsgedanken, natürlich, um sein Lehramt auf einer andern Hochschule freier zu betätigen. Unmöglich, völlig ausgeschlossen. Man läßt ihn einfach nicht ziehen.« »Da brate mir einer 'nen Storch.« »Zwei, Herr Baron. Zwei komplette, leibhaftige Störche. Der Mann verdient es. Gestern noch dinierte der Rektor magnificus in meinem Etablissement. Saß, wo die beiden Herren jetzt sitzen. Dasselbe Menü. Sprach auch über Herrn von Dinklage. Viel Löbliches. Ein Lorbeerblatt neben dem andern. Auch die Herren Senioren der hiesigen Verbindungen äußerten sich in ähnlicher Weise ... überraschend ... in total ähnlicher Weise ...« »Doch nicht solche vom baumwollenen S. C.?« Herr Stienen hielt ihm die offenen Handflächen verweisend entgegen. »I Gott bewahre! Keine Holzkomment-Leute. Nur erstklassige Ware. Planen was Großes. Diverse Ehrungen sind vorgesehen. Zum Beispiel: morgen Abend soll ein pompöser Fackelzug steigen ... alle Kulören in Wichs ... die Kapelle der Dreizehner vorweg ... über den Prinzipalmarkt ... dreimal um die Lambertikirche herum ... immer mit Lampions und voller Musik ... Dann zur Neubrückenstraße ... dort wohnt er ... dem Boeselagerschen Hof schräg gegenüber ... Mächtige Reden ... Absingung des Liedes: Alles schweige, jeder neige ... Rückmarsch unter seiner Begleitung ... Schließlich Ende gut, alles gut: Ananas-Bowle in meinem Lokal ... O, o!« – und Herr Stienen wölkte etliche Kringel zur Decke – »so ehrt die Vaterstadt einen ihrer größten Söhne.« »Dunnerwetter! und das alles für Emmerich?« »Alles.« »Bernd,« wandte sich der Paderborner mit aufgerissenen Augen an seinen Freund und Gönner, »das hätte ich doch nicht hinter unserm Klamottenaugust vermutet. Schwerebrett und kein Ende! Vor meinen Fähnrichszeiten habe ich mal in des alten Cornelius Nepos › Liber de excellentibus ducibus exterarum gentium ‹ geblättert. Lebte der gediegene Römer noch heute, er könnte nicht blindlings an Emmerich vorbeigehen.« »So scheint es.« Der Freisasse erhob sich. Er blickte auf Charles. »Was zum Kuckuck nochmal! Sie wollen schon abbauen?« »Herr Stienen, meine Zeit ist bemessen.« »Bedauere äußerst. Wollen Herr Travelmann nicht den heutigen Abend ...?« »Unmöglich.« »Dann allerdings.« Herr Stienen perlmutterte mit seinen Schellfischaugen. Sein glattrasiertes Doppelkinn zog sich wie eine fette Weinbergschnecke in die Vatermörder zurück. »Äußerst betrüblich. Charles, die Nota, per cassa , für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren.« Als er die Rechnung beglichen hatte, fragte ihn Gideon: »Du gestattest doch, Bernd, wenn ich unserm Gönner noch etwas Gesellschaft leiste? Es bringt mir Verdauungsstörungen, wenn ich so plötzlich ...« »Bleibe nur ruhig. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.« »Danke. Und das mit dem Bau-, Schleif-, Rund- und Grubenholz, von wegen der Abtaxierung? Ich denke, der Termin wird doch eingehalten?« »Wird innegehalten.« »Gut, ich werde pünktlich erscheinen. Jawoll, ja. Schlag zehn Uhr auf Getter.« Der Gutsherr empfahl sich. Herr Stienen begleitete ihn bis zur Hausschwelle. Charles wedelte ihm mit seiner blütenweißen Serviette nach. Ohm Gideon trank noch rasch ein Glas auf sein Wohlgedeihen, auf eine ewige Freundschaft, auf eine unverbrüchliche Treue. Dabei sang er: »Die Treue, so klar wie ein Wiesenborn, Floh eiligst davon in ein Jägerhorn. Der Jäger, der blies sie hinein in den Wind, Daher sie zuzeiten so selten sich find't. Ich führe kein Jägerhorn. Bei mir ist sie trefflich geborgen, die Treue,« und er maß sich abermals ein Gläschen Lafitte zu. Inzwischen schritt Bernd durch das Lottergäßchen dem Prinzipalmarkt entgegen. Am späten Abend desselben Tages war er wieder zu Hause.   Der Schnee war von den Feldern genommen. Vor der Hand hatte der Winter seine gestrenge Herrschaft verloren. Gegen alles Erwarten ließ er die Ohren hängen, wetterwendisch, ohne blanke Tage, ohne Nächte mit kaltem Sternenfeuer. Graue Regenfäden schraffierten die Landschaft. Auf den Äckern war wenig zu schaffen. Die ganze Arbeit spielte sich in Hof, Haus, Ställen und Scheunen ab. Die Spinnstubenabende kamen zu ihrem Recht. Auch auf Getter. Jans Schwarte und Hövelkamp wohnten ihnen bei, saßen zwischen den Mägden, rauchten ihre Pfeife Tabak und sahen stur und steif in die zirpende Lampe. Dabei horchten sie auf das Rappeln der Fensterläden, das Wispern des Rohres und das Plaudern des Wassers, das wieder monoton gegen die grauen Mauern schwaderte. Im letzten Drittel des Monats hellte das Himmelreich auf. Überall Blinklichter. Es hatte den Anschein, als wollte es schon zu grünen beginnen. Selbst die Merle bäumte auf und versuchte eine neue Strophe zu pfeifen. Aber alles nur Schein, nur ein verhaltenes Leuchten und Mückentanzen. Um diese Zeit kam der Postbote von Hiltrup. Er brachte ein Schreiben von Darfeld. Es war an Frau Judith gerichtet. Nach gemeinsamem Mittagstisch schob sie es Bernd hin, wortlos, ohne dabei eine Miene zu ändern. Er nahm und las: »Meine teure Judith! Gottes Segen bei Dir und Deinem Hause. Seit meinem letzten Lebenszeichen ist so ziemlich alles beim alten geblieben. Die lieben Eichen rauschen mir Trost zu, und ich bin Dir von Herzen verbunden, daß Du Ohm Gideons minderwertige Pläne so unerschrocken bekämpftest. Wenn er auch ein guter und amüsanter Herr ist, von Poesie hat er gar keine Ahnung. C'est plus qu'un crime, c'est une faute , wie Talleyrand sagt. Annette von Droste scheint er überhaupt nicht zu kennen, meine Heimgegangene, in Gott ruhende Schwester nur wenig, sonst hätte er doch nicht solche verfänglichen Anträge gestellt. Habe Dank, meine Liebe! Die geretteten Bäume scheinen es selbst zu empfinden, denn wenn ich sie mit Hille aufsuche, ist es uns immer so, als würde aus den kahlen Zweigen Dein Name geflüstert. Wie wird es erst sein, wenn ihre belaubten Kronen wieder zu Domorgeln werden?! Ich freue mich darauf wie die ersten Veilchen auf das Trompeten der Kraniche, wenn diese aufs neue ihrer nordischen Heimat zustreben. Hille wird mit jeder Stunde voller und schöner. Ich sage das mit Vorbehalt, mit einer gewissen Reserve. Das menschliche Herz hat seine verborgenen Tiefen und ist schwer zu ergründen. Auch bedünkt es mich: sie ist milder geworden, weniger streng in ihren Anschauungen. Verschiedene Gründe sprechen dafür. Den Namen ihres Mannes weist sie nicht mehr in schroffer Art von sich ab. Bernd ist ihr offenbar näher gerückt. Ich kann von ihm reden und seine Vorzüge rühmen. So weit wären wir nun. Gott möge weiter helfen! Nur eins macht mir Sorge. Darüber zu sprechen kommt mir schwer an, aber es muß dennoch geschehen. Seit einigen Tagen gibt sie sich stiller und insichgekehrter, will immer allein sein und trägt sich mit Gedanken, die andere Menschen nicht kennen. Auch äußerte sie, nach der Getter zu fahren, sie habe etwas auf dem Helweg zu suchen. Sollten da wieder die alten Geschichten... ?! O mon dieu! mon dieu! und ich wähnte bereits, sie habe das Sehen der ›Blassen‹ im Lande von sich gewiesen, wie eine Genesende das Sterbekränzlein, das bereits über ihrem Haupte schwebte, lächelnden Mundes dem lieben Gott überantwortet. Ich halte ihr Bleiben auf Darfeld noch für unbedingt nötig. Nur hier kann sie völlig gesunden. Es ist auch besser für beide Teile. Das eheliche Vertrauen vertieft sich und reicht sich inniger die Hände. Ich zähle auf Dich. Du bist die nächste dazu. Dein Wort ist wie das einer Zugreifenden. Drum komme! Je eher, je besser. Auch verlangt sie nach Dir. Du bleibst so lange, wie es Dir behagt. Die Rückfahrt könntet ihr dann gemeinsam antreten. Hille läßt Dich grüßen. Meine schönsten Empfehlungen an Bernd. Erhalte mir Deine Liebe und Zuneigung, wie ich sie Dir in reichstem Maße entgegenbringe. Stets Deine getreue Stephanie.« Er ließ das Schreiben herunter. Die einzelnen Zeilen, vornehmlich die, die sich mit der traurigen Gabe befaßten, drückten ihn nieder. Vieles ging ihm durch den Sinn, preßte ihm die Kehle zusammen. War er denn der alleinschuldige Teil? Hatte auch sie nicht ihre Fehler, ihre seltsamen Wandlungen, die, wenn auch unbewußt, sich bei ihr zu einer gewissen Schuld verdichtet hatten? Warum diese Übereilung? Die unerklärliche Sucht, aus seiner Nähe zu kommen, ohne Aussprache, ohne das geringste zu tun, die Hand zur Versöhnung zu reichen? Noch einmal hielt er die große Heerschau über die verflossenen Tage und Wochen. Sie brachte ihm wenig. Nur verworrene Bilder und Erwägungen, mit denen er nichts anfangen konnte. Nirgendwo eine Quelle des Lichts. Unwillig, fast schroff, erhob er sich, und was seine Mutter kurz zuvor getan hatte, das geschah auch seinerseits. Der Brief wurde wortlos beiseite geschoben. Die Alte wischte sich über die Stirne. Alle Zuversicht hatte die Stunde in graue Asche verwandelt. »Es wird öde um uns, öde und leer,« sagte sie uneben, spröde und brüchig wie rissiges Eichenholz. »Man möchte vieles ändern, manches ins Gleichgewicht bringen. Die Zeit scheint verpaßt.« Sie war gleichfalls aufgestanden. Mit welken Händen griff sie in die Falten ihres schwarzen Kleides, als sei sie gewillt, der Unterredung ein Ende zu machen. Sie sah ihn schweigend an, und dieses Schweigen schien eine Frage zu sein. Er gab keine Antwort. »Ihr seid hart, ihr Travelmänner,« fiel es ihr dürr von den Lippen, »hart wie die unerbittliche Not vor dem Pfandhaus. Ihr habt ein Gewächs im Leibe, das euch aussaugt bis auf das Mark eurer Knochen. Tut, was ihr nicht lassen könnt, ihr Unbegreiflichen aus einem unbegreiflichen Geschlecht. Ich für meine Person habe bereits meine Dispositionen getroffen und fahre noch heute.« Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, verließ sie die Diele. Er sah ihr nach, als wenn seine Gedanken von einem Sterbehaus in das andre zögen. Dann nahm er Stock und Hut und ging auf die benachbarten Felder. Eine Stunde später hielt Jans Schwarte mit seinem Halbverdeck vor der Einfahrt. Hövelkamp war bei ihm. Judith erschien, führte ihn abseits und sagte: »En guten Statthöller is biäter as en feren Frönd . Haltet die Augen auf und seht nach dem Rechten. Hochzeitskleid und Totenlaken liegen dicht nebeneinander. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Er sieht alles und leuchtet denen, die für die Ordnung gesetzt sind.« Hövelkamp straffte sich hoch. »Urbanus Hawer un Veits Giärste kumt buowen in't Hausfirste , Frau Travelmann. Die schlafen. Ich nicht, denn ich will wie der Stern Gottes für die Ordnung gesetzt sein, sonst wär' ich nicht Hövelkamp, sondern ein blökendes Schaf im Pferch, ohne Betrachtung und Einsehen. Wer bei die Preußen gedient hat ... Gute Reise, Frau Travelmann!« »Gott lohn's,« und sie fuhr in den Mittag hinein und hörte auf den Gesang einer Merle, die auf einer Birke saß und bereits vom kommenden Lenz erzählte, und doch war die Erde noch kahl und leer und wie ein Menschenherz ohne freudiges Pulsieren. 14 Der erste Hahn krähte auf Getter, der zweite, der dritte. Auf dem mittelsten Schornstein stand ein bläulicher Krüsel, legte sich zur Seite und schwamm leichthin über die Dächer. Der Osten opalisierte. Dann wurde er weiß. Mit seinem Erscheinen begann sich die Arbeit zu regen. Köttersleute und Tagelöhner strömten aus der Nachbarschaft zu, Männer und Weiber. Die Knechte des Hofes gesellten sich ihnen. Hövelkamp trat unter sie, teilte sie in verschiedene Trupps und wies ihnen ihr Tagewerk an, kurz und bündig, ohne lange Redensarten zu machen. Gleich darauf verzogen sich alle in Ställe und Geschirrkammern, auf die Kornböden oder in die Felder hinaus. Jans Schwarte leitete die beiden Braunen, prächtige Oldenburger, auf den Hof, kardätschte und striegelte sie, daß man sich in ihren breiten Kruppen und Flanken zu spiegeln vermochte, säuberte den Hufstrahl und legte die Mähnen in zierliche Flechten. Der Morgen des heiligen Polykarp hatte frischen Mut in den Knochen. Das Schlappe, Verdrießliche seiner Vorgänger blieb ihm erspart. Mit blanken Augen blickte er um sich. Kalte Sonnenkälbchen spielten mit seinem Haar, das aussah, als wäre es durch Brillantine gezogen. Vor seinem Munde stand ein Nebelwölkchen, das sich scharf nach allen Seiten verteilte. Unter seinem Hauch schob sich eine feine Eisdecke über Wasser und Tümpel, matzendünn und mit flirrenden Nadeln durchkrustet. In den Zweigen der alten Eichen bildeten sich schmucke Kristalle. Sie blinkten im lichten Glanz des Tages und klingelten wie Glassplitterchen in einer Erbsenrabatte. Hövelkamp, der zwei Stunden hindurch Böden, Speicher und Raufen inspiziert hatte, trat wieder ins Freie hinaus, eine Peitsche mit sich führend, aus schwanken Weidengerten gedreht, die Schnur aus Werg und Katzendärmen gesponnen. Eisernen Gesichtes pflanzte er sich der Gesindestube gegenüber auf. Er stand wie ein Pfahl. Ein scharfer, sehniger Ruck, und die schnittige Korde knatterte wie ein giftiges Reptil in die Höhe, umschrieb eine reguläre 8 in der Luft, um den Auftakt mit einem scharfen Knall zu beschließen. Dann wieder ... sie riß knisternde Striemen, Schnirkel und Schnörkel, sirrte über den Boden, stellte sich wie ein Tümmler nach oben. Dazwischen fielen Schüsse, dicht hintereinander, einem Pelotonfeuer ähnlich. Und in dieses Schießen hinein, während die Peitsche weiter regierte, lärmte er eine Lirumlarum-Löffelstiel-Weise, aber grimmig und abgehackt, als sei er gewillt, seinen innern Groll und das, was seine Brust bewegte, mit der pfeifenden Schnur in Einklang zu bringen. »Hia da hüp! Alles, was auf Erden schwebet, Ist die Taub' das schönste Tier. Tauben, die gefallen mir. Doch vor allem Tut gefallen: Sag' mir, was ist eine? Einmal eins ist Gott alleine, Der da lebet, der da schwebet Hoch im Himmel und auf Erden. Hüa da hüp! Zwei Tafeln Moses, Drei Patriarchen, Vier Evangelisten, Fünf Gebote der Kirche, Sechs der Krug' mit rotem Wein Schenkt' der Herr zu Kana ein, Zu Kana in Galäa, 'nem Städtchen in Judäa ...« Der helle Spektakel rief Johanna ins Freie. Lachenden Mundes, die Ärmel aufgeschlagen, die rahmweißen Arme unter der üppigen Büste, war sie auf die Schwelle getreten. Ihre blauschwarzen Flechten gleißten im Sonnenlicht. Der runde und doch geschmeidige Leib dehnte sich wohlig. Gekniffenen Auges sah sie in das Gewirr der gepeitschten Figuren, hörte sie auf das Knattern und Flackern, das ihr ein lautes Kichern entlockte. Was wollte der Mensch nur? War ihm bereits 'ne vorzeitige Fastnacht unter den Schädel gefahren? So'n Gottestropf! Hövelkamp scherte sich den Kuckuck um sie. »Hüa da hup! Mir vor allen Tun gefallen: Sieben Sakramente, Acht Seligkeiten, Neun Chöre der Engel, Zehn Gebote Gottes, Elftausend Jungfrauen, Zwölf Apostel Jesu, Dreizehntes Infanterie-Regiment. Hüa da hüp! Doch vor allem Tut gefallen ...« Er wurde unterbrochen. Eine feste, gebräunte Hand legte sich ihm derb auf die Mütze. »Was tut Euch gefallen, mein lieber Hövelkamp?« »Dunnerkiel noch mal!« Er drehte sich um. Fritz Garke stand vor ihm, mit verwittertem Filz und lustigen Augen. »Na, was denn?« fragte der Förster zum andern. »Was mir gefallen tut? Ganz einfach: daß ich hier knalle, daß ich bestellt bin, dem Malör in die Parade zu fahren, von Rechts wegen und im Namen dessen, der da auf der Tenne steht, um die Spreu vom Weizen zu sondern. Wenn en Unglück sall sin, dann fällt de Katte von'n Stauhl un terbriäkt den Stiärt. Ich bin gesetzt dagegen. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Er sieht alles und leuchtet denen, die da bestimmt sind, Augen auf und Ordnung zu halten.« »Und Ihr seid einer von denen?« »Bin ich, ohne Zweifel und sonder Nebengedanken.« »Schön, und das mit der Peitsche?« »Vorläufig bloß zur Ermahnung, so 'ne Art Vorbedeutung vom Predigtstuhl herunter und für solche gesprochen, die willens sind, durch 'ne Sünde zu stänkern. Hören sie, soll's mir angenehm sein; hören sie nicht, kommt über sie das hitzige Fieber« – und er fuhr auf wie ein reisender Apostel, berufen, das Evangelium unter störrische Heiden zu tragen – »dann muß das hier regieren, denn so was bringt wieder Raison in die Köppe.« »Nanu!« Garke rückte sich den Hut in den Nacken. Der unerschütterliche Ernst des vierschrötigen Mannes gab ihm zu denken. »Wem gilt denn die ganze Geschichte?« »Weiß ich nicht. Darf ich nicht wissen. Muß sich erst später ergeben. Kann Buxen oder auch 'nen Weiberrock tragen. Möglich, daß ich's mit 'nem veramüsiertem Weibsrock zu tun haben werde, denn eine, die so einen trägt, is en Engel in die Kiärke, 'ne Hickel up de Straote un en Düwel im Huse. Aber wen's trefft: dem Gnade und Barmherzigkeit! An so 'ne Aufmachung kann Menschenblut kleben,« und wiederum sirrte die schnittige Korde über den Boden, knatterte wie ein Feuerwerkskörper. Hinter ihm klappte die Tür zu. Über ihm wurde ein Fenster geöffnet. Im Rahmen erschien die Gestalt des Hausherrn. Fritz Garke schnürte sich abseits, drehte bei und verschwand in der Gesindestube. »Hövelkamp, seid Ihr denn von Gott und allen guten Geistern verlassen? Wozu das Manöver?« Der Angerufene sah stur in die Höhe. »Herr Travelmann, daß ich's men sage: Et is so heit, dat de Kräggen up en Taun sittet un jappet. Die Frau hat mir Order gegeben und mich bestellt, dem Malör in die Parade zu fahren, von Rechts wegen und im Namen dessen, der da auf der Tenne steht, um die Spreu vom Weizen zu sondern. Vor der Hand chargier' ich men blind durch, um für alle Fälle den richtigen Schwung zu besitzen. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Er sieht alles und leuchtet denen, die bestimmt sind, Augen auf und Ordnung zu halten.« Der Freisasse lachte. »Dann leuchtet man weiter; nur sorgt, daß alles parat ist.« »Bloß keine Bange.« »In 'ner Viertelstunde soll der Sandschneider vorfahren.« »Ist besorgt und angeordnet.« »Vom Herrn Baron noch nichts zu sehen?« »Noch gar nichts; aber nach dem Helweg zu hör' ich wen singen.« Das Fenster klapperte. »Hia da hüp!« Mit langen Schritten stakelte Hövelkamp zu Jans hin, der just dabei war, die Oldenburger aufzuschirren. Hinter den Wallhecken näherte sich eine wackere Stimme. Aber sie sang nicht das taktfeste: »Es diente mein tapferer Vater In der preußischen Garde zu Fuß ...« sondern das ernste Lied ›Wer hat dich, du schöner Wald‹ und das erhabene ›O Täler weit, o Höhen‹ und das grandiose ›Nun ruhen alle Wälder‹, um sachlich und verständnisinnig das von der ›Holzauktion‹ auf die Walze zu nehmen, ein Lied, dessen sich zurzeit die meisten Orgeln bemächtigt hatten und das alle Menschenherzen bewegte. Gut gemeint, aber doch die übelste Kakophonie. Ohm Gideon, und doch nicht Ohm Gideon. Den Freiherrn von und zu Hasenklever hatte er abgelegt; ebenso den Paderborner Husaren. Er war nur Taxator, Holzbeflissener, ganz und gar zugeknöpfter und korrekter Beamter. Wie der Mann, so die Ausrüstung. Allerdings, den Bülow Krawallo führte er bei sich, das Vivathütchen mit der pompösen Spielhahnfeder schmückte den entwaldeten Schädel; aber das andere ... Er hatte sich völlig gemausert. Ein kurzer, mit Fuchspelz verbrämter, eisengrauer Überzieher, der dicht über dem Rückensturz absetzte, hüllte den oberen Menschen ein. Das fidele Untergestell steckte in englischen Velvethosen, Ledergamaschen und derben Nagelschuhen. Von der linken Schulter zur rechten Hüfte legte sich ein strohgelber Riemen. Daran Krimstecher mit Bussole und Kompaß. Eine Kartentasche mit Buntstiften, Zirkel und verschiedenen Aufnahmen der Umgebung von Amelsbüren und Hiltrup, im Maßstabe 1:25 000, baumelte von einem kräftigen Gurt, der ihm das stattliche Bäuchlein umschnürte. Dazu kamen Meßinstrumente und andre Gegenstände, die erforderlich waren, sinngemäß und sachlich abzuschätzen. Nicht dieses allein. Die Brusttaschen des Überziehers strafften und strammten sich mächtig. In der linken ruhte Heyers ›Der gediegene und praktische Waldwirt‹, in der rechten: ›Forstliche Ertragstafeln‹ von Hartig, eine tabellarische Darstellung des Holzzuwachses eines Bestandes für bestimmt abgegrenzte Wirtschaftsbetriebe. Es war zum Erschauern. So ausgerüstet, einen magischen Respekt ausbüschelnd, ganz Kameralist und Forstmathematiker, nur Statistik und Umtrieb vor Augen und das Lied von der ›Holzauktion‹ auf den Lippen, karawante er in den Freisassenhof, sah weder rechts noch links, klingelte und trat in den Hausflur. Hier empfing ihn der Gutsherr. Der prallte zurück. »Mensch, dieses Kostüm!« »Bernd, kein Erstaunen. Mein Grundsatz: bei Stienen gemütlich, im Dienst äußerste Pflicht und Sachkenntnis. Stramm militärische Kürze. Nichts dran zu ändern.« Er strich seinen martialischen Schnurrbart. »So?! und der Fakir in dir?« Ohm Gideon zeigte die Innenfläche der linken Hand und hielt sie seinem Freunde entgegen. »Bernd, keine Versuchung! Bitte, nicht das Spiel mit den lockenden Sirenen! Meine Ohren sind mit Wachs verpicht. Absolut sicher. Jawohl, ja. Nur im äußersten Notfall. Zum Beispiel: es ist kalt unter Gottes Himmel geworden. In der Uhlenbrinker Gemarkung zieht es verteufelt. Auch in der Hallüh. Dagegen kann kein vernünftiger Mensch anoperieren. Gesetzt den Fall, es zöge so weiter: dann allerdings. Aber nur in bescheidenstem Maße, nur aus dem Grunde heraus, die Arbeit zu fördern und zu einem ersprießlichen Ende zu führen. Mit Liebe und Lust. Sonst nicht zu machen.« »All right! Also gehen wir!« Draußen hielt Jans Schwarte mit dem Sandschneider. Die feurigen Gäule bissen in die Stangen und scharrten den Boden. Johanna trug in Begleitung Garkes einen stattlichen Korb zu, über dessen Rand eine opulente Anzahl von Flaschenhälsen hervorsah. Ein einschmeichelnder Duft nach gebratenen Hühnern, Brot und Butter entströmte der sorglichen Verpackung. Der Paderborner kehrte sich indigniert ab. Er wollte nichts sehen und riechen. Der korrekte und zugeknöpfte Beamte behielt noch immer die Oberhand. Nur ein ganz feines, aber saftiges Tröpfchen rieselte ihm von der Unterlippe herunter. Beim Einschieben der köstlichen Ladung unter den Rücksitz verirrte sich die försterliche Rechte in ganz verlorener Weise. Heimlich und vertraut glitt sie über die Kruppe des schönen Mädchens. Es zuckte auf, seine Haut fältelte sich, aber das war auch alles gewesen. Bernd sah es. Seine Augenbrauen zogen sich bedenklich zusammen. »Garke, was soll das? Hier gibt's kein Freiwild.« »Herr Travelmann, es ist doch bloß so pro forma geschehen.« »Dieses ›pro forma‹ hole der Satan. Verstanden?« »Ja, ich habe verstanden, Herr Travelmann.« »Dann 'rin in die Koje!« Der Freisasse schwang sich riemig und sehnig neben Jans Schwarte auf den Bock, ergriff Zügel und Peitsche, drehte den Kopf und rief über die Schulter: »Garke, wohin zuerst?« »Schwarzes Holz, Jagen vierundzwanzig, am Hechelkreuz vorüber, bis zum Vorwerk in der Uhlenbrinker Gemarkung.« »Gut gegeben, Herr Forstrat.« Ohm Gideon, der neben ihm Platz genommen hatte, klopfte ihm wohlwollend aufs Knie und begann ein gelehrtes Gespräch über Bodenkultur und Waldschädlinge in die Wege zu leiten. Allein der so Bevorzugte hatte nur geringes Verständnis für die gönnerhafte Art und Weise des Paderborners. Er nickte bloß. Seine Gedanken waren wo anders. Indem er seinen kurzverschnittenen Spitzbart strählte, sah er zur Seite, wo das frische Weibsbild sich in seiner ganzen Einfalt und Treuherzigkeit sonnte. Gierig waren die roten Lippen geöffnet. Die weißen Zähne kamen zum Vorschein. Ein eigentümliches Kichern perlte durch die Kehle. »Fertig?« kam es vom Bock. Jans Schwarte sah sich um. »Jawohl, Herr Travelmannn.« Die linke Faust des Gutsherrn machte eine kleine Bewegung, während die seidenfadige Schnur der Gerte eine rasche Volte schlug und leicht über die Gäule hintänzelte. Ein kurzes Schnalzen, und in flotter Gangart ging es über den Hof fort, der Gräfte entlang und dem silberigen Birkenwäldchen zu. Johanna befand sich noch immer auf der nämlichen Stelle. Sie atmete tief. Ein sinnliches Rieseln glitt über den Nacken. Mit untergeschlagenen Armen, die nackt waren und wie Buttermilch aussahen, verfolgte sie den raschen Sandschneider, bis er untertauchte in dem Gewirr der hängenden Zweige, jenseits der überjährigen Rohrbestände. »A rivederci!« Noch einmal klang es zurück. Ohm Gideon hatte gerufen. Sie wandte sich langsam in ihren geschmeidigen Hüften, blieb aber jäh am Boden geheftet. Hinter der doppelschlägigen Tür der Geschirrkammer erhob sich die hohe und dürre Gestalt Hövelkamps. Drohend stand sie zwischen den grauen und verwitterten Pfosten. Nur die großen und ausgebleichten Augen lebten an ihm. Sie glühten wie Holzmulm und waren wie das Gericht Gottes auf die Entsetzte gerichtet. Nur schwer gelang es ihr, aus dem Bannkreis dieser Blicke zu kommen. Als sie endlich den Mut fand, ging sie eiligst davon, ohne nochmals das Antlitz zu wenden. Erst auf ihrer Kammer beruhigte sie sich. Jetzt keine Heilige mehr, keine von denen mehr, die bei den Ursulinerinnen in Dorsten ihre Bildung genossen und die bleichen Lilien an der Klostermauer gepflegt hatten, streifte sie sich ihr Leibchen herunter, unbefangen, mit der heitern Lebensauffassung der Frauen und Mädchen, die, wie der Prophet in seinem Jeremiasbriefe berichtet, nur mit einem Gürtel angetan, in den Hainen von Borsippa saßen, den Fremden zunickten und Olivenkerne entzündeten. Sie trat vor den Spiegel, nestelte weiter und ließ das weiße Linnen herunter, ohne Scheu, mit der Anmut der Jungfrauen von Amathunt, den landenden Matrosen gefährlicher als alle Klippen und Schrecknisse des Meeres. Kein Erröten, kein Bangen, kein Sichsperren gegen das, was die blanke Fläche ihr mitteilte. Sie nahm alles hin, als wäre es ihr von reinen Händen gegeben ... und hätte einer hinter ihr gestanden, einer von den Freien und Starken im Lande, hätte mit ihr in den Spiegel geschaut und nicht alles vergessen, was um ihn lockte und gaukelte: die sonnige Welt, den Schmelz des Lichtes, Ehre und Ansehen und alles Gold der Erde – und hätte nicht gestammelt: »Nehmet mir alles: die sonnige Welt, den Schmelz des Lichtes und das, was mir Ehre gab und Reichtum zuführte, nur laßt mir das, was ich sehe. Ich bete das Weib an« ... er wäre ein Mann ohne seine gesunden fünf Sinne oder wie Jakobus, Bischof von Nisibis, gewesen. Und was tat dieser Bischof? Ein Wunder; denn als er gelegentlich einer Reise nach Persien an einem Brunnen vorbeikam, sah er gelenkige, halbentblößte Mädchen, die ihr Linnen dort wuschen. Eine Empörung war in ihm, aus Furcht, irre zu werden und die Gnade zu verlieren. Femina janua diaboli, scorpoinis percussio, inutile genus. Das Weib ist die Pforte zur Hölle, der Stachel des Skorpions, ein unnützes und verderbtes Geschlecht. Und er verfluchte den Brunnen und wandelte das Haar der Mädchen, das wie Ebenholz aussah, mit dem Glanz des Rabenfittichs dazwischen, in häßliches, sandfarbiges, stinkendes – und ging getröstet von dannen. In Anbetung versunken, stand Johanna vor der spiegelnden Scheibe. Ihr Schauen war Tempeldienst, und sie erfreute sich dieser Anbetung. Endlich! sie hatte genug gesehen, ging ihrer Truhe zu, um sich für den Mittag und Abend umzukleiden.   Das Schwarze Holz war schon seit einer Stunde erledigt. Tapfer, im Schweiße seines Angesichts hatte der Paderborner gescharwerkt, ohne rückfällig zu werden, ohne auch nur einen Blick auf die verlockenden Flaschen zu werfen, auf die dunkeln Bouteillen mit den gelben Siegellackhälsen und den breiten Bauchbinden, ähnlich denen der fetten Abbaten aus dem Lande der Abruzzen, Messerstecher und Falschmünzer. Ein neues Revier wurde bezogen. Längst hallten die Schritte durch die Schneisen der Hallüh und der Hohen Fuhr in der Nähe von Hiltrup. Hier standen mächtige Fichten im Flechtenbart, im eigenen Weihrauch, mit der Andacht von grüngekleideten Leviten nebeneinander. Ihre sparrigen Arme berührten sich, ihre harzigen Tränen tropften gemeinsam, ihre Wipfel knirschten zusammen, wenn der Wind sich erhob und die rissigen Stämme unruhig wurden. Eine Durchforstung war mehr als geboten, und so war denn Ohm Gideon vollauf beschäftigt, gerade in diesem Revier seine Messungen vorzunehmen und die dem Tode geweihten Bäume durch Fritz Garke zeichnen zu lassen. An der Hand von genauen Flur- und Waldkarten durchstreifte er Jagen und Gestelle, tat wie ein Unfehlbarer und überschlug in kühnen Kalkulationen die Bewertung der einzelnen Distrikte. Nichts entging seinen kundigen Augen. Sein dickleibiges Notizbuch füllte sich mit Tabellen und Zahlen. Trotz der scharfen und spitzen Ostbrise, die mit Lanzetten bis auf die Haut prickelte, schwitzte er sich tapfer von Bestand zu Bestand, von einer Schneise zur andern. Von Hiltrup her kamen zwölf einzelne Schläge. Mittagszeit. Er ließ schlagen, was schlagen wollte, obgleich der Gutsherr bereits etwas von knurrenden Mägen, gebratenen Hühnern und wärmenden Tropfen erzählte und Fritz Garke sich nach einem unter Wind gelegenen Plätzchen umsah, geeignet, dem heißersehnten Frühstück eine trauliche Stätte zu bereiten. Nichts war zu machen. Der Paderborner blieb von seinem Vivathütchen bis zu den groben Nagelschuhen herunter der unerschütterliche Naturfreund, der kalte Makler und Erwäger. Die von knisternden Nadeln durchsäuselten Hallen tönten wider von weisen Sentenzen aus Heyer: ›Der gediegene und praktische Waldwirt‹, erschauerten unter den weithingelärmten ›Forstlichen Ertragstafeln‹ von Hartig, so daß Garke alle Hände voll zu tun hatte, die Rinde anzuspänen und mit Rotstift ein Kreuz auf das blanke Holz zu malen. Bis in die schwarzen Wipfel hinein, wo Meisen und Goldhähnchen ihr artiges Spiel trieben, kletterte die Weisheit und tiefgründige Andacht des Unverdrossenen, der seinesgleichen nicht hatte. Bernd ermahnte zum andern. Der Ohm lehnte ab, fast gekränkt. »Luftikus, wo werde ich denn? Bei Stienen immer zu haben, doch hier« – er schlug sich auf sein eisengraues Wams, daß es knallte – »hier lediglich Maschine, prompte Maschine. Jawoll, ja. Ich weiß, was sich schickt, dir gegenüber und mir gegenüber.« »Mensch, die Bouteillen ...!« Ohm Gideon schüttelte sich, als habe er Zeit seines Lebens mit den Hydropathen nur pures Brunnenwasser getrunken, mit den Moslems einen immerwährenden Ramadan gefeiert. »Narrenkönig!« Bernd Travelmann ging lachend von dannen, begab sich tiefer ins Holz und suchte nach einer windfreien Stelle. Ein Uhr, zwei Uhr. Die Sonnenstrahlen glitten bereits rötlich und schräg durch die borkigen Stämme, als irgendwoher ein Kommandoruf laut wurde. »Pause!« donnerte eine mächtige Stimme. »Nanu, diese Eigenmächtigkeit!« entrüstete sich Ohm Gideon, drehte sich um und rief nach dem Forstrat. Fritz Garke war nicht mehr da. Er hatte sich seitwärts in die Büsche verkrümelt. Weit drüben aber, zwischen dem Stangenholz, knisterte ein Feuerchen, kräuselte ein bläuliches Wölkchen. »Da soll doch ...« Er bekam Witterung in die Nase. Wie ein vergrämter Fuchs schnürte er sich näher heran. Da sah er... In einer Delle, den Rücken durch junge Fichten gedeckt, wohlig angewärmt durch brennende Reisigbündel, saßen Gutsherr und Revierförster genüglich zusammen, verzehrten ihr Huhn und sprachen dem Wein zu. Er prallte zurück. »Das ist ja, um in ein kamelhärenes Gewand zu fahren,« brauste er auf. »Hockt das beieinander und tafelt wie Bäcker- und Klosterknechte, während ich im Interesse der Gutsverwaltung mein ganzes Menschentum hergebe und schaffe. Wo soll ich das hintun?« Keine Antwort erfolgte. Die Brathühner dufteten lieblich, der Rote begann ihm in der Nase zu kitzeln. Er schnupperte. »Allerdings,« lenkte er ein, »es zieht barbarisch durch die Hallüh; auch die Hohe Fuhr hat ihre Naupen. Das mag als Entschuldigung gelten. Aber dieses heimliche Vorgehen ... Indessen jedoch, gegen Pflicht und Gewissen, gegen Überzeugung und Bravheit: mit hungrigen Wölfen hat selbst der treueste Emissär zu heulen. Und aus dieser Erwägung heraus ...« Er warf sich bei den andern nieder, langte zu und zerteilte seine Gockeline mit dem Weidmesser, zögernd, widerwillig, als wäre so ein Mistkratzer in die Ordnung der minderwertigen Vögel einzurangieren. Er ekelte sich. Um so emsiger wurde die tote Henne bestattet. Verstohlen schürfte er hierauf den Korkzieher aus der Tasche, drehte an und beförderte den Pfropfen mit hellem Schnalzen aus der kurzhalsigen Flasche – contre coeur , wie er behauptete, lediglich, um den Anstand zu wahren und keine Verstimmung aufkommen zu lassen. Aber die Tropfen waren gut. Man konnte ihnen sogar das Epitheton ornans ›vortrefflich‹ beilegen. Dennoch wurmte er sich beim ersten Glase und sprach von unleidlicher Arbeitsunterbrechung, salopper Pflichterfüllung und Verkennung der Tatsachen. Beim zweiten weniger. Beim dritten verstummte sein Mund, und als er wiederum den Korkzieher zu Hilfe nahm, begann er zu saugen und sog, als wären Kehle und Magen in großporige Badeschwämme verwandelt. Schon hub seine Zunge an, vergnüglich zu lallen, schwerer und splissiger zu werden, und siehe: mit dem Schrägerwerden der Sonnenlichter fielen ihm seine strengen Grundsätze wie Zunder vom Leibe, bröckelten ab, und keine halbe Stunde verging, da kam der leibhaftige, grandiose und köstliche Onkel, der alte Paderborner, wieder zum Vorschein. Sein Antlitz strahlte bereits wie Beteigeuze im Sternbild des Orion. Bernd reckte den Kopf, stellte sein Glas beiseite und erinnerte daran, daß es nun Zeit sei, wieder den Betrieb zu eröffnen. Noch sei Büchsenlicht und die letzte Messung zu regeln. »Wa... wa... wa... was?!« Gideon stierte ihn an, als habe sein Freund und Gönner in der Sprache der Botokuden geredet. »Jetzt? wo ich gerade dabei bin, meinen inneren Menschen nach des Tages Last und Fron leidlich in die Reihe zu bringen, da kommst du mit solchen Lappalien, unwürdig eines denkenden und großen Mannes?« Sein Lapis lazuli umschrieb eine Kreislinie. »Du bist woll. Erst ist das hier alle zu machen. Denn es ist besser und gediegener als Joseph Stienen seine äußersten Marken. Charles, 'ne frische Bouteille für den Herrn Baron von und zu Hasenklever, hochwohlgeboren! Aber was ich sagen wollte! Ja, du – wie konntest du nur? Wie konntest du nur über Emmerich Dinklage hinstolpern wie über 'ne Schachtel Nürnberger Zinnsoldaten? Damals ... ich meine ... Das war mit Tusch in einem Atem zu nennen.« »Bitte, lassen wir das!« Ein schweres und verlorenes Radebrechen: »Nein, Freisassenhöfer, das darf man nicht lassen. Ihr beide seid edle Menschen, Träger der Macht und der Herrlichkeit. Der Mann ist Klamottenforscher und Denker. Charles ...! Prosit, mein Junge! denn, was Herr Stienen erzählte, also geschah es. Der Fackelzug stieg ... alle Kulören in Wichs ... die Kapelle der Dreizehner schlankweg voran ... über den Prinzipalmarkt ... dreimal um die Lambertikirche herum ... dann zur Neubrückenstraße ... Im Fenster stand er ... er, der Gefeierte des Tages ... der Stratege von Leukas ... der Heros ... Und du?« Der Gutsherr sprang auf. »Unsinn, verfluchter!« »Was, Unsinn?! Auch gut; denn ihr Travelmänner habt 'ne eigenartige Bewertung menschlichen Könnens. So versinke denn, Emmerich, tauche unter, sei gelöscht aus dem Gedächtnis deiner Freunde und Lebensgefährten. Immer tiefer und tiefer. Aber dort oben ...« Er stierte steil in die Höhe, zum Gipfel einer mächtigen Fichte empor, die im Licht der untergehenden Sonne blutete. Meisen und Goldhähnchen spektakelten lauter. »O diese Stimmen!« Er wuchtete sich schwer aus Pfriem und Nadeln. »Das ist die Stimme Johannas!« Taumelnd, seinen Schnurrbart streichend, wankte er auf den harzigen Stamm los, umschlang ihn, preßte sich an ihn, machte verliebte Nasenlöcher und stammelte: »Es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Montezuma, dem Glorreichen, Großen! Endlich habe ich dich ... dich, die Tochter des Silberhaltigen ... die Blume der Prärie ... dich, den Schmuck der Azteken ... augenfälliger als Seide und weicher als der Schwanz eines Fetthammels ... O du Breithüftige, Vollbusige und doch Geschmeidige, werde mein Weib ... meine Gattin ... meine Kindergebärerin ... O diese Stimmen ...!« Er drückte Schnurrbart und Mund auf die rissige Borke. »Entweder dich oder keine.« »Pardon, Herr Baron.« Fritz Garke stand hinter ihm, erregt und mit zuckenden Lichtern. Das Weiße darin glänzte wie Porzellan. »Wenn Sie erlauben, ich dürfte wohl den nächsten Anspruch erheben, denn ich bin willens und gesonnen ...« Ohm Gideon grinste ihn an. »Was – Sie?! Was sind Sie gesonnen und willens? Lassen Sie sich auslachen, Mann ... armseliger Forstrat ... lediglich Waldknecht ... Man müßte Sie auf ein Blutleder werfen. Backen Sie Lieber Ihren Schießprügel an und holen 'ne lahme Krähe herunter, als daß Sie den sträflichen Mut haben, die Silberdistel der Prärie ... In meinem Wigwam allein ... Wigwam! ... Wigwam ...!« Noch ein letztes verliebtes Umklammern, und Ohm Gideon, der pompöse und köstliche Ohm Gideon, klappte wie ein Müllersack, dem das Korn aus einer schadhaften Stelle rieselte, am Wurzelstock der Fichte zusammen. »Erledigt,« sagte der Gutsherr. Er sah steif und verärgert in den Abend. Der Wein glühte in ihm. Der Tag war ihm gründlich verdorben. Das durfte nicht geschehen, das mit Emmerich nicht und das andre auch nicht. Das heraufbeschworene Weib stand ihm lebhaft vor Augen. Er rief nach den Gäulen. Jans Schwarte, der bei einer Schonung in Deckung gelegen hatte, fuhr vor. Mit seiner Hilfe und der Garkes wurde der Paderborner verfrachtet. Bernd tätschelte inzwischen die Flanken der unruhigen Tiere, griff nach den Zügeln, setzte den Fuß aufs Trittbrett und gnetterte: »Schwarte, 'rin in den Wagen, ich fahre. Und Ihr, Garke, Ihr habt wohl keinen Gusto mehr, nach der Getter und so ...« »Eigentlich nein. Ich hab's von hier aus kommoder nach Hause.« »Soll mir angenehm sein, aber nehmt noch 'ne gute Lehre mit auf den Heimweg.« »Und die wäre?« »Ganz einfach: Hand von Johanna!« »Herr Travelmann, wie komm' ich dazu?« »Weil ich es will. Ich dulde keine Exkursionen in andermanns Garten.« Der Freisasse saß bereits auf dem Bock, die Zügel gestrafft, die Beine vorgestemmt, der sehnige Leib wie aus hartem Granit gehämmert. »Herr Travelmann, es gibt doch keine Leibeigenschaft mehr, und das jus primae noctis ...« »Mir Wurscht, aber Hand von dem Mädel!« donnerte es aus der Höhe herunter. »Jawoll, Hand von dem Mädel – Sie Holzknecht,« lallte Ohm Gideon, »denn in meinem Wigwam allein ...« Die Peitsche sirrte und der Sandschneider karriolte los, durch Schneisen und Waldgestelle, über Blößen und ausgefahrene Wege, erst behutsam und stuckernd, dann schlanker und freier. Endlich war die offene Straße gewonnen. Hallüh und Hohe Fuhr blieben zurück. Das weite Feld tat sich auf. Am tiefen Horizont lag die Sonne wie eine glühende Kugel. Rechts, ganz dicht in der Nähe, erhob sich die Silhouette von Hiltrup. Die Luft ging scharf. Feine Kristalle rieselten nieder. Drüben, weithinten, jenseits der Birken, die wie ausgebleichte Skelete gegen den Nachthimmel standen, mußte der Hof liegen, und dort unter den Sparren ... »So'n Flegel! Wie kann er nur wollen. Hat Ambitionen. Natürlich, Förster und Schmaltier – das sollte ihm passen.« Bernd hatte Feuer vor Augen, violette Kringel, die auf und nieder tanzten. Funken und blaue Fliegen. Vom Wein? Von seinem stürmischen Blut? Von den dämlichen Redensarten und dem grandiosen Verhalten Ohm Gideons? Er wußte es selbst nicht. Nur das wußte und fühlte er ... Er wähnte jemanden neben sich sitzen: biegsam und schlank und doch rundlich und straff, mit duftigen Flechten ... und da wollte so'n lumpiger Förster ... »In drei Teufels Namen nochmal!« Vor ihm lief die schnurgerade Straße. Jetzt hatte er freie Bahn. Wieder knisterte die Schnur. Die Oldenburger griffen aus. Unter ihren Hufen spritzten die Kiesel. Mit knapper Not konnten die Räder Grund und Boden unter den Eisen behalten. Immer Nase voraus, den Vogelbeerbäumen nach, auf die weißen Birken zu, die ihm nicht mehr wie ausgebleichte Skelette, sondern wie leuchtende Frauenleiber erschienen. Rechts und links huschten vereinzelte Kotten vorüber, stille Gehöfte mit toten und glanzlosen Fenstern. Die rote Kugel versank. Nur noch Flammengarben strählten den Himmel, warfen gelbe, grüne und resedafarbige Lichter hoch in den Weltenraum. Die Luft wurde rauher und schärfer. Immer noch Johanna und Garke. »So'n Viechskerl! Hat Witterung. Aber Hand von dem Wildbret!« »Recht hast du, Bernd. Schwefle den Kerl aus dem Bau!« Ohm Gideon schob den Kopf aus dem Fuchskragen. Das Vivathütchen flog auf und davon. Die greifbare Kälte rüttelte ihn auf. »Toujours en vedette ! Aber Bernd, ich kann mir nicht helfen: in Anbetracht der näheren Umstände... ich meine, weil der dicke Stienen behauptet ... und als korrekter Beamter ... Ehre dein Weib ... spaziere nicht abwegig ... Wie konntest du nur? Emmerich ist doch sozusagen 'ne richtige Nummer ... ein Heros ... er leuchtet den Toten ... um so als Nürnberger Zinnsoldat aus der Schachtel geworfen zu werden. Eskadron – Te-r-a-a-a-ab! Das war kein Heldenstück, Oktavio!« »Ruhe im Kasten!« Der Angepfiffene sank in die Polster zurück, von Jans Schwarte gehalten. »Charles, zwei Lafitte!« Die Gäule preschten. Immer näher rückten die hellen Stämme, hoch und hehr und mit purem Schmelz übergossen. Schmale Äcker, die grüne Wintersaat zwischen den Schollen, Kleefelder und sandige Strecken glitten vorüber, beschrieben riesige Kreise, zergingen. Neue tauchten auf, drehten sich, um wie Phantome ins Nichts zu verschwinden. Der wilde Travelmann kutschierte. Galopp! Schon wurden die Birken durchrasselt. Entblößte Gestalten, sehnsüchtig und mit gebreiteten Armen. Ihr feines Haar wehte im Wind. Der Freisasse spürte den Duft. Seine Nasenflügel weiteten sich. Das Blut schlug ihm bis in den Hals hinein. Der Hof kam in Sicht. Friedlich lag er unter dem letzten Glühen des Abends. An der Zufahrt ein eingerammter Balken. Es war Hövelkamp. Das Tor stand sperrangelweit offen. »Christus, was kommt da?« Der Sandschneider tanzte. »Eskadron – Te-r-a-a-a-ab! Laissez faire. Immer forscher. Das nennst du fahren, mein Junge? Stümperwerk ist's, elendes Pfuschwerk. So kutschiert 'n Trainsoldat. Her mit der Leine! – und 'rin ins Freisassenwasser.« Der Ernüchterte hatte sich zwischen den Sitzen erhoben. Er hielt sich am Bock fest. Bernd wandte sich um, mit geöffneten Nüstern. »Wie meinst du?« »'rin ins Freisassenwasser!« »Nur keine Worte. Das kann immer passieren. Hast du Kurasch?« »Als Paderborner Husar – für zehne, mein Söhnchen.« »Los denn dafür!« Die Peitsche knatterte. Der Gutshof kam näher. Noch dreihundert Schritte, noch zweihundert. Unter feurigem Galoppschlag, mit stoßenden Rädern, ohne Halt und Einsicht wurde die letzte Kehre genommen. Kein Hemmen und Dämmen mehr. Hell blenkerte der Spiegel auf, nur sacht überkrustet. »Christus, Christus...!« Hövelkamp stieß einen gellenden Schrei aus. Jans Schwarte sprang ab, suchte den rasenden Gäulen in die Parade zu fahren. Vergebens. Von Schaum und Schweiß überflockt, wurde er zu Boden geschleudert. »Er tut's! Wahrhaftig, er tut's!« » Sauve, qui peu, was ein Lump ist!« lärmte Ohm Gideon und hielt sich kaum auf den Beinen. »Wir Edelmänner hingegen ...« Der wilde Travelmann regierte die Stunde. Alarm! Knechte und Mägde strömten zu, schrien auf, rangen die Hände. Ein Fenster wurde aufgerissen. Ein junges Weib mit leuchtenden Augen ... »Hurra! so kutschieren die Travelmänner und die Paderborner Husaren. Ventre à terre! Immer jü mit die bockigen Pferde! Mort sans phrase! Bravo! über den Rubikon fort und 'rin in den Trasimenischen See. Ave, Caesar, morituri te salutant! « Das Wort wurde ihm vom Munde gerissen. Schwer sackte er in sich zusammen. »Morituri ...!« Sturzwellen gingen über ihn fort, über Wagen und Gäule. Nur Bernd thronte fest, straffte die Zügel, hielt Grund, und selbst von dem kalten Bad überschüttet, eingekniffenen Mundes und mit knirschenden Zähnen, nicht achtend auf Gefahr und Unheil, brachte er die tolle Fahrt zu einem glorreichen Ende, gewann das Ufer, sprang ab und warf Jans Schwarte die Zügel zu. »Und du willst ein Westfälinger sein? Feigling, verfluchter!« »Um Gott nicht ...!« »Waschlappen – du.« Er riß den Kopf herum: »Hövelkamp!« »Herr Travelmann.« »Da!« lachte der Gutsherr und deutete auf den Paderborner, der taumelnd und triefend aus dem Sandschneider vorkroch. »Der muß Ruhe haben. Ins Bett mit ihm und ein geruhsames Schlafen.« »Wigwam! Wigwam!« lallte Ohm Gideon, mehr tot als lebendig. »Grüße die Silberdistel der Prärie ... den Schmuck der Azteken ... Schlafen... Morituri te salutant ... Nur träumen im Wigwam ...« »Auch gut,« bestätigte Bernd, und während Hövelkamp sich um den Wackern bemühte, die Mägde gleich verstörten Hühnern umherirrten und Jans Schwarte sich um Wagen und Pferde sorgte, den Kopf schüttelte und nicht wußte, ob er sich als Männchen oder Weibchen ansprechen sollte, schritt der Gutsherr als ein Starker, Ungebeugter, Stiernackiger, wenn auch mit Fieberpulsen, dem Haus zu. Scheu und wortlos sahen ihm alle nach. Die Klinke gefaßt, rief er zurück: »Ich will heute keinen mehr sehen, aber auch keinen. Verstanden?!« Dann schlug er die Tür zu. Wie alles so still war, so leer, so ausgestorben! Keiner begegnete ihm, niemand störte seine Schritte, die in den weiten Fluren widerhallten. Schaufeln und Geweihe von kapitalen Elchen und Rothirschen tauchten auf, ungewiß, schemenhaft, von den grauen Fäden des immer stärker werdenden Dunkels umsponnen. Ihre grotesken Formen, das stumme Dreinschauen, das scheinbare Wachsen der Stangen aus den Rosenstöcken, alles das machte das Geheimnisvolle noch geheimnisvoller. Er sah in ein Gewirr von Forkeln und Sprossen. Die Trophäen an den Wänden dort oben waren die Kronen von gewaltigen Herren gewesen. Und diese Herren ... die meisten von ihnen hatten den Brunftplan behauptet, mit roten Enden, weißen Lichtern und offenem Windfang, hatten ihren Liebesschrei durch den Nebel georgelt, bis ein krummer Finger und ein jäher Blitz dem großen Waldmysterium ein frühzeitiges Sterben bereitete. Daran dachte auch er. Das Herz schlug ihm stärker. Mit diesem wilden Pochen zwischen den Rippen mußte er an einer schmalen Kammer vorüber. Die Tür war nur angelehnt. Ein schlichtes Gemach mit hellen Gardinen, das Bild der Mutter Gottes über dem Spiegel... Er warf einen kurzen Blick hinein. Da schob es sich an ihn ... »Herr Travelmann ... Bernd ...!« Ihre Augen sind geschlossen, ihre Lippen geöffnet. Ein kleines Stück ihrer jungen Brust drängt sich aus dem nur lose zusammengenestelten Leibchen. »Du!« stöhnte er auf. »Wir sind allein,« und sie umklammerte ihn mit Armen und Händen. Er errät ihre Gedanken, ihr Wollen und Suchen. »Weibsbild, infames!« »Bernd, ich und du, wir gehören zusammen.« »Wo hast du diese Sprache gelernt?« Sie hob ihre schweren Lider. Die Pupille erweiterte sich. »Wo du willst. Zu Dorsten im Kloster ... auf der münsterischen Heide ... am Birkenbaum, wo sie die große Schlacht schlagen werden ... im Elend ... unter dem Ruf der alten Heidegötter ... in den Blicken von dir ... Ich und du ...« Ihr Mund blühte und glühte. »Geh' von mir! Ich will nicht. Wir Travelmänner sind hart.« »Doch herrlich. Du willst schon. Ich sah dich soeben ... dich ... einer von den Starken und Eigenwilligen ... aber schön und frei seid ihr alle, ihr Travelmänner.« Das Blut stieg ihr jäh ins Gesicht. Er hob plötzlich den Kopf. »Nein – du!« Mit festem Ruck packte er ihre Hände und hielt sie auf seinem Rücken zusammen. Da gewahrte er ihren weißen Hals, ihr schweres Atmen und Zucken. Sie lächelte. »Komm' jetzt!« und aufs neue warf sie die Arme um seinen Nacken und begann ihn zu küssen, bis ihre Lippen nicht mehr imstande waren, sich von seinem Munde zu lösen. Ihn fröstelte. »Bis später!« sagte er heiser. »Ach du!« Sie ließ von ihm ab unter Erschauern und Beben. Wesenlos glitt sie von hinnen. – – – Während der ersten Nachtstunden brannte ein mageres Flämmchen im Zimmer Johannas. Das abgeblendete Fenster ließ kein Licht ins Freie. Als es drinnen verlosch, war der Freisassenhof entweiht und die Sünde durch die dunkle Kammer gegangen. 15 »Gemächlich in der Werkstatt saß ...« Die alte Geschichte, die der seine Poet ersann, der immer vom Schlosse Boncourt träumte. Das ist schon lange her, und nur wenige gedenken des zarten, spintisierenden Mannes. Allein seine kluge Erzählung lebt noch heute. Aber hier ... nicht die zitternden Sonnenkringel, die an der gekalkten Wand tanzten, brachten es an den Tag, nicht das Fragen und Drängen eines neugierigen Weibes hoben den Schleier. Von einer unsichtbaren Hand, unmerklich und geheimnisvoll, wurde die graue Gardine auseinandergescheitelt. Nur ein unbestimmtes Ahnen und Sickern ging durch die Seele Hövelkamps. Nichts Gewisses, lediglich ein Suchen und Tasten, ein instinktives Fühlen durch einen Straminrahmen hindurch, und wenn er die Kornspeicher aufsuchte, nach den Raufen sah, die junge Winterfrucht besichtigte, dann traten ihm wohl die hübschen Verse in den Sinn: »Alles, was auf Erden schwebet, Ist die Taub' das schönste Tier, Tauben, die gefallen mir. Doch vor allem Tut gefallen: Sechs der Krüg' mit rotem Wein Schenkt' der Herr zu Kana ein, Zu Kana in Galäa, 'nem Städtchen in Judäa ...« Er sprach sie jedoch mit einer verhaltenen Scheu,mit einer unerklärlichen Befangenheit, die ihm die Kehle eng machte und den Atem versetzte. Auch die Peitsche regierte er von Zeit zu Zeit, knallte regelrechte Figuren durch die Luft, ließ die scharfe Schnur sirrend über den Boden flitzen, doch nur behutsam, mit Überlegung, ohne viel Geräusch und Spektakel zu machen. Dafür Ohren und Lichter auf! Das Feuer glühte, der Haß hämmerte, auf Wache stand er, auf Posten blieb er. Das hatte er Frau Judith in die Hände gelobt und versprochen. Immer nur Ruhe, nicht gleich wie die sturen Hammel über Pferch und Hürde. Erst mußten die Zeichen sich mehren, sich verdichten, augenfälliger werden ... und wenn sie es taten, ja, dann war es noch fraglich, ob man mit der Peitsche allein durchkommen konnte oder ob die Umstände es geböten, mit rauher Faust in Unglück und Schicksal zu greifen. Vielleicht konnte es noch geschehen, daß man mit diplomatischen Kunststücken aufwarten mußte, um wieder Zucht und Ordnung in verkehrte und sündhafte Dinge zu bringen. Vielleicht auch – und das war das letzte – hatte er sich nach Hilfe umzusehen, war ein guter Hirt, ein Seelenberater, der die Nieren der Menschen zu ergründen vermochte, unbedingt nötig. Möglich, die Stunde erschien, wo er sich sagen mußte: »Ich habe mit dem Dechanten von Hiltrup zu sprechen.« Aber das nur im äußersten Fall, in der schwersten Predullig, nur dann, wenn es in den Sparren knisterte, das Herdfeuer auslöschen wollte und die Pfosten des Hauses zu wanken begannen. »Gemächlich in der Werkstatt saß ...« Die alte Geschichte und doch nicht dieselbe. Keine Sonnenkringel, die an der gekalkten Wand tanzten. Die halfen nicht, wenigstens hier nicht. Er selber hatte mit klaren Sinnen zu handeln, als ehrlicher Knecht, treu wie die beiden Wolfspitze, die allnächtens mit hängenden Lefzen das ihnen anvertraute Gut umkreisten ... und so schnürte er denn, ohne viel Aufhebens zu machen, hinter dem rassigen Weib her, lautlos, ohne daß ein trockenes Zweiglein unter seinen Schuhen knarzte, spurig wie ein weidgerechter Jäger eine verschlagene Wildkatze angeht, die sich heimlich nach Minnelohn sehnte. Er wachte. Und ferner geschah es ... Ahnungslos, des Vivathütchens mit der Spielhahnfeder ledig, war Ohm Gideon von der Getter gezogen. Bei den heimischen Penaten angelangt, schüttelte er sich noch immer wie ein begossener Pudel. Er triefte. Er triefte von oben bis unten unter einem närrischen Sprühregen von seltsamen Erinnerungen und Erlebnissen. Aber schön war's doch, schön vom Kopf bis in die Zehenspitzen hinein, so geduldet, gelebt und gelitten zu haben, ein Heros, ein Blutzeuge, ein Mann, der es durch seinen unbestrittenen Mut, seine energische Tatkraft verstanden hatte, sich und der Welt gegenüber den wohlverdienten Respekt zu verschaffen. Mit Lust und Liebe suhlte er sich in diesem frostigen Naß, in dem prickelnden Fall von Myriaden Tropfen und Tröpfchen. Sichtlich wuchs er unter dieser belebenden! Feuchte. Er gedachte der barbarischen Tätigkeit in der Hallüh und der Hohen Fuhr. Was waren Heyer und Hartig gegen ihn? Elende Stümper. Nichts weiter. Den ›Gediegenen und praktischen Waldwirt‹ und die ›Forstlichen Ertragstabellen‹ hätte er viel besser geschrieben. Jawoll, ja. Nur Zeit und Muße. Allerdings, die hätte er haben müssen. Aber woher nehmen und nicht zum Diebe werden? Er gedachte der Heimfahrt. »Eskadron – Te–r–a–a–a–ab!« und in schlanker Karriere ging es an den betrunkenen Ebereschenbäumchen vorüber ... auf die weißen Birken los ... immer schnurgerade aus ... ein Mazeppa im Sandschneider ... dem wilden Travelmann mit Haut und Haaren verschrieben ... aber treu und spurfest bis in den Tod. Kein Hangen, kein Bangen. Das Herz klopfte ihm dabei so ruhig wie bei einer Treibjagd. Und dennoch und trotzdem: Ave, Caesar ... tout est perdu, hors l'honneur ... und 'rin in den Trasimenischen See. Prachtvoll! Seine Erinnerungen arbeiteten wie das unerschöpfliche Ölkrüglein der Witwe von Sarepta. Er machte schöne Pläne für die kommenden Tage. In vier Wochen vielleicht war das Versäumte der Holzvermessung nachzuholen. Dann kamen Frühling und Sommer, der Herbst mit seinem anheimelnden Blätterfall, seinem Spinnen und Weben und der majestätischen Hirschbrunft. Den Waldkönig in der Hallüh mit dem niedagewesenen Aufsatz mußte er haben, unbedingt, hoch oben von der stolzen Kanzel herunter. Schnafdich! Er fühlte sich ordentlich vom rückschlagenden Rauch überworfen. Doch all diese Pläne wurden zunichte, gingen den Weg des Fleisches, denn vierzehn Tage nach der Fahrt auf Mord und Totschlag ... Ohm Gideon saß gemächlich beim Frühstück im ›Dicken Stienen‹. Der behäbige Wirt, den man nicht ansehen konnte, ohne sich über die Lippen zu schlecken und Appetit zu bekommen, hatte sich mit zwei Stühlen an seine Seite geschoben, war sehr spendabel und wollte sich ausschütten über die Aventüren, die ihm von dem Paderborner aufgetischt wurden. Als dieser ausgeredet hatte und ihn ansah, gewissermaßen um dessen Anerkennung und Meinung einzuholen, lachte der Chef los und bestätigte aus vollem Halse: »Hoho, sowas kann nur auf der Getter und Ihnen passieren. Heldentum! Ausgesprochenes Heldentum!« »Meine ich auch.« »Herr Baron, ich habe mal im ›Kleinen Welter‹ gelesen ... vor Jahren ... aus der römischen Geschichte ...« »Mucius Scaevola ... Decius Mus ...« fiel ihm Ohm Gideon ins Wort. »Männer!« Er schlug sich auf die Brust: »Wir!« »Ähnlich so war es,« konstatierte der Pinguin mit den zweihundertfünfundsechzig Pfund klevisch Gewicht. »Schon richtig, Herr Stienen,« und der Gefeierte streckte die Beinchen, warf den Kopf in den Nacken, ließ die Augendeckel herunter und so, daß nur ein dünnfadiger Schlitz die Winde absuchen konnte, blinzelnd und mit der tiefgründigen Andacht eines Spendierers. Zwei Minuten vergingen. Dann ein glückliches Aufatmen. Mit dem Zeigefinger umschrieb er eine kreisrunde Linie, durchstieß das Zentrum und deutete auf eine kahle Stelle über der Anrichte. Die Lider hoben sich wieder. »Dort gehört's hin! Dort und nicht anders.« Herr Stienen sah seinen Gast fassungslos an. »Herr Baron ...!« »Da fehlt was. Ohne das ist Ihr Lokal eine Kneipe, ein Altbierverzapf. Jawohl, ja. Mit 'nem noblen Restaurant nicht in einem Atem zu nennen.« »Mein Gott! was meinen Sie denn?« »Herr Stienen,« und der Paderborner legte sich bequem in seinen Rohrstuhl zurück, schlug die kurzen Beinchen übereinander, brannte sich eine Zigarre an und blies zarte Rauchwölkchen über das Tafeltuch ... »mein lieber Herr Stienen, haben Sie jemals in Ihrem Leben von einem kapitalen Sechzehnender gehört oder gelesen?« »Allerdings.« »Na denn: Generosität gegen Generosität, oder ich will verdammt sein, in der arabischen Wüste, dicht beim Sinai, Ziegel zu streichen. Auf Manneswort und Kavalierparole! So'n Viech hat Schale mit Stangen und Sprossen, 'ne Königskrone ist gar nichts dagegen. Lumperei! Und diesen Schmuck ...« »Charles!« rief Herr Stienen. »Hat Zeit, hat Zeit. Bis später. Nur keine Gazelleneile. Kurz und gut, ich bin gesonnen, Ihnen einen solchen Schmuck zu verehren!« Seine Augen kullerten. »Sie?! Aber wieso denn?« »Herr Stienen,« und Ohm Gideon lächelte überlegen, freigebig, ungefähr so, wie der Radscha von Lahore oder Mirsapur lächelt, wenn er gesonnen ist, einem englischen Handelsjuden einen hundertfünfunddreißigkarätigen Diamanten in die Tasche zu schieben, »und das im Herbst schon, Herr Stienen.« »Du meines Lebens!« Der gesinnungstüchtige Bratensieder legte erwartungsvoll die Hände zusammen. »Herr Stienen, im Herbst so herum, wenn die Tage schon kurze Gesichter bekommen ... Es lebe, was auf Erden ... ich auch ... der Freisasse hat mir offene Wildbahn gegeben ... Gott lohn's ihm! Ich also los ... in die Hallüh oder in die Hohe Fuhr ... Da hält er ... 'n Kapitalkerl im Nebel ... Dunst vor dem Windfang ... und in die Waldpracht hinein ein Röhren und Orgeln... durchs Brunftquartier hindurch, bis weit nach Amelsbüren und Hiltrup zu. Er selber – die Enden noch rot vom niedergeforkelten Nebenbuhler, schwarz wie der Satan und eben erst der Suhle entstiegen – wirft auf und zieht langsam dahin. Jetzt steht er wieder ... wie gemauert ... das Geweih ein Königreich wert ... da ... da ... heil'ger Hubertus! ... Und ich auf der Kanzel ...« Herr Stienen hielt's nicht mehr aus. Er sah bereits die Trophäe über der Anrichte. Da mußte seinerseits etwas geschehen, denn Ohm Gideon hatte bereits den Ellbogen geknickt, das linke Auge eingekniffen, die rechte Faust angebackt und den Zeigefinger gekrümmt. »Charles!« rief er dröhnend, begeistert, kaum Herr seiner selbst. »Ich bitte, Herr Stienen. Wie können Sie nur? Unter keiner Bedingung. Davon darf keine Rede sein. Was ich gebe, geschieht aus freien Stücken heraus, Noblesse oblige , und Sie sind immer nobel gewesen.« »Aber Herr Baron ...« »Absolut nicht zu machen. Erst sollen Sie wissen. Also da steht er ... ein Bild ... die Drossel gezottet ... die Lichter blank ... das Kahlwild trollt ab ... Höchste Zeit! Ein letztes Orgeln und Röhren ... ein letztes ... Hilf, Sankt Hubertus! ... ein Blitz ... die Hallüh dröhnt ... ein Knacken und Brechen ... dann nichts mehr zu hören. Ich also hin, und wie zu erwarten: Blattschuß.« Ohm Gideon schwieg, stülpte seinen neu erworbenen Hut auf, griff nach seinem Bülow Krawallo und traf umständliche Vorkehrungen, das Lokal zu verlassen, fand aber noch Muße, abermals einen Kreis zu ziehen, das Zentrum mit dem Finger zu durchstoßen und bedeutsam auf die betreffende Stelle über der Anrichte zu zeigen. Mit der gönnerhaften Haltung von Serenissimus, der einem wohlakkreditierten Untertan etwas ins Knopfloch zu verleihen hatte, wuchs er über sich hinaus und sagte mit der Fassung eines abgeklärten Peripatetikers: »Dorthin! Schale und Stangen gehören Ihnen, mein Gönner.« Er klappte die Absätze militärisch zusammen: »A rivederci!« Der Restaurateur schnellte wie ein Gummiball von den beiden Rohrsitzen. »Sie werden doch nicht, Herr Baron? Nach diesem fürstlichen Präsent? Wo Sie alles hergeben. Ich denke nicht dran. Haus Stienen läßt sich nicht lumpen, beschämen. Charles« – und seine fette Stimme lärmte wie eine angeschlagene Kasserolle – »zwei Haut-Brion, mild temperiert, für mein Konto, zu Ehren des Herrn Baron von und zu Hasenklever, hochwohlgeboren!« Was blieb da übrig? Erst Unschlüssigkeit und Ablehnen, dann aber wurde der Hut wieder über den Zapfen gestülpt, der Überzieher abgelegt, der wackere Bülow Krawallo fast widerwillig in irgendeine Ecke gestellt, und ... mit der Bedächtigkeit und dem Ernst eines Mannes, der sich nur schwer in der geschaffenen Situation zurechtfinden konnte, setzte sich Ohm Gideon wieder. »Charles ...!« Als er sich erhob, brannten die Gaslampen, hatten Chef und Paderborner Brüderschaft getrunken, spurfest bis in den Tod, Hand in Hand und solidarisch verpflichtet, gewissermaßen mit 'nem notariellen Siegel darunter. Fünf geschlagene Stunden hintereinander hatten die beiden westfälischen Recken und Bundesgenossen dazu gebraucht, den in der Hallüh gestreckten Sechzehnender nebst seiner, dem Herrn Stienen in aller Form und Feier überwiesenen Trophäe würdig zu begießen, als plötzlich, so gegen sechs herum ... »Sapristi!« Der weidgerechte Jäger zuckte zusammen. In der rechten Schulter strammte es, bohrte es scheußlich, und durch die linke große Zehe stichelte ein Schusterpfriem. Hagel und Wetter! er wurde sich klar: ersteres war auf Konto der Heldenfahrt in den Trasimenischen See, vulgo Freisassenwasser, letzteres auf das der ungezählten Rotsponflaschen zu buchen, und diese betrübende Erkenntnis als sicher und verbrieft hinnehmend, verabschiedete er sich. Auf seinen Bakel gestützt, humpelte er heimwärts. Dort angekommen, überblickte er erst die ganze Größe des Unglücks. Das befallene Glied, einer Gurke ähnlich, war grün und blau überlaufen, zart getempert, mit einem Netz von empfindlichen Äderchen umsponnen. Täglich nahm es wie die wachsende Mondsichel an Glanz und Rundung zu. Der zunächst verordnete Brunnen des heiligen Ludgerus in Billerbeck brachte keine Linderung. Auch Tinctura colchici , der wundersame Extrakt der Herbstzeitlose, Leinsamenbäder und die Teeaufgüsse aus den Blüten und Blättern des Faulbaums arbeiteten vergebens. Ohm Gideons Zustand trat in das Stadium des Kritischen. Er konnte sich nicht mehr drehen und wenden. Die untern Potentaten versagten den Dienst. Ein letztes mußte versucht werden. Bernd Travelmann streckte das hierzu Nötige vor, und so sah sich denn der Schwerblessierte in die angenehme Lage versetzt, Salzschlirf aufzusuchen, um sich in der Wasserkunst des gefeierten Bonifacius Sankt Urbans Pein und Plage unter Wehleidigkeit und Seufzern aus dem Leibe zu doktern. Aber bis dahin vergingen bittere Wochen und Monde. Das treffende Wort von der Wüste und dem Streichen von Ziegeln trat ihm dabei oft vor die Seele. Nur leider: seine schönen Pläne für das kommende Frühjahr und den wohligen Sommer gingen dabei jämmerlich in die Brüche. Allerdings, der Herbst war noch da, mit seinem Falben und Gelben, seinem Blätterfall und der hohen Musik der trenzenden Kronenträger. Allein auch diese Hoffnung gestaltete sich zu einem Lied ohne Worte, blieb Schall und Rauch, wenngleich der Kapitalhirsch auch zur Strecke gebracht wurde. Aber nicht von ihm. Er kam zu spät. Eine unlautere, nicht zuständige Kugel warf den stolzen Waldkönig auf Porst und Nadeln. Bei einer traurigen Gelegenheit kam manches zutage; denn in dem properen Häuschen am Hasenfang, unfern von Hiltrup, wurde die Trophäe gefunden. Ungepflegt, noch mit Schweiß und Suhlschlamm bedeckt, lag sie unbeachtet in irgend einer verlorenen Ecke ... und wie es so kam: Herr Joseph Stienen, der großartige, splendide Herr Stienen, den man nicht ansehen konnte, ohne an Hummer, Trüffeln in der Serviette, gebratenen Poularden und Rheinsalm mit holländischer Sauce zu denken, hatte das Nachsehen. »Betrüblich,« sagte Herr Stienen, »aber es ist nichts dran zu ändern. Charles, 'n Gläschen mit Portwein für mich selber, hochwohlgeboren,« und er sann über den Wandel und Wechsel der Zeit nach und dachte an ein Versprechen, das auf Krücken umherstolperte. »Nichts mehr zu ändern.« Auf Getter sangen die Merlen. Jetzt freier und offener, von Gottes schöner Morgenfrühe an bis spät in den sinkenden Abend hinein. Die struppige Heide verlor ihr eintöniges Braun, legte ihr Grünes an, strählte ihr Haar und ließ die gelben Sternchen des kriechenden Fingerkrautes darin aufleuchten. In den Buchenhecken war ein Drängen und Treiben, ein Werden und Aufbegehren. Die harten Knospen erinnerten an Schmetterlingspuppen, dunkel wie gebrannte Erde und mit einem glänzenden Lack überzogen. Die hellen Birken schienen weißer als sonst, ihre hängenden Ruten schwanker und feiner, über und über mit Glimmer und kleinen Smaragden behangen. In den Vorgehölzen blühten Windröschen und Leberblümchen. Im satten Getreide konnte sich bereits ein heuriges Häschen verbergen. An den Wald- und Uferrainen war es blau von Veilchen geworden, und hoch über den schwarzen Nadelwipfeln der Hallüh zog ein Falke seine geruhsamen Kreise. Ein zweiter gesellte sich ihm. Die stolze Gefährtin. Aus strahlendem Licht jauchzte der Liebesschrei auf die erwachende Erde herunter, die des Königs und der Königin im weiten Reich der Lüfte. Die beiden Frauen waren schon längst von Darfeld zurück; Judith in ihrer alten Strenge und Herbe, wenn auch milder gesinnt und mit einem wehmütigen Zug um die Mundecken, Hille blühender und reifer denn sonst, verklärt durch das Geheimnis werdender Mutterschaft, aber auch abgekehrter, fremder, nicht mehr so heimisch zwischen ihren vier Pfählen und noch immer verzehrt von der unseligen Stunde, die sie beim Ausgang der vergangenen Weihnacht hatte erdulden müssen. Zu einer befreienden Aussprache kam es nicht, wenigstens jetzt nicht. Eine ungelöste Dissonanz zitterte in ihr nach. Sie war nicht ihr früheres Ich mehr. Nur verwehte Klänge des Alltags drangen ihr zu, und diese Klänge waren rauh, unduldsam, wie aus harten Gegensätzen gesponnen. Und wie schön hatten ihr früher die Glocken geläutet, die von Darfeld und die vom benachbarten Hiltrup und Amelsbüren! Osterfreude und Pfingstfreude! aber die Erinnerungen hatten ihr nichts mehr zu sagen, denn sie fühlte es deutlich: immer mehr glitten die auseinander, die zusammen gehörten, die bestimmt waren, Bett und Tisch zu teilen, um sich dereinsten hinzulegen und das große und feierliche Licht zu erwarten. Die Liebe stirbt, wenn man sie beschreit oder zu laut ihren Namen ruft. Daran dachte sie immer, blieb eigentümlich erregt; hörte auf fernes Raunen, das anderen nicht zugänglich war, und sehnte sich danach, just wie auf Darfeld, den Helweg aufzusuchen und wie die ›Blassen‹ im Lande in die Zukunft zu blicken, unwiderstehlich, mit einer zwingenden Gewalt, die sie sich selber nicht zu erklären vermochte. Das Gesinde rückte von ihr ab. So glaubte sie in ihren wehen Gedanken. Was wollten die Menschen nur? Hatten sie sich bereits ihre eigene Meinung gebildet? Kläger und Angeklagte. War sie die Beklagte? Hatte sie ihr Gesicht zu verhüllen, die Stunde zu fürchten und den andern Tag zu suchen, der längst dahin war, wegemüde, dem Tode nahe und mit offenen Augen, die nicht mehr sehen konnten? Sie lächelte bitter. Nein. Erhobenen Hauptes, reinen Sinnes durfte sie noch unter ihre Leute treten, ihren Blicken begegnen, ohne sich sagen zu müssen: »Du bist schuldig geworden,« und Frau Hille straffte sich in ihrer ganzen Ehre und Frauenschönheit, öffnete die ehrwürdige Truhe in ihrem Zimmer, entblößte die Schultern, legte sich den stolzen Schmuck um den weißen Nacken und trat vor den Spiegel. »Hier mein Gelöbnis,« sagte sie zuckenden Mundes. »Ich bin eine Travelmann. Weh' dem, der daran rüttelt!« Das war Hille, die geborene Darfeld. »Wehe dem!« Ihre Stimme war mächtig, fast drohend geworden, und als Johanna erschien, um ihr beim Auskleiden behilflich zu sein, wies sie diese zum erstenmal ab, ohne ersichtlichen Grund, schroff und unvermittelt, als scheue sie sich, ihren Leib von den linden Händen des sonst so wohlgelittenen Mädchens berühren zu lassen. »Geh' auf deine Kammer, Johanna! Ich genüge mir selber.« Unwillig, wenn auch tränenden Auges, ließ sie das Kleinod wieder in die Truhe gleiten. Frau Judith harrte und hoffte. Ihr Krückstock ging laut durch Ställe und Scheunen. Er klang wie Hammerschlag auf fünfzöllige Nägel, bestimmt, die eheliche Gemeinschaft ihrer Kinder aufs neue zu kuppeln und in Richte zu bringen, eine Mahnung für beide, ein Appell an ein überempfindliches Herz und an ein solches, das aus der Erbschaft der Travelmänner stammte und nötig hatte, mit einem eisernen Reifen gebändigt zu werden. Sie verteilte die Schuldfrage nach Recht und Billigkeit, ohne ihrer Schwiegertochter zu nahe zu treten, ohne ihrem Sohne die ganze Last auf die Schultern zu bürden. Nur Ruhe im Hause, Friede auf Getter, stilles Herdfeuer, Gemeinschaft der Seele und des Leibes ... das war es, was eintreten mußte, bevor es zu spät war und sie sich genötigt sah, Gottes Wasser über Gottes Acker laufen zu lassen. Gleich nach ihrer Rückkehr hatte sie Hövelkamp zu sich rufen lassen und ihn um Auskunft gebeten. Sie dachte dabei an die Fuchshaarige, an den Knecht mit dem Antilopengesicht und an andere Dinge, aber nicht an das, woran Hövelkamp dachte, nicht an das, was bedrohlich unter den Sparren knisterte, geknistert hatte – damals, als die magere Lampe verlosch und die Stunde sündig wurde. Daran dachte sie nicht, das lag ihr so fern wie einem christkatholischen Menschen die Entweihung des Allerheiligsten. Aber Hövelkamp dachte daran, ohne Aufhören, mit der Hartnäckigkeit von Wassertropfen, die immer wieder auf ein und dieselbe Stelle platschen. Sein Gesicht blieb dabei verschlossen und undurchdringlich. »Nun?« fragte Judith. Er zuckte die Achseln. »Frau Travelmann,« sagte er schließlich, »gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Er sieht alles und leuchtet denen, die bestimmt sind, Augen auf und Ordnung zu halten.« »Und das habt Ihr getan?« »Von morgens bis abends.« »Und kein Arges befunden?« Der Gefragte sah wunderlich ernst ins Leere. »So zu sagen das, was Sie meinen, ist der Satzung gemäß. Indessen, ich habe noch anderweitig auf Posten zu stehen. Ein Baum fällt nicht auf den ersten Hieb, und wer 'ne Füchsin auf den Balg legen will, hat lange auf der Hasenquäke zu spielen. Möglich, 'ne gute Peitschenschnur tut's auch. Aber darüber kann ich bis jetzt nicht befinden. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Ich meine ... darf ich aussprechen, Madam?« »Ja, sprecht nur! Ich höre.« »Frau Travelmann, 'n richtiger Hof muß wie ein Königreich sein. Nicht so 'ne demokratische Sache, wo jeder glaubt, mitregieren und seinen Dämelkopp zeigen zu müssen. In so 'nem Staat wird alles über ein und den nämlichen Leisten gezogen. Das Volk als solches ist gar nichts. Dafür gebe ich kein rotes Kastemännchen. Bloß Hammel, kein Schäfer. In so 'nem Königreich aber, da ist militärische Zucht und Verfassung. Gewissermaßen ein Zentrum. Besonders in dem preußischen. Das Höchste bleibt immer die Fahne. Da steht sie ... und wenn sie auch manchmal was splissig und angekratzt wurde: sie bleibt immer die Fahne des Königs und drum auch die meine. Ein Hundsfott, wer die Fahne verplempert. Und wenn da noch 'ne Königin ist, und wir haben 'ne solche auf Getter, für die lege ich meine Hand ins Feuer, für die gehe ich über glühende Eisen. Mehr sage ich nichts nich.« Eine vielsagende Geste deutete auf die nicht ausgesprochenen Worte, aber er wachte ... er wachte in Hof und Haus, während der Dämmerung, in stiller Nachtzeit, während das milchweiße Mondlicht durch die Zweige flatterte, beim ersten Frühlicht, ohne dabei Raufen und Streu zu vergessen und nach der Ordnung zu sehen ... er wachte, wie die geharnischten Männer den jüdischen Fürsten bewachten, dreitausend zur Rechten, dreitausend zur Linken ... wenn auch nur im verwaschenen Bauernkittel, ohne Waffenklirren, aber auf die Ehre und das Wohl der jungen Herrin bedacht, gefestigt in sich und seinen Heiland zwischen den Rippen, bis eines Tages – es war Samstagabend geworden und schon spät unter dem Monde – da sah er auf seinem verschwiegenen Patrouillengang ... Es hielt schwer, dem lautlosen Flur ein Licht abzugewinnen, nur 'nen Finger vor Augen zu sehen ... und dennoch: ihr Gesicht stand wie ein weißer Fleck in der Dunkelheit, der Duft ihres Leibes erfüllte den weiten Gang, ihr leichtes Kleid raschelte ... und einer war bei ihr, der hatte den Arm um ihre Taille gelegt und sie an sich gezogen. Dann war die Türe gegangen, hatte sich wieder geschlossen, ohne Geräusch, nur so, als wäre eine Fledermaus vorüber gewuchtelt. Hövelkamp spie aus, als hätte er Gift auf der Zunge. »Zweites Buch Mosis,« sagte er heiser, »zwanzigstes Kapitel, vierzehnter Vers: Du sollst nicht ehebrechen. Aber geschrieben steht auch: Du sollst nicht die Hand wider deinen Herrn erheben. Königtum! Herr und Knecht sind verschiedene Menschen. Das kommt mir nicht zu. Da kann nur ein Höherer helfen, einer von denen, dem es vergönnt ist, als Richter zu sprechen und zu beurteilen: so kam es, so machte es weiter und so ist es Sünde geworden.« Er ging. Auf seiner Kammer brannte noch Licht. Hinter seiner Bettstelle lehnte die Peitsche. Er nahm sie und brachte sie in seinem Schrank unter und riegelte ab. »Nicht mehr nötig,« sagte er fahrig. »Auch die Hasenquäke – fort damit. Was jetzt kommt, ist das Amt dessen, der das Wort Gottes verkündet.« Andern Tages, in der Morgenfrühe, läuteten die Glocken von Hiltrup die Verehrung des Herrn ein. Sie jubelten mit den Lerchen des Himmels und freuten sich mit den Halmen und Grannen, die die Feldmark mit einer grünen, leicht dahinwallenden Gaze bedeckten. Heute war Sonntag, von dem geschrieben stand: »Du sollst den Sabbat heiligen.« Die Arbeit ruhte auf Getter. Nur das Nötige wurde besorgt: die Pferde gestriegelt, das Vieh getränkt, Futtertröge und Raufen bestellt. Im übrigen war das Gebot des Ewigen in allen Kammern: »Ihr sollt meinen Namen feiern und ihn mit Andacht nennen.« Alle dachten daran, alle kamen ihm nach. Hövelkamp stand zuerst auf den Beinen. Die Nacht war ihm unter wirren Träumen, Gedanken und Erwägungen dahingegangen. Er hatte Vergleiche gezogen, ähnliche Fälle Revue passieren lassen und biblische Gestalten beschworen. Vor allen Dingen den fürstlichen Sänger, der mit seinem Psalterspiel vor der Bundeslade getanzet, begleitet von den Töchtern des Landes mit Pauken am Reigen, und die Worte traten ihm in den Sinn, die da lauten: »Da der König David alt war und wohl betaget, konnte er nicht warm werden, obgleich man ihn mit Kleidern bedeckte. Da sprachen seine Kämmerer: Laßt uns eine Dirne, eine Jungfrau holen, die vor ihm stehe, seiner pflege und schlafe in seinen Armen. Und sie gingen hin und fanden die schöne Abisag von Sunem.« Paßte die Sache? »Nein,« sagte sich Hövelkamp, »denn der Herr hat Wärme genug,« und er suchte nach einem andern Beispiel. Er gedachte Salomos, des Sohnes der Bathseba, des Erbauers des Tempels und wohlgefällig dem Schöpfer. Aber dieser gottdienliche Mann, obgleich er eine Krone trug, geschmiedet aus dem Golde von Ophir, und Jehova verehrte, liebte viele ausländische Schöne, die Tochter Pharaos, moabitische, ammonitische, edomitische und hethitische Jungfern. Siebenhundert waren seine leiblichen Frauen, dreihundert Kebse, die ihn salbten und streichelten und ihm die Nächte zu lieblichen machten. Paßte die Sache. »Nein, denn Salomo war ein jüdischer König und aß nur das, was die Klauen spaltete und wiederkäuete unter den Tieren. War somit kein christlicher Herrscher und konnte tun, was er wollte. Der Freisasse aber ... Außerdem: eine Kebse oder dreihundert von der nämlichen Sorte, bleibt in unsern Zeiten ein Greuel vor dem Herrn.« Mit den biblischen Helden war also nichts anzufangen. Sie entschuldigten nicht, gaben keinen Anhalt und waren daher in die Rumpelkammer zu verweisen. Das tat auch Hövelkamp. Sein Wille stand fest. Er hatte zu handeln. Vor dem kleinen Spiegel, den er mit trockenen Eicheln und Fichtenzapfen umrahmt hatte, seifte er sich ein und schabte die grauen Drahtstifte sorgfältig aus dem rissigen Gesicht. Wie der Mann, so die Schlafgelegenheit. Sie war proper, wenn auch puritanisch gehalten, ähnlich der eines Mitgliedes der Barmer Missionsgesellschaft: die Wände gekalkt, daran verschiedene Heiligenbilder aus der Offizin von Gebrüder Benziger in Einsiedeln, grelle Farbendrucke in Neuruppiner Manier, ein Schrank aus Kiefernholz, ein paar Binsenstühle und am Fenster das fleißige Lieschen, in braunglasierter Scherbe und mit Blüten beladen. Nichts Absonderliches; nur auf der mit einem Häkeldeckchen verschönten Kommode erhob sich ein altmodischer Zylinder aus den dreißiger Jahren, jetzt aussehend wie das Fell Meister Löffelmanns, der in seiner Todesnot vor den entsetzlichen Schroten sich durch einen eisenhaltigen Tümpel geflüchtet – ein Erbteil seines seligen Vaters, aus dessen Zeit, als er noch in Billerbeck den Tod angesagt, sich als Leichenbitter betätigt und seinen kleinen Acker umbrochen hatte. Auf Getter konnte sich nur noch der Gutsherr rühmen, einen solchen Schmuck zu besitzen. Ja, dieser Hut! und Hövelkamp stülpte ihn mit einer gewissen Form und Feierlichkeit über, als er sauber rasiert, den langschößigen Rock angetan und die schwarzgebundene Handpostille unterm Arm, sich anschickte, das Haus zu verlassen. So ausgerüstet erinnerte er an den Paten des Todes. Ohne den Morgenimbiß einzunehmen, wortkarg, verschlossen, trat er ins Freie. Am Krautgarten stieß er auf Judith, die eigenhändig und trotz des heiligen Sonntags die keimenden Erbsenrabatten mit Reisern besteckte. »Was, Hövelkamp,« rief sie ihn an, »so früh schon bei Wege?« »Ich mache nach Hiltrup.« »Das seh' ich. Für gewöhnlich jedoch besucht Ihr das Hochamt.« »Tu' ich auch sonst. Aber heute ... meine Sache hat Eile.« »Weshalb denn so eilig?« »Weil es mein Herr und Seligmacher gebietet.« »Na, so was! Was wird Euch denn von Eurem Herrn und Seligmacher geboten?« »Madam,« versetzte Hövelkamp, schob sich näher heran und legte die Hand auf den Lattenzaun, »daß ich's men sage: Ich bin jetzt aus der Biesternis heraus und kann für mich und meine Überlegung erklären: Die äußern Umstände tun es allein nicht – der Peitschenstiel nicht und die Handvoll Schwielen erst recht nicht, und wenn die Arbeiter kommen und immerzu renommieren: Wir sind die Kerle, wir machen's, so sage ich ihnen: Handlanger seid ihr. Nichts weiter, denn nur das Studiertsein, das Wort und die Anschauung Gottes haben Gewalt in den Knochen. Der Spiritus tut es.« »Und da wollt Ihr ... und das im Zylinder ...? Wir haben heute kein Osterfest, und bis Pfingsten ist es auch noch weithin. Warum da so nobel?« »Madam, ich bemerkte schon eben« – und seine Brauen schoben sich energisch zusammen – »ich habe mit meinem Herrn und Seligmacher, beziehungsweise mit seinem Vertreter zu sprechen.« Judith wurde unruhig. »Mensch,« fuhr sie auf, »Ihr wollt doch nicht etwa behaupten ...?« »Ich will nichts behaupten, absolut gar nichts behaupten. Nein, Frau Travelmann, das mit dem Wasser, den Bouteillen und dem fidelen Ohm ist noch nicht das Schlimmste auf Erden. Aber das übrige, das, was bei Nachtzeit umgeht und mit den Kleidern raschelt, darüber wird der Herr Dechant befinden. Der Spiritus tut es, die Gottesnähe, Frau Travelmann.« Frau Judith stierte ihn an. Ihr Krückstock bohrte sich in eine Erbsenrabatte. »Mir ist so, als wenn Ihr in 'nem Narrentum stecktet,« sagte sie heftig. Der grobknochige Mann wurde bleich. »Mag sein,« versetzte er schartig, »aber ich will gern in meinem Narrentum bleiben, wenn ich das Sanktum nicht weiter verschimpfieren und verunreinigen lasse. Das will ich hiermit festgelegt haben. Adjüs denn!« Er zog die Hand von den Latten zurück. »Dann geht in Gottes Namen!« sagte die Alte bedrückt vor sich hin. »Tu' ich, Frau Travelmann, und wäre es für mich der letzte Tag auf Getter gewesen,« und langen Schrittes, in seinem breitschößigen Sonntagsrock, die Handpostille im Arm, ohne rechtwärts oder linkwärts zu schauen, den Blick sturgeradeaus, nahm er den Weg unter die Schuhe, gestärkt durch die ihm von Gott verliehene Mission, klar in seinen Anschauungen, wachen Geistes und von dem Gedanken beseelt, in wenigen Stunden einer schweren, unerträglichen Last enthoben zu werden. Das junge Morgenlicht fiel hell über ihn her. Alles glitzerte und gleißte um ihn. Drüben im Kleeacker erhob sich ein grauer Pfahl, der Beine bekam und eiligst davonhoppelte, als die Schritte des Frühaufstehers fester und herzhafter wurden. Über der grünen Saat schaukelten singende Lerchen. Der Insichgekehrte hatte dessen nicht acht. Rechts von ihm, neben der Sandwehe, lag der Kotten mit den vereinsamten Kiefern, immer noch mit verschlossenen Läden. Hövelkamp drückte die Augen ein, um nicht die Stätte zu sehen, wo die Sünde in üppiger Gestalt zuerst die vier Wände beschrien hatte. Mit dem letzten Glockenschlage betrat er die Kirche zu Hiltrup. Er drängte sich dicht an den Bildstock, an den gekreuzigten Heiland. Hier kniete er nieder. Er betete, wie der Dulder gebetet, als er den Garten Gethsemane aufsuchte, da er kurz zuvor die Worte an Petrus gerichtet hatte: »In dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal krähet, wirst du mich dreimal verleugnen.« Er betete, wie Christus es tat, als er mit dem schweren Marterholz aus dem Tore von Jerusalem wankte. Er betete, wie der Nazarener betete, als er zum letztenmal in die umdüsterte Sonne schaute und in die schmerzlichen Worte ausbrach: »Es ist vollbracht. Herr, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.« Eine halbe Stunde nach der Frühmesse, nachdem er alles nochmals erwogen, überlegt und wie Steine umgewälzt und aufgemauert hatte, begab er sich zum Pastorat. Ludgerus Hölscher war zu Hause. »Dann melden Sie mich: Bernhard Joseph Franz Friedrich Raban Hövelkamp von der Getter.« Die Haushälterin kehrte zurück: »Hochwürden lassen bitten.« »Merci!« Er wischte sich mit dem blau und gelb gewürfelten Sacktuch den Schweiß von der Stirne und versenkte es in die Röhre seines abgenommenen Hutes. »Bitte, Herr Hövelkamp.« »Nochmals meinen gehorsamsten Ausdruck.« Die Handpostille in der Rechten, den mächtigen Zylinder sorgfältig wie ein Weihbecken vor sich hertragend, um ja kein Tröpflein des heiligen Wassers zu verspritzen, trat er dem würdigen Kleriker entgegen. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In alle Ewigkeit, Amen. Nun, mein lieber Hövelkamp, was verschafft mir die Ehre?« Der also freundlich Begrüßte hörte über die gütigen Worte hinweg, als wären sie an Sankt Ludgerus gerichtet, der über dem Sofa auf einer Konsole thronte und mit seinen gipsernen Augen und gipsernen Händen das trauliche Heim des Dechanten benedizierte. »Hochwürden,« holte er tief aus seiner Weste heraus, »daß ich hier stehe und den Mut gefunden habe, dies Haus zu betreten, ist um der Barmherzigkeit wegen und um Gottes Willen geschehen. Nichts für ungut, Hochwürden, aber ich rechne nicht zu den Schleichern und Leisetretern, die wie das Frett nächtlicherweile die Entenställe umschnüren. Ich meine indessen: es ist nicht gut, ein Weib unter den Sparren zu wissen, das bekleidet ist mit Scharlach und Rosinfarbe, trunken von dem Blut des Opfers und mit 'nem goldenen Ring durch die Nase.« »Aber Hövelkamp ...!« Der Angerufene stand da, wie Johannes, der Theologe, gestanden haben mochte, als er seine Gesichte hatte und anhub, die Offenbarung zu schreiben: »Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinen sagt. Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem andern Tode.« Der Zylinder machte eine sanfte Bewegung. »Hochwürden, ich würde mir leid tun, sollte man mich zu den Zöllnern und Angebern rechnen. Dem Knecht, was des Knechtes, und dem Herrn, was des Herrn. Ich hebe nicht die Hand wider den Herrn, denn er ist gesetzt von der Ordnung und berufen, alles mit seiner Faust zu regieren. Er ist die Obrigkeit, und wer es wagt ... Aber wenn es trotzdem passiert ...« Er tat einen tiefen Atemzug und preßte das schwarze Buch gegen die Weste: »Hochwürden, ich hab' 'ne Beichte, vielmehr ein Bekenntnis abzulegen.« Ludgerus Hölscher erschauerte vor dem Ernst und der Hoheit des einfachen Mannes. Seine hervorgezogene Schnupftabaksdose drehte sich wie ein flirrendes Rädchen. »Hövelkamp,« sagte er nach einigem Besinnen, »soll es in der Kirche oder hier in meinem Hause stattfinden?« »Das Zimmer genügt.« »Dann bitte!« Er deutete auf einen Stuhl und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes. Hövelkamp, den Hut auf den Knien, begann leise zu sprechen: »Hochwürden ...« 16 Ludgerus Hölscher aber ging hin und schloß das Fenster, durch dessen Gardinen die lieben Morgenstrahlen jetzt so freundlich spielten, als seien sie berufen, das traurige Geständnis etwas aufzuhellen und weniger traurig zu machen. »Hochwürden ...« und Hövelkamp begann in seiner bedachtsamen Art die Last und die schweren Geschehnisse, die ihn bedrückten, abzulegen, Stück für Stück, Stein um Stein, ohne der tiefen Schmerzen zu achten, ohne hierbei die Erregungen groß zu bewerten, die ihm wie scharfe Messer durch die Seele fuhren. Nichts verschwieg er, aber auch nichts brachte er vor, was er nicht, wie er selber sagte, auf die Schwurgabel nehmen konnte. Nichts beschönigte er, aber auch mit keiner Silbe berührte er Dinge, die nach Gehässigkeit schmeckten. Alles war lauter an ihm: seine Worte, seine Erwägungen, seine Gedanken. Er schilderte die verflossenen Tage und Wochen, sein Sorgen und Wachen, seine Qualen und Nöte um die junge Herrin, um das Heil des Freisassenhofes, bis zur Stunde, wo er sich sagen mußte: »Das Unheil ist da. Ich sah, wie ein mageres Licht in der Kammer brannte und sah es verlöschen unter dem bösen Atem der Sünde.« Er stierte traurig in seinen Zylinder hinein. »Dies meine Beichte, Hochwürden. Ich weiß, ich zeugte wider den Herrn, und wenn es zu Unrecht geschehen, bitte, dann sagt es. Ich diente ihm treu, war wie ein wachsamer Hund, der seinen Befehlen gehorchte, wo es nur sein mochte, aber dennoch mußte ich gegen ihn sprechen, und wenn es zu Unrecht geschehen, bitte, dann sagt es. Sei nicht ein Ohrenbläser und verleumde nicht mit deiner Zunge, so steht irgendwo in den heiligen Schriften verzeichnet, und wenn ich dagegen anoperierte, bitte, dann sagt es, und ich will hingehen und meinen Kopf gegen die Wand rennen, mir gleich, wo es ist, Kirchhofmauer oder Narrenhausmauer, denn solches wäre reichlich verdient von wegen leichtfertigen Zutragens und Undankbarkeit meinem angeborenen Baas gegenüber. Das wäre zu sagen, Hochwürden. Der Rest bleibt Euch überlassen.« Er hob den Kopf und sah auf ein Antlitz, aus dem alle Farbe gewichen war. Der Parochus loci, das zierliche Männchen mit den breiten Schuhschnallen und dem bleiernen Taler auf den Spinnwebhaaren, saß wächsern zwischen den Stuhllehnen, die Augen weit geöffnet und die Hände verkrampft, als hätten sie irgend ein giftiges Ding zu ersticken. Allmählich trat sein Verstörtsein zurück, seine Ruhe kam wieder, und als wäre das Buch Jesus Sirach plötzlich in seinem Geiste wach geworden, so redete er aus diesem Buche und sagte: »Herberge nicht jeglichen in deinem Hause, denn die Welt ist voll Untreue und List. Fliehe die Buhlerin, daß sie dich nicht fange mit ihren Reizen. Wende dein Antlitz von schönen Frauen und siehe nicht nach den Mägden, daß du nicht entzündet werdest gegen sie, denn solche Weiber haben manchen betöret.« Und seine Stimme nahm an Heftigkeit zu: »Ach, Gott, diese leichtfertigen Nächte! Ein Mann, der seine Ehe bricht und denkt bei sich selbst: Wer sieht mich? es ist finster um mich, und die Wände verbergen mich – wen soll ich scheuen? und weiß nicht, daß die Augen des Schöpfers viel heller sind als Sonne und Sterne ... ein solcher ist verflucht vor dem Herrn. Es ist viel Wirres in der Welt, Unheiliges, Böses. Ihr aber« – und Ludgerus Hölscher fußte auf seinen Schnallenschuhen wie auf Granit – »hört, was ich sage: Ein treuer Knecht ist besser denn ein Rudel jubelnder Freunde. Er schämt sich nicht, für seine Seele das Recht zu bekennen, denn durch Bekenntnis wird die Wahrheit gezeitigt und seinem Heiland gedient. Er wird für ihn streiten. Ich wollte, ich wäre meinem Gebieter allzeit so ein sorglicher Diener gewesen, wie Ihr es seid, und wollte, ich hätte stets über ihn und sein Eigen also gewachet, wie Ihr es tut – dann wahrlich, ich hätte mich zu den Getreuesten unter seinen Getreuen zählen dürfen. Ihr könnt es. Heute ist Sonntag. Übermorgen um die vierte Nachmittagsstunde werde ich dort sein. Ich habe mit Frau Judith zu sprechen. Schweigt gegen jeden. Auch gegen sie. Erst kurz vor meinem Erscheinen sagt ihr, ich ließe um eine Unterredung bitten. So« – und er trat ans Fenster und öffnete wieder – »die Wände hörten die Sünde, und die Luft ist voll davon. Gottes laulicher Frühlingsodem wird sie vertreiben. Ihm sei die Ehre. Ihr aber, geht beseligt nach Hause. Ihr habt mein Ohr und meinen Beistand gefunden.« Und Hövelkamp ging, noch ganz verweht und verworren und dennoch gehoben von den Erlebnissen in dieser schweren Stunde. Als er durch die Dorfgasse schritt, noch immer den altmodischen Hut, das blau und gelb gewürfelte Sacktuch in der gähnenden Tiefe, wie ein Weihwasserbecken vor sich hertragend, wurde zum Hochamt geläutet. Die Leute sahen ihm nach und schüttelten die Köpfe, als er so verloren an ihnen dahinzog, die Vorgärten streifte und bald darauf in die offenen Felder hinaustrat. Hier erst bemerkte er seinen seltsamen Aufzug, mußte selbst in seiner ernsten Verfassung schmunzeln und bekrönte sich eiligst mit dem gesteiften Hasenfell aus längst dahingegangenen Tagen. Aber der aufgesetzte Zylinder tat Wunder. Hövelkamp straffte den Nacken, beflügelte den Schritt, wurde aufgeräumter und hoffnungsfreudiger, so daß es ihm gelang, in der Hälfte der sonst gewöhnlichen Zeit Haus und Hof zu erreichen. Nichts verriet, was in seinem Innern vorging, wen er noch kurz zuvor in seiner Herzensnot angegangen hatte. Die Beichte war abgelegt, die Zweifel und Anfechtungen hatten ihm nichts mehr zu sagen. Er hatte das Seine getan. Das übrige lag in der Hand eines Höheren. So blieb er denn aufgeräumt bis in den späten Abend hinein und freundlich zu jedem; nur in Gegenwart Johannas stieg ihm das Blut in den Hals, begannen seine Pulse zu klopfen, mußte er an sich halten, um nicht das erste beste Stuhlbein aus irgend einem Schemel zu drehen. Ihre Nähe verwirrte ihn, ihre sanfte und doch üppige Fülle widerte ihn an, ihr gütiges und nonnenhaftes Walten erinnerte ihn an eine reife Frucht, aus der bereits die Spuren des Wurmes sickerten. Er sah in ihr nur noch das Weib, bekleidet mit Scharlach und Rosinfarbe, trunken von der Gunst des Herrn und mit einem goldenen Ring durch die Nase ... und wiederum spie er aus, vor Ekel und Bitternis. Der Alten wußte er auszuweichen, um ihr nicht Rede und Antwort zu stehen. So kam die Stunde heran, wo die Wolfsspitze revierten und er seinem Herrn den Abendrapport zu erstatten hatte. Bernd saß übelgelaunt am Kaminfeuer. Die Frühlingstage, so schön sie auch waren, brachten ums Dunkelwerden noch immer ein fröstelndes Lüftchen vom Heideland herüber. Unwirsch warf er einen neuen Kloben auf den nur noch schwelenden Aschenkegel. »Diese Zucht, so 'ne infame!« Bei seinem heutigen Spazierritt durch die Hallüh hatte er sich über die unzulängliche Abfuhr der geschlagenen Stämme geärgert. Auch mit der Durchforstung war man im Rückstand geblieben, so daß es fraglich erschien, ob alles angemerkte Holz noch rechtzeitig genug unter Art und Säge gebracht werden konnte. »Was Neues?« fragte er Hövelkamp, als dieser langsam die Diele heraufkam. »Daß ich nicht wüßte, Herr Travelmann. Alles beim alten. Die Ställe besorgt. Die Laternen brennen, wo's not tut. Die Hunde gehen. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes.« »Sonst nichts? Die Hauptsache fehlt noch.« »Wieso das?« »Seid Ihr nicht gestern in der Uhlenbrinker Gemarkung gewesen?« »Allerdings.« »Und in der Hallüh?« »Auch das. Die Stellmacherei brauchte eschene Knüppel. Die hab' ich einholen lassen.« »Und dort nichts bemerkt?« »Dafür ist mein Auge nicht da. Jedem das Seine, Herr Travelmann. Was des Hofes, der Knechte und Mägde, dafür bin ich gesetzt; für Wald und Abfuhr hat Fritz Garke zu werken. Ich bin nicht willens, dem Mann das Wasser abzugraben. Man soll keinem in die Parade nicht fahren. So will es die Ordnung auf Getter.« Der Gutsherr streifte ihn mit einem raschen Blick. »Gut. Und war der Mensch selber zur Stelle?« »Im Holz war er nicht.« »Also nicht.« Er stieß einen Fluch aus. »Aber so sind diese Kerle. Immer präsent, wenn's gilt, 'nem Krummen eins aufzubrummen. Auch der schwarze Bock ist zum Deibel. Nicht mehr zu spüren. Rehposten haben sie immer mobil. Bei werktätigem Schaffen hingegen ... Ich warte bis übermorgen. Entweder er besinnt sich auf Pflicht und Schuldigkeit oder: aus mit der Freundschaft!« »Nichts dagegen zu sagen.« »Schon richtig. Es gibt auch Ludriane in grüner Montur. Leider! Hab's mir schon bei der letzten Vermessung hinter die Ohren geschrieben. Großartige Aufmachung. Mir gegenüber. Fritz Garke contra Travelmann. Zum Lachen. Außerdem: er hat ein Händchen dafür, den Weibern über die Kruppe zu fahren. Habe gar nichts dagegen. Nur hier in Hof und Haus verbitte ich mir sein dämliches Scharwenzen.« »Wird schwer halten, Herr Travelmann.« »Wie kommt Ihr darauf?« »Weil der Kater das Mausen nicht läßt. Noch in verflossener Woche ...« »Was in verflossener Woche?« »Da es denn sein muß ... na, gut denn. In verflossener Woche, so ums Schummern herum, da stand er mit Fräulein Johanna am Wehr ...« »Hövelkamp, besinnt Euch!« »Dabei ist nichts zu besinnen. Ich bin nicht wie der selige Tobias und befinde mich noch immer dakkohr mit die Schwalben. Die haben mir bis jetzt noch nicht die Augen verschweinigelt.« »Was soll das?« »Ich wollte men sagen, er tat, was er ihr kurz vor der letzten Taxierung besorgte. Dran läßt sich kein Titelchen abdividieren.« »Und damit kommt Ihr erst jetzt heraus?« Der Gefragte sah ihn verständnislos an. »Erst jetzt heraus?« Die Tuchmütze zerknüllte in den verschwielten Händen. »Herr Travelmann, der Mann steht nicht unter mein Kuratel, ist überhaupt nicht mein Gusto. Letzteres ist Ansichtssache und hat darüber jedereins selbst zu befinden. Wer nicht angeredet wird, hat's Maul zu halten, vorausgenommen: 'ne Kuh will verkalben oder es stimmt was nicht mit der eingeborenen Kirche. Dann allerdings. Dasselbige ist von der Mamsell zu behaupten. Sie und Herr Garke ... der schwenkt nicht mehr ab. Wo de Kopp hiärwill, dao mott de Aers folgen .« »Lassen wir das!« »Soll mir angenehm sein, und nur dessentwegen, weil ich gefragt bin ...« Der Gutsherr verfärbte sich. »Aus!« Ein zweites Scheit polterte nieder. »Es kommt nur darauf an, wer den längsten Atem behält. Ich meine von wegen der Kraftbetätigung. Er jedenfalls nicht. Basta! und an Eure Adresse gerichtet: Dienstag früh will ich wissen, ob im Jagen 24 die Axt schlägt und weitere Transporte gefördert werden. Aber klipp und klar. Verstanden?« »Wenn's denn Befehl ist ...« »Es wird hiermit Befehl.« »Dann allerdings. Noch sonst was, Herr Travelmann?« Bernd winkte ab. Bedachtsam, wie er gekommen war, verließ Hövelkamp wieder die Diele, machte noch einmal die Runde um den Hof, suchte alsbald seine Schlafgelegenheit auf, las noch ein Kapitel aus seiner Hand- und Hauspostille und schlief dann ein, das ›Vaterunser‹ auf den Lippen, im Traum über eine Frühlingswiese schreitend, voller Maßliebchen, Männertreu und Himmelschlüsselchen. So ging der Sonntag unauffällig in den Montag hinein. Mit dem frühesten schaffte er bereits auf den ferngelegenen Außenparzellen, wo drei Gespanne in Tätigkeit waren und vierundzwanzig Weiber sich mühten, die ersten Saatkartoffeln zu legen. Es lohnte sich nicht, Mittag- und Vesperzeit auf dem Hof zu verbringen. Der Weg war zu weit, und für seine und der Leute Zehrung hatte die Gutsverwaltung reichlich gesorgt. Bis Feierabend blieb somit ein gängiges Werken. Die Luft war wie aus Glas gesponnen. Ein arbeitsames Windchen kräuselte die jungen Halme der benachbarten Roggen- und Weizenschläge. Sie stießen dicht an die Schilfkaupen. Links davon erhoben sich die blauen Nadelpyramiden der Hohen Fuhr, vielfach durchsetzt von sparrigen Eichen, die eben dabei waren, ihre rötlichen Flöckchen aufzustecken. Ein fremdartiges Rauschen kam herüber; mehr ein Tönen von Orgelpfeifen, mit gedämpften Menschenstimmen dazwischen; ungefähr so, als würde in der Kirche von Hiltrup ein Seelenamt gelesen. Hövelkamp hob zeitweilig den Kopf und horchte auf das verlorene Raunen und Singen. Aber jedesmal rückte er unwillig die Mütze in den Nacken; denn was er zu hören wünschte, blieb in den dunklen Schirmen hängen, als wären Hallüh und Hohe Fuhr ein verschwiegenes Buch mit sieben Siegeln gewesen. Kein Rufen der Art, kein Ab- und Zufahren von Wagen. Nur die Seelenmesse mit Orgelbegleitung dauerte weiter. »Nichts,« sagte er schließlich, »der Baas hat recht. Die grüne Farbe hat ihre Bonität, aber nicht alle, die sie tragen, können das für sich in Wertschätzung nehmen. Fritz Garke mal gar nicht. Würde er sich um sein Holz kümmern wie um das, was die Weibsbilder unterm Brustlatz haben, der Bock würde vor Fröhlichkeit lammen und die Kartoffeln in den Himmel wachsen. So aber ... paß Achtung! Der macht noch Molesten; unsereins muß Beobachtung halten. Da ist der Paderborner doch 'ne andre Nummer.« Ums Dunkelwerden war alles auf den zu bestellenden Ackern im Blei. Über den blauen Fichten hing der Abendstern. Kein Menschenwerk hatte den Frieden des Waldes gestört. Gemächlich trollte man heimwärts. Auch Hövelkamp zog mit hohen Gedanken nach Hause. »Und der Tag wird kommen, wo der Stellvertreter Gottes unter die Menschen tritt und allen zumißt, was sie verdienen, auf daß Gerechtigkeit werde und die Stillen nicht zu kümmern haben unter der Macht der Gewalttätigen.« Und der andre Morgen kam, leuchtend wie sein dahingegangener Bruder, taubeperlt und junge Pfirsichblüten im Haar. Durch die ersten Frühstunden lief ein Ruf wie der eines Cherubs im Paradies: »Haltet Wacht, haltet Wacht!« Auch Hövelkamp wachte, drüben im Feld, wo er gestern gestanden hatte. Aber keine Art ließ sich hören; lediglich das Rumpeln von Wagen. Als er sich vom Stand der Dinge überzeugt hatte, ging er hin und erstattete Meldung. Bernd war noch übler gelaunt als am verflossenen Sonntag. Die kurze Unterredung mit seinem Großknecht ... dessen Ansichten und Auskünfte hatten ihm zu denken gegeben. In ihm stieg etwas auf, das ihn mit den Lichtern eines schleichenden Tieres umlauerte. »Zum Rapport, Herr Travelmann.« »Schießt los!« »Im Jagen 24 läßt der Sägmüller die angesteigerten Nummern durch seine Scharwerker schleifen.« »Unter wessen Aufsicht?« »Wird er wohl auf sein eigenes Risiko nehmen.« »Und Garke?« »Nicht da.« »So'n Saukerl! so'n dreimal durchdestillierter! Hasenklever hat Mauke, ist auf halbe Rationen gesetzt, und so ein forstlicher Wichtigmacher nutzt die Zeit, um mit mir Schindluder zu treiben.« »Kann's mir vorstellen.« »Da muß ich schon selber ... um dem Sägmüller auf die Finger zu sehen. Aber der Hund, der nichtswürdige ... Noch ein letztes, dann weiß er, was die Glocke geschlagen hat. Höher mit dem Brotkorb! Pfui Deibel!« Er riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb einige Zeilen. »Das hier an Garke. Aber sofort. Schwarte kann's machen.« Er sah nach der Uhr. »Erst zehn. Gegen drei kann ich zurück sein. Wenn nicht, und Garke ist inzwischen angelangt – soll warten.« »Wird in Auftrag genommen. Adjüs denn.« Bernd machte sich fertig. Binnen einer halben Stunde war er gespornt und gestiefelt und saß im Sattel. In scharfer Gangart machte er zuvor eine Schleife, umritt die Mergelgrube, nahm ein gutes Stück der Heide mit, um dann erst in kommodem Trab Richtung auf das Schwarze Holz zu nehmen. Als die Mittagsglocke läutete, saßen Herrenleute und Gesinde wie gewöhnlich an gemeinsamer Tafel. Judith sah auf. Sie fixierte Hövelkamp. »Wo ist der Herr?« »Hat Unzuträglichkeiten, Madam. Es klappt nicht im Wald. Der Förster ist ihm konträrig geworden, und das mit dem Sägmüller steht auch bloß auf schwaches Pedalen.« »Also da rappelt's auch schon?« »Kann immer passieren, Madam. Nur 'n bißchen den Daumen ins Auge und so'n Rambouilletbock verliert sein Strampeln.« Er lachte kurz auf. »Das wird der Herr schon besorgen.« Die Alte warf einen raschen Blick auf Johanna. Die saß da, das Antlitz wie mit Blut übergossen. Frau Hille sah still vor sich hin. Sie nahm keinen Anteil daran, hatte vielmehr ihre eigenen Gedanken, und als Judith bald darauf die Tafel aufhob, das Dankgebet sprach und Knechte und Mägde das Feld geräumt hatten, verließ auch sie die Diele, mit einem freundlichen Gruß gegen die Mutter. Zwischen Tür und Angel wurde sie von Johanna eingeholt. »Kann ich irgendwie dienen, Frau Travelmann?« »Nein, ich bedarf Ihrer nicht.« Ihr Kleid rauschte über die Gänge. Judith sah auf. »Was heißt das, Johanna?« »Ich weiß nicht; aber so ist die gnädige Frau schon seit Wochen.« »Ist denn zwischen euch beiden ...?« Keine Antwort. Hövelkamp trat vor. »Darf ich unter vier Augen, Madam ...?« »Pressiert's?« »Ja, es pressiert.« »Dann bis später, Johanna. Wir sprechen uns noch,« und als das junge, üppige Weib, bekleidet mit Scharlach und Rosinfarbe, die Tür hinter sich hatte, wandte sich die Alte und fragte: »Nun, Hövelkamp?« »Frau Travelmann,« sagte dieser, »ich hab' 'ne Bestellung zu machen.« »Ihr an mich?« »Ja, sie ist an Eure Adresse gerichtet.« Langsam erhob sie sich zwischen den Lehnen, starr und gerade wie immer, gefaßt und ohne Erregung, obgleich sie die Todesangst, die sich in der Tiefe ihrer stahlgrauen Augen eingenistet hatte, nicht abweisen konnte. Ihre Linke umgriff das Goldkreuz, das ihr auf der Brust ruhte. »Hövelkamp,« sagte sie ohne Metall und Farbe, »irgend etwas geht vor. Es ist wie das Klopfen eines Fingers. Ich vernehme es deutlich. Es stimmt nicht auf Getter. Es wurde von hier aus nach Hiltrup getragen, blind und ohne hören zu können. Dort wurde es sehend. Auch die Taubheit ist von ihm genommen. Nun will es zurück, um die Lippen zu öffnen. Ich irre mich nicht. Es geschieht, was geschehen muß. Ludgerus Hölscher weiß um die Sache.« »So ist es, Frau Travelmann.« »Hövelkamp, was habt Ihr getan?« Durch die hohe Gestalt lief ein Zittern und Bangen. Er stand wie ein Amboß. Jetzt war seine Stunde gekommen. »Was ich getan hab'?« Seine Faust legte sich hart auf die Weste. »Das, was ich mußte. Seht: da steht das Bild der Mutter Gottes, hoch und rein, irgendwo in der Gnadenkapelle von Roxel, Telgte oder Warendorf, weiß angetan, ohne Makel und Sünde, ein Weib mit der Sonne umkleidet, der Mond unter ihren Füßen, auf ihrem Haupt 'ne Krone von zwölf Sternen. Alle kommen zu ihr, alle beten zu ihr, alle gehen wieder getröstet nach Hause, nachdem sie opferten. Und sie opferten silberne Zeichen, solche von Glaube, Hoffnung und Liebe und andere Spielerigkeiten. Und nun: da kommt jemand geschlichen ... ganz heimlich ... während der Nachtzeit ... und pustet das dünne Licht aus, daß keiner ihn sieht ... und nimmt der reinen Frau das, was ihr zusteht: das silberne Kreuz, den silbernen Anker, das silberne Herz und jedes, was sie schmückte und was ihre Freude und ihre Seligkeit ausmachte ... und da soll einer, der mit ansieht, wie der gnadenvollen Mittlerin und Fürsprecherin alles das aus den Händen gemaust wird, aber auch alles – da soll einer nicht den Mut und die Andacht und die Treue besitzen ...« Seine Faust dröhnte gegen die Brust. »Frau Travelmann, ich benenne mich Bernhard Joseph Franz Friedrich Raban Hövelkamp und bin zu Billerbeck geboren ...« »Und da seid Ihr nach Hiltrup gegangen?« »Bin ich.« »Und habt mit Hochwürden gesprochen?« »Hab' ich.« »Und da wird er heute erscheinen?« »Punkt viere.« Frau Judith suchte nach Halt. »Da wächst etwas aus dem Estrich heraus, das ich nicht sehen will und doch sehen muß.« Ihre Worte krochen am Boden. »Hat der Herr etwas mit der Sache zu schaffen?« »Frau Travelmann, erspart mir die Antwort.« »Hövelkamp, Hövelkamp!« rief sie aus, »es geht um das Höchste und kann in die Schwurfinger kommen.« »Tut nicht not.« Sie sah ihn fassungslos an. »Mich friert,« sagte sie heiser. Ein wilder Schmerz legte sich breit über ihr entsetztes Gesicht. Sie stand wie verlähmt und schien den eigenen Leib nicht mehr tragen zu können. Aber nicht lange – und sie war wieder die alte geworden. Alle Schwäche streifte sie ab. Sie packte die Hand ihres Knechtes. »Kommt mit!« Im Rauschen ihres schwarzen Kleides führte sie ihn einige Schritte zur Seite. Hier blieb sie stehen und warf den Kopf in die Höhe. »Wer falsch Zeugnis erhebt ... Dort ist die Bodenluke und unter ihr heilige Erde.« Ihre Stimme nahm zu. »Hier wird das schwarze Brett auf die Flachsbrechen geschoben, wenn die Seele fortmacht und die Füße sich strecken, werden Eide geschworen, Knechte in Verpflichtung genommen ...« »Und Knechte entlassen, wenn ihr Wort gegen den Herrn steht,« entgegnete Hövelkamp in seiner entschlossenen Ruhe. »Mein Gewissen kann ich jederzeit aufs Inlett legen. Es schläft wie'n Toter, ohne Beunruhigung, ohne mit der Wimper zu zucken. Alles Weitere hab' ich in Betrachtung genommen. Schon gestern ist der Abschluß verfertigt. Schwarz auf Weiß. Saatkartoffeln, Löhne, Roggen- und Weizenabgang, dito für Geschirre und Haferbemessung – jedes hat seine Rechnung gefunden. Kein Spielchen fehlt dran. Bleiben zu meinen Gunsten noch sechsundzwanzig Taler drei Silbergroschen. Ich bin immer parat. Heißt es: du bleibst! Gut, es soll mir 'ne Ehre sein, auf Getter weiter zu dienen. Heißt es: da ist die Türe! Gut, auch das nehme ich hin, obgleich es mir schwer wird, von 'ner Stätte zu müssen, wo ich zwanzig Jahre hindurch meine Füße unter den Tisch setzte. Aber ich gehe und finde auch wohl 'ne andre Bekömmnis. Ich trage keine Bange um mich, wenn's nur hier wieder den richtigen Gang geht und die liebe Frau das zurückbekommt, was ihr richtiges Eigen: das silberne Kreuz, den silbernen Anker und das silberne Herz, wenn auch nicht so rein und blank mehr wie früher.« Über Judiths Wangen träufelte ein helles Wasser. »Ich danke Euch, Hövelkamp. Geht zeitig Hochwürden entgegen und führt ihn in das kleine Zimmer neben der Diele, wo wir allein sind.« »Gott helfe uns allen!« sagte der stille Mann und wischte sich über die Augen. Schon lange vorher suchte er den schmalen Fahrweg ab, der von Hiltrup heraufführte. Wie alles und jedes so kleinlaut war, so ohne Heiterkeit, als hätte das Leben da draußen den Kranz der Freude abgelegt und sich welke Kirchhofsblumen um die Stirne gewunden. Die weißen Bäume verloren ihr heimeliges Säuseln. Keins von ihren grünen Herzchen legte sich auf die andre Seite. Das Ried schauerte ängstlich zusammen. Wohin man auch hören mochte: keines Vogels Stimme ließ sich vernehmen, kein fernes Rufen vom Walde her, und war doch noch vor einer halben Stunde ein Musizieren gewesen wie bei den Bremer Stadtmusikanten, hie und da etwas unausgeglichen und noch nicht ganz auf der Höhe, aber doch so, daß man der Tage gedachte, wo sich das Frühlingskonzert in seiner ganzen Reinheit und Fülle entfalten würde. Gottes Sonne stand noch hoch unter dem Himmelreich, das Schimmern der jungen Saatäcker war dasselbe geblieben, die hellen Spitzen der Stachelbeersträucher hatten nichts von ihrem Glitzern eingebüßt, und dennoch dieses kränkelnde Dasein, wie mit Theaterschminke aufgeputzt, kalt und verödet. Man konnte dabei an einen Komödianten denken, der mitten in seiner muntersten Rolle stecken geblieben, wehleidig seinen bunten Flitterkram betrachtete. Nirgends ein vergnügliches Plaudern. Selbst nicht zwischen Ställen und Scheunen. Der Hof war menschenleer. Außer dem Stellmacher, dessen Sägen und Hämmern monoton dahinsockte, der Küchenmagd und Jans Schwarte, der von seinem Botengang zurück, an der Häckselmaschine hantierte und auf die Heimkehr seines Herrn wartete, hatte sich das ganze Personal auf die Felder begeben, teils in der Nähe, teils mehr der Grenze zu, wo die eingemieteten Runkelrüben noch der Abfuhr harrten. Unter den Lebensbäumen eines verwahrlosten Friedhofes konnte es nicht weltverlorener sein, nicht abgekehrter, nicht so mit einer Karfreitagsstimmung umkleidet, als hier inmitten der grauen Mauern, Geschirrkammern und Wirtschaftsgebäude, wo nur das Ärgernis atmete und dann und wann das verlorene Klingen der Halfterketten herübertönte, und hätte irgendwo ein Feuer geknistert, sein Rauch wäre wie ein schwarzes Tuch über das Anwesen hingegangen, um die große Leere noch sinnfälliger zu gestalten. Eine Stunde später. In der kleinen Stube dicht neben der Diele saßen Frau Judith und Ludgerus Hölscher sich hart gegenüber, die Alte vornübergebeugt, die Hände auf den Knien, den Krückstock zwischen den kreidigen Fingern – so kauerte sie, die Augen am Boden, als wenn dort etwas zu suchen wäre, und malte allerlei Zeichen in den weißen Streusand, der die Fliesen des Zimmers bedeckte. Minuten auf Minuten vergingen. Sie schwieg. Der alte Herr räusperte sich. Steif und nachdenklich sah er auf seine Schuhschnallen, die im einfallenden Sonnenlicht blinkten. Auch er konnte das Wort nicht finden, nicht die Brücke aufbauen, um auf ihr wieder Halt und festes Land zu gewinnen. Dann ein schweres Aufseufzen. »Hochwürden ...!« »Nun, meine liebe Frau Travelmann?« Judith hob langsam den Kopf. »Wiederholen Sie nochmals die Stelle,« sagte sie hilflos, »die Sie mir damals klarmachten, als Altrogge begraben wurde.« Ludgerus winkte ab. »Warum das? Es bringt nur unnötiges Grübeln. Das Unglück ist nun einmal geschehen. Daran ist nichts mehr zu ändern. Wollen wir nicht lieber das Vergangene vergangen sein lassen und mehr der Zukunft gedenken?« »Nein, nein, Hochwürden, ich möchte die betreffende Stelle.« Um die Lippen des geistlichen Herrn legte sich ein schmerzliches Lächeln. »Wenn es nicht anders sein kann,« lenkte er bekümmert ein, »so mag es denn statthaben. Vielleicht ist es die: Ich will nicht exemplifizieren, sondern nur sagen: man trägt nicht gerne gieriges Feuer und straffgebündelte Garben in ein und dieselbe Scheuer zusammen.« »Nein, Hochwürden, die meine ich nicht. Wenn ich nicht irre, ist es ein Passus aus dem ›Miserere‹ gewesen. Wie lautet die Stelle?« »Sie meinen: in iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea . In Missetaten bin ich gezeugt, und in Sünde empfing mich meine Mutter.« »Die ist es, und Sie folgerten daraus auf Mutter und Tochter?« »Ich tat es.« »Darf ich wissen, wie Sie es taten?« »Sie war schön, diese Frau, aber nicht wachsam. Das Öl der Begierde brannte auf ihrer Lampe, aber nicht das der Keuschheit und das der Sitte. Wäre Altrogge ein andrer gewesen, arbeitssamer, weniger gewalttätig, hätte er im Weibe mehr das Weib geachtet, möglich, die Frau wäre zur Einsicht gekommen. So aber: die drei Kiefern bei ihrem Kotten haben die sündige Flamme gesehen. Auch die Schonung nebenan und die weißen Birken in ihrer Unschuld, und die Frage liegt nahe: konnte sich diese Begierde nicht auf die Tochter vererben? In peccatis concepit me mater mea .« »Und das haben Sie mir alles dargelegt und auseinandergesetzt, so wie Sie es jetzt taten, in dieser Stunde, Hochwürden?« »Genau so, Frau Travelmann.« »Und ich ... und ich ...?!« Die Alte stieß sich mit der welken Faust vor die Stirne. »Und ich – nachdem Sie mir das Licht der Erkenntnis anzündeten, ich ging hin und mißachtete das Licht und trat es aus und wähnte, durch eine Helle zu schreiten, die eitel Finsternis war. Nichts vergeht. Alles kommt wieder. Auch die eigene Torheit. Hahaha!« lachte sie auf, »der Vater ist tot, die Mutter ist tot. Nur eine Waise ist übrig geblieben. So sagte ich damals und vermaß mich, den Wächter auf Sion zu spielen.« Sie wütete gegen sich selbst. Durch eine jähe Bewegung war auch an ihrer rechten Schläfe eine Strähne niedergefallen. Mit beiden Händen packte sie das gelöste Haar und zog es herunter. Ihr Gesicht stand in diesem Rahmen wie das einer Verzweifelten, der nichts übrig blieb, als sich in das erste beste Wasser zu stürzen. »Mein Gott und mein Heiland! und ich vermaß mich, den Wächter auf Sion zu spielen. Den Wächter auf Sion! – ich Närrin ...!« Ludgerus Hölscher grauste es. »Wollen Sie nicht Rücksicht nehmen auf sich und Ihre Umgebung? Nichts auf Erden ist rettungslos dem Untergang anheimgefallen. Die Gnade des Ewigen leuchtet auch in die dunkelste Tiefe. In ihm wohnt die Nachsicht. Er verläßt Sie nicht und wird das zerrüttete Heim wieder so traulich machen wie die Stube in Bethanien.« »Wo das alles passiert ist? Hier unter den Sparren ... in diesem Hause ... wo Hille ...?!« Ihre Worte versteinten, wurden hart wie Kiesel. »Nicht die da, die Dirne – ich bin die Schuldige, und wenn meine Stunde gekommen, wenn sie mich aufbahren werden, dicht nebenan, auf der Diele, wo alle hingehören, die auf der Getter lebten und starben – aus der Bodenluke kommt eine Stimme herunter: Was will Judith Travelmann auf geweihter Stätte? Fort mit ihr! Verflucht sei die Närrin! und wenn sie mich dann hinaustragen, die sechs mit den schwarzen, abgeschabten Röcken und den glattrasierten Gesichtern, werden dann die Leute nicht sagen ...« Ihre Lippen zogen grausame Fältchen. »Hochwürden – Sie ... heben Sie die Hand wider mich auf! Ich verdiene es reichlich.« Ihr Kopf sank nach vorn, und abermals zeichnete sie Runen in den weißen Sand, dabei vor sich hinmurmelnd, als spräche sie mit irgendeinem wildfremden Menschen. Ludgerus Hölscher rückte den Stuhl näher heran. »Frau Travelmann, so geht das nicht weiter. Das heißt Gott versuchen. Ich sagte schon eben: das Unglück ist nun einmal geschehen. Daran ist nichts mehr zu ändern. Aber unsre Pflicht ist es, ihm die Spitze abzubrechen, es in stillere Bahnen zu lenken. Ich bin nicht gekommen, Wunden zu schlagen, sondern geschlagene Wunden zu lindern, ihnen Heilung zu bringen. Jetzt gilt es, unsre fünf Sinne zusammenzuhalten, das Gröbste aus dem Wege zu räumen und womöglich einer ersprießlichen Lösung die Tore zu öffnen. Eigene Anklagen frommen hier nicht und führen nicht weiter. Seien Sie wieder die Starke, die Travelmännin, die Sie vor einer Stunde noch waren. Ich bin weit davon entfernt, mich hier in der Rolle eines Predigers, eines rücksichtslosen Eiferers behaglich und wohl zu fühlen. Das steht mir nicht an, ist nicht in meinem Katechismus geschrieben. Hier sind Worte nur ein klingendes Metall. Weiter nichts. Handeln ist nötig. Helfen Sie mir! Überwinden Sie sich selbst! Lassen Sie die Vergangenheit ruhen! Machen Sie sich keine Selbstvorwürfe. Warum das? Was Sie taten, geschah aus reinster Menschen- und Nächstenliebe heraus, und wenn Sie fehlgingen – das Gutgewollte zählt und nicht die Folgen, die sich daraus ergeben. Ihre Hände können die Hostie heben, so rein sind sie, so fern jeder Besudelung.« »Hochwürden, Hochwürden...!« Sie sah ihn fassungslos an. »Meine Haare sind grau, sind in Ehren ergraut, und nun weiß ich nicht: soll ich Mordio schreien oder auf meinen Knien nach Billerbeck oder Kevelaer rutschen?!« »Sie sollen Ruhe bewahren, um den Skandal zu vermeiden. Das ist erste Bedingung.« »Und er ... mein Sohn ... der sich an seinem Weibe verfehlte ...?!« Ihre Blicke waren hungrig auf Ludgerus Hölscher gerichtet. »Ich verfluche nicht. Ich verdamme nicht. Homo sum . Wir gehen alle durch Sünde. Aber ich verzeihe auch nicht. Das kann nur eine. Nur dieser steht es zu, die eheliche Gemeinschaft aufrechtzuhalten, Herd und Haus zu schirmen und das tröstende Wort ›Verzeihung‹ durch diesen Sumpf von Irrungen und Wirrungen zu tragen. Noch weiß sie es nicht, und ich hoffe zu Gott, sie wird es niemals erfahren – allen zum Heil; denn sonst wird es ein mühseliges Schreiten durch eine unermeßliche Sand- und Steinwüste, bis der lautere Quell sich findet, an dem beide genesen. Geschieht es nicht, wird sie wissend, auch dann gebe ich die Hoffnung nicht auf, denn Ehen werden im Himmel geschlossen, und der sie schließt, ist unser Erlöser, der Allerbarmer. Er wird weiter helfen, nicht scheiden von Tisch und Bett und schließlich das unsagbar Traurige zu einem ersprießlichen Ende führen. Aber eins tut not ...« Und der geistliche Herr legte seine Milde ab, bekleidete sich gleichsam mit rauhem Gewand und gürtete seine Lenden mit hanfener Schnur. Ludgerus Hölscher, der auf seinen einsamen Spaziergängen sich freute, wenn er vor sich hinmurmeln konnte: » Laudate Dominum, omnes gentes; laudate eum, omnes populi ... omnes colles et montes ,« der sich rühmte, seine kleine Gemeinde in linder Besonnenheit und Einfalt ad limina apostulorum zu führen, derselbe Ludgerus Hölscher wurde plötzlich zu einem streitbaren Bekenner, zu einem Gebieter, einem Rufer in Kampf und Not, denn seine Rechte ballte sich zur Faust, polterte auf den Tisch, und sein Wort befahl wie das eines Dominikaners von der Kanzel herunter: »Aber eins tut not. So dich ein Auge ärgert, reiße es aus! So da eine Schlange aufzischelt, zertritt ihr den Kopf! Der Tempel, wo ein edles Weib als Priesterin waltet, duldet nichts Unreines. Hier – aus diesem Haus muß die Sünde und mit ihr die Sünderin. Ihres Bleibens ist nicht länger auf Getter. Ich täusche mich nicht. Zurzeit ist sie wie eine Kamelin in der Brunst und wie ein Tier in der Wüste, das niemand' aufhalten kann. Und diese Kamelin ... ihr ist nur noch zu helfen, wenn ihr von christlichen Händen Zaum und Zügel angelegt werden, und hätte ihre Mutter solche gefunden, es wäre anders bestellt um sie und die Verlorene. Warten wir ab. Noch ist nicht das letzte Wort gesprochen. Es könnten sich Dinge begeben, die sich wie Öl über das aufgepeitschte Wasser legen. Warten wir ab,« und er löste die hänfene Schnur und entsagte des härenen Gewandes. Er war wieder der beschauliche Berater und Seelsorger geworden. »Hören Sie weiter! Einer war bei mir, bevor noch Hövelkamp sein bedrängtes Herz vor mir ausschüttete, einer aus meinem engern Kirchensprengel. Er rief mich um Vermittlung an, um Beistand gegen den Hausherrn. Ich wies ihn ab, obgleich sich während der Unterredung Zeichen erhoben, die mir zu denken gaben. Allein ich hatte vor der Hand das Recht nicht, diesen Zeichen nachzugehen und sie auszumünzen. Jetzt aber ... Christus regiert! Vielleicht weist er uns den Weg, der uns aus dem grauen Tal der Tränen leitet. Doch später hierüber. Die Hauptsache bleibt« – und seine Stimme nahm wieder an Schärfe zu – »unter möglichster Schonung der Heimgesuchten, der Seelsorger hat mit Johanna, die Mutter mit dem Sohn zu reden, und wenn Sie wollen: auch ich bin erbötig, in eigener Person ...« »Ich will selber, Hochwürden.« Judith stand neben ihm, hochaufgerichtet, die Unbeugsame, die Zugreifende, das Weib, wie aus der Legende genommen. »Ja, ich will selber, Hochwürden.« So stand sie, als sich plötzlich ihre Züge veränderten. Draußen war das Gestampf eines Pferdes, das Geräusch von erregten Stimmen. Sie trat ans Fenster und sah über den Hof fort. Sie hörte: »Also doch. Das war auch geraten. Es ist schon besser: der Berg kommt zum Propheten, als umgekehrt. Sie hat wohl der leibhaftige Satan geritten ...« »Herr Travelmann, wollen wir das nicht lieber unter uns alleine besprechen? Ich bin doch kein Lump nicht.« »Wie Sie wollen. Also dort hinein! Kommen Sie mit!« Noch ein leises Sporenklirren; dann Stille. Die Alte trat zurück. »Bernd ist retour,« sagte sie schaudernd. »Wer ist bei ihm?« fragte Ludgerus. »Der Förster ... auch Hövelkamp war in der Nähe. Meine Stunde ist da.« Sie nahm ihren Krückstock. »Wohin wollen Sie?« »Zu ihm.« Er vertrat ihr den Weg. »Jetzt nicht. Ich will nicht. Ich verbiete es Ihnen. Erst später. Greifen wir nicht vor. Möglich: es erfüllt sich und drängt nach Entscheidung, was der Erfüllung und Entscheidung bedarf.« Frau Judith schüttelte traurig den Kopf. »Wie Sie meinen, Hochwürden.« Sie ließ sich in die Kissen zurückfallen. Durch die hellen Gardinen fielen die rosigen Flöckchen des jungen Abendlichtes. 17 »Nein, Herr Travelmann, mich jagt keiner ins Bockshorn. Ich habe keine Veranlagung dazu, den Hasenfuß zu spielen und mich einkesseln zu lassen. Bis zum letzten Hubertustreiben war alles im Lot. Da hieß es, Herr Garke hier, Herr Garke da. Jetzt aber ... Lassen wir das. Indessen: Sie sind noch nicht fertig. Blatten Sie weiter. Ich höre. Nur – Sie haben mir keinen Stuhl angeboten. Ich bin so frei und besorge das selber. Dann faßt man alles kommoder auf, kann die Sache besser verfolgen.« Er warf seinen Filz auf den Tisch, legte seinen Ziegenhainer daneben und drückte sich in den nächsten Sessel hinein. Der Gutsherr, der an seiner Schreibkommode lehnte, glaubte nicht richtig gehört zu haben. Unwillig tätschelte er die Ledergamaschen mit der Reitgerte. »Garke, wollen Sie sich nicht eines andern Tones bedienen?« »Die Geschichte vom Wald und vom Echo. Die hat das so an sich, besonders wenn einem klar wird: du hast bei den Bückeburgern als Oberjäger gestanden und bist jetzt als Revierförster in Stellung. Man hat auch seine Ehre. Überhaupt, sich so invitieren lassen zu müssen: per Jans Schwarte ... durch 'nen offenen Wisch...« »Es ist in Eile geschehen.« »Wenn auch. Früher hat's anders geheißen. Da hatte man seine Estimierung, seine Freude an Jägerei und Feld, da war's 'ne Lust, unter 'nem Travelmann zu dienen, um Holz und Wild in Ordnung zu halten, bis die Verschandelung der eigenen Person einsetzte und einem klar gemacht wurde: du bist überflüssig geworden.« »Das haben Sie selber verschuldet.« »Ich?« »Ja, Sie, denn ein ehrlicher Kerl läßt die ihm übertragenen Werte nicht im Stich, sondern hält sie, als wenn sie ihm selber gehörten.« »Schon richtig. Erst dachte ich auch: Tu's, und ich habe wochenlang die Arbeit geleitet. Bis vor wenigen Tagen noch. Dann aber kam's über mich. Ich hab's dem Sägemüller in Bestellung gegeben. Sie möchten sich 'nen andern suchen.« »Unsinn, verfluchter. Er ließ sich nicht sehen.« »Mir soll's egal sein. Ich stecke nicht in der Schwarte des Müllers. Aber gesagt ist gesagt.« »Warum seid Ihr denn nicht selber erschienen?« »Ich? Bei Ihnen! Wie käm' ich dazu? Wer 'nem Gaul, der in 'nem Tilbury geht, die Kandare unmenschlich anzieht, der darf sich nicht wundern, wenn so'n Bock sich weigert, in ein und der nämlichen Schere zu laufen.« »Wo soll das hinaus?« »Ganz einfach. Bei der Vermessung fing's an. Erst auf dem Hof, als die Futterage gebracht wurde, dann in der Hallüh, als es nach Haus ging. So was kann selbst der gutmütigste Hammel nicht fressen.« »Herr Garke...!« »Ich bleibe dabei, und Sie wollen noch reden, wo Sie mich vor der Mamsell und später vor dem Paderborner blamierten? Auch das soll nicht gelten? Das wäre das neuste. Nein, Herr Travelmann, das sitzt zwischen den Rippen und läßt sich nicht fortdisputieren. Wo'n Weiberrock flattert, da kommen Herr und Knecht auseinander. Doch später hiervon. Aber glauben Sie ja nicht, daß Ihr Zettel und Jans Schwarte mich hergebracht hätten. Ich wäre auch aus freien Stücken gekommen. Ganz aus freien Stücken heraus. Auch daran läßt sich nichts fortdisputieren. Wenn Sie ausgesprochen haben, komme ich an die Reihe.« »Wie so das?« »Ich meine man bloß. Keine Eile für mich. Ich kann immer noch warten. Ihre Sache geht vor, denn Sie sind der Herr, wenigstens jetzt noch.« Die Gerte klatschte gegen die Ledergamaschen. »Wenigstens jetzt noch? Soll es hart auf hart stoßen zwischen uns beiden?« »Das steht bei Ihnen. Wie der Ruf, so die Antwort.« »Was – Sie?! Ich muß mir ernstlich verbitten ... Hat Sie der Satan geritten, oder sind Sie unter die Volksbeglücker gegangen?« »So'n bißchen. Man muß sich belehren, Herr Travelmann. Das bringen die Zeiten so mit sich. Daran können auch die obern Zehntausend nichts ändern.« »Tragen Sie mir keine roten Ideen ins Haus. Ich mache kurzen Prozeß. Karnickel und solche, die mir über den Weg hoppeln und meine Ansicht verstänkern, wissen, wie die Travelmannschen Schrote und Posten pfeifen. Was haben Sie sonst noch?« »Ich? In dieser Angelegenheit eigentlich gar nichts. Das mit dem Sägemüller ist erledigt für mich, zu meinen Gunsten erledigt. Was ich noch zu sagen habe, kommt später. Aber so viel ich beurteilen kann, habe ich noch weiter das Karnickel zu spielen und noch auf 'nen andern Vorwurf zu lauern.« »Allerdings!« »Dann möchte ich bitten.« Dem Gutsherrn stieg eine heiße Blutwelle zu Kopf. Er ging ans Fenster. Draußen begann es schummerig zu werden. Graue Fäden krochen ins Zimmer, nisteten sich in den Ecken ein, legten sich über die Schildereien an den Wänden und ließen das Gegenständliche verschwimmen. Bernd trat zurück, durchmaß die Dielen mit lauten Schritten, warf sich in eine Sofaecke und schlug die Beine übereinander. Seine Wut war niedergekämpft. »Allerdings,« sagte er so ruhig wie möglich. »Wo ist der schwarze Rehbock geblieben?« »Wie meinen Sie, Herr Travelmann?« »Ich spreche doch deutlich. Wenigstens glaube ich, deutlich gesprochen zu haben. Ich meine den, den wir am dritten November verpaßten.« »Ach der! Warum diese Frage? Hat seinen Wechsel. In die Dawert oder ins Königliche hinein. Das haben die Böcke so an sich und kann nicht weiter verwundern.« »Ich wundere mich aber, weil Sie sich nicht wundern. Vor vierzehn Tagen etwa, so morgens um zehne herum, da hielt er noch zwischen den Kaupen, abgefegt und mit kohlschwarzem Windfang.« »Alles schon möglich. Das schließt aber nicht aus ...« »Warten Sie ab. Zwei Stunden später ... ich stand just am Birkengatter ... Da ein Schuß, ein scharfer, infamer ... und ein blaues Wölkchen über dem Dickicht ... Ich also hin ... hatte auch nicht lange zu suchen ... hellrote Blasen im Moos, und dicht daneben das Gescheide unter 'ner Kiefernlatsche ... Also, Herr Garke?« »Bin ich der Hüter des Bockes?« »Wer denn andes als Sie.« »Der Kuckuck vielleicht. Ich für meine Person lehne das ab, denn seit dem Vermessungstag ist mir Wald und Wild des Freisassenhofes wurschtig und vollständig schnuppe geworden. Pirschen Sie sich anderswo an. Vielleicht hat so 'n verfluchter Hiltruper Kötter ...« »Lassen Sie sich auslachen, Mann.« Der Gutsherr stieß einen trockenen Laut aus und dann ein Gewieher. »Kreuzgewitter und kein seliges Ende! Was gäben Sie mir, wenn ich diese Bauernknarre als 'ne amtliche Flinte ansprechen würde?« »Als 'ne amtliche Flinte?« »Die amtliche Posten verpulvert.« »Herr Travelmann, das soll doch nicht heißen?« »Genau das, was Sie denken.« »Und daß ich in Person ...« Ein heiseres Keuchen. »Daß ich in Person den Finger krumm gemacht hätte?« »Nichts weiter. Ich werde nachforschen lassen. Also, Herr Garke?« »Himmel verdammich!« Das Gesicht des Angegriffenen war fahl wie lehmige Erde geworden. Die Augen schlossen sich bis auf rissige Spältchen. Nur das Gelbe blieb sichtbar. Wie ein angeschossenes Tier fuhr er auf, ergriff seinen Filz und knallte ihn mit einem Fluch auf den Tisch zurück. »Das mir?! Mir das unter die Drossel zu stoßen! Mir, dem beeideten Beamten und Forstmann! Herr Travelmann« – und Garkes Faust rückte vor, war direkt auf die Stirn des Gutsherrn gerichtet – »was denken Sie sich?« Bernd trat ihm entgegen. »Faust herunter oder 'ne Travelmannsche Kugel ...« »Mir soll's egal sein. Wo das Honnör zum Teufel gegangen, mag auch der Kerl verludern. Aber das sage ich Ihnen« – und die Stimme sprang in die Fistel hinüber – »das riecht nach 'nem gerichtlichen Nachspiel. Ein Mordio gibt's, 'nen Hundespektakel. Dann wollen wir sehen, ob Sie oder ich ... Wie ein Betrunkener taumelte er auf den Lehnstuhl zurück. Die Blicke am Boden, das Kinn auf die Rechte gestützt, mahlte er zwischen den Zähnen: »So verschandelt zu werden! Aasjägerei, Wilddieb und Heckenschütze! Und so'n Freisassenhöfer...!« Ein grimmiges Lachen. »Hallo! abgesehen von dem gerichtlichen Nachspiel, jetzt ist meine Affäre an die Reihe gekommen ... meine Affäre ... denn wo so'n Weiberrock flattert...« Seine Worte verliefen im Sand. Herrischen Schrittes begab sich der Gutsherr zur Tür und legte die Hand auf die Klinke. »Als geschiedene Leute haben wir nichts mehr gemeinsam. Ich bitte, Herr Garke!« Der Angerufene hob langsam den Kopf. Mit häßlichem Grinsen setzte er den Daumen auf die Brust und stammelte taumelsüchtig: »Ich – an die Luft? Mit andern Worten: ich soll ausgeklinkt werden? ich, der bei den Bückeburgern gedient hat? und das jetzt ... in dieser Stunde ... in diesem Momang ...? Nee, Herr Travelmann, das läßt sich dem alten Garke sein Sohn nicht gefallen. Ums Verrecken nicht, und wenn ich hier Schweiß geben müßte.« »Wir beide sind fertig.« »Ich aber nicht. Mag's anstehen: der Rehbock läuft weiter, darüber hat das Gericht zu befinden, aber meine Geschichte...« Ruckweise erschlossen sich die stechenden Blicke. Das Gelbe war blutunterlaufen. »Was Sie mir zu sagen hatten, haben Sie mir aufs Brot geschmalzt, doppelt und dreifach, drum wollen Sie auch gütigst erlauben ... Der Rehbock nicht und das mit der amtlichen Flinte auch nicht, aber das, was ich vorzubringen habe, muß jetzt seine Erledigung finden, sonst springt es Sie an und bricht Ihnen den Nacken.« »Kein Wort mehr!« »Herr Travelmann, Ruhe, oder die Wände des Hofes bekommen Augen und Ohren. Es ist besser, wir verhandeln schon in aller Güte zusammen. Zu laut Beschrienes fällt egal auf die Butterseite und bringt für den einen Molesten, die er lieber im Totenmoor sähe. Ein Esel, der die Grabnarbe wegfüttert, wo er seinen eigenen Mistus verscharrte.« Was war das? Der Gutsherr schien um eine Tönung fahler geworden. Er ließ den Drücker fahren. »Was wollen Sie noch?« »Herr Travelmann, vor einigen Tagen ... ich bin beim Dechanten gewesen, in meiner Affäre. Aber wie die Pfaffen so sind: was sie hören wollen, das nehmen sie auf, hingegen, was ihnen unbequem ist, dem setzen sie ihren Schuh ins Genick und lassen's elend verquiemen. Auf der Kanzel die Milde selber. Da ziehen sie den lieben Herrgott an den Füßen vom Holzstock und tun so, als hätten sie in seinem Namen zu predigen, allen in seinem Namen Segen und Trost zu geben. Zu Hause jedoch, da schlägt die Karte 'ne verteufelte Volte, heißt das: für Leute, wie wir sind. Für solche hingegen, die mit Spickgänsen und einigen Bouteillen aufwarten können ... Überhaupt so 'ne Pfaffheit! Kurz, ich habe bei ihm kein richtiges Verständnis gefunden, wenigstens das nicht, was ich gebrauchte. 'ne Vermittlung wies er zwar nicht rundweg ab, aber sie war auch danach. Und da dachte ich mir: wendest dich besser an die zustehende Adresse, und da bin ich auf die Getter gegangen.« »Also zu mir?« »Ganz richtig.« »Große Ehre für mich. Nur, was habe ich überhaupt mit Ihnen zu schaffen?« »Vieles, Herr Travelmann, denn es geht auf Ihr eigenes Konto. Ich rate zum Guten. Knallen Sie die böse Geschichte wie ein schädliches Stück Wild über den Haufen, und Gott und alle Welt kann uns den Rücken besehen. Den schäbigen Rest nehme ich auf meine Kappe, sorge für Maulhalten, und wehe dem, dem es beikommen sollte, mir 'nen Knüppel zwischen die Knochen zu pfeffern. Das übrige ist dann Sache des Standesamtes. Aber alles nur unter einer Bedingung.« Rabiat fuhr er auf. Seine Rechte strählte den Spitzbart. Kaum waren noch die beiden zu sehen, so dunkel war es mittlerweile geworden. Die Gesichter erschienen wie kalkige Lappen. »Aber nur unter einer Bedingung und an Euer Hochwohlgeboren gerichtet. Mit dem heutigen Tag aus mit Johanna ... Hand von dem Weibsbild ... kein gemeinsames Bett mehr ... oder was sonst es auch sei. Selbstverständlich: das erforderliche Draufgeld ist nötig, um anständig leben zu können. Einverstanden, dann gut. Sie wird als ehrliche Hausfrau meine vier Pfähle beziehen. Wenn nicht ...« Bernd lief es kalt über den Rücken. Er griff nach der Klingel. »Was haben Sie vor?« »Johanna soll kommen.« »Hat keine Not nicht. Seit 'ner Stunde über Hecken und Hägen. Die hat Witterung bekommen und ist beim Krugwirt untergekrochen.« Die ausgestreckte Hand zuckte zurück. »Also Komplott?!« »Gott bewahre. Nur 'n ehrlicher Kontrakt, 'ne kleine Verschreibung unter vier Augen. Wir brauchen keine Zeugen und gar nichts. Ihre Handschrift genügt mir. Trotz aller Anrempeleien, ich bin noch immer bereit, das böse Rencontre zu regeln und Frieden zu machen. Keine langen Umstände. Je eher, je besser; bin ich doch allzeit ein Freund von kurzen und sachlichen Entschlüssen gewesen. Sehen, Kolben angebackt und 'ran an den Drücker. Sie, die Mamsell, scheidet aus. Wir brauchen sie nicht weiter zu fragen. Ich habe Prokura. Allerdings, 'ne marode Jungfernschaft läßt sich nicht flicken, wie 's 'n Rastelbinder mit 'nem irdenen Topf macht. Aber ich nehme sie hin, so wie sie ist; denn ich habe die Erfahrung für mich: Scherben bringen Glück, und junge Betschwestern sind nicht immer die besten Frauen geworden. Also! propere Bahn muß ich haben. Scharfe Trennung in den Revieren. Hie Forsthaus, hie Getter. Sonst nicht. Und dann noch, was ich eben schon sagte: 'ne gewisse Abfindungssumme ...« Er griff nach seinem Filz. »Herr Travelmann, das wäre wohl alles.« Über Bernd fiel es her wie ein kreisender, tosender Steinschlag, und aus diesem Steinschlag heraus: »Und wenn ich nicht wollte?« Er zitterte vor Wut, suchte die dunklen Wände ab, bis er den Gewehrschrank gefunden hatte. Hier bohrten sich seine Blicke ein wie gierige Lanzenspitzen. Garke zuckte die Achseln. »Herr Travelmann, was kann ich da weiter sagen? Wenn Sie sich wohl in Ihrer Jacke befinden, mir soll's recht sein. Ich will Ihnen Ihre Jacke nicht nehmen. Wie man sich anzieht, so kleidet's einem. Wenigstens wird so was von den meisten behauptet. Ob's wahr ist, möchte ich bezweifeln, und ich rate Ihnen daher in Ihrem eigenen Interesse, meinen wohlgemeinten Vorschlag nicht in die Binsen zu pfeifen. Geschieht's – ich kann Ihnen nicht helfen. Es kann immer passieren... so'n Kirchspiel hat verfluchtige Lauscher und ein weites Maulwerk. Das schreit wie'n Hirsch in der Brunftzeit. Wir aber hier unter uns ...« »Schnauze halten!« Der Gutsherr bäumte sich auf. Für eine Augenblicksspanne hatte er Bilder vor Augen. Er sah ein bleiches Weib vor sich stehen – und das war sein Weib. Er sah Tränen fallen – und das waren ihre Tränen. Er sah eine Herdflamme langsam verlöschen – und das war sein Herdfeuer ... und trotzdem – mochte kommen, was wollte: hinaus mit dem Kerl. Er machte eine Bewegung wie um an den Schrank zu gelangen. Hielt aber inne. »Nein,« knirschte er haltlos. »Meine Hand ist zu schade und 'ne Kugel zu gut für diesen Lumpen. Das können andre besorgen. Saukerl, verfluchter!« Mit einem wilden Sprung war er am Fenster, hatte geöffnet und einen hellen Pfiff durch die Zähne gestoßen. Aus weiter Ferne kam ein Winseln und Belfern. Dann verstummte es wieder. Ein zweiter Pfiff gellte, scharf wie der einer Lokomotive auf gefährdeter Strecke. Dann ein Ruf: »Griesgram und Grau!« Da kam es gestoben ... vom Obstgarten her ... um die Gräfte herum ... mit Gekläff und Heulen ... »Herr Travelmann, was sollen die Hunde?!« Bernd mit einem zermalmenden Blick: »Ihre Pflicht tun.« »Sie werden doch nicht ...? Der Skandal ...!« »Ich werde, ich werde. Für Erpresser und ähnliche Leute sind solche Kerlchen die besten Kumpane und 'Rausschmeißer. Holla, Griesgram und Grau!« Seine Stimme dröhnte durch Zimmer und Korridore, wurde jedoch übertönt von dem Getöse und Lärm der beiden Wolfshunde, die jetzt von der Diele hertobten, die Treppe nahmen und wie die tolle Jagd über die langen Gänge fegten. Mit heiserem Johlen und hängenden Lefzen hielten sie Posto vor der Tür ihres Herrn. »Brav so, ihr beiden. Herr Garke, die besorgen die Sache. Dort hinaus!« Er hob langsam den Arm, und dieser Arm wurde jäh übergossen von einem plötzlichen Schein, der so unvermittelt über ihn herfiel wie der Glanz aus einer Zauberlaterne. Er drang aus dem Nebenzimmer. Ein Mädchen trat ein, stellte das Licht auf die Schreibkommode und entfernte sich wieder. Auf der Schwelle aber stand Hille. »Du ...?!« Der Freisasse drehte das Gesicht über die Schulter. »Was willst du jetzt hier?« Scheu und fröstelnd sagte sie ihm: »Das Schlimmste vermeiden, dem Unglück den Eintritt verbieten.« »Wo der Mensch hier es wagt...? Und das in dieser bodenlosen Gemeinheit...?« Ein zerdrücktes Flehen, ein kaum wahrnehmbares Heben und Senken der Hände. »Bernd, gib dem Mann freie Bahn, bevor es zu spät ist!« »Die Peitsche sollte man ihm anmessen und vor die Hunde ihn werfen ... aber weil du es sagst ...« Er riß die Tür auf und gebot den gegen ihn anspringenden Tieren: »Kuscht euch, ihr beiden!« Da winselten sie und krochen ins Zimmer, stellten sich aber Garke zur Seite, knurrend und mit fletschenden Zahnen. Ihr Geifer fiel nieder. »Fort da! und dort in die Ecke!« Die spitzen Köpfe gesenkt, die fließenden Schnauzen am Boden, folgten sie willig und taten sich in einem entlegenen Winkel nieder, noch immer kampfgierig, jeden Augenblick bereit, einen andern Befehl ihres Herrn auszuführen. »Also, Herr Travelmann, für heute wäre wohl nichts mehr aufzustellen. Die Geschichte mit dem Rehbock wird prompt erledigt. Das nimmt seinen Weg und pressiert nicht weiter. Das andere aber pressiert, verträgt keine langen Fisimatenten. Drei Tage Aufschub. Bis zu diesem Termin – so oder so, aber klaren Wein in die Buddel!« Bernd machte kehrt. »Abwarten! Vorläufig: dort führt Ihr Weg hin.« Ein neues Knurren aus der Ecke heraus. Da stülpte Fritz Garke seinen Hut über, ergriff den Ziegenhainer und ging, begleitet von dem bösartigen Anschlagen der unruhigen Wächter. Hinter ihm krachte die Tür zu. Wie ein aufgemauerter Pfeiler wurzelte der Freisasse an der nämlichen Stelle und stierte sein Weib an. Hille hatte sich in einem Sessel dicht am Fenster niedergelassen. Der schmale Lichtkegel der Lampe berührte sie kaum. Ohne Erregung begegnete sie seinen forschenden Blicken. »Hille,« stieß er hervor, »ich begreife dich nicht. Wie konntest du nur? Die Stunde war schlecht gewählt, wo ich und Fritz Garke ...« Sie unterbrach ihn. »Nein, ich bin entgegengesetzter Ansicht. Sie genügte mir völlig. Ich ersehnte sie lange und konnte keine bessere finden.« »Seltsam! und was veranlaßte dich, hier zu erscheinen, um dich unvermittelt in wirtschaftliche Auseinandersetzungen deines Mannes mit seinem Förster zu drängen? Hier ist mein Reich und drüben das deine. Wir wollen uns doch in Zukunft bemühen, die vorgeschriebenen Grenzen einzuhalten.« »Auch hier bin ich verschiedener Meinung. Was du wirtschaftlich nennst, mag seine Berechtigung haben, obgleich sachlich erörterte Dinge in der Regel nicht eine derartige Szene heraufbeschwören. Das Wirtschaftliche war lediglich der Rahmen des nicht erfreulichen Bildes. Den zeigtest du nur. Den Kern der Sache jedoch scheinst du geflissentlich übergehen zu wollen.« »Larifari!« »Bernd, weiche nicht aus! Du und ich, wir haben jetzt miteinander zu sprechen.« »Du mit mir? Immer seltsamer. Du gedenkst hier Hütten zu bauen, mir mit einem Privatissimum unter die Augen zu treten. Ich suche nach Gründen, die dich hierzu veranlassen könnten, und muß offen gestehen, ich bin nicht in der Lage, ihrer habhaft zu werden.« »Das könntest du aber, denn ich gehöre nicht zu den unverstandenen Frauen, nicht zu denen, die sich mit einem undurchdringlichen Nebel umschleiern und aus diesem Nebel heraus Rätsel an Rätsel flechten. Offen und ehrlich bin ich dir immer entgegengetreten, selbst dann, wo du glaubtest, an meiner wahren Neigung und dem Wohle und Wehe meines Herzens zweifeln zu müssen. Somit mußtest du sehen, was in meinem Innern vorging, was mich ruhelos durch die Kammern trieb und meine Nächte trostlos machte. Aber seit den letzten Wochen bin ich zur Überzeugung gelangt: Du willst es nicht wissen.« »Ich bitte dich, Hille.« »Nein, du willst es nicht wissen. Es einfach hinzunehmen, es mit demütigen Kreuzzeichen abzutun, wäre ein Fehler, der sich nicht mehr gutmachen ließe. Diese Auseinandersetzung war nötig. Jede Verzögerung brächte eine neue Gefahr. Ich will nicht weitschweifig werden. Nur das muß ich sagen, was unbedingt erforderlich ist, unser eigenes Selbst in volle Beleuchtung zu rücken. Von Darfeld kein Wort mehr. Auch davon nicht, daß du es warst, der alle Schwierigkeiten behob, um den gefährdeten Edelsitz wieder lebensfähig zu machen. Und daß es geschah, daß du es warst, der uns aufs neue aufatmen ließ, das machte dich groß in meinen Augen und bleibt meine stille Freude, bis ich sagen muß: Meine Zeit ist gekommen. Kurz, ich wurde dein Weib, ohne Nebengedanken, aus freien Stücken heraus und mit offenen Armen, ohne dem Gewesenen nachzutrauern und ihm eine gewisse Gloriole zu geben. Meine Forderungen gingen nicht weit. Nur das Weib im Weibe begehrte sein Recht. Nichts weiter. Keine utopischen Dinge. Allein ich bedurfte die Aufrichtigkeit eines entschlossenen Mannes, seine ganze Stärke und Treue, um mich an seiner Seite aufzurichten und den Ansprüchen eines sich nach Liebe sehnenden Herzens gerecht zu werden. Nur im vollen Besitz liegt die Ruhe. Ein Ungewisses, laues Glück hat mir gar nichts zu sagen. Wechselseitige Zuneigung wird vom Vertrauen bedingt. Geht dieses verloren, muß die Liebe zu einer Bettlerin werden. Ich bin elend geworden durch dich.« »Hille ...!« »So ist es. Siehe mich an – du! Ich bin der ärmsten Bettlerinnen eine. Bitte, mich nicht unterbrechen zu wollen. Es bringt uns nicht näher. Nicht du, sondern ich habe diese Auseinandersetzung erzwungen, und es liegt bei mir, sie zu einem endgültigen Abschluß zu fuhren. Dabei beirrt mich dein geringschätziges Achselzucken keineswegs, und ich bewundere nur den traurigen Mut, mit dem du es wagst, dich über den bittern Ernst dieser Stunde hinwegzutäuschen.« Er trat dicht vor sie hin. »Wie kommst du darauf, und was berechtigt dich, mir in dieser schroffen Art zu begegnen?« Sie hob leise die Hand und ließ sie mit einem erzwungenen Lächeln wieder in den Schoß gleiten. »Ich stelle die Gegenfrage. Du scheinst zu glauben, ich sei vom Monde gefallen, wäre ein Neuling auf Getter. Du irrst dich. Ich bin nicht das Kind mehr von Darfeld. Die Jahre gingen nicht spurlos vorüber. Ich fand mich. Die Verstandeskräfte eines fühlenden Weibes sind doch höher einzuschätzen, als du sie bewertest, wenn ich auch annehmen will: deine Bemessung ist hinter einer Maske verborgen. Ich weiß, was hier vorgeht. Die Wände sprechen es aus, in den Kammern geht es um, und wenn noch ein Zweifel obwalten sollte – die stürmische Szene mit deinem Förster brachte auch die letzten Vorwände und Bedenken zum Schweigen. Aber abgesehen hiervon« – und langsam hob sich ihre hohe Gestalt aus dem Sessel – »und wenn alles nicht wäre – ein liebendes, wahrhaftiges Weib fühlt alle Schwankungen im ehelichen Leben, selbst dann noch, wenn sie sich mit dem nur hineingehauchten Zittern von Sonnenstäubchen bemerkbar machen. Worauf es hier ankommt? Auf sie. Sie war wie eine weiße Blume im Klostergarten; die Sonne beschien sie, der Tau des Himmels benetzte sie ... und dennoch verrottet bis in den Kelch hinein, bis in den innersten Lebensnerv. Seit Wochen ist mir dieses Empfinden geworden, und ich habe nur noch die Frage zu stellen: Wie hoch oder wie niedrig hast du die Dirne verschachert?« »Himmel verdamm' mich!« »Willst du es leugnen?« Hoheit umgab sie. Alles in ihr wurde größer, majestätischer, durchzuckt von der wilden Qual einer Gepeinigten. Ungebrochen, Klägerin und Richterin in einer Person, stand sie vor ihm. »Hille, ich begreife dich nicht.« »Ich aber – dich! Schlage an deine Brust! Du hast in diesem Hause das Zerstörungswerk vollbracht. Daran ist nichts mehr zu ändern; aber solltest du auch jetzt noch willens sein, deine haltlose Position mir gegenüber behaupten zu wollen ... ich ersuche dich flehend: Lasse ab von diesem unnützen Beginnen! Es würde deine gesellschaftliche Mannesehre tangieren. Ich möchte dich nicht auf den Spuren eines Lügners oder Fälschers ertappen. Das würde mein Tod sein ... allein, das hindert mich nicht, dir offen und frei zu begegnen und gegebenen Falles die Schranken aufzurichten, die zwischen uns beiden vonnöten sind, möge kommen, was wolle. Gemeinsame Schicksalsschläge heiligen, gemeinsame Sünden entweihen. So wahr mir Gott helfe, ich fühle mich schuldlos. Du aber – du ... Abgesehen von den Schwingungen trunkener Stunden, bin ich dir nur Ware gewesen, nur Aufputz, das arme Fräulein von Darfeld, während die da drüben, die Spenderin illegitimer Freuden und Leiden ...« »Himmel und Herrgott! Wer war der Verräter?!« Seine Worte sprangen auf, um mit durchschnittenen Fesseln zusammenzubrechen. »Hier – das hier,« versetzte sie in stiller Selbstverleugnung, die Hände auf das klopfende Herz legend. »Und hätte es sonst ein Warner getan, er wäre der Gerechtesten einer gewesen.« »Ich würde diesem Gerechten aller Gerechten ...« Er hatte Schaum auf den Lippen. »Das würdest du nicht tun, denn alle Travelmänner, so heißes Blut sie auch hatten, so leichtfertig sie über das Weib und die weibliche Ehre auch dachten – sie sind immer Travelmänner geblieben. Auch du. Du wirst mich verstehen. Erspare dir jedes weitere Bekenntnis. Ich bedarf seiner nicht. Es steht dir auf der Stirne geschrieben, denn was Travelmann heißt, ist niemals hinterhaltig geworden. Im Zorn fehlten sie, im Rausch sündigten sie ... Das übrige weißt du. Ich verdamme, was verdammenswert ist, und verzeihe, was Verzeihung verdient. Ich kenne euch alle, euch Travelmänner, vom Hören, vom Sagen, vom Sehen, und was mir fehlte, erzählte mir eine innere Stimme. Ihr seid Herrenmenschen, Siegernaturen, und an solchen muß ein armes und beschauliches Wesen langsam verbluten.« Das schlug wie Tatzen in seine verwundete Seele. »Hille ...! Hille ...!« Wie ein Wetter fiel es über ihn her, wie ein Sturm durchbrauste es ihn und suchte alles von ihm zu fegen, was morsch und faulicht geworden war. Die zerrissenen Segel seiner aufgestörten Sinne flatterten im Wind, schrien um Hilfe. Die tierische Lust in ihm winselte am Boden. Die Reinheit der hohen Frau überschauerte ihn wie die einer emporgehaltenen Hostie ... und diese Reinheit zwang ihn, im Staube zu knien und die Arme zu strecken. »Rühr' mich nicht an – du, bevor nicht ...« Er taumelte auf und mußte sich an einer Tischkante halten. »Hille ...!« »Nein!« sagte sie kalt und gelassen. Ihre zermarterte Schönheit stand in einem Mantel von Eis, und aus diesem eisigen Mantel wühlten sich die bittern Worte: »Das bringt nicht Erlösung. Die Tatsachen sind stärker als ich. Der welke Geruch der Klosterblumen haftet dir an. Er entweihte dich, und was hindert ihn, auch mich zu entweihen? Es ist kein leichtes, aus seinem Dunstkreis zu kommen. Über gewisse Dinge kommt eine Frau nicht fort. Der Tod ist leichter zu tragen als der immer wiederkehrende Gedanke, hintergangen zu werden. Schaue zurück und überzähle die Stunden und Tage, wo wir sagen mochten: Wir sind glücklich und wahrhaft wunschlos geworden. Bernd, sie sind an den Fingern zu zählen. Und das ist wenig, sehr wenig. Ich habe nach aufrichtiger Liebe gehungert, nicht nach den schwülen Nächten des Taumels ... du aber, du hast mir verwehrt, diesen Hunger zu stillen, ließest mich fröstelnd stehen, seitdem diese Dirne ... Nein, ich bin noch nicht fertig. Aus diesen Seelenwirren ist kein Ausweg zu finden. Wenigstens jetzt nicht. Nur Zeit und Einkehr vermögen zu handeln, das Unabweisbare weniger unabweisbar zu machen. Aber was die jetzige Stunde fordert, darüber bin ich mir völlig im klaren. Die Konsequenzen hieraus versuche ich auf meine Schultern zu nehmen. Ich habe keinen Grund, mich vor den Menschen zu scheuen. Mein Weg ist vorgezeichnet. Kirche und Gewissen verbieten mir eine gänzliche Trennung. Was ich darunter verstehe, brauche ich dir nicht des längern auseinanderzusetzen. Mir sind Schranken gebaut, und ich bin gesonnen, diese Schranken innezuhalten. Ein rechtschaffenes Weib läßt die ihm überlieferten Rechte nicht teilen, geschweige denn antasten. Sie sind ihm so heilig wie die Mysterien des Altarsakramentes, das Höchste, was uns vom Himmel kam und für die Gemeinschaft der Seele und des Leibes eingesetzt wurde. Ich bin bald zu Ende. Der Ring meiner Erwägungen und Schmerzen beginnt sich zu schließen. Der dornige Pfad nach Golgatha bringt Leiden und Qualen, aber auch das süße Empfinden: bald ist alles Dulden vorüber. Ich für meine Person habe nur zwischen zwei Dingen zu wählen: zwischen Gehen und Bleiben.« Ihre Lider senkten sich langsam. »Bleiben – ja, unter Vorbehalt ... und dann, wenn deine Mutter es wünscht, wenn das Herdfeuer mir zuraunt: Lasse mich nicht, sonst muß ich verlöschen. Uns berührt das nicht weiter. Gehen – auch das. Ich bin mit allem zufrieden, weiß ich doch: es mußte so kommen. Wer so viel durchlitten wie ich, hat sich nur noch den dürren Blätterkranz der Entsagung in die Stirne zu drücken und die Hände zu falten. Dein Wille geschehe.« Jeder Kampf in ihr war still geworden; alles Herbe und Unerbittliche von ihren Zügen gewichen. Sekunden vergingen. Da kam es wieder aus gepreßter und bedrängter Seele: »Wie hast du entschieden?« Ein dumpfes Aufstöhnen. »Bleibe!« fiel es ihm schwer von den Lippen. Jetzt hob sie die Blicke. Sie sah in ein blutloses, entstelltes Gesicht, dessen brennende Augen die ihrigen suchten. Der Boden schien ihr zu wanken. Ihre Kraft war zu Ende. Sie tastete rücklings und sank in die Lehnen zurück, um leise zu schluchzen. »Geh' jetzt! Ich möchte allein sein ... und willst du mir einen Gefallen erweisen: rufe die Mutter!« Wirre Gestalten zogen fieberhaft vorüber. Sie wurden krauser und nebelhafter, führten sie mit sich und geleiteten sie in eine verwunschene Öde, die nur Finsternis hatte und alles verschluckte, was klingen und tönen wollte. Sie sah nichts und hörte ihre eigene Stimme nicht mehr. Auch hatte sie kein Empfinden dafür, daß Frau Judith und Ludgerus Hölscher sich um sie bemühten, sie aufhoben und sorglich betteten, daß Tag und Nacht wechselten, draußen die Finken schmetterten und von Frühling und Auferstehungsfreude erzählten. Nichts mehr, nichts mehr! bis eines Abends ...   Wochen waren darüber vergangen, Wochen, die über Tod und Leben entschieden. Endlich neigte sich das Zünglein der Wage zum bessern, und als es sich neigte, hatten die Pfirsich- und Aprikosenspaliere längst ihren rosigen Schaum verloren, waren die Apfelbäume verblüht, gingen die Weizen- und Roggenfelder in langen Gewändern. Hille saß zwischen den Kissen. Verheißungsvoll stand ein feierliches Licht hinter den Scheiben. Sie sah das Licht und freute sich seines lieblichen Anblicks. Behutsame Schritte näherten sich; dann hielt Judith ihre Rechte umfangen. »Mutter – du ...?« »Ich bin es, mein Kind. Nun bist du uns wiedergegeben. Aber sei still, nicht sprechen, keine wehen Gedanken ...« Immer voller strahlte die Glorie durch das halbgeöffnete Fenster. Hille folgte dem letzten Grüßen des Tages mit schmerzlichem Lächeln. Sie horchte hinaus. »Nein, es ist nicht draußen.« Dann fragte sie plötzlich: »Schafft der Stellmacher im Hause?« Die Alte wurde unruhig. »Wie kommst du darauf?« »Mutter –« und ihre Augen standen in einem wehmütigen Glänzen – »es muß doch wohl sein. Es kommt von der Diele. Ich höre wen sägen.« »Ich bitte dich, Hille! Längst ist Feierabend gewesen. Der Mann will doch auch seine Ausspannung haben.« »Tut nichts, Mutter. Ich kann mich nicht irren. Es klingt zu deutlich herüber. Ich höre immerzu sägen. Aber die Säge geht kurz und hat keine langen Wege zu machen. Fünf Brettchen sind schon zu Boden gefallen!« Sie hob sich in den Kissen und horchte atemlos auf das Geräusch, das sie zu hören vermeinte. »Da wieder! Jetzt fällt das sechste herunter.« Sie warf sich zurück und bedeckte ihr Antlitz mit zitternden Händen. »Mutter, jetzt läuten sie in der Kirche zu Hiltrup. Mein Gott und mein Heiland!« Dann schwieg sie. Fünf Tage später wurde ein winziges Särglein nach dem stillen Gottesacker getragen. Frau Judith folgte ihm, ohne in ihrem wilden Schmerz Tränen zu finden. Als sie zurückkehrte, ging sie zu Hille, küßte ihr die wächserne Stirn und sagte: »Tröste dich, Hille! Ihm war kein Leben beschieden. Dort oben erst wird es zum Leben erwachen. Und dir und uns: aus dem kleinen Hügel wird neue Hoffnung auferstehen, die uns segnet, alle miteinander.« Hierauf nahm sie den Travelmannschen Schmuck und legte ihn stumm in die Lade. 18 Die beiden Schwalbenpärchen, die sich alljährlich im Balkenwerk der großen Dielentür ansiedelten, kehrten nicht wieder. Ihr Mörtelwerk zerbröckelte, verwehte die Zeit. Dafür baute ein anderes im Fensterrahmen von Hövelkamps Schlafgelegenheit, unter hellem Zwitschern und emsigem Zufliegen, dicht über dem Sims, auf dem das fleißige Lieschen jetzt paradierte, als hätte der Herr ihm geboten: »Du sollst noch regsamer sein denn sonst, noch mehr deine Knospen entfalten, noch lieblicher duften, auf daß sich das Herz des Mannes erfreue, der dir seine Pflege angedeihen läßt, denn er ist der Gerechtesten einer ...« und das tat auch das fleißige Lieschen, schmückte sich mit jedem jungen Morgen schöner und freundlicher und pries den Schöpfer und lobete ihn in seiner vielfältigen Anmut und stillen Genügsamkeit. An der großen Scheune stand der schwarze Flieder hoch im laulichen Wind, überschneit von tellergroßen, schneeweißen Dolden. Im Krautgärtlein entfalteten die Zentifolien ihre ganze Pracht. Ihre Blüten leuchteten in den hellen Sommernächten gleich Rubinen und dufteten, wie ihre Schwestern es taten, als sie mit ihren Wohlgerüchen die Gegend von Saron und die von Jesreel erfüllten. Der Flachs hatte seine himmelblauen Sternchen verloren. Die Roggen- und Weizenschläge verstreuten ihren Weihrauch, wellten sich in ihrem Liebesspiel sacht gegen den Horizont an und erschauerten unter dem seligen Genuß der Befruchtung, klingelten mit ihren Grannen und Spelzen und harrten erwartungsvoll dem wundersamen und rhythmischen Sirren der Sensen entgegen. In den Vorgehölzen sang der Vogel Bülow, versteckte sich scheu in den satten Laubmassen, um sich von Zeit zu Zeit wie ein gelber Federball von einem Baum zum andern zu wiegen. »Vogel Bülow! Vogel Bülow!« Weithin tönte der Jubel des märchenhaften Sängers, von allen herbeigesehnt, von allen geliebt, aber nur von wenigen aus nächster Nähe gesehen, so trefflich verstand er es, sein Safrangewand unauffällig zu machen und ins Nichts zu verschwinden. »Vogel Bülow! Vogel Bülow!« O dieser Ruf, dieses Sehnen und Suchen! Seit dem Tag, wo eine große Hoffnung dahinging, die sechs Brettchen eingesenkt waren und der Travelmannsche Schmuck sein Leuchten eingebüßt hatte, schien der Hof seinem Schicksal verfallen. Dem war nicht so. Frau Judith wuchs sich aus zu einer Gigantin. Trotz ihrer Jahre, trotz aller Prüfungen und Heimsuchungen, die sie erduldet – ihre Lebensenergie regte sich in ungeahnter Weise. Sie beugte sich nicht. Mehr als sonst hielt sie stand, strich ihre eisengrauen Strähnen zurück und biß die Zähne zusammen. Sturm war um sie. Aber aushalten unter jeder Bedingung. Nicht um Haaresbreite änderte sie ihren Kurs, wich nicht und wankte nicht und verfolgte ihr Ziel mit der Willenskraft einer Verzweifelten, der nichts übrig blieb, als Land zu gewinnen oder unterzugehen. Wie ein Kapitän auf gefährdeter Kommandobrücke, dem die graue, aufgewühlte See Schiff und Atem absprechen wollte, gab sie ihre Befehle, traf sie ihre Maßnahmen, verstand sie es, die Wogen zu glätten und in stillere Bahnen zu lenken. Diese Lebensenergie redete mit harten und unbarmherzigen Zungen, blieb keinem etwas schuldig, selbst Bernd nicht, war wie der Klang einer Wetterglocke, die Not und Gefahr ansagte und es dennoch verstand, den ›Engel des Herrn‹ in bedrängte Menschenherzen zu läuten. Und Frau Hille vernahm dieses Läuten, das von Liebe erzählte, von den Geboten Gottes und denen der Kirche und immerzu mahnte: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern ...« und da neigte sie ihr Haupt, gedachte mit nassen Augen der schweren Heimsuchung und legte die Hände zusammen. Auch Stephanie schrieb ihr: »Neue Wünsche und Erfüllungen wachsen auf Gräbern. Wer da Leid duldet um der Gerechtigkeit willen, der soll ausharren, bis sich die Stunde der Einkehr erfüllet. Trage Deine Dornenkrone in Einfalt und christlicher Demut, ihr werden die Dornen genommen werden, und was Dich auch bedrängt: es ist nicht wohlgetan, das eigene Weh unter die Menschen zu bringen, denn was sie Dir bieten und zu sagen haben, ist nicht besser als der Rat eines Narren, der dazu noch mit seiner Schellenkappe klingelt. Die Lippen sprechen anders denn die Herzen es aufnehmen. Ich kenne die Menschen. Nur wenige gibt es, die mit den Leidenden leiden, sich mit den Glücklichen freuen, ohne Neid zu empfinden. Das eigene Selbst allein ist der zuständige Richter und Sachwalter und wird Dir sagen: Gehe an der Seite Deines Mannes wie in frühern Tagen, unbekümmert um das Gerede der Salbungsvollen und Böswilligen und spreite den Mantel des Vergessens über das, was Dir unselig war und nicht wußte, wohin es seine Blicke wenden sollte. Besser eine Handvoll Nachsicht als mehrere Hände voll von Bitternis und verhaltenem Groll. Bitternis und Groll sind üble Gesellen und Ohrenbläser. Heiße sie nicht willkommen. Nur das nicht. C'est le commencement de la fin . Und das kannst Du nicht wollen. Deine Wunden sind wie Brandwunden. Sie heilen schwer, aber sie heilen doch schließlich.« So schrieb sie, und Ludgerus Hölscher sprach in ähnlichem Sinne. Öfters kam er zur Getter, fand innige Worte der Versöhnung und Liebe und verstand es in Gemeinschaft mit dem zuversichtlichen Walten Judiths, die schwersten Unebenheiten aus dem Wege zu räumen und die Gemeinschaft der Eheleute wieder ersprießlicher zu machen. So vergingen die Tage, die Wochen. Das schlichte Försterhaus am Hasenfang hatte längst seinen eigenen Rauch. Auch hier hatte Ludgerus vermittelt und das getan, was erforderlich war, ein böses Gerede zum Schweigen zu bringen und gewisse Zugeständnisse des Gutsherrn zu ermöglichen. Aber nicht im eigenen Kirchspiel, sondern in der Heimat Garkes waren die beiden zusammengegeben, um nach längerer Abwesenheit die Rückfahrt anzutreten, sich einzurichten und in der Ungewissen Zukunft vor Anker zu gehen. Anfangs blieben die Nachbarn zurückhaltend, prophezeiten nichts Gutes und ließen allerlei geheimnisvolle Brocken unter den Tisch fallen. Als aber mit jedem jungen Morgen der Rauch lustig am Hasenfang aufwirbelte, Mann und Frau einträchtiglich zur Kirche gingen, Garke in aller Kraft und Selbstgefälligkeit seinen Verpflichtungen nachkam und an laulichen Sommerabenden das üppige Weib mit schmantweißen Armen im Fensterrahmen lehnte, sich allzeit gefällig erwies und den Vorübergehenden freundlich zunickte, ließen auch sie ihre Bedenken abwandern, gaben zurück, was man ihnen bot, und sahen nicht ein, warum man nicht genau so wie früher sein Partiechen ›Napoleon‹ oder ›Schafskopf‹ mit dem Förster im Heidekrug spielen sollte, um die etwas gelockerten Fäden des Verkehrs aufs neue zu strammen. Trotz der fatalen Rehbockgeschichte, die mitunter seine Stirn umwölkte, schlug er herzhaft in die dargebotenen Hände und machte den Eindruck eines Mannes, der mit sich zufrieden war und nichts mehr zu wünschen hatte. In diesem Sichselbstbegnügen unterließ er es auch, sich an die Gerichte zu wenden, seine Drohung wahr zu machen und Bernd Travelmann vor die Schranken zu fordern, obgleich er im Krug das große Wort führte und durchblicken ließ, eines Tages würde die ganze Gesellschaft große Augen machen und hellsichtig werden. »Nimmt der Kerl den Eid auf die Gabel,« mit diesen Worten beschloß er jedesmal seine donnernde Philippika, »dann müssen ihm die Finger verdorren,« vermied es jedoch, irgendeinen Namen zu nennen und den geringsten Anhalt zu geben, wem die angekündigte Vorladung eigentlich aufs Dach schneien sollte. Nur das Schwadronieren hielt an. Mit der Zeit gab sich auch dieses, wodurch der Mißbrauch der ›amtlichen‹ Posten und Schrote seine endgültige Erledigung fand. Er erklärte, großzügig vergessen zu können. Nur eins vergaß er nicht: die schnöde Behandlung nicht, die ihm die letzte Unterredung mit dem Freisassenhöfer eingebracht hatte. Das ging noch über den Schellenkönig und war rein dazu angetan, aus der Haut und dem Tempel Gottes zu stolpern. »Kreuzmillionen und heiliges Himmelgewitter! das mit den Hunden ... aber vor allen Dingen: Hand von dem Weibsbild ... kein gemeinsames Bett mehr ... wenn's auch nur Roggenstroh wäre ... oder ich vergäße mich und spräche 'nen Menschen für 'nen Bock an. So 'ne Kugel tut alles, und da kann's immer passieren ... Höhö! Wildbret ist Wildbret!« und dabei gingen seine stechenden Blicke über das Meer der Halme, das zwischen dem Hasenfang und dem Freisassenhof auf- und niederwogte, jetzt bereits falb und blond und von der Glut angehaucht, die immer heißer und nachhaltiger vom Himmel züngelte. Die Wiesen waren niedergelegt, ihre reichen Erträgnisse zu Schobern gehäufelt. Ein warmer Ruch nach Salbei, Gretel im Busch und Bienensaug gesellte sich dem Duft nach frischem Heu, während die Ähren der benachbarten Roggen- und Weizenparzellen sich vor dem Sonnenfeuer duckten und bereits daran dachten, in die behagliche Kühle der verdämmerten Tennen geschaukelt zu werden. Noch vierzehn Tage, und der erste Schnitt konnte beginnen. Fast senkrecht stichelte das Tagesgestirn aus seiner weißglühenden Kuppel herunter. Die Wälder lagen dunstig-blau in der Ebene, zu bequem, nur ein Säuseln von sich zu geben. Die Fernen zitterten, als wären sie mit flirrender Gaze übersponnen. Nichts regte sich. Selbst die sonst so muntern Heupferdchen hatten ihr Geigen eingestellt. Dem gelben Wundervogel jedoch paßte die Sache. In goldenen Wellenlinien streifte er den Rand der Vorgehölze ab, tauchte in den bleischweren Laubmassen unter und ließ von hier aus unentwegt seine Zauberflöte ertönen. »Vogel Bülow! Vogel Bülow!« Nur wenige Lebewesen hörten darauf, denn die Hitze war unerträglich geworden. Was auf den Feldern zu tun hatte, schaffte im Schweiß seines Angesichtes, mit gekrümmtem Rücken, ohne Gefühl für den freien Wildgesang und einzig von dem Wunsche beseelt, sich im wohltuenden Schatten strecken zu können. Dem Freisassen hatte der lodernde Gischt gar nichts zu sagen. Bronzefarbenen Angesichtes, ohne von der brütenden Schwüle behelligt zu werden, schritt er durch die glutheißen Korngassen, ließ Grannen und Ähren durch seine Hände gleiten, prüfte die Härte des Korns und konnte sich nicht genug daran tun, immer zu sichten, zu sondern und die einzelnen Parzellen auf ihre Schnittreife anzusprechen. Zwei geschlagene Stunden gebrauchte er, seinen Besitz zu umkreisen. Endlich war er damit fertig geworden. »Hövelkamp hat recht; in vierzehn Tagen kann's losgehen.« Er sah schon den immensen Wald der Halme niedergleiten, ihn zu Feimen und Mieten gestapelt, die endlosen Fuhren nach dem Hof schwanken und die Röcke der Weiber beim Erntefest um die prallen Schenkel wirbeln. Ein Geruch nach Erde und frischem Brot zog ihm in die Nasenflügel hinein, machte ihn trunken, bestärkte ihn aufs neue in seinem Freisassentum, das ihm in unlautern Armen mehr oder weniger abhanden gekommen war – jetzt wieder der Genesene, der Mann der roten Erde, der seine Scholle und ihre Eigenart liebte wie der Eichenrecke den Waldessaum, um so freien Odem zu haben und die sparrigen Äste besser strecken zu können. Gesättigt von Luft und Sonnenfeuer, zog er heimwärts, ohne wegmüde zu sein, sich sehnend nach einer sprudelnden Quelle. Dabei mußte er an Ohm Gideon denken, der jetzt durch kühle Alleen pilgerte, zwar noch immer humpelnd, aber doch wiederbelebt von der heilsamen Frische des Sankt Bonifaziusbrunnens ... und er erinnerte sich mit einem gewissen Unbehagen, daß er dessen Briefe und Lamentationen unbeantwortet gelassen, um so mehr, als er auf seinem Zimmer wiederum ein versiegeltes Schreiben des biedern Paderborners vorfand, unverkennbar, dickleibig und mit der krakelfüßigen Adresse behaftet: »Herrn Bernd Travelmann, hochwohlgeboren, in Kraft eigener Machtbefugnis schild- und wappenlos, aber regierender Herr auf und zu Getter bei Hiltrup, im Regierungsbezirk Münster gelegen.« Lachend erbrach er das Kuvert, machte sich's bequem und begann fröhlich zu lesen: »Bernd, Freund, Mensch und Gesinnungsgenosse! An der Quelle saß der Knabe ... (Schiller), leider verursacht durch die Fahrt in den Trasimenischen See, denn sie war schuld daran. Also eigentlich Du, wenn's auch 'ne pläsierliche und köstliche Tour war. Bald ist Sankt Urbans Pein und Plage überwunden. Dann heißt es: Auf nach Valencia! ins gelobte Land der dicken Bohnen und Pumpernickel, wenn auch geschrieben steht: Westfalus est sine pi, sine pu, sine con, sine veri , was ich als guter Lateiner, Kadett und ehemaliger Schüler des Paulinums folgendermaßen übersetzen möchte: Wer ein Westfale ist, hat keine Frömmigkeit intus , Ebenso mangelt es ihm an Scham, Gewissen und Wahrheit. Indessen, wer diesen westfälischen Spruch aufbrachte, verdient es, wie Knipperdölling geschunden oder nach frommer Sitte gewisser Nonnenklöster eingemauert zu werden. Ich würde selber Mörtel und Kelle zur Hand nehmen, um die Angelegenheit promptestens zu besorgen. Aber Spaß beiseite. Ich habe ein langes Promemoria niederzulegen, denn meine althergebrachte Devise, die ich vornehmlich in betracht der Briefe zur Anwendung bringe: Meines Lebens ganze Würze: Militärisch-stramme Kürze, verfängt heute nicht, wird zu den Akten gelegt, hat Mauke und Steingallen. Mache Dich daher auf eine Unsumme von Erfahrungen, Vorstellungen, Fragen und Wünschen gefaßt. Eskadron – Te–r–a–a–ab! Schwadronsweise ziehen sie an Deinem Feldherrnauge vorüber, und wenn Du Kritik abhältst, gehe nicht ins Gericht mit dem armen Sünder und Büßer an den Wassern der Sankt Bonifaziusquelle in Salzschlirf. Wasser, immer nur Wasser! Prrr! Also zum ersten. Abgesehen von Deiner generösen Ader, die mich bis zum letzten Atemzuge verpflichtet und mir gestattete, den Wundersprudel aufzusuchen, bin ich Dir dankbar für Deinen, wenn auch nur kurzen Besuch zu Beginn meiner Leidensaffäre. Dann aber, ich schrieb – Du schwiegst. Ich schrieb zum andern – derselbe negative Erfolg. Nochmals tunkte ich die Feder ein, schwergelenkig und mit eingewickelten Knien – keine Sterbenssilbe. Na – und? wie soll ich das deuten? Herr Jeses! bin ich denn durch die Gunst eines Hausknechtes zu einer Stallschönheit ins Dasein gerufen und auf dem Mistus geboren? Ich denke nicht dran. Lieber färbe ich die Fingernägel mit Henna; gehöre auch nicht zu denen, die gleich zur Retraite blasen und sich in einen Schmollwinkel zurückziehen. Strecke vielmehr die Hand und sage: Er hat viel gelitten, und ihm muß viel vergeben werden, hoffe indessen zur heiligen Dreifaltigkeit, daß die Heimgesuchte bald in der Lage sein werde, abermals den Schmuck der Travelmänner anzulegen, um den an Geist und Seele Schwerblessierten wieder die Stirne zu heitern. Sakral! Sakral! Alles Wohlergehen für den Freisassenhof! und kannst Du mich dann in die Patenschaft aufnehmen, ich bin nicht abgeneigt, das schwere und verantwortungsreiche Amt mit Würde zu tragen. Zum zweiten. Jammer, Dein Name ist Gideon, Freiherr von und zu Hasenklever. Erbarme Dich meiner! Jetzt geht's ja wieder. Mein Bülow Krawallo sehnt sich nach Marschfreiheit. Ich dito desgleichen. Ich denke, so in vierzehn Tagen herum kann's losgehen. Aber was ich erduldet! An den Bächen Babylons saßen sie und weinten. Ich tat mehr, betrachtete meine dicken Zehen und sah: sie hatten weingrüne Gesichter und den Umfang von jungen Nilpferden. Das ging noch über den Schmerz der Hebräer, als sie ihre Klagelieder verfaßten, sich nach Schalet und Knoblauchsauce sehnten und Sions gedachten. Die Steinträger bei den Pyramiden hatten es besser als ich, bis der heilige Bonifazius zur Einsicht gelangte, die weingrünen Visagen scheuchte und die jungen Nilpferde wieder in menschenwürdige Fußanhängsel verwandelte. Jawoll, ja. Bis zu meinem Eintreffen auf Getter hat's indessen noch gute Weile. Gleich nach meiner Ankunft im Krummen Timpen zu Münster bin ich zum Grafen Westerholt und dem Edlen von und zu Schmising geladen, um mit meinen Abschätzungstabellen und Kenntnissen Sinn und Verstand in die etwas verluderte Holzungswirtschaft zu tragen. Dann aber, wenn die Hirsche begehren und, die Lichter am Boden, durch die Hohe Fuhr trollen ... Bernd, Herzensjunge und Waffengefährte! – Doch später hierüber noch ein entsprechendes Wörtchen. Alles sachlich und der Reihenfolge gemäß. Zum dritten. Bei euch scheint manches verändert. Die Blume der Prärie, die Tochter Montezumas des Prächtigen, hat jetzt wohl ihren eigenen Wigwam bezogen? Gut so, gut so für vieles, denn bei Lichte besehen: diese edle Reineclaude, nein: Pflaume ... diese Pflaume, so schön und lieblich sie auch anzusehen war, begnadet als Inhaberin der hesperidischen Äpfelchen, dürfte doch mehr oder weniger mit Wurmstich behaftet sein. Ebenso der Mann, der sie schüttelte und heimführte. Bernd, dieser Forstrat ist mir von jeher ein Dorn im Auge gewesen. Ich sprach es leider nicht öffentlich aus, allein ich dachte mir immer: der Kerl ist ein Flegel, ein Lümmel mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe. Sapienti sat . Meine Akten über diese beiden niedlichen Pflanzen sind hiermit geschlossen. Aber nicht die über Emmerich Dinklage. Ich weiß, Du bist gegenteiliger Ansicht und singst mit Gitarrenbegleitung: Wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich ... und dennoch möchte ich Dich dringlich ersuchen: mache Deinen Frieden mit ihm und lasse Deine Sonne wieder scheinen über Gerechte und Ungerechte, denn seine Tage sind gezählt. Er rüstet zur Abfahrt, gesonnen, in die hellenischen und assyrischen Gräber und Grüfte zu steigen. Auch ein Fimmel, aber wer wäre von uns nicht mit einem solchen, wenn auch anders gearteten Fimmel behaftet? Beuge Dein Haupt, stolzer Niedersachse, und ziehe die Versöhnungshand aus der Paletottasche. Wer weiß, ob er aus seinem multrigen Wühlen heraus wieder die Heimat findet, und dann ist Holland in Nöten. Wenn die Hirsche schreien, läßt er die westfälische Metropole im Rücken ... und damit bin ich auf das eigentliche Krachen meiner anzupräsentierenden Nuß geraten. Bernd, wenn die Hirsche schreien ...! Dabei fällt mir Stienen ein, der bedeutsame Joseph Stienen, domiziliert im Lottergäßchen hinter dem Rathaus. Charles, zwei Lafitte, mild temperiert, für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren. Großartiger Mann das, der subtilste Niederschlag aller Restaurateure im Bannkreise Münsters, Herr und Gebieter über die feinsten Phiolen, die verkörperte Straßburger Gänseleberpastete. O dieser Dalai-Lama im Reich gastronomischer Freuden, würdig und wert, von einem Petron besungen zu werden! und lebte der göttliche Trimalch noch heutigen Tages, dieser Schlemmermeister aller Zeiten und Völker hätte nur bei Joseph Stienen gewirkt, gegessen und sich die Nase begossen. Das kann ich so recht am hiesigen Bonifaziusbrunnen ermessen. Joseph Stienen und der sprudelnde Heilige – welche Kontraste! Bei jenem saftige Entrecôtes mit Sauce Bearnaise, an der hiesigen Tafel lediglich ein Herz Jesu- Süppchen, worin Lazarettpflaumen gondeln. Drüben die hohe Jagd auf die Gewächse von Garonne und Dordogne, hier nur ein Bauerntreiben auf Harnsäure Salze. C'est tout . Gewißlich: Bonifazius ist gar nicht so ohne, aber Joseph Stienen ist dreitausendmal besser, und diesem Heros bin ich bis in die Stiefelschäfte hinein verpflichtet. Kurz, ich habe dem Gentleman die Trophäe von 'nem Sechzehnender versprochen, und wo diese zu finden ist, ist Deiner Noblesse anheimgegeben. Also, mein Junge, wenn die Hirsche suhlen und röhren, dann bist Du so freundlich. Ich kann unsern Freund doch nicht in der Ungelegenheit lassen, kann doch nicht wortbrüchig werden. Er hat so'ne feine Stelle über der Anrichte, und singen und sagen wird er: Nur 'rein in die Gute Stube! wenn ich vor ihn trete und ihm die kapitalen Stangen behändige. Weiter kein Wort. Er wird es zu danken wissen. Wenigstens fünfzehn mild temperierte Bouteillen werden Hals geben müssen, uns beiden zum Wohlsein. Das Sonstige gar nicht gerechnet. Ich harre der Dinge und Deiner freundwilligen Antwort. Die Kugel ist schon gegossen, die den Waldkönig umlegt. A rivederci , und grüße die Deinen. Ich persönlich verharre unter dem Devotionsstrich als Dein getreuer und nie erkaltender Gideon Hasenklever, zurzeit noch in Salzschlirf und an den Quellen des heiligen Bonifazius büßend. Amen.« Bernd sprang auf und legte die einzelnen Blätter zusammen. »Bravo! dieser getrommelte Unsinn. Aber dem Mann kann geholfen werden. Die Trophäe soll er haben, heißt das, wenn der Kapitale die Liebenswürdigkeit hat, sich vor Ohm Gideons Büchse zu stellen. Weidmannsheil! ich gönn's ihm. Aber das mit Emmerich ...« Er trat ans Fenster und sah in den Abend hinaus. Das Tagesgestirn glutete wie eine rote Kugel am tiefen Horizont. Langsam versank es in das endlose Meer der eben aufblühenden Heide.   Die Hitze nahm zu. Der lechzende Boden bekam klaffende Rillen und Spalten. Kesselblanke Wolkengebirge tauchten im Westen auf und verloren sich wieder. Unermüdlich brodelte das heiße Licht wie aus einem glühenden Ofen hernieder. Die von der Getter waren in voller Ernte begriffen. Vom frühen Morgen bis spät in den Abend hinein sangen die sichelförmigen Schneiden, glitten über den Boden, um sich immer gieriger in die gelbe See der unbeweglichen Ähren hineinzufressen. Gegen alle Satzung begannen jetzt schon die Wälder, die die weite Feldmark umgrenzten, zu falben. Strichweise glänzte es rot zwischen den Ästen. Das versengende Feuer lag schwül auf den Baumkronen. Kein Rascheln und Raunen, keine Brise lispelte über die durstige Erde. Regungslos, wie Grenadiere in Paradestellung, erhoben sich die Chausseepappeln in das eherne Firmament; keine Faser zuckte an ihnen, kein Blättchen wagte es, dem andern ein Wörtchen ins Ohr zu flüstern. Das Heer der Schnitter und Binderinnen bewegte sich in einem halbkreisförmigen Bogen vom Herrenhaus gegen das dunkle Band der Hallüh. Schon seit etlichen Tagen war es im Anmarsch, unermüdlich, mit dem unaufhaltsamen Vordringen einer gleitenden, wispernden Schlange. Hinter ihm blieben die Stoppeln zurück, würgten die Strohbänder, reihten sich Garben an Garben, taumelten die schwerbefrachteten Leiterwagen auf den knochenharten Kommunalwegen den Scheunen und Schobern zu. Vor ihm brannte die See des noch umzulegenden Getreides, lichterloh, in die Augen stechend, als erhöbe sich auf jeder Granne ein heißes, sprühendes Kerzchen. Millionen und aber Millionen von weißen Flämmchen! Acht Tage vergingen. Der Waldrand der Hallüh rückte näher. Schon konnte man sein schwermütiges Säuseln vernehmen. Noch immer brütete die Schwüle zwischen den Korngassen, auf Wegen und Rainen. Heute besonders. Kurzgedrungen, wie mit der Schere aus einem violblauen Papierbogen geschnitten, liefen die Schatten neben den sensenden Männern. Ihre Schläfen hämmerten, ihr Blut kochte, aber breitspurig, ohne inne zu halten, zogen sie ihre rhythmischen Bahnen. Der Gutsherr selber tat es allen voran. Bernd Travelmann war unter die Knechte und Weiber gegangen. Die Luft dunstete nach ihnen. Wie ein Stier im Joch und doch der Befehlende von altem Schlag und Lot, der seine überschüssige Kraft in Tätigkeit umsetzte, hantierte er auf dem äußersten rechten Flügel, sein eigener Anwalt und der erste Diener seines weitverzweigten Anwesens. Den Leinwandkittel abgelegt, mit offenem Hemd und schweißbeperlter Brust, schaffte er als der Geringsten einer, dengelte er, ließ er mit weitausholenden Armen die mondförmige Sichel durch das Ährenfeld rauschen, alle aneifernd, alle mit sich fortreißend, so daß Hövelkamp, der die Mitte des Halbbogens führte, öfters den Kopf nach dem rechten Flügel drehte, um sich an der herben Arbeitsfreudigkeit seines Herrn zu erbauen. Wo waren da Wappen und Schild geblieben? Wo der Glanz und die Pracht des Travelmannschen Hauses, wenn bei frohen Gelegenheiten die Hirschgeweihkrone die weißgespreitete Tafel umglänzte, die Kristallgläser gleich böhmischen Granaten aufleuchteten und helles Gelächter die weite Diele erfüllte? Nichts mehr von allem. Nur schlichte Einfalt, die Umwertung des Festlichen in das Werktätige, die ungebändigte Kraft eines freien Westfalen, der nichts anders sein wollte als ein bodenständiger Bauer, ein Könner und Zupacker, verwachsen mit der eigenen Scholle, sich in den Hüften wiegend und dampfend, horchend auf den Zisch des scharfen Messers wie auf den fernen Ruf einer großen Offenbarung. Die Herrenfaust wirkte vorbildlich, büschelte eine elektrische Macht aus. Alle Fäuste taten's ihr nach. Selbst die Halme hatten ihre Freude daran, legten sich singend nieder, breit und körnerschwer, durchstickt von rotem Mohn und den violetten Näpfen der Kornraden. Hövelkamp machte eine Pause, um sich besser strecken zu können, rückte den Strohhut in den Nacken und wischte den Schweiß von der Stirne. »Christus!« sagte er froh vor sich hin. »Der kann immer noch werden. Dat Nigge klingelt, dat Olle rappelt. Immer man weiter geklingelt. Es wäre ein Segen und ein Geschenk des Herrn. De Hiärgott hiät de Welt in seß Dagen makt. Der schafft sie in dreien. Sanktus, sanktus!« Dann mähte er weiter. So ging es auch an den folgenden Tagen. Bernd Travelmann immer voran. Am letzten der Woche, gegen Vesperzeit zu, als bereits der heiße Dunst die Fernen umhüllte, hatte man sich nahezu bis an das Vorgehölz der Hallüh herangesenst. Ringsumher eine einzige Öde, ein gähnendes Nichts, Stoppelfelder an Stoppelfelder, hier und da die Kegel aufgerichteter Garben, die aber immer weniger wurden und langsam abwanderten. Nur noch wenige Weizenparzellen harrten des Schnittes. Von Hiltrup ertönte die Glocke, die Rast und Verschnaufen ansagte. Mäher und Binderinnen ließen ihre Arbeit ruhen und suchten ein Plätzchen auf, wo sie sich vor den flimmernden Wellen zu schützen vermochten. Totmüde sanken sie nieder, sich des Abends freuend, den sie mit heißen Sinnen herbeisehnten. Bis dahin konnte noch das Letzte eingebracht werden. Auch Bernd hatte sich abseits gelagert, am Waldsaum, in einer bequemen Mulde, überschattet von dem Nadelschirm einer alten Kiefer, deren Stamm sich gleich einer mächtigen Porphyrsäule emporsteilte. Drüben am Hasenfang duckte sich ein niedriges Häuschen mit grüngestrichenen Läden zwischen Feuerbohnen und etlichen Obstbäumen. Über dem roten Ziegeldach stand ein blaues Wölkchen, das sich allmählich zerzwirnte. Bernd verfolgte es mit blinzelnden Augen. Seine Brust hob und senkte sich unter langen und behaglichen Atemzügen. Die kochenden Tropfen der Erschöpfung sickerten ihm am Leibe herunter. Die Ausspannung tat ihm wohl. Wandelbilder zogen an seinen geistigen Blicken vorüber. Immer neue kamen, wechselten wie die bunten Steinchen und Splitterchen in einem Kaleidoskop. Halb auf der Seite liegend, sah er in die ausgestorbene Landschaft, in der alles so müde war wie auf einem Gottesacker. Nur das kaum hörbare Harfen der benachbarten Hallüh und Hohen Fuhr unterbrach die unendliche Weltvergessenheit. Über ihm zerging das eherne Blau und nahm einen resedafarbenen Ton an. Ein kühleres Lüftchen wehte herauf, obgleich der Himmel noch sengte und siedete und die halbvertrockneten Gräser kaum zu atmen wagten. Mit gesenkten Wimpern, die nur einen schmalen Spalt der Augen frei ließen, sah er alles durch ein Gitterwerk: die madengelbe Chaussee, die sich mit ihren verstaubten Apfelbäumchen müde nach Hiltrup schleppte, die geschorenen Äcker, das abseits gelegene Häuschen, in dessen Krautgarten ein helles Kleid auftauchte, das sich unvermittelt weiter bewegte. Ihm war so, als käme es näher, als verschwände es in der nahen Fichtenschonung, um plötzlich wieder in die Erscheinung zu treten. Er war zu abgespannt, sich vom Boden zu heben, zu lethargisch, die Glieder zu regen. Die Lider senkten sich langsam, und hinter den geschlossenen begann es zu dämmern, zu träumen und allmählich zu dunkeln. Ein verhaltenes Lustgefühl erregte die verstörten Sinne. Er sehnte sich nach der Nähe des Weibes, nach seiner Umarmung. Das weltferne Harfen und Säuseln verstärkte sich. Er wähnte den scheuen Laut von ängstlichen Schritten zu hören, das kaum wahrnehmbare Rascheln eines Kleides, das Pochen eines verschüchterten Herzens. Ein dunkler Strom glitt über ihn fort. Wie lange schon ruhte er so? Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben. Wie spät war es? Er wußte es nicht. Alles schlief um ihn: die Föhren, ihre Nadeln, Himmel und Erde. Nur eines wußte er. Etwas Ungewöhnliches nahte sich ihm, irgendetwas, das ihn bis in die letzten Fibern erregte. Er vernahm ein Seufzen dicht neben sich, ein unterdrücktes Atmen. Aus seiner Traumwelt heraus, ohne fähig zu sein, Geist und Gedanken zu ordnen, fragte er stammelnd: »Woher kommst du?« »Von dorther, wo ich mich unglücklich fühle.« »Wer bist du?« »Eine, die du kennst.« »Was willst du?« Keine Antwort erfolgte. Nur das Weib war bei ihm, eigens geschaffen, ihn noch mehr zu betören. Die tiefe Erschlaffung, die ihn mit dunklen Schwingen umwuchtelte, verstattete ihm nicht die geringste Bewegung. Er lag wie gebahrt, von einem schwülen Weihrauch umnebelt. Und dennoch: mechanisch drängte sich wieder ein Spalt zwischen die Wimpern. Ein geschmeidiger Frauenkörper beugte sich nieder, im Schmuck blauschwarzer Flechten, das dünne Kattunleibchen halb geöffnet, sich wie auf ein stummes Geheiß weiter erschließend. Er glaubte ein Wunder zu sehen, und er kannte das Wunder. Es kam ihm zuerst, als das spärliche Licht in der verbotenen Kammer dem Erlöschen nahe war. Willenlos, ohne sich dem herrischen Zwang entziehen zu können, tauchte er in eine purpurblaue Tiefe, die weder Anfang noch Ende hatte. In dieser Purpurblaue standen zwei zierliche Kuppeln, hart und mit dem blonden Hauch reifer Weizenähren umgeben. Er sah sich trunken daran, ohne die Kraft zu haben, die Arme zu strecken. Ein gieriger Mund preßte sich fest auf den seinen. In der Luft war ein Klirren und Klingen, tönte die Zauberflöte des gelben Wundervogels. Aufs neue vernahm er das Näseln der Sensen, das Holpern von abfahrenden Leiterwagen. Dann nichts mehr. Als er erwachte, stand der Westen in seiner letzten Glorie. Von Hiltrup rief ein Glöckchen herüber. Die geschorenen Äcker waren ohne Leben und Arbeit. Zwischen den Feuerbohnen jedoch schien wieder etwas Helles zu glänzen. Bei seinem Erheben sah er neben einem Sträußchen von blauen Kornblumen ein gefaltetes Zettelchen liegen. Er nahm beides und las ... und wiederum sehnte er sich nach der Nähe des Weibes und seiner Umarmung. Das Sträußchen und den Fetzen Papier steckte er zu sich. Ohne sich weiter umzusehen, betäubt und von einem sündigen Verlangen durchschauert, trat er den Heimgang an. Die Betäubung verlor sich, aber das sündige Verlangen nahm er mit in die kommenden Tage. Seine Nächte waren meist schlaflos, und in einer solchen Nacht glaubte er einen matten Schuß fallen zu hören. Er kam aus der Richtung des Hasenfanges. Es war um die Zeit, als der Hafer geschlagen wurde. Vierzehn Tage später erhob sich im Königlichen ein dumpfes Schreien und Röhren. Da schrieb er an Ohm Gideon: »Paderborner, die Hirsche orgeln. Mache dich fertig! Ich erwarte dich baldigst. Weidmannsheil und ein fröhliches Weidwerk!«   19 An den nun folgenden Nächten war des Schreiens kein Ende. Bis gegen Tagesanbruch dauerte das Rufen und Röhren. Besonders im Königlichen, das im weiten Bogen die Gettersche Flurkarte umkesselte. Im Sternenglanz nahmen die Kronenträger ihre Äsung in den benachbarten Klee- und Kartoffeläckern, um vor Tau und Tag wieder den vertrauten Kirchgang anzutreten, vom Feld in die Holzung zu ziehen. Platzhirsche und geringere taten ihr Bestes. Bald klang es wie das Grollen eines Bullen herüber, bald wie das Röcheln eines halbverendeten Tieres, durch Kreuzgestelle und Altwege hindurch, über moorigen Boden, junge Fichtenspitzen und Kiefernschonungen, bis es die rote Heide aufnahm und es in ihrer unermeßlichen Öde versinken ließ. Aber wie seltsam! Der Waldkönig, den Bernd noch in der Hallüh an der großen Suhle mit eigenen Augen angesprochen hatte, schien unversehens aus der Liste der großen Orgelmänner gestrichen. Seit der schlaflosen Nacht, in der, wie er wähnte, der Schuß gefallen war, ließ sich der Kapitale auf seinem eigenen Grund und Boden nicht mehr vernehmen. Um so reger liefen die garstigen Trenzer durch die Nachbarbezirke. Unermüdlich wechselten die Kämpfer, die sich nach dem Mutterwilde sehnten oder den Gegner auf Tod und Leben herausforderten, von Jagen zu Jagen. Ein Brechen und Forkeln. Bernd horchte darauf wie auf ein Liebesorakel, kaum seiner Herr, gerüttelt an Leib und Seele und der Stunde gedenkend, wie er, von Arbeit und Anstrengung dampfend, in der schattigen Mulde ruhte, über sich das Wispern der alten Kiefer und das Aufglühen des majestätischen Schirmes. Und das nicht allein ... Die Sünde war bei ihm, die sich mit weizenblonden Kuppeln über ihn beugte, verlangend und heiß und gebieterisch wie die Brunftschreie, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließen. Das gekniffte Zettelchen brannte wie Feuer und zwang ihn, es immer wieder zu lesen. Nur wenige Worte: »Gegen meinen Willen, hier verändert sich manches. Er will ins Bückenburgische ... in seine Heimat zurück ... in eine ähnliche Stellung. Ich kann's ihm nicht ausreden. Mitte September macht er dorthin, um sich vorzustellen; aber nur für einige Tage. Wenn Du mich noch einmal sehen willst: gib Obacht! Hängt ein Zeichen zwischen den Stangen im Krautgarten, dann bin ich allein ... und wenn dann ein Licht brennt ... im Giebelfenster ... Ich warte. Deine ...« Die steilen Buchstaben streckten sich aus, wurden zu Fangarmen, zogen ihn um die kritische Zeit in die Gegend des Hasenfanges, um, wie er vorgab, die weidgerechten Tiere abzuhören und ihre Brunftplatze festzustellen. Eines Morgens kam er erregt von der Streife zurück. Den braven Hirsch hatte er auch jetzt nicht bestätigen können, doch zwischen den Bohnen ... Er vermochte es kaum, seine stürmische Drangsal niederzuhalten. Bald in den Ställen, bald in den Fluren suchte er nach unnützen Dingen, herrschte das Gesinde an, um gleich darauf wieder in die fröhlichste Laune zu verfallen. Er trank hastig und viel. Das Blut drang ihm zu Kopf. Mit emsiger Freude machte er sich am Gewehrschrank zu schaffen. Er wählte lang und bedachtsam. Endlich hatte er die ihm zusagende Waffe gefunden. Sie lag ihm handgerecht. Beim Mittagessen war er heiter und aufgeräumt. Er versprach sich bei den mondhellen Stunden einen trefflichen Ansitz und gutes Büchsenlicht. Bald darauf glaubte er, vom Hohlweg her ein übermütiges Singen zu hören. Das verstörte ihn. Er kannte die Stimme. »Ohm Gideon!« und richtig: der Paderborner rückte im Kriegsschmuck und feldmarschmäßig an, zwar den linken Ständer noch etwas nachziehend, im übrigen aber frisch und munter wie eine rotpunktierte Forelle im strudelnden Bergwasser. Sein Anpirschen war weidmännisch, frei von jedem Zweifel. Nichts fehlte. Alles war da: von der Spielhahnfeder am neuen Jagdfilz über den Krimstecher bis zu einem Büchschen mit Hirschtalg, das er vorsorglich seinem Rucksack einverleibt hatte. Auf seinen Bülow Krawallo gestützt, bummelte er gesinnungstüchtig und froh seines Weges. Endlich war der Tag erschienen, wo er das seinem Freund und Gönner feierlichst gegebene Versprechen einlösen durfte. Das verlieh ihm eine getragene Haltung. Seine Kulpsaugen strahlten. Obst- und Grasgarten füllte er mit seiner metallenen Stimme: »Es diente mein tapferer Vater ...« nein, diese anmutige Weise sang er nicht. Andre Zeiten, andre Lieder. Ein funkelnagelneues hatte er auf die Walze gezogen, ein Lied, das er bei seiner Heimreise von Salzschlirf über Wiesbaden an den warmen mattiakischen Quellen eingeheimst hatte. Im Kurhaus nämlich, am Spieltisch, wo er ein ganz winziges Jeuchen riskierte, war ihm einer begegnet, ein Franzose, der mit dem Chevalier Riccaut de la Marlinière, Seigneur de Pret-au-val, de la Branche de Prensd'or eine verteufelte Ähnlichkeit aufweisen konnte. Nicht das ›Corriger la fortune ‹, aber einen allerliebsten Singsang aus einem Pariser Vorstadttheater hatte er diesem Ehrenmann abgeluchst und mit heller Befriedigung in die heimischen Gaue verpflanzt, um jetzt damit auch die Getter und ihre Umgebung glücklich zu machen. Aus voller Kehle, in den Hof marschierend, gab er den französischen Kantus zum Besten: »Mon père est à Paris, Ma mère est à Versailles, Et moi, je suis ici Et couche sur la paille. L'amour, l'amour, La nuit est comme le jour. Eh joup, joup, joup, eh joup, joup, joup, Eh joup, joup, joup, tirallalala! L'amour, l'amour, La nuit est comme le jour.« Aus! – nur noch ein leises Jodeln durch die Korridore, und der gewesene Salzschlirfer, Gideon aus der Fremde, hatte sich im Überschwang seiner Gefühle an die Brust seines noch immer etwas verstörten Gönners geworfen. »Freund, Herzensjunge, da bin ich, gestiefelt und gespornt, genau so wie es der Paragraph zwei der Kriegsartikel vorschreibt: Die unverbrüchliche Wahrung der im Fahneneide gelobten Treue ist die erste Pflicht des Soldaten. Hier ist sie. Nächstdem erfordert der Beruf des Soldaten: Jagdfertigkeit, Mut bei allen Pirschgängen, propere Flinte, Gehorsam gegen den Vorgesetzten, ehrenhafte Führung in und außer Dienst, gutes und rechtliches Verhalten gegen die Kameraden. Alles vorhanden. Jawoll, ja. Liebchen, was willst du noch mehr!« »Also doch?« Ohm Gideon sah Bernd erstaunt in die Augen. »Wie – ›also doch‹? Ich dachte, dir eine unbändige Freude zu machen, gewissermaßen ein Geschenk, das dich aufmöbeln sollte ... und nun? Außerdem bin ich Herrn Stienen verpflichtet. Charles, zwei Bouteillen, mild temperiert ... Oder« – und die Kulpsaugen des Paderborners nahmen einen tieftraurigen Glanz an – »Bernd, bin ich dir ungelegen gekommen?« Der Gutsherr riß sich zusammen. Seine Hand legte sich dem Treuherzigen in grüner Watt derb auf die Schulter. »Du? – und das ungelegen gekommen?! Mann, sammle Einsicht! Mein Schreiben hätte dich eines Bessern belehren sollen. Es war doch verbindlich genug.« »Allerdings.« »Na, also, und ich meine nur: wirst du bei deiner Verfassung auch können? Die hohe Kanzel und ähnliche Schosen ...« »Ach, du grundgütiges Herrgöttchen von Bentheim! ich und nicht können?« und Ohm Gideon ging in Paradestellung über, breitbeinig und mit den Allüren eines Sergeanten aus den glorreichen Zeiten des preußischen Soldatenkönigs. »Glaubst du denn, ich hätte beim heiligen Bonifazius auf der faulen Sauschwarte gelegen? hätte nicht gegen das infame Zwicken und Zwacken angekämpft wie ein nubischer Löwe? Mensch, an der Quelle saß der Knabe, und gesoffen hat er wie'n Dromedar aus 'nem Oasentümpel, wie'n abstrapazierter Maulesel in 'ner asturischen Ausspannung. Jawoll, ja. Immer nur saufen, saufen von morgens bis abends ... immer nur Wasser ... Hunyadi Janos ist Tokaier und Aquavit dagegen; aber das Wasser des heiligen Mannes, das Wasser der Gnade, bis die harnsauern Salze in flüchtige Atome zergingen – das tat es. Und selbst gegenteiligen Falles: ich wäre auf Krücken erschienen, um den versprochenen Palmhirsch auf die Decke zu legen. L'amour, l'amour La nuit est comme le jour ... Wann fahren wir ab?« »Fahren?« »Warum denn nicht?« »Wir wollen doch das Wild nicht vergrämen.« » All right ! Ich Schafskopf. Also zu Fuß. Und wann soll's losgehen?« »In 'ner Stunde vielleicht. Wir haben 'nen langen und mühsamen Anmarsch. Du hast die Wahl: Hohe Fuhr oder Hallüh. Nur: im letzten Bezirk steht der Kapitale nicht. Du bist mein Gast. Also bestimme.« »Dann Hohe Fuhr. Selbstverständlich: ich möchte nicht unbescheiden sein.« »Wie du willst. Ich kann mich einrichten und bin schon mit 'nem geringen zufrieden.« »Herzensjunge ...!« »Schon gut, schon gut. Ein Tobak gefällig?« »Her mit dem Rauchspargel. Gott segne dich, Bernd, und auf ein fröhliches Weidwerk!« – Zur festgesetzten Zeit brachen sie auf, nachdem Ohm Gideon die junge Herrin noch kurz zuvor begrüßt und ihr seine alleruntertänigsten Huldigungen zu Füßen gelegt hatte. Das Wiedersehen mit Frau Judith mußte er sich zu seinem größten Leidwesen auf die späten Abendstunden versparen, denn nach alter Gewohnheit hielt sie ihr Mittagsnickerchen in der behaglichen Kammer neben der Diele, wo eine einlullende Dämmerung herrschte und buntes Weinlaub einschläfernd vor dem Fenster auf und nieder schwankte. Hier drang nichts in ihre Traumwelt hinein, weder das geschäftige Treiben der Hausangestellten, noch das Raspeln des Stellmachers und das Zufahren der Wagen, die die letzten Hafergarben einbrachten. ›Du bist die Ruh‹, war über der niedrigen Tür geschrieben. Frau Hille stand noch immer am Fenster im Herrenzimmer, wo sie sich von den beiden verabschiedet hatte, jetzt abgeklärter als sonst, von einer fraulichen Anmut umgeben. Sie hatte manches vergessen, und vieles war abgeblaßt im Verlaufe der Erntewochen. Sie hatte Bernd arbeiten sehen, von morgens bis abends, seine stählerne Natur und seine Tatkraft bewundert, ihm die heiße Stirn gekühlt und heimlich Trost geschöpft aus dem langsamen, aber stetigen Wandel der Ereignisse. Wo ein Wille, da ist auch ein Weg, findet sich schließlich der Fuß aus einer trostlosen Öde heraus in den Garten der Wiedergeburt und der Reue, wo es dem bösen Sämann verwehrt ist, seinen giftigen Flugsamen in das geheiligte Erdreich zu senken ... So folgerte sie, so reihte sie alles sorglich nebeneinander, was geeignet war, ihren Gedanken eine heitere Seite abzugewinnen und wieder an eine ersprießliche Gemeinschaft des zerrüttenten Ehelebens glauben zu können, obgleich der fade Geruch nach welken Klosterblumen noch immer nicht abflauen wollte. Sie hoffte, um gleich darauf über diese Hoffnung zu grübeln. Sie konnte sich freuen und hatte doch einen bittern Geschmack auf der Zunge. Sie sehnte sich nach Liebe und der Umarmung des Mannes und hatte den Mut nicht, ihre geheimsten Regungen auch nur anzudeuten, nur leise schwingen zu lassen. Nein, alles Vergessen und alles stille Bewundern brachten ihr das nicht, was sie nötig hatte, um schließlich zu sagen: »Gib mir die Hand, wir sind wieder die alten geworden.« Darüber konnten noch Wochen und Monde vergehen, mußte ein Stiller und Großer erscheinen, um ihr dieses Geschenk mit gütigen Worten an Herz und Seele zu legen. Hochaufatmend sah sie in den langsam sich senkenden Tag hinein. So herbstlich schon und noch so früh in der Jahreszeit! Vom nahen Wäldchen her, das schon hellgelbe Atlasstreifen umsäumte, kam eine muntere Weise: »Mon père est à Paris, Ma mère est à Versailles, Et moi, je suis ici Et couche sur la paille. L'amour, L'amour ...« Ohm Gideons Gassenhauer. Sie hörte, wie die Strophe gemächlich feldeinwärts zog, um dort zu verhallen: »L'amour, l'amour, La nuit est comme le jour.« Sie lächelte und wollte das Herrenzimmer verlassen. Als sie den Gewehrschrank passierte, trieb ihr Fuß ein geknifftes Papier vor sich her, das sich in dem bauschigen Teppich verfangen hatte, aufknisterte und sie empfindlich mit seiner kreidigen Farbe berührte. Zögernd, das Verhängnis sehend, mit spitzen Fingern hob sie es auf, um nach wenigen Herzschlägen ... Es gibt Gesichter, schmerzzerrissene, entstellte, Gott und alle Heiligen verfluchende, als hätte sie ein unbarmherziger Meißel aus kaltem Marmor gehauen ... und solch ein Gesicht ... Sie griff sich an die Brust, als wollte sie ihr Mieder zersprengen. Ihre Arme fuhren steil in die Höhe. Dann brach sie zusammen, wie hingemäht, und stieß einen Schrei aus, als würde ihr Letztes auf den Gottesacker gefahren. Jetzt wußte sie alles. Das Ende ... ein Ende mit Schrecken, wo nichts mehr war als das Grauen. Und aus diesem Grauen heraus wuchsen entschlossene Hände, hoben sie auf und führten sie gebieterisch und ohne Verzug an die Stätte, wo sie zu richten und zu rechten hatte. Noch einmal überkam sie die Zeit ihrer Jugend und die ihrer Liebe, bis der Tod hinter ihr her war. Dann schrieb sie kurz und in abgerissenen Sitzen. Hierauf las sie mit erfrorenen und doch glutheißen Lippen: »Mutter! Mutter! Schlafende und Tote soll man nicht stören. Ich will Dich nicht stören und darf Dich nicht stören. Das Schicksal ist stärker als wir beide gewesen. So wahr ich hoffe selig zu werden – ich will Dir nicht weh tun. Und wenn es dennoch geschieht: vergib mir, vergib mir! Ich kann ja nicht anders. Frage bei Deinem Sohn an, weshalb ich von hinnen mußte, um für immer Abschied zu nehmen. Deine Liebe und Güte nehme ich als Reliquien mit mir. Mutter, Mutter! – ich küsse Dich. Hille.« Sie kuvertierte und siegelte. Bald nachher ließ sie Hövelkamp kommen.   » Post/Tenebras/Spero/Lucem . Nach der Finsternis des Lebens erhoffe ich das ewige Licht.« Über die in Stein gewetzte Inschrift der Einfahrt auf Darfeld legten sich die herzförmigen Blätter des immergrünen Efeus. Leise plauderten sie, seidenweich spannen sich die Marienfäden darüber hin, die, vom laulichen Wind getragen, gleich anmutigen Schlängelchen gegen sie antrieben. Ein Glitzern und Gleiten! Es war ein Gewirr in den Lüften, ein Häkeln und Haspeln, als gölte es, der müden Natur, ihrem letzten Grüßen und Atmen, das Sterbelinnen zu weben, um ruhig einzunicken und nach totenähnlichem Schlaf wieder aufzuerstehen zu neuen Freuden, Blumen im Haar, geschmückt wie eine junge Braut am Altar, weiß und grün, umduftet von rauchenden Ährenfeldern und hoch zu Häupten die Jubelpsalmen unsichtbarer Lerchen. Das schlichte Herrenhaus, ein zierlicher Rokkokobau aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, von Meister Schlaun aus Kalkstein und grauen Ziegeln aufgerichtet, lag so wohlig und weltvergessen inmitten gelber und rotgestreifter Laubmassen, als hätte eine liebevolle Hand es mit weichen und bunten Daunenkissen umbettet. Es träumte und ruhte verwunschen in der westfälischen Landschaft, und unwillkürlich horchte man auf, ob nicht von irgendwo der melancholische Ruf einer Flöte ertönen würde. Vielleicht auch der eines Waldhorns, das Signal der Piqueure. Aber nichts geschah, nicht einmal die sanfte Stimme Pans drang in diesen Winkel hinein, in diese verlorene Abgeschiedenheit, in dieses sachte Drehen und Schweben niederfallender Blätter, die gleich goldenen Nichtigkeiten sich hoben und senkten, um sich wie Apollofalter auf Wege und Raine nieberzulassen. Nur über den ehrwürdigen Eichen, unter denen noch Annette von Droste gewandelt und die Mutter Hilles manche Stunde verweilt hatte – den nämlichen Eichen, die das Freifräulein von Boeselager so erfolgreich gegen die Axt und die spontanen Angriffsgelüste Ohm Gideons verteidigt hatte, zog ein scharfer Punkt seine einsamen Kreise, und ein weithin schallendes »Hiäh! Hiäh!« klang aus einer andern Welt, aus dem atlasfarbigen Himmelreich hernieder. Seitdem der rote Spiegel mitsamt seinen Schlichen und Winkelzügen das Feld geräumt, Klemens von Darfeld das Zeitliche gesegnet, Hille das Jawort gesprochen und der Freisasse Hand auf den Edelsitz gelegt hatte, bewohnten ehrsame Pächtersleute das Erdgeschoß, verfügten über Wirtschaft, Ackerland und Hutungen, pflügten die Felder und bestellten die zum Allodium gehörigen Wiesen, während durch ein freundliches Entgegenkommen Bernds Stephanie von Boeselager die oberen Räume innehatte und hier voll Dankbarkeit und Ergebung in den Willen ihres Herrn und Erlösers das immer tiefere Sinken ihres Lebensabends verfolgte. Sie lebte nur noch ihren Erinnerungen, dem Andenken ihrer Lieben, die nicht mehr waren, ihren schlichten Neigungen und Gepflogenheiten, verehrt von allen, die ihr näher traten, und in der ganzen Nachbarschaft als ›Unser Fräulein‹ begrüßt und empfangen. In ihr verkörperte sich längst Dahingegangenes, und wenn ihr Seidenes über der Krinoline sich bauschte, mit subtilem Stimmchen durch die einfachen Zimmer zwitscherte, die weißen Schläfenlöckchen sich neckisch bewegten, dann mutete es an, als würde Mozarts Weise lebendig, als sänge es irgendwo aus einer verlorenen Ecke heraus: »Als ich noch im Flügelkleide In die Mädchenschule ging ...« so traulich und heimlich war es dann zwischen den abgeblaßten Tapeten, denen ein seiner Hauch nach Melissengeist und Lavendelwasser entströmte. Und ihr anspruchsloser Salon erst! Allerorts liebe Geschenke, verblichene Nippes, Meißener Püppchen aus grauen Zeiten, als der Großvater die Großmutter nahm, Figürchen auf Goldkonsolen, preziöse Sächelchen ... und wer hören wollte, der hörte. Unter den Klängen eines altmodischen Spinetts begann es zu lispeln: »Damon saß auf grünem Rasen, Angelte am Erlenbach; Chloë ließ die Schäfchen grasen, Sah den Rosenwölkchen nach, Und sie rief, ganz weiß umflockt: Hörst du, wie der Kuckuck lockt Damon, so nach Schäferweise, Schob sich durch den Blumenflor, Tändelte ihr sacht und leise Bis zum Zwickelband empor, Säuselte im Abendglanz: Honi soit, qui mal y pense ! Damon, du zerknüllst mein Rischchen. Fi donc ! nein, du böser Wicht. Angle lieber Silberfischchen; Im Korsettchen sind sie nicht. O mon dieu ! läßt du's nicht sein. Muß ich wie der Kuckuck schrei«. Damon hat ihr nichts zu leide, Sie mit Schrein ihm nichts getan, Denn sie waren alle beide Aus dem feinsten Porzellan. Draußen nur vom lichten Flur Kuckuck! rief die Kuckucksuhr.« Von hier sah man gleich auf den Hof. Darüber hinaus erstreckten sich von Baumgruppen umsäumte Wiesen, die schon im aufsteigenden Herbstnebel schwammen. Ein matter Sonnenstrahl grüßte ins Zimmer, vergoldete die schlichten Mullgardinen und spiegelte sich in dem hergerichteten Teegeschirr wider. Unter der Spiritusflamme erhoben sich zirpende Geisterlein, und in dieses Sprudeln und Singen ließ sich eine wohltuende Stimme vernehmen: »Mein Gott, Emmerich, daß du mir diese Freude noch machtest! O mon dieu, mon dieu ! vous êtes bon , und ich war schon nahe daran, dir einen Nekrolog zu schreiben, der damit enden sollte: Ohne Stephanie Boeselager noch einmal aufgesucht zu haben, ist er dahingegangen wie Spreu vor dem Winde, oder wie ein Stern, der sich auf seinem Himmelswege verirrte, oder wie ein Echo von einer Stätte her, die man liebgewonnen hat. Nun aber – ich danke dir, Emmerich, ich danke dir innigst, De tout mon coeur . Ein Wermutströpfchen ist allerdings in dieses Begegnen gefallen – und das heißt Scheiden. Vielleicht auf Jahre hinaus, und ich frage mich immer: Warum das alles? Ist dein Entschluß denn unabänderlich? Ist keine Möglichkeit vorhanden, irgendeinen bessern Ausweg zu finden, zu bleiben, auszuharren und deinen Wander- und Forschungstrieb auf spätere Zeiten zu verschieben?« Emmerich von Dinklage machte eine abwehrende Handbewegung. »Keine, Stephanie.« »Entsetzlich! Wie soll ich da Contenance behalten? Ist es Freundschaft, Mitleid, die Furcht vor Kommendem, Suggestion ...? Ich kann es nicht sagen. Oh, mon cher , wie konntest du nur?! Allerdings, ich wußte um deine Pläne; daß sie sich aber so bald verwirklichen würden, daß du schon in diesen Tagen ... Ich bin ganz verstört und finde nicht den Weg zu mir selber zurück. Mir ist so, als zerbräche mir ein Kristall zwischen den Händen. Nein, ich kann mich nicht fassen,« und während sie all das Traurige und Wehmütige vor sich hinseufzte, durch ihre Tränen hindurch kaum die netten Porzellantäßchen zu unterscheiden vermochte, wisperte ihr Seidenes in schmerzlichen Lauten, pendelten ihre Hängelöckchen gleich Espenblättern auf und nieder, schenkte sie ein, reichte sie Sahne und Zuckerzange und ließ ihr Löffelchen gegen das chinesische Schälchen klimpern. » O mon ciel ! ils sont passés, ces jours de fête . Es waren ja keine eigentlichen Feste; die sind lange dahin, aber wenn du früher kamst und deine Nähe mich berührte, wurde einem doch wohlig ums Herz, konnte man sich der Stunden erinnern, wo Gott einen lieb hatte und einen ganz wunderlich und schmerzlos die Sehnsucht betrachtete. Noch habe ich dich, aber wie lange? und drum möchte ich eine Frage an dich richten: Wann fährst du? Wie lange bleibst du heute auf Darfeld? Darf ich es wissen? Denn jede Minute, die ich mir erübrigen könnte ... mit ihr möchte ich geizen, geizen, immerzu geizen ...« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Bis sieben. Dann ist die letzte Post nach Münster fällig.« »Also bis sieben. Immer noch zwei Stunden und doch nur zwei Stunden. Willst du nicht später ...? Ich kann ja die Glaskutsche anspannen lassen.« »Du bist gütig, Stephanie. Aber es geht nicht. Ich habe noch viel zu erledigen. Noch dieses und jenes zu besorgen. Der morgige Tag stellt seine Anforderungen. Die mir dann verbleibenden noch größere. Es drängt mich fort, unwiderstehlich ...« »Mein Gott, konnte es denn nicht Tübingen sein? Der Ruf war doch ehrenvoll, und du wärest nicht ganz aus der Welt, wärest doch in einer erreichbaren Nähe geblieben. Aber so! Immer diese griechischen Trümmerfelder, dieser assyrische Staub, dieses Suchen und Ringen nach Scherben und einem längst Dahingegangenen ...« Sie verstummte plötzlich. Ihre Blicke liebkosten ihn. Über das eherne Gesicht Emmerichs liefen dunkle Schatten. »Thanatos,« sagte er hart. »Der Kampf ist zu Ende. Tübingen ist immerhin Deutschland, und Deutschland ist Heimat, ist engere Heimat. Jenes wunderseltsame Wort ›Zuhausesein‹, mit dem sich alles verknüpft, was an Liebe erinnert, einem Weg und Steg vertraulich macht, die Bilder heraufziehen läßt und einen in das verträumte Land der Jugend zurückgeleitet – alles das hat für mich seinen Reiz verloren oder besser gesagt: ist mir wie Sand unter den Händen zerrieselt. Was soll mir da die hiesige Scholle noch? Tote Erde. Sie hat mir nichts mehr zu bieten.« »Das kann doch dein Ernst nicht sein?« »Mein voller.« »Und das mit deiner Rückkehr? oder bist du gesonnen auf unbestimmte Jahre hinaus ...?« Die Lippen des alten Fräuleins wurden schmal und zogen sich leidvoll zusammen. »Emmerich, wie denkst du darüber?« Er zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, kann es heute nicht wissen. Der erste Versuch, den ich machte, scheiterte kläglich. Ich war noch nicht gefestigt genug, noch nicht ganz im reinen mit mir. Die draußen verlebten und durchlittenen Jahre reichten nicht aus, das aus dem Blei gekommene Gleichgewicht wieder in Lot und Senkel zu bringen. Es blieb alles leer und verwaschen um mich. Eine unerträgliche, immer schwerer lastende Bürde drückte mich nieder. Immer nur Tiefen, keine Höhen. In der Nacht jedoch empfingen meine Gedanken Leben und Farbe, aber dieses Leben und diese Farben waren entsetzlich. Hart auf hart muß es kommen. Thanatos. Durch die rußige Lampe, die den Abgestorbenen leuchtet, zum Licht. Hunger nach Erlösung, Befreiung und Frieden – das ist es. Die Heimat brachte mir nichts, die Freunde fand ich anders geartet, Tübingen kann mir nichts geben. Also fort. Und wie lange? Bis das hier ...« Seine Hand ballte sich, legte sich auf die Herzgrube. Seine Züge waren noch schärfer und kälter geworden. Stephanie seufzte. » Tu l'as voulu !« sagte sie traurig. »Ich sehe: es ist nichts mehr zu ändern. Die Ecossaise ist aus. Ich fürchte, es beginnt ein Intermezzo alla danza macabra . Das glaube ich wenigstens in deinen Worten zu finden. Will aber hoffen und nicht gänzlich verzweifeln. So geh' denn mit Gott, und denke zuweilen an Darfeld, an mich ... und wenn du kannst, an die andern ...« Sie glättete die Fältchen ihres Kleides. Mit wehem Kopfschütteln sah sie in ihr Schälchen hinein. Ihre schmalen Finger verschränkten sich, lösten sich, um sich aufs neue ineinander zu flechten. Von ihren Wimpern tropfte es. Lichte Perlen rannen über ihre Wangen. Der letzte Glanz des Tages trennte sich von der Teemaschine und den chinesischen Täßchen, streifte noch einmal die Silhouetten, die wohlgeordnet an den vergilbten Tapeten hingen, berührte ein Pastellgemälde neueren Daseins, ein wohlgelungenes Porträt des Freisassen, das dieser seinerzeit nach Darfeld gestiftet hatte, glitt über die Dielen, um sich von hier aus durch die weißen Gardinen zu schleichen. Mit ihm war die sonnenbehagliche Freundlichkeit, das Lächeln des lieben Herrgotts aus dem Zimmer des alten Fräuleins verschwunden. Ein fahles, Ungewisses Zwielicht bedeckte die Wände und machte die Herzen frösteln, während draußen das Rosenmal des Abends noch an den Wipfeln haftete, wenn auch matter und unbestimmter und anfing, in einen Bronzeton überzugehen. Auch hatte sich der Wind erhoben. Von jenseits der großen Wiese, wo die heiligen Eichen wurzelten, rauschte es zeitweilig her, bald stärker werdend, bald nachlassend, ähnlich dem Tönen von ausklingenden Orgelpfeifen. Immer mehr zog sich das mißfarbige Dunkel zusammen. Das Schweigen hielt an, nur unterbrochen durch das bange Geräusch des Löffelchens, des zierlichen Löffelchens, mit dem das Freifräulein wieder gegen das Teeschälchen klimperte. Endlich hob sie den Kopf. »Denke an mich, und wenn du kannst, auch an die Heimgesuchten.« Durch ihre Tränen hindurch sah sie auf den stillen Mann und fragte ganz schüchtern: »Emmerich, warst du auf der Getter, um Abschied zu nehmen?« »Nein.« »Und gehst auch nicht hin?« »Stephanie, wie sollte ich hingehen? Seit der verflossenen Weihnacht bin ich nicht mehr auf Getter gewesen, wollte auch nicht, zumal da das Verhalten Bernds mir jede Gelegenheit nahm, die abgerissenen Beziehungen wieder erträglich zu machen. Du weißt ja: mein Wille stand fest. Eine Trennung war nötig, wenn es auch nicht in meiner Absicht lag, eine Freundschaft, die ein kleines Menschenleben zurückdatierte, hintanzusetzen, liebgewordene Klänge verstummen zu lassen. Ich fühle mich schuldfrei, besonders weil ich alles aufbot, auch das leiseste Bedenken seinerseits aus dem Wege zu räumen. Die feinsten Aufzeichnungen meines Seelenlebens tat ich ihm dar. Keine hielt ich zurück. Sie lagen vor ihm wie die offenen Seiten eines Buches. Er blätterte darin herum, ohne sie verstehen zu wollen. Was blieb mir da übrig? Konnte ich mehr tun? Durfte ich mich selber entwürdigen? Noch in dem kritischen Augenblick bot ich alles auf, unser Verhältnis wenigstens in der gesellschaftlichen Norm zu erhalten. Vergebens. Die dargebotene Hand wies er ab, ohne Rücksicht darauf, was uns seit Jahren verband, was uns wechselseitig verpflichtete. Er rührte sich nicht. Sein Verhalten mir gegenüber war beispiellos. Dies gelinde gesagt, um mich keines härteren Ausdrucks bedienen zu müssen. Das Unausgesprochene ließ selbst die Pistole nicht zu, wehrte sie ab. Nur zu begreiflich, daß wir uns trennten, ohne Hoffnung, uns jemals wieder näher zu treten.« Ein verhaltenes Seufzen. »Ich weiß, ich weiß. J'accuse , und doch: ich klage nicht an. Du kennst ihn ja, Emmerich. Der gütigste Mensch von der Welt, hilfreich wie keiner, einer von denen, wo die rechte Hand nicht weiß, was die linke gibt, ist er unberechenbar in seinen Neigungen und Willensäußerungen. Er geht über Leichen, um andern Tages sich in der Rolle des barmherzigen Samariters wiederzufinden Chassez le naturel, il revient au galop . So auch bei ihm. Aber das bringt uns nicht weiter. Euch beiden ist kaum noch zu helfen. Es gibt Glockenschläge, die den Tod der Freundschaft ansagen – und solche Glockenschläge ... und alles das, was inzwischen auf Getter passiert ist, ist auch nicht dazu angetan, der Zukunft eine besonders heitere Note abzugewinnen, wenn ich auch zugebe: Hilles Briefe, die mir anfangs ihres wilden Schmerzes wegen viele schlaflose Nächte bereiteten, geben sich lichter, abgeklärter, scheinen in einem Gärtlein zu wachsen, dem es an Sonne nicht mangelt, dem ein warmer Maienregen zugute kommt.« »Und Bernd?« »Lassen wir ihn. Auch er wird sich geben. Ich kenn' ihn von jung an. Auch du. Man darf ihn nicht ohne weiteres verurteilen. Tout comprendre, c'est tout pardonner . So sagt Anne Louise Germaine Baronne de Staël-Holstein, und diese Anne Louise war eine sehr kluge Frau, die es verstand, den geheimsten Launen des Herzens zu folgen. So muß auch ihm vergeben werden. Ererbtes liegt in den Adern. Man hat ihm Rechnung zu tragen, kann darüber nicht fortgehen wie über unnützes Beiwerk. Blut ist dicker und nachhaltiger als Wasser. Die Travelmänner waren von jeher Menschen mit einem goldenen, wenn auch leichtfertigen Sinn, mit einem harten und unerbittlichen Schritt unter den Füßen. So auch der letzte. Das Sinnliche und Stürmische in ihm konnte auch das Blut der zielbewußten und selbstlosen Mutter nicht hinwegnehmen. Das des Vaters überwog. Umsonst hat er nicht eines Tages an der Mergelgrube gelegen, hingestreckt, von der Hand Gottes abgeurteilt und gerichtet. Sprechen wir nicht weiter darüber. Es ist ein trauriges Kapitel, das bis in diese Stunde hineingreift. Aber ich vertraue auf Hille. Sie muß aushalten, bei ihm bleiben, ihn führen und leiten – bis zum äußersten, unter Hintansetzung ihrer eigenen Person, dann wird auch sie eines Tages mit der Madame de Staël sagen können: Alles verstehen, heißt alles verzeihen. Und ist es so weit, dann werdet auch ihr ... dann wirst du und Bernd ... dann werdet ihr beiden ...« Das Freifräulein schwieg. »Du wirst recht haben, Stephanie,« sagte er bedrückt vor sich hin. »Ich glaube es zu haben,« versetzte sie mit einem leisen Zittern in der Stimme und preßte ihr Spitzentüchlein gegen die Augen. Hierauf legte sie ihre Hand auf ein silbernes Schellchen. Ein helles Klingeln erfolgte, das bis in die entlegensten Winkel hineintönte. Es wurde nicht überhört. Die beiden aber saßen sich stumm gegenüber, warteten und wußten nicht, warum sie es taten. Minuten um Minuten vergingen. Die Wände traten zurück. Die Silhouetten liefen sacht ineinander. Die Maschen, die der Abend durch das Zimmer spann, verwirkten sich zu einem Gespinst, das immer unfreundlicher und dunkler wurde. Die Stimmung des zierlichen Raumes war völlig verändert. Das Anmutige, Heitere, Kichernde der kleinen Umwelt hatte sich verängstigt hinter die Gardinen geschlichen und blickte von hier aus in ein mattes Glänzen hinein, das wie Rauschgold jenseits der großen Wiese zerfaserte. Der müde Tag sammelte die letzten Flimmerchen ein und legte sich schlafen, während das Freifräulein von Boeselager wieder das Gespräch aufnahm und von alten Dingen erzählte, von Dingen und Ereignissen, die weit zurückdatierten, aber die Kraft in sich trugen, den Abschied weniger schmerzlich und hoffnungslos zu machen. Selbst als die längst zugebrachten Wachslichter, die von ihren blanken Leuchtern aus eine wohltuende Helle verbreiteten, schon merklich tiefer brannten, erzählte sie weiter, erinnerte an dieses und jenes und ließ Spiegelungen erstehen, die in lichten Gestalten und hellen Kleidern gleich Phalänen über sonnige Heiden gaukelten, bis sich Emmerich erhob, die Fingerspitzen der Überraschten aufnahm und sagte: »Stephanie, ich danke dir für diese Stunde, die ich bei dir zubringen durfte. Aber meine Zeit ist gekommen.« »So früh schon?« Mit einem wehen Aufschluchzen war sie an seine Seite getreten, seltsam bewegt, zerbrechlich wie ein Porzellanfigürchen aus einer Glasservante. Beide Hände auf seinen Schultern, innig an ihn geschmiegt, fragte sie aus einem bangen Traum heraus: »Emmerich, und du hast mir nichts mehr zu sagen?« »Eigentlich nichts mehr.« »Wo wir uns trennen und du selber nicht weißt, wann und ob du zurückkehrst – auch da nicht?« »Nein, ich habe nichts mehr zu sagen. Nur noch ein Lebewohl an dich.« Ihr Köpfchen hob sich. »Und das ist alles?« »Alles, Stephanie. Was sollte ich sonst noch?« Weinend legte sie ihre Arme um seinen Nacken. »Auch keinen Gruß mehr für Hille?« »Nein,« versetzte er mit einer Ruhe, die sie erstarren ließ, »ich kenne sie nicht, und solche, die man freiwillig aufgibt und in das Reich der Schatten verweist, grüßt man nicht mehr.« »Mein Gott,« rang es sich von ihren zuckenden Lippen, »kannst du denn das alte Leid nicht vergessen? Emmerich ...! Emmerich ...!« »Gedulde dich nur! Ich gehe, um das Vergessen zu suchen, und weiß es zu finden. Dort liegt es ... und weiter da drunten ...« Seine Zähne knirschten gegeneinander. »Entweder so oder so, aber finden tu' ich's, selbst auf die Gefahr hin, von einem angesprochen zu werden, dem es vergönnt ist, eine Skarabäengemme zu zeigen. Du kennst doch das Zeichen?« »Rede nicht so. Das ist ja entsetzlich!« Sie ließen nicht voneinander ab. So standen sie lange, sie fiebernd, er seine Arme um sie geschlungen, als hielte er etwas Heiliges an seiner lauten Brust, noch ein letztes Wort auf den Lippen, das er nicht wagte, weiter zu denken, geschweige denn auszusprechen, als sich beide wie auf Verabredung ansahen, bestürzt und ohne zu wissen, was vorging. »Emmerich, da draußen ...« Er straffen Leibes, sie bleich vor Erregung, horchten sie auf ein unbestimmtes Geräusch, das sich unmittelbar bei den Eichen erhob, immer näher kam und unter lautem Hufgetrappel durch die Einfahrt polterte. »Post tenebras spero lucem « sagte er verloren vor sich hin, von einer bangen Ahnung gefaßt. »So steht geschrieben. Möge es sich bewahrheiten. Aber ich fürchte ...« »Was hast du?« Sie stürzte ans Fenster, öffnete den Flügel ... Drunten hielt ein Gefährt. Rote Wagenlaternen brannten über den Hof hin. Der Pächter war bereits zugesprungen und hatte die Kopfstücke der Pferde ergriffen, während eine hagere Gestalt vom Wagen stieg und dem Hilfsbereiten anempfahl, die Gäule abzusträngen und sie unterzubringen. »Wer ist da?« rief Stephanie in das rote Leuchten hinein. »Eine, die nichts mehr auf der Getter zu tun hat,« kam es von unten herauf, fast drohend, wie ein Murren aus einem fernen Gewitter herauf. »Hövelkamp! Hille ...!« Sie taumelte rücklings, kaum fähig, sich aufrecht zu halten. »Emmerich, da muß was passiert sein!« Sie umgriff seine Hände: »Bleibe! Du darfst jetzt nicht fort. Vielleicht bist du nötig. Wenn Bernd ... Mein Gott, wenn die alte Geschichte ...« Sie wollte zur Tür hin. Er hielt sie zurück. »Warte ab! Das Unglück läßt sich nicht suchen. Es kommt selber zu einem, früh genug, um seine Hand in die unsre zu legen. Wir wollen stark sein, Stephanie; nur so können wir helfen, nur so das Unabänderliche in stillere Bahnen leiten. Greifen wir nicht voreilig ein. Jede unnötige Erregung verschärft nur die Lage. Was Hille zu tun hat ... was sie will ... weshalb sie dich aufsuchte ... Da kommt sie ...« und siehe: von Hövelkamp mehr getragen als geführt, einen Schleier über Hals und Nacken geworfen, die Augen geschlossen, bewegte sich die letzte Freisassin über die Schwelle, während der Getreue, an dessen Seite sie wie eine Nachtwandlerin ihres Weges ging, Stephanie zuraunte: »Edelfräulein, lassen Sie bloß. Jetzt unbedingt Ruhe. Kein Weinen, keine Verbiesterung. Es wird alles noch werden. Ich werde schon machen. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Ich habe sie bis hierher geführt und werde es wohl auch weiter noch können, so Gott will, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Edelfräulein, dorthin. Das ist wohl das Beste für sie,« und er geleitete sie in die Tiefe des Zimmers, wo das helle Licht der beiden Wachskerzen ihr nichts mehr anhaben konnte. Dort – in weiche Kissen ließ er sie nieder. Das Haupt zurückgelehnt, die wächsernen Hände im Schoß, unbeweglich, kaum, daß ihre junge Brust ein Lebenszeichen von sich gab, saß Hille Travelmann zwischen den Lehnen, zwischen denen schon der alte Freiherr gesessen hatte, als der Geistliche seiner gedachte, vor ihm kniete und betete: »Wenn die letzten Seufzer des Herzens der Seele gebieten, vom Leibe zu scheiden, so nimm diese Seufzer hin als Wirkungen einer heiligen Ungeduld, zu dir zu gelangen; und darum, o barmherziger Jesu, erbarme dich ihrer, von jetzt an, bis sich der Herr ihrer annimmt und sie einführt in das Reich seiner Erfüllung, wo sie sitzen, die Berufenen, um von den ewigen Tischen zu essen.« Hövelkamp trat bedächtig zurück und wandte sich nochmals an Stephanie, die mehr tot als lebendig sich an seine Seite heranschlich, wortlos und die Hände wie tastend von sich gehalten. »Edelfräulein, nu kann ich wohl gehen. Ich habe mich bereits mit dem Pächter befunden. Er ist dakkohr in der Sache. Was wir überlegt haben, wird gemacht. Ich bleibe bis morgen.« »Und Hille ...?!« stieß sie hervor. »Edelfräulein, ich weiß es ja selbst nicht und kann es höchstens in 'ne unmaßgebliche Beurteilung nehmen. Sie sagte mir bloß: Fort von hier, wir fahren nach Darfeld. Und ich bin nach Darfeld gefahren. Was sonst noch passiert ist, ist wohl auf 'nem besonderen Konto verzeichnet. Darüber kann sie selbst nur befinden. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Nun lege ich die ›Gute Wacht‹ aus den Händen, denn jetzt sind wir hier und nicht mehr auf Getter. Was weiter zu tun ist, läßt sich besser bei Taglicht bereden.« »Hövelkamp, und wenn Ihr nötig seid, wenn ich Euch brauche?« »Edelfräulein, ich bin immer im Stall bei den Gäulen zu haben. Von Schlaf oder so was kann keine Rede mehr sein. Hab's auch nicht nötig.« Damit ging er. Auf Zehenspitzen, so lautlos wie möglich, verließ er das Zimmer und drückte die Tür hinter sich zu, mit einer besondern Heimlichkeit, als gölte es, das Weitere dem Herrn in seiner Allweisheit und Einsicht zu überlassen. Kein Laut mehr; selbst das Seidene wagte nicht, eine große Leidensgeschichte, die trotz der geschlossenen Lippen sich in die Herzen hineindrängte, durch ein unnötiges Rascheln zu stören. Die Stunde trug eine Dornenkrone, hatte blutrünstige Wundmale an Händen und Füßen ... und ihre Brust war durchstoßen. In Stephanies Zimmer, nur leicht von den Lichtfäden der Wachskerzen durchsponnen, hätte man den Spiegel verhängen, den Perpendikel der kleinen Stutzuhr anhalten und eine Verstorbene aufbahren können, so traurig war alles, so in sich versunken und mit einem Hauch umgeben, der an geschnittenen Buchsbaum und verwelkte Kränze erinnerte. Der süßliche Duft betörte die Sinne, lastete schwer auf Herzen und Nieren und mahnte daran: »Nun ist alles dahingegangen wie ein Blättersäuseln und wie ein Geschrei, das dahinfährt. Was suche ich noch? Es ist wie eines Vogels Flug, der durch die Luft zieht, da man seines Weges keine Spur mehr finden kann. Oder wie der Odem eines Menschen, dem gesagt wird: Du siehst die morgige Sonne nicht wieder. Es bliebe ein vergebliches Tun, nach ihm die Arme auszustrecken.« Dieses Selbstverständliche, dieses Hangen und Bangen und diese empörende Ruhe! Stephanie hielt's nicht mehr aus. Sie trat näher heran. »Hille ...! Geliebte ...! Du bist ja bei mir ... auf Darfeld ... und ich möchte dir sagen, wie lieb wir dich haben ...« »Ach du ...!« Die umschatteten Augen Hilles begannen zu leuchten. »Ich sehe. Ja, ich bin wieder auf Darfeld ...« und sie atmete auf und hub an, lauter zu sprechen: »Auf Darfeld ... und warum bin ich hier? Ja so ... ich habe alles verloren, was ein Weib nur verlieren konnte: die Liebe. Meine Tage sind nutzlos gewesen, meine Nächte ohne freundliche Zeichen. Ich habe gegeben und statt des Dankes nur harte Kiesel empfangen. Ich habe nach ihm gerufen, aber meine Stimme verhallte, als wäre sie ohne Klang und Inhalt gewesen. Ich hatte Angst vor dem Tode, allein dieser Angst bin ich jetzt ledig. Warum mich auch fürchten? Es ist besser, dahinzugehen, als in steter Finsternis zu leben und tagtäglich die Sünde vor Augen zu haben.« »Hier wirst du genesen.« Stephanie fuhr ihr zärtlich mit ihrem Tüchlein über die Stirne. »Du sollst es gut haben ... in dieser stillen Umgebung ... bei mir ... wo sie wohnen: die alten Geschehnisse und Erinnerungen ... wo jedes Blatt im Winde ...« Eine schmerzliche Handbewegung. »Wie lange denn noch? Auf zwei Tage vielleicht ...« Ihr Blick irrte ab, ging in die Tiefe des Zimmers hinein. Da sah sie ... Sie versuchte es, sich in den Lehnen zu heben, ihren Körper zu strecken und auf einen Schatten zuzuschreiten, der gleichsam aus einer Dämmerhelle herauswuchs. Matt und haltlos sank sie in die Kissen zurück; ihr Gesicht bekam einen seltsamen Ausdruck, eine aschgraue Färbung. Vorgebeugten Leibes stieß sie heraus: »Emmerich, du?! Also auch du ...?!« Sie stierte ihn an. »Also noch einmal darf ich dich sehen. Dann nicht mehr ... und du mich nicht mehr. Komm' näher! Ganz nahe! Es kann keinen befremden. Drüben sind alle Bande zerrissen. Aber du sollst deine Freude noch haben ... jetzt ... in dieser Stunde ... auf Darfeld ...« Sie warf sich im Lehnstuhl zurück. Ihr Körper straffte sich. Sie atmete laut. »Ja, Emmerich, ich will dir bei unserm Scheiden auf Nimmerwiedersehen noch eine erbauliche Freude bereiten. Komm' näher und sieh dir das Weib an, das sein Bestes vertan hat, das mit seinem Herzen und all seiner Liebe und Güte wie eine Verschwenderin umging. Und dem sie es preisgab, dem sie es hinwarf, als hätte sie es vor die Hunde geworfen ...« Wie von einer elementaren Gewalt aufwärts getrieben, stand sie plötzlich in voller Beleuchtung. »Ja, Emmerich, als hätte sie es vor die Hunde geworfen .. und dem sie es preisgab ... Ich Törin!« Er hatte ihre Rechte ergriffen. »Hille, so darfst du nicht sprechen. So nicht. Zerreiße nicht alles und jedes. Es muß doch irgend eine Vermittlung geben. Warte bis morgen!« Ein grausames Lachen. »Niemals! Ich habe auf Getter nichts mehr zu suchen. Eine Verschwenderin kann man dort nicht gebrauchen.« Ein leises Wimmern war neben ihr. Das Freifräulein streckte die Hände. »Hille, sei doch vernünftig ... Denke an dich ... an die da drüben ...« »Knebelt mich nicht! Versperrt mir mein Reich nicht. Eine, die ihr Bestes veräußerte, hat ihre eigenen Wege zu gehen und sich an nichts mehr zu stören.« Wie eine Befreiung kam es aus ihrer zermarterten Brust. »Ich weiß, was ich tue. Daran hindert mich keiner. Ich bin Kläger und Richter in einer Person und spreche das Urteil: Ich bin fertig mit ihm und für immer geschieden. Durch ihn bin ich in die Gosse gestoßen und besudelt worden. Durch eigene Kraft muß ich aus dem Sumpf heraus in die Reinheit hinein, wo ich sprechen kann: Ich habe mich wiedergefunden.« Ihr Kopf sank nach vorne. »Ich habe nichts mehr zu sagen.« »Aber ich.« Metallisch und hart klang es ihr entgegen. Sie beugte sich rücklings. »Emmerich, du?!« Seine Rechte umfaßte ihr Handgelenk wie mit einer eisernen Klammer. »Hille, laufe nicht Sturm gegen Dinge, die unüberwindlich erscheinen. Besinnung und Einsicht stehen an vorderster Stelle. Was auch immer geschehen ist – man gibt kein Gut, das man mit eigenem Willen erstrebte, das die Kirche segnete und Gott benedizierte, so einfach dahin, als wäre es in einem schmutzigen Winkel gefunden. Zerbrich dein Leben nicht, lasse in der ersten Verzweiflung über getätigtes Unrecht nicht die Liebe verbluten. Das steht dir nicht an und wird niemals deiner Erwägung entspringen. Dir fehlt jetzt nur Ruhe. Hast du erst den Burgfrieden deines Innern wiedergefunden, ist alles gewonnen. Du hast heilige Pflichten, dir gegenüber und Bernd gegenüber, selbst dann, wenn er durch purpurrote Sünde hindurchging. Um einer bloßen Leidenschaft wegen, um einen lodernden Rausch, der wie ein Strohfeuer dahinflackerte, werden keine Ringe zerbrochen, keine sakrosankten Satzungen für null und nichtig erklärt. Die Reinheit des Herzens steht hoch, aber die Verzeihung aus dem Munde eines gequälten Weibes steht höher. Denn ein reines Weib sein, heißt Leiden, heißt Nichtverzagen, heißt Wiederauferstehen und Himmelsland finden.« »Ich kann nicht und will nicht. Nein, niemals!« »Du mußt!« Seine Stimme klirrte. Mit einem zerdrückten Schrei riß sie sich los. Hochaufgerichtet stand sie ihm fest und frei gegenüber. »Das mir ...?! Aus deinem Munde ... auch dann noch, wenn ich dir sage, daß die Dirne von früher ...« »Hille!« »Auch dann noch, wenn diese Dirne es wagte ... und er, der mein Mann sein wollte ... auch dann noch, auch dann noch ...?!« und ihrer Sinne nicht Herr, in der Empörung ihres Selbst, ergriff sie einen der Leuchter, hob ihn empor und trat mit dem züngelnden Licht vor das Bild des Freisassen, das geisterhaft von der blassen Wand herabsah. Mit einem lautem Schrei hielt sie ihm die Flamme entgegen. »Das ist er ... so sieht er aus, der mein Mann sein wollte und doch meine Ehre zerfetzte! Der Travelmannsche Schmuck liegt zertrümmert, wurde mit Füßen getreten, durch die Gosse geschleift ... und ich sollte mich erniedrigen und bücken, um die Scherben zu sammeln ...?! Mag es die Dirne tun. Das ist jetzt ihres Amtes.« Der Leuchter entfiel ihr. Als wäre sie hinterrücks mit einem Messer durchstoßen, warf sie die Arme zur Decke, um dann einen langen Weg zu machen, der durch zuckende Flammchen und eine nicht enden wollende Finsternis führte. Sie hörte Stimmen und kannte sie nicht. Liebevolle Hände beschäftigten sich mit ihr, und sie wußte nicht, was diese liebevollen Hände eigentlich taten und wollten. Als sie erwachte, sah sie, daß sie in dem Zimmer ruhte, wo sie als Mädchen so glücklich gewesen. Sie gedachte der Worte ›Du bist die Ruh‹, derselben Worte, die den Eingang der verschwiegenen Kammer segneten, wo Frau Judith ihren Gedanken nachging, ihrem verlorenen Sinnen und Zwiesprache hielt mit dem, dessen Werke unerforschlich sind und dessen Name leuchtet von Anbeginn der Tage bis in alle Ewigkeiten. Stephanie und Emmerich saßen noch lange zusammen, und es war ihnen, als zöge ein weißes Schiff mit abgeblendeten Luken über ein graues Wasser dahin, das ufer- und hafenlos sich ins Unendliche streckte. Nur dann und wann ein Aufhorchen und Flüstern. »Also es bleibt dabei; ich habe bereits mit den Pächtersleuten gesprochen. Du bist ihnen willkommen. Sie freuen sich, dich bei sich zu haben. Und falls ich dich brauche ...« Er legte liebevoll die Hand auf die ihre. »Ich bleibe, Stephanie, und wenn du mich rufst ...« Als er auf sein Zimmer ging, war es spät unter dem Monde geworden. 20 Ein leises Wispern von Seide im Zimmer, wo Hille sich niedergelegt hatte. Vor dem Zubettgehen war Stephanie von Boeselager noch einmal erschienen, um nach ihrer Nichte zu sehen. Ein Nachtlicht brannte auf einer kleinen Servante. Eine spärliche Helle ringsum, die das große Himmelbett mit den düstern Vorhängen, seinen Quasten und hohen Säulen mit Perlmutterglanz umschmeichelte. Das kränkliche Flämmchen, das an einem schwimmenden Docht zehrte, malte zitternde Kringel gegen die Decke, hatte aber nicht Kraft genug, die Gegenstände des niedrigen Raumes sattsam erkennen zu lassen. Das dreiteilige Fenster, jetzt mit leichten Gardinen verhangen, sah wie eine transparente Myrrhenscheibe ins Zimmer, bleich und matt, von dem dunstigen Licht des Mondes angehaucht, der ernst und gemessen wie ein Totenansager über den herbstlichen Wäldern heraufstieg. Die Wände mit den eingedunkelten Tapeten standen gleich Lemuren daneben. Auf den Zehenspitzen trat Stephanie näher. Sie hielt den Atem an. Ein weicher Teppich dämpfte die an und für sich fast lautlosen Schritte. Hille lag mit gefalteten Händen zwischen den Kissen, die Blicke weit offen, die Haare gleich einer weizenblonden Krone um Stirn und Schläfen gelegt. Bläuliche Ringe umschatteten ihre Lider. Das war deutlich zu sehen, denn trotz der schwachen Beleuchtung umgab das Antlitz eine wächserne Blässe. Sie schien auf das Rauschen der Bäume zu hören. »Hast du noch irgend einen Wunsch, Hille?« »Keinen. Ich danke dir herzlichst.« »Auch nichts, was dich beängstigen könnte?« »Nichts.« »Und du denkst nicht mehr an die traurige Sache.« »Nein, meine Liebe.« »So kann ich mich beruhigt schlafen legen?« »Ganz ruhig.« »Sollte etwas sein, ich bin dicht nebenan. Die Türe bleibt angelehnt.« »Was du tust, ist wohlgetan, und nochmals: ich danke dir innigst.« Zwei welke Lippen legten sich auf den Mund der Ärmsten. Dann wieder das Wispern von Seide. Gleich darauf zerfloß das Freifräulein in einer seinen und doch undurchdringlichen Gaze, ohne Geräusch, ohne auch nur den geringsten Laut von sich zu geben. Hille glaubte, eine Erscheinung gehabt zu haben. Sie lag noch immer gestreckt auf dem Rücken, regungslos, die Augen wie im Schauen geöffnet, jetzt gefaßt, müde von Tränen und Leid und das Geschehene als etwas Unabänderliches hinnehmend. Für Raum und Zeit hatte sie keinen Begriff mehr. Die Ereignisse, gute und böse, nahmen sich bei der Hand, kehrten sich ab, wurden kleiner und unbedeutsamer, bis sie untertauchten und ihrem Gesichtskreis entschwanden. Sie vermochte es nicht, ihre Glieder zu regen, eine andre Lage einzunehmen. Eine Art von Betäubung hatte sich ihrer bemächtigt und führte sie in eine graue, weite Ebene, wo das Vergessen sich heimisch fühlte, eine Handvoll Sand vom Boden raffte und die einzelnen Körner mit stumpfem Beten durch die Finger rieseln ließ. Mit jedem niedergleitenden Sandkorn schien ihr ein Stein vom Herzen zu stolpern. Immer freier fühlte sie sich, immer leichter und weltferner. Der hölzerne Baldachin mit den in schweren Falten herabfließenden Vorhängen wurde ihr zum Himmelsgewölbe. Dort flinzelte es auf. Erst kaum zu sehen, dann lichter und sichtiger. Einzelne Fünkchen begannen zu schimmern. Ihnen gesellten sich mehrere, hunderte, tausende. Hier und dort brannte eins mit besonderer Stärke. Zuckende Flämmchen waren dazwischen, Sterne und solche, die einen roten Glanz hinter sich herzogen. Es strahlte von Sonnen, von dem Feuer kreisender Planeten. Sie strebte ihnen zu. Die Erde rückte von ihr ab. Alle Nöte und Ängste blieben hinter ihr. Immer mehr glitt sie ins Wesenlose hinein, in eine Pracht der Anschauung, die ihresgleichen nicht hatte. Sie vernahm Marienlieder, Psalmen, Chöre der Engel, das Singen einer gewaltigen Domorgel. Für das Irdische hatte sie jede Teilnahme verloren. Nur das zunächst Liegende erregte noch zeitweilig ihre Sinne. Sie hörte auf das trauliche Hantieren nebenan, auf das Rücken eines Stuhles, das Auf- und Zumachen von Schachteln und Schächtelchen. Sie verfolgte den Lichtschein, der aus dem Nebenzimmer durch den Türspalt blinzelte, sie sah sein Verlöschen und hörte noch, wie die Wälder wiederum lauter zu rauschen anhuben. Dann vernahm sie nichts mehr, obgleich sie noch wach war und ihre Augen sich nicht schließen wollten. Leib und Seele trennten sich völlig. Wie spät es' eigentlich war, wußte sie nicht. Hatte sie überhaupt schon geschlafen? Ja, wer das sagen könnte! Wo war sie überhaupt? Sie tastete wie mit einer Stange durch endlose Schwaden, ohne wissend zu werden. Nur über ihr stand das Leuchten in unverminderter Klarheit, zogen die Himmelspilger ihre geruhsame Bahn, klangen die Marienlieder, die Chöre der Engel, tönte die Domorgel, als würden die Register von Geisterhänden gemeistert. Plötzlich war Stille um sie, eine Stille, die sie seltsam bewegte und ihre Brust lauter pochen ließ. Und durch diese Stille hindurch zitterte ein eigenartiges Klingen, ein Nachhall, ein Geräusch, das sich anließ, als müßten ihm noch verschiedene folgen. Das Klopfen wiederholte sich. Sie horchte darauf. Tickte das Totenührchen im Holz, oder was hatte es sonst zu bedeuten? Ein zweites Geräusch kam von draußen her, von Darfeld, dem nahen Kirchspiel, das jenseits des großen Gehölzes in den Wiesen schlummerte. Vom Turm drangen einzelne Schläge. Sie zählte sie in sichtlicher Spannung und bestätigte zwölf einzelne Laute. Also Mitternacht. Mit dem Verhallen hüllte sich das Gemach in ein eintöniges Kleid. Das bemerkte sie deutlich. Das Nachtlicht hatte seinen Schein eingebüßt. Der Docht glimmte nur noch, ähnlich einem Würmchen in warmen Sommernächten. Das Planetenfeuer über ihr, die Funken und Sterne, die einen roten Schweif hinter sich hergezogen hatten, waren erloschen. Alles trug ein ödes und verfallenes Aussehen. Dafür stand das große Fenster wie eine fast taghelle Scheibe zwischen den dunklen Wänden. Ihre Blicke richteten sich darauf. Deren Starrheit nahm zu. Sie weiteten sich maßlos. Sie konnte von der transparenten Fläche nicht lassen. Alles Licht, das von ihr ausging, schien auf ihrem Antlitz haften zu bleiben. Das schmale Gesicht war schneeweiß geworden, durchscheinend wie Porzellan; ebenso die Hände, die noch immer gefaltet auf der Bettdecke ruhten. Eine magische Kraft richtete sie steil in die Höhe. Sie erhob sich, warf einen Mantel über, trat ans Fenster und scheitelte die Gardine mit scheuen Fingern auseinander, ohne dabei den leichtgewirkten Musselin aus den Händen zu geben. Alle Bewegungen machte sie in der Art unschlüssiger Frauen, die zwecklos Dinge verrichten, von denen sie nicht wissen, was sie eigentlich mit ihnen anfangen sollen. Sie waren zögernd, unsicher, als wenn sie sich mit einem andern Gegenstand beschäftigten. Vor ihr lag die Nacht wie aus einem Zauberspiegel genommen. Der volle Mond stand hoch unter dem Himmelreich. Unter ihm ruhten die Wälder gleich schwarzen Lavamassen. Die einzelnen Baumgruppen tauchten wie Inseln aus dem seichten Nebelmeer, das die große Wiese lautlos umspülte. Lichtblaue Mondfüßchen trippelten darüber hin, versanken spurlos, um wieder aufzutauchen und weiter zu tänzeln. Ein kaum wahrnehmbares Wogen und Wiegen. Spinnwebartige Tücher wellten sich gegen das Herrenhaus an, überfluteten den Hof, umschleierten die Grundmauern und versuchten es, sich an den Wänden emporzuarbeiten. Durch den Nebelsee aber watete jemand ... Er kam geradenwegs aus dem dunkeln Gehölz auf den Hof zu. Sie verfolgte sein Nahen mit heimlichem Grausen. Jetzt war er bei den Eichen, bei den Eichen der Annette von Droste. Sein Kopf war von einem großkrempigen Hut bedeckt. Hinter ihm flatterte ein mausfahler Mantel. Die Arme bewegten sich taktmäßig. Sein Schritt ging ruckweise, hatte etwas Rhythmisches an sich, ähnlich dem, was die Schnitter an sich haben, wenn die reifen Halme ihr Sterbelied singen. Und er schwang eine Sense. Sie blinkte wie ein Rasiermesser und sichelte lange Dunstfetzen aus den Schwaden heraus. Sie senste sich an den Eichen vorbei, überholte die Wiese, senste sich in den Hof hinein, bis dicht an die Haustür. Hier machte sie halt. Der Mäher selber hob langsam den Kopf. Seine hohlen Blicke waren auf Hille gerichtet. Er schien ihr zu winken. Vom Grauen gepackt, an allen Gliedern fröstelnd, verließ sie das Fenster, streckte sich wieder und zog sich die Decke über die noch immer sehenden Augen. Ähnliches war einem der besten Freunde ihres Vaters geschehen, auf einem schottischen Hochsitz, zur Jagdzeit, als die Moorhühner in die Birken einfielen. Als Kind hatte sie dem Erzähler, einem Herrn von Mutzenbecher, atemlos gelauscht und alles in sich aufgenommen. Und dieser erzählte ... Drei Tage währte das Jagen. Am Abend des letzten, als der Dudelsackpfeifer am Kamin eingenickt und der Hausherr, Sir Patrik Aberdeen, höchsteigen den ›Pibroch of Donald Dhu‹ angestimmt und gesungen hatte: »Weg den Plaid, zieht das Schwert! Vorwärts, ihr Leute! Donuil Dhus Kriegsgesang Töne zum Streite ...« geleitete der ehrenwerte Sir seinen Gast bis an die Schwelle des einsamen Zimmers, das auf die Zufahrt und das Hochland hinausging, und wünschte ihm ein geruhsames Schlafen. Bald darauf herrschte tiefste Lautlosigkeit auf allen Fluren und in den anstoßenden Kammern. Er selber lag zwischen Träumen und Wachen. Vom nahen Moor her rauschte das Schilf, kamen die Stimmen, die zwischen Ried und Heidekraut wohnten, als er plötzlich hörte, daß sein Name gerufen wurde. Der Anruf wiederholte sich in bestimmten Intervallen, ähnlich dem Fallen von bleiernen Tropfen in eine Messingschale. Er hob sich zwischen den Kissen, fuhr sich über die Augen, sammelte seine Gedanken, um jede Täuschung von sich zu weisen. Da wieder. Ganz deutlich kam die unheimliche Stimme herüber: zweimal, dreimal, viermal hintereinander ... von draußen ... dicht über der Anfahrt. Das Blut gefror ihm. Er trat ans Fenster und riegelte auf. Helles Mondlicht schlug ihm entgegen. Unter ihm aber, gerade vor der Schloßtür, hielt ein dunkles Gefährt – ein Leichenwagen, mit schwarzen Pferden in silberplattierten Geschirren bespannt ... auf dem Bock ein vierschrötiger Mensch, von dessen Dreispitz die beiden Enden der Pleureuse im Nachtwind schaukelten. Der Dreispitz senkte sich rücklings. Ein entsetzliches Gesicht kam zum Vorschein. Die umflorte Peitsche machte eine nicht mißzuverstehende Bewegung, von einer häßlichen Aufforderung begleitet: »Come in, I am wating for you.« Daran mußte sie denken, immer und immer wieder. »Come in, I am waiting for you.« Immer und immer wieder, bis ein barmherziger Schlaf das traurige Bild aus ihrem Gedächtnis nahm und sie auf eine blumige Au führte, wo Hirtentäschlein standen und gelbe Himmelschlüsselchen sich im laulichen Winde bewegten. Sie geriet in dieses Blühen hinein, in das Duften und Sichselbervergessen. Dann wähnte sie, eine Postkutsche käme auf der nahen Landstraße gefahren, unter fröhlichem Hufgetrappel und feierlichen Hornklängen. Ach, wer da mitreisen könnte ...! Freundliche Dörfer lagen im fernen Grund. Lichte Rauchfäden standen über den Dächern. Alles und jedes atmete Frieden und ernste Beschaulichkeit. Sie konnte sich nicht satt genug daran sehen und streckte die Hände aus, um diesen Frieden und diese Beschaulichkeit in ihre Arme zu schließen. Und Bläulinge flogen hierhin und dorthin, über die Gräser, über Wiesenschaumkraut und nickende Simsen. Und als sie genauer zusah, waren es die blauen Augen der Annette von Droste, der hohen, sinnierenden Frau, der Heidegängerin, von der ihre Mutter und Stephanie so viel des Lieben erzählt hatten. »Annette von Droste! Annette ...!« Und dann wieder das entsetzliche: »Come in, I am waiting for you!« Ein Klingelzeichen weckte sie auf, das durch alle Gänge tönte und sich bis in die entlegensten Winkel des Hauses verzweigte. Es mußte einen Resonanzboden haben, so hallte es weiter. Aber keine menschliche Seele nahm Notiz davon, schien überhaupt auf das merkwürdige Zeichen zu hören. Gleich darauf waren Schritte im Zimmer, so deutlich und dennoch so heimlich, als gingen sie auf Nebelschuhen über einen filzigen Moorgrund ... bald näher ... bald ferner ... aber immer von einem schmerzlichen Seufzen begleitet. Die Geräusche waren mit Händen zu greifen, legten sich wie ein Alp auf die Seele. Wirklichkeit und Wahngebilde wechselten ab. Sie saß aufrecht im Bett, den Rücken gegen eine der flandrischen Säulen gelehnt, die den Baldachin trugen. Ringsherum fielen die Vorhänge in düsteren Falten zur Erde. Tücher und Fransen eines Katafalks. Nur eine schmale Stelle war offen geblieben. Durch sie hindurch sah sie das noch immer erhellte Fenster in Form eines Kreuzes. Ihre Augen erschlossen sich in Erwartung eines nahen Geschehens. Sie brannten wie Kirchenscheiben, hinter denen das ewige Licht geisterte. Die Nacht war um eine Stunde älter geworden. Das nahe Geschehen mußte jetzt kommen. Das fühlte sie deutlich. Etwas Weißes, Unbestimmtes trat näher. In diesem Augenblick wurden die schweren Gardinen auseinandergeschoben. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. Bernd stand vor ihr, in seiner ganzen Größe und Mannesherrlichkeit. Nur sein Antlitz war bleicher ... über die Stirn lief eine furchtbare Wunde ... und die linke Gesichtshälfte war rot überlaufen. In dunkeln Fäden sickerte und tropfte es nieder ... ein Sturz von Blut quoll heraus ... »Bernd ...! Bernd ...!« Sie streckte ihm die Hände entgegen. Er gab keine Antwort. Nichts regte sich an ihm, nicht das geringste. Nur die abgestorbenen, glanzlosen Blicke waren um Verzeihung flehend und um der Barmherzigkeit willen auf sie gerichtet .. unsagbar gütig ... unsagbar traurig ... Als wäre gar nichts geschehen, sanken die Gardinen wieder zusammen. Aber ein zweiter Schrei ertönte, der das ganze Haus durchgellte: »Er ist tot! Er ist tot! Bernd wurde erschlagen!« Alle Räume wurden lebendig. Türen gingen auf und zu. Unten regte es sich. Über den Hof fort, dort wo Hövelkamp die beiden Gäule eingestallt hatte, hellten die Fenster auf. Von allen Seiten drängten die Leute heran, kamen beim Pächter zusammen. Hille selber fand sich in den Armen Stephanies wieder. Im Vorzimmer harrte Emmerich. Rastlos durchmaß er die Stube nach Länge und Breite. Das tobende Blut in seinen Schläfen drohte ihm die Adern zu sprengen. Er wußte, was geschehen war. Seherin! Sie gehörte wieder zu den ›Blassen‹ im Lande. Dann wieder das Wimmern und Schreien: »Dort ... dort ... dort ...! Anspannen lassen ... sofort ...! Christus, mein Christus, Bernd wurde erschlagen ...! Der Tod sühnt alles, nimmt alles fort ...! O du Barmherzigkeit Gottes, zur Getter ... zur Getter ...! O du Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt!« Dann nichts mehr. Gleich darauf erschien Stephanie, trat auf Emmerich zu, verlähmt, als bäte sie darum, die Sterbesakramente empfangen zu dürfen. Sie wechselten einige Worte, die über die kommenden Stunden entschieden. Handeln, energisches Eingreifen war nötig. Er begab sich nach unten, zu den Pächtersleuten. Dann suchte er Hövelkamp auf. Er fand ihn, als hätte er auf dem Helweg gestanden, die offenen Blicke dorthin gerichtet, wo die Hallüh ungefähr liegen mochte, wie einer, dessen Augen Entsetzliches sehen. Kurze Order und ein zustimmendes Nicken. »Ich hab's gewußt, Herr Baron. So mußte es kommen, so und nicht anders. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes; aber der Stern Gottes ist untergegangen. Lasset uns beten!« Er legte seine harten Hände zusammen. »Herr, sei der armen Seele barmherzig!« Eine halbe Stunde später trabte ein einsamer Reiter unter dem dunstigen Mond hin. Kurz vor Tau und Tag und just um die Zeit, als ein falbes Band den tiefen Horizont der Heide abgrenzte, sich mit jeder Minute verstärkte und sichtiger wurde, gingen harte Schritte um den Freisassenhof, dessen eintöniger Schattenriß sich noch so recht nicht aus der Dämmerung herausschälen konnte. Bald schluckte die Ferne sie auf, bald machte die Nähe sie wieder lebendig, und wenn es geschah, waren sie unduldsam, verzweifelt und von dem Hall eines Stockes begleitet. Dazu klangen die Worte: »Herr, erbarme dich unser! Christe, erbarme dich unser! Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe.« Dann näher, ganz nahe: »Sie haben deine Hände und deine Füße durchbohrt. Deine Seite durchstoßen. Alle deine Gebeine haben sie gezählet. Christe, erbarme dich unser! Weib, sieh deinen Sohn. Und du, Sohn, sieh deine Mutter. Nennet mich nicht Noëmi, die Heitere, sondern Mara, die Bittere, und alle, die ihr vorübergehet, habet acht und schauet, ob ein Schmerz sei gleich meinem Schmerze.« Das Gebet entfernte sich, war aber immer noch sattsam zu hören: »Wir bitten dich, o Herr, steh' uns bei im letzten Kampfe und verlaß uns nicht in der Stunde des Todes, damit wir deine Barmherzigkeit preisen in Ewigkeit, durch denselben Christum, unfern Herrn.« Judith schritt fürder, ein gewaltiger Schatten, der in den Morgenhimmel hineinwuchs, begleitet von Griesgram und Grau, die gleich Wölfen neben ihr hertrabten, ab und zu belferten, stehen blieben, sicherten und Wind einholten, um dann wieder in ein gleichmäßiges Trotten zu fallen. »Christe, erbarme dich unser!« Jetzt war das verlorne Beten im Hof zwischen den Scheunen, dann im Grasgarten, dann am Kommunalweg, der der Hohen Fuhr zutrödelte, wo der Nebel in langen Fetzen durch die schwarzen Fichten wanderte, jetzt bei der einsamen Gräfte, wo die dicken Blasen aufstiegen und mit heimeligem Glucksen zerplatzten, ohne aufzuhören, immer dasselbe. So war sie schon seit einer Stunde gegangen, nur mit dem quälenden Gedanken beschäftigt: »Wo er nur bleiben mag, und warum ist Hille gegangen?« Sie zog ihre kummervollen Pfade, als trüge sie ein Marterholz, als wären ihre Schläfen mit einem Kranz von Christusdornen umflochten. »Herr, erbarme dich unser!« Dazwischen begannen die Hirsche zu orgeln, in der Moorwiese drüben, dicht hinter dem silbernen Birkengatter, zwischen den Krüppelfichten, die den tiefen Osten begrenzten. Der Mond war untergegangen, das Morgengrauen im Wachsen begriffen. Der fahle Strich glänzte, sog die Dünste ein und betipfelte die blühende Heide mit goldenen Lichtern und Reflexen. Die Kammern erwachten. Vereinzelte Knechte wiewackten den Scheunen zu, unter ihnen Jans Schwarte, der an Stelle Hövelkamps nach Ordnung sah und die Arbeit verteilte. Die Laterne, die in der Werkstatt des Stellmachers gebrannt hatte, verlöschte. Der Tag regierte, und der Freisassenhof strahlte im Frühschein. Geräuschlos öffnete sich das große Tor an der Diele. Einer trat in das Morgenleuchten hinaus. Ohm Gideon. Um seine Verstörtheit und Erregung niederzumeistern, hielt er eine brennende Zigarre zwischen den Zähnen. Er rieb die verklammten Hände zusammen. Ihn fröstelte. Fahrig wiegte er sich von einem Fuß auf den andern, als der schwarze Schemen wieder auftauchte und hastig herankam. Er trat ihm entgegen. »Frau Judith, noch immer keine Nachricht gekommen?« Sie schüttelte den Kopf, daß sich ihre Ohrgehänge klingelnd bewegten. »Nichts,« sagte sie traurig. »Herr Jeses nochmal ...!« »Gideon, still! Wir wollen nicht das Unglück beschwören. Vielleicht ist es nur ein unbarmherziges Bangen gewesen. Immer nur Ruhe. Aber was ich gestern abend schon fragte, muß ich noch einmal besorgen. Wann habt ihr zwei euch zum letztenmal gesehen, und wo seid ihr auseinander gegangen?« »Gestern um fünfe zwischen den Schilfkaupen. Ich machte zur Hohen Fuhr und er zur Hallüh hin.« »Und kein Schuß ist gefallen?« »Nein, kein Schuß ist gefallen, weder hüben noch drüben.« »Und kein Irrtum ist möglich?« Er zögerte. »Keiner, absolut keiner,« sagte er schließlich. Sie atmete auf. »Und als ihr beiden von hier ginget,« fragte sie weiter, »ich meine: ist da nichts vorgefallen zwischen ihm und meiner Schwiegertochter?« »Ich sagte schon gestern: nicht das geringste. Jawoll, ja. Im Gegenteil, so viel ich beurteilen konnte, war alles in der schönsten Verfassung. Die reinste Harmonie. Christus nochmal! aber ich weiß nicht, mir bekäme es besser, in der Wüste Ziegel zu streichen, als hier auf der Getter ...« Er verstummte und warf sich herum. »Frau Judith ...!« Der ganze Mensch erschauerte. Eisig lief es ihm über den Rücken. Griesgram und Grau schlugen an, hechelten und begannen lange Fäden zu ziehen. Hinter den Obstbäumen, die sich jenseits des großen Wassers erhoben, war ein Schnauben und Traben. Dann kam es um die Gräfte herum und weckte ein lautes Echo zwischen den Wirtschaftsgebäuden und den Geschirrkammern. Bei den Ställen hielten Roß und Reiter. Jans Schwarte sprang zu und faßte Trense und Bügel. Die Travelmännin und Ohm Gideon glaubten nicht richtig zu sehen, als der Reiter herantrat. Der Paderborner hielt sich nicht länger. »Alle guten Geister ...! Endlich! Hast du Nachricht von ihm?« Eine stumme Handbewegung. »Emmerich, Emmerich ...!« Sie streckte ihm ihre Rechte zu. Die Dargereichte stand bleich im Frühlicht. Er nahm sie und berührte sie mit kalten Lippen. »Frau Judith, ich habe eine Botschaft zu bringen.« Ihre Augen brannten. »Von Darfeld?« fragte sie heiser. »Von Darfeld.« »Und Hille?« »Kommt wieder. Hövelkamp bringt sie.« »Und wann?« »In einigen Stunden. Möglich schon früher.« »Heiliger Gott! Großer Gott ...!« Sie tat einen Atemzug, als wäre ihr neues Leben gegeben. »Und Emmerich – sonst ...?« »Wollen wir nicht alles in Ruhe besprechen?« »So kommt.« Da sahen sich die verstörten Menschen an, reichten sich die Hände und gingen dem Herrenhaus zu. Alles und jedes tat seinen Gang, wie das Schicksal es vorschrieb, mit der Ebenmäßigkeit des Perpendikels im altmodischen Uhrkasten, der mit seinem monotonen Hin und Her die Diele und die benachbarten Räume durchgeisterte. Diesem unaufdringlichen Tönen und Klopfen gesellten sich befremdliche Klänge, die bald von draußen, bald aus dem Innern des Hauses zu kommen schienen, gedämpft und von kaum wahrnehmbarem Trommeln begleitet ... eine seltsame Musik, die anhub, um wieder zu schweigen, sich aufs neue verstärkte, abflaute, um sich im Tempo eines Trauermarsches immer mehr zu entfernen. Aber ganz verstummte sie nicht ... erst dann, als die Heide in vollem Glanz lag und die warme Sonne den Tau von Gräsern und Rispen genommen hatte. Du bist die Ruh'. Aus der kleinen Kammer, die Frau Judith mit Emmerich und Ohm Gideon teilte, drangen die Worte: »Ich habe meine Hände nach dir ausgebreitet. Und meine Seele dürstet nach dir. Die ganze Nacht habe ich nach dir gerufen: Herr, sei barmherzig! Christus, du bist gehorsam gewesen bis zum Tode. Ja, bis zum Tode des Kreuzes. Sehet das Holz, an dem das Heil der Welt gehangen und seinen Geist aufgab im Namen der Barmherzigkeit!« Das Gemurmel ging weiter. Während das Gebet noch andauerte, verließen die beiden Männer das Zimmer, das die Botschaft mit angehört hatte, begaben sich auf den Hof und riefen die verfügbaren Leute zusammen. Jans Schwarte wurde zu Ludgerus Hölscher gesandt und dem Kuhantilopengesicht anempfohlen, Hövelkamp sofort nach seiner Rückkehr von Darfeld in Höhe des Hasenfanges zu schicken. Dort solle er warten, in aller Heimlichkeit und ohne Aufsehens zu machen. Jans Schwarte trottete los, während der andre nochmals seinen Auftrag an den Fingern abzählte und heilig versprach, die empfangene Order in sachgemäßer Weise in Bestellung zu nehmen und weiter zu geben. Emmerich und Ohm Gideon traten beiseite, wechselten einige Worte und zogen alsbald, von etlichen Getreuen des Hofes begleitet, in den Morgen hinein, dessen Antlitz erstrahlte, als vernähme er die Stimme des Unsichtbaren und das Walten der Vorsehung. Ohne eine Silbe zu wechseln, schritten sie über heimatliche Erde. An vielen Stellen war das Land schon umbrochen, harrend des Sämanns und der goldenen Körner, die da niederrieseln sollten im Namen der Satzung: »Wachset und mehret euch wie der Sand am Meere, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.« Wo noch Stoppeln und Brache waren, schnitten bereits verschiedene Pflüge ihre schnurgeraden Furchen. Saatkrähen folgten ihnen und stießen ihren grindigen Schnabel in den feuchtwarmen Boden. Vorgehölze, goldig verbrämt und von roten Zungen durchflammt, gürteten das offene Land ein. Darüber hinaus wuchs die blauschwarze Silhouette der Hallüh wie ein drohendes Wahrzeichen gen Himmel, ein mächtig aufgebautes Totenmal, den aufglühende Wipfel wie brennende Fackeln umstanden. Das war ihr Ziel, dem schritten sie zu und erreichten es nach einstündigem Marsch. Dort, in Nähe des Birkengatters angekommen, hielt Emmerich den noch immer durch eine Wirrnis taumelnden Paderborner am Ärmel zurück und fragte ihn heimlich: »Gideon, hast du wirklich keine Ahnung gehabt?« Dessen Augen stülpten sich vor. »Ich bitte dich, Emmerich, nicht die geringste.« »Auch da nicht, als du gestern abend heimkehrtest und er noch immer nicht da war?« »Auch da nicht.« »Und während du weidwerktest, ist dir da nichts aufgefallen? Auch vorher nicht, im Gespräch mit ihm?« Ohm Gideon wackelte mit Kopf und Spielhahnfeder. » Niente ,« versetzte er traurig. »Und später: du hörtest keinen Schuß im Revier?« »Eigentlich – nein. So sagte ich wenigstens, um ihr nicht alle Hoffnung zu nehmen und sie noch tiefer ins Elend hineinzudrücken. Aber wenn ich so alles bedenke ... ich glaube, ja – ein Schuß ist gefallen, wenn auch man schwach und so, als wäre er mit Baumwollengarn umwickelt gewesen.« »Wann war das ungefähr?« »Gestern abend so gegen neune herum, als ich den Hochsitz verließ, verklammt und verärgert, ohne den Kapitalen angesprochen und bestätigt zu haben. Nebenbei bemerkt: das Büchsenlicht war unter aller Kanaille.« »Und wann bist du nach Hause gekommen?« »Zwischen zehne und elfe.« »Und ihr habt noch lange zusammen gesessen?« »Ja, mit Frau Judith. Gegen eins bin ich bedrückt in die Klappe gezogen und mußte immerzu denken: Ich hatt' 'nen Kameraden ...« Der Paderborner sah in die dunkeln Fichten hinein, deren dürre Äste in einer laulichen Brise rasselten Emmerich ergriff seine Hand. »Gideon, um diese Zeit ist er auf Darfeld gewesen.« Der Kleine in grüner Watt schreckte auf. »Menschenskind, wer denn?« »Bernd.« »Du bist wohl des Satans! Mach' doch bei helllichtem Tag die Pferde nicht scheu.« »Ich sage dir, er ist auf Darfeld gewesen.« »Bei wem denn?« »Bei Hille.« »Christus, Christus! Charles, zwei Bouteillen ...« Der Paderborner stand mit keuchendem Brustkorb. Emmerich rüttelte ihn. »Gideon, keine Geschichten. Nur Nerven. Die haben wir nötig. Sonst gar nichts. Jetzt heißt es: die ganze Hallüh muß abgesucht werden. Durchdrücken bis auf den Hasenfang zu, und wenn alles nicht hilft – dann Ultima ratio ...« »Hand ans Türschloß, wenn's auch auf Hausfriedensbruch herauskäme,« ergänzte Ohm Gideon und rückte sich den Filz in den Nacken. »Los denn dafür!« und auf verschiedenen Schneisen traten sie in die Waldpracht der schwarzen Tannen ein, wo die Tageslichter ängstlich zusammenschmolzen, der Specht hämmerte und der Eichkater von Ast zu Ast holzte. Im Schweiße ihres Angesichts ging es über Tümpel und Gräben, Barrieren und Wege, durch Altgestelle und Windbrüche. So verrannen Minuten um Minuten, Stunden um Stunden. Nichts blieb abseits liegen: keine Schonung, keine von Schilf und Porst umstandene Suhle. Überall Zurufe, ein Rascheln und Rauschen, ein Brechen und Knistern. Der verfilzte Boden keuchte unter den Schritten, dem Tasten und Suchen. Immer weiter durch Dickicht und Blößen; aber keine Spur ließ sich finden. Nichts, nichts, nichts! Abgehetzt und wegmüde traten sie gegen zwei an der Mulde aus dem Walde heraus, wo Bernd an jenem verhängnisvollen Abend geruht hatte, als ein Weib sich über ihn beugte und der Tag einschlafen wollte. Dicht unter ihnen lag die Garkesche Wohnung zwischen welken Feuerbohnen und Obstbäumen, deren Früchte sich schon zu färben begannen. Am Eingang stand Hövelkamp und machte ein Zeichen. Er hielt einen schweren Feldstein in der Rechten. Als sie herankamen, packte er ihn mit beiden Händen. »Der hat's getan und das Türschloß erbrochen. Aber nichts mehr zu machen. Den Rest hat der da zu sagen.« Über die Schwelle trat Ludgerus, gefaßt aber verstörten Gesichtes. »Das Spiel ist zu Ende,« sagte er tonlos. Er deutete auf das gelbe Bohnenlaub, das an den Stangen emporkroch. »Dort liegt er ... und drinnen das Weib ... und wie alles geschehen, kann Gott nur ermessen ... Nur das eine ...« Er hielt einen Fetzen beschmutzten Papiers zwischen den Fingern, auf dem etliche Zeilen niedergelegt waren. »Das hier fand ich aufgespießt auf der Mittelsprosse eines frischen Geweihs, das in einer Ecke herumlag.« Dann las er mit einer Stimme, die über sich selber erschreckte: »Dem Weib die Kugel. Ihm aber das, was ihm zukam. Er wurde im ehrlichen Kampfe erschlagen. Regelrecht und Auge in Auge. – Ihr seht mich nicht wieder. Der eigene Rächer seiner Ehre.« Finsternis sank über die Männer. Jeder einzelne vernahm seinen eigenen Herzschlag, während Ludgerus sagte: »Bürgermeisteramt und Polizei wurden verständigt. Gleich müssen sie hier sein, und Ihr, Hövelkamp, tut mir die Liebe und bringt die Botschaft zur Getter. Wir folgen, wenn's an der Zeit ist. Gott mit Euch und gehet in Frieden!« Da nahm Hövelkamp die Mütze herunter und zerknüllte sie zwischen den schwieligen Fingern. »Wollen's besorgen, Hochwürden, wenn es auch schwer fällt und einem der Verstand aus den Nähten gedrückt wird. Gott, dieses Elend! und das ihnen beizubringen – den Frauen. Aber wie Sie meinen, Hochwürden,« und er ging wie einer, der eine Bagnokugel hinter sich herschleppte. Punkt vier erschien die Gerichtskommission, nahm den Tatbestand auf und legte Siegel an. Die Leiche des Freisassen wurde freigegeben. Währenddessen hatten die Getreuen eine Bahre gezimmert und sie mit Tannenzweigen gespreitet. Bald darauf war alles erledigt. Ohm Gideon sah feuchten Auges in die niedrige Sonne. Geruhsam sank sie tiefer und tiefer. 21 Lange Florstreifen schwaderten langsam gen Westen. Bald sich streckend, bald sich wieder zusammenziehend, schwammen sie dem tiefen Horizont zu, Leichenbitter, die mit heiserm Wechselgesang über die Niederung zogen. Eine riesige, dunkle Wolke stand einsam am Himmel. In dem gelben Laub der Buchen und Heidebirken hing das Abendrot, und zwischen den Stämmen lag es wie eine feurigrote Flocke. Ginster und Brombeersträucher bluteten. Ein kaum wahrnehmbares Rauschen. Vereinzelte Blätter drehten sich feierlich von den Bäumen herunter. Es war so, als würde irgendwo ein Waldhorn laut, irgendwo, unbestimmt und nicht mit fröhlichen Klängen. Kein weidgerechter Jäger hätte es in dieser Weise geblasen, so seltsam mutete es an, so über alle Maßen ernst und traurig. Ein finsterer Mensch mußte es sein, der das Horn meisterte, und wer genauer zuhörte, konnte die Weise Notkers, des Stammlers, aus dem Kloster Sankt Gallen erraten: » Media vita in morte sumus. « In düstern Bändern hob sie sich auf, wuchtelte näher und senkte sich auf die im letzten Leuchten des Abends ruhenden Dächer des Freisassenhofes. Alles Lebendige führte ein Traumdasein. » Media vita in morte sumus. « Es mochte um die fünfte Nachmittagsstunde sein. Die doppelschlägige Tür an der großen Einfahrt und die an der Diele standen weit offen. In der weiten Halle schummerte es. Alle Gegenstände darin nahmen eine ungewisse Gestalt an, verwischten sich, flossen sacht ineinander. Das Herz des eingedunkelten Raumes pochte laut herüber, ernst und in bestimmten Intervallen, je nachdem sich der Perpendikel in der Kastenuhr bewegte. Die offene Luke gähnte aus der Höhe herunter. Die letzten Schwalben hatten niedrigen Flug. Lautlos glitten sie um die roten Giebel, über die von Schilf und Schwertel umfriedete Gräfte. Die letzten Wasserjungfern knisterten durch die harten Rohrstengel. Von Zeit zu Zeit ließ sich das Orgeln und Schreien der Brunfthirsche vernehmen. Es kam aus dem Königlichen, aus der Bruchmannsheide und vom Kortenbusch her. Die Leute und Tagelöhner des Hofes drängten sich in einzelnen Gruppen zusammen, steckten die Köpfe vor und tuschelten heimlich ihre Wahrnehmungen von einem zum andern. Der Stellmacher, ein großer Mann mit Flachshaaren und ungleichen Schultern, gestikulierte mit langen Armen und sprach Worte dazu, die barfuß gingen und die Gemüter noch mehr verängstigten. Er redete vom Birkenbaum zwischen Soest und Unna, von der Mergelgrube, von Stein, Strick, Gras und Grein und andern Dingen und sagte, daß es gefrevelt sei, den Boden am schwarzen Kreuz auf die andre Seite zu legen. So was zöge Mord hinter sich her, und da es nun einmal geschehen sei ... Er deutete dabei hierhin und dorthin. Aller Blicke waren bald auf das offene Tor, bald auf den Eingang der Diele gerichtet. » Media vita in morte sumus .« Das Waldhornblasen verstärkte sich, nahm zu an Innigkeit und Trauer. Auch die im Herrenhaus mußten es hören. Von Hövelkamp begleitet, schritt Frau Judith durch den Flur, der zum Zimmer Hilles führte. Nichts war ihr anzumerken. Sie schien wie gewöhnlich. Keine Tränen, kein Schluchzen. Nur ein grausamer Zug hatte ihre Mundwinkel tiefer gezogen. Das Herz ruhte ihr starr in der Brust. Der wilde Schmerz hatte es leblos gemacht. An Ort und Stelle angekommen, sagte sie ohne Erregung: »Wartet auf mich. Was ich zu tun habe, tut man nicht gerne. Aber es ist Gotteswerk. Ich habe den Tod anzusagen,« und sie ging hinein in die Stube. Hövelkamp wartete. Fünfundzwanzig Herzschläge mochten dahin sein, als ein Jammer ertönte, der ihm das Blut erfrieren machte. Ein unterdrücktes Weinen und Wimmern folgte. Dann war es ihm so, als würde da drinnen das ›Vaterunser‹ gebetet. Er selber faltete die Hände und sprach die gestammelten Worte nach, die aus dem Zimmer drangen. Als Judith zurückkam, schien sie noch kälter und eisiger geworden als früher. Sie legte ihre Hand auf den Arm des Getreuen und fragte: »Wann können sie hier sein?« »In 'ner halben Stunde, Frau Travelmann.« »Das genügt,« und sie begaben sich in eine nur selten benutzte Kammer, die zur ebenen Erde seitlich der Diele gelegen war. Das rote Auge des dahingegangenen Tages stand hinter den Scheiben. Neben einem altmodischen Schrank erhoben sich zwei Kirchenleuchter aus Messing, schwer gefügt und mit Klauen versehen, auf denen sie fußten. Den Schrank öffnete sie und entnahm der Lade zwei mit Linnen umwickelte Wachskerzen, denen man ansah, daß sie bereits einmal ihren Zweck erfüllt und etliche Stunden gebrannt hatten. Die Dochte waren geschwärzt. An den gelben Schäften hingen dicke Wachstränen, erstarrt, bevor sie abtropfen konnten. Sorgfältig, als wenn sie aus dem Leinenzeug eine Reliquie geschält hätte, legte sie die beiden Lichte auf eine Anrichte und sagte: »Die müßt Ihr noch kennen, Hövelkamp,« und als dieser die Frage mit einem wehen Nicken bestätigte, fuhr sie sich über die Augen und meinte: »Sie haben meinem Mann geleuchtet, als das Schwerste über ihn kam und er in die Ewigkeit mußte. Drei Stunden brannten sie; dann verloschen sie wieder. Die Sünde gegen das sechste Gebot scheut sich fast in den Beichtstuhl zu treten. Das ist dahin und abgetan. Für mich abgetan. So schwer er auch fehlte – Mann und Weib sind unzertrennlich, ein Leib und eine Seele, und gehören zusammen ... und daher: auch mir sollten sie scheinen, wenn meine Tage gezählt waren, denn ich war die nächste dazu. Aber ich irrte mich. Das Natürliche verkehrte sich, die Hoffnungen erloschen. Der Tod ging vorüber und legte einem andern die Hand auf die Schulter. Zuweilen wird er zum Lustigmacher – dieser Hohläugige, und liebt es, seinen Spaß zu treiben, das Alter zu schonen und das Leben in seiner besten Kraft von der Koppel zu hauen. Es geschehe, wie es die Vorsehung in ihrer unerforschlichen Weisheit bestimmte. Ich beuge mich ihr. So mögen sie denn für den letzten Travelmann brennen.« Ihre Worte waren trocken und brüchig. Sie hatten bittern Wermut getrunken. Ein fast unmerkliches Zittern bewegte das untere Augenlid. Mit herbem Kopfschütteln deutete sie auf Leuchter und Wachskerzen: »Nehmt das und tragt es hinaus. Auch laßt die Flachsbrechen richten, genau so wie früher. Aber sorgt, daß sie genau unter der Bodenluke aufgestellt werden, sonst ist alles mißliches Werk und unnötiges Tun. Das Weitere ergibt sich von selber.« Sie verließ die Kammer, trat auf die Diele und begab sich zum Ausgang, der sperrangelweit ins Offene gähnte. Bei einem der mächtigen Türpfosten, in denen die Angelruten befestigt waren, richtete sie sich steil in die Höhe, stemmte den Krückstock neben sich und verfolgte den Weg, der durch die große Einfahrt am Wäldchen vorbei ins Freiland und nach der Hallüh fühlte. Den Rücken am Holz, schien sie mit diesem verwachsen, mit ein und demselben Messer aus der grauen Faser geschnitten, unbeweglich, wie eine sagenhafte Tempelwächterin in den Tagen der Vorzeit. Der Stellmacher, der sie stehen sah, machte den andern ein stummes Zeichen und bedeutete ihnen, in die Gasse zwischen den Ställen und Scheunen zu treten, um die Wacht nicht zu stören. Da gingen alle zur Seite, auf Zehenspitzen und mit scheuen Blicken. Die Alte aber redete in einsilbigen Lauten vor sich hin: »Der da seines Weges kommen wird, hat unter meinem Herzen gelegen, hat von meinem Leben gelebt und wurde von mir unter Schmerzen geboren. Sein letzter Ausgang war traurig, und seine letzte Heimkehr wird noch trauriger sein. Und will ein Pfaff nicht benedizieren, eine Mutter tut es. Und wäre es wider die Satzung meines Erlösers: ich segne sein Kommen und ihn, der das Leben nicht mehr hat; denn eine Mutter achtet der Sünde ihres Sohnes nicht, wenn die Schatten des Todes über ihn fielen. Sie nimmt ihm die Sünde hinweg, denn ihre Liebe versiegt nimmer. Sie kann Berge versetzen und Ströme ableiten. Sie ist stärker als ein Beichtiger, heiliger als das Sakrament des Altares, denn sie ist eine Mutter. Und wenn alle verdammen, sie verdammt nicht. Sie verliert niemals ihre Zuversicht und hofft zu Gott: er wird auch ihn in sein ewiges Reich nehmen und seinen Auserwählten zuzählen – durch denselben Christum, unsern Herrn.« Auf dem Weg, den sie verfolgte, ließ sich noch immer nichts hören. Er ging in ein tiefes, geräuschloses Labyrinth hinein. Nur seitwärts von ihr, wo die Kleeparzellen ihr letztes Kraut zeigten, wurde eine Sense gedengelt. Dann lief sie dicht über den Boden hin, mit dem Schwirren eines Ziegenmelkers und dem melancholischen Ruf eines Käuzchens. » Media vita in morte sumus .« Fern über Hiltrup hing bereits die Mondsichel, schemenhaft, von einer Geisterhand gegen das Himmelreich gezeichnet. Allmählich verwischten sich Wiesen und Äcker; auch die Sträucher, die an den Wegrainen standen. Über ihnen war noch sichtige Klarheit. Dann zerging auch sie, wie das Leuchten zerfaserte, das im Westen stand und Himmel und Erde vereinigte. Die Hirsche im Königlichen orgelten stärker. Die Weise Notkers, des Stammlers, aus dem Kloster Sankt Gallen, ließ sich jetzt an, als würde sie in unmittelbarer Nähe geblasen. Frau Judith zerfloß mit den grauen Pfosten und Balken, an denen sie lehnte, leblos wie sie, abgestorben wie Splint und Maser des uralten Holzes. Ihr weißes Gesicht leuchtete im Schein des sinkenden Tages. So stand in vergangenen Zeiten die sagende Frau der Brukterer, wenn sie des Opfers und des Totenfestes harrte. Judith war die sagende Frau der Brukterer geworden, die Hüterin des Opfers und die Mutter der Schmerzen. Hövelkamp trat bedächtig heran. »Die Flachsbrechen sind gerichtet, Madam, genau unter der Bodenluke; dieselben von früher. Ebenso Leuchter und Kerzen. Sie stehen auf Nadelreisig. Ich hab's von der Fichte am Wasser geschlagen, die er so liebte.« Die Alte nickte. »Und sind die Spiegel verhängt?« »Alle, Frau Travelmann. Blanke Spiegel haben die Toten nicht gerne.« Frau Judith nickte zum andern. »Ich danke Euch vielmals. Was Ihr uns tatet, wird niemals vergessen.« Hövelkamp zog seine Schirmmütze durch die Finger und ging gesenkten Hauptes der großen Einfahrt zu. Hier blieb er stehen. Eine herbstliche Brise sprang auf. Die Blätter der umstehenden Baume sangen im Wind. Adoremus ! In den Ställen wurden die Tiere unruhig, schnauften und stampften den mit Streu belegten Boden. Der Stellmacher und die vereinzelten Gruppen der Tagelöhner kamen wieder zum Vorschein. Von dem Kommunalweg her, den Frau Judith schon seit einer halben Stunde abgesucht hatte, drang unversehens ein seltsamer Pfiff, lang und gezogen, aber nicht aufdringlich, ähnlich dem Pfiff eines aufgeschreckten Vogels, der irgend etwas ansagte. Er wiederholte sich noch einige Male. Hövelkamp drehte sich langsam herum und machte ein Zeichen. Die hohe Gestalt seitlich der Diele löste sich von dem starren Holz. »Sie kommen,« sagte sie mit blutleeren Lippen. Und sie kamen. Sechs Männer, die aus dem benachbarten Hiltrup herbeigeholt waren, trugen ihn auf der in aller Eile zusammengezimmerten Bahre. Sie wechselten mit den Getreuen des Hofes ab. Die Hände waren auf der Brust gefaltet, Stirn und Schläfen mit einem weißen Tuch verbunden. Rote Tropfen sickerten nieder und tupften dunkle Rubinen auf das frische Tannengrün, das man ihm als Kissen untergeschoben hatte. Neben ihm lag seine Büchse mit abgesprengtem Kolben, ein Zeichen dafür, wie er es versucht hatte, sein Leben so teuer wie möglich in die Schanze zu schlagen. Ludgerus Hölscher folgte dem Gutsherrn, zur Rechten Emmerich Dinklage, zur Linken Ohm Gideon, verstört und kaum in der Lage, sich auf den Füßen zu halten. So bewegte sich der Zug ernst und gemessen über den ausgefahrenen Landweg, und die Welt war doch so schön, so mit buntem Herbstlaub geschmückt, und der Abend so laulich und die Luft so voller Harmonie, daß man nicht fassen konnte, wie dieses Unheil möglich gewesen. Und wo er vorbeizog, hielten die noch auf den Feldern beschäftigten Menschen mit ihrer Arbeit inne. Die Sense, die noch kurz zuvor über den Boden gesirrt, verstummte, und der sie geführt hatte, kniete im Kleeacker nieder und zog seine Mütze herunter. Allen lief es bald warm, bald eisig über die Herzen, preßte jedem einzelnen das Blut in die Schläfen, ließ jeden einzelnen beten: »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...« Ohm Gideon kam sich vor, als hätte er einen Absud von Taumelmohn getrunken. Eine wilde Flucht von Gedanken jagte über ihn fort. Er durchlebte alles noch einmal, aber in wilder Hast, wie auf galoppierendem Pferde: seine Freundschaft mit Bernd ... ihre gemeinsamen Streifen und Fahrten... ihre Tugenden und Untugenden ... ihre fidelen Symposien und ähnliche Ereignisse. Er wähnte die Stimme des wackern Herrn Stienen zu hören: »Charles, zwei Bouteillen Lafitte, mild temperiert, für Herrn Travelmann, hochwohlgeboren.« Er sah sich in Salzschlirf im Marterstuhl sitzen. Der Tobel des heiligen Bonifazius rauschte ihm zu ... brachte Genesung ... und jetzt, wo die Gelegenheit kam ... Herr Jeses nochmal! wo er eben dabei war ... wo er in der Hohen Fuhr sich angeschickt hatte, den Finger krumm zu machen ... da mußte da drüben ... und er konnte nicht helfen ... hatte keine Ahnung davon ... Wirbelsinnig taumelte er an die Seite Emmerichs, der seines Weges ging, als wäre ein Erzbild in der Hofkirche von Innsbruck lebendig geworden, das Visier aufgeschlagen, die Blicke ins Leere, Ungewisse gerichtet: »Mensch, ich halt's nicht mehr aus ... dieser Bernd ... unser Bruder und Freund ... so aus dem hellen Lachen zu müssen ... so vor die Hunde ...« »Gideon, Ruhe!« Eine derbe Faust packte die seine. »Wir müssen uns fügen. Das Ärgste kommt noch. Die da drüben haben schwerer zu tragen, ein herberes Leid zu erdulden. Des wollen wir eingedenk sein.« Er gab die umgriffene Hand frei und sagte zum andern: »Des wollen wir eingedenk sein.« »Wollen wir, wollen wir,« stammelte der Paderborner und stolperte wieder an die Seite des Geistlichen, dessen Arm sich leise bewegte und das Zeichen des heiligen Kreuzes gegen den Abgeschiedenen machte. Der Hof tauchte zwischen den Laubmassen auf. Die dunstige Gräfte spann weiße Tücher um Scheunen und Ställe, um Haus und Krautgärtlein. Ein Stier brüllte los. Es klang wie der Ruf eines Sturmhornes, wie Wettergrollen. Jetzt war die Einfahrt erreicht. Hövelkamp setzte sich an die Spitze der Träger. Er betete laut, er betete wie einer, der neben die Seele seines Herrn trat, um ihr freie Bahn zu verschaffen und die drohenden bösen Mächte niederzuschlagen. Und also betete er: »Kommt zu Hilfe, ihr Heiligen Gottes. Seid wie Soldaten. Zieht eure Schwerter. Bringt seinen Geist vor das Angesicht des Allerhöchsten. Erlöst ihn von dem Übel, von dem, was ihm anhaftet, von den Pforten der Hölle. Errette seine Seele, o Herr! Herr, gib ihm die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihm, auf daß er teilhaftig werde der Anschauung seines Erlösers. Amen, Amen!« und so, geschirmt und behütet von den Worten eines Getreuen, die in blankem Eisen einhermarschierten, gefolgt von seinen Freunden, gebettet auf frischen Nadeln, den Weihrauch des Waldes um sich her, wurde der letzte der wilden Travelmänner auf den Hof seiner Väter getragen. Die graue Gestalt trat ihm entgegen. Sie hob ihren Krückstock. »Dorthin!« gebot sie, ohne mit der Stimme zu zittern, und deutete in die umdüsterte Halle, wo die Flachsbrechen gerichtet waren.   Eine halbe Stunde später ... Draußen war das Licht von der Erde genommen. Ein dunkles Federspiel wankte um den Freisassenhof und schwebte zeitweilig an den niedrigen Fenstern, hinter denen eine matte Helle schimmerte. Die Diele war nur spärlich erleuchtet. Der Schein haftete an der Stätte, über der die Bodenluke gähnte. Im übrigen lag die geräumige Halle in Kirchendämmerung. Es duftete überall nach Fichten- und Wacholderzweigen, die man auf den Estrich gespreitet. Ein einförmiges Klingen auf Messingschalen. Das überschüssige Wachs der beiden Kerzen sickerte nieder und verursachte das monotone Tönen und Tropfen. Ihre kränklichen Flammen spielten über den Hingestreckten. So wie er angekommen war, hatte man ihn und die Bahre auf die Brechen geschoben. Abgesehen von dem rotgefleckten Tuch, das ihm Schläfen und einen Teil der Stirn bedeckte, haftete dem wächsernen Gesicht nichts Fremdartiges an. Nichts Grausiges, nichts Entstellendes. Das Entschlossene und Gutmütige aller Travelmänner war ihm geblieben. Die gefalteten Hände, gleichsam aus Porzellan gebildet, hielten einen Tannenbruch zwischen den Fingern. Auf den blassen Lippen schienen die Worte zu haften: »Ein letztes Verzeihen gibt es nicht. Immer wieder soll man es tun. Wer kein Erbarmen kennt, hat niemals gelitten, und wer nicht gesonnen ist, Eingebungen der Leidenschaft zu entschuldigen, ist ein nichtswürdiger Eiferer und einer von denen, die nicht vor Gott bestehen können.« Am Kopfende zwischen den beiden Leuchtern stand Judith, genau so, wie sie am harten Holz gestanden hatte, jetzt die beiden Wolfshunde bei sich, die grimmen Vögte des Hofes, starr, mit gestreckten Ruten, wie aus dem Gießhaus gekommen, so regungslos hielten sie die Schildwacht neben der Alten und den Flachsbrechen, die die sterblichen Reste ihres Herrn trugen. Frau Judith sah unentwegt auf die Tür, die zu den übrigen Gemächern und Räumen des Hauses führte. Nur sie allein, der Tote und die beiden Wolfshunde wurden beleuchtet. Weiter zurück, mit untergeschlagenen Armen, erhob sich die Gestalt Emmerichs. Neben ihm lehnte Ohm Gideon an einem eingedunkelten Wandschrank. Mit zirkelrunden Augen, die in Tränen schwammen, verfolgte er das Flackern der beiden Lichter, schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf und hielt die große Heerschau über die Wechselfälle der verflossenen Jahre. Minute um Minute verging. Nichts unterbrach die feierliche Stille. Keine Schritte ließen sich hören, obgleich es so war, als wenn zwei Schatten sich näherten, die Kirchendämmerung hinter sich ließen und sich in den matten Schein der beiden Kerzen begaben. Die Alte streckte mechanisch die Hand aus. Matt sank sie ihr am Leibe herunter. Von Ludgerus Hölscher geführt, war Hille an die Seite ihres Mannes getreten. Den übergeworfenen Schleier zurückgelegt, totenblaß, ohne Tränen zu haben, stierte sie auf die ruhigen Züge des Abgeschiedenen. Langsam fuhr die Rechte an ihrem dunkeln Kleide herunter. Auf ihren Lippen standen die Worte geschrieben: »Unser Leben begann unter Blumen und Zuversicht. Deine Güte war beispiellos. Ich dankte dir, wie ich es konnte. Ich wollte dein Weib sein nach deinem Herzen und nach dem Willen Gottes. Ich wollte nicht nur – ich bin es gewesen. Nur schade: die Zuversicht hatte keinen Bestand, und die Blumen verwelkten. War es meine Schuld, daß es so kam und kommen mußte? Hatte ich den ersten Schritt zu tun, das zerrüttete Dasein wieder lebensfreudig zu machen? Ich habe dich gesucht in meinen Träumen und Gedanken, aber ich fand dich nicht. Ich habe in stillen, einsamen Nächten nach dir gerufen, aber du kamst nicht. Hätte ich um deine Liebe betteln sollen mit lauten Worten und flehenden Händen? Das ist einer Frau nicht würdig, und du hättest mich von dir gewiesen. Die Liebe ist wie eine Mimose. Nur der lautere Quell der Treue erhält sie am Leben. Aber dessen ungeachtet: ein Weib kann verzeihen, auch das Schlimmste. Das begreife ich jetzt. Wärest du doch zu mir gekommen ... in letzter Stunde noch ... noch gestern ... als das Verhängnis seinen letzten Trumpf ausspielte – alles wäre vielleicht noch anders geworden. Ich harrte vergebens, und so kam das Unglück. Das Schicksal hat rasche Arbeit getan und das Werk schnell vollendet. Aber jetzt finden wir uns. Bernd! – Bernd ...!« Ein abgehackter Schrei gellte auf. Mit ausgebreiteten Armen fiel sie über die Bahre, senkte den Kopf und legte ihren Mund auf die wächsernen Hände. »Bernd! – Bernd ...!« »Herr, dein Wille geschehe!« Ludgerus Hölscher hob segnend die Arme. »Ich bin die Liebe und die Barmherzigkeit,« begann er zu sprechen, »und wenn die jetzt kalten und stummen Lippen noch kurz vor dem Scheiden deinen anbetungswürdigen Namen, o Herr, suchten und aussprachen, dann, mildtätiger Jesu, erbarme dich seiner! Wir wissen es nicht, aber ich glaube, daß sie es taten, und darum benediziere ich dich. Und wenn die letzten Seufzer dir gegolten, dann, o mildtätiger Jesu, erbarme dich seiner, denn dein ist die Rache und dein die Allmacht und dein die Verzeihung.« Er sah Frau Judith an. »So ist es,« sagte diese hart, fast grausam, »denn sonst stünde die Verzweiflung neben mir und spräche zu mir: Was tust du noch hier? Gehe hin und besieh dir die Welt durch die Fenstertraillen eines Narrenhauses! Aber ich fühle: die Welt ist nicht aus den Angeln gerissen. Alles tut seinen herkömmlichen Gang. Die Balken fallen nicht über uns her. Der Boden steht fest unter den Füßen. Die Stunden kommen und gehen. Die Nacht zieht herauf, wie sie es immer getan hat. Die Gestirne werden leuchten nach ewigen Gesetzen, werden erblassen, wenn der Morgen auf der Heide liegt und die Gräser zu tauen beginnen. Nichts hat sich geändert – und da sollte die Verzeihung des Erlösers an dieser Bahre vorüberschreiten und Steine anstatt des heilsamen Brotes bieten? Das tut ein barmherziger Gott nicht. Er ist kein Wucherer, kein Pharisäer und Zöllner. Er wiegt nicht mit Apothekergewichten, und er wird nicht rufen: Mensch, was hast du deiner Seele angetan? Nein« – und ihr Krückstock stieß auf den Estrich, unerbittlich, befehlerisch – »nichts ist aus dem Senkel geraten, nicht das geringste – nur eines: der da liegt, ist mein Sohn, der letzte von dreien, und diesen letzten hab' ich verloren. Er strauchelte und fiel, und sein Fall war entsetzlich. Ich aber als Mutter, ich hebe ihn auf und geleite ihn an die Pforte des Paradieses. Herr, tue auf, eine arme Seele bittet um Einlaß, und müßte ich den Eingang erzwingen: vor einer Mutter halten selbst die Riegel des Himmels nicht stand, denn ihre Kraft ist größer als die einer wundertätigen Hand. Und so denn, Bernd, ziehe ein in das Reich, das nicht von dieser Erde ist, und gehe in Frieden.« Festen Schrittes trat sie an die Seite der Knienden. Sanft berührte sie deren Schulter. »Hille ...!« Da erhob sich die Ärmste. Beider Blicke trafen sich lange, verstanden sich und hatten sich nichts mehr zu sagen. Nur dies noch, und Judith fragte mit wehen Lauten: »Und du scheidest von ihm, ohne Groll im Herzen zu tragen, ohne zu bereuen, daß du sein Weib warst?« »Ja, Mutter, ich scheide von ihm, ohne Groll im Herzen zu tragen, ohne zu bereuen, daß ich sein Weib war.« Sie wankte. »Bernd, mußte das geschehen?! Mußte das geschehen?!« Ludgerus Hölscher und Judith hielten sie aufrecht. Sie machten Anstalten, die Heimgesuchte von der Bahre zu führen, als eine Stimme ertönte, die sie bis ins Tiefste erschütterte. »Ein Letztes für mich.« Emmerich trat vor, an die Rechte des Hingestreckten. Als hätte sich Bernd von seiner grünen Stätte aufgetan, ähnlich an Wuchs und Gestalt, ähnlich an Antlitz und Farbe, das zweite Ich des Gutsherrn, also stand er in der fahlen Beleuchtung. Niemand erriet, was er vorhatte. Seine Züge waren wie die des Toten, seine Lippen bleich, seine Handlungen ruhig, obgleich es in ihm stürmte und lohte, als zöge ein Wetter herauf, um sein Inneres zu zerflammen. Die Frauen blieben. Auch Ludgerus Hölscher. Eine gebieterische Kraft ging von Emmerich aus. Sie schmiedete an. Ließ keinen aus ihrem Bann. Seine Hand hob sich und senkte sich wieder. »Du sollst nicht richten,« sagte er leise, indem er den Kopf auf die Brust neigte, »und keinen ans Marterholz schlagen, es sei denn, Gott hat es wollen. Auch du nicht, Bernd. Du hast über mich gerichtet in voreiliger Hast, obgleich du mir sagtest: Kolben an die Backe, sollte der wilde Stoßvogel nochmals erscheinen. Der Vogel kam wieder, und du hast den Kolben nicht an die Backe gerissen. Das machte dich schuldig. Auch ich bin nicht schuldlos geblieben. Ich durfte nicht gehen, nicht unvermittelt, mich nicht heimlich davon schleichen, um die Prüfungen und Anfechtungen, die auf mich warteten, weniger bedrohlich zu machen. Man soll die Gefahr nicht suchen, aber auch den offenen Kampf nicht meiden, denn ohne Kampf kein Sieg, ohne Sieg keine eingeholten Fahnen und kein andächtiges Beten: Nun danket alle Gott. Daß ich jetzt hier stehe, hat das Schicksal gewollt und die Gewalttat verursacht. Sie waren stärker als ich, und daß es so kam, erspart mir vieles, erspart mir die Reue, dich nicht mehr gesehen zu haben; denn heute gilt es, Abschied für immer zu nehmen, im Angesicht des ewigen Gottes frei zu bekennen und dir und mir die ersehnte Ruhe zu geben. Bernd, so rede ich denn, und hören wirst du, was ich dir sage, denn deine Seele, obgleich vom Leibe geschieden, steht neben mir, horcht auf mich, läßt sich keine Silbe entgehen. So höre denn, Seele, und du, Bernd, durch sie, und was du hörst, nimm es ins Jenseits mit, auf daß du mir dort zukommen läßt, was du mir auf Erden nicht geben wolltest, obgleich du es konntest. Bernd« – und die eherne Gestalt schlug ihr Helmvisier höher – »die Wasser des verwunschenen Brunnens rufen noch immer, obgleich ich mich sperrte, einen Soldo zu opfern. Mögen sie rufen. Du hast es gewußt und hast auch gewußt, was in meinem Innern vorging. Was ich deshalb durchlitt und durchlebte, das hatte ich selber zu tragen. Kein zweiter. Es war eine Liebe stark wie der Tod und heiß wie die Flamme. Mein gutes Recht, meine größte Freude und mein bitteres Unheil. Aber so wahr mir Gott helfe« – und er legte seine Hand auf die seines Freundes – »diese Liebe war auch heilig wie der Tod und rein wie die Flamme, und hier an dieser Stätte – den rufe ich als Zeugen an, der dich unversehens abrief, den Unbegreiflichen, Unerforschlichen: diese Liebe entsagte um ihretwillen und deinetwillen. Sie achtete die göttlichen und menschlichen Satzungen. Ihr haftet kein Schmutz an ... sie blieb unbefleckt bis zur geheimsten Faser ... sie machte vor den Rechten des Freundes halt ... sie begehrte nichts, und wäre sie darüber in Wahnsinn und Narrheit verfallen. Um einer solchen Liebe wegen konnte mich der Nazarener beneiden. Deine Tagwacht ist aus. Meine letzte beginnt. Ich gehe ruhig von hinnen. Deine Seele hörte, was ich zu sagen hatte, und du hörtest durch sie. So nehme ich den Abschied von dir, von dir und der Getter, und werde deiner gedenken, wenn der Staub gegen mich anwandert, der hellenische und assyrische Staub, und über dir die westfälischen Eichen flüstern und die Heide dir ihre Grüße sendet. Dies meine Freundschaft zu dir. Sie hat niemals auf tönernen Füßen gestanden, auch damals nicht, als du sie zu zerbrechen gedachtest. Das wirst du jetzt einsehen, denn du siehst mit den Augen eines Verklärten. Die Zeit ist um. Meine letzte Tag- und Nachtwacht beginnt.« »Media vita in morte sumus.« Noch einmal tönte die Weise Notkers, des Stammlers, aus dem Kloster Sankt Gallen herüber. Für Emmerich war die Umwelt abgestorben. Nur das vernahm er noch: »Du gehst, und wenn du gehst, der Segen einer alten Frau wird um dich sein. Er wird dich begleiten, in deine Träume hineinsehen und dich niemals verlassen.« Als er die Augen aufschlug, stand Ohm Gideon neben ihm. »Emmerich, hier haben wir nichts mehr zu schaffen und nichts mehr zu sorgen. Wir würden nur stören. Und du, Bernd ...« Er schlug sich mit der Faust gegen die Stirne. »Ohne dich ist kein Leben mehr. Ich bin ein armer Schwalbenfänger geworden. Bernd, Freund und Herzensbruder ...!« Hövelkamp erschien und sagte: »Es ist alles parat. Jans Schwarte wird fahren.« Kurz darauf reisten sie still von der Getter. Als sie sich umsahen, stierten die niedrigen Dielenfenster blind in den Abend hinaus. Schluß Aer Winter kam und nahm wieder Abschied. Auf den Feldern reihte sich Furche neben Furche, die junge Saat sproßte auf, und die braune Heide begann aufs neue zu grünen. Die auf der Getter bequemten sich den Dingen an, wie sie nun einmal lagen, schwer und traurig, aber mit Einsicht und der straffen, unbeugsamen Art der westfälischen Menschen. Als man Bernd Travelmann, den Letzten seines Stammes, tief im Part neben seinem Vater beisetzte, schien es, als wollte die ganze Natur revoltieren. Ein Wetter stieg auf, marschierte gegen den Hof, spielte mit seinen Blitzen, wie mit Splittern und Funken, die von einem Amboß sprangen – und war doch ein Flammen und Leuchten wie niemals gesehen. Dazwischen rollten die Donner, prasselten die Schloßen, als wäre die längst erwartete Schlacht am Birkenbaum mitten im Gange, so regierte der Herr aus der Wetterwolke heraus mit seinen Posaunen und Orgelgeschützen, und so wurde der Freisasse wie ein Feldherr auf verlorener Walstatt zu Grabe getragen. Und das nicht allein. Als die ersten Schollen auf die schwarzen Bretter niederpolterten, schlug der gewaltige Deckhengst seine Latierbäume wie Spreu auseinander, zerriß die eiserne Halfterkette und sprengte mit einer kühnen Lanzade zwischen die Pfosten der offenen Stalltür. Hier hufte er fest, angeschmiedet, die Nüstern geöffnet, mit gefältelten Flanken und die blutunterlaufenen Augen in das berstende Gewölk gerichtet. Dann ein scharfes Wiehern ... Es war kein Gewieher. Ein Schrei war's, ein langgezogener Pfiff, der durch Mark und Bein gellte und das Gesicht in den Nacken drehte. Geraume Zeit hindurch konnten alle diesen Schrei, diesen Pfiff nicht vergessen. Aber auch das gab sich. Die rührige Arbeit Hövelkamps und die der Knechte und Mägde, das vorbildliche und bedachtsame Schalten Frau Judiths brachte alles wieder in die rechte Verfassung, so daß mit dem kommenden Frühjahr Halt und Würde, Gesetz und Ordnung sich aufs neue zurecht fanden und das Heimchen wie in frühern Tagen geigte. Um diese Zeit kam eine Mission ins Land. Drei Tage hintereinander predigte ein junger Missionar in der Kirche von Hiltrup, mit glutenden Augen und dem Gesicht eines Asketen. Er sprach von Tod und Leben, von der Auferstehung und der Anschauung Gottes. Über das Verhältnis zwischen christlichen Eheleuten redete er mit scheuer Betonung, immer willens, über eine Verfehlung die läuternden Ermahnungen der erhaltenden Nächstenliebe zu spreiten. Seine Worte waren wie Engelszungen und zuweilen wie flammende Schwerter, die ins Himmelreich wiesen. Er entschuldigte nicht, aber er verfluchte auch nicht. Bei ihm und Ludgerus Hölscher fanden Frau Judith und Hille Trost und Erbauung. Von Emmerich hörte man nichts mehr, nur daß die Zeitungen erzählten, er habe die Professur in Tübingen ausgeschlagen und sei wieder in das Land der Hellenen gezogen, möglich auch weiter, gen Mesopotamien hin, um zwischen Euphrat und Tigris die Spuren untergegangener Kulturepochen und Reiche aufzudecken. Man sprach von Naru malki und dem Sandhügel Babil, auf dem einst die hängenden Gärten eine Blütenfülle entfaltet hätten, wie selbst die kühnste Phantasie sie nicht ausmalen konnte. Aber alles war nur Vermutung und eitel Kombination. Emmerich Dinklage blieb verschollen, war dort, wo die Schemen wohnen und keine Gemeinschaft mehr haben mit den Kindern des Lichtes. Sein Name wurde selten genannt; aber wenn es geschah, sagte Frau Hille mit feuchten Blicken: »Er trägt keine Schuld, oder mir soll das Wort auf den Lippen eintrocknen und zur Sünde werden. Mutter, und ich ...!« und Frau Judith zog sie an ihre Brust und ließ die welken Finger sacht über den Scheitel der Ärmsten gleiten, war gütig zu ihr und konnte noch lächeln, wenn sie sich auch eingestehen mußte: »Ich selber bin wie ein unfruchtbarer Weinstock gewesen, obgleich ich empfangen und geboren habe; aber dieses Empfangen und Gebären hatte nichts auf sich, denn mein Sohn, der Letzte des Stammes, wurde eingescheuert wie ein Armvoll spärlicher Roggenähren. Und dieser Armvoll Roggenähren war noch mit dem Kornbrand behaftet. Es ist ein banges und langes Leben auf Erden. So bleibt mir nichts übrig, als zu warten, bis die große Müdigkeit kommt, und ich nicht mehr nötig habe, mit den Quasten meiner Gürtelschnur zu spielen.« Die Ereignisse kamen und gingen wie die Erscheinungen des Himmels, die mit der Dämmerung aufsteigen und die das Morgengrauen wieder hinwegnimmt. Für die verwaiste Försterstelle hatte sich längst ein andrer Bewerber gefunden. Von der Staatsanwaltschaft waren die Erhebungen eingestellt worden, vertagt oder auf unbestimmte Zeiten verschoben. Fritz Garke dahin, nicht aufzufinden ... ein nichtiger Strohhalm, den der Wind hinweggefegt hatte, ein Fetzen Papier, von einem schwelenden Feuer in Asche verwandelt. Das Freifräulein von Boeselager kam häufig von Darfeld herüber, und wenn sie erschien, drückte sie ihr Spitzentüchlein gegen die Lippen, irrte mit weißen Schläfenlöckchen durch die Parkgänge und nahm ihren Weg zu der Stätte der Abgeschiedenen. Leise wisperte ihr Reifrock. Der schwarze Schleier wehte im Wind. Ein stilles Leuchten folgte ihren einsamen Schritten ... und jedes Mal, wenn sie heimkehrte, brannte eine Wachskerze, geweiht in der Gnadenkapelle zu Billerbeck, auf der Gruft des verunglückten Mannes. Die Jahre sind vor dem Herrn wie ein Tag. Einmal nach dem Tode Bernds hatte die Heide bereits geblüht; jetzt blühte sie wieder, aber sie tat es wie niemals zuvor. Niemals hatte sie einen solchen violetten Farbenzauber entfaltet, niemals waren so viele Bläulinge über Porst und Erika dahingezogen wie in diesem Spätsommer ... überall die Augen der Annette von Droste ... Um diese Zeit geschah es, daß sich endlich ein Lebenszeichen von Emmerich einstellte. Es war an Frau Judith gerichtet. Er erzählte von seinen Reisen, seinen Erfolgen, daß er in Paphos gewesen, in Tyros und Sidon, daß er die geheimnisvollen Trümmer von Byblos besucht und in den dortigen Labyrinthen nachgeforscht habe. Er sei jetzt in Athen, um das Weitere vorzubereiten. Den Winter wolle er hier verbringen. Er fragte nach allem und bat darum, die Stätte Bernds herzlichst zu grüßen. Hilles erwähnte er mit keiner einzigen Silbe. Er sehne sich danach, mehr heiße Sonne um sich zu haben. Er fröstele immer. Das kommende Frühjahr würde ihn in Sidi-Bu-Said oder im alten Kyrene an der Großen Syrte wiederfinden. Von hier aus wolle er in die libysche Wüste hinein, nach Kufra und den Oasenseeen. Was dann geschähe ... und sie las mit harter Bewegung und trockenen Augen: »Obgleich ich hier unter der Akropolis träume und die Ölbäume mir zuwinken wie Mädchen in silbernen Kleidern, ich sehe, was kommen wird, gleichsam in der unheimlichen Scheibe eines Theurgen und Nekromanten. Eine Wand sandigen Staubes wandelt gegen mich an. Sie verstärkt sich mit jeder Minute. Immer näher kommt sie, immer zwingender und nachhaltiger schiebt sie sich vor. Schon glitzern vereinzelte Körner über mich hin. Das Rieseln wird dichter und schneidender. Der Samum erhebt sich, der heiße Odem, der daherkommt wie aus einem feurigen Ofen. Schwere Wellen sandigen Staubes fallen über mich her, hüllen mich ein ... und ich denke dabei an die Heimat und an die westfälischen Eichen ... und das tut weh ... Aber es ist besser so, viel besser, denn alles drängt nach Erfüllung und Auferstehung. Endlich müssen die Osterglocken doch läuten, wenn es auch keine Glocken sind, die von Menschenhänden geläutet werden ...« Sie wurde hart wider Willen. Mit kalten Händen fuhr sie über das Schriftstück. »Also das sagst du mir? Nicht das, was ich ersehnte und wollte? Denke daran: Ein Menschengeschick ging durch eigene Schuld frühzeitig dahin! Daran ist nichts mehr zu ändern. Nun aber willst du kommen und ein zweites, ein drittes wie eine tönernde Scherbe zerbrechen? Emmerich, du ...?!« Sie lachte bitter auf und ging Tage und Wochen umher, als wenn sie sich in einem dumpfen Traume befände. Sie suchte nach Ausgleich, nach Beistand; nach einem rettenden Balken, an dem sie sich anklammern konnte, bis eines Abends im Spätherbst ihre Lampe nicht zum Verlöschen kam und bis in den Tag hinein brannte. Endlich legte sie die Feder beiseite. Dann siegelte sie und richtete ihr Schreiben zur Weiterbeförderung an das preußische Konsulat in Athen. Seit dieser Stunde war sie stiller und freier geworden.   Vorfrühling auf Getter! Die Stachelbeersträucher setzten grüne Spitzen an, das Wasser blühte, und zwischen den Birken und dem hohen Stangenholz, wo ein warmer Odem nach feuchter Erde und verwesten Blättern sich durch die Schneisen wölkte, pistete bereits der Vogel mit dem langen Gesicht und den weit nach hinten geschobenen Augen. Mit leisem Pfuitzen strich er an den Lichtschlägen und den dunklen Quergestellen vorüber, den Stecher gesenkt, die Seher weit offen und die runden Flügel wohlig gebreitet. Wie die Dämmerungen, so die sonnigen Stunden. Sie waren Geschenke des Herrn, voller Ahnungen und Hoffnungen, laulich und heiter und schon des öftern durch die Hymnen der ersten Lerchen verschönt, die gleich silbernen Schnüren durch die Lüfte zogen und von dort zu den Menschen herniederfielen, Gott zu Preis und Ehre, den Stillen im Lande zur Freude. Am Tag Reminiscere, dem Tage also, wo sie in allen Kirchen nach dem Staffelgebet singen: »Gedenke, o Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Milde, die von der Welt her gewesen ist; gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretung; gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, um deiner Güte willen,« an diesem Tage nun, als bereits schaumige Rosenwölkchen am tiefen Horizont heraufzogen, stand Frau Judith Travelmann an der einsamen Stätte, wo der Helweg und die Straße nach Hiltrup sich kreuzten, wie immer schwarz gekleidet, das Samthäubchen auf den eisengrauen Haaren, den Krückstock vor sich gestemmt, aber noch ungebeugt, wetterfest und eingerammt wie der Fels Petri, der unbezwingliche. Sie war nicht allein. Wollte es nicht sein. Sie stand Hand in Hand mit einem hochgewachsenen Mann, dessen Antlitz verriet, daß er lange Zeit in südlichen Breiten gewesen ... hager und eingefallen, aber mit einem Ton umkleidet, der an Bronze erinnerte. Ihr Begegnen war kein zufälliges, es war aus freien Stücken heraus und mit Überlegung geschehen. »Emmerich,« sagte die Alte, »heute beten sie: Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend; gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, um deiner Güte willen. Ich erzählte dir alles und danke dir, daß du meinem Rufe folgtest, daß du diese Aussprache möglich machtest. Ludgerus Hölscher weiß darum. Er ist mir Führer und Berater gewesen. Ob mit Recht oder Unrecht, wird sich bald entscheiden. Einer wurde bereits zu seinen Vätern versammelt. Es ist nicht wohlgetan, das Unglück zu mehren. Menschenleben ist Menschenleben, ist etwas Unantastbares. Man soll kein zweites, kein drittes wie eine tönerne Scherbe zerbrechen. Du weißt, was ich meine?« »Ich weiß,« versetzte er in großer Bewegung. Seine Blicke richteten sich fest und entschlossen auf die ihren. »Dann habe ich dir noch dieses zu sagen. Es muß doch alles mal ein Ende nehmen im Unheil, sonst wäre es ein unfruchtbares Irren und Schreiten durch eine steinichte Wüste. Ich habe in all der schweren Zeit vieles durchdacht und hin und her erwogen und bin zur Überzeugung gekommen: am Gewesenen soll man das Heutige nicht bemessen. Aber Ausnahmen sind nicht von der Hand zu weisen. Ich meine: die Getter tut ihren ruhigen Atem – bis jetzt noch. Hövelkamp ist der Besten einer, denn wo seine Hand säet, ist dreißigfaltige Ernte, und wo sein Auge wacht, ist der Stern Gottes. Auch Knechte und Mägde tun ihre Pflicht. Selbst der widerköpfige Mensch mit dem Antilopengesicht hat sich bekehrt und ist glücklich mit der Rothaarigen geworden. Er braucht kein Heucheln mehr und hat es nicht nötig, strümpfig über die Dielen zu schleichen. Das alles wäre der Ordnung gemäß. Allein, in nächtiger Zeit, wo ich den Schlaf suche, aber vergebens, da ist es mir immer, als würde der Atem des Freisassenhofes kürzer und ängstlicher, als verlöre er an Kraft und Zuversicht. Und einer steht neben mir, ein Toter, und öffnet den Mund und redet: Die Herrenfaust fehlt. Suche sie, Mutter, und setze sie ein! So wird meiner armen Seele geholfen. Das Erbe der Travelmänner darf nicht vergehen. Emmerich,« und ihre Stimme nahm zu, »ich denke an dich. Du hast diese Herrenfaust, und wenn du willst, so folge mir bis zur großen Dielentür; sie steht dir geöffnet. Wenn nicht, bist du entgegengesetzter Ansicht, wende dich bei ihr ab und zieh' deines Weges. Ich grolle nicht und trage nicht nach. Ich bin keine von denen, die Übles wollen und die Hand wider dich heben. Vielmehr: ich will für dich beten und deine Tage noch segnen. Was du tust, das allein ist bindend und gültig. Sonst gar nichts. Komm' jetzt!« Und sie schritten dem Hof zu, den Heckenweg entlang, durch Obstgärten, an der schweigsamen Gräfte vorbei, bis sie an die Stätte gelangten, wo Bernd Travelmann ruhte. Hier weilten sie eine Vaterunserlänge. Dann gingen sie weiter. Hand in Hand und erschüttert bis in die innerste Tiefe. Nicht lange mehr – und sie hatten den Ort der Entscheidung erreicht. Judith erfaßte die Klinke. Ihre Gestalt wurde größer, ihr Wort mächtiger, als sie jetzt sagte: »Prüfe dich und frage dich selber, ob es dein und Gottes Wille ist, was du jetzt vorhast. Ich sage noch einmal: Trittst du ein, so sei dein Eingang gesegnet. Wenn nicht, wende dich ab und zieh' deines Weges! Wie der Herr will, so geschehe es.« Emmerich zuckte zusammen; aber er wandte sich nicht. Da traten sie ein. Hinter ihnen spielte der Westen mit Farben, die aussahen, als wenn sie aus dem Himmelreich kämen. Die beiden schritten über die Diele, von hier aus über lange Flure und Gänge. Bald darauf standen sie vor einer niedrigen Tür. Judith öffnete mit leisen Fingern. Er sah eine graue Tapete. Alte Kupfer hingen an den Wänden. Eine Vitrine, mit zierlichen Gegenständen bestellt, nahm die Schmalseite ein. Leberblümchen und Windröschen blühten in einer Vase, die auf einem vergoldeten Tische stand. Hinter diesem Raum befand sich ein zweiter, ein hellerer und lichterer. »Tritt ein,« sagte Frau Judith, »es ist ihr Zimmer. Sie wartet.« Hinter ihm schloß sich geräuschlos die Türe zu. Unmittelbar neben dem Fenster, hinter dem Frau Hille ihre Tage verbrachte, spann eine Birke ihre lichtgrüne Frühlingsseide. Eine Merle bäumte auf und jubelte ihr Abendlied. – – – Just um diese Stunde saß Ludgerus Hölscher vor dem Harmonium in seiner kleinen Dechanei. Seine weißen Hände ruhten auf der Klaviatur. Er sah Ohm Gideon an, den ein Zufall hergeführt hatte. »Hochwürden, ist es denn möglich ...?« fragte der Paderborner und machte glückliche und verwunderte Augen. »Dann allerdings hätte er nicht mehr nötig, in die Wüste zu pilgern und dort Ziegel zu streichen.« Ludgerus Hölscher gab keine Antwort, schmunzelte nur und begann leise zu spielen. Die Töne nahmen zu, gewannen an Fülle und Wohllaut, bis das ›Lauda, Sion, Salvatorem‹ den Frieden des stillen Hauses durchbrauste. Ohm Gideon wußte genug. Über ein kurzes nahm er Abschied, ergriff seinen Bülow Krawallo und schritt dem Freisassenhof zu, der vergoldet im Abendlicht ruhte und nicht mehr herrenlos war. Ende